Sie sind auf Seite 1von 10

Accelerat ing t he world's research.

Virtuelle Produktentstehung in der


Automobilindustrie
Johann Habakuk Israel

Informatik Spektrum

Cite this paper Downloaded from Academia.edu 

Get the citation in MLA, APA, or Chicago styles

Related papers Download a PDF Pack of t he best relat ed papers 

Ansat z zur Beherrschung der Komplexit ät von vernet zt en 3D-CAD-Modellen


Jut t a Abulawi

Mult imodale Nut zerint erfaces in hybriden Leist ungsbündeln


Bo Höge

Basis definit ion of a common language of product engineering in t he cont ext of modeling of t echnical…
Dr. Christ ian Zingel
{ HAUPTBEITRAG / VIRTUELLE PRODUKTENTSTEHUNG

Virtuelle Produktentstehung
in der Automobilindustrie
R. Stark · H. Hayka · J.H. Israel · M. Kim
P. Müller · U. Völlinger

Einleitung projektspezifisch aufgesetzt werden, wie beispiels-


Virtualisierung der Produktentstehung trägt ent- weise für die Einführung einer neuen Technologie
scheidend zur Kostenreduktion, zur Verkürzung in eine Fahrzeugklasse oder deren Produktion (z. B.
der Produktentstehungszeiten sowie zur Steigerung Elektrofahrzeuge).
der Produktqualität bei. Die Automobilindustrie Generell wird die Entwicklung von einem ge-
hat frühzeitig diese Vorzüge erkannt und setzt ver- nerischen Vorgehensmodell in Prozessphasen,
stärkt Methoden und Technologien der Virtuellen Entwicklungsaktivitäten und schließlich Projekt-
Produktentstehung (VPE) ein. In diesem Artikel pläne heruntergebrochen. Die bekannten Modelle
werden die Methoden und Vorgehensmodelle der VDI 2221 [21] und V-Modell [22, 25] bieten dabei in
Virtuellen Produktentstehung dargestellt und Un- der Automobilbranche eine Orientierung. Jedoch
terschiede und Anknüpfungspunkte zu denen der gibt es in der Mehrzahl der Unternehmen einen
Softwareentwicklung herausgearbeitet. Der Arti- eigenen Zuschnitt solcher Modelle, sodass sie zu-
kel beschreibt zunächst die Phasen der Virtuellen weilen nicht mehr der Ursprungsform zugeordnet
Produktentstehung samt der zu verarbeitenden In- werden können. Stattdessen bilden sich eigene,
formationen und der eingesetzten Werkzeuge (z. B. unternehmensspezifische Vorgehensmodelle, Pro-
CAx, PDM). Anschließend werden die Entwicklung, jektformen und Meilensteine aus. Eine Übersicht zu
die Erprobung sowie die Arbeitsvorbereitung (hier- den Entwicklungsphasen auf generischer Ebene lie-
bei insbesondere die Digitale Fabrik) detailliert und fert das Modell in Abb. 1 nach Stark und Kind [15, 16].
relevante Informationen und Werkzeuge vorgestellt. Dem Modell ist auch die Spannweite der Virtuellen
Das Vorgehen wird mit Beispielen aus der Automo- Produktentstehung zu entnehmen.
bilindustrie unterlegt. Der Artikel schließt mit der Zur Prozessbeobachtung und -verbesserung
Darstellung kurz- und mittelfristig zu erwartender werden Ansätze aus dem Six Sigma (wie z. B. DMAIC
Entwicklungen der Virtuellen Produktentstehung. oder PDCA) oder APQP (Advanced Product Qua-
lity Planning) eingesetzt. Vorgehensmodelle wie
Vorgehensmodelle der Virtuellen RUP [6], PRINCE2, Scrum oder OpenSAGA, be-
Produktentstehung kannt aus der IT-Entwicklung und den öffentlichen
Die Produktentwicklung im Automobilbau wird Ausschreibungsprojekten, finden hingegen kaum
vorrangig durch Entwicklungsprozesse vorangetrie- Anwendung. Das prozessbasierte Projektmanage-
ben, die durch Meilensteine in Phasen segmentiert
werden. Zum einen können dabei generische oder DOI 10.1007/s00287-010-0501-z
© Springer-Verlag 2010
standardisierte Prozesse verfolgt werden, die für ein- R. Stark · H. Hayka · J.H. Israel · M. Kim · P. Müller
zelne Durchläufe jeweils wieder instanziiert werden U. Völlinger
Geschäftsfeld Virtuelle Produktentstehung,
und stets strikt nach dem gleichen Muster ablau- Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen
fen, z. B. Änderungs- oder Freigabeprozesse. Zum und Konstruktionstechnik (IPK),
Pascalstraße 8–9, 10587 Berlin
anderen kann es sich um Prozesse handeln, die E-Mail: johann.habakuk.israel@ipk.fraunhofer.de

20 Informatik_Spektrum_34_1_2011
Abb. 1 Prozessphasen der Produktentstehung nach Stark und Kind [15]

ment, so wie es mit Workflowmanagementsyste- die modellgetriebene Generierung von Source-Code


men oder Projektmanagementsystemen aus der auf Basis von UML oder ObjectIF bereits Verbrei-
IT (vgl. microTOOL [7]) umgesetzt wird, ist in tung findet, wird in der Automobilentwicklung
der Automobilentwicklung noch weniger stark zunächst mit Funktionsstrukturen und geome-
ausgeprägt. Gründe hierfür sind beispielsweise trischen Modellen gearbeitet. In der Entwicklung
Akzeptanz- oder Praktikabilitätsschwierigkeiten, komplexer technischer Produkte ist die Realisie-
mangelnde Integrationsmöglichkeiten oder ein rung einer geforderten Funktion von dem gewählten
anderes Systemdenken. physikalischen Wirkprinzip abhängig. Da für ver-
Die Produktentwicklung im Automobilbau ist schiedene physikalische Wirkprinzipien auch jeweils
stark funktional und geometrisch getrieben, da eigene Simulationsverfahren vorliegen, ist eine
am Ende stets ein physisches Produkt hergestellt direkte Integration der Simulationsansätze vom
werden muss, das diese Funktionen zuverlässig Kundenbedarf über Anforderungen zu technischen
realisiert. Im Gegensatz zu Entwicklungsprozessen Modellen (z. B. Finite-Elemente-Methode FEM,
in IT-Projekten sind die Prozesse des Projektma- Mehrkörper-Simulation MKS oder Computational
nagements, des Anforderungsmanagements und Fluid Dynamics CFD) derzeit nur eingeschränkt
der modellgetriebenen Entwicklung [3, 7], hier möglich. Diese Thematik wird in den folgenden
sehr verschieden und weniger stark modelltech- Abschnitten noch einmal aufgegriffen und näher
nisch und informationstechnisch integriert. Dies erläutert.
drückt sich besonders auch in den verwendeten IT- Die Komplexität der automobilen Produkte be-
Werkzeugen aus. Während in der IT-Entwicklung dingt darüber hinaus häufig ebenso komplexe Netze

Informatik_Spektrum_34_1_2011 21
{ VIRTUELLE PRODUKTENTSTEHUNG

aus Systemintegratoren, Erstausstattern (OEMs) Entwicklung


und Zulieferern von Komponenten, Baugruppen Die Entwicklung der Produktentwicklung im Auto-
oder ganzen Fahrzeugausstattungen. Spezielle Kol- mobilbau war bis zu den 1990er-Jahren sehr stark
laborationsanwendungen und Standardprozesse durch den Bau von physischen Prototypen geprägt.
helfen hier, die Entwicklung standort- und auch Eine phasenweise Einführung der Digitalisierung
unternehmensübergreifend zu gestalten. Simulta- begann in den 1970er-Jahren, die seit den 1980er-
neous/Concurrent Engineering und Collaborative Jahren zusätzlich um den Bereich des Computer
Engineering sind Ansätze zur simultanen und ge- Aided Engineering (CAE) erweitert wurde. Seit
meinsamen Ausführung von z. T. zeitlich, örtlich und den 1990er-Jahren bis heute wurden große An-
organisatorisch verteilten Entwicklungsprozessen. strengungen unternommen, um den digitalen
Interdisziplinäre, zum Teil auch verteilte Entwicklungsprozess und digitale Entwicklungs-
Kollaboration zwischen Maschinenbauern, Elek- werkzeuge mit der Zielstellung zu verbessern,
trotechnikern und Softwareentwicklern gewinnt ein weniger physische Prototypen zu benötigen [13].
immer größeres Gewicht bei der effizienten Gestal- Dennoch sind auch heute noch physische Proto-
tung von Entwicklungsprozessen. Hier gilt es u. a., typen notwendig, um einerseits die behördliche
die Softwareentwicklung stärker in die Prozesse Zulassung zu erlangen und andererseits das Zu-
der Produktentstehung einzubinden. Kennzeich- sammenspiel des komplexen Systems Automobil
nend für die verteilte, kooperative Zusammenarbeit zu testen.
ist, dass in den meisten Fällen unterschiedliche In der Automobilindustrie erfolgt die Entwick-
Organisations- sowie IT-Infrastrukturen vorlie- lung neuer Fahrzeuge typischerweise in Form von
gen. Um eine zusammenhängende Verarbeitung Projekten. Beim Automobil handelt es sich um ein
zu gewährleisten, muss eine gemeinsame Entwick- mechatronisches Produkt, bei dem die Domänen
lungsumgebung vorhanden sein, die durch geeignete Maschinenbau, Elektrik/Elektronik und Software
Standardisierungsmaßnahmen unterstützt werden maßgeblich involviert sind.
kann. Darüber hinaus gibt es aufgrund verteilter In der mechanischen Konstruktion als Teil
Standorte unterschiedliche Arbeitskulturen und der Entwicklung wird das Produkt während
Mentalitäten, die in der Planung des Collaborative des Entwicklungsprozesses unter mehreren Ge-
Engineering ebenfalls zu berücksichtigen sind. sichtspunkten strukturiert. Ausgehend von einer
Standardprozesse für das Änderungswesen (vgl. Funktionsstruktur werden die zu erfüllenden Funk-
Engineering Change Request (ECR) nach VDA [19] tionen in Haupt- und Teilfunktionen gegliedert.
oder SASIG [11]) bieten einen Rahmen zur einheitli- Für jede Teilfunktion wird unter Berücksichtigung
chen Abwicklung von Änderungen an Produktdaten. von physikalischen Effekten, bekannten Lösungs-
Diese Daten entstammen aus verschiedentlichen elementen sowie geometrischen und stofflichen
Autorensystemen und liegen in Form unterschied- Merkmalen die Wirkstruktur erstellt. Erst dann er-
licher Datenmodelle mit variierenden inhaltlichen folgt die Festlegung der Teilestruktur, welche den
Aussagen vor. Zur Verwaltung der Daten werden Aufbau des Produkts in ,,konkrete“ Baugruppen und
Produktdatenmanagementsysteme (PDM) einge- Bauteile beschreibt [1, 9]. Es ist eine Herausforde-
setzt (siehe Abschn. ,,Entwicklung“), die einen rung, die Abhängigkeiten zwischen den Ebenen und
ähnlichen Ansatz wie Versionierungssysteme für Elementen über die verschiedenen Domänen und
Softwarequelltexte (z. B. Subversion, CVS) oder Do- Strukturen hinweg zu berücksichtigen, insbeson-
kumentenmanagementsysteme (DMS) verfolgen. In dere vor dem Hintergrund der Erfüllung von sich
PDM-Systemen werden Anforderungslisten, Werks- ändernden Kundenanforderungen, was Gegenstand
normen, Konstruktionsdaten (z. B. 3D-Modelle des Forschungsprojekts ISYPROM ist [14].
oder Simulationsmodelle), Produktstrukturen oder Im Produktentstehungsprozess findet eine sehr
Stücklisten in unterschiedlichen Revisionsstän- große Anzahl von IT-Systemen Anwendung. Das Zu-
den verwaltet. Arbeitsabläufe wie das Erstellen, sammenwirken dieser Systeme kann in horizontaler
Einchecken, Freigeben, Auschecken, Bearbeiten, und vertikaler Kollaboration erfolgen (Abb. 2). Die
erneutes Einchecken und Freigeben von Dokumen- vertikale Kollaboration findet unternehmens- oder
ten und Modelldateien sind typische Use Cases an disziplinübergreifend statt. Horizontale Koopera-
PDM-Systemen. tion beschreibt den produkt- und prozessbezogenen

22 Informatik_Spektrum_34_1_2011
Abb. 2 IT-Unterstützung entlang des
Produktentstehungsprozesses [17]

Datenaustausch, beispielsweise den Austausch und setzt Parameter untereinander in Beziehung.


von Produktmodellen zwischen CAD- und CAE- Bauteile können durch die Änderungen der assozi-
Systemen (Abschn. ,,Erprobung“). Bezüglich der ierten Parameter somit schneller geändert werden.
Integration eines OEMs mit seinen Zulieferern sind In der Automobilindustrie werden parametrisierte
besondere Integrationsstrategien erforderlich, die Modelle sowohl bei der Konstruktion einzelner Bau-
den Informationsaustausch in einer heterogenen teile als auch für das Gesamtfahrzeug (während der
IT-Systemlandschaft gewährleisten und somit den Konzeptphase) verwendet.
Anforderungen eines dynamischen Entwicklungs- Der Einsatz von Templates, die in Prozess-
prozesses gerecht werden [17]. Hierbei entstehen Templates und Produkt-Templates unterschieden
sowohl vertikale als auch horizontale Kollabora- werden, hat sich mittlerweile zu einer etablier-
tionen, welche durch Kollaborationsplattformen ten Methode der Virtuellen Produktentstehung
effizient gestaltet werden können [2]. entwickelt. Während der Konstrukteur bei Prozess-
Ein zentrales Werkzeug in der Konstruktion sind Templates bei der Vorgehensweise vom System
Computer-Aided-Design-Systeme (CAD), deren unterstützt wird, soll der Konstrukteur bei Produkt-
primäre Funktion die Entwicklung der Produkt- Templates von Modellierungsaufgaben entlastet
gestalt ist. CAD-Systeme (z. B. NX, CATIA etc.) werden. Bei Produkt-Templates wird wie auch in
gehören heute zu den elaboriertesten Werkzeugen der Softwareentwicklung ein vordefiniertes para-
der Virtuellen Produktentstehung und erlauben metriertes und um Regeln ergänztes Grundgerüst
es, auch Materialien, Parameter, Bemaßungen und eines Modells als Ausgangspunkt herangezogen,
Toleranzen für die Fertigung zu definieren [16]. welches durch Eingabe von Parametern automa-
Zur Überprüfung der Qualität der Konstruktion tisch eine Geometrie erstellt. Zur Verwendung
können nur formale beziehungsweise berechenbare von Templates ist also zunächst eine Formalisie-
Kriterien herangezogen werden. Dazu werden soge- rung des Expertenwissens notwendig, welches
nannte Checker verwendet, die das CAD-Modell durch Parametereingabe und -auswahl konkretisiert
nach festgelegten Kriterien analysieren und den wird.
Konstrukteur gegebenenfalls auf verletzte Kriterien Für eine effiziente Gestaltung des Produktent-
zur Prüfung hinweisen. stehungsprozesses ist die uneingeschränkte und
Die wesentlichen Techniken zur Beschleunigung konsistente Verfügbarkeit der jeweils relevanten
der Modellierung innerhalb des CAD-Systems sind Produktdaten für alle Beteiligten während des ge-
parametrische Modellierung, Featuretechnologie, samten Produktentstehungsprozesses zwingend
Knowledge Based Engineering und die Verwendung erforderlich. Dies schließt sowohl die Endherstel-
von Templates. Die parametrische Modellierung ler als auch die Dienstleister, die Zulieferer und die
verknüpft die Produktgeometrie mit Parametern Komponenten- und Systemlieferanten ein.

Informatik_Spektrum_34_1_2011 23
{ VIRTUELLE PRODUKTENTSTEHUNG

Für die Verwaltung der Produktdaten werden ten Produktlebenszyklus und die Gestaltung der
seit einigen Jahren verstärkt Produktdatenmanage- Prozesse, Informationen und Daten durchgän-
mentsysteme (PDM) eingesetzt. PDM bezeichnet gig unterstützen. In PLM-Systemen werden das
hierbei die ganzheitliche Verwaltung aller Daten, die PDM-System und zusätzliche Systeme wie RTM
im Produktlebenszyklus neuer Produkte oder der (Requirement Traceability Management), MRO
Aktualisierung bestehender Produkte anfallen, bear- (Maintenance-, Repair- and Overhaul-Management)
beitet und weitergeleitet werden müssen, verbunden und CM (Configuration Management) integriert.
mit der Fähigkeit, den Prozess der Bearbeitung und Ein Ziel von PLM-Systemen ist es darüber hin-
Weiterleitung zu steuern und zu kontrollieren [20]. aus, die Kollaboration zwischen den Unternehmen
Ein PDM-System hat somit die Aufgabe, in weitgehend zu unterstützen.
produzierenden Unternehmen die Verwaltung
und Lenkung von Ressourcen und Daten zu Erprobung
übernehmen. Als Rückgrat der technischen und Ein vordergründiges Ziel der Virtuellen Produkt-
administrativen Informationsverarbeitung stellen entstehung ist die Erprobung und Absicherung von
viele PDM-Systeme systemspezifische Schnittstellen Produkteigenschaften in frühen Entwicklungspha-
zu CAD- und ERP-Systemen sowie anderen Anwen- sen (Frontloading). Dies kann durch den Einsatz
dungssystemen bereit. PDM-Systeme unterstützen adäquater Simulationsmodelle und -verfahren
somit einen unternehmensweit durchgängigen In- erfolgen, die Produkteigenschaften bereits am virtu-
formationsfluss. Funktionen wie Produktstruktur-, ellen statt am physischen Produktmodell erproben
Workflow-, Versions- und Variantenmanagement und zu jedem Zeitpunkt des Gesamtprozesses zur
helfen, die große Komplexität von Produktentwick- Verfügung stehen.
lungsvorgängen zu bewältigen. PDM hat sich zur Der Begriff Simulation ist in der VDI-Richtlinie
zentralen Datenquelle für Produktdaten in einem 3633 definiert als ,,(...) das Nachbilden eines Sys-
produzierenden Unternehmen entwickelt, und das tems mit seinen dynamischen Prozessen in einem
inzwischen nicht mehr nur für die Produktentwick- experimentierfähigen Modell, um zu Erkenntnissen
ler und -fertiger, sondern zunehmend auch für zu gelangen, die auf die Wirklichkeit übertragbar
andere Unternehmensbereiche (wie Vertrieb, Ein- sind. Im weiteren Sinne wird unter Simulation das
kauf oder Marketing), die Daten über die erstellten Vorbereiten, Durchführen und Auswerten gezielter
Produkte benötigen oder liefern. Experimente mit einem Simulationsmodell verstan-
PDM-Systeme gestatten es, durch komplexe den“ [24, Blatt 1]. Als ein Bestandteil der digitalen
Produkt- und Dokumentenstrukturen zu navigieren Erprobung von Produkten werden Digital und Func-
und gewünschte Daten zur weiteren Verarbeitung tional Mock-Ups (DMU, FMU) eingesetzt. DMUs
zur Verfügung zu stellen, soweit die Daten hinsicht- bilden durch ein virtuelles Modell Struktur und
lich der Klassifizierung und der Attribuierung von Geometrie eines Produktes ab und erlauben es,
Produkten technisch-organisatorisch aufbereitet virtuelle Ein- und Ausbauuntersuchungen, Ergo-
sind. nomieuntersuchungen oder Baubarkeitsprüfungen
Die meisten PDM-Systeme stellen Funktionen durchzuführen. FMUs ermöglichen es darüber
zur Verfügung, die den Datentransfer in verteilten hinaus, die Funktionalität eines Produktes digi-
Entwicklungs- und Auftragsabwicklungsteams be- tal zu simulieren und für den Anwender erlebbar
günstigen. Einige unterstützen darüber hinaus den zu gestalten (vgl. Smart Hybrid Prototyping [12],
Datenaustausch bei unternehmensübergreifenden Abb. 3).
Kooperationen. Für die Abbildung und Steuerung In der Praxis werden sehr unterschiedliche
von Produktentwicklungsprozessen sowie von Rou- Simulationsverfahren für verschiedenste Problem-
tineabläufen, wie sie im Freigabe- und Änderungswe- stellungen in der Produktentwicklung mittels
sen die Regel sind, stellen die meisten PDM-Systeme Computer-Aided-Engineering-Systemen (CAE)
Workflowmanagementmodule zur Verfügung. eingesetzt. Typische Problemstellungen in der
Die Weiterentwicklung der PDM-Technologie Automobilindustrie sind Strömungsverhalten,
mündete in PLM-Systemen. Mit dem Begriff Product Crashverhalten, Geräusch-, Vibrations- und Schwin-
Lifecycle Management (PLM) wird zum Ausdruck gungsverhalten sowie statische Analysen. Aufgrund
gebracht, dass entsprechende Systeme den gesam- der Komplexität der zu lösenden Problemstellun-

24 Informatik_Spektrum_34_1_2011
Abb. 3 Echtzeitsimulation des physischen Interaktions- Abb. 4 Echtzeitsimulation flexibler Teile in einer immersiven
verhaltens einer Heckklappe mittels eines Smart-Hybrid- VR-Umgebung (Foto: Fraunhofer IPK [18])
Prototyping-Systems (Foto: Fraunhofer IPK [12])
fangreiche visuelle Eindrücke des Produkts bzw.
gen werden keine analytischen Lösungen gefunden, von Simulationsdaten zu präsentieren und eine in-
sondern nur Näherungslösungen. In den aktuel- tuitive Handhabung des virtuellen Prototypen zu
len CAE-Systemen werden Simulationsverfahren ermöglichen [8].
zunehmend zu einer Co-Simulation (Coopera- Hervorzuheben sind immersive Virtual-Reality-
tive Simulation) miteinander kombiniert, um eine Systeme, die es ermöglichen, virtuelle Prototypen
realistische Prognose des Systemverhaltens zu er- dreidimensional im Maßstab 1:1 in Relation zum
mitteln. Ein Beispiel für eine domänenübergreifende eigenen Körper wahrzunehmen und mit ihnen
Kopplung wäre die Simulation eines elektrischen auf realistische und zum Teil intuitive Weise zu
Fensterhebers, welche sowohl die Mechanik als auch interagieren [4, 18]. Typische Funktionen industriel-
die Software des Steuerungsgeräts simuliert. Ein ler VR-Systeme sind interaktive Design-Reviews,
weiteres Beispiel stellt die Simulation eines Fahr- dynamische Einbau- und Ausbauuntersuchun-
werks dar; hierbei werden die Komponenten des gen, Montageuntersuchungen (beispielsweise mit
Fahrwerks als Mehrkörpersystem und flexible Teile flexiblen Bauteilen) (Abb. 4), Überprüfung von
wie Schläuche mithilfe der FEM simuliert. geplanten Montage- und Wartungsabläufen, Er-
Hinsichtlich des Zeitverhaltens unterscheidet gonomieuntersuchungen (beispielsweise anhand
man Simulationen, die das Produktverhalten in virtueller Menschmodelle) oder fotorealistische Pro-
interaktiven Echtzeitsimulationen oder nichtin- duktpräsentationen für Management und Vertrieb.
teraktiven numerischen Simulationen darstellen. Bei den auf dem Markt befindlichen VR-Systemen
Eine numerische Simulation besteht in der Regel ist zu erkennen, dass sie jeweils besondere Stärken
aus den folgenden Schritten: Datenbeschaffung und in einzelnen dieser Felder haben, z. B. in der ästhe-
-aufbereitung (Pre-Processing), Berechnung (Solv- tischen Produktpräsentation oder in umfangreichen
ing) und Ergebnisauswertung (Post-Processing). Im Möglichkeiten zur Interaktion [10].
Pre-Processing werden die Eingangsdaten zur Ver-
fügung gestellt und Randbedingungen definiert. Zu Digitale Fabrik
den wichtigsten Eingangsdaten zählen Materialda- Die Produktionsplanung ist ein integraler Bestand-
ten, Simulationsparameter und Bauteilgeometrie etc. teil der Virtuellen Produktentstehung und umfasst
Im Post-Processing werden die im Solving berechne- sowohl die Planung der Prozesse als auch die Pla-
ten Ausgangsdaten ausgewertet. Zu den wichtigsten nung der Fertigungssysteme [23]. Die Digitale
Ausgangsdaten zählen Prozesskräfte, Stofffluss, Fabrik dient dazu, die Herstellbarkeit eines Produkts
Deformationen, Temperaturen, Spannungen, Um- abzusichern und zu optimieren.
formgrade etc. In Echtzeitsimulationen hingegen Dabei wird unter Herstellbarkeit nicht nur die
appliziert der Benutzer interaktiv die Beanspru- technische Machbarkeit, sondern auch die Wirt-
chungsarten auf das Modell. Echtzeitsimulationen schaftlichkeit verstanden. In der Automobilindustrie
sind insbesondere geeignet, dem Benutzer um- orientiert sich die Aufteilung der Planungsdiszipli-

Informatik_Spektrum_34_1_2011 25
{ VIRTUELLE PRODUKTENTSTEHUNG

Abb. 5 Aspekte der Verbindung von Fertigung und Produktentwicklung (KTmfk aus [5])

nen an den jeweiligen Gewerken der Produktion, digitalen Produktmodelle zu einem frühen Zeit-
z. B. Aggregate, Presswerk, Karosseriebau, Lack, punkt zu bewerten und unter Gesichtspunkten der
Montage, Logistik etc. Innerhalb der Gewerke Prozessoptimierung zu beeinflussen.
wird ein breites Spektrum an Fertigungsverfah- In der Body-In-White Prozesskette werden
ren eingesetzt, welche ausgehend vom Urformen spezialisierte Simulationswerkzeuge insbesondere
der Gussteile, der Zerspanbearbeitung an CNC- für die Planung von Montage- und Fertigungspro-
Bearbeitungszentren über mehrstufiges Tiefziehen zessen eingesetzt (Abb. 6). Beispielsweise werden
von Blechen bis zum Laserschweißen mit Robotern mittels Umformsimulation Tiefziehprozesse des
und der manuellen Endmontage reicht (Abb. 5). Bleches abgesichert. Im Karosserierohbau über-
Die digitale Planung und Absicherung der prüfen Robotersimulationen Fügeprozesse, die mit
Produktionsprozesse erfolgt zeitlich überlappend Schweißrobotern durchgeführt werden, hinsicht-
zur Produktentwicklung mit den Werkzeugen der lich Kollision, Erreichbarkeit der Schweißpunkte
Digitalen Fabrik. Diese ist definiert als ein ,,(...) und Abtaktung. Die Lackierung der Rohkarosse
umfassendes Netzwerk von digitalen Modellen, Me- wird ebenfalls simuliert, so kann z. B. die Dicke des
thoden und Werkzeugen – u. a. der Simulation und Lacks optimiert werden oder die Erreichbarkeit
3-D-Visualisierung –, die durch ein durchgängiges und der Abfluss der Grundierung beim Tauch-
Datenmanagement integriert werden. bad simuliert werden. In der Endmontage werden
Ihr Ziel ist die ganzheitliche Planung, Evaluie- virtuelle Menschmodelle herangezogen, um die
rung und laufende Verbesserung aller wesentlichen Montageprozesse hinsichtlich der Erreichbarkeit,
Strukturen, Prozesse und Ressourcen der realen der Ergonomie oder der Sichtbarkeit abzusichern.
Fabrik in Verbindung mit dem Produkt“ [23]. Neben den Montage- und Fertigungsprozessen
Die Komplexität, die in der Produktionspla- werden zusätzlich die auch Materialflüsse und das
nung anzutreffen ist, wird durch Unsicherheiten, Produktionslayout hinsichtlich der Durchlauf-
Dynamik (Produktänderungen), Variantenviel- zeiten und der Dimensionierung der Puffer mit
falt, Planungsdisziplinen und die Vielzahl der Materialflusssimulationen optimiert.
Abhängigkeiten begründet. Wesentliche Vorteile
der Digitalen Fabrik ergeben sich aus der frühzei- Ausblick
tigen Entwicklung, Simulation und Absicherung Die zu erwartende Weiterentwicklung der Virtu-
der Produktionsprozesse. Dies ermöglicht es, die ellen Produktentstehung aus der Sicht der anwen-

26 Informatik_Spektrum_34_1_2011
Abb. 6 Prozesssimulationen für Body-In-White: Urformen, Umformen, virtuelle Menschmodelle und Fügeprozesse im
Karosserierohbau (Quellen im Uhrzeigersinn: Magmasoft, ESI Group, Siemens PLM, Fraunhofer IPK)

dungsorientierten Forschung kann unter den Applikationen, die diesen Anforderungen nicht ge-
Gesichtspunkten Integration, Interaktion und recht werden, schließen potenzielle Anwenderkreise
Innovation betrachtet werden. aus und werden mittelfristig Nutzungsrückläufe
Die Zahl und die Diversität der Einzellösun- verzeichnen. Aktuelle Entwicklungen im Bereich
gen im Umfeld der Virtuellen Produktentstehung der CAD-Benutzungsschnittstellen machen Hoff-
ist weitaus höher als in der Softwaretechnik. Wäh- nung hinsichtlich der Annahme, dass sich intuitive
rend in der Vergangenheit Insellösungen entwickelt Interaktion zum zukünftigen ,,Austauschformat“
wurden, um die Lösung von Einzelproblemen zu zwischen Entwickler und System entwickelt.
unterstützen, ist es heute das Ziel, diese Lösungen Nach wie vor werden innovative Einzelent-
mithilfe offener Standards zu integrieren. Gleiches wicklungen Innovationsschübe in der Virtuellen
gilt für die Integration von Partialmodellen wie Produktentstehung auslösen; seien es neue Si-
Funktions-, Anforderungs- und Geometriemodel- mulationsverfahren, Optimierungsansätze oder
len. Erst durch die damit wachsende Verfügbarkeit technologische Schübe, die mit wachsenden Rechen-
und Nutzungshäufigkeit wird es zu einer zufrieden- und Speicherkapazitäten verbunden sind. Eine zen-
stellen Nutzung der innovativen (Teil-)Lösungen trale Anforderung zur Verbreitung zukünftiger
kommen. Innovationen ist es, an bestehende Werkzeuge und
Entwickler, Manager und letztlich auch Kun- Prozesse anschlussfähig zu sein.
den sind mit der wachsenden Komplexität von Die Virtualisierung der Produktentstehung
Entwicklungswerkzeugen und Produkten konfron- setzt sich stetig fort und drückt sich nicht nur in
tiert. Um diese beherrschen zu können, müssen die Form neuer Soft- und Hardware, sondern auch in
Werkzeuge interaktiver werden und die Applikati- Form neuer Engineering-Methoden und -Prozesse
onslogik anwendergerecht zur Verfügung stellen. aus. Die industrielle Informationstechnik über-

Informatik_Spektrum_34_1_2011 27
{ VIRTUELLE PRODUKTENTSTEHUNG

nimmt damit eine dominierende Rolle neben den 11. SASIG (strategic automotive product data standards industry group) (2008) White
Paper. Engineering Change Management Reference Process, Version 1.0, Jan. 2008
rein maschinenbaulichen Kompetenzen der In- 12. Stark R, Beckmann-Dobrev B, Schulze E-E, Adenauer J, Israel JH (2009) Smart Hy-
genieure im Automobilbau. Neue Berufsbilder brid Prototyping zur multimodalen Erlebbarkeit virtueller Prototypen innerhalb
der Produktentstehung. In: Proc 8. Berliner Werkstatt Mensch-Maschine-Systeme
müssen ausgebildet werden, um die steigenden BWMMS’09: Der Mensch im Mittelpunkt technischer Systeme, S 437–443
informationstechnischen Potenziale im Rahmen 13. Stark R, Krause F-L, Kind C, Rothenburg U, Müller P, Stöckert H (2009) Compe-
ting in Engineering Design – the Role of Virtual Product Creation. In: Roy R, She-
der Virtuellen Produktentstehung ausschöpfen zu hab E (eds) Competitive Design. Proc of the 19th CIRP Design Conference, Cran-
können. field University, UK. Cranfield University Press
14. Stark R, Beier G, Figge A, Wöhler T (2010) Cross-Domain Dependency Modelling
– How to achieve consistent System Models with Tool Support. In: Proc EuSEC
Literatur 2010 – European Systems Engineering Conference (CD-ROM), Stockholm, Swe-
1. Ehrlenspiel K (2007) Integrierte Produktentwicklung – Denkabläufe, Methoden- den, 23.–26.5.2010
einsatz, Zusammenarbeit, 3. Aufl. Carl Hanser, München Wien 15. Stark R, Kind C (2010) Prozessmanagement in der Produktentstehung. In: Jochem R,
2. Hayka H, Langenberg D, Stark R (2010) Kooperationsplattformen für virtuelle Un- Mertins K, Knothe T (Hrsg) Prozessmanagement – Strategien, Methoden, Umset-
ternehmen. ZWF 105(7–8):693–699 zung. Symposium Publishing, Düsseldorf
3. Hoffmann H-P (2006) HARMONY-SE/SysML Deskbook, Model-Based Systems Engi- 16. Spur G, Krause F-L (1997) Das virtuelle Produkt: Management der CAD-Technik.
neering with Rhapsody , Rev 2.0/10-12-06. Telelogic Hanser, München Wien
4. Israel JH, Wiese E, Mateescu M, Stark R (2009) Investigating three-dimensional 17. Stoeckert H, Lindow K, Stark R (2010) Collaborative Engineering – Issues and Evi-
sketching for early conceptual design – results from expert discussions and user dence from Industrial. In: Proc of International Design – Design 2010, Dubrovnik,
studies. Comput Graph 33(4):462–473 Kroatien, 17.–20.5.2010, pp 1199–1208
5. Krause F-L, Franke H-J, Gausemeier J (2007) Innovationspotenziale in der Produkt- 18. Völlinger U, Beckmann-Dobrev B, Schäfer J, Israel JH, Stark R (2009) Intuitive Hap-
entwicklung. Carl Hanser, München Wien tische Interfaces für die Deformationssimulation. In: Proc 8. Paderborner Work-
6. Kruchten P (2006) The rational unified process: an introduction, 3. Aufl. Addison- shop Augmented & Virtual Reality in der Produktentstehung, S 189–203
Wesley 19. VDA (Verband der Automobilindustrie) (2006) Engineering Change Management
7. microTOOL (2010) http://www.microtool.de/instep/de/Projektmanagement%20 (ECM). VDA Recommendation 4965, Version 2.0, Dezember 2006
mit%20in-Step.asp, letzter Zugriff 29.7.2010 20. NN (1995) Produkt Daten Management: Grundlagen und Entscheidungshilfe.
8. Mohs C, Israel JH, Kindsmüller MC, Naumann A, Hußlein S, IUUI-Research-Group Schriftenreihe des Fachverbandes Informationstechnik im VDMA und Zvei, 64
(2007) Intuitive Benutzung als Ziel in der Produktentwicklung. In: Proc Usability 21. Verein Deutscher Ingenieure (1987) VDI 2221 Systematic Approach to the Design
Professionals 2007, S 165–168 of Technical Systems and Products
9. Pahl G, Beitz W, Feldhusen J, Grote K-H (2007) Konstruktionslehre – Grundlagen 22. Verein Deutscher Ingenieure (2004) VDI 2206 Entwicklungsmethodik für mecha-
erfolgreicher Produktentwicklung, Methoden und Anwendung, 7. Aufl. Springer, tronische Systeme
Berlin Heidelberg 23. Verein Deutscher Ingenieure (2008) VDI 4499-1 Digitale Fabrik Grundlagen
10. Rothenburg U, Völlinger U, Beckmann-Dobrev B, Figge A, Goebbels G (2010) Va- 24. Verein Deutscher Ingenieure (2009) VDI-3633 Simulation von Logistik-, Material-
lidation of accuracy simulation flexible, one-dimensional objects. In: Proc Virtual fluss- und Produktionssystemen – Simulation und Visualisierung
Reality International Conference (VRIC 2010), Laval 25. V-ModelXT (2010) http://www.v-modell.iabg.de/, letzter Zugriff 29.7.2010

28 Informatik_Spektrum_34_1_2011