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BERICHTE UND DISKUSSIONEN

Immanuel Kant: „Über die Heilung des Körpers,


soweit sie Sache der Philosophen ist."1
Und: Woran starb Moses Mendelssohn?
von Reinhard Brandt, Marburg

Präambel

Im folgenden wird die nach meiner Kenntnis erste deutsche Übersetzung von
Kants Manuskript bzw. seinen Notaten zur Rede: „De Medicina Corporis, quae
Philosophorum est" gebracht.2 Kant hielt diese Rede „sehr wahrscheinlich"3 anläß-
1
Es wird der von Erich Adickes edierte Text Kant 1900ff., XV 939-951 (Refl. 1526) zu-
grunde gelegt. — Herrn Dr. Achim Heinrichs (Marburg) danke ich für die Durchsicht meiner
Übersetzung. Herrn Dr. Werner Euler (Marburg) danke ich für die Anregung zu dieser Arbeit
und für Informationen aus seinem Manuskript „Kants Amtstätigkeit" (demnächst in den
Kant-Forschungen). — Bei Verweisen auf die Anthropologie in pragmatischer Hinsicht
(1798) s. jeweils den Kommentar zu den Stellen in Brandt 1999. — „Medicina", aus dem
ursprünglichen „regimine" verbessert. Die Titelformulierung ist vorgegeben durch Hierony-
mus D. Gaubius, der zwei Reden mit dem Titel „De Regimine Mentis quod Medicorum
est" (1747 und 1763, gedruckt 1763) hielt, von Kant aufgenommen u. a. XV 946,7: „Regi-
men mentis, quod Medicorum est" und als Kontrapunkt „Regimen Corporis, quod philoso-
phorum est" (XV 948,5). Für die Titeländerung („medicina" statt „regimen") ist an folgen-
des zu erinnern: Kant notierte nach 1775 in seinen Logik-Reflexionen: „Pharus intellectus.
Medicina mentis et corporis" (XVI 50,9). Vgl. dazu die Aufschlüsselung von Adickes. Außer
auf Johann Albrecht Gesner und Ehrenfried W. von Tschirnhaus läßt sich noch auf Joachim
Lange (1670—1718) verweisen, der 1718 in Halle eine Logik unter dem Titel Medicina
Menüs publizierte (s. Risse 1965, 189). Lange war Kant aus seiner Schulzeit vertraut, s.
Klemme 1994, 129, s. v. „Lange". — Es ist daran zu erinnern, daß die Amtszeit des Rektors
nicht ein Jahr, sondern ein Semester dauerte.
2
Eine englische Fassung stammt von Mary J. Gregor, Kant 1992. „There are no translations
into modern languages." (Kant 1992, 192)
3
So Adickes XV 938,13. Adickes hält auch den 4. Oktober 1788 (Niederlegung des zweiten
Rektorats) für ein mögliches Datum. Der Grund jedoch, die Randnotiz „Huttenii Epist. In
Erasmum" (XV 946,5 und Adickes' Anmerkung), kann nicht überzeugen, denn der von
Adickes herangezogene 1787 edierte Brief hat, wie auch Adickes schreibt, mit den Kanti-
schen Ausführungen nichts zu tun. Die Erörterung des Todes Moses Mendelssohns ist in
einer öffentlichen Rede dagegen nur im Jahr 1786 sinnvoll, nicht jedoch zwei Jahre später.
Man muß daher annehmen, daß Kant die Randnotiz, wenn sie denn auf die Publikation von
1787 zu beziehen ist, 1787 oder später eintrug. Auffällig ist, daß sie auf Lateinisch gefaßt

Kant-Studien 90. Jahrg., S. 354-366


© Walter de Gruyter 1999
ISSN 0022-8877
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Immanuel Kant: „Über die Heilung des Körpers" 355

lieh der Niederlegung4 seines ersten Rektorats am 1. 10. 1786. In den Ausführungen
verbinden sich zwei Hauptlinien, die jede für sich einer ausführlichen Kommentie-
rung bedürfte. Einerseits spricht Kant zum Streit zweier Fakultäten, der medizini-
schen und der philosophischen. Er greift damit das komplexe Thema der Psychoso-
matik auf und versucht, die Grenzen von Seele und Leib in diätetischer Hinsicht
und der unterschiedlichen Kompetenz von Philosophie und Medizin näher zu be-
stimmen. Die Rede greift das schon Platon geläufige Thema der Verwandtschaft des
Arztes und des Philosophen, des Seelen- und des Körperarztes auf. Zum anderen
flicht Kant eine Stellungnahme zum Tode Moses Mendelssohns ein. Das plötzliche
Ableben Mendelssohns am 4. Januar 1786 fand ein intensives publizistisches Echo,
weil er mit dem brisanten Thema des Lessingschen Spinozismus und mit der Frage
des Spinozismus überhaupt verbunden wurde.5 Kant war nolens volens sogleich
in die Diskussion schon dadurch geraten, daß Christian Gottfried Schütz in der
Allgemeinen Literatur Zeitung vom 2. bis 9. Januar die Mendelssohnschen Morgen-
stunden positiv (trotz seiner kritischen Bedenken)6 rezensierte und einen Brief
Kants, wenn auch anonym, einrückte. Am 11. Februar nahm Schütz zu Friedrich
Heinrich Jacobis Über die Lehre des Spinoza in Briefen an den Herrn Moses Men-
delssohn (1785) Stellung und bestritt die Nähe der Philosophie Kants und der Spino-
zas. Ebenfalls noch im Januar 1786 publizierte Johann Jakob Engel postum Men-
delssohns Jacobireplik An die Freunde Lessings',7 in der Vorrede beschuldigte Engel
implizit Jacobi, den Tod Mendelssohns verursacht zu haben. Am 27. Februar
schrieb Marcus Herz Kant einen Brief, in dem wohl eher zufällig die beiden Themen
der Rektoratsrede nebeneinander stehen: „[...] ich liebe das Umherwandeln in den
Gränzörtern der beyden Länder, der Philosophie und der Medizin, und habe meine
Freude daran, wenn ich da Vorschläge und Einrichtungen zu Gemeinregirungen
entwerfen kann. [...] Was sagen Sie denn zu dem Aufruhr der seit und über Moses
Tod unter Predigern und Genies, Teufelsbannern und possigten Dichtern, Schwär-

ist; wenn nicht die lateinische „Ulrichi ab Hütten cum Erasmo Roterdamo expostulatio"
(zuerst 1523) gemeint ist, sondern das deutsche Schreiben von 1787, so hat Kant vermutlich
nicht einfach ein freies Stück Papier benutzt, wie er es häufig tut, sondern die Notiz hier
eingetragen, weil er bei einer etwaigen Veröffentlichung einen Zusammenhang herstellen
wollte. — Unser „sehr wahrscheinlich" zitiert Adickes und bezieht sich auf die Frage, ob
der Text überhaupt das Manuskript zu einer der beiden Rektoratsreden darstellt; ich meine
mit dem „sehr wahrscheinlich" also nicht, daß, wenn Rektoratsrede, auch 1788 in Frage
kommt. Gregor 1992, 185 plädiert dagegen für 1788, „if a jotting on one of the manuscript
sheets refers to a letter from Hütten to Erasmus which had been first published in 1787."
Gregor referiert einfach Adickes.
4
Vgl. Reicke 1881, 300 Anm. 19.
5
Vgl. die Dokumentation Tavoilloz 1995, bes. die Zusammenstellung der einschlägigen Publi-
kationen vom September 1785 bis zum Oktober 1786 S. 404—406. S. auch die Informatio-
nen, die Rose Burger und Paul Menzer XIII 162—165 zusammenstellen.
6
Vgl. den Brief von Schütz an Kant vom Ende November 1785; Kant 1900ff., X 428-429.
7
Mendelssohn 1786; ohne die Einleitung von Engel ist die Schrift abgedruckt in: Mendelssohn
1971 ff., 177-218. Einen Textauszug der Einleitung mit Paraphrasen bringt Adickes XV
941,19-942,29.

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356 Reinhard Brandt

mern und Musikanten begint, zu dem der GeheimRath zu Pimplendorf das Zeichen
gab? Wenn doch ein Mann wie Sie diesem lumpigten Schwärm ein einziges ernsthaf-
tes: stille da!: zuriefe; ich wette, er würde zerstreut wie Spreu vom Winde." (X
431,32—432,11). Aber Kant selbst hatte das Geist-Körper-Thema mit Blick auf
Mendelssohn schon in einem Brief vom 11. Mai 1781 an Marcus Herz, seinen Schü-
ler und Mendelssohns Arzt, angesprochen: „Daß Herr Mendelssohn mein Buch [die
Kritik der reinen Vernunft] zur Seite gelegt habe ist mir sehr unangenehm aber ich
hoffe daß es nicht auf immer geschehen seyn werde. [...] Ich bitte nebst meiner
großen Empfelung ihm doch eine diätetische Beobachtung mitzutheilen die ich an
mir selbst gemacht habe und von der ich glaube daß sie bei der Ähnlichkeit der
Studien und zum Theil daraus entsprungenen schwächlichen Gesundheit vielleicht
dazu dienen könnte der gelehrten Welt einen so vortreflichen Mann wieder zu geben
der sich mit Recht so lange entzieht als er findet daß dergleichen Beschäftigung mit
seiner Gesundheit nicht zusammen bestehen will." (X 270,7—19)8 Die Ratschläge
beziehen sich auf die Form der Beschäftigung im Tagesverlauf. Spätestens durch die
Engeische Vorrede und den hinzugefügten Arztbericht von Marcus Herz war Kant
über die mißlichen Eßgewohnheiten Mendelssohns informiert; Krankheit und Tod
rührten also vermutlich von Mendelssohns unvernünftiger Eßweise. Kant schrieb
eine vom 4. August 1786 datierte Vorrede zu Ludwig Heinrich Jakobs Prüfung der
Mendelssohnschen Morgenstunden oder aller spekulativen Beweise für das Dasein
Gottes in Vorlesungen (VIII 149—155). Johann Erich Biester bat Kant am 11. Juni
1786, eine Stellungnahme zur Auseinandersetzung um Jacobi und Mendelssohn für
die Berlinische Monatsschrift zu verfassen. (X 453—458; dort 456) Am 8. August
bestätigte er den Empfang der kurzen Schrift, die im Oktober 1786 unter dem Titel
„Was heißt: Sich im Denken orientieren?" (VIII 131-147) erschien.9
Die Rektoratsrede nimmt einen Teilaspekt dieser Auseinandersetzungen auf. Sie
rubriziert den Fall Mendelssohn nicht unter ein philosophisches Stichwort wie „Spi-
nozismusstreit", sondern „falsche Eßgewohnheit". Sie bildet damit eine Brücke zum
Kapitel „Von dem höchsten moralisch-physischen Gut" in der Anthropologie von
1798 (VII 277-282). Vielleicht zielt dessen Schlußsatz noch auf Mendelssohn, daß
die „Pleischestödtung des Anachoreten ohne gesellschaftliches Wohlleben" eine ver-
zerrte Gestalt der Tugend sei und „für diese nicht einladend; sondern, von den
Grazien verlassen", könne „sie auf Humanität nicht Anspruch machen." (VII
282,6—9) Kant nimmt zugleich ein altes Motiv auf, das für uns spätestens mit dem
„Versuch über die Krankheiten des Kopfes", also 1764, greifbar wird. Voltaire sagt
irgendwo, er gäbe hundert Jahre Unsterblichkeit für einen Tag mit guter Verdauung,
und Kant bekennt am Schluß seines „Versuches", er habe zwar von den Krankheiten
des Kopfes und des Herzens gehandelt, aber am Ende sei alles ein Problem der
Verdauung: „Ich habe auch nur auf die Erscheinungen derselben [sc. der Krankhei-

8
Vgl. dazu Mendelssohns eigene Äußerung im Brief vom 10. April 1783 (X 308); Altmann
1973, 674-675.
9
Vgl. Altmann 1973, 750-775.

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Immanuel Kant: „Über die Heilung des Körpers" 357

ten] im Gemüthe acht gehabt, ohne die Wurzel derselben ausspähen zu wollen, die
eigentlich wohl im Körper liegt und zwar ihren Hauptsitz mehr in den Verdauungs-
theilen, als im Gehirne haben mag, wie die beliebte Wochenschrift, die unter dem
Namen des Arztes wohlbekannt ist, es im 150, 151, 152ten Stücke wahrscheinlich
darthut.10 Ich kann mich sogar auf keine Weise überreden: daß die Störung des
Gemüths, wie man gemeiniglich glaubt, aus Hochmuth, Liebe, aus gar zu starkem
Nachsinnen11 und wer weiß, was für einem Mißbrauch der Seelenkräfte entspringen
solle. [...] Wenn man nur ein wenig auf die Beispiele acht hat, so wird man gewahr,
daß zuerst der Körper leide, [...]." (II 270,20-33) Eine typisch Kantische Reduk-
tionsformel, die er für empirisch gestützt hält, halb ernst, halb im Scherz: Der Geist
am Ende das Epiphänomen seines Körpers? Der Mensch denkt, der Körper bzw. die
Natur lenkt — „[...] und so endigt die Mahlzeit mit Lachen-, welches, wenn es laut
und gutmüthig ist, die Natur durch Bewegung des Zwergfells und der Eingeweide
ganz eigentlich für den Magen zur Verdauung als zum körperlichen Wohlbefinden
bestimmt hat; indessen daß die Theilnehmer am Gastmahl, Wunder wie viel! Gei-
stescultur in einer Absicht der Natur zu finden wähnten." (VII 281,3 — 8) Kants
These in der Rektoratsrede besagt, daß Mendelssohns Tod ein Problem der Verdau-
ung und der falschen Diät war, die Philosophie hatte mit dem Tod nichts zu tun.
Die Rede wurde am 1. Oktober 1786 gehalten. Friedrich II. war am 17. August
1786 in Potsdam gestorben. Wie würde das Regiment seines Nachfolgers aussehen?
Friedrichs Vater, Friedrich Wilhelm L, war den diabolischen Einflüsterungen der
Pietisten erlegen und hatte Christian Wolff aus Halle gejagt, binnen 24 Stunden,
sonst würde er hängen. Wolff entschied sich dann doch für Marburg. Was kam
jetzt?12 Friedrich Heinrich Jacobi, der elegante Glaubensmann, hatte die Fackel
entzündet, mit der die Hof camarilla wenn nicht die Menschen-, so doch die Bücher-
verbrennung beginnen konnte: Lessing ein Spinozist, d. h. ein Atheist. Und die übri-
gen Aufklärer? Und Kant? Er hatte einen Amtseid auf die „Confessio Augustana"
geschworen: „Ego [...] teste DEO juro, [...] nullas fanaticas opiniones ac sectas sive
Anabaptistarum, sive Sacramentariorum, sive aliorum quorumcunque hie probatu-
rum ac defensurum esse. Quinimo me amplecturum veram ac puram Evangelii Doc-
trinam [,..]."13 Wenn man ihm Atheismus nachwies, konnte ihm das Schicksal
Christian Wolffs drohen. Der letzte Satz, den Kant für die Rede notiert zu haben
scheint, beschwört den eigenen Anti-Spinozismus: Nicht „hen kai pan", kein „deus
sive natura", Welt und Gott sind nicht eins — „Jedes reißt alles andere herum und

10
Dazu die Information der Akademie-Ausgabe II490: „Der Arzt. Eine medicinische Wochen-
schrift, Hamburg, VI. Theil 1761. Sie wurde verfaßt und herausgegeben von Joh. Aug.
Unzer zu Altona." (Folgt Angabe der Titel der von Kant aufgezählten Stücke). Vgl. dazu
Bilger 1990. — Zu Kants eigenen Verdauungsproblemen vgl. die (allerdings nur flüchtigen)
Hinweise bei König 1954, 145-146.
11
So auch in der Anthropologie von 1798 S 53; VII 217,19-218,10.
12
Vgl. Beiser 1987, 114-115.
13
Zit. nach Arnoldt 1746, I 142 („Beylagen Nr. 47: Statuta acad. regiomont. de 1554
Cap. VII"). S. auch S. 190.

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358 Reinhard Brandt

wird von ihm wiederum fortgerissen. Nur der Gründer und Erhalter von allem ist
Urheber des Systems, nicht Teil." Gott ist nicht mit der Welt identisch, wird den
neuen gefährlichen Herrschern in Berlin bedeutet. Hermann Andreas Pistorius hatte
in seiner Rezension von Johannes Schultz' Erläuterungen über des Herrn Professor
Kants Kritik der reinen Vernunft (1784) vom März 1786 in der Allgemeinen deut-
schen Bibliothek (LXVI, 92—123) überlegt, ob denn das Kantische System wirklich
spinozismusresistent sei (97—98). Ein für Kant nicht ungefährlicher Hinweis.
Liest man die Schlußpassage des ebenfalls im Oktober 1786 publizierten Aufsat-
zes „Was heißt: Sich im Denken orientieren?" (VIII 144—147) mit dem ungewöhnli-
chen Aufruf: „Männer von Geistesfähigkeiten und erweiterten Gesinnungen!" (VIII
144,8), so sieht man, daß Kant die Intellektuellen davor warnt, das neuerwachte
Monstrum nicht zu reizen, sondern solidarisch und klug die Aufklärung zu erhalten,
die Denk- und Rede- und Druckfreiheit, die die Auseinandersetzung allererst ermög-
licht.

Text

[939] „Es ist dafür zu sorgen, daß ein gesunder Geist in einem gesunden Körper
sei."14 Bei dieser Wechselbeziehung15 ist es Sache der Mediziner, dem kranken Geist
durch die Heilung des Körpers zu helfen, Sache der Philosophen ist es jedoch, dem
bedrängten Körper durch die Beherrschung des Geistes zu helfen. [940] Zunächst
ist es ja sogar den Triefäugigen und den Bartscherern16 völlig klar, wie große Kraft
dem Geiste innewohnt, die vitalen Bewegungen zu fördern oder auch zu hindern,
besonders bei den Affekten. Hierher gehört der Lebensimpuls des Hippokrates.17
Wir nun nehmen hier nur dasjenige in Betracht, was auf Dauer geschieht, nicht was
als außerordentlicher Zustand die Natur gewissermaßen erschüttert, und was zum
Leben als notwendig befunden wird. Da ist zuerst die Einbildungskraft, die im
Schlaf den Körperbau in einer Lebenserregung erhalten soll18 und ihn beim Wachzu-
stand allein durch Überlegung schwächen kann.19 So erweist sich die Einbildungs-
kraft durch die Geistesbewegung beim Plaudern als eine freundliche Einhilfe für
den Magen, wir können seine Lebenskraft unterstützen und umgekehrt dadurch,
daß wir während des Mahles nachdenken, Kräfte von ihm abziehen.

14
Nach Juvenal, Saturae 10, 356: „Orandum est ut sit mens sana in corpore sano."
15
Das Wort „commercium" verweist auf die Körper-Geist-Beziehung; vgl. Wolff 1738, 711 —
720 (Psychologia empirica II 2, 3: „De commercio inter mentem et corpus") und Baumgar-
ten 1779, 289—292 (Metaphysica III l, 22: „Commercium animae et corporis").
16
Horaz, Saturae I 7,3: „Opinor omnibus et lippis notum et tonsoribus esse."
17
„Impetum faciens" ist die Übersetzung des „enhormon"; s. Adickes' Anmerkung.
18
Vgl. in der Anthropologie in pragmatischer Hinsicht §37; Kant 1900ff., VII 190,3-6;
32-34; s. a. 106,2-8.
19
Dies letztere wird der Fall Mendelssohns sein, wie sich im folgenden zeigt.

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Immanuel Kant: „Über die Heilung des Körpers" 359

Die Apathie ((der heitere Geist) sieht unter seinen Füßen die Wolken und tritt auf
die rauhen Gewitter)20, soweit sie in der Freiheit von den Neigungen des Geistes
besteht, die zu Recht Leidenschaften genannt werden, die an den Eingeweiden nagen
und sie verzehren und die die Lebenskraft gleichsam mit Fesseln einengen, die ist
als solche aufs höchste zu empfehlen. Ganz anders muß man jene inneren Bewegun-
gen des Geistes beurteilen, die Affekte genannt werden21 und die mit einem gewis-
sen Impuls den Körper in gleicher Weise erschüttern und die, wenn sie nicht bis zur
Zügellosigkeit angespannt werden, durchaus gesund sein können. Die Affekte der
Freude, der Entrüstung, die in die Unterhaltung eine gewisse Hitze einfließen läßt,
die Bewunderung, ein gewisser Wechsel von Furcht und Hoffnung so wie es bei den
Spielen geschieht, die obwohl sie einen gewissen Anschein der willkommenen Muße
vor sich hertragen (vortäuschen), dazu eingerichtet, die Zeit zu vertreiben,22 doch
offen nach Gewinnsucht riechen und viel beitragen zur Bewegung eines kränkelnden
Körpers.23 Dies geschieht besonders deswegen, weil der Geist, wenn er auf keinen
besonderen Gegenstand fixiert ist, große Teile des Körpers mit schneller Bewegung
durchstreift und diese ihm selbst nicht das geringste ausmacht.
[941] Ein Philosoph ist, wer um der Pflege der Vernunft willen den Geist den Dingen
zuwendet und, nachdem er diesen Genuß gleichsam wie eine Lotusfrucht ge-
schmeckt hat, alle sinnlichen Verlockungen und Begierden verachtet. Aber da wir
nun einmal den strengen bürgerlichen Pflichten unterliegen, können wir uns ihr nur
in der Muße widmen und ihre Gärten kultivieren, uns aber nicht mit ihr wie mit
einem Geschäft belasten. Aber auch der Körper beschwert den von gestrigen Fehlern
belasteten Geist zugleich und heftet den Funken der göttlichen Aura am Boden fest.
Daher muß gerade der Philosoph seinen Körper disziplinieren, und zwar nicht aus
der Kenntnis des körperlichen Mechanismus, sondern aus der Erfahrung eben des
Erkennens. Die Anhänger des großen Mendelssohn geben die Schuld an seinem Tod
bald dem einen bald dem anderen Gelehrten, die mit ihm stritten [942]. — Nach
meinem Urteil freilich kann man wohl niemanden eines so schrecklichen Verbre-
chens bezichtigen, sondern die Lebensweise des teuersten Mannes selber ist an sei-
nem Tod schuld. Obwohl es nämlich zur Verlängerung der Lebenszeit wenig hilf-
reich ist, die Haut zu pflegen24 und Beschwerlichkeiten aus dem Weg zu gehen, so
verzehrt auf der ändern Seite die zu strenge Zucht des Körpers und die festgeschrie-
bene Mäßigung unseres Geistes, der hierbei eher ein harter und unkultivierter Herr
ist als ein Freund und dem Körper zugetaner Genösse, die Kräfte des Körpers spür-

20
Nach Adickes ein Zitat aus Claudius Claudianus, Panegyris de PL Mallii Theodori consu-
latu (Vs. 210).
21
Zur Unterscheidung von Leidenschaft und Affekt vgl. in der Anthropologie §61; Kant
1900ff., VII 235,14-20 mit Kommentar.
22
„ad fallendum tempus instituti"; vgl. Anthropologie § 14; Kant 1900 ff., VII 152,5: „tempus
fallere".
23
Zur „Motion", die z. B. durch Kartenspielen verursacht wird, vgl. XXV 381 mit Anmer-
kung 185.
24
Die gleiche Redeweise 947,19.

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360 Reinhard Brandt

bar (zu schnell). Hierher gehört auch besonders eine allzu starke, gewissermaßen
Maßlosigkeit in der Enthaltsamkeit nur wegen einiger Unbequemlichkeiten, die den
vollen Magen zu begleiten pflegen, so daß er bei dauerndem Hunger und mit dem
Naturinstinkt in Konflikt liegend, ein Prasser nur in Meditationen einer harten For-
schung, schließlich wie eine Laterne, die kein Öl mehr erhält, unter Entbehrung
dessen, was seiner Natur notwendig zukommt, endlich aufzugeben gezwungen ist.
Meine Meinung ist dagegen, daß man wenigstens bei einer Mahlzeit Nahrung bis
zur Sättigung zu sich nimmt und die Beschwerlichkeiten, die daraus entstehen, er-
trägt, bis der Körper eine größere Stärke erlangt hat.
g-Zusätze:
z. 16—18: [Bei denen von Fanatikern [gewissen einer Seele Seele eines Geistes der
aus seinem Platz verrückt ist] gebannt durch die Spiele leerer Vorstellungen25, was
den Fanatikern geschieht oder sie sind erregt durch schreckerregende Lügengebilde,
z. 19 [Bei vielen, deren Geist aus seinem Sitz verrückt ist]
Zeile 20 ff.: Bei sehr vielen Geisteskrankheiten, wo die zügellose Einbildungskraft
entweder große und nie gehörte Töne [943] erschallen läßt oder wo sie durch
Krankheit niedergedrückt zutiefst unter leeren Schreckgespinsten leidet, da ist es
besser, jemanden zur Ader zu lassen, als seinen aus seinem Platz verrückten Geist
mit Argumenten zur Besserung führen zu wollen, und für viele Rasende ist es besser,
die Nieswurz26 anzuwenden, als die gesunde Vernunft als Ärztin heranzuziehen.27
Zusatz g (Zeile 6): Damit wir besser zu unserem Ziele gelangen, ist nach meiner
Meinung besonders darauf zu achten, daß Ärzte oder Philosophen nicht auf einem
Wege, der der Natur der Dinge vollkommen widerspricht, vorangehen und dabei
die Grenzmauer ihres eigentlichen Berufs überspringen und sie, gleichsam von Viel-
geschäftigkeit hingerissen, der Philosoph den Arzt und der Arzt den Philosophen,
spielen zu wollen scheint. Die Grenzen aber sind jedem der beiden zweifellos so
aufgestellt, daß es dem Arzt zukommt, dem kranken Geist Hilfe zu bringen durch
Mittel, die auf den Körper angewendet werden, dem Philosophen jedoch dem kran-
ken Körper durch Beeinflussung des Geistes zu helfen.
S. II:
Es ist die Frage, ob die Medizin beim Menschen in gleicher Weise angewendet wer-
den soll wie die Kunst beim knechtischen Vieh, die Kunst, die die veterinarische
genannt wird. Diejenigen, die einer Medizin als bloßer mechanischer Kunst folgen
wie diejenigen Ärzte, die aus der Schule von Hoff mann 28 hervorgegangen sind, die
treten für das letztere ein, nämlich soweit es möglich ist im Hinblick auf die gleiche
Körperstruktur bei beiden Gattungen von Lebewesen. Diejenigen, die das letztere

25
Die „species" enthalten eine Anspielung auf die epikureische Sehtheorie, vgl. Lukrez, De
rerum natura IV 26—238.
26
Vgl. Anthropologie § 4, Kant 1900ff., VII 134,7-8.
27
Vgl. Anthropologie § 52, Kant 1900ff., VII 214,15-19.
28
Friedrich Hoffmann (1660-1742).

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Immanuel Kant: „Über die Heilung des Körpers" 361

meinen,29 die man Stahlianer30 nennt, betonen die besondere Kraft des Geistes bei
der Heilung von Krankheiten. Es ist Aufgabe des Philosophen, dieser letzteren Posi-
tion seine Aufmerksamkeit zu schenken.
[944] Es gibt nämlich sowohl beim Tier wie auch beim Menschen jene bewunderns-
werte Kraft des Fühlens und der Bewegung, die Einbildungskraft genannt wird, wo-
durch sie dasjenige, was abwesend ist, wie anwesend darstellen, und Dinge, die nie-
mals gewesen sind und vielleicht auch nicht sein können, dem Geiste als wirklich vor-
stellen können. Beim Tier jedoch wird diese Kraft nicht durch eine bestimmte Willens-
entscheidung des Tieres selbst und durch einen überlegten Vorsatz beherrscht, son-
dern es handelt auf Reize hin und aufgrund von Triebfedern des Gemüts, die ihm von
Natur innewohnen, ohne jeden Einfluß des Willens. Hierher kommt es, daß, obwohl
auch ein gewisser Gemütsschmerz das Tier quälen kann, das in die Gefangenschaft
gebracht worden ist, doch jene schwarze Sorge, die das elende Menschengeschlecht
bedrängt, dem Tier, das diese Angst nicht kennt, fremd ist. Hierher erlangen die über-
mächtigen Geistesbewegungen, die Affekte genannt werden, beim Menschen durch
die nichtigen Spiele der Einbildungskraft, wenn nicht einen größeren Impetus, so doch
eine längere Dauer und rühren zutiefst die Brust. Hierher rührt die Ansteckung von
gräßlichen Bewegungen, die man konvulsivisch nennt, und der epileptischen Krank-
heit,31 die durch eine gewisse Einbildung entsteht; sie beruht auf gemeinsamem Um-
gang und künstlicher Veranstaltung, was nicht Sache des Arztes ist, sondern nur durch
die Kraft der Einbildung, die durch eine Verschiedenheit der Reize abgelenkt und
woandershin gerufen wird, die Heilung zu bringen. (Hierher kommt es, daß das Ver-
trauen des Kranken, das er dem Arzt entgegenbringt, auch den schwächsten Heilmit-
teln eine besondere Kraft verleiht.)32
Was die Gehirnkranken betrifft, so meine ich, daß sie eher der Sorgfalt der Ärzte
als der der Philosophen anempfohlen werden müssen, weil der Geist, der aus seinem
Platz ver-rückt ist, [945] wenig auf die Regeln eines gesunden Geistes hört; um auf
sie zu hören, wird erfordert, daß der Geist seiner selbst mächtig ist, und weil wir
finden, daß diese Krankheit meistens angeboren und erblich ist, oder wenn es ir-
gendeinen ändern Grund gibt, muß man annehmen, daß dieser gleichwohl eher in
den Eingeweiden als im Inneren des Gemüts wohnt.
Ob alle Arzneimittel nur durch die Kraft des Fühlens und der Bewegung des Gemü-
tes, das den ganzen Körper durchwaltet und ihn am Leben hält, Hilfe bringen, wie
Stahl meint, oder ob ihre Kraft zum größten Teil nur mechanischer Natur ist, das
soll im Urteil der Fachgelehrten der Medizin liegen. Ob aber die menschliche Fähig-

29
»Qui posterius statuunt" — wohl auf ein ausgelassenes „an non ..." im Anschluß an
„utrum ..." im ersten Satz des Absatzes zu beziehen.
30
Georg Ernst Stahl (1695—1734). S. bes. die „Disputatio inauguralis de passionibus animi
corpus humanum varie alterantibus" (1695).
31
Vgl. Anthropologie § 32; Kant 1900 ff., VII 179,15-24.
32
Zur Heilung durch Placebo vgl. in der Anthropologie S 50; Kant 1900 ff., VII 213,1-2:
„[...] auch nicht anders als ein Kind (mit Pillen aus Brotkrumen statt Arzneimitteln) [...]."

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362 Reinhard Brandt

keit der Überlegung eine besondere Kraft ausübt, durch die er die belebten Tiere
übertrifft, hierüber zu urteilen ist Sache des Philosophen.
g-Zusätze:
Zeile 14—21: Vielleicht hängt der Schlaf selber nicht von der Müdigkeit des Körpers
ab, sondern eher diese Müdigkeit von der Abwesenheit im sensorischen Organ des-
sen, der schläfrig und seiner vitalen Bewegungen enthoben ist. Wer seinen Geist
völlig des Bewußtseins seiner selbst beraubt, der wird leicht im Schlafe begraben.
Ein Spiel wenigstens, das um des Gewinnes wegen begonnen wird, erregt den Geist
auf unterschiedliche Weise.
Die Bewegungen des Körpers, die einem Kranken von einem nichtphilosophischen
Arzt diktiert werden, schwächen den Körper, es sei denn, sie würden durch eine
gesellschaftliche Erheiterung gewürzt und dem Geist guttun.
Zeile 23—25: Es gab einen Dialektiker, der so auf ein bestimmtes Sophisma verfal-
len war und beständig darauf fixiert war, es zu lösen, daß er völlig abmagerte und
bleierne Schuhe brauchte.33
Zeile 27 ff.: Beim Essen ist es für den Körper gut, daß der Geist nicht nur von
Sorgen gelöst ist, sondern auch zur Heiterkeit geneigt ist und von aller fixierten
und festen Überlegung [946] abgewendet sei. Dem dient am meisten die Unterre-
dung, die freundschaftliche Auseinandersetzung, besonders auch das Gelächter, das
in ein lautes Lachen ausbrechen kann. Hierbei übt der Geist seine Kraft aus, den
Körper intensiv zu bewegen.
Huttens Brief an Erasmus.34
S. III:
Die Lenkung des Geistes, so weit sie Aufgabe der Ärzte ist,35 besteht nur in ver-
schiedenen Medikamenten, durch die man dem Geist mit Hilfe der Behandlung des
Körpers helfen und die Gemütskrankheiten vertreiben oder drohende abwehren und
seine feste und gut geschützte Gesundheit erhalten kann. Der Arzt nun tritt in der
Rolle des Philosophen auf, so oft er durch unmittelbare medikamentöse Behandlung
des Geistes dafür sorgt, das Gemüt zu erheitern oder Sorgen zu lindern oder auch
die Affekte teils einzuschläfern, manchmal aber auch sie anzuregen und dadurch
dem kranken Körper zu Hilfe zu kommen und die heilsame Wirkung der Medika-
mente zu fördern. Es wäre derart weit entfernt, getadelt werden zu können, daß

33
Dieser Dialektiker ist Philetas von Kos, geboren um 320 v. Chr., Dichter und Lehrer des
Ptolemaeus II Philadelphus. Vgl. den Hinweis auf ihn in der Logik-Reflexion 3305 (XVI
767,1—2); sodann in der Logik Hechsei 180: „Phylotas [sc. Philetas] hat sich um diesen
Lügner recht aufzulösen, den Kopf so zerbrochen, daß er bleierne Sohlen tragen muste,
damit ihn der Wind nicht über die Brükke wehte." (Kant 1998, II 482)
34
Bei diesem Brief handelt es sich, wie Adickes festgestellt hat, höchstwahrscheinlich um ein
1787 publiziertes Schreiben Ulrichs von Hütten an Erasmus von Rotterdam; s. dazu die
Anmerkung von Adickes.
35
Mit der Formulierung „Regimen mentis, quod Medicorum est" wird hier der Titel der
Schrift von Gaubius aufgenommen.

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Immanuel Kant: „Über die Heilung des Körpers" 363

eher kaum etwas mit größerem Lob herausgestellt zu werden verdiente. Aber solche
Leitung des Geistes ist nicht eigentlich Aufgabe der Mediziner zu nennen, sondern
der Philosophen oder, wenn man es lieber will, der Mediziner nicht als solcher,
sondern als philosophischer. Nichtsdestotrotz ist die Lenkung des Geistes, so weit
sie Sache der Ärzte ist, ein weites Gebiet.
[947] Die schlimmsten Übel, die das menschliche Geschlecht umlauern und die den
Geist selber aus seinem Sitz verrücken (was bei den Geisteskranken geschieht) oder
in hitzige Affekte treiben, was bei den jähzornigen Menschen oder den lasziven
geschieht, die rauben den Gebrauch der Vernunft, was bei den aberwitzigen Men-
schen geschieht, oder sie lassen die Leute Schattenbilder fangen, die durch die Leere
fliegen,36 und machen sie mit irgendeinem Anschein von Vernunft irre, die wir
Fanatiker nennen, oder auch die Krankheiten, die den Geist unter dem Namen der
Melancholie oder der Hypochondrie elend quälen: diese und noch mehr Krankhei-
ten werden zu Recht der Herrschaft des Geistes, soweit sie Sache der Ärzte ist,
unterworfen, weil die Quelle des Übels eher im Körper als im Geist zu suchen ist
und man dem Geist durch einen Aderlaß oder ein Reinigungsmittel eher helfen kann
als durch Unterricht und Argumente.
Zuerst tritt in Betracht die Hilfe, die von der vorsorgenden und helfenden Natur
durch den Geist zur Gesundheit des Körpers selber geleistet wird, wenn der Mensch
im Normalzustand seiner Gesundheit ist, abgesehen von jenem widernatürlichen
Einfluß, wenn die Affekte die Verschlüsse durchbrechen, mit denen die Natur ver-
sucht hat, den Geist vor den Vitalbewegungen zu schützen. Sich um den Körper zu
kümmern bedeutet nicht, die Haut, wie man sagt, zu pflegen (seinem Gemüt immer
nachzugeben) und die Mühen und Beschwerden fernzuhalten, denn das ist [948] die
Sache nur eines weichlichen und delikaten Menschen, sondern jenes uns gleichsam
von der Natur anvertraute Pfand wohl bewahrt und unversehrt sowie für seine
eigentliche Bestimmung, das heißt für alle Tätigkeiten des Lebens, das Ertragen von
Beschwerden wie auch das Aushalten von Mühen fähig zu erhalten.
Die Herrschaft über den Körper, soweit sie Sache der Philosophen ist, ist ein Re-
gime, dessen Gesetze die Philosophen jedem diktieren, sei es nun aus dem untersten
Volk oder wodurch es notwendig ist, daß auch der Philosoph selber, der als Gelehr-
ter der Lenker seines Lebens ist, diesen Gesetzen notwendig gehorcht soweit er
Philosoph ist, d. h. sein Leben verbringt mit der Aufmerksamkeit auf die Untersu-
chung der Dinge. Es kann nämlich auch ein Gesetz gegeben werden, das zur Len-
kung des Geistes des Arztes dient, so weit er die Medizin betreibt, wie ein solcher
ist, der seinen Geist von den Bewegungen durch Mitleid frei hält.

Am Rande rechts von oben nach unten:


Zuerst ernährt sich der Geist, der von Sorgen gelöst ist und nicht wie bei den
Tieren, die vornübergeneigt sind und dem Magen gehorchen, nur der Erde verhaftet

36
Vgl. Anm. 25.

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364 Reinhard Brandt

ist, durch eine bestimmte Nahrung, die ihm selbst bekommt, nämlich durch die
verschiedenen und wechselnden Überlegungen; wenn das Herz diese nicht findet,
so zernagt und verzehrt es die Vitalkräfte des Körpers selber. Oder wenn dieser
schon an einem bestimmten Übel krankt, das die wohlwollende Natur, wenn sie
nur in ihrem Geschäfte nicht gestört wäre, leicht korrigieren könnte, legt sich der
Geist noch schwerer auf diese Krankheit und vergrößert die Übel. Daher ist es
nötig, daß der Geist durch Lustbarkeiten erheitert oder durch Arbeit entspannt
wird.
Was der Schlaf ist, das weiß ich gemeinsam mit den Unwissendsten nicht, und
derjenige, der diese künstliche Einrichtung der Natur zur Wiederherstellung der
Kräfte zu durchschauen glaubt, dem sage ich kühn mit dem Dichter (Horaz): Was
er mit mir nicht weiß, das zu wissen, will er alleine scheinen. Der Geist, der der
Überlegungen entbehrt, taucht uns in den Schlaf und die Träume, die als Statthalter
des Wachseins fungieren.
Die Aufgabe des Arztes bezieht sich unmittelbar auf den Körper, nie auf die
Seele, es sei denn mittels des Körpers und dessen Pflege. Wenn der Arzt dem
Körper zu helfen sucht durch die Kraft des Gemütes, dann übernimmt er die
Rolle des Philosophen. Dagegen ist die Hilfe, die dem Körper durch den Geist
gewährt wird.
[949] Wieviel der Geist, der nicht nur von Sorgen frei und heiter ist, sondern durch
Spiele und Scherze37 angeregt ist und zur Ermunterung der Gesellschaft gleichsam
wie in einem begonnenen Wettkampf, die Hitze der Redenden bis hin zur Grenze
des Affektes gesteigert ist, die Vitalfunktionen des Körpers bei der Mahlzeit unter-
stützt, das erfahren täglich diejenigen, die das Gastmahl zusammen einnehmen; die
also, denen es möglich ist, ausführlich zu speisen und sich eine Fülle von Nahrung
einzuverleiben, wovon auch nur die Hälfte diejenigen, die einzeln essen, nicht wohl
ungestraft verzehren würden. So leuchtet die wunderbare Kraft des menschlichen
angeregten Geistes hervor bei der Vermehrung der körperlichen Kraft, solange sie
in den Grenzen des Geistes, der seiner selbst Herr ist, bleibt. Sobald sie aber diese
Grenzen überschreitet und derart die Schranken der Vernunft hinter sich läßt, ist es
ganz unglaublich, mit welchem Impetus sie das Vitalprinzip angreift und erschüt-
tert, indem sie etwa jene Riegel durchbricht, die nach der Meinung eines bestimm-
ten englischen Arztes (Johnstone)38 die willentlichen Bewegungen vor einem Ein-
griff in die Vitalorgane, die man Nervenganglien nennt, [950] abhalten. Es ist daher
für den Philosophen eine beschlossene Sache, allen, deren Lebensführung zu einer
Bestätigung zwingt, die stärker auf den Geist als den Körper konzentriert ist, ein

37
Zur Rolle der Scherze bei Geselligkeit und Gastmahl s. II 211,22 und VII 280,11. Zum
Lachen generell vgl. Thouard 1998.
38
James Johnstone (1730—1802). Johnstones Essay on the use of the ganglions of the nerves
von 1771 wurde zwar erst 1787 ins Deutsche übersetzt (Versuch über den Nutzen der
Nervenknoten), Kant konnte jedoch 1786 auf die Anzeige eines Aufsatzes von Johnstone
in den Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen von 1766 und auf spätere Anzeigen
und Rezensionen zurückgreifen, s. Adickes XV 950,21—31.

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Immanuel Kant: „Über die Heilung des Körpers" 365

Gesetz vorzuschreiben, in Geselligkeit, wenn es möglich ist, zu speisen, nicht nur,


um so dadurch den Geist durch Muße wiederherzustellen, sondern auch durch den
gesundheitsfördernden Impuls des Plauderns angenehm zu bewegen, besonders
wenn man auf die Ernährung des Körpers achten muß. Obwohl nämlich die Maßlo-
sigkeit, die nur dem Magen frönt, im höchsten Grad zu meiden ist, und, wie beson-
ders Horaz sagt: „Der Körper, noch voll von gestrigen [...]"39, so fordert doch
die Weisheit, seinen Geist nicht stiefmütterlich zu betrügen und durch Frugalität
auszuzehren. So haben wir vernommen, daß der berühmte Philosoph Mendelssohn,
von verschiedenen Körperkrankheiten befallen und daher zu einer streng einzuhal-
tenden Enthaltsamkeit veranlaßt, [951] um nicht durch kleine und bald vorüberge-
hende Beschwernisse behelligt zu werden, so abstinent lebte, daß er bei dauerndem
Hunger zwar die Unversehrtheit seines den Studien verhafteten Geistes bewahrte,
aber die Kräfte seines Körpers derart zerrüttete, daß das Unglück, das einen Men-
schen, der sich wenigstens einmal am Tage ausreichend ernährt, kaum treffen
würde, ihn aber, den teuersten Mann, durch die allzu große Enthaltsamkeit er-
schöpft, vernichtete und aus dem Kreis der Lebenden entführte.40
Der Wechsel der menschlichen Dinge wendet, was auch immer das wagemutige
Geschlecht des Japetus41 macht, hin und her und dreht es in unruhigem Wirbel und
duldet nicht, daß etwas auf festem Fuß steht. Daher ist weder den Reichen noch
den Völkern noch den Sitten und Künsten — sei es den feineren, sei es den Künsten,
die dem gemeinsamen Nutzen dienen — derselbe Zustand und dieselbe Farbe eigen,
sondern die Masse wird, damit sie nicht träge erstarrt, in ewigem Wirbel gedreht
und herumgeführt.
g-Zusatz Zeile 21—23: Jedes reißt alles andere herum und wird von ihm wiederum
fortgerissen. Nur der Gründer und Erhalter von allem ist Urheber des Systems, nicht
Teil.

Literatur

Altmann, Alexander: Moses Mendelssohn. A Biographical Study, London 1973.


Arnoldt, Daniel Heinrich: Ausführliche und mit Urkunden versehene Historie der
Königsbergischen Universität, Band l, Königsberg 1746.
Baumgarten, Alexander Gottlieb: Metaphysica (1739), Halle 1779.

39
Horaz, Saturae II 2, 77—79: »[...] Quin corpus onustum / Hesternis vitiis animum quoque
praegravat una / Atque adfigit humo divinae particulam aurae."
40
Mit Adickes und gegen Reicke (s. 951,25-29) läßt sich annehmen, daß die Restpartie
die „peroratio" der Rede ist, die sich inhaltlich und auch rhetorisch vom Vorhergehenden
unterscheidet. Ich versuche, den Schlußsatz auf die Situation des Spinoza-Streits und damit
auch Mendelssohns Tod zu beziehen.
41
Horaz, Carminal 3, 27—IS: „[...] / audax lapeti genus / ignem fraude mala gentibus
intulit."

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366 Reinhard Brandt

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(1727-1799), Würzburg 1990.
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scher Hinsicht" (Kant-Forschungen Bd. 10), Hamburg 1999.
Hamann, Johann Georg: Briefwechsel, hrsg. von Walther Ziesemer und Arthur
Henkel, Frankfurt 1955-1979.
Kant, Immanuel: Gesammelte Schriften (Akademie-Ausgabe), Berlin 1900 ff.
Kant, Immanuel: On Philosophers' Medicine of the Body, übersetzt und kommen-
tiert von Mary J. Gregor, in: Lewis White Beck (Hrsg.): Kant's Latin Writings,
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Kant, Immanuel: Logik-Vorlesung. Unveröffentlichte Nachschriften I und II, bear-
beitet von Tillmann Pinder (Kant-Forschungen 8 und 9), Hamburg 1998.
Klemme, Heiner (Hrsg.): Die Schule Kants. Mit dem Text von Christian Schiffert
über das Königsberger Collegium Fridericianum (Kant-Forschungen 6), Hamburg
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König, Ernst: Arzt und Ärztliches bei Kant, in: Jahrbuch der Albertus Universität
zu Königsbergs, 1954, 113-154.
Mendelssohn, Moses: An die Freunde Lessings. Ein Anhang zu Herrn Jacobis Brief-
wechsel über die Lehre des Spinoza, Berlin 1786.
Rather, L. J.: Mind and Body in Eighteenth Century Medicine. A Study Based on
Jerome Gaub's De regimine mentis. London 1965.
Reicke, Johannes: Kant's Rede „De Medicina corporis quae Philosophorum est", in:
Altpreußische Monatsschrift 18, 1881, 293-300.
Risse, Wilhelm: Bibliographia Logica. Verzeichnis der Druckschriften zur Logik mit
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Tavoillot, Pierre-Henri: Le crepuscule des lumieres. Les documents de la „quereile
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Thouard, Denis: Rire et amour-propre. Anthropologie du rire e subjectivite chez
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Timm, Hermann: Gott und Freiheit. Studien zur Religionsphilosophie der Goethe-
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Wolff, Christian: Psychologia empirica, Frankfurt und Leipzig 1738.

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