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Walter Rothschild

99 Fragen
zum Judentum

Aus dem Englischen übersetzt


von Götz Elsner

Gütersloher Verlagshaus
Originalausgabe
Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme
Rothschild, Walter L.: 99 Fragen zum Judentum /
Walter L. Rothschild.
ISBN 3-579-01201-0

© Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2001


Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich
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Walter Rothschild
Geboren 1954, Theologe, Pädagoge (Cambridge) und Rabbiner
(Leo Baeck College, London).

99 Fragen – das sind Streifzüge durch die Welt der


Religionen. Die Bände vermitteln grundlegende
Informationen und sind ein echtes Lesevergnügen,
spannend und verständlich geschrieben. Die
Fragen: Sind jüdische Friedhöfe anders als andere?
Wie ist der jüdische Kalender aufgebaut? Was
macht denn eigentlich ein Rabbiner? Das
vorliegende Buch beantwortet fundiert diese und
96 weitere Fragen.
VORWORT

Die erste Frage, die sich in diesem Buch stellt, kann natürlich
nur lauten: Wie in aller Welt kann man das Judentum mit Hilfe
von nur 99 Fragen erklären? Hierzu gibt es eigentlich keine
Antwort, obwohl dieses kleine Buch immerhin einen gewissen
Versuch darstellt, dieses zu leisten. Das Judentum ist eine
Religion, die sich einer einfachen Definition widersetzt.
Heutzutage investieren Juden einen gewaltigen Aufwand an
Zeit und Energie, um das Wesen der jüdischen Identität zu
debattieren – ist es eine Religion, eine Volkszugehörigkeit,
eine geistige Bildung, ein historisches Schicksal…? Kann man
außerhalb eines spezifischen Landes jüdisch sein, und
überhaupt, kann man das innerhalb? Wer entscheidet, was
jüdisch ist, in einer Religion, die über mehrere Jahrtausende in
vielen verschiedenen Kontinenten ausgeübt worden ist?
Es gibt einen ausgeprägten Unterschied zwischen dem
gepredigten Judentum und dem in der Praxis ausgeübten
Judentum, zwischen den Juden verschiedener Länder,
zwischen der Religion des Volkes und derjenigen der Rabbiner
und der Intellektuellen. Vielleicht sollten diese Unterschiede
nicht existieren – aber sie tun es dennoch, und aus diesem
Grunde ist die Beschreibung des Judentums als Religion so
aufregend und anspruchsvoll.

Die einfache Antwort auf diese Frage der Erklärung ist: man
kann es nicht.
Und doch kann man in einem Buch dieses begrenzten
Umfangs und (daher) Tiefgangs einen Versuch wagen. Nun –
die symbolische Zahl 99 wurde vom Verleger gewählt, um
eine Begrenzung vorzugeben, und innerhalb dieser
Begrenzung kann man hoffen, einige (grundlegende)
Erklärungen von (einigen) Teilgebieten des Judentums zu
liefern, auf eine klare und vielleicht nicht unbedingt immer
systematische Weise.
Die Kriterien, die für die Fragen gewählt wurden, umfassen:
– Grundlegende Aspekte der jüdischen Theologie (die in der
Tat begrenzt sein müssen).
– Einige grundlegende Elemente der jüdischen Praxis, zu
Hause und in der Synagoge.
– Fragen, die aufgrund einer nahezu zwanzigjährigen
Erfahrung in Gemeinden üblicherweise einem Rabbiner von
denjenigen gestellt werden, die sich dem gesamten Thema von
außerhalb nähern.

Die Fragen sind zur besseren Übersicht alphabetisch geordnet


und stellen in dieser Reihenfolge keine Abfolge der Themen
nach inhaltlichen Schwerpunkten dar. Es gibt keinen Zweifel,
dass einige Fragen, die Sie als Leser stellen, keine Antwort
finden werden. Es gibt keinen Zweifel, dass einige der
Antworten nicht zufriedenstellend sein werden, bewusst vage
sein werden oder verschiedene Wahlmöglichkeiten anbieten
werden anstelle einer einzigen Gewissheit. Aber so verhält es
sich nun einmal… Dieses Buch ist von einem einzelnen
Rabbiner geschrieben. Es benötigt keine besondere Erlaubnis
von einer höheren Autorität, ist nicht von irgendeinem
Komitee genehmigt worden, und stellt daher schlicht die
Standpunkte des Autors dar. Die ausgewählten Fragen sind der
Anlage des Buches gemäß vor allem solche, die eine
nichtjüdische Person möglicherweise stellen könnte.
Sie setzen sich mit einigen Themen auseinander, die Schüler,
Studenten und Besuchende von Synagogen in ihren Fragen oft
streifen. Ebenso berühren sie Fragen, mit denen man im
Umgang mit jüdischen Nachbarn und Freunden vielleicht
konfrontiert wird.
Die Fragen und Antworten in diesem Buch geben weder eine
umfassende Antwort auf all die Fragen, die das Leben so mit
sich bringen kann, noch liefern sie ausreichendes Material oder
Quellen, z. B. für die Verwendung beim Studium der Judaistik.
Aber, wenn Sie bereit sind, 99 Fragen zu stellen, dann ist
vieles zu erfahren – seien Sie bereit für eine Vielzahl an
Antworten!
Und wenn Sie hier mal nicht eine Antwort auf Ihre Fragen
finden – es gibt viele gute Bücher, aus denen man lernen kann.

Rabbiner Rothschild
Frage 1

A – wie Anfang:
Wer sind eigentlich die Juden?

Es gibt eine einfache Antwort auf diese Frage, und die ist: Das
weiß niemand.
Es gibt viele Definitionen dafür, wer jüdisch ist, und viele
von ihnen sind widersprüchlich. Daher werden wir hier nur
kurz einige erforschen.
Erstens – Ist es eine Religion? Falls ja, dann sind die Juden
diejenigen, die an die Religion glauben, die als »Judentum«
bekannt ist – »Jahadut«. Wenn es auch verschiedene Formen
dieser Religion gibt, so teilen sie im wesentlichen den Glauben
an Den Einen Gott, d. h. Gott ist einzig und allumfassend, Gott
ist der Schöpfer aller Dinge, und es gibt keine Macht im
Weltall außer Gott; dass Gott ein besonderes Volk auserwählt
hat und einen besonderen Bund mit ihm geschlossen hat, durch
den es zusätzliche Verantwortlichkeiten trägt, festgelegt als
Gebote (Mizwof), von denen die meisten für die übrige Welt
nicht verpflichtend sind. Diese definieren die Art und Weise
des Gottesdienstes, einen Kalender mit festgelegten Tagen von
Ruhe und Festen, besondere Regeln für Nahrung, für Heirat
und Beziehungen, für die Behandlung von Tieren und
Landwirtschaft, legen ein besonderes Verhältnis zu Israel und
Jerusalem zugrunde, und daneben noch viele andere Dinge.
Gemäß dieser Definition ist ein Jude jemand, der glaubt.
Aber – es gibt viele, die das nicht tun und doch immer noch
Juden sind!
Zweitens – ist es eine Gesellschaftliche Gruppierung? Falls ja,
dann sind die Juden diejenigen, die einer bestimmten jüdischen
Gemeinschaft angehören, in gewissen Städten oder Stadtteilen,
und die ihr Leben gemäß den oben beschriebenen Mizwot
führen. Sie üben Mizwot gegenüber anderen Menschen aus, sie
halten den → Sabbat und die Nahrungsgesetze ein, sie kleiden
sich in Übereinstimmung mit einer strengen Auslegung der
Regeln von Bescheidenheit – und gemäß dieser Definition ist
ein Jude jemand, der das tut.
Aber – es gibt viele, die das nicht tun und doch immer noch
Juden sind!

Drittens – ist es eine Rasse oder eine Volksgruppe? Falls ja,


dann ist ein Jude jemand, der in eine jüdische Familie
hineingeboren wird und »jüdische Gene« trägt; ein Jude kann
nach dieser Definition an einer bestimmten Hautfarbe erkannt
werden oder an der Form des Kopfes (oder Nase) oder an der
Farbe der Augen oder des Haares, und kann nur dann jüdisch
sein, wenn er auf diese Weise geboren wurde. Gemäß dieser
Definition ist ein Jude jemand, der einfach ist. Aber auch dies
ist eine höchst unzutreffende Definition. Es gibt Juden aller
möglichen verschiedenen Erscheinungsbilder von Größe, Form
und Farbe, und es ist möglich, zum Judentum zu konvertieren.

Viertens – ist es eine geistige Bildung? Falls ja, dann ist ein
Jude jemand, der sich »jüdische Musik« anhört, »jüdische
Kunst« ausübt, nach »jüdischen Rezepten« kocht, »jüdische
Witze« macht. Aber vieles von dem, was normalerweise als
jüdisch eingeordnet wird, ist einfach osteuropäisch – von
jüdischen Immigranten in die westliche Welt hineingebracht,
aber nicht wesenhaft jüdisch; oder aus dem Mittelmeerraum –
von jüdischen Reisenden oder von israelischen Exporteuren
popularisiert, aber auch nicht wirklich jüdisch. Natürlich gibt
es bestimmte Kunst- oder Musikwerke, die von jüdischen
Themen handeln. Aber es gibt Juden, die sie nicht mögen; es
gibt Nichtjuden, die diese Themen bearbeiten.

Fünftens – ist es eine Nationalität? Falls ja, dann ist ein Jude
jemand, der in einem jüdischen Staat lebt. Von diesen gibt es
nur einen – den Staat Israel – und er hat viele, viele Bürger, die
keine Juden sind, aber dennoch volle Bürgerrechte genießen,
einschließlich des Rechts, in die Knesset, das Parlament des
Landes, gewählt zu werden; sie genießen das Recht, in Kirchen
und Moscheen und Bahai-Tempeln Gottesdienste abzuhalten…
Aber es gibt tatsächlich viele Israelis, die jetzt außerhalb
Israels leben und die diesen Glauben – genannt »Zionismus« –
nicht teilen, nämlich dass der Platz für alle Juden im Lande
Zion ist.
Daher ist auch dies eine Fehldefinition.

Tatsächlich ist es auch so, dass viele Definitionen zum


Judentum und den Juden von den Feinden der Juden kamen.
Diejenigen, die sich gegen diesen Glauben stellten, versuchten,
die Juden zu »retten«, indem sie sie veranlassten, zu einer
anderen Religion überzutreten. Sie versuchten zu erzwingen,
dass die Juden sich anpassen, ihre Namen und Sprachen
verändern, ihre Sitten und Gebräuche fallenlassen, und hofften
dafür den Zugang zu den Privilegien der Angehörigen der
breiteren Gesellschaft einzutauschen – Zugang zu
Universitäten oder gewissen Berufen, Bürgerrechte usw.
Diejenigen, die sich gegen die Idee der Rosse stellen,
versuchen, die Juden über die Eltern und Großeltern und das
»Blut« zu definieren, was zu allen Arten von Anomalien führt
– wie zum Beispiel der katholischen Nonne mit jüdischen
Eltern, oder einer Person, die wegen eines Großelternteils, dem
sie nie begegnet ist, eingeordnet wird. Diejenigen, die der Idee
einer politischen Identität widersprechen, greifen die Idee
eines jüdischen Staates an und erklären sie – ironischerweise –
als rassistisch und der modernen Welt nicht angemessen –
indem sie bequemerweise viele andere Staaten vergessen, die
ebenfalls eine bestimmte Ideologie fördern. (Ich würde
persönlich so argumentieren, dass der Anti-Zionismus dem
Anti-Semitismus gleichkommt, wenn der Zionismus als die
einzige Ideologie herausgestellt wird, die angegriffen wird.)
Am Ende bleibt uns nur eine Mischung aus
widersprüchlichen und unsystematischen Definitionen übrig.
Gemäß dem jüdischen Gesetz ist ein Jude jemand, der von
einer jüdischen Mutter geboren wurde, oder jemand, der zum
Judentum übergetreten ist. Nur eine solche Person darf einer
jüdischen Gemeinde angehören. Aber was ist, wenn die Mutter
zu einer anderen Religion übergetreten ist? Was ist, wenn die
Person selbst zu einer anderen Religion übertritt? Was ist,
wenn es keinen wirklichen Beweis dafür gibt, dass die Mutter
jüdisch war? Was ist eine gültige Handlung des »Übertritts«?
(Siehe zur Diskussion darüber die entsprechende separate
Frage.) Was ist, wenn jemand als junges Kind adoptiert wird?
(Entweder von einer jüdischen Mutter – oder von einer
nichtjüdischen Mutter?) Was ist, wenn eine Regierung oder
eine politische Partei ihre eigenen Definitionen erstellt und
versucht, diese durchzusetzen?
Für den Augenblick – »die Juden« ist ein Oberbegriff, der für
diejenigen benutzt wird, die jüdischen Gemeinden angehören,
und für diejenigen, die – wenn sie auch entschieden haben,
keine Mitglieder zu sein, oder wenn sie auch weitab jeder
Gemeinde wohnen – doch Mitglieder sein könnten, wenn sie
wollten. Diese Definition mag einigen unfair erscheinen – aber
letztlich scheinen doch alle Definitionen für irgend jemanden
unfair zu sein!
Frage 2

Die »gebundene Frau« –


oder: Was ist eine Aguna?

Dies ist eine schreckliche Situation, in der schon viele


Rabbiner ihr Bestes gegeben haben, sie zu lösen. Das Wort
bedeutet »eine angekettete Frau« und bezeichnet eine Frau,
deren Ehemann sich weigert, ihr ein Get zu geben, eine
Scheidung (siehe → Ehe). Sie bleibt daher unfrei, wieder zu
heiraten (da dies entweder eine Form von Bigamie oder
Ehebruch wäre und etwaige Kinder Mamserim (→ Mamser)
wären. Gemäß der Tradition war es der Ehemann, der die
Scheidung von der Ehefrau betrieb, nicht anders herum, und
dies bleibt die Tradition – sogar in den Fällen, bei denen die
Ehefrau den Grund zur Klage hat, vielleicht wegen des
unvernünftigen oder unethischen Verhaltens des Ehemannes.
Was kann sie tun? Sie kann ihn bitten, ihn drängen, betteln,
dass er das Scheidungsverfahren beginnt- aber in den
traditionsbewussten Gemeinden kann sie dies nicht selbst tun.
Selbst wenn er sich weigert, wenn er droht, sie zu verlassen,
wenn er eine Menage à trois oder eine Affäre mit einer anderen
Frau beginnt – es gibt wenig, was die Ehefrau formal tun kann.
Bietet er an, ihr die Scheidung zu gewähren, die sie so
dringend wünscht, dann oft nur unter der Bedingung, dass sie
alle anderen finanziellen Ansprüche aufgibt oder manchmal
sogar, dass sie ihn dafür bezahlt. Solch ein Mißbrauch eines
Systems ist schlimm und falsch, aber er kommt vor, und einige
Frauen bleiben »angekettet« an einen Ehemann, den sie nicht
mehr lieben – vielleicht sogar an den Ex-Ehemann, der zivil
geschieden ist, aber wieder geheiratet hat, und zwar eine
nichtjüdische Frau (d. h. nicht in der Synagoge). Die zivilen
Gerichte sehen ihn nicht als noch verheiratet an, obwohl die
religiösen das tun. Es kann auch passieren, dass ein Ehemann
einfach verschwindet, z. B. während eines Krieges oder auf
einer Reise oder bei einem Unfall, aber es gibt keinen Beweis,
dass er tatsächlich gestorben ist. Dann ist es unklar, ob die
Ehefrau Witwe ist und somit frei, wieder zu heiraten.
Daher ist dies eines der Gebiete, auf denen das liberale
Judentum sich mit seiner Betonung der Gleichheit und der
Menschenrechte von der überlieferten hilflosen Haltung
unterscheidet. Das liberale Judentum ist bereit, einer Frau in
einer solchen Situation – der Aguna – ein besonderes
Dokument zu gewähren, dass sie von dieser unbefriedigenden
und hohlen Ehe befreit und ihr erlaubt, wieder zu heiraten. (→
Ehe, Hochzeit)
Frage 3

Was bedeutet »Amen«?

»Amen« ist ein Wort, das in der Liturgie häufig benutzt wird.
Genau genommen bedeutet es einfach »Ich stimme zu«.
»Emuna« ist das hebräische Wort für »Glaube« oder
»Überzeugung«, und »Ani Maamin« bedeutet »Ich glaube«.
Also – wenn jemand ein Gebet oder einen Segensspruch laut
vorliest, und man sagt »Amen«, dann sagt man einfach »Auch
ich – ich bin mit eingeschlossen und stimme dem zu, was
vorgelesen wurde, ich stimme dem zu, was gesagt wurde.«
Frage 4

Antisemitismus –
was bedeutet das?

Antisemitismus ist eine Geisteskrankheit, für die kein


Heilmittel bekannt ist. Er besteht aus dem zwanghaften
Glauben, dass die Schuld für alle Probleme dieser und jeder
anderen Welt einer Gruppe von Menschen gegeben werden
kann, die man – in fast jedem Land und in fast jedem
Jahrhundert – dann unter diesem irrationalen Glauben leiden
ließ. Die Krankheit nimmt viele Formen an – es gibt Fälle, wo
Juden dafür getadelt werden, dass sie existieren, und dafür
getadelt werden, dass sie nicht mehr existieren. Sie werden
beschuldigt, faul zu sein und gleichzeitig, dass sie den
Arbeitsmarkt beherrschen. Ein Antisemit ist jemand, der
frohgemut alle Juden beschuldigt, reich zu sein und der sich
bitter über jüdische Bettler beklagt; der Juden dafür tadelt, dass
sie Kapitalisten sind und dass sie Kommunisten sind; der
glaubt, dass die Juden einen geheimen Plan haben, die »Welt
zu übernehmen«, dass sie die Presse, die Medien, die
Banken… ALLES beherrschen. Es gibt Leute, welche die
Juden als eine eigene Unterart betrachten, enger verwandt mit
Nagetieren als mit dem »Homo Sapiens«. Es gibt auch einige,
die allen Juden ihrer Zeit die Schuld für etwas geben, das vor
mehreren Jahrhunderten in Jerusalem geschehen ist (oder
geschehen sein mag).
Lange Zeit glaubten einige Juden, dass man ein Heilmittel
finden könnte. Der Jude würde völlig akzeptiert werden und
der Antisemitismus würde abnehmen und verschwinden, wenn
der Jude die »Gastgeberkultur« vollständig annähme und sich
damit identifizierte. Dieser Lösungsansatz ist als Assimilation
bekannt. Unglücklicherweise wurde dann offenbar, dass es
einige an dieser Krankheit Leidende gab, die den Unterschied
zwischen einem Mann und seinen Großeltern nicht erkennen
konnten, und die bereit waren, jemanden wegen der
mutmaßlichen Identität eines Vorfahren zu drangsalieren und
zu töten. Einige Juden glaubten, dass ihnen weitere Probleme
erspart bleiben würden, indem sie ihrer Religion entsagten und
das Christentum annahmen – aber die Geschichte »getaufter
Juden« ist ebenfalls blutig und enttäuschend gewesen (→
Marranos). Einige glaubten, dass sie sie heilen könnten, indem
sie sich integrierten, oder indem sie großzügig für
nichtjüdische Anlässe spendeten, oder indem sie patriotischer
wurden als die anderen Bürger des Landes, in dem sie lebten
(die selbst oft von einer Vielfalt ehemaliger Volksstämme und
Invasoren abstammten…). Einige Juden glaubten auch, sie
könnten sie heilen, indem sie sich von diesen Ländern
loslösten und ihr eigenes bildeten (→ Zionismus) – aber da
fanden sie heraus, dass genau die Leute, die den Juden sagten
»Geht zurück, wo ihr hergekommen seid«, sich eben dann
bitter beklagten, wenn sie dieses taten.
Unglücklicherweise wissen wir von anderen Krankheiten,
dass der erste Schritt zu jeder Heilung für den Kranken darin
besteht, seine Krankheit anzuerkennen und um Hilfe
nachzusuchen. Bisher gibt es wenig Anzeichen, dass
Antisemiten überhaupt erkannt haben, wie krank sie sind.
Selbst bei größeren Krankheitsausbrüchen ist es nicht
garantiert, dass Widerstandsfähigkeit und Antikörper in einer
Kultur aufgebaut werden. Die Prognose ist schlimm und
deprimierend.
Frage 5

Der »Meister der Lesung« –


oder: Was ist ein Baal Kore?

Ein bedeutender Teil des Gottesdienstes in der Synagoge zu


bestimmten Gelegenheiten – z. B. Shabbat und Vormittage von
Festen, Morgengottesdienste an den Werktagen Montag und
Donnerstag, Shabbatnachmittage – ist die Lesung aus der
Schriftrolle, der → Sefer Tora. Weil dieser Text auf
Althebräisch ohne Vokale und Zeichensetzung geschrieben ist,
ist diese Lesung sehr schwierig. Zusätzlich gibt es mehrere
überlieferte Fassungen der »Taamey HaMikra«, der
Musiknoten, mit deren Hilfe die Tora »geleynt« oder
abgesungen wird – diese sind uralte musikalische Auslegungen
des Textes und hören sich für westliche Ohren oft seltsam an.
Folglich ist die richtige öffentliche Lesung eine äußerst
schwierige Aufgabe, die nicht jeder erledigen kann.
Die Person, die dieses Amt in einer Synagoge auf sich
nimmt, ist der »Meister der Lesung« – der »Baal Kore«. Es ist
üblicherweise ein freiwilliger Posten, manchmal jedoch
beschäftigt eine Gemeinde auch eine qualifizierte Person, um
diese Funktion für sie wahrzunehmen.
Frage 6

Tragen eigentlich alle Juden Bärte?

Die Frauen nicht…


In der Tat gibt es kein eigentliches Gesetz, sich einen Bart
wachsen zu lassen – obwohl (→ Pe’ot) es eine Richtlinie
darüber gab, die Ecken des Kopfes nicht zu rasieren. Viele
orthodoxe Juden lassen sich wirklich einen Bart wachsen – und
viele nicht – und viele Männer rasieren sich nach dem Tod
eines geliebten Menschen ein Trauerjahr lang nicht, was oft
zur Folge hat, dass sie nach dem Ablauf des Trauerjahres ein
ziemlich üppiges Wachstum hinter sich haben, an das sie sich
gewöhnt haben und das sie einfach beibehalten!
Frage 7

Religiöse Volljährigkeit –
oder: Was ist Bar Mizwa?

Zu einem bestimmten Zeitpunkt wird aus einem Kind ein


Erwachsener. In der weltlichen Gesellschaft gibt es bestimmte
Altersstufen dafür (sie sind in verschiedenen Ländern
unterschiedlich), wann eine Person Alkohol trinken darf, Auto
fahren lernt, eine Kreditkarte hat, heiratet, Waffen trägt usw.
Im Judentum basiert das Alter, in dem ein Minderjähriger zu
einem Erwachsenen wird, noch immer auf dem
mittelalterlichen Verständnis dieser Entwicklung. Das
bedeutet, dass nach diesem Verständnis das Erwachsensein
viel früher beginnt, als dies in den modernen westlichen
Ländern normalerweise der Fall ist. Es wurde von je her
angenommen, dass ein Junge im Alter von 13 Jahren (und
einem Tag) zum Mann wurde: er konnte sein Zuhause
verlassen und heiraten. Ein Mädchen ging durch zwei
Entwicklungsstadien, zuerst ab dem Alter von 12 (und einem
Tag) und dann mit zwölf Jahren, sechs Monaten und einem
Tag. In diesem Stadium hatten Mädchen in früheren Zeiten
und in heißeren Ländern gewöhnlich die Pubertät erreicht und
waren daher ein Risiko für die Stabilität der Gesellschaft –
jedenfalls so lange, bis sie sicher verheiratet worden waren!
Natürlich war auch die Lebenserwartung für die meisten
Menschen niedriger als heute.
Diese Einführung soll erläutern, warum jüdische Jungen ihre
Bar Mizwa im Alter von 13 Jahren feiern, auch wenn sie doch
nach allen anderen Maßstäben, die wir verwenden, noch nicht
voll erwachsen sind. Formal wird man Bar Mizwa in diesem
Alter, ob man es feiert oder nicht. (Es gibt einige, die es viele
Jahre später feiern!) Der Ausdruck bedeutet, dass man
buchstäblich ein »Sohn des Gebotes« ist, man ist
verantwortlich für die eigene Befolgung der Gebote und kann
nicht von einem anderen – d. h. von einem Elternteil – weder
dazu gezwungen werden, die Regeln zu beachten, noch kann
einem Elternteil weiterhin die Schuld gegeben werden, wenn
man diese nicht einhält. In der weltlichen Gesellschaft
unterscheiden wir noch immer zwischen einer
Jugendstrafanstalt und einem Gefängnis für Erwachsene,
abhängig vom Alter der gesetzes-brecherischen Person!
Ein Bar Mizwa ist jemand, der das Alter der Volljährigkeit
erreicht hat, soweit es die Synagoge und die rituellen Gebote
betrifft. Er kann zu einer beschlussfähigen Anzahl oder –
Minjan von zehn Männern gezählt werden, er kann aufgerufen
werden, einen Gottesdienst als Vorbeter zu leiten oder aus der
Schriftrolle vorzulesen. Er kann Verantwortlichkeiten
zugewiesen bekommen. Heutzutage sind diese
Verantwortlichkeiten in den meisten Gemeinden eher darauf
beschränkt, im Vorlesen eines kurzen Abschnitts aus der Tora
ausgebildet zu werden, vielleicht ein Abschnitt aus den
Propheten (der Haftara), im Aufsagen weniger Segenssprüche
und im Vorlesen einer Rede, die einen gewissen Kommentar
über das Vorgelesene liefert und Dank an seine Lehrer
ausdrückt. Dies wird eine Familienangelegenheit, wozu
Verwandte und Freunde (häufig nichtjüdische Freunde und
Nachbarn und ebenso Schulfreunde) in die Synagoge
eingeladen werden, um das Verfahren zu beobachten und
danach an einigen Feierlichkeiten teilzunehmen. (→ Bat
Mizwa)
Es wird nun erwartet, dass der Bar Mizwa (→ Zitat) als
erwachsener jüdischer Mann bei geeigneter Gelegenheit einen
Tallit (Gebetsmantel) trägt und vielleicht → Tefillin
(Gebetsriemen) bei morgendlichen Gottesdiensten.
Frage 8

Wenn Mädchen ihre religiöse


Volljährigkeit feiern –
oder: Was ist Bat Mizwa?

In moderner Zeit ist endlich die Idee in einige Köpfe


eingesickert, dass auch Mädchen Verstand und Seele haben,
und daher werden im liberalen oder fortschrittlichen Judentum
Mädchen dazu ermuntert, ihre religiöse Volljährigkeit auf
dieselbe Weise wie die Jungen zu feiern. Sie werden eine
»Tochter des Gebotes«, eine Bat Mizwa. In einigen orthodoxen
oder traditionellen Synagogen dürfen Mädchen heute ein
Gebet vorlesen oder auf sonstige Weise an einer öffentlichen
Vorführung ihrer Akzeptanz von Verantwortung teilnehmen,
obwohl (da in diesen Synagogen Frauen normalerweise nicht
an den rituellen Handlungen teilnehmen oder auch nicht bei
einem → Minjan zählen), ihre Beteiligung begrenzt ist. Diese
Zeremonie wird auch »Bat Chajil« (»Tochter der Stärke«)
genannt. Die Zeremonie kann an einem Sonntag anstelle eines
→ Sabbats und in der Halle einer Synagoge anstatt im
eigentlichen Betraum stattfinden. In einigen Gemeinden (z. B.
in England) pflegen mehrere Mädchen das Ereignis
gemeinsam zu feiern, nachdem sie als Gruppe unterrichtet
wurden. (→ Bar Mizwa)
Frage 9

Was geschieht bei einem jüdischen Begräbnis?

Das Judentum ist der Meinung, dass es einen Ort für jedes
Ding gibt – und jedes Ding sollte an seinem Ort sein. Der Ort
für eine lebende Person ist auf der Erde – der Ort für eine tote
Person ist in der Erde. Daher ist es ein Gebot – eine → Mizwa
– diese Person so bald wie möglich zum richtigen Ort zu
bringen.
Der gebräuchliche Ausdruck ist eine »Lewajat HaMejt« –
was formal bedeutet, dass man anstelle des eigentlichen
Begräbnisaktes lieber eine Person zu ihrer Begräbnisstätte
begleitet. Wo dies möglich ist, kommt ein → Minjan
zusammen, um dies zu einer Gemeindehandlung zu machen.
Die tote Person wird ein »Mejt« genannt. Sie wird in einen
möglichst einfachen Sarg gelegt. Totengebete (oft als Zidduk
HaDin bezeichnet – eine Akzeptanz des Gerechten Urteils
Gottes) werden entweder an der Grabstelle gelesen, oder auf
einigen Friedhöfen in der Ohel (Gebetsraum), und in einigen
Gemeinden sogar in der Synagoge, bevor der Leichnam zum
Friedhof gebracht wird. Viel hängt von der Örtlichkeit ab – in
der modernen Zeit liegen Friedhöfe oft weit außerhalb der
Stadt, in früheren Zeiten war der Friedhof üblicherweise
nahebei.
Neben Psalmen und Gebeten ist es üblich, eine Trauerrede zu
halten, die als »Hesped« bekannt ist (dieses Wort kommt aus
dem Hebräischen für »Weinen« oder »Wehklagen«). Der Sarg
wird dann zum Grab gebracht und hinabgelassen und die
Anwesenden schließen sich dem physischen Akt des
Begrabens an, indem sie etwas Erde in das Grab
hineinschaufeln oder -werfen. Sobald der Sarg bedeckt ist – so
dass der »Mejt« jetzt wirklich »unter der Erde« ist – wird auch
das → Kaddisch gelesen. (Nicht in allen Gemeinden werden
Särge verwendet – manchmal wird die Leiche einfach in ein
großes Tuch eingewickelt, das hängt jedoch von den lokalen
Gesetzgebungen ab.)
Es gibt viele andere Bräuche im Zusammenhang mit
Begräbnissen – sie ändern sich von Gemeinde zu Gemeinde. In
einigen wird beispielsweise auf dem Weg zur Grabstelle der
Psalm 91 gelesen, einmal oder sogar drei oder noch mehr
Male. In einigen wird das Kaddisch an der Grabstelle
aufgesagt und die Trauernden können zwei Reihen bilden,
durch die die Haupttrauernden gehen. In England grüßt man
andere Trauernde oft mit dem Wunsch für ein »Langes
Leben«, in Deutschland mit »Auf Simches« – man sollte sich
bei besseren, angenehmeren Gelegenheiten treffen. In vielen
Gemeinden wird ein kleiner Schnitt in ein Kleidungsstück
gemacht- dieser wird »Kria« genannt, was normalerweise
»Zerreißen« oder »Schneiden« bedeutet. Die Kleidung wird
»über dem Herzen« zerschnitten – vielleicht ein Überbleibsel
der alten Sitte, Kleider in Kummer und Verzweiflung zu
zerreißen.
An einigen Orten ist es gebräuchlich, Verse aus Psalm 19 zu
lesen – dieser ist ein sehr langes alphabetisches Akrostichon,
und daher kann man die Verse lesen, die sich auf die
Anfangsbuchstaben oder die Buchstaben des Namens des
Verstorbenen beziehen.
Diejenigen, die den Friedhof verlassen, waschen dabei formal
ihre Hände – sowohl ein ritueller Akt als auch eine körperliche
Reinigung. (→ Tod, Friedhof, Tahara, Schiwa)
Frage 10

Haus des Urteils –


oder: Was ist ein Beit Din?

Der Ausdruck bedeutet »ein Haus des Urteils«, ein


Gerichtshof. Solch ein Gerichtshof wird normalerweise von
drei → Rabbinern gebildet – (obwohl, unter bestimmten
Umständen, gebildete Laienführer auch einen Teil eines
solchen Gerichtshofs bilden können). Solch ein Gerichtshof
kann regelmäßig zusammentreten oder um einem einzelnen
bestimmten Bedürfnis zu genügen. Man hofft dabei, dass
Juden mit einem rechtlichen Problem zuerst versuchen würden,
den Streitfall durch ein jüdisches Gericht zu lösen – aber dies
setzt voraus, dass beide Seiten willens sind, das Urteil (bekannt
als eine »Din Tora«, eine Entscheidung, die auf Regeln in der
Tora beruht) und dessen Begründung zu akzeptieren.
Ein Beit Din überwacht auch Angelegenheiten des jüdischen
Status – zum Beispiel Übertritte zum Judentum, oder wenn ein
Kind von jüdischen Eltern adoptiert wird oder wenn ein
jüdisches Paar die Scheidung will.
Es gibt einige Batei Din (der Plural), die ein Büro und eine
Adresse unterhalten und andere, die auf »ad hoc«- Basis (nur
für einen Fall bestimmt) von einer Gruppe von Rabbinern
gebildet werden, um die notwendigen Funktionen auszuführen.
Es kann passieren, und das geschieht auch, dass ein Beit Din
die Entscheidungen eines anderen nicht akzeptiert…
Frage 11

Das Tischgebet –
oder: Was ist »Bentschen«?

Es gibt das Gebot in der Tora (Deuteronomium 8:10), dankbar


darüber zu sein, dass man etwas zu essen hat. Über die
Jahrhunderte hinweg wurde ein komplexes und langatmiges
Tischgebet nach den Mahlzeiten zusammengestellt, das
mehrere regelmäßige Absätze und einige besondere Gebete für
bestimmte Tage umfasst – wie zum Beispiel – Sabbat oder ein
Fest, oder wenn eine Hochzeit gefeiert wird.
Dies wird nach formellen Mahlzeiten und Festessen gelesen
oder gesungen – wobei eine formelle Mahlzeit mit dem
Zeitpunkt definiert wird, an dem sich drei Menschen (d. h.
Männer!) oder mehr gemeinsam niedersetzen. (Fromme Juden
sagen dies oder eine kürzere Version im Stillen auf, wenn sie
alleine essen.) Auch der jiddische Ausdruck »bentschen«, von
dem man glaubt, dass er vom lateinischen »benedicere«,
»segnen«, abgeleitet ist, bezieht sich auf diesen »Segensspruch
über die Ernährung«. Das Tischgebet wird oft in kleinen
Büchlein oder auf Karten abgedruckt, die »Bentsch-Bücher«
oder »Bentschers« heißen. (→ Segenssprüche)
Frage 12

Wie ist die hebräische Bibel aufgebaut?

Die hebräische Bibel wird Tenach genannt. Der Tenach ist eine
hebräische Abkürzung, die sich aus den Anfangsbuchstaben
der drei Hauptelemente der hebräischen Bibel zusammensetzt.
(Juden benutzen nicht den Ausdruck »Altes Testament«, weil
dies definitionsgemäß annimmt, dass es ein neueres gebe.)
Der »Tenach«/»Tanoch« umfaßt die Tora, die Newiim, die
Ketuvim. (Das »K« von »Ketuvim« ist hart am Anfang eines
Wortes, weich am Ende – aus diesem Grunde wird es in
diesem Akronym zu »ch«.) Diese drei Abschnitte werden in
verschiedenen Stadien als maßgebliche Elemente erklärt. Von
der Tora wurde angenommen, dass sie Moses Wort für Wort
von Gott diktiert bekam. Die Newiim sind die Propheten. Die
Rabbiner der Talmud-Periode ordneten diesen Status einigen,
aber nicht allen Prophetenbüchern zu. Die Ketuvim sind die
Schriften, ein Ausdruck für die gemischte Sammlung von
Gedichten, Gebeten, Geschichten, theologischen
Betrachtungen, Sammlungen moralischer Predigten.
Genau betrachtet ist die hebräische Bibel in folgender Weise
aufgeteilt:

Tora: Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri, Deuteronomium.

Propheten: Josua, Richter, 1. Buch Samuel, 2. Buch Samuel, 1.


Buch von den Königen, 2. Buch von den Königen, Jesaja,
Jeremia, Ezechiel, Hosea, Joel, Arnos, Obadja, Jona, Micha,
Nahum, Habakuk, Zephanja, Haggai, Sacharja, Maleachi.
Die Schriften: Der Psalter, Die Sprüche Salomos, Hiob, Das
Hohelied Salomos, Ruth, Klagelieder Jeremias, Der Prediger
Salomo, Esther, Daniel, Esra, Nehemia, 1. Buch der Chronik,
2. Buch der Chronik (→ auch Tora).
So wichtig die Bibel für das religiöse Selbstverständnis des
Judentums auch ist, die »schriftliche Tora« wird nur als eine
der Grundlagen des Judentums angesehen; die andere ist die
»mündliche Tora«, d. h. die Tradition, die sich in der
rabbinischen Tradition niederschlug. Bibel und Tradition
werde im Judentum als verbindliche Quellen des religiösen
Lebens betrachtet. (→ Talmud)
Frage 13

Brit Mila:
Warum sind jüdische Männer beschnitten?

Jüdische Männer sind beschnitten. Dies ist ein grundlegendes


Gebot seit der Zeit Abrahams. Es gibt nur wenige Ausnahmen
– zum Beispiel, wenn Hämophilie oder andere medizinische
Bedingungen dies nicht ratsam erscheinen lassen. In der
Geschichte gab es auch einige Eltern, die fürchteten, dass
Antisemiten die Beschneidung als eine weitere Waffe gegen
ihre Kinder benutzen könnten – aber in 99 % der Fälle, sogar
noch heute, werden jüdische Jungen beschnitten – und auch
Männer, die zum Judentum übertreten, werden beschnitten.
Der hebräische Ausdruck dafür ist »Mila«. Ein männliches
Baby pflegt normalerweise acht Tage nach der Geburt
beschnitten zu werden, sofern es nicht eine Frühgeburt ist,
Untergewicht oder eine leichte Krankheit hat. Dann kann die
Zeremonie auf einen besseren Zeitpunkt verschoben werden.
Tatsächlich sind viele Menschen beschnitten – alle Muslime
zum Beispiel und viele Männer in Amerika, wo die Operation
aus hygienischen Gründen durchgeführt wird. Daher ist es
wichtig, zwischen Beschneidungen aus Gesundheitsgründen
und aus religiösen Gründen zu unterscheiden. Im Judentum
tritt ein männliches Wesen dem »Bund« (auf hebräisch »Brit«)
mit Gott durch diese Operation bei, und daher heißt der
Ausdruck »Brit Mila« (auf jiddisch »Bris«). Das Judentum
verurteilt und verbietet weibliche Beschneidung, es gibt in der
Tat überhaupt keine ähnliche Operation für Mädchen oder
Frauen.
Die Operation ist medizinisch betrachtet sehr geringfügig und
würde normalerweise als relativ unwichtig klassifiziert
werden, gäbe es nicht die Tabus und den psychologischen
Druck, die mit dem Teil des Körpers, an dem sie ausgeführt
wird, verknüpft werden. Sie findet normalerweise zu Hause
statt, manchmal in der Synagoge oder heutzutage – aus
Zeitdruck – manchmal in einer Arztpraxis oder sogar in einem
Krankenhaus!
Die Person, die die Operation durchführt, heißt ein »Mohel«.
Heutzutage sind die meisten medizinisch qualifiziert. Seine
Aufgabe ist es, das Operationsfeld zu säubern, den Hautlappen
nach oben zu ziehen, ihn rasch rings abzuschneiden (rings
abschneiden – auf lateinisch »circumcido«) und dann die
Ränder zurückzurollen, um sicherzustellen, dass die Haut nicht
einfach wieder nachwächst, wie sie dies unter normalen
Umständen nach einem geringfügigen Schnitt tun würde.
Die »Brit Mila« eines neuen jüdischen Babys ist
normalerweise eine Familienangelegenheit und ein Grund zum
Feiern – besondere Gebete werden gesprochen und danach
wird mit einem Trinkspruch angestoßen. Das Kind wird
feierlich in den Raum getragen und neben einen »Paten«
gestellt, einen »Sandek«, der das Kind halten kann, wenn es
der Mohel wünscht, obwohl einige das Kind während der
Operation lieber flach liegen lassen. Der Prophet Elias wird als
anwesend vermutet, wenn auch unsichtbar (ein Stuhl wird für
ihn bereitgestellt), und er wird feierlich begrüßt- denn ein
neuer Jude ist dabei, dem Bund/Brit beizutreten. Dem Kind
wird dann feierlich sein Name gegeben und Wünsche für seine
künftige Gesundheit und sein Glück werden ausgesprochen.
Frage 14

Das Fest des Lichts –


oder: Was ist Chanukka?

Dieses »Fest des Lichts« fällt in die Mitte des Winters, es


beginnt am 25. des hebräischen Monats Kislew und dauert acht
Tage. Oft fällt es gerade vor oder sogar genau auf das
christliche Weihnachtsfest, aber es ist auf keine Weise offiziell
damit verbunden.
Das Wort »Chanukka« bedeutet Widmung, und die
historische Grundlage des Festes sind die ziemlich verwirrten
und widersprüchlichen Berichte, die im Ersten und Zweiten
Buch der Makkabäer wiedergegeben werden: Sie handeln von
einem Aufstand der frommen Juden in Israel gegen einen
kulturellen und religiösen Wandel, aufgezwungen durch die
»Griechen«. Zu diesem Zeitpunkt, 167 v. Z. war die politische
Situation (wie gewöhnlich) die eines kleinen Landes, gefangen
zwischen zwei Mächten, im Norden und im Süden – Syrien
und Ägypten. Der damalige Herrscher des Königreichs der
Seleukiden, Antiochus IV. gab sich den Titel »Epiphanes« (mit
der Folge, dass er göttlichen Status beanspruchte) und
versuchte – in der lang bestehenden Tradition von Tyrannen
überall – einen Persönlichkeitskult einzuführen und die
örtliche religiöse und politische Autonomie zu unterdrücken.
Die Juden sollten sich vor Statuen des Königs tief verneigen,
und ihr Tempel in Jerusalem wurde geschändet, um die
Befolgung dieses Erlasses sicherzustellen.
Dies war zu viel für einige Juden (wenn auch nicht für alle!),
und sie begannen einen Aufstand in den Bergen von Judäa.
Eine Priesterfamilie im besonderen, die des Matthias und
seiner Söhne (von denen der berühmteste Juda ist), nahmen
den Spitznamen »Makkabäer« (»Hammer«) an und begannen
im Untergrund einen Krieg zu führen, der bald die
Unterstützung des Volkes gewann und schließlich – nach
blutiger Kriegführung – dazu führte, dass Jerusalem
wiedererobert und der verwüstete, beschädigte und
geschändete Tempel gereinigt und wieder geweiht wurde. Es
gibt eine malerische, aber späte Legende, dass sie etwas neues
reines Öl für die Lampen brauchten, und dass ein kleines
Gefäß – normalerweise der Vorrat eines einzigen Tages – es
vermochte, auf wundersame Weise acht Tage lang zu brennen,
bis ein frischer Vorrat bereitstand. Aber diese Legende ist nicht
in den Makkabäer-Büchern selbst zu finden.
Der hauptsächliche Brauch des Festes ist das formelle
Anzünden von Lampen oder Kerzen an jedem Abend, und
zwar mit einem passenden Segensspruch (der Segensspruch
»Al Hanissim«, »für die Wunder«, ist auch Bestandteil der
regelmäßigen Gottesdienste in der Synagoge). Eine
»Chanukkia«, ein Kerzenleuchter mit neun Armen wird
benutzt – ein Arm steht für die »Dienerkerze« oder den Docht,
bezeichnet als der »Schammes« (hebräisch »Schammasch«).
Dieser wird zuerst angezündet und dann dazu benutzt, eine
Lampe am ersten Abend anzuzünden, zwei am zweiten Abend,
drei am dritten und so fort. Die Lampen werden
herkömmlicherweise ins Fenster gestellt, so dass sie von
außerhalb gesehen werden können, um »das Wunder zu
verbreiten«. Es ist auch Brauch, ölreiches Essen im Gedenken
an dieses »Wunder des Öls« zu sich zu nehmen, z. B. in Öl
gebratene Krapfen (auf hebräisch als »Sufganiot« bekannt),
oder in Öl gebratene Kartoffel-Pfannkuchen (»Latkes«). Ein
neuerer Brauch ist es, ein Spiel mit einem als »Dreidel«
bekannten kleinen Drehkreisel zu spielen, bei dem jede der
vier Seiten einen Buchstaben trägt und die Spieler gewinnen
oder verlieren können, je nachdem, wie er fällt. Dies ist
wahrscheinlich nur ein Überbleibsel der primitiven
Vergnügungen, die geschaffen wurden, um lange
Winterabende zu verbringen, bevor Gameboys und Computer
erfunden wurden, als es noch Lampen im Haus gab, die
angezündet wurden – ungewöhnlich in Zeiten der Armut. Die
Kinder bekommen oft kleine Geldgeschenke (»Chanukka
Gelt«) oder Süßigkeiten.
Daher bleiben uns zwei grundlegende Bedeutungen oder
Aussagen: eine zur Bedeutung des Lichtes zu einer dunklen
und kalten Zeit des Winters und eine zur Bedeutung politischer
Freiheit, selbst wenn diese unter großen Leiden errungen wird.
Frage 15

Der gesungene Gottesdienst –


oder: Was ist ein Chasan?

Der Chasan ist der hebräische Ausdruck für einen Kantor oder
Vorbeter. In vielen Synagogen wird der Gottesdienst
vollständig auf Hebräisch als »Rezitativ« gesungen, und die
Gemeinde – die Beter – lesen einfach parallel dazu mit. Sie tun
das, indem sie ihre Stichworte daraus beziehen, welches Gebet
vom Chasan gerade gelesen wird. Gewisse Abschnitte der
Gottesdienste am Shabbat sind zu »Paradestücken« für die
Talente (oder deren Fehlen) des Chasans geworden, nämlich
wenn solche Abschnitte alternierend mit einem Chor oder der
Gemeinde oder beiden gesungen werden. Die Aufgabe des
Chasans ist es, den Gottesdienst mit Gefühlsbewegung zu
singen und solcherart die richtigen Gefühle der Andacht in den
Betern zu erregen. Dies wird manchmal leider auf Kosten der
Bedeutung und des Verständnisses erreicht.
In manchen Gemeinden wird ein hauptberuflicher Chasan
beschäftigt, seine Aufgaben schließen dann in der Regel
ebenso die Gottesdienste wie die Ausbildung von Kindern, das
Amtieren bei Begräbnissen und viele der Aufgaben eines
hauptberuflichen Geistlichen ein. In anderen Gemeinden sind
die Pflichten des Chasans einfach darauf beschränkt, bei
Gottesdiensten, Hochzeiten und Begräbnissen zu singen.
In wieder anderen Gemeinden ist der Chasan aber auch
einfach ein Amateur, ein Mitglied der Gemeinde, der eine
akzeptable Stimme hat und bereit ist aufzustehen und den
Gottesdienst laut zu singen. (→ Nusoch)
Frage 16

Gibt es eine besondere Bibel,


die im Gottesdienst verwendet wird –
oder: Was ist ein Chumasch?

Das Wort »Chumasch« wird vom hebräischen Wort


»Chamesch« abgeleitet und bedeutet Fünf. Es ist das Buch, das
die Fünf Bücher Mose enthält – gewöhnlich in einem Band,
manchmal in getrennten Bänden – aber zum Gebrauch in der
Synagoge vorbereitet ist. Das bedeutet, dass der Text
vollständig wiedergegeben wird, und zwar auf Hebräisch,
zusammen mit all den Vokalen und Anmerkungen, die für die
Aussprache und Betonung zur Verfügung gestellt werden.
Außerdem sind die Abschnitte, bei denen während eines
Gottesdienstes in der Synagoge verschiedene Leute zur Lesung
aufgerufen werden, gekennzeichnet. (»Erster, Zweiter,
Dritter… Beschließer« usw. auf Hebräisch »Rischon, Scheni,
Schelischi, Rewii, Chamischi, Schischi, Schewii, Maftir« usw.
– obwohl es in den meisten Fällen nicht erforderlich ist den
Beginn des ersten Abschnitts zu kennzeichnen)
Zusätzlich stellt ein Chumasch gewöhnlich die Lesung der
Propheten für jede Woche zur Verfügung – die Haftara – sowie
die jeweiligen Segenssprüche für beide Lesungen, meistens mit
einer Übersetzung und ebenso einem kurzen Kommentar. Auf
diese Weise ist es ein »Bibelgefährte für den Gottesdienst in
der Synagoge«.
Frage 17

Welche Bedeutung hat der Davidstern?

Viele Menschen sehen diesen sechszackigen Stern, der aus


zwei überlappenden gleichseitigen Dreiecken besteht – eins
mit der Spitze nach oben, das andere mit der Spitze nach unten
zeigend – als das grundlegende Symbol des Judentums an. Die
Nazis zwangen natürlich die Juden, ein gelbes Abzeichen in
dieser Form zu tragen – und zwar mit – nur für den Fall, dass
man das nicht begriff – dem Wort »Jude«, »Jood«, »Juif« usw.
darauf. In der Tat ist dies ein jüngeres Symbol, und es wurde
im Mittelalter mehr von der katholischen Kirche verwendet –
man kann alte Kathedralenfenster mit diesem Symbol finden,
das die Heilige Dreifaltigkeit darstellte, die nach oben zum
Himmel und nach unten zur Erde wies.
Auf Hebräisch heißt er das »Magen David« – »der Schild
Davids« anstatt der »Stern Davids«. Obwohl es Beweise gibt,
dass er im Zusammenhang mit Juden benutzt wurde, datiert
seine wirkliche Verknüpfung mehr aus dem 19. Jahrhundert,
als er als Symbol der frühzionistischen Bewegung und auch
von jüdischen Sportvereinen übernommen wurde. In einem
gewissen Sinn bezeichnete dies einen bewußten Bruch mit dem
anderen Symbol – der → Menora und den religiösen
Beziehungen, die sie hatte.
Heutzutage findet sich dieser sechszackige Stern auf Israels
Flagge und nationalen Symbolen und auf vielen → koscheren
Produkten, und die israelische Entsprechung zum »Roten
Kreuz« ist der »Rote Schild Davids« – »Magen David Adom«.
Frage 18

Kann eine jüdische Ehe geschieden werden?

Das Judentum erlaubt die Scheidung, unter gewissen


Voraussetzungen, aber es empfiehlt sich nicht unbedingt. Das
Idealbild, das in der Bibel und in den Schriften der Rabbiner
erwähnt wird, ist die Bildung einer Kernfamilie innerhalb einer
ausgedehnten Familie. Das bedeutet, ein Mann sollte eine Frau
heiraten und sie sollten Kinder haben. Aber sie sollten auch
ihre eigenen Eltern achten (d. h. die Großeltern der Kinder)
und sie tragen weiterhin Verantwortung für andere
Familienmitglieder, die vielleicht in Not sind – alt oder krank
oder arm.
Aber dieses Idealbild bricht manchmal zusammen – aus
irgendeinem von vielen verschiedenen Gründen. Vielleicht
findet das Ehepaar heraus, dass es keine Kinder haben kann –
in diesem Fall kann es sein, dass man glaubt, man könne mit
einem anderen Partner eine bessere Chance haben. Vielleicht
ist Ehebruch begangen worden und das Vertrauen zwischen
dem Paar ist zerbrochen. Vielleicht bekommt der Ehemann
eine neue Arbeitsstelle, die sehr viele Reisen oder eine
anrüchige und ekelhafte Beschäftigung mit sich bringt. (Der
Talmud erwähnt mehrere Möglichkeiten, die den Ehemann für
seine Frau weniger attraktiv werden lassen!) Oder vielleicht
entwickeln sie sich einfach nur auseinander… In solchen
Fällen wird der Rabbiner zunächst versuchen, das Paar
zusammenzubringen oder zusammenzuhalten, aber wenn dies
fehlschlägt, muss hierauf ein Scheidungsverfahren erfolgen –
so dass die Auflösung auf rechte Weise und legal gültig ist.
Heutzutage bringt in den meisten westlichen Ländern die
jüdische Ehe zwei getrennte Zeremonien und zwei getrennte
Dokumente mit sich – die bürgerlichen und die religiösen. Auf
dieselbe Weise muss die Scheidung beides beenden. Daher
müssen erst die normalen bürgerlichen Verfahren befolgt
werden, und dann wird auch die religiöse Ehe aufgelöst. Ein
besonderes Dokument wird aufgesetzt – ein »Get«. Dieses
Dokument, das die Bestimmungen der Ketubba formell
aufhebt, muss eigens von einem Sofer (Schreiber) geschrieben
werden. Hierdurch soll der einfachere Gebrauch eines
vorgedruckten Formulars verhindert werden, das die
Angelegenheit zu »locker« und leicht machen würde. Formal
sollte dann der Ehemann dieses Get in die Hände der Ehefrau
legen – aber, weil beide Parteien gewöhnlich zu emotional und
wütend für eine solche Begegnung sind, wird die Abwicklung
von Vertretern jeder Partei als Zeugen in der Gegenwart eines
Beit Din durchgeführt. Das »Get« legt die Angelegenheiten
des Unterhalts und der Entschädigung fest.
Nach einer Scheidung sollten die Parteien eine Zeitlang
warten – bis zu einem Zeitpunkt nach drei Festen – ehe sie
wieder heiraten. Mutmaßlich würde dies ermöglichen, den
Vater zu bestimmen, falls die Ehefrau (oder Ex-Ehefrau)
schwanger wäre. Wäre ein Ehebruch begangen worden, darf
die schuldige Partei den »Mitbeklagten« nicht heiraten, da dies
das Geschehene legitimieren würde. Einem Cohen
(Nachkömmling eines Priesters) ist es innerhalb einer
traditionsbewussten Gemeinde verboten, eine Geschiedene zu
heiraten.
Kurz – menschliche Wesen sind menschlich (eine von
Religionen oft übersehene Tatsache) und das Judentum
berücksichtigt menschliches Versagen – aber besteht darauf,
dass beide Parteien immer noch Rechte und
Verantwortlichkeiten haben und diese erfüllen müssen. Sonst –
was manchmal passiert – weigern sich der Ex-Ehemann und
die Ex-Ehefrau, das Get durchzuführen. Sie argumentieren,
dass sie bereits zivil geschieden sind, dass sie aber keine
zusätzliche Behelligung oder Kosten wollen – und bleiben
dann formal – religiös verheiratet! Es gibt sogar
(traurigerweise) Fälle, wo eine Partei sich weigert, mit der
anderen zusammenzuarbeiten, falls nicht ein zusätzliches
finanzielles Abkommen getroffen wird. Dies ist ein
Missbrauch eines Systems, das eigentlich diejenigen, die
ohnehin schon an emotionalem Kummer und Schmerz leiden,
eher beschützen als bedrohen sollte. (→ Hochzeit, Aguno)
Frage 19

Brauchen die Juden Errettung?

Das hängt alles davon ab, was man mit »Errettung« meint.
Körperlich aus Gefahr – ja, traurigerweise nur allzu oft;
politisch, aus Unterdrückung – leider, auch das – dies ist ein
nur allzu weit verbreitetes allgemeines Problem. Geistlich, aus
Verdammnis – Nein.
Das Judentum lehrt, dass wir mit einer sauberen, reinen Seele
geboren werden – nicht mit der »Erbsünde«. Irgendwelche
Sünden, die wir während unserer Lebenszeit begehen, müssen
während der Lebenszeit – wenn irgend möglich – gesühnt und
gebüßt werden, und am Ende sind wir unserem Schöpfer
gegenüber für alles verantwortlich, was unvollendet oder
ungereinigt zurückblieb. Aber wir glauben nicht an eine
»Stellvertreter-Sühne«, also die Idee, dass jemand anders
durch sein Leben (oder seinen Tod) für uns Sühne ablegen
kann, oder dass wir vor späterer Bestrafung einfach dadurch
gerettet werden können, dass wir einen Glauben bekennen oder
eine Form der Reinigung durch Wasser akzeptieren. Wenn
andere an solche Ideen glauben wollen, ist das ihr Recht – aber
wir bitten darum, dass sie nicht versuchen, andere,
insbesondere die Juden, davon zu überzeugen, derselben
Leitlinie zu folgen.
Frage 20

Wie steht es mit dem »Falschen Messias«?

Wenn die Zeiten hart sind, sind einige Leute bereit, beinahe
alles zu glauben. Wir sehen dies auch im politischen Bereich.
Da das Judentum viele harte Zeiten hatte, können wir in
unserer Geschichte mehrere Begebenheiten finden, als ein
Mensch mit einem gewissen Grad an Charisma oder
rednerischer Begabung irgendwie zu einem Symbol und einem
Brennpunkt der Hoffnungen anderer wurde. Ohne Gläubige
beleidigen zu wollen, muss man sagen, dass das Christentum
vom traditionellen Judentum als eine solche Gruppe, die einer
falschen Abzweigung folgte, wahrgenommen wird. Einige der
Rabbiner des 1. Jahrhunderts betrachteten Simon Bar Kochba
(oder Bar-Kosiba) als den militärischen Erretter, der die Römer
aus ihrem Land vertreiben würde. Sie hatten unrecht, und die
Ergebnisse waren katastrophal. Zwei solch anderer berühmter
Führer, die ihr Volk in die Irre führten anstatt in eine Zeit des
Friedens und des Segens waren Sabbatai Zewi (1626-1676)
und Jacob Frank (1726-1791). Zewi trat schließlich zum Islam
über, aber viele seiner Gefolgsleute glaubten weiter an ein
Geheimnis, und der Ausdruck »Sabbatianismus« wird als
Bezug auf diejenigen Juden gebraucht, die ihren Glauben an
diese Person und ihre Lehren behielten.
Sogar in moderner Zeit gibt es Leute, die eine menschliche
Gestalt verehren – wie zum Beispiel den verstorbenen
Rabbiner Menachem Mendel Schneerson, das frühere Haupt
der Lubawitsch-Chassidischen Bewegung. Das geht soweit,
dass sie nicht akzeptieren können, dass er in Wirklichkeit aus
gewöhnlichem Fleisch und Blut ist und somit sterblich; und
dass sie alle ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft auf
solche Gestalten setzen.
Das liberale Judentum, eingedenk der Gefahren, die in der
Vergangenheit dadurch verursacht wurden, dass man sich auf
solche menschlichen Gestalten verließ, betet lieber für eine
»messianische Zukunft« des Friedens und der Harmonie statt
für einen »personalisierten Messias«. Vielleicht wäre die beste
messianische Vision für die Zukunft die einer Zeit, in der
keiner so verzweifelt wäre, dass er an so etwas glauben
müsste! (→ Messias)
Frage 21

Gibt es ein besonderes Gebetbuch


für die Feiertage
oder: Was ist ein Machsor?

Der Ausdruck »Machsor« wird für die Gebetbücher benutzt,


die für bestimmte Feste verwendet werden. Eines wird für die
drei »Pilger«- oder »Ernte«-Feste Pessach, Schawuot und
Sukkot benutzt, ein anderes wird für die »Hohen Feiertage«
Rosch ha-Schana und Jom Kippur veröffentlicht und
verwendet. Das Wort bedeutet »Zyklus« oder »wiederkehrende
Reihenfolge«, und ein Machsor ist im wesentlichen ein Siddur
mit all den Hinzufügungen für diese Feste -besondere Psalmen,
Lesungen, bestimmte Rituale für das Laubhüttenfest, ein
Gedenkgottesdienst (Jizkor) zur Verwendung an gewissen
Tagen, die Psalmen der Freude (»Hallet« – Psalmen 113-118),
die an freudevollen Festtagen aufgesagt werden usw. Das Buch
für die Hohen Feiertage enthält viele besondere Gedichte und
Gebete über Themen wie Umkehr und Verzeihung und
zusätzliche Gebete, wie zum Beispiel zum Gebrauch beim
Blasen des Schofar an Rosch ha-Schana, oder die Erinnerung
an den früheren Gottesdienst für Jom Kippur im Tempel.
Zusätzlich drucken viele Machsorim (der Plural) die Tora und
Haftara (prophetische) Texte in voller Länge ab, zur
Erleichterung und Bequemlichkeit – man braucht dann nur ein
Buch, nicht zwei.
Frage 22

Erlauben Juden die Feuerbestattung?

Traditionsbewusste Juden tun das nicht, basierend darauf, dass


ein Körper intakt bleiben sollte – und ihn zu Asche zu
verbrennen ist natürlich das direkte Gegenteil davon. (Aus
demselben Grund wird es für falsch gehalten, eine
Untersuchung post mortem, eine Obduktion durchzuführen,
oder sogar einen Körper zu dem Zweck aufzuschneiden,
Organe zum Spenden und zur Transplantation zu entnehmen.)
Es gibt den Glauben, dass in den Fällen, wo zumindest der
kleinste Knochen an der Basis des Rückgrats – das Steißbein –
überlebt, dann die Person zur Zeit des Messias, wenn die Toten
wieder auferstehen werden, »wiederbelebt« und
wiederhergestellt werden kann.
Unglücklicherweise ist dieser Glaube nicht sehr hilfreich,
wenn man bedenkt, wie viele Juden gegen ihren Willen
verbrannt wurden – und auch nicht dabei, wie viele Menschen
im Straßen- oder Flugverkehr durch Feuer getötet werden.
Das liberale Judentum aber erlaubt die Feuerbestattung
ebenso wie Organspenden. Für viele Juden erscheint dies heute
als eine bevorzugte Alternative bezüglich Hygiene,
Landverbrauch und der traurigen Tatsache, dass in vielen
Fällen keiner mehr erwartet wird, der käme, um ein Grab und
einen Grabstein zu besuchen – vielleicht abgesehen von denen,
die nur darauf aus sind, es zu beschädigen und zu verunstalten.
Einige jüdische Friedhöfe genehmigen Aschenbegräbnisse,
andere nicht. Wenn dies erlaubt ist, wird für gewöhnlich ein
»Standard«-Begräbnisgottesdienst abgehalten, aber am Ende
entbieten die Trauernden dem Sarg den Abschied anstatt ihn
mit Erde zu bedecken.
Wir sehen hier einen typischen Widerspruch: das eine Extrem
vertreten diejenigen, die die Feuerbestattung mit all den
Schrecken der Schoa verknüpfen und nichts damit zu tun
haben wollen, und das andere sind diejenigen, die, nachdem sie
die meisten ihrer Verwandten auf diese Weise verloren haben,
empfinden, dass sie ihren Schrecken abgelegt haben und lieber
mit ihren Lieben in der Gestalt von Staub und Asche vereint
wären – zu der wir alle ohnehin zurückkehren werden, wie
unsere Liturgie feststellt. Einige glauben, dass die
Wiederbelebung der Toten einen körperlichen Überrest
erfordert, wie klein auch immer, und andere meinen, eine
geistliche Wiederauferstehung sei völlig unabhängig von
irgendwelchen körperlichen Überresten – und in diesem Fall
ist jede Form einer sicheren, hygienischen und doch
gleichzeitig würdigen Beseitigung der Überreste statthaft. (→
Begräbnis, Tod, Friedhof, Tahara)
Frage 23

Sind jüdische Friedhöfe anders als andere?

Die ganze Idee eines getrennten Ortes, eines »Friedhofs« für


die Toten ist nicht so alt, wie manche Menschen glauben. Aber
für die Juden war es immer wichtig, einen angemessenen
Ruheort für ihre Toten zu finden. In ganz Europa findet man
daher noch uralte jüdische Friedhöfe, oft an Orten, in denen es
keine lebendige Gemeinde mehr gibt. Einige sind malerisch
und zu berühmten touristischen Orten geworden – wie zum
Beispiel der in Prag oder in Berlin-Weißensee – während
andere verfallen oder nahezu unkenntlich sind, einfach ein
Flecken Grün, der auf Stadtkarten oft mit einem »L«
bezeichnet wird. Der Erwerb und die Herrichtung eines
Sondergebietes zur Beerdigung war eine der ersten Pflichten
jeder neuen Gemeinde – sogar mit höherer Priorität als der Bau
einer → Synagoge – denn man konnte nicht wissen, wann es
gebraucht würde.
Die Toten werden normalerweise in der Erde begraben. Die
so verwendete Erde sollte gegenüber dem umgebenden Land
abgegrenzt werden, gewöhnlich durch eine Mauer oder einen
Zaun, manchmal eine Hecke. Dies ist auch für die »Cohanim«
wichtig, Nachkommen von Priestern, die aus Gründen der
rituellen Reinheit (→ unrein) nicht in allzu engen Kontakt mit
den Leichen kommen sollten. In der Tat haben einige
Friedhöfe eine besondere Einfriedung an einer Seite, wo
Cohanim stehen können und so in der Lage sind, ein Begräbnis
zu beobachten, ohne tatsächlich »auf« dem eigentlichen
Friedhof zu sein.
Auf vielen Friedhöfen, besonders im Falle festbegründeter
Gemeinden, gibt es einen Gebetsraum (oft eine »Ohel«
genannt, was wörtlich »Zelt« bedeutet), in dem ein Teil des
Begräbnisgottesdienstes gelesen wird, obwohl die
Schlussgebete oft an der Grabstelle stattfinden. In einigen
Gemeinden dient dieser vielen Zwecken, in anderen gibt es
auch ein besonderes Gebäude für → Tahara – das Waschen
der Leichen.
Die klassische jüdische Bezeichnung für einen Friedhof ist
ein »Beit Chajim« – ein »Haus des Lebens« – ein
Euphemismus, denn hier »schlafen« die früher Lebenden »im
Staub« und warten auf ihre Chance, zum ewigen Leben
wiedergeboren zu werden. Die Toten sollten völlige »Ruhe«
haben – es ist verboten, die Gräber zu stören oder eine Leiche
zu exhumieren, außer unter ganz besonderen Umständen. (→
Tod, Begräbnis, Feuerbestattung, Tahara, Schiwa)
Frage 24

Von der Organisation einer Gemeinde –


oder: Was ist ein Gabbay?

Synagogen werden formal nach demokratischen Grundsätzen


betrieben – die Mitglieder zahlen zwecks Unterhalts der
Gemeinde und ihrer Infrastruktur und wählen Vertreter, um
den störungsfreien Betrieb der Organisation zu überwachen.
Die Infrastruktur kann ein Gebäude für Gottesdienste, ein
Stück Land für Begräbnisse, Möbel, Schriftrollen und Bücher
und andere rituelle Gegenstände, Silberschmuck usw.
umfassen.
In einigen Synagogen sind die ehrenamtlichen
Komiteemitglieder, die alle paar Jahre für diesen Zweck
gewählt werden, als »Gabbayim« bekannt. Während in einigen
Gemeinden ihre Dienstpflichten darauf beschränkt sind
sicherzustellen, dass die Gottesdienste pünktlich und richtig
abgehalten werden und dass sie bei rituellen Angelegenheiten
den Rabbiner konsultieren, bilden sie in anderen den Vorstand
der Gemeinde – das Äquivalent eines Gemeinderats.
Frage 25

Welches ist das bedeutsamste Gebet der Juden?

Viele Juden würden antworten »Das Schema« – obwohl dies in


Wirklichkeit kein eigentliches Gebet ist, da man nicht für
irgendetwas betet. Stattdessen ist dies ein Zitat aus
Deuteronomium 6, Verse 4-9 (es gibt zwei weitere Absätze,
die aus Deuteronomium 11:13-21 und Numeri 15:37-41
stammen). Es handelt von der Alleinigkeit Gottes, und indem
man diese Zeile aufsagt sowie die begleitenden Gebote, Gott
zu lieben und Gott zu allen Zeiten des Tages und der Nacht zu
gedenken, »betet« der Jude nicht so sehr, als dass er sich
vielmehr zu seiner Beziehung zu Gott bekennt.
Juden glauben an Einen Gott: Monotheismus, der formale
Ausdruck dafür (»monos« = eins, »theos« = »Gott« –
griechische anstelle hebräischer Ausdrücke), ist in der Tat sehr
kompliziert und schwierig, denn, da es nur eine Macht im
Universum gibt, ist diese Macht ebenso verantwortlich für das
Böse wie für das Gute, sowohl für den Tod als auch für das
Leben. Viele andere Kulturen glauben an zwei Mächte, die
stets im Konflikt miteinander stehen – Gut und Schlecht, Licht
und Dunkelheit, Gott und Satan oder wer auch immer. Wieder
andere glauben an ganze Familien und Stämme von Göttern,
die immer miteinander kämpfen oder gegeneinander intrigieren
– in der Tat könnte man argumentieren, dass die
Schlüsselbotschaft des Judentums ist, der Mensch solle
versuchen, sich wie Gott zu verhalten, anstatt eine Menge
Götter zu postulieren, die sich wie Menschen verhalten. Es gibt
natürlich viele, die an überhaupt keinen Gott glauben. Indem er
diese Aussage des Glaubens an einen Gott macht, erteilt daher
der Jude diesen anderen Konzepten eine kräftige Absage.
Wenn man an gar keinen Gott glaubt, gibt es keinen Anlass
zu beten. Wenn man an mehr als einen Gott glaubt, gibt es
immer einen Zweifel, an wen man einen bestimmten Wunsch
richten sollte. Hat man nur einen Gott, dann wird die direkte
Verbindung im Gebet möglich.
Frage 26

Wie ist das jüdische Gebetbuch aufgebaut –


oder: Was ist ein Siddur?

Siddur bedeutet: Gebetsordnung. »Seder« heißt aus dem


Hebräischen übersetzt Ordnung oder Reihenfolge – dieser
Ausdruck wird für das besondere Passah-Mahl benutzt, das in
einer spezifischen Reihenfolge abläuft.
Im Zusammenhang mit der Synagoge bezeichnet man mit
Siddur die Gebetsordnung, denn ein Gottesdienst muss
bestimmte Gebete in einer bestimmten Ordnung enthalten. In
einem typischen jüdischen Gottesdienst gibt es sehr wenig Zeit
für stille Meditation – obwohl einige der Gebete still aufgesagt
werden. Stattdessen gibt es gemäß der Tradition bestimmte
Psalmen für bestimmte Tage: einen formalen »Aufruf zum
Gebet« (bekannt als »Bar’chu«); das Aufsagen des »Schema
Israel«, der Alleinigkeit Gottes, mit gewissen Segenssprüchen
davor und danach; die »Amida« oder »Gebet im Stehen«
(obwohl Juden auch für einige andere Gebete aufstehen), eine
Reihenfolge von bis zu 19 Gebeten für Wochentage, weniger
für Sabbat- und Festtage; dann an gewissen Tagen eine Lesung
aus der Tora und manchmal eine Lesung aus den Propheten
und manchmal eine Predigt; dann das »Alejnu«, eine
Anerkennung unserer Pflichten; und das → Kaddisch, eine
Lobpreisung Gottes. Zusätzlich gibt es einige Gedichte,
Hymnen, Lesungen oder Auszüge aus dem Talmud usw. Der
Gottesdienst folgt einer strukturierten Gestalt – daher der
Ausdruck »Siddur« für das Buch, in dem die verschiedenen
Gottesdienste, für den Morgen, den Nachmittag und den
Abend, an Wochentagen, Sabbat- und Festtagen abgedruckt
sind.
Einige Siddurim (der Plural) haben Übersetzungen, einige
sogar Fussnoten und Anweisungen bezüglich der Hinzufügung
oder der Auslassung bestimmter Gebete.
Es gibt verschiedene Typen von Siddurim für verschiedene
jüdische Gruppen; orthodoxe aschkenasische und sephardische
oder chassidische Gebetbücher zeigen geringe Unterschiede.
Gebetbücher, die zum Gebrauch in Israel veröffentlicht
werden, zeigen einige Unterschiede gegenüber denen, die
anderswo gebraucht werden. Reform- und liberale
Gebetbücher lassen einige der Wiederholungen und der älteren
Gedichte aus und enthalten dafür moderne Texte und
möglicherweise sogar Übersetzungen, die versuchen, eine
Beschreibung Gottes mit einer Zuordnung zum männlichen
Geschlecht zu vermeiden. Das Siddur sollte widerspiegeln,
was jede Glaubensrichtung glaubt.
Frage 27

Was ist ein Ghetto?

Dieser Ausdruck wird oft auf einen Sektor innerhalb einer


Stadt (oder eines Dorfes), der ausschließlich auf Juden
beschränkt ist, angewandt. (Später wurde er auch auf Stadtteile
angewandt, in denen beispielsweise andere ethnische
Minderheiten, wie etwa Afro-Amerikaner wohnten, aber dies
waren gewöhnlich Gebiete mit schlechter Wohnsubstanz und
wirtschaftlich heruntergekommen, und sie wurden offiziell
nicht auf dieselbe Weise gekennzeichnet.) Nach allgemeinem
Verständnis stammt der Ausdruck vom italienischen Wort für
eine Gießerei, Guetto, da dieser Ausdruck zum erstenmal auf
die Gegend der Gießerei in Venedig angewandt wurde – die
Juden wurden einfach »in die Industriezone«
hineingezwungen, d. h. in das Ghetto. An vielen Orten und zu
vielen Zeiten wurden in Europa Gesetze erlassen, welche die
Juden auf eine bestimmte Straße oder Gegend beschränkten –
gewöhnlich mit schlechter Wohn Substanz, gewöhnlich
überfüllt und oft mit Mauern abgetrennt, deren Tore bewacht
wurden, um sicherzustellen, dass die Juden sich an eine
Ausgangssperre hielten.
Im Laufe der Zeit wurde das Ghetto solch ein Merkmal der
»normalen« Landschaft, dass auch die Juden sich an die Idee
gewöhnten und einen Lebensstil entwickelten, der beinahe
völlig losgelöst von dem ihrer nichtjüdischen Nachbarn war-
die sich dann natürlich darüber beschweren konnten, dass die
Juden sich nicht »integrierten«! Diese eingeschlossene
Sozialstruktur wurde zu einer Behaglichkeit ebenso wie zu
einer Einschränkung – dergestalt, dass, als die Ghettomauern
infolge der Napoleonischen Revolution endgültig (wie man
glaubte) abgeschafft wurden, sich viele Juden in der
Außenwelt mit ihren intellektuellen, politischen und
wissenschaftlichen Entwicklungen regelrecht unbehaglich
fühlten. Man findet noch immer Gruppen, die es für wichtig
halten, in gewissen europäischen, amerikanischen oder
israelischen Städten innerhalb festgefügter sozialer Gruppen zu
leben – eine Art von »selbstauferlegtem Ghetto«. Der
Ausdruck Ghettomentalität wird oft benutzt, um solche Juden
zu beschreiben, die Nichtjuden definitionsgemäß als eigenartig
und bedrohlich ansehen, die wenn möglich gemieden und
beschwichtigt werden müssen, wenn nötig. Eine Form eines
Minderwertigkeitskomplexes.
In der Mitte des 20. Jahrhunderts nahm der Ausdruck Ghetto
eine neue und viel finsterere Bedeutung an, als die Juden von
den Nazi-Invasoren und ihren Komplizen gewaltsam aus ihrer
Heimat herausgerissen wurden und gezwungen wurden, in
kleinen Stadtteilen gewisser Städte zu wohnen, die dann gegen
die Außenwelt versiegelt wurden – die Juden wurden effektiv
in einer Art städtischem Gefängnisgebiet eingesperrt, bis
Vorkehrungen getroffen werden konnten, um sie mit Hilfe der
Wissenschaft zu ermorden. Bis dahin wurde ihnen zynisch
erlaubt, ohne die Hilfe der Wissenschaft an Krankheit und
Hunger zu sterben. In einigen solcher Ghettos konnten die
Bewohner eine gewisse Form der Selbstverteidigung
organisieren – oder wenigstens ein Mittel, sich zu wehren,
bevor man getötet wurde. Der Aufstand im Warschauer Ghetto
ist als ein Beispiel dieses heldenhaften, wenngleich
hoffnungslosen Kampfes, aber doch zumindest mit einer
gewissen Würde zu sterben, in die Annalen der jüdischen
Geschichte eingegangen.
Frage 28

Was bedeutet das Wort »Goj«?

Das hebräische Wort »Goj« bedeutet »eine Nation oder Volk«.


Die Juden werden in der → Tora als ein »Goj Kadosch« – ein
»Heiliges Volk« bezeichnet. Jedoch wird der Ausdruck
inzwischen hauptsächlich dafür verwendet, »die anderen
Völker« zu beschreiben – d. h. die Nichtjuden. Das Wort
»Goj« wird daher oft gebraucht – manchmal beschreibend,
manchmal sogar beleidigend –, um Nichtjuden zu bezeichnen.
(→ Schickse)
Frage 29

Was bedeuten die Buchstaben auf einem


jüdischen Grabstein?

Ein Grabstein auf einem jüdischen Friedhof wird eine


»Mazewa« genannt, ein »Kennzeichen«. Das Bezeichnen eines
Grabes wird um der Person willen, die darin liegt, für wichtig
gehalten. Sie darf nicht vergessen werden. Es ist aber auch um
derjenigen willen wichtig, die wegen ihres »priesterlichen«
oder »reinen« Zustands jegliche Form der Berührung mit
einem Leichnam vermeiden müssen (→ unrein), sowie um
derjenigen willen, die das Grab vielleicht künftig zu besuchen
wünschen. Es ist klar, dass in früheren Zeiten die Menschen oft
an irgendeinem günstigen Ort begraben wurden (Rahel wurde
gemäß Genesis 35:19 am Wegesrand begraben), und es war
daher angemessen und wichtig, die Stelle zu kennzeichnen.
Aus einem einfachen Kennzeichen hat sich eine ganze Kultur
von Grabsteinen entwickelt. Besonders im 19. Jahrhundert
finden wir große und eindrucksvolle Grabmäler und
Familiengräber an einigen Orten. Aber sogar schon davor
wurde ein Stein als dauerhafter als sonst irgendetwas
angesehen, und er pflegte (gewöhnlich) die folgende Inschrift
auf Hebräisch zu erhalten:
Der Name der Person und ihr Vatername, das Datum ihres
Todes, ihr Lebensalter und der fromme Wunsch (gewöhnlich
durch die Abkürzungen der fünf hebräischen Wörter
ausgedrückt), dass ihre Seele beim »Sammeln des Lebens
aufgesammelt werde«. Manchmal gibt es ein angemessenes
Bibelzitat, und einige uralte Steine zeigen sehr lange Texte und
etwas Schmuck. Bei späteren Steinen findet man oft auch das
Geburtsdatum – bitte denken Sie daran, dass es in der Zeit vor
Geburtsurkunden und Computer-Aufzeichnungen für die
Menschen nicht unüblich war, Ungewissheit über ihr genaues
Lebensalter und den Geburtstag zu haben! – und einen
parallelen Text mit lateinischen Buchstaben.
Symbole werden normalerweise auf alten Steinen nicht
verwendet, aber es gibt Ausnahmen. Ein Cohen – ein
Nachkomme eines Priesters – kann das Bild zweier Hände
haben, die mit ausgestreckten Fingern zusammengehalten
werden, als Erinnerung an die Funktion der Priester beim
Segnen der Menschen. Ein Lewy kann einen Wasserkrug
haben – eine Erinnerung an die Funktion der Lewiim als
Diener im Tempel. Jemand, der jung stirbt, kann das Symbol
eines kurz abgehackten Baumes auf seinem Stein haben. Aber
normalerweise werden alle anderen visuellen Symbole
missbilligt. (→ Tod, Begräbnis, Grabstein)
Frage 30

Warum legen die Menschen Steine auf


jüdische Grabsteine?

Dies ist ein Brauch, der viel Verwirrung gestiftet hat. Die
Antwort ist – wahrscheinlich – sehr einfach, obwohl es keine
Textquellen gibt, und was folgt, ist hauptsächlich eine Theorie,
die auf praktischem Denken beruht. »Grabsteine«, wie wir sie
kennen, sind groß, schwer, teuer und kompliziert. Lebt man in
einigen Gegenden der Welt, so ist ein Gesteinstyp, der so
gespalten werden kann, dass er eine ebene Platte bildet, schwer
zu finden. So etwas von weither zu transportieren wäre teuer.
Jemanden mit den richtigen Werkzeugen, Fähigkeiten und
Kenntnissen zu finden, der eine Inschrift eingravieren kann,
wäre auch sehr schwierig. Während wir es heute für
selbstverständlich halten, dass ein Grab mit einer
geschmackvollen Platte aus Granit oder Marmor und vielleicht
mit einer Einfassung oder mit Kies gekennzeichnet ist, pflegte
in früheren Zeiten ein Grab mehr durch einen kleinen
Steinhaufen markiert zu werden, mit dem Zweck, sowohl das
Grab zu kennzeichnen als auch wilde Tiere daran zu hindern,
den Verstorbenen auszugraben und sich daran zu vergehen.
Daher pflegten diejenigen, die am Begräbnis teilnahmen und
diejenigen, die das Grab besuchten, kleine Steine mitzubringen
und sie als Teil der Prozedur auf das Grab zu legen.
Heute ist es einfach ein Brauch, beim Besuch eines Grabes
einen kleinen Kieselstein oder ähnliches oben auf den
Grabstein zu legen. (→ Grabstein, Begräbnis, Tod)
Frage 31

Gesetzliche und rituelle Anweisungen –


oder: Was ist die Halacha?

Das Wort Halacha bedeutet formal »die Art, wie man geht« –
der Ausdruck wird jedoch zur Definition »jüdischer rechtlicher
Entscheidungen« verwendet. Man fragte gewöhnlich »Was ist
die Halacha zu diesem Thema?«, mit der Bedeutung »Was ist
die übereinstimmende rabbinische Meinung darüber, was man
tun sollte?« Ein Buch, das gesetzliche oder rituelle
Anweisungen umfasste, führte gewöhnlich »Die Halachot«
(Plural) auf. Werke wie zum Beispiel der Talmud umfassen die
»halachischen« Abschnitte und Darlegungen und die
»aggadischen« – was genau genommen Erzählung oder Predigt
heißt, aber in Wirklichkeit »alles, was nicht Halacha ist«
bedeutet, d. h. alles, was nicht dazu beiträgt, die strengen
Anweisungen klarzustellen, die befolgt werden sollten. Bei der
Entscheidung darüber, ob jemand volljüdisch ist, spricht man
von seinem »halachischen« Status.
Natürlich bezieht sich der Ausdruck in Wirklichkeit auf einen
fortlaufenden Vorgang, aber unglücklicherweise wird er jetzt
neuerdings oft im Sinne von etwas Feststehendem und
Statischem verwendet – und führt auf diese Weise zu vielen
der inneren Probleme innerhalb der jüdischen Gemeinschaft.
»Halacha« pflegten sich zu entwickeln, um neuen Situationen
entgegenzutreten – heute wird der Versuch gemacht, neue
Situationen zwangsweise der Halacha anzupassen. (→ Mizwa)
Frage 32

Warum beten Juden auf Hebräisch?

Hebräisch ist eine uralte semitische Sprache, die von rechts


nach links geschrieben wird (dies ist nicht »die falsche Art«,
da ja Hebräisch als Schriftsprache lange vor anderen
westlichen Sprachen, die von links nach rechts geschrieben
werden, existierte!). Die Schriftart, die gegenwärtig in
Gebetsbüchern, Bibeln usw. verwendet wird, ist als »Block«
bekannt und stammt aus der Zeit der Ersten Vertreibung, der
nachexilischen Zeit. In den vollständigen Bibeln für den
Gebrauch durch Rabbiner werden die Kommentare oft in einer
winzigen und mehr schräggestellten Schrift gedruckt, die als
»Raschi-Schrift« bekannt ist. Raschi war einer der ersten
Kommentatoren und die ersten Drucker entwickelten diese
Schrifttype, um den Kommentar vom Haupttext zu
unterscheiden – denken Sie an die Kursivschrift als
Entsprechung. Im modernen Hebräisch wurde während des
vorigen Jahrhunderts auch eine fließendere gewölbte Schriftart
entwickelt, die man leichter mit einem Schreibstift schreiben
kann. Diese wird oft nur als die »Schriftart« bezeichnet.
Aramäisch und Jiddisch werden auch mit hebräischen
Buchstaben geschrieben. Notenpapier wird natürlich von links
nach rechts bedruckt, und daher ist es schwierig, die
hebräischen Texte einzupassen, außer indem man einzelne
Silben aufbricht. Computerprogramme müssen angepasst
werden, um den Monitor von rechts nach links einzurichten.
Viele Gebetbücher bieten eine »Transskription« an, um
denjenigen, die den hebräischen Text nicht lesen können,
wenigstens zu ermöglichen, sich dem Vorlesen oder Singen
laut anzuschließen.
Wie alle Sprachen, so hat auch Hebräisch seine eigene
»Gedankenwelt«. Es gibt kein Neutrum in der Grammatik, und
daher ist alles entweder maskulin oder feminin. Die
Possessivpronomina kommen an das Ende eines Wortes, und
daher hören viele Wörter mit denselben Lauten auf- »…ih«
oder »…nu«, was zur Folge hat, dass die hebräische Lyrik
gewöhnlich mehr auf einem Rhythmus als auf einem Reim
beruht. Es gibt 22 Buchstaben im hebräischen Alphabet, und
daher haben gewisse Laute keine Entsprechung im Englischen
oder Deutschen, und gewisse deutsche Laute keine
Entsprechung im Hebräischen. (Es gibt auch eine Methode,
akrostische Gedichte und Gebete zu schreiben, wo jede Zeile
mit einem Buchstaben in vorgegebener Reihenfolge beginnt.)
Es ist eine sehr prägnante Sprache mit nur wenigen Wörtern
mit mehr als vier Silben. Zusätzlich enthalten diese sogar nach
für gewöhnlich mehrere Wörter aus europäischen Sprachen.
Viele Gebete schließen Zitate mit ein, die direkt oder indirekt
aus der Bibel (insbesondere Psalmen und Jesaja) stammen, und
benutzen daher natürlich die biblische Sprache und deren
Rhythmen.
Ein gewichtiges Argument, das oft für die Beibehaltung des
Hebräischen als Gebetssprache verwendet wird, ist, dass sich
ein Gottesdienstbesucher beteiligen kann, wo immer er oder
sie sich befinden mag, da die Gottesdienste in der ganzen Welt
weitgehend standardisiert sind. Natürlich ist auch die
Umkehrung wahr – wenn jemand das Hebräische nicht
verstehen oder ihm nicht folgen kann, dann wird er sich
»ausgeschlossen« fühlen, wo immer er hingeht. In liberalen
Synagogen wird ein Teil des Gottesdienstes immer in der
Landessprache abgehalten.
Frage 33

Was geschieht bei einer jüdischen Hochzeit?

Eine jüdische Hochzeit wird eine »Chuppa« genannt oder


manchmal auf Jiddisch eine »Chatune«. Das Idealbild ist es,
dass ein Mann zu irgendeiner Zeit in seinem Leben erwachsen
werden, sein Heim verlassen und eine Ehefrau finden sollte. In
früheren Zeiten war das Idealbild, dass das Mädchen dies nicht
analog tat, sondern wartete, bis ihre Familie einen passenden
Ehemann für sie fand! Aber die Zeiten haben sich geändert,
und heute leben natürlich viele oder die meisten jüdischen
Mädchen auch ein unabhängiges Leben und suchen sich einen
geeigneten Partner zum Heiraten. Wenn sie einander gefunden
haben (in einigen sehr traditions-bewussten Gemeinden
werden Ehen noch immer von einem »Schadchan« arrangiert,
der einen »Schidduch« abschließt, eine für alle Parteien
befriedigende Übereinkunft), wird eine Hochzeit ausgerichtet.
Dies muss nicht unbedingt in einer Synagoge stattfinden – es
kann sogar im Freien sein. Ein Rabbiner muss bestimmen, ob
beide Parteien frei sind, zu heiraten und frei, einander zu
heiraten. Ein kleiner Baldachin wird aufgerichtet, die
eigentliche »Chuppa«. Er kann auf Pfählen ruhen, geschmückt
mit Blumen, oder sogar einfach aus einem Tuch (oder einem
Tallit) bestehen, das von vier starken und hochgewachsenen
Helfern gehalten wird. Die Braut (»Kalla«) und der Bräutigam
(»Chatan«) stehen darunter, was ihr symbolisches neues
gemeinsames Dach bedeutet. Die Braut wird zur Begegnung
mit dem Bräutigam hineingeführt, und in einigen Gemeinden
geht sie siebenmal um den Bräutigam herum, bevor sie ihre
Position bei ihm einnimmt. Der Amtsträger (gewöhnlich, aber
nicht notwendigerweise ein Rabbiner) liest den
Hochzeitsgottesdienst, in dem jeder von ihnen verspricht,
einander zu ehren und zu dienen und bei dem sie (zweimal)
einen Becher Wein teilen – auch eine symbolische Handlung.
Ein Dokument, genannt eine »Ketubba«, wird aufgesetzt und
laut vorgelesen, durch das (in der traditionellen Fassung) der
Ehemann verspricht, der Braut einen finanziellen Ausgleich zu
zahlen, sollte die Ehe enden oder sie als Witwe zurückbleiben.
Der Bräutigam zahlt symbolisch einen »Brautpreis«, indem er
seiner Braut einen goldenen Ring gibt- bei liberalen jüdischen
Zeremonien gibt die Braut als volle und gleichberechtigte
Partnerin in der Ehe dem Bräutigam ebenfalls einen Ring –
und der Amtsträger deklamiert die »Schewa Berachot«, die
Sieben Segenssprüche, die von der Bedeutung des
Zusammenhaltens und von der Gestaltung einer jüdischen
Zukunft sprechen. Am Ende wird ein Weinglas zerbrochen –
der Bräutigam tritt darauf – als Erinnerung an Trauer und
Zerstörung, an die vielen Male, als Liebespaare durch Krieg
und Gewalt auseinandergerissen wurden, an die Zerstörungen,
die Israel in der Vergangenheit erlitt. Formal muss dann das
Paar einige Zeit für sich allein privat überlassen bekommen –
bekannt als »Jichud« – bevor die Feierlichkeiten beginnen.
Diese bestehen typischerweise aus einem Mahl (die Schewa
Berachot werden im Tischgebet nach den Mahlzeiten
wiederholt), Gesang und Tanz – häufig werden Braut und
Bräutigam auf einen Stuhl gesetzt und von den Gästen
getragen. Die Begrüßung lautet »Masel Tow!« – »Viel
Glück!«
Frage 34

Warum ist Israel wichtig?

Der kurze geschichtliche Abriss zum → Zionismus zeigt etwas


von den Zwängen, die bei der Schaffung eines jüdischen
Staates eine Rolle spielten. Einfach ausgedrückt, ist Israel der
einzige Staat in der Welt, in dem Juden ein relativ normales
Leben führen können – zum Beispiel ihre Andacht verrichten,
wie sie das wollen, sich an Politik beteiligen ohne jede Gefahr,
dass jemand sie angreift, weil sie Juden sind, und – in der
Theorie – sich sicher fühlen. Aber leider ist Israel beinahe
ständig von seinen Nachbarn offen oder verdeckt angegriffen
worden – ein ständiger Strom von terroristischen Angriffen
und Morden, Einfällen über die Grenze hinweg, Drohungen
gegen israelische Botschaften und Einrichtungen im Ausland
haben zur Folge, dass dieses Gefühl von »Sicherheit« noch
immer fehlt, und ständige Wachsamkeit, Wehrpflicht und
später Reservedienst, und ein Gefühl regionaler politischer
Isolation bleiben Einflussgrößen des täglichen Lebens.
Und dennoch -während es viele moslemische Länder und
viele christliche Länder (katholische und protestantische) und
– noch – viele sozialistische Länder gibt, ist für die Juden
Israel der einzige Brennpunkt ihrer nationalen Bestrebungen.
Dies ist das historische Heimatland seit der Zeit der Bibel –
obwohl genaue Grenzfestlegungen gemäß den biblischen
Beschreibungen heutzutage politisch schwierig oder
unannehmbar wären. Obwohl sie mehrmals aus diesem Land
vertrieben wurden, beteten die Juden beständig um Rückkehr
und Wiederherstellung. Es dauerte lange Zeit, bis dies geschah,
und es erforderte viel Blut und Schweiß, es zu erreichen, und
auch wenn sich Juden über Einzelheiten politischer
Entwicklungen oder religiöser Einstellungen in Israel uneins
fühlen, werden sie doch Israel als Konzept verteidigen. Offen
gesagt- wir haben mit der Alternative gelebt, keinen Staat zu
haben, der bereit war, Juden willkommen zu heißen, als sie
dies verzweiflungsvoll brauchten – und das wird nie vergessen
werden. Daher wird Kritik von Nichtjuden oft als
voreingenommen, als nicht-legitim oder sogar als antisemitisch
angesehen – besonders wenn sie nicht mit ehrlicher Kritik auch
an Israels Feinden verbunden ist.
Frage 35

Gedenkzeit –
oder: Was ist Jahrtzeit?

Der Name wird gewöhnlich dem Jiddischen entnommen, ist


aber natürlich ursprünglich deutsch und bedeutet »Jahrestag«.
Am Jahrestag eines Todes – gewöhnlich nach dem hebräischen
Kalender berechnet und daher am Abend vorher begangen – ist
es gebräuchlich, eine Gedenkkerze (auch als »Jiskor« Kerze
bekannt) anzuzünden und einige Gebete für den Toten zu
sprechen. In der – Synagoge wird jemand als »eine Jahrtzeit
habend« benannt und spricht das – Kaddisch-Gebet und kann
als Zeichen des besonderen Respekts zur – Tora herbeigerufen
werden. Manchmal erstellt eine Synagoge oder eine andere
Organisation nach einem Todesfall eine Liste von Daten für
die nächsten zehn, zwanzig oder mehr Jahre, die das weltliche
Datum zeigt, auf das das hebräische Jahrtzeit-Datum fällt.
Das Jahrtzeit-Gebet ist stärker darauf ausgerichtet, das
Gedenken lebendig zu erhalten als auf irgendeine Weise der
Seele des/der Toten beizustehen. Es ist nicht dazu bestimmt,
wie beispielsweise eine Messe, der Seele beizustehen.
Unglücklicherweise wird dies nicht immer verstanden, und ein
gewisser Grad an Aberglauben ist daran geknüpft, »das
Kaddisch zu sprechen«. Das geht manchmal sogar soweit, dass
einige skrupellose Leute tatsächlich anbieten, es gegen
Bezahlung »für sie zu sprechen«. (→ Schiwa, Scheloschim,
Tod)
Frage 36

Ein Zeichen des Respekts –


oder: Was ist eine Jarmulka?

Es gibt den Brauch, dass männliche Juden eine


Kopfbedeckung tragen. Im Nahen Osten war dies in alter Zeit
in jedem Falle aufgrund der Sonnenhitze sinnvoll. In der
jüdischen Tradition aber war es ein Zeichen von Respekt, den
Kopf zu bedecken – wohingegen es in einigen Kulturen
Brauch ist, ihn als Zeichen des Respekts unbedeckt zu lassen
(deshalb nimmt man ja auch jede Kopfbedeckung ab, wenn
man beispielsweise eine Kirche betritt).
In der Theorie könnte jede Art Hut oder Mütze oder
Kopftuch verwendet werden – aber einige sind natürlich
»vernünftiger« als andere. Jedoch entwickelte sich innerhalb
des rituellen Zusammenhangs, wenn man in einem Gebäude
war, eine kleinere rituelle Art von Kopfbedeckung – eine
kleine randlose Mütze, daher ihre jüdische Bezeichnung
»Kappel« oder im modernen Hebräisch »Kippa«, auch als
»Jarmulka« bezeichnet – die Ursprünge dieses Wortes sind
dunkel, man glaubt aber, dass es von »Jerej Malka« abgeleitet
ist, aramäisch für »dem König Respekt (erweisen)« – d. h.
Gott.
Heutzutage bittet man einen männlichen Besucher einer
Synagoge darum, beim Eintreten eine kleine Jarmulka auf den
Kopf zu setzen – viele Synagogen halten für solche Besuche
einige Exemplare vorrätig. Manchmal, wenn eine »Simcha«
(freudige Gelegenheit) gefeiert wird, wird den Gästen eine zur
Verfügung gestellt, auf der die Gründe für die Feier
aufgedruckt sind. Einige fromme Juden tragen eine Kippa
unter ihrem Hut, also effektiv zwei Schichten.
Die Jarmulka gibt natürlich sehr wenig Schutz gegen Sonne,
Regen oder Kälte, und hat nur symbolischen Wert. Sie kann
auch leicht im Freien vom Wind weggeweht werden, daher
benutzen einige Männer eine Klammer, um sie am Haar, so
noch vorhanden, zu befestigen! In den letzten Jahrzehnten
haben sich verschiedene Moden herausgebildet – man kann
Kippot (der Plural) finden, die aus unterschiedlichen Stoffen
hergestellt werden, die für Kinder können Motive aus
Kinderfernseh-Programmen enthalten! In Israel tragen einige
Leute eine bestimmte Art von Kippa – gestrickt oder gehäkelt,
braun oder schwarz oder farbig – als eine Form einer
politischen Aussage. (→ Perücke)
Frage 36

Warum ist Jerusalem wichtig?

In der jüdischen Geschichte war während der meisten


biblischen Zeiträume und bis zu den Zerstörungen durch die
Römer und den Unterdrückungen des 1. und 2. Christlichen
Jahrhunderts Jerusalem die Hauptstadt der jüdischen Nation.
Es war der Ort der Tempel, die formelle greifbare Verbindung
mit Gott, der einzige Ort, wo Opfer offiziell erlaubt waren.
In der modernen Zeit sind neue Städte gegründet worden –
wie zum Beispiel Tel Aviv – und andere dehnten sich aus, aber
es war stets Jerusalem, das in der Liturgie als der Mittelpunkt
der jüdischen Existenz dargestellt wurde, wohin auch immer
die Juden vertrieben wurden. (Auch Christen beteten, gerichtet
nach Jerusalem und für Jerusalem, und während der Kreuzzüge
erkämpften sie sich einen Zugang dorthin.) → Synagogen
waren darauf ausgerichtet, und Gebete um den »Frieden für
Jerusalem« wurden aufgesagt. Pilger wanderten
jahrhundertelang dorthin, wenn es möglich war, und es bestand
ein jüdischer Stadtteil beinahe ununterbrochen bis 1948, als die
Juden mit militärischer Gewalt von dort vertrieben wurden.
Seit Juni 1967 gehört Jerusalem nun wieder zu Israel, und
obwohl es die Ursache eines politischen Konflikts mit einigen
Moslems bleibt, ist es unwahrscheinlich, dass Jerusalem jemals
freiwillig übergeben würde. Ob es eine vereinigte Stadt des
Friedens für alle werden kann, hängt von allen Parteien ab, die
dafür arbeiten. Nicht nur von den Juden. (→ Israel)
Frage 38

Jiddisch
– was bedeutet das?

Die Juden in Europa entwickelten nach und nach eine eigene


Sprache, ihren eigenen Dialekt, der – natürlich – als »Jüdisch«
oder »Jiddisch« bekannt wurde. Die Geschichte dieser
Entwicklung ist komplex und etwas für Linguisten – es soll
genügen zu sagen, dass ein Experte zwischen dem Jiddisch,
das, sagen wir, im Rheinland gesprochen wird, und dem in
Polen gesprochenen und dem in Litauen gesprochenen
unterscheiden kann. Im Wesentlichen ist diese Sprache eine
Mischung von altem Deutsch und Hebräisch, auch mit einigen
Wörtern aus anderen Sprachen – Polnisch, Russisch usw. Sie
wird mit hebräischen Buchstaben geschrieben, was zu einigen
Problemen führt, nämlich immer dann, wenn es keine direkte
Entsprechung für einen in einer anderen Sprache erzeugten
Laut mit einem hebräischen Buchstaben gibt. Bei der
Aussprache wird der aschkenasische hebräische Akzent
verwendet, bei dem gewisse Buchstaben »weicher« sind als in
der sephardischen Entsprechung (ein unbetonter Buchstabe
»T« wird beispielsweise »Ss« ausgesprochen; »O« wird zu
»Oj«; »A« wird zu »O«.) »Schabbat« wird zu »Schabbes«,
»Jom Tow« wird zu »Jonteff«, »schön« wird zu »schäin« usw.
Als eine »Volkssprache« hat sie tatsächlich
Grammatikregeln, aber diese sind flexibel, und das Vokabular
ist insofern reich, als dass verschiedene Wörter in
verschiedenen Teilen der früheren jüdischen Bevölkerung
benutzt werden können. Sprachen sind immer ein zweigleisiger
Prozess, und genauso, wie viele deutsche Wörter ins Jiddische
aufgenommen wurden, so haben auch viele jiddische Wörter
Eingang ins örtliche Vokabular gefunden.
Frage 39

Der israelische Unabhängigkeitstag –


oder: Was ist Jom HaAzma’ut?

Seit der Zerstörung des Tempels und der Niederlage der letzten
jüdischen Aufständischen gegen die Römer in den Jahren 70
und 135 gab es keinen jüdischen Staat mehr in der Welt –
obwohl es stets einige Juden gab, die immer im Lande Israel
(»Erez Israel«) lebten. Im 19. Jahrhundert gewann das Konzept
des Nationalismus sehr an Stärke: die Menschen wurden nicht
(oder nicht nur) nach ihrer Rasse oder Religion oder Klasse
oder Vermögensstandard definiert, sondern auch nach dem
Land, in dem sie lebten, oder der »Nation«, zu der sie
gehörten. Schließlich machten sich auch einige Juden diese
Idee zu eigen (eine Idee, die als »Zionismus« ( – Zionismus)
bezeichnet wird) und begannen, nach Mitteln zu suchen,
irgendwo in der Welt einen jüdischen Staat zu errichten.
Natürlich war das Land Israel das Ideal, aber aus
Pragmatismus und Realismus schauten viele anderswo hin.
Denn zu der Zeit war dies ein rückständiger und primitiver Teil
des Osmanischen Reiches unter türkischer Herrschaft.
Die Zeiten änderten sich, nach dem Ersten Weltkrieg übergab
der Völkerbund Großbritannien die Herrschaft (das »Mandat«)
über dieses Gebiet und als die Lage für Juden in Europa
bedrohlicher wurde, wurden die Bemühungen dringlicher, eine
feste jüdische Basis in Erez Israel (damals noch »Palästina«
genannt) zu errichten. Politische Kämpfe zwischen den
jüdischen und arabischen Bevölkerungen riefen gründliche
Verwirrung und Unzufriedenheit bei den Briten wegen der
»Undankbarkeit« dieser »einheimischen Bevölkerungen«
hervor. Es gab viele Zwischenfälle mit bewaffneten
Auseinandersetzungen – einschließlich schwerer Aufstände
durch die Araber in den Jahren 1929 und 1936, die schließlich
dazu führten, dass die Briten die Einwanderung von Juden
beschränkten. Dies geschah genau zu der Zeit, als Juden mehr
denn je von dort, wo sie waren, auswandern mussten. Eine
tragische Ironie. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als klar wurde,
was genau sich aus diesen und ähnlichen politischen
Entscheidungen ergeben hatte, sahen viele Überlebende keine
Hoffnung mehr für ihre eigene Zukunft in Europa und fuhren
nach Palästina, um bei der Errichtung eines jüdischen Staates
zu helfen. Da die politische Nachkriegssituation (mit dem
drohenden »Kalten Krieg«) ebenso komplex war, beschlossen
die Briten schließlich – nachdem verschiedene Kommissionen
es nicht vermocht hatten, einen durchführbaren Plan zu
erarbeiten –, die neuen Vereinten Nationen entscheiden zu
lassen, was zu tun sei. Die UN beschlossen im Jahre 1947, dass
Palästina in zwei Sektoren geteilt werden sollte, grob dem
entsprechend, wo die Mehrheit der Bevölkerung entweder
jüdisch oder arabisch war (wobei es bei den Arabern selbst
natürlich sowohl Moslems als auch Christen gab). Die
Vertreter der jüdischen Bevölkerung akzeptierten diese
Aufteilung widerwillig, aber pragmatisch, die Araber taten dies
nicht, und ein regelrechter Krieg brach aus, nachdem die
britischen Streitkräfte zurückgezogen worden waren und dann
der neue Staat am 15. Mai 1948 ausgerufen wurde.
Der Krieg war blutig und konfus, wobei wenig zwischen
»militärisch« und »zivil« unterschieden wurde. Jerusalem
wurde monatelang blockiert und belagert und beide Seiten
forderten Hilfe von außerhalb an. Es ist wichtig festzuhalten,
dass es in vieler Hinsicht ein Bürgerkrieg war – zwischen
jüdischen Palästinensern und moslemischen oder christlichen
Palästinensern. Heutzutage hat sich der Ausdruck
»Palästinenser« so entwickelt, dass er alle bezeichnet, die nicht
jüdisch sind, aber dies war damals nicht der Fall. Auch
handelte es sich nicht um eine Invasion arabischer
Heimatländer durch ausländische Juden – viele aus der
arabischen Bevölkerung waren auch relativ neu angesiedelt,
angezogen durch die wirtschaftlichen Entwicklungen unter
britischer Herrschaft – und die Armeen, die im Mai 1948 in
Palästina einfielen, waren die von Jordanien, Syrien, Irak und
Ägypten.
Aber die jüdischen Siedler setzten sich zur Wehr, und als
beide Seiten einem Waffenstillstand zustimmten, wurde das
Gebiet, das die Juden gehalten hatten, zu »Israel«. Das
restliche Land wurde nicht zu einem arabischen Palästina,
sondern wurde von Jordanien oder Ägypten annektiert. So
blieb die Situation unverändert bis zum nächsten schweren
Angriff auf Israel im Jahre 1967.
Auf diese Weise bezeichnet der Mai 1948 zum erstenmal seit
nahezu 1900 Jahren die Errichtung eines jüdischen Staates, der
auch fähig war, sich militärisch zu verteidigen. Ein großer Teil
der übrigen Welt bleibt leider immer noch hinsichtlich ihrer
Akzeptanz eine Quelle großer Sorge für die jüdischen
Bevölkerungsteile. Da sich die Juden aus diesem Grund noch
immer bedroht fühlen, ist die Tatsache, dass es ein Land gibt,
in dem Juden »auf alle Fälle« willkommen sind, ein wichtiger
Sicherheitsfaktor. Dieses Land verkörpert und vereint moderne
technische und militärische, wirtschaftliche und kulturelle
Stärken mit jüdischen Eigenarten. Daher unterstützen die
meisten Juden den Staat Israel mehr oder weniger aktiv –
selbst wenn sie es vorziehen, selber anderswo zu leben. Es gibt
natürlich einen großen Unterschied zwischen einem Juden und
einem Israeli: viele Israelis sind Christen oder Moslems, viele
Juden sind Amerikaner, Briten, Deutsche… Dies ist eine sehr
irreführende Verbindung, die häufig gezogen wird, gewöhnlich
von Gegnern der Juden. Es ist jedoch wahr, dass sehr viele
Juden in der ganzen Welt Familienmitglieder haben, die in
Israel leben. Der obige Text ist im wesentlichen nur eine kleine
Skizze einer sehr komplexen Geschichte, dient aber dazu,
aufzuzeigen, warum das hebräische Datum für den israelischen
Unabhängigkeitstag – Jom HaAzma’ut – sogar außerhalb
Israels von jüdischen Gemeinden gefeiert wird, häufig mit
besonderen Gebeten, kulturellen Ereignissen, israelischen
Tänzen, Mahlzeiten mit israelischem Essen usw. Der Tag vor
Jom HaAzma’ut wird auch als ein feierlicher Tag des
Gedenkens (»Jom HaSikaron«) an all jene Soldaten und
Zivilisten hervorgehoben, die bei der Verteidigung Israels
starben oder Opfer terroristischer und anderer militärischer
Angriffe auf Israel wurden.
Frage 40

Der »Große Versöhnungstag« –


oder: Was ist Jom Kippur?

Der »Große Versöhnungstag« bezeichnet das Ende der Zehn


Tage der Buße nach – Rosch ha-Schana. Er fällt auf den
zehnten Tag des hebräischen Monats Tischri. Dieser Tag ist
durch ein 25-stündiges Fasten gekennzeichnet, während dieser
Zeit dürfen nur diejenigen etwas essen oder trinken, die aus
medizinischen Gründen Nahrung oder Getränke benötigen. Es
gibt eine Folge von Gottesdiensten in der Synagoge, die am
Abend beginnen (der »Kol Nidre« Gottesdienst) und dann vom
folgenden Morgen wieder bis zum Abend dauern (und mit dem
»Neila« Gottesdienst enden, eine Erinnerung an die Zeit, da
die Tore im Tempel zu Jerusalem geschlossen zu werden
pflegten). Die Gottesdienste sind im → Machsor enthalten.
Man hofft, dass man am Ende dieses Zeitraums der Buße und
nach dem Tag des Fastens und des Gebets dann einerseits
einen Zustand der spirituellen Bereitschaft erreicht hat, um
dem kommenden Jahr gegenüberzutreten zu können, sowie
andererseits die Vergebung durch Gott erfahren hat.
Obwohl viele jüdische Menschen Jom Kippur fürchten – weil
sie nicht an das Fasten oder an lang andauernde Gottesdienste
in der Synagoge gewöhnt sind – ist es in Wahrheit (wenn es
richtig verstanden wird) ein Tag der Freude und ein Tag der
Gnade. In vielen Gemeinden ist es üblich, weiße Kleidung am
Jom Kippur zu tragen.
Frage 41

Wie viele Juden gibt es in Deutschland?

Die jüngsten Zahlen (für das Jahr 2000) besagen: ungefähr


90.000, was im Weltmaßstab nicht viel ist, obwohl es viele
Tausende mehr sind, als irgendjemand noch vor zehn Jahren
erwartet hätte. Die Hauptgemeinden sind in Berlin, Frankfurt,
München und Köln.
Die Mehrzahl davon sind nicht deutschen Ursprungs – aus
offensichtlichen Gründen – sondern sind innerhalb der
vergangenen zehn bis zwanzig Jahre eingewandert,
hauptsächlich, aber nicht ausschließlich aus Osteuropa und der
früheren Sowjetunion (GUS-Staaten). Das heißt, dass sie sehr
wenig Gelegenheit hatten, ihr Judentum in ihren
Heimatländern zu lernen und auszuüben, und dass sie in
Deutschland ohne viele der notwendigen Fähigkeiten und ohne
die Grundlage ankamen, die gebraucht werden, um sich
angemessen in das jüdische Leben oder die Praxis in der
Synagoge oder zu Hause einzufügen. Dies führt zu einer
bedeutenden Herausforderung der Gemeinden in Deutschland,
von denen viele nicht groß genug sind, um sich einen
geeigneten Lehrer oder Gemeindemitarbeiter leisten zu
können.
Es liegt eine Ironie darin, dass die deutschen jüdischen
Gemeinden vor den Jahren um 1935 unter denjenigen waren,
die am meisten in die Kultur ihres Landes integriert, sogar
assimiliert waren, was weltweit bekannt war – und heutzutage
sind die Juden in Deutschland unter den am wenigsten
integrierten. Sie müssen sich niederlassen und ein neues Heim
schaffen, ein neues Alphabet, eine neue Sprache lernen, sich
neu bilden, um neue Fähigkeiten zu erwerben – und das
Studium des Judentums ist für viele ziemlich niedrig auf ihrer
Prioritätenliste. Dies ist völlig verständlich, aber es ist
notwendig, dies hier hervorzuheben, einfach um zu erklären,
warum nicht jedes offiziell »jüdische« Schulkind in der Lage
ist, seinen Klassenkameraden alles zu erklären.
Frage 42

Gibt es unterschiedliche religiöse und


geistige Strömungen im Judentum?

Die jüdische Gemeinde ist in viele verschiedene Strömungen


oder Meinungen unterteilt – ein alter Witz besagt, »Wo zwei
Juden zusammen sind, wird man drei Meinungen finden«.
Gewöhnlich werden diese Etiketten von einer Gruppe selbst
verwendet, um sich von anderen zu unterscheiden, manchmal
wird der Ausdruck von Außenstehenden gebraucht, um eine
Gruppe zu definieren. Es hat viele Versuche gegeben, zentrale
vereinigte Strukturen zu schaffen, aber die meisten sind zum
Scheitern verurteilt.
In dieser kurzen Einführung kann nur ein oberflächlicher
Abriss gegeben werden: aber einige dieser Gruppen können
wie folgt definiert werden:
Ultraorthodoxes Judentum/Haredi
Orthodoxes Judentum
Neo-orthodoxes Judentum
Konservatives Judentum
Reformjudentum
Liberales/progressives Judentum
Rekonstruktionismus
Säkulares (weltliches) Judentum
Humanistisches Judentum
(sog. Messianisches Judentum)
Die dargelegte Reihenfolge ist grob in der Ordnung vom
extremen Fundamentalismus zur extremen
Nichtübereinstimmung mit der fundamentalistischen Lehre –
obwohl die → messianischen Juden einen getrennten Fall für
sich darstellen und getrennt abgehandelt werden. In der Tat
gibt es viel Überlappung zwischen all diesen Kategorien, und
was folgt, ist in keiner Weise vollständig – kann aber für
diejenigen hilfreich sein, die keine Vorstellung davon haben,
wie man auch nur anfängt, diese Bezeichnungen zu verstehen.
Der »klischeehafte Jude« mit tiefschwarzem Hut und langen
Schläfenlocken (→ Pejot) ist jemand, der sein ganzes Leben
lang gemäß der strengsten Auslegung der Regeln für ein
jüdisches Leben lebt. Solch eine Auslegung erfordert, dass
man normalerweise zumindest einen großen Teil seines Lebens
in einer »geschlossenen Gemeinde« lebt, umgeben von
Menschen, die auf dieselbe Weise denken, essen, beten und
arbeiten. Dies würde normalerweise von ihren Gegnern als
ultraorthodox eingeordnet – obwohl sie selbst natürlich eine
positivere Beschreibung vorziehen würden, wie zum Beispiel
»Tora-getreu«. Der Ausdruck »Haredi« kommt von einem
hebräischen Bibelwort, das »zittern« oder »schütteln«
bedeutet.
Der Ausdruck orthodox ist ironischerweise griechischen
Ursprungs und bedeutet »rechtgläubig«. Der Ausdruck ist erst
seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gebraucht worden, da
dieses Konzept tatsächlich als Reaktion gegen diejenigen
Juden entwickelt worden war, die so sehr von der Aufklärung
überzeugt waren, dass sie bereit waren, große Teile der
Tradition als überholt zu verändern oder gar abzuschaffen.
Modern orthodox beschreibt den von vielen Juden
unternommenen Versuch, ihre traditionellen
Wertvorstellungen mit moderner Technik und modernem
Lebensstil zu verbinden. Das konservative Judentum
entstammt auch einer wohlerwogenen Synthese zwischen uralt
und modern und versucht, eine mittlere Linie zwischen
sklavischem Gehorsam gegenüber der Tradition und der
Kenntnis der Bedürfnisse des zeitgenössischen Lebens zu
ziehen.
Oftmals sind Reformjudentum, liberal und progressiv
austauschbare Ausdrücke, einfach weil das Umherziehen der
Juden während des vergangenen Jahrhunderts dazu führte, dass
→ Synagogen und Gemeinden in einem bestimmten Land
einen dieser Namen anstelle des anderen angenommen haben.
Für Historiker und Liturgen sind die Unterschiede wichtig,
aber nicht für den Zweck dieser kurzen Einführung. Diese sind
Antworten auf die Moderne und auf die Wertvorstellungen der
Aufklärung und wurden im späten 18. und frühen 19.
Jahrhundert entwickelt, um zu versuchen, das Judentum aus
der Ghetto-Mentalität (→ Ghetto) herauszubringen, in die es in
Europa hineingezwungen worden war, und um einige der
besseren Ideen der umgebenden Kultur aufzunehmen: die
liberalen Wertvorstellungen, den Universalismus, die
Konzepte der Gleichheit für alle einschließlich der Frauen, die
Notwendigkeit des Verständnisses der Gebete und Predigten
(indem sie in einer Sprache gehalten werden, die vom
Gottesdienstbesucher verstanden werden konnte), die Kürzung
der Länge der Gottesdienste, die Anpassung an die moderne
Technik bezüglich der Befolgung des → Sabbats, das
Aufgeben »doppelter« Feiertage usw.
Der Rekonstruktionismus ist eine Bewegung, die in Amerika
begann, und zwar als eine bewusste Anpassung und
Zuweisung von Vorrang der jüdischen Kultur und Traditionen
gegenüber der Religion. Schon der Name zeigt ein Verlangen
an, die älteren religiösen Formen zu »rekonstruieren«.
Humanistische und säkulare Juden sind diejenigen, die
vielleicht keinen strengen religiösen Glauben haben, aber einen
starken Sinn für ihre jüdische Identität bewahren, und zwar auf
weltlichen Wertvorstellungen von sozialer Gerechtigkeit
beruhend. Einige sind tatsächlich in »Humanistischen
Synagogen« organisiert, andere haben ein distanzierteres
Verhältnis zur jüdischen Gemeinde.
Es sollte hervorgehoben werden, dass kein Jude in eine dieser
Kategorien hineingezwungen wird, und es wird auch kein Jude
gezwungen, in einer zu bleiben – die Menschen wachsen auf
und ändern sich, sie ziehen in neue Wohnorte, wo eine andere
Art von Gemeinschaft besteht, oder sie leben in einer Stadt, wo
nur eine Art von Synagoge zur Verfügung steht. Oder – nun,
die Menschen ändern sich – und ihr Glaube und dessen
Ausübung ändern sich oft mit ihnen. Jede dieser Gruppen ist
natürlich überzeugt, dass sie die beste und anständigste und
praktikabelste oder sachdienlichste Philosophie vertritt, um die
jüdische Kontinuität zu erhalten – die Wahrheit muss ja sein,
dass sie alle einige positive und einige weniger positive Seiten
haben und dass niemand ein Monopol hat. Die interne
Auseinandersetzung zwischen diesen Gruppen ist manchmal
lautstark, aber immer interessant und im Wesentlichen gesund.
(→ Juden)
Frage 43

Was ist die Kabbala?

Glauben Sie mir, das müssen Sie nicht wissen. Der hebräische
Ausdruck bedeutet einfach »das, was erhalten wurde« – und
bezieht sich auf das »geheime mystische Wissen«, das einige
Leute anzieht und fasziniert, was sie aber verrückt machen
kann. Es gibt eine Tradition, dass kein Jude die Kabbala
studieren sollte, bis er 40 ist, verheiratet ist und zwei Kinder
hat – d. h. bis er genug Bindungen zur »wirklichen Welt« hat,
die ihn daran hindern, sich in einer anderen zu verirren.
Wie bei allen Systemen der Mystik, gibt es mehrere
komplexe Theorien und geheimnisvolle Bücher, und es ist
wirklich unmöglich, sie in solch einem kurzen Führer im
Einzelnen zu beschreiben. Der »Sohar« ist ein langatmiges
Buch in der Form eines mystischen Kommentars über die →
Tora – wahrscheinlich im 12. und 13. Jahrhundert in Spanien
geschrieben, obwohl er behauptet, früher da gewesen zu sein.
Unglücklicherweise zieht die Kabbala tendenziell Leute an,
deren Verbindung zur Wirklichkeit jedenfalls ein wenig
zerbrechlich ist… – daher vielleicht die Warnungen gegen
»stümpern«.
Frage 44

Was ist ein Kaddisch?

Es gibt eine poetische Formel zum Lobe Gottes, geschrieben


auf Aramäisch, die einen gewaltigen Einfluss auf die jüdische
Liturgie gewonnen hat. Ursprünglich in der Sprache des
Volkes aufgesagt, gibt es verschiedene Formen. Zum Beispiel
wird ein »Halbkaddisch« (»Hazi Kaddisch«) an verschiedenen
Stellen in einem traditionellen Synagogen-Gottesdienst
aufgesagt, um das Ende jedes Abschnitts zu bezeichnen. Ein
»Vollkaddisch« hat einen zusätzlichen Satz, der mit »Titkabal«
beginnt, in dem Gott dringend gebeten wird, das Gebet zu
akzeptieren. Ein »Kaddisch de-Rabbanan« hat einen
zusätzlichen Absatz, der um Frieden und Wohlstand für alle
die bittet, die sich um das Studium und die Lehre der Tora
bemühen, sowie für ihre Familien. Es gibt Unterschiede
zwischen den aschkenasischen und sephardischen Versionen
dieses Wortlauts – es ist im wesentlichen überhaupt kein
Gebet, obwohl es mit zwei kurzen Formeln endet, die um
Frieden bitten.
Anscheinend wurde dies ursprünglich am Ende eines
Gottesdienstes oder eines Vortrags durch einen Rabbiner
aufgesagt. Wenn also jemand starb, hatte er dann auf gewisse
Weise seine letzte Lektion beendet, und daher pflegte es an
seinem Grab aufgesagt zu werden. Von daher hat sich der
Brauch ausgebreitet, ein Kaddisch bei jedem Begräbnis zu
sprechen und bei den folgenden → Schiwa-Tagen oder beim
Gedenkgottesdienst für die Toten oder zum Gedenken an die
Toten bei verschiedenen Gelegenheiten – wie zum Beispiel zu
einer → Jahrtzeit oder bei einem Jiskor (Gedenk-
Gottesdienst). (→ Tod)
Frage 45

Die Segnung von Wein und Brot –


oder: Was ist Kiddusch?

Das hebräische Wort Kaddosch bedeutet »heilig«, und ein


»Kiddusch« ist formal eine Weihung von Wein und Brot (plus
Salz), indem man Segenssprüche über sie sagt – sie bilden die
symbolische Basis eines Mahls. Daher wird man hören, dass
der Ausdruck im Sinne von »Er macht Kiddusch« verwendet
wird – was bedeutet, dass jemand diese Segenssprüche aufsagt.
Der Ausdruck wird auch benutzt, um den kleinen Empfang
nach einem Gottesdienst zu beschreiben, der natürlich mit
diesen Segenssprüchen beginnt, aber dann Kuchen, Hering und
andere Fische, Obst, Sandwiches, Kekse einschließen
kann…In diesem Falle sagt man »Sie sind zu einem Kiddusch
eingeladen« oder »Bitte kommen Sie zum Kiddusch«. Wenn
Sie einen Synagogen-Gottesdienst besuchen, ist dies normal –
einige Gemeinden haben nur nach dem Morgengottesdienst
einen Kiddusch, andere auch am Abend.
Frage 46

Was bedeuten die Abkürzungen im


jüdischen Kalender?

Der hebräische Kalender ist komplex – die Monate werden


mittels einer Kombination der Mond- und Sonnenzyklen
berechnet. Es gibt zwölf Monate, aber einer von ihnen
(»Adar«) wird wiederholt, wenn ein Schaltjahr stattfindet.
Hebräische Daten werden augenscheinlich seit der Schöpfung
gerechnet, und wir sind im sechsten Jahrtausend. Tatsächlich
aber haben die meisten Juden kein Problem damit, den
weltlichen Kalender zu benutzen (der auf einer christlichen
Deutung der Geschichte beruht und wann die wichtigen
Ereignisse geschahen), aber weil die Abkürzungen »v. Chr.«
und »n. Chr.« religiöse Bedeutungen haben (»vor Christus«
und »nach Christus«), versuchen jüdische Gelehrte in der
Regel, diese Abkürzungen zu vermeiden und benutzen
stattdessen im Englischen »B. C. E.« (»Before the Common
Era«, also »Vor dem Allgemeinen Zeitalter«) und »C. E.«
(»Common Era«, also »Allgemeines Zeitalter« – d. h. die
gegenwärtige Zeitskala). Im Deutschen entspricht dies den
teilweise gebräuchlichen Abkürzungen »v. u. Z.« oder »v. Z.«
und »n. u. Z.« oder »n. Z.« (»vor unserer Zeitrechnung« und
»nach unserer Zeitrechnung«).
Weil es in der alten hebräischen Schrift keine Zahlen gibt
(heutzutage werden im modernen Hebräisch natürlich Ziffern
verwendet), wurde den 22 Buchstaben des Alphabets ein
numerischer Wert zugeordnet: Aleph = 1, Bet = 2, Gimmel = 3,
Daled = 4 usw. Jod = 10, Chaf = 20, Lamed = 30 usw. Kuf =
100, Resch = 200, Schin = 300, Taf = 400. Das war das Ende
des Alphabets, und damit war dies das Ende der Zahlenfolge!
Um irgendeine höhere Zahl zu bilden, musste eine
Zusammenstellung geschaffen werden: Taf-Schin für 700 zum
Beispiel. Es ist klar, dass dieses System sehr schwerfällig ist,
wenn man nach Tausenden zählen muss und daher werden
beim Schreiben eines hebräischen Datums die Tausender
normalerweise einfach ausgelassen! Stattdessen schreibt man
die Buchstabenkombination, die aus den letzten drei Ziffern
gebildet wird. Im Oktober 2000 (christlicher Kalender) begann
das hebräische Jahr 5761. Lässt man die fünftausend aus, so
bleibt »761« übrig – gebildet aus Taf (400), Schin (300),
Samech (60) und Aleph (eins). Wenn man eine alte Inschrift
oder ein Manuskript anschaut; kann man auf diese Weise
gewöhnlich zurückrechnen und berechnen, wann das weltliche
Datum war.
Manchmal ergeben diese Kombinationen tatsächlich Wörter,
obwohl dies wirklich reiner Zufall ist – genauso als wenn die
Buchstabenkombination eines Autoschildes zufällig ein Wort
ergibt. (→ Rosch Chodesch)
Frage 47

Was hat die Klagemauer für eine Bedeutung?

Die »Kotel HaMa’arawi«, die vollständige hebräische


Bezeichnung, ist die »Wesfwand« des großen Erd- und
Steinhügels, auf dem die Tempel standen. Der Zweite Tempel,
von Herodes erbaut, war viel größer als der von Salomon
erbaute Erste, und große Stützmauern schufen einen
eindrucksvollen Effekt. Nachdem alles, was obendrauf stand,
zerstört worden war und ein Großteil der Stadt unter türkischer
Herrschaft im Mittelalter wieder erbaut worden war (die
heutigen Mauern und Tore stammen aus dieser Zeit), ist diese
hohe Mauer aus gewaltigen Steinplatten der einzige sichtbare
Überrest des einstigen Bauwerks. Weitgehend zugebaut, gibt
es einen großen Sektor an der südwestlichen Ecke des
Tempelberges und einen kleineren Sektor etwas weiter
nördlich, die von Gebäuden umgeben sind.
Da dies alles war, was von einer Zeit nationaler
Unabhängigkeit und Sicherheit und Stolzes übriggeblieben
war, wurde sie ein Brennpunkt emotionaler Anhänglichkeit,
wohin fromme Juden zu gehen und für eine Wiederherstellung
zu beten und ihr Schicksal zu beklagen pflegten. Sie wurde
daher als die »Klagemauer der Juden« bekannt. Traditionen
entwickelten sich, wie zum Beispiel einen Brief an Gott zu
schreiben und ihn in eine Ritze zwischen den Steinen zu
stecken!
Streng genommen werden die Juden vielmals dagegen
gewarnt, Götter aus Stein anzubeten, und daher ist das Beten
nicht an die Mauer selbst gerichtet, sondern an Gott, der hier
bloß durch einen Überrest eines uralten Bauwerks vertreten
wird. Nichtsdestoweniger ist der Ort von einem besonderen
Gefühl der Verehrung und des Heiligen umgeben. Im Jahre
1929 und zu verschiedenen Zeiten seitdem wurde die Andacht
für die Juden dort erschwert. Während des
Unabhängigkeitskrieges im Jahre 1948 wurden die Juden, in
der Minderzahl und weniger gut bewaffnet, gezwungen, die
Altstadt zu evakuieren, und bis 1967 wurde ihnen durch die
jordanische Regierung verboten, zur Kotel zu gehen. Seit der
Wiedervereinigung Jerusalems im Jahre 1967 nach dem Sechs-
Tage-Krieg ist es wieder ein Ort für Pilgerfahrten und für
nationale Feiern. Die moslemischen Behörden (der »Waqf«)
durften weiterhin den oberen Teil des Tempelberges (den Ort
einiger moslemischer Heiligtümer) unter ihrer Kontrolle
halten, und gelegentlich gibt es Spannungen bezüglich
archäologischer Forschungen, oder sogar Angriffe von oben
auf die Juden, die weiter unten an der Mauer ihre Andacht
begehen.
Frage 48

Volksmusik –
oder: Was ist Klezmer?

Die hebräischen Wörter »Kley Semer« – »Instrumente für das


Singen« oder »zur Begleitung eines Liedes« – wurden im
volkstümlichen Sprachgebrauch zu »kle’Z’mer« oder Klezmer
verschmolzen. (Das »z« ist weich wie im Deutschen das s in
singen.) Dieses Wort wird heute auf eine große Bandbreite
musikalischer Stile angewandt, die in gewisser Weise die
Volksmusik der jiddischsprachigen Gemeinden von Mittel-
und Osteuropa widerspiegeln. Anders als die musikalischen
Traditionen Westeuropas, wo seit dem 17. Jahrhundert
bestimmte Ansätze für liturgische Musik (zum Gebrauch für
Gottesdienste in der Kirche), Kammermusik (zur Aufführung
durch begeisterte Amateure in ihren Wohnungen), später
Orchestermusik (zur Aufführung an jenen Höfen, die es sich
leisten konnten, ein Orchester zu unterhalten), Militärmusik
(zum Gebrauch für Soldatenkapellen) oder Opernmusik (zur
Unterhaltung der Wohlhabenden) – entwickelt wurde, ist diese
für kleine Besetzungen komponiert, die bei Feiern und anderen
Veranstaltungen zu spielen pflegten, oder sogar auf den
Straßen anstatt in irgendeinem formgerechten Rahmen. Die
Musiker mussten reisen und ihre Instrumente bei sich tragen,
daher wurden Tasteninstrumente und Schlagzeug
normalerweise weggelassen, und vieles von der Musik wird
auf Blas- und Streichinstrumenten gespielt.
Die musikalischen Tonarten, der Gebrauch von Molltonarten,
der Einsatz fröhlicher oder trauriger Melodien haben alle einen
Stil geschaffen, der erkennbar, wenn auch schwer zu definieren
ist. In moderner Zeit ist das Missverständnis entstanden, dass
dies die jüdische Musik ist, wohingegen es natürlich »nur« die
Volksmusik eines bestimmten Teiles der jüdischen Welt ist.
Da jene Welt weitgehend zerstört wurde, ist jedoch auch ein
Element der Nostalgie – echt oder unecht – der Mischung
hinzugefügt worden.
Frage 49

Was bedeutet es, wenn etwas koscher ist?

Koscher ist ein hebräischer Ausdruck – »kascher« – mit der


Bedeutung »geeignet« oder »passend«. Er wird normalerweise
zur Bezeichnung von Lebensmitteln benutzt, gilt aber formal
auch für andere Dinge, wie z. B. rituelle Kleidungsstücke,
Gesetzes-Schriftrollen usw.
Koschere Nahrung muss nach dem jüdischen Speisegesetz
einigen Grundelementen der »Qualitätskontrolle« entsprechen.
Die meisten dieser Kontrollen beziehen sich auf Fleisch,
welches den folgenden Bedingungen genügen muss:
– Es muss von einer Spezies stammen, die man essen darf.
(Keine Mitglieder der Katzenfamilie, der Hundefamilie, keine
Nage tiere; nur Säugetiere, die sowohl wiederkäuen als auch
Paarze her sind – daher sind Schweine und Kaninchen auch
ausge schlossen. Es bleiben im wesentlichen Kühe, Schafe,
Ziegen und Wild.)
– Es muss von einem Schochet geschlachtet worden sein –
einem qualifizierten Schlachter, der den Akt der »rituellen
Schlach tung« – »Schechita« (Schächten) – ausführen muss.
Dies heißt, dass er sein Messer sehr sorgfältig vorbereitet, es
mehrfach in spiziert, einen Segensspruch aufsagt und dann das
Tier mit ei nem einzigen sauberen Schwungschnitt durch die
Kehle tötet. Dieser durchtrennt die Hauptarterien und bietet die
Gewähr von fast augenblicklicher Bewusstlosigkeit und Tod.
Da die Schneide scharf und ohne Scharten ist, ist auch der
Schnitt selbst schmerzlos. Niemand würde behaupten, dass
irgendeine Form des Schlachtens »nett« ist, aber die
verfügbaren Beweis mittel zeigen, dass diese Form des
Schlachtens von Tieren zur Nahrungsgewinnung die humanste
ist, die bisher ersonnen wurde. Wer sie kritisiert – und es gibt
Leute, die den Ausdruck »rituelle Schlachtung« unbehaglich
finden – sollte die alternativen Praktiken beobachten, die in
anderen Schlachthäusern ausgeübt werden…
– Das gesamte Blut muss abgeflossen oder später
herausgewaschen worden sein. Juden dürfen kein Blut trinken
oder verbrauchen.
–Wenn das Fleisch gekocht/gebraten worden ist, muss es
völlig getrennt von jeglichem Milchprodukt zubereitet worden
sein – es gibt keine Mischung von »Milch« und »Fleisch«,
weder beim Kochen noch beim Servieren.

Wer diese Regeln bizarr findet, dem können wir nur sagen –
jede Kultur hat ihre Nahrungs-Tabus. Es gibt Leute, die keine
Probleme damit haben, Schnecken oder Frösche oder Insekten
oder Schalentiere zu essen – und andere, die sich beim bloßen
Gedanken daran ekeln.

Der Ausdruck »koscher« wird auch für andere Nahrungsmittel


angewandt; beispielsweise muss »Fisch«
»wahrer Fisch« mit Schuppen und Flossen sein – Schalentiere
und Hummer, Krabben usw. sind verboten. Wegen der Menge
an Farbstoffen, Konservierungsmitteln und Emulgatoren in
modernen industriell hergestellten Nahrungsmitteln muss man
auch tierische Produkt darauf hin überprüfen – einschließlich
des Labs im Käse – und daher können auch Käsesorten ein
Koscher-Etikett tragen.
Frage 50

Kann man zum Judentum konvertieren?

Ja – aber. Es gibt viele Missverständnisse über das Verfahren


des Übertritts. Im wesentlichen sprechen wir über zwei
parallele Änderungen: die innerliche, die die individuelle
Person und ihre Seele betrifft, und die gemeindliche, die die
Art betrifft, in der diese Person in eine jüdische Gemeinde
integriert wird. Die beiden schreiten nicht immer mit derselben
Geschwindigkeit fort – und daraus ergeben sich viele der
Probleme.
Es ist auch wichtig festzustellen, dass das Judentum nicht
nach Konvertiten sucht – gemäß der jüdischen Lehre gibt es
viele Wege, eine gute und religiöse Person zu sein, aber man
muss kein Jude sein, um in der Weise »gerettet« zu werden,
wie das das Christentum glaubt. Daher ist das Judentum
tolerant gegenüber anderen Religionen und bemüht sich nicht
darum, deren Anhänger zu missionieren. Nichtsdestoweniger
gibt es Fälle, in denen sich eine Person darum bemüht, sich
dem jüdischen Volk aus Gründen der Überzeugung
anzuschließen, und auch Fälle, in denen eine Person bereits
einen jüdischen Partner hat oder vielleicht einen jüdischen
Vater und sich bemüht, eine jüdische Identität zu begründen.
Der Übertritt sollte normalerweise von einem qualifizierten
Rabbiner betreut werden und durch ein → Beit Din bewirkt
werden. Das hat den Hintergrund, dass ein Gerichtshof mit drei
Leuten neutraler und objektiver als eine Einzelperson ist. Ein
»guter« Beit Din wird auf bestimmte Standards bestehen, die
typischerweise den Nachweis einschließen, dass der Kandidat
frei ist von irgendwelchen persönlichen Bindungen anderswo.
Ebenso muss nachgewiesen werden, dass er genügend studiert
hat, um in der Lage zu sein, voll Anteil am jüdischen Leben zu
nehmen. So gehört dazu, dass dieser Synagogen-
Gottesdiensten beigewohnt hat und sich beim Beten auf
Hebräisch der Gemeinde anschließen kann und dass er oder sie
in die örtliche Gemeinde »passt« und dort willkommen ist. Es
gibt unglücklicherweise andere Batei Din, die laxer sind – und
Rabbiner, die Übertritte unlauter durchführen, also ohne
persönliche Betreuung und um sich finanziell zu bereichern. Es
gibt sogar Rabbiner, die Übertritte und andere Dienstleistungen
über das Internet anbieten! Daher wird mit dieser kurzen
Einführung auch beabsichtigt, allen interessierten Lesern zu
raten, was sie nicht tun sollten. Sonst könnten sie am Ende mit
einem Zertifikat dastehen, das von ihrer örtlichen jüdischen
Gemeinde nicht als gültig akzeptiert wird.
Der erste Schritt sollte immer ein Kontakt mit der örtlichen
Gemeinde sein. Wenn es keine gibt, wenn man viele Kilometer
entfernt von der nächsten Synagoge wohnt, dann wird es
schwierig oder unmöglich sein, irgendeine Art eines jüdischen
Gemeindelebens zu führen, so dass es wirklich keinen Sinn
hat, sich damit zu befassen. Es könnte sein, dass die Gemeinde
klein ist, nicht sehr gebildet, und es keinen gibt, der in der
Lage wäre, zu unterrichten. In den meisten Fällen (nicht in
allen) wird es jedoch einen Rabbiner geben, der für die
Betreuung einer Gemeinde verantwortlich ist, und die Regeln
dieses Rabbiners sollten befolgt werden – es gibt Unterschiede
zwischen den Anforderungen verschiedener Rabbiner, daher
hat es wenig Zweck, hier zu sehr ins Detail zu gehen. Die Art
des Unterrichts kann in Abhängigkeit von der Zahl der
Kandidaten und der Verfügbarkeit von Lehrern variieren. Im
Wesentlichen kann man als Grundlage ansehen, dass jeder
Übertrittskandidat vor einem Beit Din erscheinen muss, die
Männer beschnitten werden müssen und alle Kandidaten zu
einer → Mikwe gehen müssen. Sie erhalten dann ein »Teudat
Gijur«, ein Zertifikat für den Übertritt – welches der Beweis
dafür ist, dass sie formell dem jüdischen Volk beigetreten sind.
Frage 51

Wie wird das Laubhüttenfest gefeiert?

Sukkot ist das »Laubhüttenfest« – das hebräische Wort


»Sukka« (Plural: »Sukkot«) bezeichnet eine behelfsmäßige
Hütte, eine Baracke, oder einen Schutzraum. Ebenso ist es eine
Erinnerung an die Hütten, in denen die Erntearbeiter während
der Erntezeit zu wohnen pflegten, um nahe an ihrem
Arbeitsplatz zu sein und so in der Lage waren, ihre Ernte zu
bewachen. Eine Sukka erinnert auch an die Hütten oder
Baracken, in denen das Volk Israel während seiner
Wanderungen nach der Flucht aus Ägypten in der Wüste
wohnte.
Es gibt daher zwei grundlegende widersprüchliche Symbole
dieses Festes: 1. das der Nichtdauerhaftigkeit, dass unsere
Habe verwundbar und vorübergehend ist, und 2. das der Ernte
– und das obwohl eine gute Ernte ja voraussetzt, dass man sich
auf einem fruchtbaren und wohlbearbeiteten Stück Land fest
niederlässt.
Es gibt verschiedene Regeln, die definieren, wie eine Sukka
beschaffen sein muss. Sie muss jedes Jahr neu gebaut werden
und darf kein dauerhaftes Bauwerk sein (obwohl einige
vorhandene Wände benutzt werden können). Das Dach sollte
aus Zweigen hergestellt werden, durch die man hindurchsehen
und tatsächlich den Himmel erkennen kann.
Heutzutage bauen viele jüdische Familien eine Sukka, die an
ihre Häuser oder an Balkone angegliedert ist, in Synagogen
werden sie in den Höfen gebaut und müssen groß genug sein,
um die vielen Mitglieder der Gemeinde zu Festmählern und
»Kiddusch« aufnehmen zu können. Im westeuropäischen
Klima ist es selten praktikabel das ursprüngliche Gebot, das in
der Bibel erlassen wird, zu erfüllen, nämlich die ganze Woche
über »in der Sukka zu leben«. Nichtsdestoweniger versuchen
viele, einige der Mahlzeiten in der Sukka zu essen und Gäste
dazu einzuladen, wie es der Brauch ist.
Es ist vorgesehen, dass das Fest am fünfzehnten des Monats
Tischri beginnt (d. h. zum Vollmond, vier Tage nach → Jom
Kippur) und acht Tage lang dauert. Am Ende des Sukkot-
Festes gibt es zwei bemerkenswerte Tage von allerdings
geringerer festlicher Bedeutung, die als »Hoschannah Rabbah«
und »Schemini Atzeret« bekannt sind. Einige Synagogen
halten an diesen Tagen besondere Gottesdienste ab. Es kann zu
unterschiedlichen Auslegungen der Länge des Sukkot-Festes
kommen: Orthodoxe Synagogen außerhalb Israels strecken das
Fest auf neun Tage, indem sie den ersten wiederholen. Liberale
Juden, die dem israelischen Brauch folgen, feiern acht Tage
lang Sukkot (zur Problematik der korrekten
Datumsbestimmung im jüdischen Kalender siehe → Rosch
Chodesch). Das Ende von Sukkot wird mit den Feiern, die als
→ Simchat Tora bekannt sind, beendet.
Symbole, die eine Bedeutung für Sukkot haben, sind die
»Vier Arten« – »Arba Minim« – die zeremoniell in einem
Bündel zusammengehalten werden, das ein »Lulaw« genannt
wird und während der Synagogen-Gottesdienste in
verschiedene Richtungen geschwenkt wird. Diese umfassen
einen Palmenzweig, Myrthe und Weide (als Bündel
zusammengepackt) und eine merkwürdige Zitrusfrucht,
»Etrog« genannt. Die genaue Bedeutung dieser Symbole ist
heute unbekannt – sie stellen nicht die Früchte dar, die geerntet
worden waren.
Möglicherweise aber stellen sie verschiedene Aspekte von
Feuchtigkeit und Wasser dar. Andere Ausdeutungen basierten
auf der Form oder dem Duft, bzw. Aroma, aber diese stehen im
→ Midrasch.
Frage 52

Was ist ein Mamser?

Ein Mamser ist eine Person, die nicht hätte geboren werden
sollen. Dies bedeutet nicht dasselbe, als wenn man sagt, er
(oder) sie ist unehelich oder außerhalb einer Ehe geboren.
Diese Menschen können unter sozialen Problemen und
Stigmatisierung leiden, aber zumindest weiß man, wer die
Mutter ist, vielleicht kennt man sogar den Vater, und die
Tatsache, dass sie nicht verheiratet waren, ist eher ein Zeichen
ihrer Unbedachtheit als irgendetwas anderes.
Aber ein »Mamser« ist jemand, der von einem Paar
abstammt, das niemals hätte heiraten können, sogar wenn sie
es gewollt hätten. Beispielsweise ein Kind, das als Ergebnis
eines Inzests geboren wurde oder ein Kind, geboren von einer
verheirateten Frau, gezeugt von einem Mann, der nicht ihr
Ehemann ist. (Ob der Vater auch mit jemand anderem
verheiratet ist oder nicht, ist formal nicht so wichtig, als dass
die Mutter mit jemand anderem verheiratet war. In biblischen
Zeiten war Polygamie erlaubt, jedoch niemals Polyandrie).
Bedenken Sie die Verwirrung, die eine solche Person (selber
unschuldig – schließlich kann keiner von uns seine Eltern oder
die Umstände seiner Geburt auswählen) für die Struktur einer
Gesellschaft bewirken kann. Welchen Familiennamen hätte
er/sie? Welcher Generation gehören sie an, z. B. wenn der
Vater und der Großvater ein und dieselbe Person wären?
Beachten Sie bitte – wir sprechen hier nicht von
»Schuldzuweisung« im direkten Sinn, sondern wir sprechen
von einer Person, die keinen richtigen Platz in der Gesellschaft
hat. Daher pflegte man sie in früheren Zeiten zum Weggehen
aufzufordern, um anderswo ein neues Heim zu finden, einen
sauberen neuen Anfang mit einer neuen Identität zu machen.
Keiner wollte, dass ein Mamser in seine Familie einheiratete.
Heutzutage, angesichts einer offeneren Gesellschaft und der
Komplikationen, die durch die Verfügbarkeit einer zivilen
Scheidung verursacht werden, sind die Chancen, dass ein
solches Unglück passiert, vielleicht sogar noch verbreiteter-
eine Frau könnte zivil geschieden sein, aber noch jüdisch
verheiratet, und daher wäre jedes Kind, das sie in der Folgezeit
austrägt, ein »Mamser«. Das liberale Judentum versucht,
dieses Stigma zu vermeiden und alle Erschwernisse vom Kind,
das – wie bereits festgestellt – an keiner Missetat Schuld trägt,
fernzuhalten.
Frage 53

Getaufte Juden –
oder: Was sind Marranos?

Dieser Ausdruck ist tatsächlich eine spanische Beleidigung,


aber es ist ein heute oft benutztes Wort, um die Menschen zu
bezeichnen, die beim Aufwachsen in einer katholisch-
christlichen Gesellschaft entdecken, dass ihre Familie und
Bekannten seit Generationen gewisse jüdische Bräuche
praktiziert haben, oft ohne zu wissen warum. Der Ausdruck
wurde anfangs verwendet, um sich auf die Juden zu beziehen,
die während der Zeit der spanischen und anderer Inquisitionen
lieber den Übertritt zum Christentum als den Tod wählten
(wenn sie überhaupt die Wahl bekamen) – man darf nicht
vergessen, dass die Inquisition in verschiedenen Ländern und
Formen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts dauerte. Als »Neuen
Christen« brachten ihnen die »Alten Christen« (d. h.
diejenigen, die sie bedroht und gefoltert hatten, damit sie die
Taufe akzeptierten) kein Vertrauen entgegen, und sie wurden
beobachtet und ausspioniert, um zu überprüfen, ob sie
irgendwelche jüdischen Praktiken im Geheimen aufrecht
erhielten. Zu bestimmten Zeiten konnte man bei der Inquisition
(damals die Entsprechung zur Geheimpolizei, Gestapo oder
Stasi) schon dafür denunziert werden, dass man an einem
Samstag ein sauberes Hemd trug, oder wenn beobachtet wurde,
dass ein Kamin an einem Samstag nicht rauchte – als
Anzeichen, dass jemand immer noch irgendwie den → Sabbat
ebenso wie den christlichen Sonntag befolgte.
Formal pflegte die Kirche eine Unterscheidung zwischen
getauften und ungetauften Menschen zu treffen – eine
Unterscheidung, die die Nationalsozialistische Partei nicht traf
– und daher war in der Regel eine Taufurkunde notwendig, um
zu beweisen, dass man zum »rechten Glauben« gehörte. Aber
in einigen eher extremen Kreisen benötigte man auch eine
Urkunde für »reines Blut«, ein formelles Anzeichen, dass man
einer »alten christlichen« Familie angehörte, die auch nicht
irgendjemanden einschloss, der erst vor kurzem zum
Christentum konvertiert war – und dies ist vielleicht der
Ursprung der Besessenheit von »Blut« und »Blutsreinheit«, die
später mit einer solchen Wirkung gegen unschuldige
Menschen eingesetzt wurde, die für die Existenz von
Großeltern bestraft wurden, die sie vielleicht nie gekannt
hatten. Unglücklicherweise jedoch ist dieses Konzept heute
auch von einigen Juden aufgenommen worden, die ähnliche
Argumente über »jüdisches Blut« verwenden und diejenigen
diskriminieren, die übergetreten sind!
Oft suchten Juden, die zum Übertritt gezwungen worden
waren, später einen Weg zur Flucht zu finden, in Länder zu
emigrieren, wo sie wieder frei sein könnten, ihren eigenen
Glauben auszuüben. Viele solcher Juden gingen nach Holland,
ein Land, das eine Tradition der Toleranz hatte, und viele
gingen in die spanischen Kolonien, in der Hoffnung, eine
mildere Regierungsform zu finden. Sogar heutzutage gibt es
Familien und sogar ganze Dörfer in entlegenen Teilen
Portugals oder Mexikos, die nach einem Weg suchen, die
Identität ihrer entfernten Vorfahren zu erforschen und
vielleicht wieder zu beanspruchen. Sie sind keine »Juden«,
aber viele fühlen sich im christlichen Glauben nicht zu Hause
und betreiben einen formellen Übertritt.
Frage 54

Was ist die Menora?

Ein Symbol, das oft mit dem Judentum verbunden wird, ist der
sechsarmige Leuchter, bekannt als die Menora (was einfach
»Lampe« bedeutet). In der Tat ist dieses Symbol mit dem
Tempel in Jerusalem verbunden und der Beschreibung der
Menora im Buche Exodus. Eine Darstellung kann auf dem
Titus-Bogen in Rom gefunden werden, der ein Reliefbildwerk
aufweist, das die Plünderung Jerusalems zeigt. Da sie mit dem
verlorenen Tempel und nicht mit der → Synagoge verknüpft
wird, benutzen die Juden keinen sechsarmigen Kerzenleuchter
– obwohl das interessanterweise viele Christen tun. Das
Symbol wurde jedoch vom Staate Israel übernommen und ist
auf Dokumenten, Logos, Münzen usw. zu finden.
Was benutzt wird, ist der achtarmige Leuchter oder Chanukia
– beim → Chanukka-Fest.
Frage 55

Woran glauben Messianische Juden?

Diese Menschen werden von den Juden als Christen betrachtet.


Das heißt – obwohl sie behaupten, sie seien in der Lage,
jüdische Praktiken mit christlichen Glaubensgrundsätzen zu
verbinden, und etwas jüdische Liturgie gebrauchen, beziehen
sie sich auf Jesus als »Jeschua«. Sie argumentieren, dass man
den Glauben an Jesus von Nazareth als den → Messias
erfolgreich mit einem Glauben an das Judentum mit all seinen
anderen kulturellen und historischen Elementen verbinden
kann, und nennen sich manchmal selbst »Juden für Jesus«. Für
das Judentum jedoch ist in diesem Fall (vielleicht in
außergewöhnlicher Weise) die Linie klar gezogen – nicht
bezüglich der Praktiken, sondern bezüglich des Glaubens.
Einfach gesagt, bedeutet dies, dass das Judentum irgendwie –
vielleicht widerwillig – viele verschiedene Arten der
Befolgung oder Nichtbefolgung der jüdischen Bräuche
akzeptieren kann, dergestalt, dass diejenigen noch als Juden
akzeptiert werden, die ihren Glauben vollständig verloren
haben. Aber es kann nicht diejenigen akzeptieren, die einen
unterschiedlichen oder neuartigen Glauben angenommen
haben. Der Glaube an Jesus als Messias wird als ein
unterschiedlicher Glaube betrachtet – daher werden diejenigen,
die an Jesus als »den Christus« glauben, als »Christen«
eingeordnet und nicht mehr als Juden.
Tatsächlich wird ein solcher »Synkretismus«, eine
Kombination zweier religiöser Ideen, als gefährlich und
irreführend angesehen. Es ist besser, das eine oder das andere
zu sein, als ein bisschen von beidem.
Frage 56

Ein »Gesalbter« wird kommen: Messias


Was bedeutet das?

In der Antike pflegte ein König oder ein Priester ernannt zu


werden, indem er »gesalbt« wurde, wobei etwas Öl langsam
und vorsichtig über seinen Kopf gegossen wurde. Das Wort
»Maschiach« im Hebräischen bedeutet somit »derjenige, der
gesalbt worden ist«. Es ist daher einfach eine knappe
Bezeichnung für einen »Häuptling«, sei es politisch oder
religiös.
Zu einer Zeit, als die Menschen ohne eine klare Führung
waren – aufgrund von Unterdrückung oder Vertreibung, ohne
ihren eigenen König oder unter einem religiösen System, das
korrupt war – pflegten sich viele auf eine bessere Zukunft zu
freuen, in der ein »Gesalbter« kommen würde, um mit der
ganzen Unordnung aufzuräumen und die Dinge wieder in ihren
richtigen Zustand zu bringen. Diese Visionen variieren –
einige hofften auf eine Zeit des Friedens, wenn es keinen Krieg
mehr geben würde, weil die richtige Seite gewonnen hatte.
Einige sahen den Messias als eine Gestalt mit militärischer
Macht, andere als einen Priester von außergewöhnlicher
Reinheit. Es existieren → Midraschim, in denen die Rabbiner
den Messias als eine »verborgene Gestalt« beschreiben, viel
leicht als Bettler verkleidet, immer da, immer auf die richtige
Zeit wartend, um zu erscheinen. Mit anderen Worten, es gibt
viele Widersprüche innerhalb der Messias-Literatur, die darauf
hinweisen, das die einzige Gemeinsamkeit der verschiedenen
Ideen die Hoff nung auf eine bessere Zukunft war.
Der Zeitraum, als das Land Israel unter römischer Herrschaft
als »Palästina« bekannt war, war eine dieser Zeiten, und es ist
noch etwas an Literatur vorhanden, das auf diese Hoffnungen
hinweist -eine Form des »Wunschdenkens«. Es scheint, dass
eine der Gestalten, die in dieses halb-hysterische
Wunschdenken verwickelt wurde, ein Wanderprediger aus
Nazareth in Galiläa war. Ob er wirklich da hinein verwickelt
werden wollte oder nicht, ist eines jener fesselnden Dinge, die
ein genaues Studium der überkommenen und
widersprüchlichen Texte des Neuen Testaments erfordern.
Daher wurde diese Person für viele ein symbolischer Messias –
eine Symbolik, die – und dies ist das Ungewöhnliche – nicht
beendet wurde, als der fragliche Mann von den römischen
Behörden als potentiell gefährlicher Revolutionär exekutiert
wurde. Diejenigen, die weiterhin an ihn glaubten und weiterhin
glauben, dass er einmal von den Toten zurückgekommen ist
und dies wieder tun wird, haben sogar eine vollständige neue
Religion, basierend auf diesem Glauben, entwickelt. Da ihre
Literatur dazu neigte, eher Griechisch als Hebräisch oder
Lateinisch zu verwenden, benutzten Sie den griechischen
Ausdruck für »gesalbt«, d. h. »Christos«, um ihren Helden und
ihren Glauben zu definieren.
Von der Zeit an konnte man den wesentlichen Unterschied
zwischen dem Judentum und dem Christentum so definieren,
dass das Judentum glaubt, ein Messias könnte oder werde
kommen, wohingegen die Christen glauben, er sei gekommen
und werde wiederkommen. Daher haben die Juden eine vage
Hoffnung auf die Zukunft – wir kennen den Namen der Person
nicht, auch nicht die Zeit, da er kommen wird, obwohl es
einige Überlieferungen gibt, die auf eine Wiederherstellung der
Monarchie Davids hoffen – wogegen die Christen eine
bestimmte Person im Sinn haben, mit einem Namen, einem
Geburtsort, einer Familie, einer Laufbahn usw. (→ Judentum)
Frage 57

Gibt es verschiedene Auslegungen


des Bibeltextes –
oder: Was ist der Midrasch?

Der Bibeltext, den wir besitzen, ergibt nicht immer einen


vollständigen Sinn, oder er lässt wichtige Einzelheiten der
Geschichte aus und konzentriert sich auf das, was für den
Tora-Text selbst am wichtigsten erscheint. Manchmal gibt es
einen Hinweis auf eine Geschichte hinter der Geschichte.
Manchmal erscheint die Geschichte bedeutungslos für uns –
was die Frage auslöst: warum ist sie denn dann da?
Die Rabbiner haben sich während der letzten zweitausend
Jahre damit beschäftigt, den Bibeltext auszulegen und haben
dabei als fehlend empfundene Details nach ihrem Verständnis
hinzugefügt. Natürlich stimmen ihre Kommentare häufig nicht
überein, und dies sieht man als durchaus annehmbar an, denn
es gibt kein Konzept, das besagt, dass es nur eine Einzige
Wahre Auslegung gebe. Ihre Kommentare spiegeln auch die
Zeit und Gesellschaft wider, in der sie lebten. Manchmal gibt
es Versuche, einen anderen Gebrauch desselben Wortes
irgendwo anders im → Jenach zu finden, oder eine Belegstelle
aus einem Vers anderswo, um einen Punkt zu
veranschaulichen oder einen Kontrast herzustellen.
Solch eine zusätzliche Erklärung und Auslegung ist als
»Midrasch« bekannt, und eine Predigt oder ein Kommentar
über die Tora-Lesung der Woche – in der ein moderner
Rabbiner vielleicht frühere zitieren wird und seine eigene
Meinung hinzufügen wird – ist eine »Drascha«. Es gibt
Sammlungen von Midraschim (der Plural) über verschiedene
biblische Bücher, und Anthologien von Auszügen und Zitaten.
Es ist wichtig zu verstehen, dass der Midrasch menschlich ist,
nicht göttlich. Es ist die menschliche Seite der Partnerschaft,
durch die wir einen uralten Text lesen und benutzen und auf
unser heutiges Leben anwenden können. Aber der Midrasch
sollte nicht als eine Autorität zitiert werden. Er ist eine
intellektuelle und geistliche Übung, auch für die Predigt.
Frage 58

Rituelles Baden –
oder: Was ist eine Mikwe?

Sauberkeit und Hygiene sind im Judentum immer wichtig


gewesen. Es gab immer Regeln über das Händewaschen vor
dem Essen und über regelmäßiges Baden – Regeln, die heute
»selbstverständlich« sind, aber in vielen anderen
Gesellschaften erst seit ganz kurzer Zeit gelten.
Die Mikwe ist ein rituelles Bad, in dem man den Körper
völlig eintauchen kann. Es gibt überlieferte Regeln, wie es
gebaut sein sollte – es war immer wichtig, »lebendiges
Wasser« zu gebrauchen (»Majim Chajjim«) und nicht
stehendes Wasser, daher wird es auch heutzutage, da Wasser
gewöhnlich leicht aus der Wasserleitung verfügbar ist, noch so
eingerichtet, dass in einem Tank gesammeltes Regenwasser
auch in das Bad geleitet wird. Es sind alte Mikwaot (der
Plural) sowohl aus den Zeiten des Tempels als auch aus dem
Mittelalter ausgegraben worden – oft bleibt das einer der
wenigen Hinweise auf frühere jüdische Wohnsiedlungen.
Man geht eine Reihe von Stufen hinunter, bis der Körper
bedeckt ist; die Mikwe – das Wort bedeutet »Sammeln« (von
Wasser) – ist nicht nur ein gewöhnliches Bad für die
körperliche Waschung, sondern mehr noch eine rituelle
Säuberung. Eine Frau pflegt die Mikwe nach ihrer
Menstruation zu benutzen, ein Mann gebraucht sie vor
besonderen Betgottesdiensten oder nach dem Kontakt mit
einem Leichnam oder mit etwas Unreinem. Auch beim
Übertritt pflegt man »Tevila« (Tauchen) in einer Mikwe zu
machen. In den letzten Jahren sind im fortschrittlichen
Judentum auch andere Rituale entwickelt worden, um eine
Mikwe für andere Säuberungszwecke zu gebrauchen – zum
Beispiel nach einem Fall von sexuellem Missbrauch oder einer
Vergewaltigung.
In früheren Zeiten pflegte das Wasser natürlich kalt zu sein,
heutzutage hat eine Mikwe geflieste Oberflächen, glänzende
Handläufe aus Metall und Beheizung.
Frage 59

Zehn Männer –
oder: Was ist ein Minjan?

Was ist eine Gruppe? Für einige Sportarten benötigt man eine
bestimmte Anzahl, um eine Mannschaft zu bilden – seien es
fünf oder elf usw… Für ein Streichquartett benötigt man vier
Spieler! Das Judentum sagt – für ein Gemeindegebet braucht
man eine Gemeinde, und eine Gemeinde ist definiert als zehn
erwachsene Männer. Jede niedrigere Anzahl als diese ist kein
»Quorum« (beschlussfähige Versammlung) und während
keiner daran gehindert wird zu beten, so zählt dieses dann aber
als privates Gebet und nicht als Gemeindegebet. Daher können
einige Gebete formal nicht gesprochen werden oder nicht laut
gesprochen werden. Diese betreffen grundsätzlich die
Hauptgebete in der »Wir«-Form. Natürlich kann man jederzeit
die Tora lesen, aber in vielen → Synagogen wird man die →
Sefer Tora nicht aus der Arche herausnehmen und formell laut
daraus lesen, wenn nicht zehn Männer anwesend sind. Das →
Kaddisch-Gebet wird nicht aufgesagt werden, wenn nicht zehn
Männer anwesend sind usw. Manchmal wird ein Mann
angesprochen und gebeten, für irgendeine improvisierte
Gebetsgruppe bei der »Schaffung eines Minjans« oder der
»Bildung eines Minjans« zu helfen. Es besteht eine Ironie
darin, dass heutzutage die demographischen Trends innerhalb
des Judentums zu einer Vielzahl kleiner Gemeinden führen,
die häufig eine Mehrheit an weiblichen Mitgliedern haben. So
trifft man die bizarre Situation an, dass eine Synagoge Woche
für Woche von zwanzig oder mehr Menschen aufgesucht wird,
es aber »keinen Minjan« gibt und daher auch keine Tora-
Lesung oder eine Predigt für diejenigen stattfindet, die sich der
Mühe unterzogen haben, teilzunehmen. Dies kann eine
entmutigende Wirkung haben.
Der Minjan bewirkt in kleinen Gemeinden eine Form von
sozialem Druck des Zusammenhaltens – Männer fühlen sich
moralisch gezwungen zu Begräbnissen oder Gottesdiensten zu
kommen, weil sie wissen, dass eine bestimmte Person das →
Kaddisch zum Gedenken eines toten Verwandten sprechen will
und dass er »sie anwesend braucht«, um die Zahl zu schaffen.
In größeren Gemeinden ist dieser Druck gewöhnlich nicht
vorhanden, außer bei gewissen, weniger beliebten
Gottesdiensten (Vormittage an Werktagen im Winter!) In
einigen Gemeinden gibt es sogar die Praxis, Männer
einzustellen – oft ältere pensionierte oder arbeitslose – um
gewissen Ereignissen beizuwohnen, wie z. B. einem
Begräbnis, um sicherzustellen, dass ein Minjan anwesend sein
wird.
Im liberalen Judentum zählt man entweder – auf der Basis
des Gleichheitsgedankens – Frauen ebenfalls für den Minjan,
so dass die Anwesenheit von zehn Juden, gleich welchen
Geschlechts, als eine Gemeinde zählt, oder- in gewissen
drastischen Fällen – ignoriert man das Konzept auf der
pragmatischen Basis, dass die Gemeinden häufig so klein sind,
dass es unrealistisch ist, die Bildung eines Minjans zu
erwarten, sei es ein- oder gemischtgeschlechtlich.
Frage 60

613 Gebote –
oder: Was ist Mizwa?

Das Wort »Zawa« bedeutet wörtlich »befehlen«/»gebieten«.


»Mizwa« bedeutet somit »Befeh!« oder »Gebot«. In der Tora
lesen wir, dass Gott Moses »gebietet«, oder er sagt Moses, er
solle den Kindern Israel »gebieten«. Es kann auch als »Pflicht«
verstanden werden, und später bedeutete es dann auch eine
»gute Tat«, sogar eine rituelle Handlung in der → Synagoge.
(Man vollbringt eine »Mizwa«, indem man Gutes tut oder
davon absieht, etwas Schlechtes zu tun; man »bekommt eine
Mizwa«, indem man gebeten wird, eine Schriftrolle zu tragen
oder die Arche zu öffnen oder ein Gebet vorzulesen usw.)
Traditionell gibt es 613 Gebote in der → Tora, die 365
negative und 248 positive umfassen – Maimonides, ein
Gelehrter des 12. Jahrhunderts, erläuterte, dass diese der
Anzahl der Tage des Sonnenjahrs entsprechen sowie der
Anzahl der 248 Knochen im menschlichen Körperl Die
positiven lauten »Du sollst…«, die negativen lauten »Du sollst
nicht…« Es gibt in der Tat unterschiedliche Listen davon, wie
genau diese 613 lauten, weil nicht alle so klar formuliert sind.
Einige sind von Texten abgeleitet, die eher vage sind. Aber
von der Zahl 613, ausgedrückt mit den hebräischen
Buchstaben Taf/Resch/Jud/Gimmel, kommt der Ausdruck
»Tarjag Mizwot«. Gelegentlich hört man eine Definition, dass
ein guter Jude jemand sei, »der alle Mizwot einhält« – dies ist
tatsächlich unrichtig und unmöglich, weil viele der Mizwot in
der Tora sich zum Beispiel nur auf Priester oder auf das Ritual
im Tempel bezogen, und andere bezogen sich nur auf die
Landwirtschaft im Lande Israel, und daher sind in der
modernen Zeit mehr als die Hälfte für die meisten Juden
unerheblich.
Zur selben Zeit führten die Rabbiner andere »Quasi-Mizwot«
ein; diese sind für die Liturgie bestimmt (→ Halacha), wo ein
Segensspruch die Worte »Gesegnet bist Du… der Du uns
befiehlst zu…« (ascher weziwanu bemizwotaw, weziwanu…«)
enthält. Daher sind das Segnen der Kerzen oder das Lesen der
Hallel-Psalmen oder das Waschen der Hände »rabbinische
Befehle« und keine »Tora-Gebote«.
Aber die Idee ist einfach. Wenn jemand eine gute Tat
vollbringt, dann ist das keine freiwillige Handlung: man erfüllt
seine Pflicht. Indem man jemandem hilft, mildtätige Gaben
gibt, alten Menschen oder seinen Eltern Ehrerbietung erweist,
religiöse Rituale erfüllt- tut man, was Gott von einem erwartet.
Der Segensspruch ist einfach eine Anerkennung, dass man als
guter Jude seine Pflicht tut. Und ein – Bar Mizwa ist jemand,
der alt genug ist, um seine Pflichten zu kennen und dafür
verantwortlich zu sein, sie zu erfüllen.
Frage 61

Lesen Juden das Neue Testament?

Die einfache Antwort ist: Nein. Es ist nicht nötig. Diese


Bücher sind kein Teil der hebräischen Bibel. Die Teile, die
jüdische Lehren wiedergeben, kann man jedenfalls in den
jüdischen Schriften finden und die Teile, die das nicht tun, sind
von geringem Interesse oder geringer Bedeutung für die Juden.
Gelehrte mögen vielleicht das Neue Testament lesen – aber
nicht auf andächtige Weise –, sondern um Informationen
darüber zu gewinnen, welche Ideen und Praktiken im Lande
Israel oder dem Nahen Osten zu dieser Zeit im Umlauf waren.
Frage 62

Was bedeutet Nusach?

Nusach ist der Ausdruck, der benutzt wird, um den Stil zu


beschreiben, wie ein Gebet oder ein Gottesdienst für einen
bestimmten Tag im Kalender der Synagoge gelesen oder
gesungen wird – es gibt verschiedene Tonarten, die für die
Gebete oder für das Singen der Tora bei verschiedenen Festen
eingesetzt werden. In den meisten kleineren Gemeinden
werden diese Unterschiede nicht beachtet, da es für einfacher
und im Sinne einer Beteiligung für wichtiger gehalten wird,
dass man stets dieselben Melodien singt. Aber in größeren, mit
der Tradition eines professionellen Einsatzes von Musikern
und Vorbetern, werden diese unterschiedlichen Gesänge noch
immer eingesetzt.
Man bezeichnet auch die unterschiedlichen Stile und Akzente
aschkenasischer und sephardischer Liturgie und Rituale als
»Nusach«.
Frage 63

7x7
oder: Was ist der Omer?

Omer ist der Name des Zeitraums im späten Frühling zwischen


→ Pessach (genauer zwischen dem Anfang von Pessach) und
dem Fest → Schawuof (Wochenfest). Es dauert 49 Tage –
sieben Wochen zu sieben Tagen. Es ist Tradition, diese Tage
zu zählen und jeden Abend zu verkünden, wie viele Wochen
und Tage man erreicht hat, und zwar aus dem Grund, weil
Schawuot in der Tora kein festes Datum zugewiesen wird. Alle
anderen Feste werden an dem »so-und-sovielten Tag des so-
und-sovielten Monats« gefeiert, wohingegen den Israeliten
befohlen wurde, für Schawuot sieben Wochen ab dem »Tage
nach dem Sabbat« zu zählen – was von den meisten als der
Tag nach dem Fest verstanden wurde. Omer selbst bedeutet
eine Garbe Getreide oder Gerste.
Aus kaum noch erinnerlichen historischen Gründen ist ein
Großteil dieses Zeitraums durch eine Meidung von Festen
gekennzeichnet – Hochzeiten pflegen normalerweise während
des Omer nicht gefeiert zu werden, außer an einigen
bestimmten Tagen. (→ Lag Ba’Omer)
Frage 64

Am 33. Tag –
oder: Was ist Lag Ba’Omer?

Dies ist ein Fest von festlich geringerer Bedeutung – der Name
stammt tatsächlich aus dem Hebräischen und bedeutet einfach
»33. Tag des Omer« – der Buchstabe »Lamed« steht für »30«
und »Gimmel« für »3«. An diesem Tag endete gemäß der
Überlieferung eine schwere Plage oder ein Unheil, das die
Juden betroffen hatte, und daher wurde er eine Art fröhlicher
Tag mit geringerer festlicher Bedeutung – in Israel ist er durch
Freudenfeuer und ein Fest am späten Abend gekennzeichnet.
Auch Hochzeiten können an diesem Tag stattfinden. (→
Omer)
Frage 65

Von den vier Ecken des Kopfes –


oder: Was sind Pe’ot?

Es gibt ein Gebot in der Tora (Leviticus 19:27), »das Haar an


den vier Ecken eures Kopfes wachsen zu lassen«. Dieses hatte
wahrscheinlich eine bestimmte rituelle Bedeutung zu dieser
Zeit und war wahrscheinlich ein Verbot gegen eine bestimmte
Form des Haarschneidens, das eine bestimmte Symbolik
gehabt haben muss. Etwa in derselben Weise wie moderne
»Skinheads«, die dadurch, dass sie ihr Haar auf eine gewisse
Weise rasieren, einen gewissen ideologischen Standpunkt
demonstrieren.
Was sind die »vier Ecken des Kopfes«? Dies bedeutete nach
allgemeinem Verständnis – die zwei unteren Ecken des Bartes
an dem Kinn; und die zwei oberen Ecken des Bartes, gerade an
oder hinter den Ohren. Einige fromme Juden lassen daher das
Haar ganz am oberen Abschnitt, wo der Bart in das Haupthaar
auf dem Kopf übergeht, länger wachsen. Dies wird sehr lang
und wird oft in Locken gelegt, um es leichter unter Kontrolle
zu halten, es nicht umherfliegen zu lassen.
»Ecke« heißt auf hebräisch »Pe’ah«, Plural »Pe’ot«, und
daher heißen diese oberen Extra-Ecken, wo man das Haar lang
wachsen läßt, »Pe’ot« oder auf Jiddisch »Pejes«. (→ Bärte)
Frage 66

Warum tragen manche


jüdische Frauen Perücken?

Für das Tragen der Kopfbedeckung gibt es bei Frauen andere


Regeln als für Männer. Sie beruhen auf einem anderen
Sachverhalt nämlich aufgrund der Anziehungskraft auf Männer
und weniger als Respekt vor Gott. (Heutzutage möchten auch
einige Frauen eine Kippa/Jarmulka tragen, und dies wird oft
als ein feministisches politisches Bekenntnis angesehen.)
Stattdessen sollte gemäß der älteren Tradition eine verheiratete
Frau ihr Haar bedeckt halten, um das Aufreizen anderer
Männer zu vermeiden. Das Haar wurde als eine Art erogenes
Stimulans angesehen. Folglich pflegten einige fromme Frauen
eine Perücke über ihrem Haar zu tragen (auf Jiddisch ein
»Scheitel« genannt). Einige gingen so weit, ihre Köpfe zu
rasieren und nur die Perücke zu tragen; andere bedeckten ihren
Kopf mit einem Kopftuch (jiddisch: »Tichl« – ein kleines
Tuch.) (→ Jarmulka)
Frage 67

Wenn Mehl und Wasser nicht in Berührung


kommen dürfen – oder: Was ist Pessach?

Dies ist das Frühjahrsfest, das zwei verschiedene


Bedeutungsschichten hat – eine landwirtschaftliche und eine
politisch-religiöse. Die landwirtschaftliche Bedeutung liegt
darin begründet, dass es sich um die Zeit handelt, in der die
neuen Lämmer geboren werden und das neue Getreide geerntet
werden kann. So wurden wahrscheinlich diese Ereignisse
wahrscheinlich in uralter Zeit mit besonderen Riten gefeiert,
um das neue Brot zu rühmen, das nun nach einem Winter, in
dem man sich auf altes Mehl und Hefe verlassen musste,
gemacht werden konnte, sowie das neue frische Fleisch, das
man braten und genießen konnte. Die politisch-religiöse
Bedeutung basiert auf der Erinnerung an die Befreiung einer
Gruppe israelitischer Sklaven aus mörderischer Unterdrückung
und Zwangsarbeit in Ägypten und ihrer wundersamen Flucht
in die Wüste – wo sie die Grundlage des jüdischen Volkes
bilden sollten. Die Tora weist uns daher an, jedes Jahr diese
Befreiung zu feiern. Seit der Tempel zerstört wurde und die
Opfergaben und Pilgerfahrten, die den Tag hervorzuheben
pflegten, nicht mehr ausgeübt werden, finden die Feiern meist
zu Hause statt. Eine Woche lang (sieben Tage in Israel, acht
Tage in der Diaspora) wird kein gewöhnliches Brot oder
Kuchen, Kekse oder irgendetwas sonst, das mit Mehl
hergestellt wird (z. B. Pasta, aber auch Saucen und
Getreideprodukte) verzehrt. Stattdessen wird ungesäuertes
Brot, bekannt als Mazza, und Mehl aus zerstoßener Mazza
verwendet. Andere Kornprodukte, wie zum Beispiel Bier und
Whisky sind auch verboten. Familien, die die Regeln befolgen,
räumen ihre Häuser aus und reinigen jeden Schrank, beseitigen
diese verbotenen Kornprodukte (bekannt als »Chamez«) und
bereiten einen getrennten Satz Geschirr, Besteck und
Küchenutensilien ausschließlich für diese Woche vor –
»Pessachdik«. All diese Vorsichtsmaßnahmen sollen
sicherstellen, dass keine unbeabsichtigte Gärung stattfinden
kann, indem Mehl und Wasser in Berührung kommen könnten.
Verschiedene Gemeinden haben unterschiedliche Traditionen,
was gewisse andere Nahrungsmittel angeht – wie zum Beispiel
Hülsenfrüchte. Einige erlauben diese während dieser Woche,
andere verbieten sie. → Koschere Nahrungsmittel und
Getränke pflegen in dieser Zeit eine besondere Bezeichnung zu
tragen »Kasher l’Pessach« – »Koscher für Passah«. Am ersten
Abend (und in einigen Familien auch am zweiten Abend) wird
ein → Seder abgehalten und die Synagogen-Gottesdienste
schließen zusätzliche Psalmen und Gebete ein, um diese
Freiheit zu würdigen. Während der Gottesdienste am achten
Tag wird Exodus 15 gelesen, um das Ende zu bezeichnen: die
Geschichte, in der die Israeliten auf wunderbare Weise ein
Meer durchquerten, während ihre Feinde vernichtet wurden.
Frage 68

Jüdischer Karneval –
oder: Was ist Purim?

Manchmal ist es einfach nur gut, am Leben zu sein. Purim ist


ein jüdischer Karneval, eine Entspannung, eine Ausrede, um
zu essen, zu trinken, noch mehr zu trinken, Masken und
Kostüme zu tragen und noch mehr zu trinken…! Ein sehr
lustiges Fest, besonders für Kinder, aber mit einer dunkleren,
tieferen Bedeutung:
Die Geschichte, die in der Schriftrolle der Esther (»Megillat
Esther« oder einfach »die Megilla«) erzählt wird, ist
schrecklich. Vor langer Zeit und in weiter Ferne (in einem
schwer zu bestimmenden Reich mit einem Kaiser Ahasver)
gab es einen bösen ehrgeizigen Minister (Haman), der
beschloss, dass, weil er einen besonderen Juden (Mordechai)
nicht mochte, dies ihm den Vorwand bot, alle Juden im ganzen
Reich zu töten. (Die Geschichte hat die Angewohnheit, sich zu
wiederholen – vor nicht allzu langer Zeit beschloss ein anderer
Mann, der namenlos bleiben soll, der aber in Braunau am Inn
geboren wurde, dass, weil er einige Juden nicht mochte, die er
als Student in Berlin getroffen hatte, dies ihm das Recht gab,
Männer, Frauen und Kinder, denen er nie begegnet war, in
verschiedenen weit entfernten Ländern umzubringen. Und das
gelang ihm auch.) Er intrigierte mit seiner Frau und mit
Freunden und heckte einen sorgfältigen Plan aus, wodurch er
den ziemlich einfältigen Kaiser dazu überredete, dieser
Massenvernichtung zuzustimmen – und zwar zu einem Datum,
das durch Würfeln (»Pur« – Plural »Purim«) festgelegt wurde.
Die schiere wahllose Grausigkeit des Plans ist atemberaubend.
Mordechai hatte jedoch eine Nichte, die nach einer Folge
ziemlich komplexer Umstände des Kaisers neue Ehefrau
geworden war, und er sagte ihr, es läge an ihr, den Kaiser
davon zu überzeugen, seine Meinung zu ändern. Dieses
Vorhaben gelang ihr dann bei zwei Trinkgelagen, bei denen
Haman als ein mörderischer Größenwahnsinniger bloßgestellt
wurde. Der Kaiser sagte den Juden daraufhin: »Nun, ich kann
meinen ersten Befehl nicht ändern, wodurch ich erlaubt habe,
euch zu ermorden, aber ich kann einen zweiten Befehl
erlassen, der euch erlaubt, euch zu wehren!« Das taten sie dann
auch, und sie siegten -… und wenn die Guten nicht gestorben
sind, dann leben sie noch heute.
Es wäre einfach ein nettes Märchen, würde es sich nicht in so
vielen Einzelheiten so schrecklich wahr nach dem Schicksal
anhören, das so viele Juden erlitten haben.
Nichtsdestoweniger – in dieser Geschichte siegten die Juden.
Daher feiern sie – wir – jedes Jahr am 14. Adar (etwa im
späten Frühjahr) Purim mit einem besonderen Gottesdienst, in
dem wir laut aus der Schriftrolle der Esther vorlesen und buhen
und zischen, wenn Hamans Name erwähnt wird. Einige
machen auch Lärm mit Rasseln, die als »Greggers« bekannt
sind. Es ist eine Zeit der Freude, in der viele Kostüme tragen
und die Kinder Schauspiele aufführen, in denen sie die Rollen
von Mordechai und Esther und Haman und Ahasver
annehmen. Man wird aufgefordert, Mohnkuchen zu essen (oft
bekannt als Hamantaschen oder Hamans Ohren), eine Menge
Alkohol zu trinken (etwas, das normalerweise im Judentum
nicht gefördert wird – aber hier geht es um eine Ausnahme),
kleine Essensgaben mit Freunden und Nachbarn
auszutauschen, und unser Überleben zu feiern.
Am Sabbat vor Purim wird ein besonderer zusätzlicher
Abschnitt der Tora gelesen – Deuteronomium 25:17-19 – in
dem wir an den ersten Versuch erinnert werden, die Israeliten
durch den Volksstamm Amalek in der Wüste auszurotten. Bei
der Lesung der Propheten lesen wir über König Agag, den
König der Amalekiter, die jahrhundertelang Feinde der Juden
geblieben sind; in der Schriftrolle der Esther wird Haman als
ein »Agagit« bezeichnet. So wird eine Verbindung von
fortdauerndem Hass und fortdauernder Bedrohung hergestellt –
die unglücklicherweise sogar heute noch wenig Anzeichen
ihres Endes zeigt.
Frage 19

Was ist denn eigentlich ein Rabbiner?

Der Ausdruck »Rabbiner« wird oft falsch benutzt. Er bedeutet


»Lehrer«. Traditionell ist ein Rabbiner kein Priester (es gibt
keine »Sakramente« im Judentum), sondern ein Mann, dessen
Gelehrsamkeit ihn dazu qualifiziert hat zu lehren, zu predigen
und Entscheidungen in Angelegenheiten des jüdischen Rechts
zu fällen. Solch einer Person (in früheren Zeiten waren es nur
Männer) wurde von einem Gremium von drei anderen
»Rabbinern«, die ihm diese Qualifikation und den Titel
zuerkannten, eine »Semicha« (Ordination durch
Handauflegung) gewährt, und er wurde mit einem Zertifikat
ausgestattet. Nicht jeder, der auf diese Weise qualifiziert war,
arbeitete hauptberuflich in einer Gemeinde – viele nahmen
Positionen in der Erziehung an oder vielleicht eine völlig
andere Ganztagsstellung.
Heutzutage wird der Ausdruck gewöhnlich (aber nicht
ausschließlich) gebraucht, um diejenigen zu bezeichnen, die im
Zusammenhang mit Gemeindeaufgaben arbeiten – und daher
auch viele der seelsorgerlichen Aufgaben eines Geistlichen in
christlichen Gemeinden wahrnehmen: Lehren, Predigen,
Besuchen der Kranken und ans Haus Gefesselten,
Gottesdienste bei Ritualen des Lebenszyklus abhalten, wie
zum Beispiel die Einführung eines neuen Kindes in die
Gemeinde oder eine Hochzeit oder ein Begräbnis. Formal kann
ein Rabbiner auch als Richter innerhalb jüdischer ritueller
Zusammenhänge handeln – indem er z. B. über
Angelegenheiten des jüdischen Status entscheidet, wenn
jemand konvertieren, seine jüdische Identität bestätigen oder
sich scheiden lassen will. Er fungiert dann als »Dajan« oder
Richter.
Um Rabbiner zu werden, braucht man mehrere Jahre eines
geeigneten Unterrichts in einem Seminar oder einer Jeschiwa.
Diese existieren für orthodoxe, konservative und
liberale/fortschrittliche Bewegungen und wenn auch die
Rabbiner nicht immer gegenseitig ihre Qualifikationen
anerkennen, so gibt es doch wenigstens ein Zeugnis für ein
richtiges strukturiertes Studium.
Im modernen fortschrittlichen/liberalen und konservativen
Judentum können auch Frauen als Rabbiner ausgebildet und
qualifiziert werden. Leider gibt es auch viele Leute (besonders
in Deutschland), die den Titel benutzen, ohne richtig
qualifiziert zu sein.
Frage 70

Der Kopf des Monats –


oder: Was ist Rosch Chodesch?

Der hebräische Kalender legt großen Nachdruck auf die


Mondphasen. Jeder Monat dauert 28 oder 29 Tage, von dem
Zeitpunkt an, wenn der Mond am kleinsten ist oder am
wenigsten gesehen wird, bis zum Vollmond am 14./15. des
Monats, und dann wieder in der abnehmenden Phase. Wegen
der Eigenheiten der Astronomie und der Erdumlaufbahn
könnte der genaue Zeitpunkt schwierig zu berechnen sein – in
der Tat lesen wir in der Mischna, dass vor 2.000 Jahren
zuverlässige Zeugen auftreten und erklären mussten, dass sie
den Neumond gesehen hatten, bevor der neue Monat offiziell
verkündet werden konnte. Dies war natürlich wichtig, um das
richtige Datum eines Festes zu bestimmen. (Aufgrund dieser
Schwierigkeit entwickelte sich in der Diaspora der Brauch,
gewisse festliche Gelegenheiten an zwei aufeinander folgenden
Tagen zu feiern, »nur für den Fall« – und in einem jüdischen
Taschenkalender findet man möglicherweise, dass der
Neumond für zwei aufeinander folgende Tage aufgeführt wird.
In Israel und in liberalen jüdischen Gemeinden ist diese
Verdopplung heute aufgegeben worden, da moderne
Berechnungen äußerst genau sind.)
Der »Kopf des Monats« (»Rosch Chodesch«) ist daher der
Beginn eines neuen lunaren Monats. In der jüdischen Tradition
wird er als ein Feiertag geringerer Bedeutung bezeichnet,
tatsächlich als einer, der mehr von Frauen begangen wird, die
ihn als einen Tag zu nutzen pflegten, der ein wenig von der
alltäglichen Plackerei und Arbeit befreit war. In der letzten
Zeit haben einige Frauen angefangen, »Rosch-Chodesch-
Gruppen« nur für Frauen zu organisieren, um sich zu treffen
und gemeinsam zu studieren. In der Liturgie gibt es ein
zusätzliches Gebet um einen guten, gesunden und fruchtbaren
Monat, und die Hallel-Psalmen (Psalmen 113-118) werden
dem Gottesdienst hinzugefügt. Es gibt auch ein Gebet, das am
→ Sabbat vor dem Neumond aufgesagt wird. (→ Kalender)
Frage 71

Wie wird das neue Jahr begrüßt –


oder: Was ist Rosch HaSchana?

Das Jahr endet logischerweise nicht an irgendeinem


unbestimmten astronomischen Punkt mitten im Winter,
sondern nach jüdischem Verständnis, wenn der Sommer und
die Ernte vorüber sind. Dann ist es an der Zeit, tief Luft zu
holen und sich auf das nächste Jahr vorzubereiten. Wie soll
man sich vorbereiten? Sowohl spirituell als auch materiell.
Rosch HaSchana bedeutet wörtlich »der Kopf des Jahres« und
ist der Name, der dem besonderen Tage gegeben wurde, der in
der Bibel als »der Anfang des siebenten Monats« erwähnt wird
(siehe → Kalender) und Tischri heißt. An diesem Tag gibt es
besondere Gottesdienste in der Synagoge, in denen das
Gewicht darauf gelegt wird, eine spirituelle Bilanz für das
vergangene Jahr zu ziehen: Was haben wir falsch gemacht?
Was hätten wir besser machen können? Wen haben wir
verletzt oder beleidigt, und wie können wir dies in Ordnung
bringen? An diesem Festtag wird angenommen, dass wir vor
einem himmlischen Gericht sitzen, das über unsere Leistung
als Juden und als menschliche Wesen urteilt. Dieser Tag ist
auch der Beginn eines Zeitraums, der als die zehn Tage der
Buße bekannt ist, die im Jom Kippur (→ Jom Kippur) gipfeln.
Das Gebetbuch (der Machsor) enthält mehrere zusätzliche
Gedichte (»Pijjutim«) und Gebete, in denen wir uns zu einer
Reihe möglicher Sünden bekennen – indem, dass wir
zusammen beten bleibt jeder einzelne Sünder »anonym« und
wird nicht öffentlich gedemütigt. Das Schofar, ein Horn, das
aus dem natürlichen Horn eines Widders oder eines Hirschen
hergestellt wird, wird zu mehreren Anlässen während des
Gottesdienstes geblasen. Dieses Instrument richtig zu blasen ist
schwierig, aber es erzeugt einen tiefen kehligen und
warnenden Ton. Zusätzlich gibt es verschiedene Bräuche, die
mit diesem Fest verknüpft sind, so z. B. das Essen von Honig,
um den Wunsch für ein süßes neues Jahr zu verkörpern (Apfel
in Honig, Brot in Honig, Honigkuchen). In den letzten Jahren
ist auch der Brauch entstanden, Grußkarten zu verschicken.
Weil dieses Fest auf einen Neumond fällt, einen Tag, den
man früher schwierig genau berechnen konnte, gibt es in vielen
Gemeinden den Brauch, den Gottesdienst ebenso an einem
zweiten Tag, also doppelt abzuhalten.
Frage 72

Was bedeutet es, am Sabbat zu ruhen?

Schabbat, der jüdische Sabbat, leitet sich von dem hebräischen


Wort mit der Bedeutung »ausruhen« ab. In der
Schöpfungsgeschichte der Genesis wird Gott beschrieben, wie
er sechs Tage lang die Welt erschuf und wie Gott dann am
siebenten »Tage«
»ruhte« – die Rabbiner verstanden dies so, dass Gott die Ruhe
erschuf; Ruhe ist mehr als nur die Abwesenheit einer Tätigkeit,
sie ist eine bewusste, positive Kraft, die unsere Seelen und
Körper benötigen.
Der Siebente Tag in der Woche ist daher als ein besonderer
Tag festgelegt, an dem der normale wöchentliche Alltag
unterbrochen wird und durch etwas anderes, etwas Positives,
ersetzt wird. Im jüdischen Kalender beginnt jeder »Tag«
(logisch genug), wenn der vorhergehende Tag endet – d. h. bei
Sonnenuntergang, Abenddämmerung, wenn die Nacht beginnt
(üblicherweise als der Zeitpunkt definiert, wenn drei Sterne
sichtbar werden). Im jüdischen Kalender beginnt der Sabbat
daher am Abend des Tages, der jetzt Freitag heißt, und endet
am Samstagabend. (Diese Namen sind natürlich
Nachwirkungen heidnischer Mythologie – im Hebräischen
werden die Namen nur durchnumeriert »Erster Tag, Zweiter
Tag« usw.) Geschriebene Kalender empfehlen oft sogar, den
Sabbat bis zu einer Stunde früher beginnen zu lassen, um trotz
möglicher Verzögerungen zu gewährleisten, dass der Sabbat
25 Stunden anhalten wird. Denn in dem Moment, in dem der
dritte Stern am Himmel erscheint, ist es nach der Definition zu
spät, um die letzten Vorbereitungen für den Sabbat zu
vollziehen.
Am Freitagabend, also mit Beginn des Sabbats, sollte die
Familie daher auf den kommenden Tag vorbereitet sein. Weil
»Arbeit« am Samstag verboten ist, muss alles, was gemacht
oder gebacken oder gekocht oder gekauft werden muss, vorher
erledigt werden. Solche Arbeit schließt auch Feueranzünden
und Tragen ein – tatsächlich gibt es 39 Kategorien von
»Arbeit«, die von den Anweisungen abgeleitet sind, die Moses
anlässlich der Errichtung des Tabernakels in der Wüste
gegeben wurden. Fromme Juden werden am Sabbat keine
elektrischen Lichtschalter oder irgendwelche Verkehrsmittel
benutzen (obwohl es einige gibt, die eine automatische
Schaltuhr oder einen automatischen Aufzug usw. zum
Gebrauch zulassen und auf diese Weise von der Technologie
Nutzen ziehen, ohne diese jedoch am Sabbat zu »berühren«).
Der Sabbat wird mit einem Ritual (»Kabbalat Schabbat«) zu
Hause willkommen geheißen, es werden Kerzen angezündet,
Segenssprüche gesprochen und Wein und Brot formell vor
einer Mahlzeit gesegnet. Wenn jeder sich richtig vorbereitet
hat, ist es in der Familie sauber und aufgeräumt, der Tisch ist
ansprechend mit einem besonderen Tischtuch und Geschirr
gedeckt, Gäste sind eingeladen worden…Im »realen« Leben ist
dies nicht immer möglich, aber es ist das Idealbild, dass eine
Familie sich »Familienzeit« verschafft, um einander zu treffen,
miteinander zu essen, zu sprechen, zu singen. »Normale«
Arbeiten oder Einkaufen werden am Sabbat nicht
unternommen. Je gehetzter das Leben wird, desto mehr kann
man einen eigenen Tag »außerhalb der Normalzeit« würdigen.
Es gibt Gottesdienste in der Synagoge am Sabbatabend und -
morgen, und in einigen auch am Sabbat nachmittags. Der
Schabbat endet mit einer Zeremonie, die als »Hawdala«
bekannt ist. (→ Sabbat, Frage 73)
Frage 73

Wie wird der Sabbat beendet

Der Sabbat wird mit der Zeremonie der Hawdala beendet. Das
Wort »Hawdala« bedeutet »Trennung« oder »Unterscheidung«
und wird hier gebraucht, um die Zeremonie zu bezeichnen, die
das Ende des Sabbat anzeigt und somit die Rückkehr zum
»normalen Alitag« bezeichnet. Sie findet normalerweise an
Samstagabenden nach Sonnenuntergang statt, wenn drei Sterne
sichtbar sind oder sichtbar sein sollten – entweder in der
Synagoge oder eher zu Hause. Die Zeremonie beginnt mit
Lesungen von Jesaja 12:3, Jesaja 12:2, Psalm 3:9, Psalm
46:12, Esther 8:16 und Psalm 116:13. Dann würdigt und preist
man die verschiedenen Sinne des Schmeckens, Riechens,
Sehens, Hörens usw. indem man etwas Wein trinkt, an einigen
gemischten Gewürzen riecht und indem man eine Kerze
anzündet, die mit mehreren Dochten ausgestattet ist (weil der
Segensspruch sich auf »Lichter« im Plural bezieht). Darauf
folgt ein Gebet, in dem Gott für das Schaffen von
Unterschieden gepriesen wird – nicht alle Tage sind
gleich/nicht alles ist heilig, und nicht alles ist weltlich. Indem
man diese Unterscheidungen zwischen zwei Dingen vornimmt,
gewinnt jedes sein eigenes besonderes Charakteristikum.
Die Zeremonie endet mit dem Singen eines Liedes, das davon
handelt, dass diese Unterscheidungen gemacht werden –
»Hamawdil« und einem Lied an den Propheten Elias, dessen
Ankunft anzeigen wird, dass das Kommen des Messias sehr
bald erwartet wird. Es folgt der Wunsch für eine »Schawua
Tow« – »Ich wünsche Ihnen eine gute Woche«. Die Kerze(n)
wird dann ausgelöscht, indem man die Dochte in den Wein
tunkt und so diese zwei Symbole zusammenbringt. Der Sabbat
ist ein Tag »außerhalb der Zeit«, ein Vorgeschmack auf die
himmlische Situation auf Erden, wenn erst einmal der Messias
(gemäß dem überlieferten Glauben) gekommen ist. Hierin liegt
auch der ausdrückliche Wunsch begründet, dass Elias bald
kommen sollte!
Frage 74

Der »Diener« der Synagoge –


oder: Was ist ein Schammes?

Der Schammes (hebräisch Schammasch) ist der »Diener« der


Synagoge – er ist ein Angestellter der Gemeinde, der
Hausmeister, der auch das Gebäude für die Gottesdienste
vorbereitet, die Stühle aufstellt, falls nötig Gebetsbücher und
Bibeln nahe dem Eingang auslegt, oft den → Kiddusch danach
vorbereitet, mit anderen Worten die praktische
organisatorische Arbeit, die mit dem Gebäude verbunden ist,
sowie die Arbeit »hinter der Szene« für die Vorbereitung der
Gottesdienste und das Aufräumen danach.
(Anmerkung: Der Begriff wird auch für die »Dienerkerze« zu
→ Chanukka gebraucht)
Frage 75

Das Wochenfest –
oder: Was ist Schawuot?

Der Name bedeutet formal »Wochen« – eine »Schawua« ist


eine Woche. Dieses Fest wird so bezeichnet, weil die Bibel
kein genaues Datum hierfür angibt, sondern uns anweist,
sieben Wochen von Pessach an zu zählen und den folgenden
Tag zu feiern – d. h. 7 x 7 = 49, und wir feiern am 50. Tag.
(Das aus dem Griechischen stammende Wort »Pentakosta«
bedeutet »fünfzig« – dies ist vermutlich der Ursprung des
Wortes »Pfingsten« im christlichen Kalender.) Schawuot ist
sowohl ein Erntefest (es fällt heutzutage immer auf den 6.
Sivan im hebräischen Kalender) als auch der Jahrestag des
Tages, an dem Moses die Tora erhielt – die göttliche
Offenbarung auf dem Berge Sinai. Es gibt an diesem Tag
besondere Gottesdienste in der Synagoge und es gibt zwei
bedeutende Traditionen, die mit dem Fest verknüpft sind: die
erste ist, Käse oder Milchprodukte zu essen, und die zweite ist,
die Tora bis spät in die Nacht hinein zu studieren (im weitesten
Sinne). Eine solche Sitzung, die oft von Synagogen organisiert
wird und manchmal die ganze Nacht hindurch dauert, heißt
eine »Tikkun Leyl Schawuot«.
Frage 76

Tage der Trauer –


oder: Was ist Scheloschim?

Die nächste Trauerstufe nach → Schiwa sind die »Dreißig


Tage« – die »Scheloschim« (hebräisch für »30«) oder der erste
Monat, was natürlich die erste Woche oder Schiwa einschließt.
Am Ende des ersten Trauermonats ist die anfängliche
Erschütterung vergangen, und man kann beginnen, allmählich
zum normalen Leben und Alltag zurückzukehren. Da es oft
schwierig ist, alle Trauernden in Eile von verstreuten Orten auf
der Welt für ein Begräbnis zusammenzubringen, wird
allgemein ein besonderer Gedenkgottesdienst abgehalten, um
das Ende des ersten Trauermonats anzuzeigen.
Sobald Scheloschim vorüber ist, geht der Trauernde wieder
auf das alltägliche Leben zu – obwohl viele männliche
Trauernde es vorziehen, die Gottesdienste regelmäßiger zu
besuchen, das → Kaddisch zu sprechen und sich vielleicht
nicht zu rasieren, oder sich wenigstens als äußeres Zeichen der
Trauer einen → Bart wachsen zu lassen. Die Teilnahme an
Einladungen und Festen kann auch eingeschränkt sein, oder
Veranstaltungen können verschoben werden – darin variieren
örtliche Traditionen. (→ Tod, Begräbnis, Schiwa)
Frage 77

Was ist eine »Schickse«?

Dieser Ausdruck ist tatsächlich von einem ziemlich


unangenehmen hebräischen Ausdruck für ein unsauberes
Geschöpf abgeleitet. Er wird nur in abschätzigem und
missbilligendem Sinne zur Bezeichnung einer nichtjüdischen
Frau verwendet. Eine solche Person hat nicht nur eine
unterschiedliche Religion, sondern sie befolgt natürlich auch
nicht die traditionellen jüdischen Regeln über die Reinigung
nach der Menstruation – und ist daher in diesem Sinne →
unrein.
Es ist bedauerlich, aber wahr, dass solche kritischen und
beleidigenden Ausdrücke manchmal im Gespräch benutzt
werden.
Frage 78

Sich in Frieden in tiefe Trauer versenken –


oder: Was ist Schiwa?

Der Ausdruck selbst kommt einfach vom hebräischen Wort für


»Sieben«. Während der ersten sieben Tage – eine Woche lang
– nach einem Todesfall werden die Haupttrauernden (nah
verwandte Familie, enge Freunde) nicht als fähig angesehen,
am normalen Leben teilzunehmen. Sie sollten eine »Auszeit«
nehmen und zu Hause bleiben, auf niedrigen Schemeln sitzen
und Zeit und Raum haben, in Frieden zu trauern. Anstatt
arbeiten gehen zu müssen oder Lebensmittel zu kaufen, ist es
besser, dass die Freunde und Nachbarn mit bereits zubereiteter
Nahrung herbeikommen. Anstatt dass sie am täglichen
Abendgottesdienst in der Synagoge teilnehmen müssen, wird
es als hilfreich angesehen, wenn die Freunde und Nachbarn
und Gemeindemitglieder zum Hause kommen und einen →
Minjan bilden, um dort den Gottesdienst abzuhalten. Die
Trauernden werden einfach von allen sozialen
Verantwortlichkeiten befreit, sie müssen sich nicht waschen
und rasieren und für sich sorgen – sie sind freigestellt, um sich
in tiefe Trauer zu versenken. Obwohl dies in der modernen
Welt schwer zu erreichen ist, haben alle, die diese Erfahrung
gemacht haben, erklärt, dass der therapeutische Wert dieses
Zeitraums riesengroß ist. Leider gilt es heute sehr viele Papiere
zusammenzustellen und Formulare auszufüllen und
Vorbereitungen zu treffen, und Familien wohnen nicht mehr
nahe beieinander, und manchmal erlaubt das Lebenstempo
einfach nicht mehr diese traditionelle Woche. (→ Tod,
Begräbnis, Friedhof)
Frage 79

Schoa – was ist das?

Die Schoa ist der hebräische Ausdruck für die »Äußerste


Zerstörung«, »Auslöschung«, die dem jüdischen Volk in den
zwölf Jahren von 1933-1945 widerfuhr. (»Holokaust« ist ein
griechisches Wort und bedeutet Brandopfer.) Während dieses
Zeitraums konnte die nationalsozialistische Regierung in
Deutschland das Land von einem gebildeten, kultivierten,
westlich orientierten, liberalen Land des zwanzigsten
Jahrhunderts in eine mittelalterliche, abergläubische, totalitäre
Kriegsmaschine verwandeln, in dem es keinen Ort für
irgendwelche Leute gab, die nicht in das vorherrschende Ethos
»passten« – wegen ihrer Rasse, ihrer Glaubensrichtung, ihrer
Sexualität, ihrer Staatsangehörigkeit, ihrer Fähigkeit, sich ihre
eigenen Gedanken zu machen – was auch immer. Eine ganz
bemerkenswerte Verwandlung – und auch das übrige Europa
versucht noch immer, damit ins Reine zu kommen – wie
konnte so etwas so rasch geschehen, und wie stehen die
Risiken, dass sich etwas Vergleichbares wiederholt – vielleicht
nicht in Deutschland, aber möglicherweise in irgendeinem
anderen Land, in dem ähnliche Ideologien von
»Rassenreinheit« und »Gehorsamkeit gegenüber dem Staat«
propagiert werden. Noch schlimmer war, dass ein Teil dieser
Ideologie beinhaltete, dass die »reine Rasse« irgendwie
berechtigt war, ihre bizarren Ideen zu exportieren und sie –
gewaltsam – anderen Ländern aufzuerlegen. Das Ergebnis
wurde der Welt als der Zweite Weltkrieg bekannt.
Für die Juden (und andere) jedoch hatte die Tragödie und der
Konflikt bereits sechs oder mehr Jahre früher begonnen –
bevor der Krieg offiziell anfing: mit Einschränkungen ihrer
Menschenrechte, Aberkennung der Staatsangehörigkeit,
Vertreibung aus ihren Berufen, Beschlagnahme von
Vermögenswerten usw. All dies ist gut dokumentiert. Der
Prozess gipfelte in der Invasion von Nord-, West-, Süd- und
Osteuropa, dem europäischen Russland und Nordafrika. An
jedem Ort, an dem diese »nationalsozialistische« Ideologie
auferlegt wurde, wurde die Zivilbevölkerung – ganz grob –
geteilt in diejenigen, die es verdienten zu leben, in diejenigen,
die man so lange dulden konnte, wie sie nützlich sein und
arbeiten konnten; und diejenigen, die so schnell wie möglich
als »unerwünscht« oder »nutzlos« umzubringen waren. Der
Holokaust war daher nicht eine rein jüdische Erscheinung,
obwohl die Frage, inwieweit die Juden ein spezifisches Ziel
waren, ein emotionaler Streitpunkt bleibt. Sinti und Roma,
Geisteskranke, ausländische Intellektuelle (gefährlich, weil sie
denken könnten), Widerständler, Kriegsgefangene – und viele,
viele andere wurden vorsätzlich ermordet, alle natürlich
zusätzlich zu der Zivilbevölkerung, die bei den
Kriegshandlungen umkam – Bombardierungen, Schlachten,
Belagerungen, die zum Verhungern, zu Krankheit führten –
und all das andere Elend und Not. Am Ende dieses Zeitraums
war Europa ein blutbesudelter, aschebedeckter Haufen Schutt.
Die moderne Technik ermöglichte eine viel bessere, viel
schnellere, viel gründlichere Zerstörung als frühere primitive
Anstrengungen (und gipfelte natürlich im Konzept einer
einzigen Metallbombe, die eine ganze Stadt zerstören konnte),
und sie ermöglichte auch den Transport (gewöhnlich mit
Zügen, auch mit Lastwagen) von Juden (und anderen) aus
Dörfern und Städten des Kontinents zu Tötungszentren. In
einigen wurden die Menschen gezwungen, sich zu Tode zu
arbeiten, in anderen wurden sie »selektiert« und abgetrennt, in
wieder anderen wurden sie geradewegs getötet. In der
Zwischenzeit wurden viele andere in ihren Heimatdörfern
getötet oder in Ghettos – Teile besetzter Städte -gesteckt.
Es gab viele heldenhafte Widerstandstaten – wahrscheinlich
viel mehr als jemals aufgezeichnet wurden. Eine solche war
der Aufstand im Warschauer Ghetto. Das Datum des Beginns
dieser Revolte durch eine unterbewaffnete, hungernde,
untrainierte Zivilbevölkerung gegen eine technisierte Armee
mit schwerer Artillerie wurde als ein Symbol dieser Zeit
angesehen. Dies ist der Tag, der zum Gedenken an den
Holokaust gewählt wurde, Jom HaSchoa. Er ist
gekennzeichnet durch Gottesdienste, Lesungen,
Gedenkveranstaltungen, und manchmal auch besonderes
Anzünden von Kerzen und Kranzniederlegungen. In
Deutschland wird anstelle dieses Datums oft der 9. November
als symbolischer Gedenktag begangen. Dieses ist der
Gedenktag für die sogenannte »Reichskristallnacht« (1938), in
der die ersten großen öffentlichen, wohl-organisierten Angriffe
auf Juden, ihre Häuser, Wohnungen und Geschäfte unter dem
Naziregime stattfanden. Und – es ist die Nacht, in der die
meisten der Synagogen in Deutschland verwüstet und
niedergebrannt wurden.
Gegenwärtig gibt es noch einige Überlebende dieser Zeit,
jetzt alte Leute, die über ihre Erfahrungen sprechen können.
Aber es wird nicht mehr lange dauern, bevor keine direkten
Augenzeugen mehr übrig sein werden, und dieser Tag wird ein
weiterer im jüdischen Kalender werden, an dem wir uns an die
Katastrophen erinnern, die uns widerfahren sind. (→ Ghetto)
Frage 80

Vom Fest der Freiheit –


oder: Was passiert bei einem Passah Seder?

Am Ersten Abend des Passahfestes (und in vielen Familien


und Gemeinden auch am Zweiten Abend, obwohl dies keine
biblische Grundlage hat) gibt es eine Zusammenkunft, um den
Auszug aus Ägypten zu feiern. Dies findet normalerweise zu
Hause statt, aber häufig organisiert auch eine Synagoge oder
ein Gemeindezentrum einen »Gemeinde-Seder«. »Seder«
selbst bedeutet »Ordnung«, eine bestimmte Reihenfolge.
Die Struktur besteht aus einem Mahl in zwei Teilen – einem
symbolischen und einem eher normalen fröhlichen Festessen.
Vor dem Mahl wird eine abgeänderte Version der Geschichte
des Auszugs aus einem Buch vorgelesen, das als die
»Haggada« (»Vortrag«) bekannt ist. Die Familie oder die
Anwesenden können sich beim Lesen und Singen der
verschiedenen Textstellen ablösen. Es gibt ein formelles
Ritual, das Händewaschen und die Einnahme symbolischer
Nahrungsmittel umfasst, bevor das Mahl selbst beginnt. Diese
Nahrungsmittel schließen Mazza ein (um das trockene Brot der
Sklaverei darzustellen), Salzwasser (um die Tränen der
Sklaven darzustellen), etwas bitteres Gemüse (wiederum die
Bitternis der Sklaverei), eine süße und klebrige Mischung (um
den Mörtel darzustellen, den die hebräischen Sklaven
verwendeten, um die Pyramiden usw. zu bauen) und – nur zur
Ansicht – einen Knochen und ein Ei, um die Opfergaben im
früheren Tempel darzustellen. Vier Gläser Wein werden
feierlich gesegnet und formell während des Seder getrunken –
die Haggada legt fest, wann, und sie symbolisieren die
Erlösung. Nach dem Mahl gibt es ein Tischgebet, einige
Psalmen, eine feierliche Zeremonie, bei der Elias als Symbol
des kommenden Zeitalters des Messias in den Raum gebeten
und willkommen geheißen wird, und einige traditionelle und
beliebte Lieder.
Der ganze Abend ist eine Feier der Freiheit- man kann sich
zusätzliche Zeit nehmen, sich in seinem Sessel zurücklehnen,
es gibt keine Hetze…
Frage 81

Was ist eine Sefer Tora?

Das Wort »Sefer« ist hebräisch für »Buch«, und eine »Sefer
Tora« ist – schlicht – das Buch der Tora. Es ist jedoch ein
Buch im altmodischen Sinne, bevor Buchdruck und Blattseiten
und das Binden zur Norm wurden. Die Sefer Tora ist daher in
der Form einer Schriftrolle geschrieben, die aufgerollt wird.
Sie wird auf Pergament (Tierhaut) geschrieben, die Buchstaben
werden mit einer Spezialtinte von einem besonders
ausgebildeten Schreiber (einem »Sofer«) geschrieben, der ein
Jahr oder mehr benötigen kann, um sorgfältig den Text einer
neuen Sefer Tora abzuschreiben. Sie sind daher gewöhnlich
ganz schwer und sehr wertvoll. Der Schreiber schreibt auf
getrennten Abschnitten, jeder bekannt als eine »Klaf« oder
»Seite/Abschnitt«, die dann zusammengenäht werden. Falls er
einen schlimmen Fehler macht, muss er die Klaf neu beginnen!
Der Text wird ohne Vokale und Zeichensetzung geschrieben –
das Hebräische hat keine Großbuchstaben, nur sechs
Buchstaben, die ihre Gestalt ändern, wenn sie am Ende eines
Wortes stehen. Der Schreiber zeichnet eine nahezu unsichtbare
Linie in die Klaf, und dann schreibt er die Buchstaben von
dieser Linie aus nach unten, von rechts nach links. Es gibt
verschiedene Überlieferungen, wie viele Linien in jeder Spalte
stehen sollen, und ob jede Spalte – falls möglich – mit einem
bestimmten Buchstaben anfangen sollte und wie man einige
der Buchstaben ausschmückt. Ein guter Sofer wird in der Lage
sein aufgrund des Stils einer Sefer Tora grob festzustellen, wo
und wann sie geschrieben wurde! Das Pergament wird an zwei
hölzernen Rundstäben, die als »Atzei Chajim« – »Bäume des
Lebens« – bezeichnet werden, befestigt. Man muss dann,
anstatt zu blättern, die Schriftrolle ausrollen, um den richtigen
Abschnitt, der gelesen werden soll, zu finden.
Die Sefer Tora wird im »Aron ha-Kodesch« aufbewahrt
(»Heilige Arche«, ein Schrank, üblicherweise am Ostende der
Synagoge) und wird zur Lesung während der Gottesdienste
feierlich herausgenommen. Ein Segen wird vor und nach der
Lesung jedes Abschnitts gesprochen, und zwar von der Person,
die aufgerufen wird, dieses zu tun. Dieser wird üblicherweise
nach verschiedenen melodischen Prinzipien gesungen – dies
wird »Leyning« genannt. Während die Schriftrolle selbst streng
schlicht ist, können die Atzet Chajim geschmückt sein. Die
Schriftrolle wird normalerweise in ein geschmücktes und
besticktes Tuch (aschkenasisch) oder eine Schutzbedeckung
aus Holz (sephardisch) gelegt, (auch → Tora)
Frage 82

Warum wird die Sefer Tora mit soviel Respekt


und Ehrerbietung behandelt?

Ist sie nicht nur ein Buch? Ja und Nein. Erstens ist sie DAS
Buch und in früheren Zeiten wäre die Herstellung und der
Erwerb eines solchen Gegenstandes ungemein teuer gewesen.
Daher ist es wohl erklärlich, warum die Gemeinde und nicht
der Einzelne eine Schriftrolle besaß. Zweitens ist sie der
grundlegende Text für die jüdische Identität. Sie definiert, wer
wir sind, woher wir kamen, und warum wir hier sind. Eine
Gesellschaft ohne Geschichte, ohne einen Sinn für Ziel und
Zweck und ohne einige grundlegende Verhaltensregeln ist nur
ein »anarchistischer Haufen«. Die Sefer Tora lieferte die
grundlegende Verfassung, schrieb das Verhältnis zwischen
Gott und der gesamten Menschheit nieder und dann zwischen
Gott und den Juden als einer bestimmten Gruppe. Sie erklärte,
wie wir uns als Juden Gott nähern sollten. Sie erklärte unsere
Verantwortlichkeiten gegenüber Gott und gegen einander,
einzeln und in der Gemeinde.
Natürlich ist die Zeit weiter fortgeschritten, und viele der
Themen, die in der Tora behandelt werden, sind nicht mehr
von Bedeutung – wir haben keine Priester, Altäre, Sklaven
mehr, unser Verständnis wissenschaftlicher Entdeckungen ist
vorangeschritten (zumindest soweit wir keine
Fundamentalisten sind, die weiterhin an die buchstäbliche
Wahrheit jedes Buchstabens glauben). Nichtsdestoweniger
bleibt das Prinzip wichtig. Indem wir die Tora in Buchform in
unsere Synagogen legen, indem wir sie öffentlich und
regelmäßig in den Gottesdiensten studieren (hoffentlich ebenso
im privaten Bereich), zeigen wir, dass das Konzept von Gesetz
und Verantwortung im Zentrum unserer gesamten Existenz
steht. Unglücklicherweise kann die Geschichte zu viele
Beispiele von Gesellschaften liefern, die versucht haben, ohne
Gesetze zu existieren, oder ohne Respekt für das Gesetz, oder
mit schlimmen Gesetzen, die Gewalttätigkeit gegenüber
Unschuldigen fördern. Daher bleiben die Tora als Konzept und
die Sefer Tora als Buch wichtig, auch wenn die Details sich
gewandelt haben mögen. (auch → Tora)
Frage 83

Was bedeuten die Segenssprüche, die vor den


Mahlzeiten gesprochen werden?

Jedermann isst. Einige würdigen, was sie essen, andere nicht.


Höfliche Menschen (und Kindern muss man beibringen,
höflich zu sein) sagen »Danke«, wenn sie etwas zu essen
erhalten. Indem man anerkennt, dass die Nahrung von
irgendwoher kam, von irgendjemandem geliefert wurde und
lebenswichtig ist, zeigt man seine Würdigung. Diese ändert
nicht den Geschmack der Nahrung, aber sie ändert die Art, wie
man sie isst.
Nach jüdischem Gesetz und Brauchtum gibt es eine Regel
und Sitte, dass man die besonderen Eigenschaften all dessen
anerkennen sollte, was man isst oder trinkt. Vor dem Essen
sollte man die Hände waschen. Juden, die dies befolgen, lassen
daher fließendes Wasser über ihre Hände laufen (unter einem
Wasserhahn, oder aus einem Krug, vielleicht sogar einem
besonderen Krug mit zwei Griffen) und sprechen einen Segen
an Gott, »der uns gebietet, die Hände zu waschen« –
»weziwanu al Netilat-Jadajim.« Vor dem Trinken von Wein
sollte man sagen »Borej P’ri Hagafen« (»gesegnet bist du), der
die Frucht der Rebe macht.« Vor Kuchen oder Keksen ist der
Segensspruch »Borej Minej Mesonot«, »der verschiedene
Arten von Lebensmitteln macht.« Vor Obst wäre er »Borej P’ri
HaEtz« – »der die Frucht des Baumes macht.« Vor einem
Gemüse aus der Erde, »Borej P’ri HaAdama« – »der die
Frucht des Bodens macht«. Es gibt auch noch andere, aber der
»allumfassende« Segensspruch ist derjenige, der speziell für
Brot aufgesagt wird, weil im Altertum die Herstellung von
Brot ein besonderer Vorgang der Zubereitung und der
Gastfreundschaft war – Brot konnte nicht frisch gehalten
werden – und daher war definitionsgemäß eine Mahlzeit mit
Brot eine solche, bei der man sich eine Zeitlang niederließ,
während das Brot bereitet wurde. Daher sollte man sagen »…
Ha-Motzi Lechem Min-Ha-aretz«, »… der Brot/Nahrung aus
der Erde hervorbringt.« Und allein dieser Segensspruch
schließt beinahe alle anderen mit ein und reicht für eine ganze
Mahlzeit aus, so dass es keiner eigenen Segenssprüche über
den Salat oder das Obst bedarf.
Daher – indem man vor dem Essen anerkennt, dass die
Nahrung nicht einfach »aus dünner Luft heraus kam«, sondern
ein Teil der Schöpfung Gottes ist, dankt man Gott für das
Recht und die Fähigkeit zu essen, und man wandelt einen
bloßen körperlichen Vorgang – die Aufnahme gewisser
Kalorien und Vitamine – um in einen »heiligen Akt« der
Erhaltung der eigenen Gesundheit und der eigenen Fähigkeit,
weiterhin Gott zu preisen.
Manchmal hört man den Ausdruck »Lass uns Motzi machen«
– das ist einfach das Zeichen, dass einer der Anwesenden den
Segensspruch »HaMotzi…« sprechen sollte, woraufhin die
übrigen »Amen« sagen und sich so einbeziehen können. (→
Bentschen)
Frage 84

Das Fest der Freude -


oder: Was ist Simchat Tora?

Simchat Tora (hebr. »Freude der Lehre«) ist ein spätes Fest,
das am letzten Tag von Sukkot (→ Laubhüttenfest) gefeiert
wird. Es gibt die Tradition, dass während der Synagogen-
Gottesdienste jeden Schabbat aus der Tora vorgelesen wird. Es
gibt zwei verschiedene Formen der Lesung: so wird die
Toralesung entweder innerhalb eines Jahres – unterteilt in 54
Abschnitte – gehalten oder aber sie wird über einen Zeitraum
von drei Jahren gelesen. Beide Systeme schließen einen
Lesezyklus von der Genesis bis zum Deuteronomium (→
Bibel, Tora) ein. Das ist jedes Jahr anders und hängt davon ab,
ob Festtage auf das Wochenende fallen oder nicht.
So gibt es eine Feier, um das Ende des Zyklus zu bezeichnen
und – wichtig – die Gelegenheit, einen neuen zu beginnen. An
Simchat Tora wird in der Synagoge das Deuteronomium zu
Ende gelesen und dann die Genesis begonnen. Einige
Anwesende werden mit besonderen Titeln geehrt wie »Chatan
Tora« (»Bräutigam des Gesetzes«) – für denjenigen, der zum
Deuteronomium aufgerufen wird – oder »Chatan Bereschit«
(»Bräutigam des Anfangs«) – für den Abschnitt der Genesis –
(in liberalen Synagogen kann eine Braut geehrt werden und
nicht nur ein Bräutigam). Die Schriftrollen werden in
feierlichen und auch weniger feierlichen Prozessionen um die
Synagoge herumgetragen, mit Gesang und Tanz und der
Verteilung von Süßigkeiten an die Kinder, die sich den
Prozessionen anschließen und oft Flaggen mit jüdischen
Motiven schwenken. Es ist, kurz gesagt, eine lustige tolle
Party, um die Tatsache zu feiern, dass wir wirklich ein
Gesetzbuch haben und daraus vorlesen dürfen – etwas, das
bemerkenswerterweise auch heute noch nicht auf jedes Land
oder jedes Volk in der Welt zutrifft. Es gibt viele, die darunter
leiden, keine Verfassung oder keine Rechte zu besitzen.
Frage 85

Was ist denn eine Synagoge?

Das Wort »Synagoge« stammt aus dem Griechischen und


bezeichnet einfach einen Treffpunkt. Im Hebräischen gibt es
drei Wörter, die zur Beschreibung einer Synagoge benutzt
werden – »Beit Knesset«, »Beit Midrasch« und »Beit Tefilla«
– ein Haus der Begegnung, des Studiums und des Gebets.
Hieran sehen wir, dass eine Synagoge wirklich ein soziales
Zentrum mit vielen Zwecken ist, in der die Gemeinde sich
treffen kann, um zu lernen, um zu beten, für soziale
Aktivitäten usw. In den meisten Ländern ist die Synagoge
genau dies – Gemeindezentrum mit vielen Funktionen, mit
Büros, Klassenzimmern, einer Küche, Garderoben,
Jugendzentrum, Bücherei ebenso wie dem eigentlichen
Bereich, der für Gottesdienste benutzt wird. Mitglieder
»gehören einer Synagoge an«, indem sie einen freiwilligen
Beitrag zahlen und als Gegenleistung dafür die angebotenen
Dienstleistungen nutzen dürfen – die Religionsschule für die
Kinder, Jugendgruppen, kulturelle Gruppen, Beratung durch
einen Rabbiner in persönlichen Bereichen, bei Bildungsfragen
oder bei der Seelsorge. Zur Synagoge kann ein eigener
Friedhof gehören. In vielen Gemeinden versorgt die Synagoge
also diejenigen, die gemäß eigener Wahl dazugehören wollen
(und dazu berechtigt sind) mit einer Dienstleistung »von der
Wiege bis zur Bahre«.
Häufig jedoch wird das Wort Synagoge auch auf spezifische
Weise benutzt, um den Raum zu beschreiben, in dem die
Gottesdienste abgehalten werden. Solch ein Raum erfordert
eine bestimmte elementare Ausstattung: einen Schrank (die
Arche – auf hebräisch »Aron ha-Kodesch«), in dem eine oder
mehrere Schriftrollen (»Sifre Tora« – der Plural von → »Sefer
Tora«) aufbewahrt werden; ein Lesepult (oder zwei);
Sitzplätze für die Gottesdienstbesucher. Vor dem Aron ha-
Kodesch kann eine symbolische Lampe oder ein Licht
aufgestellt sein – das »Ner Tamid« oder »Ewige Licht«, ein
Gedenken an die Flamme, die im Tempel in Jerusalem brannte.
Einige Synagogen haben große und eindrucksvolle
Einrichtungen, mit farbigen Glasfenstern und viel altem Holz
und Messing, andere sind moderner und schlicht. In
orthodoxen Synagogen pflegen Männer und Frauen in
getrennten Abteilungen zu sitzen, in liberalen Synagogen
sitzen sie für gewöhnlich zusammen. Fast jeder Raum kann
zeitweilig zu einer Synagoge gemacht werden, und man kann
beinahe überall eine Gebetsgruppe bilden und einen
Gottesdienst abhalten – sogar in einem Zug oder einem
Flugzeug!
Der Ausdruck Synagoge wird auch benutzt, um sich auf die
Gemeinde selbst zu beziehen, wie in »Ich bin ein Mitglied der
Synagoge«.
Frage 86

Kann jeder eine Synagoge besuchen?

Formal ist die Antwort: Ja, natürlich! Gottesdienste sind für


alle offen. In der Praxis jedoch, besonders in Deutschland,
muss man sich der folgenden Faktoren bewusst sein: Sicherheit
ist ein größeres Problem in → Synagogen, als es das in
Kirchen ist. Einfach ausgedrückt, werden Fremde nicht als
mögliche Konvertiten willkommen geheißen, sondern
argwöhnisch als mögliche Störenfriede behandelt. Die Gründe
sind nur allzu offensichtlich – es ist nicht unbekannt, dass
Leute versuchen, einen Synagogen-Gottesdienst zu besuchen;
im wohlmeinenden, aber dummen Glauben, dass dies ein guter
Ort sei, um zu versuchen, die Juden zu einer anderen Religion
zu bekehren, oder sie zu bedrohen. Leider benötigen und haben
viele Synagogen ständige Sicherheitsleute oder Polizei zur
Bewachung des Eingangs, und möglicherweise kann man
durchsucht oder befragt werden, bevor der Eintritt gestattet
wird. Ist dies übertrieben? Möglicherweise, aber man hält es
für besser, vorsichtig zu sein.
Es gibt weniger Synagogen, als es Kirchen gibt – daher ist es
wahrscheinlich, dass jede Schule oder Gruppe in einer
bestimmten Stadt, die einen Synagogen-Besuch organisieren
will, versuchen wird, zu derselben Stelle zu kommen, was –
schließlich – den regelmäßigen Synagogen-Besuchern auf die
Nerven gehen wird. Denn sie wollen zusammenkommen, um
gemeinsam zu beten, nicht um an einer öffentlichen
Vorführung teilzunehmen.
Die meisten Synagogen und Gemeinden sind recht klein.
Wenn die Synagogen-Gemeinde, die man besuchen will, nur
30 oder 40 Menschen bei einem Gottesdienst anzieht, würden
sie nicht gern plötzlich eine Schulgruppe von 50 erscheinen
sehen! Daher ziehen viele Synagogen es vor, dass Gruppen
sich vorher anmelden und einen Termin verabreden.
Nachdem all dies gesagt ist: ein Besuch IST möglich – aber
seien Sie bitte feinfühlig, sorgen Sie dafür, dass Sie keine
Kamera oder Handys dabei haben, tragen Sie kein Kruzifix,
Männer sollten eine gewisse Art von Kopfbedeckung haben
(ein gewöhnlicher Hut reicht aus, aber keine Fußball- oder
Baseball-Mütze!).
Wahrscheinlich werden Sie fast nichts in einem Gottesdienst
verstehen, der beinahe vollständig auf Hebräisch vorgetragen
wird – ein Abendgottesdienst kann eine Stunde dauern, der am
Samstag morgen zwei bis drei Stunden. Aber wenn Sie doch
kommen, bleiben Sie bitte bis zum Ende, und stören Sie nicht
die Andächtigen, indem Sie auf Grund von Langeweile
vorzeitig weggehen!
Frage 87

Ein Totenritual: Was ist Tahara?

Ein junges Baby ist hilflos und kann es nicht verhindern,


schmutzig zu werden. Es ist daher die Pflicht der Eltern, es zu
waschen, abzutrocknen und ihm saubere einfache Kleidung
anzuziehen. Eine tote Person befindet sich in einem ähnlichen
Zustand – und braucht auch Menschen, um die liebevolle
Mizwa des Waschens, Abtrocknens und Bekleidens an ihr –
die bereit ist, ihrem Schöpfer entgegenzutreten –
durchzuführen. Diese Aufgabe wird traditionell von einer
»Chewra Kaddischa«, einer »Heiligen Bruderschaft« (für
männliche Tote) und »Schwesternschaft« (für weibliche),
wahrgenommen, die die Aufgabe freiwillig durchführt. Die
Leiche wird auf einem Tisch oder einer Platte oder einem Brett
aufgebahrt und wird zuerst gewaschen und von normalem
Schmutz, Blut usw. gesäubert. Dann wird sie formell und
rituell gewaschen, indem eine bestimmte Menge Wasser
ausgegossen wird und eine Segensformel aufgesagt wird. Die
Leiche wird dann abgetrocknet und mit einem Satz einfacher
weißer Grabbekleidung angezogen – solche Sätze variieren,
enthalten aber typischerweise einen Satz Hosen, Tuniken,
Handschuhe für die Hände, leichte Schuhe/Socken für die
Füße und eine Haube für den Kopf. Gürtel werden mit leicht
lösbaren Knoten gebunden. In vielen Gemeinden wird eine
kleine Menge Erde aus Israel entweder in den Sarg oder an
strategischen Punkten auf die Leiche gelegt – über den Augen,
dem Herzen und dem »besonderen Gebiet«. Der Sarg selbst ist
so einfach wie möglich und wird möglichst ohne Metallnägel
hergestellt – Hintergrund dafür ist, dass das Ganze biologisch
abbaubar sein soll. Ein Mann kann in seinem Tallit (von dem
eine Ecke abgeschnitten wurde, um ihn »possul« oder nicht-
koscher zu machen, → Zitat) begraben werden, aber sonst wird
normalerweise nichts mit der Leiche begraben. Wir kommen
mit nichts in die Welt, und wir sollten sie mit nichts verlassen,
und es sollte keine Unterscheidung bezüglich weltlichen
Reichtums und Besitztums gemacht werden. Dies hat in der
Vergangenheit auch Grabräuber davon abgehalten, die Gräber
zu stören, um nach Juwelen usw. zu suchen und sie zu stehlen.
Wenn alles erledigt ist, bitten die Mitglieder der Chewra die
tote Person formell um Vergebung, für den Fall, dass sie
irgendetwas falsch gemacht oder ausgelassen haben. Ein
Leichnam pflegte dann normalerweise nicht allein gelassen zu
werden, sondern ein Wächter hielt Wache und las bis zum
Zeitpunkt des Begräbnisses Psalmen – obwohl es heutzutage
verbreiteter ist, einfach ein Licht in der Leichenhalle
anzulassen. (→ Tod, Begräbnis, Feuerbestattung, Friedhof)
Frage 88

Was ist der Talmud?

Talmud heißt »Lernen« oder »Lehre«. Man verwendet diesen


Begriff sowohl zur Beschreibung des Aspektes des Lernens
und Lehrens als auch als Bezeichnung für das eigentliche
Buch. Der Talmud bestimmt als Erläuterung der → Tora das
alltägliche wie auch das rituelle Leben gläubiger Juden.
Wie nun setzt sich der Talmud zusammen? Die Bibel ist
schwer zu verstehen. Etliche Gebote werden erteilt, manchmal
wiederholt, andere sind dafür bruchstückhaft. An vielen Stellen
benötigt man einen Kommentar oder Hilfe als Erklärung und
Erläuterung. Diese Aufgabe nehmen seit je her die Rabbiner
wahr. Ihre Auslegungen der Bibeltexte bilden die »mündliche
Lehre«, die neben der »schriftlichen Lehre« der hebräischen
Bibel die verbindlichen Quellen des religiösen Lebens der
Juden darstellen (→ Hebräische Bibel).
Der Versuch, die erzählenden Teile der Bibel zu deuten, heißt
Aggada (→ Midrasch). Die Diskussion über die halachischen
Anweisungen, der Ge- und Verbote (→ Halacha), war über
viele Jahrhunderte ein Thema. Die Rabbiner diskutierten und
argumentierten über die genauen Definitionen von »Tag« und
»Zeit« und so ziemlich jeden anderen Begriff.
Zunächst wurden diese Erörterungen gesammelt und in der
»Mischna« (»Wiederholung«) von Rabbi Juda ha-Nassi um
das Jahr 200 herum aufgeschrieben. Während der folgenden
drei Jahrhunderte wurde jedoch weiter über die Mischna
debattiert und diskutiert und auch diese Ausführungen wurden
gesammelt und in der »Gemara« (»Ergänzung«)
niedergeschrieben.
Die Mischna und die Gemara bilden zusammen den Talmud.
Dieser setzt sich aus sechs Ordnungen (»Sedarim«) in 63
Traktaten zusammen. Sie handeln beispielsweise vom →
Sabbat und den Festen, Fragen zur Landwirtschaft, zu
Familienfragen wie Heirat und Scheidung, von Schwüren und
Verheißungen, von Besitzrechten, Ritualen und vielem anderen
mehr.
Eine moderne gedruckte Fassung des Talmuds beinhaltet
einen kürzeren Abschnitt der Mischna sowie die Gemara. Dazu
kommen auf allen Seiten eine Vielzahl an erläuternden
Kommentaren und Verweisen.
Genaugenommen gibt es zwei verschiedene Talmudim
(Plural von Talmud), den »palästinischen Talmud« und den
»babylonischen Talmud«. Beide beinhalten zwar
übereinstimmend die Mischna, aber die unterschiedliche
Tradition des Studiums der Mischna sowohl in Palästina als
auch in Babylonien führte zu unterschiedlichen Auslegungen.
Der babylonische Talmud ist der umfangreichere und wird als
der aussagekräftigere und bedeutendere angesehen.
Das fabelhafte am Talmud ist, dass er – wie das Sprichwort
sagt- keinen Anfang und kein Ende hat. Alle behandelten
Themen können an anderer Stelle im Talmud aufgegriffen und
dort gleich oder anders ausgelegt sein, die Meinungen der
Minderheiten werden genauso behandelt und berücksichtigt
wie die der Mehrheiten: Die Diskussion ist bis heute lebendig!
Es ist eben nicht einfach eine Liste mit Regeln oder Gesetzen,
sondern ein Beweis dafür, dass debattieren erlaubt ist. Jeder
Rabbiner und jede Generation hat das Recht, mit den
gesammelten Ausführungen umzugehen und sie auszulegen.
Obwohl der eigentliche Text des Talmud inzwischen
festgelegt ist, werden auch nach inzwischen über 1500 Jahren
weiterhin Kommentare, Auslegungen und Erklärungen
verfasst.
Frage 89

Was sind Tefillin?

Es gibt ein Gebot in der Tora, »diese Worte«


»als ein Zeichen auf eurer Hand und als Stirnband zwischen
euren Augen« zu tragen (Deuteronomium 6:8).
Aus dem Text wird nicht deutlich, was dies bedeutet, aber
traditionell wurden die Worte so verstanden, dass sie sich auf
kleine Pergamentblätter bezogen, auf denen vier Textstellen
geschrieben stehen, die dann in Lederbehälter – kleine Würfel
– gesteckt werden, die dann mit Lederriemen am Körper
befestigt werden. Einer wird an einer Schlaufe befestigt, die
über den Kopf übergestreift wird, so dass die Kapsel hoch auf
der Stirn ruht, der andere wird so am linken Arm befestigt,
dass die Kapsel mit den heiligen Texten nah am Herzen ist.
»Kopf und Herz« stehen daher beim Gebet in enger
Nachbarschaft zu diesen Texten, obwohl man natürlich nicht in
die Kapseln selbst hineinsehen kann. Diese Tefillin werden
von erwachsenen Männern während des Morgengottesdienstes
an Wochentagen (nicht an → Sabbath- oder Festtagen)
getragen. Die äußere Oberfläche des Leders wird gewöhnlich
schwarz lackiert oder eingefärbt.
In beiden Kapseln sind die Textstellen dieselben und
umfassen Exodus 13:1-10, Exodus 13:11-16, Deuteronomium
6:4-9 und Deuteronomium 11:13-21. Die ersten beiden
handeln von der Pflicht, immer an ihre Befreiung von der
Sklaverei zu denken, und von ihrer Pflicht, dies die Kindern zu
lehren. Die zuletzt erwähnten zwei umfassen, was als erster
und zweiter Absatz des Schemagebetes bekannt ist, und
handeln von der Alleinigkeit Gottes und von der Pflicht zu
lieben und zu gehorchen.
Es ist klar, dass die Absicht darin liegt, diese abstrakten
Lehren mit einer sichtbaren und fühlbaren Gestalt zu versehen,
auch wenn die Texte selbst vor dem Anblick verborgen sind.
Frage 90

Warum wird an Tischa B’Aw getrauert?

Der Name bedeutet einfach »Der Neunte (des hebräischen


Monats) Aw«. An diesem Tage wurde gemäß der
Überlieferung der Erste Tempel im Jahre 586 BCE (vor Jesus,
→ Kalender) zerstört, und auch der Zweite Tempel (70 CE) –
in der Tat wird irgendwie jede Katastrophe, die das jüdische
Volk heimgesucht hat – und davon hat es viele gegeben –
diesem bedeutsamen Datum zugeschrieben, das in die Mitte
des Sommers fällt. Es mag nicht immer historisch streng genau
sein, aber symbolisch ist es bedeutsam.
Es ist Brauch, diese Tragödien zu betrauern – durch Fasten,
durch niedrige Sitzhaltung oder Sitzen auf dem Boden,
während das Buch der Klagelieder zusammen mit anderen
Gedichten und Totenklagen (»Kinot«) in der Synagoge gelesen
wird. Weil die Tragödien, derer gedacht wird, meist aus der
fernen Vergangenheit sind, wird neuerer Katastrophen an Jom
HaSchoa (→ Schoa) gedacht.
Frage 91

Was geschieht nach dem Tod?

Wir wissen es nicht. Das ist die beste Antwort, die der Autor je
gehört hat. Als er als Junge diese Frage seinem Rabbiner
stellte, bekam er die Antwort: »Wir wissen es nicht, niemand
ist zurückgekommen, um uns das zu sagen«. Dennoch gibt es
doch einen Glauben an ein Leben oder eine Existenz nach dem
Tode, aber es gibt keine systematische Struktur im Glauben an
verschiedene Formen von Himmel und Hölle. Es gibt auch
viele Juden, die diesen Glauben nicht teilen. Wer hat nun
recht? Genau das ist die Streitfrage: denn dies ist eine
Angelegenheit des Glaubens, nicht der Gewissheit.
Im Tanach (siehe → Bibel) lesen wir vage Hinweise auf ein
»Schlafen mit den Ahnen«. Saul bittet die »Hexe von Endor«,
Samuels Geist auferstehen zu lassen und Samuel ist sehr
verärgert darüber, gestört zu werden! Zur Zeit der Mischna
(Sammlung von Lehrsätzen der mündlichen → Tora, Talmud)
gab es das Konzept einer »künftigen Welt« (»Olam Haba«),
die nur diejenigen betreten würden, die dessen würdig waren.
Wahrscheinlich bedeutete dies, dass der Rest beim Tode
einfach ausgelöscht werden würde – wenn auch nicht
»verdammt«. Man findet poetische Anspielungen auf
gewaltige Bankette der Gerechten, aber in Wirklichkeit gibt es
nichts bei irgendeinem dieser verstreuten Hinweise, was als
eine richtige Darlegung dessen gelten kann, was uns erwartet,
wenn unser Erdenleben zu Ende gegangen ist. In der Liturgie
gibt es die Vorstellung, dass es ein »Gericht« geben wird und
dass man gezeigt bekommen wird, was man in seinem Leben
nun falsch gemacht hat. Aber es gibt keine schauerlichen
Beschreibungen von Strafen, nur des Bedauerns über verpasste
Gelegenheiten und eine Chance zur Buße.
Nach jüdischen Denken besitzen wir ein »Ruach« – welches
der Atem ist, der ein Lebewesen motiviert- und ein »Nefesch«,
welches die Lebenskraft ist, die uns antreibt- geradeso, wie
auch Tiere ein »Nefesch« besitzen. Und dann gibt es eine
»Neschama«, eine Seele, die uns gegeben wird – rein –, wenn
wir geboren werden, und die in einem so reinen Zustand wie
nur möglich zurückgegeben werden muss, wenn wir sterben.
Wenn der Atem den Körper verlässt und die Lebenskraft
allmählich dahinstirbt, bleibt daher die Neschama zurück und
lebt irgendwie fort in eine künftige Existenz hinein. (→
Begräbnis, Feuerbestattung, Tahara)
Frage 92

Was ist die Tora?

»Tora« ist ein hebräisches Wort, das übersetzt »Lehre« oder


»Unterweisung« bedeutet. Es wird benutzt, um entweder
spezifisch die ersten Fünf Bücher der Bibel zu bezeichnen oder
ganz allgemein, um die Lehre, die Religionsgesetze zu
beschreiben.
Die spezifische Bedeutung bezieht sich auf die Bücher
Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri und Deuteronomium, im
Deutschen auch einfach durch ihre Bezifferung bekannt,
»Erstes Buch Mose«, »Zweites Buch Mose« usw. Im
Hebräischen sind ihre Namen »Be-reschit« (»Am Anfang«);
»Schemot« (»Die Namen«); »Waijkra« (»Und Er Rief«);
»Bemidbar« (»In die Wüste«); »Dewarim« (»Wörter«). Die
hebräischen Namen sind keine Titel, sondern werden einfach
aus dem ersten Wort oder dem ersten bedeutungsvollen Wort
in jedem Buch gebildet. In der Synagoge wird jede Woche
nacheinander ein Abschnitt aus diesen Büchern gelesen, von
Anfang an mit Beginn im Herbst nach dem Fest »Simchat
Tora«, dem »Jubel (oder auch Freude) in der Tora«, bis zum
Ende am selben Zeitpunkt im folgenden Jahr. Abschnitte
werden auch an Festtagen und besonderen Tagen gelesen.
Das Erste Buch handelt von der frühen Geschichte – sogar
von der vorgeschichtlichen Zeit – der Israeliten und beginnt
mit zwei Berichten über die Schöpfung, das allmähliche
Wachstum von Gesellschaften, der Auswahl eines Mannes –
Abram, später Abraham – durch Gott, um die Botschaft von
der Alleinigkeit Gottes weiterzutragen, und der Geschichte von
der Dynastie, die er begründet – einer Dynastie, die innerhalb
von vier Generationen viele typische Familienprobleme und
Konflikte aufweist, während der Bund (hebräisch: »Brit«)
weitergegeben wird. Das Buch endet damit, wie Abrahams
Enkel und Urenkel das Land verlassen, das ihnen versprachen
worden war – wegen einer Hungersnot – und wie sie nach
Ägypten gehen.
Das Zweite Buch beschreibt, wie die Israeliten zuerst wie
eine besondere völkische Minderheit innerhalb der ägyptischen
Gesellschaft behandelt werden und dann nach einem Wechsel
des Regimes bedrängt, versklavt und beinahe ausgerottet
werden. Gott wählt daraufhin einen Mann als besonderen
Botschafter aus – Moses, der das Volk in die Freiheit führen
soll. Es folgt eine politische Schlacht mit dem ägyptischen
Monarchen, dem Pharao, bei der Gott eingreift, um die
Ägypter – letztlich – zu überzeugen, dass sie diese Sklaven
freilassen müssen. Die Israeliten dürfen in aller Eile das Land
verlassen – in Wirklichkeit werden sie vertrieben –, und
nachdem sie durch ein Wunder ein Meer durchquert haben,
gelangen sie in die Wildnis des Sinai. Hier hilft ihnen Gott mit
Nahrung und Wasser, und Moses wird auf den Berg im Sinai
einberufen (oder auf den Berg Sinai) und erhält Anweisungen
für die richtigen Verhaltensnormen ihrer Gesellschaft. Die
frisch befreiten Sklaven sind jedoch nicht in der Lage, diese
neuen Anforderungen zu verstehen, daher wird ein rituelles,
kultisches System beschrieben und befohlen. Hierdurch wird
Gottes Gegenwart in ihrer Gemeinschaft sichtbarer, nämlich
mit Hilfe eines Tempels, eines Altars, Priestern usw. – allesamt
nicht fest an einen Ort verankert, denn in diesem Stadium sind
die Israeliten noch Nomaden, die in der Wüste umherwandern.
Das Dritte Buch umfasst hauptsächlich das Büchlein mit
Anweisungen zum Gebrauch dieser kultischen Ausrüstung –
dem Tabernakel. Außerdem wann und wo und wie ein Opfer
dargebracht werden soll und was die Pflichten der Priester
sind. Es enthält auch Regeln über das moralische Verhalten für
das Volk, das versuchen soll, »heilig« oder »etwas
Besonderes« zu sein, eben gerade weil es nicht so unmoralisch
sein soll wie die übrige Bevölkerung der Welt! Schließlich hat
es Erfahrung damit, wie man sich fühlt, wenn man enteignet,
versklavt, zum Flüchtling wird… (Dieses Thema kehrt
wiederholt in der gesamten jüdischen Morallehre wieder.)
Das Vierte Buch kehrt zur Erzählung zurück und berichtet
über verschiedene Vorfälle, Schlachten und Abenteuer in der
Wüste. Obwohl ursprünglich geplant war, eine kurze Reise
(zurück) in das Gelobte Land zu machen, erweisen sich die
Israeliten als zu ängstlich, um ihre Befehle zum Einmarsch
auszuführen. Als Folge davon beschließt Gott zu warten, bis
eine neue Generation herangewachsen ist, die niemals die
Hilflosigkeit der Sklaverei erfahren hat, und die stark genug
sein wird, die Eroberung durchzuführen. In der Zwischenzeit
stirbt die ältere Generation, einschließlich der Schwester des
Moses, Miriam, und seines Bruders Aaron, des Priesters,
dessen Pflichten an seine Söhne weitergegeben werden. Moses
erfährt von Gott, dass auch er sterben wird, bevor das Volk das
Ende seiner Reise erreicht.
Das Fünfte Buch umfasst hauptsächlich Moses’
Abschiedsreden an die Israeliten. Im Bewusstsein, dass er bald
sterben wird, bemüht er sich, die neue Generation in ihrer
Geschichte zu unterweisen – nämlich was die Generation ihrer
Eltern erlitten und erfahren hat – und ihnen die Regeln zu
vermitteln, die sie zwecks einer gesunden Gesellschaft
befolgen müssen. Denn er weiß, dass er bald nicht mehr in der
Lage sein wird, dieses selber zu überwachen. Er ernennt Josua
zu seinem Nachfolger und zum Befehlshaber des Volkes, und
am Ende des Buches stirbt Moses. Er wird allein und
abgeschieden von Gott begraben. Die Geschichte geht im
Buche Josua weiter, das aber nicht in der Tora selbst
inbegriffen ist.
Die allgemeine Bedeutung des Wortes Tora beinhaltet die
Auslegung der Lehren – wenn ein Jude z. B. nach dem rechten
Weg fragt, etwas zu tun, dann könnte er fragen: »Wie steht die
Tora dazu?« oder »Was sagt uns die Tora über…?«. (→ Sefer
Tora)
Frage 93

Das Neujahrsfest der Bäume –


oder: Was ist Tu BiSchwat?

Das Neujahrsfest der Bäume ist ein nichtbiblischer


Halbfeiertag. Es gibt vier »Neue Jahre«, die in den Schriften
der Rabbiner erwähnt werden – eigentlich ist das nur auf den
ersten Blick eine eigenartige Idee, zumal wenn man bedenkt,
dass es in der modernen Gesellschaft mehrere neue Jahre für
Steuern, Schulen, das Alter von Autos usw. gibt. Der 15. Tag
des Monats Schewat (früh im Frühling) wurde als das Neue
Jahr für Bäume festgelegt. Von diesem Datum ausgehend
konnte man berechnen – gerade bevor die Blüte begann – wie
alt ein Baum war. Das war wichtig, da es in vergangenen
Zeiten Regeln gab, wie alt ein Baum sein sollte, bevor man
beginnen konnte, die Früchte zu pflücken. Denn von diesen
Früchten musste »ein Zehntel« an den Tempel abgeführt
werden.
Im Hebräischen gibt es keine Ziffern, nur Buchstaben, die
neben ihrem alphabetischen Wert auch einen numerischen
Wert haben. Auf hebräisch heißt »15«
»Jod plus He«, was zehn plus fünf bedeutet. Weil dies jedoch
wie einer der Namen Gottes aussieht, ist es gebräuchlich,
stattdessen »Tet« und »Waw« zu schreiben, was »neun plus
sechs« bedeutet – was mathematisch natürlich dasselbe ist,
aber einen anderen Klang ergibt, wenn man versucht, die
Kombination auszusprechen. Aus »Tet-Waw« wird »Tu«, und
der Name dieses Festes ist in der Tat gar kein Name, sondern
nur ein Datum – »der 15. Schewat«.
Heutzutage existiert das »Zehntel« nicht mehr, aber es ist
zum Brauch geworden, diesen Tag dadurch hervorzuheben,
dass man Früchte isst, die auf Bäumen gewachsen sind, und
vielleicht, indem man Bäume pflanzt – obwohl es in
Nordeuropa (im Gegensatz zu Israel) nicht die ideale Jahreszeit
dafür ist.
Frage 94

Was bedeutet es »rein« oder »unrein« zu sein?

Diese Ausdrücke werden viele Male in der Bibel und in


späteren Texten verwendet, und viele verstehen sie nicht.
Formal bedeuten sie nicht dasselbe wie »sauber« und
»schmutzig«. Wer »Tahor«, »rein«, ist, befindet sich in einem
geeigneten Zustand, seine oder ihre religiösen Pflichten zu
vollbringen, wer nicht »Tahor« ist, ist »Tamey« -»unsauber«,
»unrein«, und daher für seine Pflichten nicht geeignet, bis er
sich gewaschen hat. Die Texte erwähnen verschiedene
Kombinationen des Waschens der Person, der Kleidung, und
der Zeitspanne des Wartens, die von »bis zum selben Abend«
bis zu mehreren Tagen variieren.
Was steckt dahinter? Dahinter steckt das Konzept, das
jemand, der eine erschütternde Erfahrung gemacht hat, nicht in
einem geeigneten Zustand sein wird, sich zu konzentrieren und
sich mit bestimmten Ritualen zu befassen. Solche Ereignisse
können Berührung mit Blut einschließen oder einem Leichnam
oder einer Gewalttat oder eine unfreiwillige sexuelle Handlung
oder eine quälende Krankheit. Ein Priester kann eine Zeitlang
für weitere Aufgaben im Tempel ungeeignet werden, und zwar
gerade aufgrund der Aufgaben, die er gerade gehorsam
durchgeführt hat. Hieraus wird deutlich, dass wir nicht über
»Sünde« oder »Schuld« reden, sondern bloß über natürliche
Vorkommnisse. Eine Frau wird während und unmittelbar nach
ihrer Menstruation oder nach einer Geburt »unsauber« –
solange bis das Blut geflossen ist. Auch dies ist natürlich und
keine »Sünde«!
Die Tora legt bestimmte Rituale fest, wie man wieder »rein«
wird, von denen die meisten das Waschen in einer → Mikwe
einschließen – der körperliche Akt des Waschens in Wasser
dient dabei nicht nur dazu, irgendeinen bestimmten Schmutz
zu entfernen, sondern auch psychologisch die Seele von
irgendwelchen Gefühlen der Benachteiligung oder der
Unzulänglichkeit oder der Schuld oder der Abscheu vor sich
selbst zu reinigen und zu erleichtern und so die Person wieder
für ein vollwertiges soziales Leben geeignet zu machen. Es ist
der Geist, nicht so sehr der Körper, der gereinigt wird.
Frage 95

Vorurteile: Sind Juden normal?

Dies könnte nach einer dummen Frage aussehen – aber, da sie


in der Tat oft gestellt wird, lohnt es sich, sich in diesem Buch
mit ihr auseinander zu setzen. Die Antwort ist – für einige
wohl enttäuschend – JA.
Das heißt – Juden sind Menschen wie alle anderen auch. Die
meisten von ihnen haben die normale Anzahl von Augen,
Ohren, Beinen, Fingern…Sie haben keine → Hörner. Sie sind
keine Paarzeher. Nicht alle Juden können klug mit Geld
umgehen, nicht alle Juden sind reich, Juden steuern nicht die
Welt, die Medien, die internationalen Banken oder den
internationalen Waffenhandel noch sonst irgendetwas, von
dem paranoide und bemitleidenswerte Leute gerne träumen.
Sie haben dieselben Träume und Ängste wie jedermann sonst,
dieselben Hoffnungen für ihre Kinder, fühlen als Kranke
denselben Schmerz und leben im allgemeinen nicht allzu
anders als ihre Nachbarn, solange dies möglich ist. Natürlich
gibt es einige ausgeprägte Bräuche, Überzeugungen,
Nahrungsmittel, Gottesdienstbräuche – genau wie bei jeder
anderen Gruppe innerhalb jeder gemischten Kultur – aber
genau diese »Normalität« (die nichts mit »Integration« oder
»Assimilation« zu tun hat, sondern alles mit der einfachen
Tatsache, Angehörige derselben Art zu sein) ist es, die
außenstehende Beobachter oft verwirrt. Warum dies überhaupt
geschieht, sagt uns wohl mehr über die Beobachter als über die
von ihnen beobachteten Juden.
Frage 96

Noch mehr Vorurteile: Haben Juden Hörner?

Dies ist ein seltsamer Glaube, der auf eine einfache


Fehlübersetzung und ein Missverständnis zurückgeführt
werden kann – wie so viele solcher abergläubischer
Verirrungen. Die Tora beschreibt, wie Moses beim zweiten
Mal vom Berge Sinai herabkommt (Exodus 34:29-35) und wie
sein Gesicht dabei »leuchtete« – das Hebräische benutzt den
Ausdruck »Karan or Panaw«, der als »ein Lichtstrahl leuchtete
in sein Gesicht« oder »aus seinem Gesicht heraus« übersetzt
werden kann – aber das Wort »Keren« bedeutet auch »ein
Horn«, und daher übersetzen dies einige Bibeln als
»Lichthörner« – ebenso als »lange enge Form«. Das Ergebnis
sind Bilder, Kupferstiche, Statuen, die Moses mit zwei
Hörnern auf dem Kopf zeigen.
Die Moral dieser Geschichte ist, dass es immer besser ist, alte
Texte in der Originalsprache zu lesen, wenn das nur irgend
möglich ist, und, da dies für die meisten Menschen nicht
möglich ist, sollte man sich zumindest immer dessen bewusst
sein, dass jede Übersetzung nur etwas »Zweitbestes« ist, dass
ein gutes gelehrsames Wörterbuch abhängig vom
Zusammenhang und der verwendeten grammatischen Form
mehrere mögliche Übersetzungen gewisser Schlüsselwörter
angibt, und dass die Tatsache, dass so viele Übersetzungen
existieren, anzeigt, dass keine einzige völlig richtig ist.
Frage 97

Was ist der Zionismus? –


Eine (sehr) kurze Geschichte

Zionismus ist – sehr einfach gefasst – der Glaube, dass die


Juden ein normales Volk sind. Das heißt, sie sollten ihr eigenes
Land haben, ihre eigenen Führer und Regierung, ihre eigene
Fluggesellschaft, ihre eigene Armee, ihr eigenes
Wirtschaftssystem und ihre eigene Währung, ihre eigenen
Polizisten, ihr eigenes…normales Leben. Als Konzept
entwickelte sich der Nationalismus hauptsächlich im 19.
Jahrhundert und wurde bald von der parallelen Idee begleitet,
dass die eigene nationale Identität die einzige war, die zählte,
und dass man das Recht hatte, die nationale Identität aller
anderen zu unterdrücken, wenn es darum ging, den eigenen
Einfluss auszuweiten.
Für die Juden gab es gewisse grundsätzliche Probleme, die
von den meisten anderen nationalen Bewegungen nicht geteilt
wurden. Erstens besaßen sie zu der Zeit nicht das Land, das sie
zu ihrem eigenen machen wollten, oder lebten nicht darauf.
Tschechen oder Polen oder Deutsche oder Italiener lebten
normalerweise in den Gebieten, wo sie bleiben wollten –
obwohl sie ihre eigene nationale Identität durchsetzen und alle
ausländischen Besatzer hinauswerfen oder jeden
autokratischen Kleinherrscher absetzen wollten. Die Juden
waren über die ganze Welt zerstreut worden. Zweitens, obwohl
das Judentum über zwei Jahrtausende hinweg die Sehnsucht
nach einer Rückkehr nach »Zion« aufrechterhalten hatte, gab
es einige, die behaupteten, dass sich dies nicht auf eine
politische Wiederbegründung eines Staates bezog, sondern
mehr auf ein messianisches, theologisches, göttliches Ereignis.
Drittens hatten die Bedingungen jüdischen Lebens zur Folge,
dass es keine Erfahrung über Kriegführung mehr gab oder
etwa über Landgewinnung und Landwirtschaft – Fähigkeiten,
die diejenigen Pioniere ganz von vorne anfangen mussten zu
lernen, die begierig darauf waren, den Handel und das
intellektuelle Leben zurückzulassen und sich der harten Arbeit
zu widmen, Siedlungen in einem feindseligen
landwirtschaftlichen und politischen Klima aufzubauen.
Viertens empfanden viele Juden, nachdem sie so lange ohne
ihr eigenes Land gelebt hatten, dass sie sich an diese Idee
gewöhnt hatten und als Bürger der Staaten, in denen sie lebten
– Österreich, Frankreich, England usw. – vollständig zufrieden
sein konnten. So traf die politische Bewegung des
»Zionismus« sowohl auf innere als auch auf äußere
Opposition. Sie wurde im Wesentlichen von Theodor Herzl,
einem Wiener Journalisten, der 1896 einen ersten Kongress in
Basel einberief, angeregt und begründet. Sogar heute noch
wäre es ein Fehler anzunehmen, dass alle Juden Zionisten sind
(oder dass alle Zionisten Juden sind).
Aber Herzl war durch die politische Wirklichkeit seiner Zeit
zu der Idee getrieben worden, die so aussah, dass Juden nicht
mit vollständiger Gleichberechtigung und Würde behandelt
wurden, nicht einmal in aufgeklärten westeuropäischen
Staaten, geschweige denn im abgekapselten und nicht
welfoffenen Osteuropa. Und diese politische Wirklichkeit ließ
die Idee, einen eigenen Staat aufzubauen, wo Juden Juden sein
konnten anstatt Sklaven oder Schlimmeres, einem großen Teil
des Volkes sehr attraktiv erscheinen. Der Fortschritt war
schwierig, das Land war rückständig, mit wenig Infrastruktur,
beherrscht von im Ausland lebenden türkischen
Grundbesitzern, die manchmal bereit waren zu verkaufen, aber
gewöhnlich nur Land schlechter Qualität. Organisationen wie
zum Beispiel der »Jewish National Fund« oder »Keren
HaYesod« wurden gegründet, um die Mittel aufzubringen, die
es Kolonisten ermöglichten, Land zu kaufen und zu entwickeln
– Sümpfe trockenzulegen, Bewässerung zu beschaffen, das
Land ins Leben zurückzubringen. Alte Fotos enthüllen, wie
sehr diese Gegend leer und öde war. Während des 1.
Weltkriegs wurde das Land (wieder) ein Schlachtfeld, diesmal
zwischen den Türken (mit deutschen Verbündeten) und den
Engländern. Politische Schachzüge (außerhalb der Kontrolle
der jüdischen Siedler) führten zu einer Serie widersprüchlicher
Versprechen, zur Vergabe eines Mandats, das Land zu
regieren, durch den neuen Völkerbund an die Engländer, zur
Teilung des Landes in »Palästina« und »Transjordanien« im
Jahre 1920, und dann zu einem anschwellenden Gefühl der
Frustration und Verzweiflung, als während der Zwanziger und
Dreißiger Jahre zuerst die jüdische Einwanderung erschwert
wurde und dann die arabische Einwanderung anstieg und der
Kampf um die Kontrolle des Landes sich verstärkte. (Von
1936 bis 1939 gab es effektiv einen Bürgerkrieg, bekannt als
der »Arabische Aufstand«, den die Briten nur sehr schwer
unter Kontrolle halten konnten.) Weil die Lage der Juden in
Europa fortschreitend schlimmer wurde, fügten die
Einwanderungsbeschränkungen der zionistischen Entwicklung
und den Hoffnungen (und dem Leben) derjenigen, die aus
diesem Kontinent fliehen wollten, schwere Schläge zu.
Nichtsdestoweniger unterstützte die zionistische Organisation
(bekannt als der »Jischuw«, die »Siedlung«) die
englische/alliierte Seite während des Zweiten Weltkrieges,
während die Araber insgesamt die Achsenmächte
unterstützten.
Nach dem Sieg der Alliierten im Jahre 1945, und als das
ganze Ausmaß der in Europa geschehenen Schrecken bekannt
wurde, nahmen die Juden an, dass die Einwanderung der
Überlebenden aus ihren Internierungslagern gestattet würde,
und sie waren aufgebracht, als England stattdessen einen
politischen Kurs verfolgte, der nur darauf ausgerichtet war,
britische Wirtschaftsinteressen in der arabischen Welt zu
unterstützen – bezüglich Öl, Suezkanal, Verhinderung
russischen Einflusses und dergleichen. Dies hatte eine noch
stärkere Einschränkung der Einwanderung zur Folge! Ein
Bürgerkrieg brach aus, der darin gipfelte, dass die Vereinten
Nationen vorschlugen, den restlichen Teil von Palästina »ab
zuteilen« und in jüdische und arabische Gebiete zu teilen. Dies
wurde vom Jischuw widerstrebend akzeptiert, aber von den
Arabern abgelehnt. Die Engländer erklärten im Jahre 1947,
dass sie im Frühjahr 1948 abziehen würden, und am 14. Mai
1948 verließen sie offiziell den größten Teil Palästinas (sie
blieben noch 6 Wochen im Gebiet von Haifa), und die
Jischuw-Führung rief formell einen unabhängigen Staat Israel
aus.
Seit damals – und nach mehreren Kriegen, von denen die
meisten Israel aufgezwungen wurden, ist viel über die Rolle
des Zionismus diskutiert worden. Da der Staat existiert, ist er
weniger eine Bewegung zur Schaffung eines Staates und mehr
eine Ideologie zur Bewahrung des Staates und seiner
wichtigsten Werte geworden.
Frage 98

Eine sichtbare Erinnerung an Gottes Wort –


oder: Was sind Zizit?

Es gibt ein Gebot in der Tora (Numeri 15:37-41) »an den


Ecken eurer Kleider Quasten« zu tragen. Dies sollte als eine
sichtbare Erinnerung dienen. Der hebräische Ausdruck ist
»Zizit«, der jiddische »Tzitzes«. In den Tagen, als die
Menschen Kleider trugen, die aus großen Quadraten oder
Rechtecken von Tuch gebildet wurden, konnte so etwas
vergleichsweise leicht eingerichtet werden. Heutzutage ist
unsere Kleidung komplexer, mit Ärmeln, Öffnungen,
besonderer Ausfütterung, Kragen usw. – die Ecken sind
schwieriger zu finden.
Die Folge ist, dass diejenigen, die weiterhin diesem Gebot zu
gehorchen wünschen, gezwungen sind, Extra-Kleidungsstücke
besonderer Art zu tragen – entweder zum Gebet (in welchem
Falle es ein »Tallit« heißt) oder zum normalen Tragen ein
kleineres Umhängetuch mit einem Loch für den Kopf –
genannt ein »Tallit katan«. Während der Taliit blau und weiß
sein soll, kann der Tallit katan einfach nur weiß sein. Er wird
normalerweise unter der normalen Kleidung getragen,
wohingegen ein Gebets-Tallit normalerweise darüber getragen
wird.
Der Tallit katan wird manchmal – besonders von den
Ultraorthodoxen in Israel – als separates Kleidungsstück unter
ihren Mänteln, aber über ihren Hemden getragen. In diesen
Fällen sind die Quasten sichtbar. In anderen Fällen sind sie
gewöhnlich nicht sichtbar, aber der Träger ist sich ihrer bewußt
– was natürlich der ganze Zweck der Übung ist. Die Quasten
sollen als eine Erinnerung an Gottes Wort dienen – eine
Erinnerung, dass es die Mizwot (→ Mizwa) gibt, denen man
gehorchen soll.
Frage 99

Zum Schluss: Was bedeutet Schalom?

Dieses Wort kennt beinahe jeder. Es wird als eine Grußformel


verwendet, sowohl beim Zusammentreffen mit jemandem als
auch beim Auseinandergehen. Es kann verwendet werden, um
Briefe so zu beginnen oder so zu beenden. Gebete um Schalom
erfüllen die jüdische Liturgie.
Abgeleitet von den drei hebräischen Buchstaben »Sch’l’m«
als Wurzel, ist seine wirkliche Bedeutung formal »Ganzheit«
oder »Vollständigkeit«! Eine Angelegenheit, die »Schalem«
ist, ist beendet, vollendet, ganz. Das Wort wird in der
Bedeutung »bezahlen« – »leschalem« – verwendet, weil eine
Transaktion vollendet ist, wenn ein Käufer den Verkäufer
bezahlt. Friede ist jener Zustand, wenn jede Seite sich ganz
und unbedroht fühlt – bis jener Zustand erreicht ist, mag die
eine Seite die andere beherrschen, oder beide Seiten mögen
sich auf einen Waffenstillstand einigen und sich auf feindselige
Weise anstarren, aber es gibt keine »Vollendung«, die beiden
Seiten erlaubt, sich zu entspannen und sich mit anderen
konstruktiveren Angelegenheiten zu befassen.
Aber es ist auch ein gutes Wort, mit dem dieses Buch zu
Ende geht – als Zeichen, dass es beendet ist und als ein
Lebewohl an den Leser.

Schalom!