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Landesmuseum
fürTee hnik und Arbeit
irr Mannheinr
Die Goldenen 20er in Bildern, Szenen
und Objekten

Sonderausstellung des Landesmuseums


für Technik und Arbeit in Mannheinr
vom 10. September 1994 bis 31. .Januar 1995

Begleithefte zur Ausstellung

Bilder, Szenen H. Steffens/M. Unser


und Oblekte

Radio für alle U. Kern/ H. Steffens


Literatur und K. Möser/Ch. Kleppel
Buchkultu r

Normierung 1 V Benad-Wagenhoff/R. Seltz

Normierung 2 K. Budde

M asse n spo rt H. Steffens/M.Unser

Bilderwelten H. Steffens

Volksvergnügen H. Steffens/J. Abele

lmpressum

Gestaltu ng : Heike Morath


Fotograf ie: Brigitte Grassmann, Jerzy Janiszewski, Klaus
Luginsland, Rainer Paasche, Claude Seelig, Regina Spät
Text red a kt i on : Gerha rd Zlveckbron ner

O beim Herausgeber:
Landesmuseum für Technik und Arbeit
in Mannheim
Museumsstraße l, 68165 Mannlreim
Alle Rechte vorbehalten, Mannheim 1994
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung des
Museumsvereins f ür Technik und Arbeit e.V

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme:

Tanz auf dem Vulkan


Radio f ür alle
Hrsg. vom Landesmuseum für Technik und Arbeit
in Mannheim
Kern, Ulrich/Steffens, Horst
lsBN 3-9804015-1-0
Kurt Weittbokl:
Marr?t ntit Radio , 1929
öl auf Leinaand
Santntlwtg Rolf Defile,
Stuttgan

"Mei Alta hot nemlich a bisle a Abneigung


gega s Radio - woischt d'weiber send Küah secht
mer älls - ond goht deshalb älls scho am neine
ens Bett. Wen se no grad ihr A'wandlong hat
zum Schempfa, no ... druck i äbe älls meine Hörer
fest an d'ohrläpple na, ..."
K.J., Bieticha im Oktober 1924 an Georg Ott,
Sprecher und Spielleiter beim Süddeutschen
Rundfunk in Stuttgart
R"o'" für alle

Funk und Rundfunk in den 20erJahren

Eirl.itorg
Amateurfunk und Rundfunk haben eine ge-
meinsame Wurzel und - zumindest am Anfang-
Abb. l eine gemeinsame Geschichte. ln Deutschland
"lI a rc o i B' I F)pe ri nrc t t
tt
trennten sich erst Mitte der 2Oer Jahre die We-
t i e rgeröt e fi i / d ra b t bs e

Telegrapbie, uie sie huz


ge. Heinrich Hertz, der bei seinen Arbeiten an
naclJ derJabrbuttdert der TH Karlsruhe die elektromagnetischen
zue n de f[ i r E\p e ri Drc n I i e r,

zuecke attgebolett uur-


Wellen 1887 nachgewiesen hatte, war an der
den. Recbts befindet sicb naturwissenschaftlichen Bedeutung seiner
der Sender, Iinbs der
Entdeckung und nicht an deren technischer
Entpfänger.
Int Hinlergn}ul: H. Heftz Verwertung interessiert, die er wegen seines
frühen Todes 1894 auch nicht mehr erlebte.
Angeregt durch die Hertzschen Versuche
führte der dreiundzwanzigjährige italienische
lngenieur und Physiker Guglielmo Marconi
eigene Experimente mit wesentlich längeren
Wellen durch und überbrückte Ende 1894
erstmals eine Entfernung von neun Metern:
die erste Funkstrecke der Welt. Marconi be-
schloß, seine Erfindung kommerziell auszu-
t nutzen, und gründete 1897 in London die
I
"Marconi Wireless Telegraph Company".
Funkverkehr über den Atlantik, so glaubte
Marconi entgegen dem Urteil vieler Fachleu-
te, könnte der Nachrichtenübermittlung per
Seekabel Konkurrenz machen. Nur zwei Jah-
re nach der Gründung seiner Firma gelang
ihm die erste drahtlose Telegraphie-Verbin-
dung über den Armelkan al, am 12. Dezember

2
Abb.2
Telefur*en Pinür- utttl
Se k u rt t I li re n ge r'flpe
n pfä
E 85c rtus dent Etslett
weltkiell

'1901 schließlich gelang ge ihrer militärischen Bedeutung. Viele Sol-


die Überbrückung des
Nordatlantiks. Der im englischen Cornwall daten lernten im Rahmen ihres Einsatzes in
gesendete Morsebuchstabe "S" wurde im ka- funktechnischen Kompanien diese Technik
nadischen Neufundland empfangen. kennen. Darüber hinaus wurden noch im Krieg
erste Rundf un kprobesendungen ausgestrahlt,
Angeregt durch Marconis Erfolge und auch in die auch in den Frontstellungen gehört wer-
dem Bemühen, dessen Monopolstellung zu den konnten. Nach dem Krieg stand der Rund-
umgehen, entstanden in zahlreichen Ländern funk - technisch gesehen - bereit zur Einfüh-
Firmen, die sich mit der Nutzung der draht- rung, und die Zahl der lnteressenten, die sich
losen Telegraphie befaßten. ln Deutschland mit eigenen funktechnischen Experimenten
schlossen sich 1903 die funktechnischen Stu- befassen wollten, war größer als je zuvor. Rund-
diengruppen "Prof. Slaby - Graf Arco - AEG" funk und Amateurfunk standen zu Beginn der
und "Prof. Braun - Siemens & Halske" zur 2Oer Jahre am Anfang einer steilen Karriere.
"Gesel lschaft f u r dra htlose Teleg ra ph ie m. b. H. "

zusammen, für die später der Name "Tele-


funken" eingefuhrt wurde. Neue technische Vom Schwarzfunker zum Funkamat€ur
Entwicklungen, vor allem die Erfindung der Legen wir unsere heutige Definition zugrun-
Röhre und der Rückkoppelung, führten rasch de, nach der Funkamateure ordnungsgemäß
zu weiteren Fortschritten. Nun war nicht nur ermächtigte Personen sind, die sich mit der
telegraphische Nachrichtenübermittlung mög- Funktechnik aus rein persönlicher Neigung
lich, auch Sprache konnte übertragen werden und nicht aus wirtschaftlichem lnteresse be-
fassen, so können wir strenggenommen erst
Bereits am Vorabend des Ersten Weltkrieges mit der Einführung der Lizenzprüfung und
waren weltweite Funknetze im Aufbau. Der der ihr zugrunde liegenden gesetzlichen
Krieg verzögerte zwar einerseits deren Fertig- Regelungen von Funkamateuren sprechen.
stellung, führte aber andererseits zu einem Gehen wir in die Zeit vor diesen Regelun-
Entwicklungsschub f ür die Funktechnik infol- gen rn den einzelnen Ländern zurück und

3
bezeichnen wir als Amateure diejenigen, die und "The Wireless Association of America"
die Beschäftigung mit der Funktechnik als Frer- (TWAA), und noch im gleichen Jahr wurden
zeitbeschäftigung und nicht aus kommerziel- von staatlichen Stellen über 500 Befähigungs-
len Gründen betrieben, so läßt sich eine ganze lizenzen für Funker vergeben, ohne daß dafür
Reihe der f rühen Funkpioniere zu ihnen rech- jedoch eine gesetzliche Grundlage vorhanden
nen. Marconi führte seine ersten Arbeiten als war. Diese Grundlage wurde in den Vereinigten
Student in seiner Freizeit durch; Lee de Forest, Staaten 1912 geschaffen. Nun durften Funk-
der Erfinder der Audionröhre, beqann seine amateure nur noch auf Wellenlängen unter-
Arbeiten ebenso als Amateur wie Edwin Ho- halb von 200 Metern senden, dre Sendelei-
ward Armstrong, der das Patent für seine
Rückkopplungsschaltung als Student erhielt,
und viele andere. Der erste Amateur, der Ama- Abb. -3

teur blieb und dessen Name uns überlrefert Ein lypßcbes Bßllergeröt
in der Zeit unt 1924 uar
ist, war der damals siebzehnjährige Engländer der "Zigatret*Lsletb
Claude Willcox, der 1898 eigene Versuche zur Detekt()r'"

drahtlosen Telegraphie durchf ührte.

Bereits im Jahre 1900 begann Thomas E. Clark


in den USA, Geräte für drahtlose Telegraphie
fur Privatpersonen zu bauen; er gab für sei-
ne Apparate einen Katalog - wohl den ersten
selner Art - heraus. Wenig später erschienen
in den Vereinigten Staaten erste Bauvorschlä-
ge für Funksender und -empfänger in Fachzeit-
schriften, aber auch in Blättern wie "Popular
Electricity", die bereits auf den Amateur aus-
gerichtet waren. Die USA wurden zum Mut-
terland des Amateurfunks. Hier entstanden
auch 1909 erste Amateurclubs, wie der "Ju-
nior Wireless Club, Limited of New York City"

4
Abb.4
ISdstlergeftit unt 1924.
Bis dttf Skah und Railrre
isl bier.iedcs Teil selbst
gefetTillt

stung wurde auf 1 kW begrenzt, und darüber einem Gesetz neu geregelt, und erstmals be-
hinaus mußte für die Berechtigung zum Sen- kam ihre Tätigkeit folgende Def inition: Ein
den eine Lizenz erworben werden. Damit war Amateur ist eine Person, die ohne Kosten oder
erstmals der Status des Iizensierten Amateurs Gewinn und nur für ihre persönlichen lnteres-
geschaffen worden. sen oder die einer Orqanisation mit denselben
lnteressen eine Station bedient.
Am 6. April 1914 schlossen sich auf Initiative
von Hiram Peray Maxim die wichtigsten ame- Bei der Entwicklung des Amateurfunks in Eu-
rikanischen Amateurfunkvereine zu einer lan- ropa kam am ehesten noch Großbritannien
desweiten Organisation zusammen, der "Ame- an die amerikanischen Leistungen heran. Ahn-
rican Radio Relay League" (ARRL). Von die- lich wie in den USA konnten die Amateure
ser Institution, deren erster Präsident Maxim hier relativ ungestört ihrer Tätigkeit nachge-
selbst wurde, sollten in diesen frühen Jahren hen. Ein Jahr nach der gesetziichen Regelung
des Amateurfunks entscheidende Pionierlei- in der "Wireless Telegraphy Act" (1904) gab
stungen ausgehen. Bei Kriegseintritt der Ver- das englische Postministerium die ersten Li-
einigten Staaten im Jahre 1917 hatte die ARRL zerzen für Experimentierzwecke aus, und ein
bereits 4.000 Mitglieder, von denen viele im Jahr vor Kriegsausbruch entstanden die er-
Ersten Weltkrieg in nachrichtentechnischen sten Amateurvereinigungen Großbritanniens.
Einheiten eingesetzt wurden. Aus naheliegen- Rund 1.000 Amateurfunker waren zu diesem
den Gründen wurde während des Krieges Zeitpunkt dort offiziell registriert. Auch die
eine Betätigung der Amateurfunker verboten. britischen Amateure mußten ihre Stationen
Aber auch nach dem Krieg gelang die Wieder- während des Krieges abbauen und erhielten -
freigabe des Amateurfunkbetriebes nur unter ähnlich wie ihre amerikanischen Kollegen -
größten Schwierigkeiten erst im September erst lange nach dessen Ende wieder die Funk-
1919. In diesem Jahrwurde auch die seit 1914 erla u bn is.

bestehende Zeitschrift "QST" zum offiziellen


Organ der ARRL. 1922 schließlich wurde die Auch in Frankreich, den Niederlanden, ltalien
Tätigkeit der amerikanischen Amateure in und in vielen anderen Ländern wurden bereits

5
Abb.5
R^stlergerät um 1924.
Wie nan an du auf- .

uendtg g6talteten Vtr-


drabtung erkennen
kann, bat skb dq Bßt-
ler bier bis tß Detail an
die Scbaltungnnrlage
arc einan Bastelbuch
gebaltm

vor dem Ersten Weltkrieg Amateurfunker tä- ter. Da Ausnahmen für Einzelpersonen nicht
tig. Für Deutschland jedoch läßt sich hier kei- vorgesehen waren und der Verstoß gegen
ne auch nur annähernd vergleichbare Entwick- dieses Gesetz mit Geld- oder Haftstrafen ge-
lung nachweisen. Noch in den 2Oer Jahren ahndet wurde, war damit ein Amateurfunk-
galt es als Entwicklungsland, was den Ama- betrieb in Deutschland aus gesetzlichen Grün-
teurfunk anbetraf. Dies ist um so bemerkens- den unmöglich. Das ständige Bemühen der
wertel als die deutsche Funkindustrie ein ähn- am Amateurfunk lnteressierten in Deutschland
liches, teilweise sogar höheres Niveau erreicht in den 20er Jahren galt daher der Revision
hatte als ihre europäische und amerikanische dieses Gesetzes oder der Schaffung einer an-
Konkurrenz. Der entscheidende Grund für die- deren gesetzlichen Grundlage für Funkama-
sen Rückstand ist im "Gesetz über das Tele- teure.
graphenwesen des Deutschen Reiches" vom
6. April 1892 zu suchen. Das Gesetz stellte Solange es diese gesetzliche Grundlage nicht
im ersten Paragraphen fest: Das Recht, Tele- gab. lag es im Ermessen der Reichspost, Ge-
graphenanlagen für die Vermittlung von Nach- nehmigungen zu erteilen. Dies wurde in der
richten zu errichten und zu betreiben, steht Regel recht restriktiv gehandhabt. Der erste
ausschließlich dem Reich zu. Unter Telegra- dokumentierte Fall ist der des Schülers Richard
phenanlagen sind die Fernsprechanlagen mit Dargatz aus Charlottenburg, der sich eine
begriffen. Obwohl sich dieses Gesetz ur- Empfangsanlage selbst gebaut hatte und 1919
sprünglich nur auf durch Leitungen verbun- beim "Kaiserlichen Telegraphen-Bauamt" um
dene Anlagen bezog, da zum Zeitpunkt des eine Genehmigung für deren Betrieb nach-
lnkrafttretens von drahtlosen Verbindungen suchte. Dies wurde umgehend abgelehnt.
noch gar nicht die Rede sein konnte (Marconi Dagartz wurde aufgefordert, die Anlage un-
führte, wie bereits eruyähnt, seine ersten Ver verzüglich zu beseitigen. Darüber hinaus wur-
suche erst zwei Jahre später durch), war der de eine Nachprüfung angekündigt.
erste Paragraph doch so allgemein gefaßt,
daß die später entstehende Funktechnik auto- Während sich die Situation im Hinblick auf die
matisch miteinbezogen wurde. Sogar eine Genehmigung von Empfangsanlagen nach
reine Empfangsanlage fiel automatisch darun- wenigen Jahren änderte, blieb die Genehmi-
Abb.6
Bastlergüät uf, 1925 mit
Rabmenantenne. Beson-
deß aufuendig gestaltet
lst dl6q 7-Röhm Über-
lagmngsmpfängü mit
a c b t D re b ko nde ns a t oren

für die Abstimmung

gung zum Bau und Betrieb von Sendeanlagen


während der 20er Jahre ein Dauerproblem.
Dies ist vor allem auch auf die abwertende
Meinung zurückzuführen, die die Verantwort-
lichen der Reichspost von den Fähigkeiten {er
Funkamateure hatten - ganz im Gegensatz zu
den meisten ihrer ausländischen Kollegen. ln
Frankreich betonte 1924 Gustave Ferri6, der
Leiter der Eiffelturm-Rundfunkstation, die her-
vorragende Rolle in der Technik, die die Funk-
amateure spielten. Man muß die Amateure
daher nicht nur dulden, so Ferri6 weiter. man
muB sie anspornen und fördern. Völlig ent-
gegengesetzt klang die Stellungnahme eines
Sprechers der Reichspost, der 1925 äußerte:,
Für einen Amateur ist es wegen des Mangels
an grundlegenden theoretischen Vorkennt-
nissen und Mitteln unmöglich, wissenschaft-
liche Arbeit zu /ersten (Körner, 1963, S. 12).

So blieb das Schwarzsenden (und vor 1925


auch der Schwarzempfang) in Deutschland
die einzige Möglichkeit für die nicht wenigen
fLrnktechnisch interessierten Amateure, sich teilt wurde, war der Rottenburger Elektro-
zu betätigen. Aus naheliegenden Gründen technikstudent Rudolf Horkheimer, der am
sind uns jedoch nur wenige Amateure dieser 24. August 1923 wegen nicht genehmigten
Zeit namentlch bekannt. Der bereits erwähn- Betriebs einer drahtlosen Telegraphieanlage
te Richard Dargatz und sein Schulfreund Wer- zur Zahlung einer Geldstrafe oder ersatzwei-
ner Slawyk waren die ersten, die ab 1920 se zu 30 Tagen Gefängnis verurteilt wurde.
Sende- und Empfangsanlagen selbst bauten
und deren Namen uberliefert sind. Bereits In der ersten Hälfte der 20er Jahre verbesser-
bis 1924 gab es in vielen Teilen Deutschlands ten sich zunächst die funktechnischen Mög-
Amateure, die Funkkontakt untereinander lichkeiten für Amateure deutlich, da die auf-
hielten und in der Regel Wellenlängen von strebende deutsche Rundfunkindustrie in zu-
200 bis 400 m verwendeten. Erst danach nehmendem Maße ein reichhaltiges Angebot
begann die Umstellung auf Kurzwelle. Da es an Bauteilen für Bastler offerierte. Obwohl das
keine gezielte Überwachung gab, war der Senden offiziell verboten war, wurden doch
Betrieb dieser Anlagen relativ gefahrlos und auch speziell Bauteile fur 5endeapparate ange-
eine Aufdeckung eher vom Zufall abhängig. boten. In ihrem "Handbuch fur Funkfreunde"
Der erste deutsche Schwarzfunker, der verur- von 1925 bot die Firma Telefunken ihre Ama-
teur-Senderöhre RS 210 mit der Empfehlung
an, diese sei zum Bau von Amateur-sendern
für kleine Wellenlängen [ ..] vorzüglich geeig-
nef. Erste für Amateurzwecke verwendbare
Mikrofone bot die Firma Siemens wenig spä-
ter an. Zwar war der Erwerb dieser Geräte
nur mit einer Genehmigung gestattet, trotz-
dem wurden sie praktisch frei verkauft.

ln der Zwischenzeit hatten sich - zumindest


was die Empfangsseite anging - auch die recht-
{:i.i^ lichen Bedingungen deutlich verbessert. Seit
dem 14. Mai 1924 war es für Forscher und

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Abb.7
I )ar ben:i hntlc Kur.zu'al
l(ilant/)f(ingü T.l),
(lar 193O t\nt TeQitttkett
enttr'il kelt 1t,uüL'

Fachleute auf dem Gebiet des Funkwesens


möglich geworden, von der Deutschen Reichs-
post eine sogenannte "Audionversuchserlaub-
rris" fllr den Empfang zu erwerben. Voraus-
setzung war allerdings die Mitgliedschaft in
einem anerka nnten Verein. Von einer FreizLl-
gigkert, wie sie die nreisten anderen Staaten
ihren Amateuren gewährten, konnte man in suchserlaubnis fallen ließ und den Rundfunk-
Deutschland weiterhin nur träumen. empfang am 1. September 1925 generell
freigab. Dies führLe zu MasserraLrstritren aus
In Europa waren in nrehreren Ländern 1921 denr kurze Zeil zuvor gegründeten "Deut-
die ersten Sendungen aus den Vereinigten schen Funktechnischen Verband" (DFIV), da
Staaten empfangen worden. Zwei lahre spä- die Enrpfangserlaubnis nun nicht mehr an
ter gelang die erste zweiseitige Verbindung. die Mitgliedschaft in einenr Verein gebunden
Weitere Verbindungen wurden rund um die war. Übrig blieben die Amateure, die sich
Erde hergestellt. Damit entstand auch der mit denr Senden befaßten
Wunsch, eine internationale Vereinigung f ür
Funkamateure zu gründen. lm April '1 925 Genehmigungen f ür den Betrieb von Ama-
trafen sich 250 Amateure aus 23 Ländern in teursendern wurden von der Reichspost nur
Paris zur Gründungsversammlung der "lnter- äußerst zögerlich und in geringer Zahl erteilt.
national Anrateur Radio Union" (IARU). Dabei Nachdem Ende 1924 der "Oberdeutsche
wurden neben organisatorischen Problernen Funkverband" (OFV) in Stuttgart eine der erst-
auch Fragen wie die einer internationalen en Genehmigungen erhalten hatte, erlaubte
Verkehrssprache erörtert. Noch während des die Post nun im folgenden Jahr die Errichtung
Kongresses trennten sich Radiovereine, da sie von Clubstationen für Sendeversuche. Bis
nur am Empfang interessiert waren, von der Ende 1925 wurden insgesamt 34 lizensierte
Gruppe der Sendeamateure, die nun allein Club-Sendestationen in Deutschland errichtet.
den Kongreß fortführte. Auch in Deutschland Fur Einzelpersonen blieb es in Deutschland
kam es wenig später zu dieser Trennung, als yedoch weiterhin unmöglich, eine Lizenz zu
das Reichspostministeri r-r m die ALrdionver- erhalten.

9
5ituation nichts wesentliches ändern, außer
daß die meisten Schwarzsender nun unter
der Regie des DASD liefen. lmmerhin wurde
ab 1931 der Betrieb von Funksendern zu
Versuchszwecken in Funkvereinen wieder of-
fiziell erlaubt. Mit der Machtübernahme durch
die Nationalsozialisten begannen dann die
Versuche, die organisierten Amateure gleich-
zuscha lten.

Ulrich Kern

In den Jahren 1926 und 1927 gewannen die


Auseinandersetzungen zwischen Amateuren,
die immer dringender die Sendelizenz forder-
ten, und der Reichspost, die die Ausgabe von
Lizenzen auch an Funkverbände stoppte, zu-
nehmend an Schärfe. Da Deutschland das ein-
zige Kulturland der Welt wat das seinen 5en-
deamateuren die Genehmigung zum Betrieb
vorenthielt (Körner, 1963, S. 14), begannen
die Amateure in zunehmendem Maße mit
selbst gewähltem Rufzeichen zu senden. Die
Zahl der Schwarzsender nahm in der zweiten
Hälfte der 20er Jahre drastisch zu. Auch die
Vereinigung der nord- und suddeutschen Ver-
bände zum "Deutschen Amateur Sende- und
Empfangsdienst" (DASD) konnte an dieser

10
Radlo - Wunder der Alltäglichkeit

, Abb.9
Reicbsprösident t0il
Hitulenburg bei einer
Ru r t tlft o t kn r t s1>ra c ls e

lch fürchte mich vor dem Radio. Als der Jour- 1930 in der Zeitschrift "Querschnitt" seine
nalist Anton Kuh, einer der scharfzüngigsten Sorge vor dem Rundfunk äußerte, hatte das
Kritiker im Wien der frühen 2Oer Jahre und Medium schon lange seinen Siegeszug ange-
später in Berlin wegen seiner arroganten und treten. Des Österreichers Klage: Die Mensch-
aggressiven Schreibe ebenfalls gefürchtet, heit hat den Weltraum zu ihrem Grammophon
erniedrigt, ragte wie ein Fossil in eine Zeit, in
der Schriftsteller wie Benn, Brecht, Bronnen
Abb.8
Drci Röhrcn ReJlex oder Döblin den Rundfunk schon als "Kom-
en pfdtUler Telefuilkon munikationsapparat" entdeckt hatten und Ar-
3t26 a
beiter wie Funkamateure mit der Losung Ra-
dio für a//e seine Verbreitunq förderten. Den
langjährigen Meinungsstreit um das Medrum,
das wie kaum ein anderes in die private Späre
der Menschen eindrang und immer auch ein
Politikum war, brachte Bertold Brecht 1932
rückblickend auf den Punkt: 5o konnte die
Technik zu einer Zeit so weit sein, den Rund-
funk herauszubringen, wo die Gesellschaft
nicht so weit war, ihn aufzunehmen.

1933 verfaßte Johannes R. Becher sein Gedicht


"Radio - Wunder der Alltäglichkeit". Aber wer
hätte zehn Jahre zuvor wissen können, daß es
dereinst ein elektrisches Medium geben wür-
de, das wie selbstverständlich zum Alltag der
Menschen gehört? Zehn Jahre, in denen in-
mitten eines wirtschaftlichen und politischen
Auf und Ab die technische Entwicklung mit
sozialen Folgen kontinuierlich fortschritt. Zehn
Jahre, in denen eine neue und einflußreiche

11
rül
/

tit,
Rundfunkindustrie entstand. Zehn Jahre, in
denen das Radio entscheidend zur Verbreitung
von lnformation und Sensation, Kultur und
Kitsch, Unterhaltung und Belehrung beitrug,
kurz: Wahrnehmungen veränderte, Horizonte
erweiterte und Meinungen prägte. Zehn Jahre
aber auch, nach denen man sich doch wieder
vor dem Radio fürchten konnte: Denn als mit
einem Fackelzug Hitlers Machtübernahme Abb. 1 1

gefeiert und reichsweit übertragen wurde, da


hatte sich bestätigt, daß der Rundfunk zu Zu Beginn des Rundfunkzeitalters sah das al-
einer politischen Waffe im Dienste der antire- les ganz anders aus. Bastler und Schwarzhörer
publikanischen Kräfte qeworden war. überwogen im Kreis der Radiofreunde. Kaum
einer konnte ausgangs der lnflationswiri-en al-
le Zubehörteile eines Empfängers käuflich er-
werben, lagen doch die Preise f ur einen De-
) tektorapparat zwischen 30 und 70 Mark; ein
I Vierröhrenempfänger mit Lautsprecher, Ano-
denbatterie und Heizakkumulator konnte 1924
astronomische 700 Mark kosten. Am 29. Ok-
tober 1923, abends zwischen 8 und 9 Uhr, be-
gannen die regelmäßigen Rundfunksendun-
gen, aber es gab nur einige wenige zahlende
Rundfunkteilnehrner! Eine Empfangslizenz
im "Friedenswert" von 25 Mark kostete an
diesem Tag 350 Milliarden Mark, zehn Tage
später hätte man bereits 3,5 Billionen auf den

rffi Abb. 1O und 11


\Y'erbesc It i I de r.ft

J(itryerk rnponetteil
r01d IJdstleftcile
i r En p-
Schaltertisch der Post blättern müssen. "Klub
der Zaungäste" nannte sich deshalb eine Ber-
liner 5chwarzhörervereinigung, die nicht nur

12
die Vox-Sendungen, sondern auch die Lon- ten wie beispielsweise die "Surag" (Süddeut-
doner BBC illegal abhörte. Den nationalen sche Rundfunk-A.G ) Stuttgart gegründet wur-
Pathos, mit dem der "deutsche" Rundfunk den. Nun waren die sendetechnischen Voraus-
seine Karriere startete, kommentierte sie in setzungen geschaffen; mehrmalige Gesetzes-
einem Leserbrief vom Dezember 1923 novellierungen, Gebührennachlässe und sogar
ironisch: Aber daß Sie zum Schluß dreimal eine Amnestie fur Schwarzhörer (1924) sorg-
hintereinander dte deutsche Nationalhymne ten dafür, daß der "Radio-Sport" sich bald zu
spielen, das ist ern bißchen viel, denn Sie einem Massensport entwickelte. Diese Ent-
könnten ruhig ein wenrg Rücksicht auf die
Leute nehmen, die sich die drei Verse entblöß- Abb.12
nu d it i( D tel le W e i lJ nac l.ltett
ten Hauptes aufrecht vor ihrem Lautsprecher ntil tterter Tetl:rtik: Die
stehend anhören mr,ssen. Na- Mediett anirnt das Iarul
turlich hatten die Politiker die
Bedeutung des Rundfunks er- i
"*.{
kannt und nutzten die Gunst
der 5tunde: Erstmals wurde
die Weihnachtsansprache
eines Reichskanzlers am 25.
Dezember 1923 ausgestrahlt.

War zu dieser Zeit der Radio-


empfang noch eine Berliner
Exklusivität, so verbreitete er
sich 1924 reichsweit. Sende-
stationen wurden in Leipzig,
Frankfurt a. M., München,
Hamburg, Stuttgart, Breslau,
Königsberg und Münster ein-
gerichtet, zu deren Betrieb
föderale Rundf unkgesellschaf-

t3
Abb. 13
I:in l;ilnt iiber Liabe tuill
Rtt t ulftr rtk it t Det ts( l)
hrtrl, 1927

Die extrem hohen Zuwachsraten bis 1925 über-

I raschen nicht, startete das Medium doch vom


Punkt Null. Ab 1925 sorgten dann die auch
wirtschaftlich als "golden" erlebten Jahre bis
zur Weltwirtschaftskrise 1929 dafür, daß die
Rundfunkdichte in Deutschland kontinuierlich
wicklung wurde nicht von allen Zeitgenossen zunahm; es war nun möglich geworden, sich
begeistert aufgenommen; unter der Schlagzei- einen Empfänger zu Ieisten, und die Geräte-
le "Die Rundfunk-Gefahr" wies der Vorsitzen- hersteller sorgten rnit ihrem breiten Angebot
de der Internationalen Artisten-Loge auf mög- von Bausätzen, Orts- und Luxus-Fernempfän-
liche Konsequenzen hin: Wenn hunderttau- gern dafur, daß Käuferwünsche befriedigt
send und mehr Leute in etner Großstadt jede wurden.
beliebige Unterhaltung zu Hause im Schlaf-
rock und Pantoffeln oder auf dem Sofa liegend
haben können, werden viele, die heute unsere
Varietös, Kabaretts, Kaffees frequentreren, in tzMMMMvMVMtZNZüvtZVVi
ihrer Wohnunq bleiben.

Anzahl der Rundfunkteilnehmer in Deutsch-

$
land 1923 bis 1933

01. 12. 1923 467


01. 01 1924 1 580 + 2389i,
Refnio: J2, der Radiotele{unken{im
01 05 1924 16 461 + 9429"
Bringt uns alle in den -
01. 07 1924 1 00 000 + 507 9'. 'Wenn
.die Welle blitzscl'
01. 01 1925 548 7 49 + 4489'o
01. 01 1926 1 022 299 + 860,6
01. 01 1927 1 316 564 349',.
01. 01 1928 2 009 842 + 469.
01. 01 1929 2 635 561 + 319',o
01. 01 1 930 3 066 682 + I O'?o
01. 01 1931 3 509 509 + 149',o
01. 01 1932 3 980 582 + 13.,',"
01 01 1 933 4 301 122 +

t4
Abb.14
Fonti Iiertt refl' atn Radio

Nicht nur im Film wurde das Radio zu einem Durch unbegrenzte Weltenräume /
Thema, auch die Buhne qriff den "Funkzau- Verpflanzt die Welle Tat und Träume.
ber" auf: Kurt Schwitters und Käthe Steinitz Wir funken bis zum tJntergang/
lassen den Radio-Ansager Schmidt in ihrer lns Weltall kilometerlang
grotesken Oper "Zusammenstoß" ausrufen: Noch bis zum Schluß die krummen Beini/
Des weltberühmten Onkel Heini.
Und wenn die Welten untergehn/
So bleibtdie Welle doch bestehn. lm Variete und Kabarett waren aktuelle Cou-
Das Radio erzählt euch allen/ plets und Lieder wie Otto Reutters "Radio-
Was immer Neues vorgefallen. funken", der angeblich neueste Weltsilmmy-
Und funk ich hier ins Mikrophon/ Schlager mit dem Titel "lm Radiotelefunken-
Hört man rm Weltall jeden Ton f immel"oder der Rundfunk-Step "Bubi - ich
habe eine Radiostation" die Renner der Saison
1924. Dem Wiener Ronacher-Theater war das
Medium sogar eine eigene Revue unter dem
üüü g güü&eül? ggügüür7üüü[l Titel "Alles per Radio" wert Die Radiomanje
der Kulturszene komplett machten zahlreiche
Radioromane, deren erster 1924von Otfried
von Hanstein unter dem Titel "Der Telefunken-
\ Teufel" erschien.
s\
mmel Rundfunkindustrie -
-.ieb'Dten Himmel! Gründerboom und Konzentration
'nell durch den At'
Herstellung und Vertrieb von Rundf unkgeräten
waren genehmigungspflichtig 17 Firmen be-
warben sich mit Einf ührung des Rundfunks um
ü
.. atrtaet die begehrte Erlaubnis der Reichstelegraphen-
verwaltung (RTV) Darunter befanden sich Fir-
men wie AEG, Siemens, Lorenz und Huth, die

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Abb. 15
Sit'Dtcils G Ilalske D-21ry",
192.1 (lirtki; L()eu'e OF.
.l.l.j, 192(;i27 (ntitk ;
I'it\aqerd Tek\ 1921

bereits seit langem Funkerfahrungen besaßen, den Durchbruch des Radios zu einem Massen-
aber auch eine Reihe kleinerer Gesellschaften, medium?
die erst nach dem Krieg entstanden waren.
Wenrge Monate später, im März 1924, zählle Alle Radiohersteller mußten auf Patente von
man schon etwa 200 Anbieter auf dem N/arkt. "Telefunken" zuruckgreifen und beim Mono-
Ein Grunderboom war ausgebrochen in der polisten Lizenzrechte erwerben. Die AEG und
Hoffnung auf die schnell verdiente Mark Die- auch Siemens & Halske nutzten natürlich vor
se Goldgräberstimmung wich jedoch bald der der Freigabe der Rundfunkpatentrechte ihre
Ernüchterung angesichts der rigorosen Markt- Position aus und stellten schon 1923 eine
politik der fuhrenden Firmen. Die Entwicklung hochwertige, aber auch teure Empfangsanla-
in der Rundfunkindustrie wurde zu einem ge vor. Der "D-Zug" bestand aus verschiede-
Paradebeispiel für Marktregulierung, Konzen- nen Elementen, die - wie die Waggons eines
tration und Verdrängungswettbewerb in der Eisenbahnzuges - aneinandergekoppelt wer-
Weimarer Republik: 1932/33 gehörten dem den mußten: Das Audion Rfe 1 enthielt die
Rundfunkkartell nr-rr noch 39 Firmen an. Eine wichtigste Röhrenempfangsschaltung, der
von ihnen, die "Telefunken", zählte gar zu den Hochf requenzverstärker Rfv 2 ermöglichte den
vier führenden Funkfirmen der Welt und war Empfang auch entfernterer Sender, und der
eine der Hauptlieferanten von Sendetechnik. Niederfrequenzverstärker Rfv 1 ließ eine grö-
Eigentlich war Telefunken eine Gesellschaft ßere Lautstärke erzielen und ermöglichte den
von Juristen, Forschern und Erfindern, deren Empfang mittels vieler Kopf hörer oder eines
Geräte bei ihren Stamm- und Eigentumerfir- Lautsprechers. Solche Anlagen waren zwar
men AEG und Siemens & Halske produziert Meilensteine in der Rundf unkentwicklung,
wurden; gleichwohl vertrieb sie Empfänger un- aber die "röhrenlosen" und deshalb wesent-
ter eigenem Namen. Diese Firmen, aber auch lich preisgünstigeren Detektoren waren als
deren Konkurrenten wre Loewe, Blaupunkt Einstiegsmodelle in das Rundf unkzeitalter weit
oder Saba sind heute noch bekannt. Wer aber mehr verbreitet. Der Stuttgarter Radio-Bauer
verbindet mit "Baduf", "Deutsche Milophon", A. E. Pinggera stellte 1924 ebenfalls einen
"fefag", "Amato", "Reico" oder "Pinggera" Röhrenempfänger nach Telef unken-Patenten

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Abb. I 6, 17 ttnd la
Bekdttiltc Kr:i ttsI Ier e nt,
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V'eiltescltikler ttnd
Plttkate

I a-

Abb.17

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Verhaufssteilc hier
t

Abb. 18
vor; aber dem "Telos" fehlte der begehrte RTV-
Zulassungsstempel, ohne den kein Gerät in
den Handel gehen konnte. Der "Telos" könnte
eines jener Geräte sein, vor denen Telefunken
in Zeitungsannoncen wegen der Verletzung
von Patentrechten warnte. Die Firma Loewe
hatte mjt solchen Streitigkeiten nichts zu tun:
lhr Ortsempfänger (OE) 333 läutete 1926 die
Ara der preiswerten Kompaktempfänger (aller-
dings noch ohne Lautsprecher) ein. Zum sen-
sationell niedrigen Preis von 39,50 Mark ein-
schließlich Röhre wurde er zum Erfolgsmodell
der Firma - und fast schon ein Vorläufer des
Volksempfängers. Das Geheimnis bildete die
unter Mitwirkunq von Manfred von Ardenne
entwickelte "Mehrfachröhre", die einen kom-
pletten Dreiröhrenverstärker in sich vereinigte.

Ebenfalls einen eigenen Weg ging die "Schwarz-


wälder-Apparate-Bau -Anstalt" in Villingen,
kurz "5ABA" genannt, die alle Bauteile selbst
entwickelte. lhre Empfänger, mit denen sie ab
1927 auf den Markt kam, waren nach ameri-
kanischer Bauart konstruiert und galten schon
IGIN DES NKS zu Anfangszeiten, wre der "Universum 6" mit

t7
Abb.20
Telefi}tkut A ntit B7A
KoPflt(ireßüinder

eingebautem Netzteil, als Hochpreisgeräte. AEG und Siemens als Eigentumer von Tele-
Sechs Empfänger- und zwei Gleichrichterröh- funken bauten in den 20er Jahren zielstrebig
ren versprachen zwar verbesserten Empfang, ihre marktbeherrschende Stellung aus. Mit
kosteten ledoch einen stolzen Preis. "Osram" besaßen die Firmen einen der gros-
sen Röhrenhersteller; nach und nach beteilig-
ten sie sich an den Rundfunkfirmen "Sachsen-
werk", "Detewe" und Heliowatt mit der da-
mals bekannten Marke "Nora". AlsTelefunken
und Lorenz 1927 gemeinsam ihren ehemali-
gen Konkurrenten Huth übernahmen, war der
Markt unter den Großen aufgeteilt: Rund 80
Firmen boten 1929 noch Radioempfänger an,
nur vier von ihnen bestritten ledoch die Hälfte
des Gesamtabsatzes.

Rundfunk und Grammophone


Symphonle der Zeit

Ein zerstreuender Zeitvertreib war Radiohören


in den Anfangslahren sicher nicht. Geschick-
lichkeit, Geduld und eine richtig installierte
Antenne, die bei einem Detektor eine Länge
von 30 bis 40 Meter erreichen konnte, waren
in Zeiten, als es noch keine Umsetzer, Sender-
Abb. 19
Das Itntetrlebert rles Reico skalen oder gar automatische Abstimmungen
R.F. 266 gab, Voraussetzungen für einen einigermaßen
sauberen Empfang. "Freizeit" mußte man in-
vestieren, um den Fortschritt genießen zu kön-
nen, wie ein Hauptlehrer aus dem Oberamt
Rottweil im Dezember 1924 an den Suddeut-

18
Abb.21 und 22
Reico I?.F. 266 mit Bddttf-
Latüsprecber, ca. 1927
(iltett)
Philips Trpe 2511 uott
1928 ttlil L(tttsprec ber
Type 211.3 (unten)

schen Rundfunk schrieb: Nachdem ich Ende


Oktober die ersten Töne wie einen himmli-
schen Lobgesang hörte, da war ich über die
Maßen erfreut. Seither komme ich abends
nicht mehr in meinen gewohnten Gesell-
schaftskreis. Gerade wenn man, wie ein Hö-
rer im Jagst-Tal 1925, über einen ganz vorzüg-
lichen Apparat verfügte, konnten häuf iq nur
mit den Gerätefunktionen gut vertraute Be-
treiber optimale Empfangsergebn isse erzielen,
denn was gab es nicht alles für Knöpfe, He-
bel, Scheiben und Trommeln: Heizregler, Fein-
und Grobabstimmung für jeden Empfangs-
kreis einzeln, verschiedene Hebel für die Ein-
Aus-Schaltung des gesamten Gerätes sowie
einzelner Komponenten oder für die Wahl des
Wellenbereiches. Bei allem Aufwand mußte
man dann alleine oder in kleinem Kreis das
"Wunder" genießen, je nachdem, wie viele
Kopfhörer zur Verfügung standen.

Meh rröhren geräte m it ei ner N ied ri gf requenz.-


verstärkung ließen auch einen komfortablen
Lautsprecherempfang zu; irritieren konnte je-
doch auch dieser Genuß, der technischen Lai-
en kaum glaubhaft erklärt werden konnte: Ein
alter Mann mit 75 Jahren brachte die Sache
mit Geistern in Verbindung, berichtet ein Funk-
enthusiast von einer sejner Vorführungen im
Januar 1925, und wieder ein anderer suchte

t9
Abb.23
Gr()ß-Grdnt ill(il)Pott
" L.y ra ftl i r Ta t t zd ie let 4

ttnt 1910

während der ganzen Vorführung das ganze ab 1929/30 auf den Markt, und als man die
Zimmer mit den Augen ab, um zu entdecken, Sender auf größeren, mit Namen beschrifteten
wo ein Grammophon oder etwas ähnliches Skalen einstellen konnte (ab 1933), schien fast
stehe. Mit der Gewöhnung an das neue Me- leder Komfortwunsch erfüllt. Der Radioem-
dium jedoch veränderte sich auch der Um- pfänger hatte seine bis heute gültige Form ge-
gang; Kopfhörer galten plötzlich als zu wenig funden. Doch die Trennschärfe bei der Sender-
komfortabel, sie druckten auf die Ohren und einstellung war immer noch ein Problem, das
schränkten die Bewegungsfreiheit ein. Der erst mit einer neuen Generation von Rund-
Lautsprecherempfang setzte sich nun schnell funkempfängern, den sogenannten "Super-
durch; zunächst besaßen die "lautsprechen- hets", ab 932 gelöst werden konnte; diese
'1

den Telefone" eine Trichterform, ab 1927/28 Geräte boten dann eine hohe Empfangslei-
wurden die neu entwickelten Konuslautspre- stung bei einfacherer "Einknopfbedienung".
cher in Holz- oder Bakelitgehäusen unterge-
bracht. Die lndustrie bot in schneller Folge im- Wie im Radiobau gelang es auch in der Wei-
mer komfortablere Empfangsgeräte an: Ab terentwicklung der Grammophone und der
1927 brauchte man für den Empfänger dann Plattenaufnahmen, den Komfort zu erhöhen,
keine Batterien und Akkumulatoren zur Strom- einen reineren Hörgenuß den Kunden anzu-
versorgung mehr, sondern konnte sein Radio bieten; die Grammophon- und Plattenindustrie
einfach an die Steckdose anschließen - f ur nahm teil am Aufschwung der Massenmedien:
Gleich- oder Wechselstrom gab es unterschied- Neue Musik, zum Teil aus Amerika kommend,
liche Empfänger. Radios mit eingebauten Laut- eroberte sich Marktanteile, neue elektroakusti-
sprechern kamen dann in größerer Stuckzahl sche Aufnahmeverfahren wurden entwickelt

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Abb.25
Lt t

G I tit k
tl tui11 IIo lt I u,e itt :
lic b e l?e i se, t.l t rb-
S/ücQche
OlJittultttclz, 90 t 59t nt,
tttn 1925

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(1925), Wiedergabegeräte mit elektronischen


Verstärkern und eingebauten Lautsprechern
kamen ab 1928 in den Handel Ein Jahr später
preßte allein die "Deutsche Grammophon"
schon 10 Millionen Schallplatten im Jahr. Nam-
hafte Künstler schloßen Exklusivverträge mit
großen Herstellern ab; bekannte Graphiker be- GRAMüOPHON-
teiligten sich an der Werbung für die Medien- ' HAUS
industrie. Ludwig Hohlwein (1874 - 1949) war
einer der bedeutendsten Plakatkünstler und
Gebrauchsgraphiker vor und nach dem Ersten
SIGM. KOCH,,MUHAUSERSTR. 50
Weltkrieg, der den Typ des modernen Sach-
plakats schuf.
Weder Radio noch Grammophon galten im
Abb.24
() ntedi0t t Hd r Dlo il i sts,
Deutschland des Jahres 1933 noch als Sen-
RL'ptI )d u kl i( D t d es j' Id k(l s sation. ln nur zehn Jahren war ein neues Me-
unr Erule der 2oerJabre dium zur Alltäglichkeit geworden. Auch die
deutsche Arbeiterbewegung hatte von dem
Medium Besitz ergriffen: Aus zahlreichen, seit
Oktober 1923 gegründeten Bastlervereinen
war der "Arbeiter-Radio-Bund" (ARB) hervor-
gegangen, der sich seil 1927 an der "Arbei-
ter-Radio-lnternationale" beteiligte. Mit einer
eigenen Zeitschrift, dem "Arbeiterfunk", und
eigenen Funkausstellungen trugen diese Or-

ME ganisationen mit dazu bei, dern Rundfunk kri-


tische, klassenbewußte Hörer zuzuführen.

FIARIIONIITS
SIXGEX XURäFÜR ODEOX
Einer der ersten deutschen Hörspielautoren,
Otto Alfred Palitzsch, hatte diese klassenuber-
greifende Attraktivität des Mediums 1927

zt
den Rundfunkskeptikern geweissagt: Das Ra-
dio hat sich in aller Stille eingeschlichen. Heu-
te gehön es zum Wohnungsinventar wie Zier-
schrank und Topfpflanze. Anscheinend unbe-
teiligt, bedeckt mit Spulen, Drähten, Hartgum-
gummischeiben, stehen die magischen Kästen
in ihren Ecken. [...] Alle jene, die wie altgedien-
te Kavalleriepferde nur auf festgelegte Signale
hören, auf die Signale der überlieferten Kultur,
werden solche Experimente schlankweg ab-
Abb.26 lehnen. Aber der Rundfunk ist da, und er wird
Hirrcin in den Arbeiter-
Radio-Buttd sich in so rapidem Tempo entwickeln, daß
den unberufenen Hütern der Vergangenheit
schwind lig werden wi rd.

Horst Steffens

22
zitierte und weiterfühf ende Literatur

Eeide Autoren danken Herrn Günter Abele, Stuttgart, für Höckel, Alfons:
sachkundigen Rat. Die Deutsche Rundf unkindustrie
Diss. Heidelberg 1937.
Abele, Günter: Leipziq 1938.
Radio Nostalqie. Vom Detektor zum Transistor
Wien 1993. Kaes, Anton (Hg.):
Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur
Börner, Herbert: deutschen Literartur 1918 - 33.
Unser Radio. Kleine Geschichte des Rundfunkempfängers. Stuttgart 1983.
Hrsg. vom Stadtmuseum Weimar.
Weimar'1983. KoerneL W.F.:
Geschichte des Amateurf unks.
Dahl, Peter: Seine Anfänge - Seine Entwicklung in Deutschland.
Arbeitersender und Volksempfänger. Proletarische Gerlingen o. j. (1963).
Radiobewegung und bürgerlicher Rundfunk bis 1945
Frankfurt a. M. 1978. Köster, Heinrich:
Der deutsche Markt für Rundfunkgeräte.
De Soto, Clinton: Diss. Hannover 1939.
200 meters & down. Dortmund'1940.
West Hartford 1936.
Lerg, Winfried B.:
Erb, Ernst: Rundfunkpolitik in der Weimarer Republik.
Radios von Gestern. (= Rundfunk in Deutschland, hrsg. von Hans Bausch, Bd.'1).
Luzern 1 989. Milnchen 1980

Fischer, Kurt: Nesper, Eugen:


Dokumente zur Geschichte des deutschen Rundfunks Der Radio-Amateur.
und Fernsehens. " Broadcasting ".
Göttingen 1957. Berlin 1923.

Günther, Hanns/Vatter, Hans: Ott, Georg:


Bastelbuch ür Radioamateure.
f ACHTUNK! Gedanken und Erlebnisse als Sprecher und
Stuttgart 1 925. Spielleiter beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart.
Stuttgart 1 926.
GüntheI Hans/Kröncke, H.:
Amateursender. Riedel, Heidi:
Stuttgart 1 926. 60 Jahre Radio. Von der Rarität zum lvlassenmedium.
Berlin 1987 (2.Aufl.).
Handbuch f ür Funkf reunde.
Herausgegeben von der "Telef unken-Vertreter- Schneider. lrmela (Hg.):
Gemeinschaft" E.V Radio-Kultur in der Weimarer Republik.
Berlin 1925. Eine Dokumentation.
Tübingen 1984.
Blldnachwelse

Titelbild
Familie hört mit Freunden Radio, 27. 12.1927
Deutsches Rundfunkarchiv, Frankfurt a. M.

Abb. 1, 2, 3,4,5,6,7
Leihgabe: Günter Abele, Stuttgart
Foto: Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim

Abb.8,19,20,21,22
Günter Abele, Stuttgart

Abb.9, 12,14
Deutsches Rundfunkarchiv Frankfurt a. M.

Abb. 10, 1't, 13, 15, 16, 17,


18, 23, 24, 23
Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim

Abb.26
Friedrich-Ebert-Stiftung/Archiv f ür Soziale Demokratie, Bonn

Rückseite
Grammophon Concert Automatique
Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim

Weitere Bilder von:

Deutsches Rundf unkmuseum, Berlin


Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz,Berlin
Telef un ken-Vertreter-Gemeinschaf t e.V

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