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Das weiße Blutbild:
reaktive und maligne Veränderungen

Prof. Dr. med. B. Stoffel-Wagner


Ärztliche Leiterin des
Instituts für Klinische Chemie und Klinische Pharmakologie
- Zentrallabor -

2
Hämatologische Basisprofile

Kleines Blutbild Großes Blutbild

• Erythrocyten • Erythrocyten
- Konzentration - Konzentration
- Hämoglobin - Hämoglobin
- Hämatokrit - Hämatokrit
- Indizes - Indizes
• Leukocyten • Leukocyten
- Konzentration - Konzentration
• Thrombocyten - Subpopulationen
- Konzentration - Neutrophile Granulocyten
- Eosinophile Granulocyten
- Basophile Granulocyten
- Monocyten
- Lymphocyten
• Thrombocyten
- Konzentration 3
Methoden zur Analytik von Blutzellen

Manuelle Methoden

- Zählkammerverfahren
- Mikroskopische Differenzierung

Mechanisierte Methoden

- Blutzellzählgeräte
- Blutzelldifferenziergeräte (Durchflußcytometer)

4
Mikroskopische Differenzierung

May-Grünwald-Giemsa-Färbung
(Pappenheim-Färbung oder panoptische Färbung)

Zusammensetzung:

• Methylenblau (färbt saure Zellbestandteile blau)


• Methyl-Azur (färbt basische Zellbestandteile rot-violett)
• Eosin (färbt basische Zellbestandteile orange-rot)

Färbung der Zellbestandteile:

• RNA, Cytoplasma und Nukleolen blau


• DNA und Primärgranula rot-violett
• Hämoglobin und Granula der Eosinophilen orange-rot
5
Blutausstrich (Färbung nach Pappenheim)

6
Das weiße Blutbild: ausgereifte Leukocyten
(physiologischerweise in der Peripherie auftretend)

Referenzbereich Referenzbereich
(absolut) (prozentual)
Leukocyten 4 000 – 10 000/µl

Polymorphkernige Z.:

Granulocyten

Neutrophile 2 000 – 7 500/µl 50 – 75%

Eosinophile 50 – 500/µl 1 – 5%

Basophile 20 – 100/µl <2%

Mononukleäre Zellen:

Lymphocyten 1 200 – 4 000/µl 20 – 45%

Monocyten 100 – 900/µl 2 – 9%


7
Pluripotente Stammzelle und aus ihre entstehende Zelllinien

8
Myeloblasten

Jüngste Vorstufe der Granulocytopoese


Ø: 12 – 20 µm

Zytoplasmasaum:
basophil (hellblau bis dunkelblau,
ungranuliert)

Kern:
sehr zartes dichtes Chromatingerüst
mit mehreren bis zu 6 Nukleolen

9
Promyelocyten

Ø: 20 – 25 µm (größte Zellen der


Granulocyto- und Erythropoese)

Kern:
zart strukturiert mit bis zu 6 Nukleolen

Cytoplasma:
Cytoplasma erst basophil (hellblau),
wird heller und dann azidophil (rosa)
azurophile Granula (Primärgranula,
enthalten Peroxidase)

10
Myelocyten

Kleiner als Promyelocyten


(Ø: 14 – 20µm)

Grobe Promyelocytengranulation
wird spärlicher, typische feine
neutrophile Granulation.
Cytoplasma wird azidophil (rosa).

11
Metamyelocyten (Jugendliche)

Ø: ca. 14 µm

Kern:
grobschollig, dicht und
eingebuchtet

Cytoplasma und Granulation:


Wie reife Myelocyten
sehr feine Granula

Zellen sind nicht mehr zur


Teilung fähig

12
Stabkernige Granulocyten

- Ø: 10 – 15 µm

- Kern:
grob verklumptes Chromatin,
alle Abschnitte des Kerns haben
ungefähr die gleiche Breite nach
Art eines Bandes („band neutrophils“)
Einschnürungen nie tiefer als 2/3
des Kerndurchmessers

- Cytoplasma:
azidophil, feine neutrophile Granula
diffus verteilt
13
Reife neutrophile (polymorphkernige) Granulocyten

- Ø: 10 – 15 µm

-Kern: grob verklumptes Chromatin,


i. d. R. 3 – 5 Segmente, durch kurze und
schmale Chromatinbrücken (<1/3 des
durchschnittlichen Kerndurchmessers)
verbunden

-Cytoplasma: azidophil (fast farblos bis


zart-rosa), feine diffus verteilte
neutrophile Granula

-Bildung im KM: 6-12 d,


im peripheren Blut: 6-12 h
Lebensdauer im Gewebe: 2-4 d

-Funktion: Lokomotion, Phagozytose,


14
Bakterizidie, unspezifische Abwehr
Angeborene Anomalien der Granulocytopoese:
Pelgerhuët-Kernanomalie

Neutrophile haben einen eingebuchteten,


den Stabkernigen ähnlichen Kern.

2 Segmente, die auffallend kurz, dick


und chromatinreich sind.

Die Leukocytenfunktion ist normal.

15
Eosinophile Granulocyten

Ø: 14 - 16 µm

Kern: meist nur 2 Segmente

Cytoplasma: ganz ausgefüllt von


kugelförmigen leuchtend roten Granula

Lebensdauer reifer Eosinophiler: 14 d,


im peripheren Blut: 3-8 h
(zum Transport vom KM in die Gewebe),
Mengenverhältnis: zirkul./gewebeständige
Eosinophile 1:100

Funktion:
zytotoxisch gegen Parasiten, Bronchialepithel
(Asthma), Haut (Allergien)
16
Basophile Granulocyten

Ø: 12-14 µm
Kern: gelappt, i. d. R. nicht eindeutig beurteilbar
Cytoplasma: blau-violette, grobkörnige und
regellos über die Zelle verteilte Granula
(enthalten Mukopolysaccharide und Histamin)

Funktion:
Freisetzung von kreislaufregulierenden Substanzen
(Histamin, Serotonin, Heparin) zur Steuerung der
Gefäßpermeabilität und der Regulation des
Zustroms von Entzündungszellen

17
Monocyten
Ø: 20 µm (größte phys. Zellen im Blut)
Kern:
ovaloid, unregelmäßige Konturen mit
Ausstülpungen und pseudopodienartigen
Kernlappungen, feinstrukturiertes Chromatin
Cytoplasma:
grau-basophil mit feinsten rötlichen Granula
Monocyten werden rasch aus KM
ausgeschwemmt, Transport übers Blut ins
Gewebe: werden dort zu Makrophagen
Funktion:
phagozytierende Abwehrzellen
(Bakterien, Pilze, Viren und körperfremde
Substanzen und gealterte körpereigene Zellen
z.B. Erythrocyten)
18
Lymphocyten

Ø: überwiegend 6-9 µm, 9-15 µm


Kern: rund, allenfalls oval mit dicht-scholligem
Chromatin mit Zonen von Aufhellungen
Cytoplasma: enger und zart basophiler Saum um
den Kern, 10 bis max. 30% der Zellen
mit einigen rotvioletten Granula
Bildung ubiquitär (LK, Milz, KM u. lymphatische
Inseln in der Darmschleimhaut unter Einfluss
von Thymus (T-Lymphoc. 80%) oder KM
(B-Lymphoc. 20%), Reihenzugehörigkeit
morphologisch nicht sichtbar
Funktion: T-Lymphoc. lokale Abwehrreaktion
gegen Antigene (‚Tuberkulinreaktion‘)
B-Lymphoc. entwickeln sich zu Plasmazellen mit
Immunglobulinsekretion (humorale Abwehr gegen
Viren, Bakterien, Pilze und Allergene) 19
Plasmazellen

Ø: 10-14 µm
Kern:
chromatindicht, exzentrisch gelegen
‚Radspeichenstrukur‘ i. d. R. nicht zu sehen
Cytoplasma:
tiefblau, mit perinukleärer Aufhellung (Golgi-
Zone), häufig mit Vakuolen als Speicher-
organellen für Immunglobuline
Plasmazellen sind als einzige Zellen der
lymphatischen Reihe nicht teilungsfähig,
enthalten somit keine Nukleolen.
Funktion:
Antikörperproduzierende, differenzierte
Entwicklungsstufe des B-Lymphocyten,
im PB bei reaktiven Prozessen leicht erhöht
20
Natural Killer-Zelle (NK-Zelle)

Die non-T und non-B-Lymphocyten


(‚Null‘-Lymphocyten) sind NK-Zellen.

Morphologisch:
grobe azurophile Granula (lysosomenähnliche
Organellen) im Cytoplasma (‚Large granular
Lymphocytes‘)

Funktion:
Zerstörung virusinfizierter oder maligner
Zellen ohne vorausgegangene immunologische
Sensibilisierung

21
Methoden zur Analytik von Blutzellen im Zentrallabor

1. Stufe: Hämatologieanalyzer

2. Stufe: manuelle Differenzierung


(Morphologie)

3. Stufe: Immunphänotypisierung mittels


Durchflußzytometrie

22
Hämatologieanalyzer

Zählung
- weiter dynamischer Bereich

Differenzierung
- in normale Zellreihen
- Thromboc., Ery., Leukoc.
- Granuloc.,Lymphoc., Monoc. etc.

Warnhinweise („flags“) für


- reaktive Veränderungen
- maligne Veränderungen

SCREENING
- Trennung Kranke/Gesunde

23
Hämatologieanalyzer

24
Hämatologieanalyzer

25
Hämatologieanalyzer

26
Hämatologieanalyzer

Multiparametrische Analytik auf Einzelzellebene

Messprinzip Information

Streulicht Zellgröße, Zellbeschaffenheit u. a.

Fluoreszenz Zellkerne, Organellen, RNA

Absorption Peroxidasegehalt nach Färbung u. a.

Widerstand Zellvolumen

Hochfrequenzwechselstrom Zellbeschaffenheit

27
Sysmex XN 9000: DIFF-Kanal
Lage der Leukocytenpopulationen im Scattergramm

F
L
U
O
R
E
S
Z
E
N
Z
SEITWÄRTSSTREULICHT 28
29
30
Untersuchungsprofil Blutbild

• Quantitative Veränderungen der Zellzahl

- Infektionen
- akute Entzündung
- Anämien
- u. a.

• Qualitative Veränderungen der Zellmorphologie


und/oder des Zellphänotyps

- maligne Erkrankungen des hämatopoetischen Systems


- Veränderungen an Blutzellen bei Stoffwechselerkrankungen,
Infektionen, genetischen Erkrankungen u. a.

31
Veränderungen

im Differential-Blutbild

32
Leukopenie

• Virusinfektionen
• Zytostatika, Immunsuppressiva
• Knochenmarksschädigung
• Miliar-Tuberkulose
• Typhus
• Lupus erythematodes

33
Leukocytose

• Bakterielle Infektionen
• Leukämien und Lymphome
• Reaktion auf physiologischen Stress z.B.
- schwere körperliche Arbeit
- Gravidität und Geburt
- Rauchen
• Gewebsnekrosen, z.B. Myokardinfarkt
• Azidosen verschiedener Genese
• M. Cushing (Hypercortisolismus)
• Medikamente
- Corticosteroide
- Epinephrin
- Barbiturate u. a.
34
Leukocytose

Vermehrung von weißen Blutzellen

Bezieht sich auf die Absolutzahl der Leukocyten


(> 10.000/µl)
und deren Subpopulationen!

Abklärung der Ursache einer Leukocytose

Reaktiv oder maligne?

35
Symptom Leukocytose

Granulocytose:

Neutrophilie Zellzahl: > 7.700/µl


Eosinophilie Zellzahl: > 600/µl
Basophilie Zellzahl: > 200/µl

Monocytose Zellzahl: > 1.000/µl

Lymphocytose Zellzahl: > 4.000/µl

36
Neutrophile Granulocytose

• Häufige Veränderung im Blutbild


• Klinisch: oft Fieber in Folge der Ausschüttung
von Leukocytenpyrogenen

Ursachen:

• Bakterielle Infektionen, Pneumonie


• entzündliche Nekrosen (Myokardinfarkt, Trauma)
• Ischämie, Vaskulitis
• Stoffwechselstörungen (Urämie, Azidose, Gicht u. a.)
• Corticosteroid-Therapie
• Myeloproliferative Erkrankungen (CML u. a.)
• Maligne Tumoren

37
Neutrophile Granulocytose

Toxische Granulation Zytoplasmavakuolen


38
Reaktive

oder neoplastische (maligne)

Linksverschiebung?

39
Auftreten von Granulocyten-Reifungsstadien im PB

40
40
Reaktive Linksverschiebung

- Relative Linksverschiebung innerhalb der granulocytären Reihe


zu unreiferen Formen über 5% Stabkernige hinaus
- Zeichen der gesteigerten Neuproduktion in dieser Zellreihe

Stabkerniger Granulocyt, Metamyelocyt und Myelocyt 41


Sysmex XN 9000: DIFF-Kanal
Lage der Leukocytenpopulationen im Scattergramm

F Blasten/
L Atyp. Lympho

U
O
R Mono

E
S
Lympho
Z Lympho Linksverschiebung

E Neutro + Baso

N Eo
Z

SEITWÄRTSSTREULICHT 42
Eosinophilie

> 700 Eosinophile/µl

= Symptom einer Grunderkrankung


(wichtigste u. häufigste Beispiele):

Parasiten/Pilze (Protozoen, Würmer…)

Allergien (Heuschnupfen, Asthma br.,


Urtikaria, Medikamentenallergie…)

43
Reaktive Lymphocytosen

Kleinkinder: > 9000/µl


Kinder: > 7200/µl
Erwachsene: > 4000/µl

Häufigste Ursachen:

• Virale Infektionen
(Epstein-Barr-Virus, HIV, Herpes simplex,
Cytomegalie, Rötelnvirus…)
• Bakterielle Infektionen
(Tuberkulose, Keuchhusten…)

44
Infektiöse Mononukleose (Pfeiffer‘sches Drüsenfieber)

Ätiologie: Infektion mit Epstein-Barr-Virus, Tröpfchen-Infektion


Virus befällt oropharyngeale Epithelzellen und
B-Lymphocyten
Blutbild: Lymphocytose mit > 6.000 bis 12.000 Zellen/µl mit
gehäuft gereizten Lymphocyten (‚Pfeiffer-Zellen‘);
es handelt sich dabei um T-Lymphocyten;
insgesamt ‚buntes‘ Blutbild mit heterogenen
lymphatischen Zellen
Klinik: v. a. bei jungen Erwachsenen
Fieber
Lymphadenopathie
Pharyngitis
Tonsillitis
u. U. Hepatosplenomegalie (erhöhte Transaminasen)

Therapie: i. a. keine Therapie nötig


Selbstausheilung in ca. drei Wochen 45
Gereizte Lymphocyten (Virozyten)

Typische polymorphe
lymphatische Zellen,
häufig mit unregelmäßiger
Kernkontur und
basophilem Zytoplasma,
Nukleolen, manchmal
blastenähnlich

46
Sysmex XN 9000: DIFF-Kanal
Lage der Leukocytenpopulationen im Scattergramm

F
L
U
O
R
Atyp. Lympho/Blasten
E
S Mono

Z Lympho
E Neutro + Baso

N Eo

SEITWÄRTSSTREULICHT 47
Infektiöse Mononukleose

19-j. Patient mit Fieber,


Pharyngitis und
zervikaler Lymphadenopathie

Oropharnx:
ausgeprägte Schwellung der
Uvula und der Tonsillen sowie
petechiale Blutungen am Gaumen

48
Leukocytose: reaktiv oder neoplastisch (maligne)?

Reaktiv:

• Entzündungszeichen (Fieber, CRP erhöht = Akut-Phase-Reaktion)


• infektiöse Genese
• Leukocyten < 50.000/µl (meist < 30.000/µl)
• polyklonale Vermehrung
• ‚Buntes Bild‘ mit Vermehrung reifer Zellformen
(Segmentkernige, virale Reizformen)
• reaktive Linksverschiebung
• immunologisch reaktive Lymphocytose, keine Blasten
• Resthämatopoese ungestört
(ggf. leichte Anämie, oft reaktive Thrombocytose)

49
Leukocytose: reaktiv oder neoplastisch (maligne)?

Maligne:

• kontinuierliche Verschlechterung des Allgemeinzustands


• Gewichtsabnahme, Nachtschweiß, Lymphome
• indolente Lymphknoten, zerstörte Struktur, „Lymphknotenpakete“
• Leukocytenzahl kein sicheres Kriterium
• monoklonale Zellpopulation: im Ausstrich monotones Bild, Blasten
(alle Zellen sehen aus wie Geschwister)
• immunologisch monotypische Zellpopulation
• zytogenetischer Nachweis von Translokationen
• molekulargenetische Veränderungen
• Resthämatopoese im KM oft gestört mit Anämie und Thrombopenie

50
Akute Leukämien

Pathogenese:
Leukämie ~ “Weißes Blut”

Akute Leukämien entwickeln sich aus einer Proliferation früher


myeloischer oder lymphatischer Vorläuferzellen (somatische
Mutation einer einzelnen Zelle)
Untersuchungsmaterial:
Blut- und KM-Ausstriche (im KM 500 Zellen differenzieren)
Definition:
> 20% der kernhaltigen Zellen im PB und/oder KM sind Blasten.
Hauptgruppen der akuten Leukämie:
• Akute myeloische Leukämie (AML)
• Akute lymphatische Leukämie (ALL)
51
Klinik der akuten Leukämien

Zeichen der Knochenmarksinsuffizienz

• Anämie
• Infektionen (initial oft bakteriell, v. a. in der Haut)
• Hämatome ohne adäquates Trauma oder
Blutungen (Thrombocytopenie)
• Fakultativ Symptome einer leukämischen
Organinfiltration (Lymphknoten, Milz, Leber,
Meningen, ZNS, Hoden sowie Haut)
• Leukocytose (oder seltener Leukopenie)

52
Akute Leukämien

Diagnostik:

Klassifikation mittels

• morphologischer
• immunologischer
• zyto- und/oder molekulargenetischer
• [zytochemischer]

Merkmale.

Therapie hängt von der Unterscheidung


zwischen AML und ALL sowie deren
Subtypen ab! 53
Untersuchungstechniken

• Automatisches Differentialblutbild (Zellzahl, Flag)


• Ausstrich (Morphologie: Blasten, monomorphe Zellen)
• Knochenmarkszytologie, Knochenmarksstanze
(Morphologie: Blasten, monomorphe Zellen)
• Durchflußzytometrie (Monotypische Zellen?)
• Molekulare Diagnostik (PCR, Chip) (Fusionsgene)
• Zytogenetik, FISH (Translokationen, Monosomien…)
• Laborbefunde (Anämie, Thrombopenie, LDH, Elpho…)
• Zytologie an Zytospinpräparaten (Liquor, Punktate)
• [Zytochemische Spezialfärbungen (POX, Esterase…)]
54
FAB-Klassifikation der AML
Häufigkeit
Akute Myeloblastenleukämie
- AML M1 20%
- AML M2 30%

Akute Promyelocytenleukämie
- AML M3/ AML M3v 10%

Akute myelomonocytäre Leukämie


- AML M4/ AML M4eo 20%

Akute Monoblastenleukämie
- AML M5a/ AML M5b 15%

Akute Erythroblastenleukämie
- AML M6 5%

Akute Megakaryoblastenleukämie
55
- AML M7 < 5%
Akute Myeloblastenleukämie M1

Chromatin fein granulär mit Nukleolen,


Zytoplasma basophil, ohne Granula,
Kern-Plasma-Relation: 70 – 80%
56
Akute Myeloblastenleukämie M1

57
Akute Myeloblastenleukämie M2

gebuchtete Kerne mit Nukleolen


Cytoplasma mit unterschiedlich
vielen azurophilen Granula 58
Akute Myeloblastenleukämie M2

vereinzelte Auer-Stäbchen
59
Akute Promyelocytenleukämie M3

grobe azurophile Granula und


Bündel von Auer-Stäbchen (‚Reisigbündel‘)
60
Akute Megakaryoblastenleukämie M7

Megakaryoblasten: große unreife Zellen mit basophilem


Cytoplasma mit vereinzelter abortiver Thrombocytenbildung
61
Immunphänotypisierung mit Durchflußzytometrie

62
EGIL-Klassifikation der ALL

63
common-ALL

64
common-ALL

65
common-ALL

66
Akute Leukämien

• ALL/AML: 4 Fälle/100.000 Einwohner pro Jahr


• maligne klonale Neoplasie hämatopoetischer Zellen
(Blasten)
• Verlauf „akut“ („Kind mag plötzlich nicht mehr
laufen“), Blutungen
• 80% aller akuten Leukämien im Kindesalter sind
ALLs, im Erwachsenenalter AMLs
• Knochenmarksschädigung durch:
- Benzol
- Zytostatika
- ionisierende Strahlen
- genetische Faktoren

67
Akute Leukämien

Diagnose:
Peripheres Blut:
unreife Blasten und reife Zellen Hiatus leucaemicus

Organbefall mit Infiltration leukämischer Zellen

Knochenmark:
Verdrängung der normalen Hämatopoese (Anämie,
Thrombopenie), chromosomale Aberrationen bei AML
und ALL möglich

Behandlung:
Chemotherapie, Radiatio, Knochenmarkstransplantation
68
Überleben bei akuter Leukämie im Kindesalter

69
Chronische Leukämien

Chronisch lymphatische Leukämie (CLL):

Sonderform der
- Non-Hodgkin-Lymphome (NHL)

Chronisch myeloische Leukämie (CML):

Sonderform der
- Chronisch myeloproliferativen Erkrankungen
(Polyzythämia vera, essentielle Thrombozythämie,
Osteomyelofibrose)

70
Chronische lymphatische Leukämie (CLL)

• Leukämisch verlaufendes B-NHL (lymphocytisches Lymphom)


• klonale Proliferation immuninkompetenter B-Zellen mit
verlängerter Überlebenszeit (Apoptosedefekt)
• Inzidenz: 3 – 6/100.000 Einwohner pro Jahr
• häufig Zufallsbefund (70% der Patienten sind symptomfrei)
• Lymphknotenvergrößerung, Allgemeinsymptome
(B-Symptomatik) wie Fieber, Schwitzen, Gewichtsverlust…
• Antikörpermangelsyndrom (Infektanfälligkeit)
• Zellzahlen häufig > 100.000/µl

71
Chronische lymphatische Leukämie (CLL)

Monotones Bild mit vorwiegend reifen Lymphocyten mit schmalem


Cytoplasmasaum, vereinzelt zerquetschte Kerne (Gumprecht-Kernschatten)
72
Chronische lymphatische Leukämie (CLL)

Diagnose:

Die Diagnose wird aus dem peripheren Blut gestellt!!!


permanente Lymphocytose, Gumprecht‘sche Kernschatten

Knochenmark: Infiltration mit kleinen Lymphocyten

Durchflußcytometrie: CD19+5+23+ surface Leichtkette+


monoklonales Immunglobulin i.S. und/oder Urin

Prognose:

Gutartigste Erkrankung unter allen Leukämien, aber nicht


kurabel, mediane Gesamtüberlebenszeit: 7 Jahre
73
Chronische lymphatische Leukämie (CLL)

Beidseitige zervikale Axilläre


Lymphadenopathie Lymphadenopathie
74
Chronische lymphatische Leukämie (CLL)

Hautpurpura Herpes zoster-Infektion


Hepatosplenomegalie 75
Chronische myeloische Leukämie (CML)

• CML: klonale chronisch myeloproliferative Erkrankung

• Inzidenz der CML: 1,5 Fall/100.000 Einwohner pro Jahr

• 20% der Leukämien im Erwachsenenalter, 2 – 3% im


Kindesalter

• Häufigkeitsgipfel: 5. – 6. Lebensdekade

• 60% der Erkrankten sind Männer

• Ätiologie: Strahlenexposition, Patienten nach Radiotherapie,


Benzol

• Klinik:
(Hepato)Splenomegalie, Zufallsbefund, Allgemeinsymptome
76
Pathogenese der CML

Ursache bei > 90% der Fälle:

Reziproke Translokation
zwischen Chr. 9 und 22,
Fusionsgen BCR-ABL
am Chr. 22 führt zu dessen
struktureller Verkleinerung
(„Philadelphia-Chr.“ nach
Ort der Erstbeschreibung),
bewirkt über eine
Tyrosinkinase
die exzessive Überpro-
duktion einer ausreifenden
Granulopoese

77
Diagnose der CML

Blutausstrich ist wichtiger als die Knochenmarkuntersuchung!!!

Folgende Befundkonstellation ist beweisend:

• Hochgradige neutrophile Leukocytose mit neoplastischer


Linksverschiebung

• Vermehrung der basophilen Granulocyten

• [alkalische Granulocytenphosphatase erniedrigt]


________________

• Ph+-CML: Messung der Bcr-Abl-Transkripte durch quantitative


Real-Time-PCR dient als molekularbiologischer Marker
der Tumorlast 78
Chronische myeloische Leukämie (CML)

„Buntes Bild“: granulopoetische Zellen aller Reifungsstufen 79


Leukocyten: 260.000/µl
Chronische myeloische Leukämie (CML)

Basoph.
Promyel.
Myelocyt

Myeloblast
Basoph.

80
79
Verlauf der CML

Ph-Duplikation Mutation/Deletion
Trisomie 8 p53
Trisomie 19 Rb, p15, p16
t(9;22) ras

CML CML
chronische akzelerierte Blastenkrise
Phase Phase

Median: 4 Jahre kurz dauernde Übergang in


Zwischenphase akute Leukämie
81
Therapie der CML

Die Anwendung des BCR-ABL-Hemmers Imatinib führt zur


kompletten Rückbildung der Leukämie mit verblüffend geringen
Nebenwirkungen.
Chronische
Phase,
Myeloische
Interferon-
Blastenkrise
Versager
(n = 229)
(n = 454)
Hämatologisches
Ansprechen 415 (91%) 66 (29%)
Komplettes
zytogenetisches 164 (36%) 15 (7%)
Ansprechen

82
Ph+-CML: Ausblick

CML-Diagnose 1983 → ≈ 11% der Patienten überlebten 10 Jahre

CML-Diagnose 2002 → ≈ 84% der Patienten überlebten 10 Jahre


→ ≈ 90% der Patienten überlebten 5 Jahre

Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) der 2. Generation [Nilotinib]:

Mehr Patienten erreichen schnelles, tiefes und anhaltendes


molekulares Ansprechen [6-J.-Ü. → 95,8% vs. 91,4% bei Imatinib].

Neue Studien (Memorial Sloan Kettering Cancer Center New York):

Bei Patienten mit hoher anhaltender Reduktion der Leukämiezellen


werden unter engmaschigem Monitoring die TKI abgesetzt.
So besteht die Chance auf stabile Remission ohne Medikamente.
Andererseits kann bei einem möglichen Rezidiv sehr schnell die
erneut wirksame Therapie wieder aufgenommen werden.
83

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