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Landesmuseum
für Technik und Arbeit
in Manntreirr
Die Goldenen 20er in Bildern, Szenen
und Objekten

Sonderausstellung des Landesmuseums


für Technik und Arbeit in Mannheim
vom l0. September 1994 bis 31. Januar 1995

Begleithefte zur Ausstellung

Bilder, Szenen H. Steffens/M. Unser


und Objekte

Radio für alle U. Kern/H. Steffens

Literatur und K. Möser/Ch. Kleppel


B uch ku ltu r

Normierung 1 V Benad-Wagenhoff/R. Seltz

Normierung 2 K. Budde

Massensport H. Steffens/M.Unser

Bilderwelten H. Steffens

Volksvergnügen H. Steffens/J. Abele

lmpressum

Gestaltung. Heike Morath


Fotografie: Brigitte G rassmann, Klaus
Luginsland, Rainer Paasche, Regina Spät
Text red a kti oD : Gerha rd Zweckbronner

O beim Herausgeber:
Landesmuseum für Technik und Arbeit
in li.4annheim
Museunr.srraße 1, 681b5 Manrlrerm
Alle Rechte vorbehalten, l\4annheinr 1994
Gedruckt mit {reundlicher Unterstützung des
Museunrsvereins {ür Technik und Arbeit e.V

Die Deutsche Bibliothek - Clp Einheitsaufnahme:

Tanz auf dem Vulkan


Massensport, Leistungssport und Sportbegeisterung
Hrsg. vom Landesmuseum für Technik und Arbeit
in Mannheinr
Steffens, HorsVUnser, l,/largit
lsBN 3-9804015-5-3
Rudo( BL'llittl4:
&xer Scl:nu'litt1q, 1929
Bnnrzefigtt uuf ,llur
runxtchel
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Std d t slld SI t ü t []d rt

"Wenige Monate später bat Belling rnich in sein


Atelier. 'Wollen Sie mir Modell stehen?', fragte er.
lch wies ihn darauf hin, daß George Grosz mich
gerade gemalt habe. 'Ja, Ja'erwiderte Belling, 'Sie
sind, ohne daß 5ie das begriffen haben, viel mehr
als ein erfolgreicher Sportler.' Dann hörte ich zum
ersten Mal, daß der Boxer f ür viele gewissermas-
sen die geheime ldealfigur der Zeit sei."
Schmeling, Max: Erinnerungen, FrankfurVM -
Berlin - Wren 1977, 5. 96
M assensport, Leistungssport
und Sportbegeisterung
Der gesellschaftliche Aufstieg des Sports
in den 20erJahren

Die Weimarer Zeit war für den deutschen Vereinen. Vor allem die Zeit unmittelbar nach
Sport fruchtbar Carl Diem, über Jahrzehnte dem Krieg brachte den Verbänden und Ver-
hinweg der nicht unumstrittene ranghöchste einen einen starken Zustrom an Mitgliedern.
Sportfunktionär Deutschlands, hat diese Die "Deutschen Turner" (DT) konnten ihre
Aussage in einer ihrn eigenen Uneindeutig- Mitgliederzahlen zwischen 1919 und 1922
keit gemacht Lag die Betonung auf dem fast verdreifachen, dem "Arbeiter-Turn- und
"deutschen" oder doch eher auf "Sport"? Sportbund" (ATSB) gelang dagegen fast eine
Gleichwohl: beide Aussagen sind sachlich Verfünffachung seiner Mitglieder Die Zahl der
richtig, wären politisch jedoch unterschiedlich aktiven Fußballspieler irn "Deutschen Fußball-
einzuordnen. Sowohl der Sport im allgenrei- bund" (DFB) wuchs innerhalb eines Jahres,
nen, als auch die nationalistische deutsche, von 1920 bis 1921, um mehr als 300 000 auf
aber vor allem die Arbeiter-Sportbewegung rund 770 000
lraben in der Weimarer Republik einen er-
staunlichen Aufschwung genommen, haben Eine zweite Boomphase des Sports setzte
den Durchbruch zu einer Massenbewegung dann in der.r wirtschaftlich relativ stabilen Jah-
in einer Zeit geschafft, als die politischen und ren der Weirnarer Republik zwischen 1925
ökonomischen Rahmenbedingungen fur und 1929 ein: lm "Wettkampfsport" betätig-
sportliche Freizeitbetätigung und 5pitzen- ten sich 3,4 Millionen Menschen 'l 929
sport häufig alles andere als günstig waren. gegenLiber knapp 2,8 Millionen vier Jahre zu-
vor; die Zahl derer, die "Körperertuchtigung"
ohne Wettkampfregeln betrieben, stieg im
Sportboom: von deutscher Körper- gleichen Zeitraum von 2,8 auf mehr als 3,1
ertüchtigung und amerikanisiertem Sport
Millionen. Mit dieser Fntwicklung stellte der
Die Mitgliederzahlen der Dachverbände be- Sport andere Bereiche der "Kultur der Mo-
legen den sozialkulturellen Bedeutungs- derne" fast in den Schatten: Die Zahl der
zuwachs des Sports. Waren vor dem Ersten Fußballvereine übertraf die der Kinotheater
Weltkrieg (19'13) rLrnd zwei Millionen Ver- bei weitem, sportlich Aktive zählte man
einsspor'ler in Deutschland registriert, so be- genau so viele wie Rundfunkteilnehmer. Der
tätigten sich zu Beginn der 30er Jahre schon Fußball wurde so populär, daß man 926 '1

über sieben Millionen Menschen sportlich in dazu uberging, ihn auch bei Lampenlicht

2
OEUTSC}IER FUSSBATI.BUI{D Abb.1
I'dul Ri.lJter, der "Sieg-
IJTNDERSPIET fied" dils lrilz Ldngs
Nilrclurryerfiln, sPielte
sTAtlt0lt MANilHEIM
1927 die tulle dt's Tull
I ldrdet urn IISV.

liunnto Vt4 gllastdasar c' lohrtaie ;4


e te

PAUL RICHTER

zu spielen. Und eine deutsche Olympia-


mannschaft mit rund 30.000 Sportlern
gab es auch, nämlich 1931 bei der ll. Ar-
beiter-Olympiade in Wien - unter ihnen
als Mittelstürmer der Fußballmannschaft
Erwin Seeler, der Vater von "uns Uwe".

Die Konlunkturen des Sports entfalteten


sich sowohl in Krisenzeiten, als auch in
lenen Jahren, die vor allem der Weimarer
Zeit den Ruf eingebracht hatten, "gold-
ene" gewesen zu sein. Diese Entwick-
lung zum "Massensport" findet ihre Ent-
r
sprechung im Aufkommen des "Zuschau- )
ersports": Attraktiv wurde der Sport erst,
als er "amerikanisiert" wurde, als angel-
sächsischer Wettkampfsport den Nerv
Die Geschichte eines Fußballhelden
der Zeit traf . Fritz Kortner brachte diesen
Zusammenhang qegenüber Max Schme-
linq 1926 auf eine griff ige Formel:
Es rst dle Zeit! Was sich im Ring tut, spie- zung fur objektiven Leistungsvergleich, die
gelt das Leben. So erbarmungslos, so wü- Vereinheitlichung des Regelwerks, eine
tend, wie ihr aufeinander losgeht, so erbit- sportliche Spezialisierung im Verbund mit
tert kämpfen wir alle ums Dasetn. "Ame- Rekordstreben, die Einbindung in den Wett-
rikanismus" bedeutete in den Augen der kampf, also das Konkurrieren um Sieg und
Zeitgenossen die Versachlichung der Vita- Plazierungen; Entwicklungen, die zwar schon
lität, das meinte die Standardisierung von im Kaiserreich begonnen hatten, nun aber
Sportstätten und -geräten als Vorausset- sich auf breiter Basis durchsetzten. lm Boxen,
abb.3
ANDREneulp
Andrö Ruze: Gigan m
dü Lan^traßq Frank-
GIGANTEN DER LAN DSTRASSE
furt 1927 (Büchergilde
G utenberg). D ie litelat ur
entdeckt den Spon als
e igeßtdndigß Suj et, ne -

ben FuJ3ballern, Bmm


und Rennfahrer uterdn
Ra*poftler ak "Gigan-
tm" gefeiert.

Ringen oder im Fußball war es beispielsweise


üblich, bis zur Entscheidung zu kämpfen; die
Dauer des Kampfes war nicht begrenzt. Als
1922 im Fußballendspiel der Hamburger SV
und der 1. FC Nürnberg sich gegenüber stan-
den, berichtete das "BerlinerTageblatt" über
die Verlängerung des unentschieden stehen-
den Spieles: IJnd weiter ging der Kampf, bis
nach wieder 53 Minuten der Schiedsrichter
Dr. Bauwens ebenso wie die erschöpften Spie-
ler zusammenbrach. Doch erst nach weite- der tätige Spielleiter, dem inzwischen zur
ren 18 Minuten entschloß sich dann der wie- Farce gewordenen Kampf ein vom Publikum
stürmisch verlangtes Ende zu bereiten. Da-
raufhin kam es zu einer bis heute gültigen
Regeländerung, die die Verlängerung des
Spiels auf zweimal 15 Minuten begrenzte.
abb.2
Werbe-Emaikcbild Seine Popularität verdankte der Sport auch
"Motor und Sport",
95 x 5o cm, un 1925 seiner neuen Vermarktungsfähigkeit. Die
Sportberichterstattung nahm in den Medien
immer breiteren Raum ein: Der Sportjour-
nalismus entstand, die ersten kommerziellen
Sportzeitungen erschienen, das "Sportbild"
vermittelte authentische Eindrücke von Ra-
sanz und Rekord. Wirklich dabei sein aber
konnten eigentlich nur die Zuschauer vor Ort.
Der Rundfunk brachte hier die entscheiden-
de Wende: Sportübertragungen wurden zu
einem unwiderlegbaren Argument dafür, nun
endlich auch Rundfunkteilnehmer zu werden,
abb.4
Dicbt gedrängt saßen die
Zrccbauer bei der 1. Ar-
beiter-Olympiade 1925
im neu etricbteten Frank-
furter Waldstadion

Live-Schaltungen des Rundfunks zu Sportver-


anstaltungen nahmen seit 1925 kontinuierlich
zu; 1930 kam es zum ersten Mal zu einer Di-
rektübertragung eines Sportereignisses aus
New York nach Deutschland: Max Schmeling
boxte dort vor etwa 80.000 Zuschauern ge-
gen Jack Sharkey und gewann den Weltmei-
stertitel im Schwergewicht. Kritische Zeitge-
nossen notierten anläBlich solcher Ereignisse
in anteilnehmender Begeisterung: Sporfer-
eignisse sind die einzigen in ihrer Regelmäßig-
keit wiederkehrenden Ereignisse, bei denen
sich Tausende, Hunderttausende von verschie-
denartigsten Menschen gemeinschaftlich fin-
den: in gleicher Teilnahme, Begeisterung, im
gleichen Vergessen des Alltags, in einem Kol-
lektivrausch von ungeahnter Qualität - ja, die
Phantasie ist so weit trainiert, daB auch die
abwesenden Millionen durch Rundfunküber-
tragung noch den gleichen Gemeinschafts-
rausch teilen. Ein Wirklichkeitsrausch, in dem
das einzelne lch völlig versinkt, in dem, was
heute noch mehr bedeutet, auch die politi- größte Kampfbahn (Kontinental) Europas
sche Parteiung versinkt. Den Erfordernissen rund 80.000 Zuschauern Platz bot. Mehr als
des Leistungs- und Breitensports entspre- 125 "Großkampfbahnen" zählte man 1929
chend begann in der Weimarer Zeit der Aus- in 1 00 deutschen Städten, darunter auch das
bau einer Sportinfrastruktur; Neue, riesige Frankfurter Waldstadion, das 1925 rechtzeitig
Sportarenen entstanden in fast allen größeren zum Endspiel um die deutsche Fußballmeister-
Städten; 1923 weihte Konrad Adenauer das schaft (50.000 Zuschauer) und zur l. Arbeiter-
Müngersdorfer Stadion in Köln ein, das als Olympiade fertiggestellt worden war.
Abb.5
'l est des Opel Sdtrler
Rt t kt'te t t tttt gt' r s
t tt t tJ t le r
Rtl i sst' I s lt ei nrt' r Rc t t t t lx t b r t,
t92u

Auch in Mannheim, so notierte 1926 eine findet in Deutschland keine Parallele mehr. So-
einheimische Zeitung, verschloß man sich gar in Zeiten des ungebremsten Aufschwungs
den Forderungen der neu entstandenen des Massensports in der Bundesrepublik nach
Sportbewegung nicht, die wie eine Welle al- dem Zweiten Weltkrieg, als die Mitgliederzah-
les überflutete und unwiderstehlich mit sich len in den Sportverbänden sich bis 1980 ge-
fortriß. Ein Jahr später wurde im Anschluß genüber 1931 vervierfachten (!), erwies sich
an den Luisenpark die städtische Spielplatz- diese, nach und nach modernisierte, lnfrastruk-
anlage eingeweiht, deren "Hauptkampfbahn" tur durchaus noch als tragfähig.
etwa 25.000 Zuschauer faßte. Anläßlich Der "Zuschauersport", also das sensationslü-
des Festaktes bemerkte die "Neue Badische sterne Sich-Ergötzen an Kampf, Dramatik und
Landeszeitung" . Noch nie sah Mannheim Rekord, setzte sich durch, obwohl dieser Sport
eine solche Zuschauermenge auf einem von vielen Seiten kritisiert wurde. Die "Deut-
Sportfeld. schen Turner" etwa wandten sich vehement
gegen die Versportung des Turnens und der
Die "Amerikanisierung" des Sports und seine Gymnastik, ohne jedoch diese Entwicklung
Kommerzialisierung förderten auch den von aufhalten zu können; aus den Reihen des Ar-
Jahreszeiten und Witterungen unabhängigen beitersports wurde der konkurrenzkapitalr-
Hallensport, für den neue Sportstätten gebaut strche Charakter des Rekordsporfs ausdau-
werden mußten. Als die Dortmunder West- ernd entlarvt. Vielleicht konnten davon die
falenhalle 1925 feierlich eröffnet wurde, galt eigenen Aktivisten überzeugt werden, aber
sie als größter, freitragender Hallenbau Euro- die Masse der Bevölkerung erlebte den Sport
pas: 16.000 Zuschauer fanden in ihr Platz. "klassenneutral", wie auch Fritz Wildung
Motorrad- und Autorennstrecken wurden neu von der "Zentralkommission für Arbeitersport
angelegt, so die Opel-Rennbahn in Russels- und Körperpflege" 1929 zugeben mußte:
heim, die Berliner AVUS und der Nurburgring. Der Tagesgeschmack des Publikums ist nicht
lm Mai 1932 begeisterte das AVUS-Rennen auf ernste Erziehungsarbeit in den Leibes-
etwa 300.000 Zuschauer. Dieser massive Aus- übungen gerichtet, sondern auf die sportli-
bau der Sportstätteninfrastruktur fand und che Sensation im Wettkampf, man denke an

6
Boxkämpfe und Sechstagerennen. Auch ein folgten nun rasch der technischen Perfektio-
überaus großer Teil der Arbeiterschaft huldigt nierung der Sportgeräte, der Sportanlagen
noch diesen sportlichen Sensationen und und der Meßvorrichtungen. "Taylorismus"
stellt bei den Veranstaltungen einen großen und "Fordismus" wurden zu Maßstäben
Teil der Zuschauer. Aber es rsf kern Zweifel, auch im 5port. Erfahrunqen aus den Arbeits-
daß es sich dabei um sportliche Entartungen wissenschaften konnten auf Leistungstrain-
handelt, die geeignet sind, die gesellschaftli- ing und sportliche Techniken angewandt und
che Moral zu verderben. weiterentwickelt werden. Der Weltrekord-
läufer Otto Peltzer, der im September 1926
den finnischen Wunderläufer Paavo Nurmi in
('Welcher
Rekord lst noch zu brechen?a

Wrlly Meisl, einer der einflußrerchsten


abb.6
Sportjournalisten der Weimarer Zeit, stell-
Tfotz Raketernntrieh
te sich 1930 in der "Berliner lllustrierten nicbt das scbnellsie Auto
der lVeh: Opel-Sander
Zeitung" diese Frage und beantwortete sie
Rakl
mit den lapidaren Sätzen: Der Rekord ist
grenzenlos, wie der Mensch und seine Tech-
nik. Wir eilen im Rekordtempo von Rekord
zu Rekord. Treffend spiegelt diese Feststel-
lung den weit verbreiteten Zeitgeist von
Sportenthusiasmus und Technikbewunde-
rung wider. ln der Tat bestand zwischen
dem Aufschwung des Sports und den Ent- I
wicklungen der Technik ein enqer Zusam-
menhang. Carl Diem hatte schon 1919 den El
Deutschen Reichsausschuß für Leibesubun-
gen zur Erforschung der Gesetze (...)
menschlicher Leistungsgrenzen aulgef or-
dert und damit die Wissenschaft vom Lei-
stungssport begründet. Rekordleistungen

7
neuer Weltrekordzeit geschlagen hatte, be-
merkte 1928 zum Kampf des Menschen um
Zehntelsekunden: Dieser Mensch zeigt - ge-
nau wie ein lngenieur, dem es gelingt ein
Auto herzustellen, das statt 350 Stundenkilo-
meter 400 fährt - was zu erreichen ist. Zeigt
genau wie der Erfinder des Fernhörens und
- sehens, daß Grenzen ntcht ewig sind. Er dreht
- es mag übertrieben klingen, ohne es zu
sein - das Rad der Entwicklung eine Speiche
vorwärts, er erschließt unbekanntes Land.
Und seine Botschaft an die Öffentlichkeit war
Der Mensch ist nur ganz Mensch, wenn er

Abb.7
slegf Das war der Stoff, aus dem die Träume
Erstntdls itr einer Atts einer im Weltkrieg geschlagenen Nation wa-
stelltut!1 .tItf (lem eItro|(i- ren: Siegen, siegen - wenn nicht im "Felde",
is.hen Küttitrcnl zrr scb-
en: der Rentril'd!1(tl 'IJdbs' dann halt auf der Aschenbahn, im Stadion,
nüt eittt'tn -JOO I'S stttrkett auf der Rennstrecke, in der Luft ... . Natür-
l;l t t gz e I t gilx I o r, nt it de nt
)

lich schwappte der Enthusiasmus über, wenn


J. G. Pan'y Tltortttts ttrtt 2l].
April 1926 tlot \lellrefunl deutsche Athleten siegreich waren, aber
unt 275,222 knt/b fttbr. die Anerkennung fur Höchstleistungen wur-
de ausländischen Konkurrenten nicht ver-
sagt. Lindbergh war zwar Amerikaner, doch
sein Ozeanflug einte in der Begeisterung
selbst ehemalige Kriegsgegner. Und obwohl
die meisten absoluten Geschwindigkeitswelt-
rekorde von Briten aufgestellt wurden, war
die Auf merksamkeit in Deutschland nie ge-
ring. Zu Beginn der Weimarer Republik notier-
te man noch227 Stundenkilometer als schnell-

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Abb.8
Die Rlttkuittit t\Ia:-
St ltnrclitrgs kttrtrtle keittt'
Grenzeil: Sc/l nt l9J(t
gdb er int I"il\t stin D(bttt,
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u'ttrtlc trrul 19.3O irt tlie
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ste jemals mit einem Auto erreichte Geschwin- dann aus dem Schatten heraus: 408,7 km/h
digkeit; '1926 erreichte der Brite Thomas mit Es gab kaum eine Variante des "Maschinen-
"Babs" schon 275 km/h, und als Major Se- sports", die nicht f ür die Ötfentlichkeit attral-
grave ein lahr später erstmals die magische tiv war. "Maschinensport" war im Zeitalter
300 km/h-Marke durchbrach, kannte die Be- von Weltraumträumen und Raketenkult dre
geisterung kaum mehr Grenzen adäquate Umsetzung des Technikenthusias-
Der Dramaturg der städtischen Bühne Essen mus: Er stand für den "Rekord" der kapitali-
beendete damals sein Gedicht "327 Stunden- stisch-technischen Entwicklung.
kilometer" mit den Versen: Es ist vollbracht,
das einmal einzige Ereignis,/denn:l Diese
Fahrt bleibt ewig ohne ein Gleichnis,/ und/ Schmeltng statt Lenin, Rademacher und Houben
statt Ebert und Hindenburg?
lene, die den Rekord überbieten, morgen oder
später,/ allel Müssen rasen im Schatten von Als im Februar 1926 der Deutsche Franz
5egraves 327 Stundenkilometer. 1932 raste Diener gegen den Spanier Paolino Uzcudun
Malcolm Campbell mit seinem "Blue Bird" um die Europameisterschaft im Schwerge-

9
Abb.9 und 1O
I I I rctrierler Filn-Kurie r
Nr. 723: Die Frau mit
dem Weltrekord, D 1927
In 130 Licbtspieltbeatern
in und um Berlin uurde
der Filn, zeitgleicb
außertibrt

lntellektuellen und der Schickeria wer-


den. "Max" wurde zu einem ldol.

An seine Begegnung mit einem der


bekanntesten Bildhauer seiner Zeit, mit
Rudolf Belling, erinnert sich Schmeline
in seinen Memoiren: Wenige Monate
später bat Belling mich in sein Atelier.
'Wollen Sie mir Modell stehen?', fragte
er. lch wies ihn darauf hin, daß George
Grosz mich gerade gemalt habe. 'Ja, ja'
erwiderte Belling, 'Sie sind, ohne daß
Sie das begriffen haben, viel mehr als
ein erfolgreicher Sportler.' Dann hörte
wicht boxte, versammelten sich gut 'i 0.000 ich zum ersten Mal, daß der Boxer für viele
Zuschauer um den Ring am Berliner Kaiser- gewissermaßen die geheime ldealfigur der Zeit
damm. In den Rahmenkämpfen sahen sie sei. Solche ldealfiguren wurden häufig mit
auch einen jungen Boxer namens Max "Kampfmaschinen" verglichen, eine durchaus
Schmeling. Ein halbes .lahr später bestritt er positive Bewertung im Urteil der 20er Jahre:
schon einen Hauptkampf im Lunapark. 5portidole verkörperten i n ihrer Ausstrahlun g
Dort versammelten sich gerade mal 4.000 das Streben der Gesellschaft nach Leistung,
Boxenthusiasten, um mitzuerleben, wie der Präzision, Kraft, Ausdauer und vor allem Per-
gerade 21jährige erstmals Deutscher Meister fektion - Attribute, die allesamt für Menschen
wurde. Max Schmeling - wer war das? Am wie für Maschinen gelten konnten. An Erich
12. Juni 1930 errang dieser erstmals die Welt- Rademacher, dem deutschen Konkurrenten
meisterschaft im Schwergewicht - vor 80.000 des "fliegenden Fisches" Jonny Weissmüller,
Zuschauern in New York. Der steile Aufstieg bewunderte man das Stakkato seiner Arm-
des jungen Boxers war die Bilderbuchkarriere züge, mit denen er 1926 in Philadelphia so-
der 20er Jahre und ließ Schmeling zum Lieb- gar einer amerikanischen Schwimmstaffel
ling der Presse, des Rundfunks, des Films, der über 500 m Brust in Weltrekordzeit davon-

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DIE MIT DEM WEL

ulntäi;'ifi;i^,-

il Abb. ro

schwamm. "Ete". wie er genannt wurde, ben im Mannheimer Stadion startete und
hielt damit sämtliche Weltrekorde im Brust- klar gewann.
schwimmen und wurde bei seiner Rückkehr
nach Deutschland begeistert empfangen. Gerade auch in der Arbeiterbewegung war
"Personenkult" nicht unbekannt; die Kraft der
Rekordsucht und kapitalistisches Konkurrenz- Bewegung erwuchs aus Solidarität und Ge-
denken waren die Hauptkritikpunkte, die von meinschaftsgefühl, die nach außen durch Mas-
Seiten des Arbeitersports gegen solche Kar- senaufmärsche und die kultische Hervorhe-
rieren und Einzelleistungen vorgebracht wur- bung einzelner demonstriert wurden: Marx-,
den. Wie ambivalent eine solche Kritik wat Lenin-, Bebel-, Kautsky- und Ebert-Bildnisse
demonstrierte der deutsche Ausnahmesprinter oder -Büsten schmückten Parteilokale und
der 20er Jahre. Hubert Houben, ausgerechnet Sportlerkneipen, während die nationalen Tur-
auf einem Berliner Arbeitersporffest: Er schlug ner natürlich ihren "Vater Jahn", "Willem
die nach den Olympischen Spielen 1924 in Zwo" oder Hindenburg verehrten. lm Sport
Paris durch Europa tingelnden amerikanischen konnte diese Distanz auf Dauer nicht durch-
Sprinter klar und stellte im gleichen Jahr noch gehalten werden. Max Schmeling, Erich Ra-
eine Weltjahresbestzeit auf. Solche Siege wa- demacher oder Hubert Houben waren in
ren Balsam auf deutschen Seelen, denn von diesem Sinne die ersten "gesamtdeutschen"
Olympischen Spielen war man ja noch aus- ldole. Oder, wie Hermann Kasack, der ehe-
geschlossen - eine Kriegsfolge eben, die auch malige Leiter des Kiepenheuer-Verlags, 1925
durch die "Deutschen Kampfspiele" nur min- im "Europa Almanach" durchaus weitsichtig
derwertig kompensiert werden konnte. Diese formulierte; Die groBen Sportvera nstaltu n-
lsolation, so diagnostizierte die "Neue Mann- gen des XX. lahrhundens werden wieder den
heimer Zeitung" damals, schüre den Hunger Begriff einer 'Gemeinde' wirklich machen,
des deutschen Sportpublikums nach Abwechs- deren Glauben / Ekstase/ Weltgefühl stärker
lung. Ersl1928 durfte eine deutsche Equipe und offenbarer ist als der einer KirchelNation/
in Amsterdam wieder an der Olympiade teil- oder Partei.
nehmen. Natürlich standen bei den Vorbereit-
ungen darauf die Stars immer im Blickpunkt, Horst Steffens
so auch im September 1927, als Hubert Hou-
"Des Frei€n Sportes Siegeslauf ..."
Die deutsche Ärbeitersportbew€gung
in den 20€rJahren

Nach anfänglichen kleinen Stockungen wuchs Diese Sätze entstammen nicht einer Reporta-
unsere Olympiade zu giganttscher Größe em- ge über eine der letzten Olympiaden, sondern
por und über sich selbst hinaus. Es schien, als einer Erinnerungsschrift uber die Erste Inter-
habe die Riesenveranstaltung ihre eigene Dy- nationale Arbeiter-Olympiade in Frankfurt am
namik gefunden. Wie ein Riesenmechanismus Main im )uli 1925. Heute weitgehend in Ver
von wunderbarer Präzision, auf die Sekunde gessenheit geraten, erlebte die Arbeiter-Turn-
abgestimmt, wickelte sich die Veranstaltung und Sportbewegung in den 1920er Jahren
ohne die klernste Störung ab. ihre Blutezeit.

ttHo.h
freie Turnerei"

Eine wesentliche Voraussetzung f ür das Ent-


stehen von eigenständigen Arbeiter-Turn-
und Sportvereinen war die ökonomische Ent-
wicklung im 19. Jahrhundert Der in Deutsch-
land zwischen '1835 und 187O einsetzende
Industrialisierungsschub schuf mit der indu-
striellen Arbeiterschaft eine neue soziale Klas-
se. Mit dem Übergang von exlensrven zu in-

fuli tensiven Produktionsmethoden und einer da-


mit einsetzenden Arbeitszeitverkürzung lag
1945 es für die Arbeiter im Bereich des Moglichen,
die für ihre Erholung vorgesehene freie Zeit
in Turn- und Sportvereinen zu verbringen.

Ahh. I 1
I'lakat zur 1 . htt. Arbeiter-
O Q ntpiule irt Frtt*ft rt
r

ant Maitt, Juli 1925

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Abb.12
l?t t t tt lgatt'i c b t sr i ege des
VJK 1llli6 ]Iililtrbcinl

Schon 1893 wurde in Gera im Rahmen eines gedanke in der Arbeiterbewegung trug eben-
ersten allgemeinen Turntages der Arbeiter- falls dazu bei, daß Arbeiter-Turn-, Radfahrer-,
Turner-Bund (ATB) gegründet Drei Jahre wa- Gesanqs- und weitere Kulturvereine entstehen
ren seit der Aufhebung des Sozialistenge- kon nten.
setzes (1878-1890) vergangen. Dieses Gesetz
hatte die .1unge Arbeiterbewegung in ihrer
Entfaltung gehemmt und eine lnteressenver-
tretung durch eigenständige Arbeiterorga-
nisationen zunichte gemacht. Während dieser Abb.13
Gestic ktes lWttulbi ld des
Zeit waren sozialdemokratische Mitglieder Arlniter Radfabrcrbun-
schikaniert und aus den bürgerlichen Turnver- des ''Solidaität . unt
1 920
einen ausgeschlossen worden, denn diese
Vereine hatten sich, einst den Einheits- und
Freiheitsideen der 1848er Revolutionäre ver-
pflichtet, zu chauvinistischen kaisertreuen Ver-
einen gewandelt. Für Paul Franken, ein Partei-
theoretiker der Weimarer Sozialdemokratie,
war die logische Konsequenz, so in seinem
Buchlein "Vom Werden einer neuen Kultur",
daß neben der politischen und sozialen
Achtung auch K/assenbewußtsein und das
Gefühl der Klassenzugehörigkeit die Arbeiter
veranlaßten, sich in besorideren Arbeiterver-
einen zusammenzuschließen. Der Solidaritäts-

rj
Abb.14
Sc b tuur de r Arl:e ile ßporl le r
attf dern II. IJutrclesfest itt
Nlirnheryq, 1929

Gleichzeitig entdeckten die lndustriearbeiter Dachorganisation aller Verbände war die 1912
die Arbeiter-Turnvereine auch als Stätten gegrundete "Zentralkommission fur Arbeiter-
ausgleichender körperlicher Betätigung und sport und Körperpflege" mit den beiden 5e-
geselligen Beisammenseins. 5ie unterschie- kretären Fritz Wildung und Cornelius Gellert.
den sich anfänglich in ihrer Form nicht von Die Kommission verfolgte das Ziel, die Arbeiter
den bürgerlichen Vereinen. lm Gegenteil, sie durch systematische Agitation gegen die bür-
verharrten, so Paul Franken, tn Nachahmung gerlichen Vereine zu Austritten aus den bürger-
und Kopierung bürgerhcher Vorbilder. Die lichen Organisationen zu bewegen oder ihren
Mitglieder waren in erster Linie Turner und Beitritt zu verhindern. Es gelang allerdings nie,
dann erst Klassenkämpfer. Ganz allmählich dieses Ziel ganz zu erreichen. Noch 1929
entstanden erste Ansätze fur eine eigenstän- mahnte deshalb Fritz Wildung, es sei wichtig
dige Kulturarbeit, womit eine Trennung für die Arbeitersportverbände, von der Men-
der Arbeiterschaft vom Bürgertum auch auf ge der noch zum Sport stoßenden .Jugend
diesem Gebiet vollzogen werden konnte, einen höheren Anteil zu erhalten als bisher.
und noch vor dem Ersten Weltkrieg gelang 7ätsache ist ja, daß eine große Anzahl jugend-

der Wandel von einem reinen Turnverein Iicher Arbeiter noch zum bürgerlichen Sport
hin zu einer Organisation moderner Körper- geht. Diesen Zustrom umzuleiten, ist eine der
kultur. wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre.

t4
Abb.15
AttstccktttuIaI tIt's ,1'I SIJ
irt Silbt'r

ttDi.
d"itt. Front des Klassenkampfes" Der bewußteste Teil der Arbeiterbewegung,

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich so Paul Franken, erkannte, daß nicht allein

die Arbeiter-Turn- und Sportbewegung zu der Kampf um höhere Löhne und kürzere Ar-
einer Massenbewegung. Zum Ende der Repu- beitszeit das Entscheidende ist, sondern da-
blik betrug die Gesamtmitgliederzahl 1,3 Mrl- rüber hinaus der Kampf um die Bedingungen
lionen, die sich auf einzelne Verbände wie der Menschwerdung überhaupt. Die politi-
z B den Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB), schen Führer versuchten, innerhalb der Ar-

den Arbeiter-Radfahrerbund "Solidarität"


(ARS) oder den Arbeiter-Athletenbund (AAD)
a ufteilte.

Weil sich Arbeitersportler auf den staatlichen


Landessportschulen einer ständigen Beei nf lus-
sung ausgesetzt sahen, realisierte der ATSB
1926 den Bau einer eigenen Bundesschule
Abb. 16
in Leipzig. Die Hälfte der gesamten Bausum- Orgatt des ATSB fiir dert
10. Kreis, Batlen, Pfrtlz,
me voh 1,25 Millionen RM war von Spen-
Saar. 19.12
dengeldern der Arbeitersportler selbst aufge-
bracht worden. Die Lehr- und Sportstätten
dieser Schule galten als die modernsten in
ganz Deutschland. Der ATSB sah die Aufgabe $$t
der Bundesschule darin, die Mitglieder auch N
in wissenschaftlich-theoretischer Hinsicht zu
bilden Nach einem Tätigkeitsbericht bedurfte
es dieser Sportschule schließlich auch des-
halb, weil nur sie ziel- und richtungsgebend
sein kann, und weil körperliche Erziehung nur
unter gleichzeitiger Beeinflußung des lnnen-
Iebens möglich ist.

r5
af
Rrei6logen 0n$e [en [ein.
abb.17
j16
s16 des Statutes des AAD
Lncltilreite fönilcn uerdnüoftet oerben; ]J]et'oilten öiirfen nacb dert Bescblt:issen
nid)t $eroudgobt oerben, jebodl tönnen Gtlrenprei[e in des Burtdestages 1928 in
:Toim norr 6porlgeräten, ,$l[eibunq unb ,{iterotur tlnt'
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Oip{ome qel}iitef oert'en. €)c$ ;ltueifrimpien uon Gin6e[,
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praiie; jurüdcrllottet oirt', Denn eti ii6 noth in gebrou{d,
iöfigern juftonb beiinöet.

beiterbewegung das Bewußtsein dafur zu kale waren und blieben verpönt. Ebenso die
wecken, daß eine Umgestaltung der Gesell- Teilnahme an den Olympischen Spielen mit der
schaft nur möglich sei, wenn sich der ein- Jagd nach Rekorden, der Kommerzialisierung
zelne Arbeiter die geistigen und moralischen des Sports und dem Nationalismus der teil-
Fähigkeiten aneigne, um die Machtfrage zu nehmenden Mannschaften. Die Arbeiter-Turn-
seinen Gunsten zu entscheiden. Auch setzte und Sportzeitung von 1931 rechtfertigte das
srch der ArbeitersportzumZiel, den bei der Leistungsstreben der Arbeitersportler wie
lndustriearbeit geschundenen und verunstal- folgl. lm Sport selbst fragt der sozialistische
teten menschlichen Körper zu regenerieren. Sportler nicht, wie komme "ich" zu Höchst-
Der Arbeiter sollte aus seiner sportlichen Be- leistungen, sondern wie kommen "wir" zu
tätigung neue Kraft schöpfen für den Kampf Höchstleistungen, wir als aufsteigende Klas-
um bessere Lebensbedingungen. se. Der sozialistische Sportler hat mehr als
Rekorde, er hat eine ganze Welt zu gewin-
nen. Der tiefste Sinn, der letzte Zweck, der
sVom
Kampfrekord zum Mrosensport( seine ganze Tätigkeit krönt und adelt, ist
Eines der auffälligsten Merkmale des Arbei- der Sozialßmus.
tersports bestand in der Ablehnung des
Wettkampfes, wie ihn die bürgerlichen Ver- Als größte eigenständige Arbeiterkulturorga-

eine betrieben. Das Prinzip "Solidarität" soll- nisation spielte der Arbeitersport eine wichtige
te den Konkurrenzgedanken ausschalten, öffentlichkeitswirksame Rolle bei den Festver-
die proletarischen Massenübungen die indivt- anstaltungen der Arbeiterbewegung. Bei den
duelle Jagd nach Rekordmarken, die Körper- traditionellen Umzügen am 1. Mai zeigten
hygiene den Körperverschleiß. Nach einem Arbeitersportler Menschenpyramiden und
anfänglichen Verbot ledes Preisturnens im "lebende Bilder" mit historischer oder allego-

19. Jahrhundert trat allmählich, nicht zuletzt rischer Thematik als Ausdruck von Solidarität.

aufgrund des Widerstandes in den Reihen


der Mitglieder, eine Lockerung ein, die erst
das Mannschaftswett-Turnen und schließlich
auch den Einzelwettkampf erlaubte. Ehrun-
gen jedweder Art, Preise, Kränze und Po-

16
Abb.18 cl
4-
Eri ttr te ru ngs tiic b le ir t ftli r
die Teihtelsrrter arr rler I
2. Arbeiler Ol.yn4)iade i,t
$
W'iett, Juli 19.31

.fs-dP

195?
'(Die Prol.tarier der ganzen welt in Antwerpen lg3itSieWaren mit ihren
vereinigen sich im Sport!'(
Leitmotiven "Nie wiedel i'ileg" machtvolle
Die wohl fur jedes Sportlerleben bedeutend- Manifestationen der internationalen Solida-
sten Feste waren die Arbeiterolympiaden ritat und der Einheit der Arbeiterklasse. Auf
in Frankfurt a.M. 1925, in Wien 1931 und ihnen kamen nicht nur der sportliche Ehrgeiz
der Arbeitersportler zum Vorschein, sondern
Abb.19 auch Elemente einer sozialistischen Festkultur
[]rkttrtcle u)nt 1ll. Be- mit ihren Umzügen, Massenübungen und
zi|ks-Tttnt utl(l SpotT
Weihespielen.
fest irt Martrtlteint
Srnrlbofen, ./ttli P21
1

Auf nationaler Ebene gestalteten sich die


beiden Bundesfeste des ATSB, 1922 in Leip-
zig und 1929 in Nurnberg, zu Massenver-
anstaltungen mit einem Heer von aktiv teil-
nehmenden Sportlern und einer Flut sportli-
cher Hochleistungen, die an Rekordmarken
des burgerlichen Sports heranreichten Eine
neuartige agitatorische Kunstform war das
beim zweiten Bundesfest von 10.000 Mitwir-
n?Uür.'frr.' r.a 3!!il1..a
kenden aufgefuhrte Festspiel "Mach dich
frei", das die politisch-ideologische Verskla-
ß.n$[h.tmo'ü.0Nrtffl
vung und die ökonomische Unterdrückung
des Proletariafs darstellte. Bewegungs- und
u^ i;.-'-. .i;1"-,::4
a eL+- 2.-. Sprechchöre, musikalische Begleitung sowie
qE , .!rs ,i,9M
.r ,14.*ou e{* Farb- und Lichteffekte untermauerten die
[[ rqlmtlur üm /. Rorl0 gefuhlsmäßige Bindung an die Arbeiterbewe-
..& hr brtr
Fcl# riss:ti gung. Die Arbeitersportfeste, die Ausdruck
einer neuen Lebensform und Festkultur waren,
sollten über Gemüt und Verstand den Willen
zur Tat wecken und stärken. Die Fest- und

17
Abb.20
Plakdl t'on 7. Kreis-ntrn
trild Spor{est des ATSB,
19.1O in Karlsrulre

Weihespiele gaben dem Sehnen und Hoffen, kommunistische Mehrheiten in den Vereinen
dem Willen und Kampfgeist der arbeitenden wurden auf Betreiben der sozialdemokrati-
Massen Ausdruck. schen Führung des ATSB ausgeschlossen. Bei-
de Lager beschuldigten sich gegenseitig, die
Arbeitersportbewegung spalten zu wollen Bis
'(Arbeltersportler (( Ende 1929 schloß der Bundesvorstand des
slnd Soldaten der Revolution
ATSB über 33 000 Mitglieder und 367 Ver-
Die Spaltung der politisch organisierten nati- eine aus dem ATSB aus.
onalen und internationalen Arbeiterklasse
wirkte sich nach 1918 auch auf den Arbeiter- Die abgespaltene revolutionäre Opposition
sport aus. Ebenso wie in den Gewerkschaf- gründete darauf hin in Berlin eine " lnteressen-
ten begannen die Kommunisten auch in den gemeinschaft zur Wiederherstellung der Ein-
Vereinen eine revolutionäre Opposition auf- heit im Arbeitersport" (später "Kampfgemein-
zubauen. Mit einem theoretischen Konstrukt schaft fur Rote Sporteinheit") Da die lnteres-
der "Gleichberechtigung und Neutralität" ver- sengemeinschaft von Behördenseite nicht als
suchten die Funktionäre im ATSB, die organi- Sportverband anerkannt wurde, blieben ihr
satorische Einheit zu wahren. Dies gelang staatliche und städtische Beihilfen weitestge-
mehr oder weniger bis 1927/28.In den Jah- hend versagt. Hauptziele dieser Organisation,
ren 1926/27 setzte sich auch in der interna- in der sich die ausgeschlossenen Arbeiter-
tionalen Arbeitersportbewegung die Einheits- sportler zusammenfanden, war die Organisie-
frontpolitik durch und bescherte dem ATSB rung von Sportwettkämpfen, auch auf inter-
einen regen Sportverkehr mit der Sowjetuni- nationaler Ebene, und der Kampf qeqen Mili-
on. Nachdem der Bundesvorstand des ATSB tarismus und Faschismus.
im Sommer 1927 die Sporbeziehungen zur
Sowjetunion abrupt einstellte, brach die Die Spaltung trug nicht nur zur Schwächung
"Sozialistische Arbeitersportinternationale " der Arbeitersportbewegung, sondern der ge-
in Luzern auf Betreiben von Fritz Wildung im samten Arbeiterbewegung bei. Bis zur End-
Herbst 1927 mit der kommunistischen "Ro- phase der Weimarer Republik standen sich auf
ten Sportinternationale" in Moskau. Kommu- Reichsebene die Sportfunktionäre der beiden
nisten in den Vorständen der Verbände und Organisationen verfeindet gegenuber.

1a
Abb.23
Ld z tc 11 i t,lll ia( I s nk t rkc t t
(las,lrbLtiter Atlt l.tt) il-
Iltutdas r.\)r (lan l;arbot
19]J

19

Abb.21 und 22
Aüeit.'r Slrofildg iil
,lI(uütl.)ainr, I9.J0
( ]i'e i ii b t I t gct t M ai n t rc r)
r
Mit der Besetzung der Leipziger Bundes-
schule irn März 1933 durch die 5A war
das Ende der Arbeitersportbewegung
besiegelt. Trotz der Bemühungen fuhren-
der sozraldemokratischer Sportf unktio-
näre, den Nationalsozialisten mit Lippen-
bekenntnissen die Arbeitersportbeweg-
ung anzudienen, wurde der ATSB am 30.
April 1933 offiziell verboten. Viele der
Arbeitersportler wechselten daraufhin in
bürgerliche Vereine über, n jcht wenige
wurden zu aktiven Widerstandskänrpfern
gegen das NS-Regime.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges ver-


zichteten die ehemaligen Sportfunktio-
näre darauf, an die unterbrochene Tradi-
tion anzuknüpfen. Man setzte ebenso
wie in der Gewerkschaftsbewegung auf
eine demokratische Durchdringung ein-
heitlicher 5portverbände. Vereinzelt kam
es zwar zu Wiedergründungen von Arbei-
ter-Turn- und Sportvereinen, aber diese
ignorierten größtenteils ihre Vergangen-
,' 'i: heit.

Margit Unser

19
ZitTerte und weiterführende Literatur

Baumunk, Bodo-Michael: Lindner, Rolf:


Grätsche seit- und Rolle rückwärts. Arbeitersport. Die Sportbegeisterung.
In: Ruppert, Wolfqang (Hg.): Dae Arbeiter. Lebensformen, ln: Jeggle, UIzlKotII, Gottf riediScharf e, Martin Affarneken,
Alltag und Kultur von der Frühindustrialisierung bis zum BerndJürgen (Hg.): Volkskultur in der Moderne. Probleme
,,Wirtschaf tswu nder". und Perspektiven empirischer Kulturforschung.
München 1986. S. 325-334. Reinbek bei Hamburq 1986.5.249 - 259.

Becker, Frank: Schmeling, Max:


Amerikanismus in Weimar. Sportsymbole und politische Erinneru ngen.
Kultur 1918 - 1933. Frankf urt a.M./BerlinllVien 1977
Wiesbaden 1993.
Teichler, Joachim/Hauk, Gerhard (Hg.)
Dierker, Herbert: lllustrierte Geschichte des Arbeitersports.
Arbeitersport im Spannungsfeld der Zwanziger Jahre. Berlin/Bonn 1 987.
Sportpolitik und Alltagserfahrungen auf internationaler,
deutscher und Berliner Ebene. Ueberhorst, Horst (Hg.):
Essen 1990. Geschichte der Leibesübunge n Bd.3/2. Leibesübungen und
Sport in Deutschland vom Ersten Weltkrieg bis zur
Eichberg, Henning: Gegenwart.
Die Veränderung des Sports ist gesellschaftlich. Die Beriin/München/Frankf urt a.M. 1982.
historische Verhaltensforschung in der Diskussion.
Milnster 1990. Wagner, Helmut:
Sport und Arbeitersport.
Eisenberg, Christiane: Köln 1973 (Wiederabdruck der Ausgabe von 193'1).
lvlassensport in der Weimarer Republik. Ein statistischer
Überblick. Weimarer Republik.
ln: Archiv {ür Sozialgeschichte XXX|ll/1993. S.137 117 Herausgegeben vom Kunstamt Kreuzberg, Berlin, und dem
lnstitut für Theaterwissenscha{t der Universität Köln.
Franken, Paul: Berlin'1977.
Vom Werden einer neuen Kultur. Aufgabender Arbeiter-
Kultur und -Sportorganisationen. Hinweis:
Berlin 1930 (Reprint f,,4ünster 1984). Zur Sonderausstellung erscheint in der Reihe "LTA-For-
schung" von Margit Unser: Gelebte Geschichte. Alltags-
Grupe, Ommo (Hg.): er{ahrungen von Mannheimer Arbeitersportlern der
Kulturgut oder Körperkult. Sport und Sportwissenschaft Weimarer Zeit.
im Wandel.
Tübinqen 1 990.

Kasack, Hermann:
Sport als Lebensgef ühl.
ln: Die Weltbühne 24, N(.41/1928. S.557 - 560
Blldnachweise

Titelbild Rückseite
Festzeitung zum 13. Deutschen Turnfest München 1923 Freiübungen auf dem l. Bundesfest in Leipzig 1922
Deutsches Sportmuseum, Köln Hans Schulenburg, Karlsruhe

Kunstwerk:
@ VG Bild-Kunst, 1994

Weitere Bilder von:


Abb. 1

Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim Alexander-5eitz-Geschichtswerkstatt, Marbach a.N


lm Hindergrund: Stadtarchiv Mannheim Stadtarchiv Frankfurt a.M.

Abb. 2, 9, 10, 13,20


Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim

Abb.3
Büchergilde Gutenberg
Aufnahme: Landesmuseum für Technik und Arbeit in
Mannheim (Buchtitel)

Abb. 4, 1 5, 16,17 , 18, 21, 22, 23


Paul Fahrnbach. Ludwigshafen-Oggersheim

Abb. 5,6
Adam Opel AG, Rüsselsheim

Abb.7
Welsh lndustrial and Maritime Museum, Cardiff

Abb.8
Sti{tung Deutsche Kinemathek, Berlin

Abb. 11
Volkstümlicher Wassersport Mannheim e.V

Abb. 12
Siegfried Angelis, Mannheim

Abb. 14
Otto Bauder. Mannheim

Abb.19
Kätchen Erny, Mannheim

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