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In den Diskurs, den ich heute zu halten habe, und in die Dis­

kurse, die ich vielleicht durch Jahre hindurch hier werde hal­
ten müssen, hätte ich mich gern verstohlen eingeschlichen.
Anstau das Wort zu ergreifen, wäre ich von ihm lieber um­
garnt worden, um jedes Anfangens enthoben zu sein. Ich
hätte gewünscht, während meines Sprechens eineStimme
ohne Namen zu vernehmen, die mir immer schon voraus
war: ich wäre es dann zufrieden gewesen, an ihre Worte anzu­
schließen, sie fortzusetzen, mich in ihren Fugen unbemerkt
einzunisten, gleichsam, als hätte sie mir ein Zeichen gegeben,
indem sie für einen Augenblick aussetzte. Dann gäbe es kein
Anfangen. Anstatt der I..ILr~~ber des Diskurses zu sein, wäre "
ich im Zufall seines Ablaufs nur eine winzige Lücke und viel­
leicht sein Ende.
Ich hätte gewünscht, daß es hinter mir eine Stimme gäbe, die
schon seit langem _das Wort ergriffen hätte und im vorhinein
anes~-was ich sage, verdoppelte und daß diese Stimme so sprä­
che: "Man muß weiterreden, ich kann nicht weitermachen,
man muß weiterreden, man muß Wörter sagen, solange es
welche gibt; man muß sie sagen, bis sie mich finden, bis sie
mich sagen - befremdende Mühe, befremdendes Versagen;
man muß weiterreden; vielleicht ist es schon getan, vielleicht
haben sie mich schon gesagt, vielleicht haben sie mich schon
an die Schwelle meiner Geschichte getragen, an das Tor, wel­
ches sich schon auf meine Geschichte öffnet (seine Öffnung
würde mich erstaunen).«
Ich glaube, es gibt bei vielen ein ähnliches Verlangen, nicht
anfangen zu müssen; ein ähnliches Begehren, sich von vorn­
herein auf der anderen Seite des Diskurses zu befinden und
nicht von außen ansehen zu müssen, was er Einzigartiges,
Bedrohliches, ja vielleicht Verderbliches an sich hat. Auf die­
sen so verbreiteten Wunsch gibt die Institution eine ironische ,
Antwort, indem sie die Anfänge feierlich gestaltet, indem sie'~

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sie mit ehrfürchtigem Schweigen umgibt und zu weithin seIlschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert,
sichtbaren Zeichen ritualisiert. seIeluiert, organisiert und kanalisiert wird - und zwar durch
Das Begehren sagt: »Ich selbst möchte nicht in jene gefähr­ gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die
liche Ordnung des Diskurses eintreten müssen; ich möchte Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Er­
nichts zu tun haben mit dem, was es Einschneidendes und eignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Mate­
Entscheidendes in ihm gibt; ich möchte, daß er um mich her­ rialität zu umgehen.
um eine ruhige, tiefe und unendlich offene Transparenz bilde, In einer Gesellschaft wie der unseren kennt man sehr wohl
in der die anderen meinem Erwarten antworten und aus der Prozedurenderrfusschließung., Die sichtbarste und vertrau­
die Wahrheiten eine nach der anderen hervorgehen; ich teste ist da~ojtMan weiß, daß man nicht das Recht hat,
möchte nur in ihm und von ihm wie ein glückliches Findel­ alles zu sagen, daß man nicht bei jeder Gelegenheit von allem
kind getragen werden.« Und die Institution antwortet: »Du sprechen kann, daß schließlich nicht jeder beliebige über alles
brauchst vor dem Anfangen keine Angst zu haben; wir alle beliebige reden kann. Tabu des Gegenstandes, Ritual der Um­
sind da, um dir zu zeigen, daß der Diskurs in der Ordnung stände, bevorzugtes oder ausschließliches Recht des sprechen­
der Gesetze steht; daß man seit jeher über seinem Auftreten den Subjekts - dies sind die drei Typen von Verboten, die sich
wacht; daß ihm ein Platz bereitet ist, der ihn ehrt, aber ent­ überschneiden, verstärken oder ausgleichen und so einen I

waffnet; und daß seine Macht, falls er welche hat, von uns komplexen Raster bilden, der sich ständig ändert. Ich möchte
und nur von uns stammt.« nur anmerken, daß es heute zwei Bereiche gibt, in denen der
Aber vleIIeicntsloddiese Institution und dieses Begehren nur Raster besonders eng ist und die Verbote immer zahlreicher
zwei entgegengesetzte Antworten auf ein und dieselbe Un­ werden: dieBereichederSexualitätundderPolitik. Offensicht­
ruhe: Unruhe angesichts dessen, was der Diskurs in seiner lich ist der Diskurs keineswegs jenes transparente und neutrale
materiellen Wirklichkeit als gesprochenes oder geschriebenes Element, Indem dle Sexualität sich entwaffnet und die Politik
Ding ist; Unruhe angesichts jener vergänglichen Existenz, die sich befriedet, vielmehr ist er ein bevorzugter Ort, einige ihrer
zweifellos dem Verschwinden geweiht ist, aber nach einer bedrohlichsten Kräfte zu entfalten. Der Diskurs mag dem An­
Zeitlichkeit, die nicht die unsere ist; Unruhe, die unter jener schein nach fast ein Nichts sein - die Verbote, die ihn treffen,
alltäglichen und unscheinbaren Tätigkeit nicht genau vor­ offenbaren nur allzu bald seine Verbindung mit dem Begehren
stellbarer Mächte und Gefahren zu verspüren ist; verdächtige und der Macht. Und das ist nicht erstaunlich. Denn der Dis­
Unruhe von Kämpfen, Siegen, Verletzungen, Überwältigun­ kurs - die Psychoanalyse hat es uns gezeigt - ist nicht einfach
gen und Knechtschaften in so vielen Wörtern, deren Rauhei­ das, was das Begehren offenbart (oder verbirgt): er ist auch
ten sich seit langem abgeschliffen haben. Gegenstand des Begehrens; und der Diskurs - dies lehrt uns
Aber was ist denn so gefährlich an der Tatsache, daß die Leute immer wieder die Geschichte - ist auch nicht bloß das, was die
sprechen und daß ihre Diskurse endlos weiterwuchern ? Wo Kämpfe oder die Systeme der Beherrschung in Sprache über­
liegt die Gefahr? setzt: er ist dasjenige, worum und womit man kämpft; er ist die
Macht, deren man sich zu bemächtigen sucht.
Die Hypothese, die ich heute abend entwickeln möchte, um Es gibt in unserer Gesellschaft noch einanderes Prinzip der
den Ort - oder vielleicht das sehr provisorische Theater ­ Ausschließung: kein Verbot, sondern eine Grenzziehung
meiner Arbeit zu fixieren: Ich setze voraus, daß in jeder Ge­ und eine Verwerfung. Ich denke an die Entgegensetzung von

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I: ._~er~unft u~d ~ahnsinn. Sei.t dem ~ittelalter ist d.er ~ahn­ dem überraschen, was wir selbst artikulieren: in dem winzi­
I smmge derjenige, dessen DIskurs nicht ebenso zirkulieren gen Riß, in dem uns entgeht, was wir sagen. Aber noch soviel
, kann wie der der andern: sein Wort gilt für null und nichtig, Aufmerksamkeit beweist nicht, daß die alte Grenze nicht
_', " es hat weder Wahrheit noch Bedeutung, kann vor Gericht mehr besteht. Man denke nur an den ganzen Wissens apparat,
-' nichts bezeugen, kein Rechtsgeschäft und keinen Vertrag be­
I mit dem wir jenes Wort entziffern; man denke nur an das
. glaubigen, kann nicht einmal im Meßopfer die Transsubstan­ ganze Netz von Institutionen, das einem - Arzt oder Psycho­
-iiation sich vollziehen lassen und aus dem Brot einen Leib analytiker - erlaubt, jenes Wort zu hören, und das gleichzei­
machen; andererseits kann es aber auch geschehen, daß man tig dem Patienten erlaubt, seine armseligen Wörter hervorzu­
I dem Wort des Wahnsinnigen im Gegensatz zu jedem andern holen oder verzweifelt zurückzuhalten. Man braucht nur an
. eigenartige Kräfte zutraut: die Macht, eine verborgene Wahr­ all das zu denken, um den Verdacht zu erwecken, daß die
I heit zu sagen oder die Zukunft vorauszukünden oder in aller Grenze keineswegs beseitigt ist, daß sie nur anders gezogen
Naivität das zu sehen, was die Weisheit der andern nicht ist: nach anderen Linien, durch neue Institutionen und mit
wahrzunehmen vermag. Seltsamerweise wurde in Europa Wirkungen, die nicht dieselben sind. Und selbst wenn die
jahrhundertelang das Wort des Wahnsinnigen entweder nicht Rolle des Arztes nur die wäre, das Ohr einem endlich freien
vernommen oder, wenn es vernommen wurde, als Wahr­ Wort zu leihen - das Horchen läßt die Zäsur immer bestehen.
spruch gehört. Entweder fiel es ins Nichts, indem es mit sei­ Es wird einem Disk~~~ gelauscht, der vom Begehren durch­
nem Auftauchen sofort verworfen wurde; oder man entzif­ drungen ist und sich - in seinem äußersten Hochgefühl oder
ferte darin eine naive oder listige Vernunft, eine vernünftigere in seiner äußersten Angst - mit schrecklichen Mächten begabt
Vernunft als die der vernünftigen Leute. Ob es nun ausge­ glaubt. Wenn es des Schweigens der Vernunft bedarf, um die
sperrt wurde oder insgeheim die Weihen der Vernunft erhielt Ungeheuer zu heilen, so muß das Schweigen doch auf der
- es existierte nicht. Zwar hat man an seinen Worten den Hut sein: also bleibt die Grenzziehung.
Wahnsinnigen erkannt; seine Worte zogen die Grenze, aber Vielleicht ist es gewagt, den Gegensatz zwischen demlW~hrea
niemals wurden sie gesammelt, niemals hörte man wirklich und demFalschen als ein drittes Ausschließungssysiern zu
! auf sie. Vor dem Ende des 18.]ahrhunderts ist kein Arzt auf betrachterr-vneben den beiden, von denen ich eben sprach.
die Idee gekommen, sich zu fragen, was denn in diesem Wort Wie sollte man vernünftigerweise den Zwang der Wahrheit
gesagt wird (und wie und warum es gesagt wird) - in dem mit solchen Grenzziehungen vergleichen können, die von
Wort, das doch den Unterschied setzte. Der ganze unermeß­ vornherein willkürlich sind oder sich zumindest um ge­
liehe Diskurs des Wahnsinnigen wurde wieder zu sinnlosem schichtliche Zufälligkeiten herum organisieren, mit Grenz­
Geräusch. Nur symbolisch erteilte man ihm das Wort: auf ziehungen, die nicht nur verändert werden können, sondern
dem Theater, wo er entwaffnet und versöhnt auftrat, weil er sich tatsächlich ständig verschieben, die von einem ganzen
die Rolle der maskierten Wahrheit spielte. Netz von Institutionen getragen sind, welche sie aufzwingen
Man wird mir sagen, daß all das heute zu Ende ist oder zu und absichern, und die sich zwangsweise, ja zum Teil gewalt­
Ende geht; daß das Wort des Wahnsinnigen nicht mehr auf sam durchsetzen?
der anderen Seite steht; daß es nicht mehr null und nichtig ist; Gewiß, auf der Ebene eines Urteils innerhalb eines Diskurses
daß es uns vielmehr auflauert; daß wir in ihm einen Sinn su­ ist die Grenzziehung zwischen dem Wahren und dem Fal­
chen oder die Ruinen eines Werks; und daß wir es bereits in schen weder willkürklich noch veränderbar, weder institutio­

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J. •
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ZU i Alk, SS! jlJ!j, 441-_'" ,~.(~',p"~-­


nell noch gewaltsam. Begibt man sich aber auf eine andere auch als das Erscheinen neuer Formen des Willens zur Wahr­
Ebene, stellt man die Frage nach jenem Willen zur Wahrheit, heit gesehen werden. Es gibt ohne Zweifel im 19.Jahrhundert
der seit Jahrhunderten unsere Diskurse durchdringt, oder einen Willen zur Wahrheit, der weder in seinen Formen noch
fragt man allgemeiner, welche Grenzziehung unseren Willen in seinen Gegenstandsbereichen, noch in den von ihm ver­
zum Wissen bestimmt, so wird man vielleicht ein Ausschlie­ wendeten Techniken, mit dem Willen zum Wissen überein­
ßungssystem (ein historisches, veränderbares, institutionell stimmt, welcher die Kultur der Klassik charakterisiert. Ge­
zwingendes System) sich abzeichnen sehen. hen wir noch weiter zurück: an der Wende vom 16. zum
Zweifellos hat sich diese Grenzziehung geschichtlich konsti­ 17.Jahrhundert ist (vor allem in England) ein Wille zum Wis­
tuiert. Denn noch bei den griechischen Dichtern des 6.Jahr­ sen aufgetreten, der im Vorgriff auf seine wirklichen Inhalte
hunderts war der wahre Diskurs - im starken und wertbeton­ Ebenen von möglichen beobachtbaren, meßbaren, klassifi­
ten Sinn des Wortes: der wahre Diskurs, vor dem man zierbaren Gegenständen entwarf; ein Wille zum Wissen, der
Achtung und Ehrfurcht hatte und dem man sich unterwerfen dem erkennenden Subjekt (gewissermaßen vor aller Erfah­
mußte, weil er der herrschende war - eben der Diskurs, der rung) eine bestimmte Position, einen bestimmten Blick und
von den hierzu Befugten nach dem erforderlichen Ritual ver­ eine bestimmte Funktion (zu sehen anstatt zu lesen, zu verifi­
lautbart worden ist; es war der Diskurs, der Recht sprach und zieren anstatt zu kommentieren) zuwies; ein Wille zum Wis­
jedem sein Teil zuwies; es war der Diskurs, der die Zukunft sen, der (in einem allgemeineren Sinn als irgendein techni­
prophezeiend nicht nur ankündigte, was geschehen würde, sches Instrument) das technische Niveau vorschrieb, auf dem
sondern auch zu seiner Verwirklichung beitrug, der die Zu­ allein die Erkenntnisse verifizierbar und nützlich sein konn­
stimmung der Menschen herbeiführte und sich so mit dem ten. Es sieht so aus, als hätte seit der großen Platonischen
Geschick verflocht. Aber schon ein Jahrhundert später lag die Grenzziehung der Wille zur Wahrheit seine eigene Ge­
höchste Wahrheit nicht mehr in dem, was der Diskurs war, schichte, welche nicht die der zwingenden Wahrheiten ist:
oder in dem, was er tat, sie lag in dem, was er sagte: eines eine Geschichte der Ebenen der Erkenntnisgegenstände, eine
Tages hatte sich die Wahrheit vom ritualisierteri, wirksamen Geschichte der Funktionen und Positionen des erkennenden
und gerechten Akt der Aussage weg und zur Aussage selbst Subjekts, eine Geschichte der materiellen, technischen, in­
hin verschoben:"zu ihrem Sinn, ihrer Form, ihrem Gegen­ strumentellen Investitionen der Erkenntnis.
stand, ihrem referentiellen Bezug. Zwischen Hesiod und Pla­ Dieser Wille zur Wahrheit stützt sich, ebenso wie die übrigen
ton hat sich eine Teilung durchgesetzt, welche den wahren Ausschließungssysteme, auf eine institutionelle Basis: er
Diskurs und den falschen Diskurs trennte; diese Teilung war wird zugleich verstärkt und ständig erneuert von einem gan­
'neu, denn nunmehr war der wahre Diskurs nicht mehr der zen Geflecht von Praktiken wie vor allem natürlich der Päd­
kostbare und begehrenswerte Diskurs, der an die Ausübung agogik, dem System der Bücher, der Verlage und der Biblio­
von Macht gebunden ist. Der Sophist ist vertrieben.. theken, den gelehrten Gesellschaften einstmals und den La­
, Diese historische Grenzziehung hat unserem Willen zum boratorien heute. Gründlicher noch abgesichert wird er
Wissen zweifellos seine allgemeine Form gegeben. Aber sie zweifellos durch die Art und Weise, in der das Wissen in einer
hat sich auch immer wieder verschoben: die großen wissen­ Gesellschaft eingesetzt wird, in der es gewertet und sortiert,
schaftlichen Mutationen können vielleicht manchmal als die verteilt und zugewiesen wird. Es sei hier nur symbolisch an
Folgen einer Entdeckung verstanden werden, sie können aber das alte griechische Prinzip erinnert: daß die Arithmetik in

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den demokratischen Städten betrieben werden kann, da in ihr deckt. Der Grund dafür ist vielleicht dieser: Wenn der wahre
Gleichheitsbeziehungen gelehrt werden; daß aber die Geo­ Diskurs seit den Griechen nicht mehr derjenige ist, der dem
metrie nur in den Oligarchien unterrichtet werden darf, da sie Begehren antwortet oder der die Macht ausübt, was ist dann
die Proportionen in der Ungleichheit aufzeigt. im Willen zur Wahrheit, im Willen, den wahren Diskurs zu
Schließlich glaube ich, daß dieser auf einer institutionellen sagen, am Werk - wenn nicht das Begehren und die Macht?
, Basis und Verteilung beruhende Wille zur Wahrheit ­
in unse­ Der wahre Diskurs, den die Notwendigkeit seiner Form vom
-- '" rer Gesellschaft dazu tendiert, auf die anderen Diskurse Begehren ablöst und von der Macht befreit, kann den Willen
Druck und Zwang auszuüben. Ich denke daran, wie sich die zur Wahrheit, der ihn durchdringt, nicht anerkennen; und
abendländische Literatur seitjahrhunderten ans Natürliche der Wille zur Wahrheit, der sich uns seit langem aufzwingt,
und Wahrscheinliche, an die Wahrhaftigkeit und sogar an die ist so beschaffen, daß die Wahrheit, die er will, gar nicht an­
Wissenschaft - also an den wahren Diskurs - anlehnen muß. ders kann, als ihn zu verschleiern.
Ich denke gleichfalls daran, wie die ökonomischen Praktiken, So bietet sich unseren Augen eine Wahrheit dar, welche
die als Vorschriften oder Rezepte oder auch als Moral kodifi­ Reichtum und Fruchtbarkeit ist, sanfte und listig universelle
ziert sind, sich seit dem 16. Jahrhundert zu rationalisieren Kraft. Und wir übersehen dabei den Willen zur Wahrheit­
und zu rechtfertigen suchen, indem sie sich auf eine Theorie
der Reichtümer und der Produktion stützen. Ich denke auch
jene gewaltige Ausschließungsmaschinerie. Alle jene, die in
unserer Geschichte immer wieder versucht haben, diesen
\
daran, wie das so gebieterische System der Strafjustiz seine Willen zur Wahrheit umzubiegen und ihn gegen die Wahrheit
Grundlage oder seine Rechtfertigung zunächst in einer Theo­ zu wenden, gerade dort, wo die Wahrheit es unternimmt, das
rie des Rechts und seit dem 19. Jahrhundert in einem sozio­ Verbot zu rechtfertigen und den Wahnsinn zu definieren, alle
logischen, psychologischen, medizinischen, psychiatrischen jene - von Nietzsche zu Artaud und Bataille - müssen uns
Wissen sucht: als ob selbst das Wort des Gesetzes in unserer nun als - freilich erhabene - Orientierungszeichen unserer
Gesellschaft nur noch durch einen Diskurs der Wahrheit au­ alltäglichen Arbeit dienen.
torisiert werden könnte.
Drei große Ausschließungssysteme treffen den Diskurs: das
verbotene Wort; die Ausgrenzung des Wahnsinns; der Wille Es gibt offensichtlich viele andere Prozeduren der Kontrolle
zur Wahrheit. Vomletzten habe ich am meisten gesprochen. und Einschränkung des Diskurses. Diejenigen, von denen ich
Denn auf dieses bewegen sich die beiden anderen seit Jahr­ bis jetzt gesprochen habe, wirken gewissermaßen von ~ußen;)
hunderten zu; immer mehr versucht es, sie sich unterzuord­ sie funktionieren als Ausschließungssysteme; sie betreffen
nen, um sie gleichzeitig zu modifizieren und zu begründen. den Diskurs in seinem Zusammenspiel mit der Macht und
Während die beiden ersten immer schwächer werden, und dem Begehren.
ungewisser, sofern sie vom Willen zur Wahrheit durchkreuzt I~ube, man kann noch eine andere Gruppe ausmachen.
werden, wird dieser immer stärker, immer tiefer und unaus­ (nterne Prozeduren, mit denen die Diskurse ihre eigene Kon­
weichlicher. trolle selbst ausüben; Prozeduren, die als Klassifikations-,
Und doch spricht man von ihm am wenigsten. Es ist, als wür­ Anordnungs-, Verteilungsprinzipien wirken. Diesmal geht es
den der Wille zur Wahrheit und seine Wendungen für uns darum, eine andere Dimension des Diskurses zu bändigen:
gerade von der Wahrheit und ihrem notwendigen Ablauf ver- die des Ereignisses und des Zufalls. - t I~• •

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Hier ist in erster Linie der Kommentar zu nennen. Ich nehme gen, Gefühlen oder Gedanken wiederersteht. Angst jenes clI ' ,j'.

an, bin aber nicht ganz sicher, daß es kaum eine Gesellschaft Kranken von J anet, für den jede geringste Aussage gleichsam .,', '

r. \ .;. gibt, in der nicht große Erzählungen existieren, die man er­ ein Wort des Evangeliums war, unerschöpfliche Sinnschätze .' 'L')

zählt, wiederholt, abwandelt; Formeln, Texte, ritualisierte barg und endlos erneuert, wiederholt und kommentiert zu ; ,

,.,'" '" 1 Diskurssammlungen, die man bei bestimmten Gelegenheiten werden verdiente: »Wenn ich nur daran denke«, sagte er, so- I/

.,'" .• t; \ vorträgt; einmal gesagte Dinge, die man aufbewahrt, weil bald er etwas las oder hörte, »wenn ich nur daran denke, daß . ,1':'­

\, .. man in ihnen ein Geheimnis oder einen Reichtum vermutet. dieser Satz in die Ewigkeit eingeht und daß ich ihn vielleicht

In allen Gesellschaften läßt sich eine Art Gefälle zwischen den noch nicht ganz verstanden habe.«

Diskursen vermuten: zwischen den Diskursen, die im Auf Aber auch hier geht es immer nur darum, eines der Glieder

:) u!!9. Ab des Alltags geäußert werden und mit dem Akt ihres der Relation zu beseitigen, nicht die Beziehung selbst. Diese .' I

Ausgesprochenwerdens vergehen, und den Diskursen, die Beziehung ändert sich ständig in der Zeit und nimmt auch

l;.' am Ursprung anderer Sprechakte stehen, die sie wieder auf­ innerhalb einer Epoche vielfältige und auseinanderstrebende

nehmen, transformieren oder besprechen - also jenen Dis­ Formen an. Die juristische Exegese ist (schon seit langem)

kursen, die über ihr Ausgesprochenwerden hinaus ,gesagt vom religiösen Kommentar sehr verschieden. Ein einziges li­

-, 'i._.,' I!,'
• ? -sie
.sirz..d , gesagt bleiben, und noch zu sagen sind. Wir kerrrteiJ terarisches Werk kann gleichzeitig zu recht unterschiedlichen

in unserem Kultursystem: es sind die religiösen und die juri­ Diskurstypen Anlaß geben: die Odyssee als Primärtext wird

stischen Texte, auch die literarischen Texte mit ihrem so gleichzeitig in der Übersetzung von Berard, in unzähligen

merkwürdigen Status, bis zu einem gewissen Grade die wis­ Texterklärungen und im Ulysses von Joyce wiederholt.

senschaftlichen Texte. Für den Augenblick möchte ich nur darauf hinweisen, daß im

Gewiß ist diese Abstufung weder stabil noch konstant oder Kommentar die Abstufung von Primärtext und Sekundärtext

absolut. Es gibt nicht auf dereinen Seite die ein für allemal zwei einander ergänzende Rollen spielt. Einerseits ermög­

gegebene Kategorie der grundlegenden oder schöpferischen licht..es (und zwar eE1~UQ.s),~e Diskurse zu konstruieren:

?r ' •... Diskurse und auf der anderen Seite die Masse der wiederho­ der Uberhang des ~t~x~, seine Fortdauer, sein Status

lenden, glossierenden und kommentierenden. Viele Primär­ als immer_wiedeLaktualisierbarer Diskurs, ,deryielfältige

'-1-' .-:/..\--.. texte verdunkeln sich und verschwinden und manchmal über­ oaeTverborgene Sinn", als ,dessen Inhaber ergilt, die Ver­

nehmen Kommentare den ersten Platz. Aber wenn sich auch scnwiegenhelt und der-Relchtum;-a!e"ri1an"iIiin wesenhaft

die Ansatzpunkte ändern, so bleibt doch die Funktion; das zuspricht - all das begründet eine offene Möglichkeit zu spre­

Prinzip der Abstufung tritt immer wieder in Kraft. Die radi­ chen. Aber andererseits hat der K'()mmeJ1ta.r, welche Metho­

kale Aufhebung dieser Abstufung kann niemals etwas ande­ den er auch anwenden mag, nurdieAufgabe,..g~s. schließlich

res sein als Spiel, Utopie oder Angst. Spiel in der Art von zu sagen, was dort schon verschwiegen artikulie~i":Wai Er'

Borges als Kommentar, der nur wörtliche (aber feierliche und muß' (einenyP~~adox' ~ehorchend, das er immer verschieb),

erwartete) Wiederholung dessen ist, was er kommentiert; aber dem erniemals entrinnt) zum ersten Mal das 'sagen, was

oder Spiel einer Kritik, die endlos von einem Werk spricht, d?~h schon gesag,!worden ist, up.d muß unablässig das wie­

das gar nicht existiert. Lyrischer Traum eines Diskurses, der derholen, was eigentlich niemals gesagt worden ist. Das

in jedem seiner Punkte absolut neu und unschuldig wiederge­ unendliche Gewimmel der Kommentare ist vom Traum einer

boren wird und der ohne Unterlaß in aller Frische aus Din­ maskierten ~iederholung durchdrungen: an seinem Hori­

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zont steht vielleicht nur das, was an seinem Ausgangspunkt Bereich des literarischen Diskurses seit eben jener Zeit die j. ~''\J-\, 1
stand - das bloße Rezitieren. Der Kommentar bannt den Zu­ Funktion des Autors verstärkt: all die Erzählungen, Ge­
fall des Diskurses, indem er ihm gewisse Zugesrananisse dichte, Dramen oder.Komödien, die man im Mittelalter mehr
macht: er erlaubt zwar, etwas anderes als den Text selbst zu oder weniger .anonyrnzirkulieren ließ, werden-~~ri~danach
sagen, aberunieraerVoraussetzung, daßder Text selbst ge~ ~(und sie-nrussen es sagen), woher siekornmen, wers-ie-­
sagt und in gewisser Weise vollendet werde. Die offene Viel­ geschrieben hat. Man verlangt, daß der Autor von der Einheit
falt und das Wagnis des Zufalls werden durch das Prinzip des der Texte, die man unter seinen Namen stellt, Rechenschaft
Kommentars von dem, was gesagt zu werden droht, auf die ablegt; man verlangt von ihm, den verborgenen Sinn, der sie
Zahl, die Form, die Maske, die Umständeder Wiederholung durchkreuzt, Zu offenbaren oder zumindest in sich zu tragen;
übertragen. Das Neue ist nicht indem.rwasgesagt wird, son­ man verlangt von ihm, sie in sein persönliches Leben, in seine
dern im :ijreigni"Sseiner Wlede""rkehC ~- ' gelebten Erfahrungen, in ihre wirkliche Geschichte einzufü- :/' [~'/;;
,1-", l~\ r ein
leK glaube; es gibt noch anderes Prinzip der Verknappung gen. Der Autor ist dasjenige, was der beunruhigenden Spra- c:.H _.. /111
des Diskurses, welches das erste bis zu, einem gewissen Grade che der Fiktion ihre Einheiten, ihren Zusammenhang, ihre t!" ,'Iv (,'!H
~ Einfügung in das Wirkliche gibt.
k.. [rc ,I rJJ J ergänzt. Es handelt sich um den Autqr. Und zwar nicht um
den Autor als sprechendes Individuum, das einen Text ge­ Nun wird man mir sagen: »Aber Sie sprechen da vom Autor,
fr'f(O"> sprochen oder geschrieben hat~sondern um den Autor als wie ihn die Kritik nachträglich erfindet, wenn der Tod einge­
~: .I' \.'. \ Prinzip der Gruppierung von Diskursen, als Einheit und Ur­ treten ist und nur mehr eine verworrene Masse von unver­
c., sprung ihrer Bedeutungen, als Mittelpunkt ihres Zusammen­ ständlichen Texten übrig ist; selbstverständlich muß man
dann ein bißchen Ordnung in all das bringen; man muß sich
,"(' ­ halts. Dieses Prinzip wirkt nicht überall in der gleichen
Weise; vielmehr gibt es um uns herum viele Diskurse, die im einen Entwurf, einen Zusammenhang, eine Thematik aus­
Umlauf sind, ohne ihren Sinn oder ihre Wirksamkeit einem denken, die man dem Bewußtsein oder dem Leben des viel- ;.1' :/
Autor zu verdanken: banale Aussagen, die alsbald ver­ leicht tatsächlich etwas fiktiven Autors zuschreibt. Aber das
schwinden; Beschlüsse oder Verträge, die Unterzeichner ändert doch nichts daran, daß er existiert hat, dieser wirkliche /,',
brauchen, aber keinen Autor; technische Anweisungen, die Autor, dieser Mensch, der in all die abgenutzten Wörter ein­
anonym weitergegeben werden. In den Bereichen, in denen gebrochen ist, und sein Genie oder seine Unordnung in sie
die Zuschreibung an einen Autor die Regel ist - Literatur, hineingetragen hat.« :.'
Philosophie, Wissenschaft -, kann man sehen, daß sie nicht Es wäre sicherlich absurd, die Existenz des schreibenden und
immer dieselbe Rolle spielt. Im Mittelalter war die Zuschrei­ erfindenden Individuums zu leugnen. Aber ich denke, daß ­
bung an einen Autor im Bereich -des wIssenschaftlichen Dis­ zumindest seit einer bestimmten Epoche - das Individuum, ',,, ,_.
kurses unerläßflch, denn sie war ein Index der Wahrheit. Man das sich daranmacht, einen Text zu schreiben, aus dem viel- " ' .
dill ' war sogar der Auffassung, daß ein Satz seine'i1 wissenschaft­ leicht ein Werk wird, die Funktion des Autors in Anspruch' r:,I.

-
r. ]"" ( • lichen Wert von seinem Autor beziehe. Seit dem 1l·Jahrhun­ nimmt. Was es schreibt und was es nicht schreibt, was es ent- '. ,) )
dert hat sich diese Funktion im wissenschaftlichen Diskurs wirft, und sei es nur eine flüchtige Skizze, was es an banalen
immer m~hr a?geschwächt: die.Rolle des Au~~ beste~t ~ur Äußerungen fallen-läßt - dieses ganze differenzierte Spiel ist
mehr dann, emern Lehrsatz, einem Eftekr, einem Beispiel, von der Autor..Jf.1:!I1~.tiön vorgeschrieben, die es von seiner
einem Syndrom de~_a~t::lüu geben. Hingegen hat sich im ~~e übernimmt oder die es seinerseits modifiziert. Und

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wenn es das traditionelle Bild, das man sich vom Autor steht nicht aus der Gesamtheit dessen, was man bezüglich der

macht, umstößt, so schafft es eine neue Autor-Position, von Krankheit Wahres sagen kann; die Botanik kann nicht als die

der aus es in allem, was es je sagt, seinem Werk ein neues, Summe aller Wahrheiten, ,,;,.ekhe'die;l?{lanzen betreffen, defi­

[-noch verschwommenes Profil verleiht. ' .niert werden. Es gibt dafür ~ei Gründe: einmal bestehen die
Um den Zufall des Diskurses in Grenzen zu halten, setzt der Botanik oder die Medizin, ebenso wie jede andere Disziplin,
Kommentar das Spiel der Identität in der Form der Wieder­ nicht nur aus Wahrheiten, sondern auch aus Irrtiimern.ldie
holung und des Selben ein. Das Spiel der Identität, mit dem nicht Residuen oder Fremdkörper sind, sondern p()sitive
das Prinzip des Autors denselben Zufall einschränkt, hat die Funktionen haben, historisch wirksam sind und eine Rolle
L~ orm der Individualität und des I eh. _. <~ ;PieIeii;aie von der der: Wahrheit oft nicht zu trennen ist.
Auch in dem, was man die »Piszipline~< nennt (nicht die Aber außerdemmu-« ein Satz, damit er zur Botanik oder zur
j)'~;":lr'~' Wissenschaften), wäre ein Prinzip.der Einschränkung zu er­ Me?izin gehöre, 13edingu;;keh .entspreche~, di.e in gew~sser ,< ,

.) kennen. Auch dieses Prinzip ist relativ und beweglich. Auch < Welse strenger undkomplexer sind, als es die reine und einfa­
j
es erlaubt zu konstruieren, aber nach ganz bestimmten Spiel­
che Wallrhen ist: jedenfalls Bedingungen anderer Art. Er
regeln.
muß' sich auf eine bestimmte Gegenstandsebene beziehen:
Die Organisation der Disziplinen unterscheidet sich sowohl
vom Ende des I7.Jahrhunderts an muß z. B. ein Satz, um ein
vf
vom Prinzip des Kommentars wie von dem des Autors. Vom »botanischer- Satz zu sein, die sichtbare Struktur der
Prinzip des Autors hebt sich eine Disziplin ab, denn sie defi-' Pflanze, das System ihrer nahen und fernen Ähnlichkeiten
Ar"" c;.' niert sich durch einen Bereich von Gegenständen, ein Bündel oder die Mechanik ihrer Flüssigkeiten betreffen (und er
von Methoden, ein Korpus von als wahr angesehenen Sätzen, durfte nicht, wie noch im 16. Jahrhundert, ihre symbolischen
ein Spiel von Regeln und Definitionen, von Techniken und Bedeutungen einbeziehen oder gar die Gesamtheit der Kräfte
Instrumenten: das alles konstituiert ein anonymes System" und Eigenschaften, die man ihr in der Antike zusprach). Ein
das jedem zur Verfügung steht, der sich seiner bedienen will 'Satz muß aber auch begriffliche oder technische Instrumente
oder kann, ohne daß sein Sinn oder sein Wert von seinem verwenden, die einem genaudefinierten Typ angehören: vom
Erfinder abhängen. Das Prinzip der Disziplin hebt sich aber 19. Jahrhundert an war ein Satz nicht mehr medizinisch, »fiel
.r auch von dem'des~()J.l:l!ll_e.I1~ar~..ab: im Unterschied zu diesem er aus der Medizin heraus- und galt als individuelle Einbil­
, wird in der Disziplin nicht ein Sinn vorausgesetzt, der wie­ dung oder volkstümlicher Aberglaube, wenn er zugleich me­
derentdeckt werden muß; und auch keineICIentiiät, die zu taphorische, qualitative und substantielle Begriffe enthielt
w{ederholen ist; sondern das, was für die Konstruktion neuer (z. B. die Begriffe der Verstopfung, der erhitzten Flüssigkei­
Aussagen erforderlich ist. Zur Disziplin gehört die Mög­ ten oder der ausgetrockneten Festkörper); er konnte aber, ja
lichkeit, endlos neue Sätze zu formulieren. er mußte Begriffe verwenden, die ebenso metaphorisch sind,
Aber es ist noch mehr notwendig - damit weniger möglich aber auf einem anderen Modell aufbauen, einem funktionel­
ist: eine Disziplin ist nicht die Summe dessen, was bezüglich .len und physiologischen Modell (so die Begriffe der Reizung,
einer bestimmtenSache Wahres gesagt werden kann; sie ist der Entzündung oder der Degenerierung der Gewebe). Dar­
auch nicht die Gesamtheit dessen, was über eine bestimmte über hinaus muß ein Satz, um einer Disziplin anzugehören,
Gegebenheit aufgrund eines Prinzips der Kohärenz oder der sich einem bestimmten theoretischen Horizont einfügen: es
Systematizität angenommen werden kann. Die Medizin be­ sei nur daran erinnert, 'daß die Suche nach der ursprünglichen

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Sprache, die bis ins I8.Jahrhundert hinein ein durchaus aner­ statistischen Regelhaftigkeiten auftaucht und verschwindet.
kanntes Thema war, in der zweiten Hälfte des I9.Jahrhun­ Dieser neue Gegenstand erfordert neue begriffliche Instru­
derts jeden Diskurs nicht bloß zum Irrtum, sondern zu einem mente und neue theoretische Begründungen. Mendelsagre
Hirngespinst, zu einer Träumerei, zu einer sprachwissen­ dieWahrheit, aber er war nicht »im Wahren« des biologischen
schaftlichen Monstrosität werden ließ. t5J~kurses seiner Epoche: biologische Gegenstände und Be­
Innerhalb ihrer Grenzen kennt jede Disziplin wahre und fal­ griffe wurden nach ganz anderen Regeln gebildet. Es mußte
sche Sätze, aber jenseits ihrer Grenzen läßt sie eine ganze Te­ der Maßstab gewechselt werden, es mußte eine ganz neue Ge­
ratologie "des Wissens wuchern. Das Äußere einer WissJn'­ genstandsebene in der Biologie entfaltet werden, damit Men­
schaft ist sowohl mehr bevölkert als auch weniger bevölkert, del in das Wahre eintreten und seine Sätze (zu einem großen
als man glaubt: es gibt dort die unmittelbare Erfahrung, die Teil) sich bestätigen konnten. Mendel war ein wahres Mon­
imaginären Themen der Einbildungskraft, die unvordenk­ strum, weshalb die Wissenschaft von ihm nicht sprechen
liche Überzeugungen tragen und immer wieder erneuern; konnte. Hingegen hatte Schleiden, 30 Jahre früher, indem er, \\
aber viell~ich!.-g!"bt es keine Irrtümerim strengen Sinn, denn mitten im I9.Jahrhundert, aber gemäß den Regeln des biolo­
der Irrtum kann nur innerhalb einer definierten Praxis auftau­ gischen Diskurses, die pflanzliche Sexualität leugnete, ledig­
chen und entschieden werden; hingegen schleichen Monstren lich einen disziplinierten Irrtum formuliert. I
herum, deren Form mit der Geschichte des Wissens wechselt. Es ist immer möglich, daß man im Raum eines wilden Außen
Ein Satz muß also komplexen und schwierigen Erfordernis­ 'die Wahrheit sagt; aber im Wanreriisfmannui-; wenn man den
sen entsprechen, um der Gesamtheit einer Disziplin angehö­ Regeln einer diskursiven »Polizei« gehorcht, die man in je­
ren zu können. Bevor er als wahr oder falsch bezeichnet wer­ dem seiner Diskurse reaktivieren"muß. .
den kann, muß er, wie Georges Canguilhem sagen würde, -1.e Disziplin ist ein Kontrollprinzip der Produktion des Dis­
"im Wahren« sein. kurses. Sie setzt ihr Grenzen durch das Spiel einer Identität,
. Man hat sich oft gefragt, wie die Botaniker oder die Biologen
des 19.Jahrhunderts es fertiggebracht haben, nicht zu sehen,
daß das, was Mendel sagte, wahr ist. Das liegt daran, daß
Mendel von Gegenständen sprach, daß er Methoden verwen­
mwelche die Form einer permanenten Reaktualisierung der'
&.geln hat.
Gewöhnlich sieht man in der Fruchtbarkeit eines Autors, in
der Vielfältigkeit der Kommentare, in der Entwicklung einer
,'­

dete und sich in einen theoretischen Horizont stellte, welche Disziplin unbegrenzte Quellen für die Schöpfung von Dis­
der Biologie seiner Epoche fremd waren. Zweifellos hatte kursen. Vielleicht. Doch ebenso handelt es sich um Prinzi­
N auaill vor ihm die These aufgestellt, daß die Erbmerkmale pien der Einschränkung, und wahrscheinlich kann man sie in
diskret sind; aber wie neu und befremdend dieses Prinzip ihrer positiven und fruchtbaren Rolle nur verstehen, wenn
auch war, es konnte - zumindest als Rätsel - dem biologi­ man ihre restriktive und zwingende Funktion betrachtet.
schen Diskurs angehören. Mendel ist es, der das Erbmerkmal
als absolut neuen biologischen Gegenstand konstituiert, in­
dem er eine bis dahin unbekannte Filterung vornimmt: er löst Es gibt, glaube ich, eine dritte Gruppe von Prozeduren, wel­

das Erbmerkmal von der Art ab, er löst es vom Geschlecht ab, che die Kontrolle der Di~"kurse ermöglichen. Diesmal handelt

das es weitergibt; und der Bereich, in dem er es beobachtet, es sich nicht darum, ihre Kräfte zu bändigen und die Zufälle

ist die unendlich offene Serie der Generationen, in der es nach ihres Auftauchens zu beherrschen. Es geht darum, die Bedin­

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gungen ihres Einsatzes zu bestimmen, den sprechenden Indi­ Doch hält dieser Gedanke einer Prüfung nicht stand. Der
viduen gewisse Regeln aufzuerlegen und so zu verhindern, Austausch und die Kommunikation sind positive Figuren
daß jedermann Zugang zuden Diskursen hat: Verknappung itfi1eilialbkomplexer Systeme der Einschränkung; und sie
diesmal der sprechenden Subjekte. Niemand kann io·d1e­ können nicht unabhängig von diesen funktionieren. Die
Ordnung des Diskurses eintreten, wenn er nicht gewissen Er­ oberflächlichste und sichtbarste Form dieser Einschrän­
fordernissen genügt, wenn er nicht von vornherein dazu qua­ kungssysteme besteht in dem, was man unter dem Namen des
lifiziert ist. Genauer gesagt: nicht alle Regionen des Diskur­ Rituals zusammenfassen kann. Das /Ritu)l definiert die
ses sind in gleicher Weise offen und zugänglich; einige sind ualifikation, welche die sprechenden'rndividuen besitzen
stark abgeschirmt (und abschirmend), während andere fast m~bei diese Individuen im Dialog, in der Frage, im
allen Winden offenstehen und ohne Einschränkung jedem Vortrag bestimmte Positionen einnehmen und bestimmte
sprechenden Subjekt verfügbar erscheinen. Aussagen formulieren müssen); es definiert die Gesten, die
Ich möchte zu diesem Thema eine Anekdote erwähnen, die so Verhaltensweisen, die Umstände und alle Zeichen, welche
~
schön ist, daß man um ihre Wahrheit zittern muß. Sie faßt alle den Diskurs begleiten müssen; es fixiert schließlich die vor- .
Einschränkungen des Diskurses zusammen: die Begrenzun­ ausgesetzte oder erzwungene Wirksamkeit der Worte, ihre
gen seiner Macht, die Bändigungen seines zufälligen Auftre­ Wirkung auf ihre Adressaten und die Grenzen ihrer zwingen­
tens und die Selektionen unter den sprechenden Subjekten. den Kräfte. Die religiösen, gerichtlichen, therapeutischen
.,',,-;
Zu Beginn des 17.]ahrhunderts hatte der Shogun davon ge­ Diskurse, und zum Teil auch die politischen, sind von dem
hört, daß die Überlegenheit der Europäer - auf den Gebieten Einsatz eines Rituals kaum zu trennen, welches für die spre­
der Schiffahrt, des Handels, der Politik, der Kriegskunst - in chenden Subjekte sowohl die besonderen Eigenschaften wie
ihrer Kenntnis der Mathematik begründet sei. Er wünschte, die allgemein anerkannten Rollen bestimmt.
sich eines so kostbaren Wissens zu bemächtigen. Als man ihm Ein teilweise abweichendes Funktionieren zeigen die »Dis­
von einem englischen Seemann erzählt hatte, der das Geheim­ kursgesellschaften«, welche die Aufgabe haben, Diskurse
nis dieser wunderbaren Diskurse kannte, ließ er ihn in seinen aufzubewahren oder zu produzieren, um sie in einem ge­
Palast kommen und hielt ihn dort fest. Ganz allein nahm er schlossenen Raum zirkulieren zu lassen und sie nur nach be­
bei ihm Unterrichtsstunden. Er lernte Mathematik. Er be­ stimmten Regeln zu verteilen, so daß die Inhaber bei dieser
hielt tatsächlich die Macht und wurde sehr alt. Erst im Verteilung nicht enteignet werden. Ein archaisches Modell
19.]ahrhundert gab es dann japanische Mathematiker. Aber bilden jene Gruppen von Rhapsoden, welche die Kenntnis
die Anekdote ist damit nicht zu Ende: sie hat ihre europäische der Dichtungen besaßen, die vorzutragen oder auch zu verän­
, Kehrseite. Dieser englische Seemann, Will Adams, soll näm­ dern waren. Diese Kenntnis, die einem rituellen Vortrag
'r lieh ein Autodidakt gewesen sein: ein Zimmermann, der bei diente, wurde in einer bestimmten Gruppe aufgrund außer­
I seiner Arbeit auf einer Werft die Geometrie gelernt hatte. ordentlicher Gedächtnisleistungen geschützt, verteidigt, be­
Drückt sich nicht in dieser Erzählung einer der großen My­ wahrt. Wer sich diese Kenntnis aneignete, trat damit sowohl
then der europäischen Kultur aus? Dem monopolisierten und in eine Gruppe wie in ein Geheimnis ein, das durch den Vor­
geheimen Wissen der orientalischen Tyrannei setzt Europa trag zwar offenbart, aber nicht entweiht wurde. Zwischen
die universale Kommunikation der Erkenntnis, den unbe­ dem Sprechen und dem Hören waren die Rollen nicht aus­
grenzten und freien Austausch der Diskurse entgegen. tauschbar.

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Gewiß ist von derartigen »Diskursgesellschaften- mit ihrem Bedingung die Anerkennung derselben Wahrheiten und die
zweideutigen Spiel von Geheimhaltung und Verbreitung Akzeptierung einer - mehr oder weniger strengen - Regel der
kaum etwas geblieben. Aber man täusche sich nicht. Selbst im Übereinstimmung mit den für gültig erklärten Diskursen.
Bereich des wahren Diskurses, selbst im Bereich des veröf­ Wären sie nur das, so wären die Doktrinen von den wissen­
fentlichten und von allem Ritual freien Diskurses, gibt es schaftlichen Disziplinen nicht so sehr verschieden, und die
noch Aneignung von Geheimnis und Nicht-Austauschbar­ diskursive Kontrolle beträfe nur die Form und den Inhalt der
keit, Der Akt des Schreibens, wie er heute im Buch, im Ver­ Aussage, nicht auch das sprechende Subjekt. Aber die Zuge­
lagswesen und in der Persönlichkeit des Schriftstellers institu­ hörigkeit zu einer Doktrin geht sowohl die Aussage wie das
tionalisiert ist, findet in einer »Diskursgesellschaft« statt, die sprechende Subjekt an - und zwar beide in Wechselwirkung.
vielleicht diffus, gewiß jedoch zwingend und einschränkend Durch die Aussage und von der Aussage her stellt sie das spre­
ist. Die Besonderheit des Schriftstellers, die von ihm selber chende Subjekt in Frage, wie die Ausschließungsprozeduren
gegenüber der Tätigkeit jedes anderen sprechenden oder und die Verwerfungsmechanismen beweisen, die einsetzen,
schreibenden Subjekts hervorgehoben wird, der intransitive wenn ein sprechendes Subjekt eine oder mehrere unzulässige
Charakter, den er seinem Diskurs verleiht, die fundamentale Aussagen gemacht hat; Häresie und Orthodoxie sind nicht
Einzigartigkeit, die er seit langem dem »Schreiben- zu­ fanatische Übertreibungen der Doktrinmechanismen : sie ge­
spricht, die behauptete Asymmetrie zwischen dem »Schaf­ hören wesenhaft zu ihnen. Aber umgekehrt stellt die Doktrin
fen« und irgendeinem anderen Einsatz des sprachlichen Sy­ die Aussagen von den sprechenden Subjekten aus in Frage,
stems - all dies verweist in der Formulierung (und wohl auch sofern die Doktrin immer als Zeichen, Manifestation und In­
in der Praxis) auf die Existenz einer gewissen»Diskursgesell­ strument einer vorgängigen Zugehörigkeit gilt - einer Klas­
schaft«. Aber es gibt noch viele andere, die in ganz anderer senzugehörigkeit, eines gesellschaftlichen oder rassischen
Weise, nach ganz anderen Spielregeln von Ausschließung und Status, einer Nationalität oder einer Interessengemeinschaft,
Verbreitung funktionieren: man denke an das technische oder einer Zusammengehörigkeit in Kampf, Aufstand, Wider­
wissenschaftliche Geheimnis; man denke daran, wie der me­ stand oder Beifall. Die Doktrin bindet die Individuen an be­
dizinische Diskurs verbreitet wird und zirkuliert, man denke stimmte Aussagetypen undverbietet ihnen folglich alle ande­
an jene, die sich den ökonomischen oder politischen Diskurs ren; aber sie bedient sich auch gewisser Aussagetypen, um die
angeeignet haben. Individuen miteinander zu verbinden und sie dadurch von
Auf den ersten Blick bilden die (religiösen, politischen, philo­ allen anderen abzugrenzen. Die Doktrin führt eine zweifache
sophischen) »Doktrinen- das Gegenteil von »Diskursgesell­ .Unterwerfung herbei: die Unterwerfung der sprechenden
,~,) .~,
schaften« : bei diesen tendiert die Zahl der sprechenden Indivi­ Subjekte unter die Diskurse und die Unterwerfung der Dis­ j," /,

duen, auch wenn sie nicht fixiert ist, dazu, begrenzt zu sein, kurse unter die Gruppe der sprechenden Individuen.
und nur unter diesen Individuen kann der Diskurs zirkulieren In einem viel größeren Maßstab muß man schließlich tiefe
und weitergegeben werden. Hingegen tendiert die Doktrin Spaltungen in der gesellschaftlichen Aneignung der Diskurse
dazu, sich auszubreiten. Durch die gemeinsame Verbindlich­ feststellen. Die Erziehung mag de jure ein Instrument sein,
! keit eines einzigen Diskursensembles definieren Individuen, das in einer Gesellschaft-wie der unsrigen jedem Individuum
wie zahlreich man sie sich auch vorstellen mag, ihre Zusam­ den Zugang zu jeder Art von Diskurs ermöglicht - man weiß
mengehörigkeit. Anscheinend ist die einzige erforderliche jedoch, daß sie in ihrer Verteilung, in dem, was sie erlaubt,

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und in dem, was sie verhindert, den Linien folgt, die von den nach der Wahrheit selbst und allein der Fähigkeit, sie zu den­
gesellschaftlichen Unterschieden, Gegensätzen und Kämpfen ken, verspricht.
gezogen sind. Jedes Erziehungssystem ist eine politische Me­ Aber sie yerst~rk:en sie dann auch, indem sie die spezifische
thode, die Aneignung der Diskurse mitsamt ihrem Wissen Realität des.Diskurses überhaupt leugnen.
und ihrer Macht aufrechtzuerhalten oder zu verändern. Seitdem die Spiele und die Geschäfte der Sophisten verbannt
Ich bin mir darüber im klaren, daß es sehr abstrakt ist, wie ich worden sind, seitdem man ihren Paradoxen mit mehr oder
es eben getan habe, die Rituale des Sprechens, die Diskursge­ weniger Gewißheit einen Maulkorb angelegt hat, scheint das
sellschaften, die Doktringruppen und die gesellschaftlichen abendländische Denken darüber zu wachen, daß der Diskurs
Aneignungen zu trennen. Zumeist verbinden sie sich mitein­ so-wenig Raum wie nur möglich zwischen dem Denken und
ander und bilden große Gebäude, welche die Verteilung der der Sprache einnehme; es scheint darüber zu wachen, daß der
sprechenden Subjekte auf die verschiedenen Diskurstypen Diskurs lediglich als Kontaktglied zwischen dem Denken
und die Aneignung der Diskurse durch bestimmte Katego­ und dem Sprechen erscheine; daß er nichts anderes sei als ein ,
,'" '

rien von Subjekten sicherstellen. Es handelt sich hier, mit Denken, das mit seinen Zeichen bekleidet und von den Wör­
einem Wort, um die großen Prozeduren der Unterwerfung tern sichtbar gemacht wird, oder als die Strukturen der Spra­
des Diskurses. Was ist denn eIgentlich ein Unterrichtssystem 'ehe, die einen Sinneffekt herbeiführen können.
- wenn nicht eine Ritualisierung des Wortes, eine Qualifizie­ Diese sehr alte Eliminierung der Realität des Diskurses im
rung und Fixierung der Rollen für die sprechenden Subjekte, philosophischen Denken hat im Laufe der Geschichte viele
die Bildung einer zumindest diffusen doktrinären Gruppe, Formen angenommen. Noch in jüngster Zeit findet man sie­
eine Verteilung und Aneignung des Diskurses mit seiner verborgen unter einigen wohlbekannten Gedanken.
Macht und seinem Wissen? Was ist denn das »Schreiben« (das Es könnte sein, daß der Gedanke des begründenden Subjekts
Schreiben der »Schriftsteller«) anderes als ein ähnliches Un­ es erlaubt, die Realität des Diskurses zu übergehen. Das be­
terwerfungssystem, das vielleicht etwas andere Formen an­ gründende $ubjek~ hat ja die Aufgabe, die leeren Formen der
nimmt, dessen große Skandierungen aber analog verlaufen? Sprache mit 'seriie~ Absichten unmittelbar zu beleben; indem
Sind nicht auch das Gerichtssystem und das institutionelle es die träge Masse der leeren Dinge durchdringt, ergreift es in
System der Medizin, zumindest unter gewissen Aspekten, der Anschauung den Sinn, der darin verwahrt ist; es begrün­
ähnliche Systeme zur Unterwerfung des Diskurses? det auch über die Zeit hinweg Bedeutungshorizonte, welche
die Geschichte dann nur mehr entfalten muß und in denen die
Sätze, die Wissenschaften, die Deduktionen ihr Fundament
Ich frage mich, ob sich nicht gewisse Themen der Philosophie finden. In seinem Bezug zum Sinn verfügt das begründende
als Antworten auf diese Einschränkungs- und Ausschlie­ Subjekt über Zeichen, Male, Spuren, Buchstaben. Aber es
ßungsspiele gebildet haben und sie vielleicht auch verstär­ muß zu seiner Offenbarung nicht den Weg über die beson­
ken. <, dere Instanz des Diskurses nehmen.
Sieanrworten' ihnen, indem sie eine ideale Wahrheit als Ge­ Diesem Thema steht der Gedanke der ursprünglichen Erfah­
setz d;;-Diskurse und eine immanenteRationalität als Prinzip rung gegenüber, der eine analoge Rolle spielt. Er setzt voraus,
ihrer Abfolge vorschlagen und indem sie eine Ethik der Er­ daß in der rohen Erfahrung, noch vor ihrer Fassung in einem
kenntnis begründen, welche die Wahrheit nur dem Begehren cogito, vorgängige, gewissermaßen schon gesagte Bedeutun­

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gen die Welt durchdrungen haben, sie um uns herum ange­
ordnet und von vornherein einem ursprünglichen Wiederer­
Sch~eiben ~p!el~) im~~r ~lUr mit de.nZeiche~. Der Disku~s
verliert so seine Realität, Indem er sichder Ordnung des SI­
kennen geöffnet haben. Eine erste Komplizenschaft mit der gnifikanten unterwirft.
Welt begründet uns so die Möglichkeit, von ihr und in ihr zu Welche Zivilisation hat denn, allem Anschein nach, mehr als
sprechen, sie zu bezeichnen und zu benennen, sie zu beurtei­ die unsrige Respekt vor dem Diskurs gehabt? Wo hat man ihn
len und schließlich in der Form der Wahrheit zu erkennen. besser geehrt und hochgehalten ? Wo hat man ihn denn radi­
Was kann der Diskurs dann legitimerweise anderes sein als ein kaler von seinen Einschränkungen befreit und ihn verallge­
behutsames Lesen? Die Dinge murmeln bereits einen Sinn, meinert? Nun, mir scheint, daß sich unter dieser offensicht­
den unsere Sprache nur noch zu heben braucht; und diese lichen Verehrung des Diskurses, unter dieser offenkundigen
Sprache sprach uns ja immer schon von einem Sein, dessen Logophilie, eine Angst verbirgt. Es hat den Anschein, daß die
Gerüst sie gleichsam ist. Verbote, Schranken, Schwellen und Grenzen die Aufgabe ha­
Das Thema der universellen Vermittlung ist, so glaube ich, ben, das große Wuchern des Diskurses zumindest teilweise
eine weitere Methode, die Realität des Diskurses zu eliminie­ zu bändigen, seinen Reichtum seiner größten Gefahren zu
ren. Dies widerspricht dem Anschein. Denn auf den ersten entkleiden und seine Unordnung so zu organisieren, daß das
Blick könnte man meinen, daß man, wenn man überall die Unkontrollierbarste vermieden wird; es sieht so aus, als hätte
Bewegung eines Logos wiederfindet, der die Einzelheiten man auch noch die Spuren seines Einbruchs in das Denken
zum Begriff erhebt und dem unmittelbaren Bewußtsein er­ und in die Sprache verwischen wollen. Es herrscht zweifellos
laubt, schließlich die gesamte Realität der Welt zu entfalten, in unserer Gesellschaft - und wahrscheinlich auch in allen an­
daß man dann eigentlich den Diskurs selbst ins Zentrum der deren, wenn auch dort anders profiliert und skandiert - eine
Spekulation stellt. Aber dieser Logos ist genau besehen bloß tiefe Logophobie, eine stumme Angst vor jenen Ereignissen,
ein bereits gehaltener Diskurs, oder vielmehr, es sind die vor jener Masse von gesagten Dingen, vor dem Auftauchen all
Dinge selbst und die Ereignisse, die sich unmerklich zu Dis­ jener Aussagen, vor allem, was es da Gewalttätiges, Plötz­
kursen machen, indem sie das Geheimnis ihres eigenen We­ liches, Kämpferisches, Ordnungsloses und Gefährliches gibt,
sens entfalten. Der Diskurs ist kaum mehr als die Spiegelung vor jenem großen unaufhörlichen und ordnungslosen Rau­
einer Wahrheit, die vor ihren eigenen Augen entsteht. Alles schen des Diskurses.
kann schließlich die Form des Diskurses annehmen, es läßt Will man diese Angst in ihren Bedingungen, in ihren Spielre­
sich alles sagen und der Diskurs läßt sich zu allem sagen, weil geln und ihren Wirkungen analysieren (ich spreche nicht da­
alle Dinge ihren Sinn manifestiert und ausgetauscht haben von, diese Angst zu beseitigen), so muß man sich, glaube ich,
und wieder in die stille Innerlichkeit des Selbstbewußtseins zu drei Entscheidungen durchringen, denen unser Denken
zurückkehren können. heute noch einigen Widerstand entgegensetzt und die den
Ob es sich nun um eine Philosophie des begründenden Sub­ drei angedeuteten Gruppen von Funktionen entsprechen:
jekts handelt oder um eine Philosophie der ursprünglichen man muß unseren Willen zur Wahrheit in Frage stellen; man
),' : LU ri Erfahrung oder um eine Philosophie der universellen Ver­ muß dem Diskurs seinen Ereignischarakter zurückgeben;
,~' I, l " mittlung - der Diskurs ist immer nur ein Spiel: ein Spiel des endlich muß man die Souveränität des Signifikanten auf­
,
'I' . ~ l
r Schreibens im ersten Fall, des Lesens im zweiten oder des heben.
Tauschs im dritten.Und dieses Tauschen, dieses Lesen, dieses

32 33
Dies sind die Aufgaben oder vielmehr einige der Themen, jedenfalls als eine Praxis, die wir ihnen aufzwingen. In dieser

welche meine Arbeit in den kommenden Jahren bestimmen Praxis finden die Ereignisse des Diskurses das Prinzip ihrer

sollen. Es lassen sich gleich einige von diesen Themen erfor­ Regelhaftigkeit.

derte methodische Grundsätze nennen. Die vie:re Re~el is.t die. der '4!terlich.~et;. Man mllß.ni~ht

Zunächst ein Prinzip der [j!mkehruhi~~o u~s die Tradition vom DIskurs m semen mneren i:1m:t verborgenen Kern em­

die Quelle der Diskurse, das-P-rinzfP ihres Überflusses und dringen, in die Mitte eines Denkens oder einer Bedeutung,

ihrer Kontinuität sehen läßt, nämlich in den anscheinend so die sich in ihm manifestieren. Sondern vom Diskurs aus, von

positiven Figuren des Autors, der Disziplin, des Willens zur seiner Erscheinung und seiner Regelhaftigkeit aus, muß man

Wahrheit, muß man eher das negative Spiel einer Beschnei­ auf seine äußeren Möglichkeitsbedingungen zugehen; auf

dung und Verknappung des Diskurses sehen. das, was der Zufallsreihe dieser Ereignisse Raum gibt und ihre

Sind diese Verknappungsprinzipien einmal ausfindig ge­ Grenzen fixiert.

macht, und betrachtet man sie nicht mehr als begründende (Vier Begriffe müssen demnach der Analyse als regulative
und schöpferische Instanz - was entdeckt man unter ihnen? Pt"IDzipi"en dienen: die Begriffe des Ereignisses, der Serie, der ·1, 2­
Findet man die Fülle einer Welt von ununterbrochenen Dis­ Regelhaftigkeit, der Möglichkeitsbeamgung: Jedeidieser Be- c-, 11

kursen? Hier müssen aE_dere. methodische Prinzipien zur griffe setzt sich jeweils einem anderengenau entgeg~n: das
Geltung kommen. Ereignis der Schöpfung, die Serie der Einheit, die Regelhaf­
Ein Prinzip der piskontinuität. Daß es Verknappungssy­ tigkeit der Ursprünglichkeit, die Möglichkeitsbedingung der
steme gibt, bedeutetnicht, daß unterhalb oder jenseits ihrer Bedeutung. Diese vier anderen Begriffe (Bedeutung, Ur­
ein großer, unbegrenzter, kontinuierlicher und schweigsamer sprünglichkeit, Einheit, Schöpfung) haben die traditionelle !
Diskurs herrscht, der von diesen Verknappungssystemen un­ Geschichte der Ideen weitgehend beherrscht, in der man
terdrückt oder verdrängt wird und den wir wieder emporhe­ übereinstimmend den Augenblick der Schöpfung, die Einheit
ben müssen, indem wir ihm endlich das Wort erteilen. Es geht eines Werks, einer Epoche oder eines Gedankens, das Siegel
nicht darum, ein Nicht-Gesagtes oder ein Nicht-Gedachtes einer individuellen Originalität und den unendlichen Schatz
endlich zu artikulieren oder zu denken, indem man die Welt verborgener Bedeutungen suchte.
durchläuft und an alle ihre Formen und alle ihre Ereignisse Ich möchte nur noch zwei Bemerkungen anfügen. Die eine
anknüpft. Die Diskurse müssen als diskontinuierliche Prak­ betrifft die Geschichtsschreibung. Man behauptet häufig von
tiken behandelt werden, die sich überschneiden und manch­ der heutigenHistorie, daß sie die einstigen Privilegien des
mal berühren, die einander aber auch ignorieren oder aus­ einzelnen Ereignisses aufgehoben und die Strukturen der lan­
schließen. ... . gen Dauer zur Erscheinung gebracht habe. Gewiß. Doch bin
Ein Prinzip der ~pezifizität. Der Diskurs ist nicht in ein Spiel ich nicht sicher, daß die Arbeit der Historiker genau in diese
~().n vorgangigerr-Bedeetungeri aufzulösen. Wir müssen uns Richtung geht. Oder vielmehr, ich glaube nicht, daß zwi­
nicht einbilden, daß uns die Welt ein lesbares Gesicht zuwen­ schen dem Ausfindigmachen des Ereignisses und der Analyse
det, welches wir n;r~u entziffern haben. Die Welt ist kein der langen Dauer ein Gegensatz besteht. Gerade indem man
"Komplize unserer Erkenntnis. Es gibt keine prädiskursive sich auch den geringsten Ereignissen zugewendet hat, indem
Vorsehung, welche uns die Welt geneigt macht. Man muß den man die Erhellungskraft der historischen Analyse bis in die
.Diskurs als eine Gewalt begreifen, die wir den Dingen antun; Marktberichte hinein, in die notariellen Urkunden, in die

34 35
~

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J"

Pfarregister, in die Hafenarchive vorangetrieben hat, die Jahr ter solchen Umständen schließt sich die Analyse des Diskur­
für Jahr, Woche für Woche verfolgt werden, hat man jenseits ses, an die ich denke, nicht an die traditionelle Thematik an,
der Schlachten, der Dekrete, der Dynastien oder der Ver­ die gestrige Philosophen noch immer für »lebendige- Histo­
sammlungen massive Phänomene von jahrhundertelanger rie halten, sondern an die wirkliche Arbeit der Historiker.
Tragweite in den Blick bekommen. Die Historie, wie sie Gerade deswegen wirft diese Analyse aber auch philo­
heute betrieben wird, kehrt sich nicht von den Ereignissen sophische oder theoretische Probleme auf, die wahrschein­
ab; sie erweitert vielmehr ständig deren Feld; sie deckt im­ lich sehr schwierig sind. Wenn die Diskurse zunächst als
merzu neue Schichten auf, oberflächlichere und tiefere; sie Ensembles diskursiver Ereignisse behandelt werden müssen­
bildet ständig neue Gruppierungen, in denen sie manchmal welcher{Status ist dem Begriff des Ereignisses zuzusprechen,
zahlreich, dicht und austauschbar, manchmal knapp und ent­ der vor den Philosophen so selten in Betracht gezogen wor­
scheidend sind: von den fast täglichen Preisschwankungen den ist? Gewiß ist das Ereignis weder Substanz noch Akzi­
vi ,11. (, i.' bis zu den epochalen Inflationen. Das Wichtige aber ist, daß dens, weder Qualität noch Prozeß; das Ereignis gehört nicht
die Geschichtsschreibung kein Ereignis betrachtet, ohne die zur Ordnung der Körper. Und dennoch ist es keineswegs im­
,I]'''.
Serie zu definieren, der es angehört, ohne die Analyse zu spe­ materiell, da es immer auf der Ebene der Materialität wirksam
zifizieren, durch welche die Serie konstituiert ist, ohne die ist~ffekt ist; es hat seinen Ort und .~esteht in der Beziehung,
Regelhaftigkeit der Phänomene und die Wahrscheinlichkeits­ der Koexistenz, der Streuung, der Uberschneidung, der An­
werte ihres Auftretens zu erkennen zu suchen, ohne sich über häufung, der Selektion materieller Elemente; es ist weder der
die Variationen, die Wendungen und den Verlauf der Kurve Akt noch die Eigenschaft eines Körpers; es produziert sich als
zu fragen, ohne die Bedingungen bestimmen zu wollen, von Effekt einer materiellen Streuung und in ihr. Sagen wir, daß
denen sie abhängen. Gewiß sucht die Historie seit langem "sich die Philosophie des Ereignisses in der auf den ersten Blick
nicht mehr, die Ereignisse in der formlosen Einheit eines gro­ paradoxen Richtung eines Materialismus des U nkörperlichen
ßen - einigermaßen homogenen und starr hierarchisierten ­ bewegen müßte.
Werdens, in der Relation von Ursache und Wirkung, zu ver­ Wenn die diskursiven Ereignisse in homogenen, aber zu­
stehen; aber es geht auch nicht darum, Strukturen zu finden, einander diskontinuierlichen Serien behandelt werden müs­
die dem Ereignis vorausliegen, ihm fremd und feindlich sind. sen - welcher Status ist dann diesem Diskontinuierlichen
Es gilt, die verschiedenen, verschränkten, oft divergierenden, zuzusprechen? Es handelt sich dabei ja nicht um die Aufeinan­
aber nicht autonomen Serien zu erstellen, die den »Ort« des derfolge der Augenblicke der Zeit und nicht um die Vielzahl
Ereignisses, den Spielraum seiner Zufälligkeit, die Bedingun­ der verschiedenen denkenden Subjekte. Es handelt sich um die
gen seines Auftretens umschreiben lassen. Zäsurell,.clie den Augenblick zersplittern und das Subjekt in
Die grundlegenden Begriffe, die sich jetzt aufdrängen, sind elri~ Vielzahl möglicher Positionen und Funktionen zerrei­
niclitrnehrdiejenigen des Bewußtseins und der Kontinuität ßen. Eine solche Diskontinuität trifft und zersetzt auch -noch
(mit den dazugehörigen Problemen der Freiheit und der Kau­ die kleinsten Einheiten, die immer anerkannt worden sind
salität), es sind auch nicht die des Zeichens und der Struktur. und nur schwer zu bestreiten sind: den Augenblick und das
Es sind die Begriffe des Ereignisses und der Serie, mitsamt Subjekt. Unter ihnen, unabhängig von ihnen, sind zwischen
dem Netz der daran anknüpfenden Begriffe: Regelhaftigkeit, jenen diskontinuierlichen Serien Beziehungen zu erfassen,
Zufall, Diskontinuität, Abhängigkeit, Transformation. Un­ die nicht Abfolge (oder Gleichzeitigkeit) in einem (oder in

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mehreren) Bewußtsein meinen; außerhalb der Philosophien weit sie abgewendet worden sind. Auf der anderen Seite die
des Subjekts und der Zeit ist eine Theorie der diskontinuier­ »Genealogie«, in der die drei anderen Prinzipien zur Geltung
lichen Systematizitäten auszuarbeiten. Und wenn diese dis­ kommen: es soll untersucht werden, wie sich durch diese
kursiven und diskontinuierlichen Serien innerhalb gewisser Zwangssysteme hindurch (gegen sie oder mit ihrer Unterstüt­
Grenzen jeweils ihre eigene Regelhaftigkeit haben, so lassen zung) Diskursserien gebildet haben; welche spezifischen
sich zwischen ihren Elementen zweifellos keine Beziehungen Normen und welche Erscheinungs-, Wachstums- und Verän­
einer mechanischen Kausalität oder einer idealen Notwendig­ derungsbedingungen eine Rolle gespielt haben.
keit herstellen. Der Zufall muß als Kategorie in die Produk­ Zunächst zur kritischen Richtung. Eine erste Gruppe von , I

tion des Ereignisses eingehen. Auch hier wird deutlich, daß es Analysen körirrre-sich mit dem befassen, was ich die .Aus­
'- ~ ('\..'''' ," I ~.
""'keine Theorie gibt, welche die Beziehungen zwischen dem schließungsfunktionen genannt habe. Eine davon habe ich für
Zufall und dem Denken zu,denken ermöglicht. einen bestimmten Zeitraum bereits untersucht: es handelte
Die geringfügige iyerschie.~u~g, die. hier für die Geschichte sich um die Grenzziehung zwischen Wahnsinn und Vernunft
der Ideen vorgeschlagenwlrd" und die dann besteht, daß man in der Epoche der Klassik. Dann könnte man das System
nicht Vorstellungen hinter den Diskursen behandelt, sondern eines Sprechverbots zu analysieren versuchen: das Sprechver­
Diskurse als geregelte und diskrete Serien von Ereignissen ­ bot, welches vom 16. bis zum 19.Jahrhundert die Sexualität
diese winzige Verschiebung ist vielleicht so etwas wie eine betraf; dabei gälte es nicht zu sehen, wie es sich glücklicher­
kleine (und widerwärtige) Maschinerie, welche es erlaubt, weise fortschreitend verflüchtigt hat, sondern wie es sich ver­
den Zufall, das Diskontinuierliche und die Materialität in die schoben und neu gegliedert hat - von einer Beichtpraxis. in
Wurzel des Denkens einzulassen. Drei Gefahren, die eine be­ der die verbotenen Verhaltensweisen ausdrücklich benannt,
stimmte Form der Historie zu bannen versucht, indem sie das klassifiziert und hierarchisiert wurden, bis zum zunächst
kontinuierliche Ablaufen einer idealen Notwendigkeit er­ ängstlichen und zögernden Eintritt der sexuellen Thematik in
zählt. Drei Begriffe, mit denen sich an die Praxis der Histori­ die Medizin und in die Psychiatrie des 19.Jahrhunderts; es
ker eine Geschichte der Denksysteme anknüpfen lassen sind das nur mehr oder weniger symbolische Anhaltspunkte,
müßte. Drei Richtungen, denen die theoretische Ausarbei­ aber es läßt sich schon vermuten, daß die Skandierungen nicht
tung wird folgen müssen. so verlaufen, wie man glaubt, und daß die Verbote nicht im­
mer dort stattgefunden haben, wo man es sich vorstellt.
In der nächsten Zeit möchte ich mich dem dritten Ausschlie­
Entsprechend diesen Prinzipien und innerhalb dieses Hori­ ßungssystem widmen. Und zwar möchte ich es unter zwei
zonts werden sich meine Analysen in zwei Richtungen bewe­ Blickwinkeln anvisieren. Einesteils werde ich analysieren,
gen. Einerseits die »Kritik«, welche das Prinzip der Umkeh­ wie jene Entscheidung zur Wahrheit, in der wir gefangen sind
rung zur Geltung bringt: es soll versucht werden, die Formen und die wir ständig erneuern, zustande gekommen ist, wie sie
der Ausschließung, der Einschränkung, der Aneignung, von wiederholt, erneuert und verschoben worden ist. Zunächst
denen ich eben gesprochen habe, zu erfassen; es soll gezeigt werde ich auf die Epoche der Sophistik und ihrer Debatte mit
werden, wie sie sich gebildet haben, um bestimmten Bedürf­ Sokrates beziehungsweise mit der Platonischen Philosophie
nissen zu entsprechen, wie sie sich verändert und verschoben eingehen, um zu sehen, wie sich der wirksame Diskurs, der
haben, welchen Zwang sie tatsächlich ausgeübt haben, inwie­ rituelle Diskurs, der mit Mächten und Gefahren ausgestattete

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Diskurs, allmählich der Grenzziehung zwischen wahrem und der Disziplin gespielt haben; das Prinzip des großen Autors:
falschem Diskurs untergeordnet hat. Ich werde mich dann nicht nur Hippokrates und Galen, sondern auch Paracelsus,
dem Übergang vom 16. zum 17.Jahrhundert zuwenden, je­ Sydenham und Boerhaave; die Praxis des Aphorismus und
ner Epoche, in der, vor allem in England, eine Wissenschaft des Kommentars, die bis ins 19.Jahrhundert hineinreicht,
des Blicks, der Beobachtung, der Feststellung entsteht, eine aber allmählich durch die Praxis des Falles, der Fallsamm­
bestimmte Naturphilosophie, die von neuen politischen lung, der klinischen Unterweisung am konkreten Fall ver­
Strukturen ebensowenig zu trennen ist wie von der religiösen drängt worden ist; die Art und Weise, in der sich die Medizin
Ideologie: eine neue Form des Willens zum Wissen. Der als Disziplin zu konstituieren gesucht hat, indem sie sich zu­
dritte Markierungspunkt wird schließlich der Anfang des erst aufs Modell der Naturgeschichte gestützt hat, und dann
19.Jahrhunderts sein, mit den großen Gründungsakten der auf das der Anatomie und der Biologie.
modernen Wissenschaft, der Entstehung einer Industriege­ Man könnte auch untersuchen, wie die Literaturkritik und
sellschaft und der sie begleitenden positivistischen Ideologie. die Literaturgeschichte im 18. und 19.Jahrhundert die Per­
Drei Einschnitte in der Morphologie unseres Willens zum sönlichkeit des Autors und die Gestalt des Werks konstituiert
Wissen - drei Etappen unseres Philistertums. haben, indem sie die Verfahren der religiösen Exegese, der
Ich möchte dieselbe Frage auch unter einem anderen Blick­ Bibelkritik. der Hagiographie, der historischen oder legen­
winkel aufwerfen und die Wirkung eines Diskurses mit wis­ dären Lebensbeschreibungen, der Autobiographien und der
senschaftlichem Anspruch - des medizinischen, psychiatri­ Nachrufe verändert und verschoben haben. Eines Tages wird
schen, auch des soziologischen Diskurses - auf jene Gruppe man auch die Rolle untersuchen müssen, die Freud im
von gebieterischen Praktiken und Diskursen untersuchen, psychoanalytischen Wissen spielt und die sicherlich von der
die das System der Strafjustiz ausmachen. Die Analyse der Newtons in der Physik (und überhaupt von der Rolle der
psychiatrischen Gutachten und ihrer Rolle im Strafsystem Gründer wissenschaftlicher Disziplinen) sehr verschieden ist,
wird den Ausgangspunkt und das Material dieser Unter­ aber auch von der Rolle, die ein Autor im Bereich des philo­
suchung bilden. sophischen Diskurses spielt, indem er etwa wie Kant am Ur­
Ebenfalls in dieser kritischen Perspektive, aber auf einer an­ sprung einer neuen Art und Weise des Philosophierens
deren Ebene, wären die Prozeduren zur Einschränkung der steht.
Diskurse zu analysieren, von denen ich gerade das Prinzip des Das sind also einige Projekte für den kritischen Aspekt der
Autors, das des Kommentars und das der wissenschaftlichen Aufgabe, für die Analyse der Instanzen der diskursiven Kon­
Disziplin genannt habe. In dieser Perspektive lassen sich trolle. Der genealogische Aspekt betrifft die tatsächliche Ent­
einige Untersuchungen anvisieren. Ich denke beispielsweise stehung der Diskurse: innerhalb oder außerhalb der Kon­
an eine Analyse zur Geschichte der Medizin vom 16. bis zum trollgrenzen. zumeist auf beiden Seiten der'Schranken. Die
19.Jahrhundert; dabei ginge es weniger um die Erfassung der Kritik analysiert die Prozesse der Verknappung, aber auch
geleisteten Entdeckungen oder der verwendeten Begriffe; der Umgruppierung und Vereinheitlichung der Diskurse; die
vielmehr sollte begriffen werden, welche Rolle in der Kon­ Genealogie ~untersucht ihre Entstehung, die zugleich zer­
struktion des medizinischen Diskurses, aber auch in der ge­ streut, diskontinuierlich und geregelt ist. Diese beiden Auf­
samten ihn tragenden, weitergebenden und verstärkenden In­ gaben sind nie ganz zu trennen; es gibt nicht auf der einen
stitution, die Prinzipien des Autors, des Kommentars und Seite die Verwerfung, die Ausschließung, die Umgruppie­

4° 41

rung, die Zuteilung und auf der anderen Seite, auf einer tiefe­ nicht in derselben Weise. Die Untersuchung muß daher ver­
ren Ebene, das spontane Auftauchen der Diskurse, die sich schiedenen Serien nachgehen, in denen Verbote zumindest
dann vor oder nach ihrer Manifestation der Selektion und der teilweise jeweils unterschiedlich wirken.
Kontrolle unterworfen sehen. Die geregelte Entstehung des Man könnte auch die Diskursserien betrachten, die im 17.
Diskurses kann unter gewissen Bedingungen und bis zu und rS.jahrhundert von Reichtum und Armut, von der
einem gewissen Grade die Kontrollprozeduren integrieren Währung, von der Produktion, vom Handel sprechen. Man
(das geschieht z. B., wenn eine Disziplin Form und Status hat es da mit sehr heterogenen Aussageeinheiten zu tun, die
eines wissenschaftlichen Diskurses annimmt); umgekehrt von den Reichen und von den Armen, von den Gelehrten und
können die Kontrollfiguren in eine diskursive Formation ein­ von den Unwissenden, von den Protestanten oder von den
gehen (so konstituiert z. B. die Literaturkritik den Autor). Katholiken, von den königlichen Offizieren, den Geschäfts­
Darum muß jede Kritik, welche die Kontrollinstanzen in leuten oder den Moralisten formuliert worden sind. Eine jede
Frage stellt, gleichzeitig die diskursiven Regelhaftigkeiten hat ihre spezifische Regelhaftigkeit und auch ihre Einschrän­
analysieren, durch die hindurch sich jene ausbilden; und jede kungssysteme. Und keine von ihnen ist die exakte Vorläufe­
genealogische Beschreibung muß die Grenzen im Auge be­ rin jener anderen diskursiven Regelhaftigkeit, welche die
halten, die in den tatsächlichen Formationen eine Rolle spie­ Form einer Disziplin annehmen sollte und sich »Analyse der
len. Zwischen dem kritischen und dem genealogischen Un­ Reichtümer«, später »Nationalökonomie« nennen wird.
ternehmen liegt der Unterschied nicht so sehr im Gegenstand Und dennoch hat sich von ihnen aus die neue Regelhaftigkeit
und im Untersuchungsbereich, sondern im Ansatzpunkt, in herangebildet, indem sie gewisse ihrer Aussagen wiederauf­
der Perspektive, in der Abgrenzung. nahm und rechtfertigte oder ausschloß und eliminierte.
Ich sprach eben von einer möglichen Untersuchung der Ver­ Es läßt sich auch an eine Untersuchung denken, welche die
bote, welche den Diskurs über die Sexualität treffen. Es wäre Diskurse über die Vererbung beträfe, wie man sie bis zum
in jedem Fall schwierig und abstrakt, diese Untersuchung Beginn des zo.jahrhunderts auf verschiedene Disziplinen,
durchzuführen, ohne gleichzeitig die literarischen, die reli­ Beobachtungen, Techniken und Vorschriften aufgeteilt und
giösen oder ethischen, die biologischen und medizinischen zerstreut finden kann. Man müßte dann zeigen, wie sich diese
und gleichfalls die juristischen Diskursgruppen zu analysie­ Serien schließlich zur epistemologisch kohärenten und insti­
ren, in denen von der Sexualität die Rede ist und in denen tutionell anerkannten Gestalt der Genetik zusammengefügt
diese genannt, beschrieben, metaphorisiert, erklärt, beurteilt haben. Diese Arbeit ist kürzlich von Franccis Jacob geleistet
ist. Wir haben ja keinen einheitlichen und geordneten Dis­ worden, und zwar so brillant und wissenschaftlich, daß sie
kurs über die Sexualität konstituiert; vielleicht wird man nie­ nicht zu übertreffen wäre.
mals dahin gelangen, vielleicht gehen wir gar nicht in diese So müssen sich also die kritischen Beschreibungen und die
Richtung. Dies tut wenig zur Sache. Die Verbote haben im genealogischen Beschreibungen abwechseln, stützen und er­
literarischen Diskurs und im medizinischen Diskurs, im Dis­ gänzen. Der kritische Teil der Analyse zielt auf die Systeme,
kurs der Psychiatrie und im Diskurs der Gewissensführung die den Diskurs umschließen; er versucht, die Aufteilungs-,
nicht dieselbe Form und spielen nicht dieselbe Rolle. Und Ausschließungs- und Knappheitsprinzipien des Diskurses
umgekehrt verstärken oder umgehen oder verschieben diese aufzufinden und zu erfassen. Wir könnten sagen, die Kritik
verschiedenen diskursiven Regelhaftigkeiten die Verbote befleißigt sich einer eifrigen Ungeniertheit. Der genealogi-

42 43

"

sehe Teil der Analyse zielt hingegen auf die Serien der tatsäch­
formationen eines Diskurses und die Beziehungen zur Insti­
lichen Formierung des Diskurses; er versucht, ihn in seiner
tution zu beschreiben. Wenn ich versucht habe, diese Me­
Affirmationskraft zu erfassen, worunter ich nicht die Kraft
thode auf andere Diskurse als auf Legenden oder Mythen an­
verstehe, die sich der Verneinung entgegensetzt, sondern die
zuwenden, so fand ich die Anregung dazu zweifellos in den
Kraft, Gegenstandsbereiche zu konstituieren, hinsichtlich
Arbeiten der Wissenschaftshistoriker, vor allem bei Georges
deren wahre oder falsche Sätze behauptet oder verneint wer­
Canguilhem. Ihm verdanke ich es, daß ich verstanden habe,
den können. Wenn wir diese Gegenstandsbereiche als Positi­
daß die Wissenschaftsgeschichte nicht unbedingt vor der Al­
vitäten bezeichnen, können wir sagen: ist der Stil der Kritik
ternative steht: entweder die Chronik der Entdeckungen zu
die gelehrte Ungeniertheit, so ist das Temperament der Ge­
sein oder die Beschreibung der Ideen und Meinungen außer­
nealogie ein glücklicher Positivismus.
halb der Wissenschaft - in ihrer unbestimmten Genese oder in
Eines muß auf jeden Fall unterstrichen werden: die Analyse
ihren äußerlich bedingten Rückfällen; sondern daß man die
des so verstandenen Diskurses enthüllt nicht die Universalität
Geschichte der Wissenschaft als die Geschichte eines zugleich
eines Sinnes, sondern sie bringt das Spiel der - mit der funda­
kohärenten und transformierbaren Ganzen aus theoretischen
mentalen Kraft der Affirmation - aufgezwungenen Knapp­
Modellen und begrifflichen Instrumenten schreiben kann
heit an den Tag. Knappheit und Affirmation, Knappheit der
und muß.
Affirmation - und nicht kontinuierliche Großzügigkeit des
Besonders viel aber, glaube ich, verdanke ich Jean Hippolyte.
Sinns, nicht Monarchie des Signifikanten.
Ich weiß wohl, daß sein Werk für viele im Zeichen Hegels
Und nun mögen jene, deren Sprache arm ist und die sich an
steht, und daß unsere gesamte Epoche, sei es in der Logik
dem Klang von Wörtern berauschen, sagen, daß das Struk­
oder in der Epistemologie, sei es mit Marx oder mit Nietz­
turalismus ist.
sehe, Hegel zu entkommen trachtet. Und was ich eben über
den Diskurs zu sagen versuchte, ist dem hegelianischen Lo­
gos sicherlich untreu.
An die Untersuchungen, deren Umrisse ich Ihnen vortragen
Aber um Hegel wirklich zu entrinnen, muß man ermessen,
wollte, hätte ich mich gewiß nicht herangewagt, wenn ich
was es kostet, sich von ihm loszusagen; muß man wissen, wie
nicht Unterstützungen und Beispiele gehabt hätte. Ich
weit uns Hegel insgeheim vielleicht nachgeschlichen ist; und
glaube, daß ich Georges Dumezil viel verdanke, da er mich
was in unserem Denken gegen Hege! vielleicht noch von He­
zur Arbeit angeregt hat, als ich noch so jung war, zu glauben,
gel stammt; man muß ermessen, inwieweit auch noch unser
daß Schreiben ein Vergnügen ist. Aber auch seinem Werk ver­
Anrennen gegen ihn seine List ist, hinter der er uns auflauert:
danke ich viel; er möge mir verzeihen, wenn ich die Texte, die
unbeweglich und anderswo.
die seinen sind und die uns heute beherrschen, von ihrem Sinn
Nicht nur ich schulde Jean Hippolyte Dank: denn er hat für
entfernt und ihrer Strenge beraubt habe; er hat mich gelehrt,
uns und vor uns den Weg durchlaufen, auf dem man sich von
die innere Ökonomie eines Diskurses ganz anders zu analy­
Hegel entfernt und Distanz nimmt, auf dem man aber auch
sieren als mit den Methoden der traditionellen Exegese oder
wieder zu ihm zurückgeführt wird, allerdings anders und so,
des linguistischen Formalismus; er hat mich gelehrt, durch
daß man ihn von neuem verlassen muß.
Vergleiche das System der funktionellen Korrelationen zwi­
Zunächst hatte sich Jean Hippolyte bemüht, dem großen und
schen Diskursen zu etablieren; er hat mich gelehrt, die Trans­ etwas gespenstischen Schatten Hegels, der seit dem I9.Jahr­

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t.
hundert herumgeisterte und mit dem man sich im Dunkeln der Totalität war für Jean Hippolyte das, was es in der äußer­
herumschlug, eine Gegenwart zu geben. Er tat dies durch sten Regellosigkeit der Erfahrung Wiederholbares gab; das,
eine Übersetzung der Phänomenologie des Geistes. Daß He­ was sich im Leben, im Sterben, im Gedächtnis immer wieder
gel in diesem französischen Text gegenwärtig ist, beweisen als Frage stellt und entzieht; so transformierte er den Hegel­
jene Deutschen, die ihn gelegentlich konsultiert haben, um sehen Gedanken von der Vollendung des Selbstbewußtseins
seine »deutsche Version« besser zu verstehen. in den Gedanken der wiederholt-wiederholenden Frage.
Jean Hippolyte hat alle Wege und Auswege dieses Textes ge­ Aber da sie für ihn Wiederholung war, verzichtete die Philo­
sucht und durchlaufen, als wäre seine unruhige Frage gewe­ sophie nicht auf den Begriff; sie hatte kein abstraktes Ge­
sen: Kann man noch philosophieren, wo Hegel nicht mehr bäude zu errichten, sie hielt sich zurück und brach mit den
möglich ist? Kann es noch eine Philosophie geben, die nicht überlieferten Allgemeinheiten und begab sich in Kontakt mit
mehr hegelianisch ist? Ist das, was in unserem Denken nicht der Nicht-Philosophie; sie wandte sich nicht ihrer Vollen­
hegelianisch ist, notwendigerweise auch nicht philosophisch? dung zu, sondern dem, was ihr vorausging und was noch
Und ist das, was antiphilosophisch ist, unbedingt nicht-hege­ nicht zu ihrer Unruhe erwacht war; um sie zu denken, nicht
lianisch? Aus der Gegenwart Hegels, die er uns geschenkt um sie zu reduzieren, hat sie die Besonderheit der Ge­
hatte, wollte er nicht nur eine sorgfältige historische Be­ schichte, die regionalen Rationalitäten der Wissenschaft, die
schreibung machen, sondern ein Erfahrungsschema der Mo­ Tiefe des Gedächtnisses im Bewußtsein angefaßt; so erscheint
dernität (lassen sich die Wissenschaften, die Geschichte, die der Gedanke einer gegenwärtigen, unruhigen Philosophie,
Politik und das Leid des Alltags hegelianisch denken?) und die auf der ganzen Linie ihrer Berührung mit der Nicht-Phi­
umgekehrt wollte er aus unserer Modernität den Prüfstein des losophie beweglich ist, nur dank dieser existiert und uns den
Hegelianismus und damit der Philosophie machen. Für ihn Sinn dieser Nicht-Philosophie enthüllt. Wenn die Philosophie
war das Verhältnis zu Hegel der Ort einer Erfahrung, einer in diesem wiederholten Kontakt mit der Nicht-Philosophie
Konfrontation, in der niemals feststand, daß die Philosophie steht - was ist dann der Anfang der Philosophie? Ist sie immer
siegreich hervorgehen würde. Er bediente sich des Hegel­ schon da, heimlich gegenwärtig in dem, was sie nicht ist, mit
sehen Systems nicht als eines beruhigenden Universums; er halblauter Stimme im Gemurmel der Dinge das Wort ergrei­
sah in ihm das äußerste Wagnis der Philosophie. fend? Aber vielleicht hat der philosophische Diskurs keine
Daher die Verschiebungen, die er nicht innerhalb der Philo­ Daseinsberechtigung mehr, oder muß er mit einer zugleich
sophie Hegels, sondern an ihr und an der Philosophie, wie absoluten und willkürlichen Begründung anheben? So wird
Hegel sie verstand, vornahm; daher auch die Umkehrung von der Hegelsche Gedanke von der dem Unmittelbaren eigenen
Gedanken. Jean Hippolyte begriff die Philosophie nicht als Bewegung vom Thema der Begründung des philosophischen
die Totalität, die sich endlich in der Bewegung des Begriffs zu Diskurses und seiner formellen Struktur verdrängt.
denken und zu verfassen vermag, sondern er machte aus ihr Schließlich die letzte Verschiebung, die Jean Hippolyte an der
innerhalb eines unbegrenzten Horizonts eine Aufgabe ohne Hegelschen Philosophie vorgenommen hat: wenn die Philo­
Ende: immer wach, war seine Philosophie nicht bereit, sich sophie als absoluter Diskurs beginnen muß - was ist dann mit
jemals zu vollenden. Aufgabe ohne Ende, also immer wieder der Geschichte und was ist dann jener Anfang, der mit einem
begonnene Aufgabe, der Form und dem Paradox der Wieder­ einzelnen Individuum, in einer Gesellschaft, in einer gesell­
holung geweiht: die Philosophie als unerreichbares Denken schaftlichen Klasse, inmitten von Kämpfen anfängt?

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-..

.;

Diese fünf Verschiebungen, welche an den äußersten Rand


a"

... die Sie getroffen haben, indem Sie mich eingeladen haben,
.

der Hegelschen Philosophie führen, sie über ihre Grenzen hier zu lehren, zu einem Gutteil auch eine Ehrung für ihn ist.
hinaustreiben, beschwören die Hauptgestalten der modernen Ich danke Ihnen zutiefst für die Ehre, die Sie mir erwiesen
Philosophie, welche Jean Hippolyte ständig mit Hegel kon­ haben, aber ich danke Ihnen nicht weniger für das, was in
frontiert hat: Marx mit den Fragen der Geschichte, Fichte mit dieser Wahl ihm gehört. Wenn ich mich der Aufgabe, ihm
dem Problem des absoluten Anfangs der Philosophie, Kier­ nachzufolgen, nicht gewachsen fühle, so weiß ich doch, daß
kegaard mit dem Problem der Wiederholung und der Wahr- ich an diesem Abend, wäre uns dieses Glück vergönnt, von
heit, Husserl mit dem Thema der Philosophie als unendlicher seiner Nachsicht ermutigt worden wäre.
Aufgabe, die an die Geschichte unserer Rationalität gebun- Und nun verstehe ich besser, warum ich eben soviel Schwie­
den ist. Und über diese philosophischen Gestalten hinaus hat rigkeit hatte, sogleich anzufangen. Ich weiß auch, welche
Jean Hippolyte viele Wissensbereiche von seinen eigenen Stimme es war, von der ich gewünscht hätte, daß sie mir vor-
Fragen aus angesprochen: die Psychoanalyse mit der fremden angeht, daß sie mich trägt, daß sie mich zum Sprechen einlädt
Logik des Begehrens, die Mathematik und die Formalisie­ und sich in meinen eigenen Diskurs einfügt. Ich weiß, warum
rung des Diskurses, die Informationstheorie und ihre An- ich solche Angst hatte, das Wort zu ergreifen: ich habe das
wendung in der Analyse des Lebenden - also alle Bereiche, Wort an dem Ort ergriffen, wo ich ihn gehört habe, und wo er
von denen aus man die Frage nach einer Logik und einer Exi­ nicht mehr ist, um mich zu hören.
stenz stellen kann, welche ihre Verbindungen ständig knüp­
fen und wieder auflösen.
Ich denke, daß dieses Werk, das sich in einigen großen Bü­
chern niedergeschlagen hat, aber noch mehr in Forschungen,
in einer Lehrtätigkeit, in einer dauernden Achtsamkeit, in
einer Wachheit und Großzügigkeit des Alltags, in einer admi­
nistrativen und pädagogischen (d. h. in Wirklichkeit zweifach
politischen) Verantwortlichkeit -, ich denke, daß dieses Werk
die fundamentalsten Probleme unserer Zeit getroffen und
formuliert hat. Ich gehöre zu den vielen, die ihm unendlichen
Dank schulden.
Ihm verdanke ich zweifellos den Sinn und die Möglichkeit
dessen, was ich tue. Er hat mir oft den Weg gewiesen, wenn
ich bei meinen Versuchen im dunkeln tappte. Darum wollte
ich meine Arbeit unter sein Zeichen stellen und darum wollte
ich die Vorstellung meiner Projekte mit seiner Erwähnung
beenden. Auf ihn hin, auf dieses Fehlen - wo ich zugleich
seine Abwesenheit und meine Schwäche spüre - zielen die
Fragen, die ich mir nun stelle.
Da ich ihm soviel verdanke, verstehe ich wohl, daß die Wahl,

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