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Dr.

Martin Siesel

DIE ARTEN DER LEISTUNGSSTÖRUNG

Das Verhältnis von Gesetzesanwender, Gesetzesschöpfer und Gesetz ist reziprok und wechselbezüglich.
Das Gesetz greift die Lebenswirklichkeit auf und kodifiziert diese. Das Besondere Schuldrecht stellt Rechte
und Pflichten für prototypische Schuldverhältnisse (Kauf, Tausch, Miete usw.) auf. Diese lassen sich mit der
kapitalistisch orientierten sozialen Marktwirtschaft, die der Gesetzgeber vorfindet, gut in Einklang bringen.
Freilich ist der Kanon der Schuldverhältnisse vor dem Hintergrund der aus dem GG abzuleitenden
allgemeinen Handlungsfreiheit und der das bürgerliche Recht prägenden Vertragsfreiheit nicht abschliessend.

Die Rechtsdogmatik differenziert zwischen einseitig verpflichtenden, zweiseitig verpflichtenden und


gegenseitigen Verträgen. Bei Letzteren korrespondieren die wechselseitig und -bezüglich eingegangenen
Verpflichtungen in der Weise, dass die eine Verpflichtung die andere bedingen, begründen und veranlassen
soll - und vice versa. Ein solches Beispiel für ein sog. genetisches Synallagma ist der Kauf (§ 433 BGB).

Das Gesetz soll nicht bloss einen Rahmen für Rechtshandeln bieten, sondern will auch Mechanismen für die
Lösung unausbleiblicher Konflikte, deren Ursachen bei Schuldverhältnissen in Leistungsstörungen zu
suchen sind, bereitstellen. § 280 BGB und § 323 BGB beim gegenseitigen Vertrag stellen die Grundnormen
dar. Das Gesetz differenziert hier i.e.S. zwischen Unmöglichkeit, Verzug und Sachmängelgewährleistung.

1.) Unmöglichkeit

Weiter unterschieden wird zwischen objektiver und subjektiver Unmöglichkeit ("Unvermögen") sowie danach,
ob diese anfänglich vorlag oder erst im Verlauf der Abwicklung des Schuldverhältnisses eintritt. Nach § 275 I
BGB ist der Anspruch auf Leistung ausgeschlossen. Der Schuldner ist nach § 280 I BGB zum Schadensersatz
verpflichtet; beim gegenseitigen Vertrag kann der Gläubiger gem. § 323 I BGB nach fruchtlosem Verstreichen
einer Frist vom Vertrag zurücktreten und nach Massgabe des § 325 BGB Schadensersatz verlangen. Auch
hier entfällt nach § 326 I BGB i.V.m. § 275 I - III BGB der Anspruch auf die Gegenleistung.

2.) Verzug

Nach § 286 I BGB kommt der Schuldner, der auf eine nach Fälligkeit (§ 271 BGB) folgende Mahnung nicht
leistet, in Verzug. Dies kann ihn zum Schadensersatz nach § 280 II BGB verpflichten. Das Gesetz
unterscheidet in den §§ 280 II, III, 281 I BGB zwischen dem in der Nichterfüllung liegenden und dem durch die
Nichterfüllung entstandenen Schaden ("grosser/kleiner" Schadensersatz - positives/negatives Interesse, vgl. §
249 BGB).

3.) Sachmängelgewährleistung

Ist die Leistung zwar als solche bewirkt, weist sie jedoch eine Diskrepanz zwischen Ist- und Sollbeschaffenheit
auf (vgl. für den Kauf § 434 I BGB ["subjektiver" und "objektiver" Fehlerbegriff], so stehen dem Gläubiger die
Rechte auf Nacherfüllung oder Rücktritt oder Minderung und Schadensersatz oder Aufwendungsersatz zur
Seite (sog. "jus variandi".)