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MNO
DAS DEUTSCHE NACHRICHTEN-MAGAZIN

Hausmitteilung Betr.: BND, Kirche

a Regierungen und Polizisten in aller Welt waren


alarmiert, als im August letzten Jahres in der
Bundesrepublik ein illegaler Handel mit dem Teu-
felszeug Plutonium aufflog – Bauelement für die
W a s s e r s t o f f b o m b e , o f f e n b a r a u s r u s s i s c h e n B e s t än -
d e n . “D a s D i n g s t i n k t “ , e r k l är t e b a l d d a n a c h e i n
hochrangiger Moskauer Geheimdienstler den Recher-
c h e u r e n d e s S P I E G E L u n d b e s t är k t e s o s c h o n d a m a l s
den Verdacht, daß bei diesem explosiven Schwarz-
h a n d e l d e u t s c h e A m t s s t e l l e n m i t i m G e s c h äf t w a r e n .
Nun steht fest: Der Bundesnachrichtendienst hat
das Ding gedreht, mit Hilfe des bayerischen Lan-
deskriminalamts, um Angst vor einer neuen Gefahr
a u s d e m O s t e n z u s c h ür e n . D a s A g e n t e n - S p e k t a k e l
i s t p e i n l i c h u n d p o l i t i s c h a b e n t e u e r l i c h . W äh r e n d
die Titelautoren Hans Leyendecker und Georg Masco-
lo der Sache noch auf der Spur waren, schickte
das Bundeskriminalamt einen dreiseitigen Alarmver-
m e r k a n d a s B u n d e s i n n e n m i n i s t e r i u m u n d d i e M ün c h -
ner Staatsanwaltschaft, Kopie an den BND und das
Bonner Kanzleramt. Der SPIEGEL, so hieß es, plane
e i n e n B e r i c h t , i n d e m “d e r V o r w u r f d e r T a t p r o v o k a -
t i o n “ e r h o b e n w e r d e . D a s B l a t t b e s i t z e “w e s e n t l i -
c h e I n f o r m a t i o n e n “ üb e r d i e B N D - A k t i o n u n d k e n n e
d i e “K l a r i d e n t i t ät e n “ d e r e i n g e s e t z t e n V - L e u t e .
S o i s t e s (S e i t e 3 6 ) .

a E i n e H e i l s t ät t e , e i n z i g a r t i g i n D e u t s c h l a n d : I m
f r än k i s c h e n K l o s t e r M ün s t e r s c h w a r z a c h k ön n e n k a t h o -
lische Pfarrer und Ordensfrauen ihre im Dienst der
K i r c h e b e s c h äd i g t e n S e e l e n b e h a n d e l n l a s s e n . Än g s t e
u n d D e p r e s s i o n e n , g e h e i m e W ün s c h e u n d s e x u e l l e N ö -
t e k o m m e n i n d e n G e s p r äc h e n m i t
Psychotherapeuten zutage. Besuche
aus der Außenwelt sind nicht er-
w ün s c h t , d o c h S P I E G E L - R e d a k t e u r i n
Annette Ramelsberger wurde einge-
lassen – eine Ausnahme, die man-
chen Therapie-Teilnehmer schwer
T. EINBERGER / ARGUM

a n k a m : “D a ß i c h m i c h m i t I h n e n
zu sprechen traue “, sagte ein
6 0 j äh r i g e r P f a r r e r z u i h r , “i s t
e i n e M u t p r o b e f ü r m i c h “ (S e i t e
Ramelsberger 138 ).

Die nächste SPIEGEL-Ausgabe


wird wegen der Osterfeiertage in weiten Teilen Deutsch-
lands bereits am Sonnabend, 15. April, verkauft und den
Abonnenten zugestellt.

DER SPIEGEL 15/1995 3


..

TITEL I NH A L T
Plutonium bringt den Bundesnachrichtendienst
in Verruf ....................................................36
Woher stammt der Bomben-Stoff? ...................44 Dollar: Verfall ohne Ende Seite 18

DEUTSCHLAND Hilflos schauen Politiker


Panorama ...................................................14 und Notenbankiers in
Dollar: Amerikaner gefährden die Europa und Japan zu,
Weltkonjunktur ............................................18 wie der Dollar immer tie-
Nato: SPIEGEL-Gespräch mit Außenminister fer fällt. Unternehmer
Klaus Kinkel über die Ost-Ausdehnung fürchten einen Rück-
der Allianz und das Verhältnis zu Rußland ........20 schlag für die Konjunk-
Kanzler-Geburtstag: Helmut Kohls tur in Deutschland und
feierlicher Eintritt ins Rentenalter ....................23 den Verlust weiterer Ar-
SPD: Monika Griefahn – beitsplätze. Doch die
Gerhard Schröders Last .................................24 Amerikaner kümmern
Klimakonferenz: Der Erfolg der sich kaum um ihre Wäh-
Bonner Umweltministerin ..............................26 rung, sie leben ganz
SPIEGEL-Gespräch mit dem Präsidenten des komfortabel mit einem
Club of Rome, Ricardo Dı́ez Hochleitner, Klassekampen, Oslo billigen Dollar.
über das ökologische Versagen der Staaten ........29
Sozialstaat: Reger Reformer Seehofer .............34
Forum ........................................................60
Abwasser: Korruption beim Klärwerkbau .........62 Kinkel warnt Moskau Seite 20
Frauen: Ostdeutsche Schwangere
verlieren ihre Jobs ........................................69 Rußland „muß akzeptie-
Bundeswehr: Deutsche Tornado-Teams ren, daß die Nato sich
trainieren für den Krieg in Bosnien ..................72 ausdehnt“. Falls Mos-
Vereine: Ost- und westdeutsche Alpenfreunde kau mit dem angedroh-
streiten um Berghütten ..................................76 ten Abrüstungsstopp
Kinder: Frankfurt gibt Jugendlichen Ernst macht, sieht
Rechtshilfe, kostenlos und diskret ....................81 Klaus Kinkel die „Zu-
Fernsehen: Satellit schlägt Kabel .....................85 sammenarbeit mit dem
Strafjustiz: Gerhard Mauz zur Verwerfung Westen“ gefährdet, so
der Wiederaufnahme von der Außenminister im
Monika Böttcher, geschiedene Weimar .............90 SPIEGEL-Gespräch. Zur

M. DARCHINGER
Prozesse: Ein zu Unrecht als Bankräuber Beruhigung solle das
Verdächtigter will Schadensersatz ....................94 atlantische Bündnis
Terroristen: Interview mit Aussteiger Rußland eine Friedens-
Hans-Joachim Klein über sein Zögern, Charta anbieten. Kinkel
sich der deutschen Justiz zu stellen ...................95
Militär: US-Deserteure in der ehemaligen
D D R entdeckt .............................................96
Taxis: Fahrgastkontrolle per Video ..................99 Trübe Abwässer Seite 62

WIRTSCHAFT Klärwerke kommen


die Verbraucher teu-
Konzerne: Der neue Daimler-Chef plant er: Korruption und
einen radikalen Kurswechsel ......................... 102 Preisabsprachen
Schrempps Fokker-Fiasko ............................ 104 treiben die Abwas-
Chemie: Dow Chemical und Staatsgelder serpreise in giganti-
sollen Buna retten ...................................... 105 sche Höhen. In
Energie: Angela Merkels geheime Pläne ......... 106 München ermitteln
Verlage: Millionenflops in Deutschlands Staatsanwälte ge-
T. HÄRTRICH / TRANSIT

größtem Zeitschriftenhaus ............................ 108 gen mehr als 300


Trends ..................................................... 110 Beamte und Herstel-
Ausstellungen: Interview mit dem
ler. Dabei stießen
Aufsichtsratsvorsitzenden Helmut Werner
sie auf Mafia-ähnli-
über die Expo 2000 ..................................... 111
Klärwerk Wolfen-Bitterfeld che Strukturen.
Geldanlage: Kursprognosen mit der
Chaostheorie ............................................. 114
Patente: DDR-Erfindungen im Angebot ......... 121
Porzellan: Eine Traditionsbranche
kämpft ums Überleben ................................ 124
US-Deserteure aufgespürt Seite 96
GESELLSCHAFT
Mit Hilfe von Stasi-Akten hat die U. S. Army nach langer Suche
Spectrum .................................................. 130 verschollene Soldaten in Ostdeutschland aufgespürt: Sie waren
Jugend: Wie Groupies Idole erobern .............. 132 desertiert und dann in die damalige DDR geflüchtet.
Pfarrer: Therapiezentrum für Geistliche .......... 138
Kitsch: Aids-Schnickschnack wird
vermarktet ................................................ 144

4 DER SPIEGEL 15/1995


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AUSLAND
Kaukasus: Moskaus Kampf gegen die
Partisanen von Grosny ................................ 148
„Jetzt fängt der Krieg erst an“ Seiten 148, 150 Interview mit den tschetschenischen
Ministern Schamseddin Jussif und
Berkan Jaschar .......................................... 150
Nachts wird „von überall
Panorama Ausland ..................................... 153
wieder geschossen“, be-
Österreich: Theologe Adolf Holl
richtet ein russischer Of-
über den Wiener Kardinal Groer ................... 154
fizier aus der zerstör-
Italien: Rummel um die weinende Madonna .... 156
ten tschetschenischen
Burundi: Der drohende neue
Hauptstadt Grosny. Auf Völkermord .............................................. 158
dem Lande sind die Par-
Türkei: Jagd auf die Rebellen im Nordirak ...... 160
tisanen ihrem Gegner
Interview mit Außenminister Erdal Inönü
bereits überlegen: „Jetzt über den Militäreinsatz gegen die Kurden ........ 162
fängt der Krieg erst an“, Israel: Uri Avnery über den gefährdeten
versichert der tsche- Friedensprozeß im Nahen Osten .................... 165
P. KASSIN tschenische Staatsmini- Polen: Mafiosi kassieren auf Warschaus
ster Berkan Jaschar im Stadionmarkt ............................................. 170
Zerstörtes Grosny SPIEGEL-Interview.
SERIE
Das Ende Adolf Hitlers / Teil II .................... 172

Die deutsche Wende im Buch Seite 200 SPORT


Deutsche Autoren schreiben über den Fall der Mauer 1989. Fußball: Die Hysterie der erfolglosen
Doch die neuen Wende-Romane entpuppen sich als Avantgarde Großstadtklubs .......................................... 188
von gestern oder seichte Unterhaltung: mehr Eros als Epos. Olympia: Hoher Funktionär sammelte
Intimdaten ................................................ 194

KULTUR
Szene ...................................................... 198
Die Lippenstift-Feministin Seite 224 Bücher: Wende-Romane haben Konjunktur ..... 200
Kunst: Das neue Pariser Maillol-Museum ........ 206
Vor einem Jahr erschoß Musik: Der Pianist Christian Zacharias
sich Nirvana-Chef Kurt und seine Experimente mit Scarlatti ............... 212
Cobain. Seine Witwe Gegendarstellung ...................................... 213
Courtney Love verfiel Literatur: Peter von Matt über den
nicht in stille Trauer, Lyriker Hans Magnus Enzensberger ............... 216
sondern avancierte Bestseller ................................................. 220
selbst zum Popstar. Mit Autoren: Isabel Allendes Bekenntnis-
ihrer vielgelobten CD Roman „Paula“ .......................................... 222
„Live through this“ und Stars: Die Pop-Witwe Courtney Love
H. BAMBERGER / FOCUS

exzessiven Konzerten auf Europa-Tournee .................................... 224


wurde Love außerdem zu Filme: „Bandit Queen“ von Shekhar Kapur ..... 228
einem Idol postfemini- „Vanya on 42nd Street“ von Louis Malle ......... 229
stischer Frauen: „Nennt Fernseh-Vorausschau ................................. 250
mich Lippenstift-Femini-
stin.“ Rockstar Love WISSENSCHAFT
Prisma ..................................................... 231
Kriminologie: High-Tech bei der
Crime-Spuren im Mikrokosmos Seite 234 Verbrecherjagd .......................................... 234
Medizin: WHO plant Ausrottung
Sherlock Holmes’ Er- der Kinderlähmung ..................................... 240
ben rüsten auf. Mit Tiere: 30 000 britische Amateure
High-Tech und Com- auf Marienkäfersuche .................................. 243
putern lassen sich
phantastisch anmu- TECHNIK
tende Indizienket- Luftfahrt: Riesentriebwerke für
ten knüpfen. Senso- Boeings „Triple Seven“ ............................... 241
ren analysieren – Hacker: Vollautomatischer Einbruch
unsichtbaren – Ab- in fremde Rechner ...................................... 244
rieb von Schuhsoh- Automobile: Miet-Minis von der
M. LINDNER / SIGNUM

len. Mörder werden Stromtankstelle .......................................... 245


anhand von Körper-
geruch oder billion- Briefe ......................................................... 7
stel Gramm Wasch- Impressum .................................................12
Spurensicherung nach einem Mord pulver überführt. Personalien .............................................. 246
Register ................................................... 248
Hohlspiegel/Rückspiegel ............................ 254

DER SPIEGEL 15/1995 5


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BRIEFE

Volles Verständnis Zerstörung, Not, Leid und Elend unbe-


schreibliches Glücksgefühl, daß dieses
(Nr. 13/1995, Staatsfeiern: Querelen um
sinnlose Töten und Vernichten zu Ende
das Mai-Gedenken zum Ende des Zwei-
war und man selbst dieses Grauen über-
ten Weltkriegs)
lebt hatte. So widersinnig es sich anhören
Ich habe volles Verständnis, daß unsere mag, in dem Chaos des 8. Mai 1945 ent-
damaligen Kriegsgegner diesen Tag als standen die aus der Ratio nicht erklärba-
Gedenktag zur „deutschen Niederlage“ re Aufbruchstimmung und der Glaube,
begehen, dazu haben sie auch das daß es nicht mehr schlimmer, sondern
Recht. Auch finde ich es durchaus ange- nur noch besser werden könnte.
bracht, wenn Rußland diesen Tag als 50. Aachen ALFRED M. BELLINGRADT
Jahrestag des Sieges im „Großen Vater-
ländischen Krieg“ begeht und, wie es
nun einmal russische Tradition ist, die-
sen Tag mit entsprechendem Militär- Nur große Hunde zahlen
spektakel begeht. Wir Deutschen soll- (Nr. 12/1995, Eisenbahn: Mangelnder
ten Zur ückhaltung üben und diesen Tag Service und überfüllte Züge frusten Rei-
im Gedenken an die unzähligen Opfer sende)
verbringen.
Das eigentlich Sensationelle an den Er-
Kürten-Miebach (Nrdrh.-Westf.)
DIETER PRENZEL fahrungen mit dem Schönen-Wochenen-
de-Sonderpreis ist doch: Zum erstenmal
hat die Bahn selbst bewiesen, daß der
Das Kriegsende 1945 bedeutet die Be- wichtige Faktor für die Kundenentschei-
freiung Deutschlands vom Hitler-Fa- dung bei der Wahl des Verkehrsmittels

H. SCHALLER

Zerbombte Straße in Berlin: Völlig gleichgültig, ob Niederlage oder Befreiung

schismus, aber auch die Fortdauer des nicht, wie bisher oft unterstellt, die
kriegsverursachten Elends, die Etablie- Fahrzeit, sondern schlicht der Preis ist,
rung des Stalinismus in Mitteleuropa den das Ticket kostet. Es würde sich für
und das Verbrechen der Vertreibung. die Bahn lohnen, generell über eine at-
Diese Aspekte sind nicht voneinander traktivere Tarifgestaltung (nicht nur fürs
zu trennen. Wochenende) nachzudenken, anstatt
mit sündteuren ICE-Neubautrassen im
Bamberg ARMIN HOFFMANN
Wettlauf mit dem Flugzeug eine Minu-
tenfuchserei durch Höchstgeschwindig-
Da ist sie wieder, die leidige und in letz- keit zu betreiben. Die Leute wollen
ter Zeit bis zum Überdruß gestellte Fra- Mark, nicht Minuten sparen.
ge: War es am 8. Mai 1945 Niederlage Bonn ALBERT SCHMIDT
MdB/Bündnis 90/Die Gr ünen
oder Befreiung? Es war der Masse der
Deutschen völlig gleichgültig, ob Nie-
derlage oder Befreiung. Sie war nur Trotz einiger elitärer Einwände, die un-
froh, daß es vorüber war. Die Zäsur des bedingt Salonwagen-Atmosphäre im
8. Mai werden sie wohl so empfunden Nahverkehr erwarten, kann man beim
haben, wie auch ich sie empfand, der als 15-Mark-Ticket von einem genialen
17jähriger drei Jahre in die Kriegsma- Coup sprechen: Da schafft es die Bahn
schinerie eingebunden war: als ein trotz doch glatt, die Leute haufenweise sonn-

DER SPIEGEL 15/1995 7


..

BRIEFE

B. BOSTELMANN / ARGUM
ICE-Reisende: Beim Umsteigen ist die Illusion vorbei

tags mal vom Fernseher zu locken und angebote durch neue Abenteuer zu erset-
zum schon als ausgestorben geglaubten zen. In der Gegenwart kann es dann aller-
Familienurlaub zu bewegen. Das nenn’ dings passieren, daß das Testkaninchen
ich Sozialpolitik, und dafür stehe ich Kunde beispielsweise seinen Koffer statt
gern mal eine Station mehr. innerhalb von 24 Stunden erst nach 34 Ta-
Mannheim INGO HAMM gen wiedersieht.
Düsseldorf INKA BRUNKE

Natürlich sind Mängel immer noch of-


fenkundig. Was die Bahn braucht, ist Man kopiert bei Fluglinien und protzt mit
ein zunehmend positives Image in der dem ICE, und beim Umsteigen ist die Il-
Gesellschaft, genau dann wird sie sich lusion vorbei.
zum leistungsfähigen Partner bei der Boppard (Rhld.-Pf.) JÜRGEN WAGNER
Bewältigung unserer Umweltprobleme
entwickeln.
Dresden STEFFEN MALLWITZ
Im Gegensatz zu Ihrem Autor kenne ich
die Bahn nicht nur auf einer Strecke und
nicht nur zur Hauptverkehrszeit, da ich
Wenn sich schon 1.-Klasse-Passagiere privat und beruflich seit über zehn Jahren
beschweren, daß sie am Bahnsteig zu regelmäßig Zug fahre – nahezu immer sit-
weit laufen müßten, um ihr wohlgepol- zend, obwohl ich grundsätzlich nicht re-
stertes Abteil zu erreichen, ist das in serviere. Meist kann ich in Ruhe lesen
meinen Augen ein weiteres trauriges oder arbeiten und erreiche fast immer
Beispiel für die Existenz einer absoluten pünktlich mein Ziel. Welcher Autofah-
Wohlstandsgesellschaft. Vielleicht soll- rer könnte das von sich behaupten?
ten die zuständigen Bahnmanager über Bonn REGINE GWINNER
die Einführung von Sänftenträgern
nachdenken.
Denton (USA ) G E O R G BONN Der Bahnreisende wird wohl erst dann
zufrieden sein, wenn er einen ganzen Zug
wie seinen Privat-Pkw nutzen kann.
Das chaotische Tarifgefüge verwirrt Stadtallendorf (Hessen) CARSTEN MANN
nicht nur die Reisebüros, sondern auch
Gelegenheitsreisende und Bahnperso-
nal. 59 Mark nachts, 15 Mark am Wo- Das Schöne-Wochenende-Ticket ist ein
chenende, ein „großer“ Hund zahlt, ein sicher unkonventionelles, in der früheren
„kleiner“ nicht, auf der gleichen Strecke Behördenbahn kaum vorstellbares An-
zahlt man je nach Kartenkauf Zuschlag gebot. Und es kommt gut an: 40 Prozent
oder auch nicht. Ich habe immer mehr derer, die damit in den bislang leeren
den Eindruck, daß die Bahn an den fal- Wochenendzügen fahren, sind Neukun-
schen Stellen anpackt. den. Wir haben viel Nachholbedarf –
München G E R A L D MUNZ aber auch schon einige Erfolge im ersten
Jahr. Über diese und die 1994 eingespar-
ten drei Milliarden Mark Steuermittel
Trial and error – nach dieser Methode wollten Sie aber wohl nicht schreiben.
scheint das selbsternannte „Unterneh- Frankfurt am Main ANFRIED BAIER-FUCHS
men Zukunft“ seine bewährten Service- Deutsche Bahn A G

8 DER SPIEGEL 15/1995


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BRIEFE

Hört sich gut an


(Nr. 13/1995, Klima: Öko-Gruppen erpro-
ben den „Wohlstand light“)
Neubauten sparen niemals Energie.
Auch neue Energiesparhäuser erzeugen
zusätzlichen Mehrbedarf. Energie kann
grundsätzlich nur durch Umr üstung von
Altbauten oder durch reine Ersatzbau-
ten gespart werden. Das fahrlässige
Vordringen freistehender, begrünter
Einfamilien-Holzhäuschen in der Land-
schaft, die leichtfertige Gleichsetzung
von Ökologie und bürgerlicher Wohn-
gesundheit – das ist haargenau „grüner
Luxus“ und „Wohlstand light“. Nur eins
ist es eben nicht: umweltschonend oder
gar „ökologisch“.
Dortmund PROF. G ÜNTHER MOEWES

ACTION PRESS
Ich bin erstaunt über ein derart negati-
ves Statement über Komposttoiletten.
Dabei sind diese doch die einzige ökolo- U-Bahn-Reinigung nach Giftgasanschlag in Tokio: Auf ins neue Jahrtausend
gische Lösung bei der Entsorgung von
Toilettenabfällen. Wasserspartoiletten Genaue Bauanleitung Also dann, auf ins neue Jahrtausend zu-
oder Regenwassersammelanlagen die- sammen mit der Apokalypse. Nicht nur
nen nur der Einsparung von Toiletten- (Nr. 13/1995, Terrorismus: Das Menete-
einmal wird versucht werden, die Welt
spülwasser. Eine Trennung des Wasser- kel von Tokio)
in den Untergang zu zwingen, sondern
und des Nährstoffkreislaufes bewirken Der Anschlag auf die Hauptverkehrs- zigmal, je nach Vorstellung der Sekte,
sie jedoch nicht. ader in einer der bevölkerungsreichsten die gerade ihrer „Wahrheit“ zur Wahr-
Hamburg WOLFGANG B E R G E R Städte der Erde hat wieder einmal ge- heit verhelfen will.
zeigt, wie machtlos man gegen solche fa- Zürich MIRIAM RUSERT
Die von der Bundesregierung eingesetz- natischen Angriffe ist.
te „Interministerielle Arbeitsgruppe Holzthaleben (Bayern) JÖR G ESSER
CO 2-Reduktion“ schätzt, daß jährlich Ein Schlag ins Gesicht
rund 100 Millionen Tonnen CO 2 einge- Ihr Bericht gibt praktisch zu jeder dieser (Nr. 12/1995, Psychologie: Multiple Per-
spart werden könnten, wenn der Geb äu- Super-Attentatstechniken genaue Bau- sönlichkeit – ein modischer Wahn?)
debestand durch verbesserte Wärme- anleitungen oder erklärt zumindest, wo
dämmung und andere energiesparende diese Anleitungen und das Material für Menschen, die wir als „Multiple Persön-
Maßnahmen auf den heutigen Stand der die Herstellung erhältlich sind. Da kann lichkeiten“ bezeichnen, sind weder gel-
Technik gebracht würde. man nur noch von „self-fulfilling-pro- tungssüchtige Hysterikerinnen, noch an
Heidelberg D R . HARTMUT SCH ÖNELL
phecy“ sprechen! unnachvollziehbaren Wahnsymptomen
Industrieverband Hartschaum leidende Psychotikerinnen. Es handelt
Hamburg HANNO MUELLER
sich (vorwiegend) um Frauen, die in der
frühen Kindheit nach menschlichen
Maßstäben unaushaltbare psychische,
körperliche und sexuelle Gewalt bewäl-
tigen mußten. Um solche Erfahrungen
überhaupt psychisch überleben zu kön-
nen, haben diese Kinder im Grunde
höchst bewundernswerte Abwehrstrate-
gien entwickelt. Finden diese Traumen
zu einer Zeit statt, in der das kleine
Mädchen sich noch zu keiner körper-
lich-psychischen Einheit entwickeln
konnte, führen diese unweigerlich zu ei-
ner Dissoziation und Spaltung unter-
schiedlicher Persönlichkeitsanteile: Das
Gefühl wird vom Erleben, der Körper
vom Geist, das Geschlecht vom Kind,
die Angst von der Wut getrennt.
Nürnberg WERNER LUTZ
Psychoanalytiker
BONN-SEQUENZ

Allein die Überschrift „Modischer


Wahn“ ist ein Schlag ins Gesicht all je-
ner, die unermeßliche Gewalt erleben
Umgebauter Bauernhof: Nur durch Umrüstung kann Energie gespart werden mußten und nur überleben konnten, in-

10 DER SPIEGEL 15/1995


dem sich ihre Persönlichkeit aufspaltete
– nicht in „Spukgestalten“ im Kopf, son-
dern in durchaus reale Persönlichkeits-
anteile, deren Handeln, Denken und
Fühlen wissenschaftlich belegbare Un-
terschiede aufweisen einschließlich indi-
viduell physischer Merkmale.
Bielefeld SUSANNE PLASS

In meinem Handbuch über Multiple


Persönlichkeiten fasse ich nicht nur mei-
ne eigene therapeutische Arbeit mit
MPS-Patienten zusammen, sondern re-
feriere auch die Ergebnisse von rund
400 fachwissenschaftlichen Studien über
Genese, Diagnostik und Behandlung
dieser schweren Identitätsstörung, die
übrigens bereits seit 1980 als eigenstän-
dige Diagnose in das international ver-
wendete „Diagnostische und statistische
Manual psychischer Störungen“ (DSM)
aufgenommen wurde, also wohl kaum
als Zeitgeistphänomen abqualifiziert
werden kann. Und wiederum als „Kann-
regel“ habe ich beschrieben, daß es in
satanischen Sekten zur Tötung von Em-
bryonen beziehungsweise Säuglingen
kommen kann, aber nicht damit sugge-
rieren wollen, daß Kannibalismus in
Deutschland verbreitet sei.
Kassel MICHAELA H U BER
Psychologin

Sie zitieren Professor Klaus Dörner:


„Die Multiple Persönlichkeitsstörung
gibt es überhaupt nicht.“ Was macht
aber Dörner, wenn ihm doch einmal ein
Patient mit einer multiplen Störung be-
gegnet? Muß der Patient dann seiner
Störung und den schrecklichen Ursa-
chen, die dazu geführt haben, abschwö-
ren, damit das auf Verdrängung einge-
stellte Weltbild Dörners wiederherge-
stellt ist?
Celle ROSLIES WILLE-NOPENS
IG zur Verhinderung
sexuellen Mißbrauchs an Kindern

Möglicherweise gibt es einige Trittbrett-


fahrer, deshalb aber die Glaubwürdig-
keit aller MPS-Betroffenen in Zweifel
zu ziehen beweist nur die Ratlosigkeit
der Schulmedizin gegenüber solchem
Phänomen.
Mindelheim (Bayern) D A G M A R WINTER
HEIDI PRINZ

Halb Kartoffel, halb Pfirsich


(Nr. 12/1994, Ausländer: Werner Dähn-
hardt über deutsche Türken mit zwei
Pässen)
Ich bin Türke, wurde in Deutschland ge-
boren und bin gerade dabei, mich aufs
Abitur vorzubereiten. Ich würde eigent-
lich sofort die deutsche Staatsangehörig-
keit beantragen, aber wie kann ich das

DER SPIEGEL 15/1995 11


..

BRIEFE

MNO meinen Eltern antun? Wie kann ich –


20457 Hamburg, Brandstwiete 19, Telefon (040) 3007-0, Telefax (040) 3007 2247, Telex 2 162 477 obwohl ich mit der Türkei nichts gemein
CompuServe: 74431,736 . Internet: http://www.spiegel.de/spiegel habe, weder Sprache, Kultur noch poli-
Abonnenten-Service: Tel. 0130-863006. Telefax (040) 30072898, Postfach 10 58 40, 20039 Hamburg. tische Auffassung von Demokratie – die
HERAUSGEBER: Rudolf Augstein 24 22 0138, Telefax 24 22 0138 . Rio de Janeiro: Jens Glü- Staatsangehörigkeit meiner Eltern und
sing, Avenida São Sebastião, 157 Urca, 22291 Rio de Janeiro
CHEFREDAKTEUR: Stefan Aust (RJ), Tel. (005521) 275 1204, Telefax 542 6583 . Rom: Valeska zwangsläufig noch meine, verleugnen?
von Roques, Largo Chigi 9, 00187 Rom, Tel. (00396) 679 7522, Die doppelte Staatsangehörigkeit würde
STELLV. CHEFREDAKTEURE: Joachim Preuß, Dr. Dieter Wild Telefax 679 7768 . Stockholm: Hermann Orth, Scheelegatan 4,
REDAKTION: Karen Andresen, Ariane Barth, Dieter Bednarz, Wil- 11 223 Stockholm, Tel. (00468) 650 82 41, Telefax 652 99 97 . das Problem entschärfen.
helm Bittorf, Peter Bölke, Dr. Hermann Bott, Klaus Brinkbäumer, Warschau: Andreas Lorenz, Ul. Polna 44/24, 00-635 Warschau,
Werner Dähnhardt, Dr. Thomas Darnstädt, Hans-Dieter Degler, Tel. (004822) 25 49 96, Telefax 25 84 74 . Washington: Karl- Duisburg TÖRKAN BURKUN
Dr. Martin Doerry, Adel S. Elias, Nikolaus von Festenberg, Uly Heinz Büschemann, Siegesmund von Ilsemann, 1202 National
Foerster, Klaus Franke, Gisela Friedrichsen, Angela Gatterburg, Press Building, Washington, D. C. 20 045, Tel. (001202)
Henry Glass, Johann Grolle, Doja Hacker, Dr. Volker Hage, Dr. 347 5222, Telefax 347 3194 . Wien: Dr. Martin Pollack, Schön-
Hans Halter, Werner Harenberg, Dietmar Hawranek, Manfred W. brunner Straße 26/2, 1050 Wien, Tel. (00431) 587 4141, Telefax Man kann es drehen und wenden, ob-
Hentschel, Hans Hielscher, Wolfgang Höbel, Heinz Höfl, Cle- 587 4242
mens Höges, Joachim Hoelzgen, Dr. Jürgen Hohmeyer, Hans
jektiv, subjektiv, ius soli, ius sanguinis,
ILLUSTRATION: Werner Bartels, Renata Biendarra, Martina Blu-
Hoyng, Thomas Hüetlin, Rainer Hupe, Ulrich Jaeger, Hans-Jürgen me, Barbara Bocian, Ludger Bollen, Katrin Bollmann, Thomas die Schimäre, halb Kartoffel, halb Pfir-
Jakobs, Urs Jenny, Dr. Hellmuth Karasek, Sabine Kartte-Pfähler,
Klaus-Peter Kerbusk, Ralf Klassen, Petra Kleinau, Sebastian
Bonnie, Regine Braun, Martin Brinker, Manuela Cramer, Josef
Csallos, Volker Fensky, Ralf Geilhufe, Rüdiger Heinrich, Tiina Hur-
sich gibt es nicht.
Knauer, Dr. Walter Knips, Susanne Koelbl, Christiane Kohl, Dr. me, Bettina Janietz, Claudia Jeczawitz, Antje Klein, Ursula
Joachim Kronsbein, Bernd Kühnl, Wulf Küster, Dr. Romain Leick, Düren K.-H. R O T H E
Morschhäuser, Cornelia Pfauter, Monika Rick, Chris Riewerts, Ju-
Hans Leyendecker, Heinz P. Lohfeldt, Udo Ludwig, Klaus Madzia, lia Saur, Detlev Scheerbarth, Manfred Schniedenharn, Frank
Armin Mahler, Dr. Hans-Peter Martin, Georg Mascolo, Gerhard Schumann, Rainer Sennewald, Dietmar Suchalla, Karin Wein-
Mauz, Gerd Meißner, Fritjof Meyer, Dr. Werner Meyer-Larsen, Mi- berg, Matthias Welker, Monika Zucht
chael Mönninger, Joachim Mohr, Mathias Müller von Blumen-
cron, Bettina Musall, Dr. Jürgen Neffe, Dr. Renate Nimtz-Köster, SCHLUSSREDAKTION: Rudolf Austenfeld, Horst Beckmann, Sa-
Kritische Lupe
Hans-Joachim Noack, Claudia Pai, Rainer Paul, Christoph Pauly, bine Bodenhagen, Reinhold Bussmann, Dieter Gellrich, Hermann (Nr. 13/1995, Verkehr: Frederic Vesters
Jürgen Petermann, Dietmar Pieper, Norbert F. Pötzl, Detlef Pyp- Harms, Bianca Hunekuhl, Rolf Jochum, Karl-Heinz Körner, Inga
ke, Dr. Rolf Rietzler, Dr. Fritz Rumler, Dr. Johannes Saltzwedel, Lembcke, Christa Lüken, Reimer Nagel, Dr. Karen Ortiz, Andreas umstrittenes Huckepackkonzept)
Karl-H. Schaper, Marie-Luise Scherer, Heiner Schimmöller, Ro- M. Peets, Gero Richter-Rethwisch, Thomas Schäfer, Ingrid Seelig,
land Schleicher, Michael Schmidt-Klingenberg, Cordt Schnibben, Hans-Eckhard Segner, Tapio Sirkka, Ruth Tenhaef, Hans-Jürgen
Hans Joachim Schöps, Dr. Mathias Schreiber, Bruno Schrep, Hel- Vogt, Kirsten Wiedner, Holger Wolters Das auch auf dem letzten Genfer Auto-
mut Schümann, Matthias Schulz, Birgit Schwarz, Ulrich Schwarz, VERANTWORTLICHER REDAKTEUR dieser Ausgabe für Pan- mobilsalon vorgestellte Verladeprinzip
Dr. Stefan Simons, Mareike Spiess-Hohnholz, Dr. Gerhard Spörl, orama, Nato, SPD, Klimakonferenz, Sozialstaat, Frauen: Dr. Ger-
Olaf Stampf, Hans-Ulrich Stoldt, Peter Stolle, Barbara Supp, Die- hard Spörl; für Dollar, Konzerne, Chemie, Energie, Trends, Aus-
ist weder mein „Konzept“, noch hat es
ter G. Uentzelmann, Klaus Umbach, Hans-Jörg Vehlewald, Dr. stellungen, Geldanlage, Patente, Porzellan: Armin Mahler; für Ti-
Manfred Weber, Susanne Weingarten, Alfred Weinzierl, Marianne telgeschichte, Forum, Abwasser, Vereine, Kinder, Prozesse, Ter-
Wellershoff, Peter Wensierski, Carlos Widmann, Erich Wiede- roristen, Militär, Taxis: Ulrich Schwarz; für Fernsehen, Verlage,
mann, Christian Wüst, Peter Zobel, Dr. Peter Zolling, Helene Zu- Hacker, Kiosk: Uly Foerster; für Spectrum, Pfarrer, Kitsch, Fern-
ber seh-Vorausschau: Hans-Dieter Degler; für Kaukasus, Panorama
REDAKTIONSVERTRETUNGEN DEUTSCHLAND: Berlin: Wolf- Ausland, Österreich, Italien, Türkei, Israel, Polen: Hans Hoyng; für
gang Bayer, Petra Bornhöft, Markus Dettmer, Jan Fleischhauer, Serie: Fritjof Meyer; für Fußball, Olympia: Heiner Schimmöller; für
Uwe Klußmann, Jürgen Leinemann, Claus Christian Malzahn, Szene, Bücher, Kunst, Literatur, Bestseller: Dr. Martin Doerry; für
Walter Mayr, Harald Schumann, Gabor Steingart, Kurfürstenstra- Prisma, Kriminologie, Medizin, Luftfahrt, Tiere, Automobile: Jo-
ße 72 – 74, 10787 Berlin, Tel. (030) 25 40 91-0, Telefax hann Grolle; für namentlich gezeichnete Beiträge: die Verfasser;
25 40 91 10 . Bonn: Winfried Didzoleit, Manfred Ertel, Dr. Olaf für Briefe, Personalien, Register, Hohlspiegel, Rückspiegel: Dr.
Ihlau, Dirk Koch, Ursula Kosser, Dr. Paul Lersch, Elisabeth Nie- Manfred Weber; für Titelbild: Matthias Welker; für Gestaltung:
jahr, Hartmut Palmer, Olaf Petersen, Rainer Pörtner, Hans-Jürgen Dietmar Suchalla; für Hausmitteilung: Hans Joachim Schöps
Schlamp, Hajo Schumacher, Alexander Szandar, Klaus Wirtgen, (sämtlich Brandstwiete 19, 20457 Hamburg)
Dahlmannstraße 20, 53113 Bonn, Tel. (0228) 26 70 3-0, Tele- DOKUMENTATION: Jörg-Hinrich Ahrens, Sigrid Behrend, Ulrich
fax 21 51 10 . Dresden: Sebastian Borger, Christian Habbe, Kö- Booms, Dr. Helmut Bott, Dr. Jürgen Bruhn, Lisa Busch, Heinz Egle-
nigsbrücker Str. 17, 01099 Dresden, Tel. (0351) 567 0271, Te- der, Dr. Herbert Enger, Johannes Erasmus, Dr. Karen Eriksen, Cor-
lefax 567 0275 . Düsseldorf: Ulrich Bieger, Georg Bönisch, Ri- delia Freiwald, Dr. André Geicke, Ille von Gerstenbergk-Helldorff,
chard Rickelmann, Oststraße 10, 40211 Düsseldorf, Tel. (0211) Dr. Dieter Gessner, Hartmut Heidler, Wolfgang Henkel, Gesa
93 601-01, Telefax 35 83 44 . Erfurt: Felix Kurz, Dalbergsweg Höppner, Jürgen Holm, Christa von Holtzapfel, Joachim Immisch,
6, 99084 Erfurt, Tel. (0361) 642 2696, Telefax 566 7459 . Hauke Janssen, Günter Johannes, Angela Köllisch, Sonny Krau-
Frankfurt a. M.: Peter Adam, Wolfgang Bittner, Annette Groß- spe, Hannes Lamp, Marie-Odile Jonot-Langheim, Walter Leh-
bongardt, Rüdiger Jungbluth, Ulrich Manz, Oberlindau 80, 60323 mann, Michael Lindner, Dr. Petra Ludwig, Sigrid Lüttich, Roderich
Frankfurt a. M., Tel. (069) 71 71 81, Telefax 72 17 02 . Hanno- Maurer, Rainer Mehl, Ulrich Meier, Gerhard Minich, Wolfhart Mül-
ver: Ansbert Kneip, Rathenaustraße 16, 30159 Hannover, Tel. ler, Bernd Musa, Christel Nath, Anneliese Neumann, Werner Niel-
(0511) 32 69 39, Telefax 32 85 92 . Karlsruhe: Dr. Rolf Lam- sen, Paul Ostrop, Anna Petersen, Peter Philipp, Axel Pult, Ulrich
precht, Amalienstraße 25, 76133 Karlsruhe, Tel. (0721) 225 14, Rambow, Dr. Mechthild Ripke, Constanze Sanders, Petra Santos,
Telefax 276 12 . Mainz: Wilfried Voigt, Weißliliengasse 10, Christof Schepers, Rolf G. Schierhorn, Ekkehard Schmidt, Andrea
55116 Mainz, Tel. (06131) 23 24 40, Telefax 23 47 68 . Mün- Schumann, Claudia Siewert, Margret Spohn, Rainer Staudham-
chen: Dinah Deckstein, Annette Ramelsberger, Dr. Joachim Rei- mer, Anja Stehmann, Stefan Storz, Monika Tänzer, Dr. Wilhelm
mann, Stuntzstraße 16, 81677 München, Tel. (089) 41 80 04-0, Tappe, Dr. Eckart Teichert, Jutta Temme, Dr. Iris Timpke-Hamel,

W. M. WEBER
Telefax 4180 0425 . Schwerin: Bert Gamerschlag, Spieltor- Carsten Voigt, Horst Wachholz, Ursula Wamser, Dieter Wessen-
damm 9, 19055 Schwerin, Tel. (0385) 557 44 42, Telefax dorff, Andrea Wilkens, Karl-Henning Windelbandt
56 99 19 . Stuttgart: Dr. Hans-Ulrich Grimm, Sylvia Schreiber,
Kriegsbergstraße 11, 70174 Stuttgart, Tel. (0711) 22 15 31, Te- BÜRO DES HERAUSGEBERS: Irma Nelles
lefax 29 77 65 NACHRICHTENDIENSTE: ADN, AP, dpa, Los Angeles Times/Wa-
shington Post, New York Times, Reuters, sid, Time Autor Vester
REDAKTIONSVERTRETUNGEN AUSLAND: Basel: Jürg Bürgi, Weit grundlegendere Dinge
Spalenring 69, 4055 Basel, Tel. (004161) 283 0474, Telefax
283 0475 . Belgrad: Renate Flottau, Teodora Drajzera 36, SPIEGEL-VERLAG RUDOLF AUGSTEIN GMBH & CO. KG
11000 Belgrad, Tel. (0038111) 66 99 87, Telefax 66 01 60 . Abonnementspreise: Normalpost Inland: sechs Monate DM
etwas mit dem eigentlichen Anliegen
Brüssel: Heiko Martens, Marion Schreiber, Bd. Charlemagne 130,00, zwölf Monate DM 260,00, für Studenten (nur Inland) DM
45, 1040 Brüssel, Tel. (00322) 230 61 08, Telefax 231 1436 . 182,00. Normalpost Europa: sechs Monate DM 184,60, zwölf meines Buches zu tun, wo es um weit
Jerusalem: Jürgen Hogrefe, 29, Hatikva Street, Yemin Moshe, Monate DM 369,20; Seepost Übersee: sechs Monate DM
Jerusalem 94103, Tel. (009722) 24 57 55, Telefax 24 05 70 . 189,80, zwölf Monate DM 379,60; Luftpostpreise auf Anfrage. grundlegendere Dinge geht. So nehme
Johannesburg: Almut Hielscher, Royal St. Mary’s, 4th Floor, 85 Verlagsgeschäftsstellen: Berlin: Kurfürstenstraße 72 – 74, ich dort unser gesamtes Verkehrsge-
Eloff Street, Johannesburg 2000, Tel. (002711) 333 1864, Tele- 10787 Berlin, Tel. (030) 25 40 91 25/26, Telefax 25 40 9130;
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schehen unter die kritische Lupe und
Muhandisin, Kairo, Tel. (00202) 360 4944, Telefax 360 7655 . 936 01 02, Telefax 36 42 95; Frankfurt a. M.: Oberlindau 80, diskutiere die verschiedensten techni-
Kiew: Martina Helmerich, ul. Kostjolnaja 8, kw. 24, 252001 60323 Frankfurt a. M., Tel. (069) 72 03 91, Telefax 72 43 32;
Kiew, Tel. (007044) 228 63 87 . London: Bernd Dörler, 6 Hen- München: Stuntzstraße 16, 81677 München, Tel. (089)
schen und organisatorischen Lösungs-
rietta Street, London WC2E 8PS, Tel. (0044171) 379 8550, Tele-
fax 379 8599 . Moskau: Jörg R. Mettke, Dr. Christian Neef, Kru-
41 80 04-0, Telefax 4180 0425; Stuttgart: Kriegsbergstraße 11, möglichkeiten unter dem Aspekt ihres
70174 Stuttgart, Tel. (0711) 226 30 35, Telefax 29 77 65
tizkij Wal 3, Korp. 2, kw. 36, 109 044 Moskau, Tel. (007502) Zusammenhangs mit Klimaverände-
220 4624, Telefax 220 4818 . Neu-Delhi: Dr. Tiziano Terzani, Verantwortlich für Anzeigen: Horst Görner
6-A Sujan Singh Park, New Delhi 110003, Tel. (009111) Gültige Anzeigenpreisliste Nr. 49 vom 1. Januar 1995
rung, Siedlungsstruktur, Sozialverhal-
469 7273, Telefax 460 2775 . New York: Matthias Matussek, Postgiro-Konto Hamburg Nr. 7137-200 BLZ 200 100 20 ten, Energiesteuer und vielem anderen.
516 Fifth Avenue, Penthouse, New York, N. Y. 10036, Tel.
(001212) 221 7583, Telefax 302 6258 . Paris: Lutz Krusche, Druck: Gruner Druck, Itzehoe; maul belser, Nürnberg München FREDERIC VESTER
Helmut Sorge, 17 Avenue Matignon, 75008 Paris, Tel. (00331) VERLAGSLEITUNG: Fried von Bismarck
4256 1211, Telefax 4256 1972 . Peking: Jürgen Kremb, Qi-
jiayuan 7. 2. 31, Peking, Tel. (008610) 532 3541, Telefax MÄRKTE UND ERLÖSE: Werner E. Klatten
532 5453 . Prag: Jilská 8, 11 000 Prag, Tel. (00422) GESCHÄFTSFÜHRUNG: Rudolf Augstein, Karl Dietrich Seikel Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe gekürzt
zu veröffentlichen.
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DER SPIEGEL, GERMAN LANGUAGE PUBLICATIONS, INC., P.O. Box 9868, Englewood, NJ 07631-1123. hält eine Beilage des SPIEGEL-Verlages/SPIE-
GEL special, Hamburg.

12 DER SPIEGEL 15/1995


Werbeseite

Werbeseite
..

DEUTSCHLAND PANORAMA
Die Bordkarte für die Rück- Umweltministerium
kehrer aus Kriegs- und Kata-
strophenregionen enthält den Billige
unmißverständlichen Passus:
„Die Teilnahme an der Eva- Beamten-Fete
kuierungsmaßnahme der Die Staatsanwaltschaft Bonn
Bundesregierung ist freiwil- ermittelt gegen Bedienstete
lig.“ des Bundesumweltministeri-
ums wegen des Verdachts auf
Neonazis Untreue. Unter den Beschul-
digten ist auch der im Januar
Werbung nach Streit mit Ministerin
Angela Merkel in den einst-
für Heitmann weiligen Ruhestand versetz-
Deutsche Neonazis rufen te Staatssekretär Clemens
in ihrem Computerverbund Stroetmann. Es geht um die

AFP / DPA
Thule-Netz dazu auf, an ei- in dem Ministerium seit Jah-
nem Kongreß mit dem sächsi- ren übliche Praxis, die Ko-
Evakuierung von Europäern auf dem Flughafen von Kigali (1994) schen Justizminister Steffen sten der Weihnachtsfeier für
Heitmann (CDU ) auf dem rund 300 Ministerialbürokra-
Ruanda erste Etappe mit belgischen Hambacher Schloß am 6./7. ten zu großen Teilen auf den
oder französischen Militär- Mai teilzunehmen. Heit- Steuerzahler abzuwälzen.
Teure flugzeugen vom umkämpften mann, Helmut Kohls ur- Der Trick: Für den Tag der
Kigali nach Burundi mußten sprünglicher Kandidat für das Beamten-Fete wurde stets ei-
Rettung die Evakuierten nicht bezah- Amt des Bundespräsidenten, ne Besuchergruppe eingela-
Ein Jahr nach Ausbruch des len, wohl aber den Weiter- hält dort bei einer gemeinsa- den und bewirtet. Danach
Bürgerkriegs in Ruanda flat- flug. Die Beamten des Aus- men Veranstaltung des kon- stieg dann die Weihnachts-
tern 140 deutschen Zivilisten, wärtigen Amtes berufen sich servativen Studienzentrums party für Staatsdiener – ein
die damals ausgeflogen wur- dabei aufs Prinzip: Nach den Weikersheim e.V. und der großer Teil der Kosten für
den, Rechnungen ins Haus. „Sonderflugbedingungen aus Hans-Filbinger-Stiftung ein Speis und Trank, Geschirr
Das Auswärtige Amt ver- Krisengebieten“ wird bei je- Referat mit dem Thema und Service wurde mittels
langt von ihnen „Kostener- der Notrettungsmaßnahme „Geistesfreiheit oder political manipulierter Rechnungen
stattung“ für den „Sonder- von den Betroffenen ver- correctness“. Die Rechtsradi- über die Besuchergruppe bei
flug der Bundesregierung“, langt, daß sie die Kosten her- kalen werben in ihrer Mailbox der Bundeskasse abgerech-
mit dem die Deutschen vom nach erstatten. Im übrigen, für den Weikersheim-Kon- net. Die Staatsanwaltschaft,
benachbarten Burundi aus so das Auswärtige Amt, sei greß, weil er „Konservati- so ihr Sprecher Peter Iwand,
nach Bonn gebracht wurden. niemand gezwungen gewe- ven die Möglichkeit“ biete, müsse jetzt feststellen, ob
Jeder der Passagiere soll sen, mit Regierungsmaschi- „prominente Persönlichkei- dem Bund Schaden entstan-
1508,18 Mark bezahlen. Die nen in die Heimat zu fliegen. ten kennenzulernen“. den sei.

L än d e r p o l i t i k den Sie keine Freunde für Ihr Vorhaben. Ihre Kieler Kolle-
gin Heide Simonis spricht sogar von „unüberwindbaren Ge-
„Aberwitzige Kleinstaaterei“ gensätzen“.
Voscherau: So haben die Landesherren nach dem Westfäli-
Interview mit Hamburgs Bürgermeister Henning schen Frieden im Jahre 1648 auch geredet. Damals gab es
Voscherau (SPD ), 53, über seine Pläne für einen über hundert Duodezstaaten – das Argument ist seither
Nordstaat nicht richtiger geworden.
SPIEGEL: Die günstigste Gelegenheit für eine Neugliede-
SPIEGEL: Herr Bürgermeister, nach dem Vorbild der ge- rung der Bundesländer ist verpaßt worden – die Wiederver-
planten Fusion von Berlin und Brandenburg fordern Sie einigung und die Reform des Grundgesetzes.
nun auch eine Fusion der Nordländer. Wem sollte ein sol- Voscherau: Der Artikel 29 der Verfassung bietet ja einzel-
cher Nordstaat nützen? nen Regionen oder ganzen Bundesländern die Chance, sich
Voscherau: Hamburg ist umgeben von per Volksentscheid einem anderen
einem Speckgürtel, ohne den Ham- Bundesland anzuschließen. Aber
burg nicht leben kann und der seiner- wenn sich die betroffenen Länderre-
seits von der Stadt abhängig ist. So ähn- gierungen nicht einigen können,
lich ist es auch in anderen Ballungsge- bleibt so etwas natürlich Illusion . . .
bieten in der Republik – es gibt zwar 16 SPIEGEL: . . . zumal ja Politiker und
Bundesländer, aber höchstens 8 im Beamte Macht und Posten opfern
europäischen Maßstab wettbewerbs- müßten.
fähige Regionen in Deutschland. Da Voscherau: Auf lange Sicht kommen
herrscht eine aberwitzige Kleinstaate- wir nicht an einer Neugliederung der
rei anstatt sinnvoller Zusammenar- Länder vorbei. An mir wird ein Zu-
ACTION PRESS

beit. Den Konstruktionsfehler müssen sammenschluß jedenfalls nicht schei-


wir irgendwann beheben. tern. Wenn eine Einigung möglich
SPIEGEL: Aber selbst unter den SPD- ist, muß man politische Ziele und Pri-
Regierungschefs der Nordländer fin- Simonis, Voscherau vatinteressen trennen können.

14 DER SPIEGEL 15/1995


E u r o p äi s c h e U n i o n

Zurückhaltende
Deutsche
Ausgerechnet die Deutschen,
die sich selbst gern als Euro-
pas Musterknaben sehen, hal-
ten sich bei der Vollendung
des Binnenmarktes, der seit
1993 existiert, zurück. Nur die
als Querköpfe verschrienen
Griechen lassen sich mehr
Zeit, die insgesamt 282 Brüs-
seler Richtlinien in nationales
Recht umzusetzen.

Zahl der umgesetzten EU -Richtlinien


Dänemark 209
Frankreich 205
Luxemburg 204
Niederlande 204
Großbritannien 202
Belgien 196
Spanien 191
Irland 190
Italien 190
Portugal 188
Deutschland 184
Griechenland 169

Erziehungsgeld

Keine Chance
für Nolte
Familienministerin Claudia
Nolte ist mit einem familien-
freundlichen Projekt geschei-
tert. Sie wollte die Einkom-
mensgrenze für das staatliche
Erziehungsgeld von 29 400
Mark auf rund 40 000 Mark
anheben. Das sei mit Mehr-
kosten von etwa einer Milli-
arde Mark zu teuer, hieß es
aus dem Finanzministerium.
Dann müsse sie sagen, wo an
anderer Stelle gespart wer-
den solle. Dies kann Nolte
nicht, denn ihr sowieso schon
knapper Haushalt ist durch
gesetzlich festgeschriebene
Leistungen weitgehend ver-
plant. 1994 bekamen wegen
der niedrigen Einkommens-
grenze nur etwa 50 Prozent
aller Familien Erziehungs-
geld. Bei der Einführung
1986 waren es noch rund 85
Prozent.

DER SPIEGEL 15/1995 15


Werbeseite

Werbeseite
Werbeseite

Werbeseite
..

DEUTSCHLAND

Dollar

„MIT DER KNEIFZANGE“


Der Verfall der amerikanischen Währung ist kaum zu stoppen. Deutsche Politiker sorgen sich um die Konjunktur,
Unternehmer prognostizieren, es werde nach der kurzen Erholung „noch einmal bergab“ gehen. Doch die Amerikaner
reagieren nicht auf Kritik, sie haben kein Interesse an der Stabilisierung ihrer Währung.

er Bundesfinanzminister zeigte

D sich völlig hilflos. Die Kräfte der


Finanzmärkte, klagte Theo Waigel
auf dem Deutschen Bankentag, seien
weder durch Absprache der Politiker
noch mit Aktionen der Notenbanken zu
bändigen. Jeder Versuch, den Verfall
des Dollar damit zu stoppen, sei zweck-
los.
Doch mit seinem Bekenntnis der
Ohnmacht brachte Waigel viel in Bewe-
gung. Kaum hatten die Agenturen seine
Rede am Mittwoch vergangener Woche
in alle Welt verbreitet, setzte ein neuer-
licher Ausverkauf der US-Währung ein.
Innerhalb einer halben Stunde sackte
der Dollarkurs auf seinen bisherigen
Tiefstand von 1,3722 Mark.
Um den völligen Absturz zu verhin-
dern, kauften die Notenbanken der
USA, Deutschlands, Japans und Frank-
reichs große Mengen der amerikani-
schen Weichwährung auf. Mit Milliar-
den glichen sie aus, was Waigel zuvor
angerichtet hatte. „Das waren teure
Worte“, kommentierte ein Devisen-
händler.
Seitdem schauen die deutschen Wirt-
schafts- und Finanzpolitiker wieder hilf-
los zu, wie der Wertverlust der Leitwäh-
rung zum Hauptrisiko für die Weltwirt-
schaft wird. „Das Weltwährungssystem
befindet sich in einer außerordentlichen
VARIO-PRESS
Vertrauenskrise“, sagt Volker Hölter-
hoff, Chefvolkswirt der Bayerischen
Hypotheken- und Wechsel-Bank. Währungspolitiker Waigel: Hilflos gegen die Devisenspekulanten
Die deutschen Politiker, besorgt um
die Konjunktur, machen dafür allein die Eine transatlantische Verstimmung
Amerikaner verantwortlich. In einer wurde offenbar, die schon seit längerem Weltweite Währungsreserven Anteile in Prozent
Offenheit, die weltweit Aufsehen erreg- schwelt. Mit den klassischen Mitteln,
te, kritisierten Waigel und Bundesbank- das predigen Bundesbanker ihren ame- Yen 9,0 1993
präsident Hans Tietmeyer die Politiker rikanischen Kollegen seit geraumer
in Washington. Zeit, mit Zinspolitik allein und Inter- Sonstige 13,4
61,5 Dollar
Wechselkurs-Stabilisierung hänge vor ventionen auf den Devisenmärkten, las- Mark 16,1
allem von den Schwachwährungslän- se sich das Dollarproblem nicht mehr lö-
dern ab, moserte Tietmeyer in Richtung sen.
USA. Sie müßten „durch ihre Politik An den Devisenbörsen glaubt kaum Yen 5,8 1984
Vertrauen schaffen“. jemand, daß der atemberaubende Wert-
Theo Waigel, ganz undiplomatisch, verfall des Dollar gegenüber Mark und Sonstige 11,6
ging noch weiter. Die Ursachen für die Yen schon zu Ende ist. „Die Händler 70,0 Dollar
Mark 12,6
Dollarschwäche, so der Bonner Finanz- fassen den Dollar im Moment nur mit
minister deutlich, „liegen vor allem in der Kneifzange an“, berichtet ein New
den USA “. Yorker Banker. Schon machen in den

18 DER SPIEGEL 15/1995


Handelsräumen der Ban-
ken von New York, Lon-
don oder Frankfurt Pro-
gnosen über einen Dollar- 2,84
JAPAN
kurs von 1,20 oder gar 1,15 2,54 2,62 2,56 2,59
0,69 0,57
Mark die Runde. 0,48 0,50 0,56
Deutsche und japanische
Exporteure stöhnen. Sie
exportieren einen viel grö- 1990 91 92 93 94*
ßeren Anteil ihres Sozial-
produktes als die US-Wirt-
schaft. Die Ausfuhren auf 0,65 0,66 0,66
den größten Markt der 0,49 0,45
0,88 0,84 0,79 0,76 0,79
Welt leiden darunter, daß
ihre Währungen gegenüber
dem Dollar heute doppelt 1990 91 92 93 94* 1990 91 92 93 94*
so teuer sind wie noch vor
zehn Jahren. 1990 91 92 93 94*
Schon fürchten Politi- 1,87
ker und Unternehmer in 1,60
1,45 DEUTSCHLAND
Deutschland, die Konjunk- 1,38 1,48
tur könne abgewürgt wer-
den. Hans-Olaf Henkel,
Präsident des Bundesver- VEREINIGTE
bandes der Deutschen In- STA ATEN
dustrie, prognostizierte
vergangene Woche anläß-
lich der Hannover-Messe, 1990 91 92 93 94* Dominante Japaner
nach der kurzen Erholung 0,34 0,37 0,35 0,30 0,29 Handelsströme zwischen
der Wirtschaft werde es Deutschland, Japan und
jetzt „noch einmal bergab“ den USA; Exportvolumen
gehen. Die Chancen, eine 1990 91 92 93 94*
in Prozent des jeweiligen
größere Zahl der 3,8 Mil- Bruttosozialprodukts
lionen Arbeitslosen würde *geschätzt
irgendwann einmal wieder
Arbeit finden, werden immer geringer. so daß fast jeder überlege, wo er billiger Das alles wäre verkraftbar für die gro-
Die Aufwertung der Mark sei ein fertigen könne. ße Volkswirtschaft jenseits des Atlan-
„furchtbares Problem“, sagt Jürgen Zwar glaubt die Mehrheit der Wirt- tiks, wenn die Amerikaner mit fleißig
Schrempp, Chef der Daimler-Benz schaftsbeobachter in den Analyseabtei- Erspartem die Löcher zum größten Teil
Aerospace (Dasa) und künftiger erster lungen der deutschen Banken unver- selbst stopfen würden. Aber die Spar-
Mann des Daimler-Konzerns. Wenn der drossen, daß sich die US-Währung auf quote in den USA liegt gerade mal bei 4
Dollarkurs um zehn Pfennig sinke, ver- mittlere Sicht erholen wird. Ein „finaler Prozent. Die Deutschen legen über 12
liere die Dasa 300 Millionen Mark Er- Ausverkauf“, so Karin Bredemeyer von Prozent ihrer Einkommen zurück, die
lös. Es stelle sich die Frage, wieviel das der Deutschen Bank Research, sei aber Japaner gar 18 Prozent.
Unternehmen noch in Deutschland pro- auch nicht auszuschließen. Da die Defizite zu Hause nicht zu fi-
duzieren könne. „Der Dollar ist krank“, diagnostiziert nanzieren sind, muß Geld ins Land. In-
Auch in der Maschinenbauindustrie Hypobank- Ökonom Volker Hölterhoff, zwischen sind die USA, eines der reich-
heiße die Devise „weg aus Deutsch- „er verliert immer nachhaltiger an sten Länder der Welt, weltweit der
land“, sagt Alexander Batschari, Spre- Wert.“ Zu lange hätten die Amerikaner größte Schuldner. „Von Monat zu Mo-
cher des Verbandes Deutscher Maschi- auf Pump gelebt. Die riesigen Defizite nat wird es schwerer“, so die Analyse
nen- und Anlagenbau. Innerhalb weni- im Außenhandel und im Staatshaushalt deutscher Währungshüter, „diese Ge-
ger Wochen hätten sich die Kalkulatio- seien durch eine „gigantische Geld- schichte in Ordnung zu bringen.“
nen für die Firmen drastisch geändert, schöpfung“ finanziert worden. Es gibt kein Anzeichen dafür, daß
Washington gewillt und imstande ist,
den Teufelskreis zu durchbrechen – im
Entwicklung des amerikanischen Dollar gegenüber Mark und Yen Light-Währung Gegenteil. Vorige Woche beschloß die
republikanische Mehrheit des Kongres-
3,00 300 ses, die Steuern in den nächsten Jahren
Wert des Dollar 250
um 184 Milliarden Dollar zu senken.
2,50 in Mark US-Präsident Bill Clinton, der das
200 Haushaltsdefizit verringern wollte, ist
gescheitert. Sein Wort hat deshalb auf
2,00 150 den Finanzmärkten kaum noch eine Be-
deutung. „Diese Regierung kann mit
100 keiner Entscheidung den Respekt der
1,50 Tageskurs
Tageskurs 7. 4. 1995: Händler zurückgewinnen“, mault ein
7. 4. 1995: 50 Wert des Dollar in Yen 83,66 amerikanischer Börsianer.
DM 1,38
1,00 Alles deutet darauf hin, daß das US-
1980 85 90 95 1980 85 90 95 Haushaltsdefizit deutlich über das Jahr
2000 hinaus nicht ab-, sondern zuneh-

DER SPIEGEL 15/1995 19


..

DEUTSCHLAND

men wird. „Wir sehen jedenfalls nicht“,


klagt ein Brüsseler Eurokrat, „daß die S P I E G E L - G e s p r äc h
Amerikaner sich um eine höhere Spar-
quote oder ernsthaft um den Abbau ih-
res Haushaltsdefizits bemühen.“
Die Dollarschwäche gegenüber Yen
und Mark, so gefährlich sie für Japa-
ner und Europäer auf Dauer ist, übt
„Leider hat Moskau
auf Washington keinen unmittelbaren
Druck aus. Die USA leben ganz kom-
fortabel in einer Situation, da japanische
immer noch Angst“
Autohersteller gezwungen werden, ihre Außenminister Klaus Kinkel über die Ost-Ausdehnung der Nato
Preise in den USA anzuheben: der tiefe
Dollarkurs als Instrument im Handels-
krieg mit Japan. SPIEGEL: Herr Kinkel, der russische bau der wirtschaftlichen und politischen
Doch selbst wenn die japanischen Im- Verteidigungsminister Pawel Gratschow Verflechtungen zum Westen viel wichti-
portautos teurer werden, hat der US- droht mit einem Stopp der Abr üstung, ger sein. Gerade wir Deutschen helfen
Konsument darunter kaum zu leiden. falls sich die Nato nach Osten erweitert. Rußland bei seinem Bemühen, in den
Die einheimischen Autos gelten mittler- Sind wir auf dem Weg in einen neuen Europarat zu kommen, bei den G-7-
weile als genauso gut und preiswert. Al- Kalten Krieg? Gipfeln der großen Industrienationen
lenfalls werden Auslandsreisen uner- Kinkel: Nein, niedriger hängen. Aber dabeizusein, beim Internationalen Wäh-
schwinglich. mit seinen scharfen Tönen verstärkt rungsfonds, beim Kooperationsabkom-
Ein billiger Dollar kann dagegen die Gratschow, was er eigentlich verhindern men mit der Europäischen Union, durch
Wirtschaft ankurbeln, weil die eigenen will: daß die mittel- und osteuropäi- Wirtschaftshilfen. Das sollte Rußland
schen Länder noch heftiger als bisher in nicht aufs Spiel setzen.
die Nato drängen. SPIEGEL: Mit der Ausdehnung der Nato
Die Amerikaner haben SPIEGEL: Gratschow will notfalls sogar schüren Sie zwangsläufig die russische
nur ihre eigene die Verträge über strategische Atom- Angst vor Isolation und Einkreisung.
waffen kündigen und russische Truppen Kinkel: Leider gibt es diese Angst immer
Konjunktur im Blick an „gefährdeten Stellen“ stationieren. noch, obwohl sie unbegründet ist. Die
Kinkel: Die Russen müssen sich im kla- Erweiterung der Allianz richtet sich
Exporte leichter werden – aus der Sicht ren sein: Wenn sie mit solchen Drohun- nicht gegen Rußland. Nach dem Weg-
von Politikern wie Ökonomen ein posi- gen Ernst machen würden, bedeutet fall der Ost-West-Auseinandersetzung
tiver Effekt. Denn nach mehr als einem dies das Ende der bisherigen Zusam- muß eine Sicherheitsarchitektur für
halben Dutzend Zinserhöhungen der menarbeit mit dem Westen auch in an- ganz Europa geschaffen werden. Ihr
Zentralbank läuft die US-Wirtschaft deren Bereichen. Das kann Rußland Nukleus soll die Nato sein. Dabei wol-
Gefahr, an Schwung zu verlieren. nicht wollen, und wir wollen es gleich len wir Rußland in diese Architektur
Sosehr der deutsche Finanzminister gar nicht. einbeziehen, nicht ausgrenzen.
und der Bundesbankpräsident ent- SPIEGEL: Jetzt drohen Sie. SPIEGEL: Polen, Ungarn und die Balten-
schlossenes Handeln in Amerika for- Kinkel: Nein, Rußland spielt das Nato- Staaten drängen in die Nato, gerade
dern – nicht einmal auf die US-Noten- Thema in einem übertriebenen Maße weil sie Schutz suchen.
bank können sie als Verbündeten zäh- hoch. Auch eine erweiterte Nato be- Kinkel: Ich sehe keine objektive Bedro-
len. Der Federal Reserve Board, so ur- droht doch Rußland in gar keiner Wei- hung dieser Länder durch Rußland.
teilen Kenner, werde nicht handeln und se. Aus Moskauer Sicht müßte der Aus- Aber ich kann nichts daran ändern, daß
die Zinsen erhöhen, nur weil der Dollar- sie das subjektiv anders sehen und of-
verfall die internationalen Wirtschafts- * Alexander Szandar und Rainer Pörtner. fenbar das Gefühl haben, in die Nato
beziehungen belaste.
Die Männer um den Zentralbankchef
Alan Greenspan haben nur eines im Au-
ge: den Konjunkturverlauf und die
Preisstabilität. Da ein Inflationsrisiko
zur Zeit kaum besteht, ist eine Anhe-
bung der Zinsen durch die Zentralbank
kaum wahrscheinlich.
Deutsche und Japaner bleiben des-
halb ziemlich hilflos. Alle denkbaren
Möglichkeiten, etwa die lose Verket-
tung der wichtigsten Weltwährungen
nach dem Vorbild des Europäischen
Währungssystems, scheitern an der Er-
kenntnis, daß gegen den Druck eines
täglichen Billionen-Dollar-Marktes auf
Dauer nichts zu erreichen ist.
Und dieser Markt wird, so befürchten
Bonns Finanzminister und Frankfurts
Notenbankchef, noch lange für einen
M. DARCHINGER

überaus schwachen Dollar sorgen. Ein


Bundesbanker: „Da gibt es höchstens
mal einen Ausreißer. Am Trend ändert
sich dadurch nichts.“ Y Kinkel, SPIEGEL-Redakteure*: „Jelzin muß zeigen, daß er Demokrat geblieben ist“

20 DER SPIEGEL 15/1995


..

LAMBERNONT / GAMMA / STUDIO X


Deutsch-polnische Militärübung*: „Rußland hat der Nato nichts vorzuschreiben“

hineinzuwollen. Das steht ihnen frei, Kinkel: In einer Charta, so mein Vor- dann deutsche Soldaten unter russi-
das muß auch Rußland anerkennen. schlag, in einer Vereinbarung zwischen schem Oberbefehl ins Feld ziehen?
SPIEGEL: Wenn Sie Sicherheit von Van- Nato und Rußland könnten wir bei- Kinkel: Nato-Einsätze bleiben unter
couver bis Wladiwostok wollen, warum spielsweise Konsultationsmechanismen, Nato-Kommando. Das Zusammenwir-
statten Sie dann nicht die Organisation einen gegenseitigen Gewaltverzicht, ken mit russischen Soldaten zum Bei-
für Sicherheit und Zusammenarbeit in neue Abr üstungsvorhaben und gemein- spiel bei Blauhelm-Aktionen könnte
Europa (OSZE ) mit der nötigen Macht, same Friedenseinsätze vereinbaren. dann in der Charta geregelt wer-
mit Geld und Soldaten aus? SPIEGEL: Soll diese Charta unterschrie- den.
Kinkel: Die OSZE hat andere ergänzen- ben sein, bevor die Nato sich nach SPIEGEL: Wozu eine neue Charta? Im
de Aufgaben im Krisenmanagement, sie Osten ausdehnt? Rahmen der OSZE sind längst gemein-
soll im Vorfeld, sozusagen als Feuer- Kinkel: Rußland muß jetzt
wehr, konfliktverhütend tätig sein und zunächst das mit der Nato
zum Beispiel Verstöße gegen Men- vereinbarte Abkommen der
schen- und Minderheitenrechte verhin- Partnerschaft für den Frie-
dern. Aber sie kann das, was die Nato den unterschreiben und ak-
leisten muß, nicht garantieren. zeptieren, daß die Nato sich
SPIEGEL: Nämlich Frieden schaffen mit ausdehnt. Gleichzeitig oder
Nato-Waffen? danach könnte eine solche
Kinkel: Die Zeit der Vorneverteidigung Charta zustande kommen.
an der Blockgrenze zwischen Ost und Ein Vetorecht bei der Auf-
West ist vorbei. Die Verteidigungsfunk- nahme neuer Mitglieder
tion bleibt aber neben den neuen Aufga- werden wir Moskau auf kei-
ben eine der Kernfunktionen der Nato. nen Fall einräumen. Aber
Es gibt leider nach wie vor viele Brand- wir tun gut daran, Rußland
herde, wo die westliche Allianz in Zu- vorher in unsere Überlegun-
kunft im Auftrag der Vereinten Natio- gen miteinzubeziehen, es zu
nen friedenerhaltende und – in Einzel- konsultieren. Wir wollen M. DARCHINGER

fällen – auch friedenschaffende Maß- keine neuen Gr äben in die-


nahmen ergreifen könnte. ser europäischen Sicher-
SPIEGEL: Potentielle Krisenherde liegen heitsarchitektur schaffen.
vor allem im Osten. Ist da nicht ver- SPIEGEL: Sollen die Russen „Eine Charta für Blauhelm-Einsätze
ständlich, daß Moskau mitreden will? später einmal mit im Nato-
Kinkel: Wir wollen, daß Rußland an der Rat sitzen? mit russischen Soldaten“
gemeinsamen Sicherheit mitwirkt und Kinkel: Im Nato-Rat können
auch militärisch mit uns zusammenar- nur Nato-Mitglieder sitzen.
beitet. Aber bei wichtigen Entscheidun- Die USA erwägen aber zum Beispiel same Blauhelm-Aktionen vorgesehen,
gen darf die Nato in keiner Form einge- ein eigenes, ständiges Konsultations- der erste Einsatz in Berg-Karabach wird
schränkt sein. Wir sollten Moskau, er- gremium. Das wäre eine Möglichkeit. bereits geplant.
gänzend zur Erweiterung der Nato, ein Bei den G-7-Gipfeln haben wir ein an- Kinkel: Ja, die OSZE überlegt, eine
Sonderverhältnis, eine langfristige stra- deres Modell entwickelt: Erst tagt die Blauhelm-Truppe in den Kaukasus zu
tegische Partnerschaft mit der Nato an- Siebener-Gruppe, dann kommen die entsenden. Festlegungen gibt es noch
bieten. Russen zur politischen Debatte hinzu. nicht. Aber OSZE-Einsätze sind ande-
SPIEGEL: Wie soll denn diese Vorzugs- Warum sollte so etwas Ähnliches nicht rer Art als Nato-Einsätze.
behandlung aussehen? auch bei Nato-Sitzungen später mal SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, daß
funktionieren? Truppen der Nato gemeinsam mit russi-
* Bei der Nato-Übung „Cooperative Bridge 94“ im SPIEGEL: Wenn die Nato mit Moskau schen Soldaten auch zu Kampfeinsätzen
September 1994 in Biedrusko. Militäreinsätze absolviert – werden ausrücken?

DER SPIEGEL 15/1995 21


. .

DEUTSCHLAND

Kinkel: Ich würde zu treffende Verein- voraussetzungen eher vor


barungen zunächst mal auf Blauhelm- als bei anderen. Über das
Einsätze konzentrieren. Wann, Wie und Wer muß
SPIEGEL: Warum bieten Sie nicht Ruß- noch entschieden werden.
land selbst die Nato-Mitgliedschaft an? SPIEGEL: Wer muß denn auf
Kinkel: Ich habe manchmal den Ein- jeden Fall draußen bleiben?
druck, daß dieser Gedanke mindestens Kinkel: Jetzt versuchen Sie
in den Hinterköpfen führender Politiker es durch die Hintertür.
in Moskau eine Rolle spielt . . . SPIEGEL: Wer nicht in die
SPIEGEL: . . . und in den Hirnen ameri- Nato darf, fällt doch
kanischer Politiker offensichtlich auch. zwangsläufig in den Ein-
In Washington wird eine Aufnahme flußbereich Moskaus.
Rußlands in die Nato nicht mehr ausge- Kinkel: So sehe ich das
schlossen, möglicherweise nach franzö- nicht.
sischem Vorbild: ohne Teilhabe an der SPIEGEL: Wie wollen Sie

M. DARCHINGER
militärischen, aber bei voller Mitglied- den Wunsch Lettlands, Li-
schaft in der politischen Integration. tauens und Estlands nach
Kinkel: Die Frage steht im Augenblick Sicherheit befriedigen?
nicht an, deshalb muß sie jetzt auch Kinkel: Die baltischen Staa-
nicht entschieden werden. ten sind in der OSZE, im „Nicht alles auf der Nadelspitze
SPIEGEL: Aber die spätere Aufnahme Nordatlantischen Koopera-
Moskaus ist kein Tabu mehr? tionsrat, sie haben eine von Tschetschenien balancieren“
Kinkel: Wer weiß, wie die Welt in ein Partnerschaft-für-den-Frie-
paar Jahren aussieht? Wir alle konnten den-Vereinbarung mit der
uns noch vor fünf Jahren viele Entwick- Nato, sind im Assoziierungsverhältnis Kinkel: Nein. Aber wir können nicht al-
lungen nicht vorstellen, die inzwischen zur WEU und bald auch zur E U . Das les nur auf der Nadelspitze von Tsche-
eingetreten sind. Mit dem Aufbau neuer heißt, sie haben bereits enge Sicher- tschenien pendeln, so schlimm die Situa-
europäischer Sicherheitsstrukturen kön- heitsvernetzungen. Sie wollen natürlich tion dort ist; das wäre kurzsichtig. Ohne
nen wir nicht 10 oder 15 Jahre warten, in die Nato. Dar über wird im Erweite- Rußland läßt sich das europäische Haus
wir müssen jetzt anfangen. Deshalb rungskontext zu entscheiden sein. Es nicht gestalten – und es muß ein demo-
nochmals: Diese Frage steht im Augen- darf jedenfalls bei der neuen Sicher- kratisches Rußland sein.
blick nicht an. heitsarchitektur nicht unterschiedliche SPIEGEL: Ist Boris Jelzin, der sich vom
SPIEGEL: Ihr Kabinettskollege Volker Sicherheits- oder Grauzonen geben. Reformer zum Anführer eines autoritä-
Rühe geht davon aus, daß die Nato noch SPIEGEL: Was machen Sie denn, wenn ren Systems gewandelt hat, dafür noch
vor dem Jahr 2000 um eine erste Gruppe Rußland bei einem sturen Nein zur ein seriöser Verhandlungspartner?
von Staaten erweitert wird – Polen, Un- Nato-Expansion bleibt? Kinkel: Jelzin ist der erste frei gewählte
garn und Tschechien. Sie auch? Kinkel: Ich lasse mich nicht in spekulati- Präsident Rußlands und vertritt sein
Kinkel: Ich möchte auch, daß die Nato ve Sperrgitter treiben, gehe aber nicht Land, zu dem wir nach schwierigsten
möglichst schnell erweitert wird, und davon aus, daß es so kommt. Jahren ein partnerschaftlich-freund-
zwar – wenn möglich – parallel zur Eu- SPIEGEL: Wäre die Erweiterung für schaftliches Verhältnis gewonnen ha-
ropäischen Union. Die Parallelität ist al- Rußland leichter hinzunehmen, wenn ben. Dazu hat Präsident Jelzin entschei-
lerdings nicht zwingend. Und sicher lie- die Allianz im voraus darauf verzichtet, dend beigetragen.
gen bei einigen Ländern die Aufnahme- Truppen bisheriger Mitglieder auf dem SPIEGEL: Jelzin sei doch längst am En-
Gebiet neuer Partner zu de, meint Michail Gorbatschow.
stationieren? Kinkel: Es bleibt bei dem, was ich gesagt
Aufnahme erbeten Nato-Anwärter in Osteuropa Kinkel: Rußland kann der habe. Aber wir reden selbstverständlich
island Nato nichts vorschreiben. mit allen Reformkräften in Rußland.
Andererseits kann man SPIEGEL: Trotzdem sieht es wieder wie
norwegen über vieles nachdenken. ein Kniefall vor dem Tschetschenien-
SPIEGEL: Warum wollen Krieger Jelzin aus, wenn der Bundes-
Sie der russischen Regie- kanzler am 9. Mai zum 50. Jahrestag des
rung soweit entgegenkom- Kriegsendes nach Moskau fährt.
estland men, trotz des Krieges in Kinkel: Das ist ein völlig unberechtigter
Tschetschenien? Vorwurf. Staatsmänner wie Präsident
lettland Kinkel: Die Bundesregie- Clinton, Präsident Mitterrand und Pre-
dänemark
litauen rung hat scharf kritisiert, mierminister Major haben schon vorher
nieder-
groß- lande was in Tschetschenien ge- erklärt, daß sie aus diesem Anlaß nach
britannien deutsch- schehen ist und geschieht. Moskau fahren werden. Die Moskau-
belgien land polen Sie hat die Einhaltung der Reise wird der Bundeskanzler auch da-
luxemb. tschechien Menschenrechte, des Völ- zu nutzen, über Tschetschenien zu spre-
slowakei kerrechts und der OSZE- chen. Jelzin muß bei Tschetschenien zei-
frankreich ungarn Prinzipien verlangt. Leider gen, daß er Demokrat geblieben ist.
italien ist noch keine Lösung in SPIEGEL: Wie?
portugal Sicht. Wir müssen aber Kinkel: Indem er das Problem umge-
spanien über Tschetschenien hin- hend politisch, friedlich und demokra-
ausdenken, wenn wir die tisch löst und den Tschetschenen Auto-
Nato- Visegrád-Staaten türkei
Staaten (nach dem 1990 in der neue Sicherheitsarchitek- nomie gewährt, wie es die russische Ver-
Baltische ungarischen Stadt Visegrád tur für Europa aufbauen fassung zuläßt.
Staaten geschlossenen Abkommen) griechenland wollen. SPIEGEL: Herr Kinkel, wir danken Ih-
SPIEGEL: Weiter so? nen für dieses Gespräch. Y

22 DER SPIEGEL 15/1995


..

Kanzler-Geburtstag

Er läuft und läuft und läuft


SPIEGEL-Redakteur Hartmut Palmer über den feierlichen Eintritt Helmut Kohls ins Rentenalter

as macht unserem Kanzler wirklich Oder die „Dokumentation“ aus der rologische Befund bei Hofe „Kaiserwet-

D keiner nach: Er tritt zurück, ohne


daß wir es merken. Nur unser Ar-
beitsminister Norbert Blüm, der genau-
CDU-Zentrale, die Peter Hintze zum
65. vorlegt: „Helmut Kohl im Mei-
nungsbild“ – Lob an Lob auf 30
ter“.
Jetzt freut sich der Hofmarschall
Friedrich Bohl (CDU ), daß wir „ein
so lange Minister ist wie Helmut Kohl Schreibmaschinenseiten. richtiges Kanzlerwetter“ haben. Und
Kanzler, hat aufgepaßt. Weit hat der CDU-Generalsekretär die Bundeswehr bläst dazu ein Ständ-
Blüm – von Amts wegen sowieso für den Bogen gespannt: vom verstorbe- chen.
Renten und Rentner und damit seit vo- nen ungarischen Premier Antall, Jószef Daß sich Kohl den Glenn-Miller-
rigem Montag irgendwie auch für Hel- (Kohls „Name wird in der deutschen Evergreen „In the Mood“ etwas flotter
mut Kohl zuständig – hat in vertraute- Geschichte des letzten Jahrhunderts so wünscht, ist für den Dirigenten Eber-
ster Runde, beim Abendessen im Kanz- eingeschrieben werden wie der Otto hard von Freymann kein Problem: Sein
ler-Bungalow, zu dem der Hausherr aus von Bismarcks“) bis zum Kanzler-Fah- Schlagzeuger, Feldwebel Robert Bren-
Anlaß seines 65. Geburtstages
nur die engsten Freunde und
Weggefährten gebeten hatte, das
Geheimnis verraten.
Wenn Kohl auf Kundgebun-
gen in der Menge bade, so sein
Bewunderer Blüm, gebe es
manchmal „versteckte Feiglin-
ge“, die ihn gegen das Schien-
bein träten. „Und nur Kenner
wie ich, die sich – dank natürli-
cher Ausstattung – in den unte-
ren Etagen der Aufmerksamkeit
aufhalten, bemerken dann mit
diebischer Freude, daß unser
Bundeskanzler, während er oben
die Hände schüttelt, unten zu-
rücktritt.“ Einfach genial, oben
Hände schütteln, unten treten,
so ist E R .
Leider haben der neue Regie-
rungssprecher Peter Hausmann
und Kohls Medienberater An-
dreas Fritzenkötter auf des
Kanzlers Geheiß beschließen
müssen, daß dessen feierlicher
Eintritt ins Rentenalter und alle M. DARCHINGER

Reden, die aus diesem Anlaß ge-


halten werden, Kohls Privatsa-
che sind und damit geheim zu Jubilar Kohl, Gefolge*: Lob an Lob bei Kanzlerwetter
bleiben haben.
So wird Blüms Hymne („Eine Wür- rer Seeber, Eckard („Er macht die Po- ner, trommelt bei der Wiederholung am
digung des Bundeskanzlers Helmut litik, und ich fahre das Auto“), von Anfang ein bißchen schneller – aber
Kohl von unten“) frühestens im näch- Augstein, Rudolf („Glückwunsch, dann geht’s weiter im alten Trott.
sten Buch des Ministers, aber nie im Kanzler!“) bis zum verstorbenen Der Jubilar ist hoch zufrieden, ge-
Bulletin der Bundesregierung zu lesen Bonner Zeit-Korrespondenten Zundel, nießt den Triumph, wippt mit dem Fuß
sein, obwohl sie dort eigentlich hinge- Rolf („Diesen Kanzler wirft so leicht und merkt nicht, daß er geleimt wird.
hört. nichts um“). „Na also, es geht doch“, sagt dieser
Genauso wie die Frage, ob es „ein Und er? Steht wie „ein pfälzischer Kanzler-Blick.
Leben nach Helmut Kohl“ gibt. Klaus Menhir“ (Kinkel) unter dem blauen „Hauptsache, er hatte seinen Spaß“,
Kinkel, der FDP-Vorsitzende und Vi- Frühlingshimmel seines Geburtstages sagt der Oberstleutnant Freymann.
zekanzler, hat sie – rhetorisch zwar, und läßt sich feiern, wie einst Wilhelm „Wo kommen Sie im einzelnen her?“
aber mit bänglichem Unterton – im Zwo: Wenn der bei so schönem Wet- will der Kanzler von den Musiker-Solda-
Bonner Kabinettssaal gestellt und tap- ter ins Manöver zog, hieß der meteo- ten wissen. Als er hört, daß die in die-
fer verneint: „Unser Jubilar ist erst 65, sem Jahr am 3. Oktober im pfälzischen
und – Meniskus hin oder her – er läuft * Am vergangenen Montag mit Gattin Hannelore Deidesheim, also bei ihm um die Ecke,
und läuft und läuft . . .“ (l.) vor dem Kanzleramt. aufspielen sollen, zitiert er sofort den

DER SPIEGEL 15/1995 23


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DEUTSCHLAND

Bürgermeister Stefan Gillich (CDU ) gestreßte Kabinettsherr ein – aber wel-


herbei: Der Mann muß Kohl öffentlich SPD che Alternative hatte er denn? Seine
in die Hand versprechen, daß für Essen Idee, die zum Teil wilden Mutmaßun-
und Trinken gesorgt sein wird, wenn die gen über das umstrittene Gebaren der
Jungs von der Bundeswehr kommen.
Kohls präsidialer Freund François
Mitterrand hätte zur Geburtstagssoirée
Sag du, was vormaligen Greenpeace-Aktivistin von
dem aushäusigen, aber der SPD angehö-
renden Juristen Helmut Simon untersu-
im Elysée vermutlich einen weltberühm-
ten Konzertpianisten, der ehemalige
Präsident Richard von Weizsäcker viel-
du willst chen zu lassen, band den hannoverschen
Landesvater.
Der einstige Bundesverfassungsrich-
leicht ein Streichquartett verpflichtet. Monika Griefahn bleibt im Amt – ter hatte ihm einen 19 Seiten langen
Beim Ehepaar Kohl spielt zum Text in die Hand gedrückt, der die Vor-
Abendessen und später zum Tanz Franz und Ministerpräsident Schröder ist würfe, die Ministerin habe ihren Ehe-
Lambert auf, der „Kaiser der Orgel“ mäßig begeistert. mann und dessen Institut für die Expo
(Die Welt). Und der weiß, daß er mit 2000 protegiert, als unberechtigt dar-
seinen elektronischen Wersi-Instrumen- ei Anesis, einem an Hannovers stellt. Er habe „strengste Maßstäbe“ an-
ten, die mal eine Streicher-, mal eine
Bläsergruppe, mal ein ganzes großes
Symphonieorchester imitieren können,
B Flohmarkt gelegenen griechischen
Restaurant, mokierte sich vorigen
Mittwoch der niedersächsische Innenmi-
gelegt, ergänzte der Gutachter auf einer
Pressekonferenz, ob die Verdachtsper-
son ihrem Mann einen Auftrag zuzu-
den Geschmack des deutschen Volkes nister Gerhard Glogowski über das ge- schanzen versuchte, und dann „nichts
trifft und damit auch den des Jubilars. wandelte Image einer Genossin. Die sei gefunden“.
Lamberts Kompositionen sind be- ja nun „eine ganz normale Politikerin Das Ergebnis erleichterte den Mini-
rühmter als er selbst. Er ist kein Fern- geworden, die an ihrem Sessel klebt“, sterpräsidenten – aber behagte ihm
sehstar – aber Kohl kennt ihn. Orgel-
Lambert: „Wenn der mich irgendwo
sieht, egal wo, kommt der immer zu mir
und begrüßt mich.“
Die Gage, darauf hat Hannelore Kohl
den Musiker streng hingewiesen, wird
dem Privatmann Kohl in Rechnung ge-
stellt, ebenso wie die Kosten für das
Büffet, das ein Bonner Party-Service
ausgerichtet hat. Normalerweise be-
rechnet der Organist pro Abend für sich
und seinen Tontechniker 10 000 Mark.
Für Kohl aber wird er „einen guten
Freundschaftspreis“ machen.
Was schenkt man einem, der alles
hat? Einen Kohl im Goldrahmen über-
reicht der indonesische Diktator Suhar-
to. Einen Mitterrand des Malers Ernst-
Günter Hansing der Regierungsspre-
cher Peter Hausmann. Kinkel schleppt
ein Riesengemälde an – Helmut Kohl

M. DARCHINGER
als Schmied, der nackten Oberkörpers
ein Hufeisen behämmert, an dessen ei-
nem Ende „Ost“, am anderen Ende
„West“ steht. Umweltministerin Griefahn: Parteifreunde in Wallung gebracht
Dabei wollte der Jubilar keine Ge-
schenke, sondern Spenden für das von höhnte der Sozialdemokrat – passé „die auch, daß die Parteifreundin nun wieder
Hannelore Kohl geführte Kuratorium Lichtgestalt“. am Kabinettstisch Platz nimmt? Daß
ZNS zur Förderung hirnverletzter Un- Glogowski redete über die Umwelt- Schröder die kurzfristig beurlaubte Res-
fallopfer. Aber fast jeder, der kommt, ministerin Monika Griefahn, der Famili- sortchefin aufforderte, sie möge das
bringt etwas mit – zu Kohls, aber auch enfilz zur Last gelegt wird und die jetzt selbst entscheiden („Monika, sag du,
zum eigenen Ruhme. doch im Amt bleiben darf. Er, mit sei- was du willst“), läßt Zweifel zu.
Der Industrielle Nicholas Hayek, Er- ner „etwas anderen Sozialisation“, er- Die Sache Griefahn trieb Schröder
finder der Swatch-Uhr, schenkt natür- läuterte der Ressortleiter Inneres dem um, seit die Bild-Zeitung am 7. März
lich Swatch-Uhren. Norbert Blüm, der Regierungschef Gerhard Schröder un- mit einem dramatischen Bericht darüber
seine Pflegeversicherung für eine eben- verblümt, wäre „natürlich zurückgetre- erschien. Kaum ein Tag verging danach
so große Leistung hält wie die vor über ten“. in der niedersächsischen Staatskanzlei,
hundert Jahren eingeführte gesetzliche Der verstand den Wink. Obschon ihm an dem der Obersozi nicht die mögli-
Kranken-, Unfall- und Rentenversiche- sein „zweiter Mann“ zusicherte, die chen Folgen der schwelenden Krise ana-
rung, kredenzt selbstverständlich die Entscheidung „dennoch mitzutragen“, lysierte.
Reden des seinerzeit dafür verantwortli- war Schröder auf Ärger eingerichtet. Er sei sich unsicher gewesen – „ich ha-
chen Fürsten Otto von Bismarck. Sein kurz kommentierter Beschluß, an be Rat gebraucht“, gestand der anson-
Hommage à trois: „Dem Nachfolger der mißliebigen Öko-Ministerin festhal- sten so robuste Machtmensch Schröder
des Reichskanzlers“, so lautet die Wid- ten zu wollen, brachte nicht nur die Op- etwas kleinlaut. Seit er mit der denkbar
mung, „vom sozialpolitischen Nachfol- position in Wallung. knappsten Mehrheit (81:80) allein re-
ger desselben“. Otto von Blüm grüßt Auch in den eigenen Reihen werde es giert, turnt er ohnedies schon immer am
Helmut von Bismarck. Y „ein bißchen grummeln“, räumte der Abgrund.

24 DER SPIEGEL 15/1995


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Um sich Luft zu verschaf- re eigenen Gedanken machen.


fen, hat Schröder vor kurzem „Für Schröder den Ausputzer
einen Doppelhaushalt durch- zu spielen“, meldete sich de-
gepaukt, den die CDU als ren Fraktionsvorsitzende An-
verfassungswidrig bekämpft. drea Hoops zu Wort, komme
Zudem erlegte er seinem fi- natürlich nicht in Frage.
nanziell ausgepowerten Land In Hannover könnte sich
einen rigiden Sparkurs auf, nun eine Gemengelage zusam-
der ihn sogar der eigenen menbrauen, die dem Minister-
Fraktion entfremdet. präsidenten zusätzlich das Le-
Vor allem aber ist dem Ka- ben vergällt. Die Ank ündi-
binettschef das strategische gung des alerten CDU-Oppo-
Konzept arg in Unordnung sitionsführers Christian Wulff
geraten. Anstatt wie ehedem ist zwar übertrieben, aus dem
an seinem niedersächsischen „Skandal Griefahn“ sei nun
Rot-Grün-Modell („Bonner „ein Skandal Schröder“ ge-
Ablösungsperspektive“) fei- worden – aber das ist die politi-
len zu können, muß er sich sche Folge des Krisenmanage-
mit ausschließlich sozialde- ments.
mokratischen Provinzgrößen Seiner Art gemäß trat
herumschlagen. Schröder nach der Präsentati-
Der Frust über soviel Enge on des Simon-Papiers zu-

K. STRAUBE
entlädt sich in gelegentlichen nächst einmal wuchtig die
Krächen, die dann wiederum Flucht nach vorn an. Er habe
die geschurigelten Abgeord- Regierungschef Schröder: „Die Monika eingehend befragt“ „die Monika eingehend dar-
neten mächtig wurmen. Das über befragt“, ließ er sickern,
nährt den Argwohn, der ohnehin am aus Rot und Gr ün für die Republik und ob sie jetzt „auch durchzustehen“ bereit
liebsten grenzüberschreitend arbeitende Niedersachsen als die einzig realisti- sei, was sie – etwa im Untersuchungs-
Premier sehne sich in Wahrheit nach der sche Veränderungsperspektive“ gese- ausschuß – erwarte. Er selbst will den
alten Kombination zurück: hier der Pakt hen worden – und dabei bleibt es. Da breiten Buckel hinhalten.
mit der Wirtschaft, dort der Zugriff auf könne „auch ruhig mal ’ne absolute Wäre ja noch schöner, redete sich der
die Ökos. Mehrheit dazwischenkommen“. Landesvater in Rage, „daß ich einer jun-
Schröder, der sich zur Zeit nur an sei- Der Doppelstratege erinnert sich nun gen Frau nur deshalb die Karriere ka-
ner demoskopischen Popularität erfreu- gern daran, wie er trotz seines Durch- puttmache, weil die Bild-Zeitung das so
marsches im Frühjahr ’94 „die rot-grüne will“. Monika Griefahn, „ein Stück sozi-
Infrastruktur pfleglich bewahrt“ hat. In aldemokratisches Öko-Gewissen“, wer-
Schröder hat die der Staatskanzlei durften alle Mitarbei- de „nicht abgeschlachtet“. Basta.
rot-grüne Infrastruktur ter bleiben, die der Öko-Partei angehö- Es gibt allerdings Parteifreunde, die
ren – „und das bis hinauf zum stellver- ihm schon jetzt unterderhand prophe-
„pfleglich bewahrt“ tretenden Regierungssprecher“. Man zeien, daß er sich da übernehmen könn-
wisse ja nie, was mal passiert. te. Schröders List, aus der Not eine Tu-
en kann, dementiert das auch gar nicht. Daß Regierungschef Schröder, als die gend zu machen und sich dafür zu loben,
Zwar folgt er noch dem Prinzip, nach Affäre Griefahn ihrem Höhepunkt zu- eine „gegen den Strich gebürstete Ent-
dem man einen in Wahlen erworbenen strebte, auch über eine Umorientierung scheidung getroffen zu haben“, erschien
Regierungsauftrag „annehmen muß“, nachgesonnen hat, entspricht seiner Na- bereits zwei Tage danach eher im mat-
aber wer weiß schon, wie lange sich das tur. ten Licht.
halten läßt? Die Möglichkeit, über den Sturz sei- Genossen begannen vorsorglich zu
Früher als alle anderen, beharrt das ner Umweltministerin Neuwahlen zu in- streuen, er selbst habe der Umweltmini-
Mitglied einer erodierten SPD-Troika szenieren, hat er dann aber rasch wieder sterin nach ihrem „Freispruch“ den
lapidar, sei von ihm „diese Verbindung verworfen. Zumal sich die Gr ünen ja ih- Rückzug nahegelegt. Y

DER SPIEGEL 15/1995 25


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DEUTSCHLAND

kommt in Berlin gut an. Davon ist sie


Klimakonferenz selber überrascht.
Ihr Erfolgsrezept ist das Gegenteil
der klassischen Strategie ihres Vorgän-

Ernst gers Klaus Töpfer: Anstatt durch große


Ank ündigungen große Erwartungen zu
wecken, stapelt sie tief. Kohls neue

nehmen Umweltchefin präsentiert sich bewußt


als Lernende, und niemand stört sich
daran.
Unerwartet haben Umweltschützer Mal erzählt sie Journalisten unbe-
kümmert davon, was sie gerade Neues
Angela Merkel ins Herz geschlos- über internationale Klimapolitik erfah-
sen: Sie kündigt nicht groß an, son- ren hat. Mal gesteht sie dem amerikani-
schen Delegationsleiter Pomerance bei
dern stapelt lieber tief. Bier und Häppchen mit mädchenhaftem
Augenaufschlag, wie sehr sie früher in
ie Ministerin ringt mit dem Wort. Ostdeutschland die USA bewundert ha-

D Über hundert Umweltschützer aus


aller Welt haben sich im Berliner
Kongreßzentrum versammelt – ihnen
be.
Mal plaudert sie vor Wirtschaftsma-
nagern über Heizgewohnheiten zu Ho-
soll Angela Merkel jetzt über ihre Ver- neckers Zeiten, mal erzählt sie bei einer
handlungen auf der Internationalen Kli- Ansprache im Ost-Berliner Museum für
makonferenz berichten. Naturkunde aus ihrer DDR-Vergangen-
Über „Unanimity“ – Einstimmigkeit – heit: „Hier war ich oft als Kind.“
möchte Merkel eigentlich reden. Nur Bei einer Diskussion mit Umwelt-
kriegt sie die sperrige Vokabel auch gruppen stehen ihr zunächst einige
beim dritten Anlauf noch nicht so recht hochrangige Delegierte bei. Als die auf-
über die Lippen. stehen und gehen, weil sie weiterver-
Also rufen ihr immer mehr Zuh örer handeln müssen, bleibt Merkel alleine
das schwierige Wort zu, bis die Ministe- sitzen und kommentiert den Vorgang
rin schließlich mit einem „You know so: Da könnten nun alle sehen, wer hier
what I mean“ kapituliert. Spontan klat- auf der Konferenz die wirklich wichtige
schen einige aus dem
Publikum Beifall, dann
ist es wieder still.
So nett sind die Um-
weltgruppen längst nicht
zu allen Politikern im
Berliner Konferenzge-
tümmel.
Der amerikanische
Delegationsleiter Rafe
Pomerance etwa wird
durch Zwischenrufe,
Gelächter und Pfeifen
ständig unterbrochen.
Wenig später stürmen
die Umweltgruppen so-
gar einen Verhand-
lungsraum, um ihre Un-
geduld zu demonstrie-
ren.
Für die deutsche Mi-
nisterin gelten erstaunli-
cherweise andere Re-
geln, sie bleibt von Kra-
wall verschont. Ausge-
rechnet Kohls unschein-
bare Ost-Frau im Kabi-
nett, die beim nationa-
len Klimaschutz nicht
viel vorweisen kann und
als Konferenzpräsiden-
tin Tag für Tag mickri-
ge Verhandlungsergeb-
REUTERS

nisse schönreden muß,

* Vor einem Solar-Rasenmä- Konferenz-Präsidentin Merkel*


her. „Da bin ich anders“

26 DER SPIEGEL 15/1995


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Arbeit mache und wer nicht. Auch derlei neuen Schwung in die zähen Verhand-
milde Selbstironie kommt an. lungen brachte – und Bonn am Ende ein
Daß Merkel auf dem Berliner Gipfel Klimasekretariat beschert.
ein großer Wurf gelingen würde, hat Kohl hat zwar das Bekenntnis der
kaum jemand erwartet – im Gegenteil. Bundesregierung zur CO 2-Minderung
Schon bei ihrem Amtsantritt fürchteten nicht nur erneuert, sondern die selbst-
die Umweltverbände, der Aufstieg der gesteckten Vorgaben für Deutschland
mit Öko-Themen bislang wenig vertrau- noch verschärft.
ten Ost-Politikerin bedeute einen Ab- Aber was nützt die edle Absicht,
stieg für die Umweltpolitik. Merkel hatte wenn das alte und das neue Ziel den
noch nicht einmal ihren Schreibtisch ein- meisten Fachleuten gleichermaßen un-

AP
Umweltschützer Kohl in Berlin: Neuer Schwung in zähe Verhandlungen

geräumt, da tönte die Bonner Oppositi- erreichbar scheinen? Um wirklich Ein-


on, die neue Ministerin sei eine Fehlbe- fluß zu gewinnen in Berlin, hätte die
setzung. Bundesregierung vorführen müssen,
Als sie dann auch noch Clemens daß sie es im eigenen Land mit dem Kli-
Stroetmann, den erfahrenen Staatsse- maschutz ernst meint.
kretär im Umweltministerium, feuerte, Täglich bekam Angela Merkel zu hö-
fürchteten selbst Parteifreunde um das ren, die Deutschen sollten erst mal ihre
Gelingen der Berliner Riesenkonferenz. eigenen Ziele ernst nehmen, bevor sie
Kaum jemand bezweifelte, daß Merkel, anderen Ländern Verpflichtungen auf-
die in der Schule Russisch statt Englisch erlegten. „Es gibt da ein Glaubwürdig-
keitsproblem“, gestand Merkel leicht
zerknirscht – auch für sie.
Die Bonner Ausgerechnet die Gastgeberin und
Klimapolitik hat keinen Konferenzpräsidentin verbrachte in der
ersten Verhandlungswoche fast ebenso-
guten Ruf mehr viel Zeit in Bonn wie in Berlin. Anstatt
in Berlin für Klimaschutz zu werben,
gelernt hatte, im Schatten von Klaus stimmte sie bei den Haushaltsberatun-
Töpfer stehen werde. gen ab.
Der hatte 1992 beim Umwelt- und Das Problem hätte sich leicht vermei-
Entwicklungsgipfel in Rio de Janeiro als den lassen. Die Sozialdemokraten hat-
geschickter Verhandler geglänzt. Dort ten ein sogenanntes Pairing vorgeschla-
waren die Deutschen Schrittmacher, die gen – je ein Vertreter von Regierung
Klimadiplomatie war Töpfers Terrain. und Opposition sollte den Abstimmun-
Der deutsche Umweltminister galt als gen fernbleiben. Der Vorschlag schei-
Star von Rio. terte an der Union.
Doch nun hat er ein neues Ministeri- Daß der Kanzler so klar Stellung be-
um und die Bonner Klimapolitik schon zog in seiner Berliner Rede, schreiben
längst keinen so guten Ruf mehr. Da Merkels Beamte deren gutem Draht zu
hilft es wenig, daß Bundeskanzler Hel- den Entscheidern der Partei zu. „Die
mut Kohl in Berlin eine Rede hielt, die weiß genau, wen sie zu welchem Zeit-

28 DER SPIEGEL 15/1995


..

DEUTSCHLAND

punkt in welchem Tonfall anrufen


muß“, stellt Staatssekretär Erhard
Jauck bewundernd fest. Zu Bonner
Strippenziehern wie Kanzleramtschef
Friedrich Bohl werde seine Ministerin,
so Jauck bewundernd, „immer ganz
schnell durchgestellt“.
Sie weiß inzwischen auch, wie man
austeilt – etwa an den liberalen Kabi-
nettskollegen Günter Rexrodt.
Die FDP hatte Merkel vor kurzem
den Einstieg in eine ökologische Steuer-
reform vermasselt, zudem kam sie bei

Dem Grundsätzlichen
ihres Faches fühlt
sie sich gewachsen
den ersten Runden der vom Wirt-

M. DARCHINGER
schaftsminister moderierten Energie-
konsens-Gespräche kaum zu Wort.
Prompt blieb Rexrodt außen vor, als
Merkel vor der Berliner Konferenz mit Dı́ez Hochleitner, SPIEGEL-Redakteure*: „Wir brauchen eine globale Strategie“
der Automobilindustrie verhandelte;
anschließend trat sie mit den Spitzen-
managern allein vor die Presse. Ur- S P I E G E L - G e s p r äc h
sprünglich war Gemeinsamkeit mit
Rexrodt vorgesehen gewesen.
Fleißig, mittlerweile Bonn-erfahren,
aber phantasielos – dieses Image haftet
Angela Merkel fast schon zu Unrecht
an. Dem Grundsätzlichen ihres Faches
„Es gibt ein Erdbeben“
Der Präsident des Club of Rome, Ricardo Dı́ez Hochleitner, über den
– wie kann eine Demokratie die ökolo-
gischen Herausforderungen bewälti- Frust der ökologischen Weltaufklärer und die Berliner Klimakonferenz
gen? – fühlt sie sich durchaus gewach-
sen. Und wegen der Frage, wie Kon- SPIEGEL: Professor Dı́ez Hochleitner, SPIEGEL: Sie haben vergebens gewarnt?
flikte zwischen sozialen Besitzständen der Klimakollaps hat schon begonnen. Dı́ez Hochleitner: Wir sind zutiefst fru-
und ökologischem Fortschritt gelöst Die Menschheit leidet unter Rekord- striert, daß sowenig gehandelt wurde,
werden können, hat sie in der CDU stürmen, Rekorddürren und Über- um dem ökologischen Niedergang ent-
immerhin eine Diskussion in Gang ge- schwemmungen. Es geschieht, wovor gegenzutreten. Wenigstens ist, mit Un-
bracht. Kleine Erfolge. der Club of Rome seit Jahrzehnten terstützung der Massenmedien, ein
Nur – darüber redet die publicityre- warnt: Die Grenzen des Wachstums weltweiter Lernprozeß im Gange.
sistente Ministerin selten; das hält sie werden überschritten. SPIEGEL: Wo bleibt der Aufschrei des
nicht für ihren Job. Wäre Heiner Dı́ez Hochleitner: Ja, die Entwicklung Club of Rome, den alle Welt hört?
Geißler oder Kurt Biedenkopf Um- geht mit uns durch. 1972 hat der Club Dı́ez Hochleitner: Vielen sind wir ja jetzt
weltminister – da würde längst, und Szenarien für den schlimmstmöglichen schon zu marktschreierisch. Zu viele
zwar andauernd, über schwarz-grüne Fall vorgestellt. Sie waren sogar in unse- Mächtige sorgen sich um ihre Geschäfte
Umweltprojekte oder übers grüne Leit- rem eigenen Kreis äußerst umstritten. und ihren Einfluß, zu viele Wissen-
bild der Wertkonservativen philoso- Doch inzwischen sind 85 Prozent der ne- schaftler um ihr beschauliches, friedli-
phiert. gativen Prognosen tatsächlich eingetre- ches Leben. Außerdem werden wir ern-
„Da bin ich anders“, sagt Angela ten. ster genommen, wenn wir uns manch-
Merkel leicht traurig, aber entschlos- mal sogar mit Demut äußern und nicht
sen. * Hans-Peter Martin und Harald Schumann. ständig auf den Tisch hauen.
„Warum reden Sie nicht häufiger
über Visionen?“ Das wollten etliche
senschaftler aus aller Welt als Mitglie-
Berliner Umweltgruppen in Halle drei
von Angela Merkel wissen. Im Saal
Ricardo Dı́ez Hochleitner der angehören. Der Eliteclub gilt als
war es für einen Augenblick ganz ist seit 1991 Präsident des Club of „Gewissen der Menschheit“, so Ex-
still. Rome. Der bescheiden auftretende Bundespräsident Richard von Weiz-
Angela Merkel nahm sich Zeit für Verleger, 66, ein Spanier mit deut- säcker. Anfang der siebziger Jahre
die Antwort, wirkte so, als denke sie scher Mutter, sammelte jahrzehnte- sorgte die Vereinigung erstmals für
laut nach: „Ich weiß manchmal nicht, lang Erfahrung als Bildungsreformer globales Aufsehen, als sie die Studie
ob Visionen das sind, was Politiker und führender Mitarbeiter internatio- „Die Grenzen des Wachstums“ präsen-
machen sollten. Politiker sollten nichts naler Organisationen. Er versteht sich tierte. 1991 erschien ein Bericht, den
versprechen, was sie nicht halten kön- als Mahner der Mächtigen und zählt der Club of Rome verfaßt hatte, in
nen.“ zu den Mitbegründern des Club of deutscher Übersetzung als SPIEGEL-
Sogar für diese schlichte Maxime Rome, dem 100 Topmanager und Wis- Spezial („Die globale Revolution“).
gab es in Berlin Applaus. Y

DER SPIEGEL 15/1995 29


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DEUTSCHLAND

SPIEGEL: Ist die Menschheit nicht lern-


fähig?
Dı́ez Hochleitner: Doch, der Mensch
muß sich allerdings zuerst direkt be-
droht oder geschädigt fühlen, ehe er
Veränderungen zuläßt. Millionen junger
Menschen empfinden schon so. Sie erle-
ben, wie sehr ihre Zukunft gefährdet ist.
In Spanien etwa sehen sie, daß ein Drit-
tel des Landes austrocknet und sich
wahrscheinlich in Wüsten verwandelt.
Stürme und Überschwemmungen wer-
den sogar in Mitteleuropa zum Alltag.
Gymnasiasten wissen heute soviel dar-
über wie vor kurzem nur anerkannte
Fachleute. Meine Enkel haben schon
ein verblüffendes Gespür. Aber viele äl-
tere Menschen, die in einem Netz von
Interessen gefangen sind, widersetzen
sich dem Wandel.
SPIEGEL: Wollen Sie die Verantwortung
auf die Jugend abschieben, nachdem die
Älteren die Welt an den Abgrund ge-
wirtschaftet haben?
Dı́ez Hochleitner: Das wäre zynisch.
Meine Freunde vom Club of Rome und

„Mit diesen Leuten


muß man
aggressiv reden“
ich sind nicht zynisch. Ich hätte mir wahr-
lich ein schöneres Leben machen kön-
nen. Nachdem ich viel Lebenszeit und
A. BRADSHAW / SABA / REA

Geld für mein Engagement aufgewendet


habe, kann ich jetzt aber guten Gewissens
die Jungen zum Handeln auffordern. Au-
ßerdem haben inzwischen unzählige In-
dustrielle und Regierungsmitglieder be-
Autoverkehr in Peking: „Wir können China keine Befehle erteilen“ griffen, was auf dem Spiel steht. Vor 20
Jahren waren wir noch die Rufer in der
SPIEGEL: Grund genug gäbe es doch. der internationalen Politik“ zu stellen. Wüste, jetzt widerspricht kaum jemand.
Nach dem Umweltgipfel von Rio 1992 Ist dies nicht wieder nur Schönrednerei? SPIEGEL: Warum reagieren die Einsichti-
forderten Sie für das nächste Mal Dı́ez Hochleitner: Es ist ein Schritt vor- gen dann nicht?
„weniger Show und mehr Inhalte“. Die an, wenn Politiker die Szenarien zum Dı́ez Hochleitner: Die meisten haben
Berliner Klimakonferenz bot zwar we- Klimawandel ernst nehmen und über Angst, ihren Job zu verlieren, weil sie
niger Show, aber auch kaum Inhalte. die Verminderung der Treibhausgase im noch in der Minderheit sind. Wir erleben
Dı́ez Hochleitner: In Rio hörten wir Weltmaßstab verhandelt wird. Wir müs- das bei unseren Treffen mit Regierungs-
Lippenbekenntnisse, denen zu wenige sen bei den Beteiligten die Unschulds- chefs und Topmanagern hinter verschlos-
Taten folgten. Berlin hat uns auch vermutung gelten lassen, bis das Gegen- senen Türen.
kaum weitergebracht. teil bewiesen ist. SPIEGEL: Was geschieht denn da?
SPIEGEL: Bundeskanzler Helmut Kohl SPIEGEL: Stehen die Wohlstandsländer Dı́ez Hochleitner: Zun ächst schildern wir
fordert jetzt für 1997, was schon in Ber- nicht zu Recht unter Anklage? ihnen jeweils sehr aggressiv die dramati-
lin hätte beschlossen werden sollen: ein Dı́ez Hochleitner: Richtig, aber wir sind sche Lage. Mit diesen Leuten muß man so
völkerrechtlich verbindliches Protokoll, alle schuldig. Keiner von uns, der in den reden. Danach geschieht immer das glei-
das alle Treibhausgase erfaßt und Ver- reichen Industrieländern um die Proble- che: In den ersten Stunden, meist vor dem
minderungsziele festlegt. me weiß, leistet einen ausreichenden Essen, halten diese einflußreichen Ent-
Dı́ez Hochleitner: Mir imponiert weni- Beitrag. Ich erkläre mich selbst für mit- scheidungsträger ihre Sonntagsreden.
ger, daß Bundeskanzler Kohl an der schuldig . . . Wie Automaten spulen sie ihre schnellen
Reduktion von Kohlendioxid festhält. SPIEGEL: . . . weil Sie sieben Kinder Antworten ab und verteidigen irgendeine
Doch er hat als erster Regierungschef und einen Swimming-pool haben und Ideologie, der sie sich verpflichtet fühlen.
eindrucksvoll den bevorstehenden ständig um die Welt jetten? SPIEGEL: Wenig überraschend.
Temperaturanstieg mit konkreten Zah- Dı́ez Hochleitner: Niemand von uns ver- Dı́ez Hochleitner: Später, wenn wir ihnen
len beschrieben. Das ist ein Wende- ändert seinen Lebensstil genügend. Die klarmachen, wie ernst alles ist, und ihnen
punkt. Regierungen agieren kurzsichtig, weil nochmals versichern, daß keine Kamera
SPIEGEL: Schon beim Rio-Gipfel ver- sie um ihre Wiederwahl fürchten, zu vie- und kein Mikrofon eingeschaltet ist,
sprach Kohl, „die Bewahrung der le Industrielenker lenken nicht und bricht es aus ihnen heraus: Sie beginnen
Schöpfung fortan in den Mittelpunkt kümmern sich nur um die Dividende. fast zu weinen und bekennen, wie unsi-

32 DER SPIEGEL 15/1995


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cher sie sind, was zu tun wäre. Dann niger demokratischer Kontrolle und rechnet Ihr Club in den nächsten zehn
endlich hören sie zu, und wir können ih- wachsendem Einfluß der Lobbys. Jahren?
nen konkrete Vorschläge machen. Dı́ez Hochleitner: Was ist die Alternati- Dı́ez Hochleitner: Unwetter, Dürren
SPIEGEL: Warum reisen dieselben Poli- ve? Die Staatsräson im klassischen Sin- und Zerstörung werden sicherlich noch
tiker und Manager dann zu Uno-Konfe- ne ist am Ende. Die „raison d’état“ von weiter zunehmen. Dennoch mehren sich
renzen und wehren alle Lösungsvor- heute ist die „raison d’humanité“, weil auch die positiven Signale, etwa die
schläge ab? wir weltweit voneinander abhängig sind. enormen Einsparmöglichkeiten im
Dı́ez Hochleitner: Weil sie Geld kosten Die Demokratien stecken in einer tiefen Energiebereich oder beim Autoverkehr.
und Wähler oder Gefolgsleute verär- Krise, gerade weil die gewählten natio- SPIEGEL: Der Rückgang beim Spritver-
gern könnten. Wir Bürger wollen doch nalen Regierungen allein keine Antwor- brauch wird durch die Verkehrszunah-
von den Politikern stets einfache Lösun- ten mehr anbieten können. me wieder wettgemacht. Allein das boo-
gen, die nicht weh tun. Aber nur an der SPIEGEL: Die Vereinten Nationen brin- mende China kann das Weltklima bald
Oberfläche der Tagespolitik sieht es so gen aber auch kaum etwas voran. stärker beeinflussen als die Entwicklung
aus, als ändere sich nichts. Dı́ez Hochleitner: Da ändert sich gerade in jedem anderen Land.
SPIEGEL: Sie glauben an einen Durch- vieles zum Besseren. Möglicherweise Dı́ez Hochleitner: Unsere Botschaft be-
bruch? genügt aber auch ein offener Verband trifft auch China. Wenn wir dorthin fah-
Dı́ez Hochleitner: Es gibt keine andere von Demokratien, die sich in Kernfra- ren, können wir aber keine Befehle aus-
Wahl. Ein Erdbeben steht bevor. Ich
habe schon mehrere erlebt, in Peru und
in Mexiko. Bevor es beginnt, spürt man,
daß etwas passieren wird, weiß aber
nicht genau, was es sein wird. Hören Sie
sich doch um, wie viele Menschen dieses
Gefühl teilen. Noch wissen wir nicht, ob
die Erschütterungen konstruktiv oder
vor allem destruktiv sein werden.
SPIEGEL: Sollen wir nur abwarten?
Dı́ez Hochleitner: Die bevorstehenden
Umwälzungen werden um so gewalti-
ger, je länger Wirtschaft und Politik zö-
gern. Allein seit dem Rio-Gipfel hat sich
der Preis vervielfacht, den wir für die
Bewältigung der ökologischen und so-

ELLERBROCK / SCHAFFT / BILDERBERG


zialen Katastrophen bezahlen müssen.
SPIEGEL: Liegt das nicht auch an fal-
schen politischen Vorstellungen vom
Einfluß nationaler Regierungen? Ist die
Welt überhaupt noch regierbar?
Dı́ez Hochleitner: Jedenfalls nicht wie
bisher. Mit dem Klein-Klein-Ansatz na-
tionaler Politik lassen sich die großen
Menschheitsfragen nicht mehr angehen. Verdorrtes Ackerland in Südspanien: „Ein Drittel in Wüste verwandelt“
Wir brauchen eine globale Strategie.
Zumindest die großen Industrienatio- gen einer von allen getragenen Instituti- teilen. Wir schreiben auch keine Reports
nen müssen einen Teil ihrer Souveräni- on unterwerfen. über einzelne Länder. Das wäre unfair.
tät abtreten, damit sie gemeinsam han- SPIEGEL: Die Weltpolitik läuft in die Wir warnen vor globalen Entwicklungen,
deln können. Die Europäische Union entgegengesetzte Richtung. Gerade rei- suchen Ideen und Initiativen. Wir unter-
hat gezeigt, daß dies möglich ist. che Länder setzen auf Ethnozentrismus stützen, was immer ein Beitrag zur Ent-
SPIEGEL: In der E U wurde drei Jahre und nationale Abwehr. schärfung der Weltkrise sein könnte.
lang über eine Energiesteuer für den Dı́ez Hochleitner: Der wachsende Ein- SPIEGEL: Das leisten andere Einrichtun-
Klimaschutz verhandelt – vergebens, wanderungsdruck macht vielen angst. gen auch, die besser ausgestattet sind,
weil Großbritannien, Griechenland und Er setzt aber auch Politik und Wirt- vom World Watch Institute in Washing-
auch Ihr Heimatland Spanien die Abga- schaft unter Druck, sich um die armen ton bis zur Uno-Entwicklungsorganisati-
be nicht wollten. Länder zu kümmern. Erstmals kommt on UNDP. Überlegen Sie, den Club of
Dı́ez Hochleitner: Dennoch ist die E U jetzt die Zusammenarbeit Spaniens und Rome aufzulösen?
noch immer das beste Modell, das wir der E U mit Nordafrika in Schwung. Eu- Dı́ez Hochleitner: Ich glaube nicht, daß
haben. Vor nicht allzu langer Zeit be- ropa wird massiv in den Maghreb-Staa- diese Institutionen in dem gleichen Geist,
kriegten wir uns, jetzt machen wir ge- ten investieren. mit der gleichen Reichweite und Unab-
meinsame Gesetze. So einen politischen SPIEGEL: Der Generalsekretär Ihres hängigkeit arbeiten wie wir. Sollen wir
Mechanismus müssen wir auch zur Be- Clubs, Bertrand Schneider, meint, aufhören, nur weil es nicht schnell genug
wältigung globaler Krisen aufbauen. schon bald werde auf die Flüchtlinge ge- vorangeht?
SPIEGEL: Wünschen Sie sich etwa eine schossen, die versuchen, übers Mittel- SPIEGEL: Sie könnten ein spektakuläres
Weltregierung? meer nach Europa zu gelangen. Zeichen setzen.
Dı́ez Hochleitner: Keine Regierung, Dı́ez Hochleitner: Er warnte nur davor, Dı́ez Hochleitner: Wir fragen uns bei jeder
aber eine Verwaltung, eine Institution. daß dies die logische Folge sei, wenn Sitzung, ob wir weitermachen sollen. Zu
Vergleichbar der Brüsseler Kommissi- nichts gegen die Verelendung geschieht. einer Auflösung, das muß ich zugeben,
on, könnte sie die Interessen aller Staa- SPIEGEL: Die reichen Länder investie- fehlt uns bislang der Mut.
ten gemeinsam wahrnehmen. ren aber viel weniger in die Entwick- SPIEGEL: Professor Dı́ez Hochleitner,
SPIEGEL: Bislang führte die Internatio- lungshilfe als noch vor einigen Jah- wir danken Ihnen für dieses Ge-
nalisierung von Entscheidungen zu we- ren. Mit welchen Umweltentwicklungen spräch. Y

DER SPIEGEL 15/1995 33


..

DEUTSCHLAND

Sozialstaat

Auf Stütze
Minister Seehofer stößt mit seiner
Reform der Sozialhilfe auf wenig
Widerstand.
as ZDF wollte genau wissen, was

D die Deutschen von jenen Mitmen-


schen halten, die von der Sozialhil-
fe leben. „Maloche statt Abzocke?“
fragte das Wirtschaftsmagazin „Wiso“
vorigen Donnerstag seine Zuschauer
vor der Sendung per Telefon.
Seither darf sich Horst Seehofer, vom

C. SHIRLEY
Kabinett mit der Reform der Sozialhilfe
beauftragt, bestätigt fühlen: Die Mehr-
heit der Deutschen findet, daß jeder Antragsteller im Sozialamt*: Vom Kinobesuch bis zur Zahnpasta
redlich sein Geld mit Arbeit verdienen
sollte. 63 Prozent stimmten für die Kür- sen auf das Existenzminimum zu verlet- bis 1999 ermitteln: was der Mensch zum
zung der Sozialhilfe. Wer auf Stütze zen. Wie hoch das genau ist, darüber Leben braucht, vom Kinobesuch bis zur
lebt, gilt als Dr ückeberger und Absah- wird gestritten, seit die Fürsorge 1961 Zahnpasta. Die Sozialhilfe soll steigen
ner, der sich auf Kosten der Fleißigen mit dem Bundessozialhilfegesetz in ei- wie der Nettolohn. Sie darf höchstens 85
einen faulen Lenz macht. nen Rechtsanspruch umgewandelt wur- Prozent des niedrigsten Lohnes, den ein
Die Zahlen scheinen die Vorurteile zu de. Arbeitsplatzbesitzer erhält, ausmachen.
beweisen: In nur zehn Jahren haben sich Alle Modelle, das Existenzminimum Die rund 500 000 arbeitsfähigen Sozi-
die staatlichen Ausgaben für die Sozial- festzulegen, haben sich als angreifbar alhilfeempfänger können fortan zum
hilfe nahezu verdreifacht. erwiesen. Die Politiker konnten und Arbeiten animiert werden – wer einen
1994 gaben die Gemeinden mehr als können sich nicht davor drücken, den zumutbaren Job ablehnt, dem wird die
50 Milliarden Mark aus, um mehr als Betrag politisch festzulegen, denn es Sozialhilfe um 25 Prozent gekürzt. Ein
zwei Millionen Menschen vor Armut zu gibt keine objektiven Maßstäbe. Unternehmen, das einen Stützeempfän-
bewahren. Werde die Kostenexplosion Sicher ist nur: Der Grundgesetzan- ger einstellt, erhält befristet einen
nicht gestoppt, so Ludwig Fuchs vom spruch umfaßt mehr als Essen, Kleidung Lohnzuschuß und eine Einarbeitungs-
Deutschen Städte- und Gemeindebund, und Wohnung auf niedrigstem Niveau. prämie.
dann gehe bald fast der ganze Haushalt Sicher ist auch: Armut ist ein relativer Das sind moderate Reformideen –
der Kommunen für Sozialhilfe drauf. Begriff. In einer reichen Gesellschaft und vieles davon steht längst im Gesetz.
Seehofer versucht eine Gratwande- fällt sie anders aus als in einem Entwick- Was gängige Praxis ist, will Seehofer
rung – die Kosten für die Sozialhilfe ein- lungsland. nun konkret gefaßt wissen. Das Echo
zudämmen, ohne den verfassungsrecht- Seehofer will den Bedarf eines Sozial- auf sein Vorhaben fiel entsprechend ge-
lich garantierten Anspruch der Mittello- hilfeempfängers in einer Untersuchung mischt aus.
Wohlfahrtsverbände und Sozialpoliti-
ker aller Couleur heulten routiniert wie
eh und je auf. Das sei eine „vollständige
Kapitulation der Sozialpolitik“, jam-
merte für die ÖTV deren Vorstandsmit-
glied Ulla Derwein. „Seehofer be-
kämpft Arme statt Armut“, klagte Rolf
Lodde, Sprecher der Nationalen Ar-
mutskonferenz. Der DGB warnte vor
einem „Großkonflikt“.
Seehofer war denn auch über die Auf-
schreie seiner Kritiker wenig erregt:
„Die haben doch genau diese Reform
gewollt.“
Tatsächlich hatten sich Vertreter von
Opposition und Verbänden gemeinsam
mit Kohls Gesundheitsminister die Re-
form ausgedacht. Damals behielten sie
die Einwände für sich.
Lautstark empörte sich etwa Anke
Fuchs, eine von Seehofers SPD-Vorgän-
gerinnen, über das Lohnabstandsgebot
von 15 Prozent. Sie übersieht offenbar,

„Mein Gott, Seehofer, das hat nichts Gutes zu bedeuten!“ Kölner Stadt-Anzeiger * In Wilhelmshaven.

34 DER SPIEGEL 15/1995


daß die Sozialdemokraten selbst im fö-
deralen Konsolidierungssparprogramm
der Länder für einen festen Abstand
zwischen Lohn und Stütze plädiert hat-
ten.
Auch die Aufregung darüber, daß die
Sozialhilfe, ähnlich der Rente, nach
der allgemeinen Nettolohnentwicklung
steigt, ist unverständlich. Mit Zustim-
mung der SPD wird schon jetzt der An-
stieg der Sozialhilfe bis 1996 auf zwei
Prozent jährlich begrenzt.
Ernst muß der Reformminister die
sarkastische Ablehnung mancher Prak-

Wo sind die vielen


Arbeitsplätze für
die Sozialhilfeklientel?
tiker nehmen. Wie er denn beweisen
solle, daß ein Sozialhilfeempfänger
nicht arbeiten wolle, fragt sich Willi
Schiefer, der Leiter des Sozialamtes
Kölner Innenstadt. Wo Seehofer die
„Riesenreserven an Arbeitsplätzen“ für
die Sozialhilfeklientel plötzlich herneh-
me, will Uwe Lübking vom Städte-
und Gemeindebund wissen.
Tatsächlich sind im Westen 33,6 Pro-
zent, im Osten gar 65 Prozent der So-
zialhilfeempfänger Langzeitarbeitslose.
Der rege Reformer Seehofer verweist
verschämt auf ein Wiedereingliede-
rungsprogramm seines Freundes und
Arbeitsministers Norbert Blüm.
Das isolierte Bosseln an der Sozial-
hilfe birgt ohnehin Tücken. Einen
überproportional hohen Anteil an So-
zialhilfeempfängern stellen alleinerzie-
hende Mütter. Kaum zu glauben, daß
die Drohung mit der Kürzung viele
von ihnen zur Arbeit zwingen kann,
solange Kindergartenplätze und Teil-
zeitjobs fehlen.
Einen Teilrückzug trat der CSU-Mi-
nister schon freiwillig an. Die Absicht,
auch die Leistungen für Asylbewerber
und Bürgerkriegsflüchtlinge zu kürzen,
ist erst einmal vertagt – die FDP, die
ihr Herz für Bürgerrechte gerade wie-
derentdeckt, legt sich quer.
Für Seehofers vorsichtige Reform
können sich dagegen Stadt- und Ge-
meindekämmerer rundum erwärmen.
Denn die kommunalen Haushalte müs-
sen künftig nicht mehr einspringen,
wenn etwa Krankenkassen oder Ren-
tenträger bei Anträgen schluren. Ein
Riesensparbatzen: Für 400 000 Men-
schen leistete die Sozialhilfe im Jahr
1993 Vorkasse, weil die auf ihr Geld
von anderen Trägern warteten.
Seehofer werbe so „geschickt populi-
stisch“ für seine Reform, seufzte denn
auch Andrea Fischer, Sozialpolitische
Sprecherin von Bündnis 90/Die Gr ü-
nen: „Da fällt es schwer, dagegen zu
sein.“ Y
..

TITEL

PANIK MADE IN PULLACH


Mit einer spektakulären Operation schockten die deutschen Sicherheitsbehörden im letzten August die Welt:
Sie verhafteten in München drei Gauner, die russisches Plutonium verkaufen wollten – den Stoff, aus dem die
Atombombe ist. Doch die Aktion „Hades“ war in Wahrheit ein großangelegter Schwindel, Moskau unter Druck zu
setzen – inszeniert vom Bundesnachrichtendienst in Pullach.

ufthansa-Flug 3369 aus Moskau den Kolumbianer Justiniano Torres nem „apokalyptischen Alptraum“. Das

L wird von Staats wegen erwartet.


Polizisten in Uniform, bayerische
Kriminalbeamte und Geheime vom
Benı́tez, 38, abgeholt hat, wird gleich
mit verhaftet.
Der Kofferinhalt, beschlagnahmt am
Menetekel Nuklear-Terrorismus war
Thema auf Symposien und Kongressen
rund um den Globus. Dem SPIEGEL
Bundesnachrichtendienst (BND ) beob- 10. August 1994, wurde weltberühmt. (34/1994) waren die neuen Waffen der
achten auf dem Münchner Flughafen die Nach drei Tagen war die Nachrichten- Erpresser eine Titelgeschichte wert.
Landung der Maschine. sperre von Journalisten geknackt wor- Torres und sein Kumpan, der
Neben der Ausstiegsluke der Boeing den, die Staatsanwälte und Kriminal- 49jährige Spanier Julio Oroz Eguia,
737, die im Modul B, Finger 109, des polizei über den Fall verhängt hatten. hatten an Ur ängste gerührt. Plutoni-
Franz-Josef-Strauß-Airports andockt, „Plutonium zum Verkauf“ titelte die um, der giftigste aller Stoffe, die
halten sich zwei Kriminalbeamte ver- New York Times. Bild am Sonntag menschlicher Erfindungsgeist je ge-
steckt und mustern die Passagiere. In rechnete aus, daß das „geschmuggelte schaffen hat, war auf einmal in der
Gep äckhalle C bereiten sich Kollegen Plutonium reicht, um das Trinkwasser Alltagswelt – nicht länger abgeschottet
auf den Zugriff vor. in ganz Deutschland zu vergiften“. Die hinter hohen Zäunen irgendwo in La-
Zielstrebig picken die Beamten einen Neue Z ürcher Zeitung schrieb von ei- boratorien oder Reaktoren. Die spa-
kleinen dunkelhaarigen Fluggast und nisch sprechenden Gauner hatten den
seinen schwarzen Delsey-Hartschalen- * Am 15. August 1994; links: Metallkoffer der Bomben-Stoff aus dem zerfallenen So-
koffer heraus. Ein zweiter Mann, der Fahnder mit Strahlenmeßgerät. wjetreich herbeigeschafft und wollten

DPA

Sichergestellter Plutonium-Koffer von München*, Presse-Echo: Alarmstufe rot von Washington bis Tokio

36 DER SPIEGEL 15/1995


..

nun im Westen das große Geld verdie- schachern – ein wichtiges


nen. Element für die verhee-
Genau dieses Szenario ängstigte die rendste aller Waffen, die
Menschen besonders in Deutschland, Wasserstoffbombe.
seitdem zuvor im Mai in einer badischen Niemals zuvor hatte es
Garage Plutonium in einer allerdings einen solch gefährlichen
winzigen Menge gefunden worden war. Nuklear-Schmuggel gege-
Jetzt hatte ein Gangster-Trio – der drit- ben. Die Verhaftung in
te Mann war in einem Münchner Hotel München löste weltweit
verhaftet worden – versucht, 363,4 Alarmstufe rot aus. Regie-
Gramm waffenfähiges Plutonium und rungen von Washington bis
201 Gramm des Metalls Lithium 6 zu ver- Tokio ließen sich über die
Entwicklung des Falles re-
gelmäßig berichten. Fälle

F. HELLER / ARGUM
wie diese signalisierten,
was „die größte langfristige
Bedrohung für die Sicher-
heit der Vereinigten Staa-
ten“ sei, stellte der FBI-Di- BND-Zentrale in Pullach: Showdown vor der Haustür
rektor Louis Freeh fest.
Unter lebhaftem Beifall des Publi- Celle I wollten die Behörden damals ei-
kums schrieb der deutsche Bundeskanz- nen V-Mann in die Terrorszene ein-
ler Helmut Kohl an seinen russischen schleusen.
Freund Boris Jelzin einen Brief, doch Tarnbezeichnung für die Plutonium-
bitte dafür zu sorgen, „daß kein spaltba- Aktion des Bundesnachrichtendienstes
res Material in der Welt herumvagabun- war „Operation Hades“ – in der griechi-
diert“. Um die Tatkraft der Regierung schen Mythologie der Gott der Unter-
wenige Wochen vor der Bundestags- welt. Ziel von „Hades“ war zu bewei-
wahl ins rechte Licht zu setzen, sandte sen, daß die neue unheimliche Gefahr
Kohl dann seinen Staatsminister Bernd aus dem Osten tatsächlich besteht.
Schmidbauer nach Moskau. Deutscher Um aller Welt zu zeigen, wie porös
Ordnungssinn, das war die Botschaft, die Atom-Arsenale des ehemaligen So-
mußte den Russen, die in ihrem chaoti- wjetreichs sind, inszenierte der BND ei-
schen Land nichts mehr unter Kontrolle nen gewaltigen Bluff, mit allen Zutaten
hatten, den Weg weisen. eines Thrillers – mit windigen, geldgieri-
In einem Zeitungsinter-
view platzte Paul Münster-
mann, einer der höchsten
deutschen Geheimdienst-
Männer, schier vor Stolz:
Die Verhaftung in Mün-
chen, ließ der damalige
Vizepräsident des Bundes-
nachrichtendienstes wis-
sen, sei das „Ergebnis
systematischer Planung
und nachrichtendienstli-
cher Methodik“.
Wohl wahr.
Die Geschichte um den
bislang weltgrößten Pluto-
nium-Schmuggel ist eine
raffinierte Inszenierung
des Bundesnachrichten-
dienstes, die Bomben-Ge-
schichte ein Bomben-
Schwindel, eine der aben-
teuerlichsten Aktionen,
die der deutsche Geheim-
dienst in seinen fast 40
Dienstjahren angezettelt
hat. Vergleichbar ist sie
nicht mal mit dem Buben-
stück, das Verfassungs-
schutz und die Antiterror-
gruppe GSG 9 im Juli 1978
inszenierten: Mit einem
Sprengstoffanschlag auf
den Hochsicherheitstrakt Plutonium-Schmuggler Torres
der Justizvollzugsanstalt „Das Zeug hat seinen Preis“

DER SPIEGEL 15/1995 37


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TITEL

BND-Leute als „Agents provocateurs“


aufgetreten seien.
Wissen wollte er auch, ob „die Pluto-
nium-Lieferungen gepuscht“ und die
Anbieter „nach München gelockt“ wor-
den seien. Die Seinen beruhigten ihn:
„Ein klares Nein“, Herr Präsident.
In der Plutonium-Affäre haben sich
beim BND die Trennlinien zwischen
Halunken und Ehrenmännern ins Un-
kenntliche verwischt. Als ein BND-
Mann sich sorgte, ob der Transport des
Plutoniums auf dem Luftweg nicht zu
gefährlich sei, was denn passiere, wenn
die Maschine abstürze, blaffte ihn BND-

DPA
Spitzel Rafa voller Verachtung an: „Das
Staatsminister Schmidbauer (l.) in Moskau*: „Details kenne ich nicht“ geht mir doch am Arsch vorbei.“
„Operation Hades“ war das Werk-
gen Agenten, von Ehrgeiz zerfressenen genehmigt und gedeckt hat, blieb un- stück eines nach der Wende gegründe-
Geheimdienst-Bossen, mit großen und klar. Kaum zu glauben, daß nicht zu- ten Referats im BND, das sich um post-
kleinen Gangstern und Gaunern. Die mindest die rechte Geheimdienst-Hand kommunistische Agenten-Sujets wie
Handlung spielt zwischen Madrid und von Helmut Kohl, Staatsminister Bernd Geldwäsche und Drogenhandel küm-
Moskau, der Showdown vor der Pulla- Schmidbauer, in die Aktion eingeweiht mern soll. Der in Haus 109 residieren-
cher Haustür in München. Geschachert war – und sie gebilligt hat. Der Minister den Truppe mit dem Kürzel 11A traut
wurde um 276 Millionen Dollar, zumin- zum SPIEGEL: „Die operativen Details selbst in Pullach mancher nicht über den
dest auf dem Papier. kenne ich nicht.“ Weg.
Vor der Öffentlichkeit läuft das Der inszenierte Plutonium-Schmug- Seit dem Bundesnachrichtendienst
Gangsterstück bis heute als schlichter gel ist im nachhinein einigen BND-Obe- mit dem Ostblock auch seine Feindbil-
Kriminalfall: Vom 10. Mai an muß sich ren nicht mehr geheuer. Zu Recht be- der weitgehend abhanden gekommen
das Trio der Plutonium-Schmuggler vor fürchten sie einen Skandal, wenn die sind, sucht der Pullacher Dienst mit sei-
der 9. Großen Strafkammer des Land- ganze Geschichte an die Öffentlichkeit nen insgesamt 6300 Auswertern, Spio-
gerichts München wegen diverser Ver- kommt. Die „Medien“, heißt es in ei- nen und Spitzeln nach Gr ünden für die
stöße gegen das Kriegswaffenkontroll- nem vertraulichen Bericht aus Pullach, weitere Daseinsberechtigung. Abteilun-
gesetz verantworten. Torres und seinen könnten den „Vorwurf der Anstiftung gen rivalisieren miteinander, jeder miß-
Komplizen drohen bis zu zehn Jahre konstruieren“, was „dem Prozeßaus- traut jedem. Daß der großangelegte Plu-
Haft. gang und allen beteiligten Behörden tonium-Bluff jetzt herauskommt, hat
Der BND kommt in der Anklage- bzw. Personen nachhaltig schaden wer- mit diesen internen Überlebensquerelen
schrift nicht vor, nicht mal in der Zeu- de“. zu tun.
genliste. Doch die Erfinder der tolldrei- Nur an dem branchenfremden Präsi- In den letzten Monaten meldete sich
sten Geschichte haben ihren Coup exakt denten des Dienstes, Konrad Porzner, immer mal wieder ein Unbekannter bei
dokumentiert – angefangen von der Pla- einem früheren Finanzexperten der dem Münchner Strafverteidiger Werner
zierung eines BND-Lockvogels in der SPD, lief das Stück offenbar vorbei. Ir- Leitner, der den Häftling Torres ver-
Schieber-Szene zu Madrid bis hin zu den ritiert ließ er, nachdem alles gelaufen tritt. „Brutal“, sagte der Anonymus, sei
Verkaufsgesprächen zwischen den V- war, in seinem Hause nachfragen, ob der Fall von Kollegen „angeschoben
Leuten des Dienstes worden“. Die Kamera-
„Rafa“ und „Roberto“ den wollten „Lorbeeren
und den Plutonium- ernten. Die haben ihr ei-
Händlern. genes Süppchen ge-
Die Akten mit den kocht“.
Ausschriften abgehör- Der Maulwurf aus Pul-
ter Telefongespräche, lach gab den Rat, in Spa-
mit Observationsberich- nien zu ermitteln. „Dort
ten und Wortprotokol- kommen Sie weiter.“
len von Treffen zwi- In der deutschen Bot-
schen BND-Spitzeln und schaft der spanischen
Atom-Dealern, bei de- Hauptstadt hat tatsäch-
nen Geheime stets ein lich jene Geschichte an-
Mikro dabeihatten, la- gefangen, die später die
gern beim BND und sei- Menschen quer über den
nen Helfern. Globus in Schrecken ver-
Wer alles von den setzte.
Verantwortlichen der Leiter der BND-Resi-
Republik von dem ge- dentur in Madrid ist Dr.
fährlichen Unternehmen Peter Fischer-Hollweg,
hart am Rande der Le- Deckname „Eckerlin“,
galität gewußt, wer es ein Klotz von Mann mit
geschliffenen Manieren.
* Am 22. August 1994 mit In der Botschaft leitet Fi-
dem russischen Geheim-
dienst-Chef Sergej Stepa- scher-Hollweg offiziell
schin. Bestätigung der Hypo-Bank (Ausriß): „Kriegen wir es in bar?“ das Politikreferat 2. „Pe-

40 DER SPIEGEL 15/1995


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TITEL

dro, el Gordo“, Peter, den Dicken, nen- ter. Der ehemalige deutsche V-Mann ist 18 war er bei der Guardia Civil, später
nen ihn die Spanier. schon vor Jahrzehnten nach Spanien ge- beim militärischen Nachrichtendienst,
El Gordo ist keiner dieser in Geheim- kommen, weil dort das Leben nicht so dann Ermittler im Drogenhandel. Das
diensten häufig anzutreffenden Wichtig- schwer ist. Er betreibt eine kleine Plan- knapp 167 Zentimeter große Kraftpaket
tuer, die nur den Zeitungen des Landes tage, wohnt in einer malerischen Finca. trägt auch den Tarnnamen „Lolita“.
hinterherschreiben. Fischer-Hollweg ist Hauptberuflich jobbte er für das deut- Eigentlich ist Rafa für den BND tabu.
von anderem Kaliber: Er organisiert sche Bundeskriminalamt (BKA ) und Er gehört zur sogenannten aktiven Re-
Geheimdienst-Aktionen und dirigiert in ausländische Dienste, im alten Milieu, serve der spanischen Polizei – auch das
Spanien ein Agentennetz. Der BND- der Drogenszene. Irgendwann hat ihn eher fragwürdig, denn der BND darf in
Resident heuert V-Leute an, und er der BND auch angeworben, nicht die befreundeten Ländern keine Sicher-
zahlt nicht schlecht. 5000 Mark im Mo- feine Art unter Sicherheitsleuten, aber heitskräfte abwerben. Wenn Rafas Ar-
nat plus Erfolgsprämie sind für die frei- Pullach sticht mit fetten Prämien die beit für den BND publik werde, so steht
en Mitarbeiter leicht drin. Konkurrenz aus, selbst die deutsche. es in Rafas Pullacher Akte, könne das
El Gordos Stars waren „Rafa“ und Robertos Kumpan Rafa, 41, hat im- zum „Skandalfall für die deutsch-spani-
„Roberto“. Roberto heißt eigentlich Pe- mer ein wildes Leben gelebt. Schon mit schen Beziehungen“ werden.

gemeinsam mit den Managern sogar in

„Uns fehlt nichts“ Moskau eine nicht sonderlich erfolg-


reiche Verkaufsfirma.
Punkt 19.48 Uhr ruft Torres wieder
Woher stammt das in München sichergestellte Plutonium? an: „Wenn von Iwan eine positive Ant-
wort kommt, gut, wenn nicht, dann ru-
fe in Kasan an und mache was aus. Ich
komme morgen, und dann fliegen wir
zusammen nach Kasan.“
Dann: „Ich nehme ein Kilogramm
mit und fliege zurück.“
Namen von Torres-Helfern, ihre Te-
lefonnummern, ihre Verbindungen,
von einigen sogar die Adressen, finden
sich in den Abh ör-Unterlagen des
LKA. Säuberlich hat man die Bänder
aus dem Russischen und Spanischen
übersetzen lassen.
Dutzende Hinweise ergeben sich
darauf auf die Hintermänner des Ko-
lumbianers. Aber sie helfen dem LKA
nicht weiter. Denn bis heute blocken
die Russen ab.
G. GIANSANTI / SYGMA

Am 2. November, drei Monate nach


der Verhaftung von Torres und seinem
Partner Julio Oroz Eguia auf dem
Münchner Flughafen, schickte das
Plutonium-Brüter Kernreaktor: „Rede mit dem Iwan“ LKA über Interpol einen langen Fra-
genkatalog an die Sicherheitsbehörden
m 7. August 1994, 17.02 Uhr, Gena: Ich rufe gleich in Kasan an, ich in Moskau: welche Personen zu den 18

A wählt Justiniano Torres Benı́tez


die Nummer 007 095 3214241 –
Moskau. Dort meldet sich Gena, ein
muß wissen, ob ich hinfliegen soll.
Torres: Das, was in Kasan ist, wird ver-
schoben.
aufgeführten Telefonanschlüssen ge-
hörten, welche Firmen Torres betrie-
ben habe, wer seine Angestellten sei-
Bekannter des Kolumbianers. Den en?
Dialog haben die Experten vom Baye- Die beiden benutzen einen Code, Die Antwort kam vier Wochen spä-
rischen Landeskriminalamt (LKA ) auf aber die Lauscher in München wissen ter über das Bundeskriminalamt
Band: genau, worum es geht – um den Bom- (BKA ) in Wiesbaden: Ein paar Adres-
benstoff Plutonium. Auch die Namen sen, einige Firmennamen, „Erkennt-
Torres: Ich bin in Deutschland. César und Kasan sind ihnen geläufig: nisse zu den Anschlußinhabern“ lägen
Gena: Ist alles normal? César ist der Sekretär von Torres in leider noch nicht vor.
Torres: Schwierig . . . Wenn du es be- Moskau, Kasan die Hauptstadt der Die unergiebige Antwort liegt auf
kommst, mußt du es César geben. Er russischen autonomen Republik Tatar- der Linie, an die sich die Moskauer
fliegt morgen um vier Uhr. stan, einst eine der Waffenschmieden Polizisten strikt halten: Waffenfähiges
Gena: Es ist alles nicht in Moskau. Brau- des zerborstenen Sowjetreichs. Seit 40 Nuklearmaterial ist in Rußland vor
chen sie genau vier Kilogramm? Jahren werden hier Militärhubschrau- Diebstahl sicher. Anderslautende Be-
Torres: Ja, wenn es morgen nicht geht, ber montiert. richte sind böswillige ausländische Pro-
dann spätestens übermorgen. Torres hat beste Verbindungen nach paganda. Die Standardantwort kann
Gena: Ich kann es ja versuchen. Kasan. Er war jahrelang Partner eines der eigens für diese Dinge nach Mos-
Torres: Rede mit dem Iwan. großen Helikopterwerkes und betrieb kau abgeordnete BKA-Mann Rainer

44 DER SPIEGEL 15/1995


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sammenkunft dauerte nur ein paar Mi-


nuten. Eine Probe Plutonium 239 wollte
der Deutsche haben, unbedingt, und der
Stoff sollte nach München geliefert wer-
den – „nur München“ komme in Frage.
„Warum?“ fragte einer. „Dort habe ich
ein Labor.“
Der Ablauf der Madrider Farce ist ty-
pisch für derartige Geheimdienst-Ope-
rationen: Einer, in diesem Fall der Spit-
zel Rafa, macht den Aufreißer, sein

ACTION PRESS
Komplize mimt den Mann von Geld. Ir-
gend jemand sucht Plutonium und will
dafür jeden Preis zahlen. Das macht die
Plutonium-Pressekonferenz von München*: Nebelwerfer in Stellung gebracht Runde in der Szene. Geschickt wies V-
Mann Rafa die Richtung, wo der Bom-
ben-Stoff zu bekommen sei: „Wenn ihr
Die beiden V-Leute arbeiten gern für unfähig seid, werde ich selbst nach Ruß-
den BND. Der Dienst zahlt gut. Beson- land fahren, um die Dinge zu regeln.“
Schmidt schon singen: „Uns fehlt ders viel Geld gibt es, wenn der Scoop Der Dreh klappte. Zwischen Madrid
nichts.“ nicht im Ausland, sondern in Deutsch- und Moskau hatte sich herumgespro-
Nach dem Münchner Verhaftungs- land läuft. chen, daß sich ein Deutscher ernsthaft
spektakel präsentierte der russische Rafa und sein Kumpel Roberto trafen für Plutonium interessierte. Der Stoff
Geheimdienst den deutschen Kollegen im Madrider Milieu auf Leute, die Kon- sollte unbedingt nach München ge-
ein paar Festnahmen in einer Garage. takte in die zerbrochene Sowjetunion schafft werden. Die Lieferanten in Mos-
„Hintermänner“ seien ins Netz gegan- hatten: In deren Deals spielten, so kau bissen an.
gen, teilte der Dienst dem Kanzleramt behaupteten sie jedenfalls, russi- Am 11. Juli des vergangenen Jahres
mit, sogar Nuklearmaterial habe man sche Kriegswaffen en gros eine Haupt- tauchten Oroz und Torres in der bayeri-
beschlagnahmt. Doch dabei handelte rolle. schen Hauptstadt auf. Die beiden hatten
es sich nur um vergleichsweise harmlo- In der Gauner-Run- sich in der nicaraguani-
se Uran-Pellets, schwach angereichert de führte bei einer Zu- schen Botschaft in Mos-
– Nukleartrödel. sammenkunft im Mai kau kennengelernt. Sie
Nach außen demonstrieren die Rus- letzten Jahres ein ge- Der Spitzel macht lebten von Gelegen-
sen Zusammenarbeit, aber in der Sa- heimnisvoller Deut- heitsgeschäften: Dün-
che mauern sie – besonders der immer scher das große Wort. den Aufreißer, sein ger, Zement, gesalzene
noch allmächtige Geheimdienst. Für An einem Sortiment Kuhhäute, auch mal
den ehemaligen KGB-Chef Leonid Kampfhubschraubern Komplize mimt Hubschrauber.
Schebarschin ist die Sache klar: „Un- oder einer Prise Osmi- Oroz hatte dem Ko-
ser nukleares Potential soll unter west- um hatte er kein Inter-
den Mann von Geld lumbianer erzählt, daß
liche Aufsicht gestellt werden.“ Um esse. Er fragte nach jemand in Spanien „wie
das zu erreichen, würden westliche Plutonium und immer wild“ Plutonium suche.
Dienste „auf sogenannte aktive Maß- wieder Plutonium – das sei „ein sehr Torres war interessiert. Er kannte in
nahmen“ zurückgreifen. Schebarschin: starkes Produkt“. Mancher der Zuh örer Moskau viele wichtige Leute. Die wa-
„Die Plutoniumaffäre ist ein Parade- aber konnte mit dem Begriff gar nichts ren jetzt hilfreich (siehe Kasten). Einer
beispiel dafür.“ anfangen. Doch allen fiel auf, daß Rafa mit dem Allerweltsnamen Konstan-
Abwechselnd verweisen russische den Deutschen immer wieder auf den tin brachte ihm eine Probe. Drei
Offizielle auf England, Japan oder so- Stoff brachte. Gramm Plutonium 239 nur, aber im-
gar die Bundesrepublik als Herkunfts- Etwa zehn Tage später, Anfang Juni merhin.
land für die in München sichergestell- 1994, fand im Foyer des Madrider Oroz und Torres fuhren mit dem
ten 363,4 Gramm Plutonium. Doch zu- „Novotel“ ein weiteres Treffen mit dem Zug von Moskau über Berlin nach
mindest das steht nachweisbar fest: deutschen Dunkelmann statt. Die Zu- München. Ein Anrufer aus Spanien
Torres hat den tödlichen Stoff in der hatte sie in die bayerische Hauptstadt
ehemaligen Sowjetunion beschafft. * Mit dem bayerischen Innenminister Günther bestellt. „Hier und nur hier“ könne
Wahrscheinlich stammt das Material Beckstein (2. v. r.), am 15. August 1994. das Geschäft ablaufen. Den Stoff ver-
aus einer russischen Forschungsanlage.
Fachleute der europäischen Atomkon-
trollbehörde Euratom vermuten, daß Nuklearschmuggel weltweit
es für einen experimentellen Brutreak-
tor bestimmt war. 150 Vom Bundesnachrichtendienst (BND)
Das auf 87,2 Prozent angereicherte registrierte Fälle 124
Plutonium lag knapp zehn Prozent un-
ter der von „Kaufmann Boeden“ ge- 100
forderten besten Bombenqualität. Um
mit dem Material eine Atombombe zu 53 56
bauen, seien, so die Kölner Gesell- 50
schaft für Anlagen- und Reaktorsi-
cherheit in einem Gutachten, etwa
neun Kilogramm erforderlich. 0
1992 1993 1994

DER SPIEGEL 15/1995 45


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TITEL

steckten sie in einem Loch im Waggon. hat schließlich keinerlei polizeiliche Be-
Im Hotel Altano in der Arnulfstraße 12, fugnisse. Verhaften muß die Polizei.
Zimmer 705, warteten sie auf den Käu- Die Staatsanwälte sind unsicher. Die
fer. In Madrid ist Rafa von ihrer An- Madrider Vorgeschichte kennen sie
kunft informiert und alarmiert den örtli- nicht. Oberstaatsanwalt Helmut Meier-
chen BND-Chef. Staude ahnt, daß der Fall kompliziert
Während die beiden mit ihrer Plutoni- werden könnte. Wenn ein Geheimdienst
um-Probe im Hotel warten, zögern in den Takt vorgibt, gelten andere Regeln.
München der verantwortliche BND-Ab- 22. Juli, 20 Uhr, ein Freitag. Im Hotel
teilungsleiter Rudolf Werner und sein Excelsior beschnuppern sich zunächst die
Referatsleiter, Duzfreund Jürgen Mer- aus Moskau angereisten Anbieter und
ker. In den oberen Rängen des Geheim- Rafa. Beiläufig läßt Rafa fallen, daß er
dienstes gibt es Skrupel. Soll man die 400 000 Dollar schon mal mitgebracht
riskante Operation durchführen? habe.
Der Leiter der Ob er denn vier Kilo-
BND-Residentur in gramm besorgen kön-
Madrid schickt eilig ei- ne, fragt er Torres. Der
nen Warnbrief nach Vor dem Finale antwortet großspurig:
Pullach. Falls sein V- „Kein Problem.“ Das
Mann Rafa kein Okay schaltet der Material sei allerdings
für den Einsatz be-
komme, würden „die BND die bayerische noch in Moskau, viel-
leicht in Sibirien. Eine
beiden Händler das Probe habe er aber mit-
Territorium der Bun-
Polizei ein gebracht.
desrepublik am 20. Ju- Sie ziehen sich in Ra-
li verlassen“. Außer- fas Hotelzimmer zu-
dem mahnt Fischer-Hollweg ein anstän- rück. Torres zeigt eine etwa fünf Zenti-
diges Honorar für den V-Mann an. Spä- meter lange Metallhülse vor. Sie ist mit
testens jetzt dürfte Staatsminister einem Stopfen verschlossen. „Ich ver-
Schmidbauer mit dem Fall beschäftigt stehe nichts davon“, sagt Rafa und will
worden sein. Vorsorglich fragte der das Pulver mal berühren. Oroz mimt
BND bei ihm an, wieviel Geld solche den Kenner: „Wenn etwas davon an dei-
Hinweise auf Nuklear-Schmuggel wert nen Fingernägeln hängenbleibt, kann es
seien. mit dir vorbei sein.“
Schließlich entscheidet sich der BND, „Was wollt ihr mit dem Zeug ma-
das Stück zu wagen. Rafa reist am 22. Juli chen?“ fragt Torres. „Wir wollen in ei-
an. Seine Frau ist mit von der Partie, ein nem Land den Regierenden erschrek-
Ehepaar fällt weniger auf. Der Spanier ken“, erklärt Rafa. Die richtigen Käufer
soll als Mittelsmann zwischen den Liefe- kämen noch. Sie brächten einen Chemi-
ranten und dem BND fungieren. Pullach ker mit, hinter dem die Polizei her sei.
hat inzwischen das bayerische Landeskri- „Ein As.“
minalamt eingeschaltet, die Münchner Drei Tage später taucht der ersehnte
Staatsanwaltschaft auch, denn der BND Käufer auf. Walter Boeden, eine tadel-
lose Erscheinung, spielt den reichen
* Polizeibeamter bei der Spurensicherung. Kaufmann aus München. In Wahrheit

DPA

Celler Loch (1978)*: Bubenstück vom Verfassungsschutz


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TITEL

ist Boeden ein „noeP“, ein nicht offen er- Anderntags, Punkt 15.19 Uhr, treffen Am Abend bringt Boeden zwei längli-
mittelnder Polizeibeamter. sie sich in der Lobby des Kempinski-Ho- che Umschläge mit. 5000 Mark und 2000
Boeden hat den Auftrag vom LKA am tels. Boeden nippt an seinem Cappucci- Mark. Spesen. Die Geschichte soll ja
Morgen bekommen. Am Abend ist er no und sagt zu Adrian: „Ich war vorhin weitergehen.
schon gut präpariert, kennt sich aus mit im Labor. Das sieht aber schon sehr, Weder den BND noch die Leitung des
Plutonium-Isotopen und gefährlichen sehr gut aus.“ Landeskriminalamtes kümmert es, daß
Strahlungen. Der Mann vom Landeskriminalamt die Aktion „Hades“ gegen ein paar
Techniker des LKA haben ihn mit ei- hat die Moskauer Probe im Institut für Grundsätze verstößt, die der Arbeits-
nem kleinen Mikro ausgestattet. Alle Ge- Radiochemie in Garching bei München kreis „Innere Sicherheit“ der Landesin-
spräche werden heimlich aufgenommen. untersuchen lassen. Ergebnis: Plutoni- nenminister für die Bekämpfung der

W. M. WEBER

Torres, Ehefrau, Zentrale der Bayerischen Hypo-Bank in München: Geheime Aktion des „inner circle“

Eine Idee der Staatsanwaltschaft. Sie will um 239, zu 87,7 Prozent angereichert, Nuklear-Kriminalität formuliert hat und
die Verhandlungsgespräche im Wortlaut waffenfähig. auf die sich alle deutschen Polizeibehör-
mitbekommen. Die Dialoge werden spä- Torres will Geld für die Probe, aber den verständigt haben.
ter dokumentiert. Minute für Minute – Boeden stellt sich stur: „Die Proben „Der Einsatz von verdeckten Ermitt-
„Lauschangriff“ steht auf den Papieren. zahle ich grundsätzlich nicht. Das ist in lern“, steht da, „ist auch unter dem
25. Juli, 19.20 Uhr. Torres erzählt, daß diesem Geschäft nicht üblich. Ich habe Aspekt der künstlichen Marktbeschaf-
es mindestens vier verschiedene Qualitä- schon so viele Proben bekommen, und fung zu beurteilen und abzuwägen.“
ten Plutonium gebe – „38“, „39“, „41“, dann ist außer dieser Probe nie mehr et- Und: „Probekäufe dürfen nicht dazu
„45“ –, Boeden sagt: „Mich interessiert was gekommen. Die Leute sind mit die- führen, daß im Ausland befindli-
nur 39.“ Er bevorzuge Plutonium 239 mit sem Geld abgefah- ches Material nach
einer Anreicherung von „95 oder 96 Pro- ren.“ Torres erwidert: Deutschland gebracht
zent“. „Das Zeug“ sei in ei- wird.“
Das ist der beste Bomben-Stoff. ner Fabrik. Er müsse „276 Millionen Die Operation von
Der BND, der die Operation eingefä- es holen. „Es hat sei- München ist derart
delt hat, sitzt mit am Tisch. Der Dolmet- nen Preis, den muß Dollar in Scheinen, derb, daß darüber ein
scher Adrian, der das deutsch-spanische man eben zahlen.“ Streit zwischen BKA
Fachgespräch zwischen Boeden und den „Wenn Sie wollen“, das ist doch wohl und BND ausgebro-
aus Moskau angereisten Plutonium-Lie- sagt er zu Boeden,
feranten übersetzt und mitverhandelt, ar- „dann fahren wir nach
etwas zuviel Zeug“ chen BKA
ist. Auch das
wußte von
beitet für den Pullacher Geheimdienst, Moskau, und ich über- dem Plutonium-Ange-
Abteilung 11A. gebe es Ihnen dort bot aus Moskau. Der
Torres erklärt, daß er über Moskau . . . Es liegt alles bereit. Dort sind elf zuständige Kriminaldirektor in Wiesba-
Stoff besorgen könne. „Wir haben zwei Kilo.“ den aber untersagte seinem Madrider
Kilo in einer Fabrik, zwei Kilo in einer an- Oroz mischt sich ein. Er habe in der V-Mann Roberto, den Stoff ins Land zu
deren.“ Für die Bombe braucht es minde- Fabrik angerufen und die „Nachfrage“ holen. Der BND war weniger skrupu-
stens drei Kilo, bei guter Qualität. erklärt. „Da sagen die: ja.“ Aber der Si- lös.
Boeden holt aus seinem Auto ein cherheitsdienst Rußlands wolle auch Es ging gegen den alten Feind: Tatort
Strahlenmeßgerät, bittet um die Probe kassieren. „Die Lösung liegt in Ruß- Moskau lieferte gleichsam gebündelt al-
und nimmt sie mit ins Labor. „Über Geld land“, bestätigt Rafa, der Vertrauens- le Lieblingsverschwörungen der Nostal-
reden wir später.“ mann des BND. giker beim Dienst. Ein finsterer Super-

52 DER SPIEGEL 15/1995


komplott von neuer Mafia und altem
KGB.
Der Blick hinter die Kulissen der Ge-
heimen enthüllt, fast nebenbei, ein in-
teressantes Detail: Bei Geschäften die-
ser Art sind Banken unverzichtbar.
Kaufmann Boeden bedient sich bei
seinen vielfältigen Jobs für das Landes-
kriminalamt einer Münchner Adresse:
Die Bayerische Hypotheken- und
Wechsel-Bank mit der Hauptniederlas-
sung an der Münchner Theatinerstraße
11 ist Deutschlands sechstgrößte Bank.
Das Geldhaus stattete den Kaufmann
Boeden – mit angeblichem Firmensitz
im Fritz-Meyer-Weg 55, München – mit
Kreditzusagen aus, als sei er ein überaus
solventer Kunde. Für Rauschgift-Ge-
schäfte, die Boeden ebenfalls im Auf-
trag des LKA auszuführen pflegte, stan-
den ihm 2,5 Millionen Dollar zur Verfü-
gung. Auf einem echten Geschäftsbo-
gen der Hypo-Bank stand, das Geld lie-
ge „zur Auszahlung“ bereit.
In den Verhandlungen mit den Pluto-
nium-Lieferanten mußte mehr Geld
her. Zun ächst gab die Hypo-Bank eine
Bankbestätigung über 122 Millionen
Dollar. Das reichte nicht. In einer klei-
nen Münchner Kneipe vis-à-vis des Ho-
tels Excelsior einigten sich Boeden und
die Plutonium-Beschaffer schließlich für
vier Kilogramm Plutonium 239 auf 276
Millionen Dollar – nach damaligem Dol-
larkurs immerhin 435 Millionen Mark.
Überliefert ist noch ein bizarrer Dia-
log. „Kriegen wir es in bar?“ fragte
Oroz. Übersetzer Adrian, der Mann
vom BND, klärte auf: „276 Millionen
Dollar in Scheinen, das ist doch wohl et-
was zuviel Zeug.“
Für Boeden und seine Banker von der
Hypo bedeutete der Irrsinns-Betrag
kein Problem: „Lieber Herr Boeden“,
schrieb das Geldinstitut, „unter Berück-
sichtigung Ihres Vermögensstandes und
Ihres hervorragenden Rufes sind wir be-
reit, in der Lage und willens, für Ihre
Geschäftstransaktionen Zahlungen bis
zu einem Betrag von 276 Millionen Dol-
lar zu garantieren.“
Wer bei der Hypo nachfragt, ob der
Kaufmann Walter Boeden dort bekannt
sei, stößt auf Schweigen. Der Mann,
dem das Kreditinstitut 276 Millionen
Dollar geben würde, ist den Bankern
angeblich kein Begriff. „Diese Briefe
können gar nicht echt sein“, erklärte
vorletzte Woche ein Sprecher. „Fäl-
schung, Fiktion, Machwerk“.
Erst bei der dritten Nachfrage knik-
ken die Hypo-Leute ein: Der 276-Mil-
lionen-Dollar-Freibrief sei eine „gehei-
me Aktion“ gewesen, nur einem „inner
circle“ bekannt.
Als die Hypo-Bank dem Kaufmann
Boeden den Freibrief ausstellte, war
Torres bereits wieder in Moskau, um
das Plutonium zu besorgen. Oroz faxte
die Bankbestätigung sofort nach Mos-

DER SPIEGEL 15/1995 53


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TITEL

kau und rief seinen


Kumpel Torres an:
„Die 276 sind da . . .
Ich war gestern auf der
Bank.“ Torres trium-
phierend: „Jetzt wer-
den sich die Tore öff-
nen.“
Jedes Manöver der
Dealer wurde von
den Sicherheitskräften
überwacht. Boeden
hatte immer ein Mikro
in der Tasche, Abh ör-
spezialisten protokol-
lierten jedes Telefonat

F. HELLER / ARGUM
zwischen Oroz und
Torres und den Ver-
bindungsleuten in
Moskau. Auch der
Zeitpunkt der Rück- Torres-Anwalt Leitner: Tips vom Maulwurf
kehr des Kolumbia-
ners mit dem tödlichen Stoff war kein Einfuhr von Strahlengut solcher Quali-
Geheimnis: Torres hatte bei der Luft- tät hatten die Behörden schließlich kei-
hansa gebucht. Am 10. August, Punkt ne Erfahrung.
13.18 Uhr meldete er sich aus Moskau Als der parlamentarische Geschäfts-
bei Oroz ab: „Ich steige jetzt ins Flug- führer der SPD-Fraktion, Peter Struck,
zeug.“ In einem schwarzen Schalenkof- damals den vagen Verdacht äußerte, der
fer führt er als erste Lieferung 363,4 BND habe die Aktion gefingert und sein
Gramm Plutonium 239 mit sich. Parteivorsitzender Rudolf Scharping
Der Rest war Routine: Die Verhaf- von „Inszenierung“ sprach, erregte sich
tung der Plutonium-Dealer auf dem Staatsminister Schmidbauer medien-
Münchner Flughafen enthüllte vor aller wirksam: „Absurd, ungeheuerlich, reine
Welt: Die neue Atomgefahr aus dem Polemik“. In keinem Fall, beteuerte er,
Osten ist keine Fiktion. In das Vakuum, seien V-Leute als Aufkäufer von Pluto-
das die Internationale hinterlassen hat, nium aufgetreten.
kann schon bald die Internationale der War eine überaus heikle Großoperati-
Nuklear-Terroristen treten. Die Russen on des Geheimdienstes an dessen ober-
standen am Pranger. stem Aufseher vorbeigelaufen? Gegen-
In Bonn und München wurden die über dem SPIEGEL erklärte Schmid-
Nebelwerfer in Stellung gebracht. Es bauer im vergangenen August: „Ich lege
galt, die Geschichte meine Hand dafür ins
mit einem dichten Feuer, daß der BND
Schleier der Geheim- nicht als Nachfrager
haltung zu überziehen. „Die Prämie von illegal angebote-
Zun ächst mußten sich nem Nuklear-Material
alle Beteiligten ge- wird rückwirkend aufgetreten ist. Das ha-
gen die Frage wapp- be ich dem Dienst un-
nen, wieso sie es zu- ab dem Tag der tersagt.“
gelassen hatten, daß Derzeit sind Schmid-
hochgiftiges Plutonium
Festnahme verzinst“ bauer und sein BND
per Flugzeug nach damit beschäftigt, die
Deutschland geschafft Affäre endgültig zu
wurde. Der Münchner Leitende Ober- entsorgen. Die Pullacher hatten monate-
staatsanwalt Dieter Emrich erklärte: lang Ärger mit ihrem V-Mann Rafa. Der
„Es war nicht klar, ob das Material Spanier verlangte 300 000 Mark – die sei-
schon in der Bundesrepublik herumva- en ihm versprochen worden, sagt er.
gabundierte.“ Aus Madrid bekam er Unterstützung
Kanzlergehilfe Schmidbauer behaup- von El Gordo: „Da die Landtagswahlen
tete sogar in einer Sondersitzung des in Bayern“ inzwischen stattgefunden hät-
Auswärtigen Bundestagsausschusses, ten, könne es doch kein Problem mehr
man habe nicht gewußt, daß Plutonium sein, „die Operation Hades auch finan-
an Bord einer Lufthansa-Maschine ein- ziell abzuwickeln“.
geflogen werden sollte. Rafa war im Vertrauen auf die verspro-
Alles Qualm: Das bayerische LKA chene fette Prämie finanzielle Verpflich-
hatte zum Torres-Empfang zwei Strah- tungen eingegangen. Nach langem Feil-
lenmeßstationen am Flughafen aufge- schen zahlte ihm der Dienst knapp
baut. Vorsorglich wurden Flughafenper- 100 000 Mark.
sonal und Polizei später auf nukleare Auch das Land Bayern soll noch für
Kontaminationen untersucht. Mit der den Einsatz zahlen. Eine weitere sechs-

56 DER SPIEGEL 15/1995


..

stellige Summe steht in Rede. Das Manglano um Unterstützung beim welt-


Münchner LKA ließ den BND wissen, weiten Kampf gegen den Atom-
eine Auszahlung könne erst nach Ab- Schmuggel gebeten.
schluß des Prozesses gegen Torres und Ansonsten hat Schmidbauer an der
die anderen erfolgen. Rafa solle keinen Plutonium-Sache nichts auszusetzen, im
Verlust haben. Die Prämie könne, ge- Gegenteil: Das war ein „politischer Er-
wissermaßen als Ausgleich, „rückwir- folg. Das hat uns die Kooperation mit
kend ab dem Tag der Festnahme ver- den Russen gebracht“, erklärte er jetzt
zinst werden“. dem SPIEGEL.
Das Gezerre um Rafa irritierte Worüber der Minister nicht redet:
die Münchner Staatsanwaltschaft. Die „Operation Hades“ hat politischen Flur-
Strafverfolger drohten, den V-Mann zur schaden angerichtet. Während Bonn
Fahndung auszuschreiben, wenn er und München die Sicherheitskräfte lob-
nicht zu einer Vernehmung im Fall Tor- ten, fühlten sich die Russen vorgeführt.
res und Oroz erscheine. Er kam, in Be- „Es wird versucht“, schimpfte der russi-
gleitung eines Geheimdienstlers. sche Sicherheitsspezialist Wladimir Kli-
Nachbeben der Affäre sind auch an- menko, „die Berliner Mauer wiederzu-
derswo noch zu spüren. Vor dem Be- errichten.“ „Die Sache stinkt“, be-
such des spanischen Militärgeheim- schwerte sich ein Ex-KGB-General

WHITE STAR

Deutsche Botschaft in Madrid: Prämie für „Lolita“

dienstchefs Generalleutnant Emilio schon im vergangenen Herbst beim


Alonso Manglano beim BND erging ei- SPIEGEL.
ne „dringliche Warnung“ aus dem eige- Wieso, fragte Moskau, tauche Nukle-
nen Haus, „Ausführungen zur Operati- ar-Material eigentlich vor allem in
on Hades“ sollten aus einer für Mangla- Deutschland auf? Der ehemalige BND-
no vorbereiteten Akte entfernt werden. Chef Klaus Kinkel beeilte sich mitzutei-
Der BND-Warner: „Es gibt nicht den len, daß es „ähnliche Probleme in
geringsten Anhaltspunkt dafür“, daß Frankreich, in der Schweiz und in ande-
der Generalleutnant „Einzelheiten die- ren europäischen Ländern“ gebe.
ser Operation kennt“. Man „sollte Bislang haben aber nur die Deutschen
schlafende Hunde nicht wecken“. mit dem Köder fast einer halben Mil-
Doch die Spanier sind längst hell- liarde Mark versucht, den atomaren
wach. „Was da im Fall Oroz und sonsti- Schwarzmarkt zu puschen.
ge“ abgelaufen sei, empörte sich im Fe- Die „Operation Hades“ beweist, daß
bruar ein spanischer Geheimdienstoffi- die Geheimdienste immer noch, an par-
zier in Madrid gegenüber dem SPIE- lamentarischen Kontrollen vorbei, Poli-
GEL, „war ein unfreundlicher Akt “. tik betreiben, die nicht davor zurück-
Aber Madrid hat sich gerächt. BND- schreckt, notfalls Furcht und Panik zu
Resident Dr. Eckerlin teilte unlängst schüren.
der Zentrale mit, daß sowohl sämtliche Die an der Operation beteiligten
Telefonanschlüsse der Residentur in der BND-Mitarbeiter wurden belobigt:
deutschen Botschaft als auch die Privat- „Förmliche Anerkennung“ steht auf der
anschlüsse der BNDler in Madrid von Urkunde; sie trägt das Wappen des
der spanischen Nationalpolizei abgehört Bundesnachrichtendienstes – den heili-
würden. Der Bonner Geheimdienst- gen Georg, wie er den Drachen be-
koordinator Schmidbauer hat dennoch zwingt. Y

DER SPIEGEL 15/1995 57


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DEUTSCHLAND FORUM
Aidshilfe suchen. Die Derag werde Urteilsschelte
den Mietvertrag nicht verlän-
Kranke Mieter gern. Als Gr ünde nannte die Revanche-Foul
Firma, die Patientenwohnun-
unerwünscht gen wirkten geschäftsschädi- vom Richter
Im Münchner Stadtteil Gern gend, weil sie den „Eindruck Gegen den Präsidenten des
machen eine Immobilienfir- einer Sterbestation“ erweck- Erfurter Amtsgerichts, Ru-
ma und Nachbarn Front gegen ten. Zahlreiche Beschwerden dolf Lass, 57, ist ein diszipli-
ein Wohnprojekt zur Betreu- seien zudem geeignet, die narisches Vorermittlungsver-

H. KAISER / TRANSPARENT
ung von Aidskranken im End- deutsch-russischen Beziehun- fahren eingeleitet worden.
stadium. Der private „För- gen zu belasten; Anstoß an Lass hatte mit einem Leser-
derkreis Pflege und Un- ihren Aids-Nachbarn hatten brief in der Frankfurter All-
terstützung Schwerkranker offenbar vor allem Angehöri- gemeinen das tschechische
e.V.“, der dort in vier Miet- ge des russischen General- Verfassungsgericht in Brünn
wohnungen ein Dutzend Pa- konsulats genommen. Rep-Chef Schlierer und den tschechischen
tienten zur Versorgung unter- Staatschef Václav Havel mit
gebracht hat, wurde letzte Republikaner gen. Hofmann bescheinigt der bösen Vergleichen beleidigt.
Woche vom Hauseigner, dem zerstrittenen Partei „Politik- Die Wut des deutschen Rich-
Immobilienkonzern Deut- Steiniger unfähigkeit auf allen Ebe- ters gilt einem Spruch seiner
sche Realbesitz A G (Derag), nen“. Er hat sich inzwischen Brünner Kollegen. Die Rich-
aufgefordert, sich „möglichst Weg der rechten Splittergruppe ter hatten die sogenannten
schnell“ eine neue Bleibe zu Immer mehr führende Mit- „Die Freiheitlichen“ ange- Beneš-Dekrete von 1945 für
glieder der Republikaner schlossen. Auch in Nord- Rechtens erklärt, nach denen
verlassen ihre Partei, die seit rhein-Westfalen wollen Rep- das Eigentum der vertriebe-
vergangener Woche auch in Funktionäre den „Freiheitli- nen Sudetendeutschen vom
Bayern offiziell als rechtsex- chen“ beitreten. Dort müssen tschechoslowakischen Staat
tremistisch eingestuft wird. die Reps mittlerweile fürch- beschlagnahmt worden war.
Der stellvertretende nord- ten, bei der Landtagswahl am Dem ehemaligen Bürger-
rhein-westfälische Landes- 14. Mai unter ein Prozent zu rechtler und „schriftstellern-
vorsitzende Richard Staginus rutschen. Damit ginge dem den Präsidenten“ Havel be-
tritt mit der Begründung Landesverband die wichtige scheinigte Lass „seltsame
aus, die Reps seien durch Wahlkampfkostenerstattung Moralvorstellungen“. Das
„machtgierige Funktionäre“ verloren. In einem Beitrag für Urteil, so schrieb er, sei
in der Parteispitze „total miß- das Parteiorgan Der Republi- von gleicher Qualität wie
W. M. WEBER

braucht“ worden. In Bayern kaner schreibt Parteichef Rolf „die Produkte von Freislers
sind die Bezirksfunktionäre Schlierer, der künftige Weg Volksgerichtshof und den
Dieter Maier und Harald der Reps werde „steinig und entsprechenden Einrichtun-
Aidskrankenbetreuung in München Hofmann bereits ausgestie- dornenreich sein“. gen Stalins“.

Museen Mahlsdorf: Das Haus hat 14 originalgetreu eingerichtete


Zimmer aus der Jahrhundertwende, darunter die Mulack-
„Unterm Trödelpreis“ Ritze, Berlins letzte Zille-Kneipe. Wenn Sie heute eine
Wirtschaft aufmachen, zahlen Sie schon 300 000 Mark
Charlotte von Mahlsdorf, 67, über die Schwierigkeiten für neues Mobiliar. Und da hängt dann keine Stadtgeschich-
beim Verkauf ihres Gründerzeit-Museums in Berlin, in te dran.
dem sie seit 36 Jahren vor allem Stilmöbel gesammelt hat. SPIEGEL: Vielleicht fürchtet der Senat, daß Ihr Museum an
Mahlsdorf ist Deutschlands bekanntester Transvestit. Wert verliert, wenn Sie, wie angekündigt, nach Schweden
ziehen?
SPIEGEL: Sie haben jetzt aus Groll über den Berliner Senat Mahlsdorf: Alles Quatsch. Die bisherige Lösung war nur
mit der Rückgabe Ihres Bundesverdienstkreuzes gedroht. praktisch, weil sie nichts gekostet hat. Das schwule Lies-
Was hat Sie so verärgert? chen saß da im Museum, hat die
Mahlsdorf: Ich finde es schofel, wie Putzfrau gemacht und nebenbei
die Leute vom Senat mit mir beim Führungen. Jetzt muß der Senat sel-
Verkauf meines Museums zu feil- ber für Personal sorgen, etwa für ei-
schen versuchen. Deswegen können nen Hausmeister, einen Uhrmacher,
die ihr Kreuzchen auch ruhig zu- einen Musikmaschinisten und natür-
rückhaben. lich für einen Schlosser, wenn die
SPIEGEL: Die Stadt hat Ihnen für Schlösser quietschen.
Ihr Gr ünderzeit-Museum immerhin SPIEGEL: Was wollen Sie mit dem
585 000 Mark geboten. Reicht das Geld machen, falls es doch noch zu
nicht aus? einem Kaufvertrag kommt?
Mahlsdorf: Das Angebot liegt unter Mahlsdorf: Ich habe mir in Schwe-
dem Trödelpreis. Es geht schließlich den eine alte Villa gekauft, die ist
um ein komplettes Lebenswerk und noch nicht bezahlt. Ich will nicht
ZB / DPA

nicht nur um ein paar alte Möbel. reich werden. In drei Jahren bin ich
SPIEGEL: Was ist denn das Museum 70. Das letzte Kleid hat keine Ta-
nach Ihrer Einschätzung wert? Mahlsdorf schen.

60 DER SPIEGEL 15/1995


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OSTWESTBILD
Großklärwerk in Rollsdorf bei Eisleben: Der Bauunternehmer sitzt in Haft

Abwasser

Rolls-Royce mit Chauffeur


Mit Preisabsprachen und Schmiergeldern treiben Planer und Hersteller von Klärwerken die Abwassergebühren
hoch. Wer nicht mitmache, so ein Zulieferer, komme auf eine „schwarze Liste“ und sei „weg vom Fenster“. Die
Staatsanwaltschaft München stieß bei Ermittlungen auf mafiaähnliche Strukturen.

ie Eifel-Gemeinde Haus Eichen ist te Bewohner ihren Gemeindeoberen Betroffen sind vor allem Bewohner

D ein idyllisches Fleckchen. Zwi-


schen hohen Bäumen schmiegen
sich alte Fachwerkhäuser an den Berg-
vor, müsse monatlich demnächst 600
Mark allein für Klo-Spülungen berap-
pen – bei Durchschnittseinkommen von
ländlicher Regionen. Denn wie in der
Eifel werden auch anderswo weit ver-
streute Dörfer über ausgedehnte und
hang. Von den sieben Eigenheimen sind 2000 Mark. damit teure Kanalsysteme an oft viel zu
nur vier dauerhaft bewohnt. „Bei solchen Kosten könnten die sich große Kläranlagen angeschlossen.
Mit der Idylle ist es erst einmal vor- auch einen Rolls-Royce mit Chauffeur Drei bis vier Millionen Mark, fürch-
bei: Seit der zur Gemeinde Hellenthal mieten und ihre Notdurft jeweils weg- ten die 90 Bewohner von Giescheid in
gehörende Weiler mit einem teuren Ka- fahren lassen“, spottet Rechtsanwalt der Hocheifel, wird sie ihr Abwasserka-
nal an eine mehr als zehn Kilometer ent- Jürgen Schacht. „Das wäre billiger.“ nal kosten, dessen Rohre durchs Gebir-
fernte Großkläranlage angeschlossen Der Hamburger Jurist, Spezialist für ge gelegt werden müssen. Es sei frag-
werden soll, herrscht unter den 32 Be- Klagen gegen ruinöse Abwassergebüh- lich, beschwerten sich Hausbesitzer
wohnern Aufruhr. Der Grund: Die Ei- ren, hat inzwischen Kundschaft quer beim nordrhein-westfälischen Umwelt-
chener müssen bis zu 100 000 Mark An- durch die Republik. minister Klaus Matthiesen, „ob bei ei-
schlußgebühren je Anlieger bezahlen, Denn exorbitant gestiegene Abwas- ner Versteigerung des ganzen Dorfes
und der Kubikmeter Abwasser soll serkosten bringen gegenwärtig vieler- dieser Preis zu erzielen wäre“.
10,02 Mark kosten – mehr als doppelt orts in Deutschland Bürger in Wallung. Experten, etwa von der Interessen-
soviel wie in den Metropolen Hamburg In Thüringen erbosten sich 21 Bürgerin- gemeinschaft dezentrale Abwasserbe-
oder München. itiativen in einem offenen Brief an Mini- handlung, sehen Großklärwerke für die
Dabei sind die zehn Mark schon ein sterpräsident Bernhard Vogel (CDU ), Provinz als kostspieligen Unfug an. Sie
politischer Preis, erreicht durch Landes- „daß zahlreiche Haus- und Grund- plädieren für billigere Kleinanlagen.
zuschüsse, um die Eichener ruhigzustel- stückseigentümer, die ihren Besitz über Die gewährleisten, wenn sie auf neue-
len. Wollte sie die Kosten decken, müß- zwei Diktaturen erhalten konnten, nun stem technischen Stand sind, auch nach
te die Gemeinde pro Kubikmeter 20,13 durch unseriöse Machenschaften enteig- Untersuchungen des nordrhein-westfäli-
Mark verlangen. net“ würden. In Niedersachsen gründe- schen Landesumweltamtes „einen aus-
Das stille Örtchen würde für die Dörf- ten Geb ührenzahler Ende Januar eine reichenden Schmutzrückhalt“.
ler zum Luxus-Apartment. Eine vier- „Volksinitiative für kommunale Bei- Doch die Aufbereitung von Dreck-
köpfige Familie, rechneten aufgebrach- tragsgerechtigkeit und Umweltschutz“. wasser ist für Planungsbüros und Klär-

62 DER SPIEGEL 15/1995


..

DEUTSCHLAND

werkshersteller ein ein-


trägliches Geschäft.
Die Anlagen samt Ka-
nalsystem können gar
nicht aufwendig genug
sein: Das Honorar der
Ingenieurbüros, die im
Auftrag der Kommu-
nen Klärwerke planen,
steigt mit der Investi-
tionssumme.
Bis zu 100 Prozent zu
groß sind Klärwerke in
Brandenburg, fanden
Rechnungsprüfer her-

S. HÜSCH / TERZ
aus. Für Bayern ermit-
telte der Rechnungs-
hof, daß etwa ein Drit-
tel der Klärwerkskapa- Landwirt Bissels: Protest mit Güllefaß
zitäten gar nicht ge-
braucht wird. Investi-
tionen in Milliardenhö-
he wurden verschwen-
det.
Auch schwarz läßt
sich mit Schmutzwasser
so manche Mark ma-
chen. Bei der Staatsan-
waltschaft München I
mühen sich sieben
Staatsanwälte, das Ge-
wirr von Preisabspra-
chen und Schmiergeld-
zahlungen beim kom-
OBERHEIDE / ARGUM

munalen Klärwerksbau
freizulegen. Sie ermit-
teln gegen mehr als 300
Beschuldigte in Behör-
den, Planungsbüros Gemeinderat Meier*: Wütende Briefe vom Ingenieur
und Lieferfirmen. Es
gebe „Strukturen, die auf eine gewisse beteiligt werden, die Umwelttechnik
Organisation“ hindeuteten, sagt Staats- verkauft. Was dann passierte, schildern
anwalt Winfried Schubert. Köhler und dessen Mitarbeiterin Elke
Die Klärwerks-Mafia arbeitet nach den Hopstock in eidesstattlichen Versiche-
Erkenntnissen der Münchner mit Sy- rungen so: Ein Gesprächspartner habe
stem: Manchmal bestechen die Hersteller vorgeschlagen, den Preis auf 100 Millio-
Kommunalbeamte, die für die Vergabe nen anzuheben. Allein 20 Millionen
der lukrativen Aufträge zuständig sind. würden für Schmiergelder benötigt.
Meistens jedoch sind es die von den Ge- Das Geschäft laufe „über die FDP-
meinden eingeschalteten Planungsbüros, Schiene“.
die geschmiert werden. Bis zu drei Pro- Ob sich hinter dem Vorschlag mehr
zent der Auftragssumme ist Firmen nach als Wichtigtuerei verbarg, blieb unge-
den Ermittlungen die Information wert, klärt. Köhler lehnte nach eigenen An-
wer die Mitbieter sind – bei zweistelligen gaben den Eintritt in das Preiskartell
Millionenbeträgen ein ordentliches Bak- ab. Sein Gesprächspartner Axel Th. Li-
schisch. Ausschreibungen werden so zur lie, damals Kooperationspartner der
Farce. Viele Hersteller sprechen ihre Berliner Firmengruppe, erinnert sich an
Preise nach Erkenntnissen der Münchner überhaupt kein Kartell. Er habe bei
Staatsanwälte untereinander ab. dem Treffen, in dem es um eine Zu-
Wie solche Gespräche ablaufen, erfuhr sammenarbeit mit der Firma Von Nor-
Detlev Köhler, Inhaber eines Ingenieur- denskjöld gegangen sei, nie von 20 Mil-
büros im sächsischen Markkleeberg. lionen gesprochen. „Und wenn, dann
Köhler versuchte 1992 beim Bau des war es vielleicht die Übertreibung eines
Klärwerks in Dessau ins Geschäft zu Kabarettisten, der, indem er übertreibt,
kommen. Er bot an, für etwa 65 Millionen das deutlich macht, worum es geht.“
Mark könne er eine Anlage des bayeri- Für Bürger und Kommunalpolitiker
schen Herstellers Von Nordenskjöld- sind Mauscheleien meist nicht zu durch-
Verfahrenstechnik planen.
Am Klärwerksbau wollte als Partner * Mit einem Bauplan für das Schwarzenfelder
auch eine Berliner Unternehmensgruppe Klärwerk.

DER SPIEGEL 15/1995 63


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schauen. Im sachsen-anhaltinischen Meier begann, sich für das Klärwerks-


Rollsdorf nahe der Lutherstadt Eisleben geschäft zu interessieren, und stieß rei-
etwa baute die westdeutsche Firma henweise auf Ungereimtheiten. Indu-
Steinmann + Ittig für mehr als 30 Millio- strielle Kläranlagen, erfuhr er, seien ge-
nen Mark ein gigantisches Klärwerk, nerell viel billiger als kommunale, weil
das für die Region, für die es geplant die Industrie keine preistreibenden Pla-
wurde, viel zu groß ist. nungsbüros einschalte, sondern die An-
Die Ausschreibung hatte das Eislebe- gebote direkt prüfe und in der Regel das
ner Ingenieurbüro Dr. Beitelsmann und günstigste auswähle. Für die Firmen sind
Partner erarbeitet, ein vermeintlich Klärwerke Kostenfaktoren und keine
unabhängiger Planer. In Wahrheit wa- Prestigeobjekte. In Neunburg entschie-
ren Beitelsmann-Geschäftsführer Ingo den sich die Behörden nur deshalb für die
Bachmann und Lieferant Manfred Ittig preiswertere Anlage, weil ein Kartoffel-
1991 bei der Auftragsvergabe an Stein- chips-Hersteller drohte, sein Werk we-
mann + Ittig eng miteinander verban- gen zu hoher Abwasserkosten zu schlie-
delt – als Kommanditisten der Bauele- ßen.
mentefirma Alural im niedersächsischen Meier holte für Schwarzenfeld eben-
Sarstedt. falls ein Alternativ-Angebot ein. Darauf-
Inzwischen ermittelt die Staatsanwalt- hin überzog das für die Gemeinde arbei-
schaft in Halle. Bauunternehmer Ittig, tende Regensburger Planungsbüro die
der auch anderen Kommunen in Ost- Ratsmitglieder mit wütenden Briefen
und abfälligen Expertisen über das Ge-
genmodell – mit Erfolg: Die Gemeinde-
„Ein ehrlicher räte knickten ein und stimmten für das
Kaufmann hat hier 24-Millionen-Projekt.
Einen Grund für das Verhalten der
keine Chancen“ Kommunalpolitiker sieht Meier in den
Zuschüssen, die das Land Bayern, wie die
deutschland Großklärwerke angedreht übrigen Bundesländer, für neue Kläran-
hat, sitzt auf Veranlassung der Staatsan- lagen zahlt. Je höher diese sind, um so ge-
waltschaft Bielefeld bereits in Untersu- ringer sei die Motivation, preiswerte Lö-
chungshaft. Er soll Zollabgaben und sungen durchzusetzen. Die verschwen-
Steuern hinterzogen haben. deten Steuer-Millionen kommen ja nicht
Meist sind es klotzige Betonklärwer- aus der Gemeindekasse.
ke, die von den Kommunen geordert Aber auch die zuständigen Landesbe-
werden. Preisgünstigere Techniken, wie hörden sind nicht unbedingt preisbe-
sie im Ausland üblich sind, kommen da- wußt. So haben in Brandenburg zwei Mit-
gegen nur selten zum Zug. „Was die Dä- arbeiter des Umweltministeriums und ein
nen für 500 000 Mark liefern, kostet in Angestellter des Umweltamtes bis 1991
Deutschland fünf Millionen“, sagt Karl- nebenbei Planungsbüros betrieben und
Heinz Ritzi, Spezialist für biologische Gemeinden des Landes gegen Honorar
Abwasseranlagen. Vergebens versuchte bei der Abwasserentsorgung beraten.
der Ingenieur mit billigeren skandinavi- In Bayern bat der Schwarzenfelder Ge-
schen Systemen, die in dänischen Ge- meinderat Meier das Landesamt für Was-
meinden erprobt sind, auf dem deut- serwirtschaft vergebens um Hilfe im Ko-
schen Markt Fuß zu fassen. Ritzis resi- sten-Poker. Die Behörde bescheinigte
gnierende Erkenntnis: „Ein ehrlicher der 24 Millionen Mark teuren Anlage so-
Kaufmann hat hier keine Chancen gar, sie sei in „Planung und Konstruktion
mehr.“ wirtschaftlich und sparsam“. Die der
Die Preistreibereien verbergen sich Gemeinde entstehenden Kosten seien
meist in einem für Laien kaum entwirr- „angemessen“.
baren Wust von technischen Erklärun- Daß die Schwarzenfelder trotzdem we-
gen. Wer nicht mitmache, sei schnell nigstens acht Millionen weniger für ihr
„ganz weg vom Fenster“, schildert der Klärwerk ausgeben, haben sie Meiers Be-
Mitarbeiter eines Zulieferbetriebes die harrlichkeit zu verdanken: Als der nicht
Gebräuche der Branche. „Dann kom- lockerließ, kam vom zuständigen Pla-
men Sie auf die schwarze Liste. Da kön- nungsbüro in Regensburg plötzlich ein
nen Sie es ganz vergessen.“ neuer Kostenvoranschlag über 16 Millio-
Wie die Geschäfte laufen, ergründete nen Mark. Begründung: Die Auflagen
der Lehrer Josef Meier, Ratsherr im seien gelockert worden.
oberpfälzischen Markt Schwarzenfeld. Im Eifeldörfchen Haus Eichen versu-
Meier war durch Zufall darauf gesto- chen es die Bürger unterdessen mit zivi-
ßen, daß es für ein in Schwarzenfeld ge- lem Ungehorsam. Mit Güllefaß und
plantes Klärwerk eine weitaus preiswer- Trecker blockierte Bauer Jakob Bissels
tere Alternative gab. In der Zeitung las am Ortseingang die Kanalbauarbeiten.
er von einer Anlage, die im nahen Die Eifel-Landwirte fürchten, die Kanal-
Neunburg vorm Wald entstehen sollte. gebühren könnten sie die Existenz ko-
Preis: 8 Millionen Mark. Das Schwar- sten. Wenn die Gegenwehr erfolglos blei-
zenfelder Projekt sollte, obgleich es viel be, sagt Bissels, „gehen hier die Höfe alle
kleiner ist, 24 Millionen kosten. über die Wupper“. Y

66 DER SPIEGEL 15/1995


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DEUTSCHLAND

schmissen werde. Mehr als harsche zustimmt, wird für drei Monate vom
Frauen Briefe an die Arbeitgeber und die zu- Arbeitslosengeld ausgeschlossen. Zu-
ständigen Behörden fielen Nolte bisher dem müssen die Frauen damit rech-
nicht ein, um eines der wichtigsten nen, daß die Abfindung auf dann

Hemmnis Schutzrechte zu retten.


Die Bundesregierung, die in der Fa-
milienpolitik auf Hilfe für Schwangere
folgende Zahlungen des Arbeitsam-
tes mindestens teilweise angerechnet
wird.

Mutter und längeren Erziehungsurlaub anstelle


von Abtreibung setzt, wird durch den
Bericht geradezu bloßgestellt. Die rigi-
Nur elf Prozent der Geschaßten nah-
men sich einen Rechtsanwalt. Gewerk-
schaften und Betriebsräte seien über-
Schwangere in Ostdeutschland müs- de Kündigungspraxis, gibt denn auch fordert, so resümiert ein Wissenschaft-
Familienstaatssekretär Heribert Schar- ler, der an der Kölner Studie mit-
sen um ihren Arbeitsplatz fürchten – renbroich zu, „hätte verhindert werden schrieb: „Manche gönnen den in der
in den letzten Jahren flog jede können“. D D R angeblich gehätschelten Jung-
Dabei ist selbst die erschreckende müttern ihr Schicksal richtig.“
zweite raus. Kündigungsstatistik, so räumen die Dabei ist die Rechtslage klar. Einer
Autoren der Untersuchung ein, „noch Kündigung junger Mütter muß das Ge-
u seiner schwangeren Sekretärin immer etwas geschönt“. In keine werbeaufsichtsamt zustimmen. Das ge-

Z könne sie, gestand ihr der Schuhfa-


brikant aus Leipzig zu, so lange weiter-
Rechnung geht die verbreitet beobach-
war der Chef richtig nett. Natürlich
tete Praxis der Arbeitgeber ein, den
Ablauf des Erziehungsurlaubs abzu-
schieht allenfalls, wenn die Frau ge-
stohlen hat oder dem Betrieb nach-
weislich die Pleite droht. Die Kündi-
arbeiten, wie sie sich wohl fühle. warten, um nach einer „Schamfrist“ gung einer Schwangeren aus anderen
Für die Zeit danach versprach der die Frauen per ordentlicher Kündigung Gr ünden ist unwirksam.
Unternehmer der 34jährigen noch zwei loszuwerden. Um solchen Problemen zu entgehen,
Monatsgehälter Abfindung, bei den Referatsleiterin Renate Hoffmann meiden viele Arbeitgeber von vornher-
„üblichen Formalitäten“. Arglos unter- vom sächsischen Landesarbeitsamt hat ein den legalen Weg. André Fischer,
schrieb die Schwangere ihren eigenen „in den letzten Wochen sieben Fälle“ DGB-Rechtssekretär aus Chemnitz,
Arbeitsauflösungsvertrag. Seit der Ge- verfolgt. Betroffen seien meist Frauen, kennt gerade zwei Fälle aus den letz-
burt ihres Sohnes ist sie arbeitslos. die gerade aus dem dreijährigen Erzie- ten vier Jahren, für die sich ein Chef
Die fiesen Tricks häu-
fen sich. Mit allen Mit-
teln versuchen Arbeit-
geber besonders in Ost-
deutschland, die Uner-
fahrenheit ihrer Ange-
stellten auszunutzen
und in Zeiten knapper
Jobs den seit 1952 gel-
tenden Mutterschutz
auszuhebeln. Das ist das
Ergebnis einer Studie
im Auftrag des Bundes-
familienministeriums
zur „Lage erwerbstäti-
ger Mütter in den neuen
Bundesländern“.
Experten des Kölner
Instituts für Sozialfor-
schung und Gesell-
schaftspolitik untersuch-
ten das Schicksal von
M. MEYBORG / SIGNUM

10 000 jungen Müttern


im Osten. Fazit: Jede
zweite hatte mit ihrer
Schwangerschaft ihren
Job verloren. Mehr als
3000 Frauen wurden Berufstätige Frauen in Ostdeutschland: Rausschmiß nach Schamfrist
während des Erzie-
hungsurlaubs gefeuert, jede vierte vom hungsurlaub in ihre Firma zurückge- die Genehmigung eingeholt hat. 80 Pro-
Arbeitgeber genötigt, die Baby-Pause kommen waren. zent aller befragten Frauen bestätigen,
zu verkürzen. Um die dann wieder geltenden nor- daß nie eine Aufsichtsbehörde einge-
Bundesfamilienministerin Claudia malen Kündigungsfristen zu umgehen, schaltet war.
Nolte (CDU ) bemüht sich, den Druck werde ihnen häufig eine Abfindung Das schlechte Vorbild macht offenbar
auf die Frauen zu erklären. Die hohe „um die 10 000 Mark“ angeboten. im Westen Schule. Vorsichtige Schät-
Kündigungszahl hänge mit den Massen- Hoffmann: „Bei den Arbeitgebern gilt zungen der Bundesanstalt für Arbeit
entlassungen im Osten während des Un- eine Mutter von kleinen Kindern als kommen zu dem Ergebnis, daß in den
tersuchungszeitraums 1991 und 1992 zu- Hemmnis.“ letzten Jahren in Westdeutschland etwa
sammen. Allerdings, so räumt die Die Arbeitsämter warnen vor dem ein Drittel mehr Kündigungen gegen
CDU-Ostfrau ein, sei es „schon zu be- schnellen Geld. Denn wer einem Auf- Schwangere ausgesprochen wurden als
fürchten“, daß weiterhin illegal rausge- lösungsvertrag mit seinem Arbeitgeber vor der Wende. Y

DER SPIEGEL 15/1995 69


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ACTION PRESS

Tornado-Übungsflüge über Süddeutschland: Niemand weiß, ob das simple Szenario der wirren Realität entspricht

Bundeswehr

Die Maikäfer im Bomber


SPIEGEL-Redakteur Hajo Schumacher über das Training deutscher Tornado-Teams für den Kriegseinsatz

chlechte Sicht, steife Brise aus Irgendwo zwischen Saarbrücken und ren und Kartoffelpüree. Auf dem Weg

S Nordwest, es nieselt. An diesem


Morgen müssen vier deutsche
ECR-Tornados wieder Krieg üben,
Verdun sind im Unterholz zwei Radar-
sender versteckt, die serbische Flak-
Stellungen simulieren. Außer Reichwei-
zur Kantine müssen sie an der Ahnen-
galerie der Kaserne vorbei. Zwölf
Schwarzweiß-Porträts, an die Holzwand
Start um 7 Uhr, Rückkehr 8.50 Uhr. te fliegt ein Tankflugzeug, das die Tor- genagelt, stehen für zwölf Abstürze. Zu-
Vorn sitzt der Pilot, dahinter der Waf- nados in der Luft mit Treibstoff ver- letzt bohrte sich 1985 ein Lechfelder
fensystemoffizier, der im Ernstfall die sorgt. Daneben kreisen Jäger, zur Si- Tornado in die Muttererde.
Bomben ausklinkt. cherheit. Daß Jet-Piloten selbst in Friedenszei-
Gemeinsam mit britischen und ameri- Ob das simple Szenario der wirren ten dem Tod näher sind als Finanzbeam-
kanischen Jets sollen sie ein Dutzend Realität in Ex-Jugoslawien entspricht, te, argumentieren die Piloten routiniert
Transportmaschinen schützen, die Blau- „weiß keiner ganz genau“, sagt Oberst nieder: Aus den Abstürzen „können wir
helme im Feindesland einsammeln und Johann G. Dora, 46. Ein Einsatz auf nur lernen“ und „Unfälle passieren auch
in Sicherheit bringen. dem Balkan „ist ein äußerst diffiziles auf der Straße“.
Gefahr droht von radargesteuerten Unterfangen“, ahnt der Kommodore Die vier wissen, daß sie zu der Grup-
Flugabwehrraketen, die unablässig auf der Lechfelder Schwabstadl-Kaserne – pe der ausgewählten 32 gehören, die bei
die Nato-Flugzeuge gerichtet sind. Was „im Golfkrieg war alles übersichtli- einem Bosnien-Einsatz dabei wären.
geschieht, wenn die Tornados ihre Ra- cher“. „Sie haben den Kopf frei“, lobt Stütz.
keten verschossen haben und der feind- Die Übungen beruhigen zumindest Zwei seiner Soldaten sind verheiratet,
lichen Flak ausgeliefert sind? Wie lassen die Nerven bis zum Einsatz. Und der Peters Tochter ist zwei Jahre alt. Wes-
sich freundliche und feindliche Radar- kommt bestimmt. Ob im Mai in Bos- sen Frau schwanger ist, der kommt um
peilung auseinanderhalten? Was tun, nien, im Sommer über dem Nordirak den Einsatz herum: Kopf nicht frei.
wenn die minutiöse Planung hakt und oder im Herbst irgendwo anders auf der Den freien Kopf kann man trainieren.
der Sprit knapp wird? Welt: „Es ist nur eine Frage der Zeit“, So haben die Flieger eine eigene Spra-
Seit feststeht, daß deutsche Kampf- bis „die Buben“ in den Krieg fliegen, che entwickelt, die ohne emotionale Be-
flugzeuge beim jederzeit möglichen sagt der Kommandeur der fliegenden griffe auskommt. Worte verlieren an
Blauhelm-Abzug aus Bosnien helfen Gruppe, Peter-Georg Stütz, 40. Bedrohung, wenn man sie verklausu-
sollen, trainiert das Jagdbomberge- Seine vier „Buben“ – die Piloten Al- liert, verjuxt oder sorgsam umschreibt.
schwader 32 den Ernstfall. Täglich jagen brecht, 29, und Horst, 34, die Systemof- „Angst“ zum Beispiel kennen sie nicht,
die Jets aus dem Lechtal zwischen Augs- fiziere Andreas, 30, und Peter, 31 – hok- denn das würde „unkontrolliertes Han-
burg und Landsberg in Richtung franzö- ken nach beendeter Mission im grauen deln“ bedeuten. „Furcht“ lassen sie ge-
sische Grenze. Overall bei Frikadellen, Erbsen, Möh- rade noch gelten.

72 DER SPIEGEL 15/1995


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DEUTSCHLAND

der 43 aus Oldenburg


den Dienst. „Hosen-
scheißer“, zeterte Ge-
neralinspekteur Klaus
Naumann, in der Trup-
pe für schlichte Sicht
der Dinge berüchtigt.
Die Luftwaffe leidet
noch heute unter dem
Türkei-Trauma. Doch
die Ausfälle sind nor-
mal. „Die Männer ha-
ben sich zuviel zugemu-
tet“, meint ein Seelen-
doktor in Fürstenfeld-
bruck: „Am Anfang
denken alle nur ans
Fliegen.“
So war es auch bei
Peter, Albrecht, Horst
und Andreas. Als sie
Mitte der achtziger Jah-
re anfingen, verhieß die

M. DARCHINGER
Bundeswehr-Reklame
Natur, Technik, Aben-
teuer und Reisen. Be-
Tornado-Team Albrecht, Horst, Andreas, Peter: „Unfälle passieren auch auf der Straße“ wundert von Kegelver-
einen und Schulklas-
Kriegseinsatz heißt „determined ef- Zuweilen kommen ins Institut auch sen, die andächtig durch den Flieger-
fort“ – entschlossener Einsatz –, der erfahrene Piloten, die plötzlich über horst strichen, durften sie ihre Leiden-
Bomber „Vogel“. Wer eine Bombe an Magenbeschwerden, Ängste oder Kreis- schaft ausleben: schnell und tief mit ei-
Bord trägt, „nimmt das Ei untern Hin- laufprobleme klagen – Indizien für un- nem mehr als 74 Millionen Mark teuren
tern“, wer per Schleudersitz aus dem bewältigte Sorgen. Hilft auch eine Ge- Jet fliegen, ohne je eine scharfe Bombe
Cockpit katapultiert wird, muß eben sprächstherapie nicht („Über alles re- ausklinken zu müssen.
„aussteigen“. den! Keine Tabus!“), raten die Dokto- Im Schatten der Atomraketen, die
Die „Buben“ schießen nicht auf Rake- ren zu einem anderen Beruf. Washington und Moskau aufeinander
tenstellungen, vor denen die Serben wo- Daß auch kühle Krieger streiken, gerichtet hatten, war der Ernstfall nicht
möglich bosnische Kinder und Frauen als mußten die Generale beim ersten Bei- in Sicht. Es gab nur den Kick, umgeben
Geiseln gefesselt haben – sie „reagieren nahe-Einsatz erfahren. Als im Golfkrieg von einigen Tonnen Kerosin, viel Elek-
erfolgreich auf eine Bedrohung“. Die bekannt wurde, daß das Flugabwehrra- tronik, Leichtmetallplatten und harmlo-
Strategie funktionierte schon im Golf- keten-Geschwader 36 aus Bremervörde sen Übungsbomben in doppelter Schall-
krieg, da war die Rede von „chirurgi- nach Diyarbakir in die Türkei verlegt geschwindigkeit der Sonne entgegen zu
schen Operationen“. So reden und den- werden würde, 250 Kilometer vor der sausen. Echter Krieg – der war lange her
ken sich die Tornado-Piloten ihren Job so irakischen Grenze, verweigerten noch oder weit weg.
normal wie möglich. zu Hause 50 Mann. In Erhac quittierten Doch seit der „Einsatz näher ist denn
Vier Millionen Mark hat das Verteidi- drei Männer vom Jagdbombergeschwa- je“ (Albrecht), haben das Luftkampf-
gungsministerium pro Mann investiert,
um ihn für das Leben zwischen Tod und
Überschall zu härten. Fünf Jahre lang
durchlaufen die Kandidaten ein Dutzend
Prüfungen, argwöhnisch gemustert von
Psychologen, Medizinern, Fluglehrern
und einem Rudel militärischer Zuchtmei-
ster.
Sie wollen den raren Typus des kon-
trollierten Draufgängers herausfiltern,
der idealerweise noch über die „Maikä-
fer-Figur“ verfügt: gedrungen, kurzer
Hals, kurze Extremitäten. So können
sich die Piloten unter extremen Druckbe-
lastungen immer noch etwas bewegen.
Seelische Belastbarkeit sollen deut-
sche Tornado-Piloten im Flugmedizini-
schen Institut in Fürstenfeldbruck bewei-
sen. Dort müssen die Kandidaten unter
PETERNEK / EASTLIGHT

Zeitdruck schwierige Kursberechnungen


im Kopf lösen. Jeder vierte, der es bis
hierhin geschafft hat, wird ausgemustert.

* Bei Banja Luka. Serbische Soldaten in Bosnien*: „Im Golfkrieg war alles übersichtlicher“

DER SPIEGEL 15/1995 73


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welche die Uno-Blauhelme aus dem


bosnischen Krieg herausfliegen sollen. Vereine
Doch ob die Superwaffe gegen Ser-
benradar tatsächlich so einwandfrei ope-
riert, ist ungewiß. Denn müssen die Ma-
schinen aus relativ sicheren 3000 Metern
in den Tiefflug, sind sie für jede Flak er-
Suppe
reichbar, selbst für Stinger-Raketen, die
ein Infanterist von der Schulter abfeu-
ern kann. Schon eine verirrte Gewehr-
ohne Salz
kugel könnte bei den sensiblen Flugge- Ostdeutsche Alpenfreunde wollen
räten „für Überraschungen sorgen“,
weiß Dora. ihre alten Berghütten wiederhaben,
Wie wenig das Risiko zu kalkulieren die sich Westvereine zu DDR-Zeiten
ist, erfuhren die Tornado-Flieger vor
vier Jahren: In den ersten Tagen des unter den Nagel gerissen hatten.
Golfkriegs stürzte täglich eine Maschine
der Verbündeten ab, insgesamt kehrten er Rentner Fritz Rammelt aus Selb

D
M. DARCHINGER

neun Jets nicht zurück: Mal war es iraki- in Oberfranken, 82 Jahre alt, will
sches Feuer aus Waffen, über die die „noch mal wie ein Löwe kämp-
Serben auch verfügen, mal waren es fen“. Der vitale Alte, gebürtig im ost-
Tornado-Kommodore Dora Splitter der eigenen Bombe, mal ein De- deutschen Coswig, möchte noch erle-
„Äußerst diffiziles Unterfangen“ fekt, mal „Ursache unbekannt“. ben, „daß die Herren in München end-
Natürlich sei der Wüstenkrieg mit lich in die Knie gehen“.
training über Sardinien und die Tiefflüge Bosnien „nicht zu vergleichen“, sagt Sy- Gemeint ist der Hauptvorstand des
in 30 Meter Höhe im kanadischen Goose stemoffizier Peter. Dennoch blätterten Deutschen Alpenvereins (DAV ), den
Bay ihre spielerische Unschuld verloren. die Piloten nun öfter als früher in der der Senior, selbst DAV-Ehrenmitglied,
Die Piloten sind nicht länger Herren der „Konzeption zur Familienbetreuung“, mit Briefen bombardiert. Rammelt wirft
Lüfte, sondern Instrumente der Politik. wo es nicht nur um „Anzeichen von Ge- der Vereinsführung einen „mysteriösen
„Da mußte was im Kopf passieren“, fechtsstreß (Kategorie ernst)“ geht, son- Kuhhandel“ vor, der „schamlos hinter
sagt Peter. Denn aus der „Aufgabe fürs dern auch um „Verfahren bei Vermiß- dem Rücken der alten Besitzer“ abge-
Leben“, die die Bundeswehr versprach, ten und Verschollenen“, um „seelsorge- wickelt worden sei – die Aneignung von
war auf einmal die Konfrontation mit ei- rischen Beistand“ und den „Trauerfall“. Berghütten in den Alpen, die einst ost-
genem und fremdem Tod geworden. Daß sie selbst bald an einer Ahnenta- deutschen Kraxlern gehörten.
Zweimal stand Kommodore Dora in fel hängen könnten, wurde den Crews Zu DDR-Zeiten waren die ostdeut-
seiner Luftwaffen-Karriere vor einer spätestens klar, als plötzlich Beamte aus schen Bergvereine verboten worden.
Haustür, schluckte, klingelte und teilte dem Verteidigungsministerium im Flie- Viele ihrer Herbergen in den BRD-
einer Frau mit, daß sie ihren Mann verlo- gerhorst auftauchten. Sie wiesen auf die Gebirgen gingen an West-Sektionen
ren hatte. Daß es bald wieder soweit sein Haken im Kleingedruckten der Lebens- über.
könnte, ist ihm klar. Kommt es zum Ab- versicherung hin. Bei Tod im Krieg, Auch das prächtige Berghaus in den
zug aus Bosnien, „führt am ECR-Torna- heißt es dort, wird nicht gezahlt. Das re- Lechtaler Alpen in Tirol, von dem aus
do kein Weg vorbei“, sagt Dora. Am Ab- gele dann das Ministerium, beruhigten Rammelt einst die Steilhänge heraufkra-
sturz wohl auch nicht. die Herren. xelte, wechselte den Besitzer: Auf Be-
Dora trägt die Verantwortung für jene Nebenbei erinnerten sie noch an die treiben des DAV vermachte Rammelts
140 der weltweit etwa 2000 Tornado-Pi- Vorzüge eines akkurat abgefaßten Te- alte Heimatsektion Sachsen-Anhalt die
loten, die den ECR bedienen können, staments. Y Immobilie 1971 der Sektion Oberer
die Version „Electronic Combat and Re-
connaissance“ der Maschine. Die 35 bis-
her gebauten Spezialbomber, die alle-
samt in deutschen Hangars stehen, gel-
ten als wirksamste Waffe gegen radarge-
steuerte Luftabwehr.
Als eine Mischung aus Minenhund
und Bodyguard sollen sie den etwaigen
Blauhelm-Abzug begleiten. Vorerst
wünscht sich der Nato-Oberbefehlsha-
ber in Europa, General George Joulwan,
„6 bis 8“ davon. Später vielleicht sogar 10
oder 20.
Bis in den letzten Winkel mit Elektro-
nik vollgestopft, registriert die ECR-
Version, wenn sie vom Radar einer serbi-
schen Flak-Stellung erfaßt wird. Der
Spezial-Tornado stört den Radarsender,
notfalls jagt er auf dem Peilstrahl eine
Rakete in die gegnerische Stellung. Al-
lein die Präsenz der ECR-Tornados wer-
F. BOXLER

de die Serben in Schach halten, hoffen


die Generale. Theoretisch ein sauberer
Schutz für die Truppen-Transporter, Alpinist Rammelt: „Mysteriöser Kuhhandel“

76 DER SPIEGEL 15/1995


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Neckar mit Sitz im baden-württembergi-


schen Rottweil.
Die Zeit verging, die Transaktion ge-
riet in Vergessenheit. Keiner rechnete
damit, daß ostdeutsche Alpenveteranen
irgendwann Ansprüche stellen würden.
Doch auf der ersten Hauptversammlung
des Alpenvereins nach der Wiederverei-
nigung, 1991 in Pforzheim, wiesen Ver-
treter von wiedergegründeten Ost-Sek-
tionen bescheiden darauf hin, „daß es da
in den Alpen auch noch Altlasten gibt“
(so der damalige Anhaltiner Vorsitzende
Dirk Pilger).
„Eine Sektion ohne Stützpunkt ist wie
Suppe ohne Salz“, sagt Pilgers Nachfol-
ger Helmut Stegmann, 58, Textilinge-
nieur in Dessau. Die Anhalter Alpen-
freunde, mittlerweile wieder 150 Mitglie-
der stark, wollen ihre Hütte in Tirol wie-
derhaben oder wenigstens geregelten Zu-
gang zu einer anderen Vereinsherberge.
Mehr als die Hälfte der einstmals 21
Ost-Sektionen ist nach dem Untergang
der D D R wieder zum Leben erwacht.
Davon hat nur ein Teil alte Besitzansprü-
che durchsetzen können. In den anderen
Fällen ist die Sache offen, oder die betrof-
fenen Ost-Ableger haben nach Auffas-
sung der Vereinsoberen in München kei-
ne Chance – ihre Rechte seien verwirkt,
da sie es zu DDR-Zeiten versäumt hät-
ten, zumindest formell Exil-Organisatio-
nen in Westdeutschland zu gründen.
Angesichts der westlichen Übermacht
haben bereits einige ostdeutsche Berg-
freunde kapituliert. So wollen die Sektio-
nen Frankfurt/Oder und Leipzig ihre An-
sprüche erst mal ruhenlassen; einst waren
sie stolze Hüttenbesitzer im Tiroler Stu-
bai. Die Kameraden aus Chemnitz haben
auf ihre Immobilie in den Ötztaler Alpen
schon ganz verzichtet. Nur die Anhalti-
ner bleiben stur.
Sie pochen auf einen Patenschaftsver-
trag aus dem Jahr 1955. Mit dem Segen
des DAV-Vorstands in München hatten
die Freunde der Neckar-Sektion damals
auf der Anhalter Hütte gelobt, diese nur
„im echt bergsteigerischen Geist treulich
zu verwalten“, bis die alten Besitzer das
Haus „wieder übernehmen“ könnten.
Ausdrücklich wurde noch 1987 der Pa-
tenstatus in einer Jubiläumsschrift der
Baden-Württemberger gewürdigt.
Doch die Bergsteigereintracht galt of-
fenkundig nur fürs zweigeteilte Deutsch-
land. Nach der Wende traten die Wessis
unverhohlen als Inhaber auf. Aus war’s
plötzlich „mit Partnerschaft und Paten-
schaft“, klagte der damalige Anhalt-Vor-
sitzer Pilger 1991 in einem Brief an den
DAV.
Mittlerweile läßt der Alpenverein we-
nigstens prüfen, ob der Patenschaftskon-
trakt juristisch von Belang ist. Womög-
lich müssen die Anhaltiner aber klein bei-
geben. Vor mehr als drei Jahren schon
ahnte Pilger: „Wir waren von naiver
Bergkameradschaft beseelt.“ Y

78 DER SPIEGEL 15/1995


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Die Deutschen dagegen kommen


Kinder über unverbindliche Beteuerungen
nicht hinaus. Das Bundesverfassungs-
gericht mahnt schon seit zehn Jahren

Wie Sachen an, Kindern in Streitfällen einen eige-


nen Beistand zu sichern. Der Kinder-
schutzbund fordert, das Frankfurter
Wie kommen Kinder zu ihrem Modell der „Kinderanwältin“ in jeder
größeren Stadt zu übernehmen, und
Recht? Die Stadt Frankfurt am Main auch Bundesjustizministerin Sabine
gibt Jugendlichen Rechtshilfe, ver- Leutheusser-Schnarrenberger plädiert
für einen „Anwalt des Kindes“.
traulich und kostenlos. Doch bislang steht Kindern vor deut-
schen Gerichten nicht einmal ein eige-
ie Klientin hatte sich auf den Ter- ner Anwalt zu. Und auch dem Deut-

D min bei ihrer Anwältin gut vorbe-


reitet. Säuberlich waren ihre Fra-
gen auf einem Zettel notiert, der vor ihr
schen Bundestag fehlt es am nötigen
Bewußtsein. Die Forderung von Abge-
ordneten der SPD, FDP und Gr ünen
auf dem Schreibtisch lag. nach einem eigenen Bericht der Bun-
Die 15jährige Sabine wollte wissen, desregierung zur Lage der Kinder
was sie gegen die eigenen Eltern unter- schmetterte der CDU-Abgeordnete
nehmen könne. Die hatten angekün- Klaus Riegert noch in der vergangenen
digt, ihre Tochter von der Schule zu Legislaturperiode mit der Bemerkung
nehmen und in eine Lehre zu stecken – ab, ein solcher Bericht stelle „die Insti-

B. BOSTELMANN / ARGUM

Kinderanwältin Schumacher: Großer Andrang

Ende aller Träume des Mädchens. Der tutionen Ehe und Familie in Frage“.
juristische Rat, den das verzweifelte Der Antrag wurde abgelehnt.
Mädchen bekam, hat es in sich: Wenn Mehr Rechte für Kinder mißfallen vor
ihre Eltern nicht einlenken, kann Sabine allem vielen Vätern und Müttern. Beim
gerichtlich gegen sie vorgehen. Frankfurter Kinderschutzbund, der die
In der hessischen Metropole Frank- von der Stadt beauftragte Kinderanwäl-
furt können sich Heranwachsende im tin unterstützt, riefen reihenweise em-
kommunalen Kinderbüro rechtlichen pörte Eltern an. Die Jugendbehörde
Beistand holen, vertraulich und kosten- wolle offenbar, so beschwerten sie sich,
los. Alle 14 Tage hält die Anwältin Ga- die Kinder gegen sie „aufhetzen“.
briele Schumacher dort Sprechstunde. Der Andrang in der Sprechstunde der
Diese Art der Rechtshilfe für Kids ist Anwältin Schumacher ist groß. Da kom-
einmalig in Deutschland. men Jugendliche, denen der Vater die
Andere Länder sind längst weiter. In Zahlung von Unterhalt verweigert. An-
Großbritannien, den USA, Frankreich dere fragen, ob der Nachbar ihnen ver-
und Australien steht Jugendlichen vor bieten darf, im Hof zu spielen. Ein Jun-
Gericht ein Kinderanwalt oder Sozialar- ge war wegen angeblichen Diebstahls
beiter zur Seite. In den Niederlanden ist angezeigt worden und wollte wissen, wie
der „Kinderrechtswinkel“, die kostenlo- er sich verteidigen kann.
se Rechtsberatung für Minderjährige, Seit zehn Monaten arbeitet Schuma-
eine feste Einrichtung freier Träger. cher als Kinderanwältin. Über das Kin-
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derbüro können die Jugendlichen einen


festen Termin ausmachen.
Während des Gesprächs bleibt die
Tür des Sprechzimmers geschlossen,
keiner soll zuhören. Schumacher: „Wir
halten es genauso wie bei Erwachsenen,
die zum Anwalt gehen.“
Der kleine Unterschied: Schumacher
arbeitet ehrenamtlich, einen regulären
Anwalt könnten die Jugendlichen gar
nicht bezahlen. Doch die Hilfe, die
Schumacher ihnen geben kann, ist von
begrenztem Wert: Vor Gericht, wenn
erbittert um Sorgerecht oder Unterhalt
gestritten wird, ist das Kind wieder al-
lein. Da herrsche, beklagt die Anwältin,
die „Dominanz des Elternrechts“.
Im Gesetz werden Minderjährige
über die Eltern definiert. Anspruch auf
eine eigene Vertretung vor Gericht ha-
ben sie nicht. Schumacher: „Selbst wenn
ein Kind seine Eltern verklagt, sind die-
se sein gesetzlicher Vertreter.“
Zwar können Richter bei einem
„erheblichen Interessengegensatz“ zwi-
schen Kind und Eltern einen „Verfah-
renspfleger“ bestellen, der die Interes-
sen des Kindes wahrnimmt. Doch da-
von, weiß der Frankfurter Familien-
rechtsexperte Ludwig Salgo, „wird so
gut wie nie Gebrauch gemacht“.
Die Jugendlichen werden, entgegen

ZB / DPA
den Vorschriften, häufig nicht einmal
vom Gericht angehört. „Wir brauchen
jemanden“, sagt Salgo, „der ganz auf Satellitenantennen (in Leipzig): „Dramatische Zuspitzung“
der Seite des Kindes steht – das sind we-
der Eltern noch das Gericht, noch das sorgt überall, wo Fernsehkabel in den
Jugendamt.“ Der Verein „Anwalt des Fernsehen Häusern nicht optimal abgeschirmt sind,
Kindes“ in Hamburg fordert, Rechtshel- auf bestimmten Frequenzen für Flim-
fer für Kinder im Familienrecht sowie mern oder Rauschen im Programm. Ge-
im Strafgesetzbuch festzuschreiben.
Vor allem in Sorgerechtsverfahren,
klagt der Hamburger Rechtsanwalt Ru-
Vielfalt nach schädigten Sendern empfiehlt das Post-
ministerium, doch auf störungsfreie Ka-
belkanäle zu wechseln, sofern „andere,
dolf von Bracken, würden Kinder „wie
Sachen hin- und hergeschoben“. Nach
britischem Vorbild bildet der von ihm
Geschmack kurzfristige Maßnahmen nicht greifen“
– glatter Hohn.
Denn die Netze mit ihren derzeit
mitbegründete Verein Rechtsanwälte, Viele Zuschauer steigen um: Kabel- nutzbaren rund 30 Fernsehkanälen sind
Erzieher und Psychologen zu Kinderan- überlastet, für neue Sender und Aus-
wälten weiter, die sich dann im Team
TV ist nur noch wenig gefragt, über weichfrequenzen ist kaum noch Platz.
um ihre kleinen Mandanten vor Gericht Satellit sind immer neue Programme Das Staatsunternehmen gerät mit seiner
kümmern sollen. Kabelpolitik heftig in die Kritik.
Besonders Heimkinder fühlen sich oft
zu empfangen. Mit Slogans wie „Programmvielfalt
entmündigt. Auf einem Kinderrechts- ganz nach Geschmack“ hatte die Tele-
kongreß in Frankfurt forderten Jugend- nternehmer der Telekommunikati- kom jahrelang die Kundschaft geködert
liche aus Heimen in Berlin, Münster,
Dresden, Hildesheim und Frankfurt
deshalb eine eigene „Rechtsschutzversi-
U onsbranche, seit Monaten in Gold-
rausch und Gr ünderstimmung, er-
spähen einen ganz großen Markt – mal
und, gegen viele Warnungen von Exper-
ten, überall in der Republik Kupferka-
bel verbuddeln lassen. Rund 15 Millio-
cherung“. „In Streitfällen wollen wir uns wieder. Diesmal soll, nach Handys, nen Wohnungen hat die Telekom ans
einen Anwalt nehmen können“, sagt Scall und Datennetzen, ein europawei- Kabelnetz geholt, fast jeder zweite TV-
Andreas, 17. ter Dienst namens Ermes die Millionen Haushalt in Deutschland ist ihr Kunde.
Auf der Kongreßbühne haben die Ju- bringen. Nun stößt die veraltete Technologie,
gendlichen einen authentischen Fall Das European Radio Message System nach nur einem Jahrzehnt und rund 20
nachgespielt, in dem ein Mädchen zwi- bringt auf westentaschenkleinen Dis- Milliarden Mark Investition der Tele-
schen Heim, Jugendamt und Pflegeel- plays überall in Europa Kurznachrich- kom, an ihre Grenzen.
tern hin- und hergezerrt wird. Nach der ten zum Kunden – von der Firmenzen- Die Engpässe im Kabel sind Ende des
Meinung des Kindes fragte keiner. trale, dem Lebenspartner oder auch Monats Gesprächsthema für die Me-
Sara, 14, ist überzeugt: „Wenn wir Tante Hilde. dienkontrolleure. Victor Henle, Me-
über unsere Rechte Bescheid wissen, Für die Staatsfirma Telekom, die sel- dienwächter in Thüringen, hat im Auf-
haben die Erwachsenen auch viel mehr ber auf eine Ermes-Lizenz hofft, könnte trag der anderen Landesmedienanstal-
Achtung vor uns.“ Y das böse Folgen haben. Denn Ermes ten untersucht, welche Chance die Li-

DER SPIEGEL 15/1995 85


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zenzanträge von zwölf neuen Fernseh- Mediengiganten Viacom wird, voraus-


sendern haben. Sein nüchternes Fazit: sichtlich vom 1. Juli an, ihre Satelliten-
Bereits erteilte Genehmigungen, etwa programme verschlüsseln und nur noch
für Musik-, Kinder-, Frauen- oder Fami- als Pay-TV über Decoder anbieten – jähr-
lienkanäle, seien „weitgehend wertlos“, liche Kosten für den Verbraucher: zu-
weil die Verbreitung über Kabel nicht nächst 299 Mark. Damit der populäre
gesichert ist. Sender trotzdem unverschlüsselt im Tele-
Wegen der „dramatischen Zuspit- kom-Kabel bleibt, erläßt ihm das Staats-
zung“ hat der Mainzer Ministerpräsi- unternehmen rund 15 Millionen Mark
dent Kurt Beck (SPD), der die Medien- Geb ühren, die sonst für die Einspeisung
politik der Bundesländer koordiniert, üblich wären.
bei der Telekom protestiert. Schriftlich Nach Ansicht von Dieter Gorny, Chef
mahnte er das Vorstandsmitglied Wil- des deutschen MTV-Rivalen Viva, führt
helm Pällmann, das Unternehmen müs- dieser Handel zu einer „Wettbewerbs-
se endlich ein Konzept für den Ausbau verzerrung“. Das Bundeskartellamt ist
des Kabelfernsehens vorlegen. Andern- bereits alarmiert. Es sei „nicht auszu-
falls verlören die verstopften Netze ihre schließen“, sagt ein Sprecher, daß es sich
Attraktivität – Folge: Immer mehr Zu- bei den Vergünstigungen für MTV „um
schauer gäben dann, prophezeit Beck, eine Diskriminierung von Mitbewerbern
dem Empfang über Satellit den Vorzug. handelt“. Die Behörde hat die Telekom
Der Boom hat längst eingesetzt. Das aufgefordert, Stellung zu beziehen.
Astra-System, Marktführer bei den TV- Platz im überfüllten Kabel, so das Kal-
Satelliten über Europa, bietet schon kül der Telekom, soll nun vor allem
heute mit den Himmels- das digitale Fernsehen
körpern 1A bis 1D rund schaffen. Bei diesem
doppelt so viele Pro- Zukunfts-TV, das die-
gramme wie die Tele- ses Jahr startet, können
kom. Binnen sechs Jah- auf einem herkömm-
ren ist die Zahl der Haus- lichen Übertragungs-
halte, die sich in Deutsch- kanal gleich sechs bis
land ihr Fernsehangebot zehn Programme ausge-
über Parabolantenne strahlt werden. Bis zu
und Astra auf den Bild- 500 Programme seien

K. SCH ÖNE / ZEITENSPIEGEL


schirm holen, von nahezu dann via Kabel denkbar,
null auf acht Millionen verkündet Willfried Sei-
gestiegen. bel von der Telekom.
Nun will auch die bis- Schon jetzt hat das Un-
her bescheidene Astra- ternehmen 15 seiner 49
Konkurrenz Eutelsat, Kabelkanäle für das di-
ein Verbund von Tele- Medienpolitiker Beck gitale Fernsehen reser-
kommunikationsfirmen viert.
aus mehr als 40 Ländern, ein Satellitensy- Doch auch diese Strategie, argumen-
stem namens Hot Bird aufbauen. Vor- tieren Vertreter der Privatsender, werde
letzte Woche wurde der erste einer Reihe nicht viel fruchten. Es dauere Jahre, bis
von Trabanten im All positioniert. alle Zuschauer mit teuren Zusatzgeräten
Mit den neuesten Parabolantennen oder neuen Flimmerkisten digital ausge-
kann die Kundschaft dann sogar Astra strahlte Programme tatsächlich empfan-
und Hot Bird gleichzeitig empfangen und gen könnten, sagt Markus Schäfer vom
unter rund 80 Sendern wählen. Das ist Verband Privater Rundfunk und Tele-
zwar erheblich teurer als ein einzelner kommunikation (VPRT).
Kabelanschluß, der mit 66 Mark zu Bu- Bis dahin müßten auch neue Sender die
che schlägt. Dafür fallen aber keine wei- Möglichkeit haben, mit der herkömmli-
teren Kosten an, während die Telekom chen Technik die Zuschauer zu bedienen.
normalerweise 22,50 Mark pro Monat für Der VPRT und die Medienanstalten
den Kabelempfang kassiert. drängen die Telekom deshalb, die Fre-
Die Kundschaft stellt denn auch immer quenzbreite in den Kabelnetzen von der-
weniger Anträge auf Kabelanschluß zeit 450 auf künftig 606 Megahertz zu er-
(1994: 1,1 Millionen, 1993: 1,7 Millio- weitern – das würde Platz für knapp 20
nen), die Händler registrieren weiter stei- weitere Kanäle schaffen.
gende Nachfrage nach Satellitenempfän- Dies sei, argumentiert Seibel, bei Ko-
gern und Antennenschüsseln. Die Zahl sten von mehr als einer Milliarde Mark
der Satellitenhaushalte, freuen sich die „schlicht zu teuer“. Doch Medienwäch-
Astra-Manager, wachse schneller als die ter Henle widerspricht: Private Unter-
der Kabelkunden. nehmen reagierten jetzt schon „schneller
Mit allen Mitteln versuchen die Tele- und sind weit preisgünstiger“. Nur das
kom-Strategen nun, ihre Kabelnetze zu Leitungsmonopol, das allerdings späte-
halten: Den Zuschauern soll partout et- stens 1998 ausläuft, rette die Staatsfirma
was Exklusives geboten werden. Deshalb derzeit noch, glaubt er. Sobald private
genießt der Popmusik-Sender MTV eine Konkurrenz ihre Netze anbieten dürfe,
Sonderbehandlung: Die Tochter des US- „sieht die Telekom alt aus“. Y

88 DER SPIEGEL 15/1995


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FOTOS: ACTION PRESS


Angeklagte Weimar*: „Ohne Hoffnung könnte ich das nicht durchstehen“

Strafjustiz

„... als haltlos erwiesen“


Gerhard Mauz zur Verwerfung der Wiederaufnahme von Monika Böttcher, geschiedene Weimar

er Rechtsanwalt Gerhard Strate Seinem Gesuch um Wiederaufnahme die den zitierten Satz („Sie hat mich da-

D zum Hamburger Abendblatt: „Ich


bin fassungslos.“ Denn die 6.
Strafkammer des Landgerichts Gießen
reichte Strate am 11. Januar 1993 eine
Ergänzung nach. Er benannte Ulrich
Flach als Zeugen. Strate wies darauf
zu gebracht“) enthielt. In einem „Ab-
schlußbericht“ genannten Brief an Mo-
nika Böttcher stellte Flach allerdings am
hat das Wiederaufnahmegesuch „als un- hin, daß sich ein abschließendes Bild 8. Oktober 1993 andere Überlegungen
begründet verworfen“, das Strate am von der Glaubwürdigkeit Flachs erst an. Es könne auch ihr Schwager die Tat
28. Oktober 1992 zugunsten von nach seiner Anh örung gewinnen lassen begangen haben.
Monika Böttcher, der geschiedenen werde. Doch die „Sensation“ wurde Die 6. Strafkammer gelangte hinsicht-
Frau von Reinhard Weimar, vorgelegt schon in Bild am Sonntag vom 31. Janu- lich des Zeugen Flach zu der Überzeu-
hatte. ar 1993 öffentlich gemacht. In einem Te- gung, daß ihm „kein Glauben zu schen-
Als unverständlich empfand Strate lefongespräch habe Reinhard Weimar ken ist“. Dazu trug bei, daß Flach nach
auch, daß die Strafkammer Zeugen zu Flach gesagt: „Sie sitzt zu Recht, sie seiner Vernehmung durch die 6. Straf-
nicht würdigte, die behaupten, daß hat mich dazu gebracht.“ kammer dieser brieflich mitteilte, seine
Reinhard Weimar ihnen gegenüber ge- In einem Schreiben vom 7. Dezember Befragung sei abgebrochen worden, als
standen hat, nicht Monika, sondern er 1992 hatte Flach mit Strate Verbindung er noch nicht fertig war. Und dann trug
habe die gemeinsamen Kinder Karola, aufgenommen und diesem am 29. De- er eine neue Version vor.
5, und Melanie, 7, getötet. zember 1992 eine Erklärung gegeben, Die Kinder Karola und Melanie seien
am Morgen des 4. August 1986 zu ihrer
Mutter ins Auto gestiegen und hätten
Lebenslang unangeschnallt auf dem Beifahrersitz
Platz genommen. Bei einer Notbrem-
lautete im Januar 1988 das sung seien sie durch Aufprall entweder
Urteil gegen Monika Weimar beide getötet oder es sei nur eines töd-
in Fulda. Sie wurde für schul- lich verletzt worden, und Monika habe
dig befunden, ihre Töchter Ka- dann unter Schock beziehungsweise in
rola und Melanie am 4. Au- Panik das andere auch umgebracht.
gust 1986 ermordet zu ha- Die Zeugin Edith Anton ist von der 6.
ben. Ihr Motiv konnte nicht Strafkammer gleichfalls als „nicht glaub-
eindeutig geklärt werden. Es würdig“ befunden worden „bezüglich
wurde aber auch in der – zur der behaupteten geständigen Äußerun-
Tatzeit deutlich gestörten – gen des Herrn Weimar“ ihr gegenüber.
Beziehung zu ihrem US-Lieb- Auch der Rechtsanwalt Strate steht ihr –
haber Kevin Pratt gesehen. Im in einem Schriftsatz vom 30. Januar
Februar 1989 bestätigte der
BGH das Urteil, es ist seither
* Bei einer Ortsbesichtigung während der Haupt-
rechtskräftig. Getötete Kinder Melanie, Karola verhandlung (1987); Vorsitzender Richter Bor-
muth (l.), Verteidiger Schultze.

90 DER SPIEGEL 15/1995


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1995 – nicht unkritisch gegenüber. Sie verwertet worden, obwohl ihnen jegli- lich nicht gesund angesehen werden
„scheint alle Eigenschaften eines che Zuverlässigkeit fehle. mußte“. Die 6. Strafkammer hat aus
,schlechten‘ Zeugen in sich zu vereinen: Die 6. Strafkammer stellt fest, dieses dieser „unterstellten neuen Sachlage“
Sie ist gleichermaßen spontan wie unzu- Wiederaufnahmevorbringen sei „ein- ernstliche Zweifel an der Täterschaft
verlässig, in ihren menschlichen Reakti- deutig widerlegt“. Strates Gutachter, der Verurteilten nicht herleiten können.
onsweisen skurril, zeigt eine mehr als Professor Tensfeldt, Hamburg, „nach Jeder Mensch hat eine körperliche
schillernde Vita und vermittelt den Ein- eigenem Eingeständnis als ,Textilprag- oder seelische Disposition, eine Gefähr-
druck, der einen oder anderen Sucht zu- matiker‘ an die Sache herangegangen, dung für den Fall, daß er in eine Krise
geneigt zu sein. Auch kann, wer ihr übel ohne auch nur die in der Kriminaltech- gerät, die er nicht mehr bewältigen
will, noch diese oder jene schlechte Ei- nik bei Faserbegutachtungen gängigen kann, die ihn seiner Disposition auslie-
genschaft an ihr entdecken“. Untersuchungsmethoden zu kennen“, fert. Was dem heute schwerkranken
Man muß indessen kein starres Bild hat „grundlegende forensische und kri- Reinhard Weimar widerfahren ist, hat
vom schlechten Zeugen haben und der minaltechnische Kenntnisse“ vermissen ihn einer Störung überantwortet, die an-
Zeugin Anton übel wollen, um in ihr ei- gelegt war in ihm, die ihn bedrohte,
ne unglaubwürdige Zeugin zu sehen. wenn er an Erlebnisse geriet, auf die sei-
Die 6. Strafkammer hat sorgfältig ge- ne körperliche und seelische Substanz
prüft und detailliert begründet, warum nur noch mit Krankheit reagieren konn-
sie meint, daß Frau Antons Aussage die te. Daß er an einer latenten Beeinträch-
Feststellungen des angefochtenen Ur- tigung trug, erlaubt nicht den Schluß, er
teils „in keiner Weise erschüttert“. habe seine Kinder in einem „Blackout“
Die Zeugin habe Reinhard Weimar getötet.
versprochen, das ihr Anvertraute nicht Monika Böttcher bedarf einer Anteil-
zu offenbaren. Andererseits sei sie über- nahme, die mehr verlangt als das Enga-
zeugt gewesen, daß sich eine Unschuldi- gement für eine Unschuldige, Fehlver-
ge in Haft befinde. Sie habe ein paar Ta- urteilte. Aber für die nackte Unschuld
ge vor der Polizeiwache gestanden und kämpft es sich besser, da kann man sich
überlegt, ob sie eine Aussage machen engagieren. Wer Kevin Pratt, Monika
solle. Sie habe sicher vier- bis fünfmal Weimars US-Liebhaber, im Prozeß in
dort gestanden, sich aber nicht getraut. Fulda erlebte, der begriff, warum die
Doch dann führte sie ihr Weg, nach- Angeklagte schuldig wurde. Er war
dem sie sich etwa zweieinhalb Jahre spä- nicht geschieden, wie er Monika vorge-
ter entschlossen hatte, ihr Wissen preis- logen hatte, er mußte für eine Ehefrau
zugeben, „nicht mehr zur Polizei, son- und drei Kinder in den Staaten sorgen.
dern zunächst zur Bild-Zeitung und zur Er ließ sich in die Staaten zurückver-
Morgenpost“. Die Ablehnung dieser setzen, er beantragte keine Verlänge-
Zeugin gründet sich nicht nur darauf, rung seiner Dienstzeit in der Bundesre-
sondern auf ein Bündel von Einwänden. publik. Im Dezember 1986 hat Monika,
Die Behauptungen des Zeugen Flach damals noch Weimar, zu einem Sach-
und der Zeugin Anton sind von den Me- verständigen gesagt: „Jetzt im nachhin-
dien massiv betrieben worden. Der Zeu- ein denke ich schon, daß es so war, daß
ge Flach und die Zeugin Anton waren Kevin lediglich eine sexuelle Beziehung
die Vorder- und Hinterachse des Fahr- zu mir hatte und auch wollte, nicht
zeugs, mit dem das Gefühl transportiert mehr. Er hat mich belogen, um mich
wurde, in Sachen Monika Böttcher sei nicht zu verlieren, das heißt, um mich
ein Justizverbrechen verübt worden. nicht als Sexpartner zu verlieren.“
Auch war der Kern des Wiederaufnah- Wie vielen Mädchen und Frauen Pratt
megesuchs, die Begutachtung von Fa- in den drei Jahren, die er als Soldat in
HAEWO / ACTION PRESS

sern, mittels der Medien nur schwer zu- der Bundesrepublik verbrachte, die Ehe
gänglich zu machen: Flach und Anton versprach oder zumindest anbot, sie mit
mußten die Köder sein. nach Amerika zu nehmen: Es ließ sich
Daß man ihnen damit Arges tat – das nicht mehr rekonstruieren.
schert einen Rechtsanwalt nicht, dem es Rechtsanwalt Bernd Schneider,
um Wiederaufnahme geht: Was er auch Zeuge Pratt Frankfurt/Koblenz, vertrat im Wieder-
tut, es ist gerechtfertigt. Er tut es für „Er hat mich belogen“ aufnahmeverfahren den Nebenkläger
den Mandanten. Reinhard Weimar. Schneiders schriftli-
Detailliert läßt sich die 41 Seiten lan- lassen. Sein Gutachten hat sich für die che und mündliche Beteiligung war wir-
ge Verwerfung eines Wiederaufnahme- 6. Strafkammer „als haltlos erwiesen“. kungsvoll. Von ihm ist kein Wort und
gesuchs nicht berichten. Da aus dem Die 6. Strafkammer hat im übrigen keine Zeile während des nichtöffentli-
Text ausgewählt werden muß, gilt jede auch Korrekturen am Fuldaer Urteil, chen Wiederaufnahmeverfahrens an die
Zeile als eine – selbstverständlich – die sich aus der Diskussion um die Fa- Öffentlichkeit gelangt. Für das Vorbrin-
„tendenziöse“ Auswahl. sern ergaben, Rechnung getragen. Doch gen des Rechtsanwalts Strate ist sehr
Das Fasergutachten, das im Prozeß in die „erdrückende Beweislage“ ist durch viel gedruckt, gesendet und auf dem
Fulda gegen Monika Weimar, damals die „neuen Erkenntnisse in keiner Wei- Bildschirm geboten worden. Strate wird
noch nicht geschieden, vorgetragen wur- se erschüttert oder auch nur geschwächt zum Oberlandesgericht gehen, und wei-
de, sei falsch gewesen, brachte Rechts- worden“. ter zum Bundesverfassungsgericht, zum
anwalt Strate vor. Und das war der Kern Nachgeschoben wurde von Rechtsan- Europäischen Gerichtshof und so fort.
seines Gesuchs. Es basierte auf der Be- walt Strate auch, es sei davon auszuge- „Ohne Hoffnung könnte ich das nicht
hauptung, es seien Faservergleichsun- hen, daß Reinhard Weimar aufgrund ei- durchstehen“, soll Monika Böttcher ge-
tersuchungen des Hessischen Landeskri- ner latent vorhandenen hirnorganischen sagt haben. Strate hält ihre Hoffnung
minalamts zu Lasten der Verurteilten Beeinträchtigung zur Tatzeit als „nerv- am Leben, immerhin. Y

92 DER SPIEGEL 15/1995


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..

DEUTSCHLAND

Prozesse

Anruf
beim Rabbi
Für die Nachstellungen von Polizei
und Justiz will ein unschuldig als
Bankräuber Verdächtigter vom Land
Rheinland-Pfalz Schadensersatz.

ilbert Kallenborn, 41, leistet sich

G neuerdings einen Luxus, der den

S. MORGENSTERN
Anlagenelektroniker viel Geld ko-
stet: Weil er befürchtet, von der Polizei
abgehört zu werden, telefoniert er fast
nur noch per Handy.
Der Mann leidet nicht unter Verfol- Justizopfer Kallenborn: Schlampige Ermittlungsmethoden
gungswahn. Schon einmal, 1991, hat die
Kripo in Trier 3204 Kallenborn-Telefo- einer Entscheidung des Bundesgerichts- längst abgebüßten Jugendsünde gera-
nate belauscht, darunter etwa 200 Un- hofs von 1983 dürfen so gewonnene Er- ten. Mit 18 hatten er und vier Klassen-
terhaltungen mit dessen Verteidiger – kenntnisse nicht verwertet werden. kameraden 1972 die Kreissparkasse in
Gespräche, die Ermittler nach gelten- Trotzdem schickten die Trierer den Waldrach überfallen. Das Quintett woll-
dem Recht weder mithören noch gar Mitschnitt eines Raumgesprächs an das te mit der Beute (38 000 Mark) eine
aufzeichnen dürfen. nordrhein-westfälische Landeskriminal- Kommune in Kanada gründen. Statt
Anlaß für die Spitzelei vor vier Jah- amt, um das Tonband klanglich nach- dessen landete Kallenborn für vierein-
ren: Die Polizei verdächtigte Kallen- bessern zu lassen, nach Ansicht von Da- halb Jahre im Knast.
born, er habe im November 1990 mit ei- tenschützern eindeutig „rechtswidrig“. Als 18 Jahre später, im November
nem Komplizen die Kreissparkasse in Illegal sei zudem gewesen, daß ein eng- 1990, zwei bewaffnete Räuber erneut
Waldrach bei Trier überfallen. Der Ver- lisch und hebräisch geführtes Telefonge- die Waldracher Filiale überfielen, kam
dacht ließ sich nicht halten, 1992 stellte spräch des gläubigen Juden mit seinem dem Trierer Kriminalkommissar Wolf-
die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen Rabbi in Israel von einem nicht verei- gang Willems die Idee, Kallenborn
gegen ihn und seinen mitverdächtigten digten Dolmetscher übersetzt wurde. könnte wieder einer der Täter sein.
damaligen Arbeitgeber ein. Die Täter Derzeit befaßt sich auch das Bundes- Die Fahnder besorgten sich einen Ab-
wurden nie gefaßt. verfassungsgericht mit dem Fall. Kallen- hörbeschluß bei dem Trierer Richter
Kallenborn und sein Ex-Arbeitgeber born hat sich in Karlsruhe über die Jürgen Fingas. Obwohl die Polizei nach
haben das Land Rheinland-Pfalz auf „Polizeiwillkür“ beschwert. Die Ober- drei Monaten keine Anhaltspunkte für
Schadensersatz verklagt. Sein Mandant, richter haben den Mainzer Justizmini- eine Tatbeteiligung Kallenborns gefun-
so Kallenborns Anwalt, sei „durch ster Peter Caesar (FDP ) zu einer Stel- den hatte, stimmte Fingas einer Verlän-
schlampige und überzogene Ermitt- lungnahme aufgefordert; Caesars Be- gerung der Überwachung zu, ein merk-
lungsmethoden“ der Polizei arbeitslos hörde bestreitet bislang alle Vorwürfe. würdiges Verhalten des Richters. Denn
geworden. Die Ger üchte um den angeb- In den Verdacht, ein Bankräuber zu laut Strafprozeßordnung darf eine Ab-
lichen Bankräuber Kallenborn und sei- sein, ist Gilbert Kallenborn wegen einer höraktion nur dann verlängert werden,
nen Chef trieben dessen Firma wenn der Tatverdacht fortbesteht.
in die Pleite. In erster Instanz Nach sechsmonatigem Lauschangriff
hat das Landgericht Koblenz war die Kripo noch immer keinen
Kallenborns Klage vergangene Schritt weiter. Inzwischen umfaßte die
Woche abgewiesen. Sammlung der Kallenborn-Telefonate
Seit drei Jahren schon bereits 99 Bänder. Als ein Jahr später
kämpft Kallenborn gegen die die Bank in Waldrach zum drittenmal
Justiz. Datenschützer aus überfallen wurde, ermittelte die Polizei
Rheinland-Pfalz und Nord- sofort wieder gegen Kallenborn. Doch
rhein-Westfalen haben bestä- der konnte seine Unschuld belegen.
tigt, daß die Kripo ihm etwas Einen ersten Erfolg gegen die Justiz
außerhalb der Legalität nach- hat Kallenborn inzwischen erreicht: Ge-
gestellt habe. gen Richter Fingas, der Ende letzten
F. SOMMARIVA / OSTWESTBILD

Mehrmals wurden etwa so- Jahres bereits in den vorzeitigen Ruhe-


genannte Raumgespräche Kal- stand versetzt wurde, ermittelt die Ko-
lenborns aufgezeichnet. Dar- blenzer Staatsanwaltschaft, unter ande-
unter verstehen Fachleute Un- rem wegen des Verdachts der Rechts-
terhaltungen im Zimmer, die beugung und Strafvereitelung im Amt.
über Telefon mitgehört wer- Fingas hatte Strafanzeigen Kallenborns
den können, weil der Hörer Rheinland-pfälzischer Justizminister Caesar unbearbeitet liegenlassen, weil er sich
nicht aufgelegt wurde. Nach Anfrage aus Karlsruhe „belästigt“ fühlte. Y

94 DER SPIEGEL 15/1995


..

Terroristen

„Carlos sollte auspacken“


Interview mit dem Aussteiger Hans-Joachim Klein über sein Zögern, sich der deutschen Justiz zu stellen

SPIEGEL: Werden Sie den Rat Cohn-Ben- mer verachtet. Aber ich bin kein Kron- auch als Mittäterin des Mordes von
dits beherzigen und sich der deutschen zeuge. „Nada“ hat die beiden Sicher- „Carlos“ an dem Libyer im Konferenz-
Justiz stellen? heitsbeamten, die einfach nur weglaufen raum. Die Staatsanwälte haben also
Klein: So einfach ist das alles ja nicht. Ich wollten, aus allernächster Nähe ganz nicht jedes Kommandomitglied für alle
war 1975 in Wien dabei und bin schuldig. brutal erschossen. drei Morde verantwortlich machen wol-
SPIEGEL: Bei diesem Überfall auf die SPIEGEL: Sie wollen offenbar darauf len. Diese Rechtsansicht könnte viel-
Opec-Konferenz hatte es drei Tote gege- hinaus, diese drei Toten von Wien seien leicht auch für Sie von Vorteil sein.
ben. Nach Ihnen wird deshalb wegen die Opfer sogenannter Exzeßtäter ge- Klein: Die deutsche Justiz ist offenbar
Mordes gefahndet. worden – also von einzelnen Komman- schon damals davon ausgegangen, daß
Klein: Ich bin kein Mörder. Ich habe kei- domitgliedern erschossen worden, die „Carlos“ so ein Exzeßtäter war. „Nada“
nen einzigen Menschen umgebracht – sich bei der Aktion ganz anders verhal- war das aber auch. Sie hat diese beiden
nicht einmal auf einen geschossen. ten haben, als bei der Tatplanung vor- Sicherheitsbeamten, die sich doch nur
SPIEGEL: Sie müssen als Mittäter trotz- her vereinbart worden war. verdrücken wollten, eiskalt umgelegt –
dem mit einer Mordanklage rechnen. Klein: So war es wirklich. Das ist die rei- wegen nichts und wieder nichts. Das war
Klein: Das ist noch die Frage. Mit diesem ne Wahrheit. Ich habe für mich über- strikt gegen unsere Abrede. Mich
Massaker, das „Carlos“ und das einzige haupt nichts zu beschönigen. Aber für empört das heute noch so wie damals.
weibliche Kommandomitglied „Nada“ diese drei Morde kann ich mich einfach SPIEGEL: Cohn-Bendit ist der Ansicht,
damals in Wien angerichtet haben, habe nicht schuldig fühlen. Sie hätten wohl nur mit zwei bis drei
ich nicht das geringste zu tun. SPIEGEL: Gabriele Tiedemann stand vor Jahren Gefängnis zu rechnen.
SPIEGEL: Aber war denn nicht allen Tat- fünf Jahren in Köln vor dem Schwurge- Klein: Das hört sich so einfach an. Ga-
beteiligten damals vorher klar, daß die richt, weil die Ankläger sie für diese rantieren kann mir Dany natürlich gar
mitgebrachten Waffen auch eingesetzt „Nada“ gehalten haben. Sie ist damals nichts. Man müßte das alles erst mal ge-
werden? aus Mangel an Beweisen freigesprochen nauer unter die Lupe nehmen.
Klein: Nein, eben nicht. Es gab vor der worden. Angeklagt war sie nur wegen SPIEGEL: Gerhart Baum, der frühere
Aktion eine lange Diskussion. Ich konnte jener beiden Morde, die diese „Nada“ Bundesinnenminister, vertritt den
kein Englisch, „Carlos“ sprach natürlich eigenhändig begangen hatte – nicht aber Standpunkt, Ihre Anwälte sollten mit
kein Deutsch. Wilfried Bö-
se, damals Chef der „Revo-
lutionären Zellen“, hat für
uns übersetzt. „Carlos“
Hans-Joachim Klein
wollte, daß jeder erschos- gehörte neben „Carlos“ dem Terroristen-Kom-
sen wird, der aus dem Kon- mando an, das am 21. Dezember 1975 in
ferenzgebäude fliehen will, Wien die Konferenz der Opec-Minister über-
damit er keine Angaben fiel. Bei dem Anschlag wurden zwei Sicher-
bei der Polizei machen heitsbeamte und ein irakisches Delegations-
kann. Ich war strikt dage- mitglied erschossen. Die Täter nahmen elf
gen. Ich habe von Anfang Erdölminister als Geiseln, entführten sie mit
an mit aller Deutlichkeit einem Flugzeug nach Nordafrika und ließen
erklärt, ich mache bei kei- sie dann gegen Lösegeld frei. Schon kurz
ner Aktion mit, wenn da- nach Beginn des Überfalls wurde Klein durch
bei Leute getötet werden einen Bauchschuß schwer verletzt. Der im
sollen, nur weil sie einfach vergangenen Jahr im Sudan gefaßte und den
abhauen wollen. So was Franzosen übergebene Top-Terrorist „Carlos“,
hätte ich nie gekonnt. Dar- bürgerlich Ilich Ramı́rez Sánchez, erzwang,
aufhin hieß es damals: daß Klein nach einer Notoperation in Wien
Okay, akzeptiert, nur bei auf einer Trage zusammen mit den Kidnap-
Widerstand wird von der pern ausgeflogen wurde. Nach seiner Gene-
Waffe Gebrauch gemacht. sung setzte sich Klein von den Mittätern ab,
In Wahrheit lief es dann schickte seine Waffe an den SPIEGEL und di-
aber ganz anders ab. stanzierte sich in mehreren Interviews sowie
„Carlos“ hat einen Libyer in seinem Buch „Rückkehr in die Menschlich-
zusammengeschossen, der keit“ von der sogenannten Politik des bewaff-
schon wehrlos am Boden neten Kampfes. Seither lebt Klein, heute 47,
lag. Und „Nada“ . . . im Ausland. Der Grünen-Politiker Daniel
SPIEGEL: . . . wer war die- Cohn-Bendit, 50, ein alter Klein-Gefährte aus
se Frau denn wirklich – Ga- Frankfurter Apo-Tagen, hat im Fernsehkanal
briele Tiedemann? Arte an Klein appelliert, sich endlich den Ju-
AP

Klein: Dazu sage ich nichts. Angeschossener Klein in Wien 1975 stizbehörden zu stellen.
Ich habe diese „Nada“ im-

DER SPIEGEL 15/1995 95


..

DEUTSCHLAND

gen; die Sache flog auf, ihm drohte ein


Milit är Verfahren vor dem Militärtribunal.
Da desertierte der GI wie Hunderte
seiner Landsleute; sie flüchteten etwa

Langes aus Furcht vor Bestrafung wegen kleiner


Vergehen oder weil sie nicht in den Ko-
rea-Krieg ziehen wollten.

Gedächtnis Bis heute gelten viele der Deserteure


als verschollen, manche wähnte das
amerikanische Verteidigungsministeri-
Nach langer Suche hat die US- um zeitweise als Gefangene in russischer
Hand. Über 40 dieser Schicksale wur-
Armee Deserteure gefunden, die in den jetzt jedoch aufgeklärt: Die Ameri-
die DDR geflohen waren. kaner hatten sich in der ehemaligen
D D R versteckt, 10 leben noch in den
ls der Ost-Berliner Journalist Vic- neuen Bundesländern.

A tor Grossman in New York aus


dem Flugzeug stieg, nahmen ihn
fünf Zivilisten und ein Uniformierter in
US-Präsident George Bush hatte nach
dem Golfkrieg 1991 angekündigt, wei-
terhin auf der ganzen Welt nach ver-
Empfang. schollenen Soldaten zu forschen. Die
Grossman, 66, wollte zu einem Tref- Russen unterstützten das Projekt und
fen mit ehemaligen Kommilitonen, doch öffneten ihre Archive.
seine Bewacher schleusten ihn an Zoll- Das Pentagon selbst ermittelte in
und Paßkontrollen vorbei direkt aufs Vietnam. Für Recherchen in der Ukrai-
VOTAVAFOTO

Kasernengelände von Fort Dix, das gut ne, in Estland, Lettland, Litauen und in
hundert Kilometer entfernt liegt. „Ich Deutschland engagierte das Verteidi-
Abtransport der Opec-Geiseln* rechnete mit ein paar Tagen Knast“, gungsministerium eine private Organi-
„In Wahrheit lief es anders“ sagt der Ostdeutsche, „aber nach drei sation – die Defense Forecast Inc. (DFI )
Stunden war alles vorbei.“ in Washington, geleitet vom Historiker
der deutschen Justiz über Konditionen Bis zu seiner Landung in New York Paul Cole; als Helfer in Deutschland
verhandeln, unter denen Sie sich viel- vor knapp einem Jahr war Grossman für verpflichtete Cole einen Bekannten,
leicht stellen könnten. Dabei müssen – US-Behörden ein gesuchter Mann. den Mönchengladbacher Unterneh-
so Baum – Beschuldigte auch durchaus Denn 1952 war der gebürtige Amerika- mensberater Helmut Richthammer, der
nicht immer gleich in Haft genommen ner aus der Armee desertiert. sich in den neuen Bundesländern
werden. Damals hieß er noch Stephen Wechs- auskennt, weil er dort Geschäfte be-
Klein: Aber wann und für wie lange? Ich ler, war Absolvent der Elite-Uni Har- treibt.
würde einfach gern erst einmal erfah- vard, Kommunist und Besatzungssoldat Mit Hilfe amerikanischer Listen, ein-
ren, was die deutsche Justiz mit mir vor- in Deutschland. Seine Mitgliedschaft in schlägiger Archive und der Stasi-Akten
hat, falls ich nach Deutschland zurück- verschiedenen, damals als kommuni- in der Berliner Gauck-Behörde machten
käme. Ein interessanter Vorschlag ist stisch verschrieenen Organisationen Cole und Richthammer sich auf die Su-
das schon. hatte er bei der Einberufung verschwie- che. Schon bald fanden sie heraus, daß
SPIEGEL: Wie lange können Sie dieses die D D R eine beliebte Zuflucht für
Leben im Untergrund überhaupt noch Überläufer gewesen war; etliche wurden
* 1965 bei einer privaten Silvesterfeier in Hoy-
durchhalten? Sie sind jetzt 47 Jahre alt, erswerda mit ihren Ehefrauen Sieglinde Hutto, enttarnt, aktuelle Namen nach Wa-
haben keine Papiere, sind nicht gesund Erika Avent und einer Nachbarin. shington gemeldet.
– Ihre Lage scheint ziemlich verzweifelt.
Klein: Ich bin ja kein Opfer. Ich habe
mir das alles selber eingebrockt. Aber
letztes Jahr war wirklich ein Tiefpunkt.
Da wollte ich Schluß machen mit dem
Leben. Aber ich habe es dann nicht ge-
schafft und die Pillen in den Fluß gewor-
fen. Ich versuche halt weiter, mich
durchzubeißen, und ein paar gute
Freunde unterstützen mich dabei.
SPIEGEL: Fürchten Sie, daß „Carlos“ in
seinem bevorstehenden Prozeß in Paris
Aussagen macht, die Sie belasten?
Klein: Mir kann er nichts mehr anhän-
gen. Zu allen Schweinereien, die ich
persönlich verantworten muß, habe ich
mich selber schon immer bekannt.
„Carlos“ sollte mal lieber über den
Staatsterrorismus bestimmter arabischer
und nordafrikanischer Länder auspak-
ken – darüber weiß keiner soviel
wie er. Y

* Einstieg in Flughafen-Bus unter Aufsicht von


„Carlos“ (Kreis). US-Deserteure Hutto, Avent*: „Jetzt ist das ruhige Leben vorbei“

96 DER SPIEGEL 15/1995


..

Bürger als Amerikaner.“


Im Wende-Herbst habe er
prophezeit: „Jetzt ist das
ruhige Leben vorbei.“
Raymond Hutto verlor
nach dem Mauerfall seinen
Job: „Meiner Frau habe ich
gesagt, daß es uns nie mehr
so gut geht wie vorher.“
Daß er unter dem Deckna-
men „Karl-Heinz“ jahre-
lang der Stasi als Inoffiziel-
ler Mitarbeiter diente, ist
für Hutto längst Vergan-
genheit. „Ich habe nichts
gemacht, nur Skat gespielt
mit denen von der Staatssi-
cherheit.“
„Ein bissel Angst“
(Hutto) hatten alle DDR-
Amis, als die Mauer fiel.
Ihre Fahnenflucht kann

DER SPIEGEL
nach amerikanischem
Recht noch bestraft wer-
den. Grossman etwa mied
Fluchtgrund Korea-Krieg (1951): „Abenteuerliche und kriminelle Elemente“ deshalb ein Jahr lang im
Im Jargon der SED-Diktatur hießen Grossmans Kamerad
die Asylanten „Militärangehörige der Raymond H. Hutto
westlichen Okkupationsarmee“. Sie wa- aus Dawson/Georgia,
ren willkommen, da sich mit ihnen wo- der 1954 desertierte,
möglich Propaganda hätte machen las- machte im Kombinat
sen, zugleich aber waren sie den Macht- „Schwarze Pumpe“ sei-
habern nicht ganz geheuer. nen Meister; Ex-Ser-
Das Ministerium für Staatssicherheit geant Willie Avent, ein
(MfS) hielt die gesamte US-Armee für ei- Farbiger wie Hutto,
nen Haufen „verkrachter Existenzen, trug die „Ehrennadel
moralisch haltloser, abenteuerlicher und der Nationalen Front“
krimineller Elemente“. Die Deserteure, (in Silber) und war aus-
argwöhnte die Stasi, könnten zudem gezeichnetes Mitglied
Spione sein. Obschon den MfS-Betreu- der „Gesellschaft für
ern „eine Reihe von Verdachtsmomen- Deutsch-Sowjetische
ten“ auffiel, wurde jedoch nie ein Fah- Freundschaft“.
nenflüchtiger als Schnüffler enttarnt. Zur Berühmtheit
Andererseits kritisierten die Stasi- wurde James W. Pulley

MANIKOWSKI
Verantwortlichen die „politische Erzie- aus Morristown, der
hungsarbeit unter den Überläufern“: 1955 nach Überschrei-
Menschen, die gerade mal „Frollein“, tung seiner Urlaubszeit Amerikaner Grossman, Fonda*: Gesuchter Mann
„Sauerkraut“ oder „Macht nichts“ sagen aus Augsburg ver-
könnten, so mäkelte der Geheimdienst, schwand. Seit Jahrzehnten tritt der längst offenen Berlin den westlichen
erhielten unsinnigerweise „Unterricht schwergewichtige Sänger, auch für die Teil: „Ich hatte Sorge, man könnte mich
über den dialektischen Materialismus“ – US-Armee unübersehbar, auf Provinz- greifen. Die Armee hat ein langes Ge-
das sei „schwach“ und „schlecht“. bühnen und im Fernsehen auf – etwa als dächtnis.“ Bevor er nach New York
Mancher der Deserteure machte in der Interpret von Harry-Belafonte-Songs flog, fragte er sicherheitshalber eine An-
D D R trotz der Startprobleme Karriere, oder deutschen Weisen wie „Wo meine wältin, was passieren könnte, sollten ihn
heiratete und richtete sich für immer dort Wiege stand“. die US-Behörden entdecken.
ein. So studierte Wechsler alias Gross- Des Barden Erfolg – schon zu Ho- Die Amerikaner in Fort Dix verhiel-
man nach einer Lehre als Dreher Journa- neckers Zeiten besaß „James Dabbelju“ ten sich exakt so friedlich wie von der
listik in Leipzig: „Ich bin wohl der einzige (Der Morgen) eine Datsche, einen Volvo Juristin vorausgesehen. Der Strafan-
Mensch der Welt“, sagt er, „der in Har- und einen Wohnwagen – machte die Sta- spruch der USA gegen Deserteure wie
vard und an der Karl-Marx-Universität si-Aufseher offenbar neidisch. Pulleys Grossman, sagt der DFI-Chef Cole, be-
sein Examen absolviert hat.“ Anschlie- Repertoire, hielt ein Observant fest, um- stehe zwar „rein theoretisch“, politisch
ßend arbeitete er beim DDR-Sender Ra- fasse in Wahrheit „nur zwei Lieder“. sei er nicht mehr gewünscht.
dio International in Ost-Berlin. Nach Amerika zurückgehen will Pulley Deserteur Grossman wurde in der
Trotz des geänderten Namens gab nun ebensowenig wie die meisten ande- Kaserne Fort Dix nur förmlich aus der
Grossman sich keine Mühe, unentdeckt ren Deserteure: „Meine Heimat ist die al- Armee entlassen, 43 Jahre nach seiner
zu bleiben. So dolmetschte er öffentlich te D D R . “ Flucht. Der offizielle Entlassungsgrund:
für die Schauspielerin Jane Fonda, als die „Der Willie“, berichtet auch die Deut- „schlechtes Benehmen“. Y
Amerikanerin 1974 die Dokumentar- sche Erika Avent über ihren letztes Jahr
filmwoche in Leipzig besuchte. verstorbenen Mann, „war mehr DDR- * 1974 in Leipzig.

DER SPIEGEL 15/1995 97


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DEUTSCHLAND

Taxis

Besser
schlafen
Taxichauffeure kontrollieren ihre
Fahrgäste per Videokamera – zum
Schutz vor Zechprellerei und Überfäl-
len.

einen Kunden begegnet Michael

S Zander, 52, erst einmal mit Arg-


wohn. Die Lebenserfahrung sagt

K. MEHNER
dem Berliner Taxifahrer, daß „da drau-
ßen jede Menge Ausgetickte rumlaufen“.
Gegen Übergriffe von Krawallbrüdern Taxifahrer Zander, Videokamera: „Jede Menge Ausgetickte“
hat Zander sich jetzt elektronische Hilfe
zugelegt: Seit drei Monaten läßt er jeden ter Videohändler und Taxiunternehmer scheibe nicht durch, obwohl der Bun-
Fahrgast per Video überwachen – ob der Ulrik Rasmussen bereits mit dem Prä- desverkehrsminister sie zwingend vorge-
will oder nicht. ventivschutz versorgt. „Wir verzeichnen schrieben hatte. Vielen Unternehmern
An der Windschutzscheibe des Merce- allein diesen Monat eine Umsatzsteige- war sie zu teuer, Bonn zog die Trenn-
des ist eine Kamera montiert, kaum grö- rung von 50 Prozent“, sagt der gebürtige scheibenverordnung wieder aus dem
ßer als eine Streichholzschachtel. Wer Däne. Rasmussen hatte die Idee mit der Verkehr.
den Wagenschlag öffnet, wird beim Ein- Videoüberwachung, nachdem er selber Die neue Technik scheint durchdacht.
und Aussteigen automatisch gefilmt. im letzten Jahr überfallen und zusam- Jedesmal wenn ein Fahrgast die Wagen-
„Seit ich das Ding habe“, sagt Zander, mengeprügelt worden war. tür öffnet, schaltet sich mit der Innen-
„schläft meine Frau viel besser.“ Auch aus Österreich, Tschechien und raumbeleuchtung über einen Elektro-
Das neue Sicherheitssystem, das eine Finnland erreichen Rasmussen mittler- kontakt auch das Weitwinkelobjektiv
Stuttgarter Firma seit kurzem bundes- weile Anfragen. Das baden-württem- ein. Schließt die Tür, schneidet das Auf-
weit vertreibt, verspricht angeblich wirk- bergische Verkehrsministerium erwägt, nahmegerät, das im Kofferraum depo-
samen Schutz vor Überfällen aus dem den Taxifahrern im Ländle die Anschaf- niert ist, noch gut 15 Sekunden alle Be-
Wagenfond. Zum Griff nach Schlag- fung des neuen Videosystems mit einem wegungen und Gespräche im Auto mit.
stock, Reizgas oder Pistole bleibt den Zuschuß zu erleichtern. Über einen Notschalter kann die Kame-
Fahrern bei einer überraschenden Attak- Vor allem größere Taxiunternehmer, ra jederzeit aktiviert werden.
ke meist gar keine Zeit. Die an den Funk die einen ganzen Fuhrpark unterhalten, Dem Betriebsklima im Mietwagen ist
gekoppelte Alarmanlage, mittlerweile schreckt bislang der Preis. Rasmussens das elektronische Auge allerdings nicht
Standard in allen Taxen, hat den Nach- Videorecorder, der in einer diebstahlsi- förderlich. Die meisten Fahrgäste sind
teil, daß niemand im Notfall weiß, wo ge- cheren Stahlbox steckt, kostet samt Ka- irritiert, wenn sie die Kamera über dem
nau sich der Überfall ereignet. mera, Mikrofon und Montage rund 2500 Armaturenbrett entdecken. Die kleinen
Fast täglich wird in Deutschland nach Mark. Warnschilder an den Seitenscheiben der
Schätzungen des Verbandes der Taxiun- Schon einmal ist der Versuch, die Ta- Videotaxen nimmt kaum einer wahr.
ternehmen ein Fahrer tätlich angegriffen xifahrer besser zu schützen, unter ande- Typische Frage, auf Band dokumen-
und verletzt. In den ersten vier Monaten rem an den Kosten gescheitert: In den tiert: „Werd’ ich jetzt etwa die ganze
dieses Jahres starben sechs Chauffeure sechziger Jahren setzte sich die Trenn- Zeit gefilmt?“
nach einem Überfall, so vie- Den Beteuerungen der Fahrer, daß
le wie im ganzen letzten die Fahrgäste nur bei der Angabe des
Jahr. Fahrziels und später bei der Bezahlung
Die Brutalität der Täter aufgezeichnet werden, trauen viele nicht
nimmt zu, manche morden – Taxichauffeure stehen nicht im Ruf
bereits für ein paar Mark. der Diskretion. Unternehmer Rasmus-
Anfang Januar stach ein Ju- sen hat sich vorsorglich ein Rechtsgut-
gendlicher in der Oberpfalz achten besorgt, daß die Videoaufzeich-
mit einem Bowiemesser nungen datenschutzrechtlich zulässig
40mal auf eine Fahrerin ein, seien.
bevor er mit 48 Mark Beute Die neue Technik hat in der Praxis ih-
verschwand. In Duisburg re Tücken, das zeigt der Fall eines Berli-
wurde ein Taxichauffeur im ner Videopioniers. Als seine Fahrgäste
Februar von einem Fahr- vor drei Wochen, animiert von der Ka-
gast mit vier Kopfschüssen mera, auf der Rückbank Grimassen
regelrecht hingerichtet. schnitten, drehte sich der Mann belu-
Rund 100 Taxifahrer aus stigt um und übersah dabei ein
dem ganzen Bundesgebiet Stoppschild. Am Taxi entstand Total-
haben sich bei dem Stuttgar- Videoaufnahme: Irritierte Kunden schaden. Y

DER SPIEGEL 15/1995 99


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WIRTSCHAFT

Konzerne

„PROFIT, PROFIT, PROFIT“


Der künftige Daimler-Chef Jürgen Schrempp amtiert noch nicht, doch schon jetzt ist sicher: Deutschlands
größtem Konzern steht ein radikaler Kurswechsel bevor. Visionen sind nicht länger gefragt, künftig zählt nur noch
Gewinn. Auch der Streit im Vorstand ist schon programmiert: Der Neue will sich in alle Bereiche einschalten.

ürgen Schrempp erkannte schnell, zenten Mercedes-Benz nicht nur in ei-

J was er von der Zentrale des Daimler-


Benz-Konzerns in Stuttgart zu halten
hat: Das sei doch ein „bullshit castle“, Der Konzern und seine Unternehmensbereiche
nem anderen Stil, sondern auch nach
anderen Kriterien führen.
Reuter, der Stratege, investierte in
sagte der Mercedes-Manager in seiner seiner Amtszeit (1987 bis 1995) Milliar-
direkten Art. An der Spitze von Milliarden Mark de auf Milliarde, um eine große Vision
Deutschlands größtem Konzern werde 110 zu verwirklichen: Er wollte das Auto-
vor allem Mist produziert. 100 mobilunternehmen Mercedes-Benz in
In sechs Wochen schon kann 90 den „integrierten Technologiekonzern“
Umsatz
Schrempp, 50, seinen Teil dazu beitra- Daimler-Benz verwandeln.
gen. Am 24. Mai wird er der Chef 80 Diesem ehrgeizigen Ziel opferte Reu-
von „bullshit castle“ oder, vornehmer 70 ter nicht nur das Geld, das Mercedes in
ausgedrückt, Vorstandsvorsitzender von 60 seinen Erfolgsjahren mit dem Automo-
Daimler-Benz. 1986 87 88 89 * 90 91 92 93 94 bilgeschäft eingefahren hatte. Er nahm
Die bösen Worte über die Konzern- auch in Kauf, daß der einst hochprofita-
zentrale sind schon ein paar Jahre alt. 10 ble Konzern mit den neu erworbenen
Schrempp arbeitete damals als aufstre- Töchtern beträchtliche Verluste machte
bender Mercedes-Manager in den USA (siehe Grafik).
und beschwerte sich, wie viele Kollegen, 5 Damit soll es nun vorbei sein.
über die endlosen Papiere, die in der Ergebnis der Schrempp bekam für seine Arbeit eine
Stuttgarter Zentrale erstellt werden. gewöhnlichen klare Botschaft vom Aufsichtsratsvorsit-
Geschäftstätigkeit 0
Inzwischen beschreibt der Chef der zenden Hilmar Kopper, dem Chef der
Daimler-Benz Aerospace (Dasa) die Deutschen Bank, mit auf den Weg.
Konzernspitze wesentlich differenzier- 100% Daimler-Benz, so fordert Kopper, müs-
ter. Sehr viele „exzellente Manager“ hat
Schrempp dort kennengelernt. Die Zen-
trale, sagt er heute, sei besser als ihr umsatz: 70 Milliarden Mark
Ruf. beschäftigte: 198 000
Das mag schon sein, dennoch geht es unternehmensbereiche:
im Daimler-Hauptquartier seit Monaten Personenwagen, Nutzfahrzeuge
drunter und drüber. Alle warten auf den
80,2 %
Neuen – der Alte wird immer mehr de-
montiert. Wenn Konzernchef Edzard umsatz: 10 Milliarden Mark
Reuter den Kollegen seine Strategie er- beschäftigte: 45 000
klärt, kommentiert Finanzvorstand Ger- unternehmensbereiche:
hard Liener dies wahlweise mit den Automatisierungstechnik, Bahnsysteme,
Worten „alles Unsinn“ oder „alles Blöd- Energietechnik, Dieselantriebe, Mikroelektronik
sinn“.
Viele Daimler-Manager rätseln: Wie 93,8 %
geht es weiter mit Deutschlands größ-
tem Konzern, wenn Schrempp als Nach- umsatz: 17 Milliarden Mark
folger Reuters an die Spitze rückt und
beschäftigte: 75 000
der frustrierte Finanzmann Liener durch
unternehmensbereiche:
den Debis-Vorstand Manfred Gentz ab-
Luftfahrt, Raumfahrt, Verteidigungs-
gelöst wird? technik, Antriebe
Ausgewählten Führungskräften hat
Schrempp bereits signalisiert, daß dem 100 %
Daimler-Benz-Konzern so etwas wie ei-
umsatz: 11 Milliarden Mark
ne kleine Revolution bevorsteht. Der
beschäftigte: 9000
neue Vorsitzende will das Konglomerat
aus Dienstleistungsfirmen (Debis), In- unternehmensbereiche:
Systemhaus, Finanzdienstleistungen,
dustriebeteiligungen (A E G ), Luftfahrt-
Versicherungen, Handel, Marketing Services,
firmen (Dasa) und dem Fahrzeugprodu- Mobilfunkdienste Mercedes-Produktion (in Sindelfingen): Nur

102 DER SPIEGEL 15/1995 *aufgrund einmaliger Erträge und Aufwendungen


nicht mit den anderen Jahren vergleichbar
..

se wieder zu einem der profitabelsten


Konzerne des Landes werden. Wird der
designierte Daimler-Chef nach seinen
Visionen gefragt, hat er deshalb auch ei-
ne schlichte Antwort parat: „Profit, Pro-
fit, Profit“.
Sehr viel flexibler und schneller als
Reuter will Schrempp bei den Konzern-
töchtern durchgreifen, wenn diese dau-
erhaft nur Verluste erwirtschaften.
„Dann muß ich mich davon verabschie-
den“, sagt Schrempp, „ohne jede Emo-
tion.“
Das Milliardengrab A E G wird der
neue Daimler-Chef bald schließen.
Nach dem Verkauf der Unternehmens-
bereiche Hausgeräte, Elektrowerkzeuge
und Lichttechnik soll die A E G auch
noch die Sparten Energie- und Automa-
tisierungstechnik losschlagen. Der be-
scheidene Rest, Mikroelektronik und
Dieselantriebe, wird unter dem Titel
Daimler-Benz-Industrie als vierte Kon-
zerntochter zusammengefaßt.
Wenn Daimler die verbliebenen frei-
en AEG-Aktionäre abgefunden hat,
folgt der letzte Schritt: Der Name A E G ,
der für viele ein Stückchen deutscher In-
dustriegeschichte repräsentiert, soll ver-
schwinden.

AP
Mit seinem Vorgänger Reuter wird Daimler-Manager Schrempp: „Blaues Team gegen rotes Team“
Schrempp deshalb noch einigen Zoff be-
kommen. Reuter, der in den Aufsichts- Konzernzentrale und den Chefs der ein wenig zurückhalten. Wenn
rat des Konzerns wechselt, beteuert Tochtergesellschaften. Schrempp dort allzu tief gräbt, stößt er
noch immer: „Die A E G wird auch in Dem neuen Profitstreben entspre- nur auf jene Leichen, die er selbst ver-
fünf Jahren noch als autarker Unterneh- chend, wird Schrempp in der Konzern- graben hat. Zwar hat der Dasa-Chef in
mensbereich der Daimler-Benz A G wei- zentrale wohl einige hundert Stellen seiner Amtszeit 16 000 Stellen gestri-
terbestehen.“ streichen. Und die verbliebene Mann- chen und sechs Werke geschlossen oder
Diesem Konflikt wird Schrempp aber schaft muß ihren Arbeitsstil radikal um- abgestoßen, aber von dem selbstge-
ebensowenig ausweichen wie dem anste- stellen, wenn sie den Ansprüchen des steckten Ziel, die Daimler-Tochter als
henden Ärger mit den Mitarbeitern der neuen Chefs genügen will. eigenständigen Flugzeugbauer auf dem
Bislang schrieben die Mana- Weltmarkt zu etablieren, ist er noch im-
ger in der Zentrale allzuoft mer meilenweit entfernt.
Memos an die Unternehmens- Das Dornier-Flugzeug Do 328 bringt
töchter. Die Empfänger ant- nur Verluste, und mit Fokker hat
worteten mit einem Memo. Schrempp dem Daimler-Konzern einen
Passiert ist häufig nichts.
Künftig sollen die Mitarbei-
ter der Hauptverwaltung stän- Mercedes-Vorstände
dig unterwegs sein und mit den müssen den neuen
Managern der Dasa, von Mer-
cedes und Debis um bessere Konzernchef fürchten
Konzepte streiten. Den inter-
nen Konkurrenzkampf („blau- Sanierungsfall angeschafft, der noch
es Team gegen rotes Team“) Milliarden verschlingen könnte (siehe
will Schrempp fördern. Er Seite 104).
selbst wird sich alles anhören Da kann Helmut Werner, Chef der
und am Ende entscheiden. Automobil-Tochter Mercedes-Benz,
Die große Freiheit, mit der wesentlich mehr vorweisen. Und doch
die Chefs der Daimler-Töchter will Schrempp, der sich in seiner bisheri-
ihre Firmen bislang führten, ist gen Karriere als ausgesprochener
mit Schrempps Amtsantritt be- Machtmensch erwies, künftig auch bei
endet. Während Reuter sich Mercedes eine Menge mitreden.
eher als Moderator verstand, Bislang konnte der Vorstand von
der die einzelnen Unterneh- Mercedes seine Geschäfte weitgehend
men zusammenführt, will sein selbständig führen und das mit beachtli-
W. BACHMEIER

Nachfolger direkt ins Geschäft chem Erfolg. In der Automobilfirma


eingreifen. wurden fast 40 000 Stellen gestrichen,
Nur bei der Dasa wird sich die Produktion wurde durchrationali-
das Autogeschäft brachte einen dicken Gewinn der neue Konzernherr noch siert. Die neue Mittelklasse, die in die-

DER SPIEGEL 15/1995 103


..

WIRTSCHAFT

Zurück zu den Anfängen


Der Dasa-Fehlkauf Fokker kostet Daimler-Benz Milliarden

ürgen Schrempp hatte einen wiederum bestimmt sie auch über werk ins Schwimmen. Schrempp

J Plan. Mit dem Erwerb des Am-


sterdamer Flugzeugherstellers
Fokker wollte er seine Dasa, am
den Flugzeugpark der Kleinen: Sie
müssen von Herstellern kaufen, mit
denen die Großen schon lange zu-
hatte die Mehrheit an Fokker für 500
Millionen Mark gekauft. Danach
häuften sich Verluste von rund 800
Airbus-Partner Frankreich vorbei, sammenarbeiten. Millionen Mark an, die sich künftig
zum Primus auf dem Markt der klei- Der Markt geht deshalb an die auf über eine Milliarde erhöhen wer-
neren Verkehrsflugzeuge entwik- Firmen Boeing, Airbus und McDon- den.
keln. Nun ist der Plan gescheitert. nell Douglas (MDD ). Boeing und Bei Fokker liegen zudem Rech-
Denn den Markt, wie der Dasa-Chef MDD haben von ihren bisher klein- nungen für Dasa-Zulieferungen in
ihn sah, gibt es gar nicht. sten Jets, der Boeing 737 und der dreistelliger Millionenhöhe herum.
In einer Branchen-Analyse für die MD-90, bereits hundertsitzige Deri- Um Fokker in das Dasa/Airbus-Sy-
Jahre 1994 bis 2013 hatten die Dasa- vate entwickelt, die sie preiswert an- stem zu integrieren, werden weitere
Analysten das aufziehende Fiasko bieten. Boeing verkaufte davon un- Millionenbeträge fällig: Fokkers
schon vorausempfunden. In den längst 35 Exemplare an die SAS. Computer passen mit denen der
kommenden 20 Jahren, sagen sie,
würden nur 795 Siebzig- bis Neun-
zig-Sitzer absetzbar sein. Fokkers
Planer rechnen nur mit 532.
Erst im nächst größeren Segment
tun sich bessere Chancen auf: An
Flugzeugen mit 91 bis 120 Sitzen
könne die Branche bis 2013 genau
1533 Exemplare absetzen, nach Fok-
ker-Meinung sogar 1606.
Geld zu verdienen aber gibt es erst
bei Jets mit 121 bis 150 Sitzen. Rund
1800 Stück könnten davon bis zum
Jahre 2013 verkauft werden. Kein
einziges davon aber von der Dasa.
Laut Vertrag im Airbus-Konsorti-
um, an dem die Dasa zu 37,9 Pro-
zent beteiligt ist, darf keiner der
Konsorten selber ein Düsenver-
kehrsflugzeug mit über 100 Sitzplät-
zen auf den Markt bringen. Das Jet-Fertigung bei Fokker: Ohne Airbus nicht zu retten
bleibt Airbus Industrie vorbehalten.
Strenggenommen sind Dasa/Fok- Schrempps Versuch, dort die F 100 Muttergesellschaft nicht zusammen.
ker damit auf den jährlich für gerade abzusetzen, scheiterte. Doch wäh- Schlimmer noch: Fokkers Manage-
30 bis 40 Exemplare guten Markt der rend der Dasa-Vorsteher immer ment, das am Weltmarkt nur zu Dol-
Flugzeuge für weniger als 100 Passa- noch vom eigenen Markt schwärm- lar-Preisen Flugzeuge verkaufen
giere angewiesen. Den aber müssen te, mußte er sich mit den Kollegen kann, hat die Firma gegen den Sturz
sie sich mit einem Dutzend anderer von der Airbus Industrie in Paris der US-Devise nicht abgesichert.
Hersteller teilen. rasch über einen Airbus als F-100- Der Dasa drohen damit neue Ver-
Fokkers hundertsitziger F-100-Jet, Nachfolger einigen. Fokker darf den lustjahre. Gleichzeitig verliert sie
technisch noch ein Produkt der sech- Neuen zwar künftig montieren, aber auch noch ihren einzigen gestande-
ziger Jahre, wird dadurch weitge- der Markenname wird aussterben. nen Luftfahrtexperten: Hartmut
hend isoliert. Vergrößern darf Fok- Zudem wird die Beschäftigtenzahl Mehdorn, 52, fühlt sich hinausge-
ker ihn nicht. Wenn er aber kleiner der 1993 mit 10 000 Leuten über- ekelt und nimmt den Job des Vor-
gemacht wird, verliert er – außer bei nommenen Firma wohl auch nach standsvorsitzenden bei der Heidel-
einigen Spezialkunden wie Ford – an der letzten Schrumpfkur weiter sin- berger Druckmaschinen A G an. Die
Rentabilität. Zudem hat sich die ken – auf rund 4000 Arbeitsplätze. Personalie steht für das Ende der
Kundschaft verändert. Einst ver- Sogar das technische Personal, die Dasa als selbständiger Jet-Herstel-
kaufte Fokker an viele Kleinkunden, Elite des Konzerns, wird auf 800 ler. Künftig wird das Hauptgeschäft
die Zubringerdienste zu den Groß- halbiert. Schrempps Versprechen an – zurück zu den Anfängen – wieder
flughäfen leisteten. Inzwischen flie- die Holländer, beim Flugzeugbau bis dort liegen, wo es war, als die Dasa
gen diese Airlines oft im direkten zu 100 Sitzplätzen Systemführer zu noch bescheiden MBB hieß: bei der
Auftrag einer großen Fluggesell- werden, gilt nicht mehr. Airbus-Beteiligung und bei Staats-
schaft. Und die verlangt das von ihr Immer deutlicher bringt der Fok- aufträgen in Rüstung und Raum-
geprägte Erscheinungsbild. Damit ker-Fehlgriff auch das Dasa-Zahlen- fahrt.

104 DER SPIEGEL 15/1995


..

sem Sommer auf den Markt kommt, wird


mit wesentlich niedrigeren Kosten als der
Vorgänger produziert – das gab es bei
Mercedes-Benz noch nie.
Den Münchner Rivalen BMW hat
Mercedes, zumindest was den Gewinn
betrifft, wieder deutlich hinter sich gelas-
sen: Im vergangenen Jahr erwirtschafte-
ten die Stuttgarter einen Überschuß von
gut 1,8 Milliarden Mark, mehr als dop-
pelt soviel wie BMW.
Dank des guten Automobilgeschäfts
kann der Daimler-Benz-Konzern einen
Gewinn von knapp 900 Millionen Mark
ausweisen. Die übrigen Töchter bereiten
wenig Freude. Die Debis steuert zwar ei-
nen kleinen Gewinn von knapp 100 Mil-
lionen Mark bei. Doch die Dasa und die
A E G belasten die Bilanz mit einem Ver-

T. HÄRTRICH / TRANSIT
lust von jeweils rund 400 Millionen Mark.
Dennoch will Schrempp, der seine
Karriere im Lastwagengeschäft von Mer-
cedes-Benz begann, vor allem den erfolg-
reichen Automobilbauern scharf auf die Buna-Chef Brümmer (r.)*: „Die Privatisierung war eine Zerreißprobe für mich“
Finger schauen. Bedeutende Risiken
sieht er in den neuen Modellreihen, mit gemacht“, urteilt der Betriebsratsvize
denen Mercedes völlig neue Kunden ge- Chemie Jürgen Arbter. Natürlich könne man
winnen will, der A-Klasse und dem mit dem Ergebnis „nicht zufrieden sein,
Swatch-Auto. aber es ist die einzige Chance“.
Höchst unsicher ist, ob es dem Merce-
des-Vertrieb gelingt, neben den Nobel-
karossen künftig auch noch 150 000 bis
Arbeit Die Amerikaner wollten von Buna
nur übernehmen, was zu ihrem Produk-
tionsprogramm paßt, die Mitarbeiter
200 000 Modelle des Stadtautos zu ver-
kaufen. Denn nur wenn Mercedes solche
Stückzahlen erreicht, kann den Stuttgar-
für Herkules aber wollten möglichst viel aus ihrem
angestammten Geschäft erhalten.
PVC und Kautschuk, zwei Hauptpro-
tern der Einstieg in die Golf-Klasse gelin- Ein US-Konzern soll den Chemie- dukte von Buna, gehören zum Beispiel
gen. nicht zum Dow-Programm und sollten
Der Konflikt zwischen Schrempp und
standort Buna retten. Der deutsche ursprünglich runtergefahren werden.
Mercedes-Chef Werner ist program- Steuerzahler ist kräftig dabei. Doch vorläufig sichert die gute Nachfra-
miert. Kurz nach der Ernennung ge auf diesen Märkten die Produktion.
Schrempps zum künftigen Daimler-Chef ernhard Brümmer, 58, langweilt Ob nur auf Zeit, ist für Betriebsrat Arb-
hatte Werner gefordert: „Ein so großer
Konzern ist sinnvoll nur zu führen, wenn
die einzelnen Firmen ein sehr hohes Maß
B sich nicht gern. Der Job als Mana-
ger der Gulf Coast Operations von
Dow Chemical in den USA jedenfalls
ter ungewiß: „Die wollen Geld verdie-
nen, und wir müssen zeigen, was wir
können.“ Propylenoxid wird Dow bei
an Selbständigkeit und Verantwortung war nicht das richtige für ihn. Er wollte Buna ab 1997 nicht mehr produzieren.
haben“ (SPIEGEL 25/1994). mehr bewegen als nur Papiere auf sei- „3000 plus“ heißt das Arbeitsplatzver-
Daraus wird nun nichts. Mehr noch als nem Schreibtisch. sprechen der Amerikaner. Dow selbst
Werner müssen allerdings andere Merce- Vor einem Jahr fand Brümmer
des-Vorstände den neuen Konzernchef eine passende Arbeit, „eine Her-
fürchten. Mit Ausnahme von Pkw-Mana- kulesgeschichte“. Die Treuhand
Verluste der Buna
ger Jürgen Hubbert und dem neuen Ver- machte ihn zum Geschäftsführer In Millionen Mark
1992 1993 1994 1995
triebschef Dieter Zetsche ist in der Füh- der Buna GmbH Schkopau, des
rungsmannschaft von Mercedes viel Mit- einstigen Plaste- und Elaste-Kom-
telmaß vertreten. Da Schrempp wenig –166
binats der D D R .
geschätzt
Geduld mit schlechten Managern hat, Möglicherweise steht der Mana- –285 Berlin
muß mancher Vorstand um seinen Job ger bald wieder in den Diensten –370 –380
bangen. von Dow Chemical. Am 1. Juni
Schrempp weiß, daß sein Kurs im übernimmt Dow die Buna-Werke,
Daimler-Benz-Konzern zu vielen Span- der Privatisierungsvertrag wurde Schkopau
nungen führen wird. Die Vorstandssit- vergangene Woche unterschrie- (Standort der Buna GmbH) S
zungen werden länger, die Diskussionen
p re

ben. „Die Privatisierung“, sagt


e

härter. Aber nur in solcher Umgebung Brümmer, „war eine Zerreißpro- Bitterfeld
fühlt Schrempp sich wohl. be für mich.“ E
lbe

Voller Begeisterung berichtet er von Nicht nur für ihn. Auch die Be- Leuna Leipzig
den Debatten im Dasa-Vorstand. Dort legschaft ist hin- und hergerissen. Böhlen Dresden
wurde schon mal so heftig über ein neues „Wir haben eine Gratwanderung
Triebwerk gestritten, daß ein Vorstand
e
entrüstet aufsprang und der Stuhl hinter * Mit dem sächsischen Ministerpräsiden- aa l
S

ten Kurt Biedenkopf und dem Buna-


ihm krachend umfiel. Schrempp: „So Aufsichtsratsvorsitzenden Eberhard von
muß es sein.“ Y Brauchitsch am 28. September 1994.

DER SPIEGEL 15/1995 105


..

WIRTSCHAFT

wird laut Konzept nur noch 2300 Bune- nicht mit der „ungelösten Entsorgungs-
sen brauchen. „Wenigstens konnten wir Energie frage“ leben. Deshalb: keine weitere
eine eigene kleine Forschungsabteilung Verzögerung der Bohrarbeiten, sondern
abtrotzen“, sagt Arbter, „sonst wären verstärkter Druck zum raschen Weiter-
wir nur eine verlängerte Werkbank.“
200 Arbeitsplätze sollen in einer eigenen
Umweltfirma entstehen. 500 weitere
Verwegener machen.
Dazu hat sie einen verwegenen Plan
ersonnen: Gorleben soll leben, auch
Arbeitnehmer sollen in ausgegliederten
Bereichen unterkommen. Allerdings
sind nur 1800 Arbeitsplätze durch Ver-
Plan wenn Schacht Konrad darüber sterben
müßte.
In dem ehemaligen Bergwerk bei
tragsstrafen abgesichert. Angela Merkel revidiert die Politik Salzgitter sollen die riesigen Mengen
Doch allein Buna hat jetzt noch 4100 von schwach- und mittelaktiven Atom-
Beschäftigte, von einst 20 000. Zu dem ihres Vorgängers: Sie will die Si- abfällen ihren endgültigen Platz finden,
Verbund-Paket, das Dow übernimmt, cherheitsstandards für neue Kern- die neben hochaktivem Müll, der für
gehören noch die Sächsischen Olefin- Gorleben bestimmt ist, bei der Wieder-
werke in Böhlen mit derzeit 1200 Mitar- kraftwerke senken. aufarbeitung der abgebrannten Brenn-
beitern und knapp 300 Werktätige aus elemente anfallen.
Betriebsteilen des zehn Kilometer ent- n weißer Kumpelkluft bestieg Angela Jahr für Jahr sind 5000 Kubikmeter
fernten Leuna. Nur gut die Hälfte der
jetzigen Belegschaft wird also auf Dau-
er beim neuen Eigentümer Arbeit fin-
I Merkel einen eisernen Kübel und fuhr
in die Grube – 650 Meter tief. Zur ück
aus den Tiefen des Salzstocks, versprach
des schwachstrahlenden Mülls zu bewäl-
tigen. Die Zwischenlager quellen über.
Das Lager könnte in zwei bis drei Jah-
den. die Bonner Umweltministerin, Gorle- ren fertig sein.
Rund drei Milliarden Mark für Inve- ben werde einziger Standort für ein ato- Doch so dringlich ist das plötzlich gar
stitionen in neue Anlagen bekommt mares Endlager bleiben. nicht mehr. Die „Notwendigkeit eines
Dow vom Staat mit auf den Weg. Eine
Milliarde Mark steuert der Konzern
selbst bei. Nach 1999 will Dow eine wei-
tere Milliarde Mark investieren.
Künftige Verluste teilen sich die
Treuhand-Nachfolgerin Bundesanstalt
für vereinigungsbedingte Sonderaufga-
ben und Dow entsprechend dem fünf-
jährigen Geschäftsplan je zur Hälfte,
obwohl die Treuhand nur noch einen
Anteil von 20 Prozent an Buna halten
wird. Schon bis zur Übernahme durch
Dow ist weit über eine Milliarde Mark
an Verlusten bei der Treuhand geblie-
ben, etwa 800 Millionen Mark steckte
die Anstalt in den Umbau des Wer-
kes.
Eigentlich sollte der Buna-Deal schon
am Jahresende unter Dach und Fach

BRUENDEL / ACTION PRESS


sein, doch der verbissene Kampf des Be-
triebsrates um jeden Arbeitsplatz verzö-
gerte die Verhandlungen.
Besonders heikel war Brümmers Rol-
le beim Verhandlungspoker. Der Buna-
Chef sah sich gleichsam als Doppelagent Atommüll in Gorleben: Ein einziges Endlager könnte reichen
verdächtigt. Die Treuhand, aber auch
viele Beschäftigte trauten ihm nicht Wie wichtig ihr der Fortschritt in Gor- separaten Endlagers für schwach- und
recht, weil er als jahrzehntelanger Dow- leben ist, zeigt ein 18seitiges Papier der mittelaktive Abfälle“, heißt es in Mer-
Manager womöglich mehr zu den Ame- Umweltministerin, das klaren Atom- kels Strategiepapier, habe „sich auf-
rikanern halte. Für Dow war er dagegen kurs hält. Es fällt sogar hinter die unter grund verschiedener Faktoren redu-
schon vom ostdeutschen Gedankengut ihrem Vorgänger Klaus Töpfer schon ziert“. Ein einziges Endlager könnte
angekränkelt. erreichten Sicherheitsstandards für neue nach Merkels Meinung reichen. Die Mi-
Brümmer habe „hier eine Entwick- Meiler zurück. Mit den Zugeständnissen nisterin: „Hierfür wäre der Salzstock
lung in seiner Denkweise gemacht“, be- will die gelernte Physikerin der Indu- Gorleben am ehesten geeignet.“
scheinigt ihm Betriebsrat Arbter, „und strie den Entschluß zum Neubau von Um die Manager von der direkten
Buna und Dow in Güte miteinander ver- Kernkraftwerken erleichtern. Endlagerung der Brennelemente ohne
binden wollen“. Fürs erste könnte der Merkel-Plan Wiederaufarbeitung abzuhalten, bietet
Ob die Privatisierung mit Dow wirk- schon mal das bisherige Entsorgungs- die französische Wiederaufarbeitungs-
lich gelingt, ist noch nicht ausgemacht. konzept der Regierung durcheinander- firma Cogema an, den schwach- und
Dow bekommt mit Buna bei einigen schütteln. mittelaktiven Abfall in einer noch zu
Produkten eine marktbeherrschende Mißbilligend notiert die Ministerin, bauenden Fabrik auf einen Bruchteil
Stellung. Die Kommission der Europäi- daß „einige Elektrizitätsversorgungs- seines jetzigen Volumens zu „kompak-
schen Union in Brüssel hat deswegen Unternehmen“ (EVU ) sich mit dem tieren“. Das Ganze soll zwischen 600
schon bei der Treuhand Protest ange- Weiterbau des Endlagers Gorleben Zeit und 700 Millionen Mark kosten.
meldet, kaum daß der Vertragsabschluß lassen wollen, weil das Lager frühestens Das Bundesamt für Strahlenschutz als
perfekt war. Y 2030 gebraucht wird. Die Ministerin will Betreiber des Endlagers Konrad hat die

106 DER SPIEGEL 15/1995


Werbeseite

Werbeseite
..

WIRTSCHAFT

Stromkonzerne bereits vor den Risiken Spitze vorgestoßen; nur Bertelsmann


der neuen Abfallpläne gewarnt. Wenn Verlage und der Axel Springer Verlag, die auch
offenkundig würde, daß der Abfall-Fluß mit Zeitungen, Büchern und Fernsehen
zum Rinnsal werde und Konrad noch verdienen, sind größer. Romanheft-
jahrelang leer stünde, werde kein Rich-
ter den verordneten Sofortvollzug beim
Bau des Lagers bestätigen.
Sauberer chen, Comics und TV-Beteiligungen
runden das Sortiment ab (siehe Grafik).
Doch die „Könige im Massenmarkt“,
Die Beamten der nachgeordneten Be-
hörde hätten auch ihre Chefin in Bonn
einweihen sollen. Mit dem Bekanntwer-
Flop wie Geschäftsführer Manfred Braun,
42, die eigene Riege nennt, stoßen mit
ihren billigen, populistischen Blättern
den des Strategiepapiers von Angela Deutschlands größter Zeitschriften- an Grenzen. Im Vergleich zu 1980, als
Merkel ist Schacht Konrad juristisch Bauer beste Geschäfte machte, haben
wieder ernsthaft bedroht. verleger Bauer, spezialisiert auf Zeitschriften wie T V Hören und Sehen
Auch beim Bau neuer Reaktoren fällt Massenblätter, hat Pech beim Auf- (minus 11 Prozent), Fernsehwoche
die Ministerin hinter die Position ihres (minus 28 Prozent), Neue Revue (minus
Vorgängers zurück. Gemeinsam be- stieg in den Edelmarkt. 50 Prozent) und Neue Post (minus 18
knien Merkel und Wirtschaftsminister Prozent) enorm an Auflage eingebüßt.
Günter Rexrodt (FDP ) deshalb die wi- m Streitgespräch mit seinen Verlags- Den Niedergang glichen die Bauer-
derstrebenden Strom-Vorständler, end-
lich die „konkrete Option“, den Bau
eines neuen Reaktors an einem be-
I managern greift Heinz Bauer, 55,
gern mal ins Jackett. Dann kramt er
einen Taschenrechner heraus und zählt
Leute zwar mit Zwitter-Zeitschriften
aus, die sie aus bestehenden Objekten
heraus gründeten. Doch Werbemillio-
stimmten Standort in fünf Jahren, zu- blitzschnell vor, daß der andere unmög- nen verheißen vor allem edle Magazine,
zusagen. lich recht haben kann. die jüngere, gebildete und einkommens-
Und damit die Kosten sich in Grenzen In letzter Zeit ist Bauers Freude am starke Leser erreichen.
halten, kommt Angela Merkel den um- Zahlenspiel getrübt. Der größte deut- Bauer, der sich nach eigenem Bekun-
worbenen Nuklear-Investoren bei den sche Zeitschriftenverlag (30 Titel, Um- den „in wechselnden Rollen als quasi
Sicherheitsstandards gern entgegen.
Nach Paragraph 7 des neuen Atomge-
setzes können Reaktoren nur noch ge-
nehmigt werden, wenn sich die Folgen
einer Kernschmelz-Katastrophe wie
Tschernobyl durch die neuartige Kon-
struktion auf die Atomanlage begrenzen
lassen. Die Anlage müsse so ausgelegt
sein, hatten Töpfer und Schröder festge-
legt, daß ein Kernschmelzunfall nur ein-
mal in einer Million Jahren passieren
dürfe und daß, wenn er doch eintritt, 99
von 100 Kernschmelzen ohne Opfer be-
herrschbar sein müßten.
Schon damals bemerkte Adolf Hüttl,
Siemens-Vorstandsmitglied für Kern-
HEINRICH BAUER VERLAG

kraftwerke: „Dann bauen wir nicht.“


Nun heißt es in Merkels Strategiepapier:
„Die Anforderungen an den Nachweis
dürfen nicht überspannt werden.“
Ganz nebenbei macht die Ministerin
in ihrem Papier mit der Hanauer Brenn- Großverleger Bauer, Pleiteobjekt: „Dringend neue Impulse“
elemente-Fabrik eine weitere Nuklear-
Investition von einer Milliarde Mark zur satz 1993: 2,87 Milliarden Mark) plagt Aufsichtsratsvorsitzender, Eigentümer
Atomruine. Weil die EVU die Wieder- sich mit Flops und Pannen. und Vorstandsvorsitzender“ begreift,
aufarbeitung wahrscheinlich künftig Nach nur drei Monaten mußte der hat seinem Konzern eine Roßkur ver-
meiden und die verbrauchten Brennele- Hamburger Großverleger das Pro- ordnet. Andernfalls, fürchtet er, sei die
mente direkt endlagern werden, fällt grammblatt T V pur einstellen – eine Eigenständigkeit des 120 Jahre alten Fa-
längst nicht soviel Bombenstoff an wie Schlappe im Stammrevier des Konzerns, milienverlags in Gefahr.
erwartet. „Die verbleibenden Plutoni- der Programmpresse. Ende 1993 kündigte Bauer auf einer
ummengen“, resümiert die Atommini- Auch die Ende März lancierte Frau- Konzerntagung in Rastatt an, er wolle
sterin, „reichen jedoch nicht mehr für enzeitschrift Yoyo , die mit dem Charme die „Verkrustungen in den Ablauf- und
einen wirtschaftlichen Betrieb, so daß eines Ferienprospekts aufwartet, könnte Führungsstrukturen“ aufbrechen. Den
ohnehin von einer Einstellung der Bau- ein ähnliches Schicksal ereilen. Die Sta- Managern hämmerte er ein, sie müß-
arbeiten auszugehen ist.“ pel liegen wie Blei in den Regalen, be- ten „wegkommen von der Angestell-
Dann ist, nach dem Hochtemperatur- richten Verlagsexperten. Und schließ- tenmentalität“. Viele Titel bräuchten
reaktor, dem Schnellen Brüter in Kalkar lich verprellt Bauer vor allem die Wer- „dringend neue Impulse“, neue Ge-
und der unvollendeten Wackersdorfer bekunden mit dem Hin und Her beim schäftsfelder müßten her.
Wiederaufarbeitungsfabrik in Hanau Start des neuen Nachrichtenmagazins Bisher brachen Bauers Ausflüge in
die vierte Milliardenpleite in der Atom- Ergo, der immer wieder vertagt wird. die Qualitätspresse, die zur Masse auch
geschichte der Bundesrepublik zu be- Mit Fernsehzeitschriften, Illustrier- Klasse bringen sollen, meist schnell ab.
sichtigen – kleinere Pannen wie Nieder- ten, Regenbogenblättern und Sex- Anspruchsvollere Neuschöpfungen wie
aichbach oder Mülheim-Kärlich nicht Schriften war das Unternehmen in den Chancen, Esquire und Wiener gab er,
gerechnet. Y sechziger und siebziger Jahren an die mangels Erfolg, auf. Nur die jugendli-

108 DER SPIEGEL 15/1995


che Programmzeitschrift T V
Movie (Auflage: 2,4 Millio-
nen) schaffte unter Chefre-
dakteur Andreas Schmidt,
34, den Sprung nach oben. Zeitschriften
HEINZ BAUER
beteiligt zu 96 Prozent an*
Seit vier Monaten aber at-
tackiert Schmidt, der im
Krach schied, im Sold der
Heinrich Bauer Verlag
Bertelsmann-Tochter Gruner Auf einen Blick Neue Post in Beteiligungs- in den USA:
+ Jahr, seinen alten Arbeit- Auto Zeitung Neue Revue unternehmen: First for women
geber. Schmidts ambitionier- Bella Playboy Blitz Illu Soap Opera Update
tes Magazin T V Today (Auf- Coupé Woman’s World
Bravo Praline
lage: 800 000 Exemplare) Bravo Girl Selbst ist der Mann
brachte Bauers Anteil am in Großbritannien: in Spanien:
TV-Pressemarkt um knapp Bravo Sports Tina Bella TV plus
Das Neue Blatt TV Hören und Sehen Take a Break
vier Punkte auf 49,5 Prozent Verschiedene
Fernsehwoche TV Movie TV Quick
herunter. Lizenzausgaben
Bauers sprödes Gegenblatt Laura Wochenend in Frankreich: von Titeln wie
T V pur erreichte selbst nach Mach mal Pause Wohnidee Bravo Girl Bravo oder Tina
Änderungen gerade mal ein Maxi Maxi in Osteuropa
Drittel der zum Überleben
notwendigen 300 000 Käufer.
„Wir haben einen sauberen 100% 50% 100% 100%
Flop hingelegt“, meint Ver- Verlage Zeitung
lagssprecher Roman Köster.
Geschätzter Verlust: rund 25 Annoncen Avis Verlagsunion Condor Magdeburger
Millionen Mark. Verlag Pabel-Moewig Verlagsgruppe Volksstimme
„Nicht jeder Setzling wird Offertenblätter 75%
zum starken Baum“, tröstet Bussi Bär Lissy
sich Bauer über solche Erleb- 50% Denk Mit Mein Bekenntnis Radio/TV 33,1%
nisse hinweg. Nun zweifelt Mini Mein Geheimnis
der Hobbypilot, der mit einer Revier Markt Schlüsselloch Mein Schicksal RTL 2
Falcon-10 zwischen den Ver- Offertenblätter
Sexy Comics u.a. 50%
lagsstandorten hin- und her- Gold-Bärchi TM3 (geplant)
Romanhefte
düst, sogar an seinem Lieb- Regenbogen
lingsprojekt: einem Wochen-
Gloria 25%
Perry Rhodan Sesamstrasse Radio Hamburg
magazin mit politischen Arti-
Bazar Verlag Romanwoche Turtles
keln, Hintergrundstücken MME 35%
und TV-Programm. Wien,
Offertenblätter Produktionsfirma
Es solle sich, hofft Bauer,
mit einer Auflage von rund *je zwei Prozent gehören den beiden Schwestern von Heinz Bauer
500 000 Exemplaren zwi-
schen SPIEGEL und Focus
setzen. Das neue Produkt könnte viel- aus Ergo eine „Newsweek für 80jährige“ gehört. Der Marketingmann (Spitzna-
leicht auch Leser der einstigen Bauer- geworden, hämt ein Redakteur. me: „Onkel Alois“) pflegt seine Akten
Illustrierten Quick ansprechen. Das Nur die Anzeigenleitung gewinnt der und einen Laptop in einem Einkaufswä-
Blatt hatte der Verleger im August Zauderei des Verlegers etwas Positives gelchen hinter sich her zu führen.
1992, in einem einsamen Akt, einge- ab. Werbeagenturen stellt sie einen dik- Dagegen könnte sich, bei einem
stellt. ken Bonus in Aussicht, falls Ergo erst Scheitern von Ergo, der dynamische
Seit fast zwei Jahren basteln Bauer- nach dem 22. Mai erscheinen sollte. Für Druckereichef Klaus-Peter Petschat, 47,
Journalisten an der Mixtur des neuen jede Woche Verzögerung gebe es bei ei- stellen, der zum Sprung in die Ge-
Magazins, zunächst unter dem Deckna- nem Auftrag über mindestens fünf An- schäftsführung bereitsteht. Petschat hat
men „TV Feuer“. Inzwischen hat das zeigen eine Gratisseite – Bezeichnung die zu groß geratenen Druckereige-
Projekt (Bauer-Schmäh: „TV teuer“) der Verschenkaktion: „Pages & More“. schäfte des Verlags – Verlust für Bauer:
rund 30 Millionen Mark verschlungen, Den menschenscheuen Konzernchef, 80 Millionen Mark – neu geordnet.
wie ein Mitarbeiter schätzt. der gern auf Ehefrau Gudrun, 51, hört, Auch auf anderen Märkten hat der
Den mehrfach verschobenen Start haben die Mißerfolge offenbar noch Verleger wenig Erfolg verbucht. Die
des Edelmagazins, das nun Ergo heißen mißtrauischer als sonst gemacht. Kurz Ettlinger Maschinenbaufirma Elba, die
soll, haben die Verlagsstrategen auf nach dem Flop mit T V pur mußte Ge- er gekauft hatte, mußte Vergleich an-
Mitte Mai festgelegt – falls es sich der schäftsführer Manfred Bosse, 54, gehen melden. Von der unrentablen texani-
Eigentümer, dessen endgültiges Plazet – angeblich, weil „die Chemie nicht schen Kaufhauskette Winn’s Stores
fehlt, nicht doch noch anders überlegt. stimmte“, wie der Verlag verbreitet. In trennte er sich, in aller Stille, Ende
Die ewige Warterei hat die Redakti- Wahrheit soll er neue Objekte schlecht 1993. Und vor einigen Monaten verab-
on unter den Leitern Michael Gater- kalkuliert haben. schiedete sich Bauer von der Brillenpro-
mann, 41, und Hartmut Volz, 49, zer- Nun steht Bauers Geschäftsführer duktion, die er bei Carrera Optic betrie-
mürbt. Immer wieder fielen ihre Kon- Braun unter Druck. Er regiert den Kon- ben hatte. Die verlagsexternen Betäti-
zepte bei Bauers Marktforscher Karl- zern mit Hilfe eines Trupps externer Be- gungen, resümiert Bauer, hätten sich
Heinz Kehrmann durch. Nach den rater, zu dem etwa der frühere Vizevor- „als Fehlschlag erwiesen“.
zahlreichen Befragungen in Gruppen- standsvorsitzende des Zigarettenkon- Da half auch der Taschenrechner
tests, einer Spezialität des Hauses, sei zerns Reemtsma, Alois Spengler, 58, nicht. Y

DER SPIEGEL 15/1995 109


..

WIRTSCHAFT TRENDS
Fluglinien
Kreditkarten ren. „Unter diesen Umständen scheint es
mir sinnvoll“, heißt es in dem Kündi- Neue Konkurrenz
Herzog hat gekündigt gungsschreiben Herzogs, „das zwischen
uns bestehende Vertragsverhältnis zum für die Lufthansa
Das Kreditkartenunternehmen American frühestmöglichen Zeitpunkt zu beendi- Die Deutsche Lufthansa muß
Express, das in einer aufwendigen Image- gen.“ auf europäischen und inner-
kampagne mit dem Bild prominenter Hektisch ist der Amex-Vorstand seitdem deutschen Strecken schon
Kunden für seine Dienste wirbt („Bezah- bemüht, den Fehler wiedergutzumachen. bald mit neuer Konkurrenz
len Sie mit Ihrem guten Namen“), hat Weil auch ein persönlicher Entschuldi- rechnen. Bereits Ende März
seinen besten deutschen Namen verloren: gungsbrief des Amex-Präsidenten Jürgen hatte der britische Unterneh-
Bundespräsident Roman Aum üller ohne die erhoff- mer Richard Branson be-
Herzog kündigte bei der te Wirkung blieb, schalte- kanntgegeben, daß er mit sei-
Amex-Zentrale in Frank- te der Vorstand die auf ner Fluggesellschaft „Virgin
furt die Kreditkarten sei- Krisen-PR spezialisierte Atlantic Airways“ vom
ner Familie. Herzog ist Frankfurter Agentur Mo- Herbst an erstmals auch Zie-
verärgert darüber, daß sei- ritz Hunzinger ein. Hun- le innerhalb der E U bedie-
ne Frau bei einem Münch- zinger arrangierte eigens nen will. Der exzentrische
ner Juwelier Schwierigkei- ein Treffen im Bundesprä- Brite will offenbar zu beson-
ten bekam, als sie einen sidialamt mit dem Herzog- ders günstigen Preisen unter
Einkauf in Höhe von 240 Staatssekretär Wilhelm anderem Verbindungen zwi-
Mark mit ihrer Kreditkar- Staudacher, um den verlo- schen München, Mailand,
te begleichen wollte. Weil renen Kunden zurückzu- Brüssel und London anbie-
im Datensystem von Ame- gewinnen. Angereist war ten. Branchenkenner rech-
rican Express das Kredit- auf Bitte von Hunzinger nen damit, daß auch noch die
konto von Christiane Her- auch Johannes Vöcking, Kölner Charterfluggesell-
zog aufgrund eines Zah- ehemals Abteilungsleiter schaft Germania ihr Strek-
lendrehers versehentlich im Kanzleramt. Der Bun- kennetz erweitert. Die Bil-
MELDE PRESS

als geschlossen geführt despräsident werde seinen lig-Airline unterhält im Auf-


wurde, weigerte sich der Schritt, so das Ergebnis trag der Bundesregierung ei-
Juwelier zunächst, die der Beratung, noch ein- nen Shuttle-Dienst zwischen
Kreditkarte zu akzeptie- Ehepaar Herzog mal überdenken. Bonn und Berlin. Darauf

VW bombardierten den Vorstand sten Fragen der Journali-


mit Fragen. Die meisten sten, verkündete er später
Vorstand muß den Antworten konnten Piëch stolz, hätten er und seine
und seine Kollegen von Bild- Mitarbeiter auf der General-
Auftritt proben schirmen ablesen. Diese wa- probe auch gestellt. B. GIBOD / STUDIO X / GAMMA

VW-Chef Ferdinand Piëch ren vor ihren Tischen aufge-


versammelte Ende März sei- baut und mit einem Raum Konzerne
nen Vorstand zu einer unge- verkabelt, in dem fleißige
wöhnlichen Generalprobe. Mitarbeiter die richtigen Personalkarussell
Einen Tag vor der Bilanz- Zahlen und Hinweise einga-
pressekonferenz mußten die ben. Dennoch klappte nicht bei AT & T
Manager das richtige Ant- alles wie erhofft, Finanzchef Der US-Konzern AT & T, Branson
worten üben. Während der Bruno Adelt mußte mehr- weltweit der zweitgröß-
Vorstand auf einem Podium mals seine Statements wie- te Fernmeldebetreiber, be- aufbauend, so wird in der
saß, nahmen Mitarbeiter der derholen. Nur Pressespre- kommt zunehmend Probleme Luftfahrt-Branche speku-
VW-Presseabteilung im Saal cher Otto Ferdinand Wachs mit seiner deutschen Depen- liert, könnte Germania-Chef
Platz. Sie schlüpften in die war mit der Veranstaltung dance. Die Amerikaner wa- Hinrich Bischoff seinen Ser-
Rolle von Journalisten und offenbar zufrieden. Die mei- ren hier angetreten, um von vice auf neue Ziele ausdeh-
Deutschland aus den europäi- nen. Der dementiert solche
schen Markt zu erobern; tat- Pläne zwar noch, doch der
sächlich fielen sie nur durch Flugunternehmer und sein
Mißwirtschaft auf. Nun wurde Kompagnon Mustafa Musca-
dem Holding-Chef Rainer ti führen seit Monaten Ge-
Liebich mitgeteilt, daß seine spräche mit den Chefs großer
Zeit abgelaufen sei. Ge- Reiseveranstalter wie TUI
schäftsführer Siegfried Gra- oder LTU. In ihrem Auftrag
bowski, zuständig für die Fa- könnten die Kölner dann Ur-
brik in Augsburg, erhielt eine lauber aus Hamburg oder
Kündigung. Ein Geschäfts- dem Großraum Berlin zu
führer zieht zurück in die Abflugorten wie München
J. H. DARCHINGER

USA, ein weiterer wird die oder Düsseldorf befördern.


Firma verlassen. Headhunter Die restlichen Sitzplätze
sollen jetzt, auch außerhalb könnten Bischoff und Musca-
der Branche, neue Führungs- ti zu Dumpingpreisen auf
VW-Vorstand kräfte für AT & T suchen. dem freien Markt anbieten.
..

WIRTSCHAFT

Ausstellungen

„Viele kleinliche Zankereien“


Interview mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Helmut Werner über die Expo 2000 in Hannover

SPIEGEL: Findet im Jahr 2000 tatsäch- Werner: Sicher kommt die Expo in ei- SPIEGEL: Im Aufsichtsrat der Expo soll-
lich eine Weltausstellung in Deutsch- ne Zeit, die nicht unbedingt auf so ei- te Niedersachsens Umweltministerin
land statt, die Expo in Hannover? ne Veranstaltung wartet. Aber wir Monika Griefahn ökologische Positio-
Werner: Selbstverständlich wird es die müssen nun dringend deutlich machen, nen vertreten. Wegen der Affäre um
Expo geben. Warum zweifeln Sie dar- daß unser Expo-Thema „Mensch–Na- mögliche Begünstigung ihres Eheman-
an? tur–Technik“ das zentrale gesellschaft- nes ist sie ausgeschieden. Wird die Expo
SPIEGEL: Außerhalb Hannovers weiß liche Problem trifft: Wie können wir nun eine etwas größere Industriemesse?
kaum jemand, daß die Expo vorbereitet künftig die Ökonomie mit der Ökolo- Werner: Nein, das darf sie auf keinen
wird. Woran liegt das? gie verbinden? Dieser Frage müssen Fall werden, und das wird sie auch nicht
Werner: Mit diesem Zustand bin ich sehr sich nicht nur Deutschland und die In- werden. Frau Griefahn hat eine sehr gu-
unzufrieden. Das liegt sicher daran, daß dustriestaaten, sondern alle Länder te und konstruktive Rolle gespielt. Ich
die Expo-Gesellschaft sehr spät gegrün- stellen. habe mir gewünscht, daß ihr Nachfolger
det worden ist und bis- sich in der gleichen Form einbringt. Das
lang die ganze Diskus- steht jetzt außer Frage, denn für Frau
sion eine eher lokale Griefahn ist nun Ministerpräsident Ger-
Veranstaltung in Han- hard Schröder in das Gremium eingezo-
nover war. Hier be- gen.
steht enormer Nach- SPIEGEL: Schröder bezeichnet sich
holbedarf, weil kaum selbst nicht als Ökologen, sondern sagt:
jemand in der wei- „Ich bin ein Automann.“
ten Welt weiß, was Werner: Was ist so böse an einem Auto-
Hannover ist und mann? Die Automobilindustrie hat die
wo es liegt. Hannover ökologische Herausforderung längst er-
braucht die Unterstüt- kannt und arbeitet an der Lösung der
zung der anderen Bun- Umweltprobleme.
desländer, des Bundes SPIEGEL: Als Automann müssen Sie das
und der europäischen wohl so sehen. Der hannoversche Sozio-
Nachbarn. Wir sind loge Oskar Negt fordert, die Weltaus-
sehr spät dran. stellung solle auch die schlimmen Fol-
SPIEGEL: In Hannover gen der Technik zeigen, die „Bilanz ei-
ist keinerlei Interesse nes blutigen Jahrhunderts“ ziehen.
für die Expo zu spü- Werner: Wir werden die Geschichte si-
ren, sondern eher pro- cher kritisch darstellen. Die Expo ist
vinzielle Kleingeiste- keine Veranstaltung, die Probleme der
rei. Technik ausblenden will. Aber wir müs-
Werner: Es gibt viele sen auch sehen, daß wir die Möglichkei-
kleinliche Zankereien, ten der Technik nutzen müssen, um uns
zum Beispiel über die ökologisch richtig entwickeln zu kön-
Expo-Grundstücke. nen. Ökologische Zukunftsfähigkeit
Das ist frustrierend. ohne weiterentwickelte Technik wird es
W. SCHMIDT / NOVUM

Hannover müßte bren- nicht geben. Wir werden hier eine neue
nen vor Begeisterung Art von Konsens suchen müssen.
darüber, daß man die SPIEGEL: Ist dieser Anspruch nicht et-
Welt zu sich einlädt. was hoch für eine Weltausstellung?
Doch davon ist nichts Aufsichtsratschef Werner Werner: Eine Ausstellung kann be-
zu spüren. Hannover stimmt nicht die Probleme der Zukunft
hat noch nicht verstan-
den, daß es hierin eine
Die Weltausstellung lösen, aber sie kann dazu beitragen, die
notwendige Sensibilität dafür zu entwik-
Riesenaufgabe und ei- in Hannover soll nach den Vorstellungen der Planer ei- keln.
ne Riesenchance hat. ne Weltausstellung neuen Typs werden. Statt der bis- SPIEGEL: Glauben Sie, daß die erwarte-
Aus dieser Blockade lang üblichen Leistungsschauen wollen sie ökologi- ten 40 Millionen Menschen kommen,
müssen wir endlich sche Perspektiven für das nächste Jahrtausend prä- um über die Probleme der Welt aufge-
heraus. sentieren – doch konkrete Konzepte fehlen noch. In klärt zu werden?
SPIEGEL: Liegt das der Gesellschaft sind das Land Niedersachsen, die Werner: Nein, sicher nicht. Die Expo
mangelnde Interesse Stadt Hannover, der Bund und die Expo-Beteiligungs- muß einen Spagat schaffen: Auf der ei-
daran, daß die meisten gesellschaft der Deutschen Wirtschaft vertreten. Mer- nen Seite muß sie dem enormen gesell-
glauben, die Welt cedes-Chef Werner, 58, leitet den Aufsichtsrat der Ex- schaftlichen Anspruch genügen und auf
braucht viel, aber kei- po-GmbH. der anderen Seite auch sehr attraktiv
ne Weltausstellung? sein. Sie muß zugleich einen großen Un-

DER SPIEGEL 15/1995 111


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WIRTSCHAFT

terhaltungs- und einen Show-Wert ha-


ben. Geldanlage
SPIEGEL: Ein wenig Problemschau und
ein wenig Disneyland?
Werner: Ich weiß nicht, ob man da
schwarzweiß sehen kann. Ich glaube,
man kann auch komplexe technische
Besser als
und ökologische Themen so anspre-
chend präsentieren, daß sie die Besu-
cher nicht langweilen.
der Bauch
SPIEGEL: Im Zeitalter der Datenauto- Sind die Kurse an Devisen- und
bahnen sind Menschen aller Kontinente
täglich miteinander verbunden. Ist eine
Aktienmärkten berechenbar? Die
Weltausstellung, bei der 40 Millionen Chaostheorie hilft.
Menschen in eine Stadt kommen sollen,
noch zeitgemäß? s muß der Blick von seinem Büro
Werner: Man kann das Thema der Welt-
ausstellung nicht angehen, indem man
ein nettes Fernsehprogramm zusam-
E auf den Zürichsee sein, der den
Ehrgeiz des ehemaligen Devisen-
händlers Richard Olsen zu seinen Theo-
menstellt und es mit intelligenten Mul- rien inspiriert. Gern wählt Olsen, ein
timediasystemen überall verfügbar Mitglied der Schweizer Bankendynastie
macht. Die entscheidende Frage ist, ob Bär, das Beispiel vom Stein im Wasser,
wir die Expo so attraktiv gestalten kön- wenn er einem Laien die Turbulenzen
nen, daß die Menschen sie besuchen. auf den Devisenmärkten begreiflich ma-
An diesem Anspruch werden die Expo- chen will.
Macher gemessen werden. Wann ein Stein ins Wasser geworfen
SPIEGEL: Paris blieb der Eiffelturm, wird, ob Boris Jelzin in Ohnmacht fällt
Brüssel das Atomium von ihren Welt- oder ob irgendein Zentralbanker dum-
ausstellungen. In Sevilla blieben nur mes Zeug erzählt – das alles könne er
Schulden übrig und leerstehende Pavil- natürlich nicht vorhersagen. „Aber wir
lons. Was wird in Hannover bleiben? wissen, wieviel Wasser im See ist und
Werner: Sollte die Diskussion über welche Strömungen gerade vorherr-
„Mensch–Natur–Umwelt“ die Qualität schen“, sagt Olsen. Und ähnlich sei es
haben, die wir erhoffen, wird die Expo mit den Finanzmärkten, da „läßt sich
2000 ein wichtiges Symbol werden: Wie der Wellengang exakt vorherbestim-
geht es weiter im nächsten Jahrtausend, men“.
wie können Ökologie und Ökonomie Das macht die Chaostheorie. Mit de-
auf einer breiten kulturellen Basis ko- ren Hilfe wollen Olsen und 35 Mathe-
existieren? Die Expo könnte eine Per- matiker, Physiker und Computerfreaks
spektive aufzeigen wie einst der Club of das Tohuwabohu auf den Finanzmärk-
Rome. Wenn das gelingt, bliebe so et- ten in den Griff bekommen, also Trends
was wie ein geistiger Eiffelturm. Y vorhersagen. Seit zehn Jahren beschäfti-

K. WYSS

Chaostheoretiker Olsen: „Der Wellengang läßt sich exakt vorherbestimmen“

114 DER SPIEGEL 15/1995


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WIRTSCHAFT

gen sie sich mit nichts anderem als dem Auch in Deutschland ist angesichts Auch Siemens-Nixdorf Informations-
Auf und Ab von Dollar, Mark und den bescheidener Ergebnisse der konventio- systeme schwimmt auf der Chaoswelle
wichtigsten Weltwährungen. nellen Prognostiker das Neurofieber der verunsicherten Anlageprofis mit.
Die Chaostheorie befaßt sich mit ausgebrochen. Die Kölner Privatbank Die Deutsche Bank, die Allianz und die
nicht-linearen, also dynamischen Vor- Sal. Oppenheim knüpft an einem Netz, Schweizerische Kreditanstalt haben das
gängen; kleine Ereignisse können dra- das simultan die Entwicklung der wich- neuronale Netzwerk Senn schon mit ho-
matische Folgen haben. Solche Ursa- tigsten Finanzmärkte weltweit vorhersa- hem Millionenaufwand ausprobiert.
chen und Wirkungen waren bisher ma- gen soll. Die Dresdner Bank meldet „erste Er-
thematisch nicht zu erfassen; erst die Leistungsfähige Computer werden folge mit der neuronalen Dollarprogno-
Computertechnik ermöglicht eine An- mit den Zinsen, dem Ölpreis, der Indu- se“. Zwar habe ihr Modell „die starken
näherung: Selbst scheinbar chaotische strieproduktion und über 100 anderen Währungsturbulenzen der letzten Wo-
Systeme – wie das Geschehen auf den Zeitreihen aus den vergangenen 15 Jah- chen nicht erkennen“ können, sagt Phy-
Devisenmärkten – folgen eigenen Ge- ren gefüttert. Die Chaosforscher leben siker Jörg Warncke. Doch im Vergleich
setzmäßigkeiten. von der Hoffnung, aus den Mustern der mit Zufallsprognosen und gängigen
So seltsam das alles klingt – Banken Vergangenheit Prognosen für die Zu- Trendfolgesystemen läge es „deutlich im
wie Trinkaus & Burkhardt oder die kunft herauszudestillieren. positiven Bereich“, behauptet der For-
Deutsche Bank nehmen die Zürcher Ein neuronales Computersystem soll scher vom Dresdner International Re-
Chaosforscher durchaus ernst: Sie ha- ähnlich wie ein menschliches Hirn Ord- search Institute.
ben einen Bildschirm von Olsen & As- nung in das Chaos der vielen Daten Olsen hält diese neuronalen Netze
sociates für jährlich mindestens 100 000 bringen und Zusammenhänge zwischen noch für zu kompliziert. Er sammelt lie-
Franken bei ihren Devisen- ber in Computern mit giganti-
händlern aufgestellt. scher Speicherkapazität alle
Schlimmer als bei bisherigen verfügbaren Informationen
Prognosen kann es auch mit der über weltweite Währungstrans-
Chaostheorie nicht werden. Zu aktionen.
oft lagen die Analysten der Auch der Schweizer geht da-
Banken, wie andere Leute von aus, daß dem scheinbaren
auch, in den vergangenen Jah- Chaos der Finanzmärkte dyna-
ren daneben. So erwarteten die mische, mathematisch erfaßba-
meisten Bankprofis noch vor re Zusammenhänge zugrunde
drei Monaten einen Dollarkurs liegen. Mit Hilfe der Daten
von 1,60 bis 1,70 Mark. Bald über die Märkte der Vergan-
darauf schmierte die US-Wäh- genheit versucht er, Verhaltens-
rung auf den historischen muster herauszufiltern, die
Tiefststand von 1,35 Mark ab. auch für die Zukunft gelten.
Handfeste Entscheidungshil- Die neue Wissenschaft sei
fen wie Leistungsbilanz, Zins- erst am Anfang, räumt Olsen
niveau oder Wirtschaftswachs- ein. Aber der Guru vom Zür-
tum scheinen für die Beurtei- cher See erahnt bereits „eine
lung der immer komplizierte- Quantentheorie der Ökono-
ren Spekulationsgeschäfte nicht mie“.
mehr viel zu taugen. Jeden Tag Die Allmacht des Marktes,
wabern auf den Devisenmärk- der die Ökonomen seit Adam
J. SEIDEL

ten 1000 Milliarden Dollar um Smith huldigten, sei out. So wie


den Globus. Da genügt ein ein- Albert Einstein für die Physik
ziger Spekulant, dem das briti- Banker Ebertz, Kempis: „Trefferquote von 60 Prozent“ nachgewiesen habe, daß alles
sche Pfund mißfällt, und schon relativ sei, ließe sich bald mit
sinkt die Währung ins Nichts – ideale den Gr ößen herstellen. Tauchen be- Hilfe der Computer darstellen, wie je-
Bedingungen für die Chaostheoreti- kannte Strukturen, wie sie der Compu- der einzelne dynamisch, nach seinen ei-
ker. ter schon einmal aus vergangenen Daten genen, individuellen Zielvorstellungen
In London gründeten Gr ößen der gebildet hat, in der Gegenwart auf, gibt handle und damit die Preise beeinflusse.
Finanzbranche wie Barclays, die Citi- das System Empfehlungen – etwa be- Olsen ist überzeugt, daß er längst be-
bank, Société Générale und der Pen- stimmte Papiere zu kaufen oder abzu- wiesen hat, wie ein Anleger sich das
sionsfonds der Postangestellten den stoßen. Chaos auf den Märkten nutzbar machen
Neuro Forecasting Club. Gefördert mit Daß der Computer die bisherige Ent- kann. Seine Computer rieten bereits am
Geldern des britischen Industriemini- wicklung der weltweiten Finanzmärkte 21. Februar bei einem Dollarkurs von
steriums, suchen Wissenschaftler der auswendig gelernt hat, sie vielleicht so- 1,47 Mark zum Verkauf. Wenige Tage
London Business School nach Model- gar erklären kann, bietet natürlich keine später stand der Dollar bei 1,38 Mark.
len, mit denen sie die Entwicklung an Gewähr für die Zukunft. Allenfalls „Wer die Signale befolgt hat, verdien-
den Börsen einschätzen können. „eine Trefferquote von 60 Prozent“ sei te in den vergangenen Wochen das dik-
„Wir investieren jedes Jahr in zwei- momentan erreichbar, sagt Projektleiter ke Geld“, bestätigt Jürgen Büscher, Di-
stelliger Millionenhöhe in diesen Be- Thomas Ebertz. rektor im Devisenhandel von Trinkaus
reich“, sagt Scott Stewart, Manager Trotzdem hält Thomas von Kempis, & Burkhardt. Allerdings fehlte der Düs-
bei der weltgrößten amerikanischen Geschäftsführer von Oppenheim Asset seldorfer Bank der Mut, sich ganz auf
Fondsgesellschaft Fidelity. Der Fidelity Management, die Ergebnisse für so viel- die Olsen-Prognosen zu verlassen.
Disciplined Equity Fund, der mit Hilfe versprechend, daß er darüber nach- Noch ist es bei den Computer-Gurus
neuronaler Netze in US-Aktien inve- denkt, einen Neurofonds aufzulegen: ähnlich wie bei den Händlern, die aus
stiert, lag in den vergangenen Jahren „In normalen Handelsphasen reagiert dem Bauch heraus am Milliardenrad
immer besser als der amerikanische der Computer besser als der traditionel- drehen: Mal liegen sie richtig, mal rich-
Aktienindex. le Bauch des Anlagemanagers.“ tig falsch. Y

118 DER SPIEGEL 15/1995


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WIRTSCHAFT

TINA mit den anderen Technologie- tum. „Die haben ihre Experten schon
Patente agenturen der neuen Bundesländer. Monate vor der Einheit zu uns ins Amt
An der DDR-Entwicklung neuartiger geschickt“, erinnert sich Abteilungslei-
Sonnenkollektoren hat bereits ein Un- ter Bernd Sende, „und die Bestände sy-

Ungehobene ternehmer Interesse angemeldet. Die


Marktgängigkeit von Verfahren und
Methoden „zur Konservierung des
stematisch gesichtet.“
Der Rest der herrenlosen Patentakten
enthält aus heutiger Sicht vor allem Ku-

Schätze menschlichen Geruches“, in der vorläu-


figen Angebotsliste unter D D 302009
notiert, scheint allerdings zunächst eher
rioses. Weil die DDR-Wirtschaft an
chronischem Valuta- und Rohstoff-
mangel litt, forschten ganze Heere von
Not macht erfinderisch, und so zweifelhaft. Wissenschaftlern in den Ostbetrieben
Die Brandenburger Prüfer müssen nach Ersatzprodukten.
brachte die DDR Zigtausende von sich mit ihrer Rettungsaktion beeilen. Das Verfahren zum Nachfüllen von
Patenten mit in die Einheit. Jetzt Der Bestand, den sie sichten sollen, Kugelschreiberminen besitzt heute al-
sinkt rapide. Von den fast 138 000 Pa- lenfalls anekdotischen Wert. Harry
sollen sie vermarktet werden. tenten, die im Oktober 1990 am Tag der Badstübners „Wärmeaustauscher an
Einheit gemeldet waren, sind nur noch Brennkraftmaschinen für Frischlufthei-
as Erbe des sozialistischen Erfin- 95 000 übrig. zungen, insbesondere in Kraftfahrzeu-

D dungsgeistes lagert, sorgsam ver-


packt, in gelblichen Papiertüten.
Die Patente eines Staates, der keine Zu-
Weil nach dem Konkurs der volksei-
genen Betriebe für viele Erfindungen
niemand mehr die fälligen Patentgebüh-
gen“ würde wohl sofort vom TÜV ein-
gezogen. Bei defektem Trabbi-Krüm-
mer blies Badstübners Heizung die Ab-
kunft hatte, füllen im ehemaligen „Amt ren bezahlt, müssen die Angestellten in gase direkt ins Auto.
für Erfindungs- und Patentwesen“ der der Berliner Mohrenstraße jeden Monat Auch die unzähligen Patente zur Ge-
D D R in der Berliner Mohrenstraße etwa 3000 Patenteintragungen löschen. schmacksimitation teurer Lebensmittel
Hunderte Aktenmeter. Die Mahnungen, die das Berliner Pa- haben im Gentech-Zeitalter wenig
Während ein paar hundert Meter wei- tentamt jeden Monat zu Tausenden ver- Marktchancen. Die gemeine Runkelrü-
ter in der Berliner Gauck-Behörde jeder schickt, bleiben meist ohne Antwort. be mußte sich als Ananas tarnen (Pa-
Aktenschnipsel aufgehoben und begut- Nur für 35 000 Patente werden derzeit tentnummer D D 224484). Geschält, zer-
achtet wird, verstauben die Dokumente die Geb ühren bezahlt. kleinert und behandelt wurden aus ihr
über die technischen Errungenschaften Beim Schlußverkauf der DDR-Wirt- „fruchtfleischartige Produkte, gegebe-
des real gescheiterten Sozialismus unge- schaft haben sich weder die Treuhand nenfalls mit südfruchtähnlichen Merk-
lesen in ihren Holzregalen. noch die Käufer aus dem Westen son- malen“. Äpfel mutierten zu Sultaninen,
Mit dem Schattendasein soll nun derlich für die firmeneigenen Patente in- Sojabohnen dienten als Marzipanersatz.
Schluß sein: Im Auftrag des Bonner teressiert. Den Investoren ging es oft Dennoch ist Sende guter Hoffnung,
Wirtschaftsministeriums und mit einer nur um die Ostimmobilien. „In vielen daß sein Archiv noch ungehobene
halben Million Mark Unterstützung aus Fällen wurden die Patentabteilungen als Schätze birgt. „Der Mangel machte ori-
Bundesgeldern sucht die Technologie- erstes abgewickelt“, sagt Raimund Lutz, ginelle Lösungen notwendig“, lobt der
und Innovationsagentur Brandenburg Berliner Behördenchef des Patentam- Archivleiter, und die kämen heute dem
(TINA) im Fundus nach Nutzbarem. tes. Die wenigsten haben damals er- Trend zu sparsamem Wirtschaften und
Seit einem halben Jahr wühlt sich die kannt, so Lutz, „daß die Patente einen neuer Wiederverwertung entgegen.
ehemalige DDR-Patentprüferin Isolde Unternehmenswert darstellen“. Zweiflern präsentiert Sende die Pa-
Winkler mit einem Kollegen in der Ber- Nur die Großkonzerne, allen voran tentschrift von sechs Leipziger Diplom-
liner Außenstelle des Deutschen Patent- die Chemie- und Arzneimittelindustrie, ingenieuren, die sich 1982 ein Verfahren
amtes durch die Aktenberge. 4000 Pa- sicherten sich bei der Übernahme der zum Recycling von Autoreifen schützen
tente haben die beiden TINA-Mitarbei- Ostwerke auch deren Erfindungsreich- ließen. Y
ter bereits gesichtet, 466 halten sie da-
von für „grundsätzlich verwertbar“.
Hatte nicht schon die „Impuls-
Schwall-Bewässerung insbesondere für
Gewächshäuser“ zu DDR-Zeiten Was-
ser gespart und bei Tomaten „75prozen-
tige Ertragssteigerung“ erzielt? Und
warum, bitte schön, soll eine „Vorrich-
tung zum Messen der Muskelkraft im
Gelenkbereich“ nicht auch in der bun-
desdeutschen Fitneßgesellschaft eine
Absatzchance haben?
Per Datenbank und Katalog will TI-
NA ausgewählte Erfindungen vor allem
ostdeutschen Existenzgründern und
Kleinbetrieben anbieten, um deren In-
novationsschwäche zu überwinden. Wer
sich beispielweise für einen „Schaf-Fi-
xierstand“ interessiert, muß zunächst ei-
ne Bearbeitungsgebühr von 150 Mark
an die Brandenburger Innovationsagen-
tur zahlen und dann mit dem Erfinder
GUST / ZENIT

über den Kaufpreis verhandeln. Um ei-


ne möglichst breite Vermarktung der al-
ten DDR-Patente zu sichern, kooperiert Ehemaliges DDR-Patentamt in Berlin: Der Bestand sinkt rapide

DER SPIEGEL 15/1995 121


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WIRTSCHAFT

Bislang nahmen die Beschäftigten denGroßkundgebung, die Küsel wohl so


Porzellan Kahlschlag gleichmütig hin. In der Por-schnell nicht vergessen wird.
zellanbranche sind überwiegend Frauen Auf Plakaten und Transparenten wur-
angestellt. Die protestieren nur leise.de der Rosenthal-Chef von 800 Porzelli-

Bayrisch Doch das ändert sich gerade, und den


Anlaß liefert ausgerechnet ein Unter-
nehmen, das bislang als besonders ar-
nern, wie sich die Teller- und Tassenma-
cher selbst nennen, beschimpft und ge-
schmäht. „Schmeißt Küsel raus“, ver-

Sibirien beitnehmerfreundlich galt: die Firma


Rosenthal in Selb.
Rosenthal-Chef Ottmar Küsel will das
langten die Demonstranten.
Die Nerven liegen bloß, und das ist
kein Wunder. Kaum eine andere Bran-
Eine ganze Region lebt vom Werk Waldershof bei Marktredwitz che in der Bundesrepublik wurde von
den Folgen des Umbruchs in den ehe-
stillegen, das Produkte für die Hotelle-
Geschäft mit Tellern, Tassen und maligen Ostblockstaaten so heftig er-
rie herstellt. Das Werk sei nur zu einem
Kannen. Wie lange noch? schüttert wie die Porzellanindustrie.
Drittel ausgelastet, klagt der gebürtige
Bremer: „Wir machen jeden Monat eine Noch in den fünfziger und sechziger
er feine ältere Herr im schwarzen Million Mark Verlust.“ Jahren lebten in „bayrisch Sibirien“, wie

D Seidenhemd mit orangeroter Kra-


watte paßt nicht so richtig in die
derbe Vereinskneipe. Schweigend setzt
Der Marktredwitzer IG-Chemie-Ver-
waltungschef Horst Weidner und die
überwiegend weiblichen Beschäftigten
die rauhe Gegend um das Fichtelgebirge
genannt wird, bis zu 37 000 Menschen
von der Herstellung von Geschirr. Das
er sich in die erste Reihe und zündet wollen die Pläne des Managers verei- Geschäft gedieh prächtig. Lieferfristen
sich eine Zigarre an. teln. Mitte März veranstalteten sie aufvon einem halben Jahr waren damals an
Philip Rosenthal, 78, ehemals Chef dem Martin-Luther-Platz in Selb eine der Tagesordnung.
des gleichnamigen Unternehmens, sagt Unternehmen ande-
an diesem Abend beim traditionellen rer Branchen fanden
Fischessen der IG Chemie im nord- in Selb, Weiden oder
bayerischen Marktredwitz nicht viel. Wunsiedel kaum Ar-
Das kann er wohl auch nicht, denn er beitskräfte und siedel-
ist mit seiner alten Firma noch immer ten sich deshalb erst
über einen Beratervertrag verbunden. gar nicht an. „Wir wa-
Und doch wird Rosenthal von den ren ein verschworenes
200 Männern und Frauen, allesamt Völkchen hinter dem
Porzellanarbeiter aus der Region, ge- Eisernen Vorhang“,
feiert. Daß er, der Patriarch, in ihrer schwärmt Hutschen-
Mitte sitzt, ist ein Signal – gegen die reuther-Betriebsrats-
geplanten Entlassungen bei Rosenthal. chef Oswald Breßgott
In den vergangenen drei Jahren fie- über die gute alte
len in Nordbayern, wo 80 Prozent der Zeit.
deutschen Porzellanindustrie konzen- Auch Arbeiter ohne
triert sind, über 5000 Jobs weg. Ein Fachausbildung, wie
Ende des Arbeitsplatzabbaus ist vorerst der Waldershofer
nicht in Sicht. Gleichzeitig wurden rund Glühofen-Vorarbeiter
ein Dutzend Betriebe geschlossen, dar- Thomas Beer, 32,
unter ein Werk der Firma Hutschen- brachten es in der
reuther in Arzberg und Bareuther in Low-Tech-Branche zu
Waldsassen. Rosenthal-Chef Küsel: Beschimpft und geschmäht bescheidenem Wohl-
stand. „Ich habe mich
im Schweiße meines Angesichts hochge-
dient“, erzählt er.
Die war vorbei, als die Mauer fiel.
Anfangs profitierten die Porzelliner
noch vom Nachholbedarf in den neuen
Bundesländern. Doch ab 1991 bekamen
sie die Kehrseite der Grenzöffnung voll
zu spüren. Konkurrenten in der ehema-
ligen D D R oder der Tschechischen Re-
publik, die ihre angestammten Märkte
im Ostblock verloren hatten, schickten
nun ihre überschüssige Ware massen-
haft nach Westen.
Daran hat sich bis heute nichts geän-
dert, im Gegenteil: „Der gesamte inter-
nationale Wettbewerb“, stöhnt Rosen-
thal-Chef Küsel, „hat auf einmal
Deutschland als Absatzmarkt ent-
deckt.“
FOTOS: W. M. WEBER

Die Billigimporte machen vor allem


Anbietern wie der oberfränkischen Fir-
ma Winterling zu schaffen. Das Fami-

Demonstration der Rosenthal-Belegschaft*: Die Nerven liegen bloß * Am 11. März in Selb.

124 DER SPIEGEL 15/1995


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WIRTSCHAFT

lienunternehmen hat sich auf beson-


ders preisgünstiges Geschirr speziali- Gebranntes Kind 1700
siert. Doch mit Produzenten aus Tsche- Entwicklung in der Porzellan- und
chien und Böhmen kann nicht mal Win-
terling, eine Art Aldi der Tischausstat-
Steingutindustrie Westdeutschlands 1500
ter, mithalten. 1300
Auch Hersteller hochwertiger Pro- 21 684 Umsatz
in Millionen Mark
dukte, wie Rosenthal oder Hutschen- 21 209 1100
reuther, gerieten in den Sog der Rezes-
sion, die Kauflust der Deutschen sank. 18 373 900
Im Ausland läßt sich die deutsche Beschäftigte 16 244
Produktion ohnehin kaum noch abset- 14 671 700
zen. Auch in anderen europäischen
Ländern müssen die Verbraucher spa- 500
davon Export
ren. In Italien, dem wichtigsten Abneh-
merland, ist deutsches Porzellan nach 300
1990 1991 1992 1993 1994 1990 1991 1992 1993 1994 Quelle: VKI
dem Verfall der Lira fast um die Hälfte
teurer geworden. „Dort sind uns in den
letzten Monaten ganze Umsatzkomple- sammengefügt. Das vernichtet zusätzli- Gewinn geteilt werden muß. „Für
xe zusammengebrochen“, klagt Hut- che Arbeitsplätze. ehrgeizige Neuentwicklungen“, erklärt
schenreuther-Chef Horst Enzensperger. Neue Jobs könnten nur in verwandten Hutschenreuther-Chef Enzensperger,
Italienische Händler entwerfen ihre Branchen entstehen, wie der Baukera- „fehlt uns allein einfach das Geld.“
Gedecke neuerdings selbst und lassen mik oder der technischen Keramik. Die großen Porzellanhersteller sehen
sie im Lohnauftrag in der Tschechischen Doch diese Chance haben die Vorstän- ihre Zukunft in der Erweiterung ihres
Republik fertigen. Die Stellen, die dort de der Porzellanunternehmen offen- Angebots. Sie wollen dem Verbraucher
neu entstehen, fallen in Bayern weg. sichtlich verpaßt. alles anbieten, was zu einem schön ge-
„Wir liegen im Zentrum Europas“, Bis vor wenigen Jahren besaßen so- deckten Tisch gehört: zum Geschirr das
klagt Weidner, „und bluten trotzdem wohl Rosenthal als auch Hutschenreu- Besteck, zu Gläsern auch Tischdecken
langsam aus.“ ther Tochterfirmen, die Waschbecken, und Servietten.
In den kommenden Monaten dürfte Kloschüsseln oder Dichtungsringe für Am weitesten haben bislang Hut-
sich der Aderlaß eher noch verstärken. den Maschinenbau und die Autoindu- schenreuther und der saarländische
Etliche Porzellanhersteller haben den strie herstellten. Als das Geld knapp Konzern Villeroy & Boch in Mettlach
wirtschaftlichen Abschwung genutzt, wurde, verkauften sie die gutverdienen- diese Strategie vorangetrieben. Beide
um die Produktion von der personalin- den Betriebe. Damit aber fiel auch ein sind Kooperationen eingegangen oder
tensiven Plastilin- auf die neuartige Großteil der Arbeitsplätze in Bayern haben namhafte Firmen aufgekauft.
Preßfertigung umzustellen. weg. Hutschenreuther-Chef Enzensperger
Teller und Untertassen werden nicht Heute betreibt nur noch Hutschen- arbeitet mit dem schwäbischen Besteck-
mehr mit Halbautomaten aus einer reuther ein Unternehmen für technische marktführer WMF zusammen. Der wie-
feuchten Knetmasse gedreht, sondern Keramik, allerdings zusammen mit ei- derum ist mit knapp 25 Prozent an sei-
von teuren Maschinen unter hohem nem Partner, dem Hamburger Mineral- ner Firma beteiligt. Die Saarländer
Druck aus getrocknetem Granulat zu- ölkonzern Shell, mit dem der schmale übernahmen vor sechs Jahren die Bre-
mer Silbermanufaktur Koch &
Bergfeld.
Nur Rosenthal-Chef Küsel
hinkt hinterher. In der Branche
wird vermutet, daß er sich an
dem Bremer Besteckhersteller
Wilkens beteiligen will, der Mit-
te März Konkurs anmelden
mußte.
Doch auch die neuen Kon-
zepte können nur greifen, wenn
die Verbraucher wieder mehr
Geld für Luxusgüter ausgeben.
Die Fachleute vom Verband der
Keramischen Industrie in Selb
sind da recht skeptisch: Sie ar-
beiten zur Zeit an einem Um-
schulungsprogramm für arbeits-
lose Porzellanmacher, das sie
demnächst öffentlich vorstellen
wollen.
Geht es nach ihnen, sollen
sich die Männer und Frauen zu
Pflegekräften ausbilden lassen.
Dann hätten die Porzelliner
W. M. WEBER

endlich einen Beruf mit Zu-


kunft. Y

Rosenthal-Arbeiter Beer*: „Ich habe mich im Schweiße meines Angesichts hochgedient“ * Vor gebrauchten Gipsformen.

DER SPIEGEL 15/1995 127


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MODERNES LEBEN SPECTRUM


Pop

Staub
und Regen
Das Pferd ist müde, und zwi-
schen den Zähnen knirscht
der Sand – daß ein amerika-
nischer Cowboy nichts zu la-
chen hat, davon handelt
jeder anständige Country-
Song. Das Leben in England
ist weniger staubig, aber min-
destens genauso öde: Es reg-
net, der Asphaltcowboy sitzt
im Truck, der einen Motor-

P. ARNAL / STILLS / STUDIO X


schaden hat, und Frauen gibt

BARTHELMY / SIPA PRESS


es auch keine weit und breit.

P. VAUTHEY / SYGMA
Von solcher Alltagstrübsal
singt der Londoner Alan
Tyler auf der neuen CD
„Whatever happened to the
Rockingbirds“, die er mit Westwood-Modell Mugler-Kreation Chanel-Kleid
seiner Band „The Rocking-
birds“ aufgenommen hat. Er Mode model Naomi Campbell in einem Cocktail-
hat lässige Country-Melo- kleid über den Laufsteg, dessen Kehrseite
dien, die ein wenig nach
Johnny Cash klingen, mit Po Couture aus transparenter Spitze bestand, Chanel
führte ein komplett transparentes Modell
leichtem Pop gemischt. Und Mal ist er versteckt, mal hängt er heraus, vor. Doch der Perspektivenwechsel ist kein
es regnet in England zwar mal muß er klein, mal üppig sein – für den Paradigmenwechsel, wie die Trendsucher
noch immer, aber das Busen interessieren die Modedesigner sich der Fachblätter verkündeten – die engli-
Cowboyleben ist plötzlich alle und schon immer. Doch nun haben sie sche Schneiderin Vivienne Westwood und
nicht mehr ganz so traurig. ihre Blicke rückwärts gewandt und den Po die Japanerin Michiko Koshino legen
entkleidet. „Bottom Centred Fashion“ ist schon seit Jahren den Po frei. Den gewag-
Lexika das Motto der Saison: Die Kleider haben ten Kreationen steht das gleiche Schicksal
Rückendekolletés, die tief in hintere Re- bevor wie Kleidern mit Po-Polstern oder
Wie auf gionen hinabreichen. Der Pariser Designer wattierten Hüften: Erst werden sie be-
Thierry Mugler entwarf das pofreie klatscht, dann vergessen, und ein paar Jah-
der Heimorgel Abendkleid, Valentino schickte das Star- re später wieder als Revolution bejubelt.
Warum sollte sich jemand die
Mühe machen, Lebensläufe
von Rockbands, Diskogra- Fortsetzungen scheint garan- ginaltexte der Bands haben tionsbewegte Frauen zu lan-
phien und Tourneefotos auf tiert. Die Rock-Lexika-Col- die Produzenten der CD- ge die Qualität von Männern
die computerlesbaren spei- lection der Zürcher Firma Rom-Reihe, die zu allem und Beziehungen bemessen,
cherstarken CD-Roms zu Karma (Vertrieb: MitCom Überfluß auch ein internatio- erklärt die Hamburger Auto-
pressen? Das Geschäft, das Marketing, München, Preis nales Pendant („Best of rin Signe Zerrahn in ihrem
Geschäft. Schließlich liegt pro Scheibe: 49,95 Mark) Rock-Stars“) im Programm Buch „Entmannt“ (Rotbuch
die Idee nahe, eine Geschich- aber versündigt sich an der führen, schon gar nicht ge- Verlag, Hamburg; 120 Sei-
te des Rock in Bild, Ton und Geschichte der Pop-Revolu- dacht. In den USA wurden ten; 12,90 Mark). Nun soll
Video auf die neuen Multi- tion. Auf der ersten Disc voriges Jahr im CD-Rom- Schluß sein mit Trivialfemi-
media-Scheiben zu bringen – „Best of German Rock“ zum Boom mehr als 400 Millionen nismus, fordert sie und rich-
Nachfrage für viele, viele Beispiel ist zu meist düste- Dollar Umsatz gemacht, tet ihr polemisches Buch an
ren Bildern von aber: Rund 40 Prozent aller eine Generation von jungen
„Ärzten“, „To- CD-Scheiben fanden keine Frauen, die keine Lust ha-
ten Hosen“ oder Käufer. In diesem Fall zur ben, sich selbst als Opfer
„Kraftwerk“ kein Nachahmung empfohlen. und Männer als miese Typen
Originalsound zu zu definieren. Sie nennen
hören. Statt des- Frauen sich Girlies oder Babes
sen ertönen Syn- (SPIEGEL 47/1994), „sie
thesizer-Melo- Der Mann sind stolz darauf, Frauen zu
dien, die klingen, sein, genießen ihre Weiblich-
als hätte Onkel und der Müll keit und wissen um ihre
Paul auf der Die Diskussionen sind lästig Sinnlichkeit“. Und sie haben
KARMA AG PRODUCTION

Heimorgel-Tasta- und zäh: Wer trägt den Müll eines gelernt: Wer drei Stun-
tur herumgesto- runter? Wer schleppt die den herumdiskutiert und
chert. Nicht mal Bierkästen rauf? Muß der dann den Müll herunter-
ein Begleitheft Mann seine Hemden selbst bringt, ist kein echter Mann
wird dem Käufer bügeln? Doch gerade an die- und deshalb sowieso völlig
CD-Rom „Best of German Rock“ gegönnt. An Ori- sen Fragen hätten emanzipa- indiskutabel.

130 DER SPIEGEL 15/1995


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GESELLSCHAFT
G. SEIBOLD / PRESSENS BILD

„New Kids on the Block“-Fans: Nur Anfängerinnen tragen T-Shirts und Jeans mit Buttons und werfen mit Teddybären

Jugend

„AUFGETAKELT UND SEXY“


SPIEGEL-Reporterin Barbara Supp über das anstrengende Liebesleben der Groupies

a drüben, diese Fette mit dem en- te nacht. Sie hat es doch fast schon mal Gr ünden ging das damals schief. Aber

D gen Oberteil, das alles zusammen-


quetscht, und dann auch noch die-
se gräßliche Frisur: „Furchtbar. Die bla-
geschafft, bei seiner letzten Tournee. Er
habe sich nach ihr erkundigt, hat sie ge-
hört. Er habe wissen wollen, wer das
ein erfolgreiches Groupie hat einen Ruf
zu verteidigen, und so hat Mona be-
schlossen, diesen warmen Märzsonntag
miert sich doch bloß.“ Oder die Kleine blonde Mädchen sei: „She’s nice. I want im Foyer eines Bonner Hotels zu ver-
da, die versucht hat, sich den Mund zu her.“ Aus irgendwelchen dummen bringen: Irgendwann wird er kommen,
schminken: nichts als Pickel und Puber- und sie ist bereit.
tät. „Typisch Fan“, findet Mona. „Sieht Allerdings nicht nur sie, leider Got-
man doch gleich.“ Hautnah bei den Stars tes. Die Rivalinnen sind ja auch nicht
Gott sei Dank, sie sieht nicht aus wie dumm. Sie lauern bei Viva oder beim
ein kleines Mädchen, wie ein Fan. Die zu sein und womöglich mit ihnen WDR, wenn die Helden dort ihren Auf-
tragen keine schwarzen Bodys mit Aus- ins Bett zu gehen ist das Ziel der tritt haben. Sie brettern dem Tourbus
schnitt und wehende Miniröckchen da- Groupies, seit es Rockmusik gibt. hinterher oder klappern Luxushotel für
zu; die zeigen nicht soviel weißsilbern Die Amerikanerin Pamela Des Luxushotel ab, um zu ermitteln, wo die
bestrumpftes Bein. Logisch, daß sie auf- Barres war die erste, die durch den Gruppe schläft. Sie lungern in der Lob-
fällt hier in der Lobby des bieder mö- Umgang mit Pop-Größen wie Mick by, pflegen Kontakte mit Managern und
blierten, teuren Hotels. Sie streicht sich Jagger berühmt wurde. Das deut- Bodyguards, und wie man sich auftakeln
sanft über die Locken, zieht die brom- sche Top-Groupie wurde Uschi muß, haben sie auch kapiert. Für die
beerrot bemalten Lippen zum Lächeln Obermaier. Wichtig vor allem: die ganz Doofen steht so was in den Fan-Po-
breit: perfekt. So macht man das. Abgrenzung zu Fans. Die wollen stillen: „Wenn du wirklich mutig bist“,
Sie werden schon sehen, diese Hüh- bloß Autogramme. heißt es da beispielsweise, „besorgst
ner, wer Marky Mark kriegen wird heu- du dir eine falsche Tätowierung und

132 DER SPIEGEL 15/1995


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schlägst Robbie vor, sie zu küssen.“ Es gibt, „so Mädchen, die auch mit den Stars
wird schwierig werden diesmal. Die Kon- schlafen“, davon hat sie nichts gewußt.
kurrenz ist schon lange da: Von ihren Helden geträumt hat sie da-
Die wichtigste Rivalin und ihre Clique mals, Poster abgeknutscht, und zu spüren
haben sich Zimmer im Hotel beschafft, war immer nur Papier. Aber damals, bei
und jetzt stolzieren sie durch die Hotel- den „New Kids“, liefen ältere Mädchen
korridore, schnippisch und überlegen. rum: „Aufgetakelt, sexy, ganz nah bei
Mona und ihre Freundinnen können sich den Stars.“ Klar wollten sie das auch,
kein Zimmer leisten – 350 Mark kostet Mona und ihre beste Freundin, und beim
das Doppelzimmer, Wahnsinn wäre das nächstenmal haben sie versucht, so aus-
für ein Mädchen wie Mona, das als Ver- zusehen wie die.
käuferin jobbt. Jetzt sitzen sie blöd in der Sie hat es geschafft. Sie hat nichts mehr
Lobby herum. Sie warten, zwei Stunden zu tun mit diesen kreischenden Kindern,
schon. Und er ist noch nicht da. die Teddybären schmeißen und in hyste-
Um so wichtiger, sich zu erinnern, daß risches Weinen ausbrechen, wenn „Take
man kein Niemand ist. Mein Gott, Mona That“ oder Marky Mark auf der Bühne
muß richtig lachen, wenn sie daran stehen. Sie ist eine, die man mit hoch-
denkt, wie sie früher rumgelaufen ist, was nimmt. Sie hat alles über Pamela Des
sie alles nicht gewußt hat, eine Anfänge- Barres gelesen, das berühmte Stones-
rin eben. Ein Kind. Groupie aus den sechziger Jahren, und
Sie war 15, als sie „New Kids on the sie hat selbst Erfahrung, sie trifft fünf bis
Block“ entdeckte, wo Marky Mark da- zehn Gruppen pro Jahr. Und warum?
mals sang. Vor vier Jahren war das. Höl- Weil sie begriffen hat, wie die Sache
lisch aufgeregt stand sie am Ausgang, um läuft.
die Boys abzupassen, und wie sie aussah: Immer pikierter mustern die grau on-
„New-Kids-T-Shirt, Buttons auf der Ho- dulierten Damen vom Nebentisch die
se, Autogrammkarte, Poster, Fotoappa- entblößten Mädchenschenkel, immer ge-
rat“ – Kinderkram. Daß es Groupies quälter blickt die Dame vom Empfang:

L. BUSACCA / PHOTO SELECTION

„New Kids“-S änger Knight: Harter Job

Warum, sagt dieser Blick, hab’ ich sie


nicht gleich rausgeworfen?
Und dann setzt sich auch noch diese
Holländerin dazu, mit der Mona so halb
befreundet ist. Knappes Bustier über
dem Busen, Bauchnabel frei, und sie
lacht noch lauter als die anderen. Aber
die kann man schon gar nicht raus-
schmeißen: Die hat ein Zimmer ge-
bucht.
Man muß Erfolg ausstrahlen, muß so
J. SCHWARTZ

tun, als ob einem die Mißbilligung nichts


ausmacht, die man auf jedem Zentime-
ter Körper spürt. Da war damals, „weißt
Groupie Mona (r.), Freundin: Der Neid zählt und die Vorfreude du noch, Mona“, diese Tour mit der
Rapper-Truppe „Body Count“, wo sie
richtig mit dem Tourbus mitfahren durf-
ten, Videospiele und Witze machen mit
den Jungs. Oder Dr. Alban, der singen-
de Zahnarzt aus Stockholm, der sie öf-
ter zum Essen ausführt – ganz schön
peinlich war das beim erstenmal, „du
mußt essen, und ein Star guckt zu“.
Oder „East 17“, die Engländer, wie
die damals bei der Party auf dem Hotel-
flur ausgeflippt sind, Kissen haben die
aufgerissen und Federn rumgestreut –
ein bißchen prolo vielleicht, aber echt
witzig, und ein Geschrei, daß es hieß:
B. KNOCHE / FOTEX

Gleich fliegt ihr aus dem Hotel.


Jungs und Mädchen bei der Kissen-
schlacht; unartige Kinder, die sich dane-
benbenehmen – das soll alles gewesen
Marky-Mark-Fans: Nur einen Liebsten pro Band sein? Nicht ganz. Da war diese Ge-

DER SPIEGEL 15/1995 133


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GESELLSCHAFT

schichte mit dem Rapper und seinem Es wäre doch so wichtig. Nicht der Sex;
Kumpel, der Mona und eine Freundin der, das wissen die Mädchen längst, ist
in sein Zimmer zum Champagner bat, mit Stars „auch nicht besser als mit
und dann schaltete er Pay-TV ein, „so normalen Jungs“. Rumblödeln macht
Pornos, total laut“. manchmal viel mehr Spaß, und wenn ei-
Der Zimmerkellner kam und servier- ner Kondome verweigert, läuft sowieso
te, peinlich berührt, und dann fing nichts.
Monas Freundin an, mit dem Typen Nein: Der Neid zählt und die Vorfreu-
rumzumachen. In Blickrichtung ge- de. Es macht einfach Spaß, leise und wis-
radeaus stöhnte der Fernseher, links send in sich hineinzulächeln, wenn die
die Freundin, und Mona saß da und normalen Mädchen von ihren banalen
wußte nicht, wo sie hingucken sollte – Freundschaften erzählen. Und der Hoch-
„superpeinlich“ fand sie das. „Aber to- genuß in der Szene, wenn einem ein wich-
tal witzig, echt.“ tiger Mensch den „Backstage-Paß“ ver-
Wenn es sein muß, geben sie auch schafft, der es einem erlaubt, sich hinter
zu, daß immer mal wieder eine miese der Bühne rumzutreiben. Der wird dann
Geschichte passiert. Da gibt es die Ty- auffällig an der Jacke befestigt, so daß ihn
pen, die gleich die Tür abschließen jeder sieht. Ein bißchen Bedeutsamkeit
wollen – dann nichts wie weg. Oder färbt dann auf die Favoritinnen ab.
solche, die breitbeinig im Sessel sitzen Aber manchmal taucht dann doch die
und sagen, „entweder du bläst mir Frage auf, ob sich das eigentlich lohnt. Ih-
jetzt einen, oder du
haust ab“. Oder diejeni-
gen, die sich vom Body-
guard die Mädchen zu-
führen lassen, mit strik-
tem Zeitplan, oder die
es lieben, wenn die
Groupies auf dem Kor-
ridor Schlange stehen.
Und manche Mädchen
machen das auch noch
mit.
Gar nicht so einfach,
diesen Kodex zu beherr-
schen, der die Szene be-
stimmt. Ein harter Job,
diese Balance zu halten
zwischen dem Glanz der
Favoritin und dem
Elend der Schlampe, die
es mit jedem macht. Es
gilt, den Glauben zu be-
wahren, daß ein Mäd- Groupie Des Barres: Erfolgreich in den sechziger Jahren
chen hier eben lauter
kleine Liebesgeschichten erlebt, kleine re Schwester erkundigt sich gelegent-
Romanzen mit begrenzter Haltbarkeit. lich, ob Mona eigentlich „noch ganz
Niemals, „absolut nie“, sagt Mona, frisch in der Birne ist“, und die Eltern
darf ein Mädchen „so von Zimmer zu haben auch nicht das rechte Verständ-
Zimmer gehen, von Typ zu Typ“. Pro nis. Selbst Tourmanager führen gele-
Band hat ein anständiges Groupie nur gentlich ernste Gespräche mit Mona
einen Liebsten zu haben: Gefällt dir und den anderen, sie seien so nette
der Drummer, dann schlag dir den Mädchen, und was der Unsinn eigent-
Bassisten aus dem Kopf. Völlig fatal lich soll. Manchmal streift Mona die Ah-
ist es, sich mit einem Bodyguard einzu- nung, „eigentlich haben die recht“.
lassen, der einem verspricht, er schicke Jetzt sitzt sie da und wartet auf Mar-
einen weiter zum Star: „Das klappt ky, und wahrscheinlich kommt er gar
nie. Der lacht sich doch bloß kaputt.“ nicht mehr, oder er greift sich irgend so
Es gibt diese Grenze zwischen Grou- ein blödes Pickelmädchen. Fünf Uhr
pie und Schlampe, die man nicht über- nachmittags vorbei. Da sitzen sie und
schreiten darf; eine wichtige Grenze, haben immer noch kein Zimmer, und
die der Selbstachtung hilft. Man kann die sind wahrscheinlich direkt zur Halle
sich distanzieren. Man ist keine von gefahren, zum Soundcheck. Da gehen
denen. die Mädchen jetzt hin.
Oben, auf ihrem Zimmer, hat die Und zum Schlafen – nun ja, irgendwas
bauchfreie Holländerin mit ihrer Trup- wird sich schon ergeben. Vielleicht läßt
pe inzwischen eine Geisterbeschwö- jemand von der Band sie bei sich über-
rung inszeniert: „Who’s gonna fuck nachten, auch wenn sie gar nichts wollen
Marky tonight?“ Die Geister nannten von ihm. Doch, doch, das wird schon
zwei Namen. Monas war nicht dabei. klappen. Ganz bestimmt. Y

136 DER SPIEGEL 15/1995


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GESELLSCHAFT

Unvermittelt ist
Pfarrer Pfarrer Weiser*, 34,
nach Jahren zwischen
Altar und Beichtstuhl

Fromme wieder in der realen


Welt gelandet. Und da
soll er auch eine Weile

Maske bleiben.
Drei Monate lang
übt er mit 17 anderen
In einem Therapiezentrum der Priestern und Ordens-
frauen in einer Art
katholischen Kirche werden die See- Crash-Kurs das wahre Therapeut Müller: Überdruß an Nächstenliebe
lennöte von Geistlichen behandelt. Leben. Kleider selbst
waschen, Kragen bügeln, Essen auftra- sondern auch Süchtige, Ausgebrannte
ine schlanke Frau mit dunklen Lok- gen und Geschirr spülen. Der Geistliche und seelische Krüppel. 7 der 27 deut-

E ken unterm Ordensschleier steht


sichtlich verärgert zwischen Spül-
becken und Herd. „Wo ist Pfarrer Wei-
aus Südbayern ist Teilnehmer einer ein-
zigartigen Therapie, bei der Priester mit
Hilfe von Psychologen versuchen, die
schen Bistümer haben sich an dem The-
rapiezentrum bei Würzburg beteiligt,
das seit April 1991 arbeitet.
ser?“ Zum drittenmal schon kommt der Seelennöte ihrer geistlichen Kollegen zu Das Haus gilt Seelsorgern, die an sich
katholische Priester zu spät zum ge- kurieren. und ihrem Auftrag zweifeln, als letzte
meinschaftlichen Abwasch. „Das geht Geradezu revolutionär in der katholi- Zuflucht – entsprechend ist der An-
nicht, daß Sie sich immer drücken“, hält schen Kirche ist dazu die Erkenntnis der drang. Depressive, verzweifelte Nonnen
Ordensfrau Julietta Götz, 57, dem Psychologen, daß auch „die Brüder und suchen hier ihr Heil, ausgepumpte, zwi-
Geistlichen vor. Schwestern im Herrn“ einen Körper ha- schen Selbstaufopferung und persönli-
„Aber“, setzt der Priester zu einer ben und den nicht nur als sündhaftes chen Bedürfnissen schwankende Pfar-
Ausrede an und verfällt in salbungsvol- Anh ängsel verstehen. Bei der Therapie rer. Sechs bis zwölf Monate müssen sie
len Predigtton, „wir wollen im Herzen im Recollectio-Haus unter dem Dach auf einen Therapieplatz warten.
doch gut miteinander sein.“ Damit der fränkischen Abtei Münsterschwarz- Oft tritt Wunibald Müller, 44, Psy-
kommt er bei Schwester Julietta nicht ach dürfen Kirchenleute über Lust und chotherapeut und Leiter des Hauses, im
durch: „Lassen Sie Ihr frommes Mäntel- unterdrückte Sexualität, die Sehnsucht Gespräch „innerlich einen Schritt zu-
chen“, sagt die Ordensfrau. „Ihr Platz nach Nähe und den Überdruß an Näch- rück“. Sonst hielte er die seelische Käl-
ist hier am Spülbottich.“ stenliebe sprechen. te, die von manchem ausgeht, nicht aus.
Allein die Existenz dieser Einrichtung Da rechnen Pfarrer verstorbene Ge-
* Namen der Therapieteilnehmer von der Redak- macht offenkundig, daß aus dem Dienst meindemitglieder zu „80 Leichen im
tion geändert. der Kirche nicht nur Heilige kommen, Jahr“ zusammen. Andere spielen mit

FOTOS: W. M. WEBER

Ordensfrau Julietta, Therapieteilnehmer: „Da heulen Pfarrer Rotz und Wasser“

138 DER SPIEGEL 15/1995


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GESELLSCHAFT

dem Gedanken, ihre schwangere Freun- Sein junger Kollege Weiser hat diesen „Er führt nicht unweigerlich zu psychi-
din sitzenzulassen. Bei vielen ist die auf- Punkt noch nicht erreicht. In seinem schen Schäden, aber das Risiko ist grö-
erlegte Nächstenliebe in Aggression um- Bücherregal stapeln sich Kassetten über ßer.“
geschlagen – dann drückt ihnen Schwe- kirchliches Management. „Ich habe Untersuchungen in den USA belegen,
ster Julietta, die für die sogenannte mich um Perfektion in meiner Gemein- daß sich nur die Hälfte aller Priester an
Leibarbeit zuständig ist, ein Stück Holz de bemüht“, sagt er mit einem An- die Vorschrift hält. Ein Fünftel lebt so-
in die Hand und schickt sie in den Wald, flug von Bitterkeit, „aber das zählte gar in festen Beziehungen. Diese Zah-
wo sie auf Baumstümpfe einschlagen: nicht.“ len, so Müller, treffen tendenziell auch
„Die kommen oft mit Blasen an den Nun soll er lernen, menschliche für Deutschland zu. Doch das Thema
Händen zurück.“ Schwächen zu akzeptieren. Sonst fürch- wird im kirchlichen Alltag weggeheu-
Viele der Schützlinge stecken seit tet Pfarrer Folkert, könnte es dem Kol- chelt. Müller hat Pfarrer kennengelernt,
Jahrzehnten seelisch quasi im Tiefkühl- legen ergehen wie ihm: „Man wird zur die einfach nicht zur Kenntnis nehmen
fach und müssen langsam aufgetaut wer- Maschine. Am Schluß steht nur noch wollen, daß ihre Freundin ein Kind be-
den – ein mühsamer Prozeß. der Talar am Altar.“ kommt, aber auch junge Priester, die
Schwester Carla, 44, eine strenge Or- aus Furcht vor Versuchung je-
densfrau, die unter Depressionen leidet, den Kontakt zu Frauen abbre-
sollte plötzlich nach afrikanischer Trom- chen, Verklemmte, die aus
melmusik stampfen, das Becken kreisen Angst vor Freundschaften in
lassen wie eine Tempeltänzerin und Ur- die Kirche flüchten.
schreie ausstoßen – und das mitten in „Ich wünsche jedem“, sagt
der Kapelle, vor dem heiligen Taberna- Müller, „sich unsterblich zu
kel. „Die Frau stand da, steif und starr, verlieben, bevor er Priester
mit hochgezogenen Schultern“, berich- wird.“ Wenn’s not tut, dürfen
tet Schwester Julietta, die, ohne Schlei- das die Gäste in Münster-
er und im Trainingsanzug, die Locke- schwarzach nachholen. Wäh-
rungsübungen leitet. rend der dreimonatigen Auf-
Nach drei Wochen gelang es ihr, die enthalte verlieben sich auch
Barriere zu durchbrechen. Bei leiser mal Pfarrer und Ordensfrauen
Sphärenmusik in der Klosterkapelle, er- ineinander, oft sind daraus
zählt die Therapeutin, habe sie Schwe- Freundschaften entstanden,
ster Carla den Rücken gestreichelt, be- die noch nach Jahren halten.
Moralische Entrüstung müssen
die Betroffenen nicht fürchten.
Seit Jahrzehnten Der Benediktinermönch und
seelisch Theologe Anselm Gr ün, 50,
der sich um das Seelenheil der
im Tiefkühlfach Gäste kümmert: „Wir reden
den Leuten kein schlechtes
hutsam den Nacken massiert. Plötzlich Gewissen ein.“
seien Tränen über das Gesicht der Nonne Das Therapiezentrum lehnt
geströmt. 25 Jahre lang hatte sie kein es strikt ab, verlängerter Arm
Mensch mehr derart berührt. „Da heulen der Bischöfe zu sein. Die Psy-
auch gestandene Pfarrer Rotz und Was- chologen und Geistlichen emp-
ser“, sagt Schwester Julietta. fehlen gegen Lustgefühle denn
Häufig brechen bei der Intensiv-The- auch nicht wie früher üblich
rapie in Münsterschwarzach verdrängte kalte Duschen und wildes Fuß-
Erlebnisse hervor: Jede fünfte Ordens- ballspielen. Sie wollen das Pro-
frau, so die Erkenntnis der Psychologen,
W. M. WEBER

blem an der Wurzel packen:


sei in ihrer Kindheit mißbraucht worden Männer sollten, so Pater An-
und deswegen ins Klosterleben geflüch- selm, nicht vor dem 30. Le-
tet. Benediktiner-Pater Anselm bensjahr zu Priestern geweiht
Das Leben im Korsett der Verbote, „Den Zölibat aufheben“ werden. Ein junger Mann weiß
ständig beaufsichtigt und bevormundet, oft noch gar nicht, worauf er
läßt die Neurosen blühen. „Wir rennen“, Häufig kann die Hilfe der Psycholo- verzichtet. Die Betroffenen in Münster-
sagt Pfarrer Frank Folkert, 59, einer der gen und Geistlichen vom Recollectio- schwarzach haben die Möglichkeit, sich
Teilnehmer, „ständig mit einer frommen Haus nicht mehr sein als ein Herumku- frei zu entscheiden. Sechs Priester haben
Maske rum.“ rieren an Symptomen – viele der seeli- seit 1991 ihren Beruf aufgegeben und das
Sich niemals verweigern, immer schen Probleme sind von der Kirche Leben mit Frau und Familie gewählt.
dienstbereit, sich um jede Kleinigkeit in hausgemacht. Das kategorische Festhal- Pater Anselm trat mit 19 ins Kloster
der Gemeinde kümmern – das zehrt an ten am Zölibat und die Ächtung von Be- ein und kommt, so sagt er, mit seiner Le-
der Kraft der Geistlichen. „Wie eine Mut- ziehungen zwischen Mann und Frau – bensform und der verpflichtenden Ehe-
ter, die glaubt, sie muß ihrem 20jährigen fast jeder vierte der rund 200 Pfarrer losigkeit gut zurecht. Dennoch ist er
Bubi noch das Essen umrühren“, habe er und Ordensleute, die bisher die Thera- überzeugt, daß es ohne Grundsatzlösung
sich in seiner Pfarrei oft benommen, ur- pie besucht haben, hat Schwierigkeiten für viele Kirchenleute keinen Seelenfrie-
teilt Folkert im Rückblick selbstkritisch. mit der auferlegten Ehelosigkeit. den geben kann. Was er als Lösung be-
Mittlerweile weiß der Pfarrer: „Ein Nein Therapeut Müller beobachtet Män- trachtet, gilt in der Amtskirche noch
kann lebenserhaltend sein.“ Er will sich ner, die es zwischen der Liebe zur Beru- weithin als Ketzerei: „Wir wissen alle,
wieder die Zeit für eine Tarockpartie mit fung und der Liebe zu einer Frau „fast daß es keine andere Möglichkeit für die
Freunden nehmen, für ein Schwätzchen, zerreißt“. „Der Zölibat ist etwas Ver- Kirche gibt, als den Zölibat aufzuhe-
das nichts mit Seelsorge zu tun hat. rücktes“, so der Vater zweier Kinder. ben.“ Y

DER SPIEGEL 15/1995 141


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GESELLSCHAFT

lotion – aus dem Symbol


Kitsch des Widerstandes gegen
Diskriminierung und der
political correctness ist

Was längst ein schickes Acces-


soire geworden.
Prominente nutzen jede

Wunderbares Gelegenheit, um sich sym-


pathiebuhlend mit Aids-
kranken in der Öffentlich-
Hilfsvereine und Geschäftemacher keit zu zeigen: Whoopi
Goldberg schiebt einen
verkaufen Schleifchen, Anstecker, Mann im Rollstuhl, Elton
Teddybären und Socken – Aids wird John fliegt mit einem aids-
infizierten Jungen nach
verkitscht. Disneyland, Miss America
lächelt zwischen Dutzen-
anft legt Elizabeth Taylor den Kopf den abgemagerter Patien-

S zur Seite und blickt ebenso nach-


denklich wie gütig. Im Arm hält sie
ein frisch gewaschenes Baby mit dunk-
ten. Hildegard Knef küßt
demonstrativ einen HIV-
infizierten Jungen und
len Kulleraugen, das mit dem Anh änger trägt bei der „Fashion for
ihrer Kette spielt: Es ist ein Kreuz. Aids“-Gala in Berlin Ge-
Das Foto erinnert an alte Gem älde dichte vor. In Plattenläden
von Mutter Maria mit dem Jesuskind – stapeln sich die auf CD ge-
es soll Mitleid und Verständnis wecken. preßten Live-Mitschnitte
Denn das Baby, das die Diva im Arm von Wohltätigkeitskonzer-

J. LAUREN
hält, ist aidsinfiziert. ten.
„Portraits of Life. With Love“ heißt Auch in Deutschland
der Band der amerikanischen Fotogra- Taylor mit HIV-infiziertem Kind im Aids-Fotoband sammeln Aids-Stiftungen
fin Joan Lauren, in dem das Bild abge- „Eine Feier der Liebe und des Lebens“ mit Aktionen Geld: In
druckt ist. Auch andere Hollywood-Pro- Hamburg lädt der Verein
minenz wie Melanie Griffith, Martin Schrecken verlieren, wird deshalb ver- „Big Spender“ jedes Jahr zur Party zu-
Sheen und Andy Garcia posierten mit kitscht und kommerzialisiert. Teddy- gunsten des Aids-Projekts „Leuchtfeu-
HIV-infizierten Kindern vor der Kame- bären mit der roten Aids-Schleife, er“ und nahm dabei im vergangenen
ra. Dreieinhalb Jahre lang war Lauren T-Shirts, Keith-Haring-Taschen oder Jahr 160 000 Mark ein. „Big Spender“
für ihr Projekt von Star zu Star gezogen, Grußkarten, auf denen ein schöner vertreibt über einen Großhandel Sekt
bis sie die Bilder zusammenhatte. Mann einen steinernen Engel umarmt, mit eigenem Logo, eine Mark pro Fla-
Die Aufnahmen seien „eine Feier des werden in dem Laden „Under One sche geht an Aids-Projekte. In Düssel-
Lebens und der Liebe“, schreibt Lauren Roof“ in San Franciscos bester Ge- dorf ließ der Förderverein mit dem pro-
im Vorwort; um die Jubelstimmung per- schäftslage verkauft. grammatischen Namen „Heartbreaker“
fekt zu machen, geht der Reinerlös aus Firmen wie Levi’s oder Modeschöpfer Fotografen Bilder mit dem roten Band
dem Buchverkauf an die „Hands on wie Paul Smith entwerfen T-Shirts für der Liebe aufnehmen und verkaufte die
Care Foundation“, die sich in den USA Aids-Stiftungen. In Londoner Body- Fotos als Postkarten wie auf CD.
um aidskranke Kinder kümmert. Shops stehen Anstecker mit den roten Das rote Band der Sympathie sei „der
Das Buch ist das jüngste Beispiel für Bekenner-Schleifchen zwischen Grape- absolute Renner“, sagt Stefan Majer
einen Imagewandel: Aids soll seinen fruit-Shampoo und Pfefferminz-Fuß- von der Frankfurter Aids-Hilfe, die An-

H. SCHWARZBACH / ARGUS
D. OTFINOWSKI

Aids-Schleifen, „Big Spender“-Sekt: Aus dem Symbol des Widerstandes ist ein schickes Accessoire geworden

144 DER SPIEGEL 15/1995


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GESELLSCHAFT

lywoodisierung von
Aids“; statt als Thema
politischer Diskussio-
nen tauge die Krank-
heit nur mehr als senti-
mentaler Show-Effekt.
Aids-Infizierte würden
„auf den Opfer-Status
reduziert, gegen den
sie hart gekämpft ha-
ben“.
Die Zeiten sind vor-
über, in denen Aids so
brutal dargestellt wur-
de, wie die Krankheit
ist. Die Benetton-An-
zeige mit dem Foto ei-

R. JANKE / ARGUS
nes Mannes, der auf
H. WESSEL
dem Totenbett liegt,
erboste zwar viele Pull-
Wohltätigkeitsprodukte Socken, Uhr: „Solidarität für die Füße“ over-Käufer – aber sie
zeigte die Wahrheit.
stecker in verschiedenen Ausführungen Broschüren, Plakate und Wohnprojekte Heute verkitschen sogar die Infizier-
für 5, 10 und 15 Mark verkauft. Außer- für Infizierte. ten selbst den Tod. „Aids ist das Wun-
dem bietet sein Verein unter dem Slo- Da ist es hoch willkommen, wenn derbarste, was mir in meinem Leben
gan „Solidarität für die Füße“ schwarze, beim Geldsammeln Privatunternehmen passiert ist“, erklärte ein Patient dem
blaue, graue und weiße Socken mit dem mithelfen: Zwei norddeutsche Juweliere San Francisco Examiner. Die amerika-
eingewobenen Symbolband an. „Über vertreiben seit drei Monaten für 149 nische Autorin Sylvia Goldstaub stellte
die Schleife kommt man ins Gespräch“, Mark eine „Solidaritätsuhr“ mit der sich in ihrem Buch über den Aids-Tod
berichtet Lutz Kretschmann von „Big Schleife auf dem Zifferblatt – 20 Mark ihres Sohnes vor, er sei ihr nach der Be-
Spender“, „und dann ist man gleich gehen davon an die Aids-Hilfe. Eine erdigung erschienen, er habe ihr zuge-
beim Thema.“ von der Quelle-Bank zugunsten der winkt und gerufen: „Hi, Mom! Hi, Dad!
Auch die Deutsche Aids-Hilfe in Ber- Deutschen Aids-Hilfe 1993 herausgege- Don’t worry! Be happy!“
lin plant eine Vertriebsgesellschaft für bene Visa-Card brachte der Stiftung Solch erbärmlicher Trost soll nicht
Produkte mit der roten Schleife. „Ich vergangenes Jahr rund 11 000 Mark ein. nur vom Tod ablenken. Er soll auch ver-
persönlich bin dafür, T-Shirts und Sok- So erwirtschaftetes Geld können die gessen machen, wie die meisten Kran-
ken zu verkaufen“, sagt Michael Lenz Stiftungen dann – im Gegensatz zu öf- ken sich infiziert haben: durch Sex oder
von der Aids-Hilfe, „weil die staatlichen fentlichen Zuschüssen – nach eigenen durch verseuchte Nadeln beim Heroin-
Subventionen sinken, sind wir auf sol- Vorstellungen verwenden. konsum. Wenn die Krankheit nicht
che Einnahmequellen angewiesen.“ So Am Ende, fürchten Kritiker, gehe der mehr mit Schmutz und Ausschweifung
wurden die öffentlichen Gelder von 7,9 Aids-Kommerz auf Kosten der Kran- verknüpft werde, so die Kalkulation der
Millionen für 1992 auf 7,5 Millionen ken. Die Toleranz gegenüber Infizierten Aids-Aktivisten, können die Infizierten
Mark in 1993 gekürzt. Die gesammelten werde keineswegs gefördert, wenn man mit mehr Toleranz rechnen.
Eigenmittel stiegen in der gleichen Zeit Aids verniedliche. „Was auf uns zu- Doch nicht alle, die Geschäfte mit
von 1,7 auf 2,4 Millionen Mark. Damit kommt“, warnt die britische Zeitschrift Aids machen, hegen so hehre Absich-
finanziert die Stiftung unter anderem New Statesman & Society, „ist die Hol- ten. Denn inzwischen ist die Immun-
schwäche nicht nur für viele Pharma-
hersteller ein gutes Geschäft: Die briti-
sche Firma „Life Benefit Resources“
bietet deutschen Aids-Kranken an, ih-
nen die Lebensversicherungen abzukau-
fen; in amerikanischen Schwulen- und
Lesben-Magazinen werben Inserenten
für stärkende Kräutertabletten oder ka-
lorienreiche Mischungen aus Proteinen,
Vitaminen und Fetten in Dosen,
die Gewichtszunahme bewirken sol-
len.
Auch in Deutschland drängen solche
Anbieter auf den Markt. „Wir diskutie-
ren noch, ob wir diese Anzeigen anneh-
men sollen“, sagt Gunnar Döbberthin,
Chefredakteur der Schwulenzeitschrif-
ten Magnus und Siegessäule, „denn da
ist sicher viel Nippes dabei.“ Sein Berli-
ner Versandservice „Magnus Shop“ ver-
kauft jedoch bereits Aids-Symbole:
BENETTON

14,80 Mark kostet die rote Schleife aus


Feinmetall als Anstecknadel. Den Erlös
Umstrittene Benetton-Werbung: Heute verkitschen selbst Infizierte den Tod behält die Zeitschrift für sich. Y

146 DER SPIEGEL 15/1995


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P. KASSIN
Tschetschenen-Hauptstadt Grosny: „Am Abend wieder die Kalaschnikow in der Hand“

Kaukasus

AUSGELÖSCHT WIE DRESDEN


Nach vier Monaten ist der russische Feldzug in Tschetschenien noch nicht zu Ende. Selbst im zerstörten Grosny feuern
jeden Tag die Partisanen, wie SPIEGEL-Redakteur Christian Neef beobachtete. Dabei möchte Moskau bis zum 50. Jah-
restag des Sieges über die Deutschen in der Rebellenrepublik Frieden haben – ohne Trümmer in der Hauptstadt.

eden Abend, wenn die Schneekap- chen Wladiwostok samt Panzern und Häuser geplündert und zurückgebliebe-

J pen des Kaukasus gerade in der Dun-


kelheit versunken sind, stellt Mo-
hammed Nadujew Wachen am Dorf-
Geschützen eingegraben. Ihr Auftrag:
die letzten „ungesetzlichen bewaffneten
Formationen“ des tschetschenischen
ne Einwohner, die sich den Beutema-
chern widersetzten, erschossen. Ger-
mentschuk aber steht.
rand auf. Vorher öffnet er in seiner gu- Rebellen Dschochar Dudajew zu ver- Mit den ehemaligen Kollegen, die
ten Stube die polierte Schrankwand und nichten. Doch nachdem die größten nun keine Kameraden mehr sind, sitzt
reicht die Vorräte heraus: vier Ka- Tschetschenen-Städte gefallen sind, der pensionierte Oberst in seiner Küche
laschnikows, drei Karabiner, zwei Hän- weiß niemand mehr, wo der Feind ei- bei armenischem Kognak und Hammel-
de voll Eierhandgranaten, Patronenma- gentlich steht. fleisch. Die Sieger berichten, das Ein-
gazine, ein Bajonett und ein Infrarot- Die Waffen der Germentschuker sammeln der Waffen in den Dörfern sei
Nachtsichtgerät. Tschetschenen kommen nur selten zum ein Fehlschlag gewesen. „Im Partisanen-
Es ist die Stunde, in der draußen die Einsatz. „Die Panik ist so groß, daß sich kampf auf freiem Feld“ seien die Tsche-
Hölle losgeht: Ein Maschinengewehr die Russen fast jede Nacht gegenseitig tschenen „völlig überlegen“, bekannte
zerhackt die abendliche Stille, Ka- beschießen“, erzählt Nadujew, Oberst sogar ein hochrangiger Gast, der jüngst
laschnikow-Bellen gesellt sich dazu, und a. D., der einst bei der sowjetischen in Nadujews Küche geriet: General
alle paar Minuten rumst es, als fliege Luftabwehr diente. Um sein Dorf halb- Anatolij Antonow, Vize-Befehlshaber
mitten im Dorf eines der noch unzer- wegs unversehrt zu erhalten, schloß er des Expeditionskorps.
störten Häuser in die Luft. Gr üne und mit der heranrückenden Armee ein Die Militärs stehen unter Druck. Bis
rote Leuchtkugeln tauchen Nadujews Zweckbündnis. zum 9. Mai, wenn sich in Moskau die
Garten in fahles, gespenstisches Licht. Er garantierte den russischen Kom- Mächtigen aus aller Welt zum 50. Jah-
Doch meist sind es nur herumstreu- mandeuren, daß Germentschuk keine restag des Sieges über Hitler-Deutsch-
nende Hunde oder Kühe, die – von Freischärler verberge, und lieferte die land treffen*, soll das Gemetzel am
flüchtenden Dörflern vor Wochen frei- meisten Waffen ab. Dafür versprachen Kaukasus von Bildschirmen und aus
gelassen – in die Minenfallen tappen. ihm die Okkupanten, beim Vormarsch
Rund um das Dorf Germentschuk ha- in die Berge sein Dorf zu schonen.
* Vor den Sowjets erklärten die deutschen Mili-
ben sich zwei Regimenter einer Marine- Fast alle Orte rundherum hat die Ar- tärs am 8. Mai 1945 ihre Kapitulation, die am
infanterie-Division aus dem fernöstli- mee in Schutt und Asche gelegt, die 9. Mai um 0.01 Uhr in Kraft trat.

148 DER SPIEGEL 15/1995


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AUSLAND

Zeitungsspalten verschwunden sein. und dem Bahnhofsschild der zerschosse- Nachbarn haben vom Keller aus gese-
Daß der tschetschenische Widerstand nen Stadt Gudermes, die alte Sowjet- hen, wie die Plünderer im Panzerwagen
„endgültig unterdrückt“ sei, wie Moskau flagge obendrauf. vorfuhren. „Fernseher, Kühlschränke –
am 1. April meldete, war ein makabrer Es geht auf fünf Uhr. „Ab fünf mußt alles ging mit. Die haben mir nicht mal
Aprilscherz: Im Südwesten der Bergre- du hier verschwunden sein“, erklärt ein Glas Gurken gelassen, keine Decke,
publik gingen heftige Kämpfe auch vori- Kondrjatenko die Hast: „Dann wird von kein einziges Löffelchen. Richtige
ge Woche weiter. überallher wieder geschossen, Freund Schweine, die.“
Die regulären Truppen sind gegen Po- und Feind sind nicht mehr zu unter- Im Bunker neben der ausgebrannten
lizeieinheiten ausgewechselt worden – scheiden.“ Universität vegetieren 30 Überlebende
um den Westen ruhigzustellen und vom Tagsüber haben sie Keller und Rui- seit drei Monaten – ausgebombt, ohne
Völkermord im Kaukasus abzulenken. nen nach Freischärlern durchkämmt. Wasser, ohne Licht. In der Erde über
Zudem sind die Bataillone, die täglich Gefunden haben sie nur die – verminte – der Betonhöhle haben sie ihre gefalle-
auf dem Bahnhof Tscherwljonnaja nord- Leiche eines russischen Offiziers, eine nen Leidensgefährten begraben: die Al-
östlich von Grosny ausgeladen werden – Panzerfaust und eine mit Handgranaten te, die mitten im Bombenhagel austre-
Spezialbrigaden der „schnellen Eingreif- gesicherte Stolperfalle am Eingang ins ten wollte und einen Bauchschuß er-
truppe“ und die berüchtigten Omon-Ein- ehemalige Kino „Kosmos“ gegenüber hielt, den 29jährigen, dem beim Wasser-
heiten –, weit besser ausgebildet als die dem Präsidentenpalast. Der Feind ist holen eine Granate den Kopf wegriß,
Wehrpflichtigen, die Verteidigungsmini- hier so unsichtbar wie in der Gegend und dann noch vier.
ster Gratschow zur Jahreswende beim von Germentschuk. Im Keller lebt Tamara Gussunowa,
Sturm auf Grosny verbluten ließ; sie ver- Und die Tschetschenen – Kondrjaten- 42, die den Kriegsherrn Boris Jelzin
fügen über schwere Artillerie und schlag- ko zeigt mit dem Kopf auf die andere
kräftige Luftunterstützung. Straßenseite – „reden nicht mit uns“.
Der erste Posten steht 20 Kilometer Dr üben schlurfen die angeblich Befrei-
vor Grosny. Wodkatrunkene Feldwebel ten durch den Schutt: alte Frauen, die
durchstochern das Gep äck. Dem Verlan- Karren mit schweren Bündeln hinter
gen nach Ausweis und Reisegenehmi- sich herzerren. An mancher Hauswand
gung hilft eine MP-Salve nach. Flüchtlin- sind noch Parolen zu entziffern: „Frie-
gen, die in ihre Stadt zurückwollen, wird den dem Kaukasus“ steht an der Lenin-
ein Rubel-Betrag abgepreßt, der einem Straße oder: „Volk und Armee sind
Wert von 20 Mark entspricht. Erst dann eins“. Darunter ist mit Kreide an die
ist der Weg in die Hauptstadt frei. Mauer geschrieben: „Hier leben noch
Doch Grosny gibt es nicht mehr. Wo Leute!“
vor einem halben Jahr noch 400 000 Ein- Eine Frau mit ihrem Eimerchen Kar-
wohner lebten, liegt eine gespenstische toffeln philosophiert: „Vielleicht will
Ruinenlandschaft. So gründlich wie einst Allah, daß die Russen uns alle 50 Jahre
Stalingrad, Dresden oder Hiroschima ist aufs Haupt schlagen.“ Sie schleicht da-
nun auch die Tschetschenen-Metropole von, doch nach zehn Metern kommt sie
ausgelöscht. noch mal zurück: „Hier ist unsere Kul-
Leere Häuserfassaden, Ziegelberge, tur und unsere Geschichte verbrannt.“
Bombenkrater, nackte Stahlskelette. Rosa Mechtijewa, die am Grosnyer
Hoch oben über den Straßen schweben Puppentheater beschäftigt war, hat den
losgerissene Betonplatten, verkohlte So- Krieg bei einer Schwester auf dem Dorf
fas, Heizkörper und verbogene Balkon- überlebt. Der linke Flügel ihres Hauses
gitter. In ausgebrannten Kirchtürmen am Lenin-Prospekt ist eingestürzt, der

AP
baumeln die Klöppel der im Feuersturm rechte mit ihrer Wohnung blieb heil, Rebell Dudajew
geschmolzenen Glocken. Flammen zün- war aber leer geräumt. Loch im Palast
geln noch immer fauchend aus geborste-
nen Gasleitungen.
Nur der Palast des Präsidenten Duda-
jew hat inmitten eines Waldes von Baum-
und Laternenstümpfen dem Bombarde-
ment getrotzt – rußgeschwärzt und um
vier Etagen verkürzt. Aus einem in der
achten Etage klaffenden Loch weht wie
einst auf dem Reichstag in Berlin die
Flagge der russischen Siegermacht.
In gepanzerten Wagen durchfahren
die Eroberer die Trümmerstadt und lüf-
ten ihre Vermummung mit herunterge-
zogenen Wollmützen nur, wenn zum Er-
innerungsfoto vor dem Gerippe des Prä-
sidentenpalastes abgesessen wird: Sie ha-
ben Angst.
Oberstleutnant Wladimir Kondrjaten-
ko mahnt seine Männer von der Antiter-
ror-Einheit aus Woronesch zur Eile:
Zwei Schnappschüsse für die Lieben da-
REUTERS

heim, dann geht es wieder in den Panzer


zurück, den seine Leute mit Beutegut
verziert haben: einem Mercedes-Grill Leichensammelstelle in Grosny (vorige Woche): Jeden Tag 400 bis 500

DER SPIEGEL 15/1995 149


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AUSLAND

„Wir rächen jeden Blutstropfen“


Die tschetschenischen Minister Schamseddin Jussif und Berkan Jaschar über den Krieg gegen die Russen

SPIEGEL: Herr Außenminister Jussif, Rußland zum Ziel von Anschlägen er- wir fast alles, was wir brauchen, aus
Herr Staatsminister Jaschar, Ihr Präsi- klärt. Rußland importieren müssen. Wir sind
dent Dschochar Dudajew wird von den Jussif: Wir wären zu solchen Terrorak- bereit zu kooperieren – unter einer Be-
Russen gejagt; Ihre Kämpfer mußten ten sehr wohl in der Lage, aber wir ha- dingung: Rußland muß uns völker-
Ende März Schali, den letzten großen ben nicht die Absicht, Moskau zu ver- rechtlich anerkennen. Eines muß si-
Stützpunkt, räumen. Haben Sie den brennen. Wir besitzen eine Liste mit chergestellt sein – Tschetschenien ge-
Krieg um Tschetschenien verloren? Namen von Russen und auch von hört uns. Autonomie ist zuwenig, wir
Jaschar: Jetzt fängt der Krieg erst an. Tschetschenen, an deren Händen Blut wollen einen Konföderationsvertrag
Unsere Truppen haben nicht die Flucht klebt. mit Rußland.
ergriffen, sie haben sich in die Berge SPIEGEL: Eine Todesliste? SPIEGEL: Sie verlangen staatliche Sou-
zurückgezogen, um die Zivilisten zu Jussif: Wenn möglich, machen wir ih- veränität, sind aber bereit, Rußland
schützen. Solange die Russen unsere nen einen Prozeß. Wenn das nicht bestimmte Rechte einzuräumen?
Kämpfer in den Städten vermuten, geht, werden wir sie töten. Seit 300 Jussif: Auf wirtschaftlichem und mili-
bombardieren sie die Bevölkerung. Jahren kämpft unser Volk gegen die tärischem Gebiet, allerdings nicht auf
SPIEGEL: Glaubt Dudajew, die russi-
schen Truppen aus dem Hinterhalt be-
siegen zu können?
Jaschar: Dudajew hat keine andere
Wahl. Er muß einen Partisanenkrieg
gegen die Russen führen. Wir haben
keine Luftabwehr.
SPIEGEL: Wo hält sich Dudajew jetzt
auf, ist er noch in Tschetschenien?
Jussif: Dudajew wird in Tschetsche-
nien sterben und begraben werden.
Warum sollte er sein Land verlassen?
Aber die Welt, so glaubt er, hat Tsche-
tschenien im Stich gelassen. Das hat er
uns noch vor zwei Tagen am Telefon
gesagt.
SPIEGEL: Die Russen kontrollieren be-
reits 80 Prozent des tschetschenischen
Territoriums. Was können Partisanen
gegen Panzerdivisionen ausrichten?

M. BIBER
Jaschar: Die Russen sind zwar in der
Luft überlegen, am Boden aber werden
die Tschetschenen siegen. Zu Beginn Minister Jaschar, Jussif*: „Die russische Armee besteht aus Pappsoldaten“
der Invasion besaßen wir 3 Panzer. In-
zwischen haben wir 150 Panzer erbeu- Russen. Wir haben nicht vergessen, was politischer Ebene. Wir wollen in je-
tet und dazu Waffen, die wir im Guer- sie uns angetan haben. Wir rächen jeden dem Fall unsere eigene Regierung ha-
rillakampf einsetzen können. Blutstropfen. ben.
SPIEGEL: Das wird kaum reichen, das SPIEGEL: In vier Monaten Krieg sind SPIEGEL: Sie wären bereit, Ihre Trup-
verlorene Gebiet zurückzuerobern. mindestens 24 000 Zivilisten ums Leben pen dem Oberbefehl einer verfeinde-
Jussif: Die Exiltschetschenen werden gekommen, Hunderttausende mußten ten Armee zu unterstellen?
uns unterstützen, nicht mit Waffen, fliehen. Die Bevölkerung ist kriegsmü- Jussif: Nein. Aber andere Lösungen
aber mit Geld. Damit können wir den de. sind denkbar, zum Beispiel könnten
Russen ihre eigenen Waffen abkaufen. Jaschar: Natürlich möchte das Volk so die Truppen einem gemeinsamen
Das tun wir bereits. nicht weiterleben. Aber die Tschetsche- Oberkommando unterstellt werden.
SPIEGEL: Wird Dudajew nun auch sei- nen sind stolz und werden weiterkämp- Voraussetzung ist jedoch, daß keine
ne Drohung wahr machen, den Krieg fen für die völlige Unabhängigkeit. russischen Soldaten mehr auf tsche-
in russische Städte zu tragen? SPIEGEL: Hat Dudajew nicht vor weni- tschenischem Boden stationiert sind.
Jaschar: Unser Kampf gilt nicht dem gen Wochen erst eingelenkt und signali- Wir bestehen auch nicht auf einer ei-
russischen Volk, wir kämpfen gegen siert, er strebe gar nicht nach einer völli- genen Währung, wollen aber eigene
das Regime Jelzins. Wir sind keine gen Trennung von Rußland? Pässe und ein eigenes Staatswappen.
Terroristen. Wir glauben an die Men- Jussif: Als ringsum eingeschlossener SPIEGEL: Tschetscheniens Staatshaus-
schenrechte. Wir werden ausschließ- Staat können wir nicht überleben, weil halt wurde bisher zu 57 Prozent von
lich militärische Objekte angreifen. Rußland finanziert. Die Ölindustrie
SPIEGEL: Aber Sie, Herr Außenmini- * Mit SPIEGEL-Redakteurinnen Martina Helme- ist der einzige Devisenbringer der
ster, haben auch Atomkraftwerke in rich und Birgit Schwarz in Istanbul. Republik. Kann ein unabhängiges

150 DER SPIEGEL 15/1995


RUSSLAND 50 km
Tschetschenien ohne russische Sub- schmutzige Geschäfte nachweisen
ventionen überhaupt existieren? konnte. Moskau aber setzt jetzt über- Kaspisches
Jaschar: Wir werden unsere Boden- führte Mafiosi wieder ein, wie den Meer
schätze selbst vermarkten. Das tsche- Waffenhändler und ehemaligen Bür-
tschenische Öl ist das beste der Welt. germeister von Grosny, Beslan Gante- Gebiet
Tschetschenien schwimmt auf einem mirow. STAWROPOL RUSSLAND
Ölmeer. Deswegen hat Moskau diesen SPIEGEL: Bereits vor der Invasion der Terek
Krieg überhaupt erst angefangen. Russen umfaßte Dudajews Machtbe- TSCHETSCHENIEN
SPIEGEL: Tschetschenien fördert ledig- reich nur noch die Hauptstadt Grosny
lich ein Prozent dessen, was Rußland und ihre unmittelbare Umgebung. Was
an Öl produziert. Dafür soll sich Jelzin legitimiert ihn eigentlich, für das ge- INGU- Grosny
SCHIEN
in diesen Krieg gestürzt haben? samte tschetschenische Volk zu spre- NORD- Germentschuk
Jaschar: Er führt diesen Krieg auch, chen? OSSETIEN
weil er fürchtet, daß die Russische Fö- Jaschar: Unter der Führung Dudajews DAGESTAN
deration zerfällt, wenn sich die Tsche- kämpft Tschetschenien allein gegen ei-
tschenen abspalten. ne Supermacht. Dudajew ist das Sym- K a u k
SPIEGEL: Ist eine Aussöhnung zwi- bol unseres Freiheitswillens. Eine a s u
GEORGIEN
s
schen den beiden Völkern überhaupt überwältigende Mehrheit der Tsche-
noch vorstellbar? tschenen hat ihn dafür zum Präsidenten
Jussif: Warum nicht? Denken Sie an gewählt. leibhaftig kennengelernt, ihm sogar die
Israel und die Araber. SPIEGEL: Ein Drittel der tschetscheni- Hand geschüttelt hat, als er bei einem
SPIEGEL: Die Organisation für Sicher- schen Bevölkerung, darunter die russi- Grosny-Besuch 1990 den seit Jahren
heit und Zusammenarbeit in Europa schen Einwohner, durfte an den Wah- obdachlosen Rückkehrern aus dem ka-
(OSZE ) hat sich als Vermittler bei len gar nicht teilnehmen. Strebt Duda- sachischen Exil neue Häuser versprach.
eventuellen Friedensverhandlungen jew eine Islamische Republik an? Nun haben seine Truppen auch ihr
angeboten. Sie tritt für allgemeine Jussif: Ich bin auch Minister für Glau- Flüchtlingswohnheim „Tschaika“ dem
Wahlen in Tschetschenien ein und be- bensfragen und versichere Ihnen, in Erdboden gleichgemacht.
steht auf einer Teilnahme der innenpo- Tschetschenien wird es Religionsfrei- Wo soviel Blut geflossen ist, gedeiht
litischen Gegner Dudajews. heit geben. Wir sind Demokraten und an jeder Ecke der Haß. Machmut, ein
Jaschar: Dazu müßten aber zunächst wollen keine Konfrontationen zwi- dunkelhäutiger Rentner, der mit sei-
die russischen Truppen abziehen. schen Christen und Moslems. nem im Afghanistan-Krieg zum Krüp-
Wahlen, die unter Aufsicht einer Ar- SPIEGEL: Noch Ende vorigen Jahres pel geschossenen Sohn am Straßenrand
mee stattfinden, können nicht demo- hat Dudajew vor 150 Stammesältesten ein zerschmettertes Auto ausschlachtet
kratisch sein. Wir haben selbst der und Mullahs die Einführung der islami- („Kardanwelle und Vergaser sind noch
OSZE vorgeschlagen, Wahlbeobach- schen Rechtsordnung angekündigt. intakt“), starrt fassungslos einem Ar-
ter der Uno, der Europäischen Union Jussif: Die Geistlichen hatten ihn unter meelaster hinterher. Auf der Ladeflä-
und anderer ziviler Organisationen zu Druck gesetzt. Aber ich kenne Duda- che lag ein verwundeter russischer Sol-
entsenden. Wir sind auch nicht gegen jew. Er will die Scharia nicht einführen. dat, dessen Kamerad im Vorbeifahren
oppositionelle Kandidaten – wenn sie SPIEGEL: Weshalb hat er dann den den beiden Tschetschenen eine Geste
nicht unter der Kontrolle der Russen moslemischen Fundamentalisten im hinüberschickte. Die rechte Hand fuhr
stehen. Sudan Unterstützung im Kampf gegen an der Kehle entlang: Wir werden euch
SPIEGEL: Dudajew hat in der Vergan- Rußland, die USA und den ganzen den Hals abschneiden.
genheit Oppositionsführer in Abwe- Westen zugesagt? Rußlands Führung aber möchte den
senheit zum Tode verurteilen lassen. Jussif: Manchmal ist Dudajew mehr Krieg ganz schnell wieder vergessen
Seine tschetschenischen Widersacher Soldat als Politiker. Er vergißt, daß er machen. Militäreinheiten des Moskauer
schimpft er eine „niederträchtige Brut Präsident ist, und denkt, er sei immer „Ministeriums für außerordentliche Si-
von Zuh ältern“. noch General. Wenn er sich mit Funda- tuationen“ schaffen mit Bulldozern,
Jussif: So bezeichnet er Kollaborateu- mentalisten verbünden wollte, warum Kränen und einer Kipperflotte weg,
re, die sich auf Kosten des Volkes be- hat er dann 5000 afghanische Waffen- was andere Truppenteile an Außeror-
reichert haben, und Politiker, die un- brüder daran gehindert, in den Krieg dentlichem hinterlassen haben. Auch
ter den Kommunisten an der Macht einzugreifen? 400 bis 500 Leichen, alles Zivilisten,
waren. Sie bekämpfen uns, weil wir zu- SPIEGEL: Trotz solcher Winkelzüge er- hätten sie an jedem Märztag aus den
rückfordern, was sie uns gestohlen ha- warten Sie jetzt während Ihres Kellern geholt, berichtet ihr Oberst-
ben. Deutschlandbesuchs Beistand aus leutnant.
SPIEGEL: Dudajews Leute haben sich Bonn? Bis zum 9. Mai soll das Stadtzentrum
nicht bereichert? Jaschar: Wir haben Westeuropa und völlig eingeebnet und für den Wieder-
Jussif: Der Präsident hat fast sein gan- der Nato gezeigt, daß die russische Ar- aufbau freigegeben sein. Alle paar
zes Leben in der Sowjetunion ver- mee ein aufgeblähter Ballon ist und aus Stunden erschüttern Detonationen
bracht. Er kannte die meisten nicht, lauter Pappsoldaten besteht. Binnen Grosnys einstiges Zentrum – das ge-
die sich ihm andienten, und hieß jeden zwei Stunden hatten die Russen unser samte Viertel um die Nationalbank ist
willkommen, der den Kampf um die Land einnehmen wollen. Nun kämpfen bereits von Pionieren weggesprengt.
Unabhängigkeit unterstützte. Doch sie schon vier Monate, aber besiegen Woher das Geld zum Wiederaufbau
daß die tschetschenische Regierung konnten sie uns nicht. Wir haben den kommen soll, weiß auch Grosnys neu
mit der Mafia gemeinsame Sache ma- Beweis geliefert, daß die russische Ar- eingesetzter Bürgermeister nicht.
che, ist eine russische Propagandalüge. mee nicht zum Fürchten ist. Jetzt helft Scharkuddin Lorsanow war unter Du-
Dudajew hat jeden entlassen, dem er uns, diesen Krieg zu beenden. dajew Innenminister, bis er 1993 in Un-
gnade fiel. Die Stimmung gegenüber
den einmarschierten Russen sei „her-

DER SPIEGEL 15/1995 151


AUSLAND

vorragend“, verkündet er, Grosny wer-


de in drei Jahren „wie Phönix aus der
Asche“ auferstehen.
Lorsanow residiert im obersten
Stockwerk des nur leicht beschädigten
Instituts für Erd ölchemie in der „Stra-
ße der Rotfrontkämpfer“. Mit Ukas
Nummer 121-R hat er „sämtliche
Funktionsträger der Stadt ab sofort
entlassen“.
Es ist die Stunde der Kollaborateure,
jener Dudajew-Opposition, die den
Tschetschenen-Führer ein ganzes Jahr
lang vergeblich zu stürzen versucht hat-
te. Nun sind sie auf russischen Panzern
in Grosny eingerückt.
Zwei Stockwerke unter dem neuen
Stadtchef residiert als Präsident einer
fiktiven „Stadtversammlung“ Grosnys
früherer Bürgermeister Beslan Gante-
mirow, der die erfolglosen Truppen der
Opposition befehligt hatte. Gleich da-
neben sitzt der von Jelzin zum Vorsit-
zenden eines „Nationalen Versöh-
nungskomitees“ berufene Umar Aw-
turchanow – jener Mann, der Rußlands
Armee öffentlich zum Einmarsch in
Tschetschenien gerufen hatte.
Zum Obristen des russischen Ge-
heimdienstes ist der vorbestrafte Rus-
lan Labasanow aufgestiegen, ehemals
Hauptmann in Dudajews Leibgarde.
Der einzige Seriöse unter Moskaus Ma-
rionetten, der Chemiker Salambek
Chadschijew, ist als Chef der Über-
gangsregierung in sein ehemaliges Di-
rektorenzimmer im Ölinstitut zurück-
gekehrt.
„Alles Leute, die mit Blut gesalbt
sind“, sagt Mohammed Nadujew in sei-
nem Dorf Germentschuk über die neu-
en Diener der neuen Herren, für die
das Volk in Grosny sich überhaupt
nicht interessiert. Die Überlebenden
versammeln sich am Regierungssitz,
dem Erd ölinstitut, weil dort Wasser-
tanks stehen und die Zelte der Feld-
bäckerei, an denen alle paar Stunden
kostenlos Brot ausgeteilt wird. Solda-
ten treiben die Hungrigen mit Warn-
schüssen hinter die Absperrung zurück.
Vor dem Eingang ins ehemalige Ma-
schinenbauwerk „Roter Hammer“ gibt
es Hilfspakete vom Internationalen
Roten Kreuz, unter den Augen des
Stadtkommandanten Jurij Andrejew.
„Viele in der Schlange stehen tagsüber
nach EU-Butter und Reis an“, sagt der
Oberstleutnant. „Am Abend haben ge-
nau dieselben Leute wieder ihre Ka-
laschnikow in der Hand, mit der sie je-
de Nacht die Kommandantur beschie-
ßen.“
Kolonialkrieger Andrejew, seit 1991
in allen Krisengebieten der zusammen-
gebrochenen Sowjetunion vor Ort,
sieht sich als Figur in einer unendlichen
Geschichte: „Wenn wir jemals abzie-
hen werden, geht hier alles wieder von
vorn los.“ Y

152 DER SPIEGEL 15/1995


..

AUSLAND PANORAMA
en dem Treiben machtlos zu,
Nordirland nur ein kleiner Teil der Ge-
strandeten wird von den Ita-
Brutale Selbstjustiz lienern aufgegriffen. In der
vorigen Woche kamen vor al-
Seit Beginn des Waffenstillstands im September 1994 lem Kurden aus der östlichen
gehen katholische wie protestantische Untergrundak- Türkei.
tivisten in Nordirland häufiger und brutaler gegen kri-
minelle Glaubensbrüder vor. In der Hauptstadt Bel- P a l äs t i n a
fast führen sich die straff organisierten Milizen als
Ordnungsmacht auf: Bislang drohte Autoknackern, Arafat ernsthaft
Ladendieben und Einbrechern das sogenannte „knee-
capping“ – Schüsse aus kleinkalibrigen Pistolen durch erkrankt?
die Knie. Nachdem sie die Waffen niederlegen muß- Israelis und Palästinenser
ten, verwenden die Schlägertrupps Baseballkeulen, sorgen sich um die Gesund-
Eisenstangen und mit Nägeln bewehrte Holzplatten. heit von Jassir Arafat, 65.
Nun sind „die Verletzungen viel schwerer als früher Besucher haben den PLO-
die Schußwunden“, stellt die Ärztin Olivia Dornan Führer und Chef der palästi-
vom Belfaster Mater-Hospital fest. Behandelt werden nensischen Autonomieregie-

PACEMAKER
dort vor allem mehrfache Knochenbrüche an Händen rung in jüngster Zeit häufig
und Füßen, die häufig zu bleibenden Verkrüppelun- geistesabwesend und unkon-
gen führen. Opfer eines Schlägertrupps in Belfast zentriert erlebt. Nun sorgt
ein Geheimbericht der israe-
lischen Botschaft in Washing-
Rußland Druckmittel: die bevorste- prophezeit Vizewirtschafts- ton an das Außenministeri-
hende Frühjahrsbestellung minister Sergej Wassiljew, um in Jerusalem für Spekula-
Kein Geld von 71 Millionen Hektar „hat er keine Chance mehr, tionen. Danach hat Joseph
landwirtschaftlicher Nutzflä- wiedergewählt zu werden“. Kardinal Bernardin aus Chi-
für Bauern che, für die kaum noch in- cago anläßlich eines Gaza-
Die konservative Agrarlobby takte Maschinen, lediglich Albanien Besuchs in der vorvergange-
hat Boris Jelzin den Kampf ein Viertel des benötigten nen Woche ein „starkes Zit-
angesagt: 2000 Delegierte Treibstoffs und ein Bruch- Machtlose tern der Hände und Füße“
der „Allrussischen Bauern- teil der erforderlichen Dün- bei Arafat beobachtet. Es sei
versammlung“ baten am vo- germenge zur Verfügung Küstenwache offensichtlich gewesen, wird
rigen Mittwoch Premier steht. Bleibe Hilfe aus, wer- Das ärmste Land des Kon- der Kardinal zitiert, daß sein
Wiktor Tschernomyrdin in de die landwirtschaftliche tinents entwickelt sich Gesprächspartner versucht
ihr Moskauer Versamm- Produktion in diesem Jahr zum neuen Schlupfloch für
lungslokal, pfiffen dessen Fi- um 45 Prozent absacken. Flüchtlinge, die in Westeuro-
nanzminister Wladimir Pans- Agrarminister Alexander pa Schutz vor Verfolgung su-
kow aus und erklärten die Nasartschuk warnte bereits chen. Weil seit zwei Wochen
Agrarpolitik des Kreml für vor einer „völlig unbere- nach dem Inkrafttreten des
„verbrecherisch“ und „anti- chenbaren Situation“. Doch Schengener Abkommens die
national“; Lebensmittelim- Rußlands Kassen sind leer. Außengrenzen der E U ver-
porte dienten allein den Agrarsubventionen könnten schärft kontrolliert werden,
Händlern aus dem Westen nur direkt aus der Noten- reagierten die Staaten Osteu-
und ruinierten den heimi- presse kommen – für Jelzin ropas ebenfalls mit strikteren

VARIO-PRESS
schen Nährstand. Die Kol- ebenfalls keine politische Einreisebestimmungen für
chos-Gewaltigen der Provinz Rettung: Gibt der Präsident alle Nichteuropäer; viele
fordern sofortige Staatshilfe den Lobbyisten nach und werden schon an den Gren-
und verbilligte Kredite. Ihr heizt so die Inflation an, zen oder auf den Flughäfen Arafat
als ungebetene Gäste abge-
wiesen. Nur noch ins Land habe, dieses Zittern zu unter-
der Skipetaren können Bür- drücken. Arafat hatte sich im
ger aus asiatischen und afri- April 1992 bei einer Notlan-
kanischen Staaten ohne be- dung in der libyschen Wüste
sondere Visaformalitäten am Kopf verletzt. Zwei Mo-
einreisen – eine Gesetzeslük- nate später waren ihm bei ei-
ke, von der Schlepperorgani- ner Operation im König-
sationen regen Gebrauch ma- Hussein-Hospital in Amman
chen. Jede Nacht überqueren mehrere Blutgerinnsel aus
mehrere hundert illegale Ein- dem Gehirn entfernt worden.
wanderer mit Schnellbooten Eine schwere Erkrankung
die Straße von Otranto und Arafats könnte den Friedens-
landen heimlich an der italie- prozeß im Nahen Osten dau-
S. SHERBELL / SABA

nischen Küste. Danach führt erhaft gefährden. Außer ihm


die Reise weiter nach Frank- kann derzeit wohl niemand
reich, in die Beneluxstaaten die Palästinenser vom Nut-
und nach Deutschland. Kü- zen des Osloer Abkommens
Traktor auf einer Kolchose bei Rostow am Don stenwache und Polizei schau- überzeugen.

DER SPIEGEL 15/1995 153


..

AUSLAND

Österreich

Hollabrunn ist überall


Der Theologe Adolf Holl über den Wiener Kardinal Groer und die verlogene Sexualmoral des Klerus

at Eminenz, oder hat Eminenz nen Dossier wurde geredet, von

H nicht? Mitten in der heiligen Fa-


stenzeit traf Wiens Erzbischof Hans
Hermann Groer ein böser Verdacht – der
einer Recherche unter angebli-
chen Opfern des zärtlichen Kate-
cheten. Als Groer zur Bischofs-
des sexuellen Mißbrauchs minderjähri- weihe schritt, begrüßte ihn ein
ger Knaben. „Er hat mich am ganzen Amtsbruder mit den Worten:
Körper eingeseift“, gab der ehemalige „Das Kreuz wird tief in Ihr Leben
Internatsschüler Josef Hartmann dem hineinragen.“
Nachrichtenmagazin Profil zu Protokoll, Prophetische Worte. Sofort
„und auch mein Glied gereinigt. Das hat nach Bekanntwerden der An-
er mit hochrotem Kopf getan. Und seine schuldigungen Hartmanns be-
Erektion war ja auch deutlich erkenn- gann Kardinal Groer streng zu fa-
bar.“ sten, ansonsten hüllte er sich in
Abgespielt habe sich die Geschichte im Schweigen.
erzbischöflichen Knabenseminar Holla- Bischöfliche Fürsprecher er-
brunn nördlich von Wien. Hartmann, griffen für ihn das Wort, denun-
Jahrgang 1958, lebte als Zögling in dem zierten den Ankläger als „sehr
stattlichen Bau. Ab der 5. Gymnasial- kranke Seele“ und wiesen alle At-
klasse wurde Groer sein Religionslehrer tacken auf den Kardinal ener-
und Beichtvater. Immer wieder habe der gisch zurück. Im Wiener Ste-
geistliche Herr seinen Schüler zu sich ge- phansdom fanden sich mehrere
rufen, ihn stürmisch umarmt, aufs Bett hundert Gläubige ein, zur abend-
gezogen und seinen Mund geküßt („er lichen Andacht für den geprüften
wollte andauernd Zungenküsse“). Vier Oberhirten. Groer betete mit ih-
Jahre lang, bis zur Reifeprüfung, sei das nen den schmerzhaften Rosen-
so gegangen. Seine Erlebnisse getraute kranz und verabschiedete sich mit
sich Hartmann niemandem zu erzählen. einem innigen „Maria mit dem
Die Scheu verlor sich erst vor einigen Kinde lieb“.
Wochen, als er in einem Hirtenbrief „Uns allen deinen Segen gib“,
Groers vom 22. Februar einen Bibel- seufzte die fromme Gemeinde.
spruch lesen mußte, mit dem der Bischof Aber dieser Segen ließ auf sich
„Lustknaben“ verdammte. Nach Hart- warten. Während immer neue
manns Outing meldeten sich immer mehr Details aus dem Vorleben des
ehemalige Hollabrunn-Zöglinge. Die ei- Kardinals bekannt wurden („mir
nen sagten, Groer sei über jeden Ver- hat er durch die Hose auf den
dacht erhaben. Andere waren weniger Penis gegriffen“), versammelten
entschieden. „Dr. Groer hat mir mehrere sich Österreichs Bischöfe am ver-
Jahre hindurch unerwünschte Zärtlich- gangenen Dienstag im Palais ne-
keiten aufgedrängt“, schrieb der Wiener ben dem Stephansdom zur tradi-
Philosoph Herbert Hrachovec. „Die kör- tionellen Frühjahrskonferenz.
perlichen Intimitäten endeten in meinem Das Treffen wurde zum Test
AP

Fall bei langen Umarmungen, in denen Erzbischof Groer für die Befähigung der hochwür-
offensichtlich mehr erwartet wurde.“ Strenges Fasten, tiefes Schweigen digsten Herren, „die schwerste
Ein Beichtvater vom alten Schlag wür- Krise der katholischen Kirche in
de nun fragen: Ist es zum Äußersten ge- nerorden ein, betrieb den Bau eines Österreich seit 1945“, so Barbara Cou-
kommen? Frauenklosters und betete viel. Offen- denhove-Kalergi, die Grande Dame des
Das nun auch wieder nicht. Die Zeu- bar hatte er Frieden gefunden. ORF, halbwegs in den Griff zu bekom-
gen schildern Groer als umtriebigen Prie- Als ihn der Papst 1986 in das höchste men. Zun ächst einmal wählten die
ster, der den Bauernbuben aus dem Amt der österreichischen Kirchenpro- Amtsbrüder Groer demonstrativ wie-
Weinviertel die Freude an der Musik na- vinz berief, waren sämtliche Auguren derum zu ihrem Vorsitzenden, aller-
hebrachte, sie mit einer raffinierten überrascht; Kardinal König, Groers dings erst nach zwei Anläufen, die keine
Spielzeugeisenbahn begeisterte, Pfadfin- Vorgänger in Wien, schien sogar dü- Zweidrittelmehrheit gebracht hatten.
dergruppen gründete und eine längst ver- piert. Möglicherweise hatte der Heilige Doch schon zwei Tage später verzichte-
gessene Wallfahrt neu belebte – zu einem Vater die Personalakte seines Wunsch- te Groer auf die hart errungene Positi-
Gnadenbild im idyllisch gelegenen Maria kandidaten nur flüchtig gelesen. on, was allgemein als erster Schritt zum
Roggendorf bei Hollabrunn. Denn im tratschfreudigen Wiener Rückzug aus Amt und Würden aufge-
Dorthin verlagerte Groer während der Klerus war Groers Schwäche für halb- faßt wird.
siebziger Jahre den Schwerpunkt seines wüchsige Knaben längst kein Geheimnis Das Ende der Affäre, das sich damit
Wirkens. Er trat in den Benedikti- mehr. Auch von einem geheimgehalte- abzeichnet, wird das Interesse für die

154 DER SPIEGEL 15/1995


..

Heimlichkeiten der Priester keineswegs


erschöpfen. Solange gesalbte Finger-
spitzen streng angewiesen sind, nichts
„Unkeusches“ zu berühren, werden sie
versucht bleiben, ihre verstohlenen
Spiele zu veranstalten. Die Chance, sie
dabei zu beobachten, kommt selten.
Was aber ist „unkeusch“?
Der „ungeregelte Genuß der ge-
schlechtlichen Lust oder ein ungeord-
netes Verlangen nach ihr“, definiert
der Katechismus der katholischen Kir-
che aus dem Jahr 1993 unter der Num-
mer 2351. Geregelt ist der Lustgenuß,
geordnet das Verlangen nach ihm ein-
zig und allein innerhalb einer kirchlich
geschlossenen Ehe (Nummern 2360 bis
2363). Somit verbietet sich für den
Priester, der ehelos zu leben hat
(Nummer 1579), jedweder Lustgenuß

ACTION PRESS
beziehungsweise das Verlangen nach
ihm.
Kein Schlupfloch zur Abfuhr der
Triebhaftigkeit außerhalb der Ehe wird Ehemaliger Internatsschüler Hartmann*: Scheu verloren
offengelassen. Masturbation, Unzucht,
Pornographie, Prostitution, Vergewalti- benseminar schließen, in dem er ein Anteil homosexueller Geistlicher im ka-
gung, homosexuelle Praktiken erklärt Vierteljahrhundert gewirkt hatte. tholischen Klerus auf 20 Prozent – eine
der Katechismus sorgsam und verwirft Seinen Kummer über die gewandel- sehr hohe Rate. Wie viele von diesen
sie, ebenso wie den sexuellen Miß- ten Zeiten unterbreitete Groer der Männern sich an Minderjährigen verge-
brauch von Kindern durch Erwachsene. Himmlischen Frau, deren Verehrung ei- hen, ist unter den Soziologen noch strit-
Eine rigidere Geschlechtsmoral als ne Konstante in seinem Leben bildet. tig. Angeklagt und zum Teil auch be-
die der römisch-katholischen Kirche Sie ist auch der Schlüssel zur Seele des reits verurteilt wurden in den USA bis-
hat die Welt nie kennengelernt. Selbst- geplagten Mannes. Daß eine exaltierte lang rund 400 katholische Priester.
verständlich können nur Kinder und Marienfrömmigkeit etwas mit sublimier- Die entmutigende Bilanz wird noch
Greise nach ihr leben, ohne sich einer ter Sexualität zu tun hat, kann man in trister, wenn die heimlichen Beziehun-
mehr oder weniger neurotischen Ver- der Volkshochschule erfahren. Der Be- gen der Priester zu Frauen in Rechnung
änderung auszusetzen. fund ist zwar so ungenau wie alle tiefen- gestellt werden. Ob es nun 10, 30 oder
Ebenso selbstverständlich setzen die psychologischen Denkmodelle, aber ei- gar 50 Prozent der aktiven Seelsorger
grausamen Verbote alle jene Wunsch- nen Blick hinter den Vorhang der reli- sind, die den Zölibat auf diese Weise
maschinen in Betrieb, deren Produkte giösen Unschuld gestattet er doch. umgehen – die Schätzungen schwanken
durch die europäische Kultur geistern – Ohne Mühe, so Eugen Drewermann –, spielt kaum noch eine Rolle. Skanda-
von Tristan und Isolde bis zu den Fil- in seinem Werk „Kleriker“, läßt sich der lös ist das in Zahlen nicht ausdrückbare
men eines Luis Buñuel. Nicht im lang- Zusammenhang zwischen katholischer Ausmaß an Heuchelei der geistlichen
weiligen Dreieck von Papa, Mama und Herren, die ansonsten der göttlichen
Kind kreisen die Phantasien, sondern Wahrheit dienen sollen.
in den Gärten der Perversionen, wo Angeklagt und verurteilt Kein Wunder, daß sich in den letzten
glutäugige Nonnen, verdorbene Mini- wurden in den USA Jahren weltweit rund 100 000 katholi-
stranten, lasterhafte Prälaten durchein- sche Priester aus der Falle des Zölibats
ander taumeln, nie zufrieden mit der 400 katholische Priester befreit haben – durch Amtsverzicht.
gewöhnlichen Stillung der Lust, die ih- Gleichzeitig nimmt die Zahl der jährli-
nen ewig verboten bleibt. Marienverehrung und klerikal geprägter chen Priesterweihen drastisch ab. Holla-
Im kreuzbraven katholischen Milieu Unterdrückung des Geschlechtstriebs brunn ist überall.
der Adenauer-Zeit, wie es Heinrich nachweisen. In der priesterlichen Psy- Dementsprechend symbolträchtig
Böll beschrieben hat, ging es noch che arbeitet laut Drewermann die Sehn- wird sich das Verschwinden Kardinal
recht gemütlich zu. Da fuhr der geistli- sucht nach der verlorenen Mutter, formt Groers aus dem Licht der Öffentlichkeit
che Herr mit der Frauenkongregation sich ein durch und durch weibliches, ho- gestalten. Kein Papst kann den österrei-
nach Lourdes, und die Pfarrersköchin mosexuell geprägtes „Gestaltbild“. chischen Katholiken verbieten, mit dem
saß auch im Bus. Was die Priester sonst Wenn Drewermanns Diagnose Namen des scheidenden Kirchenfürsten
noch anstellten, blieb hinter dem stimmt, dann wirft die Affäre um Groer allerlei Unanständigkeiten zu verknüp-
Beichtgeheimnis verborgen. ein Schlaglicht auf das weite Panorama fen und sich dabei die Frage zu stellen,
In den letzten Jahrzehnten freilich priesterlicher Begierden. Wie sie sich wie lange es noch dauert, bis der Vati-
begann es sogar in dieser letzten Enkla- verwirklichen, weiß man inzwischen kan die Pfarrer endlich heiraten läßt,
ve bürgerlicher Sittsamkeit zu knistern. recht genau. damit ihre Unkeuschheit halbwegs bere-
Priester suchten per Zeitungsanzeige In den USA, wo die katholische Kir- chenbar bleibt.
eine Freundin, lesbische Klosterfrauen che in den letzten 10 Jahren Millionen Auf jeden Fall wird es nie wieder so
erzählten freimütig von ihren Neigun- Dollar Schadensersatz für die Opfer se- sein wie vor 40 Jahren, als Hermann
gen. In Hollabrunn fanden immer we- xuellen Mißbrauchs von Kindern durch Groer auf seinem Fahrrad mit Zehn-
niger Zöglinge nach der Reifeprüfung Priester zahlen mußte, schätzt man den gangschaltung durch Hollabrunn flitzte.
den Weg ins Wiener Priesterseminar. Groers Endspiel ist auch das des barok-
1992 mußte Erzbischof Groer das Kna- * Vor dem Seminargebäude in Hollabrunn. ken Katholizismus in Österreich. Y

DER SPIEGEL 15/1995 155


..

AUSLAND

setzt; das Wunder der Madonna von Sy- stehen, sollen Platz für Tausende Autos
Italien rakus, die 1953 weinte, durchschauten bieten. Hunderte von Mobiltoiletten
sie als Trick. sind schon beim Zivilschutz angefor-
Doch Skepsis wirkt nicht mehr in Ci- dert, riesige Hotelschiffe sollen im Ha-

Böse Ahnung vitavecchia, schon gar nicht, seitdem


sich die Madonnenfigur am 15. März
entschloß, ihre Tränen vor den Augen
fen ankern. Hoffnungsfroh bunkern Ga-
stronomen Vorräte. In der Trattoria „da
Amina“, 50 Meter neben der Kirche,
Rätselraten um die weinende Ma- einer hohen kirchlichen Autorität, des überlegt die Besitzerin, ob sie ihre Spe-
Bischofs Girolamo Grillo, zu verschüt- zialität, die scharf gewürzten „Spaghetti
rienstatue von Civitavecchia: Die ten. nach Nuttenart“, jetzt anständig benen-
Stadt träumt schon von einem neuen Als die Exzellenz den wundersamen nen muß.
Vorfall vergangene Woche im Fernse- Mit städtischem Geld entstand in den
Lourdes. hen berichtete, gab es kein Halten mehr vergangenen Tagen vor der St.-Augu-
in der kleinen Hafenstadt nordwestlich stin-Kirche eine Rampe für Rollstuhlbe-
m die St.-Augustin-Kirche am von Rom. Seit Jahren leidet sie unter nutzer, die besonders zahlreich erwartet

U Stadtrand von Civitavecchia wir-


beln Bulldozer rötliche Staubwol-
ken hoch. Das metallische Dr öhnen der
Rezession; unrühmliche Schlagzeilen werden. In frenetischem Tempo bauen
Arbeiter – viele von ihnen
unentgeltlich – an einem
Preßlufthämmer verscheucht Vögel aus Schrein für die Madonna,
den Eukalyptusbäumen. Gewaltige Sa- der das Heiligtum durch
tellitenschüsseln auf den Übertragungs- Panzerglas und Alarmanla-
wagen des Fernsehens, die vor der be- ge schützen soll.
scheidenen Vorstadtkirche aufgefahren Mit düsterer Miene eilt
sind, kündigen Ereignisse von Weltbe- der Elektriker Fabio
deutung an. Gregori, 32, durch das ge-
In St. Augustin soll demnächst die schäftige Treiben vor der
gipserne 43 Zentimeter hohe Madon- Kirche. Er ist der Besitzer
nenfigur Einzug halten, der seit Anfang der weinenden Madonna,
Februar bereits 14mal vor ein paar Dut- die ihm der Pfarrer von St.
zend Zeugen rötliche Tränen aus den Augustin als Souvenir aus
Augen gerollt sind. Wie auf Kommando Medjugorje mitgebracht
hatte daraufhin in Italien das große Ma- hat. „Welch ein widerwär-
donnenschluchzen eingesetzt. tiges Spektakel“, murmelt
Im ganzen Land, von Catania in Sizi- er über den Andrang der
lien bis Murano bei Venedig, an elf Or- Frommen und Schaulusti-
ten insgesamt, „lakrimierten“ blutartig gen. Und er sieht aus, als
zum Teil schon einschlägig erprobte Ma- wollte er mit seinem Kabel,
rienstatuen. Einige gerieten in den Ver- das er verlegen muß, dem-
dacht der Täuschung. Keine der Statuen nächst die Geschäftigen
aber wurde so gründlich examiniert wie aus dem Tempel vertrei-
die Madonna von Civitavecchia, die aus ben.
dem bosnischen Wallfahrtsort Medju- Den Plan, die Statue am
gorje stammt. Karfreitag in einer großen
Wissenschaftler vom Gemelli-Kran- Prozession aus Gregoris
kenhaus in Rom haben die Tränenflüs- Haus in die Kirche zu über-
sigkeit untersucht und bestätigt: Was da führen, durchkreuzte die
aus den toten Augen nach außen dringt, Staatsanwaltschaft. Eine
OLYMPIA

sei wirklich menschliches Blut, wenn Bürgerorganisation erstat-


auch von einem Mann. Kreuz und quer tete Anzeige wegen Be-
ist die Madonna zudem geröntgt und Madonna von Civitavecchia: Großes Schluchzen trugsverdachts. Die Ma-
computertomographiert worden. Es donna bleibt weiterhin
fand sich kein Hohlraum, keine mecha- bescherte ihr kürzlich eine Jugendbande, beim Bischof unter Verschluß und soll
nische Vorrichtung, welche das Schau- deren Mitglieder monatelang 12- bis erneut von Experten überprüft wer-
spiel als Trick hätte entlarven können. 14jährige Schulmädchen vergewaltigt den. Bis das Ergebnis vorliegt, können
Anlaß zu Zweifeln gab es genug. hatten. Monate vergehen – und die Tränen
Schließlich hat sich eine Firma in Flo- Nun soll die weinende Madonna alle versiegen.
renz darauf spezialisiert, Madonnen in Schande tilgen und der Stadt eine glän- Derweil rätseln die Theologen über
Umlauf zu bringen, denen die Augen zende Zukunft als italienisches Lourdes die Bedeutung der blutigen Tropfen.
per Fernbedienung übergehen. Eine eröffnen. Zum eifrigsten Verfechter der Bischof Grillo bekam es mit der Angst
Gruppe von aufklärerischen Wissen- frommen Vision wurde ausgerechnet Pie- zu tun. „Diese Tränen so kurz vor dem
schaftlern wiederum, zusammenge- tro Tidei, der Bürgermeister von Civita- Jahr 2000, in einem Land, das so dicht
schlossen im „Komitee zur Kontrolle vecchia, ein Linksdemokrat. „Wunder neben dem zerfallenen Jugoslawien
des Paranormalen“, vergnügt sich da- oder nicht“, erklärt er, „als Erster Bürger liegt, das kündigt Furchterregendes
mit, Wunder im Laboratorium zu repro- bin ich dazu verpflichtet, die Pilger, die an“, ahnt er. Papst Johannes Paul II.,
duzieren. kommen werden, würdig zu empfangen. ein Mann, der den Marienkult liebt,
Die Wissenschaftler zeigten im Rea- Außerdem gilt es, bei uns jede Chance zu interpretierte das Mysterium dagegen
genzglas, wie das vermeintliche Blut des nutzen. Wir haben immerhin 12 000 ar- auf seine schlichte Art. „Die Madonna
Heiligen Januarius flüssig wird, ein Vor- beitslose Jugendliche.“ weint, weil sie getröstet werden will“,
gang, der in Neapel zweimal jährlich Tidei plant jedenfalls in großem Stil: soll er einem Vertrauten erklärt ha-
Tausende von Gläubigen in Ekstase ver- Die Parkplätze, die neben der Kirche ent- ben. Y

156 DER SPIEGEL 15/1995


Werbeseite

Werbeseite
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AUSLAND

Burundi

Zweiter Akt der Tragödie


SPIEGEL-Redakteur Hans Hielscher über den drohenden neuen Völkermord in Afrika

n der Mittagshitze ist ein Kleinlaster hen überall im Land“, sagt ein Trauer- Es wäre nicht verwunderlich. Überall

I mit einem aus rohen Brettern gezim-


merten Sarg vorgefahren. Freunde
tragen den Toten aus dem Haus: Saidi
gast. Zwei kräftige Jugendliche heben
das Grab aus. Niemand hält eine Rede.
Als der Sarg in der Grube verschwindet,
organisieren sich bedrängte Hutu, Ju-
gendliche planen Anschläge bei Ge-
heimtreffen in den Innenhöfen von Ka-
Nahimana, 37, Angestellter, seit zwei klagt die Witwe von Saidi Nahimana: menge; das Wort führt ein Mann mit
Jahren ohne Arbeit. Eine Patrouille hat „Ich habe es geahnt; hätte er sich bloß dem Kriegsnamen „Savimbi“. In den
den Vater von fünf Kindern am Vortag aus allem herausgehalten.“ Grenzregionen zu Zaire und Tansania
erschossen, als er an der Hauptstraße im Ist ihr Mann doch kein Zufallsopfer schmuggeln Extremisten Waffen, die
Bujumbura-Stadtteil Kamenge Bekann- gewesen? War der Familienvater ein ge- Hutu-Landsleute im Ausland bezahlen.
te treffen wollte. suchtes Ziel der Militärs, vielleicht gar Auf der anderen Seite üben sich
Ein typischer Willkürakt des von Mitglied der radikalen Hutu-Miliz Inta- Tutsi-Jugendliche auf der Farm eines
Tutsi beherrschten Militärs gegen Hutu- goheka („Die nie schlafen“), die Burun- Ex-Präsidenten im Gebrauch von Ka-
Zivilisten, sagen die Nachbarn. Bei der dis Tutsi-Elite den Krieg angesagt hat? laschnikows. Tutsi-Ultras fordern öf-
Beerdigung könnte wieder Blut fließen.
Die Armee unterhält neben dem Fried-
hof einen Stützpunkt. Die Trauernden
beschließen deshalb, den Ermordeten
außerhalb der Stadt zu begraben. Das
bedeutet, daß nur wenige ihm die letzte
Ehre erweisen können.
Auf dem Peugeot-Laster finden die
Witwe und ein Dutzend Männer Platz.
Während sie sich zu beiden Seiten des
Sarges niederhocken, stellt sich ein Bru-
der von Saidi Nahimana aufrecht hinter
das Führerhaus; weithin sichtbar hält er
ein für das Grab vorbereitetes Holz-
kreuz.
Passanten bekreuzigen sich, als das
Auto im Schrittempo durch Kamenge
rollt. Die letzte Hutu-Hochburg in Bu-
rundis Hauptstadt zeigt überall Spuren
des Bürgerkriegs. Rechts und links der
Hauptstraße niedergebrannte Häuser –
hier wohnten einmal Tutsi-Mitbürger.
Weit mehr Geb äude tragen frische Ein-
schußnarben; da hat die Armee zuge-
schlagen, die Kamenge seit drei Wochen
abriegelt.
Die Tutsi kontrollieren die Sicher-
heitskräfte. Sie garantieren, daß die
Minderheit (15 Prozent) gegenüber der
Hutu-Mehrheit (85 Prozent) im Ernst-
fall die Oberhand behält, auch wenn der
Staatspräsident und die Mehrheit der
Regierungsmitglieder Hutu sind.
Der Peugeot mit dem Sarg stoppt,
weil die Menschen plötzlich aufgeregt
auseinanderlaufen: Aus der Gegenrich-
tung rückt eine Gruppe Soldaten an. Pa-
nik liegt in der Luft, doch die Militärs
lassen die Trauergesellschaft unbehelligt
passieren.
Etwa zehn Kilometer außerhalb der
Stadt hält der Fahrer. Von hier führt ein
Pfad hundert Meter weit in den Busch
AFP / DPA

zu einem neuen, inoffiziellen Friedhof.


Kreuze markieren schon zwei Dutzend
Gr äber. „Solche Begräbnisplätze entste- Flüchtende Hutu auf dem Weg zur Grenze: 700 000 verließen das Land

158 DER SPIEGEL 15/1995


..

fentlich „präventive Massa- giye. Dem Land drohe


ker“, um einem Aufstand „Schlimmeres als der Völ-
der Mehrheit zuvorzukom- kermord in Ruanda“. Um
men. einen weiteren Genozid zu
„Die Menschen in Bu- verhindern, reisen Delega-
rundi leben in Furcht vor tionen der E U und Frie-
der Gewalt“, sagt der Son- densfrauen aus Nordirland
dergesandte des Uno-Ge- nach Bujumbura. Die Uno
neralsekretärs, Ould Ab- veranstaltete für burundi-
dallah. Der Mauretanier sche Offiziere ein Seminar
will das drohende Unheil über „Militär und Men-
mit Hilfe „vorausschauen- schenrechte“.
der Diplomatie“ aufhalten Droht in Burundi jetzt
– und erhält dafür selbst der zweite Akt der Tragö-
Todesdrohungen. Die War- die, die vor einem Jahr in

AFP / DPA
nungen sind ernst zu neh- Ruanda begann? Während
men. Mörder brachten in damals in Ruanda die Hu-
den vergangenen zwei Jah- Von Tutsi verletzter Hutu: Massaker gegen die Mehrheit tu-Mehrheit die Regierung
ren zwei burundische Präsi- und die Streitkräfte be-
denten um. Fast täglich werden neue hatten vor 400 Jahren die Bantu-Bevöl- herrschte, stellt in Burundi die Hutu-
Massaker bekannt. kerung der Hutu unterworfen, die Ak- Mehrheit „machtmäßig die Minder-
Von vielen Greueltaten hat die Welt kerbau trieb. Danach vermischten sich heit“, und die „Tutsi bilden machtmäßig
nur erfahren, weil der amerikanische beide Völker; sie sprechen heute diesel- die Mehrheit“ (so der belgische Afrika-
Botschafter Robert Krueger, 59, wie ein be Sprache – Kirundi. Experte Filip Reyntjens).
Staatsanwalt durchs Land gefahren ist Weil zuerst die deutsche und anschlie- Deshalb ist ein organisiertes Massen-
und Alarm geschlagen hat. In einem ßend die belgische Kolonialverwaltung schlachten wie in Ruanda kaum mög-
Buschkrankenhaus im Nordosten Bu- das alte Herrenvolk gefördert hatte, be- lich: Die Armee kann nicht überall zu-
rundis sah er grausam zugerichtete Op- haupteten die Tutsi ihre Führungsstel- schlagen, schon heute müssen Tutsi wei-
fer und erfuhr, daß „Männer in Unifor- lung auch nach der Unabhängigkeit. te Teile Burundis meiden, weil das Land
men“ mindestens 150 Menschen abge- Erst vor zwei Jahren bahnte sich eine außerhalb der Städte den Hutu gehört.
schlachtet hätten. Das Militär bezeich- Wende an. Bei Burundis ersten demo- Nur wenige Kilometer von Bujumbura
nete die Enthüllungen als „sensationell kratischen Wahlen gewann 1993 mit entfernt wollten Dorfbewohner den
übertrieben“, gab aber den Tod von 20 Melchior Ndadaye zum erstenmal ein ARD-Mitarbeiter George Kamau aus
Zivilisten zu. Seitdem gelten in Burundi Hutu die Präsidentschaft; im Parlament Nairobi umbringen – die Hutu hielten
Amerikaner als die am meisten gefähr- errang die von Hutu dominierte Frode- den Journalisten für einen Tutsi.
deten Ausländer. bu-Partei 65 von 81 Sitzen. Das fragile Gleichgewicht kann aller-
Dabei könnte Afrikas derzeit gewalt- Doch der Jubel der Mehrheit wurde dings plötzliche Gewaltausbrüche nicht
tätigster Staat ein Paradies auf dem in Massakern erstickt, als Tutsi-Militärs verhindern. Gem äßigte auf beiden Sei-
Elendskontinent sein. Burundi – 5,6 den Präsidenten drei Monate nach sei- ten verlieren an Einfluß. So wie Ruan-
Millionen Einwohner und so groß wie nem Wahlsieg umbrachten. Der bislang das Hutu ihre Brüder umbrachten, die
Brandenburg – verfügt durchweg über ungebrochene Teufelskreis der Gewalt für die Aussöhnung zwischen den Grup-
fruchtbaren Boden. Auf seine grünen begann: Ihm fielen bis heute 100 000 pen eintraten, werden in Burundi Tutsi
Hügel fällt soviel Regen, daß die Bau- Menschen zum Opfer, etwa zu gleichen als „Verräter“ verfolgt, die mit den Hu-
ern dreimal im Jahr ernten können. Teilen Tutsi und Hutu. tu zusammenarbeiten wollen.
In der malerischen Landschaft haben Viel mehr verloren ihre Heimat. Etwa Das wahrscheinlichste Szenario ist
Burundis Volksgruppen über weite 700 000 Hutu flohen in Nachbarländer. deshalb nicht ein kurzer Blutrausch wie
Zeiträume friedlich nebeneinander ge- „Die Regierung ist machtlos“, klagt der in Ruanda, sondern ein langwierig eska-
lebt. Die Tutsi, nilotische Viehzüchter, Parlamentsabgeordnete Corneille Budi- lierender Bürgerkrieg, der freilich nicht

100 km
UGANDA

Goma
RUANDA
Kiwu- Kigali
see
Bu-
kavu Benako

Z A I RE Bujumbura TANSANIA
P. LOWE / MAGNUM / FOCUS

BURUNDI
Flüchtlingslager
der Hutu
Tanga- Flüchtlings-
njikasee ströme
Beerdigung von Saidi Nahimana: Überall neue Friedhöfe

DER SPIEGEL 15/1995 159


..

AUSLAND

weniger Opfer fordern könnte. In Burun- ve Fürsorge der Invasoren. Ein Trup-
di droht nicht ein konzentrierter, sondern T ür k e i penarzt hält Sprechstunde. Selbst der
ein schleichender Genozid. greise Imam des Dorfes steht geduldig
„Wir sind schließlich sechsmal so zahl- in der langen Schlange, um sich untersu-
reich wie die Tutsi“, macht sich ein Hutu
in Kamenge Mut, „sie können uns nicht
alle umbringen.“ Zur Taktik der Gegner
Vor dem chen zu lassen. Mit einem tiefen Diener
bedankt sich der Würdenträger für die
Behandlung.
gehöre, die Menschen durch Schreckens-
gerüchte aus dem Land zu treiben. Mitar-
beiter von Hilfsorganisationen beobach-
Mauseloch So hilfreich und gut geben sich die
türkischen Soldaten, die vorige Woche
wenigen Außenstehenden den Zutritt
teten bei Tutsi-Militärs unverhohlene Ankaras Nato-Partner fordern den ins Operationsgebiet im Nordirak ge-
Enttäuschung, als Tansania und Zaire ih- statteten. Daß sie brutale Besatzer sei-
re Grenzen für die Flüchtlingsströme aus Rückzug der Invasionstruppen aus en, wie im Ausland behauptet wird, sei
Burundi schlossen. dem Nordirak. Doch die Militärs „alles Propaganda der Terroristen“, gif-
Tutsi-Extremisten möchten die Vor- tet Erim; die Rebellen der Arbeiterpar-
herrschaft ihres Volkes am liebsten durch verlangen mehr Zeit. tei Kurdistans (PKK) seien wahre Mei-
ethnische Säuberungen erhalten. Die ster der Meinungsmache. Der General
einst gemischte Metropole Bujumbura or der Dorfschule, 15 Kilometer sieht sich dagegen als „Befreier“.
soll nach ihren Vorstellungen „Tutsi-
Stadt“ werden, von der aus sie das Land
kontrollieren wollen.
V südlich der türkischen Grenze, wird
der harte Krieger weich. Belustigt
sieht er den kleinen Kurden zu, die auf
Mit den 2500 Soldaten seiner 20. Pan-
zerbrigade soll er 35 Dörfer vom angeb-
lichen Joch der militanten kurdischen
Die Städte aber geraten schnell unter einem seiner Panzer spielen. Auch ihre Separatisten erlösen. Immer wieder,
Druck, wenn die Verkehrswege blockiert Begeisterung freut ihn: „Türkei, Tür- versichert Erim, werde er angefleht:
werden. Hutu-Kämpfer können Trans- kei“, jubeln die Kinder – sie wissen, was „Bitte schützen Sie uns.“
porte aufhalten, Bauern daran hindern, ein General aus dem fernen Ankara Selbstverständlich erhebt sich bei den
Lebensmittel zu verkaufen. Die Hutu- gern hört. Einheimischen kein Widerspruch. Wel-
Widerstandsbewegung erstarkt, weil Kommandeur Hüseyin Erim, 47, zeigt cher Kurde kann es schon wagen, über
nach dem Sieg der Patriotischen Front in sich gerührt. „Sie nennen mich Vater“, niedergebrannte Häuser oder ver-
Ruanda 200 000 Hutu aus dem Nachbar- sagt der Brigadegeneral, tätschelt hier schleppte Dörfler zu klagen, wenn sich
land nach Burundi geflohen sind. Unter eine Wange und wuschelt dort durch ei- ein mächtiger türkischer General neben
ihnen befinden sich erfahrene Soldaten nen Schopf. Die Zutraulichkeit der ihm aufbaut? Und ohne Erims Eskorte –
und Milizionäre. Kleinen belohnt sein Adjutant mit Bon- ein Panzer vorn, drei Geländewagen mit
Die düsteren Zukunftsaussichten er- bons und Schokolade. schwerbewaffneten Soldaten hinten –
schüttern Bernita Kübler von den Schön- In den Klassenräumen erleben der- darf kein Ausländer in die umkämpfte
stätter Marienschwestern nicht. Die weil auch Erwachsene die demonstrati- Region am Sindi-Paß vordringen.
schlanke Frau lebt seit 1962 in Burundi. Etwa tausend PKK-
Sie ist Delegatin ihres Ordens in Mutum- Rebellen verstecken
ba, unweit jener Stelle, an der Henry sich in dem rund 400
Morton Stanley 1871 den verschollenen Quadratkilometer gro-
David Livingstone fand. ßen Gebiet, das Erim
„Wir haben ein Wunder erlebt“, be- „säubern“ soll. Der
gründet die 65jährige Ordensfrau ihre Auftrag des Oberbe-
Zuversicht: Nach der Ermordung des fehlshabers der türki-
Präsidenten Ndadaye am 21. Oktober schen Invasionstrup-
1993 waren aufgebrachte Hutu auf die pen, General Hasan
Missionsstation zumarschiert, um alle Kundakçi, der sein
Tutsi-Mitarbeiter und -Mädchen in der Hauptquartier 30 Kilo-
Internatsschule umzubringen. Militär meter vor der iraki-
traf in letzter Minute ein und vertrieb die schen Grenze in der
Angreifer. Eine Einheit hält bis heute in Kaserne von Silopi
Mutumba Wacht. aufgeschlagen hat, ist
Doch entgegen allen Befürchtungen jedoch nicht so einfach
haben sich die Soldaten nie an der Hutu- auszuführen. Erim
Bevölkerung vergriffen. Die Schule in steht im knöcheltiefen
Mutumba hat zusätzlich 200 Hutu-Jun- Matsch und gesteht:
gen aufgenommen. In den Klassenräu- „Dafür müßte ich ei-
men sitzen die Jugendlichen nach der al- gentlich mehr Leute
phabetischen Reihenfolge ihrer Namen, haben.“
um zu verhindern, daß sich Hutu zu Hutu Ohne Verstärkung
und Tutsi zu Tutsi gesellen. werde er das Gebiet
„Mit Gottes Hilfe ist es bei uns so, wie „noch etwa vier
es überall sein sollte“, sagt Schwester Wochen“ durchsuchen
Bernita. Den Einsatz der Soldaten in Mu- müssen, vielleicht so-
tumba befehligt übrigens ein Tutsi-Offi- gar länger. Um Waf-
M. GÜLBIZ / FOCUS

zier, der 1992 vorzeitig einen Lehrgang fenlager und Verstek-


bei der Führungsakademie der Bundes- ke in den zerklüfteten
wehr in Hamburg verlassen mußte, weil Bergen und schwer
ihm Teilnahme an Massakern gegen Zivi- einsehbaren Tälern
listen vorgeworfen wurde – Oberstleut- Türkischer Panzer im Nordirak, kurdische Kinder aufzustöbern, müßten
nant Daniel Nengeri. Y Zur Belohnung Schokolade seine Leute schließlich

160 DER SPIEGEL 15/1995


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AUSLAND

„fast jeden Stein einzeln umdrehen“.


Allein die Sicherung vor plötzlichen At-
tacken von PKK-Kommandos erfordert
riesigen Aufwand. Auf nahezu jedem
Hügel und jedem Berg sind Späher po-
stiert. Manche Wachposten müssen mit
„Platz im Klub Europa“
dem Hubschrauber versorgt werden. Außenminister Erdal Inönü über den Krieg gegen die Kurden
Trotzdem können auch in der dritten In-
vasionswoche noch überall Gegner lau-
ern. Mißtrauisch blickt der Brigadekom- SPIEGEL: Herr Minister, glauben Sie Inönü: Verwechseln Sie nicht die Fol-
mandeur auf Bauernhütten am Weges- wirklich, daß sich der Nationalitäten- gen der Operation mit dem Anlaß. Zivi-
rand: „Alles um uns herum kann PKK konflikt mit den Kurden durch den listen sind nicht das Ziel unserer Offen-
sein.“ Einsatz von Soldaten lösen läßt? sive, sondern ausschließlich die Höh-
Seine „Panther“-Brigade hat angeb- Inönü: Es gibt keinen ethnischen Kon- lenverstecke der PKK. Wir geben uns
lich beachtliche Erfolge vorzuweisen. flikt. Die Aktion unserer Militärs rich- alle Mühe, Zivilisten zu schonen, bisher
Nur knappe vier Stunden nach Beginn tet sich ausschließlich gegen die Terro- gab es unter ihnen keine Opfer. Aber
der Operation in der Nacht zum 20. risten der PKK. wenn in der Nähe Ihres Hauses ge-
März habe seine Vorhut bereits das Ziel SPIEGEL: Sie haben mehr als 35 000 kämpft wird, ist es natürlich besser, die
Aukati, 15 Kilometer hinter der iraki- Mann in Marsch gesetzt, dazu Artille- Gegend zu verlassen.
schen Grenze, erreicht. Schon in der rie, Panzer und Flugzeuge – das ist SPIEGEL: Tausende Kriegsopfer sind
zweiten Nacht sei es Erim gelungen, doch ein ausgewachsener Krieg, den schon auf der Flucht. Wie lange soll die-
„eines der größten Terroristenlager“ zu Sie im Nordirak führen. ser Krieg denn noch weitergehen?
stürmen, das Camp von Pirbela. Inönü: Ich bin nicht in den Bergen dort
Unerreichbar für Ankaras Jagdbom- und leite auch nicht die Operation.
ber, die seit Jahren Angriffe auf PKK- SPIEGEL: Staatspräsident Demirel sag-
Stellungen im Nachbarland fliegen, hat- te jüngst, die türkische Präsenz im
ten sich die Rebellen in den mehr als 30 Nordirak könne bis zu einem Jahr dau-
Höhlen der steilen Schlucht eingenistet. ern.
500 Kämpfern dienten die mitunter Inönü: Der Präsident äußerte sich ganz
haushohen Felslöcher als Ausgangs- zu Anfang des Einsatzes. Ich versichere
punkt für ihre Angriffe auf türkische Po- Ihnen, die Operation wird örtlich und
lizeistationen und Kasernen. zeitlich begrenzt sein, auch wenn ich
Riesige Waffenvorräte, von Handgra- heute nicht genau sagen kann, wann sie
naten bis zu Panzerfäusten, hätten seine endet.
Soldaten sichergestellt, berichtet Erim, SPIEGEL: Haben Sie die Regierung des
darüber hinaus auch Büstenhalter und Irak von Ihren Einmarsch-Absichten
Antibabypillen gefunden, was er als un- informiert?
M. DARCHINGER

widerlegbaren Beweis für die Verderbt- Inönü: Wir führen eine militärische Si-
heit seiner Gegner hält: Bei denen wür- cherheitsoperation durch. Und die
den sogar die Frauen kämpfen. kann natürlich nicht vorab angekündigt
Nicht nur weil die PKK mit dem La- Außenminister Inönü werden. Im übrigen respektieren wir
ger von Pirbela einen strategisch wichti- „Zeitlich begrenzte Operation“ die territoriale Unversehrtheit des Irak.
gen Stützpunkt verloren hat, gilt die Ak- SPIEGEL: Es ist also purer Zufall, daß
tion schon als Erfolg. Auch zwei wichti- Inönü: Jetzt übertreiben Sie. Wir ha- ausgerechnet jetzt auch die Truppen
ge Paßstraßen zur türkischen Grenze ben nur so viele Soldaten geschickt, von Saddam Hussein gegen die Kurden
hat die 20. Panzerbrigade seither unter wie wir benötigen. Es ist allerdings vorgehen?
Kontrolle. „Nun müssen die Terroristen keine leichte Aufgabe, die Region Inönü: Es gibt jedenfalls keine militäri-
von den Schlupfwinkeln der Terrori- sche Zusammenarbeit mit dem Irak.
sten zu säubern. Das Gelände ist ber- SPIEGEL: Nato-Partner rügen die Inva-
Der große Kampf könnte gig und unwegsam, und deswegen sion. Die Türkei isoliert sich im Bünd-
schon in den handelt es sich um einen der größten nis.
Militäreinsätze nach dem Golfkrieg Inönü: Unser Land braucht Stabilität,
nächsten Tagen beginnen gegen den Irak. Das ist allerdings Sicherheit und ein gewisses Maß an de-
auch der Grund, warum die Entsen- mokratischer Übereinstimmung inner-
mit Eseln über die Berge“, sagt der Ge- dung unserer Truppenkontingente für halb seiner Grenzen. Glauben Sie, die
neral, „das kostet Zeit und Kraft.“ viele Deutsche wie eine Invasion aus- Nato hätte einen Vorteil davon, wenn
Von vernichtenden Verlusten des sieht. Uns ist selbstverständlich die unser Land, einer der stärksten Pfeiler
Gegners können die Soldaten nicht be- öffentliche Meinung in der Türkei der Allianz, durch die Separatisten
richten. „10 bis 15 Terroristen“ hätten wichtiger, und da zeigt sich, daß un- plötzlich vom Zusammenbruch bedroht
sie wohl getötet, so genau weiß selbst sere Bevölkerung erleichtert und wäre? Es liegt im eigenen Interesse der
der Kommandeur das nicht. Die PKK dankbar ist, wenn die Regierung mit Nato, daß wir ein solider, verläßlicher
nehme ihre Toten „grundsätzlich mit auf Stärke und Entschlossenheit durch- Partner sind.
die Flucht“, entschuldigt Erim die unge- greift. SPIEGEL: Durch die türkische Offensi-
nauen Angaben. Seine Truppe habe nur SPIEGEL: Ist das Ihre diplomatische ve ist die Ratifizierung des Vertrags
einen Verletzten zu melden. Umschreibung für die Strategie der über die Zollunion mit der E U gefähr-
Einen offenen Kampf mit der hochge- verbrannten Erde, die der Komman- det. Beunruhigt Sie nicht, daß die euro-
rüsteten Armee des Nato-Partners ris- deur der Truppen, General Hasan päische Integration der Türkei ins Stok-
kieren die Separatisten wohl tatsächlich Kundakçi, verfolgt? ken geraten ist?
nicht, von einzelnen Scharmützeln und
Überfällen abgesehen. Die Rebellen

162 DER SPIEGEL 15/1995


.
.

Inönü: Ich bin noch immer ziemlich zu-


versichtlich, daß wir die Zustimmung
des EU-Parlaments etwas später erhal-
ten werden. Die Bedeutung der Türkei
als Brücke und Bindeglied zwischen
Europa und Asien hat ja nicht abge-
nommen, im Gegenteil. Deswegen
glaube ich, daß wir über kurz oder lang
unseren richtigen Platz im Klub Euro-
pa finden werden.
SPIEGEL: Dann müssen Sie sich aber
nicht nur bei Wirtschaftsfragen an die
Regeln der Union halten, sondern
auch Respekt vor Menschenrechten
und Meinungsfreiheit zeigen.
Inönü: Diese Voraussetzungen werden
wir erfüllen. Die Hauptrichtung unse-
rer Entwicklung – hin zu einer demo-
kratischeren Gesellschaft – stimmt

M. GÜLBIZ / FOCUS
doch.
SPIEGEL: Die Europäer erwarten, daß
Ministerpräsidentin Tansu Çiller die
angekündigten demokratischen Refor-
men endlich verwirklicht. Brigadegeneral Erim
Inönü: Unsere Schwierigkeit liegt in Kampf dagegen schafft ein Element „Warten auf die Terroristen“
der Umsetzung der Reformen. Wir ha- von Geheimniskrämerei, das erst be-
ben viele Parteien im Parlament, und seitigt werden kann, wenn auch die sind in die Siedlungen der Region ge-
es kann noch eine Weile dauern, bis Terrororganisationen beseitigt sind. flüchtet, verstecken sich bei der Bevölke-
wir soweit sind. Verfassungsänderun- SPIEGEL: Wenn Sie die Achtung vor rung und versuchen, Zeit zu gewinnen.
gen brauchen ihre Zeit. den Menschenrechten wirklich verbes- Genau die aber fehlt dem obersten Re-
SPIEGEL: Um massive Menschen- sern wollten, dürften Sie nicht zwölf bellenjäger Kundakçi.
rechtsverletzungen und die Verfolgung Millionen Kurden politische Grund- Denn mit jedem Tag steigt der interna-
von Oppositionellen oder die Folter zu rechte und kulturelle Autonomie ver- tionale Druck auf die Regierung in Anka-
beenden, sind keine parlamentari- weigern. ra, ihre Truppen abzuziehen. Seit Mitte
schen Initiativen nötig. Was fehlt, ist Inönü: Wer sagt so etwas? Die Tür- vergangener Woche drängen selbst die
der politische Wille. ken kurdischer Abstammung genießen Freunde in Washington auf einen festen
Inönü: Wir haben doch schon einiges alle demokratischen Rechte. Schauen Rückzugstermin, obgleich US-Präsident
erreicht. Im ersten Amtsjahr der Re- Sie unsere Gesetze und unsere Ver- Bill Clinton anfangs noch „Verständnis“
gierung wurde ein Gesetz verabschie- fassung an, es gibt keine Diskriminie- für die Invasion gezeigt hatte. Vergebens
det, das die Anwesenheit eines Rechts- rung. hatte Ankaras Außenminister Erdal Inö-
anwalts bei Verhören vorsieht; jetzt SPIEGEL: Auch im Alltag nicht? War- nü bei Blitzbesuchen in Bonn, Washing-
muß diese Reform auch umgesetzt um gibt es keine kurdischen Schulen, ton und Paris um Nachsicht gebeten
werden, das geht nicht von heute auf keine Zeitungen und Literatur in kur- (siehe Interview).
morgen. discher Sprache? Invasionsteilnehmer wie Serkan Yil-
SPIEGEL: Akin Birdal, der Leiter des Inönü: Für die spezifischen kulturellen maz und Hüseyin Önder pfeifen dagegen
türkischen Menschenrechtsvereins, hat Bedürfnisse von ethnischen Gruppen auf die hohe Politik. Bis Pirbela haben sie
festgestellt, daß im vergangenen Jahr gelten keine Einschränkungen, kurdi- sich vorgekämpft – nun wollen sie „die
328 Menschen spurlos verschwanden, sche Musikkassetten und Videos kann Arbeit auch zu Ende bringen“.
nachdem sie in Polizeigewahrsam ge- man überall auf den Märkten kaufen. Wie die Katze vor dem Mauseloch be-
nommen wurden. Ministerpräsidentin Çiller hat sogar lauert der General mit seinen Truppen
Inönü: Wenn Sie terroristische An- eingeräumt, daß wir eine kurdische die Dörfer und muß „nur noch warten, bis
schläge im eigenen Land haben, sind Identität anerkennen. Im Einheitsstaat die Terroristen rauskommen“. Erim:
solche Ereignisse schwierig zu beurtei- Türkei ist politische Autonomie aller- „Dann halten wir noch ein paar Überra-
len. Leute, die sich mit Terroristen- dings durch unsere Verfassung verbo- schungen für sie bereit.“
gruppen einlassen, haben manchmal ten. Ob es zum großen Kampf kommt, weiß
selbst ein Interesse daran, zu ver- SPIEGEL: Mehr Freiraum brauchen die der Feldherr nicht. Wenn er kommt,
schwinden, weil sie nicht gefangen Kurden Ihrer Ansicht nach also gar könnte er vielleicht schon in den nächsten
werden wollen. Für die Polizei gelten nicht? Tagen beginnen – vorausgesetzt, der tür-
diese Personen natürlich nicht als ver- Inönü: Wenn wir erst mal mit der PKK kische Geheimdienst deutet die abgehör-
mißt. aufgeräumt haben, werden unsere kur- ten Funksprüche des PKK-Führers Ab-
SPIEGEL: Wollen Sie denn auch Ver- dischen Mitbürger über alle kulturel- dullah Öcalan richtig, der sich wohl nach
schleppungen und Folter mit dem len Rechte verfügen, die sie sich wün- Damaskus in Sicherheit gebracht hat.
Kampf gegen den Terrorismus recht- schen. Dafür brauchen wir allerdings Zumindest hofft General Erim, daß
fertigen? eine demokratische Atmosphäre, die seine „Friedensmission“ im Nordirak
Inönü: Natürlich nicht. Aber Terroris- derzeit wegen des PKK-Terrors noch nicht so lange dauert wie sein Uno-Ein-
mus gedeiht im Untergrund, und der nicht existiert. Y satz in Somalia. Am Horn von Afrika hat-
te er fast ein halbes Jahr die Stellung hal-
ten müssen. Y

DER SPIEGEL 15/1995 163


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Y. LEMMER / SIPA
Außenminister Peres: Schwierigkeiten beim Abbau uralter Ängste und Haßgefühle

Israel

Sprung über den Abgrund


Uri Avnery über den gefährdeten Friedensprozeß im Nahen Osten

er verstehen will, was in Israel einmal passiert: 1977, als Eser Weizman nensern abzubrechen und eine Regie-

W vorgeht, braucht nur Außenmi-


nister Schimon Peres zu beob-
achten. Peres war sein Leben lang ein
beim Sadat-Besuch in Jerusalem sich
von einem extremen Falken zu einer li-
lienweißen Taube wandelte. Alle drei –
rung der Nationalen Einheit zu bilden –
also eine Regierung, in welcher der Li-
kud ein Veto gegen den Frieden einle-
Falke (Peres ist hebräisch für Geier; ur- Peres, Rabin, Weizman – sind Altersge- gen könnte.
sprünglich hieß er Persky). Er war einer nossen und haben einen Großteil ihres Rabin behandelt die Palästinenser
der Urheber des Sinai-Feldzugs von Lebens in der Armee oder im Verteidi- weiterhin wie Häftlinge, die auf Bewäh-
1956 und rühmt sich auch heute noch, gungsministerium verbracht. rung entlassen sind. Die Stimmung der
Vater der israelischen „Kernwaffen-Op- In den letzten Wochen rückte Staats- Versöhnung, die im Abkommen von
tion“ zu sein. Er hat sich immer radikal präsident Weizman wieder ganz nach Oslo vorgesehen ist, hat ihn nicht be-
gegen die Idee eines unabhängigen palä- rechts. Jetzt hätscheln ihn die Siedler rührt.
stinensischen Staates gewandt; er setzte und die Likud-Partei. Er hat vorgeschla- Aber den größten Umschwung hat
auf die „jordanische Option“. gen, die Verhandlungen mit den Palästi- Peres vollzogen. Ist der Peres des SPIE-
Darum sah es beinahe wie ein Wun- GEL-Gesprächs (10/1995) derselbe Po-
der aus, als Peres im Frühjahr 1993 litiker, dem in Oslo der Friedensnobel-
plötzlich zum Paten des Oslo-Abkom-
mens wurde. Über Nacht hatte sich der
Ein Rechtsruck preis verliehen worden ist?
Wieder einmal träumt Peres von der
Anti-Palästina-Saulus zum Pro-Palästi- in Israel bedroht, nach einer Reihe jordanischen Option, diesmal als „jorda-
na-Paulus gewandelt, mit einer Begei- arabischer Terroranschläge, den nisch-palästinensische Konföderation“
sterung, die direkt jugendlich anmutete. Aussöhnungskurs des sozialdemo- getarnt und als Alternative zum Palästi-
Jede seiner Reden – und er redete jeden kratischen Ministerpräsidenten Ra- na-Staat gedacht. Zu Jerusalem verwei-
Tag – klang wie eine Hymne auf die bin und damit den Friedensprozeß in gert er jeden Kompromiß, denn: „Poli-
Verbrüderung der zwei Völker, auf ei- Nahost. Enttäuschte Hoffnungen tisch wird es keine Teilung mehr ge-
nen „neuen Nahen Osten“. und nicht eingehaltene Zusagen ha- ben.“ Und, beinahe unglaublich: „Ara-
Während Ministerpräsident Jizchak ben viele Palästinenser verbittert, fat besteht darauf, daß vor den Wahlen
Rabin durch seine negative Körperspra- schreibt Uri Avnery, 71. Der Veteran alle israelischen Truppen aus den palä-
che auffiel, mit der er jeden Schritt in der israelischen Friedensbewegung stinensischen Bevölkerungszentren ab-
Richtung Frieden machte – man könnte hofft gleichwohl: „Trotz der Rück- gezogen werden.“ Arafat besteht dar-
von einer bösen Miene zum guten Spiel schläge kann die Entwicklung alle auf?
reden –, strahlte Peres eine Begei- Beteiligten zwingen, vorwärts zu Das Osloer Abkommen sieht es wört-
sterung aus, die Karikaturisten beflü- stolpern.“ lich so vor, der Abzug hätte schon im
gelte. So etwas war vorher in Israel nur Juli 1994 stattfinden sollen. Laut Peres

DER SPIEGEL 15/1995 165


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Dutzende anderer Artikel der Abkom-


men von Oslo und Kairo sind überhaupt
nicht oder nur teilweise erfüllt worden.
Seit Monaten besteht eine Sperre, die
alle palästinensischen Gebiete von Israel
und auch vom arabischen Teil Jerusa-
lems abschneidet. Der Großteil der Ar-
beiter, die früher nach Israel pendelten,
beinahe 100 000, sind arbeitslos, und ih-
re Angehörigen, beinahe eine Million
(von über zwei Millionen Einwohnern
des Gazastreifens und des Westjordan-
lands), sind brotlos.
An ihrer Stelle importiert Israel 80 000
Thailänder, Filipinos und Rum änen als
Gastarbeiter. In den palästinensischen
Gebieten gibt es aber, nach 27jähriger

SYGMA
wirtschaftlicher Verwüstung durch die
Zerbombter israelischer Bus*: Drang nach Versöhnung ausgelöscht Besatzung, so gut wie keine Arbeit. Und
die kümmerliche Unterstützung, die aus-
ländische Institutionen versprochen ha-
ben, ist zum großen Teil noch nicht ange-
kommen. Als Ausrede wirft man den Pa-
lästinensern vor, daß ihre – ganz neue –
Verwaltung nicht gut genug funktionie-
re. Sicher funktioniert sie nicht so gut,
wie man es von Preußen erwartet hätte.
Vielleicht liegt der Hauptfehler schon
im Abkommen von Oslo. In der Präam-
bel ist von der „historischen Aussöh-
nung“ zwischen den beiden Völkern die
Rede – aber das Ziel, zu dem der „Frie-
densprozeß“ führen soll, wird konkret
nicht benannt. Das wurde ganz bewußt
ausgeklammert, um Meinungsverschie-
denheiten vorläufig zu umgehen. Man
dachte, daß ein „Zwischenstadium“ so
viel gegenseitiges Vertrauen erzeugen
A. BRUTMANN

würde, daß danach die Lösung der


Hauptfragen leichter falle.
Das hätte vielleicht geklappt, wenn
Palästinenser am Grenzübergang Gaza: Fast 100 000 Pendler sind arbeitslos der Friedensprozeß wie vorgesehen
schnell vorangekommen wäre: Überga-
kommt das aber gar nicht in Frage, schuld. Peres sagt es auch im SPIE- be von Gaza und Jericho, Rückzug aus
denn: „Was dabei herauskommt, haben GEL-Gespräch: „Arafat muß beim den bevölkerten Gebieten des Westjor-
wir gesehen. Nach dem Attentat von Kampf gegen den Terror mehr Charak- danlands, palästinensische Wahlen, Ent-
Bet Lid haben die Menschen in Gaza ter zeigen . . . Wenn er zu schwach da- stehen des palästinensischen Staates-im-
auf der Straße getanzt.“ Seltsamerweise für ist oder wenn ihm der Wille dazu Werden. Weil Rabin dazu nicht bereit
hat derlei kein Mensch außer Peres ge- fehlt, warum sollten wir dann über- war, kam alles ins Stocken, die Dynamik
sehen. haupt mit ihm verhandeln?“ erlahmte, und die Probleme wuchsen.
Etwas ist mit Peres passiert. Etwas ist Ein Palästinenser würde vielleicht be- Da wir es mit Militärs zu tun haben, ist
überhaupt in Israel passiert. haupten, daß der Charakter von Peres wohl ein militärisches Beispiel ange-
Man kann es ganz einfach erklären: In selbst auf der Waagschale liegt. Jeden- bracht. Einem Feldherrn gelingt es, die
Israel ist alles nach rechts gerückt. Um- falls ist laut palästinensischer Version Front des Gegners zu durchbrechen: Das
fragen besagen, daß bei den nächsten der fundamentalistische Terror in die- wäre der Augenblick, um den Gegner zu
Wahlen (in denen zum erstenmal der sem Ausmaß erst möglich geworden, umzingeln und zur Kapitulation zu zwin-
Ministerpräsident direkt gewählt wer- weil die Euphorie des Friedens schon gen. Nur ein unfähiger General hält in-
den soll) wieder der Likud an die Macht lange verflogen ist. Tausende von Häft- ne, läßt seinen Sieg feiern, hält Siegesre-
kommen wird. Börsenkrach und Kor- lingen, von den Palästinensern als Na- den, nimmt Siegespreise an – während
ruptionsaffären im Gewerkschaftsbund tionalhelden gefeiert, befinden sich im- der Gegner Kräfte sammelt und eine
Histadrut haben die Regierung Popula- mer noch in israelischen Gefängnissen, neue Front hinter der durchbrochenen
rität gekostet. Aber hauptsächlich ist es darunter Frauen und Kinder. bildet.
die Enttäuschung über den Friedenspro- Alle jüdischen Siedlungen auf palästi- In Oslo ist ein großer Sieg errungen
zeß, der die israelische Öffentlichkeit nensischem Boden bestehen weiter, worden. Ein über hundert Jahre alter
Rabin-Peres-müde macht. auch die kleinsten und provozierend- Konflikt mußte weichen. Statt aber mit
Wer ist daran schuld? Die anderen, sten, die Peres selbst als „Dorn im großem Elan die Gelegenheit zu nutzen,
natürlich. Die Terroranschläge islami- Fleisch“ bezeichnet hat. Weder die pa- den Frieden dynamisch voranzutreiben,
scher Fundamentalisten haben an allem lästinensischen Wahlen noch der israeli- blieb Israels Regierung stehen. Gaza,
sche Rückzug aus dem Westjordanland das sie sowieso loswerden wollte, wurde
* Am 19. Oktober 1994 in Tel Aviv. haben vertragsgemäß stattgefunden. übergeben; doch alles andere stockte.

166 DER SPIEGEL 15/1995


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AUSLAND

Wenn man aber in einer solchen Situati- mera. Dieses Verhalten hat gute Gr ün-
on zaudert, geht es rückwärts. Wie de: Die Amerikaner können nicht dul-
Lloyd George gesagt hat, kann man ei- den, daß das hoch gefeierte Abkommen
nen Abgrund nicht mit zwei Sprüngen scheitert, welches auf dem Rasen des
überqueren. Weißen Hauses unterschrieben worden
Auch im besten Fall wäre es schwer ist. Eine solche Blamage kann sich der
gewesen, die uralten Ängste, Vorurteile geschwächte Präsident Clinton nicht
und Haßgefühle abzubauen, in die mehr leisten.
schon eine vierte Generation hineinge- Für Arafat ist die Lage noch vertrack-
boren ist. Aber in der ersten Begeiste- ter. In dem Augenblick, in dem er erklä-
rung hätte man auf beiden Seiten einen ren würde, daß Oslo am Ende ist, müßte
neuen Geisteszustand erzeugen können. er eine Alternative vorschlagen – und
Massenhafte Befreiung der Häftlinge, das könnte nur eine Konfrontation sein,
Abzug der ersten Siedler, massive Wirt- die er nicht will. Für Israels Regierung
schaftshilfe – das war alles möglich, und gilt das gleiche; das ist der Grund für
es wäre auch den Israelis in dieser Situa- den vorgetäuschten Optimismus, der ei-
tion ganz natürlich erschienen. Der radi- ne Spezialität von Peres ist.
kale Flügel der israelischen Friedensbe- Was würde passieren, wenn der Frie-
wegung und die PLO schlugen derlei mit densprozeß offiziell zusammenbräche?
großer Dringlichkeit vor. Es gibt keinen Weg zurück zur alten In-
Da Rabin jedoch stehenblieb, beka- tifada, die überwiegend ohne Waffen
men alle alten Gefühle wieder die Mög- geführt wurde. Arafat könnte den Gaza-
lichkeit, sich zu erholen und neu zu for- streifen zu einem Palästinenserstaat er-

DPA

Nobelpreisträger Arafat, Peres, Rabin in Oslo (1994): Gelegenheit verpaßt

mieren. Die Mordanschläge einiger isla- klären. Zwischen diesem Staat und Isra-
mischer Fundamentalisten und eines fa- el könnte eine Art Kleinkrieg ausbre-
natischen Juden genügten, um den chen, der die israelische Regierung wo-
Drang nach Versöhnung auszulöschen. möglich zwingen würde, den Streifen
Wie jeder Arzt weiß, ist ein Rückfall gegen ihren Willen zurückzuerobern.
oft gefährlicher als der erste Krankheits- Das wäre die Stunde der Fundamentali-
schub. Das trifft auch auf diesen Kon- sten und ihres mörderischen Kampfes.
flikt zu: Je mehr sich die alten Vorurtei- Keiner kann in diesen Abgrund
le und Ängste wieder erhärten, um so schauen, ohne zu schaudern – und des-
schwerer lassen sie sich überwinden. halb möchte keiner, daß es so weit
Heute sieht die Lage schlimmer aus kommt. Das ist vielleicht der einzige
als je zuvor seit Oslo. Die Rabin-Regie- Grund für wirklichen Optimismus:
rung wankt, viele ihrer Anh änger be- Trotz der Rückschläge kann die Ent-
nehmen sich, als ob ihre Niederlage bei wicklung alle Beteiligten zwingen, vor-
den nächsten Wahlen schon entschieden wärts zu stolpern.
sei. Auf der palästinensischen Seite wird Jetzt stellt sich die große Frage: Hat
Jassir Arafat scharf kritisiert, nicht nur Rabin noch den Mut und die Kraft, in
wegen seines autokratischen Führungs- den nächsten Monaten einen entschei-
stils, sondern hauptsächlich, weil viele denden Schritt gegenüber den Palästi-
heute das Oslo-Abkommen als eine is- nensern und auch den Syrern zu wagen
raelische Falle ansehen. und damit in den Wahlkampf zu ziehen
Trotzdem kann keiner es sich leisten, – oder wird er nichts tun und die Wahlen
aus dem Prozeß einfach auszusteigen. verlieren? Kann der Rückfall überwun-
Ganz im Gegenteil, nach jedem Arafat- den und der Weg zur Genesung be-
Peres- oder Arafat-Rabin-Treffen ge- schritten werden? Nur Rabin kann das
bärden sich alle hoffnungsvoll, reden wissen – und weiß es selbst vielleicht
von „Fortschritt“ und lächeln in die Ka- doch nicht. Y

DER SPIEGEL 15/1995 167


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der Busfahrer öffnet


Polen drei jungen Männern
bereitwillig die Tür.
Doch die Zugestie-

Grüße aus genen sind nicht etwa


Polizisten auf der Jagd
nach Verbrechern – sie

Odessa sind selber Gangster.


„Guten Morgen, schö-
ne Gr üße von der Ma-
Aus allen GUS-Staaten strömen fia aus Odessa“, stel-
len die drei sich auf
Trödler ins Warschauer Stadion. Auf russisch vor, während
Europas buntestem Freiluftmarkt der Busfahrer schon
wieder die Türen ge-
mischt auch die Mafia mit. schlossen hat und wei-
terfährt.
inter der Grenze zu Polen sinken Ein Kurzgeschore-

H die vier Händlerinnen aus dem


ukrainischen Badeort Sewastopol
am Schwarzen Meer erschöpft in ihren
ner mit Lederjacke
und Kampfstiefeln
fuchtelt mit der Pistole
engen Sitzen zusammen. Über zweiein- und brüllt: „Wir wol-
halb Tage sind sie jetzt schon unterwegs len 25 Dollar von je-
– nun endlich ist ein Ende der Reise ab- dem für die Benutzung
zusehen: Bis nach Warschau, ihrem der polnischen Stra- Schwarzmarkt im Stadion: Feilschen um Lippenstifte
Zielort, sind es noch sechs Stunden Bus- ßen.“ Drohend fügt er
fahrt durch die Nacht. hinzu: „Ein bißchen plötzlich, sonst Der murmelt etwas von der Verant-
Als der Wagen um drei Uhr morgens werden sich andere Herren mit euch be- wortung, die er für alle trage. „Ein Po-
erneut anhält, schlafen die Frauen tief. fassen.“ le hätte jedenfalls nicht gestoppt“, ent-
Auch Passagiere, die noch wach sind, Seine beiden Kumpel klettern im gegnet die Ukrainerin trotzig. Doch
kümmern sich nicht um die Fahrtunter- Gang über vollgepackte Taschen nach auch diese Beleidigung kann der Bus-
brechung. Schon mehrmals mußte der hinten, schalten die Leseleuchten über fahrer parieren: „Einen polnischen Bus
Fahrer des rot-weißen Ikarus einen de- den Sitzen aus und ziehen die schwarzen hätten die auch nicht überfallen.“
fekten Dieselschlauch abdichten. Rollos vor der Heckscheibe herunter. Wohl wahr. Solange Banden aus der
Doch diesmal zwingt keine Panne den Nur schemenhaft sind ihre Gesichter im ehemaligen Sowjetunion polnische
Linienbus von Lwiw, dem einstigen Gegenlicht der Taschenlampen zu er- Fahrgäste in Ruhe lassen, sieht die
Lemberg, zum unplanmäßigen Halt in kennen. Der hochgewachsene Anführer polnische Polizei offenbar keinen
einem Wald bei Labunie. Ein Auto mit droht mit seiner Pistole, die anderen Grund, gegen die allnächtlichen Über-
kreisendem Blaulicht hat sich auf der kassieren routiniert wie Schaffner das fälle vorzugehen. Auch von den Op-
Landstraße Nummer 17 quergestellt, Geld ein: „Schneller, schneller.“ fern kommt niemand auf die Idee, der
In einer der hinteren Rei-
he wehrt sich ein Mädchen
gegen den Überfall: „Du Ein ausrangierter
tickst wohl nicht richtig, ich Reisebus dient
habe nicht soviel Geld“,
faucht sie einen der Räuber als rollende Peep-Show
an. Doch dessen Aufforde-
rung, mit ihm „allein in den Polizei die Raubzüge zu melden. Das
Wald zu gehen“, läßt ihren würde außerdem viel zuviel Zeit ko-
Widerstand zusammenbre- sten.
chen. Seit der Öffnung der polnischen Ost-
Ein anderer Fahrgast grenze strömen täglich Hunderte von
weigert sich ebenfalls zu Bussen aus Rußland und Belorußland,
zahlen. Ihm verpaßt der aus den baltischen Staaten und der
Gangster einige Ohrfeigen Ukraine ins Land. Die meisten Passa-
und richtet die Waffe auf giere wollen auf polnischen Märkten ih-
seine Schläfe. Lediglich die re billigen Waren verkaufen: Plastik-
polnischen Fahrgäste sind spielzeug und Trödel, Handwerksgeräte
vom Inkasso befreit. Die oder Fotoapparate. Den Zloty-Erlös
vier Frauen vom Schwarzen tauschen sie in Dollar um und erwirt-
Meer müssen 100 Dollar schaften auf diese Weise manchmal so-
zahlen. gar mehr, als sie in einem Monat in der
Kaum sind die Gangster Heimat verdienen können.
FOTOS: K. WOJCIK / FORUM

vor der Stadt Zamośc in der Dafür ist kein Weg zu weit: Um über-
Dunkelheit verschwunden, haupt den Bus nach Warschau zu errei-
beschwert sich Natascha chen, hatten Natascha, ihre Schwester
Skrjabin aus Sewastopol Walja und zwei Freundinnen bereits 33
beim Fahrer: „Warum ha- Stunden Bahnfahrt überstehen müssen.
Händlerinnen aus Sewastopol ben Sie überhaupt angehal- Im Zug von Sewastopol nach Lwiw wa-
Plastiktüten voller Bonbons und Blusen ten?“ ren das Klo verstopft, der Schaffner be-

170 DER SPIEGEL 15/1995


AUSLAND

archie ein und müssen


ihre Waren auf dem
zugigen oberen Gang
des Stadions feilbie-
ten; die Polen errich-
ten ihre überdachten
Stände weiter unten
an windgeschützten
Stellen. In jüngster
Zeit zeigen sich aller-
dings in den oberen
Reihen immer größere
Lücken. Weil in vielen
Staaten der früheren
UdSSR die Preise
stark angezogen ha-
ben, lohnt sich der
Verkauf der begehrte-
sten Produkte kaum
noch.
Statt dessen inve-
stieren die Handels-
touristen lieber ihre
Dollar-Ersparnisse,
Linienbus Lwiw –Warschau, Handelsware: Marktbesuch an arbeitsfreien Tagen um billige Waren auf-
zukaufen und sie spä-
trunken, die Luft stickig und die Sitz- müde lächelnd zur Seite und läßt die ter auf den Märkten in ihrer Heimat zu
bänke offenbar seit dem Zusammen- Sünder großmütig wieder in den Bus vertreiben. Sie feilschen in Warschau
bruch der Sowjetunion nicht mehr gerei- steigen. um chinesische Seidenkostüme, polni-
nigt worden. Ziel der Fahrt ist das „Stadion zum sche Lippenstifte oder thailändische
Schon auf dem Busbahnhof von 10. Jahrestag“ (des Warschauer Auf- Hemden. „95 Prozent meiner Kunden
Lwiw, wo die vier Frauen für 25 Mark stands 1944). Auf dem riesigen Sport- kommen aus den GUS-Staaten“, sagt
Fahrscheine kauften, rückten sie aus feld im Stadtteil Praga mußten die Polen eine Standbesitzerin, die gerade 20
Angst eng zusammen: Vor Kassen und einst der Parteiführung huldigen. Wo Deodorants an eine Kundin aus dem
Wechselstuben lungerten finstere Ge- sich 1968 der Dissident Ryszard Siwiec 1200 Kilometer entfernten russischen
stalten herum. Mit tief ins Gesicht gezo- aus Protest gegen den Einmarsch der Woronesch verkauft hat.
genem Hut bot etwa ein Gauner einen Warschauer-Pakt-Truppen in die Tsche- Natascha und Walja, die Schwestern
100-Dollar-Schein für ein paar Mark an choslowakei verbrannte, hat sich inzwi- aus Sewastopol, haben sich auf den
und pries seine Blüte dreist als „garan- schen einer der größten Freiluftmärkte Einkauf von Süßigkeiten spezialisiert,
tiert echt“. Europas etabliert. ihre beiden Freundinnen wollen Texti-
Den Bus nach Warschau teilten sich lien erwerben. Für die Einkaufsfahrt
die Trödelhändler mit jungen Näherin- nach Polen nutzen sie ihre freien Tage.
nen aus der Umgebung von Lwiw, die BELO-
Zu Hause arbeitet Natascha als Sekre-
als Schwarzarbeiterinnen in Polen ihren Warschau RU S S L A N D tärin in einem Forschungsinstitut, Wal-
Lebensunterhalt verdienen wollen. „Es ja leitet die Nachtschicht beim Be-
soll sechs Dollar am Tag geben, ohne POLEN triebsschutz eines großen Werks.
Kost und Logis“, berichtet die blonde Labunie Kiew Daß sie auf dem Stadion-Markt von
Lwiw
Swetlana. Für diese Summe muß sie in (Lemberg) UKRAINE Warschau nach Schnäppchen jagen, sei
der Ukraine mindestens vier Wochen S LOWAKEI ihnen eigentlich peinlich, beteuern alle
MOLDAWIEN vier. „Früher schämte ich mich vor den
arbeiten. UNGARN
Kurz vor 23 Uhr hat der Bus die RU M Ä N I E N Nachbarn“, sagt die rundliche Tatjana,
Krim
Grenze erreicht und passiert eine end- 0 500 km die daheim in der Sparkasse die Renten
los lange Autoschlange – im Gegen- Sewastopol auszahlt. „Aber wir verdienen so we-
satz zu Privatautos und Charterbussen nig, uns bleibt gar nichts anderes
braucht der Linienverkehr nicht zu war- Händler aus ehemaligen Sowjetrepu- übrig.“
ten. bliken preisen hier ihre Waren an. Rund Auch auf dem Markt fühlen sich die
In einer Baracke müssen die Passagie- um die Verkaufsstände sind Reisebüros Frauen aus Sewastopol nicht sicher.
re ihr Gep äck vorzeigen. Den ukraini- und Imbißbuden entstanden; ein aus- Schnell tauchen sie im Menschenge-
schen Zöllner, der sie mit einer winzigen rangierter Reisebus dient als rollendes wühl unter, um nicht erneut Schutz-
Bewegung des Kugelschreibers einzeln Peep-Show-Theater. geld-Erpressern in die Hände zu fallen.
zu sich ruft, interessieren vor allem De- In der Nähe des Stadions bieten her- Denn die kassieren inzwischen nicht
visen; 500 Dollar pro Person können oh- untergekommene Hotels ihre Betten für nur auf den Zufahrtswegen ab, sondern
ne Anmeldung ausgeführt werden. Eini- sieben Mark pro Nacht an. Sogar eine machen auch das Stadion unsicher.
ge Fahrgäste werden in einem Neben- Zeitung, der Jahrmarkt Europas, er- Schon am nächsten Tag sitzen die
raum gefilzt. scheint in russischer Sprache mit Tips vier Freundinnen mit riesigen Plastikta-
Der polnische Grenzbeamte fahndet für die Händler. Rund 100 000 Polen schen voller Bonbons, Blusen und BHs
dagegen nicht nach Valuta, sondern verschafft der riesige Markt regelmäßige wieder im Linienbus Richtung Lwiw.
nach billigem Wodka. Hat er bei den Jobs. Diesmal werden sie in Ruhe gelassen.
Passagieren mehr als die eine erlaubte Verkäufer aus den GUS-Staaten neh- Kein Mafioso interessiert sich für ihre
Flasche pro Person entdeckt, stellt er sie men die niedrigen Ränge der Markthier- Waren. Y

DER SPIEGEL 15/1995 171


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SERIE

HITLERS HÖLLENFAHRT
Das Ende im Bunker und die lange Reise des Leichnams / Teil II

CHALDEJ / VOLLER ERNST


Sowjetfahne auf dem Reichstag am 2. Mai 1945: „Zusammen mit den Deutschen wären wir unbesiegbar gewesen“

n der Nacht vom 27. auf den 28. April sagt: „Jetzt bin ich wer, jetzt bin ich Roten Kreuzes, Folke Graf Berna-

I 1945 breitet sich im Bunker das Ver-


langen nach einem Massenselbstmord
aus. Vorher möchte der Chef, dessent-
die Schwägerin von Fegelein!“
Hitler läßt den möglichen Schwipp-
schwager vom Personenschützer Peter
dotte.
Davon erfährt Hitler erst am nächsten
Tag, dem 28. April, aus einer Meldung
wegen jeden Tag noch Tausende ihr Le- Högl im umkämpften Charlottenburg des Stockholmer Rundfunks. Die Bun-
ben lassen müssen, einen Mord an ei- aufspüren, in der bereits vom Feind er- kerbewohner schreien auf, allesamt wei-
nem seiner Paladine begehen. oberten Bleibtreustraße 4. nen sie und jammern. Dann wird auch
Vielleicht weiß er auch, was seine Se- Fegelein, in Zivil, hat einen Koffer noch bekannt, daß der von Hitler ge-
kretärin Christa Schroeder über seine mit 105 725 Reichsmark und Schweizer schätzte SS-General Karl Wolff – Fege-
Freundin Eva Braun und den SS-Grup- Franken bei sich, dazu Unterlagen leins Vorgänger als Himmlers Verbin-
penführer Hermann Fegelein weiß: über die Gespräche, die sein Chef dungsmann zu Hitler – an der Italien-
Dem ist „ihr Herz zugetan“. Zu ihrer Heinrich Himmler seit einem Jahr mit front mit den Amerikanern einen Waf-
Freundin Marion Schönmann hat Eva dem Feind im Westen angebahnt hat. fenstillstand ausgehandelt hat.
im Jahr zuvor gesagt: „Wenn ich Fege- Im Mai 1944 suchte der höchste Hen- Dazu noch die Befehlsverweigerung
lein zehn Jahre früher kennengelernt ker Kontakt ausgerechnet zum „Welt- des SS-Generals Felix Steiner: Hitler
hätte, würde ich den Chef gebeten ha- judentum“, er bot als Tauschobjekt die fühlt sich nun auch von seinen SS-Jani-
ben, mich freizugeben.“ 750 000 Juden Ungarns – über die tscharen verraten. Sein Sekretär Martin
Sie hat ihn dann mit ihrer Schwester Hälfte von ihnen kam nach Auschwitz. Bormann und der Generalstabschef
Gretl verheiratet – Hitler war Hoch- Seit Wochen verhandelt er nun mit Hans Krebs unterrichten General Wal-
zeitsgast – und zu Frau Schroeder ge- dem Vizepräsidenten des Schwedischen ter Wenck, Himmler wolle die Deut-

172 DER SPIEGEL 15/1995


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schen bedingungslos den „Plutokraten“


ausliefern.
Für den Abfall Himmlers und der SS
soll Verbindungsmann Fegelein büßen,
zumal Hitler ihn nun auch noch für je-
nen Informanten hält, der den briti-
schen Soldatensender Calais stets mit
frischen Anekdoten aus dem Haupt-
quartier versorgt hat. Er befiehlt dem
Gestapo-Chef Heinrich Müller, im Kel-
ler unter der zerstörten Dreifaltigkeits-
kirche (dort konfirmierte der Theologe
Friedrich Schleiermacher 1831 Otto von
Bismarck) den betrunkenen Fegelein zu
verhören, und zwar „scharf“.
Mit rotgeweinten Augen bittet Eva
Braun um Gnade für den Vater des Kin-
des, das ihre Schwester bald gebären
wird, vergebens: Hitler läßt Fegelein im
Ehrenhof der Reichskanzlei erschießen,
Freund Mussolini hat ja auch seinen
Schwiegersohn Graf Ciano hinrichten
lassen.
Jetzt ist der im Bunker eingeschlosse-
ne Hitler von der Furcht verfolgt, seine
SS trachte ihm nach dem Leben. Luft-
waffenadjutant von Below will im Bun-
ker erfahren haben, Himmler habe
„eine Verschwörung angezettelt, um Feldherr Hitler 1945*: „Es gibt keine jüdische Rasse“
Hitlers Leiche den Westmächten auszu-
liefern“. Himmler hatte im Februar von täubtem Zustand entführen soll. Leib- Lage zu erkunden: „Sagen Sie, gnädige
Goebbels gehört, daß Hitler „augen- wächter Rattenhuber hat irgendwoher Frau, sind die Russen schon bei Ihnen?“
blicklich lieber die Russen als die West- einen Tip bekommen, in den Bunker sei In den Kammern des überhitzten Bun-
mächte hereinlassen will“ – im Juni 1944 ein Attentäter eingedrungen. kers wabert der Gestank von Soldaten-
hatte ein SS-Obersturmbannführer in Mit einem Stadtplan schleicht der schweiß, Chlor und verstopften Abfluß-
Stockholm auch Kontakt zur Sowjetbot- Mann, der sich als „größter Feldherr al- rohren. Die Belüftungsanlage saugt
schaft gesucht, einen Sonderfrieden mit ler Zeiten“ (Gr öfaz) feiern ließ, durch Trümmerstaub in den Bunker, den Ge-
der UdSSR angeboten und behauptet, die Kellerflure und entwirft lauter neue ruch von Brand und Verwesung. Am spä-
seine Auftraggeber seien bereit, „den Strategien für die Armee Wenck, die ten Abend hat Goebbels den Volks-
Führer von der politischen Bühne ver- Berlin noch entsetzen soll. Die Nach- sturmmann Walter Wagner aufgetan, der
schwinden zu lassen“. Himmler erzählt richtenverbindungen des Bunkers in die in Pankow Müllabfuhr und Schulen ver-
nun Bernadotte, Hitler sei vom Schlag Außenwelt sind abgerissen. Ordonnan- waltet und als Standesbeamter fungieren
getroffen und bald tot. zen rufen über das weiter funktionieren- kann: Hitler will Eva Braun heiraten, mit
Wieso ist der Pilot Baur noch da? Hit- de öffentliche Telefonnetz Bekannte in Goebbels und Bormann als Trauzeugen.
ler erwägt, ob der ihn womöglich in be- umliegenden Stadtbezirken an, um die Hat er im Angesicht des Todes zu klein-
bürgerlicher Tugend zurückgefunden,
will er die durch den Fegelein-Mord ver-
störte Eva besänftigen, erwägt er gar im-
mer noch den Ruhestand mit „Fräulein
Braun“ und Blondi – ein Akt der Abdan-
kung? „Viele Frauen hängen an mir, weil
ich unverheiratet bin“, hatte er einmal ge-
sagt. „Es ist so wie bei einem Filmschau-
spieler . . .“ Das ist nun nicht mehr nötig,
um Mitternacht des 28. April.
Wagner fragt vorschriftsgemäß das
Brautpaar auch, ob es arischer Abstam-
mung und frei von Erbkrankheiten sei.
Ja, ja.
Frau Junge, die Sekretärin, gratuliert
dem „gnädigen Fräulein“, und Eva ant-
wortet: „Sie können mich jetzt ruhig Frau
Hitler nennen.“ Es gibt Sekt und belegte
Brote.
Hitler diktiert Frau Junge sein poli-
FOTOS: SÜDD. VERLAG

tisches und sein persönliches Testa-


ment. Darin schreibt er die Schuld an sei-

* Mit Generaloberst Ritter von Greim (l.) und Ge-


SS-Führer Fegelein, Eva Braun 1944: „Ihm ist ihr Herz zugetan“ neral Busse (r.).

DER SPIEGEL 15/1995 173


..

SERIE

An seine Mitarbeiter verteilt der Füh-


rer und Reichskanzler Giftampullen mit
Zyansäure; da er die Kapseln von
Himmler bekam, der sie im KZ Sach-
senhausen hat herstellen lassen, miß-
traut Hitler der Wirkung und läßt sie an
dem Schäferhund Blondi erproben. Sie
wirken.
Kein Ruhestand mehr. „Wenn kein
Wunder geschieht, sind wir verloren“,
sagt Hitler jetzt. „Meine Frau und ich
werden sterben.“ Er gibt Order, alle sei-
ne persönlichen Sachen zu vernichten:
„Trophäen für irgendein Museum darf

„Die Russen
stehen schon 100 Meter
vor der Reichskanzlei“
es nicht geben.“ 50 Jahre später wird

M. KÖHLER
das Moskauer Armeemuseum seine al-
te Parteiuniform und Stiefel ausstellen.
Zerstörte Alte Reichskanzlei im Juli 1945: In der Sahara verstecken Ein ziemlich gelassener Hitler trägt
dem zum Luftwaffenchef beförderten
nem Krieg England zu, vor allem aber Im Grunewald wird gekämpft, am An- Besucher Ritter von Greim auf, Hein-
den Juden. Er sterbe, um der „Schande halter Bahnhof ebenfalls, mehrere hun- rich Himmler sofort hinrichten zu las-
des Absetzens oder der Kapitulation zu dert Hitlerjungen des HJ-Chefs Artur sen und die Luftwaffe zur Verteidigung
entgehen“, und bekennt als Lebens- Axmann, 16 und 17 Jahre alt, verteidi- Berlins einzusetzen. Greim und die
werk, daß er wenigstens die Juden habe gen die Havelbrücken in Pichelsdorf Testpilotin Hanna Reitsch, der Magda
„büßen“ lassen, durch „humanere Mit- und Reichsarbeitsdienstleute das Olym- Goebbels einen Diamantring schenkt,
tel“ als Soldaten- und Bombentod. piastadion, um einen Fluchtweg offen- fliegen aus.
Er stößt Göring und Himmler aus der zuhalten – auch für Hitler. An den Generaloberst Jodl, der sich
NSDAP aus, von deren Fortbestehen er Der Panzerbär, die letzte Tageszei- in Mecklenburg befindet, läßt Hitler
demnach ausgeht, verpflichtet seine tung, streut Aussichten auf eine Wende: die Schicksalsfragen übermitteln:
Nachfolger zu Rassereinheit und Un- „Unsere Truppen haben an der Elbe i Wo Spitze Wenck?
barmherzigkeit gegenüber den Juden – den Amerikanern den Rücken gekehrt, i Wann tritt er an?
obwohl er im Februar eingestanden hat- um von außen her im Angriff die Vertei- i Wo 9. Armee?
te, daß seine ganze Ideologie auf einem diger von Berlin zu entlasten.“ Auf der i Wo Gruppe Holste (eine Kampf-
Irrtum beruhte: „Im eigentlichen Sinn Lagebesprechung um 22 Uhr rät der gruppe des Generals Steiner unter
des Wortes und vom genetischen Stand- Kommandeur der Kellerbesatzung, Wil- dem General Holste)?
punkt aus“, räumte er ein, „gibt es keine helm Mohnke, zum Ausbruch. i Wann tritt er an?
jüdische Rasse.“ Generalfeldmarschall Keitel
Das Ende seines Regimes will er noch hatte sich am Vortag auf einer
immer nicht wahrhaben. Er ernennt ei- Straßenkreuzung bei Neubran-
ne neue Regierung mit Großadmiral denburg mit General Gotthard
Karl Dönitz als Reichspräsidenten und Heinrici verabredet, dazu mit
Goebbels als Kanzler, selbst die Porte- dem Panzergeneral Hasso von
feuilles für Landwirtschaft und Arbeit Manteuffel. Dessen Stabschef
besetzt er; Bormann soll „Parteimini- Burkhart Mueller-Hillebrand
ster“, Himmler-Nachfolger als SS- und (1962 Gutachter in der SPIE-
Polizeichef soll der brutale Breslauer GEL-Affäre im Auftrag der
Gauleiter Karl Hanke werden, der frü- Redaktion) legt am Treffpunkt
her einmal, als er noch Goebbels’ vorsichtshalber Offiziere in ei-
Staatssekretär war, Magda Goebbels nen Hinterhalt. Heinrici wei-
über die Affäre ihres Mannes mit dem gert sich, Befehle eines Ober-
Filmstar Lida Baarova hinweggetröstet kommandos zu befolgen, das
hat. die Lage nicht kennt; Keitel
Die sowjetische Artillerie schießt fordert, ein paar tausend De-
kaum noch auf die Reichskanzlei, die serteure zu erschießen. Heinri-
Rote Armee will lieber den Reichstag ci sagt, er möge selbst damit
erobern. Aus der Mannschaftskantine bei den vorbeiziehenden, total
schallt Jazzmusik, das Geschrei tanzen- erschöpften Truppen begin-
der Betrunkener. nen.
ULLSTEIN

Am Morgen des 29. April kommt Keitel zieht ab und beant-


endlich ein Lagebericht: Sowjetische wortet per Funk Hitlers Fra-
Panzer stünden bereits am Potsdamer Panzerfaust-Schulung gen. Zu 1): liegt südlich
Platz, 450 Meter vor Hitlers Zitadelle. „500 000 deutsche Tote in Berlin“ Schwielowsee fest. Zu 2):

174 DER SPIEGEL 15/1995


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fördernder Fettsuppe gefüttert, ließ er


1944 über die Moskauer Gorkistraße
marschieren, preisgegeben dem Hohn
der Bevölkerung. Marschall Schukow
hatte einmal dem ukrainischen Chefpo-
litruk Nikita Chruschtschow am Telefon
eröffnet: „Bald werden wir das schleimi-
ge Biest Hitler in einem Käfig einge-
sperrt haben.“
Mittags erteilt Hitler endlich dem
Berlin-Verteidiger Helmuth Weidling
den Befehl zum Ausbruch aus Berlin,
den der General für die Überreste von
vier Divisionen auf 22 Uhr festsetzt.
Hitler fordert Weiterkämpfen „in den
Wäldern“; eine Kapitulation erlaubt er
nicht. Dann ißt er – ohne seine Frau –
zum Mittag Spaghetti mit Tomatensoße.
Vorführung von Kriegsgefangenen in Moskau 1944: „Durch die Straßen zerren“ Kurz nach 15 Uhr verabschiedet sich
Hitler von seinen Mitarbeitern, für Lin-
12. Armee kann daher Angriff auf Ber- ßen: „1934 hat es 34 000 Mark gekostet.“ ge denkt er schon an eine neue Stellung:
lin nicht fortsetzen. Zu 3): 9. Armee mit Er hat erfahren, daß die Leichen seines Er solle flüchten, rät er. „Wozu noch,
Masse eingeschlossen. Zu 4): in die Ab- Freundes Mussolini und dessen Geliebter mein Führer?“ fragt Linge. Hitler: „Für
wehr gedrängt. Von der 9. Armee wer- dem Pöbel überlassen wurden. Er selbst den Mann, der nach mir kommen wird.“
den die Russen später melden, 60 000 hat sich daran delektiert, den Tod des Ge- Frau Hitler schenkt Frau Junge ihren
Mann getötet und doppelt so viele ge- neralfeldmarschalls Erwin von Witzle- Silberfuchs und der BDM-Obergebiets-
fangen zu haben. Die 12. Armee ergibt ben am Fleischerhaken filmen zu lassen.
sich am Ende den Amerikanern, die So sagt er zu seinem SS-Adjutanten Otto
entgegen ihrer Zusage viele Soldaten, so Günsche „völlig ruhig“ (laut Günsche): „Wir haben viel mehr
die Division Jahn, samt Nachrichtenhel- „Ich möchte nicht, daß meine Leiche von
ferinnen den Sowjets ausliefern. den Russen in einem Panoptikum ausge- mit dem Bolschewismus
Am 30. April um 3.30 Uhr morgens stellt wird.“ Er beauftragt Günsche und
den Diener Heinz Linge, seinen Leich-
als dem Westen gemein“
funkt Bormann an Dönitz in Plön: „Der
Führer lebt und leitet Abwehr Berlin.“ nam zu verbrennen.
Hitler steht ungewohnt früh auf, um Auch den Altparteigenossen Walter führerin Gisela Hermann ihr Braut-
sechs Uhr, und nimmt im schwarzseide- Hewel warnt er, wenn der den Russen in nachthemd. Noch immer schallt aus der
nen Morgenmantel und in Lackleder- die Hände falle, werde man ihn „ausquet- Kantine Musik und Gejuchze herüber.
pantoffeln die Lagemeldung Mohnkes schen, bis Ihnen die Augen aus den Höh- Adolf und Eva Hitler setzen sich auf
entgegen: Die Russen stünden schon am len treten, und dann wird man Sie durch das kleine Sofa im Führerwohnraum,
Hotel Adlon, Ecke Wilhelmstraße/Un- die Straßen Moskaus zerren und Sie in ei- SS-Mann Günsche stellt sich „wie ein
ter den Linden, und im U-Bahnschacht nem eisernen Käfig im Zirkus oder Zoo Wachposten“ vor die Tür, läßt Magda
an der Voßstraße neben der Reichs- zur Schau stellen“. Goebbels noch einmal kurz hinein,
kanzlei – 100 Meter vor dem Bunker. Immerhin hat Stalin später bedauert, weist Axmann zurück.
Zur gleichen Stunde besteigen mit Wal- Hitler nicht lebend in die Hand bekom- Die russische Artillerie schießt auf ih-
ter Ulbricht zehn deutsche Kommuni- men zu haben. Und über 57 000 deutsche re Art weiter Salut. Trotz des Kanonen-
sten aus dem Moskauer Hotel Lux das Kriegsgefangene, zuvor mit Diarrhöe- donners wollen einige Kumpane, die im
Flugzeug nach Berlin, um dort durch Betonwände abgetrenn-
die Geschäfte zu übernehmen. ten Besprechungsraum warten,
Ehefrau Eva kommt den gan- gegen 15.30 Uhr einen Schuß
zen Vormittag nicht aus ihrer gehört haben. Nach zehn Minu-
Kammer. Um acht Uhr beginnt ten betreten sie das Zimmer, ih-
neues Trommelfeuer auf den re Aussagen über das Vorgefun-
Bunker. Pilot Hans Baur bietet dene widersprechen sich.
Hitler an, ihn mit einem der Sie waren sich einig: Hitler
drei in Rechlin bereitstehenden war tot, seine Frau, die zu
sechsmotorigen Langstrecken- Traudl Junge gesagt hatte: „Ich
Transporter vom Typ Ju-390 aus- möchte eine schöne Leiche
zufliegen, ganz weit weg – non- sein“, hatte sich vergiftet. Ihre
stop nach Argentinien, Japan, Körper wurden im Garten der
Gr önland, in die Mandschurei Reichskanzlei verbrannt, aber
oder nach Jerusalem, „zu einem nur unvollständig. Günsche und
der Scheiche“, berichtet Baur Linge führten den Befehl ihres
später, „die ihm aufgrund der Ju- Chefs, seine Leiche ohne Zeu-
denfrage immer sehr gewogen gen und restlos zu vernichten,
waren und (ihn) während des nicht aus. Die SS-Posten, denen
Kriegs oft mit Kaffee versorgt ihr Götze das Rauchen verboten
hatten“. Die könnten ihn in der hatte, zündeten sich die Zigaret-
Sahara verstecken. ten an.
AKG

Hitler dankt und schenkt Baur Es war die Walpurgisnacht.


das Bild von Friedrich dem Gro- Hitler-Sekretär Bormann: Telefonat mit Sowjets Der sowjetische Feldarzt, wel-

176 DER SPIEGEL 15/1995


..

SERIE

cher Hitlers Relikte sezieren wird, trägt tergekommenen Großadmiral Dönitz, in


den Vornamen „Faust“ – das Drama dem er Hitlers Tod verschweigt: „Anstel-
verfällt zur Danse macabre. le des bisherigen Reichsmarschalls Gö-
Im Bunker, der vorher schon von wei- ring setzt der Führer Sie, Herr Großadmi-
teren möglichen Zeugen geräumt wor- ral, als Nachfolger ein.“
den ist, sind Bormann, Axmann, die Dönitz antwortet mit einer Ergeben-
Goebbels-Familie, General Krebs, heitsadresse an Hitler, dessen angekohlte
Kammerdiener Linge, Adjutant Gün- Leiche bereits in einem Bombentrichter
sche, Leibwächter Rattenhuber, Gesta- verscharrt worden ist: „Mein Führer!
po-Chef Müller und ein Dutzend SS- Meine Treue zu Ihnen wird immer und
Chargen sowie drei Sekretärinnen zu- unabdingbar sein. Ich werde daher weiter
rückgeblieben. General Weidling stößt alle Versuche unternehmen, um Sie in
dazu, er brauchte eine Stunde, um sich Berlin zu entsetzen.“
unter Feuer von seinem gut einen Kilo- Neuer Reichskanzler ist nun kraft Hit-
meter entfernten Gefechtsstand im ler-Testament Goebbels, und der sucht
Bendlerblock durch Ruinen und Keller allen Ernstes noch rasch seinen Sonder-
zur Reichskanzlei durchzuarbeiten. Er frieden mit Stalin. 20 Jahre ist es her, daß
er in den NS-Briefen geworben
hatte: Rußland, das den „sozia-
listischen Nationalstaat“ er-
richte, sei „unser natürlicher
Verbündeter gegen die teufli-
schen Versuchungen des We-
stens“. „Wir haben viel mehr
mit dem östlichen Bolschewis-
mus als mit dem westlichen Ka-
pitalismus gemein.“
Bormann verlangt, einfach
das sowjetische Oberkomman-
do anzurufen. Mit einem von
ihm verfaßten Brief schickt er
einen Oberstleutnant Seifert
samt Dolmetscher zum Gesta-
po-Hauptquartier an der Prinz-
Albrecht-Straße, dahinter wer-
den die Parlamentäre von Rot-
armisten empfangen. Seltsam:
Die kennen schon das Staatsge-
heimnis – „Gitler kaput.“
Nach Mitternacht wird von
derselben Stelle aus General
Krebs zum Gefechtsstand
des Sowjetgenerals Wassilij
Tschuikow in Tempelhof,
BPK

Schulenburgring 2, geleitet.
Mussolini-Leiche (l.) 1945: „Im Panoptikum“ Krebs scheint der richtige
Mann zu sein: Er war einmal Vi-
erfährt (so seine Aussage in Sowjethaft), ze-Militärattaché in der UdSSR und
Hitler und seine Frau hätten „Selbstmord spricht Russisch. Stalin hat ihn im April
durch Gift begangen, worauf sich Hitler 1941 – ein Vierteljahr vor dem deut-
noch erschossen habe“. schen Überfall – bei der Verabschie-
Jetzt gilt es, die eigene Haut zu retten. dung des japanischen Außenministers
Die Frauen fürchten Vergewaltigung und Matsuoka auf dem Bahnhof in Moskau
den empfohlenen Suizid. Im Keller der demonstrativ umarmt: „Wir müssen
Reichskanzlei liegen Hunderte Verwun- Freunde bleiben.“ Jetzt überreicht
dete, Arzt Schenck erwägt, ob er ihnen Krebs dem Stalingrad-Helden Tschui-
auf nationalsozialistische Art mit einer kow die Nachricht vom Tod Hitlers.
Injektion den „Gnadentod“ gibt: Die 12. Tschuikow antwortet gelassen: „Das ist
Armee hatte ein Gefecht zur Rettung von uns bereits bekannt.“ Woher – aus Bor-
6000 Verwundeten bei Beelitz damit be- manns Telefonat?
gründet, „daß in den von Rußland er- In seinen Memoiren behauptet
oberten Gebieten alle verwundeten deut- Tschuikow später, geblufft zu haben,
schen Soldaten, die weder zu einem und äußert die Vermutung, Hitler habe
Kriegs- noch zu einem Arbeitseinsatz zu diesem Zeitpunkt noch gelebt. Die
verwendbar sind, erschlagen werden“. Todesnachricht habe nur die Alliierten
Goebbels und Bormann möchten nicht spalten, die Westmächte zur Allianz mit
nur ihr Leben retten, sondern auch ihre den Deutschen gegen die UdSSR er-
Machtbefugnisse. Bormann schickt um muntern sollen – Himmlers Projekt.
18.35 Uhr des 30. April einen Funkspruch Ritterkreuz- und Monokelträger
an den in Schleswig-Holstein, in Plön, un- Krebs aber hat das Gegenteil im

DER SPIEGEL 15/1995 177


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Sinn. Er überreicht Tschuikow einen


von Bormann gegengezeichneten Goeb-
bels-Brief an Stalin:
Ich teile dem Führer des Sowjetvolkes
als dem ersten Nichtdeutschen mit,
daß heute, am 30. April 1945, der Füh-
rer des deutschen Volkes, Adolf Hitler,
um 15.50 Uhr von eigener Hand ver-
schieden ist . . .

Dieser Kontakt hat den Zweck zu klä-


ren, inwiefern die Möglichkeit besteht,
zwischen dem deutschen Volk und der
Sowjetunion Friedensgrundlagen zu
schaffen, die dem Wohl und der Zu-
kunft der beiden Völker, welche die
größten Verluste im Krieg erlitten ha-
ben, dienen werden.
Tschuikow informiert seinen Oberbe-
fehlshaber, Marschall Schukow, der mit
Moskau telefoniert (den Text der

BPK
Krebs-Papiere übersetzt am Telefon
Hauptmann Lew Besymenski, der spä- Goebbels-Familie 1941: Zyankapseln in den Mund
tere Historiker). Stalin über Hitler zu
Schukow: „Der Schuft hat also ausge- läßt sich Stalin nicht ein, nur auf eine senhower in Reims, am nächsten Tag
spielt. Schade, daß wir ihn nicht leben- bedingungslose Kapitulation. Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel in
dig in die Hände bekommen haben. Wo Es kommt alles zu spät. Einen Son- Berlin-Karlshorst gegenüber Marschall
ist Hitlers Leiche?“ derfrieden nach dem Muster von Brest- Georgij Schukow. Allein die Eroberung
Litowsk 1918, unter Preisgabe der West- der deutschen Hauptstadt hat das Leben
provinzen des eigenen Reiches, hatte von 304 887 Rotarmisten gekostet, dazu
Fröhliche Russinnen Stalin in den ersten Kriegswochen und über ein Drittel der eingesetzten Pan-
dann im Oktober 1941 erwogen, als die zer. Die Sowjets meldeten 500 000 deut-
plündern die Deutschen vor Moskau standen; er bat sche Tote (allein in West-Berlin fanden
Kleider von Eva Hitler Bulgarien um Vermittlung. Auch her- sich die Gr äber von 18 320 Soldaten und
33 420 Zivilisten).
nach hatte er noch einen Deal sondieren
lassen. Einen Attentatsversuch seiner Eine Separatregierung in Berlin, die
Warum Hitlers Testament und Selbst- Agenten auf Hitler untersagte Stalin sich mit Moskau arrangiert, wird es ge-
mord geheimgehalten würden, fragt 1944, weil Göring dann mit dem Westen ben – aber mit der soeben aus Moskau
Tschuikow General Krebs. Antwort: Frieden schließe – solange Hitler lebe, eingetroffenen Gruppe Ulbricht: Krebs
„Weil das Himmler erfahren und zur sei diese West-Option nicht zu befürch- kehrt nach acht Stunden ohne Resultat
Bildung seiner Regierung benutzen ten. Am Ende des Krieges sagte Stalin mittags in den Bunker zurück und
wird, außerdem haben wir in Berlin kei- zu seiner Tochter Swetlana: „Ach, zu- nimmt sich am Abend das Leben.
ne Nachrichtenmittel für eine Bekannt- sammen mit den Deutschen wären wir Goebbels verharrt in Arroganz: „Die
gabe.“ unbesiegbar gewesen.“ wenigen Stunden, die ich noch als deut-
Auf so ein Spiel, Deutschland zwi- Es ist der 1. Mai, und Stalin hat ge- scher Reichskanzler zu leben habe, wer-
schen Himmler und Dönitz (West), siegt. Kaum eine Woche später kapitu- de ich nicht dazu benutzen, meine Un-
Goebbels und Bormann (Ost) zu teilen, liert Generaloberst Alfred Jodl vor Ei- terschrift unter eine Kapitulationsur-
kunde zu setzen.“ Deshalb müssen noch
Tausende sterben, zumal General Weid-
ling die Kapitulation der Berliner Trup-
pen bis zum nächsten Mittag aufschiebt,
damit die restlichen Bunkerbewohner
und Mohnkes Leibgarde noch ausbre-
chen können. Die meisten geraten in so-
wjetische Gefangenschaft oder entlei-
ben sich. Bormann und Gestapo-Müller
verschwinden ins Nirgendwo (1972
kommen Bormanns Knochen am Lehr-
ter Bahnhof ans Licht), Axmann gelangt
in den Westen. Die Verwundeten blei-
ben noch im Kellerlazarett.
Mit einem Tag Verspätung unterrich-
tet Reichskanzler Goebbels am 1. Mai
um 15.18 Uhr seinen Reichspräsidenten
Dönitz vom Selbstmord seines Voll-
SÜDD. VERLAG

machtgebers; Dönitz gibt im Rundfunk


bekannt, Hitler sei im Kampf gefallen.
Das Ende: Magda Goebbels, einzige
Goebbels-Leichnam 1945 (Sowjetfoto): „Teuflische Versuchungen des Westens“ Frau mit goldenem Parteiabzeichen,

178 DER SPIEGEL 15/1995


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imitiert Hitlers Umgang mit Unterworfe- Am 4. Mai fährt Klimenko mit sechs Teil des Schädeldachs fehlt . . . Der Un-
nen: Sie schiebt ihren mit Morphium be- Bunkerzeugen noch einmal in die terkiefer liegt frei in der angesengten
täubten Kindern Helga, Hilde, Helmut, Reichskanzlei, die Leiche liegt nicht Mundhöhle“ – dieses Stück war von den
Holde, Hedda, Heide – die Älteste, zwölf mehr im Becken. Sein Soldat Iwan Smersch-Leuten erst nachgereicht wor-
Jahre alt, hat sich noch gewehrt – Zyan- Tschurakow buddelt „drei Meter vor den. Sie hatten es dem Leichnam ent-
kapseln in den Mund. Sie weint, dann dem Eingang zum privaten Luftschutz- nommen und von der Zahnarzthelferin
kocht sie Kaffee. Am Abend schreiten keller Hitlers“, so seine Meldung, aus Katharina Heusermann, danach von
Goebbels und Frau die 37 Stufen in den einem Bombentrichter zwei Körper aus dem Zahntechniker Fritz Echtmann
Garten hoch, beide nehmen Gift. Die und muß sie wieder eingraben, weil in identifizieren lassen: Hitlers Zähne.
Leichen werden angezündet. der Reichskanzlei gerade die Wasser- Auch eine Oberkieferbrücke aus Me-
Der Krieg ist zu Ende, der NS-Alp- beckenleiche vom Vortag als Hitler ge- tall ist vorhanden. Im Mund seines Un-
traum vorbei: Während die Berliner sich filmt wird. Aber der Sowjetdiplomat tersuchungsobjekts entdeckt der Dr.
noch angstvoll in ihren Kellern verber- Andrej Smirnow – später Botschafter in Faustus Glassplitter, „Teile von der
gen, feiern die Sieger auf den Straßen mit Bonn – stellt fest, daß es Hitler nicht ist. Wand und dem Boden einer dünnwan-
Kosakentänzen und Gesang am Lager-
feuer, mit Alkohol und Massenvergewal-
tigungen.
Am 2. Mai steckt nur noch Haustechni-
ker Johannes Hentschel im Bunker, weil
er die Wasserpumpe für das Lazarett in
Gang halten möchte. Gegen neun Uhr
dringen die ersten Feinde ein: Ein Dut-
zend sowjetischer Sanitäterinnen mit Ta-
schen und Beuteln suchen „die Klamot-
ten“ von Frau Hitler. In einer Kammer
liegen noch die toten Goebbels-Kinder.
Nachdem seine Leute das Gelände vor-
sichtig nach Minen abgesucht haben, be-
setzt Oberst Antonow von der 301. Schüt-
zendivision kampflos die Reichskanzlei.
Der letzte Bunkerbewohner, Hentschel,
wird abgeführt, fröhliche Russinnen win-
ken ihm mit Evas Büstenhaltern nach.

NOVOSTI
Am Nachmittag erreicht Oberstleut-
nant Iwan Klimenko vom Militärgeheim-
dienst den Schauplatz. Er führt eine Falsche Hitler-Leiche: Mit gestopften Socken
Fahndungsabteilung der Einsatzgruppe
„Smersch“ (Abk ürzung von: Tod den Der Reichskanzlei-Komplex ist inzwi- digen Ampulle“. Er kann einen Hoden
Spionen) beim 79. Schützenkorps der 3. schen der 5. Stoßarmee unterstellt wor- seines Untersuchungsobjekts nicht fin-
Stoßarmee. Das ist das künftige Bestat- den, zum Betreten des Geländes den. Resultat der Obduktion: Tod
tungsunternehmen des Führers und braucht Klimenko jetzt einen Passier- durch Zyanvergiftung.
Reichskanzlers Adolf Hitler. schein. Nachts holen der Rotarmist Der Smersch-Stab zieht um nach Fi-
Der Garten liegt voller Leichen, auch Tschurakow und sein Chef Klimenko now, nimmt in Munitionskisten die Lei-
Verstorbene aus dem Kellerlazarett sind die beiden Fundsachen wieder hervor; chen der elf Personen und zwei Hunde
der gefangene SS-Oberscharführer Har- mit und vergräbt sie auf dem Gelände
ry Mengershausen, der in der Reichs- der neuen Garnison. Am 18. Mai
Stalin ortet Hitler kanzlei Posten gestanden hatte, identifi- kommt ein General mit Sonderauftrag,
ziert den Fundort hernach als Grabstelle die Relikte werden exhumiert und von
in Spanien und von Eva und Adolf Hitler. den Bunkerzeugen, die sich in sowjeti-
in Westdeutschland Ausgräber Iwan hat noch mehr zutage
gefördert: ein Medaillon („Laß mich im-
scher Hand befinden, begutachtet.
Am 23. Mai informiert der General
mer bei dir sein“), sechs Hundertmark- über Sondertelefonleitung den Geheim-
dort verscharrt worden. Die Smersch- scheine, eine Hundemarke und zwei polizeichef Berija. Protokoll, Zahn-
Leute finden die Überreste des Ehe- Tierkadaver: „Deutscher Schäferhund brücke und Unterkiefer bringt er nach
paars Goebbels; „auf der verkohlten (Hündin), Fell dunkelgrau, hochge- Moskau mit.
Leiche der Frau“ liegt laut Rapport „ein wachsen, um den Hals eine Kette aus Die endgültige Identifizierung besorgt
goldenes Parteiabzeichen der NSDAP“. kleinen Ringen“, und „ein kleiner Hund Josef Stalin: Es sind nicht Hitlers Über-
Klimenko läßt beide auf eine ausge- (Rüde), Fell schwarz, kein Halsband“. bleibsel, entscheidet unbesehen der
hängte Tür laden und zu seinem Stütz- Smersch legt alle Fundsachen im Kel- Diktator. Er mochte nicht wahrhaben,
punkt im Gefängnis Plötzensee bringen. ler des Stabes in Berlin-Buch auf Eis. daß sein Traumverbündeter und Erz-
Am nächsten Tag werden die Kinder- „Es stank entsetzlich“, berichtet Haupt- feind Adolf Hitler verweste, zu nichts
leichen und der Körper von Krebs ge- mann Blaschtschuk vom Smersch der 3. mehr nutze, nicht einmal zur Abschrek-
funden und von dem gefangengenom- Stoßarmee Jahrzehnte später dem kung in einem Glassarg vorführbar.
menen Vizeadmiral Voss und anderen SPIEGEL. Am 8. Mai obduziert Dr. Oder doch? Der Leichenfund ließ sich
Zeugen, so Hitlers Koch und einem Faust Jossifowitsch Schkarawski alles im verschweigen, das Gespenst aber instru-
Garagenmeister, identifiziert. Klimenko Leichenschauhaus der Klinik Buch. mentalisieren: ein Mythos.
fährt mit Voss wieder zum Bunker, vor Beim vermuteten Hitler-Körper stellt Desinformation, hohe Kunst sowjeti-
einem mit Leichen gefüllten Löschwas- der Feldarzt fest: scher Geheimer, mußte weiterhelfen;
serbecken ruft Voss: „Oh, da ist Hitlers „Die Leiche ist stark verkohlt und die deutschen Zeugen wurden für ein
Leiche!“ Sie trägt gestopfte Socken. riecht nach verbranntem Fleisch. Ein Jahrzehnt im Geheimpolizeihauptquar-

180 DER SPIEGEL 15/1995


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tier Lubjanka, im Moskauer Gefängnis genheiten, Hitler an allen Ecken der Innenminister Sergej Kruglow ließ
Lefortowo, schließlich in den Zwangsar- Welt (außer in der Sowjetunion und „strengstens geheim“ im Dezember
beitslagern des Gulag versteckt. Drei der Sowjetzone Deutschlands) zu or- 1945 einen „Plan der operativen Maß-
Tage nach dem Telefonat aus Berlin äu- ten. Stalin half dabei. nahmen zur Untersuchung der Um-
ßerte Stalin gegenüber dem US-Präsi- Auf seiner Pressekonferenz vom 9. stände des Verschwindens Hitlers“ aus-
dentenberater Harry Hopkins, seiner Juni verkündete Schukow der Welt- arbeiten, die „Operation Mythos“ lief
Ansicht nach sei Hitler nicht tot, son- presse, Hitlers Aufenthalt sei ein Rät- an.
dern halte sich irgendwo verborgen, sel, er könne aus Berlin ausgeflogen Der Polizei-Oberstleutnant Klaus-
wahrscheinlich in Japan; er denke, auch sein. Er glaube, Hitler halte sich in sen, ständiger Vernehmer der gefange-
Goebbels, Bormann, Krebs seien ent- Spanien auf, und Stadtkommandant
flohen. Bersarin stimmte zu. Auf der Potsda-
Dann trat ein sowjetischer Major mer Konferenz im Juli erklärte dann „Nach dem Schuß
Iwan Nikitin auf. Ihm gelang es, dem auch Stalin dem neuen US-Präsidenten
US-Nachrichtenmagazin Time eine Ge- Harry Truman, die sorgfältigen sowje- verlor Hitler
schichte aufzutischen, die am 28. Mai tischen Nachforschungen hätten keine nur das Bewußtsein“
erschien: Ein erregter Hitler habe sich Spur von Hitlers Überresten ans Licht
am 27. April vor Eva und dem Nikitin- gebracht; er glaube, Hitler lebe, und
Gewährsmann, einem SS-Untergrup- zwar bei seinen Faschistenfreunden nen Zeugen, außerdem Spezial-Inspek-
penführer (ein Dienstrang, den es nicht Franco (in Spanien) oder Perón (in tor Ossipow und der Gerichtsmediziner
gab), so ausgelassen: Argentinien). Semjonowski mußten alles noch einmal
„Solange ich lebe, gibt es keinen Kon- Damit hatte Stalin neue Objekte sei- untersuchen.
flikt zwischen Rußland, Amerika und ner imperialen Begierde benannt. Un- Professor Semjonowski zerriß das Ob-
England: Sie sind in ihrem Willen einig, ter der Überschrift „Hitlers Agent Ge- duktionsprotokoll des Doktor Faust
mich zu vernichten. Wenn ich aber tot neral Franco“ war in der Prawda eben („vermutlich Hitlers Leiche“) in der
bin, können sie nicht mehr verbündet ein Kommentar erschienen: „Im Inter- Luft: Die Schädelbasisknochen seien
bleiben! Der Konflikt muß kommen! esse des Friedens und der Sicherheit in nicht untersucht worden, die Diagnose
Aber wenn er kommt, muß ich am Le- Europa ist die baldige Ausmerzung der des Zyantodes stütze sich nur auf die an-
ben sein, um das deutsche Volk zu füh- faschistischen Brutstätte auf der Iberi- geblichen zerdrückten Ampullenreste
ren . . . Deutschland kann für die Zu- schen Halbinsel notwendig.“ im Mund und sei ein Analogieschluß
zum Zustand der anderen Leichen.
„Diesen Befund dürfte man nur als Mut-
maßung betrachten.“
Es fehle eine gerichtsmedizinische
Untersuchung von Organteilen auf Zy-
anverbindung. Doch ein Frontlabor hat-
te schon im Mai Organproben unter-
sucht. Ergebnis: keine Zyanspuren.
Damit wäre glaubhaft, daß Hitler –
wenn es denn seine Leiche war – nicht
am Gift starb, dieses jedenfalls noch
nicht in den Körper gedrungen war. Die
These des SS-Führers Schellenberg, sein
Chef Himmler habe Hitler vergiftet, war
widerlegt, und auch die Vermutung des
Arztes Schenck konnte kaum stimmen,
Hitler habe sicherheitshalber gleichzei-
tig Zyankali geschluckt und sich er-
schossen, wie Professor Haase es ihm
geraten und Botschafter Hewel es bei
sich selbst vollzogen hatte.
SÜDD. VERLAG

Die drei von der Sowjetpolizei unter-


ULLSTEIN

suchten im April/Mai 1946 den Tatort


und versammelten alle greifbaren Zeu-
Hitler-Adjutant Günsche, Ex-Kammerdiener Linge (1955): Prügel mit Peitschen gen noch einmal im Bunker (die Reichs-
kanzlei wurde 1949 abgeräumt, das
kunft nur hoffen, wenn die ganze Welt Stalin mochte die kommunistische Areal als Schußfeld für die angrenzende
denkt, ich sei tot. Ich muß . . .“ Da Niederlage im Spanischen Bürgerkrieg DDR-Mauer 1961 planiert, der Bunker
mußte der angebliche Ohrenzeuge den (1936 bis 1939) nicht hinnehmen. Eine 1988 geschleift).
Raum verlassen. behauptete Präsenz Hitlers hätte als Sie mußten die Sterbeszene nachstel-
Das war noch ganz plausibel, der Rest Interventionsgrund gereicht, Spanien len – wo sie sich befanden, wo Hitler saß
Phantasie: „Hinter einem Regal in Hit- taugte zudem als Angelpunkt für und wo Frau Eva, ob und wann ein
lers persönlichem Raum fanden die Frankreich und Italien, wo die Kom- Schuß fiel, wer die Leichen die Treppe
Fahnder eine unauffällige, bewegliche munisten nach dem Krieg sehr stark hinaufbugsierte, wo sie angezündet wur-
Betonwand. Dahinter war eine manns- geworden waren. Im September 1945 den.
hohe Öffnung, die zu einem supergehei- ortete Moskau das Gespenst Hitlers Beim Lokaltermin stand im Bunker
men Betonschutzraum führte . . . ein sogar in Deutschland, und zwar in der noch Hitlers Sofa mit Blümchenbezug,
weiterer Gang mit einer unterirdischen britischen Zone – der Kalte Krieg be- auf dem die Nachforscher vielerlei Blut-
Feldbahn . . . Fußspuren.“ gann, auf deutschem Territorium. spritzer und -rinnsale, bis zu acht Zenti-
Nach dieser Time-Veröffentlichung In Moskau wurde Hitlers Unterkom- meter breit, ermitteln konnten. Resul-
fand die Sensationspresse vielerlei Gele- men ein Fall für die Polizei. Der Vize- tat: „Ein Schuß in den Kopf.“ Sie folger-

182 DER SPIEGEL 15/1995


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Leute geblieben. Die Kisten wan- thos-Schlußbericht ganz nach Stalins In-
derten mit, als ihre Besitzer nach tentionen: „Ungeachtet der Tatsache,
Rathenow versetzt wurden, dann daß alle Angaben für die Aussagen von
nach Stendal, schließlich Magde- Linge und anderen Personen sprachen,
burg. Hitler habe Selbstmord begangen, hält
Dort hatten sie ihre Fracht be- die Kommission es nicht für möglich, in
reits am 21. Februar 1946 neben ih- dieser Frage endgültig Schlüsse zu zie-
rer Wohnung begraben, „in einer hen.“
zwei Meter tiefen Grube im Hof Kein Zeuge war bei Hitlers Tod dabei-
des Hauses Westendstraße 36 an gewesen, von denen, die ihn aufgefun-
der südlichen, steinernen Hof- den hatten, lebten noch Linge und Gün-
wand in 25 Meter Entfernung di- sche, beide in Sowjethaft, und Axmann
rekt nach Osten“. So lautet jeden- im Westen. Ihre Angaben waren alle-
falls das Protokoll von acht samt ein – vielleicht beabsichtigter –
Smersch-Agenten, über das der Wirrwarr, sie widersprachen einander
Moskauer Historiker Lew Besy- und änderten auch ihre eigenen Aussa-
menski den SPIEGEL informiert gen. Das Verschwinden des Verbrechers
hat. von welthistorischem Format geriet zum
Demnach waren es elf Leichen: Kriminalpuzzle.
Diese beiden zusammengefügten die von „Reichskanzler Adolf Hit- Diener Linge sagte bei den Russen
Schädelstücke hielt die sowjeti- ler, seiner Frau Eva Braun, aus, er habe einen Schuß gehört, zwei Pi-
sche „Mythos“-Kommission für Hit- Reichsminister für Propaganda Jü- stolen vom Kaliber 7.65 und 6.35 Milli-
lers Relikte – was der deutsche Ge- sef Goebbels“ – so der Wortlaut –
richtsmediziner Otto Prokop bezweifelt.
meter auf dem Teppich liegen sehen.
Das angebliche, kleine Ausschußloch (oben) „seiner Frau und Kinder, General- Hitler lehnte, vom Eingang aus gesehen,
befindet sich im linken hinteren Scheitelbein. stabschef General Krips. Alle ge-
Das große Loch unten blieb unerklärt. nannten Leichen befanden sich in
Holzkisten in einem halbmorschen „Auf einem
Zustand . . . Die Grube mit den
ten: „Der Betroffene saß im Augenblick Leichen wurde anschließend dem Erd- Scheiterhaufen
seiner Verletzung in der rechten Ecke des
Sofas.“
boden gleichgemacht und dem äußeren
Aussehen der Umgebung angeglichen“.
völlig verbrannt“
Dann folgte eine Überraschung: Den drei Mythologen aus Moskau un-
„Nach der Verletzung des Kopfes verlor tersagte der oberste Smersch-Chef in an der linken Seite des Sofas mit Blut-
der Verletzte das Bewußtsein und ver- Deutschland, Generalleutnant Selenin, flecken an seiner rechten Schläfe, „die
harrte eine Zeitlang regungslos mit zur im Mai 1946 die Herausgabe der Asser- Stelle, wohin die Kugel getroffen hat-
rechten Armlehne hin geneigtem Kopf.“ vate in der Westendstraße (später: te“. Eva habe neben ihm gesessen, ver-
Die Mythos-Untersucher gruben noch Klausenerstraße) – ein Kompetenzkon- giftet.
im Bombentrichter nach und fanden ne- flikt zwischen Geheimpolizei und regu- Der in Linges Zelle verlegte Häftling
ben einem geflochtenen Halsband und lärer Polizei. „Man muß sich beeilen“, Erich Ackermann behauptete, von Lin-
Stoffetzen zwei menschliche Schädelkno- mahnte Minister Kruglow, „die Leichen ge etwas anderes gehört zu haben: Hit-
chen, einer wohl mit dem Ausschußloch verwesen.“ Sie blieben begraben, fast ler habe an der rechten Sofaecke nach
einer Kugel. Semjonowski obduzierte. ein Vierteljahrhundert lang, weil Hö- hinten gelehnt. Linge sei zu dem Schluß
Sein Protokoll samt Foto der Knochen hergestellte in Moskau dafür nicht mehr gekommen, Hitler hätte sich vergiftet –
legte der SPIEGEL dem führenden deut- zu interessieren waren. diese Version gefiel den Vernehmern –
schen Gerichtsmediziner Otto Prokop Die Rechercheure mußten sich damit und irgend jemand habe auf den toten
vor, der daraus „viel eher“ auf einen jün- begnügen, noch einmal intensiv und ge- Hitler einen Schuß abgegeben.
geren Menschen als den 56jährigen H. waltsam alle festgehaltenen Zeugen zu Ein halbes Dutzend Verhörexperten
schloß; ein Nahschuß sei nicht bewiesen, befragen. Im Juni 1946 befand ihr My- schlug mit Peitschen auf den nackten
die Ausschußöffnung, Linge ein, sie riefen da-
wenn sie denn eine ist, für bei: „Hitler lebt! Hitler
das mittlere Kaliber 7.65 lebt!“
zu klein. Ein anderes, viel Linge kehrte 1955 nach
größeres Loch in dem Westdeutschland zurück.
Fundstück bleibe uner- Zehn Jahre darauf erzähl-
klärt – eine Ferndiagnose te Linge dem SPIEGEL,
(die fällige genetische bei Hitler einen Einschuß
Untersuchung steht noch in der linken Schläfe gese-
immer aus). hen zu haben, aus der
Die Mythos-Kommis- rechten sei Blut geflossen
sion wollte nun die Origi- – ein Durchschuß von der
nalrelikte sehen. Die von Seite, wo Eva saß? Autor
den Dentisten für echt be- Erich Kuby folgerte:
fundenen Kiefer und die „Seine Frau hat ihn er-
strittigen Schädelstücke schossen, bevor sie Gift
lagen in Moskau, wo sie nahm.“ In seinem Buch
sich heute noch befinden. von 1980 beschrieb Linge
Die Leichen aber waren, aber wieder einen Schuß
da Stalin nichts davon in die rechte Schläfe.
hatte wissen wollen, im Zweiter sowjetischer
Gep äck der Smersch- Obduktion der Leiche von General Krebs: Nach der Walpurgisnacht Kronzeuge war der SS-

184 DER SPIEGEL 15/1995


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Adjutant Günsche, der in einer Dat- Äußerung Linges wieder, er habe „den
sche („Objekt Nr. 5“) bei Moskau un- schwersten Befehl seines Lebens ausge-
tergebracht wurde und ein langes Ma- führt“. Linge bestätigte das – es sei da-
nuskript zusammenschreiben mußte. bei um die Leichenverbrennung gegan-
Günsche hatte keinen Schuß gehört; er gen. Rattenhuber weiter:
sagte den Sowjets am 17. Mai 1945, er „Linge sagte mir, Hitler habe ihm
habe nicht ins Zimmer geschaut und heute befohlen, das Zimmer zu verlas-
nur gesehen, wie zwei in Decken ge- sen und, falls er nach zehn Minuten
wickelte „menschliche Leichen“ hinaus- nichts höre, ins Zimmer wieder hinein-
getragen wurden. Aus dem einen Bün- zugehen und seinen Befehl auszufüh-
del hätten Hitlers Schuhe hervorgeragt. ren. Da er in diesem Moment Hitlers Pi-
Dem Chauffeur Kempka soll er am stole auf den Tisch im Vorraum legte,
Tag der Tat mit einer Geste bedeutet begriff ich, was er unter dem schwersten
haben, Hitler habe sich in den Mund Befehl des Führers verstanden hatte
geschossen und sei vornüber gesunken und woher der Blutfleck auf dem Tep-
– so Kempka. Und Frau Hitler habe of- pich gekommen war. Aufgrund des
fenkundig eine Pistole in der Hand ge- Dargelegten kam ich zu dem Schluß,
halten, die dann zu Boden fiel. Heim- daß Linge nach Ablauf der zehn Minu-
kehrer Günsche berichtete, er habe als ten nach Hitlers Vergiftung ihn erschos-
erster den Führerraum betreten, Hitler sen hatte.“
habe gar nicht auf dem Sofa gesessen, Folgt man den sowjetischen Doku-
sondern auf dem Sessel – mit ver- Time- Titel 5/1945 menten, hatte die Kapsel wohl gar nicht
krampftem Körper, sein Kopf hing gen „Geheime Flucht“ gewirkt. Linge reflektierte später im-
Boden. merhin: „Was wäre wohl gewesen,
Jugendführer Axmann, der dritte keiner meiner Leute bereit, mir den wenn er mir befohlen hätte, ihn und Eva
Gewährsmann, war keiner sowjetischen Gnadenschuß zu geben – und ich will Braun zu erschießen?“
Tortur ausgesetzt. Er behauptete 1945: nicht in die Hände der Russen geraten.“ War keiner seiner Getreuen dazu be-
„Von beiden Schläfen tropfte Blut, und Er wußte, daß ein Kopfschuß nicht reit, die Ehefrau nicht und nicht der
sein Mund war blutig und verschmiert, sofort zum Tode führen muß. Seine bri- Kammerdiener – „eiskalte“, gar moti-
aber es war kein Blut verspritzt . . . Ich tische Verehrerin Unity Mitford hatte vierte Killer gab es noch genug im Bun-
glaube, daß Hitler erst Gift nahm und sich nach der Londoner Kriegserklärung ker, SS-Schergen, Gestapo-Müller oder
sich dann in den Mund schoß.“ 1939 auf einer Parkbank in München in den Henker im braunen Ledermantel,
Von einem leicht verschobenen Un- den Kopf geschossen, zunächst Sprache den Arzt Schenck gesehen hatte.
terkiefer des Toten berichtete er 1965: und Erinnerung verloren, dann aber ge- 25 Jahre später, am 4. April 1970,
„Hitler hatte sich in den Mund geschos- lähmt neun Jahre weitergelebt. Gene- wurden allerlei „Schädel, Gebein, Rip-
sen.“ Dem SPIEGEL gegenüber stellte raloberst Ludwig Beck traf sich nach pen, Wirbel und so weiter“ in Magde-
er das jetzt als eine Vermutung dar, ein dem 20. Juli 1944 nicht tödlich, General burg ausgegraben. „Die Kisten sind zu
Schläfenschuß sei viel wahrscheinlicher. Karl Heinrich Stülpnagel schoß sich nur Mulm verfault, die dort liegenden Lei-
Auch der von den Russen gefangene blind. So hatte es nun auch die Mythos- chen mit Erde vermischt . . . Der Zer-
und schwer gefolterte Pilot Baur („Sie Kommission festgestellt: Nach dem störungsgrad ist groß“, so die sowjeti-
prügelten ihre Version aus mir heraus“) Schuß lebte Hitler noch ein bißchen wei- sche „Akte über das Öffnen der Grab-
sagte aus, er habe von Goebbels ge- ter. Wie starb er? stätte der Kriegsverbrecher, streng ge-
hört: „Er hat sich in die Schläfe ge- Leibwächter Johann Rattenhuber, heim“, deren Abschrift dem SPIEGEL
schossen und lag am Boden.“ der die Leichen nicht gesehen hatte, gab vorliegt:
Schoß Hitler selbst? „Meine Hände seinen sowjetischen Vernehmern eine „Beim Nachzählen der Schien- bezie-
zittern so, daß ich kaum meine Pistole hungsweise Wadenbeine ließ sich die
halten kann“, hatte er wiederholt geäu- * Nach der Ausgrabung. Pfeil: Wand des Hitler- Zugehörigkeit zu zehn oder elf Leichen
ßert. „Würde ich nur verwundet, wäre Wohnraums; im Hintergrund die DDR-Mauer. feststellen. Nach Entnahme der Überre-
ste wurde dem Bestattungsort das frühe-
re Aussehen zurückgegeben . . . Durch
Observierung der umliegenden Häuser,
wo Deutsche wohnen, sind keine ver-
dächtigen Vorfälle registriert worden.“
Diese vom KGB-Chef Andropow be-
fohlene Operation zur Beseitigung der
„Leichen Hitlers, Eva Brauns, Goeb-
bels’, seiner Frau und Kinder“ trug den
Decknamen „Archiv“. Am 10. April ge-
langte vom Magdeburger KGB eine
Meldung vom 5. April mit der Ein-
gangsnummer 1759 nach Moskau:
„Die Vernichtung der Überreste er-
folgte durch Verbrennen auf einem
Scheiterhaufen. Die Überreste wurden
vollständig verbrannt, dann zusammen
mit Kohlestücken zu Aschenpulver zer-
stampft, anschließend in den Fluß ge-
L. WENZEL

worfen.“

Hitler-Bunker 1988*: „Schade, daß wir ihn nicht lebendig bekommen haben“ ENDE

186 DER SPIEGEL 15/1995


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SPORT

Fußball

HYSTERIE UNTER ZOCKERN


Die Bundesliga bietet in dieser Saison ein seltsames Bild: Vereine aus der Provinz haben Großstadtklubs weit
hinter sich gelassen und in München, Frankfurt, Hamburg oder Stuttgart Panik ausgelöst. Die Vereinsoberen
fürchten um ihre Investitionen in teure Stars und um die Zukunft der Klubs. Die Risikobereitschaft wächst.

C. BERGMANN
Leverkusener Profi Völler auf der Ersatzbank: „Bleibt der Erfolg aus, werden Spieler verkauft“

ie träumten von rauschenden Fuß- lente geformt, er hatte in München Mei- begrenzte Hoffnungen auf den Uefa-

S ballfesten, von Siegesserien in der


Bundesliga und den Millionen, die
der Europapokal einbringen würde. Je
stertitel errungen, und in Bilbao war er
zum Helden aller baskischen Fußball-
fans geworden. „Loyal bis zur Selbstver-
Cup; für Stuttgart, Hamburg, Leverku-
sen und Frankfurt steht bereits fest: Ziel
verfehlt, Zukunft ungewiß.
mehr Geld sie vor der Saison in diese leugnung“, jammert Hölzenbein nun, Lange verloren bei diesem Fußball-
Träume investiert hatten, desto schöner habe er sich jedem Gedanken des sturen Monopoly nur Vereine, die finanziell
gerieten die Bilder. Fußballehrers unterworfen: „Du, mit ohnehin kränkelten. Inzwischen aber
Doch jetzt, sagt Karlsruhes Trainer deinem Wissen, kannst es besser.“ sind auch die etablierten Klubs in einen
Winfried Schäfer, liegen bei seinen Erst vorvergangenen Sonntag, nach Strudel des Erfolgszwangs geraten. „Mit
Spielern „die Nerven blank“. In Mün- dem Heynckes-Rücktritt, will der Ma- jedem verpaßten Europacup-Jahr“, sagt
chen überfällt den Vereinspatron Franz nager bei Kaffee und Kuchen seinen Roland Schmider, Präsident des Karls-
Beckenbauer „die Angst, mit leeren Fehler, der den Klub 800 000 Mark Net- ruher SC, „steigt die Risikobereitschaft
Händen dazustehen“. Hamburgs Präsi- to-Jahresgage für den Trainer kostete, und damit die Pflicht, es beim nächsten
dent Ronald Wulff flieht vor der bitte- erkannt haben: „Der Jupp und die Ein- Mal zu schaffen.“
ren Realität regelmäßig zum Segeln tracht passen wirklich nicht zusammen.“ Wie unter Zockern, die ihren Verlust
oder Skifahren, während Leverkusens Angetreten, die Deutsche Meister- durch doppelten Einsatz wettmachen
Manager Reiner Calmund im Werksbü- schaft zu gewinnen, kämpft die Mann- wollen, fordert Jürgen Röber, Trainer
ro tapfer „die Todesspirale“ erwartet. schaft nun – ohne Stars und ohne des VfB Stuttgart, schon jetzt für die
In Frankfurt schmerzte die Wirklich- Heynckes – gegen den Abstieg, wäh- kommende Saison „vier neue, fertige
keit der Bundesliga-Tabelle so sehr, daß rend der Klub – ohne Geld und ohne Spieler“. Sie sollen helfen, den VfB
sich Verein und Trainer Jupp Heynckes Konzept – führungslos dahindümpelt. nach zwei vergeblichen Versuchen ins
trennten. Die Eintracht hatte sich am Hölzenbein: „In diesem Verein muß europäische Geschäft zurückzubringen:
heftigsten der Illusion hingegeben, daß sich eigentlich alles ändern.“ „Wir müssen finanzielles Risiko gehen.“
die Addition von Geld, Risikobereit- Solche Depressionen haben sich wie Zwar beweisen derzeit der SC Frei-
schaft, einem teuren Trainer und vielen eine Frühjahrskrankheit über viele Bun- burg und Borussia Mönchengladbach,
Stars einen Europacup-Platz garantiere. desliga-Städte gelegt: Die Angst vor daß Tore nicht nur eine Frage des Gel-
Wer träumt, denkt nicht nach. dem Scheitern geht um. Ein Dutzend des sind. Doch das Credo der Va-
In Heynckes, so hatte Bernd Hölzen- Vereine gierten vor der laufenden Spiel- banque-Spieler, glaubt Stuttgarts Kapi-
bein geglaubt, hätte er endlich jenen zeit nach den sechs Europapokalplät- tän Thomas Berthold, gelte nach wie
Trainer gefunden, der ihm das schwere zen, fast alle investierten mit finanziel- vor: „Die Kluft zwischen den internatio-
Leben als Manager von Eintracht len Kraftakten ins Personal (siehe Gra- nal spielenden Klubs und dem Rest wird
Frankfurt etwas erleichtern würde. Der fik). Neun Spieltage vor Saisonschluß immer größer.“ Also läßt sich die Liga
Erlöser hatte in Mönchengladbach Ta- haben München und Karlsruhe nur noch ihre Hysterie von niemandem nehmen.

188 DER SPIEGEL 15/1995


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ist alles ein wenig an- Personalpolitik des FC Barcelona kopie-


Viel Geld für Mittelmaß... ders. ren und „zehn Neue“ einkaufen, um
Wie Bundesligavereine Die Karlsruher nah- schließlich den Trainer Otto Rehhagel zu
wirtschaften men rund 17 Millionen verpflichten, damit dieser künftig „wie in
Mark ein, investierten Bremen in Ruhe arbeitet“.
SAISON ETAT EINKÄUFE VERKÄUFE den Überschuß, plan- Die Bayern, sagt der nach Köln abge-
in Millionen Mark ten den KSC „auf dem schobene Profi Bruno Labbadia, „stre-
92/93 17,0 26,0 25,8 Weg ins Jahr 2000“ – ben immer nach dem, was sie gerade nicht
Bayern 93/94 20,0 13,2 5,0 und stellten eine so haben“. Auffällig ist dabei, daß Orientie-
München
94/95 25,0 13,0 16,6 teure Mannschaft zu- rungslosigkeit vor allem jene Altstars
sammen, daß die Qua- überkommt, die nun, wie die Bay-
92/93 13,0 3,0 3,9 lifikation für einen in- ern-Troika Beckenbauer-Rummenigge-
Hamburger
93/94 19,5 3,7 3,6 ternationalen Wettbe- Hoeneß oder Frankfurts Hölzenbein, in
SV
94/95 22,0 6,5 3,9 werb dringend geboten ihren Klubs das Sagen haben.
ist. Daß der Spagat Heynckes war verpflichtet worden, um
92/93 19,2 6,0 13,5
VfB 93/94 zwischen familiärer den „virtuosen Solisten“ (Gr ünen-Politi-
19,5 7,2 5,5 Beschaulichkeit und ker Hubert Kleinert) der Eintracht nach
Stuttgart
94/95 20,9 8,7 4,9 modernem Geschäfts- 31 Bundesliga-Jahren ohne Meistertitel
92/93 16,0 5,0 7,5 sinn nicht recht funk- endlich Siegermentalität und Disziplin
Karlsruher 93/94 tioniert, begriff Schmi-
31,0 2,7 0
SC der, als er Schmidt und
94/95 22,0 12,9 7,0 Metz mitteilen mußte,
92/93 20,5 1,1 5,6 daß der Trainer sie
Eintracht 93/94 20,0 6,1 3,6 nach der Saison aus-
Frankfurt mustern will. Das, so
94/95 31,0 7,8 2,7
der Präsident, „tat
92/93 10,5 4,7 7,0 menschlich weh“.
Bayer 93/94 16,0 4,4 1,1 Auch KSC-Coach
Leverkusen Schäfer blickt wehmü-
94/95 25,0 3,9 4,8
tig zum aufstrebenden
...und wie es billiger geht SC Freiburg: „Die
92/93 Zweite Liga
spielen wie wir vor
SC 93/94 zwei Jahren.“
9,5 2,1 0,4 Doch der schlanke
Freiburg
94/95 12,5 1,3 0,5 Provinzverein, der von
Quelle: Vereinsangaben, Leverkusen geschätzt einem Regierungsdi-
rektor bei der Oberfi-
Zwei Tage vor dem Champions- nanzdirektion verwaltet und von einem
League-Halbfinale gegen Ajax Amster- ehemaligen Gemeinschaftskundelehrer
dam brach das Bayern-Präsidium einen gelenkt und trainiert wird, taugt nicht
Streit mit Trainer Giovanni Trapattoni wirklich zum Modell für Deutschland.
A. HASSENSTEIN / BONGARTS

vom Zaun. Der Karlsruher SC verlor, Auch der SC Freiburg ist bereits an den
gehemmt von „zu hohen Ansprüchen“ Rand des Soges geraten, der irgend-
(Schäfer), derart die spielerische Linie, wann alle Uefa-Cup-Aspiranten erfaßt.
daß gegen 1860 München gleich drei Erste Risse beschädigten das Idyll, als
Profis nach Fouls vom Platz gestellt wur- der argentinische Spielmacher Rodolfo
den. Leverkusens Manager Calmund Cardoso seine Vertragsverlängerung in-
droht angesichts seiner „Horrorvisio- szenierte wie Gewerkschaften einen Ta- Frankfurts Trainer Heynckes
nen“ mit Konsequenzen: „Bleibt der Er- rifabschluß. „Wir passen nicht zusammen“
folg aus, werden Spieler verkauft.“ Ein „Modell Freiburg“ mag Stuttgarts
Doch das sind nur noch Worthülsen. Manager Dieter Hoeneß deshalb nicht
Die steigenden Einnahmen ließen Ge- erkennen: „Solche Ausreißer haben wir
hälter und Ablösesummen derart explo- fast jedes Jahr. Auf Dauer setzt sich die
dieren, daß das kickende Produktivver- finanzielle Substanz durch.“
mögen in den Klubs praktisch die Macht Wirtschaftliche Stärke, das haben alle
übernommen hat. Als Frankfurt sich Manager irgendwo mal gelernt, entsteht
von den Arbeitsverweigerern Anthony aus Kontinuität. Doch es gehört zu den
Yeboah und Maurizio Gaudino trennte, Absurditäten des Profifußballs, daß das
kam das der Verschleuderung von Ver- „langfristige Arbeiten“ im Tagesge-
einskapital gleich – es fehlte das Geld schäft von Pfostenschüssen, Gelb-Roten
für neue Spieler. „Wir sind erpreßbar Karten und Pöbeleien des Publikums
geworden“, klagt Hölzenbein. diktiert wird.
Als der KSC noch ein klassischer No- Selbst der mit Geld und Titeln geseg-
body der Bundesliga war, waren ihm nete FC Bayern, der sich wie kein zwei-
H. RAUCHENSTEINER

solche Sorgen fremd. Es war die Zeit, ter Verein Gelassenheit gönnen könnte,
als Präsident Schmider mit Spielern wie wechselt die Konzepte wie die Trikots.
Lars Schmidt und Gunther Metz Ausflü- Galt zu Saisonbeginn der Plan, mit Ta-
ge in die badischen Weinberge machte lenten kostengünstig eine neue große
und „ihre Kinder groß werden“ sah. Seit Mannschaft zu formen, so wollte Bek- Münchens Trainer Trapattoni
der ersten Uefa-Pokal-Teilnahme 1993 kenbauer mittendrin doch lieber die „Am Ende mit leeren Händen“

DER SPIEGEL 15/1995 189


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einzubimsen. Jetzt erklärt Hölzenbein beziehen, maximal 4000 Mark pro Spiel. Möhlmanns Plan, mit dem Einkauf des
ungeniert: „Mit Gleichmachern taten Wer sich in der Meisterschaft schonte, 40jährigen Torwart Uli Stein ein Reiz-
wir uns immer schwer. Die Eintracht konnte um so leichter an die für Uefa- klima zu schaffen, erweist sich als Miß-
war dann gut, wenn sie geniale Typen Pokal-Erfolge ausgelobten Prämien verständnis: Stein, von der Liga als Re-
einfach gelassen hat.“ kommen: Bis zum Halbfinale hatten die bell verehrt, begreift seine letzte Karrie-
In München entschied sich Trainer Profis bereits 100 000 Mark verdient. restation als Verhaltenstherapie. Wenn
Giovanni Trapattoni schon viel früher Gerade Atmosphäre und hierarchi- andere streiten, sitzt er schweigend in
als bisher bekannt zur Kündigung: Sein sche Strukturen sind für das Funktionie- der Ecke und saugt an einer Zigarette.
Entschluß stand bereits weit vor dem ren einer Mannschaft oft entscheidend. Die Defizite könnten von energischen
Jahreswechsel fest – da hatte ihn das Da kann sich auch eine gutgemeinte Präsidenten aufgefangen werden. Doch
Besserwisser-Trio zum Rapport bestellt scheint es das klassische Problem von
und ein anderes Training verlangt. Großstadt-Klubs zu sein, daß sie selbst-
So führen selbst scheinbare Genie- In der Provinz verliebt in maroden Strukturen gefan-
streiche direkt in die Katastrophe. Dem wird deutlich gen sind. Gerade die in der Bundesliga-
drögen Werksklub Bayer Leverkusen Tabelle enteilten Vereine aus Bremen,
wollte Manager Calmund mit dem ziga- effektiver gearbeitet Kaiserslautern oder Mönchengladbach
rillorauchenden Ex-Kneipier Dragoslav beweisen jedoch, daß die kleineren Füh-
Stepanovic „Zirkusmief“ verpassen – Verjüngung der Elf fatal auswirken, rungsteams in der Provinz oft deutlich
doch inzwischen, notierte das Fachblatt wenn Führungspersönlichkeiten aus- effektiver arbeiten.
Kicker, „dampfen so viele Pferdeäpfel scheiden. So wie der VfB Stuttgart den Der VfB Stuttgart aber dient dem Fi-
in der Manege, daß überhaupt keiner Wechsel Guido Buchwalds ins neue nanzminister und Vereinspräsidenten
mehr durchblickt“. Fußballparadies Japan nicht kompensie- Gerhard Mayer-Vorfelder bei Erfolgen
Stepanovic blähte den Spielerkader so ren konnte, leidet auch der Karlsruher als willkommene PR-Bühne. Wenn es
mit Nationalspielern auf, daß sich SC am Fortgang seiner Leitfiguren, Mit- im Verein wieder einmal brenne, mäkelt
schließlich Spitzenkräfte wie Völler, telfeldspieler Wolfgang Rolff und Tor- die Stuttgarter Zeitung, gehe der Chef
Kirsten oder Thom auf der Reservebank wart Oliver Kahn. „häufig gerade dann auf Tauchstation“.
wiederfanden. Das vergiftete das Be- „Es war mein Fehler zu glauben“, ge- Frankfurter Eintracht und Hambur-
triebsklima derart, daß Bayer in der steht Trainer Schäfer, „die sechs Neuen ger Sportverein haben es mit Matthias
Ohms, der sich während langer
Florida-Aufenthalte vom ein-
stigen Job als Börsenmakler er-
holt, und Ronald Wulff, dem
Besitzer eines Dentallabors,
noch schlimmer erwischt.
Alltagsprobleme interessie-
ren Ohms nicht. Die Frankfur-
ter müssen auf einer „desolaten
Anlage“ (Hölzenbein) trainie-
ren; im vorigen Jahr ließ das
Gesundheitsamt die Umkleide-
kabinen sperren; die Kasse war
so leer, daß Heynckes nicht ein-
mal ein Versammlungsraum
eingerichtet werden konnte.
Bei „Kumpel Ronny“ (Bild),
der sich über die Ämter des
Spielerbetreuers und Kassen-
prüfers in die Chefetage hoch-
diente, haben die satten HSV-
Profis leichtes Spiel. Karsten
Bäron und Letchkov stattete er
M. BRANDT / BONGARTS

mit Jahresgagen von rund einer


Million Mark aus, Jörg Albertz
verdoppelte er die Bezüge auf
über 800 000 Mark. Seitdem ist
die Mannschaft in zwei Lager
Hamburgs Präsident Wulff*: „In der Bundesliga intellektuell überfordert“ gespalten – in Großverdiener
und Neider.
Bundesliga so oft verlor wie seit sieben würden die Lücke sofort schließen.“ Als Manager Heribert Bruchhagen
Jahren unter keinem anderen Trainer. Der Fünf-Millionen-Mark-Einkauf Tho- das joviale Gehabe seines eitlen Vorge-
Nur im Uefa-Cup hielt sich die Mann- mas Häßler werde vom Team zwar setzten monierte, wurde ihm gekündigt.
schaft bis zur Heimniederlage am vori- „geliebt und bewundert“, sei aber in Seitdem wird im Traditionsklub so dilet-
gen Dienstag gegen Parma schadlos. In- Krisenzeiten zu leise: „Da knallt er kei- tantisch gearbeitet, daß der Sponsor vor
sider sehen in dem Leistungsgefälle ei- nen Mitspieler gegen die Wand.“ dem Nordderby gegen Bremen aus
nen logischen Zusammenhang: Bundes- Beim Hamburger SV setzte Trainer Angst vor Geschäftsschädigung verlang-
liga-Siege bringen den Bayer-Angestell- Benno Möhlmann darauf, daß Yordan te, seinen Schriftzug „TV Spielfilm“
ten, von denen sieben Spieler Jahresge- Letchkov die Rolle des abgewanderten vom HSV-Trikot zu entfernen. Wulff,
hälter von einer Million Mark und mehr Regisseurs Thomas von Heesen ausfül- befindet der geschaßte Bruchhagen
len könne – der Bulgare wird jedoch von kühl, „ist intellektuell nicht in der Lage,
* In seinem Dentallabor. den Kollegen nicht akzeptiert. Auch einen Bundesliga-Klub zu führen“. Y

192 DER SPIEGEL 15/1995


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SPORT

Olympia

Astrid
und Ikarus

Aus rechtlichen
Gründen kann die
Wiedergabe nicht
erfolgen

194 DER SPIEGEL 15/1995


Aus rechtlichen
Gründen kann die
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erfolgen

Y
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KULTUR SZENE
Festivals
mel über Eutin: Irgendwo zwi-
Mehr Mißtöne schen Primelzucht und Gülle
ist die Revolution versickert.
vom Ruhr-Piano Der Sohn liest Heidegger, und
Neues vom „Klavier-Festival die Gattin treibt es mit dem
Ruhr“: Nachdem der SPIE- Chef. Ein Trauerspiel. Schau-
GEL letzte Woche Wider- spieler und Stückeschreiber
sprüche in den Gagenabrech- Klaus Pohl („Karate-Billi
nungen des Bochumer Festi- kehrt zurück“, „Das Alte
valleiters Jan Thürmer und Land“) hat es unter dem Titel
der Landshuter Firma „Klas- „Zettel“ zu Papier gebracht.
sik-Konzerte“ aufgedeckt Er selbst inszeniert, für Don-
hat, werden neue Fälle von nerstag dieser Woche, auch

M. HENKE
Manipulation ruchbar. Für die Uraufführung am Ham-
zwei Festivalkonzerte quit- burger Thalia Theater, leider
tierten der Cellist Boris Per- Schauspieler Sprenger, Schmahl in „Zettel“-Inszenierung ohne bei den Proben den Kol-
gamenschikow und sein Kla- portage-Ballast abzuwerfen.
vierpartner Pavel Gililov am Theater Die Machenschaften der Deutschen Bank,
4. Juli 1990 vereinbarungsge- Umweltkriminalität und brandstiftende
mäß den Empfang von je
4000 Mark. Klassik-Konzerte Primeln und Gülle Neonazis sollen den Leiden des alten Acht-
undsechzigers Tiefe geben. Nur scheinen
stellte Thürmer indes für die Wenn ein mit linken Idealen ausgestatteter sie den Dramatiker nicht sonderlich zu in-
beiden Auftritte 50 000 Mark Journalist nach 17 Jahren Schreibarbeit bei teressieren. Infotainment heißt der Erz-
plus Mehrwertsteuer in einem ostholsteinischen Provinzblatt sein feind seines Helden. Aber ist das auch der
Rechnung. Am 22. August Leben bilanziert, umwölkt sich der Him- Erzfeind von Pohl?
1991 quittierte das „Ama-
deus-Trio“ für zwei Soireen
ein Brutto-Honorar von 9000 neue Vormärsche und Siege der besiegten Truppe sind
Mark (plus Reisekosten). – und bleiben doch oft im Kämpfer wie Pablo Picasso,
Klassik-Konzerte berechnete Gelände stecken. Der New unter den Siegern Jackson
dafür 62 700 Mark. Betroffen Yorker Maler Mark Tansey Pollock und Barnett Newman
von der dubiosen Abrech- ironisiert die militärische Me- auszumachen. Doch das Ge-
nungspraxis ist der „Initiativ- tapher von der Geistes-Vor- mälde, zugleich eine Anspie-

KINOARCHIV ENGELMEIER
kreis Ruhrgebiet“, der das hut auf einem Riesenbild, lung auf Velázquez’ „Überga-
Klavierfest finanziert. „Nach das der Düsseldorfer Kunst- be von Breda“, straft sein he-
eingehender Prüfung“ hat verein jetzt (bis 7. Mai) ein- roisches Thema mit jedem
sich die Staatsanwaltschaft zeln und mit beigegebenen Pinselstrich Lügen: Hätte
Bochum entschlossen, gegen Erläuterungen ausstellt, als Greenbergs Ästhetik der ab-
Thürmer ein Ermittlungsver- wollte er seine Besucher in strakten Malerei wirklich auf Furlong, Redgrave in „Little Odessa“
fahren einzuleiten. ein traditionelles Schlachten- der ganzen Linie gewonnen,
panorama versetzen: Auf dann könnte Tansey die Epi- der ältere Sohn (Tim Roth),
Kunst 1,88 mal 3,05 Meter Lein- sode nun nicht so postmodern- der jahrelang untergetaucht
wand schildert Tansey den realistisch vorführen wie auf und angeblich als Mafiakiller
Trügerischer „Triumph der New Yorker einem alten, braunstichigen unterwegs war, überraschend
Schule“ über die altmodische Foto. heimkehrt, tatsächlich mit ei-
Vormarsch Ecole de Paris um 1960. Sur- nem Mordauftrag, und nun
Die Avantgarde stirbt, aber realisten-Kommandeur An- Film auch den halbwüchsigen Bru-
sie gibt es nicht zu. Krie- dré Breton muß da die Kapi- der (Edward Furlong) in sei-
gerisch in Wortschatz und tulation vor dem amerikani- Ost-Choräle nen Bann zieht, verbinden
Gebaren, feiern moderne schen Kritiker-Chef Clement sich Motive des Familiendra-
Künstler angeblich immer Greenberg unterzeichnen; in über Brooklyn mas und des Gangsterkinos
In „Little Odessa“, einem eigenartig und eindringlich.
Quartier in Brooklyn, gibt es Der Autor-Regisseur James
ein paar Zeilen kleiner Holz- Gray, erst 25 Jahre alt
häuser, die russisch ausse- und selber mit der Welt von
hen, und der Dialog älterer „Little Odessa“ verbunden,
Leute in diesem Immigran- erweist sich in seinem ersten
tennest ist oft gespickt mit Kinofilm als intensiver Er-
russischen, ukrainischen oder zähler: Die mafios-blutige
jiddischen Wendungen. In Action tut er knapp ab, viel
dem Film „Little Odessa“ stärker interessieren ihn die
von James Gray (von dieser Widersprüchlichkeit der Fi-
Woche an in deutschen Ki- guren, die frostige Atmo-
nos) spielen Vanessa Red- sphäre von Brighton Beach
grave und Maximilian Schell im Schnee und (als einzige
ein solches Zuwandererpaar, Musik-Untermalung) die so-
das in der Neuen Welt nie nore Strenge slawischer Cho-
Tansey-Gemälde „Triumph der New Yorker Schule“ heimisch geworden ist. Als räle.

198 DER SPIEGEL 15/1995


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S. FERRY / GAMMA / LIAISON

Romanthema Mauerfall: „Die Narbe, die mitten durch die Stadt lief, brach auf wie schlecht verheiltes Gewebe“

B üc h e r

NACHT MIT FOLGEN


Immer wieder wird er heraufbeschworen: der große deutsche Roman über Wende und Mauerfall. In diesem Frühjahr
wagt sich erstmals eine ganze Reihe deutscher, zumeist junger Autoren an das epochemachende Thema – mit in der
Regel kläglichem Erfolg. Nur ein Routinier aus Prag meistert den 89er-Roman: der Tscheche Ivan Klı́ma.

er in Berlin – damals noch Ost- Angeblich warten ja die Literaturkriti- Hettche und Jirgl: zwei Hoffnungsträ-

D Berlin – lebende Schriftsteller


Christoph Hein schaltete am 9.
November 1989 gegen Mitternacht den
ker sehnsüchtig auf den großen deut-
schen Wende-Roman. „Hartnäckig
wünscht sich das Feuilleton“, behaupte-
ger der jungen deutschen Literatur?
Symptomatisch sind deren neue Roma-
ne und die Reaktionen in der Tat – frei-
Fernseher ein. „Auf allen Kanälen ist te etwa der Stern, „daß sich die Literatur lich für das verquälte Verhältnis deut-
ein Volksfest zu sehen, offenbar in der Wiedervereinigung annimmt.“ scher Autoren zum Erzählen und für die
Westberlin“, notierte er in seinem Tage- Doch jetzt kommen sie, so scheint es, offenbar anhaltende Lust einiger Kriti-
buch. Dann begreift er langsam: „Die geballt: die Romane über Einheit und
Mauer wurde geöffnet.“ Und erkennt Wende. In diesem Frühjahr häufen sich
schnell: „Eine kostbare Ruhe ist dahin.“ Titel, die vor dem Hintergrund jener Die Literatur der Wende
Es war die Stunde der Tagebücher. Nacht spielen oder dort ihren Ausgang Thomas Hettche
Den in Dresden lebenden Lyriker Tho- nehmen. „Ist das das neue deutsche „Nox“
mas Rosenlöcher erreichte „die irrsin- Wiedervereinigungsepos?“ fragt die Suhrkamp Verlag,
nigste Meldung“ erst am nächsten Mor- Neue Z ürcher Zeitung angesichts des Frankfurt am Main;
gen: „Die Grenzen sind offen!“ Und er schwarzumhüllten Bandes „Nox“ von 160 Seiten;
notierte ohnmächtig: „Liebes Tage- Thomas Hettche, 30. Und gibt gleich 32 Mark.
buch, mir fehlen die Worte.“ noch die Antwort: „Als literarisches
Mancher Autor hat sie bis heute nicht Nachspiel zu dem, was man die ,Wende‘
wiedergefunden. „In dieser Nacht“, ver- nennt, sucht dieser Text bis heute sei-
traute später der Thüringer Autor nesgleichen.“
Hanns Cibulka seinem Tagebuch an, Reinhard Jirgls Roman „Abschied
„stürzte nicht nur eine Mauer, auch die von den Feinden“ erhielt sogar schon
Volker Braun
alten Namen lösten sich von den Din- vor Erscheinen zwei Literaturpreise,
„Der Wendehals“
gen, es gab keine Richtung mehr, das und das Lob will nicht verstummen. Suhrkamp Verlag,
ganze Leben war plötzlich in ein graues, Jirgl, 42, habe sich mit seinem Wende- Frankfurt am Main;
undefinierbares Zwielicht getaucht.“ Roman „in die vorderste Reihe deutsch- 128 Seiten;
Die Nacht, als „die Mauer hinfällig sprachiger Literaten geschrieben“, mel- 34 Mark.
wurde“ (Günter Graß), liegt weit zu- det die Frankfurter Rundschau im
rück – ist sie jetzt literarisch tauglich? schönsten Rezensentendeutsch.

200 DER SPIEGEL 15/1995


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KULTUR

ker, dem Publikum als neu


und bedeutsam anzudienen,
was Avantgarde von gestern
ist.
„Nox“, die Nacht: Der Tag
bricht „ins Dunkel hinüber“,
es ist einiges los in Berlin. Ein
Autor sitzt in einem Zimmer
mit Seeblick vor dem Compu-
ter („Ich ging in jener Nacht
zurück in das bernsteinfarbene
Licht“); und das Wort ergreift
ein Ich-Erzähler, dem gerade
eine namenlose Frau die Keh-
le aufgeschlitzt hat.
Während er sein Leben aus-
haucht, kommentiert er fidel
das Geschehen in Berlin (man
verstehe den Insidergag – der

D. KONNERTH / LICHTBLICK
Erzähler ist tot, es lebe der

S. SAUER / LICHTBLICK
Erzähler): „Und ich hörte,
wie die Stadt träumte, und wie
die Öffnung der Grenze, die
sie durchlief wie ihr steinernes
Rückgrat, sie ganz langsam er- Romanautoren Jirgl, Hettche: Lob für die Avantgarde von gestern
reichte in ihrem Schlaf.“
Wer will einer in Verwesung begriffe- sah sie, zerbrach in seinem Gesicht, eine den“. Kein „neudeutsches Pathos“ ent-
nen, allwissenden Leiche Klischees und Verstrebung oder ein Fundament“ – wer steige dem Roman, „auch kein Plädoyer
holprigen Satzbau vorwerfen? Es geht bemerkt da nicht, ungeachtet stilisti- für eine neue Erzählseligkeit“.
zur Sache in dieser finsteren Nacht. scher Verstörung, die Parallele. Doch Hettches Roman ist schlicht ein
Nicht nur, daß das „steinerne Rückgrat“ Eine Nacht, die im Sadokitsch aus- miserables Buch, das seine Schwülstig-
zerfällt und entlang der Mauer „die Nar- klingt: „Sie hing, kopfüber, still. Ihr keit hinter der Maske augenzwinkern-
be, die mitten durch die Stadt lief, auf- Körper mit den Beinen nach oben, sich der Inszenierung nur schlecht verbergen
brach wie schlecht verheiltes Gewebe“ – selber fremd, eine Pflanze und ihr Ge- kann. Der bei Gießen geborene Autor,
nein, schwarz sind auch die Straßen, schlecht eine Frucht.“ Und Sätze, die der 1989 mit dem Roman „Ludwig muß
„schwarz vor Fußgängern, die, von den von Christa Wolf stammen könnten: sterben“ debütierte, hat jenes Jahr zwar
Blitzlichtern der Fotografen erhellt, in „Nichts, dachte sie, wird so bleiben, wie in Berlin verbracht und war auch in der
den Westen drängten“. es war. Und nichts blieb als zu warten, Nacht des 9. November vor Ort, doch
Und geliebt wird im deutsch-deut- was aus ihnen werden würde.“ sein literarischer Reflex ist die Bank-
schen Dunkel – ein einziger Vereini- Die plumpe Vermengung von Ge- rotterklärung eines Talents.
gungsrausch. Im Fond eines Trabant, schlechts- und Maueröffnungen, von Und Reinhard Jirgl? Er stammt aus
der den Grenzübergang Prinzenstraße Wunde und Wende, von Verwesung dem Osten, lebt in Berlin, sein erster
passiert, sitzt kopulierend ein Paar („Sie und deutscher Nacht – alles nur ein Roman erschien 1990 („Vater Mutter
zog ihren Rock hoch und bestieg ihn“). Spiel? Beim Kritiker der Frankfurter Roman“). Jirgl erzählt in „Abschied von
Andernorts öffnet eine Blonde aus dem Rundschau ist „Nox“ prompt als Antili- den Feinden“ eine tragische deutsche
Osten einem Westler in der Nacht der teratur durchgegangen: Es sei hier „die Geschichte, die weit über jene Nacht
offenen Mauer die Hose und verhilft ,nationale Thematik‘ mit Geschick und hinausgreift, als „in Berlin die Mauer
ihm oral zum Höhepunkt: „Und etwas, literarischem Scharfsinn vermieden wor- Stück-für-Stück niedergerissen wurde
Bei Feuerwerk & Jubel Bei Sekt & Poli-
zeisirenen“.
Die Geschichte zweier Brüder: Einer
Ivan Klíma Reinhard Wosniak ist in den Westen gegangen, einer im
„Warten auf Dunkelheit, „Sie saß in der Küche Osten geblieben. Immer wieder wird ei-
Warten auf Licht“ und rauchte“ ne Urszene aus der gemeinsamen Kind-
Aus dem Tschechischen Mitteldeutscher heit beschworen: Mitte der fünfziger
von Anja Tippner. Verlag, Halle; Jahre hat die Staatsmacht der D D R die
Hanser Verlag, München; 92 Seiten; 22 Mark. Mutter in die Irrenanstalt gesperrt. Spä-
280 Seiten; 39,80 Mark. ter dann haben die Brüder nacheinander
dieselbe Frau geliebt – der eine erst,
nachdem der andere das Feld Richtung
Bundesrepublik geräumt hatte.
Diese Geschichte, die für eine Erzäh-
lung von 40, 50 Seiten vielleicht getra-
Reinhard Jirgl Barbara Sichtermann gen hätte, wird von Jirgl häppchenwei-
„Abschied von den „Vicky Victory“
se, gegen die Chronologie, verschroben
Feinden“ Verlag Hoffmann und
Hanser Verlag, Campe, Hamburg; und verschraubt dargeboten. Das würde
München; 328 Seiten; 320 Seiten; 38 Mark. noch angehen, wenn der Autor nicht
39,80 Mark. den wirklich unseligen Einfall gehabt
hätte, seinen Stoff – wie schon in frühe-
ren Arbeiten – durch den Fleischwolf ei-

DER SPIEGEL 15/1995 201


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KULTUR

ner eigens konstruierten Schreibweise nicht mit raschen Texten aufgeholfen.“


zu drehen. Ein bißchen Kabarett: „Red keine Ro-
Von dieser Privat-Orthographie mane, laß uns leben.“ Und bemühter
glaubt der Schöpfer, daß durch sie „dif- Witz: „Es muß ja nicht die letzte Wende
ferenzierte Zeichenebenen“ entstehen sein.“ Fazit wie gehabt: „Überall wird
würden, „die als Sinnträger eine größere entrümpelt . . . Gnadenlose Abfuhr.“
Genauigkeit der Beschreibung ermögli- Und: „Die Selbstgewißheit ist, wie wir
chen“. So werden Zahlwörter fast wissen, im Eimer.“ Resignation, Rück-
durchweg als Ziffern geschrieben, auch zugsgefechte, Platitüden.
wenn sie als Silben eines Wortes ver- Allzu anregend wirkte die Mauer auf
wendet werden („vereinzelt“ wird zu deutsche Autoren ohnehin nie – auch
„ver1zelt“). Jirgls so oberlehrerhaft wie vor dem 9. November nicht. Nur wenige
schlecht formulierte Begründung: „Zum Bücher machten die deutsche Teilung
Verdeutlichen des Erscheinungsbildes zum Thema, Christa Wolfs Erzählung
eines Textes in seiner Physis, worin auch „Der geteilte Himmel“ (1963) etwa oder
das erotische Moment eines Text(ab)bil- Peter Schneiders „Mauerspringer“
des enthalten ist.“ (1982).
Die „Gefilde des Erotischen“ im Ro- Und als 1985 Botho Strauß in einem
man entlarven am besten, was dieses Gedicht nur zu fragen wagte, was wohl
Brimborium überdek-
ken soll: Sprachlosig-
keit. Wo die Pubertät
als Zeit „spontaner
Erektionen & allge-
meiner Überschätzung
alles Schleimhäutigen“
beschworen wird, fehlt
auch der Professor
nicht, der dem Weibli-
chen („die Spitzen ih-
rer Brüste prägten sich
in den Blusenstoff“) so
zugetan ist, daß das
Examen mancher Stu-
dentin zum „Eck-Sa-
men“ wird. Da hat nun
„Gans-Deutschland“
etwas zu lachen: so
ging es unter dem

P. PEITSCH
„EsEhDe-Reschiem“
zu.
Schon vor mehr als Autor Klı́ma: Gespür für schwache Helden
70 Jahren hat Bertolt
Brecht zu solch verquältem Bemühen „das Herz eines Kleist“ angesichts der
das Nötige gesagt: „Ich weiß nicht, war- „Teilung des Lands“ empfinden würde,
um die Jüngsten so krampfhaft an ihrem wurde er ebenso verhöhnt wie zwei Jah-
Material herumneuern und mit der Re- re später Martin Walser, der in seiner
form bei der Sprache anfangen, die doch Novelle „Dorle und Wolf“ von „Halbier-
recht eigentlich das Unbedachteste, ten“ sprach, die gar nicht wüßten, daß
Leichtwiegendste, Schwebendste sein ihnen die „Leipziger Hälfte“ und ein
soll.“ Deren Reiz verblasse, wenn sie „Dresdener Teil“ fehlen würden.
absichtlich wirke: „Das sind Bemühun- Erträglich scheint der literarische Um-
gen eines kleinen Geschlechts.“ gang mit der neuen Durchlässigkeit zwi-
Kalauer und Künsteleien: Die deut- schen Ost und West allenfalls noch im
sche Einheit scheint den Schriftstellern trivialen Genre. Zwei Unterhaltungsro-
die Sprache verschlagen zu haben. mane – „Vicky Victory“ von Barbara
„Wie gut, daß ich keine Bücher Sichtermann und „Sie saß in der Küche
schreibe“ – so läßt Volker Braun kokett und rauchte“ von Reinhard Wosniak –
sein neues Buch „Der Wendehals“ be- greifen die Gelegenheit neudeutscher
ginnen. Braun, 55, ein Autor, der in der Liebesbegegnungen munter auf. Keine
D D R mehr beheimatet war, als er wohl große Literatur, vergnügliche Konfekti-
selber glaubte, bietet einen kleinen Dia- on.
log zur Situation nach dem Fall der Hier wie dort versucht ein Held aus
Mauer: „Ich“ und „Er “ im Streit, sie dem Osten vor der Angebeteten zu ver-
schreiten durch Berlin, der eine eher heimlichen, daß er „Ossi“ ist. Wosniaks
skeptisch angesichts der neuen Verhält- Geschichte spielt 1990 in Florenz, wo der
nisse, der andere angepaßt. Ich-Erzähler endlich die Kunstschätze
Gleichwohl ein lahmer Streit. Grund- betrachten will und ihm die West-Berli-
haltung: „Ich bin des Diskutierens mü- nerin Anna die verhängnisvolle Frage
de, und wie die Dinge liegen, ist ihnen stellt: „Du kommst aus dem Osten?“

204 DER SPIEGEL 15/1995


Schauplatz des Sichtermann-Romans
ist Berlin „im Jahr Eins nach der deut-
schen Einheit“: Igor, arbeitsloser Wei-
berheld, verliebt sich in Vicky Victory,
die in Wirklichkeit Petra heißt und alles
andere als eine Siegerin ist.
Es geht nicht gut: „Wir sitzen und
stieren einander in die Augen, grinsen
verdruckst und denken beide dasselbe:

Sie aus dem Osten, er


aus dem Osten,
und keiner gibt es zu
Sie ist aus dem Osten und gibt es nicht
zu. Ich bin aus’m Osten und geb’ es
nicht zu.“ Statt Wende-Dramatik das
Satyrspiel.
Allein ein tschechischer Autor, Ivan
Klı́ma, führt vor, was ambitionierte Er-
zählkunst kann, ohne an Unterhaltsam-
keit einzubüßen: mit seinem jüngsten
Roman „Warten auf Dunkelheit, War-
ten auf Licht“.
Klı́ma, 63, setzt den Umbruch von
1989 und dessen Folgen vor der Kulisse
von Prag in Szene. 20 Jahre lang hat der
Kameramann Pavel Fuks dem Staats-
fernsehen gedient, hat die kommunisti-
schen Potentaten verewigt, ein Mitläu-
fer also.
Fuks, ein Mann in den Vierzigern, ist
schwach. Er liebt die Frauen – und kann
sich für keine entscheiden. Er liebt sei-
nen Beruf, träumt von eigenen Filmen –
und macht Propaganda.
Nach der Wende gibt er seinen Posten
auf, um einem Rausschmiß zuvorzu-
kommen; er dreht nun Werbe- und Por-
nofilme – ein trauriger Held, der nicht
mehr mithalten will mit den Opportuni-
sten, die schon wieder oben schwim-
men.
Klı́ma gelingt das Kunststück, ihn
sympathischer erscheinen zu lassen als
die politisch korrekten Matadore der
samtenen Revolution. Zwar läßt der
Autor keinen Zweifel daran, daß die
siegreichen Demonstranten im Recht
sind, klar wird aber auch: Menschen mit
den kleinen, alltäglichen Träumen,
Menschen wie Pavel Fuks, verdienen
nicht weniger Respekt.
Klı́ma hat ein feines Gespür dafür,
wieviel Historie seine Geschichte ver-
trägt – und wo er zu seinem Helden zu-
rückzukehren hat. Ein Wende-Roman?
Ein Epos jedenfalls über die Umbrüche
der jüngsten Vergangenheit und die Ge-
genwärtigkeit einer umfassenden Beun-
ruhigung.
Die Ruhe ist dahin – ob sie so „kost-
bar“ war, wie Christoph Hein im Schock
jener Nacht von 1989 noch glauben
mochte, stellt Klı́mas Roman nachträg-
lich in Frage. Ein solches Buch hätte
man auch von einem deutschen Schrift-
steller gern gelesen. Volker Hage
..

KULTUR

COLLECTION DINA VIERNY / SYGMA


P. PERRIN / SYGMA
Maillol-Muse Vierny 1995 (mit Maillol-Skulptur), Vierny 1936: Spätes Himmelsgeschenk für den Meister

Über 50 Jahre nach dem Tod des laßverwalterin ist und so Einfluß auf den
Kunst Künstlers ist nun auch Dinas Lebens- einträglichen Handel mit seinen Werken
traum wahr geworden. In der Pariser hat, trug ihr zusätzliches Kapital ein.
Rue de Grenelle eröffnete Madame Hoch unter dem Dach ihres Muse-

Göttliche Vierny, 76, kürzlich ihr privates Musée


Maillol, die einzige permanent zugängli-
che Sammlung, die ausschließlich dem
ums, eine enge Treppe windet sich
empor, residiert die Chefin. Im winzi-
gen Entree steht eine Maillol-Skulptur –

Blume bedeutenden französischen Bildhauer


gewidmet ist.
Die Zeichnungen, Pastelle und Bron-
das nackte Abbild ihrer Jugend. Sie
dient der alten Dame als Kleiderpuppe
für ihren Wintermantel.
Dina Vierny hat in Paris ein privates zen in den Haupträumen zeigen vor al- Ihr russischer Mädchenname? Die
lem die junge Dina. Dennoch ist das Herkunft ihrer Familie? Die Kosten fürs
Maillol-Museum gegründet – vor 50 Museum nicht das Mausoleum ihrer Ju- Museum? – „Dar über spreche ich
Jahren stand sie dem berühmten gend. Die „Fondation Dina Vierny“ do- nicht.“ Die junge Dina hatte dichtes
kumentiert vor allem eine leidenschaftli-
Bildhauer Modell. che Sammelwut, sie bietet auf 3000
Quadratmetern und vier Ebenen lauter Tiefe Eifersucht auf
as Mädchen schien für den Job Asservatenkammern einer unstillbaren die Freundinnen des
D beim Meister bestens ausgestattet.
Die Russin war nicht zu groß, hat-
te runde, feste Formen, war blutjung,
Obsession.
Einige Kabinette beherbergen Dinas
Kollektion russischer Avantgarde-Kunst
Schürzenjägers Maillol
reizend naiv, aber intelligent. Und of- der späten sechziger Jahre: Bilder und schwarzes Haar, das sie meist als Gret-
fenbar hatte sie keine übermäßigen Objekte von Bulatow, Kabakow und chenzopf um den Kopf gewickelt trug.
Hemmungen. Jankilewski. Andere Räume zeigen nai- Maillol erlebte ihren Körper als Him-
Dina, die Emigrantin aus Odessa, war ve Kunst sowie Werke der klassischen melsgeschenk: „Ich kenne drei göttliche
erst 15 Jahre alt, als sie, auf Rat eines Moderne: von Kandinsky bis Poliakoff. Blumen“, schrieb er damals auf eine
Freundes, den Bildhauer Aristide Mail- Über drei Jahrzehnte hat die Vierny – Skizze, „die Nelke, die Rose und Dina.“
lol 1934 in seinem Atelier in Marly-le- der Name stammt vom ersten ihrer drei Zehn Jahre lang, bis zum Tod Mail-
Roi bei Paris besuchte und sich als Mo- Ehemänner – für ihre Privatstiftung ge- lols 1944, saß oder stand die Blumen-
dell bewarb. Für den 72jährigen Künst- kämpft. Seit 1954 bewohnt sie ein klei- Göttin Dina dem greisen Künstler in sei-
ler erfüllte sich beim Anblick der drallen nes Apartment in dem prächtigen Palais nem Atelier Modell – anfangs immer
Nymphe ein fast schon aufgegebener in der Rue de Grenelle, einem ehemali- nur donnerstags am Nachmittag, wenn
Traum. Endlich hatte er in der Wirklich- gen Kloster. sie schulfrei hatte. Der Meister schuf
keit jenen perfekten Körper gefunden, Mit der Zeit kaufte Dina Vierny in nach ihrem blühenden Bilde seine
den er in seinen Kunstwerken schon dem verwinkelten Geb äude eine frei schönsten Werke: „Der Fluß“, „Die
längst geschaffen hatte: kompakte Run- werdende Wohnung nach der anderen Luft“ und die unvollendet gebliebene
dungen und die unverfälschte Erotik der auf, komplettierte ihre Maillol-Samm- Figur „Harmonie“.
Jugend – kräftige Anmut, Natur als rei- lung und beschaffte die nötigen Mittel Der Künstler Maillol schätzte die
ne Form. für den Umbau. Daß sie Maillols Nach- deutsche Gegenwartskunst seiner Zeit

206 DER SPIEGEL 15/1995


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KULTUR

und wurde seinerseits von


der deutschen Avantgarde
gefördert. Aber auch Bild-
hauer Arno Breker, Adolf
Hitlers bevorzugter Hero-
en-Schmied, stand ihm na-
he. Als Breker 1942 im be-
setzten Paris den Franzo-
sen in einer großen Propa-
ganda-Schau zeigen durfte,
was echte germanische
Freikörper-Kunst ist, reiste
Maillol eigens zur Er öff-
nung, um seinem Freund
zu huldigen.
Der Deutsche schreibt
in seinen Erinnerungen,
Maillol habe ihn 1942 sogar
gebeten, in Banyuls, dem
südfranzösischen Refugi-
um des Meisters, seine Bü-
ste zu modellieren. Bei ei-
nem Essen zu Brekers
Ehren verstieg sich der
Franzose dann auch noch
zu der Bemerkung, Bre-
ker sei „der Michelangelo

VG BILD-KUNST, BONN 1995


Deutschlands“.
Clotilde Maillol, des
Künstlers Gattin, plagten
derweil andere Peinlichkei-
ten. Sie gestand Breker ih-
re tiefe Eifersucht auf die
Freundinnen des Schürzen- Maillol-Pastell „Dina – Rückenansicht“ (1944)
jägers Maillol und präsen- Natur als reine Form
tierte ihm zum Beweis eine
offizielle Einladung, auf der „Botschaf- innert sich Dina Vierny, waren ihre
ter Otto Abetz“ sich die Ehre gab, Schützlinge deutsche Emigranten,
„Herrn Aristide Maillol und Frau Ge- „Intellektuelle, man sah denen das am
mahlin zum Déjeuner einzuladen“. Die Gesicht an“.
aktuelle Mätresse ihres Mannes sei, so Doch die nächtlichen Aktivitäten flo-
die des Deutschen unkundige Madame gen auf. Die junge Frau landete im
Maillol, also längst stadtbekannt: eine Frühjahr 1943 im berüchtigten Gefäng-
Dame namens „Gemahlin“. Der deut- nis von Fresnes bei Paris.
sche Muskel-Michelangelo klärte den Dinas wundersame Befreiung aus der
Sachverhalt. Haft erinnert an einen Kolportage-Ro-
Im Gegensatz zu ihrem Meister ver- man. Beim Verhör im gefürchteten Ge-
mied Dina Vierny jeden Kontakt mit stapo-Quartier in der Pariser Rue des
Saussaies erschien unvermittelt ein or-
denbehängter deutscher Wehrmachtsof-
SS-Wachen schlossen fizier, zeigte ein Schreiben von höchster
die schweren Türen auf, Stelle vor und befahl der Gefangenen,
ihm zu folgen. SS-Wachen schlossen,
Dina war frei leicht irritiert, die schweren Türen auf.
Dina war plötzlich frei.
den deutschen Besatzern. Sie blieb in Der Retter im Hintergrund, der den
Banyuls und nahm Kontakt zum franzö- Offizier mit dem gefälschten Befrei-
sischen Widerstand auf. Bald führte ungsbrief geschickt hatte, war Arno
die junge Frau nachts Flüchtlinge über Breker. Der Bildhauer mit Verbindun-
die französisch-spanische Grenze. Dem gen zu höchsten NS-Chargen hatte sich
Freund Maillol hatte sie davon zunächst auf Bitten Maillols für dessen Modell
nichts erzählt. Erst als er sich eines Ta- eingesetzt.
ges beschwerte, daß sie im Atelier müde Seine guten Kontakte zu den Deut-
wirke, beichtete sie ihm ihre nächtlichen schen diskreditierten Maillol nach dem
Grenzgänge. Krieg. 1964 vermachte Dina Vierny dem
Er habe ihr dann, so sagt sie heute, Staat 18 Skulpturen ihres Idols. Und die
„gezeigt, wie man das richtig macht, wie Französische Republik scheute sich
man Menschen auf einem winzigen nicht, die Bronzen publikumswirksam in
Pfad, den die Ziegen getrampelt hatten, den Tuilerien-Gärten vor dem Louvre
heil über die Grenze bringt“. Meist, er- aufzustellen. Y

210 DER SPIEGEL 15/1995


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KULTUR

Musik

Der aus der Reihe tanzt


SPIEGEL-Redakteur Klaus Umbach über die spektakuläre Scarlatti-CD des Pianisten Christian Zacharias

eine Allüren beim Auftritt, kein litäten, reiner Bürokratismus, der mit Spielzeit: 42 Sekunden weniger. Insge-

K Heckmeck an den Tasten. Ent-


spannt schlakst er aufs Podium,
entspannt spielt und spricht er. Unver-
Kunst nichts zu tun“ habe.
Nun hat sich der Querdenker aus dem
Bergischen auch noch mit einem Dogma
samt 20 verschiedene Versionen der Mi-
nimal-Musik, zwischen 1973 und 1994
aufgenommen, hat Zacharias zu einem
änderliche Kennzeichen: scheinbar kei- seiner Zunft angelegt – mit dem „Glau- einstündigen Dauerlauf summiert – eine
ne. ben, daß der Interpret die endgültige Demo von faszinierender Beharrlich-
Doch wenn Christian Zacharias, 44, und absolut richtige Wiedergabe einer keit.
derzeit Deutschlands bester und erfolg- Komposition liefern kann“. Was das Pu- Verrückt, dieser multiple Scarlatti.
reichster Mann am Klavier, in seinem blikum allabendlich erwarte, sei „ein Da wird – da capo, da capo, da capo –
Domizil, einer früheren ein kleiner Ohrwurm
Zwergschule im Bergi- zum Bandwurm von
schen Land, mal halb- Bruckner-Maßen ver-
wegs zur Ruhe kommt vielfältigt. Damit, freut
vom Dauerlauf durch die sich Plattenspieler Za-
globale E-Musik-Szene, charias, führe sich „die
dann packt ihn die Unru- Plattenindustrie endlich
he eines heimlichen Re- selbst ad absurdum“.
voluzzers, dann motzt er Denn die Firmenwer-
los gegen die edle Har- bung mache ihren Kun-
monie seines Jobs: den doch bei jeder Novi-
Das Konzertleben sei tät weis, nun könnten sie
längst „mumifiziert und „die absolut und unver-
erstarrt“, der Interpret rückbar gültige Version
durch „Routine und Ver- eines Werkes kaufen“:
schleiß bloß noch risiko- „Blödsinn, die genau
scheuer Handlanger“, gibt es nicht.“
das Publikum „eine mü- Schon vor über 20 Jah-
de Masse in fader Ge- ren, als der in Indien ge-
nußhaltung“. borene Ingenieurssohn
Dabei sieht dieser im- seine Laufbahn begann,
R. JANKE / ARGUS

mer noch jungenhafte hat Zacharias an der


Pianist mit dem spitzen, Scarlatti-Miniatur einen
bübischen Lachen nicht Narren gefressen. Fast
aus, als leide er an der Scarlatti-Spieler Zacharias: Da capo, da capo, da capo jeden Abend bot er sie
Tretmühle, die er selbst als Zugabe, inzwischen
fleißig in Gang hält: Mozart-Sonaten, Phantom“: „Ein Stück klingt immer „bestimmt 1600mal“ – mal ein bißchen
Mozart-Konzerte, Beethoven-Sonaten, wieder anders.“ graziöser, mal salopper; hier im Schon-
Beethoven-Konzerte, Schubert, Schu- Zum Beweis seiner Ketzerei hat Za- gang (3’24’’), dort mit Kickdown
mann – die Altvorderen eben. Sie alle charias letzte Woche die vielleicht skur- (1’55’’).
meistert er mit Elan, Charme und viel rilste Klassik-Publikation der Plattenge- Er spielte das Kürzel beim Südwest-
Freude an der eigenen Fingerfertigkeit. schichte vorgelegt: „Encore“ (Zugabe) funk Baden-Baden, in der Deutschen
Beim alten Brahms allerdings habe er heißt, harmlos, das digitale, bei EMI Schule von Kairo, in Tokios gigantischer
oft seine „liebe Not“. Manche Werke Classics erschienene Unikum, und völlig Suntory Hall, in der Dorpsgesinde Ge-
werde er „nie im Leben spielen“, einige harmlos fängt an, was Zacharias mit meente Kerk der holländischen Stadt
„stoßen mich geradezu ab“: „Schreck- Recht sein „bislang spleenigstes Experi- Haarlem, im Landgasthof des schweize-
lich, diese technische deutsche Knetmu- ment“ nennt. rischen Weilers Riehen. Und überall lief
sik.“ Folgt, als PS, ein kokettes Pardon: Presto, wie es die Noten vorschrei- ein Band.
„So etwas sagt ein anständiger deutscher ben, läßt er seine Finger im 3/8-Takt los- Die Idee, den Mythos der ewig gülti-
Pianist natürlich nicht.“ laufen; ein paar Sprünge, ein paar Tril- gen Interpretation zu demontieren, hat
Der sagt auch nicht, daß der Überva- ler, nirgends Klavierakrobatik. Im Nu, Zacharias den schönen Künsten abge-
ter Bach, gemeinhin Maß aller Dinge nach 2’37“, hat der Pianist die 134 Takte guckt. „Fasziniert von der Obsession“
und Muß aller Musiker, „eigentlich nur einer G-Dur-Sonate von Domenico des Malers Peter Dreher, der seit 20
ein Meister der kleinen Form“ und des- Scarlatti, dem italienischen Frühklassi- Jahren immer wieder ein und dasselbe
halb niedriger zu hängen sei. Bachs ker, hinter sich. Wasserglas auf die Leinwand bringt und
„Wohltemperiertes Klavier“ zum Bei- Kurze Pause, dann weiter im Noten- mittlerweile an die 1000 fast unsichtbar
spiel, ein Doppel-Zyklus von zweimal text. Doch was folgt, ist wie gehabt: die- variierte Abbilder des Gefäßes geschaf-
24 Präludien und 24 Fugen, hält Zacha- selbe Petitesse, derselbe Pianist. Nur fen hat, wählte er die Scarlatti-Sonate
rias für ein Monstrum, ja über weite der Klavierton klingt eine Spur trocke- als Objekt „meiner künstlerischen Un-
Strecken für einen „Katalog voll Forma- ner, das Tempo einen Hauch quirliger. berechenbarkeit“; sie sei sein „Glas“.

212 DER SPIEGEL 15/1995


Geradezu kunstbeflissen hat EMI stert Zacharias, spielten dort „gewohnt abgekauft: „Richtig stark“, rühmt er im
denn auch die CD in Umlauf gebracht. artig und langweilig“, eine Pflichtübung. Jugendstil.
Die Aufnahme erscheint, als numerierte Er aber riskiert eine Kür ins Extrava- Eines Tages, „das wäre toll“, könnte
Edition, in nur 3000 Exemplaren, Za- gante. er durchaus soweit sein und auch „vitale
charias-Inspirator Dreher malte für den Mitten in seine Solokadenz des d- Klänge dieser Machart“ in eine Mozart-
beigefügten Kunstdruck-Leporello ei- Moll-Konzerts ließ er fortissimo einen Kadenz platzen lassen. Dann, Himmel
gens 20 – fast identische – Scarlatti-Por- Orchesterakkord aus „Don Giovanni“ hilf, würde der tote Queen-Sänger Fred-
träts. knallen; Käufer der CD schlugen bei die Mercury ins klassische Elysium auf-
Für die Wirkung einer Komposition, EMI Alarm und begehrten Umtausch steigen und dort zur Rechten von Ama-
das will Zacharias mit dem Gesamt- der vermeintlich entstellten Aufnahme. deus thronen. Y
kunstwerk dokumentieren, sei „die Ta- Die New Yorker Philharmoniker waren
gesform des Pianisten, die Raumakustik erst nach langem, erläuterndem Brief-
und die Publikumsresonanz“ genauso
wichtig wie „der reine Notentext“.
wechsel bereit, den Coup auch live mit-
zumachen. „Inzwischen“, sagt Zachari-
Gegendarstellung
„Durchschnittshörer“, räumt Zacha- as, „finden das alle Dirigenten toll.“ In der Ausgabe des SPIEGEL vom 27.
rias ein, könnten ihre Schwierigkeiten Auch bei der Produktion von Mozarts März 1995 (Nr. 13) auf den Seiten
haben, „die feinen Unterschiede“ in sei- „Krönungskonzert“ begnügte sich Za- 232/233 berichten Sie über die bevorste-
nem Minimal-Marathon herauszuhören. charias nicht mit dem „Schnickschnack, hende Kresnik-Premiere seines „Gr ünd-
Aber nur solche „Überraschungen“, den alle machen“. Mitten in der Kadenz gens-Projektes“ unter der Überschrift
auch „mühsame“, seien geeignet, „die zog er auf einmal eine eigens nach sei- „Pudel im Bauch“:
Lethargie in unserem Konzertbetrieb nen Plänen gebaute Spieluhr aus der Ta- Sie behaupten dort:
noch aufzubrechen“. sche und ließ die Mechanik losklimpern: „Hoppe soll in der Inszenierung all-
Zacharias spricht aus Erfahrung. „Plötzlich dudelt da eine Maschine, und abendlich zwei Chansons zum besten ge-
Denn wo immer er bislang, auch auf die Leute sind hellwach.“ ben. Sie hat es zugesagt, ob sie ihr Ver-
Platte, aus der Reihe tanzte, kam auch „Begeistert von der großen Wirkung sprechen halten wird, weiß niemand.“
das Publikum aus dem Takt. solch kleiner Schocks“, sinnt Zacharias Diese Behauptung ist unrichtig. Richtig
Besonders gern experimentiert der über neue Alleingänge nach. „Für mich ist, daß mir Herr Kresnik Ende Dezem-
Virtuose in den Kadenzen von Mozarts selbst überraschend“ hat der Virtuose ber ein entsprechendes Angebot unter-
Klavierkonzerten, wo der Komponist soeben sein Faible „für eine gewisse breitet hat. Dieses habe ich sofort und
seinen Interpreten für wenige Minuten Popmusik“ entdeckt und seinem Sohn definitiv abgelehnt.
einen Freiraum für eigene Improvisatio- für fünf Mark das Stück ein paar alte Berlin, den 27. März 1995
nen überläßt. Die meisten Kollegen, lä- Platten der britischen Gruppe „Queen“ gez. Marianne Hoppe
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KULTUR

Literatur

Dem denkenden Leser


Peter von Matt über Hans Magnus Enzensbergers Gedichtband „Kiosk“

Matt, 57, arbeitet als Professor für damals hieß, setzten sie ihre ernüchter-
Neuere deutsche Literatur an der Uni- ten Gefühle gegenüber, eine neue Re-
versität Zürich. Zuletzt veröffentlichte spektlosigkeit. Aufgezogen in Frömmig-
er den Essayband „Das Schicksal der keit und geschult zum Gehorsam, war
Phantasie“ (Hanser Verlag). ihnen alles Fromme gründlich verleidet,
und sie zeigten das mit Lust und freuten
ie verstehen zu altern, die literari- sich über den Anstoß, den sie erregten.

S schen Upstarts der fünfziger Jahre.


Während die 68er zuhauf vorzeitig
vergreisten, tummeln sich die gereiften
Dennoch, und darin liegt vielleicht
das Geheimnis ihres souveränen Al-
terns, blieb ihnen der Grundrespekt vor
Vertreter der James-Dean-Generation den großen Traditionen, der die Epoche
wie eh und je auf der kulturellen Piazza, Adenauers prägte, insgeheim erhalten.
schreiben Romane und
Novellen und Gedichte,
halten Reden, finden die
Gegenwart apokalyp-
tisch, die Politiker uner-
träglich und die Kollegen
fragwürdig. Sie schimp-
fen, drohen und pro-
phezeien, sind die Opfer
korrupter Kritiker und
ausbeuterischer Verleger,
und sie bleiben produktiv
dabei wie die Kaninchen.
Günter Graß hält sich
seinen schweren Zorn wie
Laotse den Reitoch-
sen, ein unzertrennliches
Paar, unterwegs seit Jahr-
zehnten, von niemandem
aufzuhalten im gemesse-
nen Schaukelgang. Mar-
tin Walser, städtischer In-
tellekt wie einer, spielt
den Ländlichen, das Bo-
denseekind, den letzten
Verwurzelten, und nervt
damit die andern Städti-

P. PEITSCH
schen wie der Igel den he-
chelnden Hasen: Man
kann aufbrechen, wohin Lyriker Enzensberger: Stachel in Leib und Seele
man will, Walser ist im-
mer schon da. Und Enzensberger, der Sie bewahrten eine Witterung für
Gelehrteste von allen, ein Belesener die ungeheuren Potentiale der Überlie-
von Wielandschen Ausmaßen, erfreut ferung und hielten sich so in allen Um-
sich seines Wissens und seiner Bücher brüchen und Apostasien, durch die sie
und treibt damit seine Spiele, als wäre marschierten, den Zugang frei zu einem
er ein Franzose und nicht der Angehöri- beständi