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Dr.

Martin Siesel

DIE ANWENDUNG DES GESETZES

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer, gewaltenteilender Rechtsstaat; die Rechtsprechung
ist an Gesetz und Recht gebunden. (Art. 20 III GG).

1.) der Gutachtenstil

Um dem Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 103 I GG) Rechnung zu tragen, müssen die Prozessordnungen
(ZPO, StPO, VwGO usw.) so ausgestaltet sein, dass den Belangen von Kläger und Beklagten und allen
Verfahrensbeteiligten Rechnung getragen werden kann. Im Zuge der prozessualen Aufarbeitung des
Streitstoffs erhalten alle Beteiligten Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge darzustellen und ihre
Rechtsanschauungen vorzutragen. Soll das Verfahren ergebnisoffen und somit gerecht geführt werden, darf
der Richter nicht voreingenommen oder befangen sein (§ 42 II ZPO). Er bedient sich deshalb zunächst im
Konjunktiv des Gutachtenstils:

a) Fragestellung ("Wer will was von wem und warum?"):

"Ein Anspruch des Klägers auf ... könnte sich aus § XXX BGB ergeben."

b) Obersatzbildung - Definition

"§ XXX BGB setzt Folgendes voraus: [folgen alle einzelnen Tatbestandsmerkmale bzw.
Anspruchsvoraussetzungen]

c) Auslegung - Interpretation

"Das Gesetz könnte so zu verstehen sein, dass... Dafür/dagegen spricht... [folgt eine kritische
Diskussion] Deshalb dürfte es so sein, dass... [folgt die Konklusion]"

d) Subsumption - Einordnung

"Dadurch, dass der Kläger ... erklärt hat ... könnte ein Anspruch auf ... begründet sein. Doch könnte
ein solcher Anspruch dadurch zu Fall gekommen sein, dass der Beklagte ... gemacht hat. [folgen
wieder Obersatzbildung, Interpretation und Diskussion]"

e) Ergebnis

"Deshalb ist im Ergebnis festzuhalten, dass..."


2.) der Urteilsstil

Ihre Entschliessungen, was nun Recht sein soll ("Erkenntnisse"), verlautbaren die Gerichte dann in Form von
Beschlüssen und Urteilen. Diese müssen eine Begründung, d.h. eine im Indikativ gehaltene Rechtfertigung
des einmal gefundenen Ergebnisses im Urteilsstil enthalten:

a) Entscheidung

"Der Anspruch des Klägers auf..ist nicht begründet/Der Kläger kann vom Beklagten nicht verlangen..."

b) Rechtfertigung und Erklärung

„Der geltend gemachte Anspruch ist nicht aus § XXX herzuleiten./Der Kläger hat es nicht vermocht, die
Voraussetzungen des § XXX [d.i. der Anspruchsgrundlage] darzutun und zu beweisen.“

„Hierzu wäre es erforderlich gewesen, dass, [folgen wieder alle einzelnen Tatbestandsmerkmale bzw.
Anspruchsvoraussetzungen]...vorliegt/erfüllt ist.

Die genannte Rechtsvorschrift war nämlich so auszulegen, dass,...Nicht erforderlich war es dagegen,
dass,..[folgt eine Interpretation, die die für zutreffend gehaltene Auslegung wiedergibt und
Gegenansichten argumentativ widerlegt.]

Dies war jedoch nicht gegeben, denn/weil...