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Enid Blyton.

Geschichten für Kinder

Erstes Buch

Lustiges Allerlei

Spaß. Spiel und Zauberei

Alle Rechte vorbehalten

Aus dem Englischen von Lena Hahn

Originaltitel „Gay Street Book", „Mr. Icy Gold", „ Marigold Story Book",

„Foxglove Story Book", „Water-Lily Story Book", erschienen bei John Gifford

Ltd., London, © by Darrell Waters Ltd., London, 1951, 1948,

1954, 1955 und 1955 Umschlag von Christian Mogg

Copyright © dieser Ausgabe 1995 by Tosa Verlag, Wien Printed in Austria

Version 1.0

Viel Spaß beim Lesen ☺

Buch Eins

Der hochmütige Löwe ........................................................................ 5

Susi und das Schaf Agathe ................................................................. 9

Das Zauber-Ei................................................................................... 17

Ein Beutel voll Kastanien ................................................................. 24

Der grüne Kobold ............................................................................. 33

Lumpi reißt aus ................................................................................. 37

Der geheimnisvolle Radiergummi .................................................... 44

In falschem Verdacht........................................................................ 48

Der Vulkan von Dingskirchen .......................................................... 54

Schneemann auf Reisen.................................................................... 58

Die verlorenen Perlen ....................................................................... 63

Hier bleibe ich! ................................................................................. 64

Buch Zwei

Komm baden, Lumpi!....................................................................... 68

Ein Schirm auf Wanderschaft ........................................................... 70

Schwarze Lätzchen ........................................................................... 74

Das verzauberte Messer.................................................................... 75

Ein Igel bedankt sich ........................................................................ 79

Was ist mit der Uhr los? ................................................................... 81

Das Mädchen von nebenan............................................................... 85

Schlaues Schlappohr......................................................................... 89

Allerhand an einem Nachmittag ....................................................... 91

Die Marzipan-Maus .......................................................................... 94

Wo ist Babett?................................................................................... 95

Pflaumenmus .................................................................................... 98

Pussi und Troll................................................................................ 101

Das Indianerfeuer............................................................................ 104

So ein schrecklicher Hund!............................................................. 106

Tinas Bäume ................................................................................... 110

Die Fratzenschneider ...................................................................... 111

Die vergeßlichen Hirten.................................................................. 114

Kaspers Weihnachtsfest.................................................................. 116

Das törichte Kätzchen..................................................................... 119

Das Segelboot ................................................................................. 121

Der hochmütige Löwe


Doris hatte zu Weihnachten eine große und sehr schöne Arche
Noah bekommen. Darin gab es Herrn Noah, Frau Noah und ihre drei
Söhne, außerdem viele Tiere: Löwen, Tiger, Bären, Pferde, Esel,
Ziegen, Hunde, Katzen, Giraffen, Elefanten, Enten, Hühner,
Schweine und noch zahllose andere, und von jeder Art ein Paar.
Doris spielte oft mit der Arche. Sie stellte die Tiere in Zweierreihen
auf und ließ sie zusammen mit der Familie Noah aus der Arche
steigen und wieder hinein. Aber in der Nacht, wenn Doris schlief, da
war erst etwas los auf der Arche! Noah öffnete die Türen und ließ
alle Tiere hinaus zum Spielen. Manche purzelten gleich bis auf den
Fußboden im Kinderzimmer, so eilig hatten sie es, hinauszukommen.
Und dann tollten sie umher und spielten, was sie gerade wollten. Die
Enten und Hühner spielten Verstecken; die Giraffen und Elefanten
spielten Fangen; die weißen und braunen Bären spielten
Drittenabschlagen. Herr und Frau Noah und ihre Söhne Sem, Ham
und Japhet sahen ihnen zu und lachten.
Wenn die Mitternachtsstunde vorüber war und die Tiere in die
Arche zurückmußten, stellten sie sich zu zweien auf und stiegen
wieder in den Bauch des großen Schiffes. Noah verschloß die Tür
hinter ihnen. Dann rührten sie sich nicht mehr bis Doris kam und sie
zum Spielen herausholte oder bis sie in der nächsten Nacht
hinausdurften. Alle Tiere waren sehr brav. Alle - bis auf den Löwen.
Leider hatte er einmal gehört, daß er in einem Buch der König der
Tiere genannt wurde. Seitdem war er mächtig eingebildet. Jede
Nacht stolzierte er allein davon, denn er kam sich zu erhaben vor, um
das zu tun, was alle anderen taten. Er beteiligte sich auch nicht an
den Spielen, sondern saß in königlicher Haltung vor dem Kamin, den
Schwanz um die Vorderpfoten gelegt, und blickte hochmütig über
die anderen hinweg. Wenn er dann hörte, daß Noah die Tiere rief,
damit sie zurück zur Arche kämen, reckte der Löwe nur seine Nase
in die Luft und blieb sitzen, wo er war. Nein, er wollte nicht mit in
die Arche! Er war doch der König der Tiere, also konnte er tun, was
ihm beliebte, und mußte sich nicht mit in dieses Schiff treiben lassen,
zusammen mit Enten, Hühnern und Schweinen! Noah war ärgerlich.
»Wo ist denn nur wieder dieser Löwe?« sagte er jede Nacht. »Er
kann einem wirklich auf die Nerven gehen! Löwe, Löwe, komm
sofort! Alle anderen stehen schon in Zweierreihen, und die Löwin
wartet auf dich. Komm sofort her!«
Aber meist mußte Sem ihn suchen und ihn mit Gewalt in die
Arche schleppen. Das wiederholte sich jede Nacht. Und schließlich
hatte Noah es satt. »Wenn du heute nicht kommst, sobald ich rufe,
gehen wir ohne dich in die Arche«, sagte er streng.
Sie werden es nicht wagen, ohne mich zu gehen, dachte der
eingebildete Löwe. Und ich werde sie so lange warten lassen, wie es
mir paßt. Immerhin bin ich doch ihr König!
In dieser Nacht setzte er sich wie immer vor den warmen Kamin,
legte den Schwanz um sich wie eine Katze und rümpfte die Nase
über die lustigen Spiele der ändern Tiere. Als Noah zur gewohnten
Zeit rief: »Kommt alle her, wir wollen hineingehen!«, da
unterbrachen die Tiere ihre Spiele und kamen gelaufen. Als erste
stellten sich die Känguruhs zu zweit auf, dann kamen die weißen
Bären, die braunen Bären, dann die Enten, die Giraffen und dann die
Löwin. Wie gewöhnlich fehlte der Löwe. Länger und länger wurde
die Reihe, und zum Schluß kamen die Elefanten atemlos an; sie
hatten Verstecken gespielt und mußten erst mühsam aus dem
Papierkorb herausklettern. Noah bemerkte, daß der Löwe wieder
fehlte. Aber er sagte kein Wort. Er sah sich nicht einmal nach ihm
um, und er schickte auch nicht Sem, damit er ihn holte. Er sagte nur:
»Sem, öffne die Tür. Harn, paß auf, daß die Elefanten den Füchsen
nicht auf die Schwänze treten. Japhet, sag den Hunden, sie sollen
aufhören zu bellen.« »Nun komm«, wendete er sich zu seiner Frau,
»wir wollen den Zug anführen.« Der Zug setzte sich in Bewegung,
und alle Tiere marschierten zu zweit in die Arche. Nur die Löwin
mußte allein gehen. Dann schloß Noah die Tür mit einem lauten
Knall, und bald hörte man keinen Ton mehr aus der Arche.
Der Löwe war sehr verblüfft, daß die Tiere ohne ihn gegangen
waren und Noah ihn nicht noch einmal extra aufgefordert hatte, in
die Arche zu kommen. Aber er tat, als ginge es ihn gar nichts an, und
blieb auf seinem warmen, bequemen Platz vor dem Kamin sitzen. Ich
bleibe hier, so lange ich will, dachte er. Er blickte sich um. Alle
Spielsachen waren wieder in ihren Regalen im Spielschrank. Die
Puppen, die Hampelmänner und der Teddybär kamen nämlich auch
jede Nacht herunter zum Spielen. Jetzt aber lagen, saßen oder
standen sie an ihren Plätzen und bewegten sich nicht mehr. Einer der
Hampelmänner wunderte sich, daß der Löwe noch vor dem Kamin
saß. »Gehst du heute nicht in die Arche?« fragte er. »Hast du denn
keine Angst so ganz allein hier draußen?« »Angst!« schnaubte der
Löwe und verzog verächtlich die Nase. »Ich und Angst? Ja, weißt du
denn nicht, daß ich der König der Tiere bin? Ich wüßte gern, wovor
ich Angst haben sollte!«
»Na, wenn du dich so stark fühlst, dann mach doch, was du
willst!« sagte der Hampelmann schnippisch. »Viel Vergnügen, Herr
Hochwohlgeboren!« Dann schwieg auch er.
Jetzt war der Löwe ganz allein. Er saß auf dem Teppich vor dem
Kamin und blinzelte in die Glut, die bald ausgehen würde. Im
Kinderzimmer war es finster, aber der Löwe konnte ganz gut im
Dunkeln sehen mit seinen Katzenaugen. Er saß und saß, und
allmählich wurde es ihm langweilig.
Plötzlich hörte er, wie an der Wand neben ihm etwas kratzte. Er
sprang auf die Füße. Was war das?
Es war die kleine braune Maus, die hinter der Tapete wohnte. Sie
kam jetzt aus ihrem Mauseloch, um zu sehen, ob Doris vielleicht
Krümel auf dem Fußboden verstreut hatte. Mit leisen Pfötchen
trippelte sie über den Teppich und rannte genau gegen den Löwen, so
daß er umfiel. »Laß das!« schimpfte der Löwe. Das Mäuschen sah
ihn einen Moment verwundert an, grinste und warf ihn noch einmal
um.
»Ich hab' dir gesagt, du sollst das lassen!« brüllte der Löwe.
»Aber du sitzt genau auf einem Krümel«, sagte die Maus. »Geh da
runter, ich möchte ihn essen.« Beleidigt hockte der Löwe sich erst
recht auf den Krümel und wich keinen Zentimeter von der Stelle.
»Ob du wohl gut schmeckst?« überlegte die Maus laut. »Macht es
dir etwas aus, wenn ich mal an deinem Schwanz knabbere?«
»Allerdings macht mir das etwas aus!« jaulte der Löwe. Er hatte
jetzt Angst. Und als die Maus versuchte, nach seinem Schwanz zu
schnappen, nahm er Reißaus. Aber die Maus lief ihm nach. »Ich
krieg' deinen Schwanz ja doch!« quietschte sie vergnügt. »Ich krieg'
ihn doch!« Der Löwe rannte zur Arche und klopfte an die Tür. »Laßt
mich rein! Eine Maus verfolgt mich!«
»Die Tür ist verschlossen«, antwortete Noah. »Störe uns nicht
im Schlaf!« Der Löwe rannte zum Spielzeugschrank und klopfte dort
an. »Laßt mich rein! Eine Maus verfolgt mich!«
»Mach, daß du fortkommst, und laß uns in Ruhe!« brummte der
Hampelmann verschlafen.
Der Löwe hätte es wohl nicht verhindern können, daß sein
Schwanz angenagt wurde, wenn da nicht jemand auf Samtpfoten ins
Zimmer gekommen wäre, der das Mäuschen verjagte. Dieser Jemand
war die große weiße Katze. Sie hatte die Maus gerochen und suchte
sie nun. Wie der Blitz schoß die Maus in ihr Loch. Da entdeckte die
Katze den rennenden Löwen. Sie glaubte, das sei die Maus, und
sprang ihm nach. Mit ihren scharfen Krallen faßte sie ihn, warf ihn
auf den Rücken und beschnupperte ihn. Er hatte Todesangst und
glaubte, die Katze würde ihn verspeisen.
»Du riechst komisch«, sagte die Katze, »komisch und nicht sehr
gut. Du riechst nach Holz und Farbe. Ich werde dich nicht fressen,
ich werde mit dir spielen.« Sie stupste den Löwen hin und her und
warf ihn in die Luft. So rasch er konnte, lief er davon und klopfte
noch einmal an die Archentür. »Laßt mich rein!« jammerte er. »Eine
Katze ist hinter mir her, ein riesiges Tier!«
»Die Tür ist verschlossen«, sagte drinnen Noah. »Gib endlich
Ruhe!« Der Löwe rannte zum Spielzeugschrank. »Laßt mich rein!«
schrie er. »Eine Katze verfolgt mich!«
»Fort mit dir!« brummte der Hampelmann. »Und weck uns nicht
dauernd auf!«
Der Löwe war völlig verzweifelt. Aber da lief die Katze plötzlich
zur Tür hinaus. Sie hatte draußen eine Maus gehört, und schon war
sie verschwunden! Müde und niedergeschlagen setzte sich der Löwe
vor den Kamin, der jetzt kalt war. Er wäre so gern mit den anderen in
der sicheren Arche gewesen. Auf einmal kam eine große Spinne über
den Boden gekrabbelt. Der Löwe erschrak. Dieses Tier kannte er
nicht. »Wer immer du auch bist«, rief er, »mach, daß du weggehst!
Ich bin der König der Tiere!« »Ist mir ganz egal«, erwiderte die
Spinne. »Ich werde ein Netz von deiner Nasenspitze zu diesem
Stuhlbein spinnen. Beweg dich nicht, sonst spinne ich dich ganz ein,
daß du dich nicht mehr rühren kannst.« Der Löwe brüllte auf und lief
davon. Er wußte, es hatte keinen Sinn, wenn er noch einmal zur
Arche ging, und auch im Spielzeugschrank würde er nicht aufge­
nommen werden. Wo sollte er sich verstecken?
Auf einmal fiel ihm das Puppenhaus ein. Vielleicht war es nicht
verschlossen? Rasch lief er hin, drückte die Nase an die Eingangstür,
und sie gab nach. Der Löwe schlüpfte aufatmend hindurch und
machte sie hinter sich zu. In der Küche sank er auf den Boden und
lag ganz erschöpft dort. Er fühlte sich überhaupt nicht mehr mutig.
Er fühlte sich auch nicht mehr als König. Er fühlte sich klein, einsam
und ängstlich. Am nächsten Tag entdeckte Doris den Löwen im
Puppenhaus. Sie war sehr verwundert. »Wie mag er nur dahin
geraten sein?« sagte sie. »Ich habe ihn bestimmt nicht hineingetan.«
Dann stellte sie ihn zurück in die Arche.
Als in der nächsten Nacht die Tiere aus der Arche kletterten, ging
auch der Löwe mit. Aber er setzte sich nicht allein vor den Kamin,
um unnahbar und königlich auszusehen. Er sah den anderen Tieren
beim Spielen zu, und ein paarmal spielte er sogar mit.
Und als dann Noah rief, sie sollten in die Arche zurückgehen -
wer war wohl der erste, der kam? Ja, richtig: der Löwe. Er hatte
keine Lust, noch einmal ausgesperrt zu werden. Er hatte auch keine
Lust mehr, sich den anderen überlegen zu fühlen. Manchmal neckte
ihn die Löwin: »Wer hat denn eine Nacht in einem Puppenhaus
verbracht wie eine Puppe?« Dann wurde der Löwe verlegen, drehte
den Kopf zur Seite und sagte keinen Torf.

Susi und das Schaf Agathe


Nach dem Mittagessen spülte Susi das Geschirr, wischte den Herd
und den Tisch ab, kniete dann am Boden und schrubbte die Fliesen.
Das ging alles rasch und doch gründlich, denn Susi hatte große
Übung in jeder Art von Hausarbeit - leider, muß man beinahe sagen.
Denn sie war kaum zwölf Jahre alt und hätte gern manchmal ein
bißchen Zeit zum Spielen oder Lesen gehabt. Aber ihre Mutter war
kränklich, hatte böse Schmerzen in den Gelenken und konnte sich
kaum rühren. So blieb alles Susi überlassen: Waschen, Kochen,
Saubermachen. Sie fand das ganz selbstverständlich - wer hätte es
denn sonst machen sollen? Der Vater war schon seit langer Zeit
arbeitslos. Verbittert saß er herum, löste Kreuzworträtsel und las,
sonst tat er nicht viel. Er wäre nicht auf die Idee gekommen, seiner
Tochter zu helfen.
»Warte doch, ich komm' ja bald!« rief Susi jetzt durch die offene
Küchentür in den Garten hinaus, wo jemand schon ein paarmal nach
ihr gerufen hatte.
Nach einer Weile rief sie wieder: »Sei nicht so ungeduldig! Du
weißt, ich kann erst kommen, wenn ich hier fertig bin. Also sei still!«
Endlich war die Arbeit getan. Susi hängte die große blaue
Küchenschürze, die der Mutter gehörte, an den Haken, wusch sich
die Hände und ging nach draußen. »Hat's sehr lange gedauert?«
fragte sie, als sie in die Nähe des alten Holunderbu-sches kam, und
die Stimme, die mehrmals nach ihr gerufen hatte, antwortete tief und
rauh: »Bäh!« und noch einmal: »Bääh!«
Es war das Schaf Agathe, das die Antwort gab. Das Tier zerrte
ungeduldig an dem Strick, mit dem es angebunden war, und blökte
noch einmal empört. Susi lachte und kraulte Agathes Kopf. Sie hatte
das Schaf sehr lieb, obwohl es manchmal eigensinnig war und ihr
Sorge und Mühe machte, wenn es wieder einmal seinen Haltestrick
zerrissen hatte und fortgelaufen war. Dann mußte Susi stundenlang
suchen. Dennoch fand sie, es gäbe kein schöneres Schaf als Agathe,
und da hatte sie recht. Agathe war wirklich ein Prachtschaf, jung,
kräftig und gesund, mit einem dicken Wollpelz. Seit einiger Zeit gab
sie sogar reichlich Milch, die man im Haushalt verwenden oder
verkaufen konnte. Agathe hatte zwei Lämmchen gehabt, doch die
waren leider kurz nach der Geburt gestorben. Susi hatte das Schaf
losgebunden und wurde sofort heftig in die Richtung gezogen, in die
Agathe zu gehen wünschte. Hier in der Siedlung am Stadtrand gab es
für das Tier nur das bißchen Gras im Garten, das schnell abgeweidet
war. Aber gar nicht weit entfernt war für ein naschhaftes Schaf ein
wahrhaftiges Paradies: die saftige Wiese am Billbach. Der Bauer,
dem sie gehörte, wollte das Gras nicht für seine Kühe, weil es ein
wenig sauer war; er erlaubte gern, daß Susi ihr Schaf dort grasen
ließ.
Agathe schmeckte das Gras köstlich. Das Allerbeste waren jedoch
die Akazienbüsche, die am Wegrand standen, wenn man zu der
Wiese ging. Agathe strebte von einem Busch zum anderen, und Susi
ließ sich geduldig mitziehen. Dies war die einzige Stunde am Tag, in
der sie ein bißchen ausruhen und etwas tun durfte, was ihr Freude
machte.
Ein paar Frauen grüßten zu Susi herüber und sprachen dann beim
Weitergehen darüber, wie rührend dieses Kind all die viele Arbeit
auf sich nahm und dabei so zufrieden aussehen konnte. Nach einer
Weile begegnete Susi einem Mann, den sie nie hatte leiden mögen,
obwohl er ihr nichts getan hatte. Vielleicht spürte sie, wie hartherzig
er sein konnte, wenn er für sich einen Vorteil erreichen wollte. Es
war der Gastwirt Möckmann, ein großer, schwerer Mann mit Augen,
die alles zu sehen schienen.
Er blieb stehen und fragte: »Ist dein Vater zu Hause?«
Susi antwortete nicht gleich, sondern schaute ihn mißtrauisch an.
»Ja«, sagte sie schließlich, »der Vater ist da.« Der Mann deutete auf
Agathe. »Ein ordentlicher Brocken, euer Schaf. Das gibt einen guten
Braten.«
Susi zuckte zusammen. »Es ist ein Mutterschaf«, erwiderte sie
empört. Er lachte und klopfte sich auf den Magen. »Na, Lammbraten
ist auch was Gutes.« Dann sah er sich Agathe von allen Seiten
gründlich an, bevor er davonging.
Während Susi ihr Schaf auf der Bachwiese mit dem Seil an einen
Pflock band, grübelte sie noch über die Begegnung mit dem Gastwirt
nach und hatte dabei ein unbehagliches Gefühl. Was wollte der Wirt
von ihrem Vater? Sie wußte wohl, daß der Vater in der letzten Zeit
öfter abends ins Gasthaus gegangen war zum Kartenspielen - damit
die Zeit schneller verginge, wie er sagte. Doch dabei gab er das
bißchen Geld aus, das er als Arbeitslosenunterstützung bekam, und
von diesem Geld hätte man eigentlich etwas zu essen kaufen müssen.
Morgen kam der Mann, der den Stromzähler ablas, und das
Waschpulver war auch schon wieder alle. Susi seufzte tief, wenn sie
an alle ihre Sorgen dachte.
Dann fiel ihr ein, daß sie nicht so viel Zeit mit Agathe vertrödeln
durfte. Zu Hause wartete genug Arbeit auf sie. Und für die Schule
hatte sie bis morgen ein paar schwierige Rechenaufgaben zu lösen.
»So, leb wohl«, verabschiedete sie sich von Agathe. »Am Abend
komme ich und hole dich. Reiß dich gefälligst nicht wieder los, hörst
du! Ich kann nicht dauernd stundenlang nach dir suchen!«
»Bäh!« antwortete das Schaf und blickte dem Mädchen enttäuscht
nach. Je näher Susi dem winzigen Häuschen kam, in dem sie mit den
Eltern wohnte, desto mehr verstärkte sich in ihr das unbehagliche
Gefühl von vorhin. Hoffentlich war der Gastwirt nicht mehr da! Er
war schon fort, aber er hatte Aufregung und Kummer
zurückgelassen. Die Mutter weinte, und der Vater ging mit ver­
schlossenem Gesicht aus dem Haus, als Susi eintrat. Bald erfuhr das
Kind, was geschehen war. Der Vater hatte im Gasthaus Schulden
gemacht, und der Wirt war gekommen, um das Geld zu kassieren.
»Wir haben ihm die schöne Brosche von Großmutter angeboten,
die mit den Granatsteinen, aber er wollte sie nicht. Auch nicht die
alte Stutzuhr, die für ein paar Mark wieder in Ordnung gebracht
werden könnte - nein, er will unbedingt das Schaf haben«, berichtete
die Mutter niedergedrückt.
»Agathe -?« fragte Susi ungläubig. »Ja, Agathe«, bestätigte die
Mutter. »Morgen will er jemand schicken, um sie abzuholen. Sie ist
viel mehr wert, als Vaters
Schulden ausmachen - aber wie sollen wir uns gegen einen Mann
wie Möckmann wehren? Ach, wie wird es unserer armen Agathe bei
ihm ergehen!« »Und wenn Vater in die Stadt führe und etwas
verkaufte, was ein bißchen Wert hat, die silbernen Teelöffel
vielleicht oder meinen Wintermantel? Der ist noch ziemlich neu.«
Die Mutter schüttelte betrübt den Kopf. »Möckmann hat sich in
den Kopf gesetzt, das Schaf zu bekommen, und Vater mußte es ihm
schriftlich zusagen. So billig käme er nicht wieder zu einem Schaf,
sagte er lachend, als er wegging.« Susi senkte den Kopf und schwieg.
Sie ging hinunter zur Bachwiese, um Agathe in den Stall zu holen, in
dem sie heute zum letzten Mal schlafen würde. Das Schaf kam ihr
auf halbem Weg entgegen. Es hatte lange vergeblich gewartet, und
als dann der Abend dämmerte und das jämmerliche Blöken nichts
nützte, hatte Agathe wieder einmal das Halteseil angefressen und
sich losgerissen, um sich allein auf den Heimweg zu machen. Sonst
zankte Susi immer, wenn Agathe sich losriß, aber heute sagte sie
nichts.
Tief in Gedanken verloren, saß sie auf einer Kiste im Stall und sah
zu, wie Agathe sich ahnungslos und seelenruhig die Rübenschnitzel
schmecken ließ. Was kann ich nur tun? dachte Susi. Sie ballte die
Hände zu Fäusten, und Tränen liefen ihr über das Gesicht. Ohne zu
wissen, was sie tat, verrichtete sie die üblichen Arbeiten. Sie holte
frisches Trinkwasser für Agathe, schüttelte die Streu auf und nahm
dem Schaf das Halsband ab. An diesem Halsband hing ein
ausgefranstes Ende der zerrissenen Halteleine. Susi hielt das
Halsband in der Hand - und da kam ihr der rettende Gedanke. Jetzt
wußte sie, was sie tun mußte. Beim Abendessen hatte sie noch
verweinte Augen. Die Mutter strich ihr übers Haar und fragte: »Ist es
so schlimm, Kind?«
»Ach nein«, antwortete Susi und ging aus der Küche. Die Eltern
blickten einander ratlos und bekümmert an.
Am nächsten Morgen stand Susi noch früher auf als sonst und
erledigte alle gewohnten Arbeiten: Kaffee kochen, den Tisch decken,
Schuhe putzen. Dann rief sie durch den Türspalt ins Schlafzimmer
der Eltern hinein, sie wolle auf dem Weg zur Schule Agathe
mitnehmen und sie auf der Bachwiese anbinden. Wenn jemand das
Schaf holen käme, könnte er es da finden. »Du wirst dich wundern«,
sagte Susi zu Agathe, als sie unterwegs waren. »Aber es geht nicht
anders.«
Sie ging sehr schnell, sah sich nach allen Seiten um und zog das
Schaf plötzlich rasch in den Wald hinein, wo dichtes Unterholz
stand. Agathe war mit dem wilden Tempo nicht einverstanden und
stemmte sich gegen das Seil. Aber Susi zerrte sie unerbittlich
vorwärts. So rannten sie durch den Wald, bis sie zu einer Jagdhütte
kamen, die ganz versteckt im Dickicht stand. Hier wohnte der
Mensch, von dem Susi Hilfe erhoffte. Herr Siebenschön, den die
Leute den »Einsiedler« nannten, lebte meist den Sommer über in der
Hütte, die seinem Onkel gehörte. Hier konnte er in Ruhe seine
Bücher schreiben. Er hatte Susi öfter getroffen und sich immer sehr
freundlich mit ihr unterhalten.
Natürlich war Herr Siebenschön erstaunt, als Susi auf einmal mit
dem Schaf vor seiner Tür stand. Hastig erklärte sie, daß sie ein
Versteck für Agathe brauchte, damit der Gastwirt sie nicht fand. »Sie
müssen nur aufpassen, daß Agathe nicht blökt«, schärfte sie ihm ein.
»Am besten halten Sie sie immer in Ihrer Nähe. Wenn sie sich
langweilt, fängt sie an zu schreien.«
Sie gab schnell noch ein paar Anweisungen, was Agathe zu
fressen bekam und wann sie gemolken werden mußte, und dann
flitzte sie davon, um noch rechtzeitig zur Schule zu kommen.
»Bäääh!« schrie Agathe aus Leibeskräften hinter ihr her.
»Du liebe Güte!« sagte Herr Siebenschön und nahm das Tier, weil
es sich durch Zureden nicht beruhigen ließ, mit in seine Hütte. Hier
war es sofort still und schaute sich neugierig um.
»Das könnte dir wohl passen«, meinte er lächelnd. »Aber es geht
leider nicht. Mein Onkel würde mich rausschmeißen, wenn ich seine
Jagdhütte in einen Schafstall verwandelte. Du bekommst einen
Schlafplatz im Holzschuppen, da ist es gemütlich.« Agathe gewöhnte
sich schnell an ihn, ließ sich streicheln und füttern und am Abend
auch melken. Zum Glück konnte er melken. Als er dann allein in
seiner Hütte saß, machte Herr Siebenschön sich Gedanken. Er hatte
Susis Bitte erfüllt, ohne viel zu überlegen, weil er sie gern mochte.
Aber in was hatte er sich da eingelassen? Machte er sich nicht
strafbar, wenn er das Schaf, auf das der Gastwirt einen Anspruch
hatte, bei sich versteckte? Das Kind hatte ihn so flehend angesehen.
Er hatte nicht nein sagen können. Nun mußte er eben gut achtgeben,
daß niemand das Schaf zu sehen bekam - und zu hören!
Susi war ganz außer Atem etwas zu spät zur Schule gekommen.
Der Lehrer sagte nichts, weil er wußte, daß sie morgens schon im
Haushalt zu tun hatte. Er wunderte sich nur, daß das Mädchen heute
ungewöhnlich zerfahren war und seine Fragen anscheinend gar nicht
hörte. Die Eltern waren in heller Aufregung, als Susi gegen zwei Uhr
heimkam. Der Gastwirt hatte einen Boten geschickt, der das Schaf
holen sollte, und der Vater war mit ihm zur Bachwiese gegangen.
Dort hatten sie kein Schaf gefunden, nur ein abgerissenes Seil am
Pflock.
Bald darauf war der Gastwirt selbst gekommen. Zornig schrie er,
wie das habe passieren können, daß das Tier sich losgerissen hatte -
das sähe doch sehr nach Absicht aus!
Sein Geschrei lockte einige Nachbarn herbei, die bestätigten, daß
Agathe sich schon oft losgerissen hatte und fortgelaufen war. Gleich
nach dem Mittagessen wurde Susi weggeschickt, um das Schaf zu
suchen. Als sie abends ohne Agathe zurückkam, sagte der Vater
niedergeschlagen: »Dann ist Mutter ihre schöne Nähmaschine los;
sie ist noch fast neu und hat zweihundert Mark gekostet. Es ist das
einzige, was Möckmann anstelle des Schafes annehmen würde.« Susi
erschrak. Mutters Nähmaschine! Das durfte nicht sein! Dann würde
die Mutter wieder stundenlang sitzen müssen, um mit ihren
schmerzenden Händen die Wäsche auszubessern, die schon so mürbe
war. Mußte Susi jetzt die Wahrheit sagen? Aber sie schwieg, weil ihr
etwas eingefallen war. »Ich werde mich zur Kartoffelernte auf dem
Gut melden«, verkündete sie. »Vielleicht können wir dann Möck­
mann das Geld allmählich abzahlen.«
Eine Woche später brachte sie ihr erstes selbstverdientes Geld zu
dem Gastwirt. »Vater schickt das, und er läßt bitten, daß Sie uns die
Nähmaschine lassen.« »Bringt, was ihr habt«, brummte er
unfreundlich. Er wagte nicht, das Geld zurückzuweisen und für eine
Schuld von weniger als vierzig Mark die teure Nähmaschine zu
nehmen. Es wußten jetzt zu viele Leute um die Sache, und er hatte
Angst, seinem Ansehen zu schaden. So hatte nun Susi zu ihrer Arbeit
im Haus und für die Schule noch die schwere Plackerei auf dem
Kartoffelacker auf sich genommen, wo sie sich viele tausend Male
bücken mußte, um die Kartoffeln aus den Furchen zu holen. Ihr
einziger Trost waren die kurzen Besuche, die sie in der Jagdhütte
machte und bei denen sie sah, wie gut Agathe es bei ihrem Betreuer
hatte.
Der Vater hatte den Verlust des Schafes bei der Polizei gemeldet.
Als nun eines Tages ein Polizist ins Haus kam und Susi eingehend
verhörte, weil sie ja das vermißte Tier immer versorgt hatte, brach sie
in Tränen aus und konnte sich gar nicht beruhigen. Die viel zu
schwere Arbeit, die Angst um Agathe und das dauernde Heimlichtun
waren einfach zuviel für sie. So ging es nicht weiter, das wußte sie.
Nur einmal noch wollte sie Agathe besuchen, morgen - und danach
wollte sie alles gestehen und die Folgen auf sich nehmen.
An diesem letzten Tag saß sie mit einem so unglücklichen Gesicht
in der Schule, daß der Lehrer sie nach dem Unterricht zu sich rief
und wissen wollte, was sie quälte. Sein Mitgefühl tat Susi so wohl,
daß alles auf einmal aus ihr hervorbrach und sie schluchzend
berichtete, was sich ereignet hatte.
»Natürlich war es nicht recht, das Schaf beiseite zu bringen«,
sagte er. »Aber ich verstehe dich gut. Es ist hier in der Gegend
allgemein bekannt, was für ein hartherziger und geldgieriger Mann
der Gastwirt Möckmann ist. Du willst nicht, daß ich einmal mit ihm
rede, nein? Dann gebe ich dir einen Rat: Laßt euch von ihm eine
schriftliche Zusage geben, daß er auf das Schaf verzichtet, sobald die
Schuldsumme voll bezahlt ist. Soll ich nicht wenigstens mit deinen
Eltern sprechen?« »Nein, bitte nicht!« sagte sie flehend.
Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Ich wünsche dir, daß alles
gut ausgeht. Sag mir gleich, wenn es etwas Neues gibt! Vielleicht
kann ich doch helfen.« Sie bedankte sich und ging nach Hause. Nach
dem Mittagessen wollte sie zur Jagdhütte gehen und Agathe
besuchen -zum letzten, allerletzten Mal! Bei diesem Gedanken fing
sie wieder an zu weinen. Vor lauter Tränen sah sie die Eltern, die ihr
entgegenkamen, erst, als sie vor ihr standen. Sie hatten eine
Neuigkeit, eine herrliche Überraschung. Der Vater hatte eine
Stellung bekommen, sogar in seinem alten Beruf.
»Du mußt Susi aber auch erzählen, wie du zu der Stellung
gekommen bist«, erinnerte die Mutter.
»Ja, das ist merkwürdig. Ich wurde durch einen Brief
aufgefordert, mich bei einer großen Firma hier in der Stadt vorzustel­
len, und bekam dort die Zusage, daß ich sofort anfangen kann. Chef
der Firma ist ein Herr, dem die Jagdhütte im Erlenbruch gehört. In
der Hütte wohnt sein Neffe, ein Schriftsteller namens Siebenschön.
Der kennt dich, Susi, und hat seinem Onkel von uns erzählt.«
»Ja, er kennt mich und ist ein sehr guter Mensch«, sagte Susi
strahlend. »Nun kann ich endlich meine Schulden bei Möckmann
bezahlen. Ich bekomme schon Ende der Woche mein erstes Gehalt.«
Der Vater war glücklich. »Laß dir aber von Möckmann schriftlich
bescheinigen, daß er dann keine Ansprüche mehr an dich hat und
nichts weiter fordern darf!« sagte Susi eindringlich. Sie dachte an
den Rat ihres Lehrers. »Vergiß es nicht, Vati!«
»Nein, gewiß nicht. Ich lasse es mir schriftlich geben. Und weißt
du was, Susi - wenn ich erst etwas Geld beisammen habe, kaufe ich
ein neues Schaf. Wie wäre das?« Sie schüttelte heftig den Kopf, und
er wunderte sich. Die Mutter glaubte ihr Kind zu verstehen und
meinte: »Sie mag nach Agathe kein anderes Schaf mehr haben. Aber
wir werden schon etwas finden, um dir eine Freude zu machen, Susi.
Zunächst hörst du mal sofort mit der Arbeit auf dem Kartoffelacker
auf.« Am Samstag kam der Vater mit seinem ersten verdienten Geld
heim und ging gleich zum Gastwirt Möckmann, um den Rest seiner
Schulden zu bezahlen.
»Bitte, denke dran, daß er es dir schriftlich gibt, er habe keine
weiteren Ansprüche an uns!« mahnte Susi. Und wirklich kam er bald
zurück und hatte die Zusage des Gastwirts auf einem Zettel, mit
Unterschrift und Datum. Susi atmete tief und erleichtert auf. Jetzt
war alles gut, nun konnte Agathe zurückkommen! Sie rannte so
plötzlich davon, daß die Eltern einander verblüfft anblickten. Was
hatte das Kind denn? Es wurde dämmrig, und sie begannen sich
Sorgen um Susi zu machen. Wo war sie, und warum blieb sie so
lange fort? Schließlich setzten sie sich an den Abendbrottisch, aber
sie hatten beide keinen Appetit.
Auf einmal kamen draußen hastige Schritte näher, und dann
tönte ein durchdringendes Blöken: »Bäääh! Bäääh!« Susi hatte ihre
Agathe nach Hause geholt.

Das Zauber-Ei
In seiner Jugend hatte der Zwerg Grips zaubern gelernt, und
seitdem war das seine Lieblingsbeschäftigung. Er hatte von seiner
Großmutter einen goldenen Zauberkessel geerbt, und oft saß er ganze
Nächte hindurch vor dem Feuer, über dem der Kessel hing, und
mischte seltsame Dinge zusammen. Einmal, so hoffte er, würde ein
starker Zauber herauskommen, der ihm Reichtum und Macht verlieh.
Eines Nachts hatte er bei Mondschein wieder ganz besonders
köstliche Dinge in den Kessel getan und rührte mit einem Holzlöffel
darin herum. Es war der Atemzug einer Fledermaus, das Aufzucken
eines Blitzes, das Echo aus einer tiefen Höhle, das Schnarchen eines
schlafenden Dachses, das Miauen eines neugeborenen Kätzchens und
noch ein Dutzend anderer Zutaten. Während er eifrig rührte, dachte
er: Diesmal müßte ein ganz großer Zauber entstehen, der mir die
Macht gibt, alles zu tun, was ich will. Ich will der mächtigste
Zauberer der Erde sein!
Grips war zwar schlau, aber gut und freundlich war er nicht.
Niemand mochte ihn leiden, viele Leute hatten sogar Angst vor ihm,
weil er seine Schlauheit niemals dazu benutzte, um etwas Nettes und
Nützliches zu tun, sondern nur um andere zu ärgern und zu
erschrecken. Zwei volle Stunden lang hatte er gerührt, da zeigte sich
in dem Kessel eine Farbe, wie Grips sie noch nie gesehen hatte. Die
Masse begann zu brodeln, und auf einmal ertönte ein Zwitschern.
»Es zwitschert!« sagte Grips erstaunt vor sich hin. »Das klingt wie
das Zwitschern des Zaubervogels Hollopollo, das man seit mehr als
fünfhundert Jahren nicht mehr gehört hat. Ob aus meinem Kessel ein
Hollopollo-Vogel kommen wird? Das wäre großartig, denn wenn ich
diesen Vogel besäße, müßte jedes lebende Wesen mir gehorchen, ich
könnte alles tun und haben, was mir beliebte. Ich wäre der König der
Welt!«
Aber aus dem Kessel kam kein Vogel. Die Masse zwitscherte
noch eine Weile, dann wechselte sie ihre Farbe und begann zu
verdunsten, bis nichts mehr übrigblieb. Oder beinahe nichts. Denn
als Grips sich enttäuscht über den Kessel beugte, sah er, daß da etwas
am Boden lag, etwas sehr Kleines: ein winziges gelbes Ei mit einem
roten Punkt an jedem Ende. Der Zwerg wurde ganz aufgeregt. »Es ist
kein Hollopollo-Vogel, aber es ist gewiß ein Hollopollo-Ei! Ich muß
nur dafür sorgen, daß es ausgebrütet wird, dann besitze ich eine
Zauberkraft wie niemand sonst auf der Welt!«
Ganz behutsam faßte er das Ei an, aber er ließ es gleich wieder
los, weil es zwischen seinen Fingern zu summen anfing. Wo sollte er
es ausbrüten lassen? Ich muß es in ein Vogelnest legen, dachte er. In
ein schönes, warmes Nest, in dem mein Zauber-Ei gut aufgehoben
ist, bis der junge Vogel ausschlüpft. Er ließ das Ei in dem Kessel
liegen und deckte ein seidenes Tuch darüber. Dann setzte er seine
spitze Mütze auf und machte sich auf die Suche. Es war Frühling,
und überall gab es Vogelnester.
Das erste Nest, das er fand, gehörte einem Rotkehlchen und war
am Rand eines kleinen Grabens gebaut. Grips kniete daneben nieder
und betrachtete es. »Hm, es ist aus Moos, dürren Blättern und
Grashälm-chen gemacht und sicher schön weich«, redete er vor sich
hin. »Und in diesem Graben ist es wohl gut versteckt, denn ringsum
liegt viel Laub. Ja, ich denke, es eignet sich gut für mein Zauber-Ei.«
In diesem Augenblick trapste es. Ein großer Hund kam herbei und
schnüffelte in dem Graben herum. »O nein«, sagte Grips
erschrocken, »das ist kein guter Platz für ein Nest, wenn die Hunde
darauf herumtrampeln können. Wie schnell ist so ein zartes Ei
zerdrückt!« Er ging weiter und sah in einer Baumkrone ein großes
Krähennest. »Nun«, sagte er sich, »so hoch oben ist ein Nest
bestimmt sicher, da kann kein Hund drauftreten. Und außerdem
besteht es aus festen, starken Zweigen. Ich will es mir näher
anschauen.« Er kletterte auf den Baum und setzte sich in das Nest.
Da kam ein Windstoß, und das Nest wurde so heftig hin- und herge­
schüttelt, daß Grips sich festhalten mußte, damit er nicht herausfiel.
»Nein«, sagte er zu den Krähen und stieg eilig aus dem Nest, »wie
könnt ihr nur eure Nester so hoch oben in den Ästen bauen! Wenn
der Wind stark weht, fallen ja die Eier hinaus und zerbrechen.«
»Kräh, Unsinn!« antwortete eine Krähe ärgerlich. »Wir wissen
genau, was wir tun. Wenn ein stürmischer Sommer zu erwarten ist,
bauen wir unsere Nester weiter unten, aber wenn es einen ruhigen
Sommer gibt, setzen wir sie in die Baumkronen. Aus unseren
Nestern bläst kein Wind ein Ei hinaus. Was willst du überhaupt hier?
Du legst doch keine Eier!« Grips antwortete nicht, sondern glitt
schleunigst an dem Baum herunter. Da sah er im Stamm ein großes
Loch und steckte neugierig den Kopf hinein. Drinnen lag ein
Häufchen Sägemehl, und es war das Nest einer kleinen Eule. »Keine
schlechte Idee, ein Nest im Baumstamm anzulegen«, meinte Grips.
»Geschützt und sicher. Aber doch wohl nicht ganz das Richtige für
ein Hollopollo-Ei.« »Wenn du eine andere Art von Nest suchst«,
fauchte die kleine Eule, »dann bitte doch mal den Eisvogel, dir seines
zu zeigen. Vielleicht eignet es sich besser dazu, etwas vor Feinden zu
verstecken.« Grips ging weiter, bis er zum Fluß kam. Auf einem
niedrigen Ast über dem Wasser saß der leuchtend bunte Eisvogel und
wartete auf einen Fisch, den er fangen konnte.
»Da hinten, das Loch in der Uferböschung«, sagte der Eisvogel,
als Grips ihn nach seinem Nest fragte. »Nicht weit von hier, du
findest es leicht.« Als Grips die Öffnung fand und hineinschaute,
fuhr er entsetzt zurück, weil es darin füchterlich stank. Das Nest
bestand aus Fischgräten und allerlei Abfällen. »Mir wird übel!«
stöhnte Grips. »Nein, hierher würde ich mein kostbares Ei niemals
geben!«
Über sich sah er Schwalben durch die Luft flitzen. »Wo habt ihr
eure Nester?« rief er ihnen zu. »Ich suche ein schönes, behagliches,
sicheres Plätzchen, um etwas Wertvolles unterzubringen.« Eine der
Schwalben kam tief heruntergeflogen und umkreiste ihn. »Siehst du
das Haus da drüben? Und siehst du die Dachrinne? Genau darunter
haben wir unsere Nester gebaut. Sie sind aus Lehmerde, die wir mit
unserem Speichel anfeuchten und dann trocknen lassen.« »Was?«
staunte der Zwerg und verrenkte sich den Hals, um die
Schwalbennester anzuschauen. »Aus Lehm und Spucke? Und dann
einfach an die Hausmauer geklebt? Die können ja jeden Augenblick
herunterfallen! Nein, danke, das möchte ich nicht versuchen.«
»Ruggidiguh!« sagte eine Waldtaube, die das mit angehört hatte.
»Wie wäre es mit meinem Nest? Ich weiß zwar nicht, wofür du es
brauchst, aber ich glaube, es würde dir gefallen. Viel frische Luft und
eine hübsche Aussicht.« Sie deutete auf einen Baum, wo zwei kleine
Äste gekreuzt lagen und ein bißchen Moos dazwischengestopft war.
»Aber das ist doch so dünn und leicht, da kann man ja
durchgucken!« rief Grips, der in Gedanken schon sein Zauber-Ei auf
den Waldboden fallen und zerbrechen sah. Er fragte die Lerche nach
ihrem Nest und erfuhr, daß sie ihre Eier einfach in eine Erdmulde im
Acker legte. In diesem Fall war es eine Vertiefung, die ein Pferdehuf
im Boden hinterlassen hatte. »Es ist doch nicht zu glauben, wie
leichtsinnig manche Leute mit ihrem Nachwuchs umgehen!« sagte
Grips. »Hier kann jeder die Eier zertreten oder austrinken.« Die
Lerche war beleidigt. »Nun, dann geh mal auf die steile Klippe am
Strand, wo die Seevögel leben«, riet sie. »Siehst du den großen
Vogel da? Das ist eine Lumme. Rufe sie und bitte sie, dir zu zeigen,
wohin sie ihre Eier legt. Du wirst dich wundern!«
Die Lumme kam, als Grips sie rief, und trug ihn auf die Klippe,
wohin niemand zu Fuß kommen konnte. Und dort sah er auf einem
schmalen Felsvorsprung das Ei, das die Lumme gelegt hatte. »Du
willst doch nicht sagen, daß das Ei hier bleiben soll?« fragte Grips
entsetzt. »Am Wasser weht fast immer Wind, und wenn er mal ein
wenig stärker bläst, muß das Ei ja hinunterfallen.« »Es fällt nicht«,
entgegnete die Lumme ruhig. »Sieh mal, wie es geformt ist: An
einem Ende ist es zugespitzt, und wenn der Wind es anbläst, dann
dreht es sich nur immer rundherum, aber es bleibt an seinem Platz.«
»Hm -« machte der Zwerg nachdenklich und dachte an sein
Zauber-Ei, das nicht so praktisch geformt war, daß es sich nur um
sich selbst drehen, aber nicht wegrollen konnte. Hier war also auch
nicht der richtige Platz.
Er besuchte noch einige andere Seevögel, die ihm bereitwillig ihre
Nester zeigten. Keines davon war geschützt und warm, und
außerdem stanken sie alle fürchterlich. Enttäuscht kehrte Grips in
den Wald zurück, in dem er wohnte. Immerzu quälte ihn der
Gedanke, wo er das Zauber-Ei ausbrüten lassen könnte. Eine
langschwänzige Meise huschte in einen Busch. Grips guckte
zwischen den Zweigen hindurch und bewunderte ihr Nest. Es war
rund und kunstvoll aus Hunderten von weichen Federchen
zusammengefügt. Ja, dies war das richtige Nest für sein Ei!
»Tut mir leid, aber bei uns ist kein Platz mehr für das winzigste
Ei«, antwortete die Meise auf seine Bitte. »Wenn ich im Nest sitze
und brüte, muß ich meinen langen Schwanz schon über den Rücken
klappen. Und du kannst dir wohl vorstellen, welch ein Gedränge hier
herrscht, wenn meine elf Jungen ausgeschlüpft sind.« Beim
Weitergehen bekam Grips plötzlich einen Schreck, weil dicht über
seinem Kopf jemand laut schallend »Kuckuck!« rief. Er blickte
empor und sah auf einem Ast einen großen grauen Vogel sitzen.
»Ach, du bist das, Frau Kuckuck«, sagte er. »Schon zurück von
der Reise in den Süden? Wo hast du denn dein Nest?« »Wir bauen
niemals ein Nest«, entgegnete die Kuckucksfrau. »Ich lege meine
Eier in Nester, die anderen gehören. Mit dem Bauen plagen wir uns
nicht ab und mit dem Brüten auch nicht.« Grips war erfreut. »Dann
weißt du wohl Bescheid, in welchen Nestern ein Ei gut aufgehoben
ist. Ich habe nämlich ein Zauber-Ei und suche einen Platz, wo es aus­
gebrütet wird und die Vogelmutter sich in der ersten Zeit um das
ausgeschlüpfte Junge kümmert, bis es groß genug ist, daß ich es zu
mir nehmen kann.« »Natürlich kann ich dir helfen«, meinte die
Kuckucksfrau. »Gerade eben habe ich eines meiner Eier ins Nest der
Bachstelze gebracht. Bachstelzen sind bekannt als besonders gute
Eltern. Wenn du willst, bringe ich dein Ei auch dorthin.« Sie holten
das kleine Ei aus dem goldenen Kessel, die Kuckucksfrau nahm es in
ihren Schnabel und trug es zu dem Bachstelzennest zwischen den
Efeuranken. Sie zeigte Grips ihr Ei, das dort neben drei anderen lag.
»Die Bachstelzen hatten vier eigene Eier«, erklärte sie. »Ich habe
eins herausgenommen und hinuntergeworfen und mein Ei an seine
Stelle gelegt. Und jetzt nehme ich noch eins weg, damit für dein Ei
auch noch Platz ist. Die Bachstelze merkt es nicht. Sie setzt sich auf
alle vier Eier und brütet sie aus - ihre beiden, deins und meins. Sie
zieht dann auch unsere Jungen mit auf.«
»Wie gut, daß ich dich getroffen hatte!« sagte Grips. »Vielen
Dank!« Er war sehr froh, daß sein kostbares Ei nun sicher und warm
untergebracht war. Die Kuckucksfrau ist doch klug, dachte er
bewundernd, sie macht sich keine Mühe mit dem Nestbau und dem
langweiligen Brüten, schiebt anderen Vögeln ihre Eier unter, und so
gibt es immer wieder junge Kuckucke. Hätte ich sie nur früher
getroffen, dann hätte ich nicht so lange suchen müssen.
Einige Zeit später ging er zum Bachstelzennest, um nach seinem
Ei zu sehen. Zu seinem Erstaunen war der junge Kuckuck bereits
ausgeschlüpft, obwohl das Kuckucksei später gelegt worden war als
die Eier der Bachstelze. Neben dem Kuckuck lag das Zauber-Ei, aber
nur noch ein Bachstelzenei. Das andere lag zerbrochen auf der Erde.
Grips wunderte sich, wie das passiert sein mochte. Er wußte nichts
über die Gewohnheiten der Kuckucksjungen. So ein nacktes, dunkles
Vogelkind duldet nichts anderes neben sich in dem Nest, in dem es
sitzt. Auch dieser kleine Kuckuck hatte schon eins der
Bachstelzeneier über den Nestrand geschoben. Jetzt ruhte er sich aus
und sammelte Kraft, um die anderen Eier ebenfalls hinauswerfen zu
können. Der junge Kuckuck wartete, bis die Bachstelzenmutter
fortgeflogen war, um Futter zu holen. Dann schob er sich unter das
zweite Bachstelzenei, bis es auf seinem Rücken lag, drückte es
langsam nach oben und warf es über den Nestrand. Nun war außer
ihm nur noch das Zauber-Ei im Nest. Wieder saß er da und ruhte sich
von der Anstrengung aus. Was würde als nächstes geschehen? Es
geschah etwas Unerwartetes. Aus dem Hollopollo-Ei schlüpfte ein
winziges gelbes Vögelchen mit einem roten Kopf. Bald darauf kam
die Bachstelze zurück, doch sie merkte nicht, daß nur zwei fremde
Vögel in ihrem Nest hockten. Sie setzte sich behutsam auf die
Jungen und wärmte sie, nachdem der Kuckuck das Futter ver­
schlungen hatte, das sie mitgebracht hatte. Dann flog sie wieder weg,
um neues Futter für den unersättlichen Kuckuck zu holen, der seinen
Schnabel weit aufsperrte. Kaum war sie fort, da machte der Kuk­
kuck sich daran, auch das letzte, das noch außer ihm im Nest war und
ihn störte, zu beseitigen. Mit einiger Mühe gelang es ihm, sich mit
dem Vögelchen auf seinem Rücken zum Nestrand zu schieben. Ein
kräftiger Stoß - und der kleine Hollo-pollo-Vogel fiel zur Erde. Dort
lag er piepsend und zappelte hilflos. Grips, der wieder einmal nach
seinem Ei sehen wollte, fand den Kuckuck, der schon mächtig
gewachsen war, allein im Nest. Wie erschrak er, als er das gelbe
Vögelchen entdeckte, das am Boden lag und kaum noch
Lebenszeichen von sich gab!
Entsetzt schrie der Zwerg auf, nahm das kleine Ding in seine
Hand und steckte es in seine Tasche. Er rannte zu der Hexe, bei der
er das Zaubern gelernt hatte, und bat sie, dem Tierchen zu helfen.
»Mein lieber Grips«, sagte die alte Hexe, »ich weiß wohl, was du
mit diesem Vogel vorhast. Wenn er groß ist, soll er dir helfen, eine
starke Zaubermacht auszuüben. Aber das wäre nicht gut, denn du bist
böse und gefährlich. Deshalb denke ich nicht daran, diesen Vogel für
dich aufzuziehen. Er muß sterben.« Grips bat und bettelte, aber sie
ließ sich nicht umstimmen. Wütend sagte er: »Wie konnte ich
wissen, was für gemeine Angewohnheiten so ein junger Kuckuck
hat! Und seine Eltern sind nicht besser: Sie legen ihre Eier zu ändern
Vögeln in die Nester, aus denen sie die Eier hinauswerfen. Dann
kümmern sie sich nicht mehr um ihre Jungen. So etwas nenne ich
böse. Aber woher sollte ich das wissen?« »Du heißt zwar Grips, aber
du hast nicht viel Grips. Sonst wüßtest du, was alle Tiere und die
meisten Menschen wissen. Ich bin froh, daß du ausgerechnet die
Kuckucksfrau um Rat und Hilfe gebeten hast. Nun wirst du keinen
Hollopollo-Vogel besitzen und niemals der mächtigste Zauberer auf
Erden sein!« Schimpfend und tobend ging der Zwerg heim und
konnte sich lange Zeit nicht beruhigen. Seine schönen Pläne gingen
nicht in Erfüllung, weil der kleine Vogel starb!
Der winzige Hollopollo-Vogel starb aber nicht. Die Hexe pflegte
ihn sorgfältig, bis er groß und stark genug war, um fliegen zu
können. Dann ließ sie ihn frei. In ihm steckt eine riesige Zauberkraft,
und er wäre imstande, wunderbare Dinge zu tun. Aber niemand weiß
das, vielleicht nicht einmal er selbst. Seine beste Eigenschaft ist, daß
kein Mensch und kein Tier ihn fangen kann.

Ein Beutel voll Kastanien


»So, da sind wir«, sagte Onkel David und parkte seinen Wagen in
einer Seitenstraße am Marktplatz. »Ich habe einige Besorgungen für
Tante Anna zu machen, aber dabei würdet ihr euch langweilen. Ihr
könnt im Wagen auf mich warten oder aussteigen und euch ein
bißchen die Beine vertreten.«
»Dürfen Claudia und ich Kastanien suchen?« bat Tom. »Da
drüben im Park stehen ein paar Edelkastanienbäume.« »Schön«,
antwortete der Onkel. »Aber laßt mich nicht warten. Seht, auf der
Kirchturmuhr ist es zwanzig Minuten nach vier, und ihr könnt gut
hören, wenn sie schlägt. Punkt fünf Uhr fahre ich hier ab, und wenn
ihr nicht da seid, dürft ihr zu Fuß nach Hause laufen.« »Wir sind
bestimmt zur rechten Zeit zurück«, versprach Tom. Sie stiegen alle
drei aus, und der Onkel verschwand um die nächste Straßenecke.
»Reichlich Zeit, um Kastanien zu sammeln«, meinte Tom, »und
gegen fünf wird es jetzt sowieso dunkel.«
Bevor sie zum Park gingen, betrachteten Tom und Claudia das
Schaufenster des Spielwarenladens an der Ecke vom Marktplatz.
Daneben war das Geschäft eines Juweliers, und Claudia guckte rasch
in das Fenster, hinter dem Gold blinkte und Edelsteine funkelten.
»Sieh mal den Ring da!« sagte sie zu ihrem Bruder. »Der kostet
dreitausendfünfhun-dert Mark!«
Tom warf einen Blick auf das Preisschild. »Ich hätte nie gedacht,
daß ein einziges Schmuckstück so viel kosten kann«, meinte er.
»Ich auch nicht«, stimmte Claudia ihm zu. »Und ich möchte etwas
so Wertvolles gar nicht tragen.«
»Find' ich auch. Aber komm jetzt zu den Kastanien!«
Sie liefen zum Parkrand, wo mehrere riesige Bäume standen. Der
Boden war bedeckt mit Hunderten von stachligen Hüllen, aus denen
die reifen Früchte hervorschauten.
»Sie sind kleiner als Roßkastanien«, sagte Tom, während er die
größten aussuchte und sie in seine Tasche stopfte. »Aber geröstet
schmecken sie herrlich. Wenn die Schalen nur nicht so piekten! Man
sollte Handschuhe anhaben!« Sie sammelten Kastanien, bis ihre
Taschen voll waren. Inzwischen war es so dunkel geworden, daß sie
nichts mehr erkennen konnten.
»Ein richtiger Novembertag«, meinte Tom. »Hoffentlich kommt
kein Nebel, ehe wir zu Hause sind. Eben hat es dreiviertel fünf
geschlagen, wir wollen zum Wagen gehen. Hier draußen wird es zu
ungemütlich.« Sie stiegen in den Wagen und setzten sich auf die
Rücksitze. Von hier aus konnten sie auf den Marktplatz sehen, wo
alle Schaufenster erleuchtet waren. Am hellsten war das Fenster des
Juweliers. Die Edelsteine glitzerten in allen Farben. »Es wird kalt«,
sagte Claudia und zog die dicke Wolldecke, die stets im Wagen lag,
bis unter ihr Kinn. »Hoffentlich kommt Onkel David bald!«
Tom kroch auch unter die wärmende Decke. »Es sind kaum noch
Leute unterwegs bei dem trüben Wetter. Nur die zwei da - guck
mal!«
Sie beobachteten die beiden Männer, die auf der anderen
Straßenseite heranschlenderten. Einer von ihnen trug ein längliches,
eingewickeltes Päckchen in der Hand. Jetzt kamen sie quer über den
Fahrdamm, blieben dicht neben dem Wagen stehen und blickten zum
Marktplatz hin. »Los, Willi!« sagte der eine. Und dann geschah alles
so rasch, daß die Kinder kaum begriffen, was sie da sahen. Der Mann
mit dem Päckchen zog das Packpapier herunter und hatte auf einmal
einen Ziegelstein in der Hand. Den warf er mit aller Kraft gegen das
Schaufenster des Juweliers. Laut krachend splitterte das Glas, und
schon steckte der andere Mann seine Arme in die Öffnung und raffte
alles zusammen, was er erreichen konnte: Ketten, Ringe, Armbänder
und Broschen.
Bevor der Juwelier und die Leute aus den Nachbarläden auf die
Straße kamen, waren die beiden Räuber schon geflohen. Sie liefen
genau auf Onkel Davids Wagen zu, rissen die Vordertüren auf und
warfen sich auf die Sitze. Dabei bemerkten sie nicht die
erschrockenen Kinder, die sich unwillkürlich geduckt und die Decke
über ihre Köpfe gezogen hatten. Der Mann auf dem Fahrersitz
startete den Motor, der sofort ansprang. Leider hatte Onkel David
wieder einmal vergessen, den Zündschlüssel abzuziehen. Der Mann
löste die Handbremse, legte den Gang ein, und schon fuhr der Wagen
davon.
Tom zog Claudia mit sich vom Sitz herunter auf den Wagenboden
und prüfte, ob die Decke sie ganz verhüllte. Der Motor machte
ziemlich viel Lärm, und deshalb wagte es Tom, Claudia ins Ohr zu
sagen: »Hab keine Angst! Ich bin ja bei dir. Wir müssen nur
aufpassen, daß uns die Männer nicht sehen.«
Der Wagen sauste jetzt in einem tollen Tempo die Straßen
entlang, fegte um die Ecken und fuhr weiter und weiter. Bei jeder
Kurve wurden die Kinder unsanft hin und her gestoßen. Unendlich
viel Zeit schien ihnen vergangen zu sein, als das Auto endlich hielt.
Sie spähten vorsichtig unter der Decke hervor und sahen, daß sie in
einer stockfinsteren Gasse waren. Die Scheinwerfer des Wagens
waren abgeschaltet. Der Mann am Lenkrad sagte: »Hier sollten wir
die Nummernschilder wechseln, Willi, es ist ein günstiger Platz.«
Der Mann, der Willi hieß, stieg aus. »Ich lasse den Beutel mit dem
Zeug hier auf meinem Sitz, Franz.«
»Ist gut«, erwiderte der andere. »Mach schnell! Ich glaube zwar
nicht, daß sie uns auf den Fersen sind, aber Vorsicht ist immer
richtig.«
Hinter sich hörten die Kinder den Mann Willi an der Rückseite
des Wagens hantieren. Offenbar löste er das Nummernschild und
schraubte ein gefälschtes an. Nun ging er zur Vorderseite, um auch
dort das Schild auszuwechseln. Es dauerte so lange, daß sein Freund
das Fenster herunterkurbelte und ungeduldig rief: »Nun beeil dich
mal ein bißchen, Willi! Oder sollen wir hier übernachten?« »Es ginge
rascher, wenn du mir das Ding hieltest«, knurrte der andere. »Los,
komm schon!«
Franz murmelte etwas Unfreundliches und stieg aus, um Willi zu
helfen. Die Tür schlug zu.
Ganz vorsichtig blinzelte Tom unter der Decke hervor. Vor dem
Wagen sah er die beiden Männer wie schwarze Schatten über das
Nummernschild gebeugt. Und plötzlich hatte er einen kühnen Gedan­
ken. Er tastete auf den Sitz vor sich - richtig, da lag der Beutel mit
den geraubten Juwelen. Mit zitternden Fingern zog Tom den Beutel
zu sich heran, griff hinein, holte den Inhalt heraus und steckte alles in
seine Jackentasche. Die Kastanien, die er dafür herausnehmen mußte,
tat er in den Beutel.
»Was machst du da?« fragte Claudia leise. »Ich habe die
Schmuckstücke herausgenommen und ein paar Kastanien hinein­
getan«, flüsterte er zurück. Er blickte nach vorn, wo die Männer sich
noch immer mit dem Nummernschild beschäftigten, und ließ den
Beutel vorsichtig auf den Sitz gleiten. »Was meinst du, Tom«, sagte
Claudia dicht an seinem Ohr, »ob wir nicht die Wagentür aufmachen
und hinausschleichen?«
»Versuchen können wir es«, antwortete Tom und drückte langsam
den Türgriff nieder.
Aber noch ehe er die Tür öffnen konnte, stieg Franz vorn auf den
Fahrersitz. Blitzschnell krochen die Kinder wieder unter die Decke.
Auch Willi stieg ein, nahm den Beutel vom Sitz und steckte ihn in
seine Jackentasche. »Aber nachher wird geteilt, und zwar ehrlich!«
bestimmte der andere Mann mit barscher Stimme. Willi sagte nichts,
und Tom hatte den Eindruck, als habe er Angst vor seinem
Komplizen. Sie fuhren weiter, doch viel langsamer als vorher.
»Dieser elende Nebel!« schimpfte Franz. »Ich kann einfach nicht
rascher fahren.« »Im Nebel sind wir gut versteckt«, gab Willi zu
bedenken.
»Das schon. Aber es ist fraglich, ob wir das Flugzeug finden und
ob wir überhaupt starten können. Wer weiß, ob nicht drüben jenseits
der Grenze ebenso Nebel herrscht.«
Mit angehaltenem Atem lauschte Tom. Offenbar sollten die
Verbrecher irgendwo von einem Flugzeug erwartet und ins Ausland
gebracht werden. Es war wie in einem Fernsehfilm oder einem
Kriminalroman!
Claudia schob ihre eiskalte Hand in seine, und er drückte sie
tröstend. Das arme kleine Ding! dachte er. Sie hat natürlich
schreckliche Angst. Aber ich werde uns schon heil und sicher aus
dieser schlimmen Lage herausbringen. Schließlich bin ich zwei Jahre
älter als sie. Und ich habe die Beute der Räuber in meiner Tasche!
Der Wagen fuhr noch langsamer, dann hielt er. Franz stieg aus,
leuchtete mit einer Taschenlampe einen Wegweiser an und sagte,
während er wieder einstieg: »Wenigstens sind wir auf dem richtigen
Weg. Ich fürchtete schon, wir hätten uns verfahren. Im Nebel sieht
alles verändert aus.«
»Wir müssen bald an die Stelle kommen, an der wir abbiegen
sollen, wie?« fragte Willi.
»Ja, und ich darf die Abzweigung nicht verpassen. Halt du da
drüben auch Ausschau! Wenn ich nur schneller fahren könnte! Aber
die Straße hat zu viele Kurven, ich darf es nicht wagen.« Eine Weile
fuhren sie weiter, dann bremste Franz scharf und bog in einen Seiten­
weg ein.
»Hier ist es«, sagte er zufrieden. »Nun wollen wir nur hoffen, daß
die Maschine da ist.« Ganz langsam rumpelte der Wagen über eine
Wiese oder einen Acker, und die Kinder wurden heftig
durchgeschüttelt. Einmal stieß Claudia einen kleinen Schrei aus, und
Tom drückte ihr seine Hand auf den Mund. Wenn die Männer sie
jetzt entdeckten - es war nicht auszudenken, was geschehen würde!
Plötzlich war die Fahrt zu Ende. »Da ist die Maschine!« sagte
Willi erleichtert. »Hast du gut gemacht, Franz!« »Wir lassen den
Wagen hier stehen«, erwiderte der andere. »Es wird lange dauern, bis
man ihn findet. Steig aus!« Er schaltete die Scheinwerfer aus. Im
gleichen Augenblick wurde in einiger Entfernung eine Laterne
geschwenkt und mehrmals an- und ausgeknipst. Die beiden Räuber
gingen in die Richtung, aus der das Signal kam.
»Bist du das, Karl?« rief Willi. »Können wir starten?«
»Nein, können wir nicht«, erwiderte eine Stimme aus dem
Dunkel. »Wir müssen warten, bis der Nebel sich verzieht. Es wäre
Wahnsinn, jetzt zu starten, wir könnten am nächsten Hügel aufschla­
gen.«
Ärgerliche Rufe von Franz und Willi antworteten ihm. »Hier ist
doch weit und breit ebenes Gelände. Kannst du es nicht wagen? Wir
müssen weg!«
»Ich denke nicht dran, mein Leben für irgend jemand zu riskieren,
auch für euch nicht«, kam die Stimme aus dem Dunkel wieder.
»Sobald der Nebel sich lichtet, starte ich, nicht eine Minute früher.
Aber lange kann es nicht mehr dauern. Kommt her und wartet hier.«
Schritte entfernten sich. »Jetzt müssen wir schleunigst raus, Clau­
dia!« flüsterte Tom. »Wir rennen, bis wir ein Haus finden und
telefonieren können. Wenn der Nebel die Männer aufhält, erwischt
man sie vielleicht noch, bevor sie abgeflogen sind.«
»Vor allem müssen wir fort sein, ehe sie merken, daß du ihre
Beute hast«, sagte Claudia, der das eben erst wieder einfiel. Sie
stiegen leise aus dem Wagen und drückten die Tür behutsam zu.
Dann liefen sie, ohne Lärm zu machen, in die Richtung, aus der der
Wagen gekommen war.
Auf einmal hörten sie hinter sich einen lauten Schrei: »In dem
Beutel sind Kastanien! Ich muß aus Versehen einen anderen Beutel
erwischt haben! Schnell, zurück zum Wagen! Da muß der richtige
Beutel noch liegen!« Schritte kamen näher, und Tom drückte Claudia
in eine Hecke, als eine Taschenlampe aufleuchtete. Sie hörten, wie
die Wagentüren geöffnet wurden und die Männer aufgeregt alles
durchsuchten. Schimpfend und fluchend wühlten sie im Auto herum,
dann suchten sie vor und hinter dem Fahrzeug. Die Kinder waren
froh, daß sie rechtzeitig entkommen waren.
»Der Nebel wird heller«, flüsterte Tom seiner Schwester zu.
»Wenn wir nur hier weg könnten, um nach einem Haus zu suchen!«
»Wenn der Nebel verschwindet, fliegen die Männer doch weg«,
gab Claudia zurück. »Das glaube ich nicht. Jetzt nicht mehr. Sie
wollen bestimmt ihre Beute nicht zurücklassen. Aber die habe ich!«
grinste Tom und klopfte auf seine Jackentasche. Aus dem Dunkel
kam wieder die Stimme des Piloten: »Was macht ihr denn so
lange? Kommt her, wir können bald starten!«
Franz und Willi antworteten mit wütenden Rufen, und der Pilot
schrie zurück, daß er nicht umsonst hergekommen sei. »Los«,
flüsterte Tom. »Die sind mit sich beschäftigt. Wir müssen versuchen,
durch diese Hecke zu kriechen; dahinter ist sicher ein Weg oder eine
Straße, und wir können schneller rennen.« Es war schwierig und
auch schmerzhaft, sich durch die dichte Hecke zu zwängen. Zum
Glück trugen die Zweige keine Dornen. Dann standen die Kinder auf
einer schmalen Straße, die sie erkennen konnten, weil ihre Augen
sich an das Dunkel gewöhnt hatten. Sie faßten einander an den
Händen und rannten los. Endlos viel Zeit schien ihnen zu vergehen,
und nirgends sahen sie ein Licht oder ein Haus. Einmal kamen sie an
niedrigen runden Bauten vorbei, die in einer Reihe standen. Aber
Menschen wohnten hier nicht.
»Ich glaube, das sind Überreste vom Krieg«, meinte Tom.
»Komm, Claudia, lauf schneller!« Da tauchten vor ihnen zwei
Scheinwerfer auf. Ein Auto! Tom stellte sich mutig mitten auf die
Fahrbahn und schwenkte die Arme.
Der Wagen hielt, und ein Mann schaute erstaunt aus dem Fenster.
»Was macht ihr denn hier in der Nacht? Ist noch jemand bei euch?«
Er blickte sich mißtrauisch um.
»Nein, wir sind allein«, antwortete Tom. »Bitte, bringen Sie uns
zur nächsten Polizeistation, so schnell wie möglich!« Und er zog
Claudia schon mit sich auf den Rücksitz. »Wir müssen der Polizei
etwas melden, etwas sehr Wichtiges!« Der Fahrer schaltete die
Innenbeleuchtung an und starrte auf die Kinder. »Zur Polizei? Und
was wollt ihr dort melden?« »Bitte«, drängte Tom, statt eine direkte
Antwort zu geben, »es ist wirklich dringend!«
Er preßte eine Hand auf die Jackentasche mit dem kostbaren
Inhalt. Darüber würde er nichts sagen - konnte man wissen, ob der
fremde Fahrer nicht ein Bösewicht war und ihm seinen Schatz
abnahm? Er hoffte nur, daß Claudia vernünftig genug war, nicht zu
plaudern. »Na gut«, sagte der Mann und lachte. »Ich fahre euch hin.
Aber das ist eine komische Sache. Könnt ihr mir nicht Näheres
verraten?«
»Nein, besser nicht«, erwiderte Tom. »Aber wenn Sie
mitkommen, erfahren Sie alles.« Es waren noch ungefähr fünf
Kilometer zu fahren bis zur Polizeistation. Der Mann ging mit den
Kindern hinein. Claudia war ein wenig ängstlich, aber Tom fühlte
sich wichtig und stolz. Die würden hier gleich Augen machen!
»Na, mein junger Freund, was hast du denn zu melden?« fragte
der Polizist, der an seinem Schreibpult saß, mit einem etwas
herablassenden Lächeln. »In Hilling ist heute gegen Abend ein
Juweliergeschäft beraubt worden, stimmt das?« begann Tom. »Die
Schaufensterscheibe wurde mit einem Ziegelstein eingeschlagen, und
es wurden Schmuckstücke herausgenommen.« »Das kann schon
sein«, erwiderte der Polizist verblüfft. »Aber Hilling ist sechzig
Kilometer von hier entfernt. Was habt ihr damit zu tun?«
»Oh, nur daß wir gesehen haben, wie die Männer den Schmuck
raubten - übrigens heißen sie Willi und Franz -, und daß wir in dem
Wagen saßen, in dem sie geflohen sind - und daß ich den Schmuck
hier habe«, sagte Tom, griff in seine Tasche und ließ die blitzenden,
funkelnden Ringe, Broschen und Ketten auf die Tischplatte rollen.
Der Mann, der sie hergefahren hatte, riß ebenso Augen und Mund
auf wie der Polizist. Der Beamte faßte sich als erster wieder und zog
einen Notizblock heran. Dann stellte er unzählige Fragen: »In Hilling
also - weißt du, um welche Zeit ungefähr?«
»Kurz nach dreiviertel fünf. Es wurde gerade dunkel.« »Und wo
war das Geschäft?« »Am Marktplatz.«
Das Frage- und Antwortspiel ging weiter. Tom schilderte, wie die
Männer am Wagen seines Onkels vorbeigekommen waren, wie sie
den Ziegelstein ausgewickelt und damit die Schaufensterscheibe
eingeschlagen hatten, wie sie in den Wagen gestiegen und mit ihrer
Beute davongefahren waren, ohne zu ahnen, daß sie zwei Zuschauer
gehabt hatten, die nun mit ihnen fuhren. Dann sollte er beschreiben,
wo das Flugzeug gewartet hatte. »Wir kennen die Gegend überhaupt
nicht, wir sind zu Besuch bei Onkel und Tante«, sagte Tom.
»Außerdem war es dunkel und neblig. Wir sind eine ganze Weile
gelaufen, bis wir dem Herrn hier mit dem Auto begegneten.«
»Aber - wir sind an so komischen Dingern vorbeigekommen«, fiel
es Claudia ein, »die sahen aus wie runde Steinhütten und standen in
einer Reihe hintereinander. Tom meinte, sie stammten vielleicht
noch aus dem Krieg.«
»Sehr gut!« rief der Polizist erfreut und griff zum Telefon. »Das
hilft uns wirklich weiter. Ich weiß, wo die alten Munitionsschuppen
sind. Wir fahren mit mehreren Wagen hin und suchen die Umgebung
ab. Wenn wir Glück haben, erwischen wir die Kerle, ehe sie mit dem
Flugzeug entkommen.«
»Ich glaube, sie sind noch dabei, dies hier zu suchen«, sagte Tom
und wies auf die Schmuckstücke auf dem Tisch. »Sie hatten es in
einen Beutel getan, und als sie ausstiegen, um die Nummernschilder
auszuwechseln, habe ich die Sachen herausgenommen und dafür ein
paar Kastanien hineingesteckt. Und die wollen sie bestimmt nicht mit
dem Flugzeug abtransportieren.«
»Da hast du recht, Junge!« Der Polizist und der Autofahrer
lachten. »Großartig hast du das gemacht! Also, wir fahren gleich los.
Ihr bleibt hier, und ich sorge dafür, daß ihr etwas zu essen und was
Warmes zu trinken kriegt.«
Enttäuscht bat Tom: »Darf ich nicht mitkommen?«
»Auf keinen Fall. Es könnte gefährlich werden, wenn wir die
Männer stellen. Wir dürfen nicht riskieren, daß dir dabei etwas
zustößt. Bleib nur schön hier. Du erfährst ja nachher als erster, was
geschehen ist.«
Draußen klang Motorengeräusch, und einige Polizisten kamen
herein. Der Beamte gab eine kurze Erklärung, dann gingen sie alle
hinaus, auch der hilfreiche Autofahrer, der die Kinder hergebracht
hatte.
Ein bißchen mißmutig saßen die beiden da. Nach einer Weile
bekamen sie eine Kanne heißen Kakao und ein paar Butterbrote. Sie
ließen es sich schmecken und merkten dabei erst, daß sie sehr
hungrig waren. Aber dauernd horchten sie nach draußen, bis sie
Autos kommen hörten.
Bremsen quietschten, dann öffnete sich die Tür. Von Polizisten
umgeben, betraten Willi und Franz und ein dritter Mann, alle mit
Handschellen gefesselt, den Raum. »Oh, das ist Franz, und das ist
Willi!« rief Tom. »Und der da muß der Pilot sein!«
»Es hat geklappt«, berichtete der Polizist, »und das verdanken wir
euch. Die beiden haben sich die ganze Zeit gestritten, weil jeder
glaubte, der andere hätte die Beute für sich genommen. Bitte sehr,
meine Herren, sehen Sie mal her!« Und er deutete auf den Tisch. Die
beiden Verbrecher starrten auf das Häuflein Juwelen, als könnten sie
ihren Augen nicht trauen. »So«, wendete sich der Polizist an die Kin­
der, »und nun rufen wir euren Onkel an und sagen ihm, wo er euch
abholen kann und wo sein Wagen steht. Wir bringen ihn mit einem
Dienstwagen her, damit es schneller geht, und dann könnt ihr ihm die
ganze spannende Geschichte erzählen.«
Nach einiger Zeit war Onkel David da, und sein Staunen und
seine lobenden Worte entschädigten die Kinder für alle Angst, die sie
ja doch ausgestanden hatten, als die Räuber mit ihnen durch die
Nacht zu einem unbekannten Ziel fuhren. Natürlich mußten sie in
den folgenden Tagen ihre Geschichte noch oft erzählen. Von dem
bestohlenen Juwelier bekam jedes eine sehr schöne Armbanduhr, und
die Summe, die für die Wiederbeschaffung des Diebsgutes fällig war,
wurde auf ihre Sparbücher eingezahlt. »Von dem Geld mache ich
später mal eine große Reise«, sagte Tom. »Und du?« »Ich weiß noch
nicht«, antwortete Claudia. »Aber mir wird schon was einfallen.«

Der grüne Kobold


Der Prinz auf Schloß Hohenberg hatte eine Köchin, die war sehr
tüchtig und kochte die köstlichsten Speisen. Aber sie war böse.
Niemand von den Küchenmädchen und Küchenjungen konnte sie
leiden, doch weil sie dick und stark war, wagte keiner, sich über sie
zu beklagen. Sie hatten alle viel auszuhalten, bis Fünkchen kam.
Fünkchen war der neue Küchenjunge. Die Köchin, die Frau Pudding
hieß, behandelte ihn zuerst genauso schlecht wie die anderen.
Morgens um fünf jagte sie ihn aus den Federn, und erst um
Mitternacht durfte er sich schlafen legen. Der arme Junge mußte hart
arbeiten, wurde dauernd gescholten und bekam sogar Ohrfeigen.
Fünkchen hatte eine Großmutter, die beinahe eine Hexe war. Und als
Fünkchen eines Tages fortgeschickt wurde, um eine Besorgung zu
erledigen, lief er rasch in die Waldhütte zu seiner Großmutter.
»Oma«, sagte er, »weißt du keinen Rat? Die Köchin im Schloß ist
so böse, sie macht uns allen das Leben sauer. Was kann man tun,
daß sie aufhört, uns zu plagen?«
Die Großmutter dachte einen Moment nach. Dann nickte sie.
»Warte, Fünkchen, ich gebe dir etwas, das helfen wird.« Sie nahm
eine große grüne Schüssel und füllte sie mit Wasser. Dann schüttete
sie ein grünes Pulver hinein, und das Wasser wurde smaragdgrün.
Jetzt schälte sie eine Kartoffel, warf sie in das grüne Wasser, rührte
alles mit einer Pfauenfeder gut um und murmelte dabei einen
Zauberspruch. Fünkchen bekam es ein bißchen mit der Angst zu tun.
»Paß auf!« sagte die Großmutter. Er starrte in die Schüssel, und
plötzlich sprang aus dem grünen Wasser ein grüner Kobold heraus.
Sein Körper sah aus wie eine Kartoffel. Der Kleine grinste über das
ganze Gesicht, klatschte in die Hände und sah die Großmutter an.
»Du bist richtig!« rief die Großmutter und lachte. »Hier, Fünkchen,
nimm den kleinen Wicht und steck ihn in deine Tasche. Sobald du im
Schloß bist, stell ihn auf ein Regal in der Küche. Das übrige macht er
schon selbst.«
Fünkchen bedankte sich, steckte den Kobold ein und lief davon.
In seiner Tasche rumorte der Wicht und versuchte Fünkchen zu
kneifen, aber der machte sich nichts daraus. Er war gespannt, was der
Kobold mit der bösen Köchin anstellen würde.
Gleich als er in die Küche kam, stellte er den Kobold unbemerkt
auf ein Wandbrett hinter einer Pfanne.
Frau Pudding fuhr herum und schimpfte: »Wo bist du so lange
gewesen, du Nichtsnutz?«
Ehe Fünkchen antworten konnte, kam vom Wandbrett eine
Stimme: »Aber Köchin, sei doch nicht so böse!« Frau Pudding war
so verblüfft, daß sie zuerst kein Wort sagen konnte. Der grüne
Kobold blinzelte hinter der Pfanne hervor und schnitt eine Grimasse.
»Was hast du in meiner Küche zu suchen?« schrie Frau
Pudding mit rotem Gesicht. »Komm sofort da herunter!« Aber der
Kobold blieb, wo er war. Er schlug gegen die Pfanne, daß es
laut durch die Küche tönte, und grinste frech. »Hallo, Köchin, warum
bist du denn so schlecht gelaunt?«
Die Küchenmädchen und Küchenjungen sahen sprachlos vor
Staunen und Vergnügen zu. Wie konnte jemand wagen, so mit Frau
Pudding zu sprechen? Die Köchin ging zum Wandbrett und wollte
den Kobold greifen. Doch der packte eine Gabel und stach sie in den
Finger. Dann stupste er sechs Pfannen auf den Boden, eine nach der
anderen - peng! -krach! - wumm! - peng! - krach! - wumm! Es war
ein entsetzlicher Lärm, und Frau Pudding war sehr zornig. Sie nahm
eine Zeitung und faltete sie zusammen, um nach dem Kobold zu
schlagen. Wütend schlug sie zu, und zwei weitere Pfannen und ein
Wasserkessel hüpften vom Wandbrett und krachten auf den
steinernen Fußboden - peng! - krach! - wumm! Vom Kobold war
keine Spur mehr zu sehen. »So, der ist erledigt«, sagte Frau Pudding
zufrieden.
Aber da irrte sie sich. Er war nur einfach vom Brett
heruntergesprungen und stand jetzt auf dem Küchentisch, genau
hinter der Köchin. Er nahm einen Krug mit Milch vom Tisch, hüpfte
damit auf den Kaminsims und schüttete Frau Pudding die Milch über
den Kopf. Die Milch tropfte ihr übers Haar und in den Nacken. Der
Kobold wäre beinahe von dem Kaminsims gefallen, so mußte er
lachen. Und die Küchenmädchen und Küchenjungen bogen sich
ebenfalls vor Lachen - es war das erste Mal, daß in dieser Küche ge­
lacht wurde.
Die Köchin wurde wütender und wütender. Sie warf einen großen
Kohlkopf nach dem grünen Wicht, doch der duckte sich, und der
Kohlkopf traf die Küchenuhr. Krach, fiel die Uhr auf den Boden,
zusammen mit einer Teedose und dem Kohlkopf. Die Köchin machte
entsetzte Augen. »Böse, böse, böse bist du!« sang der Kobold und
tanzte auf dem Tisch vor Vergnügen.
Frau Pudding fuhr zu ihm herum, und in diesem Augenblick warf
er ein rohes Ei nach ihr. Es zerbrach und lief über ihr Gesicht. Der
Kobold mußte über dieses gelbe Gesicht so lachen, daß er Angst
hatte, die Köchin könnte ihn fangen. Deshalb sprang er auf ein
anderes Brett und versteckte sich in einem Korb. Als die Köchin ihn
nicht mehr sah, wischte sie sich das Ei aus dem Gesicht und schrie
die Küchenmädchen und Küchenjungen an: »Was fällt euch ein,
herumzustehen und zu grinsen? Los, an die Arbeit! Und wer den
grünen Kobold erwischt, bringt ihn zu mir!«
Aber keiner dachte daran, ihn zu fangen. Sie feinden es herrlich,
daß es jemand gab, der keine Angst vor der bösen Köchin hatte.
»Böse Köchin! Böse Köchin!« ertönte wieder die Stimme des
Kobolds, und er steckte seinen Kopf aus dem Korb. Frau Pudding
sah ihn.
»Du bist also immer noch da. Ich kriege dich schon!« Sie holte
den Korb herunter, doch der Kobold sprang heraus und lief in die
Vorratskammer.
»Du kannst mich nicht fangen! Du kannst mich nicht fangen!«
sang er. Frau Pudding lief ihm nach. Darauf hatte er nur gewartet.
Kaum war sie in der Vorratskammer, da warf er ihr einen Ring
Würste über den Kopf und ließ ein Stück Butter auf sie fallen.
So ging es den ganzen Tag weiter bis zum Abend. Der Kobold
ließ sich nicht erwischen. Zweimal übergoß er die Köchin mit
Wasser, dann bewarf er sie mit Äpfeln. Frau Pudding jagte ihn durch
die Küche, doch er war glatt wie ein Aal und nicht zu greifen. Er
löste ihr die Schnürsenkel, daß sie die Schuhe verlor, und zog ihre
Schürzenschleife auf; die Schürze rutschte, und die Köchin stolperte.
Dann verstreute er Pfeffer, so daß sie gar nicht mehr aufhören konnte
zu niesen. »Hilft mir denn niemand?« jammerte Frau Pudding. »Und
warum ist dieser schreckliche Kobold hergekommen?« »Ich glaube,
er ist gekommen, um dich zu bestrafen, weil du uns immer so
schlecht behandelst«, sagte Fünkchen mutig. »Das stimmt, ja, das
stimmt!« sang der Kobold. Er hockte wieder unter dem Tisch und
piekte die Köchin in die Beine. »Wenn er nur endlich verschwände!
Ich würde mich bestimmt bessern«, schluchzte Frau Pudding.
»Also gut, versuchen wir es«, meinte Fünkchen. Er wußte, was er
zu tun hatte, seine Großmutter hatte es ihm gesagt. Er nahm etwas
Butter, einen Schuß Essig und eine Gewürznelke. Diese steckte er in
die Butter und goß den Essig darüber. Das Ganze hielt er dem
Kobold hin. Der kleine grüne Wicht roch die Nelke in der Butter und
kam gierig näher. Fünkchen packte ihn und verstaute ihn in seiner
Tasche.
»Ich bringe ihn zurück zu meiner Großmutter«, sagte er zur
Köchin. »Sie weiß, was sie mit ihm tun muß, weil sie fast eine Hexe
ist.«
Kichernd lief er davon. Und auch die Großmutter mußte lachen,
als er ihr erzählte, was in der Schloßküche geschehen war.
»Das wird sie heilen«, meinte sie. »Sag der Köchin, daß ich den
Kobold zu mir nehme, aber daß ich ihn nicht zurückhalten kann,
wieder zu ihr zu kommen, falls sie noch einmal anfängt, böse zu
werden!« Der grüne Wicht blieb also bei der Großmutter, wo er die
Pfannen und Töpfe blank putzte. Er hütete sich, der Großmutter
einen Streich zu spielen, denn er wußte, daß sie ihn aus einer
Kartoffel gemacht hatte. Und wahrscheinlich konnte sie ihn in eine
Kartoffel zurückverwandeln, wenn er nicht brav war. Das wollte er
aber auf keinen Fall, weil er sich als lebendiger Kobold so wohl
fühlte. Frau Pudding aber war nie mehr böse. Wollte sie einmal
anfangen zu schimpfen, dann dachte sie an den Kobold und schwieg.
Sie hatte Angst, daß er wiederkommen würde.
Fünkchen war seitdem zufrieden und glücklich. Trotzdem
wünschte er manchmal, Frau Pudding würde noch ein einziges Mal
böse - es wäre doch zu lustig, wenn der Kobold wieder seine Spaße
triebe und dazu durch die Küche riefe: »Böse, böse Köchin!«

Lumpi reißt aus


Lumpi war ein Weihnachtsgeschenk. Die Kinder hatten so lange
gebettelt, bis der Vater endlich einen Hund kaufte. Klaus und Sabine
waren überglücklich und spielten den ganzen Tag mit dem neuen
Hausgenossen. Sie stritten sich darum, wer ihn füttern, bürsten und
»Gassi« führen durfte.
Eine Woche lang ging das so, dann waren die Weihnachtsferien
zu Ende. Die Kinder mußten wieder zur Schule, hatten es morgens
eilig, und nachmittags saßen sie über ihren Hausaufgaben. »Mutt,
geh du doch mal mit Lumpi hinunter!« baten sie, und die Mutter tat
es, weil der Hund ihr leid tat. Er saß dauernd in der Wohnung in dem
großen Mietshaus herum und kam kaum einmal an die Luft. »Also,
hört mal«, sagte sie, »so geht das nicht. Ihr habt euch Lumpi
gewünscht und keine Ruhe gegeben, bis ihr ihn bekamt. Vater und
ich haben euch vorher gesagt, daß ihr euch dann um euren Hund
kümmern müßtet. Füttern will ich ihn gern, aber so ein Tier braucht
Auslauf, Bewegung in frischer Luft, und dafür müßt ihr sorgen. Ein
Tier ist schließlich kein Spielzeug, und ihr seid alt genug, um zu
begreifen, daß man eine Verantwortung, die man einmal
übernommen hat, nicht einfach vernachlässigen darf, noch dazu,
wenn das auf Kosten eines lebenden Wesens geht. Also bitte, nehmt
Lumpi gefälligst mit, wenn ihr nachmittags fortgeht. Er ist ein so
lieber Kerl, es müßte euch doch Spaß machen.« Die Kinder
versprachen, sich mehr um den Hund zu kümmern, aber daraus
wurde nicht viel. Meist hatten sie am Nachmittag etwas vor, wobei
sie den Hund nicht brauchen konnten, und so lag Lumpi nach wie vor
traurig in der Wohnung.
Eines Tages hatte er es satt. »Ich brauche Auslauf und Bewegung
in frischer Luft, hat die Mutter zu Klaus und Sabine gesagt«, knurrte
er vor sich hin. »Recht hat sie! Ich sehne mich danach, einmal richtig
rennen zu können. Meine Beine sind schon ganz steif geworden, und
die Langeweile bringt mich um. Ich möchte auch mal wieder andere
Hunde sehen und mich mit ihnen unterhalten. Ich fürchte, mir bleibt
nichts übrig, als fortzulaufen.«
Und das tat er am nächsten Tag. Als die Mutter ihn mit zum
Einkaufen nahm und ihn vor dem Lebensmittelgeschäft anband, zog
er den Kopf aus dem Halsband und lief davon. Es war einfacher, als
er gedacht hatte. Er raste die Straße entlang, bis er meinte, jetzt
könnte die Mutter ihn nicht mehr sehen, wenn sie aus dem Geschäft
kam. Und dann trabte er glücklich immer geradeaus, schnupperte an
Bäumen und Häusermauern, so lange es ihm Spaß machte, und freute
sich, daß niemand an der Leine zog und sagte: »Nun komm schon,
Lumpi!« Ein paar Stunden lang genoß er das neue Leben und lief
weiter und weiter, mal im Trab, mal im Galopp. Jetzt bin ich ein
freier Hund und habe Auslauf und Bewegung! dachte er stolz. Er
kam an den Stadtrand, dann auf Felder und Wiesen und in einen
kleinen Wald. Was für neue, wunderbare Gerüche gab es dort! Eine
Weile jagte er ein Kaninchen, das aber schneller war als er, und
blickte verblüfft einer Maus nach, die er schon fast erwischt hatte
und die es sich erlaubte, vor seiner Nase in einem Erdloch zu
verschwinden. Eine Weile buddelte er an der Stelle, aber dann gab er
die ungewohnte Tätigkeit auf und lief weiter. Um die Mittagszeit
erreichte er einen kleinen Ort. Aus allen Küchenfenstern roch es
verlockend nach gutem Essen, und Lumpi merkte auf einmal, wie
hungrig er war. Hier und da blieb er vor einer Haustür stehen und
hoffte, jemand würde ihm etwas geben. Aber niemand dachte daran,
einen fremden Hund zu füttern, und die Hunde, vom Ort, jagten ihn
fort. Sein Magen tat schon weh vor Hunger, als er auf der Landstraße
weitertrottete. Er kam in ein anderes Dorf, und auch hier stieg der
Geruch von Gekochtem und Gebratenem in seine Nase. Er konnte es
kaum noch aushalten. Endlich ging er zu einer offenen Küchentür,
setzte sich vor die Schwelle und sah die Frau, die am Herd stand,
bittend an.
»Na, was willst du denn hier?« fragte sie, »Du gehörst doch gar
nicht ins Dorf. -Was meinst du, soll ich ihm ein bißchen Futter
geben?« wendete sie sich an ihren Mann, der eben in die Küche kam.
Er betrachtete den Hund und meinte: »Laß es lieber bleiben, du
wirst ihn womöglich nicht wieder los. Gar zu schlimm kann es mit
seinem Hunger nicht sein, sonst würde er lauter betteln und win­
seln.« Er drehte sich um und machte die Küchentür zu.
Enttäuscht schlich Lumpi zum nächsten Haus. Er dachte: Mit
Bescheidenheit kommt man anscheinend nicht weiter. Also werde
ich mal auftreten.
Laut und fordernd bellte er und trat ein paar Schritte in die Küche
hinein. Gleich kam die Bäuerin, schwang einen Besen und jagte ihn
weg. »So ein freches Vieh!« schimpfte sie. Das ist wohl auch nicht
das richtige, dachte der hungrige Hund betrübt. Wie komme ich nur
zu einer Mahlzeit? Mit knurrendem Magen und hängendem Schwanz
lief Lumpi wieder auf der Landstraße entlang. Einmal warf jemand
etwas aus einem fahrenden Auto, und der Hund stürzte sich gierig
darauf. Aber es war nur eine stinkende Zigarettenkippe. Er schnaubte
verächtlich durch die Nase und setzte seinen Weg fort. Schließlich
kam er wieder in einen Wald, verließ die Straße und ging auf
schmalen Waldwegen weiter. Es war so still und einsam, daß er
allmählich Angst bekam. Noch nie in seinem Leben war er an einem
unbekannten Ort allein gewesen. Wenn sich auch in der letzten Zeit
kaum jemand um ihn gekümmert hatte, so waren doch immer
Menschen in der Nähe gewesen, und sein Futter hatte er regelmäßig
bekommen. Beinahe hatte er jetzt Sehnsucht nach seinem bisherigen
Leben bei Klaus und Sabine. Aber dann dachte er an die endlosen
Stunden, in denen er in der Wohnung gelegen und sich nach draußen
gesehnt hatte. Wie hatte die Mutter noch gesagt? Auslauf und Bewe­
gung in frischer Luft - das brauchte er, und das hatte er jetzt. Also
wollte er zufrieden sein, und an das neue Dasein mußte er sich eben
gewöhnen. Hätte er nur erst etwas im Magen, dann würde er der
glücklichste Hund auf der Welt sein. Am Abend taten ihm die Pfoten
weh, und er war so müde, daß er in einer hölzernen Schutzhütte
mitten im Wald einschlief und seinen Hunger für eine Weile vergaß.
Am nächsten Morgen meldete sich sein leerer Magen um so
deutlicher, und er fühlte sich ganz schwach.
Auslauf und Bewegung habe ich nun eigentlich genügend gehabt,
dachte er, jetzt wäre etwas zu essen wichtiger. Soll ich doch
umkehren? Aber das schaffe ich gar nicht, ich finde den Weg nicht
mehr. Als Stadthund habe ich niemals Gelegenheit gehabt, einer Spur
nachzuschnüf-feln.
Ein Schwärm Krähen flog auf, und ihr heiseres Krächzen
erschreckte den Hund. Ob diese Vögel ihn angreifen und töten
könnten? Sie waren so viele, und er war schwach vor Hunger und
Anstrengung. Ängstlich duckte er sich in ein dichtes Gebüsch und
hoffte, daß sie ihn nicht entdeckten. Auch als sie weggeflogen waren,
hockte er zitternd und ratlos dort.
Auf einmal hörte er etwas, das ihm bekannt vorkam. Es klang, als
ob ein Hund einen Knochen zerbeisse und Fleisch verschlänge.
Vorsichtig ging er dem Geräusch nach, und jetzt bekam er auch den
Geruch in die Nase: Das war ein Hund! Erfreut stürzte er auf die
Stelle zu, wo wirklich ein Hund saß und seine Mahlzeit hielt. Der
andere Hund war zuerst gar nicht freundlich. Er knurrte Lumpi an
und fletschte die Zähne. Aber später, als er satt war, ließ er den
Fremden doch an sein Futter heran. Es war ein junges Kaninchen.
Lumpi hatte noch nie rohes Fleisch gesehen, an dem noch das Fell
war, aber sein Hunger war so stark, daß es ihm nichts ausmachte,
große Happen davon abzureißen und sie zu verschlingen. Der andere
Hund sah ihm zu, wie er alles bis zum letzten Bissen vertilgte. Dann
führte er ihn an einen Bach, und sie tranken beide. Danach lagen sie
im Moos und unterhielten sich. »Wie heißt du?« fragte Lumpi.
»Lumpi«, antwortete der andere Hund. »Das kann nicht sein, so
heiße ich doch!« rief Lumpi empört.
»Na und? Hast du bei den Menschen nicht oft gehört, daß mehrere
Jungen Peter heißen? So habe ich eben zufällig den gleichen Namen
wie du. Aber sag mal, woher du kommst und warum du allein durch
den Wald läufst!« Lumpi berichtete ihm alles: von seinem einsamen
Dasein in der Stadtwohung, von seinem Ausreißen und den
vergeblichen Versuchen, irgendwo etwas zu essen zu bekommen.
Der andere Lumpi meinte grimmig: »Das kenne ich. Ich habe es
selbst oft genug erlebt, denn ich bin schon lange Zeit allein
unterwegs. Und ich kann dir sagen: Betteln nützt gar nichts, weder
höflich und leise, noch laut und frech. Was man haben will, muß man
sich selbst holen. Ich jage ab und zu ein Kaninchen oder einen
jungen Hasen. Das ist freilich gefährlich, denn wenn der Förster
mich dabei erwischt, schießt er auf mich. Einmal pfiff das Geschoß
ganz dicht an mir vorbei. Wildern nennen es die Menschen, wenn
man sich etwas zu essen besorgt, und bei ihnen scheint es verboten
zu sein. Wenn ich Mäuse fange, dagegen haben sie nichts. Aber mir
schmecken Mäuse nun mal nicht. Ich gehe öfter in ein Dorf, da gibt
es Kaninchenställe, die nicht allzu fest verschlossen sind. Manche
Tür geht auf, wenn man von außen daran rüttelt. Und dann weiß ich
einen Ort, wo eine alte Frau ihre Hühner frei im Grasgarten laufen
läßt. Es ist eine Kleinigkeit, unter dem Zaun ein Loch zu graben und
hineinzukriechen. Man muß nur gut aufpassen, daß kein Mensch und
kein anderer Hund in der Nähe ist, wenn man sich ein Hühnchen
holt. Frische Eier schmecken übrigens auch gut. Siehst du, so muß
man es machen, wenn man satt werden will.« Erstaunt hörte Lumpi
zu. So einfach war das also, in der Freiheit zu leben! Er beschloß, bei
dem neuen Freund zu bleiben, und der hatte nichts dagegen. Man
konnte wirklich viel von ihm lernen.
Die beiden Hunde namens Lumpi zogen ein paar Wochen lang
gemeinsam durch die Wälder und die Dörfer. Zwar gelang es ihnen
nicht jeden Tag, erfolgreich zu jagen oder zu stehlen, und dann litten
sie Hunger. Aber meist sorgte der erfahrene ältere Lumpi doch dafür,
daß sie gute Beute machten.
In der Gegend hatte es sich herumgesprochen, daß zwei
streunende Hunde unterwegs seien. Der Förster, der Polizist und die
Dorfbewohner paßten genau auf, ob sie eine Spur von ihnen fänden.
Sie hatten es allmählich satt, dauernd bestohlen zu werden und ihre
besten Hühner und Kaninchen zu verlieren. Ein Bauer schaffte sich
extra einen großen, scharfen Wachhund an. Und dieser Hasso war es,
der dem Treiben der beiden Vagabunden ein Ende machte.
Eines Abends waren sie gerade wieder einmal unter dem Zaun
hindurch in das Hühnergehege gekrochen, da kam Hasso laut bellend
gelaufen, stellte sich draußen vor das Loch und ließ die Diebe nicht
wieder hinaus. Die empörten Dorfbewohner kamen mit Stöcken und
Peitschen, und die Eindringlinge wurden fürchterlich verprügelt. Sie
konnten kaum noch kriechen, als es ihnen endlich gelang zu ent­
kommen.
So weit wie möglich von dem Dorf entfernt, setzten sie sich in
einen Straßengraben, leckten ihre Wunden und duckten sich
ängstlich bei jedem Geräusch. Die ganze Nacht über blieben sie dort
und wußten nicht, was sie nun beginnen sollten. Am anderen Tag
kamen zwei Kinder die Straße entlang. Die Hunde waren noch so
verschüchtert, daß sie weglaufen und sich verkriechen wollten. »Sieh
mal, die Hunde!« rief das kleine Mädchen. »Sind die aber scheu!
Und da, guck mal, sie haben ja Wunden! Nun kommt doch, wir tun
euch nichts!«
Sie lockte so lange, bis die beiden Lumpis wagten, näher zu
kommen. Aber sie bettelten nicht, obwohl aus den Umhängetaschen
der Kinder ein herrlicher Duft kam. Sie schnupperten nur eifrig.
»Vielleicht haben sie Hunger«, sagte der Junge. »Wie gut, daß wir
bei Tante Erna so viel zu essen bekommen haben.« Er griff in seine
Tasche und holte eine Brotschnitte heraus, die dick mit Wurst belegt
war. Seine Schwester tat das gleiche, und sie boten den scheuen
Hunden die Schnitten an.
»Ach, Lumpi«, sagte der eine beim Kauen, »so gut hat es mir
schon lange nicht mehr geschmeckt!«
»O ja, Lumpi«, erwiderte der andere, »mir auch nicht.«
Die Kinder sahen zu, wie Wurst und Brot im Nu verschwanden.
Dann redeten sie mit den Hunden, die sich endlich sogar streicheln
ließen.
»Jetzt müssen wir heimgehen«, sagte das Mädchen. »Kommt doch
mit, ihr beide!« Ein paar Schritte folgten die Hunde den Kindern,
aber als die ersten Häuser einer Ortschaft in Sicht kamen, blieben sie
stehen und kehrten dann um.
Am nächsten Tag zur gleichen Zeit saßen die Hunde wieder an der
Stelle im Straßengraben, wo die Kinder sie getroffen hatten.
Natürlich waren sie wieder hungrig, denn sie wagten nicht mehr, zu
wildern oder zu stehlen.
Ein Auto kam langsam heran und hielt in einiger Entfernung.
Eben wollten die Hunde fliehen, da wurde eine Tür aufgemacht, und
das kleine Mädchen von gestern kam heraus, und ihr Bruder folgte.
Sie hatten zwei Schüsseln mit wohlschmeckendem Hundefutter bei
sich. Nur kurz zögerten die Hunde, dann stürzten sie sich gierig auf
das Futter. Als sie die Schüsseln ausgeleckt hatten und aufschauten,
stand ein Mann neben den Kindern.
»Das sind also eure Schützlinge«, sagte er. »Ich glaube, ihr habt
recht, sie sind herrenlos und irren umher. Wir wollen sie mitnehmen,
und ich fahre zuerst einmal zum Tierheim.«
Es war gar nicht so einfach, die Hunde in das Auto zu bringen. Sie
waren noch nie mit einem Wagen gefahren, und außerdem waren sie
durch böse Erfahrungen mißtrauisch geworden. Endlich saßen sie
neben den Kindern auf dem Rücksitz, und der Wagen fuhr zur Stadt.
»Schade, daß wir keinen Platz für euch haben«, sagte das Mädchen.
»Mutters Katzen würden euch für Eindringlinge halten und sich nicht
gut mit euch vertragen. Aber wir besuchen euch bestimmt im
Tierheim, und wir wollen dafür sorgen, daß ihr ein gutes Zuhause
findet.« Sie hielten Wort und kamen öfter ins Tierheim. Der ältere
Lumpi, der lange allein in Wald und Feld gelebt hatte, fühlte sich
merkwürdigerweise hier ganz wohl und wünschte sich nichts
anderes, als hierzubleiben und regelmäßig sein Futter zu bekommen.
Aber der andere Lumpi, der damals ausgerissen war, sehnte sich
immer mehr danach, wieder mit Menschen zusammen zu leben.
Eines Tages kamen die Kinder und brachten eine Dame mit, die sich
die Hunde ansah, sie ohne Scheu streichelte und freundlich mit ihnen
redete. »Das sind sie, Tante Lina«, sagte der Junge. »Na, wie wäre
es, magst du nicht einen davon zu dir nehmen? Dann bist du zu
Hause und auf deinen Spaziergängen nicht mehr so allein.«
»Nimm sie doch beide!« drängte das Mädchen, aber die Dame
lächelte: »Nein, das würde mir wohl zuviel. Aber einen könnte ich
wirklich nehmen. Der hier gefällt mir am besten - der soll es sein.«
»Der hier« war der Lumpi, der einmal Klaus und Sabine gehört hatte.
Die Dame nahm ihn mit und fuhr mit ihm im Taxi zu einem Haus.
Ja, was war denn das? Das Haus kannte Lumpi doch! Hier hatte er ja
früher gewohnt! Die Dame schien nichts davon zu merken. Sie ging
mit ihm ins Haus, die Treppe hinauf, an der Wohnungstür von Klaus
und Sabine vorbei weiter nach oben. In ihrer Wohnung bekam Lumpi
erst einmal eine leckere Mahlzeit, dann wurde ihm ein weicher
Schlafkorb gezeigt, der in einer Ecke stand. Er fühlte sich vom ersten
Augenblick an wohl bei seiner neuen Herrin. Sie versorgte ihn gut,
sprach viel mit ihm und nahm ihn täglich mit auf lange
Spaziergänge. Erstaunlich, wie rasch er sich eingelebt hat, dachte sie.
Er findet sich im Haus und auf der Straße so gut zurecht, als wäre er
immer hier gewesen. Wie recht sie hatte, erfuhr sie erst von Klaus
und Sabine, als sie ihnen an einem der nächsten Tage im
Treppenhaus begegnete. Sie jubelten, als sie den Hund erkannten.
Aber Lumpi begrüßte sie nur mit einem kurzen, Wedeln; er hatte ja
keine allzu gute Erinnerung an sie. Die Kinder erzählten natürlich
sofort ihren Eltern, wer jetzt über ihnen wohnte. »Genaugenommen
gehört der Hund ja uns«, meinte der Vater, aber die Mutter
unterbrach ihn: »Bloß nicht wieder einen Hund! Du hast es ja erlebt,
daß die Kinder sich nicht um ihn kümmern, und das arme Tier hockt
hier trübselig herum, bis ich mal Zeit habe, mich mit ihm abzugeben.
Aber das ist zuwenig. Bei Fräulein Behrend hat er es gut, wie ein
Hund es haben soll.«
»Denkt euch, sie hatte keine Ahnung, daß Lumpi schon einmal
hier im Haus gelebt hat«, sagte Sabine. »Sie kannte auch seinen
Namen nicht, sie nannte ihn Flocki.« »Konnte sie ja gar nicht, weil
sie erst vor einer Woche hier eingezogen ist«, erklärte Klaus.
»Drollige Zufälle gibt es«, sagte die Mutter. »Aber ich bin froh,
daß alles so gekommen ist.«

Der geheimnisvolle Radiergummi


Fritz Fröhlich ging an einem schönen Sommertag in den Wald
und fand einen Radiergummi. Der lag einfach mitten im Moos, war
groß und sehr lang und hatte an einer Seite eine Spitze. »Was für ein
komischer Radiergummi!« rief Fritz Fröhlich und hob ihn auf. »Ich
möchte gern wissen, was man damit alles anstellen kann.« Und nur
so zum Ausprobieren rieb er den Radiergummi am Stamm einer
kleinen Birke. Wie erschrak er, als die Birke plötzlich verschwunden
war!
»Ich habe den Baum wegradiert!« sagte er verblüfft. »Was für ein
wunderbares Ding! Man kann damit Sachen einfach auslöschen!«
Er ging zu einem Brombeerstrauch und rieb den Gummi an den
Blättern. Sofort waren sie verschwunden. Dann radierte er ein paar
Fliegenpilze fort, die unter einer Eiche wuchsen. Auch sie ver­
schwanden im Nu.
»Hei!« sagte Fritz zu sich. »Das ist ein sehr, sehr nützlicher
Gegenstand. Ich weiß eine Menge Sachen, die ich gern ausradieren
möchte.«
Also steckte Fritz Fröhlich den Radiergummi in seine
Hosentasche und lief vergnügt nach Hause. Natürlich sagte er
keinem Menschen etwas von seinem Fund; er wollte seinen Spaß
allein auskosten.
Als er heimkam, holte er gleich sein bestes Paar Schuhe aus dem
Schrank. Schon lange hatte ihn ein Nagel geärgert, der durch die
Sohle stach und ihm ständig die Strümpfe zerriß. Jetzt konnte er ihn -
hui! - wegradieren. Der Nagel verschwand tatsächlich. Fritz war sehr
zufrieden. Er sah sich um, ob es noch mehr Sachen gäbe, die er
weghaben wollte. »Aber ja«, sagte er vor sich hin, »die Tür zwischen
der Küche und dem Wohnzimmer ärgert mich schon lange, weil sie
immer zuschlägt. Eigentlich brauche ich sie ja gar nicht.« Also
radierte er die Tür aus. Es war kinderleicht. Und dann sah Fritz
Fröhlich die schwarze Katze Mauzi, die seiner Nachbarin gehörte.
Diese Katze haßte er, weil sie immer in seinem Blumenbeet hockte
und ihn anfauchte, wenn er in die Nähe kam.
»Na warte, dich werde ich ausradieren!« murmelte er boshaft.
Schon war er im Garten und radierte die schwarze Katze aus, bevor
sie ihn kratzen konnte. Weg war sie! Was für ein herrlicher Radier­
gummi! dachte Fritz. Und wie gut, daß ich ihn gefunden habe!
Jetzt sah er über die hohe Gartenmauer. Im Garten seiner
Nachbarin stand ein prächtiger Pflaumenbaum, an dem Unmengen
von dicken reifen Pflaumen hingen. Wenn er doch ein paar von ihnen
haben könnte! Er wußte, daß die Nachbarin ausgegangen war. Über
die hohe Mauer kann ich nicht klettern, überlegte er. Aber ich kann
ein Stück davon ausradieren. Gesagt, getan. Er radierte ein rundes
Loch in die Mauer, groß genug, daß er hindurchkriechen konnte.
Drüben stopfte er sich alle Taschen voll Pflaumen. Die sollten ihm
schmecken! Fritz Fröhlich hatte viel Spaß mit dem wunderbaren
Radiergummi. Er radierte den großen Hund aus, der immer in seinen
Garten kam und dort scharrte. Er radierte alle Wespen aus, die in
seine Küche flogen. Er radierte die Wasserlache aus, als er einen
Eimer umgestoßen hatte. Er radierte alles aus, was er fand und was
ihn ärgerte.
Aber eines Tages tat Fritz Fröhlich etwas sehr, sehr Törichtes. Es
klopfte an seiner Haustür, und er öffnete. Da stand der Bäcker mit
einem großen Zettel in der Hand. Fritz hatte nämlich seit langer Zeit
Brot, Brötchen und Kuchen bei ihm geholt und niemals bezahlt. Jetzt
schuldete er ihm eine Menge Geld. Der Bäcker ging in die Küche
und knallte die Rechnung auf den Tisch. »Willst du endlich mal
deine Schulden bezahlen?« fragte er. »Oh, ich habe gerade kein Geld
im Haus«, antwortete Fritz Fröhlich. »Nächste Woche bekommst du
dein Geld.« »Das sagst du jedesmal!« rief der Bäcker ärgerlich.
»Aber das höre ich mir nicht immer wieder an. Ich will mein Geld
haben, hörst du!« Dabei schlug er mit der Faust auf die Tischplatte,
daß die Teekanne in die Höhe sprang und auf den Fußboden fiel.
Klirr! zerbrach sie in hundert Stücke.
»Jetzt sieh nur, was du angerichtet hast, du Narr!« schrie Fritz
Fröhlich wütend. »Wenn du deine Schulden bezahlst, gebe ich dir
das Geld, damit du dir eine neue Teekanne kaufen kannst«, versprach
der Bäcker.
»Kommt gar nicht in Frage!« erwiderte Fritz Fröhlich. »Mach,
daß du raus-kommst mitsamt deinem ekligen langen Bart!«
»Mein Bart ist zwar lang, und darauf bin ich stolz; aber eklig ist er
nicht«, sagte der Bäcker.
»Natürlich ist er eklig!« rief Fritz Fröhlich. »Man sollte ihn
abschneiden und einen Kehrbesen daraus machen!« Und plötzlich
kam ihm eine Idee. Er griff nach seinem Radiergummi und fuhr über
das Kinn des Bäckers - und der Bart war weg. Der Bäcker sah auf
einmal ganz fremd aus. »Was hast du gemacht?« klagte er. »Mein
schöner, schöner Bart! Der schönste im ganzen Ort! Es hat vierzig
Jahre gedauert, bis er so lang und dicht geworden ist!« »Dann laß ihn
eben jetzt wieder wachsen«, antwortete Fritz Fröhlich ungerührt,
»und deine Haare auch gleich mit!« Er strich dem Bäcker rasch mit
dem Radiergummi über den Kopf, und nun hatte der arme Mann
auch noch einen kahlen Kopf. Laut heulend lief er auf die Straße.
Die Leute steckten ihre Köpfe aus Türen und Fenstern, um zu
sehen, was los war. Zuerst erkannten sie den Bäcker gar nicht, als er
ohne Bart und Kopfhaare daherkam. Als sie hörten, was geschehen
war, wurden sie ärgerlich. »Eine Gemeinheit ist das von Fritz Fröh­
lich!« meinten sie, und einer sagte: »Er muß den Gummi vom
Zauberer Wizziwazz gefunden haben. Stellt euch nur mal vor, was er
uns damit alles zufügen kann, wenn er will! Womöglich radiert er
uns alle aus! Wir müssen es dem Zauberer Wizziwazz gleich melden.
Na, der wird schön böse sein, wenn er erfährt, was Fritz Fröhlich mit
seinem Radiergummi anstellt!«
Der Zauberer Wizziwazz war wirklich sehr böse, als er es hörte.
Er ging sofort hin und hämmerte mit der Faust so derb an Fritz
Fröhlichs Haustür, daß Fritz vor Schreck in die Höhe sprang. Er
ahnte etwas Schlimmes und wollte die Tür gar nicht aufmachen. Da
drückte der Zauberer die Haustür einfach ein und trat ins Zimmer.
»Wo ist mein Radiergummi?!« brüllte er. Rasch zog Fritz
Fröhlich den Gummi aus der Tasche und reichte ihn dem Zauberer.
Der nahm ihn und rieb damit schweigend an drei Stellen unter der
Zimmerdecke und an vier Stellen an der Wand. Sieben große Löcher
waren plötzlich da. »So«, sagte der Zauberer Wizziwazz, »andere
Leute können auch mit dem Radiergummi umgehen, siehst du. Du
wirst wenig Freude an den Löchern haben, durch die Regen und
Wind in deine Stube kommen. Wenn du mal wieder etwas findest,
was dir nicht gehört, dann überlege dir besser, ob du solchen Unfug
damit anrichten sollst.«
Er ging davon, und Fritz Fröhlich schaute bekümmert auf die
sieben gähnenden Löcher in seinen Wänden. Ein kühler Wind blies
herein, und er schauerte zusammen. Es würde viel Zeit und Mühe
kosten, die Schäden zu beseitigen. Tatsächlich mußte Fritz Fröhlich
eine ganze Woche hart arbeiten, bis sein Haus wieder dicht war. Als
er fertig war und sich aufatmend umblickte, sah er die schwarze
Katze Mauzi, die er neulich wegradiert hatte; sie saß in seinem
Blumenbeet, als sei nichts geschehen. Ungläubig starrte er das Tier
an, da hörte er ein Knurren - an seiner Gartentür stand der große
Hund, den er doch auch beseitigt hatte. Er drehte sich um, und da
klapperte seine Küchentür gegen die Wand wie eh und je.
Voll Schrecken rannte er zu dem Zauberer und berichtete ihm,
was passiert war. »Alles, was ich ausradiert habe, ist wie­
dergekommen! «
»Natürlich, das wußte ich«, antwortete Wizziwazz grinsend.
»Der Zauber hält immer nur zehn Tage an, dann wird alles wieder,
wie es vorher war.« »Wären dann etwa die Löcher in meinen
Wänden und in der Decke auch wieder verschwunden?« fragte Fritz
Fröhlich. »Aber gewiß.«
»Und da habe ich eine ganze Woche geschuftet, um alles zu
reparieren!« klagte Fritz Fröhlich. »Es hat viel Zeit und Geld
gekostet, und mein armer Rücken tut weh!«
»Das geschieht dir ganz recht«, meinte der Zauberer.
»Du bist ein gräßlicher alter -« »Nimm dich in acht!« unterbrach
ihn der Zauberer Wizziwazz. »Wenn du mich ärgerst, nehme ich
meinen Radiergummi und radiere dich aus! Wo habe ich ihn denn ­
aha, hier in der Schublade!« Doch ehe der Zauberer den
Gummi gefunden hatte, war Fritz Fröhlich weggerannt. Nein, er
wollte nicht ausradiert werden, auch wenn es vielleicht nur zehn
Tage dauerte!
Nach zehn Tagen waren der Bart und das Kopfhaar des Bäckers
wieder gewachsen. Als er das nächste Mal mit der Rechnung kam,
holte Fritz Fröhlich das Geld heraus und zahlte, ohne ein Wort zu
sagen und eine Minute zu zögern. Er benahm sich überhaupt von
dieser Zeit an recht manierlich. Konnte er denn wissen, ob der Zau­
berer Wizziwazz nicht sonst doch eines Tages kommen würde, den
Radiergummi in der Hand?

In falschem Verdacht
Michael und Anita Rohde waren seit einiger Zeit mit Hanna
Sommer befreundet. Hanna ging in die gleiche Klasse wie Michael,
und deshalb legten sie ihren Schulweg gemeinsam zurück, der ziem­
lich lang war. Fast eine halbe Stunde mußten sie laufen. Aber sie
hatten immer so viel zu besprechen, daß es ihnen nie langweilig
wurde.
Nachmittags kam Hanna oft zu Rohdes, die ein nettes Häuschen
bewohnten. Im Garten war vor dem Geräteschuppen ein großer freier
Platz, wo die Kinder herrlich spielen konnten, und eine Schaukel gab
es auch. Michael und Anita hatten viele schöne Spielsachen, und ihre
Mutter war sehr freundlich zu Hanna. Hannas Vater war vor einiger
Zeit gestorben, und die Mutter ging arbeiten. Es waren noch zwei
kleine Geschwister da. Die vier Menschen lebten im vierten
Stockwerk eines großen Mietshauses in einer engen Wohnung, die
aus Schlafkammer und Wohnküche bestand. Der Vater hatte vor
seinem frühen Tod keine Ersparnisse sammeln können, und so ging
es bei Sommers recht knapp her. Frau Rohde wußte das. Sie bat
Hanna oft, mit bei ihnen zu essen, und gab ihr Kleidung und Schuhe
für die kleinen Mädchen mit. Einmal hatte sie Frau Sommer besucht,
um zu sehen, wie sie ihr helfen könnte. Aber Frau Sommer hatte
offen gesagt, sie sähe es nicht gern, wenn jemand zu ihr kam. Sie
mußte immer noch an die schöne, geräumige Wohnung denken, in
der sie vor dem Tod ihres Mannes gelebt hatten. Damals war alles
hübsch und ordentlich gewesen; jetzt aber, in den beiden engen
Räumen, in denen man wohnen, schlafen, spielen, essen, kochen und
waschen mußte, war an Aufräumen einfach nicht zu denken. Frau
Rohde konnte gut verstehen, daß Frau Sommer sich ihrer
Ärmlichkeit schämte, auch wenn sie unverschuldet war. Aus diesem
Grund ließ Frau Sommer sich auch nicht bewegen, Rohdes einmal zu
besuchen, und das tat der Mutter von Michael und Anita aufrichtig
leid. Michael, der einmal etwas zu Hanna gebracht hatte, nannte ihr
Zuhause eine »Räuberhöhle«. Da war seine Mutter sehr, sehr böse
geworden und hatte versucht, ihm klarzumachen, wie dumm und
ungerecht diese Bezeichnung war. Eines Tages in den Sommerfellen
spielten die drei Kinder wieder im Garten. Zuerst vergnügten sie sich
mit Michaels neuem roten Ball, der fabelhaft hoch sprang. Dann
bauten sie im Sandkasten Anitas Bauernhof auf, zu dem buntbemalte
Gebäude und viele Tiere gehörten: Kühe, Pferde, Schafe, Ziegen,
Schweine und Hühner. Sie hatten aus Sand eine Landschaft geformt
mit Bergen und Tälern und einem kleinen See, den sie mit blauem
Seidenpapier bedeckten. Mittendrin stand der Bauernhof. Als Hanna
abends nach Hause gegangen war, vermißte Michael seinen roten
Ball. Er wußte genau, daß er ihn noch gehabt hatte, als sie anfingen,
den Bauernhof aufzustellen. Und danach hatten sie nicht mehr mit
ihm gespielt. Zuerst kam natürlich Taps, der Dackel, in Verdacht. Er
liebte es sehr, Bälle zu verschleppen und zu zerkauen. Aber es stellte
sich heraus, daß Taps den ganzen Nachmittag mit seinem Herrchen
unterwegs gewesen war.
Die ganze Familie suchte den Garten gründlich ab, doch ohne
Erfolg. Der Ball blieb verschwunden. Und immer, wenn ein
Spielzeug fort ist, kommt es einem so vor, als sei gerade dieses das
liebste und unentbehrlichste gewesen. Michael war wirklich traurig.
»Ich glaube, Hanna hat ihn mitgenommen«, sagte er auf einmal.
»Wie kannst du so etwas sagen!« wies seine Mutter ihn zurecht.
»Hanna würde dir niemals etwas wegnehmen.« »Aber sie mag den
Ball ebenso gern wie ich«, erwiderte er. »Und zu Hause hat sie doch
kaum Spielzeug. Da hat sie ihn eben eingesteckt.«
Die Mutter widersprach ihm noch einmal, aber sie merkte, daß er
von seinem Verdacht nicht loskam.
Für eine Weile geriet der Ball in Vergessenheit, denn die
Geschwister durften eine Autofahrt zu Verwandten auf dem Land
machen und einige Tage dort bleiben. Die Mutter, die nicht mitfuhr,
hatte sich vorgenommen, Hanna behutsam nach dem Ball zu fragen,
sobald sie sie sah. Aber merkwürdig: Hanna, die sonst täglich kam,
ließ sich nicht mehr blicken. Jetzt stiegen in der Mutter doch Zweifel
auf. Hatte Hanna kein reines Gewissen? Hatte sie wirklich den Ball
genommen? Zu verstehen wäre es ja, daß sie gern einmal ein
Spielzeug für sich allein haben möchte, denn zu Hause waren die
wenigen Püppchen und Stofftiere natürlich für die Kleinen da.
Da erlebte Mutter Rohde eines Morgens eine Überraschung. Sie
pflückte in der Nähe des Geräteschuppens Himbeeren, und als sie
sich nach einigen heruntergefallenen Früchten bückte, sah sie in
einer zerbrochenen Tonröhre, die neben dem Schuppen lag, etwas
Rotes leuchten. Sie ging hin - richtig, es war Michaels Ball! Beim
Suchen war kein Mensch auf den Gedanken gekommen, daß er in die
Röhre gerollt sein und sich dort festgeklemmt haben könnte.
Als Michael wiederkam und die Mutter ihm den Ball gab, war er
überglücklich. Hanna hatte ihm seinen Ball also nicht
weggenommen. »Na, dann ist ja alles wieder gut«, meinte er.
»Es ist durchaus nicht alles gut«, erwiderte die Mutter ernst. »Wir
haben einem Menschen Unrecht getan, wenn auch nur in Gedanken.«
Das verstand Michael nicht. Hanna wußte doch gar nicht, welchen
Verdacht man gegen sie gehegt hatte. Die Mutter dachte eine Weile
nach. Wie sollte sie ihrem Jungen klarmachen, man könne einem
Menschen auch dadurch Unrecht tun, daß man ihn in einem falschen
Verdacht hat, selbst wenn man diesen Verdacht nicht ausspricht?
Hanna hatte den Ball auch gern gemocht, das hatte Michael selbst
gesagt. Bestimmt hatte sie manchmal gedacht: Ach, wenn er doch
mir gehörte!
»Weißt du, was ich finde, Michael«, sagte die Mutter plötzlich.
»Du solltest Hanna den Ball schenken.«
Michael riß die Augen auf. Wie, er sollte seinen schönen Ball
verschenken, den er eben erst wiederbekommen hatte? Nein, das
konnte wirklich kein Mensch von ihm verlangen! Die Mutter tat, als
hätte sie seine empörten Einwände nicht gehört, und fuhr fort: »Und
Anita könnte Hanna ihren Bauernhof schenken. Damit hat Hanna
auch immer so gern gespielt.« Prompt fing Anita an zu weinen. »Das
kann nicht dein Ernst sein, Mutti - mein schöner Bauernhof!«
»Seht mal, Kinder«, versuchte die Mutter zu erklären, »früher, als
Hannas Vater noch lebte, hat sie es genauso schön gehabt wie ihr.
Sie hatte ihr eigenes Kinderzimmer und viele Spielsachen. Jetzt geht
es der Familie schlecht, sie mußten alles verkaufen und sind froh,
wenn sie satt werden. Nächstens hat Hanna Geburtstag, und da wäre
es doch fein, ihr eine ganz große Freude und Überraschung zu
machen. Sie ist ein liebes, ehrliches Mädchen, das wir leider in
einem falschen Verdacht gehabt haben; so könnten wir das
wiedergutmachen.« »Ich finde es ja gut, wenn Hanna eine Freude
haben soll«, meinte Michael. »Aber deswegen müssen wir uns doch
nicht gerade von Sachen trennen, die wir besonders lieben. Das ist
zuviel verlangt. Wir haben ja Geld - kaufe doch einfach ein paar
hübsche Geschenke für sie!« »Gewiß könnte ich etwas kaufen und es
Hanna schenken. Aber das möchte ich nicht tun. Ich möchte, daß
meine Kinder lernen, auch einmal ein Opfer zu bringen und anderen
von dem abzugeben, was sie selbst reichlich haben. Es ist keine
große Tat, etwas wegzugeben, was man nicht mehr mag oder nicht
mehr brauchen kann. Aber sich von Dingen zu trennen, die man
liebt, das ist etwas Gutes und Großes. Und ich denke, ein Mensch,
der das nicht gelernt hat, kann später nie ganz glücklich werden.
Bitte, glaubt es mir, auch wenn ihr es jetzt noch nicht versteht.«
Anita wurde nachdenklich. Michael aber blieb bockig. »Das ist ja
verrückt, daß wir unsere liebsten Sachen verschenken sollen«, sagte
er frech, und rasch fügte er hinzu: »Überhaupt muß ich jetzt zu Nie­
manns. Ich habe versprochen, ihnen meine Laubsäge zu leihen.«
Eine halbe Stunde später kam er ziemlich kleinlaut zurück. Bei
Niemanns hatte er erfahren, daß Hanna Sommer sehr krank war. Sie
war schon vor mehreren Tagen mit einer schweren
Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Und auf
dem Heimweg hatte er Robert Krause getroffen, und der hatte ihm
gesagt, Hanna sei tot. Frau Rohde war sehr betrübt und aufgeregt
über diese Nachricht. Sie hatten sich in den letzten Wochen gar nicht
um Hanna gekümmert. Sonst war das Mädchen ja fast täglich zu
ihnen gekommen, und als es plötzlich wegblieb, hatten sie gedacht,
Hanna hätte ein schlechtes Gewissen wegen des Balles. Wie sehr hat­
ten sie dem Kind Unrecht getan! Nun war es zu spät, sie konnten
nichts mehr gutmachen.
Zum Glück stellte es sich noch am gleichen Nachmittag heraus,
daß Roberts Bericht nicht stimmte. Hanna lebte. Zwar war sie sehr
schwach, doch es bestand die Hoffnung, daß sie am Leben bleiben
würde.
»Hanna bekommt meinen Bauernhof, sobald ich sie besuchen
darf!« rief Anita, und die Mutter freute sich über die warmherzige
Zusage. Eigentlich erwartete sie, daß Michael nicht zurückstehen
wollte und etwas von seinem roten Ball sagte. Aber er schwieg.
Zwei Wochen später durfte Hanna endlich Besuch im
Krankenhaus bekommen. Frau Rohde ging mit den Kindern hin.
Anita hatte ihren Bauernhof in einen Karton verpackt und nahm ihn
mit. »Schenkst du Hanna deinen Ball?« fragte sie ihren Bruder.
Er zog ein mißmutiges Gesicht und brummte: »Sie kriegt doch
schon genug: von dir den schönen Bauernhof und von Mutti den
Kleiderstoff und die Blumen.« Nach einer Weile fügte er hinzu:
»Von mir kriegt sie die Birnen aus dem Garten, die wir mitnehmen.«
Im Krankenhaus fanden sie ein zartes, blasses Mädchen, das der
Hanna von früher kaum noch ähnlich war. Aber bald darauf röteten
sich die Wangen des kranken Kindes vor Freude. »Oh, was für feine
Sachen habe ich geschenkt bekommen! Den wunderschönen
Bauernhof - soll der mir denn wirklich gehören? Und den guten
Kleiderstoff und die Birnen! Ich freue mich so! Vielen Dank!« Die
Besucher durften nur fünf Minuten dableiben, sonst hätte es die
kleine Kranke zu sehr angestrengt. Eine Schwester forderte Mutter
und Kinder auf, sich zu verabschieden. Als letzter ging Michael
hinaus und lief hinter den beiden anderen her, die schon auf dem
Korridor waren.
Im Garten des Krankenhauses trat Frau Rohde an das
offenstehende Fenster im Erdgeschoß, hinter dem Hanna liegen
mußte. Sie konnte gut in den Raum hineinsehen. Und da lag Hanna
in ihrem Bett und hielt beide Hände, wie zu einer Kugel geformt, an
ihre Wange. Jetzt bemerkte sie Frau Rohde, die zum Fenster herein­
winkte, und winkte mit einer Hand zurück. Aber was hielt sie da in
der Linken? Etwas Rotes leuchtete darin. War das etwa -
In diesem Augenblick hob das kleine Mädchen mit beiden Händen
den glänzenden roten Ball hoch, den die Mutter so gut kannte.
»Michael hat ihn mir geschenkt!« rief Hanna glückselig lächelnd.
Die Mutter strich ihren beiden Kindern über die Köpfe. »Eben hat
Michael mir eine ebenso große Freude und Überraschung bereitet
wie Hanna«, sagte sie. Michael aber machte gar kein frohes Gesicht,
er sah im Gegenteil fast brummig aus. Er hatte sich schon lange
vorgenommen, Hanna den roten Ball zu schenken. Aber reden
mochte er darüber nicht. Deshalb hatte er auf Anitas Frage geantwor­
tet, Hanna bekäme von ihm die Birnen. Aber da hatte er den Ball
längst in seiner Jackentasche, um ihn ins Krankenhaus mitzunehmen.
Als er sich erst einmal überwunden hatte, freute er sich sogar darauf,
Hanna zu beschenken. Er fand nur, darüber sollte nicht viel geredet
werden, und gelobt werden wollte er schon gar nicht.
Die Mutter verstand ihren Jungen. Sie schwieg und nickte ihm nur
zu.

Der Vulkan von Dingskirchen


Es ist schon lange her, da passierte in Dingskirchen ein tolles
Ding. Dingskirchen war ein kleines Dorf, und die Bewohner waren
gutmütig. Nur allzu schlau waren sie nicht, das war weit und breit
bekannt. Kein Dingskirchener war jemals aus seinem Dorf
herausgekommen, aber das machte ihnen nichts aus. Sie waren viel
zu träge, um sich in der Welt umzusehen. Was sie zum Leben
brauchten, lieferten ihnen die Felder und das Vieh, und das übrige
kauften sie bei umherziehenden Händlern, die ab und zu das Dorf
besuchten.
Eines Tages kam ein junger Händler ins Dorf, der war immer zu
Spaß und Schabernack bereit. Als er seine Waren verkauft hatte, saß
er abends im Wirtshaus und hörte den Gesprächen der Dingskir­
chener zu. Dabei merkte er, daß sie mit Verstand nicht gerade
gesegnet waren. Da packte ihn die Lust, ihnen einen Streich zu
spielen. Bald bekam er Gelegenheit dazu. Er berichtete von seinen
Reisen, von fremden Ländern, von Erdbeben und feuerspeienden
Bergen, die man Vulkane nannte.
»So einen Vulkan haben wir hier auch«, sagte ein Mann.
»So, wirklich?« fragte der Händler verwundert.
»Nach dem, wie du es beschrieben hast, muß es einer sein. Hast
du nicht die Rauchwolken bemerkt, die manchmal aus dem
Berggipfel hinter dem Dorf aufsteigen?«
Der Fremde blickte aus dem Fenster. »Ach, die Rauchwolken!
Dann ist der Berg wohl tatsächlich ein Vulkan. Habt ihr schon daran
gedacht, was werden soll, wenn er eines Tages ausbricht? Wenn es
glühende Funken regnet und die feurigflüssige Lava herabströmt und
das ganze Dorf verbrennt mit allem, was darin ist?« Die
Dingskirchener bekamen große Angst und fragten ihn, ob man denn
gar nichts tun könnte, damit das nicht geschähe. »Hm«, meinte er
und tat, als dächte er gründlich nach. Dann verkündete er: »Man
mußte feststellen, wie gefährlich der Vulkan ist. Schließlich geht es
ja hier um ein ganzes Dorf mit allen Menschen, Tieren und Häusern.
Ich bin bereit, den Erkundungsgang zu wagen und mir den Krater aus
der Nähe anzusehen.« Einige jüngere Leute boten zögernd an, sie
wollten ihn begleiten, aber er sagte, es genüge, wenn einer sich in
Lebensgefahr begäbe. Ein Paar neue, feste Schuhe und reichlich
Mundvorrat nähme er gern an. Am nächsten Morgen wanderte er los,
und die Dingskirchener vergaßen in ihrer gespannten Erwartung auf
das, was er berichten würde, beinahe Arbeit und Essen.
Am zweiten Tag kam er wieder, machte ein ernstes Gesicht und
setzte sich schweigend auf seinen Platz im Wirtshaus. Erst als alle
Einwohner um ihn versammelt waren und ein gutes, reichliches
Essen vor ihm stand, begann er zu reden. »Ja, meine Lieben«, sagte
er, »es ist so, wie ich es mir gedacht habe. Es handelt sich um einen
gefährlichen Vulkan. Tief im Krater brodelt eine rotglühende Masse,
aus der Feuerzungen emporsteigen. Ihr lebt hier auf gefährlichem
Boden.« Er machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen.
Die Dingskirchener steckten die Köpfe zusammen und redeten auf­
geregt durcheinander. Endlich wendete sich der Bürgermeister an
den Händler: »Gibt es denn keine Rettung für Dingskirchen? Wie
wäre es, wenn wir eine große, dicke Mauer aus Feldsteinen bauten?«
Der Händler lachte. »Eine Mauer - gegen einen Vulkanausbruch?
Habt ihr eine Ahnung, wie da Mauern und Gebäude niedergewalzt
und einfach zugedeckt werden? Nein, das hätte keinen Sinn.« »Was
könnten wir denn aber tun?« fragten mehrere Leute.
Der Händler sagte langsam, als überlegte er noch: »Ja, eine
Möglichkeit gäbe es wohl, das Unheil von euch abzuwenden. Man
müßte das Übel sozusagen an der Wurzel packen - aber das würde
eine sehr teure Sache.«
Die Dingskirchener waren sparsame Leute, und jeder von ihnen
hatte eine hübsche Summe Geld im Haus. Sie steckten wieder die
Köpfe zusammen und berieten. Endlich verkündete der Bürger­
miester: »Auch wenn es viel Geld kostet -unser Leben und unser
Eigentum müssen uns das wert sein.« »Sehr vernünftig gedacht!«
lobte der Händler. »Was nützt euch das schönste Haus, das beste
Vieh und der fruchtbarste Acker, wenn der Vulkan eines Tages
ausbricht und das alles verbrennt und zerstört - und euch dazu!«
»Also sag uns, was uns helfen kann!« baten sie.
»Man müßte den Vulkankrater zuschütten«, erwiderte er kurz.
»Wie - was - zuschütten?« wunderten sich die einfältigen
Dingskirchener. »Ist denn das möglich?«
»Möglich ist es. In manchen Ländern hat man es mit Erfolg
gemacht. Aber, wie gesagt, es würde viel Geld kosten.« »Und wie
sollen wir es anfangen?« »Ihr könnt das gar nicht schaffen«, ant­
wortete der Händler. »Aber drüben, hinter dem Berg, gibt es eine
große Sandgrube und einen Steinbruch. Ich kenne einen Fuhrmann,
der die ungeheuren Mengen von Sand und Steinen auf den Berg brin­
gen und in den Krater schütten lassen würde.«
»Können wir das nicht mit unseren Pferden und Wagen machen?«
fragte einer. »Unmöglich! Der Weg ist viel zu weit. Und was meinst
du, wie viele Jahre das dauern würde? Ihr habt ja gar nicht die riesi­
gen Wagen und die Werkzeuge, die zu so einem Unternehmen
notwendig sind. Der Fuhrmann, den ich kenne, hat das alles. Nur,
natürlich - er fordert seinen Preis dafür.«
Die Dingskirchener machten bedenkliche Gesichter. Da meinte
der Händler gleichmütig: »Ich wollte euch ja nur helfen. Mir macht
es nichts aus, wenn der Vulkan euch eines Tages verschüttet, denn
ich bin dann sowieso längst fort. Also, lassen wir es.«
»Nein, nein, so war es nicht gemeint!« riefen die Dingskirchener
erschrocken. »Wir sind dir für deine Hilfe wirklich dankbar. Von
selbst wären wir niemals auf einen so großartigen Gedanken
gekommen. Sollen wir mit dem Fuhrmann verhandeln? Wo wohnt er
überhaupt? Weißt du, wir sind nämlich noch nie aus Dingskirchen
herausgekommen. «
»Überlaßt nur alles mir«, sagte der Händler. »Ich bin in solchen
Dingen erfahren. Ich werde jeden Tag hingehen und den Fortgang
der Arbeit beaufsichtigen. Dabei nehme ich gleich das Geld mit, das
der Fuhrmann zu bekommen hat. Wenn wir täglich zahlen, gibt es
zum Schluß keine so riesige Rechnung. Während dieser Zeit werdet
ihr mir doch gewiß hier im Wirtshaus ein schönes Zimmer und gute
Verpflegung geben. Mehr verlange ich gar nicht für meine Mühe.«
»Wir sind dir sehr dankbar«, versicherten sie ihm. »Aber kannst du
uns sagen, wie lange es ungefähr dauern wird, bis der Vulkan
zugeschüttet ist?« »Man weiß ja nicht, wie tief der Krater eigentlich
ist«, gab er zur Antwort. »Und von heute auf morgen läßt sich eine
so gewaltige Arbeit natürlich nicht erledigen. Aber ich werde tun,
was ich kann, damit es möglichst rasch geht.« Sie dankten ihm noch
einmal, und der Wirt gab ihm das beste Zimmer, das im Haus war.
Am nächsten Morgen ging der Händler, mit einer Geldsumme
versehen, fort und kam abends zurück. Gespannt warteten die
Dingskirchener auf seinen Bericht. Er sagte aber nur, es sei alles ein­
geleitet, die Zuschüttungsarbeiten würden morgen beginnen. Dann aß
er hungrig, gähnte und ging schlafen. Von nun an brach er jeden Tag
morgens auf und kam abends wieder, und immer nahm er Geld für
den Fuhrmann mit, damit die Sandschipper und Fuhrleute ihren Lohn
bekämen. Eine so gefährliche Arbeit, am Rand eines Kraters, sei
natürlich nicht billig, erklärte er. Als einige Zeit vergangen war und
er noch immer nicht von der Beendigung der Arbeit berichten
konnte, wurden die Dingskirchener unruhig. Jeder von ihnen war
schon eine ganze Menge Geld losgeworden, und dazu kam noch die
Verpflegung für den Händler, der nur das Beste aß und trank und
sich von Kopf bis Fuß neu einkleidete. Aber immer wieder ver­
tröstete er die Leute und hielt ihnen vor, ihr Leben und ihre
Sicherheit müßten ihnen doch ein Opfer wert sein.
Es vergingen Monate, und die Dingskirchener warteten und
zahlten. Da geschah etwas ganz Ungewöhnliches: Ein Fremder kam
ins Dorf. Er war kein Händler, sondern ein Reisender, der sich verirrt
und gar nicht gewußt hatte, daß es Dingskirchen überhaupt gab. Da
es Abend wurde und er im Dunkeln nicht weiterreiten wollte, mußte
er hier übernachten. Er saß in der Wirtsstube, ließ sich etwas zu
essen geben und unterhielt sich mit dem Wirt und den Gästen. Dabei
kam die Rede auch auf die große Rettungstat, die das Dorf vor dem
Vulkan verschonen sollte. Der Fremde schien sich sehr dafür zu
interessieren und stellte viele Fragen. Als er alles erfahren hatte,
begann er zu lachen. Dann sagte er: »Entschuldigt, gute Leute, aber
es ist zu komisch! Ist euch gar nicht einmal der Gedanke gekommen,
daß ein frecher Schwindler euch da einen unverschämten Streich
gespielt und euch um euer Geld gebracht hat? Von einem Vulkan
kann in dieser Gegend keine Rede sein, das ist ein ganz
gewöhnlicher Berg.«
»Aber die Rauchwolken?« hielten ihm die Dingskirchener
entgegen. »Die Rauchwolken kommen aus einem hohen Schornstein,
der genau hinter dem Berg steht«, antwortete er. »Dort ist nämlich
eine große Fabrik.« Zuerst waren die Leute in der Wirtsstube
sprachlos. Dann begannen sie vor Wut und Enttäuschung zu schreien
und riefen alle Dorfbewohner zusammen. Mit geballten Fäusten und
Knüppeln in den Händen stürmten sie zu dem Zimmer des Händlers.
Aber das war leer. Der schlaue Bursche hatte sofort, als der Fremde
auftauchte, seine Sachen gepackt und sich heimlich aus dem Haus
geschlichen. Er trug eine riesige Geldsumme bei sich und hatte
überdies monatelang gut gelebt auf Kosten der gutgläubigen
Dingskirchener. Sie haben ihn nicht mehr erwischt. Aber wenn
seitdem über dem Berg die Rauchwolken aufsteigen, blicken die
Dingskirchener zu Boden und schauen einander nicht an.

Schneemann auf Reisen


Eine ganze Woche lang hatte es geschneit, und es lag reichlich
Schnee auf dem Rasen, auf der Gartenmauer und auf den Hecken.
Die sechs Kinder aus der Tal-Strafe, die jeden Tag zusammen
spielten, bauten einen Schneemann. Es wurde ein besonders großer.
»Das ist bestimmt der größte, den es je gab!« freute sich Fred. »Und
der schönste!« meinte Rita. »Bei uns liegen so viele alte
Mützen herum, die mein Vater nicht mehr trägt«, sagte Elli. »Ich
bitte meine Mutter, daß sie mir eine davon gibt. Ein Schal ist viel­
leicht auch noch da.« »Wie wäre es, wenn wir ihm Schuhe anzö­
gen?« schlug Hans vor. »Dann kann er Spazierengehen, wenn er
mag.« Max lachte. »Na, das möchte ich sehen -einen Schneemann,
der im Garten herumläuft!«
»Und wie soll er heißen?« fragte Willi. »Einfach Schneemann«,
antwortete Fred. »Ein Schneemann ist er«, widersprach Max, »aber
er muß außerdem einen eigenen Namen haben. Wißt ihr was, wir
nennen ihn Herr Schmidt. Oder, noch besser: Schmitz. Das bedeutet:
Schneemann mit Zubehör!«
Sie arbeiteten eifrig, und am Nachmittag war der Schneemann
fertig. »Sein Kopf ist so groß wie ein Fußball für Riesen«, stellte
Fred fest. »Jetzt ziehen wir ihn an«, sagte Elli. Sie lief ins Haus und
kam mit einer karierten Mütze wieder, die sie dem Schneemann auf
seinen großen runden Kopf setzte. »Hier sind auch Schuhe!« Hans
schleppte ein Paar schwarze Stiefel herbei. »Die hat Großvater mir
gegeben.« Es war gar nicht so einfach, Herrn Schmitz die
Schuhe anzuziehen. Endlich hatte Hans eine Idee. Er füllte die Stiefel
mit Schnee, dann grub er an der Vorderseite des Schneemanns zwei
Höhlen und drückte sie hinein. Nun sah es wirklich aus, als trüge
Herr Schmitz Stiefel. »Jetzt kannst du laufen!« rief Hans. »Komm
herein, Herr Schmitz«, lud Max ihn ein. »Du bekommst eine Tasse
schönen heißen Kakao!«
»Das würde ihm nicht gut bekommen«, meinte die Mutter, die
herausgekommen war, um den Schneemann aus der Nähe zu
bewundern. »Im warmen Zimmer würde er bald schmelzen.« Die
Kinder gingen nach Hause und aßen ihr Abendbrot. Vor dem
Schlafengehen schauten Elli und Hans noch einmal hinunter in den
Garten. Da stand im Mondschein Herr Schmitz, der große
Schneemann, mit der karierten Mütze auf dem Kopf. Zwei Koh­
lestücke waren seine Augen, im Mund hatte er eine alte Tabakpfeife,
um seinen Hals war ein bunter, etwas zerschlissener Schal
geschlungen. Seine Hände steckten in wollenen Fausthandschuhen,
und in der Rechten hielt er einen langen Stock. An den Füßen hatte
er die schwarzen Stiefel, die der Großvater vor vielen Jahren
getragen hatte. Er sah prachtvoll aus, und die Kinder waren stolz auf
ihr Werk. »Gute Nacht, Herr Schmitz!« riefen sie durchs Fenster.
Um Mitternacht kam eine Schar Schnee-Elfen vorbei. Sie saßen in
einem zierlichen weißen Schlitten, der von zwölf Wintermotten
gezogen wurde. Als sie den Schneemann sahen, hielten sie an. »Oh,
was für ein riesengroßer Schneemann!« riefen sie. »Wie heißt du?«
»Ich bin Herr Schmilz«, antwortete er mit seiner sanften
Schneestimme. »Bleibt doch ein bißchen bei mir! Es ist so lang­
weilig, die ganze Nacht allein hier im Garten zu stehen.«
Die Schnee-Elfen leisteten ihm eine Weile Gesellschaft. Sie
erzählten ihm von dem Land im Norden, woher sie gekommen waren
und in dem es das ganze Jahr über nur Schnee, Eis und Frost gab.
Herr Schmitz hörte aufmerksam zu und betrachtete dabei die Schnee-
Elfen, die ihm sehr gefielen. Sie waren zarte Geschöpfe, hatten
durchsichtige Flügel und trugen silberglitzernde Kleidchen. Als sie
schließlich mit ihrem Schlitten fortgeflogen waren, stand Herr
Schmitz ganz betrübt da. Dann tröstete er sich mit dem Gedanken,
daß sie versprochen hatten, in der nächsten Nacht wiederzukommen.
Die Schnee-Elfen hielten Wort und kamen wieder. Aber diesmal
weinten sie kläglich. Erschrocken fragte Herr Schmitz, was ihnen
fehle.
Schluchzend berichteten sie: »Im Wald haben uns zwei Kobolde
aufgelauert, unseren Schlitten gepackt und ihn zerbrechen. Nun
wissen wir nicht, wie wir nach Hause kommen sollen. Wenn das
Wetter wärmer wird, müssen wir heimkehren in unser Land aus
Schnee und Eis. Blieben wir hier, so würden wir krank und müßten
sterben.« Herr Schmitz wurde zornig. »Wo sind diese Kobolde? Ich
werde hingehen und diese Taugenichtse zwingen, euren Schlitten
heilzumachen oder einen neuen zu bauen.«
»Aber Schneemänner können doch gar nicht gehen!« riefen die
Schnee-Elfen. »So, meint ihr?« lachte Herr Schmitz. »Dann paßt
mal auf!« Er setzte einen Fuß vor den anderen und schritt durch den
Garten. Seine großen Stiefel hinterließen tiefe Abdrücke im
Schnee.
»Na, wie findet ihr das?« fragte er stolz. »Also, sagt mir jetzt, wo
ich die Kobolde finde. Denen werde ich mal gründlich meine
Meinung sagen!« »Komm, wir zeigen dir den Weg.« Die Schnee-
Elfen führten Herrn Schmitz durch die Gartenpforte hinaus auf ein
Feld, dann einen Hügel hinauf und in den Wald. Dort blieben sie
stehen, zeigten auf eine kleine Holzhütte und flüsterten: »Da drin
wohnen sie, die bösen Kobolde!« Herr Schmitz klopfte an die Tür
der Hütte. Gleich wurde sie geöffnet, und die Kobolde schauten
neugierig heraus. Der Schneemann packte sie mit seinen großen
Händen und hielt sie hoch in die Luft.
»Oh, oh!« heulten die Kobolde voller Angst. »Ein riesiges weißes
Gespenst! Wir haben dir nichts getan, laß uns los!« »Mir habt ihr
nichts getan«, erwiderte der Schneemann streng, »aber ihr habt den
Schlitten der Schnee-Elfen zerbrochen, aus lauter Mutwillen und
Bosheit. Was habt ihr dazu zu sagen, he?« Und er drückte die beiden
ein bißchen fester zwischen seinen Fäusten. »Au! Au!« wimmerten
die Kobolde. »Bitte, laß uns los! Wir machen den Schlitten wieder
heil, wir versprechen es!« Herr Schmitz stellte sie langsam auf den
Boden und sah sie drohend aus seinen schwarzen Kohlenaugen an.
»Aber sofort, sonst nehme ich euch wieder hoch und schleppe euch
weit fort!« drohte er. Eilig holten die Kobolde Werkzeug und
Holzlatten und machten sich daran, den Schlitten wieder in Ordnung
zu bringen. Die Hammerschläge tönten durch die stille Winternacht.
Ab und zu hob einer der Kobolde den Kopf und blickte sich furcht­
sam nach Herrn Schmitz um, der hinter ihnen stand und eine
grimmige Miene zog. »Los, immer weiter!« befahl er, und sie
gehorchten.
Es war kalt, und ein eisiger Wind wehte. Dem Schneemann und
den Schnee-Elfen machte das nichts aus, aber die Kobolde sehnten
sich nach ihrer warmen Hütte. Sie beeilten sich, so sehr sie konnten,
und schließlich war der Schlitten wieder wie neu.
»Mal sehen, ob ihr eure Arbeit ordentlich gemacht habt«,
brummte der Schneemann und betrachtete den Schlitten genau. »Na
ja, es geht. Und laßt euch nicht einfallen, so etwas noch einmal zu
wagen!« warnte er, drehte sich um und stapfte in seinen Garten
zurück. Die Schnee-Elfen begleiteten ihn im Schlitten. Sie sangen
und jubelten vor Freude, dankten Herrn Schmitz immer wieder und
nannten ihn ihren besten Freund. Von da an besuchten sie ihn jede
Nacht und hatten immer viel zu erzählen.
Allmählich ging der Winter zu Ende, und die Luft wurde milder.
Der Schneemann wunderte sich, daß er sich unbehaglich fühlte,
wenn die Mittagssonne auf ihn schien. Eines Nachts sprachen die
Elfen davon, daß sie nun bald in ihre Heimat im hohen Norden
zurückkehren mußten. »Bitte, geht nicht fort!« bat der Schneemann.
»Sonst mußte ich so allein hier stehen und den ganzen Frühling,
Sommer und Herbst an euch denken, bis es endlich wieder Winter
wird und ihr zurückkommt.«
»Nein, Herr Schmitz«, antworteten sie. »Du würdest nicht die
ganze Zeit hier stehen und warten, denn wenn es Frühling wird,
schmilzt du zu Wasser, und wenn wir im nächsten Winter
wiederkommen, ist von dir nichts mehr übrig.« Entsetzt starrte der
Schneemann die Elfen an. Es sah aus, als würden seine schwarzen
Kohlenaugen noch größer. »Ist das wahr? Ich muß schmelzen, und es
bleibt nichts von mir übrig?« »Ja, leider ist es so, lieber Herr
Schmitz. Ein Schneemann lebt nur so lange, wie der Frost anhält.
Dann wird er zu Wasser und verschwindet für immer.«
Eine Weile schwiegen sie. Keiner konnte etwas sagen: Der
Schneemann war zu erschrocken, die Elfen zu betrübt. Auf einmal
stieß die kleinste Elfe einen hellen Schrei aus, daß alle zusammen­
fuhren.
»Ich weiß was - wir nehmen Herrn Schmitz einfach mit! In
unserer Heimat ist es immer kalt, dort wird er nicht schmelzen und
kann immer bei uns bleiben!« »O ja, natürlich, das tun wir!« riefen
die anderen Elfen begeistert. »Gleich jetzt mußt du aufbrechen, Herr
Schmitz, denn du kommst ja nicht so rasch voran. Wir lassen unsere
Wintermotten ganz langsam fliegen, und du folgst uns. Gib nur acht,
daß du nicht hinfällst! Wir hätten nicht genug Kraft, um dich
aufzuheben. Komm, komm, es weht schon ein wärmerer Wind, und
wenn du anfängst zu schmelzen, kannst du nicht mehr laufen.« Der
Schneemann setzte sich in Bewegung und stapfte hinter dem
Schlitten her, in dem die Elfen saßen. Jede Nacht ging es ein Stück
weiter nach Norden, über Felder und Hügel, Wege und Straßen, und
tagsüber fanden die Elfen immer ein gutes Versteck für ihren
Reisegefährten.
Eines Tages wurde es so warm, daß Herrn Schmitz ein Stück
seiner Nasenspitze wegschmolz, obwohl er an einem schattigen Platz
stand. Doch in der nächsten Nacht kam wieder Frost, und er behielt
seine Nase, wenn sie auch ein bißchen kleiner geworden war.
Endlich gelangten sie in die Heimat der Schnee-Elfen. Hier war er in
Sicherheit! »Herzlich willkommen!« riefen die Elfen und tanzten um
ihn herum. »Nun baue dir ein Haus aus Schnee, richte es ein, wie du
magst, und lebe froh und glücklich bei uns!«
Die sechs Kinder, die den Schneemann gebaut hatten, kamen in
den Garten und waren höchst erstaunt, daß er fort war. »Ganz
einfach«, sagte Ritas Mutter, die dazukam, »bald wird es Frühling, es
ist wärmer geworden, da ist er eben zerschmolzen.«
»Aber so schnell, in einer Nacht?« erwiderten die Kinder. »Und
seine Sachen mußten doch noch hier sein. Die Mütze, der Schal, die
Handschuhe und die Stiefel können nicht zerschmelzen! Wo mag er
nur geblieben sein, unser lieber Herr Schmitz?«
Sie ahnten nicht, daß er zur gleichen Zeit unterwegs war zum
Land der Schnee-Elfen, der Schneemann mit Zubehör -und daß er
noch immer die karierte Mütze, den bunten Schal, die Wollhand­
schuhe und die großen schwarzen Stiefel trug!

Die verlorenen Perlen


Angela spielte auf dem Rasen. Sie hatte ihr buntes Sommerkleid
an, und um den Hals trug sie die Kette aus roten Glasperlen, die sie
besonders liebte. Erst vor wenigen Wochen hatte sie die Kette zum
Geburtstag bekommen. Als sie hinter ihrem Ball herrannte, zerriß
plötzlich die Kette, und die Perlen rollten an ihr herunter.
Erschrocken blieb Angela stehen und griff nach ihnen; aber sie
konnte nur zwei Perlen festhalten. Die anderen fielen auf den Rasen
und waren im Nu in einem Loch im Erdboden verschwunden.
Angela kniete nieder und steckte die Hand in das Loch. Doch es
war so tief, daß sie die Perlen nicht erreichen konnte. Immer wieder
versuchte sie es, aber es gelang ihr nicht. Da kauerte sie auf dem
Rasen und weinte.
Auf einmal bewegte sich das niedrige Gebüsch, das am Rand des
Rasens stand, und ein kleiner Mann kam zum Vorschein. Er war
kaum einen halben Meter hoch und trug eine spitze Mütze auf dem
Kopf. Gleich darauf erschien ein zweiter, der ihm zum Verwechseln
ähnlich sah. Zuerst erschrak Angela und wollte fortlaufen. Doch als
sie die freundlichen Mienen der beiden kleinen Männer sah, blieb sie
da.
»Wer seid ihr?« frage sie. »Ich heiße Jip«, erwiderte der eine und
machte eine Verbeugung. »Und ich heiße Pip«, fuhr der andere fort
und machte auch eine Verbeugung. »Wir sind Wichtel«, erklärte Jip,
»und wir sind gekommen, weil wir dich weinen hörten. Was ist denn
geschehen? Können wir dir helfen?«
»Meine Perlen-« schluchzte Angela. »Meine Kette ist zerrissen,
und die roten Glasperlen sind heruntergefallen. In das Loch da sind
sie gerollt, und ich kann sie nicht herausholen! Nur zwei habe ich
noch.« Und sie zeigte den Wichtein die beiden Perlen.
»Hm, was machen wir da, Pip?« fragte Jip. »Wir sind zu groß, um
in das Loch zu kriechen«, meinte Pip. »Wir müssen jemanden finden,
der es kann. Wie wäre es mit Schnuppernase?« »Das Kaninchen?«
erwiderte Jip. »Nein, das ist auch noch zu groß. Aber ich weiß etwas:
wir bitten Mulle, den Maulwurf, daß er die Perlen herausholt. Pip,
geh mal und suche ihn!«
Pip ging davon, kam bald zurück und meldete: »Mulle wird gleich
da sein.« Es dauerte nicht lange, da fing ein Grasbüschel in Angelas
Nähe an, sich zu bewegen. Von unten wurde frische, braune Erde an
die Oberfläche gestoßen, und mitten darin tauchte ein kleiner,
pelziger Kopf mit einem spitzen Schnäuzchen auf. »Da bist du ja,
Mulle«, begrüßte Jip den Maulwurf. »Wir möchten dich um eine
Gefälligkeit bitten. Die kleine Angela ist traurig, weil ihre roten
Glasperlen in das Loch da gerollt sind. Sei so gut und hole sie
heraus!«
»Das will ich gern tun«, sagte Mulle. »Warum soll ich nicht mal
rote Glasperlen ausgraben statt Würmer und Engerlinge?«
Er verschwand in dem Loch, und man hörte ihn drinnen rumoren.
»Hast du sie gefunden?« rief Jip hinunter. »Hm -« antwortete es aus
der Erde. »Ich kann nicht gut reden, weil ich den Mund voll Perlen
habe.«
Dann kam Mulle zum Vorschein, ließ ein Häufchen Glasperlen
aus seinem Maul auf den Rasen fallen und schlüpfte gleich wieder in
das Loch.
Noch viermal wiederholte er das, dann waren alle Perlen
beisammen. »Vielen Dank, das war lieb von euch!« sagte Angela
mit strahlendem Gesicht zu den Wichtein Jip und Pip. Nun wandte
sie sich zu Mulle: »Und immer, wenn ich einen fetten Wurm oder
eine Schnecke finde, will ich sie dir bringen!« Dann lief sie ins Haus.

Hier bleibe ich!


Ein Samenkorn vom Gänseblümchen flog mit dem Wind durch
die Luft und landete in einem Garten, mitten auf dem Rasen. Es lag
eine Weile da, dann streckte es winzige Wurzeln nach unten und
einen ebenso winzigen Schößling nach oben. Bald kamen aus dem
Schößling zwei Blättchen heraus und strebten empor zum
Sonnenlicht.
Die Grashalme waren über den Ankömmling nicht erfreut. »Geh
fort von hier!« riefen sie. »Auf einen guten Rasen gehört nur Gras,
aber keine Gänseblümchen. Geh fort, such dir woanders einen
Platz!« »Das kann ich nicht«, sagte das Gänseblümchen. »Ich muß
da wachsen, wohin ich geweht werde, und kann nicht fortgehen. Ich
habe ja keine Ausläufer wie die Erdbeerpflanzen, die immer
weiterwuchern, bis sie einen Platz finden, wo sie wurzeln können.
Seid doch nicht böse zu mir, laßt mich hierbleiben! Auf diesem
Rasen spielen die Kinder, und Kinder mögen Gänseblümchen gern -
lieber als Gras!«
»Wenn du nicht freiwillig weggehst, werden wir dich vertreiben«,
drohten die Grashalme. »Wir werden so dicht um dich herum
wachsen, daß du keine Luft und kein Licht mehr bekommst und
eingehen mußt.«
Und wirklich begann das Gras ringsum zu wuchern, daß das
Gänseblümchen kaum noch den Himmel sehen konnte. Die
Blättchen, die nach den beiden ersten herauskommen wollten, fanden
keinen Platz.
Das Gänseblümchen klagte sein Leid einem Marienkäfer, der
vorbeikam. »Was soll ich nur tun, um in Ruhe hier wachsen zu
können? Das Gras will mich ersticken!«
»Ich möchte dir ja wirklich sehr gern helfen«, erwiderte der
Marienkäfer. »Aber wie soll ich das anfangen? Ach, jetzt weiß ich ­
ich werde zu den Disteln hinüberfliegen, die stehen auf dem
Sportplatz, wo sie eigentlich auch nicht sein sollten. Vielleicht
können sie mir erzählen, wie sie es fertigbringen, dort zu bleiben.«
»Das wäre nett von dir«, meinte das Gänseblümchen leise, denn es
bekam ja nur wenig Luft zwischen den Grashalmen.
Nach einigen Minuten war der Marienkäfer wieder da. »Also, die
Disteln sagen, es ist ganz einfach. Du mußt fest auf deinem Platz
sitzen bleiben, dich mit den Wurzeln gut festhalten und deine Blätter
zu einer dichten Rosette um dich breiten. Und dem Gras mußt du
erklären: Hier bleibe ich!«
»Vielen Dank, Marienkäfer!« sagte das Gänseblümchen. »So
werde ich es machen.« Es legte seine Blätter, die es bisher in die Luft
gestreckt hatte, flach im Kreis auf den Boden, so dicht, daß die
Grashalme darunter kein Licht und keine Luft mehr bekamen und zur
Seite ausweichen mußten. Und dann sagte es zu dem Gras: »Hier
bleibe ich! Dies ist mein Platz!« Das Gras konnte nichts dagegen tun.
Es mußte von der Stelle weichen, wo das Gänseblümchen seine
Blattrosette ausgebreitet hatte und jeden Tag kräftiger wurde. Dann
streckte es eines Tages kleine Stengel empor; daran saßen runde rosa
Knospen, die sich im Sonnenlicht öffneten. Jede Blüte hatte einen
Kranz von zarten, weißen Blütenblättchen mit rosigen Spitzen, und
in der Mitte war ein goldgelbes Auge.
Als die Kinder am nächsten Tag auf dem Rasen spielten,
entdeckten sie es gleich. »Ach, sieh mal«, sagte Peter, »da stehen
Gänseblümchen! Wir wollen ein paar pflücken und sie in die kleine
Vase tun. Die stellen wir heute abend vor dem Essen auf Muttis
Platz.« »O ja, das tun wir!« freute sich Jutta. »Ich mag
Gänseblümchen so gern. Es sieht aus, als guckten sie uns mit
goldenen Augen an. Wie schön, daß hier welche wachsen! Ich
wundere mich nur, wie sie es fertiggebracht haben, sich in dem
Rasen anzusiedeln.«
Sie wußte ja nichts von dem guten Rat, den das Gänseblümchen
empfangen und befolgt hatte - sich mit den Wurzeln gut festhalten,
die Blättchen ausbreiten und sagen: Hier bleibe ich!
Enid Btyton

Geschichten für Kinder

Zweites Buch

Witzige Sache

Komm baden, Lumpi!


»Lumpi! Lumpi, wo bist du?« rief Margit. »Komm baden!«
Lumpi wußte genau, was ihm bevorstand, als er sah, wie die
Kinder die große Holzwanne auf den Rasen schleppten. Da hatte er
sich sofort versteckt, denn nichts haßte er so sehr wie Baden. Er
wollte nicht im lauwarmen Wasser stehen, mit Seife eingerieben und
mit einer Bürste geschrubbt werden. Er mochte den Geruch der Seife
nicht, und das Gefühl, am ganzen Körper sauber zu sein, war ihm
schrecklich. Ganz still lag er unter dem dichten Gebüsch an der
Hecke und hoffte, sie würden ihn nicht finden. »Toni, hast du Lumpi
gesehen?« fragte Margit ihren Bruder. »Es ist jedesmal dasselbe:
sobald er gebadet werden soll, verschwindet er. Alles ist vorbereitet,
das Wasser ist in der Wanne - aber kein Hund weit und breit!«
»Da drüben ist er, unter dem Busch!« Toni zeigte mit dem Finger
auf die Stelle, wo Lumpi lag. »Seine Schwanzspitze guckt hervor.
Immer, wenn er sich versteckt,
vergißt er seinen Schwanz einzuziehen.« Margit sprang hin, und
ehe Lumpi entwischen konnte, hatte sie ihn gepackt. Nun gab es kein
Erbarmen - er mußte in die Wanne!
Dort zappelte er so, daß Toni ihn festhalten mußte, während
Margit ihn wusch. Weil er nicht stillhielt, bekam er einen
Seifenspritzer ins Auge und heulte empört auf.
»So steh doch endlich ruhig!« schalt Margit und goß klares
Wasser über seinen Kopf, um die Seife aus dem Auge zu spülen.
Aber Lumpi dachte nicht daran, sich zu fügen. Immer wieder
versuchte er, aus der Wanne zu springen, und dabei spritzte er Margit
und Toni von oben bis unten voll. Einmal zog er Toni beinahe in die
Wanne hinein, als er unvermutet seitwärts sprang. Margit gab ihm
einen Klaps. »Lumpi, du bist wirklich unartig und dumm dazu, denn
wenn du vernünftig wärst, ginge es viel schneller. Jetzt halt
wenigstens still, wenn ich dich trockenreibe!« Statt dessen
entwischte der Hund, sobald er aus der Wanne heraus war, unter
ihren Händen. Er rannte ein paar Meter fort und schüttelte sich dann
so heftig, daß die Geschwister noch einmal völlig durchnäßt wurden.
»Lurnpi - komm sofort her!« rief Margit streng. Aber das hörte
Lumpi gar nicht mehr. Er war längst auf und davon gelaufen.
Als er sich in Sicherheit glaubte, blieb er stehen und schnüffelte
an seinem Fell. Widerlich, dieser Geruch nach Seife und Sauberkeit!
Was würden nur die anderen Hunde von ihm denken, wenn er so
roch? Er sollte es bald erfahren. Sein guter Freund Schlumps hob nur
kurz die Nase, schnupperte und knurrte dann: »Du riechst überhaupt
nicht wie ein Hund! Ekelhaft riechst du! Geh und wälze dich in
irgend etwas Gutriechendem, dann kannst du wiederkommen.«
Lumpi kroch unter dem Tor hindurch und lief hinaus auf eine feuchte
Wiese, auf der Kühe weideten. Die Kühe hatten allerlei auf das Gras
fallen lassen, was einen sehr starken Geruch ausströmte. Lumpi
wälzte sich gründlich in den Kuhfladen, und als er endlich aufstand,
fand er, daß er jetzt viel angenehmer röche. Daß sein weißes Fell
über und über mit braunen Flecken bedeckt war, machte ihm nichts
aus.
Er kehrte zurück zu Schlumps. »Riech mal - ist es so besser?«
Schlumps schnüffelte. »Hm, ein bisschen schon. Aber die Seife ist
immer noch zu riechen. Reibe dich doch mal an dem Zaun da
drüben; der hat einen starken Geruch, ich weiß nur nicht, was es ist.«
Der Zaun war gerade frisch gestrichen worden, und die hellgrüne
Farbe war noch feucht. Lumpi rieb sich an dem Zaun, erst die rechte
Seite, dann die linke. Er drehte den Kopf und schaute auf sein Fell,
das neben den braunen Flecken nun auch grüne Streifen zeigte. Das
störte ihn nicht, aber der Geruch, den es von dem Zaun angenommen
hatte, gefiel ihm gar nicht; er war scharf und paßte eigentlich nicht zu
einem Hund.
Schlumps fand das auch, als Lumpi zu ihm kam und fragte, ob er
nun ordentlich röche. »Schrecklich riechst du!« knurrte er. »Geh und
schwimme im Ententümpel, vielleicht wird dann dein Geruch besser,
und die Farbe geht ab.«
Lumpi schwamm also im Ententümpel. Er geriet in die
Schlingpflanzen, die im Wasser wuchsen, und mußte sehr zappeln,
bis er seine Pfoten davon befreit hatte. Als er an Land kam, war er
ganz eingewickelt in die langen grünen Stengel. Er ging wieder zu
Schlumps. »Die Farbe ist zwar nicht abgegangen«, meinte Schlumps,
»aber du riechst jetzt wenigstens wieder so, wie es sich für einen
ordentlichen Hund gehört. Nun spiele ich auch mit dir.«
Sie spielten miteinander, und währenddessen trocknete Lumpis
Fell. Die braunen Flecken und die grünen Streifen waren jetzt noch
besser zu sehen. »Es ist Zeit heimzugehen«, sagte Schlumps. »Auf
Wiedersehen.«
Lumpi trottete nach Hause. Die gefürchtete Wanne stand nicht
mehr auf dem Rasen. Die Türen waren offen, und Lumpi ging ins
Wohnzimmer. Er sprang aufs Sofa, um sich nach all den
Anstrengungen auszuruhen. Zwischen den weichen Kissen machte er
sich ein bequemes Lager zurecht und rollte sich zu einem Schläfchen
zusammen.
»Was stinkt denn hier so?« rief die Mutter von Margit und Toni,
die eben ins Haus kam. Sie ging dem Geruch nach und fand Lumpi,
den buntgescheckten, stinkenden Hund, der friedlich auf ihren
Sofakissen schlief!
»Du Ferkel!« schalt sie und jagte ihn hinunter. »Was fällt dir nur
wieder ein! Wie siehst du aus, und wie riechst du! Margit, Toni ­
kommt, holt den Hund, er muß sofort gebadet werden!« »Wir haben
ihn ja vorhin erst gebadet, Mutti«, sagten die Kinder. »Davon ist
nicht mehr viel zu merken«, meinte die Mutter.
Margit ging und holte die Holzwanne. Toni ging und holte
warmes Wasser. Lumpi ging und versteckte sich unter dem Gebüsch
an der Hecke. Und natürlich vergaß er auch diesmal, seine
Schwanzspitze mit zu verstecken.
Diese Geschichte endet genau so, wie sie angefangen hat:
»Lumpi! Lumpi, wo bist du?« rief Margit. »Komm baden!«

Ein Schirm auf Wanderschaft


Fräulein Fröhlich hatte einen hübschen neuen Schirm, den sie sehr
liebte. Er war aus gelber Seide und so groß, daß man darunter gut vor
dem Regen geschützt war. Der Griff war ein geschnitzter Vogelkopf.
Sie hatte den Schirm vor kurzem zum Geburtstag von ihrem Bruder
geschenkt bekommen, und er hatte gesagt: »Aber verleihe ihn nicht
an alle möglichen Bekannten! Ich weiß, daß du sehr gutmütig bist
und dauernd deine Sachen verborgst. Oft vergessen die Leute dann,
sie dir wiederzugeben. Es wäre schade, wenn du so diesen schönen
Schirm loswürdest!« »Nein, ich werde gut auf ihn achtgeben«,
versprach Fräulein Fröhlich. »Er ist reizend. Ich bin richtig stolz auf
ihn.« Zwei- oder dreimal benutzte sie den Schirm, als es regnete, und
es machte ihr Spaß, unter dem goldgelben Dach dahinzugehen.
Dann wurde es Sommer, und wochenlang fiel kein Regen. Der
Schirm stand in Fräulein Fröhlichs Kleiderschrank und wurde nicht
gebraucht.
An einem trüben Septembertag kam Tante Lucie zu Besuch.
»Oh, das ist ja eine Überraschung!« sagte Fräulein Fröhlich. »Du
warst so lange und so schwer krank, und jetzt hast du den weiten
Weg gemacht, um mich zu besuchen.« »Es geht mir wieder viel
besser«, antwortete Tante Lucie. »Und nun mache ich Spaziergänge
und sehe nach allen Freunden und Verwandten. Von hier aus will ich
zu meiner Schwester Hanna gehen und bei ihr zu Mittag essen. Sei
also nicht böse, wenn ich nicht lange bei dir bleibe.« Fräulein
Fröhlich begleitete Tante Lucie nach einer Weile zur Haustür. Da
sahen sie, daß dunkle Wolken am Himmel standen. »Oje!« rief Tante
Lucie. »Es gibt Regen, und ich habe vergessen, meinen Schirm
mitzunehmen. Da fallen schon die ersten Tropfen! Ich werde
bestimmt bis auf die Haut naß, ehe ich zu Hanna komme!« »Dann
würdest du womöglich wieder krank!« sagte Fräulein Fröhlich er­
schrocken. »Das darf nicht sein! Warte, ich gebe dir meinen
Schirm.« Sie lief zu ihrem Kleiderschrank, holte den gelben Schirm
heraus und gab ihn Tante Lucie.
»Aber bitte, gib gut auf ihn acht, damit er nicht verlorengeht!« bat
sie. »Mein Bruder hat ihn mir zum Geburtstag geschenkt, und ich
soll ihn eigentlich nicht verleihen.« »Aber natürlich werde ich
aufpassen. Danke dir, mein Kind, es ist lieb von dir, mir deinen
hübschen Schirm zu leihen. Du bekommst ihn selbstverständlich so
bald wie möglich zurück.« Damit ging Tante Lucie davon und
gelangte unter dem gelben Schirm trocken zum Haus ihrer
Schwester. Tante Lucie und Tante Hanna aßen zu Mittag und hatten
einander viel zu erzählen. Als sie sich endlich verabschiedeten,
regnete es nicht mehr, und die Sonne schien. So geschah es, daß
Tante Lucie ganz vergaß, den Schirm mitzunehmen. Sie ging fort,
und der gelbe Schirm blieb im Schirmständer stehen. Nach einer
Weile begann es wieder zu regnen. Inzwischen war der alte Herr
Müller zu Tante Hanna gekommen, um etwas mit ihr zu besprechen.
Als er dann gehen wollte, und sah, daß es regnete, bat er Tante
Hanna, ihm doch einen Schirm zu borgen. »Nehmen Sie nur einen
aus dem Schirmständer im Flur«, sagte Tante Hanna. »Da müssen
eine ganze Menge stehen.« Herr Müller nahm sich einen der Schirme
-und welchen erwischte er? Natürlich den gelben mit dem
Vogelkopf-Griff. In seiner Wohnung fand er seine Enkelin Karla, die
auf ihn wartete. »Ach, Großvati«, sagte sie kläglich, »kannst du mir
nicht einen Schirm geben? Vorhin, als ich herkam, schien die Sonne,
und ich habe keinen Regenmantel angezogen. Mutti würde zanken,
wenn mein neues Kleid naß würde.«
»Aber gewiß, Liebling«, antwortete Herr Müller. »Nimm gleich
diesen hier, den ich mir von Frau Hanna ausgeliehen habe. Ist er
nicht hübsch? Du kannst ihn mir morgen wiederbringen.«
Karla hüpfte heim, gut geschützt von dem großen gelben Schirm.
Ihre Mutter war fortgegangen, aber ihr Bruder Max kam aus seinem
Zimmer, als sie den nassen Schirm an die Flurgarderobe hängte.
»Ach, es regnet?« fragte er. »Dann muß ich einen Schirm
mitnehmen.« Und er griff nach dem gelben Schirm. Munter pfeifend
ging er zu seinem Freund Tom, der ein paar Straßen entfernt wohnte.
Dort stellte er den Schirm in den Schirmständer.
Sie spielten mit Toms Modellbaukasten, und als Max dann
heimging, vergaß er den Schirm in der Diele, denn draußen war es
wieder trocken und keine Wolke am Himmel zu sehen.
Der gelbe Schirm stand die Nacht über in dem fremden Haus. Am
anderen Morgen sah ihn Toms Großtante Grete und wunderte sich,
wie er hierher gekommen sei. Wem mochte er nur gehören?
Niemand im Haus wußte es, und Tom konnte sie nicht fragen, denn
er war in der Schule. -Zwei Tage danach wollte Fräulein Fröhlich ein
paar Einkäufe erledigen. »Es sieht nach Regen aus«, murmelte sie
vor sich hin, als sie aus dem Fenster blickte. »Ich werde meinen
Schirm mitnehmen.« Im Kleiderschrank fand sie den Schirm nicht,
und in der ganzen Wohnung suchte sie vergeblich.
»Ich muß ihn verliehen haben«, meinte sie. »Aber ich kann mich
nicht erinnern, an wen. Hoffentlich bekomme ich ihn zurück! Es
wäre ein Jammer um ihn, und mein Bruder wäre bestimmt
ärgerlich.« Schließlich ging sie ohne Schirm auf den Markt. Sie hatte
Glück, denn es regnete nicht, während sie einkaufte. Dann dachte sie,
da sie gerade in der Gegend sei, könnte sie eigentlich einmal wieder
ihre alte Patentante Grete besuchen, die am Marktplatz wohnte. Auf
der Straße traf sie Tom. »Guten Tag, Tom. Ist deine Großtante zu
Hause?«
»Ja, sie ist da«, erwiderte Tom. »Erst heute früh sagte sie, sie hätte
Fräulein Fröhlich so lange nicht gesehen. Sie wird sich mächtig
freuen, wenn Sie sie besuchen. Vielleicht kommen Sie noch hin, ehe
es anfängt zu regnen; Sie haben ja keinen Schirm mit.« Fräulein
Fröhlich beschleunigte ihre Schritte und erreichte das Haus gerade,
bevor die ersten Tropfen fielen. Toms Großtante Grete, die Fräulein
Fröhlichs Patentante war, freute sich wirklich sehr über den Besuch,
und bald saßen sie in eifrigem Gespräch bei einer Tasse Kaffee.
»Jetzt muß ich aber gehen«, meinte Fräulein Fröhlich endlich. »Ach,
du lieber Himmel, wie es draußen gießt! Und ich habe keinen
Schirm!«
»Hast du deinen verloren?« fragte ihre Patentante. »So ein Pech!
Na, komm, ich werde dir einen leihen.« Und sie führte ihre
Besucherin in die Diele zu dem Schirmständer.
Plötzlich stieß Fräulein Fröhlich vor Überraschung einen kleinen
Schrei aus. »Mein Schirm - mein gelber Schirm! Wie kommt er denn
hierher?«
»Keine Ahnung. Ist es tatsächlich dein Schirm? Er steht schon seit
zwei Tagen hier. Aber wie mag er nur zu uns gekommen sein?«
»Das möchte ich auch gern wissen. Ach, wie bin ich froh, daß ich
ihn wiedergefunden habe!« sagte Fräulein Fröhlich. »Solch ein
glücklicher Zufall! Nun brauche ich mir keinen Schirm von dir zu
borgen, sondern kann mit meinem eigenen nach Hause gehen.« Mit
strahlendem Gesicht spannte sie den gelben Schirm auf und ging
davon. Und wer begegnete ihr unterwegs? Ausgerechnet ihr Bruder,
der ihr den Schirm geschenkt hatte!
»Guten Tag!« rief er ihr entgegen. »Ich sehe, du hast ja deinen
Schirm noch. Sonst hätte ich aber auch mit dir gezankt, meine Liebe!
Darf ich ein bißchen mit darunter kommen?« So gingen die beiden
unter dem großen gelben Schirm und ahnten nicht, welche weite
Wanderschaft er hinter sich hatte, bis er zu seiner Besitzerin
zurückfand.

Schwarze Lätzchen
Eine Schar junger Spatzen litt Hunger und Durst. Es war ein sehr
harter Winter, der Schnee lag hoch, alles Wasser war zu Eis gefroren,
und an den Büschen gab es keine Beeren mehr.
Die Spatzen wurden immer magerer und hatten ihre freche
Munterkeit ganz verloren. Sie piepsten nur noch leise und hockten
trübselig mit aufgeplustertem Gefieder umher.
Das sah Frau Gütig, und sogleich ging sie in ihre Küche, um für
die armen Hungerleider einen köstlichen Pudding zu kochen, in den
sie reichlich Körner mischte. Als der Pudding fertig war, öffnete sie
das Küchenfenster und läutete mit einem silbernen Glöckchen. Da
kamen die Spatzen geflogen. Sie schubsten und drängelten sich mit
lautem Geschrei auf dem Fenstersims, denn jeder wollte zuerst etwas
haben.
»So geht das nicht«, sagte Frau Gütig. »Stellt euch schön in einer
Reihe auf dem Sims an, zuerst die Spatzenmädchen, dann die
Spatzenbuben! Ordnung muß sein!«
Also hüpften sie brav nacheinander heran, erst die
Spatzenmädchen, dann die Spatzenbuben, und jedes bekam einen
Löffel Pudding.
Frau Gütig wunderte sich nach einer Weile, daß die Reihe der
Spatzen nicht enden wollte. Immer wieder kamen neue, und als die
große Puddingschüssel leer war, hockten noch viele wartend auf dem
Fenstersims.
»Das tut mir leid«, sagte sie. »Morgen muß ich noch mehr
Pudding kochen. Ich habe nicht gedacht, daß es so viele junge Spat­
zen gibt.«
Sie wußte ja nicht, was die schlauen Spatzen gemacht hatten:
sobald die Spatzenmädchen ihren Pudding bekommen hatten und die
Spatzenbuben dran waren, reihten sich die Mädchen wieder hinter
den Wartenden an, und die Spatzenbuben machten es nachher
ebenso. Deshalb nahm die Reihe niemals ein Ende! Sie konnten
diesen Schwindel gut durchführen, weil sie alle ganz gleich aussahen
und niemand die Spatzenbuben von den Spatzenmädchen
unterscheiden konnte. Aber ein Nachbar hatte von seinem Fenster
aus alles beobachtet, und er verriet Frau Gütig, was die Spatzen getan
hatten. »Diese unnützen Dinger!« zankte sie. »Na, wartet nur, das
kommt nicht noch einmal vor, dafür werde ich sorgen!« -Als sich die
jungen Spatzen am nächsten Tag wieder vor dem Fenster
versammelten und auf Futter warteten, rief Frau Gütig: »Alle
Spatzenbuben dürfen für ein paar Minuten in die Küche kommen!«
Die Spatzenbuben dachten, es gäbe vielleicht für sie etwas
Besonderes, und flatterten eifrig durchs Küchenfenster herein. Frau
Gütig schloß das Fenster hinter ihnen. Und nun gab es für sie
wirklich etwas Besonderes. Auf dem Tisch stand ein Töpfchen mit
schwarzer Farbe, Frau Gütig tauchte einen kleinen Pinsel hinein und
kleckste jedem der erstaunten Spatzenbuben einen Tupfer vorn auf
den Hals; es sah aus wie ein schwarzes Lätzchen. Frau Gütig konnte
nämlich zaubern, das hatten die Spatzen nicht gewußt. »So«, sagte
sie, als jeder seinen schwarzen Klecks hatte, »jetzt fliegt hinaus. In
Zukunft werde ich wissen, wer ein Spatzenbube und wer eine
Spatzenmädchen ist, und ihr könnt mich nicht mehr betrügen!« Dann
ließ sie wieder erst die Spatzenmädchen - ohne Lätzchen - und dann
die Spatzenbuben - mit Lätzchen - schön der Reihe nach antreten,
und jedes bekam seine Portion Pudding, von der es gut satt wurde.
Aber mehr gab es von jetzt an nicht!
Alle Spatzenbuben haben übrigens seitdem das schwarze
Lätzchen, das sie von den Spatzenmädchen unterscheidet. Ihr könnt
es heute noch sehen.

Das verzauberte Messer


Faulpelz erschrak, als die alte Zauberin ihren Kopf zur Küchentür
hereinsteckte, und versuchte das Buch, in dem er gelesen hatte, unter
dem Tisch zu verstecken. Er hieß übrigens nicht Faulpelz, aber sei­
nen wirklichen Namen hatte er schon beinahe vergessen, weil er
immer nur Faulpelz gerufen wurde. Und es muß gesagt werden:
besonders fleißig war er nicht, und wenn er sich um eine Arbeit
drücken konnte, dann tat er es. »Was?!« schimpfte die alte Zauberin.
»Am hellen Vormittag sitzt du da und liest, und deine Arbeit bleibt
liegen! Ich zahle dir deinen Lohn fürs Arbeiten und nicht fürs Lesen!
Soll ich dir noch zwei Arme anzaubern und dir dann die doppelte
Menge zu tun geben?«
Faulpelz war aufgesprungen. »O nein, bitte nicht! Ich habe auch
nur ein einziges winziges Kapitel in dem Buch gelesen.« »Du hast
hoffentlich nicht vergessen, daß ich drei Freundinnen zum
Mittagessen eingeladen habe? Es sind Kartoffeln zu schälen und
Kraut zu schneiden. Und für das Apfelkompott müssen die Äpfel ge­
schält werden. Wenn nicht alles zur rechten Zeit fertig ist, kannst du
was erleben!« Faulpelz mochte es gar nicht gern, wenn die alte
Zauberin ärgerlich war. Man konnte nie wissen, was sie einem dann
anzauberte! Deshalb sauste er nun in der Küche umher und suchte
alles zusammen. »Kartoffeln - wo sind die Kartoffeln? Und das
Kraut? Ein Messer zum Schälen brauche ich auch - wo steckt nur das
Messer, das einzige scharfe, das wir haben? Alle anderen sind
stumpf, mit denen kann ich nicht Kartoffeln und Äpfel schälen.«
Faulpelz suchte überall, sogar im Kohlenkasten, aber das Messer war
nicht zu finden. »Ach, du meine Güte! Ich werde überhaupt nicht mit
meiner Arbeit fertig, wenn ich das Messer nicht finde!« Er hörte, wie
die Haustür zugeschlagen wurde, und guckte aus dem Fenster. Die
alte Zauberin ging fort. Er setzte sich auf den Küchenstuhl und
gähnte erst einmal laut und lange.
Dann begann er zu überlegen. »Was soll ich tun? Ich schaffe es
sowieso nicht bis zum Mittagessen. Am besten gehe ich mal in das
Kämmerchen hinter dem Schlafzimmer. Vielleicht finde ich dort
etwas, was mir bei der Arbeit hilft. Die Zauberin wird es schon nicht
merken.« Also ging er hinauf in das Kämmerchen, in dem die
Zauberin ihre geheimnisvollen Salben und Zaubertränke mischte.
Auf einem Holzgestell standen zahlreiche Flaschen, Schachteln und
Töpfe mit seltsamen Aufschriften: »Zauber, um Dinge klein zu
machen« - »Zauber, um Dinge groß zu machen« - »Zauber gegen
Gefräßigkeit« -»Zauber, um Dinge verschwinden zu lassen« -
»Zauber, um durch die Wände zu sehen«. Faulpelz suchte etwas ganz
Bestimmtes; er wußte, daß seine Herrin kürzlich einen Zauber
hergestellt hatte, um Dinge schnell zu schälen. Den brauchte er. Er
fand die Schachtel, in der ein grünes Pulver war, und nahm sie mit in
die Küche. Dann holte er eines der stumpfen Messer aus der
Schublade und rieb ein wenig von dem grünen Pulver auf die Klinge.
»So, nun schäle!« flüsterte er. »Schäle schnell und ohne Pause!« Er
lief die Treppe hinauf und stellte das Kästchen wieder an seinen
Platz. Gespannt kehrte er in die Küche zurück. Ob der Zauber schon
wirkte?
Tatsächlich, erwirkte! Das Messer fuhr im Ausgußbecken herum,
wo die Kartoffeln lagen, und schälte eine nach der anderen schnell
und sauber und ließ sie dann mit einem Plumps fallen. »Welch ein
hübscher Anblick!« sagte Faulpelz erfreut. Er begann, die Teller aus
dem Schrank zu holen, ging ins Wohnzimmer, breitete die Decke
über den Tisch und kam zurück in die Küche. Hier war das Messer
inzwischen mit den Kartoffeln fertig geworden und hatte sich über
die Äpfel hergemacht. Lange, grüne Schalen ringelten sich auf dem
Küchentisch, und daneben lagen die weißen, geschälten Früchte.
»Großartig!« lobte Faulpelz. »Aber nun ruhe dich aus, liebes
Messer, deine Arbeit ist getan.«
Er ging wieder ins Wohnzimmer, um Messer, Gabeln und Löffel
auf den Tisch zu legen. Als er zurückkam, um die Teller zu holen,
blieb er mit offenem Mund an der Tür stehen. Das Messer ruhte sich
nicht aus, sondern hatte etwas Neues zum Schälen gefunden; es
schälte jetzt schöne, gleichmäßige Scheiben von dem kalten Hühn­
chen ab, das schon fertig auf einer Platte angerichtet war. Unten auf
dem Fußboden saß die Katze der Zauberin und ließ sich die seltenen
Leckerbissen schmecken, die so überraschend zu ihr herunterfielen.
»Halt!« rief Faulpelz. »Hör auf zu schälen! Es ist genug! Du hast
deine Arbeit brav getan, ruhe dich aus!«
Das Messer ließ sich nicht stören und schälte weiter. Da versuchte
Faulpelz es zu fangen. Aber es entwischte ihm, flog durch die Luft,
und als er es greifen wollte, schälte es blitzschnell einen Streifen
Haut von seinem Handrücken ab. Faulpelz schrie vor Schmerz.
»Halt! Ich bin doch keine Kartoffel! Halt, sage ich!« Das Messer
kümmerte sich nicht um sein Rufen. Es schwebte um den
Küchentisch zurück und begann lange, dünne Streifen von dem Holz
der Tischplatte abzuschälen. Faulpelz wickelte ein Wischtuch um
seine Hand und versuchte von neuem, das Messer zu fangen. Es flog
zum Küchenschrank und schälte auch dort das Holz von den Türen
ab. Danach schälte es das blaulackierte Holz vom Wandregal.
Faulpelz wurde es unheimlich zumute. Was würde die alte Zauberin
tun, wenn sie ihre Küche sah? Wieder rannte er hinter dem Messer
her, da flog es durch die Tür in den Flur und verschwand. »Na, gute
Reise! Dich bin ich los«, sagte Faulpelz erleichtert und warf die
geschälten Kartoffeln in den Topf, um sie aufs Feuer zu setzen. Er
mußte sich sehr beeilen, denn duch die Jagd nach dem Messer, das
nicht aufhören wollte zu schälen, hatte er viel Zeit verloren. Jetzt
hörte er die alte Zauberin heimkommen. Ihre drei Freundinnen
brachte sie mit. Faulpelz arbeitete fieberhaft. Das Essen mußte
rechtzeitig fertig sein, damit seine Herrin nicht noch wütender auf
ihn wurde! Es würde sowieso schlimm genug werden. Aus dem
Wohnzimmer hörte er Lärm und Geschrei. Er lief hin, um zu sehen,
was es gäbe, und blieb wie erstarrt vor Schreck an der Tür stehen.
Das Messer war hier, und eben war es dabei, schnell und sauber die
Kanten des polierten Eßtisches abzuschälen. Vorher hatte es schon
sämtliche Bananen, Pfirsiche und Birnen geschält, die in der
Obstschale auf der Anrichte lagen. Nun wandte es sich den Stühlen
zu, schälte das Holz von den Lehnen ab und wollte jetzt das Gehäuse
der Standuhr in Angriff nehmen.
»Seht euch das an!« rief die alte Zauberin entsetzt. »Was ist mit
dem Messer los?« »Mir scheint, es ist verzaubert«, meinte eine ihrer
Freundinnen. »Ich sehe etwas Grünes auf der Hinge. Jemand muß et­
was von deinem Zauberpulver daraufgestreut haben.«
»Das kann nur Faulpelz gewesen sein!« schrie die Zauberin
zornig. »Oh, dieser elende Nichtsnutz! Er hat sich um die Arbeit
drücken wollen! Da ist er ja, er guckt duch die Türspalte! - Messer,
schäle ihn!« Sofort wandte sich das Messer gegen Faulpelz, der mit
lautem Angstgeschrei davonlief, durch den Korridor und zur
Hintertür hinaus in den Garten, immer gefolgt von dem Messer.
Draußen stand sein Kehrbesen. Er schwang sich auf den Besenstiel
und schrie: »Auf, auf und davon!« - denn ein bißchen zaubern hatte
er bei seiner Herrin schon gelernt. Der Besen schwebte mit ihm in
die Luft, das Messer immer hinterdrein, und unterwegs schälte es
dauernd kleine Stücke von den Besenborsten ab. Faulpelz bekam es
mit der Angst zu tun. Was sollte werden, wenn das schreckliche
Messer den Besen ganz kaputtschnitt?
Aber der Besen hatte bald genug von der Reise. Er kehrte um und
flog heimwärts. Im Hof landete er, das Messer noch immer dicht
hinter sich. Faulpelz sprang ab, rannte in den Kohlenkeller, schlug
die Tür zu, sank auf einen Haufen Kohlen und weinte.
Draußen an der Kellertür hörte er ein Kratzen: das Messer schälte
das Holz ab. Manchmal hörte Faulpelz auf zu schluchzen und
lauschte - wann würde das Messer ein Loch in das Holz der Tür
gemacht haben und zu ihm hereinkommen? Seine Angst wurde
immer größer. Die alte Zauberin blickte vom Hof her durch das
Kellerfenster. »Willst du noch einmal faul sein?« fragte sie.
»Nein, ganz gewiß nicht!« antwortete Faulpelz.
»Und wirst du noch einmal in meine Kammer gehen und von
meinen Zaubermitteln stehlen?«
»Nein, ganz bestimmt niemals, ich verspreche es!«
»Gut, dann hast du wohl jetzt deine Strafe bekommen. Komm
herauf und wasche das schmutzige Geschirr vom Mittagessen ab. Ich
habe das Zauberpulver von dem Messer abgewischt; jetzt schält es
nicht mehr. Es war sehr dumm und gefährlich, was du da getan hast,
weil du nicht wußtest, wie man den Zauber wieder löst. Du wirst
viele Monate ohne Lohn arbeiten müssen, bis der Schaden bezahlt
ist, den das Messer angerichtet hat.« »Ja, gewiß«, murmelte Faulpelz
und schlich in die Küche. Da lag das Messer auf dem Tisch, still und
harmlos, ein ganz gewöhnliches Messer, das etwas stumpf war.
»Trotzdem rühre ich dich nie wieder an!« sagte Faulpelz und warf
es in den Kohlenkeller. »So, da kannst du bleiben für alle Zeit.«
Aber er irrte sich -jedesmal, wenn er Kohlen aus dem Keller holte,
lag das Messer mit im Kohleneimer! Eines Tages wird er es wohl satt
bekommen, das Messer immer wieder in den Keller zu werfen.

Ein Igel bedankt sich


»Guck mal, Mutti! Da hat sich eine Tier in der Ecke vom
Tennisnetz gefangen!« rief Susi.
Die Mutter kam schnell über den Rasen und beugte sich über das
dunkle Bündel am Boden, das bewegungslos dalag. »Was ist es,
Mutti? Ist es tot?« »Es ist ein Igel. Lauf und hole mir eine Schere.
Ich muß das Netz zerschneiden, um ihn zu befreien. Hoffentlich hat
er sich nicht in den Maschen erwürgt!« Susi brachte die Schere, und
die Mutter schnitt das Netz rings um die runde braune Kugel weg, bis
das Tierchen frei war. »Ich weiß nicht, ob es noch lebt«, meinte sie.
»Aber das werden wir bald sehen. Wir stellen ihm eine Schälchen
Milch hin, die mögen Igel gern. Dann gehen wir ein Stück beiseite
und beobachten, was er tut.«
Sie standen noch nicht lange hinter einem Busch, da bewegte sich
die stachlige Kugel. Ein dunkles Schnäuzchen und ein Paar
glänzende schwarze Äuglein erschienen. Dann streckte sich der
Körper, und vier dünne Beine strebten eilig zur Milchschüssel.
»Er lebt! Er trinkt!« jubelte Susi. »Ist er nicht niedlich? Warum
hat er eigentlich so viele spitze Stacheln?« »Die schützen ihn gegen
seine Feinde«, erklärte die Mutter. »Kein Tier möchte gern den
Mund voll Stacheln haben, deshalb lassen sie ihn in Ruhe. Selbst die
unerfahrenen jungen Hunde, die nach ihm schnappen, versuchen das
meist nur einmal; fortan machen sie einen Bogen um jeden Igel,
wenn sie erst einmal die Stacheln an ihrer empfindlichen Nase
gefühlt haben.«
Der Igel ließ es sich schmecken. Als er das Schälchen
leergetrunken hatte, lief er auf flinken Beinen den Gartenweg entlang
zum Kücheneingang. Dort blieb er stehen und schnupperte. Dann
trippelte er in die Küche, machte eine Runde an allen Wänden
entlang und fand unter dem Herd einen gemütlichen Platz, wo er sich
zum Schlafen zusammenrollte. Nach einer Weile war ein leises
Schnarchen zu hören, und darüber mußten die Mutter und Susi la­
chen. Sie ließen ihren kleinen Gast in der Küche, als sie am Abend
zu Bett gingen.
In der Nacht kamen aus ihren Verstecken die häßlichen schwarzen
Küchenschaben, über die die Mutter sich immer ärgerte und die sie
mit allen möglichen Mitteln zu vertreiben suchte, doch immer
vergeblich.
Aber jetzt war jemand da, der nur auf die Schaben wartete! Der
Igel hatte sie sofort gewittert, als er an der Küchentür stand, und
deshalb war er hereingekommen. Schaben und ähnliches Ungeziefer
waren für ihn besondere Leckerbissen. Nun hielt er ein Festmahl in
der dunklen Küche. Er rannte erstaunlich schnell auf seinen dünnen
Beinen umher, kaute, schmatzte und räumte gründlich unter dem
schwarzen Gesindel auf.
Ein paar Tage lang kam er regelmäßig gegen Abend in die Küche,
legte sich unter dem Herd schlafen und ging in der Nacht auf Jagd
nach den Schaben. Er ruhte nicht, bis er auch die letzte vertilgt hatte.
Dann trippelte er den Gartenweg entlang und verschwand unter der
Hecke.
»Siehst du«, sagte die Mutter zu Susi, »er hat sich auf seine Art
für unsere Hilfe bedankt.«
»Wir danken dir auch, kleiner Stacheligel!« rief Susi ihm nach.
»Komm, nur oft wieder, du sollst immer ein Schälchen Milch be­
kommen!«

Was ist mit der Uhr los?


Klaus und Kläre bauten in ihrem Spielzimmer die Eisenbahn auf.
Es war keine von den Anlagen, die auf einer Tischplatte Platz finden,
sondern eine große mit breiten Gleisen, die man auf dem Fußboden
auslegen mußte. Onkel Kurt hatte als Junge damit gespielt, sie
aufbewahrt und sie jetzt den Geschwistern geschenkt. Sie waren
darüber sehr glücklich, denn alles war gut erhalten und noch wie neu.
Eifrig fügten sie Schienen und Weichen zusammen, stellten das
Bahnhofsgebäude, den Tunnel, die Signale und die Bahnübergänge
an ihren Platz und zuletzt die Figuren, Reisende und Gepäckträger,
auf den Bahnsteig.
»So«, sagte Klaus, als er den Bahnhofsvorsteher mit der roten
Mütze an der Bahnsteigkante postiert hatte, »jetzt setzen wir die
Züge auf die Schienen, und dann geht's los!«
Kläre warf zufällig einen Blick auf die Wanduhr und rief: »Klaus,
weißt du, wie spät es ist? Gleich halb acht! In fünf Minuten müssen
wir uns zum Schlafengehen fertig machen - gerade jetzt, wo es erst
richtig schön werden soll!« »Ach, das blöde Schlafengehen!« murrte
Klaus. »Immer, wenn man mitten im besten Spielen ist, muß man
aufhören! Gestern war es auch so, als wir die Bilder nicht fertig
malen konnten.« »Ja, und vorgestern hätte ich so gern noch die
spannende Geschichte in meinem neuen Buch zu Ende gelesen.
Diese schreckliche Uhr geht einfach zu schnell.« »Sag mal, wo ist
Mutti?« fragte Klaus plötzlich.
»Auf dem Flur im oberen Stock«, antwortete Kläre. »Sie wollte
die Schubladen in dem alten Schrank mal gründlich ausräumen.«
»Dann merkt sie wahrscheinlich nicht, wie die Zeit vergeht«,
meinte Klaus. Er stieg auf einen Stuhl und drehte die Uhrzeiger um
eine Stunde zurück. Jetzt war es auf der Uhr nicht halb acht, sondern
halb sieben.
»Fein, nicht?« sagte er stolz. »Wir können noch eine ganze Stunde
spielen.« »Aber es ist doch Schwindel«, meinte Kläre bedenklich,
»und man sollte so was eigentlich nicht tun.«
»Na, ich hab's nun mal gemacht. Ein Glück, daß Mutti ihre
Armbanduhr nicht trägt - sie hat sie gestern zum Uhrmacher
gebracht, weil das Glas zerbrochen ist. Also wird sie auf diese Uhr
sehen und denken, daß wir erst in einer Stunde zu Bett müssen.«
Kläre sagte nichts dagegen. Sie freute sich ja auch, daß sie das
schöne Spiel noch nicht abbrechen mußten. Vielleicht merkte Mutti
gar nichts! — Nach einer Weile rief die Mutter vom oberen Flur
herunter:
»Ist es nicht Zeit zum Schlafengehen? Wie spät ist es denn?«
Klaus schaute auf die Uhr. »Zwanzig Minuten vor sieben, Mutti!«
»Wirklich? Ich hätte gedacht, es müßte viel später sein.« Die Mutter
kam die Treppe herunter und steckte den Kopf zur Tür herein. »So
etwas! Tatsächlich erst zwanzig vor sieben! Ist die Uhr vielleicht ste­
hengeblieben?«
»Nein, bestimmt nicht, Mutti!« sagte Klaus, aber er sah seine
Mutter dabei nicht an. Auch Kläre konnte ihr nicht ins Gesicht sehen;
sie beugte sich über die Eisenbahn und war sehr rot geworden. Das
fiel der Mutter auf, und sie wunderte sich. »Daß ich mich so irren
konnte!« meinte sie kopfschüttelnd und ging wieder hinauf, um
weiter aufzuräumen. Die Kinder spielten mit ihrer Eisenbahn, aber es
machte ihnen auf einmal keinen rechten Spaß mehr. Sie wußten
genau, daß sie die Mutter betrogen hatten, und das schlechte
Gewissen plagte sie. »Ob wir es Mutti nicht lieber sagen sollten?«
fragte Kläre nach einer Weile, während sie ohne große Begeisterung
zuschaute, wie die kleinen Züge unermüdlich ihre Runden fuhren.
»Nein!« erwiderte der Bruder. »Jetzt haben wir's einmal getan, und
nun wollen wir auch die Stunde ausnutzen, die wir zum Spielen
gewonnen haben.« Also sagten sie der Mutter nichts, als sie dann
zum Gutenachtsagen kam - ein Viertel nach neun statt ein Viertel
nach acht. Sie waren sehr müde und eigentlich ganz froh, daß sie
schlafen konnten. — Seltsamerweise ging die Uhr am nächsten
Morgen wieder richtig. Als die Kinder die Fabriksirene hörten, die
drüben in der Stadt stets Punkt acht Uhr ertönte, war es auf ihrer
Wanduhr ebenfalls acht Uhr. War es möglich, daß so eine Uhr sich
selbst auf die richtige Zeit einstellte? Die Kinder guckten ihre Mutter
an, aber sie sagte kein Wort darüber. Sie gingen wie jeden Tag zur
Schule, kamen zum Essen nach Hause, machten ihre Schularbeiten
und spielten dann wieder mit der Eisenbahn. Es war schön, daß zwei
Lokomotiven vorhanden waren; so konnte jedes seinen eigenen Zug
fahren lassen und ihn durch geschicktes Weichenstellen auf ein
anderes Gleis lenken, damit es kein Eisenbahnunglück und keinen
Zusammenstoß gab. Als die Mutter hereinkam und sagte, es sei bald
Zeit, sich zum Schlafengehen fertig zu machen, schauten Klaus und
Kläre erstaunt auf. Es kam ihnen vor, als hätten sie gerade erst
angefangen zu spielen. »Das ist doch gar nicht möglich!« meinte
Kläre, als die Mutter hinausgegangen war. „Fünf Minuten nach
sieben - das kann einfach nicht sein!«
»Soll ich die Uhr wieder zurück stellen?« schlug Klaus vor.
»Nein, tu das nicht. Erstens hat Mutti ja eben nach der Uhr
gesehen und weiß, wie spät es ist - und dann möchte ich sie nicht
noch mal beschwindeln. Wir hätten es ihr eigentlich gestehen
müssen, als sie uns gestern gute Nacht sagte. Aber wir haben es nicht
getan!« Sie sprachen noch eine Weile darüber, dann rief die Mutter
aus dem Badezimmer:
»Wie spät ist es jetzt? Ich denke, es ist Zeit zum Ausziehen und
Waschen.« Die Wanduhr zeigte fünfzehn Minuten nach sieben.
»Viertel acht, Mutti«, rief Klaus. »Aber das kann nicht stimmen!
Was ist nur mit der Uhr los? Sie geht bestimmt nicht richtig -mal
geht sie zu schnell und mal zu langsam.«
»Jedenfalls mußt ihr jetzt aufhören zu spielen«, erwiderte die
Mutter. »Räumt rasch auf und kommt dann. Die Eisenbahngleise
können liegenbleiben.« Enttäuscht verließen Klaus und Kläre ihre
schöne Eisenbahn. Sie aßen zu Abend, wuschen sich, bürsteten
Zähne und Haare und stiegen in ihre Betten. In diesem Augenblick
schlug draußen die Uhr auf dem Kirchturm. Klaus zählte mit: »Eins -
zwei - drei - vier - fünf - sechs -sieben - Kläre, es ist erst sieben
Uhr!« »Und wir haben eine ganze Stunde zu früh ins Bett gehen
müssen!« klagte Kläre.
»Mutti«, rief Klaus der Mutter entgegen, die eben mit zwei Tassen
Kakao zu ihnen kam, »vom Kirchturm hat es eben siebenmal
geschlagen. Es ist erst sieben Uhr! Wir haben eine Stunde zu früh mit
dem Spielen aufhören müssen!« »Auf der Wanduhr ist es acht«,
erwiderte die Mutter. »Gestern habt ihr euch ja auch nach ihr
gerichtet - warum also nicht heute?« Ihre Stimme und ihre Miene
waren ernst.
Da fing Kläre an zu weinen. »Mutti - gestern haben wir die Uhr
um eine Stunde zurück gestellt, weil wir so gern noch länger mit
unserer Eisenbahn spielen wollten. Es war nicht recht - « »Es war
wirklich nicht recht«, antwortete die Mutter. »Zuerst dachte ich, es
sollte ein Spaß sein, und ihr würdet es mir beim Gutenachtsagen
gestehen. Aber ihr habt es nicht getan, und da wußte ich, daß ihr
mich betrügen wolltet. Nun hat euch die Uhr einen Streich gespielt
und zeigt mal eine Stunde später statt früher.« »Mutti - «, sagte Klaus
nachdenklich, »ich glaube, den Streich hast du uns gespielt! Denn
wenn es die Uhr gewesen wäre - dann müßte sie ja verhext sein!«
Die Mutter lachte: »Richtig, ich war es. Ich habe heute mit euch
genau das gleiche gemacht wie ihr gestern mit mir, nur nach der
anderen Seite hin: vor statt zurück. Nun trinkt euren Kakao und
schlaft dann. Ihr habt ja von gestern noch eine Stunde nachzuholen.«
»Mutti, verzeih bitte, es tut mir leid«, murmelte Kläre und rieb
sich die Augen. »Als wir die Zeiger zurück gestellt hatten, da war die
Stunde Eisenbahnspielen gar nicht so schön, wie wir vorher
dachten.« »Ja, weil es eine gestohlene Stunde war. Aber jetzt sind
wir quitt«, sagte die Mutter und küßte ihre beiden Kinder. »Ihr habt
eine Stunde gewonnen und eine Stunde verloren und vielleicht etwas
dabei gelernt. Und nun reden wir nicht mehr über die Sache.«
Seitdem ist die Wanduhr im Spielzimmer niemals mehr falsch
gegangen. Wundert euch das?

Das Mädchen von nebenan


»Nein«, sagte die Mutter, »ich sehe es nicht gern, wenn ihr mit
dem Mädchen von nebenan spielt. Sie ist zu wild und laut. Sie
benimmt sich nicht wie ein Mädchen, sondern wie ein Junge. Immer
auf Bäume klettern, Indianer spielen und Kleider zerreißen - das
kann mir nicht gefallen.« Max, Karin und Robert waren traurig, daß
sie nicht mit dem Mädchen von nebenan spielen sollten.
»Aber Mami, Lili ist so nett!« sagte Max. »Und sieh mal, sie hat
keine Mutter, die für sie sorgt. Vielleicht ist sie deshalb ein bißchen
wild.«
»Lili ist immer hilfsbereit«, erklärte Karin. »Ach, bitte, laß uns
doch mit ihr spielen, Mami!« bat Robert.
Die Mutter sah nachdenklich aus. »Ich glaube ja gern, daß sie
nicht böse ist. Aber sie ist eben so schrecklich wild, und immer sieht
sie unordentlich aus. Ich habe nicht gewußt, daß sie keine Mutter
mehr hat. Es sagt ihr wohl niemand, wie man sich zu betragen hat,
und daß man auf seine Sachen achten muß.«
Das Haus, in dem Lili mit ihrem Vater wohnte, stand neben dem
Haus der Eltern von Max, Karin und Robert am Ufer eines Flusses.
Der Vater der drei Kinder besaß ein Boot, und sie fuhren sehr gern
damit; aber es war ihnen streng verboten, es zu benutzen, wenn der
Vater nicht dabei war. Sie konnten nämlich noch nicht schwimmen.
Lili schwamm wie eine Fisch, und sie konnte rudern, obwohl ihr
Vater kein Boot hatte. Schwimmen und Rudern hatte sie sich allein
beigebracht. Lili konnte einfach alles!
Eines Tages wollte die Mutter ihre kranke Schwester besuchen.
»Ich muß euch für eine paar Stunden allein lassen«, sagte sie. »Bitte,
seid vernünftig und macht keinen Unfug! Hoffentlich kommt das
Mädchen von nebenan nicht gerade in dieser Zeit herüber und stiftet
euch zu irgendeiner Dummheit an! Also, seid lieb! Auf
Wiedersehen!« Sie mußte sich beeilen, wenn sie den Bus noch
erreichen wollte. Kaum war sie hinter der Straßenecke ver­
schwunden, da rief jemand von der Gartenmauer herunter: »Hal -
lo!«
»O fein, das ist Lili!« sagten die Kinder und rannten in den
Garten, wo Lili auf der Mauer hockte. Ihr Rock war schon wieder
zerrissen und ihr Haar zerzaust. »Wollen wir zusammen spielen?«
fragte sie. »Wird eure Mutter erlauben, daß ich in euren Garten
komme?« »Mami ist fortgegangen«, meldete Max. »Komm nur her,
Lili. Du kannst dir immer so feine Spiele ausdenken.« Das stimmte.
Lili war unermüdlich im Erfinden schöner Spiele. Einmal waren die
Kinder Indianer, einmal Piraten, dann wieder Zirkusleute oder
Polizisten und Räuber.
Lili sprang von der Mauer herunter. »Ich weiß was - heute sind
wir mal Schiffbrüchige. Wir waren auf einem großen Schiff un­
terwegs, und das ist untergegangen.« »O ja!« stimmte Karin zu.
»Wie machen wir das?«
»Wir müssen uns nicht verkleiden. Aber wir brauchen ein Floß,
auf das haben wir uns von dem sinkenden Schiff gerettet und treiben
nun im Meer auf den Wellen.« »Ein Floß? Woher sollen wir das
nehmen?« Natürlich wußte Lili Rat. »Euer Küchentisch ist prima als
Floß. Wir stellen ihn umgekehrt auf den Rasen. An eines der
Tischbeine binden wir ein weißes Tuch, das ist das Notsignal für
unsere Retter.« Sie waren begeistert. Nur Max hatte Bedenken, ob es
der Mutter recht sein würde, wenn sie den Küchentisch im Garten
zum Spielen benutzten. »Ach, sei nicht albern!« sagte Lili. »Wir ma­
chen ja nichts kaputt. Und bis sie heimkommt, steht der Tisch längst
wieder an seinem Platz.«
Sie schleppten also den Küchentisch in den Garten und stellten
ihn mit der Platte nach unten auf das Gras. Dann mußte Max einen
Hammer holen, und die Jungen taten, als ob sie das Floß eilig aus
Holzplanken zusammenzimmerten. Nun konnten sie es besteigen - es
war auch höchste Zeit, denn ihr Schiff war schon fast im Meer
versunken. Aufatmend sprangen sie von der Gartenbank, die das sin­
kende Schiff darstellte, auf das Floß. »Halt, es fehlt noch die
Notflagge«, meinte Lili. »Da drüben auf eurer Wäscheleine hängt so
ein weißes Handtuch, das ist genau richtig dafür. Und dann noch ein
Paddel. Dazu können wir eine von euren Sandschaufeln nehmen.«
Karin holte das Tuch, Robert die Schaufel. Die Notflagge wurde
an eines der Tischbeine geknotet, und mit der Schaufel paddelten die
Kinder abwechselnd. »Zu schade«, sagte Lili nach einer Weile, »daß
wir nur auf dem Rasen schwimmen. Auf richtigem Wasser wäre es
natürlich viel schöner!« Dann forderte sie ihre Kameraden auf:
»Haltet Ausschau, ob ihr einen Dampfer oder ein Boot seht! Wir
müssen doch gerettet werden, sonst verhungern und verdursten wir
auf dem Floß hier mitten im Meer!« Karin trat nach vorn neben die
Notflagge, hielt eine Hand schützend vor die Augen und blickte
suchend in die Ferne. Plötzlich rief sie: »Da drüben ist eben etwas in
den Fluß gefallen! Lili, ich glaube, das war ein kleiner Junge, der
gegenüber am anderen Ufer wohnt! Ja, bestimmt war er es! Lili, was
sollen wir tun?« Die vier Kinder starrten auf das Wasser. Jetzt hörten
sie einen leisen Schrei, dann sahen sie etwas zur Flußmitte hin
treiben, wo die Strömung schneller war. Die drei Geschwister waren
stumm vor Schreck. Aber Lili verlor keinen Augenblick ihre
Besonnenheit.
»Aussteigen!« kommandierte sie. »Runter vom Floß! Helft mir, es
zum Wasser zu bringen! Schnell, faßt an! Ich fahre hinter dem
Jungen her!«
Die anderen gehorchten ihr ohne Widerspruch. So rasch sie
konnten, trugen sie den Tisch zum Flußufer. Lili schob ihn aufs
Wasser, trat vorsichtig auf die hölzerne Fläche und ließ sich die
Schaufel geben.
Sie hockte sich nieder und lenkte das Fahrzeug mit der Schaufel
zur Flußmitte, wo es von der Strömung erfaßt und fortgetragen
wurde. Dabei ließ sie das Bündel, das vor ihr auf dem Wasser trieb,
nicht aus den Augen. Sie paddelte aus Leibeskräften mit der
Schaufel, um den kleinen Jungen einzuholen.
Näher und näher kam sie, und endlich war sie neben ihm. Sie
legte sich lang auf ihr Floß, hielt sich mit einer Hand an einem
Tischbein fest und griff mit der anderen nach dem Kind. Sie konnte
seine Jacke fassen, aber es gelang ihr nicht, es zu sich auf den
schwimmenden Tisch zu ziehen. Sobald sie es versuchte, drohte der
Tisch umzukippen. Was sollte sie aber tun, wenn er unterging? Sie
konnte zwar schwimmen - aber ob sie das Kind aus der starken
Strömung ans Ufer bringen konnte, das wußte sie nicht. Sie packte
die Jacke des Jungen, der neben dem Tisch im Wasser trieb, etwas
weiter oben, so daß sie seinen Kopf über Wasser halten konnte. Dann
schaute sie sich suchend um.
Und da kam Hilfe! Ein Motorboot näherte sich mit höchster
Geschwindigkeit. Anscheinend hatte noch irgend jemand gesehen,
daß der Kleine ins Wasser gefallen war. Ein Mann sprang über Bord
und schwamm mit kräftigen Stößen heran. Er ergriff den Jungen und
brachte ihn zu dem Boot, das jetzt ganz nahe auf dem Wasser
schaukelte. Hilfreiche Hände streckten sich aus und zogen ihn und
das gerettete Kind an Bord. Lili hockte auf ihrem Floß und sah mit
leuchtenden Augen zu. Da rief eine Stimme vom Boot herüber:
»Bravo, Kleine! Das hast du gut gemacht!« Mehrere Leute winkten
ihr zu. Sie winkte zurück und lenkte dann ihr Floß zum Ufer.
Da standen Max, Karin und Robert, die mit aufgerissenen Augen
alles gesehen hatten. Und neben ihnen stand ihre Mutter, die eben
aus der Stadt zurückgekommen war und gehört hatte, was geschehen
war.
O weh! dachte Lili. Jetzt gibt's Schelte, weil ich den Tisch aufs
Wasser genommen habe! Wahrscheinlich dürfen die drei nun
überhaupt nicht mehr mit mir spielen. Aber es kam ganz anders.
Kaum war sie am Ufer, da nahm die Mutter ihrer drei Freunde sie in
die Arme, küßte sie und sagte: »Du gutes, tapferes Mädchen! Du hast
dem kleinen Jungen das Leben gerettet!«
»Aber - Ihr Küchentisch?« brachte Lili leise hervor.
»Ach, das ist jetzt ganz unwichtig, und ich nehme es dir natürlich
nicht übel. Wichtig ist, wie besonnen und mutig du dich gezeigt hast.
Meine Kinder können etwas von dir lernen. Deine Mutter wäre stolz
auf dich, wenn sie noch lebte, das weiß ich gewiß. Du, Lili, wollen
wir uns gegenseitig etwas versprechen?«
»Ja, gern - was denn?« fragte Lili und schmiegte sich an die Frau,
die sie wie eine Mutter in den Armen hielt. »Paß auf. Ich lehre dich,
wie man seine Sachen in Ordnung hält, kleine Schäden selbst
ausbessert, wie man höflich spricht und sich gut benimmt, so wie ich
es meinen eigenen Kindern lehre. Dafür bringst du ihnen das
Schwimmen und Rudern bei und treibst Sport mit ihnen. Wie wäre
das?«
»Ich habe mir immer gewünscht, ich hätte eine Mutter wie andere
Kinder«, sagte Lili leise. »Würden Sie wie eine Mutter zu mir sein?«
»Das verspreche ich dir, Lili, mein liebes Kind. Bisher hatte ich
drei Kinder, jetzt habe ich vier. Komm mit ins Haus, wir wollen ein
kleines Festmahl halten, und das soll auf dem Küchentisch stehen,
der als Rettungsfloß gedient hat. So etwas passiert nicht jedem
Küchentisch!« Seitdem waren die vier Kinder unzertrennlich. Max,
Karin und Robert lernten bei Lili schwimmen, und sie hatten große
Pläne. Wenn sie es richtig konnten, dann wollten sie noch einmal den
Küchentisch als Floß aufs Wasser setzen und alle vier darauf fahren.
Und wenn er ihr Gewicht nicht trug, wenn er unterging oder um­
kippte? Was tat das - sie konnten ja schwimmen!

Schlaues Schlappohr
In einer großen Kaninchenschar wuchs ein junges Kaninchen auf,
das hieß Schlappohr. Es war ein Kaninchen wie jedes andere, aber es
war fest davon überzeugt, daß es viel klüger sei als alle anderen
Kaninchen.
Eines Tages saß Schlappohr in der Sonne, zog die Nase kraus und
überlegte, was es tun sollte. Mit den dummen Kaninchen, meinte es,
könne es unmöglich weiter zusammenleben.
»Ich werde gehen und jemand suchen, der so klug ist wie ich
selbst«, sagte es endlich. »Und bei dem werde ich dann bleiben.« Es
hoppelte durch den Wald und kam an die Fuchshöhle. Der Fuchs sei
ein besonders kluges Tier, hatte Schlappohr gehört. Darum fragte es
den Rotpelz, ob es bei ihm leben dürfe.
Der Fuchs war gerade aus dem Schlaf erwacht. »Waaas willst du?
Mit mir zusammen hier in der Höhle wohnen? Das wäre ja was ganz
Neues!« sagte er und gähnte laut. Dabei riß er sein Maul mit den ge­
fährlichen Reißzähnen weit auf.
Als Schlappohr diese Zähne so dicht vor sich sah, machte es einen
Satz rückwärts und beeilte sich, aus der Nähe des Fuchses zu
kommen.
Wieder saß Schlappohr in der Sonne, zog die Nase kraus und
überlegte, wer wohl noch so klug sei, daß es mit ihm leben könne.
Dann fiel ihm die Eule ein, die ebenfalls für sehr klug galt. Es
hoppelte zu dem Baum, auf dem die Eule wohnte, und brachte sein
Anliegen vor.
Die Eule klappte ein Auge zu und schielte mit dem anderen zu
Schlappohr hin. »Du scheinst wirklich ein außerordentlich kluges
Kaninchen zu sein, daß du mit einer Eule zusammenwohnen willst!«
krächzte sie. Dann kratzte sie ihren Schnabel mit dem rechten Fuß,
machte das zweite Auge auf und blickte Schlappor aufmerksam an.
Beim Anblick der starken, scharfen Krallen am Fuß der Eule bekam
Schlappohr plötzlich Angst und rannte davon. Als Schlappohr dann
wieder in der Sonne saß, die Nase kraus zog und nachdachte, kam
ihm das Wiesel in den Sinn. Also ging es zum Wiesel, und sagte, es
möchte bei ihm leben, weil sie doch beide gleich klug seien. »Was
willst du da? Genau so klug wie ich willst du sein? Ein ganz
gewöhliches, dummes Karnickel bist du!« Und das Wiesel lachte,
daß man alle sein nadelspitzen Zähne sehen konnte. Schlappohr
erschrak und machte, daß es fortkam. Aber Schlappohr hatte seinen
Plan noch nicht aufgegeben. Wieder saß es in der Sonne, zog die
Nase kraus und dachte nach, zu wem es jetzt gehen könnte. Ja, der
alte Schäfer, der war der richtige Gefährte! Jedermann sprach davon,
wie klug er sei.
Schlappohr hoppelte zu der Hütte, in der der alte Schäfer wohnte,
und sagte sein Sprüchlein auf.
Der Schäfer schob seine Pfeife von einem Mundwinkel in den
anderen, sah sich das Kaninchen an und brummte dann: »Na gut,
meinetwegen kannst du zu mir kommen. Aber eine Bedingung: du
mußt heute für mein Abendessen sorgen.« »Sehr gern!« versicherte
Schlappohr erfreut. »Was soll ich dir denn bringen, auf was hast du
Appetit?« »Kaninchenbraten!« rief der Schäfer und griff blitzschnell
nach Schlappohr. Aber ebenso blitzschnell war Schlappohr entwischt
und durch die offene Tür hinausgesprungen. Ohne Aufenthalt rannte
es nach Hause.
Atemlos saß es im Kaninchenbau bei seinen Geschwistern, zog
die Nase kraus und sagte vor sich hin: »Ich bin gar kein bißchen
klug! Das Wiesel hatte recht: ich bin ein ganz gewöhnliches,
dummes Karnickel, ein besonders dummes sogar! Und mein Platz ist
hier, bei den anderen Kaninchen.« Und da blieb Schlappohr auch.

Allerhand an einem Nachmittag


Es war ein schöner Sommer-Nachmittag. David war mit seinem
Fahrrad ein Stück auf der Landstraße hinausgefahren, um Vögel zu
beobachten; das war seine Lieblingsbeschäftigung. Er konnte
stundenlang ganz still an einem Platz sitzen, dem Treiben der Vögel
in Wald und Feld zuschauen und auf ihre Rufe und ihren Gesang
lauschen. Er kannte sie fast alle an der Stimme.
Heute machte es ihm besonders großen Spaß, denn er hatte zum
Geburtstag von Vater ein gutes Fernglas bekommen, das er sich
sehnlich gewünscht hatte. Nun wollte er es ausprobieren. Er hatte
sein Rad an der Landstraße gegen eine dichte Hecke gelehnt und saß
hinter der Hecke an einem Abhang, von wo er einen weiten Blick
über die Wiese bis zum Waldrand hatte. Es war großartig, wie
deutlich er durch das Fernglas die Vögel sehen konnte. Ganz nahe
schien er ihnen zu sein, aber in Wirklichkeit war er so weit entfernt,
daß sie ihn nicht bemerkten und sich ohne Scheu bewegten.
Eben hatte er eine Goldammer entdeckt, die auf dem obersten
Zweig eines Busches saß und ihr helles »Zisisisi!« in die Luft
schmetterte. Er stellte das Fernglas noch etwas schärfer ein und
konnte nun genau den kleinen Sänger mit dem hellgelben Kopf und
der gelben Brust beobachten. David war so versunken in den
Anblick, daß er die Schritte auf der Landstraße gar nicht hörte. Ein
Mann kam näher und blieb vor dem Fahrrad stehen, das anscheinend
verlassen an der Hecke lehnte. David war von der Straße aus nicht zu
sehen. Vorsichtig schaute sich der Mann nach allen Seiten um, dann
packte er das Rad, stieg auf und fuhr davon, so schnell er konnte.
Durch das Geräusch schreckte David nun doch auf. Er ließ das
Fernglas sinken, sprang den Abhang empor und sah sofort, daß sein
Fahrrad weg war. Er lief ein paar Schritte auf die Landstraße hinaus
und erblickte in einiger Entfernung den Mann auf dem Rad, der
heftig in die Pedale trat, um rasch fortzukommen. Er trug auf einer
Schulter etwas, das wie ein Sack aussah. »Halt!« schrie David.
»Halt! Das ist mein Rad!«
Aber der Mann hielt natürlich nicht, sondern radelte nur noch
schneller. Zornig rief und drohte der Junge hinter dem Fliehenden
her. Doch was nützte ihm das? Er wußte genau, daß er den Dieb
nicht einholen würde, auch wenn er rannte, was Füße und Lunge
hergaben. Er überlegte, was er tun könnte. Es blieb ihm nichts weiter
übrig, als nach Hause zu laufen. Das war ein Weg von reichlich zehn
Kilometern, er mußte also zwei Stunden dafür rechnen. Aber
vielleicht hatte er Glück und konnte einen Wagen anhalten, der ihn
mitnahm.
Betrübt und ärgerlich trabte David auf der Landstraße dahin. Ganz
in seiner Nähe sang wieder eine Goldammer, aber er drehte nicht
einmal den Kopf. Er hatte andere Sorgen.
Von der Landstraße kam er auf eine größere Autostraße, und es
dauerte nicht lange, da tauchte hinter ihm ein Auto auf. David stellte
sich an den Straßenrand, und als der Wagen näher kam, hob er die
Hand. Der Fahrer bremste, und der Wagen hielt. Aber nun bekam
David einen Schreck - er sah jetzt erst, daß er ein Polizeiauto ange­
halten hatte! Zwei stämmige Polizisten saßen darin und blickten den
Jungen mißbilligend an.
»Was willst du?« fragte der eine kurz. Es - es tut mir leid,
entschuldigen Sie«, stammelte David. »Ich wollte gern ein Stück
mitgenommen werden - aber ich habe nicht gemerkt, daß dies ein
Polizeiwagen ist.«
»Immer diesselbe Geschichte!« brummte der andere Polizist. »Da
stellen sich die jungen Leute an die Straße und lassen sich einfach
mitnehmen. Abgesehen davon, daß das gefährlich werden kann - be­
wegt doch gefälligst eure eigenen Beine, wenn ihr irgendwohin
wollt! In meiner Jugend sind wir gelaufen, und es hat uns Spaß
gemacht.«
David wurde rot. »Ich habe bisher noch nie einen Wagen
angehalten«, erklärte er. »Glauben Sie es mir, bitte. Ich laufe sehr
gern, und sonst fahre ich auf meinem Rad. Heute wollte ich nur
mitfahren, weil mir mein Rad vorhin gestohlen worden ist.«
»Das ist natürlich etwas anderes«, sagte einer der Beamten. »Also
dir ist dein Rad gestohlen worden? Vermutlich hast du einen
ziemlich weiten Heimweg?«
»Etwa zehn Kilometer«, antwortete David. »Steig ein, und erzähle
und unterwegs genau, was sich ereignet hat!« forderte ihn der
Polizist auf.
David nahm in dem Polizeiauto Platz, der Fahrer gab Gas, und der
Wagen schoß davon. Während sie mit hoher Geschwindigkeit auf der
Straße dahinfuhren, berichtete David ausführlich, wie ihm sein Rad
abhanden gekommen war. Die Polizisten stellten hin und wieder
einige Zwischenfragen.
Als David eben mit seinem Bericht zu Ende war, fuhr er plötzlich
auf seinem Sitz in die Höhe.
»Da vorn!« rief er und zeigte auf eine Gestalt auf der Fahrbahn.
»Das ist mein Rad - und der Mann mit dem Sack über der Schulter
sitzt darauf.« »Bist du sicher, daß es dein Rad ist?« fragte der
Polizist, als sie den Radfahrer fast erreicht hatten.
»Ganz sicher, ich erkenne es genau!« rief der Junge aufgeregt.
»Nun, dann werden wir dem Mann ein paar Fragen stellen«,
erklärte der Beamte. Der Wagen überholte den Radfahrer, fuhr dann
scharf vor ihm an den rechten Straßenrand und hielt. Die beiden
Polizisten sprangen heraus und stellten sich dem Mann in den Weg.
Der war so erschrocken, daß er fast vom Rad gefallen wäre.
»Woher haben Sie dieses Rad?« fragte der Beamte, der die
Lenkstange mit beiden Händen festhielt.
»Das ist mein Rad«, sagte der Mann, der sich schnell wieder
gefaßt hatte. »Was fällt Ihnen überhaupt ein? Lassen Sie mich in
Ruhe!«
Er wollte aufsteigen und fortfahren, aber der eine Polizist hielt
noch immer das Rad fest, und der andere packte jetzt den Mann am
Arm und griff nach dem Sack. »Lassen Sie mal sehen, was darin
ist!« verlangte er. Schon hatte er die Schnur gelöst und den Sack
geöffnet. »Na, das ist ja eine Überraschung!« rief er. »Seht mal, was
wir hier haben!« David und der andere Beamte blickten in den Sack.
Es waren mehrere silberne Kerzenleuchter darin, außerdem
Zigarettendosen und Schachteln, wie sie nur zur Aufbewahrung von
Schmuckstücken benutzt werden. »Ich weiß auch schon, wer der
Mann ist!« bemerkte der zweite Polizist. »Erst vor ganz kurzer Zeit
bekamen wir über Funk die Meldung, daß wenige Kilometer von hier
entfernt in der Villa einer reichen Dame ein Raub begangen wurde.
Und sieh da, hier haben wir den Täter! Los, einsteigen - Sie kommen
mit uns!« wandte er sich an den Mann, der blaß geworden war.
»Kann ich mein Rad wiederhaben?« fragte David.
»Aber natürlich, mein Junge. Das Rad kam dem Räuber gerade
gelegen, damit er schneller fliehen konnte. Welch ein glücklicher
Zufall, daß du gerade uns angehalten hast! Nun bekommst du dein
Rad wieder, die Dame bekommt ihre Wertsachen zurück, und wir
haben einen Burschen geschnappt, nach dem die Polizei schon lange
sucht. Dies ist wirklich allerhand an einem Nachmittag!«
Die Polizisten ließen sich noch Davids Namen und Adresse sagen,
grüßten freundlich und fuhren mit ihrem Gefangenen davon.
»Allerhand an einem Nachmittag!« wiederholte David, während
er auf seinem Rad froh und glücklich nach Hause fuhr.

Die Marzipan-Maus
»Was ist denn das für ein komisches Ding?« fragte der
Wichtelmann Jip den Wichtelman Pip. Sie hatten sich, neugierig wie
sie waren, eines Nachts ins Haus geschlichen. »Das ist eine Maus aus
rosa Marzipan«, antwortete Pip. »Ich kenne sie. Die Kinder haben sie
zu Weihnachten bekommen, aber keines will sie aufessen, weil sie so
niedlich ist. Jetzt wohnt sie mit im Spielzeugschrank. Guten Abend,
Mäuschen! Wie geht es dir?« »Ach«, piepste die Maus, »seit einiger
Zeit geht es mir gar nicht gut. Vielleicht könnt ihr mir helfen - aber
ich fürchte, ihr wißt auch keinen Rat, und ich werde wohl nicht mehr
lange leben.« «Sag mal, was dir fehlt!« forderte Pip die Maus auf.
»Also, ihr wißt doch, daß ich bei den Spielsachen im
Kinderzimmer wohne. Die sind alle nett zu mir, und die Kinder auch.
Bei allen Spielen darf ich mitmachen. Aber manchmal kommt die
Katze herein - « „Nun erzähle uns nur nicht, daß die Katze nach einer
Marzipanmaus jagt!«
»Nein, sie jagt mich nicht - aber sie leckt an mir! Ich scheine ihr
zu schmecken, und jedesmal, wenn sie hereinkommt, leckt sie mir
mit ihrer rauhen Zunge über den Rücken. Seht euch mal meinen
Rücken an, da hat sie schon eine richtige Rille hineingeleckt, von
vorn bis hinten!« »Das muß ja für dich sehr unangenehm sein«,
meinte Pip mitfühlend, »und gefährlich obendrein. Denn wenn es so
weitergeht, hat die Katze dich eines Tages ganz aufgeleckt. Dagegen
müssen wir etwas unternehmen. Jip, hilf mir nachdenken, wie wir der
armen Maus helfen können!« Eine Weile dachten die beiden Wichtel
angestrengt nach. Dann fragte Pip: »Jip, weißt du, wo die nächste
Kröte wohnt?«
»Eine Kröte?« wunderte sich Jip. »Warum?«
»Paß auf. Du weißt doch, daß die Kröten aus ihrer Haut einen Saft
ausscheiden können, der so ekelhaft schmeckt, daß kein anderes Tier
eine Kröte fressen mag.« »Jetzt verstehe ich, was du vorhast!« rief
Jip. »Ja, das ist eine feine Idee! Wir bitten die Kröte, uns ein paar
Tropfen von dem gräßlichen Zeug zu geben, damit reiben wir der
kleinen Maus den Rücken ein -und dann möchte ich das Gesicht der
Katze sehen, wenn sie wieder an der süßen Marzipanmaus lecken
will!« Sie liefen gleich davon und fanden eine gutmütige Kröte, die
ihnen gern etwas von dem stinkenden Saft abgab, der sie vor ihren
Feinden beschützte. Diesen Saft rieben sie auf den Rücken der
kleinen Maus.
Am nächsten Tag kam die Katze wieder, ging zu der rosa Maus
und leckte mit der rauhen Zunge über ihren Rücken. Erschrocken
fuhr sie zurück, als sie den ekligen Geschmack spürte. Aber es war
zu spät, ihre Zunge brannte wie Feuer, und sie lief den ganzen Tag
mit offenem Maul und weit heraushängender Zunge herum. »Vielen
Dank!« sagte die kleine Marzipanmaus zu Pip und Jip, als sie in der
Nacht kamen, um sie zu besuchen. »Ihr habt mir das Leben gerettet.
Was kann ich nur tun, um euch meine Dankbarkeit zu zeigen?
Vielleicht mögt ihr mal an meiner Nasenspitze lecken? Das ist meine
süßeste Stelle.«
Die beiden Wichtel bückten sich, und jeder leckte einmal an der
rosigen Mäusenase - wirklich nur einmal, obwohl es köstlich
schmeckte. Aber von der kleinen Marzipanmaus sollte ja noch etwas
übrigbleiben.

Wo ist Babett?
Jan war neun und Babett fünf Jahre alt. Sie vertrugen sich gut und
spielten nett miteinander - solange sie zu Hause waren. Etwas
anderes war es aber, wenn sie nach draußen gingen. »Ich will nicht
dauernd auf Babett aufpassen müssen!« erklärte Jan der Mutter. »Ich
möchte im Park mit meinen Freunden spielen, Fußball und solche
Sachen, und dafür ist Babett zu klein und zu dumm -und überhaupt:
ein Mädchen! Immer hängt sie sich an mich wie eine Klette, ich
blamiere mich ja vor meinen Freunden!« »Rede nicht so häßlich!«
sagte die Mutter. »Babett kann doch nichts dafür, daß sie noch so
klein ist. Deshalb darfst du sie nicht einfach allein zu Hause
sitzenlassen, wenn du spielen gehst. Es ist nun einmal so, daß ein
großer Bruder seine kleine Schwester bewachen und beschützen
muß.«
»Ich will aber nicht!« wiederholte Jan trotzig. »Heute bin ich mit
Harry, Tim und Günter zum Handballspielen verabredet, dabei kann
ich Babett nicht brauchen.
Und wenn ich sie trotzdem mitnehmen muß, dann kümmere ich
mich eben nicht um sie. Soll sie doch sehen, wo sie bleibt!« »Du
solltest dich schämen, so etwas zu sagen!« schalt die Mutter. »Wenn
man dich so hört, könnte man denken, du hättest deine kleine
Schwester kein bißchen lieb -und ich weiß genau, daß das nicht
stimmt. Aber jetzt kein Wort weiter - du gehst und nimmst Babett
mit!« Mit ärgerlicher Miene packte Jan die Kleine an der Hand und
zerrte sie hinter sich her. Babett hatte Tränen in den Augen. Sie war
traurig, weil Jan gesagt hatte, daß er sie nicht dabeihaben wollte,
wenn er in den Park ging. Sie ging sehr gern mit ihrem großen
Bruder, sie bewunderte ihn, und es gab für sie nichts Schöneres, als
bei ihm zu sein.
»Ich will dich bestimmt nicht stören, Jan«, sagte sie leise. »Du
kannst ruhig zu deinen Freunden gehen, ich bleibe drüben auf dem
Spielplatz.«
»Das möchte ich dir auch raten«, knurrte Jan unfreundlich. »Ich
bin schließlich nicht dein Kindermädchen. Überhaupt sind Mädchen
was Blödes, besonders, wenn sie noch so klein sind wie du.«
Jetzt sah er seine Freunde, die schon auf ihn warteten, ließ Babetts
Hand los und rannte davon.
Babett sah ihm nach, schluckte an ihren Tränen und schlenderte
dann langsam zum Spielplatz. Sie hatte gehofft, hier ein paar kleine
Mädchen zu treffen, mit denen sie schaukeln, wippen oder auf den
bunten Gerüsten turnen und klettern konnte. Aber es war kein Kind
da, und ganz allein machte ihr das alles keine Freude. So ging sie zu
einer Bank und setzte sich hin. Von hier aus konnte sie hinübersehen
zur großen Wiese, wo die Jungen Handball spielten.
Jan war ein guter Spieler, und die bewundernden Rufe seiner
Freunde nach jedem gelungenen Wurf machten ihn stolz. »Wenn du
so weitermachst, kommst du eines Tages in die
Nationalmannschaft!« rief Harry ihm einmal zu. Der Nachmittag
verflog nur so, und es wurde dämmerig. Jetzt schaute Jan sich nach
Babett um. Vorhin hatte sie da drüben am Spielplatz auf einer Bank
gesessen, er hatte ihr rotes Kleid leuchten sehen. Aber als er hinkam,
war von seiner kleinen Schwester weit und breit nichts zu erblicken.
Wo steckte sie nur? Sie war doch nicht etwa allein nach Hause
gelaufen? Das durfte sie nicht, Mami hatte es ausdrücklich verboten,
und Babett gehorchte eigentlich immer. Also mußte sie irgendwo im
Park sein.
Jan lief durch den großen Park und rief immer wieder Babetts
Namen. Keine Antwort, keine Babett.
Plötzlich schoß ihm ein erschreckender Gedanke durch den Kopf.
Man hörte doch öfter, daß Kinder von Spielplätzen weggelockt und
entführt wurden! Jan fühlte, wie ihm eiskalt wurde, als er daran dach­
te, daß der kleinen Babett so etwas geschehen sein könnte. Oder war
sie zum Teich gegangen, um den Enten zuzusehen, und war
hineingefallen? Zwar war der Teich nicht tief, aber für so ein
winziges Ding konnte er doch gefährlich sein. Jan raste hin und
blickte atemlos über die klare Wasserfläche. Nein, gottlob, hier war
Babett nicht. Aber - wo war sie? Was würde Mami sagen, wenn Jan
ohne sie nach Hause kam? Und Papi würde zornig werden! »Babett -
Babett - wo bist du?« rief er immer wieder, während er über die
Parkwege lief. Es war schon fast dunkel geworden. Nein, im Park
war sie nicht, Jan war überall gewesen. Hatte sie doch versucht,
allein heimzugehen? Der Park war an allen Seiten begrenzt von
verkehrsreichen Straßen. Das kleine Mädchen konnte von einem
Auto überfahren worden sein. Vielleicht lag es jetzt schon in einem
Krankenhaus und litt große Schmerzen? Jan wurde es ganz übel, als
er sich das ausmalte. Auf dem Weg nach Hause fragte er an jeder
Straßenkreuzung die Passanten: »Bitte, wissen Sie, ob hier vor kurzer
Zeit jemand einen Unfall gehabt hat - ein kleines Mädchen in einem
roten Kleid?« Aber niemand wußte etwas von einem Unfall. Jan fing
an zu heulen vor Sorge und schlechtem Gewissen. Kaum hatte seine
Mutter ihm die Tür aufgemacht, da stieß er schluchzend hervor:
»Mami - es ist etwas mit Babett passiert! Sie ist verschwunden -
vielleicht hat jemand sie verschleppt - oder sie ist unter ein Auto
gekommen! O Mami, es ist so gemein von mir gewesen, ich habe
mich einfach nicht um sie gekümmert - und nun ist sie fort! Was soll
ich nur machen? Es tut mir so leid, es ist alles meine Schuld!
Unsere süße kleine Babett! Wo mag sie nur sein? Mami - wenn
ich sie jemals wiedersehe, dann will ich von nun an immer auf sie
aufpassen, das verspreche ich dir!« Die Mutter öffnete schweigend
die Tür zum Wohnzimmer. Noch immer weinend ging Jan hinein -
und plötzlich sah er durch seine Tränen hindurch etwas Rotes auf
einem Stuhl. Da saß Babett in ihrem roten Kleidchen am Tisch. Sie
war beinahe fertig mit ihrem Abendessen und löffelte gerade
strahlend einen feinen Pudding. Jan rannte hin und umarmte sie.
»Babett - du bist da! O Babett, wie ,bin ich froh! Meine kleine
Babett, ich dachte, es wäre dir etwas passiert, weil ich dich alleinge­
lassen habe, ohne nach dir zu sehen!« »Ja, aber Tante Anni kam
vorbei und fand mich auf der Bank«, erklärte Babett, »und sie sah
euch auf der Wiese beim Handballspielen. Da hat sie mich
mitgenommen und mir eine große Portion Eis gekauft, und dann hat
sie mich heimgebracht. -Warum weinst du denn, Jan?« »Och, weiter
nichts«, murmelte Jan. »Hauptsache, du bist heil und gesund wieder
da.« Er hielt sie noch immer im Arm und drückte sie fest an sich.
»Ich will dir was sagen, Babett: von jetzt an kannst du dich auf
deinen großen Bruder verlassen!« Die Mutter stand an der Tür und
lächelte froh. Sie wußte, daß Jan Wort halten würde.

Pflaumenmus
»Ach, wenn ich doch Pflaumen hätte! Ich möchte so gern
Pflaumenmus kochen!« sagte die Fee Sorglos zu ihrem Nachbarn,
dem Igel Stachlig. Sie stand vor der Tür ihres winzigen Hauses, und
er raschelte im Laub unter der Hecke umher. »Kaufe doch welche!«
riet er. »Ich habe ja kein Geld!« klagte sie. Das war nichts Neues. Sie
hatte fast nie Geld. Entweder hatte sie alles ausgegeben, oder sie
hatte ihre Geldtasche irgendwo liegenlassen und wußte nicht mehr,
wo das gewesen war.
»Na, dann bitte doch Herrn Brummig von nebenan, daß er dir
Pflaumen gibt. Er hat genug davon, sie liegen massenhaft unter den
Bäumen auf dem Rasen. Er macht sich nicht einmal die Mühe, sich
danach zu bücken. Geh hinüber und nimm einen Korb mit!«
»O nein, das wage ich nicht«, antwortete die Fee Sorglos. »Herr
Brummig ist immer so unfreundlich und macht ein böses Gesicht.
Wenn er seine dicken dunklen Augenbrauen zusammenzieht, fürchte
ich mich. Aber kannst du nicht zu ihm gehen und Pflaumen holen,
Stachlig? Du bekommst auch einen Topf Pflaumenmus als Dank
dafür. Das könntest du auf die Pilze streichen, die du so gern ißt.
Stell dir vor, wie köstlich das schmecken wird!« »Hm«, meinte
Stachlig, »das wäre gewiß nicht übel. Und ich habe keine Angst vor
Herrn Brummig. Er kann seine Augenbrauen zusammenziehen,
soviel er will, es stört mich nicht.«
»Oh, dann geh bitte hin und hole mir Pflaumen!« rief die Fee
erfreut. Stachlig trippelte davon. Unterwegs blickte er mit seinen
kleinen Augen flink nach rechts und links, ob er nicht ein paar
leckere Schnecken fände. Schnecken aß er noch lieber als Käfer, weil
er sie nicht zu kauen brauchte.
Herr Brummig jätete Unkraut in seinem Garten und schaute nur
kurz auf, als Stachlig auf dem Kiesweg zu ihm kam. »Bitte, Herr
Brummig, dürfte ich ein paar Pflaumen haben?« fragte der Igel
höflich. »Wie denkst du dir das?« brummte Herr Brummig. »Willst
du auf den Baum klettern und dir welche pflücken?« »Nein klettern
kann ich leider nicht. Aber es liegen so viele am Boden, davon
könnte ich mir nehmen«, antwortete Stachlig. »Du kannst ja
höchstens eine in deinem kleinen Mund halten - ach, vielleicht nur
eine halbe! Und deine vier Füße brauchst du zum Laufen, also kannst
du keine in den Vorderpfoten tragen. Wegen einer halben Pflaume
machst du den weiten Weg hierher! Hahaha!«
»Erlauben Sie mir, daß ich so viele Pflaumen mitnehme, wie ich
tragen kann, Herr Brummig?« bat Stachlig. »Ich will Ihnen zum
Dank auch einen Dienst erweisen.« »Du willst mir einen Dienst
erweisen?« brummte Herr Brummig. »Hahaha - da wäre ich mal
neugierig, was das sein sollte!« Und er zog seine dicken dunklen Au­
genbrauen zusammen, vor denen die Fee Sorglos sich so sehr
fürchtete. Aber Stachlig hatte keine Angst. »Ja, Sie werden schon
sehen! Ich komme und vertilge sämtliche Schnecken in Ihrem Gar­
ten. Sie ärgern sich doch immer, daß die Schnecken ihren schönen
Salat anfressen.«
»Na gut«, sagte Herr Brummig ein wenig freundlicher. »Also geh
und nimm dir so viele Pflaumen, wie du forttragen kannst.
Aber ich sage dir, mehr als eine halbe wird das kaum sein.
Hahaha!« Stachlig lief zu der Stelle, wo der Rasen unter den
Obstbäumen ganz blau aussah von heruntergefallenen Pflaumen.
Aber er nahm nicht etwa eine Pflaume oder gar nur eine halbe in
seinen Mund, wie Herr Brummig gedacht hatte - nein er hatte eine
viel besser Idee. Er richtete seine spitzen Stacheln auf, und dann
wälzte er sich auf dem Rasen, wo die Pflaumen lagen. Immer
rundherum und rundherum drehte er sich, bis eine Menge Pflaumen
auf den Stacheln steckten. Nun sah er aus wie eine blaue Kugel.
Eilig trippelte er mit seiner Last davon. Herr Brummig, der sich
gerade einmal beim Unkrautjäten aufrichtete, sah ihn und schrie
hinter ihm her: »He, wie siehst du denn aus? Du meine Güte, das
sind ja meine Pflaumen, die du davonschleppst! Und so viele! Komm
sofort zurück!«
Aber Stachlig dachte nicht daran, zurückzukommen. Er rannte, so
schnell er konnte, den Weg entlang bis zum Häuschen der Fee
Sorglos. »Was ist das? Stachlig - bist du's?« rief sie verwundert. »Ja,
sag mal, was ist denn mit dir passiert?«
»Nichts weiter«, keuchte der schwerbeladene Igel. »Du wolltest
doch Pflaumen haben, damit du Pflaumenmus kochen kannst. Hier
sind sie.« »O Stachlig, du bist wirklich klug!« staunte sie.
»Ja, nicht wahr?« erwiderte er stolz. »Nun, nimm die Pflaumen
von meinen Stacheln ab, wasche sie, und dann koche Pflaumenmus!
Ich denke, es wird eine schöne Menge geben.«
»Du lieber, guter, kluger Stachlig!« rief die Fee. »Am liebsten
möchte ich dir zur Belohnung einen Kuß geben. Aber bei dir weiß
man ja nicht, wohin man küssen kann, ohne sich den Mund zu
zerstechen.« »Höchstens auf meine Nasenspitze. Aber ich lege nicht
viel Wert auf einen Kuß. Ein Topf Pflaumenmus ist mir lieber!«
»Den sollst du haben!« versprach Sorglos. »Ich fange gleich an, dann
ist das Pflaumenmus am Nachmittag fertig. Ich lade dich zum Kaffee
ein, und wir probieren es zusammen!«
Sie heizte den Herd an, und bald brodelte das Pflaumenmus im
Kessel. Ein herrlieher Duft zog durch das winzige Haus bis hinaus in
den Garten. Stachlig saß unter der Hecke und schnupperte, und ihm
lief schon das Wasser im Mund zusammen, wenn er an die
Leckerbissen dachte, die ihn heute nachmittag erwarteten: Pilz­
stückchen mit Pflaumenmus! Das Kaffeetrinken wurde wirklich
ein Fest, und Stachlig aß Pilzstückchen mit Pflaumenmus, bis er
nicht mehr konnte. »Ganz köstlich!« lobte er. »Ich habe noch nie
etwas so Gutes gegessen!« Dann gab die Fee Sorglos ihm den ver­
sprochenen Topf mit Pflaumenmus. »So, das hast du dir redlich
verdient«, sagte sie. »Jetzt kannst du wochenlang jeden Tag
Pilzstückchen mit Pflaumenmus essen.«
Glücklich und froh kehrte Stachlig heim. Aber er vergaß nicht,
was er versprochen hatte: er ging in Herrn Brummigs Garten und
verzehrte dort alle Schnecken. Keine einzige ließ er übrig. War es da
ein Wunder, daß Herr Brummig in diesem Jahr den schönsten Salat
in der ganzen Gegend hatte?

Pussi und Troll


Auf dem Bauernhof lebte die Katze Pussi. Sie sah aus wie ein
kleiner Tiger und mochte Hunde nicht leiden. Der Hund Troll lebte
auch auf dem Bauernhof. Er hatte ein dichtes braunes Fell und einen
buschigen Schwanz, konnte sehr laut bellen und mochte Katzen nicht
leiden.
Sobald die beiden einander sahen, sträubte sich ihr Rückenfell, der
Hund knurrte, und die Katze fauchte. Pussi wußte genau, daß Troll
ihr nichts tun konnte, wenn er an der Kette vor seiner Hütter lag.
Dann ging sie genau so weit heran, daß er sie nicht erreichen konnte,
guckte ihn an und machte einen Buckel. Troll ärgerte sich natürlich
und sprang kläffend an seiner langen Kette im Halbkreis herum. War
er aber nicht angekettet, so riß Pussi rechtzeitig aus und brachte sich
auf der Mauer in Sicherheit.
Eines Tages lief Troll um seine Hütte herum, soweit die Kette es
erlaubte. Da hatte jemand eine eiserne Erdwalze stehenlassen, und
der Hund schnupperte daran.
Dabei ging er rings um die Walze herum, seine Kette verfing sich
an einem der Griffe - und plötzlich konnte er nicht mehr vorwärts
und nicht zurück. Troll war erschrocken und versuchte sich zu
befreien. Aber je mehr er zerrte und sich drehte, desto stärker wurde
der Zug der Kette an seinem Halsband. Schließlich bekam er kaum
noch Luft, weil sich die Kette um seinen Hals gewickelt hatte. Er
konnte nicht mehr bellen, nur noch ganz schwach winseln, und
niemand hörte ihn. Noch immer kämpfte er verzweifelt gegen die
Kette, die ihn zu erdrosseln drohte, aber es war vergebens. Pussi war
das einzige Wesen, das Trolls jämmerliches Winseln hörte.
Neugierig kam sie heran, um zu sehen, was los war. »Bitte, hilf mir!«
keuchte Troll. »Ich ersticke!« Pussi betrachtete die eiserne Walze,
die Kette und den Hund, aber sie konnte ihn nicht befreien. Sie hätte
ja die schwere Kette nicht aufwickeln können. Aber etwas anderes
konnte sie tun, und das tat sie auch: sie lief ans Küchenfenster und
miaute laut, bis die Bäuerin herausschaute. »Was hast du denn,
Pussi? Wulst du Müch haben?«
Aber die Katze ließ die Milchschüssel unberührt stehen, miaute
wieder und lief ein Stück vorn Haus weg. Dann blickte sie sich um,
ob die Frau ihr folgte. Da begriff die Bäuerin, daß Pussi ihr etwas
zeigen wollte, und ging hinter ihr her. Als sie um die Hausecke kam,
hörte sie Trolls schwaches Winseln und sah, in welcher schlimmen
Lage der Hund war. Rasch hatte sie die Kette entwirrt und Troll
befreit. Dann streichelte und tröstete sie ihn und gab ihm einen
großen Napf frisches Wasser, das er gierig trank. Pussi saß auf der
Mauer und schaute zu. »Du kannst ruhig herunterkommen und dich
zu mir setzen«, sagte Troll, als die Bäuerin ins Haus gegangen war.
»Ich bin dir Dank schuldig und werde dir nie etwas zuleide tun.«
Pussi traute ihm nicht recht und blieb lieber auf der Mauer sitzen.
Aber sie unterhielten sich lange Zeit wie alte Freunde. Das taten sie
von nun an täglich. Dann kam ein Tag, an dem Pussi nicht auf der
Mauer saß. Troll wunderte sich, wo sie blieb, und als sie auch am
nächsten Tag nicht erschien, machte er sich Sorgen um sie. Ob ihr
etwas zugestoßen war?
Am dritten Tag war sie wieder da. »Ich habe Kinder bekommen«,
berichtete sie. »Vier reizende Kätzchen. Sie liegen in einem Korb in
der Küche, und sie gedeihen gut. Wenn nur die Kinder sie in Ruhe
lassen wollten! Paul und Lise nehmen sie immer wieder aus dem
Korb und schleppen sie herum. So kleine Katzen sind doch kein
Spielzeug!«
Als Pussi am nächsten Morgen wiederkam, war sie sehr aufgeregt.
»Denke dir, Paul hat eines meiner Kinderchen von seinem Arm
herunterfallen lassen!« erzählte sie. »Es geht nicht so weiter, ich muß
die Kleinen in Sicherheit bringen. Ich werde sie in die Scheune
tragen.« Sie nahm eines ihrer Jungen nach dem anderen behutsam
mit den Zähnen am Nackenfell und trug sie in die Scheune, wo sie
im Heu ein weiches Lager für sie fand. »Was ist denn los?« fragte
Troll, als sie ihn danach wieder besuchte. »Du siehst so betrübt aus.
Ist mit deinen Kleinen wieder etwas nicht in Ordnung?« »Ach«,
klagte Pussi, »da habe ich sie nun mit viel Mühe in die Scheune
gebracht und gehofft, sie hätten endlich Ruhe. Aber es dauerte kaum
einen halben Tag, da fanden uns die Kinder und holten die Kätzchen
zurück in die Küche. Sie wollten ihr Spielzeug wiederhaben!«
»Kratze ihnen doch mal ordentlich über die Hände, wenn sie wieder
nach deinen Kleinen greifen«, riet Troll. »Das möchte ich nicht gern
tun. Wir waren sonst immer gute Freunde. Weißt du, die Kinder sind
nicht böse, nur gedankenlos. Sie machen sich nicht klar, wie
schädlich es für so junge Kätzchen ist, dauernd aus dem warmen
Lager herausgenommen und herumgeschleppt zu werden. Das eine
hat ein lahmes Beinchen, weil Paul es gestern zu fest an sich
gedrückt hat. Wenn ich nur wüßte, wo ich sie verstecken könnte!«
»Es gibt einen sicheren Platz, wo niemand sie suchen würde«, sagte
er dann. »Ich weiß nur nicht, ob du einverstanden wärst.« »Wo ist
das denn?« fragte Pussi. „Hier, in meiner Hütte. Sie ist ja groß, und
warm ist es darin auch. Ich verspreche dir, daß ich ganz vorsichtig
sein will, ich bleibe vorn am Eingang und lasse euch hinten in der
Hütte ungestört.« „Und du tust meinen Kleinen ganz bestimmt nichts
zuleide - ich meine, weil sie doch Katzen sind?«
„Glaubst du, ich habe vergessen, wie du mir das Leben gerettet
hast, als die Kette mich beinahe erwürgt hätte? Wir Tiere nehmen es
ernst mit der Dankbarkeit, das solltest du wissen.«
Da zögerte Pussi nicht länger, sondern brachte ihre Jungen in die
Hundehütte. Sie gab gut acht, daß niemand es beobachten konnte.
Viermal lief sie hin und her, bis alle im warmen Stroh in einer Ecke
der Hundehütte lagen. Dann setzte sie sich daneben und schnurrte
froh. Jetzt war sie zufrieden. Troll hielt sein Versprechen. Er blieb
ganz vorn in der Hütte und paßte auf, daß er nicht etwa aus Versehen
auf eines der kleinen Tiere trat. Nicht einmal mit seinem Schwanz
streifte er sie. Ja, einmal, als Pussi ins Haus an ihre Futterschüssel
gegangen war, leckte er die winzigen Kätzchen zart und behutsam,
weil sie anfingen, kläglich zu miauen. Paul und Lise suchten überall
nach den verschwundenen Kätzchen. Sie riefen immer wieder nach
Pussi, aber Pussi kam nicht. Sie dachte nicht daran, ihr gutes
Versteck in der Hundehütte zu verraten! Endlich konnten ihre
Kleinen ungestört und geborgen in dem Nest aus Stroh
heranwachsen. Troll saß als treuer Wächter im Eingang zu seiner
Hütte und machte sich so breit, daß niemand sehen konnte, welches
Geheimnis sich hinter seinem Rücken verbarg.

Das Indianerfeuer
An einem schönen Herbsttag spielten Klaus und Kläre im Garten.
Plötzlich blieb Klaus stehen und zeigte auf einen Haufen von dürren
Zweigen, die in einer Ecke lagen. »Ich weiß was, Kläre!« rief er.
»Wir machen ein Feuer, ein richtiges Indianerfeuer! Es ist windig
heute, da werden die Flammen lustig tanzen!«
»Aber wir sollen doch beim Spielen keine Streichhölzer
benutzen«, mahnte Kläre. »Na ja, das stimmt. Aber wie willst du ein
Indianerfeuer anzünden ohne Streichhölzer?« Klaus kümmerte sich
nicht um Klares Bedenken. Er häufte noch ein paar abgesägte
Aststücke und vertrocknetes Laub auf die dürren Zweige. Dann lief
er ins Haus und kam mit einem Stück Zeitungspapier und einer
Schachtel Streichhölzer wieder. Das Papier wurde zusam­
mengeknüllt, unter die Zweige geschoben und angezündet.
Schon züngelten Fläminchen, es knackte und knisterte in dem
trockenen Holz, und bald schlug eine helle, hohe Flamme empor.
»Sieh nur, wie fein das brennt!« jubelte Klaus und sprang um das
Feuer herum. »Unser Indianerfeuer!« Kläre fand es jetzt auch
wunderschön und tanzte mit ihm um das Feuer herum. Sie schleppten
alles herbei, was sie an trockenem Abfall finden konnten, und warfen
es in die Glut.
Nach einer Weile meinte Kläre: »Das müßte Jürgen sehen! Er
hätte bestimmt Spaß daran. Wo steckt er eigentlich?« »Jürgen -
Jürgen!« rief Klaus laut nach dem älteren Freund.
Aus dem Nachbarhof an der anderen Seite der hohen Steinmauer
kam die Antwort: »Hier! Was ist denn los?« »Komm mal herüber,
Jürgen! Wir wollen dir was Feines zeigen!« »Ein paar Minuten
noch«, rief Jürgen. »Ich flicke gerade die Wäscheleine für meine
Tante fertig. Dann komme ich.« Klaus und Kläre warfen noch ein
paar trockene Äste auf das Feuer und gingen dann hinüber, um
Jürgen zu holen. Eine Weile sahen sie zu, wie er die Wäscheleine
verknotete und aufspannte. Als er fertig war, kam er mit ihnen in den
Garten. »Da - wie findest du das?« fragte Klaus stolz und deutete auf
das lodernde Feuer, das inzwischen viel höher geworden war. »Wie
ich das finde? Idiotisch!« schrie Jürgen und rannte zu dem Feuer hin.
»Klaus, was hast du da gemacht?! Der Schuppen hat ja Feuer
gefangen! Der Wind bläst die Flammen genau hin! Schnell, bringt
Wasser! Schnell!« Klaus und Kläre erschraken. In dem Schuppen
waren ihre Spielsachen, die sie im Freien benutzten: Schaukel, Roller
und Bälle. Und außerdem waren darin alle Gartengeräte und der
wertvolle Rasenmäher! Würde das nun alles verbrennen?
Sie rannten mit Eimern zwischen dem Wasserhahn und der
Feuerstelle hin und her und gössen Wasser auf die Flammen. Sie
keuchten vor Anstrengung und Angst. Jürgen trieb sie immer noch
mehr zur Eile an, zeigte ihnen, wo sie noch löschen mußten, und
schaffte so viel wie sie beide zusammen.
Endlich hatten sie das Feuer erstickt. Ein scharf riechender Qualm
stieg auf, und sie mußten husten. Jetzt sahen sie sich den Schaden an.
Die hölzerne Wand des Schuppens war schwarz versengt, aber im
Inneren schien alles unversehrt zu sein.
»So«, sagte Jürgen, »da habt ihr ja noch mal Glück gehabt. Wenn
der Schuppen abgebrannt wäre, hätte der schöne Birnbaum
wahrscheinlich auch mit dran glauben müssen, der daneben steht.
Aber sag mal, Klaus, wie bist du überhaupt auf die blödsinnige Idee
gekommen, bei solchem Wind ein Feuer anzuzünden? Und noch
dazu so nahe bei dem Schuppen! Wenn einer so wenig nachdenkt,
dann darf er wirklich noch keine Streichhölzer in die Hände
bekommen!«
Klaus wurde rot. »Ich habe mir wirklich nichts dabei gedacht«,
murmelte er. »Ich fand es nur so schön, ein Indianerfeuer zu
machen.«
»Das nächste Mal überlegst du aber gefälligst doch erst ein
bißchen, ehe du solche Spiele anfängst!« sagte Jürgen ernst. »Das
weitere wirst du wohl von deinen Eltern zu hören bekommen, wenn
sie die verbrannte Schuppenwand sehen!«

So ein schrecklicher Hund!


»Unsere neuen Nachbarn haben einen Hund«, sagte die Mutter
beim Frühstück zu Karin. »Ein niedlicher kleiner Kerl, er wird dir
bestimmt gefallen.« Eigentlich mochte Karin Hunde nicht besonders
leiden. Aber auf dem Weg zur Schule sah sie sich doch um, ob sie
den Hund entdeckte. Ja, da war er. Er stand hinter dem Gartentor am
Nachbarhaus, guckte Karin entgegen und wackelte freudig mit
seinem drolligen Stummelschwanz, als habe er auf sie gewartet. Das
Tor war geschlossen, er konnte nicht heraus. Karin beugte sich über
das Tor, um den Hund genauer zu betrachten. Schon sprang er empor
und leckte mit seiner Zunge über ihre Nase. Sie fuhr zurück. »Pfui,
schäm dich!« rief sie. »Das tut man nicht!« Sie wußte nicht, daß der
kleine Hund sie nur zärtlich begrüßen wollte und dies auf seine Art
tat. Sie ging weiter, den Schulranzen auf dem Rücken, ihren Ball in
der Hand. Sie wußte, daß sie auf der Straße nicht mit dem Ball
spielen durfte, und sie tat es auch nicht; es wäre zu gefährlich
gewesen, wenn er auf die Fahrbahn rollte und sie hinter ihm her lief.
Aber in der Pause wollte sie im Schulhof mit ihren Freundinnen Ball
spielen, das war erlaubt. Auf einmal kamen schnelle, trippelnde
Schritte hinter ihr her. Sie drehte sich um - und da war der kleine
Hund! Er war über das niedrige Gartentor gesprungen und ihr
nachgelaufen. Der Ball in ihrer Hand war zu verlockend! Es war
nämlich sein Lieblingsspiel, hinter einem Ball herzujagen, den man
ihm hinwarf. Seine Herrin tat das oft, und er konnte nie genug davon
bekommen. Aber jetzt hatte seine Herrin wenig Zeit für ihn, und
deshalb war er froh, daß Karin gekommen war. Immer wieder sprang
er an dem kleinen Mädchen hoch, kläffte und versuchte nach dem
Ball zu schnappen. »So wirf mir doch endlich den Ball hin!« hieß
das. »Warum spielst du nicht mit mir?« Doch Karin war den
Umgang mit Hunden nicht gewohnt, und sie verstand nicht, was er
wollte.
»Pfui!« sagte sie wieder. »Spring nicht immer an mir hoch! Du
machst ja mein Kleid schmutzig mit deinen Pfoten!«
Sie hielt den Ball hoch, damit der Hund ihn nicht erreichen
könnte. Das verstand er falsch - er glaubte, jetzt ginge das Spiel
endlich los. Er sprang hoch empor, und es gelang ihm, mit seiner
Nase den Ball aus Karins Hand zu stoßen. Begeistert rannte er hinter
dem runden, bunten Ding her, das über das Pflaster rollte. Karin war
empört. »Mein Ball!« rief sie. »Jetzt hast du mir meinen Ball
weggenommen, du schrecklicher, böser Hund!« Den kleinen Hund
störte das gar nicht. Er hatte den Ball jetzt mit den Zähnen erwischt,
warf ihn in die Luft, packte ihn wieder und tanzte dabei immer um
Karin herum.
»Nun hasch mich, fang mich, spiele doch mit!« hieß sein
fröhliches Geblaff. Karin versuchte wirklich, ihn zu fangen. Sie
wollte nicht mitspielen, sondern nur ihren Ball wiederhaben. Aber
sooft sie nach ihm griff, rannte der Hund mit dem Ball ein Stückchen
fort. Für ihn war das ein riesiger Spaß.
»O du schrecklicher Hund!« rief Karin und hatte Tränen in den
Augen. »Gib endlich meinen Ball her, und dann laß mich in Ruhe!
Ich mag dich überhaupt nicht leiden, und ich finde dich gar nicht
niedlich! Gib den Ball her - ich komme sonst noch zu spät zur
Schule!«
Aber der kleine Hund dachte nicht daran, das wunderschöne Spiel
so bald zu beenden. Karin konnte ihn nicht erwischen, und
schließlich mußte sie ohne ihren Ball zur Schule gehen.
Sie kam zu spät und bekam einen Tadel. Ärgerlich dachte sie:
Auch das noch! An allem ist dieser schrecklicher Hund schuld! Und
meinen schönen Ball bin ich auch los! Ihren Ball sollte sie aber
wiederbekommen. Als sie von der Schule heimkam, saß der kleine
Hund vor dem Nachbarhaus und wartete auf sie. Sobald er sie er­
blickte, brachte er den Ball in seinem Maul herbei und legte ihn vor
Karin hin. Sie sollte den Ball werfen, und er wollte ihn fangen und
wieder so schön mit ihr spielen wie vorhin! Karin verstand ihn nicht
oder wollte ihn nicht verstehen. Sie griff schnell nach dem Ball, aber
sie warf ihn nicht, sondern schaute ihn sich an. An mehreren Stellen
waren die Spuren der Hundezähne zu sehen, und er war nicht mehr
so schön wie früher. Karin war darüber so zornig, daß sie heftig mit
dem Fuß aufstampfte. Der kleine Hund, der erwartungsvoll dicht bei
ihr stand, machte erschrocken einen Satz rückwärts. »Du böser
Hund! Du schrecklicher Hund!« schrie sie ihn an. »Mach, daß du
fortkommst! Ich will dich nicht mehr sehen!« »Nanu, Karin«, klang
die Stimme ihrer Mutter vom Vorgarten her. »Warum zankst du denn
mit dem Hund? Ich dachte, du fändest ihn reizend und könntest nett
mit ihm spielen.«
»Reizend?« erwiderte Karin empört. »Schrecklich ist er und
heimtückisch! Ich mag nicht mit ihm spielen und bin froh, wenn ich
ihn nicht sehen muß!« Und dabei blieb es auch in den folgenden
Tagen. Immer, wenn sie aus dem Haus trat, kam der kleine Hund auf
sie zugesprungen und hoffte, sie würde ihn streicheln und mit ihm
spielen. Sonst waren alle Menschen nett zu ihm - nur Karin nicht, die
er doch so gern mochte! Jedesmal, wenn sie an ihm vorüberging,
ohne ihn zu beachten, blickte er aus großen, erstaunten Augen hinter
ihr her. Sein drolliges Schwänzchen hörte auf zu wackeln und hing
betrübt herab, und dann schlich der kleine Hund enttäuscht nach
Hause.
Er hatte das Gefühl, als hätte er Schläge bekommen. -
Eines Nachmittags war Karin bei ihrer besten Freundin zum
Geburtstagskaffee eingeladen. Sie zog ihr Sonntagskleid an, dazu
weiße Söckchen und Lackschuhe. Es war schönes, sonniges Wetter,
und die Mutter meinte, Karin könne ihren neuen Hut aufsetzen. Es
war ein sehr hübscher Hut, und Karin war stolz auf ihn; sie wußte,
wie gut er ihr stand. »Paß an der Straßenecke auf, Karin«, warnte die
Mutter. »Da kommen manchmal plötzlich Windstöße. Halte deinen
Hut fest, damit er nicht weggeweht wird!« Karin nahm ihr
Handtäschchen und das Geschenk für die Freundin und ging fort.
Wie immer kam der kleine Hund vom Nachbarhaus, um sie zu
begrüßen, und wie immer tat sie, als sähe sie ihn nicht. Mit
eingekniffenem Schwänzchen trottete er hinter ihr her. Er konnte
noch immer nicht begreifen, warum sie so abweisend zu ihm war.
»Huiii!« machte der Wind an der Straßenecke. Karin hatte nicht
rechtzeitig nach ihrem Hut gegriffen, und schon war er auf und
davon geweht. Jetzt rollte er auf seinem Rand wie ein Rad, immer
rundherum, und nun rollte er vom Gehweg auf die Fahrbahn.
»Mein Hut!« rief Karin erschrocken. »Mein schöner neuer Hut!«
Kaum hatte der kleine Hund den davon-rollenden Hut gesehen, da
raste er auch schon vergnügt bellend hinter ihm her. War dies ein
neues Spiel? Hatte das kleine Mädchen das runde Ding geworfen,
damit er es fangen sollte? Wie fein, daß sie nun endlich doch mit ihm
spielen wollte! Er kam fast unter ein Auto, als er nach dem Hut jagte.
Ein Radfahrer konnte noch knapp ausweichen, sonst hätte er ihn
überfahren. Unbekümmert rannte der kleine Hund mit hellem
Kläffen weiter mitten zwischen den Fahrzeugen herum - er hatte ja
noch keine Ahnung, wie gefährlich das war.
Schließlich konnte er den Hut packen. Stolz hielt er ihn zwischen
den Zähnen und wollte ihn gerade in die Luft werfen, um ihn wieder
zu fangen, da hörte er Karins Stimme:
»Hierher - bring ihn hierher! Ach bitte, bring ihn doch!« Das Wort
»Hierher« kannte der Hund. Das sagte seine Herrin immer, wenn er
einen Gegenstand zu ihr bringen sollte. Gehorsam schleppte er den
Hut zu Karin auf den Gehweg und legte ihn vor ihre Füße. Dann
blickte er erwartungsvoll zu ihr auf und wackelte mit dem
Schwänzchen. Seine brauen Augen glänzten, und seine rosa Zunge
hing weit heraus, weil er so schnell gerannt war.
Karin hob den Hut auf und betrachtete ihn. Sie war erstaunt und
erfreut, daß er heil geblieben war. Nur ein bißchen staubig war er,
aber das ließ sich ja leicht abklopfen. Dann sah sie den Hund an, der
vor ihr saß und sie unentwegt anblickte. »Danke«, sagte sie und
beugte sich zu ihm nieder, um seinen Kopf zu streicheln. »Das war
wirklich lieb von dir - besonders, weil wir doch gar keine Freunde
waren. Aber jetzt wollen wir Freunde sein, nicht wahr?«
»Wuffl« antwortete der kleine Hund und schaute noch immer mit
seinen blanken Augen zu ihr empor. Dann hob er auf einmal die
rechte Vorderpfote und streckte sie ihr hin. Das hatte er gerade erst
gelernt und war stolz darauf. »Wie, du willst mir Pfötchen geben?«
fragte Karin erstaunt und erfreut. »Wollen wir uns als gute Freunde
die Hände schütteln, ja?« Und sie ergriff sein Pfötchen und drückte
es zart.
Der kleine Hund war außer sich vor Freude. Er sprang auf und
tanzte um Karin herum auf dem ganzen Weg bis zu ihrer Freundin.
Dort wartete er geduldig vor dem Haus, um sie wieder zu begleiten,
als sie abends heimging. Am nächsten Tag konnte sie es gar nicht
erwarten, bis sie hinausgehen und mit dem kleinen Hund spielen
konnte.
»Ich dachte, das sei ein böser, schrecklicher, heimtückischer
Hund?« sagte die Mutter lächelnd, als Karin bei der Begrüßung ihren
neuen Freund auf den Arm nahm und zärtlich an sich drückte. »Wer
böse war, das war ich, Mutti«, antwortete Karin und streichelte das
weiche Hundefell. »Ich war schrecklich - aber das ist jetzt anders
geworden!« Von nun an waren die beiden unzertrennlich - Karin und
der kleine Hund aus dem Nachbarhaus.

Tinas Bäume
»Weißt du, Vati«, sagte Tina eines Tages, als sie beide in dem
Garten standen, der hinter dem Haus war, »eigentlich ist es hier recht
kahl. Wir müßten einen Baum haben, einen schönen großen Baum.
Dann könnten wir in seinem Schatten sitzen, wenn es heiß ist.« »Ja,
Tina, du hast recht«, antwortete der Vater. »Aber ich habe jetzt nicht
so viel Geld, um einen Baum zu kaufen. Wieviel hast du denn in
deiner Sparbüchse?« »Nicht mal mehr eine Mark«, gestand Tina.
»Vorige Woche war doch hier Jahrmarkt, weißt du, da habe ich alles
ausgegeben.« »Nun, wenn wir uns keinen großen Baum kaufen
können, dann müssen wir uns eben einen kleinen holen. Komm mit
in den Wald!«
»Darf man sich denn da einfach einen Baum holen?«
»So einen, den ich meine, darf man nehmen«, lächelte der Vater.
»Soll ich den Handwagen mitnehmen, Vati? Und den Spaten?«
»Nein, Iaß den Wagen und den Spaten nur zu Hause. Unser Baum
hat in deiner Faust Platz.«
»O Vati, jetzt machst du aber Spaß!« »Bestimmt nicht. Komm
nur, du wirst schon sehen.«
Sie gingen in den Wald. Es war Herbst, und unter einem
Eichenbaum lagen viele Eicheln am Boden. Der Vater hob eine auf
und gab sie Tina.
»Hier hast du deinen Baum«, sagte er. Tina blickte ihn verblüfft
an, aber weil er nichts hinzufügte, fragte sie nicht weiter. Nach einer
Weile kamen sie an den Waldrand, wo unter einem Kastanienbaum
braunglänzende Kastanien lagen. Der Vater bückte sich, hob eine auf
und gab sie Tina.
»Nun hast du sogar zwei Bäume für deinen Garten«, sagte er. »In
jeder dieser beiden Früchte, so klein, daß du sie in deiner Faust
verbergen kannst, steckt ein ganzer großer Baum. Wir werden sie im
Garten in die Erde legen und abwarten, was geschieht.«
Es geschah wirklich etwas. Zwar nicht sofort, man mußte schon
ein bißchen Geduld haben und warten können. Aber nach ein paar
Jahren saß Tina dann unter ihren eigenen Bäumen. Sie gaben noch
nicht viel Schatten, doch Tina war ja klein, für sie genügte er. Und
die Bäume wuchsen mit Tina um die Wette; jedes Jahr waren sie ein
Stück höher und ihre Laubkronen breiter geworden. »Du hast mir
alles erklärt, Vati«, meinte Tina nachdenklich und sah hinauf in die
grünen Blätter, die sich leise im Wind bewegten, »aber ich kann es
trotzdem nicht begreifen, wie so ein großer Baum in einer winzigen
Eichel oder Kastanie stecken kann. Es ist doch ein Wunder, nicht?«
»Ja, Tina«, erwiderte der Vater. »Es ist ein Wunder.«

Die Fratzenschneider
»Ihr seid doch zwei schreckliche Kinder!« zankte die
Teddybärenmutter. »Immerzu müßt ihr miteinander streiten und euch
prügeln! Jetzt gebt euch die Pfoten, und vertragt euch!«
»Ich denke nicht daran, einem so bösen Bären wie Brauni ein
Pfötchen zu geben!« brummte Struppi.
»Und ich denke nicht daran, mich mit einem so gräßlichen Bären
wie Struppi zu vertragen!« brummte Brauni. Struppi murrte: »Wie
kommt es nur, daß gerade ich so einen widerwärtigen Kerl als Bruder
haben muß? Andere Bären haben nette Geschwister. Am liebsten
möchte ich überhaupt nicht mehr mit ihm Zusammensein müssen.«
»Mama!« schrie Brauni. »Hast du das gehört? So redet er
immer von mir! Gib ihm einen ordentlichen Klaps!« Brauni blickte
finster auf Struppi, und der streckte ihm dafür die Zunge heraus.
Seufzend schüttelte die Mutter den Kopf. Was sollte sie nur mit ihren
beiden Teddykindern tun? Immer wieder gab es Zank und Streit, nie
konnten sie friedlich zusammen spielen. Sie hatte schon alles
versucht, in Güte und Strenge: sie hatte ihnen gut zugeredet, hatte
ihnen Belohnungen versprochen, wenn sie nett zueinander wären. Sie
hatte auch Klapse ausgeteilt und die beiden zur Strafe vorzeitig ins
Bett geschickt. Aber nichts hatte geholfen.
Jetzt hatte sie einen Gedanken. »Kommt einmal her, ihr beide«,
sagte sie. »So, du Brauni, setz dich auf diesen Stuhl - und du,
Struppi, auf den Stuhl gegenüber. Ja, so ist es gut.«
»Was soll das, Mama?« fragten die kleinen Bären, aber sie
gehorchten, wenn auch zögernd. Jeder saß auf einem Stuhl, und sie
sahen einander nicht an. »Ich finde«, meinte die Bärenmutter, »wenn
ihr euch gegenseitig nun mal durchaus nicht leiden könnt, dann sollte
man euch Gelegenheit geben, das auch richtig zu zeigen. Ihr dürft
euch jetzt nach Herzenslust Fratzen schneiden, so böse Gesichter,
wie ihr sie macht, wenn ihr euch zankt. Immer abwechselnd: einer
zieht Fratzen, und der andere guckt zu. Aber ihr dürft dabei kein
Wort reden.
Brauni, du kannst anfangen, nachher kommt Struppi dran. Es muß
doch eine große Freude für euch beide sein, wenn ihr euch mal so
ordentlich böse Gesichter machen könnt, ohne daß ihr von mir
Schelte dafür bekommt!« Hei! dachte Brauni. Das ist mal eine gute
Idee! Ich werde ein Gesicht machen, über das sich Struppi bestimmt
mächtig ärgert. Er riß seine Augen auf, so weit er konnte, und rollte
sie furchterregend immer rundherum. Dazu machte er seinen Mund
ganz breit. Puh! dachte Struppi. Das ist keine besondere Fratze. Jetzt
werde ich ihm mal eine zeigen, die richtig scheußlich ist! Er stellte
seine kleinen runden Ohren auf, schielte schauerlich, streckte die
Zunge heraus, so lange es ging, und wackelte damit. Er meinte, das
sähe fürchterlich aus, aber eigentlich wirkte es mehr komisch. Das
fand Brauni auch, und beinahe hätte er gelacht. Doch dann erschrak
er. Das fehlte ja noch, daß er über Struppis Fratze lachte! Nun war er
wieder an der Reihe und dachte sich etwas aus. Er zog seine runden
Bäckchen nach innen, schloß die Augen bis auf einen schmalen Spalt
und rümpfte die Nase.
Struppi mußte kichern, aber er hustete schnell, damit Brauni es
nicht etwa merkte. Nein, war das ein drolliges Gesicht, das Brauni da
eben gemacht hatte! Jetzt blies Struppi eine Backe auf, kniff ein
Auge zu und ließ das andere offen. Dazu preßte er seine Nase mit der
Pfote platt. Brauni konnte nicht anders - er platzte heraus mit einem
lauten Gelächter. »Aber Brauni!« rief die Mutter vom Herd herüber.
»Ich habe euch gesagt, ihr sollt euch gegenseitig Fratzen zeigen, aber
nicht sprechen und natürlich erst recht nicht lachen! Nun macht euch
nur weiter böse Gesichter, weil ihr einander doch nicht leiden mögt.
Dabei ist gar nichts Komisches, also braucht ihr auch nicht zu
lachen!«
»Ach, Mama, ich weiß keine neuen Fratzen mehr«, sagte Brauni.
»Nun, dann macht ihr eben die gleichen noch einmal«, schlug die
Mutter vor. »Ihr lauft doch oft genug den ganzen Tag herum und
zieht die fürchterlichsten Gesichter, wenn ihr euch streitet. Seid froh,
daß ich es euch heute ausdrücklich erlaube. Also bitte, ihr dürft bis
zum Mittagessen weitermachen!«
Sie ging hinaus. Struppi machte noch eine Grimasse, und Brauni
fiel fast von seinem Stühlchen vor Lachen. »O Struppi, das war
wunderbar!« rief er. »Wie machst du das?« »Das werde ich dir
zeigen«, antwortete Struppi. »Siehst du - so - und dann so.« Brauni
lachte noch immer. »Ein richtiges Ziegengesicht, Struppi! Du kannst
wirklich feine Fratzen schneiden, viel besser als ich.«
»Dafür machst du bessere Purzelbäume als ich«, gab Struppi
großmütig zu und lächelte seinen Bruder an. Brauni starrte ihm ins
Gesicht »Das eben war keine Fratze, das Lächeln, nein?« fragte er.
»Es sah hübsch aus.« »Na ja«, meinte Struppi etwas verlegen, »weißt
du, eigentlich ist es furchtbar langweilig, hier zu sitzen und sich
gegenseitig stundenlang Fratzen zu schneiden. Findest du nicht auch?
Ich möchte viel lieber eine Garage für unsere kleinen Autos bauen.«
»O ja, das möchte ich auch!« rief Brauni. »Aber Mama hat doch
gesagt, wir sollten bis Mittag hier sitzen und uns böse angucken -«
»Ach, dazu habe ich überhaupt keine Lust mehr - und du
bestimmt auch nicht. Komm, wir gehen zu Mama und fragen sie, ob
wir aufhören dürfen.« Sie faßten sich an den Pfötchen und gingen zur
Mutter. »Ich verstehe euch wirklich nicht«, sagte die Teddymutter
und blickte die beiden streng an. »Bisher hatte ich den Eindruck, als
gäbe es für euch nichts Schöneres, als recht garstig zueinander zu
sein, und deshalb habe ich euch diesen Wunsch erfüllt. Und jetzt
kommt ihr auf einmal und wollt miteinander spielen wie zwei
Freunde?« »Ja, das wollen wir«, antworteten Brauni und Struppi
gleichzeitig. »Nun gut. Aber eins sage ich euch: Sobald ihr wieder
anfangt zu streiten, müßt ihr zu mir kommen und es mir sagen. Dann
dürft ihr euch wieder auf die Stühle setzen und euch böse Gesichter
zeigen, schön abwechselnd, damit es gerecht zugeht. Habt ihr
verstanden?« »Ja, Mama«, sagten die beiden Teddys wieder
gleichzeitig. Dann liefen sie und holten ihre Bauklötze, um die
Garage zu bauen. Die Teddymutter lauschte ab und zu, ob nicht
wieder streitende Stimmen zu hören wären - aber es blieb still. Die
beiden Bärenbrüder spielten einträchtig zusammen, und sie waren
erstaunt, wieviel Spaß das machte. Sie wollten keinesfalls noch
einmal auf den Stühlen sitzen und einander Fratzen schneiden
müssen; das hatte ihnen gar nicht gefallen. Wenn sie einmal
verschiedener Meinung waren, so fingen sie nicht mehr an zu
schreien und zu schimpfen wie früher, sondern sie sprachen in Ruhe
darüber und einigten sich dann. So kann man es nämlich auch
machen.

Die vergeßlichen Hirten


Es waren einmal drei Hirten. Die Schafe, die sie hüteten, waren so
winzig, daß sie bei Regen unter den Blättern der Gänseblümchen
Schutz fanden. Die Schäfer waren nicht viel großer als ihre Tiere.
Jeder trug einen Hirtenstab in der Hand, und jeder hatte an seinem
Gürtel eine klitzekleine Tasche hängen, die war geformt wie ein Herz
und von grasgrüner Farbe. In diesen Täschchen bewahrten die
Schäfer ihr Geld auf.
Sie zogen mit ihrer Schafherde über eine blühende Wiese.
»Heute kommen wir in den Schlüsselblumen-Wald«, sagten sie
zueinander. »Morgen werden wir am Dotterblumen-Hügel sein und
übermorgen dort unten im Veilchengrund.« Sie führten ein
fröhliches, sorgloses Leben. Ihre Schafe machten ihnen wenig Mühe
und waren meistens brav. Die Hirten waren gut Freund mit vielen
Tieren. Manchmal halfen sie den Raupen, ihre alte Haut abzustreifen,
die ihnen zu eng geworden war, oder sie drehten Käfer um, die auf
den Rücken gefallen waren und hilflos mit den Beinen in der Luft
strampelten. Die gutmütigen Hummeln luden die drei Schäfer oft ein,
aufzusitzen und auf ihnen einen Rundflug über die Wiese zu
unternehmen. Das machte den kleinen Hirten jedesmal besondere
Freude.
Eines Abends trieben sie ihre Herde neben ein paar
Gänseblümchen. Dort wollten sie übernachten. Sie hängten ihre
Hirtenstäbe an eine Grasrispe. »Und wohin tun wir unsere Geldtäsch­
chen?« fragte der eine Hirt. »Wir haben heute einige Schafe verkauft,
darum ist viel Geld darin, und sie sind schwer. Wo können wir sie
aufhängen? Der Grashalm würde sich unter der Last biegen.« Sie
schauten sich um, und da sahen sie eine Pflanze, die in der Nähe
wuchs. Sie hatte einen kräftigen Stengel, der winzige, weiße Blüten
trug. Ganz oben hatten die Blüten sich eben geöffnet, aber weiter un­
ten waren sie schon abgeblüht. Die Blütenstiele saßen waagerecht am
Stengel und sahen aus wie kleine Garderobehaken.
»Das ist der richtige Platz für unsere Täschchen«, sagten die
Hirten und hängten ihre grünen Geldtaschen an die Stiele. Dann
legten sie sich schlafen. Am Morgen, als sie erwachten, sahen sie,
daß ihre Schafe allein weitergezogen waren. Rasch sprangen die
Hirten auf, ergriffen ihre Hirtenstäbe und liefen hinter ihrer Herde
her. Die Täschchen vergaßen sie in der Eile.
Erst am Abend fanden sie die Schafe, die friedlich weideten. Und
nun merkten sie, daß sie ihre Täschchen nicht bei sich hatten. Also
gingen sie zurück, um sie zu holen.
»Seht nur - seht!« riefen sie erstaunt, als sie zu der Pflanze kamen,
an der sie ihre Täschchen gehängt hatten. »Unsere Täschchen
sind angewachsen!« Und so war es. Die kleinen grünen Taschen
saßen fest an den Blütenstielen. »Bitte, nehmt mir die Täschchen
nicht wieder fort!« bat die Pflanze. »Ich kann sie so gut brauchen,
um meine Samen hineinzutun!« Da ließen die freundlichen Hirten
die Täschchen, wo sie waren. Seitdem trägt die Pflanze die
herzförmigen Täschchen, und darum nennt man sie Hirtentäschel.
Auf Wiesen und an Wegrändern kann man sie finden, und wenn man
eines der grünen Täschchen öffnet, sieht man darin den
Pflanzensamen - dort, wo früher einmal die Hirten ihr Geld
aufbewahrten.

Kaspers Weihnachtsfest
In der Zeit vor Weihnachten waren alle Bewohner des
Spielzeugschrankes eifrig mit Vorbereitungen für das Fest
beschäftigt. »Was wünscht du dir, Teddy?« fragte die Puppe Angela
den braunen Plüschbären. »Vielleicht eine neue hellblaue Halsschlei­
fe?«
»Möchtest du wieder die feinen Schokoladeplätzchen haben wie
voriges Jahr?« wollte eine andere Puppe von dem kleinen weißen
Hund wissen, der auf Rädern lief. »Soll ich dir etwas für deine Arche
schnitzen?« erkundigte sich die Matrosen-Puppe bei Noah. »Ich
könnte dir einen Türklopfer machen, damit du gleich weißt, wenn je­
mand zu Besuch kommt.« Aber niemand fragte den Kasper, was er
sich wünschte. Darüber war er sehr betrübt. Er hätte so gern gesagt,
was sie ihm schenken sollten: neue Knöpfe für seinen Kittel,
Schnürsenkel für seine Schuhe, einen kleinen Kamm und etwas
Süßes zum Naschen.
Ganz allein hockte Kasper in einer dunklen Ecke und murmelte
vor sich hin: »Alle dürfen ihre Wünsche sagen, nur ich nicht! Warum
nur? Ich glaube, die anderen mögen mich nicht. Nun ja, ich weiß,
daß ich häßlich bin mit meinem dicken Kopf, meiner großen Nase
und dem breiten Mund. Und manchmal bin ich ziemlich grob, das ist
wahr. Sie lachen wohl über meine Späße, aber keiner hat mich lieb.
Und ich möchte doch so gern zu Weihnachten auch eine Freude
haben! Was soll ich nur tun? - Ach, ich weiß! Ich werde einfach zu
Fiffi gehen und fragen, was sie sich wünscht; und dann muß sie doch
sagen: >Und du, Kasper, was möchtest du denn haben?<«
Also ging er zu der kleinen Blechmaus Fiffi, die man aufziehen
konnte, und fragte sie nach ihren Wünschen. »Ich wünsche mir ein
paar neue Barthaare, wenn ihr so etwas auftreiben könnt«, antwortete
Fiffi. »Das wäre etwas Schönes und Praktisches.« Aber sie fragte
nicht nach seinen Wünschen. Traurig ging Kasper in seine Ecke
zurück. »Jetzt weiß ich genau, daß sie mich nicht leiden mögen«,
sagte er zu sich selbst. »Deshalb wollen sie mir auch nichts zu
Weihnachten schenken. Jeder hat seine Wünsche sagen dürfen, nur
mich hat keiner gefragt. Nun, ich werde trotzdem jedem von ihnen
ein Geschenk hinstellen, aber ich selbst werde vor dem Weih­
nachtsfest weggehen. Ich kann es nicht ertragen, dabeizustehen und
zuzuschauen, wie alle etwas bekommen, nur ich nicht! Und wenn sie
mich nicht leiden können, werden sie froh sein, wenn ich nicht mit
ihnen Weihnachten feiere.« Die anderen Spielsachen wunderten sich,
warum Kasper sich abseits hielt und ein finsteres Gesicht machte.
Zuerst fragten sie ihn manchmal, was er denn habe; aber als er nur
immer schweigend den Kopf schüttelte, ließen sie ihn in Ruhe. Nun
war er unglücklicher als je zuvor. Kasper beschloß, zwei Tage vor
Weihnachten fortzugehen.
»Sie werden sich wundern, wenn ich auf einmal nicht mehr da
bin«, murmelte er. »Aber vermissen werden sie mich bestimmt nicht.
Es ist wirklich am besten, wenn ich weggehe. Also, was brauche ich
für unterwegs? Ich muß ein paar Sachen einpacken. Wo finde ich
einen Koffer?« Da fiel ihm ein, daß er einmal ganz hinten im
Spielzeugregal einen Koffer gesehen hatte. Er kletterte hinauf, und
richtig, da stand der Koffer. Kasper zog ihn hervor, um seine
wenigen Habseligkeiten einzupacken.
»Er ist ziemlich schwer«, meinte er verwundert. »Hoffentlich ist
nichts darin. Sonst muß ich ihn erst leermachen.« Er öffnete den
Deckel - und heraus fielen viele Päckchen, alle hübsch in Weih­
nachtspapier verpackt und mit bunten Bändern darum. An jedem
hing ein Zettel. Für wen mochten sie wohl bestimmt sein? Das wollte
Kasper gern wissen, und er las, was auf den Zetteln stand: »Meinem
lieben Kasper. Heini, der Matrose.« - »Für Kasperle von Fiffi.« ­
»Von Puppe Angela für den lieben, guten Kasper.« - »Frohe
Weihnachten wünschen ihrem lieben Kasper die Puppen aus dem
Puppenhaus.«
Kasper war so überrascht und verwirrt, daß er sich einfach neben
die Päckchen auf den Boden plumpsen ließ und ein ganz dummes
Gesicht machte. Was war denn das? Die anderen hatten ihn also doch
lieb? Schnell legte er die Päckchen in den Koffer zurück, schloß ihn
und stellte ihn an seinen Platz.
»Nein, so etwas!« sagte er und schüttelte den Kopf. »Da habe ich
geglaubt, keiner mag mich leiden! Und gerade in dem Koffer, mit
dem ich ausreißen wollte, entdecke ich die Geschenke, die sie für
mich bereit haben! Ich muß mich ja schämen! Wie konnte ich nur so
dumm und mißtrauisch sein? Eigentlich verdiene ich gar nicht, daß
sie mich so reich beschenken!«
Zum erstenmal seit langer Zeit machte Kasper am nächsten
Morgen wieder ein fröhliches Gesicht und lachte. Die Spielsachen
waren erfreut, als sie das sahen, denn so hatten sie ihren Kasper am
liebsten. Sie hatten es schrecklich gefunden, daß er eine Zeitlang
immer so mürrisch und finster ausgesehen hatte, und sie konnten sich
nicht denken, warum. Daß er unglücklich war, ahnten sie ja nicht. In
den beiden letzten Tagen vor Weihnachten arbeitete Kasper mit
großem Eifer an seinen Geschenken; er wollte für jeden noch eine
besondere Überraschung bereit haben. Dabei sang und pfiff er und
machte tausend Spaße.
»Jetzt ist er wieder ganz wie früher, unser lieber Kasper«, sagten
die Spielsachen zueinander, als er sie einmal nicht hören konnte.
»Der liebe, gute kleine Kerl! Wie schön, daß wir alles bekommen
haben, was er sich zu Weihnachten wünschte! Wir mußten ihn ja
nicht einmal fragen, weil wir genau wußten, was er haben wollte: die
Knöpfe für seinen Kittel, die Schnürsenkel für seine Schuhe, den
kleinen Kamm und etwas Süßes zum Naschen. Und ein paar
Überraschungen sind auch noch dabei. Na, er wird Augen machen!«
Bei der Bescherung machte Kapser wirklich große Augen. Er
durfte gar nicht daran denken, daß er beinahe ausgerissen wäre. Dann
hätte er jetzt einsam und tieftraurig irgendwo in der Fremde gesessen
-nur weil er geglaubt hatte, niemand habe ihn lieb!

Das törichte Kätzchen


Samtpfötchen war eine niedliche kleine Katze, und sie wußte
genau, wie niedlich sie war. Sie hatte ein glänzend schwarzes Fell
mit einem schneeweißen Latz vor der Brust und vier schneeweiße
Pfötchen. Sie konnte fabelhaft springen und klettern, obwohl sie
noch so jung war. Leider bildete sie sich auf ihr Aussehen und ihr
Können viel ein und war sehr eitel. »Ich bin die schönste Katze in
der ganzen Straße«, sagte sie zu den anderen Katzen, »und ich kann
höher springen als ihr alle. Paßt mal auf!« Und sie sprang mit einem
Satz auf die hohe Mauer. Oder sie berichtete: »Vorige Nacht habe
ich sechs Mäuse gefangen! Meine Herrin hat mich sehr gelobt und
gesagt, sie habe noch nie eine so tüchtige Katze gehabt wie mich!«
Aber jemand, der immer nur über sich selbst redet, ist nirgends
beliebt, bei den Katzen wie bei den Menschen. Darum hörten die
anderen Katzen bald nicht mehr zu, wenn Samtpfötchen ihre eigene
Schönheit und Tüchtigkeit lobte; sie gingen ihr möglichst aus dem
Weg.
Eines Tages, als Samtpfötchen wieder einmal gewaltig geprahlt
hatte, sagte der alte Kater Murr: »Es mag schon sein, daß du vieles
kannst. Aber etwas gibt es, das bringst du nicht fertig, da möchte ich
wetten!«
»Wenn jemals eine Katze es fertigbringt, dann bin ich das!«
fauchte Samtpfötchen. »Was ist es denn?«
»Siehst du den Fahnenmast da drüben?« fragte Murr. »Er ist so
hoch, daß man meinen könnte, er ragte bis in den Himmel. Da ist
noch nie eine Katze hinaufgeklettert; und, wie gesagt, du könntest es
auch nicht.«
»Und ob ich das kann!« rief Samtpfötchen, und schon lief sie zu
dem Fahnenmast. »Es gibt nichts, wo ich nicht hinaufklettern kann!
Das werde ich euch beweisen!« Die Katze Muschi warnte:
»Samtpfötchen, tu es nicht! Du kommst nicht wieder herunter!« Aber
Samtpfötchen ließ sich nicht beirren, und der alte Kater Murr sagte:
»Laß sie nur ruhig klettern, wenn sie unbedingt will. Auf diese Weise
sind wir sie wenigstens mal für eine Weile los und müssen uns ihr
Gerede nicht anhören. Ich denke, wenn sie wirklich hinaufkommt,
wird sie eine ganze Weile da oben bleiben, und hinterher wird sie
vielleicht ein bißchen bescheidener geworden sein.«
Samtpfötchen kletterte ohne Besinnen an dem Fahnenmast empor.
Sie hatte nur einen Gedanken: Ich werde euch mal zeigen, was ich
kann! Was noch keiner Katze vor mir gelang, das schaffe ich, und ihr
sollt mich bewundern! Aber sie kletterte und kletterte, und der Mast
war noch nicht zu Ende. Es war überdies viel anstrengender, als auf
einen Baum zu klettern, wo man an der rauhen Rinde Halt fand und
sich immer wieder auf den Ästen ausruhen konnte. Der Fahnenmast
aber war glatt, und wenn die Katze einmal im Klettern innegehalten
hätte, so wäre sie gleich ein Stück abwärts gerutscht. Samtpfötchen
fühlte bald, wie sie müde wurde. Sie begann zu keuchen, aber sie
kletterte weiter. Sie durfte sich doch auf keinen Fall vor den anderen
blamieren! Endlich, endlich hatte sie die Spitze des Mastes erreicht.
Eine runde Holzscheibe bot ihr gerade genug Platz, um ihre vier
Pfoten dicht nebeneinander darauf zu stellen. Der Mast schwankte
ein bißchen hin und her, und sie mußte achtgeben, daß sie nicht den
Halt verlor und herunterfiel. Da stand sie nun. Eben wollte sie das
Mäulchen aufreißen und ein triumphierendes Miauen hören lassen,
da fiel ihr Blick nach unten. Nein, das war doch nicht möglich - so
tief ging es hinab, so weit entfernt war der Boden? Und die winzigen
Pünktchen, die sich dort bewegten, das waren die anderen Katzen?
Samtpfötchens Fell sträubte sich vor Entsetzen. Da kam sie niemals
wieder hinunter! Es war schon schwierig gewesen, an dem glatten
Holzmast heraufzuklettern, aber zurück konnte sie nicht, das wußte
sie. Wenn sie es versuchte, würde sie sofort abstürzen. Sie schwankte
auf dem Fahnenmast und grub verzweifelt ihre Krallen in das Holz,
um sich festzuhalten. Was sollte nun aus ihr werden? »Wie dumm
bin ich gewesen!« jammerte sie vor sich hin. »Ich wollte mich vor
den anderen großtun, und nun hocke ich hier und kann nicht vorwärts
und nicht zurück. Ob ich für immer hier oben bleiben muß? Wenn
meine Beine müde werden, kann ich mich nicht mehr festhalten und
falle hinunter!«
Zwei Stunden lang mußte Samtpfötchen in der luftigen Höhe
aushalten, und diese Zeit schien ihr eine Ewigkeit. Dann kam ein
Junge vorbei, blickte zufällig nach oben und entdeckte die hilflose
kleine Katze auf dem Fahnenmast. Schnell lief er und sagte es dem
Polizisten. Der Polizist konnte der Katze auch nicht helfen, aber er
alarmierte die Feuerwehr. Die kam mit einem Wagen, auf dem eine
ausziehbare Leiter war. Die Leiter wurde nach oben gekurbelt, bis ihr
Ende dicht neben der Spitze des Fahnenmastes war. »Na, spring
hinüber!« riefen die Feuerwehrleute Samtpfötchen zu. Doch die klei­
ne Katze war so starr vor Schrecken, daß sie den Sprung nicht wagte.
Also mußte einer der Männer hinaufklettern. Er beugte sich vor,
ergriff Samtpfötchen und setzte sie auf seine Schulter. So brachte er
sie wohlbehalten auf die Erde zurück. Von fern hatten die anderen
Katzen alles mit angesehen.
»Nun«, meinte der alte Kater Murr, »jetzt hat sie ihre Lehre
bekommen und wird sich das Prahlen hoffentlich abgewöhnt haben.«
— Am nächsten Morgen kam Samtpfötchen auf die Straße, wo die
anderen Katzen schon versammelt waren.
Gespannt schauten alle zu ihr hin. Und was tat Samtpfötchen? Sie
reckte ihren hübschen Kopf in die Höhe und miaute: »Ich bin die
Katze, um die der Polizist sich gekümmert hat! Ich bin die Katze,
wegen der die Feuerwehr ausgerückt ist!
Ich bin die berühmteste Katze in der ganzen Stadt!«
Verblüfft sahen die Katzen einander an, und der Kater Murr
knurrte: »Mancher lernt's nie!«

Das Segelboot
In den Sommerfellen durfte Tom zu seinen Verwandten fahren.
Darauf freute er sich schon lange, denn Onkel Kurt und Tante Emmi
wohnten in einem Haus am Meer. Sie hatten drei Kinder. Sabine war
etwas älter als Tom, Peter genauso alt wie er und Franz ein Jahr
jünger. Sie waren fröhlich und lebhaft, und sie zeigten ihrem Vetter
Tom alles, was man hier anfangen konnte: Sandburgen bauen, im
Meer waten und Muscheln am Strand sammeln.
Manchmal taten sie auch etwas, was eigentlich verboten war. Zum
Beispiel ging Sabine einmal zur Flutzeit um die Felsklippen herum,
die weit ins Meer hineinragten; das war gefährlich, weil hoch­
gehende Wellen dort einen Menschen fortreißen konnten.
Kaum sah Tom Sabine in den Klippen, da lief er schon zu Tante
Emmi und rief empört: »Was denkst du, was Sabine macht? Sie ist
unten an den Klippen, und es ist Flutzeit! Das ist doch verboten!«
Als Sabine dann zurückkam, wurde sie ausgescholten. Doch dann
sagte Tante Emmi zu Tom: »Was Sabine getan hat, war nicht recht.
Aber daß du sie verpetzt hast, war auch nicht sehr schön.« Und
Sabine meinte nachher, als sie allein waren: »Du hast mich nur
verpetzt, damit ich Schelte bekommen sollte! Das war gemein von
dir, Tom!«
Sofort rannte Tom zu Tante Emmi: »Sabine hat gesagt, ich sei
gemein!« »Da hat sie ganz recht«, erwiderte Tante Emmi. —
Am nächsten Tag hatten Peter und Franz am Strand einen kleinen
Streit miteinander, und schließlich sprang Peter mit beiden Füßen auf
den Sandberg, den sein Bruder gerade aufgeschichtet hatte. Schon
war Tom bei Sabine. »Du mußt schnell kommen und Peter bestrafen!
Er hat Franz den Sandberg zertrampelt!« »Alte Petze!« antwortete
Sabine. »Wahrscheinlich ist Franz frech zu Peter gewesen und hat
ihn geneckt, und Peter hat es sich nicht gefallen lassen. Aber was
geht das uns an? Laß du lieber das Petzen sein!«
Tom konnte sich aber das Petzen nicht abgewöhnen. Jeden Tag
fand er Gelegenheit, irgend jemanden zu verklagen. Als Franz mit
den Schuhen ins flache Wasser ging, mußte Tom das natürlich sofort
Tante Emmi melden, und Franz bekam zur Strafe keinen Nachtisch
beim Mittagessen. Hinterher war Franz so ärgerlich auf Tom, daß er
nach ihm schlug. Der Schlag traf Toms nacktes Bein. Heulend rannte
Tom zur Tante. »Franz hat mich gehauen! Da, sieh nur, mein Bein ist
ganz rot!« »Alte Petze! Alte Petze!« riefen die drei Kinder. »So eine
eklige Petze wollen wir nicht bei uns haben!« —
Später vertrugen sie sich wieder, und als bald darauf Toms Vater
ihm ein Segelboot schickte, spielten sie alle begeistert damit. Es war
ein fabelhaftes Boot, einen halben Meter lang, mit weißlackiertem
Rumpf, einem festen Mast und einem Segel aus gelbem Leinen.
Niemand am ganzen Strand hatte ein schöneres Boot, und Tom war
sehr stolz darauf. Natürlich mußte das Boot einen Namen haben, und
sie überlegten lange, wie es heißen sollte. Endlich einigten sie sich
auf >Seeeschwalbe<.
»Wenn die Flut vorbei ist«, sagte Tom, »gehen wir zu den kleinen
Tümpeln, die voll Meerwasser gelaufen sind, und lassen die
>Seeschwalbe< dort schwimmen. Jeder von euch darf die Leine eine
Weile halten.« Die >Seeschwalbe< bewies, daß sie nicht nur
wunderschön, sondern auch tüchtig war. Sie gehorchte dem kleinsten
Zug an der Leine, sie segelte gerade aufgerichtet dahin und legte sich
niemals auf die Seite, wie es andere Spielzeugboote oft tun. Das
gelbe Segel leuchtete im Sonnenschein, der weiße Rumpf glänzte mit
dem Wasser um die Wette.
»Prima!« schrie Peter und tanzte um den Tümpel herum. »Ich
glaube, deine >Seeschwalbe< könnte nach Dänemark und zurück
segeln, ohne zu kentern! Schade, daß es hier im Tümpel keine
Wellen gibt -es müßte fein aussehen, wenn sie auf den Wogen
tanzt!«
»Auf dem Meer sind heute ziemlich hohe Wellen«, meinte Sabine.
»Ob wir die >Seeschwalbe< mal dort schwimmen lassen?« »O ja,
das machen wir!« stimmte Tom zu. »Wir müssen nur die Leine gut
festhalten.« Sie wateten bis zu den Knien ins Meer und setzten das
Boot aufs Wasser. Die >See-schwalbe< zeigte sich seetüchtig, sie
schwamm sicher auf dem bewegten Wasser, und ihr Mast ragte
unbeirrt gerade in die Höhe.
»Ein großartiges Schiff!« lobte Franz. »Darf ich jetzt einmal die
Leine nehmen, Tom?« Doch bevor Tom die Leine an Franz geben
konnte, kam eine besonders hohe Welle heran. Sie prallte so heftig
gegen Tom, daß sie ihn umwarf. Das machte ihm weiter nichts aus;
er hatte ja seine Badehose an, und er war im Nu wieder auf den
Beinen. Aber - er hatte vor Schreck die Leine losgelassen, und das
Meer hatte die >See-schwalbe< fortgerissen. Sie schwamm schon ein
ganzes Stück entfernt. »Schnell, schnell - mein Boot!« prustete Tom,
der noch den Mund voll Wasser hatte. »Haltet es doch!«
Zusammen mit den drei anderen watete er, so rasch er konnte,
hinter dem Boot her. Aber die ablaufende Flut war schneller als sie,
und die >Seeschwalbe< glitt immer weiter fort. Als die Kinder bis
zur Brust im Wasser standen, mußten sie die Jagd aufgeben, denn
leider konnte keines von ihnen schwimmen. Tom weinte laut, und
Franz stimmte mit ein. Selbst Sabine und Peter hatten Tränen in den
Augen, als sie untätig zusehen mußten, wie das schöne Boot, das
ihnen so viel Freude gemacht hatte, als winziger gelber Punkt weit
draußen auf dem Meer schaukelte -unerreichbar für sie.
Schluchzend lief Tom zu Tante Emmi. »Mein schönes neues Boot
ist fort! Deine Kinder haben gesagt, ich solle es aus dem Tümpel aufs
Meer bringen, und nun hat es die Flut mitgenommen!« »Du hast es ja
selbst gewollt!« verteidigte sich Sabine. »Es ist richtig, daß ich den
Vorschlag gemacht habe, es auf dem Meer auszuprobieren; aber du
hast es sofort getan.«
»Du solltest nicht immer anderen alle Schuld zuschieben, Tom«,
tadelte die Tante. »Natürlich tut es uns allen sehr leid, daß dein
schönes Boot fort ist.« Den ganzen Tag über ging Tom mit ver­
weinten Augen herum. Die anderen versuchten ihn zu trösten, aber es
gelang ihnen nicht.
»Weißt du was, Tom«, sagte Sabine endlich, »wir gehen zum
Gutshof, wo die Fohlen sind!« Sie wußte, wie gern Tom die jungen
Pferde hatte.
Aber diesmal schüttelte Tom den Kopf. »Geht nur allein, ich
möchte nicht mitgehen. Ich muß immer an meine >See-schwalbe<
denken und habe keine Lust zu irgend etwas. Wo mag sie jetzt sein?
Vielleicht ist sie draußen auf der See gekentert, und jetzt liegt sie auf
dem Meeresgrund und muß verfaulen!« Und er begann wieder zu
weinen. Sabine ging zu ihrer Mutter. »Mami, ich habe eine Idee. Wir
gehen nicht zum Gutshof, sondern an den Strand und sehen nach, ob
vielleicht Toms Boot angeschwemmt worden ist. Manchmal bringt
doch die See Gegenstände zum Land zurück. Weißt du noch, wie es
damals mit meinem verlorenen Badeschuh war? Den hat die Flut
auch wieder an den Strand geworfen.« »Eigentlich habe ich es nicht
gern, wenn ihr bei Flutzeit am Strand seid«, meinte die Mutter. »Da
gibt es oft unvermutet hohe Wellen. Aber diesmal will ich es aus­
nahmsweise erlauben. Ihr müßt mir nur versprechen, vorsichtig zu
sein und achtzugeben. Sobald ihr eine große Welle kommen seht,
springt ihr zurück. Sabine, du bist die älteste - du mußt auf dich und
deine Brüder aufpassen. Kann ich mich auf dich verlassen?« »Ganz
bestimmt, Mami«, antwortete Sabine, und die Mutter war beruhigt.
Sie wußte, wenn Sabine etwas versprach, dann hielt sie es.
Zu ihren Brüdern sagte Sabine: »Wir lassen Tom besser nicht
wissen, daß wir nach seinem Boot suchen wollen. Sonst ist er doppelt
traurig, wenn wir wiederkommen und es nicht gefunden haben.« Die
drei Geschwister gingen fort, und Tom blieb allein in seinem
Zimmer. Suchend streiften sie an der Küste entlang und fanden eine
Menge Dinge, die die Flut an Land gespült hatte: einen Schuh ohne
Sohle, eine Schaufel mit abgebrochenem Stiel, einen Eimerhenkel,
ein paar leere Konservendosen, eine sehr große Muschel und
natürlich Massen von Tang. Nur die >Seeschwalbe< fanden sie nicht.
Sie kehrten um und gingen die ganze Strecke zurück. Wieder
schauten sie sich aufmerksam um, und Peter zerrte mit den Händen
den Tang auseinander, der sich an manchen Stellen zu dicken
Klumpen aufgehäuft hatte.
Plötzlich schrie Franz: »Da - seht nur!« und rannte auf einen
Haufen von Tang und Muscheln zu, in dem ein kleiner gelber Fleck
zu sehen war. Im Nu waren die beiden anderen neben ihm und
beugten sich über den Fund. Wirklich, es war ein Stück Segel von
der >Seeschwalbe<, das aus dem Tang herausguckte! Vorsichtig
schoben sie den Tang beiseite. War nur das Segel da oder das ganze
Boot?
Es war das ganze Boot! Allerdings war es beschädigt; der Mast
war gebrochen, das Segel hatte einen Riß, und die weiße Farbe am
Rumpf war von Wasser und Steinen abgeschabt.
»Ich werde das Segel stopfen«, sagte Sabine.
»Und ich schnitze einen neuen Mast«, meinte Peter.
»Ich habe noch ein bißchen weiße Lackfarbe«, verkündete Franz,
»damit kann ich die abgeschabten Stellen frisch übermalen. Stellt
euch vor, wie Tom sich freuen wird, wenn er sein Boot
wiederbekommt!« »Wir wollen die >Seeschwalbe< erst ausbessern,
bevor wir sie ihm zeigen«, schlug Sabine vor. »Dann ist die
Überraschung noch größer. Wenn wir gleich anfangen, können wir
Tom das Boot noch vor dem Schlafengehen geben.« — Tom hatte
betrübt in seinem Zimmer gesessen und an sein verlorenes Boot
gedacht. Nach einer Weile fühlte er sich einsam und wünschte, er
wäre mit den anderen zum Gutshof gegangen. Mißmutig schaute er
aus dem Fenster. Und was sah er da? Sabine, Peter und Franz waren
am Strand!
»So was!« knurrte Tom vor sich hin. »Mir haben sie gesagt, sie
wollten zum Gutshof, und statt dessen sind sie da unten am Strand!
Noch dazu jetzt zur Flutzeit, wo es uns verboten ist, so nahe ans
Wasser zu gehen! Das muß ich doch sofort Tante Emmi sagen!«
Er ging in den Flur und rief nach der Tante, bekam aber keine
Antwort. Als er gleich darauf in seinem Zimmer wieder aus dem
Fenster sah, kamen die drei anderen gerade auf das Haus zu. Sabine
trug sehr behutsam etwas auf dem Arm; Tom konnte nicht erkennen,
was es war. Tom dachte, sie würden es ihm zeigen, aber sie kamen
nicht ins Haus, sondern verschwanden im Geräteschuppen und
machten die Tür hinter sich zu. Tom lief hin und drückte auf die
Türklinke. Es war abgeschlossen! »Du kannst jetzt nicht herein,
Tom«, rief Peter von drinnen. »Es ist ein Geheimnis. Warte ein
bißchen!«
»Ihr seid ekelhaft!« schrie Tom. »Erst lauft ihr bei Flut an den
Strand, was verboten ist, und dann schließt ihr euch hier ein und
wollt mir nicht zeigen, was ihr gefunden habt! Ich will überhaupt
nichts mehr mit euch zu tun haben!« Ehe sie antworten konnten,
rannte er davon. Wieder suchte er Tante Emmi, und diesmal fand er
sie. Sie saß bei Onkel Kurt in seinem Arbeitszimmer. »Denkt nur«,
begann Tom atemlos, »Sabine, Peter und Franz sind gar nicht zum
Gutshof gegangen! Sie waren bei Flut am Strand! Mich haben sie
beschwindelt. Und dann haben sie etwas mitgebracht und sich damit
im Schuppen eingeschlossen, und sie wollen mir nicht zeigen, was es
ist. Sie sind ganz gemein zu mir! Ihr habt doch gesagt, wer bei Flut
an den Strand geht, wird zur Strafe sofort ins Bett geschickt!« Der
Onkel blickte Tom ernst an. »Das habe ich gesagt, richtig. Aber da
höre ich eben unsere Kinder kommen. Wir können also gleich über
die Sache reden.« Tante Emmi sagte nichts, sie schaute auf ihre
Näharbeit.
Sabine, Peter und Franz kamen herein. Sie sahen keine Spur
schuldbewußt aus; im Gegenteil, ihre Mienen waren fröhlich, und
ihre Augen blitzten. Es war ihnen gelungen, die >Seeschwalbe< in
ganz kurzer Zeit fein in Ordnung zu bringen. Peter hielt sie hinter
seinem Rücken versteckt, damit Tom sie nicht jetzt schon sah. Tom
hatte für die drei nur einen wütenden Blick. Onkel Kurt fragte: »Ihr
wart bei Flut am Strand?«
»Ja, Papi«, sagten alle drei zugleich. »Und warum?« fragte der
Vater weiter. »Wir hofften, die Flut hätte vielleicht Toms Segelboot
angespült, und wir wollten sehen, ob wir es fänden«, antwortete
Sabine. »Ich habe Mami gefragt, und sie sagte, ausnahmsweise
dürften wir an den Strand, wenn wir sehr vorsichtig wären. Und stell
dir vor, Papi - wir haben die >See-schwalbe< tatsächlich gefunden!
Sie war ein bißchen beschädigt, aber Peter hat einen neuen Mast
geschnitzt, ich habe das Segel geflickt, und Franz hat die abge­
schabten Stellen am Rumpf frisch gemalt. Wir wollten sie Tom erst
geben, wenn sie wieder so schön war wie früher.« Peter hob jetzt das
Segelboot hoch.
Mit einem Freudenschrei wollte Tom hinstürzen und es nehmen.
Aber sein Onkel hielt ihn am Arm fest. »Halt, mein Junge! Du hast
die anderen bei uns verpetzt, damit sie Strafe bekommen sollten -
während sie damit beschäftigt waren, dein Boot zu suchen und in­
stand zu setzen. Sie wollten dir eine große Überraschung bereiten.
Und was hast du dafür getan?«
Empört sahen die drei anderen Tom an. »Diese widerliche alte
Petze!« sagte Peter. »Am liebsten würde ich sein Boot hinschmeißen
und es zertreten! Die >See-schwalbe< ist nur zu schade dazu.« Erst
jetzt begriff Tom, wie häßlich er zu den Kindern gewesen war, die
sich so viel Mühe gegeben hatten, ihm eine Freude zu bereiten. Er
wurde ganz blaß. Onkel Kurt sagte streng: »Du wirst dein Boot nicht
zurückbekommen, Tom. Das hast du nicht verdient. Es soll Sabine,
Peter und Franz gehören, die es geborgen und ausgebessert haben.«
Alle erwarteten, daß Tom nun trotzen und heulen würde. Aber zu
ihrem Erstaunen erwiderte er kleinlaut: »Du hast recht, Onkel Kurt.
Sie sollen meine >Seeschwalbe< haben. Ich möchte sie ihnen
schenken. Sie waren so nett und hilfsbereit, und ich war gemein zu
ihnen. Aber ich will nie wieder petzen, ich verspreche es.« Er lief
hinaus. Sabine blickte fragend ihren Vater an. »Was meinst du, Papi
- sollen wir nicht alle vier das Boot haben, Tom und wir zusammen?
Ich glaube, er wird nicht wieder petzen.« »Gut, macht es so, mein
Kind. Aber in dem Augenblick, in dem Tom noch einmal petzt, hat
er keinen Anteil mehr an dem Boot.«
Von da an spielten sie alle vier mit dem Boot, und bis heute
gehört die >Seeschwalbe< noch immer Tom, Sabine, Peter und
Franz, allen zusammen.

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