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Paech_N_2016

Befreiung vom Überfluss –


Grundlagen einer Wirtschaft ohne Wachstum

Niko Paech

„Befreiung vom Überfluss – Grundlagen einer Wirtschaft ohne Wachstum,“ in: Fromm Fo-
rum (Deutsche Ausgabe – ISBN 1437-0956), 20 / 2016, Tuebingen (Selbstverlag), pp. 70-
76.
Copyright © 2016 by Prof. Dr. Niko Paech, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Fa-
kultät II, Lehrstuhl für Produktion und Umwelt (PUM), 26111 Oldenburg; E-Mail: ni-
ko.paech[at-symbol]uni-oldenburg.de.

Charakterstruktur die Existenz eines „ge-


1. Einleitung
sunden“ Menschseins zu ermöglichen. Fol-
Sämtliche Anläufe einer ökologischen Mo- gende Aspekte werden in Fromms Betrach-
dernisierung, die ein „grünes“ Wachstum tungen erkennbar, die trotz zuweilen unter-
und damit eine politisch leicht zu vermitteln- schiedlicher Begründung und Wertigkeit mit
de Umgehung jeglicher Anspruchsmäßigung dem hier vorliegenden Beitrag zur Post-
versprachen, sind grandios gescheitert. Der wachstumsökonomie harmonieren: Die Ver-
Versuch, moderne Konsumkulturen, die auf ringerung des Konsums, Freude am Geben
einer zunehmenden Entgrenzung materieller und am Teilen, die Rückbesinnung auf die
Freiheiten beruhen, durch technische Vor- eigene Identität, aber auch die Schaffung
kehrungen von ökologischen Schäden ab- individueller Initiativen, Sicherung der Exis-
zukoppeln, haben zuweilen sogar das Ge- tenzgrundlagen einzelner sowie die Anglei-
genteil bewirkt. Vor dem Trümmerhaufen chung der Gesellschaften und Angleichun-
geplatzter Fortschrittsverheißungen formie- gen innerhalb der Gesellschaft.
ren sich innerhalb der Nachhaltigkeitsfor-
schung abermals wachstumsskeptische Po- 2. Wachstumsdämmerung
sitionen. Sie firmieren unter Bezeichnungen
Die Frage, ob eine Wirtschaft ohne Wachs-
wie „Degrowth“, „Steady State“, „Décrois-
tum wünschenswert, politisch durchsetzbar
sance“, „Decrescita“ oder „Postwachstums-
oder vereinbar mit modernen Vorstellungen
ökonomie“. Von letzterer handelt der vorlie-
von individueller Selbstverwirklichung wäre,
gende Beitrag. Wenngleich die nunmehr
verweist auf eine Gespensterdebatte, so als
zweite Welle der Wachstumskritik mit diver-
sei das derzeitige Wachstumsregime über-
sen Neuerungen konzeptioneller Art aufzu-
haupt fortsetzbar. Was bestenfalls noch
warten vermag, bezieht sie sich durchaus
wachsen kann, ist die Gewissheit darüber,
auf einschlägige Vertreter jener Wachs-
dass weitere Zuwächse des Bruttoinlands-
tumsablehnung, die schon in den frühen
produktes (BIP) aus mindestens fünf Grün-
Siebziger in Erscheinung trat. Manche die-
den keine realistische Option mehr darstel-
ser „Klassiker“ wurden zwischenzeitlich ver-
len. Erstens scheitert Wachstum absehbar
gessen, andere werden wiederentdeckt,
an Ressourcenengpässen (vgl. Heinberg
wiederum andere haben niemals an Bedeu-
2007), zweitens verringert es nicht per se
tung verloren, wie etwa Erich Fromm.
Verteilungsdisparitäten (vgl. Paech 2008),
Durch seine kritische Analyse der modernen drittens sorgt es nach Erreichen eines be-
Konsumgesellschaft versucht Fromm eine stimmten Wohlstandsniveaus für keine wei-
neue Gesellschaft zu entwerfen, deren Ziel teren Glückszuwächse (vgl. Layard 2005)
es ist, ausgehend von einer veränderten und viertens bildet es mindestens indirekt

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die Ursache der unbeherrschbar geworde- schlicht am substanziellen Können auf indi-
nen Finanzkrisen. Fünftens ist Wirtschafts- vidueller Ebene. Die Angst vor einer Wirt-
wachstum nie ohne ökologische Schäden zu schaft ohne Wachstum ist daher nicht so ir-
haben (vgl. Paech 2012). Nichts wäre der- rational, wie es oft scheinen mag: Wer
zeit wichtiger als eine umfängliche Entlas- springt schon ins Wasser, wenn er das
tung der Ökosphäre. Dennoch wandeln sich Schwimmen verlernt hat? Im Folgenden
die Lebensstile weltweit und ausnahmslos in werden Gründe und Möglichkeiten skizziert,
die entgegengesetzte Richtung. Den meis- die eine Wiedererlangung jener Autonomie
ten Wissenschaftlern und Politikern fällt da- nahelegen, die schon Fromm im Sinne hat-
zu nichts Besseres ein, als ausgerechnet te.
jetzt weiteres, wenngleich „grünes“ Wachs-
tum zu propagieren. 3. Von wegen Freiheit
Worauf gründet diese Kapitulation vor der
desaströsen Konsum-, Mobilitäts- und Digi- a) Zeitökonomische Grenzen
talisierungskultur? Erstens wird die damit Der expansive Charakter moderner Frei-
korrespondierende Daseinsform als Aus- heitsauslegungen wird einer gewandelten
druck von Freiheit und Weltoffenheit legiti- Realität nicht mehr gerecht. Frühe Phasen
miert. So lässt sich jede Abkehr davon als der Moderne waren nicht nur von materieller
unzumutbarer Rückschritt diskreditieren. Knappheit, sondern einer noch nicht ausge-
Zweitens wird eine technische Alchemie be- schöpften menschlichen Aufnahmekapazität
schworen, derzufolge stetiges Wohlstands- für zusätzliche Optionen konsumtiver
wachstum von ökologischen Schäden ent- Selbststeigerung geprägt. Dieses Zweige-
koppelt werden kann. Drittens wäre das Al- stirn aus Haben-wollen und Verarbeiten-
ternativmodell, nämlich die im Folgenden zu können war der Motor einer Ausdehnungs-
erläuternde „Postwachstumsökonomie“ bewegung, die folgerichtig mit Freiheitsge-
(Paech 2008, 2012) nicht ohne Überwin- winnen gleichgesetzt werden konnte. Inzwi-
dung vollständig fremdversorgter Lebenssti- schen zeichnet sich ein Stadium der kaum
le zu stabilisieren. Suffizienz- und Sub- mehr zu bewältigenden Überladung ab. Alle
sistenzleistungen – also Genügsamkeit, Re- Dimensionen menschlicher Existenz sind
duktion, manuelle Selbstversorgung – als okkupiert und vollgepfropft: Die Ökosphäre,
elementare Voraussetzungen für eine Wirt- die Landschaft, die Städte, die Häuser, die
schaft ohne Wachstum lassen sich weder an Terminkalender, die Freizeit, die Mobilität,
technologische Innovationen noch an die die Bildung, die Vorsorge, das Portfolio be-
Politik abwälzen. Sie können nur eigenstän- ruflicher Entfaltung, die digitalen Kommuni-
dig erbracht werden. Dieses Können geht in kationskanäle inklusive neuer sozialer Net-
Konsumgesellschaften mit Erreichen zu- ze, die bis in die letzten Nischen des Alltags
nehmend höherer Fremdversorgungsstufen reichen.
systematisch verloren.
Alles ist verdrahtet, an jedem Ort und zu je-
Sich auf Situationen einzulassen, die das der Zeit günstig erhältlich. Deshalb ist mo-
bislang in Anspruch genommene Komfortni- dernes Leben so komfortabel – und doch
veau vermissen lassen und in der selbsttätig zugleich so schwer. Denn zwei einander
Leistungen zu erbringen sind, die vormals verstärkende Mechanismen konterkarieren
von außen zugeführt wurden, stellt ein per- das Glücksversprechen einer unbeschränk-
sönliches Wagnis dar. Schmerzliche Ent- ten Möglichkeitsvermehrung: Erstens macht
behrung und Überforderung sind nicht nur sich Erschöpfung (vgl. Ehrenberg 2004) in-
eine Frage der absoluten Versorgungshöhe, folge des Abarbeitens einer kaum zu bewäl-
sondern mehr noch des Übergangs zu ver- tigenden Ereignis- und Optionendichte breit,
änderten Praktiken. Deshalb scheitern die zweitens auf grassierende Inhaltsleere
Transformationen, die auf Reduktionsstrate- trifft, weil die einzelnen Optionen nur noch
gien beruhen, nicht an mangelnder Aufklä- flüchtig „angetriggert“ werden können. Über-
rung oder fehlendem Wollen, sondern fluss und Vielfalt an Möglichkeiten, die alle

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erschlossen werden wollen, führen in eine darin besteht, sich ihrer Existenz zu verge-
unerträgliche Leichtigkeit – zutreffender: wissern. Selbst das Erinnerungsvermögen in
Seichtigkeit – des Seins. Denn damit Kon- Bezug auf vergangene Genüsse wird infolge
sumaktivitäten überhaupt Nutzen stiften eines Dammbruchs der vielen bunten Mög-
können, muss ihnen ein Minimum an Auf- lichkeiten überflutet. Wenn Konsum zum
merksamkeit gewidmet werden. Da aber das flüchtigen Überkonsum degeneriert, kehrt
Angebot an Optionen geradezu explodiert, sich die durch ihn angestrebte Wirkung ins
der Tag aber nach wie vor nur 24 Stunden direkte Gegenteil um. Das beschrieb Fromm
hat, verschärft sich die Verwendungskonkur- (1955) trefflich, als er auf den damit drohen-
renz um die nicht vermehrbare Ressource den Verlust von Identität und Individualität
Zeit, insbesondere wenn sie sich auf eine hinwies. Orientierungslosigkeit und Lange-
immer größere Anzahl von Konsumobjekten weile könnten, so führte er weiter aus, derart
verteilt. Jedem einzelnen davon wird ein zu- überhandnehmen, dass als Konsequenz
sehends geringeres Quantum an Aufmerk- selbst psychosoziale Störungen nicht aus-
samkeit zuteil. Damit wird die minimal erfor- zuschließen seien.
derliche Zeit zum Ausschöpfen konsumtiver
Die Geschichte des ökonomischen Fort-
Optionen zum Engpassfaktor (vgl. Paech
schritts lässt sich eben auch anders erzäh-
2010).
len: Erst kommt die Befreiung von Unmün-
Wenn immer mehr Handlungsoptionen, In- digkeit, Knappheit und Not, dann der Über-
formationsverarbeitung und Entscheidungs- fluss und zunehmend grenzenlose Selbst-
bedarfe auf ein nicht vermehrbares Potenzi- verwirklichung, irgendwann wird die Zeit
al an Aufmerksamkeit treffen, nimmt zwar zum Engpassfaktor und die Konsumverstop-
der Konsumwohlstand rechnerisch zu, aber fung leitet zum Burn-Out über. Am Ende
seine positive Wirkung bleibt nicht nur auf mausert sich die Depression zur Zivilisati-
der Stecke, sondern kann sich sogar um- onskrankheit Nummer eins – ausgerechnet
kehren. An die Stelle lustvoller Ausschöp- in prosperierenden Wohlstandsgesellschaf-
fung tritt das buchstäblich oberflächlichste ten.
Prinzip einer Aneignung, nämlich das Scan-
nen und Surfen auf einem Ozean der Mög- b) Das Paradox sinkender Zumutungen
lichkeiten, in den an keiner Stelle mehr ein-
getaucht werden kann. Für das zur Kon- Eine andere Konsequenz hoch verdichteter
templation nötige Verweilen fehlt es an Zeit, Lebensstile besteht im Verlust von Selbst-
weil der Drang, möglichst viel mitzunehmen, wirksamkeit. Wenn alles in vorgefertigter
eine entsprechend hohe Geschwindigkeit Form abgerufen wird, bleibt kein Raum für
verlangt, mit der sofort zum nächsten Ereig- eigene Gestaltung. Getilgt wird das Erfolgs-
nis davon geeilt wird. Folglich gerät jede Ba- erlebnis, ein Konsumobjekt eigenhändig er-
lance zwischen horizontaler Vorwärtsbewe- schlossen zu haben und sei es nur durch
gung und vertikaler Vertiefung zulasten der den eingeübten Umgang, die mühsam er-
Letzteren aus den Fugen. langte Sachkenntnis oder die Mitwirkung am
Zustandekommen eines Ergebnisses. Der
Und immer sitzt die Angst im Nacken, etwas Komfort, alles jederzeit mühelos serviert zu
anderes zu verpassen, sollte die Verweil- bekommen und umstandslos wieder fallen
dauer an einem Punkt innerhalb des multi- lassen zu können, um sich frei von jeglicher
optionalen Koordinatensystems zu lang Verantwortung für den Verbleib oder die
werden. Irgendwann können Konsum- und Nachsorge sofort dem Neuen zuwenden zu
Mobilitätssteigerungen nur noch der Be- können, hat mehr als nur einen ökologi-
hauptung einer sozialen Position dienen. Es schen Preis. Denn unterminiert wird damit
sind defensive Zuckungen aus Furcht davor, das Potenzial, angeeignete Dinge mit den
gegenüber jenen zurückzufallen, die mehr materialisierten Symbolen eigener Identität
Beute vorweisen können. Das Resultat ist zu versehen. Dazu zählen Spuren der In-
eine Anhäufung von Symbolen oder standhaltung; eigenhändig vorgenommene
Wohlstandstrophäen, deren Zweck nur noch Veränderungen sowie Reparaturen; sichtba-

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rer Verschleiß, der auf Erlebnisse oder eine gungsfälle ziehen nicht nur den obligatori-
Geschichte des Besitzers verweist; Patina schen Rollkoffer, versehen mit trophäenarti-
als Ausdruck von Reife und als Verweis auf gen Airline-Banderolen, hinter sich her, son-
Vornutzer, zu denen Assoziationen geweckt dern auch eine zunehmend ruinöse Produk-
werden sollen (vgl. Ullrich 2006, S. 27). tionskette. Und wehe, sie reißt irgendwo.
Ebenfalls verlernt wird, die angeeigneten Diese Zustandsbeschreibung wurde zumin-
Objekte instrumentell zu verwenden, um dest in Teilen von Fromm (1955) vorwegge-
sich daran durch eigene Übung zu verwirkli- nommen. Denn statt durch Massenkonsum
chen, ganz gleich ob auf Basis von manuel- höhere Grade an Selbstverwirklichung zu er-
lem Handwerkszeug, nicht elektrifizierter langen, so argumentiert er, werde der „ent-
Nähmaschine oder per Fahrrad, Angelrute, fremdete Mensch“ durch äußere Einflüsse,
Segelboot oder Musikinstrument. Derartige künstlich geschaffene Vorstellungen, etwa
Dinge stimulieren Prozesse, die eine körper- mit Hilfe der Medien, gelenkt. Das Übermaß
liche und materielle Dimension aufweisen. und die regelmäßige Verfügbarkeit an Gü-
Nötig ist dazu Übung, die weder an jeman- tern aller Art müssten zu einer regelrechten
den delegiert noch automatisiert werden Konsumsucht führen. So werde ein Zustand
kann. Solchermaßen interaktive Artefakte erreicht, in dem „jeder Wunsch sofort befrie-
korrespondieren mit einem Design, welches digt werden muss und kein Verlangen frust-
auf „Polytechnik“ (Mumford 1967), „mittlere“ riert werden darf“ (Fromm 1955, S. 117).
(Schumacher 1973) oder „konviviale“ (Illich
Wie psychisch belastbar sind die Insassen
1973) Technologien verweist. Gebrauchs-
einer derartigen Bequemokratie? Wenn der
gegenstände wären demnach lediglich
Flieger ausfällt, die Tankstelle den Benzin-
Hilfsmittel oder maßvolle Verstärker eigen-
preis erhöht, das Handy keine Verbindung
ständigen Schaffens. Manuelle Verrichtun-
hat, der Supermarkt geschlossen ist, dem
gen würden nicht durch äußere Energie-
Kaffee das Verwöhnaroma fehlt oder die
und anderweitige Ressourcenzufuhr ersetzt,
Haushaltshilfe den Gehweg nicht gefegt hat,
sondern herausgefordert und perfektioniert –
ist der Spaß vorbei. Inmitten organisierter
nicht zuletzt um der Erlangung persönlicher
Hilflosigkeit verlieren Konsumhypochonder
Souveränität willen.
schnell die Fassung. Jede Lücke oder Ver-
Was demgegenüber in einer überfrachteten zögerung innerhalb einer Rundumversor-
Konsumumgebung an eigener Kompetenz gung, die sich als Normalzustand etabliert
übrigbleibt, ist nichts als müheloses Dahin- hat, wird lautstark als Zumutung beschimpft.
gleiten auf uniformierten Benutzeroberflä- Denn sie ist nichts weniger als der Antichrist
chen, so als sei das erfüllte Leben gleichbe- moderner Fortschrittsverheißungen. Jedoch
deutend mit einem allgegenwärtigen Touch- strandet der Imperativ beständiger Zumut-
screen. „Lebenserleichternde“ Automatisie- barkeitssenkungen in einer Paradoxie: Das
rung befreit von der Notwendigkeit, etwas Zusammenspiel aus technologischer und
Substanzielles zu können. So wird eine Vir- ökonomischer Entwicklung, durch die jede
tuosität des Nicht-Könnens kultiviert. Sie fo- körperliche Zumutung ausgerottet werden
kussiert darauf, Ansprüche zu erfinden, zu soll, senkt zugleich die Toleranzgrenzen. So
differenzieren, zu strukturieren und deren wird über die Hintertür das Potenzial jener
Erfüllung mit nur minimalem eigenem Ein- Situationen, die zwar vormals erträglich wa-
satz auszulösen. Die Kuriositäten eines der- ren, nun aber als Zumutung empfunden
artigen Mega-Programms der individuellen werden, ins Unermessliche gesteigert. Die
Verkümmerung lassen sich überall besichti- Gewöhnung an komplexe und weitreichen-
gen. Wenn das Recht auf Hilflosigkeit als de, daher umso störanfälligere Fremdver-
gesellschaftlicher Fortschritt zelebriert wird, sorgung ist eben keine Glücksgarantie, son-
erzwingt die innere Verödung umso mehr dern eine Zeitbombe. Nicht erst, wenn die
1
äußeres Wachstum an Leistungszufuhr – „Herzmaschine“ keinen Saft mehr kriegt,
mit allen stofflichen Anhängen versteht sich.
1
Heerscharen global umher irrender Versor- Zentrales Versorgungsaggregat in Fritz Langs
„Metropolis“ (1927)

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sondern bereits dann, wenn die bloße Angst Schamgefühlen (vgl. Hilgers 1997), zum
davor wächst, droht ein emotionales Desas- ständigen Wegbegleiter. Denn wer hoch
ter. Je höher das Komfortniveau, umso tiefer fliegt, fällt umso tiefer, wenn das System ab-
der Fall, wenn Finanz- und Ressourcenkri- stürzt. Hinzu kommt, dass sich die aufge-
sen oder andere Störereignisse das Karten- schobenen oder unter Verweis auf grünen
haus einstürzen lassen. technischen Fortschritt lange verdrängten,
nun aber umso notwendigeren Anspruchs-
Die Verletzlichkeit fremdversorgter Daseins-
rücknahmen zu einer immensen Drohkulisse
formen bringt sich durch latente Eskalati-
aufgetürmt haben. Nicht das hässliche V-
onsszenarien in Erinnerung. Deren Verlauf
Wort, also der Verzicht an sich, sondern die
hängt davon ab, wie hoch das erreichte
Angst davor ist der hemmende Faktor. Wie
Konsumniveau ist und inwieweit sich deren
in der Medizin: Je länger ich nicht beim
Nutznießer auf dem langen Marsch in den
Zahnarzt war, umso größer ist die Angst vor
Überfluss jeglicher Fähigkeiten entledigt ha-
dem, was mich nun womöglich erwartet,
ben, notfalls durch handwerkliche, manuelle
wenn die wieder und wieder aufgeschobene
oder substanzielle Kompetenzen, also auch
Behandlung schließlich doch wahrgenom-
ohne Geld und globalisierte Industrie zur Si-
men wird.
cherung ihrer Existenzgrundlagen beizutra-
gen. Zwei prägnante Beispiele für die Unter- Auch Abhängigkeit erzeugt Angst. So könn-
schiedlichkeit ökonomischer und sozialer te die geradezu schicksalhafte Bindung an
Vulnerabilitäten liefern Kuba und Griechen- eine billige und störungsfreie Erdölbeliefe-
land. Das Abdriften in eine nie dagewesene rung prinzipiell auf zweierlei Weise verarbei-
Schicksalsabhängigkeit verstärkt sich, weil tet werden. Durch militärische Interventionen
das hoch technisierte Wohlstandsmodell auf sowie mittels technischer Innovationen –
entgrenzter und kapitalintensiver Speziali- ganz gleich ob durch Fracking oder eine
sierung beruht, somit nicht ohne Wachstum „Energiewende“, die ganze Landschaften
des Bruttoinlandsproduktes zu stabilisieren zerstört – ließen sich weitere Ressourcen-
ist (vgl. Binswanger 2006, Paech 2007). Ne- quellen erschließen. Genau dies sind die
ben grassierender Hilflosigkeit und Vulnera- Spielarten einer aggressiven Vorwärtsver-
bilität stellt sich ein Realitätsverlust ein, den teidigung energieintensiver Lebensstile. Die
der „entgrenzte Mensch“ (Funk 2011) inmit- andere Möglichkeit hieße Suffizienz, also
ten seiner industrialisierten, vermeintlich Anspruchsmäßigung. Aber angesichts ihres
fortschrittlichen Existenz erleidet. Wer sich Angst mindernden Potenzials ist die erste
nicht mehr an Grenzen, die den unbändigen Strategie insofern attraktiver, als sie kurzfris-
Freiheitsdrang wenigstens punktuell regulie- tig zwei „Grundformen der Angst“ (Riemann
ren, bewähren oder abarbeiten muss, son- 2003), nämlich die der „Notwendigkeit“ und
dern deren vollständige Auflösung als legi- die der „Veränderung“, zu mildern vermag,
times Mittel der Selbstdurchsetzung erach- wohlgemerkt kurzfristig, denn langfristig
tet, verliert den Rest an Daseinsmächtigkeit. werden Abhängigkeiten, Sicherheitsbedürf-
nisse und Gegenreaktionen nur gesteigert.
c) Angst essen (ökologische) Seele auf
Diese krankhafte Form des Daseins, näm-
Kumulierter Wohlstand, ganz gleich ob in lich permanent mehr konsumieren zu müs-
Form von Geld, materiellen Gütern oder sen, so vermerkte Fromm (2011), habe sei-
komfortablen Versorgungssystemen, ver- ne Ursache in einer ängstlichen und depres-
bindet sich mit modernen Angstphänome- siven Grundgestimmtheit der Menschen.
nen zu einem circulus vitiosus. Je höher die Der Konsum diene dabei als eine Art Beru-
erklommene Sprosse der Wohlstandsleiter higungsmittel für den kranken Menschen. In
ist, umso tiefer wäre der (soziale) Fall, wenn der modernen Gesellschaft könne der
die monetäre Einkommensquelle versiegt. Mensch laut Fromm nur noch auf Reize rea-
Angesichts des sozialen Charakters von gieren.
Konsumhandlungen mausern sich Verlust-
Ängste, die mit dem Wohlstand wachsen,
aversionen, verbunden mit drohenden
rufen nach emotionaler Kompensation. Es

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versteht sich von selbst, dass auch dieser Einarbeitung in die Bedienung notwendig ist.
Bedarf letztlich nur systemkonform, also Mit anderen Worten: Die Wirkung des Kon-
durch entgrenzte Praktiken der Mobilität, ei- sums fällt nicht vom Himmel, sondern bedarf
ner noch höheren Erlebnis- und Konsum- stets einer Vorbereitung, die nie ohne Zeit-
dichte zu befriedigen ist, natürlich unter Ein- input zu haben ist, aber noch nicht zur Stei-
schluss des medizinischen Sektors. Wäh- gerung des Nutzens führt.
rend des letzten Jahrzehnts hat sich die An-
Güter, deren Verwendung kein minimales
zahl der Antidepressiva-Verschreibungen in
Zeitfixum beansprucht, bevor die eigentliche
Deutschland verdoppelt (vgl. Techniker
Ausschöpfung der Nutzen stiftenden Poten-
Krankenkasse 2010). Insoweit prägnante
ziale im Rahmen der variablen Konsumzeit
Reduktionen der Aktivitäts- und Konsumni-
beginnen kann, dürften eine Ausnahme dar-
veaus den einzigen Ausweg markieren,
stellen. Vielmehr führen die Proliferation des
bleibt die neuralgische Frage: Wie lassen
verfügbaren Variantenreichtums sowie der
sich Suffizienzpraktiken jenseits moralischer
räumlich und zeitlich entgrenzten Beschaf-
Verzichtsappelle in vorherrschende Logiken
fungsmöglichkeiten tendenziell zur Erhö-
einbetten?
hung der fixen Konsumzeit, weil zwischen
einer immer größeren Anzahl verfügbarer
4. Suffizienz als zeitökonomische Ratio-
Angebote entschieden werden muss. Auch
nalität
die ausufernden Kommunikationskanäle, die
Die im Folgenden skizzierte zeitökonomi- das konsumierende Subjekt ständig mit
sche Theorie der Suffizienz gründet auf ei- neuen Informationen über käufliche Selbst-
nem simplen, bereits weiter oben beschrie- entfaltungsmöglichkeiten konfrontieren,
benen Sachverhalt: Damit Konsumaktivitä- verbrauchen Zeit, weil die übermittelten Rei-
ten überhaupt Nutzen stiften können, muss ze verarbeitet werden müssen.
ihnen ein Minimum an eigener Zeit gewid-
Demgegenüber erstreckt sich der variable
met werden. Die individuelle Überladung mit
Zeitanteil auf die eigentliche Verwendung
Produkten, Services und Events kann eine
oder den Gebrauch, also jene Phase, die
kritische Grenze erreichen, denn wenn die
überhaupt erst Nutzensteigerungen gene-
pro Aktivität verfügbare Zeit unter ein be-
riert. Was an fixer Konsumzeit verbraucht
stimmtes Minimum zu fallen droht, ergibt
wird, um die Suche, Informationsverarbei-
sich eine unvermeidliche Konsequenz: Das
tung und Entscheidungsvorbereitung zu be-
„Viel-Haben tritt in Widerspruch zum Gut-
wältigen, verringert die verbleibende variab-
Leben“ (Sachs 2002, 214). Somit bildet die
le Zeit, die zur Steigerung des Nutzens not-
Allokation des individuell verfügbaren Zeit-
wendig ist. Wenn nach Ausschöpfen des
budgets ein unvermeidbares Entschei-
gesamten Zeitbudgets eine weitere Kon-
dungsproblem. Relevant ist dabei eine indi-
sumaktivität hinzugefügt wird, kann dies den
viduelle Zeitrestriktion, weil für konsumtive
Nutzen jener Güter verringern, deren variab-
Zwecke nur verfügbar ist, was von der Ta-
ler Zeitanteil zugunsten des zusätzlichen
ges-, Jahres- oder Lebensspanne nach Ab-
Gutes notwendigerweise zu verringern wäre.
zug anderer Zeitverwendungen übrig bleibt,
Somit wären Konstellationen denkbar, in
nämlich (1) Einkommenserwerb, (2) Einbe-
denen zusätzlicher Konsum das Nutzenni-
zogenheit in die Produktion/Nutzung markt-
veau senkt, weil er andere Güter, die um
freier Güter und (3) Intimsphäre (Schlafen,
dieselbe knappe Zeit „konkurrieren“, entwer-
Essen, Körperpflege etc.). Weiterhin lässt
tet oder gänzlich nutzlos werden lässt.
sich das knappe Zeitbudget in fixe und vari-
able Konsumzeit unterteilen (vgl. Paech Unter diesen Prämissen kann ein möglichst
2010). Die Erstgenannte entspricht jenem hohes Niveau an Wohlbefinden die Konzent-
Zeitinput, der für eine vorherige Informati- ration auf ein begrenztes Spektrum von
onsbeschaffung zwecks Auswahl und Ver- Konsumaktivitäten voraussetzen. Dies wür-
gleich verschiedener Angebote, die Kauf- de mit Versorgungsmustern harmonieren,
entscheidung, die Abwicklung des Kaufs die sich Einfachheit als Lebenskunst zu Ei-
oder gegebenenfalls für eine Installation und gen machen, um „[b]ewusst ein Desinteres-

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se für zu viel Konsum zu pflegen“ (Sachs zen. Moderne Subsistenz entfaltet ihre Wir-
2002, S. 215). Wer sich eines ausufernden kung im unmittelbaren sozialen Umfeld, also
Konsum- und Mobilitätsballastes entledigt, auf kommunaler oder regionaler Ebene. Sie
verzichtet also nicht, sondern optimiert letzt- basiert auf einer (Re-)Aktivierung der Kom-
lich den zeitabhängigen Nutzen. Sich klug petenz, manuell und kraft eigener Tätigkei-
jener Last zu entledigen, die viel Zeit kostet, ten Bedürfnisse jenseits kommerzieller
aber nur minimalen Nutzen stiftet, führt im Märkte zu befriedigen, vor allem mittels
Übrigen zu mehr Unabhängigkeit vom volati- handwerklicher Fähigkeiten. Die hierzu be-
len Marktgeschehen, von Ressourcen, Geld nötigte Zeit könnte sich aus dem ohnehin
und Erwerbsarbeit. Suffizienz bedeutet da- nötigen Rückbau des industriellen Systems
her auch Angstfreiheit, denn wer weniger speisen. Fromm (1979, S. 166) sieht die
benötigt, ist auch weniger angreifbar. Rolle der Arbeit in der von ihm beschriebe-
nen „neuen Gesellschaft“ weniger in ihrem
5. Konturen einer Postwachstumsöko- materiellen Gewinn begründet, als darin,
nomie dass „andere psychische Befriedigungen als
Motivation wirksam werden können“. Durch
Wenn weiteres Wirtschaftswachstum auf-
eine Halbierung der Erwerbsarbeit ließen
grund absehbarer Krisen langfristig fehl-
sich Selbst- und Konsumversorgung so
schlägt oder in einen Exzess der ökologi-
kombinieren, dass ein bescheidenes mone-
schen Verwüstung mündet, den keine mo-
täres Einkommen durch marktfreie Produkti-
derne Gesellschaft zu ertragen bereit ist,
on – im Sinne kreativer Subsistenz – er-
verbleibt nur eine logische Option: die
gänzt wird. Letztere erstreckt sich auf drei
schrittweise Reduktion industriell-
Outputkategorien, durch die sich industrielle
arbeitsteiliger Versorgungssysteme auf ein
Produktion graduell substituieren lässt.
räumlich und zeitlich übertragbares Niveau.
Diesen Rückbau, der sich mittelfristig ohne- a. Nutzungsintensivierung durch Gemein-
hin abzeichnet – „by design or by desaster“ schaftsnutzung: Wer sich einen
– sozialverträglich und ökonomisch resilient Gebrauchsgegenstand vom Nachbarn
zu gestalten, liegt im Kern einer Postwachs- leiht, ihm als Gegenleistung ein anderes
tumsökonomie. Eine hierzu unumgängliche Produkt zur Verfügung stellt, trägt dazu
Bedingung besteht in reduzierten Ansprü- bei, materielle Produktion durch soziale
chen an materielle Selbstverwirklichung, al- Beziehungen zu ersetzen. Objekte wie
so dem bereits erläuterten Suffizienz- Autos, Waschmaschinen, Gemein-
Prinzip. Aber Genügsamkeit macht noch schaftsräume, Gärten, Werkzeuge, Digi-
keine Ökonomie. Daher sind weitere Anpas- talkameras etc. sind auf unterschied-
sungsleistungen vonnöten, insbesondere liche Weise einer entkommerzialisierten
Formen einer de-industrialisierten Versor- Nutzungsintensivierung zugänglich. Die
gung und ein neues Unternehmertum. betreffenden Objekte können sich im
privaten Eigentum einer Person befin-
a) Subsistenz den oder als sog. „Commons“ orga-
nisiert sein.
Die Reaktivierung jener Kompetenzen, die
eine graduelle und ergänzende Selbstver- b. Nutzungsdauerverlängerung: Ein beson-
sorgung ermöglichen, zielt auf eine neu zu derer Stellenwert käme der Pflege, In-
justierende Balance zwischen Selbst- und standhaltung und Reparatur von
Fremdversorgung. Dies kann unterschied- Gebrauchsgütern jeglicher Art zu. Wer
lichste Formen annehmen. Zwischen den durch handwerkliche Fähigkeiten oder
Extremen reiner Subsistenz und globaler manuelles Improvisationsgeschick die
Verflechtung existiert ein reichhaltiges Kon- Nutzungsdauer von Konsumobjekten
tinuum unterschiedlicher Versorgungsketten. erhöht – zuweilen reicht schon die acht-
Deren Länge zu reduzieren bedeutet, von same Behandlung, um den frühen Ver-
außen bezogene Leistungen durch eigene schleiß zu vermeiden –, substituiert ma-
Produktion punktuell oder graduell zu erset- terielle Produktion durch eigene produk-

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tive Leistungen, ohne notwendigerweise b. Eigene Zeit, die aufgewandt werden


auf bisherige Konsumfunktionen zu ver- muss, um eigenhändig produktive Tätig-
zichten. Wenn es in hinreichend vielen keiten verrichten zu können
Gebrauchsgüterkategorien gelänge, die
c. Soziales Kapital, ohne das sowohl sub-
Nutzungsdauer der Objekte eigenstän-
sistente Gemeinschaftsnutzungen als
dig im Durchschnitt zu verdoppeln,
auch der Tausch marktfreier Güter un-
könnte die Produktion neuer Objekte
denkbar sind
entsprechend halbiert werden. Auch der
auf diese Weise ermöglichte Rückbau Ein solchermaßen beschaffenes „Prosumen-
der Industriekapazität würde mit keinem tentum“ zeichnet sich dadurch aus, dass es
Verlust an Konsumfunktionen einherge- entmonetarisiert ist und somit die Kapitalin-
hen. tensität der Wertschöpfung gesenkt wird.
Anstelle umfänglicher Investitionen in Pro-
c. Eigenproduktion: Im Nahrungsmittelbe-
duktionskapital werden arbeitsintensive Ver-
reich erweisen sich Hausgärten, Dach-
richtungen zum entscheidenden Inputfaktor.
gärten, Gemeinschaftsgärten und ande-
Nur so kann der strukturelle Wachstums-
re Formen der urbanen Landwirtschaft
druck überwunden werden, der industrieller
(vgl. Müller 2011) als dynamischer
Spezialisierung innewohnt, zumal diese ka-
Trend, der zur Deindustrialisierung die-
pitalintensiv ist (vgl. Paech 2012a, S. 103ff).
ses Bereichs beitragen kann. Darüber
Kapital lässt sich nur beschaffen, wenn des-
hinaus sind künstlerische und produktive
sen Verwertung in Form von Zins- oder
Leistungen möglich, die von der kreati-
Renditeerträgen hinreichend ist, um die Ka-
ven Wiederverwertung ausrangierter
pitalgeber zu befriedigen. Eben hierin liegt
Gegenstände über Holz- oder Metallob-
ein gewichtiger Wachstumstreiber.
jekte in Einzelfertigung bis zur semi-
professionellen Marke „Eigenbau“ rei-
chen. b) Die Rolle der Unternehmen

Durch derartige Subsistenzleistungen kann Nach Ausschöpfung aller Suffizienz- und


bewirkt werden, dass eine Halbierung der Subsistenzpotenziale treten regionale Un-
Industrieproduktion und folglich der monetär ternehmen auf den Plan. Sie sind dort ge-
entlohnten Erwerbsarbeit nicht per se den fragt, wo eine professionelle Arbeitsteilung
materiellen Wohlstand halbiert: Wenn Kon- unabdingbar ist, aber nicht in globale Ent-
sumobjekte länger und gemeinschaftlich ge- grenzung ausarten muss. Wo Prosumenten
nutzt werden, reicht ein Bruchteil der mo- überfordert sind, sind regionale Märkte und
mentanen industriellen Produktion, um das- Genossenschaften oder Institutionen vom
selbe Quantum an Konsumfunktionen oder Typ „Community Supported Agriculture“
„Services“, die diesen Gütern innewohnen, prädestiniert. Regionalwährungen könnten
zu extrahieren. Urbane Subsistenz besteht Kaufkraft an die Region binden und damit
also darin, einen markant reduzierten In- globale Abhängigkeiten tilgen. So würden
dustrieoutput durch Hinzufügen eigener In- die Vorteile einer geldbasierten Arbeitstei-
puts aufzuwerten oder zu „veredeln“. Sub- lung innerhalb eines deglobalisierten und
sistenz und Industrie sind also keine Ge- krisenresistenteren Rahmens genutzt. Auch
gensätze, vielmehr lassen sie sich verzah- Fromm (1979, S. 166) trat explizit für mög-
nen. Subsistenzergebnisse speisen sich aus lichst dezentrale Produktionsmuster ein.
drei Inputkategorien: Bedarfe, die nur durch überregionale Pro-
a. Handwerkliche Kompetenzen und Im- duktionsketten zu befriedigen sind, wären
provisationsgeschick, um Potenziale der als stetig zu minimierende Restgröße zu be-
Eigenproduktion und Nutzungsdauerver- trachten. Somit wäre der Industriekomplex
längerung auszuschöpfen nicht nur mittels obiger Strategien zu halbie-
ren, sondern auch umzugestalten. Die Neu-
produktion von Gütern, die fern jeglicher ge-
planten Obsoleszenz langlebig und repara-

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turfreundlich sein müssten, würde eine un- rung und Gemeinschaftsnutzung Konsum-
tergeordnete Rolle spielen. Der Fokus läge funktionen zu generieren oder zu erhalten,
auf dem Erhalt, der Um- und Aufwertung die vormals finanziert werden mussten. Eine
vorhandener Produktbestände, etwa durch Halbierung von Erwerbsarbeit, Einkommen
Renovation, Optimierung, professionelle und Produktion halbiert folglich nicht den
Nutzungsdauerverlängerung oder Nutzungs- materiellen Wohlstand.
intensivierung. Herkömmliche Produzenten
würden durch Anbieter abgelöst, die nicht an 6. Das große politische Rad drehen oder
einer weiteren Expansion der materiellen kleine Rettungsboote bauen?
Sphäre, sondern an deren Aufarbeitung und
Optimierung orientiert wären. Durch Maß- Verschiedene, hier nur grob zu skizzierende
nahmen des Erhalts, der Wartung und vor- Rahmenbedingungen könnten die Post-
beugenden Verschleißminderung würden wachstumsökonomie unterstützen: Boden-,
sie die Lebensdauer und Funktionsfähigkeit Geld- und Finanzmarktreformen würden
des Hardware-Bestandes verlängern. Repa- systemimmanente Wachstumszwänge mil-
raturdienstleistungen würden dafür sorgen, dern. Regionalwährungen könnten mit einer
dass defekte Güter seltener ausrangiert wer- das Zinsniveau gegen Null senkenden
den; Renovationsstrategien des Typs „Um- Geldumlaufsicherung versehen werden.
bau statt Neubau“ würden aus vorhandenen Veränderte Unternehmensformen wie Ge-
Gütern weiteren Nutzen extrahieren, indem nossenschaften, Stiftungen, Non-Profit-
diese funktional und ästhetisch an gegen- Firmen oder Ansätze des solidarischen
wärtige Bedürfnisse angepasst würden, und Wirtschaftens könnten strukturell Gewinner-
somit möglichst lange im Kreislauf einer effi- wartungen dämpfen. Der Subventions-
zienten Verwendung verblieben. Märkte für dschungel könnte durchforstet werden, um
gebrauchte, aufgearbeitete und überholte gleichermaßen ökologische Schäden und öf-
Güter würden ebenfalls zur Reduktion der fentliche Verschuldung zu reduzieren. Ein
Neuproduktion beitragen. Bodenversiegelungsmoratorium und Rück-
bauprogramme für Infrastrukturen wären
Dreh- und Angelpunkt wäre ein „Prosumen- sinnvoll. Insbesondere Industrieparkanla-
ten-Management“. Unternehmen könnten gen, Autobahnen, Parkplätze und Flughäfen
Kurse oder Schulungen anbieten, um Nutzer wären zu entsiegeln und zu renaturieren.
zu ertüchtigen, Produkte instand zu halten, Andernfalls können dort Anlagen zur Nut-
zu warten und zu reparieren. Dies wäre mit zung erneuerbarer Energien installiert wer-
einem modularen Produktdesign zu verbin- den, um die katastrophalen Flächeni-
den, welches den Prosumenten nicht zu vie- nanspruchnahmen und Landschaftsverbräu-
le Kompetenzen abverlangt und Hürden che dieser Technologien zu reduzieren.
senkt, die der eigenhändigen Reparatur ent- Weiterhin wäre der dehnbare Nachhaltig-
gegenstehen könnten. Damit könnte die Be- keitsbegriff durch individuelle CO2-Bilanzen
fähigung zur Subsistenz eine Unterneh- zu konkretisieren. Jede Person hätte ein An-
mensaufgabe werden. Genau hierin bestün- recht auf dasselbe jährliche Emissionskon-
de die nächste Entwicklungsstufe eines Un- tingent (ca. 2-4 Tonnen), das übertragbar
ternehmertums, das nicht mehr Teil des sein könnte. Unternehmen wären zu ver-
Problems, sondern der Lösung sein will: pflichten, alle Produkte mit dem CO2-
Nicht produzieren, sondern Nachfrager dazu Footprint entlang des gesamten Lebenszyk-
befähigen, möglichst wenig (Industrie- lus zu kennzeichnen.
)Produktion zu benötigen.
Abgesehen davon, dass es an sich trivial ist,
Infolge reduzierter Bedarfe an neuer Pro- weitere politische Maßnahmen aufzulisten,
duktion würde weniger Einkommen, also die mit einer Postwachstumsökonomie ver-
auch weniger Arbeitszeit benötigt. Ein ent- einbar sind (vgl. Paech 2012, S. 134ff),
sprechender Industrierückbau ließe die er- drängt sich ohnehin eine andere Einschät-
forderliche Subsistenzzeit frei werden, um zung auf: Solange keine politischen Mehr-
durch Eigenarbeit, Nutzungsdauerverlänge- heiten in Sicht sind, die den Tanker zum

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Bremsen und Umsteuern bewegen, dürfte Formen eines Könnens und hinreichender
die dezentrale und autonome Entwicklung Belastbarkeit.
vieler Rettungsboote die realistischere Stra-
Derartige Befähigungen mussten auf dem
tegie darstellen. Denn eine Nachhaltigkeits-
Weg in einen alles umfassenden Konsu-
politik, die sich anschickt, das liebgewonne-
mismus systematisch verlernt werden. Ihre
ne Einkaufs- und Mobilitätsparadies zurück-
Aufrechterhaltung hätte nichts weniger als
zubauen, verletzt die Systemlogik moderner
stetige Übung erfordert, aber die ist nicht
Konsumdemokratien. Deren oberstes Prin-
zum Nulltarif zu haben. Übung lässt sich
zip gleicht einem Überbietungswettbewerb:
nicht delegieren, sondern muss selbsttätig
Es gewinnt, wer den Wählern mehr materiel-
ausgeführt und wiederholt zu werden. Hier-
le Freiheiten sowie Schutz vor Unzumutbar-
zu muss eine individuelle, nicht beliebig
keiten verspricht und das resultierende
vermehrbarer Ressource aufgeboten wird,
Rund-um-sorglos-Paket obendrein mit dem
nämlich Zeit. Aber eigene Zeit ist knapp, so
Green Growth-Feigenblatt bedeckt. Noch ist
dass um sie unterschiedliche Daseinsaus-
es so, dass eine Abkehr von diesem expan-
prägungen konkurrieren. Wenn sie veraus-
siven Strukturkonservatismus politischem
gabt wird, um durch spezialisierte Arbeit
Selbstmord entspräche. Nicht trotz, sondern
Geld zu verdienen, mit dem wiederum die
wegen ihrer demokratischen Verankerung
Bequemlichkeiten eines modernen Lebens
ist die europäische Politik fest in der Hand
finanziert werden, besteht weder die Mög-
einer Fortschrittsmentalität, die jeden Wan-
lichkeit noch der Anlass, Praktiken jenseits
del ächtet, der entgrenzte und konsumtive
konsumtiver Daseinsformen zu üben. Wenn
Daseinsformen antastet. Jene, die von die-
aber klar ist, dass eine Wirtschaft ohne
ser Lebensweise abhängig sind oder – je
Wachstum die vollständige Aufrechterhal-
nach Perspektive – von ihr profitieren, bilden
tung des Konsummodells ausschließt, be-
längst die politische Mehrheit.
schwört die Transformation abschreckende
Getreu dem modernen Entwicklungspara- Überforderungen herauf.
digma kennt der Fahrstuhl, mit dem sich zu-
Politisch anschlussfähig können daher nur
sehends höhere Ebenen des Wohlstands-
Problemlösungen sein, die etwas Zusätzli-
gebäudes erreichen ließen, nur eine Auf-
ches eröffnen, die höher, weiter, schneller
wärtsrichtung. Die Rückkehr zu bescheide-
oder größer sind. Diese Strategie trägt dem
neren, weniger bequemen Ausstattungsni-
beschriebenen kulturellen Lock-in Rech-
veaus war nie vorgesehen. Bloß nicht nach
nung. Sie führt ins Desaster, ganz gleich ob
unten zu schauen, sonst wird einem ange-
mit oder ohne grünen Anstrich.
sichts der immens gewachsenen Fallhöhe
schwindelig – damit lässt sich sogar Politik Wege aus der Pattsituation beginnen nicht
machen. Entsprechend attraktiv sind Zu- im Inneren des stahlharten Politikgehäuses,
kunftsphantasien vom Typ „Green New das von der Angst ummantelt ist, sensible
Deal“, versprechen sie doch nichts weniger Wähler durch unbequeme Wahrheiten zu
als ein mindestens so hohes, aber grün an- ängstigen. Nur wenn Krisen – „Peak Eve-
gepinseltes Stockwerk. rything“, Klimawandel, Fukushima II, Fi-
nanzchaos, psychische Überforderung – es
Insoweit die Konzeption der Postwachs-
erzwingen oder die eigenständige Verbrei-
tumsökonomie bescheidenere und sub-
tung einer de-globalisierten und partiell de-
sistentere Versorgungsmuster voraussetzt,
industrialisierten Lebenskunst sichtbar wird,
verortet sie sich diametral zum Komfort-
gewinnen politische Akteure den Mut, sich
Code. Daraus ergeben sich anspruchsvolle
auf eine Postwachstumsökonomie einzulas-
Erfordernisse an einen Wandel von Lebens-
sen. In überentwickelten Konsumgesell-
stilen und Alltagspraktiken. Die resultierende
schaften agiert die Politik nicht, sondern re-
Situation meistern zu können, ist keine Fra-
agiert; sie eilt einem nötigen Kulturwandel
ge der Einsicht, des Wollens oder der be-
zum Weniger niemals voraus, sondern bes-
kundeten Akzeptanz, sondern der substan-
tenfalls in sicherem Abstand hinterher. Und
ziellen Befähigung hierzu, also spezifischer
weil sie sich darin seit 40 Jahren übt, ist sie

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an allen Abzweigungen in Richtung Nach- Paech, N. (2007): „Woher kommt der Wachs-
haltigkeit vorbeigerauscht. Jetzt geht es tumszwang?“, in: Gaia, 16/4, S. 299f.
nicht mehr um die Vermeidung des Kollap- Paech, N. (2008): „Regionalwährungen als Bau-
ses, sondern um seine Gestaltung. steine einer Postwachstumsökonomie“, in:
Zeitschrift für Sozialökonomie 45/158-159,
S. 10-19.
Literatur Paech, N. (2010): „Nach dem Wachstumsrausch:
Binswanger, H. C. (2007): Die Wachstumsspirale. Eine zeitökonomische Theorie der Suffi-
Geld, Energie und Imagination in der Dy- zienz“, in: Zeitschrift für Sozialökonomie
namik des Marktprozesses, Marburg. 47/166-167, S. 33-40.
Ehrenberg, A. (2004): Das erschöpfte Selbst, Paech, N. (2012): „Grünes Wachstum? Vom
Frankfurt. Fehlschlagen jeglicher Entkopplungsbe-
Fromm, E. (1955): Wege aus einer kranken Ge- mühungen: Ein Trauerspiel in mehreren
sellschaft, Erich Fromm Gesamtausgabe, Akten“, in: Sauer, T. (Hg.): Ökonomie der
Band IV, 1955. Nachhaltigkeit. Grundlagen, Indikatoren,
Fromm, E. (1979): Haben oder Sein, München. Strategien, Marburg, S. 161-181.
Fromm, E (2011): Über die Liebe zum Leben, Paech, N. (2012a): Befreiung vom Überfluss. Auf
München. dem Weg in die Postwachstumsökonomie,
Funk, R. (2011): Der entgrenzte Mensch, Mün- München.
chen. Riemann, F. (2003). Grundformen der Angst,
Heinberg, R. (2007): Peak Everything, Gabriola München/Basel.
Island. Sachs, W. (2002): Nach uns die Zukunft, Frank-
Hilgers, M. (1997). Scham. Gesichter eines Af- furt.
fekts, Göttingen. Schumacher, E. F. (1973): Die Rückkehr zum
Illich, I. (1973): Selbstbegrenzung. Eine politische menschlichen Maß. Alternativen für Wirt-
Kritik der Technik, München. schaft und Technik, Reinbek.
Laynard (2005): Happiness: Lessons from a new Techniker Krankenkasse (2010). Gesundheitsre-
science, London. port 2010 – Gesundheitliche Veränderun-
Müller, C. (2011): Urban Gardening, München. gen bei Berufstätigen und Arbeitslosen
Mumford, L. (1967): Mythos der Maschine. Kultur, von 2000 bis 2009, Lübeck.
Technik und Macht, Frankfurt a.M. Ullrich, W. (2006): Habenwollen, Frankfurt a.M.

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