Sie sind auf Seite 1von 64

Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 1 of 64 PageID #: 368

EXHIBIT B
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 2 of 64 PageID #: 369

Dr. Markus Wirtz


Dr. Christian Karbaum
Übermittelt per beA Dr. Max Schulz

Kasernenstraße 69 . 40213 Düsseldorf


Landgericht München I DE.BRAK.f1307c4b-d9a0-4739-8618-e4c14c2c8f51.9d4c
37. Zivilkammer T +49 211 20052-110
F +49 211 20052-100
Prielmayerstraße 7 m.wirtz@glademichelwirtz.com
80335 München www.glademichelwirtz.com

Assistenz
Katrin Marx

Düsseldorf, den 1. Juli 2021


Unser Zeichen 21-067
Seite 1 / 63

KLAGE

der Thales DIS AIS Deutschland GmbH, vertreten durch den Geschäftsführer Akhan
Urgun, Werinherstraße 81, 81541 München

– Klägerin –

Prozessbevollmächtigte der Klägerin: GLADE MICHEL WIRTZ


Partnerschaft von Rechtsanwälten mbB
Kasernenstraße 69, 40213 Düsseldorf

gegen

die Nokia Technologies Oy, vertreten durch ihre Präsidentin Jenni Lukander, Karaportti 3,
02610 Espoo, Finnland

– Beklagte zu 1) –

sowie

die Avanci LLC, vertreten durch ihren gesetzlichen Vertreter, 1717 McKinney Avenue,
Suite 1050, Dallas, Texas 75202, Vereinigte Staaten von Amerika

– Beklagte zu 2) –
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 3 of 64 PageID #: 370

1. Juli 2021
Seite 2 / 63

wegen: Feststellung der Kartellschadensersatzpflicht dem Grunde nach

Vorläufiger Streitwert: EUR 3,0 Millionen (vorläufig geschätzt)

Wir bestellen uns zu Prozessbevollmächtigten der Klägerin und erheben in ihrem Namen
Klage.

In der mündlichen Verhandlung werden wir b e a n t r a g e n, wie folgt zu erkennen:

1. Es wird festgestellt, dass die Beklagte zu 1) verpflichtet ist, der Klägerin


sämtliche Schäden nebst Zinsen in Höhe von 9 Prozentpunkten über dem
jeweiligen Basiszinssatz seit Schadenseintritt zu ersetzen, die der Klägerin
aufgrund von Kartellrechtsverstößen der Beklagten zu 1) dadurch entstanden
sind oder noch entstehen, dass sich die Beklagte zu 1) seit dem 1. Juni 2018
weigert, gegenüber der Klägerin ein in der Sache ausbeutungs- und
diskriminierungsfreies (=FRAND) Lizenzangebot für die von ihr als
standardessentiell für die 2G-, 3G- und 4G- Mobilfunkstandards deklarierten
Patente (SEP) abzugeben.

2. Es wird festgestellt, dass die Beklagten zu 1) und 2) gesamtschuldnerisch


verpflichtet sind, der Klägerin sämtliche Schäden nebst Zinsen in Höhe von
9 Prozentpunkten über dem jeweiligen Basiszinssatz seit Schadenseintritt zu
ersetzen, die der Klägerin aufgrund von Kartellrechtsverstößen der Beklagten
zu 1) und 2) dadurch entstanden sind oder noch entstehen,

a. dass die Beklagte zu 1) seit Oktober 2018 mit der Beklagten zu 2)


zusammenwirkt, um ihre Lizenzierungsstrategie zu koordinieren, und
in der Folge ein in der Sache ausbeutungs- und diskriminierungsfreies
(=FRAND) Lizenzangebot gegenüber der Klägerin für die von ihr als
standardessentiell für die 2G-, 3G- und 4G-Mobilfunkstandards
deklarierten Patente (SEP) verweigert;
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 4 of 64 PageID #: 371

1. Juli 2021
Seite 3 / 63

b. dass die Beklagte zu 2) ihre Lizenzierungsstrategie gemeinsam mit


einigen ihrer Mitglieder, darunter die Beklagte zu 1), koordiniert und
in der Folge ein in der Sache ausbeutungs- und diskriminierungsfreies
(=FRAND) Lizenzangebot für die von ihr verwalteten und als
standardessentiell für die 2G-, 3G- und 4G- Mobilfunkstandards
deklarierten Patente (SEP) gegenüber der Klägerin als
Komponentenhersteller verweigert.

Für den Fall, dass ein schriftliches Vorverfahren durchgeführt wird und die Beklagten
entgegen § 276 Abs. 1 Satz 1 ZPO ihre Verteidigungsbereitschaft nicht oder nicht rechtzeitig
anzeigen sollten, beantragen wir bereits jetzt den Erlass eines Versäumnisurteils gemäß
§ 331 Abs. 3 ZPO.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 5 of 64 PageID #: 372

1. Juli 2021
Seite 4 / 63

Begründung:

(1) Der Rechtsstreit betrifft wettbewerbswidriges Verhalten der Beklagten zu 1) als Inhaberin
und der Beklagten zu 2) als Administratorin eines Pools von SEP für die 2G-, 3G- und 4G-
Kommunikationsstandards. Die Beklagten zu 1) und 2) haben gemeinsam mit weiteren
bedeutenden Mitgliedern der Beklagten zu 2) eine koordinierte Geschäftsstrategie und
Lizenzierungspolitik etabliert, mit der sie einzeln und gemeinsam gegen Art. 101 und
Art. 102 des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union ("AEUV") sowie gegen
§§ 1, 19 und 20 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen ("GWB") verstoßen.

(2) Kern der koordinierten Lizenzierungspolitik der Beklagten zu 1) und 2) ist die Verweigerung
der Erteilung von Lizenzen an ihren SEP zu FRAND-Bedingungen an die Klägerin als Hersteller
von Mobilfunkmodulen u.a. für die Automobilindustrie. Die Beklagten zu 1) und 2)
beschränken sich in bewusstem Zusammenwirken darauf, Automobilhersteller zu
lizenzieren, um hierdurch ihre Lizenzeinnahmen unangemessen zu steigern.

(3) Die koordinierte Lizenzierungspraxis der Beklagten zu 1) und 2) benachteiligt die Klägerin,
weil sie ihre Produkte nicht frei von Rechten Dritter vermarkten kann. Dies führt zu
erheblichen, noch nicht abschließend bezifferbaren Schäden, die die Beklagten zu 1) und 2)
der Klägerin zu ersetzen haben.

(4) Der Schaden der Klägerin ist in Form von erheblichen Gewinneinbußen, erhöhten Kosten
infolge von Regressforderungen Dritter, Reputationsschäden und dem Verlust von
tatsächlichen und potentiellen Kunden eingetreten und tritt fortwährend ein.

Im Einzelnen:
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 6 of 64 PageID #: 373

1. Juli 2021
Seite 5 / 63

Inhaltsverzeichnis

A. Hintergrund .................................................................................................... 6
I. Die Parteien ............................................................................................... 6
1. Die Klägerin ......................................................................................... 6
2. Die Beklagten ....................................................................................... 8
a) Nokia Technologies Oy .................................................................... 8
b) Avanci, LLC .................................................................................... 9
II. Der zugrundeliegende Sachverhalt .............................................................. 12
1. Einführung ......................................................................................... 12
2. Verhandlungen mit der Beklagten zu 1) ................................................. 13
3. Kontakte mit der Beklagten zu 2) .......................................................... 20
4. Auswirkungen auf das Geschäft der Klägerin........................................... 21
B. Rechtliche Würdigung ................................................................................... 24
I. Zulässigkeit der Klage................................................................................ 24
1. Internationale und örtliche Zuständigkeit ............................................... 25
a) Beklagte zu 1) .............................................................................. 25
b) Beklagte zu 2) .............................................................................. 25
2. Sachliche Zuständigkeit ....................................................................... 26
II. Feststellungsinteresse................................................................................ 26
III. Begründetheit........................................................................................... 28
1. Anwendbares materielles Recht ............................................................ 29
2. Anspruchsgrundlagen .......................................................................... 30
3. Ansprüche gegen die Beklagte zu 1) ...................................................... 30
a) §§ 33a Abs. 1, 33 Abs. 1 GWB i.V.m. Art. 102 AEUV.......................... 31
aa) Vorsätzliche Verstöße gegen Art. 102 AEUV ................................ 31
(i) Marktbeherrschung ........................................................... 31
(ii) Missbrauch durch Lizenzverweigerung ................................. 34
bb) Betroffenheit .......................................................................... 41
cc) Schaden ................................................................................ 42
b) §§ 33a Abs. 1, 33 Abs. 1 GWB i.V.m. Art. 101 AEUV.......................... 42
aa) Vorsätzlicher Verstoß gegen Art. 101 AEUV ................................ 43
(i) Verstoß durch Missachtung der ETSI-Erklärung ..................... 43
(ii) Verstoß durch Lizenzkoordinierung mit Patentpool der Beklagten
zu 2) .............................................................................. 45
bb) Betroffenheit .......................................................................... 47
cc) Schaden ................................................................................ 47
4. Ansprüche gegen die Beklagte zu 2) ...................................................... 47
a) §§ 33a Abs. 1, 33 Abs. 1 GWB i.V.m. Art. 101 AEUV.......................... 47
aa) Verstoß durch Verweigerung der Lizenzerteilung ......................... 48
bb) Verstoß durch Koordinierung der kommerziellen Strategien der Pool-
Mitglieder .............................................................................. 48
(i) Abstimmung der Prozessstrategien der Pool-Mitglieder .......... 49
(ii) Koordinierung sonstiger Bereiche der Geschäftsstrategien der
Pool-Mitglieder ................................................................. 54
(iii) Gesamtstrategie verstößt gegen Art. 101 AEUV .................... 55
cc) Betroffenheit .......................................................................... 55
dd) Schaden ................................................................................ 55
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 7 of 64 PageID #: 374

1. Juli 2021
Seite 6 / 63

b) §§ 33a Abs. 1, 33 Abs. 1 GWB i.V.m. Art. 102 AEUV.......................... 55


aa) Vorsätzliche Verstöße gegen Art. 102 AEUV ................................ 55
(i) Marktbeherrschung ........................................................... 55
(ii) Missbrauch der marktbeherrschenden Stellung ..................... 56
bb) Betroffenheit .......................................................................... 59
cc) Schaden ................................................................................ 59
5. Gesamtstrategie ................................................................................. 59
6. § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. Art. 101 bzw. 102 AEUV .................................... 59
7. § 826 BGB ......................................................................................... 60
IV. Nebenansprüche ....................................................................................... 60

Die Ziffern beziehen sich auf Seitenzahlen. Am Ende des Schriftsatzes findet sich ein
Anlagenverzeichnis.

A. Hintergrund

I. Die Parteien

1. Die Klägerin

(5) Die Klägerin ist eine Gesellschaft deutschen Rechts, die auf die Entwicklung und Herstellung
von Mobilfunkmodulen ("Network Access Devices" oder "NAD") und zugehörigen Lifecycle-
Management-Dienstleistungen spezialisiert ist. Die Mobilfunkmodule und zugehörigen
Dienstleistungen werden verwendet, um die zellulare Konnektivität auf Basis der 2G-, 3G-
und 4G- sowie perspektivisch 5G-Standards von Machine-to-Machine- ("M2M") und Internet
of Things ("IoT")-Geräten zu ermöglichen.

(6) Zu den Hauptkunden der Klägerin gehören Hersteller von M2M- und IoT-Geräten wie
vernetzten Fahrzeugen (connected cars), intelligenten (Strom-) Zählern (smart meters),
Einheiten zur Fernversorgung von Patienten (remote patient care), Bezahlterminals oder
Alarmanlagen, in denen Mobilfunkmodule verbaut sind, um eine Verbindung zu einem
Mobilfunknetz herstellen zu können.

(7) Mit Blick auf die Automobilindustrie ist die Klägerin mit ihrem Angebot von Mobilfunkmodulen
auf Basis von 2G-, 3G- und 4G-Standards als sog. Tier 2-Zulieferer tätig. Die Klägerin liefert
die von ihr produzierten Mobilfunkmodule nicht direkt an die Originalgerätehersteller ("OEM")
wie Daimler oder Porsche, sondern an Tier 1-Zulieferer, wie z.B. Harman Becker. Die Tier 1-
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 8 of 64 PageID #: 375

1. Juli 2021
Seite 7 / 63

Zulieferer bauen die Komponenten der Klägerin in ihre eigenen Produkte, sog. Telematics
Control Units ("TCU"), ein und liefern die TCU an die OEMs zum Einbau in die von diesen
hergestellten Fahrzeuge.

(8) Vor diesem Hintergrund implementieren die Klägerin und andere Tier 2-
Komponentenhersteller die für die Herstellung von Mobilfunkverbindungen mittels 2G-, 3G-
und 4G- bzw. perspektivisch 5G-Standards etwaig benötigten, patentierten Technologien in
ihren Produkten. Unternehmen auf nachgelagerten Stufen der Produktionskette, d.h. Tier 1-
Zulieferer und OEMs, sind über den konkreten Umfang der Patentnutzung in den Produkten
der Tier 2-Zulieferer wie der Klägerin und über etwaige vorbestehende Lizenzen
grundsätzlich nicht informiert. Infolge der für Produktionsketten unerlässlichen und
typischen Spezialisierung verfügen insbesondere OEMs weder über das Know-how noch die
(personellen und sachlichen) Ressourcen im Bereich der Mobilfunktechnologie, um die
Nutzung patentierter Technologien in den Produkten ihrer zahlreichen (mittelbaren)
Lieferanten überblicken, geschweige denn verlässlich nachvollziehen zu können.

(9) Die Klägerin ist Teil der THALES-Gruppe, einem international führenden europäischen
Technologieunternehmen. Bis Januar 2020 firmierte die Klägerin als Gemalto M2M GmbH
("Gemalto") und vormals als Cinterion Wireless Modules GmbH ("Cinterion"). Cinterion war
ursprünglich ein Geschäftsbereich der Siemens AG ("Siemens"). Im Jahr 2008 beschloss
Siemens, ihr Wireless Modul-Geschäft zu veräußern. Der Siemens-Geschäftsbereich Wireless
Module wurde zu einem unabhängigen Unternehmen (Cinterion Wireless Modules GmbH),
das 2010 von der Gemalto-Gruppe übernommen und in der Folge in Gemalto M2M GmbH
umbenannt wurde. Im April 2019 übernahm dann THALES die Gemalto-Gruppe und
benannte die Gemalto M2M GmbH im Januar 2020 in THALES DIS AlS Deutschland GmbH
(die Klägerin) um.

(10) Die vorliegende Klage ist ausschließlich auf das kartellrechtswidrige Verhalten der Beklagten
gerichtet, das bei der Klägerin den geltend gemachten Schaden verursacht hat. Lediglich aus
prozessualen Gründen soll hiermit klargestellt werden, dass Erklärungen in dieser Klage nicht
als Anerkenntnis zu verstehen sind, dass einzelne Patente für einen bestimmten Standard
essentiell sind, gültig sind und durch die Produkte der Klägerin verletzt werden.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 9 of 64 PageID #: 376

1. Juli 2021
Seite 8 / 63

2. Die Beklagten

a) Nokia Technologies Oy

(11) Die Beklagte zu 1) mit Sitz in Espoo, Finnland ist einer der weltweit führenden Anbieter von
Telekommunikationsdienstleistungen, Telekommunikationsinfrastruktur und
Technologieentwicklung. Sie hat maßgeblich an der Entwicklung der 2G- (GSM), 3G- (UMTS)
und 4G- (LTE) Netze mitgewirkt und ist aktuell an der Etablierung von 5G-Standards
beteiligt. Vor diesem Hintergrund gibt die Beklagte zu 1) an, über ein erhebliches
Patentportfolio im Bereich der Mobilfunktechnologie zu verfügen, das nach Schätzungen der
Klägerin über 2.000 Patentfamilien zählt. Patentfamilien umfassen wiederum eine Vielzahl
an Einzelpatenten.

(12) Einst war die Beklagte zu 1) als Anbieter von Handys und Smartphones auch in der
Telekommunikationshardwarebranche vertreten, bis diese Sparte 2014 von Microsoft
übernommen wurde.

(13) Seitdem widmet sich die Beklagte zu 1) vorrangig der Verwertung ihres Patentportfolios und
ist einer der wichtigsten Lizenzgeber für Anbieter von 2G-, 3G-, 4G- und perspektivisch 5G-
fähigen Produkten weltweit. Sie hält diverse Patente, die sie für Mobilfunkmodule, wie sie
die Klägerin herstellt, u.a. mit Blick auf die 2G-, 3G- und 4G-Standards als standardessentiell
("standardessentielle Patente" oder "SEP") deklariert hat.

(14) Die Muttergesellschaft der Beklagten zu 1) ist Mitglied des European Telecommunications
Standard Institute ("ETSI"), einer europaweit anerkannten Standardisierungsorganisation.
Diese verfolgt das Ziel, Standards für Informations- und Kommunikationstechnologien zu
schaffen. Ihre Mitglieder verpflichten sich infolgedessen verbindlich, allen interessierten
Drittparteien Lizenzen an SEP zu fairen, angemessenen und nicht diskriminierenden
Bedingungen ("fair, reasonable, and non-discriminatory", sog. "FRAND-Bedingungen") zu
erteilen.

(15) Im Oktober 2018 trat die Beklagte zu 1) der Lizenzplattform der Beklagten zu 2) bei.

Beweis: Website der Beklagten zu 2), abrufbar unter


https://www.avanci.com/2018/10/25/nokia-joins-avanci-licensing-
platform/ (zuletzt abgerufen am 21. Juni 2021)
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 10 of 64 PageID #: 377

1. Juli 2021
Seite 9 / 63

b) Avanci, LLC

(16) Die Beklagte zu 2) mit Sitz in Dallas, USA betreibt eine 2016 gegründete Lizenzplattform
("Pool"). Sie unterhält Niederlassungen u.a. in Dallas, Dublin, Tokio und Peking. Der Pool
wird als digitaler "One-Stop-Marktplatz" für die Lizenzierung der von den Mitgliedern
eingebrachten SEPs insbesondere im Bereich der 2G-, 3G-, 4G- und perspektivisch 5G-
Mobilfunktechnologien beworben.

(17) Die Mitglieder der Lizenzplattform sind Patentinhaber. Sie halten etwa 62-68 % aller als
standardessentiell im Bereich der 2G-, 3G- und 4G-Netzstandards deklarierten Patente. Der
von der Beklagten zu 2) betriebene Pool vermittelt gesamthaft Lizenzen für diese Patente
seiner Mitglieder bzw. Lizenzgeber.

Beweis: Pressemeldung vom 14. Januar 2019, abrufbar unter


https://www.cubicibuc.com/avancis-lte-seps-now-at-50 (zuletzt
abgerufen am 21. Juni 2021)

Beweis: Untersuchung der durch Avanci lizenzierten 3G- und 4G-SEP von
Richard Vary und Matthew Noble von Bird & Bird ("Avanci's share of
mobile SEPs far higher than previously reported"), abrufbar unter
https://www.twobirds.com/~/media/pdfs/news/articles/2020/avanci
s-share-of-mobile-seps-far-higher-than-previously-reported--
iam466344231.pdf?la=en&hash=8198b0f3e415ff3f61680726216737
ee3634717a (zuletzt abgerufen am 21. Juni 2021)

(18) Zu den bedeutenden Mitgliedern und damit Lizenzgebern des von der Beklagten zu 2)
betriebenen Pools gehören die Beklagte zu 1) sowie Qualcomm, Interdigital, Ericsson, u.v.m.

Beweis: Website der Beklagten zu 2), abrufbar unter


https://www.avanci.com/marketplace/#li-licensors (zuletzt
abgerufen am 21. Juni 2021)

(19) Die Beklagte zu 2) bietet Lizenzen oder Lizenzpakete nur gegenüber bestimmten
Nutzergruppen an. Im Automobilbereich sind dies ausschließlich OEMs, d.h. die Hersteller
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 11 of 64 PageID #: 378

1. Juli 2021
Seite 10 / 63

der Endprodukte (Fahrzeuge). Lizenznehmer der Beklagten zu 2) sind etwa VW, Audi, Seat,
Bentley, Porsche, MAN (Teil des Volkswagen-Konzerns), Rolls-Royce, BMW, Mini und Volvo.

Beweis: Website der Beklagten zu 2), abrufbar unter


https://www.avanci.com/marketplace/#li-licensees (zuletzt
abgerufen am 21. Juni 2021)

Beweis: Pressemitteilung der Beklagten zu 2) zum Lizenzvertrag mit BMW,


abrufbar auf der Website der Beklagten zu 2) unter
https://www.avanci.com/2017/12/01/avanci-announces-patent-
license-agreement-bmw-group-becomes-new-licensee-avanci-
platform-securing-license-standard-essential-patents-cellular-
standards-2/ (zuletzt abgerufen am 21. Juni 2021).

Beweis: Pressemitteilung der Beklagten zu 2) zum Lizenzvertrag mit Audi und


Porsche, abrufbar auf der Website der Beklagten zu 2) unter
https://www.avanci.com/2019/04/25/avanci-announces-new-patent-
license-agreements-audi-porsche/ (zuletzt abgerufen am 21. Juni
2021)

Beweis: Pressemitteilung der Beklagten zu 2) zum Lizenzvertrag mit der


Volkswagen-Gruppe (u.a. Volkswagen, Bentley, MAN, Scania, Seat,
Skoda), abrufbar auf der Website der Beklagten zu 2) unter
https://www.avanci.com/2019/05/06/avanci-signs-new-patent-
license-agreements-with-volkswagen-group-companies/ (zuletzt
abgerufen am 21. Juni 2021)

Beweis: Bekanntmachung des Lizenzvertrages der Beklagten zu 2) mit Volvo


im Dezember 2019 über die lokale Presse, abrufbar z.B. unter
https://www.businesswire.com/news/home/20191202005918/en/Av
anci-Announces-New-Patent-License-Agreement-Volvo (zuletzt
abgerufen am 21. Juni 2021)
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 12 of 64 PageID #: 379

1. Juli 2021
Seite 11 / 63

(20) Willige Lizenzsucher, die nicht zu dieser Nutzergruppe (OEM) gehören, werden nicht
lizenziert. Entsprechend weigert sich die Beklagte zu 2) u.a. Lizenzen an
Komponentenhersteller wie die Klägerin zu vergeben, d.h. an in der Produktionskette
vorgelagerte Unternehmen (Tier 1/Tier 2-Zulieferer), obwohl es die Komponentenhersteller
sind, die die betreffenden SEPs nutzen und anwenden.

Beweis: Master License Management Agreement zwischen Avanci, LLC,


Qualcomm, Inc. und Telefonaktiebolaget L.M. Ericsson vom 21. Juli
2016 (hierin werden "Licensed Products" (lizenzierte Produkte)
ausdrücklich auf "Vehicles" (Fahrzeuge) beschränkt, vgl. Document
A.1.1 – Patent License Agreement – Vehicles Licensing Program
2G/3G, § 1.12 (Definition der "Licensed Products"), § 1.22 (Definition
der "Vehicles"), § 2.1 (License Grant); Document A.2.1 – Patent
License Agreement – Vehicles Licensing Program 2G/3G/4G, § 1.12
(Definition von "Licensed Products" (lizenzierte Produkte)), § 1.22
(Definition von "Vehicles" (Fahrzeuge)), § 2.1 (License Grant)),
beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 1

(21) Stimmen die Patentinhaber (wie die Beklagte zu 1)) dieser Lizenzierungspolitik der Beklagten
zu 2) nicht zu, ist ihnen die Pool-Mitgliedschaft verwehrt.

(22) Erklären sich die Patentinhaber hingegen mit der Lizenzierungs- und auch Preispolitik der
Beklagten zu 2) einverstanden, verhandelt die Beklagte zu 2) für all ihre Mitglieder auf
Grundlage der gemeinsam festgelegten Lizenzierungsbedingungen mit den OEMs.

Beweis: Master License Management Agreement zwischen Avanci, LLC,


Qualcomm, Inc. und Telefonaktielaboget L.M. Ericsson vom
21. Juli 2016, bereits vorgelegt als Anlage GMW 1

(23) Auch wenn die Beklagte zu 2) ihren Mitgliedern in den öffentlich bekannten
Vertragsunterlagen nicht ausdrücklich verbietet, Einzellizenzen außerhalb des Pools zu
vergeben, gibt es eine Grundabsprache und Koordination im Sinne einer Übereinkunft
zwischen der Beklagten zu 2) und einigen ihrer bedeutenden Mitglieder, darunter die
Beklagte zu 1), die Vergabe von Einzellizenzen an Komponentenhersteller wie die Klägerin
grundsätzlich zu verweigern oder derart nachteilige Lizenzgebühren bzw. -konditionen
anzubieten, dass Komponentenhersteller davon abgehalten werden, eine Lizenz zu
erwerben.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 13 of 64 PageID #: 380

1. Juli 2021
Seite 12 / 63

Beweis: E-Mail von Nokia an Thales DIS AIS Deutschland GmbH vom
30. November 2020, beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 2, in
der die Vorwürfe zwar abgestritten werden, gleichzeitig aber der
Klägerin ein Lizenzangebot verwehrt wird

Beweis: E-Mail von Avanci LLC an Gemalto M2M GmbH vom 11. April 2018,
beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 3, in der zum Ausdruck
gebracht wird, dass AVANCI aktiv darauf einwirkt, Doppellizenzen in
der Produktionskette zu verhindern

(24) Darüber hinaus wurden zwischen der Beklagten zu 2) und ihren Mitgliedern weitreichende
Vereinbarungen für den Fall von Patentverletzungen getroffen. Die Beklagte zu 2) erstattet
ihren Mitgliedern beispielsweise sämtliche Prozesskosten für den Fall, dass diese ihre als
standardessentiell deklarierten Patente zugunsten des Patentpools durchsetzen. Ziel dieser
Maßnahme ist es u.a., die Disziplin unter den Mitgliedern hinsichtlich ihrer Lizenzstrategie zu
wahren.

Beweis: Master License Management Agreement zwischen Avanci, LLC,


Qualcomm, Inc. und Telefonaktiebolaget L.M. Ericsson vom
21. Juli 2016 (insb. "5.1.2 Licensor Litigation Costs"), bereits
vorgelegt als Anlage GMW 1

II. Der zugrundeliegende Sachverhalt

1. Einführung

(25) Die Parteien streiten über die Lizenzierungspolitik der Beklagten zu 1) und 2) und
insbesondere darüber, dass die Beklagten zu 1) und 2) der Klägerin Lizenzen für
Technologien verweigern, die die Klägerin zur Herstellung ihrer Mobilfunkmodule und
Endgeräte für Anwendungsbereiche in- und außerhalb der Automobilindustrie benötigt. Dies
betrifft die praktisch alternativlosen ETSI-Kommunikationsstandards (2G-, 3G, 4G- und
perspektivisch 5G-Mobilfunkstandards). Mobilfunkmodule, die die genannten Standards
nicht beherrschen, sind nicht marktfähig.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 14 of 64 PageID #: 381

1. Juli 2021
Seite 13 / 63

(26) ETSI ist die europäische Standardisierungsorganisation, die für Standards im Bereich der
Informations- und Kommunikationstechnologien zuständig ist. Neben anderen Technologien
hat sie eine Vielzahl von Standards für die mobile Kommunikation in Bezug auf 2G-, 3G-,
4G- und 5G-Technologien festgelegt. Durch die gemeinsam mit ihren Mitgliedern
eingeführten und vereinbarten Kommunikationsstandards werden die zugrundeliegenden
Technologien und Verfahren Teil des Standards. Hersteller, deren Produkte die
entsprechenden Standards nutzen und damit die zugrundeliegenden Technologien
implementieren müssen, sind daher auf Lizenzvereinbarungen angewiesen, die sie zur
Nutzung der in den Standard aufgenommenen Patente berechtigen. Alternativen zur
Implementierung der Standards bestehen nicht.

2. Verhandlungen mit der Beklagten zu 1)

(27) Die Klägerin wurde in Bezug auf ihre Mobilfunkmodule erstmalig 2014 auf eine angeblich
nicht gestattete Nutzung von Nokia-SEP aufmerksam. Am 10. September 2014 wurde die
Klägerin (damals firmierend als Gemalto) von der damaligen Core Wireless Licensing S.à.r.l.
("Core", heute Conversant Wireless Licensing S.à.r.l.) schriftlich kontaktiert. In diesem
Schreiben wiesen die Vertreter von Core darauf hin, dass das Unternehmen ein Portfolio von
etwa 1.200 Nokia-Patenten, u.a. mit Bezug zu 2G-, 3G- und 4G-Technologien erworben
habe, die angeblich standardessentiell und von der Klägerin durch die Herstellung von
Mobilfunkmodulen verletzt worden seien.

Beweis: Schreiben von Core Wireless Licensing S.à.r.l. an Gemalto M2M GmbH
vom 10. September 2014, beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 4

(28) Die Klägerin war allerdings der Auffassung, von einem (Kreuz-) Lizenzvertrag zu profitieren,
der ursprünglich zwischen der Beklagten zu 1) und Siemens geschlossen worden war und
aus dem ggf. auch Rechtsnachfolger von Siemens wie die Klägerin Rechte ableiten könnten.
Die Klägerin ging daher davon aus, dass die entsprechenden Lizenzrechte bei der
Ausgliederung des Modulgeschäfts von Siemens auf die Klägerin übertragen worden waren
und die Klägerin nach diesem (Kreuz-) Lizenzvertrag berechtigt war, Produkte unter
Verwendung der patentierten Nokia-Technologien herzustellen.

Beweis: Zeugnis von Herrn Olivier Mas, gesetzlicher Vertreter von Thales, zu
laden über die Klägerin
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 15 of 64 PageID #: 382

1. Juli 2021
Seite 14 / 63

Beweis: Zeugnis von Herrn Carsten Petsch, gesetzlicher Vertreter von


Gemalto/Thales, zu laden über die Klägerin

Beweis: Aktennotiz von Herrn Dr. Volkmar Henke vom 19. November 2014,
beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 5

(29) Da der Klägerin von Siemens im Zug der Ausgliederung keine Kopie des (Kreuz-)
Lizenzvertrags überlassen worden war, war die Klägerin zunächst nicht in der Lage, ihre
darin ggf. verbrieften Rechte gegenüber Core (und anderen Dritten) nachzuweisen. Existenz
und Inhalt des (Kreuz-) Lizenzvertrags waren der Klägerin aber im Rahmen der Due Diligence
beim Erwerb des Siemens-Modulgeschäfts von ihren Rechtsanwälten beschrieben worden.

Beweis: Zeugnis von Herrn Olivier Mas, gesetzlicher Vertreter von Thales, b.b.

Beweis: Aktennotiz von Herrn Dr. Volkmar Henke vom 19. November 2014,
bereits vorgelegt als Anlage GMW 5

(30) Danach enthielt der gegenständliche (Kreuz-) Lizenzvertrag zwischen der Beklagten zu 1)
und Siemens aus dem Jahr 2004 eine sog. Abspaltungsklausel (spin-off-clause), die es
beiden Vertragsparteien uneingeschränkt erlaubte, wechselseitig substanzielle Rechte aus
der Vereinbarung jedem Rechtsnachfolger abzutreten oder zu übertragen. Dies geschah im
Rahmen der Übernahme des Siemens Wireless Modules Geschäfts durch Cinterion.

Beweis: Business Transfer Agreement zwischen Siemens AG und Cinterion


Wireless Modules GmbH vom 30. Mai 2008, beigefügt in Fotokopie als
Anlage GMW 6

Beweis: Aktennotiz von Herrn Dr. Volkmar Henke vom 19. November 2014,
bereits vorgelegt als Anlage GMW 5
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 16 of 64 PageID #: 383

1. Juli 2021
Seite 15 / 63

(31) Das Anfertigen von Kopien dieses oder weiterer (Kreuz-) Lizenzverträge war im Rahmen der
Transaktion mit Siemens jedoch nicht erlaubt.

Beweis: Zeugnis von Herrn Carsten Petsch, gesetzlicher Vertreter von


Gemalto/Thales, b.b.

(32) Mit Schreiben vom 25. März 2015 kontaktierte die Klägerin deshalb die Beklagte zu 1) als
frühere Inhaberin der Patente von Core und bat um deren Zustimmung zur Offenlegung des
(Kreuz-) Lizenzvertrags aus dem Jahr 2004 mit Siemens. Siemens selbst war zu diesem
Schritt ohne das Einverständnis der Beklagten zu 1) nicht bereit, da Siemens fürchtete, im
Hinblick auf Verschwiegenheitspflichten gegenüber der Beklagten zu 1) vertragsbrüchig zu
werden.

Beweis: Schreiben der Gemalto M2M GmbH an Nokia vom 25. März 2015,
beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 7

(33) Die Beklagte zu 1) reagierte auf dieses Schreiben nicht.

(34) Nach verschiedenen weiteren Versuchen der Kontaktaufnahme schrieb die Klägerin am
14. April 2016 erneut an die Beklagte zu 1) und bat wiederholt um ihre Mitwirkung.

Beweis: Schreiben der Gemalto M2M GmbH an Nokia vom 14. April 2016,
beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 8

(35) Auch im Anschluss an diese Aufforderung gestalteten sich die Gespräche mit der Beklagten
zu 1) schwierig. Im Sommer 2017 einigten sich die Klägerin und die Beklagte zu 1)
schließlich darauf, dass beide bereit seien, einen Geheimhaltungsvertrag ("Non-Disclosure
Agreement" oder "NDA") aufzusetzen, um den Sachverhalt unter Offenlegung des (Kreuz-)
Lizenzvertrags in vertraulichem Rahmen zu besprechen.

(36) Entsprechende Entwürfe wurden aufgesetzt und durch gegenseitige Anmerkungen


modifiziert.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 17 of 64 PageID #: 384

1. Juli 2021
Seite 16 / 63

Beweis: Entwurf des NDA vom 27. Juli 2017 und Überarbeitung des Entwurfs
des NDA vom 1. August 2017, beigefügt in Fotokopie als
Anlagenkonvolut GMW 9

(37) Dennoch weigerte sich die Beklagte zu 1) letztlich, das NDA zu unterzeichnen. Sachliche
Gründe für den Abbruch der Verhandlungen wurden von der Beklagten zu 1) weder genannt
noch sind sie für die Klägerin erkennbar.

(38) Stattdessen begann die Beklagte zu 1) im Jahr 2018, Kunden der Klägerin, u.a. Anbieter von
intelligenten Stromzählern und Bezahlterminals, zu kontaktieren und aufzufordern, Lizenzen
für ihre mobilfunkfähigen Produkte direkt bei der Beklagten zu 1) zu erwerben.

Beweis: Schreiben der Nokia Technologies Oy an Sagemcom Broadband SAS


vom 22. Februar 2018, 7. August 2018 und 28. September 2018,
beigefügt in Fotokopie als Anlagenkonvolut GMW 10

Beweis: E-Mail-Korrespondenz zwischen Vertretern der Nokia Technologies Oy


und EDMI Meters zwischen 20. April 2018 und 16. November 2018,
beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 11

Beweis: Schreiben der Nokia Technologies Oy an PowerFleet vom


9. September 2020, beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 12

Beweis: Schreiben von Nokia Technologies Oy an Ingenico Group S.A. vom


19. Oktober 2020 beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 13

(39) Da die Bemühungen der Klägerin, Verhandlungen mit der Beklagten zu 1) aufzunehmen,
erfolglos geblieben waren, wandten sich die Rechtsanwälte Eisenführ Speiser schließlich mit
Schreiben vom 1. Juni 2018 an die Beklagte zu 1) und forderten diese nochmals zur
Unterzeichnung des NDA auf und baten erneut, jegliche direkte Kontaktaufnahme mit den
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 18 of 64 PageID #: 385

1. Juli 2021
Seite 17 / 63

Kunden der Klägerin zu unterlassen, gegenüber denen die Beklagte zu 1) zwischenzeitlich


nicht nur eigene Lizenzen angeboten hatte, sondern auch wahrheitswidrig behauptete, dass
die Klägerin keine Lizensierungsbemühungen mit ihr anstrenge.

Beweis: Schreiben der Rechtsanwälte Eisenführ Speiser an Nokia vom


1. Juni 2018, beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 14

(40) Tatsächlich hat die Klägerin ganz im Gegenteil sogar ausdrücklich – jedoch erfolglos – für
den Fall, dass die Rechte aus dem (Kreuz-) Lizenzvertrag nicht ausreichen sollten, um eine
Lizenz gebeten:

"[…] Gemalto declares that it is willing to be a "full" licensee of Nokia."

(auf deutsch:

"[…] Gemalto erklärt seine Bereitschaft, ein "voller" Lizenznehmer von Nokia zu
werden.").

Beweis: Schreiben der Rechtsanwälte Eisenführ Speiser an Nokia vom


1. Juni 2018, bereits vorgelegt als Anlage GMW 14

(41) In der Zwischenzeit wurde die frühere Gemalto-Gruppe (einschließlich der Klägerin unter
ihrem früheren Namen) von THALES übernommen und die Klägerin änderte daraufhin ihre
Firma.

(42) Ungeachtet der Übernahme setzte die Klägerin ihre Bemühungen fort, die sie als Teil der
Gemalto-Gruppe begonnen hatte. Mit Schreiben vom 8. Oktober 2020 wandte sich die
Klägerin erneut mit dem Ziel, eine gütliche Einigung zu erzielen, an die Beklagte zu 1). Sie
erbat wiederum die Zustimmung zur Offenlegung des (Kreuz-) Lizenzvertrags aus dem Jahr
2004 und wiederholte ihren Willen, eine FRAND-Lizenz zu erhalten:

"THALES hereby formally reiterates its request to NOKIA to grant it a FRAND license
under its essential 2G/3G/4G patents to manufacture and sell Wireless Modules […]"

(auf deutsch:
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 19 of 64 PageID #: 386

1. Juli 2021
Seite 18 / 63

"THALES bekräftigt hiermit förmlich seine Anfrage an Nokia eine FRAND Lizenz für
ihre essentiellen 2G/3G/4G Patente zwecks Herstellung und Verkauf von
Mobilfunkmodulen zu gewähren […]").

Beweis: Schreiben der Thales DIS AIS Deutschland GmbH an Nokia


Technologies Oy vom 8. Oktober 2020, beigefügt in Fotokopie als
Anlage GMW 15

(43) Das Schreiben blieb jedoch ohne Erfolg.

Beweis: E-Mail von Nokia an Thales DIS AIS Deutschland GmbH vom
30. November 2020, bereits vorgelegt als Anlage GMW 2

(44) Im Dezember 2020 unternahm die Klägerin einen letzten Versuch einer außergerichtlichen
Einigung und forderte die Beklagte zu 1) auf, ihr ein Angebot für eine FRAND-Lizenz zu
unterbreiten:

"Thales wishes to re-emphasize that it continues to be a willing licensee for Nokia's


SEPs and its willingness to take a FRAND license on terms which are in fact FRAND
for any patent use not covered by the Nokia-Siemens license agreement, in
accordance with Nokia’s ETSI commitments."

(auf deutsch:

"Thales möchte noch einmal betonen, dass es weiterhin ein williger Lizenznehmer für
die SEPs von Nokia ist und dass es bereit ist, eine FRAND-Lizenz zu tatsächlichen
FRAND-Bedingungen für jede Patentnutzung, die nicht durch den Nokia-Siemens
Lizenzvertrag abgedeckt ist, in Übereinstimmung mit den ETSI-Verpflichtungen von
Nokia zu erwerben.").

Beweis: Schreiben der Thales DIS AIS Deutschland GmbH an Nokia


Technologies Oy vom 24. Dezember 2020, beigefügt in Fotokopie als
Anlage GMW 16

(45) Diese Bemühungen blieben abermals erfolglos. Tatsächlich ignorierte die Beklagte zu 1)
dieses Schreiben in einer E-Mail vom 21. April 2021.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 20 of 64 PageID #: 387

1. Juli 2021
Seite 19 / 63

Beweis: E-Mail von Nokia Technologies OY an Thales DIS AIS Deutschland


GmbH vom 21. April 2021, beigefügt in Fotokopie als
Anlage GMW 17

(46) Die fortwährende Weigerung der Beklagten zu 1), zu kooperieren und der Klägerin ein
FRAND-Angebot zu unterbreiten, ist Ausdruck der offiziellen Lizenzierungspolitik der
Beklagten zu 2), der die Beklagte zu 1) im Oktober 2018 beigetreten ist. Dementsprechend
muss das Verhalten der Beklagten zu 1) vor dem Hintergrund ihrer Zusammenarbeit und
Abstimmung mit der Beklagten zu 2) interpretiert werden.

(47) Im Februar 2021 erhielt die Klägerin über Siemens (nicht über die Klägerin zu 1)!) – unter
der Bedingung strikter Vertraulichkeit – schließlich Zugang zu einer teilweise geschwärzten
Version des Siemens/Nokia (Kreuz-) Lizenzvertrags. Diese bestätigt die Klägerin in ihrer
Auffassung, dass ihr mit Blick auf die vertragsgegenständlichen Patente, d.h. Patente, die
bis zum 31. Dezember 2008 von der Beklagten zu 1) angemeldet wurden, Ansprüche
gegenüber der Beklagten zu 1) zustehen.

(48) Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass die Beklagte zu 1) die Klägerin ohne Rechtfertigung
über die Reichweite des (Kreuz-) Lizenzvertrags, aus dem sie ggf. Rechte ableiten kann, im
Unklaren ließ, den Lizenzgesuchen der Klägerin nicht nachkam und stattdessen begann, mit
der Beklagten zu 2) zu kooperieren und in diesem Zuge eine Lizenznahme der Kunden und
mittelbaren Kunden der Klägerin unter Verweis auf ihre Patente zu erzwingen. Dabei ging
die Beklagte zu 1), wie gerichtsbekannt sein dürfte, u.a. gegen die Daimler AG in einer Reihe
von Patentverletzungsverfahren gerichtlich vor. Die entsprechenden Verfahren haben laut
Pressemeldung der Beklagten zu 1) vom 1. Juni 2021 durch einen Vergleich zwischen der
Daimler AG und der Beklagten zu 1), der eine Lizenznahme durch die Daimler AG beinhalte,
zwischenzeitlich ein Ende gefunden.

Beweis: Pressemitteilung der Beklagten zu 1) vom 1. Juni 2021 abrufbar auf


der Website der Beklagten zu 1) unter https://www.nokia.com/about-
us/news/releases/2021/06/01/daimler-and-nokia-sign-patent-
licensing-agreement/ (zuletzt abgerufen am 21. Juni 2021)
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 21 of 64 PageID #: 388

1. Juli 2021
Seite 20 / 63

3. Kontakte mit der Beklagten zu 2)

(49) Nachdem die Beklagte zu 1) der Plattform der Beklagten zu 2) 2018 beigetreten war, setzte
sich die Klägerin auch mit der Beklagten zu 2) in Verbindung, um den Konflikt über
bestehende oder neue Lizenzen mit der Beklagten zu 1) zu lösen. Dabei kam es der Klägerin
insbesondere darauf an, ihren Lizenzstatus zu erörtern, um Rechtssicherheit über diesen zu
erlangen und eine FRAND-Lizenz zu erhalten. Hätte die Offenlegung des (Kreuz-)
Lizenzvertrags durch die Beklagte zu 2) und/oder die Beklagte zu 1) ergeben, dass gültige
Lizenzen bzw. entsprechende Ansprüche zu Gunsten der Klägerin – entgegen deren
Vorstellung und Rechtsverständnis – nicht bestehen, wäre die Klägerin bereit gewesen, die
notwendigen Lizenzverträge mit der Beklagten zu 2) oder der Beklagten zu 1) unter FRAND-
Bedingungen zu schließen. Dies belegen ihre wiederholten Aufforderungen an die Beklagte
zu 1).

Beweis: Zeugnis von Herrn Carsten Petsch, gesetzlicher Vertreter von


Gemalto/Thales, zu laden über die Klägerin

(50) Die Bemühungen der Klägerin blieben jedoch ohne Erfolg. Die Beklagte zu 2) verweigerte
jede Kooperation, insbesondere übermittelte sie kein Angebot für eine FRAND-Lizenz für die
von ihr verwalteten SEPs. Dies entspricht der ausdrücklichen Lizenzierungspolitik der
Beklagten zu 2), die ausschließlich ausgewählte Nutzergruppen innerhalb der
Produktionskette (z.B. OEMs in der Automobilindustrie) lizenziert. Gegenüber Unternehmen,
die nicht der ausgewählten Kundengruppe angehören, verweigert die Beklagte zu 2)
grundsätzlich jede Lizenzierung.

Beweis: Master License Management Agreement zwischen Avanci, LLC,


Qualcomm, Inc. und Telefonaktiebolaget L.M. Ericsson vom 21. Juli
2016 (hierin werden "Licensed Products" (lizenzierte Produkte)
ausdrücklich auf "Vehicles" (Fahrzeuge) beschränkt, vgl. Document
A.1.1 – Patent License Agreement – Vehicles Licensing Program
2G/3G, § 1.12 (Definition der "Licensed Products"), § 1.22 (Definition
der "Vehicles"), § 2.1 (License Grant); Document A.2.1 – Patent
License Agreement – Vehicles Licensing Program 2G/3G/4G, § 1.12
(Definition von "Licensed Products" (lizenzierte Produkte)), § 1.22
(Definition von "Vehicles" (Fahrzeuge)), § 2.1 (License Grant)),
bereits vorgelegt als Anlage GMW 1
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 22 of 64 PageID #: 389

1. Juli 2021
Seite 21 / 63

4. Auswirkungen auf das Geschäft der Klägerin

(51) Die Lizenzierung der Mobilfunktechnologien ist für die Klägerin und insgesamt für die
Produzenten von Mobilfunkmodulen, die mit ihren Forschungs- und
Entwicklungsanstrengungen eine zentrale Rolle für Entwicklung von IoT-Anwendungen
spielen, von enormer Bedeutung. Ihre Entwicklungs-, Produktions- und Vertriebstätigkeit mit
Blick auf Mobilfunkmodule baut auf Technologien auf (2G-, 3G-, 4G- und perspektivisch 5G-
Mobilfunkstandards), hinsichtlich derer die Beklagte zu 1) behauptet, SEPs zu halten. Damit
hängen sowohl die Innovationsfähigkeit der Klägerin als auch ihre Marktteilnahme
maßgeblich von der Nutzungsberechtigung bezüglich der Patente ab.

Beweis: Wirtschaftswoche vom 27. November 2020, abrufbar unter:


https://www.wiwo.de/politik/europa/internet-der-dinge-warum-die-
patentschlacht-zwischen-daimler-und-nokia-so-bedeutend-
ist/26665386.html (zuletzt abgerufen am 21. Juni 2021)

(52) Mit einer eigenen Lizenz an den SEP sind lizenzsuchende Zulieferer wie die Klägerin in der
Lage, frei im Wettbewerb ihrer Geschäftstätigkeit nachzugehen und selbständig rechtssicher
Mobilfunkmodule zu entwickeln, herzustellen und an beliebige Tier 1-Zulieferer,
Automobilhersteller sowie andere OEMs außerhalb der Automobilindustrie zu vertreiben. Nur
mit einer eigenen Lizenz können die Komponentenhersteller zudem die in Zulieferverträgen
je nach Industriepraxis geforderte Zusicherung einer Lieferung "frei von Rechten Dritter"
rechtssicher abgeben.

(53) Sofern die Patentinhaber bereit sind, OEMs eine Lizenz zu erteilen, die das Recht beinhaltet,
Zulieferteile unter Nutzung der Patente herstellen zu lassen (sogenannte "have made"-
Rechte), steht dies einer eigenen Lizenz der Komponentenhersteller in keiner Weise gleich.
Ohne eigene FRAND-Lizenz sind Komponentenhersteller wie die Klägerin von der
Lizenzierung der OEMs und deren Entscheidung abhängig, sich technisch und kommerziell
mit Lizenzverhandlungen zu patentierten Technologien zu befassen, die auf weit
vorgelagerten Produktionsstufen implementiert werden und von denen die OEMs
naturgemäß keine Detailkenntnisse haben. Die Nichtlizenzierung der Komponentenhersteller
erhöht zudem weiter die Marktmacht der OEMs, weil die Zulieferer in eine Abhängigkeit zu
den OEMs geraten, um Produkte, die die patentierten Lehren umsetzen, unter "have made"
Rechten herstellen zu können. Wenn nur OEMs lizenziert werden, kann die Klägerin auch nur
an diese spezifischen OEMs rechtssicher verkaufen. Eine hiervon unabhängige
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 23 of 64 PageID #: 390

1. Juli 2021
Seite 22 / 63

Geschäftstätigkeit durch den Verkauf ihrer Produkte an Kunden im unabhängigen


Ersatzteilgeschäft (Independent Aftermarket), an Kunden außerhalb der Automobilindustrie
oder direkt an Endverbraucher ist hingegen nicht möglich. Aus dem Fehlen einer eigenen
Lizenz folgt deshalb ein signifikantes Geschäftsrisiko, das die Klägerin perspektivisch davon
abhalten wird, in gleicher Weise in Forschung und Entwicklung neuer Produkte zu
investieren, die den Kommunikationsstandards entsprechen, wie sie es mit einer eigenen
Lizenz könnte. All dies führt nicht nur zu einer erheblichen Wettbewerbsverzerrung. Es
beraubt die Klägerin auch ihres Rechts, zu fairen Bedingungen am Wettbewerbsprozess
teilzunehmen. Dies beeinflusst zudem die Entwicklung weiterer IoT Anwendungen, weil die
Innovationsfähigkeit der Klägerin und ihre Möglichkeiten, neue Produkte auf den Markt zu
bringen, erheblich beeinträchtigt werden.

(54) Infolgedessen ist der Klägerin durch die Nichtgewährung von Lizenzen durch die Beklagte
zu 1) und die Beklagte zu 2) ein erheblicher, noch nicht bezifferbarer Schaden entstanden
und wird ihr weiterhin entstehen.

(55) Soweit die Beklagten zu 1) und 2) Einzel- oder Pool-Lizenzen an OEMs bereits erteilt haben
oder noch erteilen, nehmen die OEMs bei ihren Vorlieferanten Rückgriff für Lizenzgebühren,
die sie an die Beklagten zu 1) und 2) zahlen.

(56) Insofern halten sich die OEMs an ihre unmittelbaren Vorlieferanten (Tier 1-Zulieferer), die
wiederum ihre Vorlieferanten (Tier 2-Zulieferer) in Regress nehmen. Gleiches gilt bei
entsprechenden Klauseln/Regressansprüchen außerhalb der Automobilindustrie. Auf diese
Weise werden die Lizenzkosten in der Produktionskette bis zur Klägerin als
Komponentenhersteller durchgereicht.

Beweis: Schreiben der Ingenico Group an Gemalto M2M GmbH vom


13. Februar 2020, beigefügt in Fotokopie als Anlage GMW 18

Beweis: Streitverkündungsschrift der TomTom International B.V. an THALES


DIS AIS Deutschland GmbH vom 7. April 2020, beigefügt in Fotokopie
als Anlage GMW 19

(57) In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass die SEPs (wenn überhaupt) nur von
den Komponentenherstellern implementiert werden, nicht aber von den nachgelagerten
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 24 of 64 PageID #: 391

1. Juli 2021
Seite 23 / 63

Akteuren in der Produktionskette. OEMs und auch andere (unmittelbare) Kunden der
Klägerin können daher weder feststellen, welche SEPs verwendet werden, noch, ob die
Patente gültig und standardessentiell oder bereits in der Produktionskette lizenziert sind und
in welcher Höhe Lizenzgebühren FRAND sein können.

(58) Besonders deutlich wird diese Problematik in der Automobilindustrie. Da in den jeweiligen
Lieferverträgen der Automobilindustrie entsprechend der üblichen Branchenpraxis
Zulieferteile vertraglich zugesichert "frei von Rechten Dritter" geliefert werden müssen,
prüfen die OEMs diese komplexen und für sie nicht überprüfbaren Fragen der Benutzung,
der Vorlizenzierung, der Verletzung und der Wirksamkeit nicht, sondern machen (aus ihrer
Sicht wirtschaftlich nachvollziehbar) die Lizenzkosten schlicht bei ihren Vorlieferanten
geltend. Der EuGH hat insoweit festgestellt, dass eine Standardisierungsorganisation wie
ETSI "weder prüft, ob die Patente rechtsbeständig sind, noch, ob sie für den Standard, zu
dem sie gehören, essenziell sind"1. Die Beantwortung dieser Fragen erfordert tiefgreifende
technische Kenntnisse über den Standard, die Patente und die relevanten Komponenten, die
angeblich die patentierte Lehre umsetzen. Angesichts der offensichtlichen
Informationsasymmetrie zwischen OEMs und Patentinhabern in Kombination mit der
bestehenden Möglichkeit zur Schadloshaltung bei den Vorlieferanten entsteht daher ein
Moral-Hazard-Problem: Der durchschnittliche OEM hat keine Möglichkeit und keinen Anreiz,
sich mit der relevanten Technologie sowie dem entsprechenden Lizenzangebot der Beklagten
auseinanderzusetzen und dieses umfassend auf seine Angemessenheit zu überprüfen.
Verstärkt wird der Anreiz, Lizenzen um "jeden Preis" zu bekommen, durch das enorme
Schadenspotential, das OEMs bei einem gerichtlich verfügten Verkaufsstopp für ihre
Fahrzeuge droht.

(59) Angesichts drohender Unterlassungsklagen, die erhebliche Auswirkungen auf ihr


Kerngeschäft haben können, haben sich eine Reihe von OEMs dem Druck gebeugt und
Lizenzen mit der Beklagten zu 2) geschlossen, zumal sie wissen, dass die von ihnen
gezahlten Lizenzgebühren infolge vertraglicher Regressregelungen von den Zulieferern und
insbesondere von den Herstellern von Mobilfunkmodulen wie der Klägerin getragen werden.

(60) Diese Situation nutzen die Beklagten zu 1) und 2) durch ihre Lizenzierungspraxis gezielt aus,
um Lizenzgebühren zu erhalten, die die Verhältnisse in der Produktionskette zu ihren
Gunsten unzutreffend abbilden. Im Ergebnis kommt es zu einer unangemessenen oder gar

1
EuGH, Urteil vom 16. Juli 2015, C-170/13, ECLI:EU:C:2015:477, Rn. 69 – Huawei/ZTE.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 25 of 64 PageID #: 392

1. Juli 2021
Seite 24 / 63

(soweit in der Produktionskette bereits Lizenzrechte bestehen) doppelten Vergütung der


Patente der Beklagten zu 1) und 2).

(61) Exemplarisch ist insoweit der Streit um die (Kreuz-) Lizenz zwischen Nokia und Siemens, auf
die sich die Klägerin beruft. Die Beklagte zu 1) hat kein Interesse, an der Aufklärung einer
bereits bestehenden Lizenzierung bzw. einem Lizenzanspruch zwischen einem
Komponentenhersteller (wie der Klägerin) und ihr mitzuwirken. Im Gegenteil ist es für sie
vorteilhaft, wenn entsprechende Aspekte im Unklaren bleiben und insbesondere die OEMs
sowie andere (unmittelbare) Kunden der Klägerin in Unsicherheit über den Lizenzstatus
gelassen werden.

(62) Vor diesem Hintergrund ist es bei lebensnaher Betrachtung wahrscheinlich, dass die
Konditionen der Lizenzabschlüsse zwischen einerseits OEMs sowie anderen (unmittelbaren)
Kunden der Klägerin und andererseits den Beklagten sowie anderen Patentinhabern den
tatsächlichen Lizenzierungsbedarf in der Produktionskette nicht angemessen widerspiegeln
und die Verhandlungen zu Lizenzbedingungen führen, die von denjenigen abweichen, die in
Lizenzverträgen zwischen den Beklagten und den Komponentenherstellern
(Implementierern) vereinbart würden.

(63) Demgemäß sieht sich die Klägerin vertraglichen Regressansprüchen ihrer Kunden in- und
außerhalb der Automobilindustrie ausgesetzt, die ihre Kosten bei direkter Lizenzierung
deutlich übertreffen und die ggf. auch weitergehende Verteidigungsaufwendungen ihrer
Kunden umfassen können. Angesichts der noch laufenden Entwicklung und noch zu
erwartenden Regressforderungen ist die Schadensentstehung noch nicht abgeschlossen.
Zudem hat die Klägerin aufgrund des Vorgehens der Beklagten zu 1) einen
Reputationsschaden erlitten, weil der Unternehmensruf der Klägerin auf dem Markt an
Ansehen verloren hat, indem die Beklagte zu 1) gegenüber Dritten behauptet, die Klägerin
sei nicht bereit, eine Lizenz zu erwerben, was nicht ihrem tatsächlichen Verhalten entspricht.

B. Rechtliche Würdigung

(64) Die Klage ist zulässig und begründet.

I. Zulässigkeit der Klage

(65) Das Landgericht München ist international, örtlich und sachlich zuständig.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 26 of 64 PageID #: 393

1. Juli 2021
Seite 25 / 63

(66) Zwischen den Parteien bestehen auch keine Vereinbarungen über einen anderweitigen
Gerichtsstand oder Schiedsvereinbarung bzw. Schiedsklauseln.

1. Internationale und örtliche Zuständigkeit

a) Beklagte zu 1)

(67) Das Landgericht München ist mit Blick auf die Beklagte zu 1) international und örtlich
zuständig.

(68) Die Bestimmung der internationalen Gerichtszuständigkeit erfolgt mit Blick auf die Beklagte
zu 1), die ihren Sitz in Finnland hat, gemäß Verordnung (EU) Nr. 1215/2012 über die
gerichtliche Zuständigkeit und die Anerkennung und Vollstreckung von Entscheidungen in
Zivil- und Handelssachen ("Brüssel-Ia-Verordnung"), vgl. Art. 1 Abs. 1 Brüssel-Ia-VO.

(69) Gemäß Art. 7 Nr. 2 Brüssel-Ia-VO kommt es für die Bestimmung der gerichtlichen
Zuständigkeit bei deliktischen Handlungen auf den "Ort [an], an dem das schädigende
Ereignis eingetreten ist", was sich nach allgemeiner Auffassung sowohl auf den Ort beziehen
kann, an dem die rechtswidrige Tätigkeit stattgefunden hat, als auch auf den Ort, an dem
sich ihre Auswirkungen manifestiert haben,2 d.h. der Markt, der vom Verhalten des
Schädigers negativ betroffen ist.3 Dies ist jedenfalls am Sitz des unmittelbar durch den
Kartellrechtsverstoß geschädigten Unternehmens, d.h. der Klägerin, der Fall.4

(70) Der Sitz der Klägerin ist München. Als Verwaltungs- und Vermögenszentrale hat sich das
Verhalten der Beklagten hier unmittelbar auf die Klägerin und damit auf den Markt
ausgewirkt. Damit ist München Erfolgsort im Sinne von Art. 7 Nr. 2 Brüssel-Ia-Verordnung.

b) Beklagte zu 2)

(71) Das Landgericht München ist auch mit Blick auf die Beklagte zu 2) international und örtlich
zuständig.

2
EuGH, Urteil vom 5. Juli 2018, C-27/17, Rn. 51 – Lithuanian Airlines; BGH, Beschluss vom
11. Dezember 2018, KZR 66/17 – Booking.com; vgl. Hess/Koutsoukou/Westerhoven in: Fuchs/Weitbrecht,
Handbuch Private Kartellrechtsdurchsetzung, 2019, § 20 Rn. 8 m.w.N. zur Anwendung des deliktischen
Gerichtsstands.
3
Vgl. EuGH, Urteil vom 29. Juli 2019, C-451/18, ECLI:EU:C:2019:635, Rn. 33 – Tibor-Trans.
4
EuGH, Urteil vom 21. Mai 2015, C-352/13, ECLI:EU:C:2015:335, Rn. 52 f. – CDC Hydrogen Peroxide; vgl. zu
§ 32 ZPO BGH, Beschluss vom 27. November 2018, X ARZ 321/18, NJW-RR 2019, 238, 239.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 27 of 64 PageID #: 394

1. Juli 2021
Seite 26 / 63

(72) Aufgrund des Sitzes der Beklagten zu 2) in den USA bestimmen sich sowohl die internationale
als auch die örtliche Zuständigkeit anhand des insofern doppelfunktionalen § 32 ZPO.5 Eine
vorrangige Zuständigkeitsregelung existiert nicht.

(73) Auch § 32 ZPO nimmt eine Gerichtszuweisung anhand des Handlungs- oder Erfolgsorts vor.6
Erfolgsort ist bei Kartellrechtsverstößen jedenfalls der Sitz des unmittelbar durch den
Kartellrechtsverstoß geschädigten Unternehmens,7 also der Klägerin (s.o.).

2. Sachliche Zuständigkeit

(74) Das Landgericht München ist nach §§ 87 S. 1, 89 GWB sowie § 33 der Verordnung über die
gerichtlichen Zuständigkeiten im Bereich des Staatsministeriums der Justiz sachlich
zuständig. Bei den geltend gemachten Ansprüchen handelt es sich um Kartell-
Schadensersatzansprüche nach §§ 33a, 33 GWB i.V.m. Art. 101, 102 AEUV (§§ 1, 19,
20 GWB8) bzw. allgemein deliktsrechtliche Ansprüche nach § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. Art. 101,
102 AEUV (§§ 1, 19, 20 GWB) sowie § 826 BGB und somit um bürgerlich-rechtliche
Streitigkeiten.

II. Feststellungsinteresse

(75) Die Klägerin hat ein berechtigtes Interesse an der gerichtlichen Feststellung gemäß § 256
Abs. 1 ZPO, dass die Beklagten zu 1) und 2) ihr zum Ersatz der aus den
Kartellrechtsverstößen der Beklagten zu 1) und 2) folgenden Schäden dem Grunde nach
verpflichtet sind.

(76) Nach ständiger Rechtsprechung des BGH ist ein rechtliches Interesse an einer alsbaldigen
Feststellung des Bestehens oder Nichtbestehens eines Rechtsverhältnisses gegeben, wenn

5
OLG Düsseldorf, Urteil vom 22. März 2019, I-2 U 31/16, BeckRS 2019, 6087, Rn. 85 – Improving Handovers;
OLG Düsseldorf, Urteil vom 10. November 2010, U (Kart) 19/10, BeckRS 2011, 535; zur Anwendbarkeit der
§§ 12 ff. ZPO allgemein BGH, Urteil vom 18. Januar 2011, X ZR 71/10, NJW 2011, 2056;
Hess/Koutsoukou/Westerhoven in: Fuchs/Weitbrecht, Handbuch Private Kartellrechtsdurchsetzung, 2019,
§ 20 Rn. 73.
6
BGH, Urteil vom 25. November 1993, IX ZR 32/93, NJW 1994, 1413, 1414; BGH, Urteil vom 2. März 2010,
VI ZR 23/09, NJW 2010, 1752, 1752; Hess/Koutsoukou/Westerhoven in: Fuchs/Weitbrecht, Handbuch private
Kartellrechtsdurchsetzung, 2019, § 20 Rn. 74.
7
BGH, Beschluss vom 27. November 2018, X ARZ 321/18, NJW-RR 2019, 238, 239; LG Dortmund, Beschluss
vom 9. September 2020, 8 O 42/18, BeckRS 2020, 21184, Rn. 6 ff.; Hüßtege in: Thomas/Putzo, ZPO,
41. Auflage 2020, § 32 ZPO Rn. 15.
8
Im weiteren Verlauf der Klage wird von einer ergänzenden Zitierung der ebenfalls einschlägigen und erfüllten
§§ 1, 19 und 20 GWB lediglich aus Gründen der Übersichtlichkeit abgesehen.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 28 of 64 PageID #: 395

1. Juli 2021
Seite 27 / 63

dem Recht oder der Rechtslage des Klägers eine gegenwärtige Gefahr der Unsicherheit droht
und das erstrebte Urteil geeignet ist, diese Gefahr zu beseitigen.9 Der BGH betont dazu:

"Indessen besteht keine allgemeine Subsidiarität der Feststellungs- gegenüber der


Leistungsklage. Die Zulässigkeit einer Feststellungsklage ist trotz der Möglichkeit,
Leistungsklage zu erheben, dann zu bejahen, wenn die Durchführung des
Feststellungsverfahrens unter dem Gesichtspunkt der Prozesswirtschaftlichkeit zu
einer sinnvollen und sachgemäßen Erledigung der aufgetretenen Streitpunkte
führt."10

(77) In diesem Sinne wird das Feststellungsinteresse im Bereich des Schadensersatzes vom BGH
in ständiger Rechtsprechung bejaht, wenn eine Bezifferung des Schadens deshalb nicht
möglich ist, weil die Schadensentwicklung zum Zeitpunkt der Klageerhebung nicht
abgeschlossen ist und der Schaden daher nicht endgültig beziffert werden kann.11 Dafür lässt
die Rechtsprechung es bei Vermögensschäden genügen, dass künftige Schadensfolgen
wahrscheinlich sind. Die Anforderungen hieran sind nicht zu überspannen.12 Insbesondere
ist keine hohe Wahrscheinlichkeit notwendig.13 Umfängliche Begutachtungen oder
Berechnungen des abstrakt möglichen Schadens sind der klagenden Partei nicht
abzuverlangen.14

(78) Der Klägerin entsteht durch die Nichterteilung von FRAND-Lizenzen durch die Beklagten zu
1) und 2) fortwährend ein erheblicher Schaden u.a. infolge überhöhter Regressforderungen
ihrer Kunden sowie des Verlusts von tatsächlichen/potentiellen Endkunden.

(79) Wie bereits erläutert führt die pauschale Weigerung der Beklagten zu 1) und 2), der Klägerin
als Herstellerin der patentimplementierenden Produkte eine FRAND-Lizenz für die Nutzung
der 2G-, 3G- und 4G- bzw. perspektivisch 5G-Technologien zu erteilen, zu aller Voraussicht
nach überhöhten Lizenzgebühren bei den nach der Lizenzpolitik der Beklagten zu 1) und 2)
allein lizenzierten OEMs. Diese nehmen infolge der branchentypischen Klausel, dass Produkte
"frei von Rechten Dritter" geliefert werden, bei ihren Vorlieferanten Regress für ihre

9
BGH, Urteil vom 7. Februar 1986, V ZR 201/84, NJW 1986, 2507, 2507; vgl. hierzu auch Becker-Eberhard
in: Münchener Kommentar zur ZPO, 6. Auflage 2020, § 256 ZPO Rn. 39.
10
BGH, Urteil vom 9. Juni 1983, III ZR 74/82, NJW 1984, 1118, 1118.
11
BGH, Urteil vom 19. April 2016, VI ZR 506/14, BeckRS 2016, 8733, Rn. 6; LG München, Urteil vom 28. Juni
2019, 37 O 18505/17, BeckRS 2019, 24024, Rn. 40.
12
BGH, Urteil vom 26. Juli 2018, I ZR 274/16, NJW-RR 2018, 1301, 1303; BGH, Urteil vom 21. Januar 2000,
V ZR 387/98, NJW 2000, 1256, 1257.
13
OLG München, Urteil vom 21. Februar 2013, U 5006/11 Kart, BeckRS 2013, 5429.
14
BGH, Urteil vom 12. Juli 2005, VI ZR 83/04, NJW 2006, 1271, 1275 f; Becker-Eberhard in: Münchener
Kommentar zur ZPO, 6. Auflage 2020, § 256 ZPO Rn. 54.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 29 of 64 PageID #: 396

1. Juli 2021
Seite 28 / 63

Lizenzkosten, die diese wiederum an die Klägerin weiterreichen. Ähnliche Szenarien stellen
sich außerhalb der Automobilindustrie.

(80) In diesem Zusammenhang ist zudem zu betonen, dass die Bemühungen der Klägerin, neue
Kunden zu gewinnen, erheblich beeinträchtigt werden. Insbesondere die Behauptungen der
Beklagten zu 1), die Klägerin verfüge über keine gültige Lizenz und sei nicht bereit gewesen,
eine Lizenz zu nehmen, sind geeignet, den Ruf des Unternehmens der Klägerin im Markt
massiv zu schädigen, potentielle Kunden abzuschrecken und Geschäftsabschlüsse zu
beeinträchtigen, weil Kunden der Klägerin die fehlende Freiheit von Rechten Dritter
abschreckt oder sie diese einpreisen.

(81) Eine Bezifferung der einzelnen Schadenspositionen ist aus verschiedenen Gründen – wegen
unvorhersehbarer Beteiligungshandlungen Dritter und derzeit noch unklarer
Schadensentwicklung – nicht vollständig möglich.

III. Begründetheit

(82) Die Klage ist begründet.

(83) Die Klägerin hat gegen die Beklagten zu 1) und 2) einen Anspruch auf Ersatz des ihr
entstandenen bzw. noch entstehenden Schadens.

(84) Die geltend gemachten Ansprüche folgen aus §§ 33a Abs. 1, 33 Abs. 1 GWB i.V.m. Art. 101,
102 AEUV (§§ 1, 19 und 20 GWB) bzw. § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. Art. 101, 102 AEUV (§§ 1,
19 und 20 GWB), § 826 BGB jeweils in Verbindung mit § 33d GWB, § 840 und § 421 BGB.

(85) Die Beklagte zu 1) verstößt gegen Art. 102 AEUV, indem sie sich trotz ausdrücklich erklärter
Lizenzwilligkeit der Klägerin weigert, FRAND-Gespräche mit dieser aufzunehmen und ihr ein
annahmefähiges FRAND-Angebot zu übermitteln (unter 3.a.).

(86) Die Beklagten zu 1) verstößt zudem gegen Art. 101 AEUV, indem sie

• eine Lizenzierung der Klägerin verweigert und damit den Bedingungen ihrer
unstreitigen vertraglichen Teilnahme an der ETSI-Standardisierung zuwiderhandelte
(unter 3.b.); und
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 30 of 64 PageID #: 397

1. Juli 2021
Seite 29 / 63

• ihre SEPs in den von der Beklagten zu 2) verwalteten Patentpool eingebracht hat und
insofern der von der Beklagten zu 2) etablierten und mit bedeutenden Mitgliedern
abgestimmten Geschäftspolitik, ausschließlich OEMs Lizenzen zu erteilen, zustimmte
und diese auch selbst befolgte (unter 3.b.).

(87) Die Beklagte zu 2) verstößt schließlich gegen Art. 101 und 102 AEUV, indem sie

• sich entsprechend ihrer Lizenzpolitik kategorisch weigert, FRAND-Gespräche mit


Komponentenherstellern wie der Klägerin für die von ihr verwalteten SEPs
aufzunehmen (unter 4.a. und b.) und

• die kommerziellen (einschließlich der prozessualen) Strategien jedenfalls einiger ihrer


bedeutenden Mitglieder mit Blick auf die ausschließliche Lizenzierung von SEPs an
OEMs mit dem Ziel koordinierte, die marktbeherrschende Stellung der Beklagten
zu 2) bei der Vermittlung von SEPs zu verstärken (unter 4.a.).

(88) Obgleich die vorgenannten Verhaltensweisen bereits für sich genommen kartellrechtswidrig
sind, müssen sie als Teil einer Gesamtabsprache der Beklagten zu 2) und einigen ihrer
bedeutenden Mitglieder, wie der Beklagten zu 1), verstanden werden. Ziel dieser Absprache
ist es, die Gewinne aus der Vergabe von Lizenzen an SEPs zum Nachteil der Klägerin und
potentiell anderer Komponentenhersteller dadurch unangemessen zu maximieren, dass eine
Lizenzvergabe nur an bestimmte Teilnehmer der jeweiligen Produktionskette erfolgt (d. h.
OEM).

(89) In diesem Sinne weigern sich die Beklagte zu 1) und 2), der Klägerin Lizenzen zu FRAND-
Bedingungen zu erteilen, wodurch der Klägerin die Möglichkeit genommen wird, unabhängig
und frei auf dem Markt zu agieren. Stattdessen sieht sich die Klägerin mit erheblichen
Regressansprüchen ihrer Abnehmer konfrontiert, die versuchen, die von ihnen gezahlten
(überhöhten/missbräuchlichen) Lizenzgebühren zurückzuerhalten. Dies reduziert effektiv die
Margen der Klägerin und bedroht ihre wirtschaftliche Überlebensfähigkeit als Hersteller von
Mobilfunkmodulen.

1. Anwendbares materielles Recht

(90) Auf den Sachverhalt ist mit Blick auf die Beklagten zu 1) und 2) deutsches und europäisches
Kartellrecht anwendbar.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 31 of 64 PageID #: 398

1. Juli 2021
Seite 30 / 63

(91) Die Bestimmung des anwendbaren Rechts richtet sich bei deliktischen
Kartellrechtsansprüchen nach Art. 6 der EG-Verordnung 864/2007 vom 11. Juli 2007 über
das auf außervertragliche Schuldverhältnisse anzuwendende Recht ("Rom-II-VO"), Art. 1
Abs. 1, 31, 32 Rom-II-VO.

(92) Die Rom-II-VO und folgt grundsätzlich dem sog. Auswirkungsprinzip.

"(1) [...]

(3) a) Auf außervertragliche Schuldverhältnisse aus einem den Wettbewerb


einschränkenden Verhalten ist das Recht des Staates anzuwenden, dessen Markt
beeinträchtigt ist oder wahrscheinlich beeinträchtigt wird.

(93) Soweit die Beklagten zu 1) und 2) der lizenzwilligen Klägerin mit Sitz in München Lizenzen
für ihre SEP zu FRAND-Bedingungen verweigern, wirkt sich dies schwerpunktmäßig auf die
geschäftliche Tätigkeit der Klägerin in Deutschland und damit auf den deutschen Markt aus.
Hier treten auch die Schäden der Klägerin ein. Dementsprechend sind gemäß Art. 6 Abs. 3
lit. a Rom-II-Verordnung die Maßnahmen am in Deutschland anwendbaren deutschen und
europäischen Kartellrecht zu messen.15

2. Anspruchsgrundlagen

(94) Die Klägerin hat gegen die Beklagten zu 1) und 2) Anspruch auf Schadensersatz.

(95) Wie im Folgenden dargestellt, liegen Verstöße gegen Art. 101 und 102 AEUV vor, die zu
Ansprüchen nach §§ 33a Abs. 1, 33 Abs. 1 GWB i.V.m. Art. 101, 102 AEUV als auch nach
§ 823 Abs. 2 i.V.m. Art. 101, 102 AEUV sowie § 826 BGB führen16.

3. Ansprüche gegen die Beklagte zu 1)

(96) Die Klägerin hat gegen die Beklagte zu 1) Anspruch auf Schadensersatz.

15
LG Dortmund, Urteil vom 14. Mai 2014, 8 O 46/13, BeckRS 2014, 19175 – IHF; entsprechend mit Blick auf
§ 130 GWB a.F. (jetzt § 185 GWB) BGH, Urteil vom 7. Juni 2016, KZR 6/15, BeckRS 2016, 10974, Rn. 44 –
Pechstein.
16
Wie bereits ausgeführt gehen wir aus Gründen der Übersichtlichkeit auf die ebenfalls vorliegenden Verstöße
gegen §§ 1, 19, 20 GWB nicht gesondert ein.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 32 of 64 PageID #: 399

1. Juli 2021
Seite 31 / 63

a) §§ 33a Abs. 1, 33 Abs. 1 GWB i.V.m. Art. 102 AEUV

(97) Die Beklagte zu 1) missbraucht ihre marktbeherrschende Stellung als Inhaberin von SEP,
indem sie der Klägerin trotz ausdrücklicher und wiederholter Anfragen, in FRAND-
Verhandlungen einzutreten, kein Lizenzierungsangebot unterbreitet und eine
Erpressungsstrategie gegenüber OEMs umgesetzt hat, in vollem Bewusstsein, dass dies zu
Schäden bei der Klägerin führen wird.

aa) Vorsätzliche Verstöße gegen Art. 102 AEUV

(i) Marktbeherrschung

(98) Die Beklagte zu 1) ist ebenso wie jedes Avanci-Mitglied individuell marktbeherrschend.

(99) Eine beherrschende Stellung ist nach ständiger Rechtsprechung des EuGH definiert als

"die wirtschaftliche Machtstellung eines Unternehmens […], die dieses in die Lage
versetzt, die Aufrechterhaltung eines wirksamen Wettbewerbs auf dem relevanten
Markt zu verhindern, indem sie ihm die Möglichkeit verschafft, sich seinen
Wettbewerbern, Abnehmern und letztlich den Verbrauchern gegenüber in einem
nennenswerten Umfang unabhängig zu verhalten. Eine solche Stellung schließt im
Gegensatz zu einem Monopol oder einem Quasi-Monopol einen gewissen Wettbewerb
nicht aus, versetzt aber die begünstigte Firma in die Lage, die Bedingungen, unter
denen sich dieser Wettbewerb entwickeln kann, zu bestimmen oder wenigstens
merklich zu beeinflussen, jedenfalls aber weitgehend in ihrem Verhalten hierauf keine
Rücksicht nehmen zu müssen, ohne dass ihr dies zum Schaden gereichte."17

(100) Mit Blick auf die vorliegend in Rede stehende Lizenzierung von SEP hat die Europäische
Kommission festgehalten:

"[t]he specificity of SEPs is that they have to be implemented in order to comply with
a standard and thus cannot be designed around, i.e., there is by definition no
alternative or substitute for each such patent”18

(auf deutsch:

17
EuGH, Urteil vom 13. Februar 1978, C- 85/76, ECLI:EU:C:1979:36, Rn. 38 f. – Hoffmann-La
Roche/Vitamine; EuGH, Urteil vom 14. Februar 1978, C-27/76, ECLI:EU:C:1978:22 Rn. 2, 4 – United Brands;
EuGH, Urteil vom 9. November 1983, C-322/81, ECLI:EU:C:1983:313, Rn. 30 – Michelin.
18
Europäische Kommission, Entscheidung vom 13. Februar 2012, COMP/M.6381, Rn. 54 – Google/Motorola
Mobility; Europäische Kommission, Entscheidung vom 29. April 2014, COMP/AT.39985, Rn. 207 – Motorola;
Europäische Kommission, Entscheidung vom 29. April 2014, COMP/AT.39939, Rn. 26 ff. – Samsung.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 33 of 64 PageID #: 400

1. Juli 2021
Seite 32 / 63

"[D]ie Besonderheit von SEPs besteht darin, dass sie implementiert werden müssen,
um einem Standard zu entsprechen, und daher nicht umgangen werden können, d.h.
es gibt per Definition keine Alternative oder Ersatz für dieses Patent").

(101) Auf dieser Grundlage hat die Europäische Kommission festgestellt, dass

"each SEP constitutes a separate relevant technology market on its own"19

(auf deutsch:

"jedes SEP begründet für sich einen separaten Technologiemarkt").

(102) Dies entspricht der Rechtsprechung des BGH:

"Ist durch eine Industrienorm […] oder durch ein anderes, von den Nachfragern wie
eine Norm beachtetes Regelwerk (De-facto Standard) eine standardisierte, durch
Schutzrechte geschützte Gestaltung eines – aus der Sicht der Marktgegenseite nicht
durch ein anderes Produkt substituierbaren – Produkts vorgegeben, bildet die
Vergabe von Rechten, die potenzielle Anbieter dieses Produkts erst in die Lage
versetzen, es auf den Markt zu bringen, regelmäßig einen eigenen, dem
Produktmarkt vorgelagerten Markt."20

(103) Bei den für die Implementierung der 2G-, 3G- und 4G-Standards notwendigen Technologien
hat somit jeder SEP-Inhaber 100% Marktanteil auf dem Lizenzvergabemarkt für das
jeweilige SEP.21

(104) Ein gültiges Patent, das an einem Standard beteiligt ist, ist grundsätzlich wesentlich für die
Nutzung dieses Standards.22 Dies gilt erst recht, wenn – wie bei den Beklagten zu 1) und 2)
– nicht nur einzelne Patente, sondern Patent-Portfolios bestehend aus tausenden Patenten
in Rede stehen. In dem Maße, in dem dieser Standard selbst nicht durch den Einsatz
alternativer Technologien wirksam umgangen werden kann, besitzt also jeder Inhaber eines

19
Europäische Kommission, Entscheidung vom 13. Februar 2012, COMP/M.6381, Rn. 54, 61 –
Google/Motorola Mobility; Europäische Kommission, Entscheidung vom 29. April 2014, COMP/AT.39985,
Rn. 213 – Motorola; Europäische Kommission, Entscheidung vom 29. April 2014, COMP/AT.39939, Rn. 41 ff.
– Samsung.
20
BGH, Urteil vom 5. Mai 2020, KZR 36/17, GRUR 2020, 961 Rn. 57 – FRAND-Einwand.
21
Vgl. LG Düsseldorf, Urteil vom 7. Mai 2020, 4 c O 44/18, GRUR-RS 2020, 12599, Rn. 117 –
Decodierverfahren; LG Düsseldorf, Urteil vom 13. Juli 2017, 4 a O 16/16, BeckRS 2017, 129534, Rn. 158 –
Kommunikationsvorrichtung.
22
Generalanwalt Wathelet, Schlussanträge vom 20. November 2014, C-170/13, ECLI:EU:C:2014:2391,
Rn. 58 – Huawei/ZTE; BGH, Urteil vom 5. Mai 2020, KZR 36/17, GRUR 2020, 961 Rn. 58 – FRAND-Einwand;
BGH, Urteil vom 24. November 2020, KZR 35/17, GRUR 2021, 585 Rn. 49 – FRAND-Einwand II.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 34 of 64 PageID #: 401

1. Juli 2021
Seite 33 / 63

gültigen SEPs bzw. diese umfassenden Patent-Portfolios ein absolutes Maß an Marktmacht.23
Sein SEP ist zur Umsetzung des Standards unerlässlich. In den Worten des EuGH24:

Zum einen ist "[…] das fragliche Patent, wie das vorlegende Gericht ausführt, für
einen von einer Standardisierungsorganisation normierten Standard essenziell […]
und seine Benutzung daher für jeden Wettbewerber, der Produkte herzustellen
beabsichtigt, die dem Standard, mit dem es verbunden ist, entsprechen, unerlässlich
[…]. Dies unterscheidet SEP von nicht standardessenziellen Patenten, die es Dritten
normalerweise erlauben, konkurrierende Produkte herzustellen und dabei von dem
betreffenden Patent abzuweichen […].

Zum anderen zeichnet sich das Ausgangsverfahren dadurch aus, dass das in Rede
stehende Patent, […] den Status eines SEP nur im Gegenzug zu einer
unwiderruflichen Verpflichtungszusage seines Inhabers gegenüber der betreffenden
Standardisierungsorganisation, Dritten zu FRAND-Bedingungen Lizenzen zu erteilen,
erlangt hat."

(105) Im Bereich der Mobilfunkmodule (NAD) u.a. für die Automobilindustrie, die zur Herstellung
der mobilen Konnektivität eines Fahrzeugs als Bestandteil sog. TCUs verbaut werden, sind
allein die 2G-, 3G- und 4G- bzw. perspektivisch 5G-Kommunikationsstandards von Relevanz.
Eine Substitution dieser Standards ist nicht möglich.25 Es gibt keine relevante Nachfrage für
Mobilfunkmodule, die den 2G-, 3G- und 4G- bzw. perspektivisch 5G-Standards nicht
genügen.26 Ein Hersteller von Mobilfunkmodulen, der keinen Zugriff auf die patentierten
Technologien hat, ist daher nicht marktfähig. Dementsprechend ist auch die Klägerin auf
eine Lizenz an den entsprechenden SEPs bzw. der sie umfassenden Patent-Portfolios
angewiesen. Sie kann nicht auf alternative Anbieter ausweichen.

(106) Die Klägerin ist daher faktisch absolut abhängig von den Mobilfunkstandards, einschließlich
des SEP. Mit Blick auf die Definition des EuGH haben die Beklagten zu 1) und 2) mithin die
Möglichkeit, sich vollständig unabhängig von ihren Nachfragern zu verhalten. Sie sind
marktbeherrschend.

23
Vgl. BGH, Urteil vom 5. Mai 2020, KZR 36/17, GRUR 2020, 961 Rn. 58 – FRAND-Einwand; BGH, Urteil vom
24. November 2020, KZR 35/17, GRUR 2021, 585 Rn. 49 – FRAND-Einwand II; OLG Düsseldorf, Urteil vom
22. März 2019, 2 U 31/16, BeckRS 2019, 6087, Rn. 117 – Improving Handovers; LG Düsseldorf, Urteil vom
13. Juli 2017, 4 a O 16/16, BeckRS 2017, 129534, Rn. 159 – Kommunikationsvorrichtung.
24
EuGH, Urteil vom 16. Juli 2015, C-170/13, ECLI:EU:C:2015:477, Rn. 49-51 – Huawei/ZTE.
25
Vgl. zum GPRS Standard (2G) BGH, Urteil vom 5. Mai 2020, KZR 36/17, GRUR 2020, 961 Rn. 59 – FRAND-
Einwand.
26
Vgl. zum UMTS Standard (3G) LG Düsseldorf, Urteil vom 13. Juli 2017, 4 a O 16/16, BeckRS 2017, 129534,
Rn. 161 – Kommunikationsvorrichtung; vgl. dazu auch LG Düsseldorf, Urteil vom 7. Mai 2020, 4 c O 44/18,
GRUR-RS 2020, 12599, Rn. 119 – Decodierverfahren und Europäische Kommission, Entscheidung vom 29.
April 2014, COMP/AT.39939, Rn. 45 ff. – Samsung.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 35 of 64 PageID #: 402

1. Juli 2021
Seite 34 / 63

(ii) Missbrauch durch Lizenzverweigerung

(107) Die Beklagte zu 1) missbraucht ihre Marktmacht gemäß Art. 102 AEUV, indem sie der
Klägerin eine Lizenz an ihren SEPs kategorisch verweigert und sich darauf zurückzieht,
ausschließlich OEMs bzw. direkte Kunden der Klägerin zu lizenzieren.

(108) Nach der ständigen Rechtsprechung des EuGH ist anerkannt, dass ein marktbeherrschendes
Unternehmen eine "besondere Verantwortung für den Restwettbewerb trägt".27 Aufgrund
dieser besonderen Verantwortung darf ein Marktbeherrscher keine Handlungen vornehmen,
die geeignet sind, den ohnehin schon eingeschränkten Wettbewerb weiter zu
28
beeinträchtigen.

(109) Darüber hinaus besteht nach ständiger Rechtsprechung der Unionsgerichte in Fällen, in
denen die betreffende Leistung als wesentlich und unverzichtbar angesehen wird, ein
Kontrahierungszwang (Essential Facilities Doctrine).29 Der Inhaber des betreffenden
Schutzrechts darf nicht "das Auftreten eines neuen Produkts verhindern"30 oder die
"technische Entwicklung einschränken".31 Vor diesem Hintergrund und angesichts der
Tatsache, dass die 2G-, 3G- und 4G-Mobilfunkstandards praktisch unverzichtbar sind, stellt
die Lizenzverweigerung der Beklagten zu 1) einen Missbrauch ihrer marktbeherrschenden
Stellung im Sinne der Essential Facilities Doctrine dar. SEPs, die Bestanteil eines Standards
sind, sind grundsätzlich als Essential Facility anzusehen. Es sind essentielle Patente. Sie
können weder dupliziert noch umgangen werden und sind daher unverzichtbar, um auf
nachgelagerten Märkten tätig zu sein.

"Die Auswahl desjenigen, dem der SEP-Inhaber die Lizenz eines SEP-Portfolios
anbietet, entscheidet darüber, wer an dem Wettbewerb auf den dem
Technologiemarkt nachgelagerten Produktmärkten teilnehmen kann. Die
Lizenzierungspraxis eines SEP-Inhabers ist daher ein wesentlicher gestaltender
Faktor dafür, auf welcher Ebene in einer Produktionskette ein freier Markt zu
wettbewerblichen Bedingungen entstehen kann."32

27
EuGH, Urteil vom 9. November 1983, C-322/81, ECLI:EU:C:1983:313, Rn. 57 – Michelin.
28
EuG, Urteil vom 17. Juli 1998, T-111/96, ECLI:EU:T:1998:183, Rn. 139 – ITT Promedia.
29
EuGH, Urteil vom 29. April 2004, C-418/01, ECLI:EU:C:2004:257 – IMS Health; EuGH, Urteil vom
26. November 1998, C-7/97, ECLI:EU:C:1998:569 – Oscar Bronner.
30
EuG, Urteil vom 17. September 2007, T-201/04, ECLI:EU:T:2007:289, Rn. 334 – Microsoft.
31
EuG, Urteil vom 17. September 2007, T-201/04, ECLI:EU:T:2007:289, Rn. 647 – Microsoft.
32
BKartA, Stellungnahme vom 18. Juni 2021, P-66/20, S. 11 (nicht veröffentlicht).
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 36 of 64 PageID #: 403

1. Juli 2021
Seite 35 / 63

(110) Die Beklagte zu 1) ist als Inhaberin der in den ETSI-Standard aufgenommenen SEP daher
zur Lizenzierung gegenüber jedem Lizenzwilligen verpflichtet.33 Dies entspricht den
kartellrechtlichen Anforderungen und findet Ausdruck in ihrer verbindlichen Erklärung gemäß
Artikel 6.1 der ETSI Intellectual Property Rights Policy:

"The Declarant hereby irrevocably declares that […] it and its affiliates are prepared
to grant irrevocable licenses under its/their IPR(s) on terms and conditions which are
in accordance with Clause 6.1 of the ETSI IPR Policy […]".

(auf deutsch:

"Der Anmelder erklärt hiermit unwiderruflich, dass [...] er und seine verbundenen
Unternehmen bereit sind, unwiderrufliche Lizenzen für seine/ihre IPR(s) zu
Bedingungen zu erteilen, die mit Klausel 6.1 der ETSI IPR Policy [...]
übereinstimmen.").

(111) Diese Verpflichtung, jedem interessierten Dritten eine Lizenz zu FRAND-Bedingungen zu


erteilen, zielt darauf ab, die patentierte Technologie zu Gunsten des Inhabers zu schützen
und diesen zu honorieren, gleichzeitig aber auch den Zugang zu dem Standard für jeden
Marktteilnehmer offen zu halten und eine wettbewerbswidrige Verfälschung des Markts sowie
nachgelagerter Marktstufen zu unterbinden. Die Pflicht zur Lizenzierung ist vor diesem
Hintergrund zwingender Ausdruck einer kartellrechtlichen und patentrechtlichen
Interessenabwägung.

"Es liegt in der Natur der Sache, dass die Standardsetzung technologischen
Wettbewerb unterbindet, weil jede konkurrierende technische Lösung, die nicht in
den Standard aufgenommen wird, im Wettbewerb auf dem Produktmarkt mangels
Kompatibilität chancenlos ist. Die freiwillige Bereitschaft aller durch die
Standardsetzung privilegierten SEP-Inhaber, Konkurrenz dadurch zu ermöglichen,
dass jedem an der standardessentiellen Technik Interessierten eine
Benutzungserlaubnis zu FRAND-Bedingungen eingeräumt wird, stellt von daher eine
tragende Säule der technischen Standardsetzung und ihrer rechtlichen Zulässigkeit
dar."34

33
OLG Düsseldorf, Urteil vom 22. März 2019, I-2 U 31/16, BeckRS 2019, 6087, Rn. 118 – Improving
Handovers.
34
OLG Düsseldorf, Urteil vom 22. März 2019, I-2 U 31/16, BeckRS 2019, 6087, Rn. 118 – Improving
Handovers.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 37 of 64 PageID #: 404

1. Juli 2021
Seite 36 / 63

(112) Es steht der Beklagten somit nicht zu, ihre Lizenzierungspraxis willkürlich auf bestimmte
Unternehmen einer Branche oder Produktionskette zu beschränken und damit den
technologischen Fortschritt zu behindern.35

"Aus der Sicht des SEP limitiert die Lizenzierungszusage damit die von Hause aus
umfassenden Monopol- und Verbietungsrechte des Patentinhabers, indem ihm fortan
kein gegen jedermann wirkendes und bedingungslos durchsetzbares
Ausschließlichkeitsrecht mehr zusteht, sondern dessen Befugnisse als Folge der
FRAND-Erklärung dadurch begrenzt sind, dass er auf Anfordern jedermann eine
Benutzung seines SEP und damit eine gleichberechtigte Teilhabe am Standard zu
FRAND-Bedingungen gestatten muss. Diesem Zugeständnis kommt ganz erhebliche
Bedeutung zu, weil es zu den prägenden Kennzeichen der mit einem Patent
verbundenen Monopolrechte gehört, dass der Schutzrechtsinhaber nach seiner freien
Entscheidung von einer Lizenzerteilung absehen und somit jeden Dritten kategorisch
von einer Benutzung seines Patents ausschließen kann. Die Freiheit zur
Nichtlizenzierung, die eine wesentliche Folge der gesetzlichen
Ausschließlichkeitsbefugnisse aus dem Patent ist, opfert der SEP-Inhaber um der
Aufnahme der technischen Lehre seines Patents in den technischen Standard
willen."36

(113) Der BGH hat in diesem Kontext ausdrücklich ausgeführt, dass

"dem lizenzwilligen Verletzer ein Anspruch darauf zusteht, dass ihm der
Patentinhaber die Benutzung der geschützten technischen Lehre zu FRAND-
Bedingungen vertraglich gestattet."37

(114) Ohne eine entsprechende Pflicht, stünde es dem SEP-Inhaber frei, über die Marktfähigkeit
der Teilnehmer nachgelagerter Marktstufen zu entscheiden. Es geht um nichts weniger als
den Zugang zum Markt und folglich die Teilhabe am Wettbewerbsprozess.

(115) Dies entspricht der Rechtsprechung des EuGH in der Rechtssache Huawei/ZTE.38 Der EuGH
knüpft die Pflicht zur Abgabe eines FRAND-Angebots alleine an eine entsprechende Bitte des
potentiellen Lizenznehmers. Weitere Voraussetzungen definiert der EuGH nicht.39 Da es sich
bei der durch die Entscheidung des EuGH in Huawei/ZTE etablierten Verhandlungsstruktur

35
Kühnen, GRUR 2019, 665, 666; LG Düsseldorf, Urteil vom 11. Juli 2018, 4c O 81/17, BeckRS 2018, 25105,
Rn. 164; LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS 2020, 32508, Rn. 27 –
Nokia-SEP.
36
OLG Düsseldorf, Urteil vom 22. März 2019, I-2 U 31/16, BeckRS 2019, 6087, Rn. 118 – Improving
Handovers; LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS 2020, 32508, Rn. 19
– Nokia-SEP.
37
Vgl. BGH, Urteil vom 24. November 2020, KZR 35/17, GRUR 2021, 585 Rn. 54 – FRAND-Einwand II.
38
EuGH, Urteil vom 16. Juli 2015, C-170/13, ECLI:EU:C:2015:477, Rn. 47 ff. – Huawei/ZTE.
39
Kühnen, GRUR 2019, 665, 666; vgl. Verhauwen/Gerstein, GRUR-PRax 2020, 362, 363 f.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 38 of 64 PageID #: 405

1. Juli 2021
Seite 37 / 63

letztlich nur um eine Ausformung des u.a. durch die Entscheidungen Oscar Bronner40, IMS
Health41 und Microsoft42 etablierten generellen Kontrahierungszwangs (Essential Facilities
Doctrine) handelt,43 ist dies folgerichtig. Huawei/ZTE muss vor diesem Hintergrund gelesen
werden und macht damit deutlich, dass es kein Ermessen des SEP-Inhabers bei der Auswahl
seiner Lizenznehmer gibt.

(116) Mithin liegt alleine in der Weigerung der Beklagten zu 1), trotz ausdrücklicher und
wiederholter Lizenzanfragen in Lizenzierungsgespräche mit der Klägerin einzutreten bzw. der
Klägerin überhaupt ein FRAND-Lizenzangebot zu unterbreiten, der wissentliche und
willentliche Missbrauch ihrer marktbeherrschenden Stellung.44

"Das Recht jedes Zulieferers, für sich eine uneingeschränkte FRAND-Lizenz


einzufordern, besteht nach allem grundsätzlich und vorbehaltlos, so dass das
Verlangen nach einer FRAND-Lizenz ein Akt zulässiger Rechtsausübung darstellt,
welcher bei einer Verweigerung durch den SEP-Inhaber den Missbrauch einer
marktbeherrschenden Stellung beinhaltet, auf den sich sowohl der in Anspruch
genommene Verletzer am Ende der Verwertungskette als auch der zuliefernde
Lizenzsucher berufen können."45

(117) Durch die Weigerung wird die eigenständige Geschäftstätigkeit der Klägerin eingeschränkt
und der Wettbewerb auf den betroffenen Märkten beschränkt. Auf die Beweggründe oder
den Hintergrund der Verweigerungshaltung kommt es nicht an.46

(118) Die Missbräuchlichkeit kann auch nicht unter Verweis auf eine etwaige Lizenzvergabe an die
OEMs oder andere Unternehmen der jeweiligen Produktionskette gerechtfertigt werden.
Soweit in den entsprechenden Lizenzen mit den OEMs oder anderen Kunden der Klägerin
sog. "have made" Regelungen enthalten sind, sind diese kein adäquater Ersatz für eine
eigene FRAND-Lizenz der Klägerin.47 Sie erlauben keine eigenständige und unabhängige
Geschäftstätigkeit.48

40
EuGH, Urteil vom 26. November 1998, C-7/97, ECLI:EU:C:1998:569 – Oscar Bronner.
41
EuGH, Urteil vom 29. April 2004, C-418/01, ECLI:EU:C:2004:257 – IMS Health.
42
EuG, Urteil vom 17. September 2007, T-201/04, ECLI:EU:T:2007:289 – Microsoft.
43
Vgl. die Verweise in Europäische Kommission, Entscheidung vom 29. April 2014, COMP/AT.39939, Rn. 56
– Samsung; Europäische Kommission, Entscheidung vom 29. April 2014, COMP/AT.39985, Rn. 278 –
Motorola.
44
Vgl. BGH, Urteil vom 24. November 2020, KZR 35/17, GRUR 2021, 585 Rn. 54 – FRAND-Einwand II.
45
LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS 2020, 32508, Rn. 29 – Nokia-
SEP.
46
EuGH, Urteil vom 16. Juli 2015, C-170/13, ECLI:EU:C:2015:477, Rn. 52 ff. – Huawei/ZTE.
47
Kühnen, GRUR 2019, 665, 666; siehe auch Verhauwen/Gerstein, GRUR-PRax 2020, 362, 363 f.
48
BKartA, Stellungnahme vom 18. Juni 2021, P-66/20, S. 11 f. (nicht veröffentlicht).
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 39 of 64 PageID #: 406

1. Juli 2021
Seite 38 / 63

"Die Lizenzgewährung hat dabei nicht bloß irgendeinen Zugang zum standardisierten
Markt zu gewähren, sondern sie hat dem Lizenzsucher eine Teilhabe an der
standardisierten Technik in einem solchen Umfang einzuräumen, dass ihm ein freier
Wettbewerb auf allen von ihm jetzt und in Zukunft in Betracht gezogenen
Produktmärkten ermöglicht wird.

[…] Mit einer eigenen unbeschränkten Lizenz an dem SEP der Klägerin sind die
lizenzsuchenden Zulieferer in der Lage, selbständig und rechtssicher TCUs und die
notwendigen Komponenten hierfür weiterzuentwickeln, herzustellen und an beliebige
Automobilhersteller zu vertreiben. Nur mit ihr können die Zulieferer die patentierte
Technologie ferner für Nutzungsmöglichkeiten abseits der Automobilindustrie
weiterentwickeln und sich neue Märkte erschließen. Steht ihnen hingegen nur ein
eingeschränktes Recht zu, das sich von den Automobilherstellern ableitet, so
behindert dies die Forschung, Entwicklung und den Vertrieb der TCUs und ihrer
Komponenten entscheidend. Denn mit abgeleiteten Rechten können die Zulieferer
nur im Rahmen der ihnen von Dritten erteilten Weisungen TCUs und deren
Bestandteile herstellen und an die vertraglich vorgesehenen Abnehmer verkaufen.
Ein eigener, vom jeweiligen Abnehmer unabhängiger Marktauftritt wäre ihnen
verwehrt, was eine nicht gerechtfertigte Beschränkung ihres wirtschaftlichen
Handelns zur Folge hätte."49

(119) Darüber hinaus verdeutlichen die Gesamtumstände in der Automobilindustrie die erhebliche
Missbräuchlichkeit des Vorgehens der Beklagten zu 1). Die Weigerung, eine FRAND-Lizenz
an die Klägerin zu erteilen, ist Teil einer missbräuchlichen Ausbeutungsstrategie, die die
Beklagten zu 1) und 2) gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Beklagten zu 2) etabliert
haben. Sie zielt darauf ab, Endkunden (OEMs) unter Hinweis auf eine angeblich fehlende
Lizenzierung ihrer (mittelbaren) Zulieferer und Androhung von Unterlassungsklagen dazu zu
bewegen, unabhängig von der Klägerin Pool-Lizenzen von der Beklagten zu 2) für die
Nutzung der 2G-, 3G, 4G- und perspektivisch 5G-Standards zu erwerben.

(120) Hintergrund dieser gezielten Strategie ist die Möglichkeit, den eigenen Lizenzgewinn infolge
der in den Produktionsketten typischerweise bestehenden Informationsasymmetrien auf
Kosten der Tier 1 und Tier 2-Zulieferer wie der Klägerin zu erhöhen.

(121) Der Beklagten zu 1) ist bewusst, dass die OEMs nicht in der Lage sind, festzustellen, ob die
SEPs, die in dem lizenzierten Portfolio enthalten sind, gültig und tatsächlich
standardessentiell sind und in den von ihnen bezogenen Mobilfunkmodulen bzw. weiteren

49
LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS 2020, 32508, Rn. 19 f. – Nokia-
SEP; Kühnen, GRUR 2019, 665, 666; Verhauwen/Gerstein, GRUR-PRax 2020, 362, 364; BKartA,
Stellungnahme vom 18. Juni 2021, P-66/20, S. 11 f., 15 ff. (nicht veröffentlicht); a.A. wohl LG München,
Urteil vom 10. September 2020, 7 O 8818/19, NZKart 2020, 626, 627 – Sharp-SEP; LG Mannheim, Urteil vom
18. August 2020, 2 O 34/19, NZKart 2020, 622, 625 – Nokia-SEP.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 40 of 64 PageID #: 407

1. Juli 2021
Seite 39 / 63

Produkten überhaupt verwendet werden. Erst recht können die OEMs nicht wissen, für
welche Patente bereits Vorlizenzen50 bestehen.

"Da in einem Automobil bis zu 30.000 Komponenten verbaut sind, würde es für einen
Automobilhersteller einen ganz erheblichen Aufwand bedeuten, zu überprüfen, ob die
in seinem Kraftfahrzeug verbauten, von dritter Seite zugelieferten technischen
Lösungen von Schutzrechten Dritter Gebrauch machen. Die Problematik verschärft
sich umso mehr, je komplexer das Zulieferteil ist und je weiter die jeweilige Technik
von dem eigentlichen Tätigkeitsfeld des Automobilherstellers entfernt ist, wie dies
auf die vorliegend in Rede stehenden TCUs und NADs zutrifft."51

(122) Dieser Umstand erklärt, warum es übliche Industriepraxis ist, dass Lizenzen von den jeweils
patentimplementierenden Zulieferern nachgefragt werden. Allein diese sind in der Lage zu
beurteilen, welche Patente ihre Produkte implementieren, und können daher auf Augenhöhe
mit den Pateninhabern verhandeln.52 Vor diesem Hintergrund entspricht es dem
industrieüblichen Vorgehen, dass Tier 1-Zulieferer und OEMs Produkte frei von
Schutzrechten Dritter erwerben und dass Tier 2-Zulieferer, wie die Klägerin, vertraglich
verpflichtet werden, ihre Kunden freizustellen, falls Dritte Schutzrechte geltend machen.53

"Derjenige Zulieferer, der sich innerhalb der gestuften Lieferkette für eine bestimmte
technische Lösung entscheidet, ist am besten zur Prüfung in der Lage, ob diese
Lösung Schutzrechte Dritter verletzt."54

(123) Da sich die OEMs auf die Freistellungsklauseln in den Verträgen mit ihren Zulieferern und
indirekt mit Modulherstellern wie der Klägerin berufen können, um eine vollständige oder
teilweise Erstattung der gezahlten Lizenzgebühren zu erreichen, hat ein durchschnittlicher
OEM nicht nur keine Möglichkeit, sondern auch keinen Anreiz, sich energisch gegen die
Lizenzgebührenforderungen der Beklagten zu 1) und anderer Poolmitglieder der Beklagten
zu 2) zu wehren (Lizenzbedingungen) oder die Benutzung, Verletzung und Wirksamkeit der
Patente (Lizenzerfordernis) mit großem Aufwand zu überprüfen. Verstärkt wird der Anreiz,
Lizenzen um "jeden Preis" zu bekommen, durch das enorme Schadenspotential, das OEMs
bei einem Verkaufsstopp droht.

50
Vorlizenz meint in diesem Kontext eine vom Patentinhaber einem Hersteller auf einer vorgelagerten Stufe
der Produktionskette gegenüber erteilte Lizenz, die zu einer Erschöpfung der Patentrechte führt.
51
LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS 2020, 32508, Rn. 24 – Nokia-
SEP.
52
LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS 2020, 32508, Rn. 24 – Nokia-
SEP.
53
LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS 2020, 32508, Rn. 24 – Nokia-
SEP.
54
LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS 2020, 32508, Rn. 24 – Nokia-
SEP.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 41 of 64 PageID #: 408

1. Juli 2021
Seite 40 / 63

(124) Die Beklagten zu 1) und 2) nutzen dieses Moral-Hazard-Problem in der Produktionskette


gezielt aus, um ihre Lizenzeinnahmen unangemessen auf Kosten der Tier 1 und Tier 2-
Zulieferer zu erhöhen.

(125) Dies verdeutlicht u.a. der Streit um die nach Ansicht der Klägerin zu ihren Gunsten
bestehende Lizenz bzw. den Lizenzierungsanspruch infolge des (Kreuz-) Lizenzvertrags
zwischen Siemens und Nokia. In dem Maße, in dem der (Kreuz-) Lizenzvertrag zwischen
Siemens und Nokia es der Klägerin erlaubt, zumindest einen Teil des Portfolios an SEP der
Beklagten zu 1) frei zu nutzen oder hierauf einen Anspruch zu erheben, können die
Lizenzgebühren, die die Beklagte zu 1) entweder direkt oder über die Beklagte zu 2) von den
OEMs begehrt, unmöglich FRAND sein. FRAND-Bedingungen müssen eine etwaige
Erschöpfung hinreichend abbilden.

"Folge des grundsätzlich anerkannten Erschöpfungsgedankens ist, dass


Lizenzangebote einem möglichen Erschöpfungseinwand grundsätzlich Rechnung
tragen müssen, um FRAND zu sein. Denn ein solches Angebot ist nur dann „fair und
angemessen“, wenn die Patentinhaberin dem potentiellen Lizenznehmer keine
Bedingungen unterbreitet, die im Ergebnis auf die Ausnutzung der
marktbeherrschenden Stellung hinauslaufen (vgl. OLG Düsseldorf, Beschluss vom
17. November 2016, Az. 15 U 66/15 - zitiert nach juris). Die Einbeziehung der
Erschöpfungs- und damit zugleich Wertschöpfungsproblematik ist insbesondere in
den Fällen erforderlich, wo – wie vorliegend – mehrstufiger Vertrieb und
Leistungsketten üblich sind."55

(126) Dies ist bei der selektiven Lizenzierung von OEM durch die Beklagten zu 1) und 2) unmöglich.
Angesichts der erheblichen Anzahl verbauter Komponenten und der Vielzahl der
mehrstufigen Lieferbeziehungen ist es für einen OEM – selbst bei unterstellten Anreizen –
nicht möglich festzustellen, in welchem Umfang die lizenzierten Patentrechte infolge
vorbestehender Lizenzen von Zuliefern ggf. bereits erschöpft sind.

"Denn bei den zur Erschöpfung führenden Tatsachen handelt es sich um interne, auf
das Unternehmen der Lizenzgeberin bezogene Daten. Nur sie hat Kenntnis davon,
über welche Produkte und mit welchen Unternehmen Lizenzverträge geschlossen
worden sind. Für den Lizenznehmer ist es faktisch unmöglich, derart fundierte
Kenntnisse zu erlangen […]. Dabei dürfte […] diese bloße Kenntniserlangung
überwiegend vom Zufall abhängen, wenn nicht gar gänzlich ausgeschlossen sein, da
es in dem Bereich standardessenzieller Lizenzen üblich sein dürfte, in solchen
Lizenzverträgen eine Geheimhaltungsklausel zu vereinbaren, wodurch den

55
LG Düsseldorf, Urteil vom 11. Juli 2018, 4 c O 81/17, BeckRS 2018, 25105, Rn. 168 – Mehrträger-
Modulationssystem; dazu auch LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS
2020, 32508, Rn. 22 – Nokia-SEP.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 42 of 64 PageID #: 409

1. Juli 2021
Seite 41 / 63

Vertragspartnern die Mitteilung über den Abschluss eines Lizenzvertrages untersagt


ist."56

(127) Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Verweigerungshaltung, die die Beklagte zu 1) mit
Blick auf die Bemühungen der Klägerin, den Inhalt des ihr nach ihrer Auffassung
zugutekommenden (Kreuz-) Lizenzvertrags zwischen Siemens und Nokia festzustellen,
einnimmt. Eine Überkompensation ist in der Folge nicht nur möglich, sondern sehr
wahrscheinlich und auch beabsichtigt. Die Beklagte zu 1) nutzt das Erpressungspotential
innerhalb der automobilen Produktionskette gezielt aus, um unangemessen hohe
Lizenzgebühren von OEMs zu erzielen.

(128) Dies schädigt die Klägerin, die infolge von Regressforderungen ihrer Kunden deren
(überhöhte) Lizenzgebühren, die ihre Marge auf ein absolutes Minimum drücken, faktisch
tragen muss, im Gegenzug allerdings keine eigene Lizenz erhält und dadurch in ihrer
eigenständigen Geschäftstätigkeit erheblich eingeschränkt bleibt. Die Klägerin wird bildlich
ins Abseits gestellt, wodurch ihre Innovationsfähigkeit und letztlich das Fortbestehen ihrer
gesamten Geschäftstätigkeit im Bereich von Mobilfunkmodulen (NAD) in Frage gestellt wird.

(129) Diese Überlegungen gelten entsprechend außerhalb der Automobilindustrie. Auch hier hat
die Klägerin Geschäftsaktivitäten, die von der Lizenzverweigerung der Beklagten zu 1)
geschädigt werden.

bb) Betroffenheit

(130) Die Klägerin ist von diesen Kartellrechtsverstößen auch unmittelbar betroffen i.S.d. § 33
Abs. 3 GWB.

(131) Betroffen von einem Kartellrechtsverstoß und damit anspruchsberechtigt ist, wer als
Mitbewerber oder sonstiger Marktbeteiligter durch das kartellrechtswidrige Verhalten
beeinträchtigt wird. Die Beeinträchtigung muss lediglich in marktvermittelter Weise
eintreten, d.h. dass sich ein verursachter oder drohender wirtschaftlicher Nachteil als Folge
kartellbedingt verzerrter Markt- und Wettbewerbsbedingungen – wenn auch auf vor- oder
nachgelagerten Märkten – darstellt.57

56
LG Düsseldorf, Urteil vom 11. Juli 2018, 4 c O 81/17, BeckRS 2018, 25105, Rn. 170 – Mehrträger-
Modulationssystem.
57
Franck in: Immenga/Mestmäcker, Wettbewerbsrecht, Bd. 2, 6. Auflage 2020, § 33 Rn. 20.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 43 of 64 PageID #: 410

1. Juli 2021
Seite 42 / 63

(132) Als Unternehmen, das potentiell SEPs implementiert und bereit ist, eine Lizenz zu FRAND-
Bedingungen zu erwerben, dem aber der Zugang zu einer solchen Lizenz unbegründet
verweigert wird, ist die Klägerin unmittelbar von dem Kartellrechtsverstoß durch die Beklagte
zu 1) betroffen. Ihr wird ein eigenständiger Zugang zum Markt verwehrt. Dies wird dadurch
verstärkt, dass die Klägerin mit Regressansprüchen ihrer direkten und indirekten Kunden,
die Ersatz für die von ihr gezahlten (unangemessen) Lizenzgebühren fordern, konfrontiert
ist, wenn sie selbst keine Lizenzen erhalten kann. Diese Regressforderungen stellen die
wirtschaftliche Überlebensfähigkeit des gesamten Modulgeschäfts der Klägerin in Frage.

cc) Schaden

(133) Soweit der Klägerin der Zugang zu den erforderlichen Lizenzen verwehrt wird, verlangen ihre
Kunden von ihr eine vertragliche Entschädigung für ihre Lizenzausgaben. Die Existenz
solcher Freistellungsregelungen ist insbesondere im Automobilbereich branchenüblich58 und
den Beklagten zu 1) und 2) bekannt. Infolge der skizzierten Informationsasymmetrien sowie
der Moral-Hazard-Problematik übersteigen die Regressforderungen diejenigen Kosten, die
die Klägerin für eine eigene Lizenzierung aufbringen müsste.

(134) Entsprechende Ersatzpflichten können außerhalb der Automobilindustrie entstehen.

(135) Zudem werden die Bemühungen der Klägerin, neue Kunden zu gewinnen, erheblich
beeinträchtigt. Insbesondere die Behauptungen der Beklagten zu 1), die Klägerin verfüge
über keine gültige Lizenz und sei nicht bereit gewesen, eine Lizenz zu nehmen, sind geeignet,
den Ruf der Klägerin im Markt massiv zu schädigen, potentielle Kunden abzuschrecken und
die Verhandlungsposition der Klägerin im Vergleich zu Wettbewerbern, z.B. zu chinesischen
Konkurrenten, die den Schutz chinesischer Gerichte genießen, zu schwächen.

(136) Ergänzend wird auf die Ausführungen unter Rn. (51) ff. verwiesen.

b) §§ 33a Abs. 1, 33 Abs. 1 GWB i.V.m. Art. 101 AEUV

(137) Die Beklagte zu 1) verstößt zudem gegen Art. 101 AEUV, indem sie (i) ihrer ETSI-
Verpflichtung, die ihre vertragliche Teilnahme an ETSI regelt, zuwiderhandelt und (ii) ihre
Lizenzierungspraxis unter Einbeziehung der Beklagten zu 2) sowie weiterer SEP-Inhaber zu

58
Vgl. z.B. LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS 2020, 32508, Rn. 24 –
Nokia-SEP.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 44 of 64 PageID #: 411

1. Juli 2021
Seite 43 / 63

Lasten der Klägerin und anderer Mitglieder der automobilen Produktionskette mit dem Ziel
koordiniert, ihre SEPs allein an automobile OEMs zu lizenzieren.

(138) Die Beklagten zu 1) und zu 2) sowie weitere zentrale SEP-Inhaber verweigern abgestimmt
die Lizenzvergabe an die Klägerin sowie andere Komponentenhersteller, um der Beklagten
zu 2) die OEMs als Lizenznehmer zuzuführen und in diesem Rahmen von erhöhten
Lizenzgebühren zu profitieren. Zu diesem Zweck vermittelt die Beklagte zu 1) den Kunden
der Klägerin und den OEMs den Eindruck, die Klägerin verfüge über keine gültige Lizenz und
sei auch nicht interessiert, eine Lizenz zu nehmen, so dass die OEMs eine Lizenz von der
Beklagten zu 2) nehmen müssen, um nicht selbst eine Patentverletzung – mit erheblichem
kommerziellem Risiko (gerichtlicher Verkaufsstopp) – zu begehen.

aa) Vorsätzlicher Verstoß gegen Art. 101 AEUV

(i) Verstoß durch Missachtung der ETSI-Erklärung

(139) Durch die Missachtung ihrer gegenüber ETSI abgegebenen Lizenzierungsverpflichtung (vgl.
Rn. (110) ff.) verstößt die Beklagte zu 1) zugleich gegen Art. 101 AEUV.

(140) Es ist anerkannt, dass Standardisierungsvereinbarungen, wie sie von ETSI organisiert
werden, in den Anwendungsbereich von Art. 101 AEUV fallen.59 Jeder Teilnehmer an einer
Standardisierung – wie die Beklagte zu 1) – schließt einen Vertrag mit der
Standardisierungsorganisation ab.

(141) Vor diesem Hintergrund muss ein Standardisierungsabkommen, damit es mit Art. 101 AEUV
vereinbar ist, bestimmte Bedingungen erfüllen, um diejenigen Wettbewerbsbeschränkungen
aufzuwiegen, die jeder Standardisierung innewohnen. Dazu gehört das Verbot jeglicher
Diskriminierung und die Verpflichtung, jedem lizenzwilligen Dritten eine Lizenz zu FRAND-
Bedingungen zu gewähren.60

"Zur Gewährleistung eines tatsächlichen Zugangs zu der Norm müsste das Konzept
für Rechte des geistigen Eigentums auch vorsehen, dass die Beteiligten (wenn ihre
Rechte des geistigen Eigentums Bestandteil der Norm werden sollen) eine
unwiderrufliche schriftliche Verpflichtung abgeben müssen, Dritten zu fairen,

59
Vgl. hierzu Mitteilung der Kommission, Leitlinien zur Anwendbarkeit von Artikel 101 AEUV auf
Vereinbarungen über horizontale Zusammenarbeit, Rn. 263 ff.; LG Mannheim, Beschluss vom 21. November
2014, 7 O 23/14, GRUR-RS 2015, 10955, Rn. 22 – DVD Standard.
60
Vgl. hierzu Mitteilung der Kommission, Leitlinien zur Anwendbarkeit von Artikel 101 AEUV auf
Vereinbarungen über horizontale Zusammenarbeit, Rn. 263 ff.; LG Mannheim, Beschluss vom 21. November
2014, 7 O 23/14, GRUR-RS 2015, 10955, Rn. 22 – DVD Standard.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 45 of 64 PageID #: 412

1. Juli 2021
Seite 44 / 63

zumutbaren und diskriminierungsfreien Bedingungen Lizenzen für diese Rechte zu


erteilen ('FRAND-Selbstverpflichtung')."61

(142) Diese Pflicht hat das OLG Düsseldorf ebenso hervorgehoben:

"Es liegt in der Natur der Sache, dass die Standardsetzung technologischen
Wettbewerb unterbindet, weil jede konkurrierende technische Lösung, die nicht in
den Standard aufgenommen wird, im Wettbewerb auf dem Produktmarkt mangels
Kompatibilität chancenlos ist. Die freiwillige Bereitschaft aller durch die
Standardsetzung privilegierten SEP-Inhaber, Konkurrenz dadurch zu ermöglichen,
dass jedem an der standardessentiellen Technik Interessierten eine
Benutzungserlaubnis zu FRAND-Bedingungen eingeräumt wird, stellt von daher eine
tragende Säule der technischen Standardsetzung und ihrer rechtlichen Zulässigkeit
dar."62

(143) Die von der Beklagten zu 1) im Rahmen von ETSI abgegebene Erklärung ist somit selbst
Ausdruck der sich aus Art. 101 AEUV ergebenden Pflichten der Teilnehmer an einer
Standardisierungsabrede.63 Kommt ein Teilnehmer der Standardisierungsabrede wie die
Beklagte zu 1) diesen Verpflichtungen aus Art. 101 AEUV nicht in vollem Umfang nach, so
verstößt die von ihm mit der Standardisierungsorganisation eingegangene
Standardisierungsabrede und das entsprechende Verhalten, von der Standardisierung zu
profitieren, ohne die damit einhergehenden Verpflichtungen zu erfüllen, gegen
Art. 101 AEUV. Aus der Rechtsprechung des EuGH ergibt sich, dass der Verletzer alle
Schäden zu ersetzen hat, die durch die Nichteinhaltung der Verpflichtungen aus
Art. 101 AEUV entstehen.64 Diese Auffassung wird vom Bundesgerichtshof ausdrücklich
geteilt.65

(144) Diese Rechtsprechung ist vorliegend anwendbar: Die Beklagte zu 1) weigert sich, mit der
Klägerin in Verhandlungen über die Lizenzierung ihrer SEPs zu den Mobilfunkstandards 2G,
3G und 4G einzutreten, obwohl die Klägerin klar kommuniziert hat, ein williger Lizenznehmer
zu sein. Infolgedessen ist die Klägerin, die für ihr Modulgeschäft Zugang zu diesen
Technologien benötigt, in ihrer Geschäftstätigkeit erheblich eingeschränkt. Sie kann nicht
frei und unabhängig auf dem Markt konkurrieren. Darüber hinaus ist die Klägerin mit

61
Mitteilung der Kommission, Leitlinien zur Anwendbarkeit von Artikel 101 AEUV auf Vereinbarungen über
horizontale Zusammenarbeit, Rn. 285.
62
Vgl. Mitteilung der Kommission, Leitlinien zur Anwendbarkeit von Artikel 101 AEUV auf Vereinbarungen über
horizontale Zusammenarbeit, Rn. 283 ff; OLG Düsseldorf, Urteil vom 22. März 2019, I-2 U 31/16, BeckRS
2019, 6087, Rn. 118 – Improving Handovers.
63
OLG Düsseldorf, Urteil vom 22. März 2019, I-2 U 31/16, BeckRS 2019, 6087, Rn. 118 – Improving
Handovers.
64
EuGH, Urteil vom 12. Dezember 2019, C-435/18, ECLI:EU:C:2019:1069, Rn. 23 – Otis.
65
BGH, Urteil vom 28. Januar 2020, KZR 24/17, Rn. 24 – Schienenkartell II.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 46 of 64 PageID #: 413

1. Juli 2021
Seite 45 / 63

Regressansprüchen ihrer Kunden konfrontiert, die ihre Margen auf ein Minimum reduzieren
und ihre wirtschaftliche Position und Überlebensfähigkeit in Frage stellen (siehe Rn. (107) ff).

(145) Vor diesem Hintergrund begründet die Weigerung, der Klägerin ein FRAND-Angebot zu
unterbreiten, einen bewussten und vorsätzlichen Verstoß gegen Art. 101 AEUV.

(ii) Verstoß durch Lizenzkoordinierung mit Patentpool der Beklagten zu 2)

(146) Die Beklagte zu 1) verstößt zudem gegen Art. 101 AEUV, indem sie ihre SEPs in den von der
Beklagten zu 2) verwalteten Patentpool eingebracht hat und insofern der von der Beklagten
zu 2) und einigen ihrer bedeutenden Mitglieder koordinierten Lizenzierungspolitik,
ausschließlich OEMs Lizenzen zu erteilen, zustimmte und diese auch selbst befolgte.

(147) Die Europäische Kommission definiert Patentpools wie folgt:

"Vereinbarung, bei denen zwei oder mehr Parteien ein Technologiepaket


zusammenstellen, das nicht nur an die Mitglieder des Pools, sondern auch an Dritte
in Lizenz vergeben wird. Hinsichtlich ihrer Struktur können Technologiepools in Form
einfacher Vereinbarungen zwischen einer begrenzten Anzahl von Parteien errichtet
werden oder aber als komplexe Organisation, in der eine separate Stelle mit der
Lizenzierung des Technologiepakets betraut wird. In beiden Fällen kann der Pool den
Lizenznehmern gestatten, auf der Grundlage einer einzigen Lizenz auf dem Markt zu
operieren."66

(148) Die Gründung eines Patentpools und der Beitritt der Poolmitglieder zu einer solchen Plattform
ist nur unter bestimmten Voraussetzungen kein Verstoß gegen Art. 101 AEUV. Insbesondere
dürfen Patentpools keinen wettbewerbsbeschränkenden Zweck verfolgen bzw. von ihnen
dürfen keine wettbewerbsbeschränkenden Wirkungen ausgehen. Diesen Voraussetzungen
genügt der von der Beklagten zu 2) betriebene und von der Beklagten zu 1) unterstützte
Patentpool nicht. Wie im Folgenden gezeigt wird, wendet die Beklagte zu 2) eine
Lizenzierungspolitik an, die nicht mit Art. 101 AEUV vereinbar ist.

(149) Es ist anerkannt, dass Patent- bzw. Technologiepools, die die Verbreitung und Nutzung von
Technologien erleichtern, die schnellere Einführung von Technologien und Innovationen
fördern und den Kunden zugutekommen können. Allerdings impliziert die Gründung eines
Patent- bzw. Technologiepools "zwangsläufig den gemeinsamen Absatz der

66
Mitteilung der Kommission, Leitlinien zur Anwendung von Artikel 101 des Vertrags über die Arbeitsweise
der Europäischen Union auf Technologietransfer-Vereinbarungen, Rn. 244.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 47 of 64 PageID #: 414

1. Juli 2021
Seite 46 / 63

zusammengeführten Technologien."67 Dies stellt eine Form der kollektiven Lizenzvergabe


dar, die strengen Anforderungen genügen muss, um den Wettbewerb nicht zu
beeinträchtigen. Um negative Wettbewerbseffekte zu verhindern, werden in den
Technologietransfer-Leitlinien der Europäischen Kommission daher klare Anforderungen an
die Gründung, den Betrieb und die Lizenzvergabe gestellt, die ein Technologiepool erfüllen
muss, damit er nicht gegen Art. 101 AEUV verstößt.68

(150) Diese Anforderungen, die unmittelbar aus Art. 101 Abs. 1 AEUV folgen, umfassen die Pflicht,
Dritten angemessenen Zugang zu der gepoolten Technologie zu vermitteln. In diesem Sinne
muss sichergestellt sein, dass

"Lizenzen für die im Pool zusammengeführten Technologien zu FRAND-Bedingungen


an alle potenziellen Lizenznehmer erteilt werden."69

(151) Die konkrete Wettbewerbsschädlichkeit der hiervon abweichenden Lizenzierungspolitik der


Beklagten zu 2), die von der Beklagten zu 1) unterstützt wird, hängt dabei maßgeblich von
der Marktstellung des Pools ab. Je höher die Marktabdeckung ist, desto weitreichender sind
die wettbewerbsbeschränkenden Effekte einer Lizenzverweigerung.

"Je stärker die Marktstellung eines Pools, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass
ein Verstoß gegen Artikel 101 vorliegt, wenn Lizenzen nicht an alle potenziellen
Lizenznehmer oder aber zu diskriminierenden Bedingungen vergeben werden." 70

(152) Nach eigenen Angaben der Beklagten zu 2) umfasst ihr Portfolio über 60% aller als
standardessentiell deklarierten Patente im Bereich der 2G-, 3G- und 4G-Netzstandards
(zwischen 62 % und 68 %). Es ist daher unbestreitbar, dass die Beklagte zu 2) eine
überragende Marktposition innehat (super-dominant)71, die darauf beruht, dass sie eine
Vielzahl SEPs verwaltet, die – unterstellt sie sind gültig und tatsächlich essentiell – ihrem
Inhaber bereits individuell eine marktbeherrschende Stellung vermitteln. Vor diesem
Hintergrund sind die wettbewerbsbeschränkenden Effekte des Poolings infolge der
Lizenzverweigerung erheblich. Die Beklagte zu 1) und weitere bedeutende SEP-Inhaber

67
Mitteilung der Kommission, Leitlinien zur Anwendung von Artikel 101 des Vertrags über die Arbeitsweise
der Europäischen Union auf Technologietransfer-Vereinbarungen, Rn. 246.
68
Vgl. Mitteilung der Kommission, Leitlinien zur Anwendung von Artikel 101 des Vertrags über die Arbeitsweise
der Europäischen Union auf Technologietransfer-Vereinbarungen, Rn. 57, 244 ff.
69
Mitteilung der Kommission, Leitlinien zur Anwendung von Artikel 101 des Vertrags über die Arbeitsweise
der Europäischen Union auf Technologietransfer-Vereinbarungen, Rn. 261.
70
Mitteilung der Kommission, Leitlinien zur Anwendung von Artikel 101 des Vertrags über die Arbeitsweise
der Europäischen Union auf Technologietransfer-Vereinbarungen, Rn. 267.
71
Vgl. Generalanwalt Fennelly, Schlussanträge vom 29. Oktober 1998, C-395/96 P, ECLI:EU:C:1998:518,
Rn. 137 – Compagnie Maritime Belge Transports u.a./Kommission.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 48 of 64 PageID #: 415

1. Juli 2021
Seite 47 / 63

koordinieren über die Beklagte zu 2) ihre Angebotspolitik hinsichtlich der Vergabe von
Lizenzen. Dadurch nehmen sie den betroffenen Komponentenherstellern wie der Klägerin die
Möglichkeit, zu einem eigenständigen Marktverhalten72 und werden zugleich zu einem
unverzichtbaren Vertragspartner für OEMs, denen gegenüber sie ihre
Verhandlungsübermacht koordiniert ausnutzen (dazu unter Rn. (107) ff.).

(153) Soweit die Beklagte zu 2) nach ihrer Lizenzierungspolitik nicht alle willigen Lizenznehmer
lizenziert (nur OEMs unter Ausschluss von Komponentenherstellern wie der Klägerin),
verstößt sie daher gegen Art. 101 AEUV. Da die Politik der Beklagten zu 2) gegen
Art. 101 AEUV in der Auslegung der Technologietransfer-Leitlinien verstößt, verletzen die
Mitglieder des Patentpools der Beklagten zu 2), demnach auch die Beklagte zu 1), ihrerseits
Art. 101 AEUV, indem sie die kartellrechtswidrige Politik und das kartellrechtswidrige
Verhalten der Beklagten zu 2) billigen und unterstützen und ihre eigene Tätigkeit daran
ausrichten.

bb) Betroffenheit

(154) Die Klägerin ist von diesen Kartellrechtsverstößen wie bereits in den Rn. (130) ff. ausgeführt
unmittelbar i.S.d. § 33 Abs. 3 GWB betroffen.

cc) Schaden

(155) Für die entstandenen und noch entstehenden Schäden wird auf die Ausführungen
unter Rn. (51) ff. und Rn. (133) ff. verwiesen.

4. Ansprüche gegen die Beklagte zu 2)

a) §§ 33a Abs. 1, 33 Abs. 1 GWB i.V.m. Art. 101 AEUV

(156) Die Beklagte zu 2) verstößt durch (aa) die Koordinierung ihres Lizenzierungsverhaltens sowie
die damit einhergehenden Weigerung, jede lizenzwillige Partei zu lizenzieren sowie (bb) die
Koordinierung der Geschäftspolitik einschließlich der Prozessstrategien einiger ihrer
bedeutenden Mitglieder, darunter die Beklagte zu 1), gegen Art. 101 AEUV.

72
LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS 2020, 32508, Rn. 19 f. – Nokia-
SEP; Kühnen, GRUR 2019, 665, 666; Verhauwen/Gerstein, GRUR-PRax 2020, 362, 364; BKartA,
Stellungnahme vom 18. Juni 2021, P-66/20, S. 11 f., 15 ff. (nicht veröffentlicht).
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 49 of 64 PageID #: 416

1. Juli 2021
Seite 48 / 63

aa) Verstoß durch Verweigerung der Lizenzerteilung

(157) Die Weigerung der Beklagten zu 2), allen willigen Lizenznehmern (einschließlich der
Klägerin) eine Lizenz zu FRAND-Bedingungen zu erteilen, verstößt gegen Art. 101 AEUV.

(158) Wie in Rn. (146) ff. beschrieben, hat die Beklagte zu 2) sich mit ihren Mitgliedern, darunter
die Beklagte zu 1), dahingehend abgestimmt, dass die Beklagte zu 2) die von ihr verwalteten
SEPs ausschließlich an OEMs lizenziert.

(159) Anderen lizenzwilligen Mitgliedern der automobilen Produktionskette – wie der Klägerin –
verweigert sie unter Verstoß gegen Art. 101 AEUV73 entsprechende Lizenzen.74

bb) Verstoß durch Koordinierung der kommerziellen Strategien der Pool-Mitglieder

(160) Die Lizenzierungspolitik der Beklagten zu 2) ist zudem Teil einer weitreichenden
Kartellierung der geschäftlichen (einschließlich der prozessualen) Strategien einiger ihrer
bedeutenden Mitglieder und verstößt damit gegen Art. 101 AEUV.

(161) Eine wettbewerbswidrige Vereinbarung liegt vor, wenn Unternehmen einen gemeinsamen
Willen zum Ausdruck bringen, sich auf dem Binnenmarkt in einer bestimmten Weise zu
verhalten.75

(162) Eine rechtliche Verbindlichkeit oder auch nur moralische oder tatsächliche Verpflichtung ist
für das Vorliegen einer Vereinbarung nicht erforderlich.76 Nach gefestigter Rechtsprechung
können also auch bloße "gentlemen’s agreements"77 und die weiterbestehenden Wirkungen
formal außerkraftgetretener Vereinbarungen78 dem Begriff der Vereinbarung unterfallen.
Entscheidend sind die wirtschaftlichen Ergebnisse, während die rechtliche Form unerheblich
ist. Vereinbarungen können somit auch mündlich oder konkludent geschlossen werden.79

73
Zu Art. 102 siehe unter b).
74
Mitteilung der Kommission, Leitlinien zur Anwendung von Artikel 101 des Vertrags über die Arbeitsweise
der Europäischen Union auf Technologietransfer-Vereinbarungen, Rn. 261.
75
EuGH, Urteil vom 29. Oktober 1980, C-209-215 und 218/78, ECLI:EU:C:1980:248, Rn. 86 – Van
Landewyck/Kommission; vgl. auch Weiß in: Calliess/Ruffert, EUV/AEUV, 5. Auflage 2016, Art. 101 AEUV
Rn. 47 ff.
76
EuG, Entscheidung vom 14. Mai 1998, T-347/94, ECLI:EU:T:1998:101, Rn. 65 – Mayr-Melnhof
Kartongesellschaft/Kommission.
77
EuG, Entscheidung vom 6. April 1995, T-141/89, ECLI:EU:T:1995:62, Rn. 96 – Tréfileurope/Kommission.
78
EuGH, Urteil vom 3. Juli 1985, C-243/83, Slg. 1985, 2015, Rn. 17 – Binon/AMP; EuG, Entscheidung vom
10. März 1992, T-9/89, Slg. 1992, II-499, Rn. 292 – Hüls/Kommission.
79
Weiß in: Calliess/Ruffert, EUV/AEUV, 5. Auflage 2016, Art. 101 AEUV Rn. 47.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 50 of 64 PageID #: 417

1. Juli 2021
Seite 49 / 63

(163) Wie im Folgenden gezeigt wird, fungiert die Beklagte zu 2) zum Schaden des Wettbewerbs,
einzelner Wettbewerber sowie letztlich der Verbraucher als Werkzeug zur Koordinierung der
Geschäftsstrategien einiger ihrer bedeutenden Mitglieder.

(i) Abstimmung der Prozessstrategien der Pool-Mitglieder

(164) Die Beklagte zu 2) stimmt die Prozessstrategien ihrer Mitglieder (u.a. mit der Beklagten zu
1)) eng ab, um die Klägerin als Lizenznehmerin zu umgehen und die OEMs zu drängen,
Lizenzen bei der Beklagten zu 2) zu nehmen.

(165) Gemäß Art. 4.8 des Avanci Master License Management Agreements gilt:

"If LA [License Administrator = Beklagte zu 2)] identifies a potential licensee that, in


LA's reasonable judgment, is unwilling to enter into a Licensing Program PLA for a
particular licensing Program (an "Unwilling Licensee"), LA shall promptly notify all
Licensors that have elected to participate in such Licensing Program of the
circumstances surrounding such assessment of unwillingness. LA and licensors agree
in good faith to consider amendments to this Agreement to include additional
provisions, if necessary, to address the enforcement of Essential Patents against
Unwilling Licensees. Any such amendment must be mutually agreed upon in writing
by all."

(auf deutsch:

"Wenn LA [Lizenzverwalter = Beklagte zu 2)] einen potentiellen Lizenznehmer


identifiziert, der nach dem vernünftigen Ermessen von LA nicht bereit ist, an einem
Lizenzprogramm PLA für ein bestimmtes Lizenzprogramm teilzunehmen (ein
"unwilliger Lizenznehmer"), wird LA unverzüglich alle Lizenzgeber, die sich für die
Teilnahme an einem solchen Lizenzprogramm entschieden haben, über die Umstände
einer solchen Einschätzung der Unwilligkeit informieren. LA und die Lizenzgeber
vereinbaren nach Treu und Glauben, Änderungen dieser Vereinbarung in Betracht zu
ziehen, um ggf. zusätzliche Bestimmungen zur Durchsetzung Essentieller Patente
gegenüber Unwilligen Lizenznehmern aufzunehmen. Eine solche Änderung muss von
allen Beteiligten schriftlich vereinbart werden.").

(166) In Art. 5.1.2. heißt es:

"if a Licensor engages in Litigation against an Unwilling Licensee as notified under


Article 4.8 of this Agreement, then such Licensor may request that LA reimburse its
Litigation Cost associated with such Litigation. Upon request, LA shall refund such
Litigation Cost from the license Fees paid by such Unwilling Licensee (after deduction
of the Commission, but before distribution of Total Net Collections to any other
licensor) provided that (a) all of the products accused of Infringement in such
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 51 of 64 PageID #: 418

1. Juli 2021
Seite 50 / 63

Litigation are relevant to an applicable Licensing Program in which such Licensor


participates ("Applicable Products"), (b) all of the Patents asserted in such Litigation
are Essential Patents owned by the Licensor, (c) such Licensor does not enter into a
bilateral settlement or license agreement with the Unwilling Licensee including a
license to such Applicable Products, (d) the Unwilling Licensee enters into a Licensing
Program PLA with LA that terminates the Litigation, […]"

(auf deutsch:

"wenn ein Lizenzgeber einen Rechtsstreit gegen einen unwilligen Lizenznehmer führt,
wie in Artikel 4.8 dieses Vertrages definiert, dann kann dieser Lizenzgeber von LA die
Erstattung seiner mit diesem Rechtsstreit verbundenen Prozesskosten verlangen. Auf
Antrag erstattet LA diese Prozesskosten aus den von dem unwilligen Lizenznehmer
gezahlten Lizenzgebühren (nach Abzug der Kommission, aber vor Verteilung der
Gesamtnettoeinnahmen an andere Lizenzgeber), vorausgesetzt, dass (a) alle
Produkte, denen in diesem Rechtsstreit Rechtsverletzungen vorgeworfen werden, für
ein anwendbares Lizenzprogramm relevant sind, an dem der Lizenzgeber teilnimmt
("Anwendbare Produkte"), (b) alle in einem solchen Rechtsstreit geltend gemachten
Patente Essentielle Patente sind, die vom Lizenzgeber gehalten werden, (c) der
Lizenzgeber keinen bilateralen Vergleich oder Lizenzvertrag mit dem unwilligen
Lizenznehmer abschließt, der eine Lizenz für solche Anwendbaren Produkte
beinhaltet, (d) der unwillige Lizenznehmer ein Lizenzprogramm PLA mit LA
abschließt, das den Rechtsstreit beendet, [...]").

(167) Die bloße Tatsache, dass verschiedene Unternehmen versuchen, ein gewisses Maß an
Koordinierung ihrer Prozessstrategie sicherzustellen, um ihre jeweiligen Rechte zu wahren,
ist als solches nicht kartellrechtswidrig. Im vorliegenden Fall ist die von der Beklagten zu 2)
organisierte Koordination einschließlich der in Art. 4.8 und 5.1.2 des Avanci Master License
Management Agreements vorgesehenen finanziellen Anreizstruktur (Erstattung der Kosten
von Patentverletzungsverfahren) jedoch von anderer Natur, weil sie unmittelbar mit der
rechtswidrigen kommerziellen Strategie zusammenhängt, die die Beklagte zu 2) und
zumindest einige ihrer bedeutenden Mitglieder mit Blick auf die Lizenzierungspraxis
gegenüber der Automobilindustrie verfolgen. Diese Strategie zielt darauf ab, willige
Lizenznehmer wie die Klägerin daran zu hindern, Lizenzen für SEPs auf FRAND-Basis zu
erhalten und in der Folge Lizenzgebühren von den OEMs zu vereinnahmen, die aufgrund der
Informationsasymmetrien sowie des Moral-Hazard-Problems in der Produktionskette den
tatsächlichen Lizenzierungsbedarf nicht zutreffend widerspiegeln und im Ergebnis
Komponentenhersteller wie die Klägerin schädigen. Hierin liegt nicht nur ein Verstoß gegen
Art. 102 AEUV, sondern auch gegen Art. 101 AEUV.

(168) Die oben wiedergegebenen Bestimmungen sind Teil dieser kartellrechtswidrigen Strategie
und verstärken sie, indem sie durch das koordinierte Prozessverhalten und die gewährten
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 52 of 64 PageID #: 419

1. Juli 2021
Seite 51 / 63

finanziellen Anreize das wirtschaftliche Risiko der OEMs, sofern diese der Lizenzierungspolitik
der Beklagten zu 2) und ihrer Mitglieder nicht zustimmen, massiv erhöhen. Das kommerziell
für die OEMs kaum tragbare Risiko eines gerichtlich verfügten Verkaufsstopps steigt infolge
der koordinierten Prozessstrategie deutlich an. Dadurch steigt der Druck auf die OEMs,
Lizenzvereinbarungen mit der Beklagten zu 2) abzuschließen, und zwar unabhängig davon,
ob und in welchem Umfang entsprechende Lizenzen tatsächlich oder rechtlich (mit Blick auf
bereits bestehende Lizenzen in der Produktionskette (Erschöpfung)) überhaupt notwendig
sind. Die Regelungen des Master License Management Agreement, die das Handeln der
Mitglieder der Beklagten zu 2) koordiniert und diese finanziell dazu ermutigt (Art. 5.1.2 des
Avanci Master License Management Agreement), Prozessstrategien gegenüber den OEMs zu
verfolgen, zielt darauf ab, OEMs wirtschaftlich zu zwingen, mit der Beklagten zu 2)
Lizenzvereinbarungen abzuschließen.

(169) Die nachstehende Tabelle zeigt, wie nachhaltig die Beklagte zu 2) die rechtlichen Strategien
ihrer Mitglieder koordiniert:

Verfahren, die von Mitgliedern der Beklagten zu 2) gegen OEMs in


Deutschland angestrengt wurden
OEM/Tier 1-Zulieferer SEP Inhaber Datum Gericht/Az.
1. Daimler AG NOKIA 19. Mai 2020 Landgericht
Mannheim
2 O 34/19
2. Daimler AG NOKIA 21. Januar 2020 Landgericht
Mannheim
2 O 35/19
3. Daimler AG NOKIA 17. März 2020 Landgericht
Mannheim
2 O 36/19
4. Daimler AG NOKIA 10. Dezember Landgericht
2019 Mannheim
2 O 37/19
5. Daimler AG NOKIA 21. März 2019 Landgericht
Düsseldorf
4a O 26/19
6. Daimler AG NOKIA 21. März 2019 Landgericht
Düsseldorf
4c O 17/19
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 53 of 64 PageID #: 420

1. Juli 2021
Seite 52 / 63

7. Daimler AG NOKIA 21. März 2019 Landgericht


Düsseldorf
4a O 27/19
8. Daimler AG NOKIA 30. Oktober Landgericht München
2019 21 O 3891/19
9. Daimler AG NOKIA 30. Oktober Landgericht München
2019 21 O 3889/19
10. Daimler AG NOKIA 6. Februar 2020 Landgericht München
7 O 3890/19
11. Daimler AG SHARP 12. April 2019 Landgericht
Mannheim
2 O 87/19
12. Daimler AG SHARP 12. April 2019 Landgericht
Mannheim
2 O 46/19
13. Daimler AG SHARP 25. Juni 2019 Landgericht München
21 O 8609/19
14. Daimler AG SHARP 28. Juni 2019 Landgericht München
7 O 8818/19
15. Daimler AG SHARP 17. September Landgericht München
2019 21 O 9518/19
16. Daimler AG CONVERSANT 14. August 2019 Landgericht München
21 0 111384/19
17. Daimler AG CONVERSANT 25. Mai 2020 Landgericht München
7 0 17751/19
18. Daimler AG CONVERSANT 26. Mai 2020 Landgericht München
7 0 17752/19
19. Daimler AG CONVERSANT 14. August 2019 Landgericht München
21 0 17753/19

(170) Die Auswirkungen einer solchen koordinierten Prozessstrategie werden durch die
mehrfachen Klagen von Nokia, Sharp und Conversant auf Unterlassung, mit denen Daimler
vor verschiedenen Gerichten konfrontiert war, verdeutlicht. Die Beklagte zu 2) und ihre
Mitglieder wissen, dass sie durch die Vervielfachung solcher Klagen, die den Beklagten
enorme Kosten verursachen, erheblichen Druck auf die OEMs ausüben. Diese sind mit dem
Risiko konfrontiert, dass ihre Produkte vom Markt genommen werden, obwohl es sich nicht
um ihre Produkte handelt, die die angeblich durch SEPs geschützten
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 54 of 64 PageID #: 421

1. Juli 2021
Seite 53 / 63

Kommunikationstechnologien direkt implementieren. Das wären die Komponenten. Den


Komponentenherstellern wird aber keine Lizenz angeboten.

(171) Das Vorgehen der Beklagten zu 1) im Hinblick auf die drei von ihr eingeleiteten Düsseldorfer
Verfahren gegen Daimler im Jahr 2019 zeigt, dass sie um jeden Preis vermeiden will, dass
Fragen zur Vereinbarkeit ihres Verhaltens mit dem EU-Wettbewerbsrecht vom EuGH geprüft
werden. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass die Klägerin mit Schreiben vom
8. Oktober 2020 die Beklagte zu 1) auf die begangenen Verstöße gegen das
Unionskartellrecht hinwies und hervorhob, dass es Elemente gibt, die auf das Bestehen eines
Kartells (Kollusion) zwischen mehreren Mitgliedern der Beklagten zu 2) hindeuteten.
Daneben beschloss die Klägerin, dem Verfahren als Streithelferin zur Unterstützung von
Daimler beizutreten. In ihrem Beitritt wies die Klägerin das Landgericht Düsseldorf ebenfalls
auf das Vorliegen zahlreicher Verstöße gegen Art. 101 AEUV und das Vorhandensein eines
Kartells hin, was mit dem Schreiben übereinstimmte, das sie an die Beklagte zu 1) geschickt
hatte. Auffälligerweise wurden beide Klagen sofort von der Beklagten zu 1)
zurückgenommen.

(172) Das Verhalten, das die Beklagte zu 1) im dritten und am weitesten fortgeschrittenen
Düsseldorfer Verfahren gezeigt hat, ist Ausdruck derselben Strategie. Kurz nachdem das
Landgericht Düsseldorf entschieden hatte, dem EuGH Fragen zu Art. 102 AEUV vorzulegen,
legte die Beklagte zu 1) gegen den Vorlagebeschluss des Landgerichts Düsseldorf
Beschwerde mit dem Ziel ein, eine Vorlage zu verhindern. Sie zog ihre Beschwerde gegen
die Vorlage an den EuGH schließlich zurück und einigte sich mit Daimler auf einen Vergleich.
Der kürzlich geschlossene Vergleich zwischen Daimler und Nokia führt dazu, dass u.a. das
ausgesetzte Verfahren vor dem Landgericht Düsseldorf beendet und demnach auch die
Vorlage an den EuGH hinfällig wurde.

(173) Zusammengenommen zeigen die vorgenannten Umstände nicht nur, dass die Koordinierung
der Prozessstrategien erfolgreich zur faktischen Durchsetzung eines aus kartellrechtlicher
Sicht rechtswidrigen Lizenzmodells beiträgt, sondern auch, dass die Beklagten eine
höchstrichterliche Entscheidung zur Frage der kartellrechtlichen Zulässigkeit ihres
koordinierten Vorgehens unbedingt vermeiden wollen.

(174) All dies wird durch die Tatsache bestätigt, dass zwei andere wichtige Mitglieder der Beklagten
zu 2), Ericsson und Interdigital, die sich jahrelang geweigert haben, FRAND-Verhandlungen
zu führen, vor kurzem angeboten haben, wieder Lizenzgespräche mit der Klägerin
aufzunehmen. Dies geschah, nachdem die Klägerin auch diesen mitgeteilt hatte, dass deren
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 55 of 64 PageID #: 422

1. Juli 2021
Seite 54 / 63

Verhalten die Existenz eines Kartells unter bestimmten Mitgliedern der Beklagten zu 2)
bestätige. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben jedoch weder Ericsson noch Interdigital
FRAND-Angebote abgegeben oder zum Ausdruck gebracht, unter welchen Konditionen sie
aktuell zu einer Lizenzierung der Klägerin bereit wären.

(ii) Koordinierung sonstiger Bereiche der Geschäftsstrategien der Pool-Mitglieder

(175) Die Beklagte zu 2) beschränkt ihre Koordinierungsrolle nicht auf die Prozessstrategien ihrer
Mitglieder. Sie scheint auch andere Aspekte ihrer kommerziellen Strategien zu koordinieren,
wiederum mit dem Ziel, ihr Lizenzierungsmodell in wettbewerbsfeindlicher Art und Weise
durchzusetzen.

(176) Art. 4.3 des Master License Management Agreement der Beklagten zu 2) sieht zwar offiziell
vor, dass

"each licensor retains the right to independently enter into licenses for their Essential
Patents or any other Patents with prospective licensees for any products, including
products that are the subject of licensing Programs in which such Licensor
participates"

(auf deutsch:

"jeder Lizenzgeber sich das Recht vorbehält, mit potentiellen Lizenznehmern


Lizenzverträge für seine essentiellen Patente oder andere Patente für beliebige
Produkte abzuschließen, einschließlich solcher Produkte, die Gegenstand von
Lizenzprogrammen sind, an denen der betreffende Lizenzgeber beteiligt ist").

(177) Die Erfahrung der Klägerin mit der Beklagten zu 1), aber auch mit anderen wesentlichen
Mitgliedern der Beklagten zu 2), wie z.B. Ericsson und Interdigital, zeigt aber, dass die
Beklagte zu 2) ihre kommerzielle Strategie mit derjenigen ihrer bedeutenden Mitglieder
abstimmt. Auch diese verweigern grundsätzlich die Lizenzierung der Klägerin.

(178) Ob sich die Geschäftspolitik von Ericsson und/oder Interdigital zukünftig ändern wird, bleibt
angesichts bisher fehlender Lizenzangebote und damit fehlender Kenntnis über die exakten
Konditionen und ob diese FRAND wären oder so hoch angesetzt wären, dass sie faktisch
einer Lizenzverweigerung im Sinne der Strategie der Beklagten zu 2) gleichkommen,
abzuwarten (dazu Rn. (174)).
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 56 of 64 PageID #: 423

1. Juli 2021
Seite 55 / 63

(179) So weigerte sich die Beklagte zu 1), wie zuvor gezeigt, in FRAND-Lizenzverhandlungen mit
der Klägerin einzutreten und konzentrierte sich stattdessen darauf, die OEMs ins Visier zu
nehmen und zu zwingen, eine Lizenz der Beklagten zu 2) zu erwerben.

(iii) Gesamtstrategie verstößt gegen Art. 101 AEUV

(180) Die kombinierten Auswirkungen der vorgenannten Verstöße der Beklagten zu 2) gegen
Art. 101 AEUV zeigen, dass sie Teil einer Gesamtstrategie sind, die ihrerseits gegen
Art. 101 AEUV verstößt.

(181) Selbst wenn man annähme – quod non –, dass die einzelnen Verhaltensweisen der Beklagten
noch keinen Verstoß gegen Art. 101 AEUV darstellen, sind sie zusammen betrachtet
eindeutig Teil einer wettbewerbswidrigen Gesamtstrategie, die gegen Art. 101 AEUV
verstößt. Sie zielen darauf ab, nur bestimmten Kunden zu lizenzieren bzw. hier, die Hersteller
von Komponenten wie die Klägerin daran zu hindern, Lizenzen zu FRAND-Konditionen zu
erwerben.

cc) Betroffenheit

(182) Die Klägerin ist von diesen Kartellrechtsverstößen wie bereits in den Rn. (130) ff. ausgeführt
unmittelbar i.S.d. § 33 Abs. 3 GWB betroffen.

dd) Schaden

(183) Für die entstandenen und noch entstehenden Schäden wird auf die Ausführungen unter
Rn. (51) ff. und Rn. (133) ff. verwiesen.

b) §§ 33a Abs. 1, 33 Abs. 1 GWB i.V.m. Art. 102 AEUV

(184) Die Beklagte zu 2) missbraucht zudem ihre marktbeherrschende Stellung als Betreiberin
eines Patentpools, der 62 bis 68 % der 2G-, 3G- und 4G-bezogenen SEPs repräsentiert.

aa) Vorsätzliche Verstöße gegen Art. 102 AEUV

(i) Marktbeherrschung

(185) Die Beklagte zu 2) hält unzweifelhaft eine überragend marktbeherrschende Stellung.


Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 57 of 64 PageID #: 424

1. Juli 2021
Seite 56 / 63

(186) Wie oben festgestellt, ist jeder SEP-Inhaber für jedes der von ihm gehaltenen SEPs zu den
faktisch alternativlosen 2G-, 3G- und 4G-Mobilfunkstandards marktbeherrschend. Sofern
einzelne marktbeherrschende SEP-Inhaber an einem Patentpool wie der Beklagten zu 2)
beteiligt sind, der eine gemeinsame Lizenzierungspolitik festlegt und umsetzt, d.h. die
Zuständigkeit für die die Marktbeherrschung vermittelnden SEPs teilweise übernimmt, erhält
dieser Patent-Pool eine überragende Marktposition (super-dominant).80 Der Patentpool
übernimmt kollektiv die bereits bestehende, marktbeherrschende Stellung seiner Mitglieder.

(187) Im vorliegenden Fall ist die Beklagte zu 2) der Betreiber eines Patentpools, der für die
Lizenzierung von 62 bis 68 % der 2G-, 3G- und 4G-bezogenen SEP zuständig ist. Hieraus
folgt ohne Weiteres eine marktbeherrschende Stellung. Die Beklagte zu 2) bezeichnet sich
zudem werblich als "one stop-shop" und nimmt auch die Koordinierung der
Angebotsstrategie und der Prozessstrategie einiger ihrer zentralen Mitglieder vor, was ihr
eine ganz erhebliche Marktmacht verschafft. Ihre Stellung hat monopolistische Züge (super-
dominant)81.

(ii) Missbrauch der marktbeherrschenden Stellung

(188) Die Beklagte zu 2) hat ihre überragend marktbeherrschende Stellung missbraucht.

(189) Nach der ständigen Rechtsprechung des EuGH ist anerkannt, dass ein marktbeherrschendes
Unternehmen eine "besondere Verantwortung für den Restwettbewerb trägt".82 Aufgrund
dieser besonderen Verantwortung darf ein Marktbeherrscher keine Handlungen vornehmen,
die geeignet sind, den ohnehin schon eingeschränkten Wettbewerb weiter zu
83
beeinträchtigen.

(190) Dabei nimmt der Grad dieser besonderen Verantwortung mit der Marktrelevanz der
beherrschenden Einheit zu:

"Hat ein Unternehmen oder eine Gruppe von Unternehmen, deren Verhalten kollektiv
zu würdigen ist, eine beherrschende Stellung von so überragender Bedeutung inne,
dass sie an ein Monopol grenzt, […] dann wäre es [d.h. eine Verdrängungsstrategie
zu implementieren] mit der für ein solches beherrschendes Unternehmen geltenden,

80
LG Düsseldorf, Urteil vom 7. Mai 2020, 4c O 44/18, GRUR-RS 2020, 12599, Rn. 119 – Decodierverfahren.
81
Vgl. Generalanwalt Fennelly, Schlussanträge vom 29. Oktober 1998, C-395/96 P, ECLI:EU:C:1998:518,
Rn. 137 – Compagnie Maritime Belge Transports u.a./Kommission.
82
EuGH, Urteil vom 9. November 1983, C-322/81, ECLI:EU:C:1983:313, Rn. 57 – Michelin.
83
EuG, Entscheidung vom 17. Juli 1998, T-111/96, ECLI:EU:T:1998:183, Rn. 139 – ITT Promedia.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 58 of 64 PageID #: 425

1. Juli 2021
Seite 57 / 63

recht schweren besonderen Pflicht, die Struktur des ohnehin schon geschwächten
Wettbewerbs nicht weiter zu beeinträchtigen, nicht vereinbar […]"84

(191) Die Beklagte zu 2) hat diese, ihr aufgrund ihrer Stellung obliegende besondere Pflicht
verletzt, indem sie eine koordinierte Lizenzierungspolitik einführte, die
85
Komponentenherstellern wie der Klägerin die Erteilung von Lizenzen verweigert.

(192) Die marktbeherrschende Stellung der Beklagten zu 2) ist eine von ihren Mitgliedern
abgeleitete Position der besonderen Marktstärke, die auch die Beklagte zu 2) dazu
verpflichtet, lizenzwilligen Unternehmen zu FRAND-Bedingungen Lizenzen zu erteilen. Die
kartellrechtliche Pflicht, SEPs an jeden lizenzwilligen Dritten zu lizenzieren, ist mit den SEPs
untrennbar verbunden.

"Weil die FRAND-Zusage die Rechte aus dem Patent in der geschilderten Weise -
unwiderruflich und somit gleichsam "dinglich" - beschränkt und definiert, kann das
Patent notwendigerweise nur noch in eben dieser beschränkten, durch die FRAND-
Zusage inhaltlich modifizierten Form auf den Erwerber übergehen."86

(193) Diese Verpflichtung hat die Beklagte zu 2) mit der Übernahme der Poolverwaltung
übernommen und in der Folge verletzt.

(194) Wie in Rn. (107) ff. beschrieben, stellt die vollständige und grundsätzliche Weigerung, SEPs
an lizenzwillige Dritte zu lizenzieren, einen Verstoß gegen Art. 102 AEUV gemäß der Essential
Facilities Doctrine dar, wie sie von den Europäischen Gerichten in den Urteilen Oscar Bronner,
IMS Health, Microsoft und Huawei/ZTE aufgestellt wurde.

(195) Die Beklagte zu 2) hat ihre marktbeherrschende Stellung ferner dadurch missbraucht, dass
sie gemeinsam mit einigen ihrer zentralen Mitglieder ein Lizenzierungsmodell implementiert,
das dazu führt, dass OEMs die von ihr verwalteten SEPs trotz exzessiver Gebühren
lizenzieren.

(196) Die OEMs stehen vor der – vermeintlichen – Wahl, entweder die von der Beklagten zu 1)
verlangten, unangemessen hohen und nicht FRAND-gemäßen Lizenzsätze zu akzeptieren
oder das Risiko einzugehen, dass ihre Produkte vom Markt genommen werden, wenn nur ein

84
Vgl. Generalanwalt Fennelly, Schlussanträge vom 29. Oktober 1998, C-395/96 P, ECLI:EU:C:1998:518,
Rn. 137 – Compagnie Maritime Belge Transports u.a./Kommission, Ergänzungen in eckigen Klammern sind
solche des Verfassers.
85
Vgl. LG Düsseldorf, Beschluss vom 26. November 2020, 4 c O 17/19, GRUR-RS 2020, 32508, Rn. 27 –
Nokia-SEP.
86
OLG Düsseldorf, Urteil vom 22. März 2019, I-2 U 31/16, BeckRS 2019, 6087, Rn. 118 – Improving
Handovers.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 59 of 64 PageID #: 426

1. Juli 2021
Seite 58 / 63

einziges Patent verletzt wird. Bei dieser Ausgangslage sind sie gezwungen, Tarife zu
akzeptieren, die von Natur aus nicht FRAND sind, weil die OEMs nicht in der Lage sind, die
tatsächliche Implementierung, Gültigkeit und Wesentlichkeit der SEPs zu beurteilen, die das
Portfolio der Beklagten zu 2) umfasst, und ihre Kosten ganz oder teilweise auf ihre direkten
und indirekten Zulieferer, einschließlich der Klägerin, abwälzen können.

(197) Dies schädigt im Ergebnis die Klägerin und andere Komponentenhersteller, die zwar infolge
von Regressforderungen ihrer Kunden deren (überhöhte) Lizenzgebühren faktisch tragen
müssen, im Gegenzug allerdings keine eigene Lizenz erhalten und dadurch in ihrer
eigenständigen Geschäftstätigkeit erheblich eingeschränkt sind. Insoweit wird auf die
Ausführungen unter Rn. (107) ff. verwiesen.

(198) Infolge der Regressforderungen für die überhöhten Lizenzgebühren, die die Kunden der
Klägerin an die Patentinhaber zahlen müssen, werden die Margen der Klägerin soweit
reduziert, dass ihre geschäftliche Position und Überlebensfähigkeit gefährdet sind.

(199) Die bloße Tatsache, dass die Klägerin theoretisch von jedem Mitglied der Beklagten zu 2)
Lizenzen erhalten kann, widerspricht dieser Schlussfolgerung nicht, zumal einige der
bedeutenden Mitglieder der Beklagten zu 2), wie die Beklagte zu 1), eine Lizenzierung
generell ablehnen oder kein Angebot abgeben (Ericsson und Interdigital, vgl. (174)).

(200) Die Feststellung der Missbräuchlichkeit des Verhaltens der Beklagten zu 2) wird zusätzlich
durch die Rechtsprechung des EuGH gestützt. Insbesondere in der Entscheidung Intel87
vertrat der EuGH die Auffassung, dass unabhängige Verstöße gegen Art. 101 AEUV (siehe
oben), die Teil einer Gesamtstrategie sind, die auf die Verstärkung einer
marktbeherrschenden Stellung abzielt, gemeinsam zu beurteilen sind und eindeutig in den
Anwendungsbereich von Art. 102 AEUV fallen. Vor diesem Hintergrund stellt nicht nur die
einzelne Verweigerung der Lizenzierung der Klägerin als Komponentenhersteller, sondern
die gesamte koordinierte Strategie der Beklagten zu 2) und einiger ihrer bedeutenden
Mitglieder (einschließlich der Beklagten zu 1)) den Missbrauch einer marktbeherrschenden
Stellung dar.

87
EuGH, Urteil vom 6. September 2017, C-413/14 P, ECLI:EU:C:2017:632, Rn. 55 – Intel Corporation
Inc./Kommission; EuGH, Urteil vom 23. Januar 2018, C-179/16, ECLI:EU:C:2018:25, Rn. 89 – Hoffmann-La
Roche/Kommission.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 60 of 64 PageID #: 427

1. Juli 2021
Seite 59 / 63

bb) Betroffenheit

(201) Da die wirtschaftliche Lage der Klägerin durch den Missbrauch der marktbeherrschenden
Stellung erheblich beeinträchtigt wird, ist die Klägerin auch insoweit – wie bereits
unter Rn. (130) ff. dargestellt – unmittelbar von dem Kartellrechtsverstoß betroffen.

cc) Schaden

(202) Für die entstandenen und noch entstehenden Schäden wird auf die Ausführungen unter
Rn. (51) ff. und Rn. (133) ff. verwiesen.

5. Gesamtstrategie

(203) Obgleich die vorgenannten Verhaltensweisen bereits für sich genommen kartellrechtswidrig
sind, müssen sie als Teil einer Gesamtabsprache der Beklagten zu 2) und einigen ihrer
bedeutenden Mitglieder, wie der Beklagten zu 1), verstanden werden. Ziel dieser Absprache
ist es, die Gewinne aus der Vergabe von Lizenzen an SEPs zum Nachteil der Klägerin und
potentiell anderer Komponentenhersteller dadurch unangemessen zu maximieren, dass eine
Lizenzvergabe nur an bestimmte Teilnehmer der jeweiligen Produktionskette erfolgt (d. h.
OEM).

(204) In diesem Sinne weigern sich die Beklagte zu 1) und 2) gemeinsam, der Klägerin Lizenzen
zu FRAND-Bedingungen zu erteilen, wodurch die Klägerin effektiv ins Abseits gedrängt wird,
indem ihr die Möglichkeit genommen wird, unabhängig und frei auf dem Markt zu agieren.
Die Klägerin ist ein bekanntes Technologieunternehmen, das umfassend in Forschung und
Entwicklung investiert. Die Erteilung einer eigenen Lizenz für SEPs zu Standards, denen ihre
Produkte entsprechen müssen, ist zwingend erforderlich und letztlich eine Frage der
Teilnahme am Wettbewerbsprozess. Stattdessen sieht sich die Klägerin mit
Regressansprüchen ihrer Abnehmer konfrontiert, die versuchen, die von ihnen gezahlten
(überhöhten) Lizenzgebühren zurückzuerhalten. Dies reduziert effektiv die Margen der
Klägerin und bedroht ihre wirtschaftliche Überlebensfähigkeit als Hersteller von
Mobilfunkmodulen.

6. § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. Art. 101 bzw. 102 AEUV

(205) Indem die Beklagten zu 1) und zu 2) wie oben dargestellt gegen Art. 101 und 102 AEUV
verstoßen, sind sie zudem schadensersatzpflichtig gemäß § 823 Abs. 2 BGB.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 61 of 64 PageID #: 428

1. Juli 2021
Seite 60 / 63

(206) Laut BGH stellt das unionsrechtliche Kartellverbot nach Art. 101 AEUV ein Schutzgesetz im
Sinne von § 823 Abs. 2 BGB dar.88 Zwar fehlt eine entsprechende Entscheidung für
Art. 102 AEUV, jedoch gilt hier nach Sinn und Zweck nichts anderes. Sowohl Art. 101 als
auch 102 AEUV dienen dem Schutz des unverfälschten Wettbewerbs, der nur unvollkommen
geschützt wäre, wenn lediglich Art. 101 AEUV nicht aber Art. 102 AEUV als drittschützende
Vorschrift eingestuft würde.89

(207) Das Vorliegen eines vorsätzlichen Verstoßes gegen Art. 101 bzw. 102 AEUV sowie die
konkrete Betroffenheit der Klägerin wurden bereits dargelegt. Ein hieraus folgender Schaden
der Klägerin ist, wie bereits dargelegt, wahrscheinlich. Die genaue Schadenshöhe kann von
der Klägerin aktuell noch nicht beziffert werden.

7. § 826 BGB

(208) Ergänzend verstößt das Verhalten der Beklagten zu 1) und 2) gegen § 826 BGB.

(209) Wie ausgeführt ist es Ziel der von der Beklagten zu 1) im Zusammenwirken mit der Beklagten
zu 2) etablierten Lizenzierungspolitik, Lizenzgebühren bei OEMs zu generieren, die den
tatsächlichen Lizenzierungsbedarf in der Produktionskette nicht angemessen widerspiegeln.
Hiermit schädigen die Beklagten wissentlich und willentlich die Komponentenhersteller, die
die entsprechenden Kosten infolge der branchentypischen Freistellungsklauseln im Endeffekt
tragen müssen.

IV. Nebenansprüche

(210) Der Zinsanspruch ab Schadenseintritt folgt aus § 288 Abs. 1 und 2 BGB in Verbindung mit
§ 33a Abs. 4 GWB.

(211) Weiterer Sachvortrag bleibt vorbehalten.

(212) Soweit das Gericht deutsche Übersetzungen der beigefügten englischsprachigen Anlagen
benötigt, reichen wir diese auf Wunsch des Gerichts nach. Wir bitten insoweit um einen
entsprechenden Hinweis.

88
BGH, Urteil vom 28. Juni 2011, KZR 75/10, NJW 2012, 928, 928 Rn. 14 f. – ORWI.
89
Zum Ganzen ausführlich Wagner in: Münchener Kommentar zum BGB, 8. Auflage 2020, § 823 BGB Rn. 544;
im Ergebnis so auch Sprau in: Palandt, 79. Auflage 2020, § 823 BGB Rn. 57.
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 62 of 64 PageID #: 429

1. Juli 2021
Seite 61 / 63

(213) Eigenübersetzungen der Klageschrift (finnisch und englisch) sowie der Anlage GMW 19
(englisch) zwecks Zustellung an die Beklagte zu 1) nach der EG-VO 1393/2007 sowie an die
Beklagte zu 2) nach dem Haager Zustellübereinkommen vom 15. November 1965 (HZÜ)
werden derzeit erstellt und alsbald nachgereicht. Von einer finnischen Übersetzung der
englischsprachigen Anlagen GMW 1-18 wird in Übereinstimmung mit der Rechtsprechung
abgesehen.

(214) Wir bitten das Gericht, das Bundeskartellamt gemäß § 90 Abs. 1 GWB zu unterrichten. Das
Bundeskartellamt hat in der Vergangenheit ein Interesse an dieser Art von
Rechtsstreitigkeiten gezeigt und gegenüber den jeweiligen Gerichten Stellung genommen.

Dr. Markus Wirtz


Rechtsanwalt
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 63 of 64 PageID #: 430

1. Juli 2021
Seite 62 / 63

Anlagenverzeichnis

Anlage GMW 1: Master License Management Agreement zwischen Avanci, LLC,


Qualcomm, Inc. und Telefonaktiebolaget L.M. Ericsson vom 21. Juli 2016

Anlage GMW 2: E-Mail von Nokia an Thales DIS AIS Deutschland GmbH vom
30. November 2020

Anlage GMW 3 E-Mail von AVANCI LLC an Gemalto M2M GmbH vom 11. April 2018

Anlage GMW 4: Schreiben von Core Wireless Licensing S.a.r.l. an Gemalto M2M GmbH
vom 10. September 2014

Anlage GMW 5: Aktennotiz von Dr. Volkmar Henke vom 19. November 2014

Anlage GMW 6: Business Transfer Agreement zwischen Siemens AG und Cinterion


Wireless Modules GmbH vom 30. Mai 2008

Anlage GMW 7: Schreiben der Gemalto M2M GmbH an Nokia vom 25. März 2015

Anlage GMW 8: Schreiben der Gemalto M2M GmbH an Nokia vom 14. April 2016

Anlage GMW 9: Entwurf des NDA vom 27. Juli 2017 und Überarbeitung des Entwurfs des
NDA vom 1. August 2017

Anlage GMW 10: Schreiben der Nokia Technologies Oy an Sagemcom Broadband SAS vom
22. Februar 2018, 7. August 2018 und 28. September 2018

Anlage GMW 11: E-Mail-Korrespondenz zwischen Vertretern der Nokia Techologies Oy und
EDMI Meters zwischen 20. April 2018 und 16. November 2018

Anlage GMW 12: Schreiben der Nokia Technologies Oy an Power Fleet vom
9. September 2020

Anlage GMW 13: Schreiben von Nokia Technologies Oy an Ingenico Group S.A. vom
19. Oktober 2020
Case 1:21-mc-00405-RGA Document 3-2 Filed 09/30/21 Page 64 of 64 PageID #: 431

1. Juli 2021
Seite 63 / 63

Anlage GMW 14: Schreiben der Rechtsanwälte Eisenführ Speiser an Nokia vom 1. Juni 2018

Anlage GMW 15: Schreiben der Thales DIS AIS Deutschland GmbH an Nokia vom
8. Oktober 2020

Anlage GMW 16: Schreiben der Thales DIS AIS Deutschland GmbH an Nokia vom
24. Dezember 2020

Anlage GMW 17: E-Mail von Nokia Technologies Oy an Thales DIS AIS Deutschland GmbH
21. April 2021

Anlage GMW 18: Schreiben der Ingenico Group an Gemalto M2M GmbH vom
13. Februar 2020

Anlage GMW 19: Streitverkündungsschrift der TomTom International B.V. an THALES DIS
AIS Deutschland GmbH vom 7. April 2020

Das könnte Ihnen auch gefallen