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UMBRUCH IN DER ARABISCHEN WELT:

WAS PASSIERT IN NORDAFRIKA UND IM NAHEN OSTEN?


ANTWORTEN AUF DIE HÄUFIGSTEN GESTELLTEN FRAGEN.
von Niema Movassat, MdB DIE LINKE; Stand 08.04.2011

EINLEITUNG

Seit einigen Monaten erleben wir in Nordafrika und im Nahen Osten eine gewaltige
Aufstandsbewegung und einen großen Umbruch. Millionen Menschen sind auf die Straßen
gestürmt gegen ihre Regime, haben in Tunesien nach 23 Jahren Herrschaft den Diktator Ben
Ali und in Ägypten nach 31 Jahren Herrschaft den Diktator Mubarak vertrieben. In vielen
weiteren Ländern kämpfen sie bis heute für den Sturz der Regime.

Dabei ergeben sich immer wieder Fragen: Was sind die Hintergründe der Bewegung? Was
passiert in Saudi-Arabien, Bahrain und Iran? Wie steht Israel zu den Protesten? Welche Rolle
spielt(e) der Westen, welche Politik verfolgt die Bundesregierung in Libyen? Welche Rolle
spielen Frauen und welche sog. "Islamisten"? Handelt es sich um eine Facebook-Revolution?
Wie wirken sich die Proteste global aus und was können wir hier in Deutschland tun? Diesen
Fragen wird im Folgenden nachgegangen.

1. WAS SIND DIE GRÜNDE FÜR DIE AUFSTÄNDE?

Obwohl die Länder im Einzelnen recht unterschiedlich sind, sind die Gründe für die
Aufstände ähnlich:
 Die jahrzehntelange Unterdrückung der Bevölkerung durch Diktatoren,
mangelnde Freiheit und die Missachtung von Menschenrechten
 Die hemmungslose Bereicherung dieser Diktatoren mit Geldern, die eigentlich der
Bevölkerung zustünden
 Korruption und Vetternwirtschaft
 Die Chancenlosigkeit der Jugend, die ca. 50 % der Bevölkerung in den betroffenen
Ländern ausmacht
 Die hohe Arbeitslosigkeit sowie die Steigerung der Lebenshaltungskosten,
insbesondere der Nahrungsmittel; begründet auch durch die von EU, IWF und
Weltbank forcierte und unterstützte Liberalisierungs- und Privatisierungspolitik
 Die Unterstützung der vom Westen und von Israel geführten Kriege in der Region

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2. WELCHE LÄNDER SIND BETROFFEN?

Angefangen hat die Protestbewegung in Tunesien Ende 2010. Zeitgleich begannen auch die
Proteste in Algerien. Der Erfolg in Tunesien, Ben Ali gestürzt zu haben, war die Initialzündung
und ein ermutigendes Beispiel für Menschen in vielen anderen Ländern, gegen ihre Regime
mit ähnlichen Forderungen auf die Straße zu gehen. So erreichte die Aufstandswelle auch
Ägypten, Marokko, Westsahara, Jemen, Oman, Libyen, Jordanien, Bahrain, Irak, Palästina,
Katar, Saudi-Arabien und Syrien.

3. WELCHE ROLLE SPIELT DER WESTEN?

Schon während der Kolonialzeit stellten die europäischen Mächte die Weichen für die
Ausbeutung der Bodenschätze - insbesondere die Ausbeutung der Erdölressourcen - und die
wirtschaftlichen Abhängigkeitsstrukturen und legten Landesgrenzen und den Zugang zu
natürlichen Ressourcen mittels willkürlicher Grenzziehungen fest. Danach unterstützten die
westlichen Regierungen die diktatorischen Regime von Marokko bis Bahrain jahrzehntelang
bis heute. Es gab Partnerschaftsabkommen, die Diktatoren waren gerngesehene Gäste, mit
denen man eine unkritische Zusammenarbeit pflegte. Pro Forma wurde hin und wieder ein
Paragraph über „Demokratieförderung“ in die Abkommen eingefügt, um dessen Umsetzung
sich aber niemand kümmerte. Im Gegenteil: Man bescheinigte beispielsweise Ben Ali große
Fortschritte in der Demokratisierung Tunesiens. Die arabischen Länder waren und sind
außerdem ein beliebter Absatzmarkt für europäische Rüstungslieferungen, selbst wenn
bekannt war, dass die arabischen Regierungen mit genau diesen Waffen die Opposition in
ihren Ländern niederschlug. Sogar die berüchtigte Polizei wurde von europäischen Polizisten
ausgebildet, beispielsweise in Saudi-Arabien. Und warum? Es gibt mehrere Gründe:

 Ressourcenzugang: Viele der unterstützten Staaten verfügen über große


Erdölreserven, was bis heute eine der Grundlagen des Kapitalismus darstellt. die
Diktatoren gewährten dem Westen eine sichere und pünktliche Lieferung dieser
Ressource.
 Sicherung der Außenpolitik: Man schätzte die Zusammenarbeit mit den Diktatoren im
sogenannten „Kampf gegen den Terror“, genauso wie die Verlässlichkeit dieser
Regierungen, wenn es darum ging, Israel die Fortführung der Unterdrückung der
palästinensischen Bevölkerung zu ermöglichen.
 Schutz vor Flüchtlingen: Die nordafrikanischen Regierungen waren bzw. sind
geschätzte Kooperationspartner des europäischen Grenzregimes FRONTEX, wenn es
darum geht, afrikanische Flüchtlinge daran zu hindern, Europa zu erreichen. Das
dabei die Menschenrechte der Flüchtlinge mit Füßen getreten worden, schert die
europäischen Regierungen nicht. Mehr als zehntausend Flüchtlinge aus Afrika sind in

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den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunken, ohne dass dies zu einer Änderung der
europäischen Grenzpolitik geführt hätte.
 Ben Ali & Co. trieben die Liberalisierung und Privatisierung ihrer heimischen Märkte
voran und ermöglichten so europäischen und amerikanischen Firmen ungehinderten
Zugang dazu. Genau diese Politik war es, die in den betroffenen Ländern zu
Arbeitslosigkeit und steigenden Lebenshaltungskosten führte.

Die westlichen Regierungen unterstützten die arabischen Regierungen also in genau jenen
Punkten, gegen die sich die Aufständischen nun wehren. Dass sie sich nun plötzlich als
Unterstützer der Protestierenden gerieren, ist Heuchelei.

4. WELCHE BEDEUTUNG HABEN FACEBOOK, TWITTER UND ALJAZEERA?

Sicherlich waren diese Medien förderliche Faktoren: Durch Aljazeera bekam die breite
Bevölkerung Zugang zu unzensierten Information über die arabische Welt. Facebook und
Twitter trugen wesentlich zu einer besseren Vernetzung der Protestierenden bei. Ihre Rolle
war aber letztendlich nicht ausschlaggebend für die Aufstände, weshalb es auch irreführend
ist, von einer „Facebook-Revolution“ zu sprechen. Genauso gut könnte man von einer
„Aljazeera-Revolution“ zu sprechen – was ebenso unzutreffend wäre. Da letzteres allerdings
nicht passiert, während der Einfluss von Facebook und Twitter völlig überbewertet wird,
drängt sich bisweilen der Eindruck auf, dass im Westen gerne die Rolle der sozialen Medien
überbetont wird - somit soll wenigstens noch der Eindruck erweckt werden, dass
(technische) Errungenschaften aus westlichen Ländern einen gewichtigen Anteil an den
revolutionären Prozessen haben, wenn schon die jahrzehntelange, unrühmliche
Unterstützung unterdrückerischer Regime durch den Westen nicht mehr zu verleugnen ist.
Ausschlaggebend für den Erfolg der Aufstände war aber, dass die Menschen mutig genug
waren und sind, zu hunderttausenden auf die Straße zu gehen und sich ihren Unterdrückern
oft unter Lebensgefahr entgegen zu stellen. Außerdem gibt es viele oppositionelle Gruppen,
die sich seit Jahren unter großer Gefahr organisieren und treffen, und zwar real, nicht
virtuell. Die großen Demonstrationen im Januar in Ägypten wurden beispielsweise von einem
Zusammenschluss mehrerer oppositioneller Gruppen vorbereitet.

Skurrile Züge nimmt die Diskussion in den Momenten an, da die Benutzung neuer Medien
zum Pflichtprogramm für jede Revolution erhoben wird oder sogar angezweifelt wird, ob es
sich überhaupt um einen „legitimen“ Aufstand handelt, falls nicht fleißig getwittert und
Videos auf Youtube hochgeladen werden. Wer dieser Argumentation folgt, macht sich offen-
sichtlich nicht klar, in welch lebensbedrohlicher Situation sich die Aufständischen befinden
und dass der Zugang zum Internet noch immer einem Großteil der Menschen in der Welt
vorenthalten wird. Außerdem ist die Aufklärung vorurteilsbelasteter Menschen in Europa
nicht unbedingt erste Priorität während eines Aufstandes.

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5. WER TRÄGT DIE VERSCHIEDENEN BEWEGUNGEN?

Die Aufstände wurden von Menschen mit sehr heterogenen Hintergründen getragen: junge
und alte Menschen, Menschen aus verschiedensten politischen Richtungen und Menschen,
die bisher überhaupt nicht politisch aktiv waren, Frauen und Männer, Christen und Muslime,
Arbeiter, Arbeitslose, Studierende, Gewerkschafter und Menschenrechtler.

Besonders stark wurde die Bewegung von jungen Leuten getragen. Sie waren meist die
ersten, die auf die Straße gingen und sind auch auf den Bildern, die wir sehen, besonders
präsent, allein schon, weil sie einen großen Teil der Bevölkerung ausmachen.

6. WELCHE RELEVANZ HABEN SOG. „ISLAMISTISCHE“ BEWEGUNGEN?

Jahrelang wurde im Westen die Kooperation mit den Diktatoren in der arabischen Welt auch
damit begründet, dass ansonsten sog. „Islamisten“ die Macht übernehmen würden. Die
Aufstände und Entwicklungen aber haben gezeigt, dass diese Propaganda eine Farce war; ein
Schreckgespenst, mit dem man die Bevölkerung glauben machte, dass die Diktatoren in
Nordafrika und im Nahen Osten unterstützt werden müssten. Auch die Diktatoren selbst
haben die religiösen Bewegungen dämonisiert und ihre Unterdrückung der Opposition durch
die Existenz der religiösen Parteien gerechtfertigt.

In keinem der betroffenen Länder haben konservative religiöse Kräfte eine entscheidende
Rolle gespielt. Religiös ausgerichtete Parteien wie die Nahda-Partei in Tunesien und die
Muslimbrüderschaft in Ägypten haben die Proteste jedoch, wie andere politische Richtungen
auch, mitgetragen. Während die Nahda-Partei jedoch eine tatsächliche Kehrtwende in der
Politik Tunesiens befürwortet, sprach sich die Muslimbrüderschaft zusammen mit dem
ägyptischen Militärrat für nur begrenzte kosmetische Verfassungsänderungen aus und
stabilisiert somit eher die alten Herrschaftsstrukturen. Sie setzte sich damit von der Mehrheit
der ägyptischen Opposition ab, die eine neue Verfassung verlangt.

7. WELCHE ROLLE SPIELEN FRAUEN IN DER BEWEGUNG?

Frauen sind und waren in allen Ländern während des Aufstands präsent. Sie haben in allen
Ländern in vorderster Reihe an Demonstrationen teilgenommen und diese auch angeführt,
auch in Ländern wie Jemen und Saudi-Arabien. Sie campten tage- und nächtelang auf dem
Tahrir-Platz in Kairo und berichteten als Bloggerinnen und Journalistinnen schonungslos über
die Gräueltaten der Regierungen. Und auch in Libyen spielten Frauen eine wichtige Rolle,
beispielsweise bei den Protesten der Anwälte. Die Aufstände zeigen, dass auch hier die
Meinung in westlichen Ländern von vielen Vorurteilen geprägt ist. Ganz sicher straft sie die
Position Lügen, die fordert, die angeblich unterdrückten muslimischen Frauen müssten
mittels Militäreinsätzen und deutschen Demokratieseminaren befreit werden, da sie selbst
auf gar keinen Fall für ihre eigene Befreiung sorgen könnten.

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8. WAS SIND DIE ZIELE DER BEWEGUNGEN?

Am Anfang standen vor allem Forderungen nach der konkreten Verbesserung der eigenen
Lebenssituation im Vordergrund: Mehr Arbeitsplätze, Ende der Korruption, Senkung der
Lebensmittelpreise. Dies mündete aber schnell in die Forderung nach dem Sturz der Regime -
und zwar nicht nur der einzelnen Diktatoren, sondern des ganzen Systems. Die Bewegungen
in den verschiedenen Ländern eint diese Forderung. Es ist natürlich unklar, was danach
kommt - wegen der jahrzehntelangen Unterdrückung der Opposition gibt es entweder keine
Parteien oder nur Parteien, die über kein Parteiprogramm verfügen, welches die bisherigen
Herrschaftsverhältnisse in Frage stellt. Viele Menschen waren aus Angst vor Verfolgung
bisher überhaupt nicht politisch aktiv und fangen erst jetzt an, sich überhaupt zu organ-
isieren und ihre Forderungen für ein zukünftiges politisches System zu artikulieren. In den
Staaten, in denen die Diktatoren bereits gestürzt wurden, wird es einige Zeit dauern, bis
neue Verfassungen ausgearbeitet werden, Wahlen stattfinden können, etc. Auch die
Gründung neuer Parteien, die in Tunesien und Ägypten bereits stattfindet, und die
Ausarbeitung von Wahlprogrammen wird einige zeit in Anspruch nehmen. Klar ist, dass sich
die Menschen nicht mit neuen Marionettenregimes begnügen werden. Auch wenn in einigen
Ländern bisher nur Reformen gefordert wurden, so kann dies trotzdem auch in die Forderung
nach einem Sturz des Systems münden, insbesondere wenn die Staatsapparate mit Brutalität
gegen die Protestierenden vorgehen.

9. WIE BEGANNEN DIE PROTESTE IN TUNESIEN, DIE ZU BEN ALIS STURZ


FÜHRTEN?

Obwohl bekannt war, dass sich der tunesische Diktator Ben Ali und seine Familie maßlos
bereicherten, kam die Dimension dessen doch noch einmal mehr durch die Wikileaks-
Veröffentlichungen ans Licht. Dies führte bereits Ende letzten Jahres zu viel Wut in Tunesien.

Der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brauchte, war am 17.12.2010 die Selbstver-
brennung von Mohammed Bouaziz, der sich notdürftig als Gemüsehändler durchschla-gen
musste, weil er keine Chance auf eine reguläre Arbeitsstelle hatte. Doch selbst bei dieser
Tätigkeit wurden ihm immer wieder Steine in den Weg gelegt: Er musste wiederholt
Schmiergeld zahlen. Als er dann beim Schmiergeldzahlen auch noch gedemütigt wurde,
übergoss er sich mit Benzin und setzte sich selbst in Brand. Er erlag seinen Verletzungen.
Daraufhin begannen Menschen, die sich mit dem Schicksal Bouaziz identifizierten, zu
demonstrieren und wurden von der Polizei brutal zusammengeschlagen. Dies führte
wiederum dazu, dass sich auch andere Berufsgruppen - zuerst im Landesinneren und nach
einigen Tagen auch in der Hauptstadt solidarisierten. Herausragend war der Protest von
mehreren hundert AnwältInnen. Nachdem diese ebenfalls niedergeknüppelt wurden, gingen
auch sie mit Berichten und Bildern an die Öffentlichkeit. Nach und nach waren nun immer

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mehr Menschen auf die Straße, ArbeiterInnen zusammen mit AkademikerInnen und
GewerkschafterInnen.

Die Gewalttätigkeit, mit welcher der Staatsapparat gegen die Demonstrierenden zuschlug,
führte dazu, dass immer mehr Menschen auf die Straße gingen und den Sturz des Regimes
Ben Ali forderten – so lange, bis der Druck der Straße so groß wurde, dass Ben Ali am
14.01.2011 aus Tunesien floh. Auch das Militär hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits gegen
ihn und auf die Seite der Demonstrierenden gestellt. Mit der Flucht des tunesischen Dikta-
tors war das Regime noch nicht besiegt. Unmittelbar danach marodierten seine Milizen
durch die Straßen und versuchten die Demonstrierenden zu diskreditieren, indem sie den
Eindruck erweckten, ohne Ben Ali gäbe es keine Sicherheit mehr. Doch die Tunesier bildeten
Nachbarschaftswachen, die ihre Viertel vor den Milizen beschützten. Doch noch immer
waren Teile des alten Regimes an der Macht, auch wenn Premierminister und Minister mehr-
mals ausgetauscht wurden. Immer wieder gab es tödliche Kämpfe mit Gefolgsleuten Ben Alis.
Am 3. März wurde bekannt gegeben, dass am 24. Juli eine verfassungsgebende Versammlung
gewählt wird, die eine neue Verfassung ausarbeiten werde. Dies wurde von der Bevölkerung
als wichtiger Sieg gefeiert, denn eine neue Verfassung wird als Grundlage für die Errichtung
eines demokratischen Mehr-Parteien-Systems und damit auch für die Abhaltung von
Präsidentschaftswahlen betrachtet. Dies kann allerdings bis zu zwei Jahre dauern.

10. WIE ENTWICKELTE SICH DER AUFSTAND IN ÄGYPTEN?

Proteste waren in Ägypten nicht neu. Seit vielen Jahren gibt es dort immer wieder Streiks
und Demonstrationen, auch wenn dies in Europa meist nicht von den Medien aufgegriffen
wurde. Nur die Streiks der TextilarbeiterInnen in Mahalla al Kubra 2006 sowie die Kifaya-
Bewegung, die sich für ein Ende der Herrschaft Mubaraks einsetzte, wurden hierzulande
bemerkt. Dabei gab es allein in Ägypten in den letzten Jahren mehr als 12.000 Streiks.
Auflehnungen gegen das Regime wurden, wie in anderen Ländern der Region auch, mit
Gewalt beantwortet; viele Protestierende verschwanden oder wurden ins Gefängnis
geworfen und gefoltert – meist vollkommen unbeachtet von der westlichen Welt. Die
meisten Menschen in Ägypten wagten es aus Angst vor Verfolgung und dem Geheimdienst-
apparat nicht, sich gegen das übermächtige Regime Mubarak aufzulehnen.

Nun aber war eine neue Situation eingetreten: Die Ereignisse in Tunesien, die Erfahrung,
einen Diktator tatsächlich aus dem Land jagen zu können, machte vielen Menschen in
Ägypten Mut, so dass nun nicht mehr einige hundert, sondern gleichzeitig in mehreren
Städten zehntausende Menschen auf die Straße gingen. Hunderte Menschen kann man
verjagen und festnehmen, doch gegen Zehntausende ist selbst ein so gewaltiger Polizei-
apparat wie der ägyptische machtlos. Irgendwann waren Millionen von ÄgypterInnen auf der
Straße und forderten den Sturz des Systems. Nachdem sich außerdem das Militär auf die
Seite der Demonstrierenden geschlagen hatte und zudem zehntausende von ArbeiterInnen

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streikten, gab auch Mubarak auf und erklärte am 10.2.2011 seinen Rücktritt. Das Militär
übernahm die Macht. Seitdem kämpfen die Menschen in Ägypten um einen wirklichen
Systemwechsel, denn bisher unterstützt das Militär nur bedingte Reformen. Außerdem gibt
es wieder Festnahmen von politischen Oppositionellen und restriktive Gesetze, die
beschlossen bzw. vorbereitet werden, welche das Entstehen neuer Parteien verhindern
sollen. Außerdem sind viele der Menschen, die im Februar während der Demonstrationen
von Mubaraks Kräften festgenommen wurden, noch immer in Haft. Der Kampf um die
Freiheit in Ägypten ist also noch lange nicht gewonnen.

11. SAUDI-ARABIEN: WIE IST DIE LAGE DORT?

Saudi-Arabien ist eine Monarchie, in der die Opposition unterdrückt wird und schwere
Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind, wie z.B. Peitschenhiebe. Auch die
Frauenrechte werden mit Füßen getreten. Das Königshaus versucht, die Bevölkerung durch
finanzielle Zuwendungen und ein kostenloses Bildungs- und Gesundheitssystem über die
fehlenden demokratischen Rechte hinweg zu trösten. Aber das funktioniert nicht mehr.

Auch in Saudi-Arabien gab und gibt es bereits Planungen für größere Proteste; bisher wurden
diese jedoch sofort unterbunden. König Saud entsandte 10.000 „Sicherheitskräfte“, um
Proteste niederzuschlagen und zu verhindern, dass Menschen zum Protestieren von einer
Stadt in eine andere gelangen. Der Innenminister kündigte bereits an, dass diese Sicherheits-
kräfte „alle“ Maßnahmen ergreifen würden, um jeglichen Protest im Keim zu ersticken.

In der Berichterstattung über die Proteste in der arabischen Welt wurde Saudi-Arabien bisher
wenig beachtet, was vor allem damit zusammenhängen dürfte, dass die Monarchie für den
Westen wegen seiner Erdöllieferungen einen äußerst wichtigen Partner darstellt. Die politi-
sche Entwicklung in Saudi-Arabien ist von großer Bedeutung, denn durch saudisches Erdöl
werden derzeit die Auswirkungen des Aufstandes in Libyen auf die Ölpreise ausgeglichen. Auf
eine schriftliche Anfrage im März 2011 hin bestätigte die Bundesregierung, dass sie sich
derzeit sogar um die Ausweitung der Beziehungen bemühe. Auch bezüglich der Rüstungs-
exporte spielt das Land eine wichtige Rolle – 2009 etwa wurden von der Bundesregierung
Rüstungslieferungen nach Saudi-Arabien in Höhe von 168 Millionen Euro genehmigt.
Außerdem ist die Bundespolizei in der Ausbildung der saudi-arabischen Polizei involviert.

Neben der Unterdrückung seiner eigenen Bevölkerung unterstützte Saudi-Arabien mit


seinem Militär den Monarchen von Bahrain dabei, Teile seiner eigenen Bevölkerung zu
ermorden und die dortigen Aufstände niederzuschlagen. Gleichzeitig schloss sich Saudi-
Arabien der Forderung nach einer Flugverbotszone in Libyen an - angeblich, um die
Aufständischen dort vor Gaddafi zu schützen. Dies verdeutlicht in vollem Maße die
Verlogenheit des saudischen Königshauses und seiner westlichen Verbündeten: Um sich als
Menschenrechtler zu inszenieren und angeblich die Aufständischen vor Gaddafi zu schützen,

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wird eine Militärintervention in Libyen durchgeführt, während gleichzeitig Militär ins
Nachbarland geschickt wird, um die Protestbewegung dort niederzuschlagen.

12. BAHRAIN: KÄMPFEN SCHIITEN GEGEN SUNNITEN?

Bahrain ist eine Monarchie ohne zugelassene Parteien, der König ernennt die Regierung. Das
Land ist enger Partner des Westens und einer der wichtigen Stützpunkte der US-Marine in
der Region. Das bahrainische Königshaus hat sich, wie auch Ben Ali und Mubarak, hemm-
ungslos bereichert und seinen Getreuen Pfründe gesichert und Wohnungen und Jobs zu-
geschanzt, zu denen die Bevölkerung keinen Zugang hatte. Der Bevölkerung, sowohl den
Schiiten als auch den Sunniten, werden demokratische Rechte verwehrt.

Auch in Bahrain kam es mittlerweile zu heftigen Protesten, in deren Folge viele Menschen
von Regierungskräften getötet wurden. Durch die Brutalität des Regimes ist aus der anfäng-
lichen Forderung nach Reformen die Forderung nach einem Sturz der Regierung entstanden.
Medien, westliche Regierungen und auch die saudi-arabische Regierung behaupten immer
wieder, es gehe um eine konfessionelle Auseinandersetzung. Damit wird die Sichtweise des
bahrainischen Königshauses widerspruchslos übernommen – dieses versucht, die Proteste
gezielt als einen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten darzustellen, um von den wahren
Problemen abzulenken. Diese Darstellung kommt den westlichen Regierungen insofern
gelegen, als dass sie verzweifelt nach Begründungen für die Aufstände suchen, die nichts mit
der Regierungsführung der von ihnen jahrzehntelang unterstützten Regime zu tun haben.
Um westliche Regierungen von der Gefährlichkeit der Aufständischen zu überzeugen hat
Saudi-Arabien außerdem das alte Feindbild Iran bemüht und erfunden, dass auch Iran bei
den Protesten mitmische.

Von den Protestierenden wurde jedoch von Anfang an klargestellt, dass es sich um keinen
konfessionellen Konflikt handele, sondern um einen Protest der Bevölkerung gegen das
diktatorische Regime. Die Bevölkerung lehnt sich, wie in anderen arabischen Ländern auch,
gegen wirtschaftliche und soziale Ungleichheit, Korruption und das Fehlen von demo-
kratischen Rechten auf. Anders gesagt: Nur weil die Königsfamilie zufällig einem anderen
Zweig des Islam angehört als die Mehrheit der Bevölkerung, kann man daraus keinen
religiösen Konflikt konstruieren. Die Aufstände gegen Ben Ali hätten schließlich auch nicht
andere Ziele verfolgt, wäre Ben Ali zufällig Schiit gewesen.

13. IRAN: WELCHE AUSWIRKUNGEN HAT DER UMBRUCH IN DER ARABISCHEN


WELT AUF DEN IRAN?

Auch im Iran gab und gibt es Demonstrationen gegen die iranische Regierung. Anders als
während der Demonstrationen 2009 hört man dieser Tage jedoch keine Worte der Solidarität
mit den iranischen Protestierenden, bzw. werden deren Demonstrationen gar nicht erst

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erwähnt. Dies mag damit zusammenhängen, dass angesichts der Aufstände in Libyen, im Irak
und in Ländern der arabischen Halbinsel gute Beziehungen zum Iran für die EU wieder
wichtiger werden, sowohl aus geostrategischen Gründen als auch zur Sicherstellung des
Energiebedarfs. Auch den Besuch von Außenminister Westerwelle im Iran und die zwischen-
zeitliche Ermöglichung von Geldtransfers von Indien nach Iran über Deutschland sollte man
eher als Wiederannäherung an die iranische Regierung einordnen, anstatt nur als Bemühung
um die Freilassung der beiden BILD-Reporter – auch wenn die Bundesregierung den
Geldtransferdeal wieder rückgängig machte, nachdem sie deshalb stark unter Druck kam.

14. PALÄSTINA UND ISRAEL

A.WELCHE HALTUNG NIMMT ISRAEL ZU DEN PROTESTEN EIN?

Auch Israel kam nicht umhin, die revolutionären Prozesse in der arabischen Welt zur Kenntnis
zu nehmen. Insbesondere Mubarak war ein wichtiger Verbündeter Israels, der half, gegen
den Willen der ägyptischen Bevölkerung die Blockade des Gazastreifens aufrechtzuerhalten
und das Besatzungsregime zu unterstützen. So hielt Mubarak die Grenze zu Gaza selbst
während der „Gegossenes Blei“ genannten israelischen Militäroffensive geschlossen und
verwehrte so der palästinensischen Bevölkerung die Fluchtmöglichkeit vor dem Massaker.
Der Sturz Mubaraks könnte also ein wichtiger Schritt hin zum Ende der Besatzung sein. Die
Regierung der sogenannten „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ konstatierte gleich zu
Beginn, dass die Entstehung von Demokratien im Nahen Osten eine große Gefahr für Israel
darstellen würde. Nachdem Mubarak schließlich abgetreten war und es kein Zurück mehr
gab, blieb Israels Staatspräsident Peres keine andere Wahl mehr als zu behaupten, er würde
die Demokratiebewegung begrüßen. An der Unterdrückung und der undemokratischen
Behandlung der palästinensischen Bevölkerung durch Israel hat sich aber natürlich nichts
geändert. Im Gegenteil: Während die Welt nach Libyen schaut, bombardiert Israel den
Gazastreifen so heftig wie seit dem Ende der „Operation Gegossenes Blei“ nicht mehr.

B. HANDELT ES SICH UM EINE ANTIISRAELISCHE BEWEGUNG?

In der revolutionären arabischen Bewegung spielt die Befreiung der PalästinenserInnen und
die Komplizenschaft der Diktatoren mit Israel zwar eine Rolle, zu einem von der israelischen
Regierung bisweilen beschworenen Sturm der „arabischen Massen“ auf Israel hat allerdings
niemand aufgerufen. Auch hier zeigt sich, dass die vom Westen beschworenen Schreck-
gespenster vor allem auf Vorurteilen basierten und dazu dienten, Marionettenregierungen
aufrechtzuerhalten. Was allerdings bereits in Ägypten diskutiert wird, ist eine Neuverhand-
lung des Friedensvertrages mit Israel, der an klare Bedingungen zur Beachtung der Rechte
der palästinensischen Bevölkerung geknüpft sein soll.

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C. KOMMT ES AUCH IN PALÄSTINA ZU EINEM AUFSTAND?

Die revolutionäre Bewegung hat mittlerweile auch Palästina erfasst. Menschen in Gaza und
in der Westbank gehen auf die Straße, um gegen die israelische Besatzung und deren west-
liche Unterstützung, die Korruption von Fatah und Hamas sowie gegen die Verfeindung der
beiden Parteien und die damit einhergehende Spaltung von Gaza und Westbank und die
Schwächung des palästinensischen Widerstandes gegen die Besatzung zu demonstrieren.
Sowohl in Gaza als auch in der Westbank wurden die Demonstrationen von den jeweiligen
machthabenden Parteien Hamas und Fatah niedergeschlagen - auch weil diese befürchteten,
die Aufstände könnten die jeweiligen rivalisierenden politischen Kräfte stärken. In der
Westbank geschah dies durch die Sicherheitskräfte der Fatah, die von europäischer Poli-zei
ausgebildet und ausgerüstet wurden. Doch die palästinensische Bevölkerung lässt sich da-
von nicht abschrecken und geht weiterhin mit ihren Forderungen auf die Straße. Erschwert
wird die Mobilisierung allerdings dadurch, dass fast die Hälfte der palästinensischen Bevölk-
erung abhängig ist von Sozialbezügen, Löhnen etc., die vor allem durch Fatah (bzw. deren
europäischen Gebern), aber auch von Hamas gezahlt werden. Trotz großer Unzufriedenheit
mit den jeweiligen Regierungen dürfte dies viele PalästinenserInnen angesichts der desast-
rösen humanitären Situation in vielen palästinensischen Orten noch ein wenig länger davon
abhalten, sich gegen ihre Regierungen zu stellen.

Mittlerweile zeigen die Proteste erste Wirkung: Sowohl Fatah als auch Hamas sehen sich
gezwungen, zumindest verbal wieder eine Annäherung ins Auge zu fassen. Ob dem auch
Taten folgen werden, bleibt abzuwarten. Premierminister Netanyahu ließ derweil schon
einmal präventiv via CNN verlauten, dass eine Einheitsregierung von Fatah und Hamas das
„Ende des Friedensprozesses“ bedeuten würde und man mit einer solchen Regierung nicht
mehr sprechen würde. Da es ohnehin seit Jahren keinerlei ernsthafte Friedensbemühungen
von israelischer Seite gibt, wird dies die Situation nicht weiter verändern. Es verdeutlicht
allerdings einmal mehr, wie verbittert Israel versucht, ganz nach der „teile-und-herrsche-
Methode“ jeden Versuch der Einigkeit auf palästinensischer Seite zu zerstören.

15. LIBYEN:

A. WIESO DEMONSTRIEREN DIE MENSCHEN NICHT FRIEDLICH?

Auch in Libyen gingen die Menschen anfangs friedlich auf die Straße. Anders als in anderen
arabischen Ländern wurden sie jedoch von Anfang an von Scharfschützen brutal niederge-
schossen. Gaddafi soll sogar Söldner aus anderen Staaten angeworben und auf die Protestie-
renden angesetzt haben. Teile der Armee schlugen sich auf die Seite der Protestierenden
und öffneten einige Armeedepots, aus denen sich die Aufständischen bewaffneten, um sich
gegen Gaddafis Truppen zu verteidigen. Dies erklärt auch, woher die Waffen der Aufständi-
schen kommen.

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B. WIESO IST DIE FLUGVERBOTSZONE IN LIBYEN FALSCH?

Nachdem Gaddafi brutal militärisch gegen die Aufständischen vorging, gab es sehr schnell
den Beschluss des UN-Sicherheitsrates, eine sogenannte „Flugverbotszone“ über Libyen ein-
zurichten; angeblich, um die libyschen Zivilisten zu beschützen. Doch was verbirgt sich hinter
dieser erst einmal wenig aggressiv klingenden Bezeichnung tatsächlich?

Eine Flugverbotszone bedeutet nichts anderes als Krieg, denn sie kann nur militärisch durch-
gesetzt werden - indem Flughäfen bombardiert und Flugzeuge abgeschossen und damit
auch Zivilsten getötet werden. Genau das erlebt man aktuell auch bei den Bombardierungen
in Libyen. Die beschlossene UN-Resolution 1973 setzt sich zudem nicht nur für eine Flugver-
botszone ein, sondern erlaubt, „alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen“ - also auch Bo-
dentruppen zu entsenden, was mittlerweile auch von einigen kriegsführenden Staaten disku-
tiert wird. Nur eine länger währende Besatzung wird (noch) ausgeschlossen. Das heißt aber
nicht, dass später nicht doch behauptet werden wird, eine ausländische Armeepräsenz sei
weiterhin notwendig, um die Sicherheit zu gewährleisten für den Fall, dass Gaddafis Milizen
keine Ruhe gäben. Damit befände man sich dann mitten in einer militärischen Besatzung, die
besonders wegen der reichen Ölressourcen und deren möglichen Kontrolle für viele Regie-
rungen interessant wäre. Eventuell wird es danach auch wieder das großzügige Angebot ei-
ner sog. „Hilfe für den wirtschaftlichen Neubeginn“ geben, durch die man sich eine Mitspra-
che bei einer möglichen Neuvergabe von Öllizenzen verspricht.

Es ist kein Zufall, dass im Falle des ölreichen Libyen sofort die Rufe nach einer Flugverbots-
zone laut wurden (wie übrigens auch 1991 im Fall des Irak), nicht jedoch beispielsweise bei
den israelischen Angriffen auf den Libanon oder auf Gaza. Eine Flugverbotszone ist also ein-
deutig interessensgebunden und keine humanitäre Tat. Jahrelang war es westlichen Regie-
rung egal, dass in Libyen Oppositionelle gefoltert oder getötet wurden, jahrelang wurde
Gaddafi massiv mit Waffen beliefert (die Exporte waren im letzten Jahr 13 mal so hoch wie in
dem Jahr zuvor), und nun soll plötzlich militärisch eingegriffen werden, um Oppositionelle zu
schützen? Damit macht man den Bock zum Gärtner.

Dass die Arabische Liga angeblich eine Flugverbotszone gefordert hat, macht es kein biss-
chen besser, schließlich sitzen dort noch immer die Vertreter der korrupten Diktaturen. Ab-
gesehen davon war nur ein Bruchteil der Mitglieder der Arabischen Liga bei der betreffenden
Sitzung anwesend und nur neun ihrer Mitglieder haben zugestimmt. Besonders offensicht-
lich wird die Doppelmoral der Arabischen Liga, wenn man beachtet, dass das saudi-arabische
Regime einerseits Truppen nach Bahrain entsendet, um den dortigen Monarchen bei der
gewaltsamen Niederschlagung der Protestbewegung zu unterstützen, und andererseits eine
Flugverbotszone für Libyen fordert, um angeblich die dortigen Aufständischen vor Gaddafi zu
schützen.

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Deutschland enthielt sich im UN-Sicherheitsrat bei der Abstimmung über die Errichtung ei-
ner Flugverbotszone, wofür die Bundesregierung von SPD und Grünen, die beim Krieg in Li-
byen gerne dabei gewesen wären, scharf angegriffen wurde. Die Enthaltung Deutschlands
stellte erst einmal einen erfreulichen Schritt der Bundesregierung dar, doch leider war be-
reits kurz darauf festzustellen, dass es sich eher um ein Tauschgeschäft denn um eine Kehrt-
wende in der Außenpolitik handelte. Denn um die NATO-Truppen zu entlasten, verstärkte
die Bundesregierung die Präsenz Deutschlands im Krieg gegen Afghanistan und entsandte
hunderte neuer Soldaten, die in AWACS-Flugzeugen militärische Aufklärung in Afghanistan
betreiben sollen. Sie verschaffte also den Ländern, die Libyen angreifen, freie Kapazitäten für
den Einsatz in Libyen. Deutschland war deshalb von Anfang an indirekt am Krieg gegen Liby-
en beteiligt bzw. unterstützt die Angriffe aus Libyen, auch wenn die Bundesregierung ver-
sucht, der kriegsmüden deutschen Bevölkerung etwas anderes vorzugaukeln. Mittlerweile
gab Außenminister Westerwelle bekannt, nun doch über die Entsendung deutscher Solda-
tInnen nach Libyen nachzudenken, evtl. für die EU-Battlegroups. Eine Entscheidung des Bun-
destages darüber steht derzeit noch aus.

C. WELCHE INTERESSEN VERFOLGT DER WESTEN IN LIBYEN?

Es ist offensichtlich, dass sich der Westen im Falle Libyens anders verhält als bei Ägypten und
Tunesien - in Libyen hat sich der Westen schon sehr früh vordergründig auf die Seite der Pro-
testierenden geschlagen. Doch warum ist das so?

Zum einen hat der Westen von Tunesien und Ägypten gelernt, dass der Aufstand nicht auf-
zuhalten ist und es für zukünftige Beziehungen besser ist, sich mit der Opposition gut zu stel-
len. Obwohl Gaddafi in den letzten Jahren ein Partner des Westens war, so war er doch -
auch aufgrund der libyschen Ölressourcen - ein sehr viel unabhängigerer und unsicherer
Partner als beispielsweise Mubarak oder Ben Ali. Mit einer neuen Regierung würde es evtl.
auch zu einer Neuverhandlung der Verträge kommen; daher ist es wichtig, sich schon jetzt
mit der potentiellen neuen Führung des Landes gutzustellen.

Ein weiteres Ziel des Westens ist es, seine Glaubwürdigkeit in Sachen Demokratie und Men-
schenrechte wieder herzustellen, die durch die jahrzehntelange Unterstützung der arabi-
schen Diktatoren gravierend erschüttert ist – wenn diese Glaubwürdigkeit denn überhaupt
je bestand. Indem man sich nun vordergründig auf die Seite der Aufständischen in Libyen
schlägt, versucht man den Anschein zu erwecken, aus seinen Fehlern gelernt zu haben und
nun auf der Seite der protestierenden Massen zu stehen. Selbstverständlich ist diese Masche
leicht zu durchschauen – man blicke nur nach Saudi-Arabien, wo der Westen nach wie vor
ein äußerst repressives Regime unterstützt, das sowohl die Aufstände im eigenen Land als
auch im Nachbarland Bahrain blutig niederschlägt.

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Der Militäreinsatz in Libyen bietet den NATO-Mitgliedsstaaten und ihren Rüstungsfirmen au-
ßerdem die Möglichkeit, neue Waffensysteme auszuprobieren und deren „Qualität“ unter
Beweis zu stellen.

D. Spielen nicht zumindest in Libyen Islamisten eine entscheidende Rolle ?

Gaddafi behauptet, wie auch schon Ben Ali und Mubarak vor ihm, sog. Islamisten und Al
Qaida würden hinter den Aufständen stecken. Dies zeigt, dass er genau weiß, auf welche Ar-
gumente der Westen anspringt: Terrorismus und die irrationale Angst vor dem Islam. Es ist
als letzter verzweifelter Versuch zu werten, die Menschen in Europa und den USA mittels der
altbewährten Argumentation auf seine Seite zu ziehen. Ging dieser Plan im Falle Mubaraks
und Ben Alis nicht auf, so fiel diese Propaganda im Falle Libyens gerade in linken Kreisen
bisweilen auf fruchtbaren Boden - wohl auch wegen eines unangebracht positiven Gaddafi-
Bildes. Zudem sind auch viele Linke nicht völlig unbeeindruckt geblieben von der jahrelangen
Propaganda über gewaltbereite Muslime, demokratiefeindliche Araber, etc. Selbstverständ-
lich werden unter den Aufständischen auch Menschen vertreten sein, deren Ziele sich nicht
mit einem linken Parteiprogramm decken – so wie das auch auf jeder Demonstration in
Deutschland der Fall ist. Das ändert aber nichts daran, dass sich die Mehrheit für legitime
Ziele einsetzt und wir sie darin unterstützen sollten. Der NATO-Einsatz indes stärkt eher die
konservativen Kräfte, die bis vor kurzem noch das Gaddafi-Regime unterstützten und sich
erst in letzter Minute von ihm abgewandt haben.

E. IST GADDAFI ANTIIMPERIALIST UND SIND DIE AUFSTÄNDISCHEN MONARCHISTEN?

Früher wurde Gaddafi vom Westen als Gegner gesehen und von einigen Linken als antiimpe-
rialistischer Vorkämpfer gefeiert. Aber schon damals flossen die Gelder aus Verstaatlichun-
gen nicht in die Hände des Volkes, sondern weitgehend in Gaddafis Taschen. Nach seinem
„Abschwur vom Terror“ und dem Einschlagen eines prowestlichen Kurses wurde Gaddafi
zum Partner des Westens, der einerseits für zuverlässige Öllieferungen und eine Liberalisie-
rung der Erdölförderung sorgte und andererseits in Kooperation mit der europäischen
Grenzschutzagentur FRONTEX eine brutale Flüchtlingsabwehrpolitik umsetzte. Gaddafi hat in
Libyen in den letzten Jahren Privatisierungen vorangetrieben, die zu den Preissteigerungen
im Land und dem allgemein hohen Preisniveau im Vergleich zu anderen Ländern der Region
beitrug. Obwohl Libyen dank seines Erdöls das reichste nordafrikanische Land ist, hat es ein
vergleichsweise schlechtes Bildungssystem. 40-50 % der Jugendlichen sind arbeitslos.

Die alte libysche Flagge, im Gebrauch während des Königtums von 1951 bis 1969 nach der
Unabhängigkeit von Italien, kommt nun bei den Protesten wieder zum Einsatz. Trotzdem
sind die, die sie schwenken, nicht lauter Monarchisten. Die Flagge wird als Unabhängigkeits-
flagge verstanden, als Symbol für die Befreiung vom Kolonialismus und als Gegenstück zu der
von Gaddafi eingeführten grünen Flagge – nicht als Ruf nach dem Rückkehr der Monarchie.

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F. DIE FRAGE DER SOLIDARITÄT

Für uns Linke ist Folgendes wichtig: Die Solidarisierung darf nicht davon abhängig gemacht
werden, auf welche Seite sich unsere Regierung vorgeblich schlägt. Wir müssen unsere eige-
ne Position einnehmen, ähnlich wie es bei den Aufständen im Iran 2009 der Fall war. Nur
weil unsere Regierung so tut, als stünde sie auf Seiten der Protestierenden, bedeutet das
weder, dass der ganze Aufstand vom Westen eingefädelt wurde, noch, dass wir nicht mit
den Protestierenden solidarisch sein können. Jede Variation des Mottos „der Feind meines
Feindes ist mein Freund“ ist fehl am Platz, zumal wir sehen können, dass sich der Westen
wie ein Fähnchen im Wind plötzlich gegen Gaddafi wendet, den sie vorher über Jahre prote-
gierte. Es ist kein Widerspruch, gegen eine Militärintervention der NATO und gleichzeitig auf
der Seite der Aufständischen gegen Gaddafi zu stehen. Auch wie sich andere Linke verhalten,
sollte für uns nicht ausschlaggebend sein oder uns verunsichern, z.B. wenn sich Hugo Chavez
nicht wirklich von Gaddafi distanziert. Gaddafi ist kein Partner im Kampf gegen Imperialis-
mus und für Menschenrechte: Er hat die grausame FRONTEX-Politik unterstützt, die die Fes-
tung Europa vor afrikanischen Flüchtlingen „bewahrt“ und in deren Folge schon viele Men-
schen zu Tode gekommen sind. Er hat die Liberalisierung vorangetrieben und seine eigene
Bevölkerung unterdrückt. Des Weiteren können wir unsere Solidarität nicht von Vermutun-
gen darüber abhängig machen, welches System wohl in der Zukunft errichtet werden wird
oder ob – wie oben bereits beschrieben – sich unter den Aufständischen auch Menschen be-
finden, deren Ziele wir nicht unterstützen. Derartige Voraussagen sind reine Spekulation und
oft getrübt von Vorurteilen. Für uns als Linke sollte gelten: Wann immer sich Menschen ge-
gen ihre Unterdrücker erheben, sind wir solidarisch!

16. WELCHE AUSWIRKUNGEN HABEN DIE AUFSTÄNDE AUF ANDERE LÄNDER?

Weltweit beziehen sich Oppositionelle und Aktivisten auf die arabischen Proteste: In Wis-
consin etwa sagten die Demonstrierenden explizit, sie würden nun wie die Ägypter auch je-
den Tag wiederkommen, bis ihre Forderungen erfüllt seien. In Ägypten wiederum unterstüt-
zen Demonstrierende auf dem Tahrir-Platz die Forderungen der Menschen in Wisconsin mit
Schilder wie „Egypt Supports Wisconsin Workers: „One World, One Pain”. Auch in Griechen-
land bezogen sich Streikende auf die Proteste in Ägypten.

Auf dem Weltsozialforum in Dakar, Senegal, forderten Teilnehmer aus verschiedensten afri-
kanischen Ländern, ihre Regierungen wie Ben Ali aus dem Land zu jagen: „Tunesien ist in Af-
rika“ war die Losung. In mehreren Ländern gab es bereits ähnliche Proteste, beispielsweise
in Burkina Faso, Senegal und Gabun. Die Polizei ging teilweise brutal gegen die Protestieren-
den vor. Und in Simbabwe wurden Menschen verhaftet, nur weil sie sich getroffen hatten,
um gemeinsam Aljazeera zu sehen und sich über die Proteste zu informieren.

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Es gibt also keinen Grund, davon auszugehen, dass die Aufstände auf die arabischen Länder
beschränkt bleiben werden - auch wenn dies genau das ist, was sich die westlichen Regie-
rungen erhoffen. Wir sollten daher auch nicht der Aufteilung Afrikas in ein „arabisches Afri-
ka“ und ein „restliches Afrika“ folgen. Lassen wir uns nicht spalten! Ob Tunesien, Griechen-
land, Senegal oder Deutschland – letztendlich ist es das gleiche ungerechte System, das uns
auf die Straße bringt!

17. WAS KÖNNEN WIR TUN, UM DIE MENSCHEN IN DER ARABISCHEN WELT ZU
UNTERSTÜTZEN?

Erst einmal müssen wir uns die Frage stellen: Warum ist die Situation der Menschen in den
arabischen Länder so, wie sie ist? Es war auch unsere Regierung, die die Diktatoren stabili-
sierte und es ihnen ermöglichte, jahrzehntelang an der Macht zu bleiben, solange diese nur
die Flüchtlinge von Europa fernhielten, ihre Märkte für Importe aus Europa öffneten, Roh-
stoffe zur Verfügung stellten und die westliche Nahostpolitik mittrugen. Und es ist das unge-
rechte Weltwirtschaftssystems, das durch Liberalisierung, Privatisierung und Nahrungsmit-
telspekulationen dazu führte, dass Lebensmittel immer teurer wurden, Menschen ihre Exis-
tenzgrundlage verloren und arbeitslos wurden etc.

Internationale Solidarität heißt jetzt vor allem, in unserem Land daraufhin zu wirken, dass
sich diese Politik ändert – und nicht, militärisch einzugreifen! Außerdem gibt es derzeit ein
Zeitfenster, in dem Leute offen dafür sind, die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik grund-
legend zu hinterfragen und Vorurteile über die arabische Welt ad acta zu legen; denn die
Aufstände lassen Lügengebäude über „die“ Araber, „den“ Islam, „die Islamisten“ etc. wie
Kartenhäuser zusammenfallen.

Uns haben die revolutionären Prozesse in Nordafrika und im Nahen Osten wieder einmal ge-
zeigt, dass Revolution möglich und nötig ist! Auch in Deutschland!

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