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Auslandsdeutsche: Ungehört in der Ferne

Von Sara Maria Behbehani und Jonah Wermter, Berlin

26.09.2021

Bei der Bundestagswahl sind deutsche Emigranten stimmberechtigt. Doch das Verfahren
ist kompliziert, sodass nur wenige von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen.

Ungehört in der Ferne

Julian Möhlen ist aufgebracht. "Meine Stimme für die Bundestagswahl nimmt der
Bundeswahlleiter nur, wenn ich über eine hohe Latte springe", sagt er. "Ich fühle mich als
Wähler zweiter Klasse." Möhlen ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, lebt aber
seit seinem 14. Lebensjahr in Österreich.

Wählen darf in Deutschland unterdessen nur, wer nach der Vollendung seines 14.
Lebensjahres mindestens drei Monate ununterbrochen in der Bundesrepublik gelebt hat.
Oder aber wer aus anderen Gründen persönlich und unmittelbar von den politischen
Verhältnissen in Deutschland betroffen ist. Warum Letzteres bei ihm der Fall sein soll,
musste Möhlen in einem Antrag schriftlich begründen. Der "Konsum deutschsprachiger
Medien im Ausland genügt nicht", teilt eine Sprecherin des Bundeswahlleiters hierzu mit.

Dabei dürfte nicht jeder stimmberechtigte Wähler im Ausland bereit sein, den Aufwand
zu betreiben, den Möhlen in Kauf nimmt, um am 26. September wählen zu dürfen. Sein
Fall liegt allemal im Grenzbereich dessen, was Auslandsdeutsche bei der Stimmabgabe
erleben. Etwa drei bis vier Millionen Deutsche leben im Ausland. Genaue Zahlen gibt es
dazu nicht. Wer aus Deutschland wegzieht, wird nicht registriert. Sicher ist: Nur ein
Bruchteil von ihnen nimmt überhaupt an der Bundestagswahl teil. 2013 haben etwa 67
000 Auslandsdeutsche einen Antrag auf Eintragung ins Wählerverzeichnis gestellt, 2017
knapp 113 000. Wie viele von ihnen letztlich ihre Stimme abgegeben haben, ist ebenfalls
nicht bekannt.

Die bürokratischen Hürden fangen beim Eintrag ins Wahlregister an: In welcher
Gemeinde die Auslandsdeutschen wählen dürfen, hängt vom letzten gemeldeten
Wohnort ab oder aber von einem relevanten Anknüpfungspunkt an das politische
Geschehen in Deutschland. Wer beispielsweise für eine deutsche Firma längere Zeit im
Ausland arbeitet, kann am Stammsitz des Arbeitgebers wählen - vorausgesetzt, die
Argumentation im formalen Antrag an das entsprechende Wahlamt wird akzeptiert.

Versandzeit der Unterlagen: bis zu vier Wochen pro Strecke


Nach der Bürokratie kommt die Logistik: Denn wählen ist nur per Briefwahl möglich. Wer
aber beispielsweise aus Südkorea, Australien oder Israel wählen möchte, muss mit einer
Versandzeit von bis zu vier Wochen rechnen - pro Strecke. Die Wahllisten allerdings
werden erst sechs Wochen vor der Wahl gedruckt. Eine Briefwahl wäre so schon rein
rechnerisch nicht möglich. Die Botschaft in Seoul bietet deshalb an, abgegebene
Briefwahlunterlagen mit der konsularischen Post nach Deutschland zu transportieren.

Andere Nationen bieten in ihren Konsulaten und Botschaften eine direkte Urnenwahl an -
Deutschland nicht. Die Stabsstelle des Bundeswahlleiters verweist neben rechtlichen
Problemen auf logistische Hürden: "Problematisch wäre dabei, dass alle mehr als 220
Auslandsvertretungen genügend Stimmzettel für alle 299 Wahlkreise und darüber hinaus
aktuelle Wählerverzeichnisse bereithalten müssten."

Die meisten Deutschen, die 2017 dennoch gewählt haben, lebten wie Julian Möhlen in
Europa - laut Bundeswahlleiter kamen knapp 50 Prozent der Stimmen aus EU-
Mitgliedsstaaten und knapp 31 Prozent aus den übrigen Staaten Europas. Etwa 11
Prozent wählten aus den USA.

Grenzfälle wie Möhlen beschäftigen die Wahlbeauftragten schon lange. Möhlen kann
nicht nachvollziehen, warum er seine Berechtigung schriftlich begründen muss. "Wir
haben in Deutschland keinen Wählertest, der die Spreu vom Weizen trennt - und das aus
gutem demokratischem Grund", sagt er. Dabei ist die Einführung dieses Betroffenheits-
kriteriums schon ein politischer Kompromiss, erklärt Sophie Schönberger, Professorin und
Mitglied der vom Bundestag eingesetzten Kommission, die das Bundeswahlrecht bis
2023 reformieren soll. Denn so werde das Wahlrecht auch auf Staatsbürgerinnen und
Staatsbürger ausgeweitet, die nie in Deutschland gemeldet waren. Zuvor war diese
Gruppe von der Wahl ausgeschlossen, was das Bundesverfassungsgericht als
verfassungswidrig einstufte.

Eine Kommission arbeitet - aber der politische Wille fehlt

Andere Staaten machen es ihren im Ausland lebenden Bürgern deutlich leichter.


Wahlberechtigte Schweizerinnen und Schweizer erhalten ohne vorherige Registrierung
die nötigen Wahlunterlagen sowie ein eigenes Magazin, das über die Debatten in der
Heimat informiert. In Italien und Frankreich können Staatsangehörige im Ausland sogar
eigens für sie zuständige Abgeordnete wählen. In Polen und Großbritannien ist
zumindest die Eintragung ins Wählerregister online möglich. Und die USA stellen online
einen Notfall-Blanko-Wahlschein zum Ausdrucken zur Verfügung, sollten die
Briefwahlunterlagen nicht rechtzeitig ankommen.

"Rein rechtlich wären viele Vereinfachungen auch in Deutschland möglich", sagt


Schönberger. Aber: "Das ist kein Teil des derzeitigen Mandats der Reformkommission.
Wir dürfen uns damit also nicht befassen." All das zeigt: In Deutschland fehlte bisher der
politische Wille, die Wahl aus dem Ausland zu vereinfachen. Die neue Bundesregierung
könnte das ändern - sie muss das Mandat für die Reformkommission ohnehin erneuern.