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Prostitution

Da ist nichts mehr, was uns schützt.


Alice Schwarzer (Text) und Bettina Flitner statteten dem Domina-Studio von
Ellen Templin einen Besuch ab. Sie hörten zu, was die Frauen in der Prostitution
selbst zu sagen haben.

"Reifes Team verwöhnt Dich! Mutter bläst Dich in den Himmel, während Du
Tochters Schnecke leckst!" Diese Sex-Anzeige im Berliner Tip war die eine
Anzeige zu viel. Ellen Templin griff zum Laptop und mailte an die "sehr geehrten
Damen und Herren" der Anzeigenabteilung des Berliner Stadtmagazins. Denn
seit der Legalisierung der Prostitution im Jahr 2002 sind die Sex-Anzeigen von
einem Tag zum anderen hemmungslos geworden.

Berlin ist, so Templin, nicht nur "die traurige Hauptstadt von Syphilis und Co.",
sondern auch die mit den "tolerantesten Medien". Ob da ein Zusammenhang
besteht? Der kondomlose, ungeschützte Sex grassiert im Milieu. Selbst in
Domina-Studios, in denen eigentlich keine sexuellen Handlungen im engeren
Sinne angeboten werden. Ellen Templin weiß, wovon sie redet: Sie ist seit
langem "im Geschäft" und seit Jahren Besitzerin eines eigenen Domina-Studios.

Tip hat der empörten Prostituierten nie geantwortet. Also informierte sie die
EMMA, mit "Grüßen von den Ladies aus dem Studio". Und EMMA machte sich auf
den Weg.

Templins Studio liegt in Schöneberg, an einer unwirtlichen Straße. Wir klingeln


am frühen Nachmittag, kurz vor Beginn der Arbeit. Ellen Templin öffnet. Doch
bevor wir uns zu ihr und ihrem Mops ins Büro setzen, führt uns eine aus dem
Dutzend im Studio tätigen Ladies durch die Geschäftsräume. "In der Regel
wissen wir nach zwei Minuten, was der Freier will, was bei ihm so läuft."

Da ist das Klassenzimmer, in dem der "Schüler" der strengen "Lehrerin" unter
den Rock linsen kann und dafür ordentlich eins hinten drauf kriegt. Da ist die
Arztpraxis, in der fachgerecht von einer behäubten Krankenschwester oder einer
rigorosen Ärztin behandelt wird. Und da sind die beiden kuscheligen
Folterkammern mit den einschlägigen Accessoires, vom "Andreaskreuz" (zum
Aufhängen) bis zum Käfig, in den mann eingesperrt und allein gelassen wird. Und
für all das zahlen gewisse Männer auch noch. Und zwar in steigender Anzahl.

Früher lief SM unter "Perversionen", nicht nur prostituiertentechnisch, sondern


auch medizinisch gesehen. Heute ist Sadomasochismus "normal" und inzwischen
lässt sich etwa jeder fünfte Freier lustvoll quälen, schätzt Templin.

Im dritten Raum bereiten sich gerade vier Ladies auf ihren Dienst vor, in
Teilzeitarbeit und auf Honorarbasis. Die hoch gewachsene Schauspielerin in
Stiefeln - die sich auf Nachfrage als stellenlose "darstellende Künstlerin" outet,
die aus Westdeutschland nach Berlin gezogen ist - passt noch am ehesten ins
Klischee. Die kindlich-mollige, eher depressiv wirkende Studentin - die gerade ihr
erstes Examen gemacht hat und mit dem Geld nicht hinkommt - schon weniger.
Und gar nicht die zierliche alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern - die
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immer nachmittags ein bisschen dazu verdient und deren Kinder "das auf keinen
Fall jemals erfahren dürfen!"

Die vierte, ein Wesen zwischen den Geschlechtern, war mal Mann, versteht sich
heute als Frau und hat "endlich den Absprung in einen bürgerlichen Beruf"
geschafft. Auch sie entspricht so gar nicht dem Klischee, ist Türkin, wurde früh
vom Großvater missbraucht, wirkt eher androgyn und intellektuell - und ist heute
auch nur "auf Besuch" da.

Ein kurzer Plausch und wir gehen ins Büro der Chefin. Die ist aufgeregt.
Begegnen sich doch in diesem Moment zwei Welten - oder vielleicht doch nicht?

Bevor wir zur Sache kommen, nämlich den Veränderungen im Milieu sowie im
Anzeigenteil der Berliner Zeitungen seit der Prostitutionsreform, fragen wir Ellen
Templin nach ihrer Geschichte.

"Ich bin", sagt sie wie aus der Pistole geschossen, "auf dem Rachefeldzug! Alle
Frauen hier sind auf dem Rachefeldzug. Wie könnten wir sonst den Familienvater
von nebenan erniedrigen und quälen? Hier im Studio ist nicht eine einzige
Sadistin, keine, die das Quälen lustvoll findet. Ich habe in den vielen Jahren
meiner SM-Prostitution überhaupt noch nie eine Frau getroffen, die es lustvoll
findet, Männer so zu quälen, wie sonst Männer Frauen quälen."

Rache wofür? Auf die Frage, wie lange sie im Gewerbe ist, antwortet Ellen
Templin, 58: "Seit ich vier bin." Der Vater, von vier bis vierzehn, sagt sie. Auch
die Schwester sei dran gewesen. Und die Mutter? Die sei geschlagen worden und
hätte ihre Töchter nicht schützen können. Und das alles im schönen Ingolstadt,
wo der Vater Beamter war.

Irgendwann hat die Tochter es geschafft zu gehen, nach Berlin. Da hat sie als
Industriekauffrau gearbeitet und eines Tages eine Kollegin kennen gelernt, die
"immer toll angezogen war und immer Geld hatte". Und die hat ihr erzählt, was
sie so macht: nämlich als Domina arbeiten. "Hörte sich für mich ganz toll an.
Dass ein Mann das macht, was eine Frau sagt - das erschien mir unvorstellbar
und verlockend zugleich." Doch: "Nach dem dritten Mal begriff ich, dass ich ja
doch nur wieder das tat, was Männer von mir wollten - der einzige Unterschied:
Jetzt bezahlten sie mich dafür."

Ellen Templin ist in der Prostitution hängen geblieben. Seit vielen Jahren schafft
sie an, seit einigen Jahren lässt sie auch anschaffen und ist "manchmal auch
noch selber im Einsatz". "Ich bin überhaupt nicht stolz darauf", sagt sie. "Im
Gegenteil: Ich schäme mich dafür. Aber ich bin jetzt zu alt, um auszusteigen."
Stolz ist sie nur darauf, dass in ihrem Studio "klare Grenzen" gezogen werden:
"Nicht ohne Kondom, kein Blut, keine Fäkalien, nichts mit Uniform, keine KZ-
Spiele." Doch lassen wir Ellen Templin selber erzählen:

Seit der Reform des Prostitutionsgesetzes sind nicht nur die Anzeigen
enthemmter geworden, sondern auch die Freier brutaler. Von einem Tag zum
anderen. Wenn man sagt: Das mache ich nicht - antworten die heutzutage: Hab
dich nicht so, das ist doch dein Beruf!

Neulich hat mich ein Mann angerufen, den ich nicht kannte, und mich gefragt:
Kann ich dir nachmittags mal für zwei, drei Stunden meine Monika zum Jobben
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vorbeischicken? Auf Nachfrage stellte sich heraus: Monika ist seine Ehefrau, und
sie haben Schulden und brauchen Geld. Das ist beileibe nicht das einzige
Angebot dieser Art, das ich in den vergangenen Jahren bekommen habe.

Und dadurch, dass diese ganzen Anzeigen jetzt ungeschützten Sex offerieren -
was ja früher verboten war - fragen die Freier jetzt schon am Telefon: "Kann ich
dir ins Gesicht spritzen? Machst du's auch ohne? Machst du anal, vaginal oder
oral?" All das ist jetzt gang und gäbe, sogar im Domina-Studio. Selbst
Stammgäste, die bisher damit zufrieden waren, dass man Präservative benutzt
hat, verlangen jetzt ohne.

Es würde mich nicht wundern, wenn demnächst die Krankenkassen explodieren


wegen all dieser Geschlechtskrankheiten: Syphilis, Ekzeme und Aids. Wie viel
wird darüber geredet, dass Rauchen in Restaurants schädlich ist. Aber im Bordell
ist alles erlaubt. Dabei werden ja nicht nur die Prostituierten und die Freier
angesteckt - sondern auch die ahnungslosen Freundinnen und Ehefrauen der
Freier. Und die missbrauchten Kinder.

Diese Hemmungslosigkeit. Früher hatten die Freier wenigstens noch ein


schlechtes Gewissen. Das gibt es heute nicht mehr. Sie wollen immer mehr.
Neulich habe ich zu einem gesagt: Mehr geht nicht. Wir können dich fesseln,
schlagen, aufhängen, wir können alle Körperöffnungen stopfen. Aber was bitte
noch? Wir können dich nur noch umbringen!

Hier im Studio denken 80, 90 Prozent wie ich. Der Rest ist gleichgültig resigniert.
Unter Prostituierten wird jetzt noch mehr gesoffen, werden noch mehr Drogen
genommen, wird noch mehr gekotzt, gibt es noch mehr Schuppenflechte. Von
allem jetzt ein bisschen mehr.

Ich kenne keine einzige Prostituierte, die sich als "Prostituierte"


krankenversichert hätte - was ja angeblich der große Vorteil der Gesetzesreform
sein soll. Auch hier im Studio will doch keine, dass die anderen wissen, was sie
tut. Viele hier haben Kinder. Die meisten zwei. Die sagen immer: Meine Kinder
dürfen das nie erfahren. Ich muss niemanden anlügen, da gibt es nur mich und
meinen Mops. Aber die anderen, die lügen ja permanent: bei ihrem Partner, bei
den Nachbarn ... und dann müssen sie auch noch ihre Kinder anlügen.

Das Gesetz hat nichts gebracht. Zumindest für uns Prostituierte nicht. Nur
Nachteile. Und wenn wir uns beschweren, werden wir neuerdings auch noch als
"lustfeindlich" beschimpft.

Für die Zuhälter ist das neue Gesetz natürlich ein Traum. Die sind jetzt ja nur
noch Manager, die ihren Frauen sagen, wie sie sich zu schminken und
anzuziehen haben, damit die Freier sie geil finden. Die haben jetzt ein leichtes
Spiel. Wenn es nach der PDS gegangen wäre, hätten sie ein noch leichteres. Die
wollten ja das Einstiegsalter für Prostitution von 18 auf 16 senken oder es sogar
ganz streichen. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass die Kinder illegal
anschaffen.

Und wenn ich schon das Gerede von der "freiwilligen Prostitution" höre. Es gibt
keine freiwillige Prostitution. Eine Frau, die sich prostituiert, hat Gründe. In
erster Linie seelische. Hier im Studio sind alle in ihrer Kindheit missbraucht
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worden. Alle. Und in zweiter Linie hat sie finanzielle Gründe. Das trifft auch für
mich zu. Die Seele von Frauen, die sich prostituieren, ist immer schon zerstört.

Es gibt allerdings Frauen, die, nachdem sie sich zum ersten Mal prostituiert
haben, sagen: Zum ersten Mal in meinem Leben hat mir ein Mann Komplimente
gemacht. Zum ersten Mal ist sie wahrgenommen worden, hat jemand zu ihr
gesagt: Du siehst aber gut aus. Das heißt, deren Selbstwertgefühl ist noch nicht
mal im Keller - es existiert überhaupt nicht. Aber ansonsten ist dieses Gerede
von der freiwilligen Prostitution eine Illusion, Betrug, Selbstbetrug.

Wir sind ja nicht alle Natascha Kampusch, die achteinhalb Jahre in so einem Loch
war, von diesem Kerl, der in der Wiener SM-Szene bekannt war, Tag und Nacht
durchgeknallt worden ist - und dann rauskommt und sagt: Ich bin taff, der hat
mich nicht gebrochen. Ich, ich bin nicht taff ... Und er hat mich gebrochen. Ich
muss jeden Tag neu überleben. (ringt um Fassung)

Und mit diesem neuen Gesetz fühle ich mich doppelt verlassen. Ich war immer
verlassen, aber jetzt ... Da ist ja nichts mehr, was einen schützt. Was denken
sich all diese Mütter und Väter eigentlich, die solche Gesetze nicht verhindern -
und so ihre Töchter ausliefern. Wo sind die eigentlich alle?! Und dann die
Psychologen! Die wissen doch Bescheid!

Eine der Frauen, die hier gearbeitet hat, war beim Therapeuten, weil sie einfach
mit ihrem Leben nicht mehr klar kam. Und der hat ihr doch tatsächlich gesagt, er
fände das toll, was sie macht.

Als sie mir das erzählt hat, habe ich es ihr nicht geglaubt. Ich bin also auch hin.
Und ich habe ihm gesagt, wie verzweifelt ich bin, dass ich mich schäme und
überhaupt nicht klar komme damit, dass ich mich prostituiere. Da hat er mir
geantwortet: "Das ist doch gar kein Problem. Ich finde das gut, was Sie machen.
Das ist doch jetzt auch ein richtiger Beruf."

Wenn ich mir überlege, was momentan so alles passiert mit Frauen wie mir,
missbrauchten oder sich prostituierenden Frauen, die zum Psychologen gehen ...
Früher hat man uns gesagt, mit uns stimme was nicht, weil wir Prostituierte sind.
Jetzt stimmt mit uns was nicht, wenn wir nicht gerne Prostituierte sind. Ich habe
jetzt immer noch mein altes Problem und ein neues dazu. Ich habe jetzt zwei
Probleme.

Also für mich ist ganz klar, dass die Gesetzesreform unbedingt rückgängig
gemacht werden muss! Prostitution ist eine unmenschliche Tätigkeit - und kein
Beruf wie jeder andere. Ich fordere:

Erstens ein Gesetz, dass in der Prostitution alles nur noch mit Präservativen
gemacht wird! Sicher wird es dann trotzdem illegal, bei Zwangsprostituierten und
auf dem Straßenstrich, auch anders zugehen. Aber zumindest die Bordelle
müssten sich daran halten und auch solche Anzeigen könnten nicht mehr
erscheinen. Auch die Prostituierten selbst könnten sich besser wehren.

Zweitens muss Frauen, die in die Prostitution gerutscht sind, eine Chance
gegeben werden zu begreifen: Warum ist das passiert? Wir haben ein Recht
darauf zu verstehen! Also: ausreichend Therapie-Angebote für alle Prostituierten!
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Drittens müssen Aussteiger-Programme angeboten und propagiert werden. Das


kann doch wohl nicht wahr sein, dass der Staat den Einstieg fördert, also die
Gründung von Ich-Ags für Prostituierte - aber keine Chance bietet zum
Aussteigen!

Für mich selbst ist es zu spät. Aber eines ist klar: In der so genannten normalen
Prostitution - dieser Fick-Leck-Blas-Geschichte - da wäre ich ganz
untergegangen. Das hätte ich nicht überlebt. Nur die Tatsache, dass ich nicht nur
ein Loch war, sondern auch einen Kopf habe - nur das hat mich gerettet.

Zum Weiterlesen: Claudia Cohn: "Der Zwang zu immer risikoreicheren Praktiken


in der Prostitution - Bestandsaufnahme & Handlungsaufforderungen." - Kontakt:
dauerwelle@mail.com

EMMA 1/2007

http://www.emma.de/ressorts/artikel/prostitution/da-ist-nichts-mehr-was-uns-
schuetzt/