Sie sind auf Seite 1von 114

Grundlagen des deutschen Steuerrechts

Brückenmaßnahmen für Wirtschaftswissenschaftler/ -innen mit ausländischen


Hochschuldiplomen

Termine: 1. Donnerstag, 9.9.2021 1. Dienstag, 21.9.2021


2. Montag, 27.9.2021 3. Montag, 4.10.2021
4. Montag, 11.10.2021 5. Donnerstag, 14.10.2021
6. Montag, 18.10.2021 (Prüfung)

Prof. Dr. Susanne Raegle, StB


raegle@fb3.fra-uas.de
Fachbereich 3 Wirtschaft und Recht

Wissen durch Praxis stärkt


Inhaltsübersicht

1. Teil Einführung

2. Teil Umsatzsteuer

3. Teil Einkommensteuer

4. Teil Körperschaftsteuer

5. Teil Solidaritätszuschlag

6. Teil Gewerbesteuer

Wichtige Steuergesetze mit Durchführungsverordnungen, NWB Textausgabe, 70. Aufl., Herne 2021

2
Abkürzungen

Abs. Absatz i.S.d. im Sinne des


AG Aktiengesellschaft i.V.m. in Verbindung mit
Buchst. Buchstabe insb. insbesondere
BV Betriebsvermögen KapG Kapitalgesellschaft
EStG Einkommensteuergesetz KG Kommanditgesellschaft
EZ Erhebungszeitraum KStG Körperschaftsteuergesetz
ff. fortfolgende LStDV Lohnsteuer- Durchführungsverordnung
GA Gewinnausschüttung Nr. Nummer
GewStG Gewerbesteuergesetz OHG offene Handelsgesellschaft
GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung PersG Personengesellschaft
GoB Grundsätze ordnungsmäßiger S. Satz
Buchführung SolZ Solidaritätszuschlag
grds. grundsätzlich SolZG Solidaritätszuschlagsgesetz
GuV Gewinn- und Verlustrechnung UStG Umsatzsteuergesetz
HGB Handelsgesetzbuch VG Veräußerungsgewinn
i.g. innergemeinschaftlich VZ Veranlagungszeitraum
i.H.v. in Höhe von zvE zu versteuerndes Einkommen

3
Inhaltsübersicht

1. Teil Einführung

2. Teil Umsatzsteuer

3. Teil Einkommensteuer

4. Teil Körperschaftsteuer

5. Teil Solidaritätszuschlag

6. Teil Gewerbesteuer

4
Begriffsabgrenzung „Steuern“

Zwangsabgaben des Staates

Steuern Gebühren Beiträge Sonderabgaben

Was sind Steuern?


Welche Steuerarten kennen Sie?

Wie kann man die Steuern einteilen? – Lesen Sie die Folien 6 und 7!

5
(1) (2)

(3) (4)

6
7
Steuern, § 3 Abs. 1 AO

• Geldleistung
• Ohne (konkrete) Gegenleistung
• Von einem öffentlich-rechtlichen Gemeinwesen hoheitlich auferlegt (insb. Bund, Länder, Gemeinden)
• Zur Erzielung von Staatseinnahmen (Fiskalzweck)
• Einnahmeerzielung kann Nebenzweck sein, auch Lenkungszwecke, Umverteilungszweck (Einkommens-,
Vermögensverteilung)
• Grundsatz der Tatbestandsmäßigkeit und Tatbestandsbestimmtheit
• Dienen allgemeiner Deckung des öffentlichen Finanzbedarfs

Was bedeutet „Lenkungszweck“?


8
9
10
Steuerarten in Deutschland (in alphabetischer Reihenfolge)

https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Downloads/Broschueren_Bestellservice/2018-03-26-steuern-von-a-
z.pdf?__blob=publicationFile&v=4
11
12
13
Wie müssen Steuern ausgestaltet sein? 1. Aufkommensicher 2. ???

14
Steuergerechtigkeit

Nach welchen Grundlagen entscheidet der Staat über eine faire Besteuerung seiner Bürger?

1. Gleichmäßigkeit der Besteuerung  „allen auferlegt werden,…“


2. ???

15
Inhaltsübersicht

1. Teil Einführung

2. Teil Umsatzsteuer

A. Grundlagen
B. Steuerbarkeit
C. Steuerbefreiungen
D. Bemessungsgrundlage
E. Steuertarif

3. Teil Einkommensteuer
4. Teil Körperschaftsteuer
5. Teil Solidaritätszuschlag
6. Teil Gewerbesteuer

16
Grundlagen

17
Übung

Herr A betreibt eine Kiesgrube in Offenbach. Er liefert Kies im Wert von 3.000 € netto an das Betonwerk B in
Frankfurt.

Das Betonwerk B verarbeitet den Kies zu Betonsäulen. Anschließend werde diese Säulen an den
Baustoffgroßhändler C in Köln für 5.000 € netto verkauft.

Herr C veräußert die Säulen an den Baustoffeinzelhändler D in Düsseldorf für 8.500 € netto.

D veräußert die Säulen an verschiedene private Endverbraucher für insgesamt 13.090 € brutto (einschließlich
19% Umsatzsteuer).

Berechnen Sie für die beteiligten Unternehmer die Umsatzsteuer, die abziehbare Vorsteuer, die
Umsatzsteuerschuld und die Wertschöpfung.

18
Prüfschema zur Lösung umsatzsteuerlicher Vorgänge

Steuerbarer
ja nein Ermittlung Steuertarif,
Umsatz nach Steuerfrei x =
der BMG, § § 12: 19% Umsatzsteuer
§ 1 Abs. 1 Nr. nach § 4?
10 oder 7%
1 UStG?
nein -
ja
Steuerbarer Abziehbare
Umsatz nach ja Vorsteuer, §
§ 1 Abs. 1 Nr. 15
4 od. 5 UStG?

nein =

Nicht Umsatzsteuer-
steuerbar  steuerfrei  schuld (ggf.
keine ustl USt = 0 Erstattung)
Folgen

19
Steuerbare Umsätze

Die nachstehenden 3 Umsätze haben umsatzsteuerliche Folgen:

Grundtatbestand Nebentatbestände
Merkmale
(1) Lieferung oder sonstige Leistung 1. Einfuhr
(2) gegen Entgelt 2. Innergemeinschaftlicher Erwerb
(3) durch einen Unternehmer
(4) im Rahmen seines Unternehmens
(5) im Inland ausgeführt

20
Lieferungen und sonstige Leistungen, gegen Entgelt

„Leistung“ ist der Oberbegriff  Unterscheidung von Lieferungen und sonstigen Leistungen

Lieferung, § 3 Abs. 1 UStG Sonstige Leistung, § 3 Abs. 9 UStG

• Verschaffung der Verfügungsmacht an • Leistungen, die keine Lieferungen sind


einem Gegenstand • z.B. Dienstleistungen, Gebrauchs-,
• In der Regel mit Übergang des Nutzungsüberlassungen, Einräumung
bürgerlich-rechtlichen Eigentums oder Übertragung von Rechten

Gegen Entgelt

• Der Leistung muss eine Gegenleistung (Entgelt) gegenüber stehen


• Keine Gegenleistung bei Schenkung, Erbschaft, Schadensersatz

21
Unternehmer – im Rahmen seines Unternehmens

Der Unternehmer

• übt eine gewerbliche oder berufliche Tätigkeit selbständig aus

• Gewerbliche oder berufliche Tätigkeit liegt vor bei

nachhaltiger Ausübung von Leistungen, z.B. Verkauf/ Dienstleistungen, mit


Einnahmeerzielungsabsicht (nicht: Gewinnerzielungsabsicht)

Beispiele? Arzt? Vermieter?

Im Rahmen des Unternehmens


• Unternehmer hat einen unternehmerischen und einen nichtunternehmerischen (privaten) Bereich

• Beispiel: Schreiner verkauft ein nur privat genutztes Auto


• Keine gewerbliche oder berufliche Tätigkeit (keine Nachhaltigkeit)
• Verkauf ist dem nichtunternehmerischem Bereich zuzuordnen
 nicht steuerbar, d.h. keine umsatzsteuerlichen Konsequenzen

22
Gebietsbegriffe

23
Ort der Lieferung

Findet die Lieferung im Inland statt?

Bewegte Lieferungen, § 3 Abs. 6 UStG Unbewegte Lieferungen, § 3 Abs. 7 UStG

Gegenstand wird befördert oder versendet Gegenstand wird weder befördert noch
versendet
Ort der Lieferung = dort, wo die Beförderung
oder Versendung beginnt Ort der Lieferung = dort, wo sich
Gegenstand zur Zeit der Verschaffung der
Beispiel : Die in Ulm ansässige X-AG verkauft eine Verfügungsmacht befindet
Maschine an Abnehmer A in den USA. Die
Maschine wird von Ulm in die USA befördert
 Ort = Ulm, also: Inland
Beispiel: Grundstückslieferungen
Sonderregelung bei Lieferungen aus dem
Drittlandsgebiet mit Lieferkondition „verzollt und
versteuert“, § 3 Abs. 8 UStG

 Ort der Lieferung ist im Inland


Beispiel: Unternehmer U aus der Schweiz verkauft
Waren an Abnehmer A in Köln. Die Waren werden
von der Schweiz nach Köln gebracht. U liefert
„verzollt und versteuert“.
24
Übung

Wo ist der Lieferort? Befindet sich der Lieferort im Inland?

1. Der Unternehmer A schließt mit dem Unternehmer B in Hamburg einen notariell beurkundeten
Kaufvertrag über ein Ferienhaus auf der Insel Helgoland ab.

2. Der Kunde K unterschreibt einen Kaufvertrag über einen PKW beim KFZ-Händler in Straßburg
(Frankreich). K holt den PKW selbst in einem Auslieferungslager des Händlers in Freiburg ab.

3. Der Maschinenfabrikant M (München) schließt mit dem Fabrikanken F (Stockholm) telefonisch einen
Kaufvertrag über den Verkauf einer Maschine ab. M übergibt die Maschine seinem Angestellten A im
Werk München und beauftragt A, die Maschine zum Spediteur S des F in den Freihafen Hamburg zu
transportieren. A erledigt dies. S übergibt die Maschine sodann an den Reeder R, der die Maschine
nach Stockholm verschifft. F holt die Maschine im Hafen in Stockholm ab.

4. Der Verlag V in Heidelberg übergibt der Deutsche Post AG in Heidelberg ein Paket mit 10 Exemplaren
eines von V herausgegebenen Buchs zum Versand an den Buchhändler Z in Zürich. Z verkauft ein Buch
an einen Kunden.

25
Ort der sonstigen Leistung

Findet die sonstige Leistung im Inland statt?

Grundsatz Grundsatz
B2C: Empfänger ist kein Unternehmer B2B: Empfänger ist Unternehmer
 Ort, von dem aus der Unternehmer sein  Ort, von dem aus der Empfänger sein
Unternehmen betreibt Unternehmen betreibt

zahlreiche Sonderregelungen in Abhängigkeit von


der Art der sonstigen Leistung bzw. dem (Wohn-)
Sitz des Empfängers

26
Steuerbefreiungen

Steuerbare Lieferungen/sonstige Leistungen sind nur steuerpflichtig, wenn keine Steuerbefreiung besteht

Steuerbefreiungen verfolgen bestimmte Zielsetzungen , z.B.

• Besteuerung nach dem Bestimmungslandprinzip


Ausfuhrlieferungen (Gegenstand gelangt in ein Drittland – Gegenteil der steuerbaren und
steuerpflichtigen Einfuhrlieferung)
Innergemeinschaftliche Lieferungen (Gegenstand wird von einem Unternehmen aus Deutschland an
einen Unternehmer in einem anderen EU-Land geliefert – Gegenteil des steuerbaren und
steuerpflichtigen innergemeinschaftlichen Erwerbs)

• Sozial-, kultur- und wirtschaftspolitische Gründe


Vermietung/Verpachtung von Grundstücken (§ 4 Nr. 12 Buchst. a) UStG)
Umsätze im Gesundheitswesen, z.B. Ärzte (§ 4 Nr. 14 UStG)
Umsätze bestimmter kultureller Einrichtungen, z.B. Theater, Orchester, Museen (§ 4 Nr. 20 UStG)

27
Bemessungsgrundlage: Entgelt

Entgelt ist alles, was den Wert der Gegenleistung bildet (§ 10 Abs. 1 S. 2 UStG)

Beispiel:

Weinhändler W verkauft an einen Kunden 6 Flaschen Wein und stellt die folgende Rechnung aus:

6 Flaschen Wein à 10 € 60,00 €


+ Umsatzsteuer 19 % 11,40 €
= Rechnungsbetrag 71,40 €

Entgelt = 60 € (= 71,40 € / 1,19)

Preisnachlässe vermindern das Entgelt (z.B. Rabatte, Skonti)


Nebenkosten erhöhen das Entgelt (Verpackung, Transport)

28
Steuertarif

§ 12 UStG

• Allgemeiner Steuersatz:
19% der Bemessungsgrundlage

• Ermäßigter Steuersatz:
7% der Bemessungsgrundlage,
vgl. Anlage 2 zum UStG

29
Inhaltsübersicht

1. Teil Einführung
2. Teil Umsatzsteuer

3. Teil Einkommensteuer

A. Grundprinzipien der Einkommensteuer


B. Persönliche Steuerpflicht
C. Sachliche Steuerpflicht
D. Die Einkunftsarten
E. Ermittlung der Einkünfte
F. Ermittlung des zu versteuernden Einkommens
G. Verlustberücksichtigung
H. Ermittlung, Erhebung, Veranlagung der Einkommensteuer

4. Teil Körperschaftsteuer
5. Teil Solidaritätszuschlag
6. Teil Gewerbesteuer

30
Grundprinzipien der Einkommensteuer

Wie muss eine Einkommensteuer ausgestaltet sein?

• Gerecht
 Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit als Ausdruck von Steuergerechtigkeit

• Anknüpfung an Einkommenserzielung
 grundsätzlich keine Berücksichtigung der Einkommensverwendung

• Existenz des Steuerpflichtigen (der natürlichen Person) muss gesichert sein


 Keine Besteuerung des Existenzminimums
 Abzugsfähigkeit von privat veranlassten Ausgaben, die durch eine außergewöhnliche, belastende
persönliche Situation des Steuerpflichtigen entstanden sind

• Erfüllen von Lenkungszwecken


 Förderung bestimmten Ausgabenverhaltens (Sonderausgaben), bestimmter Lebensumstände
(Ehegattenbesteuerung), Umverteilung (progressiver Steuertarif)

31
Steuergerechtigkeit – Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit

32
Wer ist in Deutschland steuerpflichtig?  § 1 Absatz 1 Satz 1 EStG und § 1 Abs. 4 EStG

„Steuerpflichtig“ bedeutet, dass die Regelungen des Einkommensteuergesetzes Anwendung finden.

Der Einkommensteuer unterliegt grundsätzlich jeder Mensch, der in der Bundesrepublik Deutschland wohnt
oder sich hier üblicherweise aufhält. Diese unbeschränkte Steuerpflicht erstreckt sich auch auf Einkünfte, die
im Ausland erzielt werden, zum Beispiel aus Ferienimmobilien oder Zinsen aus ausländischen Geldanlagen,
und der dortigen Einkommensteuer unterliegen.

Steuerpflichtig sind auch Personen, die zwar nicht in Deutschland leben, aber inländische Einkünfte erzielen,
zum Beispiel Grenzpendler, die hier arbeiten.

• Nur natürliche Personen können einkommensteuerpflichtig sein


• Eine natürliche Person kann in mehreren Ländern (einkommen)steuerpflichtig sein
33
Persönliche Steuerpflicht

I. Unbeschränkte Steuerpflicht (§ 1 Abs. 1 S. 1 II. Beschränkte Steuerpflicht (§ 1 Abs. 4 EStG)


EStG)
Natürliche Person, die
Natürliche Person, die • im Inland
• im Inland • weder einen Wohnsitz noch
• einen Wohnsitz (§ 8 AO) oder • einen gewöhnlichen Aufenthalt hat
• ihren gewöhnlichen Aufenthalt (§ 9 AO) • mit ihren inländischen Einkünften
hat.

 Welteinkommensprinzip  Territorialitätsprinzip

34
Wohnsitz und gewöhnlicher Aufenthalt

Wohnsitz (§ 8 AO) Gewöhnlicher Aufenthalt (§ 9 AO)


Einen Wohnsitz hat jemand dort, wo er eine Den gewöhnlichen Aufenthalt hat jemand dort, wo
Wohnung unter Umständen innehat, die darauf er sich unter Umständen aufhält, die erkennen
schließen lassen, dass er die Wohnung beibehalten lassen, dass er an diesem Ort oder in diesem Gebiet
und benutzen wird. nicht nur vorübergehend verweilt. Als gewöhnlicher
Aufenthalt im Geltungsbereich dieses Gesetzes ist
stets und von Beginn an ein zeitlich
zusammenhängender Aufenthalt von mehr als sechs
Wohnung? Monaten Dauer anzusehen; kurzfristige
Innehat? Unterbrechungen bleiben unberücksichtigt. Satz 2
Beibehalten und benutzen? gilt nicht, wenn der Aufenthalt ausschließlich zu
Besuchs-, Erholungs-, Kur- oder ähnlichen privaten
Zwecken genommen wird und nicht länger als ein
Jahr dauert.

35
Beispiele – Beurteilung „Wohnsitz“

BFH, Urt. v. 24.7.2018 – I R 58/16


1. Ein Steuerpflichtiger kann gleichzeitig mehrere Wohnsitze iSd § 8 AO haben. Diese können im Inland und/oder
Ausland belegen sein.
2. Ein Wohnsitz iSd § 8 AO setzt nicht voraus, dass der Steuerpflichtige sich während einer Mindestzahl von Tagen
oder Wochen im Jahr tatsächlich in der Wohnung aufhält. Auch unregelmäßige Aufenthalte in einer Wohnung
können zur Aufrechterhaltung eines dortigen Wohnsitzes führen.

BFH, Urt. vom 10.04.2013 –I R 50/12


1. Ein Steuerpflichtiger kann gleichzeitig mehrere Wohnsitze haben. Kennzeichnend für eine Wohnung ist, dass es
sich - im Sinne einer bescheidenen Bleibe - um Räume handelt, die zum Bewohnen geeignet sind.
2. Das für den Begriff des Wohnsitzes erforderliche Innehaben der Wohnung setzt voraus, dass die Wohnung in
objektiver Hinsicht dem Steuerpflichtigen jederzeit als Bleibe zum Zwecke der Wohnnutzung zur Verfügung
stehen muss. Hieran kann es fehlen, wenn die Wohnung nach ihrer Größe über das bloße Übernachten hinaus
kein Verweilen in den Räumen gestattet.

FG Münster, Urt. v. 18.12.2019 – 1 K 573/16 E


1. Im Allgemeinen besteht eine widerlegbare Vermutung, dass ein nicht dauernd getrennt lebender Ehegatte
seinen Wohnsitz dort hat, wo sich seine Familie befindet. Bei entsprechenden tatsächlichen Umständen sind
hiervon im Einzelfall jedoch Ausnahmen möglich.

36
Übung

1. Frau S ist deutsche Staatsangehörige und wohnt gemeinsam mit ihren Eltern in einer
Vierzimmerwohnung in Frankfurt.
2. Herr M ist mongolischer Staatsangehöriger und wohnt in einem Einfamilienhaus in Bonn
3. Herr D unterhält neben seiner Wohnung in Berlin noch eine zweite Wohnung in Paris.
4. Frau Z wird von ihrem Arbeitgeber für ein Jahr nach Frankreich versetzt. Sie behält ihre Wohnung in
Mainz während dieser Zeit bei.
5. Herr T wird von seinem Arbeitgeber für ein Jahr nach China versetzt. Er gibt seine Wohnung in
Deutschland auf.
6. Herr K ist wohnhaft in New York. Er wird von seinem Arbeitgeber vom 1.1.08 bis zum 1.11.08 nach Köln
versetzt und wohnt in dieser Zeit in einem Hotel.
7. Frau M, wohnhaft in Brüssel, besucht für 7 Monate ihre Tochter in Wiesbaden.
8. Herr K wohnt in London. Er hat inländische Einkünfte in Deutschland.

Beurteilen Sie jeweils die persönliche Einkommensteuerpflicht.

37
Konsequenzen der persönlichen Steuerpflicht

Ausgangssituation: in Deutschland unbeschränkt Steuerpflichtiger (S)

 S unterliegt den Regelungen des deutschen Einkommensteuerrechts mit seinem Welteinkommen,


d.h. mit seinem gesamten Einkommen, unabhängig davon, wo das Einkommen erwirtschaftet wurde

 „Unterliegt“?  das deutsche Einkommensteuergesetz ist auf den Steuerpflichtigen anwendbar

 „Steuerpflicht“ bedeutet nicht, dass Steuern bezahlt werden müssen (Zahlungsverpflichtung ist
abhängig von der Höhe des zu versteuernden Einkommens und der Höhe des Steuersatzes)
 Steuerpflicht bedeutet vielmehr, dass z.B. auch Vorschriften zu Auskunfts- und Erklärungspflichten
befolgt werden müssen

 Grundsatz: Pflicht zur Abgabe einer Steuererklärung

38
Steuererklärung

• Die Einkommensteuer ist eine Jahressteuer


 Für ein Kalenderjahr werden die relevanten Informationen erhoben und die Berechnungen
durchgeführt

 Die Berechnung der Höhe der Einkommensteuer für ein bestimmtes Kalenderjahr erfolgt durch das
Finanzamt auf der Grundlage der in der Einkommensteuererklärung getätigten Angaben (dieses
Vorgehen heißt „Veranlagung“)

Muss jeder Steuerpflichtige eine Einkommensteuererklärung abgeben?

• Bei Steuerpflichtigen, die als Arbeitnehmer Lohneinkünfte erwirtschaften, erfolgt eine Besteuerung
dieser Einkünfte bereits bei Zahlung in Form von Lohnsteuer, die direkt vom Lohn abgezogen und an
das Finanzamt abgeführt wird (dieses Vorgehen heißt „Abzug“)
 Für diese Einkünfte ist bereits eine Besteuerung durchgeführt worden
 Im Grundsatz muss keine Veranlagung durch das Finanzamt mehr durchgeführt werden
 Im Grundsatz muss daher in diesen Fällen keine Steuerklärung abgegeben werden

39
Veranlagung

• Veranlagung bedeutet die Berechnung der Einkommensteuer eines Steuerpflichtigen für ein
Kalenderjahr

• Erinnerung: Steuerpflichtiger ist immer eine natürliche Person

 Veranlagung erfolgt im Grundsatz für eine Einzelperson

Aber: Möglichkeit der Zusammenveranlagung von Ehegatten unter bestimmten Voraussetzungen


 Anwendung des sog. Splittingtarifs (statt des Grundtarifs bei Einzelveranlagung)

Voraussetzungen
für die
Zusammen-
veranlagung?

40
Sachliche Steuerpflicht

Was wird besteuert, wenn eine natürliche Person unbeschränkt einkommensteuerpflichtig ist?

Der Einkommensteuer unterliegen sieben Einkunftsarten (§ 2 Abs. 1 S. 1 EStG)


• Aufzählung ist abschließend
• Sonstige Einkünfte nur Einkünfte i.S.d. § 22 EStG (keine Auffangtatbestand)
• Definition der Einkunftsarten in §§ 13-24 EStG (§ 2 Abs. 1 S. 2 EStG)

Was stellen Sie sich unter den einzelnen Bezeichnungen vor?


41
Bemessungsgrundlage der Einkommensteuer

Bemessungsgrundlage der Einkommensteuer ist das zu versteuernde Einkommen (§ 2 Abs. 5 S. 1 EStG)

Ermittlung des zu versteuernden Einkommens

1. Schritt: Ermittlung der Einkünfte des Steuerpflichtigen, gesondert nach den 7 Einkunftsarten
2. Schritt: Summierung der Einkünfte  Summe der Einkünfte
Weitere Schritte sind beschrieben in § 2 Abs. 3 bis 5 EStG

42
Vereinfachtes Schema zur Ermittlung der einkommensteuerlichen Bemessungsgrundlage

Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft


+ Einkünfte aus Gewerbebetrieb
+ Einkünfte aus selbständiger Arbeit
+ Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit
+ Einkünfte aus Kapitalvermögen
+ Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung
+ Sonstige Einkünfte i.S.d. § 22 EStG

= Summe der Einkünfte


= Gesamtbetrag der Einkünfte (§ 2 Abs. 3 EStG)
– Verlustabzug (§ 10d EStG)
– Sonderausgaben (§§ 10 bis 10c EStG)
– Außergewöhnliche Belastungen (§§ 33 bis 33b EStG)

= Einkommen (§ 2 Abs. 4 EStG)

– Freibeträge für Kinder (§§ 31, 32 Abs. 6 EStG)


= Zu versteuerndes Einkommen (§ 2 Abs. 5 EStG)

43
Nicht steuerbare Vermögensmehrungen

(Positive/negative) Vermögensmehrungen, die nicht der Einkommensteuer unterliegen

• Vermögensmehrungen, die nicht unter eine der sieben Einkunftsarten fallen


Beispiele: Erbschaft, Schenkung , Lotterie-, Spiel-, Wettgewinne, bestimmte Veräußerungsgewinne

• Vermögensmehrung, bei Fehlen einer Einkünfteerzielungsabsicht (auch wenn eine der sieben
Einkunftsarten vorliegt)

– Einkünfteerzielungsabsicht
• Tätigwerden mit dem Ziel Überschuss der „Einnahmen“ über die „Ausgaben“ zu erzielen
(Streben nach Totalgewinn)
• Maßgeblich ist die Absicht zur Einkünfteerzielung

– ansonsten „Liebhaberei“
• Betätigung aus persönlichen Neigungen (nicht zur Einkünfteerzielung)
• Dauerhafte Verlusterzielung
Beispiel: Segelliebhaber hat ein Segelschiff, das er auch für kurze Zeit entgeltlich vermietet.
Seine Einnahmen übersteigen nicht seine Ausgaben

44
Beispiele – Steuerliche Liebhaberei

FG München, Urteil vom 09.11.2009 – 7 K 2846/08


Liebhaberei bei Zucht und Handel mit Papageien
Die Zucht und der Handel mit Papageien ist als steuerlich unbeachtliche Liebhaberei zu beurteilen, wenn über
einen Zeitraum von mehr als 13 Jahren keinerlei Aussicht besteht, einen Gewinn zu erzielen und auch zweifelhaft
ist, ob der Betrieb danach in die Gewinnzone kommt.

BFH, Urteil vom 12. 9. 2002 - IV R 60/01 (Düsseldorf)


Tätigkeit des Architekten als Liebhaberei
Auch ein Architekt kann seine Tätigkeit ohne Gewinnerzielungsabsicht betreiben, wenn er Verluste aus
persönlichen Gründen oder Neigungen hinnimmt.

FG Düsseldorf (14. Senat), Urteil vom 13.11.2003 – 14 K 7839/00


Arztpraxis als Liebhaberei
Ungeachtet der entgegenstehenden Regelvermutung kann eine Arztpraxis bei nachhaltigen Verlusten zur
Gewinnerzielung objektiv ungeeignet sein und mangels Umstrukturierung eine negative Totalgewinnprognose
rechtfertigen, wenn nur geringfügige Umsätze erzielt werden, selbst eine vernünftige Reduzierung der
Betriebsausgaben daher nicht zu künftigen Gewinnen führen könnte und der seinen Lebensunterhalt aus
anderweitigen positiven Einkünften bestreitende Praxisinhaber seine Betriebsführung ausschließlich von seiner
Vorstellung der optimalen Patientenversorgung leiten lässt.

45
Steuerfreie Einnahmen

• Einnahmen sind zwar steuerbare Vermögensmehrungen, d.h.


– fallen unter eine der sieben Einkunftsarten und
– die Einkünfteerzielungsabsicht ist gegeben

• Aber die Einnahmen werden aufgrund gesetzlicher Regelungen steuerfrei gestellt


– § 3, § 3b EStG
– Regelungen in anderen Gesetzen (z.B. Investitionszulagengesetz)
– Doppelbesteuerungsabkommen

aber: Abzugsverbot für Ausgaben, soweit sie mit steuerfreien Einnahmen in (unmittelbarem)
wirtschaftlichen Zusammenhang stehen (§ 3c EStG)

46
Beispiel

Die kinderlose und ledige, 35-jährige Sabine Schmitt (S), wohnhaft in Frankfurt, hat folgende Einkünfte
erzielt
• aus einem Gewerbebetrieb in Frankfurt 60.000 €
• aus nichtselbständiger Arbeit 50.000 €
• aus Vermietung eines Hauses in Wiesbaden 12.000 €
• sonstige Einkünfte i.S.d. § 22 EStG aus der Schweiz 10.000 €
Von den Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit in Höhe von 50.000 € ist ein Betrag von 5.000 €
steuerfrei. Daneben erhält sie aus einem Totogewinn 10.000 €. Ihre abzugsfähigen Sonderausgaben i.S.d.
EStG belaufen sich auf 1.000 €. Zudem kann sie außergewöhnliche Belastungen i.S.d. EStG in Höhe von 500
€ geltend machen.

Aufgaben:
1. Beurteilen Sie die persönliche Einkommensteuerpflicht von S.
2. Ermitteln Sie die Summe der Einkünfte, den Gesamtbetrag der Einkünfte, das
Einkommen und das zu versteuernde Einkommen von S.

47
Beispiel – Lösung

a) Persönliche Einkommensteuerpflicht von S

S ist eine natürliche Person mit Wohnsitz im Sinne des § 8 AO in Frankfurt, also im Inland. Sie ist gem. § 1
Abs.1 Nr. 1 EStG unbeschränkt einkommensteuerpflichtig.
Sie unterliegt der deutschen Einkommensteuer mit ihrem Welteinkommen.

b) Sachliche Einkommensteuerpflicht

Der sachlichen Einkommensteuerpflicht unterliegen alle Vermögensmehrungen, die


- einer der 7 Einkunftsarten zuzurechnen sind
- nicht den Tatbestand der sog. Liebhaberei verwirklichen und
- nicht steuerfrei sind

Totogewinn ist eine Vermögensmehrung, die keiner der 7 Einkunftsarten zuzurechnen ist.
Von den Einnahmen aus nichtselbständiger Arbeit sind 5.000 € steuerfrei, so dass die Einkünfte 45.000 €
betragen.

48
Beispiel – Lösung

Einkünfte aus Gewerbebetrieb 60.000


Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit 45.000
Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung 12.000
Sonstige Einkünfte im Sinne des § 22 EStG 10.000

Summe der Einkünfte 127.000


Gesamtbetrag der Einkünfte 127.000

./. Verlustabzug
./. Sonderausgaben -1.000
./. Außergewöhnliche Belastungen -500

Einkommen 125.500
./. Freibeträge für Kinder

zu versteuerndes Einkommen 125.500

49
Die 7 Einkunftsarten – Charakterisierung

1. Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft


• Land- und Forstwirtschaft ist die planmäßige Nutzung der natürlichen Kräfte des Grund und Bodens
zur Gewinnung pflanzlicher und/oder tierischer Erzeugnisse.
• Hierzu gehören auch Einkünfte aus Weinbau, Gartenbau und sonstigen land- und
forstwirtschaftlichen Nutzungen sowie Einkünfte aus Jagd im Rahmen eines Betriebs der Land- und
Forstwirtschaft.

2. Einkünfte aus einem Gewerbebetrieb


• Zu den Einkünften aus einem Gewerbebetrieb zählen zum Beispiel die Einkünfte aus Handels-,
Handwerks- und Industriebetrieben

3. Einkünfte aus selbständiger Arbeit


• Einkünfte aus selbständiger Arbeit sind vornehmlich die Einkünfte aus freiberuflicher Tätigkeit, also
zum Beispiel aus der selbständigen Berufstätigkeit der Ärztinnen und Ärzte, Architektinnen und
Architekten, Steuerberater/-innen, Wirtschaftsprüfer/-innen und Anwältinnen und Anwälte.

50
Die 7 Einkunftsarten – Charakterisierung

4. Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit


• Zu den Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit gehören alle Einnahmen, die einem Arbeitnehmer
aus einem sogenannten Dienstverhältnis zufließen. Arbeitnehmer sind Personen, die in öffentlichem
oder privatem Dienst angestellt oder beschäftigt sind oder waren und die aus diesem
Dienstverhältnis oder einem früheren Dienstverhältnis Arbeitslohn beziehen.

5. Einkünfte aus Kapitalvermögen


• Zu den Einkünften aus Kapitalvermögen gehören Zinsen und Dividenden aus Aktien sowie die Gewinn
aus dem Verkauf von Wertpapieren.

6. Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung


• Hierunter zählen Einkünfte aus der Vermietung oder Verpachtung von Grundstücken oder
Grundstücksteilen.

7. Sonstige Einkünfte
• Zu den sonstigen Einkünften gehören unter anderem Renten aus der gesetzlichen
Rentenversicherung sowie die Ergebnisse aus privaten Veräußerungsgeschäften, die als
Spekulationsgeschäfte qualifiziert werden

51
Abgrenzung der verschiedenen Einkunftsarten

Welche Einkunftsarten liegen vor? Unterscheiden Was ist der Unterschied zwischen einem land- und
sich die einzelnen Fälle? forstwirtschaftlichen Betrieb und einem
Gewerbebetrieb?

A hat eine Apfelplantage. Die Äpfel verkauft A in B betreibt einen Laden, in dem er nur Apfelsaft
seinem Hofladen. verkauft. Er bietet 350 verschiedene Sorten
Apfelsaft an.
 Welche Einkunftsart?
 Welche Einkunftsart?

A hat eine Apfelplantage. Die Äpfel verkauft A auf


A hat eine Apfelplantage. Die Äpfel verkauft A auf
dem Markt. Die Äpfel, die er nicht verkaufen
dem Markt. Die Äpfel, die er nicht verkaufen
kann, verarbeitet A zu Apfelsaft, den er in seinem
kann, verarbeitet A zu Apfelsaft, den er in seinem
Hofladen verkauft. Zudem bietet er Apfelsaft
Hofladen verkauft.
anderer Erzeuger, Apfelkuchen vom örtlichen
Bäcker und zugekaufte andere Apfelprodukte an.
 Welche Einkunftsart?
 Welche Einkunftsart?

52
Begriff „Gewerbebetrieb kraft gewerblicher Betätigung“, § 15 Abs. 2 Satz 1 EStG

Wie ist der Gewerbebetrieb (für steuerliche Zwecke) beschrieben?

Welche Merkmale müssen vorliegen?

• Eigenständige steuerliche Definition des „Gewerbebetriebs“

• Irrelevant ist, ob die Betätigung genehmigt oder legal ist

 Relevant ist nur, ob die oben beschriebenen Tatbestandsvoraussetzungen vorliegen

 Bedeutung der Abgrenzung: bei Vorliegen von Einkünfte aus Gewerbebetrieb entsteht zusätzlich zur
Einkommensteuer Gewerbesteuer!

53
Merkmale eines Gewerbebetriebs

Positivkriterien
1. Selbständigkeit
• Tätigkeit auf eigene Rechnung und Gefahr (Unternehmerrisiko) und
• auf eigene Verantwortung (Unternehmerinitiaitive)
• Abgrenzung zum Arbeitnehmer
2. Nachhaltigkeit
• Tätigkeit zur Begründung einer dauernden Erwerbsquelle
• Bei regelmäßiger Tätigkeit über längeren Zeitraum gegeben
3. Gewinnerzielungsabsicht: entspricht Einkünfteerzielungsabsicht
4. Beteiligung am allgemeinen wirtschaftlichen Verkehr
• Tätigkeit muss nach außen in Erscheinung treten
• Leistung muss einer Allgemeinheit angeboten werden (begrenzter Kundenkreis reicht aus)

Negativkriterien
1. Keine land- und forstwirtschaftliche Tätigkeit
2. Keine selbständige Arbeit
3. Keine private Vermögensverwaltung , d.h. nur Fruchtziehung aus zu erhaltenden Substanzwerten,
Vermögensumnutzung durch Kauf und Verkauf steht nicht im Vordergrund, z.B. bei Vermietung
einer Vermietung einer Wohnung, Geldanlage in ein privates Wertpapierportfolio

54
Abgrenzung der Einkunftsarten über § 15 Abs. 2 Satz 1 EStG

Einkünfte aus Kapitalvermögen


Einkünfte aus
Einkünfte aus Vermietung und
Verpachtung

Sonstige Einkünfte

55
Beurteilung: Einkünfte aus Gewerbebetrieb oder Einkünfte aus selbständiger Arbeit?

Beurteilen Sie, ob im betrachteten Sachverhalt Einkünfte aus Gewerbebetrieb oder Einkünfte aus
selbständiger Arbeit erwirtschaftet werden?

(1) Selbständige Rentenberaterin

(2) Betrieb einer Blindenführhundeschule

(3) Erstellung von Softwarelernprogrammen als schriftstellerische Tätigkeit

 Erarbeiten Sie
a) den Sachverhalt
b) die Entscheidung des Gerichts
c) die Begründung

56
Gruppierung der Einkunftsarten

1. Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft

2. Einkünfte aus einem Gewerbebetrieb


Haupteinkunftsarten
3. Einkünfte aus selbständiger Arbeit

4. Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit

Einkunftsarten Nummer 5 bis 7 sind 5. Einkünfte aus Kapitalvermögen


gegenüber den ersten vier Einkunftsarten
subsidiär, d. h. nachrangig.
6. Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung Nebeneinkunftsarten

7. Sonstige Einkünfte

 Einkünfte werden nur dann unter einer der sog. Nebeneinkunftsarten


(Nr. 5 bis 7) erfasst, wenn sie nicht inhaltlich zu einer anderen
Einkunftsart gehören

57
Beispiele: Haupt- und Nebeneinkunftsarten

Der Steuerpflichtige K betreibt eine Kfz-Werkstatt und hält in seinem Betriebsvermögen eine Beteiligung
an einer Kapitalgesellschaft, aus der er Dividenden i. H. v. 10.000 € erhält.

Lösung
Grundsätzlich gehören Dividenden zu den Einkünften aus Kapitalvermögen. Da die Beteiligung aber zum
Gewerbebetrieb des K gehört, werden die Dividenden den Einkünften aus Gewerbebetrieb zugerechnet.

Der Rechtsanwalt R vermietet einen Raum in seiner Kanzlei an einen Schriftsteller.

Lösung
Grundsätzlich gehören vereinnahmte Mieten zu den Einkünften aus Vermietung und Verpachtung. Da R
einen Raum in seiner Kanzlei vermietet (und er mit der Kanzlei Einkünfte aus selbständiger Arbeit
erwirtschaftet) werden auch die Mieteinnahmen den Einkünften aus selbständiger Arbeit zugerechnet.

58
Zu welcher Einkunftsart gehören die jeweiligen Einkünfte?

1. Student A erzielt Zinsen aus festverzinslichen Wertpapieren im Privatvermögen

2. Der Aktionär A erhält eine Dividende. Die Aktien gehören zu seinem privaten Depot.

3. Herr A betreibt eine eigene Tierarztpraxis

4. Der Gewerbetreibende G verkauft einen ausgesonderten PC seines Betriebsvermögens

5. Studienrat S ist als Beamter beim Land Hessen angestellt

6. Hausfrau Frau H vermietet entgeltlich ein (privates) Einfamilienhaus

7. Frau A erhält ein Gehalt als angestellte Ärztin in einem Krankenhaus

8. Herr S betreibt einen eigenen Schuhladen

9. Herr A betreibt einen eigenen Friseursalon

10. Frau R ist Roman-Autorin

11. Der Gewerbetreibende G verpachtet ein unbebautes Grundstück, das zu seinem gewerblichen
Betriebsvermögen gehört

59
Grundsätze der Ermittlung der Einkünfte

Prinzip der Abschnittsbesteuerung


• Relevant sind nur Vorgänge innerhalb eines Jahres

Grundsätzliche Irrelevanz der privaten Lebensführung für die Ermittlung des Einkommens
• Auf das zu versteuernde Einkommen wirken sich grundsätzlich nur Vorgänge der Einkünfteerzielung,
nicht hingegen der Einkünfteverwendung aus.
• Kosten der privaten Lebensführung sind nicht abziehbar, § 12 EStG

Nettoprinzip
• Einkünfte sind eine Saldogröße.
 Aufwendungen, die zur Erzielung bestimmter Erträge entstehen, sind von den Erträgen zu kürzen
• Besteuert wird das sogenannte disponible Einkommen
 Unterscheidung zwischen objektivem und subjektivem Nettoprinzip
• objektives Nettoprinzip  für die Steuerzahlung ist der Teil des Einkommens nicht disponibel, der im
Zusammenhang mit der Erwerbstätigkeit aufgewendet werden muss, z. B. die Aufwendungen eines
Unternehmers für Miete und Personal  Diese sog. Erwerbsaufwendungen mindern die Einkünfte
(innerhalb einer Einkunftsart)
• subjektives Nettoprinzip  zwangsläufige private Aufwendungen sind bei der Ermittlung des zu
versteuernden Einkommens zu berücksichtigen
60
(weitere) Gruppierung der Einkunftsarten

Einkünfte sind der…

1. Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft


Gewinn
Gewinn- 2. Einkünfte aus einem Gewerbebetrieb
einkunftsarten Haupteinkunftsarten
3. Einkünfte aus selbständiger Arbeit

Überschuss der 4. Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit


Einnahmen
über die 5. Einkünfte aus Kapitalvermögen
Werbungskosten Überschuss-
einkunftsarten
6. Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung Nebeneinkunftsarten

Gewinn? 7. Sonstige Einkünfte


Einnahmen?
Werbungskosten?

61
Gewinn

Wie berechnet man einen Gewinn?


Welche Informationen werden zur Berechnung benötigt?
Welche Größen bestimmen die Höhe des Gewinns?
Wo kann man den Gewinn ablesen?

Gibt es einen negativen Gewinn?

Gewinn- und Verlustrechnung 1.1.-31.12.

Aufwendungen Erträge

Saldo: Jahresüberschuss

62
Gewinn

• Der Jahresüberschuss ist ein Gewinn, nämlich der Saldo aus Erträgen und Aufwendungen
 Terminologie aus der handelsrechtlichen Rechnungslegung (Buchführung und Bilanzierung)
 Steuerlich spricht man Gewinn als dem Saldo der Betriebseinnahmen und der Betriebsausgaben

 Synonyme Begriffe: Betriebseinnahmen entsprechen den Erträgen


Betriebsausgaben den Aufwendungen

Was unterscheidet Einzahlungen, Einnahmen und Erträge?


Was unterscheidet Auszahlungen, Ausgaben und Aufwendungen?

Überlegen Sie sich Beispiele für Betriebseinnahmen und Betriebsausgaben.

63
Ermittlung der Einkünfte aus Gewerbebetrieb

Ausgangspunkt ist der Gewinn, d.h. der Saldo aus Betriebseinnahmen und Betriebsausgaben (z.B.
abgelesen aus einer vorliegenden Gewinn- und Verlustrechnung)

 Im Grundsatz:
• Betriebseinnahmen erhöhen den • Betriebsausgaben verringern den
Gewinn und damit (mittelbar) die Gewinn und damit (mittelbar) die
Bemessungsgrundlage für die Bemessungsgrundlage für die
Einkommensteuer und damit die Einkommensteuer und damit die
Einkommensteuer Einkommensteuer

Aber: Es gibt Betriebseinnahmen, bei denen Es gibt Betriebsausgaben, bei denen


der Gesetzgeber nicht will, dass sie die der Gesetzgeber nicht will, dass sie die
Einkommensteuer des Einkommensteuer des
Steuerpflichtigen erhöhen, sog. Steuerpflichtigen verringern, sog. nicht
steuerfreie Betriebseinnahmen. abzugsfähige Betriebsausgaben

Was motiviert den Gesetzgeber zu einer solchen Qualifikation? Überlegen Sie sich Beispiele.

64
Beispiele

Nicht abzugsfähige Betriebsausgaben

 siehe § 4 Abs. 5 EStG


• Geschenke an Kunden > 35 € je Empfänger (Nr. 1)
• 30% der angemessenen Bewirtungskosten aus geschäftlichem Anlass (Nr. 2)
• Aufwendungen für Jagd, Fischerei, Segel-, Motorjachten (Nr. 4)
• Geldbußen, Ordnungsgelder, Verwarnungsgelder (Nr. 8)
• Zinsen auf hinterzogene Steuern (Nr. 8a)
• Schmier- und Bestechungsgelder (Nr. 10)
 Weitere Beispiele:
• Gewerbesteuer (§ 4 Abs. 5b EStG)
• Spenden/Mitgliedsbeiträge an politische Parteien (§ 4 Abs. 6 EStG)

Steuerfreie Betriebseinnahme
• Investitionszulage

65
Schema zur Ermittlung der Einkünfte aus Gewerbebetrieb

Gewinn lt. Gewinn- und Verlustrechnung


– Steuerfreie Betriebseinnahmen
+ Nicht abzugsfähige Betriebsausgaben
= Steuerpflichtiger Gewinn = Einkünfte aus Gewerbebetrieb

Wichtig: Unterscheidung zwischen „Gewinn“ und „steuerpflichtigem Gewinn“

Nicht jeder Ertrag, der den Gewinn erhöht hat, erhöht die Steuern!
Nicht jeder Aufwand, der den Gewinn verringert hat, verringert die Steuern!

Das Schema ist bei der Berechnung der Einkünfte aus Gewerbebetrieb zwingend einzuhalten!

66
Übung

Beurteilen Sie die persönliche Einkommensteuerpflicht des S.


Ermitteln Sie die steuerpflichtigen Einkünfte (Einkünfte aus Gewerbebetrieb) des S für 01.

Der Kaufmann S, wohnhaft in Wiesbaden, betreibt dort einen Einzelhandel. Aus dem Rechnungswesen des S
wird die Gewinn- und Verlustrechnung 01 geliefert.

Gewinn- und Verlustrechnung 1.1.-31.12.01

Materialaufwand 113.000 Umsatzerlöse 360.500


Personalaufwand 105.500 Steuerfreie Erträge 10.000
sonstiger Aufwand 108.000
Aufwand für Kunden-
bewirtung (angemessen) 4.000
Geschenke an Kunden
über 35 € 5.000
Spende an politische Partei 35.000
Gewerbesteuer 10.000 Verlust 10.000
380.500 380.500

67
Persönliche Steuerpflicht des S

S, eine natürliche Person, hat einen Wohnsitz im Sinne des § 8 AO in Wiesbaden, also: im Inland. Er ist
gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 1 EStG unbeschränkt einkommensteuerpflichtig. Er unterliegt der deutschen
Einkommensteuer mit seinem Welteinkommen.

Steuerpflichtige Einkünfte des S in 01

S betreibt mit seinem Einzelhandel einen Gewerbebetrieb im Sinne des § 15 Abs. 2 EStG. Er erzielt
hieraus Einkünfte aus Gewerbebetrieb im Sinne des § 15 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG.
Die Einkünfte sind bei den Einkünften aus Gewerbebetrieb der Gewinn, § 2 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 EStG.
S ist als Kaufmann nach den Regelungen des HGB zur Führung von Büchern verpflichtet. Die
Gewinnermittlung hat auf der Basis eines Betriebsvermögensvergleichs unter Beachtung der
handelsrechtlichen Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung zu erfolgen (derivative Steuerbilanz, § 4
Abs. 1 Satz 1 EStG, § 5 EStG).

68
Ermittlung des steuerpflichtigen Gewinns für 01


Gewinn bzw. Verlust nach § 4 Abs. 1 Satz 1, § 5 EStG -10.000
- steuerfreie Erträge -10.000
+ nicht abzugsfähige Betriebsausgaben
Geschenke an Kunden über 35 €, § 4 Abs. 5
Satz 1 Nr. 1 EStG 5.000
30% der angemessenen Bewirtungs-
aufwendungen, § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 2 EStG 1.200 6.200
+ keine Betriebsausgaben kraft Gesetz
Gewerbesteuer, § 4 Abs. 5b EStG 10.000
Spenden an politische Parteien, § 4 Abs. 6
EStG 35.000 45.000
= steuerpflichtiger Gewinn 31.200
= Einkünfte aus Gewerbebetrieb i.S.d. § 15 EStG

69
Überschuss der Einnahmen über die Werbungskosten

• Die Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit, aus Kapitalvermögen, aus Vermietung und Verpachtung
und die sonstigen Einkünfte werden immer nach dem folgenden Schema errechnet:

Einnahmen
- Werbungskosten
= Einkünfte aus…

• Im Zusammenhang mit den Überschusseinkünften gibt es keinen Gewinn, keine Betriebsausgaben,


keine Betriebseinnahmen!

• „Einnahmen“ und „Werbungskosten“ sind spezielle steuerliche Begriffe

70
Begriffe: Einnahmen und Werbungskosten

Begriff der Einnahmen

Begriff der Werbungskosten

Was sind Einnahmen im Sinne des EStG?


Was sind Werbungskosten im Sinne des EStG?
Überlegen Sie sich Beispiele zu den einzelnen Überschusseinkunftsarten.

71
Beurteilung: Werbungskosten?

Bitte beurteilen Sie, ob in den nachstehenden Fällen Werbungskosten vorliegen?

(1) Aufwendungen für Kleidung, Kosmetika und Impfungen als Werbungskosten von Flugbegleitern

(2) Aufwendungen für die Geburtstagsfeier eines Geschäftsführers

(3) Aufwendungen für Business-Kleidung eines angestellten Rechtsanwalts

(4) Aufwendungen für einen Deutschkurs

72
Besonderheiten der einzelnen Überschusseinkuftsarten

Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit

• Einnahmen sind alle Zuflüsse in Geld und Geldeswert aus dem Dienstverhältnis (Lohn, Gehalt,
Urlaubsgeld, Betriebsrente, verbilligtes Mittagessen …)
• Werbungskosten sind z.B. Kosten der Fahrt zur Arbeit, Fachliteratur, typische Berufsbekleidung
• Bis zu einem Betrag von 1.000 € können Werbungskosten ohne weiteren Nachweis pauschal
abgezogen werden (sog. „Arbeitnehmer-Pauschbetrag“)

• Besonderheit bei der Erhebung der Steuer


• der Arbeitgeber führt bei Zahlung des Entgelts berechnet die sog. Lohnsteuer, führt diese für den
Steuerpflichtigen an das Finanzamt ab und überweist nur den Nettolohn an den Arbeitnehmer
• Wenn der Steuerpflichtige keine Steuererklärung erstellen muss und auch nicht freiwillig erstellt, ist
durch die bereits geleistete Lohnsteuer Steuerschuld des Steuerpflichtigen „abgegolten“ (d.h. erledigt)
• Wenn eine Veranlagung (nach Abgabe der Steuererklärung) durchgeführt wird, wird die Lohnsteuer
auf die errechnete Einkommensteuer des Steuerpflichtigen angerechnet

 Lohnsteuer ist eine Abzugssteuer und eine Unterart der Einkommensteuer

73
Besonderheiten der einzelnen Überschusseinkuftsarten

Einkünfte aus Kapitalvermögen

• Einnahmen sind alle Zuflüsse infolge privater Kapitalanlage, d.h. Dividenden, Zinsen und
Veräußerungsgewinne oder –verluste aus dem Verkauf von Wertpapieren
• Kein Abzug der tatsächlich gezahlten Werbungskosten zulässig, sondern nur pauschaler Abzug in Höhe
von 801 € (bzw. 1.602 € bei Ehegatten)
 Bei dieser Einkunftsart ist das Nettoprinzip eingeschränkt
• Spezieller Einkommensteuersatz für diese Einkunftsart in Höhe von 25% (sog. Abgeltungsteuer)

• Besonderheit bei der Erhebung der Steuer


• der Leistende, z.B. die AG, die die Dividende ausschüttet, nimmt den Abzug der 25% vor, führt diesen
Betrag für den Steuerpflichtigen an das Finanzamt ab und überweist nur die Nettodividende an den
Aktionär
• Damit ist die Steuerschuld des Steuerpflichtigen „abgegolten“ (d.h. erledigt), er muss die Einnahmen
nicht in der Steuererklärung angegeben und keine weitere Steuer bezahlen.
 Abgeltungsteuer ist eine Abzugsteuer und eine Unterart der Einkommensteuer

74
Besonderheiten der einzelnen Überschusseinkuftsarten

Sonstige Einkünfte, insb. private Veräußerungsgeschäfte i.S.d. § 23 EStG


• Grundsatz: Veräußerungsgeschäfte, die privat getätigt werden, sind nicht steuerbar (weil es an
Nachhaltigkeit und an Gewinnerzielungsabsicht fehlt)

Aber: Ausnahme, wenn bestimmte Gegenstände bereits in der Absicht gekauft werden, schnell mit Gewinn
wieder verkauft zu werden („Spekulationsgeschäft“)
 Spekulationsgeschäft wird abgegrenzt anhand des Zeitraums zwischen Anschaffung und Veräußerung
75
Besonderheiten der einzelnen Überschusseinkuftsarten

• Private Veräußerungsgeschäfte i.S.d. § 23 EStG

• Verkauf von Grundstücken (§ 23 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 EStG)


• Zeitraum Anschaffung / Veräußerung nicht mehr als zehn Jahren (S. 1)
• Ausnahme: Nutzung zu eigenen Wohnzwecken (S. 3)
• ausschließlich oder im Jahr der Veräußerung und den beiden vorangegangenen Jahren

• Verkauf von anderen Wirtschaftsgütern (§ 23 Abs. 1 S. 1 Nr. 2)


• Zeitraum Anschaffung / Veräußerung nicht mehr als ein Jahr

• Ausnahme: Veräußerung von Gegenständen des tägliche Gebrauchs

76
Übung

Wir hoch sind die Einkünfte und der Gesamtbetrag der Einkünfte für das Jahr 01?

Die Eheleute M und R wohnen in Bremen. Beide sind nichtselbständig tätig: M als städtischer Beamter, R als Lehrerin.
M hat im Jahr 01 einen Bruttoarbeitslohn von 35.000 €, R von 30.000 € bezogen.

Nachstehende Angaben wurden für das Jahr 01 gemacht:


1. M hat Anfang des Jahres 01 von seiner Mutter ein Mietwohngrundstück geerbt, das einen Wert von 350.000 €
hat. Die Mieteinnahmen belaufen sich auf 24.000 €, die mit dem Grundstück zusammenhängenden Kosten
betragen 14.000 €.
2. M hat in 01 auf einer Privatfahrt mit seinem Auto einen Unfall verursacht. Das Auto wurde total beschädigt. Die
Vollkaskoversicherung hat eine Entschädigung in Höhe von 30.000 € geleistet.
3. M hat in 01 Dividenden aus Aktienanlagen in Höhe von 2.800 € erhalten.
4. M hat im April 01 ein vor 11 Jahren für 40.000 € erworbenes Grundstück für 60.000 € verkauft.
5. M sammelt in seiner Freizeit Briefmarken. In 01 hat er Briefmarken für 800 € gekauft und für 300 € verkauft.
6. R hat im Juni 01 50.000 € im Lotto gewonnen. Von dem Gewinn hat sie 30.000 € auf ein Tagesgeldkonto
eingezahlt. Die Bank hat R am Jahresende Zinsen in Höhe von 150 € gutgeschrieben.
7. Weitere 10.000 € ihres Lottogewinns hat R in Aktien investiert. Der Kurswert der im Juni erworbenen Aktien ist
bis zum Jahresende auf 12.000 € gestiegen.
8. Den Restbetrag des Lottogewinns von 10.000 € hat R ihrem Bruder am 1.7.01 als Darlehen überlassen. R
verzichtete auf Zinsen. Bei einer Bank hätte der Bruder 6% Zinsen zahlen müssen.

77
Persönliche Steuerpflicht
M und R sind natürliche Personen, haben einen Wohnsitz im Sinne des § 8 AO in Bremen, also: im Inland. Sie ist
gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 1 EStG jeweils unbeschränkt einkommensteuerpflichtig und unterliegen der deutschen
Einkommensteuer mit ihrem Welteinkommen.

Sachliche Steuerpflicht
Der Einkommensteuer unterliegen nur die in § 2 Abs. 1 EStG aufgeführten Einkünfte aus den sieben Einkunftsarten.
Die Aufzählung ist abschließend. Die Zuordnung von Einkünften zu einer der sieben Einkunftsarten begründet die
Steuerbarkeit dieser Einkünfte. Einkünfte, die sich keiner der aufgezählten Einkunftsarten zuordnen lassen, sind
nicht steuerbar.

1. Die Vermögensmehrung von 350.000 € infolge des Erbfalls stellt keine Einnahme aus einer der sieben
Einkunftsarten dar.

Die Einkünfte des M aus der Vermietung des Wohngrundstücks fallen unter die Einkunftsart „Einkünfte aus
Vermietung und Verpachtung, § 21 EStG“.

2. Der Ersatz für den durch den Unfall eingetretenen Vermögensschaden steht in keinem
Einkunftszusammenhang und ist daher nicht steuerbar.

3. Die Dividenden aus den Aktienanlagen in Höhe von 2.800 € gehören zu den Einnahmen aus Kapitalvermögen,
§ 20 EStG.

78
4. Die Veräußerung des zum Privatvermögen des M gehörenden Grundstücks ist nicht steuerbar. Es liegt kein
privates Veräußerungsgeschäft im Sinne des § 22 Nr. 2 i.V.m. § 23 Abs. 1 Nr. 1 EStG vor, da der Zeitraum
zwischen Anschaffung und Veräußerung mehr als 10 Jahre beträgt.

5. Die Tätigkeiten im Rahmen seines Hobbys stellen steuerliche Liebhaberei dar und demnach nicht steuerbar.

6. Der Lottogewinn der R fällt unter keine Einkunftsart. Die gutgeschriebenen Zinsen bilden Einnahmen aus
Kapitalvermögen, § 20 EStG.

7. Der nicht realisierte Kursgewinn ist nicht steuerbar.

8. Das dem Bruder gewährte Darlehen ist unverzinslich und führt demnach nicht zu Einnahmen. (Unverzinsliche
Darlehen sind in Höhe des Zinsverzichts Schenkungen.)

79
Ermittlung der Summe und des Gesamtbetrags der Einkünfte

M R
Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit, § 19 EStG
Einnahmen
Bruttoarbeitslohn 35.000 30.000
§ 8 Abs. 1, § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1
EStG
Ansatz mit Zufluss, § 11 Abs. 1 EStG

- Werbungskosten -1.000 -1.000


Arbeitnehmer-Pauschbetrag, § 9a
Satz 1 Nr. 1a EStG 1.000 1.000
= Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit i.S.d. § 19 EStG 34.000 29.000 63.000

80
Einkünfte aus Kapitalvermögen, § 20 EStG
Einnahmen
Dividenden bzw. Zinsen 2.800 150
§ 8 Abs. 1, §20 Abs. 1 Nr. 1, Nr. 7 EStG
Ansatz mit Zufluss, § 11 Abs. 1 EStG

- Werbungskosten -1.602 -
kein Abzug von Werbungskosten, aber
Sparer-Pauschbetrag
= Einkünfte aus Kapitalvermögen i.S.d. § 20 EStG *) 1.198 150 1.348

*) Anmerkung: Mit der Einführung der sog. Abgeltungsteuer entfällt im Grundsatz die Veranlagung der Einkünfte
aus Kapitalvermögen. Der Steueranspruch ist mit dem Abzug von Kapitalertragsteuer (25%) grundsätzlich
abgegolten.
Die mit abgeltender Wirkung besteuerten EInkünfte aus Kapitalvermögen werden in der
Einkommensteuererklärung nicht erfasst.
Die Einbeziehung der Einkünfte aus Kapitalvermögen kann vom Steuerpflichtigen beantragt werden
(Günstigerprüfung nach § 32d Abs. 6 EStG).

81
Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung

Einnahmen 24.000
Miete und Nebenkosten
§ 8 Abs. 1, § 21 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1
EStG
Zeitliche Erfassung bei Zufluss, § 11 Abs. 1 EStG

- Werbungskosten -14.000
14.000
= Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung i.S.d. § 21 EStG 10.000 10.000

= Summe der Einkünfte 73.000


= Gesamtbetrag der Einkünfte 73.000

82
Überleitung zum zu versteuernden Einkommen - Schema

Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft


+ Einkünfte aus Gewerbebetrieb
+ Einkünfte aus selbständiger Arbeit
+ Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit
+ Einkünfte aus Kapitalvermögen
+ Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung
+ Sonstige Einkünfte i.S.d. § 22 EStG

= Summe der Einkünfte


= Gesamtbetrag der Einkünfte (§ 2 Abs. 3 EStG)
– Verlustabzug (§ 10d EStG)
– Sonderausgaben (§§ 10 bis 10c EStG)
– Außergewöhnliche Belastungen (§§ 33 bis 33b EStG)

= Einkommen (§ 2 Abs. 4 EStG)

– Freibeträge für Kinder (§§ 31, 32 Abs. 6 EStG)


= Zu versteuerndes Einkommen (§ 2 Abs. 5 EStG)

83
Sonderausgaben und außergewöhnliche Belastungen

Sonderausgaben sind Außergewöhnliche Belastungen sind


• Kosten der privaten Lebensführung des • zwangsweise erwachsende, größere
Steuerpflichtigen, die Aufwendungen eines Steuerpflichtigen im
• explizit im Gesetz aufgelistet sind und Vergleich zur überwiegenden Mehrheit
• zum Abzug bei der Ermittlung des zu der Steuerpflichtigen gleicher
versteuernden Einkommens zugelassen Einkommens- und Vermögensverhältnisse
sind und gleichen Familienstands

Beispiele
Beispiele
• Altersvorsorgeaufwendungen (§ 10 Abs. 1
Nr. 2 EStG) • Krankheitskosten, Ersatzbeschaffung
• Sonstige: Kranken-, Pflege-, existentiell notwendiger Wirtschaftsgüter
Arbeitslosigkeits-, Erwerbs-, nach Brand, Diebstahl etc. (z.B. Hausrat,
Berufsunfähigkeits-, Unfall-, Kleidung), Lösegelder
Haftpflichtversicherung (§ 10 Abs. 1 Nr. 3, • Abzug nur bei Überschreitung einer
Nr. 3a EStG) zumutbaren Belastung
• Aufwendungen für eigene
Berufsausbildung (§ 10 Abs. 1 Nr. 7 EStG)
(begrenzt) • Typisierte außergewöhnliche Belastungen
• Kirchensteuer (§ 10 Abs. 1 Nr. 4 EStG) (§§ 33a, 33b EStG)
(unbegrenzt)
• Spenden (§ 10b EStG) (begrenzt)
84
Berücksichtigung von Kindern - Familienleistungsausgleich

Familienleistungsausgleich, § 31 EStG
Berücksichtigung von Kindern
erfolgt entweder in Form von
Kindergeld oder durch Abzug
der Freibeträge für Kinder

 Entscheidung für die


Kindergeld Kinderfreibetrag vorteilhafte Variante
durch Vergleichsrechnung

Freibetrag für Kinderfreibetrag setzt sich aus


Sächliches Betreuungs-, zwei Komponenten
Existenzminimum Erziehungs- oder zusammen
Ausbildungsbedarf

85
Kindergeld und Freibetrag für Kinder

Kindergeld Kinderfreibetrag, § 32 Abs. 6 EStG

• Anspruchsberechtigte, § 62 EStG • Freibetrag, der bei der Ermittlung des zu


• Kinder im Sinne des § 63 EStG versteuernden Einkommens abgezogen wird

Höhe des Kindergelds, § 66 EStG Höhe des Kinderfreibetrags


(ohne einmaligen Corona-Kinderbonus)
für 2-mal pro Jahr
für monatlich jährlich das sächliche Existenzminimum
des Kindes 2.730 € 5.460 €
erste und zweite Kinder 219 € 2.628 € für Betreuungs-, Erziehungs-
dritte Kinder 225 € 2.700 € oder Ausbildungsbedarf 1.464 € 2.928 €
das vierte und jedes
weitere Kind 250 € 3.000 € Summe 8.388 €

Monatliche Auszahlung, grundsätzlich durch die


Familienkasse

86
Berechnung der vorteilhaften Variante – „Günstigerprüfung“

Günstigerprüfung: Kindergeld oder Kinderfreibetrag? Was ist besser?

 Durchführung der nachstehenden Berechnungen


1. Ermittlung der tariflichen Einkommensteuer (ohne Berücksichtigung von Kinderfreibeträgen)
2. Ermittlung der tariflichen Einkommensteuer (unter Berücksichtigung von Kinderfreibeträgen)
3. Differenz aus 1. und 2. wird mit dem gewährten Kindergeld verglichen

Beispiel 1 Verheiratete Eltern mit einem Kind (Splittingtabelle 2021)


Einkommen 48.000 48.000
Kinderfreibetrag 8.388
zu versteuerndes Einkommen 48.000 39.612
Tarifliche Einkommensteuer 6.672 4.420
Differenz (Steuerminderung) 2.252

Kindergeld 2.628
Vorteil Kindergeld 376

Günstigerprüfung: Kindergeld oder Kinderfreibetrag?

Kindergeld in Höhe von 2.628 € > Steuerminderungseffekt des Kinderfreibetrags in Höhe von 2.252 €
 Kindergeld
87
Berechnung der vorteilhaften Variante – „Günstigerprüfung“

Beispiel 2 Verheiratete Eltern mit einem Kind (Splittingtabelle 2021)


Einkommen 75.000 75.000
Kinderfreibetrag 8.388
zu versteuerndes Einkommen 75.000 66.612
Tarifliche Einkommensteuer 14.944 12.222
Differenz (Steuerminderung) 2.722

Kindergeld 2.628
Vorteil Kinderfreibetrag 94

Günstigerprüfung: Kindergeld oder Kinderfreibetrag?

Kindergeld in Höhe von 2.448 € < Steuerminderungseffekt des Kinderfreibetrags in Höhe von 2.602 €
 Kinderfreibetrag

88
Überleitung zum zu versteuernden Einkommen - Schema

Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft


+ Einkünfte aus Gewerbebetrieb
+ Einkünfte aus selbständiger Arbeit
+ Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit
+ Einkünfte aus Kapitalvermögen
+ Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung
+ Sonstige Einkünfte i.S.d. § 22 EStG

= Summe der Einkünfte


= Gesamtbetrag der Einkünfte (§ 2 Abs. 3 EStG)
– Verlustabzug (§ 10d EStG)
– Sonderausgaben (§§ 10 bis 10c EStG)
– Außergewöhnliche Belastungen (§§ 33 bis 33b EStG)

= Einkommen (§ 2 Abs. 4 EStG)

– Freibeträge für Kinder (§§ 31, 32 Abs. 6 EStG)


= Zu versteuerndes Einkommen (§ 2 Abs. 5 EStG)

89
Berücksichtigung von Verlusten

Verlustberücksichtigung

Verlustausgleich Verlustabzug
innerperiodisch interperiodisch

Horizontal (intern)
Verlustrücktrag
innerhalb einer
§ 10d Abs. 1 EStG
Einkunftsart

Vertikal (extern)
Verlustvortrag
zwischen verschiedenen
§ 10d Abs. 2 EStG
Einkunftsarten

90
Beispiel – innerperiodischer Verlustausgleich

S erzielt im Kalenderjahr 01 positive Einkünfte aus Gewerbebetrieb i.H.v. 50.000 € aus einer Metzgerei und
negative Einkünfte aus Gewerbebetrieb i.H.v. 20.000 € aus einer Gaststätte. Daneben hat er im Kalenderjahr
01 negative Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung i.H.v. 10.000 €.

Horizontaler Verlustausgleich:
Einkünfte aus Metzgerei (Gewinn) 50.000 €
- negative Einkünfte aus Gaststätte (Verlust) - 20.000 €
= Einkünfte aus Gewerbebetrieb (§ 15 EStG) 30.000 €

Vertikaler Verlustausgleich:
Einkünfte aus Gewerbebetrieb (§ 15 EStG) 30.000 €
- negative Einkünfte aus Vermietung u. Verpachtung (§ 21 EStG) - 10.000 €
= Summe der Einkünfte 20.000 €

91
Interperiodische Verlustabzug

Verlustrücktrag (§ 10d Abs. 1 EStG), d.h. Rücktrag der negativen Einkünfte (§ 10d Abs. 1 S. 1 EStG)

• auf den unmittelbar vorangegangenen Veranlagungszeitraum


• bis zu einem Betrag von max. 10.000.000 €/ 20.000.000 €
• Abzug der negativen Einkünfte vom Gesamtbetrag der Einkünfte

Verlustvortrag (§ 10d Abs. 2 EStG), d.h. Vortrag der negativen Einkünfte auf die folgenden
Veranlagungszeiträume (zeitlich unbeschränkt)

• bis zu einem Betrag von 1 Mio. €/2 Mio. € unbegrenzt (Sockelbetrag)


• darüber hinaus bis zu einem Betrag von 60 % des 1 Mio. €/2 Mio. € übersteigenden
Gesamtbetrags der Einkünfte
• Abzug der negativen Einkünfte vom Gesamtbetrag der Einkünfte
92
Beispiel zum Verlustabzug

Der ledige Steuerpflichtige S aus Frankfurt hat Verluste aus Gewerbebetrieb im


• VZ 01 (Veranlagungszeitraum) 13.500.000 €
• VZ 03 500.000 €

Sein Gesamtbetrag der Einkünfte beträgt im


• VZ 00 10.100.000 €
• VZ 02 4.000.000 €
• VZ 04 900.000 €

• Sonderausgaben und außergewöhnliche Belastungen jeweils = 0

Wie funktioniert der Verlustabzug in Form von Rücktrag und Vortrag?

93
Überleitung zum zu versteuernden Einkommen - Schema

VZ 00 01 02 02 (neu) 03 04

Gesamtbetrag der Einkünfte 10.100.000 -13.500.000 4.000.000 4.000.000 -500.000 900.000

Verlustrücktrag, § 10d I 1 -10.000.000 -500.000

Verlustvortrag, § 10d II
Sockelbetrag (max. 1.000.000 €) -1.000.000 -1.000.000 -700.000

zusätzlich: 60% des nach Abzug des Sockelbetrags


verbleibenden Gesamtbetrags der Einkünfte -1.800.000 -1.800.000

Einkommen (nach Verlustabzug) 100.000 1.200.000 700.000 200.000

verbleibender Verlustvortrag zum 1.1 0 3.500.000 700.000 700.000


Verlust 13.500.000 500.000
Verlustabzug -10.000.000 -2.800.000 -500.000 -700.000
verbleibender Verlustvortrag zum 31.12. 3.500.000 700.000 700.000 0

94
Vereinfachtes Schema zur Ermittlung und Erhebung der Einkommensteuer

Steuerbetrag laut Tarifformel (§ 32a Abs. 1, 5 EStG)


unter Berücksichtigung insb. §§ 32b, 32d, 34, 34a EStG

= tarifliche Einkommensteuer

– Steuerermäßigungen, insb. § 35 EStG

= festzusetzende Einkommensteuer (§ 2 Abs. 6 EStG)

– Einkommensteuer-Vorauszahlungen (§ 36 Abs. 2, § 37 EStG)



durch Steuerabzug erhobene Einkommensteuer (§ 36 Abs. 2 EStG)
(insb. Lohnsteuer: §§ 38 ff. EStG)

= Zu zahlende (verbleibende) Einkommensteuer / Erstattungsbetrag

95
Der Einkommensteuertarif, Stand: 2021, vgl. § 32a Abs. 1 EStG

Wie hoch ist die tarifliche Einkommensteuer bei einem zu versteuernden Einkommen von 9.745 €?

96
Übung

Bestimmen Sie die Einkommensteuerbelastung (in € und in %) bei einem zu versteuernden Einkommen
von
a) 37.400 €
b) 105.800 €
nach der Grundtabelle.

Bestimmen Sie die Einkommensteuerbelastung (in € und in %) bei einem zu versteuernden Einkommen
von
a) 37.400 €
b) 105.800 €
nach der Splittingtabelle.

Anmerkung: Splittingtarif und Splittingtabelle finden Anwendung im Falle der Zusammenveranlagung


(„Ehegattenbesteuerung“).

97
Übung

Ermitteln Sie die zu zahlende (verbleibende) Einkommensteuer bzw. den Erstattungsbetrag für Frau F für
den Veranlagungszeitraum 10.

Frau F wohnt in München und ist nicht verheiratet. Im Steuerjahr 10 sind die folgenden Sachverhalte
vorgefallen:

a) Frau F ist als Fremdsprachensekretärin in einer international tätigen Firma angestellt. Auf dem
Ausdruck der elektronischen Lohnsteuerbescheinigung für 10 sind u.a. die folgenden Beträge
ausgewiesen:

Bruttoarbeitslohn 30.000 €
davon einbehaltene Lohnsteuer 4.600 €

Zur Verbesserung ihrer Fremdsprachenkenntnisse besucht F einen Sprachkurs. Sie zahlt dafür in 10 eine
Kursgebühr von 600 €. Da sie häufig Texte zu aktuellen wirtschaftlichen Themen übersetzen muss, liest
sie jeden Morgen eine Tageszeitung. Sie hat hierfür im Jahr 10 500 € ausgegeben.

98
b) F vermietet eine Eigentumswohnung, die seit mehreren Jahren zu ihrem Privatvermögen gehört, für
monatlich 600 € zzgl. 150 € Nebenkosten.

Sie hat in 10 im Zusammenhang mit der vermieteten Wohnung die nachstehenden Beträge geleistet:
Gebäudehaftpflichtversicherung 1.200 €
Grundsteuer 400 €
Müllgebühren 170 €
Schuldzinsen 5.000 €

Die Anschaffungskosten für die Eigentumswohnung beliefen sich auf 180.000 € (ohne anteiliges
Grundstück). Die steuerlich zulässige Abschreibung beträgt 2% pro Jahr.

Die Miete und die Nebenkosten überweist der Mieter zum 1. eines Monats im Voraus auf das private
Bankkonto von F. Für Dezember 10 überweist er Miete und Nebenkosten aber erst Anfang Februar 11
auf das Konto.

c) Sonderausgaben sind in Höhe von 920 € zu berücksichtigen.

99
Lösung

Persönliche Steuerpflicht der F


F, eine natürliche Person, hat einen Wohnsitz im Sinne des § 8 AO in München, also: im Inland. Sie ist gemäß § 1 Abs.
1 Nr. 1 EStG unbeschränkt einkommensteuerpflichtig. Sie unterliegt der deutschen Einkommensteuer mit seinem
Welteinkommen.

Sachliche Steuerpflicht der F


1. Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit
F erzielt als Arbeitnehmerin i.S.d. EStG (angestellte Fremdsprachensekretärin) Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit
im Sinne des § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG.
Die Einkünfte sind bei den Einkünften aus nichtselbständiger Arbeit der Überschuss der Einnahmen über die
Werbungskosten, § 2 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 EStG.

2. Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung


F erzielt Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung im Sinne des § 21 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG.
Die Einkünfte sind bei den Einkünften aus Vermietung und Verpachtung der Überschuss der Einnahmen über
die Werbungskosten, § 2 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 EStG.

100
Ermittlung der Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit, § 19 EStG €

Einnahmen
Bruttoarbeitslohn 30.000
§ 8 Abs. 1, § 19 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG
Ansatz mit Zufluss, § 11 Abs. 1 EStG
Lohnsteuer ist nicht abzugsfähige Ausgabe, § 12 Nr. 3 EStG
- Werbungskosten -1.000
Sprachkurs dient der Erzielung der Einnahmen, § 9 Abs. 1 Satz 1 EStG
Ansatz in dem Kalenderjahr, in dem die Kursgebühr geleistet wurde, § 11
Abs. 2 EStG (Abflussprinzip) 600
Für Aufwendungen, die sowohl privat als auch beruflich veranlasst sind und
nicht aufgeteilt werden können, besteht ein Abzugsverbot, § 12 Nr. 1 Satz 2
EStG
--> Aufwendungen für Tageszeitung sind nicht abzugsfähig
Summe der Werbungskosten 600
aber: mindestens Abzug des Arbeitnehmer-Pauschbetrags, § 9a Satz 1 Nr. 1a
EStG 1.000
= Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit i.S.d. § 19 EStG 29.000

101
Ermittlung der Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung, § 21 EStG
Einnahmen 8.250
Miete und Nebenkosten
§ 8 Abs. 1, § 21 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG
Zeitliche Erfassung bei Zufluss, § 11 Abs. 1 EStG
Miete für Dezember 10 erst im Februar 11 zugeflossen --> kein Ansatz in 10
Miete für Januar bis November 6.600
Nebenkosten für Januar bis November 1.650
- Werbungskosten -10.370
Schuldzinsen, § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 1 EStG 5.000

Gebäudehaftpflichtversicherung, § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 2 EStG 1.200


Grundsteuer, § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 2 EStG 400
Müllgebühren, § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 2 EStG 170
Absetzung für Abnutzung von abnutzbaren
Wirtschaftsgütern
2% von 180 T€, § 9 I Satz 3 Nr. 7 EStG 3.600
= Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung i.S.d. § 21 EStG -2.120

102
Ermittlung des zu versteuernden Einkommens

Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit i.S.d. § 19 EStG 29.000


Einkünfte aus Vermietung und Verpachtung i.S.d. § 21 EStG -2.120

= Summe der Einkünfte 26.880


= Gesamtbetrag der Einkünfte 26.880
- Sonderausgaben -920

= Einkommen, § 2 Abs. 4 EStG 25.960

= zu versteuerndes Einkommen, § 2 Abs. 5 EStG 25.960

Ermittlung der zu zahlenden (verbleibenden) Einkommensteuer bzw. des Erstattungsbetrags

Tarifliche Einkommensteuer, § 32a Abs. 1 EStG, lt. Grundtabelle 2021 3.895


= festzusetzende Einkommensteuer, § 2 Abs. 6 EStG 3.895
- Lohnsteuer -4.600

= zu zahlende (verbleibende) Einkommensteuer bzw. Erstattungsbetrag -705


hier: Erstattungsbetrag

103
Inhaltsübersicht

1. Teil Einführung
2. Teil Umsatzsteuer
3. Teil Einkommensteuer

4. Teil Körperschaftsteuer
A. Persönliche Steuerpflicht
B. Sachliche Steuerpflicht
C. Verlustberücksichtigung
D. Ermittlung, Erhebung, Veranlagung der Körperschaftsteuer

5. Teil Solidaritätszuschlag
6. Teil Gewerbesteuer

104
Persönliche Steuerpflicht

I. Unbeschränkte Steuerpflicht (§ 1 Abs. 1 Nr. 1 KStG) II. Beschränkte Steuerpflicht (§ 2 Nr. 1 KStG)

• Kapitalgesellschaft (z.B. AG, GmbH), die • Kapitalgesellschaft, die


– im Inland – im Inland
– ihre Geschäftsleitung (§ 10 AO) oder – weder ihre Geschäftsleitung
– ihren Sitz (§ 11 AO) hat – noch ihren Sitz hat
– mit ihren inländischen Einkünften

 Welteinkommensprinzip (§ 1 Abs. 2 KStG)  Territorialitätsprinzip

105
Sachliche Steuerpflicht

• Bemessungsgrundlage: zu versteuerndes Einkommen = Einkommen (§ 7 Abs. 2 KStG)

keine „persönlichen“ Merkmale wie bei der Einkommensteuer, z.B. Kinderfreibetrag, Sonderausgaben,
außergewöhnliche Belastungen

• Was als Einkommen gilt und wie es zu ermitteln ist, richtet sich nach den Vorschriften des EStG und
des KStG (§ 8 Abs. 1 S. 1 KStG)

Bei Kapitalgesellschaften

• alle Einkünfte = Einkünfte aus Gewerbebetrieb (§ 8 Abs. 2 KStG i.V.m. § 1 Abs. 1 Nr. 1 KStG)

• Einkünfte sind der Gewinn (§ 2 Abs. 2 S. 1 Nr. 1 EStG i.V.m. § 8 Abs. 1 KStG)
• Ermittlung des Gewinns auf der Grundlage der handelsrechtlichen Buchführung

106
Vereinfachtes Schema zur Ermittlung der Steuerbemessungsgrundlage für Kapitalgesellschaften

Gewinn nach § 4 Abs. 1 S. 1, § 5 EStG, § 8 Abs. 1 KStG

+ Nichtabziehbare Aufwendungen

– Steuerfreie Betriebseinnahmen

= Steuerpflichtiger Gewinn (= Einkünfte aus Gewerbebetrieb = Summe der Einkünfte)

= Gesamtbetrag der Einkünfte

– Verlustabzug (§ 10d EStG, § 8 Abs. 1 KStG)


= Einkommen (§ 8 Abs. 1 KStG)
= Zu versteuerndes Einkommen (§ 7 Abs. 1 und 2 KStG)

107
Nicht abziehbare Aufwendungen und steuerfreie Betriebseinnahmen

Nicht abziehbare Aufwendungen Steuerfreie Betriebseinnahmen


Abzugsverbote gemäß EStG gelten auch für
Kapitalgesellschaft (§ 8 Abs. 1 KStG) Steuerbefreiungen für Investitionszulagen
• nicht abzugsfähige Betriebsausgaben,
§ 4 Abs. 5, § 4 Abs. 5b, Abs. 6 EStG Steuerbefreiungen gemäß § 8b KStG
(30% der Bewirtungsaufwendungen, Konzernbesteuerung
Geschenke an Kunden > 35 €, • Dividende ist bei der empfangenden
Spenden an politische Parteien, Kapitalgesellschaft steuerfrei,
Gewerbesteuer…) aber: Hinzurechnung von 5% der Dividende als
pauschale, nicht abzugsfähige Betriebsausgaben
(keine Steuerbefreiung, wenn Beteiligung an der
Abzugsverbote gemäß § 10 KStG ausschüttenden Kapitalgesellschaft < 10% ist)
• Körperschaftsteuer,
Solidaritätszuschlag (§ 10 Nr. 2 KStG) • Gewinn aus der Veräußerung von Beteiligungen
• 50% der Aufsichtsratvergütungen (§ an Kapitalgesellschaften ist steuerfrei,
10 Nr. 4 KStG) aber: Hinzurechnung von 5% des
Veräußerungsgewinns als pauschale, nicht
abziehbare Betriebsausgaben

Was ist ein Konzern? Wie werden Dividenden bei der


natürlichen Person besteuert?

108
Vereinfachtes Schema zur Ermittlung der Steuerbemessungsgrundlage für Kapitalgesellschaften

Gewinn nach § 4 Abs. 1 S. 1, § 5 EStG, § 8 Abs. 1 KStG

+ Nichtabziehbare Aufwendungen

– Steuerfreie Betriebseinnahmen

= Steuerpflichtiger Gewinn (= Einkünfte aus Gewerbebetrieb = Summe der Einkünfte)

= Gesamtbetrag der Einkünfte

– Verlustabzug (§ 10d EStG, § 8 Abs. 1 KStG)


= Einkommen (§ 8 Abs. 1 KStG)
= Zu versteuerndes Einkommen (§ 7 Abs. 1 und 2 KStG)

109
Verlustberücksichtigung

Verlustausgleich entfällt (nur Einkünfte aus Gewerbebetrieb)

Verlustabzug (§ 10d EStG i. V. m. § 8 Abs. 1 KStG)

• Interperiodische Verlustberücksichtigung (zwischen verschiedenen Veranlagungszeiträumen)


• Verlustrücktrag auf den unmittelbar vorangegangenen VZ bis zu 10.000.000 € (§ 10d Abs. 1 EStG i.V.m.
§ 8 Abs. 1 KStG)
• Verlustvortrag auf die folgenden VZ (§ 10d Abs. 2 EStG i.V.m. § 8 Abs. 1 KStG)
– bis zu einem Betrag von 1 Mio. € unbegrenzt (Sockelbetrag)
– darüber hinaus bis zu einem Betrag von 60 % des 1 Mio. € übersteigenden Gesamtbetrags der
Einkünfte

110
Ermittlung und Erhebung der Körperschaftsteuer

Ermittlung der Körperschaftsteuer

• linearer Steuertarif: Steuersatz: 15 % (§ 23 Abs. 1 KStG)

Erhebung der Körperschaftsteuer

• Anrechnung bereits gezahlter Körperschaftsteuerbeträge zur Ermittlung der zu zahlenden


(verbleibenden) Körperschaftsteuer bzw. des Erstattungsbetrags, insb.
– Körperschaftsteuer-Vorauszahlungen (§ 31 Abs. 1 KStG i.V.m. § 36 Abs. 2 Nr. 1 EStG)

111
Übung

Die X-GmbH mit Sitz in Heidelberg stellt die folgende Gewinn- und Verlustrechnung für das Jahr 10 zur
Verfügung.

Gewinn- und Verlustrechnung 1.1.-31.12.10

Diverse Aufwendungen 2.005.000 Umsatzerlöse 2.178.500


Aufsichtsratsvergütung 26.000 Beteiligungserträge 10.000
Körperschaftsteuer
Vorauszahlungen 20.000
Zuführung zur Rückstellung 4.000
Geschenke an Kunden
zu je 60 € 3.000
Gewerbesteuer 21.000
Jahresüberschuss 109.500
2.188.500 2.188.500

Daneben haben Sie zusätzliche Angaben erhalten:


• Die Beteiligungserträge stammen in voller Höhe aus der Gewinnausschüttung aus einer ausländischen
Kapitalgesellschaft (Höhe der Beteiligung: 100%).
• Die X-GmbH hat lt. Steuerbescheid einen verbleibenden Verlustvortrag zum 31.12.09 von 6.000 €.

Ermitteln Sie die zu zahlende (verbleibende) Körperschaftsteuer der X-GmbH.


112
Lösung

Persönliche Steuerpflicht der X-GmbH

Die X-GmbH ist als Kapitalgesellschaft eine juristische Person. Sie hat ihren Sitz im Sinne des § 11 AO in
Heidelberg, also: im Inland. Sie ist gemäß § 1 Abs. 1 Nr. 1 KStG unbeschränkt körperschaftsteuerpflichtig. Sie
unterliegt der deutschen Körperschaftsteuer mit ihrem Welteinkommen, § 1 Abs. 2 KStG.

Sachliche Steuerpflicht der X-GmbH


Die X-GmbH ist Gewerbebetrieb kraft Rechtsform und erzielt nur Einkünfte aus Gewerbebetrieb, § 8 Abs. 2
KStG.
Die Einkünfte sind (bei den Einkünften aus Gewerbebetrieb) der Gewinn, § 2 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 EStG, § 8
Abs.1 KStG.
Die X-GmbH ist als Handelsgesellschaft nach den Regelungen des HGB zur Führung von Büchern verpflichtet.
Die Gewinnermittlung hat auf der Basis eines Betriebsvermögensvergleichs unter Beachtung der
handelsrechtlichen Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung zu erfolgen (derivative Steuerbilanz), § 4 Abs.
1 Satz 1 EStG, § 5 EStG, § 8 Abs.1 KStG).

113
Ermittlung des zu versteuernden Einkommens €
Gewinn bzw. Verlust nach § 4 Abs. 1 Satz 1, § 5 EStG, § 8 Abs. 1 KStG 109.500
- steuerfreie Erträge (Gewinnausschüttung, § 8b Abs. 1 KStG) -10.000
+ nicht abzugsfähige Betriebsausgaben 40.500
5% der steuerfreien Gewinnausschüttung (pauschal), § 8b Abs. 5 KStG 500
Geschenke an Kunden über 35 €, § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 1 EStG, § 8 Abs.
1 KStG 3.000
Körperschaftsteuer, § 10 Nr. 2 KStG 24.000

50% der Aufsichtsratsvergütungen, § 10 Nr. 4 KStG 13.000


+ keine Betriebsausgaben kraft Gesetz 21.000
Gewerbesteuer, § 4 Abs. 5b EStG, § 8 Abs. 1 KStG 21.000
= steuerpflichtiger Gewinn 161.000
= Einkünfte aus Gewerbebetrieb i.S.d. § 15 EStG 161.000
= Gesamtbetrag der Einkünfte, § 2 Abs. 3 EStG 161.000
- Verlustvortrag, § 10d Abs. 2 EStG, § 8 Abs. 1 KStG -6.000
= Einkommen, § 2 Abs. 4 EStG 155.000
= zu versteuerndes Einkommen, § 7 Abs. 2 KStG 155.000
Ermittlung der zu zahlenden (verbleibenden) Körperschaftsteuer bzw. des Erstattungsbetrags
Körperschaftsteuersatz, § 23 Abs. 1 KStG 15%
Tarifliche Körperschaftsteuer 23.250
- Körperschaftsteuer-Vorauszahlungen -20.000
= zu zahlende (verbleibende) Körperschaftsteuer bzw. Erstattungsbetrag 3.250
hier: zu zahlende Körperschaftsteuer
114