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Geld fürs Googeln Jahres 35 Millionen Euro Studiengebühren an, in

Bayern waren es 106 Millionen Euro im Jahr 2009,


in Niedersachsen im vergangenen Jahr 78 Millio-
nen Euro. Dass das Geld zeitversetzt ausgegeben
Die Unis halten Studiengebühren zurück werde, sei »ganz normal«, versichert ein Sprecher
oder geben sie für fragwürdige Projekte aus. des Wissenschaftsministeriums in Hannover, »und
in der Einführungsphase auch notwendig«.
Dabei sollte mit dem Beitrag der Studenten Doch die Nervosität der Gebührenbefürworter
die Lehre verbessert werden. wächst. Der bayerische Wissenschaftsminister
Wolfgang Heubisch (FDP) schrieb im November
einen Brandbrief an seine Hochschulrektoren: Sie
sollten die Mittel gefälligst ausgeben, um die »poli-
tische Unterstützung« für Studienbeiträge nicht zu
gefährden.
Andere Bundesländer haben die Studiengebühren
zuletzt wieder abgeschafft. Hessen und das Saarland
sind ausgestiegen, in Nordrhein-Westfalen ist das

FALK HELLER / ARGUM / DER SPIEGEL


Studium ab Herbst unentgeltlich, die neue SPD-Re-
gierung in Hamburg hat das Ende des Studenten-
geldes in Aussicht gestellt, und genauso wird es unter
Grün-Rot in Baden-Württemberg wohl kommen.
Leicht hatten die Befürworter der Studienbeiträge
es nie. Als das Bundesverfassungsgericht 2005 das
Gebührenverbot kippte, gingen Zehntausende Stu-
denten auf die Straße, sie besetzten Büros und Hör-
BWL-Infotresen: »Die kann man alles fragen, und sie schaut es im Internet nach« säle, Professoren verabschiedeten Resolutionen.
Die Hochschulpolitiker gaben unter dem Druck
Es gibt Studenten, für die hat sich die Einführung von Studiengebühren mäch- der Proteste das Versprechen ab: Wir verbessern
tig gelohnt. Die Ruderfreunde an der Hochschule Osnabrück zum Beispiel. mit dem Geld nur die Lehre. Doch was das genau
Die Wassersportler durften sich ein eigenes Drachenboot bauen, mit dem sie bedeutet, legten sie nicht fest. Auch auf Kontrollen
jetzt beim traditionellen Rennen auf dem Dortmund-Ems-Kanal antreten verzichten sie weitgehend. In Baden-Württemberg
können. Es bietet Platz für 20 Paddler, einen Trommler und einen Steuermann. legte ein Monitoring-Beirat im Mai 2008 einen
Kostenpunkt: 40 000 Euro. Inklusive Pflege und Unterstand. Zwischenbericht über die Verwendung vor, seitdem
Da blieb noch ein bisschen Kleingeld, um die Osnabrücker Studenten am ist es still geworden um das Gremium.
Standort Lingen zu beglücken, sie bekamen einen eleganten Edelstahlgrill, Einen schönen Freiraum haben sich die Hoch-
für 1000 Euro. Den Agrarwissenschaftlern spendierte man Tischkicker für je schulmanager da geschaffen, mit dem Geld können
500 Euro, 1000 Euro kostete der Billardtisch auf dem Campus in Osnabrück. sie im Prinzip machen, was sie wollen. Und sie
»Die Studenten haben über die Verwendung mitentschieden«, sagt Hoch- handeln nicht immer im Sinn der Studenten, etwa
schulsprecher Ralf Garten. »Wir verbessern so die Studienbedingungen.« wenn sie teure Prestigeprojekte finanzieren oder
Auch an der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) sorgte sich nur die Löcher stopfen, die Sparprogramme der
die Hochschulleitung um das Wohlbefinden ihrer Studenten, griff aber ein Landesregierungen gerissen haben. Oder das Geld
bisschen tiefer in die Tasche, als sie vor drei Jahren gleich ein komplettes Call- anlegen – wer derzeit eingeschrieben ist, hat nichts
center einrichtete. Bis zu 23 studentische Hilfskräfte nehmen montags bis davon.
freitags die Anrufe ihrer Kommilitonen entgegen, wenn die durch eine Prüfung Die Universität Lüneburg schiebt seit Jahren etwa
gefallen sind oder das Studienfach wechseln wollen. Die Telefonagenten wur- fünf Millionen Euro Studiengebühren vor sich her.
den in Gesprächspsychologie geschult, komplizierte Fragen leiten sie weiter. Bei Nachfragen versichern die Verantwortlichen
104 000 Euro hat die Technik des »Studien-Informations-Service«, so der of- stets, dass die Mittel längst verplant seien, doch
fizielle Name, gekostet. Dazu kommen jährlich mehr als 65 000 Euro für das der Überschuss schrumpft nur langsam. Die Lü-
Gehalt der Callcenter-Chefin und 100 000 Euro für die studentischen Hilfs- neburger Studentenvertreter waren so frustriert,
kräfte. dass sie im Herbst für ihre Kommilitonen einen
Alles finanziert mit Studiengebühren. Vordruck ins Internet stellten: »Da dieses Geld of-
Drachenboot, Kicker, Callcenter – wie sinnvoll sind solche Maßnahmen? Ver- fensichtlich nicht für die Verbesserung meiner Leh-
bessern sie die Qualität von Studium und Lehre, wie es einmal abgemacht re genutzt wird, fordere ich Sie hiermit auf, mir
war? umgehend meine Studienbeiträge für das Winter-
Immerhin: In Osnabrück oder München wird das Geld in diesen Fällen we- semester 2010/2011 zurückzuerstatten.«
nigstens ausgegeben. Anderswo liegen Hunderte Millionen Euro ungenutzt Wenn der Münchner Studentenvertreter Tobias
auf den Konten der Hochschulen. In Hamburg stauten sich bis Ende vorigen Dillschnitter zeigen soll, was die Uni-Leitung gern

18 UniSPIEGEL 2/2011
Geld fürs Googeln

mit dem Geld der Studierenden bezahlen würde, ten. Das sind Entscheidungen, die in Unternehmen von gutbezahlten Mana-
schlägt er einen Spaziergang vor. Dillschnitter be- gern getroffen werden. Zudem ist der Druck von der Hochschulleitung groß.
ginnt seine Tour im Foyer des Hauptgebäudes am Schnell gelten Studenten als Blockierer, wenn sie ein Wunschprojekt des Rek-
Geschwister-Scholl-Platz. Hinter einer Glasscheibe tors ablehnen. Unterstützung aus den eigenen Reihen erfahren sie selten – es
sitzt ein Wachmann und grüßt freundlich. scheint die Kommilitonen nicht besonders zu interessieren, was mit ihrem
Dillschnitter tritt einen Schritt zurück, blickt auf Geld passiert.
seine Armbanduhr und sagt leise: »Kurz nach vier. Die Universität Stuttgart nimmt jedes Jahr zwischen 9 Millionen und 13 Mil-
Ab jetzt, das war der Plan, finanzieren wir die Be- lionen Euro durch Studiengebühren ein. Die Hochschulleitung hält sich an
setzung der Pforte. Drei Stunden lang, bis 19 Uhr, das Votum der Kommission. Die Studenten hätten also Macht, könnten
das kostet 18 000 Euro im Jahr.« Dillschnitter ver- Spielräume nutzen, um die Universität nach ihrem Willen zu gestalten. Doch
lässt das Haupthaus und läuft hinüber zur juristi- davon ist kaum etwas zu spüren.
schen Fakultät, einem Vestibülbau, direkt »Vielleicht ist es das konservative Um-
an der prächtigen Leopoldstraße gelegen. feld«, sagt der Studentenvertreter Philipp
Er bleibt neben der Bautafel stehen, Rohrbacher, 25, der Luft- und Raum-
»Ausbau des Dachgeschosses« steht dort fahrttechnik studiert. Oder die hohe Ar-
in großen Buchstaben. Auch der sollte beitsbelastung. Seit die neuen Abschlüsse
zum Teil vom Studentengeld bezahlt wer- Bachelor und Master den Studenten
den, berichtet Dillschnitter, 700 000 Euro mehr Veranstaltungen vorschreiben, sei
Studiengebühren hatte die Uni 2009 da- es schwieriger geworden, die Mitstuden-
für verplant. ten zu interessieren. Viele Kommilitonen
Inzwischen habe die LMU diese Be- hätten nur ihren Abschluss im Blick.
schlüsse kassiert, versichert Vizepräsi- »Wer noch in den Gremien mitarbeitet,
dent Martin Wirsing, die Studiengelder ist nach einem halben Jahr oft total aus-
für das Dachgeschoss habe man vorerst gebrannt und zieht sich zurück«, sagt
zurückgestellt, und für den Pförtner sei Rohrbacher.
eine andere Lösung gefunden worden. Nicht so Patrick Schnepper. Der 31-jäh-
Das Gerangel um die Gebühren geht rige Studentenvertreter hat Biologie und
nicht immer gut aus für die Studenten. VWL in Köln studiert, doch seine Lei-
Tobias Dillschnitter sitzt in einer Kom- denschaft galt bisher dem Kampf gegen
mission, die an der LMU darüber ent- die Studiengebühren. Er organisierte eine
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scheidet, wofür das Geld verwendet wird. Sammelklage, saß in der Fachschaft, im
Wobei entscheiden nicht das richtige Asta, im akademischen Senat und in ei-
Wort ist. Wenn Dillschnitter und seine nem Aktionsbündnis. Die vielen hundert
Kommilitonen gegen ein Projekt stim- Gremien-Stunden haben ihn zum Exper-
men, kann die Hochschulleitung es trotz- ten werden lassen für die Tricksereien
dem durchziehen. Das ist in den ver- der Hochschulen.
gangenen Jahren immer wieder vorge- Schnepper und seine Mitstreiter haben
kommen. Tausende Seiten Papiere durchgearbeitet,
So führte die Uni gegen das Votum der Laiendefibrillator: Falls der Stillstand kommt immer wieder, erzählt er, seien sie auf
Studenten ein modernes Hörsaalwegwei- »äußerst fragwürdige« Ausgaben gesto-
ser-Leitsystem ein, für 20 000 Euro. Im Mathema- ßen. So erneuerte die Uni Bonn ihre Schließfächer, die Kölner Wirtschafts-
tik-Bau wurden dafür neue Schilder montiert, sogar wissenschaftler wollten das gesetzlich vorgeschriebene Akkreditierungsver-
das grün-weiße Hinweisschild D-E017 wurde nicht fahren für die Bachelor- und Master-Studiengänge mit Gebührengeld finan-
vergessen. Es weist den Weg zum nächsten Laien- zieren. Nun erst, nachdem Nordrhein-Westfalen beschlossen hat, die Gebüh-
defibrillator. Falls ein Kommilitone einen Herzstill- ren abzuschaffen, zieht sich Schnepper aus den Gremien zurück. »Mission
stand erleiden sollte. erfüllt«, sagt er, »jetzt kann ich studieren.«
Vizepräsident Wirsing spricht von »Einzelfällen«, Tobias Dillschnitter von der LMU in München beendet seinen Studienge-
in denen sich die Hochschulleitung über das Votum bühren-Spaziergang bei der »Google-Frau«, wie er sie nennt. »Die kann man
der Kommission hinweggesetzt habe. Grundsätzlich alles fragen, und sie schaut es im Internet nach«, sagt er.
gebe die Uni die Studiengebühren für Projekte aus, Die Google-Frau sitzt hinter einer weißen Theke im hellen Foyer der BWL-
die zur Verbesserung der Studienbedingungen bei- Fakultät in der Ludwigstraße und heißt an diesem Nachmittag Magdalena.
trügen. Für die Studentenvertreter hat der Professor Sie ist das fakultätseigene Callcenter. 10 bis 15 Anrufe seien heute bei ihr ein-
Verständnis. »Es ist schwer, den Betrieb der Uni- gegangen, sagt Magdalena, sie beantworte aber auch E-Mails und persönliche
versität zu verstehen«, sagt Wirsing. »Ich musste Fragen, wenn jemand direkt zu ihr komme. »Wir nehmen der Universität
mich selber erst jahrelang einarbeiten.« richtig viel Arbeit ab.« Kostenpunkt: knapp 170 000 Euro Studiengebühren
Tatsächlich stimmen die Studenten in den Gremien für Baumaßnahmen und jährlich 57 000 Euro für das Personal.
mit über Projekte ab, die viele Millionen Euro kos- SVEN BECKER, OLIVER TRENKAMP

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