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Deininger

Der politische Widerstand gegen Rom in Griechenland


217—86 v. Chr.

W
DE
G
Jürgen Deininger

Der politische Widerstand


gegen Rom
in Griechenland
2 1 7 - 8 6 v. Chr.

Walter de Gruyter · Berlin · New York


1971
ISBN 3 11 001605 2

©
1971 by Walter de Gruyter & Co., vormals G. J . Göschen'sche Verlagshandlung — J . Guttentag,
Verlagsbuchhandlung — Georg Reimer — Karl J . Trübner — Veit & Comp., Berlin 30
Alle Rechte des Nachdrucks, der photomechanisehen Wiedergabe» der Übersetzung, der Herstellung
von Mikrofilmen und Photokopien, auch auszugsweise, vorbehalten. Printed in Germany.
Satz und Druck: Walter de Gruyter & Co., Berlin 30
Umschlaggestaltung: Rudolf Hübler, Berlin
Vorwort

In den hier vorgelegten Studien wird der Versuch unternommen, den


noch immer nicht genügend erforschten politischen Widerstand gegen
die römische Expansion im griechischen Mutterland schärfer und syste-
matischer als bisher zu erfassen. Es geht also — um dies von vornherein
klarzustellen •— nicht um die Motive und Absichten der römischen Politik
gegenüber Hellas, auch nicht etwa um den .geistigen' Widerstand (im
Sinne von H. Fuchs) gegen Rom in Griechenland. Den eigentlichen Aus-
gangspunkt bildete auch nicht die naheliegende Frage nach den Ursachen
des schließlichen Scheiterns dieses Widerstandes, die überhaupt nur in
größerem Zusammenhang einigermaßen beantwortbar sein dürfte, son-
dern die konkrete Frage: Wer war in Griechenland „gegen Rom", wer
hat, in welcher Weise und mit welchem Erfolg, gegen die allmähliche
Einbeziehung des griechischen Mutterlandes in den römischen Macht-
bereich im Laufe des zweiten Jahrhunderts v. Chr. politischen Wider-
stand geleistet? Das Ziel war gleichsam eine Art prosopographischer
„Anatomie" des politischen Widerstandes gegen Rom in Griechenland
(einschließlich Rhodos'). Dabei konnte von der Erkenntnis ausgegangen
werden, daß das Griechenland des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts
trotz der äußeren Vielfalt seiner Staatenwelt tatsächlich mehr als ein
geographischer Begriff war, daß es bei aller folgenschweren Zersplitterung
gegenüber der römischen Expansion doch einen in sich weitgehend ge-
schlossenen „Widerstandsraum" bildete, dessen innere Einheit etwa im
Vergleich zu dem benachbarten Makedonien und zur Welt der helle-
nistischen Monarchien nicht zuletzt darauf beruhte, daß die politische
Willensbildung, die anderswo beim Monarchen (bzw. seinem Ratgeber-
kreis) monopolisiert war, im griechischen Mutterland fast überall durch
frei konkurrierende politische Gruppen erfolgte.
Im Verlauf der Untersuchung zeigte sich freilich oft genug, daß
das vorhandene Quellenmaterial nur eine sehr grobe Vorstellung von der
historischen Realität des antirömischen Widerstandes vermitteln kann,
der als solcher ja auch von der antiken Begrifflichkeit gar nicht erfaßt
worden ist; und der Versuch, von der Haltung der einzelnen Politiker
ausgehend einen Schlüssel zum Gesamtkomplex des griechischen Wider-
VI Vorwort

standes zu gewinnen, endet in mancher Hinsicht wenig befriedigend.


So bleiben, von einer Anzahl achaiischer und, in geringerem Maße, aito-
lischer Politiker abgesehen, die Gestalten der Männer, die auf griechischer
Seite die wesentlichen politischen Entscheidungen im zweiten Jahrhun-
dert v. Chr. fällten, ihre Gedanken, politischen Überlegungen und Motive
immer wieder blaß und schemenhaft und ohne rechte Individualität.
Dies gilt in besonderem Maße dann, wenn man auf die knappen Angaben
des an den innergriechischen Verhältnissen nur begrenzt interessierten
Livius angewiesen ist, wie überhaupt die eingehende Behandlung des
griechischen Widerstandes noch zusätzlich dadurch erschwert wird, daß nur
Trümmer des ursprünglichen polybianischen Werkes erhalten sind. Die In-
schriften schließlich erhellen die literarische Überlieferung nur sporadisch.
Bei all dem konnte es sich dennoch naturgemäß nicht nur um die
möglichst genaue und vollständige Ermittlung der, polybianisch ge-
sprochen, αϊρεσις bzw. προαίρεση von wenig mehr als hundertfünfzig
namentlich überlieferten griechischen Politikern des zweiten Jahrhun-
derts v. Chr. handeln, sondern es tauchte unvermeidlich auch die weitere
Frage auf, welche tieferen Kräfte in der Opposition gegen Rom wirksam
waren und ob sich über die vielen politisch handelnden Einzelnen hinaus
bestimmte allgemeinere Strukturen und Verlaufsformen des antirömi-
schen Widerstandes in Griechenland auffinden lassen. Notwendigerweise
lag hier ein zweiter Schwerpunkt der Untersuchung, der es nicht so sehr
um die in einem derartigen Forschungsgebiet ohnehin nicht besonders
erfolgverheißende Eruierung neuer Einzel, ,fakten" als um die Aufdek-
kung und Erhellung einiger, wie die vorhandene Literatur zeigt, noch
nicht geklärter größerer Zusammenhänge, ζ. B. zwischen Widerstand
und Sozialstruktur, geht. Glücklicherweise treten bei aller Spärlichkeit
der Quellen die großen Umrisse des antirömischen Widerstandes in Grie-
chenland soweit hervor, daß sich zumindest einige vorläufige Einsichten
in die Grundstrukturen des langen und für die Griechen am Ende ver-
geblichen Kampfes gegen die neue Macht gewinnen lassen. So zeichnet
sich mit einer gewissen Klarheit das Bild ab, wie sich im griechischen
Mutterland seit dem ausgehenden dritten Jahrhundert v. Chr. gegen
den wachsenden Druck Roms der politische Widerstand der Griechen
formierte. Deutlich ist zu erkennen, wie sich dessen Situation und Aus-
drucksformen bis hin zur unwiderruflichen Niederlage in ganz Griechen-
land in einem zusammenhängenden historischen Prozeß in charakteristi-
scher Weise mehrfach veränderten und eine ganze Reihe verschiedener
Stadien durchHefen.
Vorwort VII

Die nähere Untersuchung enthüllt, welch endloser und zermürbender


politischer Kämpfe es bedurfte, wie unzählige individuelle Tragödien
sich vollzogen, bis der „ewig gegen seine Fesseln knirschende Freiheits-
sinn", den Wilhelm von Humboldt bei einem Philopoimen ebenso wie
bei der letzten Schar der Verteidiger Athens gegen Sulla wahrnehmen
zu können glaubte1, besiegt war und sich die römische politische Ord-
nung über das griechische Mutterland gelegt hatte. Ein wesentliches
Ergebnis dieser genaueren Analyse gegenüber der älteren Forschung
besteht aber wohl auch darin, daß die politischen Fronten keineswegs
so einfach waren, daß die Romfreunde in Griechenland mit „den Reichen"
oder den „Oligarchen" und umgekehrt die Gegner Roms mit den „Demo-
kraten" identifiziert werden könnten. Diese bis auf Fustel de Coulanges
zurückgehende, irrige Anschauung sollte nunmehr überwunden sein. Zu-
gleich legt die Untersuchung in mancher Hinsicht eine Distanzierung
von der Sicht der Hauptquelle, also des Polybios, nahe, des Historikers,
der sein Leben lang persönlich tief in die Auseinandersetzungen über
die politische Haltung der Griechen gegenüber Rom verstrickt war; er
nimmt seinerseits einen ziemlich klar bestimmbaren Platz im Gesamt-
prozeß des Widerstandes in Griechenland ein, und an diese Position
sind bis zu einem gewissen Grade auch seine oftmals sehr dezidierten
politischen Urteile gebunden, welche unreflektiert die ganze jüngere
Überlieferung beherrschen.
* # *

Die Arbeit ist im wesentlichen in den Jahren 1964—1968 an der Uni-


versität des Saarlandes und der Universität Freiburg i. B. entstanden
und hat im Wintersemester 1968/69 der damaligen Philosophischen Fa-
kultät der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. B. als Habilitations-
schrift vorgelegen. Sie wird hier mit geringen Änderungen und Ergän-
zungen, die sich aus der Einarbeitung inzwischen erschienener Forschungs-
literatur ergeben haben, veröffentlicht. Leider konnte u. a. das Buch
von K.-E. Petzold, Studien zur Methode des Polybios und zu ihrer histo-
rischen Auswertung (München 1969), nicht mehr im einzelnen berück-
sichtigt werden.
Der besondere persönliche Dank des Verfassers an dieser Stelle richtet
sich an Professor Dr. Dr. Walter Schmitthenner (Freiburg i. Br.), der

1
W. v. Humboldt, Geschichte des Verfalls und Unterganges der griechischen
Freistaaten (1807), Werke in fünf Bänden II (1961), 74 (vgl. unten S. 6, Anm. 18).
VIII Vorwort

sich selbst in mehreren Veröffentlichungen mit Problemen des Wider-


standes in verschiedenen Geschichtsbereichen befaßt hat. Er regte die
vorhegende Untersuchung mit an und hat ihr Werden und ihren Ab-
schluß mit förderndem Interesse und unermüdlichen Hinweisen, Rat-
schlägen und Verbesserungen begleitet; ihm verdankt der Verfasser
wesentliche Einsichten. Nachdem die (von Joseph Vogt vorgeschlagene)
Arbeit über die sog. „Provinziallandtage" des 1.—3. Jahrhunderts n. Chr.
sich mit Teilen der provinzialen Oberschicht beschäftigt hatte, die in der
Prinzipatszeit loyal im Dienste des Imperium Romanum standen, ver-
sucht diese Abhandlung nun, für das griechische Mutterland den lang-
wierigen Prozeß zu erfassen, wie vor allem die führenden Schichten der
hellenistischen Welt nach vergeblichem Widerstand politisch auf die
Seite Roms gebracht wurden.
Hinzuzufügen ist, daß auch ein längerer, durch ein Reisestipendium
der Kommission für Alte Geschichte und Epigraphik ermöglichter Auf-
enthalt in Griechenland im Jahre 1962 mit zu den Voraussetzungen für
die hier angestrebte Sicht der mutterländischen griechischen Geschichte
des zweiten Jahrhunderts v. Chr. gehört. Schließlich gebührt der Dank
des Verfassers dem Verlag Walter de Gruyter & Co., Berlin, für sein
Entgegenkommen und seine Geduld während der Drucklegung.

Berlin, Dezember 1970


PARENTIBUS SORORI HELGAEQUE UXORI OPTIMAE
Inhalt

Vorwort V
Literatur- und Abkürzungsverzeichnis XV

Einleitung: Vorfragen bei der Untersuchung des antirömischen


Widerstandes in Griechenland 1

1. Zur bisherigen Forschung 1


2. „Aristokraten", „Oligarchien", „Demokraten" und die Romfeind-
schaft in Griechenland 10
3. „Principes" und οΐ πολλοί als Träger des Widerstandes gegen Rom 15

Erster Teil: Der Widerstand in der Oberschicht (bis 168 v. Chr.) . 21

I. Die Römer als „Barbaren": Ansätze zu einem panhellenisch


gefärbten Widerstand (217—199 v. Chr.) 23
1. Die Rede des Aitolers Agelaos (217 v. Chr.) 25
2. Die Rede des Akarnanen Lykiskos (211/0 v. Chr.) und der
Vermittlungsversuch von 209 v. Chr 29
3. Die Rede des Rhodiers Thrasykrates (207 v. Chr.) . . . . 32
4. Das Verschwinden des panhellenisch bestimmten Widerstan-
des (205—199 v. Chr.) 34

II. Die Richtungskämpfe innerhalb der einzelnen Staatswesen I :


Entstehung, Erfolge und Rückschläge der antirömischen Grup-
pen (etwa 198—180 v. Chr.) 38
1. Die ersten Auseinandersetzungen (198—197 v. Chr.) . . . 39
a) Achaia: Der Kampf um das Zusammengehen mit Rom
(198 v. Chr.) 40
Der Anschluß des Koinon an Rom unter Aristainos (42) -—
Der promakedonische Umsturz in Argos (46)
b) Akarnanien: Sieg der Romgegner Androkles und Echeda-
mos (Frühjahr 197 v. Chr.) 47
c) Boiotien: Die Überrumpelung der promakedonischen
Richtung durch Zeuxippos und Peisistratos (197 v. Chr.). 49
XII Inhalt

2. Der Widerstand gegen Rom zwischen dem II. Makedonischen


und dem Syrischen Krieg (197—194 v. Chr.) 54
a) Boiotien: Die Ermordung des Brachyllas und die anti-
römischen Ausschreitungen in Boiotien (197/6 v. Chr.) . 54
b) Aitolien: Die Entstehung der antirömischen Bewegung
in Aitolien (197—194 v. Chr.) 58
3. Die Aitoler, Antiochos III. und der Widerstand gegen Rom
in Griechenland (193—189 v. Chr.) 66
a) Aitolien: Die antirömische Gruppe um Thoas und Dikai-
archos und die aitolische Politik bis zum Ausbruch des
Antiochoskrieges (193—192 v. Chr.) 68
b) Demetrias: Triumph und Niederlage der Romfeinde um
Eurylochos (192—191 v. Chr.) 76
c) Chalkis: Die Gruppe um Euthymides, Eubulides und Phi-
lon gegen die Romfreunde um Mikythion und Xenokleides
(192—191 v. Chr.) 80
d) Antiochos III. und der Widerstand gegen Rom im übrigen
Griechenland (192—191 v. Chr.) 86
Boiotien: Die Romfeinde an der Macht (192—191 v. Chr.)
(88) — Athen: Romfeindschaft in der Unterschicht (192
v. Chr.) (89) — Epeiros: Charops d. Ä. zwischen Rom und
Antiochos (191 v. Chr.) (90) —Thessalien: Pausanias von
Pherai und die prorömische Oberschicht (191 v. Chr.) (91)
— Akarnanien: Antiochos und die Romfeinde Mnasilo-
chos und Klytos (191 v. Chr.) (94)
e) Aitolien: Der Gegensatz zwischen radikalen und gemäßig-
ten Romfeinden in der Endphase des Krieges (191—189
v. Chr.) 96
Die Niederlage Antiochos' III. und der Fall von Herakleia
(Frühjahr—Sommer 191 v. Chr.) (96) — Der Vermitt-
lungsversuch bei M\ Acilius Glabrio (Sommer 191 v.Chr.)
(98) — Der Vermittlungsversuch bei Flamininus in Nau-
paktos (Herbst 191 v. Chr.) (102) — Der Vermittlungs-
versuch bei den Scipionen (190 v. Chr.) (103) — Aitolien
bis zur Kapitulation und zum Foedus mit Rom (105)
4. Der „Friedliche Widerstand" in Achaia: Philopoimen und
die Politik des άυτερείδειν gegen Rom (193—182 v. Chr.) 108
a) Philopoimen und Aristainos 109
b) Die Politik des άντερείδειν gegen Rom 115
c) Der „Begrenzte Widerstand" und der Gegensatz zwischen
dem Koinon und Sparta 119
d) Philopoimen und der antirömische Widerstand in Grie-
chenland 125
5. Die ältere Phase der Richtungskämpfe und der Widerstand
gegen Rom 128
Inhalt XIII

III. Die Richtungskämpfe innerhalb der einzelnen Staatswesen II:


Radikalisierung und Sieg der prorömischen Gruppen (etwa 180
bis 168 v. Chr.) 135
1. Die Verschärfung der inneren Gegensätze bis zum Ausbruch
des III. Makedonischen Krieges (180—172 v. Chr.) . . . . 136
a) Achaia: Der „Friedliche Widerstand" und die Anfänge
der radikal prorömischen Richtung des Kallikrates (180
bis 172 v. Chr.) 136
Kallikrates in Rom (180 v. Chr.) (136) — Der Zusammen-
stoß zwischen Archon und Kallikrates (174 v. Chr.) (143)
b) Aitolien: Pro- und antirömische Strömungen in den inne-
ren Wirren vor dem Perseuskrieg (178—172 v. Chr.) . . 146
c) Boiotien: Das Bündnis mit Perseus und das Ende der
antirömischen Gruppe im Koinon um Neon und Ismenias
(174—171 v. Chr.) 153
2. Der Widerstand gegen Rom während des III. Makedonischen
Krieges (171—168 v. Chr.) 159
a) Boiotien: Isolierter Widerstand gegen Rom (171—170
v.Chr.) 164
b) Aitolien: Die radikal prorömische Politik des Lykiskos
und seine Gegner (171—169 v. Chr.) 168
c) Epeiros: Kephalos und Antinoos gegen die prorömische
Politik Charops' d. J. (171—170 v. Chr.) 173
d) Akarnanien: Diogenes gegen die prorömische Gruppe um
Chremas (170 v. Chr.) 175
e) Achaia: Die Kämpfe zwischen den Gruppen um Kallikrates
und Lykortas während des Perseuskrieges (170—168
v.Chr.) 177
f) Rhodos: Die ,,ύγιαίνοντεξ" um Philophron und Theai-
detos gegen die antirömische Gruppe um Deinon und
Polyaratos (172—168 v. Chr.) 184
3. Die „Große Säuberung" in Griechenland: Der Zusammen-
bruch des antirömischen Widerstandes in der Oberschicht
(168—167 v. Chr.) 191
a) Die „Große Säuberung" (168—167 v. Chr.) 191
b) Achaia: Kallikrates und die Deportation der tausend
Achaier (167 v. Chr.) 197
c) Epeiros: Das Ende der Romgegner Antinoos, Theodotos
und Kephalos und die Strafexpedition des Aemilius Paul-
lus (168—167 v. Chr.) 197
d) Rhodos: Das Ende der romfeindlichen Gruppe um Deinon
und Polyaratos und die Bestrafung der Insel (168—164
v.Chr.) 204
XIV Inhalt

4. Griechenland nach der „Großen Säuberung": Der Beginn der


Alleinherrschaft der prorömischen „principes" 208
a) Epeiros: Das Regime Charops' d. J. und seiner Anhänger
(168—159 v. Chr.) 209
b) Achaia: Das Regime des Kallikrates und seiner Gruppe
und die Bemühungen um die Rückkehr der Deportierten
(167—150 v. Chr.) 211

Zweiter Teil: Der Widerstand in den unteren Schichten (bis 86v.Chr.) 215
I. Der Achaiische Krieg: Die πολλοί und die Katastrophe des
achaiischen Koinon (147—146 v. Chr.) 220
1. Die Herausforderung des Koinon durch die römische Politik
(147 v.Chr.) 223
2. Kritolaos, die πολλοί und die Ereignisse bis zum Ausbruch
des Krieges (147—146 v. Chr.) 228
3. Die Führer der πολλοί, Kritolaos und Diaios, und der Zu-
sammenbruch des achaiischen Koinon (146 v. Chr.) . . . . 232
4. Der Widerstand und die römische Neuordnung Griechenlands
nach dem Ende des Achaiischen Krieges (146—145 v. Chr.) . 238

II. Das Ende des antirömischen Widerstandes in Griechenland. . 242


1. Zur Situation in Griechenland zwischen 146 und 88 v. Chr. . 242
2. Die Entstehung der antirömischen Bewegung in Athen . . 245
3. Die Erhebung Athens und anderer Gebiete Griechenlands im
I. Mithridatischen Krieg (88—86 v. Chr.) 248
a) Athenion in Athen (88 v. Chr.) 248
b) Aristion und die Ausbreitung der letzten Widerstands-
bewegung in Griechenland (88—87 v. Chr.) 255
c) Belagerung und Fall Athens: Das Ende des Widerstandes
(87—86 v. Chr.) 259

Schluß: Der Widerstand gegen Rom in Griechenland als historischer


Prozeß 262
1. Zusammenfassung: Struktur und Verlauf des Widerstandes
217—86 v. Chr 263
2. Zu den Ursachen der Erfolglosigkeit des Widerstandes. . . 267
3. Polybios und der antirömische Widerstand in Griechenland 270

Register: I. Personenregister 274


II. Wichtige Begriffe 279
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Nr. 1.
La Gr&ce £tait redoutable par sa situation, sa for-
ce, la multitude de ses villes, le nombre de ses soldats,
sa police, ses mceurs, ses lois: eile aimait la guerre,
eile en connaissait l'axt; et eile aurait έίέ invincible,
si eile avait έΐέ unie.
Montesquieu, Considirations sur les causes de la
grandeur des Romains et de leur decadence (1734),
Kap. 6.

Aber Griechenland ward, nach seiner Besiegung, den


kommenden Nationen zum warnenden Beispiel, wie es
ihnen ein aufmunterndes und belehrendes in der Be-
harrlichkeit sein kann, mit der es den ungleichsten
und ungünstigsten aller Freiheitskämpfe immer aufs
neue begann.
W. v. Humboldt, Geschichte des Verfalls und Unter-
ganges der griechischen Freistaaten (1807), Wer-
ke in fünf Bänden I I (1961), 76.

EINLEITUNG:

Vorfragen bei der Untersuchung des antirömischen


Widerstandes in Griechenland

1. Zur bisherigen Forschung

Der Kampf um die politische Unabhängigkeit der S t a a t e n des


griechischen Mutterlandes h a t bekanntlich schon lange vor ihrer akuten
Bedrohung durch die römische E x p a n s i o n begonnen. Bereits in der
zweiten Hälfte des 4. J a h r h u n d e r t s v. Chr. hatte Griechenland die
E r r i c h t u n g der makedonischen Suprematie hinnehmen müssen, die sich
zwar auf die Dauer nicht zu einer eigentlichen makedonischen H e r r -
schaft verfestigte 1 , aber doch eine ständige Beeinträchtigung und
Gefährdung der politischen Autonomie der griechischen Staatswesen

1 F. Gschnitzer, Vom Ende der griechischen Gemeindefreiheit, Welt als Gesch.


20, 1960, 71—86, hier S. 75.
1 Deininger, Widerstand
2 Einleitung

bildete. Nach den Wirren, welche der Tod Alexanders des Großen
auslöste, vermochte Makedonien im Laufe des 3. Jahrhunderts unge-
achtet mannigfacher Rückschläge seinen Einfluß im griechischen Mutter-
land immer mehr zu verstärken, und trotz allen antimakedonischen
Widerstandes, dessen Hauptzentren meist das aitolische und das
achaiische Koinon waren, glückte schließlich im Jahre 224 v. Chr.
Antigonos Doson die Bildung einer hellenischen Symmachie, die unter
makedonischer Führung alle bedeutenden Staatswesen des Mutterlandes
gegen Sparta und Aitolien Zusammenschloß. Wie die politische Entwick-
lung in Griechenland damals ohne das Auftreten Roms weiterverlaufen
wäre, bleibt ungewiß; mit guten Gründen ist jedenfalls neuerdings
wieder die ungebrochene Lebensfähigkeit der Koina des Mutterlandes
im späten 3. Jahrhundert v. Chr. betont worden2. Doch auf die Dauer
vermochte auch das griechische Mutterland dem übermächtigen Druck
der römischen Expansion nicht standzuhalten, den es seit dem aus-
gehenden 3. Jahrhundert v. Chr. zu spüren bekam und dem es schließ-
lich, anders als dem makedonischen Gegner, vollkommen erlag.
Dabei fehlte es in Griechenland so wenig wie anderswo an Reaktion,
an Widerstand gegen die römische Expansion, wenn man unter diesem
Begriff die Summe der politischen Anstrengungen der Griechen zu-
sammenfassen kann, deren Ziel die Verhinderung der Beherrschung
Griechenlands durch Rom war. Die beschwörenden Warnungen vor Rom
seit 217 v. Chr., die romfeindlichen Richtungen in einer Reihe von
Staatswesen während des II. römisch-makedonischen Krieges (200 bis
197 v. Chr.), die sich radikalisierende Opposition gegen Rom in Aitolien,
die schließlich den „Syrischen" Krieg (192—189 v. Chr.) auslöste, die
innenpolitischen Auseinandersetzungen in ganz Griechenland, die ihren
Höhepunkt während und am Ende des I I I . Makedonischen Krieges
(171—168 v. Chr.) erreichten, endlich der Achaiische Krieg (146 v. Chr.)
und noch mehr als ein halbes Jahrhundert später der Aufstand Athens
und einer Anzahl von Gebieten Mittelgriechenlands im I. Mithridatischen
Krieg (88—86 v. Chr.) — das alles waren nur die äußeren Haupt-
phänomene des langen, zähen, immer wieder erneuerten Widerstandes,
den ein beträchtlicher Teil der Griechen der scheinbar unaufhaltsam
wachsenden Unterwerfung des Landes durch Rom entgegengesetzt hat.
Um so merkwürdiger mag es daher zunächst anmuten, daß dieser
nachhaltige, wenn auch am Ende erfolglose Widerstand gegen die

2 Gschnitzer a. O. 77f.; vgl. bereits Rostovtzeff 1, 55.


Zur bisherigen Forschung 3

römische Expansion bisher kaum als eigener historischer Prozeß be-


trachtet und systematisch nach Umfang, Verlauf und Struktur analy-
siert worden ist, obwohl man sich damit offenkundig vor einer der
großen Fragen der griechischen Geschichte des 2. Jahrhunderts v. Chr.
befindet.
Gewiß: Die Ereignisse des 2. Jahrhunderts v. Chr. in Griechenland —
auch die mit dem Widerstand gegen Rom zusammenhängenden —
sind in der modernen Forschung oft und ausführlich behandelt worden,
und zwar nicht nur im Rahmen von Gesamtdarstellungen bezeichnender-
weise eher der römischen als der griechischen Geschichte, wie bei
Mommsen3 und G. de Sanctis 4 , sondern auch in zahlreichen spezielleren
Arbeiten. Hier wären von den Älteren in erster Linie G. F. Hertzberg6,
B. Niese® und G. Colin7, von den Neueren vor allem M. Holleaux8,
Η. E. Stier 9 , Ed. Will 1 0 sowie jüngst R. M. Errington zu nennen 11 . Die
sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Griechenland des 2. Jahr-
3 Th. Mommsen, Römische Geschichte I—II, 2. Aufl. Berlin 1856—1857 (im fol-
genden zitiert nach der 13. Aufl., Berlin 1923—1925).
4 G. de Sanctis, Storia dei Romani IV l 2 (Florenz 1969); IV 3 (Florenz 1964).
6 G. F. Hertzberg, Geschichte Griechenlands unter der Herrschaft der Römer,

3 Bde., Halle 1866—1875 (davon Bd. I im folgenden zitiert als ,,Hertzberg"). —


Von noch älteren Darstellungen, die aber allesamt dem spezifischen Aspekt des
Widerstandes keinen oder nur wenig Raum geben, seien genannt B. G. Niebuhr,
Vorträge über alte Geschichte, hrsg. v. M. Niebuhr, II 3, Berlin 1851; W. Schorn,
Geschichte Griechenlands von der Entstehung des ätolischen und achäischen
Bundes bis auf die Zerstörung Korinths, Bonn 1833; L. Flathe, Geschichte
Macedoniens und der Reiche, welche von macedonischen Königen beherrscht
wurden, 2 Bde., Leipzig 1832—1834; F. A. Brandstäter, Die Geschichten des
Aetolischen Landes, Volkes und Bundes, Berlin 1844; F. Kortüm, Geschichte
Griechenlands von der Urzeit bis zum Untergang des Achäischen Bundes, Bd. 3,
Heidelberg 1854.
β Β. Niese, Geschichte der griechischen und makedonischen Staaten seit der

Schlacht bei Chaeronea, 3 Bde., Gotha 1883—1903.


7 G. Colin, Rome et la Grece de 200 k 146 av. J.-C., Paris 1905.
8 M. Holleaux, in: Cambridge Ancient History VIII (1930), 116—240 = ders.,

Rome, Philippe de Macedoine et Antiochos, in: Etudes 5, 295—432 (danach im


folg. zitiert).
9 Η. E. Stier, Roms Aufstieg zur Weltmacht und die griechische Welt, Köln-

Opladen 1957.
10 E. Will, Histoire politique du monde heUenistique (323—30 av. J.-C.), 2 Bde.,

Nancy 1966—1967.
11 R. M. Errington, Philopoemen, Oxford 1969. — Einiges über die Auseinander-

setzungen zwischen dem griechischen Mutterland und Rom auch bei C. Schneider,
Kulturgeschichte des Hellenismus, 2 Bde., München 1967—1969.
l*
4 Einleitung

hunderts ν. Chr. sind von J . Α. O. Larsen 12 und M. Rostovtzeff 13 ein-


gehend analysiert worden. Weitere Forschungsschwerpunkte haben sich
um die Institutionen der griechischen Bundesstaaten und das Geschichts-
werk des Polybios als der wichtigsten erzählenden Quelle für das 2. Jahr-
hundert gebildet; hier ragen vor allem die Untersuchungen von
A. Aymard 14 , J . A. 0 . Larsen 15 , F. W. Walbank 1 « und M. Geizer17 hervor.
Doch bei aller unbezweifelbaren Fruchtbarkeit dieser und anderer
Forschungen für das Verständnis des 2. Jahrhunderts v. Chr. pflegen die
griechischen Staatswesen in ihrem Verhältnis zu Rom immer wieder
als bloße Objekte der überlegenen römischen Politik behandelt zu
werden, und diese im Grunde ex eventu gewonnene, einseitige und —
wenigstens was Griechenland anbetrifft — eher unpolitische Betrach-
tungsweise ist offenbar schuld daran, daß die genuin griechische Position,
d. h. die griechische Politik als gleichberechtigtes „Subjekt" neben
der römischen, kaum zur Geltung kommt und damit auch der Aspekt
des Widerstandes gegen Rom als ein zentrales Thema der griechischen
Geschichte des 2. Jahrhunderts v. Chr. kein tieferes Interesse in der
Forschung findet. So ist, von ganz vereinzelten Ansätzen abgesehen,
nie eine systematische Untersuchung über die Politik der Staaten des

12 J . A. O. Larsen, Roman Greece, in: T. Frank (Hrsg.), An Economic Survey of


Ancient Rome I V (1938), bes. 261—435.
13 Μ. Rostovtzeff, The Social and Economic History of the Hellenistic World,
3 Bde., Oxford 1941 (im folgenden zitiert nach der dt. Übers., Stuttgart [und
Darmstadt] 1955—1956).
14 A. Aymard, Les assemblies de la confederation achaienne: Etude critique d e s t i -
tutions et d'histoire, Bordeaux 1938; ders., Les premiers rapports de Rome et de
la confederation achaienne (198—189 av. J.-C.), Bordeaux 1938; vgl. neuerdings
auch Α. M. Castellani, Le relazioni fra Roma e la confederazione achea da
T. Quinzio Flaminino a L. Emilio Paolo, Mailand 1963. Vor Aymard hatte sich
besonders G. Niccolini mit dem achaiischen Koinon befaßt, vgl. ders., L a con-
federazione achea, Pavia 1914. Von den noch älteren Arbeiten sei diejenige von
M. Dubois, Les ligues etolienne et acheenne: Leur histoire et leurs institutions,
nature et duree de leur antagonisme (Paris 1885), hervorgehoben.
16 J . A. O. Larsen, Greek Federal States (Oxford 1968); vgl. ders., Representative
Government in Greek and Roman History (Berkeley-Los Angeles 1955). Eine
„klassische" ältere Darstellung war E. A. Freeman, History of Federal Govern-
ment in Greece and Italy (1863), 2. Aufl. hrsg. v. J . B. Bury, London 1893.
16 F. W. Walbank, A Historical Commentary on Polybius I — I I (Oxford 1957—1967)
(der für die vorliegende Untersuchung wichtigste 3. Band steht noch aus).
17 M. Geizer, Die Achaica im Geschichtswerk des Polybios (1940) = Kl. Sehr. 3,
123—154; ders., Uber die Arbeitsweise des Polybios (1956) = ebda. 161—190. —
Zu der Untersuchung von G. A. Lehmann vgl. unten Anm. 40.
Zur bisherigen Forschung 5

griechischen Mutterlandes gegenüber der römischen Expansion in Angriff


genommen worden, ja der ganze Komplex des politischen Widerstandes
gegen Rom in Griechenland: Charakter und Abfolge der einzelnen
antirömischen Bewegungen, ihre Träger, deren Motive, das wichtige
Problem der Beziehungen zwischen Romfeindschaft und Sozialgefüge —
dies alles harrt noch immer der näheren, zusammenhängenden Unter-
suchung18.
Die Gründe für diese gegenwärtige Lage der Forschung sind viel-
fältig und können hier nur in Umrissen angedeutet werden. Sie liegen

18
Hier wäre des Werkes eines „Außenseiters" aus der Zeit der Anfänge der moder-
nen kritischen Geschichtswissenschaft zu gedenken. Gemeint ist Wilhelm von
Humboldt, der — von der Lektüre des Demosthenes ausgehend — 1807 in Rom
eine „Geschichte des Verfalls und Unterganges der griechischen Freistaaten" in
Angriff nahm; vgl. A. Leitzmann, Sechs ungedruckte Aufsätze über das klassische
Altertum von W. v. Humboldt, Leipzig 1896, 154—208, dazu ib. p. XLVI—LI;
jetzt in: W. v. Humboldt, Werke, hrsg. v. A. Flitner u. K. Giel, II, Darmstadt
1961, 73—124. Geplant waren zwei große Teile, von denen der erste den politi-
schen Niedergang Griechenlands von Philipp II. bis zur Eroberung Athens durch
Sulla, der zweite dagegen den Siegeszug der griechischen Kultur in der römischen
Zeit sowie der ganzen neueren Geschichte behandeln sollte, a. O. 171 f. Wie Hum-
boldt in einem Brief an J. G. Schweighäuser, den Sohn des berühmten Heraus-
gebers des Polybios, schrieb, verstand er dieses Unternehmen geradezu als eine
Lebensaufgabe (a. O. X L I X ; vgl. A. Leitzmann, Wilhelm von Humboldts Briefe
an J. G. Schweighäuser, Jena 1934, 42 [4. XI. 1807]). Dahinter stand, wie aus
dem gleichen Brief hervorgeht, das Erlebnis der preußischen Niederlage gegen
Napoleon und die Hoffnung auf eine Erneuerung des gesamten Staates vom
Geistigen her. Bereits 1808 kehrte Humboldt dann nach Preußen zurück. Er ist
später nicht mehr auf diese Arbeit zurückgekommen, von der lediglich eine Art
Vorwort sowie das erste Kapitel der Einleitung („Von dem griechischen Charakter
überhaupt und der idealischen Ansicht desselben insbesondere") existieren, die
aber von A. Leitzmann nicht ohne Berechtigung als Humboldts „reifste Arbeit
über das klassische Altertum" und „eine seiner allerbedeutendsten schrift-
stellerischen Leistungen" bezeichnet wurden (a. O. LI).
Die Wirkung der Schrift, wäre sie ausgearbeitet und publiziert worden, läßt
sich nicht leicht abschätzen. Es muß allerdings festgestellt werden, daß einige
spätere Untersuchungen, die ebenfalls mit den Kategorien des „Verfalls", des
„Untergangs" und der „Auflösung" arbeiten, sich für die hier angewandte
Fragestellung als durchaus unergiebig erwiesen haben, so W. Drumann, Versuch
einer Geschichte des Verfalls der griechischen Staaten, Berlin 1820; C. Barba-
gallo, II tramonto di una civiltä ο la fine della Grecia antica, 2 Bde., Florenz
1923—1924; A. Ferrabino, La dissoluzione della libertä. nella Grecia antica,
Padua 1929 (zu Rom vgl. ib. 88—91). Vgl. ferner die kurze Skizze von F. Münzer,
Die politische Vernichtung des Griechentums, Leipzig 1925.
6 Einleitung

einmal in der faktischen Disparatheit des griechischen Widerstandes


selbst, die seine Erfassung als einheitlichen historischen Prozeß nicht
gerade nahelegt, zum andern aber auch in der Natur der antiken Über-
lieferung und schließlich, wie es scheint, in gewissen, ihrerseits historisch
erklärbaren Grundpositionen der modernen Geschichtsforschung.
Zweifellos hat schon die Quellenlage die Entstehung der heutigen
Vorstellungen vom Wesen der griechischen Geschichte des 2. Jahr-
hunderts v. Chr. entscheidend gefördert. Was sich damals in Griechen-
land abspielte, wird nämlich nicht nur bei Livius ganz aus römischer
Sicht und überhaupt nur insoweit dargestellt, als es für die römische
Politik von Belang war. Auch der bedeutendste Historiker jener Zeit,
der Grieche Polybios, hat die Geschichte der Auseinandersetzung
zwischen Rom und den Staatswesen des griechischen Mutterlandes nicht
vom griechischen Standpunkt, sondern von der Warte des Beobachters
in Rom aus geschrieben. Nicht der vergebliche Widerstand der Griechen
war sein Thema, sondern der Aufstieg Roms. Er hat Rom ins Zentrum
seiner Darstellung gerückt und, da nahezu die gesamte erhaltene litera-
rische Uberlieferung über die entscheidenden Vorgänge bis 146 v. Chr.
auf seinem Werk fußt, dieser ausgesprochen römischen Perspektive der
Geschichte Griechenlands im 2. Jahrhundert v. Chr. schon in der Antike
zur Vorherrschaft verholfen19.
Polybios hat freilich in seiner weitgespannten Geschichtsdarstellung
der innergriechischen und zumal der achaiischen Politik doch auch
soviel Raum gewährt, daß M. Geizer im Jahre 1940 geradezu eine
achaiische Geschichte als Kern der Historien postulieren konnte 20 . Diese
These ist zwar auf vielfachen Widerspruch gestoßen21; nicht zu bezweifeln
ist aber, daß sich aus dem Werk des Polybios trotz dessen eindeutig
„römischer" Sicht bei entsprechender Fragestellung genügend Auf-
schlüsse über Wesen und Geschichte des griechischen Widerstandes
gegen die römische Expansion gewinnen lassen.
19 Darauf, daß die Konzeption des Polybios tatsächlich römisch und nicht, wie
meist behauptet, im eigentlichen Sinn „universalhistorisch" ist, hat zuletzt hin-
gewiesen M. Gigante, La crisi di Polibio, in: La Parola del Passato 16,1951,35.
20 M. Geizer, Die Achaica . . . (oben Anm. 17); vgl. ders., Gnomon 29,1957,406
(Bespr. v. Walbank, Comm. I) = Kl. Sehr. a. O. 208.
21 Zustimmung zur These Geizers bei M. Treu, Historia 3, 1954—55,222; 224;
Ziegler 1476; ablehnend dagegen E. Badian, J R S 57,1967,222; D. Musti, La
Parola del Passato 20,1965,386f.; Pedech 530 (vgl. ders., Gnomon 30,1958,64f.);
Walbank, Comm. 1,215; vgl. auch H. Bengtson, Griech. Gesch. (4. Aufl. 1969),
366.
Zur bisherigen Forschung 7

Daß Polybios — und Livius — dennoch so gut wie nie systematisch


unter diesem Gesichtspunkt geprüft wurden, dürfte daher auch mit eini-
gen weit verbreiteten modernen Grundüberzeugungen vom Wesen der
griechischen Geschichte zusammenhängen, die im Griechenland des
2. Jahrhunderts v. Chr. nichts als Verfall und Niedergang erblicken, ja
ihm eine eigenständige Geschichte überhaupt absprechen. Tatsächlich
enden fast alle großen, „klassischen" Darstellungen der Geschichte
Griechenlands ζ. T. lange vor dem 2. Jahrhundert und überlassen dieses
damit zwangsläufig dem — von Polybios und Livius vorgezeichneten —
Zusammenhang der römischen Geschichte. Das gilt für E. Curtius, der
mit vielen anderen die Geschichte Griechenlands schon mit der Schlacht
von Chaironeia im Jahre 338 v. Chr. beendet wissen wollte22, nicht weni-
ger als für G. Grote, der seine Griechische Geschichte nur bis zur
ersten Generation nach Alexander, bis etwa 300 v. Chr., herabgeführt
hat 23 . Mit der späteren Zeit, dem „Griechenland des Polybios", wollte
sich Grote nicht mehr befassen, da es, wie er feststellte, „keine eigene
Geschichte für sich" habe 24 : „Hellas' Freiheit, das Leben und die Seele
dieser Geschichte von ihrem Beginn an, verschwand vollständig während
der ersten Jahre von Alexandras' Regierung" 26 . Droysens „Geschichte
des Hellenismus" führte dann wenigstens bis zur Schlacht von Sellasia
(222 v. Chr.) 26 ; ähnlich ging Belochs Griechische Geschichte bis zum
Frieden von Naupaktos (217 v. Chr.)27, wobei immerhin Beloch selbst
in anderem Zusammenhang das Fehlen eines Schlußbandes, der dann
bis in die Zeit Sullas reichen sollte, ausdrücklich bedauerte 28 .
In all diesen einflußreichen Konzeptionen aber war für eine eigen-
ständige griechische Politik im 2. Jahrhundert v. Chr. und folglich für
den Widerstand der Griechen gegen Rom als Teil der griechischen Ge-
schichte kein Platz. Eine wesentliche Rolle haben hier gewiß auch die

22
E. Curtius, Griechische Geschichte I—III, 1. Aufl. Berlin 1857—1867; der
3. Band (Berlin 1867) trägt den Untertitel: „Bis zum Ende der Selbständigkeit
Griechenlands''.
23
G. Grote, A History of Greece, 12 Bde., London 1846—1856; dt. „Geschichte
Griechenlands", übers, v. N. N. W. Meißner—E. Höpfner, 6 Bde., 2. Aufl. Leipzig
1880 (danach im folgenden zit.).
24
Grote a. O. 6,659.
25
Grote a. O.
28
J. G. Droysen, Geschichte des Hellenismus, 2. Aufl. in 3 Teilen, Gotha 1877—1878.
27
K. J. Beloch, Griechische Geschichte IV 1—2, 2. Aufl. Berlin 1925—1927.
28
Ders., in: S. Steinberg (Hrsg.), Die Geschichtswissenschaft der Gegenwart in
Selbstdarstellungen II (Leipzig 1926), 27.
8 Einleitung

offenkundige Erfolglosigkeit dieses Widerstandes und im Zusammenhang


damit grundsätzliche Anschauungen von „Sinn", „Vernunft" und
„Fortschritt" in der Geschichte gespielt, die es geboten erscheinen
ließen, statt des am Ende feststehenden politischen Scheiterns der
griechischen Welt den zukunftsweisenden Aufstieg Roms gleichsam als
positiven Aspekt desselben Vorgangs ins Auge zu fassen. Von der
(gewöhnlich freilich unausgesprochenen) Prämisse, daß die Unter-
werfung Griechenlands durch Rom insgesamt als historischer „Fort-
schritt" gewertet werden müsse29, führt begreiflicherweise kaum ein
Weg zu einer Erhellung und Würdigung der Auflehnung der Griechen
gegen den Verlust ihrer politischen Unabhängigkeit durch Rom.
Die ganz einseitige Abwertung und Verächtlichmachung des griechi-
schen Widerstandes, wie sie ein Mommsen in seiner Römischen
Geschichte mit Vehemenz vertrat, konnte dennoch lange in der Wissen-
schaft als überwunden gelten. Mommsen hat — aus seiner „römischen"
Perspektive -— die Freiheit Griechenlands im 2. Jahrhundert v. Chr.
geradezu als „schädlich" bezeichnet 30 und etwa die von der Gruppe
um Philopoimen und später Lykortas zwischen 193 und 168 v. Chr.
verfolgte achaiische Selbständigkeitspolitik gegenüber Rom als „wahre
historische Fratze" abgetan 31 . Die „Scheinsouveränität" der griechischen
Koina seit der römischen Intervention war für ihn ein „unklarer und
verderblicher Schwindel" 32 ; ja, die ganze Opposition der Griechen gegen
Rom erschien ihm schlechthin „kindisch" 33 .
Mommsen hatte damit freilich nach den Worten Belochs „nichts
als eine Karikatur" geliefert34, und die spätere Geschichtsschreibung ist
fast durchweg zu einer verständnisvolleren Wertung der griechischen
Haltung gelangt. Das gilt für G. F. Hertzberg (1866) 36 ebenso wie etwa
für W. Ihne, der in seiner Römischen Geschichte (1872) den inneren

29 Diese Anschauung begegnet — im Grunde seit Polybios — vielfach auch schon


in der Antike, vgl. K. Thraede, Reallex. f. Ant. u. Christent., 57. Lief. (Stuttgart
1963), 148f., Art. Fortschritt.
30 Mommsen a. O. 1,721.
31 Mommsen a. O. 1,749.
32 Mommsen a. O. 2,49.
33 Mommsen a. O. 1,778.
84 Beloch a. O.
34 Vgl. Hertzberg 1,141. Zuvor schon hatte ζ. B. C. Peters, Studien zur römischen
Geschichte: Ein Beitrag zur Kritik von Th. Mommsen's römischer Geschichte
(Halle 1863), 163ff., Mommsens Darstellung der griechischen Verhältnisse heftig
kritisiert.
Zur bisherigen Forschung 9

Vorgängen in Griechenland verhältnismäßig breiten Raum gewährte


und sich um Gerechtigkeit auch gegenüber den Unterlegenen be-
mühte36. Auch hat A. Holm in seiner Griechischen Geschichte (1894)
ζ. B. der Politik des Philopoimen seine Anerkennung nicht versagt 37 .
Im X X . Jahrhundert ist — um von der als Materialsammlung zwar
unübertroffenen, in der Beurteilung der politischen Zusammenhänge
aber eher unselbständigen Darstellung Nieses hier abzusehen — vor
allem G. de Sanctis in seiner großangelegten „Storia dei Romani" aus-
führlich auf die innenpolitischen Verhältnisse im Griechenland des
2. Jahrhunderts v. Chr. eingegangen und hat die ungerechten Urteile
Mommsens wiederholt mit Entschiedenheit zurückgewiesen38. Zu einem
wirklichen Versuch, den griechischen Widerstand gegen Rom als eigenen
historischen Prozeß zu erfassen, ist es aber dennoch nicht gekommen,
ja manche Tendenzen in der gegenwärtigen Forschung scheinen fast
eher wieder nach rückwärts zu weisen. So hat Η. E. Stier zwar die Not-
wendigkeit einer Überwindung der üblichen „unpolitischen" Betrach-
tungsweise erkannt39, dies aber sogleich mit einer höchst einseitigen
Parteinahme für den schließlichen Sieger verbunden. Stier erklärt den
Widerstand der Griechen gegen Rom für weithin verfehlt, wobei er sich
namentlich auf das Urteil des Polybios über die wichtigsten Gegner
Roms in Griechenland —• in erster Linie Aitolien, Boiotien und die
makedonische Monarchie — beruft, ohne freilich seinerseits die politische
Bedingtheit der Einstellung des achaiischen Historikers einer näheren
Prüfung zu unterziehen40. Stiers Absicht ist — darin derjenigen des
Polybios verwandt —, den Sieger ,,zu verstehen und ihm gerecht zu wer-
den"41. So stempelt er etwa den Versuch der Aitoler, das römische
Protektorat über Griechenland abzuschütteln, als „leichtfertig und

M W. Ihne, Römische Geschichte III (Leipzig 1872), vgl. ζ. B. 270.


37 Vgl. etwa A. Holm, Griechische Geschichte von ihrem Ursprünge bis zum Unter-
gange der Selbständigkeit des griechischen Volkes IV (Berlin 1872), 446.
38 Vgl. ζ. B. De Sanctis IV 3,158, Anm. 190. — Band IV 1 (202—168 v. Chr.) trägt
die Widmung: ,,A quei pochissimi che hanno parimente a sdegno d'essere oppressi
e di farsi oppressori".
39 Vgl. Stier a. O. 5.
40 Nachträglich hat allerdings G. A. Lehmann den Versuch unternommen, die
politischen Urteile des Polybios quasi in toto als „richtig" und verbindlich
zu erweisen: G. A. Lehmann, Untersuchungen zur historischen Glaubwürdigkeit
des Polybios, Münster 1967. Vgl. dazu jedoch J. Deininger, Gnomon 42, 1970,
65—72.
41 Stier a. O. 11.
10 Einleitung

verbrecherisch" ab42, und wenn H. Berve in diesem elementaren Auf-


begehren gegen die Unterwerfung durch das übermächtige Rom einen
„Lichtstrahl im einbrechenden Dunkel" erkennen wollte43, so glaubt
Stier kategorisch feststellen zu können, diese Auffassung sei völlig anti-
quiert 44 . Dahinter aber steht eingestandenermaßen die auf das XIX.
Jahrhundert zurückweisende Vorstellung von der Weltgeschichte als
dem Weltgericht: „Was einer wert war, lehrt sein Erfolg", behauptet
Stier46, und: „Wir haben dank der modernen historischen Forschung
die Weltgeschichte gut genug kennengelernt, um feststellen zu müssen,
daß in ihr wirklich nur diejenigen sich auf die Dauer durchgesetzt
haben, die es letzten Endes auch verdienten, Sieger zu sein" 46 . Ab-
gesehen davon, daß es sich hierbei um „meta"historische Fragen handelt,
zu deren Beantwortung die Mittel der „modernen historischen For-
schung" gerade nicht ausreichen, ist nur allzu offenkundig, daß von
einer solchen Verabsolutierung des Erfolgs, wo das Mißlingen gar
in die Nähe des „Verbrecherischen" verwiesen wird, kein Weg zur
Erfassung des griechischen Widerstandes gegen Rom als eines eigenen
historischen Prozesses führt 47 .

2. „Aristokraten", „Oligarchien", ,,Demokraten" und die Romfeind-


schaft in Griechenland

Doch nicht nur die von den Quellen vorgezeichnete und von der
modernen Forschung aus mancherlei Gründen übernommene, vorwiegend
„römische" Perspektive der Geschichte Griechenlands im 2. Jahrhundert
v. Chr. hat die Aufmerksamkeit vom Phänomen des griechischen
Widerstandes abgelenkt. Eine nicht geringere Rolle spielte der eigen-
tümliche Charakter des Widerstandes selbst: Existierte denn überhaupt
— so ließe sich fragen — „der" Widerstand der Griechen als einheit-
liches, greifbares historisches Phänomen ? Bestand er nicht vielmehr
aus zahlreichen, über einen langen Zeitraum verteilten Einzelaktionen
42
Stier a. O. 167.
43
H. Berve, Griechische Geschichte II, 2. Aufl. Freiburg 1953, 341.
44
Stier a. O.
46
Stier a. O. 182.
4e
Stier a. O. 11 f.
47
Vgl. in dieser Hinsicht auch die — allerdings zu scharfe — Kritik von J. H. Thiel
an der Darstellung der rhodischen Politik bei Η. H. Schmitt, Rom und Rhodos
(München 1957), in: Forum der Letteren 1, 1960, 27.
„Aristokraten", „Oligarchen", „Demokraten" 11

und -bewegungen ohne unmittelbaren historischen Zusammenhang?


Zur Bestätigung dieses Eindrucks könnte man wiederum auf die
antiken Quellen verweisen, denen ein präziser Begriff für „den" griechi-
schen Widerstand gegen Rom durchaus fremd ist. Wohl verfügt ζ. B.
Polybios über ein beträchtliches Arsenal von Ausdrücken zur Bezeich-
nung einer Widerstandspolitik, von denen er im Hinbück auf Rom
vor allem άντπτράττειν zu verwenden pflegt1, daneben aber auch
άντερείδειν2, άντιλέγειν3, άυτιττίτττειυ4, άντιτάττεσθαι 5 , άντοφθαλμεϊυ6
und διωθεΐσθαι7. Doch ist es offenkundig, daß weder er noch ein an-
derer antiker Historiker die politische Gegnerschaft zu Rom auf einen
einheitlichen, etwa gar dem prägnanten modernen Terminus „Wider-
stand" vergleichbaren Begriff gebracht hat8.
Eine Hauptursache hierfür hegt zweifellos darin, daß eine ge-
schlossene politische Oppositionsbewegung gegen Rom in Griechenland
niemals existiert hat, so wenig wie es je, von einem bemerkenswerten,
aber bald verschwundenen Ansatz abgesehen9, eine einheitliche, spezi-
fisch antirömische „Ideologie" in Griechenland gegeben hat. Auch die
von H. Fuchs gesammelten Beispiele von „geistigem" Widerstand im
Griechenland des 2. Jahrhunderts v. Chr. — etwa die romfeindlichen
Historiker, die Rede des Karneades in Rom und die bei Phlegon von
Tralleis erhaltenen antirömischen Weissagungen — bleiben voneinander
isoliert und ohne näheren historischen Konnex10.
1 Polyb. 24,9,5; 27,4,9; 28,3,5; 28,6,3; 5; 6; 30,6,6. — Der Gegenbegriff dazu ist
συμττράττειν (vgl. 28,7,1) bzw. συνεργεΐν, 28,6,3; 30,6,6, außerdem 24,6,4;
24,13,2; 7; 38,13,3.
2 Polyb. 24,13,7; vgl. dazu unten S. 112ff.
8 Polyb. 24,9,8; 24,10,3; vgl. 28,13,10; 29,25,5; 38,10,7. Das Gegenteil lautet

συνηγορεΐν, vgl. 24,10,3.


4 Polyb. 24,11,5. — Ausgesprochen abwertend (im Sinne des συνεργεΐν) ist

ττροπίτττειν, 28,3,4; ähnlich ττροστρέχειν, 24,10,4; 27,15,12.


« Polyb. 38,10,6.
« Polyb. 24,12,1; 28,6,5.
7 Polyb. 24,13,7. Vgl. noch -προσαντέχειν, Polyb. 24,13,2. — ΆνΘίστασθαι bei

Paus. 8,51,4 (vgl. 7,10,10); bei Polyb. erscheint dieser Terminus nur 9,30,3
(Abwehr der Kelten durch die Aitoler).
8 Wie er etwa auch in neugr. άντ(στασΐ5(άντ(σταση) vorliegt.
β Vgl. dazu unten S. 23ff.
10 H. Fuchs, Der geistige Widerstand gegen Rom in der antiken Welt, Berlin 1938

(urspr. Antrittsvorlesung Basel 1933), bes. 2ff., 5ff. Gegen den Versuch von
P. Meloni, II valore storico e le fonti del libro macedonico di Appiano (Rom 1955),
aus den Fragmenten der Μακεδονικά Appians einen romfeindlichen Historiker
des 2. Jahrhunderts v. Chr. zu erschließen (bes. ib. 216ff.), vgl. mit Recht
12 Einleitung

Und dennoch, trotz aller Zersplitterung der Opposition gegen die


römische Expansion in Griechenland, scheint sich bei genauerer
Untersuchung nichts weniger als eine Art kontinuierlicher historischer
Prozeß des griechischen Widerstandes gegen Rom abzuzeichnen, dessen
tieferer Zusammenhang freilich nicht auf dem äußeren Handlungs-
geflecht, sondern auf den ihn tragenden politischen Grundkräften be-
ruhte. Daß in den langen Auseinandersetzungen der griechischen Staats-
wesen mit Rom bis zu ihrer endgültigen Unterwerfung immer wieder
ganz bestimmte Kräfte am Werk waren, ist aufgrund einer Anzahl
von Hinweisen in den antiken Quellen an sich schon oft ausgesprochen
worden. Insbesondere besteht seit langem geradezu eine opinio communis
darüber, daß die jeweilige Haltung gegenüber Rom und damit auch der
antirömische Widerstand entscheidend durch feste innenpolitische Front-
stellungen mitbestimmt wurde. Ob freilich bei der unsystematischen
Behandlung, mit der man sich hier bisher zufrieden gegeben hat, das
Wesen dieser inneren Gegensätze richtig erkannt wurde, erscheint
durchaus fraglich und macht eine eingehendere Prüfung notwendig.
Eine bekannte, weitverbreitete Auffassung wollte den Zwiespalt
zwischen Gegnern und Anhängern Roms in Griechenland auf den
traditionellen Antagonismus zwischen Aristokraten bzw. Oligarchen und
Demokraten in den griechischen Staatswesen zurückführen. Hinter dem
Widerstand gegen die römische Eroberung hätten nach dieser Erklärung
im wesentlichen die „Demokraten" gestanden, da sich die Römer ent-
sprechend ihrer eigenen politischen Ordnung überall auf die „Aristo-
kraten" bzw. „Oligarchen" zu stützen versucht hätten. Am schärfsten
und einseitigsten ist diese Theorie bereits im Jahre 1858 von N.-D. Fustel
de Coulanges verfochten worden11. Nach ihm stand die ganze Geschichte
Griechenlands vom II. Makedonischen Krieg bis 146 v. Chr. im Zeichen
der Auseinandersetzung zwischen Aristokratie und Demokratie, wobei die
Aristokraten zugleich die „römische Partei", die Demokraten dagegen
die makedonische Partei darstellten. Lapidar erklärte er: „D£s que
Rome se montra aux Grecs, l'aristocratie fut pur eile"12. Das Jahr
M. Geizer, Kl. Sehr. 3, 280—285. —• Zu dem fingierten Brief Hannibals an
Athen vgl. unten S. 246, Anm. 3.
11 N.-D. Fustel de Coulanges, Polybe ou la Grece conquise par les Romains,
Amiens 1858; wiederabgedruckt in: ders.. Questions historiques, hrsg. v.
C. Jullian, Paris 1893, 119—211 (danach im folgenden zitiert).
12 Fustel de Coulanges a. O. 158; vgl. 175. — Fustel hat seine These auch in den
größeren Rahmen der „Citö antique" eingefügt, vgl. La Cite antique V 2, § 3
CParis ο. J., 439f.).
„Aristokraten", „Oligarchen", „Demokraten." 13

146 v. Chr. bedeutete in dieser Sicht nichts anderes als den Endsieg
der verbündeten römischen und griechischen Aristokraten 13 über die
Demokratie in Griechenland 14 .
Wesentliche Teile von Fustel de Coulanges' Auffassung hat dann
L. Petit de Julleville (1875) übernommen, vor allem die zweifellos eine
richtige Beobachtung enthaltende Grundthese, daß in jener Zeit nicht
mehr die Gegensätze zwischen den einzelnen Poleis, sondern über die
Städte hinausgehende „Partei"kämpfe das bewegende Element in der
griechischen Politik gewesen seien16. Im Gegensatz zu Fustel de Coulanges
verlief der Prozeß der Auseinandersetzung zwischen den Griechen und
Rom jedoch für Petit de Julleville viel differenzierter. An die Stelle
des einfachen, permanenten Bündnisses zwischen den Aristokraten und
Rom setzte Petit eine Art Fünf-Phasen-Schema, wonach sich (I) im
I. Makedonischen Krieg die Demokraten mit Rom gegen die Aristo-
kraten, (II) im II. Makedonischen Krieg die Demokraten und die Aristo-
kraten mit Rom gegen Makedonien und erst (III) im Aitolischen Krieg
die Aristokraten mit den Römern gegen die Demokraten verbündet
hätten. Darauf folgte seit etwa 180 v. Chr. die Spaltung der Aristokraten
in eine nationale und eine prorömische aristokratische „Partei" (IV)
und schließlich (V) die endgültige Niederlage der von der national-
aristokratischen Partei im Stich gelassenen demokratischen Partei gegen
Rom im Achaiischen Krieg16.
Diese eigenartige Konstruktion, die ohne Einfluß auf die folgende
Forschung geblieben ist, hat heute eigentlich nur noch problemgeschicht-
liches Interesse, da sie auf einem unangemessenen Parteibegriff und vor
allem auf der Annahme beruhte, das achaiische Koinon habe die
„aristokratische", das aitolische Koinon dagegen die „demokratische"
Partei in Griechenland repräsentiert. Auch dies war eine von Fustel
de Coulanges begründete Anschauung 17 ; daß sie jedoch in allen wesent-
lichen Punkten unhaltbar ist, hat spätestens 1885 die Untersuchung von
M. Dubois erwiesen18.

13
Vgl. Fustel de Coulanges a. O. 159 f.
14
Fustel a. O. 197—206, Kap. VII: „Derntere lutte de la democratie contre
Rome".
15
L. Petit de Julleville, Histoire de la Grece sous la domination romaine, 2. Aufl.
Paris 1879 (1. Aufl. ebda. 1875); vgl. ib. 2.
16
Petit de Julleville a. O. 24f.
17
Fustel a. O. 146 f.
18
Vgl. oben S. 4, Anm. 14.
14 Einleitung

Eine systematische Auseinandersetzung mit den Thesen von Fustel


de Coulanges und Petit de Julleville ist nie erfolgt. Nichtsdestoweniger
spielten lange Zeit „Aristokraten", „Oligarchen" und „Demokraten"
als angeblich bestimmende politische Kräfte im Griechenland auch des
2. Jahrhunderts v. Chr. allenthalben in der Forschung eine Rolle, ohne
daß man sich dabei über die Tragfähigkeit dieser Begriffe Gedanken
gemacht hätte 19 . Daneben steht freilich auch die Tendenz, diese ver-
fassungspolitischen Begriffe zugunsten eines rein sozialen Gegensatzes
zwischen Besitzenden und Besitzlosen verschwinden zu lassen20.
Doch der damit immer aufs neue postulierte Zusammenhang zwischen
äußerer und innerer Politik: bzw. Außenpolitik und Gesellschaftsstruktur
ist trotz seiner offensichtlichen Bedeutung für den Prozeß der politischen
Einverleibung Griechenlands in das Imperium Romanum erstaunlicher-
weise nicht im Detail untersucht worden. Insbesondere ist die von
vielen Forschern mehr oder weniger explizit vertretene Grundthese
einer Verbindung zwischen Rom und den „Aristokraten" lediglich von
zwei Autoren, Passerini und Briscoe, einer begrenzten und jedesmal
nicht sehr glücklichen Kritik unterzogen worden; denn beide bleiben
in dem traditionellen Kategorienschema befangen. So hat A. Passerini
im Jahre 1933 gegen die bisherige Forschung die These aufgestellt, daß
Rom bis in die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. hinein nicht etwa die
Aristokratie, sondern gerade umgekehrt die „demokratischen", ja
„ochlokratischen" Kräfte, repräsentiert durch einzelne „Tyrannen",
und damit die Zersetzung des politischen Lebens in Griechenland syste-
matisch gefördert und sich e s t danach, d. h. seit 146 v. Chr., auf die

19 Besonders charakteristisch Hertzberg, der die Repräsentanten der prorömischen


Kräfte immer wieder als Aristokraten und Oligarchen (vgl. 108; 157; 173; 175;
189; 211), die Gegner Roms dagegen als Demokraten bezeichnet (vgl. 157f.;
175; 189; 211), ohne eine nähere quellenmäßige Begründung für erforderlich zu
halten. Vgl. auch (ζ. B.) Niccolini 177f. sowie Niese 2,687; 719; 3,19; 114 m.
Anm. 1. Nicht über die Begriffe und Anschauungen von Fustel, Hertzberg und
Colin hinausgekommen ist auch die wenig selbständige Arbeit von J . Valarch^,
La Gr6ce de la decadence au:x points de vue economique et social, These (jur.)
Paris 1941, bes. 178—201. In Übernahme der römischen Terminologie bei Livius
spricht Niese statt von Aristokraten bzw. Oligarchen ζ. T. von „Optimaten"
(vgl. 2,668; 3,102; 111). Damit wird jedoch nur zusätzliche begriffliche Un-
klarheit geschaffen, vgl. unten S. 72f.
20 So bereits Fustel a. O. 126; Petit de Julleville a. O. 3; Hertzberg 103; außer-
dem ζ. B. De Sanctis 4,1,98; W. Tarn—G. T. Griffith, Die Kultur der helle-
nistischen Welt (3. Aufl. London 1952), dt. Darmstadt 1966, 11; 30.
„Principes" und ol πολλοί 15

besitzende Schicht gestützt habe 21 . Kein Geringerer als Rostovtzeff


hat dieser Theorie — freilich sehr summarisch und ohne Begründung
im einzelnen — zugestimmt 22 , obwohl sich unschwer zeigen läßt, daß
sie in mehr als einem Fall auf einer offenkundig falschen Quelleninter-
pretation beruht. Sie hat denn auch sonst kaum Anklang gefunden 23 .
Demgegenüber hat neuerdings (1967) J. Briscoe gleichsam eine ver-
mittelnde Position einzunehmen versucht, derart, daß die natürlichen
Sympathien der Römer zwar stets den „Oligarchen" gegolten hätten,
sie jedoch, falls es ihren politischen Interessen dienlich war, sich
ebensogut auf „Demokraten" und „Tyrannen" gestützt hätten 24 . Doch
auch diese jüngste Variante der „klassischen" Theorie erscheint grund-
sätzlich unbefriedigend.

3. „Principes" und ol πολλοί als Träger des Widerstandes gegen Rom

Eine nähere Prüfung der Quellen führt nämlich rasch zu dem Er-
gebnis, daß weder die bis auf Fustel de Coulanges zurückzuverfolgende
Auffassung einer Verbindung zwischen den „Aristokraten" bzw. „Oli-
garchen" und Rom gegen die „Demokraten" noch die umgekehrte These
Passerinis von einer Förderung der „Demokraten" und „Ochlokraten"
durch Rom, noch auch Briscoes Kompromiß zwischen beidem der
historischen Wirklichkeit entspricht. Bei genauerem Zusehen zeigt sich
vielmehr alsbald, daß bereits die Kategorien, mit denen die bisher
genannten Modelle arbeiten, auf die griechische Geschichte des 2. Jahr-
hunderts v. Chr. gar nicht anwendbar sind. Schon ein kurzer Blick auf
die inneren Verhältnisse der griechischen Staatswesen beweist, daß die
Frontlinie zwischen den Anhängern und Gegnern Roms von vornherein

21
A. Passerini, Studi di storia ellenistico-romana, VI: I moti politico-sociali della
Grecia e i Romani, Athenaeum 11, 1933, 309—335 (ohne Erwähnung der Arbeiten
von Fustel de Coulanges und Petit de Julleville).
22
Rostovtzeff 2,484; 3,1225, Anm. 14.
23
Mit Recht ablehnend ζ. B. A. Giovannini, BCH 93, 1969, 560, Anm. 2; J. Toulou-
makos, Der Einfluß Roms auf die Staatsform der griechischen Stadtstaaten des
Festlandes und der Inseln im ersten und zweiten Jahrhundert v. Chr., Diss.
Göttingen 1967, 36; vgl. auch H. Berve, Die Tyrannis bei den Griechen I
(München 1967), 412, wo festgestellt wird, daß sich die römische Politik gerade
nicht des Systems der Einsetzung von Stadtherren bzw. ,.Tyrannen" bediente.
21
J. Briscoe, Rome and the Class Struggle in the Greek States 200—146 B.C.,
Past and Present 36, 1967, 3—20.
16 Einleitung

anderswo gesucht werden muß als zwischen „Oligarchen" und „Demo-


kraten".
Auszugehen ist dabei von dem vielfach zu wenig beachteten Faktum,
daß weder Polybios noch irgendeine andere Quelle im 2. Jahrhundert
v. Chr. den immer wieder behaupteten Gegensatz zwischen „Aristo-
kraten" bzw. „Ohgarchen" und „Demokraten" in den Städten und
Koina Griechenlands kennt. Polybios verwendet zwar die Begriffe
αριστοκρατία, αριστοκρατικός, ολιγαρχία und ολιγαρχικός, aber ledig-
lich in den verfassungstheoretischen Erörterungen des sechsten Buches
und kaum je zur Charakterisierung innenpolitischer Gegensätze in
Griechenland 1 , in keinem Fall jedoch in direktem oder indirektem
Zusammenhang mit der Stellungnahme einzelner Politiker oder Gruppen
gegenüber Rom. Ebensowenig gebraucht er δημοκρατία, όχλοκρατία,
δημοκρατικός oder όχλοκρατικός im Zusammenhang mit der innenpoli-
tischen Richtung von Gegnern oder Anhängern Roms.
In der politischen Wirklichkeit des 2. Jahrhunderts v. Chr. gab es
für Polybios vielmehr, abgesehen von der makedonischen Monarchie
und etwa der „Tyrannis" des Nabis in Sparta (207—192 v. Chr.), in
Griechenland lediglich „Demokratien", wobei bekanntlich das achaii-
sche Koinon als eine Art Musterdemokratie einen bevorzugten Platz
bei ihm einnahm 2 . Aber auch alle anderen Staatswesen waren für
Polybios „Demokratien", und dies entsprach aufs genaueste den herr-
schenden Anschauungen der Zeit: Demokratie wurde im 2. Jahrhundert
in erster Linie nur noch als Gegensatz zur Monarchie begriffen 3 . Der
alte Antagonismus zwischen Aristokraten (bzw. Oligarchen) und
1
Eine vereinzelte Ausnahme bilden die Ereignisse in Messene 220 v. Chr. (Polyb.
4,31,1—4); dazu K.-W. Welwei, Historia 15, 1966, 288, dessen Schluß, Polybios
habe auch außerhalb des sechsten Buches Demokratie und Oligarchie „scharf
voneinander abgehoben", jedoch unbewiesen bleibt.
2
Polyb. 2, 38, 6: 'Ισηγορίας καΐ τταρρησία; καΐ καθόλου δημοκρατίας άληθιυης
σύστημα καΐ ττροαίρεσιυ εϊλικριυεστέραν ούκ δν εύροι Tis τη$ τταρά τοΐ; Άχαιοΐξ
ύτταρχούσηζ; vgl. auch 2, 44, 6; 23, 12, 8.
3
Zu dieser oft festgestellten Tatsache vgl. vor allem Musti 155ff.; J. A. O. Larsen,
Class.Philol. 40, 1945, 88f. (jeweils mit alt. Lit.); ders., Fed. States 175; 232;
Welwei a. O. 284; 287f.; V. Ehrenberg, Der Staat der Griechen, 2. Aufl. Zürich-
Stuttgart 1965, 156; Th. Cole, Historia 13, 1964, 457; Walbank, Comm. 1,222;
A. Aymard, R E A 50, 1948, 258f. ( = fitudes d'hist. ancienne, Paris 1967, 94f.);
ders., Class. Philol. 45, 1950, 102 ( = Etudes 171). Vor allem Musti a. O. hat sich
um eine inhaltliche Klärung dieses Demokratiebegriffs bemüht und dabei die
zentrale Rolle der Existenz von Primärversammlungen (Ekklesien) betont, vgl.
bes. a. 0 . 1 6 5 ; 170; 183ff.; 195ff.
„Principes" und ot πολλοί 17

Demokraten existierte als aktueller innenpolitischer Gegensatz in den


griechischen Staatswesen im Bewußtsein des 2. Jahrhunderts v. Chr.
nicht mehr 4 ; er stellt vielmehr eine unbegründete Projizierung der Ver-
hältnisse der „klassischen" Zeit des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr.
durch die moderne Wissenschaft auf die durchaus veränderten politischen
Strukturen der späthellenistischen Zeit dar.
Diese veränderten Verhältnisse bestanden, ganz allgemein ausge-
drückt, darin, daß unter der jetzt allein üblichen, wenn auch ganz ver-
wässerten Bezeichnung „Demokratie" faktisch allenthalben eine Ord-
nung bestand, die an sich eher dem klassischen Begriff einer „Oligarchie"
entsprach: Die Führung der Politik war überall in den Händen einer ver-
hältnismäßig kleinen Oberschicht, während die breiten unteren Schichten
keine eigenständige politische Kraft darstellten, sondern allenfalls in
Verbindung mit gewissen Teilen der Oberschicht politische Bedeutung
gewinnen konnten 6 .
Gerade dies ist auch das Bild der politischen Verhältnisse des griechi-
schen Mutterlandes, das sich aus dem Werk des Polybios ergibt. Polybios,
der aus seiner eigenen politischen Praxis einen wachen Blick für die wirk-
lichen politischen Kräfte Griechenlands und ihre Erscheinungsformen
besaß, weiß von einem innenpolitischen Gegensatz von Parteigängern
verschiedener Verfassungsformen nichts. Die einzige wesentliche Diffe-
renzierung, die er vornimmt und die allerdings seine gesamte Darstellung
der Ereignisse in Hellas beinahe wie ein roter Faden durchzieht, betrifft
nicht „Aristokraten" und „Demokraten", sondern den Unterschied

1
Vgl. auch Tarn-Griffith 76.
5
Vgl. zuletzt Touloumakos 152f.; Α. Η. M. Jones, The Greek City from Alexander
to Justinian, Oxford 1940, 169f.; dazu Holleaux, Rome 228ff. — Dies gilt auch
ζ. B. für das achaiische Koinon (vgl. bes. Errington 6ff.; Musti 198f.; Tou-
loumakos 152; Walbank a. O. 1,221 f.; Geizer, Kl. Sehr. 3,126; Aymard, Rapports
30f.), trotz der gegenteiligen Behauptungen von Stier (a. O. 66f.) und Lehmann
(377—385), die im achaiischen Koinon des 2. Jahrhunderts v. Chr. eine echte De-
mokratie erblicken wollen, in der freilich „den Schichten des Besitzbürger-
tums . . . ein bedeutender Einfluß auf die politische Willensbildung eingeräumt
war" (Lehmann 385; vgl. Stier a. O. 67). Faktisch, wenn auch nicht de jure
(vgl. Welwei a. O. 287), besaß diese Oberschicht jedoch nicht nur einen „be-
deutenden", sondern den durchaus entscheidenden Einfluß (vgl. Aymard, Rap-
ports 31); dies hat auch Musti a. O. klar herausgestellt. Berücksichtigt man den
Bedeutungsinhalt von δημοκρατία in dieser Zeit, so wird mit dieser Feststellung
keineswegs (wie Lehmann a. O. meint) das Urteil des Polybios über die achaiische
Verfassung auf den Kopf gestellt.
2 Deininger, Widerstand
18 Einleitung

zwischen den der Oberschicht angehörigen Politikern und der großen


Menge, d. h. der Unterschicht.
Völlige Einheitlichkeit in der Terminologie wird man hier freilich
nicht erwarten können. Für die „Masse" verwendet Polybios mehrere
synonyme Begriffe: οί πολλοί, τό πλήθος, τά πλήθη, οΐ όχλοι®
was in der livianischen Umsetzung als multi, multitudo, vulgus bzw.
plebs erscheint. Für die Führungsschicht verfügt Polybios dagegen
über keinen ähnlich eindeutigen Typenbegriff: neben άρχοντες (lat.
magistratus) wäre hier allenfalls an επιφανείς zu denken7. Ganz anders
sieht es bei Livius aus, der die führenden Politiker durchgehend mit
einem ausgesprochen römischen Begriff, der im Wortschatz des Polybios
keine exakte Entsprechung hat, als principes bezeichnet8. Bei Polybios
erscheint an den betreffenden Stellen gewöhnlich die genauere Bezeich-
nung als Stratege9, Apoklet10, Grammateus11, Gesandter12 oder auch nur
ein Eigenname13; auch sind die Fälle nicht selten, in denen Livius
offenbar unabhängig von konkreten Angaben bei Polybios politisch
hervortretende Personen „principes" nennt14. An der tatsächlichen

6 Zum sozialen Gehalt dieser Begriffe vgl. bes. Aymard, Assemblies 81 f.; dazu
ib. 46; 148; 355f.; vgl. auch Holleaux, Rome 228; Welwei a. O. 291f. — Zur
Synonymität vgl. etwa 24, 9, 3—5 (oi πολλοί — πλήθη — όχλοι); 20, 10, 11;
15 (ot πολλοί — πλήθος); 21, 31, 8 (oi πολλοί — πλήθη); 27, 2, 3 (πλήθος —
όχλοι); 24, 12, 14 (ot πολλοί — όχλοι).
' Für Ιπιφανεϊς vgl. Polyb. 20,8,3; 27,15,6; 32,5,6 (dazu Liv. 45,34,9). Es kommt
dem lat. principes noch am nächsten (vgl. das Folgende).
8 Vgl. dazu bereits G. Braumann, Die Principes der Gallier und Germanen bei
Cäsar und Tacitus, Progr. Berlin 1883, 4ff.; L.Wickert, R E X X I I 2 (1954),
2004—2006, Art. Princeps (mit Sammlung aller Liviusstellen, an denen principes
genannt werden, und grundsätzlicher Analyse des römischen princeps-Begtiits);
ib. 2056 zur Wiedergabe des römischen princepsSegriiis bei Polybios.
• Liv. 32,32,11 = Polyb. 18,1,4; vgl. auch Liv. 31,43,5 mit Polyb. 13,2,1.
10 Liv. 35,45,9 = Polyb. 20,1; 36,28,9 = Polyb. 20,10,11.
11 Liv. 32,32,10 = Polyb. 18,1,2.
12 Liv. 38,3,7 = Polyb. 21,25,11; 38,3,9 = Polyb. 21,26,1; 42,44,1 = Polyb. 27,1,1.

13 Vgl. Liv. 43,17,7 mit Polyb. 28,5; zu Liv. 42,44,4 (vgl. Polyb. 27,1,9) unten

S. 157, Anm. 37.


" Liv. 32,36,8 = Polyb. 18,10,2; 33,35,10 = Polyb. 18,48,7—8; 36,27,4 = Polyb.
20,9,6; 45,31,11 = Polyb. 30,13,10. — Liv. 36,6,3 entspricht principes einem
άρξαντες bei Polyb. 20,7,5. — Nicht belegt in den erhaltenen Teilen und
Exzerpten des Polybios sind (im fraglichen Zusammenhang) πρώτος und Ab-
leitungen davon; vgl. jedoch Liv. (Polyb.) 32,11,1 (vgl. 14,5; Aur. Vict. (Liv.)
51,1), wo Charops d. Ä. als princeps der Epeiroten bezeichnet wird, mit Plut.
(Polyb.) Tit. 4 (πρωτεύων) sowie Liv. (Polyb.) 45,34,2: denos principes ex
„Principes" und ol πολλοί 19

Zugehörigkeit all dieser Politiker zur Oberschicht kann indes — trotz


der gegenteiligen Behauptung von Briscoe — kein Zweifel sein, so
wenig wie an der praktischen Brauchbarkeit dieses Begriffs für die
historische Analyse16.
Im Griechenland des 2. Jahrhunderts v. Chr. ist also nicht von einem
Gegensatz zwischen „Oligarchen" und „Demokraten", sondern zunächst
von dem sozialen Gegensatz zwischen der Oberschicht, den „principes",
und den πολλοί auszugehen16. Dies ist auch für das Verständnis des
griechischen Widerstandes gegen die römische Eroberung grundlegend.
Die Frontlinie der Entscheidung für oder gegen Rom verlief nicht
zwischen „Oligarchen" und „Demokraten", sondern, wie die nähere
Untersuchung alsbald ergibt, zunächst mitten durch die Oberschicht
der „principes". Das bedeutet, daß man auch die konventionellen Vor-
stellungen nicht etwa dadurch retten kann, daß man in ihr den Gegensatz
von „Ohgarchen" und „Demokraten" durch jenen von „Besitzenden" und
„Besitzlosen" ersetzt. Diese Begriffe kommen zwar der politischen undsozi-
alen Realität des 2. Jahrhunderts v. Chr. erheblich näher, doch ist etwa die
These von der Verbindung zwischen Rom und der besitzenden Ober-
schicht viel zu undifferenziert; ja, sie verdeckt geradezu das Wesent-
liche17. Wohl läßt sich den Quellen immer wieder entnehmen, daß die
ärmeren Schichten antirömisch eingestellt waren, aber die eigentliche
Scheidelinie für oder gegen Rom verlief lange Zeit dennoch nicht zwischen
ihnen und der Oberschicht, zwischen Arm und Reich, sondern inner-
halb der Besitzenden selbst, d. h. der faktisch bestehenden „Oligarchie"

singulis evocavit civitatibus mit Plut. (Polyb.) Aem. 29: μετεττέμψατο τούζ
πρώτους εκάστης πόλεως άνδρας δέκα.
14
Nach Briscoe 6, Anm. 20 bedeutet principes bei Livius lediglich „leader" und
hat nur ausnahmsweise „class meaning": Liv. 32,38,7; 35,34,3; „vielleicht" noch
42,30,1; 42,44,4. Doch ist nicht einzusehen, warum principes nur dann „class
meaning" haben soll, wenn es (wie Liv. 32,38,7) mit einem ausdrücklichen
Hinweis auf großen Besitz verbunden ist bzw. ausdrücklich in Gegensatz zu
der (besitzlosen) „multitude" oder,, plebs" erscheint (Liv. 35,34,3; 42,30,1; 42,44,4).
Es besteht kein ersichtlicher Grund für die Annahme, daß einer der von
Livius als ,,principes" bezeichneten griechischen Politiker — Strategen, Gesandten
usw. — der Unterschicht angehört hätte.
16
Im allgemeinen dürften ,,principes" und ot ττολλοί etwa den beiden besonders von
Rostovtzeff (vor allem a. O. 2,888—905) herausgearbeiteten, wichtigsten sozialen
Schichten der hellenistischen Zeit entsprechen, die Rostovtzeff allerdings in
wenig glücklicher Weise als „Bourgeoisie" und „Proletariat" bezeichnet.
17
Ansätze zu einer zutreffenderen Analyse bei M. Holleaux, fitudes, 384f. (für die
ersten Jahre nach 197 v. Chr.); vgl. unten S. 128ff.
2*
20 Einleitung

der „principes" 1β . Die Spannungen zwischen Besitzenden und Besitz-


losen, „Bourgeoisie" und „Proletariat" auf der einen und Anhängern
und Gegnern Roms auf der anderen Seite, deckten sich höchstens partiell.
Nicht „Aristokraten", „Oligarchen" oder „Demokraten", politische
Richtungen, die nach Ausweis der Quellen keinerlei praktische Rolle
mehr spielten, sondern „principes" und oi πολλοί sind somit die eigent-
lichen Schlüsselbegriffe für ein tieferes Verständnis des poütischen
Widerstandes gegen Rom in Griechenland. Sie bilden das entscheidende
Instrument, mit dem alle überlieferten Nachrichten über antirömisches
Verhalten in Griechenland geprüft werden müssen und mit dessen Hilfe
erst sich der Widerstand als zusammenhängender und in sich struktu-
rierter historischer Prozeß erfassen läßt.

18
Wohin die undifferenzierte Vorstellung eines Bündnisses zwischen Rom und
„den" Besitzenden führt, wird etwa durch die von Tarn-Griffith mehrfach auf-
gestellte Behauptung illustriert (11; 27; ähnlich ζ. B. F. Taeger, Geschichte des
Altertums, 6. Aufl. Stuttgart o. J., 545), die Besitzenden hätten sich gegenüber
den Armen zuerst auf Makedonien und dann auf Rom gestützt. Tatsächlich war
es nahezu umgekehrt: Gerade jene Teile der Oberschicht, die ursprünglich in
Verbindung mit Makedonien gestanden hatten, gerieten dadurch in Gegensatz zu
Rom, während sich andererseits die ersten Anhänger Roms in der Oberschicht
eben aus den Gegnern Makedoniens rekrutierten; vgl. dazu bes. unten S. 128.
I. Die Römer als „Barbaren":
Ansätze zu einem panhellenisch gefärbten Widerstand
(217—199 v. Chr.)

Die mutterländischen Griechen haben sich Rom gegenüber keines-


wegs von vornherein in einer Situation des Widerstandes befunden. Im
Gegenteil: Am Anfang der politischen Beziehungen zwischen Griechen-
land und Rom stand der Pyrrhoskrieg (280—272 v. Chr.) und damit das
Ausgreifen eines epeirotischen Herrschers auf den römischen Interessen-
bereich in Unteritalien — ein denkwürdiges Unternehmen, das jedoch,
nach „Pyrrhussiegen", mit einem völligen Fehlschlag endete.
In der folgenden Zeit sind überraschenderweise nur spärliche Kon-
takte zwischen Griechenland und den Römern überliefert, und selbst
diese nicht ganz eindeutig. Es handelt sich vor allem um eine Gesandt-
schaft von Apollonia nach Rom im Jahre 266 v. Chr., über deren Anlaß
man nicht unterrichtet ist1, sowie um eine römische Intervention zugun-
sten der Akarnanen beim aitolischen Koinon um 240 v. Chr. oder kurz
danach2. Der Wortlaut der hochmütigen Abfuhr, welche die römische
Gesandtschaft bei den Aitolern hinnehmen mußte, entstammt sicher teil-
weise späterer rhetorischer Ausgestaltung; ob man aber mit Holleaux
die Historizität des gesamten Vorgangs in Frage stellen kann, erscheint
durchaus zweifelhaft3. Die Behandlung der Gesandten durch die Aitoler
würde jedenfalls zeigen, wie gering man damals in Griechenland Rom
als politische Größe noch einschätzte.
Doch im weiteren Verlauf des 3. Jahrhunderts v. Chr. rückte die
römische Expansion den Grenzen des griechischen Mutterlandes immer
näher. Anläßlich der Auseinandersetzung mit der illyrischen Königin
1 Liv. per. 15; Val. Max. 6,66; Cass. Dio fr. 42 B. Holleaux (Rome, 1—5) hat
dies als unhistorisch zu erweisen versucht; vgl. dagegen jedoch ζ. B. G. Wal-
ser, Historia 2, 1953—54, 315; E. Badian, Foreign Clientelae (Oxford 1958),
33, Anm. 1.
2 lustin. 28,1,5—2,14; z. Datum A. Lippold, Consules (Bonn 1963), 254; 387 (mit
weit. Lit.).
3 Gegen Holleaux' grundsätzliche Verwerfung auch dieser Uberlieferung (a. O.
5—22; vgl. auch Walbank, Comm. 1,166; Oost 92—97) vgl. Geizer, Kl. Sehr.
3, 67f.; F. Cassola, I gruppi politici romani nel III secolo a. C. (o. O. 1962), 48;
J. Ρ .V. D. Baisdon, J R S 44, 1954, 31; Walser a. O.
24 Die Römer als „Barbaren"

Teuta erschienen im Jahre 229 v. Chr. zum ersten Mal römische Truppen
an der Ostküste der Adria. Die ersten griechischen Poleis auf der
Balkanhalbinsel gerieten damals (nachdem sie sich zunächst vergeblich
an Achaier und Aitoler gewandt hatten4) in den Machtbereich Roms:
Als erste Stadt folgte das von den Illyriern eroberte Korkyra — gleich-
sam widerstandslos — der Aufforderung des Konsuls L. Postumius
Albinus, sich unter den Schutz Roms zu begeben6; seinem Beispiel
schlossen sich Apollonia, Epidamnos und Issa alsbald an®. Daß die Poleis
später für frei erklärt wurden7, änderte nichts an ihrer tatsächlichen poli-
tischen Abhängigkeit von Rom, die ein grobes Spottwort über Korkyra
drastisch genug zum Ausdruck brachte8.
Nach Beendigung dieses sog. I. Illyrischen Krieges schickte Postumius
im Jahre 228 v. Chr. Gesandtschaften zum aitolischen und achaiischen
Koinon, deren Aufgabe es nach Polybios war, die römische Politik zu er-
läutern9. Sie fanden auch eine uneingeschränkt freundliche Aufnahme,
denn das römische Eingreifen in Illyrien hatte nicht nur die unmittelbar
betroffenen, sondern, wie Polybios meinte, alle Griechen des Mutter-
landes von einer „großen Furcht" befreit10. Bald trafen auch in Korinth

* Vgl. Polyb. 2,9,8—10,6.


5 Polyb. 2, 11, 5 : Ol δέ Κερκυραίοι την παρουσίαν των 'Ρωμαίων ασμένως Ιδόν-

τες . . . σφας όμοθυμαδόν ϋδωκαν παρακληθέντες ε is τήν των 'Ρωμαίων ττίστιν.


Dazu Holleaux a. Ο. 106ff.; Walbank, Comm. 1, 162.
β Polyb. 2,11,8; 10; 12; vgl. App. ΙΠ. 7,19; Cass. Dio fr. 49; Zonar. 8,19,3.

7 Vgl. App. III. 8,22; dazu Walbank a. O. 161. Zu den rechtlichen Vorgängen vgl.

neuerdings W. Flurl, Deditio in fidem, Untersuchungen zu Livius und Polybios


(Diss. München 1969), 5—10; W. Dahlheim, Struktur und Entwicklung des
römischen Völkerrechts im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. (München 1968), 53f.;
D. Kienast, Sav.-Zschr. f. Rechtsgesch. 85, 1968, 355; N. G. L. Hammond, J R S
58, 1968, 9 m. Anm. 33; Walbank a. O. 161 f.
8 Strab. 7, fr. 8: καΐ ύστερον (sc. ή Κόρκυρα) ΰττό 'Ρωμαίων έλευθερωθεϊσα ούκ

έττηνέθη, άλλ' έττΐ λοιδορία τταροιμίαυ Ιλαβεν έλευθέρα Κόρκυρα, χέζ' δττου θέ-
λείξ. Daß dieses „Sprichwort" entgegen dem Zeugnis Strabons auf das 5. oder
4. J h . v. Chr. zurückgehen müsse (vgl. zuletzt Walbank, Comm. 1, 162 mit
weit. Lit.), leuchtet nicht ein.
9 Polyb. 2,12,4f.; ib. 4: οΐ (sc. die römischen Gesandten) καΐ τταραγενόμενοι ττρώ-

τον μέν όατελογίσαντο τάς αΙτίας τοΰ πολέμου καΐ της διαβάσεως, έξης δέ τούτοις
τά ττειτραγμένα διεξήλθον καΐ τάς συνθήκας 7ταρανέγνωσαν, ας έπεττοίηντο ττρός
τους 'Ιλλυριούς. Nach Polybios (ib. 7) war dies die erste römische Gesandt-
schaft in Griechenland; vgl. dazu jedoch kritisch Geizer a. O. 67f. (außerdem
Walbank a. O.).
1 0 Zur Zwiespältigkeit dieser griechischen Reaktion vgl. Holleaux, Etudes 4,96. —

Daß römische Gesandtschaften nach Aitolien und Achaia geschickt wurden,


Die Rede des Aitolers Agelaos (217 v. Chr.) 25

und Athen römische Gesandtschaften ein 11 ; ja, die Römer wurden damals
sogar offiziell zu den Isthmischen Spielen zugelassen 12 .
In Wirklichkeit bargen freilich die Beziehungen zwischen den so
ungleichen politischen Welten Griechenland und Rom, wie schon der
Spott über den Schritt Korkyras zeigte, eine nicht geringe Problematik
in sich, und dies sollte auch bald noch deutlicher offenbar werden.
I m Jahre 220 v. Chr. brach zwischen den beiden großen Machtblöcken
in Griechenland, der hellenischen Symmachie unter makedonischer
Führung und den Aitolern und ihren Verbündeten, der „Bundesgenossen-
krieg" aus, der zwar drei Jahre später wieder beigelegt werden konnte;
aber es war kennzeichnend für die gewandelte Situation, daß die
Friedensbereitschaft Philipps V. wesentlich von der politischen Lage in
Italien bestimmt wurde. 217 v. Chr. fanden in der Nähe von Naupaktos
die Friedensverhandlungen zwischen den Aitolern und dem makedoni-
schen König statt, und hier ist das früheste einwandfreie Zeugnis dafür
überliefert, daß Rom von den Griechen des Mutterlandes als eine
schwere potentielle Bedrohung empfunden wurde. Trotz der großen
Erfolge Hannibals hatte sich das Kräfteverhältnis zwischen dem griechi-
schen Mutterland und Italien seit den Zeiten eines Pyrrhos so verschoben,
daß man sich jetzt offenbar erstmals in Griechenland in der Defensive
empfand und in diesem Sinne an .Widerstand' gegen die Römer zu
denken begann.

1. Die Rede des Aitolers Agelaos (217 ν. Chr.)

Gleich zu Beginn der Verhandlungen über die Beilegung des Bundes-


genossenkrieges hielt der aitolische Stratege Agelaos von Naupaktos
(217/6 v. Chr.) vor dem makedonischen König und dessen griechischen
Verbündeten jene berühmte, auf den ersten Blick geradezu prophetisch

dagegen über Kontakte mit Makedonien und Epeiros nichts bekannt ist, würde
nach Hammond a. Ο. 20 zeigen, daß es Rom weniger um friedliche Beziehungen
als vielmehr um seine künftigen Absichten in Griechenland zu tun war; vgl. auch
ib. 9f., Anm. 34.
11
Polyb. 2,12,8.
12
Polyb. a. O., dazu Walbank a. O. 167; mit Recht skeptisch hinsichtlich der
politischen Bedeutung dieses Vorgangs Holleaux a. O. 42 f. Vgl. noch Zonar.
8,19,7; zu der dort hinzugefügten Nachricht über attisches Bürgerrecht und
Teilnahme der Römer an den eleusinischen Mysterien bereits Niese 2,285, Anm. 4;
Ferguson, Hell. Ath. 210, Anm. 3.
26 Die Römer als „Barbaren"

anmutende Rede, in der er angesichts der sich immer deutlicher ab-


zeichnenden Gefahr aus dem Westen die Griechen und Philipp dringend
zur Einigkeit beschwor1. Niemals dürften, so erklärte er, die Griechen
gegeneinander kämpfen; sie müßten vielmehr den Göttern dankbar
sein, wenn es ihnen durch festes Zusammenstehen überhaupt noch
gelänge, sich und ihre Städte vor den Angriffen der „Barbaren" zu ret-
ten2. Alles käme jetzt darauf an, daß sie einer Meinung seien und wie
beim Durchschreiten eines reißenden Stromes einander die Hand reich-
ten3. Wenn dies nicht für alle Zeiten möglich sei, so müßten sie doch in
der gegenwärtigen Situation, angesichts des gewaltigen Krieges im
Westen, unbedingt zusammenhalten4. Denn jedem, der die politische
Lage auch nur oberflächlich betrachte, sei klar, daß, gleichgültig, ob
Karthago oder Rom in der großen Auseinandersetzung in Italien Sieger
bleibe, der Gewinner sich keinesfalls mit der Herrschaft über Italien
und Sizilien zufriedengeben werde6. Darum sollten jetzt alle, besonders
aber Philipp, auf der Hut sein. Für den makedonischen König heiße
dies, daß er endlich damit aufhören müsse, den Griechen zu schaden
und sie damit nur Angreifem in die Hände zu liefern. Wenn es ihn
nach großen Taten dürste, dann möge er seinen Blick nach Westen
richten und dort im günstigsten Augenblick gleichsam einen Griff nach
der Weltmacht wagen; die Streitigkeiten mit den Griechen aber solle
er auf spätere Zeit verschieben®. Wenn er dagegen zuließe, daß die
jetzt im Westen stehende Wolke über Griechenland heraufziehe, dann
werde es mit den Kriegen, Waffenstillständen und ähnlichen Kinder-
spielen der Griechen bald völlig vorbei sein, und man werde nur noch zu
den Göttern beten können, daß sie es in der Hand der Griechen belassen
möchten, Kriege zu führen und zu beenden, wann sie selbst wollten,
und überhaupt Herr ihrer eigenen Streitigkeiten zu sein7.
Es besteht kaum ein Zweifel darüber, daß diese Rede des Agelaos
zwar nicht in ihrem Wortlaut, aber doch entsprechend der von Polybios
geübten Praxis in der Wiedergabe von Reden in ihrem wesentlichen
1
Polyb. 5,103,9—105,1.
2
Polyb. 5,104,1.
3
Polyb. a. O.
4
Polyb. a. O. 2.
5
Polyb. a. O. 3.
6
Polyb. a. O. 4—9.
7
Polyb. a. O. lOf. — Zum Bild der „Wolke aus dem Westen" vgl. K. F. Eisen,
Polybiosinterpretationen (Heidelberg 1966) 101; Walbank, Comm. 1,629; dazu
unten S. 30.
Die Rede des Aitolers Agelaos (217 v. Chr.) 27

Inhalt und in der Argumentationsweise ein authentisches Dokument


darstellt8. Zum erstenmal erscheint hier Rom als mögliche ernsthafte
Gefahr für die Griechen. Die nur scheinbar kühne Prognose von der töd-
lichen Bedrohung Griechenlands durch die „Wolke im Westen" lag an-
gesichts des oft erwähnten und den Griechen des Mutterlandes bewußten
Schicksals der unteritalischen und sizilischen Hellenen durchaus nahe·;
daß dabei die „barbarischen" Mächte Karthago und Rom noch als
Alternative betrachtet wurden, spricht zusätzlich für die Echtheit der
Prophezeiung. Vor allem aber ist an dem Aufruf der ausgesprochen
panhellenische Charakter des von Agelaos geforderten Widerstandes
bedeutsam, den er mit dem fundamentalen Gegensatz zwischen Griechen
und Barbaren und der daraus sich ergebenden Notwendigkeit einer
Einheitsfront der Hellenen begründete. Dieser Gedanke, daß die Römer
„Barbaren" seien, und die aufs engste damit zusammenhängenden pan-
hellenischen Tendenzen begegnen jedoch nicht nur bei Agelaos, sondern
waren, wie sich noch zeigen wird, für die Anfänge des Widerstandes
gegen Rom in Griechenland überhaupt charakteristisch.
Dabei war Agelaos selbst mit der politischen Wirklichkeit in Griechen-
land zu sehr vertraut, als daß er eine dauernde Uberwindung des
griechischen Partikularismus für möglich gehalten hätte. Worauf es
ihm 217 v. Chr. ankam, war wohl die Erreichung wenigstens einer Art
Burgfriedens in den internen griechischen Auseinandersetzungen bis zur
Beseitigung der akuten Gefahr aus dem Westen10. Aber auch dies
gelang nicht, und fast mutet es wie eine Ironie der Geschichte an, daß
gerade die Aitoler als erste gegen die Forderungen des Agelaos ver-
stießen. Als Philipp V. zwei Jahre nach dem Frieden von Naupaktos
durch sein Bündnis mit Hannibal den I. römisch-makedonischen Krieg
auslöste (215—205 v. Chr.), handelte er durchaus im Sinne des von
Agelaos aufgestellten Programms. Aber als sich nun die Römer —
8
Zur Authentizität der Reden bei Polybios allgemein vgl. Polyb. 2,66,10; 12,25a,5;
25b,1; 4; 29,12,8—9; 36,1,6—7; dazu Pedech 256ff.; 275f.; Walbank, Speeches
13; 16ff.; ders., JRS 53, 1963, 9ff.; Comm. 1,14; Ziegler 1524ff.; außerdem Leh-
mann 138f. — Speziell zur Rede des Agelaos: Errington 25, Anm. 1; Pedech 264;
Walbank, Speeches 16; ders., JRS a. O. 9; 11; Geizer, Kl. Sehr. 2,4; 3,140; 212f.,
Holleaux, Rome 18, Anm. 2.
9
Der Hinweis auf die Griechen in Unteritalien und Sizilien findet sich auch später
in der Rede des makedonischen Gesandten in Thermos (199 ν. Chr.), unten S. 36,
und bei Philopoimen (unten S. 114); vgl. auch die Bemerkung des Lykortas über
Capua, unten S. 123.
10
Vgl. Polvb. 5,104,2.
28 Die Römer als „Barbaren"

spätestens seit dem Winter 213/2 v. Chr.11 — darum bemühten, die


Aitoler für ein Bündnis gegen Makedonien zu gewinnen, da waren es die
Aitoler, die nicht daran dachten, eine panhellenische Solidarität zu
beweisen. Zur Zeit dieser Kursänderung der aitolischen Politik hatte
Agelaos seinen Einfluß freilich bereits verloren; gerade die auf Ausgleich
innerhalb Griechenlands gerichtete Politik des .Burgfriedens' hatte zu
seiner Zurückdrängung und zum Aufstieg einer gegnerischen Richtung
geführt, die auf die Revision des Friedens von Naupaktos und damit zum
Krieg gegen Makedonien drängte12. Nach vorausgegangenen geheimen
Vorverhandlungen zwischen aitolischen „principes" und dem römischen
Promagistrat M. Valerius Laevinus13 kam es so im Jahre 212 oder 211
v. Chr. zum Abschluß des berühmten aitolisch-römischen Bündnis-
vertrages14.
Treibende Kräfte bei seinem Zustandekommen waren auf aitolischer
Seite der amtierende Stratege Skopas und der „princeps" Dorimachos16.
Ein unmittelbares Hauptmotiv der Aitoler war offenbar die Aussicht
auf die Wiedereroberung Akarnaniens16; das wichtigste Ergebnis dieses
11 Liv. 25,23,9: iam tum Aetolorum, quibus socii Lacedaemonii erant, amicüiam
adfectantibus Romanis', dazu Lehmann 34; Walbank, J R S a. O. 4.
12 Polyb. 5,107,6; dazu zuletzt Lehmann 47—50.
18 Liv. 26,24,1: temptatis prius per secreta conloquia principum animis. Gemeint
sind damit wohl in erster Linie Skopas und Dorimachos, vgl. das Folgende. Im
nächsten Jahr traten dann auch Kleonikos und Chlaineas als Wortführer der
prorömischen aitolischen Politik auf, unten S. 29.
14 Liv. 26,24,1—15. Über die einzelnen Bestimmungen des Vertrags ist seit der
Publikation des 1949 in Thyrreion gefundenen Bruchstücks (G. Klaffenbach,
Der römisch-aitolische Bündnisvertrag vom Jahre 212 v. Chr., S B Berlin 1954,
Nr. 1; jetzt IG I X 1 2 ,2,241 und ib. p. 77) eine ziemlich umfangreiche Literatur
entstanden, vgl. zuletzt Η. H. Schmitt, Die Staatsverträge des Altertums I I I
(München 1969), 258—266, Nr. 536; Larsen, Fed. States 365—368; Will 2,74ff.;
Lehmann 51—134; 365f.; Dahlheim a. O. 181—207; R. G. Höpital, Le traite
romano-aetolien de 212 av. J.-C. R D 42, 1964, 18—48; 204—246. — Zur Datie-
rung (212 oder 211 v. Chr.) vgl. Lehmann 10—50; Höpital a. O. 22ff.; Dahlheim
a. O. 181, Anm. 1; Lippold a. O. 282—286 (212 v. Chr.); Larsen a. O. 366;
E . Badian, Latomus 17, 1958, 197—203; Α. H. McDonald, J R S 46, 1956, 157;
F. W. Walbank, Phüip V of Macedon (Cambridge 1940), 301—304; Walbank
Comm. 2,11—13; Accame, Conquista 81 (211 v. Chr.); dazu noch J . Deininger,
Gnomon 42, 1970, 66.
1 5 Liv. 26,24,7: Haec dicta promissaque α Romano imperatore Scopas, qui tum praetor
gentis erat, et Dorimachus, princeps Aetolorum, adfirmaverunt auctoritate sua. —
Daß Skopas und Dorimachos in verwandtschaftlichen Beziehungen standen,
geht aus Polyb. 4,5,1 hervor.
" Liv. 26,24,8; vgl. ib. 6; 11.
Die Rede des Akarnanen Lykiskos (211/0 v. Chr.) 29

Vertrages war jedoch, daß Rom damit, allen frühen antirömischen


Regungen zum Trotz, zum erstenmal, ein wirklicher Einbruch in die
Politik des griechischen Mutterlandes ermöglicht war.

2. Die Rede des Akarnanen Lykiskos (211j0 v. Chr.)


und der Vermittlungsversuch von 209 v. Chr.

Das folgenschwere Bündnis der Aitoler mit der römischen Macht


wurde vielerorts in Griechenland als schwere Bedrohung empfunden und
stieß nicht nur bei den Gegnern Aitoliens, sondern auch in neutralen
Staatswesen ζ. T. auf heftige Ablehnung. Zeugnis dessen sind vor allem
die Reden des Akarnanen Lykiskos, eines namentlich nicht bekannten
neutralen Vermittlers sowie des Thrasykrates von Rhodos in den Jahren
zwischen 211/0 und 207 v. Chr. Mit höchster Eindringlichkeit wurde
hier überall auf die Gefahr hingewiesen, daß die von den Aitolern
herbeigeführte Intervention Roms nichts anderes als der Beginn der
Unterwerfung Griechenlands durch die Barbaren sei.
Dabei stand Aitolien mit seiner prorömischen Politik in Hellas bald
nicht mehr allein. Schon 211/0 v. Chr.1 gelang es einer aitolischen
Gesandtschaft unter Kleonikos und Chlaineas, auch das seit dem
Jahre 220/19 v. Chr. mit Aitolien verbündete Sparta zum Anschluß an
die aitolisch-römische Koalition zu gewinnen. Bei dieser Gelegenheit
hielt der Akarnane Lykiskos eine bedeutsame Rede — die längste im
Werk des Polybios erhaltene überhaupt—,die das älteste Dokument eines
spezifisch gegen Rom gerichteten politischen „Widerstandes" in Grie-
chenland darstellt2.
Nach den vorangegangenen Ausführungen des Aitolers Chlaineas, die
einer vernichtenden Anklage der makedonischen Politik seit Philipp I I .
gleichkamen, die stets nur auf die Unterdrückung Griechenlands aus-
gegangen sei3, versuchte Lykiskos, wenigstens die Neutralität der Lake-
1 Die Rede des Lykiskos setzt die Eroberung von Antikyra voraus (Polyb. 9,39,2),
die nach Liv. (26,26,1) veris principio nach dem Abschluß des römisch-aito-
lischen Bündnisvertrages stattfand. Gehört dieser ins J a h r 212 v. Chr., so könnte
die Rede des Lykiskos in den Winter 211/10 v. Chr. fallen (so ζ. B. Lehmann 3 5 ) ;
andernfalls wäre an das Frühjahr 210 v. Chr. zu denken, vgl. zuletzt Walbank,
Comm. 2,163.
2 Polyb. 9 , 3 2 , 1 — 3 9 , 7 ; dazu zuletzt Walbank, Comm. 2,162ff., bes. 170ff.; Gelzer,
Kl. Sehr. 3 , 5 3 ; vgl. HoUeaux, Rome 16—19.
3 Polyb. 9,28,1—31,7.
30 Die Römer als „Barbaren"

daimonier zu erreichen4. Im Mittelpunkt seiner Rede stand, ähnlich wie


bei Agelaos, der leidenschaftliche Appell an die Solidarität der Griechen
und der „gleichstämmigen" (ομόφυλοι)5 Makedonen gegen die „Bar-
baren". Ausführlich entkräftete Lykiskos die Vorwürfe des Chlaineas
gegen Makedonien und versuchte nachzuweisen, daß dessen Politik
nicht, wie Chlaineas behauptet hatte, auf die Unterdrückung Griechen-
lands, sondern ganz im Gegenteil seit jener gerade auf die Verteidigung
der Griechen gegen die Barbaren gerichtet gewesen sei®. Während
die Aitoler nur einmal bei Delphi die Galater abgewehrt hätten, sei
Makedonien ständig das Bollwerk Griechenlands gegen die Barbaren
gewesen7.
Den größten Nachdruck aber legte der Akarnane darauf, daß sich die
ganze politische Lage in Griechenland seit dem Abschluß des Bündnisses
zwischen Sparta und Aitolien im Jahre 220/19 v. Chr. grundsätzlich
verändert habe8. Damals hätten nämlich nur Griechen auf der Seite der
Aitoler gestanden9; jetzt dagegen hätten sich die Aitoler an „Barbaren"
gewandt, und während es damals nur um den Primat unter den
Griechen gegangen sei, drohe jetzt unmittelbar die Unterwerfung
Griechenlands durch αλλόφυλοι άνθρωποι10. Die Aitoler gäben sich
der Illusion hin, sie hätten die Römer nur gegen Philipp V. zu Hilfe
geholt; in Wirklichkeit aber würden diese sich gegen sie selbst und
ganz Griechenland wenden11. Die „Wolke aus dem Westen" — damit
wird das Schlagwort des Agelaos aufgegriffen12 — werde vielleicht
zunächst nur Makedonien verdunkeln, bald aber zu einer furchtbaren
Katastrophe für alle Griechen führen 13 . Lykiskos erinnerte die Lakedai-
monier ausdrücklich an ihre ruhmreiche Rolle im Kampf gegen die
Perser, an Leonidas, an ihre Verdienste um die Freiheit Griechen-
lands14 und fragte sie, ob sie jetzt etwa gemeinschaftüch mit den
„Barbaren" gegen die hellenische Symmachie kämpfen wollten15. Er
6
* Polyb. 9,39,7. Polyb. 9,37,7.
6 7
Polyb. 9,33—34. Polyb. 9,35,1—4.
8
Polyb. 9,37,3; vgl. 32,7.
8
Polyb. 9,37,4; dazu zuletzt Walbank, Comm. 2,176.
10
Polyb. 9,37,5—7.
11
Polyb. 9,37,8.
12
Vgl. oben S. 26; lustin. 29,3,1; dazu Walbank, Speeches 16; Geizer, Kl. Sehr. 3,
139.
13
Polyb. 9,37,10.
M
Polyb. 9,38,1—4.
15
ib. 5.
Die Rede des Akarnanen Lykiskos (211/0 v. Chr.) 31

Schloß, indem er sein tiefes Mißtrauen über die Ziele der römischen Politik
zum Ausdruck brachte und erneut entschieden das Zusammengehen der
Aitoler mit Rom verurteilte 18 , wobei er noch auf das grausame Schicksal
der Einwohner des nicht lange zuvor von Römern und Aitolern eroberten
Antikyra verwies17.
An der grundsätzlichen Authentizität auch dieser Rede besteht kein
ernsthafter Zweifel18. Hervorstechend an ihr ist wiederum die scharfe
Gegenüberstellung von Hellenen und „Barbaren" sowie das klare
Bewußtsein, daß mit dem aitolisch-römischen Bündnis ein völlig neu-
artiges und zugleich äußerst gefährliches Element in die Politik des
griechischen Mutterlandes eingedrungen war.
Das Entscheidende aber, die Befürchtung, daß die Einmischung des
„barbarischen" Rom schließlich zu dessen Vorherrschaft in Griechenland
führen werde, und der Gedanke, daß man deshalb um jeden Preis ver-
suchen müsse, Rom aus den innergriechischen Streitigkeiten herauszu-
halten, durchzieht wie ein Leitmotiv die politischen Auseinandersetzun-
gen, die den I. römisch-makedonischen Krieg begleiteten. So spielte die
Furcht vor dem Eindringen Roms in Griechenland eine wichtige Rolle bei
den Vermittlungsbemühungen des Jahres 209 v. Chr. in Aigion19. Der
Vertreter einer neutralen Macht verglich damals in einer Rede, von der
nur ein Bruchstück erhalten ist, die Aitoler und deren peloponnesische
Verbündete mit einer Truppe von Leichtbewaffneten vor der römischen
Phalanx, die nur das Risiko für die Römer trügen. Würden die Aitoler
geschlagen, so könnten sich die Römer immer noch ohne Schaden zu-
rückziehen; wenn aber — was die Götter verhüten möchten — die
Aitoler und ihre Verbündeten siegten, so würden alsbald sie selbst mit
allen anderen Griechen der römischen Herrschaft anheimfallen 20 .

16
Polyb. 9,39,1.
17
Polyb. a. O. 2f.; dazu Walbank, Comm. 2,179f.
18
Vgl. oben S. 27, Anm. 8 sowie speziell zur Rede des Lykiskos Polyb. 9,32,2:
ούτω; πως ήρξατο (sc. Lykiskos) τοΰ λέγειν (dazu Walbank, Comm. 2,170):
Walbank, Comm. 2,163; ders., Speeches 13; Pedech 265f.; Holleaux, Rome 18f.
18
Liv. 27,30,10: ibi (d. h. in Aigion) de Aetolico finiendo bello actum, ne causa auf
Romanis aut Attalo intrandi Graeciam esset. Zum Datum zuletzt Schmitt 194;
zur Einordnung insgesamt ib. 194—196; 209.
20
Polyb. 10,25,1—5 (z. Einordnung vgl. Walbank, Comm. 2,15). Vgl. dazu bereits
Niese 2,486; anders Holleaux, Rome 35, Anm. 4, der diese Äußerungen einem
makedonischen Gesandten zuschrieb (so anscheinend auch Walbank, Comm.
2,229). Demgegenüber weist Schmitt 196 mit Recht darauf hin, daß das abweh-
rende δ μή δόξειε τοί; θεοί; hinsichtlich eines aitolischen Sieges (Polyb. 10, 25,5)
32 Die Römer als „Barbaren."

3. Die Rede des Rhodiers Thrasykrates (207 v. Chr.)

Das letzte große Dokument des panhellenisch gefärbten Widerstandes


gegen Rom während des I. Makedonischen Krieges stellt schließlich die
Rede des Rhodiers Thrasykrates dar, die dieser bei neuerlichen Ver-
handlungen über die Beendigung des Krieges in Aitolien etwa im Sommer
207 v. Chr. hielt 1 . Er hob hervor, daß man nicht zum ersten oder
zweiten Male den Versuch einer Beilegung der Feindseligkeiten zwischen
Aitolien und Makedonien unternehme, sondern seit dem Ausbruch des
Krieges unablässig darauf hingearbeitet habe2. Dann kam auch er auf
die bereits von Lykiskos, dem Redner von 209 v. Chr. und ζ. T. schon
von Agelaos 217 v. Chr. geäußerten Befürchtungen zu sprechen. Im
Augenblick gehe es nur um Aitoler und Makedonen, in der Zukunft jedoch
auch um die eigenen Staatswesen der Vermittler und um alle Griechen3.
Wie ein Brand, der oft aus der Kontrolle desjenigen gerate, der ihn ent-
facht habe, so verschlinge auch ein Krieg oft gerade zuerst die, die ihn
ausgelöst hätten, oder weite sich ins Ungemessene aus4. Eindrücklich
forderte er daher die Aitoler auf, so rasch wie möglich mit dem Krieg
gegen Makedonien Schluß zu machen6. Sie behaupteten, im Interesse der
Griechen gegen Philipp und dessen drohende Vorherrschaft zu kämpfen;
in Wirklichkeit führten sie damit nichts weniger als die Versklavung

ebensogut von einem neutralen, an der Erhaltung des politischen Gleichgewichts


in Griechenland interessierten Redner gesprochen sein könne. Vor allem aber
setzt die ganze Argumentation eine so geringe Einschätzung der eigenen Mög-
lichkeiten und Absichten der makedonischen Politik voraus, daß sie bei einem
Vertreter Philipps nicht recht verständlich wäre: Weder soll Makedonien im
Falle eines Sieges über Aitolien eine Chance haben, noch etwas gegen Rom aus-
zurichten, noch sollte es im umgekehrten Fall die Unterwerfung gleich ganz
Griechenlands durch die Römer verhindern können. "Ο μή δόξειε τοΐζ ΒεοΤζ
richtet sich im übrigen gar nicht so sehr gegen die Aitoler als vielmehr gegen die
damit — nach Ansicht des Vermittlers — unmittelbar verbundene Gefahr der
Unterwerfung Griechenlands durch Rom.
1 Polyb. 11,4,1—6,8. Zur Person des Thrasykrates vgl. zuletzt Walbank, Comm.
2,275; Lehmann 137; Schmitt, Rhodos 203; zur Datierung Walbank a. O. 277;
Lehmann 136; Schmitt a. O . — Zu der Rede insgesamt auch Walbank a. O.
274—277; Lehmann 135—155; Schmitt a. Ο. 198—204; Holleaux, Rome 37f.
2 Polyb. 11,4,2.
3 Polyb. ib. 3.
4 Polyb. ib. 4—5.
6 Polyb. ib. 6.
Die Rede des Rhodiers Thrasykrates (207 v. Chr.) 33

und den Untergang Griechenlands herbei®. Nichts anderes würden die


Abmachungen mit den Römern besagen, mit denen sie fast alle Griechen
des Mutterlandes den „Barbaren" zur grausamsten Mißhandlung aus-
geliefert hätten, wie sich zuletzt am Schicksal von Oreos und Aigina
nur allzu deutlich gezeigt habe 7 . Doch sei dies nur der Anfang; am Ende
würden die Römer, sobald sie Hannibal vollends aus Italien vertrieben
hätten, mit ganzer Macht nach Griechenland kommen unter dem Vor-
wand, den Aitolern gegen Philipp zu helfen, in Wirklichkeit aber, um
alle Griechen zu unterwerfen8. Zu spät würden dann die Aitoler die
Götter zu Zeugen anrufen, wenn von diesen ihnen keiner mehr helfen
wolle und kein Mensch ihnen mehr helfen könne9.
Vielleicht wäre dies alles von Anfang an vorherzusehen gewesen;
da es nun aber einmal menschlich sei, die Zukunft nicht richtig ein-
zuschätzen, müßten die Aitoler wenigstens jetzt den richtigen Entschluß
fassen und dürften dabei weder ihrer eigenen noch der ελευθερία und
σωτηρία der anderen Griechen zuwiderhandeln10. Diese Rede, die im
Vergleich zu den Ausführungen des Agelaos und des Lykiskos nichts
eigentlich Neues bringt, sondern nur die bereits dort entwickelten, ,pan-
hellenisch' bestimmten Gedankengänge eindrucksvoll zusammenfaßt,
scheint vor allem auf die πολλοί einen nicht geringen Eindruck gemacht
zu haben11.
Auf dieselben Verhandlungen dürfte sich auch eine bei Appian er-
haltene Notiz über einen Vermittlungsversuch in Aitolien beziehen, bei
dem die Vermittler ebenfalls ihre Befürchtungen zum Ausdruck brachten,
daß die Folge des Kampfes zwischen Aitolien und Makedonien die

Polyb. 11,5,1.
β

Polyb. 11,5,2—8.
7

8 Polyb. 11,5,9—6,2.

• Polyb. 11,6,4.
w Polyb. ib. 8.
11 Polyb. a. O. 9; zur Authentizität der Thrasykrates-Rede vgl. Walbank, Comm.

2,275; P(5dech 268f.; ausführlich Lehmann 137—149, der gegen Schmitt, Rhodos
203, darauf hinweist, daß sich der Inhalt dieser Rede keineswegs mit den per-
sönlichen Ansichten des Polybios deckt. Dies gilt auch besonders für die Be-
zeichnung der Römer als Barbaren (dazu unten S. 34, Anm. 4; 37, Anm. 12) sowie
für das Urteil des Thrasykrates über das römische Vorgehen in Aigina und Oreos,
Lehmann 142; 146—149. Gegen den Versuch Schmitts (a. 0 . 1 9 9 — 2 0 3 ) , den anti-
römischen Gehalt der Rede des Thrasykrates mit Rücksicht auf die von ihm
vermuteten damaligen guten Beziehungen zwischen Rhodos und Rom zu leugnen
bzw. abzuschwächen, vgl. wohl mit Recht Walbank, J R S 53, 1963, 3; J . Bleicken,
Gnomon 31, 1959, 440f.; Α. H. McDonald, J R S 48, 1958, 184f.

3 Deininger, Widerstand
34 Die Römer als „Barbaren"

Unterwerfung Griechenlands durch die Römer sein werde 12 . Die Masse


der Teilnehmer an jener Versammlung Schloß sich anscheinend dieser
Auffassung an. Als nämlich der römische Proconsul P . Sulpicius zu wider-
sprechen versuchte, wollte das πλήθος davon nichts wissen; laut rief
man ihm zu, die Gesandten hätten die Wahrheit gesprochen. Dies ist zu-
gleich die älteste Nachricht über eine ausgesprochen antirömische
Stellungnahme des πλήθος 13 .

4. Das Verschwinden des panhellenisch bestimmten Widerstandes


(205—199 v. Chr.)

Eines ist gewiß: Nie mehr ist im späteren Verlauf des Kampfes zwi-
schen Griechenland und Rom so oft von "Ελληνες1, πάντες οί "Ελληνες,
άπαντες οί 'Ελληνες 2 und 'Ελλάς, π δ σ α (ή) Ελλάς 3 gesprochen worden
wie in den drei großen „panhellenischen" Reden von Agelaos, Lykiskos
und Thrasykrates. Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder die Über-
zeugung, daß die Römer βάρβαροι, αλλόφυλοι seien4 und die akute Gefahr

12 App. Mak. 3,3; zur Einordnung Walbank, Comm. 2,274f.; Schmitt a. O. 204 bis
210; Lehmann 135.
13 App. Mak. a. O. — Diese „skandalösen" Umstände hält Lehmann 136, Anm. 3,
für unhistorisch. Seine Begründung, daß andernfalls in den späteren aitolisch-
römischen Auseinandersetzungen, „vor allem bei Livius", daran erinnert worden
wäre, ist jedoch unzureichend. Auch auf die Schmähungen, die der römische Ge-
sandte Cn. Cornelius Lentulus 196 v. Chr. im aitolischen Koinon über sich er-
gehen lassen mußte (unten S. 64f.), wird ζ. B. später kein Bezug mehr genommen.
Richtiger daher wohl Schmitt a. O. 208, der an der Historizität des von Appian
berichteten Vorfalls festhält.

ι Polyb. 5,104,1; 5; 6; 9 (Agelaos); 9,32,9; 11; 33,3; 4; 6; 34,3; 35,1; 2; 3; 36,5;


37,4; 7; 38,4; 39,5 (Lykiskos); 11,4,3; 10; 5,1; 6,8; vgl. 6,6 (Thrasykrates).
2 Polyb. 9,33,12; 34,2, vgl. 3; 36,9; 37,10; 38,1; 5 (Lykiskos); 11,5,7; 9 (Thrasy-

krates).
8 Polyb. 5,104,5; 6; 10 (Agelaos); 9,33,5; 7 (vgl. 35, 4); 37,8; 38,9 (Lykiskos); 11,

5,1; 6,2 (Thrasykrates).


«Vgl. Polyb. 5,104,1 (Agelaos); 9,37,5; 38,5 (Lykiskos); 11,5,7 (Thrasykrates)
sowie für άλλόφυλοι Polyb. 9,37,7; 39,3 (Lykiskos). — Zur Historizität des hier
überlieferten Vorwurfs des „Barbaren"tums vgl. bes. Η. H. Schmitt, Hellenen,
Römer und Barbaren (Progr. Aschaffenburg 1958), 45f.; Lehmann 142; Holleaux,
Etudes 4,42 m. Anm. 1. — Gegen den Versuch Schmitts, den romfeindlichen und
abwertenden Charakter dieses Begriffs in der Thrasykrates-Rede abzuschwächen
(vgl. ders., Rhodos 202), Lehmann a. O.; Höpital a. O. 47, Anm. 19.
Das Verschwinden des panhellenisch bestimmten Widerstandes 35

der Unterjochung Griechenlands durch sie drohe. In dieser völlig neuen


politischen Situation6, so lautete die Überzeugung der Gegner Roms,
kam es in erster Linie darauf an, daß die Griechen durch gemeinsames
Handeln ein Übergreifen Roms auf Hellas verhinderten. Dieses gemein-
griechische Interesse an der Abwehr der „barbarischen" Römer ist der
Tenor der Reden des Lykiskos, des Vermittlers von 209 v. Chr. und des
Thrasykrates; es findet sich aber in allen wesentlichen Zügen bereits bei
Agelaos im Jahre 217 v. Chr. vorgebildet, auch wenn dort noch neben
Rom Karthago als ebenbürtige Gefahr für Griechenland erschien. Über
die tieferen Ursachen dieser Befürchtungen verlautet nichts: doch scheint
man den Römern als „Barbaren" in der Tat den quasi natürlichen Willen
zur Unterwerfung der Hellenen zugetraut zu haben, der überdies durch
das Schicksal der unteritalischen und sizilischen Griechen, aber auch
durch die grausame römische Kriegführung in Griechenland aufs deut-
lichste illustriert zu werden schien.
An der historischen Realität dieser panhellenischen Argumentation
kann, obwohl sie nur durch Reden überliefert ist, kein Zweifel bestehen.
Gerade die Tatsache, daß in ganz verschiedenen Situationen von einem
Aitoler, einem Arkarnanen und einem Rhodier immer wieder dieselben
Überlegungen angestellt werden, beweist, wie lebendig diese Gedanken
damals waren. Vollends aber die Überlegung, daß die hier befürchtete
„Unterjochung" Griechenlands erst in viel späterer Zeit und auch in
ganz anderen Formen Wirklichkeit wurde, dürfte zeigen, daß man es
mit einer authentischen Überlieferung zu tun hat.
Der mit diesen Argumenten mobilisierte Widerstand gegen Rom war
nicht umsonst; die Hoffnungen der an einer Beilegung des aitolisch-
makedonischen Krieges interessierten Kräfte erfüllten sich schließlich. Die
verschlechterte militärische Lage Aitoliens, die geringe römische Unter-
stützung und die Bemühungen der neutralen Griechen wirkten zusam-
men, daß Aitolien im Jahre 206 v. Chr. unter Bruch des Bündnisses mit
Rom einen Separatfrieden mit Makedonien Schloß®. Schon im folgenden
Jahr setzte dann der Friede von Phoinike dem I. römisch-makedonischen
Krieg ein Ende.
Damit war die Gefahr der römischen Intervention in Griechenland
gebannt, freilich, wie sich nur allzurasch herausstellen sollte, nur kurz-
5
Besonders deutlich Polyb. 9,37,3 (vgl. oben S. 30) in der Rede des Lykiskos.
β
Gegen die von Lehmann (140, Anm. 2) wiederaufgenommene Vermutung, Agelaos
sei damals erneut Stratege gewesen, vgl. bereits G. Klaffenbach, IG I X l 2 , 1 (1932),
p. 6; Holleaux, Etudes 6,316, Anm. 9.

36 Die Römer als „Barbaren"

fristig. Die Expansionspolitik, die Philipp V. wenige Jahre später im


Osten begann, rief sofort die Rhodier auf den Plan, die sich jetzt ihrerseits
mit Attalos I. von Pergamon an die Römer wandten und diesen damit
Anlaß zu einem neuerlichen Eingreifen verschafften, was schon fünf
Jahre nach dem Frieden von Phoinike zum Ausbruch des II. römisch-
makedonischen Krieges führte.
Die Situation des Widerstandes gegen Rom in Griechenland ist, wie
die Beziehungen zwischen Griechenland und Rom in diesen Jahren
überhaupt, weitgehend dunkel. Es scheint jedoch, daß auch für den
Widerstand nicht so sehr der Ausbruch des II. Makedonischen Krieges,
sondern erst die neue Ära der römischen Griechenlandpolitik, die 198 v.
Chr. mit T. Quinctius Flamininus begann, einen wirklichen Einschnitt
bildete.
Jedenfalls versuchte noch im Frühjahr 199 v. Chr. in Naupaktos eine
makedonische Gesandtschaft die Aitoler mit den aus dem I. Makedoni-
schen Krieg wohlbekannten „panhellenischen" Argumenten von einem
neuerlichen Bündnis mit Rom abzuhalten7. Der makedonische Gesandte
wies damals erneut auf die Taktik der römischen Eroberungspolitik hin,
wie sie sich in Sizilien und Unteritalien gezeigt habe. Um Messana und
Syrakus zu helfen, seien die Römer nach Sizilien gekommen; am Ende sei
dann die Insel römische Provinz geworden. Ähnlich sei es mit Rhegion,
Tarent und Capua gegangen8. Es sei geradezu Wahnsinn zu glauben,
irgendetwas werde noch im bisherigen Zustand bleiben, wenn die Römer,
alienigenae homines, durch Sprache, Sitten und Gesetze von den Griechen
geschieden, Griechenland in ihre Gewalt bekämen9. Aitoler, Akarnanen
und Makedonen sprächen dieselbe Sprache, und die zwischen ihnen be-
stehenden Streitfragen seien im Grunde geringfügiger Natur. Die alieni-
genae, die „Barbaren" dagegen seien von Natur aus Feinde der Griechen,
und ewig werde zwischen beiden Kampf herrschen10.Mit kaum mehr zu
überbietender Schärfe wurde hier von den Makedonen der Gegensatz
zwischen den Griechen und den „barbarischen" Römern herausgestellt
7
Liv. 31,29,4—16 (Polyb.: Walbank, JRS 53, 1963, 9); dazu Geizer, Kl. Sehr. 3,
53 f.
8
Liv. a. O. 6—11.
» Liv. a.O. 12.
10
Liv. a. O. 13—15; ib. 15: cum alienigenis, cum barbaris aeternum omnibus
Graecis bellum est eritque; natura enim, quae perpetua est, non mutabilibus in diem
causis Höstes sunt. — Alienigenae (vgl. ib. 12) entspricht offensichtlich einem
griech. (polybianischen) αλλόφυλοι, so Polyb. 9,37,7. — Vgl. noch Liv. 31,30,4
(Antwort der römischen Gesandten).
Das Verschwinden des panhellenisch bestimmten Widerstandes 37

und an eine gemeingriechische Solidarität im Widerstand gegen Rom


appelliert — zum letztenmal indes, soweit die erhaltene Uberlieferung
reicht. Denn im weiteren Verlauf des II. römisch-makedonischen Krie-
ges scheint die Vorstellung von den Römern als „Barbaren" ihre Be-
deutung gänzlich verloren zu haben. Wohl wird Flamininus im Jahre
198 v. Chr. einmal von Makedonen als Anführer eines „barbarischen"
Heeres bezeichnet11, und unmittelbar vor Beginn der Schlacht von Kynos-
kephalai taucht auf makedonischer Seite nochmals der Begriff βάρβαροι für
die Römer auf12. Aber in Griechenland fehlen schon für diese Zeit alle
vergleichbaren Zeugnisse, und vollends im weiteren Verlauf des 2. Jahr-
hunderts v. Chr. war dort im politischen Kampf gegen Rom niemals
mehr vom „Barbaren"tum der Römer die Rede; auch Polybios, der einer
späteren Generation angehörte, nennt selbst die Römer bekanntlich nie
„Barbaren"13.
Eine dauerhafte, gegen die Römer als „Barbaren" gerichtete pan-
hellenische Ideologie ist also trotz der offenkundigen Ansätze dazu bei
Agelaos und im I. Makedonischen Krieg bei Lykiskos und Thrasykrates
nicht zustandegekommen. Vielmehr trat nach diesem bemerkenswerten
panhellenischen Vorspiel der Widerstand gegen Rom seit dem II. römisch-
makedonischen Krieg, vor allem seit dem Erscheinen des Flamininus,
rasch in eine ganz neue Phase, in der das verhängnisvolle Ubergewicht
der partikularen über die panhellenischen Kräfte in Griechenland voll
sichtbar wurde.

11
Plut. Tit. 5.
12
Polyb. 18,22,8.
13
Vgl. dazu bes. Η. H. Schmitt, Hellenen, Römer und Barbaren, Progr. Aschaffen-
burg 1958.
II. Die Richtungskämpfe innerhalb der einzelnen Staatswesen I:
Entstehung, Erfolge und Rückschläge
der antirömischen Gruppen
(ca. 19S—180 v. Chr.)

1. Die ersten Auseinandersetzungen (198—197 v. Chr.)

Der in den Jahren von 217 bis 199 v. Chr. so auffallend häufig bezeugte
„panhellenische" Aspekt war nicht das einzige Charakteristikum der
Anfänge des antirömischen Widerstandes in Griechenland. Gleichzeitig
handelte es sich in dieser ältesten Zeit noch durchweg um Abwehrver-
suche im Namen ganzer Staatswesen, nicht bestimmter politischer Grup-
pen in ihrem Innern. Zwar kann man vermuten, daß es schon während
des I. römisch-makedonischen Krieges gewisse innere Auseinandersetzun-
gen über die gegenüber den Römern einzunehmende politische Haltung
gegeben hat. Doch dürfte das völlige Schweigen der Quellen darüber
nicht zufälhg sein und zu dem Schluß berechtigen, daß solche Gegensätze
in jener Zeit, wenn überhaupt, so doch nur eine sehr geringe Rolle ge-
spielt haben können1.
Gerade hier aber sollte sich ein entscheidender Wandel vollziehen, als
Rom im Laufe des II. Makedonischen Krieges immer tiefer in die poli-
tischen Verhältnisse Griechenlands eindrang, wobei zweifellos die Über-
nahme des römischen Oberkommandos durch T. Quinctius Flamminus
etwa im Mai 198 v. Chr. den wichtigsten Einschnitt darstellte. Jetzt,
angesichts der gesteigerten diplomatischen Aktivität der Römer in
Griechenland, wurden plötzlich vielerorts schwerwiegende innenpoli-
tische Spannungen zwischen Gegnern und Anhängern Makedoniens und
Roms sichtbar. Schon seit dem Herbst 198 v. Chr. zeichneten sich in
Umrissen die ersten Grundlinien künftiger Richtungskämpfe bei den
„principes" ab und begann sich anzudeuten, daß die ganze politische

1 So hatte sich bereits Korkyra „einmütig" unter den Schutz Roms gestellt, oben
S. 24; die Kritik daran (oben S. 24, Anm. 8) scheint nicht aus Korkyra selbst zu
stammen. — Andererseits wurde beim Abschluß des aitolisch-römischen Bünd-
nisvertrags keine Gegenstimme laut, wenn dieser Abschluß auch kaum im Sinne
eines Agelaos gewesen sein kann.
Die ersten Auseinandersetzungen (198—197 ν. Chr.) 39

Auseinandersetzung des griechischen Mutterlandes mit Rom, statt eine


gemeinsame Front der griechischen Staatswesen nach außen hervorzu-
rufen, sich gleich einem Spaltpilz in die einzelnen Staaten selbst hinein-
verlagerte und allenthalben zur Entstehung gegensätzlicher „factiones"
und „partes" führte2.
Ein frühes Symptom dieser Entwicklung waren zweifellos die Vor-
gänge in dem an sich promakedonischen Epeiros, wo ein gewisser „prin-
ceps" Charops auf die Seite Roms übertrat3. Schon Anfang 198 v. Chr.
hatte er den auf Korkyra überwinternden Konsul P. Villius über die
Besetzung der Aoos-Pässe durch Philipp V. informiert4. Als dann im
Frühsommer 198 alle Versuche des Flamininus, die Aoos-Stellung ein-
zunehmen, ohne Erfolg blieben, leistete Charops den Römern erneut
einen wichtigen Dienst: In seinem Auftrag erbot sich ein Hirte bei
Flamininus, eine römische Abteilung unbemerkt in den Rücken der
Makedonen zu führen5. Dieses Manöver glückte; unter dem Angriff
von beiden Seiten brach die makedonische Stellung zusammen, und
Philipp wurde zum schleunigen Rückzug nach Thessalien gezwungen®.
Der erste offene Kampf zwischen Gegnern und Befürwortern eines
politischen Zusammengehens mit Rom in ein und demselben Staats-
wesen aber führt nach Achaia, das sich nach heftigen inneren Ausein-
andersetzungen in einer spektakulären Wendung seiner Politik im Herbst
des gleichen Jahres von Makedonien löste und sich Rom anschloß.

2 Während Polyb. bei den politischen Gruppierungen in den griechischen Staats-


wesen meist nur von ol ττερί oder (selten) von μέρος spricht (vgl. 24,9,10; 38,10,6),
verwendet Livius in der Regel den Begriff factio (vgl. 32.19.2; 32,3; 35,33.7;
34,7; 12; 37,5; 36,12,4; 39,36,5; 42.63,12; 43,22,3) bzw. den allgemeineren Aus-
druck pars (vgl. 41,25,2; 42,5,11; 30,2—7; 43,7; 10; 46,5; 63,12; 45,31,1; 3—5).
3 Zur Haltung von Epeiros im II. römisch-makedonischen Krieg vgl. Liv. 32,14,5;
Hammond 619; ζ. Pers. des Charops, Sohn des Machatas, Th. Büttner-Wobst,
R E Suppl. I (1903), 284f., Nr. 11. Charops als „princeps Epirotarum": Liv. 32,11,
1; vgl. 14,5; Aur. Vict. 51,1; Plut. Tit. 4: -πρωτεύων. Wahrscheinlich war er
Chaone, vgl. Scullard 62.
4 Liv. 32,6,1; dazu Oost 46.
« L i v . 32,11—12; vgl. Diod. 30,5; App. Mak. 5; Enn. ann. 10, 334ff. V. — Von
mehreren Hirten sprechen Plut. Tit. 4; Aur. Vict. 51,1 (danach ζ. B. Niese 2,611;
Stier 125; anders Büttner-Wobst a. O. 284; Oost 122, Anm. 49; Hammond 618).
Zu diesen und anderen Differenzen zwischen Liv. und Plut. vgl. N . G. L. H a m -
mond, J R S 56,1966, 52, Anm. 38.
• Vgl. Hammond 618f.; ders., JRS a. O. 52f. — Die Bedeutung des Eingreifens
von Charops hebt Polyb. 27,15,2 ausdrücklich hervor; vgl. auch Liv. 32,21,14;
20.
40 Richtungskämpfe I

a) Achaia: Der Kampf um das Zusammengehen mit Rom


(198 v. Chr.)

Das 225/4 v. Chr. noch von Aratos angesichts der akuten Bedrohung
durch das Sparta Kleomenes' III. herbeigeführte Bündnis zwischen dem
achaiischen Koinon und Makedonien war von Anfang an mit vielen Pro-
blemen behaftet und, wie sich zeigen sollte, der Belastungsprobe durch
das Dazwischentreten Roms auf die Dauer nicht gewachsen. Im I. rö-
misch-makedonischen Krieg hatte Achaia zwar fest auf der Seite Phi-
lipps V. gestanden, und im Herbst 200 v. Chr. war mit Kykliadas noch
einmal ein Politiker an die Spitze des Koinon gelangt, der als über-
zeugter Befürworter des achaiisch-makedonischen Bündnisses galt1.
Dennoch mußte auch er — ein Zeichen dafür, wie prekär die Beziehun-
gen geworden waren — im Jahre 199 v. Chr. ein Hilfsangebot Philipps V.
gegen Nabis ausschlagen, das Achaia in den Krieg gegen Rom zu ver-
wickeln drohte2.
Im Herbst dieses gleichen Jahres bahnte sich dann mit der Wahl
des bedeutenden Politikers Aristainos zum Nachfolger des Kykliadas
eine entscheidende Wende in der achaiischen Politik an3. Wie dieser

1 Liv. 31,25,10; z. Person Lehmann 207—216. Kykliadas hatte bereits 210/9 v.


Chr. die Strategie bekleidet, Liv. 27,31,10; Errington 248f.; vgl. Lehmann 207. —
Nach Errington 82—84 hätte die Wahl des Kykliadas eine achaiische Reaktion
auf den gemeinsamen Versuch von Philopoimen und Aristainos dargestellt, schon
anläßlich der römischen Gesandtschaft von 200 v. Chr. in Achaia (Polyb. 16,27,4)
in ein engeres Verhältnis zu Rom zu treten. Die Wahl des Kykliadas hätte dann
auch zum Weggang Philopoimens nach Kreta geführt (ib. 73—75). Keine dieser
Vermutungen läßt sich durch die Quellen hinreichend begründen; vgl. das
Folgende sowie Anm. 4.
2 Liv. 31,25,2—11; vgl. 32,21,10—11; dazu Errington 87; Lehmann 212—214;
Aymard, Rapports 67. — Zu der „promakedonischen" achaiischen Gesandtschaft
nach Rhodos im Jahre 200 v. Chr. (Polyb. 16,35), wahrscheinlich während seiner
Strategie, vgl. zuletzt Errington 86f.
3 Zu dem vielerörterten Problem von Person und Herkunft des Aristainos vgl.
zuletzt Errington 276—279; Lehmann 391f.; Moretti 1, S. 85f., zu Nr. 37; J .
Deininger, Historia 15, 1966, 376—380; 511. Die Identität mit dem Fouüles de
Delphes I I I 3, 122 ( = Syll. 3 702, Komm.; vgl. auch Inscr. Cret. I I 23, Nr. 6)
genannten Aristainos, Sohn des Timokades, aus Dyme ist nach Errington 278f.;
Lehmann 392; Moretti a. O. 86 kaum zu bezweifeln. Dennoch wird man die ab-
weichenden Angaben (Plut. Philop. 17; Paus. 8,51,4), Aristainos sei Megalopolite
gewesen, nicht einfach als Irrtum Plutarchs abtun können (vgl. Moretti a. O.;
Deininger a. O. 377f.), zumal wenn Pausanias doch ein gewisser selbständiger
Wert zukommen sollte (Errington 240). Die Erklärung erscheint denkbar, daß
Achaia: Der Kampf um das Zusammengehen mit Rom (198 v. Chr.) 41

Machtwechsel im einzelnen vorbereitet worden war, ist nicht recht


durchschaubar; es scheint jedoch, daß auch der Weggang Philopoimens,
des militärischen Reformers des achaiischen Bundes und Strategen von
201/0 v. Chr., nach Kreta damit in Zusammenhang steht. Die These,
daß Philopoimen und Aristainos ursprünglich eng zusammengearbeitet
und schon seit 200 v. Chr. gleichsam eine prorömische Partei in Achaia
gebildet hätten, ist unhaltbar; alles deutet vielmehr daraufhin, daß schon
damals der Gegensatz zwischen den beiden Politikern bestand, der später
eine so große Rolle spielen sollte4.
Ob Aristainos von Anfang an offen für einen Übergang desKoinon
auf die römische Seite eingetreten ist, erscheint durchaus fraglich; noch
im Winter 199/8 v. Chr. wurde jedenfalls das Bündnis zwischen Achaia
und Makedonien förmlich erneuert6. Die eigentliche Zäsur dürfte —
obwohl hier vieles unsicher bleiben muß — erst nach der Übernahme des
römischen Oberkommandos durch Flamininus hegen. Vielleicht im Som-
mer 198 v. Chr. kam es zur Verbannung des Kykliadas, des princeps fac-
tionis ad Philippum trahentium res6, und im Herbst dieses Jahres sah sich
das Koinon durch Aristainos schließlich unmittelbar vor die Ent-
scheidung über den Anschluß an Rom gestellt.

Aristainos etwa das Bürgerrecht von Dyme zusätzlich zu dem von Megalopolis
erworben hat (zu Bürgerrechtsverleihungen gerade von Dyme im späteren 3.
Jahrhundert v. Chr. vgl. Syll.» 629; 531).
4 Die Folge von Philopoimens Weggang nach Kreta war offenbar der Versuch
seiner Gegner in Megalopolis, einen Verbannungsbeschluß gegen ihn zu erreichen,
Plut. Philop. 13. Da dieser Versuch durch Aristainos während seiner Strategie,
also 199/8 v. Chr. verhindert wurde, andererseits aber nicht anzunehmen ist, daß
die Reaktion in Megalopolis sehr lange nach dem Abgang Philopoimens erfolgte,
dürfte auch dieser Weggang selbst in den Anfang der Strategie des Aristainos ge-
hören. Die Feststellung bei Plut. a. O., Philopoimen sei deswegen nach Kreta
gegangen, weil die Achaier έτέρον/s άρχοντα; gewählt hätten, muß sich also auf die
Wahl des Aristainos 199 v. Chr. beziehen. Nicht überzeugend ist demgegenüber
der Versuch Erringtons 72ff., aus dieser Episode entgegen der ausdrücklichen
Versicherung Plutarchs (a. Ο.: καίττερ [sc. Philopoimen] ών διάφορο;.. .περί την
ττολιτείαν) eine politische Zusammenarbeit zwischen Philopoimen und Aristainos
in dieser Zeit zu erschließen und den Weggang Philopoimens nach Kreta als
Folge der Wahl des Kykliadas zum Strategen ins Jahr 200 v. Chr. zu verlegen.
6 Liv. 32,5,2—5. — Aymard a. O. 68, Anm. 12 (vgl. 78 f.) dürfte (gegen Niese
2,616) gezeigt haben, daß Aristainos bei seiner Wahl zum Strategen noch nicht
als ausgesprochen prorömischer Politiker galt.
β So Liv. 32,19,2; vgl. 31,25,10; Aymard a. O. 67. — Aymard setzt die Verbannung
ohne nähere Begründung in die Zeit unmittelbar nach dem Ausscheiden des
Kykliadas aus der Strategie (vgl. a. O. 78), während Lehmann (215) sie ebenfalls
42 Richtungskämpfe I

Der Anschluß des Koinon an Rom unter Aristainos

Von den ersten Fühlungnahmen der Gruppe um Aristainos und der


römischen Seite ist nichts Näheres überliefert1; doch dürfte klar sein,
daß auch hier — ähnlich wie seinerzeit zwischen den aitolischen prin-
cipes und den Römern — eine gewisse Vorverständigung erreicht war2.
Im Herbst 198 v. Chr., unmittelbar bevor die römische Flotte mit per-
gamenischer und rhodischer Unterstützung die Belagerung von Korinth
aufnahm, berief Aristainos dann eine Versammlung des achaiischen
Koinon nachSikyon ein, die über Annahme oder Ablehnung des römischen
Bündnisangebotes entscheiden sollte3. Außer einer makedonischen und
einer römischen Gesandtschaft erschienen dort auch Gesandte der grie-
chischen Verbündeten Roms, Attalos' I., Rhodos' und Athens4. Den

ohne weitere Erörterung im Sommer 198 v. Chr. stattfinden läßt. Die größere
Wahrscheinlichkeit dürfte hier immerhin dafür sprechen, daß die Verbannung
zumindest erst nach der Erneuerung des Bündnisses mit Makedonien erfolgte.
1 Vgl. dazu die Vermutungen bei Aymard a. O. 79—-82.
2 Vgl. oben S. 28.
3 Zur Einberufung durch Aristainos (vgl. Liv. 32,21,1) Aymard a. O. 81f. m. Anm.
51; z. Dat. ib. 80f., Anm. 49. — Offenkundig handelte es sich um eine (außer-
ordentliche) Primärversammlung des Koinon. Zu der — noch immer nicht end-
gültig gelösten — Frage der achaiischen Bundesversammlungen vgl. zuletzt
A. Giovannini, Polybe et les assemblies achdennes, Mus. Helv. 26, 1969, 1—17,
der die von A. Aymard, J . A. O. Larsen und anderen vorgenommene Unter-
scheidung von „Synodoi" als ordentlichen und „Synkletoi" als außerordentlichen
Versammlungen verwirft und — wohl mit Recht — σύυοδοζ als „Sitzung" der
Bule und der Ekklesie erklärt (a. O. 15). Damit wird auch die von Larsen (vgl.
Fed. States 223—228; Repres. Gov. bes. 87—100) aufgestellte und vielfach
(vgl. Walbank, Comm. l , 2 1 9 f . ; V. Ehrenberg, Der Staat der Griechen [Zürich-
Stuttgart 2 1965], 158; Lehmann 379; Errington 6) übernommene These hinfällig,
daß — seit spätestens 200 v. Chr. — alle ordentlichen Versammlungen des
Koinon bloße Repräsentativversammlungen gewählter Buleuten aus den einzel-
nen Mitgliedsstädten waren, und die Ekklesie nur zu Fragen über Bündnisse und
Krieg und Frieden (vgl. Polyb. 22,12,6) einberufen werden konnte. Berechtigte
Einwendungen gegen diese Hypothese Larsens auch bei Musti 195—198. Vgl. auch
unten S. 180, Anm. 19; 182, Anm. 33; 227, Anm. 23.
4 Das Folgende Liv. (Polyb.) 32,19.1—23,3 (vgl. 41,24,13); App. Mak. fr. 7; Paus.
8,7,1—2; außerdem Plut. Tit. 5; Zonar. 9,16,3; dazu vor allem Aymard a. O.,
Kap. I, „L'assemblee de Sikyon", 1—102 (bes. 83—97); kurz Geizer, Kl. Sehr.
3,143f.; Holleaux, Etudes 5, 355f.; De Sanctis 4,l 2 ,66f. — Die These Melonis
(Valore storico 59—70; vgl. auch Aymard 95f., Anm. 58), daß bei Appian eine
von Polybios unabhängige zeitgenössische Überlieferung zu fassen sei, hat M.
Aristainos 43

dreitägigen Beratungen waren bereits heftige Diskussionen in den einzel-


nen Städten vorausgegangen5. Der erste Tag brachte den Auftritt der
Gesandten der kriegführenden Mächte®. Zuerst sprachen L. Calpurnius,
ein pergamenischer und ein rhodischer Gesandter, die das Koinon zum
Eintritt in den Krieg gegen Philipp aufforderten7; dann erinnerte der
Vertreter Philipps V. die Achaier an die bestehenden Verpflichtungen
gegenüber Makedonien sowie an den Ausgang des I. römisch-make-
donischen Krieges und forderte das Koinon auf, sich entweder aktiv
auf die Seite Philipps zu stellen oder wenigstens Neutralität zwischen
Rom und Makedonien zu wahren8. Zum Schluß folgte noch die Rede des
athenischen Gesandten, die sich im wesentlichen in persönlichen Be-
schimpfungen Philipps erschöpfte9 und offenbar zu erregten Ausein-
andersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern Makedoniens führte10.
Am nächsten Tag ergriff dann der Stratege Aristainos das Wort zu
einer großen Rede, in der er seine eigene politische Einstellung klar zu
erkennen gab und sich mit vollem Nachdruck für das Zusammengehen
Achaias mit Rom und den Bruch mit Makedonien einsetzte. Zur Be-
gründung verwies er auf den entschieden stärkeren Einsatz Roms in
Griechenland gegenüber dem I. Makedonischen Krieg, die zahlreichen
militärischen Erfolge der Römer gegen Philipp, der überhaupt nicht in
der Lage sei, die Achaier gegen Nabis oder gar gegen die Römer wirk-
sam zu unterstützen, und auf die Ohnmacht des achaiischen Koinon
selbst: den Achaiern bleibe deshalb gar keine andere Wahl, als auf das
römische Bündnisangebot einzugehen11.
Diese Rede löste heftige Auseinandersetzungen in der Versammlung
aus. In dem zehnköpfigen Damiurgenkollegium war die eine Hälfte für,

Geizer widerlegt (Kl. Sehr. 3,284) und gezeigt, daß auch die bei Appian erhaltene
Version letztlich auf dem verlorenen Bericht des Polybios beruht.
* Liv. 32,19,9; 20,3; Aymard 83f.
« Liv. 3 2 , 1 9 , 1 1 — 1 3 ; Aymard 8 4 — 8 9 .
7 Liv. 32,19,11; 21,4; 3 0 ; dazu Aymard a. O. 84f.
8 Liv. 32,21,6; 8 — 9 ; 12; 33; vgl. auch 32,19,12; dazu Meloni a. O. 6 3 f . ; Aymard,
Rapports 69; 8 8 ; 95f., Anm. 58.
» Liv. 32,19,12; 21,21; Aymard a. O. 88 f.
10 Jedenfalls berichtet Liv. 32,22,3 zum zweiten Tag: is quoque dies iurgiis est
consumptus, sodaß anzunehmen ist, daß bei Polybios bereits am Ende des ersten
Tages von erheblichen Meinungsverschiedenheiten die Rede war, dies aber in
der verkürzten Wiedergabe bei Livius weggefallen ist.
11 Liv. 32,20,3—21,37; Lehmann 2 1 9 f . ; Aymard, Rapports 9 1 — 9 3 ; zur Authentizi-
t ä t vgl. zuletzt Lehmann 218; Aymard 92f.
44 Richtungskämpfe I

die andere gegen Aristainos, wobei sich die Gegner darauf beriefen, daß
nach den geltenden Gesetzen dem Koinon kein Antrag vorgelegt werden
dürfe, der gegen das Bündnis mit Makedonien gerichtet sei, und daß das
Koinon darüber nicht abstimmen dürfe12. Im πλήθος schienen die Geg-
ner des Zusammengehens mit Rom sogar in der Mehrzahl zu sein13.
Dabei wurde offenbar nicht nur an die grausame Kriegführung des
P. Sulpicius erinnert14; auch Flamininus selbst sowie seinem Vorgänger
P. Villius machte man ähnliche Vorwürfe16. Auch wurde die alte Be-
fürchtung wieder laut, die Römer würden am Ende nur ihrerseits die
Stelle Philipps und der Makedonen als δεσττόται Griechenlands einneh-
men.
Bis zum Abend hielten die Tumultszenen an16, und die Tiefe der Mei-
nungsverschiedenheiten offenbarte sich nicht zuletzt in der Art und
Weise, wie es schließlich zum Umschwung kam. Dieser erfolgte nämlich
dadurch, daß ein Damiurg, Memnon aus Pellene, von seinem Vater
Peisias geradezu unter Morddrohungen zum Übergang auf die Seite des
Aristainos gezwungen wurde17. Damit erst war bei den Damiurgen eine
Mehrheit für den Antrag des Aristainos erreicht, und dieser konnte
vorschriftsmäßig am dritten Tag der Versammlung vorgelegt werden.
Im ττλήθος herrschte allerdings, trotz wachsender Zustimmung für Ari-
stainos18, noch immer erheblicher Widerstand gegen den Anschluß an
Rom19. Schließlich kam es sogar zum demonstrativen Auszug der Teil-
12
Liv. 32,22,1—3.
13
So App. Mak. fr. 7: καΐ ol πλείονες ήροϋντο τά Φιλίπττου; vgl. dazu Meloni 65 f.;
Aymard 95, Anm. 58.
14
App. a. O. (vgl. auch oben S. 31; 33). — Daß im Anschluß an die Rede des
Aristainos keine weiteren Reden mehr gehalten wurden, läßt sich Liv. 32,22,1—3
kaum (wie Aymard 93, Anm. 51 will) entnehmen.
16
Paus. 7,8,2: Ότίλιο?, vgl. dazu jedoch F. Münzer, RE XVIII 2 (1942), 1876,
Art. Otilius. — An welche Vorkommnisse bei Flamininus und Villius gedacht ist,
bleibt unklar. Wahrscheinlich ist im übrigen auch hier (wie Paus. 7,8,1) in der
Quelle des Pausanias von L., nicht T. Quinctius Flamininus die Rede gewesen.
16
Liv. 32,22,3; dazu Aymard a. O. 82, Anm. 51; 94; vgl. außerdem 55; ders.,
Ass. 373 ff.
17
Liv. 32,22,5—8; vielleicht ist in App. a. Ο. έγκειμένωυ 6έ βιαίως των
^ωμαϊζόντων eine vergröbernde Andeutung dieses Vorfalls zu erkennen. Meloni
a. O. 68 nimmt dagegen an, der Passus beziehe sich auf die Vorgänge bei der
Abstimmung, kommt damit jedoch über die Konstatierung eines (nicht recht
einleuchtenden) „disaccordo" zwischen Livius und Appian nicht hinaus; ähnlich
Aymard a. O. 96.
18
Vgl. auch Zonar. 9,16,3; dazu Aymard, Rapports 93, Anm. 51.
" Liv. 32,22,8.
Aristainos 45

nehmer aus Dyme, Megalopolis20 und der Mehrzahl derer aus Argos21,
also den bedeutendsten Städten des Koinon, die zugleich durch be-
sonders enge Beziehungen mit dem makedonischen Königshaus verbun-
den waren22. Dann erst siegten die ρωμαΐζοντες23 bei der Abstimmung, und
man beschloß das Bündnis mit Attalos und den Rhodiern und die Ent-
sendung des achaiischen Bundesheeres zur Unterstützung des L. Quinc-
tius Flamininus nach Korinth24.
Diese folgenschwere Entscheidung, der das eigentliche Foedus zwischen
Achaia und Rom erst später folgte25, begründete die grundsätzlich pro-
römische Haltung, welche die achaiische Politik für mehr als fünfzig
Jahre wenigstens nach außen hin charakterisierte. Die starken Gegen-
sätze auf der Versammlung hatten aber auch bewiesen, daß die poli-
tische Linie des Aristainos keineswegs als unangefochten gelten konnte.
Es scheint nicht an Stimmen gefehlt zu haben, die ihm ohne Zögern
den Verrat Achaias an Rom vorwarfen2®. Es war die erste große Gelegen-

20 Vgl. dazu Geizer, Kl. Sehr. 3,134f.


21 Liv. 32,22,9: quidam Argivorum; dazu aber Aymard a. O. 96 (danach Meloni 68).
22 Liv. 3 2 , 2 2 , 9 — 1 2 ; vgl. App. a. Ο . : οί πολλοί xfjs έκκλησίας άττεχώρουν δυσχε-
ρσίνουτε;; dazu Aymard a. Ο. 9 6 ί . ; Meloni a. Ο. — Das Stimmenverhältnis der
einzelnen Städte im Koinon ist unbekannt, vgl. Aymard, Assemblies 3 8 1 ff.
23 Vgl. App. a. O. (oben Anm. 17). Während Polybios den Begriff des μακεδονίζειν
gelegentlich verwendet (vgl. 20,5,5; 13), scheint er ρωμαίζειν geradezu meiden
zu wollen; auf prorömische Politiker in Griechenland angewendet begegnet es
jedenfalls bei ihm nie.
2 4 Liv. 32,23,1—3; App. a. O.; Paus. 7,8,2; vgl. Plut. Tit. 5; Zonar. 9,16,3.

2 5 I m Jahre 198 v. Chr. wurde lediglich ein „Feldherrnvertrag" zwischen Achaia

und Rom abgeschlossen, vgl. Aymard a. O, 99 ff. Das Datum des eigentlichen
Bündnisvertrages (zwischen 196 und 183 v. Chr., vgl. Polyb. 18,42,7; 23,4,12)
ist nicht überliefert. Während E . Badian ( J R S 42, 1952, 76—80) für 192/1 v.
Chr. eintritt (vgl. danach Errington 93, Anm. 2; 115; Dahlheim 262, Anm. 8),
hat Aymard a. O. 267 das Datum 194/3 v. Chr. verfochten (zustimmend Gelzer,
Kl. Sehr. 2,28; Lehmann 233f.); vgl. auch Holleaux, Etudes 5,121—140 (196 ν.
Chr.).
2« Polyb. 1 8 , 1 3 , 8 — 1 0 ; ib. 1 0 : διό κ od πάντες αύτόν ούχ ττροδότην, α λ λ ' ώζ
ευεργέτη ν καΐ σ ω τ ή ρ α της χ ώ ρ α ; έτίμων. Die Vorgänge in Sikyon wie auch die
Tatsache, daß Polybios Aristainos gegen den Vorwurf, -προδότης zu sein, in
Schutz nimmt, zeigen aber, daß dies so wörtlich nicht gestimmt haben kann. Da-
zu auch Walbank, Comm. 2 , 5 6 5 f . ; Lehmann 2 2 1 — 2 2 3 ; Gelzer, Kl. Sehr. 3,
144 sowie unten S. 136; 199 m. Anm. 13. — Vgl. noch Liv. 34,23,6, wo (195 v.
Chr.) Alexandros Isios die Achaier als „Überläufer" von Philipp V. zu den Rö-
mern verurteilt, sowie Polyb. 18,6,5—7, wo Philipp V. bei derselben Gelegen-
heit den Achaiern aus dem gleichen Grunde άθεσία und αχαριστία vorwirft.
46 Richtungskämpfe I

heit, wo in einem Staatswesen des griechischen Mutterlandes die fatale


innere Gespaltenheit der Führungsschicht gegenüber Rom sichtbar
wurde. Wie es in den unteren Schichten aussah, sollten bald darauf noch
deutlicher die Ereignisse zeigen, die der Bruch des Koinon mit Make-
donien in Argos auslöste.

Der promakedonische Umsturz in Argos

Wie wenig populär die Politik des Aristainos und seiner Anhänger
in breiten Schichten Achaias war, bewiesen die Vorgänge in Argos, die
kurz nach der Versammlung von Sikyon1 zum Abfall der Stadt vom
Koinon und zu ihrem Übergang auf die Seite Philipps V. führten2.
Schon in Sikyon hatten infolge der besonders engen Verbindungen
zwischen Argos und dem makedonischen Königshaus3 „einige" Teil-
nehmer, wahrscheinlich jedoch deren Mehrzahl4, die Versammlung aus
Protest gegen den Bruch des Bündnisses mit Makedonien verlassen.
Offenbar aus Sicherheitserwägungen war daraufhin eine achaiische
Truppe von 500 Mann unter Ainesidamos von Dyme in die Stadt ge-
legt worden5. Als aber Philokles, der Feldherr Philipps V., in Achaia er-
schien und die Römer und ihre Verbündeten sogar zur Aufhebung der
Belagerung von Korinth zwingen konnte, war dies für quidam principes6
das Zeichen, mit Unterstützung der plebs7 einen Umsturz in der Stadt
herbeizuführen.
Eine eindrucksvolle Demonstration für Philipp V. bereitete den
Umschwung vor. Als zu Beginn einer Volksversammlung bei der feier-
lichen Anrufung von Zeus, Apollon und Herakles die Nennung Philipps,
dessen Name aufgrund eines besonderen Gesetzes dabei ebenfalls aus-

1 Zum Datum (etwa Ende Okt./Anf. Nov. 198 v. Chr.) vgl. Aymard, Rapp. 110.
2 Liv. 32,25; dazu Aymard a. O. 109f.; Walbank, Philip V, 158.
3 Dazu vgl. Aymard a. O. 54; 63.
4 Vgl. oben S. 46, Anm. 21.

5 Liv. 32,25,6. Vermutungen über die politische Haltung der Stadt Dyme bei

Aymard a. O. 109, Anm. 22.


11 Liv. 82,25,1; vgl. Weißenborn-Müller z. St., der von „zwei Parteien in der

Aristokratie" spricht. Wohl mit Recht für eine Verharmlosung hält auch Aymard
a. O. 110, Anm. 24 die Behauptung des Flamininus gegenüber Nabis (Liv.
34,32,6), nur zwei oder höchstens drei Personen seien am Abfall von Argos
schuld.
' Liv. a. O.
Akarnanien: Androkles und Echedamos (Frühjahr 197 v. Chr.) 47

gerufen zu werden pflegte8, infolge der veränderten politischen Lage


unterblieb, löste dies einen heftigen Aufruhr der multitudo aus, der erst
abklang, als „cum ingenti assensu" auch der Name Philipps vom Herold
verkündigt wurde.
Solchermaßen der Unterstützung durch die Menge gewiß, öffneten
die makedonentreuen principes in der Nacht Philokles die Tore®, der so-
fort die Burg Larissa besetzte10 und von dort in der Frühe des nächsten
Tages zur Agora hinabmarschierte. Angesichts dieser Ubermacht und
der Stimmung der multitudo konnte Ainesidamos nur noch den freien
Abzug seiner Truppe erwirken; er selbst ließ sich jedoch mit wenigen
Getreuen niedermachen.
Argos war damit in der Hand Philipps; multitudo und ein Teil der
•principes hatten sich hier als die poütische Kraft erwiesen, die hinter
Makedonien stand und deshalb auch in Gegensatz zu Rom geraten
mußte 11 .

b) Akarnanien: Sieg der Romgegner Androkles und Echedamos


(Frühjahr 197 v. Chr.)
Nicht weniger deutlich als in den bisher behandelten Ereignissen
trat dieses Grundmuster des Widerstandes gegen Rom in den Aus-
einandersetzungen hervor, die sich etwa ein halbes Jahr später, im Früh-
jahr 197 v. Chr.1, innerhalb des akarnanischen Koinon um die Stellung
des Bundesstaates zwischen Makedonien und Rom abspielten.

8
Liv. 32,25,2—4. Daß es sich dabei um ein lokales Gesetz von Argos handelt, zeigt
Aymard 53, Anm. 27. — Die Ausrufung wurde auf Veranlassung der praetores
von einem praeco (Keryx) vorgenommen, Liv. a. O. Mit den praetores sind nicht
etwa Bundesbeamte gemeint (so Walbank, Philip V, 158), sondern lokale Stra-
tegen von Argos, die neuerdings auch inschriftlich nachgewiesen sind, vgl.
SEG XVI 255, Z. 15ff.; dazu Touloumakos 15, Anm. 3; M. Wörrle, Unter-
suchungen zur Verfassungsgeschichte von Argos im 6. Jahrhundert v. Chr.
(Diss. Erlangen 1964), 97.
» Liv. 32,25,5.
10
Vgl. dazu Aymard, Rapports 109, Anm. 21.
11
Polybios der (ähnlich wohl wie Philopoimen, vgl. unten S. 116) die in Sikyon ge-
fallene Entscheidung grundsätzlich bejahte, verurteilte (folgerichtig) die Re-
aktion von Argos, die ihm den Anlaß zu dem Exkurs über die Verräter (18,13 bis
15) gegeben zu haben scheint, vgl. zuletzt Walbank, Comm. 2,565.
1
Zum Datum (März/Juni 197 v. Chr.) Walbank, Philip V, 323. — Die Ereignisse
Liv. 33,16—17,1; dazu Oost 50f.; De Sanctis 4,l 2 ,85f.
48 Richtu ngskämpfe I

Anfangs schien alles ganz ähnlich wie in Achaia zu verlaufen. Nach


bewährtem Verfahren hatte wiederum L. Quinctius Flamininus eine An-
zahl akarnanischer „principes" zu sich nach Korkyra eingeladen2 und
sie dabei für das Zusammengehen mit Rom gewonnen. Der Versuch, die
Zustimmung des Koinon zu einer Abkehr von dem auch hier seit 225/4 v.
Chr. bestehenden Bündnis mit Makedonien zu erhalten, stieß jedoch auf
noch größeren Widerstand als in Achaia. Eine nach Leukas einberufene
Versammlung des Koinon war nur schwach besucht3. Wohl gelang es
einigen „principes et magistratus", an deren Spitze der Stratege Zeuxidas
sowie Archelaos und Bianor standen4, einen Beschluß über ein Bündnis
mit Rom durchzusetzen; doch wurde dieses, da nur eine Minderheit da-
hinterstand, von den Widersachern als privatum decretum Romanae
societatis betrachtet und nicht anerkannt8. Es zeigte sich, daß die Ober-
schicht in Akarnanien viel enger mit Makedonien verbunden war als in
Achaia®. Anders als dort hatte der zum Zusammengehen mit der römischen
Macht entschlossene Stratege des Koinon, Zeuxidas, bei der Durchsetzung
seiner politischen Absichten keinen Erfolg, und bald trat sogar ein empfind-
licher Rückschlag für die prorömische Richtung ein.
Denn nun entsandte Philipp V. zwei der auf seiner Seite kämpfenden
akarnanischen „principes", Androkles und Echedamos, nach Akarna-
nien7. Ihnen gelang es, in einer zweiten, jetzt aber allgemein besuchten
2 Liv. 33,16,1 (vgl. 32,40,7); dazu unten S. 133, Anm. 17.
3 Die Ursache dafür will Oost 50 darin erblicken, daß die Teilnehmer, die gegen
den Anschluß an Rom waren, zu spät oder gar nicht über die Versammlung be-
nachrichtigt wurden. E r schließt daraus, daß die pro- und antimakedonischen
Gruppen zugleich regionale Gegensätze repräsentierten. Dies ist zwar denkbar,
läßt sich aber nicht nachweisen. Naheliegender erscheint, daß die „antirömischen"
Teilnehmer der Versammlung demonstrativ fernbleiben, wie es 191 v. Chr. vom
aitolischen Koinon ausdrücklich bezeugt ist (vgl. unten S. 101) und in gewissem
Sinne auch dem Auszug der Vertreter von Dyme, Megalopolis und Argos aus der
Versammlung von Sikyon 198 v. Chr. entspräche.
4 Liv. 33,16,5. Bianor dürfte identisch sein mit dem Βιάνωρ Θάλωνοξ aus Leukas
auf einer Inschrift des akarnanischen Koinon aus dem Jahre 216( ?) v. Chr.,
IG I X l 2 , 583 ( = Moretti 1,146ff., Nr. 59), Z. 20; vgl. dazu Chr. Habicht, Hermes
85,1957,118.
5 Liv. 33,16,3; dazu Weißenborn-Müller z. St.; Oost 50f. Kaum zutreffend Hol-

leaux, Etudes 5,361, der von einem,,geheimen" Bündnis spricht. —Vgl. noch Liv.
42,43,8 und unten S. 155, Anm.20. Im übrigen handelte es sich auch hier um einen
,, Feldherrnvertrag", nicht um ein Foedus im eigentlichen Sinn.
β Liv. 33,16,2; vgl. dazu auch die Haltung Akarnaniens im I. Makedonischen Krieg

und die Rede des Lykiskos in Sparta, Polyb. 9,32,3—4.


' Liv. 33,16,4. Echedamos ist wahrscheinlich identisch mit dem akarnanischen
Boiotien: Zeuxippos und Peisistratos (197 v. Chr.) 49

Versammlung des Koinon in Leukas nicht nur die Aufhebung des „pri-
vaten" Bündnisbeschlusses, sondern auch die Absetzung des Zeuxidas
und die Verurteilung von Archelaos und Bianor wegen Verrats zu er-
wirken8. Durch geschicktes Auftreten vor der leicht beeindruckbaren
multitudo erreichten diese zwar schließlich die Aufhebung des Urteils9.
An der Abkehr Akarnaniens von dem Bündnis mit Rom und dem Fest-
halten an der Verbindung mit Makedonien änderte sich aber nichts10,
und in den nunmehr beginnenden Kriegshandlungen wurde Leukas erst
nach hartnäckigem Widerstand von den Römern eingenommen11,
während Akarnanien als Ganzes erst nach der Schlacht von Kynoske-
phalai die Waffen streckte12.

c) Boiotien: Die Überrumpelung der promakedonischen Richtung


durch Zeuxippos und Peisistratos (197 v. Chr.)

Erheblich detaillierter als in Akarnanien ist man über die Anfänge


der antirömischen Richtung in Boiotien orientiert. Die innere Situation
dieses Landes um die Wende des 3./2. Jahrhunderts v. Chr. hat Polybios
in einem oft untersuchten Abschnitt seines Werkes als gänzlich zerrüttet
dargestellt1. Die schwierige Frage jedoch, ob und inwiefern sich der
achaiische Historiker hier einer einseitigen Betrachtimgsweise schuldig
gemacht hat, hat stark voneinander abweichende Antworten gefunden:
Während etwa Passerini2 sowie aufgrund seiner eigenen, sehr sorgsamen
Untersuchungen Feyel3 das von Polybios gezeichnete Bild Boiotiens mehr
oder minder weitgehend in Zweifel ziehen4, haben Rostovtzeff 6 und neuer-

Hipparchen Έχέδαμο$ Μνασιλόχου aus Leukas auf der Inschrift von 216( ?),
IG a. Ο., Z. 2 u. 63; dazu Habicht a. O.
8
Liv. 33,16,4—5; 16,11—17. Vgl. auch den Vorwurf des Verrats gegen Aristainos
(oben S. 45).
• Liv. 33,16,6—10.
10
Liv. 33,16,11.
11
Liv. 33,17,2—14.
12
Liv. 33,17,15.
1
Polyb. 20,4^—6.
2
A. Passerini, Athenaeum 11, 1933, 312f.; ders.. Stud. ital. di füol. class. 22, 1934,
53.
3
Μ. Feyel, Polybe et l'histoire de Bdotie au III e sifecle avant notre fere, Paris 1942.
4
Vgl. auch K.-W. Welwei, Historia 15, 1966, 294f.
5
Rostovtzeff 2,483f.; 3,1225, Anm. 14 (gegen Passerini).
4 Deininger, Widerstand
50 Richtungskämpfe I

dings Lehmann® an der Berechtigung von Polybios' Schilderung fest-


gehalten, obwohl der aus der inschriftlichen Überlieferung zu gewinnende
Eindruck diese nicht ohne weiteres zu bestätigen scheint7.
Doch von welchem Standpunkt aus man auch die innere Verfassung
Boiotiens um 200 v. Chr. beurteilen mag, fest steht jedenfalls, daß die
Basis der boiotischen Außenpolitik damals, ähnlich wie in Achaia und
Akarnanien, die enge Anlehnung der herrschenden Gruppen, unter denen
die Familie des Askondas hervorragte, an das makedonische Königshaus
bildete8.
Nach längeren Auseinandersetzungen zwischen Anhängern Make-
doniens und einer mehr auf die politische Unabhängigkeit des Landes
bedachten Richtung hatte die promakedonische Gruppe schließlich seit
dem Jahre 227 v. Chr. ein entscheidendes Übergewicht erlangt, nach-
dem Askondas' Sohn Neon9 als Hipparch des boiotischen Koinon durch
eine wichtige Hilfeleistung für Antigonos Doson dessen Vertrauen und
zugleich eifrige politische Unterstützung gewonnen hatte 10 . Die Ver-
bindung dieser Familie mit Makedonien gestaltete sich noch fester, als
nach der Schlacht bei Sellasia (222 v. Chr.) Brachyllas, der Sohn des
Neon11, von Antigonos mit dem Amt eines επιστάτης in Sparta betraut
wurde12. Hand in Hand mit diesem Bündnis mit der makedonischen
Macht ging die uneingeschränkte Vorherrschaft der von der Gruppe um
Brachyllas angeführten μακεδονίζοντες innerhalb Boiotiens13. Daß gerade
sie sich, wie meist behauptet wird, besonders „demagogischer" Mittel
bedient hätten, ist nicht überliefert14. Dank des engen Zusammenwirkens
der führenden Politiker mit Philipp V. waren aber alle antimakedo-

« Lehmann 333—340 (gegen Feyel).


7
Vgl. J. Deininger, HZ 207, 1968, 370f.
8
Polyb. 20,5,5—6; zu Askondas vgl. Th. Büttner-Wobst, RE Suppl. I (1903),
154, Nr. 2.
8
Z. Pers. vgl. P. Schoch, RE XVI 2 (1935), 2429, Nr. 5.
10
Polyb. 20,5,4—11; dazu bes. Feyel 117ff.
11
Z. Pers. vgl. U. Wilcken, RE III 1 (1897), 806f„ Art. Brachylles; H. Volkmann,
Kl. P. I (1964), 939.
12
Polyb. 20,5,12; dazu Feyel a. O. 131; 275.
18
Polyb. 20,5,13.
14
Polyb. 20,6,2—3 berichtet von boiotischen Politikern, die sich durch Geldzahlungen
(μισθοί) aus der Staatskasse an die Unbemittelten ihre Wiederwahl durch die
ττλήθη sicherten, wobei namentlich ein gewisser Opheltas erwähnt wird (20,6,4;
dazu Feyel 279; 304). Polybios unterläßt es freilich, ein Mitglied der Familie
des Neon in diesem Zusammenhang zu nennen. So stellt Feyel (304) Brachyllas
ohne ausreichende Begründung auf eine Stufe mit Opheltas; ähnlich Larsen,
Boiotien: Zeuxippos und Peisistratos (197 v. Chr.) 51

nischen Kräfte, die ihr Zentrum vor allem in Theben hatten 15 , lange Zeit
in Schach gehalten, und erst im Verlaufe des II. Makedonischen Krieges,
etwa ein halbes Jahr nach dem Umschwung in Achaia, sollte sich auch
hier eine Wandlung anbahnen.
Boiotien, das im I. Makedonischen Krieg noch auf der Seite Philipps
V. gestanden hatte, war — ähnlich wie Achaia — im II. Makedonischen
Krieg zunächst neutral geblieben; doch befand sich ein boiotisches Frei-
willigenkontingent bei Philipp V., als dessen Befehlshaber Ende 198 v.
Chr. Brachyllas an der Konferenz von Nikaia teilnahm16. Wie in Akar-
nanien erwies sich auch hier die Abwesenheit der entscheidenden p r o
makedonischen Politiker als verhängnisvoll: Im Frühjahr 197 v. Chr.
kam es in Theben zum Umschwung zugunsten Roms.
Alles deutet darauf hin, daß eine Verständigung zwischen Flamininus
und dem offenbar zu den Gegnern des Brachyllas gehörenden Archon Anti-
philos stattgefunden hatte 17 und nach der bewährten Methode18 eine
Anzahl führender Politiker — neben Antiphilos vor allem Dikaiarchos
von Plataiai, Peisistratos und Zeuxippos — gewonnen waren19. Die für
Makedonien wenig günstige Entwicklung der militärischen Lage hatte
den lange unterdrückten antimakedonischen Kräften des Landes, die
gerade in Theben besonders stark waren, neues Gewicht verliehen. Daß
alles genau vorbereitet war, dürfte aus dem reibungslosen Ablauf der
Aktion hervorgehen, deren Ergebnis eine binnen zwei Tagen, aber offen-
kundig gegen den Willen einer Reihe von „principes" sowie der πολλοί
zustandegekommene Übereinkunft mit Rom war20.

Fed. States 385. Gegen die angebliche „getarnte Tyrannis" des Brachyllas
(Passerini a. O. 320f.) vgl. mit Recht Feyel 279f.
15 Polyb. 20,5,10; 13.
le Polyb. 18,43,1; Liv. 33,27,5; ib. 8: Brachyllas praefectus Boeotorum apud regem
militantium; dazu Aymard, Rapp. 117, Anm. 11; Clochi, Thfebes 252. Kaum
haltbar A. Passerini, Athenaeum 11, 1933, 321, wonach Brachyllas und die
anderen bei Philipp V. befindlichen Boioter aus Theben verbannt worden und
dann zu dem König geflohen seien; vgl. auch unten Anm. 31 f. Zur Teilnahme des
Brachyllas an der Konferenz von Nikaia vgl. Polyb. 18,1,2.
17 Liv. 33,1,3: praetor Antiphilus, womit nach dem Nachweis Roeschs (112—121)
der Archon des Koinon bezeichnet wird. Vgl. auch J. Deininger, R E Suppl. X I
(1968), 61, Art. Antiphilos 3c.
18 Vgl. unten S. 133, Anm. 17.
19 Zu Dikaiarchos vgl. unten Anm. 29. Zeuxippos, Peisistratos „und andere" waren
nach Liv. 33,27,9 Romanae societatis auctores.
20 Das Folgende bei Liv. 33,1—2,6; Plut. Tit. 6; vgl. Zonar. 9,16. Dazu bes. Larsen,
Fed. States 385f.; Aymard. Rapp. 155f.
4*
52 Richtungskämpfe I

Es war etwa Anfang März 197 v. Chr. 21, als Flamininus unweit der
Stadt sein Lager aufschlug. Bereits am folgenden Tag erschien er mit
einem bescheidenen Gefolge von 120 Soldaten22 und geleitet von Anti-
philos, der ihm auf halben Weg entgegengekommen war, vor Theben, wo
für den nächsten Tag eine Versammlung des boiotischen Koinon anbe-
raumt war23. Erst als Flamininus, umringt von der neugierigen Menge,
bereits seine Unterkunft erreicht hatte, bemerkte man plötzlich, daß
unversehens nicht weniger als zweitausend bewaffnete römische Soldaten
in die Stadt eingedrungen waren, die Flamininus während seines Heran-
nahens den Augen der ihn erwartenden und begrüßenden Menge zu ent-
ziehen gewußt hatte. Alsbald hieß es, Antiphilos habe die Stadt verraten 24 ;
und es ist in der Tat kaum vorstellbar, daß die römischen Truppen ohne
Wissen und Duldung der Behörden in die Polis gelangt sein sollen.
So sah sich die Versammlung des boiotischen Koinon am folgenden
Tag, auch wenn Flamininus selbst geschickte diplomatische Zurück-
haltung walten ließ25, von vornherein dem Druck der Anwesenheit rö-
mischer Truppen ausgeliefert; eine freie Aussprache über die Haltung
Boiotiens gegenüber Rom war unter diesen Umständen nicht mehr mög-
lich26. Nacheinander ergriffen Attalos I. (der allerdings mitten in seiner
Rede von einem Schlaganfall getroffen wurde27) sowie der Achaier
Aristainos, die beide mit Flamininus erschienen waren, und endlich der
römische Oberbefehlshaber selbst das Wort und forderten das Koinon
zum politischen Zusammengehen mit Rom auf. Die Rede des Aristainos,
der im Herbst zuvor als Stratege die große Wendung Achaias zu Rom
mit Erfolg durchgesetzt hatte, scheint den nachhaltigsten Eindruck her-
vorgerufen zu haben28. Schließlich brachte Dikaiarchos von Plataiai 29
21
Z. Dat. Aymard a. O. 155, Anm. 3.
22
Liv. 33,1,2: cum unius signi militibus', dazu Aymard a. O. 156, Anm. 11.
28
Liv. 33,1,7. Daß Theben der normale Versammlungsort des boiotischen Koinon
war, betont wohl mit Recht (gegen Roesch 126) Touloumakos 39; daß wenigstens
das Synedrion dort seinen ständigen Sitz hatte, vermutet έ . Will, Rev. de philol.
41, 1967, 297f.
21
Liv. a. O.: velut prodita dolo Antiphüi praetoris urbe captaque.
26
Plut. Tit. a. O.: 6 Τίτος ώς ούκ εχων την ττόλιν ίττειθεν έλέσθαι τά 'Ρωμαίων.
26
Liv. 33,1,7.
27
Polyb. 18, 17, 6; 21,20,5; Liv. 33,2,2—3.
28
Liv. 33,2,4: . . . eo cum maiore auctoritate auditus quod non alia quam quae Achaeis
suaserat Boeotis suadebat — wobei allerdings zu beachten bleibt, daß dieser Bericht
auf den Achaier Polybios zurückgeht, der die Haltung des Aristainos in diesem
Punkt politisch begrüßte. Dazu Aymard, Rapp. 155f.
20
Höchstwahrscheinlich war er Boiotarch, vgl. Roesch 106 f.
Boiotien: Zeuxippos und Peisistratos (197 v. Chr.) 53

den förmlichen Antrag auf ein Zusammengehen Boiotiens mit Rom ein,
der ohne Widerrede, wenn auch offensichtlich nicht ohne weitverbreite-
ten Widerwillen, angenommen wurde30.
In etwas anderem Licht erscheint der Umschwung zunächst bei Plut-
arch. Er berichtet, daß die πρώτοι der Stadt 31 unter dem Einfluß des
Brachyllas durchaus promakedonisch eingestellt waren, sich aber der
Illusion einer möglichen Neutralität auch gegenüber Flamininus hin-
gegeben hätten 32 , bis ihnen nach dem unvorhergesehenen Einmarsch der
römischen Truppen in Theben plötzlich nichts anderes mehr übrigblieb,
als dem Abschluß der Konvention zuzustimmen. Dies leuchtet inso-
weit ein, als in der Tat undenkbar ist, daß die führenden Politiker des so
eng mit Makedonien verbundenen Boiotien in ihrer großen Mehrheit
prorömisch gewesen sein sollten, wird aber der Rolle der Gruppe um Anti-
philos, Dikaiarchos, Peisistratos und Zeuxippos nicht gerecht, die Flami-
ninus offenkundig im vollen Bewußtsein der Konsequenzen die Tore der
Stadt geöffnet haben.
Diese Gegner des Brachyllas und seiner promakedonischen Richtung
strebten, so muß man der Darstellung des Livius entnehmen, das Bündnis
mit Rom an 33 . Eine Übertragung der politischen Konzeption des Ari-
stainos auf die Verhältnisse in Boiotien war indes — ähnlich wie in
Akarnanien — nicht ohne weiteres möglich. Die Bindungen Boiotiens an
Makedonien waren ungleich stärker, die Opposition gegen das erzwungene
Bündnis war noch erheblich heftiger als in Achaia, und die daraus sich
ergebende Krise sollte denn auch nicht lange auf sich warten lassen.

30 Liv. 33,2,6; vgl. 1,7—8; zur Abstimmung nach Städten zuletzt Will a. O. 296ff.
(wonach Liv. irrtümlich vielleicht nur das Synedrion erwähnt hätte). Ein förm-
liches Foedus mit Rom wurde hier ebensowenig abgeschlossen wie in Achaia,
vgl. bes. Liv. 33,2,9; 42,12,5; Holleaux, CAH 8,194 ( = Etudes 5, 382); J . A. O.
Larsen, CPh 30,1935, 201 f. Auch sind keine boiotischen Truppen auf römischer
Seite zum Einsatz gekommen, vgl. Clochd, Thebes 253.
81 Plut. Tit. 6.
32 Plut. a. Ο.: φρονοϋντες μεν τά τοϋ Μακεδόυος διά Βραχύλλην, άστταζόμενοι δέ
κ od τιμώ ντε; τόν ΤΙτον, φιλίας irpös άμφοτέρου$ ΐπταρχούσης.
33 Liv. 33,27,9. Näheres über ihre unmittelbaren Motive wird dabei leider nicht
berichtet.
54 Richtungskämpfe I

2. Der Widerstand gegen Rom zwischen dem II. Makedonischen und


dem Syrischen Krieg (197—194 v. Chr.)

Anders als der Friede von Phoinike bedeutete der Ausgang des zweiten
römischen-makedonischen Krieges für das griechische Mutterland eine
tiefe Zäsur. Mit der Niederlage von Kynoskephalai (Juni 197 v. Chr.)
verschwand Makedonien ganz plötzlich aus seiner bisherigen Stellung
als führende Macht, auf die sich die Politik der griechischen Staatswesen
in Anlehnung oder Abwehr ausgerichtet hatte, und Rom begann das
dadurch entstandene Vakuum auszufüllen. Deutlich läßt sich erkennen,
wie im Gefolge dieser Veränderungen auch der Charakter der hier unter-
suchten Richtungskämpfe der „principes" allmählich ein schärferes Pro-
fil gewann: Während bei den Auseinandersetzungen in Sikyon und Argos
im Herbst 198 v. Chr., aber auch in Leukas und Theben der alte Gegen-
satz zwischen pro- und antimakedonischen Kräften ζ. T. noch eine
wichtige Rolle spielte, trat von jetzt an die unmittelbare Konfrontation
mit Rom in den Vordergrund. Dieser charakteristische Ubergang von
der Auseinandersetzung zwischen Anhängern und Gegnern Makedoniens
zu Richtungskämpfen zwischen Gegnern und Anhängern Roms läßt sich
besonders anschaulich in Boiotien beobachten.

a) Boiotien: Die Ermordung des Brachyllas und die antirömischen


Ausschreitungen in Boiotien (197/6 v. Chr.)
Nach der Schlacht bei Kynoskephalai hatte das boiotische Kon-
tingent unter Brachyllas zunächst den Rückzug nach Makedonien an-
getreten1. In Boiotien selbst gewann jedoch, sobald der unmittelbare
Druck der römischen Waffen wieder gewichen war, die alte promake-
donische Richtung die Oberhand, und Ende 197 erschien im Winter-
lager des Flamininus bei Elateia eine boiotische Abordnung, die den
freien Abzug ihrer Landsleute aus Makedonien nach Boiotien erbat.
Flamininus willigte ein, vielleicht ohne vorauszusehen, zu welch
scharfen Gegensätzen die Rückkehr der Makedonenfreunde in Boiotien

1
Unrichtig U. Wilcken, RE III 1 (1897), 806f., wonach Brachyllas in römische
Gefangenschaft geraten sei; vgl. dagegen Polyb. 18,43,3. — Die folgenden Er-
eignisse bei Polyb. 18,43,1—12; Liv. 33,27,5—29, 12; vgl. Accame, Conquista
183ff.; Stier 140f.; Clochi, Thöbes 253ff.; De Sanctis 4,l 2 ,90f.
Boiotien: Die E r m o r d u n g des Brachyllas 55

alsbald führen würde2. Die Beamtenwahlen, die kurz darauf im boioti-


schenKoinon stattfanden 3 , wurden nämlich zu einem glänzenden Triumph
der promakedonischen Richtung, die vor der römischen Intervention im
Frühjahr an der Macht gewesen war. Die Anhänger Makedoniens setzten
sich auf der ganzen Linie durch, zumal sie — bezeichnenderweise —
auch das ττλήθος eindeutig hinter sich hatten 4 . Brachyllas selbst wurde
zum Boiotarchen gewählt6, und die ihm nahestehenden Politiker konn-
ten ebenfalls in ihre alten Stellungen zurückkehren®.
Die unmittelbare Folge war, daß die unterlegenen Gruppen, die das
Bündnis mit Rom herbeigeführt hatten, allen voran Zeuxippos und
Peisistratos7, um ihre politische Zukunft nach dem Abzug der Römer
zu fürchten begannen. Eine Dankgesandtschaft des Koinon zu Philipp V.
wegen der Rückkehr der boiotischen Freiwilligen mußte als schwerer
Affront gegenüber Flamininus betrachtet werden; auch sie beweist, wie
sehr die Befürworter einer unveränderten makedonischen Orientierung
der boiotischen Politik das Koinon wieder beherrschten8.
Diese Entwicklung der Lage ließ die Gegner des Brachyllas und seiner
Politik nicht länger ruhen. Sie griffen zum nächstliegenden, freilich für
die Griechen höchst charakteristischen und für ihre poütische Un-
abhängigkeit auf die Dauer verheerendsten Mittel. Eine Abordnung be-
gab sich zu Flamininus nach Elateia und legte ihm in beredten Worten
die Bedrängnis der Richtung in Boiotien dar, die allein zur Zusammen-
arbeit mit Rom bereit war. Sie wies vor allem auf die unzweideutige
Stimmung in den unteren Schichten (πλήθος) hin, die geschlossen auf der
Seite der promakedonischen Politiker stünden*. Daher gäbe es ohne eine
2
Zu den Motiven des Flamininus (Rücksicht auf die durch Antiochos I I I . drohende
Gefahr) vgl. Polyb. 18,43,2; Liv. 33,27,6.
8
Zum D a t u m (Jahreswende 197/96 v. Chr.) Niese 2,647, Anm. 2 (aufgrund von
Plut. Pelop. 24); vgl. Roesch 97; Meloni 198, Anm. 1.
4
Polyb. 18,43,8 (vgl. Anm. 9).
5
Polyb. 18,43,3; Liv. 33,27,8.
β
Polyb. a. Ο.: καΐ τούζ δλλους TOOS δοκοϋντας είναι φίλους τη$ Μακεδόνων οΙκίας
έτίμωυ καΐ προήγ·ον ούχ ή τ τ ο ν -ή ττρότερον.
7
Polyb. 18,43,5.
8
Polyb. 18,43,4; Liv. 33,27,7 (dort bereits vor den Beamtenwahlen berichtet).
9
Polyb. 18,43,8: ύττοδεικνύντες τ ή ν όρμήν τ ο ϋ πλήθους, τ ή ν ουσαν ήδη νϋν καθ*
α ύ τ ώ ν καΐ τ ή ν ά χ α ρ ι σ τ ί α ν τ ω ν όχλων. 'Αχαριστία ist hier nach Badian, F. C. 75,
Anm. 1 der charakteristische Vorwurf des patronus gegenüber seinem Klienten.
Doch k o m m t der Vorwurf in diesem Fall von griechischer Seite. F ü r „ U n d a n k -
b a r k e i t " als Beschuldigung von römischer Seite vgl. Polyb. 27,10,5; Liv. 35,
31.13; 35,39,7; 36,20,4.
56 Richtungskämpfe I

nachdrückliche Einschüchterung der πολλοί in Boiotien keine Sicherheit


für die prorömischen Politiker; eine solche Einschüchterung aber könne
nur durch die Beseitigung des führenden Mannes der promakedonischen
Richtung, des Brachyllas selbst, erreicht werden10.
Flamininus war diesem Ansinnen nicht abgeneigt. Er erklärte, er
wolle zwar an der Sache nicht direkt beteiligt sein, sie aber auch nicht
verhindern11, und verwies die Boioter an den aitolischen Strategen Alexa-
menos. Dieser gab der Gruppe um Zeuxippos in der Tat drei Aitoler und
drei Italiker12 an die Hand, die bereit waren, einen Anschlag auf Brachyl-
las zu verüben. So geschah es: Nicht lange darauf, etwa im Januar 196 v.
Chr.13, wurde Brachyllas nachts in Theben von den sechs Meuchel-
mördern überfallen und erschlagen; den Attentätern selbst gelang die
Flucht durch das nächste Stadttor14.
Diese ruchlose Ermordung des vielleicht populärsten boiotischen
Politikers rief im ganzen Land eine heftige Empörung gegen die Hinter-

10
Polyb. 18,43,9: έθάρρησαν είπεΤυ(ώς) έάν μή τόν Βραχύλλην έττανελόμενοι κατα-
ττλήξωνται TOOJ ττολλούζ, ούκ εστίν άσφάλεια τοις 'Ρωμαίων φίλοίξ.
11
Polyb. 18,43,10. Zur bewußten Weglassung des Flamininus kompromittierenden
Passus bei Livius vgl. Weißenborn-Müller zu Liv. 33,29,1; Accame, Conquista
184f.; Gundel, R E X X I V (1963), 1072. — Weitgehend verzerrt hat den ganzen
Sachverhalt Passerini, Athenaeum 11,1933, 321f; in Verfolg seiner These, die Rö-
mer hätten sich damals noch keineswegs gegen die unteren Schichten bzw. die
„Tyrannen" (als einen solchen betrachtet er auch, zu Unrecht, Brachyllas) ge-
stellt. E r versucht, die Vorgänge um Brachyllas als ausschließlich inner-
boiotische Angelegenheit zu erklären, mit der die Römer überhaupt nichts zu t u n
gehabt hätten. Aber die Tatsache, daß Flamininus nicht persönlich die Vorbe-
reitung des Attentats in die Hand nehmen wollte, berechtigt keinesfalls zu dem
von Passerini (322) gezogenen Schluß, daß es sich bei der Gruppe um Zeuxippos
und Peisistratos um keine eigentlichen „Römerfreunde" gehandelt habe.
Kaum zu billigen ist sodann, wenn Passerini gegen die Evidenz des Polybios-
zeugnisses (18,43,10f.), das er beiseite läßt, den Eindruck erweckt, als habe
Flamininus die Pläne der Gegner der Brachyllas sogar mißbilligt. Vgl. noch
Polyb. 43,18,5 (mit Bezug auf die Gruppe um Zeuxippos) οί δοκοΰντες είναι
'Ρωμαίοι^ φίλοι, womit nicht, wie Passerini anzunehmen scheint (321), die
„Romfreundschaft" dieser Gruppe unbedingt in Zweifel gezogen wird; Polybios
pflegt mit dieser Ausdrucksweise vielmehr gerade auch die ostentativen An-
hänger Roms zu kennzeichnen, vgl. 30,13,2 u. ö. Die gegnerische Gruppe nennt
er übrigens ebenfalls οί δοκοϋντες είναι φίλοι τ % Μακεδόνων okias (18,43,3;
vgl. oben Anm. 6).
12
Polyb. 18,43,12; Liv. 33,28,3.
13
Z. Dat. vgl. Walbank, Philip V, 324.
14
Liv. 33,28,2—3.
Boiotien: Die Ermordung des Brachyllas 57

männer hervor, die man sofort hinter dem Verbrechen vermutete 16 :


Brachyllas' Widersacher Zeuxippos und die ihm nahestehenden Kreise
und vor allem — die Römer. Schon am folgenden Morgen trat in Theben
gleichsam spontan eine Volksversammlung zusammen 16 . Die Vernehmung
der festgenommenen Begleiter des Brachyllas brachte zunächst keine
Aufschlüsse, ja, Zeuxippos war selbstsicher genug, in der Versammlung
zu erscheinen und dort zu erklären, daß die wahren Schuldigen wohl
kaum unter den Verhafteten zu suchen seinen. Als jedoch die Begleiter
des ermordeten Boiotarchen bei der Folterung seinen Namen und den
des Peisistratos nannten 17 , verschwand Zeuxippos zusammen mit Stra-
tonidas und weiteren Parteigängern 18 und begab sich nach Tanagra und
später nach Anthedon 19 , während Peisistratos in Theben zurückblieb.
Durch die Anzeige eines Sklaven des Zeuxippos bei den thebanischen
Behörden wurde er jedoch bald daiauf schwer belastet, mit anderen zu-
sammen verhaftet und schließlich hingerichtet 20 .
Darüberhinaus aber hatte die Ermordung des Brachyllas heftige
antirömische Ausschreitungen in Boiotien zur Folge. Daß Zeuxippos und
seine Gruppe nicht ohne Billigung der Römer gehandelt hatten, arg-
wöhnte man mit Recht 21 . Da jedoch an einen regelrechten Krieg gegen
Rom nicht zu denken war, entluden sich die romfeindlichen Ressenti-
ments in einer Art „Guerilla"bewegung in zahlreichen Überfällen auf
römische Soldaten, die vom Winterlager aus das Land durchstreiften 22 .
Besonders berüchtigt war dabei die Gegend um den Kopaissee,
Akraiphia und Koroneia 23 ; insgesamt sollen damals nicht weniger als
500 römische Soldaten einem „execrabile odium Romanorum"M zum Opfer
gefallen sein25.
15
Liv. 33,28,5.
18
Liv. 33,28,4.
17
Liv. 33,28,9.
18
Liv. 33,28,10; vgl. Polyb. 22,4,5. — Stratonidas ist sonst nicht bekannt.
19
Liv. 33,28,9—15.
20
Liv. 33,28,11—15. Auf die Handlungsweise dieses Sklaven bezieht sich, wie
Walbank, Comm. 2,27; 601 f. wahrscheinlich gemacht hat, Polyb. 18,40,1—4.
21
Liv. 33,29,1.
22
Liv. 33,29,1—5; Polyb. 20,7,4; vgl. Holleaux, Etudes 5,368; Cloche, Thfebes 254.
— Vergleichbares begegnet sonst im Widerstand gegen Rom in Griechenland
nirgends.
23
Liv. 33,29,6.
24
Liv. 33,29,1.
25
Liv. 33,29,7. Larsen, Fed. States 400, hält diese Zahl für übertrieben. — Stier
(141) stellt die ganzen Ereignisse einseitig als Produkt aus ,,böotischer Dumm-
58 Richtungskämpfe I

Flamininus legte durch Gesandtschaften sofort scharfen Protest ein


und forderte 500 Talente Buße. Als die Städte die Verantwortung für die
auf die Römer verübten Anschläge ablehnten, drohte Flamininus mit
Krieg, entsandte Ap. Claudius mit einer Abteilung nach Akraiphia und
begann selbst, Koroneia zu belagern26. Den Boiotern blieb in dieser
Situation nur die Aufnahme von Verhandlungen übrig, wobei man sich
auf achaiische und athenische Fürsprecher hin schließlich auf die Aus-
lieferung der Schuldigen und eine Wiedergutmachungssumme von 30
Talenten einigte27. Die inneren Gegensätze in Boiotien waren damit
freilich nicht beigelegt. Zeuxippos mußte im Exil bleiben, während seine
Gegner, d. h. die Verfechter einer antirömisch orientierten Politik, ein-
deutig die Vorherrschaft im Koinon behielten.

b) Aitolien: Die Entstehung der antirömischen Bewegung in


Aitolien (197—194 v. Chr.)
Die bei weitem elementarste und umfassendste romfeindliche Be-
wegung der Jahre nach dem II. Makedonischen Krieg, ja im Griechen-
land des 2. Jahrhunderts v. Chr. überhaupt, hatte ihr Zentrum jedoch
bei den Aitolern, den Hauptverbündeten Roms während dieses und des
vorausgegangenen I. Makedonischen Krieges. Die beiderseitigen Be-
ziehungen waren zwar schon seit dem aitolisch-makedonischen Sonder-
frieden (206 v. Chr.) erheblich abgekühlt, und im II. Makedonischen
Krieg war Aitolien erst im Laufe des Jahres 199 v. Chr. aktiv auf die
Seite Roms getreten, nachdem der Stratege Damokritos im Jahr zuvor
die Entscheidung über eine entsprechende römische Aufforderung noch
vertagt hatte. Nach dem Sieg über Philipp V. aber vertiefte sich der
Riß zwischen den bisherigen Allierten innerhalb kurzer Zeit so sehr, daß
er nach wenigen Jahren zum Ausbruch eines neuen großen Krieges
führte, in dem die Aitoler mit der Hilfe Antiochos' III. Rom entgegen-
traten und der einen der äußeren Höhepunkte des griechischen Wider-
standes gegen Rom bildete.
heit" und „nationalistischer Abgefeimtheit" hin; daß Flamininus durch seine
Beihilfe zu einem politischen Mord für die Ziele einer Minderheit in Boiotien die
antirömische Reaktion überhaupt erst provoziert hat, verurteilt er dagegen mit
keinem Wort. — Kennzeichnend für seine tendenziöse Sicht ist ζ. B. auch, daß
nach ihm (a. O). Brachyllas „umgebracht", die Römer dagegen „in heimtückischer
Weise ermordet" wurden.
24 Vgl. dazu Polyb. 20,7,3; Liv. 36,6,1.
27 Liv. 33,29,12.
Aitolien: Entstehung der antirömischen Bewegung (197—194 v. Chr.) 59

Die tiefere Ursache der seit 197 v. Chr. rasch wachsenden Ent-
fremdung zwischen Aitolien und Rom war, rückschauend betrachtet,
zweifellos in dem Mißverhältnis zwischen der tatsächlichen politischen
Potenz und den Erwartungen der Aitoler von der Rolle zu suchen, die
sie nach der Niederlage Makedoniens in Griechenland glaubten spielen
zu können. Dieses Mißverhältnis wiederum beruhte auf einer falschen
Einschätzung der Möglichkeiten, des Wesens und der Ziele der rö-
mischen Politik; Flamininus war, wie Polybios konstatiert, fest ent-
schlossen, eine an sich mögliche Führungsrolle der Aitoler in Griechen-
land zu verhindern1. Die schmerzhafte Ernüchterung angesichts des un-
befriedigenden Ergebnisses des II. Makedonischen Krieges löste in ganz
Aitolien eine einhellig antirömische Stimmung aus. So sind dort in der
folgenden Zeit überhaupt keine prorömischen, sondern nur romfeindliche
Gruppen zu beobachten; allerdings läßt sich bei diesen wiederum früh
eine gewisse Rivalität zwischen einer radikal-antirömischen und einer ge-
mäßigt-antirömischen Richtung erkennen.
Mit großer Akribie hat Polybios alle Symptome der allmählichen Ab-
wendung der Aitoler von Rom registriert. Bereits am Abend nach der
Entscheidungsschlacht von Kynoskephalai erfährt man von ersten Diffe-
renzen, als sich die Aitoler nach römischer Ansicht statt an die Verfol-
gung des fliehenden Feindes zu früh an die Plünderung des makedoni-
schen Lagers machten und den erst später dort eintreffenden Römern
bei der Einbringung der Beute zuvorkamen2; ja, man erhob auf römischer
Seite sogar den Vorwurf, die Aitoler trügen die Schuld daran, daß Philipp
entfliehen konnte3.
An dem tatsächlichen Anteil der Aitoler unter Archedamos und
Eupolemos4 an dem Sieg von Kynoskephalai kann kein Zweifel bestehen6.

1 Polyb. 18,34,1: είτ' ούκ έβούλετο (sc. Flamininus) Φίλιτπτον έκβαλών Ικ τη$
άρχήξ ΑΙτωλούς καταλπτεϊν δεσττότας των 'Ελλήνων. Zur Lesung είτ' s t a t t
είτ' vgl. Holleaux, ßtudes 5, 87, Anm. 4 (nach De Boor).
2 Polyb. 1 8 , 2 7 , 3 - 4 ; Liv. 33,10,6.
3 Plut. Tit. 6. Angesichts der erbitterten Feindschaft der Aitoler und Philipps V.,
dessen Sturz ihr oberstes Kriegsziel war, erscheint freilich die Berechtigung ge-
rade dieses Vorwurfs wenig glaubhaft.
4 Polyb. 18,21,5; Plut. comp. Philop. 2. Der Stratege Phaineas, der Flamininus
das aitolische Aufgebot übergeben hatte (Liv. 33,3,9), scheint dagegen an der
Schlacht nicht teilgenommen zu haben, vgl. W. Hoffmann, R E X I X 2 (1938),
1563, Art. Phaineas.
6 Vgl. Polyb. 18,22; Liv. 33,6—7. Zur zahlenmäßigen Stärke des aitolischen Kon-
60 Richtungskämpfe I

Aber der laute aitolische Siegesjubel, von dem alsbald ganz Griechenland
widerhallte, schuf erhebliche Verstimmung bei den Römern, nicht zu-
letzt bei Flamininus selbst. Die Aitoler, um die Wahrung ihrer poli-
tischen Ansprüche in Griechenland bemüht, schrieben sich selbst den Sieg
zu 6 ;„Dichter und Privatleute" rühmten ihre Leistung7, und auch Alkaios
von Messene nannte in der ersten Fassung eines bekannten Epigramms
auf die Schlacht die Aitoler an erster Stelle vor den Römern 8 . Flami-
ninus selbst, so wurde später sogar behauptet, sei bei Kynoskephalai
gar nicht als Feldherr in Erscheinung getreten, sondern habe während
der Schlacht nur geopfert; Archedamos habe ihm dabei persönlich das
Leben gerettet, während Flamininus hilflos die Hände zum Himmel ge-
streckt habe9.
Flamininus fühlte sich durch dieses Verhalten so verletzt, daß er be-
gann, sich nicht mehr mit den Aitolern zu beraten, ja, diese vor voll-
endete Tatsachen zu stellen 10 . Dies wiederum, nicht zuletzt auch die be-
ruhigende Antwort, die Flamininus einem Herold Philipps V. in Larisa
gab 11 , mußte den aitolischen Argwohn verstärken; und als Flamininus
schließlich eine Delegation Philipps V. empfangen und ihr einen Waffen-
stillstand zur Aufnahme von Friedensverhandlungen gewährt hatte 12 ,
stellten die Aitoler, die sich um ihr höchstes Kriegsziel betrogen sahen,

tingents vgl. zuletzt Lehmann 372—374, der der Angabe des Livius (33,3,9: 600
aitolische Soldaten neben 400 Reitern) gegen Plut. Tit. 7 (6000 aitolische Soldaten
neben 400 Reitern) folgt; anders jedoch ζ. Β. Α. H. McDonald in seiner Liv.-Ausg.,
T. Livi ab urbe condita V (31—35), Oxford 1965, 116 z. St.
β Polyb. 18,34,2; Liv. 33,11,8—9; Plut. Tit. 9. — Daß die Aitoler die eigentlichen

Sieger von Kynoskephalai waren, begegnet in den folgenden Jahren immer


wieder als ein Hauptelement der aitolischen Argumentation, vgl. Polyb. 18,
48,8 (Thermos, 196 ν. Chr.); Liv. 35, 12,4 (Thoas in Naupaktos, 193 v. Chr.);
ib. 13 (Nikandros bei Philipp V., 193 v. Chr.); ib. 15 (Dikaiarchos bei Antiochos
III., 193 v. Chr.); 37,49,2 (aitolische Gesandtschaft in Rom, 190 v. Chr.).
7 Plut. Tit. 9.
8 Plut. a. Ο.: Αιτωλών δμηθέντες (sc. die gefallenen Makedonen) ύττ' "Αρεος ήδέ

Λατίνων; vgl. Anth. Pal. 7,247. Zur Frage der Erst- und Zweitfassung zuletzt
A. S. F. Gow, The Greek Anthology, Hellenistic Epigrams, II (Cambridge
1965), 11 f.; dazu Walbank, Comm. 2,593; Accame, Conquista 157ff.
9 Liv. 35,48,12—13 (Archedamos vor dem achaiischen Koinon, 192 v. Chr.); Plut.

comp. Philop. et Tit. 2.


10 Polyb. 18,34,3; Liv. 33,11,4—5; Plut. Tit. 9.
11 Liv. 33,11,3—4; vgl. dazu im einzelnen Holleaux, Etudes 5,86—103.
12 Polyb. 18,34,4—5; App. Mak. 9,1; Plut. Tit. 9. Mitglied dieser Gesandtschaft war

auch der ehemalige, 199 v. Chr. verbannte achaiische Stratege Kykliadas.


Aitolien: Entstehung der antirömischen Bewegung (197—194 v. Chr.) 61

sofort fest, Flamininus habe, statt Philipp V. von seinem Thron zu stoßen,
den Frieden an ihn verkauft13.
Zum offenen Ausbruch gelangte die wachsende gegenseitige Ver-
stimmung dann kurz darauf anläßlich der Friedensverhandlungen mit
dem makedonischen König am Eingang des Tempetals. Am Tage vor
ihrer Eröffnung beriet sich Flamininus mit seinen griechischen Ver-
bündeten14. Hier hielt der Aitoler Alexandras Isios16 eine scharfe Rede,
in der er mit voller Entschiedenheit die Fortsetzung des Krieges und den
Sturz Philipps V. vom makedonischen Thron verlangte18. Dies wurde je-
doch von Flamininus mit nicht geringerer Eindeutigkeit zurückgewiesen,
und als der aitolische Stratege Phaineas17 daraufhin einen Einwand zu
machen versuchte, fuhr ihn der römische Feldherr äußerst barsch an und
verbat sich alle Belehrungen über die Philipp V. gegenüber zu betrei-
bende Politik18.
Am folgenden Tag, während der Verhandlungen mit Philipp, erhob
Phaineas jedoch unbeirrt die Forderung nach Herausgabe der süd-
thessalischen Städte Larisa Kremaste, Pharsalos, Echinos und des
phthiotischen Theben. Der makedonische König selbst war dazu bereit,
nicht aber Flamininus, der von einer Übergabe dieser Städte an die Aito-
ler nichts wissen wollte, sondern allenfalls die aitolischen Ansprüche auf

13 Polyb. 18,34,6—10 (mit heftiger Kritik an dieser Behauptung der Aitoler); Liv.
33,11,6—7; App. a. O.; Plut. a. O.
14 Polyb. 18,36—37; Liv. 33,12; App. Mak. fr. 9,1—2.
15 Hier (Polyb. 18,36,5) als 'Αλέξανδρος 6 Αίτωλόξ bezeichnet. Zur Person vgl.
U. Wilcken, R E I 2 (1894), 1442f., Nr. 32. Die dort vorgeschlagene Identifi-
zierung mit dem dreimaligen Strategen des Koinon Alexandras von Kalydon
(vgl. IG I X 1 2 ,1, p. Li.) ist jedoch aufzugeben, vgl. Gillischewski 41f.; Klaffen-
bach a. O. p. 92 (Index), dazu p. 18, zu Nr. 17, Z. 56. Dagegen dürfte an der
Gleichsetzung des hier und Polyb. 13,l a ,l, 'Αλέξανδρος 6 Αιτωλός Ge-
nannten mit Alexandras Isios (vgl. ζ. B. Wilcken a. O., Büttner-Wobst V [Index]
p. 15 f., Nr. 10; Holleaux, Etudes 5, 83, Anm. 1) trotz der Zweifel Gillischewskis
(42) festzuhalten sein; vgl. insbesondere die charakteristische, identische poli-
tische Haltung des „Aitolers" Alexandras und des Alexandras Isios 195 v. Chr.
in Korinth.
19 Polyb. 18,36,7—8; Liv. 33,12,4; App. a. O. 9,1.
17 Zu Phaineas von Arsinoe, der später als der bedeutendste Vertreter der ge-
mäßigt-antirömischen Gruppe in Aitolien hervortrat, vgl. W. Hoffmann, R E
X I X 2 (1938), 1563—1565; Gillischewski 33—38. Die Quellen für seine erste
(198/7 v. Chr., vgl. auch Holleaux a. O. 80—85) und seine zweite Strategie (192/1
v. Chr.) bei Klaffenbach a. O. p. L I . — Er hatte bereits im November 198 v. Chr.
in Nikaia zusammen mit Alexandras Isios die aitolischen Forderungen vertreten.
18 Polyb. 18,37; Liv. 33,12,5—13; App. Mak. fr. 9,1—2.
62 Richtungskämpfe I

das phthiotische Theben in Erwägung zu ziehen bereit war19. Er berief


sich darauf, daß nicht nur der aitolisch-römische Vertrag von 212/1 v.
Chr. von den Aitolern selbst gebrochen worden und damit hinfällig sei, son-
dern daß die Aitoler auch auf der Grundlage dieses Vertrags keinen An-
spruch auf Larisa Kremaste, Pharsalos und Echinos hätten, da diese alle
nicht erobert worden seien, sondern sich den Römern dediert hätten.
Lediglich das phthiotische Theben sei von den Römern erobert worden
und könne daher von ihm an die Aitoler abgetreten werden.
Es besteht kein Zweifel darüber, daß die aitolischen Forderungen
juristisch ungenügend fundiert waren; doch ist ebenso sicher, daß sie an-
gesichts des aitolischen Einsatzes im Krieg gegen Philipp V. zumindest
moralisch berechtigt waren und daß es bei der Auseinandersetzung
zwischen Flamininus und den Aitolern im Grunde nicht um eine Rechts-
frage, sondern um eine politische Frage ging. Flamininus machte hier den
Aitolern in einem konkreten Fall erstmals unzweideutig klar, daß Rom
fest entschlossen war, von sich aus das Maß des politischen Einflusses
der Aitoler in Griechenland zu bestimmen, und daß es auch Mittel besaß,
diesen Willen durchzusetzen20. Deshalb rief die brüske Ablehnung der
aitolischen Wünsche durch Flamininus bei den Aitolern eine tiefe Er-
bitterung gegen Rom hervor, und insofern ist auch Polybios zuzustim-
men, wenn er hier eine Hauptwurzel des Antiochoskrieges bzw. des
aitolisch-römischen Krieges erblickte21.
Weiter bestärkt in ihrer antirömischen Haltung sahen sich die
Aitoler im Frühjahr 196 v. Chr., als die zehnköpfige Senatskommission
mit den Friedensbedingungen für Philipp V. in Griechenland erschien.
Während man nach Polybios anderwärts mit den römischen Bedingun-
gen zufrieden war22, wurden sie von den Aitolern heftig kritisiert, denen
ein deutlicher Unterschied zwischen den Buchstaben und der Realität
der römischen Friedensregelung zu bestehen schien. Sie glaubten aus
dem Senatsbeschluß die römische Absicht herauslesen zu können, Oreos,
Eretria, Chalkis, Demetrias und Korinth weiterhin besetzt zu halten 23 ,
M Polyb. 18,38; Liv. 33,13,1—12 (der jedoch in der Frage der vier Städte Polybios
mißverstanden hat: dazu ζ. B. Niese 2,645, Anm. 3; Weißenborn-Müller zu Liv.
33,13,7; W. Hoffmann a. Ο. 1564).
20 Zu der ganzen Frage vgl. auch (gegen Lehmann 61—125) J . Deininger, Gnomon
42,1970,66f.
21 Polyb. 18,39,2; Liv. 33,13,13.
22 Polyb. 18,45,1: ol μέν άλλοι πάντες ευθαρσείς ήσαν καΐ περιχαρείς; vgl. Liv. 33,
31,1.
23 Polyb. 18,45,1—7; Liv. 33,31,1—6.
Aitolien: Entstehung der antirömischen Bewegung (197—194 v. Chr.) 63

und gaben jetzt die gewiß ζ. T. berechtigte Parole aus, der Friede werde
nicht die Freiheit der Griechen, wie die Römer versprochen hatten 24 ,
sondern lediglich einen Wechsel in der Herrschaft über Griechenland
bringen25. Flamininus wurde aufgefordert, die „Fußfesseln" Griechen-
lands zu lösen2®. Mit denkwürdigen Bildern suchte die aitolische Politik
ihre These von der durch Rom verliehenen „Scheinfreiheit" überall in
Griechenland volkstümlich zu machen. So pflegte man zu fragen, ob
sich die Griechen darüber freuten, daß sie jetzt ein schwereres, dafür
aber geschmeidigeres Halseisen zu tragen hätten 27 , und ob Flamininus
deshalb als ευεργέτης zu bewundern sei, weil er es verstanden habe,
Griechenland am Fuß zu befreien und zugleich am Hals erneut zu
fesseln28.
Dies war die Stimmung in Aitolien, als die berühmte römische ,Frei-
heitserklärung' erfolgte, die Flamininus bei den Isthmien des Jahres
196 v. Chr. verkünden ließ und die bekanntlich von der überwältigenden
Mehrheit der Anwesenden mit enthusiastischem Beifall begrüßt wurde28.
Man wird freilich davon ausgehen dürfen, daß dieser Beifall den Römern
nicht zuletzt gerade deswegen galt, weil sie, wie die Griechen dachten, die
Freiheit nicht nur von Makedonien, sondern auch von Rom selbst brach-
ten. Eben dies beruhte jedoch auf einem tiefgreifenden Mißverständnis.
Zwar war es Flamininus mit der feierlichen Verkündigung der „Frei-
heit" für die Griechen in einem gewissen Sinn durchaus ernst 30 ; es fragt

24 Vgl. dazu zuletzt Badian, Foreign Client. 70—75.


25 Polyb. 18,45,6: Έκ δέ τούτων εύθεώρητον ύττάρχειυ ττδσιν, ότι μεταλαμβάνουσι
τα; 'Ελληνικός ττέδαζ τταρά Φιλίτπτου 'Ρωμαίοι, καΐ γίνεται μεθάρμωσι; δεσττο-
τών, ούκ έλευβέρωσις των 'Ελλήνων. — Zu diesem Gedanken vgl. bereits oben
S. 44 (198 v. Chr.).
24 Plut. Tit. 10. — Zu dem von Philipp V. geprägten Begriff der „Fußfesseln"
(ττέδαι, lat. comped.es) Griechenlands vgl. auch Polyb. 18,11,5; 45,6; Liv. 32,37,
3—4; Strab. 9,4,15; Plut. Arat. 16; dazu Paus. 7,7,6.
27 Plut. a. O.
28 Plut. a. O. — Das Argument der Scheinfreiheit, die aitolische Antwort auf die
,,Freiheits"propaganda Roms, spielte dann vor allem in der Anfangsphase des
Antiochoskrieges eine entscheidende Rolle, vgl. Polyb. 3,7,3; Plut. Tit. 15; Liv.
34,49,6 sowie unten S. 70f.; 77f.; 82.
29 Die Quellen zur Freiheitserklärung von 196 v. Chr.: Polyb. 18,46 (dazu Walbank,
Comm. 2,612ff.); Liv. 33,32—33; Plut. Tit. 10f.; Philop. 15; App. Mak. 9,4;
Val. Max. 4,8,5; dazu zuletzt Dahlheim 83—98; vgl. Badian, Foreign Client. 73f.;
Stier 143ff.; Holleaux, Etudes 5,369f.; Niese 2,650f.
30 Vgl. zuletzt Gundel a. O. 1074. — Zum rechtlichen Charakter der Freiheits-
proklamation vgl. Dahlheim a. O., der betont, daß es sich bei ihr lediglich um
64 Richtungskämpfe I

sich nur, was man dabei römischerseits unter „Freiheit" verstand. Hier
hat Η. E. Stier, für den die Proklamation von Korinth vor allem ein
Zeugnis des „römischen Idealismus" darstellt 31 , der zur „einstigen Des-
interessiertheit am griechischen Raum" zurückkehren wollte und dessen
politisches Ziel ein „echtes Gleichgewicht in der . . . Welt war" 32 , offen-
bar entscheidende Wesenszüge der römischen Politik verkannt. Abgesehen
davon, daß der Gedanke an ein politisches „Gleichgewicht" durchaus
unrömisch anmutet und Stier dafür auch keinen Beleg erbringt, vermengt
er den griechischen, den römischen und einen modernen westlichen 33
Freiheitsbegriff miteinander. Demgegenüber hat Badian mit Recht eine
Eigenart des der Proklamation von 196 v. Chr. zugrundeliegenden
römischen Freiheitsbegriffs herausgestellt: Rein juristisch sollten die
Griechen in der Tat ohne Vorbehalte frei sein, politisch jedoch nur „so-
weit sie nicht durch ihre Dankbarkeit verpflichtet waren, den Willen
Roms zu respektieren" 34 . Da gerade den Griechen solche Besonderheiten
des römischen politischen Denkens, wie sie die Dankbarkeitsbeziehungen
darstellten, einigermaßen fremd waren 35 , werden diese erheblichen Ein-
schränkungen der „Freiheit" zunächst kaum einem der Teilnehmer an
der Versammlung von Korinth bewußt gewesen sein.
Nur das Mißtrauen der Aitoler blieb wach; sie ließen sich auch durch
die von der Masse der Griechen momentan überschwengüch be-
grüßte Freiheitsproklamation nicht beeindrucken. Noch in Korinth ver-
langten sie von Flamininus die Übergabe von Pharsalos und Leukas,
wurden jedoch mit ihren Forderungen nur an den Senat weiterver-
wiesen36.
Wie eindeutig antirömisch daher trotz der Freiheitserklärung die
Stimmung in Aitolien 196 v. Chr. war, bewies der Besuch einer römischen
Gesandtschaft unter Cn. Cornelius Lentulus im Herbst dieses Jahres.
Vor den πλήθη des Koinon in Thermos mahnten die Römer zur Be-
eine programmatische, allenfalls moralisch bindende Erklärung, nicht jedoch
um einen rechtsetzenden Akt handelte. — Ein Uberblick über die römische (und
seleukidische) „Freiheitspropaganda" bei M.-L. Heidemann, Die Freiheitsparole
in der griechisch-römischen Auseinandersetzung (200—188 v. Chr.), Diss. Bonn.
1966.
31
Stier 148.
32
Stier 151.
33
Vgl. bes. Stier 154f.
34
Badian a. O. 74; vgl. Will 2,147—149.
35
Vgl. Chr. Meier, Res publica amissa (Wiesbaden 1966), 37, Anm. 72.
36
Polyb. 18,47,8—9; Liv. 33,34,7; dazu Lehmann 82f.
Aitolien: Entstehung der antirömischen Bewegung (197—194 v. Chr.) 65

Währung der εύνοια gegenüber Rom, stießen jedoch nur auf Kritik und
Unzufriedenheit. Dabei offenbarte sich jetzt erstmals das Bestehen zweier
gegensätzlicher Strömungen innerhalb der aitolischen Romfeinde. Wäh-
rend nämlich ein Teil der Redner die Nichteinhaltung der nach aito-
lischer Auffassung vertraglich festgesetzten Bedingungen durch Rom
beanstandete, jedoch in gemäßigter Form 37 , ließ sich der andere Teil zu
heftiger Kritik der Römer hinreißen, erinnerte daran, daß die Römer erst
dank des Vertrages von 212 in Griechenland hätten Fuß fassen können
und wiederholte zugleich die ständige Behauptung der aitolischen Pro-
paganda, die Römer hätten den Sieg über Philipp überhaupt nur den
Aitolern zu verdanken38.
Schon im Frühjahr 195 v. Chr. ereignete sich dann ein weiterer Zu-
sammenstoß, als die Vertreter der griechischen Bundesgenossen Roms
zur Beratung über den bevorstehenden Krieg gegen Nabis in Korinth
mit Flamininus zusammentrafen39. Nachdem Flamininus selbst sowie ein
athenischer Gesandter gesprochen hatten (wobei letzterer mit Angriffen
auf die Aitoler und ihre romfeindliche Propaganda nicht sparte), war es
wiederum Alexandras Isios40, der sich zu einer scharfen Erwiderung
herausgefordert fühlte. Leidenschaftlich verurteilte er die Athener, die
einst die Begründer von Griechenlands Freiheit gewesen seien, und die
Achaier, die er als „Überläufer" von Makedonien zu Rom brandmarkte.
Dann wiederholte er die bekannten aitolischen Klagen, indem er den
Römern vorwarf, sie hätten die Aitoler um Echinos und Pharsalos be-
trogen 41 ; außerdem beweise die Besetzung von Demetrias und Chalkis
die Unwahrhaftigkeit der römischen „Freiheits"parolen. Solange Deme-
trias, Chalkis und Korinth noch von den Römern besetzt seien, könne
Griechenland nicht frei sein; und der Krieg gegen Nabis sei überhaupt nur
ein Vorwand, die römischen Truppen noch länger in Griechenland zu be-
lassen. Als er schließlich die Römer direkt zum Abzug aus Griechenland
aufforderte, da die Aitoler auch allein mit Nabis fertig würden, löste er
37 Polyb. 18,48. 5 — 7; Liv. 33,35,8—10.
38 Polyb. 18,48,8; Liv. 33,35,11. Zur rechtlichen Problematik der aitolischen These
von der Gültigkeit der Vertragsbestimmungen von 212 vgl. oben S. 62. — Trotz
einer erneuten Gesandtschaft zum Senat und Vorsprache bei Flamininus er-
hielten die Aitoler außer dem phthiotischen Theben keine der von ihnen be-
anspruchten Städte, vgl. Polyb. 18,48,9; Liv. 33,35,12; 49,8; 34,23,7; zu Theben
vgl. Walbank, Comm. 2,598f.
38 Liv. 34,22,4—24,7.
40 Zu ihm vgl. oben Anm. 15.
41 Liv. 34,23,7. — Die Achaier als transfugae: ib. 6.
5 Deininger, Widerstand
66 Richtungskämpfe I

damit eine äußerst schroffe Reaktion des Aristainos aus, der damals zum
zweitenmal die Strategie des achaiischen Koinon bekleidete. In unge-
wöhnlich heftigen Ausfällen gegen die Aitoler, die nur die Sprache mit
den Griechen gemein hätten, in ihrer ganzen sonstigen Kultur jedoch
schlimmer als Barbaren, „ja, wilde Tiere" seien, beschwor er Flamininus,
Griechenland so zu ordnen, daß man vor aitolischen Raubzügen in Zu-
kunft sicher sei42. Erneut offenbarten sich so die schweren Gegensätze
innerhalb Griechenlands, die eine gemeinsame Front gegen Rom immer
wieder unmöglich machten.
Dennoch sah sich Flamininus schließlich gerade unter dem Druck der
aitolischen Propaganda veranlaßt, den Abzug aller römischen Truppen
aus Griechenland ins Auge zu fassen. Im Frühjahr 194 v. Chr. war es
tatsächlich so weit. In Korinth kündigte er die Räumung von Demetrias,
Chalkis und Akrokorinth an, eine Maßnahme, die er ausdrücklich als
Antwort auf die aitolische Propaganda verstanden wissen wollte43: Der
Abzug der Römer, so erklärte er, beweise, daß die Aitoler Unrecht hätten
und ihre Behauptung vom Wechsel der Vorherrschaft in Griechenland
falsch sei44. Die endgültige Aufgabe der römischen Militärstützpunkte in
Griechenland löste bei den άριστοι τώυ Ελλήνων 46 freudige Zustimmung
aus48, und in der Tat verließ Flamininus im Spätsommer desselben Jahres
mit den gesamten römischen Streitkräften den Boden Griechenlands
und segelte nach Italien zurück47.

3. Die Aitoler, Antiochos III. und der Widerstand gegen Rom in


Griechenland (193—189 v. Chr.)

Griechenland war damit, wenn nicht „frei", so doch von römischen


Truppen geräumt, und diese Räumung, ein nicht geringer Erfolg des
42
Liv. 34,23,8—24,4; dazu bes. Aymard, Rapp. 208—210.
« L i v . 34,48,3—50,7; Diod. 28,13 ;vgl. Plut. Tit. 13; Zonar. 9,18; dazu Accame,
Conquista 237f.; Aymard, Rapp. 258—261.
44
Liv. 34,49,6: ut omnes scirent, utrum Romanis an Aetolis mentiri mos esset, qui
male commissam libertatem populo Romano sermonibus distulerint et mutatos pro
Macedonibus Romanos dominos.
45
So Diod. a. Ο. —"Αριστοι scheint hier nicht etwa die „Aristokraten" bzw. die
,,principes" allgemein, sondern speziell die romfreundlichen Elemente unter
ihnen zu bezeichnen. Vgl. auch unten S. 72f.
46
Vgl. bes. Liv. 34,50,1—2.
« Liv. 34,52,2.
Die Aitoler, Antiochos III. und der Widerstand (193—189 v. Chr.) 67

Widerstandes vor allem der Aitoler, gab alsbald den Kräften neue Be-
wegungsfreiheit, die eine Revision der Ergebnisse des II. Makedonischen
Krieges noch für möglich hielten. Vor allem verschärfte sich nunmehr die
romfeindliche Haltung Aitoliens, die sich bisher nur in antirömischer Pro-
paganda, in Protesten und Beschwerden gegen die römische Politik ge-
äußert hatte, zu einer offensiv gegen Rom gerichteten Politik, deren er-
klärtes Ziel die völlige Befreiung Griechenlands von der römischen Be-
vormundung war.
Diese aitolische Politik, die am Ende völlig gescheitert ist, ist im
nachhinein oft kritisiert worden, und G. A. Lehmann hat jüngst
die Ansicht vertreten, daß damals eine „große Chance für die politische
Zukunft der hellenischen W e l t . . auf das leichtfertigste verspielt worden"
sei, als die Griechen die „Sternstunde" für die Sicherung ihrer Freiheit
und Selbständigkeit „in einem echten Gleichgewicht" nicht nutzten 1 .
Schwerlich läßt sich jedoch die Situation Griechenlands in den
Jahren nach der Freiheitsproklamation einseitiger und verharmlosender
charakterisieren. Wie fern der römischen Politik ein „Gleichgewichts-
denken" lag, war bereits zu betonen2. Die „Freiheit und Selbständigkeit"
der griechischen Staatswesen war seit dem Ende des II. Makedonischen
Krieges trotz des römischen Truppenabzugs mehr denn je durch Rom
bedroht, das gezeigt hatte, daß es nicht bereit war, Vorgänge in Grie-
chenland hinzunehmen, die mit seinem eigenen politischen Willen im
Widerspruch standen. Kynoskephalai und die Freiheitsproklamation
von Korinth hatten ein Verhältnis zwischen dem griechischen Mutterland
und Rom hergestellt, das das genaue Gegenteil eines „echten Gleichge-
wichtes" war und das M. Holleaux mit Recht als römisches „Protek-
torat" über Griechenland bezeichnet hat 3 . Die unvermeidlichen Folgen
waren wachsende Unzufriedenheit und Widerstand, zumindest bei einem
Teil der Griechen, vor allem aber bei den Aitolern, denen der römische
Hegemonieanspruch am empfindlichsten vordemonstriert worden war.

1
Lehmann 244, Anm. 203.
2
Vgl. oben S. 64.
3
Holleaux, fitudes 6,381 f.; vgl. ebenso bereits Hertzberg 91.

5*
68 Richtungskämpfe I

a) Aitolien: Die antirömische Gruppe um Thoas und Dikaiarchos


und die aitolische Politik bis zum Ausbruch des Antiochoskrieges
(193—192 v. Chr.)
Niemand kann, den Griechen den Vorwurf machen, daß
sie ihre Freiheit kampflos dem Feinde in die Hände
lieferten.

W. v. Humboldt, Geschichte des Verfalls und Un-


terganges der griechischen Freistaaten (1807),
Werke in fünf Bänden II (1961), 76.

Als eigentlicher Träger der romfeindlichen Politik in Aitolien er-


scheint eine relativ kleine, jedoch äußerst aktive und, soweit feststellbar,
stets auch von den πολλοί unterstützte Gruppe aitolischer „frincipes",
deren Häupter in erster Linie Thoas und dessen Bruder Dikaiarchos aus
Trichonion waren1. Beide wird man bereits im Herbst 196 v. Chr. auf
der Seite der radikal antirömisch orientierten Gruppe im aitolischen
Koinon vermuten dürfen2. Ein Jahr danach übernahm erstmals Dikai-
archos die Leitung des Koinon3; im Herbst 194 v. Chr., also kurz nach
dem Abzug der letzten römischen Truppen aus Hellas, folgte ihm sein
Bruder Thoas im höchsten Amt Aitoliens nach4. Unter dessen Strategie
und weitgehend auf sein persönliches Betreiben setzte dann jener radikal
antirömische Kurs ein, der schließlich in den offenen Konflikt mit Rom
mündete. Eine Koalition zwischen Aitolien, Makedonien und dem Seleu-
kidenreich zur Abschüttlung des römischen Protektorats über Grie-
chenland: das war der Grundgedanke von Thoas' Politik6; und warum
sollte er a priori undurchführbar sein ?
Den Auftakt des verstärkten antirömischen Kurses dazu bildete die
Versammlung des aitolischen Koinon in Naupaktos im Frühjahr 193 v.

1
Z. Pers. d. Thoas vgl. Gillischewski 44f.; F. Geyer, E E VI A 1 (1936), 300 f.,
Nr. 8; zu Dikaiarchos Gillischewski 42ff. (unzureichend Oldfather, RE Suppl. III
[1918], 336, Nr. la.)
2
Vgl. oben S. 65.
3
Die Belege bei Klaffenbach IG IX 12,1, p. LI.
4
Belege ib. — Daß die Wahl aufgrund der antirömischen Haltung der Menge
erfolgt sei, betont Holleaux, Etudes 5, 391. Zur Bedeutung der πλήθη im aito-
lischen Koinon vgl. grundsätzlich Larsen, ΤΑΡΑ 1952, 31 f. Ebenso entscheidend
war indes ohne Zweifel, daß sich auch unter den ,,principes" eine Mehrheit von
Anhängern der Politik des Thoas befand.
5
Überliefert ist der Gedanke einer aitolisch-seleukidischen Koalition zuerst Liv.
34,37,5 (Nabis, 195 v. Chr.).
Aitolien: Gruppe um Thoas und Dikaiarchos (193—192 v.Chr.) 69

Chr.®, wo Thoas eine grundsätzliche Rede hielt, in der er die Thesen der
aitolischen Politik der letzten Jahre wiederholte, lebhafte Klage über die
römische Ungerechtigkeit gegenüber Aitolien führte und zugleich die Be-
deutung der Aitoler für den römischen Sieg über Makedonien erneut
unterstrich. Öffentlich forderte er nunmehr ein Bündnis mit Philipp V.,
Antiochos III. und Nabis. Auf seinen Antrag hin wurden der amtierende
Hipparch des Koinon, Nikandros aus Trichonion7, zu Philipp, Thoas'
Bruder Dikaiarchos zu Antiochos8 undDamokritos ausKalydon 9 zu Nabis
mit dem Auftrag entsandt, in diesem Sinne auf die Betreffenden ein-
zuwirken10. Das Ergebnis dieser Missionen war allerdings enttäuschend:
Lediglich Nabis eröffnete alsbald den Krieg gegen die lakonischen Küsten-
städte, deren „principes" er ζ. T. durch Geschenke auf seine Seite her-
überziehen konnte: die anderen, die an Rom festhalten wollten, ließ er
kurzerhand umbringen11. Philipp V. dagegen ging nicht, Antiochos III.
wenigstens vorläufig nicht auf die aitolische Aufforderung ein12, was
allerdings bei Philipp angesichts der jahrzehntelangen Feindschaft
zwischen Aitolien und Makedonien und den jüngsten Ereignissen im
II. Makedonischen Krieg kaum erstaunlich war. Freilich offenbarte sich
auch hierin wiederum in bedenklicher Weise das Unvermögen der
Griechen, eine auch nur einigermaßen geschlossene politische Front
gegen Rom aufzubauen — vielleicht wäre gerade damals eine letzte ernst-
hafte Gelegenheit dazu gewesen.
Etwa ein halbes Jahr später jedoch gelang es Thoas bei einer Gesandt-
schaft zu dem Seleukiden, die er nach dem Ablauf seiner Strategie selbst
leitete13, Antiochos die Chancen klarzumachen, die ihm ein Eingreifen
6
Liv. 35,12.1—6. Zum Datum vgl. Badian, Studies 138, Anm. 84; Walbank,
Philip V, 343; anders (Sommer 193 v. Chr.) Larsen, Fed. States 407.
7
Zu ihm vgl. IG I X l 2 , 187, Z. 2f.; Syll. 3 598D, Z. 2f.; dazu Gillischewski 50ff.;
F. Stähelin, R E XVII 1 (1936), 247 ff., Nr. 4.
8
Vgl. dazu Polyb. 21,31,13.
β
Die Belege für seine Strategie i. J. 200 v. Chr. IG a. O. p. L; vgl. Gillischewski
27ff.; A. Kirchner, RE IV 2 (1901), 2070, Nr. 1. — Er hatte (wie Dikaiarchos und
Alexandres Isios) 198/7 v. Chr. als Mitglied einer Gesandtschaft die aitolischen
Interessen in Rom vertreten, Polyb. 18,10,3.
10
Liv. 35,12,7—18.
11
Liv. 35,13,1: alios principum donis ad suam causam perduxit, alios pertinaciter
in societate Romana manentes occidit; vgl. 39, 36,13; dazu Niese 2, 678; 682ff.
12
Liv. a. O. — Dikaiarchos verwandte Antiochos III. gegenüber wieder das Argu-
ment von dem entscheidenden Anteil der Aitoler an dem Sieg über Philipp V.
(oben S. 60): Liv. 35,12,15.
13
Vgl. Weißenborn-Müller zu Liv. 35,32,2.
70 Richtungskämpfe I

in Griechenland bieten konnte14. Wenn Philipp V. abseits blieb, so


hoffte Thoas doch im Bunde mit Antiochos III. allein das römische Pro-
tektorat über Griechenland abschütteln zu können. Für die von ihm an-
geführte radikal-antirömische Richtung in Aitolien bedeutete es daher
einen wichtigen Erfolg, als nicht lange vor den Panaitolika von 192 v.
Chr. Thoas nicht allein, sondern in Begleitung des Menippos als Ab-
gesandten Antiochos' III. aus Kleinasien zurückkehrte.
Noch bevor die Versammlung zu Beginn des Frühjahrs in Naupaktos
eröffnet wurde15, entfachten Thoas und Menippos eine rege Agitation
für eine Intervention Antiochos' III. in Griechenland, die offenkundig
speziell für die auf jedwede antirömische Propaganda besonders an-
sprechbaren πλήθη berechnet war und auch ihre Wirkung auf sie nicht
verfehlte. Eine besondere Rolle spielten dabei die scheinbar unerschöpf-
lichen Streitkräfte aus dem riesigen Territorium der Seleukiden, ebenso
die Elefanten im Heer Antiochos'; dazu kamen, was für die Vorstellung
des heilbringenden Monarchen in den unteren, armen Schichten be-
sonders wichtig und typisch war, phantastische Gerüchte von den
märchenhaften Goldschätzen des Königs16.
Da die Römer über diese Vorgänge in Aitolien ständig auf dem laufen-
den gehalten wurden17 und Flamininus seinerseits eine gewisse Hoffnung
behalten zu haben scheint, die Richtung, welche die aitolische Politik
auf diese Weise einschlug, könnte doch noch geändert werden, forderte
er Athen auf, durch eine Gesandtschaft in diesem Sinne auf das Koinon
einzuwirken18.
Γ In Naupaktos selbst ergriff nach dem Bericht des Thoas über seine
Gesandtschaft Menippos das Wort19. In den Mittelpunkt seiner Rede
14
Liv. 35,32,2; dazu Weißenborn-Müller. — App. Syr. 12 bezieht sich eher auf die
2. Reise des Thoas zu Antiochos (im Spätsommer 192), vgl. Niese 2, 690; Klaffen-
bach a. Ο. p. X X X V I I I ; kaum richtig F. Geyer, R E VI A 1 (1936), 300, Nr. 8.
16
Walbank 196; zu den Panaitolika allgemein J. A. O. Larsen, ΤΑΡΑ 1952, 25,
vgl. 9; Holleaux, Etudes 1,219—227; 229f.
16
Liv. 35,32,3—4: (sc. Thoas et Menippus) impleverant omnium aures terrestres
navalesque copias commemorando: Ingentem vim peditum equitumque venire, ex
India elephantos accitos; ante omnia, quo maxime credebant moveri multitudinis
animos, tantum advehi auri, ut ipsos emere Romanos posset. Vgl. auch 35,42,5:
(sc. Thoas) erexerat multorum ( = των πολλών) in Graecia animos; dazu Holleaux,
fitudes 5, 386.
17
Liv. 35,32,2.
18
Liv. ib. 6—7. — Athen hat auch später noch mehrfach eine Vermittlerrolle
zwischen Aitolien und Rom gespielt, vgl. unten S. 103f.; 106f.
18
Liv. 35,32,8—33,11.
Aitolien: Gruppe u m Thoas und Dikaiarchos (193—192 v.Chr.) 71

stellte er, indem er die aitolische Propaganda der letzten Jahre gegen
Rom übernahm, die Freiheit Griechenlands, das ganz unter die Be-
vormundung durch Rom (sub nutum dicionemque Romanam20) und unter
fremde Willkür (alienum arbitrium21J geraten sei, jetzt aber die große
Chance habe, durch das Bündnis zwischen den Aitolern und Antiochos
aus seiner gefährlichen politischen Lage befreit zu werden22.
Dagegen verwiesen die Gesandten aus Athen auf das römisch-aito-
lische Bündnis und die bedeutenden Verdienste des Flamininus um
Griechenland und schlugen vor, das Koinon solle auch die in der Nähe
befindlichen römischen Gesandten anhören. Die, wie zu erwarten, ganz
auf der Seite des Antiochos stehende, antirömisch eingestellte Volks-
menge23 lehnte diese Forderung ab; doch gelang es vor allem den älteren
„principes", unter denen anscheinend die Anhänger der gemäßigt rom-
feindlichen Gruppe überwogen, einen Beschluß durchzubringen, daß auch
die römischen Gesandten Gelegenheit haben sollten, vor dem Panaitoli-
kon zu sprechen24. Daraufhin erschien Flamininus selbst vor dem Koinon,
ging in seinen Darlegungen wiederum bis auf das Bündnis von 212/1 v.
Chr. zurück und warf den Aitolern desssen Bruch vor. Zu dem alten
Problem der strittigen Städte sagte er jedoch nur wenig und verwies
die Aitoler wieder einmal an den Senat26.
Damit konnten die Aitoler aber jetzt nicht mehr beruhigt werden.
Flamininus mußte vielmehr erleben, daß die radikal-antirömische Gruppe
um Thoas28 noch in Anwesenheit der römischen Gesandtschaft einen Be-
schluß des aitolischen Koinon durchsetzte, durch den Antiochos III.
zur „Befreiung" Griechenlands und zur Schlichtimg der zwischen Rö-
mern und Aitolern schwebenden Fragen herbeigerufen wurde27. Wie weit
die Animosität gegen Rom gediehen war, zeigte das Verhalten des Damo-
kritos, der als führender Vertreter der Gruppe um Thoas nach seinem
Erfolg bei Nabis für 193/2 v. Chr. als Nachfolger des Thoas das Stra-
tegenamt übernommen hatte 28 . Als Flamininus von ihm den genauen
20
Liv. 35,32.9.
21
Liv. 35,32,11-
22
Liv. 35,32,10.
23
Liv. 35,33,1: Multitude avida novandi res Antiochi tota erat.
24
Liv. a. O.
26
Liv. 35,33,4—6.
28
Liv. 35,33,7: Thoas . . . ceterique factionis eiusdem.
27
Liv. 35,33,8: Decretum . . . quo accerseretur Antiochus ad Hberandam Graeciam
disceptandumque inter Aetolos et Romanos; vgl. Plut. Tit. 15.
28
D i e Belege für seine Strategie IG I X 1*1, p. LI.
72 Richtungskämpfe I

Text des genannten Koinonbeschlusses erbat, brüskierte ihn der aito-


lische Stratege, indem er ihm dies mit der Berufung auf dringendere
anderweitige Geschäfte verweigerte, wobei er hinzugefügt haben soll, er
werde ihm Text und Antwort demnächst in Italien selbst übergeben,
wenn er am Tiberufer sein Lager aufgeschlagen habe29. Auch wenn der
Beschluß an sich Antiochos noch freie Hand Heß und keineswegs un-
bedingt zur Intervention in Griechenland nötigte30, konnte die Ent-
schlossenheit der Gruppe um Thoas und Dikaiarchos, es auch auf eine
kriegerische Auseinandersetzung mit Rom ankommen zu lassen, nicht
mehr deutlicher gezeigt werden.
Nach Abschluß der Beratungen in der Volksversammlung trat das
Kollegium der Apokleten31 zu geheimen Besprechungen zusammen32. In
der Beurteilung der allgemeinen Stimmung in Griechenland war man sich
— dem Bericht des Livius (Polybios) zufolge — völlig einig: Die „prin-
cipes" oder vielmehr die „optimi" der verschiedenen Gemeinwesen hiel-
ten am Zusammengehen mit Rom und am Status quo fest, während die
multitudo und diejenigen, die mit ihrer Lage unzufrieden waren, auf die
Änderung des bestehenden Zustandes hinarbeiteten: Inter omnes constabat
in civitatibus principes et optimum quemque Romanae societatis esse et
praesenti statu gaudere, multitudinem et quorum res non ex sententia
ipsorum essent, omnia novare velle33. Leider bleibt die zugrundeliegende
Formulierung des Sachverhalts bei Polybios unbekannt. Die romfeind-
liche Haltung der multitudo überrascht nicht. Daß aber andererseits
die „principes", d. h. die Oberschicht insgesamt, prorömisch gewesen sei,
kann nicht zutreffen; in Wirklichkeit stand sie, wie auch die weiteren
Ereignisse klar beweisen, damals keineswegs geschlossen auf der Seite
Roms34. Bedenkt man, daß Polybios über einen dem lat. principes äqui-
valenten Typenbegriff im allgemeinen gar nicht verfügte, so dürfte klar

29
Liv. 35,33,9—11; vgl. App. Syr. 21,94; Zonar, 9,19. — De Sanctis 4,l 2 ,134 hält
die Anekdote für erfunden, da die Aitoler es zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu
einem förmlichen Bruch mit Rom kommen lassen wollten; anders jedoch ζ. B.
Larsen, Fed. States 412, Anm. 2; Badian, Studies 131; Aymard, Rapp. 296,
Anm. 10.
80
Vgl. dazu zuletzt Badian a. O. 130f.
81
Zu dem wichtigen Beratungsgremium der Apokleten, einem Ausschuß der Bule
des aitolischen Koinon, vgl. Larsen, Fed. States 200f.; ΧΑΡΑ 1952, Iff.
82
Liv. 35,34,2—5.
88
Liv. 35,34,3.
34
Außer den aitolischen ,,principes"waren ζ. B. die ,,principes" Euthymides in
Aitolien: Gruppe um Thoas und Dikaiarchos (193—192 v.Chr.) 73

sein, daß bei ihm lediglich von optimus quisque, d. h. wohl von οί τά
βέλτισθ' αΐρούμενοι ο. ä., die Rede war36, mithin auch bei Livius opti-
mus quisque erst als die eigentliche Erläuterung zu pHncipes zu ver-
stehen ist36. Optimi, οί τά βέλτισθ' αΐρούμενοι ο. ä. bezeichnet dann aber
hier wie an anderen Stellen diejenigen, deren politische Richtung Poly-
bios selbst für die beste hält, d. h. in diesem Fall den Teil der Ober-
schicht, der im Konflikt zwischen den Aitolern und Rom auf der Seite
Roms stand 3 '.
Der Apokletenrat beschloß als erstes die überfallartige Besetzimg
von Demetrias, Chalkis und Sparta, wobei mit der Durchführung dieser
Aktion in Chalkis Thoas selbst, in Demetrias der amtierende Hipparch
Diokles38 und in Sparta Alexamenos39 beauftragt wurden. Die Unter-
nehmungen gegen Demetrias und Chalkis, wo ein Machtwechsel zu-
gunsten romfreundlicher Gruppen stattgefunden hatte, müssen wegen
ihrer Bedeutung für das Verständnis der inneren Richtungskämpfe ge-
sondert behandelt werden40. Hier genügt, daß lediglich Diokles in Deme-
trias Erfolg hatte, während die Aktionen gegen Chalkis und Sparta beide
scheiterten.
Dieser neuerliche Mißerfolg scheint der Gruppe um Thoas für kurze
Zeit einen gewissen Rückschlag gebracht zu haben; denn die Wahl des
Phaineas von Arsinoe zum Nachfolger des Damokritos im Herbst 192 v.
Chr. dürfte auf einen Sieg der gemäßigt antirömischen Richtung inner-
halb des Koinon hindeuten, die trotz aller Gegnerschaft gegen Rom doch

Chalkis (Liv. 35,37,4), Eurylochos in Demetrias (Liv. 35,31,8) und Mnasilochos in


Akamanien (Liv. 36,11,8) ausgesprochene Gegner Roms; vgl. auch Liv. 35,43,5
über die „principes" des magnetischen Koinon im allgemeinen. Ebensowenig war
der Widerstand gegen Rom in der Oberschicht Boiotiens gebrochen, vgl. unten
S. 131f.; 153 ff. Es gibt schlechterdings keinen Beleg dafür, daß „die Bourgeoisie"
(wie D. Musti, Stud, class, e orient. 15, 1966, 171, Anm. 50 meint) gegen Antiochos
war.
86
Vgl. Polyb. 22,4,3; 24,10,4; dazu unten S. 142f.
36
Auch Weißenborn-Müller z. St. betrachtet optimi als nähere Erläuterung von
principes.
37
Ganz ungenau spricht daher Niese 2,687 von „Optimaten", denen er die „Demo-
kraten" gegenüberstellt. Gegen die unzulässige Verallgemeinerung von Liv.
35,34,3, wonach die principes eo ipso auch prorömisch gewesen seien, auch
A. Passerini, Athenaeum 11, 1933,314.
38
Liv. 35,34,5; 9.
39
Liv. 35,34,5.
40
Vgl. dazu unten S. 76ff.; 80ff.
74 Richtungskämpfe I

dem bewaffneten Zusammenstoß auszuweichen versuchte41. Thoas aber


hielt unbeirrt an seinem Gedanken eines militärischen Sieges über Rom
im Bunde mit Antiochos I I I . fest. Im Spätsommer 192 reiste er zum
zweitenmal an der Spitze einer aitolischen Gesandtschaft zu Antiochos
III. 4 2 , meldete diesem die Gewinnung von Demetrias und schilderte ihm
in der überschwenglichsten Weise die Erwartungen, mit denen breite
Schichten Griechenlands der Ankunft des Königs entgegensahen. Tat-
sächlich erreichte er diesmal sein Ziel: Es glückte ihm, Antiochos zum
Übergang nach Europa zu überreden, wobei offenbar die Eroberung von
Demetrias den Ausschlag gab 43 .
Eine wichtige Vorentscheidung war damit gefallen. Ende Oktober
192 v. Chr. 44 landete Antiochos' Flotte — allerdings mit der relativ
kleinen Streitmacht von 10000 Fußsoldaten, ganzen 500 Reitern und
6 Elefanten — in Pteleon am Eingang des Golfes von Pagasai, wohin
ihm der Magnetarch Eurylochos und die „principes" der Magneten ent-
gegengeeilt waren45. Am nächsten Tag fuhr der König in den Hafen von
Demetrias ein46.
Die Aitoler beriefen auf die Nachricht von der Ankunft des Antiochos
sofort eine außerordentliche Versammlung des Koinon nach Lamia 47 .
Dort erschien der Seleukide nach wenigen Tagen, vom „vulgus" mit
solcher Begeisterung begrüßt 48 , daß er nur mit Mühe, von dem Strategen
Phaineas und anderen aitolischen principes begleitet, in die Versammlung
gelangen konnte 49 .
Vor dem Koinon sprach Antiochos dann ganz im Sinne der anti-
römischen aitolischen Politik der vorausgegangenen fünf Jahre. Nicht
mehr vom Gegensatz zwischen Hellenen und Barbaren war hier die Rede,
sondern von der wirklichen Freiheit Griechenlands, vom Sturz der

41 Von einer eigentlichen „römerfreundlichen" Politik des Phaineas und seiner


Gruppe, wie W. Hoffmann, R E X I X 2 (1938), 1564, will, kann aber keine Rede
sein; vgl. unten S. 99 m. Anm. 2.
42 Liv. 35,42,4—14; App. Syr. 12,46—47 (oben Anm. 14); vgl. Zonar. 9,19.
43 Liv. 35,43,2; dazu Badian, Studies 133; Holleaux, Stüdes 5, 179.
44 Z. Dat. vgl. Aymard, Rapp. 325, Anm. 3; Holleaux, Stüdes 5, 396.
45 Vgl. unten S. 79.
44 Liv. 35,43,4—6. — De facto hatte der Antiochoskrieg damit begonnen: Polyb.
3,7,3; Badian, Studies 134.
47 Liv. 35,43,7—9; dazu Larsen, ΤΑΡΑ 1952, 26.
48 Liv. 35,43,9: exceptus ingenti favore multitudinis cum plausibus clamoribusque et
quibus aliis laetitia effusa vulgi significatur.
49 Liv. 35,44,1.
Aitolien: Gruppe um Thoas und Dikaiarchos (193—192 v.Chr.) 75

römischen Vorherrschaft, nicht zuletzt auch von der führenden Rolle,


die in Zukunft den Aitolern in Griechenland zukommen sollte50. Außer-
dem versprach er, im Frühjahr 191 ein sehr viel schlagkräftigeres Heer
von Kleinasien nach Europa überzusetzen61.
Weder die begeisterte Aufnahme des Antiochos durch die multitudo
noch die Versprechungen des Königs konnten jedoch verhindern, daß es
bereits in der anschließenden Diskussion zu einer heftigen Auseinander-
setzung zwischen den Wortführern der beiden Auffassungen kam, die
sich schon seit langem im Koinon gegenüberstanden. Während der
amtierende Stratege Phaineas als Vertreter der gemäßigt antirömischen
Richtung den bewaffneten Konflikt durchaus vermeiden zu können hoffte
und die Aufgabe des Antiochos in Griechenland als die eines Vermittlers
zwischen Aitolien und Rom aufgefasst wissen wollte, warf ihm Thoas, der
Führer der radikalen Romfeinde, vor, er arbeite damit praktisch den
Römern in die Hände52, und erhob die Forderung nach einer direkten
militärischen Unterstützung der Aitoler durch Antiochos, da von Ge-
sandtschaften und Verhandlungen allein keine Ergebnisse zu erwarten
seien. Nur mit einer Politik der Stärke, nur mit der Waffe in der Hand
werde es Antiochos möglich sein, von den Römern etwas zu erreichen53.
Damit setzte er sich, offenkundig mit Unterstützung der multitudo, gegen
die Meinung des Phaineas durch: Das Koinon nahm einen Beschluß an,
wonach Antiochos zum στρατηγός αυτοκράτωρ des Koinon bestellt
wurde54, womit der militärische Zusammenstoß mit Rom praktisch un-
abwendbar geworden war.
Uber die Beziehungen zwischen den Aitolern und Antiochos III. in der
folgenden Zeit ist eigentümlicherweise nur wenig überliefert. Doch be-

60
Liv. 35,44,6: donec depulso cervicibus eorum (sc. der Aitoler) imperio Romano
liberum vere Graeciam atque in ea principes Aetolos fecisset.
51
Liv. 35,44,4—6.
62
Liv. 36,45,5: Thoas negare pari studere Phaeneam, sed discutere apparatum belli
velle, ut taedio et impetus languescat regis et Romani tempus ad comparandum
habeant. Dies zeigt wohl, daß Phaineas die kriegerische Auseinandersetzung mit
Rom zu vermeiden suchte; jedoch gibt es weder hier noch in den folgenden Jahren
einen Anhaltspunkt für eine eigentlich prorömische Haltung des Phaineas. Un-
richtig daher W. Hoffmann a. O.
53
Liv. 35,45,8: armatum regem aliquid impetraturum: inermem non pro Aetolis
modo, sed ne pro se quidem ipso momenti ullius futurum apud Romanos.
64
App. Syr. 12,46 (jedoch fälschlicherweise bereits in die Zeit vor der zweiten Ge-
sandtschaft des Thoas zu Antiochos III. verlegt; vgl. Niese 2,690, Anm. 3);
Liv. 35,45,9: imperator.
76 Richtungskämpfe I

vor die weitere Entwicklung des aitolischen Widerstandes gegen Rom


dargestellt werden kann, müssen die Auseinandersetzungen zwischen den
pro- und antirömischen Elementen im übrigen Griechenland während
der Intervention des Antiochos untersucht werden. Von besonderer Be-
deutung sind hier zunächst Demetrias und Chalkis, wo diese charakte-
ristischen Gegensätze schon vor der Landung des Seleukiden offen zum
Ausbruch gekommen waren.

b) Demetrias: Triumph und Niederlage der Romfeinde


um Eurylochos (192—191 v. Chr.)
Als eine der .Fußfesseln Griechenlands' hatte Demetrias im I. Make-
donischen Krieg fest auf der Seite Makedoniens gestanden. Im Jahre
196 v. Chr. war es dann frei und zugleich Mittelpunkt des neugegründeten
magnetischen Koinon geworden. Nicht lange nach dem Abzug der
römischen Truppen im Sommer 194 v. Chr. hieß es jedoch plötzlich, Rom
habe Philipp V. für dessen Hilfe in dem sich abzeichnenden Krieg gegen
Antiochos III. die Rückgabe der Stadt versprochen1, und dieses Gerücht
war — wie die späteren Ereignisse zeigten — keineswegs unbegründet 2 .
Sofort erwachten daraufhin in Demetrias heftige innere Gegensätze.
Die Empörung über die Bedrohung der eben erst errungenen (bzw. ver-
liehenen) Selbständigkeit durch Rom selbst erklärt dabei die unge-
wöhnliche Stärke der antirömischen Richtung unter den , , p r i n c i p e s " des
magnetischen Koinon, an deren Spitze der Magnetarch Eurylochos stand
und die naturgemäß Anlehnung bei den Aitolern und Antiochos suchte3.
Anfang 192 v. Chr. brachen die Richtungskämpfe in Demetrias offen
4
aus . Damals traf eine römische Gesandtschaft unter Flamininus in der
Stadt ein5, wo das magnetische Koinon zu einer Versammlung zu-

1
Liv. 35,31,5.
2
Vgl. Badian, Studies 129f.; F. C. 78f.; Walbank, Philip V, 195; Holleaux,
Stüdes 5,393. Zurückhaltender Will 2,169.
3
Liv. 35,31,4: Pars principum alienati Romanis totique Antiochi et Aetolorum erant;
ib. 6: Eurylochus, princeps Magnetum, factionisque eius quidam omnia novari
Aetolorum Antiochique adventu malebant. — Zur Person des Eurylochos vgl.
J. Deininger, R E Suppl. X I (1968), 669—671, Art. Eurylochos Nr. 11; zum Amt
des Magnetarchen Liv. a. O. 11: Magnetarchen summum magistratum vocant,
dazu zuletzt Larsen, Fed. States 295.
4
Zum Dat. vgl. Gundel, R E X X I V (1963), 1086.
5
Das Folgende bei Liv. 35,31,3—32,1. Z. Dat. vgl. Walbank, Philip V, 344 (Februar/
März 192 v. Chr.).
Demetrias: Die Romfeinde um Eurylochos (192—191 v. Chr.) 77

sammentrat®. Flamininus war wegen Philipp, dessen Hilfe für Rom viel
wesentlicher erschien als die Haltung der Magneten 7 , nicht imstande, das
bewußte Gerücht zu dementieren, und beschränkte sich auf allgemeine
Darlegungen über die den Griechen und speziell den Magneten von Rom
widerfahrenen „Wohltaten".
Damit reizte er jedoch nur die antirömische „factio" aufs äußerste:
Der Magnetarch Eurylochos forderte in einer scharfen Erwiderung auf
die Rede des Flamininus, daß vonseiten der Magneten alles geschehen
müsse, um eine Rückkehr der Stadt in die Gewalt Philipps zu ver-
hindern 8 . Dann bekannte er sich offen zu den Thesen der antirömischen
aitolischen Agitation und sprach aus, auch Demetrias sei nur dem Schein
nach frei; in Wirklichkeit geschehe alles nach dem Willen Roms 9 . Dieser
Satz rief bei der multitudo eine unterschiedliche Reaktion hervor 10 ;
Flamininus jedoch zeigte sich äußerst erregt und rief feierlich die Götter
zu Zeugen der „Undankbarkeit" und der „Treulosigkeit" der Magneten
an 11 . In der dadurch hervorgerufenen allgemeinen Verwirrung trat der
„princeps" Zenon hervor, der offenbar schon immer zu den Gegnern des
Eurylochos und zu den Befürwortern einer ausgesprochen prorömischen
Politik gehört hatte 12 . Er bat Flamininus, die Magneten nicht nach der
unbedachten Äußerung eines Einzelnen zu beurteilen, und versicherte
ihn der Dankbarkeit und der Freundschaft der Einwohner, wobei sich
ihm die eingeschüchterte multitudo anschloß 13 . So groß war der Eindruck,
den das Auftreten der römischen Gesandtschaft machte, daß sich Eury-
lochos nur durch die unmittelbare Flucht nach Aitolien zu retten ver-
mochte; ein förmlicher Verbannungsbeschluß für ihn ließ nicht lange
auf sich warten 14 .
Damit hatte die Gesandtschaft des Flamininus in Demetrias dasselbe
erreicht wie zuvor schon in Chalkis16; aber wohl nicht zuletzt angesichts

8
Liv. 35,31,4-
' Liv. ib. 7.
8
Liv. 35,31,12.
• Liv. ib.: specie liberam Demetriadem esse, re vera omnia ad nutum Romanorum fieri.
10
Liv. 35,31,13: sub hanc vocem fremitus variantis multitudinis fuit partim adsensum,
partim indignationem dicere id ausum eum.
11
Liv. ib.: ingratus et perfidus animus; vgl. auch oben S. 55, Anm. 9.
12
Liv. 35,31,14: Zeno, ex principibus unus, . . . semper Romanorum haud dubie
partis fuerat. Näheres über ihn als Politiker erfährt man leider nicht.
15
Liv. 35,31,15—32,1.
11
Liv. 35,34,6; 7; 9.
16
Vgl. unten S. 81.
78 Richtungskämpfe I

des der Stadt drohenden Schicksals waren die romfeindlichen Kräfte hier
doch weit stärker als in Chalkis. Bei der nicht lange darauf begonnenen
Vorbereitung des aitolischen Unternehmens gegen Demetrias 18 spielte der
gestürzte Magnetarch eine wesentliche Rolle 17 . Durch Briefe gelang es
ihm, die ganze antirömische Opposition in Demetrias zu mobilisieren und
eine Demonstration seiner Verwandten, Freunde und politischen Ge-
sinnungsgenossen herbeizuführen 18 . Frau und Kinder des Eurylochos,
die dieser hatte zurücklassen müssen, erschienen in Trauerkleidung in
der Volksversammlung, was das Mitleid insbesondere der „einfachen"
Bürger, d. h. der πολλοί, erregte und die Stellung der Gegner Roms aufs
neue so stärkte, daß die Verbannung des Eurylochos durch die Ekklesie
wieder aufgehoben und er nach Demetrias zurückgerufen wurde.
Aber Eurylochos kam — im Frühsommer 192 v. Chr. 19 — nicht allein.
Seine Begleitung hatte der aitolische Hipparch Diokles mit der gesamten
Reiterei des Koinon übernommen 20 , dessen Vorgehen an die Überrumpe-
lung Thebens fünf Jahre zuvor durch Flamininus und die prorömischen
Politiker um Zeuxippos erinnert. Diokles ließ nämlich die Masse der
Reiterei zunächst etwa 9 km vor Demetrias zurück und führte Eurylochos
mit wenigen Abteilungen seiner Truppe in die Stadt 2 1 . Während er sich
dann mit Eurylochos, der von allen Seiten Glückwünsche entgegennahm,
zur Agora begab, besetzte die aitolische Reiterei unvermerkt alle stra-
tegisch wichtigen Punkte, und so geriet Demetrias in die Hände der
Gegner Roms. Ein furchtbares Blutbad unter den Führern der pro-
römischen Richtung besiegelte den Triumph der „factio" des Eury-
lochos 22 .
Die damit unumschränkt herrschende romfeindliche Richtung des
Eurylochos konnte im Spätsommer desselben Jahres auch den Versuch
des Flamininus vereiteln, die Stadt für Rom wiederzugewinnen23. Zu
diesem Zweck hatte Flamininus den Gesandten P. Villius Tappulus zu
Schiff nach Demetrias geschickt. Als dessen Pentere den Hafeneingang
erreicht hatte, strömte ihm die multitudo der Magneten entgegen. Auf

18 Vgl. oben S. 73.


17 Das Folgende bei Liv. 35,34,4—12.
18 Liv. 35,34,7: propinqui amicique et qui eiusdem factionis erant.
19 Z. Dat. vgl. G. Klaffenbach, IG I X l 2 , 1, p. X X X V I I I .
20 Liv. 35,34,9.
21 Liv. ib.
22 Liv. 35,34,12: Tum in domos missi qui principes adversae factionis interficerent.
23 Liv. 35,39,3—7.
Demetrias: Die Romfeinde um Eurylochos (192—191 v. Chr.) 79

die Frage des Römers, ob die Magneten ihn lieber als Freund oder als
Feind haben wollten, antwortete ihm der jetzt wieder im Amt befind-
liche Magnetarch Eurylochos, er sei zu Freunden gekommen, sofern er
nicht in den Hafen einfahre, die Magneten in Eintracht und Freiheit
ließe und nicht den Versuch unternähme, unter dem Schein einer Unter-
redung die multitudo aufzuwiegeln24. In dem sich anschließenden Wort-
wechsel beschuldigte Tappulus die Magneten erneut der Undankbarkeit 26 ,
während die wie stets antirömisch eingestellte multitudo wechselweise
dem Senat und Flamininus den Verrat der Stadt an Philipp V. zum Vor-
wurf machte 24 . Von der von Zenon behaupteten Dankbarkeit und Freund-
schaft der Magneten gegenüber den Römern war hier also nichts zu
merken, und dem römischen Gesandten blieb nicht viel anderes übrig,
als unverrichteter Dinge zu Flamininus zurückzukehren 27 .
Die Gewinnung von Demetrias hat dann, wie schon zu erwähnen war28,
den Ausschlag für die Überfahrt des Antiochos nach Griechenland ge-
geben, und insofern war gerade der politische Erfolg des Eurylochos und
der Romfeinde in Demetrias historisch außerordentlich folgenreich. Als
der seleukidische König etwa Ende Oktober 192 v. Chr. in Pteleon ein-
traf 29 , begrüßten ihn dort Eurylochos und „principes Magnekim"30.
Antiochos war später noch mehrfach in der Stadt, und zwar im Novem-
ber 192 v. Chr. zur Vorbereitung des Angriffs auf Chalkis und im Januar
191 v. Chr. zu einer Beratung mit den „principes" der Aitoler31.
Das Schicksal der magnetischen Romfeinde wurde dann durch die
Schlacht bei den Thermopylen entschieden. Doch hielt sich Demetrias
auch danach noch länger als ein halbes Jahr auf der Seite der Aitoler.
Erst als sich gegen Ende des Jahres 191 v. Chr. Philipp V. der Stadt
näherte, drohte eine Panik auszubrechen 32 . Die ordnungslose Menge
seleukidischer Soldaten 33 , die zumeist aus Flüchtlingen bestand, war zum

21
Liv. 35,39,6.
25
Zu diesem charakteristischen römischen Vorwurf vgl. oben S. 55, Anm. 9.
28
Liv. 35,39,7.
27
Liv. ib.
28
Vgl. oben S. 74.
29
Z. Dat. bes. Holleaux, Istudes 5, 396. — Pteleon war damals offenbar aitolisch,
vgl. R. Flacelifere, Les Aitoliens & Delphes (Paris 1937) 350, Anm. 1.
30
Liv. 35,43,5.
31
Vgl. unten S. 96f.
32
Liv. 36,33,2—7.
33
Liv. 36,33,4: turba regiorum (also bei Polybios etwa όχλοι βασιλικών) meint hier
nicht „Anhänger" (wie Weißenborn-Müller z. St. wollen), sondern offenkundig
80 Richtungskämpfe I

Schutz der Stadt gänzlich ungeeignet34 und öffnete Philipp gegen die
Zusicherung freien Abzugs alsbald die Tore der Stadt 35 . Damit war die
Stellung der Romfeinde nach rund anderthalbjähriger Herrschaft un-
haltbar geworden. Einige nicht namentlich bekannte „principes" er-
griffen beim Einzug Philipps die Flucht; Eurylochos dagegen nahm sich,
angesichts des völligen Zusammenbruchs seiner politischen Hoffnungen,
selbst das Leben 36 . Es war, soweit die Überlieferung reicht, der erste
Selbstmord eines antirömischen Politikers in Griechenland.

c) Chalkis: Die Gruppe um Euthymides, Eubulides und Philon


gegen die Romfreunde um Mikythion und Xenokleides
(192—191 v. Chr.)

Ähnlich wie Demetrias hatte auch Chalkis als eine der drei „Fuß-
fesseln" Griechenlands von jeher eine besondere politische Bedeutung
gehabt. Die traditionelle makedonische Vormachtstellung dort1 wurde erst-
mals im Herbst 200 v. Chr. ernsthaft gefährdet, als nach nicht näher
bekannten inneren Auseinandersetzungen eine antimakedonische Grup-
pe verbannt wurde2. Diese wandte sich zwecks Rückeroberung der Stadt
alsbald an die Römer3, worauf C. Claudius Centho, Legat des P. Sulpi-
cius, Chalkis überfiel4. Es gelang ihm, in die Stadt einzudringen; bei den
Straßenkämpfen kam der makedonische Befehlshaber, der Akarnane
Sopatros, ums Leben. Nach Verwüstung der Stadt, Befreiung der
politischen Gefangenen Philipps V. und Zerstörung der Statuen des
Königs zog sich Centho jedoch in den Piraeus zurück.

„Soldaten" des Antiochos. Zur Bedeutung von όχλοι vgl. (u. a.) Η. H. Schmitt,
Untersuchungen zur Geschichte Antiochos' des Großen und seiner Zeit (Wies-
baden 1964), 109, Anm. 5.
84 Liv. ib.
35 Liv. 36,33,5.
88 Liv. 36,33,6. — Zum Übergang von Demetrias an Phüipp V. vgl. Liv. 39,23,12;
24,11 ff.
1 Vgl. kurz E . Oberhummer, R E III 2 (1899), 2084.
2 Z. Dat. (etwa Mitte Oktober) vgl. Walbank, Phüip V, 317. — Bereits 208 v.
Chr. war ein römischer Angriff auf Chalkis gescheitert, Liv. 28,6,8—7,2; vgl. ib.
6,11: (sc. Chalcis) oppidum . . . praecipue fide praefectorum principumque . . .
stabile atque inexpugnabile fuit.
3 Liv. 31,23,1: Exules ab Chalcide regiorum iniuriis pulsi attulerunt occupari Chalci-
dem sine certamine ullo posse.
4 Liv. 31,23,1—12; vgl. Zonar. 9,15,3. Dazu Walbank a. O. 138f.; Holleaux,
Etudes 5, 351.
Chalkis: Euthymides gegen Mikythion und Xenokleides (192—191 v. Chr.) 8 1

Nach der Niederlage Makedoniens bei Kynoskephalai mußte Chalkis


zunächst eine römische Besatzung aufnehmen, die aber im Sommer
194 v. Chr. wieder abzog. Auch hier bemerkt man in der Folgezeit aus-
gesprochen anti- und prorömische Richtungen unter den „principes",
wobei vor allem Euthymides auf der anti- und Mikythion und Xeno-
kleides auf der prorömischen Seite hervortreten6. Daß dabei anfänglich
auch hier die antirömischen Politiker und Euthymides durchaus die
Oberhand hatten und sich dies erst durch einen von außen kommenden,
römischen Eingriff änderte, geht aus den Ereignissen vom Februar
192 v. Chr. hervor6. Damals erschien die schon erwähnte römische Ge-
sandtschaft unter Flamininus in Chalkis; das Ergebnis dieses Besuchs
war — nicht viel anders als in Demetrias —, daß Euthymides wegen
seiner romfeindlichen Haltung von der prorömischen Gruppe um
Mikythion und Xenokleides verbannt wurde, die daraufhin die Führung
in Chalkis übernahm7.
Doch Euthymides, der offenbar seit jeher enge Beziehungen zu den
Aitolern unterhielt8, gab sich nicht geschlagen. Er eilte nach Athen und
trat von dort aus in Verbindung mit den Gegnern Roms in Aitolien9.
Bald darauf, im Frühsommer 192 v. Chr.10, konnte sich Thoas bei der
aitolischen Aktion gegen Chalkis seiner bedienen. Zusammen mit
Herodoros aus dem bithynischen Kios, einem in Chalkis einflußreichen
Kaufmann 11 , nahm Euthymides Kontakt zu seiner Anhängerschaft in

5
Daß ein Zusammenhang zwischen diesen Politikern und den schon im II. Make-
donischen Krieg ausgebrochenen Richtungskämpfen besteht, liegt zwar nahe,
läßt sich aber nicht beweisen, zumal Livius bei der Episode des Jahres 200 v.
Chr. keine Namen nennt.
« Z. Dat. vgl. Walbank, Philip V, 327.
7
Liv. 35,37,4: pulsus (sc. Euthymides) opibus eorum qui Romanae societatis erant
post Τ. Quincti legatorumque adventum; vgl. 38,1. — Zur Person des Euthymides
(und zur Namensform; bei Liv. Euthymidas) Η. H. Schmitt, R E Suppl. I X
(1962), 65. Daß Euthymides im Zeitpunkt seiner Verbannung (wie Eurylochos in
Demetrias) ein Amt bekleidete (Liv. 35,37,4 nennt ihn lediglich princeps), dürfte
aus Liv. 35,38,1". Micythio et Xenoclides, penes quos tum summa return, pulso
Euthymida, Chalcide erat, hervorgehen.
8
Er ist offenkundig mit dem Εύθυμ[{]δα; Άριστομάχου [Χαλκι]δεύ<; identisch,
der 208/7( ?) v. Chr. von den Aitolern die Proxenie erhielt: IG I X l a , 31, Z.
67f.; dazu Η. H. Schmitt a. O.
9
Vgl. dazu Candiloro 141; Ferguson, Hell. Athens 282; zu den Beziehungen zwi-
schen Aitolien und Athen außerdem Day 18.
10
Ζ. Dat. vgl. G. Klaffenbach, IG I X l 2 , 1, p. X X X V I I I .
11
Liv. 35,37,5: Herodorum, Cianum mercatorem (von Weißenborn-Müller [z. St.]
6 Deiflinger, Widerstand
82 Richtungskämpfe I

Chalkis auf12, die den neuerlichen Umsturz in der Stadt und ihren Über-
gang auf die aitolische Seite vorbereiten sollte. Man wird dabei wohl vor
allem an Eubulides und Philon zu denken haben13. Mikythion14 und
Xenokleides16 waren angesichts der Stärke des militärischen Aufgebots,
mit dem Thoas vor Chalkis erschien, tatsächlich zunächst zur Flucht
entschlossen; doch dann faßten sie offenbar in der Hoffnung auf die
schließliche Unterstützung durch Rom wieder Mut und konnten gerade
noch rechtzeitig Eretria und Karystos zur Hilfe gegen die Aitoler ge-
winnen16.
Damit war den aitolischen Absichten freilich ein wesentliches Hin-
dernis entgegengestellt. Vergebens versuchte Thoas eine Gesandtschaft
der Stadt mit Worten davon zu überzeugen, daß er nicht zur Eroberung
gekommen und daß die Stadt jetzt mit einer wohl glänzenderen, aber
auch schwerer lastenden Kette gefesselt sei als in der Zeit der make-
donischen Besatzung17. Doch diese wohlbekannten Argumente der rom-
feindlichen aitolischen Agitation stießen bei den prorömischen Politikern
von Chalkis auf keinen Widerhall; sie behaupteten vielmehr, sie seien
niemandem Untertan und brauchten daher auch niemandes Schutz18.
Thoas' Versuch, Chalkis zu gewinnen, mußte damit als gescheitert
betrachtet werden. Er wie auch Euthymides und Herodoros traten den
Rückzug an18, und bald darauf trafen sich Flamininus und Eumenes II.
bei der Stadt, wobei Eumenes 500 Mann zu ihrer Sicherung vor weiteren
Angriffen zurückließ.

irrtümlich auf die Kykladeninsel Keos bezogen). Zur engen Verbindung zwischen
Kios und den Aitolern vgl. Niese 2,581 f.; Klaffenbach, IG a. Ο. p. XXXIII,
Z. 34ff. Vielleicht hatte Herodoros bereits im Zusammenhang mit dem Umsturz
des Molpagoras (203/2 v. Chr.) bei den Aitolern Zuflucht gesucht.
12
Liv. 35,37,0: qui Euthymidae factionis erant.
18
Vgl. unten S. 85.
14
Mikythion, S. d. Mikylion aus Chalkis: Syll. 3 685, Z. 235; IG XII 9,904, Ζ. 1;
z. Pers. ausführlich F. Stähelin, RE XV 2 (1932), 1561 f.
16
Z. Pers. d. Xenokleides vgl. Η. H. Schmitt, RE I X A 2 (1967), 1505, Nr. 3.
18
Liv. 35,38,1—7; ib. 6: Romanorum maxima respectus civitates movit, et virtutem
nuper in hello et in victoria iustitiam benignitatemque expertas.
17
Liv. 35,38,10: splendidiore nunc eos catena, sed multo graviore vinctos esse, quam
cum praesidium Macedonum in arce habuissent; zu diesem Gedanken vgl. auch
oben S. 63.
18
Liv. 35,38,8—10. — Liv. nennt wiederum keine Namen; doch es erscheint —
angesichts der ganz ähnlichen Argumentation — naheliegend, daß Mikythion
schon bei diesen Verhandlungen der Wortführer für Chalkis war; vgl. das Folgende.
18
Liv. 35,38,11—14.
Chalkis: Euthymides gegen Mikythion und Xenokleides (192—191 v. Chr.) 8 3

Infolge der festen Stellung, die sich die prorömische Richtung in


der Stadt zu verschaffen gewußt hatte, mißglückte dann im November
des gleichen Jahres auch der zweite Versuch, Chalkis auf die Seite des
Widerstandes gegen Rom herüberzuziehen20. Im Anschluß an die Ver-
sammlung des aitolischen Koinon in Lamia21 hatte Antiochos zusammen
mit den aitolischen Apokleten den Beschluß gefaßt, Chalkis mit nur
geringen Streitkräften durch Überrumpelung an sich zu bringen. Dort
hatte jedoch die prorömische Gruppe um Mikythion und Xenokleides
weiterhin das Heft fest in der Hand, und so kam es lediglich zu einer
Unterredung zwischen einigen Abgesandten des Königs und der Aitoler
mit magistrates et principes von Chalkis vor den Toren der Stadt22.
Vor allem die Aitoler versuchten dabei die Chalkidier zu überreden,
unbeschadet ihrer amicitia mit Rom auch ein Bündnis mit Antiochos
zu schließen, dessen politisches Ziel, wie sie erneut darlegten, die Schaf-
fung einer wirklichen Freiheit für Griechenland anstelle der bestehenden
Scheinfreiheit sei83; ja, sie rieten sogar direkt zu einer Gleichgewichts-
politik zwischen Antiochos und Rom, wobei sie allerdings im Weigerungs-
falle vor der gewaltsamen Eroberung der Stadt durch Antiochos warn-
ten24.
Mikythion jedoch beharrte auf seinem ausgesprochen prorömischen
Standpunkt und hielt den Aitolern den vollständigen Abzug der römi-
schen Truppen entgegen sowie die Tatsache, daß keine Stadt in Griechen-
land eine römische Besatzung hätte noch auch Rom zu Tribut ver-
pflichtet oder durch einen ungleichen Vertrag an die Römer gebunden
sei. Er forderte den Abzug der gesamten Streitkräfte des Antiochos
als ersten Beweis wirklich freundschaftlicher Gesinnung und erklärte,
daß Chalkis ohne die Zustimmung der Römer kein Bündnis eingehen
werde26. Daß die faktische politische Unfreiheit von Chalkis überhaupt
nicht deutlicher demonstriert werden konnte als durch diese letzte Be-
merkung, wollte Mikythion freilich nicht wahrhaben2®.

20 Zum Folgenden Liv. 35,46,2—47,1.


21 Vgl. oben S. 74.
22 Liv. 35,46,4; vgl. 61,6.
23 Liv. 35,46,6: (sc. Antiochum) liberandae Graeciae causam in Europam traiecisse, et
re liberandae, non verbis et simulatione, quod fecissent Romani. Zu diesem Kern-
punkt der antirömischen aitolischen Propaganda seit 196 v. Chr. vgl. oben S. 63.
24 Liv. 35,46,7—8.
25 L i v . 35,46,9—13; ib. 13: nam ipsis certum esse non modo non recipere moenibus sed
ne societatem quidem ullam pacisci nisi ex auctoritate Romanorum.
24 Unkritisch in dieser Beziehung ζ. B. auch Stähelin a. O. 1562, der Mikythions

6*
84 Richtungskämpfe I

Da Antiochos' Truppen zu einer militärischen Eroberung der Stadt


nicht ausreichten, kehrte er wieder nach Demetrias zurück27. Dennoch
wurde die Lage der prorömischen Gruppe in Chalkis jetzt bedrohlich;
denn dem angekündigten ernsthaften Angriff Antiochos' I I I . konnte die
Stadt mit ihren eigenen Kräften keinen ausreichenden Widerstand
bieten. Mikythion begab sich daher in aller Eile zu Flamininus nach
Achaia, während der Seleukide bereits eine beträchtliche Streitmacht
zur Eroberung von Chalkis in Bewegung setzte28. Xenokleides konnte
eine Abteilung achaiischer und pergamenischer Truppen noch recht-
zeitig über den Euripos führen29; Mikythion jedoch, der mit 500 römi-
schen Soldaten Chalkis zu erreichen versuchte, fand den direkten Weg
bereits durch Menippos verlegt30; als er auf einem Umweg nach Chalkis
marschieren wollte, wurde er in der Nähe von Tanagra von Menippos
überfallen31. Die römische Truppe wurde völlig zersprengt, Mikythion
selbst entkam nur mit knapper Not nach Chalkis32.
Als nunmehr Antiochos mit seinen Truppen bei Aulis erschien und
es wiederum zu einer Unterredung zwischen Unterhändlern beider Seiten
kam, hatte sich die Lage der Anhänger Roms in Chalkis angesichts der
überlegenen Truppenmacht des Antiochos erheblich verschlechtert. Jetzt
erwies sich die Stellung von Mikythion und Xenokleides als unhalt-
bar 33 ; die antirömische Seite — wahrscheinlich Eubulides und Philon34 —
setzte sich durch. So öffnete Chalkis Antiochos die Tore; die prorömischen
Politiker mußten fliehen36. Bald darauf streckte die gesamte Insel
Euboia die Waffen 36 .

politische Haltung als „Standpunkt der Unabhängigkeit" charakterisiert. —


Mikythion hatte damit freilich das Wesen der römischen amicitia et societas
„richtig verstanden", vgl. Dahlheim 263, Anm. 13.
27 Liv. 35,47,1.
28 Liv. 35,50,6—10.
20 Liv. 35,50,8.
30 Liv. 35,50,9—11.
31 Vgl. dazu Badian, Studies 139, Anm. 100.
32 Liv. 35,51,1—4; Diod. 29,1; vgl. App. Syr. 12,49, der jedoch Mikythion und
Menippos miteinander verwechselt.
33 Liv. 35,51,6; nequiquam contra Micythione et Xenoclide tendentibus.
34 Vgl. unten S. 85.
36 Liv. 3 5 , 5 1 , 6 — 7 ; ib. 7: qui Romanae partis erant, sub adventum regis urbe excesse-
runt. — App. Syr. 12,49—50 (vgl. oben Anm. 32) wirft beide Versuche des Anti-
ochos, Chalkis zu gewinnen, zusammen. I m einzelnen erfährt man über die hier
geschilderten Vorgänge, auch über die Haltung der πολλοί, leider nichts.
88 Liv. 35,51,10.
Chalkis: Euthymides gegen Mikythion und Xenokleides (192—191 v. Chr.) 8 5

Antiochos hat dann, von einem kurzen Aufenthalt in Demetrias


abgesehen, einige Monate in Chalkis verbracht, die mit umfangreicher
diplomatischer Tätigkeit zur Mobilisierung des Widerstandes gegen Rom
in ganz Griechenland ausgefüllt waren. Ein besonderes Ereignis bildete
in dieser Zeit auch die Heirat des Antiochos mit „Euboia", der Tochter
des princeps Kleoptolemos von Chalkis, etwa im Februar 191 v. Chr.37,
die nicht ohne politische Wirkungen geblieben zu sein scheint 38 ; seiner
Popularität bei den πολλοί jedenfalls konnte diese Verbindung nur
zuträglich sein39.
Nach einem kurzen Aufenthalt Ende März 191 v. Chr. in Chaironeia
kam Antiochos Anfang April noch einmal nach Chalkis. Etwa am Ende
dieses Monats fand dann die Schlacht bei den Thermopylen statt, die
mit der völligen Niederlage des Seleukiden endete, der zusammen mit
Euboia nach Ephesos floh40.
Diese Schlacht entschied auch über das Schicksal der antirömischen
Richtung in Chalkis. Schon unmittelbar danach erschien der Konsul
M'. Acilius Glabrio vor der Stadt, worauf der königliche Befehlhaber
Aristoteles die Stadt verließ, die den Römern ihre Tore öffnen mußte;
die Kapitulation der anderen Städte Euboias vor Rom Schloß sich an41.
Drei Jahre nach dem Fall von Chalkis verlangte Rom im Vertrag
von Apameia von Antiochos III. die Auslieferung von Eubulides und
Philon aus Chalkis42. Sie werden in der erhaltenen Überlieferung sonst
nirgends genannt, waren aber offenbar die wichtigsten Führer der rom-
feindlichen Richtung in Chalkis, nachdem Euthymides verbannt worden
war. Sie müssen es gewesen sein, die Ende 192 v. Chr. den antirömischen
37
Die Quellen: Polyb. 20,8; Liv. 36,11,1—3; 15,1; 17,7; Diod. 29,2; lust. 31,6,3;
Plut. Tit. 16, vgl. Philop. 17; App. Syr. 16,69; 20,91; Cass. Dio. fr. 61 Β (1,
p. 286); Flor. 1,24,9; de vir. ill. 54,1; Zonar. 9,19; dazu jetzt J. Seibert, Historische
Beiträge zu den dynastischen Verbindungen in hellenistischer Zeit (Wiesbaden
1967), 61. — Ob die erste Gemahlin des Antiochos, Laodike, damals bereits tot
war, ist nicht klar, vgl. bes. L. Robert, Hellenica VII (Paris 1949), 28f.;
A. Aymard, REA 51, 1949, 327ff. ( = ders.. Etudes 212ff.).
38
Vgl. Seibert a. O. — Der Name „Euboia" ist ihr offensichtlich erst von Antiochos
verliehen worden, vgl. App. Syr. 20,91. Zu mit Unrecht auf diese Heirat bezogenen
Münzprägungen H. Chantraine, JfNG 9, 1958, 29; vgl. W. P. Wallace, The Eu-
boian League and its Coinage (New York 1956), 41, Anm. 84.
39
Vgl. Plut. Tit. 16: Τοϋτο τούς Χαλκιδέας έποίησε βασιλίσσι προθυμότατα καΐ
τή ν πόλιν αύτω irpös τόν πόλεμο ν όρμητήριον παρασχεΐν. Vgl. dazu Seibert a. Ο.
40
Polyb. 20,8,5; Liv. 36,21,1; App. Syr. 20,91; Plut. Tit. a. O.
« Liv. 36,21,2.
42
Polyb. 21,17.7; 43,11; Liv. 37,45,17; 38,18; vgl. Niese 2,694f.
86 Richtungskämpfe I

Umschwung herbeigeführt haben; kurz vor der Kapitulation der Stadt


aber scheinen sie, nachdem sie ein knappes halbes Jahr an der Macht
gewesen waren, im Mai 191 v. Chr. zu Antiochos nach Kleinasien ge-
flohen zu sein43.

d) Antiochos III. und der Widerstand gegen Rom im übrigen


Griechenland (192—191 v. Chr.)
Die Landung Antiochos' III. und seine Bestellung zum στρατηγός
αύτοκράτωρ des aitolischen Koinon bedeutete zwar einen der äußeren
Höhepunkte des politischen Widerstandes gegen Rom in Griechenland,
aber fatalerweise offenbarten sich gerade bei dieser Gelegenheit deutlicher
als je zuvor auch dessen grundlegende Schwächen, vor allem die Un-
möglichkeit, die griechischen Staatswesen zu einer einheitlichen Front
gegen Rom zusammenzuschließen.
Von den bedeutendsten Staaten stand das aitolische Koinon auf der
Seite des seleukidischen Königs und des Widerstandes gegen Rom; aber
es war für diesen Widerstand verhängnisvoll, daß das andere große
Staatswesen, Achaia, auch unter Philopoimen der von Aristainos inaugu-
rierten prorömischen Politik grundsätzlich treu blieb, auch wenn sich
dort allmählich vermehrt politische Spannungen mit Rom andeuteten.
Der Versuch der Aitoler und Antiochos' III., Achaia in die Front zur
Abschüttlung der seit 197 v. Chr. bestehenden römischen Vorherrschaft
in Griechenland zu bringen, scheiterte letztlich an den zahlreichen, un-
überwindlichen innergriechischen Gegensätzen, die immer wieder sich
als stärker denn der Widerstandswille gegen die römische Herrschaft
erwiesen.
Dabei ließ es Antiochos nicht an Versuchen fehlen, die Griechen
für sich zu gewinnen; die Tatsache freilich, daß er dabei stets bereit
war, auf den sofortigen direkten Bruch der betreffenden Gemeinwesen
mit Rom zu verzichten, zeigt eine gewisse Schwäche. Immerhin bemühte

48
Vgl. Liv. 35,51,7.—Zu der Einrichtung eines städtischen Kultes für Flamininus,
der M'. Acilius Glabrio von der Zerstörung der Stadt abgehalten hatte (Plut. Tit.
a. O.), vgl. die Inschriften IG XII 9,931; 233,3; dazu E. Oberhummer, RE III
2 (1899), 2085; Niese 2,707; Gundel 1088. Noch zur Zeit Plutarchs amtierte ein
ίερεύζ des 'Titus' und wurde beim Opfer für ihn der Paian angestimmt, dessen
Schluß Plutarch (a. Ο.) überliefert. — Zu den antirömischen Strömungen in
Chalkis und auf Euboia im Achaiischen und im I. Mithridatischen Krieg vgl.
unten. S. 233; 257f.
Antiochos III. und das übrige Griechenland (192—191 v. Chr.) 87

er sich schon bald nach seiner Landung um eine Verbindung mit


Boiotien, das seit 196 v. Chr. ein Zentrum der Romfeindschaft in
Mittelgriechenland war. Ungefähr gleichzeitig unternahm er auch einen
Vorstoß beim achaiischen Koinon, der allerdings ohne Ergebnis blieb;
lediglich die von den Achaiern bedrohten Poleis Elis und Messene hatten
sich auf seine Seite gestellt. Nach Elis schickte der König im Januar
191 v. Chr. auf Bitten einer Gesandtschaft unter Kallistratos 1000 Fuß-
soldaten1. Gleichzeitig erschien eine epeirotische Gesandtschaft unter der
persönlichen Führung des bis dahin als romfreundlich bekannten Charops
d. Ä. in Chalkis, um die Möglichkeit eines Anschlusses von Epeiros an
Antiochos zu erörtern. Auch war diesem und den Aitolern die Gewinnung
des bis dahin ebenfalls prorömischen Amynandros, des Königs des kleinen
Landes Athamanien, gelungen, dessen Schwager, ein gewisser Philippos
aus Megalopolis, reichlich phantastische Ansprüche auf den makedoni-
schen Thron erhob2. Schließlich begab sich der Seleukide noch Ende
191 v. Chr. selbst nach Boiotien, später nach Thessalien und Akarnanien.
Aber obwohl er dabei einige Erfolge verzeichnen konnte, zeigte sich
doch immer wieder, daß weder das Zutrauen zu seiner militärischen
Macht noch die Bereitschaft zum ernsthaften Kampf gegen Rom in
Griechenland genügend groß waren. Vielfach lähmten die ständigen
Richtungskämpfe unter den „principes", die im folgenden vor allem
darzustellen sind, die Widerstandskraft der Staaten. Während sich dabei
in Thessalien die Oberschicht als überwiegend prorömisch erwies, gab
es unter den „princifes" Boiotiens und Akarnaniens offenkundig zahl-
reiche Gegner Roms; in Boiotien waren diese sogar in der Mehrzahl.
Was endlich die antirömische Haltung der ττολλοί betrifft, so wurde
sie — von Aitolien abgesehen — besonders deutlich in den Vorgängen,
die sich in der zweiten Hälfte des Jahres 192 v. Chr. in Athen abspielten;
aber selbst in Achaia fehlte es damals nicht an unübersehbaren Zeichen
für die Romfeindlichkeit der όχλοι3.

1
Polyb. 20,3,1; 5—7 ( = Liv. 36,5,1—3). Zu Messene vgl. Errington 126 f.
2
Liv. 35,47,2; 5—8; App. Syr. 13,50—53. Amynandros war zu Beginn des II. rö-
misch-makedonischen Krieges, im Herbst 200 v. Chr., auf die Seite Roms ge-
treten (Liv. 31,28,1; 3) und hatte vom Ergebnis des Krieges nicht wenig profitiert,
Polyb. 18,47,13. Zu seiner Person vgl. bes. St. I. Oost, Amynander, Athamania,
and Rome, Class. Philol. 52, 1957, 1—15, (wonach [ib. 8f.] Amynandros selbst
den Ansprüchen seines Schwagers keine so große Bedeutung zugemessen hätte);
K.-W. Welwei, Historia 14, 1965, 252—256.
3
Vgl. unten S. 116. Anm. 10.
88 Richtungskämpfe I

Boiotien: Die Romfeinde an der Macht (192—191 v. Chr.)

Das seit der Brachyllas-Affäre besonders antirömisch geprägte Boio-


tien hat im Antiochoskrieg nur eine geringe Rolle gespielt1. Im November
192 v. Chr. erschien bereits eine Gesandtschaft des Antiochos in Boiotien 2 .
Doch obwohl die Erinnerung an die Ermordung des Brachyllas und die
sich daran anschließenden Auseinandersetzungen noch stets höchst
lebendig war und Antiochos und die Aitoler auf eine besonders rom-
feindliche Gesinnung bei den Boiotern bauen konnten3, erteilten diese
Antiochos zunächst eine zurückhaltende Antwort, indem sie ihn auf-
forderten, selbst nach Boiotien zu kommen4.
Antiochos marschierte darauf etwa im Dezember 192 v. Chr. nach
Boiotien, wo die antirömische Stimmung in der Tat keineswegs erloschen
war6. Von überallher strömten ihm die boiotischen „principes" entgegen;
mit freundlichen Worten wurde er nach Theben geleitet®. In seiner Rede
forderte der König auch hier lediglich ein gegenseitiges Bündnis ohne
direkten Bruch mit Rom 7 . Offenbar ist das boiotische Koinon darauf
eingegangen und hat einen in vorsichtigen Formulierungen gehaltenen
Beschluß gefaßt, in dem man trotz der offenkundigen Aversion gegen
Rom den förmlichen Bruch mit den Römern zu vermeiden suchte8.

1 Vgl. auch Polyb. 20,7,1'· Τοιαύτη ν δ ' εχοντες oi Βοιωτοί την διάθεσιν της πολι-
τείας ευτυχώς πως διώλισθον καΐ του; κατά ΦίλπττΓον καΐ τους κατ' Άντίοχον
καιρού;.
2 Liv. 35,47,2—3.
8 Liv. 35,47,3: Boeotorum gentem aversam ab Romanis iam inde a Brachyllae morte
et quae secuta earn fuerant, censebant.
4 Vgl. die ähnlich mißtrauische Haltung von Epeiros, unten S. 91.
β Zum Folgenden Polyb. 20,7; Liv. 36,6,1—6; vgl. Cloche, Thebes 256f.; ζ. Dat.
Walbank, Philip V, 328; 344. — Zu den Ursachen Polyb. 20,7,3—4: ot
ττολλοί ττρόφασιν μέν είχον της ττρός 'Ρωμαίους άλλοτριότητος την έτταναίρεσιν
την Βραχύλλου καΐ την στρατείαν, ήν έττοιήσατο Τίτος ΙττΙ Κορώνειαν διά τούς
έτπγινομένους φόνους εν ταϊς όδοϊς των 'Ρωμαίων, τ η δ ' άληθεία καχεκτοΰντες
(ήσαν) ταΐς ψυχαϊς διά τάς ττροειρημένας αίτιας; dazu Cloche a. Ο.
β Polyb. 20,7,5: ol των Βοιωτών άρξαντες; Liv. 36,6,3: effusis undique Boeotiae
principibus; vgl. noch App. Syr. 13,52.
7 Liv. 36,6,4: Rändern orationem est exorsus, qua in colloquio primo ad Chalcidem
quaque per legatos in concilio Achaeorum usus erat, ut amicitiam secum institui,
non bellum indici Romanis postularet. — Vgl. auch die Ausführungen des Anti-
ochos in Chalkis, Pherai Akarnanien, und Achaia, hier S. 83; 93; 95; 116.
8 Liv. 36,6,5: Decretum tarnen sub leni verborum praetextu pro rege adversus Romanos
factum est. Von einem eigentlichen Bündnis Boiotiens mit Antiochos III. (so irr-
tümlich Cloche, Thebes 257) kann nicht die Rede sein. Falsch verstanden ist die
Athen: Romfeindschaft in der Unterschicht (192 v. Chr.) 89

Die Aufstellung einer Statue des Antiochos im kultischen Zentrum des


Koinon, dem Athena-Itonia-Heiligtum bei Koroneia, zeigte jedoch aufs
deutlichste, wo die wirklichen Sympathien der Boioter lagen9.
Eine vorläufige Entscheidung brachte dann auch hier die Schlacht
bei den Thermopylen. Unmittelbar danach, etwa im Mai 191 v. Chr.,
marschierte M'. Acilius Glabrio durchs Land 10 , sah indes von Plünderun-
gen ab und verwüstete lediglich die Umgebung des Tempels der Athena
Itonia bei Koroneia. Als ihm jedoch dargelegt wurde, daß für die Auf-
stellung der Antiochosstatue nicht Koroneia, sondern das ganze boioti-
sche Koinon verantwortlich war 11 , stellte er die Verheerung ein und
begnügte sich mit einem scharfen Tadel für die „Undankbarkeit" der
Boioter gegenüber Rom 12 ; irgendwelche politischen Eingriffe nahm er
trotz der unverkennbar antirömischen Stimmung im Lande nicht vor.

A t h e n : Romfeindschaft in der Unterschicht (192 v. Chr.)

Auch in Athen hat es vor dem Antiochoskrieg Teile der Bevölkerung


gegeben, die mit den Aitolern und Antiochos sympathisierten. Etwa im
Februar 192 v. Chr. fand hier der aus Chalkis verbannte Romgegner
Euthymides Aufnahme 1 . An der Spitze der antirömischen Richtung in
Athen stand offenbar ein gewisser Apollodoros2, der mit seinen Gesin-
nungsgenossen die multitude zu gewinnen versuchte, wobei er — ähnlich
wie Menippos und Thoas bei den Aitolern — der Menge vor allem die
märchenhaften Schätze des Antiochos vor Augen führte 3 . Auch hier

Stelle auch (als ob sich nur einzelne Gemeinden an Antiochos angeschlossen hät-
ten) bei Weißenborn-Müller zu Liv. 42,40,6.
9
Liv. 36,20,3. Zum Athena-Itonia-Tempel vgl. Roesch 63; 107.
10
Das Folgende Liv. 36,20,1—4.
11
Liv. a. O. 3: Cogitatio animum subit, cum communi decreto Boeotorum posita esset
statua, indignum esse in unum Coronensem agrum saevire.
12
Liv. a. O. 4. — Zum Vorwurf der „Undankbarkeit" vgl. oben S. 55. Anm. 9.
1
Vgl. oben S. 81.
2
Kaum (wie Niese 2,694, Anm. 5 vermutete) identisch mit dem wohl erst in die
2. Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. gehörenden epikureischen Schulhaupt
Apollodoros Kepotyrannos, vgl. Ferguson, Hell. Athens 283 f., Anm. 3 (dessen
eigene Hypothese, Apollodoros werde bei Phaidimos Anth. Pal. 13,2 genannt,
allerdings auch unbeweisbar bleibt). — Das Folgende bei Liv. 35,50,3—4; dazu
Ferguson a. O. 283f.; Day 29f.
3
Liv. 35,50,4: trahentibus ad Antiochum quisbusdam spe largitionum venalem pretio
multitudinem.
90 Richtungskämpfe I

erkennt man unschwer das Grund„muster" des Widerstandes gegen


Rom in der Epoche der Richtungskämpfe der „principes" wieder. Für
Athen sind darüber freilich nur wenig Einzelheiten überliefert; doch
hielt die prorömische Seite, als die Gruppe um Apollodoros im November
192 v. Chr. nach der Landung Antiochos' in Griechenland an Einfluß
gewann, die Lage immerhin für so ernst, daß sie eilig Flamininus aus
Achaia herbeirief. Dieser forderte und erhielt auch sofort 500 Soldaten
vom achaiischen Koinon zum Schutz des Piraeus4. In Anwesenheit des
Flamininus wurde dann Apollodoros nach dem bereits in Chalkis und
Demetrias in ähnlicher Weise geübten Verfahren von Leon, einem der
Führer der mächtigen prorömischen Richtung, angeklagt und in die
Verbannung geschickt6. Nach diesem Vorfall hört man von antirömischen
Strömungen in Athen nichts mehr; die überwiegende Mehrheit der
„principes" -Schicht war zweifellos prorömisch eingestellt®.

Epeiros: Charops d. Ä. zwischen Antiochos und Rom (191 v. Chr.)

Nur wenig weiß man von den Beziehungen zwischen Epeiros und
Antiochos III. Doch erweist sich, daß die These von der geschlossen
auf römischer Seite stehenden Oberschicht nicht einmal im Falle des
älteren Charops zutraf, der sich im I. römisch-makedonischen Krieg
noch als einer der eifrigsten Helfer Roms gezeigt hatte 1 .
Etwa im Januar 191 v. Chr.2 erschienen nämlich bei Antiochos in
Chalkis Gesandte des epeirotischen Koinon unter der persönlichen

4
Liv. ib. 3.
5
Liv. ib. 4: ab iis, qui Romanae partis erant, Quinctius est accitus et, accusante
Leonte quodam, Apollodorus, auctor defectionis, damnatus atque in exilium est
eiectus. Zur Person des Leon, Sohn des Kichesias, der einer der führenden Familien
des hellenistischen Athen angehörte, vgl. J. Deininger, RE Supp. XI (1968),
874—876, Art. Leon Nr. 24a.
4
Später war allerdings noch Cato in Athen und hielt dort eine Rede gegen Anti-
ochos: Plut. Cat. mai. 12; Cat. 19, fr. 20Malcov. (vgl. unten S. 206, Anm. 20.) Z.
Dat. M. Geizer, RE XXII 1 (1953), 117; vgl. Η. H. Scuüard, Roman Politics
220—150 B.C. (Oxford 1951), 124, Anm. 4. — Zur allgemein prorömischen
Haltung der Führungsschicht in Athen in dieser Zeit vgl. auch kurz P. MacKen-
drick, The Athenian Aristocracy 399 to 31 B.C. (Cambridge, Ma„ 1969), 43 f.
1
Vgl. oben S. 39.
2
Polyb. 20,3,1: τοΰ χειμώνος καταρχομένου; vgl. auch Meloni 115, Anm. 3; Wal-
bank, Philip V, 208.
Thessalien: Pausanias von Pherai (191 v. Chr.) 91

Führung des Charops3 und erklärten sich im Namen des Koinon zu einem
Bündnis mit Antiochos für den Fall bereit, daß der König die Sicherheit
des Landes garantieren könne. Allerdings suchten sie gleichzeitig einen
förmlichen Bruch mit Rom zu vermeiden4. Antiochos versprach ihnen
daraufhin die Entsendung einer Gesandtschaft5, doch sind darüber keine
weiteren Nachrichten erhalten.
Diese keineswegs prorömische Haltung® wurde den Epeiroten nach
der Schlacht bei den Thermopylen denn auch zum Vorwurf gemacht.
Als etwa im August/September 191 v. Chr. eine epeirotische Gesandt-
schaft bei M'. Acilius Glabrio vorsprach7, verwies dieser sie an den
Senat, der sie dann mit einer vagen Antwort, die sich aber immerhin
als Bereitschaft deuten ließ, die schwankende Haltung des Koinon zu
vergessen, nach Epeiros zurückschickte8.

Thessalien: Pausanias von Pherai und die prorömische Oberschicht


(191 v. Chr.)

Eindeutiger prorömisch als in Epeiros waren die führenden Poli-


tiker in Thessalien, eine Erscheinung, die höchstwahrscheinlich im Zu-
sammenhang mit den beiden massiven römischen Interventionen in den
Jahren 196 und 194 v. Chr. gesehen werden muß. 196 v. Chr. war im
Benehmen mit der Zehner-Kommission des Senats eine erste Neuorgani-
sation Thessaliens und insbesondere die Begründung des thessalischen
Koinon erfolgt, an dessen Spitze nach dem Vorbild anderer Koina ein

3 Polyb. 20,3; Liv. 36,4; dazu Hammond 623 (der annimmt, Charops habe gegen
seinen Willen unter dem Druck einer antirömischen Mehrheit im epeirotischen
Koinon gehandelt, wofür es aber keine klarenAnzeichen gibt); Oost 59 f.; Niese 2,697.
4 Polyb. 20,3,3; Liv. 36,5,5.
5 Liv. ib. 8.
6 Liv. 36,35,8: Epirotarum legati ... venerunt, quos non sincera fide in amicitia
fuisse satis constabat. Die Epeiroten hatten Antiochos zwar keine Truppen zur
Verfügung gestellt, doch wollten Gerüchte von finanzieller Unterstützung des
Seleukiden wissen, Liv. a. O.; vgl. noch Weißenborn-Müller zu Liv. 36,5,1;
Oost 60; Meloni a. O.
7 Das Folgende Liv. 36,35,8—11.
8 Liv. 36,35,11; dazu Hammond 624; Oost 63f.; Walbank a. O. 208. — In der
Folge erscheinen die Epeiroten als Verbündete Roms im Kampf gegen die Aitoler,
vgl. unten S. 105, Anm. 4.
92 Richtungskämpfe I

von der multitudo gewählter Stratege trat 1 ; der erste, der dieses Amt
(für das Jahr 196/5 v. Chr.) bekleidete, war Pausanias von Pherai 2 .
Doch stellte sich bald heraus, daß damit nicht alle Unruheherde in
Thessalien beseitigt waren, und unmittelbar vor seiner Rückkehr nach
Italien, im Sommer 194 v. Chr., sah sich Flamininus zu einem neuer-
lichen politischen Eingriff genötigt. Er hat damals die thessalischen
Städte vorwiegend nach timokratischen Gesichtspunkten neu geordnet
und dadurch den politischen Einfluß der am meisten antirömisch ge-
sinnten Unterschicht weitgehend beschnitten 3 . Daß im thessalischen
Koinon, dessen Strategie damals als Nachfolger des Pausanias ein ge-
wisser Amyntas innehatte 4 , entsprechende Reformen vorgenommen
wurden, ist zwar nicht ausdrücklich überliefert, liegt jedoch nahe 6 .
Mit diesen Verfassungsrevisionen mag es zusammenhängen, daß
Thessalien Rom im Gegensatz zu fast allen anderen Regionen Griechen-
lands kaum mehr ernsthaften Widerstand geboten hat. Die römische
Gesandtschaft unter Flamininus, die im Frühjahr 192 v. Chr. in Chalkis
und Demetrias heftige innere Auseinandersetzungen und schließlich die
Verbannung der Führer der antirömischen Gruppen zur Folge hatte, konnte
sich daher in Thessalien auf einen ganz kurzen Besuch beschränken®. Im
Spätsommer desselben Jahres veranlaßte Flamininus bei dem amtierenden
Strategen Eunomos vorsorglich Rüstungen zur Unterstützung der dann
freilich gescheiterten Aktion zur Wiedergewinnung von Demetrias 7 .
1
Eus. chron. 1,243 Schoene (vgl. FGH 3, p. 703):... deinde vero duces annui ex multi-
tudine eligehantur; dazu besonders Passerini, Athenaeum 1], 1933, 322 ff.; Hertz-
berg 106, Anm. 2. — Larsen, Fed. States 286 (vgl. Repr. Gov. 102f.) glaubt an
eine Repräsentativverfassung des thessalischen Koinon ohne Primärversammlung,
beachtet dabei jedoch das Zeugnis des Eusebius nicht.
2
Eus. a. O.: Pausanias Echecratis Pheraeus; vgl. auch IG I X 2, p. X X I V ; unten
Anm. 13.
3
Liv. 34,51,4—6; ib. 6: A censu maxime et senatum et iudices legit, potentioremque
earn partem civitatium fecit, cui salva et tranquilla omnia esse magis expediebat.
Dazu Larsen, Fed. States 284f. (vgl. Repr. Gov. 218, Anm. 30), der mit Recht
darauf hinweist, daß sich Liv. a. O. nur auf die Verfassung der einzelnen thes-
salischen civitates bezieht; unrichtig Touloumakos 71 f., wonach mit senatus das
Synedrion des Koinon gemeint wäre. Auch bei den iudices handelt es sich um
städtische Beamte, trotz der gegenteiligen Feststellung von Touloumakos,
Historia 18, 1969, 415, Anm. 36, der ib. 407—417 selbst zahlreiche Beispiele für
städtische δικοσταί als Verwaltungsbeamte, Antragsteller und Eponyme bringt.
4
Eus. a. O.: Amyntas Gratis Pierius, quo imperante Titus Romam reversus est.
6
Vgl. Anm. 3; Larsen, Fed. States 285; Repr. Gov. 102.
6
Liv. 35,31,3.
7
Liv. 35,49,4.
Thessalien: Pausanias von Pherai (191 v. Chr.) 93

Etwa im Jahre 191 v. Chr. erschien Antiochos III. in Thessalien und


schickte eine Gesandtschaft an das Koinon nach Larisa 8 . Das Koinon
selbst scheint überhaupt nicht reagiert zu haben, während die Larisaier 9
nicht weniger kühl antworteten als etwa die prorömische Richtung um
Mikythion und Xenokleides in Chalkis: wie jene verlangten sie vor dem
Beginn von Verhandlungen mit Antiochos die Zurückziehung von dessen
Truppen 10 . Zugleich entsandten sie Hippolochos mit einer Abteilung
von 500 Soldaten zum Schutz von Pherai; er wurde allerdings rasch
wieder zum Rückzug nach Skotussa gezwungen11.
Unterdessen versuchte Antiochos seinerseits, auch den Larisaiern
klarzumachen, daß er nicht zur Eroberung, sondern vielmehr zur
Befreiung des Landes gekommen sei, und Heß ähnliches durch eine
besondere Gesandtschaft in das belagerte Pherai melden 12 . Von dort
erschien jedoch der „princeps civitatis" Pausanias persönlich, offenkundig
niemand anders als der schon erwähnte erste Stratege des thessalischen
Koinon von 196/5 v. Chr., und wiederholte die schon ζ. B. von der pro-
römischen Gruppe in Chalkis vertretenen Ansichten in noch schrofferen
Formulierungen 13 . So blieb Pherai trotz der dringenden Aufforderung
des Antiochos hartnäckig auf römischer Seite14. Als Antiochos allerdings
zur Belagerung der Stadt schritt, zeigte sich bald, daß der Widerstand
gegen den seleukidischen König doch nicht sonderlich populär war.
Bald mußten die Verteidiger durch scharfe Befehle der „principes"

8
Liv. 36,8,2: legati Larisam ad concilium Thessalorum sunt misst.
8
Liv. 36,9,1: legati ab Larisa·, ib. 4: legati Larisaeorum; ib. 15: dimissi (sc. legati)
ab rege inviolati omnes, quod earn rem magni momenti futuram rex ad conciliandos
Larisaeorum animos credebat. Es handelt sich also hier — im Gegensatz zur
opinio communis (vgl. Holleaux, Etudes 5,400; De Sanctis 4,l 2 ,148f.; Niese
2,699) — offenbar lediglich um eine Gesandtschaft der Stadt Larisa und nicht
um eine solche des thessalischen Koinon; richtig daher Weißenborn-Müller z. St.
sowie F. Stählin, R E X I I 1 (1924), 858, Art. Larisa.
10
Liv. 36,9,2.
11
Liv. 36,9,1—3.
12
Liv. 36,9,4—5; ib. 4: non belli faciendi, sed tuendae et stabiliendae libertatis Thessa-
lorum causa se Thessaliam intrasse. Zur aitolisch-seleukidischen antirömischen
Freiheitsagitation vgl. oben S. 71; 74f.; 77; 82.
13
Liv. 36,9,6. — Zur Pers. d. Pausanias vgl. Th. Lenschau, R E X V I I I 4 (1949),
2401 f., Nr. 11 (der jedoch die Notiz bei Euseb — oben Anm. 2 — übersieht); zur
Identität beider vgl. bereits Niebuhr, Kl. Sehr. 1, 243f.; W. Kroog, De foederis
Thessalorum praetoribus (Diss. Halle 1908), 8.
" Liv. 36,9,5—7.
94 Richtungskämpfe I

zum Durchhalten angetrieben werden16, und schließlich fiel die Stadt 16 .


Ihr folgten Skotussa und eine ganze Reihe weiterer thessalischer Orte,
darunter Pharsalos17.
Dagegen scheiterte die Belagerung von Larisa, der Hauptstadt
Thessaliens. Etwa Ende Januar 191 v. Chr. sah sich Antiochos zum
Abzug veranlaßt 18 und kehrte nach Demetrias zurück. Schon im März,
während der König durch Akarnanien zog, wurde dann ganz Thessalien
von den Römern und Philipp V. ohne große Mühe zurückgewonnen19:
Thessalien hatte sich mit der Vorherrschaft Roms abgefunden.

Akarnanien: Antiochos und die Romfeinde Mnasilochos und Klytos


(191 v. Chr.)
Größere Chancen als in Thessalien schienen sich Antiochos eine
Zeitlang in Akarnanien zu bieten, wo der „princeps" Mnasilochos dabei
war, das Land auf die Seite der Feinde Roms zu bringen1. Es war ihm
gelungen, den akarnanischen Strategen Klytos für seine Pläne zu
gewinnen2. Dagegen konnte die akamanische Hauptstadt Leukas wegen
der Nähe der römischen Flotte nicht zum Anschluß gebracht werden.
Klytos griff daher zu einer List und stellte im akarnanischen Koinon
den Antrag, die gesamte Streitmacht des Bundes sollte zum Schutz
gegen Antiochos und die Aitoler nach Medion und Thyrreion entsandt
werden. Damit hatte er zwar keinen Erfolg; doch wurden immerhin

» Liv. ib. 12.


» Liv. ib.
17
Liv. 36,9,13—10,9. In Skotussa Freilassung der larisaischen Schutztruppe unter
Hippolochos: Liv. 36,9,14.
18
Liv. 36,10,12; App. Syr. 16,68f.
» Liv. 36,13—14.
1
Liv. 36,11,8: Mnasilochus, princeps Acarnanum, multis emptus donis. Daß es sich
dabei um einen Sohn des aus dem I. römisch-makedonischen Kriege bekannten
' Εχέδαμοζ Μνασιλόχου aus Leukas (oben S. 48f., Anm. 7) handelt, hält Chr. Ha-
bicht, Hermes 85,1957,118, Anm. 2, für wahrscheinlich; vgl. jedoch seine eigenen
Bedenken angesichts der Häufigkeit von mit Μνασι- gebildeten Personennamen
in Akarnanien sowie unten Anm. 5.
2
Liv. a. O.: Clytum etiam praetorem, penes quem tum summa potestas erat, in suam
sententiam adduxerat. Zur Person des Klytos vgl. J. Deininger, RE Suppl. XI
(1968), 858f., Art. Klytos Nr. 9. — Das Folgende bei Liv. 36,11, 8—12; 12;
vgl. App. Syr. 16,70; dazu bes. Oost 60ff.; vgl. noch E. Oberhummer, Akarna-
nien, Ambrakia, Leukas im Altertum (München 1887), 178 f.
Akarnanien: Mnasilochos und Klytos (191 v. Chr.) 95

500 Soldaten bewilligt, von denen er 300 nach Medion und 200 nach
Thyrreion legte, mit dem Hintergedanken, sie möglichst bald Antiochos
als Geiseln in die Hände zu spielen3.
Nahezu gleichzeitig trafen in Medion Gesandte des seleukidischen
Königs ein. Angesichts der Unentschlossenheit der Volksversammlung4
fand ein Antrag des Klytos Zustimmung, zunächst eine Gesandtschaft
über diese Frage zum Koinon zu entsenden. Als Mitglieder dieser Ge-
sandtschaft ließen sich dann Mnasilochos und Gesinnungsgenossen von
ihm wählen8. Sie verständigten jedoch insgeheim Antiochos III. und
zögerten ihre Abreise nach Leukas so lange hinaus, bis sie den Seleukiden
in unmittelbarer Nähe von Medion wußten. Kaum hatten sie dann die
Stadt verlassen, als Antiochos — etwa im März 191 v. Chr.® — vor den
Toren der Stadt erschien, wo eine vollständige Verwirrung entstand,
bis schließlich Klytos und Mnasilochos den König in die Stadt führten.
Auch hier hielt Antiochos eine maßvolle Rede und erreichte damit den
Anschluß einiger weiterer Landstriche Akarnaniens an die Sache des
Widerstandes gegen Rom7.
Bald nach diesem Erfolg marschierte der König nach Thyrreion wei-
ter, das jedoch durch die Überrumpelung von Medion gewarnt war.
Die prorömische Richtung behielt dort die Oberhand: Thyrreion Schloß
die Tore und ließ erklären, daß man nur mit römischer Billigung ein
Bündnis schließen werde8.
Unmittelbar darauf zwang freilich das Erscheinen des römischen
Gesandten Cn. Octavius in Leukas mit der Nachricht von der Ankunft
des M'. Acilius Glabrio Antiochos zum Abbruch seines Zuges durch
Akarnanien. Unter Zurücklassung von Besatzungen in den gewonnenen
3
Liv. 36,11.11 (nach Polybios).
4
Liv. 36,12,2: cum...alii manendum in Romana societate, alii non aspernandam
amicitiam regis censerent. Dies zeigt erneut, daß Antiochos auch in Medion keinen
automatischen Bruch mit Rom verlangte; vgl. noch oben S. 88, Anm. 7.
8
Liv. 36,12,4: in earn legationem Mnasilochus et qui eius factionis erant de industria
coniecti. Der (trotz Habicht a. O.) naheliegende Schluß Oosts (127, Anm. 143),
daß Mnasilochos selbst aus Medion stammte, würde eher gegen eine Verwandt-
schaft mit dem Leukadier Echedamos sprechen (vgl. oben Anm. 1).
β
Z. Dat. Walbank, Philip V, 329; 344.
7
Liv. 36,12,6.
8
Liv. ib. 8: nullam se novam societatem nisi ex auctoritate imperatorum Romanorum
accepturos. Es war die gleiche Haltung, die Mikythion in Chalkis eingenommen
hatte, vgl. oben S. 83. — Offenbar bestand (seit 196 v. Chr. ?) ein Foedus zwischen
Akarnanien und Rom, vgl. Hammond 621; G. Klaffenbach, IG I X l 2 , 2 , p. XXVI,
Z. 68ff. gegen Oost 55f.
96 Richtungskämpfe I

Orten® trat er den Rückzug nach Chalkis an. Möglicherweise wurden


diese Besatzungen noch vor der Thermopylenschlacht (April 191 v. Chr.)
zum Abzug gezwungen und ist Mnasilochos im Zusammenhang mit
diesen Ereignissen dann zu Antiochos geflohen10. Beim Friedensschluß
mit Antiochos im Jahre 188 v. Chr. verlangte Rom jedenfalls von dem
Seleukiden die Auslieferung dieses prominentesten Romfeindes in
Akarnanien11.

e) Aitolien: Der Gegensatz zwischen radikalen und gemäßigten


Romfeinden in der Endphase des Krieges (191—189 v. Chr.)

Die Niederlage Antiochos' I I I . und der Fall von Herakleia


(Frühjahr-Sommer 191 v. Chr.)

So hatte sich im Herbst und Winter 192—191 v. Chr. in aller Deut-


lichkeit gezeigt, daß Antiochos' Versuche, größere Teile Griechenlands
zum Anschluß gegen Rom zu gewinnen, unbefriedigend blieben. Wohl
hatte sich erwiesen, daß es — im Gegensatz zu gewissen modernen Auf-
fassungen — fast überall in Griechenland durchaus „principes" gab,
die bereit waren, sich auf die Seite des Antiochos gegen Rom zu stellen,
doch aufs ganze gesehen bildeten sie doch die Minderheit. Der Gegensatz
zwischen den Römern als „Barbaren" und den Griechen war längst ver-
gessen ; aber auch die neue Parole der Aitoler, die sich Antiochos zu eigen
gemacht hatte, der Kampf gegen die von Rom kontrollierte „Schein-
freiheit" Griechenlands, hatte nicht den erwarteten Erfolg. Immer wieder
gewinnt man den Eindruck, daß nur dort, wo sie, wie ζ. B. in Demetrias,
ihre partikularen Interessen direkt bedroht sahen, die Griechen zu
aktivem poütischem Handeln gegen Rom fähig waren.
Auch bei den Aitolern selbst war nicht viel Enthusiasmus zu bemer-
ken, was angesichts ihres erbitterten Widerstandes gegen Rom in der
beinahe schon aussichtslosen Situation der Jahre 191—189 v. Chr. be-
sonders erstaunlich anmutet. Über ihre Beziehungen zu Antiochos bis
zum April 191 v. Chr. ist nur wenig überliefert. Man weiß lediglich,
daß im Januar 191 v. Chr. eine Beratung des Königs mit aitolischen

» Liv. a. O. 11.
10 G. Klaffenbach, IG I X 2 1, 2, p. X X V I I I f. — Zu (antirömischen ?) akarnanischen
Münzprägungen dieser Zeit vgl. Oost 62; Oberhummer a. O. 180, Anm. 3.
11 Polyb. 21,17,7; 43,11; Liv. 37,45,17; 38,18.
Aitolien: Radikale und gemäßigte Romfeinde (191—189 v. Chr.) 97

„principes" in Demetrias stattfand 1 , an der auch Thoas teilnahm2 und


bei der Hannibal mit größtem Nachdruck für die Gewinnung Philipps V.
eintrat. Insgesamt haben die Aitoler Antiochos jedoch während der ent-
scheidenden Monate eigentümlich wenig unterstützt 3 . Als der Seleukide
schließlich im Frühjahr 191 v. Chr. die aitolischen Streitkräfte zu sich
nach Lamia beorderte4, fanden sich nicht mehr als 4000 Mann bei ihm
ein6. Daß dies, wie man öfters behauptet hat, die unmittelbare Folge
einer von der Gruppe der „Gemäßigten" um Phaineas ausgeübten Oppo-
sition gewesen sei®, ist allerdings durchaus fraglich. Einmal ist darüber
nichts überliefert, zum anderen scheint nach der Darstellung des Livius
(Polybios) der Widerstand gegen die Rekrutierung für Antiochos weniger
von den „principes" als vielmehr von deren „clientes" ausgegangen zu
sein7. So folgte etwa im April 191 v. Chr.8 die schwere Niederlage des
Antiochos gegen die Römer bei den Thermopylen und sein rascher
Rückzug nach Kleinasien, womit eine der großen Möglichkeiten des
Widerstandes gegen Rom — vielleicht die größte überhaupt, die sich
den mutterländischen Griechen geboten hat — jäh zerbrochen war.
Aber es war merkwürdigerweise dennoch nicht der katastrophale
Ausgang dieser Schlacht, der zu einer ersten ernsthaften Abschwächung
der antirömischen Politik der Aitoler führte. Als das Koinon nicht
allzulange nach der Niederlage Antiochos' in Hypata zusammentrat®,
1
Liv. 36,6,6—7,21.
2
Liv. 36,7,12.
3
Vgl. dazu auch Badian, Studies 134.
4
Liv. 36,15,2.
* Liv. 36,15,3.
β
So W. Hoffmann, R E X I X 2 (1938), 1564; De Sanctis 4,l J ,166f. (der daneben an
die Abneigung der Aitoler gegen eine offene Feldschlacht und ihre Furcht vor
einem Einfall Philipps V. denkt, ebenso Will 2,175); Niese 2,704, Anm. 2.
7
Liv. 36,15,4—5: Quo (sc. Lamiam) cum aliquanto pauciores quam umquam antea
convenissent, et principes tantummodo cum paucis clientibus essent, atque ii dicerent
omnia sedulo ab se facta, ut quam plurimos ex civitatibus suis evocarent; nee aueto-
ritate nec gratia nec imperio adversus detractantes militiam valuisse. — Eine derart
radikale Opposition des Phaineas und seiner Gruppe, wie sie Hoffmann u. a.
(vgl. Anm. 6) annehmen, ist weder vorher noch in der viel schwierigeren Situation
der Endphase des Krieges jemals bezeugt.
8
Z. Dat. vgl. Walbank, Philip V, 329; Holleaux, Etudes 5,404, „Ende April";
De Sanctis 4,1 2 ,377 f.; für Mai tritt dagegen ein Aymard, Rapports 340 (m. Anm. 7),
nach O. Leuze, Hermes 58, 1929, 269 ff.
• Liv. 36,26. — Zum Charakter der Versammlung (Ekklesie) vgl. J. A. O. Larsen,
ΤΑΡΑ 1952, 26f.; anders Klaffenbach, IG I X l 2 , 1, p. XL, der an den Apokleten-
rat denkt.
7 Deininger, Widerstand
98 Richtungskämpfe I

vermochten vielmehr die „radikalen" Romfeinde um Thoas trotz der


für sie ungünstigen Lage einen neuerlichen Erfolg zu erringen: Das
Koinon stimmte der Entsendung einer Delegation zu Antiochos nach
Kleinasien zu, der neben Thoas selbst auch Nikandros, ein anderes
führendes Mitgüed der radikal antirömischen Richtung10, angehörte und
die Antiochos dringend um weitere Unterstützung der Aitoler in ihrem
Kampf gegen Rom ersuchen sollte. Antiochos übergab den Gesandten
in der Tat erhebliche Geldmittel für die Fortsetzung des Krieges und
versprach die Entsendung einer neuen Truppenmacht nach Griechenland;
zugleich behielt er, gleichsam als Unterpfand seiner festen Bindung mit
den Aitolern, Thoas bei sich11.
Unmittelbar nach Beendigung der Versammlung von Hypata und
der Abreise der Gesandtschaft mußten die Aitoler jedoch einen neuen,
für sie offenbar weit empfindlicheren Rückschlag hinnehmen: Nach
vierwöchiger, aufopferungsvoller Verteidigung fiel das von M'. Acilius
Glabrio belagerte trachinische Herakleia, wobei mit dem ehemaligen
Strategen Damokritos zugleich einer der führenden Vertreter des radikal
antirömischen Kurses in die Hand der Römer geriet12. Zusammen mit
seinem Bruder und 41 weiteren aitolischen „principes" mußte er den
Weg in die Gefangenschaft nach Italien antreten, von wo er nicht
mehr zurückkehren sollte13.

Der Vermittlungsversuch bei M\ Acilius Glabrio


(Sommer 191 v. Chr.)

Erst die Eroberung von Herakleia und damit die unmittelbare aito-
lische Niederlage hatte schließlich die ersten spürbaren Auswirkungen
auf das Kräfteverhältnis der inneren Gruppierungen und die Politik
des Koinon, in dem sich weiterhin kompromißlose und gemäßigtere
Romfeinde gegenüberstanden. Als Hauptrepräsentanten der radikal
antirömischen Richtung bei den „principes" wird man dabei Nikandros
zu nehmen haben, außerdem, wie das römische Auslieferungsbegehren
10 Zu ihm vgl. oben S. 69, Anm. 7.
11 Liv. 36,26,6.
12 Liv. 36,24,12; vgl. App. Syr. 21,94; Zonar. 9,19. — Die Belagerung von Herakleia
Liv. 36,22—24.
18 Liv. 37,3,8. — Im Sommer 190 gelang ihm kurz vor der Feier des Triumphes des
M\ Acilius Glabrio die Flucht aus dem Career; als er jedoch unmittelbar danach
am Tiber wieder gefaßt wurde, beging er Selbstmord, Liv. 37,46,5; vgl. auch unten
S. 108.
Aitolien: Radikale und gemäßigte Romfeinde (191—189 v. Chr.) 99

im Sommer 191 v. Chr. zeigt1, Dikaiarchos. Sein Bruder Thoas, das


eigentliche Haupt der aitolischen Romfeinde, vertrat deren Ziele bei
Antiochos III. und ist während des Krieges nicht mehr nach Aitolien
zurückgekehrt. — Auf der anderen Seite stand die „Faktion" der ge-
mäßigten Romgegner, die es auf eine Beendigung des militärischen
Konfliktes abgesehen hatte, ohne daß dabei jedoch, wie man öfter
gemeint hat, von einer eigentlichen „Orientierung auf Rom hin" die
Rede sein könnte2; der Unterschied zur Politik des Thoas und seiner
Anhänger war nur graduell. Hier spielte weiterhin Phaineas die Haupt-
rolle, zusammen mit Damoteles; auch Archedamos, Chalepos und
Pantaleon, die mehrfach im Zusammenhang der verschiedenen Ver-
mittlungsbemühungen genannt werden, scheinen hierherzugehören, ob-
wohl Zugehörigkeit zu einer Vermittlungsgesandtschaft allein natur-
gemäß noch nicht als zwingender Beweis für eine „gemäßigt romfeind-
liche" Haltung gelten kann. Das Hin und Her von Vermittlungsbe-
mühungen und Wiederaufnahme des Krieges war für die Endphase
des Krieges in den Jahren 191—189 v. Chr. charakteristisch. Es hatte,
wie im folgenden näher zu untersuchen sein wird, meist unmittelbare
Auswirkungen auf das Stärkeverhältnis der beiden Richtungen im
Koinon; einen wesentlichen politischen Faktor aber stellte daneben die
immer wieder zu beobachtende konstant antirömische Haltung der
multitudo dar.
Der Fall von Herakleia, die Gefangennahme des Damokritos, schließ-
lich die Abwesenheit von Thoas und Nikandros hatten offenbar zu-
sammengewirkt, daß im Sommer 191 v. Chr. die Aussichten der radi-
kalen Romgegner auf einem Tiefpunkt standen und damit die gemäßigte
Gruppe um den amtierenden Strategen Phaineas einen starken Auftrieb
bekam. So setzten Phaineas und seine Anhänger im Apokletenrat die
Entsendung von Archedamos3, Pantaleon4 und Chalepos5 zur Aufnahme

1 Vgl. S. 100.
2 So W. Hoffmann, R E X I X 2 (1938), 1564; vgl. auch unten Anm. 6; 16; S. 102,
Anm. 2; 103, Anm. 1.
3 Zu ihm—der den „Radikalen" im übrigen nicht ferne stand, vgl. unten S. 171 f . —

U. Wücken, R E II 1 (1895), 439; Gillischewski 47ff. E r wurde im Herbst dieses


selben Jahres der Nachfolger des Phaineas in der Strategie (die er auch später
— 1 8 8 / 7 und 182/1 — noch zweimal bekleidete; die Belege bei Klaffenbach, IG I X
l 2 , 1, p. LI). Die Inschriften bestätigen die polybianische Form (gegenüber Ar-
chidemus bei Liv. und Άρχίδημος bei Plut.) als die ursprüngliche. Zum (nicht
erklärten) Ethnikon Φόλα? vgl. IG a. O. Nr. 31, Komm, zu Z. 115.
4 Pantaleon aus Pleuren — auch er den „Radikalen" nicht sehr ferne, vgl. unten
7*
100 Richtungskämpfe I

v o n Verhandlungen m i t M\ Acilius Glabrio durch 6 . Dieser w a r jedoch


n o c h m i t der Regelung der Verhältnisse in H e r a k l e i a beschäftigt u n d
schickte die Gesandten wieder n a c h H y p a t a zurück, u n d z w a r in B e -
gleitung seines L e g a t e n L . Valerius F l a c c u s 7 , der d o r t dem A p o k l e t e n r a t
empfahl 8 , ut in fidem se fiermitterent Romanorum9. Daraufhin b e g a b sich
eine neue Gesandtschaft, diesmal u n t e r der F ü h r u n g des Strategen
Phaineas selbst 1 0 , zu Glabrio 1 1 u n d n a h m die empfohlene Dedition vor,
ohne sich freilich, wie Polybios ausführlich darlegt, über deren r e c h t -
liche T r a g w e i t e in römischer Sicht i m klaren zu sein 1 2 .
Die Aitoler h a t t e n n ä m l i c h n i c h t im entferntesten m i t so h a r t e n
Forderungen gerechnet, wie sie Glabrio sofort stellte. E r verlangte
kategorisch die Einstellung aller p r i v a t e n u n d öffentlichen Gesandt-
schaftsreisen zu Antiochos, v o r allem a b e r die Auslieferung v o n Dikai-
axchos, des E p e i r o t e n Menestratos (der N a u p a k t o s besetzt hielt) 1 3 , A m y -
nandros' u n d anderer A t h a m a n e n 1 4 ; u n d als die Aitoler dagegen E i n -

S. 171 — : P . Treves, R E X V I I I 3 (1949), 6911, Nr. 6; vgl. Gillischewski 57f. E r


trat später gleichfalls mehrfach als Stratege des Koinon in Erscheinung (186/5,
P180/79, 174/3 v. Chr.); die Zeugnisse hierzu bei Klaffenbach a. O.
s Zu Chalepos aus Naupaktos, Stratege 199/8 v. Chr. (Belege bei Klaffenbach

a. O.), vgl. kurz A. Kirchner, R E I I I 2 (1899), 2063.


' P o l y b . 20,9,1—2; Liv. 36,27,1—2. Das Folgende bei Polyb. 20,9—11; Liv.
36,27—29; dazu Niese 2,709—711; De Sanctis 4,l s ,162; zu d e n — i m vorliegenden
Zusammenhang weniger interessierenden — Umformungen des polybianischen
Berichts bei Livius hier und bei den aitolisch-römischen Verhandlungen der Jahre
191—190 v. Chr. überhaupt vgl. W. Flurl, Deditio in fidem, Untersuchungen zu
Livius und Polybios (Diss. München 1969), 26—106. — Polybios stellt ausdrück-
lich fest (20,9,1), Phaineas habe die Gesandtschaft in Anbetracht der ernsten
Lage Aitoliens veranlaßt (und nicht etwa aus einer irgendwie „prorömischen"
Haltung heraus, wie Hoffmann a. O. meint).
' Polyb. 20,9,4—5; Liv. 36,27,3.
8 Polyb. 20,10,11 und 13; dazu auch Larsen, ΤΑΡΑ 1952, 27. — Liv. 36,27,4 spricht
lediglich von ,,principes Aetolorum", vgl. dazu oben S. 18.
» Liv. 36,27,8 = Polyb. 20,9,10.
10 Polyb. 20,10,1; Liv. 36,28,1.

μ Polyb. 20,10,Iff.; Liv. 36,28,lff.; vgl. dazu besonders Dahlheim 45—47.


12 Polyb. 20,10,6; Liv. 36,28,4. Zu den rechtlichen Fragen der Deditio in der folgen-

den Episode vgl. Dahlheim 33—38; dazu Flurl a. O. 32-^74; 79f.


13 Vgl. zu ihm S. 107, Anm. 19.

1 1 Polyb. 20,10,4—5; Liv. 36,28,3; zu der (kaum historischen) Begründung des

Auslieferüngsbegehrens bei Liv. vgl. Dahlheim 34, Anm/24.'— Zu Amynandros


oben S. 87. E r war nach der Niederlage Antiochos' I I I . beiden Thermopylen und
der Eroberung Athamaniens durch Philipp V. nach Ambrakia geflohen, Liv.
36,14,10; App. Syr. 17,73.
Aitolien: Radikale und gemäßigte Romfeinde (191—189 v. Chr.) 101

sprach zu erheben wagten, wollte sie der römische Feldherr kurzerhand in


Fesseln legen lassen. Nur die Intervention des Flaccus15 befreite die
aitolische Delegation aus dieser Lage. Dennoch erklärte der Stratege
Phaineas, die Apokleten seien bereit, sich den römischen Forderungen
zu beugen; doch müsse auch die Zustimmung der πολλοί eingeholt
werden16.
So kehrte die Gesandtschaft wiederum nach Hypata zurück17. Dort
brachen jedoch unter dem Eindruck der allzu drastischen Bedingungen
Roms die großen Gegensätze in voller Schärfe erneut auf: Während der
Rat der Apokleten — freilich in Abwesenheit von Thoas und Nikan-
dros — in seiner Mehrheit offenbar zur Annahme der römischen Forde-
rungen bereit war, war bei den πολλοί die Erbitterung gegen Rom so
stark, daß die von den Apokleten nach Hypata berufene, außerordent-
liche Versammlung des Koinon überhaupt nicht beschickt wurde18.
Entscheidend kam aber die gerade in jenen Tagen erfolgte Rückkehr des
Nikandros aus Kleinasien hinzu, der seine Mission bei Antiochos in
höchster Eile beendet, namhafte Subsidien des Königs mitgebracht
hatte 19 und jetzt die „multitudo" in Aitolien mit neuer Hoffnung auf
eine Fortsetzung des Krieges gegen Rom mit Antiochos III. als Ver-
bündetem erfüllte20. Als ständiger Vertreter der Sache der radikalen
aitolischen Romfeinde war Thoas bei Antiochos geblieben21 .— Die
Initiative der gemäßigten Richtung im Koinon war damit an der Aktivi-
tät der radikalen Gruppe wie an dem heftigen Widerstand der πολλοί

15
Vgl. dazu Dahlheim 33f., Anm. 23.
18
Polyb. 20,10,11—13; Liv. 36,28,7—8. — Gerade auch die rücksichtslose Be-
handlung des Phaineas durch Glabrio zeigt — wenn es noch eines Beweises be-
durfte —, daß dieser alles andere als ein „Romfreund" war (oben Anm. 2 und 6).
« Polyb. 20,10,13; Liv. 36,28,8.
" Polyb. 20,10,15—16. Offenbar mißverstanden von Livius (36,29,1), wonach die
Versammlung doch zusammengetreten wäre und erst dann die Erregung der
multitudo die Erörterung der römischen Bedingungen verhindert hätte; so auch
Holleaux, Etudes 5, 406; Gillischewski 37; Hertzberg 125. Richtiger jedoch wohl
Larsen, ΤΑΡΑ 1952, 27f.; 33, Anm. 47; ders.. Fed. States 422; vgl. Walbank,
Philip V, 206; Niese 2,710 sowie Flurl a. O. 76 f. — Der Vorgang erinnert an
das Fernbleiben der Gegner Roms bei der Versammlung des akarnanischen
Koinon im Jahre 197 v. Chr. (vgl. oben S. 48).
18
Vgl. oben S. 98; die Episode mit Philipp V., der Nikandros nach dessen Ge-
fangennahme wieder freiließ, bei Polyb. 20,11,1—10.
20
Liv. 36,29,3: implevit expectatione vana multitudinem terra marique ingens parari
bellum.
21
Liv. 36,26,6.
102 Richtungskämpfe I

gescheitert, und der Kampf zwischen Aitolien und Rom nahm wieder
seinen Fortgang22.

Der Vermittlungsversuch bei Flamininus in Naupaktos


(Herbst 191 v. Chr.)

Nicht lange danach ergab sich jedoch eine erneute Gelegenheit, in


Verhandlungen mit den Römern einzutreten, als Ende September Flami-
ninus vor Naupaktos eintraf, das M'. Aciüus Glabrio seit zwei Monaten
vergeblich belagert hatte1. Auf sein Erscheinen setzte die gemäßigte
Gruppe um Phaineas große Hoffnungen. Es gelang Flamininus, Glabrio
von der Nutzlosigkeit der Belagerung von Naupaktos und des Krieges
gegen die Aitoler vor der endgültigen Niederwerfung des Antiochos zu
überzeugen. So kam es vor den Mauern von Naupaktos zu einer Begeg-
nung mit Phaineas, der erneut als der unermüdliche Wortführer der
gemäßigten Richtung hervortrat, und anderen aitolischen „princifies" 2 ,
wobei Flamininus eine Gesandtschaft zu Glabrio empfahl, die diesen
um einen Waffenstillstand zwecks Entsendung einer aitolischen Delega-
tion nach Rom ersuchen sollte. Dies geschah, und Glabrio gab der aito-
lischen Bitte statt 3 .
Die Zusammensetzung der Gesandtschaft, die etwa im November/
Dezember 191 v. Chr. in Rom weilte4, ist im einzelnen nicht bekannt6.
Sie endete jedenfalls trotz der Unterstützung von Seiten des Flamininus
mit einem eindeutigen Mißerfolg, der einen neuerlichen Rückschlag für
alle Anhänger einer auf die Beendigung des Krieges mit Rom hinzielen-
den Politik bedeutete6: Da die Bedingungen des Senats — Zahlung der
immensen Summe von 1000 Talenten und Abschluß eines Foedus mit
Rom oder Dedition ohne vorherige Bekanntgabe der dann geplanten

22 Polyb. 20,10,7. — Vielleicht hing auch die Wahl des Archedamos (oben Anm. 3)
zum Nachfolger des Phaineas mit diesem Rückschlag der „Gemäßigten" zusam-
men.

1 Zum Folgenden Liv. 36,34,1—35,6; vgl. Plut.Tit.15; Zonar. 9,19,14; dazuLarsen,


Fed. States 426 f.
2 Liv. 36,35,5. — Auch hier ist die Behandlung des Phaineas nicht die eines „Rö-
merfreundes".
3 Liv. 36,35,6.
4 Z. Dat. Walbank, Philip V, 345.
5 Liv. 37,1,1.
6 Polyb. 21,2,3—6; Liv. 37,1; Diod. 29,4; Zonar. a. O.
Aitolien: Radikale und gemäßigte Romfeinde (191—189 v. Chr.) 103

römischen Maßnahmen7 — den Aitolern unannehmbar erschienen, kam


es zu keiner Einigung; ja, die Gesandten wurden sogar aus Italien aus-
gewiesen8.

Der Vermittlungsversuch bei den Scipionen


(Frühjahr 190 v. Chr.)

So schien die Gruppe der radikalen Romfeinde in Aitolien erneut


Recht behalten zu haben. Wieder begann der Krieg; als die Gesandten
zu Anfang des Jahres 190 v. Chr. unverrichteter Dinge aus Italien zurück-
kehrten, gingen die Aitoler an den Ausbau einer Verteidigungsstellung
am Korax 1 . Bald darauf schien aber die Ankunft des neuen Konsuls
L. Cornelius Scipio, des Bruders des Africanus, zum drittenmal die
Chance einer Beendigung des Krieges zu bieten 2 .
Offenbar auf Veranlassung der aitolischen „Friedenspartei" inter-
venierte eine athenische Gesandtschaft unter Echedemos3 in der Nähe
von Amphissa zunächst bei Scipio Africanus, der den Vermittlungs-
versuch billigte4. Auf ihren Bericht an die aitolischen άρχοντες in
Hypata hin begab sich dann eine eigene aitolische Gesandtschaft in die
Nähe des belagerten Amphissa, mußte aber erleben, daß trotz der freund-
lichen Worte des Africanus der Konsul L. Cornelius Scipio schroff auf
den Forderungen des Senats bestehen blieb5. Neue Beratungen des
Echedemos und der aitolischen Apokleten in Hypata führten wiederum
nicht zur Annahme der römischen Bedingungen, sondern lediglich zur
Abordnung einer weiteren Gesandtschaft zu L. Cornelius Scipio, die um

7 Polyb. ib.; Liv. 37,1,5; vgl. Dahlheim 47.


8 Liv. 37,1,6.

1 Liv. 37,4,6ff.— Damals konfiszierte M'. Acilius Glabrio den Besitz einer Anzahl
aitolischer principes in Delphi, darunter auch ein Grundstück des Phaineas,
Syll.3 610, Z. 8 ( = P. Roussel, BCH 56,1932, 3, Z. 18; 9f.) sowie des Chalepos von
Naupaktos, dazu G. Daux, Delphes au II e et au I « siäcle (Paris 1936), 227; 231;
R. Flacelidre, Les Aitoliens ä Delphes (Paris 1937), 359f.; vgl. W. Hoffmann, R E
X I X 2 (1938), 1565.
2 Polyb. 21,4—5; Liv. 37,6,4—7,6.
3 Polyb. 21,4,1; vgl. Liv. 37,7,4. Z. Pers. vgl. auch F. Kiechle, Kl. P. II
(1967), 191; P. MacKendrick,The Athenian Aristocracy399 to 31 B.C. (Cambridge,
Ma., 1969), 37; 44.
4 Polyb. 21,4,6; Liv. 37,6,4—5; App. Syr. 23,109; Zonar. 9,20,1.
6 Polyb. 21,4,7—14; Liv. 37,6,6.
104 Richtungskämpfe I

eine Milderang der Bedingungen ersuchte 8 . Als auch diese Verhandlungen


ergebnislos endeten, baten die Aitoler schließlich, nach einer neuerlichen
Beratung in Hypata 7 , auf die Anregung des Echedemos hin zum zweiten-
mal um einen sechsmonatigen Waffenstillstand, damit unterdessen eine
neue aitolische Gesandtschaft nach Rom reisen konnte 8 . Allein, auch
die Gesandtschaft, die jetzt im Sommer 190 v. Chr. unter der Führung
des Damoteles nach Rom abging9, mußte einen Mißerfolg hinnehmen,
da der Senat nicht bereit war, an den von ihm gestellten Bedingungen
irgendwelche Änderungen vorzunehmen. Entscheidend scheint hier auch
mitgespielt zu haben, daß in der zweiten Hälfte des Jahres 190 nach den
so zahlreich fehlgeschlagenen Vermittlungsbemühungen der gemäßigt
antirömischen Richtung um Phaineas und Damoteles die „radikalen"
Romgegner erneut die Oberhand gewonnen hatten, was sich vor allem
in der Wahl des Nikandros, eines der entschiedensten Anhänger des
Thoas, zum Bundesstrategen im Herbst des Jahres ausdrückte 10 . Nikan-
dros begann denn auch alsbald eine aktive Kriegführung gegen Amphi-
lochia, die Aperantia und Dolopien11. Die Nachrichten davon müssen in
Rom eine besondere Verstimmung über die Aitoler im Senat hervor-
gerufen haben, der die Gesandten, diesmal auf Antrag des M'. Acilius
Glabrio, wiederum aus Italien ausweisen ließ12.

8
Polyb. 21,5,3—5; Liv. 37,7,2; vgl. auch Dahlheim 47.
' Polyb. 21,6,6—7.
» Polyb. 21,5,7—13; Liv. 37,7,4.
9
Polyb. 21,25,9; Liv. 37,49; Diod. 29,9. Z. Pers. des Damoteles vgl. Th. Büttner-
Wobst, R E Suppl. I (1903), 336, Art. Damoteles Nr. 5.
10
Die Quellen zu dieser ersten Strategie des Nikandros (und zu den folgenden:
184/3( ?), 177/6) bei Klaffenbach, IG I X 2 1,1, p. LI. Dazu F.Stähelin, R E X V I I 1
(1936), 248.
11
Polyb. 21,25,3ff.; Liv. 38,3,3; vgl. Meloni 25f. ;Stähelin a. O.—Außerdem führten
die Aitoler damals Amynandros von Athamanien (vgl. oben S. 87; 100) in sein
Land zurück und vertrieben die Besatzungen Philipps V., Liv. 38,1—2. Zu
Amynandros' Bemühungen in Rom sowie bei den Scipionen in Ephesos um eine
Versöhnung mit Rom (Polyb. 21,25,1—2; Liv. 38,3,1—2) vgl. auch unten S. 106.
12
Liv. 37,49,7—8; Niese 2,762. — Zu dem angeblich von aitolischer Seite verbreite-
ten Gerücht, die Römer hätten gegen Antiochos eine vollständige Niederlage
erlitten, vgl. Liv. 37,48 ( = Val. Ant. fr. 42 P.).
Aitolien: Radikale und gemäßigte Romfeinde (191—189 v. Chr.) 105

Aitolien bis zur Kapitulation und zum Foedus mit Rom


(189 v. Chr.)

Fast gleichzeitig mit der Meldung vom Scheitern der Gesandtschaft


des Damoteles traf Anfang 189 v. Chr. in Aitolien die Nachricht von
der endgültigen Niederlage Antiochos' III. bei Magnesia ein1. Damit
wurde die Fortsetzung des Kampfes auch für die radikal antirömische
Richtung um Thoas und Nikandros völlig aussichtslos, und so gingen
Gesandtschaften nach Athen und Rhodos ab, um deren Vermittlung in
Rom zu erbitten2. Zugleich wurde eine Delegation nach Rom entsandt, an
deren Spitze Phaineas und Alexandres Isios standen; außerdem waren
Chalepos, der bereits in den Verhandlungen des Sommers 191 v. Chr.
mit Glabrio eine Rolle gespielt hatte, sowie Alypos aus Ambrakia und
Lykopos daran beteiligt3. Diese Gesandtschaft sollte indes ihr Ziel gar
nicht erreichen: Bereits bei Kephallenia fiel die ganze Delegation in die
Hände der Epeiroten, die erst nach langem Feilschen um ein Lösegeld
alle Gesandten außer Alexandras Isios freiließen4; an seiner Stelle über-
nahm hierauf wiederum Damoteles — gemeinsam mit Phaineas — die
Leitung der Gesandtschaft6. Aber auch diese Abordnung war auf ihrem
Weg kaum bis Leukas gelangt, als die Nachricht vom Vorrücken des
neuen Konsuls M. Fulvius Nobilior auf Ambrakia eintraf, worauf sich
Damoteles zur Rückkehr entschloß®.
Um Ambrakia entbrannte der letzte Kampf zwischen Aitolien und
Rom7. Nikandros, der in diesem Jahr die Strategie des Koinon bekleidete,
organisierte den Widerstand bis zuletzt. Kurz bevor sich der römische
Belagerungsring um die Stadt Schloß, war es ihm gelungen, Eupolemos
mit 1000 Mann hineinzusenden8; bald darauf konnte er noch Nikodamos
mit 500 Soldaten zu den Verteidigern des schwer umkämpften Ambrakia
durchstoßen lassen9, die zwei Monate hindurch unter Aufbietung aller

1
Polyb. 21,25,8—9.
2
Polyb. 21,25,10.
3
Polyb. 21,25,11.
4
Polyb. 21,26,7—17. —- Epeiros erscheint jetzt auf der Seite Roms, vgl. oben S. 91
Anm. 8.
6
Polyb. 21,26,18.
* Polyb. a. O. 19.
7
Beginn der Belagerung im Mai/Juni 189 v. Chr.: Meloni, Perseo 24 (mit der Lit.).
8
Liv. 38,4,8. Z. Pers. des Eupolemos vgl. G. Wissowa, RE VI 2 (1909), 2878, Nr. 8a.
» Polyb. 21,27,7; Liv. 38,5,6; Stähelin a. O.
106 Richtungskämpfe I

Kräfte mit nicht geringerer Ausdauer als Herakleia und Naupaktos


der römischen Belagerung standhielten10. Schließlich aber wurde die
gesamte Lage Aitoliens so aussichtslos, daß sich Nikandros zur Ent-
sendung von Unterhändlern zu M. Fulvius Nobilior entschließen mußte;
Phaineas und Damoteles, die Führer der gemäßigt antirömischen Rich-
tung, wurden dazu ausersehen11. Diese beiden haben sich auch in der
folgenden Zeit um die Beendigung des Krieges mit Rom besonders ver-
dient gemacht; doch können die Einzelheiten dieser Verhandlungen
hier außer Betracht bleiben.
Nikandros und die Apokleten waren jedenfalls am Ende mit allen
Bedingungen einverstanden12. Mit Hilfe der Vermittlertätigkeit einer
athenischen und einer rhodischen Gesandtschaft, vor allem aber des
Königs Amynandros von Athamanien, kam es so zur Kapitulation von
Ambrakia und zur Festlegung der römischen Bedingungen gegenüber
dem aitolischen Koinon13, die, wiederum von Phaineas und Damoteles
überbracht, trotz ihrer Härte auch von der Versammlung des Koinon
angenommen wurden14, so daß eine weitere Gesandtschaft unter der
Führung des Damoteles bald darauf beim amphilochischen Argos
M. Fulvius Nobilior die förmliche Zustimmung des Koinon überbringen
konnte16. Als im Herbst 189 v. Chr. Nikandros' Strategie abgelaufen
war, reisten wenig später Phaineas und Nikandros, also offenbar die
Hauptvertreter der „gemäßigten" wie der „radikalen" Richtung, nach
Rom1®. Nicht zuletzt dank des Eintretens der athenischen und der
rhodischen Gesandtschaft kam es dort zum Abschluß eines neuen
römisch-aitolischen Foedus. Besonderen Eindruck hinterließ dabei im
Senat offenbar die Rede des Atheners Leon, den man schon als einen

10 Vgl. Niese 2,765f. Von „würdigen Vorläufern der Helden von Missolonghi"
spricht W. Ihne, Rom. Geschichte 3 (1872), 138.
11 Polyb. 21,28,18; Liv. 38,8,1—7.

12 Liv. 38,9,1—2.

13 Polyb. 21,29,6—30,5; Liv. 38,9,6—10; vgl. De Sanctis 4,l 2 ,208f. Sommer 189 v.

Chr.: Th. Büttner-Wobst, R E Suppl. I (1903),336, Art.Damoteles Nr. 5. — Eine


definitive Entscheidung über das Schicksal des Amynandros scheint der Senat
damals noch nicht getroffen gehabt zu haben, vgl. St. I. Oost, Class. Philol.
62, 1957, 12.
" Polyb. 21,30,8; Liv. 38,9,12.
18 Polyb. 21,30,12—13; Liv. 38,10,1—2; vgl. auch Larsen, ΤΑΡΑ 1952, 39.

" P o l y b . 21,30,15; dazu Niese 2,768, Anm. 1; M. Holleaux, BCH 54, 1930, 21,
Anm. 1 ( = Etudes 5,266f., Anm. 4); vgl. auch Meloni 24. Nikandros' Nachfolger
wurde wohl Eupolemos: Klaffenbach, IG I X 1 2 ,1, p. LI.
Aitolien: Radikale und gemäßigte Romfeinde (191—189 v. Chr.) 107

der Wortführer der prorömischen Richtung in Athen und als Ankläger


des Apollodoros im Jahre 192 v. Chr. kennt 17 . Er stellte — zweifellos
mit Recht — die Opposition der Aitoler gegen Rom als eine vor allem
von den breiten Massen getragene Bewegung dar; zugleich aber hob
er auch die Unverantwortlichkeit dieser πολλοί (multitudo) hervor,
die er mit dem unbewegten Meer verglich, das erst von Stürmen ge-
peitscht eine alles niederreißende Kraft entfalten könne 18 . Die Ent-
fesselung dieses Sturmes in Aitolien aber sei das Werk einer kleinen
Gruppe radikaler Feinde Roms gewesen, als deren Führer Thoas und
Dikaiarchos gleichsam aus Kleinasien, Menestas und Damokritos aus
Europa die aitolischen όχλοι aufgewühlt und zu den unüberlegtesten
politischen Handlungen getrieben hätten 19 . Leon forderte daher unbarm-
herzige Strenge gegenüber den Führern der antirömischen Bewegung,
dagegen Nachsicht für die πολλοί und trat für den Abschluß eines
Bündnisvertrages zwischen Rom und Aitolien ein20.
So kam es schließlich zum 'Foedus' zwischen Aitolien und Rom,
das eine äußerst drückende Kriegskontribution und empfindliche Ge-
bietsverluste, aber auch die Stellung von 40 Geiseln für sechs Jahre
vorsah 21 ; vor allem aber bedeutete der Vertrag, daß Aitolien den ent-
schlossenen Widerstand gegen die 196 v. Chr. von den Römern auf-
erlegte politische Ordnung, den es als einziges der größeren griechischen
Staatswesen geleistet hatte, mit dem Verlust seiner eigenständigen poli-
tischen Rolle bezahlen mußte. Der große aitolische Versuch, das römische

17
Polyb. 21,31,5—16; Liv. 38,10,4—6; dazu Walbank, Speeches 14. Zum Namen
des Redners vgl. Weißenborn-Müller zu Liv. 38,10,4; Niese 2,768, Anm. 2; Bütt-
ner-Wobst a. O. 335, Art. Damis Nr. 2a; dazu oben S. 90, Anm. 5. — Zur Rolle
der rhodischen Gesandtschaft kurz Schmitt, Rhodos 84 m. Anm. 2.
18
Polyb. 21,31,8; Liv. 38,10,5.
" Polyb. 21,31,13; Liv. 38,10,6, — Menestas ist nach Büttner-Wobst, Polybios V
(Index), p. 151 identisch mit Menestratos (oben S. 100); vgl. noch W. Kroll, R E
X V 1 (1931), 856, Art. Menestratos Nr. 6; Niese 2, 697, Anm. 1.
20
Polyb. 21,31,13—15. Zu dieser charakteristischen Einstellung Leons gegenüber
den ττολλοί vgl. auch unten S. 133f. — Zur finanziellen Rolle Athens zuletzt
Will 2,183.
21
Polyb. 21,32; Liv. 38,11; vgl. Larsen, Fed. States 439ff.; Holleaux, Etudes 5,
418f.; De Sanctis 4,l 2 ,208f.; Niese 2,767ff. Die Bestimmungen über die Geiseln:
Polyb. a. 0 . 1 0 — 1 1 ; Liv. a. O. 6—7, wobei (u. a.) jedoch der amtierende Stratege,
Hipparch und Grammateus ausgenommen sein sollten: Polyb. a. O. 10; Liv.
a. O. 7. Vielleicht wäre der Stratege Eupolemos sonst davon betroffen gewesen,
vgl. oben Anm. 16.
108 Richtungskämpfe I

Protektorat über Griechenland zu beseitigen, war gescheitert, der verzwei-


felte und vergebliche Kampf gegen die Bevormundung durch Rom gleich-
sam die letzte eigene politische Leistung Aitoliens, des „einzigen Landes
in Griechenland, das kein König je erobert oder in Abhängigkeit ge-
bracht hatte"22.
Dies bedeutete allerdings noch immer nicht, daß damit der antirömi-
sche Widerstand in Aitolien überhaupt aufgehört hätte, zumal die Römer
damals mit den Führern der radikal antirömischen Richtung ζ. T. ver-
hältnismäßig milde verfuhren. Zwar hatte Damokritos bereits im Jahr
zuvor in Rom den Tod gefunden23; auch Dikaiarchos, auf dessen Aus-
lieferung M'. Acilius Glabrio noch 191 v. Chr. bestanden hatte, scheint
im Jahre 189 v. Chr. nicht mehr am Leben gewesen zu sein24. Sein Bruder
Thoas dagegen befand sich seit dem Herbst 191 v. Chr. bei Antiochos III.
Im Vertrag von Apameia forderte Rom im Sommer 188 v. Chr. seine
Auslieferung26, die auch vollzogen wurde26. Doch gelang es bald darauf
einer aitolischen Gesandtschaft unter Nikandros, Thoas' führendem
Gesinnungsgenossen, und Pantaleon in Rom, die Rückkehr des Thoas
nach Aitolien zu erwirken27. Gerade von Thoas, der eine so entscheidende
Rolle bei der Auslösung des Antiochoskrieges gespielt hatte, sollte Rom
freilich nichts mehr zu befürchten haben; im übrigen jedoch erscheinen
die im römisch-aitolischen Krieg hervorgetretenen Gegner Roms auch
in den folgenden Jahren immer wieder an führender Stelle des Koinon28.

4. Der ,,Friedliche Widerstand" in Achaia: Philopoimen und die


Politik des άυτερείδειυ gegen Rom (193—182 v. Chr.)

Während sich Aitolien im entscheidenden Abwehrkampf gegen Rom


befand und schließlich in seiner Isolierung unterlag, stand das zweite
große Staatswesen des griechischen Mutterlandes, das achaiische Koinon,

22 So Tarn-Griffith 82.
23 Vgl. oben S. 98, Anm. 13.
24 Vgl. G. Daux, BCH 56, 1932, 314^319, wohl mit Recht gegen G. Klaffenbach,
IG IX 1 2 ,1, p. LI, der (nach Gillischewski 55) für das Jahr 187/6 v. Chr. eine
zweite Strategie des Dikaiarchos annahm.
28 Polyb. 21,43,11; Liv. 38,38,18; Diod. 29,10.
28 Polyb. 28,4,11.
27 Polyb. 28,4,10f.; vgl. unten S. 152; 171.
28 Vgl. dazu im einzelnen unten S. 132.
Achaia: Philopoimen und Aristainos 109

fest auf der Seite Roms. Auch ihm sollte am Ende der gewaltsame
Zusammenstoß mit der römischen Macht und eine politische Katastrophe
nicht erspart bleiben; aber es war, von allen Besonderheiten der histo-
rischen Situation abgesehen, wohl charakteristisch für den politischen
'Stil' der beiden Staaten, daß sich der antirömische Widerstand der
Aitoler sehr viel rascher und ungestümer formierte als jener der Achaier.
Eine Rolle mag dabei gespielt haben, daß Aitolien den Höhepunkt
seiner territorialen Expansion bereits 225 v. Chr. erreicht hatte und
sich seitdem in langsamem Rückgang befand 1 , während Achaia in einer
Aufstiegsphase war und erst 191 v. Chr seine größte Ausdehnung er-
reichte. Gerade durch solche Unterschiede im Expansionsrhythmus und
die unter anderem wohl damit zusammenhängende unterschiedliche
Reaktionsweise der griechischen Staatswesen wurde den Römern die
Möglichkeit gegeben, den politischen Widerstand in Griechenland suk-
zessiv zu brechen. Dabei herrschte schon damals auch in dem „pro-
römischen" Achaia unter den politisch aktiven „principes" keineswegs
allgemeine Einigkeit über die Rom gegenüber einzunehmende Haltung;
auch in Achaia gab es vielmehr feste Fronten und heftige innere Rich-
tungskämpfe, in deien Mittelpunkt gleichsam als Protagonisten Philo-
poimen und Aristainos standen.

a) Philopoimen und Aristainos


Die grundsätzlich prorömische Politik Achaias war 198 v. Chr. von
Aristainos während seiner Strategie inauguriert worden; und noch bis
etwa 193 v. Chr. scheinen er und seine Anhänger allein die Führung der
achaiischen Politik bestimmt zu haben 1 .
Dann trat erstmals· eine merkliche Wandlung des bisherigen, von
der Nachgiebigkeit .des. Aristainos gekennzeichneten Verhältnisses zu
Rom ein: Im Herbst 193 v. Chr. wurde der aus Kreta zurückgekehrte

1
Vgl. R. Flaceliere, Les Aitoliens ä Delphes (Paris 1937), 277.

1
Aymard, Rapp. 292, Anm. 15; Lehmann 224. — Zu Nikostratos, dem Nachfolger
des Aristainos in der.Strategie 197/6 v. Chr. (Liv. 32,39,7; 40,4; 33,14,6—15, 16)
vgl. Aymard 111; W. Kroll, RE XVII 1 (1936), 544, Nr. 13. — Ein Anhänger
des Aristainos war wöhl:auch Xenophon von Aigion, der 198 und 197 v. Chr.
den Bund bei den Konferenzen in Lokris (dort zusammen mit Aristainos) und
vor dem Senat in Rom vertrat (Polyb. 18,1,4; 10,11; Liv. 32,32,11); zu ihm Η. H.
Schmitt, RE IX A 2 (1967), 1568, Nr. 3.
110 Richtungskämpfe I

Philopoimen2 zum Strategen des Koinon gewählt3. Dies bedeutete zwar


keine vollständige Kehrtwendung der achaiischen Politik, aber es dauerte
nicht lange, bis Philopoimen begann, doch fühlbar selbständiger gegen-
über den Römern aufzutreten, als man dies in den vergangenen Jahren
unter dem Einfluß des Aristainos gewohnt war. Zum erstenmal nach
außen sichtbar wurde die neue Orientierung schon im Frühjahr
192 v. Chr., als Philopoimen, nachdem das Koinon Gesandtschaften
nach Rom und zu dem in Griechenland befindlichen Flamininus ge-
schickt hatte4, entgegen dem ausdrücklichen Willen des Flamininus, der
zum Abwarten bis zum Eintreffen der römischen Flotte riet, den Krieg
gegen den spartanischen „Tyrannen" Nabis eröffnete6. Dies hatte zwar,
wie es scheint, zur Folge, daß Flamininus dem Konflikt kurz vor der
drohenden völligen Niederlage des Nabis durch sein persönliches Ein-
greifen ein Ende setzte®, aber das außerordentliche militärische und
politische Prestige, über das Philopoimen in Achaia verfügte, wurde
dadurch keineswegs beeinträchtigt. So stand etwa — zumal, als ihm dann
noch im selben Jahr nach der Ermordung des Nabis der Anschluß

2
Die näheren Umstände wie auch der genaue Zeitpunkt der Rückkehr sind un-
bekannt. Meist denkt man an den Sommer 193 v. Chr., während Errington 90
für den Herbst 194 v. Chr. eintritt. Nach Aymard a. O. 303 (vgl. auch 292f.) wäre
einer der Hauptanlässe für die Rückkehr Philopoimens das von den Aitolern
ausgelöste Vorgehen des Nabis gegen die lakonischen Küstenstädte gewesen
(oben S. 69); vgl. auch W. Hoffmann, R E X X 1 (1941), 84, Art. Philopoimen.
Dagegen betrachtet Errington a. O. das Ende des Krieges zwischen Gortyn und
Knossos als unmittelbare Veranlassung für die Rückkehr Philopoimens nach
Achaia.
3
Vgl. Aymard a. O. 303f.; Hoffmann a. O. 84; Lehmann 235. Die Hipparchie be-
kleidete damals bezeichnenderweise Lykortas, Liv. 35,29,1; vgl. Aymard 304;
Stähelin, R E X I I I 2 (1927), 2386, Art. Lykortas; Lehmann a. O.
4
Liv. 35,25,6—12; dazu vor allem Aymard a. O. 295—313; Lehmann 235f. — Nach
Errington 95—99 hätte sich Philopoimens bisher durchaus prorömische Gesamt-
einstellung aus Enttäuschung über die Antwort des Flamininus völlig gewandelt
und wäre er erst daraufhin mißtrauisch gegenüber den römischen Absichten in
Griechenland geworden. Liv. a. O. weiß davon freilich nichts; Erringtons These
ist vielmehr eine Folge seiner irrigen Annahme (vgl. oben S. 40, Anm. 1; 41),
Philopoimen sei ursprünglich ein Anhänger des Aristainos gewesen.
6
Liv. 35,13,3; 25,3—5.
β
Plut. Philop. 15; Paus. 8,50.10; vgl. Liv. 35,30,12; 47,4; Hoffmann a. O. 85;
Lehmann 236; Aymard 313—315; Ehrenberg, R E XVI 2 (1935), 1480, Art.
Nabis; Niese 2,683f.; anders (selbständiger Rückzug Philopoimens) Castellani
79, Anm. 55; Errington 106, Anm. 1.
Achaia: Philopoimen und Aristainos 111

von Sparta an das Koinon gelang7 — seine militärische Tüchtigkeit, wie


ausdrücklich berichtet wird, in Griechenland in weitaus höherem An-
sehen als jene des Flamininus8. Eine deutliche persönliche Entfremdung
zwischen beiden war die unausbleibliche Folge®.
Philopoimens politische Bedeutung lag vor allem darin, daß er end-
lich eine offenbar in weiten Kreisen ersehnte Alternative zu der einseiti-
gen, willfährig-prorömischen Politik des Aristainos brachte. Daraus ent-
stand ein schwerwiegender Gegensatz, der die achaiische Politik bis ins
Jahr 168 v. Chr. und darüber hinaus beherrschte und in zwei Lager teilte.
In einem bekannten Abschnitt seines Werkes hat Polybios versucht,
die politischen Einstellungen und Bestrebungen von Philopoimen und
Aristainos, die in der ersten Phase die Schlüsselfiguren in dieser unheil-
vollen Auseinandersetzung bildeten, miteinander zu konfrontieren; es ist
zugleich das einzige Mal in der Geschichte des griechischen Widerstandes,
wo überhaupt eine tiefere, theoretische Reflexion über Sinn und Möglich-
keiten eines Widerstandes gegen Rom überliefert ist10.
Wichtig und bezeichnend für diese ältere Phase der inneren Aus-
einandersetzungen in Achaia ist, daß Polybios sich bei aller klar erkenn-
baren Parteinahme für Philopoimen doch sichtlich hütet, Aristainos
etwa zu verurteilen11. So erwies sich Aristainos nach seiner Darstellung
7
Zur Einverleibung Spartas in das Koinon vgl. besonders Aymard a. O. 316—324;
Errington 109—112; Lehmann 237; Ehrenberg a. O. 1440.
8
Zur Rivalität von Flamininus und Philopoimen: Liv. 35,30,13; Polyb. 23,5,2;
Plut. Philop. 15 (dazu Errington 106—108); Tit. 13; lustin. 31,3,4; Lehmann
168f.; Castellani 79; Hoffmann a. O.; Niese 2, 685. — Noch negativer wurden die
militärischen Fähigkeiten des Flamininus bekanntlich von den Aitolern beurteilt,
vgl. oben S. 60.
• Dazu bes. Errington 99—102 (wonach Flamininus das Verhalten Philopoimens
gleichsam als Verweigerung eines Klientelverhältnisses auffassen mußte).
10
Polyb. 24,11—13; dazu Lehmann 242—249; Pedech 299f.; 417f.; Stier, Aufstieg
172ff.; Geizer, Kl. Sehr. 3,149; Aymard 292f.; 391ff. Zur zeitlichen Einordnung
vgl. noch Errington 224f.; Lehmann 240f.; 265; 284; M. Holleaux, Etudes 5,
136ff. [Korr.-Zus.: Vgl. dazu jetzt auch K.-E. Petzold, Studien zur Methode des
Polybios und zu ihrer historischen Auswertung (München 1969), 43—46]
11
Vgl. besonders Polyb. 24,13,8, wo die Haltung Philopoimens als καλή, die des
Aristainos — einschränkend, vgl. Mauersberger 1044 — als εύσχημων bezeich-
net, beiden aber das Prädikat άσφαλή; zuerkannt wird. Angesichts der sonstigen
Parteinahme des Polybios für Philopoimen in dessen wiederholten Konflikten mit
Aristainos drängt sich freilich die Vermutung auf, daß hier — nicht zuletzt im
Hinblick auf die spätere, .radikale' Politik des Kallikrates — eine gewisse Stili-
sierung vorliegt, vgl. auch J. Deininger, Gnomon 42, 1970, 68f. sowie unten
S. 136.
112 Richtungskämpfe I

zwar den Römern gegenüber immer wieder als der 'loyalere', der ihren
Wünschen in jeder Weise nachzukommen bemüht war, ja diesen ζ. T.
sogar Vorgriff12. Doch war er dabei zugleich eifrig bemüht, den Schein
zu wahren, als hielte er sich an die achaiischen Gesetze und hatte damit
auch insofern Erfolg, als er jedesmal wenigstens dann das Feld räumte,
wenn die Gesetze allzu offenkundig im Widerspruch zu den römischen
Wünschen standen13.
In unverhohlenem Gegensatz dazu vertrat jedoch Philopoimen eine
Politik des bewußten „Sich-Entgegenstemmens" (άυτερείδειυ), die sich
am ehesten als „begrenzter" oder, nach dem Vorbild Thirlwalls, als
„friedlicher" Widerstand gegen Rom charakterisieren läßt 14 : Unter
Berufung auf die Rechtspositionen des achaiischen Koinon, d. h. die
eigenen achaiischen Gesetze und das Foedus mit Rom, versuchte er, die
Stellung Achaias gegenüber dem, wie er klar erkannt hatte, ständig
wachsenden Machtanspruch Roms in allen 'berechtigten' Fällen so lange
wie möglich zu behaupten, und war nur dann zum Nachgeben bereit,
wenn alle diplomatischen Mittel erschöpft waren16. Diese grundsätzliche
Berufung auf die νόμοι und die συμμαχία gegenüber den Römern
war in dem ganzen Jahrzehnt 189—180 v. Chr. charakteristisch für die
politische Taktik des „Friedlichen Widerstandes", d. h. Philopoimens
und seiner Anhänger, von denen in diesem Zusammenhang vor allem

12
Polyb. 24,11,4; 13,10. Aymard, Rapp. 158 hat dafür den Begriff der „exemplaire
docilite" geprägt.
13
Polyb. 24,11,5: έπειρατο μέντοι γε των νόμων εχεσθαι δοκείν καΐ τήν τοιαύτην
έφείλκβτο φαντασίαν, εϊκων, οπότε τούτων άντιττίτττοι τις προδήλως τοις ύπό
'Ρωμαίων γραφομένοις; das schwierige είκων von Mauersberger 632 wohl richtig
auf νόμοι bezogen (vgl. auch Lehmann 242).
14
C. Thirlwall, The History of Greece VIII (London 1852), 412: peaceful resistence.
Von „freundschaftlichem Widerstand" (resistance amicale) sprach M. Dubois,
Les ligues ^tolienne et achaienne (Paris 1885), 76. — Zu άντερείδειν vgl. Polyb.
24,13,7; Plut. Philop. 17 (διερειδόμενος). — Die in der modernen Forschung
vielfach verwendete Bezeichnung 'Patriotenpartei' impliziert eine zumindest an-
fechtbare Wertung; denn zweifellos haben sich auch die Gegner des .Begrenz-
ten Widerstandes' als .Patrioten' betrachtet.
15
Polyb. 24,11,6—8: Ό δέ Φιλοποίμην, δσσ μένείη των παρακαλουμένων άκόλουθα
τοις νόμο is καΐ τη συμμαχία, πάντα συγκατήνει καί συνέπραττεν άπροφασίστως,
όσα δέ τούτων εκτός έπιτάττοιεν, ούχ οΐός τ ' ήν έθελοντήν συνυπακούειν, άλλά
τάς μεν άρχάς Ιφη δεΐν δικαιολογεϊσθαι, μετά δέ ταύτα πάλιν &£toüv εΐ δέ μηδ*
ούτως πείθοιεν, τέλος οίον έπιμαρτυρομένους εϊκειν καί τότε ποιεϊν τό παραγ-
γέλλομε νον.
Achaia: Philopoimen und Aristainos 113

Lykortas, der Vater des Polybios, und Archon genannt werden1®; und
diese Ausnutzung (bzw. — in seiner Sicht — der Mißbrauch) von όρκοι,
νόμοι und στήλαι zu einer antirömischen Politik bildete denn auch
später einen der Hauptvorwürfe des Kallikrates gegen die Vertreter
des άντερείδειν17. Polybios selbst bekannte sich ausdrücklich zu dieser
von Philopoimen praktizierten Taktik und begründete dies (obwohl die
Tatsache seiner eigenen Deportierung nach Rom Zweifel in ihm hätte
erwecken können) mit dem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn der Römer18.
Aristainos seinerseits rechtfertigte seine politische αίρεσις damit,
daß man die Freundschaft mit Rom schlechterdings nicht mit „Speer
und Heroldsstab" zugleich aufrechterhalten könne19, zumal er davon
überzeugt war, daß Achaia zu einem wirklichen Widerstand gegen Rom
überhaupt nicht in der Lage sei20.
Philopoimen dagegen lehnte es mit der größten Entschiedenheit ab,
die völlige Beherrschung Griechenlands durch Rom von der Seite der

18 Die Stellen: Liv. 38,32,8 (vgl. unten S. 120); Polyb. 22,10,8 (unten S. 121); Liv.
39,36,9; 37,10; 13,17 (unten S. 123); Polyb. 24,8,4 (S. 137). Vgl. außerdem
Polyb. 22,4,8 (Boiotien, unten S. 131); 28,6,6 (unten S. 179).
17 Polyb. 24,9,3; 8 (unten S. 139).
18 Polyb. 24,10,11—12. — Die Schuld an der schließlichen Katastrophe des „Fried-
lichen Widerstandes" schob er ganz auf die gegnerische Richtung in Achaia,
vgl. bes. 30,13,11.
18 Polyb. 24,12,1: Ιφη γαρ ούκ είναι δυνατόν καΐ (το) δόρυ καΐ τ ό κηρύκειο ν άμα
ττροτεινο μένους συνέχει ν την ττρός 'Ρωμαίους φιλίαν. Zu der sprichwörtlichen
Redensart δόρυ καΐ κηρύκειον vgl. Walbank, Comm. 1, 505f. (zu 4,52,4). Da
sich dieÄußerung des Aristainos zeitlich nicht fixieren läßt (vgl. oben Anm. 10),
bleibt der Versuch Erringtons (a. O. 225), „Speer" und „Heroldsstab" mit je
einem bestimmten politischen Ereignis zu identifizieren, Spekulation.
20 Polyb. 24,12,4: διόπερ η T O U T ' είναι δεικτέον ώς έσμέν Ικανοί ττρός τό μή ττειθ-
αρχείν ή μηδέ λέγειν τούτο τολμώντας ύττακουστέον έτοίμως είναι ττδσι τοις
τταραγγελλομένοις. Dies entspricht der schon 198 ν. Chr. in Sikyon geäußerten
Überzeugung des Aristainos, vgl. oben S. 43. Wenn demgegenüber Lehmann
Aristainos die Absicht zuschreibt, für Achaia „einen friedlichen, . . . . wenn
auch gänzlich unbedeutenden Platz am Rande der welthistorischen Bühne zu
sichern" (247), „das stille Glück in einem ruhigen Winkel und den ungestörten
Genuß der Annehmlichkeiten, die mit der inzwischen glücklich erreichten Po-
sition verbunden schienen" (248), so ist dies eine ungewöhnlich einseitige
Wertung der Politik des Aristainos. Dieser schätzte zunächst nur die Chancen
für eine selbständige Politik Achaias sehr viel geringer ein als Philopoimen, und
das völlige Scheitern aller achaiischen Versuche, die von Lehmann (unter Be-
rufung auf Spengler) empfohlene „Weltpolitik" (sie) zu betreiben, gab ihm am
Ende nur Recht.

8 Deining«*, Widerstand
114 Richtungskämpfe I

Griechen aus auf irgendeine Art zu beschleunigen und die eigene Un-
abhängigkeit irgendwo ohne Widerstand preiszugeben. Dabei war auch
er sich im klaren — und hier lag ein unübersehbares Dilemma seiner
politischen Konzeption —, daß, nicht anders als in Unteritalien und
Sizilien21, die völlige Unterwerfung Griechenlands durch die Römer
auch durch seine Politik lediglich hinausgeschoben, auf die Dauer aber
nicht verhindert werden konnte22. Dennoch war es seine feste Überzeu-
gung, daß man alles daransetzen mußte, diesem Schicksal Trotz zu bieten
und es soweit zu verzögern, wie es überhaupt noch sinnvoll möglich
war23. Darin lag für ihn das einzige vertretbare Ziel achaiischer Politik,
auf die er mit dieser Konzeption weit über seinen Tod hinaus einen
entscheidenden Einfluß gewann.
Die tieferen Hintergründe des Gegensatzes, der sich hier auftat, sind
nicht leicht zu fassen. Wichtig erscheint immerhin, daß Polybios selbst
die Ursache in erster Linie in der persönlichen Veranlagung und dem
Temperament der beiden Exponenten erblickte24: Aristainos war von
Natur aus Diplomat und kühler Rechner25, der auch in der achaiischen
Politik gegenüber Rom die Verwirklichung eines Ideals, das καλόν,
und den möglichen Nutzeffekt, das συμφέρον, sorgfältig gegeneinander
abwog und im Zweifelsfall bewußt „Nützlichkeits"erwägungen den Vor-
rang gab, um nicht, wie er befürchtete, am Ende beides, καλόν und
συμφέρον, zu verfehlen26. Philopoimen dagegen war vor allem Militär27
und offenbar nicht ohne vorherigen Kampf zur Kapitulation bereit, einen
Kampf allerdings, bei dem er sich ausschließlich auf die bestehende
Rechtslage zu stützen gedachte.
Der Nachdruck, den Polybios damit auf die unterschiedliche φύσις
und αΐρεσις von Philopoimen und Aristainos legt, sollte davor warnen,
anderen Faktoren im Gegensatz der beiden Politiker ein zu großes
Gewicht beizumessen. Dies gilt besonders für die Hypothese eines ur-
sprünglich innenpolitischen Gegensatzes zwischen „Demokraten" und
21
Polyb. 24,13,4; vgl. oben S. 27.
22
Polyb. 24,13,6; vgl. Plut. Philop. 17; Paus. 8,51,4. Zu den gleichen Befürchtungen
schon in der Zeit des I. Makedonischen Krieges vgl. oben S. 30; 32 f.
23 Polyb. 24,13,7.
24
Polyb. 24,11,1.
» Polyb. 24,11,2.
2<
Polyb. 24,12,2—3. Zu einseitig wiederum Lehmann 247, Anm. 209, der Aristai-
nos' Konzeption, „die in den Beziehungen der Völker und Staaten zueinander
allein der Machtfrage Bedeutung beimaß", als „nihilistisch" bezeichnet.
27
Polyb. 24,11,2. Berechtigte Einschränkungen freilich bei Errington 219.
Achaia: Die Politik des άντερείδειν gegen Rom 115

„Oligarchen" in Achaia. Gewiß sollte sich immer wieder zeigen, daß


die Richtung Philopoimens, der „Friedliche Widerstand" gegen Rom,
stets 'populärer' war und durchweg die πολλοί auf seiner Seite hatte.
Dennoch deutet in der relativ breiten Überlieferung über Philopoimen
und Aristainos nichts darauf hin, daß sich Philopoimen als Repräsentant
von „Demokraten" gegenüber Aristainos und dessen „Oligarchen" ver-
stand. Der politische Kern ihres Gegensatzes lag vielmehr, wie es auch
von dem in einer späteren Phase selbst unmittelbar beteiligten Polybios
dargestellt wird, primär in ihrer unterschiedlichen Reaktion auf die
Herausforderung durch Rom28.

b) Die Politik des άντερείδειν gegen Rom


Bei allen Differenzen der beiden gegnerischen Richtungen in Achaia
gab es jedoch keinen Zweifel an der grundsätzlich prorömischen Haltung
des Koinon. So verweilte denn auch etwa die römische Gesandtschaft,
die zur 'Klärung' der Stellungnahme der griechischen Staaten in dem
sich abzeichnenden Krieg gegen Antiochos III. Griechenland bereiste,
im Februar 192 v. Chr. nur kurz im Lande1.
Im November dieses Jahres beriet das Koinon dann in Aigion über
seine Haltung gegenüber dem inzwischen in Hellas gelandeten Antiochos2.
Gesandte des Königs und der Aitoler, die die Schärfe des Gegensatzes
zwischen Philopoimen und Flamininus offenbar weit überschätzten3,
28 Vgl. auch Briscoe 12. — Charakteristisch für Philopoimen waren allerdings auch
gewisse Reformbestrebungen innerhalb des Koinon, deren Ziel etwa der Abbau
der Privilegien von Aigion war. So traten seit 189/8 v. Chr. auf Initiative Philo-
poimens hin (und gegen den von Aigion mobilisierten römischen Widerstand)
auch die regelmäßigen Versammlungen des Koinon (Synodoi) nicht mehr nur in
Aigion, sondern abwechselnd in allen Städten des Koinon zusammen (Liv. 38,
30,1—5; vgl. Polyb. 22,10,14—15; dazu zuletzt Errington 138—140; Lehmann
251—253; Larsen, Repr. Gov. 174f.; an eine Anregung durch das aitolische
Vorbild dachte Holleaux, Etudes 1,227). Hinzu kommt die Auflösung der Groß-
gemeinde Megalopolis, Plut. Philop. 13; comp. Tit. et Philop. 1; vgl. Lehmann
253—255. Doch wird man diese Maßnahme kaum (wie Hertzberg 158f.) als
spezifisch „demokratisch" charakterisieren können. Errington 90f. erblickt darin
vielmehr den Versuch Philopoimens, nach seiner Rückkehr aus Kreta seine eigene
politische Stellung zu stärken.

1 Liv. 35,31,2; vgl. Aymard a. O. 324 (m. Anm. 40).


2 Liv. 35,48,1—50,5; dazu Aymard a. O. 325—328; Niese 2,693f.; vgl. noch
Errington 113f.; Lehmann 238 m. Anm. 190. Z. Dat. Aymard 325 m. Anm. 3.
3 Liv. 35,47,4.
8*
116 Richtungskämpfe I

waren erschienen; auch Flamininus selbst war anwesend4. Auch hier er-
ging sich der Gesandte des Königs in der Schilderung gewaltiger Heere
und Flotten aus dem fernen Osten, die zur Befreiung Griechenlands
kämen6, verlangte aber auch von den Achaiern nur deren Neutralität
ohne gleichzeitigen Bruch mit Rom®. Der aitolische Gesandte, Archeda-
mos7, führte Ähnliches aus und fügte Schmähungen gegen die Römer im
allgemeinen und gegen Flamininus persönlich hinzu, dem er sein schimpf-
liches Verhalten in der Schlacht von Kynoskephalai vorwarf8. Über
die Entscheidung des Koinon konnte nach der Rede des Flamininus
dennoch kein Zweifel sein9, obwohl es in einigen Städten Anzeichen
für einen Widerstand gegen die prorömische Politik Achaias, bezeich-
nenderweise vor allem in den unteren Schichten 10 , gab. Auch Philopoimen
stellte sich in dieser Situation jedoch eindeutig auf die Seite Roms 11 ,
und Achaia erklärte — unter der Strategie des Diophanes12 — Antiochos
und den Aitolern den Krieg; insgesamt 1000 Achaier wurden unverzüg-
lich zum Schutz von Chalkis und des Piraeus abgesandt13. Die aitolisch-
seleukidischen Argumente machten im achaiischen Koinon keinerlei
Eindruck; die Möglichkeit, daß die beiden größten Staatswesen in Grie-
chenland in irgendeiner Form gemeinsam gegen Rom Front machten,
hatte praktisch überhaupt nicht zur Debatte gestanden.
Gewisse Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Koinon und den
Römern wie auch eine sich allmählich verstärkende Frontbildung inner-
4 Liv. 35,48,1.
6 Liv. 35,48,2—8 (ib. 8: ad liberandam Graeciam); Plut. Tit. 17.
6 Liv. 35,48,8—9; vgl. oben S. 88.
7 Liv. 35,48,10; 49,1.
8 Liv. 35,48,10—13; vgl. oben S. 60.
9 Liv. 35,50,2; vgl. Plut. a. O. Auf den drohenden Ton, mit dem Flamininus die
Achaier auf ihre Verpflichtung als amici Roms hinweist, macht Dahlheim 263
aufmerksam.
10 Einen Anhaltspunkt für antirömische Bestrebungen in Achaia gibt vor allem
die Gesandtschaftsreise Catos (vgl. dazu Errington 1 1 7 f . ; 282f.), der E n d e 192
oder um die Jahreswende 192/1 v. Chr. Korinth, Patrai und selbst Aigion wieder
fest auf die römische Seite bringen mußte, Plut. Cat. mai. 1 2 : τά μεν πλείστα
των νεωτεριζόντων T I T O S Φλαμινϊνος εσχεν άνευ ταραχής καΐ κατεττράϋνεν . . .
Κάτων δέ Κορινθίους καΐ Πατρεϊς, ετι δ ' Αϊγιεΐς παρεστήσατο. Vgl. dazu Aymard
a. Ο. 329, der in erster Linie an Bewegungen in den unteren Schichten denkt,
deren Bedeutung er jedoch für geringfügig h ä l t ; vgl. ib. Anm. 27 sowie Leh-
mann 238, Anm. 190.
11 Polyb. 39,3,8; dazu Aymard, Rapp. 326, Anm. 6.
12 Zu Diophanes vgl. S. 117.
13 Vgl. oben S. 84; 90.
Achaia: Die Politik des άντερείδειν gegen R o m 117

halb Achaias waren seit der Rückkehr Philopoimens aber dennoch


unverkennbar. Die verwickelte innere Geschichte des Landes in der
folgenden Zeit ist wiederholt eingehend untersucht worden; hier sind
lediglich diejenigen Vorgänge hervorzuheben, an denen sich die all-
mähliche Verschärfung des Gegensatzes zwischen der „loyal"-prorömi-
schen Richtung des Aristainos und der Politik des „Friedlichen Wider-
standes" Philopoimens und seiner Gruppe ablesen läßt.
Aufschlußreich war hier schon bald die offene Rivalität zwischen
Philopoimen und Diophanes aus Megalopolis, der als sein Nachfolger im
Jahre 192/1 v. Chr. die Strategie des Koinon übernahm14. Diophanes war
an sich aus der Schule Philopoimens hervorgegangen15 und ähnlich wie
dieser im Grunde mehr Militär als Politiker16. Als er im Frühjahr 191
v. Chr. gemeinsam mit Flamininus zur Niederwerfung der gegen Achaia
und Rom gerichteten Umtriebe in Sparta einschreiten wollte, stellte sich
ihnen Philopoimen, obwohl damals Privatmann, in den Weg und ver-
eitelte das Unternehmen17. Im Gegensatz zu Diophanes legte Philopoi-
men den größten Wert darauf, jede Einmischung Roms in Angelegen-
heiten der Peloponnes zu verhindern18. Schon hier deutete sich wohl der
wenige Jahre später vollzogene Übergang des Diophanes auf die Seite
des Aristainos an. Aber noch war es nicht soweit. Im gleichen Jahr
191 v. Chr. konnte Diophanes nur durch energische Vorstellungen des
Flamininus zum Abbruch der Belagerung von Messene veranlaßt wer-
den18, und bald darauf versuchte derselbe Diophanes hartnäckig, doch
am Ende vergeblich, die unter seiner Strategie erfolgte Gewinnung von
Zakynthos sowohl gegenüber Flamininus als auch gegen eine Opposition
im Koinon selbst, offenbar vor allem die Richtung des Aristainos20, zu
14 Vgl. Aymard, Rapp. 323; Lehmann 266; Errington 112 f. Z. Pers. J . Deininger,
R E Suppl. X I (1968), 534—538, Art. Diophanes Nr. l a .
16 Vgl. Polyb. 21,9,1.
16 Polyb. 22,10,4; vgl. 21,9,1—3 sowie Aymard a. O. 3 2 3 ; Lehmann 2 7 2 — 2 7 4 ;
dazu jedoch Deininger a. O.
17 Plut. Philop. 1 6 ; comp. Phil, et Titi 3; Paus. 8,51,1; dazu Errington 1 1 8 — 1 2 2 ;
Aymard, Rapp. 3 3 0 — 3 3 8 ; Lehmann 267—269.
18 Vgl. dazu Aymard a. O. 335.
19 Liv. 3 6 , 3 1 , 4 — 7 ; dazu Aymard a. O. 3 4 2 — 3 4 5 ; Errington 1 2 3 — 1 2 7 ; Lehmann
270; Hoffmann a. O. 86 f. Messene mußte dann aber doch dem Koinon beitreten,
Liv. ib. 9.
20 Liv. 36,32,4: quidam Achaeorum et initio earn se rem aspernatos testabantur et tunc
pertinaciam increpitabant praetoris; dazu Aymard 3 5 0 f . ; Niese 2,713. Offenbar
versagten ihm aber auch die Anhänger Philopoimens ihre Unterstützung, vgl.
Errington 128f.
118 Richtungskämpfe I

verteidigen. Die zum Nachgeben gegenüber den römischen Wünschen


entschlossene Gruppe setzte sich damals im Koinon durch, und die Insel
wurde den Römern überlassen21.
Nach dem Ende des Antiochoskrieges verschärften sich die Gegen-
sätze zusehends. Philopoimens Politik des „Begrenzten Widerstandes"
gegen Rom im Unterschied zu dem stets prorömischen Aristainos und
seiner Richtung trat immer fühlbarer zutage, besonders in der Politik des
Koinon gegenüber Sparta. Sie zeigte sich aber auch im Versuch der Er-
neuerung eines Bündnisses Achaias mit dem Ptolemaierreich unter Ptole-
maios V. Epiphanes während Philopoimens siebter Strategie (wohl 187/6
v. Chr.)22. Damals begaben sich drei achaiische Gesandte, an ihrer Spitze
Lykortas, nach Alexandreia23. Im nächsten Jahr ging jedoch die Strategie
des Koinon erstmals wieder an Aristainos über. Als nun die vorgesehene
Erneuerung des Bündnisses von einer Synodos des Koinon in Megalopolis
ratifiziert werden sollte und Lykortas einen entsprechenden Antrag
stellte, verstand es Aristainos, diese außenpolitische Initiative der Ver-
treter des „Begrenzten Widerstandes" wirkungsvoll zu durchkreuzen24,
und erst einige Zeit später, als Lykortas selbst zur Strategie gelangt
war, konnte die Erneuerung des Bündnisses anscheinend tatsächlich
vorgenommen werden26.

81 Liv. 36,32,9; vgl. Deininger a. O. 535f.; Errington 122; 127—129.


22 Zur Datierung von Philopoimens 7. Strategie vgl. Aymard, R E A 30, 1928, 25 ff.
( = ders., Stüdes d'hist. anc. [Paris 1967], 18ff.); danach Hoffmann a. O. 89;
Lehmann 262f., Anm. 245; anders (189/8 v. Chr.) Errington 255; 261f.; (186/5 v.
Chr.) Niccolini 291.
» Polyb. 22,3,5—9.
2 1 Polyb. 22,7,2; 9,1—12; dazu Larsen, Fed. States 460f.; Lehmann 197f.; Geizer

Kl. Sehr. 3,180ff.; H. Winkler, Rom und Ägypten im 2. Jahrhundert v. Chr.


(Diss. Leipzig 1933), 25f. — Vgl. noch Errington 163—165. Für seine Annahme
(bes. 164f.), daß auch Aristainos grundsätzlich an dem Abschluß eines Bündnisses
mit Ägypten interessiert gewesen sei, vermag er jedoch keinen Beleg beizu-
bringen.
2 8 Polyb. 24,6,4; dazu Stähelin, R E X I I I 2 (1927), 2388, Art. Lykortas; Lehmann

198, Anm. 104 (der an 185/4 v. Chr. denkt). — Auf derselben σύνοδος des Koinon
hatte das πλήθος (Polyb. 22,8,13) auch ein Angebot Eumenes' I I . von 120 Talenten
abgelehnt, deren Zinsen für Tagegelder an die Mitglieder der achaiischen βουλή
verwendet werden sollten,Polyb. 22,7,2f.; 7,8—8,13; Diod. 29,17; dazu Errington
159—162; Larsen, Fed. States 226f.; ders., Repr. Gov. 96; 176; CasteUani 91;
Aymard, Ass. 154—156; 332—335. Neben Kassandros von Aigina sprach sich
dabei vor allem der Philopoimen nahestehende Apollonidas von Sikyon gegen die
Annahme des Angebots aus, Polyb. 22,8,1—8. Gegen die von K.-W. Welwei,
Historia 15, 1966, 286 wiederaufgenommene Hypothese, Eumenes habe damit
Achaia: Der Gegensatz zwischen dem Koinon und Sparta 119

c) Der „Begrenzte Widerstand" und der Gegensatz zwischen dem


Koinon und Sparta
Ihr Hauptbetätigungsfeld fand Philopoimens Politik des άυτερείδειν
freilich im engeren Bereich des spartanischen Problems. Denn die Ein-
gliederung Spartas in das achaiische Koinon nach dem Untergang des
Nabis im Jahre 192 v. Chr. hatte den alten Gegensatz zwischen den
beiden ungleichen Gebilden auf der Peloponnes nicht beendet, sondern
noch erbitterter gemacht, und ein unüberwindlicher Widerstand in
Lakonien gegen jede Beherrschung des Landes von Achaia aus hat be-
kanntlich mehr als vierzig Jahre später noch den Achaiischen Krieg
heraufbeschworen und damit zur Endkatastrophe des achaiischen Koi-
non geführt. Auch hier geht es weniger um die einzelnen, oft kaum zu
entwirrenden Episoden dieser — von einem gemeingriechischen Stand-
punkt aus betrachtet — wahrhaft selbstmörderischen Auseinander-
setzungen, als um die sich in ihnen offenbarende, unterschiedliche po-
litische Haltung der beiden großen Richtungen im Koinon gegenüber
Rom1.
Die von den Römern wie von Philopoimen selbst gewünschte Rück-
führung der Verbannten nach dem Ende des Krieges gegen Sparta war
zunächst unterblieben, da Philopoimen dies in konsequenter Verfolgung
seiner Politik als ausschließliche Angelegenheit des Koinon und nicht der
Römer betrachtet wissen wollte. Im Herbst 191 v. Chr. bezeichnete er in
Aigion gegenüber Flamininus und M'. Acilius Glabrio die Rückführung
als Sache des Koinon und konnte damit eine Intervention Roms in der
spartanischen Frage mit Erfolg verhindern2. Bald kam indes der Wider-
wille der Spartaner gegen die beabsichtigte Restituierung der Ver-
bannten in dem Überfall auf Las zum offenen Ausbruch; der Abfall
Spartas und sein förmlicher Austritt aus dem achaiischen Koinon
schlossen sich an (etwa Herbst 189 v. Chr.)3. Die darauf folgenden, von
einer spartanischen Gesandtschaft herbeigeführten Verhandlungen über

die Stellung der πολλοί im Koinon stärken und sie für sich gewinnen wollen, vgl.
bereits Aymard, Ass. 336, Anm. 8, sowie neuerdings wieder Lehmann 379—381.
1 Zu den Beziehungen zwischen dem achaiischen Koinon und Sparta in der folgenden
Zeit vgl. besonders Errington, Kap. 6—10; Castellani pass.; Niccolini, Kap. 4—5;
Niese 2,715ff.; 3,42ff.
2 Plut. Philop. 17; vgl. Paus. 8,51,4; Liv. 36,35,7; Errington 130f.; Aymard a. O.
361—363; Lehmann 239f.; Niese 2,716.
3 Vgl. Errington 137f.; 140ff.; Hoffmann a. O. 88f.; Niese 3,43f.
120 Richtungskämpfe I

die Spartafrage vor dem Senat in Rom (Frühjahr 188 v. Chr.4) offen-
barten in bedenklichem Maße, wieweit die innere Uneinigkeit des
Koinon schon gediehen war. Wortführer der achaiischen Gesandtschaft
waren Diophanes und Lykortas6. Während Diophanes — jetzt offen-
kundig in voller Übereinstimmung mit Aristainos und dessen Anhängern
— alle Entscheidungen in der Spartafrage dem Senat überlassen wollte,
bestand der hier erneut politisch hervortretende Lykortas gemäß seinen
von Philopoimen empfangenen Instruktionen 6 auf dem Recht der Achaier,
die Sache als rein innerachaiische Angelegenheit zu behandeln und ge-
mäß ihren eigenen Gesetzen zu verfahren. Soweit war also die 'Fak-
tions'bildung fortgeschritten, daß nicht einmal mehr das einheitliche
Auftreten einer achaiischen Gesandtschaft vor dem Senat in Rom ge-
währleistet war.
Der Senat hat sich in dieser Situation mit einer unbestimmten Ant-
wort begnügt, die jede Seite zu ihren Gunsten auslegen konnte. Die Folge
war angesichts der überlegenen Popularität Philopoimens in Achaia
seine Strafexpedition gegen Sparta und die rücksichtslose Bestrafung
und Demütigung der unglücklichen Stadt im Jahre 188 v. Chr.7. Jetzt
erfolgte zwar endlich die Rückkehr der Verbannten. Doch zeigte sich
bald, daß diese alles andere als eine zuverlässige Stütze der achaiischen
Vorherrschaft in Sparta waren. Nicht lange dauerte es, bis auch sie
sich, zum nicht geringen Verdruß zumal der Philopoimen Nahestehen-
den8, mit Beschwerden über die achaiische Unterdrückung an den Senat
in Rom wandten. Die sich daraus ergebenden neuen Verwicklungen
führten schließlich im Sommer 185 v. Chr.9 zu dem Treffen des Q. Cae-
cilius Metellus mit dem Strategen Aristainos und den achaiischen
άρχαί10 in Argos, wo Metellus die Achaier wegen ihrer harten Behandlung
Spartas scharf tadelte11.

4
Vgl. Lehmann 275. Z. Dat. Errington 138; 143.
« Liv. 38,32,6—8; Errington 143; Lehmann 275f.; Stähelin a. O. 2386; vgl. noch
Stier, Aufstieg 171 f.; Deininger a. O.
β
Liv. 38,32,8: ex praeceptis Philopoemenis.
7
Vgl. dazu zuletzt Errington 144—147; Larsen, Fed. States 445f.
8
Vgl. Polyb. 22,11,8.
» Zur Chronologie vgl. Errington 260f.; Castellani 90, Anm. 96; 91 f.; Niese 3,22,
Anm. 1.
10
Dazu Aymard, Rapp. 192 f., Anm. 2.
11
Das Folgende Polyb. 22,10; vgl. Liv. 39,33,5; dazu Errington 165—172; Larsen,
Fed. States 449f.; Lehmann 263—265; Stähelin a. O. 2386; vgl. auch Deininger
a. O.
Achaia: Der Gegensatz zwischen dem Koinon und Sparta 121

Erneut offenbarte sich hier die innere politische Gespaltenheit des


Koinon, die nicht einmal mehr in der unmittelbaren Konfrontation mit
den Römern eine einheitliche Willensbildung zuließ: Aristainos selbst
verharrte in Schweigen, doch konnte es an seiner grundsätzlichen Über-
einstimmung mit dem römischen Tadel nach der ausdrücklichen Fest-
stellung des Polybios keinen Zweifel geben12. Diophanes dagegen gab dem
Römer gegen Philopoimen nicht nur offen Recht, sondern verurteilte von
sich aus auch noch die Änderung, die Philopoimen an einem διάγραμμα
des Flamininus zur Frage der messenischen Verbannten vorgenommen
hatte 13 . Als Metellus daraufhin seine Vorwürfe gegen die Achaier noch
verschärfte, ergriffen Philopoimen selbst, Lykortas sowie ein weiterer
Gefolgsmann, von dem man bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal hört,
Archon aus Aigeira14, das Wort. Nachdrücklich bestanden sie dabei alle
auf der Rechtmäßigkeit des achaiischen Vorgehens gegen Sparta und
darauf, daß dies ohne Bruch bestehender Gesetze16 nicht rückgängig ge-
macht werden könnte 16 ; es war die erprobte Taktik des „Friedlichen
Widerstandes". Die Philopoimen-Gruppe verfügte dabei offenbar über
die Mehrheit unter den άρχοντες: Als Metellus nämlich die Einberufung
einer Versammlung der πολλοί des Koinon verlangte, wurde dies, da
wiederum mit den achaiischen Gesetzen in Widerspruch stehend17, ab-
gelehnt, worüber Metellus äußerst verstimmt war18. Hinter der Richtung
12 Polyb. 22,10,3: ό μέν ouv Άρίσταινος είχε την ήσυχίον, δήλος ών έξ αύτοΰ τοΰ
σιωπά ν ότι δυσαρεστείται τοις ώκονομημένοις καΐ συνευδοκεϊ τοις ύττό Καικιλίου
λεγομένοις; zur gegenteiligen Meinung Erringtons vgl. unten Anm. 19.
1 3 Vermutungen zu dieser nicht näher bekannten „Verbesserung" (διόρθωσις,
Polyb. a. O. 6) Philopoimens bei Errington 154—157; die grundsätzliche Fest-
stellung (a. O. 157), daß Philopoimen auch hier möglichst wenig den Römern
überlassen wollte, ist sicher richtig.
" Z. Pers. vgl. U. Wilcken, R E I I 1 (1895), 564f., Nr. 6; Chr. Habicht, R E I X
A 2 (1967), 1420f. Zu seiner ersten Strategie im Koinon (190/89, 188/7,187/6 oder
184/3 v. Chr. ?) vgl. Errington 262f.; Lehmann 195, Anm. 94.
1 4 Polyb. 22,10,8: αδύνατον δ ' είναι τό κινησαί τι των υποκειμένων άνευ τό παρα-

βήναι καΐ τά προς τους ανθρώπου; δίκαια καΐ τα πρός τοΰζ θεούς όσια; dieses für
die Richtung Philopoimens typische Argument erscheint hier zum ersten
Mal; vgl. auch oben S. 112.
« Polyb. 22,10,4—8.
17 Polyb. 22,10,12: τοΰς γάρ νόμους ουκ έδν, Ιάν μή φέρη τις εγγραπτα παρά της

συγκλήτου, περί ών οίεται δεϊν σννάγειν. Vgl. Anm. 15 sowie Larsen, Fed. Sta-
tes 224; ders., Repres. Gov. 89; 177; Lehmann 234 m. Anm. 184.
18 Polyb. 22,10,13. Sollte Metellus (woran Badian, Foreign Client. 90, Anm. 1 denkt),

wirklich geglaubt haben, bei den πολλοί auf mehr Zustimmung zu stoßen, hätte
er sich wohl sicherlich im Irrtum befunden. Vgl. auch das Folgende.
122 Richtungskämpfe I

Philopoimens haben aber auch in diesem Fall offenkundig die πολλοί


gestanden, wenn anders dort das Gerücht Glauben und Verbreitung
finden konnte, Metellus sei eigens von Aristainos und Diophanes zur
Einschüchterung Philopoimens und seiner Gruppe herbeigeholt worden19.
— Es ist übrigens das letzte Mal, daß Aristainos in der Überlieferung ge-
nannt wird; man muß vermuten, daß er nicht lange darauf starb20.
Metellus ist ziemlich aufgebracht über die ihm von den Achaiern bzw.
dem dortigen „Friedlichen Widerstand" in den Weg gelegten Schwierig-
keiten nach Rom zurückgekehrt21. Etwa zur gleichen Zeit reiste eine
achaiische Gesandtschaft unter Apollonidas von Sikyon, einem Vertreter
der Richtung Philopoimens22, nach Rom23. Sie versuchte die Haltung der
achaiischen Behörden zu rechtfertigen, rief damit jedoch nur heftige Vor-
würfe des Metellus gegen Philopoimen, Lykortas und die Achaier über-
haupt hervor24. Der Senat forderte daraufhin das Koinon auf, römische
Gesandte in Zukunft immer in angemessener Weise anzuhören26.
Die schwierige spartanische Frage kam aber nicht zur Ruhe. Gleich-
zeitig mit der Gesandtschaft des Apollonidas waren in Rom auch zwei

M Polyb. 22,10,14—15. — Kaum haltbar erscheint Erringtons These (a. O. 166f.),


wonach es sich Polyb. 22,10,3 (oben Anm. 12) nur um die „eigene Interpretation
des Polybios" handelt, Aristainos jedoch in Wirklichkeit auf der Seite Philo-
poimens gestanden habe. Dagegen spricht nicht nur die Verbreitung des er-
wähnten Gerüchts in Achaia, sondern ebenso die Tatsache, daß Aristainos auch
nachdem Metellus seine Angriffe gegen Achaia gesteigert hatte, stumm blieb,
was ganz unverständlich wäre, wenn er die Propaganda der Anhänger Philo-
poimens so sehr fürchten mußte.
20 Vgl. Holleaux, Stüdes 5, 137; Niese 3,58, Anm. 2. Zum Datum seines Todes auch
Lehmann 265 (der an 185/182 v. Chr. denkt). — Für die Vermutung Erringtons
(a. O. 172, vgl. 226), Aristainos' ganze politische Karriere sei durch diese Er-
eignisse in Argos beendet worden, gibt es keinen Anhaltspunkt in den Quellen.
In diesem Fall wäre das Schweigen, mit dem er nach Errington seine Zustimmung
zu Philopoimen verbarg, noch unbegreiflicher.
21 Polyb. 22,10,13; vgl. 11,1.
22 Zu ihm vgl. oben S. 118, Anm. 25. Unnötige Skepsis hinsichtlich seiner politi-
schen Haltung bei Errington 173. Auch Polyb. 28,6,6 (vgl. unten S. 179) zeigt,
daß Apollonidas zum engeren Kreis um Lykortas gehörte.
23 Polyb. 22,11,6; 12,5—8.
21 Polyb. 22,12,8; Paus. 7,9,1.
28 Polyb. 22,12,10; Liv. 39,33,6—8. Nichtsdestoweniger verweigerte die Philopoi-
men-Gruppe 183 v. Chr. auch Flamininus die Einberufung der Ekklesie erneut
mit der Begründung, er habe keinen schriftlichen Auftrag des Senats, Polyb.
23,5,15—18; dazu Errington 184f.; Larsen, Fed. States 454; Castellani 99f.;
Niese 3,50f.
Achaia: Der Gegensatz zwischen dem Koinon und Sparta 123

spartanische Verbannte, Areus und Alkibiades, eingetroffen und hatten


sich beim Senat über das achaiische Regime in Lakonien beschwert26.
Die Philopoimengruppe, die im Koinon wieder die Oberhand gewonnen
hatte, war über dieses Vorgehen so verärgert, daß die beiden Spartaner
auf Antrag des Lykortas, der 185/4 v. Chr. die Strategie bekleidete und
der seinerseits die Behandlung Achaias durch Rom lebhaft beklagte, in
Abwesenheit zum Tode verurteilt wurden27.
Damit hatte sich die Richtung Philopoimens nun allerdings in offe-
nen Gegensatz zur römischen Politik gebracht und sollte dies auch bald
schmerzlich zu spüren bekommen. Denn kurz darauf, im Sommer 184 v.
Chr., traf eine römische Gesandtschaft unter Ap. Claudius Pulcher bei
der Versammlung des Koinon in Kleitor ein; in ihrer Begleitung befan-
den sich die beiden Lakedaimonier28.
Ap. Claudius verurteilte in seiner Rede entschieden das achaiische
Verfahren gegen Sparta. Der Stratege Lykortas, der darauf antwortete
und mit merklicher Gereiztheit und Verbitterung für die Gruppe um
Philopoimen und den „Friedlichen Widerstand" sprach29, bestritt dem-
gegenüber erneut rundweg die römische Zuständigkeit in dieser Frage.
Ja, er sprach aus, seine Rede gleiche eigentüch der von streitenden
Sklaven vor ihren Herren, und äußerte sogar, daß, wenn sich die Römer
um die achaiischen Maßnahmen gegen Sparta kümmerten, er dann auch
das Recht habe, die Römer zu fragen, was sie mit den Einwohnern von
Capua gemacht hätten. Man achte, ja fürchte, wenn sie es nicht anders
wollten, die Römer; aber mehr als die Römer achte und fürchte man noch
immer die Götter30. Noch nie bisher hatte ein Vertreter des „Friedlichen
Widerstandes" in Achaia eine so scharfe Sprache gegen Rom geführt.
Aber obwohl Lykortas damit einmal mehr den Beifall der Menge fand31,

26
Polyb. 22,11,7—12,4. Vgl. Errington 174ff.
27
Liv. 39,36,8.
28
Das Folgende Polyb. 22,2; Liv. 39,36,1—37,21; Paus. 7,9,3—4. Zur Authentizität
der Rede des Lykortas P. Pedech, Les 6t. class. 37, 1969, 253; Lehmann 278f. m.
Anm. 280; Holleaux, Etudes 5, 130 f. (skeptischer Errington 177); vgl. außerdem
Castellani 96ff.; Stähelin a. O. 2387; Niese 3, 48f.
29
Liv. 39,36,5: Lycortas . . . Philopoemenis . . . factionis erat; vgl. Paus. 7,9,4.
so
Liv. 39,37,10: ego quid Capua capta feceritis Romani, non quaero; ib. 17: veremur
quidem vos, Romani, et, si ita vultis, etiam timemus: sed plus et veremur et timemus
deos immortales. Vgl. außerdem ib. 21: id modo petierunt (sc. Achaei), ut Romani,
quae viderentur de Lacedaemoniis mutarent nec Achaeos religione obstringerent
irrita ea quae iure iurando sanxissent, faciendi.
31
Liv. 39,37,18: cum adsensu maximae partis est auditus.
124 Richtungskämpfe I

blieb angesichts des massiven römischen Drucks schließlich nichts ande-


res übrig, als die Urteile gegen die beiden Spartaner wieder aufzuheben32.
Deutlicher Heß sich die wachsende Ohnmacht und Fragwürdigkeit des
„B e g r e n z ten Widerstades" kaum demonstrieren.
Eine wirkliche Beruhigung in der spartanischen Frage war im übri-
gen auch damit nicht erreicht; und bald darauf kam zu den mannig-
fachen Schwierigkeiten der achaiischen Politik auf der Peloponnes noch
der von römischer Seite, namentlich von Flamininus selbst, stillschwei-
gend geförderte Abfall von Messene hinzu. Bei dem Versuch, dem von
den Messeniern bedrängten Korone zu Hilfe zu kommen, ist dann,
vielleicht im Mai/Juni 182 v. Chr., Philopoimen in messenische Ge-
fangenschaft geraten; vor allem auf Veranlassung des Deinokrates wurde
er in Messene im Gefängnis zur Einnahme von Gift gezwungen33. Seine
letzte Sorge soll dem Schicksal des Lykortas gegolten, die einigermaßen
beruhigende Antwort ihn noch bedeutend erleichtert haben34. Gewiß:
Lykortas lebte, und ein von ihm sofort unternommener Feldzug führte
alsbald zur Niederwerfung und Eroberung von Messene35. Aber obgleich
es auch neben ihm an Politikern, die die von Philopoimen begründete
Richtung weiterführten, nicht fehlte, war mit dem Tode des achtfachen
Strategen des achaiischen Koinon doch, wie sich nur allzubald heraus-
stellen sollte, eine ganze Ära des „Friedlichen Widerstandes" zu Ende
gegangen.

32
Liv. 39,37,21. Charakteristisch für die Situation der Achaier ist die Bemerkung
des Ap. Claudius, a. O. 19: dum liceret voluntate sua facere, gratiam inirent, ne
mox inviti et coacti facerent.
33
Vgl. dazu im einzelnen Errington 189—194; Lehmann 185f.; Hoffmann a. Ο.
91 ff. — Liv. 39,49—50 datiert Philopoimens Tod in das Jahr 183 v. Chr.; ebenso
W. Hoffmann, Hermes 73,1938, 244ff.; vgl. R E a. O. 91; danach Lehmann 184f.,
Anm. 77. Die Mehrzahl der Forscher setzt das Ereignis jedoch in das Jahr 182 v.
Chr., zuletzt Errington 241—245; vgl. noch Aymard, REA 30, 1928, 43—53
( = ders., Etudes 31—39); De Sanctis 4,1 2 ,236; Niccolini 292ff. Zu skeptisch zu
den Berichten der Quellen über das Ende Philopoimens (Zweifel an der Beseiti-
gung durch Gift) Errington 191—194.
34
Plut. Philop. 20.
35
Zu dem (gegen den Willen des römischen Gesandten Q. Marcius Philippus: Polyb.
24,9,12) unternommenen Feldzug des Lykortas und der Eroberung von Messene
vgl. Polyb. 24,9,12—13; Plut. Philop. 21; Paus. 8,51,8; dazu besonders Lehmann
187—189; Niese 3,54f.
Achaia: Philopoimen und der antirömische Widerstand 125

d) Philopoimen und der antirömische Widerstand in Griechenland


Weder Philopömens Klugheit noch Aratus' Recht-
schaffenheit gaben Griechenland seine alten Zeiten wie-
der. Wie die Sonne im Niedergange, von den Dünsten
des Horizonts umringt, eine größere, romantische
Gestalt hat, so hat's die Staatskunst Griechenlands
in diesem Zeitpunkt; allein die Strahlen der unter-
gehenden Sonne erwärmen nicht mehr wie am Mittage,
und die Staatskunst der sterbenden Griechen blieb
unkräftig.
Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der
Menschheit, Dritter Teil (1787), B. 13, Kap. 6.

Sieht man von Polybios selbst ab, so ist Philopoimen wohl der indi-
viduell weitaus am besten bekannte Repräsentant des antirömischen
Widerstandes in Griechenland.
Seine historische Bewertung ist dennoch nicht leicht. In der antiken
Überlieferung selbst wird er ohne Einschränkung als bedeutende Per-
sönlichkeit, ja geradezu als der „letzte Grieche" gefeiert 1 . Hier ist frei-
lich zu bedenken, daß diese Überlieferung einseitig geprägt ist von
Philopoimens Bewunderer und politischem Gesinnungsgenossen Polybios;
es dürfte kaum einen Zweifel geben, daß das Urteil eines Anhängers des
Aristainos über Philopoimen in mancher Hinsicht abweichend gelautet
hätte, wenn auch stets zu beachten bleibt, daß die Gegensätze zwischen
den beiden Richtungen in Achaia zu Lebzeiten Philopoimens noch nicht
so radikal waren wie später.
Dagegen neigt die moderne Forschung, von wenigen Autoren ab-
gesehen, die das Lob des Polybios übernehmen zu können glauben 2 ,
überwiegend zu einer insgesamt eher negativen Bewertung Philopoimens.
So lehnte Mommsen die ganze „Patriotenpolitik" in Bausch und Bogen
ab, da sie gegenüber Rom von vornherein zum Scheitern verurteilt ge-
wesen sei3. Wenn man allerdings bedenkt, daß sich Philopoimen selbst
— nach Polybios — über die Vergeblichkeit seiner politischen Be-

1
Vgl. Liv. 39,50,10—11; Diod. 29,18; Plut. Philop. 1; Paus. 8,52,1; als „letzter
Grieche" (έσχατος Ελλήνων) von einem unbekannten Römer bezeichnet: Plut.
Philop. 1; Arat. 24; dazu Errington 216—218. Nichts in der Überlieferung deutet
allerdings daraufhin, daß diese Bezeichnung, wie Errington behauptet (218),
„zynisch" gemeint gewesen sei.
2
Vgl. besonders Lehmann 247, Anm. 210; Stier 171ff.; Hoffmann a. O. 94. Auch
für Niebuhr (Vorträge II 3 [1851], 460) war Philopoimen „ein großer Mann".
3
Vgl. oben S. 8.
126 Richtungskämpfe 1

strebungen auf weite Sicht keinen Illusionen hingab, so mutet dieses


Urteil zu wenig differenziert an4. Schwerer dürfte der von der neueren
Geschichtsschreibung weithin erhobene Vorwurf wiegen, daß Philo-
poimen in der Auseinandersetzung mit Rom in politischer Engstirnig-
keit immer nur die Interessen Achaias, nicht aber die des ganzen Grie-
chenland gesehen habe5. Daß sich der „Friedliche Widerstand" tatsäch-
lich nur auf die Erhaltung der Handlungsfreiheit des achaiischen Koinon
auf der Peleponnes richtete und irgendwelche weiterausgreifende, pan-
hellenische Gedanken dabei keinerlei Bedeutung hatten, ist offenkundig.
Doch war das Verschwinden bzw. Fehlen panhellenischer Konzeptionen
seit dem II. Makedonischen Krieg ein Phänomen, das nicht nur bei
Philopoimen, sondern in Achaia überhaupt und darüber hinaus im ge-
samten griechischen Mutterland zu beobachten war. Auch in der anderen
großen antirömischen Bewegung in Griechenland nach dem II. Make-
donischen Krieg, der von den Aitolern (und Antiochos III.) propagierten
„Befreiung Griechenlands", war eigentlich panhellenisches Gedankengut
nirgends mehr direkt angeklungen; vielmehr war damit ein nicht zu
übersehender aitolischer Führungsanspruch verknüpft, der seinerseits
eine der Ursachen des Scheiterns der Aitoler in Griechenland bildet.
Diese allgemeine Situation muß bei der Würdigung Philopoimens be-
obachtet werden; auch insofern scheint ein Vergleich mit Gestalten wie
Cavour und Bismarck, der notwendig negativ ausfällt, fragwürdig®.
Trotz Anerkennung der Tatsache, daß nationalstaatliche Einigungs-
gedanken des 19. Jahrhunderts keinen Maßstab für die Beurteilung der
politischen Wirksamkeit Philopoimens bilden können, gelangt indes auch
R. M. Errington, der sich neuerdings am eingehendsten mit der Ge-
stalt des großen Achaiers beschäftigt hat, zu einem in vieler Hinsicht
negativen Ergebnis7. Philopoimen habe, zumal seit etwa 191 v. Chr.,

4
Vgl. bereits C. Peter, Studien zur römischen Geschichte (Halle 1863), 177f.
6
In diesem Sinne F. Kiechle, Lex. d. Alt. Welt (1965), 2304f., Art. Philopoimen;
Castellani 102; L. Pareti, Storia di Roma II (1952), 745; Α. H. McDonald, Oxf.
Class. Diet. (1949), 685, Art. Philopoemen; P. V. M. Benecke, Cambr. Anc. Hist.
VIII (1930), 298f.; De Sanctis 4,l 2 ,237f.; besonders scharf M. Cary, A History
of Rome (London 1954), 197f.
β
Sie zieht Benecke a. Ο. 299 zum Vergleich heran. Vgl. noch J. A. O. Larsen,
ClPh 30, 1935, 207, Anm. 74.
7
Errington bes. 216ff. (der aber die panhellenischen Ansätze im Widerstand gegen
Rom am Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. unbeachtet läßt). Ib. 218—220 gegen
die .psychologische' Interpretation Philopoimens vom Soldatischen her bei
Hoffmann a. O. 94; vgl. Benecke a. O. 299.
Achaia: Philopoimen und der antirömische Widerstand 127

mit seinem Unabhängigkeitsstreben die auf die Schaffung eines „Klientel"-


verhältnisses zwischen Rom und Achaia gerichtete römische Politik
bewußt mißverstanden8. Dabei sei er einem „doktrinären Patriotismus"
verfallen*, den nur er selbst kraft seines unerreichten Prestiges prakti-
zieren konnte, der aber nach seinem Tode der Herausforderung durch
einen Kallikrates nicht standhielt und seine Nachfolger in eine politische
Sackgasse trieb, aus der sie nicht mehr herausfanden10.
Letzteres ist gewiß richtig; und doch bleibt die Frage, wie unter den
skizzierten Voraussetzungen ein erfolgreicher Widerstand gegen das über-
mächtige Rom sich in Griechenland überhaupt anders hätte artikulieren
können. Bei dem Urteil über Philopoimen sollte schließlich auch nicht
vergessen werden, daß der „Begrenzte Widerstand" in Achaia, dessen
Höhepunkte zweifellos in der Zeit vor 182 v. Chr. lagen, keineswegs
allein an seiner Persönlichkeit hing. Gerade die beträchtliche Anzahl
derer, die nach ihm die Poütik des άντερείδειν gegen Rom fortgeführt
haben — an ihrer Spitze Lykortas, der Vater des Polybios, daneben vor
allem Archon, Polybios selbst, Stratios und Xenon von Patrai — beweist,
daß ihr der politische Wille eines nicht geringen Teils der achaiischen
Oberschicht zugrunde lag; das eindrucksvollste Zeugnis dafür sollten ganz
am Ende noch die tausend Achaier bilden, die 167 v. Chr. nach Italien
deportiert wurden. Doch auch die πολλοί standen, soweit es sich aus der
Überlieferung ermitteln läßt, durchweg hinter der Richtung Philo-
poimens bzw. seiner politischen Erben; und noch die Politiker um Diaios
und Kritolaos, unter denen sich 147/6 v. Chr. die endgültige Katastrophe
des Koinon vollzog, beriefen sich, wie es scheint, ζ. T. auf Lykortas und
damit letztlich wieder auf Philopoimen11. Auch wenn Polybios selbst mit
ihnen nichts gemein hat und sich Philopoimen und Lykortas von solchen
Jüngern zweifellos entschieden distanziert hätten, wird hier etwas wie
eine übergreifende historische Kontinuität des Widerstandes gegen Rom
in Achaia von Philopoimen bis zum Untergang des Koinon sichtbar.
8 Errington 222 ff. Die Charakterisierung von Philopoimens Politik in dieser Form
ist freilich kaum zutreffend, da die Quellen keinerlei Anhaltspunkte dafür bieten
und es überdies ganz unwahrscheinlich ist, daß Philopoimen in solchen (römischen)
Kategorien gedacht hat. Auch der von Errington postulierte Einschnitt in Philo-
poimens Politik gegenüber Rom seit 191 v. Chr. erscheint willkürlich (vgl. oben
S. 110, Anm. 4).
' ,,a doctrinaire patriotism" (Errington 227) — mit diesen Worten beschließt
Errington offenbar absichtsvoll seine Biographie.
10 Errington a. O.
1 1 Vgl. unten S. 225 f.
128 Richtungskämpfe I

5. Die ältere Phase der Richtungskämpfe und der Widerstand gegen


Rom
Mit dem Tod Philopoimens ist die Untersuchung der romfeindlichen
Strömungen in Griechenland an einem wesentlichen Einschnitt angelangt,
der einen zusammenfassenden Rückblick auf den Ablauf des Wider-
stands,, prozesses" seit dem II. römisch-makedonischen Krieg recht-
fertigt. Dabei drängt sich als wichtigste Beobachtung auf, daß, in deut-
lichem Gegensatz zur vorausgegangenen „panhellenischen" Widerstands-
phase, seit 198 v. Chr., als die römische Herausforderung an jedes
größere Staatswesen unmittelbar herantrat, die inneren Richtungskämpfe
der „principes" von entscheidender Bedeutung für den Verlauf des anti-
römischen Widerstandes wurden. Eine vergleichende Betrachtung dieser
Richtungskämpfe zeigt dabei klar, daß die Entwicklung bis etwa 180
v. Chr. noch durch beträchtliche Unterschiede der inneren Auseinander-
setzungen nicht nur nach ihren jeweiligen historischen Wurzeln, sondern
auch nach der Frontstellung in den einzelnen Staatswesen gekenn-
zeichnet war.
Was die Ursprünge der antirömischen Gruppen im griechischen
Mutterland betrifft, so waren diese ζ. T. aus älteren promakedonischen
Gruppen hervorgegangen, ζ. T. hatten sie sich aber auch völlig neu ge-
bildet. Vor allem in Boiotien läßt sich die Entwicklung des dann so zäh-
lebigen Widerstands gegen Rom aus einer bis wenigstens 227 v. Chr.
zurückgehenden Verbindung der herrschenden Richtung der „principes"
mit Makedonien nahezu lückenlos dokumentieren. Ähnlich ist die Ent-
stehung antirömischer Gruppen ohne Zweifel aber auch in einigen ande-
ren Landschaften verlaufen, insbesondere in Akarnanien 1 .
Das wichtigste Beispiel für die „Neuentstehung" antirömischer
Gruppen liefert dagegen Aitolien, wo die Bestürzung über das Ergebnis
des II. römisch-makedonischen Krieges bereits kurze Zeit nach Kynos-
kephalai zu einer Entfremdung von Rom und zur Entstehung einer
radikal antirömischen Richtung im Koinon geführt hat, deren Aktivität
ein wesentlicher Teil der Verantwortung für die Auslösung des Syrischen
Krieges im Jahre 192 v. Chr. zukam. Ähnlich war die antirömische Be-
wegung in Demetrias im wesentlichen erst eine Reaktion auf die von Rom
beabsichtigte Ubergabe der Stadt an Philipp im Falle eines Krieges
gegen Antiochos und die Aitoler, und auch Philopoimens Politik des

1
Vgl. auch Chalkis, oben S. 81, Anm. 5.
Die ältere Phase der Richtungskämpfe 129

„Friedlichen Widerstands" scheint eine durchaus spontane Reaktion


auf die zunehmende Bevormundung Achaias durch die römische Politik
gewesen zu sein.
War der antirömische Widerstand somit nach seinen Ursprüngen
entschieden heterogen, so hat Entsprechendes auch von der Frontstel-
lung innerhalb der einzelnen Gemeinwesen zu gelten. Nicht überall
standen, wie seit 197 v. Chr. in Boiotien, in Demetrias, Chalkis und
Akarnanien während des Syrischen Krieges, einfach prorömische gegen
antirömische „principes". In Aitolien war vielmehr die gesamte Front
gleichsam auf die romfeindliche Seite verschoben und rivalisierten
radikale und gemäßigtere Feinde Roms miteinander; in Achaia dagegen
bekämpften sich mit nicht geringerer Heftigkeit Politiker, denen jede
Opposition gegen Rom nutzlos erschien, und Vertreter des „Friedlichen
Widerstandes", die, bei grundsätzlich prorömischer Haltung, dennoch in
bewußtem Gegensatz zu Rom auf die Erhaltung einer begrenzten poli-
tischen Selbständigkeit ihres Landes hinarbeiteten.
Uneinheitlich wie Ursprung und politische Bestrebungen der anti-
römischen Gruppen unter den „principes" waren auch die gegen die
Römer vorgebrachten Argumente. Das im I. Makedonischen Krieg noch
gängige „panhellenische" Schlagwort von den Römern als „Barbaren"
ist nach der Schlacht von Kynoskephalai nicht mehr überliefert. Dafür
begann gerade von diesem Zeitpunkt an die romfeindliche aitolische
Agitation Griechenland zu überfluten, die — abgesehen von dem Hin-
weis auf den entscheidenden Anteil der Aitoler an dem römischen Sieg
von Kynoskephalai und die den Römern vorgeworfenen Vertragsbrüche
— in der seit dem Frühjahr 196 v. Chr. verbreiteten Behauptung gipfel-
te, Rom habe den Griechen nur scheinbar Freiheit gebracht, übe aber in
Wirklichkeit eine noch viel drückendere Vorherrschaft aus als zuvor
Makedonien. Diese These, eine zweifellos nicht unberechtigte Antwort
auf die römische Freiheitspropaganda, ist in den Jahren 196—192 v.
Chr. in zahlreichen Varianten überliefert; vor allem bildete sie das große
Losungswort für das Eingreifen Antiochos' III., der nicht nur in Aitolien,
sondern ebenso in Achaia, Chalkis und Thessalien und gewiß überall in
Griechenland seine Intervention mit der Forderung nach einer echten
Befreiung Griechenlands anstelle der von Rom verliehenen Schein-
freiheit begründete 14 .
»» Vgl. Liv. 35,32,9ff. (Menippos in Naupaktos, 192 v. Chr.), vgl. 33,8; 35,44,6
(Antiochos in Lamia, Ende 192 v. Chr.); 48,8 (Aigion, 192 v. Chr.); 46,6 (Chalkis,
192 v. Chr.); 36,9,4 (Thessalien, 191 v. Chr.).
9 Deininger, Widerstand
130 Richtungskämpfe I

Mit seiner Niederlage scheint dies alles wieder verschwunden zu sein.


Die Jahre nach dem Syrischen Krieg waren die eigentliche große Zeit
des „Begrenzten Widerstandes", bei dem die Berufung auf die Bindung
an die jeweils eigenen, griechischen Gesetze, den genauen Wortlaut der
Vereinbarungen mit Rom, ja, gelegentüch sogar auf die Götter, gegen-
über Rom im Vordergrund stand; diese Taktik ist nicht nur für Achaia,
sondern auch für die antirömische Richtung in Boiotien überliefert. Im
Gegensatz zu der „offensiven" Freiheitsagitation der Aitoler in den
Jahren 196—192 v. Chr. befand man sich damit allerdings gleichsam von
vornherein in der Defensive.
Offenkundig aber dürfte nach all dem sein, daß in den ersten Jahr-
zehnten des 2. Jahrhunderts v. Chr. keineswegs, wie man schon ge-
meint hat, „die" Oberschicht des griechischen Mutterlandes prorömisch
war, sondern daß ein nicht geringer Teil der „principes" sich damals
noch mehr oder weniger klar ablehnend gegenüber Rom verhielt. Die
überwiegende Mehrheit der aitolischen „principes", die herrschende
Richtung in Boiotien, Politiker wie Eubulides und Philon in Chalkis,
Eurylochos und Klytos in Akarnanien — sie alle repräsentieren die anti-
römischen Kräfte in der Oberschicht Griechenlands. Selbst Charops von
Epeiros hat offenbar nach der Landung Antiochos' III. in seiner Haltung
zu Rom geschwankt, und Ähnliches hat zweifellos für zahlreiche weitere
Angehörige der Oberschicht zu gelten, auch wenn ihre Namen nicht
überliefert sind; der deutlichste Beweis dafür ist nicht zuletzt die weitere
Entwicklung des Widerstandes gegen Rom und sein bedeutender Um-
fang in der Oberschicht bis 168 v. Chr. Diesen antirömischen Elementen
stand freilich ein beträchtlicher Teil der „principes" gegenüber, die ziel-
bewußt auf ein Zusammengehen mit der römischen Macht hinarbeiteten.
Charakteristische Vertreter dieser Richtung waren etwa Aristainos in
Achaia, Zenon in Demetrias, Mikythion und Xenokleides in Chalkis,
Zeuxippos aus Theben und die thessalischen „principes" von dem Typus
eines Pausanias von Pherai.
Die schwere Niederlage der Aitoler in ihrem Kampf gegen Rom hat
dann zwar ohne Zweifel eine erhebliche Schwächung der antirömischen
Teile der Oberschicht herbeigeführt, aber noch keineswegs dessen Ent-
machtung bewirkt. Wie sich in Achaia Philopoimen und später seine
politischen Erben mit ihrer Politik des „Friedlichen Widerstandes" durch-
aus behaupteten, so behielt in Boiotien die herrschende romfeindliche
Richtung auch nach dem Syrischen Krieg ihren Einfluß, und ebenso wenig
ist etwa in Aitolien nach der Niederlage von 189 v. Chr. ein wirklicher
Die ältere Phase der Richtungskämpfe 131

Wechsel in der Führungsschicht zu erkennen. Auf diese beiden Staatswesen,


Boiotien und Aitolien, muß hier noch kurz eingegangen werden.
Daß in Boiotien die Gegner Roms an der Macht blieben, zeigte sich
vor allem an dem hartnäckigen Festhalten des Koinon an der Ver-
bannung des Zeuxippos und der übrigen in die Ermordung des Brachyl-
las Verwickelten 2 . Als etwa im Jahre 188 v. Chr. der Senat aufgrund der
Bemühungen des Flamininus die Boioter förmlich zur Rückführung des
Zeuxippos und der anderen Verbannten aufforderte 3 , beeilten sich diese
— nach Polybios in der Befürchtung, die εΰυοια Makedoniens zu ver-
lieren4 —, das Verbannungsurteil gegen Zeuxippos und seine Gruppe
wegen der Ermordnung des Brachyllas und eines Hierosyliedeliktes
offiziell zu verkünden 6 . Zugleich reiste eine Gesandtschaft unter Kalli-
kritos nach Rom, um dort zu erklären, daß Boiotien an seine eigenen
Gesetze gebunden sei®.
Zur selben Zeit erschien Zeuxippos persönlich in Rom und erreichte
beim Senat, daß dieser die Achaier und Aitoler ersuchte, die Rück-
führung des Zeuxippos zu übernehmen 7 . Die Achaier schickten darauf-
hin eine Gesandtschaft nach Boiotien, wo ihnen — unter dem Archontat
des Hippias, der seinerseits dem Sohn des Brachyllas, Neon, und dessen
Gruppe nahestand 8 — die Erfüllung ihrer Forderungen in Aussicht ge-
stellt wurde; tatsächlich geschah jedoch nichts. Als nach dem Ablauf
der Amtszeit des Hippias auch dessen Nachfolger Alketas (etwa 186
v. Chr.) nichts unternahm, kam es — offenbar während der 7. Strategie
Philopoimens® — zwar zu scharfen Spannungen zwischen dem achaii-
schen und dem boiotischen Koinon 10 ; da aber der Senat kein weiteres
Interesse an der Rückkehr des Zeuxippos erkennen ließ und auch
Philopoimen wohl kaum Anlaß hatte, sich für diesen ausgesprochen pro-
römischen Politiker einzusetzen, scheint die Angelegenheit im Sande

2
Polyb. 22,4; dazu Larsen, Fed. States 446f.; De Sanctis 4,1*,231; Niccolini 164f.
3
Polyb. 22,4,4—5. Näheres über die Dienste, die Zeuxippos Flamininus während
des Antiochoskrieges leistete (Polyb. a. O. 4), ist nicht bekannt.
4
Polyb. 22,4,6.
5
Polyb. 22,4,6—7.
β
Polyb. 22,4,8: oü δύνασβαι τά κατά τοOs νόμους φκονομημένα trap' aCrroTs
άκυρα ττοιεϊν; vgl. dazu oben S. 113, Anm. 16.
7
Polyb. 22,4,9.
8
Polyb. 22,4,12; vgl. J. Sundwall, RE VIII 2 (1913), 1705, Nr. 7 (unvollst.); dazu
unten S. 146ff.
9
Polyb. 22,4,13; zur Datierung vgl. oben S. 118, Anm. 22.
10
Polyb. 22,4,16f.
9*
132 Richtungskämpfe I

verlaufen zu sein 11 . Die Entschlossenheit der Gegner Roms setzte sich


also durch; Boiotien blieb weiterhin antirömisch.
In Aitolien erscheint bemerkenswert, daß in den Jahren 184/3 und
177/6 v. Chr. Nikandros, während des Syrischen Krieges einer der radi-
kalen Romfeinde, das Amt des Bundesstrategen innehatte 1 2 , 180/79 v.
Chr. Lochagos aus Kallipolis: beide, Lochagos und Nikandros, wurden
später wegen antirömischer Umtriebe nach Italien deportiert 13 . Daneben
begegnen auch die Namen der von den aitolischen Friedensbemühungen
der Jahre 191—189 v. Chr. her bekannten „gemäßigten" Romfeinde
wiederholt unter den Strategen der Zeit nach dem Syrischen Krieg:
182/1 und 175/4 Archedamos und 179/8 sowie 174/3 v. Chr. Pantaleon.
Von vereinzelten Auslieferungsbegehren abgesehen hat Rom nach dem
Antiochoskrieg — im Gegensatz zu seiner Politik nach 168 v. Chr. —
von einem massiven Vorgehen gegen die antirömischen Kräfte in der
Oberschicht auch in Aitolien abgesehen. Selbst Thoas von Trichonion,
einer der Hauptschuldigen am Ausbruch des Krieges, der von Anti-
ochos aufgrund des Vertrages von Apameia an Rom ausgeliefert wurde,
durfte schon bald danach wieder nach Aitolien zurückkehren und hat
181/0 und noch einmal 173/2 v. Chr. die Strategie des Koinon bekleidet.
Bei ihm hat allerdings — wahrscheinlich während seines Aufenthaltes
in Rom — eine vollkommene politische Umkehr stattgefunden, indem er
ins entgegengesetzte Extrem verfiel und als ehemaliger radikaler Rom-
feind schließlich ins Lager der absolut prorömischen Politiker in Aitolien
hinüberwechselte.
Erwies sich damit die Haltung der Oberschicht im bisher unter-
suchten Zeitraum keineswegs als schlechthin prorömisch, sondern viel-
mehr als weithin uneinheitlich und gespalten, so verhielt es sich mit den
„πολλοί", wie sich immer wieder gezeigt hat, offenkundig wesentlich
anders. Von allem Anfang an erscheinen sie gleichsam als der eigent-
liche feste Hort der Romfeindschaft in Griechenland, nicht nur in
Aitolien, wo sich der Gegensatz zwischen den zum Friedensschluß be-
reiten Richtungen der gemäßigt antirömischen „firincifies" und den
entschieden romfeindlichen όχλοι besonders eindrucksvoll darbot, son-
dern auch etwa in Boiotien und Demetrias; selbst in Thessalien, Achaia

11 Vgl. auch Errington 153 f.


12 Hierzu und zum Folgenden vgl. bes. G. Klaffenbach, IG I X 2 1,1, p. LI.
13 Vgl. unten S. 168 ff. — Auch behält die aitolische Bronzeprägung ζ. B. nach
189 v. Chr. noch die traditionellen .nationalen' Themen bei, F. Scheu, NChr.
1960, 49; eine Änderung tritt erst 167 v. Chr. ein, ib. 50f.
Die ältere Phase der Richtungskämpfe 133

und Athen, also Staatswesen, deren Oberschicht überwiegend prorömisch


eingestellt war, läßt sich die Romfeindlichkeit der πολλοί auch in dieser
älteren Phase des Widerstandes ζ. T. deutlich feststellen.
Die unteren Schichten konnten jedoch naturgemäß gar nicht als von
sich aus handelndes politisches „Subjekt" auftreten, und es läßt sich
auch klar beobachten, daß sie von den Römern als politischer Faktor im
Grunde nicht ernst genommen wurden. Dies geht aus dem Urteil des
Flamininus über den promakedonischen Umsturz in Argos 198 v. Chr. 14
ebenso hervor wie aus der Zustimmung, welche die Rede des Atheners
Leon über die Ursachen des Antiochoskrieges 189 v. Chr. im römischen
Senat fand 18 : Immer waren es danach nur wenige einzelne „Rädels-
führer", welche die an sich friedlichen und gleichgültigen πολλοί zur Feind-
schaft gegen Rom aufhetzten. Noch später, 168 v. Chr., sollte sich dies
in der Rede des C. Decimius vor der rhodischen Volksversammlung be-
stätigen, wonach nicht das vulgus, sondern nur pauci concitores vulgi für
die zunehmend antirömische Politik der Insel verantwortlich waren 16 .
Der eigentlich politische Ansatzpunkt für die Römer waren daher
natürlicherweise stets die „principes"17.
Die πολλοί selbst gelangten unter diesen Voraussetzungen im
wesentlichen auf zwei Arten zu politischer Relevanz: in Verbindung mit
der jeweils antirömischen Richtung in der Oberschicht — wie es be-
sonders deutlich in Aitolien und Demetrias, aber auch in der offen-
kundigen Unterstützung des „Friedlichen Widerstandes" in Achaia zu-
tage tritt — sowie gegebenenfalls mit einem romfeindlichen Monarchen.
Gerade Letzteres, die eigentümliche Affinität zwischen πολλοί und
Einzelherrscher, schien im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung
zu gewinnen. Schon der Umsturz in Argos im Jahre 198 v. Chr. war nicht
zuletzt durch die Popularität zu erklären, die sich Philipp V. ζ. B .
209 v. Chr. durch sein dortiges Auftreten bei den πολλοί bewußt zu er-
ringen versucht hatte 1 8 . Noch deutlicher wurden beim Erscheinen Anti-
14 Vgl. oben S. 46, Anm. 6.
16 Vgl. oben S. 106f.
16 Vgl. unten S. 204f.
17 Charakteristische Beispiele dafür sind Liv. 26,24,1 (Aitolien 213 od. 212 v. Chr.,
oben S. 28, Anm. 13); 33,16,1 (Akarnanien 197 v. Chr., oben S. 48); 32,24,1
(198 v. Chr.); Consul (sc. Flamininus) . . . ad Elatiam castris positis primo conloquüs
rem per principes Elatensium temptavit; 33,5,1 (197 v. Chr ): Quinctius ad Thebas
Phthioticas castra cum movisset, spem nactus per Timonem principem civitatis prodi
urbem . . .; zu den Ereignissen im boiotischen Theben 197 v. Chr. vgl. oben S. 51.
18 Polyb. 10,26,1—2; Liv. 27,31,4f.; dazu Aymard. Rapp. 64; Niese 2,487.
134 Richtungskämpfe I

ochos III. in Griechenland die Erwartungen sichtbar, welche die πολλοί


an einen Monarchen knüpften, so vor allem die Vorstellung unermeß-
lichen Reichtums und gewaltiger Heere aus fernen östlichen Ländern.
Antiochos selbst ist freilich auf diese innere Bereitschaft der Unter-
schicht nicht eingegangen19; auch Perseus hat sich später in dieser Rich-
tung kaum weiter vorgewagt. Insgesamt hatten die πολλοί in jener
Phase des Widerstandes daher nie selbständige politische Bedeutung,
sondern vermochten allenfalls zusammen mit den antirömischen Teilen
der Oberschicht eine gewisse Wirkung auszuüben.
Damit dürfte, soweit es die sehr summarische Überlieferung über-
haupt gestattet, die Haltung der politisch ausschlaggebenden Kräfte
des griechischen Mutterlandes in der ersten Phase der Richtungskämpfe
im großen ganzen charakterisiert sein. Seit dem II. Makedonischen Krieg
waren Rom zwar beträchtliche Einbrüche in die Reihen der „principes"
gelungen, die vor allem durch den schweren Fehlschlag der antirö-
mischen Politik der Aitoler noch erheblich vertieft wurden. Auf der
anderen Seite aber fehlte es in der Oberschicht in den späteren neun-
ziger Jahren keineswegs an romfeindlichen Elementen der verschieden-
sten Schattierungen. Gegen diese durchaus spürbare Opposition haben die
Römer auch nach dem Syrischen Krieg keine allzu einschneidenden
Maßnahmen ergriffen; der antirömische Teil der „principes" blieb viel-
mehr weitgehend in seinen alten Machtpositionen und konnte auch
immer wieder bei den πολλοί auf politische Unterstützung rechnen. Die
in den Richtungskämpfen zutage tretenden Gegensätze drängten jedoch
je länger desto mehr auf eine eindeutige Lösung, vor allem, da gleich-
zeitig das tatsächliche machtpolitische Übergewicht Roms gegenüber
dem griechischen Mutterland unaufhaltsam wuchs und die Chancen des
Widerstandes im gleichen Maße sanken. Aufs ganze gesehen war dabei
vielleicht bereits die Schwerpunktverlagerung des Widerstandes von
der „offensiven" aitolischen Befreiungspolitik zu der „defensiven" Poli-
tik des άυτερείδειν in Achaia ein Symptom, in welche Richtung die Ent-
wicklung sich langfristig bewegte. Schon bald nach dem Tode Philo-
poimens zeichnete sich denn auch ein grundlegender Wandel im Charakter
der innergriechischen Richtungskämpfe ab, womit der Widerstand ge-
gen Rom in eine neue Phase trat, der sich die Untersuchung nunmehr
zuzuwenden hat.
19 Vgl. M. Holleaux, Etudes 5, 398; Badian, Foreign Client. 79; dazu das bei D.
Musti, Stud, class, e orient. 15, 1966, 163—168 zusammengestellte Material zur
'volksfreundlichen' Politik Antiochos' III. und der Antigoniden.
III. Die Richtungskämpfe innerhalb der einzelnen Staatswesen
II: Radikalisierung und Sieg der prorömischen Gruppen
(ca. 180—168 v. Chr.)

Es war, als ob der Tod Philopoimens den Weg freigemacht hätte


für ein entscheidendes Anwachsen der prorömischen Kräfte in Achaia.
Schon im Jahre 180 v. Chr. trat dort mit Kallikrates erstmals der be-
deutende, aber umstrittene Politiker hervor, der die prorömische Rich-
tung des Aristainos mit solcher Radikalität weiterführte, daß man mit
ihm füglich eine neue Ära in der Auseinandersetzung zwischen den An-
hängern des ausgesprochen prorömischen Kurses und dem „Begrenzten
Widerstand" beginnen lassen muß.
Doch nicht nur für Achaia, sondern, worauf Polybios ausdrücklich
hinweist 1 , auch für das übrige Griechenland bedeutete das Auftreten des
Kallikrates in Achaia einen wesentlichen Einschnitt. In seinem Gefolge
erschien nämlich gleichsam eine ganze neue Generation bedingungslos
prorömischer Politiker im griechischen Mutterland: Bereits 178/7 v.
Chr. taucht zum erstenmal Lykiskos als Stratege des aitolischen Koinon
auf 2 , und wenige Jahre später sind Gesinnungsfreunde des Kallikrates
auch anderswo zu fassen, so seit Beginn des III. römisch-makedonischen
Krieges der jüngere Charops in Epeiros, dann 170 v. Chr. Aischrion,
Chremas und Glaukos in Akarnanien und 169/8 v. Chr. Andronidas in
Achaia.
Die bemerkenswerte Gemeinsamkeit der von ihnen verfolgten poli-
tischen Ziele über die Grenzen der einzelnen Koina hinweg ist von
Polybios mehrfach ausdrücklich hervorgehoben worden 3 . Der achaiische
Historiker selbst hat sie freilich samt und sonders, vor allem Kalli-

1
Polyb. 24,10,8.
2
G. Klaffenbach, IG IX 12,1, p. LI; Gillischewski 59.
s
Vgl. bes. Polyb. 30,13,2—5; 30,32,12; Liv. 42,30,2—3 (dazu unten S. 159ff.). —
Zu Unrecht betrachtet Briscoe 15 (vgl. ders., Historia 18, 1969, 58) im Anschluß
an Passerini 327ff. die extrem prorömischen Politiker außerhalb Achaias
—- Charops, Lykiskos, Chremas und Mnasippos —- als „Tyrannen" in der Art
des Nabis. Dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkt; vor allem ist nicht klar, inwie-
fern sie .tyrannischer' gewesen sein sollen als ihre innenpolitischen Gegner.
136 Richtungskämpfe II

krates, Lykiskos und Charops d. J., aufs schärfste verurteilt, in deut-


lichem Gegensatz zu den prorömischen Politikern der älteren Zeit, etwa
Aristainos und dem älteren Charops. Ob man aber darin, wie G. A. Leh-
mann gemeint hat 4 , ein Zeichen besonderer Objektivität des Polybios
erblicken kann, ist fraglich — das Gegenteil liegt näher; denn es dürfte
schwerüch ein Zufall sein, daß ausgerechnet Polybios' eigene Zeit-
genossen, die ζ. T., wie Kallikrates, seine persönüchen Widersacher
waren, in weitaus ungünstigerem Licht erscheinen als die Vertreter der-
selben politischen Richtung in der älteren Generation. Der Unterschied
zwischen den prorömischen Politikern der Zeit vor und nach 180 v. Chr.
war nämlich, wie man mit Recht festgestellt hat, im Grunde nur graduell5.
Neu war hingegen, daß radikal prorömische Politiker nunmehr fast
überall in Griechenland eine wichtige Rolle zu spielen begannen und
sich damit die Frontstellung in den Richtungskämpfen der einzelnen
Staatswesen gegenüber bisher auffällig vereinheitlichte: In nahezu allen
Staatswesen sahen sich die Gegner Roms der verschiedensten Schattie-
rungen unversehens äußerst aktiven und entschlossenen prorömischen
Gruppen gegenüber. Am frühesten aber hat sich dieser für die zweite
große Phase der Richtungskämpfe charakteristische Wandel offen-
kundig in Achaia vollzogen.

1. Die Verschärfung der inneren Gegensätze bis zum Ausbruch des


I I I . Makedonischen Krieges (180—172 v. Chr.)
a) Achaia: Der „Begrenzte Widerstand" und die Anfänge der ra-
dikal prorömischen Richtung des Kallikrates (180—172 v. Chr.)
Kallikrates in Rom (180 v. Chr.)
Aller radikale politische Wechsel hebt mit Verrat an.
Margret Boveri, Der Verrat im 20. Jahrhundert I (1956),
141.
Der Beginn einer entscheidenden Verschärfung der Richtungskämpfe
innerhalb der „principes" war, der Darstellung des Polybios zufolge, un-
mittelbar mit einer im Jahre 180 v. Chr. erfolgten Gesandtschaftsreise
für das achaiische Koinon nach Rom verknüpft 1 .
4
Vgl. Lehmann 309 f.
6
Niccolini 166 f.
1
Das Folgende Polyb. 24,8—10; dazu Errington 200—203; Lehmann 285—296;
Geizer, Kl. Sehr. 3,152f.; De Sanctis 4,l 2 ,240f.; Niese 3,58ff.; vgl.auchCastellani
105ff.; Stier 179ff.
Achaia: Die prorömische Richtung des Kallikrates (seit 180 v. Chr.) 137

Dabei ging es,wieder einmal um die Frage der spartanischen Ver-


bannten2. Der amtierende Stratege Hyperbatos, ein Vertreter der pro-
römischen, von Aristainos begründeten Richtung (181—180 v. Chr.)3,
hatte dem Koinon ein Schreiben des Senats vorgelegt, in dem die Achaier
aufgefordert wurden, die Verbannten nach Sparta zurückzuführen. Bei
der Beratung darüber ergaben sich sofort wieder die alten Meinungs-
verschiedenheiten; doch zeigte sich, daß die Führung in diesen Aus-
einandersetzungen jetzt endgültig auf eine neue Generation übergegan-
gen war: Während die „Widerstandspolitik" Philopoimens von Lykortas
fortgesetzt wurde, wurde die Richtung des Aristainos nunmehr vor allem
von einem gewissen Kallikrates, Sohn des Theoxenos aus Leontion,
vertreten4.
Die Gruppe um Lykortas lehnte die Rückführung der Verbannten auf
römische Weisung ab und forderte — ganz im Sinne des „Friedlichen
Widerstandes" — auch hier das Festhalten an der bisherigen achaiischen
Politik und an den bestehenden Gesetzen und Verpflichtungen6, wofür
die Römer Verständnis aufbringen würden®. Dagegen war die Grupppe
um den Strategen Hyperbatos und Kallikrates zur Rückführung der
Verbannten entschlossen und bereit, die Wünsche Roms gleichsam als
oberste politische Instanz über alle anderen, auch entgegenstehende
Gesetze und Verträge zu stellen.
Im Koinon scheint sich aber zumindest äußerlich zunächst die
Lykortasgruppe durchgesetzt zu haben: Man beschloß jedenfalls die Ent-
sendung einer Delegation nach Rom, die dort den Standpunkt des
Lykortas vertreten sollte. Gleichzeitig gelang es jedoch Kallikrates,
zum Führer dieser Gesandtschaft bestimmt zu werden; ihm traten
Lydiadas aus Megalopolis7 sowie Aratos aus Sikyon8, offenbar Enkel
der bekannten gleichnamigen achaiischen Politiker des 3. Jahrhunderts,
2
Vgl. dazu Lehmann 285.
3
A. Aymard, REA 30, 1928, 58ff. ( = ders., Etudes d'histoire ancienne [1967]
42ff.); Stähelin, RE XIII 2 (1927), 2388, Art. Lykortas; P. Schoch, RE Suppl.
IV (1924), 860; Niccolini 163f.; 302; 310 (gegen den älteren Ansatz 180/79
v. Chr.; so Niese 3,59, Anm. 1).
4
Syll.® 634. Z. Pers. vgl. P. Schoch a. O. 859—862, Art. Kallikrates Nr. 7g; Niese
3,59; zu Theoxenos vgl. außerdem Syll. 2 588, Z. 68; Lehmann 284; Aymard,
Rapp. 163, Anm. 2.
6
Polyb. 24,8,2—5.
6
Vgl. dazu oben S. 113.
7
Nur Polyb. 24,8,8 genannt; vgl. P. Schoch, RE XIII 2 (1927), 2204, Nr. 2.
8
Z. Pers. vgl. Lehmann 286; B. Niese, RE II 1 (1895), 391, Nr. 4.
138 Richtungskämpfe I I

zur Seite, die beide nicht der Richtung von Hyperbatos und Kallikrates
angehörten, sondern wohl dem „Friedlichen Widerstand" nahestanden9.
Mit dem als Gegner des άντερείδειν zweifellos schon bekannten, wenn
auch in seiner zielstrebigen Entschlossenheit anscheinend unterschätz-
ten Kallikrates hoffte die Lykortasgruppe vielleicht, den Senat zu
größerem Entgegenkommen bewegen zu können 10 ; doch erwies sich
diese Rechnung — wenn Lykortas sie wirklich angestellt haben soll-
te — als gründliche Fehlkalkulation. Denn statt sich an die έυτολαί des
Koinon zu halten und die Linie der Lykortasgruppe zu vertreten, be-
nützte Kallikrates, der gewiß schon damals an die Strategie für 180/79
v. Chr. dachte, die Gelegenheit dazu, den Politikern des „Friedlichen
Widerstandes" einen schweren Schlag zu versetzen. Vor dem Senat
hielt er eine äußerst folgenreiche Rede 11 , in der er Lykortas und seine
ganze Richtung aufs schärfste angriff und die Forderung erhob, der
Senat müsse in dieser Auseinandersetzung endlich offen intervenieren.
Daß die innenpolitischen Gegensätze in Achaia direkt vor den Römern
zum Austrag kamen, war schon seit der Gesandtschaft von Lykortas und
Diophanes in Rom (189 v. Chr.) und den Verhandlungen in Argos
(186 v. Chr.) nichts Neues mehr. Doch ging Kallikrates jetzt insofern
einen wesentlichen Schritt weiter, als er sich nicht auf die spezielle Frage
der spartanischen Verbannten beschränkte, sondern vor dem Senat
grundsätzlich erklärte, daß es in allen achaiischen Gemeinden12 zwei
gegensätzliche politische Richtungen (αιρέσεις) gebe, von denen die eine

• Dies läßt sich wohl Polyb. 24,10,7, entnehmen, wo ausdrücklich berichtet wird,
daß die beiden nicht wie Kallikrates (unten S. 140) vom Senat als „erwünscht" be-
zeichnet wurden. — Außerdem war Aratos im Jahre zuvor als Begleiter des
Lykortas und des Polybios für eine dann nicht zustandegekommene Gesandt-
schaftsreise nach Ägypten vorgesehen, Polyb. 24,6,3—7; vgl. Stähelin a. O. 2388.
1 0 Vgl. auch Lehmann 286 mit Anm. 301. — Daß Lykortas mit seiner Anschauung

im Koinon doch nicht richtig durchgedrungen sei und Polybios seinen politischen
Einfluß überhaupt überschätzt habe, glaubt Castellani 206f. erschließen zu
können. Doch läßt sich nach Polyb. 24,8,7—8 an dem klaren Beschluß des Koinon,
die Gesandtschaft solle vor dem Senat die von Lykortas formulierte Ansicht ver-
treten, schlecht rütteln.
1 1 Polyb. 24,9.

1 2 Polyb. 24,9,2: iv ττάσαις ταϊξ δημοκρατικαϊζ ττολιτείαις. Da im folgenden die

Politik einer der beiden Richtungen als „achaiischer" bezeichnet wird (Polyb.
24,9,4; s. u.), muß sich dieser Ausdruck auf die einzelnen achaiischen Gemein-
den beziehen; unrichtig daher Lehmann 287, sowie Stier 179f., die an die re-
publikanischen Staatswesen in ganz Griechenland denken. Vgl. noch unten
Anm. 22.
Acbaia: Die prorömische Richtung des Kallikrates (seit 180 v. Chr.) 139

unbedingt prorömisch und bereit sei, alle innerstaatlichen Gesetze und


sonstigen Abmachungen dem Willen der Römer unterzuordnen, während
die andere den Römern eben diese bestehenden Gesetze und Verträge
entgegenhalte 13 und vor allem die Menge (πλήθη) dazu aufrufe, deren
Verletzung nicht ohne weiteres hinzunehmen 14 . Diese Richtung finde bei
den ττολλοί den größeren Widerhall und gelte dort sogar als „achaii-
scher" 16 . Die Folge sei, daß die Freunde Roms beschimpft und diffamiert
würden, seine Gegner sich dagegen allgemeiner Wertschätzung erfreuten.
Mit dieser Begründung forderte Kallikrates den Senat dringend zu
einer offenen Intervention zugunsten der unbedingt prorömischen
Politiker in Achaia auf, welche die widerstrebende Richtung zu einer
Änderung ihrer Haltung zwinge; aus Furcht würden sich dann auch
die ττολλοί der römischen αίρεσις anschließen. Andernfalls bestünde die
Gefahr eines unaufhaltsamen, allgemeinen Umschwungs zugunsten der
populären, in Opposition zu Rom verharrenden Richtung 16 . Schon jetzt
hätten einige Politiker die höchsten Ämter in ihren Heimatorten nur des-
wegen inne, weil sie unter Berufung auf die achaiischen Gesetze den
Wünschen Roms Widerstand zu leisten schienen. Wenn die Römer
wirklich daran interessiert seien, daß die Griechen ihre Entscheidungen
respektierten, müßten sie ihre Aufmerksamkeit dem prorömischen μέρος
zuwenden 17 . Zugleich wies er nachdrücklich auf die messenische Frage
hin, in der sich Q. Marcius Phillippus trotz aller Bemühungen nicht gegen
die widerstrebenden Achaier habe durchsetzen können, die Messene mit
Krieg und Vernichtung überzogen hätten 18 , und erklärte, daß die Achaier
auch in der Frage der spartanischen Verbannten so wenig daran dächten,
den römischen Wünschen zu folgen, daß sie sich den Spartanern gegen-
über sogar fest verpflichtet hätten, die Verbannten nicht in die Stadt
zurückzuführen 19 .
Der ganze Vorgang zeigt nicht nur höchst anschaulich den Gegensatz
der beiden politischen Richtungen in Achaia; er ist darüber hinaus

13
Polyb. 24,9,3; vgl. oben S. 112f.
14
Charakteristisch für die ältere Sehweise ist die Darstellung Hertzbergs (175),
wonach Kallikrates im Senat von Oligarchen und Demokraten gesprochen haben
soll. Davon steht bei Polybios nichts.
18
Polyb. 24,9,4.
18
Polyb. 24,9,6—7.
17
Polyb. 24,9,8—10.
18
Polyb. 24,9,12—13; dazu Lehmann 288f.: 187. Anm. 81.
19
Polyb. 24,9,14.
140 Richtungskämpfe II

typisch für die Methoden der innenpolitischen Auseinandersetzungen in


Griechenland und erinnert lebhaft ζ. B. an das, was sich Ende 197 v.
Chr. in Elateia abgespielt hatte20. Kallikrates tat im Grunde das gleiche,
was damals die Gegner des Brachyllas in Boiotien mit ihrer Gesandt-
schaft zu Flamininus unternommen hatten. Auch dort hatte eine pro-
römische Gruppe unter Hinweis auf eine starke antirömische Richtung in
der Oberschicht und deren gefährliche Verbindung mit den stets rom-
feindlichen πολλοί die Römer zu einer Intervention zu ihren Gunsten
aufgefordert. Ähnlich wie damals Brachyllas aus dem Wege geräumt und
damit zugleich die Menge eingeschüchtert werden sollte, so sollten jetzt
Lykortas und die Politiker des „Friedlichen Widerstandes" als politi-
scher Faktor ausgeschaltet und damit auch die dauernd antirömischen
πλήθη zum Schweigen gebracht werden. Das in beiden Vorgängen sicht-
bar werdende „Grundmuster" des Widerstandes war dasselbe; ein
wesentlicher Unterschied gegenüber der damaligen Situation lag jedoch
darin, daß die römische Unterstützung für die romfreundlichen „frin-
cifies" 197/6 v. Chr. in Boiotien noch zu einem regionalen Triumph für
die Gegner Roms werden konnte, während sie nunmehr entscheidend
den prorömischen Kräften zugute kam. Wozu sich im Jahre 197 v. Chr.
im Falle Boiotiens ein römischer Feldherr nicht ohne Bedenken ver-
standen hatte, eine politische Unterstützung bei der Unterdrückung
romfeindlicher Gruppen, das griff jetzt der römische Senat mit seiner
vollen Autorität auf.
Die Ausführungen des Kallikrates hinterließen nämlich in Rom einen
nachhaltigen Eindruck. Nach Anhörung der Verbannten festigte sich
dort die Uberzeugung, daß es jetzt in der Tat auf die systematische
Unterstützung der von Kallikrates bezeichneten prorömischen Richtung
und die Unterdrückung der άντιλέγοντες in Griechenland ankomme21.
So verlangte der Senat nunmehr kategorisch die Rückführung der ver-
bannten Lakedaimonier und richtete deswegen Schreiben nicht nur an
die Achaier, sondern darüber hinaus an Aitolien, Boiotien, Epeiros, Athen
und Akarnanien. Zugleich erklärte er in dem Antwortschreiben an die
Achaier, Persönüchkeiten wie Kallikrates seien an der Spitze aller Ge-
meinden erwünscht22.
20 Vgl. oben S. 55 f.
21 Polyb. 24,10,3 (vgl. ib. 9.8)
22 Polyb. 24,10,6—7. Die offenkundige Bezugnahme auf die Ausführungen des
Kallikrates (24,9,8; vgl. auch πολίτευμα hier [24,10,7] und 24,9,8) sowie die
Tatsache, daß sich diese Verlautbarung in dem Antwortschreiben des Senats an
Achaia: Die prorömische Richtung des Kallikrates (seit 180 v. Chr.) 141

Im Triumph kehrte Kallikrates nach Griechenland zurück 23 . So ver-


wirrt und bestürzt waren — nach Polybios — die όχλοι über diese
massive Intervention des Senats zugunsten des Kallikrates, wie sie sich
aus seinem Gesandtschaftsbericht und dem Antwortschreiben des Se-
nats ergab 24 , daß Kallikrates im Herbst 180 v. Chr. als Nachfolger des
Hyperbatos sogar zum Strategen des achaiischen Koinon gewählt wur-
de 25 . Als solcher hat er dann endlich die Frage der verbannten Lake-
daimonier und Messenier durch deren Rückführung gelöst26.
Die Schwere der Niederlage, die Kallikrates mit seinem Auftreten in
Rom damit dem „Friedlichen Widerstand" in Achaia bereitet hatte, wird
von Polybios unumwunden zugegeben. Seine Erklärung dafür, die vor
allem in dem — freilich nirgends expressis verbis gemachten — Vorwurf
des Verrats gegen Kallikrates besteht 27 , ist jedoch unbefriedigend und
läßt allenfalls das Bestreben erkennen, wesentliche Schwächen und
politische Fehler der Erben Philopoimens zu verdecken. Die anscheinend
zur Lykortas-Richtung zählenden Mitgesandten des Kallikrates, Aratos
und Lydiadas, waren offenbar gänzlich bedeutungslose Figuren, die
weder in Rom noch nach der Rückkehr in Achaia gegen Kallikrates
etwas zu bestellen hatten 28 . Vor allem aber war es eigentlich von vorn-

die Achaier befand (24,10,7), beweisen, daß damit zunächst nur an die achaiischen
Einzelgemeinden gedacht war, nicht — wie Lehmann 290 annimmt — an Grie-
chenland überhaupt. Vgl. aber unten S. 142f.
23 Polyb. 24,10,8.
24 Polyb. 24,10,14.
25 Polyb. a. O. — Daß die Gesandtschaft erst im Winter 180/79 v. Chr. stattgefun-
den und Kallikrates dann 179/8 v. Chr. die Strategie bekleidet hätte, vermutet
Errington 205; 263—265. Das würde jedoch bedeuten, daß die Gesandtschaft erst
beträchtliche Zeit nach der Beratung im Koinon nach Rom abgereist wäre, woge-
gen das ausdrückliche τταραυτίκα Polyb. 24,8,8 spricht. So wird man besser an
den traditionellen Daten festhalten, die auch Errington selbst (a. 0 . 2 6 5 ) nicht aus-
schließt. Zwei Monate galten im übrigen als ausreichende Frist für eine Gesandt-
schaft von Griechenland nach Rom, vgl. Polyb. 18,10,4; dazu Holleaux, Etudes
5, 270. Vgl. auch oben S. 104 für eine während des Sommers stattfindende Gesandt-
schaft nach Rom.
26 Polyb. 24,10,15; Paus. 7,9,5—7; 10,5; Syll. 3 634 (Dankinschrift der zurückge-
kehrten Lakedaimonier für Kallikrates in Olympia); dazu Errington 205; Leh-
mann 295 (m. Anm. 317); Castellani 108; Schoch a. O. 860; Niese 3,59f.
27 Vgl. Lehmann 292; 295; 307; Niese 3,59. Bei Polybios erscheint der Ausdruck im
Hinblick auf Kallikrates lediglich 30,29,7, jedoch nicht als sein eigenes Urteil;
anders Paus. 7,10,5 (dazu unten S. 199ff.).
28 Vermutungen zur Haltung der beiden Gesandten bei Castellani 107. Für die von
142 Richtungskämpfe II

herein nicht recht vorstellbar, daß Kallikrates je die politische Richtung


eines Lykortas hätte vertreten können. In der langen Geschichte der
Auseinandersetzung zwischen der prorömischen Richtung und den
Politikern des άντερείδειν gibt es kein Beispiel dafür, daß ein Exponent
der einen Richtung sich für die politischen Ziele der anderen eingesetzt
hätte. Dagegen hatten umgekehrt schon im Jahre 189 v. Chr. Diophanes
und Lykortas als Führer einer achaiischen Gesandtschaft vor dem Senat
ganz entgegengesetzte Auffassungen vertreten, ohne daß deswegen einer
von ihnen getadelt wird29. Gewiß lagen nach Polybios im Falle der Ge-
sandtschaft des Kallikrates die έυτολαί des Koinon vor30; dennoch hat
man sich zu fragen, ob Lykortas und seine Anhänger ernsthaft erwarten
konnten, daß Kallikrates vor dem Senat ihre Interessen vertreten
würde, und diese Frage scheint beinahe wichtiger zu sein als die nach
dem „Verrat" des Kallikrates31.
Für Polybios stellte die Gesandtschaft des Kallikrates eine grund-
sätzliche Zäsur in den achaiisch-römischen und darüberhinaus in den
griechisch-römischen Beziehungen überhaupt dar. Die Reaktion des
Senats auf die Rede des Kallikrates bedeutete für ihn das Ende der
παρρησία zwischen den Achaiern und Römern und die entscheidende
Wendung zum Schlechteren32. Damals, 180 v. Chr., hat der Senat nach
der Feststellung des Polybios zuerst damit begonnen, die κατά TÖ
βέλτιστο ν ιστάμενοι, d. h. die Anhänger des άντερείδειν und der von
Polybios selbst für richtig gehaltenen Politik eines maßvollen Wider-
standes, systematisch unter Druck zu setzen und die radikal prorö-

Lehmann 287, Anm. 303 erwogene Hypothese, Kallikrates habe sich im Senat
des Lateinischen bedient und so den Inhalt seiner Rede vor den Mitgesandten
verheimlichen können, gibt es bei Polybios keinen Anhaltspunkt. Daß Kalli-
krates das Lateinische überhaupt beherrschte, ist wenig wahrscheinlich; Leh-
manns Hinweis auf den jüngeren Charops, der längere Zeit in Rom geweilt hatte,
überzeugt nicht. Schwer vorstellbar wäre auch, daß die beiden anderen Gesandten
nicht dennoch Mittel und Wege gefunden haben sollten, den Inhalt von Kalli-
krates' Rede rechtzeitig zu erfahren.
29
Vgl. oben S. 120, wobei freilich zu beachten ist, daß über diese Gesandtschaft
nur die kurze Notiz Liv. 38,32,6—8 vorliegt.
30
Polyb. 24,8,8. Sicher reisten indes auch Lykortas und Diophanes im Jahre 189 v.
Chr. nicht ohne entsprechende έντολαί des Koinon nach Rom. — Mißtrauisch
hinsichtlich der Darstellung des Polybios Errington 202.
81
Vgl. unten S. 199 ff.
32
Polyb. 24,10,10. Vgl. auch Badian, Foreign Client. 90f.
Achaia: Archon und Kallikrates (174 v. Chr.) 143

mischen „principes" in den griechischen Staatswesen zu unterstützen33.


Insofern war die von Kallikrates veranlaßte Feststellung des Senats, daß
überall in den achaiischen Gemeinden Politiker wie er erwünscht seien,
das wichtigste Ergebnis seiner Gesandtschaft. Sie mußte dazu führen,
daß sich allenthalben in Griechenland, nicht nur in Achaia, eine radikal
prorömische Richtung zu formieren begann; denn zumindest indirekt
war damit auch für den Rest des griechischen Mutterlandes ein klarer
Hinweis darauf gegeben, welche politische Richtung in Zukunft auf
Unterstützung durch den römischen Senat hoffen konnte.

Der Zusammenstoß zwischen Archon und Kallikrates


(174 v. Chr.)

Daß, wie mehrfach behauptet worden ist, die Übernahme der Strate-
gie durch Kallikrates im Jahre 180 v. Chr. bereits einem entscheidenden
Sieg seiner Richtung im Koinon und einer Ausschaltung der Lykortas-
gruppe auf Jahre hinaus gleichgekommen sei1, läßt sich nicht beweisen.
Die folgenden Strategen bis wenigstens zum Jahre 175 v. Chr. sind
unbekannt; aber danach standen, soweit die Uberlieferung reicht, bis
zum Ende des Perseuskrieges immer wieder Mitglieder der Gruppe um
Lykortas an der Spitze des Koinon. Das zeigt, daß die Politiker des
άντερείδειν an sich durchaus ein Übergewicht besaßen2, auch wenn jetzt
Kallikrates und seine Anhänger nahezu jede politische Aktion mit Er-
folg zu stören vermochten, wie schon aus der nächsten überlieferten
Episode in der Auseinandersetzung zwischen den beiden Richtungen im
achaiischen Koinon im Spätsommer oder Herbst des Jahres 174 v. Chr.
deutlich wird.
Damals regierte in Makedonien schon seit fünf Jahren Perseus,
der offenkundig wieder in nähere Beziehungen zu dem Koinon zu treten
versuchte und in einem Brief zunächst eine gegenseitige Vereinbarung
über die Rückführung flüchtiger Sklaven aus Makedonien nach Achaia

33 Polyb. 24,10,4. Mit den κατά τό βέλτιστο ν Ιστάμενοι ist offenkundig die ,,pars
opiuma" (Liv. 42,30,5; unten S. 162, Anm. 15) gemeint. Mißverstanden ist die
Stelle daher ζ. B. bei Passerini 327, der darunter allgemein die „uomini dell' ordine"
verstehen wollte, vgl. auch Holleaux, Rome 228; dagegen mit Recht Lehmann 290,
Anm. 380; vgl. auch die (nach Polybios) αρίστη γνώμη des Kephalos, unten S. 163.

1 Vgl. etwa Stähelin a. O. 2388; Schoch a. O. 860; Ziegler a. O. 1447f., Anm. 1.


2 So richtig auch Niese 3,61; vgl. Errington 205f.
144 Richtungskämpfe II

vorschlug3. Da eine alte Bestimmung die Makedonen am Betreten


achaiischen Territoriums hinderte4, wagten sich auch die Achaier nicht
mehr auf makedonisches Gebiet, eine Situation, die sich im Laufe der
Zeit eine größere Anzahl entlaufener Sklaven zunutze gemacht hatte.
Als nun der amtierende Stratege Xenarchos (175/4 v. Chr.5), ein Bruder
des schon im Jahre 185 v. Chr. auf der Seite von Philopoimen und
Lykortas gegen Aristainos und Diophanes hervorgetretenen Archon®,
den Brief des Perseus im Koinon verlas, war die überwiegende Mehrheit
offenbar bereit, auf das Angebot des Königs einzugehen7.
Doch da erhob sich wiederum Kallikrates, wies das ganze Angebot in
einer langen Rede als plumpen Köderungsversuch des makedonischen
Königs zurück, behauptete, Perseus stecke bereits mitten in den Vor-
bereitungen für einen Krieg gegen Rom, und erklärte, sein eigentliches
Ziel bei dieser Aktion sei ein Bündnis zwischen Makedonien und Achaia8.
Daraufhin ergriff als Vertreter der Richtung des Lykortas wiederum
Archon, der Bruder des Strategen Xenarchos, das Wort zur Entgegnung9.
Es kennzeichnete die Schärfe der Gegensätze, daß er sich vor allem gegen
den von Kallikrates erweckten Eindruck wandte, daß jeder, dessen
politische Vorstellungen nicht genau mit jenen des Kallikrates überein-

3
Das Folgende Liv. 41,22,8—24; dazu Errmgton 206—208; Chr. Habicht, R E I X
A 2 (1967), 14201, Art. Xenarchos Nr. 1; Meloni 135ff.; Niccolini 167f.; vgl.
Lehmann 297f.; Castellani HOff. — Zur Datierung Meloni 136; Castellani 110
m. Anm. 156.
4
Zum Datum ihrer Einführung Lehmann 219, Anm. 146; Meloni 109f.; Aymard,
Rapp. 112 m. Anm. 4; 219, Anm. 24: wohl im Zusammenhang mit dem Eintritt
des Koinon in den II. Makedonischen Krieg, 198 v. Chr. An eine spätere Zeit
und an Durchsetzung durch Kallikrates denkt dagegen (unter Hinweis auf
M. Dubois) Errington 206, Anm. 2.
5
Z. Dat. A. Aymard, REA 30, 1928, 61 ( = Etudes d'histoire ancienne [1967], 44);
zu Xenarchos von Aigeira vgl. noch Polyb. 23,11,11—15; zur Pers. Errington
206; Habicht a. O.
8
Vgl. oben S. 121.
7
Liv. 41,23,4. — Liv. a. O. behauptet von Xenarchos: privatae gratiae aditum apud
regem quaerebat; daß dies in dieser Form schwerlich polybianisch sein könne,
stellt Meloni 137, Anm. 1 fest.
8
Liv. 41,23,5—18. Zu der Umformung des zugrundeliegenden polybianischen
Materials bei Livius vgl. Meloni a. O.
9
Dazu auch Meloni 110, Anm. 2. Unbegründet erscheint jedoch seine Unter-
scheidung (111, Anm. 1) zwischen „promakedonischer" und „Unabhängigkeits"-
partei, da es eine eigentliche „promakedonische" Partei damals in Achaia offenbar
nicht gegeben hat.
Achaia: Archon und Kallikrates (174 v. Chr.) 145

stimmten, deswegen auch schon ein Feind der Römer sei, und stellte ein
Abkommen mit Perseus, mit dem ohnehin eine Reihe von Städten und
Koina normale Beziehungen unterhielten, gerade als Instrument zur Er-
haltung des Friedens dar; ja, er erinnerte dabei sogar an die vor 198 v.
Chr. bestehenden guten Beziehungen zwischen Makedonien und Achaia.
Im Kriegsfall aber würde sich das achaiische Koinon auf jeden Fall auf
der Seite Roms befinden10. Dahinter stand wiederum ganz offensichtlich
die unveränderte Konzeption der Politik des άντερείδειν, der Erhaltung
eines möglichst großen Maßes an Unabhängigkeit bei prinzipieller außen-
politischer Zusammenarbeit mit Rom.
Archon und mit ihm die Lykortasgruppe hatten zwar auch hier die
Mehrheit des Koinon auf ihrer Seite 11 ; dennoch nahm man Anstoß an
der äußeren Form der Überbringung des Briefes 12 und verlangte zunächst
das Erscheinen einer ordnungsgemäßen Gesandtschaft. Aber als diese
Gesandtschaft nicht lange danach (etwa Ende 174 v. Chr.13) in Achaia
eintraf, hatte sich — Näheres ist nicht überliefert14 — die Richtung des
Kallikrates doch wieder durchgesetzt und dafür gesorgt, daß die Ge-
sandten zu der Versammlung des Koinon in Megalopolis überhaupt
nicht zugelassen wurden15. Dafür erhielten die Achaier auf einer Ver-
sammlung in Aigion im folgenden Jahr ein Lob des römischen Ge-
sandten M. Claudius Marcellus16. Die Auseinandersetzungen zwischen
den beiden Richtungen dauerten jedoch unvermindert an, und die
bitteren Klagen der Achaier über ihre Behandlung durch Rom, die Ende
172 v. Chr. gegenüber P. und Ser. Cornelius Lentulus laut wurden, sind

10 Liv. 41,24,1—18.
11 Liv. 41,24,19; 23,4; dazu Meloni 136.
12 Dazu Meloni 139, Anm. 2. Vgl. noch Liv. 42,12,6 (Rede des Eumenes, 172 v. Chr.):
in Achaico concilio veto, nisi discussa res per paucos Romanum Imperium inten-
tantis esset, eo rem prope adductam, ui aditus ei in Achaiam daretur.
13 Vgl. Meloni 140.
14 Meloni a. O. nimmt für 174/3 v. Chr. die Bekleidung der Strategie durch einen
Anhänger des Kallikrates an; doch ist diese Überlegung nicht zwingend.
Liv. 41,24,19—20.
18 Liv. 4 2 , 6 , 1 — 2 ; dazu Errington 208; Meloni 145. — Zu einem nicht näher bezeich-
neten Zeitpunkt vor Ausbruch des Perseuskrieges war auch der Spartaner Leo-
nidas, angeblich ein Angehöriger der Königsfamilie, wegen seiner Verbindungen
zu Perseus vom Koinon verbannt worden. E r erscheint später als Befehlshaber
von 500 Soldaten aus Griechenland auf der Seite des makedonischen Königs, Liv.
42,51,8; vgl. Errington 209, Anm. 3 ; P. Schoch, R E X I I 2 (1925), 2020, Nr. 9,
sowie Larsen, Fed. States 237.

10 Deininger, Widerstand
146 Richtungskämpfe II

wiederum aus der Lykortasgruppe hervorgegangen17, die auch damals


mit Archon als Strategen18 eine Vorherrschaft im Koinon besaß.
Im übrigen aber stand Achaia mit diesen verschärften Richtungs-
kämpfen im Innern nicht allein; vor allem in Aitolien spielten sich in
jenen Jahren wohl ähnliche Auseinandersetzungen ab, wenn auch die
dortigen Verhältnisse sehr viel schwieriger zu durchschauen sind.

b) Aitolien: Pro- und antirömische Strömungen in den inneren


Wirren vor dem Perseuskrieg (178—172 v. Chr.)
Die innenpolitische Lage in Aitolien in dem Jahrzehnt vor dem III.
römisch-makedonischen Krieg läßt sich, da man auf eine Anzahl kurzer
und unzusammenhängender Notizen vor allem bei Livius angewiesen
ist, nur in den Grundzügen erkennen. Entscheidend ist, daß auch hier
178/7 v. Chr., ein Jahr nach der Strategie des Kallikrates in Achaia,
mit Lykiskos von Stratos erstmals ein Politiker der neuen Generation
der ,,-principes" die Strategie bekleidete1, der dieselbe extrem pro-
römische Haltung einnahm, die in Achaia von Kallikrates begründet
worden war. Ähnlich wie in Achaia scheint dies auch in Aitolien das
Signal zu einer Verschärfung der inneren Auseinandersetzungen gewesen
zu sein.
Von der Strategie des Lykiskos ist im einzelnen nichts überliefert;
doch haben vielleich noch während seiner Amtszeit die schweren, bürger-
kriegsähnlichen Wirren eingesetzt2, die im Jahre 174 v. Chr. in dem
Blutbad von Hypata einen furchtbaren Höhepunkt erreichten. Die un-
mittelbaren Ursachen lagen hier offenbar in wirtschaftlichen Spannun-
gen3; ob freilich, wie öfters behauptet wird, bei der ingens vis aeris
alieni4 die hohen Lasten, die der Friedensvertrag von 189 v. Chr. dem
17
Liv. 42,37,7—9; vgl. Castellani 114.
18
2. Strategie des Archon: Polyb. 27,2,11. Er entsandte damals „bereitwillig" (wie
Polybios hervorhebt) 1000 Mann zum Schutz von Chalkis, Polyb. 27,2,11 f.; Liv.
42,44,7—8; dazu Errington 209; Meloni 201.
ι G. Klaffenbach, IG IX 12,1, p. LI; Meloni 184. Z. Pers. vgl. Gillischewski 59f.;
E. Obst, RE XIII 2 (1927), 2296, Nr. 3. — Zur politischen Haltung des Lykiskos
vgl. auch Liv. 42,38,2 (172 v. Chr.): quem ('sc. Lyciscum) Romanorum favere rebus
satis conpertum erat.
2
Die Stellen: Liv. 41,27,4; 42,2,2; 4,5; 5,7; 12,7; 40,7; Diod. 29,33; vgl. im einzel-
nen das Folgende.
• Liv. 42,5,7; Diod. a. O.
4
Liv. a. O.
Aitolien: Pro- und antirömische Strömungen 178—172 ν. Chr. 147

Land auferlegt hatte, die Hauptrolle spielten, läßt sich nicht entschei-
den5. Jedenfalls erscholl in Aitolien wieder der Ruf nach Schuldenauf-
hebung (χρεωκοττία)8, und allein das Ausmaß der Unruhen, die sogar
auf die benachbarten Landschaften Thessalien und Perrhaibien über-
griffen7, zeigt, daß es um viel mehr ging als um bloße „Familienstreitig-
keiten"8. Auch handelte es sich wohl nicht einfach um Auseinander-
setzungen zwischen den begüterten „principes" und den verschuldeten
πολλοί; vielmehr standen offenkundig auf beiden Seiten auch Angehörige
der Oberschicht gegeneinander9.
Nicht lange dauerte es, bis die sich befehdenden Gruppen zunächst
Perseus und später auch die Römer zu Hilfe riefen. Dem Eingreifen des
Perseus war kein Erfolg beschieden. Obwohl die Entsendung make-
donischer „praesidia" in das Land unter ausdrücklicher Benachrichtigung
des Senats geschah10, sah sich der makedonische König alsbald dem Vor-
wurf seiner Gegner ausgesetzt, er trage selbst die Schuld an den Un-
ruhen in Aitolien und schüre sie aus eigennützigen Motiven11. Auch in

s Vgl. Klaffenbach a. O. p. X L I V , Z. 14f.; Meloni 105; zu den Bestimmungen des


Friedensvertrages u. a. Larsen, Roman Greece 318ff.; Rostovtzeff 2,616f. —-
Beim Ausbruch der Unruhen waren seit dem Abschluß des Vertrages immerhin
schon mindestens 10 Jahre vergangen; auch die rasche Ausdehnung der Be-
wegung auf Thessalien und Perrhaibien (vgl. das Folgende), die von jenen
Zahlungsverpflichtungen gar nicht betroffen waren, macht den direkten Zu-
sammenhang mit dem Vertrag von 189 v. Chr. fraglich; vgl. auch Meloni 105.
β Diod. 29,33; vgl. Liv. 42,5,7. — Zu den früheren sozialen Unruhen in Aitolien

(205/4 v. Chr.) vgl. Meloni 106; Klaffenbach a. Ο. X X X I I , Z. 94ff.; Passerini 319;


Holleaux, Etudes 5, 330; ders., Rome 289; Niese 2,563.
7 Liv. 42,5,7; 13,9; Diod. a. O.; App. Mak. 11,1.

8 „Querelles de famille" zieht (offenbar wegen der noch zu behandelnden Tat der

Orthobule, unten S. 150) G. Daux, Delphes au I I e et au I e r siecle (Paris 1936),


313, Anm. 4 (neben „dissensions politiques") in Erwägung.
' Gegen Beloch, der überhaupt nur an verschuldete „principes" dachte und einen
Gegensatz zwischen „Agrariern" und „Kapitalisten" annahm (Griechische Gesch.
IV 2 1, 326f.; 328, Anm. 3), vgl. mit Recht R. v. Pöhlmann, Gesch. d. soz. Frage
u. d. Sozialismus i. d. ant. Welt I 3 (München 1925), 402, Anm. 5. Ähnlich bereits
Hertzberg 1,179: „Der gesamte Bund und zugleich sehr zahlreiche einzelne, große
Häuptlinge und kleine Leute, wurden durch unerträgliche Schuldenlast erdrückt".
Vgl. außerdem De Sanctis 4,l 2 ,263f.; Passerini 309ff.
10 Liv. 42,42,4; vgl. ib. 41,24,10; 42,12,7; App. Mak. 11,1; 7. Zur Dat. vgl. unten

Anm. 33.
11 Liv. 42,40,7, wo seinen Anhängern in Aitolien auch caedes principum zur Last ge-
legt werden. Dies braucht nicht nur eine Anspielung auf das Blutbad von Hypata
(unten S. 149f.) zu sein; auch zuvor war es in Aitolien bereits zu politischen Morden

10·
148 Richtungskämpfe I I

Thessalien u n d Perrhaibien, so wurde b e h a u p t e t , sei er es gewesen, der


Hoffnungen auf eine χρεωκοττία erweckt und schwere U n r u h e n hervor-
gerufen habe, u m m i t den v o n i h m abhängigen debitores die „ O p t i m a -
t e n " einzuschüchtern 1 2 . Diese Beschuldigungen, v o n denen angesichts
der unzureichenden Überlieferung k a u m festzustellen ist, in welchem Aus-
m a ß sie zutrafen 1 3 , w a r e n nichts Neues. Schon bei seinem Regierungs-
a n t r i t t ( 1 7 9 v. Chr.) h a t t e Perseus Aufsehen u n d bei seinen Gegnern
A r g w o h n erregt, als er einen Schulden- u n d insbesondere einen Steuer-
schuldenerlaß v e r k ü n d e t e u n d dies in Delphi 1 4 , a m boiotischen B u n d e s -
heiligtum bei K o r o n e i a sowie in Delos b e k a n n t m a c h t e 1 6 . Als er d a n n

gekommen, vgl. Liv. 41,25,1; dazu auch Klaffenbach a.O.p. X L I V , Z . 1 7 f . — V g l .


noch Daux a. O. 313, Anrn. 4 sowie Meloni 106, der aber (wie auch Will 2,218) den
Ansatzpunkt des Perseus zweifellos zu einseitig im „Proletariat" sieht statt
(außerdem) in dem antirömischen Teil der Oberschicht. —· Ein wichtiges Doku-
ment bildet in diesem Zusammenhang auch Syll. 3 643 ( = R. K. Sherk, Roman
Documents from the Greek East [Baltimore 1969], 233ff., Nr. 40), bes. Ζ. 20ff.
(171 v. Chr.) mit den (wahrscheinlich für die delphische Amphiktyonie bestimm-
ten) römischen Anklagepunkten gegen Perseus. Leider ist vieles verloren, doch
lassen sich ταρα[χαί] (Ζ. 21) und νεωτερισμοί (Ζ. 24) als Vorwürfe gegen den
makedonischen König noch erkennen. — Vgl. auch Fouilles de Delphes I I I 4,
Nr. 75 (p. llOff.), dazu Meloni 2 4 1 1 ; Daux a. O. 319ff.; Sherk a. O. 238f.
12 Liv. 42,13,9: confudit et miscuit omnia in Thessalia Perrhaebiaque spe novarum
tabularum, ut manu debitorum obnoxia sibi optumatis opprimeret; vgl. Diod. a. O.;
App. Mak. 11,1. — Zum Begriff der „Optimaten" (d. h. wohl der prorömischen
principes) vgl. oben S. 72f.
13 Skeptisch Meloni 106. Daß hier gar die Hauptursache des I I I . römisch-make-
donischen Krieges zu suchen sei, wie A. Giovannini, Les origines de la 3 e guerre de
Mac^doine, BCH 93, 1969, 853—861, behauptet, leuchtet nicht ein. Auch in dem
großen „Sündenregister" von Delphi (oben Anm. 11) bilden die ταραχαί und
νεωτερισμοί nur einen Vorwurf unter sehr vielen anderen, die gegen den König
erhoben werden.
14 Zu den Beziehungen zwischen Perseus und Delphi vgl. Meloni 94—104 sowie
Daux a. O. 303—325. In der delphischen Amphiktyonie hat zumindest zeitweise
etwas wie ein von Makedonien und Aitolien gelenkter und gegen Thessalien und
Athen gerichteter „antirömischer" Block bestanden, vgl. bes. Daux 304ff.
Im Jahre 178 v. Chr. erscheinen neben Lochagos auch Proandros und Nikandros
als aitolische Hieromnemonen in der Amphiktyonie, Syll. 3 636, Z. 12; 16 f. Sie
alle tendierten zweifellos zu einer antirömischen Politik, vgl. unten S. 168ff. Ob
Aitolien diese jedoch auch im folgenden Jahr, unter der Strategie des Lykiskos,
betreiben konnte, erscheint fraglich. Später mag erneut eine Veränderung ein-
getreten sein, vgl. das Folgende.
15 Polyb. 25,3,1—13; dazu Meloni 74—77, der die Wirkung auf Griechenland — έλ-
ληνοκοπεϊν, Polyb. 25,3,1 — jedoch nur als Nebenzweck werten will; ebenso
Aitolien: Pro- und antirömische Strömungen 178—-172 ν. Chr. 149

einige Jahre später, zur Zeit der Pythien (d. h. August-September)


174 v. Chr. 16 , nach einer Strafexpedition gegen die Doloper, überraschend
mit Truppenbegleitung einen Zug durch Mittelgriechenland nach Delphi
unternahm 17 , hieß es wiederum, daß er damit nur seinen Anhängern in
Griechenland, vor allem in Thessalien, neuen Auftrieb habe verschaffen
wollen 18 .
Damals, 174 v. Chr., war bereits Rom in den aitolischen Unruhen auf
den Plan getreten. Nach dem Scheitern der Versuche des Perseus hatten
sich beide miteinander verfeindete Parteien an die Römer gewandt, die
daraufhin eine Gesandtschaft unter C. Valerius Laevinus und Ap.
Claudius Pulcher mit der Schlichtung der Streitigkeiten beauftragten 19 .
Eigene Bemühungen der Aitoler wurden unterdessen durch das Massaker
von Hypata im Jahre 174 v. Chr. zunichte gemacht. Dort waren die An-
hänger der factio des Proxenos aus Trichonion verbannt gewesen20, bis
ihnen Eupolemos, 'princeps civitatis' in Hypata, der offenbar mit dem
bekannten zweimaligen Strategen des Koinon (189/8 und 176/5 v. Chr.)
identisch ist 21 , die Rückkehr erlaubte. Arglos kamen insgesamt achtzig
Verbannte 22 in ihre Heimatstadt zurück, wurden aber unmittelbar nach

A. Giovannini, BCH 93, 1969, 855. — Ob Polyb. 25,3,2 mit τό τήζ Ίτωνίας
Άθηνδξ ίερόν das bekannte boiotische (vgl. oben S. 89) oder das Strab. 9,5,17
erwähnte und neuerdings durch Grabungen näher erforschte thessalische Heilig-
tum gemeint ist, läßt sich nicht entscheiden. Vgl. Giovannini a. O. Anm. 3;
F. Stählin, RE IX 2 (1916), 2372, Art. Iton (Thessalien); Niese 3,99 (Boiotien).
» Syll. 3 643, Z. 7f.; dazu Daux a. O. 316; Meloni 134, Anm. 3.
« Polyb. 22,18,4; Liv. 41,22,5—6; 23, 14—15; 42,13,8; 40,6; 42,1—3; dazu Meloni
131—135; Daux 315f.; Niese 3,103f. — Daß Perseus auch in den führenden
Kreisen von Delphi selbst Anhänger besaß, dürfte vor allem der Fall der Praxo,
,,princeps auctoritate et opibus Delphorum" (Liv. 42,15,3), illustrieren, bei der er
wohl damals zu Gast war (Liv. a. O., Meloni 135) und die 172 v. Chr. wegen ihrer
Verbindung zu den Teilnehmern des Attentats auf Eumenes II. nach Rom ge-
bracht wurde, Liv. a. O.; 42,17,2; Meloni 163. Zur Rolle ihres Gatten Praxias,
des delphischen Archonten von 178/7 v. Chr., ebda. 104.
18 Liv. 41,22,7; 23,15 (Kallikrates, 174 v. Chr.); 42,13, 8—9 (Eumenes II., 172 v.

Chr.).
19 Liv. 41,25,1—2; 5.
20 Liv. 41,25,1—6; dazu Meloni 142f.; zur Person d. Proxenos J. Deininger, RE

Suppl. XI (1968), 1123, Art. Proxenos Nr. 10a.


21 Klaffenbach a. O. XLIV, Z. 53ff. (nach GiUischewski 55f.); Meloni 143 m.

Anm. 1. — Z. Pers. vgl. G. Wissowa, RE VI 2 (1909), 2888, Nr. 8a; zur


Strategie Klaffenbach a. O. LI.
22 Liv. 41,25,4: octoginta inlustres homines.
150 Richtungskämpfe II

der feierlichen Begrüßung, zu der Eupolemos selbst erschienen war, in


einem furchtbaren Gemetzel jählings niedergemacht. Die Folge dieses
abstoßenden, aber für griechische Verhältnisse leider nicht völüg un-
gewöhnlichen Ereignisses war, daß die Unruhen sofort in ganz Aitolien
wieder aufloderten23.
Unter diesen Umständen war auch der erste römische Vermittlungs-
versuch zum Scheitern verurteilt. In Delphi trugen zwar beide Gruppen
den Gesandten ihre Standpunkte vor, wobei sich Proxenos deutlich
durchzusetzen schien24. Aber wenige Tage darauf wurde er von seiner
eigenen Gemahlin Orthobule vergiftet, die dafür mit der Verbannung
bestraft wurde25. Die römische Gesandtschaft mußte jedoch — Anfang
173 v. Chr. — dem Senat ihren Mißerfolg mitteilen26.
Jetzt begab sich eine zweite aitolische Gesandtschaft nach Rom27,
worauf M. Claudius Marcellus einen neuerlichen Schlichtungsversuch
unternahm. Tatsächlich erreichte er im folgenden Jahr, 173 v. Chr.,
eine, wie es scheint, endgültige Beruhigung der Lage in Aitolien28. Er hat
nach außen hin keine der beiden Gruppen bevorzugt29, sondern beide zu
künftiger Eintracht ermahnt und die Versöhnung durch den Austausch
von Geiseln gesichert30. Etwa gleichzeitig gelang Ap. Claudius Pulcher
in Thessalien ein Ausgleich zwischen den streitenden Gruppen. Auch
hier kam es zu einem Kompromiß zwischen den beiderseitigen Inter-
essen: Die Gläubiger verzichteten auf überhöhte Zinsen und erklärten
sich mit der Bezahlung der restlichen Schulden im Laufe von 10 Jahren
einverstanden31.

23
Liv. a. O. 5. Zu vergleichbaren Gewalttaten vgl. auch unten S. 192, Anm. 1.
24
Liv. 41,25,6; Proxenus maxime cum causa tum eloquentia praestare visus est.
26
Liv. a. O.; Niese 3,106. Vgl. noch Th. Lenschau, RE XVIII 2 (1942), 1436,
Art. Orthobule. — Vielleicht zeigt die relativ milde Strafe die Stärke der Gruppe,
der der Tod des Proxenos gelegen kam.
2
« Liv. 42,2,2. Offenbar dasselbe bereits 41,27,4, vgl. Weißenborn-Müller zu 42,2,1;
T. R. S. Broughton, The Magistrates of the Roman Republic I (1951) 405; 409.
27
Liv. 42,4,5; vgl. Klaffenbach a. O. XLIV, Z. 60.
28
Liv. 42,5,10—12.
29
Liv. 42,5,11: neutram partem aut levare aut onerare voluit. Vgl. auch Meloni 145,
Anm. 2.
80
Liv. 42,5,12; dazu Meloni 144f. Gegen Rostovtzeff 2,484 (nach Passerini 326),
wonach Rom hier die Unterschicht gegen die ,,principes" zu unterstützen
versucht hätte, vgl. mit Recht Touloumakos 36.
31
Liv. 42,5,9—10.
Aitolien: Pro- und antirömische Strömungen 1 7 8 — 1 7 2 ν . Chr. 151

Die livianische Uberlieferung spricht bei den aitolischen Unruhen


durchweg von zwei sich bekämpfenden Parteien 32 . Welche Rolle in
diesem Gegensatz die Haltung der jeweiligen Gruppe gegenüber Rom ge-
spielt hat, ist nur schwer auszumachen. Ganz im Dunkel bleiben die
Einzelheiten der Intervention des Perseus; immerhin drängt sich die
Vermutimg auf, daß er nicht gerade von der mit Rom sympathisierenden
Seite herbeigerufen wurde. Dabei käme vorzugsweise die Amtszeit eines
Strategen nach dem prorömischen Lykiskos (178/7 v. Chr.) in Frage,
entweder 177/6 v. Chr. mit der Strategie des Nikandros oder 176/5 mit
jener des Eupolemos33. — Aus dem bei Livius erhaltenen Bericht über
die Ereignisse in Hypata geht dann soviel hervor, daß Proxenos bei den
Römern mehr Sympathie fand als die Gegenpartei34, und dazu stimmt
wiederum, daß sein Gegner, der „princeps" Eupolemos, schon 189 v.
Chr. anläßlich der Belagerung von Ambrakia bis zum Schluß gegen Rom
gekämpft hatte und überdies bald nach Ausbruch des Perseuskrieges
(171 v. Chr.) auf Veranlassung des Lykiskos als „Romfeind" denunziert
und nach Rom deportiert wurde35.
Sicher ist ferner, daß im Anschluß an Lykiskos mit Nikandros
(177/6 v. Chr.), Eupolemos (176/5 v. Chr.), Archedamos (175/4 v. Chr.)
und Pantaleon (174/3 v. Chr.) mehrere Jahre hintereinander ständig
Politiker, die während des Antiochoskrieges aktiv gegen die Römer
gekämpft hatten oder die sich später deutlich als Gegner Roms erwiesen,
die höchste Stellung im aitolischen Koinon innegehabt haben38. In eben
diese Zeit fiel auch das brutale Vorgehen der Anhänger des 'Römer-
feindes' Eupolemos gegen die '/actio' des Proxenos in Hypata.
So scheint in der Tat ein Zusammenhang zwischen den Wirren in
Aitolien und der Vorherrschaft einer romfeindlichen Strömung im Koi-
non zu bestehen. Wie eine Bestätigung dafür erscheint, daß mit der Be-

32 Liv. 41,25,2: utraque pars-, ähnlich 42,5,11-


33 Die zeitliche Fixierung der Intervention des Perseus zwischen 179 (Regierungs-
antritt) und 174 v. Chr. (Eingreifen Roms in die aitolischen Wirren) ist
schwierig. Meloni denkt (106f.) wegen der für 176 v. Chr. überlieferten thessa-
lischen Gesandtschaft nach Rom (Polyb. 25,6,4) an die Jahre 1 7 8 / 7 v. Chr.,
doch dürfte dies angesichts der Strategie des Lykiskos weniger wahrscheinlich
sein.
34 Zur „prorömischen P a r t e i " rechnet ihn auch Niese 3,105, Anm. 3 ; ebenso
Meloni 143.
36 Vgl. unten S. 168f.
39 Vgl. dazu im einzelnen Klaffenbach a. O. L I .
152 Richtungskämpfe II

endigung der Auseinandersetzungen durch eine römische Vermittlung


im Herbst 173 v. Chr. auch wieder die ausgesprochen prorömische
Richtung des Lykiskos die Oberhand gewann.
Damals wurde Thoas von Trichonion Stratege, zwanzig Jahre zuvor
einer der erbittertsten Romfeinde in Griechenland, der aber offenbar
während seines unfreiwilligen Aufenthaltes in Italien nach dem Frieden
von Apameia eine völlige politische Wandlung durchgemacht hatte und
jetzt plötzlich auf der Seite der bedingungslosen Parteigänger Roms vom
Schlage des Lykiskos erschien37. Bereits im folgenden Jahr (172 v. Chr.)
zeigte sich dann ganz offen, daß es den Römern, zumal angesichts der
wachsenden Spannungen zwischen Rom und Makedonien, keineswegs
gleichgültig war, in wessen Hand sich das Strategenamt in Aitolien be-
fand. Im Herbst dieses Jahres traf eine neue römische Gesandtschaft
unter Q. Marcius Philippus in Aitolien ein. Dies geschah wohl kaum
zufällig bei Gelegenheit der Neuwahl des Strategen, die notwendig war,
nachdem der Stratege des Jahres 172/1 v. Chr. unmittelbar nach seinem
Amtsantritt gestorben war38. Daß in Anwesenheit der römischen Ge-
sandten mit Lykiskos von Stratos niemand anders als das Haupt der
radikal prorömischen Gruppe in Aitolien gewählt wurde39, nimmt nicht
wunder40. Aber es war bedeutsam, daß damit am Vorabend des III.
römisch-makedonischen Krieges nach den langen inneren Kämpfen der
vorhergehenden Jahre die extrem romfreundliche Richtung in Aitolien
einen wichtigen Sieg errungen hatte.
Doch nicht nur in Achaia und Aitolien, auch in Boiotien, einem tra-
ditionellen Hort antirömischer Elemente in Griechenland, gelang es
Rom in diesen Jahren, seine Stellung mit Hilfe ihm bedingungslos er-
gebener Gruppen der Oberschicht erheblich zu festigen.

37 Vgl. S. 132; 171.


38 Liv. 42,38,2; dazu Meloni 184 m. Anm. 2 (erste Oktoberhälfte); Daux a. O. 110
(November).
*» Liv. a. O.; dazu Meloni 184; Passerini a. O. 328f.; Niese 3,113. — Irrtümlich
bezeichnet P. Treves, R E X V I I I 3 (1949), 692, Art. Pantaleon Nr. 6, Lykiskos
als ehemaligen Gegner Roms.
4 0 Vgl. auch die ähnlichen Vorgänge in Chalkis im Jahre 192 v. Chr. (oben S. 81)

und Demetrias (oben S. 77).


Boiotien: Neon und Ismenias 174—171 v. Chr. 153

c) Boiotien: Das Bündnis mit Perseus und das Ende der antirö-
mischen Gruppe im Koinon um Neon und Ismenias
(174—171 v. Chr.)

In Boiotien trug der Widerstand gegen Rom seit jeher ausgesprochen


promakedonische Züge. Diese besondere Struktur spiegelte sich mög-
licherweise schon in der demonstrativen Publikation der „griechen-
freundlichen" Maßnahmen des Perseus bei seinem Regierungsantritt
(179 v. Chr.) am Heiligtum von Koroneia wider1. Noch charakteristischer
aber war, daß die romfeindliche Richtung hier, wenn auch offenkundig
gegen eine beträchtliche Opposition, sogar ein Bündnis mit Perseus zu-
standebrachte, dessen Abschluß wohl in die Jahre 174—173 v. Chr. zu
setzen ist2. Über die näheren Umstände des Zustandekommens ist nichts
überliefert; fest steht aber, daß hinter diesem Vertrag, der in Rom natur-
gemäß erhebliche Verstimmung auslöste, auf boiotischer Seite vor allem

1
Vgl. oben S. 148.
2
Liv. 42,12,5—6; 38,5; 40,6; 42,4; 43,5—6; 46,7; vgl. noch App. Mak. 11,7;
dazu Meloni 145ff.; Niese 3,102. — Melonis Vermutung, Theben h a b e an der
Versammlung, auf der das Bündnis beschlossen wurde, nicht teilgenommen, ist
nicht zwingend, zumal die eigentlichen Urheber des Vertrages gerade in Theben
wohnten, vgl. Polyb. 27,1,11, dazu Liv. 42,13,7; außerdem f a n d e n die Ver-
sammlungen des Koinon ohnehin gewöhnlich in Theben s t a t t , vgl. oben S. 52,
Anm. 23 sowie S. 88. Bei den Liv. 42,43,6 e r w ä h n t e n Gesandten aus Theben
(unten S. 156) scheint es sich lediglich u m Vertreter der oppositionellen Gruppe
in Theben zu handeln, die jener Versammlung des Koinon ferngeblieben waren,
vgl. bereits Niese 3,114, Anm. 3; etwas anders, aber weniger wahrscheinlich
(Teilnahme mit Stimmenthaltung) Larsen, Fed. States 464, Anm. 1. — Zur
Datierung des Bündnisses vgl. zuletzt Meloni 146, Anm. 1 (mit der ält. Lit.),
der an Sommer/Herbst 173 v. Chr. denkt, freilich mit nicht ganz schlüssiger
Begründung. D a ß das Bündnis zwischen Boiotien u n d Perseus, h ä t t e es damals
schon existiert, in der im S p ä t s o m m e r / H e r b s t 174 v. Chr. gehaltenen Rede des
Archon im achaiischen Koinon (vgl. oben S. 143 ff.) h ä t t e e r w ä h n t werden
müssen, t r i f f t nicht zu. Archon h ä t t e es vielmehr sicher vermieden, sich
gerade auf das ziemlich eindeutig gegen den Einfluß R o m s in Griechenland ge-
richtete Bündnis des Makedonenkönigs m i t Boiotien zu berufen. Entscheidend
ist vielmehr das Fehlen eines Hinweises in der gleichzeitig gehaltenen Rede des
Kallikrates, der sich u m eine möglichst lückenlose Darlegung aller Vorgänge
b e m ü h t , welche die Aggressivität der Politik des Perseus beweisen sollen; hier
l ä ß t sich das Schweigen über den später bei jeder sich bietenden Gelegenheit
genannten Vertrag (vgl. die eingangs zitierten Stellen) in der T a t k a u m anders
erklären als dadurch, daß er noch nicht abgeschlossen war.
154 Richtungskämpfe I I

Neon3, Ismenias4, Hippias5 und Diketas® standen. Hippias ist bekannt


als boiotischer Archon des Jahres 187 v. Chr.7; bei Neon, der als eigent-
liches Haupt der ganzen Richtung erscheint, handelt es sich dagegen,
dem Namen nach zu urteilen, höchstwahrscheinlich um einen Sohn des
196 v. Chr. von der prorömischen Richtung ermordeten Brachyllas8.
Die öffentliche Bekanntmachung des boiotisch-makedonischen Bünd-
nisses nicht nur in Theben, sondern auch am Delion (bei Tanagra) und
in Delphi verschaffte ihm eine Publizität, die im Hinblick auf weitere An-
hänger des Perseus auch außerhalb Boiotiens zweifellos beabsichtigt war9.
Doch die von Anfang an wache Opposition in Boiotien blieb nicht un-
tätig. Bald nach dem Abschluß des Vertrages reisten zwei „principes"
aus Theben, Eureas( ?) und Kallikritos, nach Rom10. Sie hatten im Koinon
klar gegen Makedonien Stellung genommen11 und wollten in Rom den
Standpunkt der Gegner Neons zur Geltung bringen. Indes, auf der Reise
kamen sie ums Leben; ob durch einen Schiffbruch, wie Perseus be-
hauptete12, oder auf Veranlassung des makedonischen Königs, wie dessen
Feinde ihm vorwarfen13, muß dahingestellt bleiben14.
* Polyb. 27,1,11; Liv. 45,31,15. — Z. Pers. d. Neon P. Schoch, R E X V I 2 (1935),
2429 f., Nr. 6.
4 Liv. 42,38,5; z. Pers. H. Swoboda, R E I X 2 (1916), 2140, Nr. 3; K. Wickert,

Kl. P. I I (1967), 1466, Nr. 3.


* Polyb. 27,1,11.
6 Polyb. 27,1,10. (Versehentlich von Diokles statt von Diketas spricht Swoboda a. O.)

7 Vgl. oben S. 131.

8 Vgl. Schoch a. O. Zu dem Vater des Brachyllas, der ebenfalls den Namen Neon

trug, vgl. oben S. 50.


9 Liv. 42,12,6 (die u. a. von Meloni 146 und Cloche 257 übernommene Konjektur

von Sigonius, ad Delum, überzeugt nicht, zumal dann der Zusatz augustissimo
et celeberrumo in templo unmotiviert erschiene. Zu den Nachrichten über dieses
Heiligtum vgl. E . Meyer, Kl. P. I (1964), 1441f.
10 Liv. 42,13,7; 40,7; 41,5; Polyb. 22,18,5; dazu Meloni 147; Niese 3,102
(m. Anm. 7). — Liv. 42,13,7; 40,7 hat die handschriftliche Uberlieferung den
sonst nicht bekannten Namen Eversa, den Niese a. O. (vgl. Meloni a. O.) für
korrupt hält. Hier scheint sich die Identifizierung mit dem 177/6 v. Chr. be-
zeugten boiotischen Archon Eureas (SGDI 1872; vgl. A. Kirchner R E V I 1
(1907), 1238, Art. Eureas; Roesch 91; 119f.) anzubieten, vgl. bereits J . Deininger,
HZ 207, 1968, 371.
11 Liv. 42,13,7.
12 Liv. 42,41,5.
1S Polyb. 22,18,5; Liv. 42,13,7; 40,7; vgl. Syll. 8 643, Z. 18 (171 v. Chr.; ergänzt).
14 Meloni 148. — Zu beachten bleibt, daß offenbar derselbe Kallikritos noch 188/7
v. Chr. vor dem Senat den .legalistischen' Standpunkt in Boiotien vertreten
hatte, oben S. 131.
Boiotien: Neon und Ismenias 174—171 v. Chr. 155

Jedenfalls ist es dann, wahrscheinlich nicht unabhängig von der


Auseinandersetzung um das Bündnis mit Perseus, erstmals gegen Ende
des Jahres 173 v. Chr. zu einer schweren politischen Krise im Koinon
gekommen16. Bei den Beamtenwahlen für das folgende Jahr hatte sich
der Neon nahestehende Ismenias zunächst durchgesetzt und die Ämter
des boiotischen Archonten und der Boiotarchen für die Anhänger seiner
Richtung sichern können14. Aber kurz darauf brachten seine Gegner,
vielleicht unter Führung des bisher noch nicht hervorgetretenen Pom-
pidas17, eine andere Versammlung in Theben zustande und führten dort
einen Beschluß herbei, wonach die eben gewählten Boiotarchen aus
Boiotien verbannt wurden18. Ismenias und seinen Anhängern büeb
zunächst nichts anderes übrig als die Flucht. Doch fanden sie in Thespiai
Aufnahme, und es dauerte nicht lange, bis in Theben ein erneuter Um-
schwung stattfand und die Parteigänger des Ismenias wieder zurückge-
rufen wurden. Diese sahen nun ihrerseits ihre einzige Rettung in der
sofortigen Verbannung ihrer Gegner. So wurden alsbald zwölf führende
Mitglieder der gegen Ismenias gerichteten Gruppe — genannt wird vor
allem Pompidas19 — ins Exil geschickt, da sie eine illegale Versammlung
des boiotischen Koinon einberufen hätten 20 . Dann wurde Ismenias selbst
zum Archonten gewählt21. Er setzte unverzüglich durch, daß die zwölf
Verbannten in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurden23. Diese waren

15
Das Folgende Liv. 42,43,7—9; dazu besonders Meloni 197ff.; Clochi, Thöbes
258f.; De Sanctis 4,l,276f.; Niese 3,114 m. Anm. 4; vgl. auch Roesch 118f. — Z u m
D a t u m Meloni 198, Anm. 1.
18
Liv. 42,43,7; z. T e x t vgl. Meloni 197f., Anm. 4 (comitiis praetoris et Boeotar-
ckarum); anders (aber weniger wahrscheinlich: comitiis praetoriis Boeotorum)
zuletzt Roesch a. O.
" Vgl. u n t e n S. 158.
18
Liv. 42,43,7. — Z u m Charakter des Gegensatzes treffend Meloni 198f., der gegen
die ältere Literatur m i t R e c h t darauf hinweist, d a ß die Gruppenbildung i m
wesentlichen politischer, nicht aber wirtschaftlich-sozialer N a t u r war. Die anti-
römische Gruppe u m Neon war genauso Teil der Oberschicht wie ihre Gegner,
vgl. Liv. 42,43,9; 44,4; außerdem Polyb. 20,5,12. F ü r einen Gegensatz zwischen
„Oligarchen" u n d „ D e m o k r a t e n " (vgl. Niese 3,114, Anm. 1; F . Geyer, R E X I X 1
[1937], 1008, A r t Perseus) gibt es auch hier keinen Anhaltspunkt.
19
Vgl. u n t e n S. 158.
20
Liv. 42,43,8: ut duodecim qui privati coetum et concilium habuissent, exilio
multarentur (vgl. dazu auch oben S. 48). —• Meloni 198 spricht irrtümlich von
dreizehn Verbannten.
21
Liv. 42,43,9; vgl. Roesch a. O.; Weißenborn-Müller z. St.; Niese 3,114, Anm. 4.
22
Liv. a. O.; dazu Niese 3,115.
156 Richtungskämpfe II

nach Chalkis geflüchtet und begaben sich von dort — inzwischen nahte
der Winter 172/1 v. Chr.23 — nach Larisa, wo sie sich an die römische
Gesandtschaft unter Q. Marcius Philippus und A. Atilius um Hilfe
wandten 24 .
Die Römer hielten ihnen das Bündnis Boiotiens mit Perseus vor;
doch distanzierten sich die Verbannten sofort mit allem Nachdruck
davon und schoben die gesamte Verantwortung für den Vertrag auf
Ismenias, den „princeps" der „altera pars"26. Daraufhin stellte Philippus
die Forderung, die einzelnen boiotischen Städte sollten in getrennte
Verhandlungen mit Rom eintreten 26 , was praktisch dem Versuch gleich-
kam, die bestehenden Spannungen zur Zerstörung der Einheit des
Koinon auszunützen.
Durch diese Hereinziehung Roms wurde die boiotische Krise erheblich
verschärft, zumal man jetzt in mehreren Gemeinden offen von dem boio-
tisch-makedonischen Bündnis abzurücken begann. Schon während der
Reise der Römer von Larisa nach Chalkis erschienen Delegierte aus
Chaironeia und Theben, welche erklärten, sie hätten an der Versammlung
nicht teilgenommen, bei der das Bündnis zwischen dem Koinon und
Perseus beschlossen wurde; auch sie wurden von den Römern nach
Chalkis beschieden27.
Dort brachten dann die Vertreter der beiden Richtungen ihre Gegen-
sätze vor die römische Gesandtschaft 28 . Auf der einen Seite standen Lases
und Kaileas aus Thespiai mit ihren Anhängern 29 sowie Gesandtschaften
aus Theben 30 , Chaironeia31, Lebadeia und anderen Orten 32 ; sie alle waren
bereit, ihre eigenen Städte unter römischen Schutz zu stellen. Ihnen trat
als Abgesandter Neons der Archon Ismenias persönlich entgegen, der
in dieser Situation zum Abrücken von Makedonien bereit war, aber
wenigstens die Einheit des Koinon durch einen kollektiven Anschluß

23
Z. Dat. vgl. Swoboda a. O.; Larsen, Fed. States 464.
84
Liv. 42,38,2; 43,9.
26
Liv. 42,38,5.
2
« Liv. 42,38,5; dazu Meloni 184f.; J. Briscoe, JRS 54,1964,68.
27
Liv. 42,43,6; vgl. oben Anm. 2.
28
Das Folgende Polyb. 27,1—2; verkürzt (vgl. jedoch, unten Anm. 37) Liv.
42,44,1—6.
28
Polyb. 27,1,1.
30
Vgl. Liv. 42,43,6; dazu oben Anm. 2. Offenkundig handelten sie nicht in amt-
lichem Auftrag.
31
Liv. a. O.; Polyb. 27,1,4.
32
Polyb. a. O.
Boiotien: Neon und Ismenias 174—171 v. Chr. 157

an Rom zu retten versuchte33. Doch die inneren Gegensätze waren offen-


bar zu tief. Die Römer, die ein natürliches Interesse an der Ohnmacht
Boiotiens hatten, behandelten die Gesandten aus den einzelnen Städten
äußerst zuvorkommend, während sie den Archonten des Koinon demon-
strativ ignorierten34. Die Erbitterung seiner Gegner, die nach ihrer
Verbannung und den Todesurteilen noch weiter gewachsen sein muß,
war so groß, daß Ismenias, hätte er nicht rechtzeitig bei den Römern
Schutz gefunden, beinahe umgebracht worden wäre35.
Zur selben Zeit begann die Stellung der Gruppe um Neon und
Ismenias im ganzen Lande zu wanken. Während in Theben eine immer
stärker werdende Gruppe für den eindeutigen Anschluß der Stadt an
Rom eintrat, standen vor allem die Bewohner von Koroneia und Hali-
artos zunächst noch fest hinter dem Bündnis mit Perseus, wofür sie auch
in Theben nachdrücklich demonstrierten. Eine Zeitlang schien die Ent-
scheidung fraglich. Aber als zuerst der einflußreiche Olympichos aus
Koroneia seine Haltung änderte und zusammen mit anderen „prin-
cipes" unter Hinweis auf die durch die Siege im II. römisch-makedo-
nischen und im Syrischen Krieg bewiesene Unüberwindlichkeit Roms für
das Zusammengehen mit der römischen Macht eintrat, schwenkte
schließlich auch das TrXfjöos in Theben völlig um36. Jetzt entglitt die
Situation den Händen der Anhänger des Neon37: Zuerst wurde das heiß-
umkämpfte Bündnis mit Perseus förmlich aufgehoben38; dann zwang man
Diketas dazu, sich bei Philippus in Chalkis persönlich für den Abschluß
des Vertrages mit Perseus zu rechtfertigen39; schließlich aber wurden

33 Polyb. 27,1,1—4; Liv. 42,44,1· Zu einigen Rechtsfragen des Anschlusses an


Rom (in Form der Dedition) vgl. Flurl a. O. (oben S. 100, Anm. 6) 119—126.
34 Polyb. 27,1,4—5.

86 Polyb. 27,1,6; Liv. 42,44,2.

* Polyb. 27,1,7—13; Liv. 42,44,3—4.


37 Polyb. ib. 9: εγένετό (τι?) ολοσχερής £οττη καΐ μετάτττωσις τοϋ πλήθους; zu
den dabei vorgebrachten Argumenten der ,,principes" bei Liv. 42,44,4 (Hinweis
auf die Niederlagen Philipps V. und Antiochos' III., auf vis et fortuna imperii
Romani) vgl. Niese 3,116, der eine Auslassung bei den Exzerptoren des Polybios
annimmt, während Weißenborn-Müller z. St. wohl zu Unrecht an einen livia-
nischen Zusatz denken. — Bei Olympichos handelt es sich offenbar um den
Όλύμττιχος Ευ μήλου, der 182/1 und 178/7 ν. Chr. als Proxenos in Delphi erscheint,
Syll.3 585, Z. 210; 250 m. Komm, (übersehen bei Th. Lenschau, R E X V I I I 1
[1939], 186, Nr. 2).
38 Liv. 42,44,4.
39 Polyb. 27,1,10.
158 Richtungskämpfe II

Neon, Hippias und ihre Gefolgsleute, die die Symmachie zustandege-


bracht hatten, aus ihren Häusern geholt, für ihre Politik zur Rechen-
schaft gezogen und in die Verbannung geschickt; auch sie begaben sich
sofort nach Chalkis. Danach trat eine Ekklesie zusammen, die Ehrungen
und Geschenke für die Römer beschloß, die Archonten der Stadt zum
Abschluß eines Bündnisses mit Rom aufforderte und eine Gesandtschaft
aufstellte, welche Theben den Römern übergeben und zugleich die Ver-
bannten um Pompidas zurückführen sollte40.
Als Wortführer der Verbannten betrieb dieser währenddessen in
Chalkis die Anklage gegen Neon, Ismenias, Hippias und andere Vertreter
ihrer Richtung41. Sie wurden jetzt so in die Enge getrieben, daß auch die
Gruppe um Hippias infolge der Empörung des πλήθος beinahe in Lebens-
gefahr geraten wäre, wenn sich die römische Gesandtschaft nicht schüt-
zend vor sie gestellt hätte 42 . Als kurz darauf auch die Gesandten aus
Theben mit der Meldung von dem dortigen endgültigen Umschwung
und den neuen Beschlüssen der Stadt eintrafen, war, zumal angesichts
der geringen Entfernung der boiotischen Städte voneinander43, die
rasche Wende im ganzen Land nicht mehr aufzuhalten; eine Ausnahme
machten nur drei Poleis, Koroneia, Haliartos und Thisbe, wo sich die
antirömische Richtung behaupten konnte. Die Römer nahmen indessen
die neue Abordnung aus Theben äußerst wohlwollend auf, empfahlen
ebenfalls die Rückkehr der Verbannten um Pompidas und rieten zugleich
allen boiotischen Städten, Gesandtschaften nach Rom zu schicken44.
Das Schicksal der Gruppe um Neon und Ismenias war damit besie-
gelt, der antirömische Widerstand in Boiotien, der seit 196 v. Chr. die
politische Haltung des Landes entscheidend mitbestimmt hatte, weit-
gehend gebrochen. Das boiotische Koinon, das Zentrum des Wider-
standes im Lande, war als politisches Organ praktisch funktionsunfähig;
wahrscheinlich blieb es sogar einige Jahre — bis 168 v. Chr. — überhaupt
aufgelöst46. Ismenias und Diketas wanderten mit ihren Anhängern ins
Gefängnis, wo sie sich nicht lange danach selbst das Leben nahmen 46 ;
40
Polyb. 27,1,11—13.
41
Polyb. 27,2,1; z. Pers. d. Pompidas vgl. H. Bengtson, RE X X I 2 (1952), 2321;
dazu Roesch 177, Anm. 1 (identisch mit dem Hipparchen IG VII 2426?).
12
Polyb. 27,2,2—3.
48
Polyb. 27,2,4.
44
Polyb. 27,2,5.
4&
Polyb. 27,2,10; Liv. 42,44,6 ; 47,3; dazu zuletzt Touloumakos 38 m. Anm. 4;
Roesch 69 ff.
46
Polyb. 27,2,9.
Der Widerstand gegen Rom 171—168 v. Chr. 159

Neon gelang noch rechtzeitig wenigstens die Flucht nach Makedonien17.


Aber nicht nur die Stellung der romfeindlichen „principes" in Boiotien
war seit 171 v. Chr. vernichtet; auch der Sympathie der ττολλοί für
Makedonien war damit, wie Polybios feststellt, ein empfindlicher
Schlag versetzt worden48. Ganz erloschen freilich war der Widerstand
gegen Rom in Boiotien, wie die späteren Ereignisse zeigten, auch jetzt
noch nicht.

2. Der Widerstand gegen Rom während des III. Makedonischen


Krieges (171—168 v. Chr.)

Axis den wiederholten Hinweisen des Polybios auf die allgemeinen


politischen Gegensätze in Griechenland während des III. römisch-make-
donischen Krieges1 geht zweierlei hervor: Einmal, daß die verschiedenen
politischen Richtungen kaum an die Grenzen der einzelnen Staatswesen
gebunden waren, sondern sich in ganz Griechenland in gleicher bzw. sehr
ähnlicher Weise manifestierten; zum andern, daß auch Polybios selbst
gerade in diesen Auseinandersetzungen nicht neutral und „objektiv"
blieb, sondern bewußt politisch Stellung bezog.
Gleich zu Beginn des Krieges im Jahre 171 v. Chr. bestätigt er das in
zahlreichen Einzelfällen seit dem Anfang des 2. Jahrhunderts v. Chr.
immer wieder faßbare „Grundmuster" des griechischen Widerstandes
gegen Rom — in der Formulierung des Livius: Plebs ubique omnis ferme,
ut solet, deterioris erat, ad regem Macedonasque inclinata; principum
diversa cerneres studio:2.
Was die „plebs" betrifft, so hatte sich naturgemäß auch während des
Perseuskrieges an ihrer immer wieder beobachteten antirömischen
Tendenz nichts geändert3. Schon im Sommer 171 v. Chr. offenbarte sich

47 Polyb. 27,2,8.
48 Vgl. Polyb. 27,2,7: πάντων δέ κατά τήν πρόθεσιν αύτοίς χωρούντων — τσϋτσ δ '
ήν τό διαλϋσαι των Βοιωτών τό εθνο; καΐ λυμήνασθαι τήν των πολλών ευνοιαν
irpös τήν Μακεδόνων οίκίαν - κτλ.
1 Polyb. 27,9—10 (vgl. Liv. 42,63,1—2); Liv. (Polyb.) 42,30,1—7; 45,31,4^-5;
außerdem Polyb. 30,6—8.
2 Liv. 42,30,1.
3 Die Einschränkung, daß sich die plebs „fast" überall auf der Seite des make-
donischen Königs befand, könnte sich (u. a.) auf Achaia beziehen, wo die πολλοί
im allgemeinen hinter der Lykortas-Gruppe standen und es keine eigentliche pro-
makedonische Richtung gab.
160 Richtungskämpfe II

nach einem überraschenden Anfangserfolg des Perseus bei einem Gefecht


in Thessalien blitzartig die überaus starke Sympathie der πολλοί für den
makedonischen König4. Die Feststellung des Polybios: Ιξέλαμψε καθ-
απερεί m/p ή των πολλών irpos τον Περσέα διάθεση, τον προ τούτου
χρόνον έπικρυπτομένων των πλείστων läßt an Deutlichkeit nichts zu
wünschen übrig5.
Das Ausmaß dieser unverhüllten Begeisterung für Perseus sucht der
Historiker allerdings sofort abzuschwächen und zieht zur Erklärung die
momentane Publikumsgunst heran, die sich ein scheinbar unterlegener
Athlet durch sein mutiges Auftreten gegenüber seinem favorisierten Geg-
ner zu verschaffen weiß®. Hätte man, so argumentiert Polybios, die όχλοι
im Ernst vor die Frage gestellt, ob sie das Leben unter einer Monarchie
vorzögen, und sie an die Unbill erinnert, welche die Griechen von den
Makedonen erütten hätten, so hätten sie sich zweifellos auf der Stelle
wieder eines anderen besonnen7.
Gegen diese Wertung der Haltung der πολλοί hat sich jedoch mit
Recht bereits H. Nissen gewandt und auf die zugrundeliegende, am
Ende sogar ausgesprochene Absicht des Polybios hingewiesen, mit
seinen Darlegungen die Behauptung von der αχαριστία der Griechen
gegenüber Rom zu widerlegen8. Polybios gibt selbst zu, daß die Sympa-
thie der πολλοί für Perseus nicht erst durch den Sieg von Kallinikos
ausgelöst wurde, sondern latent von Anfang an vorhanden war9. Auch
läßt die Untersuchung des antirömischen Widerstandes in Griechenland
gar keinen Zweifel daran, daß die πολλοί ständig mit den Gegnern Roms
sympathisierten10, und noch die turbulenten Ereignisse, die Achaia
4
Polyb. 27,9—10; Liv. 42,63,1—2 (zur Umformung bei Livius zuletzt Meloni 238,
Anm. 1); vgl. Castellani H ö f . ; Meloni 237f.; Niese 3,131.
» Polyb. 27,9,1; vgl. 10,4; Diod. 30,8.
6
Polyb. 27,9,2—13. — Zu Polybios' Vorliebe für Vergleiche aus der Sportwelt
vgl. Walbank, Comm. 1,121 (zu 1,57); zu dem 27, 9,1—13 genannten Athleten
Kleitomachos E. Honigmann, RE XI 1 (1921), 659f., Art. Kleitomachos Nr. 3.
7
Polyb. 27,10,2—3.
8
Polyb. 27,10,5: ίνα μή Tis άκρίτως εϊς άχαριστίαν όνειδίζτ) τοις "Ελλησι την τότε
διάθεσιν; dazu Meloni 237f.; Niese 3,131, Anm. 1; vgl. H. Nissen, Krit. Unters,
üb. d. Quell, d. 4. u. 5. Dekade d. Liv. (Berlin 1863), 255. — Ob sich Polybios
hier gegen römische oder (prorömische) griechische Kreise wendet, läßt sich
nicht entscheiden.
8
Polyb. 27,9,1 (vgl. oben).
10
Unzutreffend ist daher z. B., wenn A. J. Toynbee, Hannibal's Legacy II (London
1965), 474 behauptet, die Griechen hätten sich erst im letzten Jahrzehnt vor dem
Perseuskrieg von den Römern abgewandt.
Der Widerstand gegen Rom 171—168 v. Chr. 161

zwanzig Jahre später heimsuchten, bewiesen aufs deutlichste, wie tief


verwurzelt die Abneigung, die „αχαριστία" gegen Rom gerade bei den
πολλοί tatsächlich war.
Von dieser geschlossenen Romfeindschaft der πολλοί stach während
des III. römisch-makedonischen Krieges mehr denn je die innere Ge-
spaltenheit der „principes" ab. Dabei war es — wie schon mehrfach be-
merkt — charakteristisch für die veränderte Situation seit 180 v. Chr.,
daß sich jetzt die Richtungskämpfe in allen Staatswesen einander weit-
gehend angeglichen hatten und sich, wie die wiederholten Feststellungen
des Polybios beweisen, geradezu auf einen gemeinsamen Nenner bringen
ließen. So handelte es sich nach Polybios überall in Griechenland immer
wieder um drei verschiedene Richtungen: prorömische, antirömische und
„mittlere" Gruppen. An beiden, freilich nur bei Livius zum Jahre 171
bzw. 167 v. Chr. bewahrten Stellen, wo Polybios die Vertreter dieser drei
Richtungen zu charakterisieren versucht, lassen sich leichte Diver-
genzen wie auch wohl zu weitgehende Verallgemeinerungen nachweisen;
jedesmal kritisiert Polybios jedoch heftig sowohl die einseitig pro- wie die
antirömischen Politiker und bekennt sich selbst nachdrücklich zur
„dritten" Richtung11.
Die pro- wie die antirömischen Politiker handelten nach seiner
Meinung lediglich aus Eigennutz. Den prorömischen hält er vor, daß sie
sich durch ihre übersteigerte Willfährigkeit gegenüber den Römern
selbst um ihre Glaubwürdigkeit und ihr Ansehen brachten und es in
Wirklichkeit nur darauf abgesehen hatten, mit Hilfe Roms eine innen-
politische Machtstellung zu erringen12. Von der anderen Gruppe, den
offenen Gegnern Roms, behauptet er, daß sie sich Perseus meist ebenfalls

11
Liv. 42,30,1—7 (z. J. 171 v. Chr.); kürzer 45,31,4 (167 v. Chr.): Tria genera prin-
cipum in civitatibus erant, duo quae adulando aut Romanorum Imperium auf
amicitiam regum sibi privatim opes oppressis faciebant civitatibus; media una pars
utrique generi adversa libertatem legesque tuebatur. — Auch hier (und in den ent-
sprechenden, Anm. 1 zitierten Äußerungen) ist nirgends die Rede von „Oligar-
chien" bzw. „Demokraten".
12
Liv. 42,30,2—3: Pars ita in Romanos effusi erant, ut auctoritatem immodico favore
corrumperent, pauci ex iis iustitia imperii Romani capti, plures ita, si praecipuam
operam navassent, potentes sese in civitatibus suis futuros rati. Damit sind offen-
kundig die Vertreter der radikal prorömischen Politik im Sinne des Kallikrates
und Lykiskos gemeint. Woran Polybios bei den pauci . . . iustitia imperii Romani
capti denkt, bleibt — falls es sich nicht überhaupt um einen beschönigenden Zu-
satz des Livius handeln sollte — unklar. In der späteren Feststellung zum Jahr
167 v. Chr. (45,31,4; s. Anm. 11) fehlt diese Differenzierung.
11 Deininger, Widerstand
162 Richtungskämpfe II

aus den gleichen selbstsüchtigen Motiven anschlossen13, ζ. T. auch an-


gesichts ihrer Schulden in der Hoffnung auf eine allgemeine Umwälzung
oder, wie es manchem unruhigen Geist entsprach, wegen der damit zu
gewinnenden Popularität14. Eine positive Wertung erhält von Poly-
bios allein die „tertia pars"15, in deren Reihen er als Politiker selbst
zuhause war. Diese verteidigte nach seiner Überzeugung in den einzelnen
Staatswesen allein Freiheit und Gesetze gegen die beiden anderen
Gruppen1®; sie sei deshalb am beliebtesten gewesen17. Außenpolitisch
wollte diese Richtung schlimmstenfalls zwar lieber unter römische als
unter makedonische Herrschaft geraten18; ihr eigentliches Ziel aber er-
blickte sie woanders — in einem politischen „Gleichgewicht" zwischen
Rom und Makedonien in Griechenland, so daß stets die eine der beiden
Mächte die griechischen Städte und Koina vor den Ubergriffen der
anderen schützte, sie sich also gegenseitig in Schach hielten und damit
die relative Unabhängigkeit Griechenlands erhalten blieb18.
Dieser politische Grundgedanke kehrt bei Polybios immer wieder.
Im Jahre 170 v. Chr. sprach sich Lykortas in einer Beratung mit seinen
politischen Freunden, an der auch sein Sohn Polybios teilnahm, gegen
jede aktive Unterstützung einer der beiden Seiten im Perseuskrieg aus,

18 Liv. 45,31,4 (vgl. Anm. 11).


14 Liv. 42,30,4: Pars altera regiae adulationis erat: quosdam aes alienum et desperatio
rerum suarum eodem manente statu praecipites ad novanda omnia agebat; quosdam
ventosum ingenium, quia ad Persea magis aura popularis ierat (dazu Weißenborn-
Müller z. St.). Hier scheint Polybios vor allem Politiker wie die Rhodier Deinon
und Polyaratos im Auge zu haben. Doch lassen sich ζ. B. die ursprünglich ge-
mäßigten Epeiroten Antinoos, Kephalos und Theodotos, die später zu Perseus
übergingen, in keine dieser Kategorien befriedigend einordnen.
16 Liv. 42,30,5: Tertia pars, optuma eadem et prudentissima, übernimmt das Urteil
des Polybios; dazu bereits Nissen a. O. 249; Weißenborn-Müller z. St.
18 Liv. 45,31,4 (vgl. Anm. 11). Vgl. auch oben S. 112f.
17 Liv. 45,31,5: His ut maior apud suos Caritas, ita minor ad externos gratia erat. Da-
bei hatte Polybios bei Liv. 42,30,4 (Anm. 14 oben) durchblicken lassen, daß die
Volksgunst vor allem den Anhängern des Perseus galt. Doch denkt er vielleicht
vor allem an die Staaten außerhalb Achaias und im vorliegenden Fall an Achaia
selbst, wo es keine ausgesprochen promakedonische Richtung gab.
18 Liv. 42,30,5: si utique optio domini potioris daretur, sub Romanis quam sub rege
malebat esse; vgl. auch Polyb. 27,10,3; 30,6,6.
18 Liv. 42,30,6: Si liberum in ea re arbitrium fortunae esset, neutram partem vole-
bant potentiorem altera oppressa fieri, sed inlibatis potius viribus utriusque partis
pacem ex aequo manere; ita inter utrasque optimam condicionem civitatium fore,
protegente altera semper inopem ab alterius iniuria. Vgl. auch Geizer, Kl. Sehr. 3,146.
Der Widerstand gegen Rom 171—168 v. Chr. 163

da der Sieger ein erdrückendes machtpolitisches Ubergewicht in Griechen-


land besitzen werde. Polybios selbst hat sich in dieser Situation zwar
mit Erfolg für eine Beteiligung Achaias am Krieg auf der Seite Roms
eingesetzt, aber offenkundig nur aus taktischen Erwägungen20. Seine
wirkliche politische Einstellung offenbart sich indirekt etwa in dem
ausdrücklichen Lob des Epeiroten Kephalos, von dem es heißt: επί
-rfjs αρίστης ύπηρχε γνώμης, weil er zunächst zu den Göttern gebetet
habe, der Krieg möge nicht ausbrechen und damit eine Entscheidung
zwischen Makedonien und Rom vermieden werden21. Von der gleichen
politischen Grundvorstellung ist offenkundig auch die bewundernde
Darstellung der rhodischen „Gleichgewichtspolitik" bestimmt, die
lange Jahre hindurch bei einem grundsätzlich freundschaftlichen Ver-
hältnis zu den Römern sich doch nie durch ein Foedus so fest an Rom
gebunden bzw. ihm untergeordnet habe, daß sie nicht auch noch für
andere Staaten bündnisfähig geblieben sei22. Ebenso kommt Polybios'
eigene politische Orientierung zum Vorschein bei dem betont positiven
Urteil über die Politik Hierons II. während des karthagischen Söldner-
krieges der bei aller Freundschaft mit Rom doch zugleich auch an der Er-
haltung der politischen Existenz Karthagos interessiert war, um eine sonst
unkontrollierbare Ubermacht Roms zu verhindern. Polybios bezeichnet
diese Politik ausdrücklich als πάνυ φρονίμως καΐ νουνεχώς und fügt —
zweifellos ein Zeichen dafür, wie stark ihn die Frage persönlich berührte
— den allgemeinen Satz hinzu, man dürfe nie dazu beitragen, daß eine
Macht so groß werde, daß man sich ihr gegenüber nicht einmal mehr
auf die vertraglich festgelegten Rechte berufen könne23. Diese Denk-
weise aber war, wie sich gezeigt hat, typisch gerade für den „Friedlichen
Widerstand" gegen Rom in Achaia24. Das Bild einer Mehrzahl größerer
Mächte, die einander gegenseitig in Schranken hielten und damit für
kleinere Staatswesen wie das achaiische Koinon, Rhodos oder Hieron II.
von Syrakus Spielraum für eine gewisse Unabhängigkeit ließen, erweist
sich so als konstitutiv für das politische Weltbild des Polybios und

20
Vgl. unten S. 179 f.
21
Polyb. 27,15,10—11. Vgl. im einzelnen unten S. 173ff.
22
Polyb. 30,5,6—8; vgl. vor allem Holleaux, Rome 30ff. (zuerst: Melanges Perrot
[Paris 1902], 183ff.); Schmitt, Rhodos 5ff. (dazu jedoch Α. H. McDonald, JRS
48, 1958, 184f.).
23
Polyb. 1,83,3—4; dazu Welwei 97f. sowie Walbank, Comm, 1,146 (zu 83,2—4),
der mit Recht feststellt, daß hier persönliche Gedanken des Polybios vorliegen.
24
Vgl. dazu oben S. 112f.
11·
164 Richtungskämpfe I I

darüber hinaus für die „media pars" in Griechenland überhaupt25. Daß


es mit dieser, an der bisher bestehenden hellenistischen Staatenwelt
abgelesenen „pluralistischen" Ordnung ein Ende haben und mit Rom
ein völlig neues, überwiegend zentralistisches politisches Ordnungs-
prinzip in die griechische Welt einbrechen sollte — damit haben sich
Polybios und mit ihm die führenden Politiker des „Friedlichen Wider-
standes" in Achaia bei allen Anpassungen an die Situation in den Jahren
170—168 v. Chr. bis zuletzt nicht wirklich abfinden können. Tatsächlich
aber wurde die Politik des „Friedlichen Widerstandes" — und über-
haupt der „media pars" in Griechenland — immer fragwürdiger, je
weniger im Verlauf des Perseuskrieges und angesichts der wachsenden
Präponderanz der römischen Macht eine eindeutige Entscheidung für
bzw. gegen Rom zu umgehen war; und schon während des Krieges mußte
die ,,tertia pars" denn auch an vielen Stellen dem Druck der radikal
prorömischen Richtungen weichen. In Aitolien kam es zur Deportation
von fünf führenden „romfeindlichen" principes nach Italien; in Epeiros
sahen sich andererseits die Hauptvertreter der „media pars" zum offenen
Übertritt auf die Seite des Perseus gezwungen, so daß sogar eine anti-
römische Abfallbewegung größeren Ausmaßes entstand; in Aitolien
konnte Ähnliches anscheinend gerade noch vermieden werden.
Trotz allem ist aber offenkundig, daß sich antirömische Kräfte in
fast allen Staatswesen, Aitolien, Epeiros, Akarnanien und Achaia, bis
zum Ende des Perseuskrieges durchaus zu halten vermochten; ja, in
Rhodos erlangten sie für kurze Zeit sogar das Übergewicht. Eine gewisse
Ausnahme machte nur Boiotien, wo der politische Widerstand gegen
Rom schon 170 v. Chr. vollständig entmachtet war.

a) Boiotien: Isolierter Widerstand gegen Rom (171—170 v. Chr.)


Auch nach dem prorömischen Umschwung in Theben, nach der
Zerschlagung der Gruppe um Neon, nach Selbstmord und Flucht ihrer
Führer war der Widerstand in Boiotien gegen Rom noch nicht völlig
erloschen. Drei Städte, Koroneia, Haliartos und Thisbe, blieben viel-
mehr, wie schon angedeutet, bis zum Schluß auf der Seite des Perseus1.

25 Polybios selbst scheint hier im übrigen ganz seinem Vater Lykortas zu folgen,
der für den Fall eines römischen Sieges über Perseus vor dem μέγεθος τήξ έσο-
μένη; έξουσία; ττερί τούζ κρατήσαντας warnte, vgl. unten S. 179.
1 Vgl. oben S. 159.
Boiotien: Isolierter Widerstand 171—170 ν. Chr. 165

Koroneia, in dessen Nähe sich das gesamtboiotische Heiligtum der


Athena Itonia befand, war bereits im Jahre 196 v. Chr. als ein Mittel-
punkt der Romfeindlichkeit in Boiotien hervorgetreten und im Laufe
der damaligen Ereignisse von Flamininus mit Belagerung und Eroberung
bedroht worden. 191 v. Chr., im Antiochoskrieg, war der Ort nach der
anfänglichen Empörung der siegreichen römischen Truppen über eine
Statue Antiochos' III. im Tempel der Athena Itonia noch einmal
glimpflich davongekommen. Als es dann 172/1 v. Chr. um das Schicksal
des Bündnisvertrages zwischen Boiotien und Perseus ging, hatten sich
die Bewohner von Koroneia mit am leidenschaftlichsten für das Fest-
halten an diesem Vertrag eingesetzt, zusammen mit jenen von Haliartos,
das hier zum erstenmal als Zentrum einer gegen Rom gerichteten Politik
erscheint; hinzu trat Thisbe.
In ihrem Widerstand wurden die drei Städte noch durch einen Ge-
sandten des Perseus, Antigonos, bestärkt, der sie aufforderte, weiterhin
bei Makedonien zu bleiben2. Daraufhin beschlossen Koroneia, Haliartos
und Thisbe etwa Ende 172 v. Chr. ihrerseits die Abordnung von Gesandt-
schaften zu Perseus3. Sie teilten ihm ihre Besorgnisse über die Angriffe
von seiten derThebaner mit und baten um Hilfe. Perseus sah sich wegen
des gerade herrschenden Waffenstillstandes nicht in der Lage, ihnen
Truppen zur Verfügung zu stellen, riet jedoch, sich zwar nicht gegen die
Römer, wohl aber gegen Theben nach Kräften zu wehren4.
Am Schicksal dieses letzten aktiven Widerstandes in Boiotien gab
es indessen angesichts der überlegenen römischen Truppenmacht nichts
mehr zu rütteln; noch im Laufe des Jahres 171/0 v. Chr. mußten alle
drei Städte vor den Römern kapitulieren. Den Anfang machte Haliartos,
das 171 v. Chr. zunächst von P. Cornelius Lentulus6, dann von M. Lucre-
tius und schließlich von dessen Bruder C. Lucretius Gallus belagert
und von diesem nach aufopferungsvollem Widerstand etwa im Juli
dieses Jahres erobert wurde6. Massenversklavung, Raub der Kunst-
2
Polyb. 27,5,1—3; Liv. 42,46,7 (wo sich jeweils anstelle von Thisbe Theben findet
— irrtümlich, wie zuerst Mommsen Eph. Epigr. 1 [1872] 291 = Ges. Sehr. VIII 1
[1913], 289 f. nachgewiesen hat, vgl. auch Weißenborn-Müller z. St. sowie ausführ-
lich Meloni 200, Anm. 3). — In Koroneia waren Olympichos und der erst später
(vgl. unten S. 193) genannte Mnasippos wohl in die Verbannung geschickt worden.
3
Polyb. 27,5,4; Liv. 42,46,9; vgl. Niese 3,116.
4
Polyb. 27,5—8; Liv. 42,46,10; zum Ganzen Meloni 200f.; Niese 3,116f.
6
Liv. 42,56,3—5; Meloni 243.
6
Liv. 42,63,3—12; vgl. auch (z. Dat.) Meloni 245 m. Anm. 2. — Unterstützung aus
Koroneia: Liv. a. O. 3.
166 Richtungskämpfe I I

schätze und völlige Zerstörung der Stadt, die sich Rom widersetzt hatte,
besiegelten ihr Schicksal für immer7.
Als Lucretius von dort nach Thisbe zog, ergab sich die Stadt kampf-
los und wurde den Verbannten bzw. denen, „qui Romanorum partis
erant", übergeben; die Sklaven und der gesamte Besitz der Anhänger
der anderen „factio" und des Perseus wurden unverzüglich verkauft8.
Noch harrte Koroneia aus. Auf Bitten der von dort aus in Unruhe
gehaltenen Thebaner legte Lucretius sein Winterlager nach Boiotien9.
Wohl zu Anfang des Jahres 170 v. Chr. wurde dann auch, allerdings
von P. Licinius Crassus, Koroneia eingenommen10.
Charakteristische Einzelheiten der 170 v. Chr. in Rom getroffenen
politischen Maßnahmen zeigt das zweite der beiden bekannten Senatus-
konsulte für Thisbe11. Es unterschied grundsätzlich zwischen Anhängern
und Gegnern Roms, οΐτινες eis την φιλίαυ την ήμετέραν [ιτροσηλθον ο. ä.]
ττρό toö ή Γαΐος Λοκρέτιος τό στρατόττεδου προς την πάλιν Θίσβας
προσήγαγεν, auf der einen12 und οΐτινες ύττευα[ντί]α τοις δημοσίοις
ιτράγμασι τοις ήμετέροις και τοις έαυτών (d. h. der Römerfreunde von
Thisbe) είσιν auf der andern Seite13.
Der Sieg der ersteren sollte nunmehr dauerhaft gesichert werden.
So erhielten sie nicht nur ihr privates Eigentum zurück14, sondern es

7 Zur Ubergabe des Territoriums von Haliartos an. Athen vgl. Polybios 30,20;
Strab. 9,2,30; dazu auch H. Volkmann, D. Massenversklav. d. Einw. erob. Städte
in d. hellenist.-röm. Zeit (Abh. Ak. Mainz 1961, 3), 25.
8 Liv. 42,63,12; vgl. auch Syll.3 646, Z. 23ff.; dazu Volkmann a. O. 26; Niese

3,126f.
» Liv. 42,67,12.
10 Liv. 43,4,11; vgl. L. Robert, Etudes äpigraphiques et philologiques (Paris 1938)

287, Z. 2ff. ( = F. G. Maier, Griechische Mauerbauinschriften I [Heidelberg 1959]


130). Z. Dat. Robert a. O. 290 (Wende 171/0 v. Chr.).
11 Syll.3 646 = R. K. Sherk, Roman Documents from the Greek East (Baltimore

1969) 26ff., Nr. 2 (mit weit. Lit.); dazu bes. ib. 26—31; Mommsen, Ges. Sehr.
VIII 1 (1913), 274—296; Maier a. O. 126; Meloni 264, Anm. 1; Colin 425—429;
Dahlheim 80—82.
12 a. Ο. Z. 22ff.; zum Text Z. 22 vgl. Sherk a. O. 28 zu Z. 22.
13 a. Ο. Z. 36f. Ein Teil der ,,prineipes" hatte sich also von der antirömischen

Politik der Stadt distanziert und Thisbe spätestens im Sommer 171 v. Chr. ver-
lassen müssen; dafür, daß es sich dabei um ,,les aristocrates les plus exaltds"
handelte (Colin 426), gibt es allerdings keinen Anhaltspunkt.
14 a. Ο. Z. 25ff. Sherk a. O. 30 erweckt zu Unrecht den Eindruck, als hätten alle

Einwohner von Thisbe ohne Rücksicht auf ihre politische Haltung ihr Eigentum
zurückerhalten.
Boiotien: Isolierter Widerstand 171—170 ν. Chr. 167

fielen auch sämtliche politischen Ämter, Priesterstellen und die damit


verbundenen finanziellen Einkünfte für die nächsten zehn Jahre aus-
schließlich den Anhängern Roms zu15. Diese erhielten darüber hinaus
das Recht, die Akra von Thisbe zu befestigen und dort zu wohnen1®.
Gold, das für einen Kranz zur Ehre Roms bereits gesammelt, dann aber
anscheinend von der antirömischen Seite wieder beschlagnahmt worden
war, sollte zurückgegeben und die Weihegabe auf dem Kapitol endlich
aufgestellt werden17.
Dagegen wurden die Gegner Roms gefangengehalten18. Soweit ihnen
aber die Flucht in andere Städte gelungen war, sollte wenigstens ihre
Rückkehr nach Thisbe auf jeden Fall verhindert werden19. Außerdem
sollten drei offenbar aus Thisbe stammende Frauen, Xenopithis, Mnasis
und Damokrita, von denen die ersten beiden sich (als Gefangene?) in
Chalkis aufhielten, während Damokrita sich in Theben befand, in diesen
Städten nicht bleiben und auch nicht nach Thisbe zurückkehren dürfen20.
Damit war alles getan, um die Stellung der prorömischen Gruppe in
Thisbe für die Zukunft zu sichern. Ganz ähnlich scheint der Senat, wie
das Fragment seines Beschlusses noch erkennen läßt, gegenüber Koroneia
verfahren zu sein21.
Mit der Eroberung der drei Städte war der politische Widerstand gegen
Rom in Boiotien endgültig gebrochen. Im folgenden Jahr, 169 v. Chr.,
statteten die Gesandten C. Popillius Laenas und Cn. Octavius Theben
einen Besuch ab, lobten die Stadt wegen ihrer politischen Haltung und
ermahnten sie zugleich, auch weiterhin fest bei Rom zu bleiben22.

" a. Ο. Z. 20ff.; vgl. Mommsen a. O. 291f.


18
a. Ο. Z. 28ff. Dazu Mommsen 293; Maier a. O. 127f. — Ihr Wunsch nach Be-
festigung der ganzen Stadt wurde vom Senat abgelehnt: ib. Z. 31.
« a. Ο. Z. 31—35.
18
a. Ο. Z. 35ff. ( wobei die Entscheidung im einzelnen noch dem Praetor Q. Maenius
anheimgestellt wurde. Daß die Gefangenen bereits nach Rom bzw. Italien ge-
bracht worden waren, nimmt Mommsen 294 (nach Foucart) an.
19
a. Ο. Z. 40ff.; hier sollte in einzelnen Fällen noch der Konsul A. Hostilius ent-
scheiden.
20
a. Ο. Z. 46 ff., wo möglicherweise (Z. 50f.) von einem Bestechungsversuch der drei
Frauen bei C. Lucretius Gallus die Rede ist. Die Einzelheiten bleiben unklar,
vgl. zuletzt Sherk a. O. 30.
21
Vgl. das Fragment des Senatuskonsults, Robert a. O. 287—292 = Maier a. O.
1,130 = Sherk a. O. 32f., Nr. 3; Meloni 264.
22
Polyb. 28,3,2. — Zu der Inschrift von Akraiphia für P. Cornelius Lentulus aus
den Jahren 171/67 v. Chr. vgl. M. Feyel, BCH 79, 1955, 419—422 ( = Moretti 1,
175f., Nr. 70).
168 Richtungskämpfe II

b) Aitolien: Die radikal prorömische Politik des Lykiskos und


seine Gegner (171—169 v. Chr.)
In Aitolien war, wie schon dargelegt, gegen Ende der siebziger Jahre
die hier von Lykiskos angeführte radikal prorömische Richtung erheb-
lich erstarkt. Nach dem von den Römern vermittelten innerpolitischen
Ausgleich im Jahre 173 v. Chr. hatte zunächst Thoas, im Jahr darauf
nach einer Nachwahl Lykiskos selbst für 172/1 v. Chr. die aitolische
Bundesstrategie übernommen.
Schon wenig später, kurz nach der überraschenden Niederlage der
Römer im Sommer 171 v. Chr. bei Kallinikos, also noch während seiner
Strategie, konnte Lykiskos dann erstmals offen gegen seine Widersacher
vorgehen. Die Römer, vor allem der Feldherr P. Licinius Crassus selbst,
versuchten nämlich — anscheinend zu Unrecht1 — die Schuld für ihre
Niederlage auf die vorzeitige Flucht der Aitoler zu schieben2. Lykiskos
nützte dies aus, indem er Crassus in dieser Ansicht bestärkte; er er-
reichte von ihm, daß fünf aitolische „principes", und zwar die Häupter
der gegen Lykiskos arbeitenden, mehr oder weniger antirömischen
Richtung deswegen nach Rom deportiert wurden3.
Von vier von ihnen kennt man die Namen: Nikandros, Eupolemos,
Lochagos und Hippolochos4. Daß es sich dabei in der Tat um alles
andere denn um unbedingte Anhänger Roms handelte, steht bei den
beiden zuerst Genannten außer Frage: Nikandros wie Eupolemos hatten
sich bei zahlreichen Gelegenheiten eindeutig als Gegner Roms erwiesen.
Nikandros, der dreimal das höchste Amt im Koinon bekleidet hatte5
und wie Thoas und Dikaiarchos aus Trichonion stammte, war schon
1
Vgl. Polyb. 27,15,14; 28,6,7; App. Mak. 12; dazu Meloni 254, A r n 3 (mit weit.
Lit.). — Bezeichnend ist, daß Polybios hier für die Aitoler Partei ergreift. Dies
hängt vielleicht damit zusammen, daß die gegen sie gerichteten Vorwürfe nach-
her von der (von Polybios entschieden abgelehnten) radikal prorömischen Rich-
tung in Aitolien ausgenützt wurden, vgl. das Folgende.
2
Liv. 42,60,8—9; App. a. O.
8
Liv. 42,60,10; Polyb. 20,11,10; 27,15,14; 28,4,6; vgl. 28,6,7. Z. Dat. (nicht 170/169
v. Chr., wie Stähelin, RE XVII 1 [1936], 249, angibt, sondern Sommer 171)
G. Klaffenbach, IG IX 1 2 ,1, p. XLIV. — Zum ganzen Vorgang vgl. noch Meloni
254f.; De Sanctis 4,l 2 ,285f.; Niese 3,133f.; zur maiestas-Kla.use\ im römisch-
aitolischen Foedus als wahrscheinlicher Grundlage vgl. Badian, Foreign Client.
96, Anm. 2.
4
Polyb. 20,11,10; 27,15,14; 28,4,6; vgl. 28,6,7; dazu Meloni 255.
8
190/89, 184/3 und 177/6 v. Chr.; vgl. Klaffenbach a. O. LI. — Z. Pers. des
Nikandros oben S. 69, Anm. 7.
Aitolien: Lykiskos und seine Gegner 171—169 v. Chr. 169

193 v. Chr. bei der Vorbereitung des Antiochoskrieges und dann während
des ganzen Konflikts als entschiedener Widersacher der römischen
Macht wie auch derjenigen Politiker, die einen Kompromiß mit ihr such-
ten, hervorgetreten. Er war — vor allem nach seiner großzügigen Be-
handlung durch den makedonischen König im Jahre 191 v. Chr.· —
Philipp V. und den Antigoniden persönlich verbunden und hatte schließ-
lich auch die Freilassimg des an Rom ausgelieferten Thoas erwirkt.
Daß er den Wünschen und Angeboten des Perseus im III. Makedonischen
Krieg nur mit Mühe zu widerstehen vermochte, wird von Polybios
ausdrücklich überliefert7.
Eupolemos aus Hypata 8 , der Nikandros auf dem Weg nach Italien
begleiten mußte, hatte zwar während des II. Makedonischen Krieges
als Reiterführer auf der Seite des Flamininus mitgekämpft 9 ; aber im
Antiochoskrieg hat er sich noch in dessen aussichtsloser Schlußphase,
Anfang 189 v. Chr., unter der Strategie des Nikandros, aktiv in den
Endkampf um Ambrakia eingeschaltet; im Jahre 174v.Chr. war er
offenbar — was sein Bild verdunkelt — bei dem furchtbaren Blutbad
von Hypata für die Ermordung der Anhänger des den Römern näher-
stehenden Proxenos verantwortlich.
Die beiden anderen Deportierten, Lochagos und Hippolochos, sind
durch die sonstige Überlieferung kaum bekannt. Dies hängt vielleicht
damit zusammen, daß sie, wie es scheint, der jüngeren Generation an-
gehörten, die erst nach dem Antiochoskrieg allmählich nachgerückt war.
Eupolemos hatte bereits bei Kynoskephalai mitgefochten; ebenso dürfte
auch Nikandros, der im Exil in Rom sterben sollte10, gerade deswegen
schon älter gewesen sein. Lochagos dagegen hat erst 180/79 v. Chr., als
gerade in ganz Griechenland eine neue Generation in der Oberschicht
spürbar nach vorn zu drängen begann, zum erstenmal die aitolische
Bundesstrategie bekleidet11. Daß er jünger war, dürfte außerdem daraus

• Polyb. 20,11; vgl. oben S. 101, Anm. 19.


7
Polyb. 20,11,10: δυσχερώς άντπτράττων ταΐς τοϋ Περσέω* έτηβολαίς.
8
Zu ihm vgl. oben S. 149, Anm. 21.
» Polyb. 18,19,11; 21,5.
10
Polyb. 20,11,10. Dasselbe nimmt Gillischewski 56 von Eupolemos an; vgl. G.
Wissowa, RE VI 2 (1909), 2878, Nr. 8 a. — Daß Polybios Nikandros in Rom ge-
troffen habe, hat W. J. Woodhouse, Aetolia, its geography, topography, and anti-
quities (Oxford 1897), 258, Anm. 1, vermutet.
11
Ζ. Pers. d. Lochagos vgl. J. Deininger, RE Suppl. XI (1968), 888, Art. Lochagos
Nr. 2; zum Datum seiner Strategie zuletzt Meloni 255, Anm. 2 (gegen Klaffen-
bach a. Ο. p. LI, der mit Gillischewski 20f. an 179/8 v. Chr. dachte).
170 Richtungskämpfe II

hervorgehen, daß er die Gefangenschaft in Italien überlebt hat und


später wieder nach Griechenland zurückkehrte; um 150 v. Chr. ist er
jedenfalls in Delphi nachweisbar12.
Die gewaltsame Entfernung dieser führenden Politiker der Oppo-
sition gegen den radikal prorömischen Kurs des Lykiskos und seiner
Richtung war ein Eingriff, wie ihn die Römer in vergleichbarer Form
gegenüber einem griechischen Staatswesen bisher noch nicht vorgenom-
men hatten; dahinter stand zweifellos mit die Absicht, die nach der
römischen Niederlage von Kallinikos allenthalben verstärkt aufgetauch-
ten romfeindlichen Regungen zu unterdrücken. Die harten Maßnahmen
in Aitolien verfehlten denn auch ihre Wirkung im übrigen Griechenland
nicht: Die Vertreter der „media pars" agierten überall mit noch größerer
Zurückhaltung; in Achaia kam es damals sogar zu einer ostentativen
Hinwendung der „Neutralisten" des „Friedlichen Widerstandes" zu
Rom13.
Die Deportation der fünf „principes" bedeutete indes noch keines-
wegs den endgültigen Sieg des Lykiskos über seine Gegner; vielmehr
hatten diese, auch dank der Unterstützung durch die όχλοι, noch immer
einen wesentlichen Einfluß und konnten, ganz ähnlich wie die Gruppe
um Lykortas in Achaia, bis zum Ende des III. römisch-makedonischen
Krieges den vollen Triumph der Richtung des Lykiskos verhindern.
Dies wurde noch einmal besonders deutlich im Herbst des Jahres 170
v. Chr. sichtbar, als die römischen Gesandten C. Popillius Laenas und
Cn. Octavius im Auftrag des A. Hostilius in Thermos vor der Ekklesie
des Koinon erschienen14 und von den Aitolern die Stellung von Geiseln
verlangten16. Auch hier kam es alsbald vor den römischen Gesandten
zum offenen Ausbruch der inneren Spannungen im Koinon.
Zunächst sprach der amtierende Stratege Proandros (171/0 v. Chr.)16,
dessen Wahl zum Nachfolger des Lykiskos vielleicht als Reaktion auf
12
So Klaffenbach, a. O. p. XLIV Z. 150f. unter Berufung auf SGDI 2279 (während
es sich nach Gillischewski 20 dort um einen Enkel des Lochagos handeln würde).
13
Vgl. unten S. 180 ff.
14
Polyb. 28,3,10—4,13; danach zusammenfassend Liv. 43,17,5-6. Z. Dat. Klaffenbach
a. O. XLV, Ζ. 1; dazu Niese 3,137f.; vgl. P. Treves, R E XVIII 3 (1949), 692,
Art. Pantaleon Nr. 6. — Larsen, ΤΑΡΑ 1952, 7, vermutet (nach Polyb. 28,4,1)
eine außerordentliche Versammlung des Koinon.
15
Polyb. 28,4,2.
w
Proandros, Sohn des Proandros; z. Pers. vgl. J. Zwicker, R E X X I I I 1 (1967), 33;
Gillischewski 60; z. Ethnikon Φόλας vgl. oben S. 99, Anm. 3. — Zur Datierung
seiner Strategie Klaffenbach a. O. p. LH.
Aitolien: Lykiskos und seine Gegner 171—169 v. Chr. 171

dessen Vorgehen gegen seine eigenen Landsleute zu verstehen ist, und


versuchte, sich gegen den Vorwurf mangelnder Loyalität gegenüber Rom
zu verteidigen. Er konnte die beiden Römer damit zwar nicht über-
zeugen, doch hielt es Popillius auch nicht für opportun, in der gegebenen
Situation gegen den Strategen aufzutreten17. Lykiskos jedoch glaubte
mit der römischen Gesandtschaft — ähnlich wie zwei Jahre zuvor —,
die Gelegenheit für einen weiteren Schlag gegen seine Widersacher für
gekommen. Ohne Namen zu nennen, hielt er eine scharfe Rede gegen
antirömische Bestrebungen im Koinon18, wobei er auch auf die Deporta-
tionen nach Italien zu sprechen kam. Der Senat, so erklärte er, habe gut
daran getan, die Rädelsführer dieser Richtung nach Rom zu schaffen;
aber deren Anhänger und Hintermänner seien noch immer in Aitolien
und müßten dieselbe Behandlung erfahren, falls sie sich weigern sollten,
ihre Kinder den Römern als Geiseln auszuliefern. In erster Linie dachte
er dabei, wie Polybios zu berichten weiß, an den alten Gegner Roms in
Aitolien, an Archedamos19, sowie an Pantaleon20 — und offenbar nicht
ohne Grund.
Pantaleon antwortete sofort höchst offen, griff dabei Lykiskos per-
sönlich scharf an und zögerte nicht, ihm schamlose, sklavenhafte
Schmeichelei gegenüber den Stärkeren, d. h. den Römern, vorzuwerfen21.
Vor allem aber wandte er sich gegen Thoas, in dem er den eigentlichen
Urheber der gegen ihn und Archedamos gerichteten Verleumdungen
vermutete, sprach davon, daß er selbst zusammen mit Nikandros ihn
aus Rom zurückgeholt habe22 und führte damit in der Ekklesie einen
derartigen Aufruhr der όχλοι herbei, daß Thoas überhaupt nicht zum
Sprechen kam und beinahe noch gesteinigt worden wäre23. Popillius
sprach den Aitolern für dieses Verhalten zwar einen Tadel aus, hielt es
aber dennoch nicht für ratsam, unter diesen Umständen noch einmal auf
die Frage der Geiseln zurückzukommen, und reiste mit Octavius nach

17
Polyb. 28,4,1—4; ib. 4: (sc. Popilius Laenas) καλώς είδώς άλλότριον αύτόν όντα
'Ρωμαίων.
18
Polyb. 28,4,5—8.
18
Polyb. a. Ο.; zu ihm vgl. oben S. 99, Anm. 3.
20
Polyb. a. O.
21
Polyb. a. O. 9: (sc. Pantaleon) φήσας αύτόν άναισχύντως καΐ άνελευθέρως κολα-
κεύειν τούς υπερέχοντας.
22
Polyb. 28,4,11; vgl. Diod. 29,31.
23
Polyb. 28,4,10—12. — Offenkundig unrichtig beurteilt Meloni 254 die Lage,
wenn er behauptet: „La nlebe . . . fu ora dai Romani".
172 Richtungskämpfe I I

Akarnanien weiter, während, wie die Überlieferung lakonisch vermerkt,


Aitolien erneut an den Rand des Bürgerkrieges geraten war24.
Obwohl also auch damals noch die überwiegende Mehrheit der όχλοι
in Aitolien eindeutig in Opposition zu der radikal prorömischen Rich-
tung stand, wurde der Druck der Gruppe um Lykiskos immer über-
mächtiger. Ausdruck der zunehmenden Gefährdung der antirömischen
Richtung in Aitolien scheint vor allem der bald nach jener Versammlung
in Thermos erfolgte offene Ubertritt des zusammen mit Pantaleon der
Illoyalität gegenüber Rom beschuldigten Archedamos, eines viermaligen
Strategen des Koinon 25 , auf die Seite des Perseus zu sein. Die näheren
Umstände seines Übergangs zu dem makedonischen König sind nicht
überliefert. Jedenfalls aber war, als Perseus im Winter 170/69 v. Chr.
sein Heer nach Stratos führte, geplant, daß Archedamos ihm die Stadt
in die Hand spielen sollte28. Das Manöver mißglückte jedoch: Als Arche-
damos vor der Stadt erschien, fand er die Tore verschlossen27. Ein
Umsturz hatte stattgefunden, bei dem sich die prorömische „factio"
durchgesetzt und Popillius Laenas zu Hilfe gerufen hatte, der dann in
die Stadt eingerückt war. Daraufhin wagte auch der jetzt anrückende
aitolische Hipparch Deinarchos nicht mehr, sich, was er angeblich im
Sinn gehabt hatte, Perseus anzuschließen, und es scheint geradezu, daß
damit eine gefährliche größere antirömische Umwälzung in Aitolien im
Keim erstickt worden war 28 .

« Polyb. 28,4,13; Liv. 43,17,6.


2 5 191/0, 188/7, 182/1 und 175/4 v. Chr.: Klaffenbach a. O. L I ; vgl. Meloni 282; z.

Pers. oben S. 99, Anm. 3.


2 8 Liv. 43,21,5—22,11; dazu Niese 3,143; Meloni 280ff. (Datum: Ende Februar 169

v. Chr., ib. 280); zum Text Liv. 43,21,5 vgl. Meloni 280, Anm. 3.
27 Liv. 43,22,2,

2 8 Liv. 43,22,5; vgl. Larsen, Fed. States 474f. Da den Makedonen — im Gegensatz

zu Archedamos und den epeirotischen Verbündeten des Perseus — eine Be-


lagerung von Stratos undurchführbar erschien, zog Perseus mit Archedamos in
die Aperantia ab, wo er bereitwillig aufgenommen wurde, Liv. ib. 9—11; Ham-
mond 631. — Später erscheint er neben dem Kreter Euandros und dem Thebaner
Neon als Begleiter des Perseus auf dessen Flucht nach der Schlacht von Pydna:
Liv. 44,43,6; Plut. Aemil. 23; dazu Meloni 403 (sowie unten S. 195, Anm. 18).
Epeiros: Kephalos und Antinoos 1 7 1 — 1 7 0 v. Chr. 173

c) Epeiros: Kephalos und Antinoos gegen die prorömische Politik


Charops'd. J . (171—170 v. Chr.)

Auch in Epeiros bekämpften einander während des I I I . Makedoni-


schen Krieges im wesentlichen zwei Richtungen, von denen die eine in
erster Linie um die Erhaltung der eigenen Unabhängigkeit gegenüber
Rom bemüht war, während die andere eine radikal prorömische Politik
betrieb. Unbestrittenes Haupt der letzteren Richtung war der jüngere
Charops1, ein Enkel jenes Charops, der schon im I. römisch-makedo-
nischen Krieg den Römern so wesentliche Dienste geleistet hatte 2 . Nach
dem Tode seines Vaters war dieser Charops vom Großvater zu einem
,Bildungsaufenthalt' nach Rom gesandt worden3. Als er jedoch von dort
nach Epeiros zurückgekehrt und der ältere Charops gestorben war, fing
er nach dem Bericht des Polybios alsbald an, gegen die επιφανείς άνδρες
von Epeiros zu arbeiten4. Anfänglich fand er allerdings überhaupt keine
Beachtung; denn die ganze Macht lag fest bei einer Gruppe von Politi-
kern, von denen vor allem Kephalos, Antinoos und Theodotos genannt
werden®.
Mit dem Perseuskrieg sah jedoch Charops seine Chance gekommen.
Jetzt ging er dazu über, diese Gruppe wegen ihrer alten Verbindungen
zu Makedonien® bei den Römern zu verdächtigen. Er beobachtete sie
sorgfältig, legte, wie Polybios berichtet, jedes Wort und jede Hand-
lung zum schlechteren aus und sammelte damit Beweise für die
fehlende Loyalität dieser Politiker gegenüber Rom. Während Charops
selbst, wie Lykiskos in Aitoüen und Kallikrates in Achaia, ein typischer
Vertreter der radikal prorömischen Richtung der jüngeren Generation

1 Polyb. 27,15,3; z. Pers. vgl. Th. Büttner-Wobst, H E Suppl. I (1903), 285,


Nr. 12. Das Folgende Polyb. 27,15; vgl. Liv. 43,18,2; Diod. 30,5; dazu Oost
72ff.; Η. H. Scullard, J R S 35, 1945, 60f.; Niese 3,134.
2 Vgl. oben S. 39.
3 Polyb. 27,15,4; dazu Scullard 63.
4 Polyb. 2 7 , 1 5 , 6 : τ ό δέ μειράκιου μετέωρου δν τ-η φύσει καΐ πάσης ττουηρίας εμπλεων
έκορωνία καΐ παρετρίβετο ττρός TOÜS έτπφαυεΐζ δνδρας.
6 Polyb. 27,15,7. Zu Antinoos (offenbar identisch mit dem epeirotischen Strategen
(etwa 170 v. Chr.) 'Avrivoos Κλαθιατοΰ, SGDI I I 1339, während der ib. 1338
genannte [*A]vdvoo[s Κλαθια ?]τοϋ anscheinend in die Zeit um 230 v. Chr. ge-
hört, so H a m m o n d 6 4 8 f . ) vgl. auch J . Kaerst, R E I 2 (1894), 2439, Nr. 4. (Bei
Polyb. und Liv. lautet der Name Άντίνους bzw. Antinous.) — Zu Kephalos und
Theodotos vgl. das Folgende.
• Polyb. 27,15,9.
174 Richtungskämpfe I I

der „principes" war7, entsprachen die politischen Bestrebungen des


Antinoos und des Kephalos8 ziemlich genau denjenigen des „Begrenzten
Widerstandes" um Lykortas im achaiischen Koinon9: Persönlich wäre
Kephalos die Fortdauer des Status quo und des Gleichgewichts zwischen
den beiden großen Mächten am liebsten gewesen10; wenn der Krieg aber
unvermeidlich war, so strebte er lediglich ein innerhalb der bestehenden
Bündnisverpflichtungen korrektes Verhältnis zu den Römern an, das
aber jede darüber hinausgehende Willfährigkeit ausschloß11. Da sich
Antinoos und Kephalos somit keines förmlichen Verstoßes gegen die
Abmachungen mit Rom bewußt waren12, nahmen sie die Aktivität des
Charops zunächst nicht wirklich ernst. Ihre Lage begann sich jedoch
erheblich zu verschlechtern, als sie erleben mußten, wie die Römer nach
dem Gefecht von Kallinikos (Sommer 171 v. Chr.) aufgrund der „Ver-

7 Vgl. Polyb. a. O. 14.


8 Z. Pers. P. Schoch, R E Suppl. I V (1924), 882f., Nr. 3a. SGDI I I 1352 erscheint
Kephalos als έττιυ ιΛ ιης der Molosser; vgl. zu diesem Amt zuletzt Larsen, Fed.
States 279. Ebenso scheinen Antinoos und Theodotos Molosser gewesen zu sein
(vgl. bes. Polyb. 30,7,2, sowie Hammond a. Ο. 628), während Charops offenbar
ein Chaone war, vgl. oben S. 39, Anm. 3 sowie Hammond a. Ο.; Scullard 62.
— Eine regionale Rivalität zwischen Chaonen und Molossern als Hintergrund des
Gegensatzes vermuteten daher besonders Oost 74; Scullard a. O. 58. Doch muß
— abgesehen davon, daß sich auch bei Polyb. kein Hinweis darauf findet — daran
erinnert werden, daß ζ. B . auch Gegner wie Philopoimen und Diophanes in Achaia
aus derselben Stadt (Megalopolis) stammten und daß Mnasippos, einer der radi-
kalsten Anhänger Roms in Boiotien, aus Koroneia kam, d. h. aus einer der rom-
feindlichsten Städte des ganzen Landes, die sich als letzte den Römern ergab.
Außerdem fiel später neben der Molossis auch ein Teil von Chaonien zu den
Römern ab, vgl. unten S. 175.
9 Polyb. 27,15,10 behauptet denn auch von ihm: της άρίστης ίπτηρχε γνώμης;
vgl. Oost 75.
10 Polyb. 27,15,12; dazu oben S. 163.
11 Polyb. a. Ο.: ττραττομένου δέ τοΰ πολέμου τά κατά τήν συμμαχίαν Ιβούλετο δί-
καια ττοιεϊν 'Ρωμαίος, πέρα δέ τούτου μήτε ττροστρέχειν άγεννώ$ μηθ* ύττηρετείν
μηδέν κτλ. — Zur Frage des epeirotisch-römischen Bündnisses vgl. Hammond
621, der (ähnlich wie im Falle Akarnaniens, vgl. oben S. 95, Anm. 8) gegen
Oost 56 an ein eigentliches Foedus denkt. Dieses bestand nach Holleaux, Etudes
5, 134, Anm. 1 (vgl. Niese 2,653f.) bereits seit 196 v. Chr.
12 I m Herbst 172 v. Chr. waren Q. Marcius Philippus und A. Atilius Serranus vom
epeirotischen Koinon freundlich aufgenommen worden, Liv. 42,38,1: (sc. die
römischen Gesandten) concilio Epirotarum habito cum magno omnium adsensu
auditi sunt. Das Koinon stellte damals 400 Soldaten zum Schutz gegen die Oresten
zur Verfügung, Liv. ib. Vgl. Hammond a. Ο. 626; Oost 70ff.; Meloni 183f.;
Niese 3,112.
Akarnanien: Diogenes und Chremas (170 v. Chr.) 175

leumdungen" des Lykiskos zur Deportation führender Politiker auch


der „media pars" nach Rom übergingen. Diese bestürzende Maßnahme
gegen Vertreter der „neutralen" Richtung hatte nirgends so gravierende
Folgen wie in Epeiros: Nun glaubten sich nämlich, wie Polybios berichtet,
auch Kephalos und seine Anhänger so gefährdet, daß sie, um kein
weiteres Risiko einzugehen, gegen ihre eigentliche politische Absicht,
zu Perseus übertraten13.
Etwa im Frühjahr 170 v. Chr. ereignete sich ein erster schwerer
Zwischenfall. Der Kephalos und Antinoos nahe stehende Theodotos14
sowie Philostratos16 erfuhren von der bevorstehenden Ankunft des Kon-
suls A. Hostilius und faßten den Entschluß, den römischen Konsul
gefangenzunehmen und Perseus zu übergeben, den sie aufforderten,
rasch zu ihnen zu stoßen. Der Handstreich gelang zwar nicht; dennoch
wäre Hostilius dem Anschlag beinahe zum Opfer gefallen, hätte ihn nicht
ein gewisser Nestor aus Phanote, bei dem er Quartier genommen hatte,
offenbar aufgrund einer Anzeige noch rechtzeitig nach Gitana in Sicher-
heit gebracht18. Bald darauf gelang es dann, ohne daß man allerdings
über die Einzelheiten unterrichtet wäre, Kephalos, Antinoos und Theo-
dotos, die Molosser auf die Seite des Perseus zu ziehen17; ihnen schlossen
sich noch andere Regionen von Epeiros an, insbesondere ein Teil
Chaoniens18.

d) Akarnanien: Diogenes gegen die prorömische Gruppe um


Chremas (170 v. Chr.)

In Akarnanien scheint die Entwicklung der inneren Situation weit-


gehend der auch anderswo in Griechenland, zumal in den benachbarten
Gebieten Aitolien und Epeiros zu beobachtenden geähnelt zu haben:
Vor allem gab es auch hier Politiker, welche dieselbe radikal prorömische

1S Polyb. 27,15,15—16; dazu Meloni 255f. Aus Polyb. a. O. 16: ol irepl τόν Κέφαλον
ήναγκάσθησαν . . . έλέσθαι τά τοϋ Περσέω$ sowie Liv. 43,18,2: cum . . . ab
Epiro Cephalus repeniina defectione ab Romanis praestar(et) scheint hervor-
zugehen, daß die treibende Kraft bei dem Ubergang zu Makedonien Kephalos
war; vgl. auch Hammond 629.
14 Ζ. Pers. F. Geyer, R E V A 2 (1934), 1955f., Nr. 12.
" Z. Pers. vgl. P. Schoch, R E X X 1 (1941), 177, Nr. 13; Hammond a. Ο. 628.
» Polyb. 27,16; Diod. 30,5a; dazu Hammond a. Ο.; Meloni 256; Oost 76f.
17 Polyb. 30,7,2.

" Vgl. dazu Meloni 257; Hammond a. Ο. 628f.; Oost 77.


176 Richtungskämpfe II

Haltung wie Kalükrates in Achaia, Lykiskos in Aitolien und der jüngere


Charops in Epeiros vertraten.
Zum erstenmal erfährt man davon im Herbst 170 v. Chr. anläßlich
des Besuchs der römischen Gesandtschaft, die, aus Aitolien kommend, in
Thyrreion vor die Ekklesie des akarnanischen Koinon trat 1 . Chremas2,
Glaukos, Aischrion3 und ihre Anhänger, die hier die radikal prorömische
Richtung repräsentierten, wiesen—nicht anders als kurz zuvor Lykiskos
in Thermos4 — auf die Existenz politischer Gruppen in Akarnanien hin,
welche mit Perseus und den Makedonen sympathisierten, und forderten
von den Römern militärischen Schutz für das Land. Dagegen aber wandte
sich mit aller Entschiedenheit ein gewisser Diogenes mit dem Argument,
die Akarnanen seien kein von den Römern besiegtes Volk und hätten
keine gegen Rom gerichteten Handlungen begangen. Gleichzeitig griff
er Chremas und Glaukos scharf an, denen er vorwarf, sie strebten nur
nach persönlicher Macht und wollten diese mit Hilfe römischer Truppen
sichern®. Da auch hier die όχλοι keineswegs prorömisch, sondern viel-
mehr offenkundig gegen Chremas und seinen Anhang eingestellt waren®,
stimmten die Gesandten der Ansicht des Diogenes zu und reisten nach
Larisa weiter7. Auch in Akarnanien hat also die radikal prorömische
Richtung so wenig wie in Aitolien, Epeiros und Achaia schon während
des III. Makedonischen Krieges einen vollen Triumph erringen können.
1
Das folgende Polyb. 28,5; Liv. 43,17,6—9; dazu besonders Meloni 272; Oost 77f.
— Ende 172 v. Chr. hatten Q. Marcius Philippus und A. Atilius Serranus einer
akarnanischen Gesandtschaft den Widerstand des Landes gegen Rom im II.
Makedonischen und im Antiochoskrieg vorgehalten, Liv. 42,38,2—4; vgl. Meloni
184.
2
Z. Pers. F. Stähelin, RE Suppl. I (1903), 296. Daß er ein Enkel des IG IX 12,583,
Z. 21 (216 v. Chr. ?) genannten Χρέμαξ Δράκοντος aus Medion sei, vermutet
Chr. Habicht, Hermes 86, 1957, 118.
8
Zu ihm Th. Büttner-Wobst, RE Suppl. I (1903), 39, Nr. 5a; dazu möglicherweise
die Münzen mit der Aufschrift Αίσχρίων Αίσχρίωνος, Habicht a. Ο. 118,
Anm, 4. Daß es sich bei ihm um einen Sohn des in der bereits genannten Urkunde
Z. 18 erwähnten Αίσχρίων Κλεωνύμου aus Thyrreion handeln könnte, erwägt
Habicht a. O.
4
Vgl. oben S. 171.
5
Polyb. 28,5,5. — Daß (wie Will 2,229 meint) Diogenes auf den Abfall von Rom
hingearbeitet hätte, geht daraus nicht hervor.
β
Polyb. 28,5,6: ^ηθέντωυ δέ τούτων ot περί τον Γάιον θεωροΰντεϊ τούζ όχλους
δυσαρεστουμένους ταϊς φρονραΐξ κτλ.
7
Polyb. a. Ο.; Liv. 43,17,9. — Irrtümlich behauptet Will 2,229, die Römer hätten
die Forderungen von Chremas, Glaukos und Aischrion erfüllt und Truppen in
Akarnanien stationiert.
Achaia: Kämpfe zwischen den Gruppen um Kallikrates und Lykortas 177

e) Achaia: Die Kämpfe zwischen den Gruppen um Kallikrates und


Lykortas während des Perseuskrieges (170—168 v. Chr.)

In Achaia, in dessen innere Verhältnisse man dank Polybios von


allen griechischen Landschaften noch den weitaus besten Einblick be-
sitzt, standen sich auch während des III. römisch-makedonischen Krieges
unverändert die beiden großen Richtungen der radikalen Anhänger Roms
um Kallikrates und Hyperbatos auf der einen und des „Friedlichen
Widerstandes" um Archon und Lykortas auf der anderen Seite gegen-
über. Dabei zeigte sich auch hier, daß während des Perseuskrieges
selbst sich die um jeden Preis prorömischen Kräfte noch keineswegs
endgültig durchzusetzen vermochten.
Im Herbst 170 v. Chr. erschienen die römischen Gesandten C. Popillius
und Cn. Octavius vor der βουλή des Koinon in Aigion1, nachdem sie
zuvor bereits einzelnen achaiischen Städten Besuche abgestattet hatten 2 .
Anlaß ihrer im Auftrag des Konsuls A. Hostilius Mancinus unternomme-
nen Mission war die Bekanntgabe des Senatsbeschlusses, daß die griechi-
schen Staatswesen römischen Feldherrn gegenüber nur dann zur Hilfe-
leistung verpflichtet waren, wenn diese nachweislich vom Senat selbst
gefordert wurde3. Auf ihrer Reise durch die Peloponnes betonten die
Gesandten überall die ,dementia' des Senats; zugleich suchten sie jedoch
nach dem Bericht des Polybios den Eindruck zu erwecken, als ob sie
über die pro- und antirömischen Strömungen in den einzelnen achaiischen
Städten aufs genaueste unterrichtet seien und diejenigen ebenso kannten,
die sich über Gebühr zurückhielten, wie die absoluten Anhänger Roms;
sichtlich waren sie auch über die „neutralistische" Haltung des „Fried-
lichen Widerstandes" nicht weniger verstimmt als über eine offene
Opposition4. So konnte das bezeichnende Gerücht Glauben finden, die
Gesandtschaft plane eine öffentliche Stellungnahme vor dem Koinon

1 Polyb. 28,3,3—10; Liv. 43,17,2—5; dazu Errington 208—210; Ziegler 1448;


F. Stähelin, R E X I I I 2 (1927), 2388; z. Dat. P. Charneux, Rome et la confede-
ration achienne (automne 170), BCH 81, 1957, 181ff., hier 193—197; vgl. noch
Castellani 171 f.
2 Polyb. 28,3,3. — Zu dem Proxeniedekret von Argos für Cn. Octavius vgl. Char-
neux a. O. ( = Moretti 1, Nr. 42; vgl. SEG XVI 255).
3 Liv. 43,17,2—3.
4 Polyb. 28,3,4—5: άμα δέ διά των λόγων παρέφαινον cos είδότεζ τους έν έκάσται$
των πόλεων παρά τό δέον συαχωροΰνταζ, ωσαύτως δέ καΐ τους προπίπτοντα$.
ΚαΙ δήλοι πδσιν ήσαν δυσαρεστούμενοι -rots άναχωροϋσιν ούχ ήττον ή τοις
έκφανώξ άντιπράττουσιν.
12 Deininger, Widerstand
178 Richtungskämpfe II

gegen Lykortas, Archon sowie Lykortas' Sohn Polybios, da diese an-


geblich nicht die römische αίρεση teilten und nur auf eine günstige
Gelegenheit warteten, um dann offen gegen Rom aufzutreten 6 . Aber —
so Polybios — da es keinen überzeugenden Grund für eine derartige
Anklage gab, sahen die Gesandten von diesem Plan ab und beschränkten
sich auf eine in freundlichem Ton gehaltene Ansprache an die Bule des
Koinon®, bevor sie nach Aitolien weiterreisten.
Etwa für dieselbe Zeit überliefert Polybios eine wichtige Beratung
des Kreises um Lykortas über die gegenüber den Römern einzuschlagende
politische Linie und die unmittelbar bevorstehenden Beamtenwahlen
für das Jahr 170/69 v. Chr.7, wobei als Teilnehmer und damit als engste
politische Freunde von Lykortas und Polybios der schon mehrfach als
Gegner der radikal prorömischen Richtung hervorgetretene Archon von
Aigeira 8 sowie Arkesilaos und Ariston aus Megalopolis, Stratios aus
Tritaia®, Xenon aus Patrai 10 und Apollonidas aus Sikyon genannt wer-
den 11 .
6 Polyb. 28,3,7—8: έλέγοντο μέν βεβουλεύσθαι κατηγορήσει ν των ιτερί τόν Λυκόρ-
ταν καΐ τόν "Αρχωνα καΐ Πολύβιον, καΐ παραδείξειν άλλοτρίους υπάρχοντας της
των 'Ρωμαίων αίρέσεως καΐ τήν ήσυχίαν άγοντα; κατά τό παρόν, ού φύσει τοιού-
τους όντας, άλλά παρατηροϋντας τά συμβαίνοντα καΐ τοις καιροίς έφεδρεύοντας.
8 Polyb. 28,3,10; dazu Larsen, Fed. States 225.
7 Polyb. 28,6—7; dazu Errington 210f.; Lehmann 200—202; Stahelin a. O. 2388;

Castellani 218f.; Niese 3,138f. Z. Dat. (Herbst 170 v. Chr.) auch Aymard, Assem-
blies 248. [Korr.-Zus.: Dazu jetzt außerdem die obenS. I l l , Anm. lOzit. Arbeit
von K.-E. Petzold, S. 47f.]
8 Ζ. Pers. vgl. oben S. 121, Anm. 14.

» Ζ Pers. vgl. J. Deininger, HE Suppl. XI (1968), 1257f., Art. Stratios Nr. 5a.
w> Z. Pers. vgl. Η. Η. Schmitt, RE IX A 2 (1967), 15371, Nr. 6. Er war 174/3 oder
173/2 v. Chr. Stratege des Koinon gewesen, Schmitt a. O. 1537; vgl. A. Aymard,
REG 30, 1928, 61 = ders., Etudes d'histoire ancienne (Paris 1967), 44f.; skep-
tischer Errington 208, Anm. 4.
11 Diese Herkunftsangaben zeigen übrigens, daß eine ganze Reihe führender Poli-

tiker des „Friedlichen Widerstandes" (Archon, Apollonidas, Stratios, Xenon)


nicht (wie Ariston, Arkesilaos, Polybios und Lykortas) aus Megalopolis stammten,
sondern (ebenso wie Kallikiates) aus dem alten Achaia, der regionale Gegensatz
zwischen diesem und Arkadien mithin anders als mehrfach vermutet wurde (vgl.
Niese 3,59; Schoch, RE Suppl. IV [1924] 859f.), keinen erkennbaren Einfluß auf
die politische Ausrichtung gehabt hat. Auch kam Diophanes, also einer der zu-
verlässigsten Anhänger des Kallikrates, seinerseits aus Megalopolis. — Unklar
ist, worauf Niese a. O. 59 m. Anm. 2 seine Behauptung gründet, auch Hyper-
batos stamme aus dem alten Achaia. Seine Herkunft ist vielmehr ebensowenig
bekannt wie die der anderen Anhänger des Kallikrates, Andronidas, Agesias, Ari-
stodamos und Philippos.
Achaia: Kämpfe zwischen den Gruppen um Kallikrates und Lykortas 179

Bei dieser Gelegenheit treten mit seltener Deutlichkeit die unter-


schiedlichen Nuancen der politischen Haltung innerhalb des „Friedlichen
Widerstandes" hervor. Lykortas selbst wollte auch im Perseuskrieg auf
dem Prinzip völliger Neutralität beharren und jede Zusammenarbeit
mit einer der beiden Seiten wie jeden aktiven Widerstand strikt vermei-
den: Ein Zusammengehen mit den Römern oder Perseus, so argumen-
tierte er, bedeute wegen der zu erwartenden Steigerung der Macht
des Siegers und seines Einflusses in Griechenland eine Gefahr für ganz
Hellas, Widerstand gegen Rom sei aber wegen der wiederholten achai-
ischen Opposition gegen führende Vertreter Roms, deren er sich sehr
wohl bewußt war, gefährlich12.
Apollonidas und Stratios lehnten aktiven Widerstand gegen die
Römer ab, wollten aber wenigstens gegen die Vertreter des radikal
prorömischen Kurses innerhalb des achaiischen Koinon selbst, die
„ύττερκυβιστώντες", energisch vorgehen, denen es nur darum ginge,
den Dank der Römer zu erwerben und die damit die achaiischen Gesetze
verletzten und dem Gemeininteresse zuwiderhandelten13.
Dagegen zeigte sich Archon erheblich zurückhaltender und riet unter
Hinweis auf das Schicksal der aitolischen Deportierten um Nikandros
dringend, den absoluten Anhängern Roms Heber keinen Vorwand zu
einem ähnlichen Schritt in Achaia zu liefern. Polybios, Arkesilaos, Ariston
und Xenon schlossen sich ihm sofort an 14 ; der Erfolg der extrem prorömi-
schen Richtung des Lykiskos in Aitolien hatte also auch in Achaia
seine Wirkung getan. Das unauflösliche Dilemma, in das der „Begrenzte
Widerstand" je länger desto mehr geriet, zeigte sich jetzt deutlicher als
je zuvor. Polybios läßt keinen Zweifel daran, daß er und die anderen
sich Archon nicht etwa anschlossen, weil sie tatsächlich einen römischen

12 Polyb. 28,6,3—5: Ό(μέν)οΟν Λυκόρτας ε μείνε ν έττΐ της έξ αρχής προθέσεως, κρίνων
μήτε Γίερσεΐ μήτε "Ρωμαίοι? συνεργεΐν μηδέν, ομοίως μηδ' άντπτράττειν μηδετέ-
ροις. Τό μεν γάρ συνεργεΐν αλυσιτελές ένόμιζε πδσιν είναι τοις "Ελλησιν, προορώ-
μενος τό μέγεθος της έσομένης έξουσίας περί τους κρατήσαντας, τό δ" άντιπράτ-
τειν ('Ρωμαίοις) επισφαλές δια τό πολλοίς καΐ τοις έπιφανεστάτοις "Ρωμαίων άν-
τωφθαλμηκέναι περί των κοινών πραγμάτων κατά τους άνώτερον καιρούς. Dies
ist zugleich eine der ganz seltenen Stellen, wo einmal in Achaia von πάντες ot
"Ελληνες gesprochen wird.
13 Polyb. 28,6,6: τούς δ ' ύπερκυβιστώντας καΐ διά των κοινών πραγμάτων Ιδίαν
χάριν άποτιθεμένους παρά 'Ρωμαίοις καΐ τοΰτο πράττοντας παρά τούς νόμους
κα) παρά τό κοινή συμφέρον, τούτους εφασαν δεϊν κωλύειν καΐ πρός τούτους άντ-
οφθαλμεΐν εύγενώς.
14 Polyb. 28,6,8.
12«
180 Richtungskämpfe II

Sieg gewünscht hätten, sondern lediglich aus taktischen Erwägungen,


ja aus bloßer Angst. Doch verfügten die „Neutralisten" andererseits
noch stets über eine deutliche Mehrheit, wie kurz darauf die Beamten-
wahlen für 170/169 v. Chr. bewiesen: Bei derselben Beratung wurde
nämlich beschlossen, daß Archon für die Strategie und Polybios für die
Hipparchie kandidieren sollte, und beide wurden dann auch gewählt.
Es war, soweit man weiß, Polybios' erstes und, infolge der weiteren
politischen Entwicklung, zugleich letztes Amt im achaiischen Koinon16.
In der Folgezeit hebt Polybios mit deutlich erkennbarer Absicht
alles hervor, was für eine positive Zusammenarbeit der Politiker um
Archon mit den Römern zu sprechen geeignet war. Das erste hierher
gehörige Ereignis trat ein, als, vielleicht Ende April 169 v. Chr.16, eine
Gesandtschaft des Attalos aus Elateia eintraf, welche die Ehrungen für
dessen Bruder, den pergamenischen König und notorischen Romfreund
Eumenes II., durch das achaiische Koinon erneuern lassen wollte17.
Das Koinon hatte zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt die einst
für Eumenes beschlossenen Ehrungen abgeschafft18. Bei den Beratungen
schwankte der όχλος; Widerspruch wurde laut19. Da setzte sich jedoch
gemäß einer schon vorher getroffenen Vereinbarung Archon als Stratege
für den Antrag der Gesandten ein20, nach ihm Polybios selbst. Polybios
hielt damals als Hipparch eine längere Rede und kam mit seiner Forde-
rung nach Erneuerung lediglich der vertretbaren Ehrungen zugleich der

» Polyb. 28,6,9; 7,6; vgl. Syll.2 851, dazu Chr. Habicht, R E I X A 2 (1967), 1421.
Es war Archons dritte Strategie; die erste fiel wohl ins Jahr 184/3 v. Chr. (vgl.
Meloni 314, Anm. 1; A. Aymard, R E A 30, 1928, 49 = Etudes d'hist. anc.
[Paris 1967] 35), die zweite ins Jahr 172/1 v. Chr., oben S. 146, Anm. 18. Zur
Hipparchie, dem zweithöchsten Amt im Koinon, vgl. Larsen, Fed. States 220.
Zu Polybios' Amtsführung P. Pedech, Polybe hipparque de la Confederation
acheenne (170—169 av. J.-C.), Les et. class. 37, 1969, 252—259.
" Ζ. Dat. vgl. Meloni 313.
17 Das Folgende Polyb. 28,7; dazu Meloni 312f.; Castellani 119; Niese 3,139.

1 8 Polyb. 27,18; vgl. 28,7,8—12; dazu Lehmann 297 m. Anm. 319; Pedech a. O. 255f.

(wonach die Ehrungen 172/1 v. Chr. abgeschafft worden wären).


19 Polyb. 28,7,4. — Auch hier zeigt die Nennung des όχλος, der πολλοί (Polyb.

28,7,8) und des πλήθος (ib. 14), daß es sich nicht, wie Larsen, Repres. Gov. 183
behauptet, um eine Versammlung der Bule, sondern um eine Primärversammlung,
eine σύνοδος der Ekklesie handelte, vgl. A. Giovannini, Mus. Helv. 26, 1969, 8;
11 (ähnlich bereits Aymard, Assemblies 81 f.; Geizer, Kl. Sehr. 2,24); oben S. 42,
Anm. 3. [Korr.-Zus.: Nicht überzeugendF. W. Walbank, Mus. Helv. 27,1970,142.]
i 0 Polyb. 28,7,1—7. Zur Haltung Archons gegenüber den Römern vgl. auch oben

S. 146, Anm. 18.


Achaia: Kämpfe zwischen den Gruppen um Kallikrates und Lykortas 181

Meinung der πολλοί entgegen21. Von der Stellungnahme des Kallikrates


und seiner Anhänger erfährt man zwar nichts, doch waren sie sicherlich
an einem möglichst guten Verhältnis zu den Attaliden als engen Bundes-
genossen Roms interessiert, so daß die von Polybios vorgenommene
Scheidung in vertretbare und nicht vertretbare Ehrungen wohl im
Gegensatz zur Auffassung des Kallikrates gestanden haben dürfte.
Polybios' Antrag fand jedoch die Billigung des πλήθος und wurde an-
genommen22, der eifrige Bundesgenosse Roms Attalos durch eine
Gesandtschaft des Koinon unter der Führung des Telokritos davon in
Kenntnis gesetzt23.
Aber das von der radikal prorömischen Richtung um Kallikrates
ständig genährte Mißtrauen gegen die Haltung der Gruppe um Archon
und Lykortas wollte dennoch nicht verschwinden. Daraufhin wurde
beschlossen, diese Vorwürfe durch demonstrative prorömische Aktionen
zu entkräften 24 . So stellte der Kreis um Archon im Koinon den Antrag,
die gesamte Streitmacht Achaias sollte zur Unterstützung der Römer
nach Thessalien gebracht werden. Der Antrag wurde gebilligt und
Archon selbst mit den Vorbereitungen für diese Maßnahmen beauftragt.
Zunächst sollte eine Gesandtschaft unter dem Hipparchen Polybios die
Römer von dem Beschluß des achaiischen Koinon unterrichten26. Das
Angebot erwies sich jedoch als überflüssig; Polybios, der bei Q. Marcius
Philippus noch eigens darauf hinwies, daß die Achaier während des
Krieges gegen Perseus alle von den Römern gemachten Auflagen ohne
jede Widerrede erfüllt hätten, mußte sich sagen lassen, daß die achai-
ischen Streitkräfte von den Römern überhaupt nicht benötigt würden26.
Während nun die anderen Gesandten wieder in die Peloponnes
zurückkehrten, wurde Polybios aufgefordert, bei dem römischen Feld-
herm zu bleiben. Als nicht lange danach Ap. Claudius Centho von den
Achaiern die Entsendung von 5000 Soldaten nach Epeiros verlangte,
schickte Q. Marcius Philippus nach dessen eigenem Bericht Polybios
21
Polyb. 28,7,8—13.
22
Polyb. 28,7,14—15.
23
Polyb. 28,12,7.
24
Polyb. 28,12—13; dazu Meloni 310ff.; Castellani 119f.; Ziegler a. O. 1448f.;
Niese 3,139; 146, Anm. 1; 150.
* Polyb. 28,12,3—6.
24
Polyb. 28,13,4—5. Daß Polybios die Verhandlungen mit Philippus von sich aus
in Erwartung eines möglichen Rückschlags für die Römer hinausgezögert habe
(vgl. auch Polyb. 28,13,1—3), behaupten (nach De Sanctis 4,1 s ,298f.) u.a.P<£dech
a. O. 256ff.; Meloni 313 sowie Castellani 120f.
182 Richtungskämpfe II

mit dem Auftrag zum acholischen Koinon, dies zu vereiteln27. An dieser


Nachricht, die vor allem De Sanctis in Zweifel gezogen hat, muß wohl
festgehalten werden28. Polybios setzte sich im Koinon in der Tat im Sinne
seines Auftraggebers durch, wobei er zur Begründung seines Antrages
anführte, die erforderliche Bestätigung des Senats für den Wunsch des
Claudius Centho liege nicht vor29. Damit lieferte Polybios nach seiner
Darstellung freilich nur den radikalen Anhängern Roms aus der Gruppe
um Kallikrates neuen Stoff, die ihn bei Ap. Claudius Centho verleumden
wollten30.
Zu einer weiteren heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden
großen Richtungen gab dann im Winter 169/8 v. Chr. die Frage einer
militärischen Unterstützung Achaias für Ägypten Anlaß31. Eine ptole-
maiische Gesandtschaft bat das Koinon um Hilfe im Konflikt mit
Antiochos IV. Epiphanes. Wie nicht anders zu erwarten, sprach sich
die Gruppe um Kallikrates, Hyperbatos und Diophanes strikt dagegen,
der „Friedliche Widerstand" um Archon, Lykortas und Polybios jedoch
für eine achaiische Hilfeleistung an Ägypten aus; die Ägypter forderten
sogar Lykortas und Polybios als Führer eines achaiischen Aufgebots32.
Wiederum hatten die Politiker um Lykortas und Archon, wie sich bei
der Synodos des Koinon in Korinth erwies, das ττληθος auf ihrer Seite33.
Kallikrates und seine Parteigänger widersetzten sich jedoch energisch
und drangen darauf, daß das Koinon unbedingt alle seine Streitkäfte
für Rom bereithalten müsse34. Als Lykortas und Polybios auf die Ab-

27 Polyb. 28,13,7—8.
28 De Sanctis a. Ο.; danach Meloni 315; Castellani 122 f. Vgl. jedoch mit Recht wohl
J . Briscoe, J R S 54, 1964, 70f.; Ziegler 1449.
M Polyb. 28,13,11—12 (vgl. Ziegler 1448f.), während De Sanctis a. Ο. annimmt,
Polybios habe auf eigene Faust gehandelt, vor allem wegen seiner Sympathien für
Kephalos in Epeiros, und später, nach dessen Tod, Philippus beschuldigt, eine
Auffassung, die freilich an den Quellen keinen Halt findet. — Polybios hat dem
Koinon damit nach seinen eigenen Angaben mehr als 120 Talente erspart (28,
13,13). Zu der Inschrift des Koinon für Philippus in Olympia (Syll.3 649) vgl.
Meloni 315, Anm. 4.
30 Polyb. 28,13,14; Ziegler 1450.
31 Polyb. 29,23—25; dazu Lehmann 300—304; Castellani 123f.; Ziegler 1449f.;
Stähelin a. O. 2389.
82 Polyb. 29,23,5.
33 Polyb. 29,23,9 (vgl.ib. 24,5: οί ττολλοί);kaum zutreffend Larsen, Repr. Gov. 57f.,
wonach es sich um die repräsentative Bule gehandelt haben soll. Vgl. oben Anm.
19.
34 Polyb. 29,23,10—11: ol δέ mpl τον Καλλικράτην άντέλεγον, φάσκοντες δεΐν κα-
Achaia: Kämpfe zwischen den Gruppen um Kallikrates und Lykortas 183

lehnung des achaiischen Angebots durch Q. Marcius Philippus und, in


konsequenter Verfolgung ihres „legalistischen" Standpunkts, auf die
bestehenden Abmachungen mit Ägypten hinwiesen35 und auch die πολλοί
erneut offenkundig hinter ihnen standen, verhinderte Kallikrates mit
seinen Anhängern die weitere Beratung, indem er die Archonten nach
den Worten des Polybios einschüchterte und die Legalität der Debatte
anfocht36.
Bald darauf trat in Sikyon eine Synkletos des Koinon zusammen,
die sich wiederum mit dem Antrag der ägyptischen Gesandtschaft be-
faßte. Auch hier war es Polybios, der den Standpunkt der Gruppe um
Archon und Lykortas vertrat; auch hier standen die πολλοί hinter dieser
Richtung 37 . Am zweiten Tag stellten die Politiker um Lykortas den An-
trag, Hilfstruppen nach Ägypten zu senden, während die Kallikrates-
gruppe sich lediglich zu einer Vermittlungsgesandtschaft des Koinon
verstehen wollte; doch verfügten die Anhänger des Lykortas, wie Poly-
bios bemerkt, unzweifelhaft über die klare Mehrheit bei den πολλοί38.
Die radikal prorömische Gruppe um Kallikrates und Andronidas
hatte indessen rechtzeitig zu einem anderen, ungleich wirkungsvolleren
Mittel gegriffen, woran sich einmal mehr erwies, daß sie offenkundig die
besseren Beziehungen zu den Römern besaß39. Jetzt erschien nämlich
überraschenderweise ein Bote mit einem Brief des Q. Marcius Philippus,
in dem der römische Feldherr die Achaier ausdrücklich um Vermittlung
in dem Konflikt zwischen Ägypten und dem Seleukidenreich ersuchte40.
Damit war die Absicht der Lykortasgruppe, Hilfstruppen nach Ägyp-
ten zu senden, durchkreuzt. Weiterer Widerstand gegen Roms aus-
drückliche Wünsche empfahl sich — auch im Sinne Philopoimens —

βόλου μέν μή ττραγματοκοττεϊν, tv δέ τοΙ$ τταροϋσι καιροΐς μ η 5 ' όλως, ά λ λ '


άττερισττάστουξ υπάρχοντας 'Ρωμαίοι^ ττσρέχεσβαι χρεία;. — Als Motive des
Kallikrates b e t r a c h t e t L e h m a n n 304 (vgl. 301) Eifersucht und persönlichen
Neid. Tatsächlich aber war seine Haltung auch in dieser F r a g e nur eine lo-
gische Konsequenz des politischen „ P r o g r a m m s " der radikal prorömischen
R i c h t u n g überhaupt, so daß an den von Polybios a. O. von Kallikrates selbst
genannten Gründen als H a u p t m o t i v für ihn kein Zweifel besteht.
» Polyb. 29,24,4.
38 Polyb. 29,24,5.

37 Polyb. 2 9 , 2 4 , 9 : εϋδοκοΰντεζ TOIJ λεγομένου ερρεπον ol ττολλοί ττρό$ τ ό πέμπει ν


τ η ν σνμμαχίαν.
38 Polyb. 29,24,11.
39 Polyb. 29,25,1. Ζ. Pers. d. Andronidas vgl. U. Wilcken, R E I 2 (1894), 2161.
40 Polyb. 29,25,2; Larsen, Fed. States 4 7 2 f .
184 Richtungskämpfe II

nicht; es blieb vielmehr nichts anderes übrig, als gemäß der Aufforderung
des Philippus eine Vermittlungsgesandtschaft zusammenzustellen. Der
einzige Triumph der Politiker um Lykortas war, daß diese Gesandt-
schaft ganz aus ihren Parteigängern zusammengesetzt war und deren
noch immer bestehendes politisches Übergewicht im Koinon zeigte:
Archon, Arkesilaos und Ariston sollten die Reise nach Ägypten antre-
ten41. Die ptolemaiische Gesandtschaft, die sich in ihren Erwartungen
getäuscht sah, erhob zwar dennoch die Forderung, Lykortas und Polybios
sollten das Kommando von Streitkräften in Ägypten übernehmen. Doch
scheint daraus nichts geworden zu sein42; und wenige Monate später
schon wurde auch die politische Führung Achaias in den Strudel des
makedonischen Zusammenbruchs mit hineingerissen.

f) Rhodos: Die ,,ΰγιαίνουτες" um Philophron und Theaidetos gegen die


antirömische Gruppe um Deinon und Polyaratos (172—168 v. Chr.)
Wie Rhodos geographisch nicht mehr zum griechischen Mutterland
gehörte, so stand es trotz wesentlicher gemeinsamer Züge auch politisch
und namentlich im Widerstand gegen Rom einigermaßen abseits. Wohl
war 207 v. Chr. Thrasykrates von Rhodos einer der großen Wortführer
einer „panhellenischen" Abwehr Roms gewesen. Doch die großen inneren
Auseinandersetzungen der neunziger und achtziger Jahre des 2. Jahr-
hunderts v. Chr. in Hellas scheinen auf der Insel keinen Widerhall ge-
funden zu haben; insbesondere war sie von der auf dem Festland seit
180 v. Chr. eingetretenen Radikalisierung der prorömischen „prineipes"
offenbar unberührt geblieben.
Erst für die Zeit des III. Makedonischen Krieges gewährt Polybios
einen relativ detaillierten Einblick in die politischen Gegensätze auf Rho-
dos, und es erweist sich sogleich, daß es in diesen entscheidenden Jahren
auch hier zwei gegnerische Gruppen gab, deren meist übliche Charakteri-
sierung als „Rom-" bzw. „Makedonenfreunde"1 freilich ungenau ist und
41 Polyb. 29,25,6; vgl. Lehmann 303, Anm. 334.
42 Polyb. 29,25,7; Ziegler a. O. 1450 (vgl. Stähelin a. O. 2389; anders Niese 3,150f.,
Anm. 5). — Zu einer Inschrift für Antiochos IV. (Moretti 1, Nr. 56; vgl. SEG X I V
368; X V I I 207) von einem gewissen Hagemonidas von Dyme (ca. 170—164 v.
Chr.) und einer Ehreninschrift für diesen von der Stadt Laodikeia aus dem Jahre
162 v. Chr. (Moretti 1, Nr. 57 = SEG X I V 369) vgl. Chr. Habicht, Historia 7,
1958, 376—378; Castellani 123, Anm. 199. Gegen das von J . Bingen, BCH 78,
1954, 396ff. in diesem Zusammenhang angenommene „diplomatische Ringen"
von Ptolemaiern und Seleukiden um das achaiische Koinon vgl. Chr. Habicht
a. O.; L. Moretti, RFIC 93, 1965, 284.
Rhodos: Die ,,ύγιαίνοντε;" gegen Deinon und Polyaratos (172—168 v. Chr.) 1 8 5

den politischen Realitäten auf der Insel nicht gerecht wird. Gewiß war
die Mehrzahl der führenden Politiker, die sich um Philophron, Theaidetos,
Hagesilochos, Agathagetos und andere gruppierten, nicht gerade anti-
römisch eingestellt. Aber die „romfreundliche" Haltung dieser Gruppe
war weit entfernt von der kompromißlos prorömischen Richtung eines
Kallikrates, Lykiskos, Charops oder Chremas; viel eher befand sie sich
in der Nachbarschaft des „Begrenzten Widerstandes" eines Archon,
Lykortas und Polybios in Achaia, und in Rom hat man dies offenbar
auch erkannt 2 . Diesen Politikern standen die Anhänger Makedoniens
gegenüber, die sich schließlich fast unverhüllt als Gegner Roms bekann-
ten und denen es im Verlauf des Krieges gelang, auch die πολλοί auf
ihre Seite zu ziehen. Ihre Führer waren vor allem Deinon und Polyaratos,
beide von Polybios als verschuldet und bestechlich charakterisiert und,
wie alle Gegner der „media pars", als Politiker schärfstens verurteilt.
Ihr allmähliches, aber stetiges Erstarken bildete das entscheidende
Element in den inneren Auseinandersetzungen in Rhodos während des
Perseuskrieges.
Man wird unter diesen Umständen an der Historizität einer Senats-
gesandtschaft, die bereits im Jahre 172 v. Chr. nicht sehr günstig über
die politische Haltung der Rhodier in Rom berichtete, nicht zu zweifeln
brauchen 3 . Noch vor Beginn des Krieges, etwa im November 172 v. Chr.,
erschienen dann zwei Gesandte des Perseus in Rhodos, Antenor und
Philippos, die den Behörden einen Brief des makedonischen Königs
übergaben. Einige Tage später sprachen sie dann vor der Bule,
wobei sie die Rhodier zur Neutralität und im Falle eines Konfliktes
zwischen Perseus und Rom zur Vermittlung aufforderten 4 . Im Interesse
1
So ζ. B. Niese 3,131.
2
Darauf weist wohl die Parteinahme Roms für die Lykier und gegen Rhodos im
Jahre 177 v. Chr., nachdem eine rhodische Flotte Perseus' Braut, die syrische
Prinzessin Laodike, nach Makedonien gebracht hatte; dazu zuletzt Lehmann
293f., Anm. 313; Schmitt, Rhodos 135—137. Die politischen Implikationen dieser
rhodisch-makedonischen Aktion versucht vergeblich zu leugnen A. Giovannini,
BCH 93, 1969, 855. Zu den Beziehungen von Rhodos zu Antiochos IV. vgl.
Syll.® 644/5; dazu F. Hiller v. Gaertringen, R E Suppl. V (1931), 795, Art.
Rhodos.
3
Liv. 42,26,8: Rhodios fluctuantis et inbutos Persei consiliis invenisse; vgl. ib.
19,7 f. Dazu richtig U. Bredehorn, Senatsakten in der republikanischen Annalistik
(Diss. Marburg 1968), 201f. (m. weit. Lit.). — Zu der problematischen Gesandt-
schaft des Satyros (>) (Liv. 42,14,6) Meloni 160f. m. Anm. 4.
4
Polyb. 27,4 = Liv. 42,46,1—6; dazu Schmitt, Rhodos 141; Meloni 199f.; Hiller
v. Gaertringen, a. O.; Niese 3,118; van Gelder 147; z. Dat. Meloni 204.
186 Richtungskämpfe I I

der ελευθερία der Griechen, von Ισηγορία und παρρησία, warnten sie
die Rhodier vor der Vormachtstellung des Siegers in einem Krieg 6 .
Dies entsprach genau den Gedanken des Lykortas bzw. der „tertia pars"
in Griechenland überhaupt, und die Gesandten des Perseus fanden damit
auch den Beifall der rhodischen Bule®. Da sich indessen nach dem Bericht
des Polybios τό βέλτιον in der Mehrheit befand, d. h. offenbar im wesent-
lichen die Vertreter einer möglichst neutralen Politik 7 , wurde die Ge-
sandtschaft zwar freundlich aufgenommen, zugleich aber Perseus ersucht,
um nichts zu bitten, was die Rhodier in den Verdacht einer gegen Rom
gerichteten Politik bringen könne8. Wie Lykortas und seine Gruppe, so
wollten auch die rhodischen Politiker jeden sichtbaren Widerstand
gegen die Römer vermeiden.
Nicht lange danach, zu Beginn des Jahres 171 v. Chr., erschien dann
eine römische Gesandtschaft unter Ti. Claudius Nero, Sp. Postumius
Albinus und M. Iunius Brutus auf der Insel9. An der offiziell pro-
römischen Haltung von Rhodos schien an sich kein Zweifel erlaubt.
Schon vor der Ankunft der Römer hatte Hagesilochos, Sohn des Hage-
sias, der gerade als Prytane amtierte 10 , die πολλοί von der Notwendigkeit
eines engen Zusammengehens mit Rom überzeugt11 und dafür gesorgt,
daß für den Bedarfsfall 40 Schiffe bereitgestellt wurden, die er jetzt zur
Befriedigung der römischen Gesandten vorweisen konnte 12 . Auch dies
entsprach der Haltung der Politiker um Archon im achaiischen Koinon,
die Rom 172/1 v. Chr. noch vor dem Ausbruch des Krieges 1000 Soldaten
zur Verfügung gestellt hatten 13 .

6 Polyb. 27,4,7: "Oaco γάρ πλεϊον ορέγονται της Ισηγορίας καΐ παρρησία; καΐ
διατελοΰσι προστατοΰντες οΟ μόνον της αυτών άλλά καΐ της των άλλων "Ελλή-
νων έλευθερίας, τοσούτω καΐ τήν έναντίαν προαίρεσιν μάλιστα δεϊν αυτούς
προορδσθαι καΐ φυλάττεσθαι κατά δύναμιν; Liv. 42,46,4: id agendum, ne
omnium rerum ius ac potestas ad unum populum perveniat.
8 Polyb. 27,4,8: Ταΰτα καΐ τούτοις παραπλήσια διαλεχθέντων των πρέσβεων
ήρεσκε μέν δπασι τά λεγόμενα.
7 Polyb. 27,4,9: νικώντος αύτοϊς τοϋ βελτίονος = Liv. 42,46,5: potentior esse
partis melioris auctoritas coeperat. — Zum Begriff des βέλτιον bei Polyb. vgl.
oben S. 142f; 162 ff.
8 Polyb. 27,4,9; Liv. 42,46,6.
9 Polyb. 27,3 = Liv. 42,45,3—7; dazu Schmitt, Rhodos 140; Hiller v. Gaertringen
a. O.; van Gelder 146.
10 Polyb. 27,3,3: άνήρ των εΰδοκιμούντων; vgl. 28,16,5.
11 Polyb. 27,3,3.
12 Polyb. 27,3,5; Liv. 42,45,7.
13 Vgl. oben S. 146, Anm. 18.
Rhodos: Die ,,ύγιαίνοντες" gegen Deinon und Polyaratos (172—168 v. Chr.) 1 8 7

Wenig später bereits, etwa im April/Mai 171 v. Chr., begann sich jedoch
erstmals deutlich eine Opposition zu regen. Damals ersuchte der römische
Praetor C. Lucretius Gallus in einem Brief, der von einem Badesklaven
namens Sokrates überbracht wurde, die Rhodier um die Entsendung
einer Anzahl von Schiffen14. Der amtierende Prytane Stratokies 16 legte
den Antrag sofort der Bule vor, und die .romfreundliche' Richtung um
Agathagetos, Rhodophon, Astymedes16 und mehrere andere trat dafür
ein, daß man die gewünschten Schiffe absenden und unverzüglich in den
Krieg gegen Perseus eintreten solle.
Hier trat nun die Gruppe um Deinon und Polyaratos 17 zum ersten-
mal hervor und begann die bisherige προαίρεσις der πολλοί wankend
zu machen 18 . Deinon und Polyaratos nutzten die alten Antipathien der
Rhodier gegen Eumenes aus19 und zogen die Echtheit des Briefes in
Zweifel, indem sie behaupteten, dieser stamme gar nicht von Lucretius,
sondern von Eumenes, der es nur darauf abgesehen habe, Rhodos in
einen ebenso unnötigen wie kostspieligen Krieg zu stürzen20. Als Beweis
führten sie die Person des Überbringers an: Lucretius hätte sich hierzu
nicht eines Badesklaven bedient. All dies taten sie nach dem Bericht des
Polybios durchaus wider besseres Wissen mit dem einen Ziel, die πολλοί
zur Zurückhaltung gegenüber den Wünschen Roms zu bringen und den
δήμος allmählich auf die Seite des Perseus zu ziehen21.
Nichtsdestoweniger gelang es jedoch dem Prytanen Stratokies durch
eine Rede, in der er zugleich klar gegen Perseus und für Rom Partei
ergriff, die πολλοί zur Annahme des Beschlusses über die Entsendung
der Schiffe zu bewegen22. Alsbald verließen sechs Trieren den Hafen
14 Polyb. 27,7; dazu Schmitt a. O. 141f.; Hiller v. Gaertringen a. O.; van Gelder
147; z. Dat. Meloni 243, Anm. 2.
15 Zur Datierung seiner Amtszeit zuletzt Meloni 204, Anm. 1.
16 Z. Pers. vgl. U. Wilcken, R E I I 2 (1896), 1869. E r war der Sohn des Theaidetos,
unten Anm. 25.
17 Z. Pers. des Polyaratos Th. Lenschau, R E X X I 2 (1952), 1438f., Nr. 2. Daß
beide Brüder waren, läßt sich Polyb. 30,7,10 nicht entnehmen.
18 Polyb. 27,7,4.
19 Polyb. 27,7,8: Οέλοντοζ αϋτοϋ; έκείνου (sc. Eumenes) κατά πάντα τρόπον έμβι-
βάζειν els τόν πόλεμον καΐ προσάπτειν τω δήμω δαπάναξ καΐ κακοπαθείας οΰκ
άναγκαίας.
20 Vgl. Meloni 161, Anm. 2.
21 Polyb. 27,7,11: ή ν yap τό προκείμενο ν αύτοϊξ άπό μέν της τφός ' Ρωμαίου; εύνοίας
άλλοτριοΟν τόν δήμον, ε [ς δέ τήν τοϋ Περσέως φιλίαν έμιτλέκειν, καθ' όσον οίοί τ '
ήσαν.
22 Polyb. 27,7,13.
188 Richtungskämpfe II

von Rhodos, von denen fünf unter Timagoras Kurs auf Chalkis nahmen,
während die sechste Triere nach Tenedos fuhr. Letzterer gelang die
Gefangennahme der Besatzung des Schiffes des Diophanes, der als
Gesandter des Perseus zu Antiochos IV. unterwegs war23.
Dieser Zwischenfall führte im Herbst 171 v. Chr. zu neuen Ausein-
andersetzungen auf der Insel, als wiederum Antenor als Gesandter des
Perseus in Rhodos erschien, um über die Auslösung der makedonischen
Schiffsbesatzung zu verhandeln24. Die Gruppe um Philophron und Theai-
detos26 war, wie Polybios behauptet, über diesen Kontakt, im Gegensatz
zu Deinon, Polyaratos und ihren Anhängern, keineswegs erfreut 26 ,
reagierte freilich bezeichnenderweise auch nicht so entschieden ablehnend
wie etwa die Gruppe um Kallikrates in Achaia bei dem vergleichbaren
Annäherungsversuch des Perseus im Jahre 174 v. Chr. Es kam vielmehr
am Ende zu einem regelrechten Abkommen zwischen Rhodos und Perseus
über die Auslösung der makedonischen Gefangenen27.
Ihren Höhepunkt erreichten die inneren Gegensätze auf der Insel
dann aber im Laufe des Jahres 169 v. Chr.28. Als im Herbst 170 v. Chr.
der Beschluß des Senats bekannt geworden war, wonach nicht die eigen-
mächtigen Anordnungen der römischen Feldherrn, sondern nur die
Beschlüsse des Senats selbst maßgebend waren und dies von den πολλοί
begrüßt wurde, benützte dies die Gruppe um Philophron und Theaidetos,
trotz einigen Widerstandes, zur Entsendung von Dankgesandtschaften
zum Senat sowie zu Q. Marcius Philippus. Zu Beginn des Sommers reisten
Hagesilochos, Nikagoras und Nikandros nach Rom, Agepolis29, Ariston

23 Polyb. 27,7,14—15.
24 Polyb. 27,14; dazu Schmitt a. O. 142; Hiller v. Gaertringen a. O.; van Gelder
147f.
25 Z. Pers. d. Philophron vgl. P. Schoch, R E X X 1 (1941), 76, Nr. 2. Zu Theaidetos
(vgl. IG X I I 1, 856 + 852; I Lind 216—217; ib. p. 121 z. J . 154 v. Chr.), dem
Vater des Astymedes, W. Schwahn, R E V A 2 (1934), 1350f.; Schmitt a. O. 152,
Anm. 4; z. ganzen Familie I Lind p. 39, Nr. 10. Philophron und Theaidetos
werden bereits im Jahre 188 v. Chr. als rhodische Gesandte bei den Römern zu-
sammen genannt, Polyb. 22,5,2.
26 Polyb. 27,14,2.
27 Polyb. 27,14,3. An Kallikrates und Lykiskos gemessen standen also Philophron
und Theaidetos keineswegs so „entschieden" auf der Seite Roms, wie Schoch
a. O. 76 bzw. Schwahn a. O. 1351 annehmen.
28 Polyb. 28,16,1—5. Zum Folgenden Schmitt, Rhodos 143ff.; Meloni 316ff.; Hiller
v. Gaertringen a. O. 795f.; van Gelder 148f.
29 Z. Pers. vgl. U. Wilcken, R E I 1 (1893), 780.
Rhodos: Die ,,ύγιαίνοντες" gegen Deinon und Polyaratos (172—168 v. Chr.) 1 8 9

und Pankrates 30 dagegen nach Griechenland, um die guten Beziehungen


zu Rom zu erneuern und Rhodos zugleich gegen verleumderische
Behauptungen über die politische Unzuverlässigkeit der Stadt zu ver-
teidigen. Außerdem sollte die Gesandtschaft beim Senat über eine Ge-
treidelieferung an die Insel verhandeln31. Obwohl der Senat über die
wachsenden antirömischen Strömungen auf Rhodos informiert war,
nahm er davon offiziell keine Notiz und erteilte den Rhodiern die
Erlaubnis zur Einfuhr von 100 000 Medimnen Getreide aus Sizilien32.
Von ungleich größerer Bedeutung für die weitere Politik und das
Geschick der Insel war jedoch der Besuch der Gesandtschaft unter
Agepolis bei Q. Marcius Philippus, den die Gesandten bei Herakleion in
Makedonien trafen 33 . Auch er warnte vor der antirömischen Opposition
auf Rhodos, sandte aber einen wohlwollenden Brief an den rhodischen
Demos. In einer privaten Unterredung mit Agepolis soll der Konsul
sodann sein Erstaunen darüber ausgedrückt haben, daß die Rhodier
bis jetzt noch keinen Versuch einer Vermittlung zwischen den Römern
und Perseus unternommen hätten 34 . Von Marcius Philippus begaben sich
die Gesandten dann zu C. Marcius Figulus, der sie nicht minder freundlich
aufnahm, und kehrten nach Rhodos zurück35.
Dort fanden die Ergebnisse ihrer Mission ein durchaus geteiltes
Echo: Die ,,ύγιαίνοντες" waren über das römische Wohlwollen erfreut,
während die ,,κινηταί" und ,,καχέκται", d. h. die Anhänger der anti-

30 Den Polyb. 28,16,7 überlieferten Namen Παγκράτης verbessert van Gelder 149,
Anm. 1 in Πασικράτης, da Pankrates sich unter den bekannten rhodischen
Eigennamen nirgends findet, wohl aber Pasikrates. Doch leuchtet die unbedingte
Notwendigkeit dieser Textänderung nicht ein, zumal sich ζ. B. auch Agepolis
sonst unter den rhodischen Namen kaum je findet.
S1 Polyb. 28,16,5—8.
32 Polyb. 28,2,1—7; vgl. 16,8—11; dazu Schmitt a. O. 144 m. Anm. 1; Meloni 316f.
33 Polyb. 28,17; App. Mak. 17; dazu die oben Anm. 28 genannte Literatur sowie
J . Briscoe, J R S 54, 1964, 69f. — Wohl im Juli 169 v. Chr.: Meloni 316, Anm. 3.
34 Polyb. 28,17,2—9. Zu der vielerörterten Frage nach der Zuverlässigkeit der Dar-
stellung des Polybios und den Motiven des Philippus (dem Polyb. eine beab-
sichtigte Irreführung der Rhodier zumindest zutraut) vgl. zuletzt vor allem
Briscoe a. Ο., der prinzipiell die Auffassung des Polyb. übernimmt; anders
Meloni 317ff. (mit der Lit. zur Frage), der nach De Sanctis (4,1*,306, Anm. 207)
und anderen ähnlich wie im Fall des Polybios selbst (vgl. oben S. 181f.) Philippus
für unschuldig hält und an eine prorhodische Quelle des Polybios denkt; vgl.
noch Meloni a. O. 344 ff.; Schmitt a. O. 146, Anm. 1.
35 Polyb. 28,17,10.
190 Richtungskämpfe II

römischen Richtung, darin ein Zeichen der Schwäche erblicken zu


können meinten36. Als Agepolis jedoch Freunden gegenüber erklärte,
daß ihm von Q. Marcius Philippus nahegelegt worden sei, in der Bule die
Möglichkeit einer rhodischen Vermittlung zur Sprache zu bringen, war
die Gruppe um Deinon und Polyaratos vollends in der Uberzeugung
bestärkt, daß sich die Römer in einer schwierigen Lage befänden37.
Im Frühjahr 168 v. Chr. war dann ihrer Agitation endlich Erfolg
beschieden38. Die Anhänger einer Vermittlung zwischen Rom und Make-
donien siegten in einer Abstimmung, und die Prytanen stellten alsbald
zwei Gesandtschaften zusammen, in denen sich mit Agepolis und
Hagesilochos bezeichnenderweise auch ausgesprochene Vertreter der
angeblich „prorömischen" Richtung befanden. Agepolis selbst, Diokles
und Klinombrotos sollten zum Senat, Damon, Nikostratos39, Hagesilo-
chos und Telephos dagegen zum römischen Heer nach Makedonien und
zu Perseus gehen. Gleichzeitig wurden auch die rhodischen Beziehungen
zu Kreta durch eine dorthin abgeschickte Gesandtschaft intensiviert.
Bald darauf trafen Parmenion und Morkos als Gesandte des Illyrer-
königs Genthios sowie Metrodoros als Gesandter des Perseus auf der
Insel ein40. Dabei kam es zu einer stürmischen Volksversammlung, in
der sich die Gruppe um Deinon und Polyaratos offen auf die Seite des
Perseus stellte; der .prorömische' Kreis um Theaidetos vermochte
nichts dagegen auszurichten41. Die Rhodier beschlossen, beiden Königen
wohlwollend zu antworten, ihnen von ihrem Vermittlungsversuch zu
berichten und sie zu ersuchen, diesen zu unterstützen.
Etwa Anfang Juni 168 v. Chr., nur wenige Wochen vor der Schlacht
bei Pydna, ist dann die rhodische Gesandtschaft mit L. Aemilius Paullus
in dessen Lager zusammengetroffen42. Der Empfang war jedoch eisig:
36 Polyb. a. O. 11—12.
37 Polyb. a. O. 13—14.
38 Polyb. 29,10; ib. 2 — 3 : καΐ τήν μέν 'Ροδίων άντιπολιτείαν τοϋτον τόυ τρόπον
διέκρινε τό διαβούλιον, Ιν φ πλεΐον έφάνησαν ισχύοντες oi τα τού Περσέως
αίρούμενοι των σώζει ν σπουδαζόντων τήν πατρίδα καΐ τούς νόμους; dazu
Schmitt a. Ο. 146f.; Meloni 346f.; Hiller v. Gaertringen a. O. 796; van Gelder
150.
39 Vgl. jedoch van Gelder 150, Anm. 2, der wegen der ungewöhnlichen Zahl von
vier statt drei Gesandten Polyb. 29,10,4 in Δάμωνα Νικοστράτου verbessern
will.
40 Polyb. 29,11 = Liv. 44,29,6—8; dazu Schmitt a. O. 147f.; Hiller v. Gaertringen
a. O.; van Gelder 150 f.
41 Polyb. 29,11,2: των δέ περί Θεαίδητον καταπεπληγμένων τά συμβαίνοντα.
42 Liv. 44,35,4—6; Zonar. 9,23,3.
Die „Große Säuberung" (168—167 ν. Chr.) 191

Einige waren dafür, die Gesandten unverzüglich in Fesseln zu legen,


andere, sie ohne Antwort fortzuschicken; Aemilius Paullus selbst er-
klärte, er werde ihnen in fünfzehn Tagen eine Antwort erteilen.
Nicht besser erging es der Gesandtschaft unter Agepolis, die erst
unmittelbar nach Bekanntwerden des Ausgangs der Schlacht bei Pydna
in Rom eintraf43. Agepolis suchte die Situation durch die Erklärung zu
retten, daß die Gesandtschaft zwar ursprünglich zur Vermittlung zwi-
schen den beiden kriegführenden Mächten gekommen sei, da der Krieg
nicht nur für alle Griechen, sondern auch für die Römer zu hohe Auf-
wendungen erfordert hätte, sie würde sich aber jetzt um so mehr über
die Beendigung des Krieges und den römischen Sieg freuen. Doch diese
diplomatische Wendung verfing bei den römischen Senatoren nicht,
und der Senat erteilte den Gesandten die brüske Antwort, der einzige
Zweck ihres Unternehmens sei die Rettung des Perseus gewesen, und der
Senat sähe daher gegenüber den Rhodiem keinen Anlaß zu den üblichen
Höflichkeitsbezeugungen44.

3. Die ,, Große Säuberung" in Griechenland: Der Zusammenbruch


des antirömischen Widerstandes in der Oberschicht (168—167 v.Chr.)

a) Die „Große Säuberung" (168—167 v. Chr.)


Wie sehr das Schicksal der antirömischen Opposition in Griechenland,
auch wenn sie es nur selten wahrhaben wollte, im Grunde immer von
der politischen Existenz Makedoniens abgehangen hatte, bewies die
völlige innere Umwälzung, von der nach der Katastrophe der makedoni-
schen Monarchie bei Pydna (22. VI. 168 v. Chr.) keines der bedeutende-
ren griechischen Staatswesen verschont blieb. Hatten sich noch während
des III. römisch-makedonischen Krieges die Vertreter der absolut pro-
römischen Politik nur vereinzelt und auch dann, wie sich in Boiotien und
Epeiros zeigte, nur um den Preis der politischen Einheit des betreffenden
Landes wirklich durchsetzen können, so war jetzt überall die Stunde ihres
endgültigen Sieges gekommen. Die schweren innenpolitischen Spannungen,
die sich in der Periode der Richtungskämpfe seit etwa 198 v. Chr. gebildet

43
Polyb. 29,19 = Liv. 45,3,3—6; Diod. 30,24; dazu Schmitt a. O. 150; Hiller v.
Gaertringen a. O.; van Gelder 151.
44
Polyb. 29,19,5—11.
192 Richtungskämpfe I I

und seit 180 v. Chr. noch einmal wesentlich verschärft hatten, entluden
sich nach der Entscheidung von Pydna überall in Griechenland in der
vollständigen politischen Entmachtung, ja ζ. T. physischen Ausrottung
der Politiker, die sich nicht klar zu der extrem prorömischen Richtung
bekannt hatten. Die Formen, in denen sich diese Abrechnung oft voll-
zog, wird man dabei zwar eher den griechischen politischen Verhält-
nissen als der siegreichen Richtung als solcher anzukreiden haben 1 ;
Ausmaß, Absicht und Ergebnis der von den Römern und den radikal
prorömischen griechischen Politikern gemeinsam durchgeführten, äußerst
folgenreichen Maßnahmen aber rechtfertigen wohl ihre Kennzeichnung
als „Große Säuberung" Griechenlands.
Wie sich der Umschwung im einzelnen vollzog, ist, von Rhodos
abgesehen2, nicht überliefert; doch mag Rhodos einen Begriff von der
Schnelligkeit und der Unwiderstehlichkeit geben, mit welcher sich der
gleiche Vorgang allenthalben auch im griechischen Mutterland abspielte.
Zu einer blutigen Gewalttat größeren Ausmaßes scheint es nur in Aitolien
gekommen zu sein3. Auf Veranlassung des Lykiskos und seines Gesin-
nungsgenossen Teisippos4 wurden dort, wohl bei einer Versammlung des
aitolischen Koinon 5 , nicht weniger als 550 „principes" von römischen
Soldaten aus dem Kommando des A. Baebius niedergemacht. Weitere,
deren man nicht habhaft werden konnte, wurden mit der Verbannung

1 Vgl. etwa die von Gegnern Roms hervorgerufenen blutigen Ereignisse von
Demetrias (192 v. Chr.) und H y p a t a (174 v. Chr.), denen zahlreiche prorömische
Politiker mit ihren Anhängern zum Opfer fielen. — Das Massaker von Kompasion
(188 v. Chr., dazu zuletzt Errington 144ff.) mag im übrigen einen Begriff davon
geben, daß auch der achaiische Bund in dieser Hinsicht hinter anderen griechi-
schen Staatswesen nicht zurückstand.
2 Dazu vgl. unten S. 204ff.
3 Zum Folgenden Liv. 4 5 , 2 8 , 6 — 8 ; vgl. 3 1 , 1 — 2 ; Niese 3 , 1 7 9 ; 189.
4 Liv. 45,28,7. Z. Pers. d. Teisippos aus Trichonion (der hier zum ersten Mal
genannt wird) vgl. F . Stähelin, R E V A 1 (1934), 152, Nr. 2 ; zu seiner Strategie
(163/2 v. Chr. ?) G. Klaffenbach, IG I X 2 1, 1, p. L H ; vgl. auch Touloumakos 37,
Anm. 1. Daß er später ein zweites Mal Stratege gewesen sei (156/5 v. Chr., so
Klaffenbach a. O.), bestreitet G. Daux, BCH 56, 1932, 314—319.
5 Liv. 45,28,7: circumsesso senatu; vgl. E . O b s t , R E X I I I 2 (1927), 2295, Art.
Lykiskos Nr. 3. Larsen, Τ Α Ρ Α 1952, 11, Anm. 16, denkt an die Bule des aito-
lischen Koinon, vgl. dazu ders.. Fed. States 198ff. Daß Arsinoe der Schauplatz
dieser Greuel gewesen sei und diese mit den Polyb. 30,11,5 erwähnten κατά τήν
Άρσινοίαν σφαγαί identisch waren, vermuteten W . J . Woodhouse, Aetolia
(Oxford 1897) 220f. und Niese 3,179, Anm. 3 ; skeptisch dagegen Klaffenbach
a. O. X L I V , Z. 17ff.
Die „Große Säuberung" (168—167 ν. Chr.) 193

bestraft; ihre Güter gingen wie die der Getöteten alsbald in den Besitz
der absolut prorömischen Politiker über®.
Als dann im Frühjahr 167 v. Chr. die Zehnerkommission des Senats
in Griechenland eintraf, standen allenthalben die extrem prorömischen
Politiker persönlich an der Spitze der Gesandtschaften, die aus ganz
Griechenland in Amphipolis eintrafen, um die Römer zu ihrem Sieg über
Makedonien zu beglückwünschen7, vor allem aber, um die sich aus der
veränderten innenpolitischen Situation ergebenden Fragen zu klären.
Aus Achaia war Kallikrates erschienen, begleitet von Aristodamos,
Agesias und Philippos, aus Boiotien Mnasippos und aus Akarnanien
Chremas. Lykiskos und Teisippos vertraten das aitolische Koinon,
Charops und Nikias Epeiros 8 : eindrucksvoll dokumentierte sich damit
die Einheit der extrem prorömischen Richtung über alle Grenzen der
großen Staatswesen des griechischen Mutterlandes hinweg.
L. Aemilius Paullus hatte schon auf der Reise nach Amphipolis von
einer Anzahl Aitoler, die dem Blutbad entronnen waren, von den Vor-
gängen in Aitolien erfahren9. Er ordnete sofort eine Untersuchung an,
die jedoch für die Betroffenen sehr enttäuschend verlief. Denn es
wurde dabei — nach Polybios — weniger nach Recht oder Unrecht
als vielmehr nach der jeweiligen Einstellung zu Rom und Perseus
gefragt 10 , was bedeutete, daß die Anstifter des Massakers, Lykiskos
und Teisippos, freigesprochen und die vorgenommenen Verbannungen
und Enteignungen als rechtsgültig anerkannt wurden; lediglich der
Praefekt A. Baebius erfuhr eine Verurteilung, weil er römische Soldaten
für das Blutbad zur Verfügung gestellt hatte 11 .
Diese Entscheidung gab den Vertretern der absolut prorömischen
Politik in Amphipolis noch mehr Auftrieb 12 . Sie wiesen die Römer vor
6 Liv. 45,28,7: defertur quingentos quinquaginta principes ab Lycisco et Tisippo,
circumsesso senatu per milites Romanos missos ab A. Baebio, praefecto praesidii,
interfectos, alios in exilium actos esse, bonaque eorum, qui interfecti essent, et exulum
possideri. Unrichtig Niese 3,179, der auch die Verbannten in die Zahl der 650
einbegreift.
7 Polyb. 30,13,1—3; Liv. 45,31,5—6.
8 Polyb. 30,13,3—4. Chremas war damals offenbar Stratege des akarnanischen
Koinon, I G I I / I I I 2 951 add., Ζ. 4f. [Άκα]ρνδνε[5] / έττΐ στρατηγ-οϋ Χρεμδ; ζ.
Dat. vgl. G. Klaffenbach, I G I X s 1,2, p. X X I X , Ζ. 93ff.
s Liv. 45,28,6.
10 Liv. 45,31,1: in qua cognitione magis utra pars Romanis, utra regi favisset
quaesitum est, quam utra fecisset iniuriam aut accepisset.
11 Liv. 45,31,2.
12 Liv. 45,31,3: Hie eventus Aetolorum causae in omnibus Graeciae gentibus popu-
13 Deiaiager, Widerstand
194 Richtungskämpfe II

allem darauf hin, daß der antirömische Widerstand in Griechenland


sehr viel weiter verbreitet sei, als sich nach außen zeige. Nicht nur die-
jenigen, die sich öffentlich als Gastfreunde und Anhänger des Perseus
bekannt hätten, sondern auch die vielen anderen, die in den Städten
und Koina unter dem Schein der Wahrung der Freiheit gegen Rom
gearbeitet hätten, seien in Wirklichkeit auf der Seite der Makedonen
gestanden, und die griechischen Staatswesen würden erst dann zuver-
lässige Partner Roms sein, wenn alle diese Widerstände endgültig be-
seitigt seien und das Ubergewicht der eindeutig prorömischen Politiker
fest gesichert würde13.
Damit wurde praktisch ein Vorgehen gegen jede, auch die am wenig-
sten aktive Form antirömischen Widerstandes in Griechenland gefordert,
und in der Tat setzten die prorömischen Extremisten mit ihrem Drängen
durch14, daß die Römer eine umfassende Aktion gegen alle ihre wirklichen
oder vermeintlichen, gefährlichen und ungefährlichen Widersacher in
Griechenland unternahmen. In Massendeportationen sollten jetzt alle
irgendwie Verdächtigen nach Italien gebracht werden, und zwar auf-
grund von Listen, welche die radikal prorömischen Politiker zusammen-
stellten 16 . Noch von Amphipolis aus ordnete Aemilius Paullus ent-
sprechende Maßnahmen an, brieflich für Aitolien, Akarnanien, Epeiros

Usque eorum, qui partis Romanorum fuerant, inflavit ad intolerabilem superbiam


animos et obnoxios pedibus eorum subiecit, quos aliqua parte suspicio favoris in
regem contigerat.
13 Liv. a. O. 6—8: (sc. Romanorum fautores) implevere aures decern legatorum: non
eos tantum, qui se propalam per vanitatem iactassent tamquam hospites et amicos
Persei, sed multo plures alios ex occulto favisse regi, qui per speciem tuendae liber-
tatis in conciliis adversus Romanos omnia instruxissent, nec aliter eas mansuras
in fide gentes, nisi fractis animis adversarum partium aleretur confirmareturque
auctoritas eorum, qui nihil praeter imperium Romanorum spectarent. Mit jenen
qui per speciem tuendae libertatis . . . adversus Romanos omnia instruxissent sind
offenbar vor allem die Vertreter der „neutralen" tertia pars gemeint.
14 Polyb. 30,13,5: άττάντων δέ τούτων όμοϋ γενομένων καΐ πρός τήν αύτήν ΰπόθεσιν
άμιλλομένων προθύμως, καΐ μηδενός υπάρχοντος ανταγωνιστού διά τό τους άν-
τιπολιτευομένους άπαντα; είκονταξ τοις καιροί; άνακεχωρηκέναι τελέως, άκονιτί
κατεκράτησαν τ η ; υποθέσεως οί προειρημένοι (d. h. die Vertreter der absolut
prorömischen Richtung); Liv. 45, 31, 5: (sc. Romanorum fautores) soli tum in
magistratibus, soli in legationibus erant.
15 Polyb. 30,13,6—7: οί δέκα δι* αυτών των στρατηγών έποιήσαντο τήν Ιπιταγήν,
ους δεήσει πορεύεσθαι των άνδρών ε!ς τήν 'Ρώμην. Ούτοι δ' ήσαν ώς έπίπαν
oös άπέγραψαν οί προειρημένοι κατά τάς ιδίας άντιπαραγωγάς, πλήν όλίγων
τελέως των Ικδηλόν τι πεποιηκότων (vgl. 32,5,6).
Die „Große Säuberung" (168—167 ν. Chr.) 195

und Boiotien14; nur nach Achaia wurden eigens zwei römische Gesandte
geschickt17. Während die Römer in Amphipolis den Thebaner Neon,
den letzten bedeutenden noch lebenden Vertreter des Widerstandes
in Boiotien, zusammen mit einem Aitoler selbst hinrichteten18, wurden
schon überall in Griechenland mit der peinlichsten Gründlichkeit19 die-
jenigen aufgespürt, die wegen ihrer politischen Gesinnung nach Italien
deportiert werden sollten. Dabei wurden, entsprechend dem Hinweis
der Häupter der extrem prorömischen Gruppen, nach Polybios drei
Kategorien von Schuldigen verfolgt: Gegner Roms, die mit Erfolg den
Ubergang ihres Staatswesens auf die Seite des Perseus betrieben hatten,
Romfeinde, denen dies nicht geglückt war, obwohl sie es offen versucht
hatten, und schließlich — anscheinend die größte Gruppe — alle die-
jenigen, die lieber einen makedonischen als einen römischen Sieg gesehen
hätten und dies zu erkennen gaben, ohne daß sie sich jedoch aktiv dafür
eingesetzt hätten20.
Es war nicht das erste Mal, daß die Römer gegenüber ihren politischen
Gegnern in Griechenland zum Mittel der Deportation griffen. Schon der
Friedensvertrag mit den Aitolern im Jahre 189 v. Chr. hatte die Stellung
von 40 Geiseln, der Vertrag von Apameia mit Antiochos III. im folgenden
Jahr die Auslieferung einer Anzahl griechischer Politiker nach Rom vor-
gesehen. Großes Aufsehen in Griechenland hatte dann im Jahre 171
v. Chr. die Deportation fünf führender aitolischer Politiker auf Betreiben
der radikal prorömischen Gruppe um Lykiskos in Aitolien erregt. Aber
der Umfang der jetzt vorgenommenen „Säuberung" übertraf alles
Bisherige bei weitem. Zwar sind keine genauen Zahlen bekannt; lediglich
von Achaia ist überliefert, daß „über tausend" den Weg nach Italien

16
Liv. 45,31,9.
17
Vgl. unten S. 197.
18
Liv. 45,31,15: Duo securi percussi viri insignes, Andronicus, Andronici filius,
Aetolus, quod patrem secutus arma contra populum Romanum tulisset, et Neo
Thebanus, quo auctore societatem cum Perseo iunxerant. Zu den Konjekturen
Nicandri bzw. Archedami filius vgl. Klaffenbach IG I X l 2 , 1, p. XLVII, Z. 5ff.
Colin 449 dachte dagegen (nach Freeman und Hertzberg 212, Anm. 18) an
Archedatnus Andronici filius. Vgl. noch Meloni 403f.
19
Liv. 45,35,2: Nam it quoque non solum praesentes exciii erant, sed etiarn, si qui apud
reges esse dicebantur, litteris arcessiti sunt. Dazu Niese 3,183, Anm. 4.
20
Polyb. 30,6,5—8. Jb. 9—10 werden zur zweiten Kategorie noch die sonst nicht
bekannten Brüder Hippokritos und Diomedon von Kos gerechnet. Zu
einem Porträtkopf des Perseus auf Kos vgl. G. Neumann, Jahrb. d. Dt. Archäol.
Inst. 82, 1967,157—166.
13·
196 Richtungskämpfe II

antreten mußten 21 . Da es jedoch keinen Grund gibt, warum die anderen


Koina wesentlich weniger von den Deportationen betroffen gewesen
sein sollten als Achaia, dürfte die von Niese angenommene Gesamtzahl
von „gewiß mehr als 2000" eher zu niedrig als zu hoch gegriffen sein22.
Die politischen Bestrebungen der prorömischen „principes", die erst
zaghaft 197 v. Chr. in der Gesandtschaft der boiotischen Romfreunde
zu Flamininus und wesentlich schärfer seit dem Jahre 180 v. Chr. zutage
getreten waren, hatten sich damit praktisch vollständig durchgesetzt.
Die „Große Säuberung" in Verbindung mit den Massendeportationen
bedeutete nicht nur das Ende der langen Phase der Richtungskämpfe,
sondern zugleich auch den endgültigen Zusammenbruch des politischen
Widerstandes gegen Rom bei den „principes". Dabei gibt der Umfang
der Deportationen einen wichtigen Hinweis darauf, wie weitverbreitet
der Widerstand gegen Rom in der Oberschicht bis zum Zeitpunkt seiner
gewaltsamen Ausrottung noch stets gewesen sein muß. Gewiß wurden
von der Aktion nur zu einem geringen Teil wirklich aktive Romfeinde
getroffen und spielten, wie Polybios betont, bei der Aufstellung der
fatalen Listen der „Romfeinde" persönliche Feindschaften fast überall
eine wesentliche Rolle23. Aber eine halbwegs plausible Begründung
mußte doch jeweils gefunden werden, und gerade die drei einzigen
näher bekannten individuellen Fälle, der des Polybios, des Stratios und
des Xenon von Patrai, beweisen, daß die Deportation drei Politiker
traf, die den Sieg Roms über die Makedonen zweifellos nicht mit voller
Überzeugung gewünscht hatten.
Daß sich die Große Säuberung von 168/7 v. Chr. im übrigen gegen die
antirömischen Elemente speziell der Oberschicht richtete, bedarf, auch
wenn es bisher in seiner historischen Bedeutung vielleicht wenig gesehen

21
Paus. 7,10, 11: ύπέρ χιλίους.
22
Niese 3,189. — Die Zeugnisse für die Deportationen: Achaia: vgl. unten S. 197ff.;
Aitolien: Liv. 45,31,9. Bei lust. 33,2,8: Aetolorum universarum urbium senatus
cum coniugibus et liberis, quia dubia fide fuerant (vgl. auch 44,1,1) handelt es sich
nach Hertzberg 201, Anm. 1 (vgl. Larsen, Roman Greece 310) um eine Ver-
wechslung mit den Achaiern; anders jedoch Niese 3,183, Anm. 5. — Akarnanien:
Liv. a. O.; 34,9 (dazu unten S. 204, Anm. 14). — Epeiros: Polyb. 32,5,6 (z. Text
Oost 133, Anm. 104); Liv. 45,31,9; 34,9. — Boiotien: Liv. 45,31,9. — Perrhaibien,
Thessalien: Polyb. 30,7,5 (vgl. Larsen, Fed. States 478). — Allgemein: Liv.
45,35,1; Zonar. 9,31,1.
23
Polyb. 30,13,7: ούτοι δ' ήσαν ώ$ έττίπαν o0s άπέγραψαν ol ττροειρημένοι (d. h.
die radikal antirömischen Politiker) κατά τάς ιδίας άντιπαραγωγάς, πλην όλί-
γ ω ν τελέω; των εκδηλόν τι -ττε-ττοιηκότων.
Achaia: Kallikrates und die Deportation der Achaier (167 v. Chr.) 197

wurde, kaum eines besonderen Nachweises24. Ebenso ist wiederum klar,


daß hinter der ganzen tiefgehenden Auseinandersetzung nicht ein Gegen-
satz zwischen „Oligarchen" und „Demokraten" stand, sondern daß es
sich — im wesentlichen — in der Tat um einen Kampf zwischen den im
Laufe der drei Jahrzehnte 198—168 v. Chr. immer radikaler gewordenen
prorömischen Gruppen und ihren Gegnern handelte. Dafür spricht vor
allem auch, daß sich nach der „Großen Säuberung" nirgends mehr in
Griechenland nennenswerte Widerstände gegen Rom innerhalb der Ober-
schicht feststellen lassen. Auch dies deutet darauf hin, daß in erster
Linie doch die Rom mehr oder weniger ablehnend Gegenüberstehenden
von den Deportationen betroffen wurden.

b) Achaia: Kallikrates und die Deportation der tausend Achaier


(167 v. Chr.)

Im Gegensatz zu dem Verfahren bei den anderen Koina des griechi-


schen Mutterlandes wurden nach Achaia eigens zwei Mitglieder der
Zehnerkommission des Senats zur Überbringung der Anweisungen des
Aemilius Paullus entsandt, C. Claudius Pulcher und Cn. Domitius Aheno-
barbus. Nach Polybios erfolgte dies, um der Kallikratesgruppe gegen
etwaigen Widerstand der Opponenten Schutz zu bieten, zugleich aber
auch, weil gegen die vorgeblichen „Anhänger des Perseus" vor allem
in der beschlagnahmten Korrespondenz des Königs keine konkreten
Beweise gefunden worden waren1.
Was dann in Achaia im einzelnen geschah, bleibt, da der Bericht des
Polybios verloren ist, schwer zu fassen2. Obwohl Aemilius Paullus selbst,
wie Polybios behauptet, von den Denunziationen eines Kallikrates und
Lykiskos gar nicht viel hielt3, erreichte Kallikrates nach der Darstellung

24 Vgl. bes. L i v . 45,35,1 (deportierte principes Graeciae in Italien); 34,9


(Deportation der principes von Epeiros und Akarnanien); Polyb. 32,5,6 (De-
portation der επιφανείς άνδρες von Epeiros); Zonar. 9,31,1 (Deportation von
oi τ ω ν ' Ε λ λ ή ν ω ν κορυφαιότατοι nach R o m ) .

1 Polyb. 30,13,8—11; L i v . 45,31,9—11; dazu Larsen, Fed. States 479; Lehmann


306; Castellani 126f.; Niese 3,184.
2 Das Folgende Paus. 7,10,8—11. Zur Zuverlässigkeit dieser Nachrichten zweifellos
zu optimistisch Lehmann 30G, Anm. 342; mit Recht vorsichtiger —- „ i m Gesamt-
tenor wohl historisch" — Η . H. Schmitt, R E I X A 2 (1967), 1538; vgl. unten
Anm. 5.
3 So Polyb. 30,13,11, der dies freilich nur aus dem späteren Verhalten des Aemilius
198 Richtungskämpfe II

des Pausanias dennoch, daß einer der römischen Gesandten, vielleicht


Claudius Pulcher4, in einer Versammlung des Koinon kurzerhand die
Forderung nach einem pauschalen Todesurteil für alle achaiischen
Poütiker erhob, die für Perseus gearbeitet hätten; ihre Namen wollte
er erst nach Inkrafttreten dieses Urteils bekanntgeben6. Als er damit
nicht durchdrang, sondern aufgefordert wurde, zuerst die Namen zu
nennen, behauptete er, gestützt auf die Angaben des Kallikrates, die
achaiischen Strategen seien allesamt schuldig und hätten durchweg auf
der Seite des Perseus gestanden®. Darauf erhob sich Xenon von Patrai
von der Lykortasgruppe und erklärte, auch er sei Stratege gewesen,
fühle sich jedoch völlig unschuldig und erbiete sich, seine Unschuld
den Achaiern wie den Römern jederzeit zu beweisen. Nach der Dar-
stellung des Pausanias ergriff der römische Gesandte sofort diese Gelegen-
heit und forderte Xenon auf, sich zu einer gerichtlichen Untersuchung
nach Rom zu begeben7.
Die weiteren Einzelheiten sind unbekannt; doch kam es schließlich in
der Tat dazu, daß — wie in den anderen Koina — entsprechend den
Anweisungen des Aemilius Paullus sich alle diejenigen nach Italien be-
geben mußten, die sich in irgendeiner Weise als Gegner Roms ver-
dächtig gemacht hatten und deren Namen Kallikrates angab. Damit war
eingetroffen, was Polybios und Archon schon seit 171 v. Chr. befürchtet
hatten 8 . Mehr als tausend Achaier, unter ihnen bekanntlich Polybios
selbst, mußten den Weg nach Italien antreten, wobei man im einzelnen

Paullus erschließen zu können glaubte. Zweifel daher bei E. Badian, Foreign


Client. 98, Anm. 1; vgl. noch S. Mazzarino, II pensiero storico classico II 1 (Bari
1966), 352.
4 An ihn als den angeseheneren (und „strengeren") der beiden dachte C. Wachs-
muth, Leipz. Stud. ζ. klass. Philol. 10, 1887, 288.
5 Paus. 7,10,8. Bedenken gegen die Richtigkeit dieser Überlieferung und Ver-
mutungen über den tatsächlichen Hergang vor allem bei Hertzberg 218, Anm.
28b; vgl. auch Larsen, Fed. States 479, Anm. 4. Trotz der Billigung des Vorgehens
der prorömischen Richtung in Aitolien durch Aemilius Paullus, einer Anzahl von
den Römern selbst vollstreckter Todesurteile und des späteren römischen Straf-
gerichts in Epeiros läßt sich die Forderung nach Todesurteilen gegen die achai-
ischen Politiker mit der sonstigen Politik des Aemilius Paullus nicht recht in
Einklang bringen.
β Paus. 7,10,9; ein weiterer Beweis, daß auch noch während des Perseuskrieges die
Gruppe um Lykortas zumindest formell die Führung der Politik weitgehend in
der Hand behielt.
7 Paus. 7,10,9—10. Zu der Strategie Xenons vgl. oben S. 178, Anm. 10.
8 Vgl. oben S. 179.
Achaia: Kallikrates und die Deportation der Achaier (167 v. Chr.) 199

freilich außer Polybios nur die Namen des Stratios und des Xenon von
Patrai kennt®. Vom Schicksal von Polybios' Vater Lykortas wie auch
aller anderen namentlich bekannten Vertreter des „Gemäßigten Wider-
standes" ist nichts Näheres überliefert, wenn auch anzunehmen ist, daß
sie unter den Deportierten waren; von Thearidas, einem älteren Bruder
des Polybios, dürfte immerhin feststehen, daß er in Achaia bleiben
konnte10. Das Gros der Deportierten aber machten zweifellos alle die
„namenlosen" Romfeinde in den einzelnen Städten und Gemeinden des
achaiischen Koinon aus, von deren großer Anzahl Kallikrates schon
180 v. Chr. im Senat gesprochen hatte. Eine aktive Unterstützung des
Perseus ließ sich wohl in kaum einem Fall eindeutig nachweisen. Aber in
einem politischen, nicht juristischen Sinn wirklich „unschuldig"11 — dies
muß doch festgehalten werden—waren die Deportierten auch nicht; daß
wenigstens der größte Teil von ihnen sich zumindest mit seinen Sym-
pathien auf der Seite des „Friedlichen Widerstandes" befand und von
den Römern daher mit Recht als potentielle Opposition betrachtet wer-
den konnte, dürfte feststehen. Polybios, Stratios und Xenon vollends
waren gar an führender Stelle dieses „Friedlichen Widerstandes" tätig
gewesen. Während Polybios zuletzt zugegebenermaßen nur aus Furcht
und nicht aus politischer Überzeugung eine Unterstützung Roms durch
das achaiische Koinon im Krieg gegen Perseus befürwortet hatte, war
Stratios, freilich ohne Erfolg, sogar für direkte Maßnahmen gegen Kalli-
krates und seine Gruppe eingetreten12.
Die Deportation von über tausend mehr oder minder gefährlichen
Widersachern nach Italien im Jahre 167 v. Chr. bedeutete nicht nur den
endgültigen Triumph des Kallikrates und der radikal prorömischen
Richtung in Achaia, sondern auch, was nicht übersehen werden darf,
die schwerste persönliche Niederlage des Politikers Polybios. Daß Poly-
bios dies dem rücksichtsloseren, aber erfolgreicheren Gegner nie verziehen
hat und ihn — in betontem Gegensatz zu Aristainos13 — in seinen

9
Zu Stratios vgl. unten S. 213; zur Deportation Xenons Schmitt a. O. 1538.
10
Vgl. F. Stähelin, R E V A 2 (1934), 1382, Nr. 2.
11
Dies scheint zu Unrecht Lehmann 306 andeuten zu wollen: „Kallikrates und
Genossen wußten jedoch das tiefe Mißtrauen der Römer, die an Unschuld nicht
mehr glauben wollten . . weidlich auszunutzen".
12
Vgl. oben S. 179. Ungenau P. Pedech, Les 6t. class. 37,1969, 259, wonach Polybios
insgeheim Makedonien zugeneigt habe. Richtig ist zweifellos nur, daß Polybios
die Erhaltung Makedoniens als eines Gegengewichtes gegen Rom wünschte.
13
Lehmann 309 f. wertet die weitgehend positive Würdigung des Aristainos im
200 Richtungskämpfe I I

Historien gänzlich negativ schildert, ist nicht erstaunlich14. Umso schwie-


riger ist es allerdings, das zweifellos einseitige Urteil des Polybios über
Kallikrates, das die gesamte antike Uberlieferung über diesen be-
herrscht16, auf seine Berechtigung hin zu überprüfen, zumal auch die
moderne Forschung weithin unkritisch der Autorität des Polybios zu
folgen pflegt, ja dessen negative Bewertung von Person und Politik des
Kallikrates unter dem Einfluß des nationalstaatlich-„patriotischen"
Denkens des 19. Jahrhunderts nur noch verschärft hat. „Ein ewig zu
brandmarkender Verräter" war Kallikrates schon für Niebuhr1', „voll-
endete sittliche Nichtswürdigkeit" bescheinigte ihm G. F. Hertzberg 17 ;
als gewissenlosen römischen Agenten charakterisierte ihn B. Niese18.
In der neueren englischen Forschung ist Kallikrates, jetzt unter dem
Eindruck der Erfahrungen des 2. Weltkrieges, wiederholt als „Kolla-
borateur" und „Quisling" eingestuft worden19. Η. E. Stier vollends be-
zeichnete ihn als „hochverräterischen Lump" 20 , G. A. Lehmann als „nie-
derträchtigen Denunzianten" und „Schädling"21, wobei freilich gerade
die starke emotionale Färbung dieser Urteile eher mißtrauisch macht
als überzeugt.

Gegensatz zu Kallikrates als Beweis für die „Glaubwürdigkeit" des Polybios,


Die andere Möglichkeit, daß Polybios den Gegensatz in der vor ihm liegenden
Generation zwischen Aristainos und Philopoimen abgeschwächt hat, um den
Unterschied zu Kallikrates, dem radikalen Fortsetzer von Aristainos' Politik in
Polybios' eigener Generation, klarer hervortreten zu lassen, beachtet er dagegen
nicht. Daß ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Beurteilung des Kalli-
krates und der des Aristainos in der Synkrisis besteht, beweist schon die Stellung
der Synkrisis von Aristainos und Philopoimen (24,11—13) direkt im Anschluß an
die folgenschwere Gesandtschaft des Kallikrates im Jahre 180 v. Chr., also
einige Zeit nach dem Tode der beiden Protagonisten. Vgl. auch oben S. 111,
Anm. 11.
14 Als μεγάλων κακών άρχηγός ττδσι τοις °Ελλησι bezeichnet er ihn 24,10,8.
16 Vgl. Paus. 7,11,2: άπάσης Tfjs 'Ελλάδος άνήρ άλάστωρ; ib. 12,2: άνοσιώτοττος
τώυ τότε.
16 Β. G. Niebuhr, Vorträge I I 3 (1851), 504.
17 Hertzberg 173.
18 Niese 3,59.
19 Vgl. A. J . Toynbee, Hannibal's Legacy (London 1965) I I 472, Anm. 2; Η. H.
Scullard, Roman Politics 220—150 Β. C. (Oxford 1951), 229; ders., J R S 3 5 , 1945,
61; außerdem Lehmann 306, Anm. 243.
20 Stier 181.
21 Lehmann 306; 309; vgl. für negative Urteile über Kallikrates (ζ. B.) auch Ca-
stellani 107; Oost 68f.; Mommsen, R. G. I l s 751.
Achaia: Kallikrates und die Deportation der Achaier (167 v. Chr.) 201

Es hat denn auch an anderen Stimmen nicht gefehlt, die für eine
sachlichere und weniger von der persönlichen Sicht des Polybios be-
stimmte Beurteilung des Kallikrates eintraten. Neben G. Niccolini, der
Kallikrates „una chiara e larga visione della politica internazionale" zu-
schrieb22, hat etwa P. Schoch festgestellt, daß sich die Politik des Kalli-
krates von einem „streng nationalen Standpunkt aus" kaum billigen lasse,
daß er jedoch die entscheidenden politischen Kräfte seiner Zeit richtig
erkannt habe 23 . Sehr kritisch hat sich schließlich jüngst mit Polybios'
Kallikratesbild R. M. Errington auseinandergesetzt, der ebenfalls den
Realismus und die Weitsicht des von Polybios so sehr geschmähten
Politikers hervorhebt 24 .
Der Hinweis auf die entschieden positiven Züge ist zweifellos be-
rechtigt, und darüberhinaus wird man auch soviel zugeben müssen, daß
Kallikrates in den rund 30 Jahren seines politischen Wirkens seit 180
v. Chr. zwar eine bedingungslos prorömische, aber damit zugleich be-
stechend klare und zielbewußte Politik betrieben, die Frage der spar-
tanischen und messenischen Verbannten gelöst 26 und schließlich — wenn
auch um den Preis der Deportierung seiner Gegner und Landsleute nach
Italien und vielleicht auch einer latenten Radikalisierung der πολ-
λοί 28 —Achaia für längere Zeit innere Stabilität und Ruhe verschafft hat.
Die endlosen, nur die Atmosphäre vergiftenden und politisch am Ende
doch unfruchtbaren Streitigkeiten zwischen Achaia und Rom verschwan-
den. Angesichts dieser Tatsachen ist auch der häufig, schon von Poly-
bios gemachte Vorwurf, Kallikrates sei es nur um seine persönliche Macht
und nicht um das Wohl des achaiischen Koinon gegangen, irrelevant
und geht am Ergebnis seines politischen Wirkens vorbei27.
22
Niccolini 167 f.
23
P. Schoch, R E Suppl. IV (1924), 862. Kritik an Polybios' Urteil über Kallikrates
auch bei Eadian, Foreign Client. 91 (danach Will 2,205); vgl. ferner Larsen, Fed.
States 459 m. Anm. 1; M. Cary, A History of the Greek World from 323 to 146
B. C. (London 2 1951), 108; Scullard a. O. (1951) 176.
24
Errington 202—205.
25
Vgl. dazu oben S. 141, Anm. 26; anders Lehmann 296f., Anm. 318, aber ohne
Anhalt in den Quellen.
28
Vgl. Lehmann 307 f.
27
Höchstwahrscheinlich ist das Wort von den principes, die Rom nur um ihrer
eigenen Machtstellung willen unterstützten (Liv. [P.] 42,30,3; oben S. 161), mit
auf Kallikrates gemünzt; für dessen wirkliche Motive läßt sich damit allerdings
nicht viel anfangen. 24,10,8 billigt Polyb. dem Kallikrates immerhin zu, daß er
— 1 8 0 v. Chr. — subjektiv in gutem Glauben handelte und von dem Unglück, das
er mit seinem Vorgehen in Rom anrichtete, nichts ahnte. Vgl. auch Badian a. O.
202 Richtungskämpfe II

Kallikrates hat vielmehr mit allen ihm zur Verfügung stehenden


Mitteln die schon von Aristainos begründete prorömische Richtung den
veränderten Zeitumständen entsprechend verschärft fortgesetzt und
zum Sieg geführt. Während Polybios und all diejenigen, die wie er im
Bann der überholten politischen Konzeption Philopoimens standen,
noch immer an ein mögliches Gleichgewicht zwischen Rom und den
hellenistischen Staatswesen im Osten dachten, baute Kallikrates in
richtiger Einschätzung der Lage seine Politik auf der Erkenntnis auf, daß
jeder Widerstand gegen das übermächtige Rom von vornherein aussichts-
los sei. Von einem „Kollaborateur" und „Quisling" im landläufigen
Sinn, mit dem er immer wieder verglichen wird, unterschied sich Kalli-
krates vor allem dadurch, daß der fremden Macht, auf die er setzte,
tatsächlich die Zukunft gehörte. So sollte er vielleicht doch eher als einer
der Vollstrecker einer zwar notwendig schmerzlichen, aber immer weni-
ger aufschiebbaren politischen Neuorientierung der griechischen Ober-
schicht betrachtet werden28.

c) Epeiros: Das Ende der Romgegner Antinoos, Theodotos und


Kephalos und die Strafexpedition des Aemilius Paullus
(168—167 v. Chr.)
In Epeiros hatte der Gegensatz zwischen der radikal prorömischen
Gruppe um Charops und der gemäßigten, zur Neutralität neigenden
Richtung unter Antinoos, Theodotos und Kephalos im Jahre 170 v. Chr.
zur Spaltung des Landes und zum Ubergang des Molossis und einiger
anderer Regionen auf die Seite des Perseus geführt 1 . Die Niederwerfung
dieser Gebiete erfolgte erst einige Zeit nach der Schlacht bei Pydna, etwa
im August/September 168 v. Chr., durch L. Anicius2. Phanote in Cha-
onien und die meisten Städte der Molosser ergaben sich rasch; Passaron,
Tekmon, Phylake und Horreon leisteten dagegen längeren Widerstand3.
In Passaron waren Antinoos und Theodotos, in Tekmon war Kephalos
die treibende Kraft gegen die Kapitulation vor den Römern. Anicius

28
Insofern trifft natürlich auch die Zuordnung des Kallikrates zu den großen Ver-
rätern Griechenlands vor allem in der Zeit der Perserkriege bei Pausanias (7,10,
1—5) nicht das Richtige.
1
Vgl. oben S. 175.
2
Das Folgende bei Liv. 45,26,3—11; dazu Oost 80f.; Niese 3,167f.
3
Liv. 45,26,4.
Epeiros: Antinoos, Theodotos und Kephalos (168—167 v. Chr.) 203

wandte sich zunächst nach Passaron, wo Antinoos und Theodotos als


„principes" und erklärte Gegner Roms die multitudo beschworen4,
lieber den Tod als die Sklaverei zu wählen6. Eine Zeitlang verstanden sie
die πολλοί noch auf ihrer Seite zu halten, bis ein nobilis adulescens,
ebenfalls mit Namen Theodotos, seinerseits die Initiative ergriff und die
multitudo zur Kapitulation bewog. Antinoos und Theodotos suchten
und fanden daraufhin den Tod im Kampf gegen die Römer 8 ; die Stadt
ergab sich. Ähnlich kapitulierte auch Tekmon erst nach dem Tod des
„princeps" Kephalos7; Phylake und Horreon folgten8.
Aber der sich auch hier sofort anschließende Triumph der extrem
prorömischen Kräfte im ganzen Land und die 167 v. Chr. von den
Römern auf Betreiben von Charops und Nikias auch in Epeiros ver-
anlaßten Deportationen nach Italien· wurden noch übertroffen durch
das nachträgliche, unerhört grausame Strafgericht über die im Perseus-
krieg abgefallenen Gebiete, das Aemilius Paullus im Auftrag des Senats
vornahm10. Unmittelbar vor seiner Rückkehr nach Italien im Jahr 167
v. Chr. ließ er je 10 „principes" n in den einzelnen Gemeinden der be-
troffenen Gebiete auffordern, die Gold- und Silberbestände auszuliefern.
Dann entsandte er Kohorten in die Städte, und zwar so, daß diese überall
am gleichen Tag eintrafen. Morgens trug man alles Gold und Silber zu-
sammen; dann aber wurden auf ein Zeichen der Tribunen und Zen-
turionen hin alle Städte den Soldaten zur Plünderung preisgegeben. Eine

4
Liv. a. O. 5: Antinous et Theodotus principes eius civitatis erant, insignes et favore
Persei et odio adversus Romanos. Zu Antinoos, Theodotos und Kephalos vgl.
oben S. 173 ff.
6
Liv. a. O. 6: Hi conscientia privatae noxae, quia ipsis nulla spes veniae erat, ut
communi ruina patriae opprimerentur, clauserunt portas, multitudinem, ut mortem
servituti praeponerent, hortantes.
* Liv. a. Ο. 9.
7
Liv. a. Ο. 10; vgl. Polyb. 30,7,2—3; Meloni 208. Unbegründete Vermutungen
(Hinrichtung des Kephalos nach Verurteilung in Tekmon) bei Oost 81 nach
Weißenborn-Müller zu Liv. 45,26,10 wegen ipso interfecto; vgl. dagegen Polyb.
30,7,4: (sc. Antinoos, Theodotos und Kephalos) αττέθανον γενναίως; P. Schoch,
R E Suppl. IV (1924), 882f.
8
Liv. 45,26,10; vgl. Meloni 408, Anm. 3.
» Vgl. oben S. 194ff.
10
Das Folgende Liv. 45,34, 1—6; Plut. Aem. 29; Polyb. 30,15; App. III. 9; Eutr.
4,8,1; Plin. n. h. 4,39; Pomp. Trog. prol. 33; dazu Larsen, Fed. States 480ff.;
Oost 84ff.; 133f., Anm. 106; 134f., Anm. 112; Η. H. Scullard, JRS 35,1945, 59.
11
Liv. 45,34,2 (vgl. 29,1: Makedonien); Plut. a. Ο.: μετεπέμψατο τους πρώτους
έξ έκαστης πόλεως άνδρας δέκα.
204 Richtungskämpfe II

ungeheure Beute fiel diesen in die Hände: Nicht weniger als 70 Ort-
schaften wurden ausgeraubt, ihre Befestigungen zerstört und 150000
Menschen in die Sklaverei geführt12. Die Verantwortung für diese furcht-
bare Maßnahme lag bei Rom; die von Η. H. Scullard aufgestellte These,
daß sie auf Anstiften des Charops erfolgt sei, hat sich nicht bestätigen
lassen13.
Kurz darauf traf dann Anicius noch die notwendigen Maßnahmen
zur Deportation der verdächtigen Epeiroten und Akarnanen nach Ita-
lien, die sich in Rom für ihre Haltung während des Perseuskrieges recht-
fertigen sollten 14 ; der politische Widerstand gegen Rom aber war mit
dem Sieg der extrem prorömischen Richtungen des Charops und des
Chremas in beiden Gebieten endgültig gebrochen.

d) Rhodos: Das Ende der romfeindlichen Gruppe um Deinon und


Polyaratos und die Bestrafung der Insel (168—164 v. Chr.)

Auch in Rhodos hatte der Ausgang der Schlacht bei Pydna den un-
verzüglichen Sturz der romfeindlichen Richtung zur Folge, und die
gemäßigt romfreundlichen Politiker gewannen wieder die Oberhand.
Als C. Popillius Laenas bald nach dem Ende des Krieges in Makedonien
auf seiner Reise nach Ägypten das unweit von Rhodos gelegene Loryma
passierte, erschienen dort „frincipes Rhodiorum" und baten ihn und
seinen Begleiter C. Decimius dringend, die Insel aufzusuchen1. Etwas
widerwillig sagten die Gesandten schließlich zu und ließen sich in
Rhodos, wo sie einige Tage verweilten, vor die Volksversammlung
führen.
Dort hielt zunächst Popillius Laenas eine heftige Rede2, welche die
Rhodier das Schlimmste befürchten ließ, während sich Decimius etwas

12 Vgl. Anm. 10; dazu H. Volkmann, Die Massenversklavungen d. Einw. erob.


Städte in d. hellenist.-röm. Zeit (Abh. Ak. Mainz 1961, 3), 28 (mit weit. Lit.).
13 Vgl. Scullard a. O. 58—64, dagegen mit Recht Larsen, Fed. States 481; Oost
133ff. Nach Larsen a. O. 481 f. (vgl. 387) war es in erster Linie die Bedrohung der
römischen Hauptnachschublinie nach Griechenland und dem gesamten Osten,
welche die Römer zu den Vergeltungsmaßnahmen in Epeiros veranlaßte.
14 Liv. 45,34,9. Oost 84f. denkt dabei an eine zweite Deportierungs-Aktion in
Epeiros und Akarnanien, doch scheint diese Annahme nicht notwendig zu sein.

1 Liv. 45,10,4—5. Das Folgende ib. 4—15; Cass. Dio. fr. 68,1 B. Dazu Schmitt,
Rhodos 151 f.; Hiller v. Gaertringen 796; van Gelder 152f.
2 Liv. a. O. 7—9.
Rhodos: Das Ende der Gruppe u m Deinon und Polyaratos 205

gemäßigter äußerte. Er legte den Nachdruck vor allem darauf, daß man
nicht das Volk als Ganzes, sondern nur „pauci concitores volgi" für die
Ereignisse verantwortlich machen könne 3 . Diese wenigen hätten infolge
ihrer Bestechlichkeit die königsfreundlichen Beschlüsse veranlaßt 4 .
Wenn das Volk vernünftig handle, werde es alles auf die Häupter dieser
Schuldigen lenken. Diese Ansicht fand sofort allseitige Zustimmung 8 ,
ebenso wie die sich anschließenden Reden derjenigen rhodischen „prin-
cipes", die auf die Forderung des Decimius eingingen: Auch hier richtete
sich die „Säuberung" also in erster Linie gegen die antirömischen Ele-
mente der Oberschicht. Alsbald wurde denn auch die Todesstrafe gegen
diejenigen beschlossen, die nachweislich mit Worten oder Taten für
Perseus und damit gegen Rom gearbeitet hatten. Eine Anzahl von An-
gehörigen der antirömischen Richtung hatte freilich bereits bei der An-
kunft der römischen Gesandtschaft die Flucht ergriffen; andere kamen
jetzt ihrer Hinrichtung zuvor, indem sie sich — wie so viele Gegner
Roms vor ihnen — selbst das Leben nahmen 6 .
Letzteres galt freilich nicht für die beiden führenden Romfeinde auf
der Insel, Deinon und Polyaratos, deren προαίρεση von Polybios schärf-
stens getadelt wird, weil sie nicht auch den Freitod gewählt hätten,
obwohl ihre engen Verbindungen mit Perseus durch die Festnahme der
beiderseitigen Kuriere erwiesen und sie von ihren eigenen Schreibern
überführt wurden 7 . Insbesondere war ein gewisser Thoas, der von Deinon
und Polyaratos häufig nach Makedonien gesandt worden war, zunächst
nach Knidos geflohen, dort aber gefangengenommen und nach Rhodos
ausgeliefert worden. Die Aussagen, die er — nach Folterung — bei seinem
Geständnis machte, deckten sich völlig mit dem Inhalt der aufgefunde-
nen Korrespondenz zwischen Perseus und den antirömischen Politikern
auf Rhodos 8 . Daß Deinon angesichts dieser peinlichen Enthüllungen
überhaupt noch weiterleben wollte und konnte, mutet Polybios un-
begreiflich an®.
3
Liv. 45,10,10: Culpam non penes populum, sed penes paucos concitores volgi esse
dixit.
4
Liv. a. 0 . 1 1 : eos venalem linguam habentis decreta plena regiae adsentationis fecisse
et eas legationes misisse, quarutn Rhodios semper non minus puderet quam paeniteret.
6
Liv. a. O. 12: Cum magno adsensu auditus est, non magis eo, quod multitudinem
noxa levabat, quam quod culpam in auctoris verterat.
6
Liv. a. O. 14. Vgl. unten S. 264, Anm. 1.
' Polyb. 30,7,10—8,4.
8
Polyb. 30,8,5—7.
» Polyb. 30,8,8.
206 Richtungskämpfe II

Noch hilfloser und feiger erwies sich freilich nach Polybios' Meinung
Polyaratos10, der sich in Ägypten befand, als Popillius Laenas Ptole-
maios VI. um seine Auslieferung an Rom ersuchte11. Ptolemaios sandte
Polyaratos jedoch, mit auf dessen eigene Bitten, nach Rhodos. Auf dem
Weg dorthin gelang dem ehemaligen rhodischen Politiker in Phaseiis die
Flucht; bald mußte er aber nach Kaunos und von da nach Kibyra wei-
terfliehen. Doch auch dort konnte der Flüchtling keine Sicherheit finden.
Die Stadt wandte sich an Rhodos sowie an Aemilius Paullus, der Kibyra
brieflich aufforderte, Polyaratos nach Rhodos zu schaffen; von dort
sollte er nach Rom gebracht werden. Dies geschah auch, und wahrschein-
lich ist Polyaratos dann in Rom hingerichtet worden12.
Währenddessen bemühte sich Rhodos intensiv um Verhandlungen
mit Rom13. Im Frühjahr 167 v. Chr. traf als erster Gesandter Philokrates
ein14; ihm folgten Philophron und Astymedes. Ihre Aufgabe war äußerst
schwierig, brachte der Praetor M'. luventius Thalna doch sogar den
Antrag ein, den Rhodiern den Krieg zu erklären16. Er stieß freilich auf
den entschiedenen Widerstand der Volkstribunen M. Pomponius und
M. Antonius16. Letzterer führte die Rhodier einige Tage später auch in
den Senat17, wo zunächst Philophron, dann Astymedes sprach18, dessen
Rede aber nach Meinung des Polybios ziemlich unglücklich angelegt
war, da er allzusehr auf einer Rechtfertigung der Rhodier beharrte und
zugleich mit Vorwürfen gegen andere griechische Staatswesen nicht
sparte19. Nach ihm ergriff Cato das Wort zu seiner berühmten Rede20,
in der er mit großer Entschiedenheit die Eröffnung eines Krieges gegen
10
Polyb. 30,9,19; dazu Schmitt a. O. 152; Th. Leaschau, RE X X I 2 (19Ö2), 1488,
Nr. 2; vgl. auch Larsen, Fed. States 476f.
11
Vgl. dazu Schmitt a. O. 162, Anm. 3 sowie oben S. 195, Anm. 19.
12
Polyb. 30,9,19.
« P o l y b . 30,4; Liv. 45,20,4—25,13 (z. Quellenwert Niese 3,193, Anm. 4); Diod.
31,5. Dazu Schmitt a. O. 152ff.; Hiller v. Gaertringen 796; van Gelder 153f.
14
Z. Pers. vgl. W. Hoffmann, RE X I X 2 (1938), 2499, Nr. 7.
15
Polyb. 30,4,4; Liv. 45,21,1—2; Diod. 31,5,3.
16
Liv. 45,21,3.
« Polyb. 30,4,6; Diod. 31,6,1.
18
Polyb. 30,4,6. Die bei Liv. 45,22—24 überlieferte Rede eines der rhodischen Ge-
sandten stellt offenbar weitgehend eine Erfindung des Livius dar, vgl. Anm. 13.
18
Polyb. 30,4,10—17.
20
Liv. 45,25,2—3; Gell. 6,3 ( = H. Malcovati, Oratorum Romanorum Fragmenta,
3. Aufl. Turin 1967, 62ff., fr. 163—171, Cato fr. 95 P.); vgl. zuletzt Schmitt,
Rhodos 153f. (mit d. weit. Lit.); dazu D. Kienast, Cato d. Zensor (Heidelberg
1954), 119—124; M. Geizer, RE XXII 1 (1953), 133—136, Art. Porcius Nr. 9.
Rhodos: Das Ende der Gruppe u m Deinon und Polyaratos 207

Rhodos verwarf und ein bemerkenswertes Verständnis für das gleichsam


natürliche Bestreben der rhodischen Politik zeigte, nicht so sehr aus
Feindschaft gegen Rom als vielmehr um der eigenen Freiheit willen die
Alleinherrschaft Roms zu verhindern21. Das erinnert ganz auffallend an
die politischen Gedanken der ,media pars' in Griechenland und Rhodos22,
und die Vermutung liegt nahe, daß Cato sich hier eine Argumentation
zu eigen machte, die ihm rhodische Politiker in privaten Gesprächen
nahegebracht hatten. Die Antwort des Senats an die rhodische Gesandt-
schaft fiel aber dennoch wenig befriedigend aus: die Rhodier wurden
zwar nicht zu hostes erklärt, waren aber für Rom auch keine socii mehr23.
Ein Teil der Gesandten unter Philokrates kehrte daraufhin nach
Rhodos zurück24. Dort beschloß man auf die Nachricht von der Haltung
des Senats hin sofort einen goldenen Kranz als Geschenk für Rom, mit
dessen Überbringung der Nauarch Theaidetos, der Vater des Astymedes,
und Rhodophon beauftragt wurden28. Während die Rhodier erfolgreich
gegen die abgefallenen Kaunier, Mylasa und Alabanda vorgingen2®,
versuchten sie auf diesem Wege in ein Bündnis mit Rom zu kommen27.
Der Senat ignorierte die Gesandtschaft jedoch28, und der über achtzig-
jährige Theaide tos starb darüber in Rom29. Als die Römer dann von sich
aus Karien und Lykien für frei erklärten und Rhodos auch offiziell zum
Abzug seiner Truppen aus Kaunos und Stratonikeia aufforderten, kehr-
ten Philophron und Astymedes im Jahre 166 v. Chr. schleunigst nach

21
Gell. 6,3,16: Atque ego quidem arbitror Rodienses noluisse nos ita depugnare, uti
depugnatum est, neque regem Persen vinci. Sed non Rodienses modo id noluere, sed
multos populos atque multas nationes idem noluisse arbitror; atque haut scio, an
partim eorum fuerint, qui non nostrae contumeliae causa id noluerint evenire, sed
enim id metuere — si nemo esset homo, quem vereremur, quidquid luberet, facere-
mus —, ne sub solo imperio nostro in Servitute nostra essent; libertatis suae causa
in ea sententia fuisse arbitror. Atque Rodienses tarnen Persen publice numquam
adiuvere.
22
Vgl. oben S. 162 ff.
23
Liv. 45,25,4; Schmitt a. O. 154f.
24
Polyb. 30,5,1; Liv. 45,25,4—5; vgl. H o f f m a n n a. O.
24
Polyb. 30,5,4; Liv. 45,25,7; dazu Schmitt a. O. 155; Hiller v. Gaertringen 796;
van Gelder 155; F. Stähelin, R E I A 1 (1914), 957 (wo aber Rhodophon irr-
tümlich als rhodischer Nauarch bezeichnet wird).
24
Liv. 45.25,11—13.
27
Polyb. 30,5,4; Liv. 45,25,7—10.
28
Polyb. 30,19,16—17.
28
Polyb. 30,21,1—2.
208 Richtungskämpfe II

Rhodos zurück, um für die umgehende Erfüllung der römischen Wünsche


zu sorgen30.
Auch die im gleichen Jahr durchgeführte Gesandtschaftsreise des
Aristoteles blieb ohne Erfolg31. Jahre vergingen noch, bis endlich 164
v. Chr. einer Gesandtschaft unter der Leitung des unermüdlichen Asty-
medes, der jetzt wesentlich bescheidener und schuldbewußter vor dem
Senat auftrat als im Jahre 167 v. Chr., der Abschluß eines Foedus gelang32.
Daß sich dies alles so lange hinzog, mag indirekt nicht zuletzt damit
zusammenhängen, daß es, anders als in den Staaten des griechischen
Mutterlandes, auf der Insel keine Vertreter der radikal prorömischen
Richtung gab. Der politische Widerstand gegen Rom aber war jetzt auch
auf Rhodos endgültig gebrochen.

4. Griechenland nach der ,, Großen Säuberung":


Der Beginn der Herrschaft der prorömischen ,,principes"

Mit dem Perseuskrieg und dem folgenden Umschwung in Griechenland


hatte sich die Situation in Hellas gegenüber derjenigen der Jahre 197
und 189 v. Chr. grundlegend gewandelt. Während damals, nach dem
II. Makedonischen und dem Syrischen Krieg, noch allenthalben be-
deutende Widerstände gegen Rom nicht nur in den unteren Schichten,
sondern auch in weiten Teilen der Oberschicht existierten, war jetzt im
ganzen Mutterland offensichtlich der Zeitpunkt gekommen, wo die
politische Führung ein für allemal an die betont prorömischen „prin-
cipes" übergegangen war. Gewiß war auch nach der „Großen Säuberung"
nicht ganz Griechenland mit einemmal vorbehaltlos romfreundlich ge-
worden ; allein die umfangreichen Deportationen nach Italien und ebenso
die wenig zimperlichen, ζ. T. brutalen Methoden, mit denen die pro-
römischen „Optimaten" ihre Herrschaft festigten, riefen zahlreiche
Proteste hervor. In den meisten Staaten blieb die Lage daher zumindest
in den ersten Jahren bis etwa 160 v. Chr. noch ziemlich gespannt, be-
sonders in Epeiros; aber auch in Achaia läßt sich das Fortwirken der alten

80
Polyb. 30,5,12; 21,3—5; Liv. 45,25,6; Schmitt a. O. 156ff.; Hiller v. Gaertringen
796f.; van Gelder 155f.
31
Polyb. 30,23,2—4; dazu van Gelder 157; Niese 3,195.
82
Polyb. 30,31; Liv. per. 46; dazu Schmitt a. O. 160ff.; Hiller v. Gaertringen 797;
van Gelder 157. Für die Annahme einer damit verbundenen Änderung der rho-
dischen Verfassung reichen die Zeugnisse nicht aus, vgl. Touloumakos 130—132.
Epeiros: Charops d. J. und seine Anhänger (168—169 v. Chr.) 209

Gegensätze deutlich verfolgen. Freilich: Von eigentlichen „Richtungs-


kämpfen" konnte jetzt nicht mehr die Rede sein, die prorömischen
„principes" saßen überall fest im Sattel, und insgesamt bildete 167 v.
Chr. zweifellos das entscheidende Epochenjahr in der Anerkennung der
römischen Vorherrschaft durch die Oberschicht des griechischen Mutter-
landes.

a) Epeiros: Das Regime Charops' d. J . und seiner Anhänger


(168—159 v. Chr.)
Von allen Führern der unbedingt prorömischen Richtung scheint in
den Jahren nach der „Großen Säuberung" der jüngere Charops in Epeiros
das härteste Regiment errichtet zu haben1. Nach Polybios, der ihm frei-
lich nicht minder ablehnend gegenüberstand als seinem Gesinnungsge-
nossen Kallikrates 2 , verstand er es andererseits besonders gut, bei allen
seinen Maßnahmen den Eindruck zu erwecken, als geschähen sie mit aus-
drücklicher Billigung Roms3. Dabei schlossen sich ihm selbst Personen an
wie der greise Myrton und dessen Sohn Nikanor, die, wie Polybios bemerkt,
vorher als „rechtschaffene" Römerfreunde bekannt waren, d. h. offenbar
eher Polybios' eigener, „mittlerer" politischer Richtung nahegestanden
hatten 4 . Mit Mord und Hinrichtungen ging Charops rücksichtslos gegen
seine Widersacher vor und konfiszierte ihren Besitz8. Schließlich be-
drohte er alle Wohlhabenden, Männer wie Frauen, mit der Verbannung
und erpreßte sie damit, er selbst die Männer, seine Frau Philotis dagegen
die Frauen®.
Am Ende dieser Aktion aber brachte er die angedrohten Verfahren
doch nach Phoinike vor das epeirotische Koinon7. Dort stimmten die
ττολλοί in der Tat, nach Polybios teils aus Furcht, teils auch, weil sie
sich von den Anhängern des Charops ködern ließen, einem Antrag der
Charops-Gruppe zu, wonach alle als „Gegner Roms" namhaft Ge-
machten nicht mit der Verbannung, sondern mit dem Tode bestraft

1Polyb. 32,5,5—8; Diod. 31,31; dazu Oost 87; Scullard 61.


2Vgl. Polyb. 30,12,2—3.
3 Polyb. 32,5,9: είχε δ' οίον έφεδρείαυ καΐ ροττην προς τό τπστεύεσθοπ διότι ττράτ-

τει κατά τίνα λόγον δ ττοιεΐ καΐ μετά της 'Ρωμαίων γνώμη;.
4 Polyb. 32,5,9—10.
6 Polyb. 32,5,11; vgl. ib. 6; Diod. 31,31.

• Polyb. 32,5,12—14; Diod. a. O. (dort Philota).


7 Polyb. 32,6,1.

14 Deininger, Widerstand
210 Richtungskämpfe II

werden sollten8. Als die davon Betroffenen die Flucht ergriffen, begab
sich Charops zusammen mit Myrton und dessen Genossen nach Rom und
wollte dort — notfalls, wie Polybios zu berichten weiß, durch Beste-
chung — eine Sanktionierung seiner Maßnahmen durch den Senat er-
reichen, die die Exilierten offenbar in Rom angefochten hatten9.
Nicht nur M. Aemilius Lepidus, der princeps senatus, und L. Aemilius
Paullus verwehrten jedoch dem Epeiroten den Zugang zu ihren Häusern
und ließen damit für alle in Italien weilenden Griechen, vor allem die
Internierten, ein, wie Polybios es nennt, hoffnungsvolles Zeichen der
römischen Haltung gegenüber Charops und seinen Gesinnungsfreunden
sichtbar werden10; auch der Senat selbst verschloß sich den Forderungen
des Charops und versprach lediglich, er werde eine Gesandtschaft nach
Epeiros schicken. Charops freilich verschwieg diese Antwort und er-
weckte durch ein Schreiben an das Koinon den Eindruck, als hätten die
Römer seinen Maßnahmen die erwünschte Billigung verliehen11.
Die Periode des schlimmsten Terrors im Gefolge der „Großen Säube-
rung" in Griechenland ging jedoch zu Ende. Charops selbst ist nicht viel
später, vielleicht schon auf der Rückreise nach Epeiros, 159 v. Chr., in
Brundisium gestorben12. Allenthalben in Griechenland aber trat eine
fühlbare innenpolitische Entspannung ein, als in diesem gleichen Jahr
auch eine ganze Anzahl anderer führender Vertreter der radikal pro-
römischen Richtung kurz hintereinander aus dem Leben schieden. In
Aitolien fand damals, wie Polybios berichtet, Lykiskos einen ehrenvollen
Tod; sein Abgang aus der Politik bedeutete eine wesentliche Beruhigung
der Verhältnisse in Aitolien13. Ähnliches vollzog sich gleichzeitig, nach

8 Polyb. 32,6,2; Diod. a. O.


» Polyb. 32,6,3; zum Datum (vor Ende 160 v. Chr.) vgl. Oost 135, Anm. 122.
10 Polyb. 32,6,4—5; dazu Oost 87.
1 1 Polyb. 32,6,7—9; Oost a. O.
12 Polyb. 32,5,4 (unter den Ereignissen des Jahres 159 v. Chr.). Z. Dat. vgl. Th.

Büttner-Wobst, RE Suppl. I (1903), 285, Nr. 12; De Sanctis 4,3,77; vgl. auch
Geizer, Kl. Sehr. 3,173. Anders Oost 87, wonach Charops 160/59 v. Chr. mit dem
erwähnten Schreiben nach Epeiros zurückgekehrt wäre (was jedoch aus Poly-
bios 32,6,9 nicht eindeutig hervorgeht) und erst anläßlich einer späteren Rom-
reise, etwa 158 oder 157 v. Chr., in Brundisium gestorben wäre; vgl. auch Scullard
a. O.; Hertzberg 230. Unwahrscheinlich mutet die Annahme von Passerini 333
an, Charops sei in Brundisium im Exil gestorben (vgl. jedoch Oost a. O.). — Spä-
tere Verhandlungen zwischen dem Senat und epeirotischen Verbannten erwähnt
noch Polyb. 32,14 (155 v. Chr.).
1 3 Polyb. 32,4,1—5,1.
Achaia: Bemühungen um die Rückkehr der Deportierten (167—150 v. Chr.) 211

dem Tod des Chremas, in Akamanien, sowie Boiotien, wo Mnasippos


starb14. Für Polybios war damit geradezu ein καθαρμός της 'Ελλάδος von
seinen „bösen Geistern" erfolgt15, und nur in Achaia behielt Kallikrates
auch weiterhin die Führung in der Hand.

b) Achaia: Das Regime des Kallikrates und seiner Gruppe und die
Bemühungen um die Rückkehr der Deportierten (167—150 v. Chr.)
Bei all ihrer Bruchstückhaftigkeit liefern die Fragmente des Polybios
doch ein einigermaßen klares Bild der inneren Lage Achaias in den
ersten Jahren nach dem Perseuskrieg und der „Großen Säuberung".
Die grundsätzliche Vorherrschaft der Richtung des Kallikrates war jetzt
unbestritten, auch wenn es eine fühlbare Opposition gab, deren Äuße-
rungen Polybios natürlich sorgfältig registriert und hinter der nicht nur
Angehörige und Freunde der Deportierten standen — so war etwa
Polybios' älterer Bruder Thearidas in Achaia geblieben1 —, sondern auch
die πολλοί. Bis 154 v. Chr. sind nicht weniger als fünf Gesandtschaften
überliefert, die sich wegen der Repatriierung der Internierten nach Rom
begaben. Wie sich die Kallikratesgruppe im einzelnen zu diesen Gesandt-
schaften stellte, weiß man nicht 2 ; jedenfalls endeten sie alle mit einem
Mißerfolg.
Die erste ablehnende Antwort erteilte der Senat den Achaiem bereits
166 oder 165 v. Chr.3, was die bestehende ohnmächtige Mißstimmung,
οργή und μίσος, gegen Kallikrates und seinen Anhang noch steigerte4.
Besonders drastisch äußerte sich, wie Polybios nicht ohne Genugtuung

14 Polyb. 32,5,2.
16 Polyb. 32,5,3.
1 Bei den Bemühungen um die Repatriierung der Internierten tritt er allerdings
in der Überlieferung nirgends hervor.
2 Vgl. Larsen, Fed. States 483f., dessen Vermutung, daß Kallikrates hier mit der
Opposition zusammengearbeitet haben könnte, zweifellos abwegig ist; vgl. auch
Errington 212f. Zu den einzelnen Gesandtschaften selbst vgl. Larsen a. O. 484f.;
Geizer, Kl. Sehr. 3,171 f.
3 Polyb. 30,32,1—2: μετά τίνα χρόνον είσήλθον (164 ν. Chr.) οΐιταράτών 'Αχαιών
πρέσβεις, εχοντες έντολάς ακολούθως ταϊς άττοκρίσεσιν, als "πρότερου ελαβον
αύται δ* ήσαν διότι βαυμάζουσιν πώς, ίπτέρ ών αύτοί κεκρίκασι, ττερί τούτων
αυτούς τταρακαλοΰσιν κρίνειν.
4 Polyb. 30,29,1: Παραγενομένων των -πρεσβευτών καΐ διασαφούντων τά κατά τάς
αποκρίσεις, ούκέτι θόρυβος ην, άλλ' οργή καΐ μίσος έκφανές -προς τους περί τον
Καλλικράτην.
14«
212 Richtungskämpfe I I

berichtet, der weitverbreitete Haß gegen Kallikrates, Andronidas und


ihre Parteigänger anläßlich des Festes der Antigoneia in Sikyon, als
niemand mehr in dem Wasser baden wollte, in welchem zuvor Mitglieder
der bedingungslos prorömischen Richtung gebadet hatten, und alle dar-
auf bestanden, daß der Badesklave erst das Wasser abließ und frisches
Wasser eingoß6. Wenn bei den großen panhellenischen Agonen jemand
den Namen des Kallikrates oder eines seiner Freunde ausrief, erhob sich
ein Tumult 6 ; ja, es kam vor, daß ihnen Kinder auf dem Schulweg ge-
radezu „Verräter" ins Gesicht riefen7.
Im Jahre 164 v. Chr. erschien erneut eine achaiische Gesandtschaft
in Rom, die aus Eureas, Anaxidamos aus Megalopolis und Satyros be-
stand 8 und die dringende Bitte aussprach, der Senat möge endlich das
Verfahren gegen die Deportierten in Gang bringen oder, falls er es nicht
selbst führen wolle, es den Achaiern übertragen, die selbst für die strenge
Bestrafung der wirklich Schuldigen Sorge tragen würden9. In Rom wollte
man sich jedoch keineswegs zu einem förmlichen Prozeß gegen die Inter-
nierten entschließen; umgekehrt befürchtete man im Senat aber, daß
eine eventuelle Rückkehr der Internierten die Position der unbedingt
prorömischen Gruppe um Kallikrates gefährden würde10. So wurden die
Wünsche der Achaier abschlägig beschieden. Im Antwortschreiben er-
klärte der Senat offen, daß die Rückkehr der Internierten weder im
Interesse Roms noch auch in jenem der Achaier selbst liegen könne11.
Diese harte Absage an die Hoffnungen der πολλοί12 bedeutete eine
neuerliche Bestätigung der Gruppe um Kallikrates in Achaia, aber auch
aller anderen absolut prorömischen Politiker in ganz Griechenland13.
5 Polyb. 30,29,2—5; P. Schoch, R E Suppl. I V (1924), 861.
6 Polyb. 30,29,6.
7 Polyb. 30,29,7. Polybios selbst wirft Kallikrates nirgends ausdrücklich ,,Verrat"
vor.
8 Polyb. 30,30,1; vgl. Lehmann 310 f.
9 Polyb. 30,32,1—5.
10 Polyb. 30,32, 6—8; ib. 8: άναγκαζομένη (sc. ή σύγκλητος) καΐ βουλομένη
ττσρελέσθαι καθόλου τήυ ελπίδα των πολλών ύπέρ της των κατεχομένων σω-
τηρίας, ίνα συμμύσαντες πειθαρχώσιν äv μεν 'Αχαία τοις περί τόν Καλλικράτην,
έν δέ τοΤξ άλλο is πολιτεύμασι τοΐ$ δοκοϋσιν είναι 'Ρωμαίων.
11 Polyb. 30,32,9.
12 Polyb. 30,32,8 (vgl. Anm. 10); 11.
13 Von Bemühungen der anderen Koina um die Repatriierung ihrer Deportierten
ist nichts Sicheres überliefert (vgl. für Aitolien lust. 33,2,8, dazu jedoch oben
S. 196, Anm. 22), doch werden diese hinter Achaia kaum allzusehr zurückgestanden
sein.
Achaia: Bemühungen um die Rückkehr der Deportierten (167—150 v. Chr.) 213

Nicht nur der πλήθη bemächtigte sich, wie Polybios berichtet, überall
tiefe Niedergeschlagenheit in dem Maße, in dem die Richtung von Cha-
rops und Kallikrates Auftrieb erfuhr 14 ; auch alle Deportierten selbst
verloren immer mehr den Mut, und die Selbstmorde unter ihnen häuften
sich erschreckend 16 .
Fünf Jahre später, 159 v. Chr., im Jahr des „καθαρμός της Ελλάδος"1®,
weilte dann wieder eine achaiische Gesandtschaft in Rom, diesmal unter
der Leitung von Xenon aus Aigion und Telekles aus Aigeira17. Nachdem
viele der Inhaftierten, zumal die bekannteren unter ihnen, bereits ge-
storben waren 18 , scheint sich diese Gesandtschaft besonders um die Frei-
lassung von Polybios und Stratios bemüht zu haben, blieb aber wie
alle vorhergegangenen Gesandtschaften erfolglos18.
Einige Jahre später, 155 v. Chr., schien es, als sollten sich die gleichen
Gesandten bei einem erneuten Versuch im Senat endlich durchsetzen,
doch vereitelte der den Vorsitz führende Praetor A. Postumius Albinus
durch sein Abstimmungsverfahren ihre Absicht 20 . Dies veranlaßte die
πολλοί in Achaia, sofort eine neue Gesandtschaft nach Rom zu schicken,
die diesmal unter der Leitung von Telekles und Anaxidamos von Mega-
lopolis stand; aber auch ihr blieb der Erfolg versagt 21 .
Wie vollständig weiterhin in Achaia die Gruppe um Kallikrates die
ganze politische Macht in der Hand hatte, zeigt eine Episode, die Poly-
bios für das Jahr 154 v. Chr. überliefert 22 . Damals wollten zwei Ge-
sandtschaften aus Kreta und Rhodos in einem Konflikt die Achaier
jeweils auf ihrer Seite zur Intervention veranlassen. Die πολλοί standen
dabei, wie Polybios berichtet, ziemlich eindeutig hinter Rhodos 23 . Indes
verhinderte wiederum Kallikrates eine achaiische Aktion, indem er er-

14
Polyb. 30,32,10—12.
16
Polyb. 30,32,10; Zonar. 9,31,1. — Damals, 164 v. Chr., wurde Kallikrates von
C. Sulpicius Galus mit dem Urteil in dem Grenzstreit zwischen Sparta und Mega-
lopolis beauftragt, Polyb. 31,1,6—7; Paus. 7,11,1—2; Syll. 3 665; dazu Lehmann
311 f.; Schoch a. O.
18
Polyb. 32,5,3; vgl. oben S. 211.
17
Polyb. 32,3,14—17; zur Herkunft der beiden Polyb. 33,1,3; z. Pers. d. Xenon
vgl. Η. H. Schmitt, R E I X A 2 (1967), 1538, Nr. 7.
18
Polyb. 32,3,15.
18
Polyb. 32,3,17; Niese, 3,316.
20
Polyb. 33,2,3—8; Schmitt, Rhodos a. O.; Niese 3,316f.; Hertzberg 219f.
21
Polyb. 33,3; 14; Niese 3, 317 (154 v. Chr.); De Sanctis 4,3,127 (153 ν. Chr.).
22
Polyb. 33,16; dazu Lehmann 313f.; Niese 3,325 (m. Anm. 3).
23
Polyb. 33,16,7: όρμήν είχον ol πολλοί τοις 'Ροδίοΐξ βοηθεϊν.
214 Richtungskämpfe II

klärte, ohne vorherige Zustimmung Roms dürften die Achaier unter


keinen Umständen in den Krieg auf Kreta eingreifen24.
Nicht weniger als fünf Jahre sollten noch vergehen, bis die depor-
tierten Achaier vom Senat endlich freigelassen wurden, wobei vor allem
die engen Beziehungen zwischen Polybios und Scipio Aemilianus eine
Rolle gespielt zu haben scheinen25; den Ausschlag zugunsten ihrer Be-
freiung aber gab im Herbst 150 v. Chr. offenbar der alte Cato26, der
schon einmal, 167 v. Chr., zugunsten der Vertreter der „tertia pars"
bei den Griechen eingetreten war27. Eine weitergehende Bitte des Poly-
bios um die Wiedereinsetzung der Internierten in ihre alten Rechte in
Achaia lehnte er allerdings mit Entschiedenheit ab28.
Auch die übrigen deportierten Griechen durften wohl damals in ihre
Heimat, nach Epeiros, Akarnanien, Aitolien und Boiotien, zurückkeh-
ren29 — soweit sie überhaupt noch am Leben waren. Von den ursprüng-
lich mehr als tausend verschleppten Achaiern haben jedenfalls nur noch
rund 300 Griechenland wiedergesehen30. Eine Gefahr für die Römer
stellten sie, wie Cato selbst betont hatte, nicht mehr dar; Widerstand
gegen Rom war von ihnen, nach 17 Jahren Gefangenschaft in Italien,
nicht mehr zu erwarten — und nichts deutet darauf hin, daß diese Er-
wartung enttäuscht worden wäre.

21
Polyb. a. O. Ob sich Kallikrates hier vorher mit den Römern abgestimmt hatte
(so Niccolini 327), ist unbekannt, aber nicht (wie Lehmann 314 behauptet) un-
möglich.
24
Polyb. 35,6,1; dazu zuletzt Α. E. Astin, Scipio Aemilianus (Oxford 1967), 49.
28
Polyb. 35,6. Zum Datum Astin a. O. 245, Anm. 6; De Sanctis 4,3,127, Anm. 136;
Niccolini 182. Anders (151 v. Chr.) Larsen, Fed. States 485, Anm. 3, nach P.V.M.
Benecke, CAH 8,302.
27
Vgl. oben S. 207, Anm. 21.
28
Polyb. 35,6,3—4; dazu K. Ziegler, RE X X I 2 (1952), 1453.
29
Polyb. 3,5,4; Zonar. 9,31,1 (von den internierten "Ελληνες allgemein); Paus.
7,10,12 (Achaia); lust. 33,2,8 (Aitolien; s. jedoch oben S. 196, Anm. 22); dazu
Ziegler a. O.; Niese 3,318, Anm. 1.
110
Paus. a. O.
Die „Große Säuberung" nach dem Perseuskrieg bildete zwar einen
entscheidenden Einschnitt in der Geschichte des politischen Widerstandes
gegen Rom in Griechenland; gänzlich erloschen aber war dieser trotz
der Massendeportationen und des Triumphs der extrem prorömischen
principes-Gruppen noch immer nicht. Lediglich in Nordwestgriechenland:
Aitolien, Akarnanien und Epeiros rührte sich nach 167 v. Chr. überhaupt
keine Opposition mehr gegen Rom; Lykiskos, Chremas, Charops und ihre
Anhänger scheinen dort gründliche Arbeit geleistet zu haben. Dagegen
ließ sich in Achaia deutlich das untergründige Weiterbestehen eines
Widerstandes gegen das „Verrats"-Regime des Kallikrates verfolgen,
und hier sollten sich denn auch engagierte Gegner Roms noch einmal
gegen das unausweichlich scheinende Schicksal des Landes aufbäumen:
146 v. Chr. trat das achaiische Koinon zu einem Kampf gegen Rom an,
den Polybios schärfstens verurteilt hat und der, wie in der Tat nicht
anders zu erwarten, mit dem völligen politischen Zusammenbruch
Achaias und der anderen, mittelgriechischen Staatswesen endete, die
sich den Achaiern anzuschließen gewagt hatten. Damit schien die poli-
tische Opposition gegen Rom in Griechenland endgültig zum Schweigen
gebracht; doch nahezu sechzig Jahre später flackerte erneut antirö-
mischer Widerstand in Griechenland auf, ids 88 ν. Chr. Athen, ebenfalls
gefolgt von Teilen Mittelgriechenlands, gleichsam mit fliegenden Fahnen
zu Mithridates überging und nur nach langer, hartnäckiger Belagerung
von Sulla erobert und unter die römische Vorherrschaft zurückgezwungen
werden konnte. Erst damit war dann der griechische Widerstandswille
gegen Rom für immer gebrochen.
Das eigentümliche Fehlen jeglichen umfassenderen poütischen Kon-
zepts, das sich in dem in beiden Fällen praktisch aussichtslosen, ephe-
meren Kampf gegen die Ubermacht Roms enthüllte, und die bedeutende
Rolle emotionaler Elemente dürften nicht zuletzt damit zusammen-
hängen, daß diese letzten romfeindlichen Bewegungen nicht mehr von
wesentlichen Teilen der Oberschicht getragen wurden, sondern ganz
überwiegend von den ττολλοί und deren Führern beherrscht waren. Hier
tritt ein grundlegender Unterschied in dem Charakter des antirömischen
Widerstandes vor und nach dem Perseuskrieg zutage; offenbar vor allem
infolge der „Großen Säuberung" der Jahre 168—167 v. Chr. waren die
„principes" als Träger des Widerstandes gegen Rom weitgehend ver-
218 Widerstand in den unteren Schichten (bis 86 v. Chr.)

schwunden und stand das letzte Stadium des Widerstandes ganz im


Zeichen der ττολλοί.
Was deren grundsätzliche politische Haltung betrifft, so hat die bis-
herige Untersuchung klar ergeben, daß sie sich von allem Anfang an
durch ausgesprochen antirömische Züge auszeichneten, ja geradezu der
eigentliche Hort der Romfeindschaft in Griechenland waren. Seit den
Jahren des I. römisch-makedonischen Krieges war ein tiefwurzelnder
Gegensatz zwischen den unteren Schichten in Griechenland und der
römischen Macht sichtbar geworden; und während in der folgenden Zeit
anhaltende schwere Richtungskämpfe die Oberschicht über die Frage
ihrer politischen Haltung gegenüber Rom immer schärfer spalteten, er-
scheinen die unteren Schichten immer wieder als konsequente Gegner
Roms, die zu politischer Relevanz freilich nur in Verbindung mit rom-
feindlichen Gruppen der „principes" kamen. Seit 198 v. Chr. etwa wurde
dies in Achaia, Boiotien und Akarnanien offenkundig. In Aitolien waren
die πολλοί die entscheidende Kraft hinter den antirömischen Politikern
um Thoas, die maßgebend an der Entfesselung des Antiochoskrieges be-
teiligt waren, und es waren die ττολλοί, die auch nach dem Rückzug des
Antiochos nach Kleinasien immer wieder die Fortsetzung des Kampfes
gegen Rom bis zur völligen Erschöpfung Aitoliens erzwangen. Auch in
der großen, die ganze Geschichte Achaias von 193 bis 168 v. Chr. be-
herrschenden Auseinandersetzung zwischen den beiden von Aristainos
und Philopoimen begründeten, rivalisierenden politischen Richtungen
des συνεργεΐν und des άυτερείδειν standen die ττολλοί bezeichnenderweise
durchweg hinter den Politikern des „Friedlichen Widerstandes" gegen
Rom. Nirgends ist, soweit die Überlieferung reicht, die römische Politik
bei den ττολλοί je auf Zustimmung gestoßen — es sei denn, daß die
Römer Griechenland scheinbar die Freiheit zurückgaben oder ihre Trup-
pen daraus zurückzogen, wie 196 bzw. 194 v. Chr.
Wie die späteren Ereignisse beweisen, wurde diese beharrliche Rom-
feindschaft der unteren Schichten auch durch die umfangreichen, ohnehin
nur gegen die „principes" gerichteten Säuberungen nach dem III. Make-
donischen Krieg nicht gebrochen. Fast ganz ausgeschaltet waren jetzt
lediglich die Gruppen der Oberschicht, welche bisher die in den unteren
Schichten vorhandenen antirömischen Kräfte zur Unterstützung ihrer
gegen Rom gerichteten Politik herangezogen hatten. Dieses Fehlen einer
nennenswerten Lenkung und überhaupt einer Rückendeckung vonseiten
der Oberschicht offenbarte sich deutlich im Achaiischen Krieg, vollends
aber bei den Ereignissen des Jahres 88 v. Chr. in Athen: Der Versuch,
Widerstand in den unteren Schichten (bis 86 v. Chr.) 219

mit Hilfe der πολλοί, aber ohne bzw. gegen die ,,principes''-Schicht
noch antirömische Politik zu betreiben, scheiterte in beiden Fällen
rasch und gründlich und besiegelte nur umso fester das Schicksal des
griechischen Widerstandes gegen Rom 1 .

1 Diese Verlagerung des Widerstandes nach .unten' zeigt sich zur selben Zeit
übrigens auch in Makedonien, das außerhalb des hier gezogenen Rahmens ver-
bleibt. Nach der Abschaffung der Monarchie und der Deportation zahlreicher
führender Makedonen im Gefolge der .Großen Säuberung' 167 v. Chr. (Liv.
45,32,3—6; vgl. Diod. 31,8,12) kam es dort immer wieder zu Unruhen, so 163
v. Chr. (Polyb. 31,2,12), 162 v. Chr., als ein gewisser Damasippos in Pella die
Synedroi ermordete (Polyb. 31,17,2—8) und 151 v. Chr. (Polyb. 35,4,11; vgl.Oros.
4,21,1). Über Einzelheiten ist leider nichts bekannt, doch wird insbesondere beim
Aufstand des Andriskos (149/8 v. Chr.) ganz deutlich, daß es sich dabei um eine
Widerstandsbewegung vor allem der πολλοί handelte. Dasselbe hat von den auf
Andriskos folgenden Prätendenten zu gelten, unten S. 243. So bestätigt auch
Makedonien das für Griechenland gewonnene Bild des allgemeinen Charakters
des antirömischen Widerstandes nach 168 v. Chr.
I. Der Achaiische Krieg: Die πολλοί und die Katastrophe
des achaiischen Koinon (147/6 v. Chr.)

Die Vorgeschichte der Verwicklungen, die schließlich zum Ausbruch


des Achaiischen Krieges führten, ist hier nur insoweit darzulegen, als sie
für das Verständnis der späteren, eigentlich antirömischen Phase der
achaiischen Politik notwendig ist; die Einzelheiten sind infolge der
wirren Uberlieferung ohnehin zum großen Teil problematisch1.
Nach der Darstellung des Pausanias reichten die Wurzeln des Kon-
flikts bis zu den großen Bestechungsaffären zurück, die das Eingreifen
des achaiischen Koinon in die Auseinandersetzung zwischen Athen und
Oropos begleitet haben sollen. So boten die Oropier dem amtierenden
Strategen Menalkidas (151/0 v. Chr.) angeblich 10 Talente für den Fall,
daß es ihm gelänge, die Intervention des achaiischen Koinon zu ihren
Gunsten herbeizuführen2. Menalkidas suchte für diesen Plan die Unter-
stützung des Kallikrates als des noch immer einflußreichsten achaiischen
Politikers zu gewinnen3, indem er diesem seinerseits 5 Talente von dieser
Summe versprach. Kallikrates soll darauf eingegangen sein und die
achaiische Intervention befürwortet haben. Die Achaier vertrieben nun
in der Tat die Athener aus Oropos, doch am Ende weigerte sich Menal-
kidas, Kallikrates die zugesagten 5 Talente zu übergeben. Daraufhin soll
Kallikrates versucht haben, Menalkidas durch eine Anklage wegen se-
paratistischer Umtriebe zugunsten Spartas durch das Koinon zum Tode
verurteilen zu lassen. Um dieser Anklage zu entgehen, bestach Menal-
kidas nach Pausanias wiederum mit Erfolg seinen Nachfolger in der

1 Die Hauptquelle zum Folgenden: Paus. 7,11—13 (mit ausgesprochen feindseliger


Tendenz gegen die führenden achaiischen Politiker); dazu bes. Larsen, Fed.
States 486ff.; De Sanctis 4,3,82f.; 127ff.; Lehmann 314—322; Niccolini 186ff.;
Niese 3,319f.; 338ff.; außerdem J . Deininger, R E Suppl. X I (1968), 521—523,
Art. Diaios.
2 Paus. 7,11,7—8; Zweifel an der Bestechung bei Niese 3,320, Anm. 4. Z. Pers.
des Menalkidas Y. Ehrenberg, R E X V 1 (1931), 703f. Zu dem unverändert ent-
scheidenden Einfluß des Kallikrates vgl. Paus. a. O. 7: Καλλικράτει . . . ίσχύοντι
διά φιλίαν την 'Ρωμαίων ίν Άχαιοϊζ μέγιστον.
3 Paus. 7,11,7—8; skeptisch zur Bestechung des Kallikrates Niccolini 186 m.
Anm. 2.
Widerstand in den unteren Schichten (bis 86 v. Chr.) 221

Strategie, Diaios aus Megalopolis (150/49 ν. Chr.) mit drei Talenten aus der
oropischen Summe; als aber Diaios deswegen selbst angeklagt zu werden
drohte, soll er das Koinon durch die planmäßige Entfachung einer neuen
spartanischen Krise davon abgelenkt haben, indem er im Gegensatz zu
einer eben aus Rom zurückkehrenden spartanischen Gesandtschaft be-
hauptete, Sparta unterstehe auch nach Ansicht des Senats der Kapital-
gerichtsbarkeit des Koinon 4 .
Inwieweit diese Zusammenhänge bei Pausanias im einzelnen zu-
treffend dargestellt sind, ist fraglich; sicher ist, daß der sich rasch ver-
tiefende Streit mit Sparta das Koinon unvermittelt in einen gefährlichen
Gegensatz zu Rom brachte, als dessen Protagonist auf achaiischer Seite
zunächst der schon genannte Diaios erscheint. Wie dieser zu seiner als-
bald zutage getretenen romfeindlichen Haltung gekommen ist, ist nicht
recht klar 6 . Die ältere Annahme, daß er zu den 167—150 v. Chr. in Italien
internierten Achaiern gehört hat, ist von der Forschung wohl mit Recht
aufgegeben worden; aber auch die These, daß er — zumal als Verwandter
des Diophanes von Megalopolis, des Strategen von 192/1 v. Chr.® —
ursprünglich der Kallikrates-Gruppe angehört hätte, hat wenig Wahr-
scheinlichkeit für sich7. Es scheint, daß er spätestens dann zum Rom-
feind wurde, als er erkennen mußte, wie Rom systematisch die Sparta-
ner gegen das Koinon unterstützte.
Eine schwerwiegende Folge der Spannungen zwischen Sparta und
dem Koinon unter Diaios waren Todesurteile gegen nicht weniger als
24 führende Spartaner, unter denen sich auch Menalkidas befand; doch
konnten diese Urteile nicht vollstreckt werden, da die Betroffenen
schon vorher die Flucht ergriffen hatten 8 . Sie wandten sich prompt an den
Senat, worauf die Achaier — im Winter 149/8 v. Chr. — ihrerseits Kalli-
krates und Diaios nach Rom schickten, um ihren Interessen Gehör zu
verschaffen 9 . Vielleicht hätte — darauf deutet eine Bemerkung des
Pausanias — die ganze Angelegenheit doch noch einen anderen Verlauf
genommen, wäre nicht Kallikrates schon auf der Hinreise an einer
Krankheit gestorben 10 . So wurde zunächst nichts entschieden; nach un-

4
Paus. 7,11,7—12,5. Vgl. dazu Deininger a. O. 522.
6
Z. Pers. des Diaios vgl. J. Deininger, RE Suppl. XI (1968), 521—526, Art. Diaios.
6
Vgl. dazu zuletzt Deininger a. O. 521.
7
Vgl. Deininger a. O. (gegen Lehmann 323).
8
Paus. 7,12,5—8.
9
Paus. 7,12,8; z. Dat. Niese 3,340.
10
Paus. a. O. — Die Tatsache, daß Kallikrates und Diaios gemeinsam diese Ge-
222 Der Achaiische Krieg

erquicklichen Auseinandersetzungen zwischen Menalkidas als dem Ver-


treter der Spartaner und Diaios gab der Senat vielmehr einen wenig
klaren Bescheid und versprach im übrigen die Entsendung einer
Delegation nach Griechenland zur Klärung der strittigen Fragen11.
Diese Gesandtschaft sollte jedoch volle zwei Jahre auf sich warten
lassen. In der Zwischenzeit führte die unterschiedliche Interpretation
des Senatsentscheides zu neuen Verwicklungen und, im Frühjahr 148
v. Chr., zu einem Feldzug der Achaier unter dem Strategen Damokritos
gegen Sparta ohne Rücksicht auf die Friedensappelle des in Make-
donien gegen Andriskos kämpfenden C. Caecilius Metellus12. Damokritos
(149/8 v. Chr.) war der Nachfolger des Diaios und stand diesem auch
politisch offenbar sehr nahe13. Wegen seiner geringen Erfolge mußte er
nach Ablauf seiner Amtszeit im Herbst 148 v. Chr. nichtsdestoweniger
in die Verbannung gehen14. Diaios, der wiederum seine Nachfolge im
Strategenamt antrat (148/7 v. Chr.), mußte zwar jetzt die Ein-
stellung aller kriegerischen Aktionen gegen Sparta bis zur Ankunft
der angekündigten römischen Gesandtschaft versprechen, setzte die
Spartaner aber trotzdem so unter Druck, daß Menalkidas den
Waffenstillstand brach; doch wurde er darauf von seinen Gegnern
in Sparta zum Selbstmord gezwungen16. Damals kam es wohl auch
zu dem Vorgehen des Diaios gegen den Korinther Philinos und
dessen Söhne, die er unter der Beschuldigung, Philinos unterhalte Be-
ziehungen zu Menalkidas und sei prorömisch eingestellt, angeblich zu
Tode foltern ließ16, woraus mit einiger Sicherheit hervorgehen dürfte,
daß Diaios schon vor dem Sommer 147 v. Chr. einen bewußt anti-
römischen Kurs verfolgte.

sandtschaft unternahmen, bedeutet nicht, daß beide etwa dieselbe politische


Richtung vertraten; vgl. dazu oben S. 119f. sowie die erwähnte Bemerkung des
Paus. a. Ο.: ούδέ οίδα εϊ άφικόμευοζ 'Ρώμην ώφελησεν άν τι 'Αχαιούς ή κακών
σφισιν έγένετο μειζόνων άρχή, die darauf hinweist, daß bei Kallikrates u. U. ein
wesentlich anderes Verhalten in Rom denkbar gewesen wäre als bei Diaios.
11
Paus. 7,12,9; vgl. Deininger a. O. 523.
12
Paus. 7,13,1—4.
13
Z. Pers. d. Damokritos vgl. Th. Büttner-Wobst, RE Suppl. I (1903), 335, Nr. l a .
M
Paus. 7,13,5.
15
Paus. 7,13,5—8; vgl. Deininger a. O.
16
Polyb. 38,18,6; kritisch zu der Diaios-feindlichen Tendenz des Polybios P. Treves,
RE X I X 2 (1938), 2179, Nr. 5.
Die Herausforderung des Koinon durch Rom (147 v. Chr.) 223

1. Die Herausforderung des Koinon durch die römische Politik


(147 v. Chr.)

Zu vollem Ausbruch gelangte die romfeindliche Stimmung in Achaia


jedoch erst, als im Sommer 147 v. Chr. die seit langem erwartete römische
Gesandtschaft unter L. Aurelius Orestes eintraf1. Die Römer beriefen
den Strategen Diaios und andere maßgebende achaiische Politiker zu
sich nach Korinth2 und eröffneten diesen zu ihrer größten Bestürzung,
daß der Senat nunmehr das Ausscheiden nicht nur von Sparta, sondern
auch von Korinth, Argos, Herakleia am Oita und Orchomenos in Arka-
dien aus dem Koinon wünschte, da alle diese Städte erst nach dem II.
Makedonischen Krieg zum Koinon hinzugekommen seien und stammes-
mäßig gar nicht zu den Achaiern gehörten3.
Unmittelbare Folge dieser dürftig begründeten und sofort als un-
erträglich empfundenen Forderungen waren schwere Unruhen in Korinth.
Man Heß die Gesandten nicht einmal ausreden, sondern berief eine Ver-
sammlung ein, in welcher den Achaiern das Ansinnen des Senats mit-
geteilt wurde4. Die allgemeine Empörung darüber entlud sich auf der
Stelle in spontanen Ausschreitungen gegen die in der Stadt anwesenden
Spartaner, die sich zum Teil zu den römischen Gesandten flüchteten; denn
die Spartaner trugen in den Augen der Bevölkerung in erster Linie die
Schuld an dem feindseligen Vorgehen des Senats5. Vergeblich versuchte
Orestes, Einhalt zu gebieten; bald sahen sich die römischen Gesandten

1
Die Quellen: Liv. per. 51; per. Oxy. 51; Paus. 7, 14,1—3; Cass. Dio fr. 72 B.;
Iust. 34,1,6—9 (stark vergröbernd); dazu De Sanctis 4,3,136—140; Niese 3,
341 f. — Z. Dat. vgl. De Sanctis a. Ο.136; Niccolini 190; Μ. Gwyn Morgan, Histo-
ria 18, 1969, 437, Anm. 73 (August). Vermutungen zu den Hintergründen der
Entsendung der Mission gerade zu diesem Zeitpunkt bei Morgan a. O. 438.
2
Paus. 7,14,1, der von den Archonten der einzelnen achaiischen Städte spricht
(vgl. auch Iust. 34,1,6); richtiger aber wohl Niccolini 191, Anm. 1, der an die
Damiurgen des Koinon denkt.
s
Paus. a. O.; Cass. Dio fr. 72,1 B.; vgl. Liv. per. 51; Iust. 34,1,7. Nach Polyb.
38,9,6 wollte der Senat die Achaier mit seinen Forderungen lediglich einschüch-
tern, ihre αύθάδεια und άττέχθεια brechen. Kaum richtig Niese 3,342, Anm. 6,
wonach Polyb. a. O. gemeint habe, dem Senat sei es mit der Forderung nach
Abtrennung der fraglichen Städte vom Koinon gar nicht ernst gewesen.
* Paus. 7,14,2.
8
Paus. ib.
224 Der Achaiische Krieg

selbst ernsthaft bedroht®. Sie traten daraufhin eilends die Rückkehr


nach Rom an und erstatteten dort dem Senat einen sehr einseitigen Be-
richt über die Vorfälle in Korinth, wobei die Ausschreitungen gegen die
Spartaner als planvolle romfeindliche Aktionen hingestellt wurden7.
Der Senat, der mit einer so heftigen achaiischen Reaktion wohl gar nicht
gerechnet hatte, war nun seinerseits höchst verstimmt und schickte
sofort eine neue Gesandtschaft unter Sex. Iulius Caesar nach Achaia mit
dem Auftrag, mäßigend auf die Achaier einzuwirken, sie dringend vor
den Gegnern Roms zu warnen und die unverzügliche Bestrafung der
Drahtzieher der gegen Rom gerichteten Politik zu verlangen8.
An eine derartige Maßnahme war jedoch unter den gegebenen Um-
ständen nicht mehr zu denken. Eine tiefe Erregung hatte sich Achaias
bemächtigt; es war klar, daß die Forderungen des Senats das Koinon in
seiner ganzen bisherigen Existenzform in Frage zu stellen drohten. Ihre
Annahme hätte nicht nur die widerstandslose Preisgabe wesentlicher
Errungenschaften eines halben Jahrhunderts achaiischer Politik, son-
dern zugleich bedeutet, daß man vor keinem auch noch so schweren
römischen Eingriff mehr sicher war9. Schon im Verlauf der Auseinander-
setzung mit Sparta, das von Anfang an vom Senat immer wieder offen
oder versteckt gegen das Koinon unterstützt worden war, hatte die
achaiische Politik deutliche antirömische Züge angenommen; jetzt aber,
zumal nach dem Verschwinden der Autorität des Kallikrates, brach sich
angesichts der ausgesprochen demütigenden Forderungen ein entschieden
romfeindlicher Kurs Bahn.
An der Spitze dieser neuen antirömischen Richtung standen in erster
Linie Diaios und Kritolaos, daneben Damokritos; außerdem sind die
Namen von Alkamenes, Archikrates und Theodektes überliefert10.

8 Liv. per. 51; per. Oxy. 51 (zur Lesung [per Achaeor\um bzw. [per Diaejum pr[aeto-
rem\ vgl. Niccolini 304, Anm. 7); Cass. Dio fr. 72,2 B.; vgl. auch Polyb. 38,9,2;
Strab. 8,6,23; Cie. de imp. Cn. Pomp. 5,11. Dazu mit Recht Niese 3,343; ib. Anm.
1; „Es ist sicher, daß eine körperliche Verletzung der Gesandten nicht statt-
gefunden hat"; vgl. De Sanctis 4,3,140.
7 Polyb. 38,9,2, der den Gesandten auffälligerweise αΰξησις und καινολογί« vor-
wirft. Dies könnte vielleicht damit zusammenhängen, daß später gerade sein
Bruder Thearidas damit beauftragt wurde, die einseitigen Beschuldigungen der
römischen Gesandtschaft zurückzuweisen, vgl. unten S. 226.
8 Polyb. 38,9,3—5.
9 Vgl. dazu besonders De Sanctis 4,3,138f.
10 Polyb. 38,17,9; vgl. unten S. 236. Damokritos wurde 146 v. Chr. wieder aus der
Verbannung zurückgerufen, unten S. 236, Anm. 25.
Die Herausforderung des Koinon durch Rom (147 v. Chr.) 225

Über die Ursprünge all dieser Politiker weiß man so gut wie nichts; der
Name des Diaios erscheint zum erstenmal 150, der des Damokritos 149
und jener des Kritolaos 147 v. Chr. Daß sie nicht aus der absolut pro-
römischen Gruppe um Kallikrates hervorgegangen sind, dürfte trotz der
gegenteiligen Behauptung Lehmanns feststehen11, wie auch die These,
daß Kallikrates selbst, der rund 30 Jahre lang das anerkannte Haupt
der radikal prorömischen Richtung gewesen war, ganz am Schluß noch
zum entschiedenen Romgegner geworden sein soll, jeder Begründung
entbehrt12. Von seinen Anhängern wird während des Achaiischen Krie-
ges nur noch Andronidas genannt, und zwar eindeutig als Gegner des
Diaios13.
Ebensowenig scheint freilich ein Zusammenhang mit den zurück-
gekehrten Internierten zu bestehen. Eine Verbindung zwischen diesen
und der Gruppe um Diaios ist nicht nachweisbar14; die beiden einzigen
namentlich Bekannten aus dem Kreis der Internierten, Polybios und
Stratios, waren im Gegenteil scharfe Opponenten der Politik des Diaios.
Aufschlußreich erscheint aber in diesem Zusammenhang immerhin die
in einem Polybiosfragment erhaltene Nachricht, daß Statuen des Kalli-
krates zufällig am gleichen Tag „ins Dunkel gebracht" worden seien,
an dem man Statuen des Lykortas wieder ans „Licht hervorgeholt" und
an ihrem alten Platz aufgestellt habe15. Obwohl der Kontext, in den
dieses Fragment gehört, nicht völlig klar ist, ist es doch offenkundig in
die Zeit unmittelbar nach dem Tode des Kallikrates (Ende 149 v. Chr.)
einzuordnen und gehört wohl in den Zusammenhang der politischen
Folgen von Kallikrates' Tod. Es zeigt dann nicht nur, wie sehr die
Opposition gegen Kallikrates, die zweifellos von der an der Macht be-
findlichen Gruppe Damokritos/Diaios getragen wurde, schon 149 v. Chr.
an Boden gewonnen hatte, sondern auch, daß man in der Reaktion gegen
die Politik des Kallikrates z.T. wieder auf Lykortas zuriickgriff und
sich damit gleichsam auf die alte Tradition des „Friedlichen Wider-

11
Lehmann 323; dazu jedoch J. Deininger, RE Suppl. XI (1968), 521, Art. Diaios;
Errington 214.
12
Lehmann 321 f. Noch 151/0 v. Chr., also kurz vor seinem Tode, wird ausdrücklich
seine φιλία mit den Römern betont, oben S. 220, Anm. 2. Vgl. außerdem die
Entfernung seiner Statuen 149 v. Chr. (s. d. Folgende); zu der gemeinschaftlichen
Gesandtschaft mit Diaios oben S. 221 f., Anm. 10.
13
Polyb. 38,17,1—2; dazu unten S. 237.
14
Vgl. mit Recht Lehmann 322f. mit Anm. 387.
" Polyb. 36,13,1—2.
15 Deininger, Widerstand
226 Der Achaiische Krieg

standes" berief, auch wenn die Bestrebungen des Diaios und seiner An-
hänger von der Politik des άντερείδειν vor 167 v. Chr. wesentlich ver-
schieden waren und ζ. B. von deren ehemaligen Repräsentanten Poly-
bios und Stratios entschieden abgelehnt wurden.
Aber noch bewegte sich die Auseinandersetzung im diplomatischen
Bereich. Bald nach den Zwischenfällen in Korinth schickte das Koinon
eine Gesandtschaft nach Rom, um sich für die Vorfälle des Sommers
zu entschuldigen; ihr Führer war Thearidas, der ältere Bruder des
Polybios1®. Aller Wahrscheinlichkeit nach gehörte er nicht zu dem
radikalen Flügel um Diaios und Kritolaos, und vielleicht hoffte man, daß
er in Rom eine günstigere Aufnahme finden würde als ein unmittelbarer
Parteigänger des Diaios. Unterwegs stieß die Gesandtschaft jedoch auf
die neuen römischen Gesandten unter Sex. Iulius Caesar, die sie auf-
forderten, mit ihnen wieder in die Peloponnes zurückzureisen17.
Dies geschah, und im Herbst 147 v. Chr., wohl unmittelbar im An-
schluß an die Wahl des Kritolaos zum Nachfolger des Diaios in der Stra-
tegie für 147/6 v. Chr., fanden in Aigion die ersten Verhandlungen
statt 18 . Die Römer mahnten dabei auf das nachdrücklichste zur Zu-
rückhaltung gegenüber Rom selbst wie gegenüber Sparta; von den For-
derungen des Senats aber gingen sie offenkundig nicht ab19. Auf achai-
ischer Seite konnte man jetzt deutlich zwei Gruppen feststellen: Auf der
einen Seite das σωφρονοΰυ μέρος, das eine gemäßigte Haltung einnahm
und in dem man wohl vor allem die Reste der Richtung des Kalli-
krates vermuten darf, auf der anderen Seite dagegen το πλήθος των
άυθρώπων, das zwar nicht offen zu widersprechen wagte, jedoch sicht-
lich in einer ausgesprochen antirömischen Haltung verharrte20.
Die Führung dieses πλήθος lag unbestritten bei Kritolaos und Diaios,
die erkannt hatten, daß, wenn der Senat von seinen Forderungen nicht
abging, das achaiische Koinon politisch nichts mehr zu verlieren hatte,
M
Polyb. 38,10,1—2; Paus. 7,14,3; Cass. Dio fr. 72,2 Β. Z. Pers. des Thearidas vgl.
F. Stähelin, RE V A 2 (1934), 1382, Nr. 2.
17
Polyb. 38,10,3; Paus. a. O.; vgl. De Sanctis 4,3,141; Niese 3,343.
18
Polyb. 38,10,4. Nach Larsen, Repr. Gov. 187, handelte es sich um die normale
Herbstsynodos.
» Polyb. 38,10,5.
20
Polyb. 38,10,6—7: Τά μέν σωφρονοΰν μέρος άσμένως άπεδέχετο τά λεγόμενα καΐ
λίαν ένετρέπετο, συνειδός αύτω τά πεπραγμένα καΐ πρό όφθαλμών λαμβάνον τά
συμβαίνοντα τοις πρός 'Ρωμαίους άντιταττομένοις, τό δέ πλήθος των άνθρώπων
Αντιλέγει ν μέν ουδέν είχε τοις υπό των περί τόν Σέξτον λεγομένοις δικαίοις, άλλ'
ήγε την ήσυχίαν, ϋμενε δέ νοσούν καΐ διεφθαρμένον.
Die Herausforderung des Koinon durch Rom (147 v. Chr.) 227

und die entschlossen waren, lieber noch einmal alles auf eine letzte
Karte zu setzen als sich dem Willen Roms zu unterwerfen. Sie scheinen
zunächst allerdings damit gerechnet zu haben, daß die Römer angesichts
ihres gleichzeitigen militärischen Engagements in Afrika, Spanien und
Makedonien vor einer bewaffneten Auseinandersetzung in Griechen-
land am Ende doch zurückscheuen würden21. So gaben sie sich den
römischen Gesandten gegenüber verbindlich, versprachen, man werde
die achaiische Gesandtschaft unter Thearidas doch zum Senat schicken
und baten die Römer zur weiteren Erörterung der spartanischen Frage
nach Tegea, wo eine Versammlung des achaiischen Koinon zu diesem
Zweck zusammentreten sollte22.
Alsbald begab sich die römische Gesandtschaft unter Sex. Iulius
Caesar nach Tegea. Die führenden achaiischen Politiker sprachen jedoch
anscheinend untereinander ab, daß die Einladungen an die Städte zur
Versammlung des Koinon in Tegea zwar offiziell erfolgen, dann jedoch
negativ beantwortet werden sollten. So kam es, daß, nachdem die Römer
und die Spartaner in Tegea nach längerem Warten beinahe schon die
Hoffnung auf das Kommen der Achaier aufgegeben hatten, lediglich
Kritolaos selbst in Tegea erschien. Er erklärte den verärgerten römischen
Gesandten, er allein könne ohne Anhörung der πολλοί nichts entschei-
den; weitere Verhandlungen könnten daher erst bei der nächsten, sechs
Monate später stattfindenden Versammlung des Koinon erfolgen23. Die
Römer zeigten sich über diese offene Brüskierung äußerst aufgebracht
und reisten unverzüglich nach Italien zurück24, Kritolaos aber bereitete
nun intensiv den Feldzug gegen Sparta vor.

21
Polyb. 38,10,10.
22
Polyb. 38,10,11; De Sanctis 4,3,142.
23
Polyb. 38,11,1—5; Paus. 7,14,4—5; Cass. Dio fr. 72,2 B.; De Sanctis a. Ο.;
Niese 3,344f. — Polyb. 38,11,5 φήσας (sc. Kritolaos) ούκ εχειν έξουσίαν . . .
άνευ της των πολλών γνώμης, έπανοίσειν δέ τοις Άχσιοϊξ είς την έξης εφη
σύνοδον bildet einen besonders deutlichen Beweis gegen die These Larsens, wo-
nach es sich bei den σύνοδοι nur um Versammlungen der Bule gehandelt habe
(vgl. oben S. 182, Anm. 33).
24
Polyb. 38,11,6; Paus. a. O. 5.

15*
228 Der Achaiische Krieg

2. Kritolaos, die πολλοί und die Ereignisse bis zum Ausbruch des
Krieges (147—146 v. Chr.)

Kritolaos benützte den ganzen Winter 147/6 v. Chr. bis zur folgenden
Versammlung des Koinon dazu, eine möglichst starke Anhängerschaft
für seine Politik zu gewinnen, indem er überall vor den Ekklesien sprach
und die Entwicklung der spartanischen Frage, wie er sie sah, darlegte;
nach Polybios kam es ihm freilich lediglich darauf an, Stimmung gegen
die Römer zu machen1. Er erhob schwere Beschuldigungen gegen sie,
was angesichts der bedrohlichen römischen Forderungen gegenüber
dem Koinon aber nicht überraschen konnte, und erzeugte damit — so
Polybios—vor allem bei den όχλοι leidenschaftlichen Unwillen undHaß
gegen Rom 2 . Ganz deutlich stellte sich jetzt heraus, daß man für eine
achaiische Politik, die mit ausdrücklichen Wünschen Roms in Konflikt
zu kommen drohte, nur noch bei den ττολλοί größere Resonanz finden
konnte; die Oberschicht der „principes" ließ sich — mit verschwindend
geringen Ausnahmen — schlechterdings nicht mehr gegen Rom mobili-
sieren. Zwar entstammten auch Diaios und wohl alle namentlich be-
kannten Führer des achaiischen „Aufstandes" dieser „principes"-
Schicht3. Aber sie bildeten dort nur eine unverhältnismäßig kleine Gruppe ;
die große Mehrheit hatte sich offenbar im Verlauf der letzten zwanzig
Jahre endgültig mit ihrer politischen Abhängigkeit von Rom abgefunden.
Als ein Beispiel dafür wird man Polybios selbst zu nennen haben, der
Politik und Persönlichkeit des Diaios, des Kritolaos und ihrer Anhänger
gleichermaßen schärfstens verurteilt4. Dies geschah wohl nicht einmal so
sehr wegen der „Sozialrevolutionären" Aspekte ihrer Politik, die eher eine
sekundäre Erscheinung waren, sondern weil für ihn die Gefährlichkeit
und Aussichtslosigkeit des von Diaios eingeschlagenen Weges und
überhaupt die Unmöglichkeit einer wirksamen antirömischen Politik
Achaias von vornherein feststanden und diese nicht nur gegen das

1 Polyb. 38, 11,7—8; vgl. De Sanctis 4,3,143; Niese 3,345.


2 Polyb. 38,11,9; vgl. Diod. 32,26,4: μάλιστα δέ ό Κριτόλαος έξέκαυσε τάς όρμάς
τοΰ πλήθους προς καινοτομίαν, χρώμενος δέ τω της αρχής άξιώματι φανερώς
κατηγορεί "Ρωμαίων είς ΰττερηφανίαν καΐ πλεονεξίαν.
3 Zu Diaios vgl. oben S. 220 f.
4 Vgl. bes. Polyb. 38,10,8: Οί δέ περί τον Δίαιον καΐ Κριτόλαου (καΐ) πάντες οί
μετέχοντες αύτοϊς της αύτής γνώμης · ούτοι δ ' ήσαν... οί χείριστοι καΐ τοΤς θεοϊς
ΙχθροΙ καΐ λυμαινόμενοι τό έθνος; ib. 12; 11,6; 12,7; 16,9; 17,7—9; 18,5.
Kritolaos und die πολλοί 147—146 v. Chr. 229

καθήκον und das καλόν, sondern sogar gegen das συμφέρον verstieß5.
Sein Hauptvorwurf zielt denn auch gar nicht auf die „Sozialrevolutio-
nären" Maßnahmen als solche, sondern vielmehr darauf, daß Diaios und
Kritolaos infolge ihrer vollkommenen politischen Unfähigkeit das achai-
ische Volk in eine vermeidbare Katastrophe geführt hätten. Dabei kann
auch hier kein Zweifel an dem Ernst bestehen, mit dem er selbst seine
Verpflichtung als Geschichtsschreiber gegenüber der Wahrheit wie
gegenüber seinen Mitbürgern auffaßte®. Wenn er sich aber nicht genug
daran tun kann, die Verblendung, Kopflosigkeit, Bestechlichkeit und
Willkür des Diaios, Kritolaos und ihrer Anhänger bei jeder Gelegenheit
neu anzuprangern7, bleibt am Ende fast unverständlich, warum die große
Masse der Achaier diese Politiker überhaupt unterstützte, ja bis zum
letzten Augenblick fest hinter ihnen stand.
Doch damit scheint sich Polybios weniger beschäftigt zu haben; ihn
interessierte offenkundig weniger das gleichsam passive Versagen der
πολλοί als die positive Schuld der „Verantwortlichen"8, und insofern
begnügte er sich dann mit dem immer wieder erneuerten Nachweis der
poütischen Hilflosigkeit der verhaßten achaiischen Führer. Die meisten
Angehörigen der firincifies-Schicht mögen ähnlich wie Polybios gedacht
haben. Wie sehr sich dieser letzte Ausbruch antirömischer Kräfte in
Achaia daher auf die unteren Schichten stützen mußte, zeigt die von
Polybios als δημαγωγία bezeichnete Aufforderung des Strategen an die
städtischen Archonten, vorläufig nicht mehr gegen die offenbar be-
trächtliche Anzahl der Schuldner einzuschreiten und niemand, der wegen
seiner Schulden verurteilt war, ins Gefängnis zu sperren, sondern alle
Zahlungsverpflichtungen bis zur Entscheidung des zu erwartenden
Krieges auszusetzen9. Das ττλήθος, das sich nach Polybios von augenblick-

6
Vgl. Polyb. 38,1,8.
' Vgl. bes. Polyb. 38,4,2—8.
' Vgl. Polyb. 38,15,4; 18,4.
8
Polyb. 38,3,13: εγώ γάρ ήγνοηκέναι (μέν φαίην δν τους) πολ(λούς) καΐ παρα-
ττετταικέναι (τοϋ καθήκοντος), ήμαρτ(ηκέναι δέ τους αίτιους) γεγονότος Tfjs έπΐ
τοσούτον άγνοιας.
* Polyb. 33,11,10: "Αμα δέ τούτοις παρήγγειλε τοις άρχουσι μή πράττειν τους
όφειλέτας μηδέ παραδέχεσθαι τους άπαγομένους εις φυλακήν προς τά χρέα, τούς
δ' έράνους έτπμόνους ποιεί ν, ϋως αν λάβη τά τοϋ πολέμου κρίσιν; vgl. auch Diod.
32,26,3. Zu der ungelösten Frage der έρανοι zuletzt Musti 199, der an die be-
fristete Einstellung gewisser Liturgien denkt, gegen Lehmann 326, Anm. 393, der
(überzeugender) mit Niese (3,345 m. Anm. 1) darin eine fortlaufende Zahlung von
Unterstützungen erblickt und damit die έρανοι der Inschrift SGDI 1615 (dazu
230 Der Achaiische Krieg

liehen Vorteilen betören ließ, aber nicht in die Zukunft zu denken ver-
stand, war daraufhin, nach Polybios, bereit, sich bedingungslos hinter
Kritolaos zu stellen10.
So trat dann im Frühjahr 146 v. Chr. die entscheidende Versammlung
des achaiischen Koinon in Korinth zusammen, in der Kritolaos den
Beschluß zur Eröffnung des Krieges gegen das abtrünnige Sparta durch-
setzen zu können hoffte 11 . Q. Caecilius Metellus hatte auf die beun-
ruhigenden Nachrichten von der rasch wachsenden antirömischen Stim-
mung auf der Peloponnes hin eine weitere römische Gesandtschaft nach
Achaia geschickt, die — zufällig — gerade rechtzeitig zum Zusammentritt
des Koinon in Korinth eintraf12.
Die Römer wurden denn auch vor die πολλοί geführt. In ihrer An-
sprache forderten sie, ähnlich wie Sex. Iulius Caesar ein halbes Jahr
zuvor, die Achaier zu politischer Mäßigung auf und warnten sie nach-
drücklich vor einem völligen Bruch mit Rom wegen der spartanischen
Frage oder des gespannten Verhältnisses zwischen dem Koinon und
Rom13, ohne dabei aber von den schwerwiegenden Forderungen des
Senats abzurücken, die nach wie vor einem Damoklesschwert gleich
über dem Koinon schwebten. Damit mag es zusammenhängen, daß es
alsbald zu schweren Tumulten in der Versammlung kam, als die πολλοί
die Gesandten auspfiffen und schließlich sogar verjagten 14 . Der neuartige
Charakter dieser antirömischen Bewegung gegenüber den Auseinander-
setzungen der früheren Zeit spiegelte sich mit großer Deutlichkeit nicht
zuletzt in der noch nie zuvor gesehenen Masse von Handwerkern und

M. Feyel, REG 56, 1943, 112—124) in Verbindung bringt. Wieder anders Mauers-
berger, Polybioslex. 941 s. v. έρανος, wonach es sich um die Stundung von Ver-
einsbeiträgen handeln würde. Von einem allgemeinen Schuldenmoratorium
spricht De Sanctis a. Ο. Sicher ist soviel, daß es sich auch hier um eine von Polybios
kritisierte soziale Maßnahme handelte, mit der Kritolaos in erster Linie die πολλοί
für sich zu gewinnen hoffte.
10
Polyb. 38,11,11.
11
Polyb. 38,12—13; Diod. 32,26,4—5; Paus. 7,14,5; vgl. De Sanctis 4,3,144f.;
Niese 3,346.
12
Polyb. 38,12,1—2, vgl. Paus. 7,15,2; dazu Niese 3,347 m. Anm. 2; H. Hitzig—
H. Blümner, Paus. Graeciae descriptio II 1 (Leipzig 1901), 7991; M. Gwyn
Morgan, Historia 18, 1969, 439, Anm. 82 (gegen De Sanctis 4,3,149 m. Anm. 163,
wonach es sich bei Paus. a. O. um eine spätere, sonst nicht überlieferte Gesandt-
schaft des Metellus handeln würde).
13
Polyb. a. O. 2—3.
14
Polyb. a. O. 4. Doch scheinen sie bei der Rede des Kritolaos wieder dabeige-
wesen zu sein, Polyb. ib. 7.
Kritolaos und die ττολλοί 147—146 v. Chr. 231

Arbeitern, von denen nach dem Bericht des Polybios alle Städte, be-
sonders aber Korinth selbst, damals geradezu überquollen16.
Nur ολίγοι τινές, offenbar die Gegner des Kritolaos, begrüßten die
Mahnungen der römischen Gesandten19. Kritolaos jedoch, der ganz in
seinem Element war und keinerlei ernsthafte Opposition in der Ver-
sammlung gegen sich aufkommen ließ, hielt eine äußerst zuversichtliche
Rede17. Dabei erklärte er, er wolle zwar ein Freund der Römer sein, aber
diese dürften sich nicht für δεσττόται halten18. Zugleich rief er den
πολλοί zu, wenn sie Männer seien, werde es ihnen an Bundesgenossen
nicht fehlen, andernfalls eben nicht an Herren19, und machte Andeu-
tungen darüber, daß auch einige Könige und andere Staatswesen zum
Zusammengehen mit den Achaiern bereit seien20. Noch dramatischer
aber wurde die Situation, als Mitglieder der Gerusie Kritolaos am
Weiterreden zu hindern versuchten21. In der Gerusie, d. h. wohl unter
den Damiurgen, saßen offenbar die meisten, zweifellos zu den „prin-
cipes" zählenden Gegner seiner Politik22. Jetzt ließ der Stratege Militär
herbeirufen und ergriff die Gelegenheit zu einer Abrechnung mit der
innenpolitischen Opposition, die sich ζ. T. ja schon in Aigion gegen
Ende des Jahres 147 v. Chr. bemerkbar gemacht hatte. Er behauptete,
eine Reihe von Achaiern vertrete mehr die römischen und die sparta-
nischen als die eigenen achaiischen Interessen, und erklärte, Euagoras
aus Aigion sowie (der aus dem einstigen Kreis um Lykortas bekannte)
Stratios aus Tritaia, der in Italien interniert gewesen war, hätten der
römischen Gesandtschaft Mitteilungen über den Inhalt geheimer Be-
sprechungen in der achaiischen Führung (συναρχίαι) gemacht23. Stratios
erhob sich zwar sofort, wie Polybios berichtet, und bestritt dies aufs

1S Polyb. a. O. 5: καΐ γαρ συνηθροίσθη πλήθος Ιργαστηριακών καΐ βαναΰσων άν-


θρώττων όσον ούδέττοτε· ττσσαι μέν γάρ έκορύζων αϊ πόλεις, πανδημεί δέ καΐ
μάλιστα ττωξ ή τώυ Κορινθίων.
" Polyb. a. Ο. 6.
« Polyb. a. Ο. 7.
18 Polyb. a. Ο. 8: φάσκων βούλεσθαι μέν 'Ρωμαίων φίλος ύττάρχειν, δεσττότας δ'

ούκ άν εύδοκησαι κτησάμενος.


» Polyb. a. Ο. 9; vgl. Diod. a. Ο.
20 Polyb. a. Ο. 11; Diod. a. O.
21 Polyb. 38,13,1.
22 γερουσία als Bezeichnung für das Damiurgenkollegium: vgl. Larsen, Fed. States

231; Aymard, Ass. 153f.; 361.


23 Polyb. a. O. 3—4. Bei den συναρχίαι denkt Aymard, Ass. 322, Anm. 9, an den

Strategen und die Damiurgen; etwas anders Larsen, Fed. States 222.
232 Der Achaiische Krieg

energischste24, fand aber nur bei ολίγοι Glauben, während die Mehrzahl
die διαβολαί des Strategen Kritolaos ohne Widerspruch hinnnahm.
Die πολλοί waren nach diesen Enthüllungen des Kritolaos so gereizt,
daß sie schließlich für den Krieg gegen Sparta stimmten, in Wirklichkeit
damit freilich — so Polybios — auch den Kampf gegen Rom beschlos-
sen28. Gleichzeitig ließ Kritolaos, der die Versammlung völlig beherrschte,
den Strategen, d. h. zunächst sich selbst, umfangreiche Vollmachten fast
monarchischer Art (wie Polybios bemerkt) verleihen26: Damit war auch
die noch stets widerstrebende Opposition in der Gerusie und unter den
Damiurgen ausgeschaltet.

3. Die Führer der πολλοί, Kritolaos und Diaios, und der Zu-
sammenbruch des achaiischen Koinon (146 v. Chr.)

Die Beurteilung des jetzt beginnenden Krieges zwischen Achaia und


Rom, vor allem aber der verantwortlichen Politiker auf achaiischer
Seite, ist weithin kontrovers. Während Polybios und mit ihm die antike
Überlieferung Diaios, Kritolaos und ihren Anhängern vollkommen ab-
lehnend gegenüberstehen und die Katastrophe des achaiischen Koinon
überhaupt nur mit der Unfähigkeit und dem fragwürdigen Charakter
dieser Anführer zu erklären vermögen1, ist sich die moderne For-
schung über die politische Bewertung des Krieges nicht einig geworden.
Ein Teil hat sich mit unterschiedlicher Rigorosität die Interpretation
des Polybios zu eigen gemacht2, ein anderer in direktem Gegensatz zu
Polybios den Achaiischen Krieg als legitimen, womöglich „demokra-
tischen" Freiheitskampf der Achaier gegen Rom aufgefaßt 3 ; eine dritte

24
Polyb. a. O. 5.
25
Polyb. a. O. 6; Diod. 32,26,5.
26
Polyb. a. O. 7: καΐ ττροσεπεμέτρησευ ετερον ψήφισμα παράνομον, ώστε κυρίους
εΤναι τού; ανθρώπους οϋς [αν] έττΐ στρατηγίαν αίρήσονται· δ ι ' οΰ τρόπου τινά
μοναρχικήν άνέλαβεν έξουσίαν.
1
Zu Polyb. vgl. oben S. 228, Anm. 4; dazu bes. Paus. 7,14,4; 15,8; 16,6; Diod.
32,26,1—5.
2
Vgl. ζ. B. Lehmann 322—329; Hertzberg 246f.; 258ff.; Mommsen, R. G. II 1 3
43ff.; Colin 622f.
»Vgl. ζ. B. Fustel de Coulanges 201 ff.; Tarn-Griffith 38f. „Demokratie" als
Schlagwort spielte nach Ausweis der Überlieferung im Achaiischen Krieg keinerlei
Rolle; dies war schon deshalb nicht gut möglich, weil sich das achaiische Koinon
seit jeher als „δημοκρατία" verstand (vgl. oben S. 16).
Kritolaos und Diaios und der Zusammenbruch des Koinon 146 v. Chr. 233

Richtung schließlich läßt die Darstellung des Polybios zwar gelten,


jedoch nur mit erheblichen kritischen Vorbehalten4. Hier kann es sich
nicht um die Übernahme der einen oder anderen „radikalen" These
handeln, sondern nur um die Erfassung dieses letzten achaiischen Wider-
standes als einer ganz überwiegend von den πολλοί getragenen und be-
stimmten Bewegung. Daraus dürften sich wesentliche Züge der achai-
ischen Politik erklären, vor allem der völlige Bruch mit der ganzen
Tradition der römisch-achaiischen Beziehungen seit 198 v. Chr., die nie
in die Nähe einer militärischen Auseinandersetzung geraten waren,
aber auch der eigentümliche, blinde Fanatismus, mit dem „die" Achaier
gleichsam ohne Rücksicht auf die großen weltpolitischen Zusammenhänge
in den Krieg gegen Rom traten und mit dem sie bis zu ihrer vollstän-
digen Niederlage kämpften. Dabei bleibt freilich zu bedenken, daß das
Koinon durch die römischen Forderungen von 147 v. Chr. auch zum
erstenmal unmittelbar an einem Lebensnerv getroffen war.
Daß die antirömische Wendung Achaias also nicht von ungefähr
kam und nicht nur das Werk einiger weniger korrupter und verblendeter
Poütiker war, wurde schon daran deutlich, daß die Achaier alsbald eine
beachtliche Anzahl Bundesgenossen in Griechenland fanden, so Chalkis,
die östlichen Lokrer, die Phoker und vor allem die Boioter5. Als führen-
der Romgegner bei letzteren erwies sich der Boiotarch Pytheas in The-
ben, den Polybios mit persönlichen Vorwürfen förmlich überschüttet®;
doch ist hier angesichts der notorischen politischen Einstellung des
Polybios wohl Vorsicht am Platze. Nicht nur seine Stellung als Boi-
otarch, sondern auch seine Beziehungen zum pergamenischen Könighaus
4 So besonders De Sanctis, vgl. 4, 3,145; dazu Niese 3,342f., Anm. 6; 348, Anm. 4;
außerdem J . Deininger, R E Suppl. X I (1968), 526, Art. Diaios; Will 2,331.
6 Polyb. 38,3,8: Πελοττονυήσιοι, Βοιωτοί, Φωκεΐς, [ ]εϊζ, Λοκροί, wo De Sanctis
4,3,146, Anm. 160 sowie Niese 3,345 [Εύβο]εϊ; lesen. Da jedoch stets nur Chal-
kis genannt wird und außerdem nach dem Krieg Boiotien zu einer Bußzahlung
an Euboia verurteilt wurde, wird diese Lesung wohl mit Recht von Toulou-
makos 53, Anm. 1 sowie Accame, Dominio 190 abgelehnt.
6 Polyb. 38,14,1—2; Paus. 7,14,6. Z. Pers. K. Ziegler, R E X X I V (1963), 369, Nr. 4.
Er war Bruder des Athleten Akastidas (Polyb. a. Ο. 1). Der Name seines Vaters
lautet Polyb. ib. in Ρ Kleomenes, was aber (mit Büttner-Wobst, gegen Ziegler
a. O.) aufgrund von IG II 2 2314, Z. 9ff., wo Άκαστίδας Κλεομνάστου Βοιώτιο[ζ]
als Sieger im Pentathlon und Ringkampf bei den Panathenäen genannt wird, in
Kleomnastos zu ändern ist. Bemerkenswert an dieser Inschrift erscheint auch, daß
auf einem zweiten, auf demselben Stein angebrachten Siegerverzeichnis Eume-
nes II. und sein Bruder Philetairos genannt werden (IG a. Ο., Z. 84ff.), die auch
Polybios (38,13,2) in einem Zusammenhang mit Pytheas bringt.
234 Der Achaiische Krieg

dürften Pytheas als Angehörigen der „principes"-Schicht ausweisen; als


solcher bildete freilich gewiß auch er eine Ausnahme in Boiotien7. Unter
seinem Einfluß und offensichtlich noch gereizt durch von Metellus zu-
diktierte Bußzahlungen an die Phoker, Euboier und Amphissa schloß
sich das ganze boiotische Koinon den Achaiern an8. Nordwestgriechen-
land — Aitolien, Akarnanien, Epeiros — sowie Thessalien blieben dem
Kampf dagegen fern.
Der eigentliche Verlauf des Achaiischen Krieges ist hier nur kurz
darzustellen9. Auf achaiischer Seite war es nicht viel mehr als eine
rasche Folge hektischer Notmaßnahmen und schwerer Niederlagen, her-
vorgerufen durch die militärische Überlegenheit der Römer und die Un-
erfahrenheit der achaiischen Führer; daß sich die Oberschicht, wie sich
immer wieder zeigte, weitgehend ablehnend verhielt, tat wohl ein übri-
ges, die achaiische Niederlage zu beschleunigen.
Die erste kriegerische Verwicklung entstand um Herakleia. Ermun-
tert durch die Forderungen des Senats hatte nämlich Herakleia am Oita,
das erst nach dem Perseuskrieg an Achaia gefallen war, die Gelegenheit
wahrgenommen, seine Sezession aus dem Koinon zu erklären, wobei man
leider über die lokalpolitischen Hintergründe dieser Entscheidung nichts
erfährt. Daraufhin begann der Stratege Kritolaos mit der Belagerung
dieser Stadt durch achaiische, boiotische und chalkidische Truppen10.
Auf römischer Seite war der amtierende Konsul L. Mummius mit der
Führung des Krieges beauftragt worden; doch mußte er diese zunächst
noch Metellus überlassen. Metellus rückte unverzüglich nach Süden
vor und überschritt den Spercheios. Als Kritolaos dies erfuhr und er-
kannte, daß es den Römern mit einem militärischen Vorgehen gegen die
Achaier und ihre Bundesgenossen tatsächlich ernst war, entschloß er
sich, da er auf diese Wendung offenbar überhaupt nicht vorbereitet
war, zum sofortigen Rückzug auf Elateia 11 ; aber schon bei Skarpheia
in Lokris, in der Nähe der Thermopylen, wurde er von Metellus eingeholt.
7
Paus. 7,14,6—7. — Zu den „Rittern" in Chalkis vgl. unten S. 240.
8
Zu den Boiotern als Bundesgenossen der Achaier vgl. Polyb. 38,3,8; Cie. Verr.
2,1,21,55; Liv. per. 52; Oros. 5,3,2; nur von den Thebanern spricht Paus. a. O.;
vgl. Polyb. 38,14,1—2. Dazu De Sanctis 4,3,146; Niese 3,345.
9
Die Quellen bis zur Schlacht von Skarpheia: Paus 7,15,1—5; Liv. per. 52; Oros.
5,3,2f.; Zonar. 9,31; Flor. 1,32,3—4; Ps. —Aur.Vict.de vir. ill. 60,2; dazu Larsen,
Fed. States 495f.; De Sanctis 4,3,147ff.; Niese 3,346ff.
10
Liv. per. 52; Paus. 7,15,9; dazu De Sanctis 4,3,146.
11
Polyb. 38,16,11—12; dazu J. Deininger, Kritolaos und die Eröffnung des Achai-
ischen Krieges, in: Philologus 113,1969, 287—291.
Kritolaos und Diaios und der Zusammenbruch des Koinon 146 v. Chr. 235

Dort kam es zu einer Schlacht, in der die Achaier und ihre Verbündeten
völlig besiegt wurden; Kritolaos selbst fand den Tod 12 . Tausend Arkader
unter Diaios, die ihm zu Hilfe eilen wollten, wurden in Elateia von der
Katastrophe des achaiischen Heeres überrascht. Auch sie traten alsbald
den Rückzug an, wurden jedoch ihrerseits bei Chaironeia von den
Römern gestellt und vernichtet 13 ; ebenso fand ein Kontingent aus
Patrai und Umgebung in Phokis den Untergang 14 .
Metellus führte seine Truppen sofort nach Theben, dessen Bewohner
geflohen waren. Er ließ die Stadt jedoch unbehelligt; nur Pytheas, der
sich mit Frau und Kindern ebenfalls schleunigst auf die Flucht begeben
hatte, wurde aufgegriffen und hingerichtet 16 .
Doch der Widerstandsgeist der Achaier war trotz dieses katastro-
phalen Beginns des Krieges und einer allenthalben aufflackernden
Panikstimmung 16 noch keineswegs gebrochen. Im Koinon übernahm Diai-
os gemäß der Verfassung als der Vorgänger des Kritolaos dessen vor-
läufige Nachfolge 17 . Eine Kapitulation vor den Römern lehnte er ab,
sah sich allerdings angesichts der äußerst bedrohlichen Situation sofort
zu einer Reihe schwerwiegender Notmaßnahmen gezwungen, die ζ. T.
deutlich zeigten, wie sehr er und seine Gefolgsleute im Kampf gegen Rom
mit der Oberschicht in Konflikt kamen und auf die Unterstützung der
unteren Schichten angewiesen waren. Zunächst wurde Alkamenes, einer
der engsten Anhänger des Diaios, mit 4000 Mann zum Schutz von Megara
entsandt 18 . Danach ordnete Diaios von Argos aus in Briefen an die ein-
zelnen Städte als eine Art ultima ratio die Freilassung und Bewaffung von
insgesamt 12 000 im eigenen Haus des jeweiligen Herrn geborenen bzw.
aufgewachsenen Sklaven, die Erhebung einer besonderen Kriegssteuer
bei den Wohlhabenden und endlich die Konzentration des gesamten
achaiischen Aufgebots in Korinth an 19 . Nicht lange danach, etwa im

12
Paus. 7,15,4—5; 9; Liv. per. 52; Flor. 1,32,3; Oros. 5,3,3; Zonar. 9,31; Ps.-Aur.
Vict. de vir. ill. 60,2; vgl. De Sanctis 4,3,150; Niese 3,347.
18
Polyb. 38,14,3; Paus. 7,15,5—6; Niccolini 197 Anm. 3; Hertzberg 267, Anm. 70.
" Polyb. 38,16,4: De Sanctis 4,3,150.
16
Polyb. 38,16,10, wonach Pytheas zunächst die Flucht in die Peloponnes gelang;
vgl. Ziegler a. O.; Niese 3,351, Anm. 1; etwas anders Paus. 7,15,9—10, wonach
die Festnahme des Pytheas sofort erfolgte, ebenso De Sanctis a. Ο.
" Vgl. die Schilderung Polyb. 38,16,5—7.
17
Polyb. 38,15,1; vgl. Liv. per. 52; Paus. 7,15,7; dazu Aymard, Assemblies 211ff.
18
Polyb. 38,15,3; Paus. 7,15,8.
19
Polyb. 38, 15,3—7; Paus. 7,15,7—8; dazu De Sanctis 4,3,151f.; Niese 3,348.
Wahrscheinlich gehört in diesen Zusammenhang auch die große Inschrift IG IV
236 Der Achaiische Krieg

August 146 v. Chr., wurde er dann von den πολλοί auch förmlich zum
Nachfolger des Kritolaos in die Strategie gewählt20. Daß Diaios und
seine Anhänger das Koinon politisch jetzt völlig in der Hand hatten,
war klar; dennoch gab es nach wie vor gerade innerhalb der Führungs-
organe des Koinon eine merkliche Opposition, mit der es denn auch
rasch zu einer neuen Auseinandersetzung kommen sollte21.
Wohl unmittelbar nach der Niederlage von Skarpheia war auf die
Initiative des Hypostrategos Sosikrates22, aber offensichtlich gegen den
Willen des Diaios, eine Gesandtschaft unter der Leitung von An-
dronidas, des alten Mitstreiters des Kallikrates, und Lagios zustande
gekommen, die einen Vermittlungsversuch bei Metellus unternehmen
wollten. Diaios lehnte dies jedoch kategorisch ab, und als die Gesandt-
schaft von Metellus zurückkehrte, beschuldigte er Andronidas und die
anderen Beteiligten vor den όχλοι der Kollaboration mit dem Feind und
ließ sie ins Gefängnis bringen23. Als sich auch ein Thessalier namens
Philon als Vermittler anbot, schloß sich diesem eine ganze Gruppe von
Achaiern έκ της χώρας an, besonders Stratios, der Diaios beschwor, die (im
einzelnen freilich nicht bekannten) Vorschläge des Metellus anzunehmen24.
Aber Diaios und seine Gefolgsleute — überliefert sind in diesem Zu-
sammenhang die Namen von Damokritos25, Alkamenes, Theodektes und
Archikrates — waren nicht bereit, darauf einzugehen und wiesen das
757 aus Troizen (F. G. Maier, Griech. Mauerbauinschr. I [1959], 140ff., Nr. 32;
vgl. auch SEG X X I I I 192), eine Beitragsliste von durch den δαμος angeordneten
Schenkungen von 41 Körperschaften der Stadt ές τάυ σωτηρίαν καΐ τόν δια-
τειχισμόν; dazu Lehmann 326, Anm. 393.
20
Polyb. 38,17,1; ζ. Dat. vgl. Niccolini 308.
21
Vgl. dazu auch Zonar. 9,31,3 = Cass. Dio I p. 319 Boiss.: τοΟ Κριτολάου
πεσόντος διχή διήρητο τ ό Έλληνικόν; der Gegensatz h a t t e sich freilich schon
vorher klar gezeigt, vgl. oben S. 226.
22
Zum Amt des Hypostrategos vgl. Aymard, Assemblies 323 u. 437 s. v. Hypo-
stratfege. — Das Folgende Polyb. 38,17; Liv. a. O.; Zonar. 9,31,3; De Sanctis
4,3,152f.; Niese 3,348f.
23
Polyb. 38,17,1—2; ib. 2: καθ' ών (sc. die Mitglieder der Gesandtschaft) irpo-
διαδούς φήμην dos σνμφρονούντων τοις έχθροϊς. De Sanctis 4,3,152 setzt (wegen
Paus. 7,15,11) die Gesandtschaft des Andronidas in die Zeit nach der Kapitu-
lation von Megara, vgl. unten Anm. 30.
24
Polyb. 38,17,3—4; z. Pers. des Phüon vgl. P. Schoch, R E X I X 2 (1938), 2530,
Nr. 15.
26
Zu Damokritos vgl. oben S. 222. Daß sich Polyb. 38,17,9: άρτι της καθόδου
τετευχώς nicht etwa auf die Rückkehr des Damokritos aus der Internierung in
Italien beziehen kann, ist längst erkannt, vgl. Lehmann 322 f., Anm. 387; De
Sanctis 4,3,152.
Kritolaos und Diaios und der Zusammenbruch des Koinon 146 v. Chr. 237

Angebot nach eingehender Beratung zurück26. Für sie stand fest, daß
es der Gruppe hinter Philon nur um den eigenen Vorteil ging, wie sie
andererseits selbst nicht daran zweifelten, daß es für sie bei den Römern
keine Gnade mehr gab 27 . Auf ihre Veranlassung wurden Andronidas und
Lagios ebenso wie Sosikrates wegen der Gesandtschaft zu Metellus ins
Gefängnis geworfen. Sosikrates wurde zum Tode verurteilt; Andronidas,
Archippos und Lagios wurden dagegen, nachdem das ττλήθο«; angeblich
durch die Hinrichtung des Sosikrates zufriedengestellt war, wieder frei-
gelassen, nicht ohne daß die ersteren, wie Polybios zu berichten weiß,
zuvor noch den Strategen Diaios bestochen hätten 28 .
Doch die militärische Katastrophe ließ sich trotz dieses letzten Sieges
über die Opposition in der Oberschicht und trotz aller fieberhaften An-
strengungen des Diaios nicht länger aufhalten 29 . Schon stieß Metellus von
Boiotien aus auf Megara vor, wo die unter dem Befehl des Alkamenes
stehende Besatzung die Flucht ergriff. Darauf übergaben die Einwohner
die Stadt ohne Zögern, und Metellus konnte zum Isthmos weitermar-
schieren. Dort scheint er noch einmal eine Aufforderung an die Achaier
gerichtet zu haben, die Waffen zu strecken; doch lehnte Diaios auch
jetzt ab 30 . In diesem Augenblick traf schließlich Mummius ein und über-
nahm auf römischer Seite das Kommando. Wenig später bereits — im
August/September 146 v. Chr.31 — kam es unweit von Korinth zu einem
Gefecht zwischen Achaiern und der römischen Vorhut, bei dem Diaios
auf der Verfolgung des Gegners bis in die Nähe des römischen Lagers
gelangte. Daraus entwickelte sich die Schlacht auf dem Isthmos, die
letzte Schlacht in diesem Krieg, die mit der vollständigen Niederlage des
achaiischen Aufgebots endete32. Diaios selbst gab jetzt endlich alles ver-
28 Polyb. 38,17,5—9. 27 Polyb. 38,17,6—7.

28 Polyb. 38,18,1—4; dazu De Sanctis 4,3,151; Niese 3,349. — Kritisch zur Be-
stechung des Diaios De Sanctis 4,3,153, Anm. 177.
2 9 Die Quellen zum Folgenden: Paus. 7,15,10—16,8; Zonar. 9,31,3—6 = Cass. Dio
I p. 319 Boiss.; Liv. per. 52; Polyb. 39,8,5; lustin. 34,2,2; dazu De Sanctis
4,3,153ff.; Niese 3,349f.
-30 Paus. 7,15,11; Niese 3,349; anders (aber kaum zutreffend) De Sanctis 4,3,152,
der diesen Appell des Metellus mit der Gesandtschaft des Andronidas gleichsetzt,
vgl. oben Anm. 23.
3 1 Z. Dat. vgl. De Sanctis 4,3,156f., Anm. 186 (August/September 146 v. Chr.);

Niccolini 305f. (erste Septemberhälfte).


3 2 Zonar. 9,31,3—4 = Cass. Dio I p. 319 Boiss.; Liv. per. 52; Flor. 1,32,5; Paus.
7,16,2—3; Ps.-Aur. Vict. de vir. ill. 60,2; Polyb. 39,8,6; vgl. auch IG I V 2 1,28
(Epidauros), Z. l f . : οΐδε άττέθανου έν τδι τταρστάξει έττΐ τού Ίσθμοΰ; dazu De
Sanctis 4,3,155ff.; Niese 3,350.
238 Der Achaiische Krieg

loren. Aber lebendig wollte er sich dem römischen Sieger keinesfalls aus-
liefern. So floh er in seine Heimatstadt Megalopolis, tötete seine Frau
und nahm sich dann selbst, nachdem er sein Haus eingeäschert hatte,
durch Gift das Leben 33 .
Die Reste des achaiischen Heeres sammelten sich bei Korinth, leiste-
ten jedoch keinen weiteren Widerstand. Drei Tage nach der Schlacht
hielt Mummius seinen Einzug in die Stadt, die der Plünderung durch
die Soldaten preisgegeben wurde34. Nach dem Fall Korinths unterwarfen
sich auch die anderen Städte Achaias 35 ; der verzweifelte und allzu spät
unternommene Versuch der Achaier, sich gegen die römische Vorherr-
schaft in Griechenland aufzulehnen, hatte sich damit als illusorisch
erwiesen und endete mit dem wenig rühmlichen völligen Zusammen-
bruch des ganzen Koinon.

4. Der Widerstand und die römische Neuordnung Griechenlands


nach dem Ende des Achaiischen Krieges (146—145 v. Chr.)

Die Neuordnung Griechenlands, welche die schon im Herbst 146


v. Chr. eingetroffene Zehnerkommission des Senats übernahm1, war
offenkundig in erster Linie darauf ausgerichtet, jeden weiteren organi-
sierten Widerstand gegen Rom unmöglich zu machen. So wurden alle
führenden Anhänger des Diaios und Kritolaos hingerichtet, ihr Eigentum
konfisziert und verkauft, wobei es Polybios, der inzwischen ebenfalls
33 Zonar. 9,31,5 = Cass.Dio a. O.; Liv.per. Oxy. 52; Paus. 7,16,4—6; Ps.—Aur.
Vict. de vir. ill. 60,2; dazu De Sanctis 4,3,157; Niese a. O. — Paus. a. O. 6 spricht
von der έξ τον θάνατον δειλία des Diaios. Falls dieses Urteil, was anzunehmen
ist, auf Polyb. zurückgeht, so steht es in einem gewissen Widerspruch zu dessen
Vorwürfen gegen die Rhodier Deinon und Polyaratos, sie hätten nach der Nieder-
lage des Perseus und der Aufdeckung ihrer engen Beziehungen zu ihm den Frei-
tod wählen müssen, oben S. 205. — Zur Beurteilung des Diaios vgl. auch J . Dei-
ninger, R E Suppl. X I (1968), 526, Art. Diaios.
34 Zonar. a. O. 5—6; Paus. 7,16,7—8; Ps.-Aur. Vict. de vir. ill. 60,3; dazu De
Sanctis a. Ο.; F. Münzer, R E XVI 1 (1933), 1198f., Art. Mummius Nr. 7a;
Niese a. O.
35 Zonar. a. O. 6; Niese 3,350.
1 Zur Zusammensetzung dieser Kommission vgl. De Sanctis 4,3,157f.; dazu auch
D. W. Bradeen, Hesperia 35, 1966, 326f., Nr. 7 (Z. lOff.); E. Badian, Cicero and
the Commission of 146 Β. C., Hommages Renard I (1969), 54—65. — Grund-
sätzlich zur Neuordnung von 146/5 v. Chr. in Griechenland vor allem Accame,
Dominio (pass.).
Der Widerstand und die Neuordnung Griechenlands 146—145 v. Chr. 239

in Achaia angelangt war2, mit Entschiedenheit zurückwies, etwas aus


dem ihm angebotenen Besitz des Diaios zu nehmen3.
Das gesamte achaiische Koinon wurde für aufgelöst erklärt. Der-
selben rigorosen Bestrafung verfielen die Bundesgenossen der Achaier;
auch das boiotische, das phokische und das ostlokrische Koinon hörten
auf zu existieren4. Schließlich verloren, wie besonders die Untersuchungen
von S. Accame erwiesen haben, alle Gebiete Griechenlands, die sich im
Achaiischen Krieg gegen Rom erhoben hatten, ihre politische Unab-
hängigkeit und wurden dem römischen Statthalter von Makedonien
unterstellt6.
Den abstoßenden äußeren Höhepunkt der Niederwerfung Achaias
durch Rom bildete die grausame nachträgliche Zerstörung Korinths
auf Beschluß des Senats, deren Augenzeuge auch Polybios gewesen ist®
und die offiziell mit der beleidigenden Behandlung der römischen Ge-
sandtschaft unter L. Aurelius Orestes im Jahr 147 v. Chr. motiviert
wurde7. Es sind kaum strategische8 oder wirtschaftliche Gesichtspunkte
gewesen9, die hier den Ausschlag gaben; vielmehr sollte wohl, ähnlich

2
Wahrscheinlich im Gefolge des Mummius, vgl. Ziegler 1456.
3
Polyb. 39,4; auch die meisten seiner Freunde vermochte er zum gleichen Ver-
halten zu veranlassen, 39,4,2. Vgl. Ziegler a. O.; Niese 3,350f.
4
Paus. 7,16,9: συνέδρια τε κατά έθνος τ ά έκάστων, 'Αχαιών καΐ τ ό έν Φωκεΰσιν ή
ΒοιωτοΤς ή έτέρωθί π ο υ τ ή ; 'Ελλάδος, κατελέλυτο όμοίως πάντα, der aber diese
Maßnahme fälschlicherweise als ganz Hellas (also ζ. B. auch Nordwestgriechen-
land) betreffend darstellt; vgl. zuletzt De Sanctis 4,3,174f.; Accame 16f.;
Larsen, Rom. Greece 107 f. Fortbestand des euboischen Koinons vermuten
Touloumakos 53; De Sanctis 4,3,174; zum Fortbestand des westlokrischen
Koinon G. Klaffenbach, I G I X 1 2 ,3, p. X I X . Zur Auflösung des boiotischen
Koinon vgl. noch Roesch 71.
s
Vgl. Accame a. O. 8; etwas anders Larsen, Fed. States 499.
• Vgl. Ziegler 1456.
7
Die Quellen zur Zerstörung Korinths bei Münzer a. O. 1198f.; vgl. De Sanctis 4,3,
158f. (mit der mod. Lit.); Accame a. Ο. 161.
s
So ζ. Β. Cie. de off. 1,11,35; dazu De Sanctis a. Ο. 158 m. Anm. 190. Zur Be-
urteilung der Zerstörung Korinths bei Cicero überhaupt vgl. R. Feger, Hermes
80, 1952, 436—456.
9
Wirtschaftliche Gesichtspunkte haben kaum den Ausschlag gegeben, zumal ein
großer Teil des wirtschaftlichen Lebens ohnedies von italischen Bankiers und
Kaufleuten beherrscht wurde, die dann nach der Zerstörung Korinths in ihrer
Mehrzahl nach Delos gingen, vgl. neuerdings A. J. N. Wilson, Emigration from
Italy in the Republican Age of Rome (Manchester—New York 1966), 96. Vor-
sichtig in der Bewertung der wirtschaftlichen Aspekte auch E. Gabba, Athenaeum
32, 1954, 66—68.
240 Der Achaiische Krieg

wie im Westen nach dem Sieg über Karthago im Frühling desselben


Jahres, so auch im Osten breitesten Kreisen der letzte Zweifel an der
Unbedingtheit und der Endgültigkeit der römischen Vormachtstellung
genommen werden10. Doch werden in dieser furchtbaren Maßnahme
ähnlich wie bei den provozierenden Forderungen des Senats im Jahre
147 v. Chr. erschreckend kompromißlose und brutale Züge in der rö-
mischen Politik dieser Zeit sichtbar, die gleichsam nachträglich noch den
verzweifelten Kampf des Diaios und Kritolaos dagegen rechtfertigen.
Die überlieferten Einzelmaßnahmen gegen die Verbündeten zeigen
noch einmal, daß das achaiische Koinon in diesem letzten Kampf gegen
Rom keineswegs allein gestanden hatte. In Theben und Chalkis wurden
die Befestigungen geschleift11, in Chalkis außerdem die Ritter hingerichtet,
ein Beweis, daß sich auch dort ein gewisser — wenn auch wohl gerin-
ger — Teil der Oberschicht auf die Seite der Gegner Roms gestellt
hatte 12 . Aus dem boiotischen Thespiai wurden fast alle Kunstwerke
abtransportiert 13 , und dies dürfte kein Einzelfall gewesen sein. Einzelne
Poleis wurden tributpflichtig, die Boioter zur Zahlung von je 100 Ta-
lenten an Herakleia am Oita sowie an Euboia verurteilt14. Daß anderer-
seits jetzt Sparta ein Bündnis mit Rom erhielt und zugleich eine Buße
von den Achaiern in Höhe von 200 Talenten in Empfang nehmen
sollte, entsprach der Unterstützung, die Rom ihm seit langem gegen das
achaiische Koinon gewährt hatte 16 .
Schließlich wurden auf Anordnung der zehn Legaten allenthalben die
demokratischen Städteordnungen zumindest vorübergehend außer
Kraft gesetzt; die Neubestellung von Beamten scheint zunächst nach
10
Vgl. auch Will 2,332 f. Zur Behandlung der Einwohner von Korinth vgl. noch
H. Volkmann, Die Massenversklavungen d. Einw. erob. Städte i. d. hellenist.-
röm. Zeit (Abh. Ak. Mainz 1961, 3), 30f.; 107. Auch die von Diaios befreiten
Sklaven (oben S. 235) wurden wieder in die Sklaverei verkauft, Paus. 7,16,8.
— Wahrscheinlich gab es zwischen 146 und 46 v. Chr. auch keine Isthmischen
Spiele mehr: G. Dunst, Zeitschr. f. Papyrol. u. Epigr. 3, 1968, 143 ff.
11
Polyb. 38,3,8; Liv. per. 52: Thebae quoque et Chalcis, quae auxilio fuerant, dirutae
(dazu jedoch De Sanctis 4,3,106, Anm. 194; Accame a. O. 190; 194f.); Cie. Verr.
2,1,21,55; vgl. noch De Sanctis 4,3,146, Anm. 160.
12 Polyb. 39,6,5; dazu De Sanctis 4,3,160 (m. Anm. 195).
13
Cie. Verr. 2,4,2,4.
14
Paus. 7,16,10. Bei der Buße an Euboia denkt jedoch Accame a. O. 189f.; 194 an
eine Verwechslung mit den Auseinandersetzungen zwischen Boiotien und Euboia
kurz vor dem Ausbruch des Achaiischen Krieges.
15
Paus. a. O.; De Sanctis 4,3,160; vgl. Accame a. O. 125. Die Bezahlung dieser
Summen wurde später allerdings erlassen, Paus. ib.
Der Widerstand und die Neuordnung Griechenlands 146—145 v. Chr. 241

betont timokratischen Gesichtspunkten erfolgt zu sein16. Wenn auch die


Inschriften zeigen, daß die Verfassungen auf die Dauer formell so de-
mokratisch wie zuvor blieben, so dürfte hier doch ein weiterer Hinweis
auf die wichtige Rolle der πολλοί im letzten Stadium des antirömischen
Widerstandes in Griechenland vorliegen. Die „Säuberungen", die sich
168/7 v. Chr. gezielt gegen die romfeindlichen Elemente in der Oberschicht
gerichtet hatten, wandten sich jetzt vor allem gegen die πολλοί bzw. die
Institutionen, die ihnen trotz der faktisch bestehenden Oligarchie der
„principes" noch immer gewisse Einflußmöglichkeiten offengelassen
hatten.
Bezeichnenderweise wäre bei der mit größter Gründlichkeit be-
triebenen Beseitigung aller Spuren antirömischer Aktivität in Achaia
beinahe auch das Andenken Philopoimens der Ächtung verfallen. Zwar
erhoben sich in einigen Städten merkliche Widerstände des πλήθος,
dessen εύνοια für Philopoimen noch stets so groß war, daß es die Zer-
störung seiner Statuen verhinderte 17 ; dennoch wurden von römischer
Seite Versuche unternommen, alle Statuen und sonstigen von den Städten
beschlossenen Ehrungen für Philopoimen zu beseitigen; Stimmen wurden
laut, daß Philopoimen ein Römerfeind gewesen sei18. Hier vermochte
jedoch Polybios persönlich bei Mummius und den zehn Legaten zu er-
reichen, daß alle Maßnahmen gegen das Andenken des einstigen Ver-
fechters des „Friedlichen Widerstandes" unterblieben19. J a , es gelang
Polybios sogar, die Römer zu veranlassen, daß Statuen von Achaios,
Aratos und Philopoimen, die sich auf dem Transport nach Rom bereits
in Akarnanien befanden, wieder nach Achaia zurückgebracht wurden20,
woraufhin das πλήθος auch für Polybios selbst eine Statue errichtete 21 .
i ' Paus. 7,16,9: ώζ δέ άφίκοντο ol σύν ούτω βουλευσόμενοι, ένταύθα δημοκρατία;
μέν κατέτταυε, καθίστα δέ άττό τιμημάτων τά; άρχάζ; dazu zuletzt Touloumakos
11 f.; vgl. De Sanctis 4,3, 178.
1 7 Polyb. 39,3,1.

1 8 Vgl. Polyb. 39,3,3: ένδεικνύμενος (ein namentlich nicht genannter Römer)


ώσπερ ετι ζώντα (sc. Philopoimen) 'Ρωμαίοι^ ττολέμιον καΐ κακόνουν γενέσθαι.
1 9 Polyb. 39,3,3—9. 2 0 Polyb. 39,3,10.

21 Polyb. 38,3,11. Als von der Zehnerkommission beauftragter Schlichter und Be-

rater bei Streitigkeiten innerhalb der einzelnen achaiischen Städte hat sich Poly-
bios zahlreiche Ehrungen verdient, vgl. Syll. 3 686 (Olympia, von Elis); IG V
2,370 (Kleitor). Noch im späten 2. Jahrhundert n. Chr. überliefert Pausanias für
eine ganze Reihe von Orten in Achaia Statuen des Polybios, über deren Inschriften
er z. T. berichtet: 8,9,1 (Mantineia; vgl. IG V 2,304); 8,30,8f. (Megalopolis);
8,37,2 (Lykosura; hierher IG V 2,537 ?); 8,44,5 (Pallantion); 8,48,8 (Tegea). Vgl.
dazu auch Ziegler 1456f.; Niese 3,352f.

16 Deininger, Widerstand
II. Das Ende des antirömischen Widerstandes
in Griechenland

1. Zur Situation in Griechenland zwischen 146 und 88 v. Chr.

Mit dem katastrophalen Zusammenbruch der Erhebung Achaias


und der verbündeten mittelgriechischen Staaten und der tief eingreifen-
den Neuordnung von 146/5 v. Chr. schien der politische Widerstand
gegen Rom in Griechenland endgültig gebrochen zu sein. Wohl haben
die Römer schon nach wenigen Jahren die „Neukonstituierung" der von
ihnen zunächst aufgelösten Koina zugelassen1, doch hatten diese, zumal
angesichts der Unterstellung ihres Territoriums unter den makedonischen
Statthalter, jegliche selbständige politische Bedeutung eingebüßt. Das
neue achaiische Koinon der Zeit nach 146 v. Chr. war wesentlich kleiner,
beschränkte sich jedoch nicht, wie man früher meinte, auf das alte
Achaia, sondern umfaßte zumindest auch Teile des nördlichen und
nordwestlichen Arkadien2. Gewiß hat es auch noch nach 146 v. Chr. in
Griechenland nicht ganz an Bewegungen gefehlt, die gegen die bestehende
Ordnung gerichtet waren, und charakteristischerweise gingen sie auch
weiterhin nur von den unteren und untersten Schichten der Bevölkerung
aus. Antirömisch war diese Opposition jedoch höchstens indirekt; soziale
und wirtschaftliche Motive überwogen entschieden. So riefen die großen
Sklavenerhebungen im letzten Drittel des 2. Jahrhunderts v. Chr., der
I. und II. sizilische Sklavenkrieg (135—131 bzw. 104—100 v. Chr.)3,
auch im Bereich der attischen Silberbergwerke von Laureion Aufstands-

1
Paus. 7,16,10: ετεσι δέ ού πολλοίς ύστερου έτράποντο ές ελεον 'Ρωμαίοι της
'Ελλάδος, καΐ συνέδρια τε κατά έθνος άττοδιδόασιν έκάστοις τά άρχαΤσ; vgl. oben
S. 239; Niese 3,354ff.
4
Dazu zuletzt Larsen, Fed. States 600f. — Zu Boiotien vgl. Accame 195f.; Roesch
71 f.; zu Phokis Accame a. O. 201 f. Die östlichen Lokrer erscheinen jetzt in
epiknemidische und hypoknemidische Lokrer geteilt, Accame ib. 206f.
8
Dazu zuletzt allgemein J. Vogt, Zur Struktur der antiken Sklavenkriege (Ak.
Mainz, Geistes- und soz.-wiss. Kl. 1957,1); jetzt in: ders., Sklaverei und Huma-
nität (Wiesbaden 1965), 20—60.
Griechenland zwischen 146 und 88 v. Chr. 243

bewegungen der Sklaven hervor4, wahrscheinlich in den Jahren 134—133


und 104—102 v. Chr.6. Beide Revolten konnten ohne römische Hilfe
niedergeschlagen werden®; spezifisch antirömische Tendenzen lassen
sich in dem freilich äußerst spärlichen Quellenmaterial nicht feststellen.
Während in Makedonien auch nach dem Scheitern des Andriskos noch
wenigstens zwei weitere Prätendenten—Alexandres (zwischen 148 und
146 v. Chr.)7 und Philippos (etwa 143/2 v. Chr.)8 — die ττολλοί und
ζ. T. auch Sklaven 9 für die Wiedererrichtung der makedonischen
Monarchie und die Abschüttlung der römischen Herrschaft zu gewinnen
suchten, während in Pergamon Aristonikos die Sklaven zum Kampf
gegen Rom aufrief (133—130 v. Chr.), blieb in Griechenland, aufs ganze
gesehen, alles ruhig10. Nur einmal erfährt man durch eine zufällig er-
haltene Inschrift von einer Auflehnung gegen die bestehende und von
Rom überwachte Ordnung, und zwar im achaiischen Dyme 11 .
Anscheinend 115 v. Chr.12 hatte dort ein gewisser Sosos13 mit der
Unterstützung des dymäischen Damiurgen Phormiskos14 die öffentlichen
Archive (mit den Unterlagen für Steuern und Steuerschulden) in Brand
gesetzt und dann zusammen mit einem gewissen Timotheos 15 neue
Gesetze zu proklamieren versucht, die im Widerspruch zu der 145 v. Chr.
von den Römern geschaffenen politischen Ordnung Achaias standen 19 .

4 Vgl. dazu besonders S. Lauffer, Die Bergwerkssklaven von Laureion (Abh.


Mainz 1 9 5 5 , 1 2 ; 1956, 11), 227—247. I m Jahre 134/3 v. Chr. griff die Bewegung
auch auf Delos über, ib. 232ff.
* Lauffer a. O. 235f.; 238f. β Lauffer ib. 230.

7 Zonar. 9,28,8 = Cass. Dio I p. 313 B . ; dazu zuletzt M. Gwyn Morgan, Historia
18,1969, 430—432 (der den Winter 148/7 v. Chr. vorzieht), ablehnend gegen-
über De Sanctis 4,3,127; 148f., wo ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten
des Alexandros, falls dieses schon 146 v. Chr. erfolgte, und dem Feldzug des
Kritolaos erwogen wird; Niese 3,334f.
8 Liv. per. 53; Eutr. 4,15; Varro de r. r. 2 , 4 , l f . Dazu De Sanctis a. Ο. 127; 184.
8 Vgl. Eutr. a . Ο.: collectis servitiis.
1 0 Dazu De Sanctis 4,3,171.

1 1 Syll. 3 684 = R . K. Sherk, Roman Documents from the Greek E a s t (Baltimore


1969), 246ff., Nr. 43 (Brief des Proconsuls Q. Fabius Maximus an Dyme); dazu
zuletzt L . Moretti, R F I C 93. 1965, 281; Accame a. O. 149ff.; vgl. De Sanctis
4,3,174; Rostovtzeff 2,599.
12 Z. Dat. vgl. Sherk 247f.; Moretti a. O.; Accame a. O. 150 m. Anm. 4; T. R . S.
Broughton, The Magistrates of the Roman Republic I I (1952), 644.
13 Syll. a. Ο. Z. 8 f . ; 1 9 f . ; 23f.
14 Ib. Z. 21—23. 1 5 Ib. Z. 23f.

16 Vgl. ib. Ζ. 8 — 1 0 : ό καΐ toüs νόμου? γράψσζ Οττεναντίου; τήι άττοδοθείσηι τοΪ£
[Ά]χαιοΐ$ ϋττό 'Ρωμαίων ·π·ολιτ[εία]ι.
16·
244 Das Ende des antirömischen Widerstandes in Griechenland

Wie weit die Ziele der Aufrührer wirklich gingen, ist jedoch nicht recht
klar. Die Inschrift spricht von dem Versuch, durch die alten Übel der
άσυναλλαξία und der χρεωκοττία bei allen Griechen Verwirrung zu
stiften, sowie vom Verstoß gegen die den Griechen von Rom verliehene
Freiheit und die römische προαίρεση selbst17. Ob Sosos dabei aber inner-
halb des Koinon auftrat, geht aus dem Text nicht einwandfrei hervor18.
Ein gewisser Kyllanios und andere Mitglieder des Synedrions von Dyme19
brachten jedenfalls die ganze Angelegenheit vor den Proconsul Q. Fabius
Maximus Eburnus20, der sie in Patrai eingehend untersuchte, worauf
Sosos und Phormiskos zum Tode verurteilt und Phormiskos zur Ab-
urteilung nach Rom geschickt wurde21. Die Tatsache, daß das Koinon
hier nirgends erwähnt wird und auf griechischer Seite lediglich die
Stadt Dyme mit dem Fall befaßt scheint, dürfte dafür sprechen, daß
sich auch alles in Dyme selbst abgespielt hatte. Offenbar blieb das
Ganze eine isolierte, lokale Aktion, die sich in erster Linie gegen be-
stimmte soziale und wirtschaftliche Mißstände und trotz der schwer-
wiegenden Vorwürfe des Proconsuls nur indirekt auch gegen die römische
Vorherrschaft in Griechenland richtete.
So sah es am Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. in Griechenland in
der Tat so aus, als ob alle antirömischen Strömungen für immer ver-
schwunden seien und man sich in sämtlichen Schichten der Bevölkerung
mit der politischen Beherrschung durch Rom als einem nicht mehr zu
ändernden Zustand abgefunden hätte. Und doch sollte mehr als ein
halbes Jahrhundert nach der Zerstörung Korinths noch einmal eine
letzte antirömische Opposition erstehen, deren Auftritt freilich in vielem
nur noch wie ein Satyrspiel zu der großen Tragödie des politischen
Widerstandes Griechenlands gegen die Römer anmutete.

17
Ib. Z. 12—16: έφαίνουτό μοι της χειρίστης κα[τασ]τάσεως [κα]1 ταραχής κ α τ α σ -
κευήν] ττοιούμενο[ι τοις "Ελλησι ττδσι]ν· ού μό[νον γαρ] της ττρ[ό]ς άλλήλου[ς]
άσυναλλ[α]ξ[ία]ς και χρε[ωκοτπας οικεία], άλλά καΐ [τ!ης άττοδεδομένης κατά
[κ]οινόυ τοις °Ελλη[σιν έ]λευθερίας αλλότρια καΐ τή[ς] ήμετέ[ρα]ς προαιρέσεως
κτλ.
18
An eine Aktion innerhalb des Koinon denken unter Berufung auf das Amt
des Nomographen, das als Koinonamt überliefert ist. De Sanctis 4,3,176, Anm. 20;
Larsen, Roman Greece 308; Aymard, Assemblies 183ff.; Niese 3,355, Anm. 5;
358, Anm. 1. Lokale Nomographen (vgl. dazu Larsen, Fed. States 231f.; 2341;
Touloumakos 29f.) nehmen dagegen im vorliegenden Fall an Accame a. O. 150;
Hertzberg 302.
19
Syll. a. Ο. Z. 4f.
20 21
Dazu Accame 149f.; Broughton a. O. Syll. a. Ο. Z. 17—27.
Die antirömische Bewegung in Athen 245

2. Die Entstehung der antirömischen Bewegung in Athen

Im Jahre 88 v. Chr. erhob sich mit Mithridates VI. Eupator von


Pontos überraschend ein höchst gefährlicher Gegner, der Roms Herr-
schaft im Osten wenigstens für kurze Zeit noch einmal ernsthaft in
Frage zu stellen schien. Von dem erbitterten Ringen, das sich mit zahl-
reichen dramatischen Höhepunkten und einigen Atempausen fast ein
Vierteljahrhundert lang hinzog, interessieren hier jedoch nur die Aus-
wirkungen auf Griechenland, d. h. der dadurch ausgelöste griechische
Widerstand gegen Rom im I. Mithridatischen Krieg.
Das Zentrum dieser letzten größeren romfeindlichen Bewegung in
Griechenland war eigenartigerweise Athen, wobei die Quellen allerdings
aufs deutlichste bestätigen, daß auch dieser Kampf gegen Rom fast
ausschließlich vom δήμος ausging und getragen wurde1, ein weiterer
Beweis dafür, daß der Widerstand gegen Rom in Griechenland nach
168 v. Chr. in erster Linie nur noch ein Widerstand der unteren Schichten
war. Bezeichnend für die besonderen Verhältnisse in Athen war freilich
die auffällige Rolle der Philosophen und ihrer Schulen, die hier eine
relativ selbstbewußte „InteUektuellen"-schicht bildeten, wie sie sonst
nirgendwo in Griechenland existierte. Peripatetiker und Epikureer er-
scheinen dabei im allgemeinen auf der Seite der Feinde Roms, während
Stoiker und Akademiker eher prorömisch eingestellt waren2. Warum

1
Paus. 1,20,5: άνέττεισε (sc. Aristion) δέ ού ττάυτσξ, ά λ λ ' ό σ ο ν δήμος fjv καΐ
δήμου τ ό ταραχώδες* 'Αθηναίοι δέ &υ τις λόγος, τταρά τους "Ρωμαίους
έκτπτττουσιν έθελονταί. Vgl. Cie. Brut. 89,306: eodemque tempore, cum princeps
Academiae Philo cum Atheniensium optimatibus Mithridatico hello domo pro-
fugisset (dazu unten S. 253). Zum Begriff der .Optimaten' vgl. oben S. 72f.
2
Zur politischen Haltung der Philosophenschulen vgl. zuletzt Candiloro 158—171
(bes. 167f.). So gehörten Athenion und Aristion, die bekanntesten Führer des
Aufstandes, der peripatetischen bzw. epikureischen Schule an. Ähnlich war
Apellikon ein Vertreter des Peripatos, während Philon von Larisa als Haupt der
Akademie die Flucht ergriff und sich später in Rom niederließ (vgl. Anm. 1);
ihm folgte vielleicht der Akademiker Antiochos von Askalon, vgl. Candiloro
170. — Ebenso hat man vermutet, daß sich die Athen. 13,611 Β und Diog. Laert.
10,3 berichtete Denunziation des Stoikers Diotimos durch den Epikureer Zenon
von Sidon und die Hinrichtung des Diotimos unter Aristion in Athen ereignet
hat, vgl. W. S. Ferguson, Klio 4,1904, 13; R. Weü, Ath. Mitt. 6, 1881, 327ff.
Auch der Stoiker Poseidonios ergreift für Rom Partei, unten S. 248f. Dennoch
lassen sich diese Beobachtungen kaum verallgemeinern und gelten zunächst
246 Das Ende des antirömischen Widerstandes in Griechenland

jedoch führte die antirömische Bewegung des Mithridates gerade in


Athen zu einer so leidenschaftlichen Reaktion? Seit jeher hatte die
Stadt als besonders prorömisch gegolten, und dies zweifellos mit einem
gewissen Recht 3 . Aber vielleicht hat eben die Tatsache, daß Athen im
ganzen 3. Jahrhundert infolge seiner guten Beziehungen mit Rom nie
die volle Härte römischen Unwillens zu spüren bekommen hatte, mit
zu dem rasch vollzogenen Abfall des Jahres 88 v. Chr. beigetragen.
Beinahe sieht es so aus, als ob jedes griechische Staatswesen von einiger
Bedeutung — Aitolien, Boiotien, Epeiros, Rhodos, Achaia — erst am
eigenen Leibe die schmerzvolle Erfahrung seiner Ohnmacht gegenüber
dem römischen Herrschaftswillen hätte machen müssen, ehe es den
Widerstand dagegen aufgab; und gerade der kulturellen Metropole Athen
blieb es vorbehalten, die Aussichtslosigkeit dieses Widerstandes zuletzt
zu begreifen.
Über die eigentlichen Ursachen der Erhebung, die im Jahre 88 v. Chr.
begann, gibt es keine direkten Nachrichten. Daß jedoch, wie vermutet
worden ist4, die wirtschaftliche Konkurrenz attischer und römischer
Kaufleute auf Delos eine entscheidende Rolle gespielt hätte, ist schon
wegen des angedeuteten Grundcharakters der Bewegung nur schwer
denkbar. Von einer gewissen Bedeutung könnten die engen traditionellen

bestenfalls für Athen in der damaligen Situation. Der Philosoph Diodoros von
Adramyttion ζ. B., einer der eifrigsten Anhänger des Mithridates, rechnete sich
— wie Philon — zur Akademie, Strab. 13,1,66.
8 Überblick über die prorömische Politik Athens in der 1. Hälfte des 2. Jahr-
hunderts v. Chr. bei P. MacKendrick, The Athenian Aristocracy 399 to 31 Β. C.
(Cambridge, Ma., 1969), 43—47; Touloumakos 79f.; 83f. Vgl. auch die Be-
merkung des Alexandras Isios 195 v. Chr. (oben S. 65) sowie Veil. Pat. 2,23,4:
adeo enirn certa Atheniensium in Romanos fides fuit, ut semper et in omni re,
guidquid sincera fide gereretur, id Romani Attica fieri praedicarent (dazu aber
A. Otto, Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Römer [Leipzig
1890], 44). Zu Anzeichen eines allerdings schnell unterdrückten Widerstandes
ebenfalls in den unteren Schichten zu Beginn des Antiochoskrieges vgl. oben
S. 89f. — Ob der von R . Merkelbach (in: Gr. Pap. d. Hamb. Staats- u. Univ.-
Bibl., hsgg. v. Sem. f. Klass. Philol. d. Univ. Hambg., Hambg. 1954, 51—74,
Nr. 129) publizierte, fingierte Brief Hannibals an die Athener als authentisches
Zeugnis für antirömische Tendenzen in Athen im 2. Jahrhundert v. Chr. genom-
men werden darf, bleibt trotz Candiloro 171—176 zweifelhaft; die Charakteri-
sierung des Briefes als ironisches Beispiel „barbarischer Großprahlerei" durch
R. Merkelbach (a. O. 59) überzeugt — um so mehr, als Candiloro auf die von
Merkelbach vorgetragenen Argumente gar nicht eingeht.
4 Weil a. O. 316; vgl. Ferguson, Klio 4 , 1 9 0 4 , 1 3 .
Die antirömische Bewegung in Athen 247

Verbindungen zwischen Athen und dem Königreich Pontos gewesen sgin 6 .


Wirklich ausschlaggebend waren jedoch offenbar die starken innenpoliti-
schen Spannungen, die in Athen nicht lange vor Beginn des I. Mithrida-
tischen Krieges aufgetreten waren.
Seit dem Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. hatte sich nämlich der
oligarchische Charakter der athenischen Verfassung erheblich verschärft,
was in einer Reihe von Krisen in den J a h r e n 1 0 6 / 5 — 8 9 / 8 v. Chr. seinen
Ausdruck fand®. Eine Stelle bei Appian dürfte bestätigen, daß auch
die Römer, und zwar im Sinne der herrschenden Kreise, massiv in diese
Auseinandersetzungen eingegriffen haben 7 . Bereits zwischen 106/5 und
101/0 v. Chr. wurde die Stellung der Gerichte zugunsten der Bule ent-
scheidend geschwächt 8 . 98/7 v. Chr. bekleidete Argeios zweimal nach-
einander das A m t des eponymen Archonten 9 ; den Höhepunkt aber

* Dazu bes. Ferguson, Hell. Ath. 473f.; Weü a. O. 316ff.; Vorbehalte bei Day
114, Anm. 357.
• Dazu vor allem W. S. Ferguson, Athenian Tribal Cycles in the Hellenistic Age
(Cambridge, Ma., 1932), 147—155 (mit teilweiser Revidierung seiner älteren
Ausführungen Hell. Ath. 427ff.; 440; Klio 4, 1904, Iff.; vgl. auch ebda. 9,1909,
323f.); Accame, Dominio 163ff.; Day 110; Touloumakos 86. Zu gleichzeitigen
(vorübergehenden) Wandlungen in der Zusammensetzung der athenischen Füh-
rungsschicht (Ersetzung der bisherigen, vorwiegend landbesitzenden Oberschicht
durch reichgewordene Kaufleute aus Delos) Ferguson, Klio 4, 1904,10ff.; vgl.
ders., Hell. Ath. 418f.; Candiloro 140ff.; Day 101f.; Einschränkungen bei
MacKendrick a. O. 59.
7 App. Mithr. 39,151—152: ό Σύλλας Άριστίωνα μέν καΐ touj έκείνω δορυφορή-

σαντας η άρχή ν τίνα άρξαντας ή όττοϋν άλλο Ίτράξαιπ-ocs παρ' ά ττρότερον άλούσης
τη; 'Ελλάδος Οττό 'Ρωμαίων αύτοΐς δίΕτέτακτο, έκόλασε θανάτω, τοίξ δέ άλλοι?
συνέγνω και νόμους Ιθηκεν άττασιν άγχοϋ των ττρόσθεν αύτοϊς Coro 'Ρωμαίων
ορισθέντων. Der Schluß beweist wohl eindeutig einen vorausgegangenen rö-
mischen Eingriff in die athenische Verfassung, trotz Touloumakos 89 m. Anm.
3. Daß sich άττασιν auf die Griechen insgesamt beziehe und daher für eine rö-
mische Maßnahme in Athen nicht beweiskräftig sei, wie Accame will (163 f. .'da-
nach Candiloro 144), erscheint angesichts des Kontextes nicht haltbar; App.
a. O. 35,138—40,155 beschäftigt sich ausschließlich mit Athen und dem Pirae-
us. Daß, wie ebenfalls vermutet worden ist (vgl. W. B. Dinsmoor, The Ar-
chons of Athens in the Hellenistic Age, Cambridge, Mass., 1931,234 m. Anm. 3),
die Appianstelle auf ein römisches Eingreifen bereits 145 v. Chr. zu beziehen
sei, entbehrt in gleicher Weise einer quellenmäßigen Grundlage, vgl. Ferguson,
Tribal Cycles 153ff.; ders., Klio 4,1904,16f.; richtig auch Accame a. O. 164.
8 Vgl. dazu Ferguson, Tribal Cycles 148ff.; Accame a. O. 165f.
8 Vgl. Dinsmoor a. O. 280; Accame, Dominio 166. — Zu den wohl überwiegend
prorömischen Münzmeistern der Jahre 104/3—88/7 v. Chr. vgl. M. Thompson,
The New Style Silver Coinage of Athens (New York 1961), 408f.
248 Das Ende des antirömischen Widerstandes in Griechenland

bildete die „Diktatur" des Medeios, der 91/0—89/8 v. Chr. dreimal


nacheinander als eponymer Archon amtierte10. Dabei handelte es sich
offenbar nicht zuletzt darum, den Einfluß der unteren Schichten zu
verringern und ihre Forderungen, besonders das Verlangen nach Schul-
denerlaß, zu unterdrücken11. Wie aus den Darlegungen Athenions im
Jahre 88 v. Chr. hervorgeht, wurde damals nicht nur die Ekklesie über-
haupt suspendiert12, sondern es wurden offenbar auch Maßnahmen gegen
die Philosophenschulen, die Gymnasien und kultische Versammlungen
ergriffen13. Diese schweren Konflikte führten wahrscheinlich Anfang
88 v. Chr. zu einer Gesandtschaft an den Senat14. Während dieser noch
einer klaren Entscheidung auswich, trat dann plötzlich jenes Ereignis
ein, das die Situation auch in Athen von einem Tag auf den anderen
völlig veränderte: der erfolgreiche Angriff des Mithridates auf die
römische Provinz Asia.

3. Die Erhebung Athens und anderer Gebiete Griechenlands im


I. Mithridatischen Krieg (88—86 v. Chr.)

a) Athenion in Athen (88 v. Chr.)


Über die turbulenten Anfänge der promithridatischen Bewegung in
Athen unter dem peripatetischen Philosophen Athenion unterrichtet in
größter Anschaulichkeit ein berühmtes, vielbehandeltes Fragment aus
den Historien des Poseidonios1. War indes schon das Urteil des Polybios
10
Vgl. dazu Ferguson, Hell. Ath. 440; ders., Klio 4, 1904, 13; Dinsmoor a. O. 283;
Touloumakos 85f.; zuletzt kurz MacKendrick a. O. 61.
11
Vgl. dazu Poseid. b. Athen. 212 A; Day 110.
12
Poseid. b. Athen. 213D; Ferguson, Tribal Cycles 150f.
13
Poseid. a. O.; Day 113; Ferguson a. O. 152; vgl. unten S. 252.
14
Poseid. b. Athen, a. O.; dazu Accame a. O. 169; Ferguson, Hell, Ath. 440f.;
ders., Klio 4,1904, 3. Z. Datum ders.. Hell. Ath. 440, Anm. 4.
1
FGrHist 87 F 36 = Athen. 5,211 D—215. Vgl. dazu vor allem den Kommentar
von F. Jacoby, FGrHist II C (1926), 184^-188; H. Berve, Die Tyrannis bei den
Griechen I (München 1967), 412—414; E. Candiloro, Politica e cultura in Atene
da Pidna alia guerra mitradatica, Stud, class, e oiient. 14, 1965, 134—176;
K. Heinhardt, RE XXII 1 (1953), 636—638, Art. Poseidonios Nr. 3; U. v. Wila-
mowitz-Moellendorff, Athenion und Aristion (1923) = Kl. Sehr. V 1 (1937),
204—219; Day 113—116; Ferguson, Hell. Ath. 440—446; ders., Klio 4,1904,
14—16; Th. Reinach, Mithridates Eupator (dt. v. A. Goetz, Leipzig 1895),
Athenion in Athen (88 v. Chr.) 249

über die Ereignisse des Achaiischen Krieges wesentlich durch seine


politische Parteinahme beeinflußt, so stellt der Bericht des Poseidonios
über Athenion fast eine Karikatur der Ereignisse in Athen vom Stand-
punkt dessen aus dar, der — als verantwortlicher rhodischer Politiker
gerade jener Jahre 2 — bei aller Darstellungskunst und Schärfe seiner
Beobachtungsgabe weder für den Widerstand gegen Rom noch für den
δήμος als seinen Träger irgendwelche Sympathien besaß. Die moderne
Forschung hat zwar festgestellt, daß Poseidonios' Bild von Athenion
weitgehend durch seinen sozialen, politischen und philosophischen Stand-
punkt bedingt ist 3 , sich allerdings mit der Ausnahme von Wilamowitz
der Suggestivkraft dieses Bildes kaum wirklich zu entziehen vermocht.
Es läßt sich freilich auch nicht leugnen, daß man es hier — neben der
Agelaos-Rede und der Synkrisis von Aristainos und Philopoimen bei
Polybios4 — mit dem bedeutendsten Stück antiker Geschichtsschreibung
zum Widerstand gegen Rom in Griechenland zu tun hat.
Ob man nun den „boshaften Insinuationen" und Andeutungen des
Poseidonios über die obskure Herkunft des Athenion im einzelnen Glau-
ben schenkt oder nicht 6 , so geht aus seiner Darstellung immerhin hervor,
daß Athenion keineswegs — wie etwa Poseidonios selbst® — der Ober-
schicht der „principes" entstammte. Doch hatte er das attische Bürger-
recht erworben7 und besaß auch ein gewisses Ansehen in Athen8, als er

129—138; R. Weil, Das Bündnis der Athener mit Mithridates, Ath. Mitt. 6, 1881,
315—337; außerdem M. Laffranque, Poseidonios historien, un episode signifi-
catif de la premiere guerre de Mithridate, Pallas 11, 1962, 103—113 ( = Annales
publ. par la Fac. des Lettres de Toulouse 11, 1962, 2) (unergiebig); dies.,
Poseidonios d'Apamee (Paris 1964), 142—144.
2 Vgl. seine Prytanie in Rhodos, Strab. 7,5,8, sowie seine Gesandtschaft nach
Rom, Plut. Mar. 45 (Dez./Jan. 87/6 v. Chr.); dazu F. Hiller v. Gaertringen,
R E Suppl. V (1931), 801 f., Art. Rhodos.
s Vgl. Ferguson, Hell. Ath. 441; ders., Klio 4 , 1 9 0 4 , 1 4 , Anm. 1; Berve a. O. 413.
4 Vgl. oben S. 25ff.; 109ff.
5 Vgl. Wilamowitz a. O. 215. Nach Poseidonios a. Ο. 2 1 3 E — F war Athenion der
Sohn einer ägyptischen Sklavin und — woran allerdings Poseidonios einen
mokanten Zweifel nicht unterdrücken kann — des peripatetischen Philosophen
Athenion, der ihn dann, genasführt durch ihn und seine Mutter, wie Poseidonios
sich ausdrückt, zu seinem Erben einsetzte.
β Vgl. Reinhardt a. O. 564.
7 Nach Poseid. (a. O. 211F) war dies illegal geschehen und Athenion ein
τταρεγγραφος.
8 Poseid. ib., der auch (212A) von einem nicht unbeträchtlichen Vermögen zu
berichten weiß, das sich Athenion durch seine von Poseidonios (ib.) allerdings
wiederum abfällig bewertete Lehrtätigkeit erworben hatte.
250 Das Ende des antirömischen Widerstandes in Griechenland

wohl auf die ersten Nachrichten vom Angriff des Mithridates hin etwa
März/April 88 v. Chr. von den Athenern, und zwar offenbar den Gegnern
des Medeios und seiner Gruppe, dazu ausersehen wurde, eine Gesandt-
schaft zu dem siegreich im Vormarsch begriffenen Mithridates zu unter-
nehmen9.
Damit hatte er einen ganz unerwarteten Erfolg. Nach kurzer Zeit
schon sah er sich unter die φίλοι des Königs aufgenommen10, und bald
trafen in Athen Briefe von ihm ein, in denen er nicht nur von den un-
verhofften, vernichtenden Siegen des Mithridates über die Römer be-
richten konnte, sondern auch die Erfüllung der wichtigsten Forderungen
der ιτολλοί und ihrer Führer in Aussicht stellte: einen Schuldenerlaß,
das Ende der Verfassungskrise und die Errichtung der Demokratie;
außerdem kündigte er umfangreiche Geldspenden für den einzelnen wie
für den Staat an11. Die Zeiten, in denen die πολλοί der Ankunft
Antiochos' III., seiner Heere und seiner märchenhaften Goldschätze in
Griechenland entgegengefiebert hatten, schienen wiedergekehrt zu sein;
schon begann für die πολλοί in Athen der nie für möglich gehaltene Zu-
sammenbruch der römischen Herrschaft in greifbare Nähe zu rücken12.
Eine ungeheure Erregung hatte sich daher Athens bemächtigt, als
Athenion aus Kleinasien zurückkehrte. Bei Karystos an der Südspitze
von Euboia, wo er infolge widriger Wetterverhältnisse gelandet war,
bereiteten ihm die Athener einen enthusiastischen Empfang 13 ; dann hielt
er einen triumphalen Einzug in der Stadt, wo die Begeisterung der
πολλοί keine Grenzen kannte 14 . Auch die dionysischen Techniten er-
wiesen sich als eifrige Anhänger des Mithridates, feierten Athenion als
Boten des „Neuen Dionysos" und luden ihn zu Gebeten und Opfern16.
Der Sophist Athenion, der aus einem Mietshaus ausgezogen war, so be-

9
Poseid. a. O. 212 Α: χειροτονηθεί? ύττό των 'Αθηναίων πρεσβευτή?, δτε εϊζ Μιθρι-
δάτη ν τά πράγματα μετέρρει. Bezeichnend für den Bericht des Poseidonios ist,
daß er nach der detaillierten und abfälligen Schilderung von Athenions Her-
kunft und Lehrtätigkeit über die näheren Umstände seiner Wahl zum Gesand-
ten ganz hinweggeht. Da die Ekklesie ausgeschaltet worden war (vgl. oben
S. 248), betrachtet Day 113 die Gesandtschaft als ,,inoffiziell".
10
Poseid. ib.
11
Poseid. a. O. 212 Α—Β; vgl. Ferguson, Η. A. 441; ders., Klio 4,1904,13,
Anm. 4; ib. S. 14.
12
Poseid. a. O. 212 B.
13
Poseid. ib. Anfang Sommer 88 v. Chr.: Candiloro 147.
14
Poseid. a. O. 212 B—D.
15
Poseid. a. O. 212 D.
Athenion in Athen (88 v. Chr.) 251

richtet Poseidonios, wurde in das verschwenderisch ausgestattete Haus


des Dies, des dank seiner Einkünfte aus Delos damals reichsten Mannes
in Athen, geführt 16 ; mit einem kostbaren Mantel angetan trat er wieder
heraus, geschmückt mit einem goldenen Ring, der das Bildnis des großen
Wohltäters Mithridates eingraviert trug17. Eine Schar von Dienern
folgte ihm, als er sich zum Temenos der Techniten begab, wo Dank-
opfer für seine Anwesenheit dargebracht wurden18.
Am nächsten Tag erwartete eine unübersehbare Menschenmenge
Athenion vor seinem Haus. Unter dem Schutz einer Leibwache aus
Leuten, „die beim δήμος gut angesehen sein wollten"19, konnte er sich
nur mit Mühe voranbewegen: alles drang auf ihn ein, um auch nur sein
Gewand berühren zu können20. Vor der Attalosstoa bestieg er dann die
Rednerbühne, die an sich für die römischen Statthalter von Makedonien
errichtet worden war21, und hielt eine Rede, in der er ein äußerst opti-
mistisches Bild der neuen politischen Lage entwarf. Was man selbst im
Traum nie zu hoffen gewagt habe, so rief er aus, sei Wirklichkeit gewor-
den: Der König Mithridates beherrsche Bithynien, Kappadokien und
das gesamte Kleinasien bis Pamphylien und Kilikien. Die Könige von
Armenien und Parthien leisteten ihm Gefolgschaft, die Dynasten rings
um das Schwarze Meer gehorchten seinem Befehl. Q. Oppius, der
römische Statthalter von Kilikien22, befinde sich als Gefangener bei dem

16
Zur Person d. Dies vgl. St. Dow, A Leader of the Anti-Roman Party in Athens
in 88 B. C„ CPh 37, 1942, 311—314, wonach die Familie ursprünglich aus Tyros
stammte. Aus dem Auftritt des Athenion im Haus des Dies wird allgemein
geschlossen, daß dieser ein Anhänger des Athenion war. Doch ist nicht leicht
eine wirkliche Verbindung zwischen einem Dies und Athenion, der Schuldenerlaß
und „Demokratie" als seine politischen Ziele in Athen betrachtete, denkbar.
Vor allem geht aus dem Text des Poseidonios überhaupt nicht hervor, daß Dies
mit Athenion sympathisierte. Vielleicht war er gerade abwesend, womöglich
sogar aus Athen geflohen. Vollends aber sind die daran geknüpften Vermutungen
(vgl. S. 246; Dow 313), die athenischen Geschäftsleute auf Delos seien generell
antirömisch gewesen, in keiner Weise verifizierbar.
17
Poseid. a. O. 212 D—E. Wieder ist die Erzählung des Poseidonios ganz auf die
Schilderung dieser Äußerlichkeiten abgestellt, während man über die wesent-
lichere Frage der Stellung des Dies zu Athenion nichts erfährt.
18
Poseid. ib.
" Poseid. a. O. 212F.
20
Poseid. a. O.
21
Poseid. ib.; vgl. zuletzt Accame, Dominio 77f.
22
Z. Pers. vgl. F. Münzer, RE XVIII 1 (1939), 740f., Nr. 20; dazu Jacoby,
Komm. a. O. 186; Reinach-Goetz a. O. 120.
252 Das Ende des antirömischen Widerstandes in Griechenland

Heer des Mithridates; M'. Aquillius, vor kurzem noch Konsul und Sieger
im sizilischen Sklavenkrieg, müsse sich, an einen riesigen Bastarner
gekettet, zu Fuß hinter dessen Pferd dahinschleppen23. Der Rest der
Römer flehe bei den Statuen der Götter um Erbarmen oder habe die
Toga mit einem griechischen Gewand vertauscht, um nicht erkannt zu
werden. Von allen Städten würden für Mithridates übermenschliche
Ehrungen beschlossen und werde der König ein Gott genannt, während
ihm Orakelsprüche von überallher bereits die Weltherrschaft prophe-
zeiten. Schon befänden sich riesige Heere von drüben auf dem Marsch
nach Thrakien und Makedonien; ganz Europa sei dabei, auf die Seite
des Mithridates überzutreten. Sogar von den italischen Völkerschaften
seien Gesandtschaften bei ihm eingetroffen, die sich alle zur endgültigen
Vernichtung Roms vereinen wollten24.
Dann wandte er sich der Lage in Athen zu und erklärte, das
Wichtigste sei jetzt, mit der herrschenden Anarchie Schluß zu machen,
die der römische Senat nur gefördert habe, um am Ende Athen eine
Verfassung nach seinen Wünschen diktieren zu können26. Deshalb seien
Volksversammlung und Gerichte aufgehoben, die Heiligtümer geschlos-
sen, die Gymnasien ausgestorben und die Philosophen verstummt 26 .
Nach dieser Rede, so berichtet Poseidonios, dem es bei all dem
freilich mehr um die gelungene Parodie auf den „Staatsmann" Athenion
als um die Ergründung der tieferen Ursachen dafür geht, warum Athenion
die Masse der Athener in einen derartigen Erregungszustand zu stürzen
vermochte 27 , begaben sich die πολλοί ins Dionysostheater, wo dann

23 Zu Aquillius vgl. D. Magie, Roman Rule in Asia Minor I (Princeton 1950), 215;
dazu Jacoby a. O.; Reinach-Goetz a. O. 121.
24 Poseid. a. O. 212F—213C, wo außerdem (213C) Karthago genannt wird; dazu
zuletzt C. Nicolet, Melanges Piganiol II (Paris 1966), 807—814, der (unter Hin-
weis auf Memn., FGrHist 434 F 21) an Gesandtschaften aus Nordafrika oder
Spanien (Carthago Nova) denkt.
25 Poseid. a. O. 213 C—D; vgl. auch oben S. 247 f. 'Αναρχία meint hier nicht
das Fehlen des eponymen Archons im Jahr 88/7 v. Chr. (IG I I 2 1713; vgl.
Dinsmoor a. O. 283), sondern die Verfassungskrise der vorausgegangenen Jahre,
vgl. Accame, Dominio 168f.; Jacoby, Komm. a. O. 186; Wilamowitz a. O. 212.
26 Poseid. a. O. 213 D; oben S. 248; vgl. Day 113; Wilamowitz 212; Ferguson,
Η. A. 440; 443; ders., Klio 4,1904, 15.
27 Die satirischen Absichten des Poseidonios werden besonders im letzten Teil der
Rede deutlich (213C—E), von dem er nur eine Kostprobe gibt (vgl. 2 1 3 D — E :
ττολλων oöv καΐ άλλων τοιούτων λεχθέντων) und wo er sich in der Verhöhnung
des Pathos des Athenion nicht genug tun kann.
Athenion in Athen (88 v. Chr.) 253

Athenion zum στρατηγός επί των όπλων gewählt wurde28. Nach seiner
Wahl rief er die Athener auf, einig zu sein und ihn zu unterstützen;
dann setzte er selbst die anderen leitenden Beamten ein29.
Aber die Hochstimmung der ersten Tage währte nicht lange, und es
dauerte offenbar nur wenige Tage, bis das neue Regime unter der Füh-
rung Athenions in schweren Gegensatz zu den bisher herrschenden
Kreisen geriet. Athenion sah sich vor die Notwendigkeit gestellt, den
rasch fühlbar werdenden Widerstand der ευ φρονοϋντε$ των πολιτών30
zu brechen. Scharfe Zwangsmaßnahmen wurden ergriffen, die Stadttore
unter genaue Bewachung gestellt. Doch selbst durch ein nächtliches Aus-
gehverbot31 konnte Athenion eine Fluchtwelle unter seinen vorwiegend
der Oberschicht angehörigen Gegnern nicht verhindern. Unter den
„optimates", die damals die Stadt verließen, befand sich vielleicht neben
Medeios und Kalliphon auch der Philosoph Philon von Larisa, das
Schulhaupt der Akademiker32.
Athenion zögerte nicht, berittene Verfolger auf die Spur der Flücht-
linge zu setzen, von denen viele umgebracht oder gefangen und nach
Athen zurückgeführt wurden. Zahlreiche Gegner Athenions und seiner
Bewegung wurden auch unter der Beschuldigung, sie stünden mit den
Emigranten in Verbindung und bereiteten einen Umsturz vor, ohne
Prozeß hingerichtet; eine Reihe von Vermögenskonfiskationen kam
hinzu33.
Entscheidend blieb bei alledem jedoch die Frage des Verhältnisses
zu Rom. Athenion hat sich in zahlreichen Ekklesien damit auseinander-
gesetzt, wobei er offenbar immer wieder versuchte, den förmlichen Bruch
zu vermeiden, und sich geradezu römerfreundlich gegeben zu haben

28 Poseid. a. O. 213 Ε ; dazu Ferguson, Klio 4, 1904, 7 f. (dort auch zur Bedeutung
des Amtes in dieser Zeit, dessen korrekte Bezeichnung στρατηγός έττΐ τά δττλα
lautete; vgl. auch Touloumakos 84); z. Dat. (etwa Mai 88 v. Chr.) ders., Η. A.
444, Anm. 1.
29 Poseid. ib. Zur offiziellen Wiederherstellung der „Demokratie" in Athen vgl.
Ferguson, Η. A. 444.
30 Das Folgende Poseid. a. O. 213F—214D. Zum Problem der darin enthaltenen
Dubletten vgl. Jacoby, Komm. a. O. 184f.; 187; Reinhardt a. O. 635.
31 Poseid. a. O. 214A. Daß dies erst Maßnahmen des Aristion aus der Zeit der
Belagerung Athens gewesen seien, behauptete Wilamowitz a. O. 210; dagegen
jedoch mit Recht Jacoby a. O. 187; Berve a. Ο. II (München 1967), 716.
32 Cie. Brut. 89,306 (oben S. 245, Anm. 1); vgl. auch unten S. 257, Anm. 7.
33 Poseid. a. Ο. 214B—D; vgl. Ferguson, Η. A. 445; zu den Widersprüchen in der
Überlieferung vgl. Berve a. Ο. I 413.
254 Das Ende des antirömischen Widerstandes in Griechenland

scheint34. Obwohl dies in schwer übersehbarem Widerspruch zu seinem


anfänglichen Auftreten stand, war sein politisches Nahziel in der Tat
nicht so sehr der Kampf gegen Rom um seiner selbst willen als die
Durchsetzung der Forderungen der von Medeios und seiner Richtung
Unterdrückten, die Befreiung Athens von einer „faktiösen Oligarchie"35.
So wird man nach außen hin an eine Haltung zu denken haben ähnlich
derjenigen des Kritolaos 146 v. Chr.: Gutes Einvernehmen mit Rom,
jedoch nur bei Verzicht Roms auf Einmischung in die Angelegenheiten
Athens. Aber die Haltung gegenüber den geflohenen „Optimaten" war
von der Stellungnahme zu Rom nicht zu trennen, ein Kampf gegen die
Oligarchie, wie ihn Athenion führte, ohne gleichzeitige Feindschaft
gegen Rom gar nicht zu denken.
So brachte denn auch der Zwang der bestehenden Verhältnisse
Athenion nicht anders als Kritolaos schon in kürzester Frist in direkten
Konflikt mit der römischen Macht. Das von Athen abhängige Delos
hatte Athenion offenbar nicht anerkannt. Um auch diese Insel zu ge-
winnen36, entsandte er den Philosophen Apellikon von Teos, der einst
zusammen mit ihm attischer Bürger geworden war und ebenfalls dem
Peripatos angehörte37, dorthin. Seine Unfähigkeit wird von Poseidonios-

84
Poseid. a. O. 214A—Β: συνάγων δέ καΐ έκκλησίας πολλάκις τ ά 'Ρωμαίων φρο-
νεί ν ττροσεττοιεΐτο; vgl. dazu Wilamowitz a. Ο. 206f.; Ferguson, Hell. Ath. 444;
U. Wilcken, R E I I 2 (1896), 2039. — D i e abweichende Lesung von J.Toulouma-
kos, der hinter ττροσεττοιεΐτο [τούς ληφθέντα$] bzw. [τού$ έαλωκότας] ergänzen
möchte und damit den Sinn der Passage völlig verändert (Philologus 110, 1966,
138—142), überzeugt nicht, zumal der Text auch ohne diese Ergänzung voll-
kommen verständlich ist; vgl. auch mit Recht P. van Beneden, Philologus 113,
1969, 151—156. Dessen These, daß Athenion sich deswegen romfreundlich ge-
geben habe, weil er ein Umschwenken der Athener auf die Seite des Senats be-
fürchtete (a. O. 154), erscheint jedoch abwegig. Eine aufschlußreiche Parallele
dürfte vielmehr die Rede des Romgegners Kritolaos 146 v. Chr. bieten, wo dieser
noch unmittelbar vor Kriegsausbruch feststellt βούλεσθαι μέν 'Ρωμαίων φίλος
ϋττάρχειν, δεσττότας δ ' οΟκ αν εύδοκησαι κτησάμευος, Polyb. 38,12,8 (vgl. Diod.
32,26,4; oben S. 231); vgl. auch das Folgende.
88
So Wilamowitz a. O. 213; vgl. Jacoby, Komm. 186.
84
Poseid. ib. Daß er es dabei lediglich auf die Tempelschätze abgesehen hatte,
wie Poseidonios behauptet, bezeichnet Wilamowitz 214 f. als eine „haltlose
Insinuation", ähnlich Berve I 414; anders U. Wilcken, R E I I 2 (1896), 2039,
Art. Athenion Nr. 3. — Zum Folgenden auch Wilamowitz 207 ff.
37
Poseid. a. O. 214D—E, der Apellikon Urkundendiebstähle in Athen und anderen
griechischen Städten vorwirft. Zu seiner Person vgl. Dziatzko, R E I 2 (1894),
2693f., Nr. 1; W. Sontheimer, Kl. P. I (1964), 422. Vgl. auch Wüamowitz 215
Aristion und Griechenland 88/87 ν. Chr. 255

Athenaios möglicherweise übertrieben88; jedenfalls aber verschaffte er


dem römischen Befehlshaber L. Orbius39 eine Gelegenheit, ihn nachts
zu überfallen, wobei 600 Athener getötet wurden und ungefähr 400
weitere in römische Gefangenschaft gerieten, während Apellikon selbst
entfliehen konnte40. Es war eine vernichtende Niederlage für ihn und
ein empfindlicher, wenn nicht entscheidender Rückschlag für das Regime
des Athenion überhaupt. Da die erhaltenen Auszüge aus dem Werk
des Poseidonios mit diesem Ereignis abbrechen, ist man über die Folge-
zeit wesentlich dürftiger unterrichtet. Möglicherweise ist die Herrschaft
des Athenion, über deren Ende direkt nichts überliefert ist, schon un-
mittelbar nach der Katastrophe des Apellikon auf Delos zusammen-
gebrochen41. Denn Athen hat offenbar mehrere auf den δήμος gestützte
„Tyrannen" des Mithridates erlebt42, von denen der letzte und bedeu-
tendste, der Athener Aristion, noch im Sommer des gleichen Jahres
88 v. Chr. die Macht übernahm.

b) Aristion und die Ausbreitung der letzten Widerstandsbewegung


in Griechenland (88/87 v. Chr.)
Trotz des schweren Rückschlags für Athenion war die antirömische
Bewegung in Griechenland im Sommer 88 v. Chr. noch deutlich im
Wachsen begriffen, zumal jetzt auch militärische Unterstützung aus
Kleinasien eintraf. Etwa in der Mitte dieses Jahres 1 segelte Archelaos,

für eine positivere Beurteilung des Apellikon sowie M. Thompson, The New Style
Silver Coinage of Athens (New York 1961), 551 zu seiner Tätigkeit als Münz-
meister.
88
Poseid. a. O. 214 F: πανηγυρικώς μάλλον ή στρατιωτικών Αναστρεφόμενος.
88
Poseid. a. Ο. 215A—Β; vgl. dazu F. Münzer, RE XVIII 1 (1939), 879f., Nr. 2;
anders J. Durrbach, Choix descriptions de Delos I (Paris 1923), 235f.; danach
Day Höf., Anm. 363.
40
Poseid. a. O. 215 A.
11
So Jacoby a. 0 . 1 8 5 ; Ferguson, Klio 4, 1904, 16; Wilckena. O.; vgl. auch Accame,
Dominio 169.
42
Strab. 9,1,20: Έττιπεσών δ' ό Μιβριδατικος πόλεμος τυράννους αύτοΐς κατέστη -
σεν, οΟς ό βασιλεύς Ιβούλετο · τόν δ' Ισχύσαντα μάλιστα, τόν Άριστίωνα, καΐ
ταύτη ν βιασάμενον τήν ττόλιν, έκ ττολιορκίας έλών Σύλλας, ό των 'Ρωμαίων ήγε-
μών, έκόλασε, τή δέ ττόλει συγγνώμην Ινειμε.
1
Ζ. Dat. vgl. U. Wilcken, RE II 1 (1895), 448, Nr. 12; Μ. Janke, Hist. Unter-
suchungen zu Memnon v. Herakleia, Kap. 18—40, FGrHist Nr. 434 (Diss.,
Würzburg 1964), 51.
256 Das Ende des antirömischen Widerstandes in Griechenland

der Feldherr des Mithridates, mit einer umfangreichen Flotte nach


Griechenland. Schon auf dem Wege dorthin bemächtigte er sich der
Kykladen einschließlich des von Athen abgefallenen Delos', wobei an-
geblich 20 000 Einwohner, in der Mehrzahl Italiker, umgebracht wurden2.
Gleichzeitig nahm er die Tempelschätze an sich und sandte dann den
Athener Aristion, einen epikureischen Philosophen, samt einer Begleit-
mannschaft von 2000 Soldaten zum Schutz der geraubten Gelder nach
Athen3.
Mit Hilfe dieser Truppe und des Geldes, so berichtet Appian, er-
richtete Aristion alsbald ein ähnliches Regime wie Athenion, nur daß
sein antirömischer Charakter erheblich schärfer hervortrat. Einen Teil
seiner Gegner Heß der Philosoph als ρωμαίζουτες sofort hinrichten;
andere wurden zur Aburteilung zu Mithridates geschickt4. Nach außen
dokumentierte sich der betont romfeindliche Kurs durch die höchst
qualitätvollen Gold-, Silber- und Bronzemünzen, auf denen neben dem
Namen Aristion Namen und Symbole des Königs Mithridates erscheinen
und die aller Wahrscheinlichkeit nach damals (und nicht etwa um
121 v. Chr.) geprägt wurden5. Auch die „Tyrannis" des Aristion beruhte,

2
App. Mithr. 22,108; vgl. auch Plut. Sulla 11; Flor. 1,40,8; anders Paus. 3,23,3—5,
der die Eroberung von Delos einem gewissen Menophanes zuschreibt. Vgl. dazu
jedoch H. Hitzig-H. Blümner, Paus. Graeciae descriptio I 2 (Leipzig 1899) 859;
Reinach-Goetz a. O. 137 Anm. 1; H. A. Ormerod, CAH 9, 245.
3
App. Mithr. 28,109; vgl. Wilcken a. O. 900. — Z. Person d. Aristion vgl.
U. Wilckcn, R E II 1 (1895), 900f., Nr. 15; H. Volkmann, Kl. P. I (1964), 561,
Nr. 1. Eine ältere, von Casaubonus begründete Ansicht ging dahin, daß
Athenion und Aristion miteinander identisch seien, vgl. bes. C. M. Wieland,
Athenion, genannt Aristion, oder das Glück der Athener unter der Regierung
eines vorgeblichen Philosophen (1781), in: Ges. Sehr. I 22 (hsgg. v. W. Kurrel-
meyer), Berlin 1954, 328—356; Niebuhr, Vortrage II 3 (1851), 535; Mommsen,
Röm. Gesch. II 13 285; Hertzberg 348. Daß beide jedoch voneinander getrennt
werden müssen, hat zuerst B. Niese, RhMus 42, 1887, 574—581 schlüssig be-
wiesen; vgl. danach U. Wilcken, R E a. O. 901; ib. II 2 (1896), 2038f., Nr. 3;
Wilamowitz a. O.; Jacoby a. Ο.; H. Bengtson, Griech. Gesch. 4 508, Anm. 2. Zu
Unrecht hielten bzw. halten daher ζ. B. Reinach-Goetz a. O. 133f., Anm. 2;
F. Geyer R E X V 2 (1932), 2171; Η. A. Ormerod, CAH 9,244; Laffranque (1962)
111, Anm. 16 und (1964) 143, Anm. 154 und jüngst wieder C. Nicolet, Melanges
Piganiol II (1966) 807 f. an dieser Identifizierung fest. Vgl. mit Recht auch
Ferguson, H . A . 447, Anm. 1; Touloumakos 89, Anm. 2; Berve a. Ο. I 414.
4
App. Mithr. a. O.
5
Hinzu kommen noch die Silbermünzen, die die Namen Aristions und seines
(sonst unbekannten) Anhängers Philon tragen. Zu der von M. Thompson, The
New Style Silver Coinage of Athens, New York 1961, bes. 416ff.; 553f.; 574
Aristion und Griechenland 88/87 ν. Chr. 257

von dem Militär abgesehen, ganz auf dem δήμος6; wiederum setzte eine
Fluchtwelle aus Athen ein7.
Ihren äußeren Höhepunkt erreichte die letzte romfeindliche Bewegung
in Griechenland dann etwa im Spätsommer 88 v. Chr., als Archelaos
zusammen mit Aristion nicht ohne Erfolg daran ging, weitere Teile
Griechenlands für Mithridates zu gewinnen. Auf der Peloponnes besiegte
er die Lakedaimonier 8 , die sich ihm daraufhin ebenso wie die Achaier
(d. h. das verkleinerte achaiische Koinon der Zeit nach 146 v. Chr.) an-
schlossen9.
Nähere Einzelheiten über diese Vorgänge erfährt man leider nicht;
doch stießen Aristion und Archelaos offenkundig auf weitgehendes Ent-
gegenkommen bei den Griechen, auffälligerweise vor allem in den Teilen
des Landes, die sich bereits 146 v. Chr. gegen Rom erhoben hatten und
dann an die Provinz Makedonien angeschlossen worden waren: Außer
in Achaia regte sich nämlich auch in Boiotien noch einmal die Opposition,
und das ganze Land, Theben an der Spitze10, mit der alleinigen Ausnahme
von Thespiai, welches deswegen von Archelaos belagert wurde 11 , trat
auf die Seite des Mithridates 12 . Euboia, Demetrias und die Magnesia
wiesen die Truppen des pontischen Königs zwar zunächst ab und mußten
deshalb die Verwüstung ihres Gebietes durch den Feldherrn Metrophanes
hinnehmen 13 . Bald darauf lieferten jedoch Aristion und Archelaos dem
Proquaestor Q. Bruttius Sura, einem Legaten des makedonischen Pro-
aufgestellten These, wonach alle diese Prägungen in die Jahre um 121 bzw.
129/8 v. Chr. zu setzen seien, und zu der dadurch hervorgerufenen Kontroverse
vgl. zuletzt (im Sinne der traditionellen Anschauung) C. M. Kraay, Greek Coins
and History, Some Current Problems, London 1969, 11—14 (mit weit. Lit.);
dazu noch G. F. Hill, Historical Greek Coins, London 1906, 160—163.
« Paus. 1,20,5 (vgl. oben S. 245, Anm. 1).
7
Vgl. Plut. Luc. 19, wonach sich zahlreiche Flüchtlinge sogar nach Amisos, also
in den eigentlichen Herrschaftsbereich des Mithridates, begeben hätten, um der
„Tyrannis" des Aristion zu entgehen. — Nach Candiloro 168 verließ Philon
von Larisa (oben S. 246, Anm. 2) erst damals Athen.
8
Memn. (FGrHist 434) 22,10; dazu Janke a. O. 52, wohl mit Recht gegen
V. Ehrenberg, R E III A 2 (1929), 1446, Art. Sparta, wonach nur Sparta selbst
Widerstand geleistet hätte, das eleutherolakonische Koinon dagegen freiwillig
übergetreten wäre.
9
App. Mithr. 29,112.
10
App. Mithr. 30,117; Paus. 9,7,4.
11
App. Mithr. 29,112; vgl. Accame, Dominio 198.
12
App. a. O.; Paus. 9,7,4.
13
App. Mithr. 29,113; Reinach-Goetz a. O.; Accame a. O. 192.
17 Deininger, Widerstand
258 Das Ende des antirömischen Widerstandes in Griechenland

praetors C. Sentius, bei Chaironeia ein unentschiedenes Gefecht, dessen


Folge offenbar der Abschluß einer förmlichen Symmachie zwischen
ihnen und den Lakedaimoniern und Achaiern war14. Auch ganz Euboia
mit Chalkis und Eretria ist schließlich zu Mithridates übergegangen16.
Chalkis, schon 191 v. Chr. die Basis Antiochos' III., das auch an der
antirömischen Erhebung von 146 v. Chr. beteiligt gewesen war, diente
noch 86/85 v. Chr. eine Zeitlang als Hauptquartier des pontischen
Heeres14. Nordwestgriechenland — Epeiros, Akarnanien, Aitolien —
sowie Thessalien blieben dagegen, wie schon während des Achaiischen
Krieges, fest auf der Seite Roms 17 .
Diese letzte Widerstandsbewegung in Griechenland stand indes
offensichtlich auf recht schwachen Füßen, und so war ihr denn auch
nur eine ganz kurze Dauer beschieden. Bereits im Frühjahr 87 v. Chr.,
beim Erscheinen Sullas auf griechischem Boden, brach sie sang- und
klanglos wieder zusammen18. Boiotien kehrte rasch auf die römische
Seite zurück, wobei es Theben anscheinend besonders eilig hatte, ohne
damit jedoch seiner späteren empfindlichen Bestrafung entgehen zu
können19. Während sich Archelaos mit den pontischen Truppen in den
Piraeus begab, mußte sich Aristion vor den vorrückenden sullanischen
Legionen nach Athen zurückziehen, das den Schauplatz der Agonie des
antirömischen Widerstandes in Griechenland bilden sollte.

14 App. Mithr. 29,115; Memn. a. O.; vgl. auch Eutr. 5,6; Oros. 6,2,4; dazu
Reinach-Goetz a. O. 138; Geyer a. O. 2172; Wilcken a. O. 900f.
16 Memn. a. O.; vgl. Plut. Sulla 11; Flor. 1,40,8. Von einer eigentlichen „Er-
oberung" von Chalkis (Reinach-Goetz a. O.; Janke a. O. 51) ist dabei nicht
die Rede.
16 Vgl. dazu E . Oberhummer, R E III 2 (1899), 2086, Art. Chalkis.
17 App. Mithr. 30,116: Aitolien und Thessalien sicherten die Versorgung des
römischen Heeres.
18 Vgl. Plut. Sulla 12.
19 App. Mithr. 30,117; Paus. 9,7,5; Plut. Sulla 19. Vgl. auch App. Mithr. 51,203:
(sc. Sulla) τήν Βοιωτίαν, συνέχω; μετατιθεμένην, διήρπαζε (Ende 86 ν. Chr.).
Zum Raub der Athena-Statue aus dem Tempel von Alalkomenai vgl. Paus.
9,33,6; Ael. fr. 33H.; zur Bestrafung von Orchomenos, das dem prorömischen
Thespiai eine Myron-Statue ausliefern mußte, vgl. Paus. 9,30,1.
Belagerung und Fall Athens (87—86 v. Chr.) 259

c) Belagerung und Fall Athens: Das Ende des Widerstandes


(87—86 v. Chr.)
Kein andres Volk kann leicht einen so hartnäckigen,
ohne alle auch die mindeste Wahrscheinlichkeit
eines günstigen Erfolges geleisteten Widerstand auf-
weisen, als Athen in seinem letzten Kampfe den
Römern unter Sulla entgegensetzte.

W. v. Humboldt, Latium und Hellas oder Be-


trachtungen über das klassische Altertum (1806),
Werke in fünf Bänden II (1961), 52.

Die Verteidigung Athens unter Aristion gegen Sulla wurde zum


letzten Zeugnis des griechischen Widerstandswillens gegen Rom 1 . Trotz
strengster Rationierung der Lebensmittel 2 dauerte es nicht lange, bis
in der belagerten Stadt eine schwere Hungersnot ausbrach; ja, aus öl-
mangel erlosch sogar die heilige Lampe der Athena3. Doch Aristion blieb
trotz aller fast unerträglichen Entbehrungen der Belagerten 4 lange Zeit
unbeugsam. Noch immer gab es für ihn als letzte Hoffnung das pontische
Heer, das sich von Thrakien her im Anmarsch auf Griechenland befand,
und eine Abordnung von Priestern und Buleuten, die zur Aufnahme von
Kapitulationsverhandlungen mit Sulla drängte, wurde brüsk abgewiesen5.
Plutarch zeichnet ein äußerst negatives Charakterbild des ehemaligen
Philosophen, der nur „aus Zügellosigkeit und Brutalität zusammen-
gesetzt" gewesen sei® und, während die Not in der eingeschlossenen Stadt
ihren Höhepunkt erreichte, mit seinen Kumpanen üppige Trinkgelage
abgehalten habe7. Dabei bleibt jedoch zu bedenken, daß die gesamte
Uberlieferung über Aristion ausschließlich auf dessen Gegner, vor allem

1 Die kriegsgeschichtlichen Einzelheiten der Belagerung gehören nicht hierher;


vgl. dazu Ferguson, Η. A. 448—452; Reinach-Goetz a. O. 150—161; Geyer a. O.
2172f. Einseitig ist, wie die Ausdauer der Bevölkerung und die Vorgänge bei
der Eroberung der Stadt zeigen, die Behauptung Plutarchs (Sulla 12), Athen
sei von Aristion nur mit Zwang auf die Seite des Mithridates gebracht worden.
2 Plut. Sulla a. O.

3 Plut. Sulla 13; ders., Numa 9.

4 Vgl. dazu Plut. Sulla 12f.; App. Mithr. 38,147; 150.

8 Plut. Sulla 13.

» Plut. Sulla a. Ο.: ό τύραννος Άριστίων, άνθρωπος έξ άσελγείας όμοΰ καΐ ώμότη-
τοξ Ιχων σνγκειμένην τήν ψυχήν.
7 Plut. a. Ο.; Ferguson, Η. Α. 450, Anm. 4. Aristion als „Tyrann": vgl. Berve I

414f.
17*
260 Das Ende des antirömischen Widerstandes in Griechenland

seinen Hauptfeind Sulla selbst, zurückgeht, den Aristion und seine An-
hänger durch Beschimpfungen von den Mauern Athens herab zusätzlich
gereizt hatten 8 .
Sulla seinerseits wollte von Verhandlungen, wie sie Aristion schließlich
doch vorschlug, nichts wissen9. Im Februar 86 v. Chr. gelang ihm die
Auskundschaftung einer schwachen Stelle in der Verteidigung der Stadt,
und in der Nacht zum 1. März 86 v. Chr. glückte es den römischen
Truppen, in die Stadt einzudringen und sich Athens zu bemächtigen.
Das letzte antirömische Regime Athens und Griechenlands überhaupt
war gestürzt. Ein furchtbares Gemetzel wurde unter der Bevölkerung
veranstaltet, die es gewagt hatte, den Römern so lange zu widerstehen10;
dazu kam eine große Zahl von Selbstmorden aus Verzweiflung über den
Untergang der Stadt 11 . Erst spät, auf Bitten von Meidias und Kalli-
phon12 sowie der bei ihm befindlichen Senatoren, machte Sulla dem
grausamen Zerstörungswerk ein Ende 13 . Die Sklaven wurden von ihm
verkauft; dem Rest der überlebenden Freien aber entzog er auf Lebens-
zeit das Stimmrecht in der Volksversammlung14.
Aristion selbst war mit wenigen Anhängern auf die Akropolis ge-
flüchtet, die der römische Feldherr zunächst nicht einnehmen konnte15,
zumal das neue pontische Heer unter Taxiles jetzt Griechenland erreichte.
Sulla, der nach der Besetzung Athens in verlustreichen Kämpfen ver-
geblich versucht hatte, auch die Streitkräfte des Archelaos im Piraeus
zur Kapitulation zu zwingen, zog Taxiles entgegen, bald gefolgt von

8 Plut. Sulla 13; vgl. ib. 2; 6; de garrul. 7.505B—C; Sen. fr. 13 (3,341,63 Haase).
Vorsichtig in der Beurteilung der Überlieferung auch Berve a. O.
9 Plut. a. O.; vgl. Reinach-Goetz a. O. 158.
10 Plut. Sulla 14; App. Mithr. 38,148f.
11 Plut. a. O.; App. Mithr. 38,149; vgl. auch Anth. Pal. 7,368.
12 Plut. a. O., wobei Ferguson, Η. A. 451, statt Meidias Medeios (vgl. oben S. 248)
lesen will. Zu Kalliphon vgl. F. Münzer, R E X 2 (1919), 1655f., Nr. 2 Reinach-
Goetz a. O. 159, Anm. 3; zu seiner Tätigkeit als Münzmeister vgl. M. Thompson,
The New Style Silver Coinage of Athens (New York 1961), 571.
13 Plut. a. O.
14 App. Mithr. 38,150; dazu Touloumakos 90—94; Ferguson 451; Reinach-Goetz
169 f. Gleichzeitig wurde mit einigen Änderungen die athenische Verfassung der
Zeit vor Athenion wiederhergestellt, App. Mithr. 39,151—152 (oben S. 247,
Anm. 7); dazu Accame, Dominio 171. Die Untersuchung von D. J. Geagan,
The Athenian Constitution after Sulla (Princeton 1967) geht auf die von Sulla
selbst getroffenen Maßnahmen nicht ein.
15 Plut. Sulla 14; App. Mithr. 38,149. — Zuvor hatte Aristion noch das Odeion
des Perikles in Brand stecken lassen, App. a. O.
Belagerung und Fall Athens (87—86 v. Chr.) 261

Archelaos, und ließ zur Belagerung der Eingeschlossenen um Aristion


eine Abteilung unter dem Kommando des C. Scribonius Curio zurück 16 .
Trotz des empfindlichen Wassermangels hielten die Verteidiger der
Akropolis noch mehrere Wochen lang aus 17 . Erst etwa zur gleichen Zeit,
als das mithridatische Heer bei Chaironeia eine vollständige Niederlage
durch Sulla erlitt, entschloß sich Aristion endlich zur Übergabe 18 .
Irgendwelche größere politische Bedeutung kam diesem Akt zwar
nicht mehr zu; dennoch war Aristions Kapitulation ein Ereignis, das,
auch wenn es den Mithandelnden gar nicht bewußt sein konnte, einen
eigenen Rang besaß: Als Aristion mit seinen letzten Anhängern von
Scribonius Curio gefangengenommen wurde, lief in diesem an und für
sich nebensächlichen Ereignis im Frühjahr 86 v. Chr. nichts weniger als
der ganze lange, weitverzweigte Prozeß des Widerstandes der mutter-
ländischen Griechen gegen Rom aus. Mit Aristion, der noch vor Jahres-
frist auf Befehl Sullas den Tod fand 19 , endete der politische Widerstand
gegen Rom in Griechenland definitiv; für das griechische Mutterland
war endgültig die neue, im Zeichen seiner Zugehörigkeit zum Imperium
Romanum stehende politische Wirklichkeit angebrochen.

l
« Plut. a. O.; App. Mithr. 39,151.
17
Plut. a. O.
18
Paus. 1,20,6; Reinach-Goetz a. O. 169.
M
Nach App. Mithr. 39,151; Strab. 9,1,20; Gran. Lie. 35, p. 24 Flem. (vgl. Paus.
1,20,6, der von einer deeimatio im Kerameikos berichtet) ließ Sulla Aristion
und seine führenden Anhänger sofort hinrichten, so auch Ferguson, Η. A. 451 f.
Nach Plut. Sulla 23 wurde Aristion jedoch erst nach dem Frieden von Dardanos
dem Archelaos zuliebe auf Weisung Sullas durch Gift getötet (85 v. Chr.); ebenso
Reinach-Goetz a. O. 190f.; Berve I 415; II 716; vgl. noch U. Wilcken, R E II 1
(1895), 901.
SCHLUSS :

Der Widerstand gegen Rom in Griechenland


als historischer Prozeß

Πόσες χιλιάδες χρόνια πολεμούμε άγκριφωμένοι στίξ


πέτρες έτοΰτες καΐ τ ά φτενά χ ώ μ α τ α καΐ μας ρίχνουνται
κύματα ά π α ν ω τ ά ot βάρβαροι κι άντέχουμε; ΚαΙ δέν
άντέχουμε μονάχα, βρήκαμε καιρό καΐ δύναμη καΐ
δώσαμε στόν κόσμο τ ά δυό, τ ά π ι ό πολύτιμα άγ-αθά:
λευτεριά σ τ ή ν ψ υ χ ή , καθαράδα στό μυαλό.
Nikos Kazantzakis, Ot Άδερφοφάδεξ (1963), 149f.

. . . Seit wieviel Tausenden von J a h r e n kämpfen wir,


eingekrallt in dies steinige Gebirgsland und seine
kargen Ackerfluren, während sich über uns Wogen von
Barbaren stürzten — und wir widerstanden! J a , wir
haben nicht nur widerstanden, wir fanden noch Zeit und
K r a f t , der W e l t die zwei höchsten Werte zu schenken:
die Freiheit der Seele und die Klarheit des Denkens.
Nikos Kazantzakis, Brudermörder, dt. von Ch.
Plehn, o. J., 144.

Mit d e n E r e i g n i s s e n d e s J a h r e s 86 v . Chr. w a r e n die l e t z t e n e r n s t -


h a f t e n a n t i r ö m i s c h e n R e g u n g e n i n G r i e c h e n l a n d erloschen. Z w a r s a h e n
s i c h die g r i e c h i s c h e n S t a a t s w e s e n i n d e n r ö m i s c h e n B ü r g e r k r i e g e n der
J a h r e 4 9 — 3 1 v . Chr. n o c h e i n m a l v o r e i n e R e i h e p o l i t i s c h e r E n t s c h e i -
dungen gestellt, doch ging es dabei nicht m e h r u m die H e r r s c h a f t
R o m s als s o l c h e , s o n d e r n n u r u m die P a r t e i n a h m e f ü r e i n e n der s i c h
b e k ä m p f e n d e n römischen Führer.
Erstaunlich lange h a t es jedoch n o c h gedauert, bis das griechische
M u t t e r l a n d e n d l i c h d e n S t a t u s einer r ö m i s c h e n P r o v i n z erhielt 1 . S u l l a
s e l b s t b e l i e ß A t h e n n a c h d e s s e n K a p i t u l a t i o n d i e S t e l l u n g einer civitas

1
Vgl. jetzt E . Badian, R o m a n Imperialism in the Late Republic (2. Aufl. Oxford
1968) f ü r eine Analyse des allmählichen Übergangs von der .hegemonialen' zur
.annexionistischen' (ib. 4) Phase der römischen Expansion, die im Osten erst
nach der Mitte des 2. J a h r h u n d e r t s v. Chr. einsetzte und auch dann noch vor
allem durch innenpolitische Widerstände immer wieder aufgehalten wurde.
Zusammenfassung: Struktur und Verlauf des Widerstandes 263

foederata? und änderte im Jahre 86 v. Chr. trotz zahlreicher Eingriffe


im einzelnen nichts am Fundament der Regelung von 145 v. Chr., wo-
nach lediglich ein Teil Griechenlands an die Provinz Makedonien ange-
gliedert war. Erst 58 v. Chr. erscheint ganz Griechenland dem make-
donischen Statthalter unterstellt3; und nachdem 46 v. Chr. auch erst-
mals ein eigener Statthalter für Achaia bezeugt ist4, wurde dieses schließ-
lich bei der Neuregelung der Kommandoverhältnisse unter Augustus im
Jahre 27 v. Chr. senatorische Provinz.
Die auffallende „Verspätung", mit der sich dies alles erst lange nach
der völligen Ausräumung jeder ernstzunehmenden politischen Oppo-
sition im Lande vollzog, zeugt nicht nur von der bezeichnenden Zurück-
haltung Roms vor jedem weitergehenden administrativen Engagement
in Griechenland, sondern ist andererseits auch ein eindrucksvoller Beweis
für die ausgesprochen langfristige, durch außergewöhnliche Dauerhaftig-
keit und Stetigkeit gekennzeichnete Natur der Kräfte, die hinter der
römischen Expansion standen und gegen die sich Griechenland zwar
spontan und ζ. T. auch sehr energisch zur Wehr setzte, denen es aber am
Ende eines ebenso langwierigen wie schmerzvollen Widerstandes schließ-
lich doch erlag.

1. Zusammenfassung: Struktur und Verlauf des Widerstandes


217—86 v. Chr.

Der Versuch einer tieferen Analyse eben dieses in seiner Eigenart bis-
her noch kaum erfaßten Widerstandsprozesses bildete den Gegenstand
der vorhegenden Untersuchung. Auf den ersten Blick präsentiert sich die
Opposition der mutterländischen Griechen gegen Rom freilich nur in
einer scheinbar wirren Reihe von Kriegen und heftigen, vielfach blutigen
inneren Auseinandersetzungen. Betrachtet man vollends die einzelnen
griechischen Politiker, so stößt man auf eine noch chaotischere Fülle der
gegensätzlichsten Verhaltensweisen, die von aktivem und passivem Wider-
stand gegen Rom, von den immer wieder bezeugten Selbstmorden von

2 Accame, Dominio 183. — Zu den (80/79 oder 79/8 v. Chr.) zu Ehren Sullas ge-
feierten Σύλλεια vgl. Α. E. Raubitschek, Sylleia, in: Studies in Roman Economic
and Social History in Honor of A. Ch. Johnson (Princeton 1951), 49—57.
3 Accame a. Ο. 104f.
4 Accame a. Ο. 106; Ε . Groag, Die römischen Reichsbeamten von Achaia (Wien-
Leipzig) 1939), 5.
264 SchluB: Der Widerstand als historischer Prozeß

Romfeinden in aussichtsloser Situation 1 bis zur zielbewußten Unter-


ordnung unter den politischen Willen Roms reichen2. Dabei sind jedoch
lediglich die Verhältnisse in den größeren Staatswesen — d. h. in erster
Linie Achaia, Aitolien, Boiotien, Epeiros, Akarnanien — einigermaßen
faßbar, und selbst hier kennt man, was stets zu beachten bleibt, nur die
jeweils am stärksten, auf „Koinonebene", hervorgetretenen Politiker.
Unbekannt bleiben ζ. B. die von Kallikrates 180 v. Chr. erwähnten zahl-
reichen Parteigänger des „Friedlichen Widerstandes" gegen Rom in den
einzelnen achaiischen Gemeinden, ebenso die 550 im Jahre 167 v. Chr.
von ihren Gegnern ermordeten „antirömischen" aitolischen principes.
In Boiotien läßt das Senatuskonsult für Thisbe von 170 v. Chr. erkennen,
wie sich die großen Richtungskämpfe bis in den kleinsten Ort hinein
fortsetzten. Von den Tausenden von Griechen, die 167 v. Chr. nach Ita-
lien deportiert wurden, kennt man mit Sicherheit ganze zwei Namen.
Trotz dieser ungünstigen Quellenlage aber zeichnen sich, sobald man ver-
sucht, etwas tiefer zu blicken, deutlich gewisse typische Grundstrukturen
des griechischen Widerstandes gegen die römische Expansion ab, wobei
sich allerdings die älteren, auf der Annahme eines Antagonismus von
„Aristokraten" bzw. „Oligarchen" und „Demokraten" beruhenden Mo-
delle der Forschung von vornherein als unbrauchbar erwiesen haben3.
Als bestimmend hat sich im Widerstand gegen Rom vielmehr der
Gegensatz von „principes" und πολλοί herausgestellt, und hier ergab

1 Selbstmorde von Romfeinden: vgl. Eurylochos in Demetrias (191 v. Chr.); Damo-


kritos (Aitoler) in Rom, 190 v. Chr.; Ismenias, Diketas und andere Boioter in
Chalkis (171 v. Chr.); rhodische Romfeinde, 168 v. Chr. (vgl. oben S. 205); zum
Ende der Epeiroten Antinoos, Theodotos und Kephalos (168 v. Chr.) oben S. 2021.;
in Italien internierte Achaier (um 164 v. Chr.): oben S. 213; Diaios (146 v. Chr.);
andere Achaier 146 v. Chr.: Polyb. 38,16,5; Athener 86 v. Chr.: oben S. 260.
2 Daneben gibt es naturgemäß auch Beispiele von politischem Stellungswechsel.

Am krassesten scheint dabei der Fall des Aitolers Thoas zu sein (oben S. 152).
Ähnlich ist Diophanes von Megalopolis, der ursprünglich Philopoimen nahe-
stand, wohl erst nach seiner Strategie (192/1 v. Chr.) voll zur Richtung des
Aristainos (und später des Kallikrates) übergetreten, oben S. 117. Zu Polybios
oben S. 162 ff. sowie (zu seiner „conversione") De Sanctis 4,3,128. Ein gewisses
Schwanken läßt sich wohl auch bei dem älteren Charops beobachten (oben S. 91)
sowie — vielleicht — bei dem Thebaner Kallikritos (oben S. 154, Anm. 14).
3 Vgl. oben S. 16ff. -—-Ein vereinzelter (gescheiterter) Ansatz zu einer Rückkehr

zu diesem früheren Gegensatz läßt sich allenfalls in Athen beobachten, wo


Athenion 88 v. Chr. ausdrücklich die Einrichtung einer δημοκρατία versprach
und damit dem ihm tragenden Demos größere Einflußmöglichkeiten verschaffen
wollte, vgl. oben S. 250.
Zusammenfassung: Struktur und Verlauf des Widerstandes 265

sich, daß die weitaus hartnäckigsten Gegner Roms an sich die -πολλοί
waren; sie waren freilich in der Regel politisch weitgehend machtlos.
Doch konnten sich antirömische Gruppen in der Oberschicht immer
wieder auf sie stützen; auch beobachtet man eine deutliche Affinität der
ΤΓολλοί zu herausragenden Einzelnen, Monarchen (Philipp V., Antiochos
III., Perseus, Mithridates) oder anderen „Führerpersönlichkeiten"
(Diaios, Kritolaos, Athenion), die den Widerstand gegen Rom verkör-
perten. Die politisch eigentlich maßgebende Schicht, die „principes",
setzte den Römern dagegen auf die Dauer keinen geschlossenen Wider-
stand entgegen, sondern schwenkte, was für dessen Schicksal entschei-
dend werden sollte, allmählich immer mehr zu Rom über.
Was den zeitlichen Verlauf des Widerstandes betrifft, so hat sich er-
geben, daß er als ein vom ausgehenden 3. Jahrhundert bis zum Beginn
des 1. Jahrhunderts v. Chr. andauernder historischer Prozeß betrachtet
werden muß, der in sich wiederum in eine Reihe verschiedener, deutlich
voneinander abgehobener Stadien zerfällt. Zwei große Epochen sind
vor allem zu unterscheiden: Bis zum Jahre 168 v. Chr. lag die Führung
des Widerstandes gegen Rom eindeutig bei den „principes"; danach
überwogen die Impulse von unten, von den πολλοί. Der erste Hauptab-
schnitt verlief seinerseits in zwei Phasen, von denen die erste, also der
Beginn des antirömischen Widerstandes überhaupt, durch klare Ansätze
zu einer „panhellenischen" Solidarität gegen die Römer im Zeichen einer
Hellenen-Barbaren-Ideologie charakterisiert ist, die allerdings kaum über
die Zeit des I. römisch-makedonischen Krieges hinaus Bestand gehabt
hat.
Das verstärkte Eindringen Roms in Griechenland, besonders im
II. römisch-makedonischen Krieg seit dem Auftreten des Flamininus,
zerstörte rasch und dauerhaft diese Keime einer „panhellenischen"
Solidarität. An ihre Stelle traten bis 168 v. Chr. allenthalben langan-
haltende und mit wachsender Erbitterung und Radikalität geführte
Richtungskämpfe innerhalb der „principes" der einzelnen Staatswesen,
wobei sich meist zwei Gruppen in der Frage des Verhältnisses zu Rom kon-
trär gegenüberstanden; solche oligarchischen Faktionen in der prin-
ci^es-Schicht bildeten, soweit sie prorömisch waren, den eigentlichen An-
satzpunkt für die römische Politik.
Diese immer wieder überlieferten „partes", „factiones", „μέρη"
sind oft über lange Zeit hinweg zu beobachten, vor allem in Achaia, aber
auch in nahezu allen anderen Staatswesen. Alte regionale Rivalitäten
innerhalb der einzelnen Koina mögen bei ihrer Bildung gelegentlich mit-
266 Schluß: Der Widerstand als historischer Prozeß

gewirkt haben, waren aber keinesfalls ausschlaggebend 4 . Eine wichtige


Rolle spielten dagegen offensichtlich Familienbindungen, wofür man zahl-
reiche Beispiele hat, etwa Skopas und Dorimachos, die führend am Zu-
standekommen des aitolisch-römischen Vertrages beteiligt waren 6 , die
romfeindlichen Brüder Thoas und Dikaiarchos in Aitolien, Hippokritos
und Diomedon auf Kos®, oder den extrem prorömischen jüngeren Cha-
rops, Enkel des älteren Charops in Epeiros; ähnlich war vielleicht der
Romfeind Mnasilochos in Akarnanien ein Sohn des aus dem I. römisch-
makedonischen Krieg bekannten Romgegners Echedamos. Eine besonders
lange Generationsreihe ist in Boiotien überliefert; sie reicht von den An-
hängern Makedoniens im letzten Viertel des 3. Jahrhunderts v. Chr.,
Askondas und Neon, über Brachyllas bis zu dessen Sohn Neon, der 167
v. Chr. von den Römern in Amphipolis hingerichtet wurde. Das berühm-
teste Beispiel stellt aber zweifellos Polybios selbst dar, der sich seiner-
seits politisch der Richtung seines Vaters Lykortas anschloß 7 .
Auch die Zeit der Richtungskämpfe läßt sich wieder in zwei deutlich
voneinander getrennte Teilphasen zerlegen, von denen die erste bis etwa
180 v. Chr. reicht. Charakteristisch für sie war — neben der beträcht-
lichen Stärke der antirömischen Gruppen — , daß damals die Frontbil-
dung in den einzelnen Staaten noch relativ uneinheitlich war 8 . Erst in
der zweiten Teilphase, seit 180 v. Chr., trat dann mit aller Macht eine
neue Generation jüngerer, radikal prorömischer Politiker in ganz Grie-
chenland in den Vordergrund (Kallikrates in Achaia, Lykiskos in Ai-
tolien, Charops d.J. in Epeiros u. a.), und unter ihrem Einfluß spitzten
sich überall die bestehenden Gegensätze auf die entscheidende Ausein-
andersetzung zwischen den unbedingt prorömischen Politikern und dem
Rest der politisch aktiven „principes" zu, bis schließlich — aber erst als
unmittelbare Folge der Niederlage Makedoniens im Perseuskrieg — den
„radikal" prorömischen Politikern der vollständige Sieg zufiel. Die
„Große Säuberung" des griechischen Mutterlandes von 168/7 v. Chr. hat
dann mit einer Welle von Hinrichtungen und Massendeportationen aller
jener, die auch nur entfernt antirömischer Aktivität oder Gesinnung ver-

4 Vgl. oben S. 174, Anm. 8 (Epeiros); 178, Anm. 11 (Achaia).


6 Vgl. oben S. 28, Anm. 15.
6 Vgl. oben S. 195, Anm. 20.
7 Nicht ausgeschlossen ist auch eine Verwandtschaft mit Philopoimen, vgl. zu-
letzt Errington 7; 17 f., Anm. 3; 228. Zu Deinon und Polyaratos oben S. 187,
Anm. 17.
8 Vgl. im einzelnen oben S. 128ff.
Ursachen der Erfolglosigkeit des griechischen Widerstandes 267

dächtig waren, den Widerstand gegen Rom bei den „principes" praktisch
zum Verschwinden gebracht.
Der folgende zweite Hauptabschnitt, der vor allem durch Widerstands-
bewegungen der Unterschicht bestimmt war, zeigt ein wesentlich ande-
res Gesicht: Nicht nur, daß ganz Nordwestgriechenland, d. h. Aitolien,
Epeiros und Akarnanien jetzt ausgeschieden war; aufs ganze gesehen
handelte es sich auch nur noch um vereinzelte Ausbrüche antirömischer
Bewegungen. Die πολλοί selbst hatten sich ja von allem Anfang an, schon
seit dem I. römisch-makedonischen Krieg, als antirömisch gestimmt er-
wiesen; nach 168 v. Chr. aber gewannen sie im Widerstand gegen Rom
das Übergewicht. So stand die Erhebung der Achaier und anderer Staats-
wesen in Mittelgriechenland gegen Rom ganz im Zeichen der πολλοί,
und vollends die letzte romfeindliche Bewegung in Griechenland während
des I. Mithridatischen Krieges war so gut wie ausschließlich Sache der
Unterschicht, Athenion etwa, wie man weiß, Sohn einer ehemaligen
Sklavin. Alle diese Widerstandsversuche, denen die Unterstützung durch
die Führungsschicht, die „principes", weitgehend fehlte, wurden freilich
von Rom jeweils rasch niedergeschlagen; ihre Beurteilung durch die
antike Geschichtsschreibung — Polybios, Poseidonios und Plutarch —
ist entsprechend negativ.
Uberblickt man den Widerstand in seinem Gesamtverlauf, so ergibt
sich deutlich, daß er im Laufe von rund 130 Jahren nach dem frühen
Verschwinden aller „panhellenischen" antirömischen Strömungen
gleichsam von „oben" nach „unten" niedergekämpft wurde, zuerst bei
den „principes", dann bei den πολλοί. Diese Niederwerfung des Wider-
standes von „oben" nach „unten" beruhte selbstverständlich nicht auf
einer besonderen Planmäßigkeit des römischen Vorgehens, sondern war
eine natürliche Folge der griechischen wie der römischen Sozialstruktur,
bei der — bei allen Unterschieden im einzelnen — die politische Macht
fest in den Händen einer zahlenmäßig kleinen Oberschicht, den „prin-
cipes", konzentriert war. Diese bildeten daher zwangsläufig den ersten
und entscheidenden Angriffspunkt der römischen Politik.

2. Zu den Ursachen der Erfolglosigkeit des griechischen Widerstandes

Zumindest kurzfristig hat der politische Widerstand der Griechen


gegen Rom, wie die Untersuchung gezeigt hat, durchaus Erfolge auf-
zuweisen gehabt. Hier wäre nur an das Ausscheiden Aitoliens aus dem
268 Schluß: Der Widerstand als historischer Prozeß

I. Makedonischen Krieg zu erinnern, an die Vorgänge in Argos und Akar-


nanien während des zweiten Krieges, an den Abzug der römischen Trup-
pen aus Griechenland 194 v. Chr., die Intervention Antiochos' I I I . zwei
Jahre später sowie die im wesentlichen erfolgreichen Bemühungen
Philopoimens, die Autonomie Achaias innerhalb der Peloponnes zu ver-
teidigen. Spätestens seit 180 v. Chr. begann sich das Bild allerdings
immer deutlicher zu wandeln, und aufs ganze gesehen ist der Widerstand
der Griechen gegen Rom vergeblich geblieben.
Was nun die Ursachen für diese Erfolglosigkeit betrifft, so sind sie
gewiß nicht im „Verrat" einzelner Politiker vom Schlage eines Aristainos
oder Kallikrates und im wesentlichen wohl überhaupt nicht im indi-
viduellen Bereich zu suchen1. Vielmehr hat man sich grundsätzlich
darüber im klaren zu sein, daß die Staatswesen des griechischen Mutter-
landes in dieser Zeit nur zweit- und drittrangige Mächte darstellten und
daher, auf sich allein gestellt, Rom gegenüber von vornherein unterlegen
waren. Die Geschichte des Widerstandes in Griechenland hat unwider-
leglich gezeigt, daß dieser immer auf die Hilfe oder wenigstens das Vor-
handensein größerer auswärtiger Mächte als Gegengewichte gegen Rom
angewiesen war, auf Philipp V., Antiochos III., Perseus und schließlich
Mithridates.
Wenn freilich immer wieder die Ansicht vertreten worden ist, daß
das politische Schicksal Griechenlands bereits mit dem Sieg Roms über
Karthago im II. Punischen Krieg entschieden gewesen sei2, so trifft
dies nur zu unter der Voraussetzung, daß die griechische Welt nicht im-
stande war, im Kampf gegen Rom wenigstens bis zu einem gewissen
Grad ihren angestammten Partikularismus zu überwinden, der zweifellos
die unmittelbare Hauptursache für ihr Versagen gegenüber Rom war.
Dieser „Polyzentrismus" der griechischen Welt, der sich am ver-
hängnisvollsten in der Unfähigkeit der großen hellenistischen Monarchien
auswirkte, eine Einheitsfront gegen die römische Expansion aufzurichten,
war allerdings gerade im Mutterland besonders tief eingewurzelt. Vor
allem der langdauernde, anscheinend durch nichts zu beseitigende Ge-

1 Vgl. hierzu Paus. 7,10, der die Haltung des Kallikrates als „Verrat" wertet
und ihn in eine große Reihe anderer Verräter in der Geschichte Griechenlands
stellt. — In den gleichen Irrtum verfällt umgekehrt etwa O. M0rkholm, Anti-
ochus IV of Syria (Kopenhagen 1966) 191, wenn er meint, ein „Genie" hätte die
griechische Welt vor der Einverleibung in das Imperium Romanum retten können.
2 Vgl. in diesem Sinne F . Gschnitzer, Welt als Gesch. 20, 1960, 80; Meloni 444;
Ed. Meyer, Kl. Sehr. I 2 , 257 f.
Ursachen der Erfolglosigkeit des griechischen Widerstandes 269

gensatz zwischen den beiden größten Bundesstaaten, Achaia und


Aitolien, bewies auf das eindringlichste, daß sich allen neuen, über die
alte Einzelpolis hinausführenden Staatsformen zum Trotz an diesem
Hang zur Zersplitterung nur wenig geändert hatte. Ein politisches Zu-
sammengehen der Mehrzahl der griechischen Staatswesen des Mutter-
landes ist bezeichnenderweise nur unter makedonischem Druck, zum
letzten Mal in der von Antigonos Doson 224 v. Chr. begründeten helle-
nischen Symmachie, zustandegekommen. So wurde denn auch die
politische Offensive Aitoliens gegen die Römer, der bedeutendste Ver-
such des direkten politischen Widerstandes gegen Rom in Griechenland
überhaupt, sofort von den verschiedensten Seiten als aitolisches Hege-
moniestreben betrachtet und abgelehnt. Die gesamte Politik Philopoi-
mens3, aber auch etwa das Urteil eines Polybios über Aitoler und Boioter
und vollends sein indirekt ausgesprochenes Bekenntnis, lieber römisch
als makedonisch sein zu wollen4, zeigen, wie selbstverständlich das
partikularistische Denken in Griechenland war und wie völlig man —
trotz des offen zutageliegenden Schicksals der unteritalischen und sizi-
lischen Griechen — von den regionalen Rivalitäten gefangengenommen
war. Die Folge war, daß es niemals zu einer wirklichen politischen
Kooperation auch nur der Gemeinwesen des griechischen Mutterlandes
gegen Rom gekommen ist. Fast alle sind sie zwar infolge ihres Wider-
standes einmal mit Rom in einen entscheidenden Konflikt geraten: Aito-
lien 191—189 v. Chr., Boiotien 171/0 v. Chr., Epeiros 171 v. Chr., Rhodos
171 v. Chr., Achaia 146 v. Chr. und Athen 88 v. Chr. Daß dies jedoch in
den verschiedenen Regionen zu ganz verschiedenen Zeiten geschah,
der direkte Widerstand gegen Rom zu einem beliebigen Zeitpunkt mithin
immer nur partiell war5, daran ist das griechische Mutterland, aber auch
die hellenistische Welt im ganzen, Rom gegenüber politisch zugrunde-
gegangen.
Diese gleichsam unheilbaren Schwächen der Staaten des griechischen
Mutterlandes aber waren zweifellos ihrerseits wieder eine wesentliche
3 Vgl. oben S. 125 ff.
4 Liv. 42,30,5: Tertia pars, optuma eadem et prudentissima, si utique optio domini
potioris daretur, sub Romanis quam sub rege malebat esse; dazu oben S. 162 f.
Vgl. auch die Äußerung eines so nüchternen Politikers wie des Aristainos über
die Aitoler im Jahre 195 v. Chr., oben S. 66.
6 Eine gewisse Wendung zeichnet sich immerhin in den ganz späten Widerstands-
versuchen Achaias (146 v. Chr.) und Athens (86 v. Chr.) ab, denen sich jeweils
eine Anzahl anderer Staatswesen des Mutterlandes als Bundesgenossen an-
schlossen.
270 Schluß: Der Widerstand als historischer Prozeß

Ursache dafür, daß es überall zu den immer gravierenderen Spaltungs-


erscheinungen in der Führungsschicht kam und sich schließlich allent-
halben die Kräfte siegreich durchsetzten, die in einer prinzipiellen Unter-
ordnung Griechenlands unter Rom und in dem bewußten Verzicht auf
jeglichen Widerstand die einzig sinnvolle griechische Politik erblickten.

3. Polybios und der antirömische Widerstand in Griechenland

Mit den im Laufe des hier untersuchten Prozesses unablässig an Stärke


und Einfluß gewinnenden prorömischen Elementen hat sich auch Poly-
bios, der wichtigste antike Historiker dieser Periode, immer wieder aus-
einandergesetzt. Dabei tritt ein ebenso deutlicher wie seltsamer Gegen-
satz in seinem Urteil über die prorömischen Politiker der älteren und die
seiner eigenen Generation zutage, der bezeichnend sein dürfte für die
seinem Werk zugrundeliegende Sicht des Widerstandes. Während er sich
über die vor 180 v. Chr. liegende Zeit merklich zurückhaltend ausspricht
und auch positive Züge einiger prorömischer Politiker betont, werden
gerade diejenigen Politiker seiner eigenen Generation, die den endgülti-
gen Umschwung in der Oberschicht herbeigeführt haben und damit eine
gewisse Schlüsselstellung in der Beseitigung des antirömischen Wider-
standes in Griechenland einnehmen, als „böse Geister Griechenlands"
rigoros verurteilt. Hier ist zweifellos eine gewisse Skepsis gegen die Be-
trachtungsweise des Polybios am Platze, zumal wenn er mit der frag-
würdigen Kategorie des bloßen „Eigennutzes" jener Politiker arbeitet 1 .
So spricht immerhin eine, nicht unerhebliche Überlegung für die Politik
eines Kallikrates, Lykiskos, Mnasippos und Charops d. J. — die Tat-
sache nämlich, daß sie nicht nur einen kurzfristigen persönlichen Triumph
über ihre Gegner — darunter eben Polybios selbst — erlangten, sondern
daß sie politische Einstellungen bekämpften und besiegten, deren Dis-
krepanz zur Realität fortwährend größer wurde, daß sie im Einklang
handelten mit den entscheidenden politischen Tendenzen der Zeit und
geradezu zu deren Mitvollstreckern in Griechenland wurden. Einmal
mußte dort der Widerstand gegen Rom endgültig gebrochen werden, als
sich im Verlaufe der Zeit immer deutlicher zeigte, daß alle Ansätze zu
einem solchen Widerstand aus den schon genannten Gründen zum

1
Vgl. auch oben S. 199f.; zum Vorwurf des Eigennutzens oben S. 161; 201; vgl.
176; 179.
Polybios und der antirömische Widerstand 271

Scheitern verurteilt waren. Die Versuche, an eine „panhellenische" Soli-


darität gegen die „Barbaren" zu appellieren, waren ebenso wie der von
den Aitolern proklamierte Freiheitskampf gegen Rom aus Gründen des
gegenseitigen Mißtrauens und der unüberwindlichen innergriechischen
Rivalität mißglückt; eine Konzeption aber wie der von Philopoimen ent-
wickelte und eine Zeitlang mit einigem Erfolg praktizierte „Friedliche
Widerstand" ging schließlich an ihrer eigenen inneren Widersprüchlich-
keit zugrunde, von den späteren, aus der Verzweiflung geborenen Re-
volten in Achaia und Athen ganz zu schweigen. Der Gang der Geschichte
hat nacheinander alle Widerstandsregungen als aussichtslos erwiesen,
und dies führte schließlich dazu, daß Kallikrates und die „radikalen"
prorömischen Politiker seiner Generation daraus die Konsequenzen
zogen und sich damit auch durchsetzten. Schon deshalb dürfte ihre
Charakterisierung als „Quislinge" 2 durchaus verfehlt sein; denn das von
ihnen durchgesetzte Ja Griechenlands zur römischen Vorherrschaft war
gleichsam endgültig. Sie vollendeten nur einen wahrhaft historischen Um-
schwung, der unter den gegebenen Voraussetzungen kaum länger hinaus-
geschoben werden konnte und der eine ganz neue, sich über Jahrhunderte
erstreckende Epoche in der Geschichte Griechenlands begründet nat.
Demgegenüber hatte Polybios, der in der politischen Tradition
Philopoimens und des „Friedlichen Widerstandes" in Achaia aufge-
wachsen war, offenkundig noch bis in den III. römisch-makedonischen
Krieg hinein an die Möglichkeit eines Gleichgewichts zwischen Rom
und dem hellenistischen Osten und einer Art Schaukelpolitik für die
kleinen Staatswesen geglaubt3, und alles deutet daraufhin, daß ihm die
Unabänderlichkeit der römischen „Welt"herrschaft in ihrer vollen Trag-
weite und die ganze Dynamik der dahinter stehenden politischen Kräfte
erst nach der Katastrophe seiner eigenen politischen Richtung und seiner
anschließenden Deportation nach Italien aufgegangen ist. Auf diese Ent-
wicklung der Dinge, dieses παράδοξου των πράξεων4 war er nicht vor-
bereitet, und bei allen Vorbehalten gegenüber Makedonien war er nach
dessen vollständigem Zusammenbruch doch aufs tiefste erschüttert 5 .
Sein ganzes Geschichtswerk muß daher nicht zuletzt als ein großangeleg-
ter Versuch der geistigen Durchdringung und Bewältigung des Phäno-
mens verstanden werden, das sich gegen seinen eigenen, wenn auch nicht
2
Vgl. oben S. 200.
3
Vgl. oben S. 162.
* Vgl. Polyb. 29,5,3.
6
Polyb. 1,4,4.
272 Schluß: Der Widerstand als historischer Prozeß

gerade übermäßig aktiven Widerstand vollzogen hatte: des Aufstiegs


Roms zur unumschränkten Herrschaft über die Oikoumene, die nach
seiner Auffassung bekanntlich mit dem Jahre 167 v. Chr. erreicht war6,
also mit dem Jahr seiner eigenen Deportation nach Italien. An dieser An-
setzung des Epochendatums wird unmittelbar der enge Zusammenhang
von Polybios' persönlicher Erfahrung mit seiner Geschichtsschreibung
sichtbar: Ob wirklich dieses Jahr den Beginn der römischen „Welt"-
herrschaft bezeichnet, mag sehr fragüch erscheinen; sicher ist, daß Pydna
und die Folgen für Polybios, und nicht nur für ihn, das definitive Ende
aller Hoffnungen bedeuteten, die „Welt"herrschaft Roms könne noch
länger aufgehalten oder überhaupt verhindert werden.
Polybios selbst erweist sich damit als an eine ganz bestimmte Ent-
wicklungsphase des Widerstandes gebunden, seine Sicht entscheidend
von seinem eigenen politischen Schicksal beeinflußt. So beruht die ein-
seitige Verurteilung aller „radikal" prorömischen zeitgenössischen
Politiker auf der (von ihm ausdrücklich verkündeten) Meinung7, daß bis
168 v. Chr. die Politiker der „media pars" die allein richtige, das βέλτιον
bzw. βέλτιστον war 8 ; ebenso setzt die Verdammung der Führer der anti-
römischen Erhebung von 146 v. Chr. voraus, daß nach 168 v. Chr., als
auch Polybios selbst sich mit dem römischen Sieg abgefunden hatte, jeg-
licher ernsthafte Widerstand gegen Rom von vornherein sinnlos und un-
gerechtfertigt war.
Entspricht dem Widerstand gleichsam komplementär ein Prozeß
der wachsenden Einsicht in die durch den Aufstieg Roms sich bildende
langfristige neue politische Lage, die sich zunächst schrittweise in der
Oberschicht und dann — mit erheblicher Verzögerung — auch bei den
πολλοί durchgesetzt hat, so gehört Polybios zweifellos zu jenem Teil der
principes, der zuletzt begriffen hat, wohin die Entwicklung wirklich
ging. In der vorhegenden Untersuchung wurde zu zeigen versucht, daß
seine sich daraus ergebende besondere Sicht nicht ohne weiteres Anspruch
auf Allgemeingültigkeit erheben kann, daß die Politik der „media pars"
in Wirklichkeit durchaus fragwürdig und jene des Kallikrates nur allzu
folgerichtig war, daß andererseits aber auch der nicht mehr von den
principes mitgetragene Widerstand der ττολλοί, so wenig wie die älteren
Stadien, einfach pauschal verurteilt werden kann.

• Polyb. 1,1,5; dazu Walbank Comm. 1,40.


7 Vgl. oben S. 162.

8 Zum politischen Begriff des βέλτιον (ο. ä.) bei Polyb. vgl. oben S. 72f.; 142f., Anm.

32; 186; dazu 162 ff.


Polybios und der antirömische Widerstand 273

Der Widerstand der Griechen gegen Rom bildete vielmehr bei all
seiner Erfolglosigkeit ein Ganzes, einen zusammenhängenden Prozeß,
in dem von den ersten Anfängen bis zuletzt Kampf gegen die römische
Expansion und Einsicht in eine übermächtige politische Realität in
ständigem schwerem, nur ganz langsam einer Lösung zustrebendem
Konflikt lagen. Die „Einsicht" siegte früh bei einem Aristainos, wesent-
lich später bei Polybios und generell früher bei den „principes" als bei
den πολλοί. Doch die unbedingte Kampfentschlossenheit eines Thoas,
der ungebrochene Selbstbehauptungswille eines Philopoimen, die er-
bitterte Opposition eines Lykortas, das verzweifelte Sich-Auf bäumen eines
Kritolaos und Diaios und schließlich die schon weithin utopisch anmu-
tenden Züge der Erhebung eines Athenion haben alle den politischen
Widerstand der Griechen gegen Rom mitgeprägt. Alle zusammen erst
gaben ihm seine vollständige Physiognomie, bis schließlich das grie-
chische Mutterland, principes und οί πολλοί, endgültig unterlegen war
und sich fügen mußte in das seit langem drohende, jetzt aber „unab-
änderliche und darum erträgliche Verhängnis"9, den Verlust seiner
politischen Eigenständigkeit und die Integration in den werdenden
Universalstaat des Imperium Romanum.

» So Mommsen, R. G. I13 782.

18 Dcininger, Widerstand
Register
I. Personenregister
Μ'. Acilius Glabrio [cos. 191) 85, 86« Antiphilos 61, 62, 53
89, 91, 95, 98 (m. Anm. 13), 100, 102, M. Antonius (tr. pi. 167) 206
1031, 105, 108,119 Apellikon 2452, 254, 255
M. Aemilius Lepidus (cos. II175) 210 Apollodoros (Athener) 89, 90, 107
L. Aemilius Paullus (cos. II 168) 190, Apollodoros Kepotyrannos 89 a
191, 193, 194, 197, 198, 203, 206, 210 Apollonidas 118 25 , 122, 178, 179
Agathagetos 185, 187 M\ Aquillius (cos. 101) 252
Agelaos 25—29, 30, 33, 34, 35 (m. Aratos (d. Ä.) 40, 241; vgl. 137
Anm. 6), 37, 381, 249 Aratos (d. J.) 137, 138», 141
Agepolis 188, 189, 190, 191 Archedamos 69, 60, 99,102 M , 116,132,
Agesias 178, 193 151,171,172, 195 18 ( ?)
Ainesidamos 46, 47 Archelaos (Akarnane) 48, 49
Aischrion 135, 176 Archelaos (Feldherr Mithridates' VI.)
Akastidas 233 255, 257, 268, 261
Alexamenos 56, 73 Archikrates 224, 236
Alexander d. Gr. 2, 7 Archippos 237
Alexandras Isios 45, 61 (m. Anm. 17), Archon 113, 127, 144, 145, 146, 1532,
65, 69», 105, 246 s 177—186 pass., 198
Alexandras (aus Kalydon) 61 15 Areus 123
Alexandras (maked. Thronprätendent) Argeios 247
243 Aristainos 40, 41, 42—46 pass., 62, 63,
Alkaios von Messene 60 86,109—122 pass., 125,130,135,136,
Alkamenes 224, 235, 236, 237 144,199, 249, 2641. 268, 269*
Alketas 131 Aristion 245 2 ,253 31 , 266,256,257, 269,
Alkibiades (Spartaner) 123 260, 261
Alypos 105 Aristodamos 178, 193
Amynandros 8 7 , 1 0 0 , 1 0 4 u , 106 18 Ariston (Achaier) 178, 179, 184
Amyntas 92 Ariston (Rhodier) 188
Anaxidamos 212 Aristonikos 243
Andriskos 219, 243 Aristoteles (Befehlshaber Antiochos'
Androkles 48 III.) 85
Andronidas 135, 178, 183, 212, 225, Aristoteles (Rhodier) 208
236, 237 (m. Anm. 30) Arkesilaos 178, 179, 184
Andronikos (?) 1 9 6 " Askondas 60, 266
L. Anicius Gallus (pr. 168, cos. 160) Astymedes 187, 188 2 \ 206, 207, 208
202, 204 Athenion 246 s , 248—255 pass., 256,
Antenor 186, 188 264 s , 265, 267, 273
Antigonos Doson 2, 50, 269 A. Atilius Serranus (cos. 170) 156,174 12 ,
Antigonos (Gesandter des Perseus) 165 176 1
Antinoos 162, 173, 174, 175, 202, 203, Attalos I. 36, 42, 46, 52
264 1 Attalos (II.) 180, 181
Antiochos I I I . 66, 58, 69—102 pass., L. Aurelius Orestes (cos. 167) 223, 239
104 u , 105, 108, 116, 126, 129, 130,
133,134,167, 166, 195, 250, 268, 266, A. Baebius 192, 193
268 Bianor 48, 49
Antiochos IV. 182,184», 186», 188 Brachyllas 50, 61, 63, 54, 56, 66, 67,
Antiochos von Askalon 245* 88,131,140,164, 266
Personenregister 275

Q. Bruttius Sura 257 Dikaiarchos (Boioter) 51, 62, 63


Diketas 164, 167, 158, 264 1
Q. Caecilius Metellus 120,121, 122 Diodoros von Adramyttion 246 a
Q. Caecilius Metellus Macedonicus (cos. Diogenes 176
143) 230, 234, 235, 236, 237 Diokles (Aitoler) 73, 78
L. Calpurnius 43 Diokles (Rhodier) 190
Cato d. Ä. (cos. 195) 90e, 116, 207, 214 Diomedon 196 20 , 266
Chalepos 1301, 105 Diophanes (Achaier) 116, 117, 120,
Charops d. Ä 18 U , 39, 87, 90, 91, 130, 121, 122, 142, 144, 174 8 , 178 11 , 182,
136, 173, 2641, 266 221, 264 1
Charops d. J . 1 3 5 , 1 3 6 , 1 4 2 " , 173,174, Diophanes (Gesandter des Perseus) 188
176,185,193, 202, 203, 204, 209, 210, Diotimos 245 2
213, 217, 266, 270 Cn. Domitius Ahenobarbus 197
Chlaineas 2813, 29, 30 Dorimachos 28 (m. Anm. 13), 266
Chremas 135, 176, 185, 193, 204, 211,
217 Echedamos (Akarnane) 48, 94 l , 95 5 ,
Αρ. Claudius Centho 181, 182 266
C. Claudius Centho 80 Echedemos (Athener) 103, 104
M. Claudius Marcellus 145, 150 Euagoras 231
Ti. Claudius Nero 186 Euandros 172
Ap. Claudius Pulcher (cos. 185) 58,123, Euboia (Gemahlin Antiochos' III.) 85
124 32 , 149, 150 Eubulides 82, 84, 85, 130
C. Claudius Pulcher (cos. 177) 197, 198 Eumenes II. 82,118 2 S , 149 18 , 180,187,
Cn. Cornelius Lentulus (cos. 201) 34 13 ,64 233
P. Cornelius Lentulus (pr. 165) 145, Eunomos 92
165, 167 22 Eupolemos 69, 105, 106 1 ·, 107 21 , 149,
Ser. Cornelius Lentulus (pr. 169) 145 150, 161, 168, 169
L. Cornelius Scipio (cos. 190) 103 Eureas (Achaier) 212
P. Cornelius Scipio Aemilianus (cos. 147) Eureas( ?) (Boioter) 154
214 Eurylochos 73 M , 74, 76—80 pass., 130,
P. Cornelius Scipio Africanus (cos. II 264 1
194) 103 Euthymides 72 M , 81, 82, 85, 89
L. Cornelius Sulla s. Sulla Eversa s. Eureas( ?) (Boioter)

Damasippos 219 Q. Fabius Maximus Eburnus (cos. 116)


Damokrita 167 244
Damokritos (Achaier) 222, 224, 225, Flamininus s. Quinctius
236 M. Fulvius Nobilior (cos. 189) 105,106
Damokritos (Aitoler) 68, 69, 71, 73,
98, 99, 107, 108, 264 1 Genthios 190
Damon 190 Glaukos 135, 176
Damoteles 104, 105, 106
C. Decimius (pr. 169) 133, 204, 205 Hagemonidas 18442
Deinarchos 172 Hagesias 186
Deinokrates 124 Hagesilochos 185, 186, 188, 190
Deinon 162, 185, 187, 188, 190, 205, Hannibal 12 10 , 25, 27, 33, 97, 246»
238» 266' Herodoros 81. 82
Demosthenes 5 18 Hieron I I . 163
Diaios 127, 221—229 pass., 232, 235— Hippias 131, 164, 168
240 pass., 251, 264 1 , 265 Hippokritos 195 20 , 266
Dikaiarchos (Aitoler) 60«, 68, 69, 72, Hippolochos (Aitoler) 168, 169
99.100, 107,108, 168, 266 Hippolochos (Thessalier) 93
276 Personenregister

A. Hostilius Mancinus (cos. 170) 167, Lykiskos (Aitoler) 135,136,146,148 1 4 '


175, 177 151, 152, 161 12 , 168—176 pass., 179,
Hyperbatos 137,177,178 1 1 ,182 188 2 7 ,192,193, 195,197,210,217, 266,
270
Ismenias 154, 155, 156,158, 264 1 Lykiskos (Akarnane) 29—31, 32, 33,
Sex. Iulius Caesar {cos. 157) 224, 226, 34, 35, 37, 48 6
227, 230 Lykopos 105
M. Iunius Brutus (cos. 178) 186 Lykortas 8, 27®, HO 3 , 113, 118, 120—
M \ Iuventius Thalna (pr. 167, cos. 163) 124, 127, 137, 138, 141, 142, 143, 144,
206 145, 146, 1598, 162, 164 25 , 177—186
pass., 198,199, 225, 231, 266, 273
Kalleas 156
Kallikrates 111 11 , 135—145 pass., 146, Machatas 39 3
149 18 , 153 2 , 161 la , 173,176,177.178 1 1 , Q. Maenius (pr. 170) 167
181, 182, 183, 185, 188 (m. Anm. 27), C. Marcius Figulus (pr. 169, cos. II 156)
193, 197, 198, 199, 200, 201, 202, 209, 189
211, 212, 213, 214 24 , 217, 220, 221, Q. Marcius Philippus (cos. II 169) 124,
224, 225, 226, 236, 2641, 266, 268, 270, 139, 152, 156, 157, 174 12 , 176 1 , 181,
271, 272 182 29 , 183, 184, 188, 189, 190
Kallikritos 131, 154, 264 1 Medeios 248, 254, 260 12
Kalliphon 260 Meidias 260
Kallistratos 87 Memnon 44
Karneades 11 Menalkidas 220, 221, 222
Kassandros (Achaier) 118 25 Menestas (Menestratos) 100, 107
Kephalos 162,163,173,174,175,182 2 9 , Menippos 70, 84 (m. Anm. 32), 70
202, 203, 264 1 Menophanes 256 2
Kichesias 90 5 Metrodoros 190
Kleomenes I I I . 40 Metrophanes 257
Kleomnastos 233® Mikythion 81, 82, 83, 84, 93, 95«, 130
Kleonikos 2813, 29 Mithridates VI. E u p a t o r 217, 245, 246,
Kleoptolemos 85 248, 250, 251, 252, 255, 256, 257, 265,
Klinombrotos 190 268
Klytos 94, 95, 130 Mnasilochos 73 3ä , 94, 95, 96, 266
Kritolaos 127, 224—240 pass., 243 7 , Mnasippos 1353, 1652, 174«, 193, 211,
254, 265, 273 270
Kykliadas 40, 41, 60 12 Mnasis 167
Kyllanios 244 Molpagoras 8 2 u
Morkos 190
Lagios 236, 237 L. Mummius (cos. 146) 234, 237, 238, 241
Laodike (erste Gemahlin Antiochos'III.) Myrton 209, 210
85 s 7
Laodike (Gemahlin des Perseus) 185 2 Nabis 16, 40, 43, 46«, 65, 69, 71, 110
Lases 156 (m. Anm. 2), 119
Leon 90, 106, 107, 133 Neon (Vater des Brachyllas) 50, 164 8 ,
Leonidas (spart. König, 488—480) 30 266
Leonidas (Spartaner) 145 1β Neon (Sohn des Brachyllas ?) 131, 154,
P. Licinius Crassus (cos. 171) 166, 168 1 5 5 , 1 5 6 , 1 5 7 , 1 5 8 , 1 6 4 , 1 7 2 , 1 9 5 , 260
Lochagos 132, 148 14 , 168, 169 Nestor (Epeirote) 175
M. Lucretius (tr. pl. 172) 165 Nikagoras 188
C. Lucretius Gallus (pr. 171) 165, 166, Nikandros (Aitoler) 60", 69, 98, 99,
167 20 , 187 101, 104, 105, 106, 108, 132, 148 14 ,
Lydiadas 137, 141 1 5 1 , 1 6 8 , 1 6 9 , 1 7 1 , 1 7 9 , 1 9 5 1 8 ( ?)
Personenregister 277

Nikandros (Rhodier) 188 Philippos (Achaier, Anhänger des Kal-


Nikanor 209 likrates) 178, 193
Nikias 193, 203 Philippos (Gesandter des Perseus) 185
Nikostratos (Achaier) 109 1 Philippos (makedonischer Thronpräten-
Nikostratos (Rhodier) 190 dent) 243
Nikostratos (Thessalier) [Korr.-Zus.: Philokles 46, 47
Zu Nikostratos von Larisa, der we- Philokrates 206, 207
sentlich an der Reorganisation der Philon (aus Chalkis) 82, 84, 85, 130
delphischen Amphiktyonie nach 189 Philon (Thessalier) 236, 237
v. Chr. mitwirkte (Syll. 3 613) und der Philon von Larisa 245 2 , 253, 257'
zu den prorömischen „thessalischen Philon (Athener) 256 5
principes von dem Typus eines Pausa- Philophron 185, 188, 206
nias von Pherai" (oben S. 130) zu zäh- Philopoimen 8, 27®, 40 1 , 41, 47 11 , 86,
len wäre, vgl. zuletzt A. Giovannini, 109—127 pass., 128, 130, 131, 134,
Philipp V., Perseus und die Delphische 135, 137, 144, 174 8 , 183, 199 13 , 202,
Amphiktyonie, in: AncientMacedonia, 241, 249, 264 1 , 266', 268, 269, 271, 273
1st International Symposium (Salo- Philostratos 175
niki 1970), 147—154.] Philotis 209
Phormiskos 243, 244
Cn. Octavius (pr. 205) 95 Polyaratos 162, 185, 187, 188, 190,
Cn. Octavius (cos. 165) 167, 170, 171, 205, 206, 238 33 , 266'
177 Polybios (als Politiker) 113, 125, 127,
Olympichos 157, 165 2 138 9 , 142, 162, 163, 164 25 , 178—184
Opheltas 50 pass., 185, 196, 198, 199, 202, 214,
Q. Oppius 251 225, 226, 238, 241, 264 1 , 266,270,271,
L. Orbius 255 272
Orthobule 150 Pompidas 155, 158
M. Pomponius (tr. pi. 167, pr. 161) 206
Pankrates 189 C. Popillius Laenas (cos. 172, II 158)
Pantaleon 99, 108, 132, 151, 171, 172 167, 170, 171, 172, 177, 204, 206
Parmenion 190 M. Porcius Cato s. Cato d. Ä.
Pasikrates( ?) 189 30 A. Postumius Albinus (pr. 155, cos. 151)
Pausanias (Thessalier) 92, 93, 130 213
Peisias 44 L. Postumius Albinus (cos. II 229) 24
Peisistratos (Boioter) 51, 53, 55, 5 6 u , Sp. Postumius Albinus (cos. 174) 186
57 Praxias 149 17
Perseus 134, 143, 144, 145, 147, 148, Praxo 1 4 9 "
151, 153, 154, 155, 157, 160, 1 6 2 u , Proandros 148 14 , 170
164, 165, 169, 172, 175,176, 179,181, Proxenos 149, 150 25 , 151, 169
185 2 ,186, 1 8 7 , 1 8 8 , 1 8 9 , 1 9 1 , 1 9 4 , 1 9 5 Ptolemaios VI. Philometor 206
(m. Anm. 20), 197,199,202,205,238», Pyrrhos 23, 25
265, 268 Pytheas 233, 234, 235
Phaineas 59 4 , 61, 73, 74, 75, 97, 99,
100, 101, 102, 103 1 , 104, 105, 106 L. Quinctius Flamininus (cos. 192) 44 1S ,
Philetairos (Bruder Eumenes' II.) 233® 45, 48
Philinos (Achaier) 222 T. Quinctius Flamininus (cos. 198) 36,
Philipp V. 25, 26, 27, 30, 31 20 , 32, 33, 37, 38, 39, 41, 4 4 " , 46», 52—66 pass.,
36, 39, 40, 43, 44, 45 2 ", 46, 47, 48, 50, 70, 71, 76—79 pass., 81, 82, 8 6 « 90,
51, 55, 58, 59, 60, 61, 62, 63 2β , 65, 69, 92, 102, 110, 111, 115, 116, 117, 119,
70. 76, 77, 79, 80, 94, 97, 101 19 , 104 11 , 1 2 2 2 5 , 1 3 1 , 1 3 3 , 1 4 0 , 1 6 9 , 1 9 6 , 265
1 2 8 , 1 3 3 , 1 5 7 , 1 6 9 , 265, 268
Philippos (aus Megalopolis) 87 Rhodophon 187, 207
278 Persone nregister

Satyros (Achaier) 212 Theodotos (aus Passaron) 203


Satyros( ?) (Rhodier) 1853 Theoxenos 137
Scipio s. Cornelius Thoas (Aitoler) 60«, 68—75 pass., 81,
C. Scribonius Curio (tr. pi. 90, cos. 76) 82, 89, 97, 98, 99, 101, 104, 105, 107,
261 108,132,152,168,169,171, 2641, 266,
C. Sentius (pr. 94) 258 273
Skopas 28 (m. Anm. 13), 266 Thoas (Rhodier) 205
Sokrates (Sklave) 187 Thrasykrates 29, 32—34, 35, 37,184
Sopatros 80 Timagoras 188
Sosikrates 236, 237 Timokades 403
Sosos 243, 244 Timon 13317
Stratios 127, 178, 179, 196, 199, 225, Timotheos 243
226, 231, 236
Stratokles 187 L. Valerius Flaccus (cos. 195) 100, 101
Stratonidas 57 M.Valerius Laevinus (pr. 215, cos. 210) 28
Sulla 5 " , 7, 217, 258, 259, 260, 261, C. Valerius Laevinus (cos. 176) 149
2632 P. Villius Tappulus (cos. 199) 39, 44,
P. Sulpicius (cos. II 200) 35, 44, 80 78, 79
C. Sulpicius Galus (cos. 166) 213 15 Xenarchos 144
Xenokleides 81, 82, 83, 84, 93, 130
Taxiles 260 Xenon (aus Aigion) 213
Teisippos 192, 193 Xenon (aus Patrai) 127,178, 179,196,
Telekles 213 198, 199
Telephos 190 Xenophon (Achaier) 1091
Telokritos 181 Xenopithis 167
Teuta 24
Theaidetos 185, 187, 188, 190, 207 Zenon (aus Demetrias) 77, 79, 130
Thearidas 199, 211, 2247, 226, 227 Zenon von Sidon 2452
Theodektes 224, 236 Zeuxidas 48, 49
Theodotos (Epeirote) 162, 173, 175, Zeuxippos 51, 53, 55, 56 (m. Anm. 11),
202, 203 57, 58, 130, 131
Wichtige Begriffe 279

II. Wichtige Begriffe

αΐρεσις 113, 114, 138, 139, 178; vgl. όλιγσρχία 16


73, 190 38 (ot... αίρούμενοι) „Oligarchen" 12—19 pass., 116, 161 u ,
άντερείδειν 11, 112,113; vgl. 115, 119, 197, 264; vgl. 247, 254
127, 134,138, 142, 143, 145, 218, 226 optimus quisque 72 f.
άντιλέγχιν 11, 140, 226 26 ; vgl. 182 31 „Optimaten" 14», 73 3 ', 148, 208,
άντίΊΓίτττειν 11, 112 18 2451, 253, 254; vgl. 1 6 2 "
άντιπράττειν 1 1 , 1 7 7 4 , 1 7 9 " ; vgl. 169 7 πάντες ot "Ελληνες u. ä. 23—27 pass.,
άντιτάττεσβαι 11, 226 20 126, 179", 265
άντοφθαλμεΐν 11, 17913 παρρησία 142, 186
άνθίστασβαι I I 7 pars 39, 76», 905, 150 29 , 1613», 156,
άριστοι 66 16114, 162", 166, 1867, 193", 194",
Αριστοκρατία 16 265; vgl. 12331
„Aristokraten" 12—19 pass., 166, 264 media pars 161 11 ; vgl. 164, 170, 176,
βάρβαροι 23—27 pass., 129, 265 186, 207, 209, 272
βέλτιον, βέλτιστου 73, 142, 186; vgl. tertia pars 162; vgl. 164, 186, 214
272 piebs 18, 19", 46, 159
χρεωκοττία 147, 148, 244 πλήθος 18, 34, 55, 118", 167, 168,
δημοκροπ-ία 16,17 Β , 2323, 241", 253 29 , 1 8 0 " , 181, 182, 228, 229, 237, 241;
264 1 vgl. 44, 226
8ήμο$ 1 8 7 " , 18721, 2 3 6 " , 245, 249, πλήθη 18, 5 0 " , 64, 139,140, 213; vgl.
251, 266, 257, 264» 68«, 70
„Demokraten" 12—19 pass., 73 37 ,115, ol πολλοί pass., bes. 18, 33, 56, 88 s ,
161», 197, 264 101, 107, 121, 122, 132—134, 139,
διερείδεσθαι 1 1 2 " 159, 160, 180", 181, 18233, 183, 186,
διωθεϊσβαι 11 187, 212, 213, 217—219, 227, 229,
έλευθερία s. Freiheit 230,231, 232,236,250, 257,264—267
έπιφανεϊς 18, 173, 197 21 ; vgl. 1 7 9 " principes pass., bes. 18—20, 28, 46, 47,
factio 39, 41, 712β, 763, 78", 7822, 8212, 48, 69, 71, 72, 74, 76, 77, 79, 80, 83,
95 5 ,149,166,172,265; vgl. 77, 99,161 88, 93, 94, 97, 98,100«, 102,128—134,
Freiheit 30, 33, 63—67 pass., 71, 74f., 14711, 154, 167, 159, 161, 168, 192,
77, 82, 83, 93,116,126, 129,130, 134, 197", 201", 203, 204, 205, 217—219,
186 264—267
καχέκται 189; vgl. 88« προαίρεσις 186 5 , 187, 206, 244
κινηταί 189 προπίπτειν 11*, 177*
μακεδον(ζειν 452S, 60 προσαντέχειν I I 7
μέρος 392, 139, 226, 265 προστρέχειν I I 4 , 174 11
multi 18, 7 0 " πρώτοι 1 8 " , 53
multitude 18, 19", 47, 49, 7123, 72, φωμαίζειν 4417, 46, 266
74", 77, 78, 79, 89, 92, 101, 107, 203, συμπράττειν I I 1
205 5 ; vgl. 75, 99 ουνεργεΐν I I 1 , I I 1 , 1 7 9 " ; vgl. 218
δχλοι 18, 107, 141, 160, 171f., 176, συνηγορεΤν 11*
180 (δ όχλος), 236; vgl. 87,132 ύγιαίνοντες 189; vgl. 184
όχλοκρατία 16 νπερκυβιστώντες 179
„Ochlokraten" 14f. vulgus 18, 74, 133, 205
Beiträge zur Alten Geschichte und deren Nachleben
Festschrift f ü r FRANZ ALTHEIM zum 6. 10. 1968

Herausgegeben von RUTH STIEHL und HANS E R I C H STIER


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Walter de Gruyter & Co · Berlin