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Matthias Vetter (Hrsg.

Terroristische Diktaturen
im 20. Jahrhundert
Matthias Vetter (Hrsg.)

Terroristische Diktaturen
itn 20. Jahrhundert
Strukturelemente der nationalsozialistischen
und stalinistischen Herrschaft

Westdeutscher Verlag
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Terroristische Diktaturen im 20. Jahrhundert:


Strukturelemente der nationalsozialistischen und
stalinistischen Herrschaft / Matthias Vetter (Hrsg.). -
Opladen: Westdt. Ver!., 1996
ISBN 978-3-531-12819-1 ISBN 978-3-322-99851-4 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-99851-4

NE: Vetter, Matthias [Hrsg.]

Alle Rechte vorbehalten


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Umschlaggestaltung: Horst Dieter Bürkle, Darmstadt


Umschlagbild: Swetlana Nowoshilowa, Frankfurt a. M., 1996
Satz: ITS Text und Satz GmbH, Herford

Gedruckt auf säurefreiem Papier

ISBN 978-3-531-12819-1
Inhalt

Matthias Vetter
Terroristische Diktaturen im zwanzigsten Jahrhundert
Zum Vergleich zwischen stalinistischer und nationalsozialistischer Diktatur 7

Dietrich Beyrau
Die Intelligenz und die Macht
Bildungsschichten unter totalitären Bedingungen 16

Hans Günther
Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos 42

Robert Maier
Von Pilotinnen, Melkerinnen und Heldenmüttern
Frau und Familie unter Stalin - Vergleichsebenen zum Nationalsozialismus 64

Benno Ennker
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie
Stalinistische Herrschaft in vergleichender Perspektive 85

Stephan Merl
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 118

Gerhard Armanski
Das Lager (KZ und GULag) als Stigma der Moderne 157

Gerd Koenen
Bolschewismus und Nationalsozialismus
Geschichtsbild und Gesellschaftsentwurf ............................ 172

Die Autoren ................................................ 208

Weiterführende Literaturhinweise 210


Matthias Vt-tter

Terroristische Diktaturen im zwanzigsten Jahrhundert

Zum Vergleich zwischen stalinistischer und nationalsozialistischer Diktatur

Zwischen "Vergleichen" und "Gleichsetzen" verläuft im deutschen Sprachgebrauch


eine sehr undeutliche Grenze. Strenggenommen behaupten wir nicht, zwei Dinge
seien gleich, sobald wir sie miteinander vergleichen - im Gegenteil: damit man sie
vergleichen kann, dürfen sie ja gerade nicht völlig identisch sein. Dennoch kommen
wir vor allem dann auf die Idee, Dinge zu vergleichen, wenn sie Ähnlichkeiten
aufWeisen. Vergleichen heißt damit immer, etwas genauer hinter die Kulisse vorder-
gündiger Übereinstimmungen zu blicken.
Es fordert kaum weitere Begründungen, daß sich Historiker und Politologen in
diesem Sinne mit dem Vergleich der nationalsozialistischen und der stalinistischen
Diktatur beschäftigen. Beide Systeme herrschten etwa zur gleichen Zeit, beide sind
für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich, beide wurden von Monopol-
parteien und Führern mit immenser Machtfülle dominiert, beide haben als Vorge-
schichte eine ungenügende oder verspätete Entwicklung zur bürgerlichen Demokra-
tie, beiden lag ein Weltkonzept zugrunde, das über den nationalen Rahmen hinaus-
gmg.
Die deutlichste Parallele, die Klammer, die Stalinismus und Nationalsozialismus
einschließt - und andere wie den italienischen Faschismus ausschließt -, besteht in
den von beiden Regimen verübten historisch beispiellosen Massenverbrechen. Mil-
lionen vom nationalsozialistischen Deutschland fabrikmäßig ermordeter Juden, Mil-
lionen alleine schon durch die gewollten Hungersnöte der stalinistischen Agrarpoli-
tik Umgebrachte legen - bei aller Unterschiedlichkeit der Ursachen für die Massen-
morde - nahe, beide Diktaturen unter dem Begriff des Massenverbrechens, des
unumschränkten Terrors zusammenzufassen. Daraus erklärt sich auch die Namens-
gebung des vorliegenden Bandes und der Vortragsreihe, auf der er aufbaut.
Der Begriff der "terroristischen Diktatur" soll sich auch von der umstrittenen
Formel des Totalitarismus abheben. Das Konzept "Totalitarismus" würde - neben
all seinen Implikationen und neben dem ideologischen Ballast, den es mit sich
führt - aus Gründen der Begriffsgeschichte nahelegen, den italienischen Faschismus
8 Matthias Vetter

in den Vergleich einzubeziehen. Immerhin stammt der Begriff des Totalitären aus
dem faschistischen Italien selbst: 1925 sprach Mussolini über die "feroce volonta
totalitaria" der faschistischen Bewegung und forderte als Quintessenz dieses totalen
Willens: alles im Staate, nichts außerhalb und nichts gegen den Staat.!
Mit dem italienischen Faschismus beginnt die Geschichte des Vergleichens und
Gleichsetzens von "rechten" und "linken" Diktaturen schon vor deren Übergang zu
Massenverbrechen. Ähnlichkeiten zwischen Faschismus und Kommunismus wurden
von italienischen Kommunisten schon 1923 auf dem 4. Weltkongreß der Komintern
konstatiert, gipfelnd in der Feststellung, beide Parteien seien ein "leitendes und
kontrollierendes Organ des gesamten Staatsapparates, das gut organisiert und diszi-
pliniert ist".2 So wie hier von einer linken Position aus beim rechten Gegenüber
Ähnlichkeiten entdeckt wurden, so gab es Vertreter der Rechten, die in der linken
Diktatur ein Vorbild sahen. Das vielleicht bekannteste Beispiel mag Goebbels sein,
der 1926 dazu aufrief, sich nach Rußland zu wenden, "weil es am ehesten mit uns
den Weg zum Sozialismus gehen wird. Weil Rußland der uns von der Natur
gegebene Bundesgenosse gegen die teuflische Verseuchung und Korruption des
Westens ist. "3 Auch die Gegner beider Diktaturen zogen Vergleiche: 1925 verkün-
dete Francesco Nitti, ein führender Politiker der antifaschistischen italienischen
Emigration, es gebe derzeit in Europa zwei gleichermaßen gegen die Freiheit
gerichtete Bestrebungen. 4 Ein amerikanischer Journalist, der seit dem Ende der
zwanziger Jahre in der Sowjetunion ansässig war, nannte die Stalin-Linie, die sich
gegen die internationalistisch agierende Opposition um Trotzki durchgesetzt hatte,
"distinctly ,fascist"'. 5
Der emigrierte russische Religionsphilosoph Berdjajew schrieb 1937: "Der Stali-
nismus, d.h. der Kommunismus der Autbauperiode, verwandelt sich unmerklich in
einen eigenartigen russischen Faschismus. Ihm sind alle Besonderheiten des Faschis-
mus eigen: der totalitäre Staat, Staatskapitalismus, Nationalismus, Führertum

W. Schlangen, Die Totalitarismus-Theorie. Entwicklung und Probleme, Stuttgart, Ber-


lin, Köln, Mainz 1976, S. 12. Mussolini griff dabei einen Begriff auf, den seine Gegner
geprägt hatten, vgl. J. Petersen, "Die Entstehung des Totalitarismusbegriffs in Italien",
in: M. Funke (Hg.), Totalitarismus. Ein Studien-Reader zur Herrschaftsanalyse moderner
Diktaturen, Düsseldorf 1978, S. 105-128.
2 G. Schäfer, "Der Faschismus und die Kommunistische Internationale", in: ders., Gewalt,
Ideologie und Bürokratismus. Das Scheitern eines Jahrhundertexperiments, Mainz 1994,
S. 186-239, hier S. 199 f.
3 J. Goebbels, "Das Russische Problem", in: ders., Die Zweite Revolution. Briefe an
Zeitgenossen, Zwickau 1926, S. 46 f.
4 F. Nitti, Bolschewismus, Faschismus und Demokratie, München 1926, nach Schlangen,
Die Totalitarismus-Theorie, S. 24.
5 E. Lyons, Assignement in Utopia, New York 1937, S. 151 f.
Terroristische Diktaturen im zwanzigsten Jahrhundert 9

[woshdism] und als Basis eine militarisierte Jugend." Lenin sei noch kein Diktator
im gegenwärtigen Wortsinn gewesen, doch Stalin sei schon Führer und Diktator im
faschistischen Sinn. Der sich unter ihm objektiv vollziehende Prozeß sei die Samm-
lung des russischen Volkes unter dem Banner des Kommunismus. 6 Vieles, was
Berdjajew aufZählte, machte den "stalinistischen Faschismus" auch dem Nationalso-
zialismus in Deutschland ähnlich. Dieser hatte jedoch die "totale" Herrschaft weit
weniger plakativ als Ziel verkündet als der italienischen Faschismus, der diese
Proklamation in seiner Herrschaftspraxis freilich niemals einlöste. In Deutschland
war die (befürwortende) Idee des Totalitarismus außerhalb der eigentlichen Bewe-
gung des Nationalsozialismus und schon vor dessen Machtergreifung formuliert
worden.7
Der polemische Begriff des "Totalitarismus" war ohne allgemein anerkannte
theoretische Untermauerung Ende der dreißiger Jahre schon so geläufig, daß Trotzki
1938 ohne weitere Erläuterungen die Sowjetführer als "totalitäre Defätisten" angrei-
fen konnte. 8 Trotzki gebrauchte den Begriff "totalitär" nicht systematisierend und
wollte auch nicht ausdrücken, das Stalin-Regime sei der Diktatur in Deutschland
gleich geworden. Doch obwohl er das ökonomische System der Sowjetunion immer
noch von den verschiedenen Ansätzen des "Etatismus" auf privatwirtschaftlicher
Basis unterschied (darunter faßte er "Mussolini-Italien, Hitler-Deutschland und
Roosevelt-Amerika" zusammen), hielt er fest: "Stalinismus und Faschismus sind trotz
des tiefen Unterschieds ihrer sozialen Grundlagen symmetrische Erscheinungen. In
vielen Zügen sind sie erschreckend ähnlich. "9
Ebensowenig systematisch waren die verschiedenen Ansätze im nationalsozialisti-
schen Deutschland, in dem sich selbst in Parteikreisen spätestens seit den Moskauer
Schauprozessen gegen die ehemaligen Führer der revolutionären Bewegung die
Ansicht ausbreitete, die Sowjetunion wandle sich allmählich zu einem russischen
nationalen Sozialismus. Um dem entgegenzuwirken, forderte 1937 ein Erlaß die
deutsche Presse auf, als "falsche Auffassungen" zu bekämpfen, "Stalin sei der ,Führer

6 N. Berdjaev, Istoki i smysl' russkogo kommunizma, Paris 1955 (ursprünglich 1937 in


englischer Sprache erschienen, russischer Nachdruck nochmals Moskau 1990), S. 120.
7 Schlangen, Die Totalitarismus-Theorie, S. 15. Schlangen weist in diesem Zusammen-
hang auf E. Jünger und C. Schmitt hin. Letzterer forderte den über "potentiell jedes
Gebiet ergreifenden totalen Staat der Identität von Staat und Gesellschaft" statt Plura-
lismus (Schmitt, Der Begriff des Politischen, München 1931, S. 13. Im selben Jahr:
Die Wendung zum totalen Staat, veröff. 1940).
8 "Totalitäre Defätisten" (russ. totalitarnye poraiency) in: L. Trotzki, Schriften, Bd. 1.2.
Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur (1936-1940), Hamburg 1988, S. 1143-
1149.
9 L. Trotzki, Verratene Revolution (urspr. 1936), in: Schriften, Bd. 1.2., S. 687-1011,
hier S. 979.
10 Matthias Vetter

Rußlands"'. 10 Nach außen wurde hier versucht zu übertünchen, was selbst unter den
NS-Führern für tiefe Verwirrung gesorgt hatte. Goebbels notierte im Januar 1937
in sein Tagebuch: "In Moskau wieder Schauprozeß. Diesmal wieder ausschließlich
gegen Juden. Radek etc. Führer noch im Zweifel, ob nicht doch mit verdeckter
antisemitischer Tendenz. Vielleicht will Stalin doch die Juden herausekeln."II Na-
turgemäß hatte die Bereitschaft hoher NS-Politiker, im Stalinismus einen Verwand-
ten zu sehen, zur Zeit des "Nichtangriffspakts" ihren Höhepunkt erreicht. Ribben-
trop erklärte 1940 gegenüber Mussolini, es sei ihm bei den Verhandlungen in
Moskau vorgekommen, als "ob man mit alten Parteigenossen gesprochen hätte". 12
Mussolini hatte bereits 1938 in einem Kommentar in seinem Blatt Popolo d'Italia
anläßlich des Bucharin-Prozesses die Frage aufgeworfen, ob Stalin angesichts der
Katastrophe des Leninschen Systems heimlich zum Faschisten geworden sei. 13
All diese verstreuten Ansätze mit den verschiedensten Motiven und aus den
unterschiedlichsten Richtungen - zu denen noch die Literatur exkommunistischer
Renegaten als weitere Quelle des Diktaturen-Vergleichs kommt 14 - ergeben keine
Theorie, geschweige denn eine Untersuchung von Strukturmerkmalen. Es waren in
den dreißiger Jahren dann vor allem Emigranten aus Deutschland, die sich in den
Vereinigten Staaten um eine systematische vergleichende Analyse bemühten. Dabei
spielte die politische Funktionalität dieses Vergleiches von vornherein eine wichtige
Rolle. Die allmählich entwickelte Theorie des Totalitarismus war gedacht als "Dop-
pelfront gegen die Verharmlosung Hitlers, der sich in den Demokratien als Bollwerk
gegen den Bolschewismus anbot, und gegen eine durch die wachsende nazistische
Gefahr nahegelegte Verharmlosung Stalins".15
Nachdem 1935 erstmals Hans Kohn in einem Aufsatz Faschismus und Kommu-
nismus als zwei Typen der modernen Diktatur untersucht hatte, die sich von allen

10 Propagandaanweisung vom 31.3.1937, "Richtlinien für die antibolschewistische Propa-


ganda", zitiert nach dem Abdruck in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 46 (1989),
Nr. 2, S. 97.
11 Die Tagebücher von ]oseph Goebbels. Sämtliche Fragmente, hg. v. E. Fröhlich, Teil I,
AufZeichnungen 1924-1941, München, New York, London, Paris, Bd. 3, S. 21; vgl.
Bd.4,S. 12,S. 72.
12 Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, 0 VIII, Göttingen 1961, S. 695.
13 R. T ucker, "Stalin, Bukharin, and History as Conspiracy", in: ders. und S. Cohen, The
Great Purge Trial, S. IX-XLVII, hier S. XXXIX.
14 Vgl. M. Rohrwasser, "Die Brücke bei Brest-Litowsk. Totalitarismustheorie und Rene-
gatenliteratur", in: Mittelweg 36, H. 5/1994, S. 37-48.
15 G. Schramm, "Industrialisierung im Eiltempo und kollektivierte Landwirtschaft unter
Stalin (1928/29 bis 1941)", in: Handbuch der Geschichte Rußlands, Bd. 3.2, Stuttgart
1992, S. 782-909, hier S. 892 f.
Terroristische Diktaturen im zwanzigsten Jahrhundert 11

traditionellen Diktaturformen unterscheiden,16 wurde 1938 der früheste systemati-


sche Vergleich von Demokratie und "totalitärer Herrschaft" vorgelegt. Als Kennzei-
chen der letzteren wurde aufgezählt: das Vorhandensein eines Diktators, einer
Monopolpartei, eines einheitlichen Glaubens, einer Geheimpolizei, der Ausschal-
tung der individuellen Freiheit sowie die WirtschaftslenkungY Diese Ansätze beka-
men nach dem Abschluß des deutsch-sowjetischen Paktes und der gemeinsamen
Zerschlagung Polens durch die bei den Aggressoren Auftrieb. Im November 1940
wurde als Ergebnis eines Symposions über den totalitären Staat festgehalten, daß
dieser etwas vollkommen Neues sei, das über jede bisherige Diktatur hinausgehe. 18
Dieser Ansatz erlangte nach dem Auseinanderdriften der Anti-Hitler-Koalition
und dem Beginn des Kalten Krieges im Westen paradigmatischen Charakter. Eine
weitere amerikanische Konferenz von 1953 half, den Begriff des Totalitarismus zu
etablieren - auch über den Tod Stalins und den Beginn der Entstalinisierung in der
Sowjetunion hinaus. 19 Zum "Klassiker" wurde die Untersuchung von c.]. Friedrich
und Z. Brzezinski. Sie setzten ihr Modell der totalitären Diktatur aus sechs Elemen-
ten zusammen: "Eine Ideologie, eine Partei, eine terroristische Geheimpolizei, ein
Nachrichtenmonopol, ein Waffenmonopol und eirie zentralgelenkte Wirtschaft. "20
Dieses Konzept bezog sich nicht nur auf die Hitler- und Stalindiktatur, sondern auch
auf den italienischen Faschismus und auch auf die nachstalinistischen Staaten des
"Ostblocks".
Anders waren die Konsequenzen aus dem zweiten "klassischen" Ansatz der
Totalitarismustheorie, der von Hannah Arendt stammte. Im Gegensatz zum eher
positivistischen Ansatz Friedrichs suchte Arendt in einer philosphisch geschulten
Geschichtsschau nach elementaren Gemeinsamkeiten der totalen Herrschaft. Sie
grenzte den Faschismus aus, da dieser nur die "Etablierung der faschistischen ,Elite'
im Staatsapparat des Landes" anstrebte. "Die totale Herrschaft gibt sich niemals
damit zufrieden, von außen, durch den Staat und einen Gewaltapparat zu herrschen;
in der ihr eigentümlichen Ideologie und der Rolle, die ihr in dem Zwangsapparat
zugeteilt ist, hat die totale Herrschaft ein Mittel entdeckt, Menschen von innen her

16 "Communist and Fascist Dictatorship. A Comparative Study", ursprünglich Minneapolis


1935, deutsch in: B. Seidel/S. ]enkner (Hg.), Wege der Totalitarismusforschung, Darm-
stadt 1968, S. 49-63.
17 EE Blachly/E. Oatmann, Introduction to Comparative Governement, New York 1938,
S. 439 ff.
18 Symposium on the Totalitarian State. Proceedings of the American Philosophical Society,
Philadelphia 1940.
19 c.]. Friedrich (Hg.) Totalitarianism. Proceedings of a Conference Held at the American
Academy of Arts and Science, March 1953, Cambridge 1954.
20 c.]. Friedrich, Totalitäre Diktatur. Unter Mitarbeit von Professor Zbigniew K. Brze-
zinski, Stuttgart 1957, S. 19 (amerikanische Erstausgabe Cambridge 1956).
12 Matthias Vetter

zu beherrschen und zu terrorisieren. "21 Im Terror auch nach der Eroberung der
Macht und nach der vollständigen Unterwerfung der Bevölkerung sah Arendt das
eigentliche Wesen und die grundsätzliche Herrschaftsform der totalitären Regierun-
gen, die damit einen Zustand fortgesetzter revolutionärer Bewegung und permanen-
ter Unstabilität erzeugen müssen, da sie sich nicht halten können, "ohne die gesamte
Wirklichkeit der Erde zuverlässig zu kontrollieren und jede Faktizität innerhalb der
Menschenwelt auszuschalten. "22 Terror ist in diesem Sinn die vermeintliche "Exe-
kution der Gesetze natürlicher oder geschichtlicher Prozesse", die Menschen nur das
Material dazu.23
Arendt betonte die Gemeinsamkeit totalitär-terroristischer Herrschaft gerade
unabhängig von den ihnen zugundeliegenden Ideologien: einerseits der dialektische
Materialismus - "großartig gefüllt mit den besten abendländischen Traditionen",
andererseits "kläglich-vulgär" - der Rassismus. 24 Daß die ideologischen Vorausset-
zungen verschiedene sind, betonte auch der zweite Klassiker der Totalitärismus-
Theorie, c.F. Friedrich: "Man darf daher wohl sagen, daß die soziale Gerechtigkeit
als der letzte Wert im Kommunismus anzusehen ist ... Demgegenüber ist für die
Faschisten der höchste Wert die Herrschaft, und im äußersten Fall die Weltherr-
schaft. "25 Diese Aussagen, so scheint es, sind von den Gegnern der Totalitarismus-
Theorie überlesen worden. Tatsächlich war das Ansehen dieses Konzepts gerade
unter den westlichen Intellektuellen denkbar gering. Im Rückblick ist kaum von der
Hand zu weisen, daß dies mit einer gewissen geistigen Hegemonie der Sympathi-
santen des sogenannten "realen Sozialismus" gerade im Lager der bundesdeutschen
Intelligenz zu tun hatte. Nur so ist wohl zu erklären, daß in den siebziger Jahren die
Behauptung diskussionswürdig - und einem "bürgerlichen" Verlag druckbar -
erschien, die Totalitarismus-Theorie sei nichts als ein Instrument der "durch ihr
Bündnis mit dem Faschismus diskreditierten ökonomisch herrschenden Klasse" zur
Abwehr drohender Sozialisierungen im Nachkriegsdeutschland. 26
Dennoch ist nicht zu bestreiten, daß der Verweis auf die "gleich schlimme" oder
gar "schlimmere" kommunistische Diktatur die deutsche Nachkriegsgesellschaft mit
ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit aussöhnen sollte. Umgekehrt diente die
fast mechanische Abwehr der Vergleichsversuche durch das andere Lager auch dazu,

21 H. Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1986, (erste ameri-
kanische Ausgabe 1951, erste deutsche 1955), S. 527.
22 Ebd., S. 614, ähnlich S. 674.
23 Ebd., S. 712.
24 Ebd., S. 708.
25 Friedrich, Totalitäre Herrschaft, S. 30.
26 R. Kühn!, "Zur politischen Funktion der Totalitarismustheorien in der BRD", in: M.
Greiffenhagen/R. KühnIlJ.B. Müller, Totalitarismus. Zur Problematik eines politischen
Begriffs (List-Taschenbücher der Wissenschaft), München 1972, S. 9 f.
Terroristische Diktaturen im zwanzigsten Jahrhundert 13

bohrende Fragen nach der Verbrechensbilanz der revolutionären Linken zu verdrän-


gen. So wie der Totalitarismus-Vorwurf gegen die Sowjetunion und auch gegen die
DDR im Kalten Krieg funktionalisiert wurde, so gehörte auch die geradezu ängst-
liche Abwehr gegen das dahinterstehende Konzept zur psychischen Innenausstattung
der Entspannungspolitik. Ein typisches Beispiel mag ein Aufsatz des SPD-Politikers
Eppler sein, der noch zur Zeit des Zusammenbruchs der kommunistischen Herr-
schaft davon schrieb, daß im deutsch-sowjetischen Verhältnis die Totalitarismustheo-
rie dem "Frieden im Wege stehe", eine Barriere sei, "deren Anblick demütigt,
empört, jeden Dialog vergiftet". Eppler prognostizierte dieser Theorie ein unaufhalt-
sames Absterben angesichts der Reformen in der SowjetunionP
Diese Prognose lag gründlich daneben. Der Untergang des "realen Sozialismus"
führte zu einer Reaktivierung und geradezu Rehabilitierung der Totalitarismustheo-
rie (die auch in der illegalen Opposition der realsozialistischen Länder hohes
Ansehen besessen hatte2S ). Gut greifbar ist die Rückkehr zum Totalitarismusbegriff
(eher zu einer Denkfigur als zu einer geschlossenen Theorie29 ) etwa an einer
Hamburger Konferenz im Juli 1994 über "Totalitarismustheorie und Modernitäts-
kritik", zu deren Resultaten das Plädoyer für die pragmatische Verwendung des
"Totalitarismus-Theorems" gehört. 3D
Dieser - wenn man so will - Neuaufschwung des Systemvergleichs und des
gemeinsamen Begriffs für ein wesentliches Element der verglichenen Diktaturen
krankt an einer immer noch schwachen empirischen Grundlage. Dafür mögen -
neben den oben erwähnten Denkblockaden - auch Faktoren wie die Unzugänglich-
keit sowjetischer Archive, aber auch der Ort der Stalinismus-Forschung in der
Spezialdisziplin der Osteuropäischen Geschichte, gar mangelnde Sprachkenntnisse
der Forscher die Ursache sein. Zwischen der Erforschung des Nationalsozialismus
und des Stalinismus gibt es einige beachtliche Asymmetrien. Unbestreitbar ist die
Auseinandersetzung mit der deutschen Diktatur der Stalinismus-Forschung weit
voraus, sowohl was die Entfaltung kontroverser Positionen und die damit verbun-

27 E. Eppler, "Die Totalitarismustheorie und unser Verhältnis zur Sowjetunion", in: D.


Goldschmidt (Hg.), Frieden mit der Sowjetunion - eine unerledigte Aufgabe, Gütersloh
1989, S. 508-521.
28 Siehe auch die Einleitung zum Beitrag von D. Beyrau in diesem Band.
29 A. Söllner, "Totalitarismus. Eine notwendige Denkfigur des 20. Jahrhunderts", in:
Mittelweg 36, H. 211993, S. 83 f.
30 Bulletin 1995, Nr. 10, Oktober/November 1993 (Beilage zu Mittelweg 35, H. 5/93, S.
66-68); L. Fritze, "Totalitarismus und Modernitätskritik", in: Bulletin 1995, Nr. 15,
August/September 1994, Beilage zu Mittelweg 36 4/94, S. 60-64. Siehe auch H. Maier,
,,,Totalitarismus' und ,politische Religionen'. Konzepte des Diktaturvergleichs", in:
Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 45 (1995), S. 387-405.
14 Matthias Vetter

denen Debatten angeht, als auch die Erschließung der Quellen. 31 Erst in jüngster
Zeit haben in Deutschland Historiker bei der Disziplinen sich an einen Tisch gesetzt
und begonnen, in einer Konferenzreihe Ergebnisse ihrer Forschungen in empirischen
Einzelstudien zu diskutieren. 32 Nicht nur im strukturgeschichtlichen Vergleich mit
modernen Methoden wird hier Neuland betreten, selbst eine traditionell-epische
Gesamtschau beider Diktaturen - festgemacht an den beiden Führern - wurde erst
in jüngster Zeit vorgelegt. 33
In diesen Kontext des ersten Ertastens des Themas, des Fragens nach Einzelaspek-
ten und des vorurteilslosen Vergleichens, gehören auch die Beiträge des vorliegenden
Bandes. Sie basieren auf einer Vortragsreihe, die 1994 im Ost-Westeuropäischen
Kulturzentrum Palais Jalta in Frankfurt am Main in Zusammenarbeit mit der
Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Wiesbaden, veranstaltet wurde.
Angesichts des "Wissensvorsprungs" der deutschen Öffentlichkeit in Hinblick
auf den Nationalsozialismus war es das Ziel dieser Reihe - und bleibt es die Absicht
dieses Bandes -, Resultate der Forschung von Sozial- und Osteuropahistorikern über
den Stalinismus zusammenzutragen, die den Vergleich mit dem jüngsten For-
schungsstand über die NS-Diktatur einbeziehen. "Stalinismus" wird dabei nicht
scharf von seinen Vorformen seit der Oktoberrevolution abgegrenzt, wohl aber von
der Entwicklung in der Sowjetunion und Osteuropa nach Stalins Tod.
Die hier versuchte vergleichende Analyse - oder die Suche nach Vergleichsebe-
nen - bezieht sich nicht nur auf die spezifischen Eigenschaften beider Diktaturen,
die sie zu terroristisch-totalitären machten, sondern es werden auch die allgemeinen
gesellschaftlichen Segmente untersucht. Es wird nach dem Agrarsektor (MerI), nach
der Rolle der Kultur (Günther) und der Intelligenz (Beyrau), nach dem Verhältnis
der Geschlechter (Maier), der Funktion der Lager (Armanski), der Führerdiktatur
(Ennker) und schließlich nach dem Selbstverständnis beider Systeme (Koenen)
gefragt.
Die Autoren gehören keiner einheitlichen "Schule" an, ihre Herangehensweise
und Fragestellung ist durchaus unterschiedlich. Dies gilt auch für das Ausmaß an
Systematik, mit der der Vergleich vorgenommen wurde - bzw. Ansatzpunkte für
weitere Vergleiche herausgestellt wurden. Alle Beiträge wurden, nachdem sie im

31 V gl. die heiden Einführungen in den Forschungsstand: I. Kershaw, Der NS-Staat.


Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, Reinbek 1988, überarbei-
tete Neuausgabe 1994; J. Baberowski, "Wandel und Terror: die Sowjetunion unter Stalin
1928-1941. Ein Literaturbericht", in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 43 (1995),
S.97-129.
32 Siehe zu den Konferenzen der Hamburger Forschungsstelle für die Geschichte des
Nationalsozialismus: Bulletin 1995 Nr. 9, Beilage zu Mittelweg 36, Heft 4/1993, S.
65 ff., Bulletin 1995 Nr. 16, Beilage zu Mittelweg 36, Heft 5/1994, S. 49 ff.
33 A. Bullock, Hitler und Stalin. Parallele Leben, Berlin 1991.
Terroristische Diktaturen im zwanzigsun Jahrhundert 15

Palais Jalta als Vortrag gehalten und ausgiebig diskutiert worden waren, für die
Veröffentlichung überarbeitet. Bei der Herausgabe wurden geringfügige Überschnei-
dungen und die zwischen den Beiträgen differierenden Standpunkte in keiner Weise
bereinigt - gerade um den Diskurs- und Versuchscharakter des Projekts zu erhalten.
Die Reihenfolge der Beiträge im Buch entspricht der Reihenfolge der Vorträge. Ein
Vortrag, der in der Reihe gehalten wurde, konnte aus technischen Gründen nicht in
dem Band erscheinen. Er behandelte das Verhältnis der bei den Regime zur Indu-
striearbeiterschaft. Ersatzweise sei hier auf den Aufsatz "Stalinismus von unten" des
damaligen Referenten Hans-Henning Schröder hingewiesen, der viele Aspekte des
im Vortrag Behandelten mitabdeckt. 34

34 "Stalinismus ,von unten'? Zur Diskussion um die gesellschaftlichen Voraussetzungen


politischer Herrschaft in der Phase der Vorkriegsfünfjahrpläne", in: D. Geyer (Hg.), Die
Umwertung der sowjetischen Geschichte, Göttingen 1991, S. 133-166.
Dietrich Beyrau

Die Intelligenz und die Macht

Bildungsschichten unter totalitären Bedingungen*

Vorbemerkung

Im verbotenen russischen Schrifttum vor 1985 war es fast schon ein Topos, Hitler
und Stalin in Beziehung zu setzen: Der Faschismus erschien Boris Pasternak als
"reaktionäre Anmerkung zur russischen Geschichte", als "Zerrspiegel des revolutio-
nären Rußlands".1 Wassilij Grossman läßt einen seiner Helden im Roman "Leben
und Schicksal" über die Nähe zwischen Faschismus und Stalinismus räsonnieren. 2
Junge Opponenten der fünfziger bis siebziger Jahre sprachen mit Bezug auf das
stalinsche Regime vom sowjetischen oder "roten" Faschismus. 3 Später wurde es
Mode, den rassistischen Genozid dem "Soziozid" unter Stalin gegenüberzustellen. 4
Diese aphoristischen Verkürzungen halten einen Eindruck fest, der sich spontan
aufdrängte angesichts der mörderischen Folgen ideologischer Obsessionen und der
Maßstabslosigkeit der Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus und Stalinis-
mus. Die neuartige Qualität und Gleichzeitigkeit dieser Diktaturen in zwei so
unterschiedlichen Ländern wie Deutschland und der Sowjetunion hat schon seit
langem zu Vergleichen und Gleichsetzungen Anlaß gegeben. Solche Versuche impli-
zieren die Existenz interkultureller Verflechtungen, ähnlicher Bedingungen und
Probleme, ohne daß dies bisher überzeugend hätte nachgewiesen werden können.

* Der vorliegende Beitrag wurde bereits im Archiv für Sozialgeschichte 34 (1994), S.


35-54 veröffentlicht. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion wird er hier wie-
derabgedruckt, wobei in den Fußnoten einige unwesentliche Kürzungen bzw. Aktuali-
sierungen vorgenommen wurden.
E. Pasternak, Boris Pasternak. Materialy k biografii, Moskau 1989, S. 513.
2 V. Grossman, Zizn' i sud'ba, Lausanne 1980, S. 269 ff., dt. Leben und Schicksal,
Frankfurt, Berlin, S. 217.
3 B. Vajl, Osobo opasnyj, London 1980, S. 49; A. Gidoni, Solnce idet s zapada. Kniga
vospominanij, Toronto 1980, S. 115.
4 Ju. Druznikov, Voznesenie Pavlika Morozova, London 1988, S. 257.
Die Intelligenz und die Macht 17

Bescheidenere Ansätze begnügen sich mit Vergleichen, in denen ein größeres Ge-
wicht auf die Unterschiede gelegt wird. Dieser Absicht folgt der vorliegende Beitrag.
Dabei besteht in der Historiographie weder im sowjetischen noch im deutschen Fall
ein Konsens über den Charakter und die Funktionsweise beider Diktaturen. Diese
Differenzen finden ihren Niederschlag in der Beschreibung und Einschätzung wie
in der Rolle, welche den Bildungsschichten bei der Entstehung und in der Herr-
schaftspraxis beider Systeme zufällt. Die Erörterung dieser Probleme ist als Versuch
zu werten, der sich mancher Schwächen bewußt ist. Sie ergeben sich aus dem
ungleichen Forschungsstand zum Nationalsozialismus und zum Stalinsystem, viel-
leicht aber auch daraus, daß von der sowjetischen Erfahrung ausgegangen wird,
während der Nationalsozialismus als Vergleichsobjekt fungiert.

Totalitäre Diktaturen

Herkunft und Funktionsweise des Stalin- und Hitlerregimes in Analogie zu setzen,


besitzt in der westlichen Geistesgeschichte bereits eine längere Tradition. In einer
spezifischen Variante erlebten diese betagten Ansätze eine Renaissance vor allem in
den jüngeren Arbeiten von Ernst Nolte. Er schrieb den Vordenkern des Marxismus
und Rassismus Zukunftsentwürfe zu, welche das Heil in Vernichtungstherapien
erblickten. 5 Ihre politisch skandalträchtige Zuspitzung fanden diese Thesen, als ein
kausales Verhältnis zwischen Bolschewismus/Stalinismus und Nationalsozialismus
konstruiert wurde: Der Nationalsozialismus als Reaktion auf die Vernichtungswut
des revolutionären Bolschewismus. 6 Dieser willkürlichen Umdeutung der eigentli-
chen Antriebskräfte im deutschen Faschismus entsprach auf der anderen Seite die
Erklärung der Deformation des Sozialismus unter Stalin mit der imperialistischen
Einkreisung, eine Hypothese, die ebenfalls mehr durch apologetische Impulse als
durch Beweiskraft gekennzeichnet ist. 7
Diesen Entgleisungen standen schon seit Jahrzehnten Konzeptionen entgegen,
die trotz aller Defizite im Einzelnen mehr zur Analyse und Darstellung der Fehlent-
wicklungen in Deutschland wie in der Sowjetunion leisten könnten. Hierbei ließe
sich zunächst an die Sonderwegs-Debatte denken. Sie maß den deutschen Weg in

5 E. Nohe, "Marxismus und Nationalsozialismus", in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte


31 (1983), S. 389-417.
6 E. Nohe, Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolsche-
wismus, Frankfurt 1987; zum Historikerstreit: "Historikerstreit". Die Dokumentation
der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung,
München 1987; U. Wehler, Entsorgung der deutschen Vergangenheit, München 1988.
7 W. Hofmann, Stalinismus und Antikommunismus. Zur Soziologie des Ost-West-Kon-
ßikts Frankfurt 1967, S. 33 f.
18 Dietrich Beyrau

die Moderne an demjenigen der klassischen Demokratien des Westens und betonte
insbesondere die politischen Pathologien, welche den Nationalsozialismus ermög-
licht haben,s Die Diskussion um den Sonderweg Rußlands - im Verhältnis zum
europäischen Westen - ist zur Zeit noch zu diffus, als daß hier wissenschaftlich
seriöse Diskurszusammenhänge benennbar wären. Die eher geistesgeschichtlich
orientierten Essays, welche um eine spezifisch "russische Idee" kreisen, repetieren
und variieren zumeist ältere Denkströmungen aus der Emigration und dem Unter-
grund. 9 Unter jeweils spezifischen Aspekten lassen sich ähnliche Annahmen auch in
Deutungen zur russischen Geschichte bei professionellen Historikern finden. Hier
mag auf Richard Pipes mit seinen Thesen von der Reproduktion patrimonialer
Herrschaftstechniken verwiesen werden. lo Auf russischer Seite unternahm A.S.
Achiezer einen sehr ambitionierten Versuch, der Transformation einer spezifisch
politischen Sozialisation nachzugehen. Er erkennt sie im unaufhebbaren Konflikt
zwischen lokaler Vergemeinschaftung und Staatlichkeit, die in Rußland selten har-
moniert hätten. Seit dem 18. Jahrhundert - der beginnenden Modernisierung - sei
ein Kontinuum an Ungleichgewicht zwischen lokal-anarchistischen Tendenzen in
Stadt und Land und autoritären bzw. despotischen Neigungen der Staatsmacht zu
beobachten. Unter diesen Bedingungen sei es zu keiner Ausbildung einer auf
Konsens, auf geregelter Partizipation beruhenden und institutionell abgesicherten
Staatlichkeit gekommen, kurz zu keiner Verbürgerlichung, zu keiner Gesellschafts-
und Nationsbildung nach westlichem Muster. ll Ähnlich wie bei den Anhängern
einer Kontinuität von Obrigkeitsstaatlichkeit mit ihren pathologischen Ausschlägen
in Deutschland erscheint die russische Geschichte als "Pseudomorphose" (Oswald
Spengler). Hier liegt ein organizistisches Deutungsraster von nationaler Geschichte
vor, das letztlich das Konzept eines unveränderlichen "Volkscharakters" variiert und
in Osteuropa zur Zeit sehr beliebt ist.
Als weitere Variante zur Erklärung des Nationalsozialismus und Stalinismus bietet
sich das Konzept des Totalitarismus an. Zur Zeit des Kalten Krieges ist es als
Kampfbegriff populär und seit den späten siebziger Jahren von der Opposition in
Osteuropa begierig aufgegriffen worden. Ironischerweise geschah dies zu einer Zeit,
als es von westlichen Historikern sowohl in bezug auf die Sowjetunion als auch auf

8 H. Grebing, Der "deutsche Sonderweg" in Europa 1806-1945. Eine Kritik, Stuttgart


1986.
9 L. Luks, "Die Ideologie der Eurasier im zeitgeschichtlichen Zusammenhang", in: Jahr-
bücher rur Geschichte Osteuropas 34 (1986), S. 374-395; G. Nivat, La fin du mythe
russe. Essais sur la culture russe de Gogol a nos jours, Lausanne o.J. [1981].
10 R. Pipes, Rußland vor der Revolution, München 1977; ders., U.S.-Soviet Relations in
the Era of Detente, Boulder/Col. 1981, S. 4 ff., S. 64 ff.; ders., The Russian Revolution
1899-1919, London 1990, S. 53 ff.
11 A.S. Achiezer, Rossija: Kritika istoriceskogo opyta, 3 Bde., Moskau 1991.
Die Intelligenz und die Macht 19

den Nationalsozialismus für obsolet erklärt oder doch als ungenügend verworfen
wurde. Das Totalitarismus-Konzept der fünfziger Jahre, wie es Friedrich und Brze-
zinski formulierten, bezog sich im wesentlichen auf die modernen Herrschaftstech-
niken und ihre Instrumente - auf Ein-Parteien-Herrschaft, auf die Permanenz des
Terrors, auf die ideologische Monopolisierung der Medien etc. Die Sozialgeschichte
der letzten Jahrzehnte hat dem, sofern man sie unter dem Totalitarismus-Paradigma
liest, wichtige Elemente hinzugefügt: Die russische Revolution hatte teils die Flucht,
teils die Atomisierung der alten Oberschichten zur Folge. Im deutschen Fall wird
vom Bedeutungsverlust traditioneller Eliten gesprochen. Beide Regime - der Natio-
nalsozialismus wie das Stalinsystem - bewirkten eine politische Mobilisierung. 12 Sie
bezog neue Schichten - und sei es als AkkIamateure und Nutznießer - in die
politische Gesellschaft ein, und sie beseitigte - sicher in sehr unterschiedlichem
Ausmaß - Hindernisse für bisher eher benachteiligte Bevölkerungsgruppen. In
Deutschland ergaben sich begrenzte Aufstiegschancen für Angehörige der unteren
Mittelschicht, im sowjetischen Fall vollzog sich ein atemberaubender Aufstieg aus
der Arbeiter- und Bauernschaft. Diese Mobilisierung stand unter totalitärem Vor-
zeichen, und zwar insofern, als die Eroberung der Macht, ihre Vernetzung und die
folgende umfassende Kontrolle nicht nur als kompromißloser Kampf, sondern auch
als Umsetzung von Visionen erfolgten, die den Rahmen des Politischen im her-
kömmlichen Sinne sprengten. Es erfaßte nun Sphären, die im 19. Jahrhundert als
politik- oder doch staatsfrei gegolten hatten: Arbeit, Freizeit, Reproduktion und
Kultur.
Wenn der Nationalsozialismus als Beispiel für die Krise der Moderne, als Exempel
des in der gegenwärtigen Zivilisation enthaltenen destruktiven Potentials gesehen
und bestenfalls als "vorgetäuschte Modernisierung" beschrieben werden kann,13 so
gab es bessere Gründe, die Politik der vor- und nachrevolutionären Regime Rußlands
in den Zusammenhang von Rückständigkeit und nachholender Modernisierung zu

12 S. Fitzpatrick, "Stalin and the Making ofa New Elite 1928-1939", in: Slavic Review
38 (1979), S. 377-402; H.-H. Schröder, .. ,Neue' Arbeiter und ,neue' Bürokraten", in:
Vierteljahreshefte für Wirtschafts- und Sozialgeschichte 73 (1986), H. 4, S. 488-519;
H.-U. Thamer, .. Das Dritte Reich. Interpretationen, Kontroversen und Probleme des
aktuellen Forschungsstandes", in: K.D. Bracher/M. Funke/H.-A. Jacobsen (Hg.),
Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, Bonn
1992, S. 507-31.
13 Z. Bauman, Modernity and the Holocaust, Cambridge 1991; P. Wehling, Die Moderne
als Sozialmyrhos. Zur Kritik sozialwissenschaftlicher Modernisierungstheorien, Frank-
furt 1992; H. Mommsen, .. Nationalsozialismus als vorgetäuschte Modernisierung", in:
ders., Der Nationalsozialismus und die deutsche Gesellschaft. Ausgewählte Aufsätze,
Reinbek 1991, S. 405-427.
20 Dietrich Beyrau

stellen. 14 Mit Blick auf die Stalinzeit ist dieser Aspekt allerdings in den letzten Jahren
ein wenig aus der Mode gekommen. 15
Im Vordergrund stehen vielmehr die Begleiterscheinungen der "zyklopischen"
Industrialisierung, hier insbesondere Probleme der Entwurzelung, der Demoralisie-
rung sowie der Unsteuerbarkeit gesellschaftlicher Prozesse in den dreißiger Jahren,
von der Diktatur Stalins zwar angestoßen, aber keineswegs kontrolliert. 16 In der
Sowjetunion stand die anfangs visionäre, dann pragmatischere Planung in erster
Linie unter dem Zwang zu nachholender Industrialisierung. Entscheidend für die
Art ihrer Realisierung waren freilich ein im Kommunismus angelegter Machbarkeits-
wahn und die Akkumulation von Macht in der politischen Führung - zugleich
Voraussetzung und Begleiterscheinung der brutalen Eingriffe in das gesellschaftliche
Gefüge.
Die in beiden Systemen vollzogenen "Säuberungen" in der Gesellschaft waren
getrieben von einem visionären Furor, der die Vernichtung "unwerten" Lebens sowie
der Klassenfeinde und "klassenfremden" Elemente anstrebte oder bewußt in Kauf
nahm. Die Gesellschaft als Garten,17 in dem züchterische Maßnahmen ein Opti-
mum - die gesunde, rassereine oder die sozialistische Gesellschaft - garantieren
sollten. Diese Vorstellung und vor allem die brutale Praxis erwiesen sich als durch-
setzbar nur in Industriegesellschaften mit ihrem technisch-organisatorischen Poten-
tial. Die physischen Zwangsmittel in der Sowjetunion blieben zumeist eher konven-
tionell - Deportation, Aushungern, Massenerschießungen -, ihre Dimension war
freilich nur möglich in einer industrialisierten Gesellschaft. Unter dem nationalso-
zialistischen Regime wurde neben Repressalien herkömmlicher Art zugleich der
Massenmord industriell betrieben. Die destruktive Seite läßt mithin unterschiedliche
Stadien der technischen Zivilisation erkennen.
Wenn heute wieder dem nationalsozialistischen Staat modernisierende Funktio-
nen zugeschrieben werden, so geschieht dies allerdings von zwei entgegengesetzten
Positionen aus: 1. Unter Ausblendung der destruktiven Aspekte werden sozialplane-

14 D. Senghaas, Von Europa lernen. Entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen, Frankfurt


1982.
15 T. H. von Laue, Why Lenin, Why Stalin? Philadelphia 1964; W. Hofmann, Die
Arbeitsverfassung der Sowjetunion, Berlin 1956.
16 Vgl. maßgeblich zum Forschungs- und Diskussionsstand: H.-H. Schräder, "Stalinismus
,von unten'? Zur Diskussion um die gesellschaftlichen Voraussetzungen politischer
Herrschaft in der Phase der Vorkriegsfünfjahrespläne", in: D. Geyer (Hg.), Die Um-
wertung der sowjetischen Geschichte, Gättingen 1991; B. Bonwetsch, "Der Stalinismus
in der Sowjetunion der dreißiger Jahre. Zur Deformation einer Gesellschaft", in: Jahr-
buch für Historische Kommunismusforschung 1993, S. 11-36.
17 Bauman, Modernity, S. 91 f.
Die Intelligenz und die Macht 21

rische und wohlfahrtsstaatliche Enrwürfe als "modernisierend" stilisiert. IB Auf der


sowjetischen Seite lassen sich die brutale Industrialisierung und Kollektivierung aus
ökonomischen Zwangslagen ableiten und als alternativlos und fortschrittlich präsen-
tieren. 19 2. Der Nationalsozialismus und Stalinismus gelten als Beispiel für die
prinzipielle Gewalttätigkeit und Menschenverachtung industrieller Scheinrationali-
tät. 20 Implizit wird in beiden Fällen Modernisierung auf die Planung sozio-ökono-
mischer Prozesse oder auf sozialen Wandel reduziert. Weder das eine noch das andere
ist ein hinreichendes Merkmal für eine solche umstandslose Gleichsetzung, denn in
der Tradition des Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts und seiner Umfor-
mulierung in den Theorien der sechziger Jahre bildete die industrielle Enrwicklung
nur die norwendige Voraussetzung für Modernisierung. Mit diesem Begriff waren
strukturelle Differenzierung, technische und funktionale Rationalisierung und nicht
zuletzt ein Zugewinn an individueller Autonomie durch Schutzrechte, Optionsmög-
lichkeiten und Partizipationschancen gemeint. Er enthielt damit nolens volens auch
eine politisch-moralische Komponente, die sich vorwiegend am westlichen Gesell-
schaftstyp orientierte. Der Nationalsozialismus wie der Stalinismus verfehlten mit
ihren utopischen Visionen, mit der Irrationalität des Politischen, der Machtentgren-
zung, der moralischen Enthemmung und nicht zuletzt mit der teils erzwungenen,
teils freiwilligen Unterwerfung der Bürger wesentliche Ziele von Modernisierung. 21
Modern hingegen war in beiden Fällen die radikale Form von Staatsintervention
insofern, als sie sich militant abgrenzte gegen die dominierenden Vorbilder - Eng-
land und die USA - und gegen die hier vergleichsweise fest etablierten Normen
liberaler Ordnung. Bei aller ideologischen Gegensätzlichkeit zwischen Nationalso-
zialismus und Kommunismus - hier der ins Rassistische umschlagende nationalisti-
sche Impuls, der englische Weltherrschaft imitieren wollte, dort der revolutionäre
Universalismus, der im Bau eines Imperiums erstarrte - liegt ihnen doch als
gemeinsamer Zug der Aufstand gegen den Imperialismus des "Westens" zugrunde,
gegen Liberalismus und Demokratie, gegen Individualismus und Besitzstreben. Der
zeirweilige Erfolg beider Gegenbewegungen lag in der Krise liberaler Weltordnung
begründet. Kommunismus und Nationalsozialismus erweisen sich somit als Impe-

18 M. PrinzIR. Zitelmann (Hg.), Nationalsozialismus und Modernisierung, Darmstadt


1991; C. Dipper, "Modernisierung und Nationalsozialismus", in: Neue Politische Lite-
ratur 36 (1991), S. 450-456; N. Frei, "Wie modern war der Nationalsozialismus?" in:
Geschichte und Gesellschaft 19 (1993), S. 367-387.
19 A.T. Kinkul'kin (Red.), Stranicy istorii sovetskogo obscestva, Moskau 1989.
20 G. AIy/S. Heim, Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für
eine neue europäische Ordnung, Hamburg 1989 und W. Schneider (Hg.), "Vernich-
tungspolitik". Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozialpolitik und Genozid
im nationalsozialistischen Deutschland, Hamburg 1991.
21 H. van der Loo/W. van Reijen, Modernisierung. Projekt und Paradox, München 1992.
22 Dietrich Beyrau

rialismen von Verlierern: der eine hat den Krieg verloren, der andere hat ihn unter
ungeheuren Verlusten an der Seite der westlichen Demokratien gewonnen.
Dies ist sicher auch den unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen und ideolo-
gischen Zielen zuzuschreiben. Dabei sind bis heute Stellenwert und Funktion der
ideologischen Antriebskräfte und ihrer Personifizierung in den Führern umstritten.
Im deutschen Fall firmiert dieser Streit unter den Begriffen von Intentionalismus
und Funktionalismus, von Hitler-Zentrismus und Strukturgeschichte. 22 Im sowjeti-
schen Fall findet die Auseinandersetzung statt zwischen den Anhängern unterschied-
lich akzentuierter Totalitarismus-Konzepte und den sogenannten Revisionisten.
Erstere messen der Person Stalins eine herausragende Bedeutung zu. 23 Letztere legen
- z.T. durch einen Perspektivenwechsel - ein entschieden größeres Gewicht auf die
Eigenbewegung der Gesellschaft und der Apparate. 24 Wenn im deutschen Fall der
Diktator als "extremer Exponent einer [... ] antihumanitären Impulskette" gilt,25 so
entsteht im sowjetischen Fall manchmal- weitergehend - das Bild eines Stalinismus
ohne Stalin. 26
Sicher ist nur, daß weder die Politik der Bolschewiki und Stalins, noch die Hitlers
als simpler Vollzug ideologischer Planung zu verstehen ist. Einer stringent intentio-
nalistischen Deutung steht schon die Dauer kommunistischer Herrschaft entgegen.
Gleichwohl ist nicht zu leugnen, daß strategische Entscheidungen wie die Art des
Umgangs mit dem Gegner sowie die Inszenierung von Industrialisierung und
Kollektivierung einer ideologisierten Realitätswahrnehmung entsprangen. Die Fol-
gen dieser Politik waren aber ganz andere als gewollt: Die Planung verschwand seit
Beginn der Planwirtschaft, wie es Moshe Lewin schon vor zwanzig Jahren formuliert
hatP Die gewalttätige Industrialisierung bewirkte zudem eine eigenartige Regres-
sion des ländlichen Sektors: seine rechtliche Minderstellung, seine Absonderung von
der Stadt und wohl auch einen ökonomischen Rückfall. Dies dürfte kaum beabsich-

22 Zusammenfassend vgl. K. Hildebrand, Das Dritte Reich, München 1991 4, S. 135 ff.
23 Vgl. R. Medvedev, Das Urteil der Geschichte. Stalin und Stalinismus, 3 Bde., Berlin
1992; D. Wolkogonow, Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Porträt, Düssel-
dorf 1989; R. Tucker, Stalin in Power. The Revolution from Above, 1928-1941, New
York 1990.
24 Zur sozial- und strukturgeschichtlichen Position dieser in sich heterogenen Autoren-
gruppe vgl. die Beiträge in: Russian Review 45 (1986), H. 4, und 46 (1987), H. 4.
25 H. Mommsen, "Hiders Stellung im nationalsozialistischen Herrschaftssystem", in: ders.,
Der Nationalsozialismus, S. 67-101, insb. S. 93.
26 G. Rittersporn, Stalinist Simplifications and Soviet Complications: Sodal Tensions and
Political Conflicts in the USSR, Chur 1991 (aus d. Franz., Paris 1988).
27 M. Lewin, "Disappearance of Planning in the Plan", in: Slavic Review 32 (1973), S.
271-287.
Die Intelligenz und die Macht 23

tigt gewesen sein und wird sich schwerlich als modernisierend klassifizieren lassen;
es erwies sich aber unter Gesichtspunkten einer Machtökonomie als sehr praktisch. 28
Ebenso hatte die Kriegsführung Deutschlands unbeabsichtigte Konsequenzen:
Reagrarisierung sowie Blut- und Boden-Mythos als konstitutive Bestandteile der
NS-Ideologie verloren an Bedeutung. An die Stelle der Vision einer rassisch homo-
genen Gesellschaft in Deutschland zeichneten sich Tendenzen zu einer industriellen
Apartheidsgesellschaft ab. 29 Die Praxis von Vernichtung, Ausbeutung und Helotisie-
rung der Völker Osteuropas entzog einer ohnehin irrealen deutschen Kolonialherr-
schaft jede Grundlage. Die selbstzerstörerischen Züge eines totalitären Chaos kamen
hier wohl am stärksten zum Durchbruch.3 0
Beide totalitären Systeme wurden symbolisch und real vom Kult um den Führer
zusammengehalten und wenigstens zeitweise von "enthusiastischen" Massen mitge-
tragen. ,,[ ... ] gerade in dieser Zeit [des stalinschen Terrors] erreichte die Einheit
zwischen Volk und Macht ihren Kulminationspunkt. "31 "Terror und politische
Propagandaformeln im Zusammenwirken mit den Herrschaftsbindungen Aufstieg -
Verbrauch - Unterhaltung ließen die Deutschen im April 45 eine größere Nähe zur
staatlichen Ordnung erleben als 1918 und 1932."32 Diesen sicher sehr zugespitzen
Formulierungen wird man kaum einen Gran Wahrheit absprechen wollen. Sie ist
deshalb so unerträglich, weil das Signum beider Systeme der Massenmord war.

28 S. Merl, Bauern unter Stalin. Die Formierung des sowjetischen Kolchossystems 1930-
1941, Berlin 1990; J .A. Getty, "State and Society Under Stalin: Constirutions and
Elections in the 1930s", in: Slavic Review 50 (1991), S. 18-35.
29 U. Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des ,,Ausländer-Einsatzes" in der Kriegs-
wirtschaft des Dritten Reiches, Berlin 1985.
30 Exemplarisch vgl. J.T. Gross, Polish Society Under German Occupation. The General-
gouvernement 1939-1944, Princeton/N.J. 1979; H. Umbreit, "Die deutsche Besat-
zungsverwaltung. Konzept und Typisierung", in: W. Michalka (Hg.), Der zweite Welt-
krieg. Analysen, Grundzüge, Forschungsbilanz, München 1990, S. 710-727; R.-D.
Müller, Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik. Die Zusammenarbeit von
Wehrmacht, Wirtschaft und SS, Frankfurt 1991; B. Chiari, "Deutsche Zivilverwaltung
in Weißrußland 1941-1944. Die lokale Perspektive der Besatzungsgeschichte", in:
Militärgeschichtliche Mitteilungen 52 (1993) S. 68-84.
31 Achiezer, Rossija, Bd.2, S. 125.
32 H.-D. Schäfer, "Bücherverbrennung, staatsfreie Sphäre und Scheinkultur", in: H. Denk-
lerlE. Lämmert (Hg.), "Das war ein Vorspiel nur ... " Berliner Colloquium zur Litera-
turpolitik im "Dritten Reich", Berlin 1985, S. 110-126, hier S. 111.
24 Dietrich Beyrau

Der kulturelle Kontext

Wenn sich aus der Vogelperspektive auch gewisse Analogien herstellen lassen, so
sollen im Zusammenhang mit meinem Thema die Unterschiede und damit die
Schwierigkeiten eines Vergleiches nicht unterschlagen werden. Die Machtergreifung
verwandelte Deutschland innerhalb weniger Monate in eine totalitäre Diktatur mit
einem beachtlichen Anhang gerade auch unter den Bildungsschichten. 33 In Rußland
hingegen war die bolschewistische Revolution insbesondere von der professionellen
Intelligenz als Aufstand des Pöbels und seiner intellektuellen Verführer wahrgenom-
men worden. Natürlich verfügten die Bolschewiki unter Wissenschaftlern, Techni-
kern, Künstlern und Literaten über Anhänger, sie bildeten aber in ihrem jeweiligen
Milieu eine manchmal geächtete Minderheit. In der bolschewistischen Diktatur
deuteten sich zwar schon früh totalitäre Ambitionen an, ihre Realisierung erfuhren
sie aber erst seit Ende der zwanziger Jahre, in einem erneuerten kulturrevolutionären
Ansturm, getragen v. a. von der relativ jungen Partei-Intelligenz. Sie wandte sich
sowohl gegen die Residuen "bürgerlicher" Kultur und Wissenschaft als auch gegen
die revolutionäre Vätergeneration. Ob und in welcher Weise sich Parallelen zum
studentischen Aktivismus in Deutschland zeigen lassen, müßten genauere Untersu-
chungen klären. Wie in Deutschland folgte dem kurzen aktivistischen Aufbruch sehr
schnell die Disziplinierung und Unterwerfung von Kultur und Wissenschaft unter
politisch-administrative Kontrollen, die Eigenmächtigkeiten kaum noch zuließen.
Ihr Bezugspunkt war im sowjetischen Fall die Vision vom "sozialistischen Aufbau",
gewissermaßen die "Utopie an der Macht",34 in Deutschland - sehr viel diffuser -
die vermeintliche Wiederherstellung nationaler Herrlichkeit und - wohl nur sukzes-
siv erkennbar - Eroberung.
In Rußland hatten die vorrevolutionären Bildungsschichten in großer Distanz
zum Zarenregime gestanden. Sie hatten eine Art von Gegenkultur gebildet, welche
auch in der Bürokratie Resonanz fand und die Revolutionäre einschloß. Sie befanden
sich in Konkurrenz zum Regime, dem sie die Fähigkeit zum Fortschritt absprachen.
Als dessen wahre Sachwalter in einem rückständigen Land sahen sie sich selbst. In
Deutschland hingegen waren die Bildungsberufe obrigkeitsstaatlich integriert, satu-
riert und weitgehend Teil eines Honoratiorensystems, das die Belange der Wissen-

33 Zur allgemeinen Literatur über die Bildungsschichten in Sowjetrußland und in Deutsch-


land verweise ich auf D. Langewiesche/H.-E. Tenorth (Hg.), Handbuch der deutschen
Bildungsgeschichte. Bd. V: 1918-1945. Die Weimarer Republik und die nationalsozia-
listische Diktatur, München 1989; D. Beyrau, Intelligenz und Dissens. Die russischen
Bildungsschichten in der Sowjetunion, Göttingen 1993.
34 Der französische Titel "I.:utopie au pouvoir" (Paris 1981) von M. HellerlA. Nekrich,
Geschichte der Sowjetunion, 2 Bde., Königstein/Ts. 1981-2.
Die Intt:I1igenz und die Macht 25

schaft nach internationalen Maßstäben recht gut vertrat,35 während man auf kultu-
rellem Feld eher von den Erzeugnissen des Auslands lebte. Besonders im Weltkrieg
gerierten sich die Gebildeten als Mandarine einer Ordnung, die 1918 in die Brüche
ging. Ihr Arrangement in der Weimarer Republik hing wohl mehr mit der finanziel-
len Abhängigkeit vom öffentlichen Geldgeber als mit der Zustimmung zur Republik
zusammen, die gerade auch unter Professoren nur wenige aktive Verteidiger fand.
Hitlers Machtergreifung wurde, wie bekannt, als "nationale Revolution" auch von
jenen bejubelt, die im engeren Sinne keine Nationalsozialisten waren. 36
Die schmalen Bildungsschichten im rückständigen Rußland hatten ihren eigenen
Aufstieg vor allem mit der Reform, seltener mit dem Sturz des alten Regimes in
Verbindung gebracht. Diese Erwartung realisierte sich nach 1918 vor allem für die
technische Intelligenz. Die deutschen Bildungsschichten - hier v. a. die beamteten
- wandten sich hingegen mehrheitlich gegen die Republik, weil mit der politischen
Demokratisierung der Bildungschancen ihre bisherige Exklusivität gefährdet zu sein
schien. In der rückständigen Sowjetunion hingegen öffneten sich insbesondere für
Techniker, Ingenieure und Naturwissenschaftler große Perspektiven. Der Staatsplan
zur Elektrifizierung (Goelro) wie die späteren gigantischen Industrieprojekte Magni-
tostroj oder Dneprges,37 sollten Lenins Traum von der Elektrifizierung unter der
Sowjetrnacht als Voraussetzung des Kommunismus in die Wirklichkeit umsetzen.
Man huldigte einem prometheischen Aufbau- und Technikkult, während in
Deutschland große Teile der Bildungsschichten vor dem Hintergrund von Versailles,
der ökonomischen Krisen und relativer technischer Stagnation einem Kulturpessi-
mismus frönten, der wohl mit dem Bedeutungsverlust des Standes der Gebildeten
und Gelehrten in einer pluralistischen Gesellschaft zu tun hatte. 38

35 EK. Ringer, Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890-1933,
Stuttgart 1983; R. Vierhaus/B. Brocke (Hg.), Forschung im Spannungsfeld von Politik
und Gesellschaft. Geschichte und Struktur der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft/Max-
Planck-Gesellschaft, Stuttgart 1990.
36 D. Langewiesche, "Krisenerfahrung und Distanz zur Demokratie", in: J. Pfeiffer (Hg.),
Menschenverachtung und Opportunismus. Zur Medizin im Dritten Reich, Ttibingen
1993, S. 11--43.
37 K. Schlögel, Jenseits des Großen Oktober. Das Laboratorium der Moderne. Petersburg,
1909-1921, Berlin 1988, S. 277 ff.; A. D. Rassweiler, The Generation of Power. The
History of Dneprostroi, New York 1988; S. Kotkin, Magnetic Mountain. Stalinism as
a Civilization, Berkeley/Cal. 1993.
38 Die inzwischen "klassischen" Studien zum Kulturpessimismus und zur konservativen
Revolution: A. Mohler, Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932.
Grundriß ihrer Weltanschauungen, Stuttgart 1950; K. Sontheimer, Antidemokratisches
Denken in der Weimarer Republik. Die politischen Ideen des deutschen Nationalismus
zwischen 1918 und 1933, München 1968; E Stern, Kulturpessimismus als politische
Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland, Bern 1973; J. Herf, Re-
26 Dietrich Beyrau

Der Umgang mit Dostojewski mag hier als Symptom für den Gegensatz der
vorherrschenden Trends in Deutschland und in Sowjetrußland genügen. Während
der russische Schriftsteller als Symbol für alles Reaktionäre seit 1917 in seiner
Heimat fast zur Unperson geworden war, wurde er in Deutschland seit der Jahrhun-
dertwende bis 1933 zu einer Kultfigur. "Von Dostojewski zum Dritten Reich", so
zeichnet Kaltenbrunner den Weg Moeller van den Brucks nach, eines Gurus der
"konservativen Revolution".39 An Dostojewski arbeiteten sich alle ab, die im deut-
schen Geistesleben Rang und Namen hatten. Analog dem allgemeinen Paradigma,
das mit dem Schlagwort von der konservativen Revolution benannt wird, bestand
das Faszinosum Dostojewski und der viel beschworenen russischen Seele für das
deutsche Lesepublikum in der widerspruchsvollen Kombination von Wahnsinn und
Vernunft, von Heiligkeit und Verderbtheit, von Lust und Frömmigkeit, Barbarei
und Dekadenz, von Trivialität und der Evotion nie benenn barer "letzter Dinge"
(Hermann Hesse).4o Leo Löwenthal, der diesem Kult unter marxistischen und
psychologischen Aspekten nachging, glaubte hierin die stationäre Krise bürgerlicher
Intelligenz zu erkennen, die sich im Klassenkampf nicht zu entscheiden vermöge
und mit Hilfe Dostojewskis in eine aufgeblähte Innerlichkeit flüchte. Zudem bot
der russische Schriftsteller die Möglichkeit, die Revolution im Sinne analsadistischer
Triebgenüsse auszuleben und zu verteufeln. 41 Die enthemmende Wirkung der in der
konservativen Revolution propagierten Ideen ließ sich 1934 wohl kaum vorausse-
hen.
Ein ähnliche konditionierende Funktion wird man vermutlich auch jenen Dis-
kursen zuschreiben müssen, die - unter ganz anderen Vorzeichen - die Partei-Intel-
ligenz in der Sowjetunion umtrieben. Diesen Debatten der zwanziger Jahre lag vor
dem Hintergrund der vermeintlichen Stagnation beim Aufbau des Sozialismus ein
unbändiger Machtwille zugrunde, der zur Aktivität drängte. Alle Probleme wurden
ins Raster eines eher manichäisch als marxistisch verstandenen Klassenkampfes
eingeordnet. Hemmungsloser Polemik und Denunziation war freigegeben, was als
bürgerlich oder abweichend deklariert wurde. 42

actionary Modernism. Technology, Culture and Politics in Weimar and the Third Reich,
Cambridge 1984; S. Breuer, Anatomie der konservativen Revolution, Darmstadt 1993.
39 G.-K. Kaltenbrunner, "Von Dostojewski zum Dritten Reich. Arthur Moeller van den
Bruck und die ,konservative Revolution"', in: Politische Studien 20 (1969), S. 184-200.
40 H. Hecker, "Die Tat" und ihr Osteuropabild 1909-1937, Köln 1974; Zitat H. Hesse,
Gedanken zu Dostojewskis "Idiot" (1915), in: Gesammelte Werke in 12 Bänden, Bd.
12: Schriften zur Literatur, Frankfurt 1970, S. 307-314.
41 L. Löwenthal, "Die Auffassung Dostojewskis im Vorkriegsdeutschland", in: Zeitschrift
für Sozialforschung 3 (1934), S. 343-382.
42 Maßgebl. vgl. S. Fitzpatrick (Hg.), Cultural Revolution in Russia, 1928-1931, Bloo-
mington/Ind. 1978.
Die Intelligenz und die Macht 27

Während die deutschen Bildungsschichten maßgeblich die "nationale" Revolu-


tion mitgetragen haben, befanden sich die alten und nachwachsenden sowjetischen
"Spezialisten" vor dem Ansturm der jungen Partei-Intelligenz in der Defensive.
Waren die Bildungsberufe in der NSDAP von Anfang an überproportional vertreten,
so blieb die professionelle Intelligenz in der Kommunistischen Partei der Sowjet-
union bis zum Zweiten Weltkrieg eher unterrepräsentiert.
In der Sowjetunion wurden mit Einführung der Planwirtschaft die "Komman-
dohöhen" mit Angehörigen der hastig ausgebildeten Partei-Intelligenz besetzt. Diese
Maßnahmen waren verbunden mit turbulenten Neustrukturierungen und weitrei-
chenden Säuberungen gerade auch unter den bürgerlichen Spezialisten in Wirt-
schaft, Verwaltung, Kultur und Wissenschaft. Diese Repressionen bildeten einen Teil
des revolutionären Aufbruchs und markierten den Übergang zur vermeintlich ratio-
nalen Planwirtschaft. Die zunächst vornehmlich gegen politische Gegner und bür-
gerliche Spezialisten eingeübten Techniken des Terrors sollten - weiter verschärft -
seit Mitte der dreißiger Jahre gegen kommunistische Führungskader ebenfalls An-
wendung finden.
Der Terror unter Stalin bildet trotz aller Einzeluntersuchungen nach wie vor
einen erratischen Block. Seine Logik ist kaum nachvollziehbar. Zudem sind die unter
dem allgemeinen Begriff der "Repressionen" zusammengefaßten Maßnahmen -
gesellschaftliche Ächtung, Erniedrigung durch Selbstkritik, Verbannung, Verhaf-
tung, Deportierung, Zwangsarbeit verschiedenster Art, schließlich Folter und Er-
mordung - in ihren quantitativen Dimensionen nach wie vor umstritten. Eine
Ursache hierfür liegt in der wechselnden Stoßrichtung und in der Unkalkulierbarkeit
des Terrors. Der despotische Herrschaftsstil Stalins seit Mitte der dreißiger Jahre
dürfte hier eine ebenso große Rolle spielen wie die Brutalisierung innerhalb der
Gesellschaft und der Apparate, die alle aktiv in den Terror involviert waren. 43 Im
Vergleich dazu erscheinen die Fronten in Deutschland - nicht allerdings in den
besetzten Ländern Osteuropas - eindeutiger: In unterschiedlicher Härte trafen die
Repressionen in den intellektuellen Gruppen Demokraten, Linke und vor allem
Juden. Zwischen 1933 und 1939 wurden in den einzelnen intellektuellen Berufs-
gruppen zwischen 10 bis über 20% der Standesgenossen entlassen und zur Emigra-
tion gezwungen. 44 Trotzdem vollzog sich die Gleichschaltung, die oft genug Selbst-

43 Vorläufige Gesamtdaten in: J.A. Getty/R.T. Manning (Hg.), Stalinist Terror. New
Perspectives, Cambridge 1993; S. Merl, "Das System der Zwangsarbeit und die Opferzahl
im Stalinismus", in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 46 (1995), H. 5-6, S.
277-305.
44 H. Möller, Exodus der Kultur. Schriftsteller, Wissenschaftler und Künstler in der Emi-
gration nach 1933, München 1984; mit korrigierten Angaben vgl. K. Fischer, "The
Operationalization of Scientific Emigration Loss 1933-1945", in: Historische Sozial-
28 Dietrich Beyrau

gleichschaltung der Institutionen war, erstaunlich reibungslos, obwohl den Entlas-


sungen besonders 1933/34 keine lange Phase der Einschüchterung - wie in der
Sowjetunion - vorausgegangen war.

Die Bildungsschichten

Beide Systeme befanden sich auf einer unterschiedlichen Stufe industrieller und
bürokratischer Organisation. In bei den Fällen gelang es dennoch, die funktionalen
und intellektuellen Eliten - nach ,,Ausschaltung" der unerwünschten Gruppen - fast
stromlinienförmig auf die ideologischen und politischen Ziele der politischen Füh-
rung auszurichten. Diese konnte sich hierbei gegenüber den intellektuellen Berufen
auf ihr professionelles Interesse stützen. Professionelles Interesse meint hierbei die
Sicherung materieller Wünsche, noch mehr aber das Bedürfnis, den Beruf möglichst
optimal ausüben zu können. Da vor allem die Wissenschaft in beiden Systemen
weitgehend von staatlicher Finanzierung abhängig war, ließ sich die berufliche
Existenz nur in staatlichen oder parteistaatlich kontrollierten Einrichtungen realisie-
ren. Wissenschaftler wie die meisten anderen Angehörigen von Bildungsberufen
sahen sich mithin in Institutionen eingebunden, die politisch irrationalen Antrieben
zu gehorchen hatten, zugleich aber auf effizienzorientierte Organisationstechniken
ebenso angewiesen waren wie auf durch Rationalität bestimmte und auf Beherr-
schung von Technologien ausgerichtete Tatigkeiten. Im Unterschied zu den (Natur-)
Wissenschaften ließ sich der kulturelle Sektor weniger straff organisieren. Die
meisten kulturellen Aktivitäten erfolgten nach wie vor individuell, und sie dienten
weniger klar definierten Zielvorgaben und Bedürfnissen.
Angesichts des unterschiedlichen politischen und kulturellen Kontexts, auch
angesichts der sehr verschiedenen Stellung und Stimmungslagen der Bildungsschich-
ten in Deutschland und in Sowjetrußland bleibt zu prüfen, ob die totalitären
Bedingungen gleichwohl analoge Verhaltensweisen hervorriefen. Bevor ich aber zu
Fallbeispielen komme, möchte ich eingrenzen, welche Gruppen ich hier zu den
Bildungsschichten rechne und auf welche ich speziell eingehe. Unter den Bedingun-
gen moderner arbeitsteiliger Gesellschaften zerfallen die Gebildeten in eine schier
unendliche Zahl von Berufen, deren Ausübung in der Regel eine akademische
Ausbildung an Hochschulen und Universitäten voraussetzt. Unter Gesichtspunkten
ihrer öffentlichen Wirksamkeit lassen sie sich in oft allerdings schwer abgrenzbare
Gruppen einteilen. Ich orientiere mich hierbei an Helmut Schelskys Kategorisie-

forschung 48 (I 988), S. 99-121; HA Strauß (Hg.), Die Emigration der Wissenschaft


nach 1933, München 1991.
Die InteLLigenz und die Macht 29

rung: 45 Zuerst seien die Sinndeuter und Sinnvermittler genannt, die das öffentliche
Kommunikationsnetz besetzen. Sie können sowohl Spezialisten als auch Generali-
sten sein und wechseln oft ihre Rolle. Maßgeblich ist ihre aktive und passive
Teilnahme an allgemeinen oder an maßgeblichen fachlichen Diskursen. Für die
moderne technisch-industrielle Entwicklung sind ebenso bedeutend die Repräsen-
tanten der Techne. In vormodernen Gesellschaften befanden sie sich eher in einer
untergeordneten sozialen Position, heute aber bilden sie jene Gruppe, die in der
Grundlagenforschung und in der Entwicklung technischer Verfahren den Fortschritt
vorantreiben. Seit der Entstehung des Wohlfahrtsstaates und der Konzerne mag man
als dritte Gruppe die "planende Intelligenz" hinzuzählen, deren intellektuelles Profil
durch Sozialforschung in einem sehr weit zu verstehenden Sinne, vor allem aber
durch die Anwendung ihrer Ergebnisse in der Gesellschaftspolitik zum Ausdruck
kommt.
Berufsausübung und Bezahlung erfolgen vorwiegend in abhängiger Stellung als
Angestellte, Funktionäre oder Beamte. Ihr berufliches Leben wird durch eine intel-
lektuelle, oft sehr individuelle Tätigkeit bestimmt, auch wenn diese häufig in
aufwendiger Koordination realisiert wird. Gemeinsam ist fast allen Gruppen - außer
den professionellen Generalisten - eine hohe Arbeitsteiligkeit und Spezialisierung.
Die Angehörigen der Bildungsberufe teilen mit der politischen Klasse häufig das
Privileg, von der praktischen Auswirkung ihrer Tätigkeit nicht unmittelbar betroffen
zu sein. Dies wurde nach 1945 in Deutschland mit dem markanten Begriff des
Schreibtischtäters zum Ausdruck gebracht. In der UdSSR hingegen war diese Schicht
während der Stalinzeit nicht weniger gefährdet als andere Bürger, allerdings nicht
wegen der Anstößigkeit ihres Tuns, sondern infolge undurchschaubarer Terror-Me-
chanismen. Mit ganz wenigen Ausnahmen blieb dieser Kreis nach 1953 noch
geschützter als vergleichbare Gruppen in Deutschland.
Wie vertragen sich nun Wissenschaftlichkeit, Spezialisierung und Fachwissen, in
der Regel eingeübt in wissenschaftlichen Verfahren, mit politischen Systemen ideo-
logischer Fixierung, die in vieler Hinsicht die Funktion herrschaftlicher Religionen
übernommen haben? Ein historischer Überblick über das "Wandern" der Zentren
moderner Naturwissenschaften und Technikentwicklung scheint zu belegen, daß die
sogenannten exakten Wissenschaften dort am besten gediehen, wo weltanschauliche,
politische und soziale Autoritäten gestreut waren, und sich die (Natur-)Wissenschaf-
ten "entmoralisierten",46 d.h. auf eine umfassende Deutung sozialer und moralischer
Art verzichteten und sich damit auch der Einmischung in politische oder religiöse
Fragen enthielten. Nur um diesen Preis erlangten sie seit dem 17. Jahrhundert als

45 H. Schelsky, Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der
Intellektuellen, München 1977.
46 W. Lepenies, Aufstieg und Fall der Intellektuellen in Europa, Frankfurt 1992.
30 Dietrich Beyrau

"nützliche" Wissenschaften staatliche Protektion und Förderung. 47 Anders muß


wohl die Emanzipation der Geistes- und Sozialwissenschaften von religiösen Syste-
men verstanden werden. Ihre Nähe zur Legitimation gesellschaftlicher Autoritäten
hat sie immer empfindlicher gemacht gegenüber staatlicher Einmischung, selbst
dort, wo ihnen formal Autonomie zugesichert war - wie seit dem Anfang des 19.
Jahrhunderts in Deutschland. Die Entwicklung kultureller Aktivität, hier vor allem
von Kunst und Literatur, muß wohl nach ganz anderen Kriterien gemessen werden.
Sie konnten sich nur dort entfalten, wo sie mächtige und reiche Mäzene fanden.
Diese wurden mit der Industrialisierung durch den Markt und den Staat als
öffentlichem Geldgeber abgelöst. Damit entwickelten sich auch auf diesem Feld
Wahl- und Experimentierfreiheit zu einem wichtigen Faktor ihrer Existenzbedingun-
gen.
Um das Verhältnis zwischen Kreativität und totalitären Bedingungen zu veran-
schaulichen, beschränke ich mich hier im wesentlichen auf folgende Gruppen:
Erstens auf die Naturwissenschaftler, zweitens auf die Biologen, Genetiker, Medizi-
ner und Psychiater, Vertreter der heute sogenannten Lebenswissenschaften. Sie
können partiell den exakten Wissenschaften, partiell aber auch der planenden
Intelligenz zugerechnet werden. Als Repräsentanten der Sinndeuter und Sinnver-
mittler wähle ich drittens die Literaten aus.

Die Naturwissenschaftler

Trotz aller politischen Gegensätze stellten sich zwischen der Mehrzahl der Naturwis-
senschaftler sowie Ingenieure und dem bolschewistischen Regime in Rußland relativ
schnell kooperative Beziehungen her. Die Akademie der Wissenschaften, abhängig
vom öffentlichen Geldgeber, suchte die Kooperation mit der neuen Macht. Dieser
war an der ,,Anerkennung" durch eine so prestigereiche, wenngleich konservative
Einrichtung gelegen. Technik- und Wissenschaftsgläubigkeit auf der einen, ein
paternalistisch-technokratisches Ethos auf der anderen Seite bildeten zudem verbin-
dende Momente. Im Unterschied zum alten Regime förderte das neue nach Kräften
vor allem die angewandte Forschung. Sie wurde aus den politisierten Hochschulen
herausgenommen und unter Aufsicht des Obersten Volkswirtschaftsrates neu orga-
nisiert. Ähnlich wie in der Bildungspolitik, der Medizin und anderen Bereichen
ließen sich Reformvorstellungen durchsetzen. Insgesamt erlebten die Angehörigen
der technischen und "planenden" Intelligenz einen sozialen Aufstieg. Dies hatte
allerdings seinen Preis. Die Gebildeten hatten sich - zu bürgerlichen Spezialisten
umdefiniert - jeder politischen Aktivität zu enthalten, und sich der politischen

47 J. Ben-David, The Scientist's Role in Society, Englewood Cliffs/N.Y. 1971.


Die Intelligenz und die Macht 31

Kontrolle von Aufsteigern zu unterwerfen. Die bürgerlichen Spezialisten waren also


gerade jenes Elementes frei schwebenden und kritischen Denkens beraubt, das einst
das Pathos russischen Intelligenzija-Bewußtseins ausgemacht hatte.
Im Zuge des Kulturfeldzuges seit 1928 wurde auch die Akademie der Wissen-
schaften, ein Residuum "bürgerlicher" Forschung, sowjetisiert. Dies bedeutete, daß
kommunistische Wissenschaftler kooptiert werden mußten, daß der Verwaltungsap-
parat nun von "Apparatschiki" kontrolliert wurde, daß Forschung sich Planungspro-
zeduren zu unterwerfen und daß sie sich unmittelbar in den Dienst der Industriali-
sierung zu stellen hatte. Zugleich fanden umfangreiche Säuberungen statt, von
denen insbesondere Geisteswissenschaftier betroffen waren. An der Akademie waren
sie bisher bis zu einem gewissen Grad von den Naturwissenschaftlern protegiert
worden. Etwas zugespitzt könnte man formulieren, daß die Naturwissenschaftler
ihre Kollegen aus den Geisteswissenschaften opferten, um die bedrohte Akademie
zu retten. Die Wirkung dieser Kombination von Zwang und Anpassung auf die
naturwissenschaftliche Forschung ist nicht leicht abzuschätzen. Folgt man den
Klagen der älteren und nachwachsenden Generation, so scheint unter dem Druck
von Terrorwellen, Angst, Isolation und ideologischer Drangsalierung insbesondere
die Grundlagenforschung gelitten zu haben. Die Bürokratisierung des Wissen-
schaftsbetriebes und die Unbeweglichkeit verplanter Ökonomie behinderten über-
dies die Umsetzung von Innovationen in technische Abläufe.
Hier scheint es gewisse Parallelen zu NS-Deutschland zu geben, wo mit der
Vertreibung v. a. jüdischer Physiker und dem Desinteresse der politischen Führung
an Grundlagenforschung ein erhebliches Innovationspotential verloren ging oder
brach lag. Bezeichnenderweise scheint Gleiches nicht fiir Biologie und Genetik zu
gelten, Disziplinen, die sich größerer staatlicher Protektion erfreuten, ideologisch
auch "ergiebiger" zu sein schienen. 48
Im Gegensatz dazu sind in der Sowjetunion - zumindest der Intention nach -
Forschung und Ausbildung in Naturwissenschaft und Technik nach wie vor forciert
gefördert worden, z. T. durch verstärkte Rekrutierung aus den Unterschichten.
Stalins Schwenk von 1931, d.h. das erneuerte Kooperationsangebot an die bürger-
lichen Spezialisten in Forschung, Technik, Verwaltung und Wirtschaft deutet aller-
dings darauf hin, daß diese trotz forcierter Förderung einer "roten Intelligenz" nach
wie vor als unersetzbar galten. Die Statistiken zu Ende der dreißiger Jahre bestätigen,
daß die Aufsteiger zwar strategisch wichtige Verwaltungspositionen besetzten, daß
aber im engeren Bereich von Wissenschaft und Lehre Personen bürgerlicher Her-

48 Vgl. maßgeblich A.D. Beyerehen, Wissenschaftler unter Hitler. Physiker im Dritten


Reich, Köln 1980; M. Walker, Die Uranmaschine. Mythos und Wirklichkeit der deut-
schen Atombombe, Berlin 1990; U. Deichmann, Biologen unter Hitler. Vertreibung,
Karrieren, Forschung, Frankfurt 1992.
32 Dietrich Beyrau

kunft, die ihre Ausbildung sogar noch vor 1917 erhalten hatten, nach wie vor
dominierten.
Daß in Feldern, die der Rüstung besonders nahelagen, auch unter den Bedin-
gungen von Terror und ideologischen Kampagnen innovative Höchstleistungen
erbracht werden konnten, belegt die sowjetische Raketen- und Kernforschung, die
seit Ende des Krieges besonders gefördert wurde. Zwei wichtige Gründe scheinen
hierfür maßgeblich zu sein: Zum einen rekrutierte sich die Raketen- und Kernfor-
schung seit den vierziger Jahren zu einem erheblichen Teil aus jungen, sowjetisch
sozialisierten Wissenschaftlern, die aber keineswegs Kommunisten im engeren Sinne
waren. Zum anderen wurden für diese Bereiche privilegierte Situationen geschaffen.
Neben materiellen Anreizen und technisch optimaler Ausstattung waren dies eine
offenbar gezielt etablierte Pluralität von Forschungsstrategien und Problemlösungen
sowie die weitgehende Aufhebung ideologischer Kontrollen im fachlichen Rahmen,
obwohl die hierfür errichteten "Objekte" (Forschungs- und Entwicklungseinrichtun-
gen) der Kontrolle des MWD, des Innenministeriums, also Berijas, unterlagen. 49
Hier lassen sich insofern Parallelen zu Deutschland beobachten, als hier die kriegs-
technisch wichtige Raketenentwicklung der SS, also ebenfalls jenem Organ zugeord-
net wurde, das wie das MWD Symbol und Wächter der politischen und ideologi-
schen Diktatur war. In der Schlußphase des Krieges wurden in Deutschland - wie
in der Sowjetunion seit den dreißiger Jahren - sogar Labors und wissenschaftliche
Einrichtungen in den Konzentrationslagern geschaffen, da auch noch das Potential
verhafteter Fachleute ausgenutzt werden sollte. Zur Wehrforschung unter Ägide der
SS bzw. des MWD liegen bisher nur wenige - für Deutschland 50 - und gar keine
Untersuchungen für die Sowjetunion vor. In beiden Fällen läßt sich spekulieren, daß
der Maßnahme-Staat zu normaler Koordinierung von Forschung und Entwicklung
nicht mehr in der Lage war. Umgekehrt ist auf seiten der Techniker und Forscher
eine bemerkenswerte Unempfindlichkeit gegenüber der Tatsache zu beobachten, daß
Raketenforschung und -entwicklung in bei den Ländern, die Kernforschung in der
Sowjetunion im Rahmen von Zwangsarbeitslagern stattfanden.
In Deutschland stand die Mehrzahl der Naturwissenschaftler und Techniker dem
NS-Regime distanzierter gegenüber als andere Gruppen der gebildeten Gesellschaft.
Gleichwohl hatten auch sie vielfach unter dem Schock der Demokratisierung von
1918 gelitten. Die Weltgeltung deutscher Technik und Forschung v. a. in der
Chemie, der Physik und Biologie bildete ein Fundament nationalistischer Überzeu-
gung, der die Nähe von Wehrkraft und Wissenschaft keinerlei Probleme bereitete.

49 A. Sacharow, Mein Leben, München 1991; zusammenfassend vgl. vorläufig A. Heine-


mann-Grüder, Die sowjetische Atombombe, Münster 1992.
50 K-H. Ludwig, Technik und Ingenieure im Dritten Reich, Düsseldorf 1979 2 , S. 261 f.,
S. 473 f(
Die Intelligenz und die Macht 33

Die Distanz zum Nationalsozialismus war auch in diesen Gruppen nicht so stark,
daß der Gleichschaltung der Verbände und der Entlassung von Kollegen nennens-
werter Widerstand entgegengesetzt worden wäre. Proteste gegen die Entlassung v. a.
jüdischer Kollegen blieben - wie im russischen Fall gegen die Säuberungen - eher
die Ausnahme, zumal es an Nachrückern nicht mangelte. Mit gutem oder schlech-
tem Gewissen besetzten sie die neuen Positionen. Will man ein solches Verhalten
nicht nur denunzieren, sondern nachvollziehen, so wird man auf die lange Tradition
der "Entmoralisierung" von Naturwissenschaft und auf ihre Abhängigkeit von
staatlicher Finanzierung als Erklärung zurückgreifen müssen. Selbst dort, wo die
Naturwissenschaftler auf ein ignorantes politisches Milieu stoßen, dürften sie es in
der Regel verstehen, sich zur Geltung zu bringen. So bedurfte es sowohl im
sowjetischen wie im deutschen Fall besonderer Anstrengungen von Wissenschaftlern,
um den politischen Instanzen die militärische Tragweite der Kern- und Raketenfor-
schung zu verdeutlichen. Bei der Durchsetzung des beruflichen - auch materiellen -
Interesses, das sich fast immer als politisch wichtig "verkaufen" läßt, dürfte die
Bereitschaft zu politischen und moralischen Kompromissen wohl in jedem Regime
sehr groß sein. 51 1945 schrieb die aus Deutschland vertriebene Lise Meitner an Octo
Hahn - wohl stellvertretend für alle in Deutschland verbliebenen Kollegen -, "daß
Ihr alle den Maßstab für Recht und Fairness verloren hattet. [... ] und habt auch nie
nur einen passiven Widerstand zu machen versucht. Gewiß, um Euer Gewissen los
zu kaufen, habt Ihr hier und da einem bedrängten Menschen geholfen, aber
Millionen unschuldiger Menschen hinmorden lassen, und keinerlei Protest wurde
laut. "52 Ähnlich dubios war die Position vieler sowjetischer Naturwissenschaftler,
selbst wenn sie etwas mehr über ihre Stellung nachdachten, wie es bei Sergej
Wawilow der Fall gewesen sein mag, unter dessen Akademie-Präsidentschaft die
Lysenko-Affäre über die Bühne ging. 53 Die Wahrung einer vergleichsweise privile-
gierten Position, die Faszination durch das wissenschaftliche oder technische Prob-
lem konstituierten offenbar maßgeblich das Selbstbewußtsein von Wissenschaftlern:
Die Entwicklung der sowjetischen Atombombe sei nicht nur dem Berija-System
geschuldet, "sondern auch jener Aura des Guten und der gegenseitigen Hilfe, welche
zur Geburt des Wunders beigetragen" habe. 54 Im Unterschied zur "klagenden
Klasse" der Geisteswissenschaftier überrascht hier ein Ton des guten Gewissens und
des Optimismus - so jedenfalls der Eindruck aus der Memoirenliteratur. Daß die

51 R.]. Lifton/E. Markusen, The Genocidal Mentality. Nazi Holocaust and Nuclear Threat,
New York 1988, S. 77 ff.
52 Zit. nach Deichmann, Biologen, S. 317.
53 A.B. Kojevnikov, 0 Tempora, 0 mores. Sergei Vavilov in the Mirror ofStalinist Culture,
Skript. Max-Planck-Institut für Physik (MPI-PH 93-46), München 1993.
54 Vorwort Y.I. Gol'danskijs zu Y.A. Cukerman/Z.M. Azarch, "Ljudi i vzryvy", in: Zvezda
1990, 9, S. 145-159, hier S. 145.
34 Dietrich Beyrau

meisten sowjetischen und deutschen Naturwissenschaftler weder überzeugte Kom-


munisten noch Nationalsozialisten gewesen sind, war für die nachträgliche Recht-
fertigung des eigenen Verhaltens zwar sehr wichtig, aber in bezug auf das Funktio-
nieren unter diktatorischen Bedingungen offenbar auch irrelevant, solange die
Wissenschaften in ihren Verfahren und Ergebnissen von ideologischen Eingriffen
nicht belästigt wurden. Die deutschen Wissenschaftler und Techniker, die bis 1945
unter Hitler, nach der Niederlage bevorzugt in den USA, aber auch - nicht nur
gezwungen - unter Stalin in der Sowjetunion ihre Arbeit fortsetzten,55 sind vermut-
lich ein typisches Beispiel für das alles beherrschende professionelle Interesse, für das
politische oder moralische Aspekte bestenfalls eine sekundäre Rolle spielen. Dieses
Verhalten wurde zudem insofern bestärkt, als die Partei in den meisten Naturwis-
senschaften auf Eingriffe ideologischer Art verzichtete. Im Unterschied v. a. zu den
Sozial- und Geisteswissenschaften mit ihrer legitimatorisch so wichtigen Funktion
genügten unter den Naturwissenschaften vielfach wenig verpflichtende Bekenntnisse
zum Dienst am "Volksganzen" oder am ,,Aufbau des Sozialismus". Sie mußten sich
weder als "völkisch" noch als "sozialistisch" deklarieren. 56

Die Ideologisierung der Genetik

Es ist eine allgemeine Erfahrung, daß Wissenschaft in ihrer Erkenntnisoffenheit und


in ihrer Freiheit bedroht ist, wenn ihre - in der Regel fragmentarischen - Kenntnisse
ideologisiert oder zum Glaubenssystem erhoben werden. Eben dies geschah mit der
Genetik - merkwürdigerweise in beiden Diktaturen, freilich in sehr unterschiedli-
cher Weise. Obwohl die Geschichte der Genetik, der Eugenik, der Rassenbiologie
und Rassenhygiene auf deutscher und des Lysenkoismus auf russischer Seite ver-
gleichsweise gut erforscht sind, ist es nachdenkenswert, warum ausgerechnet Biologie

55 U. Albrecht/A. Heinemann-GrüderlA. Wellmann, Die Spezialisten. Deutsche Natur-


wissenschaftler und Techniker in der Sowjetunion nach 1945, Berlin 1992; B. Ciesla,
"Der Spezialistentransfer in die UdSSR und seine Auswirkungen in der SBZ und DDR",
in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 49-50/93 v. 3.12.1993, S. 23-31.
56 Hier gibt es in den einzelnen Disziplinen "hüben und drüben" allerdings gravierende
Unterschiede. Die geringeren ideologischen Ansprüche der Nationalsozialisten bes. an
die Geistes- und Sozialwissenschaften ließen größere Spielräume als in der UdSSR. Für
die Sozialwissenschaften in Deutschland vgl. maßgeblich am Beispiel der Soziologie
R.M. Lepsius (Hg.), "Soziologie in Deutschland und Österreich 1918-1945". in: Son-
derheft 23. 1981 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. und für
die Naturwissenschaften vgl. orientierend H. MehrtenslS. Richter (Hg.). Naturwissen-
schaften. Technik und NS-Ideologie. Beiträge zur Wissenschaftsgeschichte des Dritten
Reiches. Frankfurt 1980. hier insb. H. Mehrtens. "Das .Dritte Reich' in der Naturwis-
senschaftsgeschichte". S. 15-67. S. 47.
Die Intelligenz und die Macht 35

und Genetik in Deutschland zum Ausgangspunkt der Massentötung "lebensunwer-


ten" und "minderwertigen" Lebens wurde, in Rußland hingegen den Ausgangspunkt
bildete fur eine Agrobiologie, die sich im Nachhinein als Schwindel herausstellte,
Menschenopfer forderte und erhebliche Schäden anrichtete.
Im deutschen Fall verdankten Rassenwahn und Vernichtungspolitik ihre pseudo-
wissenschaftliche Legitimation einer kulturpessimistischen Um deutung des Darwi-
nismus und vorschnellen Folgerungen aus fragmentarischen Kenntnissen über die
Erblehre. Auf dieser schmalen wissenschaftlichen Basis wollte man den Bevölke-
rungsbestand nach erbbiologischen und rassischen Gesichtspunkten regulieren. Die
Kette von wissenschaftlichen Erkenntnissen über ihre gesellschaftspolitische Deu-
tung bis hin zur Propagierung regulierender Maßnahmen und ihre erstaunlich
widerstandslose Rezeption in den Fachkreisen von Biologen, Psychiatern und Medi-
zinern ist relativ gut erforschtY Es bedurfte nach 1933 der politischen und mora-
lischen Enthemmung, um die schon vorher angelegten Vorstellungen in sich kumu-
lierender Radikalität in die Praxis umzusetzen.
In Rußland war nach der Revolution die Eugenik unter den bürgerlichen
Spezialisten ebenfalls populär. Soweit bisher bekannt, scheint den Diskussionen
unter sowjetischen Biologen allerdings das spezifisch rassenhygienische Moment
gefehlt zu haben, aber nicht ein Element der Angst vor Degeneration angesichts des
Verschwindens des "wertvollen" erbbiologischen Materials der alten Oberschichten.
Die sowjetischen Eugenik-Verbände wurden um 1930 wohl mit Blick auf die Nähe
dieser Disziplin zu reaktionären oder faschistischen Tendenzen im Ausland verboten.
Die genetische Forschung im engeren Sinne scheint darunter zunächst nicht wesent-
lich gelitten zu haben. 58
Gleichzeitig gewann der Lysenkoismus - in Rußland zunächst als Mitschurinis-
mus bezeichnet - an Boden. Er propagierte die These von der Vererbung erworbener
Eigenschaften. Dieser Rückgriff auf Lamarck, begründet mit angeblichen pflanzen-
züchterischen Erfolgen, scheint auf besondere Resonanz in der Partei-Intelligenz
gestoßen zu sein, zunächst aber kaum unter Wissenschaftlern im engeren Sinne. Hier
gab es bestenfalls rhetorische Anerkennung, die vermutlich opportunistischen Erwä-
gungen entsprang. Als die Anhänger des Lysenkoismus immer aggressiver die gene-

57 Vgl. maßgeblich H.-W. Schmuhl, Rassehygiene, Nationalsozialismus, Euthanasie. Von


der Verhütung zur Vernichtung "lebensunwerten Lebens", 1890-1945, Göttingen 1987;
N. Frei (Hg.), Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit, München 1991; P.
Weingart/J. Kroll/K. Bayertz, Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und
Rassehygiene in Deutschland, Frankfurt 1992.
58 L.R. Graham, "Wissenschaftliche Erkenntnisse und Wertbindungen in ihrer Bedeutung
für die eugenische Bewegung in Deutschland und Rußland", in: Neue Anthropologie
8 (1980), 2, S. 25-45; M.B. Adams, The Wellborn Science: Eugenics in Germany,
France, Brazil, and Russia, Oxford 1989.
36 Dietrich Beyrau

tische Forschung infrage stellten und sich anschickten, die Forschungseinrichtungen


zu erobern, widersetzten sich die Genetiker unter erheblichem Risiko. Hier zeigte
sich ein ähnliches Verhalten wie bei den maßgeblichen Physikern in Deutschland,
die sich der ideologischen Angriffe von Vertretern einer angeblich deutschen Physik
zu erwehren hatten. Im einen wie im anderen Fall ging es um den Kernbereich von
Arbeit und Forschung, natürlich auch um Positionen und Wissenschaftspolitik im
Allgemeinen. Hier zeigten sowjetische Biologen, manchmal - wie die Physiker in
Deutschland - mit Unterstützung benachbarter Disziplinen ein hohes Maß an
Renitenz. Sie konnte auch nicht durch ideologisch aufgeladene Vorwürfe gegen die
"reaktionär-bürgerliche" Genetik oder die "jüdische" Relativitätstheorie zum
Schweigen gebracht werden. In der Sowjetunion dauerten die Auseinandersetzungen
um die Erblehre mit Schwankungen und Unterbrechung vom Ende der zwanziger
Jahre bis 1964. Im August 1948 sprach Stalin sein Machtwort zugunsten des
Lysenkoismus. Politisch nicht unwichtig dürfte bei dieser Entscheidung gewesen
sein, daß Lysenko und sein Anhang den Beweis zu erbringen schienen, daß es nicht
nur eine spezifisch sozialistische ("materialistische") Wissenschaft gebe, sondern
auch, daß Vertreter der Aufsteigerklasse ihre bürgerlichen Rivalen nun sogar in der
Wissenschaft übertrumpft hatten. 59
In Deutschland verhielt sich die politische Führung im Streit um die sogenannte
deutsche Physik passiver. Hier kam es ohne staatliche Intervention 1940 innerhalb
der Zunft zu einer Art von Burgfrieden. Wie in der Sowjetunion suchten beide
streitenden Parteien Unterstützung in den politischen Eliten: die sowjetischen Ge-
netiker nach dem Krieg bei Shdanow, die deutschen Physiker u.a. bei Himmler. Die
Wissenschaftler unter den sowjetischen Biologen legten mithin ein ganz ähnliches
Verhalten an den Tag wie die seriösen Physiker in Deutschland: Rhetorische Anpas-
sung bei gleichzeitiger massiver Verteidigung der eigenen Disziplin. Das professio-
nelle Interesse mobilisierte gegen unzumutbare ideologische Eingriffe, welche die
Existenz des Faches bedrohten.
Im übrigen sind die Folgen des Treibens Lysenkos und der Rassehygieniker nicht
vergleichbar. In Deutschland waren es Wissenschaftler - Biologen, Anthropologen,
Verhaltenswissenschaftler - und Angehörige der planenden Intelligenz - Mediziner,
Psychiater, Gesundheitspolitiker u.a. -, welche den diffusen Rassismus der Natio-
nalsozialisten in eine konsequente "Biologisierung des Gesellschaftlichen"60 umsetz-

59 Y.N. Sojfer, Vlast' i nauka. Istorija razgroma genetiki v SSSR, New York 1989; KO.
Rossijanov, "Stalin kak redaktor Lysenko. K predystorii avgustovskoj (1948 g.) sessii
VASChNIL", in: Voprosy Filosofii 1993, 2, S. 56-69. Rossijanov hingegen deutet den
Erfolg Lysenkos als Symptom einer bewußt vollzogenen Abwendung von der kulturre-
volutionären Tradition der 20er und 30er Jallre.
60 U. Herbert, "Rassismus und rationales Kalkül", in: W. Schneider (Hg.), "Vernichtungs-
politik", S. 28.
Die Intelligenz und die Macht 37

ten, Handlungsstrategien entwickelten und schließlich selbst aktiv die Totungsma-


schine betrieben. Die Rolle der wissenschaftlichen und planenden Intelligenz in der
Agrobiologie und Rassehygiene mag paradigmatisch sein für den unterschiedlichen
Grad aktiver Involvierung von Angehörigen der Bildungsschichten in die destrukti-
ven Aktionen beider Systeme. Soweit heute erkennbar, scheint es einen parallelen
Aktivismus ganzer wissenschaftlicher Professionen bei der Konzeptualisierung der
Klassenkampf-Politik auf sowjetischer Seite nicht gegeben zu haben: Bevor die
forcierte Industrialisierung und Zwangskollektivierung in Angriff genommen wur-
den, sahen sich die maßgeblichen Ökonomen, Agrarwissenschaftier und Planer
"ausgeschaltet".61 Sichtbar sind bisher lediglich die rhetorischen Pogrome der pro-
fessionellen Ideologen, während die ohne Zweifel notwendige Beteiligung der pla-
nenden Intelligenz, der Administratoren und Planungsstäbe, noch weitgehend im
Dunkeln liegt.

Sowjetische Kulturverbände und Reichskulturkammer

Der kulturrevolutionäre Umbruch in der Sowjetunion seit 1928 und derjenige in


Deutschland vom Frühjahr 1933 weisen einige Ähnlichkeiten auf: In Deutschland
die von aktivistischen Studenten initiierten Bücherverbrennungen, sicher mit großer
symbolischer Wirkung - die Bildungsbürger verbrennen ihre eigene Kultur -, in
Rußland die seither nicht enden wollende Denunziation gegenüber "Ehemaligen"
und ,,Abweichlern", aber auch die Selbstkritik, in der Autoren ihr eigenes Denken
und ihre eigenen Werke guillotinieren mußten und die Kunst der ,,Autopolemik"
zu erlernen hatten. "Wir wollen die Zensur" war der gleichlautende Schlachtruf in
Moskau und Berlin.
In beiden Fällen waren allerdings die politischen Führungen an der Kontrolle
dieses revolutionären Furors interessiert. In der UdSSR wurde sie 1932 mit der
Gründung der Kulturverbände vollzogen, in Deutschland mit der raschen Schaffung
der Reichskulturkammer (RKK). Im sowjetischen Falle waren sie ein Anhängsel der
politischen Verwaltung, in Deutschland bildete die RKK eine Unterabteilung des
Reichsministeriums für Propaganda und Volksaufklärung. Im polykratischen Macht-
kampf sicherte sich Goebbels einen wichtigen Anteil an der Kulturpolitik. 62

61 N. Jasny, Soviet Economists of the Twenties: Names to be Remembered, Cambridge


1972; "Iz istorii kollektivizacii", in: Izvestija CK KPSS 1989, 6, S. 210-219; 7, S.
186-210; 8, S. 199-212; 10, S. 192-219.
62 Im Unterschied zum sowjetischen Schriftstellerverband existieren seit Neuestem einige
Untersuchungen zur nationalsozialistischen Literaturpolitik und ihren Institutionen.
Vgl. V. Dahm, "Die nationalsozialistische Schrifttumspolitik nach dem 10. Mai 1933",
38 Dietrich Beyrau

In der UdSSR gab sich die Parteiführung, von der Linken gedrängt, ein Instru-
ment zur Erneuerung der Kultur in die Hand, sah sich aber in der Verlegenheit, eine
kulturpolitische Leitdoktrin zu verkünden, an der sich die Betroffenen zu orientieren
hatten. Sie wurde im Sozialistischen Realismus gefunden, einer "unmöglichen Ästhe-
tik". Sie löste Jahrzehnte währende Bemühungen um ihre Definition aus. In der
Praxis erwies sie sich als ein Instrument, um je nach politischer Opportunität
Schriftsteller und Künstler zu maßregeln und einen komplizierten Zensurmechanis-
mus zu etablieren. Er sollte zugleich inspirieren, lenken und kontrollieren und beließ
alle Beteiligten in einem - letztlich gewollten - Orientierungsnotstand. 63 Denn es
war ein Merkmal der Kulturpolitik unter Stalin, daß jeder Autor zum Opfer
repressiver Maßnahmen werden konnte - vom parteifrommen über den politisch
indifferenten bis hin zum unangepaßten oder gar kritischen Literaten. Das Element
despotischer Willkür, das auch in anderen Politikfeldern zu beobachten ist, schuf
einen ganz anderen Kontext von Angst, Überlebensstrategien, auch von Selbst be-
wußtsein und Identifizierung mit dem Regime, als dies in Deutschland der Fall war,
wo die Grenzen zwischen Freund und Feind eindeutiger gezogen waren. Dies obwohl
es im Nationalsozialismus eine so markante Kunstdoktrin wie in der UdSSR nicht
gegeben hat. Denn das Mythische, das Völkische und Heldische, der Bezug auf
Heimat, Blur und Boden boten noch weniger Orientierung als der Sozialistische
Realismus. In beiden Fällen aber war die Stoßrichtung die Gleiche: In der Kultur
galt alles als verwerflich, was der Moderne seit der Jahrhundertwende zugerechnet
wurde und was den Massen oder dem Volk angeblich unverständlich sei. Dies bezog
sich in unterschiedlicher Strenge auch auf die Unterhaltungskultur. 64
Institutionell gab es gewisse Parallelen mit der Schaffung der Kulturverbände und
der RKK. Beide waren ein Instrument zur kulturpolitischen Steuerung, in unter-
schiedlicher Weise auch zur materiellen Absicherung der Kulturschaffenden und
partiell zu ihrer Professionalisierung. Die manchmal schon kuriosen Parallelen
reichen bis zu "Dichterfahrten" bzw. zu "kreativen Kommandierungen", um den
Autoren volksnahe Sujets beizubringen. Soweit es die vorwiegend rechtshistorisch
ausgerichtete Literatur zur RKK und zur Reichsschrifttumskammer (RSK) erkennen

in: U. Walberer (Hg.), 10. Mai 1933. Bücherverbrennung in Deutschland und die
Folgen, Frankfurt 1983, S. 36-83; J.-P. Barbian, Literaturpolitik im Dritten Reich.
Institutionen, Kompetenzen, Betätigungsfelder, Frankfurt 1995.
63 Zum sowjetischen Schriftstellerverband vgl. vorläufig D. Beyrau, "Der organisierte
Autor: Institutionen, Kontrolle, Fürsorge", in: G. Gorzka (Hg.), Kultur im Stalinismus.
Sowjetische Kultur und Kunst der 1930er bis 50er Jahre, Bremen 1994, S. 60-76.
64 H.-D. Schäfer, Das gespaltene Bewußtsein. Deutsche Kultur und Lebenswirklichkeit
1933-1945, Frankfurt 1984 2 ; R. Stites, Russian Popular Culture: Entertainment and
Society since 1900, New York 1992; P. Kenez, Cinema & Soviet Society 1917-1953,
Cambridge 1992.
Die Intelligenz und die Macht 39

läßt, war der Zugriff dieser Einrichtungen auf ihre Zwangsmitglieder und ihre
Produktionsbedingungen ungleich umfassender als derjenige des sowjetischen
Schriftstellerverbandes (SV) auf seine freiwilligen Mitglieder. Die RKK war in ihrer
inneren Struktur und in ihrem kontrollierenden Zugriff ungleich differenzierter
strukturiert als die sowjetischen Kulcurverbände. Diese wurden erst nach 1946 zu
ähnlichen bürokratischen Monstern ausgebaut wie die RKK. Während Autoren und
Künstler in Deutschland überhaupt nur öffentlich aktiv werden konnten, wenn sie
Mitglieder der RKK waren, war die Mitgliedschaft in den sowjetischen Kulturver-
bänden nicht Bedingung öffentlichen Auftretens. In der UdSSR wurde - vor dem
Hintergrund eines immer defizitären Konsumgütermarktes - einerseits über kom-
pensatorische materielle Unterstützung und Dienstleistungen Einfluß genommen,
andererseits über eine periodisch unterschiedlich intensive ideologische Konditionie-
rung. Sie reichte vom öffentlichen Bekenntnisritual über die unendliche und immer
undurchschaubare Instanzenkette von Vor- und Nachzensur. Auf diese Weise wurden
die Produkte literarischen und künstlerischen Schaffens zu einer Art von Halbfabri-
katen, deren endgültige Formung kollektiv von anonymen Instanzen - manchmal
aber zwecks erzieherischen Effekten in lautstarken Kampagnen - vorgenommen
wurde. Individuelles Schaffen war eben nach sozialistischen Maßstäben Teil eines
kollektiven Prozesses.
Programmatisch war hier immer ein Rest pervertierter Aufklärung erkennbar:
Der Glaube an die Erziehbarkeit des Menschen, auch des Klassenfeindes oder des
Klassenfremden. Daß in der Praxis Umerziehung und unendliche Varianten von
Repression Hand in Hand gingen, steht dabei nicht in Abrede. Angst mochte den
besten erzieherischen Effekt bewirken. Im Gegensatz dazu sah das Programm der
Nationalsozialisten die chancenlose ,,Ausschaltung" und schließliche "Erledigung"
des Rassenfeindes vor. Gegenüber politischen Gegnern oder unangepaßten Künst-
lern "arischer" Herkunft galten mildere Formen der Diskriminierung. Auf der
anderen Seite waren beide Diktatoren an der Förderung einer monumentalen
Staatskunst interessiert. Deren Protagonisten wurden maßlos privilegiert. Öffent-
lichkeitswirksam galt dies unter Stalin vor allem für Literatur und Film, unter Hitler
besonders für Architekten und bildende Künstler. 65 Auf diesen Feldern fühlten sich
beide Diktatoren besonders kompetent und verhielten sich als Mäzene wie einst
absolute Monarchen.
Für Autoren, die dem jeweiligen Regime mit Distanz gegenüberstanden, müssen
die Wirkungen sehr ähnlich gewesen sein, sofern sie noch eine Chance zu öffentli-
cher Arbeit hatten: Angst und Selbstzensur, Worte als Masken, Verwendung einer

65 K. Backes, Hider und die bildenden Künste. Kulturverständnis und Kunstpolitik im


Dritten Reich, Köln 1988; H. Günther (Hg.), The Culture of the Stalin Period, London
1990.
40 Dietrich Beyrau

äsopischen Sprache, Flucht in unverfängliche Sujets, in die Unterhaltungs industrie


oder eben Anpassung und Produktion einer ideologisch und politisch genehmen
Literatur.
In Deutschland scheint der Kontrollmechanismus mehr auf die formale Seite
konzentriert gewesen zu sein. Dabei wurden aber auch die Verleger und Redaktionen
- ähnlich wie in der Sowjetunion - politisch für die bei ihnen erscheinende Literatur
verantwortlich gemacht. Ob sie so in den Texten wüteten, wie dies sowjetische
Autoren beklagten, bliebe zu prüfen. Ob es allgemeine Kriterien geben könnte, um
die Intensität von Unterdrückung auf der einen, den Umfang von Freiräumen auf
der anderen Seite vergleichend zu messen? Kaum zu bezweifeln ist die Tendenz zur
Einebnung des Individuellen und zur Blockierung von Kreativität. Hierfür sei nur
kursorisch auf die erzwungene Emigration des insgesamt wohl besseren Teils der
Literaten aus Deutschland, und auf sein Verstummen in der Sowjetunion verwiesen.
Aber wie ist die nicht nur miserable und mittelmäßige, vereinzelt sogar beachtens-
werte Kulturproduktion jener Jahrzehnte zu verstehen? Dabei wäre sicher zwischen
einzelnen Phasen und den kulturellen Sektoren zu unterscheiden.
Hier will ich mein Schwergewicht nur auf die Belletristik konzentrieren. Die
offizielle Literaturpolitik der NS-Zeit knüpfte an die Tradition völkisch-nationaler
Provenienz an. Sie hatte schon in der Weimarer Republik ihr großes Lesepublikum.
Die sowjetische Kulturpolitik berief sich auf einen Kanon sowohl spezifisch prole-
tarischer als auch kritisch-realistischer Literatur. Allerdings ist trotz allen propagan-
distischen Rummels die Publikation von Broschüren und Büchern in Deutschland
seit der Welrwirtschaftskrise rückläufig gewesen; in der Sowjetunion ist eine Reduk-
tion der Titelvielfalt bei langsamer Steigerung der Gesamtauflage erkennbar. Hierbei
ist unklar, ob dies eine Folge ökonomischer Krisen oder kulturpolitischer Steuerung
war. In Deutschland sind die umfangreichen Verbotslisten - mit mehr als 8000
Einzeltiteln - bekannt. Die Vorzensur und der verstaatlichte Publikationsmarkt in
der UdSSR hatten zur Folge, daß Verbotslisten unnötig waren. Die permanenten
Säuberungen und Kurswechsel bewirkten, daß Autoren zu Unpersonen wurden und
ihre Werke aus den öffentlichen Bibliotheken verschwanden.
Welche Wirkung die Kontrollen auf die Produzenten gehabt haben, ist zwar in
vielen Einzelfällen untersucht. Lassen sich hier aber allgemeine Aussagen treffen und
dies zudem noch unter vergleichenden Gesichtspunkten? Welche Bedeutung Zensur
und andere Kontrollen des Publikationsmarktes für die Leserschaft hatten, ist ein
ebenso schwer zu lösendes Problem. Die Nachfrage des Publikums in der Stalinära
ist an den Veröffentlichungen kaum zu messen, es sei denn, es gäbe Daten z.B. über
die makulierte Literatur. Sie könnten zeigen, welche Titel überhaupt nicht "gingen".
Ob im deutschen Fall kommerzielle Daten der Verlage Auskunft geben könnten,
wäre zu prüfen.
Die Intelligenz und die Macht 41

Resümee

Das totalitäre System in Deutschland eXIstierte zu kurz, um die bürgerlichen


Grundlagen der Gesellschaft völlig zu zerstören, in Rußland nahm es unter verän-
derten Vorzeichen die Dynamik forcierter Entwicklung sehr einseitig wieder auf. Die
Naturwissenschaften in Deutschland verloren seit den dreißiger Jahren ihre hegemo-
niale Stellung endgültig an die USA. Dieser Prozeß war langfristig gesehen sicher
unvermeidlich, wurde aber beschleunigt durch die Vertreibung v. a. jüdischer Wis-
senschaftler und durch das weitgehende Desinteresse des Regimes an der Grundla-
genforschung. In der Sowjetunion hingegen erlebten Technik und Naturwissenschaf-
ten eine erhebliche Förderung und Aufwertung, dies allerdings vornehmlich im
Rüstungssektor. In bei den Ländern ist die Tendenz zur Vermachtung von Forschung
und Technik, noch stärker von Kunst und Kultur unübersehbar. Daß die Ideologi-
sierung von Einzeldisziplinen wie der Physik, der Genetik und Biologie weniger von
der politischen Führung als vielmehr von professionellen Milieus ausging, ist das
eigentlich bestürzende Faktum. Insgesamt blockierten sich mit der Ideologisierung
und einem krassen Nützlichkeitsdenken beide Regime auf längere Frist gesehen
selber. Zumindest auf diesem Feld wird man ihnen kaum einen sonderlich moder-
nisierenden Impuls zuschreiben können.
Gleiches gilt auch für Kunst und Kultur. Deren totale Organisation mit dem Ziel
der Kontrolle und Instrumentalisierung hat ein erhebliches Maß an Kreativität
zerstört und blockiert. Hier zeigte sich ein Verlust an Differenzierung, die ein
wesentliches Element moderner Gesellschaften ist mit ihrer unendlichen Variations-
breite an Artikulationsformen und kulturellen Bedürfnissen. Die Einebnung und
Unterdrückung besonders von elitärer, den sogenannten Massen vielfach unzugäng-
licher Kunst und Kultur bedeutete ebenfalls, daß - auflange Sicht - der sogenannten
Massenkultur viele Impulse entzogen wurden. Bekanntlich lebt auch sie von Anstö-
ßen, die entweder aus der Elitenkultur oder von Außenseitern kommen - im Idiom
der Nazis - von Juden oder Verjudeten, in dem der Stalinisten - von der Bourgeoisie
und ihren Lakaien.
Harn Günther

Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos

Ideologie und Mythologie

Über die Mechanismen der Gleichschaltung, über Zensur und Kulturpolitik im


nationalsozialistischen Deutschland und im stalinistischen Rußland existiert inzwi-
schen eine umfangreiche Literatur, die im Fall Rußlands noch laufend durch neue
Veröffentlichungen von Archivmaterial ergänzt wird. Weniger erforscht sind dagegen
die mythologischen Aspekte totalitärer Kulturen, die im Mittelpunkt der folgenden
Untersuchung stehen.
Gerade in bezug auf Sowjetrußland hat sich die wissenschaftliche Forschung allzu
lange und nachhaltig von dem in Politik und Ideologie permanent formulierten
Anspruch auf parteiliche Kontrolle, Lenkung und Normierung der Kultur beein-
drucken lassen. Beschränkt man sich auf diese Faktoren, so begibt man sich auf das
durch den sowjetischen Diskurs vorgegebene Niveau und vermittelt ein einseitig
verkürztes Bild der Entwicklung. Bewegt man sich - mehr oder weniger distanzlos
dem marxistisch-leninistischen Pseudorationalismus der Akteure des historischen
Prozesses folgend - nur auf dieser Ebene "bewußten" HandeIns, dann gehen all die
wirkmächtigen "unbewußten" Antriebe und Grundstrukturen verloren, die aus der
Tiefe der kulturellen Tradition heraus das Geschehen steuern. Bei dem kulturellen
"Unbewußten" handelt es sich um langfristig in einer Kultur angelegte Determinan-
ten, um Mythologeme, Symbole und konstante Grundfiguren, die unter verschie-
denen ideologischen Vorzeichen aktiviert werden können.
Aus der Annahme eines "kollektiven Unbewußten" folgt, daß die Fakten der
totalitären Kultur einer doppelten Motivierung unterliegen. Sie lassen sich zum
einen politisch-ideologisch - d. h. als Propaganda und Manipulation, zum anderen
aber auch psycho-mythologisch, d. h. unter dem Gesichtswinkel mehr oder weniger
unbewußt wirkender kultureller Determinanten deuten. Selbst wenn man den Grad
an Gemachtheit bei den modernen staatlichen Mythen hoch einschätzen muß, so
ist die Manipulation doch stets auf ein durch die Tradition vorgegebenes und den
Adressaten vertrautes Material angewiesen. Erst nach dem Verfall totalitärer Herr-
schaft, nach dem völligen Glaubensverlust treten Lüge und Mythos auseinander. So
Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos 43

destruierte die spätsowjetische Glasnost einen Mythos nach dem anderen, indem sie
seine Manipuliertheit zutage treten ließ.
Die erwähnte doppelte Motivierung läßt sich am Beispiel der Entstehung der
Kultur der Stalinzeit verdeutlichen. Politisch und ideologisch gesehen kann man von
einer Hinwendung zum "Sozialismus in einem Land" und zum Sowjetpatriotismus
sprechen. Tiefgreifendere Folgen aber als der politische Umschwung hat für die
kulturelle Entwicklung die Umorientierung auf die Werte des "Volkes" und der
"Heimat" mit all ihren weitreichenden Implikationen. In diesem Zusammenhang
bildet sich der Mythos der Großen Familie l heraus, die aus dem weisen Vater Stalin,
den heldenhaften Söhnen und Tochtern des russischen Volkes und der Mutter
Heimat besteht.
Aus der Unterscheidung von ideologischer und mythologischer Betrachtungsebe-
ne ergeben sich Konsequenzen für den Vergleich totalitärer Kulturen. Das Konzept
des Totalitarismus nimmt eine strukturelle Ähnlichkeit zwischen Gesellschaften des
entsprechenden Typs an und gibt somit die Möglichkeit, Erscheinungen sehr unter-
schiedlicher kultureller Genese zu vergleichen. Das spezifisch Totalitäre erscheint so
als moderne Superstruktur, die sich auf historisch unterschiedlich gewachsene Kul-
turen legt, ihnen ihren Stempel aufdrückt, sie in ihrem Sinn funktionalisiert und
dadurch in gewisser Hinsicht einander ähnlich macht.
Andererseits aber läßt sich die Lebensfähigkeit und Massenwirksamkeit totalitärer
Kulturen nur dadurch erklären, daß das Potential des kulturellen Unbewußten, d. h.
bestimmte kulturelle Konstanten, Mythen, Archetypen usw. aktiviert bzw. ausgebeu-
tet werden. Von diesem Standpunkt aus gesehen fallen weniger die funktionalen und
struktureller Ähnlichkeiten zwischen totalitären Gesellschaften als die spezifischen
kulturellen Unterschiede ins Auge. Unterscheidet sich doch der jeweils zur Verfü-
gung stehende Vorrat an kollektiven unbewußten Inhalten ganz wesentlich.
Die Archetypen der sowjetischen Kultur, die sich in dem stärker patriarchalisch-
tradional geprägten Rußland herausbilden, lassen sich, wie gesagt, auf das in der
russischen Kultur tief verankerte Grundmuster der Großen Familie zurückführen.
Im Gegensatz dazu ist das für das nationalsozialistische Deutschland charakteristi-
sche Verhältnis von "Volk und Führer" primär als militärisches Gefolgschaftsverhält-

Ich verweise hier auf die bahnbrechende Arbeit von K. Clark, The Soviet Novel. History
as Ritual, Chicago, London 1981, bes. das Kap. "The Stalinist Myth of the Great
Familiy", wo die natürliche "kleine" Familie und die symbolisch erweiterte Große Familie
unterschieden werden. Allerdings beschränkt sich K. Clark auf die sowjetischen Flieger-
heIden, also die heroischen Söhne und ihr Verhältnis zum väterlichen Stalin. Vollständig
wird die Große Familie indes erst, wenn noch das weiblich-mütterliche Prinzip hinzu-
kommt, das in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre in der Sowjerunion an Bedeutung
gewinnt. Vgl. dazu H. Günther, Der sozialistische Übermensch. Maksim Gor'kij und
der sowjetische Heldenmythos, Stuttgart, Weimar 1993, S. 160 f.
44 Ham Günther

nis zu verstehen. Für Alfred Rosenberg ist der Staat "Ergebnis des auf irgendeinen
Zweck zielstrebig eingestellten Männerbundes".2 Als Ausgangspunkt nationalsozia-
listischen Lebensgefühls nimmt er den Ersten Weltkrieg an, dessen Soldaten ihm als
"Märtyrer eines neuen Lebensmythus"3 gelten.
Signifikant ist das unterschiedliche Verständnis von Volk in der russischen und
deutschen Sprache. Das russische Wort "narod" {= Volk} steht in einer semantischen
Reihe mit Wörtern wie "rodit" {= gebären}, "rodina" {= Heimat}, "rod" {= Ge-
schlecht}, "roditeli" {= Eltern}, "rodnoj" {= vertraut, verwandt}. Das deutsche "Volk"
dagegen bezeichnet eine militärische Abteilung {vgl. das etymologisch verwandte
russ. "polk" = Regiment}. Mit dem für alle totalitären Kulturen charakteristischen
emphatischen Begriff des Volkes verbinden sich in Deutschland und in Rußland -
bei aller Gemeinsamkeit der Verwurzelung in den Vorstellungen der Romantik -
unterschiedliche Konnotationen und mythische Vorstellungen.
Auch die für totalitäre Systeme des 20. Jahrhunderts grundlegende Rolle des
"Führers" ist differenziert zu sehen. Der erste "Führer" im militärischen Sinn war
zweifellos der "duce" Mussolini, dem Hitler nacheiferte. Stalin nahm, um seinerseits
nicht hinter den beiden zurückzustehen, zwar auch den Ehrentitel eines "woshd" {=
Führer} an, blieb aber nichtsdestoweniger in erster Linie "Vater" im Sinn des
Familienmodells. Dies belegt am augenfälligsten die Ikonographie Stalins im Film
und in der bildenden Kunst. Er tritt stets ruhig, überlegen, aufmerksam und leutselig
zuhörend und gütig lächelnd in Erscheinung. Diese Züge werden dadurch unterstri-
chen, daß er häufig noch zusätzlich als "Freund" und "Lehrer" tituliert wird. Selbst
seine Uniform oder uniformähnliche Kleidung mindert kaum seine väterliche Aura.
Hitlers soldatisch strenge Pose und sein schicksalhaft entschlossener Blick betonen
dagegen eindeutig seine militärische Führerrolle. 4
Den Gegenpol zum "weisen Vater" bildet der mütterliche Archetyp, der beson-
ders seit Mitte der dreißiger Jahre in der Sowjetunion in den Vordergrund trat. Dies
hängt damit zusammen, daß nach russischer Tradition die Vorstellungen von Hei-
mat, von Rußland, ja letztlich auch von Volk ausgesprochen weibliche Züge tragen.
Das Aufblühen des mütterlichen Archetyps äußert sich nicht nur in der aufkom-
menden Verehrung der Mutter Heimat, die in großer Zahl heldenhafte Söhne
hervorbringt und diese mit mütterlicher Wärme umgibt, sondern auch in einer
Aufwertung alles Weiblichen und Mütterlichen, in einem Kult der Schönheit,

2 Vgl. A. Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen
Gestaltungskämpfe unserer Zeit, München 1942, S. 485.
3 Ebd., S. 70l.
4 Vgl. die kontrastiven Beispiele aus der bildenden Kunst bei M. Damus, Sozialistischer
Realismus und Kunst im Nationalsozialismus, Frankfurt a.M. 1981, S. 139-144; I.
Golomstock, Totalitarian Art in the Soviet Union, the Third Reich, Fascist ltaly and
the People's Republic of China, London 1990, S. 188, S. 229 f., S. 308-312.
Held und Feind als Archetypen tUs totalitären Mythos 45

Fruchtbarkeit usw. Hier wird deutlich, daß der Mutterarchetyp sich sehr viel diffuser
darstellt als etwa der des Vaters oder der Heldensöhne, die an menschliche Aktanten
gebunden sind. Das weiblich-mütterliche Prinzip, das nicht nur personale Instanzen
umgreift, äußert sich z.B. im freudigen Glück des neuen Lebens - man denke an
Stalins bekannte Losung aus dem Jahr 1935 "Es lebt sich jetzt besser, Genossen. Es
lebt sich jetzt fröhlicher"5 - im neuen Glanz der zur sozialistischen Metropole
umgestalteten Stadt Moskau, der Schönheit und Weite des Sowjetlandes, der Frucht-
barkeit des Bodens usw.
Im Nationalsozialismus kommt dem Mutterarchetyp eine andere Funktion zu,
was hier nur angedeutet werden kann und einer eingehenderen Untersuchung
bedürfte. Wenn hier das hierarchische Verhältnis von militärischem Führer und
Gefolge die zentrale Wertachse bildet, dann folgt daraus eine stärkere Festlegung der
Mutter auf ihre biologischen Funktionen, auf das Gebären und die AufZucht eines
gesunden Nachwuchses.
Im Mittelpunkt des folgenden Beitrages steht nur ein Teilbereich totalitärer
Mythologie, die Problematik des Helden und des Feindes. Diesen Archetypen
kommt in den totalitären Kulturen eine überragende Rolle zu, die an das Verhältnis
von Held und Gegenspieler im Märchen erinnert. Die Helden - das sind die
kämpferischen Söhne des Volkes, die, geboren und umhegt von der "Mutter" und
angeleitet und inspiriert vom "Vater", Heldentaten an allen "Fronten" vollbringen.
Die Feinde sind dämonische Kräfte, die von außen oder von innen das Glück der
Familie bedrohen und deren Gefährlichkeit daher ununterbrochen im Bewußtsein
der Gesellschaft wachgehalten werden muß. Der trotz aller Erfolge und "Siege" nie
endende Kampf gegen den Feind trägt deutlich manichäische Züge. Es ist der Kampf
der Kräfte des Lichtes gegen die Finsternis.
Wenn auch die Darstellung prinzipiell auf den Vergleich zwischen Nationalso-
zialismus und Stalinismus angelegt ist, so steht doch die Untersuchung der Sowjet-
mythologie im Vordergrund. Dies hängt u. a. auch damit zusammen, daß viele
Teilaspekte dieser umfassenden Problematik noch einer eingehender Untersuchung
bedürfen.

Der Held

In seinen vielgestaltigen Ausprägungen ist der Held der zentrale Akteur totalitärer
Mythen. Als deren dynamischste Komponente, die eng mit der Tendenz zum
Voluntarismus, zum Aktivismus und zur militanten Polarisierung ideologischer

5 ].w. Stalin, Werke Bd. 14, Dortmund 1976, S. 38. (Rede auf der ersten Unionsberatung
der Stachanowleute am 17. November 1935).
46 Hans Günther

Werte verbunden ist, scheint er für alle Kulturen dieses Typs unverzichtbar zu sein.
Er tritt als Erbauer des neuen Lebens und Überwinder von Hindernissen und
Feinden jeglicher Art in Erscheinung. Es ist daher kein Zufall, wenn totalitäre
Kulturen das Etikett des "heroischen Realismus" für sich als angemessen empfinden.
Das Fehlen des Heroismus in der zu überwindenden bürgerlichen Gesellschaft
erscheint vom totalitären Standpunkt als grundlegender Mangel. So grenzt sich die
heroische Lebensform des Nationalsozialismus deutlich von der bürgerlichen ab:
"Zwei Haltungen stehen einander gegenüber, unvereinbar und abgrundtief geschie-
den. Keine Brücke läßt sich schlagen von der bürgerlichen zu der heroischen
Haltung. Lebt diese vom Kampf, so die andere vom Frieden. Strebt die eine sterbend
oder siegend sich zu vollenden, so die andere, ihr Leben zu bewahren um jeden
Preis. "6 Die an die Stelle der bürgerlichen "Ichzeit" tretende nationalsozialistische
"Wirzeit" werde "ihren eigenen Heldenmythos haben, in dem Elementhaftigkeit und
höchste Wachheit, glühende Kampfleidenschaft und eiskühle Bewußtheit [... ] zu-
sammenklingen im Einsatz für das Wir. "7 Das neue politisch-heroische Menschen-
tum besteht im bedingungslosen Einsatz für die "wesenhaft urgesetzte Ordnung".
In vergleichbarer Weise setzt sich der sozialistische Heroismus von der bürgerli-
chen Kultur ab. Seine Entstehung läßt sich beispielhaft am Werk Maxim Gorkis
ablesen.B Die von Max Nordau in seiner Schrift "Entartung" (1892/93) geäußerte
Kritik an allem Unheroischen, Dekadenten, die sich in Deutschland wie in Rußland
seit der Jahrhundertwende einer gewaltigen Popularität erfreute,9 zieht sich wie ein
roter Faden durch Gorkis gesamtes Schaffen und wird Ende der zwanziger, Anfang
der dreißiger Jahre kanonischer Bestandteil der sowjetischen Kultur. Vor allem aber
steht die Bedeutung Friedrich Nietzsches für die Herausbildung des gorkischen
Helden, wie die frühen Texte des Autors zeigen, außer Zweifel. Von dem deutschen
Philosophen gingen wesentliche Impulse für die russische Kultur der Jahrhundert-
wende wie auch der sowjetischen Periode aus. \0 Sein Aktivismus und Vitalismus trug
dazu bei, den vom deterministischen Denken Plechanows beherrschten russischen
Marxismus um eine subjektive, voluntaristische Komponente zu bereichern, ihm
eine prometheisch-heroische Dimension zu eröffnen.
Hinter der in Gorkis Notiz aus den zwanziger Jahren "Über den Helden und die
Menge" geäußerten Auffassung, ein Held sein zu wollen, heiße mehr Mensch sein
zu wollen, steht der von Nietzsche inspirierte Gedanke der "Vergrößerung" des

6 B. von Selchow, Der bürgerliche und der heldische Mensch, Leipzig 1934, S. 40.
7 Ebd., S. 34.
8 Vgl. dazu H. Günther, Der sozialistische Übermensch, Stuttgart, Weimar 1993.
9 Ausführlichere Angaben zur Wirkung M. Nordaus im Stalinismus und Nationalsozia-
lismus ebd., S. 53-58, S. 144-154.
10 Vgl. die Publikationen von B.G. RosenthaI, Nietzsche in Russia, Princeton 1986 und:
Nietzsche and Soviet Culture. Ally and Adversary, Cambridge 1994.
Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos 47

Menschen zum Übermenschen oder, wie Gorki es nennt, zum "Menschen mit
großen Buchstaben". Die nietzscheanischen Motive leben auch nach der Annähe-
rung des Autors an den Marxismus in seinem Werk fort. Wie bei Nietzsche die
vornehme Herrenmoral der verachteten Sklaven- und Herdenmoral gegenübersteht,
so wird nun der MENSCH mit dem Kleinbürger kontrastiert, der geradezu als
Antiheld definiert ist.
Auf Nietzsche gehen die tragischen Züge der frühen Helden Gorkis zurück, wenn
auch der Inhalt des Tragischen sich wesentlich von Nietzsches Intentionen unter-
scheidet. Steht Nietzsche noch in der schellingschen Tradition des idealistischen
Geistkämpfers, so geht es bei Gorki um die Tragik des vom Scheitern bedrohten
vitalen und sozialen Aktivismus, gleich ob es sich um die legendäre Gestalt des
Danko handelt, der seinem verzagenden Volk den Weg aus der Finsternis zum Licht
weist und sich sein eigenes Herz als Fackel aus der Brust reißt, um den wahnwitzigen
Kampf des sterbenden Falken oder um das einsame Voranschreiten des "tragisch-
schönen" MENSCHEN.
Erst in dem Maß, wie sich der Autor dem Gotterbauerturn, einer von Luna-
tscharski nach der Jahrhundertwende propagierten Synthese von Religion und
Sozialismus, annähert, nehmen seine Helden, etwa in der "Mutter", Züge des
christlichen Opferhelden an, und zwar ungeachtet der Tatsache, daß der heidnisch-
prometheische Stolz mit dem quasi-religiösen Glauben des gotterbauerischen Mär-
tyrers nicht widerspruchslos zusammenpaßt.
Im Heldenideal des frühen Gorki fließen sehr unterschiedliche Linien der Heroi-
sierung zusammen: Elemente der Philosophie Nietzsches, der Folklore, der literari-
schen Romantik und des Symbolismus, des Marxismus, der russischen Volkstümler-
bewegung und des Gotterbauerturns. Dominierend aber ist das prometheische
Denken. Das 19. Jahrhundert mit seiner Affinität zur Titanenfigur des Prometheus ll
bot dem Autor ein überreiches Material, dessen große Spannweite von Schellings
Deutung als Geistprinzip der Menschheit bis hin zu Marx reichte, der in Prometheus
den vornehmsten Heiligen und Märtyrer im philosophischen Kalender des durch
die revolutionäre Tat sich selbst erlösenden Proletariats sah.
Gorki war sich der zentralen Bedeutung des Heldenmythos rur sein gesamtes
Schaffen durchaus bewußt. In einem Brief aus dem Jahr 1926 verbindet er den
Heroismus vor allem mit der Willenskraft, die den Menschen - in Übereinstimmung
mit dem Weg des Schaffenden in Nietzsches "Zarathustra" - "vorwärts und höher"
führt und bekennt schließlich: "Sie wissen, daß dies meine alte Idee ist, und vielleicht
meine einzige."12

11 Vgl. H. Blumenberg, Arbeit am Mythos, Frankfurt a.M. 1979, (5. Teil: Der Titan in
seinem Jahrhundert).
12 Archiv M. Gor'kogo, Bd. 11, Moskau 1966, S. 41.
48 Ham Günther

Auf dem ersten sowjetischen Schriftstellerkongreß, wo Gorki der Verfallslinie der


bürgerlichen Literatur seine Kultur der heldenhaften Arbeit gegenüberstellt, spricht
auch Andrej Shdanow davon, daß die sowjetische Literatur von "Enthusiasmus und
Heldentum" erfüllt und durch die heroische Tscheljuskin-Epoche inspiriert sei. 13
Die Rettung der vom Polareis eingeschlossenen Tscheljuskin-Expedition durch so-
wjetische Flieger im Jahre 1934 markiert den Beginn des Stalinschen Fliegermythos
und - mit der Einführung des Titels "Held der Sowjetunion" - des staatlich
institutionalisierten Heldentums. Von nun an wird die "Suche nach dem Helden"
- so der Titel eines Artikels aus dem Jahr 1935 - zu einer vorrangigen Aufgabe des
sich formierenden Sozialistischen Realismus. Als "heroischer Stil" setzt er sich von
der "Heldenlosigkeit" des bürgerlichen Realismus ab, der das leidvolle Schicksal des
passiven kleinen Mannes in den Mittelpunkt gestellt habe. 14
Das gewaltige Bedürfnis nach Heroismus führt dazu, daß die "Technik des
Schaffens des Helden", deren Wichtigkeit Gorki bereits in seinem programmati-
schen Essay "Die Zerstörung der Persönlichkeit" (1909) erkannte, zu einer vorran-
gigen Aufgabe wird. Welche Heroen bilden den Heldenkreis totalitärer Kulturen?
Was die Stalinsche Sowjetunion angeht, so gibt ein Abschnitt aus Alexander Fadejews
"Junger Garde" (1. Fassung 1945; 2. Fassung 1951) anschaulich Auskunft darüber.
Es ist das Kapitel, in dem der junge Serjoshka Tjulenin angesichts der deutschen
Okkupation seiner Heimat vom Vollbringen "unausdenkbarer, sagenhafter Helden-
taten" träumt. Zunächst kommen ihm die exotischen Reiseabenteuer der Entdecker
und Forscher Livingstone, Amundsen, Sedow und Newelskoj in den Sinn. Auf sie
folgen die revolutionären Kampfhelden: "Das Werk und die Heldentaten dieser
Menschen haben deiner Generation das Leben ermöglicht und werden im Gedächt-
nis der Menschheit ewig leben. Und dabei sind das ganz gewöhnliche Menschen,
genau wie du. Michail Frunse, Klim Woroschilow, Sergo Ordshonikidse, Sergej
Kirow, Sergej Tjulenin ... Ja, vielleicht wird auch einmal sein Name, der Name eines
einfachen Komsomolzen, in der Reihe dieser Namen stehen [...]." An dritter Stelle
vergegenwärtigt sich der Junge die Taten der Flieger- und Polarhelden, der ersten
Helden der Sowjetunion "Tschkalow! Er ist ein Mensch wie du, aber sein Name
ertönt durch die Welt wie ein Kampfruf. Der Flug über den Nordpol nach Amerika
- ein Menschheitstraum! Tschkalow. Gromow. Und die Papanin-Leute auf der
Eisscholle!" Schließlich folgen die Arbeitshelden, "über die man früher nicht in
Büchern schrieb. Im Donbass, und nicht nur dort, kennt jedes Kind Nikita Isotow,

13 H.-J. Schmitt/G. Schramm (Hg.), Realismuskonzeptionen. Dokumente zum 1. A11-


unionskongreß der Sowjetschriftstdler, Frankfurt a.M. 1974, S. 47.
14 E. Dobin, "Poiskigeroja", in: Zvezda 1935, H. 9, S. 231; ders., "Geroikamass i optimizm
bor'by (k voprosu 0 stile socialisticeskogo realizma)", in: V sporach 0 metode, Leningrad
1934, S. 36-77.
Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos 49

Stachanow. Jeder beliebige Jungpionier kann sagen, wer Pascha Angelina, wer
Kriwonos und Makar Masaj sind. Und von allen Menschen werden sie geachtet."15
Sieht man einmal von den eingangs genannten Entdeckern ab, so haben wir es
mit dem für die Stalinära typischen Heldenpantheon zu tun. Die Stalinzeit kennt
hauptsächlich vier Heldentypen, die sich, allerdings in anderer Hierarchisierung,
auch in anderen totalitären Kulturen finden. An der Spitze rangiert in Übereinstim-
mung mit der Ideologie der sozialistische Arbeitsheld. 16 Er steht, folgt man Gorkis
Mythenschaffen oder Lunatscharskis sozialem Mythos, in der Tradition des Kultur-
helden, welcher den Menschen kulturelle Gegenstände verschafft und sie handwerk-
liche, künstlerische, wissenschaftliche, technische u.a. Fähigkeiten lehrt. Als Vorbild
fungiert die Gestalt des Prometheus. Die Propagierung des sowjetischen Arbeitshel-
den geht auf die zweite Hälfte der zwanziger Jahre zurück, erreicht aber erst mit der
1935 begründeten Stachanow-Bewegung ihren vollen Umfang.17 Unter die Katego-
rie des Arbeits- und Kulturhelden fallen aber auch die sowjetischen Flieger- und
Polarforscher ebenso wie die großen Männer der Wissenschaft und Technik, die als
prometheische Heils- und Wissensbringer gefeiert werden.
In dem zitierten Kapitel aus Fadejews Roman werden zwei weitere Heldentypen
zusammen genannt, für die es in Mythologie und Geschichte ein überreiches Arsenal
an Vorbildern gibt, der Kriegs- und der politische Führer-Held. Ihre starke Verbrei-
tung in der totalitären Kultur hängt mit ihrem extremen Polarisierungspotential
zusammen. Mit Hilfe dieses Heldenryps lassen sich politische und ideologische
Auseinandersetzungen mühelos zum Kampf des lichten Heros mit dem Ungeheuer
der Finsternis überhöhen. Hier konnte der Sowjetmythos ohne Mühe an die in der
russisch-orthodoxen Tradition äußerst populäre Ikone des Kampfes Georgs mit dem
Drachen anknüpfen. Eine wichtige Rolle in totalitären Kulturen spielt schließlich
der Typ des ideologischen Opferhelden, der häufig nach dem Muster der Heiligen-
und Märryrerlegende modelliert ist 18 und sich durch Selbstverleugnung und Selbst-
aufopferung auszeichnet.

15 Sämtliche Zitate aus dem Roman übersetzt nach der Ausgabe A. Fadeev, Sobranie
socinenij v pjati tomach, Bd. 2, Moskau 1959, S. 108 f.
16 V gl. Gor'kij über die Arbeit als Haupthelden der sowjetischen Literatur (Sobranie
socinenij, Bd. 27, S. 320) oder A. Zdanovs Äußerung über die "aktiven Erbauer des
neuen Lebens" als Haupthelden literarischer Werke der Sowjetunion (H.]. Schmitt/G.
Schramm, Sozialistische Realismuskonzeptionen, S. 47).
17 Vgl. dazu L.H. Siegelbaum, Stakhanovism and the Politics ofProductivity in the USSR,
1935-1941, Cambridge 1988; R. Maier, Die Stachanov-Bewegung 1935-38, Stuttgart
1990.
18 Vgl. meine Analyse von N. Ostrovskijs Roman "Wie der Stahl gehärtet wurde" in: H.
Günther, Die Verstaatlichung der Literatur, Stuttgart 1984, S. 95-106, sowie den
Vergleich dieses Textes mit K.A. Schenzingers Roman "Der Hitlerjunge Quex" (I 932)
in meinem Beitrag "Education and Conversion: The Road to the New Man in the
50 Hans Günther

Vergleicht man den sowjetischen Heldenkreis mit dem nationalsozialistischen,


dann fällt ins Auge, daß im Dritten Reich der Kriegsheld an der Spitze der Hierarchie
steht. Victor Klemperer bemerkt, daß das Heroische im Nationalsozialismus "immer
in Uniform gesteckt hatte" und "in steigendem Maß und immer ausschließlicher auf
kriegerischen Mut, auf verwegene todverachtende Haltung in irgendeiner Kampf-
handlung"19 angewandt wurde.
Auffällig ist die Vorliebe totalitärer Kulturen für den Prometheusmythos. Ver-
wandelt sich Prometheus im Sozialismus in den Helden der Arbeit, so wird im
Dritten Reich der Arier als Kulturbegründer zum "Prometheus der Menschheit, aus
dessen lichter Stirne der göttliche Funke des Genies zu allen Zeiten hervorsprang,
immer von neuem jenes Feuer entzündend, das als Erkenntnis die Nacht der
schweigenden Geheimnisse aufhellte [... ]."20 Präsentiert sich der sozialistische Pro-
metheus als übermenschlicher Arbeitsheld, so der nationalsozialistische als geist-
heroischer Licht- und Fackelträger höheren Menschentums. 21
Das Erscheinungsbild des Helden ist in der Sowjetunion wie im Nationalsozia-
lismus ist durch eine konstante Eisen- und Stahlsymbolik geprägt. Mit der bolsche-
wistischen Bewegung war diese schon von Anfang an verbunden. Laut Trotzki nahm
Josif Dshugaschwili sein von dem Wort "Stahl" (russ. = stal) abgeleitetes Pseudonym
Stalin im Jahre 1912 an. Lunatscharski sprach 1907 von der "eisernen Ganzheitlich-
keit" der neuen kämpferischen Seele und begrüßte später, daß sich im Prozeß der
Organisierung des Proletariats das Individuum "aus Eisen zu Stahl" verwandelt. In
Nikolaj Ostrowskis Roman "Wie der Stahl gehärtet wurde" (1932-34) bezieht sich
die Härtung des Stahls auf die Erziehung der bolschewistischen Kader. Wahrend der
dreißiger Jahre dringt diese Metaphorik in alle Bereiche der sowjetischen Gesellschaft
ein. Man spricht vom "eisernen Willen des Führers und der Partei" und der
"stählernen Einheit" der den polaren Eismassen trotzenden Bolschewiken oder von
den sowjetischen Fliegern als "eisernen Menschen".
Nicht weniger verbreitet ist die Eisen- und Stahlsymbolik im Nationalsozialis-
mus. Schon Ernst Jünger beschreibt in seinem Buch "Der Kampf als inneres
Erlebnis" (1922) die Soldaten des Weltkriegs als kämpferische "Stahlnaturen" und
adleräugige "Stahl gestalten" , die einen neuen Menschen, eine neue Rasse verkörpern.
Der menschliche Körperpanzer erscheint als Teil der Ganzheitsmaschine Truppe. 22
Der "stahlharte Körper" des Soldaten und die Erziehung der Jugend durch den Sport

Totalitarian Bildungsroman': in: H. Günther (ed.), The Culture of the Stalin Period,
London 1990, S. 193-209.
19 V. Klemperer, LTI. Notizbuch eines Philologen, Leipzig 1968, S. 9 ff.
20 A. Hitler, Mein Kampf, München 1940, S. 317.
21 Vgl. K. Wollbert, Die Nackten und die Toten des "Dritten Reiches", Gießen 1982, bes.
das Kap. "Der Gehalt der nackten Gestalt in der Plastik des Dritten Reiches", S. 205-222.
22 Vgl. K. Theweleit, Männerphantasien, Bd. 2, Reinbek 1987, S. 160-162.
Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos 51

zu "stählerner Geschmeidigkeit" waren für Adolf Hitler Idealvorstellungen. Und


Joseph Goebbels prägt in seiner Rede zur Eröffnung der Reichskulturkammer im
Jahr 1933 die Formel von der "stählernen Romantik" heroischer Lebensauffassung.
Bei aller Ähnlichkeit der sowjetischen und deutschen Stahlsymbolik fällt jedoch
eine bezeichnende Differenz ins Auge. Steht beim bolschewistischen Helden der
eiserne Wille, das gestählte Bewußtsein im Vordergrund, so sieht der nationalsozia-
listische Heroismus sein Leitbild im soldatischen Körperpanzer, wie er exemplarisch
durch den nackten Heros der Plastik des Dritten Reichs repräsentiert wird.
Was macht den Heldenmythos für die totalitäre Kultur so unentbehrlich, welche
Funktionen erfüllt er? Den Helden kann man als Archetyp im Sinn der analytischen
Psychologie C. G. Jungs verstehen. Dieser Archetyp bildet die "erste Stufe in der
Differenzierung der Psyche"23 des heranwachsenden Menschen. Er dient der Ent-
wicklung der individuellen ich-Bewußtheit, der Vorbereitung des jungen Menschen
auf die selbständige Bewältigung der Aufgaben des Lebens. Der Mythos vom
Helden, der das Böse in Gestalt eines Drachens oder Ungeheuers besiegt und sein
Volk befreit, hat universale Geltung und veranschaulicht die Mobilisierung der
Kräfte des bewußten Ich, die Konzentration und Stärkung des Ich-Willens in
schwierigen Lebenssituationen zur Überwindung äußerer Widerstände. Was für den
individuellen Entwickiungsprozeß gilt, kann auch für die Aktualisierung des Hel-
denarchetyps in kollektiv-historischen Situationen angenommen werden. Daher
versucht die totalitäre Kultur sich der Energiequelle des Heldenmythos zu bemäch-
tigen, um ihn als Verstärker für ihre Ziele einzusetzen. Angestrebt wird die massen-
hafte Identifikation mit dem Helden und seine Nachahmung zum Zweck der
Erfüllung staatlich vorgegebener Aufgaben.
Die Mobilisierungsfunktion des totalitären Heroismus, die den aktivistischen
und voluntaristischen Tendenzen der totalitären Kultur entspricht, ist hinlänglich
bekannt. Neben der Mobilisierung von Energien erfüllt der auf Permanenz gestellte
Heroismus aber noch eine weitere wesentliche Aufgabe, die sich ebenfalls im
Anschluß an Jungs Bestimmung des Heldenarchetyps beschreiben läßt. Nach Jung
bildet sich die reife Einstellung erst jenseits der heroischen Einstellung heraus. Wenn
das Heldische im Lauf des individuellen Reifungsprozesses jedoch überwunden
werden muß, dann kommt der Perpetuierung des Heldentums die gegenteilige
Aufgabe zu, nämlich den Reifungsprozess des Individuums zu verhindern, den
Menschen zu infantilisieren. 24

23 J.L. Henderson, "Der moderne Mensch und die Mythen", in: CG. Jung u.a., Der
Mensch und seine Symbole, Olten, Freiburg 1985 8 , S. 129.
24 Zur totalitären Kultur als "Welt der Kindheit" vgl. E. Dobrenko, "Vse lucsee - detjam
(Totalitarnaja kul'tura i mir detstva)", in: Wiener slawistischer Almanach, Bd. 29/1992,
S.159-174.
52 Hans Günther

Die Helden sind stets "Söhne", welche die AufgabensteIlungen, Weisungen und
Ratschläge der "Führer-Väter" entgegennehmen, in die Tat umsetzen und nach
vollbrachter Tat mit ihren Errungenschaften vor den "Vater" treten. Im Verhältnis
zum "Vater" zeichnet den Helden stets Jugendlichkeit aus. Die sowjetischen Flieger-
und Arbeitshelden altern zwar, erlangen aber nie das Epitheton "Vater".25 Anderer-
seits haben die "Führer-Väter" zwar eine heldische Vergangenheit und lassen sich
heroische Taten und Attribute zuschreiben,26 stehen jedoch, ungeachtet aller Beto-
nung ihrer Freundschaft und Kameradschaftlichkeit, in entrückter Position über den
heldischen "Söhnen".
Der totalitäre Heldenkult ist auf dem Hintergrund eines entsprechenden Kults
der Jugendlichkeit zu sehen, der u.a. von der futuristischen Bewegungen in Italien
und Rußland propagiert wurde. Der Nationalsozialismus präsentiert sich von An-
fang an als jugendliche, ja als Verjüngungsbewegung. Vergleichbares gilt auch für die
Sowjetunion der dreißiger Jahre. So schließt etwa A. Afinogenows "Lied über die
Jugend" mit den Worten:

"Meine Freunde, Genossen,


Noch sind wir sehr jung,
Noch sind wir sehr glücklich,
Auch wenn die Schläfen grau sind. "27

In einem anderen Gedicht wird die Sowjetunion mit den folgenden Worten besun-
gen:

"Wohin du auch gehst -


Überall ist Jugend,
Und alle haben von Geburt an Flügel!"28

Es ist interessant, daß - unabhängig von unterschiedlichen kulturellen Motivierun-


gen dieser Erscheinung in Rußland und in Westeuropa - die Funktionalisierung des
Jugendkults in den totalitären Kulturen große Ähnlichkeit aufweist. Die Propagie-
rung des jugendlichen Helden eignet sich offenbar zur gelenkten Erzielung einer

25 Vgl. K. Clark, The Soviet Novel, S. 127 f.


26 V. Tallgren, Hitler und die Helden, Helsinki 1981, S. 255 zeigt, daß der autobiogra-
phische Teil von Hitlers "Mein Kampf" nach dem Vorbild des Heldenmythos stilisiert
ist. Auch die Heldentaten Stalins im Bürgerkrieg, beim Aufbau des Landes usw. wurden
in zahllosen Filmen und panegyrischen Texten verherrlicht. Zur kommunistischen Füh-
rerverehrung vgl. G. Koenen, Die großen Gesänge. Lenin, Stalin, Mao Tse-tung: Füh-
rerkulte und Heldenmythen des 20. Jahrhunderts, Überarbeitete Neuausgabe, Frankfurt
a.M.1991.
27 Pravda, 28.10.1935, S. 4.
28 Pravda, 18.8.1937, S. 2.
Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos 53

psychischen Inflation, d.h. einer heroischen Aufblähung des infantilen Ich. 29 Der
perpetuierte jugendliche Heldenarchetyp zielt darauf ab, die Reifung der "Helden-
söhne" und aller, die sich mit ihnen identifizieren, zu verhindern, während das Recht
auf Reife allein den weisen "Führer-Vätern" vorbehalten bleibt.

Der Feind

Auch bei der Behandlung der Problematik des Feindes in der totalitären Kultur
erscheint die Unterscheidung von politisch-ideologischer und psycho-mythologi-
scher Betrachtungsweise sinnvoll. Auf der politischen Betrachtungsebene bieten sich
bestimmte Begriffe des StaatsrechtIers earl Schmitt an. Dabei geht es nicht um
seinen theoretischen Ausgangspunkt, demzufolge die Unterscheidung von Freund
und Feind das Hauptkriterium des Politischen ist und ein Staat, der nicht mehr
Freund und Feind unterscheidet, aufhört zu existieren. Worum es hier geht, ist seine
Unterscheidung von wirklichem und absolutem Feind. Lenin habe, so earl Schmitt,
in seiner Theorie des Weltbürgerkrieges an die Stelle des wirklichen Feindes den
absoluten gesetzt. An anderer Stelle spricht earl Schmitt verallgemeinernd von den
Klassen- und Rassenideologien des 20. Jahrhunderts, die "Feind und Verbrecher
nicht mehr unterscheiden können und auch nicht mehr unterscheiden wollen".3o
Wenn der Feind kriminalisiert wird und moralisch und physisch vernichtenswert
erscheint, gewinnt der Kampf gegen ihn eine ungleich intensivere, ja totale Dimen-
sion. Aus dieser "Logik von Wert und Unwert"31 leitet der totalitäre Staat die
Berechtigung ab, ganze Kategorien von Menschen aufgrund ihrer Rassen- oder
Klassenzugehörigkeit zu terrorisieren.
Grundlage totalitärer Systeme ist der in der Ideologie definierte absolute Feind,
z.B. die Juden oder die Kulaken. In dem Maß jedoch, in dem die Willkürherrschaft
sich etabliert, richtet sich die Verfolgung auch gegen solche Feinde, die nicht mehr
einer bestimmten Gruppe oder Klasse angehören oder in irgend einer Form mit
politischer Opposition in Zusammenhang gebracht werden können. Hannah Arendt
verwendet hierfür - in Anlehnung an den stalinistischen Sprachgebrauch - den
Begriff des "objektiven Gegners",32 der unabhängig von allen "subjektiven" Absich-
ten, Plänen oder Handlungen als objektive Gefahr für den Staat identifiziert wird.
Die Identität des "objektiven Gegners" wechselt je nach Lage der Dinge, "so daß,

29 Vgl. J. Campbell, Der Heros in tausend Gestalten, Frankfurt a.M. 1953, S. 353; desgl.
E. Fromm, Die Furcht vor der Freiheit, Frankfurt a.M., 1975 7 , S. 183.
30 C. Schmitt, Der Begriff des Politischen, Berlin 1963, S.12.
31 Ders., Theorie des Partisanen, Berlin 1963, S. 95.
32 H. Arendt, Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, München 1986, S. 654 ff.
54 Hans Günther

sobald eine Kategorie liquidert ist, einer neuen Kategorie der Krieg erklärt werden
kann".33 In den sowjetischen Schauprozessen der Jahre 1936-38 war diese Art der
Schuldzuschreibung, der Konstruktion fiktiver und Verschwörergruppen und ihrer
ebenso fiktiven Verbrechen an der Tagesordnung. In der Stalinschen Sowjetunion
wird "Wachsamkeit" zur obersten Tugend, d. h. die Fähigkeit, den Feind zu erken-
nen, auch wenn er sich noch so gut tarnt. Der Feind kann überall in Erscheinung
treten, in der Familie, im Betrieb, ja in den höchsten Parteigremien.
Die Wahl des Begriffs "Feind des Volkes" macht deutlich, daß es sich hierbei
nicht um einen ideologisch umrissenen Feind im Sinn der marxistischen Klassen-
ideologie, also etwa einen Bourgeois oder Kulaken handelt, sondern um eine kleine,
aber gefährliche Minderheit schädlicher Elemente, die dem Glück der erdrückenden
Mehrheit des "Volkes" entgegensteht. Der totalitäre Volksbegriff ist nicht soziolo-
gisch, sondern emphatisch und bezeichnet in erster Linie die Instanz, auf die die
Führung sich in ihrem Vorgehen zu berufen pflegt. Da sich aus der marxistischen
Klassentheorie kaum Anhaltspunkte für "Feinde des Volkes" ableiten lassen, kann
man annehmen, daß der Begriff aus einer anderen Tradition stammt, die im
Bolschewismus eine große Rolle spielte - aus der Volkstümlerbewegung, dem
Narodnitschestwo. So warnte beispielsweise der frühe Gorki, der das Volk in seinen
gotterbauerischen Schriften der Jahrhundertwende verklärte, in seinem Artikel
"Über den Zynismus" (1908) die Künstler davor, sich in den Dienst der erklärten
"Feinde des Volkes" zu stellen. Der Philosoph Semjon Frank, der sich in seinem
Beitrag zu dem ideologisch vieldiskutierten Sammelband "Wegzeichen" (russ. We-
chi, 1909) mit dem kämpferischen Volkstümler-Sozialismus auseinandersetzte, sah
in dem Haß auf die "Feinde des Volkes" einen zerstörerischen Zug der radikalen
Intelligenzija.
Soweit der politische Aspekt des totalitären Feind-Begriffs. Hinsichtlich der
psycho-mythologischen Problematik scheint uns der von C. G. Jung beschriebene
Mechanismus der Projektion, auf dem politische Feindbilder beruhen, von zentraler
Bedeutung zu sein. Ausgangspunkt ist für Jung der Archetyp des Schattens, der die
verborgenen unvorteilhaften Eigenschaften des persönlichen Unbewußten, die "ne-
gative", "böse", nicht akzeptierte Seite der Persönlichkeit umfaßt. Das Bewußtsein
tendiert dazu, diese minderwertigen Eigenschaften zu unterdrücken, gleich ob es
sich um das persönliche Unbewußte handelt oder um den kollektiven Schatten, der
ganze Gruppen von Menschen oder Völker begleitet. Der Schatten aber ist ein
konstitutiver Teil der Persönlichkeit, der sich nicht einfach ignorieren oder auslö-
schen läßt. Es gilt vielmehr, ihn im Lauf des Individuationsprozesses ins Bewußtsein
zu heben und zu integrieren. Geschieht dies nicht, so besteht die Gefahr, daß die

33 Ebd., S. 655.
Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos 55

unterdrückten unbewußten Inhalte sich in mächtigen irrationalen Projektionen


positiver oder negativer Natur äußern.
Im politischen Leben spielen Projektionen als Externalisationen innerer Konflikte
eine große Rolle. Politische Propaganda besteht zum großen Teil in der Formulie-
rung und Verbreitung solcher Projektionen. 34 Politische Gruppierungen sehen das
Böse bekanntlich immer bei dem anderen. "Man wirft dem Gegner einfach die
eigenen, noch nicht eingestandenen Fehler vor."35 Dies ist um so bedrohlicher, als
die ,,Angst, die wir vor dem eigenen Bösen zwar unwillig und heimlich empfinden,
zum Gegner hinüberwandert" .36 Je stärker die Verdrängung des Schattens, um so
mächtiger und gefährlicher die Projektion. Bei den Teilnehmern politischer Ausein-
andersetzungen läßt sich eine unwillkürliche Notwendigkeit beobachten, Feinde zu
haben oder sie sich zu erschaffen.
Jung ist nicht der Ansicht, daß es wünschenswert und möglich ist, alle Projek-
tionen zurückzunehmen. Wird jedoch in der kollektiven Psyche die Unterdrückung
des Schattens und die damit verbundene Projektionsbildung übermächtig, dann
entsteht eine Gesellschaft, die "zwanghaft Konflikt und Selbstzerstörung sucht".37
"Die psychischen Inhalte nehmen dann nicht nur Realitätscharakter an, sondern sie
spiegeln den Konflikt ins Mythologische vergrößert oder ins Archaisch-Primitive
vergröbert wider."38
Die totalitären Gesellschaften unseres Jahrhunderts zeichnen sich durch ihre
extreme Unwilligkeit und Unfähigkeit aus, Einsicht in den eigenen Schatten zu
gewinnen, eigene Schwächen wahrzunehmen und zu korrigieren. Alle uneingestan-
denen Zweifel, Konflikte, Schwächen und Mißerfolge, aber auch alle vorstellbaren
Schandtaten und Abscheulichkeiten werden dem Feind zugeschrieben. Das im
Stalinismus praktizierte Prinzip von "Kritik und Selbstkritik" stellt ein bloßes Ritual
dar, das an die Stelle von wirklichen Korrekturen tritt. Je stärker die Verdrängung,
um so gewaltiger die Projektionen, um so bedrohlicher die Umrisse des allgegenwär-
tigen Bösen. Es ist sicher keine Übertreibung, wenn man feststellt, daß die totalitäre
Gesellschaft ohne Feinde gar nicht existieren kann. Ihnen werden alle Untaten
angelastet, deren die Herrschenden selber fähig sind. Hannah Arendt bemerkt, es
sei immer schon Stalins Methode gewesen, "einen fiktiven Feind genau des Verbre-
chens zu beschuldigen, das er selbst im Begriff war zu begehen".39
Befördert durch eine manichäische Weltsicht, wird ein getarntes, in die Realität
unheilvoll hineinwirkendes Reich des Bösen herbeiphantasiert, eine chaotische Ge-

34 c.G. Jung, Der Mensch und seine Symbole, S. 171.


35 Ders., Gesammelte Werke, Bd. 8, Olten 1967, S. 307.
36 Ders., Gesammelte Werke, Bd. 10, S. 328.
37 W. Odajnik, C. G. Jung und die Politik, Stuttgart 1975, S. 69.
38 J. Jacobi, Die Psychologie von c.G. Jung, Frankfurt a.M. 1984, S. 96.
39 H. Arendt, Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, S. 493.
56 Hans Günther

genwelt, in der spiegelbildlich dieselben Dinge vorkommen wie in der realen, jedoch
mit negativen Vorzeichen. Hier können archaische und mythologische Inhalte
ungehemmt einströmen. Auffällig ist die Nähe zu christlichen Vorstellungen von
Dämonen. Als Untergebene des Satans sind sie Antagonisten der himmlischen
Hierarchie und unsichtbare Feinde des Menschen. Da ihr Wesen die Lüge ist, haben
sie keine feste Gestalt, sondern erscheinen den Menschen in Masken, die sie nach
Wahl wechseln können. Wie das russische Sprichwort besagt: "Der böse Geist hat
kein Antlitz, er geht in Masken." Mittelalterlichen volkstümlichen Vorstellungen
zufolge nehmen sie häufig das Aussehen häßlicher, grotesker Wesen, gefährlicher
oder ekelerregender unreiner Tiere an. 40
Viele der hier angeführten Merkmale finden sich in der stalinistischen Dämono-
logie wieder. Wesentlich ist vor allem die unsichtbare, gestaltlose Natur der Feinde,
die in wechselnden Masken auftreten. In Erscheinung treten sie als Schädlinge und
Saboteure, als ideologische Verführer, als Trotzkisten, Bucharinisten, Sinowjewisten,
als Konterrevolutionäre und Kulaken, als Agenten des Imperialismus und Faschis-
mus, als Grenzverletzer, Spione, Diversanten usw. Als "Feinde des Volkes" sind sie
allesamt "objektiv" Werkzeuge undurchschaubarer dunkler Mächte, Teil einer fin-
steren gegen die Sowjetunion gerichteten Verschwörung.
Da die Gegner sich stets geschickt tarnen, um ihr Ziel zu erreichen, ist unablässige
Wachsamkeit gefordert, um sie zu erkennen und zu entlarven. Die zufällige Maske
muß herabgerissen werden, damit der Feind - bezeichnenderweise häufig als Kollek-
tivbezeichnung im Singular benutzt - als das erkannt werden kann, was er seinem
innersten Wesen nach ist - eine Ausgeburt des Bösen. Jedes Nachlassen der Wach-
samkeit, jede Nachgiebigkeit gegenüber einem Kollegen, Freund oder Familienmit-
glied kann der bösen Macht als Einfallstor dienen. Der geringste Zweifel kann
ausgenutzt werden, um jemand der Parteilinie zu entfremden, die geringste Gutmü-
tigkeit kann einem Schädling Vorschub leisten.
Die Schimpfwörter, mit denen man die entlarvten und liquidierten Volksfeinde
belegt hat, brauchen hier nicht wiederholt zu werden. Unter ihnen finden sich nicht
wenige Ausdrücke, die mittelalterlichen Dämonenvorstellungen entlehnt zu sein
scheinen. Die Verurteilten werden als "menschenähnliche Tiere" bezeichnet, die mit
ihrer Existenz den stolzen Namen "Mensch" beschmutzen. 41 Die angebliche Ermor-
dung Gorkis wird mit den dem Schaffen des Dichters entlehnten Worten beschrie-
ben: "Die nichtswürdigen Nattern aus dem stinkenden trotzkistisch-bucharinschen
Sumpf haben dem stolzen Falken einen tödlichen Biß zugefügt. "42 Begrüßt wird die

40 Ich beziehe mich hier auf die Darstellung von 5.5. Averincev, "Bes", in: Mify narodov
mira, Bd. 1, Moskau 1980, S. 169 f.
41 "Vypolnena volja naroda", in: Izvestija, 16.3.1938, S. 1.
42 Literaturnaja Gazeta, 15.3.1938, S. 1.
Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos 57

rechtzeitige Entlarvung "dieser dreimal verachteten Scheusale, Ausgeburten der


Menschheit, Hunde des Faschismus" usw. 43 Diese Beispiele, die sich leicht verviel-
fachen ließen, zielen auf eine doppelte Wirkung. Zum einen gehören sie einer
Vernichtungsrhetorik an, die durch metaphorische Versetzung des Menschen in eine
tierische Reihe seine Liquidation erleichtert, ja nahelegt. Man denke an den ur-
sprünglich aus der Landwirtschaft stammenden Begriff des "Schädlings" oder an die
berühmte Laus Raskolnikows. Zum anderen aber verweisen die Ausdrücke auf das
dämonische Wesen dieser Erscheinungen, auf ihren abstoßenden höllischen Ur-
sprung.
Es ist hier nicht möglich, detailliert auf das Bild des Feindes im Nationalsozia-
lismus einzugehen, das sich in wesentlichen Zügen von dem sowjetischen unterschei-
det. Hingewiesen sei hier nur auf eine ins Auge fallende Differenz. Zwar verfügen
auch die Nationalsozialisten über einen dämonisierenden Reduktionsmechanismus,
indem sie alles der deutschen Volksgemeinschaft Abträgliche in letzter Instanz auf
die jüdische Weltverschwörung zurückführen. Es fehlt jedoch die inquisitorische
Komponente, die am deutlichsten in den sowjetischen Schauprozessen zum Aus-
druck kommt. Wenn das Feindliche nicht primär in bestimmten "fremden" politi-
schen und ideologischen Überzeugungen, sondern im "fremden Blut" liegt, dann
kommt es nicht auf das Erpressen von Geständnissen und auf erzwungene Reuebe-
kenntnisse an. Der durch seine Rassenzugehörigkeit definierte Feind wird ohne
Prozeß vernichtet. Daher kommt auch der in der Sowjetunion perfektionierten
Technik der Enttarnung maskierter Feinde keine entscheidende Bedeutung zu, denn
sie sind nach offizieller Lesart an ihren "rassischen" Merkmalen allemal leicht
auszumachen.
Welches Bild des Feindes wird nun in der sowjetischen Literatur enrworfen? Dies
soll exemplarisch an einigen repräsentativen Texten aus den zwanziger bis vierziger
Jahren demonstriert werden. Zunächst Fjodor Gladkows Roman "Zement" (1925/
1926). Der positive Held, Gleb Tschumalow, kehrt zu Beginn der NEP-Periode
Anfang der zwanziger Jahre aus dem Bürgerkrieg in seine Heimatstadt am Schwarzen
Meer zurück, um an neuen Fronten zu kämpfen. An der Produktionsfront, wo er
das stillgelegte, zerstörte Zemenrwerk wieder in Gang bringen will, und an der
Liebes- und Familienfront, wo seine Frau Dascha sich emanzipiert hat und sich
seinen Besitzansprüchen widersetzt. Tschumalow siegt entsprechend dem Schema
des sozialistisch-realistischen Aufbauromans in der Produktion, scheitert aber in
seiner Ehe.
Die Aufbauhandlung besteht in der sukzessiven Überwindung von Schwierigkei-
ten und Widerständen. Hier treibt natürlich der Feind sein Unwesen. Da ist
zunächst der im Kapitel "Feinde" eingeführte deutschstämmige Ingenieur Hermann

43 Ebd.
58 Hans Günther

Kleist, der sich nach dem Sieg der Roten resigniert zurückzog. Er hat im Bürgerkrieg
Tschumalow und einige andere Arbeiter an die Weißen ausgeliefert und ihren Tod
verschuldet. Tschumalow gewinnt ihn - in Übereinstimmung mit der damaligen
Parteilosung zur Heranziehung bürgerlicher Spezialisten an die Sowjetrnacht - für
seine Aufbaupläne. Der Klassenfeind kann also, entsprechend dem revolutionären
Erziehungsoptimismus, durchaus umerzogen werden. 44
Eine dramatische Zuspitzung des Klassenkonflikts in der bürgerlichen Intelligenz
wird an anderer Stelle beschrieben. Gleb Tschumalow und der zu den Roten
übergegangene Sergej Iwagin nehmen einen bewaffneten Konterrevolutionär fest. Es
ist Sergejs einarmiger Bruder Dimitri, der ihnen in Nacht und Nebel entgegen-
kommt. Am Schluß des Kapitels wird ausdrücklich auf das mythologische Sujet der
unversöhnlich verfeindeten leiblichen Brüder angespielt. Das Polarisierungsschema
sozialistisch-realistischer Literatur läßt kein Mittelfeld der Unentschiedenen zu.
Entweder beharrt der ehemalige Klassengegner auf der Position des absoluten
Feindes oder er "gestaltet sich um".
Große Widerstände hat Tschumalow in den eigenen Reihen zu überwinden. Sein
Tatendrang stößt ständig auf bürokratische Hindernisse. Hier gibt es nun sehr
interessante Unterschiede zwischen den verschiedenen Fassungen des Romans. Das
Umschreiben literarischer Texte war ja in der sowjetischen Kultur nichts Ungewöhn-
liches. Es diente der "Vervollkommnung" des Textes als kollektives Produkt und der
Anpassung an die jeweilige Parteilinie. In der Fassung von 1926 ist die Bürokratie
ein Hindernis beim Aufbau des Sozialismus. Die Ausgabe von 1941 macht daraus
einen inneren Feind, der "objektiv" dem Klassengegner in die Hände arbeitet. Man
liest dort z.B.: "Der Bürokratismus als System ist wie ein fester Bunker, eine
raffinierte und bisweilen unüberwindliche Waffe in den Händen des Feindes. [... ]
Wir kämpfen gegen Einzelerscheinungen oder gegen ganze Gruppen von Saboteuren
und Verschwörern; das allein genügt aber nicht. Wir müssen die Festung nehmen
und zerstören. "45 In derselben Ausgabe erkennt Gleb Tschumalow, daß der örtliche
Volkswirtschaftsrat "von einem unsichtbaren Feind bedroht war, der ihn heimlich
unterwühlte" . 46 Beide zitierte Stellen fehlen in der frühen Fassung.
Eine ganz andere Kategorie des Feindes wird in dem Kapitel ,,Auf der Wacht"
beschrieben, nämlich die konterrevolutionären Kosaken, die den friedlichen Aufbau

44 Der Gedanke des "Umschmiedens" "Von ,Feinden der Gesellschaft' zu Helden der
Arbeit", so die Überschrift eines Artikels von Gor'kij aus dem Jahr 1936 über die
sowjetischen Arbeitslager, macht bezeichnenderweise in den dreißiger Jahren zunehmend
der Vernichtung des Feindes Platz. Ist der Schädling in seinem Innersten böse, dann ist
er nicht umerziehbar, sondern muß vernichtet werden.
45 Zit. nach dem Nachdruck der Übers. von A. E. Thoss aus dem Jahr 1949: F. Gladkow,
Zement, Berlin 1972, S. 111.
46 Ebd., S. 208.
Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos 59

immer wieder durch Überfälle stören. Sie werden vor unheimlicher nächtlicher
Kulisse als hinter den Bergen hausende "Tiermenschen", zähnefletschende Men-
schenfresser und Heuschrecken beschrieben. "Am Tag verstecken sie sich im Ge-
sträuch und in den Höhlen oder spazieren in der Stadt als Freunde der Revolution
herum. Sie sind überall: in den Reihen der Kämpfer, in den Sowjetbüros und den
Häusern der friedlichen, harmlosen Kleinbürger. Wer kann sie zeigen, sie nennen,
sie wie Giftschlangen zertreten? Und die Nacht bricht herein - sie kriechen, durch
den Nebel versteckt, zur Verräterarbeit heraus. "47 Auch in der frühen Fassung also
hat der absolute Feind bereits durchaus gefährlich dämonische Konturen, ist aber
letztlich unterscheidbar, wenn es zum offenen Kampf kommt.
Gladkows "Zement" als kanonischer Aufbauroman der zwanziger Jahre weist also
bereits ein beachtliches Feind-Repertoir auf. Der Klassenfeind, die konterrevolutio-
nären Kosaken werden als heimtückische tierisch-abgründige Wesen dämonisiert.
Die Intelligenz spaltet sich im Lauf des Konflikts. Wir begegnen hier dem umerzo-
genen oder "umgestalteten" ehemaligen Klassenfeind, der zum Figureninventar
vieler sozialistisch-realistischer Romane gehört. 48 Darüber hinaus spielt in dem
Roman die Überwindung der im eigenen Lager vorhandenen hemmenden Kräfte
eine große Rolle. Der Held muß ständig mobilisieren, bürokratische Widerstände
brechen. Die bürokratischen Kräfte werden jedoch in der frühen Fassung des
Romans noch nicht wie in den dreißiger Jahren als unsichtbare "objektive Feinde"
und Waffe in den Händen des Klassengegners charakterisiert.
Das Bild des im Verborgenen agierenden inneren Feindes gewinnt seine eigent-
lichen Konturen nicht zufällig ab 1928, dem Jahr des Schachty-Prozesses. Der Begriff
des "Schädlings" hat ab jetzt Konjunktur. Der Dichter Wladimir Majakowski
erkennt schnell die Zeichen der Zeit. Sein Gedicht "Der Schädling" (1928) beginnt
mit den Worten:

"Horcht auf,
wenn ihr in die Fabriken kommt,
im Ohr
haftet
das schreckliche Wort
,Schädling' ,
haften
die Namen der Schächte."49

47 Zit. nach dem Nachdruck der Übers. von o. Halpern aus dem Jahr 1927: F. Gladkow,
Zement, Leipzig 1975, S. 252.
48 Der umerzogene oder "umgestaltete" ehemalige Klassenfeind, dessen Enrwicklung oft
in den Romanen gezeigt wird, ist dem "werdenden" positiven Helden verwandt, der
seine bewußtseinsmäßigen Defizite im Lauf der Romanhandlung überwindet.
49 V. Majakovskij, Polnoe sobranie socinenij, Bd. 9, S. 157.
60 Hans Günther

Das Thema der Wachsamkeit und der Entlarvung von Schädlingen wird fortan die
sowjetische Literatur begleiten.
Als Beispiel für die inflationäre Ausbreitung des Feind-Denkens in den dreißiger
Jahren kann Anton Makarenkos Roman "Flaggen auf den Ttirmen" (1938) dienen,
der auf Erfahrungen beruht, die der sowjetische Pädagoge bei seiner Arbeit mit
Jugendlichen in der Dsershinski-Kommune gemacht hat. Vor allem der dritte Teil
des Romans ist in unserem Zusammenhang interessa,nt, da hier der Feind in
mehrfacher Bedeutung auftritt. Durchgängig prägend ist hier die Metapher des
Kampfes an der Produktionsfront. Ausgangspunkt ist der "zähe Fluß der Zeit"50 als
Hauptfeind der Kommunarden. Die Abfolge der Diagramme mit roten und blauen
Fähnchen, Operations- und Frontberichten gipfelt in dem unvermeidlichen Schluß-
bild der siegreichen sozialistischen Offensive.
Die militarisierte Arbeitsfront ist aber nur der Hintergrund für das Treiben von
allerlei Schädlingen. Es tritt die Oppositionsgruppe der sogenannten "Kruksisten"
in Erscheinung, benannt nach ihrem Wortführer Kruksow, der jedoch seine fehler-
haften Ansichten bereut. Ernster wird es in dem Kapitel "Die Feinde", wo der
Brigadier der ersten Brigade Ryshikow wegen Diebstahls von Werkzeugen und einer
Uhr vor allen anderen als Feind entlarvt wird. Er war also kein Genosse, "und wenn
er Dienst machte, dann machte der Feind Dienst."51 Ryshikow wiederum ist den
antisowjetischen Einflüsterungen des Saboteurs Bankowski erlegen. Nach der Auf-
deckung des feindlichen Spuks wird der Kommunarde Igor Tschernjawin zum neuen
Sekretär gewählt, denn: "Er hat einen weiten Blick. Er hat damals als einziger gesagt,
daß Ryshikow ein Feind ist, und wir haben ihm nicht geglaubt. Nur einen solchen
Vorsitzenden brauchen wir".52
Der Sieg der Dsershinski-Kolonie an der Arbeitsfront wird durch den ungeheu-
erlichen Anschlag auf Kirow überschattet. Die rote Fahne weht auf Halbmast, aber
die Offensive geht weiter. "Wir kennen keine Verzeihung und kein Erbarmen, wir
werden jeden vernichten, der uns in den Weg tritt. "53 Der dritte Teil des Romans
ist nach dem Prinzip der Steigerung aufgebaut. Auf den Widerstand des Materials
in der Produktion folgt die Entlarvung des Schädlings, den Höhepunkt aber bildet
der Kirow-Mord als Beweis für das Agieren des Feindes auf höchster Ebene.
Diese Komposition geht auf das sozialistisch-realistische Prinzip der "künstleri-
sehen Verallgemeinerung" des Materials zurück. Das dokumentarische Material aus
der Dsershinski-Kolonie, das auch Makarenkos "Pädagogischem Poem" (1933-
1936) zugrunde liegt, enthält nämlich keinerlei Hinweise auf einen Saboteur.

50 A.S. Makarenko, Werke Bd. 3, Berlin 1971, S. 319.


51 Ebd., S. 452.
52 Ebd.
53 Ebd., S. 455.
Held und Feind als Archetypen des totalitären Mythos 61

Außerdem hat der Autor den Schluß der Handlung, die ursprünglich um 1932
herum endete, auf 1934 verschoben, um den Kirow-Mord einbauen zu können. Die
"künstlerische Verallgemeinerung" steht in krassem Gegensatz zu der früher geäu-
ßerten pädagogischen Überzeugung des Autors von der grundsätzlichen Erziehbar-
keit des Menschen, zu seinem Glauben, daß es keine moralisch defekten Menschen
gibt. 54
Die Kriegsliteratur bringt eine entscheidende Wendung in der Darstellung des
Feindes mit sich. Im Krieg appelliert die Partei unter Berufung auf nationale und
traditionelle Werte an die Abwehrbereitschaft der russischen "Brüder und Schwe-
stern". Die ideologische Kontrolle läßt nach. Man hat daher auch von einer
"Vermenschlichung" der sowjetischen Ideologie dieses Zeitraums gesprochen. In der
Prosaliteratur macht sich eine Tendenz zum beschreibend-dokumentarischen Genre
bemerkbar. Dies läuft auf eine Schwächung der totalitären Ideologie und Mythologie
hinaus. 55 Die Umgestaltung des Feindbildes hängt wesentlich damit zusammen, daß
der Krieg die Konfrontation mit dem realen Feind auf die Tagesordnung setzt. Die
in den dreißiger Jahren emporgewucherte Dämonenfurcht, die es mit dem verbor-
genen inneren Feind und Schädling zu tun hat, ist angesichts der bedrohlichen
unmittelbaren Realität des Krieges nicht mehr angebracht. Dies muß sich auf die
Darstellung des Feindes auswirken. Nehmen wir als Beispiel Alexander Fadejews
"Junge Garde". Im Mittelpunkt der Handlung steht der Widerstand einer Gruppe
von Komsomolzen gegen die deutschen Okkupanten in der ukrainischen Stadt
Krasnodon. Der Roman ist, sieht man einmal von bestimmten lyrisch-idealisieren-
den Passagen ab, weithin in einem neutral berichtenden Stil geschrieben und gibt
sich den Anschein des Dokumentarischen. Die deutschen Besatzer und auch die
einigen wenigen Kollaborateure werden kaum individualisiert. Eine Ausnahme ist
der abstoßend gezeigte SS-Mann Peter Fenbong, ein stinkender "dicker, etwas
kahlköpfiger Scharführer mit Weiberstimme, Goldzähnen und heller Hornbrille",56
der das Foltern gleichmütig als Beruf ausübt.
Der Roman verzichtet völlig auf das Instrumentarium totalitärer Dämonologie.
Interessant ist eine Stelle, wo der erfahrene Altkommunist Prozenko eine Komso-

54 Vgl. K. Hielscher, ,,Anton S. Makarenkos Flagi na basnjach I Flaggen auf den Türmen
als Modell der sowjetischen Gesellschaft der dreißiger Jahre", in: Referate und Beiträge
zum VIII. Internationalen Slavistenkongreß Zagreb, München 1978, S. 287-311.
55 V gl. E. Dobrenko, Metafora vIasti. Literatura stalinskoj epochi v istoriceskom osveScenii,
München 1993, S. 217-221. Dobrenkos Einschätzung der Kriegsliteratur ist jedoch
widersprüchlich. Er räumt einerseits eine Schwächung der Ideologie ein, vertritt aber
auf der anderen Seite die Ansicht, in der Kriegsperiode komme nur eine "neue Stimme"
der totalitären Macht zur Geltung, es handle sich also um keinen "Rückzug", sondern
nur um eine "Transformation" der Macht.
56 A. Fadejew, Die junge Garde, Berlin/Moskau o. J. (Übers. nach der Ausgabe von 1959).
62 Hans Günther

molzin vor allzu großer Vertauensseligkeit warnt: "Es gibt noch viele Ehrlose,
Menschen, denen eine Idee etwas Zeitweiliges ist, wie ein Kleidungsstück, oder die
sie nur als Maske benutzen - die Volksfeinde haben nicht wenige Beispiele hierfür
geliefert, die Faschisten aber erziehen solche Menschen millionenweise in der ganzen
Welt ... "57 Die Volksfeinde fungieren hier bezeichnenderweise nur noch als histori-
sche Erinnerung an die dreißiger Jahre. Die Gefährlichkeit des real und offen
existierenden Kriegsgegners stellt die im Stalinschen Hexensabbat entlarvten Feinde
des Volkes in den Schatten.
In der sowjetischen Kriegsliteratur dominiert das Bild des sadistischen Gegners. 58
Seine menschenverachtende Grausamkeit, seine Gewaltanwendung gegen Kinder
und Frauen werden naturalistisch ausgemalt, um Haß zu erzeugen. 59 Das Feindbild
der sowjetischen Kriegsepoche liegt nicht mehr auf der Linie des totalitären Mythos,
der einen verborgenen inneren Feind annimmt. Von den auf übermächtigen Projek-
tionen beruhenden Ausgeburten psychotischer Phantasie unterscheidet sich der
Kriegsgegner, wie die grausame Erfahrung des Krieges lehrt, durch seine unabweis-
bare Realität. Eine vergleichende Darstellung des Kriegsgegners in verschiedenen
Ländern würde vermutlich ergeben, daß das sowjetische Bild des sadistischen Feindes
sich nicht wesentlich von ähnlichen propagandistischen Erzeugnissen anderer Län-
der unterscheidet. Sie ist also nicht spezifisch totalitär.
Kennzeichnend für die totalitäre Kultur ist vielmehr etwas anderes: der Realitäts-
verlust, der sich daraus ergibt, daß über der Hexenjagd nach verborgenen inneren
Schädlingen in den dreißiger Jahren der wirkliche Feind in seiner aggressiven
Bedrohlichkeit unterschätzt wurde. Die schier unfaßbare Konzentration der Energie
auf die "Säuberung" von "unreinen" Elementen und die daraus resultierende kata-
strophale Schwächung des Landes nützte letztlich nur dem real existierenden deut-
schen Angreifer.
Die sich an den Krieg anschließende Shdanow-Periode erscheint demgegenüber

57 Ebd., S. 443. In der sowjetischen Ausgabe von 1959 ist der Hinweis auf die Volksfeinde
weggelassen.
58 Nach Igor' Smirnov, der die These von der masochistischen Natur des stalinistischen
Totalitarismus vertritt, ist der Sadist mit seiner nach außen gerichteten Destruktivität
der Antipode des masochistischen Psychotyps, dessen Destruktivität nach innen gekehrt
ist und dessen Existenz daher auf Entsagung, Leiden, Verlust, bis hin zur physischen
Verstümmelung, beruht. Smirnov führt eine Reihe von Beispielen für die sadistische
Natur des Feindes aus verschiedenen Phasen der Sowjetkultur an. Mir geht es jedoch
in diesem Zusammenhang um die Spezifik des Feindesporträts einer bestimmten Etappe
der sowjetischen Literarur, nämlich der Kriegsepoche. Vgl. I. P. Smirnov, Psichoistorija
russkoj literarury ot romantizma do naSich dnej, Moskau 1994 (Teil D 2: "Totalitarnaja
kul'rura, ili mazochizm").
59 Vgl. E. Dobrenko, Metafora vIasti, S. 261-285.
Held und Feind alr Archetypen des totalitären Mythos 63

als Versuch der sowjetischen Macht, nach einer Phase der erzwungenen Zurücknah-
me wieder zur gewohnten Dämonologie zurückzukehren. In dieser neuerlichen
Entwicklungsspirale totalitärer Kultur während des Kalten Krieges nimmt das ge-
sellschaftliche Böse neue Züge an. Zum Hauptfeind avanciert der getarnte Kosmo-
polit, der mit seinen undurchsichtigen Verbindungen zum äußeren Gegner als Teil
einer umfassenden antisowjetischen Weltverschwörung aufgefaßt wird. Der neue
"objektive Feind" trägt zunehmend jüdische Züge. Damit wird der sowjetische
Totalitarimus, wie Wassilij Grossman in seinem Roman "Leben und Schicksal"
(deutsche Übersetzung 1984) veranschaulicht, seinem nationalsozialistischen Bruder
ähnlicher. Es ist nicht klar, wohin diese Entwicklung geführt hätte, wäre sie nicht
durch Stalins Tod abgebrochen worden.
Robert Maier

Von Pilotinnen, Melkerinnen und Heldenmüttern

Frau und Familie unter Stalin - Vergleichsebenen zum Nationalsozialismus

Einleitung

Vor einigen Jahren veröffentlichte die Zeitung "Moskowskije Nowosti" Bild und
Zuschrift zweier Frauen aus Batumi. Das Bild zeigte die Frauen neben einer
Stalin-Büste stehend; der Text, der Bezug nahm auf Enthüllungen von Verbrechen
der Stalinzeit, lautete folgendermaßen: "Nein, nein und nochmals nein! Es wird euch
nicht gelingen, Stalin dem Andenken der Menschen zu entreißen. Je mehr ihr gegen
ihn hetzt, desto mehr werden wir ihn lieben." I Der Satz" Unter Stalin hätte es das
nicht gegeben!" ist als Kommentar zu Unordnung, Chaos und moralischem Verfall
selbst heute noch überwiegend aus betagtem weiblichem Mund zu vernehmen, und
auch die Stalinbilder, die seit der Perestrojka-Zeit häufig auf Demonstrationen zu
sehen sind, werden vornehmlich von Frauen mitgeführt. Eine sich als Nachfolgeor-
ganisation der Kommunistischen Partei verstehende "Allunionistische Kommunisti-
sche Partei der Bolschewiki" übernahm unter ihrem weiblichen Generalsekretär,
Nina Andrejewa, als Statut direkt das Stalin-Parteiprogramm von 1952. Die Stalin-
Nostalgie im Rußland der spät- und postsowjetischen Zeit scheint eine starke
weibliche Wurzel zu haben.
Dies bedarf einer Erklärung. Man darf dahinter einen Reflex auf spezifische,
positiv empfundene Erfahrungen vermuten, die Frauen mit der Herrschaft Stalins
verbanden. Die Beobachtung einer nachhaltigen Identifizierung von Frauen mit dem
Stalin-Regime wirft die Frage auf, welche Rolle die Frau generell im Stalinschen
System spielte.
Darauf hatte die Forschung bisher verschiedene Antworten geliefert. Befaßte sie
sich mit der wachsenden ökonomischen und sozialen Mobilität sowie dem bildungs-
mäßigen Aufstieg der Frauen, dann erschienen die Frauen als verfügbares Objekt
von Modernisierungsbestrebungen des bolschewistischen Regimes. Beschäftigte sie

1 Moskovskie Novosti vom 14.5.1989.


Von Pilotinnen, Melkerinnen und Heldenmüttern 65

sich mit Frauen in der Tradition der Totalitarismusforschung, dann gerieten Frauen
nur als Opfer des Terrors oder als Staffage für Selbstinszenierungen des Regimes ins
Blickfeld. Dies war eine Folge der Annahme dieser Forscher, der Sowjetstaat sei
durchgehend monolithisch und zentralistisch aufgebaut und setze seine Interessen
stets mit Gewalt durch. Sie übersahen, daß auch in einem solchen Staat politische
Steuerung nicht gänzlich ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Gruppeninteressen
stattfinden konnte. In der Realität waren diese Interessen widersprüchlich und einer
ständigen Modifizierung und Neuformierung im Verlauf der sozialen und ökono-
mischen Entwicklung ausgesetzt. Fragen bezüglich der Strategien von Repression
und Integration waren somit ständig virulent.
Die gebannte Fixiertheit auf die Allmacht des bolschewistischen Staates und auf
die Ohnmacht der Beherrschten teilen die Totalitarismusforscher mit radikalen
feministischen Ansätzen in der Frauenforschung. Letztere begreifen nämlich Stalini-
sierung als Unterwerfung der Frau unter einen Repatriarchalisierungsprozeß, der die
Ansätze weiblicher Emanzipation im Gefolge der Revolution von 1917 zunichte
machte und an dessen Ende ein von Stalin errichtetes "Superpatriarchat" stand. 2
Selbst die sehr viel differenzierter argumentierende Francine du Plexis Gray sprach
in einem ähnlichen Sinne von einer "von Stalin verordnete{n) Redomestizierung der
Frau".3
Weniger "frauenbewegt" vorgetragene Analysen bewiesen anhand zahlreicher
sozialer und ökonomischer Entwicklungen, wie weit die sowjetische Frau auch nach
dem fragwürdigen Emanzipationsschub der dreißiger Jahre noch von einer Gleich-
berechtigung entfernt war. Sie brachten zutage, daß sich scheinbare Erfolge, speziell
in der ökonomischen Gleichstellung, unter den stalinistischen Bedingungen in ihr
Gegenteil verkehrten, und so neigten ihre Autoren bzw. Autorinnen dazu, eine
Verwirklichung auch nur von Voraussetzungen weiblicher Emanzipation in Abrede
zu stellen.
Darstellungen aus apologetischer Feder, die versuchten, aus dem Stalinismus
frauenemanzipatorische Kerne herauszuschälen,4 wurden damit überwunden. Das
war auf der einen Seite gewiß zu begrüßen, denn damit wurde ideologischer Balast
abgeworfen, auf der anderen Seite war dies die einzige Forschungsrichtung gewesen,
die Frauen in ihrer gesellschaftlichen Eigentätigkeit, in ihrem Subjektcharakter, ernst
genommen hat, freilich in naiver Weise, da sie Realität und Fiktion nicht unterschei-
den konnte. Erst in neuerer Zeit tauchte diese Perspektive in der sozialgeschichtli-
chen Forschung vornehmlich amerikanischer Provenienz wieder auf. In Deutschland
man kann hierbei eine Verbindung ziehen zu der Debatte um die weibliche

2 Vgl. T. Mamonova (Ed.), Wornen and Russia, Boston 1984.


3 F. du Plessix Gray, Drahtseilakte. Frauen in der Sowjetunion, München 1990, S. 195.
4 Vgl. M.W. Mandel, Soviet Wornen, New York 1975.
66 Robert Maier

"Mittäterschaft", die in bezug auf den Nationalsozialismus geführt wurde - ist dieser
Perspektivenwechsel noch jüngeren Datums.
Parallel dazu können wir in der russischen Publizistik eine grotesk anmutende
Verzerrung dieses Ins-Blickfeld-Rückens der Frau beobachten. In der Zeitung "Ne-
sawisimaja gaseta" entbrannte im Frühjahr 1993 ein Streit darüber, inwieweit nicht
die Frauen überhaupt als Schuldige am dunklen bolschewistischen Kapitel der
russischen Geschichte anzusprechen sind. Aus einem angeführten Manifest seien
einige Ausschnitte zitiert: "Die Revolution ist ein Femininum. Sie verkörpert sich in
diesen kinderlosen Fanatikerinnen, in den mit Revolvern bewaffneten Kommissa-
rinnen in Lederjacken. Die Frauen, die in die Revolution gegangen waren, vereinig-
ten Weiblichkeit mit Blutgier, verrieten ihre Männer und ließen ihre Liebhaber
erschießen." Die Rede ist von "roten Teufelinnen". Der Text fährt fort: "Sowjetische
Frauen entwickelten die Eigenschaften, die ihrem Geschlecht nicht eigen und nicht
nötig sind: Entschlossenheit und Herrschsucht, starker Wille und diktatorische
Bestimmtheit. Diese Eigenschaften übernahmen sie von dem einzigen Mann, den
sie verehrten: vom Staat. Sowjetische Frauen hegten eine geheime masochistische
Liebe zu diesem männlichen Geschöpf. "5
Den Versuch, den Frauen eine spezielle Schuld für dramatische gesellschaftliche
Fehlentwicklungen zuzuweisen, ist auch in bezug auf den Nationalsozialismus nicht
unbekannt. Gerne wurde dabei darauf Bezug genommen, daß Hitler einmal die
Frauen als seine "treuesten fanatischen Mitkämpferinnen" bezeichnete. Es fällt nicht
schwer, diese Äußerung mit authentischem Material zu belegen und so die "Schuld-
these" plausibel zu machen. Seriöse Studien haben jedoch gezeigt, daß z.B. das
weibliche Wahlverhalten zum Ausgang der Weimarer Republik eher Anlaß für die
umgekehrte These gibt. Frauen hatten zu dieser Zeit eine größere Distanz zur
nationalsozialistischen Bewegung als Männer. 6 Auch für die Anfänge des Bolsche-
wismus kann eine solche Feststellung getroffen werden.

Gründe für eine aversive Haltung von Frauen


gegenüber dem revolutionären Bolschewismus

Rußland war über die Revolution von 1917 hinaus ein Agrarland, und Nadeshda
Krupskaja, die Lebensgefährtin Lenins, schrieb Mitte der zwanziger Jahre über die
Landbevölkerung: "Ist der Bauer völlig durchdrungen von einer individuellen Psy-
chologie, so kann man dies noch mehr behaupten von der verheirateten Bäuerin.
Deren ganzes Interesse beschränkt sich auf die enge Sphäre des eigenen Haushalts.

5 Zit. nach: taz vom 8.5.1993.


6 Vgl. Lück, Frauen unterm Hakenkreuz, Berlin 1980.
Von Pilotinnen, Melkerinnen und Heldenmüttern 67

Die verheiratete Bäuerin ist ein besonders finsteres, besonders abgesondertes soziales
Element. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber dies ist die Regel. "7 Formen der
Vergesellschaftung standen die Bäuerinnen skeptisch bis aversiv gegenüber, egal, ob
es um Wäschereien ging oder um kollektive Verköstigung in Form von Kantinen.
Die Feindseligkeit kulminierte im Zusammenhang mit der Kollektivierung. Aus
einer Vielzahl von Berichten geht eine besondere Resistenz der Frauen hervor. Sie
führten demnach in den Listen der Arbeitsverweigerer, sie betrachteten eine Mitar-
beit im Dorfsowjet als schmählich, und sie radikalisierten sich in aufsehenerregender
Weise, als die Kollektivierung auf die Grundlage der individuellen Ernährungswirt-
schaft, auf das Hofland und die letzte Kuh, übergriff. Es kam zu den sogenannten
Weiberaufständen, die - mit dem Mute der Verzweiflung geführt - die Partei zum
Rückzug zwangen. Stefan Merl sprach in diesem Zusammenhang vom "Sieg der
russischen Bäuerinnen über den Sozialismus". 8
Die Frau als Mutter besaß in der frühen Phase des bolschewistischen Regimes
keinen besonderen Stellenwert. Von der Ideologie her war das Mutterwerden ein
eher störendes Faktum, bestenfalls eine belanglose Privatangelegenheit. Ziel war es,
die damit verbundenen individuellen Implikationen staatlicherseits weitestgehend
zu kompensieren bzw. zu reduzieren. Attribute der Mütterlichkeit spielten in der
Propaganda kaum eine Rolle. Noch zu Beginn der Kollektivierung war auf Bildern
und Plakaten stets die jugendliche, schlanke, elanvolle Arbeiterin zu sehen. Breite
Hüften und große Brüste, die traditionellen Merkmale weiblicher Reife und Frucht-
barkeit, waren bei Frauendarstellungen verpönt.
Die Ignoranz gegenüber der Mutter paarte sich mit der Mißachtung der Haus-
frau. Der Terminus "domaschnjaja chosjajka" (Hausfrau) war im frühen sowjeti-
schen Sprachgebrauch so negativ besetzt, daß er häufig nur pejorativ oder ironisch
gebraucht wurde. Der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare der RSFSR, D.E.
Sulimow, brachte 1936 in einer Rede rückblickend die herkömmliche Sicht des
bolschewistischen Regimes auf die Hausfrau zur Sprache, als er sie als "die zahlreich-
ste und zugleich die rückständigste Abteilung unter all unseren Frauen" bezeichne-
te. 9 Gemeinhin existierte die Hausfrau in der politischen Öffentlichkeit schlicht
nicht, was eine 52jährige Betroffene zu folgender drastischen Aussage bewegte:
"Manchmal schien es mir, daß man uns, die Hausfrauen, nicht einmal zu den
Menschen zählte. Nirgendwohin rief man uns, unsere Meinung interessierte nieman-
den." 10 Ein Interview mit einer Altbolschewistin, die sich nach Beendigung des
Bürgerkriegs "bewußt" - wie sie sagte - wegen der Erziehung ihrer beiden Kinder

7 Zit. in: P.M. Cirkov, Rdenidenskogo voprosa v SSSR, (l917-1937gg.), Moskau 1978.
8 S. Merl, Bauern unter Stalin, Berlin 1990, S. 257.
9 Rabotnica, Nr. 16, 1936, S. 8.
10 übscestvennica, Nr. 4, 1939, S. 25.
68 Robert Maier

der Hausfrauentätigkeit verschrieb, macht deutlich, daß die Verbindung von Partei-
mitgliedschaft und Hausfrauenstatus nahezu als Paradoxon empfunden wurde. Auf
die Verwunderung ihres Gegenübers eingehend, sagte die Frau: "Sie haben recht, es
erscheint vielleicht seltsam, daß ich, ein Parteimitglied seit dem Jahr 1918, eine
Mitarbeiterin im Moskauer Sowjet während der Oktobertage, eine Teilnehmerin des
Bürgerkrieges, nun ,Hausfrau' bin. Ich weiß es selbst nicht, vielleicht ist es ein
Verbrechen vor der Partei, vor dem Land, vor den Genossen."1l
Der revolutionäre Angriff auf die Familie als Hort der Tradierung kleinbürgerli-
cher Normen und Werte ließ im Weltbild der Bolschewiki für eine Hausfrau keinen
Platz. Sie war eine Art Fossil. Wenn sie keiner Arbeit nachging, wurde ihr dies als
Arbeitsdesertion ausgelegt. Nicht nur ironisch wurde sie mit einer Prostituierten
verglichen. Die Theorie vom Absterben der Familie und der intendierten gesell-
schaftlichen Aufhebung ihrer reproduktiven Funktionen sei hier nur erwähnt. Sie
bildete den Hintergrund einer Gesetzgebung, die sich als frauenemanzipatorisch
verstand, faktisch aber viele Frauen in noch schlimmere Nöte brachte als zuvor.
Da der Staat nur marginal oder überhaupt nicht in der Lage war, seine Verspre-
chungen zu halten und die Funktionen zu übernehmen, die ehedem von der Familie
geleistet wurden, bewirkte die Zerschlagung bzw. Auflösung der Familie einen z.T.
katastrophalen Ausfall, dessen Opfer die Schwächsten wurden: Frauen und Kinder.
Es kam vor, daß Frauen im Frühjahr geheiratet und im Herbst, wenn die Feldarbeit
getan war, wieder fortgejagt wurden - der Mann nannte dies dann Scheidung, und
ob die Frau schwanger war, interessierte ihn nicht. "Möge sich der Staat darum
kümmern!", klang es den Betroffenen höhnisch im Ohr.
Bei einem Treffen von Kolchosbäuerinnen mit Maxim Gorki war es einer Bäuerin
ein besonderes Anliegen, das Gespräch auf das "schandbare Verhalten gewisser
Ehemänner" zu bringen. Diese verließen gemäß ihrer Schilderung bedenkenlos und
ohne Rücksicht auf gezeugte Kinder ihre Frauen und nahmen sich immer wieder
eine neue, wobei sie sehr viel Unglück über die Frauen brachten und auch das
Arbeitsklima auf dem Kolchos vergifteten. 12 Die Folgen des "don-shuanism" (Don-
juanismus) hatten innerhalb der weiblichen Bevölkerung vielfach Erbitterung wach-
sen lassen. Da die Sowjetpresse einer Sensationsberichterstattung auf dem Gebiet
zwischenmenschlicher Beziehungen abhold war, muß der Bericht der "Wetschernjaja
Moskwa" über "Die sieben Frauen des Pjotr Kosenko" als die Spitze eines Eisberges
betrachtet werden. Nach diesem Bericht heiratete jener Pjotr K. im Jahr 1932 eine
Christina Belousowa. Später stellte es sich heraus, daß sie seine siebte Frau war. "Die
sieben Frauen der Pjotr Kosenko sind über das ganze Land verstreut. Wo immer es
ihn hin verschlug, landete er im Hafen der Ehe. Im Kaukasus und in der Stadt Rusa,

11 0 sehe i 0 detjach, Moskau 1936, S. 43.


12 Kolchoznica, Nr. 9, 1934, S. 9.
Von Pilotinnen, Melkerinnen und Heldenmüttern 69

in Moskau und in Mantschurinsk - überall hinterließ der liebreiche Kosenko seine


Spur in den Herzen und auf den Standesämtern. (... ) Kosenko verbarg auch gar nicht
seine Abenteuer. Er selbst zeigte Christina die Photos seiner Frauen und schleuderte
ihr die garstigen Worte ins Gesicht: ,Ich habe viele Frauen und alle sind besser als
Du.' (... ) Das Leben von Christi na Belousowa bestand aus den Schlägen ihres
Mannes, aus Schimpf und Spott, aus Tränen und Kränkungen. (... ) Kosenko verließ
planmäßig das Haus - er ging weg, um zu heiraten. Nach einiger Zeit erschien er
wieder, machte gegenüber Christina seine ehelichen Rechte geltend und zwang sie,
seine Wäsche zu waschen. Dann verschwand er erneut." Weder die Miliz noch die
Hausverwaltung waren dem Bericht nach zu einem Einschreiten zu bewegen. Die
Mitbewohner, denen die sich abspielenden Szenen nicht verborgen geblieben waren,
entrüsteten sich und wollten helfen, aber der Versuch scheiterte bereits daran, daß
kein Wohnraum für Christina B. aufzutreiben war. 13

Ansatzpunkte für ein Greifen der Stalinschen pro-women-policy

Etwa in den Jahren 1932 bis 1936 vollzog sich etwas in der sowjetischen Gesellschaft,
was in der Historiographie als "reaktionäre Wende" oder als "der große Rückzug"
bezeichnet worden ist. Ich bin der Ansicht, daß diese Veränderungen weniger darauf
zurückzuführen sind, daß jemand etwas reaktionär wendet oder sonst wie agiert,
sondern daß ein vielfältiger gesellschaftlicher Druck die Stalinsche Führung gezwun-
gen hat, in einer gewissen Weise zu reagieren. Dieser Druck hatte viel zu tun mit
der enormen Unzufriedenheit von Frauen. Stalin und seine Genossen erwiesen sich
als geniale Technologen der Macht, indem es ihnen gelang, diesen Druck nicht nur
zu mindern oder zu neutralisieren, sondern ihn in einen Schub für die eigene - gewiß
modifizierte, den neuen Bedingungen angepaßte - Politik zu verwandeln. Es geschah
dies im Rahmen einer Strategie, die Stalin in vielen weiblichen Augen zum Patron
einer frauenfreundlichen Politik werden ließ. Ich will dies die Stalinsche pro-wo-
men-policy nennen und einige Beispiele für das Funktionieren dieser Politik skizzie-
ren.

Stalin wirbt um die Kolchosbäuerin

Stalins Stellungnahme im Konflikt um die Hoflandkuh hatte manche Kolchosfrau


nachhaltig beeindruckt. Er hatte die Kehrtwende ab März 1930 in Form einer
Duldung der privaten Nebenwirtschaften und schließlich sogar die staatliche Förde-

13 Abgedruckt in Vozrozdenie vom 1.10.1935.


70 Robert Maier

rung einer begrenzten privaten Tierhaltung mit dem Stempel einer Stalinschen
Initiative versehen. Der Mythos von Stalin als dem Retter der bäuerlichen Bevölke-
rung vor dem Terror erbarmungsloser lokaler Machthaber war geboren. Diese Linie
als Verteidiger der bäuerlichen Subsistenz-Hoflandwirtschaft setzte er fort. Auf dem
II. Unionskongreß der Kolchos-Stoßarbeiter am 15. Februar 1935 ging er scharf ins
Gericht mit Strömungen, die für eine rigidere Sozialisierungspolitik eintraten: "Ihr
laßt die persönlichen Interessen der Kolchosniki völlig außer acht, wenn ihr davon
sprecht, daß man dem Kolchosnik nicht mehr als ein Zehntel Hektar Hofland geben
dürfe. Einige meinen, daß man keine Kuh, andere, daß man kein Mutterschwein
erlauben dürfe. Überhaupt wollt ihr den Kolchosnik auspressen. Dabei kommt
nichts heraus. Es ist verkehrt. (... ) Es ist besser, geradeaus, offen und ehrlich
einzuräumen, daß zu einem Kolchoshof auch privates Hofland gehören soll, nicht
sehr groß, aber privat. (... ) Wird erst mal eine Familie gegründet, treten Kinder,
persönliche Bedürfnisse und persönliche Neigungen auf, die zu beachten man nicht
umhin kommt. Ihr habt kein Recht, die persönlichen alltäglichen Interessen der
Kolchosniki zu mißachten. Ohne dies kann man die Kolchose nicht festigen."14
Wenn Stalin mit der abschließenden Vorhaltung: "Die Mehrheit denkt da ein wenig
anders!" den Sozialisierern eine Minderheitenposition attestierte, konnte er sich des
Beifalls dieser Mehrheit sicher sein, darunter insbesondere den der Bäuerinnen, die
er mit dem Verweis auf die Familie indirekt ansprach. Die Zeitschrift "Kolchosniza"
ließ in ihrem Kommentar den Druck anklingen, der von der breiten Dorfbevölke-
rung ausging und den Stalin durch entsprechenden Stellungs bezug für sich in einen
Schub verwandelte: "Genosse Stalin forderte die Aktivisten auf, sich nicht von den
Massen zu entfremden, keine unnötige und vollkommen überflüssige Unzufrieden-
heit hervorzurufen, sondern die Stimmungen und Wünsche der Massen zu berück-
sichtigen." 15
Noch ein anderes Moment kam hinzu: Das sowjetische Dorf glich nach der
Kollektivierung einem vom Krieg verwüsteten Land. Der Weg zu einem Wiederauf-
bau im herkömmlichen Sinne war verstellt, denn es war ja gerade das Ziel der
Kollektivierer gewesen, die alten Strukturen zu zerschlagen. Das Kolchossystem war
im Begriff, das wirtschaftliche Geschehen dauerhaft zu lähmen. Seine Akzeptanz in
der Bevölkerung wurde primär mit Terror erzwungen und war auf dessen Perpetu-
ierung angewiesen. Die Geschichtsschreibung ging bisher allzu selbstverständlich
davon aus, daß allein eine Modifizierung der bolschewistischen Landwirtschaftspo-
litik die Ausweglosigkeit dieser Situation aufbrach und zwar keine Gesundung, wohl
aber eine gewisse Konsolidierung mit sich brachte. Lockerungen und Konzessionen
der Politik waren aber nur die Voraussetzungen - noch dazu abgenötigte -, um aus

14 l.v. Stalin, Socinenija, Bd. 1 (XIV), Stanford 1967, S. 53 f.


15 Kolchoznica, Nr. 4,1935, Zweite Umschlagseite.
Von Pilotinnen, Melkerinnen und Heldenmüttern 71

dem Jammertal von Tod, Hunger und Seuchen herauszukommen. Vollbracht hat
dies die Bauernschaft selbst, wobei dem Überlebenswillen der Landfrauen eine
überragende Bedeutung zukam. Das Ausmaß der Katastrophe und die Zahl der
Opfer der Kollektivierungsmaßnahmen sind zu groß, als daß man sich noch größere
Dimensionen vorstellen kann. Dennoch spricht viel für die These: Landfrauen haben
Schlimmeres verhindert. Daß die dabei unausweichlich vollzogene Anpassung an die
sowjetischen Verhältnisse in nicht unbeträchtlichem Maße in Kollaboration mit der
Sowjetmacht überging, war erst in zweiter Linie geschickter Regieführung der
Stalinisten geschuldet. Die Tatsache, daß sich Kolchosbäuerinnen plötzlich an der
Seite stalinistischer Ordnungspolitiker wiederfanden, hat seine Wurzel in der Kolli-
sion elementarer weiblicher Überlebensstrategie mit dem anarchischen Gebaren des
russischen Mushik und frauenfeindlichen Attitüden lokaler Apparatschiki.
Es konnte auf Dauer keine weibliche Strategie sein, das herrschende Chaos, den
Produktionsausfall, den Nahrungsmangel, die Verunkrautung der Felder, die Aus-
zehrung der Nutztiere, die Schrumpfung des Viehbestandes usw., durch Destruktion
bzw. eine teilnahmslose boykottähnliche Haltung gegenüber der bolschewistischen
Politik noch zu steigern. Das Regime hatte demonstriert, daß es in der Lage war,
unter den Folgen von dörflicher Unfügsamkeit vornehmlich die Landbevölkerung
leiden zu lassen. In dem Maße, in dem der Widerstand von der breiten Masse der
Kolchosbäuerinnen als zunehmend aussichtslos angesehen wurde, mußte das Bedürf-
nis nach einem Arrangement mit den Machthabern wachsen. Diese Überlegung war
bei Frauen vermutlich eher anzutreffen als bei Männern, die, dezimiert durch die
Verluste infolge des offenen Widerstandes, vermehrt in Gefahr waren, in Zynismus
und Apathie zu verfallen oder im Alkohol Zuflucht zu suchen. Mütter sind mit dem
Hunger ihrer Kinder leichter erpreßbar. Der Zwang, das Überleben irgendwie unter
den gegebenen Verhältnisse organisieren zu müssen, konnte leicht in einen Zielkon-
flikt hineinführen, in dem Stabilisierung und Ablehnung der von den Bolschewiki
geschaffenen Strukturen sich gegenüberstanden. Ein Friede mit der neuen Ordnung,
so die Frauen sich einmal auf ihn eingelassen hatten, entfaltete zwangsläufig seine
eigene Logik. Passiver Widerstand, Sabotage, Arbeitsverweigerung etc. wendeten
sich nun gegen die eigenen Ambitionen. Ein Frontwechsel von Frauen zeichnete sich
ab. Dieser war nicht ideologisch motiviert, er war ein Resultat pragmatischen
Handelns im scheinbar politikfernen, von Tagesinteressen beherrschten Raum. Der
Kampf gegen Chaos und gegen die Destruktion, welche die Lebensgrundlagen
untergrub, und die objektive Begünstigung sowjetischer Strukturen waren zwei
Seiten einer Medaille. Nicht von ungefähr findet man in zeitgenössischen Karikatu-
ren den Kolchos immer repräsentiert durch eine resolute Bäuerin. Nicht selten ist
diese damit beschäftigt, mit eisernem Besen Männlein zu scheuchen, welche un-
schwer als Kulaken, Säufer, Tagediebe etc. zu identifizieren sind.
Daß die Sowjetrnacht nichts unversucht ließ, Kolchosfrauen zu diesem Schritt
72 Robert Maier

des aktiven Arrangements zu bewegen, daß die Staatsrnacht auch Konzessionen


machte, den Frauen den Rücken stärkte und ihnen Angebote machte, kann hier nur
konstatierend vermerkt werden.

Stalin sanktioniert Mutterrolle und Familie

Nachdem das en0rme Anwachsen der Zahl der verwahrlosten, heumstreunenden


Kinder, der sogenannten Besprisorniki, das Scheitern der verstaatlichten Kinderauf-
zucht evident werden ließ, machte sich Stalin plötzlich mit sicherem politischen
Instinkt zum Wortführer einer populären Grundstimmung. "Die Frauen" - sagte er
auf dem 17. Parteitag im Januar 1934 - "sind dazu berufen, unsere Kinder, unsere
künftige Generation, das heißt unsere Zukunft, zu erziehen."16 Dieses einfache
Sätzchen wurde als ungemeine Aufwertung der Frau interpretiert und kolportiert.
Wir sehen Stalin in der Folgezeit, wie er seiner Mutter einen Besuch abstattet,
nachdem er sie zuvor über Jahre völlig ignoriert hatte. Der Besuch war überaus kurz
und verlief recht einsilbig, wurde aber von Malern in Öl verewigt, von Poeten in
Gedichten verherrlicht und in rührenden Darstellungen für ein empfangsbereites
Publikum aufbereitet. Den Zeitungsleserinnen wurden in Artikeln wie "Zu Gast bei
der Mutter Budjonnys"17 die Mütter führender Bolschewiki vorgestellt. Die Hoch-
schätzung der Mutter wurde mit dem Verweis zurückdatiert, daß "die Sowjetunion
längst die Mutterschaft als ,soziale Funktion' der Frau anerkannt hat".lB Als ob es
nie eine Diskussion um das Absterben der Familie gegeben hätte, wurde behauptet:
"Immer haben die Bolschewiki auf eine gute und gefestigte Familie Wert gelegt und
sie tun dies auch jetzt. Eine gesunde Familie ist die Quelle des Guten und Positi-
ven."19 Weiter hieß es: "Die Linksradikalen, die eine Zerstörung der Familie im
Sozialismus vorausgesagt haben, haben sich verrechnet. Die Sowjetfamilie festigt
sich, und das Kind wird ein unerläßlicher Begleiter unseres freudvollen Lebens. "20
Vorstellungen von "freier Liebe" wurden mit Verweis auf Lenin als "kleinbürgerliche
Theorien" gebrandmarkt bzw. als bösartige Erfindung des Kulakentums ausgegeben.
Vor dem Horrorbild einer "Sozialisierung" der Frauen in der Form, "daß in den
Kolchosen alle unter einer gemeinsamen dreißig Meter umfassenden Decke schlafen

16 Stalin, Werke Bd. 13, Berlin 1955, S. 301.


17 Vgl. Kolchoznica, Nr. 7, 1935, S. 14. S.M. Budennyj war im Jahre 1935 Marschall der
Sowjetunion. Er galt als "Vater" der sowjetischen Kavallerie mit herausragenden Lei-
stungen im Bürgerkrieg.
18 Rabotnica, Nr. 6, 1936, S. 4.
19 übscestvennica, Nr. 5, 1938, S. 5.
20 übscestvennica, Nr. 17118, 1937, S. 29.
Von Pilotinnen, Melkerinnen und Heldenmüttern 73

werden",21 mußte keine Kolchosbäuerin mehr erschauern, was sie mit einem "Sta-
lin-sei-Dank" registrieren konnte. Der Mutterinstinkt wurde wieder in seine Rechte
eingesetzt und selbst eine N.K. Krupskaja schrieb ihm zu, daß er "der Frau viel
Freude gibt" und beispielsweise "eine Lehrerin meist davor bewahrt, sich Kindern
gegenüber formal und bürokratisch zu verhalten".22 Während N.K. Krupskaja die
Aufwertung der Mutterrolle mittrug und jede Frau als "gegenwärtige oder zukünftige
Mutter" ansprach, versuchte sie der Trendwende in der Familienpolitik gegenzusteu-
ern: "Es ergeben sich da viele Probleme, und die Hauptschwierigkeit besteht darin,
daß alte Ansichten auf Schritt und Tritt in neuern, modischen Gewand wieder
auftauchen. Große Wachsamkeit ist geboten. Die größte Aufmerksamkeit muß der
Bekämpfung einer Kleineigentümermoral und einer entsprechenden Familienideo-
logie und Kindererziehung gelten."23 Wie dünn das Eis war, auf dem sie wandelte,
geht aus einer Gegenüberstellung mit einer Verlautbarung der "Prawda" hervor:
"Nur dem bourgeoisen Nichtstuer und dem Muttersöhnchen ist eine leichtfertige
und angefaulte Beziehung zur Familie eigen. Nur hoffnungslose Wirrköpfe, klein-
bürgerliche ,Radikalinskis', können behaupten, daß eine Familie und die Sorge um
sie spießig ist. Ganz im Gegenteil: die leichtfertige, ,asoziale' Einstellung zur Familie
stellt eine Form raffinierten Spießerturns dar. "24
Ein uneingeschränkt positives Echo kam aus einem anderen Lager, das sich bis
dato der Sowjetideologie wenig zugänglich gezeigt hatte: Eine Kolchosbäuerin
jubilierte, nachdem sie die Prämie für ihre acht Kinder erhalten hatte: "Die Familie
im Land der Sowjets ist eine Quelle der Freude und des Glücks!" Ihre Wandlung zu
dieser sowjetfreundlichen Haltung war jüngsten Datums: "Mir ist es sehr peinlich,
daß ich auf das Gerede der übrig gebliebenen Kulaken gehört habe und infolge
meines Mangels an Einsicht erst 1936 in den Kolchos eingetreten bin. "25 Aus
weiblichen Bevölkerungskreisen wurden der Person Stalin Huldigungen zuteil: "Sie
umgaben Mutter und Kind mit außerordentlicher Fürsorge und Liebe, und wir
tragen jetzt mit hoch erhobenem Haupt den Titel einer Mutter sowjetischer Kinder.
Wir danken Ihnen, Genosse Stalin, dafür, daß in unserer Heimat die Mutterschaft
aufhörte, ein schweres Kreuz zu sein, dafür, daß sie eine übergroße Freude wurde. "26
Die "rührende, aufmerksame Sorge", die die Parteiführung den Frauen und Müttern
angedeihen ließ, war an eine Auflage geknüpft, hatte ein Ziel, nämlich eine "würdige

21 S.v. Nikol'skij, Sem'ja i brak v pros10m i nastojaScem, Moskau 1936, S. 71 f.


22 N. K. Krupskaja, Zenscina strany sovetov - ravnopravnyj graidanin, Moskau 1938, S.
120, S. 129.
23 Ebd., S. 146. Der Artikel datiert aus dem Jahr 1936.
24 übscestvennica, Nr. 2, 1939, S. 28. Die TextsteIle ist als Zitat aus der Pravdaausgewiesen.
Eine Datierung ist nur durch den Hinweis "vor einigen Jahren" gegeben.
25 Krasnaja Sibirjacka, Nr. 6/7, 1937, S. 28.
26 Rabotnica, Nr. 15, 1936, S. 6.
74 Robert Maier

Nachkommenschaft großzuziehen und zu erziehen".27 Dieser Zusammenhang wur-


de klar ausgesprochen: "Der sowjetische Staat definiert die Mutterschaft eindeutig
nicht als ,Privatangelegenheit' , sondern als normale soziale Verpflichtung einer
gesunden Frau. "28

Das Ende der Stigmatisierung der Hausfrau

Der Triumph dieses Personenkreises vollzog sich unter einer anderen sprachlichen
Chiffre, nämlich unter dem Banner der "Ehefrauen-Bewegung". Ihre Kongresse im
Jahr 1936 waren zentrale politische und gesellschaftliche Ereignisse unter Beteiligung
der gesamten Politprominenz.
"Ehefrauen-Bewegung" war die Sammelbezeichnung. Namentlich existierte die
"Bewegung der Ehefrauen der Direktoren, Ingenieure und Techniker", die sich in
den verschiedenen Volkswirtschaftszweigen konstituierte, die "Bewegung der Ehe-
frauen der Stachanow-Arbeiter", die "Bewegung der Ehefrauen der Kommandeure
der Roten Armee", die "Bewegung der Ehefrauen der Wissenschaftler, Künstler,
Schriftsteller" und einige mehr.
Ein relevanter Teil der sich engagierenden Ehefrauen entstammte "bourgeoisen
Familien", woraus die Organisatoren der Bewegung übrigens kein Hehl machten.
Vor dem Hintergrund des sozialpolitischen Offenbarungseids war die Partei bei
ihrem Versuch, die sozial aus dem Ruder laufende Entwicklung zu stoppen, um
jeglichen Beistand bemüht. Bezüglich der Erwartungen, die mit der Ehefrauen-Be-
wegung verbunden werden sollten und konnten, war man in der Partei durchaus
geteilter Meinung.
Drei Richtungen lassen sich ausmachen. Während die eine die Vorstellung
favorisierte, diese Bewegung zu einer effektiven Kontrollinstanz im öffentlichen
Leben in der Tradition der Arbeiterkontrolle auszubauen, dachten andere eher an
eine im familiären Rahmen wirksame psychologische Umfeldverbesserung für die
arbeitenden Ehemänner, die auf eine Verbesserung der Arbeitsmoral abzielte. Das
heilsame Wirken der Hausfrau fokusierte z.B. der Vorsitzende des Rates der Volks-
kommissare der RSFSR D.E. Sulimow speziell innerhalb der Familie. Er gab auf
einer Hausfrauenversammlung im Frühjahr 1936 seiner Überzeugung Ausdruck,
daß die Hausfrauen eine enorme Rolle spielen werden bei der Verbesserung des
kulturellen Niveaus des Alltagslebens, bei der Einlösung jener wichtigen Aufgabe,
die der Genosse Stalin stellte: der Sorge um den lebendigen Menschen. "Nirgendwo
ist die Sorge um den lebendigen Menschen direkter spürbar, als im häuslichen

27 Obscestvennica, Nr. 5, 1937, S. 3.


28 Rabotnica, Nr. 6, 1936, S. 4.
Von Pilotinnen, Melkerinnen und Heldenmüttern 75

Leben, wenn der Kolchosbauer, der Arbeiter, der Angestellte und die Mitglieder ihrer
Familien nach getaner Arbeit nach Hause kommen. Dort muß man Sorge tragen,
daß sie eine kulturvolle Umgebung antreffen, daß sie nicht angekeift werden,
sondern daß sie ein im wahren Sinne des Wortes mütterliches Verhalten ihnen
gegenüber antreffen. "29 Dieser Gedanke wurde in der Folgezeit von Volkskommissar
Lasar Kaganowitsch noch zugespitzt, indem er z.B. Bergarbeiterfrauen dahingehend
instruierte, daß die "Meßlatte" des Erfolgs ihrer Arbeit die "Laune" ihrer Männer
sei. Ihr Einfluß auf die Ehemänner solle sich so auswirken, daß diese "immer munter
und gut gelaunt" seien. 3D Er brachte damit die Ehefrauen-Bewegung auf ein extrem
patriarchalisches Gleis.
Das Augenmerk eines anderen Volkskommissars, Georgi Ordshonikidse, war
hingegen relativ früh auf das organisatorische und kulturelle Potential speziell jener
Hausfrauen gefallen, die als Ehefrauen leitender Kader in ihrer Masse dem öffentli-
chen Leben weitgehend fernstanden. Die Beobachtung vereinzelter spektakulärer
Aktivitäten, die von Direktoren-Ehefrauen ausgingen, regten ihn offensichtlich dazu
an. Er erfaßte nach dem Urteil von Nadeshda Krupskaja sehr schnell die Bedeutung,
die in der Fruchtbarmachung dieser brachliegenden Kräfte und Talente für einen
"kulturellen Aufschwung" in der Gesellschaft lag. Nach Ansicht der Redakteurin der
Zeitschrift "Obschtschestwenniza" und einer der Zentralfiguren der Bewegung, W
Schweizer, "sah er in der Ehefrauenbewegung seinen Helfer bei der Organisation
eines kulturvollen Lebensstils (byt) der Arbeiter, ihrer Familien und Kinder"}l
Während Ordshonikidse in erster Linie also auf die Ehefrauen der Direktoren
und Ingenieure setzte und sie heftig gegen bürokratische Reglementierung und
Vorwürfe des Philanthropismus in Schutz nahm, witterte namentlich Nadeshda
Krupskaja bei dieser Trägerschaft die Gefahr eines Wiederauflebens kleinbürgerlicher
Werte und bourgeoiser Normen sowie das Auftauchen von Standesdünkeln. Sie
machte sich deswegen für eine Stärkung des proletarischen Elements stark und
plädierte für eine Einbindung der Ehefrauen-Aktivitäten in die üblichen parteibezo-
genen Kampagnen, die sich auf die Religionsbekämpfung und politische Agitation
bezogen. Sie glaubte offensichtlich noch an die Zugkraft marxistisch-bolschewisti-
scher Losungen und Wunschbilder, während ihre sicherlich realistischeren Mitstrei-
ter längst neue Ideale entdeckten, freigaben und damit den Bedürfnissen in der
Bevölkerung Tribut zollten. Diese rankten sich um die Begriffe Ordnung, Sauber-
keit, Gemütlichkeit, Schönheit, Kultur, Mitmenschlichkeit, menschliche Würde,
Heimat, etc. Die dadurch möglich gewordene Metamorphose der Hausfrauen zu

29 Rabotnica, Nr. 16, 1936, S. 7.


30 Obscestvennica, Nr. 6, 1938, S. 20.
31 Obscestvennica, Nr. 2,1937, S. 19.
76 Robert Maier

"vollberechtigten Bürgern unseres Landes"32 wurde unter diesen inhaltlichen Prä-


missen von den Ehefrauen-Aktivistinnen freudig registriert, beispielsweise mit den
Worten: "Frauen, die gestern noch lediglich Hausfrauen waren, (... ) sind heute
Teilhaber an der großen Stalinschen Sache. "33 Der Wertewandel stiftete eine neue
Identität von politischer Führung und Hausfrau. Letztere konnte jene Gesittung als
Kultur nach außen tragen, die ihrer Lebensart in einem ursprünglichen Sinne eigen
war.
In der Literatur finden wir Berichte über das Engagement Hunderttausender von
Frauen, die im Rahmen dieser Bewegung den "Kampf gegen die Unkultur im Alltag
und im Betrieb"34 aufnahmen, die z.B. an Kontrollpunkten schmutzigen lokomo-
tiven die Durchfahrt verweigerten, die Betriebsabteilungen und Werkstätten auf die
Qualität ihrer Produkte hin inspizierten, die Ausstattung neuerbauter Häuser abnah-
men, die Gleise abschritten und überall eine adäquate Arbeitskultur anmahnten.
Diese Ehefrauen überprüften und unterstützten die Arbeit der Kantinen, der Erho-
lungsheime und Hotels; sie organisierten Handarbeits-, Näh- und Gestaltungskurse,
pflegten das Laienschaffen auf dem Gebiet der Musik und des Tanzes, hielten
allgemeinbildende und politische Kurse ab, unterrichteten Fremdsprachen und
veranstalteten Rezitationsabende. Ihnen ist die Einbürgerung der Blumen und der
Mode im sowjetischen Alltagsleben maßgeblich zu verdanken. Schön und "ujurno"
(gemütlich) sollte es sein, im Lande Stalins!

Das Regime lockt mit frauenspeziflschen Karrieremöglichkeiten

Nehmen wir das Kolchossystem, so nimmt sich der tatsächlich realisierte soziale
Aufstieg von Frauen angesichts der von der Partei anvisierten Ziele sehr bescheiden
aus. Solange die strukturellen Hindernisse weiterwirkten, liefen die ehrgeizigen
Kampagnen zur rigorosen Erhöhung des Frauenanteils weitgehend ins Leere, auch
wenn sie von Frauen mit großem Elan mitgetragen wurden. Die Absorbierung
weiblicher Arbeitskraft durch die nebenberufliche Hoflandbewirtschaftung, die völ-
lig unzureichende Entlastung der Kolchosbäuerinnen von der KinderaufZucht und
ihr bildungsmäßiger Rückstand dämpften Aufstiegsambitionen schon im Ansatz.
Diejenigen, die die Barrieren zu überwinden versuchten, stießen auf männliche (und
auch weibliche) Vorurteile sowie nachhaltigen Widerstand. Dennoch waren diese
Jahre geprägt vom beruflichen und sozialen Aufstiegsstreben von Frauen, vom
Aufbrechen emanzipationsorientierter Erwartungshaltungen, vom punktuellen Ein-

32 Obscestvennica, Nr. 6, 1937. S. 2.


33 Obscestvennica. Nr. 3. 1937, S. 4.
34 Zeny komandirov transporta, Moskau 1936. S. 152.
Von Pilotinnen, Melkerinnen und Heldenmüttern 77

dringen in männliche "Reservate" und vom prinzipiellen Überwinden der Vorstel-


lung weiblicher Inferiorität. Quantitativ beträchtliche Einbrüche in Führungsposi-
tionen gelangen Frauen im Bereich der Viehwirtschaft, in untergeordneten Leitungs-
funktionen der Feldarbeit sowie im Kommissionswesen. Selbst die z.T. relativ
geringen Prozenrwerte für den höheren Leitungsbereich können nicht ohne weiteres
für die Behauptung einer stagnativen Enrwicklung bemüht werden. Die Spektaku-
larität im Einzelfall, die Trendenrwicklung und die manchmal hinter Prozentrelatio-
nen verschwindenden absoluten Bewegungen lassen sich auch in ein Bild des
Fortschritts in der Frauenfrage fügen. Entscheidend ist, daß sich der zeitgenössischen
Wahrnehmung und Interpretation dieser Erscheinungen der Aspekt der Dynamik
über lange Zeit wesentlich stärker aufdrängte als der der Stagnation.
Die auffälligste weibliche Figur auf dem Kolchos war die Stoßarbeiterin. Die den
Frauen frei zugängliche einfache Produktionsarbeit verhieß auf der Grundlage des
individuellen Leistungslohnes insbesondere jungen, tatkräftigen Kolchosbäuerinnen
materielle Besserstellung und soziales Fortkommen vorbei an den Barrieren patriar-
chaler dörflicher Ordnung. Ihr niedriger Bildungsstand, ihre Lenkbarkeit und ihre
Anfälligkeit für Mythologisierungen ließen sie zur maßgeblichen Trägerin der "Sta-
chanow-Bewegung" in der Landwirtschaft werden. Als solche genossen sie den
Ruhm und die Ehrungen, die ihnen vom Regime zuteil wurden, und stellten sich
den an immer wahnwitzigeren Zielen orientierten Produktionskampagnen der Partei
mit vorauseilendem Einsatzwillen zur Verfügung. Die Stachanowistinnen verstärkten
den Schulterschluß mit der Partei, als sie sich von seiten des Dorf-Establishments
Anfeindungen ausgesetzt sahen, die sie als Ausdruck männlicher Mißgunst empfan-
den bzw. als Rache an Frauen, die den Beweis ihrer Gleichwertigkeit oder gar
Überlegenheit angetreten haben. Die Melkerin, die es zur Stachanowistin und
schließlich zur Leiterin einer Milchfarm brachte, war für die ältere Kolchosbäuerin
eine Leitfigur, während für junge Frauen der Traktor das Vehikel war, das sie aus der
beschränkten archaischen Welt des russischen Dorfes heraus in den Bannkreis
technischer Innovation und städtischen Einflusses zu führen versprach. In der
Überwindung der Widerstände, die ihnen bei der Verfolgung dieser Ziele entgegen-
schlugen und die sie auch oft genug scheitern ließen, enrwickelten die Frauen ein
Bewußtsein ihrer ungerechtfertigten Zurücksetzung sowie weibliches Selbsrwertge-
fühl und Vertrauen in die eigene Kraft. Allerdings mußten sie zugleich erfahren, wie
Erfolgserlebnisse zerrannen, wenn sich die begehrte Position in der sowjetischen
Wirklichkeit als schier unzumutbare Tatigkeit herausstellte.
Verläßt man den traditionell männlich dominierten Bereich der Landwirtschaft,
wird die Partizipation der Frau noch spektakulärer. Auf allen gesellschaftlichen
Ebenen rückten Frauen vor. Sie lernten Autos, LKWs und Lokomotiven bedienen.
Sowjetische Frauen erstaunten als Schiffskapitäne und Steuer"männer" die Öffent-
lichkeit in ausländischen Hafenstädten. Le Corbusier war auf seinem Zusammen-
78 Robert Maier

treffen mit sowjetischen Architekten im Jahre 1935 überrascht, daß sich darunter
zahlreiche Frauen befanden. Im Lande selbst sprach man von "verrückt gewordenen
Komsomolzinnen". Sowjetische Frauen lieferten sich als Pilotinnen und Fallschirm-
springerinnen Fernduelle mit Frauen im nationalsozialistischen Deutschland. Sie
übernahmen die Leitung von Fabriken und vereinzelt schlug sich ihr Vordringen im
Bereich der Wissenschaft bereits in der Einnahme eines Professorenstuhls nieder. Sie
erhöhten deutlich ihre Repräsentanz in allen gesellschaftlichen Organisationen und
rückten in immer stattlicherer Zahl in die Sowjets ein. Eine Frauen-Sportbewegung
entstand. Frauen waren auf Polarexpeditionen dabei und bei Bergbesteigungen. Im
Rahmen der Chetagurowa-Bewegung beteiligten sich Frauen an der Aufsiedelung
und Erschließung des Fernen Ostens. In Straßenkomitees, Deputiertengruppen bis
hin zu kuriosen Initiativen wie der von einer Arbeiterin mit Namen Fadejewa
gegründeten "Bewegung für ein kulturbetontes Äußeres der Frau" brachten Frauen
ihre Interessen zum Ausdruck.

Die weibliche Fassade des Stalinschen Regimes

Stalin galt als Schutzherr der "vollständigen" Frauenbefreiung, der gegenüber die
Emanzipationsakte von 1917, welche die Gleichberechtigung der Frau proklamier-
ten, nur als formales Ereignis und Ouvertüre erschien. N.K. Krupskaja betonte Mitte
der dreißiger Jahre in diesem Sinne: ,,Alle wissen, welche Rolle der Genosse Stalin
bei der faktischen Befreiung der Frau spielte, und Millionen werktätiger Frauen
entgelten dies dem Genossen Stalin mit übergroßer Verehrung und Liebe. "35
Die Stalin von Frauen entgegengebrachte Verehrung und Vergötterung trug zur
Entfaltung des Personenkultes in den dreißiger Jahren maßgeblich bei. Nicht nur
weibliche "underdogs", die durch Kollektivierung und Industrialisierung ihren Sta-
tus verändern konnten, fanden in Stalin ihren charismatischen Führer. Auch weib-
liches jugendliches Aufbegehren, das sich sowohl gegen patriarchalische Reglemen-
tierungen und Moralvorstellungen wie gegen asketische Revolutionsideale wandte,
berief sich auf Stalin. Die erwartungsfrohe, fanatisierte weibliche Anhängerschaft,
die auf den Treffen von Volk und bolschewistischen Führern für eine bunte,
lebensfreudige und optimistische Kulisse sorgte, prägte - propagandistisch ausge-
schlachtet - die gesellschaftliche Atmosphäre und verankerte in der sogenannten
"stalinistischen Öffentlichkeit" auch ein starkes weibliches Element.
Man darf davon ausgehen, daß sich nicht wenige Frauen durch die Mütterver-
ehrung aufgewertet und geschmeichelt fühlten und entsprechende Losungen als
Banner mit beiden Händen entgegennahmen und hochhielten. Die Leserbriefe, die

35 N.K. Krupskaja, Zenscina, S. 125 (Hervorhebung durch die Verfasserin).


Von Pilotinnen, Melkerinnen und Heldenmüttern 79

dem Genossen Stalin ein "herzliches mütterliches Dankeschön" aussprachen, die


Spruchbänder, die die "glückliche Mutterschaft" hochleben ließen, und die Mütter,
die im demonstrativen Vorbeizug dem Führer ihre strahlenden Kinder entgegen-
streckten, sind als Phänomen schwerlich auf Zwang zurückzuführen, sondern müs-
sen als Ausdruck einer Atmosphäre begriffen werden, die zumindest einen Gutteil
der Frauen in der Gesellschaft erfaßte. Der emotionalen Aufgeladenheit entsprach
das Sendungsbewußtsein und die Aggressivität, mit der diese Stimmung nach außen
getragen wurde. EE. Njurina, Hilfsstaatsanwältin am Obersten Gericht der RSFSR
drückte ihre Genugtuung über die Entwicklung aus und nahm die Männer ins
Visier: "Die Ehre und Achtung gegenüber der gleichberechtigten Bürgerin des
Sowjetlandes, gegenüber der Mutter wächst. Den Rückständigen werden wir dies
beibringen, die werden wir umerziehen. Aber die üblen Gesetzesbrecher, die Halo-
dris, diejenigen, die sich flegelhaft gegenüber Frau und Kind benehmen, werden wir
an den Schandpfahl bringen. Wir werden sie hart und streng bestrafen. "36 Disziplin,
Ordnung und Sauberkeit wurden zu Tugenden, die schon im Kindergarten eingeübt
wurden. Hausfrauen unterstützten dabei als "gesellschaftliche Aktivistinnen" auf
freiwilliger Basis das Personal. Als öffentlich gebrandmarkte "Schande" fiel es nun
auf die Eltern zurück, wenn ihre Kinder mißrieten und beispielsweise im Heim für
junge Kriminelle landeten. Schon 1934 wurde gegen die Mentalität des Abschiebens
von Verantwortung auf die Gesellschaft Klage geführt: "Kinder sind die Blumen des
Lebens (... ) Daraus leitet sich Verantwortung ab. Die Sorge um sie darf in unserer
Zeit nicht nur abgestellt werden auf Schule, Pionierorganisation und Kindergarten.
Aber bislang sieht dies so aus. "37 Der Ton wurde in der Folgezeit schärfer: "Nur ein
schwachköpfiger Kleinbürger, der bestrebt ist, seine Elternpflicht auf die Schultern
des Staates abzuwälzen, kann denken, daß seine Aufgabe darin besteht, das Kind
einfach in die Welt zu setzen, und daß der Staat sich um das übrige kümmern
möge. "38 Der Staat trachtete danach, Verantwortlichkeiten in die Familien rückzu-
verlagern und gab z.B. Waisenkinder wieder zur Adoption frei. Im Gegenzug kehrten
Rituale in den öffentlichen Bereich zurück, aus dem revolutionärer Rigorismus sie
verbannt hatte. Eine "Traumhochzeit" zwischen einem Kolchosbrigadier und einer
Stoßarbeiterin, die als erste fallschirmspringende Kolchosbäuerin Bekanntheit er-
langt hatte, geriet zu einem Kolchosfest mit großer Publizität, auf dem unter den
800 Gästen auch Politprominenz aus Moskau begrüßt werden konnte. Das offizielle
Ausrichten von Hochzeiten durch den Kolchosvorsitzenden für besonders verdiente
Stachanowisten wurde Bestandteil des Prämiensystems. Frauen erkämpften der
gepflegten Erscheinung in der Öffentlichkeit wieder einen größeren Stellenwert.

36 Rabotnica, Ne. 29/30, 1935, S. 26.


37 Udarnica Ueala, Ne. 5, 1934, S. 23.
38 0 sebe i 0 detjach, Moskau, 1936, S. 6.
80 Robert Maier

War der Rückgriff auf traditionelle Alltagsnormen und moralische Werte schon
durchaus populär, so erlangte die Stalinsche Familienpolitik ihre eigentliche Aus-
strahlung und gesellschaftliche Durchschlagskraft durch ein umfangreiches Sozial-
programm, mit dem die Glaubwürdigkeit der ideologischen Vorgaben abgesichert
wurde. Finanzielle Hilfen fur Mutter und Kind und der breite Ausbau von sozialen
Einrichtungen sollten das Abtreibungsverbot flankieren und der Vision einer kinder-
und familiengerechten Gesellschaft konkrete Konturen verleihen. Ein spektakulärer
Auftakt waren die Zuwendungen an kinderreiche Mütter, die sehr schnell wirksam
wurden. Schon im zweiten Halbjahr 1936 wurden 203.4 Millionen Rubel an Mütter
mit vielen Kindern ausgeschüttet; in den ersten neun Monaten 1937 kamen 875
Millionen Rubel zur Auszahlung.3 9 Der Volkskommissar fur Gesundheit, M. Bol-
dyrew, nannte die Summe von 1,357 Milliarden Rubel, die bis zum Mai 1938 an
insgesamt 300 000 kinderreiche Mütter verteilt wurden. 40 Geld gab es - abhängig
vom Geburtsdatum der letzten Kinder - ab dem siebten oder achten Kind. Die
Standardsumme betrug 2000 Rubel. Frauen mit deutlich höherer Kinderzahl konn-
ten bis zu 10000 Rubel erwarten. Diese Geldbeträge, die nicht selten das Jahresein-
kommen einer Arbeiterin übertrafen, lösten euphorische Reaktionen aus. Landfrau-
en profitierten aufgrund der höheren Kinderzahl in besonderem Maße von den
Zahlungen. Kolchosbäuerinnen bekannten in Leserbriefen, daß sie zunächst gar
nicht glaubten, daß sie das Geld tatsächlich bekommen. Eine Schweinehirtin berich-
tete, daß ihr alles wie ein Traum vorkam, als sie nach Auszahlung des Geldes an den
Käuferschlangen vorbei sich im Kaufhaus frei bedienen konnte. Und sie war nicht
die einzige, die Stalin als den Urheber ihres Glücks benannte: "Wie nahe fuhlte ich
bei mir unseren lieben Stalin!"41 Es kann nicht verwundern, daß in den Augen so
mancher Empfängerin der Prämie das Dekret vom Juni 1936 "eines der bedeutend-
sten Dokumente der Stalin-Epoche" darstellte. 42
Wenn man sowjetische Zeitungen jener Zeit durchblättert, erstaunt auf den
ersten Blick, in welch umfänglicher Weise die sowjetische Zensur eine Berichterstat-
tung zuließ, die neben der Darstellung der auf der Stalinschen Sonnenseite befind-
lichen Frauen und Mütter ein durchaus realistisches Bild vom erbärmlichen und
unglücklichen Leben kranker, armer und verlassener Frauen und Mütter zeichnete.
Die Stalinsche Führung suggerierte mit dieser Akzentuierung jedoch überzeugend,
daß sie - im Gegensatz zu ignoranten örtlichen Funktionären - die Not vieler Frauen
erkennt und ernst nimmt. Die zutage tretende Realität unterstrich die Bedeutung
und Dringlichkeit der Stalinschen sozialpolitischen und gesetzgeberischen Initiative.

39 Partijnoe Stroitel'stvo, Nr. 21, 1937, S. 60.


40 Krest'janka, Nr. 14, 1938, S. 8.
41 Krasnaja Sibirjacka, Nr. 1, 1937, S. 14.
42 Vgl. Krasnaja Sibirjacka, Nr. 1, 1937, S. 15.
Von Pilotinnen, MeLkerinnen und Heldenmüttern 81

Das Lenken der öffentlichen Aufmerksamkeit auf die Schwächsten in der Gesell-
schaft zielte außerdem auf die Schaffung eines Gemeinschaftsdenkens ab, das die
Gesellschaft letztlich als eine "große Familie" begriff. Das maßgeblich von Frauen
in den Familien wieder zur Geltung gebrachte Prinzip der Verantwortung, das sich
als konstitutiv auch in der "einträchtigen Familie" des Kolchos wiederfand, avancier-
te mehr und mehr zum gesamtgesellschaftlichen Prinzip.
Die "Mutter" war in der von Brutalität und Willkür gezeichneten stalinistischen
Gesellschaft das Refugium, in dem der Gedanke der sozialen Verantwortung und
der Menschlichkeit noch einen Sitz zu haben schien. Ihr wurde nun Raum gegeben.
Von ihr aus sollte die Genesung erfolgen. Die Zeitschrift "Obschtschestwenniza" ließ
eine Lehrerin diesen Gedanken zur feministischen Utopie verlängern: "Liebe Frauen,
letztendlich läuft alles bei mir auf das Muttertum hinaus. Versteht mich richtig, ich
möchte sagen, daß Muttertum nicht mit dem Gebären und dem Aufziehen der
Kinder endet. Das Muttertum hat sich bei uns ausgedehnt. Es ist allgegenwärtig: in
unserem sozialistischen Aufbau, in unserer Sorge um die Menschen bis hinein in
unser Gefühlsleben. C••• ) Sie sehen, wie sich das Gefühl, die Idee, das Wesen des
Muttertums ausgebreitet hat. Familie gibt es bei uns nicht nur zuhause. "43

Vergleichsebenen zum Nationalsozialismus

Der Ausgangspunkt in der Geschlechterfrage war in Hitlers Deutschland und in


Stalins Rußland diametral entgegengesetzt. Der Nationalsozialismus begriff die
Trennung der Wirkungsbereiche der Geschlechter als naturgewollt. Die bolschewi-
stische Ideologie verschrieb sich der Aufhebung dieser Trennung. Selbstgeschaffene
Modernisierungszwänge und die Kriegsvorbereitungen ließen die Nationalsozialisten
jedoch schon bald ihrem ursprünglichen Ideal untreu werden und erzwangen
gravierende Änderungen bezüglich der Definition der Rolle der Frau in der Gesell-
schaft. Umgekehrt gerieten die Bolschewiki bei der Umsetzung ihrer utopischen
Zukunftsentwürfe in den Strudel einer existentiellen ökonomischen, sozialen und
moralischen Katastrophe, die sie schließlich bei der "Mutter" Zuflucht suchen ließ.
In diese wurde die Hoffnung auf eine "Heilung" der Gesellschaft gesetzt. Die
Synthesen, die sich praktisch hier wie dort einstellten, lassen die völlige Verschie-
denheit der Ausgangspunkte stark in den Hintergrund treten.
Sowohl bei der Betrachtung des Stalinismus wie des Nationalsozialismus zeichnet
sich ab, daß die große Masse der Frauen von der revolutionären Programmatik und
Radikalität der jeweiligen Bewegung zunächst eher abgeschreckt war und sich ihnen
gegenüber reserviert bis aversiv verhielt. Erst im Laufe der Etablierung der jeweiligen

43 Obscestvennica, Nr. 10, 1938, S. 48.


82 Robert Maier

Herrschaft erfolgte im Zeichen des Führerkultes die Gewinnung einer weiblichen


Massenbasis. Die Zeiten, in denen dies am nachhaltigsten gelang, können als
Höhepunkte der inneren Machtentfaltung bei der Systeme bezeichnet werden.
Für die Identifizierung von Frauen mit dem jeweiligen Regime spielte eine
entscheidende Rolle, daß sich die Führer als "Retter" vor Chaos und Untergang vor
einem sich verunsichert und bedroht fühlenden weiblichen Publikum in Szene
setzen konnten. Sie profilierten sich als Hoffnungsträger und als Garanten von
Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit. Im positiven Echo auf die Propagierung dieser
Sekundärtugenden - speziell aus weiblichem Munde - waren die beiden Regime
kaum mehr unterscheidbar.
Beide Regime stellten die Frau ideologisch in grandioser Überhöhung dar und
versahen die Frau mit dem Pathos einer Siegerin. So trat die Sowjetfrau in der
Propaganda der dreißiger Jahre um ein Epitheton erweitert als "Shenschtschina-Po-
beditelniza", als "immerwährende Siegerin", herausfordernd auf den Plan. Der
Nationalsozialismus schuf in dem heroischen Typus der arischen Frau ein Leitbild,
das Überlegenheit und transzendentale Unnahbarkeit suggerierte. Achtung, Ehre
und Stolz der Frau waren die Botschaften, die von diesen Kreationen ausgehen
sollten. Beiden Bildern waren menschliche Züge und Unzulänglichkeiten fremd.
Insofern liefen diese Idealisierungen zwar Gefahr, die reale Frau hoffnungslos zu
überfordern, andererseits darf aber vermutet werden, daß sie zeirweise Frauen
durchaus in ihren Bann zogen, von ihnen als Halt und Orientierung empfunden
wurden, sowie in bestimmten Situationen Identifikationen erlaubten.
Die Mirwirkung bzw. Beanspruchung der Frau bei der Ästhetisierung der Macht
ist in bei den Regimen ähnlich hoch zu veranschlagen. Bei Paraden, Inszenierungen
und politischen Feiern ist das weibliche Element nicht wegzudenken. Dem Kult der
Körperlichkeit wurde gefrönt, gut beobachtbar in der offizielle Kunst. Diese bot in
ihren Nacktdarstellungen einer sublimierten Erotik ein spießiges Refugium und
verschränkte sich mit der in bei den Ländern herrschenden allgemeinen Prüderie in
ähnlicher Weise. An dem Ideal des durchtrainierten, gestählten Körpers, der allein
einen gesunden Geist beherbergen konnte, waren Erziehungsprogramme und Sport-
aktivitäten ausgerichtet, die sich bevorzugt in paramilitärischem Rahmen entfalteten.
Die Frauen-Sportbewegung erlebte in beiden Ländern einen enormen Auftrieb.
Biologistische Denkweisen, im Nationalsozialismus apriori zuhause, kamen auch in
der Sowjetunion auf. Die "gesunde sozialistische Kultur" ließ keinen Raum für
Abweichungen, für Schwächliches. Behinderte waren im öffenlichen Diskurs bei der
Länder kein Thema.
Die am Nationalsozialismus gemachte Beobachtung, daß "Kämpferinnen der
ersten Stunde" entmachtet und durch frische Kräfte vom Schlage einer Gertrud
Scholtz-Klink, also von Frauen ohne eigenen ideologischen Standpunkt und ohne
politische Vergangenheit, ersetzt wurden, kann man auch am Stalinismus nachvoll-
Von Pilotinnen, Melkerinnen und Heldenmüttern 83

ziehen. Die alten autoritativen Leitfiguren der bolschewistischen Frauenfraktion, wie


z.B. Alexandra Kollontai, welche noch bis in die zwanziger Jahre hinein Frauenthe-
men in der innerparteilichen Diskussion besetzt gehalten hatten, waren in den
dreißiger Jahren schon fast vergessen. Junge Bauernmädchen, die sich willfährig in
den Dienst des Regimes stellten und oberflächlich politisierte, leicht lenkbare
Hausfrauen standen weit höher im Kurs.
Frauenorganisationen waren konstitutiver Bestandteil der Stalinschen wie der
nationalsozialistischen Machtstrukturen und unterlagen der Gleichschaltung. Sie
konnten jedoch in bei den Systemen eine gewisse Autonomie genießen. Der män-
nerbündisch organisierte Nationalsozialismus nahm Frauenaktivitäten im politisch-
gesellschaftlichen Raum offenbar nie so ernst, als daß er sie einem allzu rigorosen
und bis in die Verästelungen reichenden Kontrollsystem unterwerfen zu müssen
glaubte. Im Stalinismus läßt sich eine politische Schonung von Frauen beobachten,
die damit zusammenhängt, daß Frauen unterschwellig immer noch als weitgehend
unmündig betrachtet wurden. Hinter dissidentem Verhalten von Frauen wurde -
soweit es sich nicht dezidiert politisch artikulierte - in der Regel männlicher Einfluß
vermutet und bekämpft. Die Frauen galt es dem Bannkreis der Popen, "Kulaken",
"Volksfeinde" etc., die als Verursacher dieses "Mißbrauchs" figurierten, zu entziehen.
In bei den Systemen blieben Frauen von der Mitsprache in zentralen politischen
Entscheidungsorganen weitestgehend ausgeschlossen. Im Nationalsozialismus ge-
schah dies im Einklang mit der Doktrin, im Stalinismus war dies eher Resultat eines
noch vorhandenen Mißtrauens gegenüber der Kompetenz und Fähigkeit von Frau-
en, mangelnder Risikobereitschaft sowie Ausfluß eines unterschwelligen traditionel-
len männlichen Chauvinismus. Die Situation, daß Frauen über Männer geboten,
war in Stalins Rußland unterhalb der höchsten politischen Entscheidungsebenen -
etwa im Bereich der Verwaltung, der Justiz oder in den Betrieben - durchaus
anzutreffen. Im Nationalsozialismus war eine solche Konstellation verpönt, wider-
sprach sie doch der Beschützerrolle, die der Mann gegenüber der Frau einzunehmen
hatte.
Beide Systeme waren gleichermaßen an einer aktiven Bevölkerungspolitik inter-
essiert. Mit materiellen und immateriellen Stimuli wurde versucht, die demographi-
sche Entwicklung zu steuern. Die Zahl der Genossen bzw. Volksgenossen war in
Stalins wie in Hitlers Denken wesentlicher Index für die Macht und Bedeutung eines
Landes. In beiden Ländern war die soziale Wohlfahrt für Mutter und Kind allerdings
mehr eine Proklamation als eine Realität. Die Ankündigung wurde jedoch so
überzeugend vorgetragen und ideologisch in die veröffentlichte Meinung integriert,
daß relativ bescheidene materielle Maßnahmen nachhaltiger wirkten als für diesen
Zweck abgewickelte Milliardenprogramme in Demokratien. Der "Muttertag" in
Deutschland erhielt unter Hitler die staatliche Sanktionierung und der 8. März
84 Robert Maier

erlebte als "Internationaler kommunistischer Frauentag" in der UdSSR unter Stalin


seine publikumswirksamste Zelebrierung und seine volkstümliche Verankerung.
Geehrt wurde in beiden Regimen auch die Großmutter. Ihr "Ehrenplatz in der
Familie" war auch in der Sowjetunion der mittdreißiger Jahre unbestritten. Der
Hang zur traditionellen vormodernen Großfamilie steht im offenen Widerspruch
zur ansonsten angestrebten Modernisierung auf ökonomischem Gebiet. So kann
man auch für Stalins Sowjetunion jene eigentümliche Verschränkung anachronisti-
scher Ideologiesegmente mit eindrucksvollen Modernisierungsschüben ausmachen.
Vergleiche wie z.B. zwischen der Bewegung der Chetagurowa, die bei der
Besiedelung des Fernen Ostens eine Rolle spielte, mit der nationalsozialistischen
Neulandbewegung einer Guida Diehl könnten noch interessante Details einer
parallelisierenden Betrachtung der Frau im Stalinismus und Nationalsozialismus zu
Tage fördern. Bleibt man sich der grundlegenden und immer wieder durchscheinen-
den Unterschiede bewußt, die sich aus den erwähnten verschiedenen Ausgangslagen
ergeben, ist diese Suche nach Ähnlichkeiten durchaus legitim und erkenntnisbrin-
gend.
Benno Ennker

Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie

Stalinistische Herrschaft in vergleichender Perspektive

Die Untersuchung des Stalinismus als eine Form politischer Herrschaft wird seit
einiger Zeit vernachlässigt. Die Spezialisten der Forschung über diese Periode sowje-
tischer Geschichte vom Ende der zwanziger bis zum Anfang der fünfziger Jahre
widmen ihre Hauptaufmerksamkeit vorzugsweise der Sozial- und Alltagsgeschichte
des Stalinismus. l Der soziale Umwälzungsprozeß, der mit revolutionärer Geschwin-
digkeit und Gewalt die Menschen und das Land ergriffen hatte, lädt eher zu Studien
ein, die sich auf das farbige und dramatische Detail einlassen, als zu solchen, die
unter Verwendung vergleichsweise abstrakter Begriffe von "politischer Herrschaft",
"Staat", "Ideologie", "Macht" usw. versuchen, Vorstellungen vom Geschehen anzu-
bieten. Die seit kurzem geöffneten zeitgeschichtlichen Archive verführen andererseits
zu manchem "Schnellschuß" von Historikern, die mit einigen neuen Dokumenten
in der Hand flugs das "Umschreiben" der politischen Geschichte verlangen, noch
ehe der Forschungsstand zur Kenntnis genommen und die Quellen geprüft wurden.
Zwar haben Begriffe aus der Totalitarismustheorie seit dem Zusammenbruch des
Kommunismus in der populären und wissenschaftlichen Publizistik in Ost und West
Konjunktur. Dennoch finden sich kaum Entwürfe für eine materialgestützte Fort-
schreibung oder Neufundierung dieses Ansatzes. 2 Unter dessen Protagonisten hat
einer der wenigen sozialwissenschaftlich argumentierenden Autoren, Robert Tucker,
noch kürzlich die personenbezogene Geschichtsaufarbeitung dieser Periode gegen-
über einer fälligen Beschäftigung mit dem "System politischer Herrschaft des Stali-
nismus" vorgezogen. In die biographische Perspektive lassen sich anscheinend ge-

Einige der zuletzt erschienen Werke: W. G. RosenbergfL.H. Siegelbaum (Hg.), Sodal


Dimensions of Soviet Industrialization, Bloomington 1993; D.L. Hoffmann, Peasant
Metropolis. Sodal Identities in Moscow, 1929-1941, Ithaka, London 1994; S. Kotkin,
Magnetic Mountain: Stalinism as a Civilization, Berkeley, London 1995.
2 Hierzu unter besonderer Berücksichtigung russischer "Totalitarismus"-Konjunktur: H.-
H. Schröder, Stalinismus als totalitäres System. Zur Erklärungskra& einer Theorie
(Antrittsvorlesung an der Universität Bochum am 6.6.1994).
86 Benno Ennker

genwärtig politikgeschichdiche Gesamtdarstellungen des Stalinismus auf Basis neue-


rer Quellen mit dem totalitarismustheoretischen Ansatz am ehesten einrücken. 3
Zugleich machen bruchstückhafte Dokumenteneditionen dem Forscher der politi-
schen Geschichte des Stalinismus nachdrücklich klar, wie unbefriedigend der empi-
rische Wissensstand noch geblieben ist. So läßt sich z.B. über die Zahl, Häufigkeit
und Tages- und Geschäftsordnungen von Politbürositzungen des ZK der Kommu-
nistischen Partei während der dreißiger Jahre zwar sehr viel mehr als noch vor fünf
Jahren sagen. 4 Und trotzdem liegt das Verhältnis zwischen diesem formal mächtig-
sten Organ der Parteiherrschaft und dem "Führer" Stalin im politischen Alltagsge-
schehen noch weitgehend im Dunkel. Die Taten und Untaten der Männer aus
Stalins nächster Umgebung erfahren nun zunehmend politisch-biographische Wür-
digung. Und doch bleibt noch jede Aussage z.B. über die Existenz einer "Polykratie",
eines Interessenpluralismus der Machtapparate usw. schwer belegbar und behält
hypothetischen Charakter.
In dieser von allen als Umbruch empfundenen Situation stellt die Perspektive, in
der Stalinismus und Nationalsozialismus verglichen werden, sicher kein Allheilmittel
dar. Wohl aber könnte sie für die Erforschung des Stalinismus als System politischer
Herrschaft Kategorien bereitstellen, deren Brauchbarkeit überprüft werden sollte. 5
Allerdings stieße das Unterfangen eines solchen Vergleichs an die Grenzen fachlicher
Kompetenz. Die komparatistische Sicht bietet insofern hier eher eine Hintergrund-
folie für die experimentelle Verwendung einiger Gesichtspunkte und Kategorien, als
etwa den Versuch des durchgehenden empirischen Vergleichs der Herrschaft in
beiden Systemen. Vergleichgesichtspunkte bieten sich dann besonders bei Betrach-
tung des Verhältnisses der Führerdiktatur zu Partei und Staat und schließlich der
Rolle der Weltanschauung für die Herrschaftselite und die Bevölkerung.

3 R.C. Tucker, Stalin in Power. The Revolution from Above. New York, London 1990;
R. Conquest, Stalin. Der totale Wille zur Macht, Frankfurt a.M., Berlin 1993; D.
Wolkogonow, Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Portrait, Düsseldorf 1989.
4 Stalinskoe Politbjuro v 30e gody. Sbornik dokumentov. Zusammengest. v. O. Chlev-
njuk/AY. Krasonkin/L.P. Koseleva/L.A Pogovaja, Moskau 1995.
5 Die Hamburger "Forschungsstelle für Zeitgeschichte" führte im Februar und Dezember
1994 sowie im Okrober 1995 eine Konferenzserie unter dem Titel "Nationalsozialistische
und stalinistische Herrschaft - Möglichkeiten und Grenzen des Vergleichs" durch. Teile
des folgenden Beitrags wurden in diesem Rahmen am 1.10.1995 unter dem Titel "Partei
- Staat - Ideologie: Das Herrschaftssystem der stalinistischen Diktatur" zur Diskussion
gestellt.
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 87

Einige historische Voraussetzungen für den Aufstieg des Stalinismus

Im wesentlichen unterstreicht diese Darstellung, die zunächst die historischen Vor-


aussetzungen und die sozial geschichtliche Dynamik der stalinistischen Herrschaft
umreißt und interpretiert, deren Besonderheit: Sie speist sich aus dem sozio-politi-
schen Entwicklungsmodell und der "historischen Mission" des Stalinismus, seinen
Triebkräften und inneren Widersprüchen.
Im Oktober 1917 war in Rußland eine Partei an die Macht gekommen, die sich
innerhalb eines halben Jahres von einer Splittergruppe ohne relevanten Einfluß auf
das Geschehen während und nach der Februarrevolution zur mitgliederstarken
Organisation gemausert hatte. Ihre Führung konnte auf ein positives Echo bei den
radikalen Teilen der hauptstädtischen Sozial bewegung in der russischen Revolution
rechnen. Der Entschluß zum Staatsstreich verriet allerdings deutlich das sektiereri-
sche Milieu, aus dem ihre Führungsschicht kam, und aus dem ihre Denk- und
Handlungsmuster herrührten. Der bolschewistische coup d'Etat beutete die tiefe
Segmentierung der russischen Gesellschaft aus. Denn er war möglich durch Verhält-
nisse, in denen die proletarisch-urbane Sozialbewegung aus der Revolutionsentwick-
lung des Jahres 1917 eine öffentliche Legitimation erlangt hatte, die in keinem
Verhältnis zu den soziographischen Gewichten dieser bäuerlich geprägten Gesell-
schaft stand.
Die nachfolgende Entwicklung wurde maßgeblich durch die Tatsache bestimmt,
daß die Bolschewilci die Macht in einem "rückständigen Land" ergriffen hatten, in
dem die zur Basis des Bolschewismus auserkorene Arbeiterklasse der Industriestädte
soziologisch nur eine untergeordnete Rolle spielte. Auf eine "Diktatur des Proleta-
riats" in Rußland konnte sich insoweit nur eine zu despotischen Maßnahmen
entschlossene Elite berufen. Immerhin folgte nach den utopischen Versuchen,
während des Bürgerkrieges unter dem Begriff des "Kriegskommunismus" auf "di-
rektem Weg" den Kommunismus einzuführen, einige Einsicht in die Illusionen
dieser "heroischen Periode der Großen Russischen Revolution".6 Rußland wurde ein
Regime aufgezwungen, das lediglich eine kleine Sektion der Gesellschaft vertreten
konnte. Daraus entstand der neuen Macht ein äußerst enger sozio-politischer
Handlungsspielraum. Der gärende anarchische Zersetzungsprozeß und die in dieser
Gesellschaft angelegte Kluft zwischen den sozialen Schichten, Kulturen und Natio-
nen machten sie überdimensional komplex, unübersichtlich und unkalkulierbar. Die
bolschewistische Führung war entschlossen, unter skrupelloser Ausbeutung aller
Reibungsenergien dieser Widersprüche von der eroberten politischen Macht aus

6 L.N. Kritzmann, Die heroische Periode der großen russischen Revolution. Ein Versuch
der Analyse des sogenannten "Kriegskommunismus", Frankfurt a.M. 1971 (urspr. 1924,
1929).
88 Benno Ennker

diese Gesellschaft umzuwälzen und gleichzeitig zu steuern. Es blieb über Jahrzehnte


eine offene Frage, ob ihr dieses Unterfangen gelingen könnte oder ob die bolsche-
wistische Revolution vom Feuer der selbst gezündeten sozialen Dynamik verzehrt
würde. Die Partei, deren Gründer sie seit ihren Anfangszeiten gern als Schar auf
schmalem Grat wandernd beschrieb, von dem nur ein Fehltritt in den Abgrund
führe, war jedenfalls die permanente Bedrohung seither ständig präsent und blieb
es noch jahrzehntelang. Darüber schrieb Dietrich Geyer fünfZig Jahre nach der
Oktoberrevolution: "Die Gefahr der Selbstzerstörung der Revolution blieb ein
schweres Risiko, und auch die Leninisten wußten nicht zu sagen, ob dieses Risiko
hinreichend kalkulierbar war. "7
Von dieser mehr oder weniger akuten Ausnahme- und Krisensituation blieb das
bolschewistische Regime auch bis fast zum Ende der Stalin-Herrschaft traumatisiert.
Die "Gefahr der Selbstzerstörung" war aber auch in jeder der vielen Krisensituatio-
nen das Banner, unter dem die Führer die Partei und ihre widerstreitenden Rich-
tungen hinter sich zu sammeln und unter sich zu disziplinieren verstanden. Und
unter dem Motto "wir oder der Untergang" wurden Selbstzweifel tabuisiert. Die
Bolschewiki an der Macht suchten die Ungleichgewichte, die sie im Verhältnis zur
Gesellschaft Rußlands verspürten, auszugleichen; sie stellten die Sowjets als einzig
wahre Vertretung der arbeitenden Massen jeder parlamentarischen Repräsentation
der Gesellschaft, die aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen war, entgegen. Dar-
über hinaus sorgten sie durch Unterdrückung der Presse- und Versammlungsfreiheit,
des Meinungs- und Parteienkampfes dafür, daß das politische Leben aller öffentli-
chen Institutionen abstarb und bürokratisch dem Willen der Kommunistischen
Partei unterworfen wurde, wie Rosa Luxemburg frühzeitig im Namen "sozialistischer
Demokratie" kritisierte. 8
Der "Bolschewismus an der Macht" verlangte von seinen Spitzenpolitikern, das
leninistische Politik-Prinzip für die Führung der Sozialbewegung in die Kategorien
politischer Herrschaft zu übersetzen. Das Avantgarde-Verständnis implizierte für die
Partei, daß sie unabhängig von den "spontanen" Triebkräften der Arbeiterklasse
bleibe, vielmehr in diese das "wahre Klassenbewußtsein" mit dem Inhalt des "wis-
senschaftlichen Sozialismus" hineintrage und ihr politisches Handeln leite. Nach
Erringung der Macht entwickelte der Bolschewismus von diesem Konzept umfas-
sender Steuerung aus eine "Politik der Ausgrenzung" des Großteils der Gesellschaft. 9

7 D. Geyer, Die Russische Revolution. Historische Probleme und Perspektiven, Göttingen


1980 (1968 1), S. 120.
8 R. Luxemburg, Die Russische Revolution. Eingeleitet und hg. von O.K. Flechtheim,
Frankfurt a.M. 1963, S. 75.
9 Im Sinn von P.G. Roeder, Red Sunset. The Failure of Soviet Politics, Princeron 1993,
S. 42, auf den sich das Folgende stützt, müßte man eher von einer "Herrschaftsweise
der Ausgrenzung" - "exclusionary policy" sprechen.
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 89

Diese wurde dadurch sämtlicher Mittel der Selbstorganisation beraubt, die als Basis
für kollektives Handeln hätten dienen können. Es handelte sich um die gewaltsame
Depravierung von Partizipationschancen lo durch Liquidation, Einschüchterung,
Umerziehung und Demobilisierung relevanter Teile der Gesellschaft, die vor dem
Oktober 1917 Teilhaberechte besaßen. Dieser Prozeß wurde von den Bolschewiki
im wesentlichen innerhalb eines halben Jahrzehnts bis 1922 abgeschlossen.
Nach dem Ende des Bürgerkrieges traten die Folgen der "vorzeitigen" Machter-
greifung besonders kraß hervor: Erstens war es zwar der Kommunistischen Partei
gelungen, an Stelle der Selbstorganisation der Gesellschaft ihr eigenes politisches
Monopol in den Gewerkschafts-, Sowjet- und anderen Organisationen sowie in der
Armee durchzusetzen. Je mehr dies aber gelang, desto mehr verlagerten sich die
gesellschaftlichen Eigeninteressen in die Partei und gefährdeten ihren Avantgardean-
spruch. Zum weiteren wirkte die festgeschriebene und faktische politische Ungleich-
heit auf die herrschende Partei zurück. Angesichts der Diktatur über die Gesellschaft
konnte es auch in der Partei keine Demokratie geben, solange sie gleichzeitig an der
Macht und Massenpartei sein wollte. Die Führung, die sich auf die Parteimehrheit
stützte, war dazu verurteilt, die innerparteiliche Demokratie zu unterdrücken. Denn
die Partei konnte ihre Herrschaft nicht aufrechterhalten, wenn es ernsthafte Mei-
nungsverschiedenheiten an der Spitze gab; so jedenfalls lautete der seit 1921 in der
alten Garde fIxierte Konsens, wie ihn Lenin noch 1922 am klarsten zum Ausdruck
brachte. 11 Die Einsicht, daß der Kommunismus nicht auf direktem Weg eingeführt
werden konnte, stellten den Bolschewiki die Aufgabe, jene ökonomischen und
kulturellen Bedingungen nachträglich zu schaffen, die den Sozialismus erst möglich
machen sollten. Allerdings erfuhr dieses von Lenin auf dem Krankenlager nochmals
formulierte Programm 12 seit Mitte der zwanziger Jahre schon eine charakteristische
und folgenschwere Umdeutung: Die Entwicklungsphase, in der jene Bedingungen
des Sozialismus geschaffen werden sollten, wurde begrifflich dem "Aufbau des
Sozialismus in einem Lande" inkorporiert. Was Lenin noch als "Voraussetzung" des
Sozialismus angesehen hatte, wurde bald als dessen eigener Bestandteil deklariert.
Dieser Umdeutungsprozeß erfolgte im Zuge der Machtkämpfe in der Parteiführung.

10 Nach dem Begriff Roeders, ebd., S. 42 ff.: "Departicipation".


11 Lenin sah die bolschewistische Politik allein durch die Oligarchie der sog. "alten Garde"
gewährleistet. "Es genügr ein kleiner innerer Kampf in dieser Schicht, und ihre Autorität
wird, wenn nicht untergraben, so doch jedenfalls soweit geschwächt, daß die Entschei-
dung schon nicht mehr von ihr abhängen wird." WJ. Lenin, Über die Bedingungen für
die Aufnahme neuer Parteimitglieder (An Genossen Molotow, 26.3.1922), WJ. Lenin,
Werke Bd. 33, Berlin 1977, S. 243.
12 WJ. Lenin, Über das Genossenschaftswesen, in: ders., Werke Bd. 33, Berlin 1977, S.
453-461; sowie: ders., Über unsere Revolution (Aus Anlaß der AufZeichnungen N.
Suchanows), ebd., S. 462-467.
90 Benno Ennker

Im Kern war dies Stalins wesentlicher theoretischer Beitrag zur Auseinandersetzung.


Was der Parteimitgliedschaft als künstliche Diskussion um Begriffsbestimmungen
erscheinen mochte, verdeckte die Auswechslung des bolschewistischen Programms:
Die nachholende Entwicklung, die die Bolschewiki ihrer Wirtschaftspolitik aus der
Not eines darniederliegenden Landes und der Verlegenheit orthodoxer Marxisten
verordnet hatten, wurde nun in den ,,Aufbau des Sozialismus in einem Lande"
umetikettiert. Das mühevolle, ideologisch undankbare und fast aussichtslose Ringen
mit dem Stigma der "Rückständigkeit Rußlands" erhielt damit als "Sozialismus" den
Rang der "konkreten Utopie", ein Vorgang, der das bolschewistische Denk- und
Handlungsmuster der "Flucht nach vorn" gut illustrieren kann. 13 Der "Aufbau des
Sozialismus in einem Lande" wurde als "Generallinie" zum Dogma des Stalinismus
erhoben. Zweifel an der Realisierbarkeit dieses "Sozialismus" wurden als "Unglauben
kleinbürgerlicher Intellektueller", schlimmer noch als direkte Obstruktion am Auf-
bauprojekt diskreditiert und durch "ideologischen Kampf" und Parteiausschlüsse
bewältigt.
Indem unter dem ideologischen Diktat der stalinistischen Mehrheit im ZK der
Weg, auf dem ursprünglich die Bedingungen für den Sozialismus errichtet werden
sollten, in das Ziel des ,,Aufbaus des Sozialismus" integriert wurde, wechselte auch
die Perspektive auf die Sowjetgesellschaft. Bald erfuhren die begrifflichen Elemente
ihrer "Rückständigkeit" eine bezeichnende Verengung: In der Partei entfaltete sich
ein Diskurs von modernen Klassenbeziehungen in einer "modernen" Gesellschaft,
der die Vorstellung einer auf höchstem Niveau organisierten Arbeiterklasse sugge-
rierte, die ein gut abgestuftes Bündnis mit den armen und den Mittelbauern
anführte, das der (NÖP-)Bourgeoisie sowie den ausbeuterischen Großbauern (Ku-
laken) gegenüberstand. Die tatsächlichen Verhältnisse wurden in der Rhetorik der
Partei als Klassenkampf wie in einem marxistischen Simulationsmodell nachgestellt.
"Rückständigkeit" hatte in diesem Gemälde der Sowjetgesellschaft alle sozio-kultu-
rellen Attribute verloren und wurde recht willkürlich darauf reduziert, daß es dem
Land an der technischen und ökonomischen Basis fehle.
Seit Bestehen der bolschewistischen Macht, insbesondere nach Auflösung der

13 Wie wirksam selbst für die wissenschaftliche Perzeption diese Umetikettierung war, zeigt
sich an der Perspektive, wie sie z.B. M. Heller und A. Nekrich, Geschichte der Sowjet-
union, 2 Bde., Königstein 1981, mit dem Originaltitel "Die Utopie an der Macht"
sowie M. Malia, Der vollstreckte Wahn. Rußland 1917-1991, Stuttgart 1994, einneh-
men. Diese deterministische Interpretation der Geschichte aus der Macht der Ideologie
könnte an der widersprüchlichen Entwicklungsgenese der "Utopien" selbst überprüft
werden. Ein solches kritisches Vorgehen erschiene für die Analyse der sowjetischen
Geschichte fruchtbarer als das Verfahren, jedes ihrer Ereignisse gänzlich dem Bann einer
suggerierten eindimensionalen Logik des genetischen Codes der "Ideologie" auszuliefern:
des Marxismus.
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 91

Konstituierenden Versammlung, war also die politische Herrschaft im Sowjetstaat


auf eine äußerst schmale Legitimationsbasis in Hinblick auf Repräsentation und
verbürgte Partizipation der Gesellschaft beschränkt. Die Bolschewiki haben diesen
Mangel an gesellschaftlicher Repräsentation durch eine von Repräsentation wohl zu
unterscheidende Inkarnation der Arbeiterklasse und ihrer Interessen in der Führung
zu kompensieren versucht. Dieser Inkarnationsgedanke, der es erlaubte, die Klasse
durch die Partei zu substituieren, war der Kern des Avantgardekonzepts. Da dieses
Konzept von der Partei aber auch verlangte, ihre Politik immer wieder mit wohlbe-
dachter Rücksicht auf die Klasse umzusetzen,14 war es zugleich offen für eine
Massenpolitik des "Populismus". Inkarnation der Klasse, die die mangelnde Reprä-
sentation zu kompensieren hatte, konnte verschiedene konkrete Träger erhalten:
Sichtbarste Form nahm sie im "Revolutionsführer" Lenin an, also in Gestalt des
Kults, der besonders in Zeiten von Fühtungskrisen, wie nach dem Attentat aufLenin
1918, sodann seit dessen Krankheit 1922/1923 und dem Tod 1924 vorangetrieben
wurde. Die sich seither hinziehende Autoritätskrise des bolschewistischen Regimes
bildete den Hintergrund für den machtvollen Leninkult der zwanziger Jahre.
Zu den weitreichendsten Versuchen, fehlende gesellschaftliche Repräsentation
durch "soziale Inkarnation" zu kompensieren, zählt die Rekrutierung der "Arbeiter
von der Werkbank" für die Partei. Diese Kampagne wurde nach Lenins Tod von den
- im übrigen zerstrittenen - bolschewistischen Führern einmütig zum Ersatz für die
verweigerte Demokratie im Sowjetstaat erklärt. 15 Die Inkorporierung großer Teile
der Arbeiter in die Partei, ihr späteres "Vorrücken" bzw. ihr sozialer Aufstieg
("wydwishenije") auf den Stufenleitern bolschewistischer Staats- und Gesellschafts-
verwaltung bildeten auch den Resonanzboden für einen seit Lenins Tod grundlegend
veränderten politischen Diskurs des "autoritären Populismus", der sich deutlich von
der selbstbewußten Diktion der Avantgardediktatur Lenins unterschied. Die "soziale
Inkarnation" unter Einschluß der parteiorganisierten Aufstiegschancen, der autori-
täre Populismus sowie das politische Kulturmuster des "Führers" stellten im System
der Parteidiktatur die wichtigsten subjektiven Voraussetzungen für die Machtentfal-
tung wie für die Sicherung der sozialen Basis des Stalinismus dar.

14 Lenin hatte als die drei Erfolgsbedingungen des Bolschewismus genannt: 1. die heroische
Hingabe an die revolutionäre Sache, 2. die Fähigkeit zur Verbindung mit den Massen
und 3. die "richtige" Führung, die sich auf die Erfahrung der Massen stützt. WJ. Lenin,
Der "linke Radikalismus", die Kinderkrankheit des Kommunismus, in: WJ. Lenin,
Werke, Berlin 1955 ff., Bd. 31, S. 9.
15 So ausdrücklich die Äußerungen L. Trockijs, zit. in: I. Deutscher, Trotzki, Bd. 2: Der
unbewaffnete Prophet 1921-1929, Stuttgart 1962, S. 139, S. 467, Anm. 94. Ähnlich
äußerten sich andere führende Bolschewiken, wie G. Zinov'ev auf dem XIII. Parteitag
1924. Hierzu: E.H. Carr, AHistory of Soviet Russia. Bd. 4: The Interregnum. 1923-
1924, London, Basingstoke 1978, S. 352.
92 Benno Ennker

Der Übergang zum stalinistischen Regime begann 1928 mit einer Renaissance
der Bürgerkriegskultur, einer Kulturrevolution mit den widersprüchlichen Zügen
einer "von oben" protegierten antiautoritären und antielitären Bewegung. Diese
erhielt schließlich ihre stärkste Schubkraft aus der existentiellen Krise, in die das
Land wirtschaftlich zu dieser Zeit geriet, und die durch die überstürzte Zwangskol-
lektivierung und das halsbrecherische Industrialisierungsprogramm noch bis zum
Äußersten vertieft wurde. Der Idealtyp des "charismatischen Führers" und seiner
Herrschaft ist nun von Max Webers Herrschaftssoziologie wesentlich in den sozial-
strukturellen und kulturellen Bedingungsrahmen von Krise, Krieg und Revolution
gestellt worden.l 6 Charisma ist nach Weber eine "revolutionäre Macht", die "eine
Wandlung der zentralen Gesinnungs- und Tatenrichtung unter völliger Neuorien-
tierung aller Einstellungen zu allen einzelnen Lebensformen und zur ,Welt' über-
haupt" bedeuten kann.'? Diese Beschreibung entspricht in weitem Maße jener
revolutionären politischen Kultur, die sich seit Lenins Zeiten während der zwanziger
Jahre im Milieu der Kommunistischen Partei unter Pflege von Revolutionsmythos
und Leninkult 18 verfestigt hatte. Nach dem Bürgerkrieg und der Einführung der
moderaten Wirtschaftspolitik unter dem Namen der Neuen Ökonomischen Politik
(NÖP) wurden zum Schutz vor deren korrumpierendem Einfluß die Elemente
dieser "culture in the making" durch die Partei sehr bewußt "gemacht": Sie bediente
sich dabei ihrer Instanzen der Popularisierung von Wissenschaft und Kultur. 19 Es
handelte sich dabei um eine politische Kultur, die als "latent charismatische Situa-
tion" in Reserve gehalten wurde. Sie konnte durch Zuspitzung der Krise so "mani-
fest"20 werden, daß das Bedürfnis nach der "Lösung" in Gestalt eines "Führers" Form
annahm. Der "charismatische Führer" gründet seine neue Position nicht allein auf
allgemeines Vertrauen in seine Kompetenz und Erwartungen an seine Macht,

16 Hierzu insgesamt: M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden


Soziologie. 5. rev. Aufl., besorgt v. J. Winckelmann, Tlibingen 1980, S. 120-124, S.
140, S. 441-458.
17 Weber, S. 142.
18 Hierzu: B. Ennker, Die Anfänge des Leninkults. Ursachen und Entwicklung in der
Sowjetunion der 20er Jahre, Diss. an der Historischen Fakultät der Univers. Tlibingen
1994 (im Ersch. begriffen).
19 R.C. Tucker, "Lenin's Bolshevism as a Culture in the Making", in: ders., Political Culture
and Leadership in Soviet Russia. From Lenin to Gorbachev, New York, London 1987,
S. 33-50, hier S. 47.
20 Die Unterscheidung der Begriffe der "latenten" und der "manifesten charismatischen
Situation" in Verbindung mit politischer Kultur und Krisenzuspitzung nach: M.R.
Lepsius, "Das Modell der charismatischen Herrschaft und seine Anwendbarkeit auf den
,Führerstaat' Adolf Hitlers", in: ders., Demokratie in Deutschland. Soziologisch-histo-
rische Konstellationsanalysen. Ausgewählte Aufsätze, Gättingen 1993, S. 95-118, hier
S. 100 ff.
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 93

sondern auf eine neue Struktur sozialer Beziehungen und eine neue kognitive
Definition der Handlungssituation. Das Charisma signalisiert seine Macht gerade
darin, daß er sich über konventionelle Rollenerwartungen an ihn und institutionelle
Beschränkungen seiner Handlungswillkür hinwegzusetzen vermag.
Der Aufstieg Stalins zum Führer vollwg sich im innerparteilichen Kampf seit
1923. Die anti-bürokratische Stoßrichtung der "linken" Opposition und die Verbin-
dung Stalins sowohl mit den "Provinz-Cliquen" als auch mit dem ZK-Apparat
bestimmte die Basis, auf die sich der Generalsekretär stützen konnte. Eine Basis, die
er sich vor allem auch selbst organisatorisch zu schaffen und auszuweiten verstand. 21
Diese Erkenntnis über den politischen Prozeß ist allerdings nur die halbe Erklärung,
die die Sowjetunionforschung seit Trotzkis Bürokratiekritik allzu willig aufgegriffen
hat. Damit unterschätzte sie - wie dieser Chronist und Leidtragende der Triumphe
des Generalsekretärs - Stalins emotionalen und intellektuellen Einfluß auf das
politische Geschehen. Dieser war in der gesamten Auseinandersetzung derjenige
unter den bolschewistischen Führern, der die "Situation definierte" und für die
Auseinandersetzung die leitenden Begriffe prägte. Stalins Führungsmacht gründete
sich - entgegen der allgemeinen Annahme - auf mehr als seine bürokratische
Kompetenz zur Ernennung von Funktionären. 22 Dieser Kampf fand im Rahmen der
Oligarchie statt, die in den Spitzengremien der Partei organisiert war: dem ZK, der
ZKK (der Zentralen Kontrollkommission), dem Politbüro. Aber Stalin setzte sich
über die Beschränkungen durch diese Institutionen, ihre Integrität und Autorität
hinweg. Vor seiner Gefolgschaft bewährte sich sein Charisma, indem er sich in freier
politischer Handlungswillkür auf die von ihm geleiteten Fraktionen, teils seiner
Gefolgsleute, teils seiner Koalitionspartner - stützte. So tritt zu Tage, daß beim
Aufstieg Stalins sowohl bürokratische Organisation als auch politisches Charisma
Pate standen.
Der Durchbruch charismatischer Politik und die Rolle, die sie beim Aufstieg des
Stalinismus spielte, läßt sich auch anhand der Ökonomie in der Getreidekrise und
der Entscheidung zur Kollektiverung beschreiben. Die Entwicklung führte zu einer
sozio-politischen Krise, in deren Verlauf sich die elementaren Koordinaten der

21 T.H. Rigby, "Early ProvinciaI Cliques and the Rise of Stalin", in: ders., PoliticaI Elites
in the USSR. CentraI Leaders and LocaI Cadres from Lenin to Gorbachev, Aldershot
1990, S. 43-72.
22 Dieser Glaube an Stalins Definitionskompetenz in Hinblick auf Krisensituationen spie-
gelt sich auch in internen Dokumenten: L.T. Lih/O.V. Naumov/O.v. Khlevniuk (Hg.),
Stalin's Letters to Molotov 1925-1936, New Haven, London 1995. L.T. Lih, "Intro-
duction", ebd., S. 1-66, hier S. 26. Molotov selbst erklärte in seinen kürzlich veröffent-
lichten Interviews zum politischen Lebensrückblick wiederholt seine Bewunderung für
diese Fähigkeit Stalins: F. Cuev, Sto sorok besed s Molotovym. Iz dnevnika F. Cueva,
Moskau 1991, S. 307-313.
94 Benno Ennker

Herrschaft verschoben. Sie wurde zugespitzt durch die Getreidekrise von 1927/28,
die sich im Winter 1928/29 wiederholte. Eine marktökonomische Lösung hatte sich
die stalinistische Führung nach dem ersten Fünfjahresplan durch die wirtSchaftspo-
litisch irrational hoch angesetzten Planziffern für die Industrialisierung verbaut. Sie
hatte damit jeglichen ökonomischen Manövrierraum beseitigt. Bereits die erste Krise
1927/28 war durch Einsatz "außerordentlicher", also gewalttätiger Maßnahmen in
Sibirien behandelt worden, die von Stalin persönlich vor Ort geleitet worden
waren. 23 Der Rückfall in die Bürgerkriegsmethode der Getreiderequirierung war
zunächst als eine durch die Not erzwungene Ausnahme von der Politik der NÖP
hingestellt worden. Seit Frühjahr 1929 jedoch wurde unter Verletzung anderslauten-
der Politbürobeschlüsse die sogenannte "Ural-Sibirien-Methode" bei der Getreide-
beschaffung als Instrument zur Krisenlösung angewandt. Das Getreide wurde
schließlich im ganzen Land, unter Androhung und Einsatz von Gewalt gegen
"Kulaken", mittlere Bauern und bald gegen ganze Dörfer abgepreßt. Das Ganze
wurde legitimiert durch inszenierte Versammlungen des "Volkszorns".24 Und diese
Methode wurden bald darauf auf die Kampagne der Zwangskollektivierung übertra-
gen.
Dieser hier nur angedeutete Ablauf der Getreidekrise und ihrer "Lösung" ist
bezeichnend für das "Charisma", das in der Kampagne zum Tragen kam. Max Weber
hat Charisma als "spezifisch wirtschaftsfremd" bezeichnet. 25 Das ökonomische Sub-
strat des Feldzugs zur Getreidebeschaffung und der Zwangskollektivierung war
"Beute" aus "gewaltsamer oder (formal) friedlicher Erpressung" als den typischen
Formen "charismatischer Bedarfsdeckung".26 Dagegen erscheint das Bild des Füh-
rerkults um Stalin, der am Ende der zwanziger Jahre nach konventioneller Vorstel-
lung dessen politischen Aufstieg zu besiegeln schien, komplex und paradox. Der
Machtkampf innerhalb der Parteiführung während der zwanziger Jahre wurde
beständig im Bann des Leninkults geführt. Stalin gewann seine Vormacht u.a. durch
Vereinnahmung dieses Kults, und es gelang ihm, den bürokratischen Zugang zum
Interpretationsmonopol zu besetzen. Stalins Führerschaft schälte sich für seine
Gefolgschaft nach den von ihm selbst vorgezeichneten Kriterien der Legitimität im
Licht der Wertorientierungen des Leninkults heraus. Als aus Anlaß von Stalins 50.
Geburtstag im Dezember 1929 dessen Fraktion eine Bilanz des jahrelangen Macht-
kampfes zog, wurde er definitiv als "woshd" (Führer) anerkannt. Diese Qualität war

23 R.C. Tucker, Stalin in Power, S. 81 f.


24 Y. Taniuchi, "Decision making on the Ural-Siberian Method", in: J. Cooper/M. Perriel
E.A. Rees, Soviet History, 1917-1953. Essays in HonoUf ofR.W. Davies, Basingstoke
1995, S. 78-103.
25 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 142.
26 Ebd.
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 95

fast ausschließlich aus den Führeranforderungen abgeleitet, wie sie im Leninkult


vorgeprägt worden warenP Nach einigen zeitgenössischen öffentlichen Verlautba-
rungen zu urteilen, wollten die stalinistischen Führer der Huldigungsfeier allerdings
lediglich den "politischen Sinn einer Entscheidung über die Führung"28 zuerkennen.
D.h. die Akteure jener Feier verfolgten keineswegs den bewußten Plan für einen
umfassenden Führerkult.
Die Stiftung des Stalinkults wurde von Veröffentlichungen begleitet, durch die
jene Führerkür mit bolschewistischen Prinzipien legitimiert und einer Art "konsti-
tutionellen Beschränkung" unterworfen wurde. 29 Charakteristisch für die Synthese
von Führerpanegyrik und dem oligarchischem Prinzip "kollektiver Führung" war
die Erklärung: "Genosse Stalin ist wahrhaftig ,Erster unter Gleichen', der hervorra-
gendste politische Führer der Partei nach Lenin. "30 Jede Art dieser "bolschewisti-
schen" Legitimierung band den Kult an die Voraussetzung, mit den Führungsstruk-
turen der Partei kompatibel zu bleiben. Der im Dezember 1929 gestiftete Stalinkult
fand zunächst keine unmittelbare Fortsetzung, jedenfalls nicht nach dem XVI.
Parteitag Mitte 1930. Die kultische Stalinverehrung wurde in der Öffentlichkeit erst
Anfang 1933 durch seine Gefolgsleute wieder aufgenommen. 31 Offensichtlich fehlte
dem Generalsekretär noch die absolute Souveränität, die es erlaubt hätte, ihn vom
oligarchischen Prinzip der "kollektiven Führung" auszunehmen.
Der Kult um Stalin ist selbst in exzessiver Form nicht als unmittelbares Indiz für
die Verabsolutierung der Führerdiktatur im Sinne einen "reinen" Form charismati-
scher Herrschaft anzusehen. So war der Generalsekretär nach der Führerkür im
Dezember 1929 sowie den Triumphen, die die gewalttätige und von Enthusiasmus
und Kulakenhaß getragene Kampagne (mit einer Kollektivierungsquote von 65%
nach den Erhebungen vom 1.3.1930) einbrachten, zu einer ernüchternden Kurskor-
rektur gezwungen. Unter dem Druck der anderen Politbüromitglieder publizierte er

27 Stalin. Sbornik statej k pjatidesjatiletiju so dnja rozdenija, Moskau, Leningrad 1930


(Deutsch: Stalin. Vorwort von Heinz Neumann, Berlin 1930).
28 Als ehemaliger Angehöriger der "linken Opposition" hatte G. Pjatakov unter dem Titel
"Für die Führung" eine entsprechende Loyalitätsbezeugung in der Pravda v. 23.12.1929
veröffentlicht, deren Abdruck auf Konsens mit der Stalin-Gruppe schließen läßt. U.a.
hieß es dort: "Die Manifestation zum 50. Geburtstag des Gen. Stalin hat einen tiefen
politischen Sinn. Denn sie ist die Demonstration der Einheit und des Zusammenschlus-
ses um das ZK auf Grundlage der Generallinie (... ) sie ist die Demonstration der
Entscheidung über die Führung." Weiter erklärte er dort, "daß man nicht für die Partei
und gegen die gegenwärtige Führung sein kann, nicht für das ZK und gegen Stalin".
29 So vor allem: K. Popov: "Partija i rol' vozdja", in: Partijnoe stroitel'stvo 1 (1930) S.
5-9.
30 Ebd., S. 31.
31 R. Löhmann, Der Stalinmythos. Studien zur Sozialgeschichte des Personenkultes in der
Sowjetunion (1929-1935), Münster 1990, S. 304 f.
96 Benno Ennker

einen Prawda-Artikel, in dem er gewalttätige "Übertreibungen" bei der Kollektivie-


rung verurteilte und forderte, das Prinzip der Freiwilligkeit beim Eintritt in die
Kolchosen zu beachten. Die Veröffentlichung stand unter dem bezeichnenden Titel
"Vor Erfolgen von Schwindel befallen" und desavouierte seine Gefolgschaft auf das
empfindlichste. Der "Führer" dementierte damit die Legitimität der von ihm
geführten charismatischen Bewegung, indem er über die Triebkräfte ihrer "emotio-
nalen Vergemeinschaftung" die Geltung legalistischer Prinzipien stellte. Unter den
verwirrten Provinz-Sekretären in Stalins Gefolgschaft hatte der Artikel psychologisch
katastrophale Wirkungen. 32 Robert Tucker kann glaubhaft machen, daß durch ihn
"Elemente einer Krise in Stalins Verhältnis zur Bürokratie" geschaffen wurden. 33
Zudem stellte sich in der Folge ein fast vollkommenes Desaster der von Stalin
persönlich verantworteten Kollektivierungspolitk ein: Bis zum August 1930 fiel der
Anteil kollektivierter Betriebe auf21 ,4% zurück. 34 Trotz dieses eklatanten Versagens
des für die Krisenbewältigung gekürten Tribuns feierte der Führerkult um ihn auf
dem während dieser Wochen abgehaltenen XVI. Parteitag weitere Triumphe. 35
Erstmals war keine oppositionelle Kritik an seinem Rechenschaftsbericht zu ver-
zeichnen, sondern lediglich zahme, schriftlich verfaßte Anfragen, die beim Kongreß-
präsidium einzureichen waren;36 ein deutliches Signal für die Entmachtung dieses
höchsten Organs der Partei. Aber entgegen dem äußeren Schein war damit keine
Vollendung der absoluten Führerdiktatur verbunden. Vielmehr dürfte sich die
Oligarchie des Politbüros, die dem Prinzip "kollektiver Führung" gemäß zum
Komplizen von Stalins Politik geworden war, verschworen haben, ihre bürokratische
Macht gegen die Partei auszunutzen. Der Stalinkult besaß demzufolge 1930 noch
eine kompensierende Funktion für eine Partei führung, deren Souveränität keines-
wegs gesichert war.
Der Komplex aus charismatischen und oligarchisch-bürokratischen Elementen
politischer Herrschaft unter dem Stalinismus hatte im Stalinkult mit seinen zeremo-
niellen, hochorganiserten und patriarchalischen Ingredienzen die angemessene Aus-
drucksform erhalten. Ihm ging die ungehindert spontane Wirkung eines reinen
Charismas ab. Diese wurde eher in kunstvoller Dramatisierung nachgestellt, ohne
daß der politische Effekt deswegen geringer sein mußte.

32 Tucker, Stalin in Power, S. 184 ff.


33 Ebd., S. 186.
34 Zahlenangaben zu den Kollektivierungsanteilen hier wie oben nach H.-H. Schräder,
"Kollektivierung", in: H.-J. Torke (Hg.), Historisches Lexikon der Sowjetunion 1917/22
bis 1991, München 1993, S. 144-147.
35 Lähmann, Stalinmythos, S. 304 f.
36 So die Angaben bei J .W. Stalin, Schlußwort zum politischen Rechenschaftsbericht des
ZK der KPdSU(B) (2.7.1930), in: J.W Stalin, Werke Bd. 13, Berlin 1955, S. 1-14,
hier S. 1 f.
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 97

Die historische Mission und der sozio-politische Entwicklungsrahmen


der stalinistischen Herrschaft

Bei der Suche nach den Strukturen politischer Herrschaft des Stalinismus bleibt die
besondere persönliche Rolle Stalins, also die Führerdiktatur, als Kern des Systems
ein Forschungsproblem.
Robert Tucker versucht seit langem, Stalins persönliche Herrschaft unter dem
Begriff von "Stalinscher Autokratie als Institution" zu erfassen. Als Diktator habe er
für seine Entscheidungen weder der Konsultation noch der Überzeugungskraft
gegenüber seinen Gefolgsleuten bedurft.37 Stalin habe bewußt die Restaurierung des
Systems der russischen Autokratie herbeigeführt und die Herrschaft der Partei
vermittels einer Oligarchie, wie sie unter Lenins Ägide wirkte, zerstört. Tucker
vertritt auch die These, daß das von Stalin während der dreißiger Jahre geprägte
politische System zusammen mit dem Nazi-Deutschlands unter dem Begriff des
"Totalitarismus" zu fassen sei: zwar verschieden in der Symbolik, hätten doch die
beiden Systemtypen alle wesentlichen Elemente gemeinsam und teilten vor allem
die Geltung des "Führerprinzips".38 Der Stalinismus zeichne sich dadurch aus, daß
er das bolschewistische "Bewegungs-Regime" in ein neues Bewegungs-Regime vom
Typ des "Führer-Regimes" verwandelt habe. 39
Diese theoretischen und begriffiichen Voraussetzungen haben unverändert auch
in Tuckers zweiten Band seiner Stalin-Biographie4o Eingang gefunden. Die Gleich-
setzung von Autokratie und "Führer-Regime" bleibt von historisch zweifelhafter
Valenz: Erstere stützt sich auf traditionale Legitimitätsprinzipien, die im Führerre-
gime des Stalinismus nicht vorhanden sind. Jedenfalls würden sie zur Legitimierung
dieses Herrschaftssystems nicht genügen - im Gegensatz zur Autokratie, die in ihrer
traditionalen Legitimität prinzipiell selbstgenügsam ist. Führerregime wie das Stalins
und Hitlers gehören zu jenen modernen Herrschaftstypen, denen monarchisch-dy-
nastische Legitimität unwiederbringlich verloren gegangen ist. Sie haben sich ihre
Legitimitätsgrundlagen nicht "ein für allemal" gesichert, sondern müssen sie sich
immer neu durch Leistungen ideologischer, sozialer und ökonomischer Art beschaf-
fen und zur Geltung bringen. Für das Problem einer sozialgeschichtlich begründete
Erfassung der Rolle Stalins im Verhältnis zu den Strukturen politischer Herrschaft
erscheint das Analysemodell "charismatischer Herrschaft" doch am geeignetsten; es

37 "Stalin's autocracy considered as an institution", Zitat aus R.C. Tucker, The Soviet
Political Mind. Stalinisrn and post-Stalin Change, London 1971, S. 182; hierzu insge-
samt: ebd., S. 212-219.
38 Ebd., S. 4.
39 Ebd., S. 18.
40 Tucker, Stalin in Power. The Revolution frorn Above. New York, London 1990.
98 Benno Ennker

hat den "Vorzug, die alte Problematik des Verhältnisses von Person und Struktur
explizit zu thematisieren und analytisch zu vermitteln, statt zu polarisieren", wie M.
Rainer Lepsius formulierte. 41
Manfred Hildermeier hat in seiner Sozialgeschichte der russischen Revolution bei
der Bilanzierung der historischen Rolle Trotzkis und Lenins in der Revolutionsphase
der jungen Sowjetrepublik vermerkt: "Zweifellos haben hier ,Männer Geschichte
gemacht"'42 - ein eher widerwillig formuliertes Zugeständnis des Sozialhistorikers
an die "Rolle der Person in der Geschichte". Und doch versteht sich der sachliche
Gehalt der unorthodoxen Aussage fast von selbst. Offensichtlich sind Revolution,
Krieg sowie Staats- und Gesellschaftskrise Rahmenbedingungen, durch die das
empfindliche Gleichgewicht von ökonomischen, gesellschaftlichen, politischen und
individuellen Faktoren in einer zivilen Gesellschaft zerstört werden kann und die
Stunde der Helden, Führer und Krieger schlägt. Charismatische Führer finden unter
Berufung auf "höchste Werte" des Überlebens, der Ehre, der Nation in der Bedroh-
lichkeit existentieller Krisensituationen ihre "Mission" und versprechen schnell und
gewaltsam die "Lösung".
Dies gilt auch für die Rolle Stalins. Wer nun nach der legitimitätsverschaffenden
"historischen Mission" der von ihm geprägten Herrschaft fragt, findet m.E. ihre
überzeugendste Formulierung in der von Stalin seit November 1928 immer wieder
gestellten Aufgabe des Aufholens und Überholens durch das forcierte Tempo der
Industrialisierung, die zu erfüllen das Land und die ganze Gesellschaft gezwungen
seien bei Strafe des Untergangs. Stalin antwortete 1931 auf die selbst gestellte Frage,
ob man dieses Tempo nicht verlangsamen könne:

"Das Tempo verlangsamen, das bedeutet zurückbleiben. Und Rückständige werden geschla-
gen. Wir aber wollen nicht die Geschlagenen sein. Nein, das wollen wir nicht! Die Geschichte
des alten Rußland bestand unter anderem darin, daß es wegen seiner Rückständigkeit
fortwährend geschlagen wurde. Es wurde geschlagen von den mongolischen Khans. Es wurde
geschlagen von den türkischen Begs. Es wurde geschlagen von den schwedischen Feudalen.
Es wurde geschlagen von den polnisch-litauischen Pans. Es wurde geschlagen von den
englisch-französischen Kapitalisten. Es wurde geschlagen von den japanischen Baronen. Es
wurde von allen geschlagen wegen seiner Rückständigkeit. Wegen seiner militärischen Rück-
ständigkeit, seiner kulturellen Rückständigkeit, seiner staatlichen Rückständigkeit, seiner
industriellen Rückständigkeit, seiner landwirtschaftlichen Rückständigkeit."

Hier wurde die Leidensgeschichte einer ausgebeuteten und unterdrückten Nation


suggeriert. Der Ton läßt vergessen, daß von einer seit Jahrhunderten im Aufstieg
begriffenen, ihr Territorium expandierenden imperialen Großmacht die Rede ist.

41 Lepsius, "Das Modell", S. 95.


42 M. Hildermeier, Die Russische Revolurion 1905-1921, Frankfurt a.M. 1989, S. 30l.
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 99

Und um keinen Zweifel an dem patriotischen Kernmotiv für die forcierte Industria-
lisierung zu lassen, fuhr Stalin fort:

"Das ist der Grund, warum wir nicht länger zurückbleiben dürfen. In der Vergangenheit
hatten wir kein Vaterland und konnten keines haben. Jetzt aber, wo wir den Kapitalismus
gestürzt haben und die Arbeiter an der Macht stehen, haben wir ein Vaterland und werden
seine Unabhängigkeit verteidigen."

An dieser Stelle wandte sich der Generalsekretär mit einem für ihn ungewohnten
emphatischen Appel an seine Zuhörer:

"Wollt Ihr, daß unser sozialistisches Vaterland geschlagen wird und seine Unabhängigkeit
verliert? Wenn Ihr das nicht wollt, dann müßt ihr in kürzester Frist seine Rückständigkeit
beseitigen und ein wirkliches bolschewistisches Tempo im Aufbau seiner sozialistischen
Wirtschaft enrwickeln. Andere Wege gibt es nicht."

Er berief sich auf die Gültigkeit einer von Lenin zur Zeit des legendären Oktober
formulierten Parole: "Entweder Tod oder die fortgeschrittenen kapitalistischen Län-
der einholen und überholen." Um die Ernsthaftigkeit der Ausführungen zu unter-
streichen, die sowohl ein Versprechen der kommenden nationalen Renaissance als
auch die Drohung mit Verfolgung wegen Landesverrats enthielten, setzte er konkrete
Termine für das Programm:

"Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir
müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Enrweder bringen wir das zustande, oder
wir werden zermalmt. "43

In diesen Passagen, die zum festen Kanon im Lehrkompendium jedes Parteimitglieds


- nicht nur der sowjetischen, sondern auch der Komintern-Sektionen - gehörten,
findet sich die primäre Legitimation des Stalinismus: Das welthistorische Aufhol-
Projekt für den sowjetischen Erben des russischen Imperiums, vorangetrieben durch
forcierte Industrialisierung und Zwangskollektivierung bei Verstaatlichung der Wirt-
schaftsprozesse. Ebenso lautet aber auch am Schluß des Appells das Warnfeuer auf,
durch eigene Versäumnisse könne der Untergang provoziert werden, jenes immer
wache Bewußtsein über die "Gefahr der Selbstzerstörung".
Die innere Struktur der "Diktatur des Proletariats" ließ keinen Zweifel daran,

43 Stalin, Über die Aufgaben der Wirtschaftler. Rede auf der Ersten Unionskonferenz der
Funktionäre der sozialistischen Industrie am 4. Februar 1931, in: ders., Fragen des
Leninismus, Berlin 1951, S. 399 f. Zuerst kürzer formuliert auf dem ZK-Plenum im
November 1928, Stalin, Werke Bd. 11, Berlin 1954, S. 22 ff. Vgl. Lenin, Die drohende
Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, in: ders., Ausgew. Werke Bd. 2, Berlin
1955, S. 90-131.
100 Benno Ennker

daß diese selbstauferlegte Mission des Stalin-Regimes in der Verantwortung der


Partei - von der Spitze bis zum Orts- und Zellensekretär lag. Im sowjetischen
Gesellschaftsmodell waren alle Antriebskräfte für eine beschleunigt nachholende
Entwicklung in die Partei verlagert worden, vor allem in deren Führungsspitze als
Zentrum des Wissens. Eines Wissens, dessen Anwendung ein Ausmaß an Souverä-
nität beanspruchen mußte, das es erlauben würde, partikulare gesellschaftliche
Interessen zu durchbrechen und den gesamten Wirtschafts- und Geseilschaftsprozeß
zu steuern. Gleichzeitig war es für das Zentrum in dem riesigen Land notwendig,
die exekutiven Instanzen für Sozialtechnologie zur Realisierung der großdimensio-
nalen Pläne zu vervielfachen. Das Wuchern der Verwaltungsfunktionen in Wirt-
schaft und Staat wird durch folgendes Beispiel aus der Erfüllung des ersten Fünfjah-
resplans illustriert: Von 1928 - 1932 stieg die Zahl der Angestellten von 11,5 auf
22,9 Millionen; und dies bei einem Plansoll für ein Wachstum um lediglich 3,4
Millionen. Im Vergleich dazu wuchs im selben Zeitraum die Industriearbeiterschaft
um 75% von 2,7 auf 4,6 Millionen. 44

Soziale Strukturkonflikte in den sowjetischen Herrschaftsformen

Die Aufgabe, die von der Kommunistischen Partei definierten Zielsetzungen als
einen Plan umzusetzen, der für die gesamte Gesellschaft gültig war, verlangte, eine
umfangreiche Verwaltung für die "Durchführung" der Direktiven einzurichten und
wiederum deren Verdoppelung durch "Kontrolle der Durchführung" seitens der
Parteiinstanzen. Diese Tendenzen, die schon seit Beginn der bolschewistischen
Herrschaft wirkten, sind von dem Soziologen Ralph Bendix mit dem Begriff der
"Doppelhierarchie" bezeichnet worden. 45 In der Logik des stalinistischen Industria-
lisierungsprojekts wurde eine am Sachzwang und formaler Rationalität orientierte
Bürokratie und Fachintelligenz eine erratische Struktur, unflexibel, unbeweglich.
Das erforderte immer wieder Antreiberei durch die Partei und folglich weitere
Potenzierung der "Doppelhierarchie" .
Darüber hinaus erhielt diese Entwicklung noch durch weitere Faktoren eine
eigene soziale Qualität:
1) Der axiomatische Ausgangspunkt der Wirtschaftspolitik des ersten Fünfjahres-
plans, die Negierung des "dynamischen Gleichgewichts" zwischen Investitions- und

44 W. Süß, "Partei, Bürokratie und Arbeiterklasse auf dem Weg in den ,Stalinismus"', in:
G. Eder/W. Süß (Hg.), Stalinismus. Probleme in der Sowjetgesellschaft zwischen Kol-
lektivierung und Weltkrieg, Frankfurt a.M., New York 1982, S. 603-654, hier S. 634.
45 R. Bendix, "The Cultural and Political Setting of Economic Rationality in Western and
Eastern Europe", in: ders., State and Society, Berkely 1973, S. 347.
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 101

Konsuminteressen, verschob die Gewichte auf die maximale Förderung einiger


Schlüsselindustrien im Produktionsgüterbereich und erzwang einen chronischen
Konsumverzicht. Infolge der ökonomischen Disproportionen trat eine chronische
Knappheit an Gütern und Dienstleistungen ein und förderte, verbunden mit dem
politischen Monopolismus, die Entwicklung ausgedehnter Patronage- und Klientel-
beziehungen. 46
2) In allen Wirtschaftsbereichen wurden die leitenden Kader für die Nichterfüllung
der häufig unerreichbaren Planziele persönlich verantwortlich gemacht und "Säube-
rungen" unterworfen. Nach der von Ralph Bendix angeführten Erkenntnis hatte die
große Masse der sowjetischen Bürokratien mangels eines Rechtsbegriffs im westli-
chen Sinn nicht "regelorientiert", sondern "zielorientiert" im Sinn der Mission des
Stalinismus zu funktionieren. 47 Sie waren dabei dem Wechselbad von Verhaltens-
normen ausgesetzt, die ständig durch die Führung verändert wurden. Dies mußte
bei den Verwaltungsleitern und Wirtschaftsfachleuten zu Verunsicherungen führen
und veranlaßte sie dazu, sich in den Schutz von Patronageverhältnissen zu begeben.
3) Je mehr es gelang, in der Provinz seitens der Partei die Doppelhierarchie zu
vervollkommnen, desto mehr übertrugen sich die geschilderten Patronage- und
Klientelbeziehungen auch auf ihre regionalen und lokalen Körperschaften und
Funktionäre. In den Parteisäuberungen von 1933 - 1936 erwiesen diese sich als
besonders resistent gegen die Durchgriffsversuche der Zentrale. Erst durch den
populistischen Appell des ZKs an die Mitgliedschaft bzw. die Parteiaktive mittels der
Kampagne von "Kritik und Selbstkritik" wurden diese Verkrustungen, die als
"Bürokratismus" gegeißelt wurden, während der Parteisäuberung teilweise aufgebro-
chen. 48
4) In den Augen der um Stalin gescharten Führung zeigten diese Friktionen beim
Aufbau der Leitungsstrukturen für die immer komplexer werdende Gesellschaft, daß
auf den Entwicklungslinien dieser Institutionen eine neue soziale Macht im Aufstieg

46 G. Roth, "Charismatischer Führungsanspruch und persönliche Abhängigkeit", in: Po-


litische Herrschaft und persönliche Freiheit. Heidelberger Max-Weber-Vorlesungen
1984, Frankfurt a.M. 1987, S. 58-86, hier S. 73.
47 Aus diesem Phänomen ist ein für die kommunistische Gesellschaft gültiger Typ von
Herrschaftslegitimität begründet worden: "What is peculiar to communist systems, is
the organizational integration and centralised mangement of the whole society as a single
,enterprise' in which authority is legitimated in goal-rational terms." T.H. Rigby, "In-
troduction: Political Legitimacy, Weber, and Communist Monoorganisational Systems",
in: ders.lA. Brown/P. Reddaway/F. Feher (Hg.), Political Legitimation in Communist
States, London, Basingstoke 1982, S. 1-25, hier S. 12.
48 Hierzu: ].A. Getty, Origins of the Great Purges. The Soviet Communist Party Recon-
sidered, 1933-1938, Carnbridge, New York u.a. 1987, S. 38-91.
102 Benno Ennker

begriffen war. Dort enrwickelten sich zwischen alten und neuen Funktionseliten
eigensinnige Interessenkonstellationen, die einen Kompromiß aus Amtsrationalität,
persönlicher Klientei/Patronloyalität und gläubiger Hingabe an die revolutionäre
Sache Stalins, darstellten. Auch die große Masse der sozialen Aufsteiger ("wydwi-
shenzy"), Stalins soziale Basis aus der Arbeiterschaft, die auf dem Sprung aufleitende
Wirtschafts-, Ingenieur-, Verwaltungs- und Parteisekretärsposten waren,49 dürften
sich in der Alltagsarbeit solchen klassenmäßig "unreinen" Interessen nicht entzogen
haben.
5) Dieser Vorgang der Differenzierung griff massiv auf die Partei bis in ihre zentralen
Strukturen über, das Steuerungssystem geriet gegenüber den partikularen Interessen
in die Defensive, und die politische Führung ergriff die "Flucht nach vorn": Es lag
nach bolschewistisch-jakobinischer Denktradition auf der Hand, das revolutionäre
Antriebspotential für die "Revolution von oben" mehr und mehr der "Vernunft" des
"Führers" zu überanrworten. Je mehr Hindernisse bürokratischer Art aus der Partei-
und Sowjetverwaltung den Steuerungsversuchen des Zentrums entgegenwirkten,
desto mehr tendierte dieses - unter dem Eindruck, es handele sich um Krisensym-
ptome - zum Ausbau der Souveränität des Führers. Bei dieser Enrwicklung zur
Führerdiktatur wirkte also auch das Phänomen mit, das Soziologen das "Charisma
der Vernunft" im sowjetischen politischen System genannt haben. 50
6) Dabei gewann in der Führungsgruppe offensichtlich Stalins Politik-Konzept
Raum, das als "anti-bürokratisches Handlungsmodell" bezeichnet worden ist. Es war
eine Herrschaftsausübung durch beständigen Kampf mit verschiedenen Typen von
"Klassenfeinden" bzw. "Volksfeinden", als die im Innern der Sowjetunion vor allem
"klassenfremde Elemente" im Sowjet-Apparat, bald auch im Parteiapparat, angese-
hen wurden. 51 Dieses Handlungskonzept war zugleich dazu geeignet, das Regime in
seinem fanatischen Mißtrauen gegen alle Institutionen der Wirtschafts- und Verwal-
tungsleitung durch den Terror bis an den Rand der Selbstzerstörung zu bringen,
nach dem Wort Gibor Rittersporns "I' Etat en lutte contre lui-meme".52

49 H.-H. Schräder, Industrialisierung und Parteibürokratie in der Sowjetunion. Ein sozial-


geschichtlicher Versuch über die Anfangsphase des Stalinismus (1928-1934), Berlin
1988 (Forschungen zur Osteuropäischen Geschichte, Bd. 41).
50 G. Roth, "Charismatischer Führungsanspruch"; S. Breuer, "Die Organisation als Held.
Der sowjetische Kommunismus und das Charisma der Vernunft", in: ders., Bürokratie
und Charisma. Zur politischen Soziologie Max Webers, Darmstadt 1994.
51 L.T. Lih, "Introduction", in: ders., O.v. Naumov/O.V. Khlevniuk (Hg.), Stalin's Letters
to Molotov 1925-1936, New Haven, London 1995, S. 1-63.
52 G. Rittersporn, "LEtat en lutte contre lui-meme. Tensions sociales et conflits politiques
en U.S.S.R. 1936-1938", in: Libre 4, 1978, S. 3-38.
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 103

7) Aus der Perspektive dieses "antibürokratischen Handlungsmodells" kann teilweise


der Terror als integraler Bestandteil der Stalinschen Herrschaft im Rahmen des hier
skizzierten soziopolitischen Konfliktmodells erklärt werden. Das gilt insbesondere,
wenn man den überportionalen Anteil der Repressionsopfer unter den Wirtschafts-
und Verwaltungseliten überhaupt rational erklären will. Dem anti-bürokratischen
Affekt des Stalinismus entsprach als Herrschaftsinstrument in der "Revolution von
oben" die populistische Mobilisierung und der Zwang zur Kampagne zwecks Er-
zwingung von gesellschaftlicher Dynamik, um die bremsenden Institutionen der
Bürokratie zu durchbrechen.
8) Obwohl der bolschewistische Voluntarismus in der Führerdiktatur seine angemes-
sene Form hatte, blieb der Stalinismus aus ideologischen und praktischen Gründen
an das Weiterbestehen des oligarchischen Führungskollektivs gebunden. In der
bolschewistischen Denktradition gab es keine direkte und offene Rechtfertigungs-
möglichkeit für die personalisierte Führerdiktatur. Sie mußte daher immer wieder
auf materialistischen Schleichwegen als "Inkarnation der Klasse" legitimiert werden.
Praktisch verlangte zudem der Anspruch, sozial-ökonomische Modernisierung für
ein Riesenland durchzusetzen, ein hohes Maß an Arbeitsteilung in der politischen
Leitung sowie einen riesigen, nach rational-bürokratischen Kriterien gegliederten
Apparat, um allein den Willen des Führers umzusetzen und handhabbar zu machen.
Für Stalin ergab sich daraus immer wieder der Zwang zum Kompromiß mit
bürokratischen und oligarchischen Strukturen des politischen Systems.
Aus dieser Darlegung kann man leicht die Schlußfolgerung ziehen: Das Verhältnis
der politischen Herrschaft zum Staat konnte nur sehr ambivalent sein. Zunächst sei
aber die Realität von Staat, auf der das stalinistische System basierte, kurz umrissen. 53
Seit Beginn der dreißiger Jahre verloren sowohl das zentrale Staatsorgan, der Sowjet-
kongreß, als auch die ursprünglich mächtigste exekutive Institution, der Rat der
Volkskommissare (SowNarkom), rapide an politischem Gewicht. Sie hatten beide
faktisch nur noch die Entscheidungen vorgelagerter Instanzen der Partei zu sanktio-
nieren und durchzuführen. In demselben Zeitraum zog die Unionsregierung, die
nach der föderativen Verfassung von 1924 nur wenige Politikfelder zu ihren Kom-
petenzen zählte, immer mehr Ressorts an sich. Die Verfassung von 1936 sollte diesen
Prozeß der weitgehenden Zentralisierung zu Lasten der nationalen Republiken
formalisieren. Auch hierfür bildete die forcierte Industrialisierung den stärksten
Treibsatz. Auch beim Verwaltungsaufbau sorgte Moskau seit 1930 nicht nur für
Vereinfachungen, sondern auch Zentralisierung, um direkten Zugriff auf die unteren

53 Das Folgende nach S. Plaggenborg, "Die Organisation des Sowjetstaates", in: Handbuch
der Geschichte Rußlands. Band 3.2: Von den autokratischen Reformen zum Sowjetstaat
(1856-1945), hg. v. G. Schramm, Stuttgart 1992, S. 1414-1525.
104 Benno Ennker

Ebenen zu erhalten. Hinzu kam eine Verwaltungsgliederung nach rein ökonomi-


schen Gesichtspunkten, die geeignet war, jede gesellschaftliche Selbständigkeit und
jegliche Möglichkeit der Selbstverwaltung auszuschließen.
Im Gefolge des ersten Fünfjahresplans ging bei der Wirtschaftsverwaltung eine
starke Zentralisierungstendenz mit der Verlagerung der Verwaltungsaufgaben in die
einschlägigen Volkskommissariate einher. Das war mit zunehmenden Koordinie-
rungs- wie Kompetenzproblemen verbunden. Die zentrale staatliche Planbehörde
GOSPLAN wurde schließlich bevollmächtigt, die auf 17 Industriebereiche aufge-
splitterten Volkskommissariate zu koordinieren. Die vom Terror geschwächten Wirt-
schaftsverwaltungen mußten fortan nicht allein bei der Planung, sondern auch bei
der operativen Umsetzung durch ein zentrales "Superministerium" geleitet werden.
Die Wende, die seit 1930 im Verhältnis von Staat und Partei eingetreten war, ist
nicht zu übersehen. Alle wichtigen Beschlüsse fielen im Politbüro der Partei und
waren diskussionslos verbindlich für staatliche und nachgeordnete Parteiorgane. Der
ZK-Apparat begann seit 1931 als Mitunterzeichner "Gemeinsamer Verordnungen"
von ZK und SowNarkom aufzutreten und damit die inhaltliche und funktionale
Kongruenz von Partei- und Staatsführung öffentlich zu manifestieren. Mit der
Ausprägung der operativen Rolle des Politbüros für die gesamte Politik begannen
auch neu geschaffene Parteiapparate, direkt in Belange des Staates, vor allem in die
Wirtschaftsentscheidungen und -verwaltungen, einzugreifen, ohne institutionelle
Zuständigkeiten zu beachten.
Die Einrichtung des Innenministeriums gab es bis 1930 allein auf der Ebene der
nationalen Republiken, während allerdings die Geheimpolizei immer beim Zentrum
institutionalisiert war. 1930 wurden die Republik-Innenministerien aufgelöst und
schließlich 1934 als "Vereinigtes Volkskommissariat des NKWD" unter Einschluß
der früheren OGPU-Formationen im Zentrum des Staatsapparates etabliert. Ohne
Einschaltung ordentlicher Gerichte hatte das NKWD fortan Vollmacht für Verhaf-
tungen, Verbannung, Aussiedlung und Erschießen. Sämtliche Arbeitslager standen
bereits seit 1930 unter Verwaltung der Geheimpolizei. Unter den Volkskommissaren
Jagoda, Jeshow und Berija etablierte sich das NKWD zur gefürchteten Repressions-
und Terrormaschine.
Wenn man sich fragt, nach welchem Begriff der stalinistische Staat zu erfassen
ist, könnte man sich der Aufgabe zunächst durch eine negative Abgrenzung annä-
hern. Dazu sei an Max Webers Darstellung der "modernen nach Kompetenzen
gegliederten Staatsanstalt" erinnert. 54 Zu deren Merkmalen zählte er u.a.: "eine
Verwaltungs- und Rechtsordnung, welche durch Satzungen abänderbar ist, an der
der Betrieb des Verbandshandelns des (gleichfalls durch Satzung geordneten) Ver-
waltungsstabes sich orientiert." Von diesem modernen Staatstypus ist die für den

54 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 393.


Führerdiktatur - Sozia/dynamik und Ideologie 105

Stalinismus umschriebene Staatsrealität in vieler Beziehung weit entfernt; jedoch


stehen sich nicht einfach - wie in der Grundkonstellation des nationalsozialistischen
Systems55 - Repräsentanten des rationalen - aus Rechtsstaatstradition überkomme-
nen - "Normenstaates" denen eines stalinistischen "Maßnahmenstaates" gegenüber.
Die inneren Widersprüche des Stalinismus zwangen dieses System zum "institution-
building" im Sinne der Organisierung formal rationaler Sachkompetenz und gleich-
zeitig zu deren Bekämpfung - den Staat für notwendig zu erklären und ihn durch
Terror in Schach zu halten. Eher als die Konstellation von Normenstaat versus
Maßnahmenstaat erscheint Franz Neumanns Charakteristik des "Dritten Reiches"
als eines rechtlosen "Unstaats" (Behemoth)56 gewisse Vergleichskategorien auch für
das stalinistische System bieten zu können.

Stalinistische Führerdiktatur und die oligarchischen Strukturen


der Parteiherrschaft

Leistungsfähigkeit und das Entwicklungsniveau von Partei und Staat im Herrschafts-


system des Stalinismus können durch einen Blick auf den Zerfall der Institutionen
und den Aufstieg der persönlichen Diktatur Stalins im Zug und im Gefolge des
Terrors dargestellt werdenY
Im Gefolge des Terrors hatte sich die Stellung und Funktion der Partei innerhalb
des politischen Systems der Sowjetunion wesentlich verändert: Das formell höchste
Organ, der Parteitag, war in der Periode zwischen seinem XVII. (1934) und XVIII.
Kongreß (1939) definitiv von der früheren Tribüne lebhafter Debatten in das Organ
formeller Ratifizierung von Richtungsentscheidungen verwandelt worden, die ihm
von anderer Stelle vorgegeben worden waren. Er stellte sich nach der langen
Inaktivität als machtloses Instrument dar, dem als Parteikörperschaft jede Integrität
und Kohärenz verloren gegangen war. Auch das Politbüro verlor im Lauf der
Terrorperiode an Funktion als effektives Operativzentrum der sowjetischen Politik.
Seine Kohärenz und Integrität als Entscheidungsgremium ging zunehmend verloren.
Am Ende dürfte für seine Funktionsweise zutreffend sein, was Chruschtschow für

55 So an prominentester Stelle: M. Broszat, Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwick-


lung seiner inneren Verfassung, München 1976 (1969'). Das weitgehend anerkannte
dualistische Bild einer solchen Analyse nationalsozialistischer Herrschaft geht v.a. aus
von E. Fraenkel, The Dual State. A Contribution to the Theory of Dictatorship, New
York, London, Toronto 1940.
56 F. Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944,
Frankfurt a.M. 1984 (erste amerik. Fassung 1942).
57 Im folgenden wird vor allem der Argumentation von G. Gill, The Origins of the Stalinist
Political System, Cambridge, New York u.a. 1990, S. 275-306, gefolgt.
106 Benno Ennker

eine spätere Entwicklung festgestellt hatte: Viele Beschlüsse wurden entweder von
einer Person allein oder über Umwege und Umfragen ohne kollektive Diskussion
getroffen. 58 Charakteristisch für die Verschiebungen im effektiven Machtgefüge ist
die Tatsache, daß im Oktober 1937 der NKWD-Chef Jeshow in den Rang eines
Kandidaten des Politbüros erhoben und darin auch von seinem Nachfolger Berija
1939 beerbt wurde. Für den ZK-Apparat ist kennzeichnend, daß die seit 1934
eingeführte Branchenstruktur seiner Abteilungen im Sinn der "Doppelhierarchie"
(Ralph Bendix) fast von vornherein, seit 1935, durch Errichtung der Abteilung für
Leitungsorgane der Partei (ORPO) konterkariert wurde. Beauftragt mit der Partei-
säuberung, erhielt sie für Kaderpolitik und den Informationsfluß durch das Berichts-
wesen eine überragende Rolle. Leiter dieser Abteilung war der spätere NKWD-Chef
Jeshow. 1939 wurde das Strukturprinzip der Branchenorganisation der ZK-Abtei-
lungen wieder abgeschafft und alle Personalpolitik in der neugeschaffenen Kaderab-
teilung konzentriert. 59
Der Stalinkult wandelte sich während der dreißiger Jahre von dem mit dem toten
Lenin geteilten "Kult der zwei Führer" hin zum deutlichen Primat Stalins, dem nun
die unteilbaren und unvergleichbaren Attribute des Genies, der wissenschaftlichen
Koryphäe u.a.m. zugesprochen wurden. Im Lauf dieser Entwicklung wurden alle
konkreten ideologischen, sozialen und wirtschaftlichen Errungenschaften, die die
Identität des sowjetischen Systems ausmachten, zu Schöpfungen Stalins erklärt. Für
die Zeit des Massenterrors und der Verfolgung der "Volksfeinde" innerhalb und
außerhalb der Partei hatte dieser Kult die Funktion, jegliche tatsächliche oder
angebliche Opposition gegen Stalin gleichzusetzen mit einem Verrat am gesamten
sozialen und patriotischen Aufbau-Projekt der Sowjetunion. Für das politische
Herrschaftssystem führte dabei der Führerkult um Stalin als Person statt als Partei-
führer dazu, daß die Systemlegitimität von der Partei auf die individuelle Person des
Führers umgelenkt wurde. Auch hier offenbarte sich eine deutliche Minderung der
politischen Rolle der Partei. Zudem wirkte der Stalinkult subversiv gegen die
bürokratische Strukturierung des Herrschaftssystems. Funktionäre auf den unteren
Ebenen hatten dem Gehorsam Stalin gegenüber den Vorzug vor der Loyalitätsan-
bindung an unpersönliche Regeln und Amtshierarchien zu geben. Für Stalin bedeu-
tete insofern der Führerkult politisch, daß er ihm scheinbar erlaubte, die Kommu-
nikationsprobleme auf der Linie der Parteibeziehungen - die sich während der
Säuberungen als kaum überwindbar erwiesen hatten - durch direkte, persönliche
Verbindung zu umgehen. Es trat ein erheblicher Bedeutungsverlust der Partei als
Garant der Werte der Revolution und die Verlagerung dieser Funktion auf den
"Führer" ein.

58 Chruscev zit. ebd., S. 288.


59 M. Fainsod, How Russia is Ruled, Cambridge/Mass. 1965, S. 176-200.
Führerdiktatur - Sozia/dynamik und Ideologie 107

Die Hauptsäule von Stalins Macht stellte am Ende wie am Anfang der Entwick-
lung sein Persönliches Sekretariat in Verbindung mit dem Sondersektor im ZK-Ap-
parat dar. GO Als Informationskanal funktionierte diese Machtsäule durch Einsatz der
unteren Ebenen des Sondersektors. Damit besaß Stalin zugleich das Instrument, um
den Informationsfluß zu den anderen Politbüromitgliedern zu filtern. Konkret war
diese Funktionsweise gewährleistet durch die Personalunion, die Stalins wichtigster
Persönlicher Sekretär Poskrjobyschew mit der Leitung des Sondersektors verband.
Über diese Struktur wurden offenbar auch die Informationen zur Leitung des Terrors
vermittelt und wohl auch die Oberhoheit über den Sicherheitsapparat gewährleistet.
Der Niedergang der Partei wurde am sichtbarsten an der Tatsache, daß sie auch ihre
Mitglieder nicht vor dem Terror zu schützen vermochte. Die oft nur noch formal
vollzogenen Parteiausschlüsse vor der Verhaftung wurden meist durch direkte Inter-
vention des NKWD erwirkt. Dabei stand auch das NKWD und seine Angehörigen
keineswegs außerhalb der Reichweite des Terrors. Das etwies sich jeweils am deut-
lichsten nach der Absetzung der Sicherheitschefs Jagoda und Jeshow, die auch mit
der breiten Repression ihrer jeweiligen Gefolgschaften verbunden waren.
Auch wenn Stalin bei der Leitung des Terrors von einer Reihe politischer Führer
auf den höchsten Ebenen des politischen Systems unterstützt wurde, so sind diese
keineswegs bloß als Untergebene anzusehen, die allein auf seine Wünsche warteten,
um als Ausführungsgehilfen aktiv zu werden. Sie handelten auch aus eigenem Recht
und mit eigenen Ansichten über Politik und Handlungsabläufe und rangen daher
in diversen Konflikten um Macht und Einfluß: z.B. Jeshow und Berija im NKWD,
Shdanow und Jeshow über politische Erziehung oder Säuberung als Heilmittel gegen
die Defekte der Partei, Malenkow und Kaganowitsch über Kaderpolitik, Shdanow
und Malenkow über die Rolle der Partei in der Industrie-Leitung und schließlich
Molotow und Ordshonikidse über die Raten des geplanten Wirtschaftswachstums.
Es handelte sich vielfach um pragmatische Ressortkonflikte; ob deswegen - wie im
Fall des nationalsozialistischen Herrschaftssystems - von einer Po lykratieGI der
Apparate zu sprechen ist, bleibt fur die Zeit nach dem Terror ungewiß. Schon wegen
der bereits erwähnten anders gearteten sozialhistorischen Grundkonstellation poli-
tischer Herrschaft erscheint dieser Vergleichsansatz zweifelhaft.
Solche Konflikte waren in einer politischen Struktur zwangsläufig, in der eine
Person übermächtig war. Es war bei Strafe des Stillstands unvermeidlich, daß

60 N. Rosenfeldt, Knowledge and Power. The Role of Stalin's Secret Chancellery in the
Soviet System of Government, Kopenhagen 1978; ders., Stalin's Special Departments.
A Comparative Analysis of Key Sources, Kopenhagen 1989.
61 Neben den Werken Fraenkels und Broszats ist hierzu auch P. Hüttenberger, "National-
sozialistische Polykratie", in: Geschichte und Gesellschaft 2 (1976), S. 417-442, zu
nennen.
108 Benno Ennker

politische Strategien auf der zweiten Ebene von Stalins Unterführern projektiert und
diskutiert wurden. Offensichtlich wurde die Auseinandersetzung oft durch Stalins
Intervention entschieden. Es wurde im Verlauf der Entwicklung immer unwahr-
scheinlicher, daß eine Klärung zwischen den Parteiführern nicht im Sinne des
Generalsekretärs erfolgte. Andererseits wäre es ein Irrtum, Stalin allein als "arbiter"
in Konflikten seiner Gefolgsleute darzustellen. Im Gefolge des Terrors konnte er -
anders als am Beginn der dreißiger Jahre - vielfach formale Entscheidungsprozesse
von Parteiorganen ignorieren und als souveräner Diktator wirken. Die Erhebung des
Führers über alle Institutionen des Systems war die praktische Folge des Terrors.
Bis 1941 war ein Zustand erreicht, in dem jede Entscheidung, die Stalin zu fällen
wünschte, angenommen wurde, unabhängig von Ansichten in der "kollektiven
Führung" und von Prinzipien der Arbeitsweise des Systems. 62 Der Terror hatte alle
institutionellen Beschränkungen des Führers niedergerissen und seine Entschei-
dungsmacht enorm ausgeweitet. Während die Grenzen der politischen Sphäre im
Gesellschaftssystem neu gezogen wurden, erlitten die politischen Institutionen eine
erhebliche Schwächung ihrer relativen Autonomie innherhalb des politischen Sy-
stems. Praktisch wurde das dort am deutlichsten, wo der Sicherheitsapparat Inter-
ventionsrecht gegenüber allen anderen institutionellen Einheiten erhielt.
Insgesamt zeigte sich das stalinistische System in folgenden Wesenszügen:
Die persönliche Vormacht des obersten Führers war, unbehindert von kollektiven
Faktoren und allen Institutionen, selbst auf Kosten der beherrschenden Stellung der
Partei, durchgesetzt worden. Formal blieben die institutionellen Strukturen erhalten,
ja es wurde oben von der zunehmenden "operativen Rolle" des Politbüros in den
Wirtschaftsprozessen gesprochen. Dieser Sachverhalt weist darauf hin, daß es zur
mobilisierenden und leitenden Implementierung der Direktiven aus der Zentrale der
stalinistischen Macht doch der formalen Legitimität des Politbüros und des ZKs
bedurfte. Doch mangelte es ihnen an institutioneller Integrität und Kohärenz und
sie blieben dem Führer gänzlich unterworfen. In einem ähnlich widersprüchlichen
Verhältnis zu den Institutionen sieht Ian Kershaw auch die Stellung Hitlers als
"charismatischer Führer" im Dritten Reich. 63 An dieser Kreuzstelle zwischen charis-
matischer Legitimität und Zwang zur Operationalisierung der Direktiven bzw.
Führerbefehle lassen sich vielfältige charakteristische Differenzierungen zwischen
bei den Regimen ausmachen. Es gab allerdings Überlebensinteressen des stalinisti-
schen Systems, den Terror zu bremsen. Dieser riß zugunsten der Führerdiktatur alle
Schranken ein, die ihr durch intermediäre Instanzen der Bürokratie und jener

62 Für die Spätphase des Stalinismus: ].F. Hough/M. Fainsod, How the Soviet Union is
Governed, Cambridge/Mass., London 1979, S. 84-91.
63 I. Kershaw, Hitlers Macht. Das Profil der NS-Herrschaft, München 1992.
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 109

"Parteisekretär-Autokraten" gesetzt waren. Der Terror als Kampagne wurde Ende


1938/Anfang 1939 gestoppt. Der XVII. Parteitag verabschiedete ein Statut, das
fortan die Rekrutierung von Mitgliedern unter der "neuen Sowjetintelligenz" för-
derte. Ihre institutionelle und soziale Verschränkung mit der stalinistischen Herr-
schaft wurde integraler Bestanteil des Systems und gewährleistete insoweit, daß es
seinen Gründer im wesentlichen überleben konnte.

Umwälzung traditionaler Lebenswelten und ihre "Reflexwirkung"


auf die Herrschaft

Während also die stalinistische Herrschaft an der Spitze als enorm zentralisierte und
personalisierte Macht charakterisiert werden kann, besaß es auf niederen Ebenen
eher lose Strukturen. So sehr dies Folge des Terrors war, so sehr setzte er der
vergrößerten Macht des Führers in einem wichtigen Aspekt Grenzen: Er vermochte
die vertikalen Verbindungen des politischen Apparates nicht zu stärken, obwohl dies
in der Absicht der stalinistischen Führung im Sinn ihrer Mission lag. So vermochten
auf der mittleren und der unteren Ebene der sowjetischen Provinz "Gesellschaft"
und "Lebenswelt" sich einen zähen Eigensinn erhalten, dessen Reflexwirkung auf die
politische Herrschaft bisher kaum erforscht ist. Die von NS-Forschern im letzten
Jahrzehnt vorgelegten Forschungen über "Alltag" und Widerstand - bzw. "Resi-
stenz" - im Nationalsozialismus64 geben Anregungen für entsprechende Untersu-
chungen der stalinistischen Herrschaft.
Um hierzu einige Hypothesen zu formulieren, ist der Blick auf die Wirkungen
zu lenken, die das stalinistische "Aufholprojekt" der Industrialisierung auf den Alltag
der Sowjetmenschen hatte. Die seit dem frühen 19. Jahrhundert bekannte Tendenz
der kapitalistischen Industriegesellschaft zur "entzaubernden", entheiligenden Ver-
wandlung aller tradierten Sozialbeziehungen ist ohne Zweifel auch im sowjetischen
Fall der forcierten Entwicklung in modifizierter Form aufgetreten. In dieser Perspek-
tive ist auch für das stalinistische System der Versuch zu beobachten, Lebenswelten,
ihre sozial-moralischen Milieus und Kommunikationsbeziehungen den - mehr oder
weniger - rationalisierenden Imperativen des politischen und industriellen Systems
zu unterwerfen. 65 So denunzierte 1932 der 14 Jahre alte Bauernsohn und Komso-

64 Hierzu exemplarisch: M. Broszat/E. Fröhlich, Alltag und Widerstand. Bayern im Na-


tionalsozialismus, München, Zürich 1987.
65 Z.B. gefaßt unter der Formel der "Kolonialisierung von Lebenswelten": J. Habermas,
Theorie des kommunikativen HandeIns. 2 Bde., Frankfurt a.M. 1981,2. Bd., S. 247 ff.
Für die Geschichtswissenschaft: D. Peukert, "Neuere Alltagsgeschichte und Historische
Anthropologie", in: H. Süssmuth (Hg.), Historische Anthropologie. Der Mensch in der
Geschichte, Göttingen 1984, S. 57-72.
110 Benno Ennker

mol-Mitglied Pawlik Morosow seinen Vater wegen dessen Hilfeleistung für einen
sogenannten "Kulaken". Er wurde von den eigenen Verwandten daraufhin ermordet
und posthum als Märtyrer und Held der Kollektivierung glorifiziert. In Verbindung
mit der Einführung der Zeugen- und Straffähigkeit für Kinder, die auf die terrori-
stische Durchdringung der Familien gerichtet war, ist der Fall häufig als Indiz für
die Zerstörung der Familien und der ,,Atomisierung" der Gesellschaft unter stalini-
stischer Herrschaft begriffen worden. Tatsächlich scheint das Beispiel- dem ja durch
die sowjetische Pressekampagne ein erheblicher sozialrepräsentativer Stellenwert
beigemessen wurde - eher die Sicht auf einen sehr viel komplexeren Sachverhalt zu
eröffnen: Das zähe Ringen zwischen stalinistischer Herrschaft in Form der terrori-
stisch-denunziatorischen Emanationen an der Basis der Gesellschaft, die auf deren
Unterwerfung unter die fremde Ratio zielten und die Reaktionen der "Lebenswelt",
vielmehr "Lebenswelten", des Dorfes. Es sind typische Reaktionen des direkten
Widerstandes, der "Resistenz", der Anpassung.
Diese Reaktionen der Lebenswelt des Dorfes wie der Stadt hatten ihre "Reflex-
Wirkung" auf die konkrete politische Gestalt stalinistischer Herrschaft hinterlassen.
Das traf vor allem deren Agenturen vor Ort, die die zentralen Direktiven durch
"taktisches" Eingehen auf die Situation durchzuführen, der Provinz in radikaler
"Überreaktion" aufZuzwingen oder mit Rücksicht auf den Eigensinn ihrer Lebens-
welten auch die Moskauer Beschlüsse zu ignorieren suchten. Diese "Reflex-Wir-
kung" bezieht sich nicht zuletzt auf das großteils konservative Verhältnis, das die
Partei- und Staatsführung gegenüber den "traditionalen Welten" von Familien- und
Geschlechterbeziehungen, gegenüber dem gesamten Kosmos der kulturellen Wert-
orientierungen der ihr unterworfenen Sowjetgesellschaft einnahm. 66 Dieses Herr-
schaftsverhältnis war nicht eindimensional, sondern mindestens doppeIgleisig: Ei-
nerseits wurde durch das Gesetz vom 8.6.1934 die Denunziationspflicht (unter
Androhung fünfjähriger Lagerhaft) und kollektive Verantwortlichkeit aller Familien-
mitglieder für eine Schuld eingeführt, die eines von ihnen auf sich geladen hatte. 67
Andererseits wurde die Familie durch das neue Familien- und Eherecht von 1936
rehabilitiert. Entgegen der ,,Atomisierungsthese" überlebte diese Institution die Jahre
des "Großen Terrors".68
Man kann - mangels genauerer empirischer Erforschung - die Hypothese
aufstellen: Infolge des komplizierten Übersetzungsverhältnisses zwischen den ratio-
nalisierenden Imperativen der stalinistischen Herrschaft und ihrer revolutionären

66 W.Z. Goldrnan, Wornen, The State and Revolution. Soviet Family Policy and Social
Life, 1917-1936, Cambridge 1993.
67 M. Heller/A. Nekrich, Die Geschichte der Sowjetunion. Bd. 1: 1914-1939, Frankfurt
a.M. 1985, S. 248.
68 C. Ward, Stalin's Russia, London, New York u.a. 1993, S. 218.
Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 111

Industrialisierungs-Mission einerseits und der lebensweltlichen Sphäre der Sowjet-


gesellschaft andererseits wurden spezifische Herrschaftsformen entwickelt, die einen
Reflex auf eben jene "traditionalen Welten" darstellten. Sie konnten daher auf dieser
Basis je nach Region von Klientel- und Patrimonial beziehungen und selbst durch
die Herrschaft traditionaler Klans geprägt sein. In diesem Licht wären dann - vor
allem in der sowjetischen Provinz im europäischen Teil des Staates und den "unter-
entwickelten" Gebieten etwa der mittelasiatischen Republiken - die Herrschaft der
"kleinen Stalins" und ihrer Führerkulte zu sehen: Sie stellten nicht einfach eine
Kopie ihres Beispiels an der Spitze dar, die geradlinig von oben nach unten transpo-
niert worden wäre, sondern eine bestimmte national und regional adaptierte "Über-
setzungsform" der stalinistischen Herrschaft, die diese selbst modifizierte.
Die "Reflex-Wirkung", die die Lebensweltreaktionen auf den Stalinismus ausüb-
ten, zeigen sich besonders deutlich, wo sie sich in Stimmungsberichten der Geheim-
polizei und deren politische Verarbeitung durch das politische System des Stalinis-
mus beobachten lassen. Die Dokumente zu solchen Berichten aus der Leningrader
Region der dreißiger Jahren offenbaren in hohem Maße die Persistenz traditionaler
Widersprüche vor allem der ländlichen, aber auch der urbanisierten Bevölkerung
zur Ratio des politischen Systems: Ablehnung, Haß und Spott gegenüber der Partei,
der Bürokratie, der alten und neuen Intelligenz, den Wirtschaftsfachleuten in
dichotomischer Sicht von "wir" und "sie". Es läßt sich nun durch empirische
Diskursanalyse nachweisen, daß diese "geheim dienstliche Volkskunde" systematisch
Eingang in die stalinistische Propaganda erhielt: 69 Durch positive Aufnahme ihrer
Inhalte, einschließlich der tradierten Volksvorurteile, scheint an dieser Stelle nicht
nur deren instrumentelle Ausbeutung, sondern auch ein Adaptionsvorgang für die
politischen Äußerungsformen stalinistischer Herrschaft beobachtbar zu sein.
Damit wurde nicht allein ein Politik-Stil ausgebildet, sondern eine politisch-kul-
turelle Orientierung am "einfachen Volk" erhielt ihre Legitimation. Dies ist die
Grundlage für jenen bedeutenden Vorgang, in dem die sozialstrukturierende "Revo-
lution von oben" ihr komplementäres Gegenstück im Populismus des politischen
Systems, insbesondere seines "Führers" erhielt. Komplementär war diese Seite der
stalinistischen Herrschaft insofern, als durch den Populismus der Erhalt und die
Vereinbarkeit der traditionalen Sozialmoral teils fingiert, teil realisiert wurde, wäh-
rend deren reale Milieus im Rahmen der epochalen industriellen ,,Aufhol-Mission"
des Stalinismus durch die "Kolonialisierung von Lebenswelt" bedroht und aufgerie-
ben wurde.
Der Stalinismus hatte als charismatische Führerdiktatur mit dieser "populisti-
schen Konstellation" des Regimes seinen Aufstieg zur Macht gewährleisten können.

69 S. Davies, Popular Opinion in Leningrad During the Terror Years, Vortrag auf dem V.
World Congress ofCentral and East European Studies, Warschau 10.8.1995.
112 Benno Ennker

Das bezog sich sowohl auf die Mobilisierung innerhalb der Partei wie auf die in der
Sowjetgesellschaft. Zentrale politische Bewegungsform war dabei die "Kampagne".
Diese Form nahmen bereits die innerparteilichen Säuberungsaktionen gegen die
Opposition seit 1924 an, noch breiter und intensiver aber auch die Säuberungsak-
tionen in der Partei 1933 ff. Wenn man nun vor allem die von der Stalin-Gruppe
inszenierte "Kulturrevolution" 1928 bis 1931/32 wie den Großen Terror seit Mitte
der dreißiger Jahre mit seinen Wachsamkeits- und Denunziationskampagnen hinzu-
nimmt, fällt der durchgängig populistische Charakter auf: Es waren je nach Feind-
bestimmung anti-intellektuell, anti-elitär und anti-bürokratisch ausgerichtete Kam-
pagnen mit erheblich explosiven Elementen antiautoritär-plebejischen Furors, in die
auch plebiszitäre und demokratistische Motive eingelassen wurden. Offensichtlich
wies der Stalinismus spätestens mit Beginn der "Kulturrevolution" eine eigene
mobilisierungsfähige soziale Basis auf, die ihre soziale Dynamik von der Aussicht auf
sozialen Aufstieg ("wydwishenije") und aus kulturrevolutionären Ambitionen einer
neuen Generation von jüngeren Arbeitern erhielt, die von den Bildungselementen
der Bürgerkriegshelden sozialisiert worden waren. Trotzdem ist die Vorstellung von
einer autonomen sozialen Bewegung, die als "Stalinismus von unten" entscheiden-
den Druck hätte ausüben können, nicht plausibel zu machen.7° Daran ändert nichts,
daß diese lancierten Bewegungen Verselbständigungstendenzen aufwiesen. Sie wur-
den immer wieder durch Disziplinierungsmaßnahmen auf Kurs gebracht, wenn sie
"aus dem Ruder" zu laufen drohten, oder durch Kurswechsel beendet, wie 1931/32
die "Kulturrevolution" und 1938/39 der "Große Terror". Alle diese Erscheinungen
werden m.E. mit dem Begriff des "autoritären Populismus" als einer der Seiten der
stalinistischen Führerdiktatur besser erfaßt als durch "Stalinismus von unten".
Populismus unterscheidet - in Selbstverständnis und Selbstbewußtsein, im öffentli-
chen Diskurs wie in der Herrschaftsbeziehung zur eigenen Sozialbasis - deutlich die
sich seit 1922/23 etablierende Abart7l der bolschewistischen Diktatur von der
avantgardistischen Erziehungsdiktatur unter Lenins Führung. Darüber hinaus kenn-
zeichnet der Begriff den für den Stalinismus charakteristischen Hintergrund sozialer
Umwälzung. Die industriell-bürokratischen Implikationen von ähnlichen Moderni-
sierungsschüben haben während des 20. Jahrhundert allenthalben vergleichbare

70 Zur Diskussion dieser Position: S. Fitzpatrick, "New Perspectives on Stalinism", in:


Russian Review 45 (1986) 4, S. 357-373. Weitere Diskussionsbeiträge von S. Cohen,
G. EIey, P. Kenez, A. G. Meyer: ebd., S. 375-413. Hierzu auch: D.R. Brower u.a.,
"Responses to New Perspectives on Stalinism", in: Russian Review 46 (1987), S. 379-
431; B. Bonwetsch, "Stalinismus ,von unten': Sozialgeschichtliche Revision eines Ge-
schichtsbildes", in: Sozialwissenschaftliche Informationen 2/1988, S. 126-131.
71 S. Fitzpatrick, "The Bolshevik's Dilemma", in: dies., The Cultural Front. Power and
Culture in Revolutionary Russia, Ithaka, London 1992, S. 34, weist auf das verstärkte
Auftreten eines Sowjetpopulismus seit 1922 hin.
Führerdiktatur - Soziaidynamik und Ideologie 113

Strategien des autoritären oder des demokratischen Populismus provoziert, beson-


ders in den USA und Lateinamerika und gegenwärtig in Ost- und Mitteleuropa.72
Der populistischen Mobilisierung der stalinistischen Basis mit den genannten
sozialen Energien und Motiven entspricht als Moment der Systemintegration und
zur Gewährleistung der politisch-kulturellen Einbindung aller Sozialmilieus der
Führerkult um Stalin. Er ist das Bindeglied zwischen dem populistischen, destruk-
turierenden Mobilisierungscharakter dieses Regimes und der realen Führerdiktatur.
Er stellt gleichzeitig einen symbolhaften Reflex auf die archaisch-rebellischen Folgen
von Lebensweltkolonialisierung dar und ist ebenso Ausdruck des überkommenen
jakobinisch-modernen Dogmas der Bolschewiki, das es ermöglichte, in einem per-
sonifizierten Zentrum die Vernunft des "wissenschaftlichen Sozialismus" zu fixieren,
von dem aus Gesellschaft und Welt erbaut und geleitet werden könnten.

Stalinistische Weltanschauung und die Frage "kumulativer Radikalisierung"

Die Rolle der Weltanschauung in bezug auf das Volk einerseits und die politischen
Eliten und das Regime andererseits läßt sich gegenwärtig nur sehr schwer bestim-
men. Entsprechende Forschung auf breiterer empirischer Basis beginnt eben erst.
Unter verschiedenen Varianten der Funktion sowjetischer Ideologie hat A.G.
Meyer besonders diejenige hervorgehoben, die er als das "Konzept öffentlicher
Sprachregelung mit fixierten Leitlinien für Menschen vom Typ des ,autoritären
Charakters'''73 bezeichnete. In diesem Sinn hat die Weltanschauung des Stalinismus
bzw. eine Reihe ihrer Ideologeme ohne Zweifel gewirkt und in beträchtlichem Maß
zur Neubildung einer politischen Kultur in der Sowjetunion beigetragen. Deren
Wertorientierungen stellten oft auch ein Amalgam stalinistischer und älterer tradier-
ter Ideologien und Haltungen dar. Es läge nahe, diese Annahme in Hinblick auf
solche Ideen wie den "Sowjetpatriotismus", selbst gewisse "neo-slavophile" und
schließlich auch die "anti-kosmopolitischen" sowie "anti-zionistischen" Tendenzen
in der stalinistischen Weltanschauung zu untersuchen. Aus tieferer Beeinflussung der
Bevölkerung im Sinn des Ideologie-Konzepts als "öffentlicher Sprachregelung" schei-

72 Hierzu: E. Ladau, "Zu einer Theorie des Populismus", in: ders., Politik und Ideologie
im Marxismus, Berlin 1981, S. 123-175; P. Piccone, "The Crisis of Liberalism and the
Emergence ofFederai Populism", in: Telos 89 (1991), S. 7-44; A. Boekh, Populism in
Latin America. Economic Crisis and the Rise of New Development Coalitions (Paper
presented at the Workshop on "Populism in Politics and the Economy: Lessons of
Experience for Central and East Europe" Budapest, 2.-3.4.1993); A. Bozoki, An Outline
of three Populisms: United States, Argentinia and Hungary, ebd.
73 A.G. Meyer, "The Function ofIdeology in the Soviet Political System", in: Soviet Studies
(XVII) No. 3/1965, S. 273-285.
114 Benno Ennker

nen nach empirischen Umfragen unter sowjetischen Emigranten der vierziger und
fünfZiger Jahre folgende Ideologeme stalinistischer Weltanschauung hervorgegangen
zu sein:7 4
- Weitgehende Zustimmung zur Verstaatlichung der Industrie
Identifizierung mit der Verfassungsparole "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht
essen"
Der soziale Aufstieg vom "armen Bauern" zum Ingenieur u.a.m. hat in der
sozialen Realität und in der Öffentlichkeit eine zu große Rolle gespielt, um nicht
als stereotype Begründung für "Dankbarkeit" gegenüber Stalin und der Partei
überhöht zu werden. Er gehört sicher zu den konkretesten weltanschaulichen
Motiven der Stalinschen Gefolgschaft.
Der Mythos von der "moralisch-politischen Einheit des sowjetischen Volkes" wurde
etwa zur Zeit der Stalinschen Verfassungsgebung von 1936 eingeführt, als dieses Volk
konstituiert wurde. Er dürfte eine Klammerfunktion für die Kommunikation der
politischen Eliten mit der Bevölkerung gehabt haben. Das komplementäre ideolo-
gische Element zu diesem Mythos stellt die vom Stalin in die Gesellschaft implan-
tierte "innerstaatliche Feinderklärung" (earl Schmitt) in Gestalt des "Volksfeindes"
dar. Die Vernichtung der "Volksfeinde" war die Leitidee in der gesamten Terror-
Kampagne der dreißiger Jahre. Sie war vorbereitet worden durch die theoretischen
Doktrin Stalins von der "Verschärfung des Klassenkampfes bei zunehmender Annä-
herung an den vollendeten Sozialismus", die insgesamt auf die Vernichtung "feind-
licher Klassen" zielte, eine Idee, die in dieser Totalität und Zuspitzung ein Spezifi-
kum des Stalinismus darstellte. Nachdem der Klassenantagonismus für überwunden
und der Klassenkampf für stillgestellt erklärt worden waren, wurde das Dreiecks-
Konstrukt aus "Volk", "Führer" und "Volksfeind" zum zentralen Weltanschauungs-
muster des Stalinismus. Es wurde jenes dynamische Element, das immer wieder auf
Vernichtung des Feindes, das "auf Lösung drängte". 75
Es kann als Leitidee für eine "Radikalisierung" des Regimes begriffen werden.
Wenn man von einer "charismatischen Führerdiktatur" des Stalinismus als überwie-
gendem Herrschaftstyp im politischen System als ganzem ausgeht, so ist mit diesem
das Momentum der "Radikalisierung" unmittelbar verbunden. Für Aufstieg und
Konsolidierung des stalinistischen Regimes unter dem genannten Herrschaftstyp war
ohne Zweifel jene forcierte Dramatisierung aller politischen und Sozialbeziehungen

7 4 S. White, Political Culture and Soviet Politics, London, Basingstoke 1979, S. 98 ff, S.
103, S. 106.
75 U. Herbert, "Rassismus und rationales Kalkül. Zum Stellenwert utilitaristisch verbrämter
Legitimationsstrategien in der nationalsozialistischen, Weltanschauung''', in: W. Schnei-
der (Hg.), "Vernichtungspolitik". Eine Debatte über den Zusammenhang von Sozial-
politik und Genozid im nationalsozialistischen Deutschland, Hamburg 1991, S. 29.
Führerdiktatur - Sozia/dynamik und Ideologie 115

Ursache, die in der Weberschen Diktion im Begriff der "manifesten charismatischen


Situation" (Lepsius) konzentriert wird. Gemeint ist damit hier der gesellschaftliche
Ausnahmezustand, der periodisch wiederkehrend durch Krise, Bürgerkrieg, Revolu-
tion herbeigeführt wurde. Das "Drängen auf Lösung" erhielt jeweils durch die
ideologische Doktrin seinen Rahmen, die verlangte, daß Krisen als "gesellschaftspo-
litische Widersprüche" nicht durch Kompromisse, durch Vereinbarung gemeinsamer
Konstitutionsformen usw. bewältigt werden könnten, sondern letztlich nur durch
"Beseitigung" der gesellschaftlichen Ursachen, die wesentlich in den Klassenwider-
sprüchen bzw. in solchen zwischen "Volk" und "Feind" zu suchen seien.
Dieser Logik folgten sowohl die "Kulturrevolution" seit 1928, die forcierte
Industrialisierung, die Zwangskollektivierung, die Kampagne gegen die Wirtschafts-
spezialisten, ebenso wie die innerparteilichen Säuberungskampagnen und schließlich
der Terror. Es handelte sich jeweils um "Radikalisierungen" des politischen und
gesellschaftlichen Systems, die von der Ideologie des "verschärften Klassenkampfes",
der notwendigen "Klassenvernichtung" bzw. vom "Verrat" und nachfolgender "Ver-
nichtung" der "Volksfeinde" angetrieben wurden.
Allerdings folgte diese Radikalisierung in verschiedenen Sphären des gesellschaft-
lichen, kulturellen und politischen Lebens nicht einfach einer Linie beständiger
Steigerung. Es handelte sich vielmehr um verschiedene Schübe der Entwicklung, die
von deutlichen Phasen der strukturierenden Konsolidierung abgelöst wurden:
Die Beendigung der Kulturrevolution seit 1931/32, die eingeleitete Entspannung
im Verhältnis zu den Spezialisten in der Wirtschaft, selbst Konzessionen, die gegen-
über den Kolchosbauern gemacht wurden, und vor allem die mäßigeren Plandaten
für den zweiten Fünfjahresplan; auch die "Stalinsche Verfassung" von 1936 sind zu
den Momenten der "Strukturierung" zu rechnen.
Der Terror wurde schließlich offiziell im Namen der "sozialistischen Gesetzlich-
keit" beendet; die Proklamation der Entstehung einer "neuen Sowjetintelligenz" und
die Förderung ihrer Rekrutierung durch die Partei gehörte ebenfalls in die "Konso-
lidierungs-Phasen". Auf den schubweisen Charakter der stalinistischen Radikalisie-
rungen läßt sich wohl der Begriff der "kumulativen Radikalisierung"76 nicht anwen-
den. Damit wird auch die Geltung des zentralen Ideologems der stalinistischen
Weltanschauung relativiert. So zeigte sich während der gesamten Periode der stali-
nistischen Herrschaft, daß es der Ideologie der "Klassenvernichtung" bzw. der der
"Volksfeinde" - bei aller Größe der mit ihr verbundenen Verbrechen - nie erlaubt

76 Deren ideologisches Substrat für den Rassismus M. Broszat in den Sätzen formuliert:
"In der Diskriminierung konnte es jedoch keinen unendlichen Progressus geben. Infol-
gedessen mußte hier die ,Bewegung' schließlich in der ,Endlösung' enden." M. Broszat,
"Soziale Motivation und Führer-Bindung des Nationalsozialismus", in: Vierteljahreshefte
für Zeitgeschichte, 18 (1970), S. 405.
116 Benno Ennker

wurde, sich zu verselbständigen im Sinn einer "Endlösung", die jegliche Ratio des
Regimes verlassen und dessen Untergang selbst letztlich hätte bewirken können. Zur
"Vernichtung" gehörten überdies nicht allein die Erschießungen, sondern in noch
größerem Maße die "Umerziehung durch Arbeit" unter unmenschlichen, oft tödli-
chen Bedingungen, in riesigen Lagern. Diese millionenhafte Zwangsarbeit wiederum
war durch das vorherrschende ökonomische Kalkül des Regimes mit dessen Aufhol-
mission verflochten. In allen ideologischen Kursänderungen des Regimes kam die
klare Unterordnung aller Ideologie unter die wesentliche "raison d'etre" des stalini-
stischen Systems zum Tragen. Es blieb bei noch so großer Hysterie der Kampagnen
letztlich bei systematischer Unterordnung aller Elemente der Weltanschauung, ein-
schließlich des Ideologems der "Vernichtung des Klassen- bzw. Volksfeindes" unter
die zentrale Mission und historische Legitimation des Stalinismus, der modernisie-
renden Aufholjagd der Sowjetunion durch die Industrialisierung.
Im Herrschaftssystem fand diese Relativierung der Ideologie der schubweisen
"Radikalisierung" des Systems ihre Entsprechung in der Tatsache, daß die "charis-
matische Führerdiktatur" Stalins zwar die überwiegende, aber nicht die einzige
legitimationsschaffende Herrschaftsform im System darstellte. Die tradierten bol-
schewistischen oligarchischen Herrschaftsstrukturen des Systems wurden zwar zu-
rückgedrängt, sogar weitgehend entwertet, aber nie gänzlich zerstört. Selbst als die
Kollektivkörperschaften ZK und Politbüro nach dem Zweiten Weltkrieg fast ausge-
schaltet waren, blieben die Oligarchen in den Sechser- und Siebener-Kommissionen,
die Stalin direkt zuarbeiteten'?? faktisch höchst wichtige politische Führer und nicht
etwa bloß Paladine. Den Spitzeninstitutionen standen auf mittlerer und unterer
Ebene patrimonial und bürokratisch gestaltete Herrschafts- und Verwaltungsstruk-
turen gegenüber. Die Abgesandten und Repräsentanten der Zentrale suchten auf-
tragsgemäß auf dieser Ebene eine möglichst unhintergehbare Kontrolle und unwi-
derstehbare Steuerung von Partei- und Staatsfunktionären durchzusetzen.
Über die realen Durchsetzungschancen der Politik der stalinistischen Führerdik-
tatur, also auch die administrative Operationalisierung ihrer wichtigsten Herrschafts-
ziele, wurde also letztlich auf diesen mittleren und unteren Instanzen des Systems
entschieden. Dieses Gemisch verschiedener Herrschaftstypen im Stalinismus wirkte
zwar auch als Antrieb jener schubweisen "Radikalisierung", die aus Wettbewerb und
Feindschaft ihrer Repräsentanten und der offiziell verordneten Sprachlogik der
"Vernichtung" folgte. Andererseits bildete die prinzipielle Unterordnung aller Politik
unter die allgegenwärtige Mission des Stalinismus auch ein Korrektiv, um die
Existenzinteressen des Gesamtsystems vor dem Abdriften in die ideologische Verab-
solutierung im Sinne von "Endlösung" und Selbstvernichtung zu bewahren. Jener
"Gefahr der Selbstzerstörung" der bolschewistischen Revolution blieb die politische

77 Hough/Fainsod, How the Soviet Union is Governed, S. 184 ff.


Führerdiktatur - Sozialdynamik und Ideologie 117

Elite dieses Systems gewärtig. Das Bewußtsein dieser Gefahr erzwang die Vielzahl
der Kursänderungen in der Geschichte des Bolschewismus an der Macht, bei denen
er skrupellos jedes Ideal beiseite fegte, ihm jedes Mittel recht war, um den Zweck
zu erreichen. Mit diesem "bolschewistischen Verhalten" zur "Gefahr der Selbstzer-
störung" war der Stalinismus um Welten getrennt vom Wahn des Nationalsozialis-
mus, dessen Führer die Zerschlagung ihres Systems noch im historischen Kostüm
der untergangsgeweihten Nibelungen feierten. Die Gefahr des Untergangs wurde
von der sowjetischen Führung vor allem in der "Rückständigkeit" des Landes
gesehen und bekämpft. Die innere Anbindung des Stalinismus an seine "Mission
der Aufholjagd" durch Industrialisierung und damit die "entschiedenste Selbstbeja-
hung der materiellen Produktion" - wie schon E. Nolte78 vor Jahrzehnten festgestellt
hat - rückte ihn in eine paradoxe Nähe zum geschichtlichen Projekt des Bürgertums.
Diese partielle "Seelenverwandtschaft" mit dem bürgerlichen Progressismus unter-
schied den Stalinismus bei allen strukturellen Ähnlichkeiten grundlegend vom
Nationalsozialismus.

78 Zitate: E. Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche. Action franc;:aise. Italienischer


Faschismus. Nationalsozialismus, München, Zürich 1978 (963 1), S. 541. S. 544.
Stephan Merl

Agrarpolitik und Bauernschaft 1m Nationalsozialismus


und im Stalinismus

Wenn bisher niemand auf die Idee gekommen ist, die Agrarpolitik und die Lage der
Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus zu vergleichen, so mag das
über die Tatsache hinaus, daß ein solcher Vergleich auf Basis der Totalitarismustheo-
rie lange Zeit tabuisiert war, gute Gründe gehabt haben. Zu offensichtlich klaffen
die agrarpolitische Zielsetzungen und die reale Situation der Agrarproduzenten in
bei den Systemen auseinander. Unter Stalin ist der Bauer unbestreitbar Opfer gewe-
sen. Die Bolschewiki ordneten die Produktionsweise der Kleinbauern der "einfachen
Warenproduktion" zu und sahen deshalb allein im Fortbestehen kleinbäuerlicher
Wirtschaften die Hauptgefahr für eine Restauration des Kapitalismus in Rußland.'
Die Nationalsozialisten gaben dem Bauern im Rahmen ihrer "Blut und Boden"-
Ideologie dagegen einen Ehrenplatz in der Gesellschaft und erblickten im Bauern-
tum gerade den gesunden Kern des Volkes und der arischen Rasse. 2 Während die
Orientierung auf Werte des Bauerntums im Nationalsozialismus eher rückwärtsge-
wandt anmutet, scheint die radikale Beseitigung der Bauernwirtschaften durch ihren
erzwungenen Zusammenschluß in Agrargroßbetrieben im Stalinismus auf den ersten

Vgl. dazu ausführlicher P. Gey, "Die Theorie der ,einfachen Warenproduktion' und ihre
agrarpolitische Bedeutung", in: T. Bergmann u.a. (Hg.), Sozialistische Agrarpolitik.
Vergleichs- und Einzelstudien zur agrarpolitischen Entwicklung in der Sowjetunion,
Polen, Ungarn, China und Kuba, Köln 1984, S. 92-112; S. Merl, Der Agrarmarkt und
die Neue Ökonomische Politik. Die Anfänge staatlicher Lenkung der Landwirtschaft in
der Sowjetunion 1925-1928, München, Wien 1981, S. 23-33.
2 Zur Bauernideologie des Nationalsozialismus vgl. R.W. Darre, Das Bauerntum als
Lebensquell der Nordischen Rasse, München 19376 ; ].E. Farquharson, The Plough and
the Swastika. The NSDAP and Agriculture in Germany 1928-45, London 1976; ders.,
"The Agrarian Policy ofNationai Socialist Germany", in: R.G. Moeller (Hg.), Peasants
and Lords in Modern Germany: Recent studies in agricultural hisrory, London 1986,
S. 233-259; G. Corni, Hitler and the Peasants. Agrarian Policy of the Third Reich,
1930-1939, New York u.a. 1990; vgl. auch die politische Biographie Darres von A.
BramweIl, Blood and Soil. Richard Walter Darre and Hitler's "Green Party", Abbotsbrook
1985.
Agrarpolitik und Bau~rnschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 119

Blick ein Element der Modernisierung darzustellen. Doch neben krassen Gegensät-
zen sind zwischen beiden Regimen auch verblüffende Gemeinsamkeiten in der
Beurteilung der Bauernschaft festzustellen, aus denen zum Teil gerade das unter-
schiedliche Handeln resultierte. Hitler wie Stalin erblickten in den bäuerlichen
Familienbetrieben ein Bollwerk des Antikommunismus. Beide betrieben die kolo-
niale Ausbeutung der Bauernschaft, und in diesem Punkt ging ihre Übereinstim-
mung sogar soweit, daß sie sich dazu als Objekt die gleiche, nämlich die sowjetische
Bauernschaft auswählten. Übereinstimmungen sind auch bei den eingesetzten Mit-
teln festzustellen, so in der Ablehnung des Marktes, der Vorliebe für "gerechte"
Festpreise, der Kontrolle der Agrarproduktion durch einen administrativen Zwangs-
apparat und mehr oder minder umfangreichen Eingriffen in die Eigentumsrechte.
Der Vergleich zwischen der Agrarpolitik und Agrarentwicklung im Stalinismus
und im Nationalsozialismus wird durch den unzureichenden Forschungsstand be-
hindert. Wahrend zur Agrarideologie und -politik der Nationalsozialisten bereits
mehrere einschlägige Studien vorliegen,3 gibt es zur Bauernschaft im Stalinismus -
die Arbeit war hier bis vor kurzem durch die Unzugänglichkeit des Archivmaterials
behindert4 - nur wenige übergreifende oder spezielle Darstellungen. 5 Ich greife für
die Sowjetunion deshalb vorwiegend auf meine eigenen Arbeiten zurück. In dem
vorliegenden Aufsatz möchte ich klarer herausarbeiten, in welchen Punkten mögli-
cherweise Gemeinsamkeiten und in welchen tatsächlich grundlegende Unterschiede

3 Farquharson, The Plough; Corni; H. Gies, R.W. Darre und die nationalsozialistische
Bauernpolitik in den Jahren 1930 bis 1933, Dissertation, Frankfurt 1966; F. Grund-
mann, Agrarpolitik im Dritten Reich: Anspruch und Wirklichkeit des Reichserbhofge-
setzes, Hamburg 1979; J. Jucovy, The Bavarian Peasantry under National Socialist Rule
1933-1945, Ph.D. Dissertation, New York 1985; K. Verhey, Der Bauernstand und der
Mythos von Blut und Boden im Nationalsozialismus, Dissertation, Göttingen 1966.
4 Während die Quellen über den Nationalsozialismus seit geraumer Zeit zugänglich sind
und ausgewertet wurden, bleibt selbst nach der vor einigen Jahren erfolgten Öffnung
der ehemals sowjetischen Archive noch vieles unklar. Entscheidende Dokumente sind
im "Präsidentenarchiv" weiterhin den meisten russischen und allen westlichen Forschern
verschlossen. Die Publikation einzelner spektakulärer Archivstücke trägt zudem eher zur
Verzerrung bei. Eine systematische Durchsicht des Materials, die dann auch besser
belegte Rückschlüsse auf politische Motive erlaubt, wird noch viel Zeit erfordern.
5 N. Jasny, Socialized Agriculture of the USSR. Plans and Performance, Stanford 1949;
M. Lewin, The Making of the Soviet System. Essays in Interpretation of Interwar Russia,
New York 1985; S. Firzpatrick, Stalin's Peasants. Resistence and Survival in the Russian
Village after Collectivization, New York u.a. 1994; S. Merl, Bauern unter Stalin. Die
Formierung des sowjetischen Kolchossystems 1930-1941, Berlin 1990; ders., Sozialer
Aufstieg im sowjetischen Kolchossystem der 30er Jahre? Über das Schicksal der bäuer-
lichen Parteimitglieder, Dorfsowjetvorsirzenden, Posteninhaber in Kolchosen, Mecha-
nisatoren und Stachanowleute, Berlin 1990; K.- E. Wädekin, Sozialistische Agrarpolitik
in Osteuropa. Bd. I: Von Marx bis zur Vollkollektivierung, Berlin 1974.
120 Suphan Merl

zwischen den bei den Regimen festzumachen sind. Ich kann dabei allerdings nur
erste, noch sehr mit Vorsicht zu behandelnde Ergebnisse präsentieren, aber vielleicht
den Blick dafür schärfen, ob es sich lohnt, bestimmte Fragestellungen weiter zu
verfolgen. Gerade die Vergleichsperspektive ist ja auch geeignet, die Kontraste besser
aufzuzeigen. Nach anfänglicher Euphorie haben die ersten Versuche, einen systema-
tischen Vergleich zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus in Angriff zu neh-
men, eher zur Ernüchterung geführt. 6
Da ich weder für den Nationalsozialismus noch für den Stalinismus Kenntnisse
voraussetzen kann, möchte ich zunächst in knapper Form einige Informationen zur
Entwicklung in Deutschland und der Sowjetunion geben, bevor ich zum Vergleich
übergehe. Dies erscheint um so notwendiger, als der Entwicklungsstand beider
Länder doch sehr unterschiedlich war und sich auch daraus Grenzen für den
Vergleich ergeben. Im Industriestaat Deutschland hatte der Agrarsektor längst seine
zuvor dominierende Position verloren und war im Anteil an der Beschäftigung auf
30% gefallen. Dagegen war in der Sowjetunion der Prozeß der Industrialisierung
und Verstädterung keineswegs abgeschlossen, sondern vollwg sich gerade im Be-
trachtungszeitraum mit besonderer Intensität, ohne daß bis zum deutschen Angriff
der Charakter eines Agrarstaates voll überwunden war: Noch immer lebte die
überwiegende Masse der Bevölkerung auf dem Lande, und die Beschäftigung im
Agrarsektor lag 1940 noch bei 54%. Als Vergleichszeitraum werden jeweils die
dreißiger Jahre unter weitgehender Ausklammerung der anschließenden Kriegszeit
ausgewählt, dabei soll aber zumindest ansatzweise eine Einordnung in die langfristi-
gen Entwicklungslinien erfolgen.
In meinen Ausführungen werde ich nicht die unbestreitbar stark unterschiedliche
Ideologie in den Vordergrund stellen, sondern vor allem die Praxis der Agrarpolitik
und ihre Ergebnisse hinsichtlich der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Bauern-
schaft betrachten. Diese wurde stärker von möglicherweise vergleichbaren Rahmen-
bedingungen als von der Ideologie beeinflußt. Daraus ergeben sich für den Vergleich
vor allem folgende Fragen:
- Wie wirkte sich die unterschiedliche ideologische Einstellung gegenüber den
Bauern auf deren Stellung in der Gesellschaft aus?
- Welche strategische Bedeutung wurde der Landwirtschaft im Rahmen der jeweils
verfolgten Wirtschafts- und Rüstungspolitik beigemessen?
- Wie entwickelte sich die materielle Situation der Bauern? Wurden auch den
deutschen Bauern Lasten auferlegt?

6 So das vorläufige Ergebnis der von U. Herbert initiierten Hamburger Konferenzserie


zum Thema »Nationalsozialistische und stalinistische Herrschaft. Möglichkeiten und
Grenzen des Vergleichs" 1993-1995.
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 121

- Traten Widersprüche und Zielkonflikte zwischen der Ideologie, den Vorstellungen


der Bauern und den Produktionserfordernissen auf?
- Ähnelten sich Aufbau und eingesetzte Mittel der Zentralverwaltungsinstanzen zur
Kontrolle der Bauern und der Agrarproduktion? In welchem Maße erfolgten
Eingriffe in die Eigentumsrechte und wie weitgehend gelang es, das Wirken von
Marktfaktoren auszuschalten?
Stimmt das Bild einer rückwärtsgewandten Agrarentwicklung in Deutschland und
einer "Modernisierung" in der Sowjetunion?

Agrarentwicklung und Agrarpolitik in Deutschland 1918-1941

Die deutsche Landwirtschaft hatte im Verlauf des "langen" 19. Jahrhunderts bis zum
Ersten Weltkrieg eine bemerkenswerte Leistungssteigerung erzielt und die Agrarpro-
duktion nahezu verdreifacht. Dabei war die Produktionssteigerung seit Mitte des 19.
Jahrhunderts nicht mehr votwiegend auf eine Erhöhung der Tierzahlen oder die
Ausweitung der Anbaufläche zurückzuführen, sondern ein Erfolg der Intensivierung
durch die Erhöhung der Hektarerträge und der Tierleistungen. Bis 1914 verdoppel-
ten sich die Hektarerträge bei Getreide und Kartoffeln, die durchschnittlichen
Milcherträge je Kuh stiegen sogar auf das 2,5-fache. Diese Erfolge wurden im Ersten
Weltkrieg u.a. durch die Abtrennung vom Weltmarkt bedroht. Die teilweise Ab-
schlachtung der Herden verringerte die Düngerzufuhr und bewirkte einen empfind-
lichen Rückgang der Bodenfruchtbarkeit um etwa ein Drittel. Infolge der geringeren
Pflanzenproduktion verschlechterte sich die Fütterung des Viehs, so daß auch die
Tierleistungen deutlich zurückgingen. Der langsame Erholungsprozeß nach dem
Krieg wurde während der Weltwirtschaftskrise durch ein erneutes Stocken der
Düngerzufuhr gebremst, ohne zuvor den Stand von 1914 wieder erreicht zu haben.
Erst Ende der dreißiger Jahre konnten die Hektarerträge und Tierleistungen von
1914 leicht übertroffen werden?
In den ersten Nachkriegsjahren war die konjunkturelle Situation für die deutsche
Landwirtschaft durch den Mangel an Nahrungsmitteln günstig, und bis 1928 stiegen
die Agrarerzeugerpreise für die meisten Produkte deutlich an. Zudem befreite die
Inflation auch die Agrarbetriebe von den Altschulden. Zur Vornahme der während
der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit aufgeschobenen Investitionen mußte

7 E- W. Henning. Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Deutschland. Bd. 2:


1750-1976. Paderborn 1978. S. 72-112, S. 128-144. S. 175-228; M. Rolfes. "Land-
wirtschaft 1850-1914 und Landwirtschaft 1914-1970". in: H. Aubin/W. Zorn (Hg.).
Handbuch der deutschen Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Bd. 2. Stuttgart 1976. S.
495-526,S.741-776.
122 Stephan Mer'

sich die Landwirtschaft in dieser Phase allerdings neu verschulden. Kredite waren
nur zu verhältnismäßig ungünstigen Bedingungen und einem Zinssatz von 8% zu
haben. Bis 1932 stieg die Verschuldung deshalb wieder von 2 auf 15 Milliarden
Reichsmark an. Bei Anhalten günstiger Absatzbedingungen wäre das kein Problem
gewesen. Doch 1928/29 begann die Agrarkonjunktur zu kippen. Die Überschußpro-
duktion auf dem Weltagrarmarkt drängte nun zu niedrigen Preisen auf den deut-
schen Markt und ließ hier die Erzeugerpreise sinken. Als mit der Weltwirtschaftskrise
dann auch noch ein Nachfragerückgang einsetzte, der überproportional stark die
Veredelungswirtschaft traf, die die Anpassung an die Weltmarktbedingungen am
erfolgreichsten vollzogen hatte, verschlechterte sich die Ertragslage der deutschen
Landwirtschaft dramatisch. Zwischen 1928 und 1933 sank der Erzeugerpreis für
Brotgetreide für die deutschen Bauern um etwa ein Drittel, für Fleisch um ca. 40%
und für Kartoffeln sogar um mehr als die Hälfte. 8
Die Agrarkrise führte dazu, daß immer mehr Betriebe die aufgenommenen
Kredite nicht mehr zurückzahlen konnten, so daß es zu Zwangsversteigerungen kam
und eine deutliche Radikalisierung der bäuerlichen Wählermasse eintrat. Die Bauern
riefen nach Schutz vor der Weltmarktkonkurrenz und nach einer Unterbindung der
Zwangsversteigerungen. Unter dem Eindruck der Krise schloß sich 1929 die bäuer-
liche Interessenvertretung, zunächst aufgespalten in den 1920 als Reichslandbund
neugegründeten Bund der Landwirte, die 1921 gegründete Vereinigung deutscher
Bauernvereine und die 1927 als dritte Organisation entstandene Deutsche Bauern-
schaft, zur "Grünen Front" zusammen. 9 Bereits vor der nationalsozialistischen
Machtübernahme gelang es, entscheidende Schutzmaßnahmen für die landwirt-
schaft durchzusetzen, die aber an der katastrophalen Ertragslage und den Zwangs-
versteigerungen vorerst wenig ändern konnten. Das erklärte Ziel war die Erhaltung
aller bestehenden Betriebe. Unter dem Druck der "Grünen Front" wurden im
September 1932 die Zwangsversteigerung wesentlich erschwert und die lebensmit-
teleinfuhr zum Teil kontingentiert. Die ersten Maßnahmen nach der Machtergrei-
fung unter dem deutschnationalen Ernährungsminister Hugenberg knüpften naht-
los an diese traditionelle Interessenpolitik der Agrarier an. Im Februar 1933 wurde
die Zwangsvollstreckung zunächst befristet ausgesetzt und dann über eine Teilent-
eignung der Kreditgeber, neben den Banken waren der gewerbliche Mittelstand und
das Landhandwerk die Hauptbetroffenen, auf dem Wege der schlichten Annullie-

8 Vgl. dazu Rolfes, S. 747-750; Henning, S. 187-197.


9 H. Bürger, Die landwirtschaftliche Interessenvertretung in der Zeit von 1933 bis zur
Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der westdeutschen Verhältnisse, Disser-
tation, Erlangen-Nürnberg 1966, S. 12-22; H. Gies, "Die nationalsozialistische Mach-
tergreifung auf dem agrarpolitischen Sektor", in: Zeitschrift für Agrargeschichte und
Agrarsoziologie 15 (1967), S. 210-232.
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 123

rung eines Teils der Schulden gelöst. Das Maßnahmenbündel zugunsten der Land-
wirtschaft, das zwischen 1929 und 1933 durchgesetzt wurde, ging weit über die
traditionelle Schutzzollpolitik hinaus und legte in vielen Punkten die Grundlage für
die nach dem Zweiten Weltkrieg von der Europäischen Gemeinschaft verfolgte
Schutzpolitik für die Landwirtschaft. So wurden Mitte 1933 zunächst für Getreide
und Fett Marktordnungen erlassen, die neben der Einfuhrkontingentierung die
Einführung des Verwendungszwangs, staatliche Außenhandelsmonopole (für Reis
und Mais) und Richtpreisfestsetzungen vorsahen. 1O Diese Maßnahmen zur Absatz-
verbesserung für inländische Agrarprodukte bedeuteten höhere Lebensmittelpreise
für die Verbraucher.
Der Dank der Nationalsozialisten an die Bauern für die Unterstützung der
"nationalen Revolution" ging also vor allem zu Lasten der übrigen Bevölkerung.
Hitler rechtfertigte diese Politik in seiner Reichstagsrede vom 23. März 1933: "Die
Wiederherstellung der Rentabilität der landwirtschaftlichen Betriebe mag für den
Konsumenten hart sein. Das Schicksal aber, das das ganze deutsche Volk träfe, wenn
der deutsche Bauer zugrunde ginge, wäre mit diesen Härten gar nicht zu verglei-
ehen ... Würde diese nicht gelingen, so müßte die Vernichtung unserer Bauern nicht
nur zum Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft überhaupt, sondern vor allem
zum Zusammenbruch des deutschen Volkskörpers führen. "11
Erst mit der Ablösung Hugenbergs und der Ernennung des Nationalsozialisten
Darre Ende Juni 1933 zum Ernährungsminister beginnt die im eigentlichen Sinne
nationalsozialistische Umgestaltung der Agrarpolitik, die vor allem in dem im
September 1933 verabschiedeten Reichserbhofgesetz und dem Reichsnährstandsge-
setz ihren Ausdruck fand.
Das Reichserbhofgesetz griff zur Schaffung eines "gesunden Bauerntums" als
"Blutsquelle des deutschen Volkes" in das Erbrecht ein und beschränkte die Verfü-
gungsgewalt über das Eigentum. Nach dem Vorbild des Anerbenrechts sah es für
alle Betriebe zwischen 7,5 und 125 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche - soweit sie
die "Nahrung" der Bauernfamilie gewährleisteten - eine Erbfolge vor, bei der der
Betrieb jeweils ungeteilt in die Hände eines Hoferben, in der Regel des ältesten
Sohns, fallen sollte. Um den Übergang der Erbhöfe in fremde Hände zu unterbin-

10 Vgl. dazu H. Haushofer, Die deutsche Landwirtschaft im technischen Zeitalter, Stuttgart


1972 2 , S. 252-258; D. Petzina, Die deutsche Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit,
Wiesbaden 1977, S. 114-116; Henning, S. 202-211; H. Gies, "Von der Verwaltung
des, Überflusses' zur Verwaltung des .Mangels': Instrumente staatlicher Marktregulierung
für Nahrungsmittel vor und nach 1933". in: Verwaltung contra Menschenführung im
Staat Hitlers. Studien zum politisch-administrativen System. hg. v. D. Rebentisch und
K. Teppe. Göttingen 1986. S. 302-332.
11 M. Domarus, Hitler: Reden und Proklamationen 1932-1945. München 1965. Bd. I:
Triumph. Halbband 1, S. 233.
124 Stt:phan Mer/

den, galt für sie ein generelles Veräußerungs- und Belastungsverbot. Voraussetzung
zur Erlangung des Status eines Erbhofbauern war der Nachweis rassisch einwand-
freier Herkunft, die Ehrhaftigkeit und die Fähigkeit zur ordnungsmäßigen Betriebs-
führung. 12 Das Gesetz diskriminierte generell Tochter und die nichterbenden Söh-
ne, weil es für sie keinen Anspruch auf eine Abfindung festschrieb. Das verstieß nicht
nur in den bisherigen Realteilungsgebieten gegen bäuerliches Rechtsempfinden und
blieb ein Dauerkonfliktpunkt, der immer wieder die speziell eingerichteten Aner-
bengerichte beschäftigte. 13
Auch das Reichnährstandsgesetz brach mit bisherigen Traditionen, indem es zur
Lenkung und Kontrolle des gesamten Ernährungssektors alle Erzeuger, Verarbeiter
sowie die Händler mit Agrarprodukten zu einem Zwangskartell zusammenschloß.
An der Spitze der Organisation stand der Reichsbauernführer Darre, darunter das
Verwaltungsamt mit den drei Reichshauptabteilungen. Die Hauptabteilung I (der
Mensch) war zuständig für die Förderung der in der Landwirtschaft tätigen Perso-
nen. Ihre Funktion entsprach weitgehend der Tatigkeit der bisherigen Bauernver-
bände, die aufgelöst bzw. dem Reichsnährstand eingegliedert wurden. Der Haupt-
abteilung II (der Hof) oblag die zentrale Planung und Lenkung der landwirtschaft-
lichen Produktion sowie die Beratung der Bauern in betriebswirtschaftlichen Fragen,
der frühere Aufgabenbereich der Landwirtschaftskammern. Die Hauptabteilung III
(der Markt) war als Zentralinstanz der landwirtschaftlichen Marktordnung sowie als
Spitze der wirtschaftlichen Organisation konzipiert und sollte auf den bisherigen
Agrargenossenschaften aufbauen. Diese Abteilung konnte ihre Arbeit aber erst 1935
beginnen. Auf regionaler und lokaler Ebene gliederte sich der Reichsnährstand in
20 Landesbauernschaften, 515 Kreisbauernschaften sowie schließlich etwa 55 000
Bezirks- und Ortsbauernschaften.l 4 Die Eingliederung des Reichslandbundes bedeu-
tete, daß ein Großteil der Bauernfunktionäre in die Organe des Reichsnährstands
übernommen wurde. Nur bei den Genossenschaften unterblieb die Ein- oder
Angliederung, so daß sie ihre organisatorische Selbständigkeit behielten.
Nachdem die Erzeugerpreise seit 1933 zunächst angestiegen waren, legten die
Behörden des Reichsnährstandes "gerechte Preise" - d.h. am Niveau der Zeit vor
dem Ersten Weltkrieg und deutlich unter dem Stand von 1927/29 orientierte Preise
fest - die danach als Festpreise bis zum Zweiten Weltkrieg kaum noch verändert
wurden. Im Rahmen des allgemeinen Lohn- und Preisstopps sollten sie ein stabiles

12 Reichserbhofgesetz, abgedruckt bei Darre, Bauerntum, S. 466-481.


13 Farquharson, Agrarian Policy, S. 239-241; Farquharson, The Plough, S. 107-125; Corni,
S. 143-155.
14 Farquharson, The Plough, S. 71-106; Corni, S. 66-115; Henning, S. 215-220. Zur
Gestaltung der Marktordnungen vgl. B. Mehrens, Die Marktordnung des Reichsnähr-
standes, Berlin 1938; A. HanaulR. Plate, Die deutsche landwirtschaftliche Preis- und
Marktpolitik im Zweiten Weltkrieg, Stuttgart 1975.
Agrarpolitik und Bauermehaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 125

Preisniveau herstellen und verhindern, daß aus ungedeckter Nachfrage ein Trend
zum Preisanstieg erwuchs. 15
Nachdem die ersten Maßnahmen des Nationalsozialismus den Bauern die Exi-
stenzangst genommen und ihre Ertragslage verbessert hatten, rief der Reichsbauern-
führer Darre im November 1934 vor dem Reichsbauerntag in Goslar die Bauern zur
"landwirtschaftlichen Erzeugerschlacht" auf, um die "Nahrungsfreiheit für das deut-
sche Volk" zu erringen und damit die Gegenleistung der Landwirtschaft an die
Volksgemeinschaft zu erbringen. Unter dem neuen Festpreissystem entfielen ökono-
mische Anreize, so daß die Kampagne vor allem auf moralischem Druck und
gezielter Propaganda beruhte. Mitte 1934 wurden die "zehn Gebote" der Erzeuger-
schlacht mit Ratschlägen und Anweisungen an die Bauern verkündet, die zur
Umstellung der Betriebe und zur Produktionserhöhung führen sollten. Neben der
Propaganda kam der geziehen Förderung des Düngemittelverbrauchs dabei die
größte Bedeutung zu. 16 Die Ergebnisse blieben aber zunächst deutlich hinter den
Erwartungen zurück. Petzina stellt fest, daß dazu auch bürokratische Reibungsver-
luste in der neuen Organisation und Reichsnährstandspolitiker beitrugen, "die sich
zumindest anfangs mehr als Interessenorgan der Landwirtschaft denn als staatlicher
Lenkungsapparat begriffen" und auf eine Drosselung der Produktion zum Hoch-
drücken der Preise orientierten.'? Darre geriet in die Angriffslinie, als im Herbst
1935 die "Brotkrise" ausbrach und die Rationierung der wichtigsten Grundnah-
rungsmittel drohte. Die Entscheidung, die Landwirtschaft in den Vierjahrplan
einzubeziehen und auf diese Weise die Erzeugungsschlacht fortzuführen, bedeutete
1936 zugleich die teilweise Entmachtung Darres. Sein Konzept des Appells an Opfer
und Patriotismus hatte sich als nicht hinreichend wirksam erwiesen, die Grenzen des
Einsatzes reiner Rhetorik waren erreicht.
Der hohe Importbedarf bei Futtermitteln, Fetten und Fasern gefährdete die
Rüstungspolitik, wurden doch dadurch knappe Devisen für den Konsumbedarf der
Bevölkerung gebunden. Deshalb blieb die Steigerung der Agrarproduktion ein
vorrangiges Ziel. Ab März 1937 schaltete sich Göring aktiv in die Agrarpolitik ein
und nutzte dabei in partiellem Durchbrechen der ideologischen Orientierung auf
Festpreise auch wieder die Preispolitik zur Schaffung von Produktionsanreizen. Die
Erzeugerpreiskorrekturen sollten zur Steigerung der Getreideproduktion bei einer
verstärkten Verfütterung von Kartoffeln führen, Preisanhebungen den Anbau von

15 Vgl. Hanau/Plate, S. 8 f., 119; Mehrens.


16 Vgl. CR Lovin, "Die Erzeugungsschlacht 1934-1936", in: Zeitschrift für Agrarge-
schichte und Agrarsoziologie 22 (1974), S. 209-220; D. Petzina, Autarkiepolitik im
Dritten Reich. Der nationalsozialistische Vierjahresplan, Stuttgart 1968, S. 91 f.
17 Petzina, Autarkiepolitik, S. 91 f; F. Blaich, "Wirtschaft und Rüstung in Deutschland
1933-1939", in: K.D. BracherlM. Funke/H.-A. Jacobsen (Hg.), Nationalsozialistische
Diktatur 1933-1945. Eine Bilanz, Bonn 1986, S. 304-306.
126 Stephan Merl

Textilrohstoffen und fetthaitigen Früchten steigern. Materielle Anreize in Form von


Krediten und Investitionshilfen zielten auf die Vergrößerung des landwirtschaftli-
chen Maschinenparks. Außerdem wurden die Preise für Düngemittel weiter gesenkt.
Neben dem Zuckerbrot kam aber auch die Peitsche zum Einsatz. Die Behörden
wurden ermächtigt, die Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen auf dem Verwal-
tungsweg zu regeln. Wenn der Eigentümer nicht den Anforderungen zur "Sicherung
der Volksernährung" entsprach, konnte ihm der Boden entzogen werden. Außerdem
wurde Druck zur Beschleunigung der Flurbereinigung ausgeübt und die staatliche
Wirtschaftsberatung ausgebaut. Petzina stellt fest, daß die Erzeugungsschlacht trotz-
dem nur allmählich und teilweise ein günstigeres Bild als unter Darre ergab. So
wurden die Rückgänge der Jahre 1934 und 1935, die zur Brotkrise geführt hatten,
aufgeholt. Doch auch 1938/39 basierte die Fleisch- und Milchproduktion noch zu
30% auf importierten Futtermitteln, und die Fettlücke lag weiterhin bei 40 - 50%.18

Agrarentwicklung und Agrarpolitik in der Sowjetunion bis 1941

Anders als Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Sowjetunion in
den zwanziger Jahren noch ein Agrarexportland. Die Intensivierung der Wirtschafts-
führung und die Steigerung von Hektarerträgen und Tierleistungen hatten in den
1870er Jahren nur zaghaft eingesetzt, so daß die durchschnittlichen Erträge auch in
den 1920er Jahren das vorindustrielle Niveau kaum verlassen hatten und etwa den
Werten entsprachen, die Deutschland um 1800 aufWies. Ein weiterer Unterschied
ergab sich durch den Rückstand der Industrialisierung. Ein industrieller Take-off
hatte erst Mitte der 1880er Jahre eingesetzt, den industriellen Sektor aber vor dem
Ersten Weltkrieg noch nicht zu dem dominierenden in der Volkswirtschaft machen
können. Die Gesamtzahl der Beschäftigten außerhalb des Agrarsektors erreichte
auch Ende der 1920er Jahre, zu dem Zeitpunkt, als nach der langen Unterbrechung
durch die Zeit des Welt- und des anschließenden Bürgerkrieg das Vorkriegsniveau
der Produktion allgemein überschritten wurde, gerade 10 Millionen Personen.
Angesichts eines außerordentlich hohen jährlichen Bevölkerungswachstums von 2%
(3 Millionen Personen) bedeutete das, daß die Industrie weiterhin nicht den gesam-
ten Bevölkerungszuwachs auf dem Lande abschöpfen konnte. Die ländliche Über-
bevölkerung stellte Ende der 1920er Jahre weiterhin das größte soziale Problem dar.
Nach der Aufteilung der Gutswirtschaften in der Agrarrevolution von 1917 lag die
Agrarproduktion in den Händen einer Vielzahl von Kleinbetrieben mit durch-
schnittlich etwa 6 - 10 ha Fläche, die im Vergleich zu Westeuropa sehr extensiv
produzierten.

18 Vgl. Petzina, Deutsche Wirtschaft, S. 147-150.


Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 127

Der Produktionsrückgang war in Rußland während des Ersten Weltkriegs weni-


ger ausgeprägt als in Deutschland gewesen, weil noch keine vergleichsweise starke
Ertragsanhebung begonnen hatte. Der entscheidende Einbruch erfolgte erst nach
dem Ende des Bürgerkriegs durch die Hungersnot von 1921/22. Sie forderte nicht
nur das Leben von Millionen Bauern, sondern richtete in den Hauptgetreidegebieten
durch die Vernichtung von mehr als der Hälfte des Arbeitsviehs bleibende Schäden
an. Regional war die naturgemäß langwierige Wiederherstellung des Pferdebestandes
selbst Ende der zwanziger Jahre noch nicht abgeschlossen, obwohl ansonsten der
Wiederanstieg der Produktion nach dem Übergang zur "Neuen Ökonomischen
Politik" schnell und erfolgreich verlief. 19
Dieser Wiederherstellungsprozeß wurde seit Mitte der zwanziger Jahre durch
Zwangsmaßnahmen, wie sie für die Agrarpolitik unter Stalin charakteristisch werden
sollten, gestört und gefährdet. Bereits 1926 ging die Parteiführung zur "Politik des
Klassenkampfes" auf dem Lande über, die auf der den Bauern fremden Vorstellung
von einer Klassendifferenzierung der Bauernschaft aufbaute. Dazu diente die Wie-
derbelebung des Feindbildes vom "Kulaken", der als ein die anderen Bauern ausbeu-
tender Parasit hingestellt wurde. Da das Hauptkennzeichen für Ausbeutung nach
marxistischer Lehre, Lohnarbeit, im sowjetischen Dorf kaum anzutreffen war, muß-
ten in der Praxis der Verleih von Landmaschinen, Handelstätigkeiten oder überhaupt
nur Ansätze eines bescheidenen Wohlstands im Vergleich zu anderen Bauern als
Kennzeichen herhalten. Die Agitation und die u.a. durch den Entzug des Wahlrechts
offene Diskriminierung der Kulaken zielte gerade auf die Bauern, die dem Aufruf
der Partei (Bucharin: "Bereichert Euch") gefolgt waren und begonnen hatten, ihre
Wirtschaften auszubauen, und auf deren Leistungen der Erfolg der Neuen Ökono-
mischen Politik in der Landwirtschaft vor allem basierte. Der "Kulak" war eigentlich
die beste Stütze der Sowjetrnacht auf dem Dorfe, indem er Marktimpulsen folgend
seine Wirtschaft verbesserte, rational wirtschaftete und die im Lande verfügbare
Menge an Agrarprodukten erhöhte. Die "Politik des Klassenkampfes" markierte die
Abkehr von Bucharins Agrarpolitik, die den Erfordernissen zur Überwindung der
Rückständigkeit und des ländlichen Bevölkerungsüberschusses Rechnung getragen
hatte. Der jetzt vollzogene Wechsel sollte den Bauern deutlich machen, daß der
"kapitalistische" Entwicklungsweg nicht länger geduldet, sondern mit Zwang ihr
Zusammenschluß zu Produktionskollektiven angestrebt würde. 20
Mit den Zwangsmaßnahmen bei der Getreidebeschaffung 1928/29 begann die
willkürliche Einstufung als "Kulak" weitergehende Konsequenzen zu haben und die

19 Merl, Agrarmarkt, S. 34-40, 50-140; S. Merl, Sowjetmacht und Bauern. Dokumente


zur Agrarpolitik und zur Entwicklung der Landwirtschaft während des "Kriegskommu-
nismus" und der Neuen Ökonomischen Politik, Berlin 1993.
20 Merl, Sowjetmacht, S. 53-67.
128 Stephan Merl

teilweise oder vollständige Liquidation des Betriebs nach sich zu ziehen. Massenhaft
wurden Betriebsleiter als "böswillige Saboteure" der Getreidebeschaffung verhaftet
oder mit Steuern belegt, die ein Vielfaches ihrer Einnahmen ausmachten. Als Hebel
zur Beeinflussung der Zwangskollektivierung wurde Anfang 1930 dann die "Liqui-
dierung der Kulaken als Klasse" eingeleitet. Mehrere Millionen Menschen wurden
im Zuge dieser Aktion von Haus und Hof vertrieben, einige Hunderttausend kamen
bei der Deportation ums Leben. 21 Die Wirksamkeit des Feindbildes "Kulak" zur
Einschüchterung und WiIIfährigmachung der gesamten Bauernschaft gründete ge-
rade darauf, daß eine klare Definition fehlte und von daher die Zuordnung der
Willkür oblag. Jeder Bauer mußte befürchten, zum "Kulaken" erklärt zu werden.
Mit der Zwangskollektivierung reichte seit Ende 1929 jeglicher Versuch, sich An-
ordnungen der Staatsrnacht zu widersetzen, also z.B. den Kolchosbeitritt zu verwei-
gern, um als "Kulak" gebrandmarkt zu werden. Auf diese Weise wurden gerade die
fähigsten Wirte systematisch aus der sowjetischen Landwirtschaft ausgeschaltet.
Der nächste entscheidende Schritt zur Ausprägung des Stalinismus in der Land-
wirtschaft war Ende 1927 der Einsatz von Massenterror und Zwang bei der Getrei-
debeschaffung. Da der Pro-Kopf-Verbrauch an Lebensmitteln insbesondere bei der
Stadtbevölkerung 1927 den bisher höchsten Stand erreichte, der danach erst 1953
wieder erreicht und schließlich dauerhaft überschritten wurde, ging es offensichtlich
nicht um die Versorgung der eigenen Bevölkerung, sondern um den Export von
Agrarprodukten und den Produktionsanteil, der unter staatliche Kontrolle geriet.
Daß von den Produktionserfolgen der Landwirtschaft vor allem der Binnenmarkt,
nicht aber der Export profitierte, war vornehmlich auf die staatliche Preispolitik
zurückzuführen, die - wie in Deutschland nach 1933 - die Einführung von am
Niveau vor dem Ersten Weltkrieg orientierten Festpreisen anstrebte, obwohl sich das
nominale Preisniveau in den anderen Wirtschaftsbereichen inzwischen verdoppelt
hatte. Sobald der Staat beim Aufkauf bestimmter Agrarprodukte eine MonopolsteI-
lung erlangt hatte, begann er, die Erzeugerpreise so stark zu drücken, daß die Bauern
versuchen mußten, auf sekundäre Marktprodukte auszuweichen, um ihr Einkom-
men zu halten. Diese Preispolitik beeinflußte seit Mitte der zwanziger Jahre zunächst
den Aufkauf von Industriepflanzen negativ, nach der drastischen Senkung der
Getreideerzeugerpreise dann ab 1926 auch die Getreidevermarktung. Der zur Finan-
zierung der Importe von Industrieausrüstungen erwünschte Agrarexport war zwar
auch in den zwanziger Jahren nicht unbedeutend, er blieb aber sowohl hinter den
ambitionierten Erwartungen der Partei als auch hinter dem Vorkriegsniveau deutlich
zurück. 22

21 Merl, Bauern, S. 61-103; S. Merl, "Das System der Zwangsarbeit und die Opferzahl
im Stalinismus", in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 46 (1995), S. 277-305.
22 Vgl. dazu ausführlich die Argumentation in Merl, Agrarmarkt, S. 86-122.
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 129

Auf dieses eigentlich ökonomische Problem reagierte die Parteispitze Ende 1927
nicht mit der Schaffung von Produktions- oder Vermarktungsanreizen, sondern gab
die Anweisung, den vorgeblichen "Getreideverkaufsstreiks" der Bauern mit brutalem
Zwang (Verhaftungen, Konfiskationen, Schauprozesse) zu brechen. Auch in den
folgenden Jahren wurde regelmäßig eine Kampagne zum Getreideabzug entfesselt
und dazu Zehntausende von Parteifunktionären und Geheimpolizisten auf das Land
kommandiert. Der Terror steigerte sich von Jahr zu Jahr, dabei kam es zu standrecht-
lichen Erschießungen und Todesurteilen bei Mundraubdelikten. Jede territoriale
Verwaltungseinheit erhielt entsprechend dem staatlichen Beschaffungsplan eine
letztlich willkürlich festgelegte Ablieferungsverpflichtung zugewiesen, die unter allen
Umständen zu erfüllen war. Der staatliche Getreideabzug fragte dabei nicht nach
den tatsächlich vorhandenen Überschüssen oder dem regionalen Ernteausfall, so daß
auf den Reproduktionsbedarf der Landwirtschaft keine Rücksicht genommen wur-
de. Eingezogen wurde häufig auch ein Teil des als Saatgut, Futter oder Ernährung
von den Bauern zur Reproduktion selbst benötigten Getreides. Die negativen Folgen
machten sich Anfang der dreißiger Jahre bemerkbar. Zunächst krepierten aus Fut-
termangel die Pferde, bis 1933 war die Hälfte des Zugkraftbestandes vernichtet,
dann starben in den Hauptgetreideproduktionsgebieten der Schwarzerdezone die
Menschen. Nach der Ernte 1931 waren das noch Einzelfälle, doch als nach der Ernte
1932 der auf den dörflichen Bedarf keine Rücksicht nehmende Getreideabzug
fortgesetzt wurde, brach in den Hauptgetreidegebieten eine schwere Hungersnot aus,
bei der etwa sechs Millionen Bauern verhungerten, ohne daß der Staat auch nur
Ansätze zur Hilfeleistung unternahm. 23
Die Herbeiführung einer Strukturveränderung in der Landwirtschaft, der Über-
gang von kleinbäuerlichen Familienbetrieben zu kollektiven oder staatlichen Groß-
betrieben, möglicherweise über den Umweg des Zusammenschlusses zu Genossen-
schaften, war von Beginn an ein erklärtes Ziel der Bolschewiki. Doch diese Struk-
turveränderung sollte "freiwillig" auf der Basis der vom Staat gelieferten modernen
Technik vollzogen werden. 24 Ob das Konzept einer schnellen Mechanisierung der
russischen Landwirtschaft angesichts des gewaltigen Überschusses an Arbeitskräften
rational war, sei hier dahingestellt. Bis 1929 waren zumindest die Erfolge einer
freiwilligen Kollektivierung gering. Auch war der Staat nicht imstande, die erforder-
lichen Traktoren bereitzustellen. Mit dem Beginn der "Politik des Klassenkampfes"

23 Vgl. dazu S. Merl, "War die Hungersnot von 1932-1933 eine Folge der Zwangskollek-
tivierung der Landwirtschaft oder wurde sie bewußt im Rahmen der Nationalitätenpo-
litik herbeigeführt?", in: G. Hausmann/A. KappeIer (Hg.), Ukraine: Gegenwart und
Geschichte eines neuen Staates, Baden-Baden 1993, S. 145-166.
24 Merl, Agrarmarkt, S. 29-33; Wadekin, Agrarpolitik, S. 13-44.
130 St~phanM"1

zeichnete sich ab, daß die Parteispitze immer weniger davor zurückschreckte, die
angestrebte Strukturveränderung mit brutalem Zwang durchzusetzen.
Die Motive zur Einleitung der Zwangskollektivierung Ende 1929 sind nicht
genau bekannt. In jedem Fall wurde sie nach dem - aus der Sicht des Staates gesehen
- erfolgreichen Abschluß der Getreidebeschaffung zu einem Zeitpunkt befohlen, als
die zur Getreidebeschaffung abkommandierten Kräfte noch in den Dörfern standen
und nun die Aufgabe erhielten, die Bauern "freiwillig" in Kolchosen zusammenzu-
schließen. Weder die Wirtschaftsplaner noch die Agrarspezialisten befürworteten aus
guten Gründen den Beginn der durchgängigen Kollektivierung zu diesem Zeit-
punkt. Im November 1929 standen weder Landmaschinen, Traktoren noch Kunst-
dünger in nennenswertem Umfang zur Verfügung. Genausowenig gab es einen
Bedarf zur Freisetzung von Arbeitskräften aus der Landwirtschaft über das normale
Maß der Abwanderung hinaus, das die Zahl der in den Städten registrierten
Arbeitslosen bis 1929 auf über zwei Millionen Personen hatte anwachsen lassen. Der
gerade verabschiedete Fünfjahrplan sah den eigentlichen Beginn der Kollektivierung
deshalb erst für das Wirtschaftsjahr 1932/33 vor, wenn die sich im Aufbau befind-
lichen einheimischen Traktorenbetriebe ihre Produktion aufnehmen konnten. 25
Die Parteiführung versprach sich vom Übergang zu Großbetrieben eine "Revo-
lutionierung der landwirtschaftlichen Produktivkräfte" und mithin eine Produk-
tionssteigerung. Entscheidend für die Einleitung der Kollektivierung waren für sie
aber die Erringung der Kontrolle über die Agrarproduktion und das Ziel, den
Privatbesitz auch an landwirtschaftlichen Produktionsmitteln, die vermeintliche
Hauptgefahr für eine Restauration des Kapitalismus, endgültig zu beenden. Wäh-
rend die "Kollektivierer" noch die Bauern mit Versprechungen von Traktoren in die
Kolchose zu locken versuchten, war klar, daß die Kolchose entgegen allen Vorpla-
nungen zunächst auf Basis kleinbäuerlichen Inventars arbeiten mußten. Der volun-
taristische Politikansatz der Parteiführung trug dabei noch zur Verschärfung des
unvermeidlichen Chaos bei, indem abgelehnt wurde, klare Vorgaben zu den schwie-
rigen Organisationsfragen der Kolchose (Arbeits- und Einkommensverteilung, Um-
fang der Verstaatlichung der Produktionsmittel etc.) zu machen, und alles der
"schöpferischen Initiative der Massen" zu überlassen. Der Widerstand der Bauern
gegen den Kolchosbeitritt konnte erst durch den Beginn der "Liquidierung der
Kulaken als Klasse" gebrochen werden. Die Bauern setzten sich gegen ihre Expro-

25 S. Merl, Die Anfänge der Kollektivierung in der Sowjetunion. Der Übergang zur
staatlichen Reglementierung der Produktions- und Marktbeziehungen im sowjetischen
Dorf (1928-1930), Wiesbaden 1985, S. 370-400; S. Merl, "Handlungsspidräume und
Sachzwänge in der sowjetischen Wirtschafts- und Sozialpolitik der Zwischenkriegszeit",
in: W. Fischer (Hg.), Sachzwänge und Handlungsspidräume in der Wirtschafts- und
Sozialpolitik der Zwischenkriegszeit, St. Katharinen 1985, S. 196-216.
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 131

priation vor allem mit der Abschlachtung ihres Nutzviehs zur Wehr. Zwischen 1929
und 1932 reduzierte sich der Nutzviehbestand auf die Hälfte, die Versorgung des
Binnenmarktes mit Tierprodukten brach zusammen. 26
Zwangskollektivierung und übermäßiger Getreideabzug führten zur Katastrophe
der Hungersnot von 1932/33. Sie war für die Parteiführung ein Alarmzeichen. Ohne
grundlegende Änderung der bisherigen Agrarpolitik drohte nach der Ernte 1933 der
Bankrott der verfolgten Industrialisierungspolitik durch das Ausbrechen einer lan-
desweiten Hungersnot, die auch aus den Städten nicht mehr herausgehalten werden
konnte. Die Ende 1932 gefaßten Beschlüsse bedeuteten eine grundlegende Abkehr
von einigen bisher verfolgten ideologischen Prinzipien. Sie begründeten das seit
1933 bis zu Stalins Tod kaum verändert bestehende Kolchossystem, das sich somit
nicht als Produkt gezielter Planung darstellt, sondern als pragmatischer Komprorniß
zwischen Ideologie und bäuerlichen Überlebensinteressen. Die bisherige Willkür bei
der Festsetzung der Ablieferungsverpflichtungen wurde durch ein am Vorbild der
Naturalsteuer orientiertes Ablieferungssystem ersetzt. Für alle Agrarbetriebe galten
seit 1933 feste regionale hektar- und tierbezogene Ablieferungsnormen. Für diese
Produkte zahlte der Staat eher symbolisch Geldbeträge, die weit unter den Produk-
tionskosten lagen. Der Vorteil bestand darin, daß die Betriebe ihre Ablieferungsver-
pflichtungen nun wieder im voraus berechnen und Überschüsse frei vermarkten
konnten. Um zu verhindern, daß - wie in den Vorjahren vielfach geschehen - die
Kolchosniki für ihren Arbeitseinsatz im Kolchos überhaupt nicht bezahlt wurden,
legte die Regierung fest, daß 10-20% des gedroschenen Getreides entsprechend der
erzielten "Tagewerke" als "Vorschuß" an die Bauern auszugeben war. Tatsächlich
stellte diese Naturalverteilung von etwas Getreide unter Stalin in den meisten
Kolchosen die einzige Entlohnung der Kolchosniki für ihre Arbeit dar. Deshalb kam
dem ebenfalls 1933 mit der Arbeit im Kolchos verbundenen Anrecht auf eine kleine
Hoflandwirtschaft von ca. 0,25 Hektar und bis zu einer Kuh und etwas Kleinvieh
besondere Bedeutung zu. Das Hofland stellte in der Folgezeit die wichtigste Quelle
nicht nur für die von den Kolchosniki selbst verbrauchten Lebensmittel dar, sondern
auch für die Versorgung der Stadtbevölkerung mit Tierprodukten. Die Kolchosniki
mußten nach staatlichen Vorgaben einen bestimmten Anteil des Hoflandes mit
Kartoffeln bestellen und unterlagen für diese Fläche der Ablieferungspflicht an den
Staat. Neben Kartoffeln mußten sie ebenfalls Fleisch - egal ob Nutzvieh gehalten

26 Merl, Bauern, S. 35-60. Die Parteiführung erwartete vom landwirtschaftlichen Groß-


betrieb offenbar eine höhere Marktleisrung als von den bäuerlichen Zwergbetrieben.
Doch die höhere Marktleistung der wenigen vorhandenen Großbetriebe war vorrangig
auf den geringeren Arbeitskräftebesatz zurückzuführen. Dem Kolchos war die Zahl der
Arbeitskräfte als fixer Wert vorgegeben. Selbst ohne die Mechanisierung der Getreide-
produktion war bereits eine erdrückende Zahl überschüssiger Esser vorhanden.
132

wurde oder nicht - sowie im Falle des Vorhandenseins einer Kuh Milch an den Staat
abliefern. Über die Pflichtablieferungen hinaus mußten die Kolchosniki selbst
erzeugte Agrarprodukte vermarkten, um überhaupt Geldeinnahmen zur Beglei-
chung der an den Staat zu entrichtenden Geldsteuern und zum Erwerb einiger
unverziehtbarer Industriewaren zu erzielen.27
Kolchose und Kolchosniki auf ihrem Hofland hatten den staatlichen Anbauplä-
nen Folge zu leisten und waren gezwungen, die häufig unsinnigen Anweisungen und
Befehle der übergeordneten Stellen auszuHihren. Die Zeitpunkte der Feldarbeiten
wurden zentral festgelegt. Selbst in der täglichen Arbeit sahen sich die Kolchose
willkürlichen Eingriffen ausgesetzt. Das ergab sich durch ihre Abhängigkeit von den
staatlichen Maschinen-Traktoren-Stationen, bei denen die gesamte mechanisierte
Technik des Kolchossektors konzentriert war und die fur entscheidende Feldarbei-
ten, insbesondere das Pflügen, die Aussaat, das Mähen und Dreschen des Getreides
zuständig waren. Entsprechend schwierig war es für den Kolchos, Einfluß auf den
optimalen Zeitraum zur Durchfuhrung der Feldarbeiten zu nehmen. 28 Den sowje-
tischen Agrarproduzenten fehlte damit seit Beginn der dreißiger Jahre jegliche
Eigenverantwortlichkeit in der Durchführung der Produktion.

Stellung des Bauern in der Gesellschaft

Hitler wie Stalin erblickten in den Bauern wohl nicht zu Unrecht gleichermaßen
Feinde des Kommunismus. Daraus erwuchs nicht zuletzt die so unterschiedliche
Haltung der beiden Regime den Bauern gegenüber. Der Nationalsozialismus ver-
herrlichte in Ideologie und Propaganda die bäuerliche Lebensweise genauso wie ihre
Produktionstätigkeit in den überkommenen Formen großen körperlichen Arbeits-
einsatzes. Der gesunden, Blut und Rasse erhaltenden bäuerlichen Lebensform, die
mit dem neugeschaffenen Stand des Erbhofbauern zu einem Pseudo-Landadel
erhoben wurde, stellte das Regime die verweichlichte und die Reinheit der Rasse
gefährdende Lebensweise des Stadtmenschen gegenüber. 29 Da war es nur konse-
quent, daß auch fur den Bauern mit dem auf den 1. Oktober gelegten Erntedankfest
ein Ehrentag gefunden werden mußte, zumal man den Arbeitern den 1. Mai als
"Feiertag der nationalen Arbeit" belassen hatte. Die Bauern erhielten aber nicht nur
ihren Ehrentag, die Bezeichnung Bauer selbst wurde zum Ehrentitel gemacht und
allein den Erbhofbesitzern vorbehalten, während die übrigen Agrarproduzenten von

27 Merl, Bauern, S. 129-164, S. 257-319.


28 Merl, Bauern, S. 41-48; R.E MiIler, One Hundred Thousand Tractors. The MTS and
the Development of ControIs in Soviet Agriculture, Cambridge/Mass. 1970.
29 Corni, S. 27-29.
Agrarpolitik und Bauermehaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 133

nun an abwertend als "Landwirte" zu bezeichnen waren. Die Verehrung des Bauern
war zugleich aber auch eine Verpflichtung, denn sie verband sich mit der Erwartung,
daß er die in der Ideologie ihm zugeordneten Tugenden selbstloser Aufopferung vor
der Volksgemeinschaft auch erbringen würde.
Den Bolschewiki war eine Verehrung des Bauerntums fremd, sie setzten vielmehr
auf die Industriearbeiter, als deren Avantgarde sie sich betrachteten. Fortschritt
verkörperte sich für sie mit der Stadt und der Industrie, die erdverbundene Produk-
tionsweise wie überhaupt die Bauern galten ihnen als Hort der Rückständigkeit. Zur
Überwindung dieser Rückständigkeit schien der Parteiführung auch die Anwendung
von Gewalt legitimiert. Die Gefährdung des sozialistischen Aufbaus, die vermeint-
lich von der Existenz bäuerlicher Familienwirtschaften ausging, ließ die Partei zudem
mit Mißtrauen auf die Bauern blicken. 3o Wann immer die Erwartungen nicht erfüllt
wurden, interpretierte Stalin dies als "Sabotage der Bauern an der Industrialisierungs-
politik" . Zur Brechung des "Kulakenstreiks" wie gegen "Saboteure" waren die
härtesten Maßnahmen gerechtfertigt. Selbst als die Parteiführung befahl, den bereits
vom Hungertod gezeichneten Bauern Ende 1932 bei Hausdurchsuchungen noch die
letzten auffindbaren Getreidereste wegzunehmen, wurde das als Karnpfmaßnahme
gegen boshafte Saboteure ausgegeben, denen gegenüber jegliche Gnade verfehlt
wäre. 31
Als sich zeigte, daß der "Kampf um das Getreide" keineswegs mit der Kollekti-
vierung beendet war, sondern an Heftigkeit und existentieller Bedeutung sogar noch
zunahm, wurde die Einstufung als unzuverlässiger Bundesgenosse schnell auch auf
den Kolchosnik, den nunmehr in der vom Staat gewünschten und erzwungenen
Form des Kolchos organisierten und expropriierten Bauern, übertragen. Auf dem
Höhepunkt des Hungersterbens wurde den Kolchosniki Ende 1932 zur Bekämpfung
der unkontrollierten Abwanderung vom Land (Flucht vor dem Hungertod) endgül-
tig eine Rechtsstellung als Bürger zweiter Klasse zugewiesen: Die jetzt eingeführten
Binnenpässe wurden ihnen verweigert, so daß sie wie früher die Leibeigenen ihrer
Bewegungsfreiheit beraubt und an die "Scholle" des Kolchos gebunden waren. Der
Kolchosnik unterschied sich danach praktisch nicht mehr von einem Zwangsarbeiter,
nur daß er eben Zwangsarbeit an seinem Heimatort verrichten durfte. Wenn auch
aus sehr unterschiedlichen Motiven versuchten also letztlich beide Regime den
Bauern auf dem Lande zu halten.
Die mangelnde Wertschätzung der Landarbeit fand innerhalb des Kolchos ihren
Ausdruck darin, daß sich die kräftigen Männer in eigentlich überflüssige Verwal-

30 Vgl. auch E. Preobrashenskij, UdSSR 1975. Ein Rückblick auf die Zukunft, Berlin
1975, der in seiner 1922 verfaßten Schrift für die Weiterentwicklung der Sowjetunion
einen Bauernaufstand vorhersah.
31 Merl, Hungersnot.
134 Stephan MeTl

tungs- und Kommandoposten zurückzogen und bestenfalls als Traktorist oder Bri-
gadier auf den Kolchosfeldern auftauchten. 32 Die harte Feldarbeit wurde damit die
Tätigkeit der Unterprivilegierten. Auf den Kolchosfeldern und in den Ställen arbei-
teten vorwiegend Frauen, Heranwachsende und alte Menschen. Ein wirklicher
sozialer Aufstieg, der zu vollen Bürgerrechten und einem regelmäßigen Einkommen
führte, war auf dem Lande in der Agrarproduktion praktisch nicht möglich, selbst
wenn die hohe Übererfüllung der Arbeitsnormen mit der Einstufung als "Stacha-
now" belohnt wurde und einzelne Traktoristen, Melkerinnen oder Truppführerinnen
beim Anbau von Industriepflanzen als Helden und Heldinnen der Arbeit zeirweilig
eine materielle Privilegierung erfuhren. Auch sie überwanden dadurch genausowenig
den minderen Rechtsstatus des Kolchosniks wie die Kolchosniki, die in die lokalen
Führungsposten des Kolchos- oder Dorfsowjervorsitzenden aufrückten. Dagegen
behielt ein von außen in diesen Posten eingesetzter Nichtbauer, so z.B. ein Indu-
striearbeiter, immer seinen höheren Rechtsstatus und auch seine bessere Bezahlung.
Allein die Flucht aus dem Dorf bot echte Aufstiegschancen in einen regelmäßig
bezahlten Job. Da der Armeedienst, die Ausbildung zum Traktoristen und das
Vordringen in weiterführende Schulen dabei als Sprungbretter dienten, waren die
Chancen, den Kolchos zu verlassen, für junge Männer weit besser als für junge
Frauen. 33
Unterschiedlich gesehen wurde in beiden Regimen die militärische Bedeatung
des Bauern. Die Nationalsozialisten knüpften im Rahmen ihrer Siedlungsprogram-
me zur Sicherung des zu erobernden Grenzlandes im Osten offen an alte Konzep-
tionen des Wehrbauern an, dem neben der Agrarproduktion die Verteidigung seiner
Heimat und Scholle gegenüber äußerer Bedrohung oblag. Vorstellungen eines
Wehrbauerntums waren den Bolschewiki dagegen fremd. Dabei hatte das zaristische
Rußland mit den Kosaken durchaus über ein Wehrbauerntum, das sich zum Reich,
nicht damit zugleich zum Russenturn, bekannte, verfügt.
Die große militärische Bedeutung der Bauern und dann der Kolchosniki steht
für die Sowjetunion dennoch außer Zweifel. Zu jedem Zeitpunkt unter Stalin
rekrutierte sich die Rote Armee vorwiegend aus der Bauernschaft. Wie ließ sich das
mit dem ideologisch abgeleiteten Mißtrauen gegen die Bauern verbinden? Wohl nur
durch die Vorstellung, daß ein Soldat eben kein Bauer mehr sei. Lediglich während
der Zwangskollektivierung und der Liquidierung der Kulakenwirtschaften wurde
den durch die Briefe aus dem Dorf beunruhigten Bauernsoldaten ein Zugeständnis
gemacht. Die Parteiführung wagte nicht, reguläre Armee-Einheiten gegen die wäh-
rend der Zwangskollektivierung ausbrechenden lokalen Aufstände einzusetzen und
griff dazu aufSondereinheiten zurück. Mit einem speziellen Befehl wurde untersagt,

32 Merl, Sozialer Aufstieg, S. 69-158.


33 Ebenda, S. 132-206, S. 250-260.
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 135

Familien, die einen in der Roten Armee dienenden Sohn aufwiesen, der Gruppe der
"Kulaken" zuzuschreiben. 34 Nach der Ableistung des Dienstes in der Roten Armee
galt der ehemalige Bauernsohn als geläutert und wurde als Organisator, zu dem die
Staatsmacht Vertrauen hatte, eingesetzt. Demobilisierte Rotarmisten wurden Anfang
der dreißiger Jahre in der Landwirtschaft u.a. in Gebieten, aus denen während der
Hungersnot aufständische Kosaken deportiert worden waren, angesiedelt. Die mei-
sten kehrten allerdings nicht auf das Land zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg
wurden unter den demobilisierten Offizieren Kandidaten für das Amt des Kolchos-
vorsitzenden rekrutiert. 35
Vorstellungen eines Wehrbauerntums mußten der Sowjetunion schon aufgrund
ihres Charakters als Vielvölkerstaat fremd sein. Gerade unter der sowjetischen
Bauernschaft war der Anteil der Nichtrussen höher als unter der Gesamtbevölke-
rung. Hieraus aber einen kausalen Zusammenhang zur Bauernfeindlichkeit herstel-
len zu wollen, scheint nicht gerechtfertigt. Der Georgier Stalin nahm die Russen bei
allen diskriminierenden Maßnahmen gegen die Bauern keineswegs aus. Eine über-
proportionale Vertretung der Nichtrussen unter den Opfern von Kollektivierung
und Hungersnot ergab sich allein aus der ethnischen Zusammensetzung der Bevöl-
kerung in den traditionellen Kornkammern Rußlands. Ich habe das in der Ausein-
andersetzung mit Conquests These von der "ukrainischen Hungersnot" zu belegen
versucht. 36 Im Zusammenhang mit der ethnischen Zusammensetzung der Bevölke-
rung standen allerdings Deportationen von vermeintlich politisch unzuverlässigen
Personen aus den grenznahen Gebieten. Schon mit Beginn der Zwangskollektivie-
rung erfolgte Ende 1929 die Deportation "konterrevolutionärer Kräfte" aus den
grenznahen Gebieten der Ukraine, Weißrußlands, Mittelasiens und des Nordkauka-
sus. 1936 wurden polnische Bauern aus Nähe der Westgrenze deportiert, ebenso
koreanische Bauern aus dem asiatischen Grenzgebiet, bevor dann nach dem deut-
schen Angriff auf die Sowjetunion umfangreiche Deportationen u.a. der Rußland-
deutschen einsetzten. 37

34 Merl, Bauern, S. 75.


35 F. Belov, The History of a Soviet Collective Farm, New York 1955.
36 R. Conquest, Die Ernte des Todes. Stalins Holcaust in der Ukraine 1929-1933, Mün-
chen 1988; Merl, Hungersnot.
37 Merl, Bauern, S. 73; Merl, System der Zwangsarbeit.
136 Stephan Merl

Strategische Bedeutung der Landwirtschaft im Rahmen


der wirtschaftlichen Zielsetzungen

Sowohl in Deutschland als auch in Rußland wurden dem Agrarsektor Aufgaben zur
Absicherung der Rüstungspolitik und des schnellen Ausbaus der Schwerindustrie
zugewiesen. Er sollte die Versorgung der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung mit
Lebensmitteln sicherstellen und entweder Ressourcen für den Export erwirtschaften
oder zumindest die Autarkie gewährleisten. Nur in Deutschland wurde dagegen auch
der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung zur Herrschaftsabsicherung strategi-
sche Bedeutung zugemessen, so daß die Agrarproduktion sogar in die Schwerpunkt-
bereiche des Vierjahrplans aufgenommen wurde. In der Sowjetunion hatte die
Lebensmittelversorgung der Bevölkerung dagegen eher nachrangige Bedeutung und
große Teile der Bevölkerung waren zumindest teilweise auf die Selbstversorgung
angewiesen.
Das Schlüsselerlebnis, das Hitler davon abhielt, der Bevölkerung Einbußen am
Konsum zuzumuten, ist in dem Trauma der "Dolchstoßlegende" von 1918 zu sehen,
wonach für die deutsche Niederlage keineswegs militärische Gründe, sondern der
Zusammenbruch der Heimatfront ausschlaggebend gewesen sei. 38 Nach dem
schlechten Ausfall der Ernte von 1935 stand die Entscheidung an, ob der Lebens-
mittelkonsum den Produktionsmöglichkeiten der deutschen Landwirtschaft ange-
paßt und mithin abgesenkt werden mußte oder ob in Konkurrenz mit der Rüstungs-
industrie weiterhin kostbare Devisen für Agrarimporte abgezweigt werden sollten.
Hitler entschied sich in dieser Situation für den Konsum der deutschen Bevölkerung,
indem er z.T. persönlich in den zwischen den Vertretern der verschiedenen Wirt-
schaftsinteressen offen ausbrechenden Streit schlichtend eingriff und anordnete, bei
den eigentlich für rüstungswichtige Importe reservierten Devisen Abstriche vorzu-
nehmen. "Die Vorstellung, dem deutschen Volk mitten im Frieden Brot- und
Fettkarten zumuten zu müssen und damit die Erinnerung an die Hungerjahre des
Ersten Weltkrieges wachzurufen, wirkte indessen auf Hitler wie ein Alptraum."39
Stalin hatte augenscheinlich weniger Skrupel, der Bevölkerung Opfer abzuver-
langen, obwohl das zaristische Rußland gerade an der Unfähigkeit, die Lebensmit-
telversorgung der Bevölkerung zu organisieren, gescheitert war und sich die Febru-
arrevolution 1917 aus Hungerrevolten der hauptstädtischen Bevölkerung entwickelt
hatte. 4o Die seit 1928 eingesetzten Terrormaßnahmen, bei denen schließlich auch

38 T.w. Mason, Sozialpolitik im Dritten Reich. Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft,


Opladen 1977, S. 15-41.
39 Blaich, S. 304-306, Zitat S. 306.
40 B. Bonwetsch, Die Russische Revolution 1917. Eine Sozialgeschichte von der Bauern-
befreiung bis zum Oktoberumsturz, Darmstadt 1991, S. 95-128.
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 137

leichte Verstöße gegen die Arbeitsdisziplin mit Verurteilungen zur Zwangsarbeit


geahndet wurden, bewährten sich bei der vorsorglichen Unterdrückung von Un-
mutsäußerungen der Arbeiter und Bauern. Die entscheidende Absenkung des le-
bensstandards stand in Verbindung mit dem wirtschaftlichen Desaster der Zwangs-
kollektivierung. Selbst nach vorsichtigen Berechnungen sank der Reallohn zwischen
1928 und 1932 um die Hälfte, und der Einbruch im Pro-Kopf-Konsum an lebens-
mitteln war wesentlich stärker als gleichzeitig in Deutschland im Gefolge der
Weltwirtschaftskrise. 41 Die Reallohnabsenkung wurde von der Bevölkerung aller-
dings nicht im vollen Maß empfunden, weil gleichzeitig Facharbeiter einen sozialen
Aufstieg erlebten und sich die Familieneinkommen durch die jetzt erzwungene
Mitarbeit der Frau zumindest nicht halbierten. Die Millionen Zuwanderer vom
Land waren ohnehin keine besseren Lebensbedingungen gewohnt. Anschließend
wurde eine Politik des erzwungenen Konsumverzichts und Terrors gegenüber der
Bevölkerung verfolgt. Dazu leitete die Partei gezielte Maßnahmen zur Kaufkraftab-
schöpfung und zum Zwangssparen ein, die in erster Linie die Arbeiter trafen. Das
stellte keine spezielle Diskriminierung dar, denn die Kolchosmitglieder verfügten
über so niedrige Geldeinnahmen, daß bei ihnen außer der Pflichtablieferung von
Agrarprodukten in Form einer Naturalsteuer nichts zu holen war. Die Aufhebung
der Lebensmittelrationierung Mitte der dreißiger Jahre perfektionierte das System.
Der Lebensmittelmangel war zu diesem Zeitpunkt keineswegs beseitigt. Durch den
Wegfall der zu niedrigen Preisen abgegebenen Lebensmittelrationen und die Fest-
setzung der neuen staatlichen Verkaufspreise nur wenig unterhalb der Preise auf den
Basaren gelang es für einige Jahre, den Kaufkraftüberhang zu beseitigen. Die
Korrektur der Agrarpolitik und insbesondere die zeitweilige Förderung der Hofland-
wirtschaften der Kolchosniki führten zwar in Verbindung mit der Zuteilung von
kleinen Landstücken an die auf dem Lande lebenden Arbeiter und Angestellten wie
an mehrere Millionen städtischer Arbeiterfamilien zu einer leichten Erholung des
Lebensmittelkonsums, die Pro-Kopf-Verbrauchswerte blieben aber anders als in
Deutschland deutlich unter denen des Jahres 1927, so daß ein erheblicher Teil der
sowjetischen Bevölkerung nur Hungernormen erhielt. Gelöst wurde das Lebensmit-
telproblem nur in der Propaganda. Um der Bevölkerung eine günstige Versorgungs-
lage vorzugaukeln, wurde 1933 in grober Manipulation der Statistik die "biologi-
sche" Ernteberechnung eingeführt und statt der Speicherernte nur noch die um ca.
30% höhere Menge des auf den Feldern heranreifenden Getreides registriert. Die
Stalinsche Propaganda war so erfolgreich, daß sich bis heute auch in der westlichen
Literatur die Ansicht hält, daß das Ausbleiben eines Zusammenbruchs der Lebens-
mittelversorgung im Zweiten Weltkrieg vor allem ein Erfolg des Kolchossystems
gewesen sei. Davon kann aber nicht die Rede sein. Tatsächlich muß die Erklärung

41 Merl, Handlungsspielräume, S. 211-228.


138 Stephan Mal

im Gegensatz zur offiziellen Ideologie in der Tatsache gesucht werden, daß infolge
der Zwangskollektivierung der Lebensmittelmarkt bereits 1933 zusammengebro-
chen war, so daß sich von dieser Zeit ab auch ein erheblicher Teil der nichtlandwirt-
schaftlichen Bevölkerung zum Überleben teilweise mit Lebensmitteln selbst versor-
gen mußte. 42
Weder in Deutschland noch in der Sowjetunion war es zunächst vorgesehen, der
Landwirtschaft für das Ziel der Produktionssteigerung eine besondere Priorität bei
der Zuteilung staatlicher Mittel einzuräumen. Vielmehr sollte der Agrarsektor die
Mehrproduktion vorrangig unter Einsatz der vorhandenen Ressourcen erwirtschaf-
ten. Ungeachtet des im Saldo fortbestehenden Kapitaltransfers aus der landwirt-
schaft in die Industrie mußte diese Linie in der Sowjetunion durch die unvorherge-
sehenen Folgen der Kollektivierung zeitweilig durchbrochen werden. Um die durch
den übermäßigen Getreideabzug krepierten Arbeitspferde zu ersetzen, wurden An-
fang der dreißiger Jahre in größerem Umfang Traktoren und Landmaschinen gegen
kostbare Devisen importiert. Von dem gesamten Erlös des Getreideexports zwischen
1929 und 1931 in Höhe von 1259 Millionen Rubel wurden 964 Millionen Rubel
oder knapp 77% für den Import von Landmaschinen und Traktoren aufgewandt.
Selbst wenn man den Gesamtexporterlös für Getreide zwischen 1929 und 1933
dagegensteIlt, entfielen immer noch 62% auf den Traktorenimport. Erst 1932
konnte mit der vorfristigen Inbetriebnahme neuer Traktorenwerke der Import
eingestellt werden. 43 Auch in der Folgezeit bis 1937 blieb die Zufuhr von Traktoren
und Mähdreschern in die Landwirtschaft auf hohem Niveau. Zu jedem Zeitpunkt
übertraf der Wert der aus der Landwirtschaft entnommenen Produktion aber den
Wert der gelieferten Maschinen deutlich. Nach Deckung des vermeintlichen Ersatz-
bedarfs ging die Zufuhr von Landtechnik nach 1937 dann drastisch zurück. 44
Der Versuch, die Produktion aus den Eigenmitteln der Landwirtschaft zu stei-
gern, brachte weder in Deutschland noch in der Sowjetunion nennenswerte Erfolge.
Dies gilt in Deutschland für die 1934 ausgerufene "Erzeugerschlacht" auf Basis
moralischer Appelle und Propaganda und in der Sowjetunion für die mit staatlichem
Zwang durchgeführten Saatkampagnen. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs
überschritten in Deutschland Hektarerträge und Tierleistungen das bereits vor dem
Ersten Weltkrieg erreichte Niveau nur geringfügig. In der Sowjetunion stieg die
Produktion nach dem Tiefpunkt von 1933 zwar leicht an, lag aber auch 1941 im
Bereich der Tierproduktion noch beträchtlich unter dem Niveau von 1928, bei der
Pflanzenproduktion nur etwas darüber. 45

42 Merl, Bauern, S. 320-326.


43 Merl, Handlungsspielräume, S. 214.
44 Merl, Bauern, S. 43-48.
45 Merl, Bauern, S. 35-43, S. 48-52.
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 139

Eine auffällige Gemeinsamkeit zwischen beiden Regimen ergibt sich bei den
ideologischen Ansichten über den Markt und die Grundlagen der Preispolitik. Die
Landwirtschaft sollte nicht unter Marktbedingungen produzieren, und ihr wurde
ein vollständiger Absatz der erzeugten Produkte garantiert. Sowohl im Nationalso-
zialismus als auch im Stalinismus findet sich der Begriff der "gerechten Preise", wobei
an das nominale Preisniveau vor dem Ersten Weltkrieg gedacht wurde. Eine Über-
einstimmung findet sich auch in dem eingesetzen Mittel der Festpreise für die
landwirtschaftlichen Erzeuger. Allerdings bedeuteten die Festpreise unter Stalin und
unter Hitler wirtschaftlich grundlegend Unterschiedliches. Die deutschen Erzeuger-
Festpreise für Agrarprodukte deckten in der Regel die Erzeugungskosten und brach-
ten, nachdem sie 1935 ihr endgültiges Niveau erreicht hatten, den Produzenten
bescheidene Gewinne. 46 Sie zielten damit durchaus darauf, für die Bauern die
Einkommenssteigerung an eine Produktionssteigerung zu knüpfen, wobei sich die
staatliche Regulierung auf die Betriebsmittelpreise konzentrierte: Die Preise für
Handelsdünger wurden gesenkt, die für zugekaufte Futtermittel angehoben. Auf
diese Weise sollten die Bauern zur devisensparenden Verwendung betriebseigener
Futtermittel angehalten werden.47 Ein durchgreifender Erfolg dieser Politik war aber
in den dreißiger Jahren noch nicht festzustellen, wohl vor allem wegen der nur
bedingt möglichen Kreditaufnahme und der nur beschränkt verfügbaren Betriebs-
mittel und Maschinen. So war insbesondere eine Stückkostensenkung über die
Substitution von teurer menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen in den dreißiger
Jahren anders als nach dem Zweiten Weltkrieg noch kaum möglich. Die sowjetischen
Festpreise für die Agrarproduzenten konnten dagegen keinen Produktionsanreiz
ausüben, weil sie nur zwischen 20% (Getreide) und 50% (Tierproduktion) der
Produktionskosten deckten, also u.a. die Kosten für den Arbeitseinsatz nicht berück-
sichtigten. 48 Wenn die Agrarbetriebe in der Sowjetunion ihre Produktion nicht
steigerten, so verhielten sie sich also unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten
rational und vermieden eine Vergrößerung ihrer Verluste.
Als entscheidende strategische Zielsetzung muß die angestrebte Autarkie gewertet

46 Die Agrarerzeugerpreise blieben zwischen 1933 und 1939 zwar durchweg unter dem
höchsten Niveau in den 1920er Jahren. das 1928 erreicht wurde. Setzt man das Preisniveu
von 1925 = 100, lagen die Agrarerzeugerpreise in den 1930er Jahren für Brot- und
Futtergetreide bei 80-90, für Tierprodukte bei 70 und für Kartoffeln bei 120. vgl.
Rolfes, S. 748.
47 Rolfes. S. 750-756.
48 Der Ausgleich mußte von den Betrieben durch Nichtzahlung von Löhnen geschaffen
werden. In den Staatsgütern, in denen die Beschäftigten regelmäßige Lohnzahlungen
erhielten. mußte der Staat letztlich die Verluste decken - Anlaß für Stalin, nach dem
Zweiten Weltkrieg über die Abschaffung dieser für den Staat so kostspieligen Betriebsart
nachzudenken.
140 Stephan Merl

werden, nachdem es der u.a. auf Importe von Futtermitteln angewiesenen deutschen
Landwirtschaft während des ersten Weltkrieges nicht gelungen war, eine ausreichen-
de Nahrungsmittelproduktion aufrechtzuerhalten. Deutschland war in starkem
Maße auf den Import von Agrarprodukten angewiesen, weil aufgrund des billigen
Angebots auf dem Weltmarkt bestimmte Erzeugnisse praktisch nicht mehr produ-
ziert wurden. Das galt namentlich für Ölfrüchte und Pflanzenfasern, deren Produk-
tion in Deutschland zur Erlangung der Autarkie neu entwickelt werden mußte.
Außerdem bestand bei den billig auf dem Weltmarkt zu beziehenden Futtermitteln
eine erhebliche Importabhängigkeit. Diese Ausgangslage machte es außerordentlich
schwer, das gesteckte Ziel der "Nahrungsfreiheit" zu erreichen, zumal politisch eine
Senkung des Lebensmittelkonsums nicht akzeptabel erschien. Entschiedene Erfolge
blieben deshalb bis zum Eingreifen Görings aus. Erst durch die gezielte Anhebung
der Erzeugerpreise für die besonders benötigten Produkte, verbunden mit Investi-
tionshilfen und einer nochmaligen Senkung der Preise für Düngemittel, konnte
zumindest partiell ein Durchbruch erzielt werden. Bei Brotgetreide wurde nach
Unterbindung der Verfütterung 1938/39 ein Selbstversorgungsgrad von 115% er-
reicht, bei Futtermitteln überschritt der Selbstversorgungsgrad trotz einer spürbaren
Produktionssteigerung aber nicht 70%. Bei anderen Produkten war die Steigerung
des Selbstversorgungsgrades weniger beeindruckend, obwohl bei Kartoffeln und
Fleisch wie ohnehin auch zuvor schon bei Zucker der Selbstversorgungsgrad bei etwa
100% lag. Bei Fetten erreichte er aber nur 57%, und die nahezu vollständige
Importabhängigkeit bei Wolle und Baumwolle änderte sich nicht. Insgesamt erhöhte
sich der Selbstversorgungsgrad bei Nahrungsmitteln zwischen 1933/34 und 1938/39
nur von 80 auf 83%. Deviseneinsparungen konnten trotz der angespannten Lage
und der direkten Konkurrenz der Landwirtschaft mit dem Rüstungssektor auf
diesem Gebiet nur in unbedeutendem Maß erzielt werden. Mengenmäßig erhöhte
sich der Agrarimport allein zwischen 1935/36 und 1938/39 sogar fast um 50%, weil
der Bevölkerungsanstieg und insbesondere die zusätzliche Steigerung der Pro-Kopf-
Verbrauchsnormen, die schließlich das bisherige Höchstniveau von Ende der zwan-
ziger Jahre übertrafen, zu einem erheblichen Mehrverbrauch an Nahrungsmitteln
führten. 49
Betrachtet man allerdings nicht primär die erforderliche Devisenmenge, sondern
den Agrarimport unter Autarkiegesichtspunkten im Falle eines Angriffskrieges, so
muß die Wertung günstiger ausfallen. Keineswegs der gesamte Agrarimport erfolgte
ja gegen Devisenzahlungen. Das Ziel bestand darin, im Kriegsfall aus den kontrol-
lierten Territorien die Selbstversorgung sichern zu können. Die Nationalsozialisten
zeichneten sich in diesem Punkt durch "europäisches Denken" aus, wobei sozial-dar-
winistisch den einzelnen Nationen und Rassen unterschiedliche Lebensmittelratio-

49 Petzina, Autarkiepolitik, S. 94-%; Rolfes, S. 747.


Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 141

nen zugedacht wurden. Im Rahmen der Lebensraumpolitik beschränkte sich die


Planung der Nahrungsmittelressourcen keineswegs auf das Deutsche Reich in den
Grenzen vor 1939. Vor dem Angriff auf Polen war es gelungen, die Agrareinfuhren
in erheblichem Maße von den überseeischen Ländern auf angrenzende europäische
Staaten, zu denen man auch im Blockadefall Zugang behielt, umzulagern. Außerdem
war es gelungen, einen Dreijahresvorrat an Getreide anzulegen. Damit war die
Ausgangslage der Ernährungswirtschaft 1939 weit besser als 1914. Durch die von
Stalin freiwillig gelieferten Lebensmittel und durch den nach der französischen
Niederlage möglichen Zugriff auf Frankreichs Agrarproduktion konnte Deutschland
bis 1941 eine Lebensmittelrationierung umgehen. Die Planungen für die Zeit nach
dem Angriff auf die Sowjetunion gingen von einer kolonialen Ausbeutung der
sowjetischen Bauernschaft, vor allem in der "Kornkammer" Rußlands, aus und
erwarteten unter offener Inkaufnahme einer Hungerkatastrophe in Rußland und der
Ukraine eine deutliche Steigerung des Lebensmittelabzugs. In der Praxis ließ sich
das nicht realisieren. Zu keinem Zeitpunkt konnten auch nur annähre nd so viele
Agrarprodukte abgezogen werden, wie Stalin sie zuvor freiwillig geliefert hatte.
Dabei dürfen aber die direkten Entnahmen der Besatzungsarmee nicht unberück-
sichtigt bleiben, die nicht bekannt sind. 50
Autarkie zu erreichen, war für die Sowjetunion einfacher, weil zuvor eher Agrar-
produkte exportiert als importiert wurden. Nur Baumwolle mußte in den zwanziger
Jahren überwiegend importiert werden. Hier wurde die Importsubstitution auf
Kosten der Bevölkerung betrieben und der Import eingestellt, bevor es gelungen
war, die Eigenproduktion hinreichend zu entwickeln. Zum Devisenbringer ent-
wickelte sich die Landwirtschaft im gesamten Verlauf der dreißiger Jahre für die
Sowjetunion aber nicht, weil nach Abschluß der Kollektivierung Überschüsse an
Agrarprodukten praktisch nicht mehr verfügbar waren. Lediglich nach der guten
Ernte von 1937 und dann nach dem Hider-Stalin-Pakt stieg der Export etwas an,
ohne auch nur entfernt die Bedeutung oder gar das in den zwanziger Jahren oder
der Zeit vor 1914 erzielte Volumen wieder zu erreichen. Bedenkt man, daß gerade
die unbefriedigenden Erlöse des Agrarexportes 1927/28 den Anlaß zur Ergreifung
von Zwangsmaßnahmen gegeben hatten, wird das Ausmaß des Fehlschlags noch
deutlicher.
Weil es nicht gelang, über die Festpreise einen hinreichenden Anreiz zu schaffen,

50 Vgl. dazu H.-E. Volkmann, "Landwirtschaft und Ernährung in Hitlers Europa 1939-
45", in: Militärgeschichtliche Mitteilungen 35 (1984), S. 9-74; R-D. Müller, "Die
Konsequenzen der ,Volksgemeinschaft': Ernährung, Ausbeutung und Vernichtung", in:
W. Michalka (Hg.), Der Zweite Weltkrieg. Analysen. Grundzüge. Forschungsbilanz,
München u.a. 1989, S. 240-249. Zu den ernährungswirtschaftlichen Aspekten des
Feldzugs gegen die Sowjetunion vgl. auch H. Boog u.a., Der Angriff auf die Sowjetunion,
Stuttgart 1983, S. 95-113, S. 161-168, S. 989-1078.
142 Stephan Merl

mußte in beiden Ländern diese Politik durchbrochen werden, wenn unter allen
Umständen eine merkliche Produktionssteigerung erzielt werden sollte. In der
Sowjetunion war das Mitte der dreißiger Jahre zur Steigerung der Baumwollerzeu-
gung zu beobachten, nachdem die zunächst mit den nicht-kostendeckenden Fest-
preisen erzielte Produktionssteigerung völlig unzureichend ausgefallen war. 1935
wurde deshalb der Aufkaufpreis für Baumwolle drastisch angehoben, so daß er
hinfort als einziger staatlicher Agrarerzeugerpreis die Produktionskosten voll deckte.
Zusätzlich erfolgten erhebliche staatliche Investitionen in das Bewässerungssystem.
Im Ergebnis stiegen Hektarerträge und Produktion bei Baumwolle eindrucksvoll
an.5' Auch in Deutschland hatte nur die von Göring ab 1937 vorgenommene
Anhebung der Erzeugerpreise für bestimmte besonders benötigte Agrarprodukte
Erfolg. Dabei lag der an die deutschen Erzeuger gezahlte Preis deutlich oberhalb des
Weltniveaus.

Materielle Situation der Bauern

Auch wenn die deutschen Bauern in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus bis
1935 durch ihre Teilentschuldung und die Hebung ihrer Ertragslage besser abschnit-
ten als die Bevölkerung insgesamt, dauerte ihre materielle Privilegierung nicht an.
Die ideologisch begründete Ehrung des deutschen Bauern erwartete von ihm Ge-
genleistungen, die Unterwerfung unter das Prinzip "Gemeinnutz geht vor Eigen-
nutz". Die Einkommen aus landwirtschaftlicher Arbeit fielen trotz des offiziellen
Lohnstopps im Verlauf der dreißiger Jahre weiter hinter die Löhne von Industriear-
beitern zurück. 52 Selbst ein Hilfsarbeiter konnte im Akkord in der Industrie ein
Vielfaches der Entlohnung als Knecht verdienen. Durch die günstige Wirtschafts-
konjunktur und den zunehmenden Mangel an Arbeitskräften in der Industrie setzte
dann - entgegen den Zielsetzungen der Ideologie - erstmals ein absoluter Rückgang
der Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten ein: Während der Weltwirtschafts-
krise hatte die schlechte Ertragslage zunächst zur Entlassung von landwirtschaftli-
chen Lohnarbeitern geführt. Entscheidend für den Rückgang der Arbeitskräfte von
14,3 auf 11,6 Millionen Personen im Verlauf der dreißiger Jahre war dann aber die
Abwanderung von Familienarbeitskräften in die Industrie. 53 Diese hatte natürlich

51 Merl, Bauern, S. 36-41; Jasny, Socialized Agriculture, S. 381 f., 562-569.


52 Vgl. u.a. E. Aleff (Hg.), Das Dritte Reich, Hannover 1970 7 , S. 119: "Ein Ortsbauern-
führer kannte viele Bauern und Landwirte, die sich in den letzten 10 Jahren keinen
Sonntagsanzug gekauft haben ... Ich weiß in meiner Ortsbauernschaft kaum zwei, die
ein Radio haben, und das sind nur solche, deren Söhne und Töchter nebenbei in der
Fabrik arbeiten."
53 Nach Rolfes, S. 753 f., sank die Zahl der insgesamt in der Landwirtschaft Beschäftigten
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 143

auch ihre Ursache in dem durch das Reichserbhofgesetz erzwungenen Ausscheiden


der "Nichterben" . Angesichts des auch die Rüstungsindustrie treffenden Arbeitskräf-
temangels kam es schnell zum Widerstreit der Interessenlage, so daß die Staatsfüh-
rung kaum noch ernsthafte Versuche unternahm, die Landflucht zu bremsen. Die
eigentlich von der Ideologie verteufelte Modernität des Stadtlebens zog viele Bauern
an.
Bereits 1935 verursachte der akute Mangel an Helfern in der Landwirtschaft
Probleme bei der Ernteeinbringung. Ende der dreißiger Jahre wurde systematisch
begonnen, billige, wenn auch wenig qualifizierte Hilfskräfte in Form des landdien-
stes der Hitlerjugend und des BDM, durch Ernteeinsätze von Schulen, Wehrmacht
und Parteiorganisationen und schließlich durch die Einführung eines "Pflichtjahrs"
für Mädchen in der Land- und Hauswirtschaft, das ab 1938 praktiziert wurde, zu
mobilisieren. 54 Während des Krieges mußten dann in immer stärkeren Maß Fremd-
arbeiter die an die Front eingezogenen männlichen Mitglieder der Bauernfamilien
ersetzen, geradezu ein Hohn auf die zur Reinerhaltung des Bluts beschworene
Erbhofbauernideologie.
Anders als in der Sowjetunion gab es in Deutschland keinen Überschuß an
Arbeitskräften in der Landwirtschaft. Die Abwanderung konnte und mußte hier
deshalb zum Hauptmotor der Modernisierung werden. Der Struturwandel konnte
sich allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg - wiederum entgegen Versuchen
der Politik, eine Bestandsgarantie für alle Agrarbetriebe abzugeben - voll durchset-
zen.
Die ärmlichen Lebensverhältnisse und niedrigen Einkommen der Bauern in der
Sowjetunion resultierten aus dem erheblichen Arbeitskräfte- und Bevölkerungsüber-
schuß auf dem Lande, der sich in einer extrem geringen Auslastung der einzelnen
Arbeitskraft (Unterbeschäftigung) ausdrückte. Obwohl die Zwangskollektivierung
mit etwa 7 Millionen Bauern, die bei Hungersnot, Deportation und Repressionen
umkamen, und der bis 1932 fluchtartigen Abwanderung von ca. 10 Millionen
Personen in die Städte und zu den Großbauprojekten die Bevölkerungszahl auf dem
Lande reduzierte, brachte das keine Verringerung des ländlichen Bevölkerungsüber-
schusses. Diese Zahlen, die zusammen weit mehr als den Gesamtbestand an Arbeits-
kräften in der deutschen Landwirtschaft ausmachten, fielen in der Sowjetunion mit
einer Landbevölkerung von knapp 121 Millionen (1927) und 115 Millionen (1939)
Personen kaum ins Gewicht. Doch die Hauptursache für das Fortbestehen der
ländlichen Überbevölkerung ist darin zu sehen, daß die Zwangskollektivierung

von 1925 auf 1939 von 14,3 auf 11,6 Mio. Personen, darunter die Zahl der Familien-
arbeitskräfte von 11,0 auf 8,8 Mio., der Lohnarbeiter von 3,3 auf 2,8 Mio.
54 Blaich, S. 307; D. Winkler, Frauenarbeit im "Dritten Reich", Hamburg 1977, S. 57 f.,
s. 129-133.
144 St~phan Merl

zugleich entscheidende Einkommens- und Beschäftigungsquellen vernichtete. Das


gilt sowohl für das zuvor insbesondere in der Nichtschwarzerdezone sehr bedeutende
ländliche Handwerk und Kleingewerbe, denen nun die Rohstoffgrundlagen entzo-
gen wurden, wie auch für den arbeitsintensiven Bereich der Haltung von Nutzvieh
und Zugtieren, deren Gesamtbestand jeweils auf die Hälfte zusammenschrumpfte.
Tierhaltung und dörfliches Kleingewerbe hatten zuvor die langen Arbeitstäler etwas
ausfüllen können, die typisch für eine vor allem auf die Getreideproduktion mit
zudem noch teils extrem kurzen Vegetationszeiten orientierte Landwirtschaft sind.
Nach der Festschreibung der Agrarerzeugerpreise unter den Produktionskosten
verbot die Regierung Mitte der dreißiger Jahre den Kolchosen, gewerbliche Produkte
für den Markt herzustellen, weil andernfalls die Gefahr bestand, daß diese die
verlustbringende Agrarproduktion ganz eingestellt hätten. Als weitere Faktoren sind
die teilweise Mechanisierung der Getreidewirtschaft und das - nach zeitweiliger
Unterbrechung Anfang der dreißiger Jahre - dann wieder mit 1,5% jährlich sehr
hohe Bevölkerungswachstum zu nennen. Die Verdienstmöglichkeiten in der Stadt
blieben auch in den dreißiger Jahren deutlich besser als in der Landwirtschaft und
hätten weiterhin eine unkontrollierte Abwanderung bewirkt, wenn staatlicher Terror
und Regulierungsmaßnahmen wie die Schollenbindung dem nicht entgegengewirkt
hätten. 55 In der Sowjetunion setzte ein absoluter Rückgang der Landbevölkerung-
von den Einbrüchen durch die Zwangskollektivierung und die nachfolgende Hun-
gersnot und dann durch den Zweiten Weltkrieg abgesehen - erst Ende der fünfZiger
Jahre ein.
Über die laufenden Einkommen hinaus war der sowjetische Kolchosnik dem
deutschen Bauern oder Landwirt kaum vergleichbar, denn er verfügte praktisch über
keine Vermögenswerte. So gab es in der Sowjetunion weder Eigentumsrechte an
Grund und Boden noch an landwirtschaftlichen Produktionsmitteln. Der Kolchos-
nik besaß lediglich ein 1936 dann "auf ewig" verliehenes Nutzungsrecht an dem
Hofland und seinem Wohnhaus, während ihm der Besitz landwirtschaftlicher Pro-
duktionsmittel wie etwa eines Pferdes streng untersagt war, denn das hätte ihm die
von der Partei nicht erwünschte Möglichkeit gegeben, Nebeneinkommen zu erzie-
len. 56
Weder in Deutschland noch in der Sowjetunion hielten die durchschnittlichen
Einkommen aus der Landwirtschaft in den dreißiger Jahren mit den Einkommen
aus nichtlandwirtschaftlichen Tätigkeiten in der Stadt mit. Dennoch handelte es sich
hier eher um eine oberflächliche Gemeinsamkeit. Zu keinem Zeitpunkt war in
Deutschland das nackte Überleben der Bauern in Frage gestellt oder mußten die

55 Zum Vergleich von Lohn- und Konsumniveau vgl. Merl, Bauern, S. 36, S. 49, S.
404-417.
56 Ebenda, S. 281-288.
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 145

Bauern mit Hungernormen ihr Leben fristen. Die Tatsache, daß der Pro-Kopf-Ver-
brauch an Lebensmitteln bei der ländlichen Bevölkerung deutlich unter das städti-
sche Niveau fiel, dürfte als Besonderheit des Stalinismus zu werten sein.

Widersprüche und Zielkonflikte

Sowohl im Stalinismus als auch im Nationalsozialismus traten erhebliche Zielkon-


flikte zwischen den ideologischen Vorgaben und den Erfordernissen der Produk-
tionssteigerung auf. Weder eine durch die Expropriation ihrer Produktionsmittel in
Landarbeiter verwandelte Bauernschaft noch ein auf die Erhaltung der Rassereinheit
orientiertes Erbhofbauerntum mußten aus sich heraus ein Interesse an der Produk-
tionssteigerung aufWeisen. In der Praxis erwies es sich deshalb als erforderlich, mehr
oder minder stark von den ideologischen Vorstellungen abzuweichen und den ihnen
zuwiderlaufenden Interessen der Bauernschaft wie den ökonomischen Zielsetzungen
durch pragmatische Kompromisse Rechnung zu tragen.
In Darres Konzeption vom Erbhofbauerntum war der Zielkonflikt bereits deut-
lich angelegt, wurde von den Bauern doch verlangt, gleichermaßen den bevölke-
rungspolitisch-rassenideologischen Aufgaben wie den produktionspolitisch-ernäh-
rungswirtschaftlichen Forderungen nachzukommen, obwohl die jeweils einzusetzen-
den Mittel sich klar widersprachen. So versperrte das Reichserbhofgesetz den Bauern
aus Gründen der Sicherung der Höfe vor Verschuldung weitgehend den Zugang
zum Kapitalmarkt zur Aufnahme von Krediten, obwohl die Produktionssteigerung
entscheidend von Investitionen zur Intensivierung der Produktion abhing. Die von
den Behörden des Vierjahrplans propagierte Formel "ohne verstärkten Maschinen-
einsatz keine Leistungssteigerung!" wurde von führenden Vertretern des Reichsnähr-
standes, die einer Produktion aus eigener Scholle ohne Rücksicht auf die Kosten das
Wort redeten, noch 1938 als "Mechanisierungsrummel" abgetan.57 Der Wille, die
bäuerliche Wirtschaft aus dem als "liberalistisch" diffamierten Marktzusammenhang
herauszulösen und dem Boden den Warencharakter zu nehmen, damit sie zum
"Bluterneuerungsquell" für das ganze Volk werden konnte, nahm von den Höfen

57 H. Gies, ,,Aufgaben und Probleme der nationalsozialistischen Ernährungswirtschaft


1933-1945", in: Vierteljahresschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 66 (1979),
S. 472. Die Gleichwertigkeit beider Ziele betonte auch das maßgebliche Lehrbuch von
Dölle: "Erhaltung des Bauerntums als der wertvollsten Blutquelle unseres Volkes und
Sicherung der höchstmöglichen Erzeugungsleistung sind die bei den für die Ausübung
des behördlichen Ermessens entscheidenden Gesichtspunkte." Zitat nach J. v. Kruedener,
"Zielkonflikt in der nationalsozialistischen Agrarpolitik. Ein Beitrag zur Diskussion des
Leistungsproblems in zentral gelenkten Wirtschaftssystemen", in: Zeitschrift für Wirt-
schafts- und Sozialwissenschaften 1974, S. 345.
146 Stephan Merl

den Druck, zum Fortbestehen ökonomisch effizient zu arbeiten. Anträge auf ,,Ab-
meierung" von Erbhofbauern wurden denn auch weit häufiger aufgrund mangelnder
Ehrbarkeit als aufgrund mangelhafter Wirtschaftsführung gestellt. Der einzelne
Bauer stand vor der Entscheidung, ob er zum Nutzen des Volksganzen nach Willen
des Staates die Produktion durch Investitionen steigern sollte oder mit Rücksicht
auf den familiären Anspruch, Abfindungen an die weichenden Erben zu zahlen, es
bei dem erreichten Produktionsstand belassen sollte. 58
Das Scheitern von Darres ideologischer Orientierung vollwg sich in sichtbaren
Stationen. Gelang ihm der Aufstieg zum Reichsernährungsminister bis Juli 1933
nicht zuletzt, weil er erfolgreich seinen Einfluß auf die wichtigsten Agrarverbände
ausgebaut hatte, begann sein Abstieg schon Mitte der dreißiger Jahre in den
anhaltenden Reibereien mit ausschlaggebenden Wirtschaftspolitikern über die Trag-
fähigkeit seiner Ideologie. Mit der Einbeziehung des Reichsnährstandes in den
Vierjahrplan verlor er die operative Kompetenz an Göring, und 1942 mußte er
schließlich den Posten des Reichsernährungsministers an den weniger ideologisch als
pragmatisch orientierten Backe abtreten. Das Scheitern kann dabei auf verschiede-
nen Ebenen festgemacht werden: auf der Ebene der Personalpolitik, auf der er weit
stärker als vorgesehen auf die bewährten Fachkräfte der Kammern, Verbände und
Verwaltungsbürokratie statt auf »praktizierende Bauern" zurückgreifen mußte,59 auf
der Ebene des Zusammenstoßens mit ökonomischen Realitäten und schließlich auf
der Ebene der Akzeptanz seiner Vorstellungen durch die Zielgruppe, die Bauern-
schaft selbst.
Die Kritik der Ökonomen, insbesondere Serings, an dem Reichserbhofgesetz
setzte gleich nach der Verkündung ein. Moniert wurde dabei insbesondere, daß es
die Wanderung des Bodens zum besseren Wirt verhindere, den Bauern zur Inakti-
vität verleite und ihm durch das Verbot, den Boden zu belasten, die Möglichkeit
nehme, Kredite zur Verbesserung det Betriebsführung aufzunehmen. Kritisiert wur-
de außerdem, daß das Reichserbhofgesetz die Struktur der Betriebsgrößen, nament-
lich des Streu- und Splitterbesitzes, in den westlichen und südlichen ehemaligen
Realteilungsgebieten des Reiches, festschreibe und dadurch rationelleren Bewirt-
schaftungsverfahren Schranken setze. 60
Entscheidend war aber auch, daß die Zielgruppe, die Bauern selbst, Darre die
Gefolgschaft versagte. Nur wenige waren bereit, über die Verbesserung der Ertrags-
lage und die Sicherheit des Absatzes hinaus auch die rassischen Ideen vom höheren

58 Vgl. von Kruedener, S. 340-344.


59 Vgl. dazu H. Gies, »Revolution oder Kontinuität - Die personelle Struktur des Reichs-
nährstandes", in: Bauernschaft und Bauernstand 1500-1870. Büdinger Vorträge 1971-
1972, hg. v. G. Franz, Limburg/Lahn 1975, S. 323-330.
60 Farquharson, The Plough, S. 107-125; Corni, S. 143-155.
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 147

Wert des Landlebens und der Unterwerfung unter das Gemeinwohl des Volksganzen
etc. zu übernehmen. Dabei gingen die Erwartungen an die Opferbereitschaft der
Bauern weit. Wenn ein Leitbuch für junge Bürger 1938 ausführte, daß der Erbhof-
eigner die Arbeit verrichten müsse, die der Staat ihm auftrage,61 so unterschied sich
das kaum von den Erwartungen Stalins an die Bauernschaft. Gegen die Bestimmun-
gen des Reichserbhofgesetzes, die ihnen Vorschriften über die Art der Bewirtschaf-
tung des Hofes machten und die Verfügung über das Erbe nahmen, lehnten sich die
Bauern auf. Örtlich kam es zu massiven Protesten. Viele Bauern versuchten, einen
Teil ihres Besitzes aus dem registrierten Erbhofherauszuhalten oder überhaupt nicht
unter das Gesetz zu fallen, um eine Verfügungsrnasse zur Abfindung sonst leer
ausgehender Erben zu behalten. 62 Statt der erwarteten über 1 Millionen Betriebe
mit 18-19 Millionen ha wurden schließlich nur knapp 700 000 mit ca. 16 Millio-
nen ha als Erbhöfe registriert.
Die in den dreißiger Jahren massiv einsetzende Abwanderung von Mitgliedern
bäuerlicher Familien in die Stadt war ein klares ,,Abstimmen mit den Füßen" gegen
den ideologisch überhöhten Wert des Landlebens. Nicht minder stellte die Aufge-
schlossenheit der Bauern für die moderne Landtechnik und für Verfahren zur
Arbeitserleichterung einen Affront gegen die von der Ideologie verherrlichten For-
men herkömmlicher Landarbeit dar. Die Spruchpraxis der ,,Anerbengerichte" stand
dauerhaft im Spannungsfeld zwischen Ideologie und Pragmatismus. 63 Trotz der
hartnäckigen Verteidigung der Ideologie durch den Reichsernährungsminister be-
fand sich die ideologische Position in einem dauerhaften Rückzugsgefecht. Pragma-
tismus und eine immer deutlichere Prioritätssetzung zugunsten wirtschaftlicher
Sachzwänge waren festzustellen. Letztlich wurden im Zuge auch der nationalsozia-
listischen Wirtschaftspolitik eher die Zielsetzungen der traditionellen agrarischen
Interessenpolitik als die der Blut- und Bodenideologie umgesetzt.
Auch in der Sowjetunion begegneten Agrarspezialisten und Wirtschaftsplaner der
von der Parteispitze geforderten schnellen Kollektivierung mit Skepsis und Ableh-
nung. Ihr Widerstand wurde u.a. durch die Kampagne gegen "bürgerliche Speziali-
sten" und Verhaftungen gebrochen. Selbst nach der Kollektivierung gab es vermut-
lich weitere Zielkonflikte, darauf lassen die Umstände des Wechsels in der Agrarpo-
litik Ende 1932 schließen. Aufgrund des Terrors konnten diese Konflikte nicht offen
ausgetragen werden, so daß bisher kaum Informationen dazu vorliegen. 64
Die Zusammenstöße zwischen Ideologie und Interessen der Bevölkerung waren
in der Sowjetunion noch weit heftiger, ging es doch hier buchstäblich um Fragen

61 Farquharson, The Plough, S. 119.


62 Farquharson, Agrarian Policy, S. 239-241.
63 Farquharson, The Plough, S. 107-140.
64 Vgl. dazu oben, Abschnitt 2.
148 Stephan Mer/

von Leben und Tod. Der Versuch, auch in der Landwirtschaft das Privateigentum
an Produktionsmitteln vollständig zu beseitigen, führte zu heftigen Gegenreaktionen
der Bauern, so daß nach pragmatischen Kompromissen gesucht werden mußte. Als
die Kollektivierungsbrigaden begannen, nicht nur das für die Pflanzenproduktion
benötigte Inventar, sondern auch das gesamte Nutzvieh und örtlich sogar das
Geflügel zu "vergesellschaften", brach in den ersten Monaten 1930 der "Weiberauf-
ruhr" aus, durch den ganze Gebiete außer Kontrolle gerieten. Die Bäuerinnen
befürchteten zu Recht, daß die Expropriation der einzigen Kuh das Überleben der
Familie in Frage stellte. Um des eigenen Machterhalts willen mußte die Parteifüh-
rung den Bäuerinnen ein Zugeständnis machen. In grotesker Verharmlosung der
Gefahr sprach Stalin später davon, daß es anfangs mit den "Kollektivbäuerinnen ein
kleines Mißverständnis ... um die Kuh" gegeben habe. Die eigentlich mit der
Kollektivierung beabsichtigte vollständige Expropriation der bäuerlichen Produk-
tionsmittel mußte aufgegeben und den Bauern die Fortführung einer kleinen
privaten Nebenwirtschaft gestattet werden. In der Praxis blieben dadurch wichtige
Produktionszweige, insbesondere die Tierproduktion sowie der Anbau von Obst,
Kartoffeln und Gemüse aus der Wirtschaft des Kolchos weitgehend ausgeklam-
mert. 65 Auch der nächste Versuch des Staates, die Kollektivierung und damit die
Expropriation der ehemaligen Bauern durch die Verkleinerung des Hoflandes und
die Überführung des privaten Nutzviehs in Kolchosbesitz abzuschließen, endete
1939-1940 abermals mit einer empfindlichen Vernichtung von agrarischen Ressour-
cen. Wiederum schlachteten die Bauern ihr Nutzvieh ab, bevor der Staat es einziehen
konnte, außerdem fällten sie die von ihnen auf dem Hofland angepflanzten Obst-
bäume. 66
Das seltsame Konstrukt "Kolchos" mit mechanisierter Getreideproduktion, weit-
gehend auf Handarbeit beruhender Erzeugung von Industriepflanzen und schließ-
lich der überwiegend in privater Hand verbleibenden und mit einfachsten Werkzeu-
gen durchgeführten Tierhaltung und der Bestellung des Hoflands unter primitivsten
Bedingungen legte ein beredtes Zeugnis vom erzwungenen Komprorniß zwischen
bäuerlichem Überlebenswillen und ideologischer Zielsetzung ab. Das Kolchossystem
überhaupt war ein pragmatischer Komprorniß zwischen dem Unversöhnlichen: Es
garantierte dem Staat die Verfügung über einen verhältnismäßig hohen Anteil an
der tatsächlichen Agrarproduktion, den Bauern das Überleben auf niedriger Stufe

65 ].w. Stalin, Werke Bd. 13, Frankfurt a.M. 1972, S. 226; Merl, Bauern, S. 257-194;
M. Lewin, "The Kolkhoz and the Russian Mushik", in: ders., Making of the Soviet
System, S. 178-188; Merl, Anfänge, S. 148-154; L. Viola, "Bab'i Bunty and Peasant
Women's Protest during Collectivization", in: Russian Review 45 (1986), S. 23-42.
66 Mer\, Bauern, S. 182-197.
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 149

und - ökonomisch ausgedrückt - die Stagnation der Agrarproduktion, weil es keine


Anreize, die Produktion auszuweiten, vermittelte.

Kontrolle über die Bauern und die Produktion


sowie Eingriffe in die Eigentumsrechte

In der Zielsetzung, sowohl Kontrolle über die Menge und Ausrichtung der Agrar-
produktion als auch über ihre Verwendung zu gewinnen, stimmten beide Regime
überein. Die Agrarproduktion sollte nicht länger von Marktfaktoren abhängen und
der Preis auf diesem Sektor als Regulator von Angebot und Nachfrage ausgeschaltet
werden. Mit dem Reichsnährstand und dem Kolchossystem schufen sie sich die
erforderlichen Apparate, in denen jeweils eine große Zahl von Funktionären mit der
Planung der Produktion und ihres Absatzes befaßt war.
Das Kolchossystem war auch nach 1933 kein dem Reichsnährstand vergleichbar
durchorganisierter Verwaltungsapparat. Die Planung der Agrarproduktion oblag den
zentralen und regionalen Wirtschafts- und Planungsbehörden. Die jährlichen Saat-
pläne, anfangs aufgeteilt nach Frühjahrs- und Herbstkampagnen mit detaillierter
Aufschlüsselung der Kulturen, die Staatspläne für die Viehzucht, alle von der
Landwirtschaft (Kolchose und Kolchosniki) erhobenen Steuern und Abgaben, zen-
trale Rechtsvorschriften über die Belange der Kolchose etc., alle Änderungen an den
Bestimmungen über die Plichtablieferung wurden gemeinsam vom Rat der Volks-
beauftragten und dem Zentralkomitee der Partei verabschiedet. Anders als die
Staatsgüter, die wie Industriebetriebe direkt den republikanischen Organen unter-
standen, war die eigentliche Lenkungsinstanz der Kolchose die Regionalverwaltung
auf der Rajonebene (Landkreis), die direkt den Krajinstanzen (Land) unterstellt war.
Neben den jeweiligen Landabteilungen mischten sich das Rajon- bzw. Krajkomitee
der Partei in starken Maße in die Angelegenheiten der Kolchose ein. Die Einsetzung
des Kolchosvorsitzenden oblag dem Rajonparteisekretär, der zudem persönlich für
alle Belange der Planerfüllung durch die ihm unterstellten Kolchose verantwortlich
gemacht wurde. Den Kolchosen vorgesetzt waren weiter die Dorfsowjets und die
Maschinen-Traktoren-Stationen, bei denen in den ersten Jahren nach der Hungers-
not sogar "Politabteilungen" eingerichtet wurden, deren Zuständigkeitsbereich der
Kontrolle über alle Belange der Kolchose sich mit den Aufgaben der Rajonverwal-
tung überschnitt. Die Praxis, im Rahmen der Kampagnen (Aussaat, vor allem aber
Ablieferung, Rechenschaftsberichte etc.) zur jeweils unterstellten Ebene große Mas-
sen von "Sonderbeauftragten" mit Exekutivvollmachten zu entsenden, die Anord-
nungen der kontrollierten Instanzen aufheben und Zuwiderhandlungen auf der
Stelle mit Ablösungen vom Posten und Verhaftungen ahnden konnten, hielt über
die gesamte Zeit hin an. In der Praxis "ersetzten" die Sonderbeauftragten die
150 Stephan Merl

kontrollierten Organe. Offenbar vertraute die Parteispitze den eigentlich zuständi-


gen Organen der Lokal- und Agrarverwaltung nicht mehr als den Kolchosen selbst.
In der Bereitschaft, gegen die Agrarproduzenten Zwangsmittel einzusetzen und
alle gesetzlich geschaffenen Kontrollmöglichkeiten auch auszuschöpfen, sind aber
deutliche Unterschiede festzustellen. Die deutsche Landwirtschaft war auch zuvor
schon wesentlich stärker marktorientiert als die sowjetische gewesen. Viel seltener
wurde in Deutschland von den Möglichkeiten der administrativen Einflußnahme
auf die Produktion Gebrauch gemacht. Statt dessen beschränkte man sich zunächst
auf moralische Appelle und setzte unter dem Einfluß von Göring ab 1937 sogar
wieder materielle Anreize zur Produktionslenkung ein. Die sich hier eher auf die
Androhung von Zwangsmitteln als deren Anwendung konzentrierende Politik sollte
die Bauern zum freiwilligen Befolgen der Produktionswünsche bewegen. Das gilt
bedingt auch noch für die verschiedenen Verordnungen, mit denen der Reichsnähr-
stand 1937 im Rahmen des Vierjahrplans ermächtigt wurde, Zwangsmittel einzu-
setzen, um die Art der Nutzung der landwirtschaftlichen Fläche vorzuschreiben, die
Ablieferung der gesamten Ernte an den Brotgetreiden Roggen und Weizen an den
Staat sicherzustellen und um das Verbot, Brotgetreide zu verfüttern, durchzusetzen. 67
Als zusätzliches Mittel der Einflußnahme auf den Produktionsablauf in den Betrie-
ben wurde im Frühjahr 1937 ein Apparat ehrenamtlicher "Wirtschaftsberater"
aufgebaut. Die Aufgabe dieser im Volksmund als "Erzeugungsschlächter" bezeichne-
ten Kommissionen bestand in der Durchführung von Stall-, Hof-, Feld- und
Flurbegehungen. Dabei sollten sie "die schlecht geführten, durch mangelnde Lei-
stung auffallenden Höfe" identifizieren und für Verbesserungen sorgen. Zur Ermitt-
lung der regional zumutbaren Produktionsdurchschnittswerte diente ihnen die
"Hofkarte", durch die 1938 mehr als 2 Millionen Betriebe mit mehr als 85% der
landwirtschaftlichen Nutzfläche erfaßt wurden. 68 Der Wunsch der NS-Agrarpoliti-
ker, reglementierende Eingriffe erst zuzulassen, wenn das Produkt den Hof verlassen
hatte, ließ sich nicht immer realisieren. So erwies sich die Erfassung der Produktion
von Milch, Eiern und Schlachtvieh als so schwierig, daß ein Ablieferungszwang
eingeführt wurde. Das bei Bauern sehr beliebte Selbstvermarkten mußte durch einen
aufWendigen und kostspieligen Kontrollapparat verhindert werden. Bereits 1934
wurde ein absolutes Landbutterverbot erlassen. 69
Moralische Anreize und Belohnungen waren auch in der Sowjetunion nicht
vollständig unbekannt. Von ihnen profitierte stellvertretend aber nur eine sehr kleine

67 Blaich, S. 306; Petzina, Autarkiepolitik, S. 92 f.; sehr ausführlich dazu Gies, Aufgaben,
S. 466-499. Er stellt fest, daß bei dem Charakter des Regimes "direkte Eingriffe in
Form autoritärer Erzeugungsvorschriften und reglementierender Erfassungsmethoden
systemimmanent und unausbleiblich" (S. 477) waren.
68 Gies, Aufgaben, S. 473-476.
69 Ebd., S. 483 f.
Agrarpolitik und Bauermehaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 151

Zahl von Best- und Stachanow-Arbeitern, so daß sie insgesamt wenig ins Gewicht
fielen. Die im Rahmen der jeweiligen Kampagnen mobilisierten Kontrolleure ver-
hinderten eine kontinuierliche und sinnvolle Arbeit der unteren Organe. Das
Vorschreiben von Produktions- und Ablieferungspflichten war in jeder Hinsicht
kleinlich und nahm nicht einmal die Splitterflächen des Hoflandes aus. Repressionen
und Mißtrauen innerhalb des Kontrollapparats waren wesentlich stärker verbreitet,
Denunziationen wurden vom System gefördert. Allein ein Drittel der Kolchosvor-
sitzenden wurde im Zuge verschiedener Kampagnen jährlich abgelöst. Ziel der
Repressionen war in der Regel die Disziplinierung der Leitungspersonen, also der
Kolchosvorsitzenden, der Brigadiere, selten dagegen der einfachen Kolchosniki. 7o
Das Übermaß an Kontrolle erwies sich als dysfunktional und nahm den Betrieben
jede Möglichkeit, selbständige und den örtlichen Verhältnissen angemessene Ent-
scheidungen zu treffen. Die erbarmungslosen Repressionen erzwangen geradezu, die
wirklichen Verhältnisse vor dem Kontrollapparat zu verheimlichen.
Während in Deutschland neben den "alten Kämpfern" des "agrarpolitischen
Apparates" schnell die bewährten Fachkräfte der Bauernverbände, Ministerien und
Kammern in den Organen des Reichsnährstandes die Oberhand gewannen und sich
durch ihr Sachwissen unentbehrlich machten, galt in der Sowjetunion landwirt-
schaftliches Fachwissen geradezu als Makel. Den qualifizierten Fachkräften, die in
den Landorganen, Ministerien und Forschungsinstituten bis zur Kollektivierung
Einfluß ausgeübt und vor Fehlentwicklungen gewarnt hatten, erging es kaum besser
als den Bauern, die ihre unternehmerischen Fähigkeiten unter Beweis gestellt hatten
und deshalb als "Kulaken" verfolgt und wirtschaftlich, wenn nicht sogar physisch
vernichtet wurden. Auch die Agrarspezialisten verloren fast alle ihren Posten, viele
waren Verfolgungen ausgesetzt oder wurden wie Tschajanow verhaftet und später
erschossen. Von den nachrückenden Kräften wurde vor allem das bedingungslose
Befolgen der Parteibefehle und Fähigkeiten zum Kommandieren erwartet. Wichtige
Leitungsposten wurden mit gestandenen Industriearbeitern und demobilisierten
Rotarmisten besetzt. Während die Nationalsozialisten ihre "Bauernführer" vor allem
aus der lokalen Bauernschaft rekrutierten und verlangten, daß sie neben dem
Ehrenamt ihren Betrieb weiterführten, setzten die Bolschewiki als Kolchosvorsitzen-
de bevorzugt Ortsfremde ein, um jedes Fraternisieren mit den Untergebenen zu
vermeiden.?l Die größere Fachkompetenz im deutschen Fall wurde allerdings damit
bezahlt, daß die Funktionäre des Reichsnährstandes überwiegend den traditionellen
Forderungen der bäuerlichen Interessenvertretung anhingen und somit ein Element
der Kontinuität in die angeblich so revolutionäre Agrarpolitik brachten, wobei sie

70 Merl, Sozialer Aufstieg, S. 90-121.


71 Merl, Sozialer Aufstieg, S. 69-121; Gies, Revolution oder Kontinuität.
152 Stephan M~r/

partiell die Zielsetzungen der Produktionssteigerung, insbesondere aber auch der


Rassenideologie, durchkreuzten.7 2
So sehr in der Sowjetunion das Ziel der Produktionssteigerung verfehlt wurde,
so erfolgreich gelang es durch den Terror, den staatlich kontrollierten und verfügba-
ren Anteil bei bestimmten Produkten des Pflanzenbaus, vor allem Getreide und
Industriepflanzen, zu erhöhen. Spektakulär mutet der Anstieg der auf dem überre-
gionalen Markt gelangenden Getreidemenge an. Sie übertraf in der zweiten Hälfte
der dreißiger Jahre das Niveau von Ende der zwanziger Jahre um mehr als das
Doppelte. Die vom Staat erfaßte Getreidemenge stieg noch stärker an. Der höhere
Getreideabzug war möglich, weil der Futterbedarf nach der weitgehenden Vernich-
tung des Zug- und des Nutzviehbestandes deutlich fiel. Doch diese Erfolgszahlen
täuschen über das tatsächlich Erreichte hinweg, denn die vor der Kollektivierung
lokal mit Getreide versorgte Bevölkerung mußte nun auch aus der überregionalen
Beschaffung beliefert werden. Vor allem aber stieg die aus den zentralen Vorräten zu
versorgende Stadtbevölkerung in den dreißiger Jahren noch schneller an, so daß sich
der Getreidemangel nicht verringerte. Dies läßt sich an der Entwicklung des Exports
ablesen. Die Zwangskollektivierung eröffnete nicht etwa neue Exportressourcen,
sondern ließ den Export auf ein unbeträchtliches Minimum sinken.73 Die staatliche
Marktkontrolle verschärfte letztlich nur die Engpässe.
Repression und Kontrolle verfehlten also in beiden Regimen weitgehend die
Zielsetzung, die Produktion zu steigern. Nur wo ökonomische Hebel eingesetzt
wurden, waren die Ergebnisse günstiger. Die Vorstellung, man könne die landwirt-
schaft vom Markt abkoppeln, erwies sich in beiden Ländern als verfehlt. Während
aber die russischen Bauern das Kolchossystem als eine drückende und sie ausbeu-
tende Belastung empfanden und insofern alles taten, um aus ihm auszubrechen, so
daß sie nur mit dauerhafter Anwendung von staatlichem Zwang in den Kolchosen
gehalten werden konnten,74 war die Haltung der deutschen Bauern zum Reichsnähr-
stand zumindest ambivalent. Auch er beschnitt gewohnte Freiheiten. Zu keinem
Zeitpunkt wurden die Bauern in Deutschland aber so wirkungsvoll vor den Risiken
des Marktes geschützt wie unter dem Reichsnährstand. Der Absatz der Agrarpro-
dukte wurde genauso wie die Erzeugerpreise garantiert, das Erzeugerrisiko damit fast
vollständig beseitigt.75 Deshalb forderten nach 1945 auch gerade Agrarpolitiker, die
wie Hermes und Hummel unter den Nationalsozialisten verfolgt wurden, die
Beibehaltung des "Reichsnährstand auf freiwilliger Grundlage". 76

72 Petzina, Autarkiepolitik, S. 95.


73 Merl, Bauern, S. 53.
74 Merl, Bauern, S. 234-256.
75 Petzina, Autarkiepolitik, S. 95.
76 Bürger, S. 126-129.
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 153

Obwohl in ihrem Ausmaß sehr unterschiedlich, gab es in beiden Regimen gerade


im Agrarbereich Eingriffe in die Verfügungsgewalt über das Eigentum. Auch hier ist
die Vergleichsebene aber eher eine oberflächliche. Denn in Deutschland wurde das
Privateigentum keineswegs grundlegend in Frage gestellt wie in der Sowjetunion.
Die Einschränkungen betrafen aber das Erbrecht genauso wie die Nutzung des
Eigentums. Das Eigentum konnte aus rassischen Gründen, aber auch bei mangeln-
der Fähigkeit als Wirt entzogen werden. Der Staat schrieb vor, an wen und in welcher
Menge Produkte zu vermarkten waren. 77
In der Sowjetunion beseitigte die Zwangskollektivierung mit der gewaltsamen
Expropriation der Bauern das Privateigentum an Boden und Produktionsmitteln.
Doch sah sich die Parteiführung bald gezwungen, mit dauerhaft oder auf Zeit
garantierten Nutzungsrechten die negativsten Auswirkungen dieser Maßnahmen zu
begrenzen. Trotz aller juristischen Beschränkungen betrachteten die Kolchosniki ihr
Hofland und ihr Wohnhaus als Eigentum, das sie auch verkauften - obwohl sie das
nicht durften. 78 Eingriffe in die Kolchosproduktion waren keinen Beschränkungen
ausgesetzt. Der Staat zog das Getreide schließlich mittels der staatlichen Mähdre-
scher direkt von den Kolchosfeldern ab. Dagegen machte der Staat sich zynisch
zunutze, daß der Kolchos nach seinem Verständnis kein Staatseigentum darstellte,
obwohl eine genauere Beschreibung der Rechtssituation des Kolchos dazu zwingt,
ihn dem Staatseigentum zuzuordnen. So waren alle Besitzwerte des Kolchos ein-
schließlich des von den Kolchosniki enteigneten Eigentums in das sogenannte
"unteilbare Eigentum" zu überführen. Auch im Fall der Auflösung des Kolchos oblag
dieses Eigentum nicht der Rückgabe, sondern fiel an den Staat. Der "Kollektivbesitz"
diente vor allem dazu, die Einkommensverteilung als "Gewinnverteilung" zu gestal-
ten, wobei es durchaus passieren konnte, daß es gar nichts zu verteilen gab. Dem
Kolchosnik wurde somit das volle Risiko der Produktion aufgebürdet, obwohl er auf
deren Ausrichtung, Einbringung und Vermarktung selbst keinen nennenswerten
Einfluß nehmen konnte.

Gab es Ansätze einer "Modernisierung"?

Die Zahl der an die Landwirtschaft gelieferten Traktoren und Mähdrescher war in
der Sowjetunion wesentlich höher als in Deutschland. Dennoch wäre es verfehlt, die
Modernisierung der Agrarproduktion primär an der Gesamtzahl der Traktoren und
Mähdrescher festmachen zu wollen. Würde man nur dieses Kriterium zugrundele-
gen, stünde die Landwirtschaft der Sowjetunion Ende der dreißiger Jahre als

77 Vgl. dazu Gies, Aufgaben, S. 466-499.


78 Merl, Bauern, S. 281-288, S. 299-319.
154 Stephan Merl

modernste der Welt da, obwohl sie weiterhin Hektarerträge und Tierleistungen
aufwies, die für vorindustrielle Produktionsweisen typisch waren und in Westeuropa
im 18. und 19. Jahrhundert überwunden wurden. Die Ursachen für die erbärmli-
chen Leistungen sind schnell gefunden. So konnten in der sowjetischen Komman-
dowirtschaft keine fortschrittlichen Fruchtfolgen eingeführt werden, weil diese
zwangsweise die Getreidesaatfläche reduzieren mußten und damit beim Staat den
Argwohn wachriefen, der Kolchos wolle sich auf diese Weise der Ablieferungspflicht
entziehen. Der Einsatz von Dünger spielte kaum eine Rolle, weil Handelsdünger
praktisch nicht produziert und die Stalldung liefernden Tiere überwiegend der
Kollektivierung zum Opfer gefallen waren. Die Schlagkraft der mechanisierten
Landwirtschaft war geringer als die der kleinbäuerlichen zuvor, weil ein akuter
Mangel an Zugkraft bestand und ein 30 PS-Traktor in der Arbeitsleistung nicht 30
Pferden entsprach. Die Tierproduktion war weitgehend auf das Hofland verlagert
und wurde dort äußerst kostspielig und wenig effizient in kleinsten Einheiten mit
primitivsten Hilfsmitteln durchgeführt, wobei Futtermittel überwiegend selbst or-
ganisiert werden mußten.
Daß die moderne Technik von den Kolchosniki eher als Feind denn als Arbeits-
erleichterung empfunden wurde, hing damit zusammen, daß der Staat sie als
Haupthebel der Kontrolle und zur Expropriation der Kolchosproduktion einsetzte.
Für den Kolchosnik verband sich die Technik deshalb vor allem mit der staatlichen
Repression. Mechanisiert wurde neben dem Pflügen vorwiegend die Ernte. Die
staatlichen Mähdrescher dienten dazu, das Getreide von den Kolchosfeldern unter
Umgehung der Kolchosscheunen zu bergen und direkt an den Staat abzuliefern. Die
Maschine bedrohte die Existenz der Kolchosniki. Sie nahm ihnen nicht nur Arbeit
weg, sondern auch das Brot. Fälle von "Maschinenstürmerei" waren deshalb nicht
selten. Eine Erleichterung der schweren und vor allem von Frauen auszuführenden
Handarbeit unterblieb dagegen: Unkrautjäten auf den Feldern, der mühsame An-
transport von Wasser für die Tiere etc. blieben bestehen. Viel spricht dafür, sogar
von einer Archaisierung der Produktion in den dreißiger Jahren zu sprechen. Alle
Arbeiten auf dem Hofland wurden mit der Hand oder primitivsten Hilfsmitteln
verrichtet, die gegenüber den Techniken, die in den zwanziger Jahren zuvor im
Rahmen dieser Produktionszweige von den Bauern angewandt wurden, zurückfielen.
Den Kolchosniki war selbst der Besitz eines Pferdes untersagt. Die "Rückständigkeit"
der russischen Landwirtschaft war beim Tode Stalins kaum geringer als vor der
Zwangskollektivierung. Die Ende der zwanziger Jahre entwickelten Modelle mecha-
nisierter Großbetriebe, die Produktion und Verarbeitung verbanden, waren längst
in Vergessenheit geraten. Solange der Staat nicht bereit war, für die Agrarproduktion
zu zahlen, konnte nicht die einträgliche Verarbeitung in die Hände der Agrarbetriebe
gelegt werden. Erst unter Chruschtschow wurden mit der Idee der ,,Agrostädte"
Ende der fünfZiger Jahre alte Pläne neu belebt, wiederum aber nicht realisiert. Der
Agrarpolitik und Bauernschaft im Nationalsozialismus und im Stalinismus 155

Ersatz der bäuerlichen Zwergbetriebe durch den "Großbetrieb" bedeutete also keine
"Revolutionierung der landwirtschaftlichen Produktivkräfte". Gerade angesichts des
gewaltigen agrarischen Bevölkerungsüberschusses wäre die russische Landwirtschaft
wohl wesentlich moderner gewesen, wäre nicht die Ausschaltung der Pferde so
schlagartig erfolgt und wäre die Betriebsvergrößerung langsamer gelaufen.
Erstaunlicherweise zeigt die nähere Betrachtung, daß eher in Deutschland als in
der Sowjetunion der Weg der Modernisierung beschritten wurde. Entscheidend war,
daß hier die Modernisierungserfolge, die im Gegensatz zur ideologischen Zielsetzung
standen, auf ökonomischen Druck und nicht politischem Zwang beruhten. In
Deutschland waren die Modernisierungserfolge deshalb zwar vergleichsweise weni-
ger spektakulär, dafür aber um so tiefgreifender. Nur allmählich drangen Traktoren
in die deutsche Landwirtschaft vor. Waren es 1925 etwa 7000 gewesen, stieg ihre
Zahl bis 1933 auf 18 000 und 1939 wurden schließlich knapp 40 000 registriert.
Bemerkenswerter waren die Fortschritte, die auf dem Vordringen der Elektrizität in
die Dörfer gründeten. Damit konnte nun auch in der Landwirtschaft der Elektro-
motor die Dampfmaschine als Antriebskraft weitgehend ablösen. Viele Möglichkei-
ten zur Arbeitserleichterung und Arbeitseinsparung (bei zuvor von Frauen verrich-
teten schweren Handarbeiten) in den Höfen gründeten hierauf. Der Elektromotor
konnte als Antrieb für die Wasserpumpe, zum Häckseln, Schroten und für die
Milchverarbeitung dienen,79 Der Modernisierungsdruck ging in Deutschland vor
allem von ökonomischen Faktoren aus: Die abwandernden Arbeitskräfte mußten
durch Maschinen ersetzt werden. Dem konnte sich die NSDAP nicht vollständig
entziehen. Sie mußte feststellen, daß die Bauern der Veränderung aufgeschlossener
gegenüberstanden als sie selbst. Um den Bauern die Möglichkeiten zur Produktions-
steigerung an die Hand zu geben, wurde ansatzweise versucht, durch Preissenkungen
für Maschinen, Traktoren, Elektrogeräte und -motoren sowie die Senkung der
Stromtarife die menschliche Arbeitskraft im landwirtschaftlichen Betrieb zu erset-
zen. BO

Resümee

Der Vergleich bringt also weit mehr Trennendes als Übereinstimmendes zum Vor-
schein. Der unterschiedliche Entwicklungsstand beider Länder kommt natürlich
gerade im Agrarsektor besonders kraß zum Ausdruck, so daß er zumindest partiell
die unterschiedliche Wertschätzung der Bauernschaft noch überlagerte und ver-
schärfte. Der Vergleich läßt noch deutlicher hervortreten, wie ausgeprägt die men-

79 Rolfes, S. 758.
80 Blaich, S. 307. Immerhin verdoppelten sich die Aufwendungen der Landwirtschaft für
"Maschinen und Ackergeräte" zwischen 1934/35 und 1938/39.
156 Stephan Merl

schenverachtende Einstellung des Stalinismus selbst der eigenen Bevölkerung gegen-


über war. Eine Privilegierung der "arischen Rasse" findet in der Sowjetunion keine
Entsprechung, nur wenige Arbeiter genossen unter Stalin Privilegien. Dem Konsum
kam im Stalinismus keine herrschaftsstabilisierende oder gar -legitimierende Rolle
wie in Deutschland zu. Für beide Regime ist festzustellen, daß die jeweils verfolgte
Agrarideologie einer optimalen Erhöhung der Produktion und einer Modernisierung
der Produktionsmethoden im Weg standen. Obwohl letztlich in beiden Staaten
pragmatische Konzepte gesucht werden mußten, blieben die Ergebnisse weit hinter
dem ökonomisch Möglichen zurück.
Auch dort, wo zunächst einmal ähnliche Systemelernente anzutreffen waren,
erweist sich ihre Bedeutung und Auswirkung auf die Lage der Bauern dennoch als
grundlegend anders. In Deutschland ist in stärkerem Maße die korrigierende Wir-
kung von ökonomischen Faktoren und fachlicher Kompetenz zu beobachten. In der
Sowjetunion fehlte dem Kolchossystem jeglicher Ansatz von Fachkompetenz. Wah-
rend der Erfolg bei der Industrialisietung nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist,
daß die Inkompetenz der Partei durch fachliche Qualifikationen im betrieblichen
Management ausgeglichen wurde, gab es für den Agrarsektor keinen vergleichbaren
Korrekturmechanismus: Die Fachkräfte in den Landorganen wurden ähnlich wie die
fähigsten Wirte im Zuge der Zwangskollektivierung ausgeschaltet.
Aus langfristiger Perspektive erscheinen die dreißiger Jahre jeweils als - mehr oder
minder radikaler - Beginn einer Umbruchsphase, in der etwas Neues beginnt, das
dann aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg in den fünfziger Jahren endgültig zum
Durchbruch kommen sollte. In Deutschland war das die einsetzende Abwanderung
vom Lande, die zu einem absoluten Rückgang der Zahl landwirtschaftlicher Arbeits-
kräfte führte. Aus ihr ergab sich der Hauptzwang für die fortbestehenden Betriebe,
die Modernisierung mit einem zunehmenden Einsatz an Technik einzuleiten. Diese
war somit weniger ein politisches als vielmehr ein ökonomisch bestimmtes Element.
In der Sowjetunion gab es bei der Agrarentwicklung dagegen ein Primat der Politik
über die Ökonomie. Erst Chruschtschow vollendete die unter Stalin begonnene
Abkehr von der Bauernwirtschaft und der Bauerngemeinde, indem er mit der
erzwungenen Vergrößerung der Kolchose das Ende des Kolchossystems erzwang.
Der gemeinsame Nenner als Resultat von Nationalsozialismus und Stalinismus wäre
dann in langfristiger Perspektive überraschend gerade in der "Entbäuerlichung" zu
sehen, die allerdings auf gegensätzliche Grundtypen zulief. In Rußland wurde der
Bauer in einen Befehlsempfänger des Staates verwandelt, der vom Boden und der
Natur entfremdete, während der deutsche Bauer, wenn er mit Erfolg bestehen wollte,
unter ökonomischen Zwängen zu einem "Unternehmer" werden mußte. Nur für die
Sowjetunion kann diese Entwicklung aber in einen kausalen Zusammenhang zur
Stalinsehen Agrarpolitik gebracht werden, während sie in Deutschland geradezu
diametral der nationalsozialistischen Blut- und Bodenpolitik entgegengesetzt war.
Gerhard Armanski

Das Lager (KZ und GULag) als Stigma der Moderne*

Die Annalen der Geschichte sind wahrlich nicht arm an Gewalt, mindestens und
nachweisbar, seit es Klassen und Schriftzeugnisse gibt. Denken wir an die antiken
Sklavenjagden, an die Kreuzzüge und die europäische Eroberung der Welt oder an
den dreißigjährigen Krieg. Aber unserem Jahrhundert blieb es vorbehalten, Gewalt
in bisher einmaliger Entfaltung zu betreiben. Allein schon zahlenmäßig: etwa 100
Millionen Menschen, so wird geschätzt, sind den verschiedenen Gewaltexzessen
unserer Epoche zum Opfer gefallen. Die anfängliche Anomalität der Geschehnisse
setzte sich durch Jahrzehnte fest; sie wurde gewöhnlich, ja banal - für die Täter und
nicht selten auch für die Opfer. Ganze Gesellschaften boten den Boden und den
Rahmen riesiger Exekutionsstätten. Im Namen einer höheren Moral zerbrachen
deren Stammwerte unter dem Ansturm des Bösen. Es war wie eine Wiederholung
des spätmittelalterlichen Totentanzmotivs auf gigantischer Stufenleiter. Die Melodie
folgte den Ideologien der Vernichtung. Aber ausgeführt wurde das Stück mit den
rationalen und technischen Mitteln der Moderne. Die instrumentale Effizienz der
industriellen Massengesellschaft betrieb ein nie gehörtes, abseitiges Geschäft aufs
perfekteste und destruktivste. Sie schlug der Zivilisation rationaler Beherrschung des
Menschen und der Natur, der sie entstammte, unauslöschlich ins Gesicht.
Die Szenerie des Unheils begründete und entwickelte sich als eine der Moderne:
serielle Definition, Separation und Zurichtung von Menschen in und vermittels der
abstrakten gesellschaftlichen Maschine des (Un)Werts und der Macht. Lizensiert von
politisch-ideologischen Vorgaben unbegrenzter Machbarkeit von Natur und Mensch
verfügte sie über das Treibmittel psychischer Massenaggression. Diese fußte ihrerseits
auf den enormen Spannungen industrieförmiger und staatlicher Disziplinierung
sowie eines reprimierten Selbst. Die sozialsystemisch der Moderne inhärente Gewalt
produzierte ihre eklatantesten Formen - die Weltkriege und die Lager - nicht als
ihr Anderes, sondern als ihr radikalisiertes Eigenes. Noch in ihrem düstersten

* Die hier vorgetragenen Thesen fußen auf meinem Buch: Maschinen des Terrors. Das
Lager (KZ und GULAG) in der Moderne, Münster 1993. Dort finden sich auch nähere
Hinweise zu den Zitaten.
158 Gerhard Armanski

Schatten wirkte die gleiche maschinelle Logik, auf der ihre Fortschritte beruhten.
Wie in einem Brennglas konzentrierte sie ihre Leistungsfähigkeit negativ im Mas-
senmord des Krieges und der Lager. Sie waren Erfindungen des Geistes und der
Praxis der Moderne: arbeitsteilig, hoch wirksam, amoralisch und gleichgültig. In
letzter Instanz repräsentierten sie exorzistisch ausgetragene Sozialkonflikte, um die
Aufgaben des Jahrhunderts auf je spezifische Weise zu meistern. Sie trieben eigene
Formen des Kampfes um Reichtum, Macht und Tod hervor: den Terror unbegrenzt
vermehrungsfähiger Vernichtung. Als industrieller Massenkrieg und als Konzentra-
tionslager landeten sie auf dem toten Gleis des Schienennetzes der Zivilisation. Aber
ihre Triebkraft ist damit nicht erschöpft.
Die Lager, vielfach mit dem inneren und äußeren Krieg (von dem fortan nicht
mehr explizit die Rede ist) verschränkt, waren Einrichtungen der nationalsozialisti-
schen und stalinistischen Diktatur. Sie weisen zahlreiche gemeinsame Phänomene
auf: totale Entrechtung und Willkür, die Depersonalisierung und Dehumanisierung
des Lagerlebens mit dem Tod als beabsichtigtem oder mindestens gebilligtem Ende.
Gleiches gilt für die diktatorischen Systeme, die sie betrieben. Beide zeigten sie die
Hypertrophie der Macht, das Herrschaftsmonopol der politischen Elite im Namen
einer Rasse oder Klasse, uneingeschränkte Geheimpolizei, Manipulation und Terror
gegenüber den Objekten der absoluten Macht. Die Voraussetzungen und die innere
Anatomie und Funktion sind damit aber noch nicht verstanden. Hier liegt die
Grenze der wieder zu fragwürdigen Ehren kommenden Totalitarismustheorie. Sie
tendiert dazu, historisch oder gar ontologisch Ungleiches gleich zu behandeln - und
damit letztlich zu verfehlen. Das betrifft sowohl den Gesellschaftstyp, die ideologi-
schen Gehalte, Tradition und Telos der Diktaturen. Hier sorgfältig zu unterscheiden,
ist nicht nur ein Gebot genauer geschichtlicher Forschung. Wenn auch beide
Systeme mit ihren Lagern dem Stimulus und den Methoden der Moderne verpflich-
tet waren, wichen sie eindeutig von deren dominanter - angelsächsischer - Form ab.
Auf je eigene Weise generierten sie soziale und politische Zusammenhänge mit
spezifischen Vorhaben, Widersprüchen und Resultaten, die sich auch und gerade auf
die Lager erstreckten. Der historischen Wahrheit und den Opfern des Terrors
schulden wir kein allgemeines Wehgeschrei, sondern einen geschichtlich-konkreten
Blick. Die unterschiedlichen Umstände der Repression und des Todes verweisen auf
die qualitative Differenz der Ereignisse.

Phänotyp des Lagers

Eine aberwitzige und verdrehte Welt. Man konnte sie sofort verstehen und verstand
sie nie. Sich auszukennen hieß nicht, weniger in ihr fremd zu sein: wie auf einen
fernen Planeten gefallen, mühsam die Sinne zusammensuchend und sie nicht mehr
Das Lager (KZ und GULag) als Stigma der Moderne 159

findend. Da das Entsetzen nicht durchzuhalten war, gefror es zum Alltag. Der Frost
breitete sich von innen aus und ergriff, was er wollte. Neben einem wurden die
Gesichter und Körper zu Schemen. Sie warfen das eigene Bild zurück, ein zitterndes
und zersplittertes Ich. Wer noch konnte, klammerte sich an ein entgleitendes Wir
oder Du in der Zwangsgemeinschaft. Sich zu erinnern meinte zu leben: das letzte
Licht im Schatten der Angst. Solange es ein Früher gab, konnte es ein Morgen geben,
gegen allen Augenschein. Kam daraus die Kraft, an sich und daher am anderen
festzuhalten? Oder war der andere die fragile Brücke zu einem selbst? Im Heute lag
aller Verlust und jeglicher Ausgang unnennbar und verhüllt, überklar und offen.
Ließ sich denken oder gar sagen, was zu wollen war, über den nächsten Schritt
hinaus? Denn so sollte man sein: ohne Herz und Gesicht und Zeit. Alles konnte ein
Ende haben und war endlos. Das Leid stand jederzeit bereit bis zum Tod. In seinem
Vorhof zerbrach der Leib. Unter Schlägen, die scharf trafen und stumpf machten,
verfiel der menschliche Rest. Da alles sinnlos war, schien es nur noch einen Sinn zu
geben: aufzuhören. Gerade das aber erlaubte man nicht. Die Welt bewegte sich nach
Gesetzen, die nicht sein durften. Was man bisher wußte, galt nicht mehr. Der
Mensch war so weit gekommen, daß er sich selbst vernichtete. Er gab Gründe dafür
an, die wenige glaubten und alle zu befolgen hatten. Die Maschine verschlang die
Objekte, aber nicht ihren Grund. Sie erweiterte ihr Arbeitsfeld und bestätigte ihren
Plan zu vernichten ohne Unterlaß - wäre sie nicht samt ihren Urhebern angehalten
worden.
"Das Lager war als historische Erfahrung unseres Jahrhunderts das Ende der
Zivilisation. "I Es lieferte eine neue Form umfassenden sozialen Zwangs und zielte
auf die Brechung der Person, die es radikal von sich und seiner Umgebung entfrem-
dete. Das Lager entwickelte seine eigene physisch-dingliche Topographie und Gestalt
des Terrors. Seine Anlage bildete die gegenständliche Voraussetzung der herrschaft-
lichen Struktur und umschloß den ihm eigenen Raum absoluter Macht primitiv,
funktional, strikt und hierarchisch. Seine Objekte wurden geschunden und hunger-
ten, lebten in Krankheit, Dreck und Lumpen am Rand der Existenz zum Tod. Die
Gefangenen formierten sich zur Häftlingsgesellschaft mit eigenem Machtaufbau und
spezifischen Informations- und Herrschaftskanälen. Sie folgten einem bestimmten
Muster der Konfrontation, Kollusion und Kollaboration mit den Bewachern in
einem drastisch veränderten Wertesystem. In ihm waren Herr und Knecht antago-
nistisch und bis zur Assimilation aneinandergekoppelt zugleich. Sie stellte Normen
und Gesetze auf, die nur in ihrem Umkreis galten. Die Lagermentalität gruppierte
unter dem Doppelgebot von Herrschaft und Überleben die Moral, Instinkte und
Handlungen um. Als gewöhnliches Ergebnis wies sie genau jene Verwahrlosung auf,

1 A. Szczypiorski, "Das Ende aller Zivilisation", in: Die Zeit, 24.3.1995.


160 Gerhard Armanski

gegen die ihre Betreiber angeblich zu Felde zogen, in extremis als "Muselmann" oder
"dochodjaga".2
Die dreifache Achse des Lagersystems finden wir politisch-sozial in der Beseiti-
gung und/oder Verwertung der Mißliebigen, wirtschaftlich in der Ausplünderung
und Ausbeutung der dafür Abgesonderten und psychologisch in der Abspaltung und
Vernichtung des/der "Fremden". Das war unterschiedlich legiert und läßt sich
gleichwohl als Phänotyp erkennen. Dieser bildet insoweit eine zivilisatorische, ja
menschliche Angelegenheit. An ihm zerbrach die Humanisierungshoffnung der
Aufklärung, deren Glauben an die Perfektibilität des Menschen in eine grausige
Ordnungsorgie umschlug. Um welche Lagerform es sich im einzelnen auch immer
handelte (die NS-Todeslager fallen hier heraus, da auf sofortige Vernichtung gerich-
tet), sie unterwarf den Häftling extremer Unfreiheit und Übermacht, zerstörte
radikal seine Rechte, führte eine fundamentale Lebenswende herbei und trieb in
einem entfremdeten Universum die Schattenexistenz des "Konzentrationärs" hervor.
Die "moderne Methode des totalen Zwangs" (Bruno Bettelheim) fand ihren sachli-
chen und begriffiichen Höhepunkt im KZ, das die destruktive Anthropologie und
perfekte Radikalität des Nationalsozialismus ausdrückte. An ihm sind andere Lager-
formen zu messen und bestätigen die Monstrosität des Zentralmodells. Insbesondere
ist eine Gleichsetzung der beiden großen Lagersysteme dieses Jahrhunderts, des
nazideutschen und des stalinsowjetischen, nicht haltbar. Rassenvernichtung, Geg-
nerbeseitigung und Zwangsarbeit bildeten - in dieser Reihenfolge - die konstituti-
ven Zwecke des Archipels SS, in umgedrehter Rangordnung jene des Archipels
GULag. Charakter und Dynamik der entsendenden Gesellschaften drückten ihnen
den Stempel auf.

Der Archipel SS: Falltor des Fortschritts

Die historisch-moralisch besondere deutsche Verantwortung besteht darin, mit dem


Nationalsozialismus als "radikalste Inhumanität in der Geschichte" (Eugen Kogon)
eine offen destruktive Variante der modernen Zivilisation hervorgebracht zu haben,
die sie bis zur Negation vorantrieb und entstellte. Wenn man keinen wie immer
gearteten Nationalcharakter annehmen will, verweist sie auf das Sediment der
Geschichte, den daraus hervorgewachsenen "Geist der Enge und der Gewalt, der
Unfreiheit, der Überheblichkeit und der mangelnden Ehrfurcht vor Anderen, der
Intoleranz und des Absoluten, erbarmungslos Konsequenten, der in den Deutschen
steckt und der seinen Ausdruck im nationalsozialistischen Staat gefunden hat."

2 Russisch: "derjenige, der am Endpunkt angekommen ist", sinngemäß "Abkratzer",


entsprechend dem Ausdruck "Muselmann" in deutschen Lagern.
Da.r Lager (KZ und GULag) als Stigma der Morkrne 161

(Helmuth James von Moltke, 1944) Erst eine geschichtliche Betrachtung kann die
analytisch genetischen Bausteine für diesen "Entzivilisierungsschub" (Norbert Elias)
liefern. Der Verlust der imperialen Größe Deutschlands im Mittelalter schuf den
permanenten und nagenden Komplex eines realen und phantasierten Machtnieder-
gangs. Aus der Tiefe der deutschen Reichsgeschichte (Ralph Giordano) voller Dis-
kontinuitäten und Zusammenbrüche wirkt eine fortlaufende kollektive Kränkung,
die im 30-jährigen Krieg ihren beredtesten Anhalt findet. Ein sich allmählich darin
und dagegen entfaltendes Wir-, Harmonie- und Größenideal war die Folge (zuletzt
1989 zu besichtigen). Es verband sich mit einem latenten und später säkularisierten
mystisch-apokalyptischen Chiliasmus vom "Dritten Reich" unbegrenzter Macht und
Herrlichkeit. Die nationale Ohnmachtserfahrung produzierte Phantasien der Om-
nipotenz; beide schlugen sich in einer autoritären Familien- und Staatstradition
nieder. Ihr auffallendes Selbstobjekt bildete der mit der Staatsrnacht identifizierte
und sozietär schwache sado-masochistische Untertan.
Die historische Niederlage des deutschen Bürgertums im 19. Jahrhundert gegen
den feudal absolutistischen Staat vertiefte den Rückstand in der Ausbildung der civil
society, die infolge der schiefen Klassenfront (die Bourgeoisie fürchtete bereits den
neuen Gegner, die Arbeiterschaft, ehe sie den alten, den Adel, überwunden hatte)
neben schmalen bürgerlichen Segmenten vor allem auf die Arbeiterorganisationen
angewiesen war. Herrschaft und Gemeinschaft standen gegen Konflikt und Gesell-
schaft. Macht- und Realpolitik sowie ein Gewalt- und Militärkult zersetzten den
ohnehin dünnen politischen Liberalismus und Humanismus. Der rassistische Anti-
semitismus auf dem Boden des tradierten Antijudaismus gedieh auf dieser Szene und
mobilisierte eine völkische Überreaktion gegen die heraufziehende Moderne bzw.
intendierte eine solche deutsch-dominierter Art. Nach der Kriegs(ziel)orgie des
"Griffs nach der Weltmacht" (Fritz Fischer) folgte in den Dekaden bis 1945 eine
immer totalitärere gesellschaftliche Mobilmachung und Brutalisierung der Politik.
Trotz des Fehlschlags im Ersten Weltkrieg besaß dieses Projekt noch genügend
aggressive Kraft, um die verhaßte Weimarer Liberalität und Pluralität westlicher Art
zu unterminieren und endlich stürzen zu können. Die endemische Krise der Mo-
derne in Deutschland mündete in eine pathologische Entwicklungsform derselben,
die jene terroristisch zu lösen versprach und sich doch ihrer Mittel bediente.
Im Nationalsozialismus schossen die Defizite deutscher Geschichte in einzigarti-
ger und zerstörerischer Weise zusammen. In ihm aktualisierten und synthetisierten
sich ihre sedimentierten Gewaltschichten. Er rief zur destruktiven Austreibung des
säkularisierten Bösen auf, band das Ich in regressive Verschmelzungsphantasmen und
formierte die Massen vermittels seiner politische Liturgie, in der sich archaische und
moderne Impulse verbanden. Sozialökonomisch getrieben vom Motor der Kapital-
verwertung und territorialer Expansion, entwickelte sich ein etatistisch-disziplinäres
Tertormodell der Moderne. Seine (Zu)Träger bemächtigten sich des Menschen und
162 Gerhard Armanski

der Gesellschaft als Operationsgebiet serieller Selektion. Die Sortierung und Aus-
merzung verlief der Entscheidung nach dezidiert und radikal, in der Durchführung
auf großer Stufenleiter industrieförmig (negativ "fordistisch") und bürokratisch. In
der Rationalität des Irrationalen spaltete sich die Moral von der Handlung ab und
verschwand die Verantwortung in der Distanz vertikaler Mittelbarkeit und horizon-
taler Funktionalität.
Das KZ als Eckstein und Markenzeichen des deutschen Faschismus stand nicht
außerhalb seiner Normalität, sondern in deren Sinn. Im gigantischen und schreck-
lichen Sozialversuch KZ-gestützter Gesellschaftslenkung, in der Schule absoluter
Gewalt und im Knüppel gegen Opfer und Umfeld bestand sein inhärenter Sinn und
sein ethischer Abgrund. Dennoch blieb das KZ-System "in seiner totalen inneren
Logik und vermaledeiten Rationalität irreduktibel" Oean Amery}. Die schwarze
KZ-Welt unterstand einem sozial arbeitsteiligen bürokratischen Gesamttäter, dem
die Beteiligten, Helfer oder Zuschauer nur näher oder ferner standen. Das unböse
Subjekt im bösen Apparat brauchte nur zu funktionieren wie der Schlüssel im
Schloß. "Die Moderne hat die Menschen nicht grausamer gemacht, sie hat nur eine
Methode hervorgebracht, mit der grausame Dinge von nicht grausamen Menschen
getan werden können." (Zygmunt Bauman) Aber die terroristische Gelegenheit
wirkte auch pathogen, erlaubte dem Todeskorps SS seine sadistische Objektbezie-
hung. Die Unterscheidung zwischen kalten und heißen Tatern wirkte auf das Klima
des Lagers, für seine Effizienz war es bedeutungslos.
Der sich immerfort ausdehnende Archipel SS durchsetzte die deutsche Gesell-
schaft und das okkupierte Europa mit einem flächendeckenden Lagernetz, das in
seinem Umfang (ca. 10000 Einrichtungen aller Art mit ca. 700 000 Insassen 1945)
und der funktionellen Differenzierung eine umfassende Behandlung der abgespalte-
nen Personengruppen nach den eigenen diversifizierenden und neudefinierenden
Zwecken versprach. Jene erschöpfte sich nicht in der geplanten und allgegenwärtigen
Finalität des Todes. Sie konzentrierte sich auf die zuvor und dafür gewünschte
Metamorphose der Person und Brechung des Menschen zum Material der grenzen-
losen und entgrenzten Macht. Im "existenziellen Strukturverlust" (Viktor Frank!)
zersetzte sich der Sinnhorizont des Lebens. Die terroristische Vergesellschaftungs-
form des Lagers modelte die Häftlinge nach ihrem Gesetz. Mit Sklaverei ist das nicht
zutreffend beschrieben. Der Sklavenhalter schont das ihm gehörende Objekt, inso-
weit er es braucht. Der Archipel SS hingegen unterlag dem doppelten Imperativ der
Ausbeutung und Auslöschung. Der Widerspruch in der politischen Ökonomie des
Lagers äußerte sich als "lohnende" Zerstörung oder als "produktive" Folter und löste
sich schlagend in der "Vernichtung durch Arbeit" auf. Das Leiden durch sie
überlagerte ihr Ergebnis. In Motiv und Zeitverlauf blieben wirtschaftliche Überle-
gungen zweitrangig. Es handelte sich um eine parasitäre Ökonomie des Raubes an
den Habseligkeiten und der Arbeitskraft der Gefangenen. Trotz Billigkeit und
Das Lager (KZ und GULag) als Stigma der Moderne 163

ungehemmter Vernutzung des Arbeitsvermögens blieb seine Effizienz und Produk-


tivität gering. Doch erbrachte die unfreie KZ-Arbeit, nach den Zwangsarbeitern und
Kriegsgefangenen die dritte Säule des Helotenheeres der NS-Ökonomie, ihren
Anwendern gleichwohl, vor allem ab 1943, einen alternativlosen Nutzen. So wenig
ergiebig und sozialmoralisch korrupt sie war, wirkte die politische Landschaft des
Lagers auch als Drohung gegen die Lohnarbeiterschaft draußen, indirekt disziplinie-
rend und kostensenkend. Der normal angepaßte Volksgenosse brauchte indes nicht
zu fürchten, in sie zu geraten. Das stabilisierte ihn noch mehr.
Von Sklaverei läßt sich auch nicht bezüglich der Lagersozietät reden. Sie wies am
unteren Rand ihrer Machtstaffel Züge derselben auf, aber auch despotische, feuda-
listische und absolutistische Momente, die sich zu einem Zwangskonglomerat von
SS-Gnaden verflochten. Die absolut wirkende Macht war weder an ihrer Spitze noch
in ihrer Diffusion nach unten einheitlich - was indes ihrer Geltung keinen Abbruch
tat. Die leitende Klasse der SS markierte ex negativo den Lagerrahmen, ohne ihr
Ziel notwendig selbst zu exekutieren. Sie de- und resozialisierte kraft ihrer Defini-
tionsgewalt die Häftlinge in einem abgestuften System der Lebensrnacht. Diese
primäre soziale Distribution äußerte sich in einer komplizierten und doch eindeu-
tigen Semiotik der Farben und Zeichen. Die der SS zunächst stehende und an sie
in Wohl und Wehe gebundene Häftlingsaristokratie, meist aus deutschen Kriminel-
len und Politischen, bildete für jene eine unverzichtbare Kolonie, ohne die das
Lagerregime nicht zu bewältigen gewesen wäre. In der Grauzone absoluter Macht 3
lebten die "Prominenten" privilegiert und prekär; sie mußten kollaborieren und
konnten opponieren, an eine Zusammenarbeit gegen Dritte gebunden, die einen
symbiotischen Sog ausübte. Die obere Mittelschicht des sozialen Koordinatensy-
stems wurde von deutschen ,,Asozialen", Bibelforschern,4 Tschechen und Nordeuro-
päern gestellt, die untere von Franzosen, Italienern und Polen. In den Augen der SS
setzte sich schließlich der Lagerpöbel aus Homosexuellen, Schwangeren und Kin-
dern sowie vor allem Juden, Russen und Zigeunern zusammen. Am Ende der Skala
stand der Muselmann, das Elendswesen im Übergang zum Tod. Die Rangordnung
bestimmte, unter welchen Bedingungen und wie lange jemand zu leben hatte; sie
überließ die Unterdrückung der Häftlinge zum nicht geringen Teil diesen selbst. Die
mehrbödige Drehscheibe des Terrors drehte sich als tödliches Lagerroulette - die
Konstruktionszeichnung und der Motor kamen von außerhalb, aus dem rassistisch-
imperialistischen Projekt des faschistischen Ordo.
Die projektive und obsessive Destruktivität des Regimes hatte im KZ ihr bevor-
zugtes Mittel und Objekt. Mit ihm gedachte es, die Spielarten des Ungehörigen und
Unnützen auszutilgen. Die pseudo-medizinische Metaphorik (flankiert von Men-

3 Vgl. P. Levi, Ist das ein Mensch?, Frankfurt 1988.


4 Gemeint waren damit die Zeugen Jehovas.
164 Gerhard Armanski

schenversuchen) gehörte selbst zu einem pathologischen Zwangssystem der Macht,


das ihm mit Opferorgien diente und es dabei erweitert reproduzierte. Auch aus
politischen und ökonomischen Antrieben des Kriegs und der Okkupation expan-
dierte das KZ-System beständig, bis es von außen zerschlagen wurde. Daß ihm
Gefangene widerstehen konnten, verdankte sich allenfalls seinen Widersprüchen
und Blockaden - und dem Mut des Menschen auch in auswegloser Lage. Im
Zusammenbruch fiel die terroristische Lösungsform der Krise der Moderne auf ihre
Erfinder zurück und desavouierte nachhaltig ihr Programm.

Der Archipel GULag: Zwangsjacke des Fortschritts

Während nach obigem der Nationalsozialismus im allgemeinen und die Konzentra-


tionslager im besonderen als Vehikel gelten können, der Krise in Deutschland mit
deutschen Mitteln zu entkommen, handelte es sich im sowjetischen Fall um das
Bemühen, mit staatssozialistischen Mitteln erst eigentlich in die Moderne zu gelan-
gen. Er wurzelte in der tiefen historischen Zurückgebliebenheit gegenüber Europa,
die mit dem Mongolensturm und anschließender jahrhundertelanger Tatarenherr-
schaft einsetzte und sich rasch vertiefte. Die zaristische Autokratie erwies sich als
einzige politische Form, in der das Joch abgeschüttelt werden konnte. Sie trat,
gestützt auf den starren und gesellschaftsfernen byzantinischen Cäsaropapismus, als
"Sammler der russischen Erde" auE Mittels der in ihr konzentrierten außerökono-
mischen Gewalt betrieb sie in drei großen historischen Schüben die Zwangsmoder-
nisierung der russischen Gesellschaft von oben: unter Iwan IY., unter Peter dem
Großen und schließlich - bei anderen Voraussetzungen - unter Stalin. Grundlage
und Preis dafür waren die tiefe Unmündigkeit und Dumpfheit der Menschen,
"Dünger auf den Äckern des Staates" (Eduard Kusnezow). Nach Lenins Diktum war
es der Versuch, die Barbarei mit barbarischen Mitteln (durchaus auch modernen
Zuschnitts) zu überwinden. In den Zügen der asiatischen Produktionsweise, die
Rußland aufwies, wirkte die bürokratische Zentralinstanz als Klammer der relativ
isolierten und autonomen Dorfgemeinschaften. Das Bündnis des Zarentums mit
dem Adel besiegelte das Schicksal der Bauernschaft, die ab dem 17. Jahrhundert in
eine zweite Leibeigenschaft, d.h. in eine bestimmte Form der "Gemeinschaftsskla-
verei" (Andrzej Kaminski) geriet.
Die engeren staatlichen Formen derselben zeigten sich nicht zufällig im Zuge der
zaristischen Versuche, das Land an- und die Leute auszupeitschen (was auch Stalin
gern verkündete): die Opritschnina,5 Deportation und Zwangsarbeit unter Peter

5 Iwan IV. direkt unterstellte Sondergebiete, auf denen eine Terrortruppe angesiedelt war.
Das Lager (KZ und GULag) als Stigma der Moderne 165

dem Großen, die Katorga unter Nikolaus 1. 6 Im "sibirischen Kreis" bildeten sich alle
Vorformen des späteren Lagersystems: Zensur, Staatsschutz, Exil und Verbannung,
Zwangsarbeit - freilich, wenn man etwa den Schilderungen Dostojewskis ("Notizen
aus einem Totenhaus") oder Tschechows folgen will, in vergleichsweise milden
Formen gegenüber dem, was kommen sollte.
Die russische Revolution hatte sich diesem breiteren und engeren Erbe zu stellen
und verfiel schließlich seinem Bann, als der Umsturz im fortgeschrittenen Westen,
auf den man gerechnet hatte, ausblieb. Nun erst wurde die Rückständigkeit des
Landes, vermehrt durch die Depression des Welt- und nachfolgenden Bürgerkriegs,
zum formgebenden Faktor. Auf sich selbst und die mageren Ressourcen des Landes
gestellt, unternahmen die Bolschewiki die primäre sozialistische Akkumulation
(Preobrashenski), welche die europäische Bildung des industriellen Wertfonds und
Arbeitsvolumens auf Kosten der Bauernschaft par force zu komprimieren trachtete.
Der Stalinismus war das zwar nicht unumgängliche, jedoch naheliegende Resultat
einer "gewaltsamen Beschleunigung der gesellschaftlichen Entwicklung" (Heinz
Niemann) und historischen Zeit vermittels der Zwangskollektivierung der Bauern-
schaft und der Industrialisierung mit ihren krisenhaften Sprüngen. Erst diese poli-
tisch zugespitzte und forcierte Szenerie brachte den spezifischen staatlichen Zwangs-
apparat hervor, der als reeller Gesamtsozialist mit umfassender gesellschaftlicher
Disziplinierungsmacht fungierte. In einer nachholenden Entwicklungsdiktatur be-
trieb er das Bauernlegen in großem Maßstab, bemannte kolonialistisch die Industrie,
unterwarf diese einem rigiden Arbeitsregime, stampfte staatliche Großprojekte und
Peuplierungsmaßnahmen aus dem Boden. Die innerparteiliche Rivalität in der
KPdSU spiegelte diesen widerspruchsvollen und spannungsreichen Prozeß wider.
Unter seinem Druck schlug sie in politische Überrepressionskrisen um.? Vor allem
die große TschistkaB Mitte der dreißiger Jahre demonstrierte dramatisch, daß es keine
Pluralität, geschweige denn Opposition mehr gab.
Der Zwangsarbeitsmoloch GULag unterlag nun in doppelter Weise den Zwängen
der nachholenden stalinistischen Entwicklungsdiktatur: dem ökonomischen Impe-
rativ des staatssozialistischen Projekts, der politischen Logik der Geheimpolizei
(Tscheka, GPU, NKWD, MWD, KGB), die vom Schwert zur Geißel der Revolution
wurde. 9 Erste Lager wurden schon bald nach der Oktoberrevolution, mit der

6 Verbannung und Strafarbeit.


7 Vgl. dazu A. Siegel, Die Dynamik des Terrors im Stalinismus, Pfaffenweiler 1992.
8 Russ. "Säuberung".
9 Vgl. B. Lewytzkyj, Die rote Inquisition. Die Geschichte der sowjetischen Sicherheits-
dienste, Frankfurt 1967. Die verschiedenen Benennungen der Geheimpolizei: Tscheka
= Besondere Kommission (1917-1922), GPU = Politische Hauptverwaltung (1922-
1934), NKWD = Volkskommissariat des Inneren (1934-1946), MWD = Innenmini-
sterium (1946-1954), KGB = Komitee für Staatssicherheit (ab 1954).
166 G~rhard Armamki

Kampagne gegen "Schädlinge" und mit den Arbeitsarmeen Trotzkis im Zuge des
Kriegskommunismus, eingerichtet. Mit dem Übergang zur Neuen Ökonomischen
Politik verschwanden sie nicht; aus dem gleichen Jahr (1923) datiert die Einrichtung
des ersten regulären Lagers, auf den Solowki-Inseln im Weißmeer. Die frühen
Einrichtungen verstanden sich als Zwangsinstitute der "Besserungsarbeit" und wie-
sen zunächst ein gemäßigtes Regime auf. Schritt für Schritt wurden erst die gesetz-
lichen Grundlagen für ihre Ausdehnung und Verschärfung geschaffen, insbesondere
mit den Buchstabenparagraphen des Strafgesetzbuches, der jedwede Verstöße gegen
die ökonomisch-politische Staatsräson, auch nur minimale oder bloß vermutete,
massiv zu ahnden erlaubte.
Die große Stunde der Lager kam mit dem forcierten Übergang zur Planwirtschaft
und der Liquidierung der Kulaken; genau im Zusammenhang damit stand ab 1928
das Dekret über Zwangsarbeit. Wenn sie auch noch immer im Sinne sozialistischer
Strafpolitik die Gefangenen zu guten Werktätigen zu erziehen beanspruchte, in der
kruden Realität trat das zurück. Mit dem Bau des Weißmeer-Ostseekanals begann
der Bau sozialistischer Plan- und Prestigeobjekte, wahrhafter Kathedralen in der
Wüste.
Die Gesellschaft überzog sich mit Lagern, in denen billige, unbegrenzt disponible
und anspruchslose Arbeitskräfte konzentriert und angewendet wurden. Mit der fast
schrankenlosen Ausdehnung des Feindbegriffs und der Einrichtung der Troika (aus
Staatsanwaltschaft und Geheimpolizei) als Schnellinstanz wurden Millionen in sie
eingewiesen. Die ökonomischen und politischen Anteile dieses Vorgangs sind um-
stritten. Das Wirtschaftsprogramm, in das die Lagerleistung eingestellt war, dürfte
die Grundfolie abgegeben haben; das politische Repressionsprogramm ließ sich gut
damit verbinden.
Mitte der dreißiger Jahre war der Lagerapparat fertig und schluckte je nach
gesellschaftlich-politischen Konflikten die vorrevolutionäre Oberschicht, die "Kula-
ken" (sogenannte Groß-, in Wirklichkeit allenfalls Mittelbauern), die Trotzkisten,
das Heer der angeblichen Schädiger sozialistischen Eigentums und des Staates,
Apparatschiki und Partijny (Parteileute), ehemalige Exilanten und ,,5. Kolonnen",
kriegsgefangene Soldaten und Heimkehrer der eigenen Armee. Die "Zerstörung
nach Kategorie" (Tatjana Tolstaja) ganz disparater Herkunft ließ die Reihen der Seki
(von sakljutschonnyje = Gefangene) von 6000 Personen 1922 bis auf mehrere
Millionen nach dem Krieg anschwellen. Es waren vorwiegend "Kriminelle", beim
vorherrschenden Vergesellschaftungstyp und Einweisungsraster allerdings schwerlich
genau zu umreißen, die in Arbeitskolonien, Massenarbeitslager oder Strafarbeitslager
verschickt wurden. Anfang der vierziger Jahre gab es ca. 80 Zentrallager, geleitet von
der Hauptverwaltung in Moskau (GULagiO), ein Staat im Staat, der halbautonome,

10 GULag ist die Kurzform von "Glavnoe Upravlenie Lagerej" = Hauptverwaltung der
Lager.
Das Lager (KZ und GULag) als Stigma der Moderne 167

trustartige Komplexe ausbildete. Geographisch lagen sie vor allem in den unwirtli-
chen Zonen des hohen Nordens und fernen Ostens.
Auf der Grundlage massenhaften und massiven sozialen Zwangs stellte der
GULag die größte sozialistische Wirtschaftsorganisation dar. Die "kleine Zone" des
Lagers war in die große der Sowjetökonomie integriert. Die Häftlinge bildeten eine
disponible industrielle Reservearmee und lieferten (im Krieg) Soldaten. Sie förderten
Grundstoffe und Edelmetalle, errichteten Produktionseinrichtungen, Fabriken, Stra-
ßen u. dgl. Die Pläne stellten Sollzahlen auf und erhielten die entsprechenden
Arbeitskräfte. Es war eine Produktionsweise des Schreckens. Nach absoluten ökono-
mischen Ziffern rechnete es sich, betriebswirtschaftlich allerdings nicht. Das Lager-
system verschlang hohe Unterhaltskosten und beschäftigte eine riesige unproduktive
Wachmannschaft. Nur gut die Hälfte der Seki arbeitete. Kranke, Prominente,
Lagerverwaltung und -dienste waren ausgenommen. Eine hohe Sterberate infolge
Überanstrengung und Unterernährung lichtete die Reihen. Die übrigen wiesen eine
geringe Arbeitsmotivation und -produktivität auf. "Po lagernornu" zu arbeiten und
nach Kräften "Tuchta"l1 zu betreiben, war die Achillesferse des Systems. Oft
unsinnige Vorgaben und eine enorme Verschwendung von Menschen und Material
bildeten die objektive Tragödie der stalinistischen Sklaverei.
Vier Fünftel der Häftlinge waren den ,,Allgemeinen" zugewiesen, die man wie
früher die Leibeigenen ljudi (= Leute) nannte. Sie bildeten eine eigene Ethnie mit
spezifischen Bedingungen sozialer und kultureller Art, nach Stalins Kriterien gar eine
Nation. Je nach Strafart und -schwere zerfielen sie in verschiedene Kategorien:
"Rabotjagi", körperlich Arbeitende (A), "Pridurki", nicht körperlich Arbeitende (B),
und Nichtarbeitende (C und 0). Sie unterstanden der doppelten Lagergewalt des
Kommandanten und des Produktionsleiters. Das andere Machtzentrum bildeten
jedoch die "Urki" (Berufskriminelle; erwa ein Sechstel der Gefangenen), die selten
arbeiteten und über viele Privilegien verfügten, und die "Pridurki" (Prominente;
erwa ein Fünftel), die teilweise mit jenen zusammenfielen und in der Zone und
Produktion die Schlüssel posten innehatten. Dem Wachpersonal standen sie halbau-
tonom und durchaus selbstbewußt gegenüber. Ordner, Informanten und Provoka-
teure sowie Techniker bildeten die Randschichten der Lagergesellschaft. Politische
und Frauen (jeweils doppelt unterdrückt, wobei diese sich aber besser zu wehren
wußten) standen in der Skala unten, die "dochodjagi" (Abkratzer) an ihrem Ende.
Das Lagerleben stand unter dem Diktat des proiswol (= Willkür) der Oberen
und der Kriminellen. Die Wache zeigte sich je nach Rang und Gelegenheit gleich-
gültig, grausam oder nachsichtig. Über sie diffundierte der Lagergehalt aus Angst,
Lüge und Gewalt in die erweiterte Zone. Das Leben der Seki verlief in Arbeit,
Hunger, Krankheit und einer harten Natur. Außer dem Zwang der Lagergewalten

11 "Po lagernornu" = auf Lagerart, "Tuchta" oder "Tufta" = vorgetäuschte Arbeit.


168 Gerhard Armanski

trieb sie vor allem die Kotlowka, die Fütterung je nach Leistung, deren Erfindung
in Abhebung von der Sklavenarbeit sich Stalin rühmte. Brot und verschiedene
"Kessel" machten den Kern der Lagerreproduktion aus. Da man nur bei 1250/0-iger
Normerfüllung einigermaßen satt werden konnte, die Mehrzahl dies aber nicht
erreichte, verfiel sie unweigerlich. An Nachschub war kein Mangel. Das Pendant der
Kotlowka bildete die Zwangsarbeit -lang, körperlich schwer und schlecht ausgestat-
tet. Im Bergbau der Kolyma betrug die Überlebensfrist etwa drei Wochen. Das
desolidarisierende Brigadesystem tat ein übriges und konnte von einer ambivalenten
Kameradschaft nicht aufgefangen werden.
Der tatsächlichen oder vermeintlichen Resistenz der Gefangenen rückte man mit
zahlreichen Lagerstrafen und Sonderstrafeinrichtungen zu Leibe. Spätestens sie
erzeugten lagerfungible Marionetten, die einen würde- und namenlosen Tod vor sich
sahen und noch die Hoffnung als Fessel empfinden konnten. 12 Doch die Häftlinge
nahmen ihr Schicksal nicht hin. Wenn sie ihre Überlebensinstinkte zu bewahren und
zu mobilisieren wußten, konnten sie durch "blat" (Beziehungen) bessere Bedingun-
gen, vor allem einen der begehrten Lagerdienste, erhalten. Andere versuchten es mit
Krankheit und einem weit verbreiteten Simulantentum, viele Frauen mit einer
Zweckehe. Beschwerden nach oben waren häufig, aber meist nutzlos. Man hielt sich
mit der "parascha" (Gerüchteküche) aufrecht. Fluchten kamen vor, obwohl sie unter
den topographischen und klimatischen Bedingungen äußerst erschwert waren und
entsprechend selten gelangen. Nicht selten hing man den kurz vor der Entlassung
Stehenden eine Strafverlängerung an. Viele indes erlangten die Freilassung, häufig
auf die erweiterte Zone beschränkt. Sie hatten ihre Lektion gelernt und durchseuch-
ten (nach Solschenizyn) mit ihrer zerstörten Sozial moral das Land - das Danaerge-
schenk oder die Rache der subjektiven Tragödie der Zwangsarbeit.
Nach der größten Ausdehnung in den vierziger Jahren begann der Archipel
GULag allmählich zu schrumpfen. Sein Grenznutzen als produktive und repressive
Anstalt sank. Es kam zu kleineren Rebellionen einer neu zusammengesetzten Lager-
population; die Bedeutung der Urki sank. Widerstandszirkel bildeten sich. Stalins
Tod und der Aufstand in der DDR 1953 öffneten die Schleusen. Freilassungen und
heftige Lagerkämpfe (z.B. in Norilsk oder Workuta) erschütterten den Archipel. Mit
quasi gewerkschaftlichen Forderungen versuchten diese, die politische Hülle der
Zwangsarbeit abzusprengen und aus den Seki normale Lohnarbeiter zu machen.
Noch im Aufbegehren und in der beginnenden Auflösung des Lagersystems machte
sich sein primärer Charakter als Arbeitsanstalt geltend. Die Aufstände wurden
niedergeschlagen, aber eine Rückkehr zum status quo ante gab es nicht mehr. Die
Arbeitsverhältnisse besserten sich, unter Chruschtschow kam es zu breiten Rehabi-
litierungen und einem sinkenden Anteil der Politischen. Gegenüber den üblichen

12 Vgl. W. Schalamow, Geschichten aus Kolyma, Frankfurt, Berlin, Wien 1983.


Das Lager (KZ und GULag) als Stigma der Moderne 169

Lagern nahmen die Besserungs- und Arbeitskolonien zu. Es war der Anfang vom
Ende der Zwangsarbeit. Der Lagerterror, der die Entwicklung des Landes beschleu-
nigen sollte, hat sie schließlich mitblockiert. Das stalinistische Übergangsregime zur
Moderne war steckengeblieben, und sein Ableger GULag desgleichen, wenn sich
auch Stagnation und Verfall noch lange hinziehen sollten.

Die Archipele im Vergleich

KZs und GULag, so ähnlich sie in vielem sind, unterscheiden sich doch zugleich
derart, daß sie keinesfalls gleichgesetzt werden dürfen. Gemeinsam haben sie das
Gewaltverhältnis einer totalen Institution. Aber schon deren Formen differierten im
einzelnen, von den Grundlagen ganz zu schweigen. In Nazideutschland ging es um
die Stärkung des Kapitalismus, in der Sowjetunion um seine Überwindung. Die KZs
waren Instrumente einer aggressiven und expansiven Diktatur auf kapitalistischer
Grundlage und fungierten als System vorrangig der Brechung und Vernichtung ihrer
Opfer. Der GULag verdankte sich den ökonomischen und politischen Projektionen
der stalinistischen Entwicklungsdiktatur auf staatssozialistischer Grundlage und
hatte in erster Linie die menschenverachtende Auspressung der Opfer zum Ziel. "Es
gab weder den Willen zur Massentötung, keine auch nur annähernd vergleichbare
Folter und keine Vernichtung durch Arbeit. "13 In letzter Instanz verweist das auf
den unterschiedlichen Telos der Systeme. Der Faschismus als rassistisches Herren-
menschenprojekt kam gerade in seinen Terroraktionen zu sich selbst; der Sozialismus
in den GULag-Zeiten war von sich als Projekt, Ausbeutung und Herrschaft zu
überwinden, am weitesten entfernt.
Während im ersten Fall Demütigung und Tod der KZ-Insassen beabsichtigt
waren, wurde im zweiten das Massensterben billigend bis achselzuckend in Kauf
genommen; künstliche Knappheit und gezielte Willkür standen auf der einen Seite,
die lagermäßig noch verschärfte allgemeine Kargheit der Arbeits- und Lebensbedin-
gungen auf der anderen. An Systematik, Perfektion und Schärfe war die Organisa-
tion der Konzentrationslager der des GULag weit überlegen, worin sich nicht nur
die unterschiedliche Zwecksetzung, sondern auch die verschiedene Dichte der ge-
sellschaftlichen Synthesis reflektierte. In den KZs durchsetzte die Staffel der absolu-
ten Macht das Lager von oben bis unten; sie bestimmte, wann wer wie wo lebte und
starb. Im GULag stellte die Obrigkeit den Produktionsplan und die lagerorganisa-
tion, die Herrschaft aber hatte sie mit den Kriminellen zu teilen. Gegenüber dem

13 W. Schoeller, "Doppelgedächtnis. Eine Rede im ehemaligen Konzentrationslager Bu-


chenwald", in: Frankfurter Rundschau, 15.4.1993.
170 Gerhard Armanski

aufgefächerten Kontinuum der Gewalt zwischen SS und Häftlingen handelte es sich


hier um ein Dreieck der Macht aus Natschalniki, Urki und Seki.
Gemäß dieser Konfiguration, der offiziellen Ideologie der Besserungsarbeit und
der Ansprache wie Behandlung der Lagerinsassen als Produzenten waren die Häft-
linge nicht durchweg und von vornherein zu erledigende Feinde. Es herrschte die
Flüssigkeit und Verschwendung des Arbeitsvermägens, nicht seine Überflüssigkeit.
Der Trichter des GULag war (teils absichtlich) so weit und ungenau gefaßt, daß sich
fast jeder früher oder später in ihn geworfen sehen konnte. Die Aufspaltung in
Gewaltapparat, designierte Opfer und einer gehorsamen bis zustimmenden Bevöl-
kerung funktionierte im GULag nur unscharf und immer wieder verschoben.
Schließlich verschlang er ja auch periodisch große Teile der Nomenklatura und der
leitenden Kader von WirtSchaft und Militär, darunter viele überzeugte Kommuni-
sten. Machthaber und Wächter konnten von einem zum anderen Tag Häftlinge oder
Exekutionsopfer werden. Es wirkten unterschiedliche Zufallsregime: der brave
Volksgenosse geriet allenfalls aus Zufall ins KZ, der Sowjetuntertan wurde nur
zufällig verschont oder kam wieder aus dem Lager heraus. Aus diesem Grund war
die Gegneransprache von beiden Seiten ungleich diffuser als im rigiden Herren-
Schädlinge-System der SS.
Dementsprechend unterschiedlich verhielten sich die Wachen: als penible Büro-
kraten und ausgeprägte Killer in den KZs, eher gleichgültig bis korrupt, nicht selten
in den Grenzen der Institution menschlich im GULag. In diesem behaupteten sich
auch mehr oder minder verkümmerte Formen von Autonomie, bei den Allgemeinen
und vor allem bei den Kriminellen. Sie zeigten sich in Relikten rechtsförmiger
Prozeduren im Lagerwesen (das überhaupt mindestens formal juridisch verfuhr),
etwa den vielen Eingaben, Beschwerden und Freilassungen, sowie in der halb
zugelassenen, nicht unterdrückbaren Rolle der Sexualität. In all dem bestätigt sich
der Charakter des GULag nicht als intentionales Vernichtungssystem wie im NS-
Fall, sondern als industrielle Zwangsarbeitsarmee unter mörderischen Bedingungen.
Sie diente als kostspieliges Mittel des wirtschaftlichen Aufbaus, indem sie die
Zwangsproduzenten destruktiv verheizte. Gleichwohl war sie Mittel zum Zweck des
Produkts und nicht des Todes.
Unterschiedlich verlief auch die Dynamik der Lagerorganisationen. Das KZ-Sy-
stern brach chaotisch zusammen, weil die diktatorisch angespannten - und eben
dadurch auch untergrabenen - Ressourcen des Nationalsozialismus der Gegneralli-
anz kriegerisch nicht gewachsen waren. Es hätte eine "größere" Zeit erst noch vor
sich gehabt, neue Opfergruppen waren bereits anvisiert. 14 Die Überlebenden tau-
melten in die Freiheit, die ihnen trotz eigenen Widerstands im wesentlichen von

14 Vgl. den "Generalplan Ost", der die Neuordnung des Ostens nach dem deutschen Sieg
umriß.
Das Lager (KZ und GULag) als Stigma der Moderne 171

außen gebracht wurde. Den GULag erschütterten an seinem Ende schwere Revolten
der Häftlingsproletarier. Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in
der Sowjetunion nach Stalin gruben ihm das Wasser ab. Die Zwangsarbeit hatte sich
selbst als Vehikel der Entwicklungsdiktatur objektiv überlebt und begehrte subjektiv
auf. Noch im Verschwinden der Schandmale dieses Jahrhunderts erkennen wir die
unterschiedliche Länge und Dichte des Schattens, in dem sie standen und den sie
warfen. Der Lagerterror in seinen beiden dominanten Formen hat sich in die
Geschichte moderner Gesellschaften eingeschrieben und steht aller gegenwärtigen
und zukünftigen Politik am und im Wege. Wir tun daher gut daran, sie uns genau
anzusehen.
Gerd Koenen

Bolschewismus und Nationalsozialismus

Geschichtsbild und Gesellschaftsentwurf

Ideologien und ideologisch geprägte Gesellschaftssysteme entfalten ihre Wirksam-


keit und erfahren ihre konkrete Ausgestaltung nur in einem konkreten historischen
Kontext. Es hat wenig Sinn, sie "an sich" zu diskutieren oder zu vergleichen. Der
Bolschewismus war zum Beispiel ein spezifisch russisches, der Nationalsozialismus
ein spezifisch deutsches Phänomen. Im einen wie im anderen Falle war es keine
historische Notwendigkeit, aber auch kein bloßer Zufall, daß in Rußland die
Bolschewiki gesiegt haben und daß in Deutschland der Nationalsozialismus an die
Macht kam. Man könnte sich, auch und gerade im historischen Rückblick, das
Umgekehrte nur schwer vorstellen. Ein "Vergleich" zwischen Bolschewismus bzw.
Stalinismus und Nationalsozialismus muß darüber hinaus berücksichtigen, daß es
sich um zwei spezifische Machtkomplexe in einem multipolaren Weltsystem handel-
te, welches sich insgesamt in einer Phase jahrzehntelanger Imperial- und Bürgerkrie-
ge befand. Es gibt selbstverständlich einen "Nexus", einen historisch-genetischen
Zusammenhang zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus; nur war dieser
viel weniger exklusiv, viel komplexer und viel ambivalenter, als es zum Beispiel Ernst
Nolte im unglücklichen "Historikerstreit" entwickelt hat.l
Deutschland spielte in der bolschewistischen Globalstrategie eine fast konstitu-
tionelle Schlüsselrolle - wie Sowjet-Rußland in den Konzeptionen der deutschen
Nationalisten, "konservativen Revolutionäre" und Nationalsozialisten auch. Die
Bolschewiki setzten auf ein revolutioniertes oder alliiertes Deutschland, die deut-
schen Nationalisten auf ein alliiertes, die Nationalsozialisten auf ein kolonisiertes
Rußland. Das primäre verbindende Element war jedoch die Gegnerschaft gegen den

Vgl. G. Koenen, "Überprüfungen an einem ,Nexus'. Der Bolschewismus und die


deutschen Intellektuellen nach Revolution und Weltkrieg 1917-1924", in: Tel Aviver
Jahrbuch für deutsche Geschichte, XXIV (1995), S. 359-391. Zum "Historikerstreit"
vgl. die gleichnamige Dokumentation. München 1987. sowie E. Nolte. Der europäische
Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolschewismus. Frankfurt a.M .• Ber-
lin 1987.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 173

hegemonialen kapitalistischen Westen. Den Bolschewismus in Rußland und den


Nationalsozialismus in Deutschland kann man als historisch parallele, aber charak-
teristisch unterschiedene Versuche sehen, am Ausgang und in der Folge des Ersten
Weltkrieges und der durch die Siegermächte etablierten Weltordnung den Mächten
des Westens jeweils einen Machtkomplex neuen, eigenen Typs entgegenzustellen.
Das war nur vordergründig ein Kampf um politische Prizipien oder Ideen. Es war
vor allem auch ein sehr realer Kampf um die Stellung in der Welt. Rußland als
gestürzte Weltmacht und implodierendes Großreich und Deutschland als Verlierer
des ersten Weltkrieges waren - das eine Land unter der Führung der Bolschewiki,
das andere (später) unter der der Nationalsozialisten - jeweils und auf ihre Weise
bemüht, der westlichen Dominanz, die sich auf politische Demokratie, sozialen
Pluralismus, privates Eigentum, freie Warenproduktion und ungehemmte Kapital-
zirkulation gründete, eine grundlegend anders verfaßte Staats- und Gesellschaftsord-
nung entgegenzustellen, die durch diktatorische Machtkonzentration, politische
Massenmobilisierung, gesellschaftliche Homogenisierung, gelenkte Produktion und
umfassende Militarisierung gekennzeichnet war.
Bolschewismus und Nationalsozialismus waren in dieser Perspektive mehr Kon-
kurrenten als Todfeinde; aber nicht nur und nicht in erster Linie als ideologische
Parteien oder Bewegungen, sondern zunächst als politische Repräsentanten ihrer
jeweiligen Länder und Staaten. Es ging eben auch und nicht erst jetzt um Deutsch-
land und Rußland und ihre Stellung in der Welt.

Das Geschichtsbild der russischen Bolschewiki


und der deutschen Nationalsozialisten

Das Geschichtsbild der Bolschewiki als russischer Marxisten und das der National-
sozialisten als deutsch-völkischer Rasseideologen könnte auf den ersten Blick kaum
gegensätzlicher sein. Bei den Bolschewiki herrschte vordergründig ein entschiedener
Fortschrittsoptimismus, der sich auf ein dynamisches Modell historischer Entwick-
lung stützte. Revolutionen firmierten darin als "Lokomotiven der Geschichte", als
qualitative Sprünge in der Evolution der Menschheit zu höheren Formen der
Vergesellschaftung und Kultur. Es waltete in diesem Prozeß ein Hegelscher Geist der
historischen Vernunft, manchmal auch eine "List der Vernunft". Als historische
Materialisten beriefen die Bolschewiki sich auf die durch Marx und Engels ein für
allemal getätigte Entdeckung objektiver Gesetzmäßigkeiten in der Entwicklung
menschlicher Gesellschaften, analog zu denen der Naturwissenschaften, wobei es
dann freilich darauf ankam, diesen zunächst blind wirkenden Gesetzen auf bewußte
Weise zum Durchbruch zu verhelfen. Am Ende aller Evolutionen und Revolutionen
würde dann ein Reich der Gerechtigkeit stehen, in dem die menschlichen Antago-
174 Gerd Komen

nismen sich schrittweise aufheben, ein Reich des Friedens und der unendlichen
Entfaltung aller menschlichen Möglichkeiten, in dem es endlich hieße: "Jeder nach
seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen." Das wäre die Verwirklichung
eines uralten Traums der Menschheit, die Eröffnung einer neuen, der eigentlichen
Geschichte der Menschheit - aber eben nicht durch einen Akt der religiösen
Bekehrung oder des blanken utopischen Voluntarismus, sondern auf dem Wege des
objektiv gebotenen, notfalls gewaltsamen, aber stets von einem wissenschaftlichen
Verständnis der Natur, der Menschen und der Geschichte geleiteten Handelns. So
jedenfalls lautete das offizielle Credo der Bolschewiki - das natürlich von ihrem
wirklichen Bild der Welt und der Geschichte, von ihren treibenden Interessen und
Motiven so wenig verriet wie irgend ein anderes Credo auch.
Das Geschichtsbild der Nationalsozialisten wirkte demgegenüber - schon als
Credo - sehr viel pessimistischer und düsterer. Es ging unmittelbar von einem
naturgeschichtlichen Kontinuum aus, dem "ewigen Kampf ums Dasein" als dem
Gesetz, das über "Werden und Vergehen" entscheidet. Die Geschichte als solche
stiftet keinen Sinn, sie ist kein Fortschreiten zu irgendeiner höheren Vernunft;
sondern die jeweiligen Stämme und Völker können sich nur insoweit aus den
Niederungen des nackten Vegetierens erheben, als sie im Kampf mit konkurrieren-
den Menschengattungen sich durchsetzen, diese sich untertan machen, sich zum
Herrenvolk aufschwingen und als solches ihre Reiche und Hochkulturen errichten.
In seinen Beschwörungen eines mythischen Indogermanen- oder Arierturns war das
eine betont archaische, aber doch universale Vorstellung von der Welt und den
Weltreichen, aus deren Aufstieg und Untergang die eigentliche menschliche Ge-
schichte bestand. In den spezifisch deutschen Versionen kam ein Zug von gemüt-
lich-pfahlbürgerlichem Mittelalter hinein, mit einem Firnis von kaiserlichem Glanz
oben drauf. Alles in allem handelte es sich um eine (bei all ihren betonten Primiti-
vismen höchst ausgeklügelte) Geschichtsromantik, die sich des Vokabulars der
modernen Naturwissenschaften bediente, um ihre Projektionen als Ewig-Naturhafte,
historisch Gesetzmäßige darzustellen und jeder konkreten Kritik zu entrücken.
Bei näherer Betrachtung ist der Unterschied zwischen den bei den Geschichtsauf-
fassungen aber nicht so groß, wie er auf den ersten Blick erscheint. Beide Weltbilder
waren im Kern apokalyptisch, d.h. von endzeitlichen Unheils- und Heilserwartun-
gen bestimmt, wobei im Zentrum die Ängste und Erwartungen standen, die die
immer mehr sich beschleunigenden, überstürzenden Enrwicklungen der kapitalisti-
schen Weltwirtschaft, der modernen Wissenschaften und der begleitenden sozialen
und kulturellen Umbrüche provozierten. Beide ideologische Systeme waren Produk-
te und Reflexe einer Zeit des stürmischen Take-off des europäischen und amerika-
nischen Kapitalismus, einer wirkliche Aufbruchsphase und "Gründerzeit" - die aber
um so düsterere Lebensgefühle und Zukunftsvisionen generierte. Anders gesagt,
stellten der Bolschewismus wie der Nationalsozialismus zwei jeweilige Reaktionen
Bolschewismus und Nationalsozialismus 175

auf die wirkliche Weltrevolution des Jahrhunderts dar, die durch ungeheure Schübe
der Globalisierung, Pluralisierung, Individualisierung und Säkularisierung des Le-
bens gekennzeichnet war. Stefan Zweig hat in seiner Autobiographie "Die Welt von
gestern" die enorme lebenskulturelle Distanz zwischen dem ausgehenden 19. und
beginnenden 20. Jahrhundert markiert. 2 Das letzte Jahrzehnt vor der Jahrhundert-
wende erscheint darin wie eine fossile Ur-Zeit kurz vor der Sintflut. Robert Musil
handelte im "Mann ohne Eigenschaften" vom dem Gefühl der Zeitgenossen des
neuen Jahrhunderts, "gelebt zu werden", d.h. dem Gang der modernen Entwicklun-
gen völlig ausgeliefert zu sein, sich darin zu verlieren, sich selbst nicht mehr zu
kennen.3
Im deutschen "Kulturpessimismus" des fin de siede gingen konservativer und
sozialistischer Antikapitalismus eine Vielzahl auch biographisch intimer Verbindun-
gen ein. Hans Dieter Heilige hat anhand eines frappierenden Spektrums von
Fallbeispielen aus dem jüdischen Bürgertum - oder genauer gesagt: von intellek-
tuellen Abkömmlingen deutscher, österreichischer und böhmischer jüdischer Ban-
kiers-, Kaufmanns- und Fabrikanten-Familien - gezeigt, wie ihr Protest gegen das
eigene Herkunftsmilieu "zwischen einer an vorkapitalistischen Idealen orientierten
Opposition von rechts, frühbürgerlich-anarchistischen Vorstellungen, agrarsozialisti-
schen Utopien oder der Anlehnung an bestehende sozialistische Organisationen" hin
und her flottierte; und wie für viele dieser Protesthaltungen die "Überlagerung von
Antisemitismus und irrationalen Antikapitalismus" die erste und gängigste Aus-
drucksform war. 4 Es geht immerhin um Namen wie Walther Rathenau, Maximilian
Harden, Alfred Kerr, Rudolf Borchardt, Hugo von HofmannsthaI, Georg Simmel,
Fritz Mauthner, Viktor Adler, Franz Werfel, Arthur Trebitsch oder Karl Kraus. Sie
alle haben den antikapitalistischen und antibürgerlichen Protest ihrer Jugend zu-
nächst in deutsch-völkischen oder preußisch-aristokratischen Lebensvorstellungen
ausgelebt. Einige, wie Max Nordau oder Adolf Grabowsky, wurden führende Ideo-
logen einer konservativ-aristokratischen Ideologie gesellschaftlicher Erneuerung und
Neuzüchtung mit antisemitischen Implikationen. Selbst ein Theodor Herzl ver-
brachte seine ersten Studentenjahre als Mitglied einer schlagenden Studentenverbin-
dung und übertrug viele Ideale seines konservativ-aristokratischen und deutsch-völ-
kischen Antiliberalismus und Antikapitalismus auf das Projekt einer zionistischen
Staatsgründung. Andere wiederum, wie Fritz Mauthner oder Viktor Adler, wurden
kämpferische Linksintellektuelle oder führende Marxisten. Wenn sich in der ersten,

2 S. Zweig, Die Welt von gestern, Stockholm 1944 (Frankfurt a.M. 1994).
3 R. Musil, Der Mann ohne Eigenschaften. Roman, Reinbek 1978.
4 H.D. Heilige, "Rathenau und Harden in der Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs.
Eine sozial geschichtliche Studie", in: ders. (Hg.), Walther Rathenau - Maximilian
Harden. Briefwechsel 1987-1920, München, Heidelberg 1983, S. 49 ff.
176 Gerd Koenen

formativen Phase der politischen Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts also


rechter und linker Antikapitalismus und Antiliberalismus in vielen Biographien
intim überkreuzten und auch inhaltlich keineswegs immer klar geschieden waren,
so verweist dies zumindest auf eine gewisse Gemeinsamkeit der subjektiven Motiva-
tionen.
Das galt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Rußland. Hans Günther
hat in seinem Buch "Der sozialistische Übermensch" anhand der zentralen Figur
Maxim Gorkis auf die untergründige, später sorgsam verdeckte Wirkungsgeschichte
Nietzsches in der russischen Intelligenzija hingewiesen. Aber auch eine heroische
Geschichtsauffassung a la Carlyle oder Max Nordaus Adaption des sozialdarwinisti-
schen Degenerationsbegriffs Cesare Lambrosos auf die moderne Kulturwelt, seine
Forderung, die "Entarteten und Hysteriker" als Kranke und Gesellschaftsfeinde zu
kennzeichnen und rücksichtslos auszusondern - das alles wurde unter russischen
Sozialisten nicht nur zustimmend gelesen, sondern fand auch seinen expliziten
Niederschlag in den Gesellschafts-Vorstellungen Gorkis wie einer Reihe führender
bolschewistischer Intellektueller. Günther spricht von einer Unterströmung des
"nietzscheanischen Marxismus" in der russischen Sozialdemokratie. 5 Allerdings zeig-
te sich gerade hier auch eine charakteristische Differenz zwischen bei den Ländern.
Denn wenn das Phänomen des "Kulturpessimismus" oder der Topos eines schlecht
verstandenen "Übermenschen" a la Nietzsche in Deutschland in der Hauptsache ein
Element rechter, antirevolutionärer Ideologie blieb (allerdings mit breiter Streuung
ins linke und sozialistische Spektrum hinein) - so war es in Rußland der Tendenz
nach umgekehrt. Hier waren Kategorien der "Entartung" oder des "Heroischen"
eher für die revolutionäre Linke und ihr spezifisches Ethos konstitutiv (natürlich mit
entsprechenden Streuungen nach rechts).
Alle Elemente eines rechten oder linken apokalyptischen und antikapitalistischen
Weltbildes waren also schon vor dem Weltkrieg fertig vorhanden. Aber der Weltkrieg
war es, der ihnen den entscheidenden Schub in die politische Massenwirksamkeit
gab, wie er auch bei den Führern wie beim Fußvolk einen letzten Schub der
Radikalisierung ihrer Ansichten bewirkte.

Hiders apokalyptisches Geschichtsbild

Über "Hitlers Weltanschaung" und sein Geschichtsbild gibt es eine ganze Reihe von
Untersuchungen. Ich halte mich als primäre Quelle an den Text einer seiner ersten
großen Reden, der vom 13. August 1920 im Münchener Hofbräuhaus, die wohl

5 H. Günther, Der sozialistische Übermensch. Maksim Gor'kij und der sowjetische Hel-
denmythos, Stuttgart, Weimar 1993.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 177

deshalb mitstenographiert und abgeschrieben wurde (Hitler sprach stets ohne


schriftliches Konzept), weil er selbst sie als programmatisch ansah. 6 In dieser Rede
entwickelte der Autodidakt und seit einem knappen Jahr "Politiker gewordene"
Hilfsoffizier der Münchener Garnison in prägnanter Weise seine Sicht der mensch-
lichen Geschichte und der leitenden Motive seines politischen Aktivismus. Das
Thema seiner Rede (vor einigen hundert Zuhörern) war der Zusammenhang "zwi-
schen Arbeiter- und Judenfrage".
Zunächst erging Hitler sich in freihändig weltgeschichtlichen Betrachtungen über
die Menschen des Nordens und des Südens, wobei es die nordischen Menschen (=
die Arier) gewesen seien, die auch alle großen Kulturen des Südens, von Babyion
und Ägypten über Griechenland bis Rom, geschaffen hätten. Ihre Kraft zur Kultur-
und Staatenbildung habe vor allem auf zwei Dingen beruht: erstens ihrem strengen
Ethos der "Arbeit für die Gemeinschaft" sowie zweitens ihrer seelischen und körper-
lichen Gesundheit, die sie vor allem einer "unbedingten Rassenreinheit" verdankten.
Im faulen, "lachenden Süden" habe dagegen von Haus aus eine bastardische Rassen-
mischung und ein primitiver Egoismus geherrscht. Allerdings sei dort drunten, im
orientalischen Süden, der arischen Rasse auch ihr eigentlicher Gegenspieler erstan-
den: das Judentum. Auch der Jude habe sich nicht vermischt, sondern als "auser-
wähltes Volk" sich von den übrigen Völkern strikt abgesondert, jedoch Inzucht
getrieben, so daß ihm die seelische und körperliche Gesundheit des Germanenturns
abging. Niemals habe der Jude denn auch eine eigene Kultur geschaffen - sich
allerdings mit großer Raffinesse fremder Kulturen bemächtigt, so wie er überhaupt
sich als Parasit an allen möglichen fremden Kulturen angesetzt, sie ausgesaugt und
seiner Herrschaft unterworfen habe. So habe er Ägypten, Babyion und Rom am
Ende beherrscht - und zugrunde gerichtet.
Anfangs sei er stets als "Hofjude" aufgetreten, als graue Eminenz hinter den
Mächtigen der Welt, die er in seine finanzielle oder geistige Abhängigkeit brachte;
aber wenn die Unzufriedenheit wuchs, dann verwandelte er sich in den "Volksjuden"
und schürte den Aufruhr gegen die schaffenden und staatserhaltenden Kräfte. In der
Gegenwart treibe dieses jahrtausendealte Spiel aber seinem End- und Höhepunkt
zu: Während die Juden das internationale Kapital kontrollierten, zum Wucherer der
ganzen Welt geworden seien und die arbeitenden Menschen aller Länder durch
Zinsen, überhöhte Preise und Steuerabgaben für sich fronen ließen, während sie die
Völker und Staaten aufeinanderhetzten, hätten sie zugleich auch noch die sozialisti-
sche Arbeiterbewegung durch eine Bande jüdisch-internationaler Agitatoren unter
ihre Führung gebracht. Die Aufgabe dieser jüdischen Pseudo-Sozialisten sei es, den
"sittlichen Gedanken der Arbeit für die Gemeinschaft" in den primitivsten Egoismus

6 R.H. Phelps, "Hitlers ,grundlegende' Rede über den Antisemitismus. Dokumentation",


in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. 16 (1968), H. 4. s. 390-420.
178 GerdKomm

und Klassenhaß umzumünzen und auf diese Weise die jeweilige nationale Wirtschaft
und den Staat zu zerstören. Hinzu kämen noch niederträchtigere Methoden, wie die
Predigt der Völker- und Rassenvermischung, die Untergrabung von Ehe, Familie
und Sitte durch den Mädchenhandel, so daß "Liebe weiter nichts als ein Geschäft"
sei. So betrieben die Juden mit größtem Geschick die Senkung des allgemeinen
Kulturniveaus durch ihr massenweises Eindringen in die schönen Künste und durch
die von ihnen beherrschten Verlage, Zeitungen usw. Die Theater zum Beispiel seien,
statt Stätten der Weihe, wahre Brutstätten des Lasters und der Schamlosigkeit
geworden - wie überhaupt jegliches künstlerische Schaffen "zum Zerrbild alles
dessen wird, was wir inneres wahrhaftes Empfinden heißen".
Das alles diene der bewußten Entnationalisierung der arischen Völker und
Senkung ihres Rassenniveaus - so "daß er (der Jude) als Einziger rassenrein befähigt
ist, über alle anderen letzten Endes zu herrschen".7 Und daß dieses letzte Stadium:
die vollendete Diktatur des Weltjudentums über die arischen Völker, schon ganz
nahe herangekommen sei, das bewiesen laut Hitler die Entwicklungen in Rußland,
wo hinter der angeblichen Räteregierung "eine andere Organisation besteht, die gar
nicht im Staate ist, sondern außerhalb: die Alliance israelite und ihre grandiose
Propaganda- und Zutreiberorganisation ... der Freimaurerei".B Dagegen müsse das
deutsche Volk sich erheben und das arische Prinzip von "Gemeinnutz vor Eigennutz"
durchsetzen, um "das Kostbarste, das ein Volk besitzt, die Summe all seiner tätig
schaffenden Kräfte seiner Arbeiter, sei es der Faust oder der Stirn gesund zu erhalten
an Leib und Leben". Das und nichts anderes bedeute "nationaler Sozialismus,
N atio nal-Sozialism us" .
Der "wissenschaftliche Antisemitismus", wie ihn einige klarsehende Geister aus-
gearbeitet hätten,9 müsse mit der tief verwurzelten, fast instinkthaften Judenfeind-
schaft des Volkes verbunden werden, um die Wiedergeburt des deutschen Volkes aus
dem Geiste des Nationalsozialismus zu erreichen. Und das erste Ziel dafür hieß:
"Entfernung der Juden aus unserem Volke (stürmischer lange anhaltender Beifall
und Händeklatschen!), nicht weil wir ihnen ihre Existenz nicht vergönnten, wir
gratulieren einer ganzen übrigen Welt zu ihrem Besuche (große Heiterkeit), aber
weil uns die Existenz des eigenen Volkes noch tausendmal höher steht als die einer
fremden Rasse (Bravo!)."IO Der Ton dieser Rede Hitlers war keineswegs triumphal,
sondern eher trotzig. Die Massen des "eigenen Volkes" waren ja soeben zu den
Wahlen geströmt, an denen sich die Nationalsozialistische Arbeiterpartei noch nicht

7 Ebd., S. 411.
8 Ebd.,S.415.
9 Hitler pflegte sich auf Chamberlain, Lagarde, Hecke!, Bölsche oder seinen Mentor
Dietrich Eckart zu berufen.
10 Ebd., S. 417.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 179

hatte beteiligen können, und hatten in ihrer großen Mehrheit für die (laut Hitler)
von Juden dominierten demokratischen und sozialistischen Parteien gestimmt. Aber:
" ... wir verzagen am wenigsten, wenn wir heute noch vielleicht einsam dastehen. "11
Hitler nahm die Pose des mutigen Reformators ein, der verkündete: Ich hab's gewagt.
In "Mein Kampf" traten die apokalyptischen Elemente dieser Geschichtsauffas-
sung noch sehr viel deutlicher hervor - auch wenn der Ton nun triumphaler wurde.
Aber das eine hing mit dem anderen zusammen. Einesteils nährte sich Hitlers
Extremismus aus der tief pessimistischen Anschauung, daß die knochenerweichende
Lauge der modernen Zivilisation dabei sei, alle gesunden, natürlich-barbarischen
Machtinstinkte aus den Menschen herauszuwaschen; und daß es angesichts des
Vormarsches von Niggermusik, entarteter Kunst, Salonbolschewismus usw. schon
bald zu spät sein könnte für die Bewahrung und Höherzüchtung einer Herrenrasse
aus dem gesunden Kern des deutschen Volkes und der übrigen (großteils schon völlig
bastardisierten) arischen Stämme. Die Weltherrschaft des ewigen Widersachers, des
Judentums, drohte sich mithilfe der Herrschaft auch über die Arbeiterbewegung
tatsächlich zu vollenden. Und das würde eine finale, kosmische Katastrophe sein:
"Siegt der Jude mit Hilfe seines marxistischen Glaubensbekenntnisses über die
Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totenkranz der Menschheit sein,
dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den
Äther ziehen." 12
Aber eben weil diese wahrhaft apokalyptische Perspektive in den Bereich des real
Möglichen gerückt war, wuchs das Rettende auch: Der Widerstand alles dessen
nämlich, was noch gesund und stark war unter der arischen oder weißen Rasse. Die
nationale Erhebung des deutschen Volkes würde das Bollwerk und die Speerspitze
dieser weltweiten Rassenrevolution bilden. Das Ziel konnte kein anderes als die
radikale Vertreibung und vollständige Vernichtung des jüdischen Weltfeindes sein,
die Durchkreuzung aller seiner Zersetzungsaktivitäten und internationalen Machi-
nationen. Die erste und entscheidende Voraussetzung dafür wäre die Errichtung

11 Ebenda.
12 Hitler, Mein Kampf, München 1934 85 - 94 , S. 69 f. Nohes These, der Antimarxismus
und Antibolschewismus Hitlers sei seine eigentliche .. Grundemotion" gewesen, sein
Antisemitismus dagegen nur eine sekundäre .. Interpretation" zur Begründung dieses
primären Affektes, hält der Überprüfung weder an der Biographie noch an den Texten
Hitlers stand. Der Marxismus fungiert in Hitlers Sicht als ein Instrument des Judentums,
und der Bolschewismus seinerseits nur als eine letzte, blutige Ausprägung des jüdischen
Marxismus. Das .. marxistische Glaubensbekenntnis" ist fiir das Judentum nur etwas
künstlich Erfundenes, nämlich zur Verdummung und Verhetzung der Massen und
Beherrschung der Arbeiterbewegung. Das Ziel ist die Zerstörung der jeweiligen .. natio-
nalen Wirtschaft", .. damit auf ihrem Leichenfeld die internationale Börse triumphieren
kann". Alle derartigen Bestrebungen fließen zusammen im Endziel der jüdischen Welt-
herrschaft. Vgl. Mein Kampf, S. 350 ff., S. 702 ff.
180 Gerd Komm

eines geschlossenen, rassereinen germanischen Weltreiches auf dem Trümmern der


verjudeten anderen Weltstaaten: an erster Stelle des Reichs des jüdischen Bolsche-
wismus, der Sowjetunion, die durch den Verlust ihrer germanisch-kulturschöpferi-
schen Herrenschicht dem sicheren Zerfall preisgegeben schien;13 so dann des "immer
mehr der Vernegerung anheimfallende(n)" Frankreich, dessen wahnwitziger konti-
nentaler Hegemonieanspruch "in seiner Bindung an die Ziele der jüdischen Welt-
beherrschung eine lauernde Gefahr für den Bestand der weißen Rasse Europas"
bedeutete;14 und schließlich auch der angelsächsischen Imperien des jüdischen
Börsenkapitals, des langsam absteigenden Großbritannien und der unaufhaltsam
aufsteigenden USA.15
Aber die Reihenfolge konnte gegebenenfalls auch eine andere sein. Um Lebens-
raum im Osten zu gewinnen, mußte möglicherweise Frankreich als erstes ausgeschal-
tet werden. Und die Errichtung eines germanischen Kontinentalreiches im Osten
auf den Trümmern der Sowjetunion wäre selbst nur die Ausgangsbasis für eine
weitere Auseinandersetzung mit den kapitalistischen Mächten des Westens gewesen.
Im Stahlbad dieses zweiten (und vielleicht dritten und vierten) Weltkrieges würden
das deutsche Volk und die arische Rasse sich wieder stählen und disziplinieren, ihre
natürlichen Instinkte wieder schärfen, neue, tatkräftige Führer auf allen Ebenen
hervorbringen und nach deren Vorbilde sich selbst wieder "emporarten", d.h.
höherzüchten. Oder aber sie würde untergehen - auch das lag (wie Hider in "Mein
Kampf" immer wieder betonte) im Bereich des Möglichen. Also hieß die Alternative
Sieg oder Tod, Nationalsozialismus oder Untergang!
So, in etwas freier Paraphrase, kann man sich Hiders Welt- und Geschichtsbild
vorstellen. Aber 1920 oder 1924/25 war das noch wenig mehr als ein einsamer,
para-religiöser Glaube an Rettung in letzter Stunde.

Lenins "Jetzt oder nie"

So grundlegend die Vorstellungen Lenins sich von denen Hiders unterschieden - sie
entsprangen einer kaum weniger apokalyptischen Sicht der menschlichen Geschich-

13 Vgl. ebd., S. 742 ff.


14 Ebd., S. 704, S. 741.
15 Ebd., S. 702. Hitler geht aber davon aus, daß das objektive britische Staatsinteresse,
welches ein Bündnis mit Deutschland erfordere, in ständigem Konflikt liege mit den
Ambitionen "des internationalen Börsenjudentums", das die Vernichtung Deutschlands
zur Vollendung seiner Weltherrschaft fordere. Die Hauptinstrumente dazu seien die
Bolschewisierung Deutschlands (nicht zuletzt auch mittels des "Kulturbolschewismus")
sowie die Förderung der Machinationen Frankreichs Zut Schwächung und Zerstörung
Deutschlands.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 181

te. In seinen Polemiken gegen die "Volkstümler" oder auch gegen Rosa Luxemburg
hatte Lenin frühzeitig den Nachweis geführt, daß kapitalistische Verkehrsformen
bereits alle vorkapitalistischen Verhältnisse durchdrungen hätten, und daß der
Kapitalismus in seiner weiteren Entwicklungsdynamik weder prinzipiell und im
Weltmaßstab noch konkret in Rußland an seine Entwicklungsschranken gestoßen
sei. Deshalb sei auf einen Zusammenbruch des Kapitalismus "aus sich heraus"
keineswegs zu hoffen. Genauso wenig gebe es für Rußland jedoch einen direkten
Weg aus den vorkapitalistischen Produktionsformen (etwa der "ursprünglichen
Dorfgemeinde") hinüber in den Sozialismus. Andererseits sah Lenin aber - in seinen
Polemiken gegen die Menschewiki - die bürgerlichen Klassen in Rußland als zu feige
und zu schwach an, um von sich aus mit dem zaristischen Despotismus Schluß zu
machen und dem Land einen Weg rascher kapitalistischer Entwicklung zu bahnen,
seine "verfluchte asiatische Rückständigkeit" zu überwinden.
Aus dieser historischen Sackgasse führte Lenin zufolge nur ein einziger, ganz
schmaler Pfad: die demokratische Republik als Instrument einer beschleunigten,
kontrollierten kapitalistischen Entwicklung - aber unter der direkten Führung der
Arbeiter-und-Bauern-Massen und ihrer revolutionären Vorhut. Hier tat sich die
nächste Sackgasse auf: Denn die proletarischen Massen standen Lenin zufolge
prinzipiell unter dem Einfluß bürgerlicher und kleinbürgerlicher Ideen, die sich
ihnen stets "spontan" aufdrängten. Ein sozialistisch-revolutionäres Bewußtsein
konnten die noch so klassenbewußten Proletarier von sich aus gar nicht entwickeln,
es mußte ihnen "von außen", von einer bewußten und geschulten Vorhut, gebracht
werden. Und gerade Rußland sei, anders als Deutschland, ein Land, "in dem 999
von 1000 der Bevölkerung bis ins innerste Mark demoralisiert sind durch politische
Knechtseligkeit und einen absoluten Mangel an Verständnis für Parteilehre und
Parteibindung".16 Um so weniger bedürfe es einer sozialdemokratischen Massenpar-
tei, sondern im Gegenteil eines kleinen, aber hoch geschulten und schlagkräftigen
Kaders von Berufsrevolutionären. Dann könne Rußland sich als das schwächste
Kettenglied des gesamten kapitalistischen Weltsystems erweisen und werde den
russischen Sozialisten eine weltweite Avantgarde-Rolle zufallen.
"Gebt uns eine Organisation von Revolutionären, und wir werden Rußland aus
den Angeln heben. "17 Das klang forsch und optimistisch - aber es war doch
tatsächlich ein radikal dezisionistischer Übersprung aus den Kategorien des alten
sozialdemokratischen Fortschrittsdenkens und der Marxschen Geschichtsauffassung
hinüber in etwas völlig Neues, einen "Leninismus" sui generis. Und mit seiner nach
Ausbruch des Weltkrieges verfaßten Schrift über den "Imperialismus als höchstes

16 Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung, in: W.!. Lenin, Ausgewählte Werke, Bd.
I, Berlin (DDR) 1970 8 , S. 138.
17 Ebd., S. 234.
182 Gerd Koenen

Stadium des Kapitalismus" projizierte Lenin diese "leninistischen" Revolutionsvor-


stellungen von Rußland auf die Welt im ganzen. Nicht der Kapitalismus durch seine
in ihm selbst herangereiften produktiven Potenzen war es nun, der den Weg zum
Sozialismus bahnte - sondern seine sich steigernden inneren und äußeren Kollisio-
nen, seine Tendenzen der "Verfaulung", vor allem aber die kriegerischen Zusammen-
stöße der imperialistischen Mächte untereinander. Sie eröffneten erst den Weg und
schafften zugleich die entscheidenden Instrumente einer Machteroberung der be-
waffneten Proletarier, geführt durch den Orden der Berufsrevolutionäre. Der Welt-
krieg, mit anderen Worten, mußte der Revolution den Weg bereiten. Und er tat es
ja auch.
Als im Februar 1917 in den Hauptstädten Rußlands die Revolution ausbrach
und eine bürgerlich-demokratische Republik sich über Nacht etablierte, war Lenin
allerdings auf dem Tiefpunkt seiner Erwartungen angelangt und vollständig über-
rumpelt. Aber als das Zarentum gestürzt wurde, handelte er schnell und entschlos-
sen. Denn der tiefere Grund dieser Entschlossenheit lag, gewissermaßen in dezisio-
nistischer Umkehrung, wieder in seinem Pessimismus. In den "Briefen aus der
Ferne", die Lenin aus der Schweiz voraus schickte, und dann in seinen ,,Aprilthesen",
die er einer verstörten Zuhörerschaft Stunden nach seiner Ankunft in Petrograd
vortrug, radikalisierte er die Perspektive in einer selbst für seine engsten Anhänger
und Mitstreiter kaum noch nachvollziehbaren Weise. War denn nicht die Februar-
Revolution genau so verlaufen, wie es dem Programm der Bolschewiki entsprach -
als eine demokratische Revolution, aber ganz von unten, von der Straße, vom
Proletariat aus gemacht? War nicht mit dem Arbeiter- und-Soldaten-Rat ein zusätz-
liches Machtorgan entstanden, das der von bürgerlichen Politikern geführten Regie-
rung in wichtigen Fragen die Bedingungen diktieren konnte? Lenin aber predigte
schon vor seiner Ankunft, ohne sich mit der Lage vertraut gemacht zu haben, die
bedingungslose Opposition gegen diese demokratische Republik, ja ihren sofortigen
Sturz zugunsten einer eindeutigen "Diktatur des Proletariats".
Das war nichts weniger als blutleerer Doktrinarismus. Vielmehr setzte Lenin mit
dem radikalen Opportunismus des Machtmenschen auf die "elementaren" Impulse
der Massen, d.h. die Kombination von blutigen Meutereien in der Armee, von
Pogromen und Lynchjustiz in den Städten, von wilder Landnahme und Vandalismus
der Bauern, der sich in der Verwüstung und vielfach der Einäscherung der Gutswirt-
schaften Rußlands austobte. Aber gleichzeitig verkündete Lenin auch, daß die vom
zaristischen Staat selbst geschaffenen Formen der Kriegswirtschaft mit ihren Metho-
den zwangsweiser Erfassung und Bewirtschaftung, nicht zuletzt auch mit der rigo-
rosen Disziplinierung durch "Arbeitsbuch und Brotkarte", bereits "die vollständige
materielle Vorbereitung des Sozialismus" darstellten. 18 Und daß auf dieser Grund-

18 Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll, in: ebd., Bd. II, S. 300.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 183

lage die Partei der Bolschewiki, notfalls auch allein, die Macht übernehmen und mit
einer Kombination von Staatskapitalismus plus proletarischer Diktatur den direkten
Übergang zum Sozialismus in Angriff nehmen könne. "Rußland wurde nach der
Revolution des Jahres 1905 von 130 000 Gutsbesitzern regiert '" Und da sollten
240 000 Mitglieder der Partei der Bolschewiki nicht imstande sein, Rußland zu
regieren ... !"19
Bei alledem war Rußland aber nur als ein Ausgangspunkt zu denken. Eine
Revolution in Rußland konnte nach der Vorstellung ihrer eigenen Initiatoren nichts
weiter sein als eine Initialzündung für eine Revolution in anderen kriegführenden
Ländern, vorzugsweise in Deutschland, und diese ihrerseits nur der Anstoß zu einer
weltrevolutionären Umgestaltung noch ganz anderer Dimension. Diese Politik, hat
Lenin später einmal gesagt, sei der Devise Napoleons gefolgt: "On s'engage, et puis
on voit" - Man stürzt sich in die Schlacht, und dann sieht man weiter. Es handelte
sich tatsächlich um eine Form des Ultra-Napoleonismus; und wäre es nach Trotzki
oder Tuchatschewski gegangen, hätten die Alexanderzüge der frühesten Antike ihre
moderne Wiederauflage gefunden. 20 Das Projekt der Weltrevolution war durchaus
keine bloße Rhetorik; sondern es ging tatsächlich um ein globales Unternehmen
ohne bestimmte Fixierung an Länder, Völker, Rassen und Kontinente, nur getragen
von einem militanten Aktivkern, einer "Welt-Armee des Proletariats", geführt von
einem internationalen Partei-Orden, der sich im Prozeß dieses Unternehmens stän-
dig neu formierte, ausbildete und erweiterte. (Daß hinter diesem Inter-Nationalis-
mus höchst russisch-nationale Motive und Vorstellungen standen, ist kein Wider-
spruch.)
Es war ein Marsch in ein geschichtliches Niemandsland. Man kann das kühn
nennen, sogar kühn im höchsten Grade - aber optimistisch nur sehr bedingt.
Genauer betrachtet, war das Unternehmen von einem tiefen Pessimismus diktiert.
Im Augenblick der Machtergreifung selbst wurde dieses Motiv am deutlichsten:
Lenin drängte seine vor diesem Abenteuer wie vor einem Abgrund zurückscheuende
Partei mit dem Argument "Jetzt oder nie", alle ihre (nicht sehr großen) Kräfte auf
die Eroberung der Macht und nur darauf zu konzentrieren. Ende September erklärte
Lenin sogar aus Protest seinen Austritt aus dem Zentralkomitee, weil dieses immer
noch zögerte, die Parole des bewaffneten Aufstandes auszugeben. "Das Schicksal der

19 Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten? in: ebd., S. 466.


20 So schlug Trotzki 1919 einen Feldzug nach Indien vor, um das Proletariat der Kolonien
zu insurgieren. Vgl. D. Wolkogonow, Lenin. Utopie und Terror, Düsseldorf u.a. 1994,
S. 437. Tuchacevskij hatte zur selben Zeit eine Theorie der "permanenten Offensive"
entwickelt, die darauf hinauslief, daß die Rote Armee an jeden Punkt der Welt mar-
schieren könne, weil sie überall Zuzug durch meuternde Truppen und bewaffnete
Arbeiter und Bauern erhielte. Vgl. N. Davies, White Eagle, Red Star. The Polish-Soviet
War 1919-20, London 1983, S. 131.
184 Gerd Komen

russischen, ja der Weltrevolution, hängt von zwei, drei Tagen des Kampfes ab",
predigte er mit einer Verbissenheit, die an Raserei grenzte - oder eben Verzweiflung.
Die Mehrheit des ZK wollte zumindest den Rätekongreß abwarten. Aber Lenin, der
die Parole ,,Alle Macht den Räten" aufgestellt hatte, antwortete: "Den Sowjetkon-
greß ,abwarten' ist vollendete Idiotie oder vollendeter Verrat ... Der Kongreß wird
nichts ergeben, kann nichts ergeben. "21
Und darin hatte Lenin wahrscheinlich völlig recht. Die Chance lag darin, in
einem kurzen Moment des Patts aller agierenden sozialen und politischen Kräfte
und der äußersten Zerrüttung des Staates und der Gesellschaft den "Griff nach der
Staatsrnacht" - und damit auch "Griff nach der Weltmacht" - zu wagen. Wäre diese
einmalige Gelegenheit versäumt worden, hätten die Bolschewiki auf dem Rätekon-
greß mit Sicherheit keine Mehrheit gefunden; hätten die allgemeinen Wahlen zur
Nationalversammlung (wie es selbst nach ihrer Machtergreifung noch der Fall war)
eine klare reformistisch-bürgerliche Mehrheit erbracht, und hätte sich Rußland eine
neue Verfassung gegeben. Dann aber hätte die bürgerliche Entwicklung Rußlands
sich konsolidiert und hätte die Aussichten einer bolschewistischen Revolution für
Jahrzehnte oder bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag unter sich begraben. 22 Und eben
darum galt es, "jetzt oder nie" die Macht zu ergreifen, mit allen Mitteln und um
jeden Preis, mit dem Ziel, den Strom der geschichtlichen Entwicklung in ein
anderes, ganz neues Bett zu lenken. Die Metapher von der "Umkehrung" der Flüsse,
die man zwingen würde, woanders hin und notfalls sogar rückwärts zu fließen,
gehörte zu den frühesten, halb metaphorischen, halb naturalistischen fixen Ideen des
russischen Sozialismus23 - und unter der Ägide Stalins, Chruschtschows und Bresh-
news zu den verheerendsten Experimenten der sowjetischen Planbehörden. Viel-

21 Die Krise ist herangereift, in: WJ. Lenin, Ausgewählte Werke, Bd. II, S. 439 ff.
22 "Man muß einsehen, daß die Revolution zugrunde geht, wenn die Kerenskiregierung
nicht in der allernächsten Zukunft von dem Proletariat und den Soldaten gestürzt wird."
(Brief an die Petrograder Stadtkonferenz. In geschlossener Sitzung zu verlesen. 7.120.
Oktober 1917) "Eine Verzögerung wird die Geschichte den Revolutionären nicht ver-
zeihen, die heute siegen können (und heute bestimmt siegen werden), während sie
morgen Gefahr laufen, vieles, ja alles zu verlieren." (Brief an die Mitglieder des ZK, 24.
Oktober/6. November 1917) in: Lenin Werke, Bd. 26, Berlin (DDR) 19744, S. 130,
S. 168, S. 224.
23 Vgl. zum Beispiel M. Gorki, Dnjeprostroi (1934), in: ders., Ein Lesebuch für unsere
Zeit, Weimar 1953, S. 449 ff.: In einem angeblich authentischen Straßengespräch aus
dem Sommer 1917 liest ein desertierter Soldat den umstehenden Kleinbürgern die
Leviten: "Und dir sage ich es geradezu, du Herr mit einem Hut, die Erde werden wir
unbedingtin unsere Hände nehmen - unbedingt! Und alles auf ihr werden wir ändern ... "
Unter spöttischen Zurufen heißt es dann: "Und die Flüsse, die werden wohl nach
rückwärts fließen?" Darauf der Soldat: "Wohin wir wollen, dorthin werden sie auch
fließen."
Bolschewismus und Nationalsozialismus 185

leicht läßt sich das gesamte sowjetische Experiment in diese Metapher der" Umkeh-
rung" der geschichtlichen Entwicklung fassen.
Die Dynamik dieses Prozesses war die einer unablässigen Flucht nach vorne, von
einem Notstand in den nächsten. Immer waren es einsame, abrupte und krasse
Entschlüsse, die einen neuen Abschnitt eröffneten. Zuerst Lenins (und Trotzkis)
Kriegskommunismus, dann die jähe Wende zur Neuen Ökonomischen Politik, d.h.
zu einem kontrollierten Staatskapitalismus mit lizenzierter wildwüchsiger Kleinpro-
duktion. Und acht Jahre später wieder - ein einsamer, beinahe irrwitzig anmutender
und völlig programmwidriger Entschluß: die Einleitung der totalen Kollektivierung
von oben. Wieder stand eine im Grunde pessimistische Vorstellung vom Gang der
Dinge dahinter: Stalin ging, keineswegs zu Unrecht, davon aus, daß trotz der
eisernen Diktatur der Partei über kurz oder lang die Dynamik des kleinbürgerlichen
Besitz- und Erwerbsstrebens die Institutionen der Sowjetrnacht unterspült haben
werde. Dazu kam ein anderer Pessimismus: Rußland hatte auf dem halb staatssozia-
listischen, halb staatskapitalistischen Weg der NEP zwar die Möglichkeit, sich
innerlich zu regenerieren, aber nicht die geringste Chance, die fortgeschrittenen
Länder des Westens einzuholen oder gar zu überholen. Stalin ließ sich auch durch
die Weltwirtschaftskrise 1929/30 nicht täuschen. Er erwartete keinen Zusammen-
bruch des Weltkapitalismus und auch keine Weltrevolution mehr; sondern er sah
Sowjet-Rußland als Machtkomplex zunächst einmal auf sich gestellt. Und wenn
dieser Machtstaat neuen Typs, die UdSSR, mit den avancierten kapitalistischen
Großmächten gleichziehen, ihnen Paroli bieten wollte, wenn sie in den kommenden
kriegerischen Verwicklungen - die er allerdings voraussah - auf entscheidende Weise
eingreifen wollte, dann mußte Rußland in einem noch so monströsen, noch so
gewaltsamen, noch so verlustreichen Gewaltakt seine historischen Schwächen über-
winden. Stalins Begründung für den abrupten Kurswechsel zur Kollektivierung und
Industrialisierung bezog ihren Ton der äußersten Entschlossenheit jedenfalls wieder-
um nicht aus irgendeinem frischen Optimismus des sozialistischen Fortschritts,
sondern einem trotzigen, national argumentierenden, aber global ausgerichteten
Anti-Imperialismus, der angesichts der überlegenen Stärke der Gegner zu einer
totalen Mobilmachung aufrie(
Auf einer Unionskonferenz von Funktionären der Sozialistischen Industrie im
Februar 1931 antwortete Stalin rhetorisch auf die Frage, "ob man nicht das Tempo
etwas verlangsamen, die Bewegung zurückhalten könnte". Tatsächlich stand die
Gesamtökonomie am Rande des Zusammenbruchs und zeichnete sich eine neue,
noch furchtbarere Hungersnot als die zehn Jahre zuvor ab, die abermals Millionen
Menschen das Leben kosten würde. Stalin bezeichnete mit einigen wenigen Sätzen
den historischen Angelpunkt der ganzen Kollektivierungs- und Industrialisierungs-
revolution: "Das Tempo verlangsamen, das bedeutet zurückbleiben. Und Rückstän-
dige werden geschlagen. Wir aber wollen nicht die Geschlagenen sein. Nein, das
186 Gerd Koenen

wollen wir nicht! Die Geschichte des alten Rußland bestand unter anderem darin,
daß es wegen seiner Rückständigkeit fortwährend geschlagen wurde ... Wir sind
hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir
müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zustan-
de, oder wir werden zermalmt. "24

Der Gesellschaftsentwurf der Bolschewiki

Auch wenn man nach dem eigentlichen positiven Gesellschaftsentwurf der Bolsche-
wiki fragt, bewegt man sich keineswegs im Reich des freudig Konstruktiven, der
leuchtenden Zukunftsideen. Schon gar nicht ging es um die spießbürgerliche
Vorstellung eines guten Lebens in materieller Sicherheit. Nehmen wir alle - theore-
tischen, künstlerischen, populären - Darstellungen dieser "höheren Gesellschaft"
zusammen, so entwerfen sie, bevor sie in den süßlichen Propagandagemälden des
Hochstalinismus zur Idylle gefroren, vor allem eine Welt des Kampfes, des Helden-
tums und der Vernichtung aller Feinde. Die Perspektive der Befreiung war zuallererst
die Vorstellung einer "Säuberung" der Welt von allem "Unreinen". In solchen
Kategorien bewegte sich die sowjetische Propaganda von Anfang bis Ende: Unrat,
Misthaufen, Parasiten, Ungeziefer ... Der Bolschewismus verwandelt Marxens poli-
tische Ökonomie des Kapitals in eine wahre Dämonologie.
Marx hat nie von "dem Kapitalismus" oder "dem Imperialismus" im Sinne von
Quasi-Subjekten gesprochen. Gegenstand seiner Philosophie, Kritik und Analyse
waren die "bürgerliche Gesellschaft", die "kapitalistische Produktionsweise" und
dann die jeweiligen konkreten "Mächte" und Regierungen seiner Zeit und ihre
Politiken. Es gab nicht den Kosmos dieser überlebensgroßen Ismen, die geschicht-
lichen Unwesen oder negativen Weltprinzipien gleichkamen. Und dementsprechend
gab es auch keine Dämonologie "der Kapitalisten" oder "der Imperialisten" als der
persönlichen Träger dieser bösen Weltprinzipien, wie sie in der Propaganda der
Bolschewiki als Bösewichter, Mörder, Blutsauger, Verschwender, Lügner und Betrü-
ger wie in einem modernen Mysterienspiel vorgeführt wurden. Daß die Revolution
als Vertreibung und Vernichtung dieser Dämonen einer Reihe stets präsenter volks-
tümlicher Vorstellungen und tief verwurzelter Traditionen des russischen apokalyp-
tisch-messianischen Denkens entsprach, ist Teil der spezifisch nationalen Wirkungs-
geschichte des Bolschewismus.
Der Weltkrieg, den sich als ein Massenschlachten solchen Ausmaßes niemand
zuvor hatte ausdenken können oder wollen, gab natürlich ganz neuen Anlaß, nicht

24 Über die Aufgaben der Wirtschaftler, in: ].W. Stalin, Fragen des Leninismus, Moskau
1947 (Reprint Berlin-West 1970), S. 398 f.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 187

mehr nur den Zaren und die Regierung, sondern auch "die Reichen", "die Bour-
geoisie" kollektiv anzuklagen und haftbar zu machen, d.h. ihre Tätigkeit aus den
Kategorien des historisch Überlebten oder objektiv Schädlichen in die Kategorien
des persönlich Schuldhaften und Verbrecherischen zu transponieren. Diese Persona-
lisierung und Naturalisierung war die gedankliche Brücke hin zur Vorstellung, sie
nicht nur zu stürzen, zu enteignen und zu unterdrücken, sondern potentiell auch
physisch auszurotten. Hinzu traten andere populäre Haßfiguren, die keineswegs alle
von den Bolschewiki erfunden, sondern oft nur exzessiv benutzt wurden. Keine
einzige war soziologisch auch nur annähernd zu beschreiben: weder die Volksausgabe
des Bürgers, des "Burshui" (als Träger einer Brille oder eines Pelzkragens) noch der
"Kulak" (der ein Pferd oder einen Knecht hatte) noch der "Spekulant" (der einen
Sack Kartoffeln in die Stadt brachte) - von den "Popenknechten", den "Opportu-
nisten" oder "Weißgardisten" ganz zu schweigen. Klar war nur, daß sie alle "Kon-
terrevolutionäre" waren, was auf eine Definition der Sozialfeinde aus der schieren
Selbstbezogenheit der Partei hinauslief. Wer nicht für die Partei war, war gegen sie.
Der bloße Begriff des "Liquidierens" - der an sich schon eine sprachliche
Ungeheuerlichkeit darstellt und dessen Ethymologie zu rekonstruieren sehr aufschlu-
ßreich sein müßte - enthält die Idee der restlosen ,,Auflösung" (so wäre es ja wohl
zu übersetzen) des Gegners. Gorki hat in seinen "Unzeitgemäßen Gedanken" aus
den Jahren 1917/18 Lenin in der Rolle eines Chemikers, Physikers oder Biologen
gesehen, der mit dem sozialen Material der Gesellschaft ein mitleidloses Experiment
durchführte. 25 Worauf lief dieses Experiment aber hinaus? Jedenfalls auf die Vorstel-
lung einer weitgehenden Gleichschaltung oder Homogenisierung der gegebenen
Gesellschaft. Der Begriff des "Arbeiters" meint hier keineswegs, wie in den
Marxschen Kapitalanalysen, eine erworbene industrielle Kompetenz - sondern es ist
eine völlig "leerer" Begriff, der nicht zuletzt deshalb durch den antiken Begriff des
"Proletariers" weithin substituiert wurde. Die einheitliche Verwandlung der ganzen
Gesellschaft in abstrakte ,,Arbeiter" bedeutete ihre reale, wohl auch bewußte Atomi-
sierung, d.h. die Vernichtung aller historisch gewachsenen sozialen Schichtungen,
Verbindungen, Strukturen zugunsten einer synthetischen Neuformation von Gesell-
schaft.
Hier setzte in aller Konsequenz freilich erst der Stalinismus ein. Lenin hatte
zumindest noch eine Vorstellung (und insgeheime Wertschätzung) historisch erwor-
bener Fähigkeiten und beruflicher Kompetenzen - wenn auch sein reales Wirken

25 "Für Lenin ist die Arbeiterklasse dasselbe, was für den Metallurgen das Erz ist (... ) Er
arbeitet wie ein Chemiker im Labor. Während ein Chemiker aber totes Material benutzt
(... ), operiert Lenin mit lebenden Material." M. Gorkij, Unzeitgemäße Gedanken über
Kultur und Revolution, Frankfurt a.M. 1974, S. 98. Gorkij variierte diesen Gedanken
des "Experiments" in immer neuen Wendungen.
188 Gerd Komm

dem weithin widersprach und seine einzige konstruktive Tat der Aufbau des ideolo-
gisch-politisch gefestigten Staatskaders selbst war. Aber Lenin wußte zumindest, daß
pure Macht ohne sachliche Kompetenz fatal sein konnte. Deshalb die Neue Öko-
nomische Politik, deshalb die letzten Beschwörungen des halb gelähmten Mannes:
die bewußten Proletarier müßten bei den bürgerlichen Fachleuten, sogar bei den
ehemaligen Kapitalisten und Kaufleuten in die Lehre gehen, um selbst brauchbare
Beamte, Offiziere, Fabrik-Manager und (man höre) "kundige Händler" zu werden. 26
Unter Stalin kam die gesamte Gesellschaft in den großen Schmelztiegel, um etwas
völlig Neues aus diesem menschlichen Rohmaterial zu formen.
Worum ging es aber letzten Endes? Was war die Zielvorstellung? Sie lief jedenfalls
auf eine organizistische Vorstellung von Gesellschaft hinaus - in kosmischen Dimen-
sionen. Gorki hat in seiner ersten, sehr zwiespältigen Eloge auf Lenin 1920 folgendes
Bild der "Leninschen Zukunftswelt" entworfen - wobei er sich ausdrücklich auf
seine frühere Kritik an diesem Experiment zurückbezog: "Ich glaube immer noch,
wie vor zwei Jahren, daß für Lenin Rußland nur ein Versuchsfeld für ein Experiment
bildet, das in weltweitem planetarischem Maßstab begonnen wurde. Damals weckte
das Empörung in mir ... (Jetzt) bin ich zu der Ansicht gekommen, daß Rußland in
der Tat verurteilt ist, als Versuchsobjekt zu dienen ... Wie kann man sich Lenins
neue Welt ausmalen? Vor mir entfaltet sich ein großartiges Gemälde der Erde, durch
die Arbeit freier Menschen fein eingraviert in einen riesigen Smaragd. Überall sind
Gartenstädte, gigantische Gebäudeanlagen. Überall arbeiten die Naturkräfte, besiegt
und organisiert durch die menschliche Intelligenz. Und er, Lenin selbst, ist endlich
in Wirklichkeit der oberste Gebieter und Lenker des Elementaren und Sponta-
nen ... "27
Das war ganz explizit die archaisch utopische Vorstellung einer Neuschöpfung
oder Umschöpfung der Welt. Aber dafür genügte es von vornherein nicht, nur die
Eigentums- und Produktionsverhältnisse zu verändern. Man mußte auch die gesam-
ten, überkommenen Formen menschlicher Sozialisation ändern, bis in die private-
sten Lebensäußerungen hinein. Letzten Endes, und das wurde ja auch feierlich
proklamiert, mußte der Mensch selbst umgeschaffen, umgearbeitet, "neu geschöpft"
werden. Es mußte aus dem alten Adam ein "neuer Mensch" gemacht werden. Dieses
letztliehe politische, soziale und kulturelle Ziel der Schöpfung eines "neuen Men-
schen" war weder bloße Lyrik noch schierer Utopismus, sondern ein Stück beklem-
mender Gegenwartspraxis, ja, wie ich behaupten möchte, die tatsächliche Ratio des
ganzen Unternehmens - und sein eigentlicher Kern. Darin bestand der spezifische
"Totalitarismus" des Unternehmens. Und hierin sehe ich auch die wesentliche

26 Vgl. etwa Lenins letzte Schriften "Über das Genossenschaftswesen" und "Lieber weniger,
aber besser", in: WJ. Lenin, Ausgewählte Werke, Bd. IlI, S. 858 ff., S. 876 ff.
27 M. Gorkij, "Lenin", in: Kommunistische Internationale, H. 12/1920.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 189

Parallele zum Projekt des deutschen Nationalsozialismus - nicht im bloßen staatli-


chen Terrorismus, der selbst nur ein Minel war zu einem viel weitergreifenden
Zweck.
Das bolschewistische Projekt des "neuen Menschen" war zunächst nur eine
forcierte Erziehungsvorstellung, allerdings von Beginn an mit totalitären Implikatio-
nen. Denn was der "neue Mensch" sein sollte, wie er korrekterweise zu denken und
zu leben hatte, sogar wie er zu fühlen hane, das alles entsprang allein dem Kopf und
der Mentalität seiner Erzieher. Die frühen Sowjetjahre waren daher die Jahre der
großen Erziehungs-Experimente, der Kinderheim-Laboratorien, wobei eine gar
nicht geheimnisvolle Vorliebe für die Aufnahme und Erziehung von Waisenkindern
in diese staatlichen Einrichtungen zum Vorschein kam. Authentischer pädagogischer
Eros ging mit dem obersten Staatszweck dabei Hand in Hand. Allgemeiner gesagt,
handelte es sich um das Projekt einer massenhaften Formung, Produktion, Heran-
ziehung "neuer Menschen". Die Kategorie "neue" bzw. "alte Menschen" hatte dabei
eine unschuldig-brutale physische Unterbedeutung: "Neu" hieß (von Ausnahmen
abgesehen) auch jung, und "alt" hieß alt. Die "alten Menschen" waren zum großen
Teil für den Misthaufen der Geschichte bestimmt, den neuen, jungen Menschen
gehörte die Zukunft. Ein Kult der Jugendlichkeit und jugendlichen Unverbildetheit,
Formbarkeit, auch Rücksichtslosigkeit, Stärke, Vitalität usw. gehörte zur geistig-mo-
ralischen Grundausstattung des Bolschewismus von Anfang an. Es war die Vorstel-
lung eines politischen Machtordens, einer jungen Staatsklasse oder politischen
Klasse, "die Besten der kommenden Generation" auszuwählen und nach ihrem
Ebenbilde zu erziehen und zu erschaffen.
In Kategorien der politischen Ökonomie betrachtet, trug dieses sowjetische
System durchaus Charakteristiken einer universellen Staatssklaverei. Nur muß man
sich das weniger im antiken als im kolonialen Sinne vorstellen, also - wenn man
historische Präzedenzen sucht - eher nach dem Muster des Jesuitenstaates in Para-
guay oder der christlichen Ordensstaaten im Baltikum, die ja als erklärtes, höchstes
Gesellschaftsziel die Erziehung der alten Heiden zu neuen Christenmenschen auf
ihrer Fahne trugen, vor allem vermittels der Sozialisation und Assimilation der
Frauen und der Kinder. Sie selbst, die Mitglieder des Ordens, blieben natürlich stets
die "Partei Gottes" (um einen Begriff aus dem modernen islamischen Fundamenta-
lismus zu nehmen) oder der "Schwertbrüderorden" (um einen Begriff Stalins zu
zitieren), während die Masse der Kolonisierten ihre zugewiesenen Dienste zu leisten
hatte, von ihren heidnischen Riten auf monotheistische Kulte umgepolt wurde und
im übrigen "parteilos" blieb. Auch Analogien zur älteren russischen Geschichte
ließen sich finden: etwa zu der förmlichen, territorial fixierten Aufteilung der
Gesellschaft in "serntschina" und "opritschnina" zur Zeit des Iwan Grosny, die
ebenfalls Züge einer abgeschwächten, allgemeinen Staatssklaverei trug. Wenn schon,
190 Gerd Koenen

dann sind solche historischen Beispiele keineswegs zu weit gegriffen und zu kraß,
sondern im Gegenteil eher zu harmlos und zu kurz gegriffen.

Psychologie und Biologie als Sozialtechnologien

Unter den Führern der Bolschewiki gab es allerdings durchaus unterschiedliche


Theorien über die geeigneten Sozialtechnologien zur Erziehung, Konditionierung
oder Herauszüchtung der "neuen Menschen" und darüber, welche Eigenschaften
diese eigentlich besitzen sollten: Lenin hatte vielleicht noch die realistischsten, sogar
die maßvollsten Vorstellungen. Seine Konzeption der forcierten Aneignung bürger-
licher Kompetenzen durch den proletarischen Machtkader beschränkte sich auf die
Konstitution eines neuen städtisch-industriellen Gesellschaftskernes - als einer Insel,
eines festen Punktes im Meer oder vielmehr im Sumpf des kleinbürgerlichen
Bauerntums, des Handwerks und Kleinhandels. Dieser Sumpf sollte radikal trocken
gelegt werden. Vor allem die Bauern waren ein bloßes Objekt der Zurichtung, eine
menschliche Herde, getrieben von ihren "animalischen Besitzinstinkten", die man
deshalb mit Knüppel und Karotte antreiben und dirigieren mußte, um sie doch
irgendwie für das eigentliche sozialistische Aufbauwerk einzuspannen. Das war eine
Art Petrinismus in dritter Potenz.
Ansonsten waren Lenins Vorstellungen über den "neuen Menschen" oder die
"neue Gesellschaft" von furchterregender, feierlicher Naivität. Die Köchin, die den
Staat leitet, war dabei kaum mehr als eine demagogische Perle. In der Realität hat
sich Lenin um die Heranziehung von Köchinnen zu Staats geschäften niemals
gekümmert. All seine Sorge galt dem engeren Parteikader als der Vorform des "neuen
Menschen". Und dieser neue Kader-Mensch war puritanisch, durch und durch
politisiert, in höchstem Aktivismus begriffen, androgyn-kameradschaftlich, rück-
sichtslos, stark, stets bereit, zu lernen und nochmals zu lernen. In den kurzen
Momenten der Ruhe durfte er sich einer antiken Weihe des Erhabenen hinzugeben.
So wie Lenin selbst, der Gorki über seine erhabenen und beinahe sentimentalen
Gefühle beim Hören der ,,Appassionata" berichtete: " ... ich könnte sie jeden Tag
hören. Eine erstaunliche, nicht mehr menschliche Musik. Ich denke immer voller
Stolz, der vielleicht naiv ist: Was für Wunder können Menschen vollbringen!"28
Dieser Leninsche Kader von "neuen Menschen" sollte durchaus ein inter-natio-
naler Kader sein, wobei gewisse nationale Ingredienzen zur Aufbesserung der russi-
schen Grundsubstanz bevorzugt wurden: so etwa die deutsche (gern auch preußi-
sche) Ordnungsliebe, Disziplin, Korrektheit, technische Beschlagenheit plus etwas

28 M. Gorkij, "Wladimir Iljitsch Lenin", in: ders., Literarische Portraits, Berlin 1979 3 , S.
48.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 191

philosophischer Tiefe; gewürzt und verschärft mit einem kräftigen Schuß jüdischer
Beweglichkeit, Leidenschaftlichkeit und Verwendbarkeit. (Lenin war ein hochpro-
blematischer Philosemit. 29 ) Aber auch einige den Asiaten zugeschriebene Tugenden
konnten durchaus von Vorteil sein. Wenn bei Lenin eine gewisse Bewunderung für
Amerika existierte, dann weil er sich das Amerikanische gerade auch als ein mixtum
compositum vorstellte, wie es das neue Räte-Rußland bzw. die nach allen Seiten hin
offene "Union Sozialistischer Sowjetrepubliken" hätte werden sollen.
Alles in allem bewegte sich diese Vorstellung in den Bahnen eines auf das Soziale
gewandten darwinistischen Denkens - der Durchsetzung der ideologisch bestge-
schulten, willensstärksten und vitalsten Elemente, in und vermittels der Partei. Aber
das war, zumindest für die Partei selbst, noch ein autoritär-diskursives Modell des
ständigen, bewegten Kampfes um die richtige Linie. Was die breiten Massen anging,
ist von Lenin berichtet worden, daß er sich in Gesprächen mit Pawlow (dem
Entdecker des "bedingten Reflexes") 1918/19 über die Möglichkeiten informiert
hat, das Verhalten der Menschen in rationeller Weise zu konditionieren. 3D
Trotzki war in seinen Vorstellungen über den "neuen Menschen" sehr viel
ingeniöser als Lenin, wobei er sich nicht zuletzt für die Möglichkeit interessiert hat,
durch Anwendung neu ester psycho-analytischer Erkenntnisse und Techniken die
Möglichkeiten der menschlichen Erziehung und Selbsterziehung gewaltig zu stei-
gern. 31 Es gibt in diesem Zusammenhang nachgerade irrwitzige Höhenflüge seiner

29 Siehe dazu G. Koenen, "Mythus des 21. Jahrhunderts? Vom russischen zum Sowjet-An-
tisemitismus - ein historischer Abriß", in: G. Koenen/K. Hielscher, Die schwarze Front.
Der neue Antisemitismus in der Sowjetunion, Reinbek 1991, S. 131 ff. Materialreicher:
M. Vetter, Antisemiten und Bolschewiki. Zum Verhältnis von Sowjetsystem und Juden-
feindschaft 1917-1939, Berlin 1995, S. 79 ff.
30 Der Arzt, Sozialrevolutionär und Kommissar unter Kerenskij, Boris Sokolov, berichtet
über ein Treffen zwischen Lenin und Pavlov im Oktober 1919, dessen Protokoll er vor
seiner Abreise aus Rußland zu lesen bekommen habe. Lenin habe sich dabei als Adept
Secenovs herausgestellt, dessen Buch über "Gehirn-Reflexe" bereits 1863 unter der
russischen Intelligencija für Furore gesorgt hatte. Pavlov, der sich als Fortsetzer, aber
auch Überwinder Secenovs sah, habe ihm sein Konzept des "Neurismus" erläutert.
Danach spielten "bedingte" (durch Erfahrung und Gewohnheit erworbene, sozial kon-
ditionierte) Reflexe eine größere Rolle als etwas angeborene Instinktreaktionen oder
indidividuelle Dispositionen. Dies sei auch der Hauptgegensatz zu westlichen Theorien,
die individuelle Charakteristik und Prägung betonten. Lenin, der durchaus wußte, daß
Pavlov ein erklärter Antibolschewik war, habe den "Materialismus" seiner Forschungen
gelobt und dafür gesorgt, daß Pavlovs Laboratorium mit allen nötigen Mitteln ausge-
stattet und zu einer "Oase" wurde, in der ungestört geforscht werden konnte - wie es
auch die ganze Stalin-Ära hindurch der Fall war. Vgl. B. Sokoloff, The White Nights.
Pages from a Russian Doctors Notebook, New York 1956, S. 67 ff.
31 Vgl. A. hkind, Eros nevozmoznogo. Istorija psichoanaliza v Rossii, Sankt Petersburg
1993, S. 282 ff.
192 Gerd Kaenen

Ideen - vor allem in seinen gesammelten Schriften über "Literatur und Revolution",
in denen es etwa heißt: "Der Mensch, der es gelernt hat, Flüsse und Berge zu
versetzen und Volkspaläste auf den Gipfel des Montblanc oder auf dem Meeresgrund
des Atlantischen Ozeans zu bauen, wird seinem Alltag natürlich nicht nur Reichtum,
Farbigkeit und Spannung verleihen, sondern auch höchste Dynamik ... Der Mensch
wird endlich daran gehen, sich selbst zu harmonisieren. Er wird es sich zur Aufgabe
machen, der Bewegung seiner eigenen Organe - bei der Arbeit, beim Gehen oder
im Spiel - höchste Klarheit, Zweckmäßigkeit, Wirtschaftlichkeit und damit Schön-
heit zu verleihen. Er wird den Willen verspüren, die halbbewußten und später auch
die unterbewußten Prozesse im eigenen Organismus: Atmung, Blutkreislauf, Ver-
dauung und Befruchtung zu meistern ... Das Leben, selbst das rein physiologische,
wird zu einem kollektiv-experimentellen werden. Das Menschengeschlecht, der
erstarrte homo sapiens, wird erneut radikal umgearbeitet und - unter seinen eigenen
Händen - zum Objekt kompliziertester Methoden der künstlichen Auslese und des
psychologischen Trainings werden ... Im tiefsten und finstersten Winkel des Unbe-
wußten, Elementaren und Untergründigen hat sich die Natur des Menschen selbst
verborgen. Ist es denn nicht klar, daß die größten Anstrengungen des forschenden
Gedankens und der schöpferischen Initiative darauf gerichtet sein werden? Das
Menschengeschlecht wird doch nicht darum aufhören, vor Gott, den Kaisern und
dem Kapital auf allen Vieren zu kriechen, um vor den finsteren Vererbungsgesetzen
und dem Gesetz der blinden Geschlechtsauslese demütig zu kapitulieren! ... Der
Mensch wird sich zum Ziel setzen, seiner eigenen Gefühle Herr zu werden, seine
Instinkte auf die Höhe des Bewußtseins zu heben, sie durchsichtig klar zu machen,
mit seinem Willen bis in die letzten Tiefen seines Unbewußten vorzudringen und
sich so auf eine Stufe zu erheben - einen höheren gesellschaftlich-biologischen
Typus, und wenn man will- den Übermenschen zu schaffen."32
Trotzkis Ideen waren in der Tat ein "nietzscheanischer Marxismus" in Reinkultur,
freilich mehr im Geiste von Frau Förster-Nietzsche. Es war kein Zufall, daß gerade
Trotzki das Urheberrecht für die Bezeichnung Lenins als "Genie" beanspruchte und
ihn ex cathedra als den Nachfolger Marxens und zugleich als den Realisator seiner
Lehre (im Sinne von These und Anti-These) kanonisierte. Sich selbst aber betrach-
tete er, wie er in seiner Autobiographie "Mein Leben" preisgab, als den einzigen
Kon-Genius Lenins im Kreise der Bolschewiki, in Grunde aber schon als eine neue,
höhere Synthese aus Marx und Lenin. 33 Kurzum, in der Figur Trotzkis (der von sich
gerne in der dritten Person sprach), dem Theoretiker des Marxismus, Staatsführer,
Wirtschaftsplaner, Feldherrn, Literaten, Psychologen und universellen Geist, hatte
die menschliche Bildung und Entwicklung ihre vorläufige Höchstgestalt erreicht.

32 L. Trotzkij, Literatur und Revolution, München 1972, S. 211 ff.


33 Vgl. L. Trotzki, Mein Leben. Versuch einer Autobiographie, Frankfurt 1981, S. 439.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 193

Aber ringsum sei die gesamte Landschaft des menschlichen Geistes in lebhafter
Auffaltungs-Bewegung: "Der durchschnittliche Menschentyp wird sich zum Niveau
des AristoteIes, Goethe und Marx erheben. Und über dieser Gebirgskette werden
neue Gipfel aufragen. "34
Im Stalinismus ging es weniger elitär zu. Zwar galt auch hier die Maxime: "Die
Kader entscheiden alles." Aber es ging stets um die planmäßige Zurichtung der
Gesellschaft im ganzen, und damit auch des Kaderstammes im ganzen. Als Krone
der Schöpfung thronte über allem unangefochten und unhinterfragbar Stalin selbst.
Die ihm und dem Kreise seiner engsten "Kampfgenossen" (soratniki) kultisch
zugeschriebenen Epitheta beschrieben in ihrer Summe die Eigenschaften, die den
"neuen Menschen" letztlich ausmachen würden - aber eben als ein Kollektivkörper,
nicht als Individuum. Da die Gesetze der gesellschaftlichen und menschlichen
Entwicklung in der Konzeption des stalinistischen "Histomat" einen fast naturge-
setzlichen Charakter trugen, ließ die sowjetische Wissenschaft nichts aus, um die
Methoden der Produktion "Stalinscher Menschen" ihrerseits naturwissenschaftlich,
auch physiologisch-biologisch, zu untermauern. Das Ziel der Erziehung ging un-
merklich in das der Züchtung über.
Die Geschichte von "Lenins Hirn" (die in dem Roman von Tilman Spengler
leider teutonozentrisch verschenkt worden ist35 ) hatte in der Realität eine Pointe von
tiefer Bedeutung. Die Erforschung der Genialität Lenins, die man in seinen Gehirn-
strukturen "materialistisch" dingfest machen wollte, wurde bekanntlich unmittelbar
nach seinem Tode 1924 der obskuren Kapazität des deutschen Hirnforschers Oskar
Vogt übertragen. Dieser kam nach der Zerlegung des (in Wahrheit auf ein Viertel
seiner eigentlichen Größe geschrumpften, vollständig sklerotisch deformierten) Le-
nin-Hirns schon 1926 zu dem vorläufigen Resultat, "daß sich Lenin durch eine
besondere Willensstärke und durch die ganze Art seines Denkens von anderen
Menschen unterschieden" habe. Das physiologische Substrat der Originalität,
Schnelligkeit und Willensstärke des Leninschen Denkens fand Vogt in den "auffällig
große(n) Pyramidenzellen in der Hirnrinde", und zwar in der dritten Schicht. 36
Quod erat demonstrandum.
Damit war die Geschichte der Erforschung von "Lenins Hirn" aber längst nicht
zu Ende. 1936 legte die "Kommission zur Erforschung der Genialität des Genossen
Lenin" (so hieß sie tatsächlich) dem Politbüro in Gestalt des Genossen Stalin

34 Trotzkij, Literatur und Revolution, S. 213.


35 Spenglers Roman "Lenins Hirn", Reinbek 1991, lenkt den Focus ironischer Aufmerk-
samkeit vor allem auf die illustre Figur des deutschen Professors Vogt, der an die Spitze
der Kommission zur Untersuchung von Lenins Genialität berufen wurde. Die Motive
der sowjetischen Seite bleiben dagegen nahezu ausgespart.
36 Zit. a. W. Spielmeyer, Handbuch der Geisteserkrankungen, Siebenter Teil, Die Anaromie
der Psychosen, Berlin 1930, S. 23.
194 Gerd Koenen

persönlich ihren Abschlußbericht vor. Sie hatte inzwischen zu vergleichenden


Zwecken eine stolze Anzahl weiterer "genialer" Gehirne eingesammelt und nach der
Methode Vogt in mikroskopische Scheibchen geschnitten und ausgewertet - so zum
Beispiel die Gehirne Majakowskis, Lunatscharskis, Bogdanows, Mitschurins, Po-
krowskis, Pawlows, aber auch die Klara Zetkins oder Henri Barbusses. Gemäß den
als Ausweis der Genialität festgestellten Merkmalen (neben den vergrößerten Pyra-
midenzellen auch Dicke der Zwischenhirn-Schichten oder Anzahl der Hirnfurchen)
erhielten die Teilnehmer dieses posthumen Wettbewerbes gewissermaßen einen
jeweiligen Genialitäts-Quotienten zugeteilt, natürlich stets im Vergleich zu Lenin,
der in allen Disziplinen weit führte.37
Das klingt wie eine launige Episode. Aber wozu veranstaltete das Zentralkomitee
der KPdSU ein derart obskurantes Unternehmen? Es stand jedenfalls auf eine Weise,
die noch aufzuklären wäre, in Zusammenhang mit dem höchsten Staatsziel, der
Produktion eines "neuen Menschen".38 Dies führt auf die zweite, weitaus gewichti-
gere Entwicklung der sowjetischen Naturwissenschaften in der Phase des reifen
Stalinismus: diejenige, die mit dem Namen Lysenko verbunden ist und sich um das
Verhältnis von Umwelt (sprich: gesellschaftlich formbaren Bedingungen) und Ver-
erbung drehte. Über den höchst unwissenschaftlichen, obskuranten Charakter dieser
vermeintlichen geistigen Verirrung ist schon viel Kluges geschrieben worden. 39
Dennoch ist die letztliche Pointe dieser Geschichte bisher im Unklaren geblieben.
Gewiß waren Lysenkos Theorien über die "Erziehung" der Pflanzen und die unmit-
telbare Überführung "erworbener Eigenschaften" in deren Erbgut Ausfluß eines
universellen Machbarkeitswahnes und einer spezifisch sowjetischen "Wissenschafts-
magie" (Beyrau). Sie beruhten auf einer Reihe praktischer Erfahrungen des Autodi-
dakten Lysenko (über deren Erfolg oder Mißerfolg die Meinungen auseinanderge-
hen); und ihre Hegemonie endete wohl nicht zuletzt mit dem Fehlschlag von Stalins

37 "Matetial 'no obosnovat' genialnost' Lenina". Dossier über die Arbeiten der "Kommission
zur Erforschung der Genialität des Genossen Lenin", in: Istocnik, H. 1, 1994, S. 83 ff.
38 Die Tatsache, daß diese Art der Hirnforschung in der Folge sang- und klanglos fallen-
gelassen wurde (weshalb der Bericht von 1936 auch Geheimsache blieb und in den
späteren Fassungen der Großen Sowjet-Enzyklopädie nach dem 2. Weltkrieg kein Wort
mehr darüber zu finden ist), könnte freilich auch der Tatsache zuzuschreiben sein, daß
die Genialitätsforschung dieses Stils mehr noch ein spätes Produkt des Leninschen und
Trotzkischen Denksansatzes war als des Stalinschen, der ganz auf die Beeinflussung der
sozialen "Umweltbedingungen" a la Lysenko hinausging. Nach seinem Tode gab es
offenbar keine entsprechenden Untersuchungen an "Stalins Hirn".
39 Vgl. etwa: G.A. Wetter, Philosophie und Naturwissenschaft in der Sowjetunion, Reinbek
1958, S. 80 ff.; Sh.A. Medwedjew, Der Fall Lyssenko. Eine Wissenschaft kapituliert,
München 19744; D. Lecourt, Proletarische Wissenschaft? Der "Fall Lyssenko" und der
Lyssenkismus, Hamburg 1976; D. Beyrau, Intelligenz und Dissens. Die russischen
Bildungsschichten in der Sowjetunion 1917-1985, S. 102 ff.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 195

"Großem Plan zur Umgestaltung der Natur". Es ging aber nicht nur um Pflanzen-
zucht, um noch so phantastische Vorstellungen über eine sowjetische Agrarwissen-
schaft, die alle Ernährungsprobleme wie von Zauberhand lösen und das "Goldene
Zeitalter" herbeischaffen sollte. (Davon war in Lysenkos Referat "Über die Lage der
biologischen Wissenschaften" 1948 wortwörtlich die Rede.)
Auf den eigentlichen Zuspitzungspunkten, die zugleich mit einer Verschärfung
des Terrors und der "Säuberung" von Staat, Partei und Gesellschaft hinausliefen,
ging es um eine exemplarische Anwendung der Stalinschen Weltanschauung selbst.
Und hier war klar, daß die Vererbungslehren Lysenkos - wie die Mendels - das
Geheimnis der Vererbung überhaupt enthüllen und in ein allgemein handhabbares
Verfahren der Züchtung überführen sollten. 4o Man kann es jedoch von vornherein
auch andersherum sehen: daß die schon erprobten Stalinschen Praktiken der Züch-
tung von "neuen Menschen" hier ihren naturwissenschaftlichen Nachweis erhalten
sollten. Stalin wurde in seinen späten Jahren immer häufiger als der "große Gärtner"
beschrieben, der das menschliche Unkraut ausrupfte und die Fähigsten, Treuesten,
ideologisch Gefestigtsten aus der Jugend und der sozialen Rohmasse zu sich erhob,
"Stalinsche Menschen" aus ihnen machte. 41
Die ganze Lysenko-Geschichte ist sicherlich kompliziert. Es ist wahr, daß die
theoretischen Formulierungsversuche in diesem wie in allen früheren Fällen (z.B.
was die erwähnte Genialitäts-Forschung anging) niemals konsequent waren, sondern
äußerst bruchstückhaft. Die Materie setzte solchen Obskurantismen eben einen
zähen Widerstand entgegen; und so taten es - im Fall des Lysenkoismus sogar mit
erstaunlicher Kühnheit - die Wissenschaftler. 42 Und Stalin selbst war ja in all seiner
Vorliebe für die Aufstellung eherner Gesetzmäßigkeiten stets ein großer Ekklektiker,
der von heute auf morgen umstoßen konnte, was er gestern noch gefördert oder
vertreten hatte.
Dennoch ist klar, daß es kein Zufall und von einer potentiell weittragenden
Bedeutung war, daß die letzten ideologischen Ausformungen der Stalinismus sich
um die Fragen der "Vererbung" (der Steuerbarkeit von Vererbung) drehten, das
heißt, um die Frage, inwieweit die gesellschaftlichen Prägungen direkt ins Erbgut
überführt werden könnten.

40 Nicht zuletzt aus diesem Grunde und in diesem Sinne hatte Stalin das entscheidende
Referat Lysenkos 1948 eigenhändig redigiert. Vgl. Medwedjew, Der Fall Lyssenko, S.
128.
41 Exemplarisch hierfür war hier zum Beispiel P. Pavlenkos Roman "Das Glück" (dt. Fassung
Leipzig, München 1949).
42 Hierzu insbesondere Beyrau, Intelligenz und Dissens.
196 Gt:rd Komm

Der Gesellschaftsentwurf der Nationalsozialisten

Was läßt sich in groben Zügen über den Gesellschaftsentwurf der deutschen Natio-
nalsozialisten sagen? Das tief pessimistische Geschichtsbild, das sie vertraten, wurde
virulent durch die Niederlage im Weltkrieg und das nachfolgende Versailler Frie-
densdiktatj wozu als drittes Element die Eindrücke der Revolution in Rußland
hinzutraten. Wer immer jetzt ernstlich eine Politik der Wiederaufrichtung Deutsch-
lands als Großmacht betreiben wollte, für den mußte dreierlei klar sein:
Erstens, daß es nicht einfach um eine Revanche im französischen Sinne dieses
Wortes gehen konnte, sondern daß es, wenn schon, unter Ausnutzung der neuen,
großen Weltteilungen um einen "Griff nach der Weltmacht" im vollsten Begriff
dieses Wortes gehen mußte - nicht mehr bloß um einen "Platz an der Sonne", wie
unter Kaiser Wilhe1m. Zweitens machten gerade die Bedingungen des Versailler
Friedens und seiner Ausgestaltung klar, daß auf der Seite der westlichen Siegermäch-
te ganz neuartige, moderne Faktoren einer Hegemonie ins Spiel kamen - Faktoren
der Weltmarkt-Ökonomie und einer modernen Massenkultur. Die Weimarer Repu-
blik unterlag bereits (wie die Bonner Republik Jahrzehnte später) einem massiven
kulturellen und sozialökonomischen Sog von Westen. Sie stand objektiv vor der
Alternative, entweder - und zwar gerade mit dem Mittel der Reparationen - sich
tief in die Weltwirtschaft zu integrieren, mit allen Folgen für die Kultur, die
Lebensstile uSW.j oder aber sich mit brachialen Mitteln aus dieser freund-feindlichen
Umklammerung herauszulösen. Drittens war immer klar, daß für einen solchen
Ausbruch das Verhältnis zu Sowjetrußland positiv oder negativ entscheidend sein
würde. Die entstehende Sowjetunion konnte man in Deutschland nicht ignorieren,
zumal sie die Gemüter enorm beschäftigte.
Eine sehr starke, aber auch sehr heterogene Strömung in der deutschen Politik
und Publizistik sah in Rußland im Grunde ein direktes oder indirektes Vorbild für
Deutschland - wie man sich nämlich mit den Mitteln politischer Massenmobilisie-
rung, staatlich gelenkter Wirtschaft, Kontrolle aller äußeren Verbindungen und einer
proletarisch-spartanischen Homogenisierung des Volkskörpers aus dem "Versailler
Weltsystem" herausbrechen und eine Gegenmacht-Position aufbauen konnte. Na-
türlich sollte das in Deutschland auf "deutsche Weise" geschehen, also, wie man
hoffte, sehr viel konstruktiver, korporativer und kulturvoller. Aber: ein Vorbild war
dieses Sowjetrußland doch auf seine Weise, und im übrigen ein natürlicher Verbün-
deter. So wie die Bolschewiki selbst, sahen auch die Anhänger einer "deutschen
Revolution" eine politisch-wirtschaftlich-militärische Achse zwischen Deutschland
und Rußland als einzig realistische und quasi naturgegebene Kombination zur
Brechung der westlichen Welthegemonie und "Zinsknechtschaft". Diese Vertreter
einer entschlossenen "Ostorientierung" waren auf allen Seiten des politischen Spek-
trums zu finden, nicht zuletzt auch unter den entschiedensten Bürgerkriegs-Gegnern
Bolschewismus und Nationalsozialismus 197

der deutschen Kommunisten, bei den Freikorps, in der Reichswehr, im weiten


Spektrum völkisch-nationalrevolutionärer Gruppen, einschließlich einer Majorität
der frühen Nationalsozialisten.
Eine mittlere Gruppierung sah in einer Politik der begrenzten Anlehnung an bzw.
Rückendeckung durch Sowjetrußland einen wesentlichen, aber alleine nicht tragfä-
higen Hebel für einen deutschen Wiederaufstieg. Das war die Mehrheitsströmung
in der deutschen Politik, wie sie mit dem Vertrag von Rappallo zutage trat. Wenn
Vorstellungen einer engeren, vor allem wirtschaftlichen Kooperation und Partner-
schaft immer wieder frustriert wurden, dann lag das vor allem auch an den Unge-
reimtheiten der sowjetischen Politik in dieser Phase.
Schließlich gab es durch die zwanziger Jahre hindurch eine marginale Denkrich-
tung, die in Sowjetrußland das prädestinierte Objekt für die Errichtung eines neuen
deutschen Weltreiches sah. Während Leute wie Hugenberg, Rohrbach oder Luden-
dorff dabei noch eher traditionell in Kategorien des Losbrechens westlicher nicht-
russischer Teile von der neuen Sowjetunion dachten, insbesondere der Ukraine, also
in Kategorien der weit nach Osten ausgreifenden Mitteleuropa-Konzeption der
Weltkriegs-Zeit, war Hitler mit seinen Konzeptionen einer zentral auf Rußland
zielenden "Ostraum"-Politik noch ein völlig verwegener Einzelgänger. Meines Wis-
sens gab es vor 1933 kaum eine ernstliche Diskussion über seine außenpolitische
Konzeption, außer in der NS-Partei selbst. Hitlers Plan eines "neuen Germanenzu-
ges" gen Osten, der die Sowjetunion als "Koloß auf tönernden Füßen" stürzen und
zerschlagen sollte, erschien damals etwa so futuristisch wie Shirinowskis "Sprung
nach Süden", an dessen siegreichem Ausgange die russischen Soldaten ihre Stiefel
im Indischen Ozean waschen.
Tatsächlich kam bei Hitler aber ein ganz anderes Element hinein, das alle diese
Strategeme zusammenband und dynamisierte. Dies war sein fast metaphysischer, im
äußersten Maße ideologisierter und politisierter Antisemitismus. Es fällt angesichts
des wahnhaften Charakters schwer, über die durchaus rationellen und funktionalen
Elemente dieses Antisemitismus zu sprechen. Aber: War es auch Wahnsinn - es hatte
nicht nur Methode, sondern auch eine historisch-politische Ratio oder zumindest
Logik für sich. Zunächst: Worin lag denn so sehr der Unterschied zu anderen
Dämonologien, mit denen man versuchte, in einer katastrophisch empfundenen
Welt seine Feinde zu benennen? Eine antisemitisch geprägte Weitsicht konnte für
den gemeinen Menschenverstand sogar plausibler sein als alle triftigen und ernsthaf-
ten, geschweige denn wissenschaftlichen Erklärungen - aber plausibler auch als eine
auf das Paradigma des Klassenkampfes gebaute Dämonologie der Welt. In Deutsch-
land nach dem Weltkrieg war es jedenfalls ein naheliegender Gedanke, sich für
diesen beispiellosen Absturz und Weltumsturz einen Urheber zu denken. (Man
könnte das vertiefen: Geld und Information erschienen nun als abstrakte Mächte
der modernen Weltbeherrschung; Hunger und Gas als die neuesten Mittel der
198 Gerd Koenen

Unterjochung und Vernichtung, die in Hitlers Reden über die Weltkriegserfahrung


obsessioneIl auftauchten ... )
Die Vorteile einer solchen Weltsicht waren aber vor allem auch psychischer und
praktischer Art. Der politische und ideologische Antisemitismus Hitlers war zum
Beispiel sehr gut geeignet, einige volkstümliche Vorstellungen und Ängste sowohl
über die "Wall Street" wie über die "jüdischen Kommissare" in Sowjetrußland zu
bündeln, d.h. die virulenten anti-westlichen Affekte in der deutschen Öffentlichkeit
mit einem militanten anti-bolschewistischen Pathos zu kombinieren. Das ergab
einige sehr schlagkräftige demagogische Parolen. Es bedeutete auch, daß man den
äußeren Feind als inneren Feind identifizieren und bekämpfen konnte - und daß
man die "Volksgemeinschaft" zusammenschließen, von Versagen freisprechen, psy-
chisch entlasten und praktisch unangetastet lassen konnte. Wenn es Lenins Devise
war, den imperialistischen Weltkrieg in einen Bürgerkrieg zu überführen, dann die
Devise Hitlers, den inneren Bürgerkrieg zu beenden, um einen neuen, definitiven
Griff nach der Weltmacht zu wagen. Die Fahne des Krieges gegen Weltfinanzimpe-
rialismus und Weltbolschewismus, die die deutschen Nationalsozialisten erhoben,
sicherte ihnen im übrigen ein weites Feld potentieller Bündnisse in und außerhalb
Europas. Der zweite Weltkrieg hatte zwar das Deutsche Reich als Kern und Urheber.
Aber er war darüber hinaus ein Krieg zweier großer Weltkoalitionen, auch auf der
Seite der sogenannten "faschistischen Mächte", die nicht nur mit Japan verbündet
waren, sondern mit einer ganzen Palette von antikolonialen Bewegungen und
Umsturzparteien in allen Ländern zusammen spielten.
Im übrigen überschritt der Titel des "Ariertums" oder der "weißen Rasse" den
Rahmen eines bloßen großdeutschen Unternehmens. Das waren zwar obskure
ideologische Begriffe; aber man unterschätzt im allgemeinen, welche Bandbreite
flexibler Taktiken und Bündnisstrategien sich auch damit eröffneten. Es gab zwi-
schen 1936 und 1942 Zeiten, wo verständige Zeitgenossen durchaus befürchten
mußten, daß diese - objektiv irrsinnige - Rechnung Hitlers tatsächlich aufgehen
könnte. Die Neukonstitution eines "arischen Herrenvolkes" als dem Rückgrat eines
Indo-Germanien von der Biskaya bis nach Indien, das sich auf eine diffizil abgestufte
Hierarchie von Vassallen-, Hilfs- und Helotenvölkern stützte, war für Teile der
Eliten, aber auch für aufstiegsorientierte junge Leute vieler Länder eine reale Utopie.
Freilich, daß in diesem System ideologischer und praktisch-strategischer Orientie-
rungen die absolute Feinderklärung an die Juden aller Länder nicht bei Diskrimi-
nierungen, Vertreibungen und Akten selektiven Terrors Halt machte, sondern daß
sie in den beispiellosen und "konsequenten" Versuch mündete, die Juden Europas
und (wenn es möglich wäre) der ganzen Welt physisch zu vernichten - erscheint als
schierer politischer Wahn und ist es auch. Und doch: auch in diesem Falle hatte der
Wahn eine Ratio, gab es einen hellsichtig verfolgten Zweck, wie er so mancher
Bolschewismus und Nationalsozialismus 199

wahnhaften Handlung mehr oder weniger bewußt zugrunde liegt. Dieser Zweck war,
scheint mir, die Bindung der Volksgenossen wie der Verbündeten im Verbrechen.
Der Judenmord war nur die äußerste Zuspitzung und Konsequenz einer Kriegs-
führung, in der zivile Massenverbrechen jeglicher Art zum Prinzip erhoben wurden.
Die Ratio dessen war die des totalen Krieges, in dem es kein Zurück, sondern nur
einen totalen Sieg oder eine totale Niederlage gab; in dem eine totale Anspannung
aller Kräfte das Gebot für jeden war, der nicht mitgefangen und mitgehangen werden
wollte. Dieser Krieg konnte deshalb auch kaum anders als mit der Einnahme des
Reichstages und Führerbunkers und dem Selbstmord des Führers beendet werden.
Auch der Nationalsozialismus war ein Versuch der Neu- und Höherzüchtung
einer - im Feuer des totalen Krieges geformten - Herrenrasse, der freilich viel
exklusiver war als das Experiment der Bolschewiki. Das macht den primitiveren und
barbarischeren Charakter dieses Projektes aus. Es war ja ein Versuch der Rebarbari-
sietung hoch kulturierter Gesellschaften, der Wiederanzüchtung "gesunder", "raub-
tierhafter" Instinkte und Reflexe. Aber darin lag zugleich, wie noch zu zeigen ist,
seine Schranke.

Zur Singularität des Judenmordes -


und der bolschewistischen Massenverbrechen

Wenn man unter Genozid die Auslöschung einer menschlichen gens, einer Gattung,
eines Volkes als historischer Größe versteht, dann war der Mord an den europäischen
Juden keineswegs singulär. Der Massenmord an den Armeniern war ein genozidaler
Akt. Der jüngste Versuch, die für nicht lebensfähig erklärte Gattung der Bosnier von
der politischen Landkarte zu löschen, ist ein unter unseren Augen vor sich gehender
Versuch eines erneuten Genozids.
Singulär war der Judenmord deshalb, weil er den radikalsten Versuch eines
Genozids darstellte, der jemals unternommen worden ist. Es war der Versuch, mit
den Mitteln quasi-wissenschaftlicher, rassenbiologischer Argumente plus den Mit-
teln einer modernen Bürokratie plus den technischen Möglichkeiten einer Massen-
tötung von Menschen so etwas wie einen perfekten, lückenlos vollzogenen Genozid
zu vollbringen. Dieses Unternehmen steht in der Geschichte der Menschheit einzig
dar. Es war ein Extrem, ein Äußerstes in der Dehumanisierung menschlicher
Gesellschaft überhaupt. Und es wird als ein solches äußerstes Extrem auch im
Gedächnis aufbewahrt bleiben. In seinen authentischen Überlieferungen und künst-
lerischen Gestaltungen ist der "Holocaust" oder die "Shoa" zu einem Teil der
menschheitlichen Erfahrungen geworden.
Man nimmt von dieser Bewertung nicht ein Gran weg oder zurück, wenn man
feststellt, daß die schon unter Lenin, Trotzki und Dzieriynski eingeführten Praktiken
200 Gerd Koenen

der massenweisen "Liquidierung" von Menschen und sozialen Gruppen, die unter
Stalin einen nie dagewesenen, monströsen Umfang annahmen, auf ihre Weise
singulär, das heißt, ohne historische Präzendenz gewesen sind. Selbst wenn man
anähme, daß der größere Teil dieser menschenvernichtenden Aktionen nicht die
physische Vernichtung als solche zum Ziel hatte, sondern sie nur billigend in Kauf
nahm, so ändert das wenig an dieser Bewertung. Wer da zu Millionen in den Tod
getrieben wurde, der sollte auch aus der Gesellschaft hinaus "gesäubert" werden.
Wie prekär die Unterscheidung zwischen einem Arbeitslager und einem Todes-
lager sein konnte, hat der überlebende Häftling Lew Rasgon in seinen Memoiren 43
mit außerordentlicher Präzision am Beispiel jenes Straflagers in der Taiga beschrie-
ben, in das er selbst 1938 eingeliefert wurde. Gerade weil der Kommandant dieses
Lagers kein Unmensch war, sondern nichts als ein eifriger Dummkopf, und Rasgon
ihn sogar mit einem Rest von Sympathie beschreibt, tritt das Gulag-System der
Menschenvernichtung in seiner ganzen furchtbaren Banalität und Wirksamkeit
hervor: "Saliwa '" war kein Dieb wie die Mehrheit der anderen Natschalniks; er war
kein Despot - er hielt sich streng an die Instruktionen; er war kein Sadist - mit
traurigem Bedauern folgten seine Blicke den Schlitten, auf denen man bei vierzig
Grad Frost die gefesselten, völlig nackten Befehlsverweigerer zur Strafarbeit wegfuhr.
Er hatte eher etwas ukrainisch Gutmütiges an sich ... Saliwa war stets bestrebt, das
zu tun, was die Obrigkeit von ihm verlangte. Sie verlangte, daß er soviel ,Seki'
(Häftlinge, G.K.) wie möglich aufnahm, und er empfing widerspruchslos eine
Kolonne nach der anderen, ohne sich wie einige andere mit dem Mangel an
Baracken, Zelten, Kleidung, Werkzeug, Verpflegung herauszureden ... Die Plätze
wurden bei Saliwa schnell frei. Unsere Moskauer Kolonne zählte, als sie Ende August
1938 im Ersten Lagpunkt eintraf, 517 Mann. Im Frühjahr 1939 waren von uns
Moskauern noch 27 übrig. 20 bis 30 Mann waren in andere Lagpunkte zu Arbeiten
in Spezialberufen umgeleitet worden, die übrigen waren gestorben. Gleich im ersten
Winter ... Der naive und gutmütige Saliwa brachte vor meinen Augen innerhalb
eines Winters an die anderthalbtausend Menschen um. Vielleicht auch mehr."44
Dieses Lager war nur eine kleine Insel unter Hunderten oder Tausenden im
gesamten "Archipel GULag". Und die Rede ist nur von dem einen Winter 1938/39.

Parameter des Vergleichs

Im wahnhaften Ziel der Säuberung und Homogenisierung der jeweiligen Gesell-


schaft durch die faktische, letztlich physische Eliminierung aller für schädlich, krank,

43 L. Rasgon, Nichts als die reine Wahrheit. Erinnerungen. Berlin 1993.


44 Ebd., S. 201 ff.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 201

parasitär usw. erklärten Menschentypen und Menschengruppen erscheint die zwei-


fache, jeweilige Singularität des Stalinismus/Bolschewismus und des Nationalsozia-
lismus in ihrer Parallelität und zugleich ihrer jeweiligen Spezifik.
Die nationalsozialistische Idee und Praxis ist eine der Aussonderung, der Selek-
tion. Sie geht von der prinzipiellen Gesundheit und Einheitlichkeit des Volkskörpers
aus - wenn nur die "artfremden" oder "degenerierten" und "kranken" Elemente
abgestoßen werden. Die eugenischen oder rassenbiologischen Grenzlinien, die dabei
gezogen wurden, waren so absurd wie schroff; aber sie waren auch restriktiv. Der
nationalsozialistische Terror überstieg gegenüber den Volksgenossen kaum das Maß
einer extrem harten Diktatur. Selbst der totalitäre Charakter im Sinne einer totalen
Machtausübung ist fraglich. 1938 gab es in Nazi-Deutschland wohl kaum mehr als
einige zehntausend politische, soziale oder rassische Häftlinge, und das schon in
einem sehr weiten Sinne. Die entsprechenden sowjetischen Ziffern unterschieden
sich davon um eine ganze Dimension.
Aber was besagt das? Eben nur das, daß die "Volksgemeinschaft" in Hitler-
Deutschland in gewissem Maße Realität war. Das deutsche Volk in seiner Mehrheit
mußte man nicht totalitär unterdrücken, um es erst einmal gleichzuschalten. Frei-
lich, welche Steigerungen dieser innere Totalitärismus noch angenommen hätte,
wenn der Nationalsozialismus länger sich hätte entfalten können, ist eine andere
Frage. In der geschichtlichen Realität jedenfalls konzentrierte sich der nationalsozia-
listische Totalitarismus in seiner eigentlichen, vernichtenden Wucht gegen die zu
Fremden, Andersrassigen und Untermenschen erklärten Bürger, im wesentlichen
Juden, Zigeuner, Krüppel oder Geisteskranke - und dann gegen die Objekte der
äußeren Aggressionen des deutschen Reiches; dies freilich in sorgsam abgestimmter
und abgestufter Weise.
Die sowjetische, zumal dann die stalinistische Vorstellung der "Säuberung" und
Homogenisierung der Gesellschaft ist quantitativ und qualitativ viel weiter gespannt.
Der Totalitarismus gewinnt hier eine ganz andere - und vielleicht erst seine eigent-
liche - Dimension. Keine Klasse der Gesellschaft, vom Fabrik-Proletariat bis zur
politischen Staatsklasse selbst, wird von politischen Repressionen und Umerziehun-
gen ausgenommen. Buchstäblich jeder kann ein "Feind des Volkes" sein. Und dazu
bedarf es keiner politischen Gegnerschaft, sondern nur irgendeines banalen Fehlver-
haltens, passiver Versäumnisse oder eben kleinbürgerlich-defaistischer, opportunisti-
scher oder sonstiger Fehlgedanken. Jede Klasse, jede Berufsgruppe, jede Nationalität,
jede religiöse oder sonstige Community wird gespalten, atomisiert und gewissermaß-
en neu erfunden. Kurzum, der leninistische und vollends der stalinistische Totalita-
rismus ist total intrusiv; er er faßt die gesamte Gesellschaft, er läßt kaum eine Struktur
unberührt. Und deshalb auch trifft der Terror hier den "Sozialkörper" im ganzen,
von ganz unten bis hinauf in die höchsten Spitzen. Die "richtige Linie" der Partei
ist ebenfalls nicht geeignet, klare Trennlinien zwischen dem Volk und den "Volks-
202 Gerd Koenen

feinden" zu ziehen. Aber auch soziologische Kategorien sind im Grunde ohne


Belang. Jeder kann hier zum Feind erklärt und zum Objekt der "Säuberungen"
werden. Insofern kann nur der Stalinismus zunächst als "totalitär" im vollen Sinne
des Wortes betrachtet werden. Der deutsche Nationalsozialismus wurde es vollends
erst mit dem totalen Krieg und dem Übergang zur Massenvernichtung ab 1941 -
und wäre es sicherlich je länger, um so vollständiger geworden.
Eine vergleichende Betrachtung, die sich nicht in den Zweideutigkeiten einer
moralischen Bewertung verfängt, könnte aber noch weitere aufschlußreiche Ergeb-
nisse erbringen. Ein paar Andeutungen mögen genügen:
Der Nationalsozialismus verfügte ja über kein eigentliches theoretisches System,
sondern nur über eine "Weltanschauung", die sich gewisse, meist von irgendeiner
Pseudo-Wissenschaft gelieferte Argumente hernahm, wie sie sie brauchte. Man
bedurfte eines theoretischen Aufwandes auch gar nicht, weil sich das Gesunde und
Richtige im praktischen Lebenskampf zu zeigen und zu bewähren hatte. Alles war
hier Natur, auch der Mensch und die Gesellschaft. Aber in diese Natur sollte gar
nicht allzu sehr eingegriffen werden. Die Vorstellung der Höherzüchtung der eige-
nen Art beruhte auf einigen ziemlich einfachen Annahmen: Erstens der Gesundheit
oder zumindest Entwicklungsfähigkeit des ursprünglichen Erbgutes; zweitens, der
Notwendigkeit, das Ungesunde, Kranke, Degenerierte oder eben Artfremde heraus-
zuschneiden; drittens dann auf einer gewissermaßen artgerechten Erziehung und
Steigerung der individuellen und kollektiven Kräfte durch die jeweiligen Führerna-
turen, von der untersten bis hinauf zur höchsten Ebene, wo "der Führer" selbst
wohnte. Und letztlich entfaltete sich die ganze Kraft und Herrlichkeit des Volkes
und der Rasse erst im wirklichen Kampf ums Dasein auf diesem Erdball, in der
Erringung einer Herrenposition gegenüber den weniger befähigten oder ganz min-
derbemittelten Völkerschaften. Außer solch schlichten politisch-weltanschaulichen
Zielen und Vorstellungen brauchte es im Grunde nur fachliche Kenntnisse jeder Art,
plus künstlerischer Fähigkeiten, die das große, heroische Unternehmen ausmalen
und ihm die Weihe geben konnten. Für ein entsprechendes positives "Schaffen" war
durchaus weiter Raum geboten; und allzu viele Richtlinien und Doktrinen, was man
als falsch oder richtig, zulässig oder unzulässig anzusehen hätte, gab es nicht einmal.
Der "deutsche Unpolitische", aber auch der private Spießer und selbst der "innere
Emigrant" konnten großteils ganz gut zurechtkommen.
Der Bolschewismus dagegen entfaltete ein nachgerade bizarres Geflecht von
Theorien und Doktrinen über so gut wie alle Fragen des Lebens. Warum? Eben weil
sein Gestaltungsanspruch viel weiter reichte. Eben deshalb unternahm er auch den
beispiellosen Versuch, das "richtige Denken" in alle Köpfe, so weit es nur ging,
hineinzutrichtern. Unter Stalin wurde aus den "Gesetzen" der gesellschaftlichen
Entwicklung eine regelrechte Ontologie des Fortschritts - allerdings wieder mit einer
merkwürdigen apokalyptischen, fast hyper-apokalyptischen Pointe. Nach den Ge-
Bolschewismus und Nationalsozialismus 203

setzen des Fortschritts war der Kapitalismus zum Untergang verurteilt, mit ihm die
absterbenden Klassen, während der Sozialismus zielstrebig, in Übereinstimmung mit
den Gesetzen der Ökonomie, die Grundlagen für den baldigen Übergang zur reifen
kommunistischen Gesellschaft legte. Aber dann kam die Volte: Just im Jahre 1936,
als die neue Verfassung verabschiedet wurde, die von der Überwindung der Klassen-
gegensätze ausging, stellte Stalin die neu entwickelte Gesetzmäßigkeit lapidar in den
Raum, daß mit der Annäherung an den Kommunismus der Widerstand der Reste
der gestürzten Klassen sich immer mehr verstärken, immer heimtückischer und
skrupelloser werden müsse - wobei es natürlich die Weltbourgeoisie war, die den
Rückhalt dazu gab. Der Klassenkampf verstärkte sich also mit der Annäherung an
den Kommunismus; aber das war kein Klassenkampf im alten Sinne mehr, sondern
unmittelbar ein Kampf der Klassen im Weltmaßstab, und die inneren Feinde waren
schon keine echten Klassengegner mehr, sondern nur noch gekaufte Schädlinge,
Agenten, Spione etc. der Weltbourgeoisie.
Diese Weltbourgeoisie war schon auf der ganzen Linie faschistisch geworden;
wobei "faschistisch" ein pejoratives Allerweltswort war, das alles und jedes bezeich-
nete. Es gab Nationalfaschisten, Klerikalfaschisten usw. Am gefährlichsten waren
jedoch die Sozialfaschisten (die Sozialdemokraten, weil sie die Arbeiterbewegung
selbst im Griff hatten). Alles kam so letzten Endes auf einen großen Show-down
hinaus, und alles hing nun von der Gruppierung der Kräfte ab; wobei es Stalins
weitere geniale Entdeckung war, daß die verschiedenen kapitalistischen Mächte
selbst früher oder später mit tödlicher Sicherheit übereinander herfallen würden. Für
die Sowjetunion kam es deshalb darauf an, alle Feinde im Innern, insbesondere im
Staats- und Parteiapparat selbst, prophylaktisch auszumerzen, eine neue, restlos
Stalin ergebene politische und militärische Führung zu schaffen, alle Kräfte auf die
Aufrüstung zu konzentrieren und für die Stunde des großen finalen Zusammenstoß-
es gewappnet zu sein. Mit welcher Seite man sich dann alliieren würde und in
welchem Grade, das war eine reine Frage taktischer Kalküls, nicht aber irgendwelcher
weltanschaulicher Prinzipien. Viele geopolitische Argumente sprachen dafür, es mit
der alten deutsch-russischen Achse zu versuchen. Nur Hitlers (zur Hälfte taktischen)
Ausfälle gegen die Komintern und den jüdischen Bolschewismus sowie seine Pro-
klamationen einer "Ostraumpolitik" sprachen dagegen. Aber in einer Rede auf dem
Parteitag 1934 hatte Stalin schon bemerkt, das ganze Gerede, "daß eine ,höhere
Rasse', sagen wir die germanische ,Rasse', den Krieg gegen eine ,niedere Rasse', vor
allem gegen die Slawen, organisieren müsse", sei doch nichts als "Literatur" - wofür
er bemerkenswerterweise nicht Hitler, sondern Rosenberg namentlich zitierte. Um
so mehr Verständnis zeigte Stalin für einen deutschen Revanchismus gegen die
Resultate des ersten Weltkrieges, den er ohne Umstände als einen Vernichtungskrieg
der "alten" imperialistischen Mächte gegen Deutschland beschrieb. "Vernichtet
haben sie Deutschland nicht, aber sie haben in Deutschland einen solchen Haß
204 Gerd Koenen

gegen die Sieger gesät ... , daß sie bis auf den heutigen Tag jene abscheuliche Suppe
nicht auslöffeln können, die sie sich selbst eingebrockt haben".45
1939 schien diese Rechnung glanzvoll aufgegangen zu sein. Und erst recht dann
1945 - wenn auch in anderer Konstellation. Mit dem ersten Weltkrieg, so hieß ab
jetzt die feststehende Formel, habe der Sozialismus auf einem Drittel der Erde
gesiegt, mit dem zweiten Weltkrieg schon auf der Hälfte des Globus. Es lag in der
Logik dieses Arguments, daß alles auf einen letzten, dritten Weltkrieg hinauslaufen
mußte, der mit dem Endsieg des Sozialismus im Weltmaßstab enden würde. Eben
das verkündete Stalin auch in seiner letzten größeren theoretischen Schrift "Ökono-
mische Grundlagen des Sozialismus" aus dem Jahre 1952. Und wieder setzte er vor
allem auf einen Revanchismus der Besiegten: ,,(West-)Deutschland und Japan .,.
fristen jetzt unter dem Stiefel des amerikanischen Imperialismus ein elendes Dasein.
Ihre Industrie und Landwirtschaft, ihr Handel, ihre Außen- und Innenpolitik, ihre
ganze Lebensweise sind durch das amerikanische Besatzungs,regime' gefesselt .,.
Wollte man annehmen, diese Länder würden nicht versuchen, wieder auf die Beine
zu kommen, das ,Regime' der USA zu durchbrechen und auf den Weg einer
selbständigen Entwicklung vorzudringen - so hieße das, an ein Wunder zu glauben.
Man sagt, daß die Gegensätze zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialismus
stärker sind als die Gegensätze zwischen den kapitalistischen Ländern. Theoretisch
ist das natürlich richtig ... Und dennoch begann der zweite Weltkrieg nicht mit
einem Krieg gegen die UdSSR, sondern mit dem Krieg zwischen den kapitalistischen
Ländern."
Stalin stellt als allgemeine Gesetzmäßigkeit auf, "daß die Unvermeidlichkeit von
Kriegen zwischen den kapitalistischen Ländern bestehen bleibt". Die von der So-
wjetunion geförderte "Friedensbewegung" könne den Krieg hinausschieben, die
Gefahr aber nicht beseitigen. "Um die Unvermeidlichkeit der Kriege zu beseitigen,
muß der Imperialismus vernichtet werden. "46 Man kann die Versuche der späten
Stalin-Ära, die sozialistische Konditionierung der Menschen gewissermaßen in ihrem
Erbgut zu verankern, auch im Kontext der Vorbereitung auf diesen letzten, finalen
Weltrevolutionskrieg sehen. Dasselbe galt für die ideologische Wendung gegen den
Kosmopolitismus und Zionismus, der in gewisser Weise als der eigentliche spiritus
rector des Weltkapitals und somit als der wirkliche letzte Feind der fortschrittlichen
Menschheit firmierte.
Vielfach wird eingewandt, es habe sich bei diesem späten stalinistischen Antizio-
nismus immerhin nicht um einen biologischen oder rassischen Antisemitismus
gehandelt, also sei hier eine qualitative Differenz zum nationalsozialistischen Anti-
semitismus geblieben. Eine qualitative Differenz ist zweifellos vorhanden. Aber es

45 Stalin, Fragen des Leninismus, S. 523 ff.


46 ].w, Stalin, Ökonomische Probleme des Sozialismus, Berlin (DDR) 1952, S. 39 ff.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 205

wird verkannt, daß für die Nazis die rassen biologischen Invektiven auch nicht mehr
waren als nachgeschobene pseudo-wissenschaftliche Argumente für einen mörderi-
schen Haß, den sie längst hegten. In seiner Programmrede von 1920 argumentierte
Hitler auf einer Ebene, die man allenfalls kultur-anthropologisch nennen könnte.
Der Jude war ein böses Prinzip der Geschichte; und die Rede vom ewigen Kampf
der Rassen diente nur dazu zu behaupten, daß dies auch "wissenschaftlich" und nicht
nur "gefühlsmäßig" zu belegen sei. 47 In "Mein Kampf" verwendet Hitler einige
strikter biologische Vorstellungen, die er offenbar Ernst Haeckel und Wilhe1m
Bölsche entlehnt hatte. Hitler addierte diese Kategorien aber nur allen übrigen hinzu
und münzte sie im Sinne seiner Vorstellungen einer "Rassenhygiene" aus. 48 Die
Selektionen für die Vernichtung erfolgten jedenfalls nicht nach "modernen" rassen-
biologischen Kriterien; sondern nach Geburtsurkunden, Stammbüchern, Einwoh-
nerverzeichnissen - sehr konventionell also.
Der Begriff "Zionist" im sowjetischen Sprachgebrauch bezeichnete ebenfalls in
erster Linie ein feindliches Weltprinzip; wobei die personalen Zuschreibungen sich
durchaus zunächst auf die Juden konzentrierten, dabei aber keineswegs stehenblie-
ben. "Zionist" in diesem Sinne konnten auch Nichtjuden sein; wobei man mehr
oder weniger ausdrücklich bereits auf die alte Hilfskonstruktion des Freimaurertums
wieder zurückgriff. Der sowjetische ,,Antizionismus" bewegte sich insoweit auf einer
kaum weniger obskuranten und vormodernen Grundlage, als z.B. die ellenlangen
Ausführungen rund um die deutsche Standardausgabe der "Protokolle der Weisen
von Zion" von 1920, die ebenfalls auf keine modern rassenbiologische Argumenta-
tion angewiesen waren. 49
Allerdings gab es die gesamte späte Sowjetperiode hindurch, vor allem von 1948
bis 1985 (und bis heute), nachgerade fieberhafte Bemühungen, die ewigen Welt-
herrschaftsambitionen der "Zionisten", ihr Parasitentum oder ihre konstitutionelle

47 H. St. Chamberlain, einer der geistigen Väter Hitlers und Rosenbergs, hatte eine strikt
biologische Rassenlehre freilich ausdrücklich als Irrweg abgelehnt und verspottet und
gerade die gefühlsmäßigen und intuitiven Reaktionen als Kriterium wahrer "Wissen-
schaftlichkeit" propagiert. (Vgl. ders., Die Grundlagen des XIX. Jahrhunderts, 1. Hälfte,
München 19067 .)
48 Aus dem 1921 in Neuauflage erschienenen Buch W. Bölsches "Vom Bazillus zum
Affenmenschen" (erstmals 1899 erschienen), habe Hitler (so W. Maser) seine Vorstel-
lungen vom Juden als "Völkerparasit", "Bazillus", "Bazillenträger", "Spaltpilz der
Menschheit" usw entnommen. Maser zieht daraus Schlußfolgerungen bis hin zum
Zyklon B. Vgl. W. Maser, AdolfHitler, Mein Kampf. Geschichte, Auszüge, Kommentare,
Esslingen 1981 2 , S. 229 f. Das alles kann so gewesen sein, muß es aber nicht. Von
irgendeiner stringenten "rassenbiologischen" Argumentation kann auch in "Mein
Kampf" im Grunde keine Rede sein.
49 Vgl. G. zur Beck, Die Geheimnisse der Weisen von Zion, Charlottenburg 1920 4.
206 Gerd Koenen

Neigung zum Verrat, nachträglich "historisch-materialistisch" zu begründen, was


einer Quasi-Rassentheorie ziemlich nahekam. So erklärte der Chefredakteur der
"Prawda" Anfang 1953 bei einem Treffen führender jüdischer Intellektueller zur
geplanten Deportation des Gros der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion in das
fernöstliche Reservat von Birobidshan, es handele sich dabei um ein Projekt zur
sozialen Ummodelung der Juden (ob als Ethnie, als Rasse oder als was - das bleibt
unausgesprochen). Es habe sich nämlich gezeigt, daß es besonders zahlreiche "jüdi-
sche Renegaten, Saboteure und ähnliche gebe, die sich an Joint und andere westliche
Spionageorganisationen verkauft" hätten. "Gemäß der marxistisch-leninistischen
Doktrin lägen die objektiven Gründe dieses Phänomens darin, daß die Juden über
keine eigene Arbeiterklasse und Kollektivbauernschaft verfügen. Die sowjetische
Führung möchte daher den Juden helfen ... , ihre eigene Arbeiterklasse und Kollek-
tivbauernschaft in Sibirien aufzubauen. "50
Eine unübersehbare, vielfach akademische Literatur, deren Höhepunkt wohl in
der Breshnew-Ära lag, machte sich anheischig, "Die reaktionäre Essenz des Judais-
mus" oder den "Zionismus als eine Form des Rassismus" zu entlarven. Eine eigene
sowjetische ,,Auschwitzlügen"-Literatur versuchte nachzuweisen, daß der Judenmord
der Nazis eine Erfindung der Zionisten sei und daß ganz im Gegenteil die intime
Kollaboration von Nazis und Zionisten der eigentliche Schlüssel zur Geschichte des
zweiten Weltkrieges sei - was ihre innere Verwandtschaft, ja, ihre Wesensgleichheit
beweise. Im übrigen seien die "Zionisten" allein in den USA (einer offiziösen Schrift
aus dem Jahre 1967 zufolge) auf zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen Menschen
zu beziffern, darunter Juden und Nichtjuden. Sie stellten 43 Prozent aller Industriel-
len, 70 Prozent aller Juristen, 60 Prozent aller Physiker (vor allem der an der
Herstellung von Massenvernichtungswaffen Beteiligten), und kontrollierten 56 Pro-
zent aller Verlage und 80 Prozent der internationalen Nachrichtenagenturen. 51 Texte
dieser Art entstanden unter Aufsicht einer auf Beschluß des ZK der KPdSU
eingerichteten "Ständigen Kommission bei der Sektion für Gesellschaftswissenschaf-
ten des Präsidiums der Akademie der Wissenschaften der UdSSR zur Koordinierung
der Forschung, die der Enttarnung und Kritik der Geschichte, Ideologie und Praxis
des Zionismus gewidmet ist" (so der volle Titel). Sie wurden im Verlauf der
sowjetischen Geschichte zu einem zentralen Element der gesamten staatlichen
Ideologiebildung und stellten in ihrer vorgeblichen Systematik und empirischen
Fundierung die antisemitische Literatur der ersten Jahrhunderthälfte fast noch in
den Schatten. Die Verschiebung der Begriffiichkeit vom "Judentum" zum "Zionis-
mus" war im Grunde ein Akt der politischen Steigerung und inhaltlichen Erweite-

50 Nach dem Bericht des Ökonomen J. Trachtenberg. Zitiert in: N. Levin, Jews in the
Soviet Union since 1917, New York 1988, Val. 2, S. 549.
51 Vgl. G. Koenen, "Mythus des 21. Jahrhunderts?", S. 201 ff.
Bolschewismus und Nationalsozialismus 207

rung. "Zionismus" meinte immer schon einen inneren und äußeren Feind, der
sowohl auf politischer wie auf wirtschaftlicher, kultureller und ideologischer Ebene
agierte, und das stets schon im WeItmaßstab. Der Begriff des "Zionismus" schloß
insofern den Begriff des "Weltjudentums" ein und übertraf ihn potentiell noch.
Daß es zu diesem finalen Zusammenstoß zwischen "Sozialismus" und "Zionis-
mus" nicht gekommen ist, hat jedenfalls kaum mit irgendwelchen Restelementen
von Humanismus, Aufklärung usw. in der sowjetischen Ideologie zu tun - sondern
mit der tatsächlichen historischen Verfassung der Sowjetunion selbst und ihren
inneren Erosionstendenzen. Bolschewismus und Stalinismus waren und blieben
immer Perioden der Geschichte Rußlands. Der Nationalsozialismus war ein mit
einer ganz bestimmten historischen Konstellation verknüpfter Kulminationspunkt
der deutschen Geschichte. Hieran findet jeder "Systemvergleich" seine Grenzen.
Die Autoren

Dietrich Beyrau
Dietrich Beyrau lehrt Osteuropäische Geschichte in Tubingen. Er hat u.a. Untersuchun-
gen veröffentlicht über "Russische Orientpolitik und die Entstehung des deutschen
Kaiserreiches" (1974), "Militär und Gesellschaft im vorrevolutionären Rußland" (1984),
"Intelligenz und Dissens. Die russischen Bildungsschichten in der Sowjetunion" (1933),
war Herausgeber verschiedener Bände über Kultur und Politik in Osteuropa (1987,
1988) und hat Aufsätze auch zum Historikerstreit publiziert (1991).

Hans Günther
Hans Günther vertritt das Fach Slavistik/Literaturwissenschaft an der Universität Biele-
feld. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die künstlerische Avantgarde und Utopieproblema-
tik in der russischen Literatur, Sowjetkultur im Zusammenhang der totalitären Kulturen
Europas. Veröffentlichungen u.a. "Struktur als Prozeß. Zur Literaturtheorie und Ästhetik
des tschechischen Strukturalismus" (1973), "Die Verstaatlichung der Literatur. Entste-
hung und Funktionsweise des sozialistisch-realistischen Kanons in der sowjetischen
Literatur der 30er Jahre" (1984), "The Culture of the Stalin Period" (Hg., 1990), "Der
sozialistische Übermensch. M. Gor'kij und der sowjetische Heldenmythos" (1993),
"Gesamtkunsrwerk. Zwischen Synästhesie und Mythos" (Hg., 1994).

Robert Maier
Roben Maier hat als Mitarbeiter am Seminar für Osteuropäische Geschichte in Marburg
zwischen 1989 bis 1991 das DFG-Projekt "Frauen im Stalinismus" bearbeitet und u.a.
Arbeiten veröffentlicht über "Die Stachanov-Bewegung" (1990), über "Stalinismus. Die
zwanziger Jahre" (1990), sowie Beiträge in Sammelbänden und Zeitschriften zu Stalinis-
mus und Frauengeschichte. Derzeit ist Maier wissenschaftlicher Mitarbeiter am Georg-
Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig.

Benno Ennker
Benno Ennker ist Osteuropa-Historiker und Poltikwissenschaftler. Seine Arbeit über
"Die Anfänge des Leninkults. Ursachen und Entwicklung in der Sowjetunion der 20er
Jahre" (1994) ist derzeit im Druck. Weitere Publikationen beschäftigen sich mit der
politischen Kultur in der sowjetischen Geschichte und dem Vergleich politischer Kultu-
ren der heutigen "Transformationsgesellschaften" Mittel- und Ostmitteleuropas. Ennker
ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Osteuropäische Geschichte und Lan-
Die Autoren 209

deskunde Tubingen und forscht im DFG-Projekt "Stalinkult und politische Herrschaft


in der Sowjetunion 1929 - 1939".

Stefon Merl
Stefan Merl lehrt an der Universität Bielefeld Osteuropäische Geschichte. Er hat sich
während des Historikerstreits mit einigen wichtigen Aufsätzen zur Einordnung der
stalinistischen Verbrechen gegen "Kulaken" und "Bourgeoisie" und zu deren Vergleich-
barkeit mit dem Holocaust geäußert. Wichtige Publikationen sind u.a. "Der Agrarmarkt
und die Neue Ökonomische Politik" (1981), "Die Anfänge der Kollektivierung in der
Sowjetunion" (1985), "Bauern unter Stalin. Die Formierung des sowjetischen Kolchos-
systems" (1990), "Sozialer Aufstieg im sowjetischen Kolchossystem der 30er Jahre?"
(1990), "Sowjetmacht und Bauern. Dokumente zur Agrarpolitik und zur Entwicklung
der Landwirtschaft während des ,Kriegskommunismus' und der NEP" (Hg., 1993).

Gerhard Armanski
Gerhard Armanski ist Sozial- und Kulturhistoriker und lehrt an den Universitäten
Osnabrück und Frankfurt. Er untersucht schwerpunktmäßig die Geschichte der Gewalt
in Europa. Seine erste Arbeit zur Geschichte der Sowjetunion legte er 1968 mit einer
Untersuchung zur innerparteilichen Opposition in den zwanziger Jahren vor. Viel
beachtet wurde seine Analyse über die Lager als eine der Moderne eigenen Form des
extremen Terrors. Wichtige Publikationen: "Maschinen des Terrors. Das Lager (KZ und
GULAG) in der Moderne" (1993), "Es begann in Clermont. Der erste Kreuzzug und
die Genese der Gewalt in Europa" (1995) sowie regionalgeschichtliche Studien.

Gerd Koenen
Gerd Koenen ist Historiker und Politologe. Er hat zahlreiche Arbeiten zu Geschichte
und Gegenwart Osteuropas, besonders Polens und Rußlands, veröffentlicht und bereitet
- als Mitarbeiter von Lew Kopelew im Wuppertaler Projekt "Westöstliche Spiegelun-
gen" - einen Band über die Rezeption der Oktoberrevolution in Deutschland vor.
Wichtige Publikationen: "Der unerklärte Frieden. Deutschland, Rußland, Polen" (1985),
"Die großen Gesänge. Führerkulte und Heldenmythen des 20. Jahrhunderts" (1991),
"Die schwarze Front. Der neue Antisemitismus in der Sowjetunion" (1991).

Matthias ~tter
Der Herausgeber Matthias Vetter ist Mitarbeiter des Ost-Westeuropäischen Kulturzen-
trums "Palais Jalta" und hat dort die dem Sammelband zugrundeliegende Vortragsreihe
organisiert. Publikationen: ,,Antisemiten und Bolschewiki. Zum Verhältnis von Sowjet-
system und Judenfeindschaft 1917 - 1939" (1995) sowie Aufsätze zur sowjetischen
Geschichte und zur Geschichte der russischen Emigration.
Wei terführende Literaturhinweise

Einruhrung:

Dietrich Geyer (Hg.), Die Umwertung der sowjetischen Geschichte, Göttingen 1991
Gottfried Schramm (Hg.), Handbuch der Geschichte Rußlands. Band 3: Von den
autokratischen Reformen zum Sowjetstaat (1856-1945), Bd. 3.1 Stuttgart 1983; Bd.
3.2 Stuttgart 1992
Karl-Dietrich Bracher/Manfred Funke/Hans-Adolf Jacobsen (Hg.), Nationalsozialisti-
sche Diktatur 1933-1945. Eine Bilanz, Bonn 1986 (Schriftenreihe der Bundeszen-
trale für politische Bildung, Bd. 192)
dies. (Hg.), Deutschland 1933-1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herr-
schaft, Bonn 1993 (Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd.
314)
Ian Kershaw, Der NS-Staat. Geschichtsinrerpretationen und Kontroversen im Überblick,
Reinbek 1994
Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. I. Antisemitismus 11.
Imperialismus III. Totale Herrschaft, München 1986

Bildungsschichten:

Dietrich Beyrau, Intelligenz und Dissens. Die russischen Bildungsschichten in der


Sowjetunion, Göttingen 1993
Sheila Fitzpatrick (Hg.), Cultural Revolution in Russia, 1928-1931, BloomingtonlInd.
1978
Dieter Langewiesche/Heinz-Elmar Tenorth (Hg.), Handbuch der deutschen Bildungsge-
schichte. Bd.V: 1918-1945. Die Weimarer Republik und die nationalsozialistische
Diktatur, München 1989
Götz A1y/Susanne Heim, Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne
für eine neue europäische Ordnung, Frankfurt 1993
Zygmunt Bauman, Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust, Hamburg
1992

Kultur:

Hans Günther, Der sozialistische Übermensch. Maksim Gor'kij und der sowjetische
Heldenmythos, Stuttgart, Weimar 1993
Weiterfohrende Literaturhinweise 211

Katerina Clark, The Soviet Nove!. History as Ritual, Chicago, London 1981
Gabriele Gorzka (Hg.), Kultur im Stalinismus. Sowjetische Kultur und Kunst der 1930er
bis 50er Jahre, Bremen 1994
Klaus Vondung, Magie und Manipulation. Ideologischer Kult und politische Religion
des Nationalsozialismus, München 1979
Peter Reichel, Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt des
Faschism us, München 1991
Martin Damus, Sozialistischer Realismus und Kunst im Nationalsozialismus, Frankfurt
a. M. 1981
Igor Golomstok, Totalitarian Art in the Soviet Union, the Third Reich, Fascist Italy and
the People's Republic of China, London 1990

Frauen und Familie:

Robert Maier, Die Stachanov-Bewegung 1935-1938. Der Stachanovismus als tragendes


und verschärfendes Moment der Stalinisierung der sowjetischen Gesellschaft, Stutt-
gart 1990
Richard Stites, The Women's Liberation Movement in Russia. Feminism, Nihilism, and
Bolshevism, 1860-1930, Princeton 1991 2
Claudia Koonz, Mütter im Vaterland. Frauen im Dritten Reich, Reinbek 1994
Frauengruppe Faschismusforschung: Mutterkreuz und Arbeitsbuch. Zur Geschichte der
Frauen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus, Frankfurt a. M. 1981
Frauengeschichte: Gesucht - Gefunden? Auskünfte zum Stand der historischen Frauen-
forschung. Hg. v. Beate Fieseier/Birgit Schulze, Köln 1991

Führerdiktatur:

Benno Ennker, .. Die Anfänge des Leninkults. Ursachen und Entwicklung in der Sowjet-
union der 20er Jahre." Phi!. Diss. Tübingen 1994 (im Druck)
Reinhard Löhmann, Der Stalinmythos. Studien zur Sozialgeschichte des Personenkultes
in der Sowjetunion (1929-1935), Münster 1990
Dimirri Wolkogonow, Stalin. Triumph und Tragödie. Ein politisches Portrait, (aus d.
Russ. 1989) Düsseldorf 1989
Martin Broszat, Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfas-
sung, München 1976 (1969 1)
Ian Kershaw, Hitlers Macht. Das Profil der NS-Herrschaft, München 1992
Gerhard Hirschfeld/Lothar Kettenacker (Hg.), Der .. Führerstaat": Mythos und Realität,
Stuttgart 1981
Stefan Breuer, Bürokratie und Charisma. Zur politischen Soziologie Max Webers, Darm-
stadt 1994.
Alan Bullock, Hitler und Stalin. Parallele Leben, Berlin 1991
212 Weiterführende Literaturhinweise

Agrarpolitik:

Stefan Merl, Bauern unter Stalin. Die Formierung des sowjetischen Kolchossystem
1930-1941, Berlin 1990 (= Gießen er Abhandlungen zur Agrar- und Wirtschaftsfor-
schung des europäischen Ostens, Bd. 175)
Stefan Merl, Sozialer Aufstieg im sowjetischen Kolchossystem der 30er Jahre? Über das
Schicksal der bäuerlichen Parteimitglieder, Dorfsowjetvorsitzenden, Posteninhaber
in Kolchosen, Mechanisatoren und Stachanowleute, Berlin 1990 (= Gießener Ab-
handlungen zur Agrar- und Wirtschaftsforschung des europäischen Ostens, Bd. 173)
Sheila Fitzpatrick, Stalin's Peasants. Resistence and Survival in the Russian Village after
Collectivization, New York u.a. 1994
Friedrich Grundmann, Agrarpolitik im Dritten Reich: Anspruch und Wirklichkeit des
Reichserbhofgesetzes, Hamburg 1979
John E. Farquharson, The Plough and the Swastika. The NSDAP and Agriculture in
Germany 1928-45, London 1976
Gustavo Corni, Hitler and the Peasants. Agrarian Policy of the Third Reich, 1930-1939,
New York U.a. 1990

Lagersystem:

Gerhard Armanski, Maschinen des Terrors. Das Lager (KZ und GULAG) in der Moderne,
Münster 1993
Robert Conquest, Kolyma. The Arctic Death Camp, Oxford 1979
Jewgenia Ginsburg, Marschroute eines Lebens, München 1987
Robert Antelme, Das Menschengeschlecht. Als Deportierter in Deutschland, München
1978
Wolfgang Sofsky, Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager, Frankfurt 1993
Andrzej J. Kaminski, Konzentrationslager 1896 bis heute. Geschichte, Funktion, Typo-
logie, München 1986
Margarete Buber-Neumann, Als Gefangene bei Stalin und Hitler, München 1962

Geschichtsbild:

Gerd Koenen, Die großen Gesänge. Lenin, Stalin, Mao-Tse-tung: Führerkulte und
Heldenmythen des 20. Jahrhunderts, überarb. Neuausgabe, Frankfurt a. M. 1991
Dimitri Wolkogonow, Lenin. Utopie und Terror, Düsseldorf u.a. 1994
Eberhard Jäckel, Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft, Stuttgart 1986 3
Joachim C. Fest, Hider. Eine Biographie, Frankfurt a. M. 1987
Ernst Nolte, Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945. Nationalsozialismus und Bolsche-
wismus, Frankfurt a. M. 1987
"Historikerstreit". Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der
nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987