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&Ü1&Was ist und wozu treibt man – Demokratie?

Thomas Seibert

Alle Gegenwartsdiagnosen bescheinigen uns, nicht nur einer, sondern zugleich einer Vielzahl
von Krisen ausgesetzt zu sein. Beschränkt man sich auf die für uns dringlichsten, sind dies die
Finanz-, die Europa-, die Energie- und Wachstumskrise, die Krise der Arbeit, die Klima- und
die Hungerkrise. Zur Krisenhaftigkeit dieser Krisen gehört, dass die Reihenfolge außerhalb
Europas umgekehrt werden müsste, dass man dort mit der Hunger- und der Klimakrise
beginnen muss, die für Millionen zur Frage von Leben und Tod geworden ist.
Hinzuzunehmen ist die Kriegsgefahr, über deren Dringlichkeit wir uns keine Illusionen mehr
machen können: Die letzten Monate haben uns gezeigt, dass wir von Regierungen geführt
werden, die uns binnen kurzer Frist in einen Krieg stürzen können und zwar – was das
eigentlich Erschreckende ausmacht – weniger aus einem Machtkalkül, als weil sie selbst
Getriebene der Krisen sind, die ich eben genannt habe. In dieser Situation drängt sich die
Frage auf, welcher von all diesen Krisen wir uns zuerst zuwenden müssen: nicht nur, weil sie
am ehesten gelösten werden könnte, sondern weil ihre Lösung vielleicht die
Ausgangsbedingungen verbessert, um auch die anderen angehen zu können.
Eine Antwort auf diese Frage haben die nach Millionen zählenden DemonstranInnen gegeben,
die sich seit dem Arabischen Frühling 2010/2011 weltweit auf den Hauptplätzen großer und
kleiner Städte versammelt haben und dies heute noch tun. Ihnen allen zufolge ist die Krise,
die alle anderen bündelt, die Krise der Demokratie. Zu dieser Antwort gehört, dass die
Demokratie selbst das Heilmittel, das einzige Heilmittel gegen ihre eigene Krise ist – oder
sein soll.
Erinnern wir nur die maßgeblichen Stationen einer Bewegung, die ihren Höhepunkt noch
lange nicht erreicht hat. Begonnen hat sie an einem Ort, der bis dahin nicht gerade im
Brennpunkt der Weltgeschichte stand: der 250 Kilometer südlich von Tunis gelegenen, von
40.000 Menschen bewohnten Kleinstadt Sidi Bouzid. Dort zündete sich am 17. Dezember
2010 der Gemüseverkäufer Mohamed Bouazizi an, dem Beamte der Stadtverwaltung zuvor
die Waren beschlagnahmt hatten, die er zum Verkauf anbieten wollte. Als der Kleinhändler
knapp zwei Wochen später an den Folgen seiner Verzweiflungstat starb, zogen einige hundert
wütende Jugendliche durch die Straßen der Stadt, steckten ein paar Läden in Brand und
griffen vereinzelt Polizisten an. Die Polizei schlug brutal zurück und verbot JournalistInnen
den Zugang nach Sidi Bouzid. Die Kunde des Ereignisses verbreitete sich dennoch binnen

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weniger Stunden im ganzen Land, wo es überall zu ähnlichen „Ausschreitungen“ kam. Am
14. Januar 2011 floh der seit 1987 herrschende Diktator Ben Ali aus dem Land.
Am 5. Januar war es auch im Nachbarland Algerien zu Protesten gekommen, wie in Tunesien
verfügte die Bewegung auch hier über keine organisierte Struktur, ihre AktivistInnen
kommunizierten über Handy, Email und soziale Netzwerke. Am 24. Februar 2011 hob die
algerische Regierung den seit 19 Jahren herrschenden Ausnahmezustand auf und erfüllte
damit eine Hauptforderung der DemonstrantInnen. Am 25. Januar 2011 proklamierten
Millionen DemonstrantInnen auf dem Midan at-Tahrir, dem „Platz der Freiheit“ in Kairo,
ihren ersten „Tag des Zorns“, schlugen von nun an alle Angriffe der verhassten Polizei zurück
und zwangen den Diktator Husni Mubarak am 11. Februar zum Rücktritt.
Der „Arabische Frühling“ blühte unterdessen auch in Bahrain, in Dschibuti, im Irak, im
Jemen, in Jordanien, Kuwait, Libyen, Marokko, Mauretanien, Oman, Palästina, Saudi-
Arabien, Sudan und Syrien, natürlich in unterschiedlicher Stärke und Form, und nicht ohne
selbst, wie wir heute wissen, zu ungeheurem Leid zu führen.
Die Bewegung aber breitete sich über die ganze Welt aus, ergriff China und den Iran, ergriff
den Rothschild-Boulevard im israelischen Tel Aviv, auf dem bis zum Sommer 2011 bis
250.000 Menschen zelteten. Inspiriert waren die Zeltlager des Rothschild-Boulevards nicht
nur von Ägypten, sondern schon von Spanien, wo seit dem Mai 2011 die Hauptplätze von
insgesamt 50 Städten in Zeltlager verwandelt wurden, in denen Hunderttausende
„¡Democracia Real YA!“ forderten: „Echte Demokratie Jetzt!“.
Ebenfalls nach Hunderttausenden zählten zur selben Zeit Demonstrationen auf dem Omonia-
und dem Syntagma-Platz Athens, ihnen folgten Massenproteste, die bis heute nicht verstummt
sind. Was für Griechenland und Spanien gilt, gilt so, wenn auch im Ausmaß geringer, für
Portugal und Italien. Im August 2011 war die Reihe an London, wo es nach der Ermordung
Mark Duggans durch die Polizei zu Riots in den Armuts-Stadtteilen Hackney, Brixton,
Chingford, Peckham, Enfield, Croydon, Ealing, East Ham und Oxford Circus kam, die dann
auch außerhalb Londons, in Bristol, Manchester, Birmingham und Liverpool, ihr Echo
fanden.
Im Herbst verlagerte sich das Geschehen in die USA, auch hier wurden Plätze, wurde für
kurze Frist auch die Wall Street besetzt. Von den USA aus verbreitete sich 2012 und 2013 die
Losung „Occupy!“ über ungezählte Städte überall auf der Welt, sie tauchte während eines
mehrtägigen Generalstreiks im nigerianischen Lagos, auf Protestkundgebungen in den
pakistanischen Großstädten Lahore, Islamabad und Karatschi und kurz darauf während
mehrtägiger Proteste gegen die manipulierten russischen Präsidentschaftswahlen in Moskau

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auf. Dass die Bewegung, trotz Abschwungs ihrer Dynamik, weiter andauert, hat zunächst der
Gezi-Park in Istanbul gezeigt, zeigte sich schließlich zumindest anfänglich und trotz allem in
den ukrainischen Bewegungen des Maidan und des Anti-Maidan und zeigt sich im
Augenblick der Niederschrift dieser Zeilen, ebenfalls in zweideutiger Weise, in den
„Occupy!“-Protesten Hongkongs. Unvollständig wäre diese Aufzählung und ihre in den
letzten Beispielen aufscheinende Zweideutigkeit, bliebe die Demonstration mehrerer tausend
palästinensischer Jugendlicher unerwähnt, mit der während des jüngsten Gaza-Kriegs
wenigstens für ein, zwei Tage die Möglichkeit aufschien, in diesem Krieg eine „Dritte Front“
zu eröffnen, die der Konfrontation von israelischer Armee und Hamas einen signifikanten
Unterschied einbeschrieben hätte.

&Ü2&Erster großer Einwand

Woher nehme ich das Recht, alle diese Ereignisse in eine Reihe zu stellen, gar von einer
globalen Bewegung zu sprechen, von einer globalen Demokratie der Plätze? Um zu klären,
was all diese Begebenheiten über die zeitliche Nähe hinaus zu einer einzigen Bewegung
zusammenbindet, muss zunächst festgehalten werden, was sie voneinander trennt.
Der wichtigste Punkt ist fraglos der Umschlag in den bewaffneten, militärisch organisierten
Kampf: das, was in Libyen und Syrien geschah und aktuell in der Ukraine geschieht. Der
nächste Unterschied liegt in dem, was die Bewegungen erreichten. Einige wurden
niedergeschlagen, andere verliefen sich, wieder andere leben in veränderter Form weiter.
Auf den Sturz Ben Alis, Mubaraks und Gaddafis folgten islamistische Regierungen, in
Ägypten fiel die Macht an das Militär zurück. Das je eigensinnige Freiheitsverlangen und
Freiheitsversprechen des Maidan wie des Anti-Maidan wurde von Leuten gekapert, die ganz
anderes im Schilde führen: ein Verkehrung, die wesentlich an der Unmöglichkeit hing, die
beiden Aufbrüche zusammenzuführen.
Ebenso wichtig sind die Unterschiede im konkreten Anliegen – Unterschiede, die keinesfalls
übersprungen werden dürfen: dramatisch gestiegene Lebensmittelpreise in Tunesien und
Ägypten, unbezahlbare Mieten in Tel Aviv, Jugendarbeitslosigkeit in Washington und Madrid,
die Erhöhung der Benzinpreise in Lagos, offenbare Wahlmanipulationen in Teheran und
Moskau, das entwürdigende, Millionen Menschen ihrer Lebensperspektiven beraubende
„Krisenmanagement“ der EU, der EZB und des IWF in Griechenland, Spanien und Portugal,
aber auch, noch einmal die Ukraine: die mit dem Scheitern des Assoziierungsabkommens

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zwischen der Ukraine und der EU wegfallende Hoffnung von Zehntausenden, frei in Länder
der EU einreisen zu können.
Zugegeben: das sind doch, genau besehen, Unterschiede ums Ganze. Darf ich angesichts
dessen überhaupt von einer einzigen, globalen Bewegung sprechen? Ich glaube ja. Was all die
kleinen und großen Aufstände seit dem Jahr 2010 trotz ihrer immensen Unterschiede im
Ausmaß wie im Anliegen dennoch miteinander verbindet, sind zunächst einmal die beiden
zentralen Losungsworte, in denen sich ihr Gemeinsames artikuliert: Würde und Demokratie.
In ihnen bündelt sich die alle diese Bewegungen grundierende Erfahrung von Millionen, dass
ihnen das eigene Leben und die Welt im Ganzen entgleiten, weil und sofern sie unter dem
Bann einer ihnen fremden Macht stehen. Sieht man für einen Augenblick von den lokalen
Unterschieden ab, kann diese fremde Macht überall in einer Weltwirtschaftsordnung
ausgemacht werden, von der die Regierungen überall auf der Welt jeden Tag neu behaupten,
dass es zu ihr keine Alternative gäbe.
Dass mit den Losungsworten Demokratie und Würde ein weltweit Gemeinsames eingefordert
wird, zeigt sich aber nicht nur im Inhalt. Es zeigt sich auch in dem untergründigen
„Wärmestrom“ (Ernst Bloch), der die Aufbrüche von Tunis und Kairo wie die Aufbrüche von
Kiew und Hongkong (2014) jedenfalls in Form und Ausmaß mit dem verbindet, was vor 14
Jahren, im Jahr 2000, in Argentinien geschehen ist und sich damals bis ins Jahr 2003 hinzog.
Auch dort versammelten sich die Menschen auf den Plätzen großer und kleiner Städte, auch
dort verlangten sie immer wieder neu den Sturz der Regierung, prägten dafür den Satz „Que
se vayan todos!“: „Sie sollen alle gehen!“ Im Unterschied aber zu dem, was seit 2011
geschieht, blieben Bewegung und Ereignis auf Argentinien beschränkt. Zwar nahmen
weltweit ungezählte Menschen Anteil, zwar verbreitete sich der Satz „Que se vayan todos“
über die ganze Welt: doch kam es damals nirgendwo sonst zu einem vergleichbaren Aufruhr.
Das ist heute anders, und zwar, wie aktuell in Hongkong zu sehen, grundsätzlich anders. Was
auf dem Tahrir-Platz geschah, ist weltweit aufgegriffen worden: hat sich überallhin
kommuniziert, wurde überall verstanden – und das eben nicht nur, weil es über die modernen
Kommunikationsmittel im Livestream nach überallhin verbreitet wurde. Es war dies, über die
weltweit-allgemeine Forderung nach Würde und Demokratie hinaus, die damit notwendig
zusammenhängende Form, eine politische Form, besser gesagt: die Form des Politischen
schlechthin, sein konstituierender Akt.
Fassen wir diesen Akt in seiner allgemeinsten Weise, so ist zu sagen: überall versammelten
sich die Leute auf dem größten Platz der Stadt, eigneten sich damit einen allen gemeinsamen
und deshalb öffentlichen Raum an, ergriffen dort gemeinsam das Wort, berieten sich

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untereinander, um sich dann wiederum gemeinsam und frei gegen die zu wenden, die ihnen
Würde und Demokratie vorenthielten und weiter vorenthalten.
Gehen wir deshalb geschichtlich noch weiter zurück, vergegenwärtigen wir uns eine der
Geburtsstunden der Demokratie überhaupt: zur römischen „secessio plebis“. Einer vom
Schriftsteller Livius aufgezeichneten mündlichen Überlieferung zufolge legten im Jahr 494
vor Christus die sogenannten „Plebejer“, d.h. die Menge (plebs) der nicht zu den adeligen
„Patriziern“ (Patres, Väter, Vorfahren) zählenden EinwohnerInnen Roms, ihre Arbeit nieder
und sammelten sich auf einem nördlich der Stadt gelegenen Hügel, der Mons Sacer, „Heiliger
Berg“ genannt wurde. Mit diesem „Auszug der Menge“ legten sie das gesamte
wirtschaftliche, aber auch das politische und kulturelle Leben der Stadt lahm und setzten so
ihre lange Zeit vergeblich verfochtene Forderung durch, durch selbstgewählte „Volkstribune“
(tribuni plebis) an der Regierung der Stadt beteiligt zu werden.
Wenige Jahre später, 449 oder 450 vor Christus, kam es zur zweiten „secessio plebis“.
Diesmal sammelte sich die Plebs auf dem Mons Aventinus, dem südlichsten der sieben Hügel
Roms. Jetzt setzten die PlebejerInnen das „Zwölf-Tafel-Gesetz“ durch, eine neue politische
Verfassung, die so heißt, weil sie danach auf dem Hauptplatz der Stadt, dem Forum
Romanum, auf zwölf Tafeln öffentlich ausgestellt wurde. Zum dritten Auszug der Plebs kam
es 287 vor Christus auf dem Ianiculum, dem heute Gianicolo genannten Hügel am rechten
Tiberufer. Diesmal erzwang die Plebs die endgültige formelle Gleichberechtigung mit dem
Adel, nach der Beschlüsse der Volksversammlung den Charakter von Gesetzen erhielten.
Den Auszügen der Menge sind im Blick zurück auf die globale Bewegung der letzten Jahre
vier Lehren zu entnehmen, die Aufbrüche befolgen müssen, deren bei allen Unterschieden
gemeinsamer Punkt die Selbstbehauptung von Demokratie und Würde sind:

1.) Die Notwendigkeit der eigenmächtig einberufenen Versammlung und eigenmächtigen


Wortmeldung der aus der öffentlichen Sichtbarkeit und Anerkennung wie aus der öffentliche
Rede Ausgeschlossenen.
2.) Die Notwendigkeit einer vollständigen Unterbrechung des öffentlichen Lebens, der
Ausrufung des Ausnahmezustands „von unten“.
3.) Die Notwendigkeit, eine solche Unterbrechung der herrschenden Ordnung wiederholt und
immer wieder neu vollziehen zu müssen, jeweils im eigenen Namen, kraft eigenen Rechts.
4.) Die Notwendigkeit schließlich, den konstituierenden, d.h. den verfassungsgebenden Akt in
einer Konstitution, d.h. in einer Verfassung festzuhalten: im Gesetz der zwölf Tafeln als der
Konstitution der Res Publica, der öffentlichen Sache.

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Die Aufständischen in Tunis und Kairo haben die Einsicht in diese vier Notwendigkeiten in
die Gegenwart zurückgeholt, sie haben sie aller Welt mitgeteilt und wurden überall auf der
Welt von ungezählt Vielen verstanden, zuletzt und trotz allem in Kiew wie in Donezk.
Kommuniziert wurde der konstituierende demokratische Akt aber nicht nur jeweils lokal, in
Kairo, Tel Aviv, Teheran, Washington, Barcelona, Athen, gleichzeitig oder nacheinander,
sondern eben auch global, in einer Weise, die alle diese Orte in einer globalen Öffentlichkeit
zusammengebracht hat, jetzt ausdrücklich und zuvörderst eben mit den
Kommunikationsmitteln des 21. Jahrhunderts und im Zug der kapitalistischen Globalisierung.

&Ü2&Nächster, entscheidender Einwand

An dieser Stelle ist es nun aber höchste Zeit, um endlich einzuräumen, dass die
Versammlungen der Menge das Elend und das Unrecht nicht beseitigen konnten, gegen das
sie aufgebrochen sind. Die meisten Versammlungen waren dazu nicht stark, nicht
entschlossen genug, die Unterbrechung des Lebens war von zu kurzer Dauer. Vor allem aber:
alle diese Bewegungen waren und sind sich ihrer eigensten Sache, ihrer Res Publica nicht
sicher genug: Sie wussten im Grunde in keinem einzigen Fall, wozu sie ihre Macht, die Macht
der Demokratie selbst, eigentlich gebrauchen sollten. Darum war der Streit um die neue
ägyptische Verfassung der Wendepunkt des Geschehens, in Kairo und über Kairo hinaus.
Zunächst einmal, das möchte ich ausdrücklich festhalten, ist das nicht nur ein Mangel.
Bekanntlich hat der Philosoph Immanuel Kant die Französische Revolution wortwörtlich ein
„Ereignis“ genannt, „das sich nicht vergisst“ (o.J.). Damit hat Kant festgehalten, dass der
Pariser Aufstand unbeschadet seines Ausgangs, rein nur als „Ereignis“ genommen, ein
Mahnmal, ein Denkmal, ein Ehrenmal, ein Zeugnis der Befähigung der Leute, des Ddemos,
der Plebs zur Freiheit war und sich darin selbst genügt. Dies ist es, was insoweit auch von den
Aufbrüchen der letzten Jahre gilt. Dazu gehört, dass sich im Augenblick zumindest sehr vielen
kommuniziert hat, dass das Wagnis der Freiheit ein Wagnis auf Leben und Tod ist, und dass
im Willen, der Gewalt der Herrschenden sogar um den Preis des eigenen Lebens nicht zu
weichen, der Preis der Freiheit liegt: der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel,
Nachfahre Kants und ebenfalls Zeuge der Französischen Revolution, hat darauf die Moral des
Kampfes von Herr und Knecht als eines Kampfes auf Leben und Tod gegründet (vgl. Hegel,
1970). Zugegeben: Soll die Demokratie mehr sein als der Augenblick der Bezeugung ihrer
Möglichkeit, dann reicht das nicht. Insofern verweist uns das Scheitern der aktuellen

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Demokratiebewegungen auf die Vielzahl der Krisen zurück, zu der ja eben auch die Krise der
Demokratie als der Knoten gehört, in dem alle Krisen miteinander verbunden sind. Fragen wir
also: Was ist die Krise der Demokratie?

&Ü2&„Postdemokratie“

Zur Bezeichnung der handgreiflichen Krise der Demokratie hat sich der Begriff der
„Postdemokratie“ eingebürgert. Geprägt für westliche Gesellschaften parlamentarischer
Demokratie, kann er auch für postsozialistische und postkoloniale Gesellschaften produktiv
gemacht werden, sofern sie zwischenzeitlich normativ unter den Anspruch der Demokratie
gestellt wurden. Der Politkwissenschaftler Colin Crouch definiert „Postdemokratie“ wie folgt:
„Der Begriff bezeichnet ein Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten
werden, Wahlen, die sogar dazu führen, dass Regierungen ihren Abschied nehmen müssen, in
dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte
während der Wahlkämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel
verkommt, bei dem man nur über eine Reihe von Problemen diskutiert, die die Experten
vorher ausgewählt haben. Die Mehrheit der Bürger spielt dabei eine passive, schweigende, ja
sogar apathische Rolle, sie reagieren nur auf die Signale, die man ihnen gibt. Im Schatten
dieser politischen Inszenierung wird die reale Politik hinter verschlossenen Türen gemacht:
von gewählten Regierungen und Eliten, die vor allem die Interessen der Wirtschaft vertreten.“
(Crouch 2008, 10) Darin liegt: Der Übergang zur Postdemokratie ist kein Übergang zur
Diktatur, sondern der Prozess einer Aushöhlung oder Entleerung von Demokratie: „Während
die demokratischen Institutionen formal weiterhin vollkommen intakt sind (und heute sogar in
vielerlei Hinsicht weiter ausgebaut werden), entwickeln sich politische Verfahren und
Regierungen zunehmend in eine Richtung zurück, die typisch war für vordemokratische
Zeiten: Der Einfluss privilegierter Eliten nimmt zu, in der Folge ist das egalitäre Projekt
zunehmend mit der eigenen Ohnmacht konfrontiert.“ (ebd., 13).
Die Rede vom „egalitären Projekt“ meint hier nicht gleich eine sozialistische Programmatik,
sondern bezieht sich zunächst allein auf das allgemein demokratische Versprechen einer
Gesellschaft der Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Aus demselben Grund behauptet der
Begriff der Postdemokratie nicht notwendig, dass es früher einmal eine „richtige“ Demokratie
gegeben habe: er behauptet vielmehr, dass das Versprechen, aus dem Demokratie lebt,
verloren zu gehen droht, dass es vielleicht bald verloren sein wird, dass es oft, vielleicht zu oft

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schon gebrochen wurde und dass es jetzt jede und jeder weiß. Nehmen wir diese Diagnose so
an, stellt sich die Frage, wann, wo und weshalb hat das alles angefangen?

&Ü3&1989: Ende der Blockkonfrontation, Ende der Geschichte

Nur scheinbar paradoxerweise bringt uns diese Frage im ersten Zug auf das Jahr 1989 zurück,
das Jahr des endgültigen Einsturzes der realsozialistischen Staaten und ihrer Ökonomien,
erreicht auch und nicht zuletzt durch eine Folge von Massenbewegungen und Versammlungen
auf den Plätzen großer und kleiner realsozialistischen Städte, die denen der Jahre 2011/2012
nicht unähnlich waren. In der Folge dieses Umbruchs – eine Zeitlang zum „Ende der
Geschichte“ verklärt – hat sich vieles, sehr vieles verändert: unstrittig ist aber, dass die
ungeheuren politischen Leidenschaften erkaltet sind, die die Epoche der sogenannten
„Blockkonfrontation“ belebt haben; auf beiden Seiten der Front und am heftigsten dort, wo
sie zugleich den Horizont der Entkolonialisierung bildeten. Bis zum heutigen Tag hat sich
dafür kein Ersatz gefunden, mit einschneidenden Folgen – unmittelbar für das politische
Personal, mittelbar für die Öffentlichkeit des Politischen überhaupt.

&Ü3&Globalisierung und tendenzieller Fall des Nationalstaats

Die zweite Quelle der voranschreitenden Entleerung der Demokratie und des Politischen
selbst hat handfestere Gründe und resultiert aus dem Prozess der Globalisierung, der seit den
1980er Jahren dramatisch an Geschwindigkeit gewann und trotz seiner Krisenhaftigkeit
weiter gewinnt. Auch wenn es immer schon falsch war, von einer Entmachtung des
Nationalstaats zu reden, steht doch außer Zweifel, dass sich das Machtgefüge der Politik
dadurch massiv verändert und verschoben hat. Verändert in Hinsicht auf eine historisch
ungekannte Funktionalisierung der Politik durch die globalisierte Ökonomie, und verschoben
auf selbst wiederum vielfältige Ebenen einer transnationalen Governance, in der
Nationalstaaten zur nachgeordneten Funktion herabgestuft wurden. Getroffen hat das weniger
die nach wie vor intakte, in vielen Fällen sogar intensivierte Staatsmacht; getroffen hat das
allerdings die Macht der Demokratie.

&Ü3&Stichwort Neoliberalismus

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Radikalisiert wird dieser Prozess durch den Umstand, dass die Globalisierung selbst kein
politisch neutraler Vorgang ist. Globalisierung ist neoliberale Globalisierung, und reguliert als
solche die globale Durchsetzung und Sicherung eines finanzialisierten, hochtechnologisierten
und zugleich und vor allem biopolitischen Kapitalismus, d.h. eines Kapitalismus, der nicht
mehr nur auf die Arbeitskraft, sondern auf alle Lebensvollzüge der ihm unterworfenen
Subjekte ausgreift: durch die Expansion der Arbeitszeit auf die Lebenszeit im Zug der
Aufhebung der Grenze von Arbeits- und Freizeit, durch die Deregulierung, Prekarisierung und
allgemeine Entwertung der Arbeitsverhältnisse, durch die kapitalistische Enteignung vormals
öffentlicher Dienste und öffentlicher Güter und durch die Kapitalisierung der Kommunikation
im weitesten Sinn des Worts – die politische Kommunikation eingeschlossen. Die
Postdemokratie kann von hier aus gesehen als der politische Ausdruck dieser „Subsumtion“
des Lebens, mithin der Gesellschaft und also der Demokratie unter die Ökonomie verstanden
werden. Prägnantester politischer Ausdruck dieser direkten Einwirkung der Ökonomie auf die
Demokratie sind einerseits die Unterordnung nationaler Parlamente unter primär ökonomische
transnationale Institutionen wie den IWF bzw. die Troika, andererseits, durchschlagend nicht
zuletzt auf die kommunale Demokratie, die umfassende Verbetriebswirtschaftlichung der
Politik. Alltäglich erfahren wird diese Subsumtion des ganzen Lebens unter die Ökonomie in
einer alles zersetzenden, immer tiefgreifenderen Verunsicherung des jeweils eigene Lebens:
eine Verunsicherung, die nicht nur in Europa vor allem die Mittelklassen umtreibt und sich als
solche in eben die Vielzahl der Krisen ausspannt, von denen eingangs die Rede war.
Wenn die direkt gegen die Postdemokratie aufbegehrende „Demokratie der Plätze“ dieser
Verunsicherung des Lebens der einzelnen wie letztlich der Meisten noch nicht gewachsen ist,
dann spiegelt sich dieser Rückstand vor allem anderen in der politischen Richtungslosigkeit
der Plätze und in dem Umstand, dass der Aufbruch der globalen Demokratisierungsbewegung
paradoxerweise mit einer massiven Rechtsentwicklung einhergeht, mit der Stärkung von
Nationalismus und Rassismus, mit der Stärkung aber auch – und das weltweit – von Sexismus
und Homophobie, schließlich mit der Wiederkehr einer „fundamentalistisch“ politisierten
Religiosität. Hierher gehört auch die im Letzten immer mörderische Gewalt, die auch diesmal,
wie immer, vom Staat, und eben nicht von den Plätzen ausgeht: eine Wahrheit, die man
mittlerweile fast täglich in den Abendnachrichten sehen kann, in den von überall auf der Welt
eingespielten und doch immer gleichen Bildern prügelnder Polizeieinheiten.
Was also tun? Ich kann auf diese Frage keine zufriedenstellende Antwort geben, sondern will
mich auf zwei Punkte beschränken, in deren Perspektive eine solche Antwort gefunden

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werden kann. Bleibe ich im ersten Punkt sehr allgemein, hantiere ich im zweiten Fall mit
einer strategischen Spekulation: anders ist das im Augenblick, glaube ich, nicht zu leisten.

&Ü2&Das Entweder-Oder der Demokratie

Wenn die Krise der Demokratie und die Heraufkunft der Postdemokratie wie eben angerissen
auf das Ende der Blockkonfrontation, die Durchsetzung der Globalisierung und ihre Prägung
durch den neoliberalen Finanzmarkt-, Hightech- und Biokapitalismus zurückgehen, dann
muss eine Lösung der Demokratiekrise auf diese länger zurückreichende Geschichte
antworten. Um das, wie angekündigt, in sehr allgemeiner Form zusammenzubringen: eine
Lösung der Demokratiekrise wird die 1989 vorgeblich abgeschlossene Frage der Geschichte
selbst neu aufwerfen müssen. Sie wird das in der Konfrontation auch mit der Finanz-, der
Europa-, der Energie- und Wachstumskrise, der Krise der Arbeit, der Klima- und die
Hungerkrise tun müssen. Sie wird also zeigen müssen, dass eine Bearbeitung dieser Krisen
auf das ur-demokratische Versprechen der Freiheit, Gleichheit und Solidarität bezogen werden
muss. Anders gesagt: Eine Lösung der Demokratiekrise schließt die Einsicht ein, dass von
Geschichte nur gesprochen werden kann, wenn in der Geschichte radikale Alternativen zur
Entscheidung stehen – wenn in ihr je ein Entweder-Oder zur Entscheidung steht:
Freiheit/Unfreiheit, Gleichheit/Ungleichheit, Solidarität/Konkurrenz. Gelingt es, den Sinn für
die Unumgänglichkeit radikaler Alternativen wieder zu wecken und politisch so wirksam
werden zu lassen, dass sich Millionen an der Entscheidung dieser Alternativen beteiligen
wollen, dann wird es auch möglich sein, die Flucht in autoritäre, mörderische
Fundamentalismen – in Nationalismus, Rassismus und reaktionäre politische Religiositäten –
zu stoppen und umzukehren. Die Finanz-, die Europa-, die Energie- und Wachstumskrise, die
Krise der Arbeit, die Klima- und Hungerkrise demokratisch bearbeiten und letzten Endes
lösen zu wollen, heißt dann aber, den Widerspruch politisch zur Entfaltung bringen, der
zwischen der Demokratie einerseits und dem Finanzmarkt-, Hightech- und Biokapitalismus
andererseits besteht. Ich weiß, dass das große Worte sind und ich bin alt genug um zu wissen,
dass Worte allein hier nicht weiterhelfen. Aber ohne diese Worte und ohne das, was wir
praktisch in sie hinein- und aus ihnen herauslegen, wird es eine Krisenlösung im Sinn des
demokratischen Versprechens der Freiheit, Gleichheit und Solidarität nicht geben. Um diese
Einsicht werden wir nicht herumkommen, und wenn wir ehrlich sind, wissen wir das auch.

&Ü2&Quasi una fantasia

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Wenn ich in der ersten Hälfte dieses Textes so ausführlich auf die Demokratie der Plätze zu
sprechen gekommen bin, dann weil ich zutiefst davon ausgehe, dass es ohne diese Plätze,
ohne die Unterbrechung des Laufs der Dinge und ohne die Proklamation des
Ausnahmezustands von unten nicht gehen wird. Das heißt nicht, dass ich gegen die
parlamentarische Demokratie und für eine Demokratie der Referenden und Plebiszite wäre:
Referenden und Plebiszite sind nur bedingt Alternativen zum postdemokratischen
Politikbetrieb, und sie sind es vor allem dann nicht, wenn das ansonsten passiv gehaltene
sogenannte „Volk“ von oben zusammengerufen wird, um eine von oben vorformulierte Frage
mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten. Nein, ich rede von dem, was ich den konstituierenden
demokratischen Akt nenne und bis auf den Auszug der römischen Plebs zurückverfolgt habe.
Andererseits: Gerade die globale Demokratiebewegung hat gezeigt, dass die Plätze allein
nicht ausreichen, und dass die Plätze dort, wo es wie in Syrien, der Ukraine oder in Hongkong
über Jahrzehnte hinweg gar keine institutionalisierte Demokratie gab, in Exzesse
mörderischer Gewalt führen können. Brauchen wir – wovon ich überzeugt bin – die
Demokratie der Plätze, so brauchen wir ebenso die Demokratie einer organisierten
Zivilgesellschaft und wenigstens auf mittlerer Dauer gestellter sozialer Bewegungen sowie
die Demokratie institutionell eingeübter und garantierter sozialer und politischer Rechte und
also die Demokratie der politischen Parteien, der freien Medien und der Parlamente.
Steht es um Zivilgesellschaft, um das Recht, um die Medien, die Parteien und die Parlamente
unter postdemokratischen Bedingungen im Allgemeinen schlecht, stimmt das doch nicht
immer und überall. Zumindest in vorläufig-abschließender Weise kann das in einer
strategischen Spekulation angezeigt werden, die ihren bis jetzt letzten Anhalt in den Wahlen
zum Europäischen Parlament im Jahr 2014 gefunden hat. Gewählt wurde dabei auch in
Griechenland, dem Staat der EU mit der aktuell stärksten „Demokratie der Plätze“. Zur
besonderen Stärke der griechischen Demokratiebewegung gehört, dass es ihr nach den Worten
des Philosoph Costas Douzinas gelungen ist, sich eine politische Partei zu „adoptieren“. Es
gibt diese Partei knapp zehn Jahre, sie wurde von enttäuschten SozialdemokratInnen,
KommunistInnen und GewerkschaftlerInnen gegründet, auch von Mitgliedern trotzkistischer
oder anarchistischer Grüppchen und von bis dahin parteilosen AktivistInnen ganz
verschiedener sozialer Bewegungen. Sie kam bei ihrer ersten Kandidatur 2004 auf ganze
3,2% und zerfiel erst einmal wieder, gründete sich 2007 neu und errang 5% der Stimmen, fiel
2009 wieder unter 5% und sprang 2012 im Jahr der großen Platzversammlungen und
Demonstrationen auf 16,8%. Danach gründete sie sich ein zweites Mal neu, heißt heute

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SYRIZA – Vereinte Soziale Front, steigerte ihren Stimmenanteil wenige Monate später auf
26,8% und wurde bei den Europawahlen mit demselben Ergebnis zur stärksten politischen
Partei.
Bemerkenswerter als ihr wahlpolitischer Erfolg aber ist der post-postdemokratische Vorschlag
SYRIZAS, der ihre herausragende Stellung begründet. Im Unterschied zu allen anderen
Parteien räumt SYRIZA offen ein, an den herrschenden Verhältnissen wenig ändern zu
können. Eine von ihr gestellte Regierung wird deshalb primär eine Regierung des Protests
sein, sie wird nicht anstelle der Leute auf den Plätzen sprechen, sondern sie will und wird sich
auch als Regierung von den Plätzen adoptieren lassen. Aber – und das war der besondere Witz
der bereits aussichtslosen Kandidatur ihres Vorsitzenden Alexis Tsipras für das Amt des
Kommissionspräsidenten der EU – SYRIZA will nicht bloß eine griechische, sondern eine
europäische Regierung des Protests sein und versteht sich selbst als europäische politische
Kraft.
Aber was heißt das: eine europäische Regierung des Protestes bilden zu wollen, die von den
Plätzen adoptiert wird? Es heißt, dass SYRIZA eine neue Demokratie vorschlägt, eine
Demokratie, die ihren Ort im Alltag des Widerstandes, auf den großen Versammlungen der
Plätze und in den nationalen und transnationalen Institutionen des Staates hat, und das genau
in dieser Reihenfolge. In absichtsvoller Verkehrung der Rede von der Krise der Demokratie
will diese neue Demokratie eine Demokratie der Krise sein. Das Ziel einer SYRIZA-
Regierung wird es sein, nicht nur Griechenland, sondern die ganze Europäische Union in eine
politische Krise zu stürzen. Kommt es zu dieser Krise, so das Kalkül, dann werden die Karten
neu gemischt: eben nicht nur auf den Plätzen, sondern auch in den politischen Institutionen.
Es ist davon auszugehen, dass dieses Vorgehen in Spanien, Portugal und Italien massive
Unterstützung gewinnen wird, besonders dann, wenn es einer SYRIZA-Protest- und
Krisenregierung zugleich gelingt, den Prozess der Verarmung, Entrechtung und Entwürdigung
der Menschen in Griechenland wenn nicht umzukehren so doch vorerst zu stoppen. Es wird
dann, für alle sichtbar, für alle vernehmbar, erstmals wieder eine wirkliche Alternative geben,
und diese Alternative wird sich wie folgt stellen: Entweder es geht so weiter wie bisher – dann
wird die EU der Troika einen Schritt weitergehen und eine demokratisch gewählte Regierung
für alle sichtbar ins Abseits stellen, im Extrem: absetzen müssen. Oder es wird – für eine
Demokratie unumgänglich – zu Verhandlungen kommen, die diesen Namen zu Recht tragen.
Verhandlungen zum Beispiel und vor allem anderen über ein Schuldenmoratorium nicht nur
für Griechenland, sondern für alle Schuldenländer. Im Interview mit der Redaktion der
führenden deutschen Fernsehnachrichtensendung, geführt mit dem SYRIZA-Finanzpolitiker

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Theodoros Paraskevopoulos, liest sich das wie folgt: „Was jetzt in Europa passiert, ist
unvernünftig. Die momentane Politik ist unsolide. Wir haben ganz klar gesagt, dass wir ein
Gesetz ins Parlament einbringen werden, das alle Eingriffe in das innere Recht annulliert.
Kein internationales Abkommen kann bestimmen, wie hoch die griechischen Renten sind oder
wie Verhandlungen über Tarifabschlüsse ablaufen. Das sind Sachen des inneren Rechts – das
wollen wir wieder herstellen. (…) Wir schlagen unseren Partnern eine europäische
Schuldenkonferenz vor. Daran sollen Regierungen teilnehmen, aber auch Wissenschaftler und
Gewerkschaftler. Unser Vorschlag ist ein Moratorium für die Krisen-Länder, damit sie ihre
Wirtschaft wieder in Gang bringen. (…) Wir glauben, dass ein mittelfristiges Moratorium von
drei Jahren ausreichen wird. Das gilt unter der Voraussetzung, dass wir es schaffen, pro Jahr
die Staatseinnahmen um ein Prozent der Wirtschaftsleistung zu steigern.“ Anschließende
Frage der Redaktion: „Wer soll Ihnen dieses Moratorium finanzieren?“ Abschließende
Antwort des SYRIZA-Politikers, wortwörtlich: „Letztlich ist das Verhandlungssache. Das
wollen wir mit unseren Partnern diskutieren.“ (Tagesschau 2012)
Es werden dies, sollte es zu solchen Verhandlungen kommen, keine postdemokratischen
Verhandlungen sein. Sie werden das auch dann sein, wenn eine umfassende Lösung der
Finanz-, der Europa-, der Energie- und Wachstumskrise, der Krise der Arbeit, der Klima- und
Hungerkrise sowie die Bannung der Kriegsgefahr von diesen Verhandlungen allein nicht zu
erwarten ist: weil eine solche Lösung niemals nur das Ergebnis von Verhandlungen sein kann.
Ihr eigentliches Thema wird allerdings die Krise der Demokratie und der Beginn einer Lösung
immerhin dieser Krise sein. Damit wird längst nicht alles, doch vieles gewonnen sein.

&Ü2&Literatur

Crouch, Colin (2008). Postdemokratie, Frankfurt.


Kant, Immanuel (o.J.). Der Streit der Fakultäten, http://www.toprue.homepage.t-
online.de/ads/dsdf1798.pdf.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1970). Phänomenologie des Geistes, (Kapitel:
Selbstständigkeit und Unselbstständigkeit des Bewusstsein; Herrschaft und Knechtschaft),
Frankfurt am Main.
Tagesschau (2012). “Griechenland braucht ein Schuldenmoratorium” Interviw mit Theodoros
Paraskevopoulos, http://www.tagesschau.de/wirtschaft/interviewsyriza100.html
Jäger, Michael/Seibert, Thomas (2012). alle zusammen. jede für sich. die demokratie der
plätze. eine flugschrift, Hamburg.

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