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Landesmuseum
für Technik und Arbeit
in Mannheirn
Tanz auf dem Vulkan
Die Goldenen 20er in Bildern, Szenen
und Ob.jekten

Sonderausstellung des Landesmuseums


für Technik und Arbeit in Mannheim
vom 10. September 1994 bis 31. Januar 1995

Begleithefte zur Ausstellung

Bilder, Szenen H. Steffens/M. Unser


und Objekte
Radio für alle U. Kern/H. Steffens

Literatur und K. Möser/Ch. Kleppel


Buchkultur

Normierung 1 V. Benad-Wagenhoff/R. Seltz

Normierung 2 K. Budde

M assensport H. Steffens/M. Unser

Bilderwelten H. Steffens

Volksvergnügen H. Steffens/J. Abele

lmpressum

Gestaltung : Heike Morath


Fotografie: Brigitte crassmann, Jerzy Janiszewski, Klaus
Luginsland, Rainer Paasche, Claude Seelig, Regina Spät
Textredaktion: Gerhard Zweckbronner

@ beim Herausgeber:
Landesmuseum für Technik und Arbeit
in Mannheim
Museumsstraße 1, 68165 Mannheim
Alle Rechte vorbehalten. Mannheim 1994
Gedruckt mit freundlicher Unterstützunq des
Museumsvereins für Technik und Arbeit e.V

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme:

Tanz auf dem Vulkan


Die Goldenen 2Oer in Bildern, Szenen und Oblekten
Hrsg. vom Landesmuseum für Technik und Arbeit
in Mannheim
Steffens, Horst/Unser. Margit
tSBN 3-98040'15-0-2
Bntno Böttger:
Gasuerk in Scbönebe,E (Aufrubr II)
uf K upfe rd ru c kp ap i e r,
R a d i e ru ng a
1924
Berlin Mrceum, Berlin

Bruno Böttger schuf 1924 miI seinem sechstei-


ligen Zyklus "Aufruhr" ein Panorama des sozialen
Konflikts in der frühen Weimarer Republik. Zwi-
schen Revolution und Überwindung der lnflation
erschütterten Streiks, Aussperrungen, Hunger-
unruhen, Erwerbslosendemonstrationen und
Plünderungen viele Großstädte des Deutschen
Reichs.
T nz auf dem Vulkan

Die Goldenen 20er in Bildern, Szenen


und Objekten

Niemals war eine Epoche so sehr auf Schau- ßischen Herrenhauses zurief, war es offenkun-
bilder versessen, wte die unsrige. dig bereits zu spät: "Der Vulkan" - so ein Ro-
(Fernand Leger,1925) mantitel von Klaus Mann - stand kurz vor dem
Ausbruch. Fast schon eine lronie der Geschich-
Das Leben ist reicher an Vorgängen,aber te ist es da, wenn ein Nazi-Meisterregisseur
armseliger an see/Echem Inhalt geworden. 1938 mit einem Film politische Schwierigkeiten
(Richard Woldt, 1926) bekommt, der unter dem Titel "Tanz auf dem
Vulkan" Sympathien für das aufständische Volk
Kaum eine andere Epoche unserer Geschichte von Paris erweckte, das 1830 gegen einen Des-
hat in einem vergleichbaren Tempo Gesellschaft poten revoltierte.
und Wirtschaft, Kultur und Alltag so grundle-
gend verändert wie die gerade 14 Jahre wäh- Die Sonderausstellung des Landesmuseums
rende Weimarer Republik. Das Schlagwort greift das Bild vom "Tanz auf dem Vulkan" in
"Amerikanismus" war in aller Munde, die Deut- einer Präsentation auf, die Kunst mit materieller
schen schlitterten vom Kaiserreich in eine Zeit, Kultur konfrontiert, die Arbeitswelt ins Blick-
in der Tempo, Experiment und Umbruch die feld rückt, Kultur als Alltagsphänomen und
typischen Zeiterfahrungen wurden. Der Schritt damit als "Massenkultur" aufspürt, Visionen
in die Moderne mißlang - vor allem politisch: aufgreift, Realitäten und Widerspruche zeigt.
Die nationalsozialistische Barbarei folgte einer
mißlungenen Revolution und einem republika-
nischen Experiment, das keine Zeit und keine Raketenkult und Weltraumträume
Möglichkeiten fand, demokratische Tugenden Zwischen Kriegstrauma und Inflationsängsten,
und "ökonomischen" Futurismus, kulturelle politischem Wirrwarr und Arbeitsplatzsorgen
Vielfalt und soziale Gegensätze gleichermaßen begeisterten die Menschen der 20er Jahre sich
auszuhalten und auszuqestalten. für eine Technik, die einen Aufbruch in neue
Zeiten signalisierte und einen Ausbruch aus der
Wir sind nicht am Rande eines Vulkans, wir sind tristen irdischen Welt anbot: Die ldee einer Ra-
mitten drin. Als Hans Hirschfeld, Severings Mi- kete zu den Planetenräurnen (Hermann Oberth,
nisterialrat im preußischen lnnenmi nisterium, 1923) wurde wissenschaftlich erforscht und
'l
diese Warnung 931 den Mitgliedern des Preu- erfolgreich popularisiert. Eine erste Weltraum-

2
Jens ts
Sf ra Abb. I
walter Heiclrctt:
Jetßeits der Stmtospbiirc.
Erle bni sse zu,isc b e tt M otttl
ttrtcl |lnle, Berlin 1931

industrie dieser Raketeneuphorie. Der Regis-

von en seur Fritz Lang brachte 1929 nach dem Dreh-


buch seiner Frau Thea von Harbou "Die Frau
im Mond" ins Kino, einen phantastischen Aben-
teuerfilm mit enormem technischen Aufwand
Euphorie entfachte der Wissenschaftler und und konstruktionswissenschaftlicher Authen-
Publizist Max Valier mit seinen zahlreichen Bü- tizität: Hermann Oberth, der Pionier der deut-
chern und Vortragsreisen. Die erstaunlich ho- schen Raketentechnik, hatte den Regisseur be-
hen Auflagen populärwissenschaftlicher Welt- raten. Als die Nazis Jahre später die Raketen-
raumbücher und die ersten Versuche zunächst entwicklung zu militärischen Zwecken weiter-
mit Feststoff- und dann mit Flüssigkeitsraketen trieben, verboten sie Langs Film 1937 und be-
förderten die Hochkonjunktur fur die Utopie schlagnahmten sämtliche Modelle, Zeichnun-
einer zukunftigen Welt, in der die Menschen gen und Filmkopien.
mit Hilfe von Raketen, Luftschiffen, Untersee-
booten und Maschinen ferne Welten im All und
in den Meeren erforschen und beherrschen
lernen.

Vor Bewunderung ergriffen - so der Konstruk-


teur und Augenzeuge Max Valier - verharrten
die Beobachter auf der Opel-Rennbahn Rüssels-
heim, als dort am 12. April 1928 der erste of-
fizielle Start eines Autos mit Raketenantrieb
gelang. Ein gutes Jahr später, Ende September
1929, hatte Fritz von Opel den Sander-Rake-
tenantrieb in ein von Julius Hatry konstruiertes
Flugzeug bauen lassen. Damit gelang auf dem
Frankfurter Flugfeld erstmals ein bemannter Abb.2
Max Vrtlier:
Raketenflug mit Start aus eigenem Antrieb. W)tsbss itl dert Welt
Natürlich bemächtigte sich die deutsche Film- rattnt,1926 19-30

3
Abb.3
l| arht'pkrkttt frir tItrs
QUä (rle()tr, 1920

feststellte, da er als Anregungsmittel [...] sozu-


sagen nüchterne Räusche ermöglichte Kaffee
war nicht mehr nur das Getränk der feinen
Leute, auch der Arbeiterschaft war er mühsam
anerzogen worden. Als Kommunikationsbörse
neben den Kneipen eroberte sich deshalb das
Cafö einen festen Platz, ja, es konnte sogar
zum Symbol nationaler Wehrhaftigkeit, wie das
"Cafö Vaterland" in Berlin, oder Ort der Klas-
senauseinandersetzung werden - so in Hans
Milieukultur: Dle Kaffeehäuser
Grundigs Gemälde "Hungermarsch" (1932),
Der Ort, an denen bevorzugt über Sensationen der das beruhmte "Cafö Republik" passiert. Die
und Rekorde, spektakuläre Techniken, soziale soziale wie politische Bedeutung benannte
Krisen oder politische Entscheidungen räsoniert Egon Erwin Kisch, der "rasende Reporter", 1930
wurde, war in den Großstädten das Cafe. Hier prägnant: Das Kaffeehaus erspart uns sozusa-
fand das nachrevolutionäre Deutschland sein gen eine Wohnung, die man nrcht unbedingt
Spiegelbild: mondäne Tanzcafös und proletari- haben muß, wenn man ein Kaffeehaus hat.
sche Kaffeestuben, Konzert- und Kunstlercaf6s,
Literaten-, Theater- und Pressecaf6s - so viel- Abb.1
Int Kt r_ffeeb a tr s, 19-3-3
fältig wie die Bezeichnungen waren zunächst
noch die sozialen Trennlinien; aber diese Ab-
grenzungen verloren in der sich differenzieren-
den Klassengesellschaft immer mehr an Be-
deutung.

Allein in Mannheim zählte man 1922 bereits


über 60 Kaffeehäuser und Konditorei-Cafös.
Der Stoff, der hier genossen wurde, war für je-
ne rationalistische Zeit sehr bezeichnend, wie
der österreichische Kultursoziologe Egon Fridell

4
Abb.5
l ltppscb i ld Jii r Rqdio-
tt tul Gt tt nt ntc4iltrttt -
u'erlttttg

Medienmnder und "Radiosport"

Waren Kaffeehäuser Orte öffentlicher Unterhal-


tung, so wurde der Rundfunkempfänger in den
20er.Jahren zum Signum eines neuen, auch pri-
vaten Medienzeitalters. Die Begeisterung fur
"Funkzauber" und "Wellensalat" brach sich in geräte mit elektronischen Verstärkern und ein-
Deutschland ab 1923 Bahn, nur wenig später gebauten Lautsprechern kamen in den Handel
als in Amerika oder Errgland. Schon '1928 ver- lm Jahr 1929 preßte allöin die "Deutsche Gram-

zeichnete man mehr als 2 Millionen und 1934 mophon" schon 1O Millionen Schallplatten im
gar schon etwa 5 Millionen Rundfunkteilneh- iahr Auch die politischen Parteien nutzten die
mer, die dem "Radiosport" nachgingen. lm mediale Aufrustung für "moderne" Formen des

Zuge dieser Entwicklung entfaltete der Rund- Wahlkampfes mittels Schallplatte, Rundf unk
funk seine kulturelle, wirtschaftliche und poli- oder gar Film.
tische Bedeutung. Joseph Roth kommentierte
1932 eine Lrve-Übertragung in der "Frankf ur-
Massenliteratur und Buchkunst
ter Zeitung" sarkastisch: Am Abend vor dem
Box- Match Schmeling-Sharkey schrieb ein Als Erich Maria Remarques "lm Westen nichts
Schreiber im Berliner Lokal-Anzeiger: 'Der ist Neues" 1929 beim Berliner Ullstein-Verlag er-
kein Deutschet der heute nacht ruhig in seinem schien, wurden innerhalb eines Jahres fast eine
Bett schläft, während unser Max Schmeling - Million Exemplare verkauft. Damit war Remar-
in den Ring tritt.' Deutsch sein heißt schlaflos ques Buch die erfolgreichste literarische Neu-
sein, in den Nächten, in denen in Amerika erscheinung der Weimarer Republik. Völkisch-
geboxt wird. nationale Literatur verzeichnete jedoch eben-
falls hohe Auflagen. "Volk ohne Raum" von
Neben dem Rundfunk nahm die Grammophon- Hans Grimm etwa erschien 1928 und brachte
und Plattenindustrie in den 20er lahren teil am es bis 1933 auf 265.000 Exemplare; Werner
Aufschwung der Massenmedien: Neue Musik, Beumelburgs "Sperrfeuer um Deutschland"
zum Teil aus Amerika kommend, eroberte sich zählte auch zu den Auflagerennern und ließ
Marktanteile, neue elektroakustische Aufnah- sich innerhalb eines Jahres 120.000ma1 ver-
meverfahren wurden entwickelt, Wiedergabe kaufen.

5
Abb.7
Recldnt-Bt:icben,er
kauf\aulotnat

Als Jahrzehnt der Provokationen läßt sich die


Buchkultur der 20er Jahre beschreiben. lm
Schnittpunkt standen die Verarbeitung des Er-
sten Weltkrieges und die Hinwendung zur Mo-
derne, die Erprobung neuer Stilmittel und das
Verharren auf traditionalen Werten, die Ent-
wicklung literarischer " Kampfschriften " von
links wie von rechts. Wie unter einem Brenn-
glas bündelten sich die politisch-gesellschaftli-
chen Probleme auf einem literaristhen Markt,
der produktionstechnisch und verleqerisch auf
die Umbruchsituationen reagierte. Auf der einen

VVEFI.IER BEUMELBURG
$;;errfeirr r: ilit {-l *tf l{ill rn ö

Seite ermöglichte das Rotationsdruckverfahren


die Herstellung preiswerter Massenauflagen,
auf der anderen 5eite fand die politische Zer-
rissenheit der Weimarer Gesellschaft in der welt-
anschaulichen Lagerbildung der Verlage ihre
Entsprechung. Gleiches gilt fur den Kreis der et-
wa 30 Buchgemeinschaften. Unter diesen kam
5S iSL'. t a ! tii tt n;::i, '. cLL s I;::i- der Büchergilde Gutenberg, die 1924 gegründet
ti=; :i:talri.ti)laiit !ai::it _. :,i;il
l;.r::,r .r:.i':., ..i
.. wurde, sicher eine besondere Rolle zu, da ihr
erstmals eine dauerhafte Organisierung gewerk-
VERIAG GERHARD STALLING . OLI}ENBURG I. O. Abb.6
3:,- : i,r u-: lYertter Beutnelbtt rg:
schaftlich orientierter Leserinnen und Leser ge-
JEDER BUCHHANDLUNG ERHALTLICH Spenfetrcr unt Deutscb- lang. Zugleich setzte sie Maßstäbe in Typogra-
Iantl, 1929
fie und Buchgestaltung.

6
Zwischen lilassenkampf, Kunst und Knipsereir
Foto-Bilderuelten

Das Bild, so prognostizierte 1928 Johannes Abb.8


A rb e i t e rfot olitrt"f be i
Molzahn, Lehrer an der Breslauer Kunstakacle- det Arbeit
mie, wird eine der wirksamsten Waffen wer-
den gegen den Intellektualismus, gegen die Me
chanisierung des Gerstes. 'Nicht mehr lesen! f
Sehen!' wird das Motto der Erziehungsfragen
sern. Gerade klassenbewußte Arbeiter schie-
nen ähnlich zu denken, wenn sie, wie beispiels-
weise die Mannheimer Arbeiterfotografen
1931, zum 1. Mai unter der Losung demonstrier-
ten: Deine Kamera sei erne Waffe im proletari-
schen Kampf.

Als sich der Rollfilm und später auch das Klein-


bi ldformat du rchsetzten, verbreitete sich d ie

Amateurfotografie rasant, bekamen "Bilder"


im Alltag der Menschen eine immer größere
Bedeutung. Das umständliche Hantieren mit
großformatigen Glasplatten hatte ein Ende,
der Schnappschuß war möglich geworden. Da
zugleich das "Pressefoto" die zeichnerischen
lllustrationen aus der Zeitungen verdrängte und
die kleinformatigen Kameras für auf 5ensatio-
nen erpichte Bildreporter vorzügliche Arbeits-
geräte waren, die problemlos "Serienfotogra-
fien" zuließen, blieb die Fotograf
ie zwar noch
eine Kunstform, gleichzeitig aber wurde sie
zur Alltagsware in einer wahrhaft optischefn]

7
Abb.9
ßi nc (ler heku,t ttlestan
Kdnrcr(ß t\nr Zeiss |k(rl
urtr unt 19-JO (lie lkoiltd

j ' !),-.
l{-clss't ''

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Gegenwart. Die visuelle Wahrnehmung des an den Bankschaltern Schlange, um das Geld
Augenblicks konnte, anders als bei den "lau- für Brot, Butter und Bier in Wäschesäcken zu
fenden Bildern" der Wochenschau, von und verpacken. Ein Liter Milch kostete im Oktober
bei fast jedermann konserviert werden. Wäh- '1923 etwa 5,4 Millionen Mark.
rend Fotografen wie Hugo Erfurth oder August
Sander trotz der technischen Weiterentwick- Merkwürdig, aber wahr: Für die deutsche ln-
lungen im Kamerabau und des Filmmaterials dustrie war die lnflation ein Segen. Trotz welt-
eher auf Althergebrachtes vertrauten, verhal- weiter Wirtschaftskrise und der schwierigen
fen Kamerakünstler wie Paul Wolff der Klein- Umstellung von der Kriegs- zur Friedenswirt-
bildfotografie zum Durchbruch - trotzdem stets schaft florierte der Absatz deutscher Waren
mahnend: Die Billigkeit der einzelnen Aufnah- auf dem Weltmarkt, da sie, inflationsbedingt,
me darf für uns kein Grund sein, zum Knipser
zu werden! abb.10
Lobn utul Geb(ltsults
ztr b ltt ng per lYirsc b korb,
192-<

f nflation, Wirtschaftsmacht und Arbeitslosigkeit

Zur Finanzierung des Ersten Weltkriegs hatte


die Reichsregierung die umlaufende Geldmen-
ge verfünffacht - in der Absicht, daß die be-
siegten Gegner später f lir eine Deckung sorgen
müßten. Doch die Rechnung ging nicht auf :

Dem Staatsbankrott nahe, mußten nun noch


die Reparationszahlungen geleistet werden -
ein willkommener politischer Anlaß, die Schuld
fur die einsetzende lnf lation den Siegern zu-
zuschieben. Während Tag und Nacht die No- .' ...,*:
tenpressen ratterten, standen die Menschen

8
Abb.11
Frauerz atd dem Arbeils-
arnt im Warteraurn der
"kaufmärntischen Ab-
Ieilunq Qceiblicb)", 1926

konkurrenzlos billig waren. Mit hohen lnvesti-


tionen bauten Kriegsgewinnler wie Hugo Stin-
nes riesige Konzerne zusammen, die Traumfa-
brik "Ufa" begrundete ihr Medienimperium
in jenen Jahren; die Großchemie zelebrierte in
ihren Kartellbemuhungen die hohe Kunst der
Konzentration, Zentralisation und Marktberei-
nigung, bis '1925 die lnteressengemeinschaft
Farbenindustrie AG etwa 90% der Branche
kontrollierte. Auch neue lndustriezweige, wie
die Rundfunkindustrie, beschritten ähnliche
Wege.

Von solchen Erfolgen konnten die kleinen Leu-


te nur träumen. lhre in festen Geldbeträgen an-
gelegten Ersparnisse und kleinen Vermögen in den Strudel existentieller Nöte riß als die so-
verfielen; der alte Mittelstand verarmte; kleine genannte "Vollarbeitslosigkert".
Handwerker und Unternehmer, Angestellte
und Freiberufler wurden, so Gustav Stresemann Ab dem Winter 1925/26 war die Massenarbeits-
in seiner Nobelpreisrede 1927, proletarisiert. losigkeit dann ein Dauerproblem der Repub-
Und die Arbeiter hatten die lnflationskonjunk- lik; selbst Zeiten wirtschaftlichen Wachstums
tur eh als Wechselbad der Gefühle zwischen brachten keine Entlastung mehr. 1929 schwank-
Vollbeschäftigung und Arbeitslosigkeit erlebt. ten die Arbeitslosenzahlen zwischen etwa
Mannheims Arbeitsmarkt war dafür ein 5pie- 750.000 und über zwei Millionen, 1930 ver-
gelbild: Von uber 10.000 im Fruhlahr 1919 sank zeichnete die amtliche Statistik schon 2,7 bis
die Zahl der Erwerbslosen bis auf 1 265 im Ja- 3,2 Millionen Menschen als arbeitslos. Nach
nuar 1922, um genau zwei Jahre später mit vier bis fünf Millionen Arbeitslosen im Jahre
uber 20.000 eine neue Rekordmarke zu errei- 1931 wurde 1932/33 schließlich die Rekordmar-
chen Dazu kam die reichsweit grassierende ke von weit über sechs Millionen erreicht - auch
Kurzarbeit, die noch weitaus mehr Menschen dies eine Zahl, die nur annähernd die Wirklich-

9
keit widerspiegelte: Nicht mehr erfaßt wurden 2Oer Jahren: Entwicklungen in der Arbeitswelt
jene etwa eine Million Arbeitskräfte, die im als vielschichtigen und rasanten Prozeß der
Zuge sozialpolitischer Gesetzesänderungen sta- No\ierung in einem Bild zu verdichten. Einer
tistisch herausrechenbar geworden waren. von ihnen war Heinrich Hoerle. Sein "Denk-
mal der unbekannten Prothesen" von 1930 re-
flektiert ben Normierungs- und Rationalisie-
Von Prothesentechnik, Psychotechnlk und rungsprozeß seit dem Ersten Weltkrieg. Georg
täylorlslerter Büroarbeit
Schlesinger entwickelte zunächst die Prothe-
Was der Fotografie nur mit Mitteln der Collage sentechnik weiter und zählte dann zu den Be-
möglich war; gelang einigen Malern in den gründern der industriellen Psychotechnik. Ziel
dieser arbeitswissenschaftlichen Fachrichtung
war es, durch Normierung, Standardisierung
Abb. 12
Hehticb Iloerle: u nd beruf sorientierte Testverf a h ren nd ivid uel le
i

Dettkntal der unbekcrtrt Eignung zu messen, höhere Arbeitsprodukti-


len Protheseil, 193O
vität und gleichmäßigere Arbeitsleistungen zu
ermöglichen. Die Devise lautete: Den geeigne-
ten Mann an den geeigneten Platz. Dadurch
gelang es auch, Kriegsversehrte als Prothesen-
Arbeiter auf bis zu 960/o der Leistung gesunder
Facharbeiter zu bringen.

Mitte der 20er Jahre entfaltete sich im Rationa-


lisierungsrausch die psychotechnische Phanta-
sie fast grenzenlos: Auslese
und Normung des
"Menschenmaterials" durch Experimente in
Laboratorien und Teststationen erstreckten sich
nun auf fast alle Arbeitsfelder - sowohl im Pro-
duktionsbereich auch als im Dienstleistungs-
sektor lmmer häufiger konnten wissenschaft-
liche Testergebnisse in die industrielle Praxis

10
Abb.14
Pryc b otec b tt i sc h es Gerlit
''Scbu lz'sche Puntpe " zur
P nl i"ft t rtg tr n t tnec b a n is c b e rrt
Ve ß Iü ttti s, Fi t rye r fe rt igke
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u rul Hatulgesc h ic klic b keit

Abb. 13
P s))c b otec h n i-s c lJ es G erd t
"Fitryererg)grap b " zut'
Prii,furtg und Messung der
Mu,\kelleßtilng urtd Er
ntiidbarkeit

übertragen werden. Hoerles Gemälde benennt


die Folgen: Ent-lndividualisierung, Vereinheit-
lichung, Austauschbarkeit, Reduzierung der
Fähigkeiten des ganzen Menschen auf Teil-
fun ktionen.

Auch der Dienstleistungsbereich blieb von Psy-


chotechnik und Rationalisierung nicht ver-
schont. Akkord-Arbeit im Fabriksaal ist heute
eine Selbstverständlichkeit, notierte 1929 eine
Fachzeitschrifl, Akkord-Arbeit im Büro dage-
gen etwas umwälzend Neues. Schon seit der
Jahrhundertwende waren Beamte und Ange-
stellte von Soziologen unter dem Begriff "Neu-
er Mittelstand" plakativ zusammengefaßt wor-
den - ein Ausdruck dessen, daß die zahlen-
mäßige Zunahme dieser Dienstleistungstätig-
keiten die althergebrachte Klassenstruktur
veränderte: 1925 ergab die Volks- und Berufs-
zählung, daß Beamte und Angestellte schon
16,5% aller hauptberuflich Eruverbstätigen aus-
machten. Bei allen Unterschieden der Quali-
fikation und des Arbeitsplatzes, die die ange-
stellte Sekretärin oder Verkäuferin vom eben-
falls angestellten lngenieur oder Manager trenn-
ten, waren Mechanisierung, Austauschbarkeit

.1.1',
und Anonymität Charakteristika auch der An- Nomterung und Alltagsleben
gestelltentätigkeit in den 20er Jahren.
Auf der Grundlage tayloristischer Berechnun-
gen entwarf Margarete Schütte-Lihotzky 1926
eine Küche für das Siedlungsbauprogramm
des "Neuen Frankfurt". lhr Ziel war, Arbeitsvor-
gänge in der Küche so zu organisieren, daß
Arbeitszeit eingespart und Arbeitskraft nicht
sinnlos vergeudet werden sollten. Mit der so-
genannten "Frankfurter Küche" wurde eine
Entwicklung fortgesetzt, die im "Bauhaus" und
im "Deutschen Werkbund" ihren Ausgang ge-
nommen hatte. Das funktionale "lndustriede-
sign" entsprach den Visionen rationaler be-
triebswirtschaftlicher Organisation des Ameri-
kaners Frederick Winslow Tayloq, die in Deutsch-
land zunehmend Anklang fanden. Mit dem
"Stahlrohrsessel" realisierte Marcel Breuer als
Werkstattleiter am Bauhaus diese Visionen in
einem völlig neuen Möbeltyp für den "privaten"
Gebrauch. Auch beim Alltagsgeschirr kamen
Bauhaus-Entwurfe als Massenartikel zur Aus-
führung, so das ab 1930 bei den Jenaer Glas-
werken produzierte Teegeschirr von Wilhelm
Wagenfeld oder die Keramiken von Otto Lindig,
hergestellt in der Staatlichen Majolika-Manu-
faktur Karlsruhe. Ebenfalls Massenartikel wur-
den bunte, geschmückte Keramiken, deren
Spritzdekor von Klee oder Kandinsky beein-
abb.15 flußt war.
Frankfurter Kiiche
Jahr Anzahl der Anzahl der
Streiks Aussperrungen
1919 3.604 bis 4.932 bis
38 60
1920 5.261 bis 8.682 1 bis
18 285
1921 4.861 bis 5.128 362 bis 579
1922 4.506 bis 4.924 424bis 437
'1923 2.035 bis 2.473 1746is 293
1924 1.614 bis 2.492 398 bis 1.167
1925 1.541 bis 2.688 225 his 97'l
1926 325 bis 675 42bis 127
1921 763 bis 1.221 114 bis 166
1924 692 bis 1.064 79 bis 132
1929 431 bis 723 19 bis 56
1 930 349bis 522 29bis 114
1 931 476 bis 861 42bis 2O4
1932 657 bis ? 16 bis ?

Quelle: Tenfelde, Klauvvolkmann, Heinrich (Hrsq.): Strelk. Zur


Ges.hichte des Arbeitskampfes in Deuts.hland w;hrend der ln-
dustrialisierung, München 1981, S 296-313.
Die Differenzen ergeben sich aus den unterschiedlichen Erhe
bungen der Freien Gewerkschaften (Gewerkschaftsstatistik)
und der Slatistischen Ämter des Deutschen Reichs (Rei.hs5ta
tistik). Bei der Rei(hsstatistik wurden hier wirtschaftliche und
pol'tische Streiks addiert. Bei den wirtschaftlichen Streiks sind
die Arbeitskämpfe der gelrerblichen, land und forstwiß-
schaftiichen Arbeiter solvie der Angestellten enthalten.
tische und soziale Konflikte prägten die Zeit: ln
keinem anderen Jahrzehnt deutscher Geschich-
te verzeichnete man eine solch hohe Zahl an
Arbeitskämpfen, in keinem anderen Jahrzehnt
Rationallslerung und Arbeitskampf
trug bisher die Arbeitslosigkeit in so hohem
Die durch den Zusammenbruch der hochge- Maße zur gesellschaftlichen Destabilisierung
züchteten Kriegswirtschaft, durch lnflation und bei. Mehr als 230 Millionen Arbeitstage entfie-
Wirtschaftskrise beschleunigten Rationalisie-
rungstendenzen schufen zunächst in der Elek-
Abb.16
troindustrie und im Fahrzeugbau Ansätze mo- Richard Woklt:
Die Arbeilyaelt der Tecb-
derner Betriebsorganisation und effektiver Ar-
nik, uerlegt fiir den sozial-
beitsabläufe. Vorreiter in Deutschland waren d ernolera ti sc b e rt Bii c lJe r
Firmen wie Bosch, Opel, Mercedes-Benz und hreß Berlitt 1926

der Mannheimer Traktorenhersteller Lanz. Die


Rationalisierungsbewegung und die umfassen-
den Normierungs- und Standardisierungsbe-
mühungen brachten einen kräftigen Amerika-
nisierungsschub. Dies bedeutete: GeErenstän-
de und Menschen werden unter die Lupe ge-
nommen, aufs eingehendste von allen Seiten
untersucht, Sekunden und Millimeter sind die
gel ä ufi gsten M essu ng sei n h eite n
eword en, g

wie Fernand Leger 1925 im "Europa-Almanach"


notierte. "Taktzeiten" ermöglichten, sich einem
betriebswirtschaftlichen ldeal anzunähern: der
optimalen Ausnutzung von Mensch, Maschine
und Material.

Doch wie sah es in der Arbeitswelt und im All-


tagsleben der 20er Jahren wirklich aus? Poli-

13
Abb. la
Die "stärk\le Frau" der
welt, Sartdtuirut, trat in
Vaietös auf; ibr Sobtt uar
in Engktnd als Prrtfibtxer
erftlgreicb.

len zwischen 1919 und 1932 (nach der Reichs-


statistik) durch Streiks, politisch motivierte Ar-
beitseinstellungen und Aussperrungen seitens
der Unternehmer. Vor allem in den Anfangs-
jahren der Republik bis 1924 prägten politi-
sche Streiks und Hungerunruhen das Konflikt- Massensport und Rekordbegeisterung

und Protestverhalten. Anläßlich solcher Unru- Geradezu euphorisch mutmaßte der Schrift-
hen waren etwa in Mannheim im März 1921 steller Hermann Kasack 1925. Die großen Sport-
vier Tote und sechs Schwerverletzte zu bekla- veranstaltungen des XX. Jahrhunderts werden
gen. Als im Oktober 1923 nach mehrtägigen wieder den Begriff einer 'Gemeinde' wirklich
Erwerbslosendemonstrationen, Streiks und machen, deren Glauben / Ekstase/Weltgefühl
Plünderungen von Lebensmittelgeschäften der stärker und offenbarer ist als der einer Kirche/
Ausnahmezustand über die Stadt verhängt Nation/oder Partei.
wurde, zählte man gar acht Tote und mehr als
zwanzig Verletzte. Der Sportboom der 20er Jahre basierte vor
allem auf einer regelrechten Expansion angel-
sächsicher Kampfsportarten und ihrer Regeln
nicht nur im Bereich des Wettkampfsports, son-
dern mehr noch in der Körperkultur. "Tayloris-
mus" und "Fordismus" setzten nun auch Maß-
stäbe in der Freizeit: Standardisierung des Sport-
platzes und der Sportgeräte als Voraussetzung
für den objektiven Leistungsvergleich; Verein-
heitlichung des Regelwerkes; quantitative Lei-
stungsmessung; Leistungsspezialisierung im

Abb.17
Boxer-Wettkänvfe in
Berlitt, 1928

',llt.
:'::.::'..
Abb.19
Di e " Fa n gk i i t tst Ie ritl'
Kötbe Giiftitü trdt im MAE
1920 im Martttbeinw
Apolb Iuf.

Verbund mit Rekordstreben; Einbindung in den


Wettkampf, also das Konkurrieren um Sieg
und Plazierungen. Solche Regeln waren den
Leibesübungen und der Körperkultur des Kai-
serreichs noch nicht eigen gewesen, nun aber
steigerten sie die Attraktivität des Breitensports.
Die Zahl der Vereinssportler stieg von etwa
zwei Millionen im Jahre 1913 auf etwa sieben
Millionen Anfang der dreißiger Jahre. Neue
Stadionbauten und Automobilrennkurse er-
möglichten sportliche Großveranstaltungen
und trugen der Attraktivilät Rechnung, die mo-
derne Gladiatorenkämpfe und Rekordversu-
che besaßen. Der "Zuschauersport" setzte sich
durch und gebar das Sportidol oder den "Re-
kordler" als Leitfigur der Zeit.

Illusionsmaschinenr Vaflet€ und l(ino

Wieder erstaunen wir, versuchen schüchtern


zu erklären, werden immer wieder getäuscht,
sind stumm - und staunen. Graziös, mit einer Mannheim galt in den 20er Jahren als eine der
leichten Handbewegung siehst du aus dem Variet6-Hochburgen 5üddeutschlands. Die Na-
Nichts Stoffe wachsen, Gefäße formen, Tiere men mancher Variet6-Direktoren besaßen in
aufflattern, siehst Menschen kommen und ge- der Artistenwelt oder gar beim Film einen her-
hen, siehst Farben und Formen - und du staunst vorragenden Ruf . lmmer wieder gelang es
vorher und nachher. Uferini, lehre mich ein ihnen, weltberuhmte lllusionisten, Magier, Ar-
Teilchen deiner Kunst,[.../. Hymnisch beschrie- tisten oder Kraftsportler zu engagieren. ln
ben Kritiker den Auftritt der Uferinis in Mann- Mannheims größtem Varietö, dem 1.500 Besu-
heim im Dezember 1927 cher fassenden Künstlertheater "Apollo", stan-

t5
Abb.20
Die uier Uessenß begeßter-
tL a l.s "Wrt ttdera krobaten"
te
den auch Girl-Trupps und große Ausstattungs-
das Mannbeimer Publikunt
im Fehruar 1924 revuen auf dem Programm. Gerade die "Girl-
kultur" war es, die Zeitgenossen von der Ratio-
nalisierung der lllusionsmaschine schwärmen
ließ. Der Arbeitswissenschaftler Fritz Giese the-
matisierte 1925 diese Zusammenhänge: Dle
Tiller Girls und andere Girltrupps waren Tanz-
maschinen, die im Zeitalter der Rationalisie-
rung die durch Vernunft und zweckmäßige
Überlegung geregelte Arbeitsweise demon-
strierten. Denn: /n diese Epoche paßt der Mas-
senmensch - wird Kollektivgeist Forderung
und ethischer Grundsatz!

Der "Massenmensch" war auch eine Erschei-


nung des Films und der Filmindustrie, obwohl
) diese Branche ja eigentlich von ihren unver-
;r': wechselbaren Stars lebte. Aber seit, wie Sieg-
-t fried Kracauer 1932 schrieb, selbst das kleinste
Nesf heufe sein Kino [hat], und jeder halbwegs
gängige Film durch tausend Kanäle an die
Massen in Stadt und Land herangebracht wur-
de, war auch der Film zur "Massenware" ge-
worden. Allein aus deutscher und amerikani-
scher Produktion wurden seit 1923 bis zur Ein-
fuhrung des Tonfilms 1929130 insgesamt 5059
Spielfilme auf den Markt geworfen. Ange-
sichts einer solchen Massenproduktion - Filme
wurden wie am Fließband abgedreht - war
die Zahl der Filmkunstwerke, mit denen die

t6
Abb.21
Ilann Piel in -Eit, Urt-
sicbtbarer gebt dttrclt die
Staclt", 1933

Blütezeit des Stummfilms in den 20er Jahren sten Tonfilm "Er oder ich" noch Unsicherheiten
gerne identifiziert wird, verschwindend gering erkennen. Gleichwohl schaffte auch er den Ein-
stieg ins neue Geschäft.
Als 1929 der Siegeszug des Tonfilms einsetz-
te, war dies eine Herausforderung für alle Mit der Einführung des Lichttonverfahrens be-
Filmschaffenden. Regisseure, Kameraleute und gann die Blütezeit der Operetten- und l\rlusik-
Schauspieler erlernten Hals-über-Kopf ein filme. Die "Ufa", die Fabrik schöner Träume, prä-
neues Medium; gerade laufende Stummfilm- sentierte Lilian Harvey und Willy Fritsch als
produktionen wurden hektisch nachgebessert "das Paar" schlechthin. Der geschäftlich erfolg-
und in Tonfassungen gebracht. Der Ton im Film reichste Ufa-Film dieses Genres war in den frü-
zerstörte die Stummfilmkultur: Es ist nicht mehr hen 3Oer Jahren "Die Drei von der Tankstelle"
die Jagd nach den großen Künstlerinnen des
Abb.22
Gebärdenspiels, sondern - nach der für das Mi- 'Wa
b lagitat io n per'fo tt"fi'hn:

krophon geeigneten Stimme, notierte das Rudolf Breitschekl (SPD)


'spricbt", 1929/30
"Mannheimer Tageblatt" im August 1929. Be-
kannte Stars drohten an der neuen Technik
zu scheitern. Der Regisseur Ewald And16 Du-
pont, der mit der Kameraführung immer auf-
wendiger hatte experimentieren lassen, verfiel
in seinem ersten Tonfilm "Atlantic" wieder in
eine merkwürdige Statik, nur um auch den Ton
aufs Zelluloid bannen zu können. Conrad Veidt,
der in einer Vielzahl von Stummfilmen als
wand ungsfäh iger
I C hara kterda rsteller zum Star
aufgestiegen war, reaqierte erschrocken, als er
sich in "Das Land ohne Frauen" erstmals von
der Leinwand sprechen hörte.

Auch das Multitalent Harry Piel, einer der ganz


Großen der Stummfilmära, ließ in seinem er-

t7
Abb.24
Vügleichswttkampf
lllattttbeim - Rtsland
der Ringer des Arbeiler-
Atbletenbuilds, 1926

Arbelterkuttur sangsverein, bastelten und hörten Radio im


Die Blütezeit der Arbeiterkultur waren die 20er Arbeiterradiobund, fuhren Rad oder Motorrad
Jahre. Von der Wiege bis zur Bahre konnten im Arbeiterradfahrerbund, turnten im Arbeiter-
Arbeiterinnen und Arbeiter sich kulturell orga- turnerbund, spielten Fußball im Arbeiter- oder
nisieren, ihre Weltanschauung, ihre politische Freien Sportverein, lebten abstinent mit dem
und gewerkschaftliche Bindung auch zur Arbeiterabstinentenbund, trieben Kraftsport im
Grundlage ihres Freizeitverhaltens machen. Zu Arbeiterathletenbund, erlernten das Fotogra-
Hunderttausenden waren Arbeiterinnen und fieren im Arbeiterfotografenbund, übten die
Arbeiter in ihren eigenen Verbänden tätig, san- internationale Kunstsprache im Arbeiteresper-
gen politische Tendenzchöre im Arbeiterge- antobund, wanderten irn Wald oder reisten im
Kreis des Tou ristenvereins "D ie Naturf reu nde ",

Abb.2.?
kauften in genossenschaftlichen Konsumverei-
"Le bendes B ild ", da rge- nen, erlernten Stenografie im Arbeitersteno-
stel lt wr. der J i u -J itst t-
grafenbund, übten Rettungs- und Nothilfe im
Abteilung du Freien
IUKmIntTLereiniguflg Arbeitersamariterbund, bauten Häuschen über
"Möre" .!I,lanrtbeim
die Arbeiterbaugenossenschaft, spielten
.'%i.,. Theater in den Gruppen des Arbeiterthea-
terbundes und lasen Bücher aus der ge-
werkschaftsorientierten "Büchergilde" oder
dem sozialdemokratischen "Bucherkreis".
Kinder- und lugendorganisationen, frei-
kirchliche oder atheistische Verbände bo-
ten Unterstützung in allen Lebenslagen.
Die Mitgliedschaft im Feuerbestattungs-
verein und die Einäscherung nach dem
Tode vollendete Lebensläufe, die geprägt
waren von Maximen wie Wahrheit, Frei-
heit, Brüderlichkeit oder der Turnerlosung
frisch, frei, stark, treu.

18
-l
:,)cutidtcl
Mit T.-po in die Katastrophe

Daß neue Brücken in Geschwindigkeit gebaut


Seftrtdu
werden, daß neue Automobile kommen, die
schneller fahren als frühere, daß die Zeitungen
heftiger und vielfältiger sind und nun beinah
zu jeder Stunde des lages erscheinen, daß der
Film bald sprechen wird und Farbe haben wird,
daß die Eisenbahnen elektrisch werden, daß
die Flugzeuge reizend über alle Ozeane hin-
wegkommen, daß die elektrischen Stuben-
Iampen raffinierter werden, daß die Arzte tol-
lere Operationen machen, daß der Nordpol
häufiger bewandert und bewimpelt wird, das
alles ist toll, ist hervorragend, ist nie erlebt,
ist neu, ist sensationell, ist Tempo, Tempo, Tem-
pol Was der Feuilleton-Redakteur des "Berliner
Tageblatts" 1928 mit ironischem Unterton no-
tierte, lief bald aus dem Ruder. Spätestens seit
Anfang der 30er Jahre war das Tempo zu
schnell geworden, die Kontrolle uber das repu-
blikanische Experiment verlorengegangen.
Der "Tanz auf dem Vulkan" war ausgetanzt.

Horst Steffens/Margit Unser

t9
Blldnachweise

Titelbild Abb. 19,20


Tanzendes Paar Circus-, Varret6- und ArtistenarchiV Marburg/1.
Reproduktion des Landesmuseum für Technik und Arbeit
in Mannheim Abb.22
Friedrich-Ebert-Stiftung/Archiv f ür Soziale Demokratie, Bonn
Abb. 1, 2, s, 9, 21
Landesmuseum f ür Technik und Arbeit in Mannheim Abb.23
Wilhelm Biedermann. Mannheim
Abb.3
Museum für Gestaltung, Zürich Abb.24
Siegfried Angelis, Mannheim
Abb.4
Bundesarchiv, Koblenz Abb.25
Ullstein Bilderdienst, Berlin
Abb.6,7
Schiller-Nationalmuseum Rückseite
Deutsches Literaturarchiv, Marbach a.N. Mercedes-Benz-Limousine Typ 3OO, 1926/21
Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim
Abb.8
Sportmuseum, Leipzig

Abb. 10 Weitere Bilder von


Süddeutscher Verlag, Bilderdienst, München
Deutsches Rundfunkarchiv, Frankfurt a. M.
Abb.11 Schirmer/Mosel Verlag, München
Museum der Arbeit, Hamburg Stiftung Akademie der Künste, Arbeiterliedarch jV Berlin

Abb. 12
Von der Heydt-Museum, Wuppertal
O VG Bild-Kunst, Bonn '1994

Abb. 13,14
Institut für Geschichte der neueren Psychologie,
Universität Passau, Passau

Abb. 15
Gesellschaft für Kunst und Denkmalpflege, Stuttgart

Abb. 16
Horst Steffens, Heidelberg

Abb. 17, 18
Deutsches Sportmuseum e.V, Köln
Impressum

Ausstellung Publikation: Begleithefte

Projektq r u ppe i m La n desm useu m : Herausgeber:


Horst Steffens (Projektleitung) Landesmuseum für Technik und Arbeit
Johannes Abele, Volker Benad-Wagenhoff, Kai Budde in Mannheim
Rüdiqer Seltz, lVargit Unser
Textredaktion:
Gestaltungsidee: Gerhard Zweckbronner
Filmbauhaus GmbH
Wischmann + Partner, Frankfurt a. Ivl. Bildrecherche:
Klaus Wischmann, Nikolaj Fadenhecht, Caecilia Gernand Regina Lesniewski
Thomas Rosemann
Gestaltu ngsausf üh r u ng u nd Auf bauorgani sati on :
UVO Kommunikations cmbH, Frankfurt a. M. Grafische Gestaltung:
Heike Morath
Au sf ü h ru ng der maler i sch en E ntwü rf e.
Beatriz Bobenrieth. Frankfurt a. M. Fotoarbeiten:
Brigitte Grassmann
Au sf üh ru ng der B il d h a u era rbeiten : Jerzy Janiszewski
Karsten Lehmann, Darmstadt Klaus Luqinsland
Reiner Paasche
Fassadenbauten: Claude Seelig
Fa. 8ühnen & Bilder, Frankfurt Regina Spät
Fa. Treutel, Langen
Autoren:
Resta u r i e r u n q sa r b e ite n : Johannes Abele, Volker Benad-Wagenhoff, Kai Budde,
Restaurierungswerkstätten des Landesmuseums Christoph Kleppel, Ulrich Kern, Kurt Möser, Rüdiger Seltz,
Horst Steffens, Margit Unser
Schreiner-, Metall-, Maler-, Elektroarbeiten und Modellbau:
Werkstätten des Landesmuseums

Foto- und Druckarbeiten:


Bereich Grafik-Design, Druck und Foto des Landes-
muSeums
Wir danken dem Stadtarchiv Mannheim für seine
Ausstel I u n gspla kate, Lepo rel los u nd E i nl ad u ngska rte: f reundliche Unterstützung.
Kurt Dörr, UVO Kommunikations GmbH, Frankfurt a. M.
Rosa Seegerer, Mannheim Eine Sonderausstellung im Rahmen der Veranstal-
Maria Ender tungsreihe ,,Widerstreit der Bilderwelten - Kunst und
Kultur der 20er Jahre" des Arbeitskreises Rhein-
Presse- u n d Öffentl i ch keitsa rbeit : Neckar-Dreieck, Mannheim.
Wolf-Diether Burak
Vezelchnls der Leihgeber (Stand 16.E.94)

Abele, Günter, Stuttgart Förderverein Film- und Kinomuseum Baden-Württemberg,


Biberach a.d. Riß
Ahner, Maria-Erika, Weimar
Förderverein Sächsisches Sportmuseum Leipzig e.V, Leipzig
Angelis, Siegfried, Mannheim
Gemeindearchiv Nußloch, Nußloch
Arbeiter-Sängerbund'l 865 e.V, Mannheim
Gesangverein Aurelia 1872 e.V, Mannheim
Arbeitermusikarchiv Klaus-Jürgen Hohn, Nürnberg
Hatry, Julius, Mannheim
Badisches Landesmuseum, Karlsruhe
Hernrich, Josef , Mannheim
Bauder, Otto, Mannheim
Hinz Fabrik, Berlin
Beisel, Karl, Heidelberg - Ziegelhausen
Hoppe, Bernd, Schwetzingen
Berlin Museum, Berlin
Institut für Geschichte der neueren Psychologie, Universität
Biedermann, Willi, Mannheim Passau, Passau

Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft mbH, lnstitut f ür Theaterwissenschaften der Universität Köln,


Frankfurt a.M. Köln

Bücher-Bender, Mannheim Kadritzke, Ul{, Berlin

Busch, Günter, Heidelberg Kari-Ernst-Osthaus-lVuseum der Stadt Hagen, Hagen

C ircus-, Varietä- u nd Artistenarch iv, lr,4a rburg / L. Kheil, Fritz, Heidelberg

Deutsches Hygiene-Museum, Dresden Koch, Jürgen, Brühl

Deutsches lVedizinhistorisches Museum, lngolstadt Konditorei-Kaffee Herrdegen, Mannheim

Deutsches Sportmuseum e.V, Köln Kraftsportverein Schriesheim 1 903 e.V, Schriesheim

Deutsches Zweiradmuseum, Neckarsulm Männergesangverein Einigkeit-Lyra e.V 1908, Mannheim

Erny, Kätchen, Mannheim Männergesangverein Erholunq 1 875, Mannheim

Fahrnbach, Paul, Ludwigshafen Münch, Rolf, Mannheim


Filminstitut der Landeshauptstadt Düsseldorf. Düsseldorf Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Ditzingen

Firma Heiner, Groß-Karlbach Rauch, Otmar, Mannheim


Foftsetzung Leihgeber

Sammlung Rolf Deyhle, Stuttgart

Sandweg, Ernst, Mannheim

Scherbauer, Sepp, Reutlingen

Schiller-Nationalmuseum, Deutsches Literaturarchiv,


Marbach am Neckar

Schoppmann, Hans-Jürgen, Ludwigshafen

SPD-Unterbezirk Speyer, Speyer

Sportgemeinschaft Mannheim, Mannheim

Springer-Verlag, Heidelberg

Staatliche Kunsthalle, Karlsruhe

Staatsgalerie, Stuttgart

Stadtarchrv Mannherm, Mannheim

Stadtarchiv Schriesheim, Schriesheim

Steffens, Horst, Heidelberg

Stückle, Werner, Mannheim

Stuttgarter Gesellschaft für Kunst und Denkmalpflege,


Stuttgart

Technisches Museum, Wien

Traum, Berthold, Mannheim

Turn- und Sportgemeinde e.V 1 901 Rheinau, Mannheim

Unser, lvlargit, Heidelberg

Urlau, Waldtraut, Rechberghausen

Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Volkstümlicher Wassersport Mannheim e.V, Mannheim

Welsh lndustrial and Maritime Museum, Cardiff


Spofisofen

Wir danken folgenden Firmen und lnstitutionen für


ihre f reundliche Unterstützung:

Comparex-lnformationssysteme, Mannheim

Deutscher Gewerkschaftsbund, Mannheim

Dresdner Bank, Niederlassung Mannheim

H.M. Inter-Drink, Mannheim

Mannheimer Morgen, Mannheirn

Möbel-Unger GmbH, Mannheim

Museumsverein für Technik und Arbeit e.V, Mannheim

Obi Heimwerkermarkt, Mannheim

Obi Systemzentrale, Wermelskirchen

Odenwaldschule, Heppenheim

Sektkellerei Schloß Wachenheim AG, Wachenheim

Südwestzement, Leonberg

Tarkett-Pegulan AG, Frankenthal

VDI AK Technikgeschichte, Mannheim

Vitra GmbH. Weil am Rhein

Volksbank Mannheim e. G.. Mannheim


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