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Die Demut - Eine gescholtene, aber doch so notwendige Tugend

1. Vom leichten Joch Jesu


In einer für mich persönlich schönsten Stelle aus dem Evangelium spricht Jesus über die
Demut: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen
und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen
... Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch
Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und
demütig von Herzen; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht,
und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,25-30)

Jesus dankt Gott, dass nicht die Weisen und Klugen, die Starken und Mächtigen, die
Diktatoren und Kriegsminister die Offenbarung Gottes erhalten haben, sondern die Kleinen,
die Unmündigen, die Demütigen, die Kinder. Dieser Lobpreis erinnert an jene Stelle, in der
Jesus ein Kind in die Mitte stellt und sagt: „Wenn ihr nicht werdet wie dieses Kind, dann
könnt ihr nicht in den Himmel gelangen.“ (Mt 18,3) Dieses „Kindsein vor Gott“ ist eine erste
wichtige Aussage über die Tugend der Demut. Jesus möchte, dass wir diese Tugend von ihm,
der „demütig von Herzen“ ist, lernen. Und warum sollen wir das? Damit endlich der Krieg in
uns und um uns herum aufhört und wir Ruhe finden für unsere Seelen.

Die Kreuze, die wir zu tragen haben, werden leicht. Jesus lädt uns ein: „Kommt alle zu mir,
die ihr euch plagt und unter Lasten stöhnt, ich werde euch Ruhe verschaffen.“ Um dieser
Einladung folgen zu können, braucht es die Tugend der Demut.

2. Liebe ist Demut


Für den heiligen Kirchenlehrer Franz von Sales (1567-1622) hat die Demut unter den vielen
Tugenden des christlichen Lebens den ersten Platz neben der Liebe.

Für ihn sind diese beiden Tugenden – Liebe und Demut - eng miteinander verbunden, ja fast
identisch: „Die Demut,“ so sagt er, „ist nicht nur liebevoll, sie ist auch zart und schmiegsam.
Liebe ist Demut, die zur Höhe steigt, Demut ist Liebe, die sich niederneigt.“ In einer
Adventpredigt hören wir seine Worte: „Nicht ohne Grund wird die Demut die Grundlage aller
Tugenden genannt, denn ohne sie gibt es keine Tugend; und obgleich sie nicht die erste ist -
die heilige Liebe und die Liebe zu Gott übertreffen sie an Würde und Wert -, so haben doch
beide eine solche Anteilnahme und Verbindung miteinander, dass die eine nie ohne die andere
vorhanden ist.“ Die Demut führt zum Vertrauen auf Gott und Vertrauen auf Gott führt zur
Liebe.

Alle anderen Tugenden sind mit der Liebe und der Demut verbunden. Wenn jemand diese
zwei Tugenden nicht besitzt, dann hat er überhaupt keine echte und gediegene Tugend. Wenn
aber die Seele diese beiden hat, dann werden die anderen Tugenden fast automatisch folgen.
3. Weg zur Demut
Wie kann ich die Tugend der Demut erlangen? Der Weg, den Franz von Sales empfiehlt,
beginnt so, wie man sich das wahrscheinlich erwartet: Mach dir klar, dass du im Vergleich zur
Größe und Herrlichkeit Gottes ein Nichts bist. Sieh auf deine Fehler und Schwächen und
erkenne, dass du ohne Gottes Hilfe überhaupt keine Chance hast. Franz von Sales geht aber
noch einen Schritt weiter, und darin unterscheidet er sich wesentlich von den Ansichten seiner
Zeitgenossen. Er meint nämlich: Betrachte auch deine guten Seiten, deine Fähigkeiten und
Stärken, sei dir aber bewusst, dass diese nicht aus dir selbst kommen, sondern Geschenke
Gottes sind. Damit entspricht Franz von Sales ganz einer modernen Definition über die
Demut, die besagt: „Demut ist Wahrheit“. Demut ist jene Tugend, die dir die Kraft gibt, dich
selbst so anzunehmen, wie du bist: Deine Fehler und Schwächen ebenso wie deine Stärken.
Weder vor dir selbst noch vor deinen Mitmenschen und schon gar nicht vor Gott ist es
notwendig, irgendwelche Masken aufzusetzen. Der demütige Mensch lebt so wie er ist. Er hat
überhaupt keinen Grund, eitel oder stolz zu sein, denn weder der Blick auf seine Fehler und
Schwächen, noch der Blick auf seine Vorzüge und Talente würden einen solchen Stolz
rechtfertigen.

4. Falsche Demut
Genau aus diesem Grund warnt Franz von Sales vor jener falschen Demut, die sich selbst nur
schlecht macht. Hier erweist er sich als ganz ausgezeichneter Psychologe, der die Seele des
Menschen bis ins Innerste kannte. In seinem Buch „Philothea“ schreibt er: „Wir sagen oft,
dass wir nichts sind, das verkörperte Elend und das Schlechteste auf der Welt; wir wären aber
sehr betroffen, wenn man uns beim Wort nähme und uns öffentlich als das hinstellte, was wir
uns selbst genannt haben. Wir tun, als wären wir die Letzten und möchten ganz unten am
Tisch sitzen, aber nur um leichter aufrücken zu können. Wahre Demut will nicht demütig
erscheinen und äußert sich kaum in demütigen Worten. Ein wirklich demütiger Mensch hört
lieber andere sagen, dass er unbedeutend, armselig und zu nichts nütze ist, als es selbst von
sich zu sagen.“

Ich war einmal Zeuge eines Gesprächs, das ein Pfarrer nach seiner Predigt mit einem seiner
Zuhörer führte. Er wies daraufhin, wie schwer er sich bei diesem Thema tat, dass er nicht die
richtigen Worte fand und ohnehin eigentlich gar kein guter Prediger sei. Auf die Reaktion des
Zuhörers war der Pfarrer jedoch nicht vorbereitet. Anstatt zu sagen, dass das ja alles gar nicht
stimme, sondern die Predigt ausgezeichnet gewesen sei, gab ihm der Zuhörer recht: Ja, die
Predigt war wirklich nicht so gut. Sehr schnell war dieses Gespräch beendet und der Pfarrer
suchte beleidigt das Weite.

Demut ist eine unscheinbare und kleine Tugend, die aber täglich unzählige Male geübt
werden kann. Am besten übt man sie, wenn man schlicht und einfach bei der Wahrheit bleibt:
Ich bin so wie ich bin, nicht mehr und nicht weniger. Die Übung der Demut darf nie zur
Selbstverachtung und zum völligen Misstrauen gegen sich selbst führen, denn damit würden
wir das Schöpfungswerk und Heilswirken Gottes verneinen. Wir Menschen sind ja Gottes
Ebenbild, wenn wir uns selbst verachten, verachten wir Gott. So schreibt daher auch Franz
von Sales an eine Ordensschwester: „Die Art, wie Sie sich demütigen, ist gut. Wenn Ihre
Demut Sie jedoch zu Mutlosigkeit, Unruhe, Ärger oder Melancholie führen sollte, dann üben
sie eine falsche Demut, dann beschwöre ich sie, diese Versuchung zurückzuweisen.“ Wahre
Demut hat eine befreiende Wirkung: Ich darf so sein wie ich bin. Demut weckt in uns ein
großes Vertrauen in Gottes Liebe zu uns Menschen.

5. So wie ich bin


Ein demütiger Christ weiß sich als Kind Gottes. Er weiß sich von Gott beschenkt mit einer
Fülle an guten Stärken und Fähigkeiten. Und er dankt Gott dafür jeden Tag.

Ein demütiger Christ weiß aber auch um seine Fehler und Schwächen, er weiß, dass er noch
auf dem Weg ist. Er wird sich daher nicht zum Herren über die Menschen machen, auch wenn
sie vielleicht nicht so klug, stark oder fromm sind.

Ein demütiger Christ trägt weder vor Gott, noch vor den Mitmenschen, noch vor sich selbst
Masken. Er nimmt sich so, wie er ist, und gewährt auch seinen Mitmenschen die Möglichkeit,
dass sie so sein dürfen wie sie sind.

Ein demütiger Christ spielt kein Theater, er spielt sich nicht auf, sondern überlässt Gott in
seinem Reden, Denken und Tun und vor allem in seinem Herzen den Ehrenplatz.

Herbert Winklehner OSFS