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Tanz auf dem Uulkan

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Die Goldenen 2Oer in Bildern, Szenen
Lrnd Oblekten

SonderaLrsstellung des Landesrnuseunrs


für Technik und Arbeit in Mannheinr
vonr 10. Septenrber 1994 bis 31. Januar 1995

Begleithefte zur Ausstellung

Bilder, Szenen H. Steffens/M. Unser


rund Objekte

Radio f Llr alle U. Kern/H. Steffens

Literatur r.rnd K. Möser/Ch. Kleppel


Buchkultr-rr

Nornrierung 1 V Benacl-Wagenhoff/R. Seltz

Normierung 2 K. Budde

Massensport H. Steffers/M.Unser

Bilclerwelten H. Steffens

Volksvergnrlgen H. Steffens/J. Abele

lmpressum

Gestaltu ng : Heihe lr4orath


Foto9l rafie. Brigitte G rassnrann, (laus
Lug nsl.rncl, Rainer Paasche, Regina 5pät
Ie:ifrec/ak tlon. G erha rcl Zrveckbror r r rer

Gt be nr Herarsqeber:
Lanclesnruseunr {Llr Technil: uncl Arbe t
in lt.4annheinr
l.{r, .r,111-,1' ,lre l, 68165 [\lalrrLr" rrr
A le Rechie vorbehalten, l.4annheinr 1994
Geclrucl:t nrrt freundliclrer Unterstützung des
It.4LrseLrmsvereins {Lrr Technilt unil Arileit e.V

Die Deutsche Bib iothelt CIP-Einheitsaufnahnte:

Tanz auf clerr Vulkan


Norrrierungl ll: Funltt onelle Gestaltung
in Architel:tllr lncl De; qn
Hr;9. vonr Lanrle;nrlseurlr frlr Technilt LrncJ Arbeit
in lvlarrnlte nr
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lsBN l-980401 5-4-s
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Slill 41un

" Die metallmöbel sincl teile eines moclernen


raumes. "
Breuer, Marcel: Das neue Frankfurt, H. 1,
FrankfurVM. 1928
Auf dern Aquarell von Karl HubbLrch sind Stahl-
rohrsessel und Bauhar-rsleuchte gut zu erkennen
Frnr.tionerle cestattung in
Architektur und Design
Normierung und Tlpisierung in der We irnarer
Republik

Vom Deutschen werkbund zum Bauhaus Die Bemühr-rngen um eine neLle, von der histo-
Die Prrnzipien der Formgebung moderner deut- rischen Nachahnrung f reien Form galten zu-
scher Industrieerzeugnisse gehen auf die Er- nächst dem kunsthandwerklichen Einzelstück
neuerung der Formensprache von Architektur wie dem Serienerzeugnis. Je erfolgreicher aber
und Raum, von Möbeln und Gebrauchsgerä- diese BemuhLtngen wurden, um so deutlicher
ten in der Zeit unr die Jahrhundertwende zu- erkannte man, daß es nicht angemessen war,
rück - einer Fornrensprache, die heute gemein- mit den gleichen Entwr-rrfsrnethoden hand-
hin als lugendstil bezeichnet wird werkliche EinzelstLlcke und industrielle Serien-
erzeugnisse zu schaffen.
Abb. l
Tisr l.) nt
ld ntPe tt Jt t t' ker
rortl lYTtgattfakl. 192.1 1914 stellte Hernrann Muthesius während einer
Tagung des Deutschen Werkbundes in zehn
Thesen den Zwang zur Norm, zum Typus, zur
Ökonomie Lrnd zur einfachen, zweckbeding-
ten Fon.n dar. Damit hatte er zukunftsweisend
die Urrrisse einer Normierung und wirtschaft-
lichen Serienproduktjon skizziert. Der bereits
1908 gegrundete Deutsche Werkbund machte
sich - nach der Unterbrechung seiner Arbeit
durch den Ersten Weltkrieg - mehr und mehr
zum Anwalt der Forderungen nach eine| stren-
gen, zweckmäßiqen und wirtschaftlichen ln-
dustrieform. Er unterstützte während der kom-
rrenden Jahrzehnte alle Bemühungen um eine
Prod u ktsta nda rd isieru nq.

Den unmittelbaren Anstoß zLtr Gründung des


Deutsclren Werkbundes durch zwölf Kunst-
ler r-rnd Architekten und zwölf kLrlturell enga-
gierte Fabrikanten sowie Vertreter des öffent-

t
Abb.2
Lkkt risc lL'r '1
L'ekessel.
l)eler Bebretß. 19O()

lichen Lebens hatte das Unbehagen an der in- fabrik am Humboldt-Hain in Berlin lm Rück-
dustriellen "Kunstvergeudung" gegeben. Das blick auf das Wirken des Werkbundes vor dem
Ziel war die Zuruckgewinnung von Qualität in Ersten Weltkrieg ist festzustellen, daß seine
Material, Verarbeitung und Form sowohl für Bemühungen um eine Normierung des Indu-
das handwerkliche Einzelstück als auch für das strieprodukts am Widerstand des Zeitgeistes
industriell, das heißt serienmäßig gefertigte scheiterten. Über einige Musterbücher, die
Massenprodukt. Unter den Gründungsmitglie- schlichte Möbel und einfache Geschrrre zeig-
dern waren so bedeutende Persönlichkeiten ten, kam der Deutsche Werkbund nicht hinaus.
wie Peter Behrens, Theodor Fischer, Josef Hoff- In den Wohnungen herrschte bis auf wenige
mann, lVax Läuger, Josef Olbrich, Richard Ausnahmen noch der Plusch der Kaiserzeit.
Riemerschrnid und Fritz Schuhmacher. Zu den
handwerklichen Industriebetrieben, die sich Die tiefgreifenden Erschütterungen, die der Er-
den Zielen des Werkbundes in besonderer Wei- ste Weltkrieg ausgelöst hatte, schufen ein neues
se verschrieben, zählten die Deutschen Werk- künstlerisches Bewußtsein, das sich in Architek-
stätten für Handwerkskunst in Dresden, die tur und Design in formaler Nuchternheit äußer-
Kunstdruckerei Künstlerbund in Karlsruhe, die te. Der Deutsche Werkbund machte sich in vier
Wiener Werkstätte und die Vereinigten Werk- großen Ausstellungen zum Fürsprecher des
stätten f ür Kunst im Handwerk in München. sogenannten "Neuen Bauens" und "Neuen
Wohnens". Diese Ausstellungen ('1927 Stutt-
Am erfolgre;chsten im Sinne des Deutschen gart-Weißenh of , 1929 Grüneiche bei Breslau,
Werkbundes wirkte der Architekt Peter Behrens, 1931 Neubühl bei Zürich, 1932 Wien) waren
der 1907 in den künstlerischen Beirat der AEG als Siedlungen konzipiert; sie stellten Fragen
nach Berlin berufen wurde. In dieser Funktion des Wohnens und der Wohnhausarchitektur in
entwickelte er das Erscheinungsbild der AEG den Mittelpunkt. ln diesen Ausstellungen zeig-
und entwarf lndustrieprodLrkte wie elektrische ten sich am besten die neuen Bestrebungen des
Teekessel, Bogenlampen und Deckenventilato- Werkbundes: einfache und praktische Woh-
ren. Als Architekt machte er sich einen Namen nungsgrundrisse, eine international verbinden-
im lndustriebau: Nach seinen Entwürfen ent- de Norm in der Architektur, erste seriell qe-
standen 1909 die Turbinenfabrik Berlin-Moabit fertigte Mobel aus neuen Werkstoffen sowie
und die Hochspannungs- und Kleinmotoren- Haushaltsgegenstände, die sich harmonisch

3
Abb.3
lY/a lter G r( )pi r t s. I 928

Die Grundsätze der Bauhausproduktion mach-


Ie 1926 Walter Gropius in einem Druckblatt,
herausgegeben vom Bauhaus Dessau, wohin
die Institution verlegt worden war, deutlich:
Das Bauhaus will der zeitgemäßen Entwicklung
in die kühle Sachlichkeit des Desiqns einfügten der Behausung dienen, vom einfachen Haus-
Stilprägend waren dabei vor allem die Entwur- gerät bis zum fertigen Wohnhaus. tn der Über-
fe des Bauhauses. zeugung, daß Haus- und Wohngerät unterein-
ander in sinnvoller Beziehung stehen müssen,
ln Weimar war 1919 unter der Leitung des Ar- sucht das Bauhaus durch systematische Ver-
chitekten und Werkbundmitglieds Walter Gro- suchsarbeit in Theorie und Praxis - auf forma-
pius aus der Großherzoglich-Sächsischen Kunst- lem, technischem und wirtschaftlichem Gebiet -
gewerbeschule, die Henry van de Velde i906 die Gestalt jedes GeElenstandes aus seinen
gegründet hatte, und der Großherzoglich- natürlichen Funktionen und Bedingtheiten her-
Sächsischen Hochschule für bildende Kunst auszufinden. Der moderne Mensch, der sein
das Staatliche Bauhaus Weimar entstanden. ln modernes, kein historisches Gewand trägt,
den Jahren seines Bestehens realisierte das braucht auch moderne, ihm und seiner Zeit ge-
Bauhaus in seiner Arbeit und seinem Lehrpro- mäße Wohngehäuse mit allen der Gegen-
gramm auf wirksamste Weise die ldeen des wart entsprechenden Dingen des täglichen Ge-
Deutschen Werkbundes. Entwurfe und Model- brauchs. Ein Ding ist bestimmt durch sein
le aus den Werkstätten des Bauhauses gaben Wesen. Um es so zu gestalten, daß es richtig
oft das Vorbild und die Anregung für die deut- funktioniert - ein Gefäß, ein Stuhl, ein Haus -,

sche lndustrieproduktion jener Jahre und der muß sein Wesen zuerst efforscht werden, denn
kommenden Jahrzehnte ab. Dies galt beson- es soll seinem Zweck vollendet dienen, das
dersfür Möbel, Glas und Keramik. Die entwor- heißt, seine Funktionen praktisch erfüllen, halt-
fenen Möbel und Services sind von geometri- bar billig und "schön" sern. Diese Wesens-
scher Form, streng und klar. Sie wurden fur die forschung führt zu dem Ergebnis, daß durch
Architektur des "Neuen Bauens" geschaffen die entschlossenene Berücksichtigung aller
und sind typische Erzeugnisse der als "Neue moderner Herstellungsmethoden, Konstruktio-
Sachlichkeit" bezeichneten Bewegune. nen und Materialien Formen entstehen, die,

4
Abb.4
IIrsteilxuts 'Anr H(r'tl '

itr \l'einldr.
(ieorg l[ttclse tuttl
AtktlfMt'yer. 192.1

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Abb.5
IIatts-D . 19-11.
(]titrtber ()ttttttl.
Crntrad uztr Sttttlcrrt bei
Mies tdn der Rol:e.

von der Überlieferung


abweichend, oft un-
gewohnt und über-
raschend wirken
(verg Ie i che bei spiels-
weise den Gestalt-
wandel von Heizung und Beleuchtung) (Tenden- rung und Rationalisierung auch Eingang in die
zen, 1977, S.1/182). Die Gestalt eines Produkts Architektur. Dies äußerte sich in der Verwen-
zu verändern, hieß für Gropius auch, den An- dung neuer Materialien, neuer Baumethoden
spruch des Entwerfers neu zu definieren: Er und neuer Bauaufgaben. Die Architektur schuf
sollte Technik und Form in gleicher Weise be- die Räume des "Neuen Wohnens", die dann
herrschen und fähig sein, für die lndustrie - im ldealfall - mit seriell gefertigten Produkten
seriell umsetzbare Typen zu entwerfen. Ent- ausgestattet wurden. Gerade die Herstellung
sprechend verband das Bauhaus theoretischen neuer Möbeltypen hängt eng mit der neuen
Unterricht (Vorkurs und Formenlehre) mit der Architektur der 2Oer Jahre zusammen. Deshalb
praktischen Ausbildung. Endgültiges Ziel dieses sei hier ein kleiner Exkurs in die Architektur
gemeinsamen Arbeitens sollte das "Einheits- gestattet.
kunstwerk" sein. Dies konnte jedoch nur sel-
ten realisiert werden. Bekanntestes Beispiel Die zunehmende Verarmung in Deutschland
ist das experimentelle "Musterhaus" des Bau- nach dem Ersten Weltkrieg erzwang neue Lö-
hauses, 1923 entworfen von Georg Muche, sungen auf allen Gebieten. Die allgemeine
von Walter Gropius und Adolf Meyer technisch Wohnungsnot machte soziale Bauprogramme
verwirklicht und von den Bauhaus-Werkstät- bei den Kommunen zur Pflicht. Bau-Ausstel-
ten eingerichtet. lungen propagierten neue Haus- und Woh-
nungstypen und zeigten billige Mustereinrich-
tungen. Die Geldnot auf der einen Seite und
ttN.r..
Bauen* und die "wohnung der riesige Bedarf an Wohnungen auf der an-
für das Exist€nzmlnimum"
deren erforderten zur Senkung der Kosten eine
Parallel zur Normentwicklung im Design und Normierung im Bauen, rnsbesondere beim
zu r rationel len Produktionsweise fanden Normie- Siedlungsbau, der wohl wichtigsten Bauaufga-

5
be der 20er Jahre. Das "Neue Bauen" und die neuen Wege mit den Materialien Glas, Eisen
"Wohnung für das Existenzminimum" wurden und Beton in der Architektur schon vor dem
zum geläufigen Schlagwort. Ersten Weltkrieg möglich waren, hatte Bruno
Taut mrt seinen Zentralbauten "Monument
Doch stammten viele der ldeen, die das "Neue des Eisens" 1913 in Leipzig und mit dem "Glas-
Bauen" beeinflußten, aus den Reformansätzen haus" auf der Werkbundausstellung 1914 rn
der Architektur vor dem Ersten Weltkrieg, wie Köln gezeigt. Neue Bauaufgaben hatten neue
etwa die aus Enqland kommende ldee der Gar- Bauformen hervorgebracht, besonders im
tenstadt oder die aus ltalien stammenden f utu- lndustrie- und Zweckbau, wie etwa die schon
ristischen Stadtentwürfe, die beim Wohnungs- erwä hnte AEG-Turbinenfa brik in Berli n-Moabit
bau und den neuen Stadtbauprogrammen der von Peter Behrens oder die nur zwei Jahre
2Oer Jahre mitberücksichtigt wurden. Welche später fertiggestellte Schuhleisten- und Stanz-
messerfabrik Fagus in Alsfeld an der Leine von
Walter Gropius und Adolf Meyer
Abb.6
Fdgus-Verke irt Alsfekl
rt. tl. Leitrc. Wztlter Grcpitts Auch mit Beton hatte man schon experimen-
und Adolf Mer'er. 1911
tiert: zunächst mit kleinen Bauelementen, etwa
bei Kassetten für Gewölbe, die aus Zement
gegossen und mit Eisen armiert waren, dann
mit größeren Wand- und Deckenflächen, nach-
dem man Erfahrungen mit dem Material, der
richtigen Mischung und der Armierung gesam-
melt hatte. Architekturkonstruktionen in Eisen
und Beton, in denen sich Dynamik und Funk-
tionalität widerspiegeln, hatte der Archjtekt
Erich Mendelsohn schon während des Ersten
Weltkrieges entwickelt. Berühmtestes Beispiel
dieser in fließenden Formen konzipierten Be-
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ton-Architektur ist der zu Beginn der 2Oer Jahre
' ' .: .l-äa- .
-- : -:Si' '
:-_i_ gebaute Einstein-Turm der Potsdamer Stern-

6
Abb.7
Enlu\0f zu eitrcnt
G lct s ls oc ls Is tt tr s it t
Beilitt. LudtUiu
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Mies tdtr rler Robe.
I 1921/22

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Abb. a
GIusl:tttts au,f der Verk-
buntl-Altsstellung in
Köln. ]irurn nnrt. 1914

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warte. Aber auch Hans Poelzig, Hans Scharoun


und Walter Gropius arbeiteten mit dem neuen .-l ffi g . ei**-.

Baustoff, der bisher nicht realisierbare Spann-


weiten und Gewölbeformen zuließ und dabei
der Architektur einen leichten und eleganten
Charakter verlieh. Neuartige Hallen- und Brük- mer die Gefahr der Monotonie und Bedrük-
kenkonstruktionen entstanden in jener Zeit, kung, sofern nicht versucht wird, durch ge-
etwa die Halle "Stadt und Land" in Magdeburg schickte Kombination der Haus- und Raum-
(1921/22) oder die Val Tschiel-Brucke in Donath typen die Struktur aufzulockern.
(Graubunden) 1925. Noch handelte es sich
um spektakuläre Einzelbauten, aber der Sieges- Ein neuer Haustyp der 20er Jahre war das Hoch-
zug des Materials Beton war in der Architektur haus oder Turmhaus, wie man es damals
nicht mehr aufzuhalten. nannte. Zu Beginn der 2Oer Jahre hatte der Ar-
chitekt Ludwig Mies van der Rohe eine Reihe
Da bei den Kommunen als Träger der großen von utopistischen Bauten konzipiert, wozu
Siedlungsprogramme der Zwang bestand, die auch sein Glaswolkenkralzer (1921) zählte. In
Baukosten zu senken, strebte man nach einer einem.Aufsatz in der Zeitschrift "Fruhlicht"
Normierung und Typisierung der Bauelemente. schrieb er 1922 dazu. Nur im Bau befindliche
Durch massenhafte Herstellung wollte man Wolkenkratzer zeigen die kühnen konstrukti-
die Gestehungskosten senken. Ein genormtes ven Gedanken, und überwältigend ist dann
Bauelement dieser Jahre war die Bauplatte. der Eindruck der hochragenden Stahlskelette.
5ie spielte eine große Rolle beim Bau ganzer [...] Das neuartige, konstruktive Prinzip dieser
Siedlungen von Kleinhäusern, etwa in Frank- Bauten tritt dann klar hervor, wenn man für
f urI 1926. Massenwohnbau in Serie birgt im- die nun nicht mehr tragenden Außenwände
-".=-
Abb.10 =
At ßs tel lu ngspaui I bt t in
Ilatrcelüm.
Ludüig Mies tnn der Robe
1929

Glas verwendet (Bauhaus Archiv, 1987, 5. 201) den Bebauungsplan auf. Die Ausstellung hatte
Der Anlaß für seine Beschäftigung mit dem Bedeutung weit über Deutschland hinaus, weil
Hochhausbau war die Ausschreibung zu einem die Elite der damaligen Architekten an ihr be-
internationalen Wettbewerb für ein Turmhaus teiligt war: Jacobus Johannes Pieter Oud, Le
in Verbindung mit der Erweiterung des Bahn- Corbusier, Walter Gropius, Ludwig Hilbers-
hofs Friedrichstraße in Berlin 1921/22 heimer, Bruno Taut, Hans Poelzig, Mart Stam,
Peter Behrens und Hans Scharoun. 5ie zeigten
Für die Werkbundausstellung auf dem Weißen- ein städtisches ldealprogramm vom villenähn-
hof in Stuttgarl 1927, eine der frühen Muster- lichen Einzelhaus bis hin zum mehrgeschossi-
siedlungen des "Neuen Bauens" und des ln- gen Wohnhaus, wobei das sozialreformerische
ternationalen Stils, stellte Mies van der Rohe Programm gleichrangig neben dem architekto-
nischen zur Anschauung kam.
Abb.9
Weifi e n h of-S i e d I u n g it t
St ilttgart. Mdfti n Gropius, Der Pavillon, den Mies van der Rohe auf der
Lttdtuig Mies L'att der
lnternationalen Ausstellung in Barcelona 1929
Rohe, Mdrt Shnt tt.a. 1927
errichtete, war ein Ausstellungsgebäude und
kein Wohnhaus und somit eher ein architekto-
nisches Monument, das stellvertretend für die
deutsche Avantgarde der Architektur stand. Es

definierte in großzügigen und eleganten Li-


nien den Raum. Das Flachdach des Gebäudes
wurde von acht verchromten Stahlstützen ge-
tragen, der Raum durch einige Wandscheiben
gegliedert, aber nicht zerteilt. Die großen Fen-
ster erlaubten einen Blick nach draußen; die
Tönung ihres Glases jedoch schloß gleichzeitig
den Raum ab. Die Verwendung kostbarer Ma-
terialjen und eine sparsame Möblierung stei-
gerten die Raumwirkung.

I
lm gleichen Jahr war am Bauhaus Dessau der jekten entstanden zwischen 1925 und 1930
Architekt Hannes Meyer mit der weiteren Pla- ca. 30.000 Sozialwohnungen, die das Prinzip
nung der Siedlung Dessau-Törten beschäftigt, der englischen Trabanten- und Gartenstädte
deren drei erste Bauabschnitte 1926 bis 1928 mit den Konzepten und der Formensprache
von Gropius entworfen worden waren. Die des "Neuen Bauens" verbanden.
weiteren sahen langgestreckte dreigeschossige
Laubenganghäuser vor, von denen fünf ausge- Die Reduktion der Formensprache des "Neuen
führt wurden. lhre besondere Qualität laq rn Frankfurt"- so auch der Name der "Monats-
ihrer technischen Solidität und in der Ökono- schrift für die Fragen der Großstadt-Gestal-
mie der Grundriß-Disposition. Jeder der Bauten
enthielt 18 Wohnungen, die auf nur 48 qm Abb.11
Titelseite der Zeitscb if:
Grundfläche drei Zimmer und Nebenräume be- Das Neue Frat*furt.
saßen. Entscheidend war dabei, daß hier ein Hefi Nr. 5, 1926/27
durch die allgemeine Finanznot diktiertes Kon-
zept erfolgreich umgesetzt wurde. Die Ten-
denz, die Abmessungen der Wohnungen im-
mer weiter zu verkleinern, hatte aber nicht
nur ökonomische Gründe. 5eit der Wirtschafts-
,l929
krise von wurde die 3-Zimmer-Wohnung
bis auf 42 qm verkleinert. Der Mieter sollte von
ffi - ü*at t ltlrllf-*tIültll
dem Zwang, sich möglichst große und teure
Möbel anschaffen zu "müssen", befreit sein.

1929 stellte der Architekt und Leiter des Frank-


furter Hochbauamtes Ernst May auf dem ln-
ternationalen Architekten-Kongreß in Frank-
furt am Main sein Konzept einer "Wohnung
fur das Existenzminimum" vor, das er in seinen
Wohnbauten des "Neuen Frankfurt" schon
realisiert hatte. ln zehn großen Siedlungspro-

9
Abb.12
FranPrttflet Kiiche.
Margarete Schlille-
Libotzkv. 1926

tung"- auf die stereometrische Geometrie der


Grundkörper stellte die Frankf urter Siedlungen
in den größeren Zusammenhang der Bauhaus-
Architektur. Die Architektur des "Neuen Frank-
furt" gilt heute als Synonym für den Versuch
einer Umsetzung des sozialen Anspruchs im
"Neuen Bauen" der Weimarer Republik. Die
Entwicklung zeigte aber auch, daß die Aussa-
gen dieser Architektur wie auch der sichtbare nischen Details, die den Vergleich mit den kurz-
funktionale Charakter der Bauten in Deutsch- fristig wechselnden Kuchenmoden der Gegen-
land von der Mehrheit der Architekten damals wart nicht zu scheuen brauchen.
noch nicht verstanden wurden. Dre hellen ku-
bischen Baukörper mit Flachdach und schma- Margarete Schütte-Lihotzky kam im Februar
len Fensterbändern wurden als "Negerdörfer", 1926 zu Ernst May an das Frankfurter Hoch-
"Affenkäf ige" u nd " Maikäferkisten" besch impft, bauamt. Schon 1921 hatte sie in der Zeitschrift
die Weißenhof-Siedlung als "Klein-Jerusalem" "Das Schlesische Heim" für eine kleine kom-
in Stuttgart bezeichnet. Offenbar stellte der pakte Kuche plädiert. Das Vorbild fur die Frank-
lnternationale Stil, wie die klassische Moderne furter Küche war die Mitropa-Speisewagen-
der Architektur bezeichnet wird, eine Konfron- küche, in der auf minimalem Raum (1,83 m x
tation dar, die viele, auch ehemalige Mitglieder 1,95 m) in 15-stündiger Fahrt Menüs f ür 400
des Deutschen Werkbundes, nicht ertragen Gäste zubereitet werden konnten. Außerdem
kon nten. kannte Schütte-Lihotzky das ins Deutsche über-
setzte Buch der Amerikanerin Christine Fre-
derick "Die rationelle Haushaltsführung", das
Dle "Frankfurt€r Küche" sich eingehend mit den allgemeinen Werten

ln den Siedlungen des "Neuen Frankfurt" wur- und Grundlagen einer arbeitssparenden Haus-
de häufig die von der Architektin Margarete haltsf ührung beschäftigte.
Schütte-Lihotzky entwickelte "Frankfurter Kü-
che" eingebaut. Dieser Küchentyp besticht bis Um zu platz-und zeitsparenden ökonomischen

heute durch seine arbeitsökonomischen tech- Grundrissen und Wohnungseinrichtungen zu


kommen, hatte sich Schütte-Lihotzky seit ihren Spulküche. Gründliche Untersuchungen der
frühen Arbeiten für die Siedlungsbewegung in Schritt- und Griffersparnis beim Arbeiten in der
Wien - in Zusammenarbeit mit dem Architek- Küche ergaben schließlich Größe und Format
ten Adolf Loos - der streng tayloristisch orien- der Frankfurter Küche, eines "Laboratoriums"
tierten Planung unterworfen. Jeder Handgriff mit einer Breite von 1,90 m und einer Länge
und jeder Schritt sind in ihren Räumen berech- von 3,44 m. Ernst May schrieb 1926 über die
net und reflektiert. Auch die Frankfurter Küche Frankfurter Küche: Die Wohnküchen sind bei
ist ein tayloristisch organisierter Arbeitsraum, uns so angeordnet, daß der gesamte Wirt-
der der Hausfrau jede überflüssige, zeitrauben- schaftsbetrieb abtrennbar vom Wohnteile, so
de Bewegung ersparen sollte. Küchenarbeit
wurde von Schütte-Lihotzky scharfsinnig als Abb.13
Emanzipationshindernis gedeutet: Jede den- Biirgerliche Riiche
urn 1910
kende Hausfrau muß die Rückständig-
keit bisheriger Haushaltsführung em-
pfinden und darin schwerste Hem-
mungen eigener Entwicklung und so-
mit auch der Entwicklung ihrer Fa-
K?tu är-Xr
milie erkennen. Die Frau, an die das
heutige hastige Großstadtleben weit t-J
höhere Ansprüche stellt, als das be- *
schauliche Leben vor B0 Jahren, ist
dazu verdammt, ihren Haushalt, einige
Erleichterungen ausgenommen, noch
immer so zu führen wie zu Großmut-
ters Zeiten (Noever, 1992, 5. 16).

Bei ihren Planungen entschied sich


5chütte-Lihotzky f ür die Nur-Arbeits-
küche im Gegensatz zur Wohnküche
mit Kohlenherd und anschließender
daß die Belästigung der Bewohner durch Ge-
ruch, Dämpfe und vor allem auch gefühlsmaßi-
ge Belästigung durch herumstehende Sperse-
reste, Tellet Schusse/n, Aufwaschlappen und
dergleichen wegfällt. Die Einrichtung unserer
Küchen dürfte bisher noch nirgends in gleicher
Vollkommenheit vorzufinden sern (Deutsches
Archrtekturrnuseum, 1986, S. B0).

Neben den baulichen Grundlagen wie Dunst-


haube, Speisekasten, Sockelzone, Müll- und Be-
senschrank sowie der Fensterbrüstung - alles
Oblekte, die in die Küche fest eingebaut wa-
ren - wies die Frankf urter Kuche folgende ar-
beitssparende Einzelheiten auf : die Anordnung
von Spülbecken und Abtropfgestell; die Koch-
kiste neben dem Herd, in der Speisen lanqsam
über den Tag gegart werden konnten; die Auf-
bewahrung trockener Lebensmittel wie Reis,
Linsen, Zucker in Aluminiumschutten mit
5chnauze, so daß das Kochgut direkt in den
Kochtopf befördert werden konnte; die künst-
liche Beleuchtung durch eine Schiebelampe an
einer Schiene, die das benötigte Licht zum Ar-
beitsplatz brachte; das an der Wand befestigte
Abb.11 Bugelbrett, das auf den Rand des Spülbeckens
I; ru t t kft t rl c r K t i c Lt e. aufgelegt wurde. Die Wandschränke in Kopf-
Rekut sl nt klk )n (lcs Typs
Sied ltr ng Ri)ne rslatll.
höhe hatten praktische Schiebeturen mit Glas-
1927i2u fenstern. Der blaue Anstrich der eingebauten
Kiichenmöbel sollte die Fliegen fernhalten.

t2
Abb.15
Slubl ..Rot urtd Blcttt
Gerit Rietueld. 1917.
,lloderrrcr ,\achb0u

Höhepunkt der Publizität fur die Frankfurter


Küche war die vom Frankfurter Hochbauamt
1927 ausgerichtete Ausstellung "Die neue Woh-
nung und ihr lnnenausbau", in der Kuchen-
typen in Holz für drei verschieden große Haus- Der Ungar Marcel Breuer wurde 1925 Bauhaus-
halte, zwei Versuchsküchen und rhr Vorbild, meister an der Tischlerei des Bauhauses Dessau.
die Mitropa-Speisewagenkuche, gezeigt wur- Breuer hatte bis dahin schon verschiedene
den. Die grundliche inhaltliche Auseinander- Holzlattenstühle entworfen, die sich stark an
setzung mit dem Thema stieß auf ein reges ln- dem 1917 entstandenen Stuhl "Rot und Blau"
teresse im In- und Ausland Der französische von Gerrit Rietveld orientierten. Dieser be-
Arbeitsminister Loucheur sah in seinem Woh- kannte, einfache und farbenfrohe Holzlatten-
nungsbauprogramm die Frankfurter Kuche für stulrl verdeutlicht die stilbrldenden Prrnzipien
260.000 Wohnungen vor, in Frankfurt selbst der niederländischen Künstlergruppe "De Stijl",
wurden etwa 10.000 Kuchen eingebaut. Die den strengen Kubismus und die Primärfarben
Finanzierungskosten der Einbauküche, die zu- Schwarz, Blau, Rot und Gelb Der Stuhl sollte in
letzt bei 238,50 RM lagen, wurden den Bau- erster Linie helfen, Form- und Raumprobleme
kosten zugeschlagen und auf die Miete umge- zu lösen, und nicht einer Funktion gerecht wer-
legt. den. Er sollte ein Beweis dafür sein, daß srch
etwas Schönes, ein räumliches Objekt, aus
nichts mehr als geraden, rein maschinell vorge-
Mal.t für das "Neue wohnen' fertigten Teilen herstellen läßt (Sembach, o. J ,

Auch das Möbeldesign der Moderne wurde s 79).


vom Bauhaus maßgeblich beeinflußt. Die For-
derungen nach Normierung, neuen Werkstof- Die zwischen 1923 und 1925 hergestellten Holz-

fen und funktionalem Desiqn bestimmten die stühle Marcel Breuers folgten ähnlichen Prinzi-
Entwicklung. Die Bauhaustischlerei war mit pien wie die Stühle von Erich Dieckmann, der an

ihren Entwicklungen von Modellen für die in- der Staatlichen Bauhochschule in Weimar 1926
dustrielle Fertigung eine der erfolgreichsten verschiedene Holzstuhl-Typen entwickeln ließ.
Werkstätten Dies zeigt, wie sehr man in diesen Jahren darum
bemuht war, für die lndustrie aus einfach her-

13
Abb. 17
''lV?..$i/y St'sstl. t\IurL eI
Brerrcr. Gduind. 1960

zustellenden Grundelementen wie Latten und


Brettern billige und ästhetisch befriedigende
Holzmöbel zu entwerfen. Allerdings ersetzte
Breuer schon bei einigen seiner Holzmöbel Doch nicht Holz sollte der Werkstoff fur den
die dünnen, aus Sperrholz gefertigten Rücken- modernen Stuhl werden, sondern Metall. 1925
und Sitzflächen durch Stoff. Außerdem ent- schuf Breuer mit dem "Stahlclubsessel", wie er
standen damals Kuchen- und Kindermöbel aus den Sessel selbst nannte, den ersten Stahlrohr-
Holz, die einfach und formschön waren und stuhl der Neuzeit. Er hatte ihn f ur das Meister-
einem knappen Geldbeutel entsprechen sollten haus seines Kollegen Wassily Kandinsky ent-
worfen, weswegen der Sessel in den sechziger
Jahren von der Herstellerfirma Gavina den Na-

Abb.16
men "Wassily" bekam. Der Prototyp zu diesem
,Sto b ltr t l: rt ltt bst sse I IJ -J. war nicht in den Fauhaus-Werkstätten
Sessel
tufutrcel BrerrcL1925
entstanden, sondern in einer Schlossereiwerk-
statt außerhalb des Bauhausbetriebs. Ange-
regt zu den geschwungenen Stahlrohrformen
hatte Breuer der Fahrradlenker Kein Wunder,
daß er die Herstellung des Sessels zunächst der

t\ Fahrradfabrik Adler anbot. Doch schließlich


ging der Sessel in der Berliner Firma Standard
Möbel, an der Breuer Anteile besaß, in Produk-
tion. Er bestand aus vernickeltem Stahlrohr
und war mit Eisengarnstoff bespannt.

Später wurden die Stühle aus nahtlosem, ver-


chromtem Rohr angeboten, was den ästheti-
schen Reiz des Möbels erhöhte. Breuer wollte
mit dieser Verbesserung strahlend reine Linien
im Raum erreichen. Über diesen Sessel sagte
er 1927 Als ich vor zwei lahren meinen ersten

a4
Srah/c/ubsesselfertig sah, dachte ich, daß dteses Das Vorbild dieser Stühle regte naturlich zu
Stück unter meinen sämtlichen Arbeiten mir Nachbildungen an: Aus Stahlrohr wurden Tische,
am meisten Kritik einbringen würde. Es ist in Betten und Schränke gebaut Es entstanden
seiner äußeren Erscheinung sowre im Mateild- Serien beliebig kombinierbarer, untereinander
ausdruck am extremsten,' es 6f am wenigsten verwandter Einzelstücke. Die dem "Neuen
künstlerisch, am meisten logisch, am wenig- Bauen" zugehörigen Möbel zeigen deutlich,
sten 'wohnlich', am meisten maschinenmäßig. daß es sich um in Fabriken gefertigte Serien-
Das Gegenteil des Erwarteten traf ein (Bau- produkte handelt. 1928 übernahm die Firma
haus Archiv, 1987, 5. 96) Thonet die Berliner "Standard Möbel" und
wurde damit zum größten deutschen Stahlrohr-
Auf der wichtigen Werkbund-Ausstellung "Das möbelproduzenten. Die ersten am Fließband
Wohnen" in Stuttgart-Weißenhof 1927 zetglen gefertigten Möbel entstanden seit 1927 nach
die 21 Muster-Häuser auch die "neuen Möbel" Entwürfen von Adolf G. Schneck in den Deut-
Nicht für das existenzielle Minimum, sondern schen Werkstätten in Dresden-Hellerau. Es
f ür begüterte Großstadtmenschen mit großzü- waren Möbel für den einfachen Wohnbedarf .

gigen Wohnungen hatte der Architekt und das 'I


928 kamen die Typenmöbel von Erich Dieck-
Bauhausmitglied Ludwig Mies van der Rohe mann auf den Markt; 1929/30 entwickelte
seine Möbel geplant. In solchen Wohnungen Walter Gropius ein Anbaumöbel-Prograrnm flrr
standen seine eleganten, mit Flechtwerk be- das Berliner Warenhaus Feder
spannten Freischwinger Dieser Stuhl mit dem
Typennamen MR 10 ist ebenso ein Klassiker
geworden wie der N/R 20 oder der Hocker I(eramik und Glas
MR 1. Der Stuhl mit zwei Beinen war schon ln der keramischen lndustrie bemuhte man sich
1926 von Mart Stam in Rotterdam entwickelt in den 20er Jahren um neue Fabrikations- und
worden, allerdings noch aus Gasrohren und Dekorationsmethoden zur Steigerung der Pro-
Muffen gefertigt. Die verbesserte und ästhe- duktion. Besonders der Massenartikel Steingut,
tisch ansprechendere Variante MR 10 von Mies der preisgunstiger als das hochwertigere Por-
van der Rohe (1927) war zr-rgleich der erste zellan war, sollte in Dekor und Form die Kunst-
federnde f reitragende Stahlrohrstuhl in der strömungen der Zeit aufnehmen.
Geschichte des Möbeldesigns.

r5
Abb.18
T'eekdnne. Sleingut.
Villeroy 8 Bocb Dresdetr.
thn 19.15

Die Keramik und hier besonders das Steingut


und die Majolika stagnierten im Absatz, was
teilweise auch an den veralteten folkloristischen
Dekoren lag. Berdel reformierte die kunstleri-
sche Ausbildung an der Fachschule in Bunzlau
und berief den expressionistischen Maler Artur
Hennig zum Lehrer fur Gestaltung und Dekor,
Hauptaufgabe des Unterrichts wurde die Ent-
Die kunsthandwerkliche Keramik war zwar wicklung von Modellen für die industrielle 5e-
noch als individuelles Einzelstück gefragt und rienproduktion; expressionistische Kunst und
beliebt, aber für die lndustrie uninteressant. Schriften des Bauhauses wie Paul Klees "Päd-
Sie verlangte nach Qualität und einfachen For- agogisches Skizzenbuch" (2. Aufl. 1925) oder
men, die im Gießverfahren massenhaft und Wassily Kandinskys "Punkt und Linie zu Fläche"
mit neuen Glasurtechniken schnell und leicht (1926) beeinflußten Form und Dekor. Es galt,
herstellbar waren: N/it Spritzpistolen wurden Dekore und Formen zu entwerfen, die, wie
Spritzdekore aufgesprüht oder mit Tauch- und Hennig formulierte, in ihrer Kultur auf glei-
Begußtechniken tonartige Masseüberzüge, cher Höhe mit der Technik stehen (Buddensieg,
Engoben, auf die Gefäße aufgetragen. 1985, S 45)und die sich in den Stildes "Neu-
en Wohnens" harmonisch einfügen sollten.
5o forderte 1929 der Leiter der Staatlichen
Fachschule für Keramik in Bunzlau, Eduard Dies gelang erfolgreich beim Steingut, das, in
Berdel, in der Zeitschrift "Keramos": Wir aber Verkaufszahlen gemessen, bald das Porzellan
sollten aus der Erkenntnis der Fabikation und hinter sich ließ. Die niedrigere Brenntempera-
der sozialen Entwicklung heraus gerade dar- tur erlaubte eine größere Farbpalette; die mit
nach streben, daß unsere besten Leute sich Schablone und Spritzpistole aufgetragenen
den modernen Fabrtkations- und Dekorattons- Glasuren entsprachen dem Geschmack der Zeit.
methoden widmen und so neue, einfache Neben den Spritzdekoren waren einfarbige En-
Schönheit, Sachlichkeit und Sauberkeit, also goben in kräftiqen Primärfarbtönen wie Blau,
ein wesentliches Strick Lebensfreude in weiten Gelb und Rot der Renner, so etwa das Service
Schichten unserer Volksgenossen verbreiten. "Kugelform" mit blauem Engobe-Beguß von

16
Abb.19
Deckelrkre. Steingut.
I Ie ß le I I u rtgsorl tt t t lrc bt t t t r t t.
thn 1925

Abb.20
Teekatttte. Steiilgut.
Muiolika Mililufaktur
Scbrctntbcrg. Um 19iO

#
Abb.21
Villeroy & Boch in Dres- KAnrlc l)en ttttd Teller.
SIeitryut. Giinstadt (?.).
den oder die ebenfalls Um 1928
dort hergestellte Tee-
kanne E 102 von 1936
(Abb. 18). Während die
Engobengeschirre mit
ihren einfachen Formen bis zum Zweiten Welt-
krieg produzrert wurden, verschwanden die als
" undeutsch " und " kommunistisch " verschrie-
nen expressionistischen Dekore und kantigen
Formen bald nach 1933 aus der Produktion

Typische Beispiele für die Keramikproduktion


der Weimarer Zeit sind das gemütlich wirkende
Steingut-Service in rot-gelber Engobe aus
Wächtersbach, die mit zitronengelbem Spritz-
Abb.22 dekor versehene Teekanne mit expressionisti-
Keksdose. Sleitrytü.
schem Deckelknauf aus der Produktion der
Herste I I t ( il gsotT t u t be kd tr t tt.
tlnt 1928 Schramberger Majolika und die nicht näher zu
bestimmenden, damals massenhaft zu finden-
den Keksdosen. Die kleine Kanne mit schablo-
niert verlaufendem Spritzdekor in Rost- und
Dunkelbraun wie der dazugehörige Teller könn-
ten von der Steingutfabrik Grunstadt in der
Pfalz hergestellt worden sein, deren besondere
4 Eigenart die Spritzmalerei war.

An der setl 1927 als "Staatlich" firmierenden


Majolika-Manufaktur in Karlsruhe entwarfen
Martha Katzer und Werner Gothein Modelle

17
Abb.23
Teekutttte. Majolika.
V-ertrcr Gotlteitr.
Std0tlicbe Mdjolikd
Karlsntbe. 1928

Abb.24
Teebrtrtrrc.
Maiolika. 1928 fand in Dammerstock bei Karlsruhe die
Pattl Speck.
a Ausstellung des Bauhauses "Die Gebrauchs-
Stadtliche
Majolika wohnung" statt, deren Leitung Walter Gropius
Karlsntlse.
1928
innehatte. Möglicherweise regte Gropius den
Leiter der Manufaktur, Wolfgang Müller von
Baczko, dazu an, den Bauhaus-Keramiker Otto
Lindig in seiner keramischen Werkstätte in
Dornburg zu besuchen. Unter den fertigen Mo-
dellen Lindigs suchte Müller von Baczko eine
Kollektion von 25 Modellen aus, die für eine
Fabrikation in der Manufaktur geeignet erschie-

Abb.25
Teesen.'ice. May'iika.
für die Serienproduktion wie etwa Blumen- Otto Liildig. Stdl! lic be
übertöpfe und Vasen mit matt glänzenden Gla- Ma.j tl i ka Karl stt t lr e. 1 92 9
c

suren und zart ineinander übergehenden Far-


ben oder Kaffee- und Teeservices. Die Entwür-
fe von Paul Speck, der eines der Meisterateliers
der Manufaktur leitete, haben besonders die
Karlsruher Produktion in den 20er lahren ge-
prägt: Er entwarf Teeservices, Teedosen, Ziga-
rettendosen und Eierbecher, deren kubische
Gestalt vollständig den gängigen Vorstellungen
von Keramik widersprachen (Badisches Landes-
museum, 1979,5.62). Speck hatte mit den
neuen Formen die Konsequenzen aus der fa-
brikmäßigen Herstellung von Porzellan gezo-
gen. Einfache Formen ließen sich leicht im
Gipsmodell herstellen und im Gießverfahren
ä ltigen.
vervielf

18
Abb.26
K t t lt t t sge s t l: i rr. I, re fgl u s.
lV i I I.t e I nt l\'it ge t tfa I d.
lV'e i /! Lt'd ss" r. 1 9-lu

Abb.27
'l eesentice..lettaer G ks
nt VZtge ttfe Ll.
W1 I l.t e I

Jetn. 19.11

nen. Schon im Januar 1929 konnte die Karls- Aus farblosem Preßglas fertigte man das Kubus-
ruher Majolika auf einer Ausstellung das nach geschirr nach Entwürfen von Wilhelm Wagen-
Ba u ha usentwu rfen prod uzierte " Kaff eeservice feld, das, auf einem Modul von 4,5 cm x 9 cm
mit zarter Laufglasur" vorstellen. Zu den über x 9 cm aufbauend, eine äußerst erfolgreiche
mehrere Jahrzehnte produzierten Geschirren Serie für den Küchengebrauch wurde. Durch
nach Entwurfen Lindigs gehörte auch ein Tee- die Normierung waren die Schalen, Dosen und
service rnit einer gedrungenen, kugeligen Tee- Kannen stapelbar und platzsparend bestens für
kanne in zwei Größen sowie eine Reihe von den Vorratsschrank geeignet.
Einzelgefäßen wie Vasen und Dosen.
Heute zählen viele der in den 20er Jahren nicht
Mit Entwürfen f ür feuerfestes Glas beschäftig- unumstrittenen Produkte des Industrie-Designs
te sich am Bauhaus der Bildhauer G. Marcks, zu den Klassikern der Moderne. Jedes Museum
der 1925 Skizzen für die "Sintrax"- Kaffeema- für angewandte Kunst oder Gebrauchsdesign
schine vorlegte, die von den Jenaer Glaswerken hat einige der typischen Bauhausprodukte in
hergestellt wurde. Das Neuartige dabei war, seinen Sammlungen, Möbelhäuser produzieren
daß Glas anfing, im Haushalt traditionelle Werk- viele der Einrichtungsgegenstände nach, etwa
stoffe wie Porzellan und Keramik zu ersetzen. den Stahlrohrsessel "Wassily" von Marcel Breuer
Dies war möglich geworden, nachdem der Che- oder die Tischleuchte von Wilhelm Wagenfeld.
miker Schott ein feuerfestes Silicatglas erfunden Nur verwendet man heute dazu bessere Mate-
hatte, das seine Probe als Laborglas in der che- rialien, und die Produkte sind dementsprechend
mischen lndustrie bestand. Ende 193 1 stellte teuer Vieles, was der Deutsche Werkbund im
Wilhelm Wagenfeld für die Firma Schott & Gen. Hinblick auf eine Vereinfachung und Normie-
seine erste Kollektion feuerfester Jenaer Gläser rung gefordert hatte, gehört heute zu den
vor: ein Teeservice bestehend aus Teekanne, Prinzipien der lndustrieproduktion. Aktuell ge-
Stövchen, Sahnekännchen, Zr-rckerschale, hohen blieben ist auch seine Forderung nach quali-
und flachen Tassen und einem Tablett; gepreß- tätvollenr Desigrr zu gunstigen Preisen.
te Eß- und SLrppenteller; eine Gemüseplatte
und Milchtöpfe in streng zylindrischer Form. Kai Budde

19
Zitierte und weiterführende Llteratur

Andritzky, Michael (Hg.): Sembach, Klaus-Jürgen:


Oikos. Von der Feuerstelle zur Mikrowelle Moderne Klassiker. Möbel, die Geschichte machen
Haushalt und Wohnen im Wandel. Hamburg o. J.
Gießen 1992.
Spielmann, Heinz:
Badisches Landesmuseum Karlsruhe (Hg.): Moderne deutsche Industrienorm.
Karlsruher Majolika. Bilderhefte des Museums für Kunst und Gewerbe
Die Großherzogliche Majolika Manufaktur 1901 1921 Hamburg. Nr. 5.
Die Staatliche Majolika-Manufakrur 1927 -197 L Hamburg 1962.
Karlsruhe 1979.
Tendenzen der Zwanziger Jahre.
Bauhaus Archiv Museum für Gestaltung (Hg.): 1 5. Europäische Kunstausstellung Berlin 1971

Bauhaus: Archiv, Museum. Sammlungskatalog. Katalog Berlin, Zweite Auflage 1977.


Berlin 1987.
Weber, Klaus:
Buddensieg, Tilmann: Keramik und Bauhaus.
Keramik in der Weinrarer Republik 1919-1933. Geschichte Lrnd Wirkungen der keramischen
Nürnberq 1985. Werkstatt des Bauhauses.
Berlin 1989.
Deutscher Werkbund (Hg.):
Der Deutscl're Werkbund '1907, 1947,1981
Frankfurt a.M. 1987.

Deutsches Architekturmuseum (Hg.):


Ernst May und das Neue Frank{urt 1925 1930.
Berlin 1986.

Droste, Magdalena:
Bauhaus 1919-1933.
Köln 1991

Droste, Magdalena/Ludewig, Manf red:


l\4arcel Breuer.
Köln 1992.

Noever, Peter (Hg.):


Die Frankfurter Küche von Margarete 5chütte-Lihotzky.
Berlin 1992

Sembach, Klaus-Jürgen/Leuthäuser, Gabrielei


Gössel, Peter:
Möbeldesign des 20. Jahrhunderts.
Köln 199'1 .
Rildnachweise

Titelseite Weitere Bilder von:


Einrichtung fLlr eine Gymnastiklehrerin, Berlin 1930
Bauhaus-Archiv, Berlin Kunstverlag Brinkmann, Ereslau

Abb t,3,4,5,6,S,10
Bauhaus-Archiv, Berlin

Abb 2, 15, 17, 18,19, 20, 21, 22


Landesmuseum frlr Technik und Arbeit in Mannheim

Abb 7,8
A. Platz: Baukunst der neuesten Zeit. Propyläen, 1927

Abb 11
Stadtarchrv Frank{urt a.M.

Abb 12
Margarete Schütte-Lihotzky, Wien

Abb 13
Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz, Berlin

Abb 14
Gesellschaft für Kunst und Denkrralpflege, Stuttgart

Abb 16
Vrtra Design Museun.r, Weil a. Rhein

Abb 23,24,25
Badisches Landesmuseum, Karlsruhe

Abb 26,27
Landesnruseunr für Technik und Arbeit in Mannheim
(Leihgabe aus Privatbesiiz)

Rückseite:
Drei Serviettenständer ge{ertigt von Marianne Brandt
f ür die It4etallwarenfabrik Ruppelwerk Gotha,

um 1930-1933
Landesmuseum f ür Technik und Arbeit in lVannheim
(Leihgabe aus Privatbesitz)
I