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ABHANDLUNGEN ZUR MITTELSTANDSFORSCHUNG

HERAUSGEGEBEN VOM INSTITUT FUR MITTELSTANDSFORSCHUNG


ABHANDLUNGEN ZUR MITTELSTANDSFORSCHUNG
HERAUSGEGEBEN VOM INSTITUT FüR MITTELSTANDSFORSCHUNG

Nr.12

Probleme der Mittelschichten


in Entwicklungsländern

Dargestellt an den Ländern


Jugoslawien, Türkei, Spanien, Venezuela
und den neugegründeten Staaten Westafrikas

In die Schriftenreihe aufgenommen von Professor Dr. Rene König


Direktor der Soziologischen Abteilung
des Instituts für Mittelstandsforschung, Köln
Probleme der Mittelschichten
in Entwicklungsländern

Dargestellt an den Ländern


jugoslawien, Türkei, Spanien, Venezuela
und den neugegründeten Staaten Westafrikas

mit einer Einführung von Rene König,


einem Nachwort von Ahmed Muddathir
und Beiträgen von
Oliver Brachfeld, Radomir Lukic,
Francisco Murillo, Wolfgang Teuscher, Hilmi Ziya Ülken

SPRINGER FACHMEDIEN WIESBADEN GMBH


ISBN 978-3-663-00939-9 ISBN 978-3-663-02852-9 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-663-02852-9

Die Schriftenreihe enthält außer eigenen Veröffentlichungen des Instituts


auch namentlich gezeichnete Abhandlungen, die als wissenschaftliche Arbeiten
inhaltlich von ihren Verfassern vertreten werden
Verlags-Nr.043812
Alle Rechte vorbehalten

© 1964 by Springer Fachmedien Wiesbaden


Utspriing1ich erschienen bei Westdeutscher Verlag, Köln und OpIaden 19 64
INHALT

Rene König:
Das Problem der Mittelschichten in Entwicklungsländern . . . . . . . . .. VI

Radomir Lukic:
Die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien. . . . . . . . . . . . . 1

Hilmi Zfya Ulken:


Einige Ergebnisse der Mittelstandsforschung in der Türkei . . . . . . . .. 41

Francisco Murillo:
Die spanischen Mittelschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 55

Oliver Brachfeld:
Mittelschichtenprobleme Südamerikas. Dargestellt am Beispiel der
Mittelschichten Venezuelas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 99

Wolfgang Teuscher:
Die Mittelschichten in den neugegründeten Staaten Westafrikas . . . . .. 153

Ahmed Muddathir:
Die Rolle der Mittelschichten in der wirtschaftlichen Entwicklung
Ein Nachwort ............................................... 173
PROF. DR. RENE KÖNIG

Das Problem der Mittelschichten in Entwicklungsländern

Wir haben in dem vorliegenden Bande eine Reihe von Monographien mit
zugehörigen theoretischen Überlegungen aus verschiedenen Ländern gesammelt,
die - wie wir ganz vorsichtig sagen wollen - den einen Zug gemeinsam haben,
daß sie nämlich nicht zu den ausgesprochenen Industrienationen zählen. Davon
abgesehen stehen sie auf den verschiedensten Niveaus wirtschaftlicher Entwick-
lung. Von Jugoslawien, in dem schon vor rund einem Jahrhundert in manchen
seiner Teile erste Umformungen vor sich gegangen waren und das heute ein
sozialistisches Land eigener Prägung ist, bis zur Türkei, die bereits seit vierzig
Jahren eine revolutionäre Umformung erfahren hat, von Spanien, das seine Ent-
wicklung relativ unabhängig vom übrigen Europa genommen hat, bis Venezuela,
einer lateinamerikanischen Mischkultur, die teils ein ausgesprochenes Konjunktur-
land ist (Öl!), teils aber ebenso ausgesprochen unentwickelte Indianerkulturen ent-
hält, und schließlich bis zu den neugegründeten Staaten Westafrikas reicht die bunte
Auswahl unserer Monographien, die in der Tat sehr verschiedeneWirtschaftsfor-
men, Sozialformen, politische Systeme und Kulturen darstellen. Eine der un-
mittelbaren Folgen dieser Verschiedenheiten liegt z. B. darin, daß auch der Begriff
der Mittelschichten in ihnen jeweils eine ganz andere Bedeutung hat; in einer der
genannten Gesellschaften, nämlich in Jugoslawien, ist er sogar "offiziell" über-
haupt nicht vorhanden, aber der Sache nach selbstverständlich, wobei nur einzu-
räumen ist, daß man auf die Dauer ein ganz anderes Schema als das der alten
Klassentheorie wird verwenden müssen, um eine Gesellschaft wie die Jugoslawiens
adäquat zu analysieren. Aber das ist letztlich ohne Bedeutung, denn das alte
Klassenschema trifft auch auf vorindustrielle Gesellschaften nicht zu. Für unseren
Zweck ist aber dieser Begriff mindestens provisorisch und heuristisch insofern
recht brauchbar, als er uns darauf hinweist, daß es sich um Gesellschaften handelt,
die nicht mehr nur einfach in eine Unter- und eine Oberschicht zerfallen, sondern
in der sich eine oder mehrere Mittelschichten zwischen Oben und Unten einbauen,
was vor allem für die allgemeine gesellschaftliche Differenzierung wichtig ist. In-
direkt gewinnt dies dann auch Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung.
Denn eine solche ist in der Tat unmöglich, wo es einzig Oben und Unten gibt.
In diesem Sinne sehen wir die allgemeine Rolle der Mittelschichten - ganz un-
angesehen ihrer besonderen Ausgestaltung - in den Entwicklungsgesellschaften
darin, daß sich mit ihrem Auftreten und ihrer Vermehrung die betreffenden
Gesellschaften einem höheren Differenzierungstypus annähern, dem auch bald
eine höhere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit folgt. Dabei wird hier keineswegs
Einführung VII

unterstellt, daß diese Mittelklassen im eigentlichen Sinne selber "produktiv" sein


müßten; so gehören je nachdem zu diesen Mittelklassen jene, welche die all-
gemeinen Voraussetzungen für die Produktion schaffen (etwa: Lehrer aller Art),
oder jene, welche die Produktion aufrechterhalten, kontrollieren, lenken usw.
(Verwalter aller Art, von wissenschaftlichem Personal bis zu Angestellten, von
Beamten bis zu politischen Kommissaren), schließlich noch jene, welche das Risiko
für die Eröffnung neuer Produktionszweige auf sich nehmen (große und kleine
Unternehmer). Ein Zug ist ihnen ebenfalls allen gemeinsam: sie haben alle irgend-
eine Form von Ausbildung genossen, die über die bloße Routineausbildung an der
Arbeit selber hinausgeht. Dementsprechend zählen hierher selbstverständlich auch
alle Handwerker und Gewerbetreibende. Mit ihrer Zunahme wächst sofort die
Produktivkraft einer gegebenen Gesellschaft, wächst auch unmittelbar die Diffe-
renzierung des Arbeits- und Produktions systems, damit auch die der politischen
Struktur, der Kultur, was wiederum Rückwirkungen auf die Produktionsmög-
lichkeiten hat.
Wir betonen aber nochmals, daß für uns im Moment nicht der wirtschaftliche
Faktor im Mittelpunkt steht, sondern insbesondere der soziale. Die wirtschaft-
liche Produktion wird als Folge einer höheren sozialen Differenzierung angesehen,
darum kann sie auch nicht wachsen, bevor nicht eine oder sogar meist mehrere
Mittelschichten entstanden sind. Die Folge ist zunächst und vor allem ein struk-
tureller Wandel im Sinne einer intensiveren sozialen Verflechtung, der gleichzeitig
Zusammenballungen größerer Bevölkerungsmengen in Städten folgen. Allerdings
kann es sich auch bei letzterem nicht nur um eine rein quantitative Zunahme
handeln, sondern um einen strukturellen Wandel der Gesellschaftsgestalt ins-
gesamt. Die unförmigen Haufenstädte, die heute überall in den unterentwickelten
Gesellschaften der Welt entstehen, haben nicht das Geringste mit dem genannten
Differenzierungsprozeß zu tun. Im Gegenteil: sie sind nur Ausdruck des voll-
kommenen Zusammenbruchs einer alten Ordnung, also eine Art von gärender
Umschichtung, in der sich vielleicht eine neue Ordnung entwickeln wird, wenn
man lange genug warten kann. Nur allzu oft wird man aber nicht warten können,
und dann werden diese Städte zu gefährlichen Nivellierungszentren, in die der
geringste Umstand den Keim des politischen Aufruhrs werfen kann. So sind diese
Städte vorläufig nur der Vollzugsboden eines weitreichenden Entdifferenzierungs-
prozesses, uns aus unserer eigenen Entwicklung vor mehr als 150 Jahren sehr
wohl bekannt als Proletarisierungsprozeß größerer Bevölkerungsmengen. Nicht
die einfache Masse der Zusammenballung ist also entscheidend, sondern die neu-
artige Gliederung der Gesellschaft mit daraus resultierender größerer Differen-
zierung und Verdichtung der sozialen Beziehungen. Darum sind Städte nur
insofern wichtig, als in ihnen die komplexe Gesellschaft entsteht, welche die
Stufe der Primitivität oder auch die der archaischen Hochkultur hinter sich ge-
lassen hat.
Die Wirkung dieser Komplexheit mag man schätzen oder auch beklagen: das
ist im Grunde gleichgültig, sofern man sie nur erkennt. Die primitiven und wirt-
VIII Einführung

schaftlich unterentwickelten Gesellschaften haben etwas zu eigen, was viele ro-


mantisierende Betrachter leicht zu falschen Schlüssen verleitet: sie sind nämlich
in allen ihren Einzelteilen beliebig lebensfähig, während komplexe Gesellschaften
in keinem ihrer Einzelteile für sich allein lebensfähig sind, da in ihnen alles von
allem abhängig ist. Damit erkaufen sie aber die höhere Produktivität, während
die in ihren Teilen außerordentlich widerstandsfähigen einfacheren Gesellschaften
in ihrer Produktionskapazität sehr weit hinter jenen zurückstehen. Es handelt sich
kurz gesagt darum, zu begreifen, daß was in einer Hinsicht zweifellos ein Verlust
ist, nämlich der Verlust der Fähigkeit, für die Subsistenz im weitesten Sinne ohne
weiteres aufkommen zu können, in anderer Hinsicht der Beginn nicht nur kom-
plexerer Sozialverhältnisse, einer sozialen Verflechtung höherer Ordnung, sondern
gerade auch einer höheren Produktivität ist. Der Beginn dieses Prozesses läßt sich
aber allgemein in dem Augenblick ansetzen, da zwischen Oben und Unten neue
Schichten auftreten, die sich spezialisieren und damit die produktiven Kräfte in
einer gegebenen Gesellschaft insgesamt dazu zwingen, sich deutlicher zu profi-
lieren, als es in einer reinen Subsistenzwirtschaft nötig und durchschnittlich der
Fall ist.
I
PROF. DR. RADOMIR LUKIC
BEL GRAD

Die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien

üBERSICHT

Ober den Begriff der mittleren Schichten................ . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . • 2

Die Stellung der mittleren Schichten in der Klassenstruktur der jugoslawischen Gesell-
schaft............................................................. 4

Die erste mittlere Hauptschicht: Bauern beziehungsweise bäuerliche Kleinbesitzer . . . 7


Die Anzahl der Bauern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Die Besitzstruktur der Bauernwirtschaften. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
Die wirtschaftliche Lage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
Die Zusammenarbeit der Kleinbesitzer mit den landwirtschaftlichen
Genossenschaften. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
Einnahmen der landwirtschaftlichen Kleinbetriebe ................ 14
Die Lebensweise. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17

Die zweite mittlere Hauptschicht: Die Gewerbetreibenden und Handwerker. . . .. 22


Entwicklung und gegenwärtiger Stand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 22
Die Wirtschaftslage ........................................... 23

Die dritte mittlere Hauptschicht: Die Angestellten ......................... 25


Die Zahl der Angestellten und die Art der Angestellten-Tätigkeiten.. 25
Geplante Maßnahmen zur Selbstverwaltung .. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 26
Die Einkommensverhältnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 28
Die Lebensweise. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 28
Entwicklungstendenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 29

Die vierte mittlere Hauptschicht: Die freien Berufe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 29

Die Beziehungen der mittleren Schichten zueinander und zur Gesellschaft . . . . . . . .. 30


Informelle Beziehungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
Bewegungsvorgänge ................................. . . . . . . . .. 33

Die gesellschaftlich-politische Bedeutung der mittleren Schichten. . . . . . . . . . . . . . . .. 40


2 Radomir Lukif

Über den Begriff der mittleren Schichten


Die Diskussion über den Begriff der sozialen Klasse ist in der zeitgenössischen
Soziologie zu sehr bekannt, als daß man sie besonders hervorheben müßte. Im
Zusammenhang der Erörterungen des Begriffs der sozialen Klasse steht sowohl
die Frage der Klassifizierung als auch die Frage nach der sozialen Schicht als eines
von dem der Klasse verschiedenen Begriffs. Wir wollen uns hier weder in die
Erörterung dieser Probleme noch in die verschiedentlich vorgeschlagenen Lö-
sungen einlassenl • Wir wollen an dieser Stelle nur jene Grundbegriffe anführen,
derer wir uns in dieser Abhandlung bedienen.
Nach unserer Überzeugung, die durch die bekannte Definition der sozialen
Klasse in Lenins "Großer Initiative" begründet ist 2 , unterscheiden sich die Klassen
in ihrem Wesen darin, daß die eine Klasse die andere ausbeutet, in der Regel
deshalb, weil die eine über die Produktionsmittel verfügt, während die andere vom
Eigentum an ihnen ausgeschlossen ist. In jeder Klassengesellschaft bestehen dem-
nach zwei gesellschaftliche Grundklassen: Die Ausbeuterklasse und die ausgebeu-
tete Klasse. Neben diesen Grundklassen, die der Ausdruck des in der sozialen
Wirtschaft jeweils herrschenden Systems sind (wie beispielsweise im Kapitalismus
die Kapitalisten und die Arbeiterschaft), können aber auch Überreste ehemaliger
Grundklassen (aus einem in der sozialen Wirtschaft früher geherrscht habenden
System) sowie Ansätze künftiger Grundklassen (eines in der sozialen Wirtschaft
künftig herrschenden Systems) bestehen. Schließlich kann es in der Klassen-
gesellschaft, was für uns interessant ist, auch gewisse Gruppen von Menschen
geben, die man zu keiner der genannten gesellschaftlichen Klassen zählen kann.
Diese Gruppen von Menschen können "gesellschaftliche Schichten außerhalb der
Klassen" oder "gesellschaftliche Nebenklassen" genannt werden.
Eine solche Schicht bilden z. B. die sogenannten Deklassierten, d. h. diejenigen,
die keinen oder einen gesellschaftlich schädlichen Beruf ausüben. Andere Schichten
wieder gehen gesellschaftlich nützlichen Berufen nach, produzierenden oder nicht-

1 Unsere Auffassung in dieser Frage haben wir sowohl in unserem Referat: Über den Begriff
der sozialen Klasse, auf dem IU. Weltkongreß für Soziologie in Amsterdam im Jahre 1956
als auch in unseren in serbischer Sprache abgefaßten Abhandlungen: Über die Begriffe Klasse
und Kaste, in: Pregled, Nr. 5, Sarajewo 1956, sowie: Die Ausbeutung und die Klassen, in:
Nasa stvarnost, Nr. 78, Belgrad 1958, dargelegt. - über die klassenmäßige Zusammensetzung
der gegenwärtigen jugoslawischen Gesellschaft berichteten wir in unserem Artikel: Einwir-
kung der Selbstverwaltung der Arbeiterschaft auf die klassenmäßige Zusammensetzung der
gegenwärtigen jugoslawischen Gesellschaft, in: Sociologija, Nr. 1, Belgrad 1961.
2 Lenin sagt dort: "Klassen heißen große Gruppen von Menschen, die sich durch ihren Platz im
historisch bestimmten System der gesellschaftlichen Produktion unterscheiden, ferner durch
ihre Beziehung zu den Produktionsmitteln (die größtenteils durch Gesetz bestimmt und fest-
gelegt ist), durch ihre Rolle in der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit und demnach
durch die Art der Erwerbung und durch die Größe jenes Teils des sozialen Reichtums, über
den sie verfügen. Klassen sind solche Gruppen von Menschen, von denen sich die eine die
Arbeit der anderen aneignen kann, dank der Verschiedenheit ihrer Lage in einem bestimmten
System der sozialen Wirtschaft."
Die mittleren S&hichten im soZialistis&hen Jugoslawien 3

produzierenden Charakters. Die beiden Hauptschichten produzierenden Charak-


ters stellen die Bauern, Landwirte und ländlichen Kleinbesitzer einerseits und die
Gewerbetreibenden andererseits dar. Sie gehören zu keiner der Grundklassen, da
sie allemal keine Ausgebeuteten sind; sie sind aber auch keine Ausbeuter, obwohl
sie mit Hilfe ihrer eigenen Produktionsmittel arbeiten. Wenn allerdings der
Umfang des Einsatzes von Produktionsmitteln in der Weise ansteigt, daß sie bzw.
ihre Familienmitglieder sich gezwungen sehen, sich zusätzlich fremder Arbeits-
kraft zu bedienen, werden sie, mindestens teilweise, zu Ausbeutern. Die beiden
Hauptschichten der gesellschaftlich nützlichen, nicht produzierenden Berufe bilden
die Angestellten (private, öffentliche und staatliche Angestellte) einerseits und die
sogenannten freien Berufe andererseits. Auch diese beiden Schichten nähern sich
je nach Art und Höhe ihrer Einkünfte entweder der Ausbeuter- oder der aus-
gebeuteten Klasse.
Da die Ausbeuterklasse in der Regel für die höhere, die ausgebeutete Klasse
aber für die niedrigere gehalten wird, werden die erwähnten Schichten der gesell-
schaftlich nützlichen Berufe, die weder der einen noch der anderen der Haupt-
klassen zugehören, die Mittelschicht oder die mittlere Klasse genannt. Diese Benen-
nung entspricht den fraglichen Gruppen auch hinsichtlich dessen, daß in der Regel
ihre Stellung in der Gesellschaft, d. h. ihr Reichtum, ihr Ansehen, tatsächlich nied-
riger ist als diejenige der Ausbeuter und höher ist als diejenige der Ausgebeuteten.
Für die produzierenden mittleren Schichten bzw. Nebenklassen ist eine ständige
Abnahme ihrer Zahl charakteristisch, was besonders für den Kapitalismus gilt. Das
heißt, daß sie einer vertikalen sozialen Mobilität unterworfen sind, die die einen
aufsteigen und in die Ausbeuterklasse übergehen, andere absinken und zu den
Ausgebeuteten hinzukommen läßt. In ähnlichem, wenn auch geringerem Maße
geschieht das mit den nichtproduzierenden mittleren Schichten, die teils in den
Kreis der Manager-Ausbeuter hineinwachsen, teils zu den Ausgebeuteten herab-
sinken.
Wie ersichtlich, wird hier soziale Schicht als Gruppe von Menschen mit glei-
chem Merkmal aufgefaßt, ohne daß ihre gegenseitigen Beziehungen und Verbin-
dungen berücksichtigt würden, obwohl es diese nicht nur gibt, vielmehr pflegen
sie auch sehr intensiv zu sein. Mit anderen Worten: Diese Schichten werden als
statistische Gruppen aufgefaßt, nicht als wirkliche soziale Gemeinschaften, selbst
wenn sie dies in hohem Maße sind.
Dem bisher Dargelegten entsprechend, werden wir uns in unseren überlegun-
gen über die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien auf die Klein-
bauern, Gewerbetreibenden, Angestellten und die freien Berufe als die mittleren
Hauptschichten bzw. Nebenklassen der gegenwärtigen jugoslawischen Gesell-
schaft beschränken. Dies stellt freilich eine gewisse Vereinfachung der Mittel-
schichtenproblematik des Landes dar, da eine weitere Differenzierung durchaus
möglich wäre. Wir hoffen jedoch, durch die angegebene Beschränkung ein klares
Bild vermitteln zu können.
Unsere Darlegung gliedert sich in eine Einführung, in der von der allgemeinen
4 Radomir Lukit

Lage der mittleren Schichten in der jugoslawischen Gesellschaft die Rede sein
wird, und in zwei Hauptteile. Im ersten Hauptteil werden wir über die einzelnen
mittleren Schichten in der jugoslawischen Gesellschaft sprechen, im zweiten
Hauptteil von deren gegenseitigen Beziehungen und deren Stellung in der Gesell-
schaft überhaupt.

Die Stellung der mittleren Schichten in der Klassenstruktur


der jugoslawischen Gesellschaft

Die sozialistische Revolution hat zu großen Veränderungen in der Klassen-


struktur der jugoslawischen Gesellschaft geführt. Mit diesen wurde die Klasse
der Kapitalisten praktisch beseitigt, so daß es heute nur noch ehemalige Kapita-
listen gibt, deren größter Teil von der eigenen Arbeit lebt, wie dies die Werktätigen
tun; ein kleiner Teil von ihnen lebt vom verbliebenen Eigentum an Verbrauchs-
gütern höheren Wertes. Nach einer Zählung im Jahre 1953 gab es etwa 90000 Per-
sonen dieser Art. Sie gehören heute fast ausschließlich den mittleren Schichten an,
und zwar in den seltensten Fällen als reine Kapitalisten; für gewöhnlich sind sie
normale Angehörige der mittleren Schichten. Konkret bedeutet dies, daß diese
Überreste der Kapitalistenklasse jenen Landwirten und Gewerbetreibenden zugehören,
die sich fremder Arbeitskraft bedienen und diese ausbeuten. Es ist jedoch selten,
daß ein Landwirt oder ein Gewerbetreibender ein reiner Kapitalist ist, da er in der
Regel mit den von ihm gedungenen Arbeitern zusammenarbeitet.
Die Zahl solcher Kapitalisten ist ebenso gering, genau wie die diesen verblie-
bene Möglichkeit zur Ausbeutung. Einer Schätzung 3 und der Zählung vom Jahre
1953 zufolge gab es insgesamt 35858 landwirtschaftliche Arbeitgeber, 16529 ge-
werbetreibende Arbeitgeber und 3875 andere Arbeitgeber, insgesamt also etwa
56000 Arbeitgeber, von denen ein Teil als Ausbeuter anzusehen ist. Während nun
den landwirtschaftlichen privaten Arbeitgebern eine Zahl von 75540 Landarbei-
tern gegenübersteht, betrug die Zahl der von den gewerbetreibenden und sonsti-
gen privaten Arbeitgebern beschäftigten qualifizierten und halbqualifizierten
Arbeiter 148948 (im sozialistischen Sektor sind es 779572 Arbeiter), die der nicht
qualifizierten Arbeiter 43882 (im sozialistischen Sektor 422627 Arbeiter). Dies er-
gibt eine Gesamtzahl von rund 270000 ausgebeuteten Arbeitern, wozu vermerkt
werden muß, daß sich die heutige Situation gegenüber dem Jahre 1953 gebessert
hat, d. h. daß sich die Zahl der ausgebeuteten Arbeiter verringert haben dürfte.
Die genannten Zahlen sind überdies in Anbetracht der Einwohnerzahl Jugosla-
wiens, die sich auf rund 17 Millionen beläuft, wirklich gering.
Zudem muß man im Auge haben, daß die Möglichkeiten einer Ausbeutung der
3 V gl. M. Matura, Sozial-ökonomische Klassifizierung als Grundlage für soziologische Massen-
forschungen. Beratungen über die Anwendung von Statistiken in soziologischen Forschungen,
Belgrad 1958, S. 280.
Die mittleren Srhirhlen im sozialislisrhen Jugoslawien 5

Arbeiter durch die positive Gesetzgebung sehr eingeschränkt sind und immer
mehr eingeschränkt werden. So dürfen beispielsweise die Gewerbetreibenden
höchstens 5 Arbeiter beschäftigen. Hinsichtlich der Entlohnung, der Arbeits-
bedingungen, der sozialen Versicherung usw. ist die Lage dieser Arbeiter um
einiges besser als vor dem Krieg.
Andererseits besteht auch das ehemalige Proletariat, die Arbeiterklasse, nicht
mehr im alten Sinne, da diese nicht mehr ausgebeutet wird. Die Arbeiterklasse ist
durch die Revolution zum Eigentümer an den Produktionsmitteln geworden, inso-
fern diese staatliches bzw. gesellschaftliches Eigentum sind. Durch die Arbeiter-
selbstverwaltung ist das gesellschaftliche Eigentum konkrete, praktische Wirk-
lichkeit geworden und wird es jeden Tag mehr.
Schließlich wurden durch die Bodenreformen die großen und größeren Grund-
besitztümer aufgelöst bzw. auf Einheiten von maximal 10 ha bestellbaren Bodens
reduziert. Dadurch wurde die Lage der kleinen und mittleren Landwirte bedeutend
verbessert. Die Zahl der landwirtschaftlichen Kleinbesitzer ist dank der Boden-
reform ebenso gestiegen, wie deren Besitz gesichert wurde.
Hinsichtlich der anderen mittleren Hauptschichten ist zu sagen, daß die Zahl
der Angestellten ebenfalls gestiegen ist. Dies ist auch verständlich, da der Aufbau
einer neuen Gesellschaft eine große Anzahl Fachkräfte erfordert.
Die Zahl der gewerbetreibenden Kleinbesitzer hat sich jedoch nicht erhöht, sondern
ist, obwohl unbedeutend, zurückgegangen. Allem Anschein nach wird deren Zahl
aber wieder steigen, da neue Gewerbezweige entstehen.
Schließlich behalten auch die freien Berufe im großen und ganzen ihren zahlen-
mäßigen Stand.
So hat die sozialistische Revolution, obwohl sie die Ausbeutung und die auf
dem Gegensatz von Ausbeuter-Kapitalisten und ausgebeutetem Proletariat be-
ruhende Klassengesellschaft abgeschafft hat, die mittleren Schichten nicht beseitigt.
Sie blieben im Gegenteil erhalten, ja manche von ihnen vermehrten sich sogar.
Deshalb ist die gegenwärtige jugoslawische Gesellschaft eine Gesellschaft mit
zahlenmäßig starken mittleren Schichten. Wenn man sodann berücksichtigt, daß
Jugoslawien noch immer in hohem Maße ein Agrarland ist, in dem etwa 50% der
Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig sind, muß man zu dem Ergebnis kom-
men, daß der Großteil der Bevölkerung des Landes den mittleren Schichten angehört.
Die Bedeutung der mittleren Schichten für das Leben und die Entwicklung der
jugoslawischen Gesellschaft ist somit ebenso einleuchtend, wie die Notwendigkeit
ihrer eingehenden soziologischen Erforschung. Es sei hervorgehoben, daß sich
die jugoslawische Soziologie in der letzten Zeit mit diesem Problembereich lebhaft
zu befassen beginnt. Es bestehen bereits mehrere wissenschaftliche Zentren, in
denen derartige Forschungen in verschiedenen Formen vorgenommen werden, und
es sind bereits die ersten sehr interessanten Ergebnisse zu verzeichnen. Die wichtig-
sten von ihnen wollen wir in dieser Abhandlung anführen. Man muß sich jedoch vor
Augen halten, daß die jugoslawische Soziologie erst am Beginn ihrer Entwicklung
steht und daß sie bedeutend mehr Aufgaben vor sich sieht, als sie bisher gelöst hat.
6 Radomir LukiC

Auf die Entwicklungstendenzen der mittleren Schichten wurde bereits Bezug ge-
nommen. Der Prozeß einer raschen Industrialisierung des Landes, der besonders
in den letzten Jahren einen gewaltigen Aufschwung genommen hat und sich in der
unmittelbaren Zukunft immer schneller entwickeln wird, führt zur beschleunigten
Abwanderung in die Städte, wobei viele Bauern die landwirtschaftliche Tätigkeit
aufgeben und in die Industriearbeit hinüberwechseln. Dieser Prozeß ist mit Rück-
sicht auf die große Übervölkerung auf dem Lande vom ökonomischen und
sozialen Standpunkt aus sehr gesund und fortschrittlich. Dies bedeutet zugleich,
daß die erste mittlere Hauptschicht, die der Kleinbauern, rasch zurückgehen wird.
Dank des Prozesses der Industrialisierung und Urbanisierung vergrößert sich auch
die zweite mittlere Hauptschicht, die Beamtenintelligenz. Leider ist das Tempo
dieser Vergrößerung nicht zufriedenstellend, doch wird alles unternommen, um
diesen Vorgang zu beschleunigen. Mit der zahlenmäßigen Erhöhung der Ange-
stellten dürfte sich sodann, wenn auch in wesentlich geringerem Maße, die Zahl
der freien Berufe erhöhen. Schließlich findet sich auch unter den Gewerbetreiben-
den die Tendenz einer leichten Zunahme.
Ungeachtet dieser Entwicklungsvorgänge in den mittleren Schichten kann es
keinen Zweifel darüber geben, daß diese in Jugoslawien in der absehbaren Zu-
kunft ein bedeutender Gesellschaftsfaktor bleiben werden.
Vom Standpunkt der revolutionären Veränderungen in Jugoslawien muß man
noch eine weitere interessante und wichtige Frage hinsichtlich der mittleren
Schichten aufwerfen. Es ist dies die Frage, inwieweit die erwähnten mittleren
Schichten in der Tat als mittlere Schichten im heutigen sozialistischen Jugoslawien
zu betrachten sind. Wir haben nämlich den Begriff der mittleren Schicht aus der
Struktureigentümlichkeit der Klassengesellschaft übernommen und ihn auf die
sozialistische Gesellschaft Jugoslawiens angewendet, auf eine Gesellschaft also, in
der die grundlegende klassenmäßige Zweiteilung in Kapitalisten und Proletariat
mehr und mehr verschwindet. Deshalb stellt sich auch die berechtigte Frage,
ob jene Schichten, die in der ausbeuterischen Klassengesellschaft, im Kapitalis-
mus, tatsächlich mittlere Schichten sind, d. h. sich zwischen einer höheren
und einer niedrigeren Klasse befinden, diesen Charakter auch in Jugoslawien
haben.
Auf diese Frage muß man im allgemeinen verneinend antworten. Denn ein Pro-
letariat als eine unterhalb der mittleren Schichten liegende Klasse gibt es eben-
sowenig wie es keine Kapitalisten als höhere Klasse gibt. Es bestehen nur Überreste
dieser Klassen, die rasch verschwinden. Im Gegenteil. Legt man einmal sowohl
objektive als auch subjektive soziale Maßstäbe an, erhält man eine ganz andere
Rangordnung der Volksschichten im gegenwärtigen Jugoslawien, als dies in kapi-
talistischen Ländern der Fall wäre, weshalb auch der Begriff der mittleren Schichten
abgeändert werden muß. Hier ist die dominierende soziale Kraft zweifellos die
Arbeiterklasse. Zudem nähern sich, wie wir sehen werden, die Angestellten immer
mehr den Arbeitern. Die Bauern sind - politisch gesehen - Verbündete des Prole-
tariats. Sie zeigen eine starke Tendenz, in die Stadt zu gehen und Arbeiter zu
Die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien 7

werden. Vom Standpunkt der jugoslawischen sozialistischen Wirklichkeit muß


man deshalb sagen, daß der traditionelle Begriff der mittleren Schicht kaum an-
gemessen ist.

Die erste mittlere Hauptschicht :


Bauern beziehungsweise bäuerliche Kleinbesitzer

Die Anzahl der Bauern

Jugoslawien ist, wie bereits erwähnt, noch immer ein Agrarland, in dem die
größte Einwohnergruppe von den Bauern gebildet wird. Durch die beschleunigte
Industrialisierung geht ihre Zahl zwar rasch zurück, doch steht sie nach wie vor
an erster Stelle aller Bevölkerungsgruppen. Es wird angenommen, daß vor und
noch nach dem zweiten Weltkrieg rund 75% der jugoslawischen Bevölkerung in
der Landwirtschaft tätig waren. Nach der Volkszählung im Jahre 1953 waren es
63%, im Jahre 1960 ist diese Zahl schätzungsweise auf 50% gesunken.
Unter den ländlichen Einwohnern überwiegen die zu den mittleren Schichten
gehörenden Kleinbauern. Zu diesen ist praktisch die gesamte Landbevölkerung
mit Ausnahme jener Landarbeiter zu zählen, die entweder auf den sozialistischen
Landgütern oder in den privaten Besitzungen arbeiten. Die Zahl dieser Land-
arbeiter fällt jedoch kaum ins Gewicht. So zählte man im Jahre 1953 rund 180000;
einschließlich ihrer Angehörigen bedeutet das eine Zahl von rund 500000 bis
700000 Personen. Zu den Kleinbauern gehören auch die Mitglieder der landwirt-
schaftlichen Arbeitsgenossenschaften, da der Großteil von ihnen auch nach dem
Eintritt in die Genossenschaft seinen Privatbesitz beibehält. Im Jahre 1952 er-
reichten die landwirtschaftlichen Arbeitsgenossenschaften mit 6888 Zusammen-
schlüssen ihre Höchstzahl; zu dieser Zeit besaßen die Genossenschaften 408615
bäuerliche Kleinbetriebe als Mitglieder. Im Jahre 1957 ist die Zahl der Genossen-
schaften auf 578, die der Genossenschaftsmitglieder auf 35655 gesunken. Gemäß
der Zählung vom Jahre 1957 gab es indessen 2331840 Kleinbauern.

Die Besitzstruktur der Bauernwirtschaften

Die sozialistische Revolution mit ihren zwei Bodenreformen hat beträchtlich zur
Stärkung der Kleinbauern beigetragen, worauf bereits hingewiesen worden ist.
Die erste Bodenreform fand im Jahre 1945 statt. Durch sie wurde der landwirt-
schaftliche Großgrundbesitz aufgelöst und die größeren bäuerlichen Besitzungen
auf 25-35 ha bestellbaren Bodens bzw. auf 45 ha Gesamtfiäche beschränkt; den
Nicht-Landwirten wurden 3-5 ha belassen. 51 % der durch die Bodenreform ent-
zogenen Fläche wurde den Kleinbesitzern übergeben. Auf diese Weise erhielten
316000 kleinbäuerliche Wirtschaften über 2 ha Boden. Durch die zweite Boden-
8 Radomir Lukif

reform im Jahre 1953 wurden ihren Besitzern alle 10 ha bzw. im Falle von Fami-
liengenossenschaften 15 ha übersteigenden Flächen entzogen. Diese Mehrflächen
wurden jedoch nicht den Kleinbesitzern, sondern den sozialistischen Landgütern
übergeben.
Die Bodenreform hat also die Lage der Kleinbesitzer gebessert. Daß gerade
ihnen geholfen wurde, ist verständlich, da die Kleinbesitzer neben den landwirt-
schaftlichen Arbeitern die Hauptverbündeten der Arbeiterklasse im Volks-
befreiungskampf und in der sozialistischen Revolution waren. Die Besserung
ihrer Lage geht aus der nachstehenden Übersicht über die Besitzstruktur der
Bauernwirtschaften vor und nach der Revolution am eindeutigsten hervor.
Im Jahre 1941 gab es insgesamt 2636000 Bauernwirtschaften, davon mit einem
Besitz an Boden
bis zu 2 ha ............. 47%
3 bis 5 ha ............. 24%
6 bis 10 ha. . . . . . . . . . . .. 20%
11 bis20ha ............. 7%
21 bis 50 ha............. 2%

Demgegenüber gab es im Jahre 1957 insgesamt 2367000 Bauernwirtschaften,


davon mit einem Besitz an Boden

bis zu 2 ha ............. 30%


3 bis 5 ha ............. 40%
6 bis 10 ha bzw. 15 ha ... 30%

Wie ersichtlich, hat sich die absolute Zahl der Bauernwirtschaften nur gering-
fügig verändert; die relative Abnahme ist angesichts des ländlichen Bevölkerungs-
rückganges noch niedriger zu veranschlagen. Indessen sank der Anteil der klein-
sten Besitzer mit höchstens 2 ha beträchtlich, während die Zahl der Bauernwirt-
schaft mit 3-5 ha bedeutend vergrößert wurde. Ebenso hat sich die Zahl der
Bauernwirtschaften mit 6-10 ha erhöht.
Im Jahre 1957 entfielen auf die Wirtschaften bis zu 2 ha 7,2% der Fläche und
24,2% der ländlichen Bevölkerung. Auf die Bauernwirtschaften mit 5-10 ha ent-
fielen dagegen 63% der Bodenfläche und 37% der Landbevölkerung. Vor dem
Krieg entfielen dagegen auf die Bauernwirtschaften bis zu 10 ha 55% der Boden-
fläche mit 89% der Bewohner des Landes.
Die Besitzstruktur der Bauernwirtschaften ist heute, wie ersichtlich, sehr aus-
geglichen. Solche Wirtschaften sind tatsächlich Arbeitswirtschaften, auf denen die
Ausbeutung auf ein so geringes Maß beschränkt ist, daß sie praktisch nicht mehr
besteht.
Die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien 9

Die wirtschaftliche Lage

Gerade die kleinen Besitzungen sind in ökonomischer Hinsicht recht ungünstig.


Die Verdienstmöglichkeiten sind auf ihnen sehr beschränkt und deshalb für den
Lebensunterhalt unzureichend. Dies bezieht sich insbesondere auf die kleinen
Besitzungen, nämlich auf jene unter 2 ha Bodenfläche. Aber auch auf den größeren
Besitzungen ist es oft nicht möglich, eine moderne landwirtschaftliche Produktion
zu entwickeln und einen fortschrittlichen Agrarbetrieb aufzubauen. Deshalb liegt
es weder im Interesse der weiteren Entwicklung der jugoslawischen Landwirt-
schaft noch im Interesse der sozial fortschrittlichen jugoslawischen Bauernschaft,
die bestehende Struktur der Landwirtschaft beizubehalten. Es sollen deshalb
Mittel und Wege gefunden werden, um die zersplitterten Besitzungen zu vereini-
gen und deren ökonomischen Erfolg zu ermöglichen. Dazu besteht um so mehr
Anlaß, als sich über 70% der Bodenfläche in Privateigentum befinden.
Dieses Problem ist nicht neu. Es hat sich im Laufe der Geschichte in dieser oder
jener Form in einigen Ländern bereits ergeben, in anderen ergibt es sich heute.
Die Industrialisierung eines Landes hat immer auch eine Umbildung der Land-
wirtschaft gefordert. In den kapitalistischen Ländern sind die Kleinbesitzer in der
Hauptsache durch kapitalistische Großgrundbesitzer aufgesogen worden. In den
sozialistischen Ländern ereignet sich durch die Kollektivierung der größeren
Bauernbesitzungen ein ähnlicher Vorgang. Ein typisches Beispiel für diesen Prozeß
bietet die Sowjetunion. Gegenwärtig wird eine solche Kollektivierung in der frei-
lich sehr scharfen Form der sogenannten Volkskommunen in der Volksrepublik
China durchgeführt.
In Jugoslawien wurde wegen seiner besonderen Verhältnisse die Kollektivie-
rung nicht nach dem Vorbild der Sowjetunion durchgeführt. Man wählte vielmehr
eine neue, originelle Lösung, die in der Entwicklung eines landwirtschaftlichen
Genossenschaftwesens auf freiwilliger Grundlage besteht, wobei das Privateigen-
tum an Boden und Produktionsmitteln unangetastet bleibt. Die Genossenschaft
umschließt und fördert die Produktion der Kleinbesitzer durch ein System frei-
williger Zusammenarbeit mit den Kleinbesitzern bzw. durch freiwillig geschlos-
sene Verträge'. Auf diese Weise wird die Produktion der Bauernwirtschaften ohne
Zwangsenteignung des Privateigentums sozialisiert werden.
Die Schwächen des Kleinbesitzes werden in Jugoslawien noch durch die große
Zersplitterung innerhalb der Besitze selbst infolge kleiner Parzellen vergrößert.
Nach den Angaben aus dem Jahre 1951 betrug die durchschnittliche Anbaufläche
auf den Bauernwirtschaften 3,2 ha und war auf 5 Einzelparzellen verteilt.
Andererseits lebt auf einem so kleinen Besitz eine verhältnismäßig große Anzahl
von Menschen. Es besteht eine beträchtliche Übervölkerung auf dem Lande, die
zu einer verdeckten Arbeitslosigkeit führt. Naturgemäß führt eine solche Situation

, V gi. dazu die eingehenden Darlegungen im Buche von E. Karde/}, Probleme der sozialistischen
Politik auf dem Lande, Belgrad 1960.
10 Radomir Lukit

zu Existenznöten, die nicht beseitigt werden können, wie sehr man auch die
Erträge zu steigern versucht. Die Grenze des Möglichen ist zu eng gesteckt. Die
Lösung der Problematik muß wohl darin gesehen werden, daß ein Teil der Bevöl-
kerung das Dorf verläßt bzw. bis zur endgültigen Ansiedlung in der Stadt nach
anderweitigen Einkünften sucht, wofür der beschleunigte Aufbau des Landes
nicht wenige günstige Gelegenheiten bietet.
Im übrigen muß aber noch auf eine andere Folge der so großen Anzahl von
Kleinbetrieben hingewiesen werden: Es ist die verbreitete Pacht von Land, die
dadurch zustande kommt, daß viele kleinere Besitzungen mit ungenügender
Bodenfläche und überschüssiger Arbeitskraft Land von denjenigen Landwirt-
schaftsbetrieben zu pachten versuchen, die zwar über genügend Boden, aber nicht
über genügend Arbeitskräfte verfügen. Letzteres ist besonders dann der Fall,
wenn landwirtschaftliche Arbeitskräfte außerhalb der Landwirtschaft einer Be-
schäftigung nachgehen.
Der zweite wichtige Umstand, der die unentwickelte Produktion des Klein-
besitzes charakterisiert, ist ihr "naturaler" Charakter. Der Kleinbesitzer trachtet
ja danach, alles das, was er benötigt, selbst zu erzeugen, um nicht auf den Markt
gehen zu müssen. Dies ist, vom Standpunkt ökonomischer Rationalität aus be-
trachtet, natürlich sehr ungünstig, da durch ein solches Verhalten die durch die
Arbeitsteilung ermöglichte Produktionssteigerung nicht zum Zuge kommen kann.
So erzeugen auch die kleinsten Landwirtschaften alles das, was auch die größeren
erzeugen, wobei man sich auch in Gegenden, in denen die natürlichen Voraus-
setzungen für einen ertragreichen Anbau fehlen (z. B. in gebirgigen Gegenden, in
denen keine günstigen Bedingungen für den Getreideanbau bestehen), nicht davon
abhalten läßt, der Natur selbst die bescheidensten Erträge abzuringen. Ein charak-
teristisches Beispiel bietet in dieser Hinsicht die Getreideerzeugung. Getreide wird
in allen landwirtschaftlichen Betrieben angebaut, wobei von Betrieben bis zu 2 ha
für den Getreide-, d. h. vor allem den Weizenanbau, bis zu 85% ihrer Fläche
benutzt werden. Daher kommt es, daß die landwirtschaftlichen Betriebe mit weni-
ger als 2 ha nur 38% der von ihnen benötigten Getreidemengen erzeugen, jene
mit 2 ha 70% dieser Menge, die mit 3-5 ha 90% und daß erst Betriebe über 5 ha
gewisse Überschüsse erwirtschaften.
Aus diesem Grunde ist die "Marktfähigkeit" der kleinbäuerlichen Anwesen
verhältnismäßig gering, dagegen die der sozialistischen bedeutend. Obwohl diese
Großbetriebe nur kleine Flächen bestellbaren Bodens besitzen (es sind kaum 8%),
liefern sie einen bedeutend höheren Prozentsatz an Marktüberschüssen. Dies ist
einem höheren Produktionsergebnis bei gleich großer Produktionseinheit zu ver-
danken. So hat sich der Anteil dieser Betriebe an der Weizenproduktion im Jahre
1956 von 8,4% auf 18,4% erhöht, im Jahre 1959 an der Maisproduktion von
8,3% auf 13,5%, an der Zuckerrübenproduktion von 22,7% auf 42%, an der
Fleischproduktion von 8% auf 22,7% usw. Parallel damit ist auch der Anteil an
Marktüberschüssen gestiegen, so z. B. an Getreideüberschüssen von 26% im
Jahre 1957 auf 44,1% im Jahre 1959.
Die mitlleren S&hichlen im soZialistis&hen Jugoslawien 11

Eine große Anzahl von Kleinbesitzen verfügt nicht über hinreichenden Vieh-
bestand. Durchschnittlich entfallen auf je 100 Einwohner 28 Stück Nutzvieh
(Rinder, Schafe und Schweine), wobei in den Betrieben bis zu 2 ha diese Zahl 20
beträgt, in den Betrieben von 5-8 ha 41 und in den Betrieben über 8 ha 55.
Während in den kleineren Betrieben ausschließlich Ochsen und Kühe als Zugtiere
verwendet werden, wächst in den größeren Betrieben die Verwendung von
Pferden ständig und beginnt, den EinsEltz von Ochsen und Kühen zu über-
wiegen.
Ähnlich steht es auch mit den Produktionsmitteln. Die kleinen Besitzungen ver-
fügen kaum über diese Mittel, dafür aber über eine größere Anzahl von Arbeits-
kräften. Nach den Angaben aus dem Jahre 1957 betrug die Zahl wirtschaftlich
aktiv tätiger Personen bezogen auf 10 ha bestellbaren Bodens für sämtliche Land-
wirtschaftsbetriebe durchschnittlich 10 Personen. 38% sämtlicher Betriebe hatten
keine Arbeitstiere, 48% keine Pflüge.
Für die Betriebe bis zu 2 ha bot sich folgendes Bild:
In jedem von ihnen arbeiteten bzw. lebten 38 Landarbeiter; 70% der Betriebe
besaßen keinerlei Arbeitstiere; 85% besaßen keine Pflüge. Aber auch von Betrieben
mit über 8 ha, in denen 7 Personen aktiv tätig waren, hatten 10% keine Arbeits-
tiere und 19% auch keine Pflüge. Aus solchen Zahlen können wir erkennen, wie
schlecht die bäuerlichen Betriebe mit Arbeitstieren und Produktionsgeräten ver-
sorgt sind. Allein eine Zusammenarbeit in und mit den Genossenschaften, die über
Traktoren und andere maschinelle Einrichtungen verfügen, kann hier Abhilfe
schaffen.
In den letzten Jahren ist die Elektrifizierung des Dorfes rasch vorangekommen.
Während im Jahre 1951 nur 19% der Betriebe elektrifiziert waren, sind es heute
bereits 39%. Der elektrische Strom wird aber größtenteils zur Beleuchtung und
zu sonstigem Hausbedarf benutzt und nur minimal für landwirtschaftliche Pro-
duktionszwecke.
Wegen dieser ungünstigen Verhältnisse ist auch die Arbeitsleistung auf den
Kleinbesitzen verhältnismäßig gering. Je größer der Betrieb, desto höher ist die
Arbeitsleistung, obwohl gesagt werden muß, daß sie allgemein unbefriedigend ist.
Auch hier bietet sich als einziger Ausweg die Zusammenarbeit mit den landwirt-
schaftlichen Genossenschaften an, die die erforderlichen Voraussetzungen für eine
höhere Arbeitsleistung in den kleinbäuerlichen Betrieben dadurch schaffen helfen,
daß sie technische Hilfsmittel zur Verfügung stellen.
In einer Zeit rascher Industrialisierung des Landes konnten in der Landwirt-
schaft Investitionen nicht in dem Maße vorgenommen werden, wie dies nötig
gewesen wäre. Freilich muß festgestellt werden, daß sich in den letzten Jahren die
Investitionen bedeutend erhöht haben. So wurde z.B. im Jahre 1958 eine dreimal
so große Summe aufgebracht wie im Jahre 1955, wodurch sich auch die landwirt-
schaftliche Produktion in den letzten Jahren wesentlich erhöht hat, so daß J ugo-
slawien die landwirtschaftlichen Hauptprodukte, Weizen und Fett, die früher
eingeführt werden mußten, nicht mehr zu importieren gezwungen ist.
12 Radomir LukiC

Im Hinblick auf die Preise für landwirtschaftliche Produkte sind die Verhält-
nisse um einiges besser als vor dem Krieg. So waren im Jahre 1958 5 z. B. die Preise
für landwirtschaftliche Produkte zwar 25mal höher als die Vorkriegspreise, aber
die Preise für Industrieprodukte, die der Bauer einkauft, waren nur um das 18fache
gestiegen. Indessen blieben die Gewinne verhältnismäßig niedrig und haben eine
größere Akkumulation an Geldkapital nicht gestattet. In den letzten Jahren, ins-
besondere gegen Ende des Jahres 1960 und zu Anfang des Jahres 1961, wurden
jedoch Maßnahmen zur Erhöhung der Preise und deren Ausgleich mit den Preisen
für Industrieprodukte getroffen. Auf diese Weise wird die Landwirtschaft ihre
eigene Akkumulationsbasis bekommen und sich dadurch rascher entwickeln
können.

Die Zusammenarbeit der Kleinbesitzer mit den


landwirtschaftlichen Genossenschaften

Fast allen erwähnten Schwierigkeiten, denen sich die Kleinbesitzer gegenüber-


sehen, kann man durch eine intensive Zusammenarbeit mit den landwirtschaft-
lichen Genossenschaften begegnen. Wie bereits erwähnt, verfügen die kleinen
Landwirtschaftsbetriebe weder über hinreichende Zugkraft noch über hinreichen-
den Arbeitsviehbestand. Auch mangelt es an Pflügen und noch weit mehr an den
anderen Produktionsmitteln, insbesondere den verschiedenen landwirtschaftlichen
Maschinen. Deshalb kann der Boden weder sachgerecht gepflügt noch rechtzeitig
bestellt werden. Auch ist die Lese und Ernte der Erzeugnisse erschwert. Der Ein-
satz von modernen agrotechnischen Hilfsmitteln, etwa von Kunstdünger, ist fast
unbekannt. Ferner mangelt es an gesundem Vollblutvieh, und die Pflege des Viehs
läßt zu wünschen übrig. Der Bauer endlich verfügt kaum über die notwendige
Ausbildung für die Facharbeit im Landwirtschaftsbetrieb. Allen diesen Schwierig-
keiten kann nun die landwirtschaftliche Genossenschaft begegnen, da sie über die
erforderlichen Landwirtschaftsmaschinen, Fachkräfte usw. und über die Mög-
lichkeiten zur Beschaffung der notwendigen Mittel verfügt.
Die landwirtschaftliche Genossenschaft ist eine freiwillige Organisation der
Bauern. Jeder Landwirtschaftsbetrieb kann die Mitgliedschaft in der Genossen-
schaft dadurch erwerben, daß er in irgendeiner Weise, und wenn auch in noch so
geringem Umfang, in ihr mitarbeitet. Diese Mitarbeit kann mehrseitig sein. Sie
kann sich auf die Produktion, den Verkauf oder den Ankauf von Produkten, das
Kreditieren, die Entgegennahme von Spareinlagen usw. beziehen. Dadurch ge-
lingt es, daß die Genossenschaft zur Steigerung der Produktion beiträgt. Am
Genossenschaftseinkommen sind die Genossenschaftsmitglieder entsprechend
beteiligt.
Die Mitarbeit in der Produktion ist recht unterschiedlich und elastisch. Es ver-
dient wiederholt zu werden, daß sie ausschließlich wirtschaftlicher Art und gänz-
lich freiwillig ist. Der Landwirtschaftsbetrieb schließt mit der Genossenschaft
5 Vgl. E. Kardelj, a. a. 0., S. 45.
Die mittleren Schichten im soZialistischen Jugoslawien 13

einen Vertrag über die Zusammenarbeit in der Produktion. Durch diesen Vertrag
sind die Rechte und Pflichten beider Seiten genau festgelegt. Der Vertrag kann
einjährig oder langfristiger sein. Die Zusammenarbeit besteht im allgemeinen
darin, daß die Genossenschaft gewisse schwere Arbeiten (z. B. das Pflügen, die
Saat, die Pflücke, Lese und Ernte) mit Hilfe ihrer technischen Geräte verrichtet,
fachliche Ratschläge über die Bestellung erteilt, an die sich der landwirtschaftliche
Betrieb zu halten hat, sowie darin, daß sie einerseits das Saatgut, die Düngemittel
u. a. vermittels eines Kredits bereitstellt und daß andererseits der landwirtschaft-
liche Betrieb bestimmte Arbeiten durchführt. Dabei garantiert die Genossenschaft
oft für einen bestimmten Mindesterfolg in der Produktion. Der erzielte Ertrag
wird entsprechend der Vereinbarungen zwischen der Genossenschaft und dem
landwirtschaftlichen Betrieb aufgeteilt. So kommt also ein Kleinbetrieb, der die
Ergebnisse der modernen Wissenschaft und Technik allein nicht zu nutzen ver-
mag, in deren Vorteil durch die Zusammenarbeit in bzw. mit der Genossenschaft.
Das allgemeine Ergebnis ist die Verbesserung und Erhöhung der Produktion des
landwirtschaftlichen Betriebs bei vermindertem Einsatz von Arbeitskraft, eine
Stärkung der Genossenschaftsfonds, wodurch die Genossenschaft in die Lage
versetzt wird, noch mehr Hilfe und unter günstigeren Bedingungen zu bieten,
sowie schließlich ein allgemeiner gesellschaftlicher Nutzen. Die landwirtschaft-
lichen Betriebe sehen immer mehr die Vorteile einer solchen Zusammenarbeit ein,
so daß sie sich in steigendem Maße zu dieser Zusammenarbeit bereitfinden. Da-
durch aber wird der landwirtschaftliche Kleinbesitzer allmählich zu einem stän-
digen Mitarbeiter der Genossenschaft, die die Verwirklichung der sozialistischen
Landwirtschaft darstellt. Die Genossenschaft wird zum wahren Organisator und
Träger der Produktion. Sie leitet und stimmt die Arbeit einer großen Anzahl von
Kleinbauernbetrieben aufeinander ab, so daß diese als Bestandteile eines ratio-
nellen großen sozialistischen landwirtschaftlichen Betriebs arbeiten.
Es geschieht ebenfalls, und zwar in immer größerem Maße, daß landwirtschaft-
liche Betriebe, die deswegen über keine genügenden Arbeitskräfte verfügen, weil
ihre aktiven Mitglieder die landwirtschaftliche Tätigkeit aufgegeben haben, ihre
Böden an die Genossenschaft verpachten, damit diese den Boden bestellen kann.
Diese Verpachtung wird immer langfristiger. So besaßen die Genossenschaften
und andere sozialistische landwirtschaftliche Betriebe im Jahre 1960 rund 35%
der gesamten verpachteten Bodenfläche, während dieser Prozentsatz im Jahre 1956
nur 25% betrug. Dieser Prozentsatz wäre zweifellos dann noch höher, wenn die
Pacht für die sozialistischen Landwirtschaftsbetriebe einträglicher wäre. Daß sie
es nicht ist, liegt vor allem daran, daß die Parzellen zu klein sind, um die Hilfs-
mittel der landwirtschaftlichen Technik rationell einsetzen zu können.
So erhielten in den Jahren 1959/60 rd.41 % der Landwirtschafts betriebe verschie-
denes Reproduktionsmaterial durch die Genossenschaften, in 18% der Betriebe
verrichteten die Genossenschaften verschiedene Landarbeiten, während 9% der
gesamten Bodenfläche mit Genossenschaftsmitteln beackert wurden. Der Weizen-
und Maisertrag übersteigt infolge der Zusammenarbeit um 50% die Erträge der-
14 Radomir Luk#

jenigen Betriebe, die selbständig arbeiteten. Diese Ergebnisse tragen dazu bei, daß
die Zusammenarbeit eine immer größere Anziehungskraft auf die privaten Be-
triebe ausübt. Die sich entwickelnde Zusammenarbeit dehnte sich jüngstens auch
auf den Bereich der Viehzucht aus; sie umfaßte im Jahre 1959 bereits 10% der
Betriebe.

Einnahmen der landwirtschaftlichen Kleinbetriebe

Die Ertragslage der landwirtschaftlichen Kleinbetriebe ist in der Regel die, daß
die bestehenden Bedürfnisse kaum oder gerade befriedigt werden können. An-
gesichts dessen ist an Investitionen durch eigene zusätzliche Produktion nicht zu
denken. Aus diesem Grunde bemühen sich die Betriebe um zusätzliche Einkünfte,
die sie sich durch Arbeit ihrer Angehörigen außerhalb des Betriebs erhoffen, sei es
inner- oder außerhalb der Landwirtschaft (letzterenfalls z. B. durch Arbeit bei
Projekten der öffentlichen Hand, in der Industrie usw.). Dadurch entsteht der Typ
eines gemischten, nämlich teils landwirtschaftlichen, teils nichtlandwirtschaftlichen
Betriebs.
Von der Gesamtzahl der Landwirtschaftsbetriebe hatten im Jahre 1955 bereits
32% keinen rein landwirtschaftlichen Charakter mehr, da ein oder mehrere ihrer
Mitglieder Einnahmen auch aus nichtlandwirtschaftlicher Tätigkeit bezogen.
Unter den Betrieben mit weniger als 2 ha Boden waren 45% von diesem Misch-
typus, also fast die Hälfte. Aber auch unter den Betrieben mit 5-8 ha Boden fanden
sich noch über 20%. Die folgenden, aus dem Jahre 1957 stammenden Angaben
geben ein günstigeres Bild, da sich zu dieser Zeit infolge einer guten Ernte die
Zahl der Betriebe dieses Mischtypus nicht unbeträchtlich verringert hatte, wenn
sie auch noch immer unerwünscht groß ist. So lebte in jedem dritten Betrieb mit
weniger als 2 ha Boden eine Person, die außerhalb der Landwirtschaft beschäftigt
war. Das gleiche gilt für jeden fünften Betrieb mit über 8 ha Boden. Betriebe bis
zu 2 ha bezogen nur 37% ihrer Bareinnahmen aus ihrer Produktion, der Rest
floß ihnen aus Einkünften aus nichtlandwirtschaftlicher Tätigkeit zu. In der Gruppe
der Betriebe mit über 8 ha betrugen dagegen die Bareinnahmen aus nichtland-
wirtschaftlicher Tätigkeit nur 23%. Daraus ersieht man, daß in den kleineren
Landwirtschaftsbetrieben die Bareinnahmen, die aus dem Betrieb selbst stammen,
den Charakter eines zusätzlichen Einkommens besitzen. Obwohl diejenigen Ein-
nahmen, die aus dem nichteigenen Betrieb stammen, wenigstens zum Teil in
ihrer Höhe vom jeweiligen Ernteertrag abhängen (in fruchtbaren Jahren sind sie
geringer, in unfruchtbaren größer), behalten sie grundsätzlich ihre Bedeutung.
So haben bereits im Jahre 1958 die Einnahmen aus nichteigenen Landwirtschafts-
betrieben prozentual wieder zugenommen. Im Jahre 1958/59 betrugen die Gesamt-
einnahmen der Betriebe durchschnittlich 350000 Dinar, wobei 253000 Dinar aus
dem eigenen Betrieb und 97000 Dinar von außerhalb stammten. Die Bareinnah-
men betrugen dabei 137000 Dinar aus dem eigenen Betrieb und 116000 Dinar von
Die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien 15

außerhalb. Wenn man in Betracht zieht, daß die durchschnittlichen Geldausgaben


für den Haushalt in demselben Jahr 232000 Dinar betrugen, wovon auf den Haus-
haltsverbrauch 134000 Dinar entfielen, dann ist ersichtlich, daß die Geldausgaben
für den Haushalt (die sich aus Ausgaben für Nahrung, Tabak, Getränke, Beklei-
dung, Beschuhung, Wohnung, Beheizung, Beleuchtung und anderen persönlichen
Ausgaben zusammensetzten) durch die Bareinnahmen aus dem eigenen Land-
wirtschaftsbetrieb kaum gedeckt werden. Die restlichen Geldausgaben für betrieb-
liche Zwecke in der bescheidenen Höhe von 98000 Dinar müssen also durch
Bareinnahmen, die von außerhalb des eigenen Betriebs kommen, gedeckt werden. Im
einzelnen setzen sich diese Geldausgaben folgendermaßen zusammen: Für land-
wirtschaftliche Produktion 30000 Dinar, für Steuern 27000 Dinar und 37000 Dinar
für dauerhaftere Produktionselemente (Land, Vieh, Maschinen u. dgL).
Die Gesamteinnahmen der Landwirtschaftsbetriebe variieren bedeutend, näm-
lich von mehreren 10000 bis über 1 Million Dinar. Im Jahre 1957 betrugen die
Durchschruttseinkommen 240000 bis 480000 Dinar 6 • Solche Einnahmen wiesen
50% der Betriebe auf. Bei 30% der Betriebe lagen diese Einnahmen niedriger, bei
20% höher. Die erstgenannte Hälfte aller Wirtschaften mit den erwähnten Durch-
schnittseinnahmen umfaßt die Hälfte der Bauernschaft, etwa die Hälfte der
Gesamtbodenfläche und stellt in der Addition die Hälfte der Gesamteinkünfte
aller Bauernbetriebe dar.
Diejenigen Bauernwirtschaften, die mit ihrem Einkommen über dem Durch-
schnitt liegen, bilden ein Fünftel aller landwirtschaftlichen Betriebe, das zusammen
ein Drittel der Gesamteinkünfte auf sich vereinigt; jene Betriebe mit einem unter
dem Durchschnitt liegenden Einkommen stellen ein Drittel aller Bauernwirt-
schaften dar, sie bringen ein Sechstel der Gesamteinnahmen auf. Dieses Mißver-
hältnis ist jedoch nicht so groß, wenn man in Betracht zieht, daß die Wirtschaften
mit einem unter dem Durchschnitt liegenden Einkommen nur 19% der Gesamt-
bodenfläche besitzen und mit nur 15% an den Gesamteinkünften beteiligt sind,
während die Wirtschaften mit einem über dem Durchschnitt liegenden Einkommen
33% der Gesamtfläche auf sich vereinigen und 37% der Gesamteinnahmen auf-
bringen. Die Verhältnisse sind etwas schlechter, wenn man die angeführten
Zahlen in Beziehung zur Bevölkerung setzt. Die Wirtschaften mit kleinerem Ein-
kommen umfassen nämlich 23%, jene mit größerem Einkommen dagegen nur
26% der Bauernschaft.
Im Jahre 1957 betrugen deshalb die Gesamteinnahmen in den Landwirtschafts-
betrieben je arbeitende Person

bis zu 2 ha 100700 Dinar


2 bis 3 ha 104 700 Dinar
4 bis 5 ha . .. 127 000 Dinar
6 bis 8 ha . .. 140 500 Dinar
über 8 ha . .. 156 500 Dinar
6 Diese Angaben sind dem Jugoslovenski pregled, Nr. 7-8, für das Jahr 1959 entnommen.
16 Radomir Lukit

Es läßt sich demnach sagen, daß die Unterschiede in den Einnahmen der
Bauernbevölkerung verhältnismäßig klein sind. Dies wird offenkundig, wenn man
einen Vergleich mit den Zuständen im Vorkriegsjugoslawien zieht. Im Jahre 1934
z. B. besaßen 55% der Landwirtschaftsbetriebe nur 25% der Bodenfläche und 16%
des Reingewinnes. Heute besitzen dagegen 55% der Betriebe 43% der Boden-
fläche und 39% der Gesamteinnahmen. Das ist eines der Ergebnisse jener Maß-
nahmen, die die Revolution ergriffen hat, um die Ausbeutung auf dem Lande
abzuschaffen.
An den Gesamteinnahmen hat das naturale Einkommen (d. i. jener Teil der
eigenen Erzeugnisse, den die Bauernwirtschaft selbst verbraucht) einen bedeu-
tenden Anteil. Er bewegt sich durchschnittlich in der Höhe der Hälfte der Gesamt-
einnahmen, woraus auf eine schwache "Marktfähigkeit" und eine ungenügende
Entwicklung der Landwirtschaftsbetriebe geschlossen werden muß. Je mehr die
Gesamteinnahmen steigen, desto geringer ist der Anteil des naturalen Ein-
kommens und umgekehrt. So beträgt beispielsweise das naturale Einkommen auf
den Bauernwirtschaften mit einem Gesamteinkommen bis zu 80000 Dinar 60%,
während auf den Wirtschaften mit einem Gesamteinkommen von über 960000
Dinar dieser Anteil 45% beträgt.
Das Einkommen je Angehöriger des landwirtschaftlichen Betriebes hängt von
der Zahl der Betriebsmitglieder ab. Je größer die Zahl der arbeitsfähigen Mit-
glieder ist, um so größer ist freilich auch das Einkommen absolut; im Verhältnis
wird es jedoch pro Mitglied immer geringer. Zu den Betrieben, in denen es 11 und
mehr arbeitsfähige Personen gibt, ist das Einkommen pro Kopf etwa dreimal
kleiner als in den Betrieben mit nur einer arbeitsfähigen Person.
Der größte Teil des Einkommens wird für den persönlichen Verbrauch ver-
ausgabt. So wurden z. B. im Sommer 1957 für diese Zwecke 70% des Einkommens
ausgegeben. In Mißjahren ist der Anteil des persönlichen Verbrauchs noch größer,
wie das Jahr 1956 zeigt, in dem der Betrag 85% ausmachte. Je kleiner das Ein-
kommen des Landwirtschaftsbetriebs, desto größer ist der Anteil des persönlichen
Verbrauchs. So wurden in den Betrieben bis zu 2 ha im Jahre 1957 nur 27% des
Bareinkommens für den Bedarf des Betriebs aufgewendet, während in den
Betrieben mit mehr als 8 ha dieser Prozentsatz 49% betrug. Es sei hervorgehoben,
daß kein einziger Betrieb, so groß er auch ist, seinen Lebensmittelbedarf durch
eigene Produktion zu decken vermag. Im ganzen genommen, d. h. bei einem
Produktionsergebnis von 100% der Landwirtschaften, kann der Lebensmittel-
bedarf für etwa 70% der Betriebe gedeckt werden.
Von den Gesamtausgaben für den persönlichen Gebrauch entfallen über 65%
auf die Nahrung, 14% auf Bekleidung und Beschuhung, 9% auf Wohnung und
Beheizung. Der Anteil der Nahrungsausgaben verringert sich mit der Zunahme
des Einkommens: Die Betriebe mit einem Einkommen bis 80000 Dinar ver-
brauchen davon für Nahrung 70%, während jene mit mehr als 960000 Dinar Ein-
kommen nur 60% aufwenden. Demgegenüber verbrauchen die Betriebe mit
weniger als 80000 Dinar Einkommen für Bekleidung und Beschuhung 8%, die
Die mittleren Schichten im sozialistischen jugoslawien 17

Betriebe mit mehr als 960000 Dinar Einkommen aber 15%. Das gleiche ist auch
bei den Ausgaben für Möbel sowie für hygienische und Gesundheitszwecke der
Fall. Die Steuern betrugen im Jahre 1956 etwa 9%, im Jahre 1957 etwa 7% des
Einkommens des Betriebs. Je größer das Einkommen, um so mehr erhöht sich
infolge progressiver Steuersätze allerdings die steuerliche Belastung.

Die Lebensweise

Sitte und Brauchtum. Die Lebensweise der Landbevölkerung ist in den einzelnen
Gegenden Jugoslawiens sehr verschiedenartig, und zwar bedingt durch Tradition,
Reichtum, Entwicklungsstufe usw. In einigen Gegenden ist die Lebensweise noch
vollkommen patriarchal und hat sich im Laufe der Zeiten kaum geändert, in
anderen dagegen besitzt sie schon fast städtischen Charakter, d. h., man besitzt
elektrischen Strom, einen Kraftwagen, Rundfunk- und Fernsehapparate usw. Mit
der raschen Industrialisierung des Landes und der zahlenmäßigen Zunahme der
in der Stadt arbeitenden, aber auf dem Lande lebenden Bevölkerung ändert sich
die Lebensweise sehr schnell und tiefgehend, wobei sie sich immer mehr der
städtischen Lebensweise nähert. Dies zeigt sich besonders in der Bekleidung und
den Bräuchen. Die traditionelle Volkstracht, die meistens in der Bauernwirtschaft
selbst verfertigt wurde, ist im allgemeinen verschwunden, und der Bauer kleidet
sich nun städtisch. Ebenso verschwinden immer mehr die alten Sitten und Ge-
bräuche, und es überwiegt eine neue Lebensart, die von der Stadt stark beeinflußt
wird.
Familienverhältnisse. Der Bauer lebt noch immer in einer Familie, die verzweigter
ist als die städtische, so daß man in einer Bauernwirtschaft neben Vater und Mutter
und deren Nachkommen auch andere Verwandte finden kann. Es bestehen noch
Überreste breiter patriarchaler Familiengenossenschaften, die jedoch im Ver-
schwinden begriffen sind. Diese sich verkleinernde Großfamilie wird abgelöst von
einem städtischen Familientyp, d. h. einer Form der Familie, in der der Sohn,
sobald er geheiratet hat, eine neue, eigene Bauernwirtschaft gründet, so daß in
einer Wirtschaft größtenteils nur eine Familie im engeren Sinne lebt (Eltern und
Kinder, die noch unverheiratet sind). Diese Entwicklung ist mit aller Klarheit aus
dem Vergleich der Statistiken der Mitglieder eines Landwirtschaftsbetriebes in
den Jahren 1921 und 1953 zu entnehmen. Im Jahre 1921 lebten in jeder Bauern-
wirtschaft durchschnittlich 5,10 Personen, im Jahre 1953 dagegen nur 4,29 Per-
sonen. Dies ist auf die Verringerung der Landbevölkerung im allgemeinen sowie
der Bauernfamilie im besonderen zurückzuführen.
Die bäuerliche Familie zählt zur Zeit aber immer noch mehr Mitglieder als die
städtische. So gibt es nach den Angaben 1953 7 unter den nichtlandwirtschaftlichen

7 Vgl. D. Breznik, Typologie der Haushalte und Familien in den Klassifikationen der Zählung
aus dem Jahre 1953. Beratungen über die Anwendung von Statistiken in soziologischen For-
schungen, Belgrad 1958, S. 259.
18 Radomir Lukic

Betrieben bzw. Haushalten 21,9% Junggesellenhaushalte und 56,65% Haushalte


mit 2-4 Mitgliedern, was zusammen eine Zahl von 78,55% ergibt. Demgegenüber
gibt es unter den landwirtschaftlichen Haushaltungen nur 4,56% Junggesellen-
haushalte und 40,60% Haushalte mit 2-4 Mitgliedern, insgesamt also eine Zahl
von 45,16%. Nichtlandwirtschaftliche Haushalte mit 7 und mehr Mitgliedern
gibt es sehr wenig (5,64%). Die diesen entsprechende Zahl der landwirtschaft-
lichen Haushalte ist bedeutend größer (24,94%). Die Zahl der landwirtschaft-
lichen Haushalte mit 11-15 Mitgliedern, denen nichtlandwirtschaftliche Haus-
haltungen nicht mehr gegenübergestellt werden können, beläuft sich auf 3,07%,
und endlich jene der Haushaltungen mit mehr als 16 Mitgliedern beträgt 0,5%
(11000 Haushaltungen). Allerdings sind diese 11000 Haushalte zweifellos alte
Genossenschaften, d. h. Haushalte von mehreren Familien im engeren Sinn.
Die Beziehungen innerhalb der Familien sind je nach der herrschenden Lebens-
weise verschieden. So gibt es noch patriarchale Familien, in denen Frau und Kinder
dem Familienhaupt vollkommen unterstellt sind. Andererseits gibt es Familien,
in denen alle Mitglieder mehr oder weniger gleichgestellt sind. Auch hier trat in
den letzten Jahren ein entscheidender Umschwung ein, der in zunehmendem
Maße zur Gleichstellung führt. In diesem Zusammenhang sind auch die unehe-
lichen Beziehungen, die Ehescheidungen und die unehelichen Kinder zu erwähnen.
Ehescheidungen, uneheliche Beziehungen und uneheliche Kinder sind in der
Regel häufiger in der Stadt als auf dem Lande. Die Ehescheidungsziffer besitzt mit
0,6 Fällen je 1000 Einwohner unter der ländlichen Bevölkerung ihr Minimum;
sie beträgt unter den Arbeitern 1,3 Fälle, unter den Angestellten 2,4 und unter
den Künstlern und freien Berufen 3,1 Fälle je 1000 Einwohner8 •

Wohn- und Lebensverhältnisse. Die Wohnverhältnisse auf dem Lande sind nicht
besonders günstig, wobei man allerdings, will man die Entwicklung richtig beur-
teilen, die gewaltigen Kriegszerstörungen berücksichtigen muß. Die Wohnhäuser
sind fast zu 40% aus Lehm gebaut, zu 15% aus Holz, zu 43% aus Ziegeln, Stein
oder Beton; 2% der Wohnhäuser müssen als baufällig angesehen werden9 • 21 %
der Wohnräume sind feucht, mehr als 3% dieser Räume liegen über den Vieh-
ställen. Nur 6% der Haushalte haben den Abort innerhalb des Wohnhauses, 54%
im Hof und außerhalb des Hofes haben ihn über 12%; fast 28% besitzen über-
haupt keinen Abort. Während 50% aller Haushalte nur den Herd heizen, besitzen
1,4% gar keine Beheizung, 3,5% wärmen sich am offenen Herd, 3,4% der Haus-
halte haben fließendes Wasser im Wohnhaus; und während rund 34% ihr Trink-
wasser im Hof haben, holen fast 31 % das Wasser außerhalb des Hofes aus einer
Entfernung bis zu 100 m und fast 20% der Haushalte aus einer Entfernung von
100-300 m.

8 V gl. V. Milii, Eheschließungen und Ehescheidungen nach Berufen, in: Statisticka revija, Nr. I,
Belgrad 1957.
9 V gl. die Angaben des Statisticki bilten, Nr. 127 über die Wohnverhältnisse auf dem Lande, 1955.
Die mittleren S chichton im sozialistischen Jugoslawien 19

In den letzten Jahren haben sich die Wohnverhältnisse in den privaten Land-
wirtschaften bedeutend gebessert. So wurden im Zeitraum von 1951 bis 1960 mehr
als 11 Millionen m 2 Wohnfläche erstellt (d.i. eine Steigerung von 95 auf 106 Mil-
lionen m 2 insgesamt). Die Wohnfläche auf dem Lande hat sich somit um durch-
schnittlich 1 m 2 je Einwohner vergrößert. Allerdings ist dieses Ergebnis auch
auf die Verringerung der Bauernbevölkerung zurückzuführen. Im Jahre 1960
entfielen in den Landwirtschaftsbetrieben durchschnittlich 8,5 m 2 Wohnfläche auf
eine Person.

Ernährungslage. Die Ernährung ist in den Bauernwirtschaften verhältnismäßig


gut und unterscheidet sich bedeutend von der Ernährung in den städtischen Haus-
halten der Arbeiter und Angestellten. In den letzten Jahren wurden in den Bauern-
wirtschaften etwa 100 kg Mehl pro Kopf im Jahr verbraucht, davon waren etwa
80 kg Maismehl; es wurden ferner verbraucht etwa 19 kg Fleisch und 10 kg Fett;
etwa 70 kg Milch, 6 kg Milchprodukte ; 60 Stück Eier; etwa 50 kg Kartoffeln
und 10 kg Bohnen; etwa 17 kg Obst; 6 kg Zucker und Honig; 151 Wein und
81 Branntwein; das sind insgesamt 2800 Kalorien bzw. rund 500 g Kohlen-
hydrate, 60 g Fett und 90 g Eiweiß pro Tag. Eine Bauernfamilie verbraucht gegen-
über einer Arbeiter- und Angestelltenfamilie bedeutend mehr Kohlenhydrate und
etwas mehr Eiweiß, jedoch weniger Fett. Infolgedessen ist die bäuerliche Nahrung
etwas kalorienreicher, ja man könnte sagen, daß die Ernährung einer Bauern-
familie gesünder und kräftiger ist als die Ernährung einer Arbeiter- und Ange-
stelltenfamilie.
Die Zubereitung der Nahrung ist verhältnismäßig veraltet und nicht genügend
rationell. Der Gemüseverbrauch ist ungenügend, außerdem ist der Konsum der
einzelnen Nahrungsmittel nicht gleichmäßig auf die Jahreszeiten verteilt. In den
Sommermonaten, in denen am meisten gearbeitet wird, ist die Ernährung am
dürftigsten, während sie in den weniger mit Arbeit angefüllten Wintermonaten
am kräftigsten ist. Die Vorratshaltung für den Winter muß als unzureichend be-
zeichnet werden, auch werden Gemüse und Obst nicht rationell eingelegt. Aller-
dings trägt insbesondere die Mädchenschulung dazu bei, daß bedeutende Fort-
schritte erzielt werden, so daß die Bauernernährung immer besser und rationeller
wird. Gegenüber der Vorkriegszeit hat sich die Ernährung der Bauernfamilien
wesentlich gebessert, was sich auch aus dem geringen Verbrauch an Maisbrot und
dem größeren Verbrauch an Zucker und anderen hochwertigen Lebensmitteln
ergibt.
Es ist klar, daß Qualität und Art der Nahrung sowohl von der Größe der
Bauernwirtschaft als auch von deren Einkommen sowie von sonstigen Umständen
mitbestimmt werden. Zweifellos haben sich, gemessen an der Situation vor dem
Kriege, die Verhältnisse gut entwickelt und zu einem allgemeinen Ausgleich bei-
getragen, wodurch der Ernährungsstandard der ärmeren Bauern verbessert
worden ist.
20 Radomir Luki!

Bekleidung und Beschuhung. Was Bekleidung und Beschuhung betrifft, ist zu sagen,
daß der Standard des Bauernhaushalts im Vergleich zu dem des Haushalts in der
Stadt geringer ist. Der Bauernhaushalt, vor allem in den rückständigen Gegenden,
erzeugt noch immer einen Großteil seiner Bekleidung und Beschuhung selbst. Der
Verbrauch der Industrie- und Gewerbeartikel nimmt jedoch stetig zu. Wegen der
verhältnismäßig hohen Preise dieser Artikel kauft der Bauer indessen kleinere
Mengen und Waren schlechterer Qualität, als es der Stadtbewohner zu tun pflegt.
Bedenkt man angesichts dessen die schlechten Wohnverhältnisse, die unzurei-
chende Heizung der Wohnräume, die ungepflasterten Höfe und Gassen sowie die
schweren Arbeitsbedingungen, dann dürfte auch dem Außenstehenden klar sein,
wie weit die Landbevölkerung in ihrer Lebensweise noch hinter der städtischen
zurücksteht.

Bildungswesen. Was die Bildung anbelangt, ist anzumerken, daß es in Jugoslawien


im Jahre 1953 unter der Einwohnerschaft im Alter über 10 Jahren noch immer
25% Analphabeten gab. (Im Jahre 1921 waren es über 51%, im Jahre 1931 über
44%, im Jahre 1948 über 25%.) Hat sich in den letzten Jahrzehnten die Lage auch
wesentlich verbessert, so kann es keinen Zweifel darüber geben, daß in dieser
Hinsicht noch viel aufgeholt werden muß. Die Anstrengungen müssen sich dabei
vor allem auf die ländlichen Gegenden konzentrieren, da der größte Teil der
Analphabeten gerade auf das Land entfällt. So waren im Jahre 1953 über 40% der
aktiven Bauern Analphabeten, wobei der größte Teil auf weibliche Personen entfiel.
In der letzten Zeit wurde sehr viel für die Schulung der Landbevölkerung
getan. Vor allem ist zu erwähnen, daß eine allgemeine achtjährige Schulpflicht für
sämtliche Einwohner eingeführt worden ist. Durch diese Schulpflicht wird der
weitaus größte Teil auch der Dorfkinder erfaßt. Dabei fillt auf, daß die Bauern
sehr reges Interesse für die Schulung ihrer Kinder zeigen und daß sie bereit sind,
auch bedeutende Opfer zu bringen, um diese Schulung zu gewährleisten. In zahl-
reichen Dörfern wurden neben der ordentlichen achtjährigen Grundschule auch
Ausbildungsstätten für die landwirtschaftlichen Produzenten eingerichtet, die von
Jugendlichen nach Beendigung der Schulpflicht sowie von erwachsenen Bauern
besucht werden können. Diese Schulen konzentrieren ihren Unterricht auf die
Wintermonate, so daß die Schüler während des Sommers die von ihnen erlangten
Kenntnisse in ihren eigenen Bauernwirtschaften (meist unter der Leitung ihrer
Lehrer) anwenden können. Diese Schulen weisen bedeutende Erfolge auf.
Durch staatliche und gesellschaftliche Aktivität wurde außerhalb dieser Aus-
bzw. Fortbildungsstätten ein weitverzweigtes Netz verschiedenartiger Bildungs-
und Erziehungsmöglichkeiten auf dem Lande geschaffen. In diesen arbeiten neben
den Lehrkräften der Grund- und Fortbildungsschulen die Vertreter der poli-
tischen, Jugend-, Frauen- und Fachorganisationen und insbesondere die Fach-
kräfte der Genossenschaften. Dadurch ist es möglich, auch auf dem Dorf zahlreiche
Vorträge, längere und kürzere Lehrgänge, Veranstaltungen, Wettbewerbe, kul-
turelle Darbietungen usw. abzuhalten, sowie Bibliotheken, Leseräume, Klubs
Die mittleren Schichten im sozialistischen Jllgoslawien 21

junger Bauern usw. einzurichten. All dies trägt zur Hebung des Bildungsniveaus
der Landbevölkerung und somit auch zur Hebung ihres Lebensstandards über-
haupt bei.
Auch der Dienst beim Militär und die freiwilligen Arbeitsaktionen der Jugend
sind in hohem Maße der Bildung förderlich. Sowohl beim Militär als auch während
der Arbeitseinsätze finden nämlich Kurse für Analphabeten und weiterbildende
Kurse statt. Der Jugend ist auf diesem Wege die Möglichkeit gegeben, sich auch
in technischer Hinsicht zu qualifizieren. Außerdem wird eine rege kulturelle
Tätigkeit in den verschiedensten Richtungen entwickelt, die dazu führt, daß oft-
mals bereits nach kurzer Zeit die Jugendlichen nach der Rückkehr in ihre Dörfer
zum Brennpunkt weiterer Kultur- und Bildungsarbeit und damit des Fortschritts
werden. Die kulturellen Werte der Bauernschaft sind natürlich mehr traditioneller
Art. Indessen kann man einen starken Wandel dieser Werte beobachten. Das gilt
insbesondere in politischer Hinsicht, von welcher zu sagen ist, daß sich annähernd
die gesamte Bauernschaft zum Sozialismus bekennt. Jenseits der politischen Wert-
setzungen fällt auf, daß vor allem die junge Generation die Leitbilder des städti-
schen Lebens übernimmt, wodurch freilich zwischen den Generationen eine Kluft
entstanden ist, die wohl niemals größer war, als sie es zur Zeit ist.

Gesundheitsverhältnisse. Die Gesundheitsverhältnisse auf dem Lande bessern sich


in der letzten Zeit sehr rasch. Dazu trägt auch die Entwicklung des Gesundheits-
dienstes bei. Das durchschnittliche Lebensalter der Jugoslawen hat sich zwischen
Kriegsende und heute von 48 auf 58 Jahre erhöht, während die Sterblichkeit
von etwa 20 auf rd. 11 Personen pro 1000 Einwohner gesunken ist. An dieser
günstigen Entwicklung hat gerade die Landbevölkerung einen beträchtlichen
Anteil. Die Zahl der sanitären Einrichtungen und der Hilfskräfte hat sich auf dem
Lande wesentlich erhöht. Die Bauern zeigen auch hierfür großes Verständnis und
Interesse. Die Bauern sind sich der Bedeutung der sanitären Einrichtungen trotz
des bestehenden Aberglaubens und der Quacksalberei voll bewußt und auch zu
beträchtlichen materiellen Opfern bereit, um die Funktionsfähigkeit des Gesund-
heitsdienstes und die Leistungsbereitschaft des Arztes auf dem Dorf zu ermög-
lichen. Von hierher sind auch die verhältnismäßig hohen Gehälter für Ärzte, die
auf dem Lande praktizieren, zu verstehen, die um einiges höher sind als z. B. die
Bezüge der Lehrer. Seit den letzten zwei Jahren wird auch versucht, die Kranken-
versicherung auf dem Lande einzuführen. Zur Zeit besteht die Vorschrift, eine
minimale Krankenversicherung abzuschließen; durch lokale Entscheide kann eine
erweiterte Krankenversicherung vorgeschrieben werden. Diese Versicherung
wurde auf dem Lande gut aufgenommen und wird zweifellos bedeutende Ergeb-
nisse zeitigen, besonders in Anbetracht der verhältnismäßig hohen Kosten der
Krankenbehandlung. Bereits vor der Einführung der allgemeinen Krankenver-
sicherungspflicht gab es aber schon die unentgeltliche Versorgung im Krankheits-
fall unter besonderen Umständen. Auch war bereits die Unentgeltlichkeit von
Vorbeugungs maßnahmen eingeführt. Diese Maßnahmen bezogen sich vor allem
22 Radomir Lukil

auf sozial gefährliche Krankheiten, wobei keine Rücksicht auf den Vermögens-
stand des Patienten genommen wurde. Des weiteren erstreckten sie sich auf be-
stimmte Kategorien sozial gefährdeter Personen.

Die zweite mittlere Hauptschicht :


Die Gewerbetreibenden und Handwerker
Entwicklung und gegenwärtiger Stand

Wie in allen modernen Wirtschaften, so spielt auch in der jugoslawischen Wirt-


schaft das Gewerbe eine nützliche und wichtige Rolle. Freilich unterlag es im Laufe
der letzten Jahrzehnte einigen wesentlichen Veränderungen. Während es einstmals
eine der wichtigsten Stätten der Rohstoffverarbeitung darstellte, hat es heute im
wesentlichen diese Funktion an die Industrie abgegeben und nimmt nur noch die
Aufgabe einer Hilfeleistung dieser Verarbeitung wahr. Eine Reihe von alten
Gewerben ist überdies bereits ausgestorben oder im Aussterben begriffen.
Andererseits aber entstehen mit der beschleunigten Entwicklung der Industrie und
des Transportwesens neue Gewerbe. Auf diese Vorgänge soll im folgenden kurz
eingegangen werden.
Das jugoslawische Gewerbe besaß im Jahre 1925 einen Anteil von 12%, der im
Jahre 1933 auf einen Anteil von 10% am nationalen Gesamteinkommen absank.
Im Jahre 1939 gab es 151266 selbständige Gewerbebetriebe mit 164705 Lehr-
lingen. Seit diesem Jahre gaben von den rd. 150000 selbständigen Gewerbetreiben-
den jährlich 5000 ihren Betrieb auf. Sie arbeiteten entweder als Gesellen weiter
oder schieden ganz aus der gewerblichen Tätigkeit aus. Zur selben Zeit eröffneten
andererseits von den rd. 164000 Lehrlingen jährlich 10000 ein selbständiges
Gewerbe. Von den Gewerbebetrieben arbeiteten 45% ohne Hilfskräfte, d. h. daß
der Inhaber allein sein Gewerbe betrieb; 20% der Betriebe beschäftigten einen
und 15% zwei Arbeiter.
Das Gewerbe geriet nach dem Krieg in eine schwierige Lage. Es fehlten nicht
nur die notwendigen Arbeitsmöglichkeiten, auch die Rohstoffe waren knapp.
Schließlich wurde das Gewerbe reorganisiert, und zwar in zwei Richtungen:
Einerseits galt es, das sozialistische Gewerbe zu schaffen, andererseits mußte die
Beseitigung der Ausbeutung der fremden Arbeitskraft durch den privaten Ge-
werbetreibenden erreicht werden. Maßnahmen, die in die erste Richtung wirkten,
waren die Gründungen von Gewerbegenossenschaften und staatlichen gewerb-
lichen Werkstätten.
Eine der bedeutendsten Maßnahmen in die zweite Richtung war die zahlen-
mäßige Beschränkung der in den Gewerbebetrieben beschäftigten Arbeitskräfte
auf höchstens fünf Personen. Obwohl sich der sozialistische Gewerbesektor stark
entwickelt hat, stellen die privaten Gewerbebetriebe nach wie vor einen wichtigen
Die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien 23

Faktor in der Wirtschaft des Landes dar. Die Zahl der privaten Gewerbebetriebe,
die sich nach dem Krieg zunächst stark verringert hatte, begann alsbald wieder
anzusteigen. So gab es im Jahre 1946 noch insgesamt 107594 Betriebe. Diese Zahl
sank im Jahre 1949 auf 75105. Im Jahre 1957 zählte man aber wieder 122000 pri-
vate Gewerbe, neben denen etwa 20000 sozialistische Betriebe arbeiteten. Im Jahre
1956 beteiligte sich das Gewerbe mit 5% am nationalen Einkommen. Einer
Statistik aus dem Jahre 1953 zufolge10 gab es in Jugoslawien zu dieser Zeit 16529
ein privates Gewerbe betreibende Arbeitgeber und 130908 selbständige Gewerbe-
treibende ohne Hilfskräfte, während die Gewerbegenossenschaften insgesamt
32167 Mitglieder zählten, was einer Zahl von 1,8% der Werktätigen Jugosla-
wiens entspricht. Nach der Zählung aus dem Jahre 1959 gab es insgesamt 7419
sozialistische Genossenschaftsorganisationen verschiedener Art und 105698 pri-
vate Gewerbebetriebel l, in denen insgesamt 148305 Personen beschäftigt waren,
33083 von ihnen waren in einem Beschäftigungsverhältnis stehende Arbeiter.
Demgemäß betrug die Zahl der selbständigen Gewerbetreibenden 115222, die
nach unserer Definition zu den mittleren Schichten gehören. Außerdem gab es
auch noch 25399 Lehrlinge. Schließlich seien auch jene nicht mitgezählten 18372
privaten Gewerbebetriebe erwähnt, in denen auf einfachste Weise Getreide ge-
droschen bzw. gemahlen wurde, die Speiseöl herstellten und Branntweinkessel
verfertigten. Diese Betriebe waren im Besitz von 18226 Inhabern.
Zu den Gewerbebetrieben sind auch die privaten Gasthäuser zu zählen, deren es
im Jahre 1957 etwa 2000 gab. Diese Zahl hat sich in den letzten Jahren wahrschein-
lich erhöht. Diese privaten Gasthäuser beschäftigten wenig gedungene Arbeits-
kräfte, da die Inhaber zusammen mit ihren Familienmitgliedern größtenteils die
Arbeit selbst verrichteten.

Die Wirtschaftslage

Durch die von den bestehenden Gewerbebetrieben, zu denen man auch die
Handwerker rechnen muß, angebotenen Leistungen wird die vorhandene Nach-
frage nicht befriedigt. Diesen Mangel an gewerblichen Dienstleistungen spürt in
besonderem Maße der moderne Haushalt. Der Grund dafür, daß das Gewerbe den
Anforderungen, die an es gestellt werden, nicht nachkommt, ist weder in einem
Arbeitskräftemangel noch in einem Fehlen unternehmerischer Initiative zu sehen.
Es gibt Arbeitskräfte in genügendem Maße, und auf Grund des Rechtsstatuts der
privaten Gewerbetreibenden und Handwerker ist deren Entwicklung gewähr-
leistet, so daß von einer unsicheren Zukunft nicht gesprochen werden kann. Ihre
positive Rolle in der sozialistischen Wirtschaft ist ja seit langem anerkannt. Schon
gar nicht kann endlich der Grund darin gesehen werden, daß es den Gewerbetrei-
10 Vgl. M. Macura, a. a. 0., S. 280.
11 Es sei bemerkt, daß der Begriff des Gewerbes und des Gewerbebetriebs ziemlich unbestimmt
ist, woraus sich auch die Abweichungen in den Angaben erklären.
24 Radomir Lukil

benden wirtschaftlich schlecht ginge. Woran also liegt es? Man muß wohl sagen,
daß die Hauptursache für die ungenügende Anzahl von Gewerbetreibenden und
Handwerkern darin zu erblicken ist, daß diese Wirtschaftszweige in einem be-
trächtlichen Ausmaß ihr gesellschaftliches Ansehen eingebüßt haben. Dieser Um-
stand führte dazu, daß die Anziehungskraft auf die Jugend verlorengegangen ist.
Das Überwiegen der Nachfrage nach gewerblichen Dienstleistungen gegenüber
dem Angebot bewirkt konsequenterweise, daß die Preise für diese Dienste sehr
hoch sind und in Zukunft weiter ansteigen werden. Als die in den Betrieben ver-
wandte Energieart setzt sich in zunehmendem Maße der elektrische Strom durch.
So hat das sozialistische Gewerbe trotz der zahlenmäßigen Verringerung seiner
Werkstätten den Verbrauch dieser Energieart im Zeitraum von 1954 bis 1959 von
53342PS auf 136900PS erhöht, was von einer gewaltigenModernisierung spricht.
Bei den privaten Handwerkern, deren Zahl gegenüber dem Jahre 1954 auf 75%
gesunken ist, hat sich der Stromverbrauch von 163670 PS auf 141868 PS, d. h.
auf 87%, verringert. Dies bedeutet allerdings, daß sich der Verbrauch je Betrieb
gegenüber dem Stand im Jahre 1954 erhöht und daß sich auch das Privatgewerbe
in dieser Hinsicht modernisiert hat, wenn auch in geringerem Maße als das sozia-
listische. Da jedoch der Verbrauch dieser Energieart im Jahre 1959 in beiden
Sektoren fast der gleiche ist (136900 PS bzw. 141868 PS), die Zahl der sozialisti-
schen Gewerbebetriebe aber 7000 und die der Privatbetriebe rd. 115000 beträgt,
ist es klar, daß der sozialistische Sektor weitaus besser ausgerüstet ist als der private.
Dementsprechend ist auch die Zahl der auf dem sozialistischen Sektor beschäftig-
ten Arbeitskräfte weitaus größer (über 195000).
Die Wirtschaftslage der privaten Gewerbetreibenden ist im Durchschnitt aus-
gezeichnet. Es fehlt aber an genauen Angaben, da eingehende Untersuchungen
über diesen Wirtschaftszweig noch nicht vorgenommen worden und auch die
steueramtlichen Angaben über das Einkommen der Gewerbetreibenden nicht
zuverlässig sind. Ihre guten wirtschaftlichen Verhältnisse kann man aber an ihrer
Lebensweise erkennen. Die Gewerbetreibenden haben im Durchschnitt bessere
Wohnungen, viele von ihnen kaufen oder bauen eigene Wohnhäuser, beköstigen
sich gut, viele von ihnen besitzen Kraftfahrzeuge usw.
Auch die landwirtschaftliche Zukunft von Handwerk und Gewerbe ist gut. Man
darf annehmen, daß sich ihre allgemeine Lage vor allem deswegen weiter bessern
wird, weil der Bedarf nach gewerblichen Dienstleistungen ständig wächst und die
Zahl derer, die sich dem Gewerbe widmen, abnimmt. Die gewerblichen Dienst-
leistungen dürften also immer unerschwinglicher werden, so daß viele Bedürfnisse
unbefriedigt bleiben, sofern man sich bei einfacheren Arbeiten nicht selbst hilft.
Gewissen Gewerbezweigen eröffnet sich eine besonders gute Zukunft durch die
Herstellung von Exportgütern, da eine Reihe von Gewerbeerzeugnissen Jugosla-
wiens im Ausland einen sehr guten Absatz findet. Diesem Umstand ist es auch zu
verdanken, daß eine Anzahl bereits ausgestorbener Gewerbezweige wieder auf-
lebt. Ebenso häufig kommt es vor, daß gewisse verhältnismäßig einfache Gewerbe-
zweige, in denen keine großen Fachkenntnisse gefordert werden, mit ihren Erzeug-
Die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien 25

nissen auf den Auslandsmärkten einen hervorragenden Platz einnehmen. Solche


Gewerbezweige werden dann zu einer Art Hausgewerbe der Bauern und bieten
eine bedeutende Einnahmequelle aus nichtlandwirtschaftlicher Tätigkeit. Dies ist
beispielsweise der Fall mit der Flechterei von Körben u. dgl. sowie von Möbel-
stücken aus Weidenruten.
Die Gewerbetreibenden haben ihre Fachorganisationen, die der Gewerbekam-
mer, einer gesellschaftlichen Einrichtung, angehören. Diese Gewerbekammer be-
sitzt einen halböffentlichen Charakter. Ihre Aufgabe ist es, für die Förderung des
Gewerbes sowie für die Wahrung der Interessen der Gewerbetreibenden Sorge zu
tragen. Sie traf bereits bisher und trifft auch weiterhin mit sehr gutem Erfolg eine
Reihe von Maßnahmen zugunsten des Gewerbes.

Die dritte mittlere Hauptschicht :


Die Angestellten

Die Zahl der Angestellten und die Art der Angestellten-Tätigkeiten

Die Intelligenz stellt in allen heutigen Gesellschaften eine der wichtigsten


Schichten dar. Das ist auch in Jugoslawien der Fall, und zwar um so eher, als es
sich hier um ein noch immer relativ unentwickeltes Land handelt, in dem ein
Mangel an Intelligenz herrscht. So wurden außerordentlich große Anstrengungen
unternommen, diesen Mangel zu mildern, wenn nicht sogar ihn zu beseitigen.
Aber wie groß diese Anstrengungen auch immer waren (es reicht dafür der Hin-
weis darauf, daß es im Jahre 1939 insgesamt 20 Fakultäten mit ungefähr 17000
Studenten gab, 1957 51 Fakultäten mit über 60000 Studenten und 1961 78 Fa-
kultäten mit über 86000 Studenten), es besteht nach wie vor ein großer Mangel an
Intelligenz. Aus diesem Grunde steht das Land vor einer Reihe von Aufgaben,
insbesondere vor jener der nachträglichen Ausbildung der schon im Arbeitsleben
stehenden Personen.
Die Intelligenz in Jugoslawien übt zumeist die Funktion der Angestellten in den
verschiedensten Diensten aus. Man kann diese folgendermaßen differenzieren:
1. die Staatsämter, 2. der Dienst in der Wirtschaft, 3. der Dienst in freien gesell-
schaftlichen Organisationen und 4. der öffentliche Dienst in den unter staatlicher
("gesellschaftlicher") Aufsicht stehenden gesellschaftlichen Einrichtungen.
Im Jahre 1957 gab es 732184 Angestellte. Von dieser Zahl sollte man die 76907
Hilfsangestellten abziehen, die nicht zur Intelligenz gezählt werden können, da sie
nur die Volksschule besucht haben und sich nicht vorwiegend einer geistigen
Tätigkeit widmen. Diese Zahl der Angestellten muß als relativ groß angesehen
werden, zumal wenn man bedenkt, daß in demselben Jahre insgesamt 1680672
Personen erwerbstätig waren.
In der Wirtschaft arbeiteten 408377 Angestellte (denen 1537608 Arbeiter gegen-
26 Radomir Lukit

überstanden); davon arbeiteten in der Industrie und im Bergbau 128693 Ange-


stellte (gegenüber 786028 Arbeitern). Im Staatsdienst arbeiteten 93197 Angestellte,
im öffentlichen Dienst 225907 und in den freien gesellschaftlichen Organisationen
4703 Angestellte.
Die relativ kleine Anzahl der Angestellten in den Organen des Staates erklärt
sich daher, daß viele öffentliche Dienste im Prozeß des Absterbens des Staates und
der Demokratisierung der Gesellschaft vom Staate abgetrennt und zu halbstaat-
lichen bzw. halbgesellschaftlichen Institutionen wurden, die nicht mehr unter der
unmittelbaren Gewalt der Staatsorgane stehen, sondern sich im Regime der gesell-
schaftlichen Verwaltung befinden. Die unter der gesellschaftlichen Verwaltung
stehenden Dienste werden im Rahmen des Gesetzes von selbständigen Organen
verwaltet. Diese Organe setzen sich zusammen aus den von den zuständigen staat-
lichen Stellen angestellten oder von interessierten Bürgern erwählten Vertretern
der Gesellschaft sowie den Vertretern der Arbeitskollektive dieser Organe. Diese
Anstalten sind im Genuß vollständiger ökonomischer und finanzieller Selbständig-
keit, und ihre Einkünfte stammen im Prinzip aus dem Verkauf ihrer Dienstleistun-
gen. Deswegen wurde die Anzahl der Staatsangestellten im engeren Sinne des
Wortes mit dem Jahre 1953, in dem die Demokratisierung der öffentlichen Dienste
stufenweise begonnen hatte, jäh vermindert.
Von allen 732184 Angestellten im Jahre 1957 gab es 125037 Angestellte mit
höheren, 294782 Angestellte mit mittleren und 235458 Angestellte mit niedrigeren
Fachkenntnissen.

Geplante Maßnahmen zur Selbstverwaltung

Bis zum Jahr 1961 war die rechtliche und gesellschaftliche Lage der Angestellten
in der Wirtschaft und derjenigen der in staatlichen und öffentlichen Diensten ste-
henden sehr verschieden. Für die Angestellten der Wirtschaft galten nämlich die-
selben Arbeitsbedingungen wie für die Arbeiter. Auf Grund dieser Bedingungen
besaßen sie auch die sich aus der betrieblichen Selbstverwaltung ergebenden Rechte
und Pflichten. Das bedeutete, daß sie mitwirken konnten an der selbständigen
Verteilung des Einkommens des Betriebs sowie bei der Festlegung des persön-
lichen Einkommens. Wie hinsichtlich anderer Rechte und Pflichten war auch ihre
Arbeitszeit dieselbe wie diejenige der Arbeiter, die in der Regel täglich 8 Stunden
betrug. Mit Rücksicht auf die höheren Qualifikationen erzielten die Angestellten
jedoch durchschnittlich größere Einkünfte. Nichtsdestoweniger pflegten die hoch-
qualifizierten Arbeiter die Angestellten mit niedriger Schulbildung und oftmals
auch mit mittlerer Schulbildung einkommens mäßig zu überflügeln.
Unterdessen waren die Angestellten in staatlichen und öffentlichen Diensten
nicht in derselben Lage wie die in der Wirtschaft den Arbeitern gleichgestellten.
Sie standen in einem typischen Lohnarbeitsverhältnis. Ihre Monatsgehälter wur-
den einseitig vom Staat bestimmt, der keine Rücksicht auf Stand und Erfolg der
einzelnen Angestelltentätigkeiten nahm. Ihre Arbeitszeit war freilich kürzer. Sie
Die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien 27

betrug in der Regel 7 Stunden. Die Angestellten im öffentlichen Dienst im Rahmen


der gesellschaftlichen Verwaltung machten zwar von ihrer Möglichkeit Gebrauch,
einen Vertreter ihrer Interessen in die Verwaltungsorgane zu wählen, doch hatten
diese Organe keinen großen Einfluß auf die Fragen der Einkommensgestaltung.
Für das Jahr 1961 ist nun aber eine Reorganisation des staatlichen und öffent-
lichen Dienstes vorgesehen. Sie wird darauf abzielen, die staatlichen und öffent-
lichen Angestellten in dieselbe Lage zu versetzen, in der sich die Angestellten bzw.
Arbeiter im System der sozialistischen Arbeiterselbstverwaltung befinden, d. h.
daß die Angestellten in den Stand der freien Arbeiter versetzt werden sollen. Das
bedeutet, daß sie von den Bindungen der Lohnverhältnisse befreit werden, daß
sie selbstverwaltend ihre Arbeit organisieren, daß sich ihre Einkünfte durch ihre
Leistung bestimmten, wobei die Höhe der Einkünfte im Rahmen der Selbstverwal-
tungsbeschlüsse festgelegt wird. Als Grundsatz gilt hierbei, daß die Höhe des
Einkommens bestimmt wird durch den Ertrag, den der Verkauf der Dienstleistun-
gen erbracht hat. Da die Selbstverwaltungsorganisationen der Angestellten auch
über die Ausgabe der zur Verfügung stehenden Gelder zu bestimmen haben,
bestimmen die Angestellten also in vollem Maße über den Gesamtbetrag ihrer
persönlichen Einkünfte. Und da im Rahmen der Selbstverwaltung auch die per-
sönlichen Einkommen jedes einzelnen festgelegt werden, verschwindet auf diese
Weise das Gehalt als der letzte Rest eines Lohnverhältnisses. Zu entscheidender
Bedeutung gelangt damit der Wert der persönlichen Arbeit bzw. der Arbeitserfolg
eines einzelnen oder eines Kollektivs. Bedenkt man, daß die Leistung und damit
das Einkommen wesentlich von der Organisation der Arbeit abhängen, so kann
man annehmen, daß jeder Angestellte an einer erfolgreichen Arbeitsorganisation
interessiert sein wird. Auf Grund dessen ist zu erwarten, daß auch die Angestellten
Initiative entwickeln werden, um erfolgreich zu arbeiten.
Mit der Durchsetzung dieser Maßnahmen wird zur Zeit begonnen. Selbst-
verständlich wird es unter den einzelnen Angestelltentätigkeiten infolge ihrer
großen Differenziertheit unterschiedliche Handhabungen geben müssen, so daß
die Selbstverwaltungseinrichtungen verschiedene Spielarten kennen werden. Es
gibt auch keinen Zweifel darüber, daß die Einführung dieser sehr radikalen
Änderungen in der bisherigen Organisation der Dienste und unter den Angestellten
eine Reihe von heute noch nicht zu übersehenden Problemen zur Folge haben
wird. Es ist aber sicher, daß man mit diesen Maßnahmen ganz neue Perspektiven
der Beurteilung der Arbeit durch die Angestellten eröffnet, d. h. daß man zu einem
Wandel beiträgt, durch den sozusagen aus einem geistigen Lohnarbeiter ein freier
Geistesschaffender wird, der im Genusse der Leistungen seiner Arbeit frei ist und
der von der Gesellschaft soviel erhält, wie er wirklich gearbeitet hat. Die An-
gestellten werden in freie Werktätige verwandelt und werden so zu Arbeitern
unter den Arbeitern im Sozialismus. Dieser Wandel, mit dem eine Steigerung der
"materiellen Interessiertheit" der Angestellten Hand in Hand geht, wird zu einer
Steigerung der Produktivität ihrer Arbeit und damit zu einer gesteigerten Be-
dürfnis befriedigung beitragen.
28 Radomir Luki(

Die Einkommensverhältnisse

Die gegenwärtige wirtschaftliche Lage der Angestellten ist im Durchschnitt


weitaus besser als diejenige der Arbeiter und Bauern, sie ist aber schlechter als die
der Handwerker und der Angehörigen der freien Berufe. Die Differenzierung der
Gehälter für unterschiedliche Qualifikationen ist unerheblich. Rechnet man ein-
mal die Gehälter der HilfsangestelIten nicht mit, ergibt sich ein Grundgehalt für
höchstqualifizierte Angestellte der Gehaltsklasse Ia, das nur viermal höher liegt
als das Gehalt der am wenigsten qualifizierten Angestellten der Gehaltsklasse XXa
(ungefähr 45000 gegenüber 11 000 Dinar). Diesen Gehältern sollen künftig
noch verschiedene mit dieser Skala aber im Einklang stehende Stellungsgehälter
sowie verschiedene und von der Dienstart und den Amtierungsbedingungen ab-
hängende Zulagen hinzugefügt werden.
Obwohl aber der Stand der Angestellten hinsichtlich der Gehälter relativ besser
gestellt ist als der Stand der Arbeiter, ist er doch nicht sehr verschieden. So betru-
gen die durchschnittlichen monatlichen Einkommen der Arbeiter im Dezember
1957 13220 Dinar, diejenigen der Angestellten in der Wirtschaft 20580 Dinar.
Die Gehälter der Angestellten in öffentlichen Diensten dagegen waren bedeutend
niedriger. Sie betrugen im Oktober 1957 durchschnittlich 13750 Dinar, d. h. daß
sie nur unwesentlich die Arbeitereinkommen überstiegen. Mittlerweile hat sich
der Unterschied zwischen den Gehältern der Angestellten in der Wirtschaft und
der in den öffentlichen und staatlichen Diensten Tätigen verkleinert. Genaue
Angaben hierüber sind zur Zeit leider noch nicht möglich.

Die Lebensweise

Es bestehen eingehende statistische Angaben über die Familienbudgets von


vierköpfigen Arbeiter- und Angestelltenfamilien. Aus ihnen ersieht man, daß die
durchschnittlichen monatlichen Einkommen einer Arbeiterfamilie im Jahre 1957
21557 Dinar, die einer Angestelltenfamilie 25860 Dinar betrugen. Die durch-
schnittlichen Ausgaben einer Arbeiterfamilie hatten eine Höhe von 21232 Dinar,
die einer Angestelltenfamilie 25865 Dinar. Dabei gab die Arbeiterfamilie für Er-
nährung 53%, die Angestelltenfamilie 49% aus. Auch bei anderen Ausgabeposten
sind die Unterschiede zwischen ihnen sehr gering. (Die Angestellten gaben etwas
mehr für Wohnung, Bekleidung und Kulturbedürfnisse aus, dafür weniger für
Tabak und Getränke.) Der Unterschied in der Ernährungsweise zwischen den
Arbeiter- und Angestelltenfamilien ist ebenfalls unerheblich: Die Arbeiter ver-
brauchten mehr Brot, Kartoffeln, Bohnen, Wein, Schnaps, dafür weniger Fleisch,
Fett, Obst und Zucker. Im Vergleich mit der bäuerlichen Ernährung ist der Kalo-
rienwert der von den Angestellten konsumierten Nahrungsmittel um 350 bis
400 Kalorien kleiner, womit er aber demjenigen der von den Arbeitern konsu-
Die mittleren S rhirhten im so:(.ia/istisrhen JugoslallJien 29

mierten Nahrungsmittel entspricht. Die Angestellten verbrauchen weniger Koh-


lenhydrate und Eiweiß, dafür aber mehr Fett als die Bauern.
Im allgemeinen besitzen die Angestellten günstigere Lebensbedingungen als die
Bauern und Arbeiter. Dies zeigt sich an der leichteren Arbeit, den besseren Woh-
nungen, ihren höheren Einkünften, ihren kürzeren Arbeitszeiten, ihrem länge-
ren Urlaub usw. Deswegen besitzt die Angestelltentätigkeit eine starke Anzie-
hungskraft; auch genießt sie ein verbreitetes gesellschaftliches Ansehen, so daß
der größte Teil der Jugendlichen danach strebt zu studieren, um einmal eine
Angestelltenstellung ausüben zu können.
Die Lebensweise der Angestellten unterscheidet sich in einem bedeutenden
Maße von der der Bauern, ohne freilich mit der der Arbeiter zusammenzufallen.
Was die Angestellten hervortreten läßt, ist deren stärkere kulturelle Autorität,
ihre Führerschaft in den verschiedenen Organisationen, die Tatsache, daß sie
ihren Jahresurlaub weit mehr außerhalb ihres Wohnorts verbringen als die Ar-
beiter usw.

Entwicklungstendenzen

Vergleicht man die gegenwärtige Zahl der Angestellten mit derjenigen vor dem
Krieg, so ergibt sich, daß die Angestelltenschaft beträchtlich angewachsen ist;
stellt man ihr jedoch Zahlen aus der Nachkriegszeit gegenüber, muß man einen
Rückgang verzeichnen. So gab es beispielsweise im Jahre 1948 736539 und im
Jahre 1957 732184 Angestellte. Dieser an sich geringfügige Unterschied erweist
sich aber insofern als recht beträchtlich, als die Zahl der Arbeiter von 639441 im
Jahre 1948 auf 1680672 im Jahre 1957 angestiegen ist. Diese Ziffern zeigen am
besten den Erfolg der Entbürokratisierungsbestrebungen in der jugoslawischen
Gesellschaft. Die genannte Zahl der Angestellten veranschaulicht im übrigen im
Vergleich mit der Zahl der diplomierten Studenten die bedeutende Besserung
ihrer Qualifikationen.
Obwohl die Zahl der Angestellten zur Zeit nicht zunimmt, heißt das nicht, daß
sie auch in Zukunft konstant bleiben wird. Es ist vielmehr wahrscheinlich, daß die
großen Bedürfnisse bereits in absehbarer Zeit zu einem schnellen Anwachsen der
Angestelltenschaft führen dürften.

Die vierte mittlere Hauptschicht :


Die freien Berufe

übt ein Teil der Intelligenz seine Funktion im Rahmen eines Angestelltenver-
hältnisses aus, so ist der andere freiberuflich tätig. Die meisten freiberuflich
Tätigen sind Rechtsanwälte. Außer ihnen sind jene Ärzte zu nennen, die eine
private Praxis unterhalten (für die Ärzte im öffentlichen Dienste ist die Ausübung
30 Radomir Lukit

einer Privatpraxis verboten), sowie die Schriftsteller, Künstler, Ingenieure u. ä. Alle


freien Berufe zusammen bildeten im Jahre 1953 den kleinen Kreis von 8189 Personen.
In einem gewissen Sinne kann man auch den Priesterberuf als einen freien Beruf
betrachten. Der größte Teil der Priester lebt vom Verkauf seiner Dienstleistungen
oder von freiwilligen Gaben der Gläubigen, obwohl die Geistlichen auch ein Ge-
halt von ihrer Kirche beziehen. Im Jahre 1953 gab es 8756 Priester.
Bis jetzt fehlt es noch an eingehenderen Studien über den Stand der freien Berufe.
Was ihre Einkünfte betrifft, so könnte man auf die Steuererklärungen zurück-
greifen. Wie im Falle der Handwerker muß aber bedacht werden, daß diese Doku-
mente nicht ganz zuverlässig sind. Unterdessen kann man sich mit der Annahme
begnügen, daß die freien Berufe durchschnittlich große Einkommen beziehen
dürften, in jedem Falle größere, als es die der Bauern und der Angestellten sind.
Das ist zu verstehen, da auch hier ein Mangel an Fachleuten besteht. Gewiß ist,
daß die Nachfrage nach freiberuflichen Dienstleistungen deren Angebot über-
steigt. Die Ausübung eines freien Berufes wird oft von den begabtesten und fähig-
sten Fachleuten des entsprechenden Sachgebietes (Jurisprudenz, Medizin usw.)
erstrebt, wobei diese Bewerber nicht selten einen ausgeprägten Geschäftssinn
besitzen.
Da die zu den freien Berufen gehörenden Personen Intellektuelle sind, ist ihre
Lebensweise der der intelligenzlerischen Angestellten ähnlich, obwohl sich die
freien Berufe weitaus weniger als die Angestellten in den allgemeinen gesellschaft-
lichen Tätigkeiten engagieren. Allgemein betrachtet kann man sagen, daß das
Leben der Angehörigen der freien Berufe nicht ohne Annehmlichkeiten ist, da sie
z. B. relativ mehr freie Zeit besitzen, an keine Bürostunden gebunden sind usw.
Die freien Berufe besitzen Standesorganisationen, die für ihre beruflichen Be-
lange, für den Schutz der gesellschaftlichen Interessen während der Ausübung
ihres Berufes sowie für den Schutz der Interessen ihrer Angehörigen Sorge tragen.
So sind die Rechtsanwälte in den Anwaltskammern organisiert, die Ärzte in den
Ärztekammern usw., und die Schriftsteller, Künstler, Schauspieler usw. besitzen
ihre Zusammenschlüsse. Über ähnliche Vereine verfügen auch die Priester der
verschiedenen Religionen. In allen diesen Organisationen herrscht das Prinzip der
Selbstverwaltung und der demokratischen Wahl der Verwaltungsorgane.

Die Beziehungen der mittleren Schichten zueinander


und zur Gesellschaft
Informelle Beziehungen

Für eine Beurteilung der gesellschaftlichen Lage der einzelnen mittleren Schich-
ten ist es auch von Bedeutung zu sehen, welche Beziehungen sowohl zwischen
ihnen als auch zwischen den Gruppierungen der Mittelschicht einerseits und den
Die mittleren Schichten im soZialistischen Jugoslawien 31

einzelnen Klassen andererseits bestehen. Mit anderen Worten: Es erhebt sich die
Frage, ob jede einzelne der mittleren Schichten ein in sich geschlossenes Ganzes
darstellt oder ob diese Schichten gegeneinander offen sind, d. h. ob sie mit den
Angehörigen anderer mittlerer Schichten bzw. mit Angehörigen anderer Gesell-
schaftsgruppen überhaupt Beziehungen unterhalten. Besondere Aufmerksamkeit
verdient hier die Frage, ob auch sogenannte informelle Beziehungen zwischen den
verschiedenen Schichten bestehen, also Beziehungen, welche mehr oder weniger
"frei" sind. In ihnen drücken sich nämlich Nähe und Anziehungskraft der ein-
zelnen Schichten aufeinander am leichtesten und am deutlichsten aus.
Leider fehlen bis heute noch ausführlichere Untersuchungen über diese Fragen,
so daß über die ein zulängliches Bild bietenden Details an dieser Stelle noch nichts
mitgeteilt werden kann. In diesem Sinne, nämlich als recht allgemeine Feststellung,
ist zu sagen, daß die einzelnen mittleren Schichten relativ stark geschlossen sind,
d. h. daß der größte Teil der informellen Beziehungen (Geselligkeit, Freundschaft,
Eheschließung, gemeinsame Unterhaltungen usw.) innerhalb der einzelnenSchich-
ten gepflegt wird. Ja, es ist zu beobachten, daß die einzelnen Schichten in Unter-
gruppen zerfallen, deren Angehörige oftmals keinerlei andere Beziehungen
unterhalten als mit Personen jener Untergruppe, der sie selbst angehören. So ver-
kehren z. B. im Rahmen der mittleren Hauptschicht der freien Berufe die Rechts-
anwälte vor allem mit Rechtsanwälten, die Ärzte mit Ärzten usw. Dasselbe gilt
auch für die anderen Hauptschichten : Handwerker verschiedenen Handwerks
verkehren weniger miteinander als Handwerker desselben Handwerks, Angestellte
andersgearteter Dienste weniger als Angestellte desselben Dienstes, höhere Ange-
stellte haben mehr Beziehungen mit ihresgleichen als mit niedrigeren Angestell-
ten usw.
Im übrigen fällt auf, daß die Schichten in einem Verhältnis hierarchischer
Abstufung zueinander stehen, wobei die Übergänge von der mittleren zur oberen
bzw. von der mittleren zur unteren Schicht fließend sind. So pflegen z. B. die
niedrigeren Schichten mehr Beziehungen mit höheren Arbeiterschichten oder mit
Handwerkern als mit höheren Angestellten zu unterhalten usw.
Als Beispiel für Art und Umfang der informellen Beziehungen möchten wir die
Eheschließung und Ehescheidung zwischen Angehörigen verschiedener Schichten
anführen. Da bedauerlicherweise keine Angaben mit einer Einteilung nach den
mittleren Schichten zur Verfügung stehen, so wie wir diese hier vorgenommen
haben, werden wir jene Angaben benutzen, die über die Eheschließung und
Ehescheidung zwischen Angehörigen verschiedener Berufe vorhanden sind, wobei
jedoch Unstimmigkeiten in Kauf genommen werden müssen, weil die an-
geführten Berufsbezeichnungen nicht immer mit den Berufsnamen der mittleren
Schichten, so wie wir sie klassifiziert haben, übereinstimmen.
Im Jahre 1953 schlossen über 97% der Landwirte ihre Ehe mit Landwirtinnen.
Der unbedeutende Rest bezieht sich auf Frauen sämtlicher anderer Gesellschafts-
schichten. Eine solche Zahl zeigt, daß die Landwirte so gut wie gar keine Berührung
mit Frauen anderer Schichten und Klassen besaßen. Daß die Frauen sämtlicher
32 Radomir Luki(

nichtbäuerlicher Schichten und Klassen sehr selten Landwirte heirateten, dürfte


daran liegen, daß sie durch eine Heirat mit einem Bauern einen gesellschaftlichen
Abstieg erleiden. Dieser Erscheinung entspricht, daß nur 77% der Landwirtinnen
Ehen mit Landwirten schlossen, dagegen fast 14% mit Arbeitern und Handwer-
kern und 7% mit Angestellten. Diese Zahlen zeigen, daß die Landwirtinnen be-
strebt sind, nach "oben", d. h. in eine höhere Schicht zu heiraten. Freilich hängt
die hohe Zahl von Heiraten der Landwirtinnen mit Arbeitern mit dem raschen
Ansteigen der Arbeiterschaft zusammen, wobei zu bedenken ist, daß es unter den
Arbeitern mehr Männer als Frauen gibt, so daß die Arbeiter gezwungen sind,
Frauen anderer Berufe zu heiraten. Deren größte Zahl ist nun auch tatsächlich die
der Landwirtinnen.
Frauen aus den Schichten der Angestellten und freien Berufe heiraten in an-
sehnlicher Zahl Männer anderer Schichten. So heiraten z. B. rd. 25% dieser
Frauen Arbeiter, gegenüber nur rd. 3%, die die Ehe mit Landwirten eingehen.
Umgekehrt heiraten männliche Angestellte viel mehr Landwirtinnen (fast 29%)
und weniger Arbeiterinnen. Das ist wiederum verständlich, weil es viel weniger
Arbeiterinnen als Arbeiter gibt.
Aus diesen Angaben sieht man, daß die Berührungen zwischen den mittleren
Schichten relativ häufiger zu werden beginnen. Dasselbe gilt für die Kontakte mit
Angehörigen anderer Gesellschaftsschichten. Die jugoslawische Gesellschaft ist
also mobil und offen.
Was die Ehescheidungen betrifft, zeigen die Statistiken die interessante Tatsache
der großen Beständigkeit der Ehen zwischen Angehörigen der verschiedenen
Berufe, besonders wenn die Frauen Landwirtinnen sind, was als Überraschung
anzusehen ist12 •
Betrachtet man jedoch einmal die Ehescheidungen zwischen Personen hinsicht-
lich deren Schulbildung, so zeigt sich eine interessante Entwicklung 13 •
Im Jahre 1953 bezog sich die weitaus größte Zahl der Ehescheidungen auf Per-
sonen mit hoher Schulbildung. Im Jahre 1957 war demgegenüber die Zahl der
Ehescheidungen zwischen Personen auch niedrigerer Schulbildung bedeutend
angewachsen, so daß nunmehr die Ehescheidungsziffer hinsichtlich Personen mit
hoher Schulbildung zwar noch am größten ist, der Abstand zur Gruppe Personen
mit niedriger Schulbildung sich gegenüber dem Jahre 1953 aber beträchtlich ver-
ringert hat. Das bedeutet, daß die Häufigkeit der Ehescheidungen in den niedri-
geren Schichten ansteigt. Diesem Ansteigen der Zahl entspricht ein Verblassen der
in den unteren Schichten traditionell bewahrten Auffassung der Ehe als eines
Heiligtums, eine Auffassung, die die oberen Schichten schon seit längerer Zeit
preisgegeben haben. Die vorhandenen Zahlen bestätigen also die allgemeine Auf-
fassung, daß die bildungs mäßig heterogamen Ehen erstens weit unbeständiger
12 Diese Angaben sind dem Artikel von V. Milit entnommen: Eheschließung und Ehescheidung
nach Berufen, 1957.
13 Diese Angaben sind dem Artikel von V. Mi/i( entnommen: Eheschließung und Ehescheidung
nach Schulbildung (Schulkenntnis), Belgrad 1959.
Die mittleren S,hichten im soZialistiS&hen jugorlawien 33

sind als die homogamen Ehen, und sie bestätigen zweitens, je größer der Unter-
schied in der Schulbildung, desto größer die Unbeständigkeit. Die Zahl der Schei-
dungen heterogamer Ehen zeigt aber auch, daß Scheidungen solcher Ehen relativ
seltener sind als ihre Schließungen.

Bewegungsvorgänge

Es ist bereits darauf hingewiesen worden, daß sich die jugoslawische Gesell-
schaft in einer intensiven Bewegung befindet, was sowohl hinsichtlich der horizon-
talen als auch der vertikalen Mobilität gilt. Die Bewegungsvorgänge haben vor
allem zwei Gründe: Es sind dies erstens die gesellschaftliche und politische
Revolution, zweitens die beschleunigte Industrialisierung und Urbanisation. Wäh-
rend nun die Revolution, die vor allem die vertikalen Bewegungsvorgänge aus-
löste, bereits in den ersten Nachkriegsjahren weitgehend ihre Ziele erreicht hat
und deswegen heute an ihr Ende kommt, wachsen Industrialisierung und Urbani-
sation weiter an. Die Revolution hat die herrschende kapitalistische Klasse und die
mit ihr verbundenen Elemente gestürzt und die Arbeiterklasse und ihre Verbün-
deten, nämlich das Bauerntum (hauptsächlich das arme und mittlere Bauerntum)
und die Intelligenz, an die Macht gebracht. Wir haben gesehen, welchen Fortschritt
die Revolution vor allem für die verarmten und mittleren Bauern bedeutet: Der
Großgrundbesitz und der größere Besitz überhaupt wurden liquidiert, ein großer
Teil der kleinbäuerlichen Betriebe wurde in Mittelbetriebe umgewandelt und deren
Wirtschaftslage stabilisiert, einem großen Teil der verarmten Bauern wurde es
ermöglicht, in die Stadt zu gehen, um dort ein einträgliches Einkommen, ins-
besondere als Industriearbeiter, zu finden. Schließlich hat die Revolution die Frau
weitgehend von ihrer jahrhundertealten Abhängigkeit befreit und ihr die wirt-
schaftliche, politische und soziale Gleichstellung mit dem Manne gebracht. Das
führte dazu, daß die Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen außerhalb des Hau-
ses rasch anstiegen. Dank der ihnen ermöglichten Qualifikationen rückten viele
Frauen auch in wichtige politische und gesellschaftliche Positionen ein.
Der Prozeß der steigenden Industrialisierung besitzt hinsichtlich der Mobilität
vor allem zwei Folgen, die auch von besonderer Bedeutung für die Stellung der
mittleren Schichten sind. Die erste ist jene, daß eine große Zahl von Landwirten
die Landwirtschaft bzw. das Dorf mehr oder weniger schnell ganz oder teilweise
verläßt, um in der Stadt einem anderen als dem angestammten Beruf nachzugehen.
Dieser Zug in die Stadt bedeutet nicht nur eine Verminderung der zahlreichsten
mittleren Schichten, nämlich die der Kleineigentümer-Landwirte, sondern vor
allem einen Aufstieg in die Arbeiter-, d. h. in die obere Schicht. Eine bedeutende
Zahl solcher das Land verlassenden Kleinbauern tritt aber auch in andere mittlere
Schichten, nämlich in die Schicht der Handwerker, Angestellten und freien Berufe
über. Die zweite Folge ist jene, daß der mit der raschen Entwicklung von Wirt-
schaft und Gesellschaft einhergehende steigende Bedarf an Intelligenz dazu führt,
daß insbesondere die Zahl der Angestellten eine Aufwärtsentwicklung nimmt.
34 Radomir Lukit

Bewegungsvorgänge dieser Art haben selbstverständlich Wirkungen auf nahezu


alle Gebiete des gesellschaftlichen Lebens. Freilich sind sie sowohl positiver
Natur, insofern sich in ihnen der materielle und kulturelle Fortschritt der Gesell-
schaft ausdrückt, als auch negativer Natur, insofern sie zumindest vorübergehend
Normen und die Kontrolle ihrer Einhaltung außer Kraft setzen, was zu einer ent-
sprechenden Destruktion führt. Aber alle diese Fragen sind bisher noch nicht
annähernd untersucht worden, so daß über sie heute noch nichts Bestimmtes ge-
sagt werden kann.
Das massenhafte Verlassen der Dörfer und damit die Verminderung der Schicht
der Kleineigentümer-Landwirte ist die wichtigste und der Zahl nach die eindruck-
vollste Erscheinung der verschiedenen Bewegungsvorgänge. Wir haben gesehen,
daß die landwirtschaftliche Bevölkerung von rd.75% im Jahre 1939 auf unter
50% der gesamten Bevölkerung im Jahre 1961 gefallen ist. In der Zeit der stärksten
Industrialisierung, das sind die Jahre zwischen 1953 und 1960, haben insgesamt
rd. 1300000 Personen die Landwirtschaft verlassen, das ist knapp ein Drittel
mehr als die natürliche Zuwachsrate. Auf die Zeiträume der einzelnen Jahre be-
zogen ergibt sich, daß durchschnittlich jährlich rd. 190000 Personen die Land-
wirtschaft verlassen haben14 • Dabei ist charakteristisch, daß auch die absolute Zahl
der Personen, welche in privaten landwirtschaftlichen Betrieben leben, von 12800
auf 12500 gefallen ist. Es ist dies das erste Mal, daß in der Gesellschaft Jugosla-
wiens eine solche Entwicklung verzeichnet werden konnte.
Die Zahl derjenigen Personen, welche ihren landwirtschaftlichen Kleinbetrieb
verlassen haben, ist jedoch keineswegs identisch mit der Zahl jener Personen,
welche ihre landwirtschaftliche Tätigkeit aufgegeben haben, um in anderen Be-
rufen ihren Erwerb zu finden. Ihre Zahl ist bedeutend größer, da aus den verschie-
densten Gründen (von welchen der wichtigste der sein dürfte, daß die Städte die
in ihnen arbeitenden Personen insbesondere aus Mangel an Wohnungen nicht auf-
zunehmen in der Lage sind) eine große Zahl jener Arbeiter auch weiterhin auf dem
Dorfe bzw. im eigenen, ehemals landwirtschaftlichen Anwesen lebt. So gab es im
Jahre 1960 rd. 1300000 Personen, welche zwar in einem landwirtschaftlichen
Betrieb lebten, aber ständig außerhalb dieses Betriebes beschäftigt waren. Ihre Zahl
war im Jahre 1957 bedeutend kleiner, nämlich 800000, was anzeigt, daß sich der
Prozeß der Zunahme derjenigen Personen, die auf dem Lande leben, aber keiner
ländlichen Tätigkeit nachgehen, beschleunigt. Wie bereits erwähnt, überwiegt
unter ihnen jener Typ der Bauern-Arbeiter15, der auf dem Dorf wohnt und im
städtischen Industriebetrieb - meist als ungelernter Arbeiter - sein Geld verdient.
Es darf als sicher angenommen werden, daß es z. Z. in Jugoslawien mehr als eine
Million solcher Arbeiter gibt. Sind sie zwar einerseits eine interessante Erscheinung,
sie stellen aber andererseits die Gesellschaft vor nicht leicht zu lösende Probleme.
Vor allem stellt sich das Problem der Urbanisation: Denn weder sind die Städte
zur Zeit imstande, eine so große Zahl von ehemaligen Bauern aufzunehmen, noch
14 Vgl. die Berechnung in der Jugoslawischen Rundschau, Nr. 7-8, 1960.
15 Vgl. hierzu insbesondere die Studie von C. Koslit, Bauern-Industriearbeiter, Be1grad 1955.
Die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien 35

erzielen diese Arbeiter in der Regel ein genügend großes Einkommen, um in der
Stadt wohnen zu können. Letzteres ist ja hauptsächlich der Grund, weshalb sie auf
dem Dorf bleiben und ihre kleine Wirtschaft, welche von der Ehefrau versehen
wird, beibehalten, um in ihr eine zusätzliche Einkommensquelle zu besitzen. Nicht
selten aber legt ein solcher Bauern-Arbeiter in seinem Kleinbetrieb selbst mit Hand
an, sei es, daß er es in der freien Zeit tut, sei es, daß er z. Z. dringender landwirt-
schaftlicher Arbeiten von seiner städtischen Arbeitsstelle fernbleibt. Dieser So-
wohl-als-auch-Arbeiter findet aber nicht selten seinen bäuerlichen Sinn wieder,
aus dem heraus er das in der Arbeit außerhalb der Landwirtschaft erworbene Ein-
kommen als zusätzliches Einkommen ansieht, das er in seinem landwirtschaftlichen
Betrieb investiert. Wie mißlich solche Erscheinungen (Unbeständigkeit am Arbeits-
platz, ungenügendes Interesse für seine Arbeit, ungenügende Fachkenntnis und
mangelndes Interesse, sie zu erwerben, gesundheitliche Beeinträchtigungen als
Folge der langwierigen und unbequemen Wege zur Arbeitsstätte usw.) auch immer
sind, so sind sie doch nur die eine Seite eines Sachverhalts, dessen andere insofern
sehr positiv ist, als sie die Erhöhung der Arbeiterzahl ermöglicht, ohne daß dieser
eine entsprechende Urbanisation vorausgehen muß. Deshalb wurde in letzter Zeit
die Politik einer schnellen Liquidierung der negativen Erscheinungen auch in eine
Politik der Aufnahme der Arbeiter in die Stadt verwandelt.
In ihrem Zusammenhang werden vor allem Maßnahmen ergriffen, die einen
Ausgleich des Unterschiedes der Einkünfte in der Stadt und auf dem Land bewir-
ken sollen. Insbesondere der Aufbau der Kleinindustrie auf dem Dorf scheint die
den Bauern-Arbeitern entsprechenden Einkommens- und Arbeitsverhältnisse zu
gewährleisten.
Unter den aufgegebenen Landwirtschaften befinden sich Einheiten jeder Größen-
ordnung. Der konstatierbare Unterschied im Verhalten derjenigen Landwirte, die
ihren Beruf wechseln, liegt vor allem in der Richtung, in der man die neue Tätig-
keit sucht. Die kleineren Wirtschaften z. B. verläßt man als Erwachsener und als
ungelernter Arbeiter; von den größeren wandert man nach seiner Schul- bzw.
Ausbildungszeit ab, während der man sich auf die Tätigkeit als Angestellter oder
als qualifizierter Arbeiter vorbereitet hat.
Diese Arten der Abwanderung sind jedoch im Schwinden begriffen. Man muß
feststellen, daß die gegenwärtig häufigste Form der Aufgabe der landwirtschaft-
lichen Tätigkeit jene ist, daß Jugendliche im Anschluß an ihre achtjährige obliga-
torische Schulzeit, also im 15. Lebensjahr, einen anderen Beruf anstreben. Diese
Jugendlichen verlassen die Dörfer geradezu massenhaft, was dazu führt, daß in
einer Reihe von Dörfern überhaupt keine jungen Leute mehr, und zwar sowohl
Jungen als auch Mädchen, eine landwirtschaftliche Tätigkeit ausüben. Eine solche
totale Abwanderung hat nicht nur eine unverhältnismäßig starke Abnahme der
bäuerlichen Mittelschicht und deren Überalterung zur Folge, sondern führt auch
zu einem Mangel an Arbeitskräften und damit zur Leistungsminderung der be-
troffenen landwirtschaftlichen Betriebe. Vorgänge dieser Art sind besonders in den
zurückgebliebenen Gebieten zu beobachten. Ein deutliches Anzeichen für eine
36 Radomir Lukit

solche Entwicklung ist dort gegeben, wo die Schulen geschlossen werden, weil es
keine Schulkinder mehr gibt, bzw. in den entwickeltsten Gebieten dort, wo der
Prozentsatz der landwirtschaftlichen Bevölkerung auf ungefähr 20% gesunken ist.
In ihnen ist "der Durst nach dem Boden" geschwunden, was selbstverständlich ein
ungeheueres Absinken der Bodenpreise zur Folge hat. In diesem Fall ist es gebo-
ten, entsprechende Maßnahmen für eine rationelle Bearbeitung des Bodens zu er-
greifen, um den einstmals vorhandenen Überschuß an Arbeitskräften wettzumachen.
Das Verlassen der Dörfer ist aber auch durch jene zunehmenden Qualifikationen
motiviert, welche insbesondere die Militärzeit und der Dienst in den verschiedenen
freiwilligen Arbeitseinsätzen (Eisenbahn, Wegebau usw.) vermitteln, an denen die
Dorf jugend teilnimmt. Kurse verschiedenster Art befähigen dazu, künftig in ent-
sprechenden Stellen Beschäftigung zu finden.
Endlich sei wiederholend vermerkt, daß der Grund, aus der landwirtschaftlichen
Tätigkeit auszuscheiden, bei Männern hauptsächlich der der Berufsveränderung
ist, bei Frauen hingegen ist es in aller Regel der Eheschluß mit einem Nicht-
landwirt.
Umfang und Rhythmus des Überganges von einer Schicht in eine andere könn-
ten allein durch gründliche Forschungsarbeiten erkannt werden. Über die sozialen
Bewegungsvorgänge im zeitgenössischen Jugoslawien, die uns besonders interes-
sieren, gibt es aber bedauerlicherweise nur eine einzige Untersuchung, so daß wir
z. Z. immer noch auf Vermutungen angewiesen sind. Diese Studie 16 hat zum
Gegenstand die Veränderungen der Sohnberufe der vor 1939 Geborenen gegenüber
den Vaterberufen.
Aus den Ergebnissen dieser Untersuchung sieht man, daß die jetzigen Landwirte
zu 92% landwirtschaftlicher Abstammung sind, wobei diese nur 63,8% aller Söhne
darstellen, deren Väter Landwirte waren. Das bedeutet, daß eine sehr große Anzahl
von Söhnen, deren Väter Landwirte waren, in nichtlandwirtschaftlichen Berufen
tätig sind. Umgekehrt ist die Zahl der Söhne mit einem landwirtschaftlichen Beruf,
deren Väter nicht Landwirte waren, sehr klein. Von den Personen landwirtschaft-
licher Abstammung, die nicht wieder landwirtschaftlich tätig sind, wanderten nur
25,5% in manuelle, dagegen 10,7% in nichtmanuelle Berufe und eine verschwin-
dend kleine Zahl in Angestellten- und freie Berufe ab, was bedeutet, daß die meisten
von ihnen also Arbeiter und Handwerker geworden sind. Angesichts dieser Tat-
sache, daß 67,3% der Söhne freier Berufe wiederum einen nichtmanuellen Beruf
ausüben, herrscht unter diesen eine geringere Mobilität als unter den Landwirten.
Nur 10,6% der nicht wiederum freiberuflich Tätigen sind Landwirte geworden,
22% haben andere manuelle Berufe ergriffen. Demgegenüber setzen sich die heute
einen nichtmanuellen Beruf ausübenden Personen zusammen aus 40,4% Söhnen
landwirtschaftlicherAbstammung,25% stammen von Arbeitern und Handwerkern
ab und nur 30% von Vätern mit nichtmanueller Tätigkeit. Das zeigt, daß der
Zuwachs, den die nichtmanuellen Berufe haben, sehr groß ist (zwei Drittel).

16 Vgl. V. Milit, Aspekte der sozialen Mobilität in Jugoslawien, Belgrad 1961.


Die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien 37

Die privaten Handwerker hingegen zeigen eine bedeutende Verminderung ihrer


Selbstrekrutierung. Das hat zur Folge, daß 1. die absolute Zahl der Handwerker
zurückgeht und daß 2. eine bedeutende Zahl der Söhne, die von Handwerkern
abstammen, in andere Schichten hinüberwechselt. Dem Rückgang der Zahl der
Handwerker entspricht ein Anwachsen der anderen manuell tätigen Berufsgruppen
(Handarbeiterschichten) wie auch die Zunahme der Zahl der nichtmanuellen
Berufe. Das bedeutet, daß Landwirte und Handwerkersöhne zu diesen Schichten
stoßen. Dabei wachsen die nichtmanuellen Berufe bedeutend schneller
als die manuellen (124% gegenüber 59%). Das zeigt, daß die Zahl der
Angestellten und freien Berufe, d. h. der Intelligenz, bedeutend schneller
ansteigt als die der Arbeiter. Die Angaben zeigen des weiteren, daß die Schicht-
veränderungen, d. h. die Veränderungen der Berufe der heute 20-40jährigen
bedeutend größer ist als die der Personen, welche das 40. Lebensjahr überschritten
haben, woraus ersichtlich ist, daß sich die Bewegungsvorgänge in der jüngsten
Zeit beschleunigt haben. So sind z. B. von den über 40 Jahre alten Personen 73,8%
in der Landwirtschaft geblieben, von den unter 40 Jahren dagegen nur 55%.
Versucht man einmal, in Erfahrung zu bringen, wo die Söhne ländlicher Ab-
stammung hingehen, kann man feststellen, daß die meisten von ihnen Arbeiter und
niedrigere Angestellte werden. 74,5% der jetzigen ungelernten Arbeiter sind land-
wirtschaftlicher Herkunft, ebenso 55% der unteren Angestellten und etwa 49%
der Handwerker. Der Zustrom von Landwirten in andere Berufsgruppen ist klei-
ner, jedoch sind auch etwa 27% der Angestellten mit höherer Schulbildung land-
wirtschaftlicher Abstammung.
Wenn man einmal die Angaben über den Rückgang der Zahl der Landwirte
mit den Angaben über die Größe des Besitzes, welcher verlassen wird, vergleicht,
sieht man, daß der größte Teil derjenigen Personen, der die Landwirtschaft auf-
gibt (43,5%), entweder Bauern sind, die von landwirtschaftlichen Arbeitern (ohne
Besitz) abstammen oder bisher als Mitglieder von Bauernarbeitsgenossenschaften
bzw. als Eigentümer mit einem Besitz bis zu 2 ha lebten. Die den zweitgrößten
Rückgang an Landwirten aufweisende Gruppe ist jene mit dem größten Besitz
(40,3%). Die geringste Abnahme besitzt die mittlere Besitzgruppe. Angehörige
der ersten Gruppe, die der Kleinbesitzer, treten dreimal so oft in manuelle Nicht-
landwirtschaftsberufe über als in nichtmanuelle; aus der Gruppe der Reichen
gehen umgekehrt mehr Personen in nichtmanuelle als in manuelle Berufe über.
Dabei muß erwähnt werden, daß die Angehörigen der armen Landwirte, wenn
sie einmal ihren Beruf gewechselt haben und einer manuellen Tätigkeit nachgehen,
hauptsächlich zu den un- oder angelernten Arbeitern stoßen, und sofern sie einer
nichtmanuellen Tätigkeit nachgehen, in die Gruppe der unteren Angestellten Zu-
gang finden; diejenigen, die aus der Gruppe der Reichen ihren Beruf wechseln,
werden, wenn sie in einen manuellen Beruf übertreten, hauptsächlich qualifizierte
Arbeiter, und in einen nichtmanuellen, vorwiegend mittlere Angestellte.
Umgekehrt wurden aus der Gruppe der ungelernten Arbeiter nur rd. 19%
Landwirte, rd. 21 % hauptsächlich mittlere Angestellte. Nur rd. 22% verblieben
38 Radomir Lukif

in dieser Gruppe. Der Rest verteilt sich auf qualifizierte Arbeiter und andere
manuelle Berufe. Diese Gruppe muß als die beweglichste angesehen werden, da
z. B. 48% der Söhne angelernter und qualifizierter Arbeiter in diesen Berufen ver-
bleiben. Der Rest wechselt zu fast gleichen Teilen in andere manuelle bzw. nicht-
manuelle Berufe, wobei die Söhne qualifizierter Arbeiter das Handwerk bevor-
zugen. Sie stellen heute fast ein Viertel der selbständigen Handwerker.
Die selbständigen (privaten) Handwerker verbleiben nur zu 9% in ihrer Schicht.
63% der Handwerkersöhne, welche ihre Schicht verlassen haben, gehen in andere
manuelle Berufe, 37% von ihnen in nichtmanuelle Berufe. Ein bedeutender Teil
der Handwerker lebt als Arbeiter unter den Landwirten, was sich durch den
Bedarf an handwerklichen Leistungen in den Dörfern erklärt.
Von den Angestelltensöhnen werden rd. 14% Landwirte, rd. 18% angelernte
und qualifizierte Arbeiter. Diese Zahlen sind überraschend hoch. Sie zeigen, daß
die soziale Stellung der unteren Angestellten, besonders auf dem Lande, der der
reicheren Bauern und qualifizierten Arbeiter fast gleich ist. Je höher die Ange-
stellten stehen und je höher ihre Bildung ist, desto weniger stammen sie von
Vätern ab, die Landwirte waren bzw. manuelle Berufe ausüben und umgekehrt.
Was die freien Berufe betrifft, so stehen Angaben nur über Fachleute und
Künstler zur Verfügung. Diese Gruppe ist in besonderer Weise nichtmanuell
tätig. Die Übergänge in nichtmanuelle Berufe sind hier die geringsten von allen
untersuchten Gruppen (gegen 20%). Der Zustrom aus manuell tätigen Berufen
in diese Gruppe beträgt 48%. Der Prozentsatz der Söhne, deren Väter freiberuf-
lich tätig waren und die im freien Beruf verbleiben, ist sehr groß. Da die Gruppe
der freien Berufe aber ständig wächst, ist es verständlich, daß auch die Zahl nicht-
freiberuflicher Herkunften steigt.
Vergleicht man nun die mittleren Schichten einmal miteinander, so erkennt man
auf Grund der mitgeteilten Daten hinsichtlich der Selbstrekrutierung, d. h. hinsicht-
lich der Zahl der Söhne, die in der väterlichen Berufsgruppe verbleibt, daß sich
am stärksten die Landwirte und die freien Berufe aus sich heraus erneuern, weniger
stark die Angestellten und am schwächsten die Handwerker, welche den höchsten
Mobilitätsgrad aufweisen. Aus den angeführten Angaben ersieht man auch, daß
die größten Hindernisse für einen Wechsel aus einem landwirtschaftlichen in
einen nichtlandwirtschaftlichen Beruf bestehen; der Übergang aus den nicht-
landwirtschaftlichen manuellen Berufen in nichtmanuelle Berufe ist beträchtlich
leichter.
Was den Wandel des Charakters einer Gesellschaftsschicht durch berufliche Ver-
änderungen eines und desselben Berufsträgers (Intra-Generationen-Mobilität) be-
trifft, so ist diese viel seltener als die Veränderung des Berufes in bezug auf den
Beruf des Vaters (Inter-Generationen-Mobilität). So haben nur 16% der Personen,
welche 1939 Landwirte waren, ihren Beruf geändert, wobei der größte Teil in die
Arbeiterschaft hinüberwechselte. Ein viel kleinerer Teil (nur 4%) ergriff den
Beruf des (vorwiegend mittleren) Angestellten. Anders sieht es allerdings bei den
Handwerkern aus. Etwa 50% von ihnen haben während ihres bisherigen Arbeits-
Die mittleren Schichten im sozialistischen Jugoslawien 39

lebens den Beruf geändert. Der kleinste Prozentsatz beruflicher Veränderungen


findet sich unter den Angestellten (gegen 12%) sowie den freien Berufen (gegen
14%).
Vergleicht man einmal die Angaben über die soziale Mobilität in Jugoslawien
mit denen über die Bewegungsvorgänge in anderen Ländern, so sieht man, daß
die Mobilität in der jüngeren Generation (von 2~O Jahren), die den höchsten
Grad an Mobilität aufweist, ebenso stark ist wie in den USA, und daß die Bewe-
gungsvorgänge der älteren Generation dasselbe Ausmaß besitzen wie in der
Bundesrepublik Deutschland. Die gesamte Mobilität entspricht derjenigen Schwe-
dens, was bedeutet, daß die jugoslawische Gesellschaft in der letzten Zeit in hohem
Grad mobil geworden ist.
Einige weitere Angaben über die Richtung und das Ausmaß der Bewegungs-
vorgänge zwischen den Schichten erhält man auch durch die Betrachtung der
sozialen Herkunft derjenigen Schüler, die Schulen besuchen, die jenseits der obli-
gatorischen Schulen liegen, bzw. die von noch schulpflichtigen Kindern besucht
werden, die die Voraussetzungen dafür mitbringen (von der man meint, daß dies
bei allen Kindern der Fall ist, was selbstverständlich nicht zutrifft). Leider bestehen
für Jugoslawien in dieser Hinsicht relativ vollkommene Angaben nur für die
höheren Schulen. Für die Mittelschulen sind solche Angaben nur für das Schul-
jahr 1951/52 vorhanden.
Eine solche übersicht zeigt1?, daß die Kinder der Landwirte hauptsächlich die
niederen Fachschulen (53%) besuchen, ein kleinerer Prozentsatz (15%) geht in
Gymnasien, etwa ebenso viele (17%) in Mittelfachschulen. Ähnlich steht es mit den
Kindern der Arbeiter. Die Kinder der Angestellten dagegen besuchen hauptsäch-
lich Gymnasien (über 40%) und Mittelschulen (21 %), der verhältnismäßig geringe
Rest geht in andere Schulen. Annähernd dieselbe Verteilung findet sich bei den
Kindern der freien Berufe. Noch interessanter ist es, die soziale Herkunft der
Schüler einzelner Schularten zu betrachten. über 45% aller Gymnasiasten stam-
men von Angestellten, 4% von freien Berufen, 24% von Landwirten und nur 11 %
von Arbeitern. Wenn man berücksichtigt, wie groß der Anteil der Landwirte an
der Gesamtbevölkerung ist, ist es augenscheinlich, wie relativ wenige ihrer Kinder
Gymnasien besuchen, was ebenso für die Arbeiter gilt. Im Gegensatz dazu
stammt der größte Teil der Schüler der niederen Fachschulen (über 43%) von
Landwirten ab, der zweitgrößte Teil (29%) von Arbeitern. Ähnlich, d. h. in
geringerem Ausmaß, gilt dies für die Mittelfachschulen und die Lehrerbildungs-
anstalten.
Betrachtet man die soziale Herkunft der Studenten der Universitäten in den
Jahren 1951/52 bis 1957/58, so sieht man, daß die Zahl der Studenten, deren Väter
Landwirte sind, von 19,2% im Jahre 1951/52auf25,5% im Jahre 1957/58 gestiegen
ist, und die Zahl derer, deren Väter Arbeiter sind, ähnlich zugenommen hat, näm-
lich von 8,3% auf 11,9% ; demgegenüber ist der Prozentsatz derjenigen Studenten,

17 Vgl. V. Mi/it, Die soziale Herkunft der Mittelschüler und Studenten, Belgrad 1959.
40 Radomir Lukit

deren Väter Angestellte sind, von 51,9% auf 47,5% und der der Kinder freiberuf-
licher Eltern von 3,2% auf 1,9% gesunken. Diese Ziffern zeigen einen Aufstieg
der niedrigeren Gesellschaftsschichten, d. h. der Bauern und Arbeiter, was positiv
zu bewerten ist. Ihr Zugang zu gehobenen Berufen ist jedoch immer noch geringer
als der der Kinder von Angestellten und der freier Berufe. Wenn man die Angaben
über die Stipendien der Studierenden betrachtet, so sieht man, daß die Politik der
Stipendiengewährung dazu beiträgt, den Kindern der Landwirte und Arbeiter
einen immer leichteren Zutritt zu den Universitäten zu ermöglichen. Die Zahl der
Kinder von Landwirten und Arbeitern, denen ein Stipendium zugeteilt wird, ist
viel größer als die entsprechende Zahl der Kinder von Angestellten.

Die gesellschaftlich-politische Bedeutung der mittleren Schichten

Eine allgemeine Betrachtung der gesellschaftlich-politischen Bedeutung und


Funktion auch der mittleren Schichten führt zurück zur Grundlage der jugosla-
wischen Gesellschaft, nämlich ihrer sozialistischen Struktur, innerhalb derer die
Arbeiterklasse den Hauptfaktor der politischen Macht und des Aufbaus des
Sozialismus darstellt. Dank der politischen Organisation des Landes haben die
Werktätigen die führende Rolle übernommen. Die mittleren Schichten erweisen
sich als Verbündete der Arbeiterklasse, unter deren Führung sie stehen, wobei die
Landwirte infolge ihrer großen Zahl und die Angestellten und die freien Berufe
infolge ihrer Fachkenntnis den gesellschaftlichen Fortschritt zu beeinflussen ver-
mögen.
Diese Einflußmöglichkeit dokumentiert sich besonders in der Zusammensetzung
der entsprechenden Organe der Behörden und der gesellschaftlichen Selbstver-
waltung. So wird z. B. die größte Zahl der Wähler und Mitglieder der Organe der
Behörden und Verwaltungen regelmäßig von den Landwirten als der zahlenmäßig
größten Gesellschaftsschicht gestellt. Entspricht für gewöhnlich ihre Quantität
auch nicht der Qualität ihres Einsatzes, so pflegt die Aktivität der Angestellten
um so größer zu sein. Das ist eine verständliche Erscheinung, da die Angestellten
zumeist über die entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten für die Erfüllung
der gesellschaftlichen Aufgaben verfügen.
In jedem Fall steht es fest, daß Zahl und Bedeutung der mittleren Schichten in
Jugoslawien heute groß sind und es auch in der nächsten Zeit bleiben werden.
PROF. DR. HILMI ZIY A üLKEN
ISTANBUL

Einige Ergebnisse der Mittelstandsforschung


in der Türkei

üBERSICHT

Ergebnisse einiger Gemeinde- und Regionalstudien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . .. 42


Die Stadt Manisa ................................ . . . . . . . . . . . .. 42
Die Kleinstadt Sivrihisar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 44
Die Provinz Hatay . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 46
Die Provinz Elazig (Das alte Harput). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 47
Die Stadt Malatya. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 49

Ergebnisse von Untersuchungen über die wirtschaftliche und soziale Lage einiger mittel-
ständischer Berufsgruppen . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . • • . . • . . . • • • • • • • . . . • • 50
Die Landwirtschaft in der Türkei . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 50
Das Handwerk in Istanbul . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
Lebenshaltungskosten und Einkommenssituation einiger mittelstän-
discher Berufsgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

Wie lassen sich die Mittelschichten fördern? . . • . • • • • • . . • • • • .. • • • • • • • • • • • • • • • 54

Aus dem Französischen übersetzt von Mechthild Fischer


42 Hi/mi Ziya Viken

Der nachstehende kurze Berichtl möchte mit elrugen Jungeren türkischen


Untersuchungen über die soziale und ökonomische Lage der Bevölkerung der
Türkei vertraut machen, die sich vornehmlich mit den mittleren Schichten der
Gesellschaft des Landes beschäftigen. Dem Charakter dieser Untersuchungen ent-
sprechend sollen zunächst die Ergebnisse einiger Gemeinde- und Regionalstudien
dargelegt werden. An sie anschließend soll sodann über die Resultate von Unter-
suchungen berichtet werden, die sich mit der wirtschaftlichen und sozialen Lage
einzelner mittelständischer Berufsgruppen befassen.

Ergebnisse einiger Gemeinde- und Regionalstudien

Die Stadt Manisa

Die Gemeinde Manisa (Magnesia) ist eine Mittelstadt Lydiens, in der sich
Momente einer feudalistischen Schichtstruktur mit solchen einer modernen Gesell-
schaft verbinden. Hinsichtlich dieser modernen Schichtverhältnisse unterscheidet
die Verfasserin der Untersuchung 2, Fotmo Ttl{kJngöJ, drei Schichten, die in sich
die folgenden Gruppierungen umfassen:
1. Die Oberschicht, welche sich zusammensetzt a) aus Personen, die nach der Ver-
nichtung der letzten feudalistischen Gruppen aus den Unter- und Mittelschich-
ten aufsteigen konnten; b) aus Angehörigen der alten Oberschicht, die mit der
neuen verschmolzen sind;
2. die Mittelschicht, welche sich zusammensetzt a) aus den vom Abstieg betrof-
fenen Angehörigen der alten Oberschicht; b) aus Personen, die aus der Unter-
schicht aufgestiegen sind und c) aus Angehörigen der alten Mittelschicht, die
mit der neuen verschmolzen sind;
3. die Unterschicht, welche sich zusammensetzt a) aus den deklassierten Angehö-
rigen der alten Ober- und Mittelschicht sowie b) aus den Angehörigen der alten
Unterschicht.
Dieser Überblick macht deutlich, wie verwickelt die Schichtverhältnisse in einer
Stadt sind, die sich in einer sozialen Umbruchsituation befindet und welche
Schwierigkeiten bestehen, die soziale Schichtung genau zu erfassen. Da der Ver-
fasserin keinerlei statistische Materialien zur Auswertung zur Verfügung standen,
versuchte sie, einen Einblick in das Schichtgefüge von Manisa dadurch zu ge-
winnen, daß sie (möglicherweise) schichtspezifisches Verhalten von Einzelper-
sonen beobachtete und beschrieb. Ihr besonderes Interesse galt hierbei den
1 Der Bericht faßt die wesentlichen Ergebnisse eines Beitrages zusammen, den der Verfasser
erstmals in französischer Sprache unter dem Titel: Le Röle Socia! des Oasses Moyennes en
Turquie et en Proche-Orient, Istanbul1958, veröffentlicht hat.
8 Vgl. Fa/mo Ttlfkingöl, Manisa. Monographie einer Mittelstadt, Diss. Istanbul1950.
Einige Ergebnisse der Mittelstandsforschung in der Türkei 43

Besonderheiten der Berufsausübung. An Hand des Kriteriums Beruf konnte die


Verfasserin die folgenden Gruppen in der Stadt Manisa feststellen:

Tabelle 1: Berufe in der Stadt Manisa

Beruf
In % der erwerbstätigen
Bevölkerung

Handwerker und kleine Kaufleute 37


Arbeiter 27
Beamte 16
Pächter und im Gartenbau Beschäftigte 14
Freie Berufe 6

Summe 100

Hinsichtlich der Schichtzugehörigkeit dieser Berufe und ihrer Mentalität ist nun
das Folgende zu sagen. Ein großer Teil der Handwerker und Kaufleute, der
Beamten und der im Gartenbau Beschäftigten sowie eine kleinere Gruppe der
freien Berufe gehören zur Mittelschicht. Dabei ist es nicht verwunderlich, daß die
Beamten allem Modernen zuneigen, während die im Gartenbau Beschäftigten und
die Handwerker konservativ eingestellt sind. Dieser Unterschied wird deutlich in
der Kleidung der Frauen, in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern, in der
Stellung des Mannes in der Familie sowie der Teilnahme der Frau am öffentlichen
Leben.
Um dies ein wenig zu präzisieren, hat die Verfasserin zwischen der oberen, der
unteren und der Mittelschicht im eigentlichen Sinn unterschieden. Hierbei gehören
zur unteren Mittelschicht die Arbeiter, Pächter und Dienstboten. Deren Woh-
nungen sind sehr bescheiden möbliert, und sie haben zumeist weder Elektrizität
noch fließendes Wasser. Im Sommer begibt man sich nicht aufs Land. Nachbarliche
Beziehungen bestehen nur von Frau zu Frau und von Mann zu Mann. Die Männer
besuchen häufig die Cafes. Der Vater ist zugleich der Herr der Familie. In dieser
unteren Schicht spielen die Gegensätze zwischen Einheimischen und Flüchtlingen
sowie zwischen traditionalem und modernem Denken keine Rolle.
Die obere Mittelschicht befindet sich im Zustand eines Überganges. Obwohl
sich das Lebenshaltungsniveau von dem der Oberschicht unterscheidet, besteht
doch eine Tendenz, deren Verhalten nachzuahmen. Der Gegensatz alt - modern ist
bereits recht virulent.
Hinsichtlich der Mittelschicht im eigentlichen Sinn konnte folgendes fest-
gestellt werden. Die Angehörigen dieser Schicht bewohnen überwiegend den
dritten der konzentrischen Ringe der Stadt: In den meisten ihrer Häuser finden
sich Elektrizität, fließendes Wasser und ein Empfangszimmer. Was ihre Mentalität
betrifft, so ist diese bestimmt durch den Gegensatz von traditionaler und moderner
Denkweise. Dementsprechend gehen die Frauen teils in Begleitung ihrer Ehe-
44 Hilmi Ziya OIken

männer, teils allein zum Markt. In den Familien, in denen die Frau emanzipiert ist,
besitzt diese mehrere Kleider, und zwar sowohl für den Alltag als auch für Besuche
oder die Teilnahme an Hochzeiten. Den Sommer verbringen diese modern ein-
gestellten Familien auf dem Lande. Was schließlich den Umgang mit Geld betrifft,
ist zu sagen, daß es in seiner rein wirtschaftlichen Bedeutung zunehmend erkannt
wird. In ihren Beziehungen zur sozialen Umwelt endlich richtet sich die mittlere
Mittelschicht weitgehend nach den Wertungen der Oberschicht, obwohl das
Familienleben Formen besitzt, die vielfach denen der unteren Mittelschicht ent-
sprechen. So schwankt diese mittlere Schicht, wenn nicht die mittleren Schichten
überhaupt, in ihrer Mentalität zwischen einer Bewunderung der Höherstehenden,
ein Gefühl, das bisweilen mit Verachtung und Neid gemischt ist, und einem mit
Mitleid gemischten Stolz gegenüber den Tieferstehenden und besitzt einen ge-
wissen Schwerpunkt in der Solidarität mit denjenigen, die der eigenen Schicht
zugehören. So ist es wohl nicht zuletzt diese labile Situation, die am deutlichsten ei-
nen sozialen Wandel von der traditionalen zur modernen Lebensform erkennen läßt.
Was die Besitzerverhältnisse betrifft, konnte die Verfasserin ermitteln, daß in
Manisa rd. 68% der erwachsenen Bevölkerung Grundeigentümer sind. Gliedert
man den Besitz an Grund und Gebäuden einmal nach den Berufsgruppen auf, dann
ergeben sich folgende Zahlenverhältnisse :

Tabelle 2: Grund- und Gebäudebesitz der Berufe in Manisa

Beruf Grund- und Gebäudebesitz


in %

Freie Berufe 73,3


Beamte 59,3
Handwerker und kleine Kaufleute 70,0
Im Gartenbau Beschäftigte 94,2
Arbeiter 44,2

An diesen Zahlen fällt auf, daß die Landarbeiter einen größeren Grundbesitz
aufweisen als die freien Berufe, die Handwerker und die Kaufleute. Weiß man, daß
diese durchaus wohlhabender sind und zum Teil der Oberschicht angehören, dann
wird klar, daß Grundeigentum also keineswegs immer ein Zeichen von Reichtum
bedeutet.

Die Kleinstadt Sivrihisar

Die von Feriha Alt!)' verfaßte Monographie über Sivrihisar3 beschreibt die Lage
der Mittelschichten in einer Kleinstadt Mittelanatoliens zwischen Ankara und
Eskischehir. In Sivrihisar leben die Bauern in den an der Peripherie der Stadt
3 Vgl. Feriha Alay, Sivrihisar. Monographie einer Kleinstadt, Lizentiatsthese, Istanbul1951.
Einige Ergebnisse der Mittelstam/sforschung in der Türkei 45

liegenden Vierteln. Diejenigen Einwohner, die ihre Felder nah bei der Stadt haben,
gehen täglich hinaus, während die anderen, deren Ländereien in weit entfernten
Dörfern gelegen sind, im Sommer ihren Wohnsitz auf diesen Dörfern und im
Winter in der Stadt haben. Im inneren Stadtring leben die Handwerker und
Beamten: Im Zentrum befindet sich der Markt mit seinen 164 Läden und Ge-
schäften.
Zwischen 1936 und 1945 nahm die Einwohnerzahl ständig zu, während sie
danach stagnierte und seit 1950 sogar abnimmt. Es waren die Reichsten und die
.Ärmsten, die in die anziehenden Großstädte der Umgebung übersiedelten: Die
Stadt liegt nämlich im wirtschaftlichen Kraftfeld von Eskischehir, Ankara und
Polath. Die Armen suchen sich in Eskischehir und Ankara, ja sogar in Istanbul,
Arbeit, während die wohlhabenden Leute, also die Mittelschichten, mehr dazu
neigen, ihren ländlichen oder städtischen Grundbesitz zu behalten.
Auf die Familie bezogen gliedert sich die Bevölkerung in die folgenden Berufs-
gruppen:
Tabelle 3: Berufsgruppen in Sivrihisar
Beruf Anzahl der Familien

Beamte und Angestellte 300


Handwerker 261
Kaufleute 47
kleine Händler 460
ein ambulantes Gewerbe Treibende 200
Bauern 432

Gesamtzahl der Familien 1700

Mit Ausnahme eines Teiles der Bauern können alle genannten Berufe zur Mittel-
schicht gerechnet werden.

Die Verteilung des Grundbesitzes zeigt folgende Verhältnisse :

Tabelle 4: Grundbesitz in Sivrihisar

Größe des Grundbesitzes in Morgen Anzahl der


landwirtschaftlichen Betriebe

bis zu 50 2114
51 bis 100 1810
101 bis 500 2230
501 bis 5000 210
mehr als 5000 6

Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Betriebe 6370


46 Hilmi Ziya Vlken

Rechnet man die Gruppe "bis zu 50 Morgen" zur Unterschicht und die Gruppe
"mehr als 5000 Morgen" zur Oberschicht, dann läßt sich sagen, daß der Boden
durch 4250 zur Mittelschicht zu zählende Betriebe bebaut wird.
Die Mechanisierung der Landwirtschaft begann 1937 mit der Einrichtung land-
wirtschaftlicher Kombinate. Seit der Verteilung der Maschinen ist eine starke Zu-
nahme der Produktion in den privaten landwirtschaftlichen Betrieben zu verzeich-
nen. Dennoch ist in der Unter- und Mittelschicht der Rückgriff auf magische
Praktiken zur Steigerung der Fruchtbarkeit der Felder im Schwange: Die Bauern,
ja sogar auch Städter besorgen sich sogenannte Bambul-Erde vom Mausoleum des
heiligen Bambul, die sie in der Überzeugung auf die Felder streuen, auf diese Weise
einen höheren Ertrag zu erzielen.
Die Steuerlisten zeigen, daß der Hauptanteil der Steuern von den Handwerkern,
den Bauern und den Beamten aufgebracht wird; daraus folgt, daß hauptsächlich
die Mittelschichten die Steuerlast tragen.
Der Vergleich zwischen Manisa und Sivrihisar zeigt, daß der kulturelle Wandel
in der Türkei von Westen nach Osten zu abnimmt. Dabei ist dieser Wandel bei
den Mittelschichten des Westens am deutlichsten spürbar, während er bei den
Ober- und Unterschichten weniger ausgeprägt ist. In diesem Sinne stellt die
Gemeinde Sivrihisar ein gutes Beispiel für die Resistenz von Sitten und Gebräu-
chen gegenüber dem kulturellen Wandel dar, weshalb sich diejenigen Bewohner,
die sich einer modernen Denkweise verschrieben haben, veranlaßt sahen, die
Stadt zu verlassen.
Die Provinz Hattry
Wie sowohl Untersuchungen' unserer Schülerin Kadriye Sagun wie auch persön-
liche Beobachtungen zeigen, besitzt die Provinz Hatay mit ihrer Hauptstadt
Antakya (Antiochia), die im südlichsten Teil des Landes liegt, ein gänzlich anderes
Gepräge als die übrigen Provinzen der Türkei. Die Volkszählung von 1950 er-
mittelte 36676 Einwohner in den Städten und 209601 in den Dörfern. Die Dif-
ferenzierung der erwerbstätigen Bevölkerung nach Berufsgruppen zeigt die
Tabelle 5 auf Seite 47.
Ein Fünftel der Bauern, fast alle Handwerker, ein Viertel der freien Berufe
sowie das Gesamt der Beamten und Angestellten bilden die mittlere Schicht. Dies
Verhältnis zeigt, daß die Mittelschichten im Vergleich zum Westen und zum
Zentrum des Landes relativ schwach sind. Dagegen besitzt eine Minderheit
reicher Grundbesitzer ausgedehnte Domänen, auf denen eine große Zahl von
Dorfbewohnern als Verwalter und Pächter beschäftigt wird. Der starke Unter-
schied zwischen Ober- und Unterschicht in bestimmten Gebieten erklärt sich aus
dem Gegensatz ethnischer Gruppen: Die Mehrheit sind Türken, neben denen es
Nusayriten, Fellachen und Armenier gibt. Eigentümer und Pächter gehören dabei
jeweils zu einer der sich feindlich gegenüberstehenden Gruppen. Die kulturelle
4 Vgl. Kadriye Sagun und Hilmi Ziya Vlken, Antakya und die Provinz Hatay, Istanbul o. J.
Einige Ergebnisse der Mittelstandsforschung in der Türkei 47

Tabelle 5: Berufe in der Provinz Hatay

Berufe I Erwerbstätige Bevölkerung


weiblich I männlich

Bauern 14297 47956


Industrie, Kleinindustrie und Handwerk 616 6795
Handel 95 3598
Nachrichtenwesen 28 2095
Öffentlicher Dienst und freie Berufe 373 8743
Hauswirtschaft und persönliche Dienste 399 122

Erwerbstätige insgesamt 15808 69309

Heterogenität steigert die Spannungen zwischen den Schichten. Seit dem Jahre
1937 hat sich jedoch das Gesicht dieses Gebietes dank der öffentlichen Aufklärung
gewandelt 5 • Es scheint, als ob die Parzellierung des Bodens und die Propagierung
der türkischen Sprache diesen sozialen Konflikt bereinigt hätte. Betrachten wir
sodann noch einmal die obenstehende Tabelle, dann sehen wir, daß der Anteil der
Frauen sowohl an der landwirtschaftlichen Arbeit als auch in den anderen Wirt-
schaftszweigen auffallend gering ist - ausgenommen die Hauswirtschaft. Es
hängt dies wohl mit dem sehr unzureichenden Bildungsniveau der Frauen und
dem Zwang der patriarchalischen Familie zusammen.

Die Provinz Elazig (Das alte Harput)

Die Provinz Elazig (das alte Harput) wurde von Ishak Sungur untersucht 6 • Die
Volkszählung von 1945 stellte für dieses Wilajet 7 mit seinen sechs Präfekturen
eine Einwohnerzahl von 198081 fest, wovon 96934 Personen weiblichen und
101147 männlichen Geschlechts waren. Die Aufgliederung der erwerbstätigen
Bevölkerung nach sozialen Schichten gibt folgendes Bild:

Tabelle 6: Schichtverhältnisse in der Provinz Elazig

Erwerbstätige Bevölkerung
Schicht
absolut in %
Oberschicht 5571 5,5
Mittelschicht 32866 32,5
Unterschicht 62710 62,0
Insgesamt 101147 100,0

5 Vgl. Hilmi Zfya alken, De l'Heterogeneite Ethnique a l'Homogeneite Culturelle (Communi-


cation prononcee durant le Deuxieme Congres Mondial de sociologie a Liege en 1953).
6 Vgl. Ishak Sungur, Elazig (und das alte Harput), Monographie einer Stadt, Istanbul 1956.
7 Verwaltungsbezirk in der Türkei (Anm. d. Übers.).
48 Hilmi Ziya {)fken

Nach Berufen aufgegliedert ergibt sich das folgende Bild:

Tabelle 7: Berufe der Oberschicht in der Provinz Elazig

Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung


Beruf
absolut I in %

Großgrundbesitzer 6
Fabrikanten 3
große Kaufleute 5057 5,0
freie Berufe 505 0,5

Insgesamt 5571 5,5

Tabelle 8: Berufe der Mittelschicht in der Provinz Elazig

Anteil an der erwerbstätigen Bevölkerung


Beruf
absolut in %

Beamte 1512 1,5


kleine Kaufleute 7080 7,0
Handwerker 3034 3,0
freie Berufe 1011 1,0
kleine Grundbesitzer 20229 20,0

Insgesamt 32866 32,5

Tabelle 9: Berufe der Unterschicht in der Provinz Elazig

Beruf I Anteilabsolut
an der erwerbstätigen Bevölkerung
in %

Pächter, Verwalter 30344 30,0


Arbeiter 7080 7,0
persönliche Dienste 25286 25,0

Insgesamt 62710 62,0

Diese Tabellen machen deutlich, daß die Mittelschichten in der Provinz Elazig
(Harput) nur ein Drittel der Gesamtbevölkerung umfassen. Arme, kein Eigentum
besitzende Personen, Pächter, Dienstboten und Arbeiter sind doppelt so zahlreich,
und zur Oberschicht zählen nur rund 5% der Bevölkerung. Allerdings kann jener
Bruchteil der Unterschicht, die über einen kleinen Besitz verfügt, als der Mittel-
schicht sehr nahestehend bezeichnet werden. Freilich sind die Aufstiegsmöglich-
keiten nicht sehr groß. So verwundert es nicht, wenn sich in der Unterschicht
mehr und mehr die Tendenz verstärkt, die Region zu verlassen, sei es zur Saison-
arbeit, sei es, und das ist weitaus häufiger der Fall, um sich in Industrie- und
Handwerkszentren wie Zonguldak, Adana, Izmir oder Ankara niederzulassen.
Einige Ergebnisse der Millelslemdsforschung in der Türkei 49

Viele wandern auch in fremde Länder aus, und zwar insbesondere nach Ägypten
und den USA. Dies dürfte seinen Grund vor allem in der vor 40 Jahren erfolgten
Umsiedlung des alten Harput bzw. der Neugrundung der Stadt Elazig haben, die
nunmehr an der Landstraße nach Bagdad liegt und in der eine amerikanische
Schule gegründet wurde, welche es ihren Absolventen leicht macht, Arbeit im
Ausland zu finden.

Die Stadt Malatya

Die Stadt Malatya, die 1951 von uns selbst untersucht worden ist8 , ist eine in
Zentralanatolien gelegene Mittelstadt von rd. 54000 Einwohnern. Ihr Schicksal
ist dem der Stadt Elazig nicht unähnlich. Denn wie es ein altes und neues Harput
gibt, so gibt es auch ein altes und ein neues Malatya. Als moderne Stadt verdankt
Malatya seine Existenz dem Umstand, daß im alten Malatya während des türkisch-
ägyptischen Krieges vor rd. einhundert Jahren von der Armee die Winterhäuser
belegt worden sind, wodurch die Bevölkerung gezwungen wurde, ihre in der
Nähe, nämlich in Nizip, gelegenen Sommerhäuser, in denen sie sich während der
sommerlichen Feldarbeit aufhielten, stabiler zu bauen. Hand in Hand damit ging
freilich auch eine Abkehr von der landwirtschaftlichen Tätigkeit und die Hin-
wendung zu einer intensiven Gartenbauwirtschaft. So wurden die Bewohner von
Malatya bedeutende Obst- und Opiumproduzenten. In diesem Sinne haben sie
also eine der Entscheidung der Bevölkerung von Elazig genau entgegengesetzte
Konsequenz aus ihrem Schicksal gezogen, insofern sich Elazig ja geradezu zu
einem Zentrum der Ab- und Auswanderung entwickelt hat. So könnte man sagen,
daß die Bewohner von Malatya mit der von ihnen entfalteten unternehmerischen
Initiative und wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit die in ihrer Stadt lebendige
Tradition fortführten, indem sie den verehrten mittelalterlichen Typ des kriege-
rischen Helden und des Heiligen in den Typ des modernen Kaufmanns und
Politikers gewandelt haben.
Die Gesamtzahl der Geschäfte in der Stadt (2027) gibt einen Anhaltspunkt für
die Zahl der Handwerker und kleinen Kaufleute. Diese von der Handelskammer
für 1951 ermittelte Zahl mag bis 1955 auf 2250 angestiegen sein, zumal die hand-
werkliche Aktivität in Malatya sehr lebhaft ist. Da der größte Teil der Handwerker
nun auch noch Gärten und Häuser besitzt, darf man wohl sagen, daß etwa 60%
der Bevölkerung zur Mittelschicht zählen. Es ist dies das Maximum an mittel-
ständischer Bevölkerung unter den von uns bisher untersuchten Städten.
Je weiter man nach dem Süden der Türkei kommt, desto mehr zeigt sich eine
zunehmende Ausdehnung des Großgrundbesitzes, eine Abnahme kleinerer Be-
triebsgrößen und damit ein Rückgang der Mittelschichten. Ein Großteil der alten
Gewerbe ist im Niedergang begriffen. In Antep beispielsweise schrumpfte die
Zahl von einstmals 6000 Handwerkern auf heute 200. Vernichtete die moderne

8 V gl. Hilmi Ziya O/ken, Malatya. Eine Studie über die Verpflanzung einer Stadt, Istanbul o. J.
50 Bilmi Ziya alken

Industrie viele traditionelle Handwerkszweige, so schuf sie andererseits doch frei-


lich auch neue; dieser Ausgleich ist vornehmlich in den industriellen und land-
wirtschaftlichen Zentren, wie z. B. in Adana spürbar. Diese Stadt hat geradezu
einen Überfluß an Geschäften für Zubehörartikel, an Werkstätten für Maschinen-
reparaturen, elektrische Apparate, Radiogeräte usw.

Ergebnisse von Untersuchungen über die wirtschaftliche


und soziale Lage einiger mittelständischer Berufsgruppen

Die Landwirtschaft in der Türkei

In der Türkei gehen heute Dreiviertel der erwerbstätigen Bevölkerung einer


landwirtschaftlichen Tätigkeit nach. Hinsichtlich dieser Personen muß man unter-
scheiden 1. diejenigen, die ausschließlich vom Ackerbau leben, 2. diejenigen, die
sowohl vom Ackerbau als auch von Viehzucht leben, sowie 3. schließlich die-
jenigen, die sich ausschließlich durch die Viehzucht ernähren.
Mit der Tatsache, daß die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in der
Landwirtschaft tätig ist, hängen aufs engste die Probleme des sozialen
Wiederaufstiegs der Mittelschichten zusammen: Die Unzulänglichkeit der
Produktionsmittel, der Bewässerungs- und Stauungsanlagen, der Mittel der
Bodenmelioration sowie schließlich die Unzulänglichkeit der agrarwirtschaftlichen
Kenntnisse. Sie sind die Hauptgründe für die Verspätung in der agrarischen Ent-
wicklung der Türkei. Nach Auffassung von Omer Lutfi Barkan könnte allein eine
umfassende Bodenreform die Schwierigkeiten überwinden. Soll jedoch einer sol-
chen Umverteilung des Bodens in einem Lande des Vorderen Orients ein Erfolg
beschieden sein, so muß man freilich den sehr unterschiedlichen Bodenverhält-
nissen in den einzelnen Regionen genauestens Rechnung tragen. Denn es gibt
zahlreiche Fälle, in denen durch eine schematische Umverteilung nur neue
Schwierigkeiten entstanden sind. Ich denke etwa an die übergabe größerer Anbau-
flächen, die ohne den Einsatz von Landmaschinen nicht bearbeitet werden können.
Mit welchen Mitteln sollen sich die Bauern diese Maschinen aber beschaffen? Da
nur zu oft die entsprechenden Gelder fehlen, werden nicht wenige Bauern ge-
zwungen, sich hoch zu verschulden bzw. Pächter ihres eigenen Grundes und
Bodens zu werden. Hinzu kommt sodann ein zweites: Durch die Einführung
landwirtschaftlicher Maschinen wird eine nicht unbeträchtliche Zahl von Land-
arbeitern arbeitslos. Dies aber bedeutet nicht weniger, als daß zahlreiche kleine
Hofbesitzer und Pächter ihrer Existenzgrundlage beraubt werden. Aus diesem
Zusammenhang erklärt sich schließlich das Problem der Binnenwanderungen, das
das türkische Wirtschaftsleben außerordentlich belastet.
Werfen wir schließlich noch einen Blick auf die gesetzlichen Vorschriften,
durch die die Türkei ihre Agrarprobleme zu regeln versucht hat. Der erste Versuch
Einige Ergebnisse der Mittelstandsfarscbung in der Türkei 51

einer Bodenreform wurde im Jahre 1929 unternommen. Er erstreckte sich jedoch


ausschließlich auf die östlichen Landesteile. Ein zweites Gesetz aus dem Jahre 1934,
das freilich in erster Linie der Ansiedlung der Flüchtlinge von Roumeli galt, ent-
hielt nichtsdestoweniger auch zahlreiche allgemeine Bestimmungen über die Zu-
teilung von Boden an Neusiedler. Indessen handelte es sich bei diesen Bemühungen
um nicht mehr als nur erste Versuche. Aus diesem Grunde kann man den
aus dem Jahre 1935 stammenden Gesetzesvorschlag über die Ansiedlung
und Bodenverteilung als ersten konsequenten Versuch der Lösung des Agrar-
problems betrachten. Freilich verzögerte sich seine Diskussion und Verabschie-
dung beträchtlich, wofür vor allem die Ergebnisse des zweiten Weltkrieges
verantwortlich zu machen sind. So wurde das Gesetz erst 1945 angenommen. In
Anwendung dieses Gesetzes gelangten staats- und gemeindeeigene sowie herren-
lose Besitzungen zur Verteilung. Der Anbaufähigkeit der Böden Rechnung
tragend sowie Angebot und Nachfrage berücksichtigend, bestimmte das Gesetz
im einzelnen, daß der Boden zuzuteilen sei a) an solche Personen, die vollständig
besitzlos sind, b) an solche, die als Arbeiter beschäftigt werden, sowie c) an Flücht-
linge und Einwanderer, die bereits Pächter oder dergleichen sind. Würde dieser
Weg, der Rücksicht nimmt auf die geographischen, historischen und sozialen
Bedingungen der einzelnen Provinzen der Türkei, auch in der Zukunft beschritten
werden, dann möchte man hoffen, daß der soziale Aufstieg der kleinen Hofbesitzer
in diesem unterentwickelten Gebiet keine Unmöglichkeit mehr darstellt.

Das Handwerk in lstanbul

In seiner Studie "Das Handwerk in Istanbul" hat Orhan Tuna Statistiken aus den
Jahren 1927 und 1935, die Industriezählung der Jahre 1935 bis 1939 sowie die
Register der Handelskammer von Istanbul ausgewertet (ambulante Händler und
Großbetriebe wurden dabei nicht erfaßt), um dabei zu den folgenden Ergebnissen
zu kommen. In 29 Handwerkszweigen sind in Istanbul insgesamt 42750 Personen
tätig. Diese Zahl macht 17% der Erwerbsbevölkerung der Stadt aus. In der
Industrie (also Arbeiter und Kapitalisten) sind 95200 Personen tätig.
Eine ökologische Karte des Handwerks in Istanbul gibt es zur Zeit noch nicht.
Wir müssen uns deshalb mit einigen sporadischen Beobachtungen zufriedengeben.
Wie bekannt, waren im Mittelalter die Gewerbe in überdachten oder offenen
Bazarkernen konzentriert, die fast das ganze Zentrum der Altstadt einnahmen.
Einige Zünfte waren in großen Gebäuden, Khans oder Kapans genannt, unter-
gebracht. Seit etwa 30 Jahren haben sich diese Kerne teilweise auf die verschie-
denen Stadtviertel verteilt, dem Trend zur funktionalen Differenzierung innerhalb
der Stadt entsprechend.
Zum berufsständischen Organisationswesen des Handwerks ist das Folgende zu
sagen. Da es keine gesetzlichen Vorschriften über eine Zwangs mitgliedschaft der
Handwerker in den Standesorganisationen gibt, sind die meisten von ihnen auch
52 Hilmi Ziya Olken

nicht beruflich organisiert. Diese Tatsache, die auf ein schwaches Berufsbewußt-
sein schließen läßt, kann schädliche Wirkungen für die Angehörigen des Hand-
werks haben und der Rolle abträglich sein, die sie in den städtischen Mittel-
schichten spielen müßten. So sollten, um die gegenwärtige Lage zu bessern,
einerseits die Gesetze und Verordnungen um Vorschriften erweitert werden, die
diese Fragen zum Gegenstand haben, andererseits müßten die staatlichen und
privaten Unterstützungen verstärkt und eine rege geistige Aktivität zur Weckung
eines Schichtbewußtseins entfaltet werden.
Ist es zwar erfreulich, daß das Handwerk in Istanbul eine Reihe von Selbsthilfe-
einrichtungen besitzt wie etwa das Handwerkerkrankenhaus, die finanzielle Hand-
werkerhilfe, das Beratungsbüro, das Junggesellenwohnheim der Handwerker und
die Genossenschaft der Kleinindustrie, so ist doch zu beklagen, daß es an Staats-
subventionen, Subventionen durch die Großindustrie, Institutionen der profes-
sionellen Solidarität wie z. B. Handwerkssyndikate, Produktions- und Konsum-
genossenschaften, Bankkredite usw. durchaus noch fehlt. Aber alle diese Förde-
rungsmaßnahmen wären notwendig, um das Handwerk leistungsfähig zu machen
bzw. zu erhalten, damit dieses seine Funktionen erfüllen kann wie etwa Maschinen-
reparaturen, Montage, Installation, Tapezierung, Tischlerei, Dekoration usw. Mag
ausländisches Kapital aus verständlichen Gründen an diesen handwerklichen Lei-
stungen kein Interesse besitzen, so sollten doch aber türkische Unternehmer sowie
die Regierung den Wert des Handwerks erkennen und zu seiner Stärkung bei-
tragen.

Lebenshaltungskosten und Einkommenssituation einiger


mittelständischer Berufsgruppen

Das statistische Institut der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni-


versität Istanbul hat im Jahre 1954 in Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer
Istanbul die Lebenshaltungskosten der städtischen Beamten und Angestellten
untersucht. Da es sich nur um eine Stichprobenerhebung handelt, lassen sich keine
exakten Angaben für alle Beamten machen. Immerhin konnten 80350 Haushalte
nach der beruflichen Stellung des Haushaltungsvorstandes wie folgt aufgegliedert
werden: Hohe Beamte und technisches Personal 6000, Büroangestellte 15990,
Arbeiter und Diener, einschließlich Meister 58360 Haushalte. Die erste und die
zweite Kategorie sowie ein kleiner Teil der dritten zählen zu den Mittelschichten.
Von den Beamten beziehen diejenigen, die in den amtlichen Dienststellen tätig
sind (3740), ein monatliches Durchschnittseinkommen von 485 Türkischen Pfund
(T:E), diejenigen, die bei Banken und in Versicherungen arbeiten (350), 640 T:E,
diejenigen schließlich, die in den dem Arbeitsgesetz entsprechenden Körper-
schaften arbeiten (1710), beziehen ein Durchschnittseinkommen von 1231 T:E.
Das monatliche Durchschnittseinkommen der Angestellten beläuft sich auf
282 T:E, der Lohn der Arbeiter auf207 T:E; der Gesamtdurchschnitt liegt bei 247 T:E.
Einige Ergebnisse der Mittelslandrforschung in der Türkei 53

Da die Untersuchung über das Monatseinkommen einer Beamtenfamilie im


Jahre 1954 durchgeführt wurde, in einem Jahre, in dem auch die Lebenshaltungs-
kosten ermittelt wurden, ist ein Vergleich möglich. Dieser bietet das folgende
Bild: Nach den Angaben der Revue für Konjunkturprobleme lag der mittlere Index
der Lebenshaltungskosten für eine dreiköpfige Familie im Jahre 1954 bei 426,
während das Durchschnittsgehalt eines höheren Beamten 485 T:E betrug. So dürfte
das Gehalt eines höheren Beamten 1954 ausgereicht haben, um die monatlichen
Ausgaben für die Lebenshaltung zu decken. Die unteren Beamten dagegen, deren
Gehalt sich im Durchschnitt nur auf 250 T:E belief, benötigten eigentlich noch zu-
sätzlich 176 T:E, um die Ausgabenlücke zu schließen, eine Lücke, die bei den unteren
Beamten noch wesentlich größer war, die am Anfang ihrer Karriere standen.
Wenn man die niedrigsten Einkommen der Angestellten und Vorarbeiter mit
dem gleichen mittleren Index der Lebenshaltungskosten vergleicht, werden die
Ergebnisse noch unangenehmer. Dabei muß daran erinnert werden, daß der Index
der Lebenshaltungskosten seit 1951 ständig stieg. Im Jahre 1938 belief er sich auf
202. Stieg er zunächst erst langsam an, so erhöhte er sich seit 1945 in immer
lebhafterem Tempo. 1953 lag er bei 389, 1954 schnellte er auf 426 hinauf. Dieser
schnellen Zunahme der Lebenshaltungskosten (die von einigen Wirtschaftswissen-
schaftlern als Inflation interpretiert wird) entsprach keineswegs eine parallele
Aufwärtsbewegung der Beamtengehälter, so daß die Kostendeckung in dieser
Gruppe immer schwieriger wurde.
Was die Einkommen der Handwerker betrifft, so ist zu sagen, daß es sehr schwierig
ist, deren Gewinne zu ermitteln. Muß man zwar annehmen, daß die Verteuerung
der Rohstoffe das Handwerk zunächst arg bedrängt hat, so konnte dieser Wirt-
schaftszweig doch alsbald seine Unkosten decken, wenn er nicht sogar durch
überhöhte Preise größere Gewinne erzielen konnte als vordem.
Zahlen aus dem Jahre 1938, die das türkische Wirtschaftsministerium veröffent-
licht hat, vermitteln über die Lebenshaltungskosten der türkischen Landwirte das
folgende Bild. Der Reingewinn eines Landwirtes in Zentralanatolien beträgt etwa
1000 T:E jährlich. Ein Drittel dieser Summe wird für Haus und Hausrat ausgege-
ben, ein Drittel für die Felder und ein Drittel für Vieh, Maschinen usw. Landwirt-
schaftliche Maschinen machen 7% des Vermögens aus. 6% davon betrugen die
Verschuldungen - eine sehr niedrige Zahl, die sich wohl aus dem Mangel von
besonderen Landwirtschaftskrediten erklärt. Vom jährlichen Bargeldbedarf
(200 T:E) wurden zwei Fünftel für den häuslichen Bedarf und drei Fünftel für
Betriebsausgaben aufgewandt. Für eine Familie waren im Durchschnitt Aus-
gaben in Höhe von 260 T:E erforderlich; für eine Einzelperson 36 T:E (1936
waren es noch 32 T:E). Dabei betrugen die Ausgaben für Nahrungsmittel 60%
(für ein Agrarland ist diese Zahl sehr hoch; in Dänemark etwa betrug sie 33%).
Schichtspezifische Angaben sind die folgenden: Beim Aufstieg in die Mittel-
schicht wächst der Brotverbrauch von 216 auf 425 kg, während an Gemüse in
der unteren Schicht 8 kg, in der Mittelschicht 67 kg verzehrt werden. Ist bekannt,
daß in den meisten Ländern Westeuropas die Ausgaben für Vergnügen, Reisen
54 Hilmi Ziya Olken

und Hygiene (der sozialen Rangfolge entsprechend) bis zu 30% des Einkommens
ausmachen, so betrugen sie in einem ländlichen Haushalt Zentralanatoliens
nur 6%.

Wie lassen sich die Mittelschichten fördern?


Ist man überzeugt davon, daß die mittleren Schichten eine lebenswichtige Funk-
tion in der Gesellschaft zu erfüllen haben, dann ist man vor die Frage gestellt, wie
die dem Mittelstand angehörenden Gruppen am besten gefördert werden können.
Bedenkt man einmal unter diesem Gesichtspunkt die Situation in der Türkei, dann
möchte man meinen, daß alle Förderungsmaßnahmen an den überkommenen
beruflichen Solidaritäts einrichtungen ansetzen sollten. Denn hier könnte sich die
rationale europäische Denkweise mit den Elementen des türkischen National-
charakters verbinden. Es darf ja nicht vergessen werden, daß die heutige euro-
päische Zivilisation im Schoß ihrer eigenen Tradition geboren worden ist. Sie
sich schematisch ausbreiten zu lassen bedeutete nichts anderes als die Zerstörung
der nichteuropäischen nationalen Traditionen, durch welche die unterentwickelten
Länder hinsichtlich ihrer Kultur zur Tabula rasa würden. Wie es scheint, wird nun

Geographischer Überblick über die Lage der untersuchten Gemeinden und Regionen

Sowjet . Un ion

Zonguldak

(1) Anlura
•Sivrihisar Türkei

Ad:ana. .
o ---
~~
Syrien

aber gerade dadurch der Boden bereitet für eine politische und ideologische
Invasion. Freilich meine ich, daß diese Gefahr jedoch keineswegs so groß ist, wie
sie oft hingestellt wird. Denn aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte die Zukunft
nicht durch gewaltsame Bewegungen bestimmt werden, sondern vielmehr durch
das Gegenteil: durch soziale Reformen, die jedes Land unter Berücksichtigung
seiner kulturellen Bedingungen verwirklichen kann.
PROF. DR. FRANCISCO MURILLO
VALENCIA

Die spanischen Mittelschichten

üBERSICHT

Geschichtliche Voraussetzungen •.......•..•..........•.. . . • . . . . . . . • • . . . • 56


Das 19.Jahrhundert ....••. . . . . . . • • • • • • . • • • . . . . . • . . . . . . . . .. . • . • • . . . • • 59
Die gegenwärtige Struktur der spanischen Gesellschaft. . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . • • 64
Die geographische Verteilung der mittleren Schicht. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . •• 69
Produktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 73
Bevölkerungsdichte. . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . •. 76
Einkommen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . •. 78
Analphabetentum . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .• 79
Geburtenhäufigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . 80
Frauenarbeit. . . . . . • . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • • . . . . . • . . . . . • • . . •. 82
Nichterwerbstätige Jugendliche • . . . . . . . . . • . . . • . . • . . • . . • • . . . . . . . . . . • . . . . • . 85
Politische und religiöse Einstellungen • . • • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • .. 87
Alte und neue Mittelschicht • . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 87
Das "Klassenbewußtsein" . .••..........•......................•....... ~ 90
Wandlungen der demographischen Struktur. • • . . . . . . . • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 93
Zusammenfassung. . . . . . . . • . . • • • • . . . . . . • • . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . • • 97

Aus dem Spanischen übersetzt von Jose Garmendia und Rolf Ziegler
56 Franeiseo Muri//o

Geschichtliche Voraussetzungen

Mit dem ganzen Risiko, das solche Verallgemeinerungen mit sich bringen,
könnte man sagen, daß die Arbeit im letzten für den Spanier vor allem eine gött-
liche Strafe ist. Eine Strafe bedeutet selbstverständlich, daß der menschlichen
Natur Gewalt angetan wird, andernfalls ist es eigentlich keine Strafe. Freilich kann
man manchmal aus asketischen Motiven eine bestimmte Tätigkeit auch aus Freude
verrichten, aber es bleibt fraglich, ob man sie dann wirklich liebt.
Sodann sind der im Evangelium betonte Primat der Kontemplation über die
Aktion, von Maria über Martha, und in der Philosophie der aristotelische bios
theoretikos - der von der scholastischen Schule hervorgehoben wurde und seit der
Einführung des Thomismus durch Francisco de Vitoria in Spanien einen beträcht-
lichen Einfluß ausgeübt hat - Faktoren, die zweifellos eine besondere Welt-
anschauung mitgeschaffen haben. Fügt man den Umstand hinzu, daß die soziale
und wirtschaftliche Struktur der Iberischen Halbinsel während der acht Jahr-
hunderte der Reconquista - die so wenig eine friedliche Arbeit förderten - noch erst
im Werden begriffen war, dann wird verständlich, daß es noch heute in Spanien
entsprechend dieser historischen Tradition Menschen gibt, die eine Auffassung
von der Arbeit besitzen, welche sich von der im übrigen Abendland vorherrschen-
den unterscheidet.
Nach Ortegay Gasset besteht der wichtigste Unterschied zwischen dem hidalgo
und dem gentleman darin, daß der "hidalgo nicht arbeitet, sondern bis zum äußer-
sten seine Bedürfnisse einschränkt und daher auch keine Technik schafft. Er lebt,
ins Elend versunken, wie die Pflanzen der Wüste, die ohne Feuchtigkeit zu vege-
tieren vermögenl ". Der gentleman dagegen überwindet die materiellen Bedürfnisse
nicht dadurch, daß er sie beherrscht, sondern er unterwirft sie sich, indem er sie
befriedigt. Er folgt dem Rat von Oscar Wilde, nach dem das beste Mittel, eine
Versuchung zu überwinden, darin besteht, ihr nachzugeben.
Die spanische Einigung und die Entstehung des modernen spanischen Staates
am Ende des 15. Jahrhunderts erfolgen nach einer langen, acht Jahrhunderte
währenden Zeitspanne, in der der spanische Mensch ähnlich dem amerikanischen
Pionier eine Ausweitung der Grenzen anstrebt.
Im Unterschied zu diesem Pioniertum vollzieht sich jedoch die spanische Ex-
pansion nicht auf wirtschaftlichem Gebiet, sondern erfolgt im Rahmen eines
religiösen und mittelalterlichen, ritterlichen Bewußtseins: Gleichsam als hätte die
amerikanische Expansion gen Westen nicht Farmer, Cowboys, Goldgräber und
Eisenbahner hervorgebracht, sondern "caballeros" von Santiago, Mönche und
Glücksritter. Kurz nach der Herstellung der staatlichen Einheit zur Zeit von
Ferdinand dem Katholischen im Jahre 1513 betont der italienische HistorikerGuicciar-
dini die geringe Neigung des Spaniers zur Arbeit und führt sie darauf zurück, daß

1 J. Ortegay Gasset, Theorla de Andalucia, Bd. IV, S. 116ff.


Die spanischen Mitle/schichten 57

den Handwerkern gewisse Ritterideale im Kopf herumspuken und sie es eher


vorziehen, sich dem Kriegshandwerk zu widmen 2 •
Der Historiker Americo Castro weist darauf hin, daß der christliche Spanier sich
daran gewöhnt hat, die Natur durch ein heroisches, irrationales Verhalten zu
beherrschen, und daß er nur gelegentlich die Ergebnisse einer auf Arbeit und
Technik beruhenden Naturbeherrschung verwandt hatte, wobei er sich der unter-
worfenen Mauren und Juden bediente. Die Erzeugnisse der Technik befriedigten
seine Bedürfnisse und waren zugleich ein Zeichen der Unterdrückung jener, die
sie produzierten. Das Wichtigste war demnach eine überlegene Haltung. Für den
Spanier bedeutete es eine subalterne und minderwertige Tätigkeit, sich mit der
Welt zu beschäftigen, um sie nach und nach durch die Arbeit zu verwandeln3 •
G. Sdnchez-Albornoz sieht in der Reconquista den Schlüssel für die spanische
Geschichte. Obwohl sie sich über einen langen Zeitraum erstreckte, war der Krieg
gegen den Angreifer der Normalzustand. Die Friedensverträge und Bündnisse
bildeten nur gelegentliche Ausnahmen. Der dauernde Kampf schuf eine große
Wüste zwischen dem Duero und dem Tajo. Dieses Ödland, das wieder bevölkert
werden mußte, wurde zu einer Insel freier Menschen. Dieses für Europa unge-
wöhnliche Ereignis hatte zur Folge, daß in Kastilien der Feudalismus keine große
Bedeutung erlangte. Es entstand aber auch keine Bourgeoisie, weil der Spanier
sich daran gewöhnt hatte, eine gute Stellung eher sofort auch unter Einsatz des
eigenen Lebens zu gewinnen, als sie sich durch eine industrielle oder kaufmän-
nische Tätigkeit langsam zu erarbeiten'.
Allgemein ist die Unfähigkeit der Spanier in wirtschaftlichen Dingen, einmal
abgesehen von ihrer besonderen Arbeitsauffassung, bei in- und ausländischen
Autoren sprichwörtlich geworden. Tawnry sagte sogar einmal, Spanien besäße eine
solche "Unfähigkeit in wirtschaftlichen Dingen, die es fast als eine Tochter der
Eingebung erscheinen ließe 6". Obwohl das zweifellos übertrieben ist, hat Tawnry
damit unbewußt etwas Bedeutsameres ausgesprochen, als er zunächst sagen wollte.
Man könnte diese Behauptung in mancher Hinsicht abschwächen, denn die Ge-
schichte ist nicht so einfach, wie wir es wünschen. Es steht jedoch außer Zweifel,
daß der Spanier von alters her gewohnt ist, Wertsysteme anzuwenden, die nicht
mit denjenigen einer Gesellschaft übereinstimmen, in der der dem Kapitalismus
eigene wirtschaftliche Erfolg angestrebt wird. Man könnte daher die These auf-
stellen, daß der sogenannte Verfall Spaniens seit dem 16. Jahrhundert eigentlich
als eine Störung in der Entwicklung unseres Vorkapitalismus anzusehen ist8 •
Bis weit ins 18. Jahrhundert, d.h. bis zur Regierungszeit Karls III., fand in
S V gl. R. MenenJez Pida/, Introducci6n a 1a Historia de Espaiia, hrsg. von Espasa-Ca!pe unter
der Leitung von Pida/, Bd. I, Madrid 1947, S. 12-13.
• Vgl. AmeriGo Caslro, Espaiia en su Historia, Buenos Aires 1948, S. 470 ff.
, Vgl. G. Stinchez-A/bornoz, Espaiia. Un enigma hist6rico, Bd.lI, Buenos Aires 1956, S. 9 ff.
In seltener Übereinstimmung gelangen die beiden Historiker Castro und Stinchez-A/bornoZ zu
ähnlichen Schlußfolgerungen.
6 R. Tawney, Religion and the Rise of Capitalism, spanische Übersetzung, Madrid 1936, S. 117.
8 Vgl. Carrera Puja/, Historia de la Economfa espaiiola, Bd. I, Barcelona 1943, S. 68.
58 Francisco Murillo

Spanien die bürgerliche Auffassung von der Arbeit keinen Niederschlag in den
Gesetzen. Auch gab es keine eigentliche Bourgeoisie zu dieser Zeit, zu welcher
sich alle anderen Länder Europas praktisch bereits in deren Händen befanden.
Zum Beispiel fehlte die große künstlerische Bewegung, die unter dem Einfluß des
bürgerlichen Lebensstils in den Niederlanden und in Deutschland entstanden war.
In Spanien gibt es kaum eine bürgerliche und fast keine profane Kunst. Die
spanische Kunst war mystisch und asketisch, so EI Greco, Zurbardn, Murillo, oder
sie stand im Dienste des Hofes, der auch ihr Gegenstand war, so Veldzquez. Im
18. Jahrhundert, dem goldenen Zeitalter der spanischen Malerei, dienen die
Künstler nur zwei Auftraggebern: Krone und Kirche. Man könnte auch das
Fehlen einer bürgerlichen Architektur hervorheben gegenüber einer prächtigen,
letztlich aber anormalen Blüte der religiösen, monumentalen oder patrizischen
Architektur.
Viele Spanier des 17. und 18. Jahrhunderts waren sich der Situation bewußt,
besonders auf Grund des "Kriegs-Tourismus", der sie mit dem Lebensstil des
übrigen Europa in Beziehung brachte. Aber bei der Wahl neuer Lösungen konnten
sie nicht begreifen, daß es die Kriterien der ethischen und sozialen Wertungen im
Wesen zu verändern galt, um das adäquate Heilmittel zu finden. Es wäre nötig
gewesen, die Arbeit zu einem sozialen Ehrentitel zu erklären. Das hätte vieler
Anstrengungen in einer Gesellschaft bedurft, deren herrschende Schicht mit der
Zeit ihre eigene Tätigkeit überbewertet und mechanische und unmittelbar wirt-
schaftliche Tätigkeiten als minderwertig abgestempelt und auf den zweiten Rang
verwiesen hatte. Das wurde selbstverständlich nur deshalb möglich, weil andere
niedere soziale Schichten diese notwendigen Tätigkeiten verrichteten. Als diese
Schichten verschwanden, entstand eine Krise des Unbehagens, von der viele
Autoren des 17. Jahrhunderts berichten, ohne jedoch einen Ausweg angeben zu
können. Ferndndez de Navarrete beklagt z.B. (1626), daß es keine Politik gäbe, die
den Juden und Mauren einen Eintritt "durch das Ehrentor" gestattet hätte, indem
alle in die Kirche und damit in die spanische Gesellschaft integriert werden. Der
Autor bemerkt jedoch nicht, daß die Juden und Mauren, auch wenn diese Inte-
gration erfolgt wäre, die Arbeit nicht weiter verrichtet hätten, deren Fehlen nach
seiner Meinung Spanien ruinierte. Die ganze verspätete, wirtschaftliche Entwick-
lung kann man nicht der Vertreibung der Juden und Mauren zuschreiben, obwohl
sie zweifellos ein gut Teil dazu beigetragen hat. Das allerdings müßte noch genauer
untersucht werden.
Ein anderer wichtiger Faktor, der zum Überdauern der spezifisch spanischen
Mentalität beitrug, war die lange Dauer der Kriege in Europa, wodurch sich noch
lange eine breite Schicht professioneller Militärs mit ihrer besonderen Welt-
anschauung erhielt. Wirtschaft und Finanzen stützten sich zudem zur Zeit der
Habsburger und Bourbonen hauptsächlich auf die etwas unregelmäßigen und vom
Zufall abhängigen Beiträge Westindiens, das gleichzeitig einen Anziehungspunkt
für die Untertanen der Krone von Kastilien bildete. Das verhinderte die wirt-
schaftliche Nutzung der Halbinsel; ganze Ortschaften wurden nach und nach ent-
Die spanischen Mitte/schichten 59

völkert und unfruchtbar, während sich unaufhörlich der Strom von Auswanderern
nach Amerika ergoß.
Andererseits schufen die in den amerikanischen Kolonialgebieten erbeuteten
Reichtümer das Phänomen, vor dem schon Montesquieu gewarnt hatte, nämlich
einer sehr reichen Krone über einem sehr armen Volk. Die Ankunft der Galeonen
der atlantischen Flotte, zuerst in Cadiz und später in Sevilla, brachte die Wirt-
schaft aus dem Gleichgewicht und rief eigenartige Preis- und Lohnbewegungen
hervor, die von Hamilton untersucht worden sind'.
All diese Faktoren trugen dazu bei, daß sich für lange Zeit in Spanien Ideen
erhielten, die schon zum großen Teil von den anderen westeuropäischen Ländern
aufgegeben worden waren. Noch 1682 muß König KarIlI. den hidalgos versichern,
ihr Ansehen bliebe auch als Besitzer von Textilfabriken erhalten, solange sie nicht
mit ihren eigenen Händen arbeiteten, sondern die Arbeit von ihren Arbeitern
verrichten ließen 8 •
Im 18. Jahrhundert wird der Einfluß von Ideen der Aufklärung in Spanien
sichtbar, und die Historiker könnten die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts als eine
Periode kultureller und wirtschaftlicher Blüte bezeichnen. Es werden Hochschulen
zum Studium der Naturwissenschaften und ihrer technischen Anwendung gegrün-
det; man versucht, in der Landwirtschaft rationalere Methoden einzuführen und
die Landbewässerung auszudehnen; neue, vom Staat unterstützte Industrien ent-
stehen; die Leistung der Bergwerke wird verbessert, und sogar einige Siedlungen
werden gegründet, um der Entvölkerung der Halbinsel zu begegnen. Ein Beispiel
dafür ist die Gründung von Olavide in der Sierra Morena (Andalusien) mit Hilfe
deutscher Siedler, deren ethnische Spuren noch heute bei dem Menschentyp dieses
Gebietes zu finden sind. Man könnte den Ursprung der spanischen Bourgeoisie in
diese Zeit legen. Zumindest tritt an der Schwelle des 19. Jahrhunderts eine "auf-
geklärte" Minorität auf, die sich der Probleme ihres Vaterlandes vollkommen
bewußt ist und die aufrichtigsten Reformwünsche hegt 9 •

Das 19. Jahrhundert


Die Anfänge des sozialen Wandels auf dem Gebiet der Gesetzgebung sind den
Cortes (Parlament) von Cadiz (1810-1812) zuzuschreiben, die ihre Arbeit während
der Zeit der Napoleonischen Invasion in einem Winkel der Halbinsel zu Ende
führten. Begeistert von den liberalen Ideen, die in jener Epoche Europa bewegten,
versuchte das Parlament, die soziale und wirtschaftliche Reform gesetzlich zu ver-
, Vgl. Hamilton, War and Prices in Spain 1651-1800, Cambridge Mass. 1947; EI florecimiento
del capitalismo y ostros ensayos de historia econ6mica, Madrid 1948.
8 Vgl. die Verordnungen vom 13. Dezember 1682, Novls. Recop. Buch VIII, Artikel XXIV,
Abs.1.
9 Vgl.J. Sarrailh, L'Espagne eclairee de la seconde moitie du XVIIIe siede, Paris 1954; L.Sdn-
chez-Agesta, EI pensamiento poHtico del despotismo ilustrado, Madrid 1953; A. Domfnguez
OrtiZ, La sociedad espaiioia en el siglo XVIII, Madrid 1955.
60 Francisco Murillo

wirklichen, indem die Rechtsprechung durch die Grundherren abgeschafft wurde.


Es proklamierte die Arbeitsfreiheit und die Abschaffung der Zünfte; es verteidigte
das Privateigentum und seine Absage gegenüber den alten Formen des Kollektiv-
eigentums und des Majorats (d. i. die Übertragung des Familieneigentums auf
den Erstgeborenen, was weit verbreitet und nicht nur auf den hohen Adel be-
schränkt war). Es handelte sich darum, eine große Zahl von Gütern in den ökono-
mischen Markt einzubeziehen, die, juristisch betrachtet, davon ausgeschlossen
waren. Die Cortes erreichten nicht ihr Ziel, teilweise weil das spanische Volk noch
nicht darauf vorbereitet war, sich den Reformen anzupassen, teilweise weil die
späteren politischen Ereignisse die Auswirkungen verzögerten. In den dreißiger
Jahren des 19. Jahrhunderts beginnen die zahlreichen Güter der Kirche und der
öffentlichen Verbände, durch einen Prozeß der desamortizacion 1o in den volkswirt-
schaftlichen Kreislauf einzutreten. Dieses Phänomen, das mit dem Aufkommen
der ersten Eisenbahnen und der relativen Modernisierung der katalanischen Textil-
industrie zusammenfällt, ist sicher der wichtigste Ausgangspunkt für die Entste-
hung der Mitte/schicht. Die zahlreichen, in Jahrhunderten angehäuften und schlecht
genutzten Güter werden nun äußerst billig verkauft. Das bedeutet den Ursprung
einer relativ großen Schicht neuer Eigentümer, die ihre Erträge in den neuen
Quellen des Reichtums anlegen werden. Die Bezahlung der säkularisierten Grund-
stücke erfolgte zu 10% in Bargeld und zu 90% mit verschiedenen Arten von
Staatspapieren, die damals sehr gering bewertet wurden. Daher lag der für die
Güter der Kirche eigentlich bezahlte Preis niedriger als der taxierte Wert, der
wiederum nur ein Drittel des tatsächlichen Wertes ausmachtell. Von daher wird es
verständlich, daß sich für viele Spanier eine Gelegenheit bot, sich schnell zu be-
reichern und Güter zu erwerben, deren Substanz zum Teil bis heute besteht.
Die Wirkung all dieser Maßnahmen auf die Struktur der spanischen Gesellschaft
war deutlich zu bemerken. Obwohl es schwierig ist, genaue Zahlen zu finden, läßt
sich abschätzen, daß 1768 der Adel 7,7% der gesamten Bevölkerung umfaßt, 1826
dagegen nur noch 3,1 %.
Auf den Klerus, der zusammen mit dem Adel die privilegierte Schicht bildete,
wirkte die Säkularisierung noch dezimierender. Vergleicht man einmal zwei Zeit-
punkte miteinander, von denen einer vor, der andere nach der Säkularisierung liegt,
so bietet sich folgendes Zahlenbild :

10 Mit dem Wort desamortizacion wird im Spanischen die Epoche bezeichnet, in der die Güter
der Kirche säkularisiert wurden. Im folgenden wurde deshalb auch der deutsche Ausdruck
Säkularisation verwandt. Die spanische Bezeichnung "des-a-mort-izaci6n" ist eine interessante
Wortkonstruktion, die unmittelbar andeuten soll, daß durch diesen Prozeß die Güter dem
"wirtschaftlichen Tode" entrissen und wieder produktiv genutzt werden (die Übersetzer).
11 Vgl. L. Sdnchez-Agesta, Historia del Constitucionalismo espafiol, Madrid 1955, Anhang.
Die spanischen Mitte/schichten 61

Tabelle 1: Veränderung der Zahl des Klerus durch die Säkularisation

Zahl der Mönche bzw.


Jahr Zahl der Orden Zahl der Klöster
Nonnen
Religiöse Männerorden

1833 37 1834 31279


1859 8 41 719

Religiöse Frauenorden
1833 2139 25614
1859 866 12990
Welt- und Ordensklerus insgesamt
1833 81756
1859 38563
(Aus: Resumen de la Estadistica General, hrsg. vom Ministerio de Gracia y Justicia, Madrid 1860,
in: L. Stinchez Agesta, Historia del Constitucionalismo espaiiol, Madrid 1955, Anhang)

Die beträchtliche Abnahme dieser privilegierten Schichten und vor allem der
Eintritt ihrer Besitztümer in den Wirtschaftskreislauf gestatten uns, eine recht
umfangreiche Zunahme jener Mittelschicht anzunehmen, die sich nun neuen Be-
dingungen sozialer Wertschätzung und wirtschaftlicher Tätigkeit gegenüber findet.
Der Mangel an genauen Monographien über das Thema hindert uns, mit Sicherheit
allgemeine Aussagen zu machen. Die erste offizielle spanische Volkszählung fand
1857 statt, und erst 1859 veröffentlichte die "Comisi6n Estadistica General del
Reino" das erste statistische Jahrbuch.
Die Volkszählung vom 25. Dezember 186012 zeigt uns eine interessante Berufs-
einteilung der Bevölkerung. Auf Grund dieser Daten besitzen wir ein gutes Bild
über die berufliche Differenzierung in den bei den wichtigsten Städten Spaniens,
Madrid und Barcelona (Siehe Tabelle 2 auf Seite 64).
Man kann feststellen, daß schon 1860 Madrid gegenüber Barcelona eine weitaus
weniger differenzierte Sozialstruktur besitzt. Madrid zeigt einen höheren Prozent-
satz von freien Berufen (Professoren, Rechtsanwälte, Schreiber und Notare, Ärzte
und Chirurgen, Apotheker, Architekten, Tierärzte, Agronomen und Landmesser),
von Beamten der öffentlichen Verwaltung, von Studenten und Hausbediensteten
(die einzige Tätigkeit, bei der die Zahl der Frauen diejenige der Männer übersteigt).
Es zeigt sich zugleich, daß es im Verhältnis weniger Industrie- als Landarbeiter
gibt, obwohl die Landschaft um Madrid eine der unfruchtbarsten der Halbinsel ist.
Umgekehrt ist das Verhältnis in Barcelona, wo der Prozentsatz der Industrie-
arbeiter relativ höher und der der Landarbeiter relativ niedriger liegt. Trotzdem
kann man feststellen, daß in bei den Städten die wichtigsten Gruppen die Haus-
bediensteten und die Handwerker sind. Der Hausbedienstete ist noch heute eine
12 Die Ergebnisse dieser Volkszählung wurden in Madrid 1863 veröffentlicht (Imprenta Nacional).
62 Franrisro Muril/o

Tabelle 2: Die Berufsdifferenzierung in Madrid und Barcelona im Jahre 1860


in % tätig in in % tätig in
Beruf
Madrid Barcelona

Klerus (Welt- und Ordensklerus ; Männer und Frauen; Diakone


und Subdiakone) 1,2 1,1
Heer und Marine 7,5 6,2
Fabrikanten 0,1 0,8
Grundbesitzer 4,5 4,3
Freie Berufe 3,0 1,7
Angestellte 4,0 1,3
Studenten 2,1 0,6
Pächter 0,6 0,7
Kaufleute 3,2 4,3
Gewerbetreibende 10,3 7,3
Lehrer an höheren Schulen 0,4 -
Hausbedienstete 25,5 11,4
Handwerker 25,2 28,6
Fabrikarbeiter 0,9 17,0
Landarbeiter 9,6 7,4
Matrosen auf Handelsschiffen - 3,3

Gesamt aller Berufstätigen 98,1 96,0

Die zu 100% fehlenden Berufe verteilen sich auf bergmännische Berufe, auf pobres de solemnidat:/
(= sehr arme Leute), auf Künstler sowie sonstige Berufe.
(Aus: Datos primarios del Censo de la Poblaci6n de Espaiia, de 1860, Madrid 1863)

spanische Besonderheit, Ausdruck der sozialen und wirtschaftlichen Umstände, die


später untersucht werden sollen. Unter der Bezeichnung "Handwerker" faßt die
Volkszählung jene selbständigen Arbeiter zusammen, die entweder allein oder mit
Hilfe weniger Personen in einer kleinen Werkstatt die Arbeit verrichten. Es ist das
die typische Produktionsweise vor der industriellen Revolution. In Madrid wie in
Barcelona umfassen zu jener Zeit die Handwerker über ein Viertel der berufs-
tätigen Bevölkerung.
Die Handwerker sind keine Proletarier im strengen Sinne, da sie einen sozialen
Typus darstellen, der der Erscheinung des Proletariats vorausgeht. Sie gehören
aber auch nicht zur Mittelschicht, die durch die von der alten hidalgufa als verbind-
lich erachteten Werte - mit ihrer Mißachtung bestimmter Berufe - definiert war.
Wenn im folgenden von der Mittelschicht die Rede ist, beziehen wir uns auf jene
Schicht, die auf Grund der genannten Wertungen abgegrenzt war und deren
geschichtliche Voraussetzung wir zusammengefaßt haben.
Es ist sicher, daß die spanische Gesellschaft zunächst für eine Sozialstruktur mit
zwei einander entgegengesetzten Klassen prädisponiert war; dessen war man sich
lange vor der Formulierung der marxistischen Dialektik bewußt. So wies beispiels-
Die spanischen Mitte/schichten 63

weise der Graf von Toreno, ein prominentes Mitglied der Cortes von Cadiz, die
Möglichkeit der Errichtung von zwei Kammern zurück, wobei er sich auf den
besonderen Charakter seiner zeitgenössischen Gesellschaft berief. Ich glaube, daß
seine Ausführungen bezeichnend sind. "Die Menschen", erklärt der Graf, "und
insbesondere die Spanier, lassen nicht ohne weiteres zu, daß andere Personen
Privilegien und Vorrechte genießen, sondern versuchen mit allen Mitteln, ent-
weder die gleichen Auszeichnungen zu erhalten oder die bereits gewährten zu
beseitigen. Das aber würde sehr oft bei uns geschehen, wenn sich die zweite Kam-
mer aus Angehörigen des gemeinen Volkes zusammensetzen würde. Alle Spanier,
die sich selbst für rechtschaffene Bürger halten, verkehren und sprechen nicht mit
Mitgliedern dieser Klasse, die im allgemeinen ungebildet sind und es in ihrem
Verhalten an Rechtschaffenheit fehlen lassen. Andererseits werden alle Angehörigen
einer Kammer der Schicht der vornehmen Bürger zugezählt, und es wäre schwierig,
das Gegenteil zu beweisen. Wiederum gibt es in Spanien keinen wohlhabenden
Menschen, der sich nicht gleichzeitig als vornehmer Bürger betrachtet. Alle diese
vornehmen Bürger werden es aber ablehnen, Mitglied dieser Kammer des gemei-
nen Volkes zu werden. Wer könnte also diese Kammer bilden? Menschen ohne
Bildung und ohne Interesse, die entweder die Anarchie herbeiführen oder die erste
Kammer veranlassen würden, eine aristokratische Herrschaft, schlimmer als der
Despotismus, zu errichten. Man verweist auf das Beispiel Englands ; aber welch
ein Unterschied! Nur in diesem Land gibt es eine Oberschicht von Adligen, und
die reichen Grundbesitzer und großen Kapitalisten werden auf keinen Fall als
solche angesehen, sondern bilden eine zweite Kammer. Es ist dort nicht so wie bei
uns, wo jeder, der ein ziemlich großes Vermögen besitzt oder ein öffentliches Amt
ausübt, der Nobilität zugerechnet wird und wo es äußerst mühsam und fast un-
möglich ist, seine Abstammung zu prüfen13 . "
Zu jener Zeit, d. h. im Jahre 1803, betrug der Anteil der Spanier, die lesen und
schreiben konnten, 5,96% bzw. im Jahre 1841 9,21%14.
Indirekt vermitteln uns die Volkszählungen ein wenig später ein Bild der Lage.
Das Wahlgesetz vom 18. März 1846 dehnt das Wahlrecht auf jene Personen aus,
die gewisse kulturelle Qualifikationen besitzen. Nach diesem Gesetz sind wahl-
berechtigt alle Männer über 25 Jahre, die eine der folgenden beiden Bedingungen
erfüllen: 1. Bezahlung von 400 reales als direkte Steuer, 2. Bezahlung der halben
Summe, sofern man einem der folgenden, im Gesetz erwähnten Personenkreise
angehört: Mitglieder der Akademien, Doktoren und Lizentiaten, Domkapitulare
und Pfarrer, pensionierte Soldaten ab Hauptmann, aktive Beamte, Rechtsanwälte,
Ärzte, Chirurgen, Apotheker, Architekten, Maler mit akademischen Titeln, Pro-
fessoren und Lehrer an öffentlichen Schulen. Ein späteres Gesetz vom 18. Juli 1865
verminderte die Steuer auf die Hälfte, hielt jedoch die übrigen Anforderungen auf-
recht. Nach der Anwendung dieses Gesetzes zeigte sich folgendes Ergebnis:

13 Vgl. Sitzungsprotokoll vom 13. September 1811, Diskussion des Artikels 27 der Verfassung.
14 Vgl. L. Sdnchez Agesta, a. a. 0., S. 465.
64 Francisco Murillo

Tabelle 3: Gesamtbevölkerung und Wahlberechtigte in den Jahren 1858 und 1865

Wahlberechtigte
Jahr Gesamtbevölkerung
absolut I in %
1858 15464340 157931 1,02
1865 15655467 418271 I 2,67

Von den Wahlberechtigten von 1865 besaßen nur 65884 (15,7%) dieses Recht auf Grund der vom
Gesetz aufgestellten Bedingungen hinsichtlich der Bildung.

(Aus: Sdnchez Agesta: a. a. 0., S. 466-467)

Wie man sieht, umfaßte die Mittelschicht, die nach der liberalistischen Doktrin
als der wirkliche Träger der nationalen Souveränität angesehen wird, in der Mitte
des Jahrhunderts nur einen sehr kleinen Teil der spanischen Bevölkerung. Der
Rest, d. h. die überwältigende Majorität, waren Bauern, Handwerker und eine
Schicht von Industriearbeitern, die zwar klein war, aber ständig zunahm. Alle diese
Gruppen besaßen ein äußerst niedriges kulturelles und wirtschaftliches Niveau.

Die gegenwärtige Struktur der spanischen Gesellschaft

Die Bevölkerung Spaniens (Festland und Inseln) betrug nach der Volkszählung
von 1950 27976755 Einwohner. Davon waren 48% Männer. Gegenüber der
vorhergehenden Volkszählung von 1940 ergab sich eine Zunahme von 2098784
Einwohnern, was einer jährlichen Zuwachsrate in diesem Jahrzehnt von 0,81 %
entspricht. Die Bevölkerungsdichte lag 1950 bei 55,41 Einwohner pro km 2 •
Bei einer Aufgliederung nach dem Alter ergibt sich für die Personen zwischen
15 und 65 Jahren (die potentiell aktive Altersgruppe) eine Zahl von 18620000
(67%). Davon waren 8894000 Männer, das sind 66%, bezogen auf die männliche
Gesamtbevölkerung.
Von dieser Gesamtbevölkerung ist nur etwas mehr als ein Drittel (37,09%)
erwerbstätig. Die absoluten Zahlen finden sich in Tabelle 4. Man muß allerdings
dazu bemerken, daß die Zahl der erwerbstätigen Männer in den drei angeführten
Erwerbssektoren etwas höher liegt als die der Männer zwischen 15 und 65 Jahren.
Das mag daher rühren, daß dort die nicht erwerbstätigen alten Männer mitgezählt
wurden, die ihren früher ausgeübten Beruf angaben.
Die spanisGhen MitielsGhiGhlen 65

Tabelle 4: Die erwerbstätige Bevölkerung Spaniens im Jahre 1950 absolut

Erwerbssektor Erwerbspersonen
Männer Frauen insgesamt
Agrarsektor a) 4935639 - 4935639
Industriesektor 2322348 431814 2754162
Dienstleistungssektor b) 1826 240 859139 2685379
Gesamte erwerbstätige Bevölkerung 9084227 1290953 10375180

a) Fischerei, Jagd, Land- und Forstwirtschaft,


b) Transport und Verkehr, Handel, Heer und Marine, öffentliche Verwaltung; freie Berufe,
Klerus und Hausangestellte.
(Aus: La poblaci6n activa espaiiola de 1900 a 1957. Instituto de Cultura Hispänica, Madrid 1957,
S.92)

Die nächste Tabelle zeigt hierfür die Prozentzahlen.

Tabelle 5: Die erwerbstätige Bevölkerung Spaniens im Jahre 1950 in %

Erwerbssektor Erwerbspersonen
Männer Frauen insgesamt

Anteil des Agrarsektors an der gesamten er-


werbstätigen Bevölkerung 47,6 - 47,57
Anteil des Industriesektors an der gesamten
erwerbstätigen Bevölkerung 22,4 4,1 26,55
Anteil des Dienstleistungssektors an der gesam-
ten erwerbstätigen Bevölkerung 17,6 8,3 25,88

Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung an der


Gesamtbevölkerung 32,47 4,62 37,09

Man kann auf den ersten Blick den im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung relativ
geringen Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung feststellen. Außerdem ist die
Hälfte der aktiven Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Schließlich ist die
Beteiligung der Frauen in der Wirtschaft des Landes gering.
Jedoch muß man hinsichtlich der letzten Bemerkung folgendes hinzufügen:
1. Die von den Frauen im Haushalt verrichtete Arbeit ist wirtschaftlich von
großer Bedeutung, obwohl sie im allgemeinen nicht geschätzt wird. Sie ist zudem
um so größer, je niedriger der Lebensstandard der Familie ist.
2. Die spanische Statistik berücksichtigt nicht die Tätigkeit der Frauen im Agrar-
sektor. Dabei verrichten die Frauen in den meisten Gebieten sehr wichtige land-
wirtschaftliche Tätigkeiten, auch als Lohnarbeiterinnen.
In der angeführten Volkszählung ist die spanische erwerbstätige Bevölkerung
66 Fran&;s&o Murillo

nach Berufsgruppen aufgeteilt15 • Mit Hilfe des in Spanien gültigen Maßstabes der
sozialen Wertschätzung können wir aus diesen Berufen diejenigen auswählen, die
zweifellos den mittleren Schichten zuzurechnen sind. Die Einteilung ist grob und,
wie später gezeigt werden wird, auch ungenau. Ich habe sie aber dennoch benutzt,
einerseits deshalb, weil die Unterlagen zuverlässig sind, andererseits um zu ver-
meiden, daß dieselben Individuen gleichzeitig in zwei Gruppen erfaßt werden.

Tabelle 6 (vgl. dazu Abb.l):


Die in den mittleren Schichten Spaniens im Jahre 1950
Erwerbstätigen nach Berufen aufgeteilt

Anzahl
Beruf
absolut in%

Technische und verwandte Berufea) 360330 12,4


Angestellte in der Verwaltung, leitende Büroangestellte und
verwandte Berufeb) 792542 27,1
Im Handel Beschäftigte 353156 12,2
Berufssoldatenc) 140835 4,8
Unternehmer oder Landwirte mit eigenem Grundbesitz 1269230 43,5

Gesamt der erwerbstätigen Bevölkerung in den mittleren


Schichten 2916193 100,0

a) Der Klerus ist in dieser Zahl enthalten, sofern er nicht eine andere berufliche Tätigkeit ausübt.
Letzterenfalls wurde er in der entsprechenden Gruppe aufgeführt.
b) Diese Gruppe enthält die kleinen industriellen Unternehmer.
c) Nicht darin enthalten ist die Polizei.
(Aus: Censo de la Poblaci6n de Espafia, 1950, Band II, Tabelle 7 und 9)

Zweifellos ist die Zahl übertrieben hoch, da von der Volkszählung innerhalb
jeder Gruppe die ganze Spannweite der möglichen Abstufungen umfaßt wird.
Zum Beispiel werden unter derselben Bezeichnung "Kaufleute" die Hausierer
aufgeführt, die man nicht zur Mittelschicht rechnen kann. Ebenso ist die Zahl der
Landwirte mit eigenem Grundbesitz übertrieben hoch, da in ihr die Besitzer von
solch kleinen und unfruchtbaren Parzellen enthalten sind, die man weder wirt-
schaftlich noch sozial als Mittelschicht-Existenzen bezeichnen kann. Weil es jedoch
im Rahmen des vorhandenen statistischen Materials unmöglich ist, mit einem
wenigstens gewissen Maß an Genauigkeit weitere Unterscheidungen vorzuneh-
men, habe ich lieber diese globalen Zahlen übernommen. Ich erwähne sie außerdem
deshalb, um soweit wie möglich das Problem der bäuerlichen Mittelschicht lösen
15 Diese Klassifikation beruht auf einer Vorstudie von 10% der Bevölkerung. Zu den Fehlern
des Schemas, den angewandten Einteilungskriterien und ihrer Zuverlässigkeit vgl. den Anhang
in Bd. II der Ergebnisse der erwähnten Volkszählung, Absatz III. Vgl. auch im gleichen Band:
Nomenc1atura de la clasificaci6n por profesiones, S. 455-459.
Die spanischen Milte/schichten 67

Abbildung 1 : Graphische Darstellung der Mitte1schicht

Angestellte in der Verwalrung,


leitende Büro-Angestellte und -
verwandte Berufe
27,1 %

A A X X>O/l. ..... im Handel Beschäftigte

43,5'1.
__ technische und verwandte
Berufe

/
Unternehmer oder Landwirte
mit eigenem Grundbesitz

zu können, das in Spanien so überaus wichtig ist. Wir könnten diese Frage bei der
Vielzahl der anderen Berufe nämlich leicht aus den Augen verlieren. Dennoch
müssen wir auf diesen Aspekt aufmerksam machen, da er in jenen Gebieten, wo
Grund und Boden stark aufgeteilt sind, den allgemeinen Eindruck verfälschen
kann. Das ist z. B. in Galizien der Fall, wo, wie wir sehen werden, der Prozentsatz
der ländlichen Bevölkerung innerhalb der Mittelschicht relativ hoch liegt. Auch
darf man nicht vergessen, daß ungefähr 62% der Spanier in Orten mit weniger als
10000 Einwohnern leben. Weit über die Hälfte der Bevölkerung besitzt noch eine
bäuerliche, nichtstädtische Lebensweise.
Man kann somit feststellen - sofern man einmal die oben genannten Zahlen
trotz ihrer offensichtlichen Übertreibung akzeptiert -, daß nur 27% der gesamten
erwerbstätigen Bevölkerung zur Mittelschicht zählen. Da die Oberschicht in kei-
nem Fall mehr als 1% umfaßt, ergibt sich, daß die restlichen 73% der aktiven
Bevölkerung städtisches oder ländliches Proletariat sind. Wenn man die 2916193
Angehörigen der erwerbstätigen mittleren Schichten mit dem Koeffizient von
2,8 multipliziert (d. i. das Verhältnis der erwerbstätigen Mittelschicht zur Ge-
samtbevölkerung in Spanien), ergibt sich der Umfang der gesamten Mittelschicht
mit 8365060 Personen, d. h. 29% der spanischen Bevölkerung.
Es wäre an dieser Stelle möglich, einen Vergleich mit den Anteilen der Mittel-
schicht in anderen Ländern zu ziehen. Allerdings scheint mir dies wenig sinnvoll
zu sein, da der Begriff "Mittelschicht" bzw. "Mittelstand" und "Mittelklasse" in
jedem Kulturkreis bzw. jeder geschichtlichen Epoche von unterschiedlichen Wert-
setzungen abhängt. Zweifellos existiert in allen westlichen Ländern, europäischen
wie amerikanischen, etwas, das man formal als Mittelschicht zu bezeichnen ver-
68 Francisco Murillo

mag. Wenn man jedoch die jeweils bestimmenden Werte verändert, ergeben sich
andersartige Resultate, die deshalb in sinnvoller Weise kaum verglichen werden
können. Wenn man jedoch in den Ländern des alten Europa von der Mittelschicht
spricht, bezieht man sich nicht einfach auf ein begriffliches Instrument der Sozio-
logie, sondern auf tatsächliche Wertsysteme, die im Laufe der Jahrhunderte ent-
standen sind. Wenn man auf vielen Kongressen und in zahlreichen Veröffent-
lichungen von "den dem Mittelstand drohenden Gefahren" oder dem Vorteil
eines Landes, eine möglichst große Mittelschicht zu besitzen, spricht, so ist klar,
daß solche Aussagen implizit eine positive Wertung beinhalten und keinen Ge-
brauch lediglich eines formalen soziologischen Begriffes darstellen: Sie sind ein
Urteil über die geschichtliche Wirklichkeit. Es handelt sich darum, einen bestimm-
ten Typ von Mittelschicht mit ihren Werten, ihren Lebensformen, ihren Verhal-
tensnormen und selbst mit ihrer besonderen Sprache zu verteidigen, der positiv
bewertet wird.
Um den überblick über die spanische Sozialstruktur zu vervollständigen, wen-
den wir uns kurz der Oberschicht zu. Es ist schwierig, sichere und genaue Daten
für die Bestimmung dieser Schicht zu erhalten. Am annehmbarsten scheinen mir
die von Ros Jimeno für 1949 angegebenen Unterlagen. Auf Grund von Statistiken
über den Adel, das Steueraufkommen der Landwirtschaft und das Steuerauf-
kommen aus Kapitalertrag kommt dieser Autor zu der Schlußfolgerung, daß sich
die spanische Oberschicht folgendermaßen zusammensetzt:
Geburtsadel 3711 Familien
Bildungsadel 1032 Familien
Geldadel 1377 Familien
insgesamt 6120 Familien

Bei einer durchschnittlichen Familiengröße von vier Personen ergibt sich eine
Zahl von 24480, d. h. weniger als 1/1000 der Gesamtbevölkerung. Die Anteile der
drei Gruppen errechnen sich mit 60%, 17% bzw. 23%, d. h. der Geburtsadel ist
ungefähr dreimal so groß wie der Bildungsadel oder der Geldadel, während die
Differenz zwischen den beiden letzten Gruppen nur 6% beträgt16 •
Mit ziemlicher Genauigkeit ließe sich die spanische Gesellschaftsschichtung un-
gefähr wie folgt skizzieren (vgl. dazu Abb. 2):
Oberschicht 0,1%
Mittelschicht 27,0%
Unterschicht 72,9%
100,0%
Wie schon erwähnt, beziehen sich die Prozentzahlen jeweils auf die in einer
Schicht erwerbstätige Bevölkerung. Außerdem sei hier noch auf das verwiesen,
was weiter unten über den "neuen Mittelstand" ausgeführt werden wird.
16 V gl. Ros Jimeno, Estructura de la sociedad espaiiola desde el punto de vista de las clases que
la integran, in: Veröffentlichung aus Anlaß der XI. Sozialen Woche, Barcelona 1951, S.74-75.
Die rpanitchen Mittelrchichten 69

Abbildung 2: Die Struktur der spanischen Gesellschaft


Oberschicht

A LULl1J 27,0%
r--
" i\

~~
Unterschicht
72,9%

Die geographische Verteilung der mittleren Schicht


Die geographische Verteilung der erwerbstätigen Bevölkerung ist unterschied-
lich. Auf Grund der Daten der offiziellen Volkszählung können wir die Prozent-
zahlen für jede Provinz berechnen, die - der Größenordnung entsprechend - in
Tabelle 7 aufgeführt sind. Die drei Inselprovinzen und die afrikanischen Terri-
torien wurden hierbei nicht berücksichtigt.
Der Mittelwert der Verteilung liegt bei 31,9, was dem Prozentsatz von Zaragoza
entspricht. Er liegt etwas höher als derjenige (27%), der sich bei Einschluß der
nicht berücksichtigten Provinzen ergeben hätte. Die Standardabweichung (s) be-
trägt 8,9. Derjenige Punkt der Verteilung, der die Standardabweichung unterhalb
des Mittelwertes besitzt, fällt zwischen die Zahlen für Toledo und Murcia, der-
jenige oberhalb des Mittelwertes zwischen Lugo und Segovia. 57,5% aller Fälle
befinden sich zwischen diesen bei den Punkten.
Der Durchschnitt für die 11 Provinzen unter -1 s beträgt 20,4%, derjenige
+
der 27 Provinzen zwischen -1 sund 1 s 31,8%, und derjenige der 9 Provinzen
oberhalb + 1s 45%.
Von den Karten (Abb. 3 und 4) veranschaulicht die erste die prozentuale
Verteilung, die zweite die drei durchschnittlichen prozentualen Verteilungen der
erwerbstätigen Mittelschicht im Verhältnis zur erwerbstätigen Gesamtbevölke-
rung in den einzelnen spanischen Provinzen.
Man sieht, daß im großen und ganzen die erste Provinzengruppe Andalusien,
La Mancha und Extremadura umfaßt. Das atlantische und östliche Küstengebiet,
Abbildullg 3: Prozentuale Verteilung der erwerbstätigen Mittelschicht in den Provinzen Spaniens

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Abbildung 4: Durchschnittliche prozentuale Verteilung der erwerbstätigen Mittclschicht im Verhältnis zur erwerbstätigen Gesamt-
bevölkerung in den Provinzen Spaniens

€Jf*
wt--=xl=
Durchschnittlicher Ameil d..
crwerbSläugen l\Ijllelschicht
• • .....
1. Provinzen· 0 = 20,4% (11 Provinzen)
• gruppe
........~.:::.::.....•
.............~.j::::: 2. Provinzen- = 31,8% (27 Provinzen)
R'J
gruppe ~

3. Provinzen- = 45,0% (9 Provinzen)


ml
gruppe ~

Gesamtdurchschnitt = 31,9%
72 Franciuo Muril/o

Tabelle 7: Die Erwerbstätigen der Mittelschicht


in den einzelnen Provinzen Spaniens im Jahre 1950
Erwerbstätige Erwerbstätige
Mittelschicht Mittelschicht
in % der in % der
Provinz erwerbstätigen Provinz
erwerbstätigen
Gesamtbevölke- Gesamtbevölke-
rung rung
Zaragoza 31,9
Sevilla 17,7
Cuenca 32,7
Jaen 18,0
Palencia 33,2
C6rdoba 18,2 Madrid 33,7
Badajoz 19,6 Ger6na 34,0
Cädiz 19,8
Pontevedra 34,1
Ciudad Real 20,7 Salamanca 34,7
Granada 21,9 Coruiia 34,9
Huelva 22,2
Navarra 34,9
Malaga 22,2
Castell6n 36,6
Albacete 22,3 Soria 37,6
Toledo 22,6 Alava 38,4
Murcia 23,8 Tarragona 38,7
Alicante 24,5
Logroiio 38,9
Caceres 25,2
Lugo 39,7
Barcelona 26,8 41,7
Segovia
Santander 27,4
Le6n 42,1
Vizcaya 27,5
Huesca 43,0
Valencia 28,7 Guadalajara 43,4
Guipuzcoa 29,6 Urida 43,5
Valladolid 29,9 44,3
Burgos
Avila 30,3
Zamora 46,0
Almeria 30,9 Teruel 46,8
Oviedo 31,4 Orense 54,8

(Aus: Datos primarios del Censo de la Poblaci6n de Espaiia, 1950, Band II, Tabellen 7 und 9)

das Gebiet um den Ebro, Madrid, Barcelona, die Industrieprovinzen des Basken-
landes und ein Teil der beiden Kastilien bilden die zweite Gruppe. Die dritte
Provinzengruppe setzt sich zusammen aus mehreren Provinzen im Innern des
Landes, die zu Katalonien, Aragon bzw. den beiden Kastilien zählen, und der
einzigen Binnenprovinz von Galicien. Almeria bildet die einzige Ausnahme bei
den andalusischen Provinzen, da es eine ausgeglichenere Eigentumsverteilung und
eine größere Zahl von Landbesitzern aufweist.
Die 11 Provinzen (künftig 1. Gruppe genannt) stellen ungefähr 27% der
Gesamtbevölkerung, die 27 Provinzen (2. Gruppe) 51% und die 9 Provinzen
(3. Gruppe) 11 %.
Die spanirGhen MitleJsGhiGhlen 73

Jemand, der die spanische Wirklichkeit unmittelbar kennt, wird spontan gewisse
Verbindungen zwischen dieser Verteilung und anderen, bedeutsamen Charakte-
ristiken eines jeden Gebietes ziehen, die sich geradezu aufdrängen. Wir verlassen
jedoch diesen Weg und versuchen, uns bei der Deutung auf einige Zahlen zu
stützen.
Produktion
Auch wenn gewisse Gebiete der Ostküste verwandte Züge mit anderen Mittel-
meerländern aufweisen und auch wenn das feuchte kantabrische Spanien dem
atlantischen Europa ähnelt, so wird doch das landwirtschaftliche Bild Spaniens
von der besonderen Eigenart der zentralen Hochebene bestimmt.
Betrachten wir zuerst die Orographie und die Verteilung der Niederschläge.
Zwei Drittel Spaniens liegen über 500 Meter und ein Viertel liegt über 1000 Meter
über dem Meeresspiegel. Für drei Viertel des Landes beträgt die durchschnittliche
Niederschlagsmenge im Jahr 355 Millimeter, d. h. sie liegt unter dem Minimum
von 500 Millimeter. Außerdem verteilt sich diese Niederschlagsmenge sehr un-
regelmäßig auf die einzelnen Jahreszeiten. Da sie sehr häufig als Unwetter nieder-
geht, richten die Niederschläge in der Landwirtschaft oft beträchtlichen Schaden
an. Die landwirtschaftlichen Erträge sind deshalb sehr unterschiedlich und liegen
im Durchschnitt niedrig. Für weite unfruchtbare, nur eine spärliche Vegetation
aufweisende Gebiete ist das Ausbleiben der Ernte geradezu charakteristisch.
Das Land ist aber reich an Bodenschätzen. (Freilich konnte ein so wichtiges
Produkt wie das Erdöl bis jetzt noch nicht gefunden werden.) Der Umfang der
einzelnen Bodenschätze wird wie folgt geschätzt: Kohle ca. 8000 Mill. t, Eisen
630000 Mill. t, Blei 1,09 Mill. t, Zink ca. 1 Mill. t und Kupfer ca. 4,5 Mill. t.
(Die Schätzung für Kupfer bezieht sich nur auf den reinen Metallgehalt.) Außer-
dem finden sich noch wichtige Vorkommen von Quecksilber, Pottasche, Wolfram,
Zinn, Braunkohle und anderen Bodenschätzen17 •
Trotzdem ist Spanien ein Agrarland. Wir haben schon gesehen, daß 47,6% der
gesamten erwerbstätigen Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt sind,
während es in Frankreich 30%, in Deutschland 23% und in England nur 19% sind.
Dieser hohe Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung wirkt sich auch in der
demographischen Verteilung aus. Kombiniert man die Geburtenziffern, die für ein
mediterranes Agrarland charakteristisch sind, mit der für westeuropäische Länder
typischen Sterblichkeitsrate, so ergibt sich eine stetig kumulierende jährliche Be-
völkerungszunahme von 0,81%. Daher ist die Binnenwanderung und die Emigra-
tion ein wichtiges und altes Charakteristikum der spanischen Gesellschaft.
Das spanische Sozialprodukt ist weitaus niedriger als das anderer europäischer
Länder. In der Veröffentlichung der Vereinten Nationen "Per capita National
Product ofFiftyfive Countries 1952-1954" wird Spanien mit einem Nettoeinkom-
17 Vgl. Daten der europäischen Wirtschaftskommission, in: Economic Survey ofEurope in 1953,
Genf 1954; sowie Estudio econ6mico dd Banco Central para 1957, S. 44--45.
74 Francisco Murillo

men je Kopf der Bevölkerung von $ 212,00 angeführt. Für Westeuropa beträgt
diese Zahl $ 519,00. Für die wirtschaftlich am weitesten entwickelten westeuropä-
ischen Länder steigt dieser Durchschnitt auf $ 607,00, d. h. er ist dreimal größer
als der spanische Durchschnitt, und es gibt Länder wie z. B. Belgien, Luxemburg,
Schweiz und England, die Zahlen aufweisen, die viermal so groß sind wie die
spanischen18.
Die Ursache dieses niedrigen Pro-Kopf-Einkommens liegt darin, daß ein gro-
ßer Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt ist, in der die Produk-
tivität sehr gering ist. Die folgende Tabelle zeigt die Vergleichzahlen für die
Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft für das Jahr 1953:

Tabelle 8: Landwirtschaftliches Pro-Kopf-Einkommen in einigen Ländern


im Jahre 1953

Einkommen einer landwirtschaftlich tätigen Person


Land
in $ pro Jahr
USA 1729
Schweiz 913
Frankreich 640
Westdeutschland 541
Italien 400
Spanien 364
Griechenland 228
(Aus: La agricultura y el crecimiento econ6mico. Instituto de Cultura Hispanica, Madrid 1956, S. 33)

Die bereits erwähnte wichtige Veröffentlichung "Estudio econ6mico" der Zen-


tralbank bemerkt dazu: "Die Konzentration der Bevölkerung in der Landwirt-
schaft, einer wirtschaftlichen Tätigkeit mit einer sehr geringen Produktivität, wird
noch durch die natürlichen Bedingungen des Landes verschlimmert ... " Thorntwait
führte für verschiedene Länder einen Vergleich durch zwischen der tatsächlichen
Größe des Landes und derjenigen, die bei normalem Klima die gleiche Ernte er-
geben würde. Nach diesem Vergleich würde sich das Gebiet Frankreichs bei nor-
malem Klima von 551000 km 2 auf 511 000 km2 verkleinern, das Gebiet Spaniens
dagegen von 503000 km 2 auf 265000 km 2 19.
37,39% der spanischen Produktion werden von der Landwirtschaft, 62,61 % von
der Industrie erbracht. Diese letzte Zahl werden wir im folgenden als den Indu-
strialisierungs-Koeffizienten bezeichnen, d. h. das Verhältnis von Industriepro-
duktion zur Summe der von Industrie und Landwirtschaft erstellten Gütermenge.
Entsprechend der von den Vereinten Nationen empfohlenen Klassifikation wird
unter der Bezeichnung "landwirtschaftliche Produktion" sowohl die Güter-
18 Vgl. Statistical Papers Serie E, n. 4-1, New York 1957; sowie Estudio econ6mico del Banco
Central, op. cit.
19 Vgl. Thorntwait, Geographical Review, Juli 1953.
Die spanischen Mitte/schichten 75

erstellung der Landwirtschaft im engeren Sinne als auch die der Viehzucht, Forst-
wirtschaft und Fischerei zusammengefaßt. Zur Industrieproduktion zählt auch
der Bergbau.
Man muß hier feststellen, daß die Schätzung der Koeffizienten auf Produktions-
zahlen basiert, die nicht nur die industrielle, sondern auch die landwirtschaftliche
Produktivität widerspiegeln, die sich in den einzelnen Gebieten meist gegenläufig
verhalten. Das bedeutet, daß die verwendeten Koeffizienten nur zum Teil ein Indiz
für die Zahl und Bedeutung der Industrie sowie den Anteil der in ihr beschäftigten
Bevölkerung sind. Zum anderen Teil geben sie den relativen Stand der landwirt-
schaftlichen Produktivität wieder. Theoretisch bedeutet der Industrialisierungs-
Koeffizient von 63,4 für Sevilla gegenüber 50,8 für Logroiio einen höheren Indu-
strialisierungsgrad. Der Unterschied kann aber auch auf einer größeren landwirt-
schaftlichen Produktivität in Logroiio beruhen, was wahrscheinlich zutrifft.

Tabelle 9: Der Industrialisierungs-Koeffizient


in den einzelnen Provinzen Spaniens im Jahre 1955

Industrialisie- Industrialisie-
Provinz Provinz
rungs-Koeffizient rungs-Koeffizient
Zaragoza 68,78
Sevilla 63,40
Cuenca 20,29
Jaen 42,74
Palencia 35,14
C6rdoba 39,57 90,63
Madrid
Badajoz 25,06
Ger6na 58,75
C:idiz 64,78
Pontevedra 52,24
Ciudad Real 43,59
Salamanca 37,85
Granada 36,10 Corufia 51,12
Huelva 53,82 49,78
Navarra
Malaga 52,96
Castell6n 46,53
Albacete 36,77 22,02
Soria
Toledo 28,60 64,48
Alava
Murcia 66,50 53,60
Tarragona
Alicante 61,66 50,87
Logrofio
Caceres 24,18 26,76
Lugo
Barcelona 92,31
Segovia 26,44
Santander 82,36 54,75
Le6n
Vizcaya 90,61 53,81
Huesca
'\Talcüd:::. 66,19
Guadaiajara A1 0.4
'T ... ,v,
Guipuzcoa 94,03 52,72
Lerida
Valladolid 41,62 37,86
Burgos
Avila 26,03
Zamora 46,35
Almeria 38,60
Teruel 48,96
Oviedo 75,97
Orense 39,72

(Aus: Renta nacional de Espafia y su distribuci6n provincial. Festschrift zum 100jährigen


Jubiläum der Bank von Bilbao, 1956. Die Daten stammen aus dem Jahre 1955.)
76 Francisco Murillo

Gegenwärtig führt das "Instituto Nacional de Estadistica" eine Industriezählung


durch, die genauere Schlüsse zulassen wird.
Tabelle 9 gibt die Industrialisierungs-Koeffizienten für die einzelnen Provinzen
wieder, die in derselben Reihenfolge wie in Tabelle 7 angeordnet sind.
Die in der Mitte der Rangfolge aufgeführten Provinzen - das entspricht auch
einer mittleren Stellung im Hinblick auf die Größe der Mittelschicht - weisen die
höchsten Koeffizienten auf. Auf Grund der Verteilung ergibt sich nur eine geringe
negative Korrelation zwischen den beiden Variablen: r = - 0,13 (Standardfehler
=0,14). Berücksichtigt man jedoch die weiter oben erwähnte Einteilung in drei
Gruppen von Provinzen, so wird dieser Mangel an Korrelation sehr bedeutsam.
Die erste Gruppe besitzt einen durchschnittlichen Industrialisierungs-Koeffi-
zienten von 44,3, die zweite Gruppe einen durchschnittlichen Koeffizienten von
55,2 und die dritte von 44,7. Verallgemeinernd könnte man daher folgendes fest-
stellen (Abb. 5): Der geringe Prozentsatz der Mittelschicht in der ersten Gruppe
entspricht der Existenz eines großen ländlichen Proletariats. In der zweiten Gruppe
lassen die hohen Industrialisierungs-Koeffizienten bei einem gleichzeitigen Anteil
der Mittelschicht von ca. 31,8% auf die Existenz eines Industrieproletariats schlie-
ßen. Die letzte Gruppe mit den höchsten Zahlen für den Anteil der Mittelschicht
umfaßt die wenig industrialisierten Provinzen. Wegen ihrer geographischen Lage,
ihres Klimas und der Verteilung des Grundbesitzes sind sie heute die Schutzgebiete
der alten spanischen Mittelschicht, die eine überholte soziale Struktur darstellt.

Bevölkerungsdichte

Im allgemeinen ist die Bevölkerungsdichte in Spanien beträchtlich geringer als


in den meisten westeuropäischen Ländern. Das statistische Jahrbuch für Spanien
von 1957 schätzt sie - Ceuta und Melilla eingeschlossen - auf 59 Einwohner je km 2 •
Zum gleichen Zeitpunkt betrug diese Zahl für Westdeutschland 210, Belgien 293,
England 211, Italien 161, Frankreich 80 und für Portugal 97. Nach den Angaben
der letzten offiziellen spanischen Volkszählung von 1950 - ohne Ceuta und Melilla-
beträgt die Bevölkerungsdichte 55 Einwohner je km2 • Die Verteilung in den ein-
zelnen Gebieten der Halbinsel zeigt Tabelle 10. Die Provinzen sind wie immer
entsprechend dem zunehmenden Anteil der Mittelschicht angeordnet.
Die erste Gruppe besitzt einen Durchschnitt von 56 Einwohnern je km 2, der
dem Gesamtdurchschnitt sehr nahekommt. Der Durchschnitt der zweiten Gruppe
steigt auf 86, was fast zentraleuropäischen Werten entspricht. Obwohl in dieser
Gruppe einige Provinzen mit sehr geringer Bevölkerungsdichte enthalten sind,
wie z. B. Soria und Alava, liegen die Zahlen für fast die Hälfte dieser Provinzen
über dem nationalen Durchschnitt und bei 8 von ihnen betragen sie das Doppelte,
3fache oder 4fache. In der letzten Gruppe mit dem höchsten Anteil der Mittel-
schicht verringert sich die Bevölkerungsdichte plötzlich auf 28 Einwohner je km 2 •
Die spanischen Mille/schichten 77

Abbi/Jung 5: Graphische Darstellung der einzelnen Variablen


1. Provinzen-Gruppe

Mittelklasse

Industrialisierungskoeffizient

Bevölkerungsdichte

Pro-Kopf-Einkommen

Analphabetismus

Geburtenziffer

Anteil der erwerbstätigen


Frauen

2. Provinzen-Gruppe

Mittelklasse

Industrialisierungskoeffizient

Bevölkerungsdichte

Pro-Kopf-Einkommen

Analphabetismus

Geburtenziffer

Anteil der erwerbstätigen


Frauen

3. Provinzen-Gruppe

Mittelklasse

Industrialisierungskoeffizient

Bevölkerungsdichte

Pro-Kopf-Einkommen

Analphabetismus

Geburtenziffer

Anteil der erwerbstätigen


Frauen
78 Francisco Murillo

Tabelle 10: Die Bevölkerungsdichte in den Provinzen Spaniens im Jahre 1950

Einwohner Einwohner
Provinz Provinz
je km" je km"
Zaragoza 36
Sevilla 78 Cuenca 20
Jaen 57
Palencia 29
C6rdoba 57
Madrid 241
Badajoz 38
Ger6na 56
cadiz 96
Pontevedra 153
Ciudad Real 29
Salamanca 33
Granada 63
Corufia 121
Huelva 36
Navarra 37
Malaga 103
Caste1l6n 49
Albacete 27
Soria 16
Toledo 34
Alava 39
Murcia 67
Tarragona 57
Alicante 108
Logroiio 46
Caceres 28
Lugo 52
Barcelona 284
Segovia 29
Santander 74
Le6n 35
Vizcaya 263
Huesca 16
Valencia 123
Guadalajara 17
Guipu.zcoa 198
Lerida 27
Valladolid 42
Burgos 28
Avila 31
Zamora 30
Almeria 41
Teruel 16
Oviedo 82
Orense 67

(Aus: Anuario Estadistico de Espafia, Instituto Nacional de Estadistica, Madrid 1958, S. 51)

Einkommen
Nach dem bereits erwähnten sorgfältigen Bericht der Bank von Bilbao über das
Volkseinkommen betrug in den 47 Provinzen der Halbinsel 1955 das Durch-
schnittseinkommen 10477 Peseten. Tabelle 11 zeigt die Verteilung nach den
einzelnen Provinzen, die in der gleichen Reihenfolge wie bisher angeordnet sind.
Das Durchschnittseinkommen der ersten Gruppe liegt mit 7854 Peseten be-
trächtlich unter dem gesamten Durchschnitt. Die zweite Gruppe weist mit 12010
Peseten einen besseren Durchschnitt auf, und die Zahl für die dritte Gruppe,
nämlich 9084 Peseten, liegt genau dazwischen. Es besteht zwar keine Korrelation
zwischen den beiden Variablen (Größe der Mittelschicht und Durchschnitts-
einkommen), jedoch konzentrieren sich die höchsten Einkommen auf die Provin-
zen mit einem mittleren Prozentsatz für die Mittelschicht. Das sind gleichzeitig
Die spanischen Mitte/schichten 79

Tabelle 11: Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen


in den Provinzen Spaniens im Jahre 1955

Jährl. Durch- Jährl. Durch-


schnittseinkom- schnittseinkom-
Provinz Provinz
men pro Kopf men pro Kopf
(in Peseten) (in Peseten)
Zaragoza 13 261
Sevilla 10984
Cuenca 7197
Jaen 6198
Palencia 12444
C6rdoba 8000
Madrid 18020
Badajoz 6361
Ger6na 12064
Cädiz 10507
Pontevedra 8652
Ciudad Real 7485 Salamanca 8581
Granada 5613 Coruiia 8713
Huelva 9576
Navarra 13 534
Malaga 8066 Caste1l6n 10421
Albacete 6525 Soda 9005
Toledo 7079 Alava 15993
Murcia 7883 12054
Tarragona
Alicante 9569
Logroiio 12547
Caceres 6193 Lugo 6730
Barcelona 17568
Segovia 10883
Santander 13470 Le6n 9359
Vizcaya 23981 9322
Huesca
Valencia 13 201
Guadalajara 8795
Guipuzcoa 24777
Lerida 10222
Valladolid 12700
Burgos 10715
Avila 6421
Zamora 8357
Almerfa 5998 Teruel 8191
Oviedo 13309 5918
Orense

(Aus: Renta Nacional de Espaiia y su distdbuci6n provincial. Banco de Bilbao 1956, S. 79-128)

auch die Provinzen mit den höchsten Industrialisierungs-Koeffizienten und einer


größeren Bevölkerungsdichte. Für das, was später über den "neuen Mittelstand"
gesagt werden wird, ist es wichtig, diese Daten im Gedächtnis zu behalten.

Analphabetentum

Die Volkszählung von 1950 betrachtet jeden Einwohner als Analphabeten, der
über 10 Jahre alt ist und weder lesen noch schreiben kann. Für Spanien liegt dieser
Anteil bei 14,24%. Die Verteilung nach den Provinzen zeigt Tabelle 12.
Man kann beobachten, daß der Index für das Analphabetentum im großen und
ganzen mit zunehmender Größe der Mittelschicht abnimmt. Dementsprechend
80 FrQ/IGisco Muril/o

Tabelle 12: Die Analphabeten in den Provinzen Spaniens im Jahre 1950

Analphabeten Analphabeten
Provinz Provinz
je 100 Einwohner je 100 Einwohner
Zaragoza 9,55
Sevilla 24,71
Cuenca 21,49
Jaen 29,41
Palencia 3,64
COrdoba 25,10 Madrid 5,54
Badajoz 26,20 Ger6na 9,70
Cädiz 21,47
Pontevedra 13,44
Ciudad Real 26,10
Salamanca 4,38
Granada 25,39
Coruäa 13,02
Huelva 24,13
Navarra 4,50
Malaga 27,28
Caste1l6n 18,84
Albacete 25,97
Soria 3,90
Toledo 20,33
Alava 1,98
Murcia 22,25
Tarragona 12,84
Alicante 17,24
Logrono 5,86
Cäceres 18,29
Lugo 11,87
Barcelona 7,43 Segovia 3,57
Santander 3,19 Le6n 4,85
Vizcaya 3,50 10,16
Huesca
Valencia 12,05
Guardalajara 11,50
Guipuzcoa 3,39 Urida 8,83
Valladolid 6,02 Burgos 2,83
Avila 10,23 Zamora 7,42
Almerla 23,19 14,25
Teruel
Oviedo 2,97
Orense 13,22

(Aus: Censo de la Pohlaci6n de Espaöa, Band 11, Tabelle 4)

liegt der Durchschnitt der ersten Gruppe von Provinzen bei 24,82 Analphabeten
je 100 Einwohner, während der Index für die zweite Gruppe 10,01 und für die
dritte 8,51 beträgt. Zwischen den beiden Variablen besteht eine starke negative
Korrelation: r = - 0,72 (Standardfehler = 0,07).

Geburtenhäufigkeit
1951 betrug die Geburtenziffer 19,80 je 1000 Einwohner. Ihre Verteilung nach
Provinzen gibt Tabelle 13 wieder.
Hier besitzen die niedrigste Geburtenziffer die Provinzen mit dem höch-
sten Prozentsatz der Mittelschicht. Nach Provinzgruppen betrachtet, liegt die
Ziffer für die erste Gruppe mit 22,49/1000 Einwohner erheblich über dem natio-
nalen Durchschnitt. Die Zahl sinkt in der zweiten Gruppe auf 19,81 und fällt in
Die spanischen Mitte/schichten 81

Tabelle 13: Die Geburten in den Provinzen Spaniens im Jahre 1951


Geburten Geburten je
Provinz Provinz
je 1000 Einwohner 1000 Einwohner
Zaragoza 16,88
Sevilla 22,80 21,18
Cuenca
Jaen 22,76
Palencia 23,98
C6rdoba 22,27 17,12
Madrid
Badajoz 23,24
Ger6na 15,03
Cädiz 24,43
Pontevedra 19,92
Ciudad Real 22,16
Salamanca 22,67
Granada 24,19
Corufia 19,04
Huelva 19,99
Navarra 19,64
Malaga 21,90
Caste1l6n 15,34
Albacete 23,02
Soria 19,01
Toledo 20,69 Alava 19,18
Murcia 23,56 Tarragona 15,12
Alicante 18,71
Logrofio 19,43
Caceres 24,14
Lugo 17,44
Barcelona 15,08 Segovia 22,13
Santander 21,49 Le6n 23,22
Vizcaya 17,57 Huesca 15,09
Valencia 16,97 Guadalajara 18,64
Guipuzcoa 26,91 15,66
Lerida
Valladolid 22,22 21,95
Burgos
Avila 22,51
Zamora 21,54
Almeria 26,76 Teruel 18,29
Oviedo 18,15 17,62
Orense

(Aus: Anuario Estadistico de Espafia, 1952, S. 66)

der dritten noch mehr, nämlich auf 19,34. Es existiert eine nennenswerte, wenn
auch nicht sehr große negative Korrelation zwischen den beiden Variablen:
r = - 0,50 (Standardfehler = 0,15). In den folgenden Jahren ist der Durchschnitt
der letzten Gruppe weiter gesunken, obwohl die nationale Geburtenziffer gestiegen
ist (siehe Tabelle 14).
Während also der gesamte Durchschnitt und der der beiden ersten Gruppen ge-
stiegen ist, verminderte er sich in den Provinzen mit dem höchsten Prozentsatz
der Mittelschicht, in denen er bereits 1951 am niedrigsten war. Das deutet unserer
Ansicht nach eine klare demographische Tendenz an, die man beachten muß, wenn
man zu richtigen Schlußfolgerungen über die spanische Mittelschicht gelangen will.
82 Francisco Murillo

Tabelle 14: Veränderung der Geburtenzahl in drei spanischen Provinzgruppen


bzw. in ganz Spanien zwischen den Jahren 1951 und 1957

Geburten je 1000 Einwohner


Provinzgruppe in den Jahren
1951 1957
Erste Gruppe von Provinzen 22,49 23,47
Zweite Gruppe von Provinzen 19,81 21,01
Dritte Gruppe von Provinzen 19,34 18,63
Spanien insgesamt 19,80 21,73

(Aus: Anuario Estadfstico de Espaiia, 1958, S. 97. Die Zahl für Spanien liegt etwas niedriger als
der Durchschnitt der drei Gruppen, weil in ihr auch die Daten der übrigen Provinzen enthalten
sind.)

Frauenarbeit

In Spanien selbst pflegt man es als eines der charakteristischen Merkmale der
spanischen Mittelschicht anzusehen, daß die Arbeit des Mannes oder sein Ver-
mögen die einzige Einkommensquelle der Familie darstellen, während die Söhne
bis zu einem ziemlich fortgeschrittenen Alter und die Frau nicht arbeiten. Die Er-
ziehung der Töchter ist auf ihre zukünftige Rolle als Hausfrau ausgerichtet und
schließt auf Erwerb zielende Arbeit aus. Es steht jedoch fest, daß in den letzten
30 Jahren die Mittelschicht in den Städten von dieser traditionellen Auffassung
abgewichen ist, zum großen Teil, weil sie ihren Lebensstandard verbessern wollte
und dafür das Einkommen des Mannes nicht ausreichte. Dazu war jedoch ein
Wandel der sozialen Mentalität notwendig, demzufolge die negative Bewertung
der Teilnahme der Frau an verschiedenen sozialen Aktivitäten allmählich ver-
schwindet. Ähnliche Wandlungen haben sich auch im Hinblick auf die Kinder
vollzogen 2o• Dennoch bewirken einerseits das traditionelle Leitbild des Familien-
vaters als der einzigen wirtschaftlichen Stütze und andererseits die vorwiegend
agrarische Wirtschaftsstruktur Spaniens, daß die neue Mentalität noch nicht in die
kleinen Städte eingedrungen ist, in denen über die Hälfte der Bevölkerung lebt.
Das' und die Tatsache, daß der Zensus die Frauen nicht zur erwerbstätigen
ländlichen Bevölkerung rechnet, sind die Ursache dafür, daß der Anteil der
erwerbstätigen Frauen in den Volkszählungen sehr niedrig liegt: Er beträgt nur
13,8% der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung. 52% der Gesamtbevölkerung
sind Frauen, und nur etwa 11,7% davon sind in Produktionsbetrieben tätig, die
nicht irgendwie zur Hausarbeit zählen. Ich betone, daß diese Zahl viel zu gering
20 Vgl. zu diesem Wandel E. G. Arboleya und S. de! Campo, Para una sociologfa de la familia
espaiiola, Madrid 1959; speziell zu dem Wandel zwischen den beiden Volkszählungen von
1940 und 1950 vgl. S. dei Campo, Componentes deI crecimiento de la poblaci6n de Espaiia,
1940-1950, in: Rev. Estudios Politicos, No. 95, 1957, S. 160 ff.
Die .rpanisfhen Mitlel.rfhifhlen 83

veranschlagt ist, weil die Mitarbeit der Frau in der Landwirtschaft in großen
Teilen Spaniens bekannt ist. Diese Einschränkungen sind zu beachten, wenn man
die Verteilung der Frauenarbeit in den einzelnen Provinzen, wie sie Tabelle 15
zeigt, zu interpretieren versucht.

Tabelle 15: Die erwerbstätigen Frauen in den Provinzen Spaniens im Jahre 1950
Erwerbstätige Erwerbstätige
Frauen in % der Frauen in % der
Provinz Provinz
erwerbstätigen erwerbstätigen
Bevölkerung Bevölkerung
Zaragoza 12,4
Sevilla 14,0
Cuenca 4,4
Jaen 6,4 Palencia 9,1
C6rdoba 14,1 Madrid 23,0
Badajoz 6,9
Ger6na 20,5
Cidiz 12,0
Pontevedra 31,6
Ciudad Real 6,0 Salamanca 10,6
Granada 9,5 Corufia 28,5
Huelva 10,8
Navarra 12,7
Mälaga 11,5
Caste1l6n 11,3
Albacete 6,0 Soria 7,1
Toledo 7,5
Alava 13,6
Murcia 10,1
Tarragona 12,5
Alicante 15,3 Logroiio 11,6
Cäceres 4,9 Lugo 29,7
Barcelona 29,5
Segovia 7,2
Santander 13,6
Le6n 9,3
Vizcaya 21,7
Huesca 7,9
Valencia 11,3
Guadalajara 7,4
GuipUzcoa 21,3 Urida 8,4
Valladolid 14,0 Burgos 8,6
Avila 6,6 Zamora 10,6
Almeria 9,2 Teruel 9,0
Oviedo 17,2 Orense 18,8
(Aus: Datos primarios. Censo de la Poblaci6n de Espaiia, 1950, Bd. 11, Tab. 5)

Der durchschnittliche Prozentsatz der erwerbstätigen Frauen für die erste


Gruppe von Provinzen, die in Tabelle 15 wie schon bisher wiederum nach der
Größe der in ihnen vorhandenen Mittelschicht angeordnet sind, beträgt 9,51 %.
In der zweiten Gruppe steigt er stark an, nämlich bis auf 15,5%, um 1n der dritten
wieder ungefähr auf den Stand der ersten zurückzufallen, nämlich auf 9,68%. Im
großen und ganzen ist der Anteil der erwerbstätigen Frauen in den Provinzen am
größten, die auch die höchsten Industrialisierungs-Koeffizienten besitzen. Aller-
dings ist die Korrelation zwischen beiden Variablen (Anteil der erwerbstätigen
84 Franfisco Muri//o

Frauen und Industrialisierungs-Koeffizient) nicht sehr hoch: r = + 0,52 (Standard-


fehler = 0,11). Man könnte deshalb - mit allem Vorbehalt - den niedrigen Durch-
schnitt der ersten Gruppe der in ihr vorherrschenden, vom Großgrundbesitz
geprägten Agrarstruktur und dem damit vorhandenen großen Landproletariat
zuschreiben, wodurch die Frauen von der Statistik nicht erfaßt werden. Den hohen
Prozentsatz der zweiten Gruppe könnte man auf die Industrialisierung zurück-
führen (s. Tabelle 9). Der niedrige Durchschnitt der letzten Gruppe wäre schließ-
lich eine Folge der größeren Mittelschicht, d. h. der Existenz eines größeren An-
teils von freien Berufen, Beamten, Technikern, Angestellten und vor allem von
selbständigen Landwirten, deren Frauen nicht arbeiten.
Die starke Gefährdung des Gleichgewichtes zwischen Produktion und Ver-
brauch, die sich daraus ergibt, daß in Spanien nur ungefähr jede fünfte Frau er-
werbstätig ist, bedeutet eines der großen Probleme für die Volkswirtschaft. Dieses
mangelnde Gleichgewicht macht sich in den städtischen Gebieten in jeder Familie
bemerkbar, wie bereits oben dargelegt wurde. Man versucht, es durch den wirt-
schaftlichen Beitrag der Frau zu überwinden. Die erwerbstätige Frau, insbesondere
die der Mittelschicht angehörende, ist heute aber noch weit davon entfernt, ein
allgemeines Phänomen der spanischen Gesellschaft zu sein. In den Arbeiterfamilien
außerhalb der großen Städte leistet die Frau ihren wirtschaftlichen Beitrag, indem
sie entweder im Dienstleistungssektor, in der Landwirtschaft oder in der Industrie
arbeitet. Da jedoch eine solche Tätigkeit für eine Frau in der Mittelschicht nicht
in Frage kommt, sind diese Familien gezwungen, entweder ihren Verbrauch ein-
zuschränken oder den Lebensstandard nicht entsprechend den gestiegenen Lebens-
haltungskosten zu erhöhen. Andererseits arbeitet fast die Hälfte aller erwerbs-
tätigen Frauen im Haushalt. Die meisten der Hausangestellten essen und wohnen
bei der Familie, für die sie arbeiten. Nach "Tiempo Nuevo", der Zeitschrift der
Gewerkschaft (April 1959), sind etwa 43% der Frauen im Haushalt, 33% in der
Industrie, 12% im Handel, 6% in den freien Berufen und 5% in den religiösen
Orden tätig.
Selbstverständlich sind in den 43% die Putzfrauen der staatlichen oder privaten
Verwaltungsgebäude eingeschlossen. Noch heute besitzt die Arbeit als Haus-
angestellte in Spanien eine solche zahlenmäßige Bedeutung, wie sie in den übrigen
westeuropäischen Ländern seit langem verschwunden ist. Das Angebot an solchen
weiblichen Arbeitskräften stammt aus dem ländlichen Proletariat, wo auf diese
Weise die Töchter zum Unterhalt der Familie beitragen. Die Nachfrage kommt
fast ausschließlich von den städtischen oder ländlichen Familien der Mittelschicht,
wobei selbst die Angehörigen der untersten Mittelschicht aus Prestigegründen
darauf bedacht sind, gewisse Hausarbeiten nicht selbst zu tun; demonstrativ zeigt
man also, daß man sich eine Hausangestellte leisten kann.
Das Auftreten neuer Formen der Frauenarbeit im Zuge der Industrialisierung
vermindert und verteuert unabhängig davon das Angebot an Arbeitskräften für
den Haushalt. Allmählich steigt innerhalb der Mittelschicht der Lebensstandard,
soweit das möglich ist. Dennoch sind wegen der ungleichen wirtschaftlichen Be-
Die spanisGhen MittelsGhiGhten 85

dingungen die Verhältnisse in Spanien heute noch weit entfernt z. B. von den-
jenigen, die Lewis und Mallde von der englischen Mittelschicht berichten 2I •

Nichterwerbstätige Jugendliche
1950 war der Anteil der nichterwerbstätigen Schüler und Studenten sehr groß:
Er betrug 15,2% der Gesamtbevölkerung. Außerdem waren diese Studenten wirt-
schaftlich von ihren Familien abhängig, weil einerseits der spanische Student nicht
durch eigene Arbeit zu seinem Unterhalt beitrug (das beginnt sich erst in jüngster
Zeit allmählich zu ändern) und weil andererseits 1950 die Zahl der Stipendien sehr
niedrig lag, obwohl sie inzwischen erheblich zugenommen hat. Man kann keine
zahlenmäßigen Vergleiche anstellen, weil in den meisten anderen westeuropäischen
Ländern und in den USA das Studium keine völlige wirtschaftliche Untätigkeit
und noch viel weniger eine vollkommene wirtschaftliche Abhängigkeit von der
Familie bedeutet. Andererseits dauert in Spanien ein Hochschulstudium ziemlich
lange, und die Schwierigkeit, eine Stellung zu finden, setzt voraus, daß der Studien-
abschluß nicht mit der wirtschaftlichen Selbständigkeit zusammenfällt.
Es fehlen mir die repräsentativen Daten, um diese Behauptungen im einzelnen
belegen zu können. Gegenwärtig wird eine große Umfrage über die wirtschaftliche
und soziale Lage der Studenten durchgeführt, die interessante Ergebnisse zu brin-
gen verspricht. Dennoch erlaubt mir meine unmittelbare Erfahrung im akademi-
schen Bereich, im großen und ganzen die Richtigkeit meiner Hypothesen zu be-
haupten. Hinsichtlich der sozialen Herkunft der Studenten an den Hochschulen
kann man ferner feststellen, daß sie fast ausschließlich aus der Mittelschicht und
nur vereinzelt und in sehr geringem Ausmaß aus Arbeiterfamilien stammen. Teil-
weise versucht man in den letzten Jahren, diesen Zustand durch ein ausgedehntes
Stipendienwesen zu verbessern, das zwar ständig erweitert wird, das aber heute
noch im Verhältnis zur Zahl der Studenten eine geringe Bedeutung besitzt. An-
dererseits nimmt die Zahl der Studenten zu, die durch Werkarbeit ihr Studium
finanzieren, 0 bwohl sie gegenwärtig nur eine verschwindende Minorität der ganzen
Studentenschaft darstellen. Es müßte jedoch eine soziale Aufwertung einer Reihe
von leichten Arbeiten erfolgen, die natürlicherweise für sie in Frage kämen (wie
z. B. Kellner in Cafes und Restaurants, Zettelverteiler, Pförtner, unqualifizierte
Arbeiter usw.).
Tabelle 16 zeigt den Anteil der nichterwerbstätigen Studenten an der Gesamt-
bevölkerung.
Wie man sieht, halten sich die Unterschiede in sehr engen Grenzen, weshalb die
Durchschnitte ziemlich gleich sind. 15,4% sind es bei der ersten Gruppe von Pro-
vinzen, 15,2% bei der zweiten und 15,1 % bei der dritten. Die Prozentsätze nehmen

21 Vgl. R. Lewis und A. Maude, The English Middle Classes, London 1949.
86 FranciSfO Muri/lo

Tabelle 16: Die nichterwerbstätigen Studenten in den Provinzen Spaniens


im Jahre 1950

Nichterwerbs- Nichterwerbs-
tätige Studenten tätige Studenten
Provinz in % der Provinz in % der
erwerbstätigen erwerbstätigen
Bevölkerung Bevölkerung
Zaragoza 14,4
Sevilla 14,5 Cuenca 18,3
Jaen 15,4 Palencia 17,3
COrdoba 16,8
Madrid 15,3
Badajoz 15,7 Ger6na 11,8
Clidiz 15,6 Pontevedra 15,8
Ciudad Real 14,0 Salamanca 16,5
Granada 16,9 Coruiia 17,6
Huelva 12,9
Navarra 14,6
Malaga 19,5 Castell6n 13,0
Albacete 14,5 Soria 16,5
Toledo 14,5 Alava 15,4
Murcia 16,0 Tarragona 13,5
Alicante 14,0 15,3
Logroiio
Caceres 16,6 15,3
Lugo
Barcelona 12,4 17,5
Segovia
Santander 14,5 Le6n 16,3
Vizcaya 14,6 Huesca 12,9
Valencia 15,0
Guadalajara 14,6
Guipuzcoa 14,9 Lerida 12,3
Valladolid 16,3 Burgos 16,7
Avila 17,2 Zamora 16,1
Almeria 15,7
Teruel 14,0
Oviedo 13,8
Orense 15,7

(Aus: Datos primarios. Censo de la poblacion de Espaiia, 1950, Bd. II, Tabelle 5)

demnach nicht mit wachsender Größe der Mittelschicht zu, sondern vermindern
sich im Gegenteil, wenn auch geringfügig. Dagegen weisen die fünf am stärksten
industrialisierten Provinzen (Madrid, Barcelona, Vizcaya, Guipuzcoa und Oviedo)
mit 14,2% einen Durchschnitt auf, der erheblich unter dem gesamten Mittelwert
liegt. Das sind zudem diejenigen Provinzen, in denen sich ein höheres Pro-Kopf-
Einkommen findet. Im Gegensatz dazu liegt der Durchschnitt der Provinzen mit
dem niedrigsten Einkommen, wie z. B. Jaen, C6rdoba, Badajoz, Malaga, Murcia
usw. (s. Tabelle 11), erheblich über dem allgemeinen.
Die spanischen Mitte/schichten 87

Politische und religiöse Einstellungen


Es wäre wünschenswert, an dieser Stelle etwas über die politischen Einstellun-
gen und das religiöse Verhalten in bezug auf den Anteil der Mittelschicht in einer
jeden Provinz auszusagen. Leider standen mir aber für die Beantwortung dieser
beiden Fragen keine zuverlässigen Daten zur Verfügung. Über das religiöse Ver-
halten sind meines Wissens bis jetzt erst drei Untersuchungen in den Diözesen von
Bilbao (Stadt), Rodrigo und in Valencia durchgeführt worden. Die Ergebnisse
der ersten beiden Umfragen sind veröffentlicht, während sich die Untersuchung
von Valencia noch im Stadium der Auswertung befindet. Diese wenigen, auf ein-
zelne Gebiete beschränkte Forschungen erlauben uns nicht, Vergleiche für ganz
Spanien anzustellen 22 •

Alte und neue Mittelschicht

Wie wir gesehen haben, besitzen die Provinzen mit dem höchsten Anteil der
Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung gleichzeitig:
einen niedrigen Industrialisierungs-Koeffizienten, der fast so niedrig ist wie
bei den Provinzen der ersten Gruppe, die ein großes Landproletariat auf-
weisen;
die geringste durchschnittliche Bevölkerungsdichte;
Pro-Kopf-Einkommen, die unter dem nationalen Durchschnitt liegen;
den niedrigsten Index für das Analphabetentum;
die niedrigste Geburtenziffer;
einen geringen Prozentsatz von erwerbstätigen Frauen.
Andererseits sind die errechneten Prozentzahlen das Ergebnis einer Klassifizie-
rung, bei der diejenigen Berufe der Mittelschicht zugeordnet wurden, die in Spanien
von alters her als zur mittleren Schicht gehörig angesehen werden. Dabei zeigt sich,
daß der Anteil der so definierten Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung relativ
klein ist.
Es läßt sich ferner feststellen, daß die Provinzen, die mittlere Prozentzahlen für
den Anteil der Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung aufweisen, gegenwärtig
die bedeutendsten und einflußreichsten Gebiete Spaniens sind, da sie absolut ge-
sehen die höchsten Bevölkerungs- und Produktionsziffern besitzen und relativ:
die höchsten Industrialisierungs-Koeffizienten;
die größte Bevölkerungsdichte;
die höchsten jährlichen Pro-Kopf-Einkommen;
einen mittleren Index für das Analphabetentum (teilweise eine Folge der
22 Zu den erwähnten Untersuchungen vgl. Guia de la Iglesia en Espaiia, Ergänzungsband für
1955; außerdem R. Duocaste/la, La practica religiosa y las clases sodales, in: Arbor, Dezember
1957; S. Aznar, Estudios religioso-sociales, Instituto de Estudios Politicos, Madrid 1949.
88 Francisco Murillo

ständigen Zuwanderung aus den übrigen ärmeren Gebieten);


eine mittlere Geburtenhäufigkeit und
eine relativ große Zahl erwerbstätiger Frauen.

Aus alldem kann man schließen, daß sich eine neue Mittelschicht entwickelt
mit ihrem eigenen Lebensstil, ihren spezifischen Verhaltensweisen und ihrer ört-
lichen Konzentration in neuen Wohngebieten. Die qualifizierten Arbeiter mit
relativ hohen Löhnen, die Abteilungsleiter der Fabriken, die kleinen Unternehmer
und die Angestellten all der höchst wichtigen Dienstleistungsbetriebe, die zur Be-
friedigung der neuen Bedürfnisse entstanden sind (Friseursalons, Bars, Kinos,
Transportunternehmen, Haushaltwarengeschäfte, Lebensmittelgeschäfte usw.),
bilden Gruppen von Berufen, die entweder neu entstanden sind oder aus früheren
Berufen sich entwickelt haben und wegen ihrer sozialen Anziehungskraft ständig
zunehmen. Insbesondere steigt ihr Konsum und ihr Lebensstandard, der häufig
über dem der unteren Schichten der alten Mittelschicht liegt. Es ist zum großen Teil
dieser neue soziale Typus, der das Publikum der Sport- und Kinoveranstaltungen,
der Rundfunksendungen und bestimmter Zeitschriften bildet.
Dennoch hat die spanische Gesellschaft dieses Phänomen noch nicht völlig
assimiliert. In ausgesprochener Abwehraktion dagegen betont die alte Mittel-
schicht ihren aus einer jahrhundertealten Subkultur stammenden besonderen
Lebensstil. Die Trennungslinie zwischen den beiden Mittelschichten ist deutlich
sichtbar. Insbesondere das "convivium", das "connubium" und die "commen-
sualitas" beschränken sich auf die eigene Gruppe, und der Übergang von der einen
Mittelschichtgruppierung in die andere dauert heute mindestens eine Generation.
Andererseits bieten die Bestimmungen der Sozialversicherung der neuen Mittel-
schicht manchmal ein größeres Maß an Sicherheit als für viele Mitglieder der
alten Mittelschicht, insbesondere für die freien Berufe. Viele Ärzte führen z. B.
ein einfacheres und ungesicherteres Leben als manche ihrer Patienten.
Wegen der geschichtlichen Voraussetzungen entspricht in Spanien die Entwick-
lung der neuen Mittelschicht jedoch nicht dem bereits klassisch gewordenen
Schema des amerikanischen "white-collar" von Mills. Nach Mills leiteten im gol-
denen Zeitalter Amerikas der kleine Kaufmann und der Farmer ihre Selbständig-
keit aus einer günstigen Kombination von "income, status and work" ab. Für
Mills war das Charakteristische der alten amerikanischen Mittelschicht ihre Un-
abhängigkeit. Der Aufstieg der" white-collars" bedeutet den Eintritt einer großen
Zahl von unselbständigen Arbeitern in diese Mittelschichten 23 •
Im Gegensatz dazu war die spanische Gesellschaft von alters her und bis in die
jüngste Zeit eine gleichsam ständisch gegliederte Gesellschaft von Patronats-
herren und Untergebenen. In allen Zeiten gibt es eine umfangreiche Gesetz-
gebung gegen das Vagabundenwesen. Wenn man aber die zahlreichen Gesetze
nachschaut (vgl. den 31. Titel des 12. Buches der "Novisima Recopilaci6n" von

23 Vgl. C. W. MiIIs, White Collar, New York 1951, S. 9.


Die spanisthen Miltelsthithten 89

1805), so stellt man fest, daß der gesetzliche Begriff des Vagabunden keine wirt-
schaftliche, sondern eine moralische Dimension besitzt. Der reine Müßiggang ist
nicht das charakteristische; der Vagabund wird als ein Mensch mit schlechtem
Lebenswandel angesehen. Für den Gesetzgeber ist der Vagabund ein bestimmter
sozialer Typus, ähnlich wie der Zigeuner, der oft unter der Anklage, ein Vagabund
zu sein, verurteilt wurde 24 • Die große Mehrheit der Gesellschaft steht außerhalb
dieser Klassifikation, nicht jedoch weil sie nicht arbeitet, sondern weil sie dazu
nicht verpflichtet ist. Das heißt, daß man zwar ohne "officium", nicht aber ohne
"beneficium" leben darf. Der in den Gesetzen häufig verwandte Begriff besitzt
heute nur noch einen Teil seines ursprünglichen Bedeutungsgehaltes. "Benefi-
cium" bedeutet - hier ist nicht der besondere kirchliche Begriff des beneficium
gemeint -, entweder ein hidalgo zu sein oder als sein Untergebener von ihm unter-
halten zu werden.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts berichtet ein Zeitungsschreiber: "Wir
sind Adlige, d. h. daß unsere Vorfahren von jeher nicht für ihren Unterhalt ge-
arbeitet haben. Meine Schwester hat diese Einstellung bewahrt, obwohl sie keine
Güter mehr besaß. Und das war tatsächlich einer der Gründe, weshalb es meinem
Neffen beschieden gewesen wäre, Hungers zu sterben, wenn man ihn nicht ge-
zwungen bätte, seinen ,Kopf', d. h. Namen und Titel, für irgendeine Angelegen-
heit gegen Entgelt zur Verfügung zu stellen. Wenn er jedoch ein Handwerk
gelernt hätte, was hätten die Verwandten und die ganze Nation gesagt ?"26
Der Ausdruck meter la cabeza en alguna parte 2B , den Larra verwendet, bezieht sich
zweifellos auf die öffentliche Verwaltung und beweist, daß das Beamtentum in
Spanien (weder von den Beamten selbst noch von Außenstehenden) als Dienst am
Staat aufgefaßt wurde, sondern für große Teile der Gesellschaft eine "ehrenvolle"
Beschäftigung darstellt, womit diese die Probleme ihres Standes zu lösen ver-
suchen. Es erfüllt dieselbe Funktion von "beneficium", wie wenn man früher zum
"kleinen Hof" (pequena corte des Herzogs von Medinaceli oder im 17. Jahrhundert
des Herzogs von Feria) gehörte. Der berühmte spanische caciquismo aller Zeiten ist
ebenfalls ein Ausdruck dieser besonderen sozialen Struktur.
In einer solchen Gesellschaft waren natürlich weite Kreise der Mittelschicht
wirtschaftlich abhängig - zum größten Teil von der öffentlichen Verwaltung, da
nur wenige private Unternehmen existierten, die sie hätten beschäftigen können -
und besaßen von daher den sozialen Status eines Untergebenen.
Dieses Heer von Beamten aller Art bildet neben den freien Berufen eine der
S4 So ist beispielsweise noch heute ein 1933 erlassenes Gesetz über "vagos y maleantes" (Vaga
bunden und CcsindeI) in Kraft.
25 M.]. de Larra, EI casarse pronto y mal, 7. November 1832 .
•• Wörtlich übersetzt bedeutet dieser Ausdruck: "Den Kopf irgendwo hineinstecken". Die
Redewendung bezieht sich auf Personen, die - da eine gewöhnliche Arbeit nicht als standes-
gemäß angesehen wird - ihren Unterhalt auf andere Art und Weise zu bestreiten gezwungen
sind. Sie versuchen meist, in irgendwelchen staatlichen Behörden eine der pfründeartigen
Stellen zu erhalten, indem sie entweder ihre Beziehungen ausnutzen oder immer wieder bei
irgendwelchen Personen antichambrieren (die Übersetzer).
90 Francisco Muril/o

charakteristischsten Gruppen der alten Mittelschicht. Es besteht keine Unabhän-


gigkeit, die sich aus dem Gleichgewicht von "income, status and work" ableitet,
sondern eine vom Status bestimmte Abhängigkeit. Das Einkommen aus Kapital
und Arbeit ist erst von sekundärer Bedeutung und in beiden Fällen normaler-
weise niedrig. Aber noch heute genießt infolge des überdauerns dieses Wertes der
gleiche Beruf ein höheres soziales Ansehen, wenn er im Dienste des Staates als
wenn er für ein privates Unternehmen ausgeübt wird, obwohl im ersten Fall das
Einkommen wesentlich niedriger ist als im zweiten. Wahrscheinlich finden sich
Parallelen hierzu in anderen Ländern Europas, zum Beispiel in der Bürokratie
Preußens, aber in Spanien sind diese Dinge bis heute in starkem Maße vorhanden.
Die Vorstellung von der "leidenden Mittelschicht", von dem "ich will, aber ich
kann nicht", hat hier großenteils ihren Ursprung, d. h. in diesem sozialen Typus,
dem von dem Kodex seines Standes ein Lebensstandard auferlegt wird, zu dem
sein tatsächliches Einkommen in keinem Verhältnis steht. Aber gerade die Ange-
hörigen dieser unteren alten Mittelschicht, deren Einkommen nicht ausreicht, um
"standesgemäß" leben zu können, widersetzen sich am schärfsten den neu aufstei-
genden Schichten. Sie widersetzen sich ihrer - von ihnen fälschlicherweise so
bezeichneten - "Proletarisierung", was in Wirklichkeit nur ihre Verwirrung über
ihre Niederlage gegenüber der neuen Mittelschicht beweist. Es wird z. B. für
diese untere alte Mittelschicht jeden Tag schwieriger, eine Hausangestellte zu
halten, wie wir bereits früher erwähnt haben. Weil ihre Beschäftigung jedoch noch
in besonderem Maße soziales Ansehen verleiht und eines der wichtigen Status-
merkmale ist, wird an diesem Prinzip festgehalten, obwohl dadurch für den ein-
zelnen und für die Gesellschaft eine unangenehme Situation heraufbeschworen
wird.
Im Gegensatz dazu entsteht die neue Mittelschicht, die zudem wirtschaftlich
besser gestellt ist, ohne dieses Vorurteil und versucht, sich durch eine Mechanisie-
rung des Haushaltes der Lage anzupassen.

Das "Klassenbewußtsein"
Die von uns als alte Mittelschicht bezeichnete Schicht besitzt auf Grund ihres
eigentümlichen geschichtlichen Ursprungs ein sehr geschlossenes Gruppen-
bewußtsein ("Klassenbewußtsein"), das man eigentlich als eine Subkultur inner-
halb der spanischen Gesamtkultur bezeichnen könnte. Ihre Werte und ihre Ver-
haltensnormen haben sich stark gefestigt, so daß in ihnen eine sehr klar bestimmte
kulturelle Form vorliegt. Das ist wahrscheinlich ein gemeinsames Merkmal der
alten Mittelschicht in allen europäischen Ländern, aber das Besondere der spani-
schen ist vielleicht ihr spätes Auftreten und ihr überdauern bis in die Gegenwart.
Eine ähnliche Situation ließe sich vielleicht für Polen oder Ungarn vor dem zweiten
Weltkrieg aufzeigen.
Die spanischen Mitte/schichten 91

Der Historiker]. M.Jover bezeichnet die Zeit zwischen 1868 (der sogenannten
Septemberrevolution, die nach der Abdankung der Bourbonen zu einem republi-
kanisch-föderalistischen Experiment führte und dann in der kurzen Monarchie der
Savoyer endete) und 1874 (der Wiedereinsetzung der Bourbonen) als die Periode
des erwachenden Selbstbewußtseins sowohl der bürgerlichen Mittelschicht als auch
des Proletariats. In ganz Westeuropa geschah das bereits 20 Jahre früher, nämlich
in der Revolution von 1848, die sich aber auf die Iberische Halbinsel kaum aus-
wirkte. Außerdem bewirken die Umstände, unter denen dieses Selbstbewußtsein
entsteht, sowie die wirtschaftliche Rückständigkeit des Landes, daß sich die beiden
Gruppierungen von Anfang an wie unter der Wirkung einer "sozialen Fliehkraft"
immer weiter voneinander entfernen 2' .
Erst 1868 treten die spanischen Arbeiter durch den Italiener Fanelli mit der
"Internationale" in Verbindung. Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts beginnen
das iberische Gewerkschaftswesen und der iberische Anarchismus eine wichtige
Macht im politischen Leben Spaniens zu werden, nachdem inzwischen im Norden
und Nordosten ein Industrie- und im Süden ein Landproletariat entstanden ist.
Im Gegensatz dazu beginnt die aus der alten hidalgufa entstandene Mittelschicht,
sich abzukapseln und ihre Weltanschauung zu entwickeln. Die spanische Mittel-
schicht - obwohl äußerst heterogen und in viele Unterschichten zerfallend -
erscheint von "unten" gesehen als ein geschlossener Block, den das Proletariat
unterschiedslos als "die anderen", "die Reichen", "die da oben" oder "die Herren"
(seiioritos) bezeichnet, ohne zu berücksichtigen, daß viele Angehörige der Mittel-
schicht wirtschaftlich gesehen Proletarier sind. "Arm und reich" lautet die einfache
Einteilung; aber sie funktioniert bestens in der Vorstellung der spanischen Gesell-
schaft, wie diese sie sich im ersten Viertel des Jahrhunderts von ihrer eigenen
Struktur gebildet hat.
Seither wurde diese soziale Dichotomie zwar verfeinert und um einige Nuancen
bereichert, aber wie es scheint, ist sie im wesentlichen bis heute erhalten geblieben.
Die Anleihen an Ideen, die man in den politischen Kämpfen bei der anderen Seite
aufnimmt, und der Wechsel von Personen aus einer Schicht in die andere sind sehr
gering. Obwohl die Soziologie der Parteien und ihre Geschichte in den letzten
hundert Jahren erst noch geschrieben werden müssen, weshalb heute noch keine
exakten Angaben mitgeteilt werden können, ist es dennoch bereits möglich, einige
Anmerkungen zu diesem Thema zu machen. So kann man etwa sagen, daß der
traditionelle spanische Katholizismus zu einem fast ausschließlichen Monopol der
Mittelschicht wurde. Für die Arbeiterklasse bedeutet er im allgemeinen nur ein
formales, bürokratisches System, das so weit übernommen wird, als es den heftigen
Antiklerikalismus zu verbergen hilft. In der politischen Geschichte Spaniens gibt
es keinen Links- oder Zentrumskatholizismus, der in den unteren Schichten eine
größere Anhängerschaft gewonnen hätte.

2' Vgl. J. M.}over, Consciencia obrera y consciencia burguesa en la Espaiia contemponinea,


Madrid 1951.
92 Francisco Muri/lo

Die Republik von 1931 erschien zu Beginn als eine politische Bewegung der
Linken, die von der Mittelschicht oder doch zumindest vom größten Teil ihrer
Angehörigen unterstützt wurde. Die Schwäche dieser Stütze wurde offenbar, als
es nicht gelang, das Abgleiten der Republik in extreme, demagogische Formen zu
verhindern. Der Bürgerkrieg von 1936-1939 besaß meiner Meinung nach einen
ausgesprochenen Klassencharakter mit sehr klaren Positionen und Ideologien auf
beiden Seiten. Im nationalistischen Lager verbarg sich die Weltanschauung der
Mittelschicht unter dem Deckmantel sozialer Revindikationen, die die falangisti-
sehe Bewegung implizierte (ebenso wie andererseits die Mittelschicht); und im
republikanischen Lager versuchte man, eine anarchistische, syndikalistische oder
kommunistische (d. h. streng proletarische) Zielsetzung unter der Fahne eines
bürgerlichen, gemäßigten und europäisch gesinnten Liberalismus zu verbergen,
der viele Unvorsichtige täuschte.
Eine der Ursachen, die zur Niederlage der Republikaner führte, war - wie allge-
mein bekannt ist - die geringe Qualifikation der Offiziere, während auf der anderen
Seite die Offiziere sehr schnell zu improvisieren verstanden. Fast die ganze Mittel-
schicht unterstützte die Nationalisten, und ihre Führerfähigkeiten und ihre soziale
überlegenheit über den Soldaten verbanden sich mit der traditionellen militäri-
schen Disziplin. Das fehlte jedoch fast ganz auf der anderen Seite, die ihre Offiziere
aus Leuten auswählen mußten, denen die minimalsten psychologischen, sozialen
und technischen Voraussetzungen fehlten.
Zweifellos wirken diese Aussagen über die soziale Entwicklung Spaniens
simplifizierend. Man müßte z. B. die Oberschicht ihrer Bedeutung entsprechend
berücksichtigen, die zwar im Verhältnis zu den anderen Schichten zahlenmäßig
sehr viel kleiner ist, aber in vielen Fällen einen entscheidenden Einfluß ausübt,
insbesondere in der Art kapitalistischer "pressure groups", die während der
Monarchie, der Republik und unter dem gegenwärtigen Regime am Werke sind.
Hinsichtlich der augenblicklichen Situation stellen wir nur fest, daß sich fast alle
einigermaßen wichtigen Industrien und selbstverständlich alle Grundindustrien im
Besitz von Banken befinden, deren Aktien in den Händen einiger weniger Personen
konzentriert sind, die unter sich ein System von "persönlichen Verbindungen"
unterhalten. Andererseits besitzt das "Instituto Nacional de Industria", eine halb-
staatliche Organisation, 51 % der Aktien einer Reihe großer Industriebetriebe, wie
z. B. der Hüttenwerke von Aviles, der Erdölraffinerien von Escombras und
einiger wichtiger Elektrizitätswerke. In den Händen des Staates, und d. h. in den
Händen einiger weniger Leute, zusammengefaßt, gibt das die Möglichkeit, auf die
Wirtschaft in der einen oder anderen Richtung Druck auszuüben.
Trotzdem scheint mir die getroffene Einteilung in zwei große Schichten (Klas-
sen) und die ihnen entsprechenden Mentalitäten im wesentlichen richtig zu sein.
Einerseits, weil die Angehörigen der unteren Schicht, wie wir gesehen haben,
keine Unterscheidungen zwischen den über ihnen stehenden Schichten treffen;
ihre Reaktion auf politische, wirtschaftliche oder religiöse Ereignisse richtet sich
daher ohne Unterschied gegen die übrige Gesellschaft en bloc. Andererseits ver-
Die sptmis&hen Mitlels&hiGhlen 93

band sich die Mittelschicht, auch wenn sie dabei keine eigenen Interessen verfolgte,
mit ultrakonservativen Elementen, welche in der Mittelschicht eine starke Unter-
stützung bei der Verteidigung ihrer Sonderinteressen fanden.
Ich bin überzeugt, daß die unaufhaltsam aufsteigende neue Mittelschicht mit
ihrem Lebensstil und ihrer spezifischen Weltanschauung, ist sie erst einmal in die
spanische Gesellschaft integriert (ein Prozeß, der seit einiger Zeit schon begonnen
hat), einen äußerst notwendigen Stabilisierungsfaktor bilden wird. Denn diese
Schicht entsteht sowohl unabhängig von dem politisch-wirtschaftlich-religiösen
System der Oberschicht als auch ohne die Last der Unsicherheit und ohne das
Ressentiment des Proletariats.
Es steht auf einem anderen Blatt, ob der Zusammenstoß der Wertsysteme und
Verhaltensmuster der beiden Mittelschichten nicht vorübergehend eine Situation
der Desorientierung und des Unbehagens schafft. Diese Periode könnte aber mit
einem Kompromiß der beiden Mentalitäten enden, durch den die Trennung zwi-
schen jenen zwei Schichten beseitigt werden könnte, die sich durch Jahrhunderte
vorurteilsvoll gegenüberstanden.
Spanien wird jedoch weiterhin ein Agrarland mit ländlichen Lebensformen blei-
ben, zumal die Entwicklung der neuen Mittelschicht nicht nur durch ihre sehr
ungleiche Verteilung gehemmt wird, sondern auch dadurch, daß die Ungleichheit
einem Trend folgt, der im folgenden beschrieben werden soll.

Wandlungen der demographischen Struktur


In einer Untersuchung des nationalen Wirtschaftsrates der Gewerkschaften über
die Lage der Landwirtschaft (Madrid 1957) werden die Wandlungen der Bevölke-
rung zwischen 1940 und 1950 verglichen und dabei Tendenzen aufgedeckt, die hier
erwähnt werden sollten. Die Gliederung in landwirtschaftliche Gebiete erfolgte
auf Grund eines unter Umständen angreifbaren Kriteriums, was aber für unsere
Zwecke kein Hindernis darstellt. Tabelle 17 führt jeweils die Provinzen auf, die
zu einem solchen Gebiet gehören.
Wie man sieht, fallen die größten Zunahmen auf die am stärksten industrialisier-
ten Gebiete und umgekehrt. Es sollen noch die Indizes der männlichen Landbevöl-
kerung für dieselbe Dekade untersucht werden, die aus den Daten der Volks-
zählungen von 1940 und 1950 errechnet wurden.
Es fällt sofort auf, daß in Andalusien und Extremadura die Zunahme der männ-
lichen Landbevölkerung in den untersuchten 10 Jahren stärker war als die der
gesamten männlichen Bevölkerung. Das Gegenteil ist der Fall in den Provinzen
Le6ns, Kataloniens, Neu-Kastiliens und des Baskenlandes.
Die folgenden beiden wichtigen Punkte verdienen, deutlich hervorgehoben zu
werden:
a) Die Zahl der gesamten männlichen Bevölkerung stieg nicht in allen Gebieten
gleichmäßig an;
94 Francisco Murillo

Tabelle 17: Zunahme der männlichen Bevölkerung zwischen 1940 und 1950

Index 1950
Gebiet
(1940=100)
Westliches Andalusien (Jaen, Granada, Malaga, Almeria) 109,2
Östliches Andalusien (COrdoba, Sevilla, Huelva, Cädiz) 105,5
Alt-Kastilien (Avila, Valladolid, Palencia, Burgos, Soria, Segovia) 105,9
Neu-Kastilien (Madrid, Toledo, Ciudad Real, Cuenca, Guadalajara) 114,0
Arag6n (Zaragoza, Huesca, Teruel) 104,4
Levante (Albacete, Murcia, Alicante, Valencia, Caste1l6n) 106,2
Leonesa (Le6n, Zamora, Salamanca) 107,9
Katalonien (Barcelona, Ger6na, Urida, Tarragona, Baleares) 111,5
Extremadura (Cäceres, Badajoz) 109,9
Rioja und Navarra (Logroiio, Navarra) 103,4
Galizien (Pontevedra, Lugo, Coruiia, Orense) 105,9
Baskenland (Alava, Guipuzcoa, Vizcaya) 111,3
Kanarische Inseln 117,1
Asturias und Santander 106,4
Gesamter Durchschnitt 108,5

(Aus: Die erwähnte Untersuchung des Consejo Econ6mico Nacional Sindacal)

Tabelle 18: Wandlungen der ländlichen Landbevölkerung zwischen 1940 und 1950

Gebiet Index 1950


(1940=100)
Westliches Andalusien 118,0
Östliches Andalusien 112,3
Alt-Kastilien 104,0
Neu-Kastilien 105,0
Arag6n 104,4
Levante 102,5
Leonesa 98,8
Katalonien 101,3
Extremadura 111,1
Rioja und Navarra 103,9
Galizien 101,6
Baskenland 95,6
Kanarische Inseln 115,2
Asturias und Santander 104,9
Gesamter Durchschnitt 106,1

(Aus: Die erwähnte Untersuchung des Consejo Econ6mico Nacional Sindacal)


Die spanischen Mitte/schichten 95

b) die Veränderungen in der männlichen Landbevölkerung erfolgten nicht im


gleichen Rhythmus wie die der gesamten Bevölkerung.
Diese Veränderungen der Zuwachsraten der männlichen Gesamtbevölkerung
sind selbstverständlich ein Ereignis der unterschiedlichen Geburten- und Sterb-
lichkeitsziffern eines jeden Gebietes. Das trifft jedoch nur teilweise zu, weil noch
ein weiterer Faktor berücksichtigt werden muß, nämlich die regionale Mobilität.
Daraufließen sich die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Indizes zurück-
führen. Ebenso wenig darf man aber bei einer Analyse der Indizes der männlichen
Landbevölkerung (Tabelle 18) - abgesehen von den eben erwähnten Faktoren-
die berufliche Mobilität außer acht lassen, d. h. den Übergang von Erwerbstätigen
aus einem Wirtschaftsbereich in einen anderen. Solche Übergänge beeinflussen
natürlich die Zahl der in der Landwirtschaft tätigen Personen. Man kann aus den
Zahlen schließen, daß die (regionale oder berufliche) Mobilität sich auf die länd-
liche weitaus stärker auswirkt als auf die gesamte männliche Bevölkerung. Als
Folge davon waren die Strukturwandlungen weitaus größer in der ländlichen als
in der gesamten Bevölkerung. Man könnte die Ergebnisse der erwähnten Unter-
suchung etwa folgendermaßen zusammenfassen:
Trotz eines beträchtlichen Wachstums der männlichen Gesamtbevölkerung
zwischen 1940 und 1950 verzeichnen die am stärksten industrialisierten Gebiete
(wie z. B. das Baskenland, Katalonien und Madrid) die geringsten Zunahmen (in
einigen Fällen sogar eine Abnahme) der Landbevölkerung. Das läßt sich nur er-
klären durch eine starke Zuwanderung von Menschen (Bauern oder nicht) aus
anderen Gebieten (regionale Mobilität) und durch die Anziehungskraft, die die
Industrie auf die Landarbeiter, auch des eigenen Gebietes, ausübt (berufliche Mobi-
lität). Das Gegenteil scheint in den nichtindustrialisierten Gegenden der Fall
zu sein.
Das Schaubild (Abb.6) stellt die Zunahme der erwerbstätigen spanischen
Bevölkerung von 1900 bis 1950 dar. Es zeigt, daß die einzige Periode des Bevölke-
rungswachstums, die mit einem Industrialisierungsprozeß einhergeht, zwischen
1910 und 1930 liegt. In diesen Jahren nimmt die Industriebevölkerung zu, während
die Zahl der Landbevölkerung abnimmt.
Abschließend soll noch auf die folgenden beiden Erscheinungen hingewiesen
werden:
a) Zwischen 1940 und 1950 hat die Zahl der Erwerbstätigen in der nördlichen
Hälfte Spaniens (die die höchsten Prozentsätze für den Anteil der Mittelschicht
besitzt) zugenommen, während die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten
Personen in geringerem Umfang stieg bzw. in einigen Fällen sogar abnahm;
b) in derselben Zeit stieg im südlichen Teil der Halbinsel (wo die Mittelschicht nur
einen geringen Anteil ausmacht) die Zahl der in der Landwirtschaft beschäf-
tigten Personen gegenüber der gesamten männlichen Bevölkerung erheblich
stärker.
Beide Erscheinungen sind von großer Bedeutung, insbesondere jedoch die letzte,
weil sie deutlich sichtbar werden läßt, daß die Industrialisierung eines Teils von
96 Francisco Muril/o

Abbildung 6: Erwerbstätige Bevölkerung

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Jahre

Spanien und die Mechanisierung seiner Landwirtschaft nicht in demselben Tempo


erfolgen. Dadurch vergrößern sich die Unterschiede, die die Wirtschaft im Norden
und im Süden des Landes voneinander trennen.
Das bedeutet, daß im nördlichen Teil des Landes der Anteil der alten Mittel-
schicht höher ist und daß sich wegen des von der Wirtschaftsentwicklung aus-
gehenden Druckes die Entstehung der neuen Mittelschicht viel intensiver voll-
zieht. Es fehlen mir jedoch die genauen Daten, um ihren Umfang angeben zu
können. Andererseits nimmt gleichzeitig im Süden, wo die Mittelschicht nicht sehr
zahlreich ist, die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten zu. Das dürfte aber
gerade bewirken, daß sich die neue Mittelschicht nicht sehr stark ausbreiten wird.
Man muß jedoch die Ergebnisse der nächsten Volkszählung von 1960 abwarten,
um feststellen zu können, ob diese Tendenz weiterhin besteht oder ob sie sich
inzwischen korrigiert hat. Im ersten Fall sollte uns die Lage zu ernster Besorgnis
Anlaß geben, weil das hieße, daß sich durch die teilweise Industrialisierung der
Abstand zwischen den bei den Teilen Spaniens vergrößern würde.
Die spanischen Mitte/schichten 97

Zusammenfassung
1. In Spanien bildet die Mittelschicht (clase media), für deren Definitionskriterium
die besonderen Wertmaßstäbe der spanischen Gesellschaft verwendet wurden,
einen kleinen Teil der Gesamtbevölkerung.
2. Wegen des zahlreichen Landproletariats ist dieser Prozentsatz im Süden der
Halbinsel besonders niedrig.
3. Der Anteil ist größer in den am meisten industrialisierten Provinzen, obwohl
diese ein großes Industrieproletariat besitzen.
4. Die höchsten Prozentsätze entfallen auf die weniger bedeutenden Provinzen, die
nur wenig industrialisiert sind und eine bessere Verteilung des Grundbesitzes
aufweisen.
5. Als Folge der wirtschaftlichen Bedingungen entsteht eine neue Mittelschicht,
die von der alten Mittelschicht noch nicht assimiliert wurde.
6. Auch wenn sich zahlenmäßig keine Tendenz zum Rückgang der alten Mittel-
schicht feststellen läßt, so kann man doch mit gutem Grund annehmen, daß ihre
spezifische Subkultur sich gegenüber den Werten, Lebensformen und Verhal-
tensweisen der aufsteigenden neuen Mittelschicht in der Verteidigung befindet.
7. Wegen des ungleichen wirtschaftlichen Wandels in den einzelnen Gebieten be-
steht heute ein Trend, daß der Anteil der Mittelschicht in denjenigen Gegenden,
in denen er bereits niedrig ist, noch weiter sinkt, weil sich dort die neue Mittel-
schicht nicht besonders stark vergrößert hat. Auf Grund dieser Tendenz ver-
stärken sich die Unterschiede zwischen dem Norden und Süden der Halbinsel.
PROF. DR. OLIVER BRACHFELD
BARCELONA

Mittelschichtenprobleme Südamerikas
Dargestellt am Beispiel der Mittelschichten Venezuelas

üBERSICHT

Der Stand der Forschung. • • • . . • . . . . • • • . . . • • • • • . . . . . . . . . . • • . . . • . . . . . . .• 100


Zu den Begriffen Entwicklungsland und Mittelschicht in den mittel-
und südamerikanischen Ländern ................................ 100
Mittelschichtenforschung im heutigen Venezuela. . . . . . . . . . . . . . . . .. 102
Venezolanische Untersuchungen ................................ 104
Untersuchungen ausländischer Soziologen im Lande ............... 106
Nordamerikanische Studien über Lateinamerika ................... 109

Zur Entwicklungsgeschichte der venezolanischen Mittelschicht . . . • • . • • . . . . . . . . . .. 111


Regionale, sprachliche und rassische Differenzierungen. . . . . . . . . . . .. 111
Falsche Ergebnisse einer voreingenommenen Mittelschichtenforschung 113
Schichtungsverhältnisse zu Beginn der Kolonialzeit .............. 115
Ein erstes Schichtbild: Spanische Eroberer, Pardos, Indios und Neger-
sklaven. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 117
Die Pardo-Mischlinge in ihrer Konsolidierung als erste Mittelschicht 119
Die Festigung der venezolanischen Mittelschicht nach dem Bürgerkrieg
(1810-1814) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 121

Die venezolanische Mittelschicht der Gegenwart ................•••.•... ..... 123


Rudimente der "historischen" Mittelschicht in der venezolanischen
Gesellschaft der Gegenwart ............................. . . . . . .. 123
Extreme Formen sozialer Bewegungsvorgänge .................... 124
Die Probleme der gewerblichen Mittelschicht Venezuelas. Eine Aus-
einandersetzung mit Emil Wehrle ............................... 127

Versuch einer Einteilung der heutigen venezolanischen Mittelschichten . ........... 142


Die wirtschaftlich-soziale Lage der Mittelschicht im allgemeinen. . . .. 142
Die zur Mittelschicht zu zählenden Bevölkerungsschichten .......... 144
Die Festigung der Mittelschicht durch die Prozesse der Transkulturation 151
100 Oliver BrarhJeld

Der Stand der Forschung


Zu den Begriffen Entwicklungsland und Mittelschicht
in den mitte/- und siidamerikanischen Ländern

Die Mittelstandsforschung ist heute ebenso an der Tagesordnung wie die Be-
schäftigung mit den sogenannten "underdeveloped countries", letztere eine an
und für sich unklare Redewendung, die den Fortschritt und die Entwicklung einzig
und allein an der Industrialisierung zu messen scheint. So ist es wohl angemessener,
anstatt von unterentwickelten, von Entwicklungsländern zu sprechen. Darunter
werden Länder verstanden, die die Phase der "ruralen" Gesellschaft noch nicht
überwunden haben und erst jetzt im Begriffe stehen, sich in eine mehr "urbane"
und industrialisierte Gesellschaft zu verwandeln. Allerdings ist auch der Begriff
Entwicklungsländer nicht sehr klar; wenn wir ihn im folgenden beibehalten, so
einzig weil wir nicht an diesem Begriff, sondern an den Mittelschichten interessiert
sind.
Ist dieser Wandel allen Entwicklungsländern gemeinsam, so kann man jedoch
aus kultureller und ganz besonders aus religiöser Sicht mit vollem Recht auf meh-
rere grundlegende Unterschiede hinweisen, die die Entwicklungsländer Mittel-
und Südamerikas von jenen Afrikas oder auch Asiens grundsätzlich trennen.
Erstens haben die erstgenannten Länder, ehemalige spanische bzw. portugiesische
Kronkolonien, ihre politische - wenn auch nicht ihre wirtschaftliche - Unabhängigkeit
bereits im 19. Jahrhundert, und zwar zwischen 1810 und 1898, erfochten; und
während zweitens die Unabhängigkeitsbewegungen Mittel- und Südamerikas im
Namen der von der Aufklärung deklarierten Menschenrechte und mit den Ideen
der französischen Revolution ausgefochten wurden, wird die Unabhängigkeits-
bewegung der afrikanischen und asiatischen Länder im Gegensatz hierzu von
einem antiwestlichen Pathos getragen. Es handelt sich bei den mittel- und süd-
amerikanischen Wandlungen des 19. Jahrhunderts also keineswegs um einen
"Aufstand gegen das Abendland unter dem Einbruch westlicher Zivilisation"
( Paulus Gordan), sondern vielmehr um einen innerabendländischen Vorgang. Der Auf-
stand der Entwicklungsländer in Asien und in Afrika trägt drittens neben der
nationalistischen Ideologie einen "klassenkämpferischen" Charakter, da es sich
tatsächlich um einen Kampf der "have not" gegen die "have", die beati possidentes
handelt, obwohl zugegeben werden muß, daß sich auch in den mittel- und süd-
amerikanischen Ländern gewisse ideologische Strömungen auffinden lassen, und zwar
gegen die Vereinigten Staaten und ihren "Dollarimperialismus" ebenso wie auch
gegen die Überreste des britischen Kolonialismus. (Man denke an das von Guate-
mala beanspruchte Britisch-Honduras, an die von Argentinien reklamierten Falk-
land- oder Malvinas-Inseln, an die zentrifugalen Bestrebungen von Britisch-West-
indien und auch an die ihre Autonomie erlangt habenden holländisch-westindischen
Inseln.) Andererseits aber gehören Mittel- und Südamerika zum Abendland, zur
"Christenheit", und zwar infolge ihrer Zivilisationsform von gestern zu Europa,
Mittelschichtenprobleme Südamerikas 101

und infolge der von heute scheinen sie auf halbem Wege zwischen dem alten
Europa und Nordamerika zu stehen. So erlauben die erwähnten Umstände eine
saubere Trennung der süd- und mittelamerikanischen Entwicklungsländer von
jenen der "dunklen Erdteile", wenn man auch trotz deren abendländischer Zivili-
sation die Eigenart der südlichen Hemisphäre Amerikas nicht außer acht lassen
darf (ebensowenig wie das Überleben von Überresten autochthoner Kulturen und
z. T. auch großer Indianermassen, vor allem in Mexiko, Peru, Bolivien und
Ekuador oder Negermassen wie in Haiti und Brasilien).
Die "Rassenfrage" ist in der südlichen Hemisphäre schon aus dem Grunde für
uns von Bedeutung, weil bekanntlich die durch die Hautfarbe bedingten Trennungs-
linien auch die soziale Schichtung bestimmt haben und z. T. noch heute bestim-
men. Soziale Spannungen entstanden und entstehen oft noch immer auf Grund
rassischer Verschiedenheiten: So bezeichnet man die "permanente Revolution" in
Mexiko als den Aufstand der Indios gegen die Mestizos, die neuerliche Entwick-
lung in Haiti als den siegreichen Kampf der Neger gegen die Mulatten und sogar
den Wahlsieg des Präsidenten von Venezuela, Dr. Romulo Betancourt, als den Sieg
der "Nichtweißen" im Landesinneren (el Interior) gegen die viel "weißere"
Hauptstadt Caracas. Es wird zwar oft behauptet, daß es in diesen Ländern insofern
keine Rassenfrage mehr gebe, als ja die Gleichheit aller vor dem Gesetz besteht,
trotzdem aber gibt es noch u. a. in Brasilien und Venezuela eine Art stille Diskri-
minierung!, wenn auch die Tatsache, daß die überwiegende Mehrzahl der Bevöl-
kerung bereits eine neuartige Mestizo-Rasse darstellt, einer solchen Unterscheidung
ihre Schärfe nimmt 2 •
Um einen Ausdruck von McDougall zu gebrauchen: Mittel- und Südamerika
befinden sich noch heute in ihrer race-making period, obwohl ihre nation-making
period bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts im Gange ist. Man kann sogar
sagen, daß auch eine neue, von dem schottisch-amerikanischen Sozialpsychologen
nicht beachtete Entwicklung: die society-making period ebenfalls große Fortschritte
macht. Nun haben die genannten Länder in dieser Hinsicht, also in der Entwick-
lung ihrer sozialen Strukturierung, ganz verschiedene Fortschrittsgrade erreicht,
je nach ihrer politischen und wirtschaftlichen Evolution, nach ihrem Naturreich-
turn oder je nach der Stärke des nordamerikanischen Einflusses: So kann man z. B.
im heutigen Ekuador vielfach Erscheinungen beobachten, wie sie für Venezuela
noch vor ungefähr 30 Jahren typisch waren. War z. B. bis gegen 1936 überall
noch die "französische Kultur" für die Eliten maßgebend und ist sie es noch
heute in einigen dieser Länder, so läuft die Industrialisierung meist parallel mit
einer Zunahme des amerikanischen Einflusses und dem Eindringen der englischen
Sprache, wie z. B. in Panama und Venezuela. Man sollte sich auf jeden Fall hüten,

1 Allen ehrlichen (vgl. Costa Pinton), oft mehr programmatischen als propagandistischen Be-
teuerungen südamerikanischer Soziologen zum Trotz gibt es noch immer eine solche "stille
Diskriminierung" und demzufolge auch Spannungen zwischen Weißen und Nichtweißen!
2 Man pflegt in Venezuela zu sagen: Alle Venezolaner sind milchkaffeefarbig, die einen mit
einem bißchen mehr Milch, die anderen mit einem bißchen mehr Kaffee.
102 Oliver Brachfeld

alle die untereinander so grundverschiedenen Länder der südlichen Hemisphäre


einfach in einen Topf zu werfen, weil in 18 Staaten spanisch und in je einem portu-
giesisch bzw. französisch gesprochen wird und weil ihre Kultur und Zivilisation
bis heute unter einem starken hispanisch-Iusitanischen Zeichen steht oder auch
nur weil sie alle Entwicklungsländer darstellen.
Muß der Begriff Entwicklungsland gehörig schattiert werden, um nicht einer
flachen Verallgemeinerung zu verfallen, so schillert natürlich auch der Mittel-
standsbegriff in nicht weniger zahlreichen Farben. Man könnte in beiden Fällen mit
einer Analogie aus der Textilbranche von Changeant-Begriffen reden. Wie immer
man den Begriff des Mittelstandes auch fassen möge, eines ist sicher: Das euro-
päische Stereotyp der "mittleren Stände", das bereits in den Vereinigten Staaten
nicht mehr gültig angewendet werden kann, besitzt in den drei Amerikas bei
weitem nicht jene ideologische Bedeutung, jene "rhetoric of competition"
(c. Wright Mills), wie in der alten Welt, und es ist auch keine ideologische Waffe
des "big business" in seinem Kampf gegen das "big labor" und das "big govern-
mental control".
Der spanische Politiker Frandsco CambO pflegte zu sagen, daß alle Begriffe ihre
Bedeutung ändern, sobald sie die Pyrenäengrenze überschreiten; dasselbe gilt
naturgemäß auch für soziologische Begriffe. Wenn wir also im Verlauf dieser
Studie von einer neuen Mittelschicht reden, so hat diese Schicht zwar äußerlich
recht viel mit der nordamerikanischen new middle class gemein, aber sie weist sich
durch eine ganze Reihe von Verschiedenheiten in ihren Wesenszügen aus, so daß
sie nur in ihrer Eigengesetzlichkeit zu fassen ist.
Stößt bereits im alten Europa die Untersuchung des Mittelstandes bzw. der
Mittelschichten oder der classes m'!Yennes (die Mehrzahl kann wohl als ein Fort-
schritt gewertet werden) auf nicht unbedeutende theoretische und praktische
Schwierigkeiten, so werden diese noch größer, sobald es sich um eine Studie über
Mittelschichten in den Entwicklungsländern handelt. Der ausländische Forscher
läuft Gefahr, seine herkömmliche Schau, seine durch seine eigene Herkunft be-
dingte sodal perception auf das sich ihm bietende Bild anzuwenden; dem Inländer,
falls er überhaupt die genügende soziologische Vorbereitung und die unumgäng-
liche soziologische Sensibilität besitzt, haften alle Nachteile eines unkritischen "teil-
nehmenden Beobachters" an, zumeist infolge seiner eigenen sozialen Gleichung
und seiner persönlichen, politischen und sozialen Vorurteile.

Mittelschichtenforschung im heutigen Venezuela

Die Mittelschichtenforschung in Südamerika steckt noch in den Kinderschuhen,


wie die empirische Sozialforschung überhaupt. Am Ende des vorigen Jahrzehnts
hat die Sozialwissenschaftliche Abteilung der Panamerikanischen Union - die
übrigens ein sehr interessantes Informationsblatt auch in spanischer Sprache
(Ciencias Sociales) veröffentlicht - unter der Leitung von Theo Crevenna einen ersten
Mittelschichtenprobleme Südamerikas 103

Versuch gemacht, Mittelschichtenstudien aus den Ländern Mittel- und Süd-


amerikas schreiben zu lassen. Die Beiträge sind von unterschiedlichem Wert. Sie
wurden im Mitteilungsblatt der erwähnten Sozialwissenschaftlichen Abteilung,
z. T. aber auch noch in Broschürenform veröffentlicht (so z. B. der Bericht aus
der Dominikanisehen Republik dortselbst, und zwar nicht ganz ohne Gefahr für
den jugendlichen Autor). Über einige Länder konnten sogar zwei Berichte zusam-
men veröffentlicht werden, wobei der eine von einem einheimischen "teilnehmen-
den Beobachter" und der andere von einem im Lande weilenden Sozialwissen-
schaftler aus den Vereinigten Staaten erarbeitet wurde. In solchen Fällen gehen die
Ergebnisse auffallend auseinander, was ja infolge des "Standortes" des jeweiligen
Beobachters verständlich ist.
Der Beitrag über Venezuela wurde einem verdienstvollen Ethnographen, Dr.
Walter DupolQ', in Auftrag gegeben. Sein Bericht kann ungefähr folgendermaßen
zusammengefaßt werden; In Venezuela gab und gibt es keine Schicht, die den
Namen Mittelschicht verdiente. So wie es zur Kolonialzeit nur zwei soziale
Schichten gab, die sogenannte gente decente (vornehme Leute) und die sogenannte
gente cualquiera (gewöhnliche Leute), so sei es im großen und ganzen auch heute
noch. In mehreren Artikeln, die zwischen 1951 und 1953 im Diario de Occidente
(Maracaibo) erschienen sind, haben wir es versucht, diese Behauptung zu wider-
legen und den Nachweis zu erbringen, daß die Dinge nicht so einfach liegen.
Dem oberflächlichen Betrachter mag eine Schwarzweißperspektive zumal
dann naheliegen, wenn dessen teilnehmende Beobachtung nicht durch eine beson-
dere soziologische Sensibilität korrigiert wird. Dem ausländischen Sozialwissen-
schaftler indessen, der seine Beobachtungen des hic et nunc auf mehrere hundert
Interviews und auf gewissenhafte Archivforschungen stützen und sich außerdem
in allen sozialen Milieus unbefangen umtun kann, bietet sich ein anderes Bild dar,
wie wir noch sehen werdenS.
Der Rückstand der Mittelschichtenforschung im nichtangelsächsischen Amerika
ist übrigens nicht nur aus dem Rückstand der empirischen Sozialforschung zu
erklären, sondern auch "wissenssoziologisch". In Europa scheint ja die Mittel-
standsforschung aus der durch die Industrialisierung geschaffenen historischen
Lage der mittleren Klassen erklärt werden zu können, genauer aus ihrer ständigen
Bedrohung und ihren "Untergangsgefahren", wie z. B. in Frankreich z. Z. des

3 Vgl. z.B. auch die Warnungen im Werk: Readings in Latin American Social Organization and
Institutions, edited by OIen E. Leonard and Charles P. Loomis, Michigan State College Press,
1953: "The editors feel that even in such localized studies as those pertaining to Guatemala,
there are general underlying principles or common denominators which with slight modi-
fications are applicable to other Spanish or Portuguese speaking areas", heißt es einerseits;
andererseits wird "considerable caution in extending any localized findings" verlangt, da es
kein "unit picture of Latin America" geben könne. - Vgl. ebenso in der Zusammenfassung
der Studie von Ralph L. Beals, "Mounting industrialization and the decline of feudal forms
bring the several social structures in the Latin American nations nearer the model of industrial
countries, but simple application of American oe European concepts leads to false analyses and
predictions. "
104 Oliver Brachfeld

Front Populaire, einer geradezu revolutionären neuen sozialen Gesetzgebung,


wenn nicht sogar der Möglichkeit einer echten Revolution. In den lateinamerika-
nischen Ländern befinden sich dagegen gerade die mittleren Schichten in einem
Zustand ständiger Funktionszunahme. Sie stellen einen an Zahl und Einfluß
gleichermaßen wachsenden Bevölkerungsteil dar, der sich weder gegen irgend-
welche Gefahren zur Wehr zu setzen, noch seine Lage zu "legitimieren" braucht.
Ansätze zu einer "sozialen Selbstbesinnung" sind natürlich da, zumal die "soziale
Sensibilität" sich rasch zu regen beginnt. Es kann sogar vorausgesagt werden, daß
das heute beinahe noch "historisch" eingestellte Nationalgewissen sehr bald
einem "sozialen" weichen wird. Interessiert sich heute doch schon der einfache
und ungebildete "Mann auf der Straße" für die Nationalgeschichte seines Landes,
so darf man vermuten, daß die moderne soziale Gesetzgebung und das nach der
Zäsur der fünf jährigen, am 23. Januar 1958 liquidierten Militärdiktatur erwachende
Interesse für Politik, das der Iberoamerikaner sozusagen im Blut hat, ebenso ge-
waltig zu dieser Entwicklung beitragen wird, wie das immer wacher werdende
Interesse für wirtschaftliche Belange.

Venezolanische Untersuchungen

Die ersten Anzeichen für eine solche Entwicklung können allerdings an den
Fingern einer Hand abgezählt werden. So erarbeitete beispielsweise vor einem
Jahrzehnt ein junger Mittelschul- und Universitäts dozent in der Universitätsstadt
Merida, Dr. Car/os Febres Poveda, mit seinen Schülern am bundesstaatlichen Liceo
Libertador eine Bestandsaufnahme über die in seiner Heimatstadt (30000 Einwoh-
ner) im Verschwinden begriffenen "Artefacturen", d. h. jene selbständigen Zwerg-
industriebetriebe, wie z. B. das Kerzenzieherhandwerk, die Kuchenbäckereien
usw. Diese kleine Studie, die nur hektographiert wurde und deshalb kaum über
die Stadtgrenzen hinausdrang, wurde zwar noch von einem gewissen nostalgisch-
folkloristischen Pathos getragen, aber sie stellt doch so etwas wie eine Erkun-
dungsstudie dar, die dem Sozialwissenschaftler manchen interessanten Anhalts-
punkt bietet.
Kurze Zeit nachher, nämlich 1951, hat das bundesamtliche Institut für Ernäh-
rung, das nicht nur Forschungszwecken, sondern vor allem der praktischen
Umgestaltung des Ernährungswesens dient, eine Familienbudgetstudie unter der
Leitung eines eingewanderten baskischen Arztes veranstaltet, die auch veröffent-
licht worden ist. Es wurden annähernd eintausend Familienbudgets von Arbeiter-
und Mittelschichtenfamilien verglichen. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen,
daß keine wesentlichen Abweichungen zwischen ihnen vorhanden sind. Dieses
Resultat beruht nicht etwa auf einer vielleicht nicht ganz korrekten Auswahl der
studierten Gruppen, sondern ist wohl dem Umstand zuzuschreiben, daß in wirt-
schaftlicher Hinsicht zwischen der sehr dünnen, zumeist außerordentlich gut be-
zahlten Arbeiterschaft und der unteren und mittleren Beamtenschaft nur unbedeu-
Mittelsehiehtenprohleme Siidamerikas 105

tende Unterschiede bestehen. Da sich die Untersuchung nur auf die Familien-
budgets erstreckte, war ein andersgeartetes Ergebnis auch kaum zu erwarten.
In einer Wirtschaftszeitschrift erschien eine Studie aus der Feder eines Arztes,
der den Lebensstandard von Arztfamilien in der Hauptsache normativ feststellte,
indem er von den "sozialen Bedürfnissen" ausging. Auch diese Studie besitzt
Symptomwert, da sie dem Sozialforscher wertvolle Hinweise liefert (z. B. schon
durch die "Fehlleistung", daß gewisse unumgängliche Ausgabesparten nicht be-
rücksichtigt wurden, hingegen für den monatlichen Whiskybedarf der Familie
ein relativ hoher Betrag angenommen worden ist. Allerdings muß man berück-
sichtigen, daß dieser Konsum in Venezuela zum Prestigebedürfnis gehört).
Eine weitere, ebenfalls vor 10 Jahren, diesmal in einer ärztlichen Zeitschrift
erschienene Studie, die sich auf konkrete, wenn auch unwissenschaftliche Beob-
achtungen stützt, hat den "idealen" Immigranten zum Gegenstand. Venezuela hat
ja bekanntlich bis zur letzten Revolution (1958) die Einwanderung mit allen staat-
lichen Mitteln, wenn auch etwas dilettantisch, gefördert, weil sein Territorium
von rd. 900000 km 2 mit seinen kaum fünfeinhalb Millionen Einwohnern noch
ganz und gar unterbevölkert ist, obwohl durch eine besonders schlechte Vertei-
lung gewisse Landesteile zur selben Zeit übervölkert sind. Nach dem Vergleich
des zivilisatorischen und kulturellen Niveaus der ethnisch bunt schillernden zwi-
schen 1945 und 1949 eingewanderten Gruppen, kam der Verfasser der Studie zu
dem Schluß, daß die aus Sowjetrußland (Ukraine) Vertriebenen die unerwünsch-
teste, die aus Dänemark kommenden Immigranten die erwünschteste Einwanderer-
gruppe sei. Die Ironie des Schicksals wie auch die Wirtschafts- und Sozialstruktur
des Landes wollten es aber, daß zur Zeit des Erscheinens jener Arbeit die unter-
suchte dänische Gruppe das Land bereits wieder verlassen hatte. Der Grund dazu
lag wohl nicht in Anpassungsschwierigkeiten völkercharakterologischer Art, son-
dern hatte sozialstrukturellen Charakter: Jene dänische Immigrantengruppe mag
wohl ein für venezolanische Verhältnisse europäisches Mittelstandsniveau zu
verwirklichen erstrebt haben, so daß sie sich in Venezuela nicht einleben konnte.
Die bisher erwähnten Studien, die alle in Venezuela entstanden sind, könnten
fast als Schulbeispiele für eine vorurteilsvolleAnnäherung an unser Thema gelten.
Bei Walter Dupol!J klingt unbewußt die Geschichts- und Gesellschaftsbetrachtung
der im sozialen Abstieg begriffenen ehemaligen Oberschicht, eben jenergente decente
nach, der er selbst zugehörte; bei Febres Poveda dieselbe Nostalgie, jedoch noch
etwas mehr untermalt von einem gewissen ethnischen Lokalpatriotismus. Im Be-
richt des Instituts für Ernährung vermischt sich der Wille zum Modernismus des
Naturwissenschaftlers besten Willens mit dem durch soziologische Kenntnisse
nicht temperierten unbewußten überlegenheitsdünkel des europäisch-spanischen
Einwanderers, der das Institut leitet. Bei jenem Arzt schließlich, der die Lebens-
haltungskosten der Angehörigen des eigenen Berufsstandes bzw. jenem, der das
Niveau der persönlichen Hygiene der Einwanderergruppen untersuchen wollte,
tritt die soziale bzw. nationale Voreingenommenheit und die soziologische Un-
beholfenheit noch klarer zutage.
106 Oliver Brachfeld

Untersuchungen ausländischer Soziologen im Lande

Anderer Art pflegen nun die Arbeiten jener Soziologen zu sein, die aus den Ver-
einigten Staaten kommend in Lateinamerika arbeiten, oder jener Einheimischen,
die in den USA ausgebildet worden sind. Zwar pflegen diese sich der ihnen dro-
henden, hier bereits aufgezeigten Gefahren zumeist bewußt zu sein, nichtsdesto-
weniger ist zu beklagen, daß sie nicht selten einer verflachenden, d. h. schemati-
sierenden Betrachtungsweise verfallen.
Die Vorurteile nordamerikanischer Autoren lassen sich im großen und ganzen
folgendermaßen zusammenfassen: Die spanischen Kronkolonien waren einst eine
feudale Kastengesellschaft. Nach ihrer Emanzipation begann eine Umwandlung in eine
Klassengesellschaft, wobei der Begriff Klasse sowohl im marxistischen Sinn, also als
ein Klassenkampfbegriff, als auch im nordamerikanischen, d. h. neutralisierten
Sinn verstanden wird.
Die lesenswerte und z. T. recht gute Studie von Ralph L. Beals, Social Strati-
fication in Latin America', geht von der Feststellung aus, daß die lateinamerika-
nischen Gesellschaften zu einer Zeit Profil anzunehmen begannen, zu der die
feudalen Institutionen in den beiden Mutterländern Spanien und Portugal noch
in voller Blüte standen. Die Kirche war noch wesentlich vorreformatorisch und
die künftigen europäischen Entwicklungen gingen an den Kolonien spurlos
vorüber. So blieben insbesondere die Formen des Landbesitzes "eingefroren" mit
ihren Beziehungen zwischen "master" und "man", zwischen "patron" und "peon" .
Es wurden sehr scharfe Grenzen zwischen den Klassen gezogen, die zum Teil
freilich rassisch bedingt waren. Es entstand also ein Zweiklassen~stem: Eine
dünne Oberklasse, die ihre ererbte soziale Stellung durch die Anrufung der gött-
lichen Autorität und der "inherent superiority" der Herrenklasse zu stärken wußte,
und eine Unterklasse. (Hier könnte man allerdings an Stelle von "inherent superio-
rity" wohl ebenso von einer "inherited superiority" sprechen.) Innerhalb der
schon an sich dünnen (weißen) Oberschicht gelang es einer kleinen Gruppe, die
Macht zu monopolisieren und damit auch den Reichtum. Mit der einzigen Aus-
nahme der Pferde- und Viehzucht war jegliche Handarbeit verpönt, höchstens durfte
ein Angehöriger der oberen Klasse neben dem Schwert noch zur Feder greifen.
Die Unterklasse war "not so undifferenciated", weil die Gesellschaft der unter-
jochten Eingeborenen so "highly differenciated" war (was allerdings auf Vene-
zuela nicht zutrifft). In Ländern mit großer Indio-Bevölkerung wie Peru oder
Mexiko entstand nun bald eine breite Mestizengruppe, wodurch aus dem Zwei-
klassensystem ein Dreiklassen~stem wurde. Die Zugehörigkeit zu einer Fa-
milie erwies sich als von bestimmender Bedeutung nicht nur für die gesellschaft-
liche Stellung, sondern auch hinsichtlich der Teilnahme an Reichtum und Macht.
Es entstanden "multifamily clusters": Die Großlandbesitzer oder Hacendalos. Die
Klassenunterschiede wurden enorm: So sind z. B. die Jahreseinkommen der
4 V gl. Ralph L. Beals, Social Stratification in Latin America, in: American Joumal of Sociology
1952/53, S. 326-329.
Milte/schichtenproh/eme Siltlamerikas 107

"rurallower dass" mit 14 Dollar gegen 5000 Dollar pro Jahr und Person in der
Oberklasse berechnet worden.
Wenn nun auch die starken feudalen Klassengrenzen in den Städten bedeutend
schneller verfielen als auf dem Land, so behielten die Eliten dennoch ihre V or-
rangstellung auch in den Städten. Die Megalokephalie, d. h. das ungesunde
Anwachsen der Städte in Lateinamerika, wird durch die Industrialisierung zu
erklären versucht. In Wahrheit hat diese nur in jüngster Zeit dazu beigetragen,
eine von jeher bestehende Tendenz zu beschleunigen, wie wir leicht nachweisen
können. Als Beispiel kann man die venezolanische Stadt Merida anführen, die in
40 Jahren ihre Einwohnerzahl von 5000 auf 30000 erhöht hat, und zwar ohne jede
Industrialisierung; im Gegenteil, die Kleinindustrien und das Handwerk verfielen.
Die Klassengegensätze und die sozialen Vorurteile aber blieben.
Nach Beals sind nun die neuen Mittelschichten - er spricht von einer "middle
group" inmitten bzw. zwischen den beiden Klassen, der oberen und der unteren,
und lehnt die Bezeichnung "middle dass" ab - vorwiegend städtischen Ur-
sprungs (primarily urban): Von oben her wurden sie von den verarmten Angehö-
rigen der Oberklasse genährt und von unten her von den emporstrebenden
Angehörigen der Unterklasse (lower and upper fringes), die einen einer Mittel-
schicht entsprechenden Lebensstandard nicht erreichen konnten. Die Wertorien-
tierung dieser unsicheren und frustrierten "Mittelgruppe" war ausgerichtet auf die
aristokratischen Oberklassenwerte, "wenn auch typische Bourgeois-Attitüden
und -Werte vorhanden" waren.
Beals betont, daß im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten soziale Klassen und
Wirtschaftsklassen in Lateinamerika nicht zusammenfallen. Das Problem bestehe
immer darin, wie man eine position of power in eine social position umwandeln
könne. (Dazu müssen wir bemerken, daß sich dieses Problem nun recht oft auch
umgekehrt stellt.)
Schließlich bespricht Beals noch einige Arbeiten aus der von Theo Crevenna mit
so wenig Glück herausgegebenen Serie in kritischer Sicht. Was Kuba betrifft, so
hat Lowry Nelson das Vorhandensein einer Mittelklasse überhaupt in Abrede ge-
stellt: es gebe zwar "sachlich" eine solche, aber man dürfe diese Schicht nicht
eigentlich als Mittelklasse ansprechen, da sich die sachliche Feststellung weder mit
der Selbsteinschätzung der dieser Schicht angehörenden Kubaner, noch mit jenem
Bild der sozialen Schichten deckt, das diese von den anderen Schichten besitzen.
Es scheinen beinahe überall große Unterschiede zwischen der sachlichen Zu-
gehörigkeit zu einer Mittelschicht, dem Selbstbild (Autostereotyp) und der Fremd-
bewertung dieser Schicht zu bestehen. So fand beispielsweise T. LYIlII Smith auch
in Kolumbien nicht zwei, sondern drei Klassen. Da sich aber die Mittelschicht
einerseits mit der Oberschicht identifiziert, die Oberschicht andererseits jedoch
eine sehr hohe Geburtsrate aufweist, gelingt es nur wenigen Angehörigen der
Mittelschicht, sich wirklich in die Oberklasse hinaufzukämpfen. Viele Mittel-
schichtler sinken deshalb in die Unterklasse ab. Allerdings bleibt zu bedenken, daß
man die gesellschaftliche Schichtung sowohl in Kuba als auch in Kolumbien auch
108 Oliver Brachfeld

auf andere Weise darstellen kann. Ein Beispiel dafür bietet Carlos ManIleI Raggi,
der behauptet, daß es in Kuba eine sehr breite Mittelklasse gebe, zieht man einmal
Einkommen, Kulturniveau u. dgl. in Betracht. Aber auch dieser Autor verneint
das Vorhandensein einer Mittelklassenideologie bzw. eines Standesbewußtseins
bei jener "breiten Mittelklasse".
Beals kommt zum Schluß, daß die sachlichen, d. h. empirischen Daten, die über
Lateinamerika zur Verfügung stehen, eigentlich nicht ausreichen, um das Problem
der Mittelschichten zu lösen, denn von einer Mittelschicht sollte man nur dann
reden, wenn die ihr Zugehörenden ihre eigenen Haltungen und Werte besitzen
und sich nicht an denen der Oberklasse orientieren. Auf jeden Fall besteht ein
beträchtlicher Unterschied zwischen den nord-, süd- und mittelamerikanischen
Mittelschichten, denn nach wie vor dominiert in Lateinamerika der Unterschied
zwischen jenen, die Handarbeit leisten, und jenen, die das nicht tun. So ist es
für den lateinamerikanischen Angehörigen der Mittelschicht nahezu unbegreiflich,
wie es in den USA Familien geben kann, die zwar zwei Automobile, aber keine
Hausbedienung besitzen; daß ein Bankier die Fenster wäscht, während seine Frau
Gäste erwartet; daß ein Professor einen Overall trägt, während er in seinem
Garten schaufelt usw. Alles in allem: In Südamerika ist die Mittelschicht keine
Bastei politischer Stabilität wie in den USA. Ja, das Gegenteil ist der Fall: Sie
stellt schlechthin eine Quelle der Instabilität dar, da die Mittelschicht im Grunde
nichts anderes ist als ein verarmtes Segment der Oberklasse. Eine solche Mittel-
schicht kann nur dann als gesellschaftsstabilisierender Faktor angesehen werden,
wenn es ihr gelingt, integrierter Bestandteil der oberen Schicht zu werden, wozu
günstige Voraussetzungen dort gegeben sind, wo die Schichtgrenzen leichter
überwunden werden können, wie das z. B. in Chile der Fall ist. Hingegen überall
dort, wo sich die Mittelschicht durch eine infolge ihrer verbesserten Lebensbedin-
gungen aufsteigende Unterschicht bedroht fühlt, wird diese Mittelschicht reak-
tionär und "repressiv" (eine Feststellung, die z. B. auch auf Spanien zutrifft).
Beals übernimmt übrigens die sechs Grundkriterien, die Walter Goldschmidt in
einer wenig verbreiteten Arbeit für jede Klassenanalyse empfehlen konnte-, und
die Goldschmidt selbst folgendermaßen kommentiert: "If classes are to represent a
system of reality in the organization of behavior, a concordance between the
several bases should be formed. We suggest that a true class-organized society is

5 V gl. Waller Goldschmidt, Social Oass in America - A Critical Review, in: The American Anthro-
pologist, 4/52, Oktober/Dezember 1950. - Klasse = "Culturally defined groups, in which
classes have the objective reality of cultural recognition, as in the casts of India or the states
of Europe. " - Diese Definition scheint uns etwas unglücklich ausgefallen zu sein; sie versteht
unter Klasse eben das, was man sonst unter Kaste Zu verstehen pflegt. - Nun unterscheidet
Goldschmidl vier Arten von "Klassen": "CulturalOasses (segments having objectively divergent
subcultural patters of behavior); Political Classes (groups having differing degrees of power
or authority in the affairs of the community); Self-Identified Classes (groups having a unity
based upon self-identification, and ranged in an hierarchical scale of prestige evaluation);
Participation Classes (groups separated on the basis of participation, where social access is
readily bad between members but is forbidden, inhibited or limited between groups)."
MittelSGhiGhtenprobleme Südamerikas 109

one in which the hierarchy of prestige and status is divisible into groups each with
its own social, economical, attitudinal and cultural characteristics and each having
differential degrees of power in community decisions. Such groups would be
socially separate and their members would really identify. We may say, that a
society approches a dass system if either (a) the groups are dearly identifiable,
but do not differ with respect to all the characteristic notes; or (b) the groups
do differ in these characteristics, but are not sharply separated."

Nordamerikanisehe Studien über Lateinamerika


Die nordamerikanischen Studien über die Mittelschichten in Lateinamerika
pflegen sich deren Entwicklung folgendermaßen vorzustellen: Nach geglückter
Landnahme - spanisch: Conquista - sahen sich die weißen Eroberer den unter-
jochten Indios gegenüber. Aus dem Zusammenleben beider Schichten entstand
ein folgende Gruppierungen umfassendes Dreikastensystem: 1. die Weißen, die
sich bald in zwei Untergruppen teilten, nämlich in die espafioles europeos und die
espanoles americanos, d.h. die bereits in Südamerika Geborenen; 2. die Indios und
3. die Mischlinge oder Mestizos. In jenen Ländern, in welche Negersklaven ein-
geführt wurden (angeblich zur Entlastung der für härtere Arbeit nicht geschaf-
fenen Indios), kamen noch diese dazu. Aber selbst dort, wo es ein oder sogar
mehrere Dutzend von sogenannten Kasten gab, zeichneten sich die genannten drei
großen Schichten klar ab. Dieses starre Kastensystem begann gegen Ende des
19. Jahrhunderts auseinanderzubröckeln. Da nun kein Gesellschaftssystem auf
die Dauer auf biologischen Unterschieden, wie den erwähnten, fußen kann, ent-
wickelte sich an Stelle des ursprünglichen Dreikastensystems ein Dreiklassensystem.
So fand z.B. Richard N. Adams8 , ein amerikanischer Diplomat in Maquiyauyo,
einer kleinen Stadt in Peru mit 2500 Seelen (1949), drei solche Klassen. 14% der
Einwohner gehörten zur Mestizo-(Ober-)Klasse, 49% der Bevölkerung waren
Indios und 37% waren entweder gemischten Ursprungs oder Neuankömmlinge.
Die Mittelklasse beschreibt Adams folgendermaßen: "This is yet an unlabelled
but growing population of Mestizo families with recent Indian mixture, and vice
versa; these families tend to be fairly successful financially. Here, too, may be
dassed a number of old Mestizo families which are fairly unsuccessful, but not
poverty-striken. "
Die Mestizos, die sich noch um 1880 klar von den Indios abhoben und sich
sogar bis 1910 noch durch ihre Trachten unterschieden, vermischten sich also in
zunehmendem Maße. Dabei ist bemerkenswert. daß sich bei der Befragung der
Einwohner zunächst alle als Mestizos, d. h. in eine höhere Schicht, eingestuft
hatten.
Wie man sieht, gab es in jener mittelamerikanischen Kleinstadt praktisch keine
Weißen mehr. Ähnliches kann aus großen Teilen der südlichen Hemisphäre über-
8 Vgl. RiGhard N. Adams, A Change from Caste to Class in a Peruvian Sierra Town, in: Socia!
Forces, 3/31, März 1953.
110 Oliver Brachfeld

haupt berichtet werden. Die Vermischung von Mestizos und Indios in der Zeit
zwischen 1910 und 1949 bietet sodann ein aufschlußreiches Bild. Nach ihm ist zu
vermuten, daß die Entwicklung in der ursprünglichen Kolonialgesellschaft ähnlich
vor sich gegangen sein muß, nämlich auf einer oberen Ebene als Vermischung
von Weißen und Mestizos, und auf einer unteren Ebene von Mestizos (= Misch-
linge) und Farbigen. Es ist des weiteren bemerkenswert, daß sich in Maquiyauyo
die Katholiken aus den zur Oberschicht zählenden und nur einigen wenigen zur
mittleren Schicht zu rechnenden Familien rekrutierten, die Protestanten hingegen
ausschließlich aus den mittleren und niederen Schichten stammten. Ähnliches
kann auch aus Venezuela berichtet werden, nicht hingegen aus Kolumbien und
Brasilien, wobei freilich nicht vergessen werden darf, wie unbedeutend die Prote-
stanten zahlenmäßig in all diesen Ländern sind, vielleicht mit der einzigen Aus-
nahme Brasiliens.
Die marxistischen Autoren versuchen nun auf dem bereits von den Ameri-
kanern nur zu oft beschrittenen Weg einer Vermischung der Begriffe Kaste und
Klasse weiterzugehen, indem sie den Bestand von Kasten einfach leugnen und den
nichtmarxistischen Autoren eine soziale Blindheit gegenüber den angeblich von
Anfang an, also seit der Conquista, bestehenden sozialen Klassen vorwerfen. So
zeiht der Brasilianer Emilio Willems so bedeutende Autoren wie Oliveira Vianna
oder GilbertoFreyre einer Klassenblindheit 7 , und der Argentinier Sergio Bagu geht
sogar so weit, ganz und gar in Abrede zu stellen, daß es jemals eine Kastengesell-
schaft in Iberoamerika gegeben habe, vielmehr habe immer schon eine Klassen-
gesellschaft bestanden. Nach seinem Dafürhalten war die Kirche diejenige Institution,
die dieses Klassensystem und die damit verbundene Ausbeutung aufrechtzu-
erhalten bemüht war.
Solche Behauptungen können durch zahlreiche Dokumente aus den kirchlichen
Archiven Venezuelas, was dieses Land betrifft, leicht widerlegt werden. So er-
reichten beispielsweise die ersten beiden Nichtweißen, zwei Mulattenbrüder, die
in Caracas zu Priestern geweiht wurden, dieses Ziel nur gegen den heftigen Wider-
stand der vorurteilsbeladenen Criollo-Kaste und dank des energischen Zuspruchs
der Kirche. Sie erweist sich insofern als aufstiegsfördernd, als ja der geistliche
Stand in allen abendländisch-feudalen bzw. Kastengesellschaften einer der wich-
tigsten Aufstiegsberufe zu sein pflegt, worin auch die lateinamerikanischen Länder
keine Ausnahme bilden.
So muß man betonen, daß die Kirche von Anfang an das einzige Gegengewicht
gegen die herrschende weiße Oligarchie in Venezuela darstellte, und sie stellt es
bis heute dar. Und wie die Kirche beim Fall Perons in Argentinien und beim Fall
von Rrijas Pinillo in Kolumbien nicht unbeteiligt war, so war sie es auch nicht beim
Sturz des venezolanischen Diktators Perezfimenez im Januar 1958. Wohl stützte
die Kirche die bestehende Macht und zeigte sich oft sehr geduldig gegenüber den
Oligarchien, aber sie tat dies jeweils nur bis zu dem Augenblick, in dem diese ihre

7 Vgl. Gilberto Freyre, The Structure of the Brazilian Family, in: Social Forces, 4/31, Mai 1953.
Millelschifhlenprobleme Silliamerikas 111

Machtgrenzen über die Maßen auszubreiten versuchten. Deshalb ist es verständ-


lich, wenn sich die Kirche in der despotisch und sogar terroristisch regierten
Dominikanisehen Republik in steigendem Maße der Absolutherrschaft der Familie
Trujillo immer energischer entgegenstellte.

Zur Entwicklungsgeschichte der venezolanischen Mittelschicht


Regionale, sprachliche und rassische Differenzierungen

Für das Territorium Venezuela gilt eine üblicherweise vorgenommene Art von
Dichotomie. Man unterscheidet zwischen der Hauptstadt Caracas, die nach dem
Muster Washingtons bzw. von Mexiko City in administrativer Hinsicht Distrito
Federal genannt wird, und dem Interior, mit welchem Worte man die Gesamtheit
aller Landstriche zusammenfaßt, die nicht zur Hauptstadt gehören. übrigens zählt
administrativ ein Teil von Caracas zum Staat Miranda, der von Los Teques aus,
der kleinen Hauptstadt dieses Staates, regiert wird. Man spricht also unterscheidend
zwischen dem D.F. oder Capital einerseits und dem gesamten Interior andererseits,
wobei sich in dieser Unterscheidung eine merkliche Höherbewertung der Haupt-
stadt ausspricht.
In der Hauptstadt Caracas nun herrscht ein Gefühl der Gleichheit, eine geradezu
"demokratische" Atmosphäre, die bestimmt ist durch des tuteo criollo, das venezo-
lanische Duzen. Ein jeder kann jovial mitJefe oder maestro angesprochen werden,
und Angehörige der niederen und niedrigsten Klassen sind sich ihrer prinzipiellen
menschlichen Gleichheit wohl noch bewußter, als dies bereits im Mutterland
Spanien der Fall ist. Diese "Tendenz zur Gleichheit" drückt sich auch in den
Beziehungen innerhalb der Familie aus: Die Kinder duzen ihre Eltern, sprechen
sie mit chico oder chica an, mit Anreden, die dem amerikanischen boy und girl nach-
gebildet sind, wie überhaupt die Sprache der Hauptstadt einschließlich der in ihr
erscheinenden Presse von Amerikanismen durchsetzt ist. Die Familie ist eine
typische Kameradschaftsfamilie. Die Eltern sind für die heutige Generation kaum
mehr als ältere Geschwister.
Diese Familienverhältnisse stehen in einem schroffen Gegensatz zur sonstigen
Familienstruktur des Landes, insbesondere derjenigen der am dichtesten bevöl-
kerten drei andinischen Staaten Trujillo, Merida und Tachira, wo eine überkommene
autoritäre Familienstruktur vorherrscht, die z. T. noch großfamiliären Charakter
besilzi. Hier werden die Eltern mit I/sud (Sie) angesprochen; wobei allerdings 1m
ganzen Land auch die Kinder mit usted angeredet werden, was ein überbleibsel
aus der Kolonialzeit darstellt, als diese Sitte dadurch aufkam, daß Sklaven und
sozial Niedrigstehende geduzt wurden. (Die Anrede vos [Ihr], wie sie in Argen-
tinien häufig ist, beschränkt sich zumeist auf Kameradschaftsverhältnisse, auf die
Compadres, und ist z.B. unter intim befreundeten Studenten usw. üblich.)
112 Oliver Brachfeld

In den Andenstaaten bestehen noch sehr betonte Standesunterschiede: Sozial


Niedrigere überlassen den - meist recht schmalen - Bürgersteig den Höher-
gestellten und grüßen sie spontan auf der Straße, auch wenn sie sie gar nicht
kennen. Sie gebärden sich untertänig, manchmal geradezu servil. Noch vor 25 bis
30 Jahren besaß ja der sozial höherstehende Weiße, wenn er in ein andinisches
Dorf kam, das als selbstverständlich empfundene Recht, mit den Töchtern des
einfachen Dorfbewohners (conuqueron) zu schlafen. Die Andinos, die das reinste
Spanisch sprechen, werden ebenso respektiert wie (insbesondere in der Haupt-
stadt) verachtet. Nicht selten tritt man ihnen freilich auch mit Haß entgegen, was
seinen Grund darin besitzt, daß sie den Anspruch erheben, das ganze Land zu
regieren. Dieser Anspruch wird insbesondere seit der langen Diktatur von Juan
Vicente Gamez (1906-1936) erhoben, einem freilich im kolumbianischen Grenz-
gebiet geborenen primitiven Manne, der kaum schreiben und lesen konnte (was
die Universität Hamburg aber nicht hinderte, ihm in den dreißiger Jahren die
Würde eines Ehrendoktors der Medizin zu verleihen).
Der in Berg- oder Inselgesellschaften allgemein vorfindbare Konservatismus läßt
sich auch in den Andenstaaten nachweisen. Sein besonderer Charakter ist bedingt
durch den Umstand, daß das Occidcnte jahrhundertelang administrativ nicht zur
Gobernacian (bzw. Capitania) de Venezuela gehörte, sondern zum Vizekönigreich
Neugranada (Hauptstadt Santa Fe de Bogota). Erst relativ spät wurde es dem
eigentlichen Venezuela angegliedert, was übrigens auch für Maracaibo zutrifft.
Gegenüber der vermuteten Einheitlichkeit der drei Andenstaaten ist nun aber
festzustellen, daß sie sich in elementarer Weise voneinander unterscheiden, eine
Tatsache, die schon von dem deutschen Geographen Wilhelm Sievers, der Vene-
zuela zweimal, nämlich in den Jahren 1892/93 und 1894/95, bereiste, ausdrücklich
hervorgehoben worden ist. Die Eigenart dieser Regionen ist so stark, daß die
Vereinigung der drei Staaten in einen andinischen Gran Estado nach kurzer Zeit
scheitern und ihre Selbständigkeit wieder hergestellt werden mußte.
Endlich ist darauf hinzuweisen, daß sich die andinischen Gebiete durch ihren
dörflichen Charakter auszeichnen. In diesen Dörfern lebt eine relativ ungemischte,
wenn auch keineswegs mehr reine Indiorasse, die indessen annähernd ohne jedes
Negergeblüt ist, da sich die des öfteren eingeführten Negersklaven an das kühlere
Gebirgsklima nie anzupassen vermochten und immer wieder schnell ausstarben.
Am weißesten hat sich die Oberschicht im andinischen Staate Merida erhalten:
Dort finden sich auch die stärksten Vorurteile gegenüber den Mischlingen und
ganz besonders gegenüber jenen des Staates Zulia. Unter den andinischen Gesell-
schaften ist wohl diejenige Meridas die konservativste, insofern dort das sorgsame
Hüten der eigenen Traditionen und die Bemühungen um die eigene Rassenrein-
heit im Rahmen des heute noch Möglichen sofort ins Auge fallen. Der vorhandene
Eigendünkel wird von den übrigen Venezolanern oft noch mit dem Ausdruck
"Stil ala Popoff" - Herkunft der Redewendung unbekannt - belegt, worauf die
Oberschicht von Merida heftig zu reagieren pflegt.
Maracaibo, die Hauptstadt des Erdölgebietes Estado (Staat) Zulia zeichnet sich
Miltelschichtenprobleme Siidamerikas 113

durch andere Formen "zwischenmenschlicher Beziehungen" aus: Es herrscht dort


im Umgang ein "frecher" Ton, nicht ohne Humor, etwa dem Stil des Madri/eiio
in Spanien ähnlich. Die Einwohner von Maracaibo werden deshalb von allen
übrigen Venezolanern (m.E. zu Unrecht) als grobschrötig, frech, derb und unan-
genehm verachtet. Die ihnen gegebenen, noch heute z. T. verächtlich klingenden
Namen wie z.B. maracucho - an Stelle von maracaibero oder marabino - sind aber im
Begriffe aus Spitznamen mit spöttischem Klang zu "normalen" Bezeichnungen zu
werden. ("Sie können ruhig maracucho sagen", wurde mir des öfteren von
Maracaiberos versichert.)
Venezuela durchzieht also eine starke regionale, sprachliche und rassische Differen-
zierung, so daß es nicht verwundert, wenn sich beispielsweise die Studenten der
religiösen Internate und der Universitäten stets zu regional bestimmten Gruppen
und Freundeskreisen zusammenfinden, etwa jenem Brauch an der mittelalterlichen
Sorbonne und anderen Universitäten vergleichbar, wo sich die Studenten in
"nationes" gliederten. Es gibt in der Tat in Venezuela mindestens vier Sub-
kulturen: Das Centro, das Occidente, wozu die andinischen Staaten und Zulia-
Maracaibo gehören, also zwei besondere Subkulturen zugleich, und das Oriente.
Vom Orinoco-Gebiet, wo jetzt neue Städte und Häfen aus dem Boden gestampft
werden, um die für die USA lebenswichtigen Eisenerze des erst vor wenigen
Jahren entdeckten und jetzt fieberhaft erschlossenen Cerro Bolivar gewinnen zu
können, einer der bedeutendsten Eisenerzfundstätten der Welt, kann ich aus
eigener Erfahrung leider nichts berichten.

Falsche Ergebnisse einer voreingenommenen Mittelschichtenforschung

Stellen wir uns nun die Frage: Gibt es einen Mittelstand in Venezuela? Bevor
wir diese Frage angehen, muß das Folgende erwogen werden: Wenn wir das Wort
Mittelstand aussprechen, dann ist zu beobachten, daß in uns bewußt-unbewußt
Konnotationen mit anklingen, welche dem eigenen Erleben eines bestimmten
mittelständischen Daseins entstammen. Unwillkürlich tendieren wir dazu, den
Mittelstand anderer Gesellschaften in der Art unseres eigenen Mittelstandes auf-
zufassen, was zumeist noch dadurch verstärkt wird, daß wir diesem Mittelstand
zugleich auch als teilnehmende Beobachter angehören. Unser erster Schritt zur
Bestimmung der Mittelschichten eines Entwicklungslandes muß also darin be-
stehen, einen Ethnozentrismus, wie den genannten. zu eliminieren, da nnr l l l l f
diesem Wege Mittelschichtenprobleme, wie etwa diejenigen Venezuelas, hinrei-
chend verstanden werden können.
Dieser Gefahr einer voreingenommenen Optik scheinen auch jene, ansonsten
recht verdienstvollen Verfasser zumindest teilweise erlegen zu sein, die im Auftrag
der Panamerikanischen Union, wenn auch keine Forschungsarbeit im Sinne der
empirischen Soziologie leisteten, so sich doch wenigstens darum bemühten, ein
erstes Mittelschichten-Panorama verschiedener mittel- und südamerikanischer
114 Oliver Brachfeld

Länder darzustellen (vgl. S. 102ff.). Die aus ihren Untersuchungen allenthalben


sprechenden V oreingenommenheiten fordern geradezu den Widerspruch heraus.
Vollends auf der Hand liegt die Problematik dieser Forschungen dort, wo z. B.
ein Einheimischer (Criollo) in Zusammenarbeit mit einem Nordamerikaner die
Mittelklasse eines und desselben Landes untersucht hat, und das Untersuchungs-
ergebnis des einen nicht unwesentlich von dem des anderen abweicht. Die Be-
hauptung sodann, die der Venezolaner Walter Dupo'!J aufgestellt hat, in seinem
Lande hätte es im eigentlichen Sinn nie eine Mittelschicht, sondern immer nur
zwei Klassen, nämlich die gente decente (die dünne Oberschicht) und die gente
cualquiera (also die ganze übrige Bevölkerung) gegeben, haben wir oben (S. 103)
a limine zurückgewiesen. Unsere eigenen Forschungen führen zu ganz anderen
Schlußfolgerungen, wie ein Blick in die Sozialgeschichte des Landes zeigen soll:
Wie in ganz Südamerika, so schied sich auch die Bevölkerung Venezuelas in
der Erstzeit der Conquista in Eroberer und Unterworfene. Besaßen die unterworfenen
Einwohner auch keine Hochkultur, die der peruanischen oder der mexikanischen
vergleichbar wäre, so wiesen die vielen hundert kleinen, einander oft befehdenden
Indianerstämme, die nicht einmal einer einzigen Grundrasse angehört zu haben
scheinen, doch eine bestimmte ·Form von Hierarchie bzw. sozialer Schichtung auf,
die nicht sogleich und vielleicht nie gänzlich ausgerottet wurde. Desgleichen gab
es unter den Eroberern und den ihnen nachströmenden Spaniern natürlich
Klassen- und Kastenunterschiede, wenn diese auch zunächst durch deren Schick-
salsgemeinschaft bis zu einem gewissen Grade verwischt werden konnten und
mußten. So ist es kein Zufall, daß die Urkunden der Standesämter als sozialen
Herkunftsort der Spanier hohe und höchste gesellschaftliche Positionen auszu-
weisen pflegen und daß in diesen Urkunden betont ist, daß der Registrierte ein
"legitimer Sohn aus legitimer Ehe" sei usw. Nicht weniger bezeichnend ist es
auch, daß seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts die Taufmatrikelbücher, so z. B.
die von uns in Trujillo aufgefundenen (nicht zu verwechseln weder mit der nach
dem Diktator Rafael Leonidas Trtljillo benannten Hauptstadt der Dominikanischen
Republik Ciudad Trujillo noch mit anderen Trujillos in Peru usw.) aus zwei Teilen
bestanden haben: Aus dem sogenannten Becerro blanco ( = Weißen Kalb, so benannt
nach dem Ledereinband) und dem Becerro negro. In das weißgebundene Matrikel-
buch wurden die Kinder der weißen Spanier, in das schwarzgebundene jene der
Indios, der Neger und der Mischlinge eingetragen. Jene Matrikelbücher, die oft
auch Namen und Stand der Taufpaten angeben, sind für das Studium der sozialen
Schichtung ebenso aufschlußreich wie die Sammlungen des Registro Principal
jener kleinen Hauptstadt des venezolanischen Binnenstaates Trujillo, die wir im
Auftrag der Regierung geordnet und katalogisiert haben.
Mitlelschichlenprohleme Siidamerikas 115

Schichtungsverhältnisse Zu Beginn der Kolonialzeit

Auf Grund weiterer Quellen wie auch der vielen tausend von uns vielleicht
erstmalig gelesenen Dokumente müssen wir zu folgendem Schluß über die
Schichtungsverhältnisse in Venezuela gelangen (die wohl jenen der anderen Kron-
kolonien nicht ganz unähnlich sein dürften):
Die Schichtung der Kolonie spiegelt in ihren Anfängen die Schichtung des Mutterlandes
wider, wenn auch in einer sehr unentwickelten Weise. Dies deswegen, weil einer-
seits tradierte Formen weiterleben, wobei einige von ihnen sich immer eindeu-
tiger ausprägten, wenn sie nicht sogar übertrieben wurden; andererseits fehlen
naturgemäß im Vergleich mit dem Mutterland etliche Zwischenschichten und
-gruppen und bestimmte Berufe, so daß man vom kolonialen Gebiet als einer
"Mangel- oder Kümmergesellschaft" zu sprechen durchaus befugt ist. Denn schon
gar nicht die Eroberer, aber auch nicht die nachströmenden Emigranten des
Mutterlandes waren bestrebt, ein vollkommenes Miniaturabbild der gesellschaft-
lichen Schichtung des Mutterlandes zu errichten. So blieb die Kolonie jahrhun-
dertelang eine unvollständige Gesellschaft: Es fehlten in ihr besonders die Arzte
und Kurpfuscher; "Advokaten" freilich gab es so viele, daß sich z.B. die Stadt-
gemeinde von Buenos Aires mit der Bitte an den König wandte, die Auswande-
rung solcher Bachilleres in die Kolonien zu untersagen, da diese nur dazu gut
seien, zu ihrem eigenen Nutzen unter den Einwohnern Uneinigkeit zu stiften.
Eine solche Verordnung ist freilich nie erlassen worden, so daß die "Juristen"
auch weiter auswandern konnten. (So verwundert es nicht, wenn man feststellt,
daß sich soundso viele Schiffsärzte, die den Titel eines Dr. iuris besaßen, alsbald
in der Kolonie ansiedelten und dort nicht nur ihre schnell aufblühende ärztliche
Praxis eröffneten, sondern auch die Protomedikatur erwarben und mit ihr das
Recht, andere "Ärzte" zu prüfen und zuzulassen oder abzuweisen. So in den
Anfängen des Ärztewesens in Cuba.) Zu einem Großteil bestand ja die allein zu
einer Profilierung der Schichtung befähigte Oberklasse der Kolonialgesellschaft
aus solchen Elementen des Mutterlandes, die unter der Führung einiger Unent-
wegter ihre soziale Deklassierung zu überwinden trachteten, in welche sie dadurch
geraten waren, daß sie zwar hochstehende Väter hatten, aber Söhne der "linken
Hand", d.h. uneheliche Söhne, waren. Das vor allem war der Grund, den Weg
nach dem Eldorado anzutreten. Einer jener zahlreichen Männer ist der Begründer
der bereits erwähnten Stadt Trujillo, Diego Garcia de Paredes, Sohn des berühmten
Feldherrn Karls V. und sehr wahrscheinlich aus unehelichem Bette. Ein anderer
ist RodrfgueZ Sudrez, der Gründer der heutigen Universitäts- und eI:.Iuil>ch0flkhen
Stadt Merida. Von diesem Mann, einem der letzten großen Städtegründer des
ausgehenden 16. Jahrhunderts, ist bekannt, daß er unter Anklage gestellt und zum
Tode verurteilt wurde, weil er auf eigene Faust die Gründung vornahm8 •
8 Er wurde, wie wir andernorts nachgewiesen zu haben hoffen, von der Kirche gerettet, die ihm
ein Entkommen aus dem Gefängnis und Neugründungen im noch freieren Generalkapitanat
Venezuela, angeblich sogar der heutigen Stadt Caracas, ermöglichte. Er starb dann im Gefecht
116 Oliver BrafhJeld

Aus den Prozeßakten gegen Rodriguez Suarez geht hervor, daß die Stadt Merida
unter der Führung eines rechtschaffenden und weitsichtigen, jedoch vielfach be-
kämpften und verleumdeten Extremei'io mit Hilfe von fahnenflüchtigen Soldaten
einer spanischen Flotte, also Gaunern und Spielern, und mit einer Unterstützung
von undurchsichtigen Elementen gegründet worden ist, die aus anderen Kolonien
geflüchtet waren. Suarez sagte sogar vor Gericht aus, welcher seiner Soldaten
Onanie trieb, welche trotz seines Verbotes mit Indiofrauen zusammenlebten,
welche Falschspieler waren und daß einer von ihnen ihm angekündigt habe, "sein
Leben zu schreiben" - natürlich nur um ihn zu erpressen, nicht etwa um seine
Heldentaten zu besingen. Dieser Prozeß mag eine Kraftprobe gewesen sein, und
zwar zwischen einer in Bogota herrschenden Clique, welche die Auslieferung von
Rodriguez Sudrez forderte, und einer der Kirche nahestehenden in Trujillo, die für
ihn Partei ergriff. Vermochten die Kirchentreuen die erhobene Forderung da-

gegen die Indios. Seine "Schuld" bestand nur darin, daß er es nicht wahrhaben wollte, daß im
Königreich Neugranada (= das heutige Kolumbien), zu dem damals noch die Region des
heutigen Ml:rica gehörte, bereits eine Zentralmacht um den Vizekönig entstanden war, nämlich
die aus den Mqy Magnijims SeHores Oidores bestehende Real Audienfia. Seine Flucht aus dem
Gefängnis und aus dem kurz vorher gegründeten Trujillo, einer Gegend also schon jenseits
der Grenze des von der Real Audjenfja in Santo Domingo abhängigen Regierungsbezirks Vene-
zuela, führte übrigens zum ersten Auslieferungsprozeß zwischen zwei Kronkolonien, also um
den ersten der seither häufig aufkommenden Streite um die Asylfrage. Wir haben selber diese
romanhafte Geschichte in einem Vortrag in Bogota, in dessen Archiven wir die sehr
umfangreichen Prozeßakten aufgefunden haben, dargestellt (unveröffentlichtes Manuskript).
Der Gouverneur Venezuelas lehnte den Auslieferungsantrag der Real Audjenda von Santa Fl:
de Bogota nicht nur glattwegs ab, sondern machte historisch äußerst interessante Erklärungen,
die auf die Verhältnisse in den spanischen Kolonien ein krasses Licht werfen. Er erklärte u.a.
(seine Erklärungen wurden notariell festgehalten; diese führten später zu seiner Absetzung und
Verschiffung in Ketten nach dem Mutterland usw.), daß er den Geflüchteten nicht nur nicht
herausgeben, sondern sogar die Muy Magnijifos SeHores Ojdores von Bogota einfach hängen
würde, wenn er ihrer habhaft werde. Er hänge einzig und allein vom erlauchten Consejo de
Indias und dessen Real Audjenfja auf der Insel Santo Domingo ab. übrigens hätte er sämtliche
Ausgangspforten (puertos de tjerray mar) seines Generalgouvernements verriegelt, damit sich
niemand mit Klagen gegen ihn nach Santo Domingo begeben könne; er hätte bereits den
Großteil seiner Habe nicht nach Spanien, sondern "in die Königreiche Portugals" verlagert
(wie man es heute nennen würde). "Wir, die wir in Indien regieren, sind da, um zu rauben und
uns zu bereichern." Sobald seine Amtszeit abgelaufen wäre, würde er sich mit seiner ganzen
Habe nach Portugal verziehen, usw. Zumal dieser würdige Gouverneur (Lifenfiado Pablo d,
Collado) dazu noch ein Feigling und ein unerträglicher Gesell war, reiste der bereits erwähnte
Begründer Trujillos, Garda de Paretks, dem abgewiesenen Bogotaner über die Grenze von
Neogranada bis nach Ml:rida nach, wo dieser ihn erwartete und seine Zeugenaussagen zu
Protokoll nahm, wie auch jene seiner zwei Begleiter. Garfia tk Paretks wollte sich in den Dienst
von Neogranada stellen; als ihn jedoch die Nachricht erreichte, daß der berüchtigte "Tyrann"
Aguirre in Venezuela gelandet und eingebrochen war, eilte er nach Venezuela zurück, holte den
fahnenflüchtigen Gouverneur ein, zwang ihn, zur schwachen Heerschar zurückzukehren,
belagerte das Lager Agujrres u.a. auch mit "psychologischen Kriegsmitteln", indem er durch
Ausschreier seine Krieger zur legalen Seite hinüberzuziehen versuchte. Er drang schließlich in
das Lager des gefürchteten aufständischen Feldherrn ein, tötete ihn und legte seinen Kopf auf
seiner Lanze und seine Fahnen dem von ihm gehaßten Gouverneur de! Collado zu Füßen, usw.
Mittelschichtenprobleme SiUJamerikas 117

durch zu umgehen, daß dem Abgesandten der Real Audiencia von Bogota vom
Alcalden erklärt wurde, es gebe niemanden, der außer dem Paternoster und dem
Ave-Maria etwas anders zu lesen vermöge, was offensichtlich ein Vorwand gewesen
ist, das Auslieferungsbegehren nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen, da ja ein
Schriftkundiger (Escribaiio) bei den Stadtgründungen immer vorhanden war, so
erwiesen sie sich doch als zu schwach, Sttdrez retten zu können. Denn obwohl
dieser in das Haus des Bischofs flüchtete und in der dortigen Kapelle sich an ein
großes Standbild der Heiligen Jungfrau klammerte, wurde er unter Mißachtung
der Asylrechte der Kirche wieder ins Gefängnis geschleppt.
Gegen 1560 kann man also noch kaum von einer durchorganisierten Gesell-
schaft sprechen. Die Situation ist vielmehr bestimmt durch jene spanischen Ein-
wanderer, die das Land erobernd in Besitz nahmen und sich die Indianerdörfer
untereinander zuteilten, wobei sie des öfteren einem Aufstand dieses oder jenes
Dorfes (wie z. B. in La Grita) standhalten mußten. Sie nahmen sich Indiofrauen
wie Rodrlguez Sudrez, denn nur recht wenige hatten spanische Frauen mitgebracht.
Zudem ist anzumerken, daß die neugegründeten "Städte" zumeist elende Dörfer
waren, oft nur von ein paar Dutzend Menschen bewohnt. Nicht selten verschwan-
den sie alsbald durch die Verwüstungen der Indios oder starben aus infolge von
Fieberkrankheiten. So wurden diese "Städte" oft von einem Ort zum anderen
verlegt, wie z. B. Merida, aber ganz besonders Trujillo, dessen Geschichte von
Amerieo Briceiio treffend mit dem Titel La Ciudad Portdtil, die tragbare Stadt, über-
schrieben wurde. Nur EI Tocuyo, Barquisimeto und Coro und bedeutend später
Caracas und Valencia hatten einigermaßen Bestand.
Zu einer gewissen Stabilisierung kam es, als das Land in die Hände der so-
genannten Eneomenderos gelangte, denen die Indiodörfer "anvertraut", also
"encomendado" waren. Nichtsdestoweniger lebte die weiße Bevölkerung von der
Arbeit der Indios, um nach wie vor das mysteriöse (EI) Dorado, das "Goldland",
zu suchen. Bezeichnend ist, daß auch Rodriguez Sudrez nur dadurch seine 80 Sol-
daten anzuwerben vermochte, mit denen er die Stadt Merida gründete, daß er
Bergbauwerkzeuge mitschleppen ließ und dauernd auf der Suche nach Gold- und
Silberminen war. Derweil erwies sich seine Gründung einer Stadt im Grenzgebiet
des neogranadischen Königreichs und des Gouvernements von Venezuela als
zukunftsträchtig; erst dadurch wurden die Verbindungen zwischen den beiden
Kolonialprovinzen einigermaßen gesichert und die Verbindung zwischen Pazifik
und Atlantik auf dem Landwege wirklich hergestellt.

Ein ersies Schieh/bild.


Spanische Eroberer, Pardos, Indios und Negersklaven

Ziemlich rasch entstand nun neben Spaniern und Indios eine Mischlingsschicht,
die die Abkömmlinge spanischer Väter und indianischer Mütter waren. Diese
Mischlinge verblieben freilich zunächst in der Sklavenkaste, um erst allmählich
118 Oliver Brachfeld

eine soziale Mittelstellung einzunehmen. Sie wurden im allgemeinen Pardos ge-


nannt. (Dieses ursprünglich die graue Farbe bezeichnende Wort hat sowohl die
Bedeutung grau als auch braun, da in der spanischen Sprache das Wort braun
eigentlich fehlt, nachdem das altertümliche, aus germanischen Wurzeln stammende
Wort bruno aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist.) Im Laufe der Entwick-
lung wurden diese Pardos zu sogenannten Pardos Libres, also zu "freien Farbigen",
die diese ihre Stellung und ihren Einfluß ihren weißen Vätern verdankten, die sie
nicht selten zu ihren Erben einsetzten.
Eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Pardos zu einer gesellschaftlichen
Mittelschicht spielt die Einführung von Negersklaven durch die spanischen Er-
oberer. Da zur Einführung von Negersklaven eine besondere Einwilligung der
Krone benötigt wurde, besitzen wir zahlreiche Dokumente, aus denen die große
wirtschaftliche Bedeutung dieses Menschenhandels ersehen werden kann. Da die
Zahl der eingeführten Neger sehr rasch anstieg, erblickten die Pardos hierin eine
ihnen drohende Gefahr, so daß es des öfteren zu Aufständen kam. Der berüch-
tigtste war jener des "Königs" Mateo, der angeblich das ganze Land beherrschen
wollte. Wir dürfen aber den spanischen Quellen keine absolute Gewähr zuschrei-
ben. Die nähere Untersuchung solcher "Verschwörungen" mit dem Ziel, die
Weißen auszurotten und das Land unter die Alleinherrschaft der Pardos zu stellen,
beunruhigte später mehrmals die Phantasie der Weißen, die nur einen kleinen Teil,
nämlich 15 bis 20% der Bevölkerung ausmachten. Tatsächlich aber trifft zu, daß
die Negersklaven viel besser behandelt wurden als die den Pardos näherstehenden
Indios, weil die Neger den Weißen bedeutend nützlicher waren. So durften sie
z. B. am Wochenende für sich arbeiten, was sie oft in die Lage versetzte, ein kleines
Vermögen anzuhäufen. Es gibt Dokumente, aus denen zu entnehmen ist, daß sie
ihre Habe bei ihrem Ableben testamentarisch ihren Herren hinterließen. Durften
sie zwar nur mit deren Einwilligung heiraten, so konnten sie doch gegen den
negativen Bescheid an die Kirchenbehörde appellieren.
Die Pardos lebten in den Städten in oft regem Verkehr mit allen Schichten der
weißen Kaste. Zumeist übten sie ein Handwerk aus oder waren Händler. Dank
des Umstandes, daß das Land dringend der Ärzte bedurfte, erlangten nicht wenige
von ihnen die vom König ausgesprochene Erlaubnis, als Feldseher zu wirken,
allerdings mit der Einschränkung, "bis es eine genügende Anzahl von weißen
Ärzten gibt", was praktisch natürlich nie der Fall sein sollte. Diese Kurpfuscher
wurden empiricos oder auch curiosos pardos genannt. Sie fungierten mitunter sogar
vor den Tribunalen als "Sachverständige" an Stelle der nicht vorhandenen Ärzte.
Neben dem Handwerk und dem Kleinhandel erwies sich also das Kurpfuscherturn
als Aufstiegsberuf der Pardos. Eine weitere Möglichkeit bot sich an durch die
Ausübung eines geistlichen Amtes. Als zwei Söhne eines reich gewordenenPardo
in Caracas die Priesterweihe erstrebten, stellte sich ihnen freilich die herrschende
Kaste, die mantuanos, entgegen; erst mit Hilfe eines energischen Eingreifens der
Kirche konnte dieser Widerstand überwunden werden, so daß die Kandidaten die
Erlaubnis der Krone erhielten. Es sollte aber noch lange Zeit dauern, nämlich bis
Mitte/schichlenprobleme Siltlamerikas 119

nach dem Bürgerkrieg bzw. bis zu den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts,
bis ein Pardo: der berühmte Dr. Vargas, der in Paris Medizin studierte, zum
Universitätsprofessor, als Arzt zum Rektor der Universität Caracas und zum ersten
nichtweißen Präsidenten der Republik werden konnte.
Doch kehren wir zurück zur Lage im späten 17. bzw. frühen 18. Jahrhundert.
Besonders folgenreich war das Bestreben vieler Pardos und nicht weniger Neger,
mit Hilfe von Geld von der Krone ein Patent für sich zu erwirken, das sie zu
Weißen im rechtlichen Sinne machte. (Cartas de gracia al sacar: Gnadenbriefe
des Königs, um der eigenen, niedrigeren Kaste enthoben zu werden.)
Wurde einerseits zwar, wenn auch nicht so streng wie z. B. in Mexiko,
zwischen einer ganzen Reihe von Nuancen der Hautfarbe unterschieden,
wie beispielsweise zwischen den Cuarterones, Tercerones, Salta-atras ("Sprünge nach
Rückwärts", womit wohl Rückschläge in eine dunkle Hautfarbe im Sinn des
Mendelschen erbbiologischen Gesetzes zu verstehen waren), so nahmen es anderer-
seits sowohl Pardos wie Schwarze ihren "Farbenbrüdern" sehr übel, wenn sie sich
"Weißenrechte" erkauften und dafür nicht selten ihre ganze Habe opferten. Diese
Entwicklung beschwor soziale Ressentiments hüben wie drüben herauf, d. h.
sowohl bei der weißen Oberkaste als auch bei den Pardos und den Schwarzen. Sie
stellt damit einen Vorgang dar, der verglichen werden kann mit dem sozialen
Aufstieg der jüdischen Elite in Europa. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts dürfte
sie ihren Höhepunkt erreicht haben. Zu dieser Zeit wurden auch Bataillone aus
Pardos zur Landesverteidigung organisiert, wenn diese auch ausschließlich unter
der Führung weißer Offiziere standen. Nicht selten kam es dabei vor, daß in
solchen Pardo-Milizen auch Offizierstitel ehrenhalber vergeben wurden.

Die Pardo-Mischlinge in ihrer Konsolidierung als erste Mittelschicht

Wie sie eine mittlere Stellung hinsichtlich ihrer Hautfarbe einnahmen, so bil-
deten die Pardo-Mischlinge auch im soziologischen Sinne einen "Mittel"-stand.
Sahen sie einerseits verächtlich auf die Neger- und Indiosklaven herab, so bewun-
derten und beneideten sie andererseits die Weißen und versuchten mit allen Mitteln,
in ihre Reihen aufzusteigen.
Bei diesem Aufstiegsstreben kam ihnen der Umstand zustatten, daß die Ange-
hörigen der weißen Oberschicht infolge der klimatischen Einflüsse oft bedeutend
"nachfärbten" und zu "dark whites" wurden, wie die Amerikaner noch heute die
dunkleren Südländer Europas zu bezeichnen pfiegen. Da die spanlsch-ameri
kanische Gesellschaft trotz aller "Blutreinheits"-Ideologie (limpieza de sangre) recht
liberal war und sich vor der Macht des Geldes beugte, gelang der soziale Aufstieg
nicht nur vielen Einzelpersonen, sondern einer ganzen Reihe von Familien. Rein-
blütige Weiße und in ihrer Hautfarbe mit der Zeit heller gewordene Pardos
ähnelten also einander immer mehr. So konnten zahlreiche Pardo-Familien den
ursprünglich und rechtlich nur den reinblütigen Weißen zustehenden Titel dony
120 Oliver Bra&hfeld

doiia annehmen, kraft dessen sie vielfach als Mitglieder der Herrenkaste galten,
selbst wenn sie aus wirtschaftlichen Gründen mit dieser nicht wetteifern konnten.
Schließlich wurde ihr Aufstieg dadurch begünstigt, daß ein Teil der weißen
"leisure dass" verarmte. Es entstanden die sogenannten Rand- oder Uferweißen, die
blancos de orilla, die den nordamerikanischen "poor whites" in vieler Hinsicht ähnlich
waren. Sie wohnten in den Pardo-Vierteln und am Stadtrand. Im Habitat herrschte
eine sehr weitgehende Promiskuität, da ja Negersklaven, Pardos und Weiße oft
nicht nur in einem Dorfe, in einem Caserio, sondern auch in der Stadt unter einem
Dach hausten; lediglich für die Nacht wurden die männlichen Sklaven in beson-
dere Negerhöfe, weiträumige und mit mehreren großen Patios versehene
Häuser, zusammengepfercht, obwohl die weiße "Herrschaft" ein Recht nicht nur
primae noctis, sondern auch sonst noch auf Neger- und Indianerweiber hatte.
Noch in unserem Jahrhundert besaßen ja die "Herren", wenn sie ein Haus von
Mitgliedern der Unterschicht betraten, das als selbstverständlich empfundene An-
recht auf den Beischlaf mit den Töchtern der Familie, eine Einrichtung, die manche
ältere Herren von heute nicht ohne Nostalgie an die "schöne alte Zeit" kommen-
tieren.
In den Archiven Venezuelas befinden sich zahlreiche, zum größten Teil noch
unveröffentlichte, höchst aufschlußreiche Dokumente aus dem 18. Jahrhundert,
die über die sozialen Aufstiegsbewegungen berichten. Das illustrativste Doku-
mentarmaterial dürften die Akten über den Versuch des Adels von Caracas sein,
dem Vater des späteren "Precursor" der Unabhängigkeit Amerikas und Gironde-
General, Francisco de Miranda, das Tragen eines Dolches am Gürtel zu verbieten.
Miranda der Altere galt zwar als adelig - er stammte aus einer baskischen, zunächst
nach den Canarias übersiedelten Adelsfamilie -, doch befleißigte er sich des Han-
dels, was unter der Würde der weißen Kaste lag. Auch war seine Hautfarbe nicht
ganz blütenweiß, weshalb er bei der untätigen Landbesitzerskaste älteren Ur-
sprungs Anstoß erregte. Er gewann aber endlich seinen Prozeß ebenso wie ein
verarmter Weißer, der offenbar unter den Pardos lebte und dem die weiße Ober-
klasse der Stadt Merida das Führen eines Sonnenschirmes verbieten wollte. Die
Akten dieses seltsamen Rechtsstreites wurden vor einigen Jahren von Hector
Garcia Chuecos veröffentlicht. Die Publikation von Dokumenten eines ähnlichen
Prozesses in Maracaibo, in dem um den Vortritt in der Kirche, das Vorrecht des
Wimpeltragens bei Prozessionen u. a. m. gestritten wurde, ist von uns selbst vor-
genommen worden 9 • Alle diese, in allem Ernst geführten Prozesse, bezeugen den
Abwehrkampf der Oberschicht gegen das Vordringen jener Mittelklasse der
Pardos, zu denen auch die dunkelhäutigen und besonders die verarmten Weißen
gerechnet wurden.
Auch in Trujillo haben wir Akten aus dem 18. Jahrhundert über einen tragi-
komischen Prozeß entdeckt, in dem sich eine Pardo-Familie namens Martos gegen-
über den Verleumdungen einer verarmten und ihr Leben durch Arbeit fristenden,

9 Vgl. Oliver Brachfeld, in: Boletin de la Academia Nacional de la Historia de Venezuela, 1956.
Mittelschichtenprobleme Südamerikas 121

also wohl ressentimentbeladenen weißen Frau zur Wehr zu setzen versuchte.


Dona Chiquinquira Bricen hatte sich gegenüber den Martos dadurch Luft verschafft,
daß sie verbreitete, die Eltern der Gebrüder dieses Namens wären noch längst
nicht don y dona gewesen, sondern bloß no und na (Abkürzungen von senor und
senora im venezolanischen Kolonialspanisch). Sie bezeichnete verachtend die
Herren Martos als Angehörige der nobleza de pate amarilla, d.i. gelbpfotige Adelige.
(Diese Bezeichnung galt jenen Weißen, die nicht wohlhabend genug waren, sich
bei den Pardo-Schustern elegante Stiefel aus schwarzem europäischem Import-
lackleder bestellen zu können und deshalb mit einer Fußbekleidung aus einhei-
mischem, gelbem Ziegenleder aus der Stadt Carora vorlieb nehmen mußten.)
Dona Chiquinquira wurde dieserhalb wegen Verleumdung angeklagt. Versuchte sie
zunächst, dem Gericht auszuweichen, so half sie sich, als es Ernst wurde, mit einer
Eingabe, in der sie sich als arme Witwe und Waisenkind (viuday huerfana) bezeich-
nete und ihre Behauptung über den zweifelhaften Ursprung der Martos wesentlich
abzuschwächen versuchte.

Die Festigung der venezolanischen Mittelschicht nach dem Bürgerkrieg (1810--1814)

Sich endgültig zu einer Mittelschicht zu festigen, ermöglichte den Pardos erst


der venezolanische Befreiungskrieg (1810-1814), wobei allerdings diese Mittel-
schicht den Charakter einer Mittelkaste trug. Dies deswegen, weil erst im Jahre
1852 die bis dahin bestehende Sklaverei vom Präsidenten Monagas rechtlich auf-
gehoben wurde, nachdem sie freilich schon seit dem Unabhängigkeits- (und
Bürger-)Krieg immer mehr an Bedeutung verloren hatte. Die Negersklaven
nahmen übrigens Anteil am Leben der patriarchalischen Familien der sozialen
Oberschicht ungefähr auf dieselbe Weise wie in der Nouvelle Orleans. So wurde
auch der Libertador: der Nationalheld Venezuelas, Simon Bolivar, der in seiner
Ahnenreihe nach Salvador de Madariaga eine nicht ganz weiße Urgroßmutter gehabt
haben soll (ein Thema, über das man im Lande noch heute nicht öffentlich reden
kann), von einer Negeramme gestillt. Auf dem Höhepunkt seines Triumphes an-
gelangt, erklärte Bolivar noch ohne Scham, jene Negerin Matea wäre ihm "Vater
und Mutter" zugleich gewesen. Bolivar gehörte übrigens nicht nur wirtschaftlich,
sondern auch sozial zur Oberschicht des Landes, da vor ihm bereits fünf Gene-
rationen Bolivars im Lande ansässig gewesen waren.
Von hesonderer Bedeutung für die Konsolidierung der Pardos zu einer mitt-
leren Schicht waren nicht zuletzt die Ideen der Aufklärung. War die Verbreitung
aufklärerischer Schriften wie etwa der Bücher Rousseaus, Voltaires und der Enzy-
klopädisten zwar formell verboten, wie einstmals auch Cervantes' Don Quijote, so
wurde freilich die Kontrolle in der Praxis oft sehr lasch gehandhabt. So kam es,
daß die neuen Ideen das koloniale Caracas bewegten. Diese Situation trug dazu
bei, daß die berufliche Beschäftigung mit diesen Ideen ärmeren Weißen und Halb-
Pardos neue gesellschaftliche Aufstiegschancen bot. Während die Oberschicht
122 Oliver Brachfeld

eine typische "leisure dass" darstellte, waren die Pardos in ihrer geistigen und kör-
perlichen Arbeit ungemein zielstrebig und von einem sozialen Aufstiegseifer
beseelt, der sich freilich zunächst an den Barrieren der Kastengesellschaft wundlief.
Als aber mit der Deklaration der Unabhängigkeit von 1810, welche größtenteils
von Angehörigen des "Mittelstandes" verfochten wurde - und zwar gegen ein
von den Franzosen der Napoleonzeit regiertes Spanien, noch nicht gegen nuestro
suspirado monarca, den jungen und als Gefangenen der Franzosen sehr populären
Fernando VII., vielmehr im Gegenteil: um seine als legitim empfundenen Rechte
zu wahren -, sich ein regelrechter Bürgerkrieg entwickelte, erstarkten die Mittel-
schicht der Pardos und die ihnen z. T. assimilierten Islefios oder Canarios, die immer
zahlreicher von den Kanarischen Inseln eingewandert, jedoch meistens nicht ganz
reinen Geblüts waren, immer mehr.
Auf Grund des an den König gerichteten, sehr ausführlichen und aufschluß-
reichen (noch unveröffentlichten) Rechtfertigungsschreibens des wegen unterstellter
Sympathien mit den Aufständischen zu Bolivars Zeiten angeklagten Erzbischofs
von Caracas, Monseigneur Narciso Colly Prat, darf man ohne jeden Zweifel an-
nehmen, daß der erste Generalissimus der Aufständischen, der bereits erwähnte
Gironde-General Francisco de Miranda, vor den Spaniern deswegen kapitulierte,
weil er voraussah, daß bei einer Bewaffnung der untersten Pardo- und Negerklassen
diese letzten Endes sowohl die Spanier wie die espafioles americanos ausrotten und
eine halbbarbarische Negerrepublik wie in Haiti errichten würden. Es ist bekannt,
daß er es früher abgelehnt hatte, mit einer französisch-republikanischen Truppe
von 6000 Mann nach Saint-Dominique zu fahren, weil er dort dasselbe befürchtete.
Er dürfte wohl den Plan gehabt haben, den vorerst verlorenen Krieg von neuem,
und zwar von Kolumbien aus zu beginnen, um mit einer hauptsächlich aus
jenen Weißen, die in den Anden ansässig waren und deshalb von den Übergriffen der
Neger und Mulatten verschont geblieben waren, sich zusammensetzenden Truppe
wieder in die Ebene hinunterzusteigen und Caracas zu belagern. An seinem
Vorhaben wurde Francisco de Miranda jedoch dadurch gehindert, daß er in der
Nacht vor seiner Einschiffung von seinen eigenen Parteibündlern verhaftet und
von ihnen an die Spanier ausgeliefert wurde. Er starb im Kerker von Cartagena
(Spanien). Sein Leutnant indessen, jener Simon Bolivar hat nach seinen ersten ver-
lorenen Kampagnen diesen Plan doch verwirklichen können.
Wir haben also allen Anlaß, von einer "historischen Mittelschicht" in V ene-
zuela zu sprechen, die während der Kolonialzeit entstanden ist. Dies sogar mit
mehr Recht, als es hinsichtlich anderer hispanisch-amerikanischer Länder geschieht.
Obwohl zugestanden werden muß, daß sich die venezolanische Mittelschicht in
ihrer Frühzeit aus mehreren farbigen, nämlich den sogenannten 14 Kasten zusam-
mensetzte, fehlte es ihr jedoch keineswegs an einem sie einigenden "Klassen-
bewußtsein". In den von uns entdeckten Akten eines Prozesses gegen die Pardos
von Trujillo leugneten zwar mehrere Pardos, jemals den leisesten Gedanken einer
Ausrottung der Weißen und einer Pardo-Machtergreifung gehegt zu haben, ge-
standen jedoch, daß sie erbitterte Gespräche über ihre Benachteiligung durch die
Mittelschichtenprobleme Südamerikas 123

Weißen geführt hätten. Als traidores de classe, also "Klassenverräter", bezeichneten


sie in ihren Gesprächen jene Überläufer ihres Standes, die mit Hilfe des Geldes
Eingang in die obere, weiße Gesellschaft gefunden hatten und von nun an nichts
mehr von ihren hermanos de color, d. h. "Farbbrüdern", wissen wollten.
Im übrigen sei angemerkt, daß dieser Prozeß, wie aus den Akten klar ersichtlich
ist, willkürlich vom Zaun gebrochen wurde. Die vermeintliche Verschwörung, die
der Gegenstand des Gerichtsverfahrens war, existierte nämlich allein in der von
einem schlechten Gewissen beflügelten Phantasie der weißen Oberschicht. Des-
wegen wurde die Anklage auch ganz nach dem Modell vorgebracht wie jene gegen
die Leprakranken und wohl auch gegen die Tempelordensritter im mittelalter-
lichen Frankreich zur Zeit Philipps des Schönen bzw. nach dem berüchtigten An-
klagemodell gegen die Weisen von Zion. Es wäre wohl an der Zeit, einmal eine
zusammenfassende Sozialgeschichte dieser ausgeklügelten Prozesse gegen be-
stimmte Gesellschaftsgruppen zu schreiben. Die Pardos wurden zwar nicht
angeklagt, die Weltherrschaft erlangen zu wollen, wie man das den Ordensrittern,
Leprakranken und Juden vorhielt - bezeichnenderweise traten in der Anklage
gegen die Leprakranken bereits die Juden auf, und zwar als angebliche Vermittler
zu den arabischen Herrschern der Zeit und als Helfershelfer der Leprakranken -,
doch bezichtigte man die Pardos, die Herrschaft über ganz Venezuela für sich zu
beanspruchen. Die Anklage fiel freilich bereits nach den ersten Nachforschungen
in sich zusammen und erwies sich damit als Art vorurteilsvollen Handelns, das sich
immer dann gegen die politisch und sozial Schwachen richtet, wenn eine Führungs-
schicht selbstverschuldeten Fehlern nicht anders beikommen zu können glaubt.

Die venezolanische Mittelschicht der Gegenwart


Rudimente der "historischen" Mittelschicht
in der venezolanischen Gesellschaft der Gegenwart

Jene Mittelschicht, die wir die historische genannt haben, hat sich bis auf unsere
Tage erhalten, wenn auch das Wort Pardo als Schichtbezeichnung aus dem Sprach-
gebrauch verschwunden ist. Es lebt heute nur noch als häufiger Familienname
weiter. Entsprechend sind die sozialen Spannungen, wie sie einst zwischen Weißen
und Mischlingen bzw. Farbigen bestanden haben, zwar immer schwächer gewor-
den, aber zumeist unter der Oberfläche des öffentlichen Lebens gibt es sie noch
immer. So wurde z. B. der Sieg des Präsidentschaftskandidaten R6mulo Betancourt
über den weißen Vizeadmiral Larrazdbal im Jahre 1958 des öfteren als Sieg der
Nicht-ganz-Weißen über die Weißen bezeichnet. Tatsächlich gewann auch der
Vizeadmiral die Wahl in der Hauptstadt, wo die meisten Weißen leben, verlor sie
aber im ganzen Interior. Und als vor einigen Jahren ein begabter Mulatte den
.höchsten Literaturpreis Venezuelas erlangte, wurden in der Presse Stimmen laut,
124 Oliver Brachfeld

jenen Preis nicht zu einer merienda de negros verkommen zu lassen. Nicht uninteres-
sant ist in diesem Zusammenhang der Bericht eines jungen, nichtweißen Sozio-
logen aus den Vereinigten Staaten, fulio Navas, der seine Eindrücke von einem
Besuch im venezolanischen Pseudoparlament der Diktatur Perez fimenez (1954)
folgendermaßen zusammenfaßte: Er glaubte, beobachtet zu haben, daß die Abge-
ordneten und Senatoren in der Mehrzahl Weiße waren, während das überaus
zahlreiche Dienst- und Polizeiwachpersonal aus Farbigen bestand. (Diese Farbigen
werden heute euphemistisch triguenos genannt: von trigo = weiß.) Vielfach ent-
spricht in der Tat die wirtschaftliche und soziale Schichtung des heutigen Venezuela der
gestuften Tönung der Hautfarbe: In den niederen und niedrigsten Klassen finden wir
kaum Weiße, und in den oberen sind Nichtweiße Ausnahmefälle. Wirklich weiß
sind dabei freilich zumeist nur die Abkömmlinge einzelner alteingesessener Fa-
milien sowie die Angehörigen von zahlreichen Familien italienischen und spani-
schen Ursprungs, die in der zweiten und dritten Generation im Lande sind. Sie
sind es, die heute praktisch das ganze Land beherrschen.
In juristisch-formeller Hinsicht stellt die Hautfarbe weder eine Begünstigung
noch eine Benachteiligung dar. So erfolgt ihre Registrierung z. B. auf dem
Standesamt und im Personalausweis lediglich aus Identifikationsgründen. Denn
vor dem Gesetz sind alle Staatsbürger gleichgestellt. Nichtsdestoweniger gibt es
aber eine latente Diskriminierung der Nicht-ganz-Weißen. Es ist eine allgemeine
"Stimmung", die so etwas wie unsichtbare Schranken aufrechterhält. Besonders
spürbar ist diese in den konservativen Andengebieten, wo die einst nur aus
Weißen bestehende Bevölkerung mittlerweile von Indios unterwandert wurde.
Reinrassige Indios gibt es indessen nur in den bereits zivilisierten Grenzgebieten
der Amazonasregion, und zwar sowohl auf der brasilianischen Seite als auch im
kolumbianischen Grenzgebiet. (In letzterem sind es die Motilones-Stämme, die bis
heute dem Eindringen des weißen Mannes erfolgreich Widerstand zu leisten ver-
standen haben, allen Bemühungen der Missionare sowie der der venezolanischen
und kolumbianischen Regierungen zum Trotz.)

Extreme Formen sozialer Bewegungsvorgänge

Eine der denkwürdigsten Eigentümlichkeiten der venezolanischen Gesellschaft


ist der in ihr herrschende hohe Grad sowohl vertikaler als auch horizontaler
Mobilität. Die zu beobachtenden Bewegungsvorgänge kennen praktisch keine
Grenze, da Auf- und Abstiege zwischen Extrempunkten das Bild der sozialen
Struktur des heutigen Venezuela ebenso kennzeichnen wie die Omnipräsenz der
Einwanderer der letzten zwei Jahrzehnte. Die Kriterien der Positionsunterschiede
springen in die Augen: Es sind Macht und Reichtum. Der Venezolaner bezichtigt
sich ja selbst der Dromomanie, weshalb auch dromomania (ein Wort, das man in
Spanien nicht kennt) eines der am häufigsten vorkommenden Worte im Lande ist.
Sodann ist zunehmendes Alter fast durchweg mit sozialem Abstieg gleichbedeu-
Mittelschichtenproble1lle SiIdaI1Ieri/eas 125

tend, was einen namhaften Venezolaner vor ungefähr zehn Jahren veranlaßte, die
soziale Struktur seines Landes als eine Ephebokratie zu bezeichnen (in bewußtem
Gegensatz zur europäischen Gerontokratie). Endlich ist zu erwähnen, daß viel-
leicht in keinem anderen Lande der Trieb zum Spielen im Gesamtleben des Landes
so stark dominiert wie in Venezuela. (Daß die Pferderennentotos das Haupt-
gesprächsthema sind, das point-de-mire der Gesamtgesellschaft, sei nur nebenbei
bemerkt.) Jegliche Tätigkeit scheint mit ludischen Lustgefühlen einherzugehen im
Lande der unbegrenzten Möglichkeiten - und Unmöglichkeiten.
Die Mobilität im Raume wirkt auf den Europäer geradezu pathologisch. Ich
möchte das mit folgendem Beispiel illustrieren: Als ich gelegentlich einer Auf-
nahmeprüfung an einer Ingenieurfakultät von 286 Kandidaten kurze Lebensläufe
schreiben ließ, konnte ich feststellen, daß 37% der Familien der Bewerber, welche
ein durchschnittliches Lebensalter von 19 Jahren besaßen, in dieser Zeit ihren
Wohnsitz 3,Smal in einen anderen Ort verlegt hatten. Bei den Venezolanern han-
delt es sich also um ein überaus reiselustiges Volk. Man ist deshalb nicht erstaunt,
wenn man hört, daß kaum jemand aus den oberen Kreisen, aber auch aus der
Mittelschicht sich scheut, wegen einer ärztlichen Behandlung selbst geringfügigster
Art gerade einmal einen Sprung nach Europa zu machen oder, um sein Studium
fortzusetzen, eben nur einmal in andere hispano-amerikanische Länder oder nach
den Vereinigten Staaten zu gehen.
Der Venezolaner ist also alles andere denn seßhaft, und dieser "Nomadismus"
scheint bis auf die Conquistadores zurückzugehen. Daß es mehrere "transportable"
Städte gab, haben wir ja bereits erwähnt.
Sind die Bewegungsvorgänge im Raum zwar schon außerordentlich häufig, so
wird deren Grad aber um ein Beträchtliches vom Ausmaß beruflicher und arbeits-
platzmäßiger Veränderungen übertroffen. Nicht nur daß man nach einigen Monaten
Abwesenheit oftmals seine Freunde und Bekannten nicht mehr unter den alten
Adressen wiederfindet, weil sie mit dem Wechsel ihres Arbeitsplatzes auch ihren
Wohnort verändert haben, auch Ämter, Universitätsinstitute usw., d. h. ganz
allgemein die Arbeitsplätze selbst, wechseln ihren Standort ebensooft. Deshalb wird
auch bereits nach einer einjährigen Tätigkeit in einem Amt dem Amtsträger oft
eine "Huldigung" (homenajae) entgegengebracht und ihm ein "Diplom" überreicht.
So kommt es, daß z. B. die Studenten ihren Professoren viel öfter "Diplome"
überreichen als umgekehrt. Fünf Jahre in ein und demselben Amt ausgeharrt zu
haben, stellt so etwas wie einen Rekord dar. Daß man sich nach 10 Arbeitsjahren
im öffentlichen Dienst mit halbem und nach 20 Jahren mit vollem Gehalt in den
Ruhestand versetzen lassen kann, verwundert deshalb keineswegs. Nach dem
geltenden Strafrecht stellen übrigens auch 20 Jahre da::. Höchstmaß des Freiheits-
entzuges dar, und mit dem vollendeten 60. Lebensjahr hört die Imputabilität in
Strafsachen überhaupt auf, so daß der Delinquent straffrei ausgeht. Allerdings
kann das Alter in Venezuela nicht mit europäischen Maßstäben gemessen werden.
So kann etwa ein junger Mann bereits in seinem dritten Lebensjahrzehnt, sofern
er nicht ohne jede berufliche Ambition war, eine längere Liste der von ihm bereits
126 Oliver Brachfeld

bekleideten Stellungen in seinem curriculum vitae vorlegen, als dies ein in Ehren
ergrauter, verdienstvoller Europäer zu tun vermöchte. Allerdings bedeutet das
auch, daß es ab dem 40. Lebensjahr beinahe unmöglich ist, eine standesgemäße
Anstellung zu erlangen, so daß einem Bewerber zumeist nur noch Abstiegsberufe
offenbleiben.
Nimmt man die Berufssituation des Landes einmal im ganzen, so muß man
sagen: Panta rhei. Es ist beinahe ebenso leicht, eine neue Anstellung zu erreichen,
wie jegliche erreichte über Nacht wieder zu verlieren - vom Präsidenten der
Republik angefangen bis zum letzten Hilfsarbeiter. Nichts scheint Beständigkeit zu
haben, so daß beinahe alles improvisiert wird oder wenigstens improvisiert wirkt.
Kaum errichtete Gebäude können morgen niedergerissen werden, grundlegende
Pläne werden über Nacht geändert oder wandern in den Papierkorb. Heute ist
man oben und morgen schon wieder unten - aber auch umgekehrt. Man hat eine
solche Sozialform, in der es ebenso leicht wie schwer ist, einen Arbeitsplatz zu
finden, seinen Söhnen eine Laufbahn vorzubereiten und seinen Töchtern eine gute
Partie zu ermöglichen, eine "weiche Kultur" (soft culture) genannt und dieser
einer "harten" (tough culture) gegenübergestellt (Arsenian und Arsenian). Das
heutige Venezuela ist zweifellos vom Typ einer "soft culture": Man kann unge-
straft sechs Söhne und sechs Töchter haben, wenn man nur über jene "Beziehungen"
verfügt, die es gestatten, alle Kinder den eigenen Wünschen entsprechend unter-
zubringen. Binnen kürzester Zeit gelingt es nämlich tatsächlich mit einigem Glück
und Geschick, sich ein eigenes Haus und ein Geldvermögen zu erarbeiten. Denn
es wird im Lande in der Tat viel gearbeitet.
Gegenüber jenen optimistischen Auffassungen, daß das Leben in einer "soft
culture" doch um einiges leichter sei, muß darauf hingewiesen werden, daß es zur
selben Zeit auch bedeutend schwieriger ist. Im Gegensatz zur Meinung des
Ehepaares Arsenian möchte ich deshalb behaupten, daß Neid, Ressentiment, der
Kampf um den Platz an der Sonne keine Spielereien sind, sondern das genaue
Gegenteil: Denn dort, wo einem jeden der Zugang zu beinahe jeder gesellschaft-
lichen Position offensteht, wo z. B. ein Arzt trotz einer dagegenstehenden V or-
schrift Dekan einer Forstwissenschaftlichen Fakultät werden kann, nur weil es
keinen geeigneteren Bewerber gab und weil er als erster den Gedanken hatte, eine
solche Fakultät errichten zu lassen, fallen beinahe alle das Leben regelnden
Schranken weg. Mit dem Wegfall aber der äußeren Beschränkungen fallen auch
die inneren Schranken, so daß einfach alles hemmungslos begehrt und auch er-
kämpft werden kann. Damit sind freilich der Korruption Tor und Tür geöffnet.
In einer solchen Gesellschaft, in der Disziplin und Selbstbeschränkung fehlen, fehlt
auch die die Erwartungen und Ambitionen in ihre Schranken weisende Hierarchie.
So wird beinahe ein jeder zu einem "Postulanten" (wie dieser in Südamerika gar
nicht so seltene Typ vor mehr als 20 Jahren einmal in Ekuador benannt wurde).
Und vom Postulantentum zum Querulantentum ist nur noch ein kleiner Schritt.
Mittelschichtenprobleme Siidamerikas 127

Die Probleme der gewerblichen Mittelschicht Venezuelas.


Eine Auseinandersetzung mit Emil Wehrle

Im folgenden sollen die Probleme der kleingewerblichen (d.h. produzierenden)


und der spezifisch handwerklichen Mittelschicht in Venezuela behandelt werden.
Dafür besteht um so mehr Anlaß, als dieses Thema in Deutschland m.W. bisher
nur von einem einzigen Wissenschaftler, nämlich von Prof. Emil Wehrle, untersucht
worden ist. Er hat seine Beobachtungen in einer kleinen, aber sehr interessanten,
seit Jahren leider vergriffenen Schrift mit dem Titel "Kleingewerbe und Handwerk
in Venezuela" (1954) niedergelegt. Wenn wir uns im folgenden mit dieser Schrift
beschäftigen, so aus drei Gründen: 1. Glauben wir, daß die Beobachtungen Wehrles
eine größere Verbreitung verdienten; schließlich war es dem Autor nicht nur ver-
gönnt, die Probleme der gewerblichen Mittelschicht in Venezuela, sondern auch in
Bolivien und Kolumbien zu studieren; Wehrle erweist sich überdies auch als Kenner
der Verhältnisse in einer ganzen Reihe von anderen Ländern, von Holland bis
Vietnam10 • Der Autor verfügt also über Vergleichsmöglichkeiten, die uns in die-
sem Ausmaß nicht zur Verfügung stehen. Da er 2. seine Studie unter den beson-
deren Gesichtspunkten des Handwerkswissenschaftlers verfaßt hat, könnte unsere
primär soziologische Behandlung desselben Themas eine wünschenswerte Ergän-
zung darstellen. 3. Schließlich müssen wir einigen der Beobachtungsergebnisse
von Wehrle leider widersprechen, da uns seine Begeisterung für die Handwerks-
wirtschaft ein parti pris zu sein scheint, der ihn zu Folgerungen geführt hat, deren
Optimismus zu teilen uns nicht möglich ist.
Es sollen Emil Wehrles Ausführungen im folgenden in ihren wesentlichen Teilen
zitiert und mit einem Kommentar versehen werden, zu dem ich mich auf Grund
einer wohl gründlicheren Kenntnis Venezuelas berechtigt fühle.

10 Vgl. von Emil Wehrle: Kleingewerbe und Handwerk in Venezuela, Frankfurt (Main) 1954,
26 Seiten; Bericht über die gewerbliche Wirtschaft Boliviens (Manuskript), 45 Seiten; Beitrag
zum Generalbericht über die Untersuchungsergebnisse der im Jahre 1956 nach Bolivien ent-
sandten Expertenkommission (Manuskript), 17 Seiten; Kleinindustrie und Handwerk in
Kolumbien, Frankfurt (Main) 1955,31 Seiten; Bericht über den derzeitigen Stand der gewerb-
lichen Wirtschaft der Republik Vietnam unter besonderer Berücksichtigung der Klein- und
Mittelindustrie (Manuskript), 41 Seiten. - Aus den Studien und Berichten des von Prof. Wehrle
geleiteten Instituts für Handwerkswirtschaft an der Universität Frankfurt (Main) zum Thema
Handwerk sind noch zu erwähnen: Bericht Nr. 5, Das Handwerk in Frankreich; Nr. 6, Das
Handwerk in Luxemburg; Nr. 7, Das Handwerk in Belgien; Nr. 8, Das Handwerk in Öster-
reich; Nr.9, Das Handwerk in der Schweiz; Nr. 11, Das Handwerk in England; Nr. 12,
Das Handwerk in Holland; Studie Nr.5, Vom englischen Handwerk, insbesondere vom
handelnden Handwerk; Nr.6 und 7, Handwerk und Handwerkspolitik in Spanien, I-lI;
Nr. 10, Die Handwerksgenossenschaften in Spanien; Nr. 12, Handwerksstatistik in Frank-
reich. - Alle diese Veröffentlichungen stammen aus den Jahren 1952 und 1953.
128 Oliver Brachfeld

Die Festigung einer gewerblichen Mittelschicht ist nicht


das erste praktische und soziale Problem Venezuelas

Es heißt zum ersten: "Aus allen Berichten über die wirtschaftlichen und sozia-
len Verhältnisse der südamerikanischen Länder kann man entnehmen, daß die
Achillesferse der Entwicklung das Fehlen eines gewerblichen Mittelstandes ist."
Am augemalligsten sei dies bei der Landwirtschaft, wo einer zahlenmäßig kleinen
Schicht der Großgrundbesitzer die breite Masse der meist besitzlosen Landarbeiter
gegenüberstehe.
"Die Industrialisierung der südamerikanischen Länder, die ja ihre besonderen
Impulse während des ersten und zweiten Weltkrieges erhielten, zeitigt dasselbe
Bild. Auf der einen Seite eine zahlenmäßig starke Industriearbeiterschaft, über-
wiegend verproletarisiert, und auf der anderen Seite die Schicht der Unternehmer
und Kapitalisten. Die Spannungsfelder, die sich aus diesem Gegensatz zwischen
reich und arm ergeben, sind nur zu bekannt. Sie liegen vor allem auf politischem,
sozialem und wirtschaftlichem Gebiet und sind nach außen hin gekennzeichnet
durch das überall auftauchende Gespenst des Kommunismus."
"Die Bildung des Mittelstandes im allgemeinen und des gewerblichen Mittel-
standes im besonderen wird als eines der wichtigsten Momente angesehen, diese
politischen und sozialen Spannungsfelder zu beseitigen."
Wehrte selbst warnt jedoch vor der Täuschung infolge des allentHalben zu ge-
winnenden Eindrucks, daß man es in Venezuela ausschließlich zu tun hätte "mit
technisch gut ausgerüsteten Großbetrieben einerseits und auf primitiver Ferti-
gungsstufe stehenden Kleinstbetrieben andererseits", ohne daß es eine gewerbliche
Mittelschicht gebe, geschweige denn, daß diese eine Entwicklungsmöglichkeit
besitze. Beobachte man die Verhältnisse etwas genauer, so könne man feststellen,
daß es "heute schon einen gewerblichen Mittelstand in Venezuela ... , und zwar
nicht nur auf die Großstädte Caracas und Maracaibo beschränkt, sondern auch in
den kleineren Städten gebe". Wie richtig Wehrte hinsichtlich der Existenz der
Mittelschicht als solcher auch beobachtet hat, so möchte ich doch anmerken, daß
die Wendung: "heute schon" vielleicht durch den Ausdruck "heute noch immer"
bzw. "noch immer und von neuem wieder" ersetzt werden sollte. Denn wenn
Wehrte auch richtig sieht, daß sich die venezolanische Regierung "der Bedeutung
eines gewerblichen Mittelstandes bewußt ist und dessen Bedeutung als ,Pufferstaat'
zwischen den Großbesitzenden einerseits und der breiten Masse andererseits er-
kennt", so rangiert die praktische Konsequenz dieser Erkenntnis keineswegs an erster Stelle.
Seit Bolivars Zeiten sind sich nämlich die Regierungen des Landes bewußt, daß
ihre erste Aufgabe darin besteht, Venezuela zu bevölkern, und daß ihre zweite
Aufgabe darin liegt, "Erdöl zu säen", d. h. den Erlös des Naturreichtums zu kapi-
talisieren. Trotz hundertfacher Projekte und vieler durchgeführter Maßnahmen
konnte bisher aber weder das eine noch das andere Problem gelöst werden. So
erscheint es als zu optimistisch, wenn Wehrte bemerkt: "Venezuela rückt in der
heutigen Zeit gewissermaßen in die zweite Phase seiner Industrialisierung ein und
Mittelschichtenprobleme Südamerikas 129

versucht, dem gewerblichen Mittelstand in der kommenden Entwicklung beson-


dere Aufmerksamkeit zu schenkenl l. "

Dem Streben nach Selbständigkeit entgegenstehende


wirtschaftskulturelle Gründe

Daß zu große Hoffnungen auf eine rasche Festigung der Mittelschicht nicht
am Platze sind, hat Wehrte selbst erkannt, wenn er schreibt: "Nur die wenigsten
von den zu Facharbeitern ausgebildeten Leuten haben den Wunsch, sich selbständig
zu machen, um einen selbständigen Handwerksbetrieb aufzumachen. Vergeblich
sucht man unter den Ausbildern für gelernte Berufe den selbständigen Hand-
werker. Die Institution des Lehrlings auf Grund eines Lehrvertrages kennt man
nicht." Hierzu ist zu bemerken, daß das fehlende Verlangen nach wirtschaftlicher
Selbständigkeit primär kein psychologisches Problem darstellt, also keine Frage
nach dem Grund des Mangels einer ökonomisch-rationalen, individualistischen
Mentalität ist, welche zu tadeln sich auf dem Madrider Mittelstandskongreß (1958)
vor allem die Spanier angelegen sein ließen. Da psychologisch zwischen dem spa-
nischen und dem venezolanischen Nationalcharakter weitgehende Übereinstim-
mungen bestehen, liegt diese Vermutung freilich nahe. In Wirklichkeit hat das
unverhältnismäßig geringe Selbständigkeits streben in Venezuela aber seinen
Grund im Unterschied der spanischen und der venezolanischen Wirtschaftsstruktur,
welche in Spanien dazu führt, daß viele Menschen "selbständig" arbeiten müssen,
in Venezuela dagegen viele daran hindert, selbständig zu werden. Charakterisieren
zwar fehlendes Kapital zur Schaffung neuer Arbeitsplätze 12 und die bestehende
Arbeitsgesetzgebung, welche die Beschäftigung von Mitarbeitern in kleiner Anzahl
praktisch unmöglich macht, die Wirtschaft des einen wie des anderen Landes, so
zeitigen sie doch unterschiedliche Folgen: Während in Spanien die Konsequenz
meist diejenige ist, daß z. B. ein Chemiker veranlaßt wird, einen Einmannbetrieb,
d. h. eine kleine selbständige Heimindustrie, zu begründen, in welcher er mit häus-
lichen Mitteln Tinte oder Kölnisch Wasser herstellt, welche Erzeugnisse er mit
Hilfe seiner Frau meist als Hausierer auch selbst verkauft, ermöglicht die wirt-

11 Es soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, daß Wehrle einer der sehr wenig zahlreichen
Beobachter ist, die nicht dem Dogma, die Probleme Südamerikas könnten durch die Ein-
wanderung gelöst werden, huldigt: "Die Untcrbevälkerung dieser Länder braueht und kann
nicht durch Einwanderung behoben werden, es genügt durchaus, wenn durch hygienische
Maßnahmen (sic I), durch Schaffung von Arbeitsgelegenheiten in Landwirtschaft und Ge-
werbe, durch Hebung des allgemeinen Lebensniveaus die Möglichkeit gegeben ist, dem natür-
lichen Zuwachs der Bevölkerung Lebensmöglichkeiten zu verschaffen (S. 5)." Damit wird,
ohne es zu wissen, auf eine jahrhundertealte Idee von Simon Rodriguez, dem Maestro Universal
des Libertador, Simon Bolivar, zurückgegriffen, der bisher mit seinen Gedanken einer aus-
schließlich inneren Kolonisation Südamerikas beinahe allein geblieben ist.
12 Nach nordamerikanischer Berechnung kostet die Schaffung eines Arbeitsplatzes in Venezuela
mindestens ein Kapital von Bs. 50000,- (1 Bs. = $ 3,35; 1 DM = Bs. 0,80).
130 Oliver BrafhJeld

schaftliche Struktur Venezuelas demselben Chemiker, wanderte er etwa nach dort-


hin aus, keineswegs eine solche Lösung seiner Existenzfrage. Der Chemiker steht
nämlich vor der Tatsache, daß zu jeglicher Fabrikation die notwendigen Roh-
materialien ihn mehr kosten, als die aus dem Ausland eingeführten konsumreifen
Erzeugnisse. Ein Photograph oder ein Maler z. B., der sich eine Existenz dadurch
zu verschaffen sucht, daß er Ansichts- oder Weihnachts karten herstellt, wie wir
das in verschiedenen europäischen Ländern in den letzten Jahren öfters gesehen
haben, kann dies in Venezuela nur tun, wenn er seine "Ware" in Europa (d. h.
in Deutschland, Italien oder Spanien) herstellen läßt und nur noch als Verkäufer
fungiert, wie wir es ebenfalls erlebt haben. Was sich alsbald ereignet, ist aber fol-
gendes: Der besagte Photo graph oder Maler entdeckt sehr rasch, daß es immer
wieder arme Einwanderer gibt, die solange mit ihrer Ware hausieren gehen,
solange sich ihnen keine bessere Existenz bietet. Auf diese Weise entsteht ein
ungeheurer Preisdruck. Daher erklärt es sich, daß die Städte Venezuelas von
Hausierern überlaufen sind. Es sind meistens junge, mitunter sogar der Sprache
unkundigen Einwanderer, die einen tagaus tagein besuchen und alles mögliche
und unmögliche feilbieten: Pantoffeln, billige Öldrucke, Ölporträts, die nach
Photographien hergestellt worden sind, Schuhe, Hauskleider für Frauen, Weih-
nachts karten, Kölnisch Wasser usw. Daß diese Art wirtschaftlicher Selbständigkeit
nicht eben als gesund bezeichnet werden kann, darüber braucht man wohl kein
Wort zu verlieren.
Wo es dennoch zur Gründung von Kleinbetrieben kommt, die eine nach unseren
Maßstäben geordnete Geschäftsführung aufweisen, wird der Verdienst nicht selten
vom Geldgeber eingeheimst. Diesen Geldgeber kann man auch einen Kapitalisten
nennen, der keine Skrupel kennt, den Gewerbetreibenden auszubeuten, was dazu
führt, daß sich der Geldnehmer entsprechend skrupellos verhält, wodurch ihm
nicht zuletzt die Verselbständigung gelingt.

Wirtschaftliche Existenznöte der Klein- und Mittelbetriebe im allgemeinen

"Sehen wir uns nun einmal einen kleineren oder mittleren venezolanischen
Fabrikbetrieb näher an", schlägt Wehrte vor: "Wir finden diese Betriebe auf allen
Gebieten der Fertigung von Konsumgütern, Produkten der Holzverarbeitung, das
breite Gebiet der Eisen-, Blech- und Metallwaren, Haushaltsartikel, Betten, Tex-
tilien, Maschinen usw. Man kann fast sagen, auf allen Gebieten der Weiterverarbei-
tung von Holz, Textilien, Eisen, Metall, Leder usw. Es sind Betriebe mit vielleicht
20-100 Arbeitskräften (diese Zahlen sind nach meiner Erfahrung weit übertrieben.
O. B.). Sie sind in der Regel technisch sehr gut ausgestattet, ein Fachmann, viel-
leicht handwerklich ausgebildet, oder ein Techniker leitet den Fertigungsprozeß.
Bei Fertigung in größeren Betrieben mit starker Maschinenausstattung usw. steht
in der Regel ein ,Manager', meist ein Techniker, an der Spitze. Der Betriebsapparat
ist ungewöhnlich kostspielig, dazu kommen die hohen Löhne und die indirekten
Mittelschichtenprobleme Siidamerikas 131

Kosten der Arbeit, wie etwa für die sanitären Einrichtungen usw., dann muß man
das den Betrieben lassen, daß sie vielfach trotz ihrer verhältnismäßigen Kleinheit
einen Gesundheitsdienst haben (dessen Unterhaltung allerdings gesetzlich vor-
geschrieben ist. O. B.). Trotz der großen Kapitalintensität dieser Betriebe ist die
Produktivität des einzelnen Arbeitsplatzes verhältnismäßig gering."
Hinsichtlich der Finanzierung behauptet Wehrle, daß in den beschriebenen Be-
trieben in der Hauptsache mit venezolanischem Kapital gearbeitet werde. Die
Behauptung ist ungenau, da sie nicht zum Ausdruck bringt, daß das fragliche
Kapital meist jenes "erste Geld" ist, das ein Einwanderer mitgebracht bzw. im
Lande verdient hat. Es stimmt hingegen, daß an der Spitze des Betriebes beinahe
nie der Eigentümer, sondern ein Manager steht, dessen Aufgabe es ist, "für hohe
Gewinne zu sorgen". "Das ist natürlich nur möglich, wenn die Preise in die Höhe
getrieben werden, und da sehr bald die Grenze erreicht ist, an der die Kosten der
Materialien und Löhne allein schon den Preis für eingeführte Erzeugnisse über-
steigen, kommt die übliche Forderung nach ,Schutz der nationalen Produk-
tion' durch entsprechende Erhöhung der Zölle ... " zum Ausdruck. Damit aber
ist der venezolanische Klein- und Mittelbetrieb als wirtschaftlich ungesund gekenn-
zeichnet: Er kann nur hinter einem protektionistischen Schutzwall bestehen bzw.
unter der Voraussetzung entsprechend niedriger Preise, was die "kapitalistischen"
Kreditgeber in beneidenswerte Einkommenslagen bringt. So erlangen diese bei-
spielsweise auf dem Hypothekenmarkt einen Zins von wenigstens zwölf Prozent,
ohne dabei ein Risiko einzugehen (was zumindest bis zur Abfassung dieser Unter-
suchung gegen Ende 1959 der Fall war).
Von hierher gesehen besteht die Auffassung WehrIes zu Unrecht, es gebe in
Venezuela gefestigte Klein- und Mittelbetriebe, "in denen sowohl der Unterneh-
mer (auch) Eigentümer des Betriebes ist und den Betrieb selbst leitet", als auch
"nach deutschen Vorbildern den Typ des selbständigen Kleinunternehmers dar-
stellt".
Sowohl mit mitteleuropäischen als auch mit spanischen Begriffen (obwohl die
spanischen Verhältnisse den venezolanischen infolge der traditionellen Verflech-
tungen weitestgehend ähnlich sind) kommen wir in Venezuela eben nicht sehr weit.
So ist es tatsächlich nicht mehr als ein frommer Wunsch, wenn Wehrle bemerkt:
"Dieses selbständige Kleinunternehmertum wird seinen Betrieb nicht unter dem
Gesichtspunkt, möglichst rasch und möglichst viel Gewinn aus dem Unternehmen
herauszuziehen, betrachten, es wird sich aus der Atmosphäre des ,gold-diggertums'
heraushalten; es wird die Gewinne im Betrieb investieren und bodenständig
werden."
Was hier geschrieben wurde, ist zu schön, um wahr zu sein, denn man muß sich
fragen, was einen venezolanischen Kleinunternehmer wohl veranlassen könnte,
sich eine solche wirtschaftliche Askese aufzuerlegen, wo er weiß, daß es hundert-
fache Möglichkeiten gibt, um sozusagen über Nacht reich zu werden. Wenn man
schon in Venezuela die Geduld und die Zähigkeit aufbringt, sich emporzuarbeiten,
dann bestimmt nicht als selbständiger Gewerbetreibender, da sich in diesem Beruf,
132 Oliver Brachfeld

wie nicht sobald in einem anderen, Hemmnisse und Unwägbatkeiten akkumulieren,


wie dies Wehrle selbst an der Stelle seiner Untersuchung zugibt, wo er über die
Nachteile spricht, die sich der Konsolidierung einer gewerblichen Mittelschicht
entgegenstellen. Als diese Nachteile führt er an: 1. Kleinheit des Absatzmarktes
(worunter man auch die schwierigen und kostspieligen Transporte rechnen muß,
was explizit bei Wehrle nicht geschieht); 2. Fehlen einer Kostendegression; geringe
Produktivität pro Arbeitsplatz; 3. zu hohe Gewinnentnahme ; 4. aufgebauschte
Verwaltung und Organisation; und nicht zuletzt 5. die Arbeitsgesetze, auf die
Wehrle nicht genügend hinweist, obwohl sie sogar die Ersparnisse an Steuern -
Venezuela ist noch ein Steuerparadiesl- gänzlich zunichte machen; als ein 6. Da-
tum sollten noch die viel zu hohen Mieten angeführt werden, die dazu führen, daß
der Kleingewerbetreibende nur zu oft ausschließlich zugunsten des Vermieters
arbeitet, der nicht selten an Mietzins mehr einnimmt, als der Mieter aus seinem
Betrieb Gewinne erzielt. In einer solchen Situation kann der Kleingewerbetrei-
bende tatsächlich nur dadurch vorwärtskommen, daß er zu Unehrlichkeiten seine
Zuflucht nimmt, sei es seinen Geldgebern oder seinen Arbeitnehmern gegenüber,
sei es auch gegenüber beiden zugleich, indem er sie um ihr gutes Geld prellt und
sie betrügt.
Verwandt mit der Lage der kleinen und mittleren Fabrikationsbetriebe ist die-
jenige der Handwerker. Wehrle gebührt das Verdienst, mit aller wünschenswerten
Klarheit die Daseins- und Arbeitsbedingungen der "selbständigen Handwerker"
aufgewiesen zu haben, unter denen "fast alle europäischen Nationen vertreten
(sind), Italiener, Deutsche, Franzosen, Tschechen, Jugoslawen, Schweizer usw.".
(Wobei allerdings Wehrle vor allem die Spanier übersehen hat, die mit ihrer Anzahl
in einer Rangliste wohl den zweiten Platz einnehmen dürften, aber auch die Ungarn
und Portugiesen sind erwähnenswert.) Wie sieht es nun bei diesen selbständigen
Handwerkern aus? Anläßlich einer Befragung eines deutschen Tischlermeisters in
Caracas hörte ich, daß es weder eine Organisation des Handwerks gibt, so daß,
wer immer will, einen Handwerksbetrieb eröffnen kann, noch daß Genossenschaf-
ten vorhanden sind, obwohl ein gutes Genossenschaftsgesetz auf dem Papier
existiert. Ein Handwerkerbewußtsein ist nicht vorhanden, auch innerhalb der
verschiedenen Nationalitäten nicht; ein jeder geht vielmehr seine eigenen Wege.
Unter den Nöten, welche das Handwerk bedrücken, finden sich vielfach dieselben,
wie sie aus der europäischen, insbesondere der deutschen Handwerkswirtschaft be-
kannt sind, nämlich: Kreditnot, säumige Zahlungen, soziale Belastungen, hohe
Löhne.

Arbeitsrechtliche und "sozialpolitische" Lasten

Besonders hemmend auf die Entwicklung der Klein- und Mittelbetriebe wirkt
sich die venezolanische Arbeits- und Sozialgesetzgebung bzw. die Art und Weise
der Anwendung dieser gesetzlichen Vorschriften aus. Auf deren im Grundsatz
zwar richtige "soziale" Intention, deren Handhabung in der Praxis aber genau das
Mittelschichtenprobleme Südamerikas 133

Gegenteil von dem erreicht, was sie erreichen will, da sie menschlichen Schicksalen
Rechnung zu tragen vermeint, in Wirklichkeit aber die soziale, speziell die wirt-
schaftliche bzw. Arbeitsmoral untergräbt, spielt Wehrle an, wenn er davon spricht,
daß die sozialen Bestimmungen den Kleingewerbetreibenden gegenüber der Indu-
strie ins Hintertreffen geraten lassen. Ich möchte im folgenden für die asozialen
Folgen der Anwendung der bestehenden Sozialgesetze einige Beispiele geben.
Die gesetzlichen Vorschriften sehen beispielsweise vor, daß ein sogenannter
13. Monatslohn gezahlt werden muß. Ist es der Industrie in der Regel möglich,
dieser Vorschrift ohne einen Schaden für den Betrieb zu entsprechen, so bedeutet
sie für Handwerk und Gewerbe ebenso regelmäßig eine diese hart treffende
Belastung, da Kosten und Gewinne sich zumeist gerade die Waage halten, wenn
nicht nachweislich sogar mit Verlust gearbeitet worden ist, was nichts daran
ändert, daß auch in diesem Fall diese Gratifikation gezahlt werden muß. Für ge-
wöhnlich beträgt diese Sozialleistung 10% des Reingewinnes des Unternehmers;
natürlich glauben die Arbeiter und Angestellten immer, daß der Reingewinn zu
niedrig berechnet wurde. Daraus entstehen Konflikte und mitunter sogar Streiks,
die nicht selten den Staat als Vermittler auf den Plan rufen. Doch wie sieht diese
Vermittlung aus? Es ist bekannt, daß die Obrigkeit in den meisten Fällen die Partei
der "unterlegenen" Arbeitnehmerschaft ergreift.
Ein zweites Problem ist das der Entschädigungsleistung im Falle einer Kündigung
durch den Arbeitgeber. Nach den bestehenden Vorschriften ziehen Entlassungen nach
einer Beschäftigungsdauer von vier Wochen die Leistung einer "Abfindung" nach
sich. Diese Bestimmung kennen die Arbeitnehmer natürlich sehr genau, so daß es
nicht verwundert, wenn sie nach einer Beschäftigungszeit von einem Monat durch
passive Resistenz, ungehöriges Benehmen, Verminderung ihrer Leistung usw. ihre
Entlassung zu erreichen versuchen, um die Entschädigung zu erlangen. Bekannt-
lich steht ihnen diese auch dann zu, wenn sie sofort eine neue Anstellung antreten,
ihnen also durch den Stellenwechsel gar kein Schaden entstanden ist. Da der Ent-
lassene mit der ihm gezahlten Summe jedoch meistens nicht zufrieden ist, wendet
er sich "hilfesuchend" der Reihe nach an die verschiedenen Syndikate, deren
Anwälte dann dafür sorgen, daß ihm eine zwei- bis dreifache Entschädigung für
eine und dieselbe Entlassung zuteil wird. Für den Arbeitgeber ist es in der Regel
immer noch billiger, allen solchen Reklamationen nachzugeben oder wenigstens
einen Vergleich zu erlangen, als es auf einen Prozeß ankommen zu lassen.
Des weiteren sind zu erwähnen die Leistungen der cesantia, d. h. der Arbeits-
losenhilfe, worüber Wehrle zutreffend schreibt: "Bei einer ununterbrochenen Tätig-
keit von drei bis sechs Monaten erhält der Entlassene ein Äquivalent von fünf
Tagen Lohn, bei einer ununterbrochenen Tätigkeit von sechs Monaten bis zu einem
Jahr von zehn Tagen Lohn, und bei einer ununterbrochenen Tätigkeit von mehr als
einem Jahr 15 Tage Lohn für jedes Jahr. "Der Höchstbetrag für diese vom
Arbeitgeber zu zahlende Arbeitslosenhilfe beträgt Lohnzahlung für acht Monate,
auch wenn sich der Arbeiter bei einem anderen Arbeitgeber verpflichtet, ist diese
Entschädigung zu zahlen." - "Da auch der kleinste Betrieb diesen Bestimmungen
134 Oliver Brachfeld

unterliegt, ergibt sich hieraus eine besondere Belastung des Kleingewerbetrei-


benden. Er kann sich nur dadurch schützen, daß er den Arbeiter, der nicht ganz
seinen Erwartungen entspricht, vor Ablauf eines Monats wieder entläßt. Aber
einmal kann die Ungeeignetheit nicht im Verlauf von acht oder vierzehn Tagen
festgestellt werden, und zum anderen kann man schließlich nicht alle vier Wochen
neue Arbeiter einstellen, da ja gerade für einen Kleinbetrieb eine gewisse Stetigkeit
der Arbeitskräfte erforderlich ist."
So wird eine Situation heraufbeschworen, die demoralisierend für beide Teile
ist, für Angestellte und Arbeiter einerseits, den Unternehmer andererseits: Der
Wunsch, im Anstellungsverhältnis zu bleiben, wird durchkreuzt vom Wunsch des
Arbeitgebers, den Entschädigungsfall nicht eintreten zu lassen, umgekehrt steht
dem Begehren des Unternehmers, langjährig erfahrene Mitarbeiter zu besitzen,
das Bestreben eines häufigen Stellenwechsels entgegen. Da sich nur in überaus
glücklichen Ausnahmefällen die auseinanderstrebendenInteressen aufheben lassen,
ist es nicht vermessen zu sagen, daß die errichtete "soziale Ordnung" zur Plage
geworden ist. Die Folgen sind dementsprechend: Man bedenke nur, welche
Schwierigkeiten sich beispielsweise für einen kleineren Unternehmer ergeben,
wenn dieser sein Unternehmen veräußern will, da er u. a. gezwungen ist, seine
Mitarbeiter zu entschädigen. Der Betrag, der einem halbtagstätigen Angestellten
mit einem Monatsverdienst von Bs. 500,- nach einer Beschäftigungszeit von fünf
Jahren gezahlt werden muß, beläuft sich auf ungefähr Bs. 5000,-. Solche Beträge
machen praktisch den Verkauf des Unternehmens uninteressant, so daß man am
besten seinen Betrieb, will man ihn in jedem Fall aufgeben, auf eine mehr oder
weniger ehrliche Weise zugrunde richtet. Andererseits ermöglichen Entschädi-
gungssummen in der genannten Höhe ehemaligen Mitarbeitern nicht selten den
Aufbau einer Existenz, so daß auf diese indirekte Weise zu einer Mittelschichten-
bildung beigetragen wird, wobei jedoch die Frage offenbleibt, ob dieser soziale
Aufstieg nicht auf Kosten eines Abstieges erfolgt ist.
In diesem Zusammenhang erscheint es uns als lehrreich, die Berechnungen
Wehr/es über die "indirekten Arbeitskosten" des Kleinbetriebes in Venezuela anzu-
führen, von denen er schreibt: "Da wären einmal die 52 Sonntage, die als Arbeits-
tage zu bezahlen sind, dazu fast ein Dutzend ebenfalls zu bezahlender Feiertage,
fünfzehn Tage Urlaub, fünfzehn Tage Gewinnbeteiligung (die übliche Abgeltung,
auch wenn kein Gewinn erzielt wird), also für rund 90 Tage Lohn, ohne daß dafür
Arbeit geleistet wird."
Angesichts dieser Aufstellung müssen wir leider wiederum bemerken, daß
Wehrle hinter der Wirklichkeit zurückbleibt. Der venezolanische Journalist]. Gon-
zalez hat 1956 errechnet, daß in Venezuela höchstens an 180-187 Tagen im Jahre
gearbeitet wird. Dieses Ergebnis erklärt sich daraus, daß die von den großen
Erdölgesellschaften eingeführte Fünftagewoche mit 40 wöchentlichen Arbeits-
stunden, die sich mehr und mehr im ganzen Land durchsetzte, berücksichtigt
worden ist. In Abzug gebracht wurde ferner die S emana Nacional im Juli eines jeden
Jahres, die zwei Wochen dauert. Selbst wenn zugestanden sein soll, daß an einigen
MittelschiGhtenprobleme Siidamerikas 135

ihrer Tage gearbeitet wird, so tut man dies nicht mit vollem Einsatz. Und was die
"Gewinnbeteiligung" betrifft, so umfaßt diese bei einem mittleren Angestellten
mit einem Monatsgehalt von Bs. 1000,- einen vollen oder wenigstens annähernd
vollen Monat anstatt nur 15 Tage, wie behauptet. (Fünfzehn Tage erhalten ledig-
lich die Staatsangestellten.)
über die Leistungen zur Sozialversicherung in dem uns geläufigen Sinn, heißt es
bei Wehrle: "Für Krankenversicherung und Geburtshilfe zahlt der Arbeitgeber die
Hälfte, der Arbeitnehmer die andere Hälfte der Beiträge, die Kosten der Unfall-
versicherung und Kosten für Berufskrankheiten zahlt der Arbeitgeber ganz." -
"Bei Krankheit zahlt der Arbeitgeber die ersten drei Tage den vollen Lohn. Und
wie oft müssen die drei ersten Tage bezahlt werden."
"Fügt man dieser Rechnung noch die kaum zu vermeidenden Ausgaben bei Ent-
lassungen hinzu, so wird man sich wohl keiner Übertreibung schuldig machen, wenn
man zusammenfassend sagt, daß gerade die Schwierigkeiten beim Faktor Arbeit
dem Kleingewerbe das Leben recht sauer machen. Deshalb ist es auch nicht ver-
wunderlich, daß, wie der Verfasser des öfteren erlebte, ihm von selbständigen
Handwerkern erklärt wurde, sie möchten lieber wieder den selbständigen Betrieb
aufgeben und hochbezahlte Facharbeiter in einem Betrieb werden."
Wirft man erst noch einen Blick auf jenseits der gesetzlichen Vorschriften dem
Kleinunternehmer abverlangte "freiwillige" Sozialleistungen, so vermag man einiger-
maßen zu beurteilen, in welch finanziell mißlicher Lage sich die Klein- und
Mittelbetriebe befinden. Man muß wissen, daß jeder Kleinunternehmer für seine
Angestellten auch so etwas wie eine Kreditanstalt darstellt~ Es gibt nämlich kaum
einen venezolanischen Angestellten, der nicht seinem Arbeitgeber irgendwelche
Vorschüsse schuldet, deren Rückzahlung, sofern sie überhaupt erfolgt, in kleinsten
Raten vorgenommen wird. Beschäftigt man z. B. einen Laufburschen mit einem
Fahrrad, kommt man nicht umhin, zur Behebung der in beängstigender Häufigkeit
auftretenden Defekte Geld vorzuschießen. Soll ein Geldeinheber beauftragt wer-
den, ein Beruf, auf dessen Dienstleistung man angesichts der landesüblichen
Zahlungsgewohnheiten nicht verzichten kann, stellen sich ähnliche Probleme
hinsichtlich seines Motorrades ein. Und nicht selten kommt es vor, daß der Lauf-
bursche, den man, Geld zu überbringen, aus dem Haus geschickt hatte, zurück-
kommt mit der Auskunft, das Geld nicht abliefern gekonnt zu haben, weil er beim
besten Willen nicht sagen könne, wo es geblieben sei; nicht etwa, daß der Lauf-
junge das Geld unterschlagen oder verloren hätte: wahrscheinlich wurde es ihm
im Autobus gestohlen.

Ist der Kapitalmangel oder das Fehlen von berufsorganisatorischen


Zusammenschlüssen das Hauptübel ?

Legen wir uns nun die Frage vor, ob es tatsächlich zutrifft, daß die sozialökono-
mischen Existenznöte der Klein- und Mittelbetriebe im allgemeinen Kapitalmangel
des Landes, und zwar sowohl als Anlage- als auch als Betriebskapital, begründet
136 Oliver Brachfeld

sind, wie Wehrle dies behauptet. Trifft diese Behauptung nämlich nicht zu, dann
können auch die genannten Mißstände nicht durch die Schaffung von berufs-
ständisch organisierten Kreditinstitutionen beseitigt werden, wie dies von ihm
erhofft wird, wobei zu bedenken bleibt, daß ihnen nur unter der Voraussetzung
eines funktionierenden berufs organisatorischen Zusammenschlusses der Kredit-
nehmer eine zufriedenstellende Effizienz beschieden sein kann. Das erkennt Wehrle
ganz deutlich, wenn er schreibt: "Wer aber soll in den Genuß dieser billigen klein-
gewerblichen Kredite kommen? Da das Kleingewerbe nicht erfaßt ist und bis auf
weiteres auch nicht erfaßt werden kann (sicl), bliebe die Frage offen, ob sich dieses
Kleingewerbe nicht selbst erfassen könnte, indem es sich von sich aus zu beson-
deren Organisationen zusammenschließt." Für den Wert eines solchen Zusammen-
schlusses gibt es ja eindrucksvolle Vorbilder in "der europäischen Bewegung des
gewerblichen Mittelstandes, insbesondere der europäischen Handwerkerbewe-
gung" . "Rechtlich, etwa im Sinne von Einschränkungen der Vereinigungsfreiheit,
stünde dem (in Venezuela) ja nichts entgegen." - In den "europäischen Ländern
haben wir fast überall Zusammenschlußformen des gewerblichen Mittelstandes im
allgemeinen und des Handwerks im besonderen. Aber diese europäischen Zusam-
menschlußformen bauen auf einer Ideologie auf, nämlich auf dem Bewußtsein
der Zusammengehörigkeit eines gewerblichen Mittelstandes. Und an eben-
diesem tragenden Pfeiler einer europäischen Bewegung des gewerblichen
Mittelstandes fehlt es ,drüben'. Und erst recht fehlt es am Bewußtsein eines
Handwerktums". Die venezolanischen Gewerbetreibenden und Handwerker
"leiden zwar unter denselben Nöten wie ihre europäischen Kollegen, doch in
einem Land mit extrem liberalistischen Anschauungen, mit unbeschränkter wirt-
schaftlicher Ellenbogenfreiheit sucht jeder für sich allein den erbarmungslosen
Wirtschaftskampf durchzustehen". "Da auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl
auf ,fachlicher' Grundlage fehlt", ist erklärlich, "daß ein Zusammenschluß etwa zu
Fachinnungen noch nicht einmal erwogen wurde, auch unter den Beteiligten
nicht."
Dieses Fehlen von jeder Art berufsorganisatorischen Zusammenschlusses möchte ich
wiederum an einem Beispiel demonstrieren: Nachdem ich in Merida meinen
Wohnsitz genommen hatte, erkundigte ich mich nach den Tischlern des Ortes, um
nach den von mir benötigten Möbeln anzufragen. Dabei stellte ich fest, daß es fünf
Tischler gab, die ein denkbar schlechtes Verhältnis untereinander besaßen. Das
hatte seinen Grund darin, daß ein jeder für sein Gewerbe die Gunst der Behörden
zu erlangen versuchte, so z. B. die des neuernannten Rektors der Universität.
Einem der Tischler gelang es nun, den Rektor als Taufpaten seines 14. Kindes zu
gewinnen, wodurch er zum Compadre des Höchstgewaltigen wurde und seinen
Auftragseingang erheblich verbessern konnte. (Die größten Aufträge auf Sitz-
gelegenheiten für Hörsäle, Bücherregale für die Bibliotheken usw. wurden freilich
einer amerikanischen Metallmöbelfirma erteilt. Dies geschah ironischerweise zu
einer Zeit, zu der alle Zeitungen Venezuelas vom Erfolg eines italienischen
Tischlers in Caracas berichteten, der eine größere Anzahl von Schreibstühlen für
Mittelschichtenprobleme Silt:/amerikas 137

Studenten an eine amerikanische Universität exportierte.) Da ich als Kunde mit


allen fünf Tischlern über Preise und Zahlungsbedingungen sprach, konnte ich in
Erfahrung bringen, daß keiner in der Lage war, kaufmännisch zu kalkulieren.
Und da es in der Kürze der Zeit nicht möglich war, diese Handwerker mit derlei
Kenntnissen vertraut zu machen, geschweige denn sie zu deren Anwendung zu
veranlassen, mußte ich in Kauf nehmen, beim Tischler Nr. 2 zwei Betten zu be-
stellen, die beinahe doppelt so teuer waren wie beim Tischler Nr. 1, letzterer je-
doch berechnet für einen Tisch einen Preis, der wesentlich unter dem der seiner
Konkurrenten lag. So glichen sich Verluste und Gewinne einigermaßen aus.
Dieses Beispiel mag mir eine Abschweifung gestatten: Immer wieder habe ich
in hispanischen Ländern, aber auch in Spanien selbst, die Beobachtung machen
können, daß in den dortigen Klein- und Mittelbetrieben das, was man betriebliche
Kalkulation nennt, nahezu unbekannt ist. Ich erinnere mich gut an die von der
spanischen Druckfachschaft herausgegebenen und empfohlenen "Richtlinien zur
Kalkulation der Selbstkostenpreise" und an die Reaktion der in dieser Fachschaft
zusammengeschlossenen Drucker. Ihre einhellige Meinung war die, daß eine solche
"offiziöse" Verlautbarung doch zu nicht viel Nutze sein könne. So verwundert es
nicht, daß allgemein auf die Weise "kalkuliert" wird, daß man auf seine vermuteten
Kosten sicherheitshalber einen Betrag aufschlägt, damit keine Verluste entstehen.
Nicht selten kommt es freilich vor, daß die Vermutungen vorn und hinten nicht
stimmen, so daß laufende Verlustgeschäfte die Folge sind.
Aus der Unzahl der vielen anderen Ungeschicklichkeiten will ich nur eine erwäh-
nen, die mir bei der Auftragserfüllung jener Tischler ins Auge fiel: Ich konnte
beobachten, daß kein einziger von ihnen sich die Ausmaße der Türen und Fenster
richtig angesehen hatte. Das führte dazu, daß die angelieferten Möbelstücke mit
großem Zeitaufwand vor unserem Häuschen auseinandergenommen werden
mußten, um überhaupt in die Wohnung hineintransportiert werden zu können.
Es versteht sich von selbst, daß ich dabei mit Hand anzulegen hatte.
Nimmt man nun alles in allem, kann man wohl sagen, daß das Fehlen eines ge-
wissen allgemeinen Kulturniveaus der Grund des Rückstandes der mittleren und
kleineren Betriebe darstellt. Angesichts des beschriebenen Zivilisationsstandes hat
es deshalb wenig Sinn, Hoffnungen zu hegen hinsichtlich eines fachlichen Zusam-
mengehörigkeitsgefühls, beruflicher Selbstschutzmaßnahmen und daran denken
zu wollen, daß kleingewerbliche Kredite auf der Grundlage von Fachinnungen das
Blatt zu einem Besseren zu wenden vermöchten.
So kann man Wehrte kaum verstehen, daß er immer wieder auf die mit so großem
Erfolg in Europa praktizierten fachlichen Zusammenschlüsse zurückkommt und
diese als zukunftsträchtiges mittelstandspolitisches Programm empfiehlt, so etwa,
wenn cr &c.hreibt: "Bezüglich der Verwirklichung einer genossenschaftlichen
Selbsthilfe läßt sich wieder die interessante Beobachtung machen, daß die einzelnen
je nach ihrem Heimatland gradmäßig betrachtet ein unterschiedliches genossen-
schaftliches Gedankengut mitbringen." - "Die gemeinsame Not wird sicherlich
im Laufe der Zeit den Gedanken der genossenschaftlichen Selbsthilfe im Einkauf
138 Oliver Brachfeld

vorantreiben. Nun wird sich das auf den genossenschaftlichen Einkauf beschrän-
ken, während der Gedanke, den Nöten der Kapitalknappheit abzuhelfen durch
Gründung von Kreditgenossenschaften, noch in weiter Ferne liegt."
Darauf möchte ich entgegnen, daß Gedanken über berufliche bzw. genossen-
schaftliche Zusammenschlüsse gar nicht in so weiter Ferne liegen; es gibt
Möglichkeiten ihrer echten Verwirklichung, denn es gibt ja bereits solche Genos-
senschaften, so z. B. die der Alkoholhersteller. Aber es ist bekannt, daß sie weder
im inneren über hinreichende Solidarität noch nach außen über zulängliche
Durchsetzungskraft verfügen, wie sich anläßlich eines "Probefalls" in der erwähn-
ten Genossenschaft erwies, die gänzlich versagte. Ebenso gibt es bereits Arbeiter-
banken, die Kredite zur Erlangung von Eigenheimen gewähren usw. Aber was ist
hier der Fall? Es sind (zumeist) nicht Arbeiter, die Kredite dieser Institute in
Anspruch nehmen, sondern Angehörige der niederen oder mittleren Mittelschicht.
Denn der Arbeiter, der eine Wohnung braucht, zieht es vor, bei Nacht und Nebel
seine armselige Hütte auf einem Grundstück aufzuschlagen, das ihm nicht gehört,
da er weiß, daß er von dort nicht einfach verjagt werden kann, weil ihn eine
"soziale" Gesetzgebung schützt. Mir ist ein solcher Fall aus eigener Erfahrung
bekannt, der dazu führte, daß ein Grundstücksbesitzer seine auf seinem Grund
errichtete Villa jahrelang nicht verkaufen konnte, weil es keine Möglichkeiten gab,
einen solchen Arbeiter, der sich dort auf die beschriebene Weise eingenistet hatte,
legal zu vertreiben. Der Ansiedler kam nämlich einfach den behördlichen Aufforde-
rungen nicht nach. Als sich endlich eine öffentliche Stelle bereit fand, ihm zur Be-
schaffung einer Wohnung einen Betrag in Höhe von Bs. 2000 zu überlassen, war
zwar das Problem im Prinzip gelöst, doch dauerte es noch mehrere Monate, bis er
das von ihm okkupierte Anwesen räumte. Daß eine solchermaßen "menschliche"
Handhabung sozialer Gesetze nicht nur zur Rechtssicherheit nicht beiträgt, son-
dern insbesondere eine Wirtschaftsmoral zu untergraben hilft, liegt auf der Hand.

Fragwürdige Kredit- und Zahlungsgewohnheiten

Die landesüblichen Kredit- und Zahlungsgewohnheiten in Venezuela, deren für


uns merkwürdigen Charakter wir bereits gestreift haben, sind ein Kapitel für sich.
Um so überraschender ist es, daß diese der AufmerksamkeitWehrles entgangen zu
sein scheinen. Zu ihrer Kennzeichnung sei ein Beispiel gestattet: Es gibt in Vene-
zuela eine "Organisation für den studentischen Wohlstand" (0. B. E.), die vom
Staate reich dotiert wird. Diese Organisation vergibt u. a. an unbemittelte Stu-
denten Studienkredite auf Ehrenwort (wie dies auch in Frankreich üblich ist). Die
Vereinbarungen sehen vor, daß der Kredit nach Erlangung des Enddiploms in
Ratenzahlungen zurückerstattet wird. Wie mir der Leiter der 0. B. E. an unserer
Universität mitteilte, denke aber kein einziger der ehemaligen Studenten daran,
auch wenn er wirtschaftlich bereits recht gut situiert ist, solche Kredite zurück-
zuerstatten; er frage sich vielmehr, welche Veranlassung er wohl dazu habe, da
Mittelschichtenprobleme Südamerikas 139

ihn ja niemand dazu dränge; schließlich könne man der Meinung sein, daß die
vom Staate der o. B. E. gewährten Mittel ja ,,3. fonds perdu" zur Verfügung
stünden.
Daß Wehrle ein solches Verhalten in Geldangelegenheiten nicht gänzlich ver-
borgen blieb, darf man wohl aus der Stelle seiner Schrift entnehmen, an der er
darüber berichtet, daß sich die Einwanderer notgedrungen sehr bald an die im
Lande herrschende Zahlungsmoral und die üblichen Zahlungsgewohnheiten
anpassen, wozu er bemerkt: "Die gemeinsame Not, die diese Kreise (die Gewerbe-
treibenden bzw. Handwerker, o. B.) in den einzelnen europäischen Ländern
zusammenführte, ist drüben in verstärktem Ausmaße vorhanden ... " - "Ein klei-
nes Beispiel für diese gemeinsame Not ist der schleppende Zahlungseingang,
Barzahlung ist selten - Zahlung gegen Sechs-Monats-Wechsel wird schon fast als
Barzahlung angesehen. Und Mahnung zieht die Gefahr nach sich, daß die Kunden
verärgert werden, genau wie bei uns sind die Wohlhabenden vielfach die schlech-
testen Barzahler. "
Trifft diese Beobachtung auch zu, so ist aber mit ihr nicht alles gesagt, denn:
Wechsel gehen ebensowenig zu Protest, wie die Ausstellung ungedeckter Schecks
nicht geahndet wird, obwohl die Industrie- und Handelskammern seit Jahren nach
einer Maßregelung verlangen. Sodann ist es ein Unterschied, ob man Forderungen
gegenüber einem Kunden aus dem Interior oder aus der Hauptstadt besitzt; pflegt
letzterer seinen Zahlungsverpflichtungen wenigstens noch einigermaßen nach-
zukommen, ist es keine Seltenheit, daß sich die Geldeintreiber der verschiedenen
Firmen oft tagelang in den Kleinstädten aufhalten müssen und nicht selten auf die
Zahlung der offenen Rechnungen vergeblich gedrängt haben. Die lokalen Ver-
waltungen und Regierungsstellen machen hierbei keine Ausnahme. Dabei ist der
Venezolaner äußerst empfindlich, wenn man von seinen schleppenden Zahlungs-
gewohnheiten spricht; er besitzt hierüber eben noch eine ganz andere Auffassung.
Man geht wohl nicht fehl, wenn man sie als ein "culturallag" und aus den Zeiten
herübergekommen auffaßt, in denen sein Land ein typisches Agrarland war und
die finanzielle Flüssigkeit ganz und gar von der Huld der Ernten, d. h. letztlich
von den Naturgewalten, abhängig war.

Überhöhte Transportkosten und Zollbelastungen

Es sind nicht nur die allgemeinen ökonomischen Bedingungen, die arbeitsrecht-


lichen Bestimmungen und die fragwürdigen Zahlungssitten, durch welche selbst-
verständlich zusätzlich lInkosten entstehen; es sind schlleßlich auch die bereits
angeführten überhöhten Transportkosten und Zolle, auf die als Hemmnis für das
Entstehen eines Kleingewerbes im Lande noch besonders hingewiesen werden soll.
In jenen Teilen des Hinterlandes, des Interior, die nicht vom Hafen von La
Guaira, sondern von Maracaibo aus beliefert werden, sind Waren, die z. B. aus
Spanien kommen, zu erschwinglichen Preisen nicht zu haben. Dies hat seinen
140 Oliver BrarhJeld

Grund darin, daß alle Transporte von Maracaibo zunächst nach Caracas gehen und
von dort erst ins Binnenland, wodurch ein Vielfaches der Transportkosten entsteht.
Nicht unähnliche Umwege mit entsprechender Kostensteigerung finden sich bei
den Modalitäten der Entrichtung der Zollgebühren. Der fragliche Fall pflegt regel-
mäßig dann einzutreten, wenn eine importierende zollbegünstigte Stelle um Erlaß
des Zolls nachsuchen muß. Ich habe es erlebt, daß die Inempfangnahme von Aus-
lands sendungen an eine Universität, welche im Prinzip den Genuß der Zollfreiheit
besitzt, so komplizierte und langwierige Formalitäten heraufbeschwor, daß es sich
empfahl, den fraglichen Zoll lieber zu entrichten.

Zu optimistische Folgerungen Emil Wehrles

Wir kommen mit unserem an Hand einer Kritik an den Darlegungen Wehrles
gebotenen Aufriß der Problemlage der gewerblichen Mittelschicht in Venezuela
zum Schluß. Dabei wollen wir noch einmal Wehrle das Wort geben. Wir zitieren
aus seinen Schlußfolgerungen, die er seiner, auch von uns ausführlich vorgenom-
menen Darstellung der arbeitsrechtlichen und sozialpolitischen Lasten anschließt.
Er schreibt: "Der Gedanke etwa, daß man für das Kleingewerbe hinsichtlich der
obigen Belastung mildernde Ausnahmen zuläßt, kommt nicht einmal bei dem
betroffenen Kleingewerbe auf. Noch weniger war es bisher einer Regierung oder
den Politikern eingefallen, diesem Punkte der relativ stärkeren Belastung des
Kleingewerbes auch nur die geringste Beachtung zu schenken, etwa in dem Sinne
des deutschen Kündigungsschutzgesetzes, nach dem ja für Betriebe mit fünf und
weniger Arbeitern Ausnahmen bestehen. Ein übriges tun dann noch die Arbeits-
schiedsgerichte, die ihre Urteile auf strikte Einhaltung der gesetzlichen Bestim-
mungen über die Entschädigungen bei Entlassungen abstellen. Die Zeichen
mehren sich aber dafür, daß den Fragen des Kleingewerbes, des gewerblichen
Mittelstandes, in näherer Zukunft größere Aufmerksamkeit gewidmet wird (eine
Hoffnung, die ich nicht teilen kann O. B.). Das wird zur Folge haben, daß sich
auch die Regierung mit Fragen der Förderung des Kleingewerbes ernsthaft be-
schäftigt. Wenn auch in den meisten Fragen der Wirtschaft US-amerikanische
Vorbilder gewählt werden, dürfte es sich für die venezolanische Regierung empfeh-
len, in Fragen der Erhaltung und Förderung des Kleingewerbes europäische und
nicht zuletzt deutsche Vorbilder (?) zu nehmen.
Trotz aller Prophezeiungen über den angeblich unvermeidlichen Konzentra-
tionsprozeß in der kapitalistischen Wirtschaft und dem sich daraus ergeben
sollenden Untergang des Kleinbetriebes hat sich in allen europäischen Ländern,
soweit sie nicht unter der Herrschaft einer kommunistischen Planwirtschaft
stehen, der Klein- und Mittelbetrieb nicht nur erhalten, sondern er hat sich ganz
kräftig entwickelt. Auch die Prophezeiungen über den Niedergang des Handwerks
wurden durch die tatsächliche Entwicklung des europäischen Handwerks wider-
legt.
Mitte/s&hi&htenprob/eme Siltlamerika.r 141

Nun darf hierbei nicht vergessen werden, daß neben den schöpferischen Kräften,
die sich, unterstützt durch Berufsorganisationen, im selbständigen Kleinunter-
nehmertum durchsetzten, auch eine zielbewußte Politik der betreffenden Regie-
rungen stand, eine Politik, die mit Hilfe gewerbefördernder Maßnahmen auf allen
möglichen Gebieten das Durchhalten und das Sichweiterentwickeln des Klein-
gewerbes wesentlich unterstützte.
Das derzeitige Kleingewerbe in Venezuela setzt sich, wie wir oben ausführten,
z. Z. noch zu einem hohen Prozentsatz aus europäischen Einwanderern zusammen,
so daß gewerbefördernde Maßnahmen, angelehnt an europäische Vorbilder und
angepaßt an venezolanische Verhältnisse, auf einen fruchtbaren Boden fallen
werden."
Angesichts dieser Schlußfolgerung mag es erlaubt sein, die Frage aufzuwerfen,
ob eine solche Hoffnung berechtigt ist. Ich glaube es nicht. Meine Erfahrungen
haben mich gelehrt, daß sich die meisten Einwanderer sehr schnell auf die vor-
herrschende US-amerikanische Mentalität einstellen, d.h., daß Venezuela gerade
kein besonders fruchtbarer Boden für deren mitgebrachtes europäisches Gedanken-
gut ist. Die geforderten Anpassungen führen dazu, daß die von Wehrte so zukunfts-
trächtig geschilderten Kleinunternehmen im europäischen Sinn des Wortes -
wenigstens zur Zeit - gerade keine allzu große Entwicklungschance besitzen. Die
sozio-ökonomische Tendenz zielt vielmehr ab auf die Installierung hochautomati-
sierter Produktionsweisen. Diese Entwicklung hat ihren Grund nicht zuletzt
darin, daß die Kosten für die so unverhältnismäßig teure menschliche Arbeitskraft
auf ein Minimum gesenkt werden müssen, soll die Inlandsproduktion rentabel
sein. Diese im Wachsen begriffene Großindustrie aber sowie der sich immens
ausdehnende Importhandel stellen für die Klein- und Mittelbetriebe Konkurrenten
dar, derer sich diese kaum erwehren können. So haben die mittelständischen
Unternehmungen heute eigentlich nur dort eine Chance, wo sie als Produzenten für
einen Markt auftreten, der von der Industrie und vom Importhandel noch nicht
erschlossen worden ist, d. h., daß sie sich auf die Herstellung von Waren einer
bestimmten Art und Menge spezialisieren oder sich auf das Gebiet lokalbedeut-
samer Dienstleistungen begeben müssen. Die andere Möglichkeit, die sich noch
anbietet, ist die, daß sich Handwerk und Gewerbe selbst industrialisieren, d. h.
sich zu kapitalintensiven Einheiten vergrößern bzw. sich von solchen aufsaugen
lassen - was freilich dann einem Untergang der Klein- und Mittelbetriebe gleich-
kommt.
Aus den angeführten Gründen glaube ich nicht, daß in absehbarer Zeit in Vene-
zuela eine neue, Handwerk oder Kleingewerbe treibende Mittelschicht erstarken
wird. Will man schon von einer Zukunft der Mittelschichten reden, so scheint mir
diese nicht bei den Angehörigen der produzieienden Mittelschicht zu liegen, son-
dern einzig und allein bei den Handeltreibenden und den Angestellten, d. h. der
White-Collar-Mittelschicht. Meine Grunde, die gegen die Schlußfolgerungen
Wehr/es sprechen, scheinen mir im übrigen in dessen Studie selbst enthalten zu
sein. Denn was tut Wehrle ? Den von ihm so richtig beobachteten Tatsachen stellt
142 Oli~er Brachfeld

er als Folgerungen eigentlich nicht mehr als fromme Wünsche, rhetorisch-pro-


grammatische Anwandlungen irgendeines Leitartiklers oder Industrie- und Han-
delskammerpräsidenten entgegen, wodurch sich Realitäten und Wunschvorstel-
lungen in unbefriedigender Weise durchdringen. Mit der Feststellung, daß in
unseren Tagen die Konsolidierung der gewerblichen Mittelschicht nicht das erste
politische und soziale Problem Venezuelas darstellt, komme ich auf den Ausgangs-
punkt meiner Kontroverse mit Wehrle zurück. Angesichts dieser politischen Tat-
sache sind es wirklich nicht mehr als nette Unverbindlichkeiten, wenn auch von
regierungsamtlicher Seite gelegentlich die zukunftsträchtige Bedeutung der
gewerbetreibenden Mittelschicht betont wird. Die Wirklichkeit sieht nämlich
anders aus, wofür ich ein letztes Beispiel geben möchte.
Um 1920 gab es in Merida, das damals 5000 Einwohner zählte, fünf Klein-
druckereien. Nach rd. 35 Jahren, also um 1955, innerhalb derer die Einwohnerzahl
sich auf 30000 versechsfacht hatte, arbeiteten nur noch vier von ihnen, wobei kein
Betrieb seine Produktionskapazität voll auszunutzen vermochte. Wegen des nied-
rigen Leistungsniveaus aller vier Druckereien, von denen nur eine über die Ein-
richtungen für Maschinensatz verfügte, sah sich die Universität gezwungen, sich
eine eigene Druckerei mit einem Kapitalaufwand von mehr als Bs. 250000,-
einzurichten. Dieses Beispiel zeigt noch einmal augenfällig, woran es im privaten
Unternehmertum mangelt, nämlich: Nicht nur an Kapital und den betriebstech-
nischen und -organisatorischen Voraussetzungen für eine konkurrenzfähige Lei-
stungserstellung, sondern auch an unternehmerischer Initiative und der Einsatz-
bereitschaft der Mitarbeiter.

Versuch einer Einteilung der heutigen


venezolanischen Mittelschichten
Die wirtschaftlich-soziale Lage der Mittelschicht im allgemeineil

Es ist keine Übertreibung zu sagen, Venezuela lebe von den Erträgen seiner
Erdölindustrie. Arbeiten in ihr zwar nicht mehr als ca. 50000 Menschen, so genügt
dies doch, die Position eines zweitgrößten Erdölproduzenten der westlichen Welt
zu behaupten und den Reichtum des Landes zu gewährleisten, d. h. seine Bevöl-
kerung zu ernähren. Dies zu behaupten, ist man insofern berechtigt, als die riesigen
Summen, die in Form von Abgaben und Steuern aus der Petroleumindustrie in die
Staatskasse fließen, von dieser zum Aufbau der übrigen Wirtschaft des Landes
eingesetzt werden. Nach alledem, was bisher über die spanische Wirtschaftsmen-
talität mitgeteilt worden ist, wird man verstehen, daß diese landesinterne Finanz-
hilfe nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten vor sich geht.
Zunächst muß man feststellen, daß sich immer wieder Hemmnisse einstellen,
die die Mittelverteilung ins Stocken geraten lassen. Verspätet sich nun aber, sei es
Mittelschichtenprobleme Südamerikas 143

beispielsweise aus bürokratischen, aus haushaltsrechtlichen oder aus Gründen, die


im Prestigebedürfnis eines einzelnen Beamten liegen, der durch Terminmanipula-
tionen - freilich fiktive - überschüsse nachweisen kann, die Auszahlung der
Gelder, so muß zwangsläufig die gesamte Geldwirtschaft des Landes in Unord-
nung geraten. Das hat nicht selten zur Folge, daß sich selbst Großunternehmen
mit vielen Millionen Bs. Kapital zur Einstellung ihrer Zahlungen veranlaßt sehen.
Kommt es dann zur Gewährung der Mittel, ist es nicht übertrieben zu behaupten,
daß das ganze Land wirtschaftlich aufatmet. Bei einem reibungslosen Ablauf der
Mittelgewährung kann man dieses Aufatmen im Juli eines jeden Jahres beobachten,
da am 1. dieses Monats das öffentliche Haushaltsjahr beginnt und nach landes-
üblichem Brauch die Gelder bereits in der ersten Hälfte eines jeden Haushalts-
jahres verausgabt und auch verbraucht worden sind, so daß in den ersten Sommer-
monaten die Wirtschaft allgemein daniederzuliegen pflegt.
Zu dieser die Wirtschaft des Landes arg strapazierenden geldpolitischen Praxis,
die naturgemäß die Klein- und Mittelbetriebe am härtesten trifft, kommt neuer-
dings eine zweite, die Angehörigen der Mittelschicht wirtschaftlich beeinträch-
tigende Entwicklung. Es sind die Begleitumstände, die mit einem auch in Vene-
zuela zuwege gebrachten Wirtschaftswunder einhergehen. Im Verlauf des
wirtschaftlichen Aufschwunges während des letzten Jahrzehnts ist insbesondere
in der Hauptstadt, die über 1 Million Einwohner besitzt, also 1/5 der Bevölkerung
des Landes ausmacht, die Zahl der Kleinunternehmen in beängstigender Weise
angewachsen: Detailgeschäfte, Restaurants, Bars usw. schossen geradezu aus dem
Boden. Natürlich bedeutet diese Entwicklung eine ungeheure Verschärfung der
Konkurrenz, so daß sich die meisten dieser Betriebe wie auch jene, die schon seit
längerer Zeit bestehen, in einer andauernden Existenzkrise befinden. Was sie
eigentlich am Leben erhält, sind die in den Monaten November und Dezember
erzielten übergroßen Gewinne. Diese werden ermöglicht dank der Ausgabe-
freudigkeit der nicht selbständig Arbeitenden, die in dieser Zeit die ihnen aus-
bezahlten Gewinnanteile bzw. 13. Monatslöhne mehr oder weniger vollständig zu
verausgaben pflegen. Auf die zwei fetten folgen also zehn Monate, die man
schlecht und recht durchzustehen vermag.
Die Hinweise auf die öffentliche Geldpolitik, die einschneidende Folge der
Sozialgesetzgebung sowie schließlich der durch das Zollwesen ausgeübte Protek-
tionismus machen deutlich, in welchem Maß die Wirtschaft des Landes und damit
schließlich die Angehlirigen der Mittelschicht vom Staate abhängig sind. Daraus ist
erklärlich, daß fast kein Unternehmer, gerät er einmal in eine, wenn auch nur
momentane Krise, versucht, diese durch eigene Anstrengungen zu überwinden.
Er wird vielmehr sofort nach staatlicher Hilfe rufen. Wohl dem Gewerbetreiben-
den, der über genügend "Beziehungen" zu staatlichen Stellen verfügt, sei es zu
denen der Bundesregierung, sei es zu denen der lokalen Staatsregierungen oder zu
sonstigen Behörden, die ihm sein wirtschattliches Mißgeschick überwinden helfen.
Daß cs hierbei nicht ohne Korruption abgehen kann, versteht sich beinahe von
selbst.
144 Oliver Brachfeld

Wir haben gesehen, daß die Unternehmer der Klein- und Mittelbetriebe, also
die selbständige Mittelschicht, in einer Weise staatsabhängig sind, daß es keines-
wegs übertrieben ist zu behaupten, der Staat besitze für die Existenz dieses Unter-
nehmertums konstitutive Bedeutung. Da in diesem Sinn der Staat ganz generell
als Erhalter fungiert, kann nicht darauf verzichtet werden, daß eine ebenfalls
obrigkeitliche Instanz auch eine die Klein- und Mittelbetriebe reglementierende
Funktion ausübt. Diese, die Unternehmer gleichsam maßregelnde Institution ist
in den Einrichtungen der Arbeitssyndikate und in den Arbeitsgerichten zu er-
blicken. In ihren Forderungen nach sozialen Betriebsleistungen, die dem Europäer
geradezu als phantastisch erscheinen, besitzen sie ein Mittel, über den Produktions-
faktor Arbeit den denkbar größten Einfluß auf das Betriebsgeschehen auszuüben,
zumal kein Unternehmer es wagen könnte, diesen Forderungen nicht zu ent-
sprechen. Diese Art Arbeits- und Sozialpolitik deckt sich im Effekt mit den Inter-
essen der großen Erdölunternehmen, die ja so etwas wie Staaten im Staat dar-
stellen. Die Gesamtsituation ist sodann diese, daß auf Handwerk und Gewerbe ein
Druck lastet, der eine gewisse Furchtsamkeit und Eingeschüchtertheit zur Folge hat.

Die zur Mittelschicht Zu zählenden Bevölkerungsschichten

Die "historische" Mittelschicht

Wie in den meisten ibero-amerikanischen Ländern findet sich in Venezuela auch


noch jene Bevölkerungsgruppe, die man die historische Mitte/schicht nennen darf.
Es ist dies der Bevölkerungsteil, der über lange Zeiten hin sozusagen "organisch"
gewachsen ist. In beruflicher Hinsicht dominieren heute in ihm die selbständigen
Handel- und Gewerbetreibenden sowie die aus diesen stammenden freien Berufe,
also Künstler, Ärzte, Advokaten und neuerdings auch Ingenieure, zu denen noch
die Architekten, die Agroingenieure, die Geologen usw. gehören, die insgesamt
den Doktortitel besitzen. Des weiteren gehört zu dieser Gruppe der Mittelschicht
der Großteil der höheren Beamtenschaft sowie das leitende Personal der größeren
Privatunternehmen. Die Chance, in die Oberschicht aufzusteigen, die vor allem
abhängt von wirtschaftlichem Reichtum, dürfte für den zuletzt genannten Per-
sonenkreis am größten sein.

Die Einwanderer der ersten Einwanderungsperiode

Die zweite zur venezolanischen Mittelschicht gehörende Gruppe sind die erste
und zweite (d.h. bereits im Lande geborene bzw. als Kind eingewanderte und
deswegen allgemein als vollwertig venezolanisch angesehene) Generation der Ein-
wanderer der Periode 1880-1936. Es handelt sich hier vor allem um Italiener und
Korsen sowie in kleinerer Zahl um Einwanderer aus den übrigen Ländern Euro-
pas sowie aus Mittel- und Südamerika, wobei sich die italienische Einwanderer-
Mittelschichtenprobleme Sildameriko.r 145

gruppe aus Personen zusammensetzte, die hauptsächlich aus der Gegend der Stadt
Salerno und von der Insel Elba herstammten, wie wir in Erfahrung bringen
konnten13•
Gelegentlich einer Untersuchung haben wir den etwa 200 von dieser Insel ein-
gewanderten Familien unsere besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Daß die Insel Elba mit ihren 50000 Bewohnern einen so relativ hohen Anteil
an der Zahl der Immigranten nach Venezuela besitzt, hängt mit der Etablierung
einer kleinen Schiffstransportgesellschaft zusammen, die in den 80er Jahren zwi-
schen Livorno und Maracaibo eine Linie unterhielt. - Unter den noch nicht in
Venezuela Geborenen fanden wir einen General, einen berühmten Dichter (der
mit 6 Jahren die Insel Elba verließ), mehrere Universitätsdekane und Lokalstaats-
gouverneure. Unter den bereits im Lande Geborenen, d. h. unter der zweiten
Generation, befanden sich Regierungsminister, ca. 20 Diplomaten, Universitäts-
dekane und Professoren, Gouverneure usw., wobei sich deren Familien bereits
mit autochthonen Familien verschwägert, d. h., daß sie nicht ausschließlich unter-
einander geheiratet hatten.
Auf den starken Anteil des italienischen Elements innerhalb der venezolanischen
Bevölkerung, das sich nicht nur in der Mittel-, sondern auch in der Oberschicht
findet, haben wir bereits hingewiesen. Man erhält -es bestätigt, wenn man einmal
die sich hinter dem Vaternamen versteckenden Mutternamen studiert. Die heute
als vollwertig autochthon angesehenen Bevölkerungsgruppen sind dabei nicht
wenig stolz, italienische Eltern bzw. Verwandte zu besitzen. So sah sich der Ver-
fasser beispielsweise gelegentlich von Unterhaltungen mit leitenden Staatsbeamten
mehrfach genötigt, wenn das Wort "wir" fiel, zu fragen, ob darunter "wir Vene-
zolaner" zu verstehen sei, und er erhielt nicht selten zur Antwort: Ach wo, wir
Italiener I Die zweite italienische Einwanderergeneration besitzt also ein recht
differenziertes Gepräge. Gilt sie einerseits, nämlich insofern sie bluts mäßig rein
italienisch blieb, längst als einheimisch akzeptiert und hat sie sich andererseits mit
der wirklich autochthonen Bevölkerung vermischt, wodurch sie zu vollwertigen
Venezolanern wurde, so hält sie bis heute stolz daran fest, italienischen Ursprungs
zu sein, was sich u. a. dadurch bekundet, daß Personen dieser Abstammung vor-
zugsweise untereinander heiraten, sofern Männer nicht sogar heute noch ihre
Frauen aus Italien holen. Was die dritte Generation betrifft, so erweist sich diese als
wesentlich seßhafter als die zweite, die in nicht unerheblichem Ausmaß noch
zwischen der Provinz und der Hauptstadt hin und her wandert, wenn sie nicht
das Land überhaupt wieder verläßt. In jedem Fall aber kann man sagen, daß die
italienischen Einwanderer, nachdem sie die Anfangsschwierigkeiten ihrer Immi-
gration überwunden hatten, zu einer erheblichen Stärkung der Mittelschichten
beigetragen haben.
Werfen wir der Vollständigkeit halber noeh einen Blick auf die besondere
Situation in den Andenstaaten Trujillo, Merida und Tachira. Wohl infolge der

13 Vgl. Oliver Brachfeld, Los Elbanos En Venezuela, in: Latina, 1956.


146 Oliver Brachfeld

eingefleischten Abneigung gegenüber den nicht ganz weißen autochthonen vene-


zolanischen Familien der mittleren und unteren Schichten fanden die italienischen
Einwanderer hier eine ihnen wohlgesonnene Bevölkerung vor. Erleichterte diese
Aufnahmebereitschaft zwar das Immigrantenschicksal, so erstreckte sich die
Freundlichkeit der Bevölkerung der Andenstaaten nichtsdestoweniger auch auf
Farbige aus anderen hispano-amerikanischen Ländern, wie z. B. aus der Domini-
kanischen Republik oder Haiti, sofern diese die spanische Sprache beherrschten.
(Nicht willkommen waren also die Mischlinge von der viel näher liegenden
britischen Insel Trinidad bzw. jene aus Britisch-Westindien.)

Die Einwanderer der zweiten Einwanderungsperiode : Die Neovenezolaner

Die dritte zur Mittelschicht zählende Gruppe sind die seit 1936 eingewanderten
Personen. Sie bilden den Kreis der sogenannten Neovenezolaner. Ihr rechtlich
gesichertes Dasein verdanken sie vor allem den großzügigen Einwanderungs-
bestimmungen, die der Erteilung der venezolanischen Staatsangehörigkeit keine
großen Schwierigkeiten in den Weg legen. Ihrer Abstammung nach sind diese
Immigranten vor allem Italiener, Spanier und aus Westeuropa stammende Juden
(wobei erwähnenswert ist, daß letztere bereits eine eigene Mittelschule von hohem
Niveau gegründet haben, das "Colegio Moral y Luces Herl-Bealik"); ihrem Motiv
nach sind die Italiener hauptsächlich "wirtschaftliche Auswanderer", die Spanier
und Juden hingegen kamen (wenigstens bis 1945) vor allem aus politischen
Motiven ins Land, und zwar veranlaßt durch den spanischen Bürgerkrieg einer-
seits und die NS-Herrschaft in Mitteleuropa andererseits. Was die Beliebtheit
dieser Einwanderer anbetrifft, so erfreuen sich die Italiener der größten Wert-
schätzung, obwohl das Gesetz den Spaniern die Einbürgerung wesentlich er-
leichtert. Vielleicht liegt dies an dem psychologischen "Gesetz der kleinen Unter-
schiede" (oder auch an den kleinen Narzißmen), daß sich die Spanier weit weniger
gut anzupassen vermögen als die Italiener.
Diese Einwanderergruppe, deren Angehörige im Mutterland meist eine zum
Mittelstand zu rechnende Position innehatten, bildet in Venezuela das, was man
als die obere Mittelschicht zu benennen pflegt. Deshalb verwundert es nicht, daß
Mitglieder dieser Schicht häufig im Konzertsaal zu sehen sind, daß sie im Film-
theater den ersten Rang beinahe vollständig zu belegen pflegen und daß deren
Söhne und Töchter den größten Teil derjenigen Kinder darstellen, die die mitt-
leren und höheren Schulen besuchen. Da sie hart zu arbeiten gewohnt sind und
dies auch in ihrer neuen Heimat tun, ist es ihnen recht bald vergönnt, in einem der
zahlreichen gepflegten Villenviertel in den Außenbezirken der Hauptstadt bzw.
der Provinzstädte zu bauen. Manchmal ist es ihnen bereits nach zehn Jahren mög-
lich, sich aus dem Arbeitsleben ins private Dasein zurückzuziehen. Schlägt man
einmal die große bürgerliche Tageszeitung des Landes auf, so findet man in ihr
in geradezu frappierender Weise Auskünfte über den wirtschafdichen Reichtum
Mittelschichtenprobleme Südamerikas 147

dieser Einwanderer, da diese Zeitung genauestens berichtet über alle Geschäfts-


gründungen durch Gesellschafter, alle Immobilienwechsel unter genauer Angabe
des Gesellschaftsanteils, die Aufteilung des Gesellschaftskapitals bzw. des Kauf-
preises usw. - eine wahre Fundgrube für den künftigen Soziographen und den
an sozialen Problemen interessierten Historiker.
Die Angehörigen dieser oberen Mittelschicht, die freilich nicht selten in einer
geradezu unangenehm-übertriebenen Weise zur Schau stellen, daß sie sich als
Venezolaner fühlen (obwohl die meisten Juden unter ihnen sich seit Errichtung
des Staates Israel in verstärktem Maße auch als Israelis fühlen, also ein ähnlich
"doppeltes ethnisches Identitätsgefühl" entwickeln wie die oben erwähnte italie-
nische Einwanderergruppe), sind mehr und mehr Zielscheibe eines sich verstär-
kenden venezolanischen Chauvinismus, durch den sich besonders die Neovene-
zolaner spanischen Ursprungs angesprochen fühlen. Allerdings ist eine solche
Reaktion vieler eingesessener Venezolaner verständlich angesichts des wirtschaft-
lichen Aufstiegs dieser Gruppe, den man aus nächster Nähe miterleben mußte.
Während ihnen selbst kein oder ein nur geringer Aufstieg möglich war, mußten
sie Zeugen einer geradezu als Wirtschaftswunder zu bezeichnenden Entwicklung
sein, deren Erträge jenen Fremden zufielen, die sie deswegen wohl niemals als
vollwertige Venezolaner werden ansehen können.
Obwohl die hervorragendsten venezolanischen Intellektuellen bar jeder chauvi-
nistischen Gesinnung sind, vielmehr mit vielen venezolanischen Familien Verkehr
pflegen, ja bisweilen in solche Familien einheiraten, fühlen sie sich aber dennoch
nicht selten durch diese Schicht bedroht. So sprach etwa im Jahre 1951 ein junger
autochthoner venezolanischer Schriftsteller die bekümmerte Warnung aus, daß
"in einigen Jahren diese Einwanderer uns sogar die literarischen Preise weg-
gewinnen" werden (wobei ironischerweise dieser Schriftsteller mit einer ein-
gewanderten Schriftstellerin deutscher Sprache glücklich verheiratet ist). Nun ist
in der Zwischenzeit tatsächlich der Fall eingetreten, daß einem der Immigranten
eine der befürchteten Auszeichnungen zuteil wurde. Freilich verlief die Affäre
ruhiger, als man zunächst befürchtete, da sich bei der Letztentscheidung der Preis-
zuerkennung an einen "Spanier" bzw. an einen nichtvenezolanischen Hispano-
amerikaner keine Gegenstimme mehr fand.
Stellt diese Schicht, wie bereits bemerkt, zwar auch die höchste der mittleren
Schichten dar, und zwar sowohl wirtschaftlich als auch kulturell, so haben ihre
Angehörigen aber doch kaum Chancen, in die Oberschicht aufzusteigen, obwohl
die Verfassung die Neovenezolaner von der Wahrnehmung von nur zwei Funk-
tionen ausschließt: nämlich dem Amt des Präsidenten der Republik und von der
Lehrbefugnis im Fach Nationalgeschichte. Daher ist es verständlich, daß sich
unter den wenigen ordentlichen und korrespondierenden Mitgliedern der Aca-
demia de la Historia Naciono/ de Vonozuela bereits mehrere eingewanderte Persön-
lichkeiten, darunter auch der Verfasser, befinden. Um aber ein Gegenbeispiel anzu-
führen, sei darauf hingewiesen, daß bei den Aufnahme-Ausschreibungen der
Militär- und Marineschulen die erste Bedingung die ist, daß der Bewerber gebo-
148 Oliver Brachfeld

rener Venezolaner - venezolano de naciemento - sein muß, eine Vorschrift, die freilich
der sonst beinahe abergläubisch befolgten Landesverfassung widerspricht.
Im übrigen ist anzumerken, daß die manchmal wohl zu rasch vorgenommene
Einbürgerung der Einwanderer nach 1936 auf ein Gesetz zurückzuführen ist, das
vorschreibt, daß in keinem Unternehmen mehr als 25% "Ausländer" beschäftigt
werden dürfen. Um dieser Vorschrift Genüge zu tun, erteilte man eben einer
genügenden Anzahl von antragstellenden Einwanderern kurzerhand die venezo-
lanische Staatsangehörigkeit. Lange Jahre vor dieser Praxis umging man übrigens
dieses Gesetz, indem man es einfach nicht beachtete, wenn anders das wirtschaft-
liche Wachstum nicht ernsthaft gefährdet werden sollte.

Die syrisch-libanesischen und jüdischen Kleinunternehmer

Zu einer vierten Mittelschichtgruppe seien hier jene selbständigen Kleinhändler


und kleinen Gewerbetreibenden zusammengefaßt, deren wirtschaftlicher Aufstieg
nur langsam und bei weitem nicht so spektakulär erfolgt wie der der Neovenezo-
laner. Diese Mittelschichtgruppe setzt sich zusammen aus seit Jahrzehnten bereits
in Venezuela ansässigen Syrern, Libanesen sowie einem kleineren Teil Chinesen;
zu ihnen gesellte sich seit den Jahren 1938/39 eine Anzahl von Kleinhändlern,
bestehend hauptsächlich aus ost- und mitteleuropäischen Juden, Spaniern, Portu-
giesen und aus Auswanderern, die aus den seit dem letzten Weltkrieg sowjetisierten
Gebieten stammen.
Die syrisch-libanesische Einwanderung nach Iberoamerika reicht historisch weit
zurück und ist bedeutsam vor allem für die Länder Kolumbien, Ekuador und Peru.
Allgemein, d. h. hinsichtlich ihres Verhaltens auch in Venezuela, läßt sich diese
Einwanderergruppe, die gewöhnlich mit dem aus Kolumbien stammenden Namen
turcos bezeichnet wird, dadurch charakterisieren, daß ihre Angehörigen als
Kleinhändler zu arbeiten beginnen und sich allmählich in die mittleren
Schichten emporarbeiten. Ähnlich steht es mit den ebenfalls bereits erwähnten
jüdischen Geschäftsleuten, die sich in Venezuela, zumeist in Caracas, nieder-
gelassen haben, und zwar in dem dichtbesiedelten Geschäftsbezirk Al Silencio.
Für die in dieser Gegend arbeitende kleine und deswegen hier nicht als eine
besondere Mittelschichtgruppe behandelte autochthon-venezolanische Klein-
händlergruppe bedeuten sie eine höchst unliebsame Konkurrenz. Turcos und
Juden sind deshalb, insbesondere zu den Zeiten der wirtschaftlichen Kurzkrisen,
das Ziel der Beschuldigungen vor allem durch die Boulevard-Presse. Da die wirt-
schaftlichen Stagnationen aber ebenso rasch zu verschwinden pflegen, wie sie sich
eingestellt haben, beruhigt sich der nicht länger als einige Wochen währende
Unmut des Volkes wieder. Bis zu seiner nächsten Aktivierung senkt er sich hinab
ins Unbewußte der öffentlichen Meinung.
Mitlels&hi&hlenprobleme Siltlamerikas 149

Die Landarbeiter

Kann man unterschiedlicher Auffassung darüber sein, ob die syrisch-libane-


sischen und jüdischen Kleinunternehmer die untere Mittelschicht bilden oder nicht,
so dürfte es keinen Zweifel darüber geben, daß die fünfte und letzte zur venezo-
lanischen Mittelschicht zu zählende Gruppe diesen Platz einnimmt. Diese Gruppe
setzt sich aus europäischen Einwanderern zusammen, die in ihrer Heimat gewöhn-
lich zum Agrar- und Industrieproletariat gerechnet werden.
Ihre Einwanderung zu unterstützen, ließen sich die venezolanischen Regierun-
gen von Anfang an angelegen sein, da sie sich von der Einwanderung dieser Per-
sonen eine Wiederbelebung der einst blühenden Landwirtschaft und Viehzucht
erhofften. (Man versteht die agrarwirtschaftliche Misere des Landes, wenn man
sich vor Augen führt, daß noch während des ersten Weltkrieges Venezuela das
ganze Gebiet des Karibischen Meeres mit Fleisch versorgen konnte. Heute hin-
gegen genügt ein Hafenarbeiterstreik in New York, um es bereits nach acht Tagen
in Venezuela an Fleisch mangeln zu lassen I) Die Förderung der Einwanderung
von Landarbeitern hatte allerdings auch ihre Schattenseiten. So kamen einmal
nicht wenige einwanderungslustige Europäer als agricultores ins Land, die noch nie
einen Acker aus der Nähe gesehen hatten, weshalb die venezolanische Landwirt-
schaft durch sie auch keine nennenswerte Förderung erfuhr. Zum anderen waren
die tatsächlichen Landarbeiter bestrebt zusammenzubleiben, d. h. sich als ge-
schlossene Gruppe anzusiedeln. Solche Vorhaben waren alles andere als im Sinne
der venezolanischen Regierung. Wohl gewährte der Staat den Einwanderern ein
gemeinsames Unterkommen für die erste Zeit, die in der Praxis drei Monate um-
faßte, obwohl die Einwanderungsbestimmungen nur eine Zeit von 15 Tagen
vorsahen, aber das erklärte Ziel der Bevölkerungspolitik war die Verhinderung
von Gruppenbildungen. Das Motiv für diese Politik war wohl die Angst, daß so
etwas wie fremdethnische Inseln entstehen könnten, deren Zahl z. B. in Brasilien
sehr groß ist. (Übrigens gibt es dafür ein Beispiel auch in Venezuela selbst. Es ist
die im 19. Jahrhundert gegründete deutsche Agrarkolonie Colonia Tovar, von der
man seit einiger Zeit wünscht, daß sie bald aussterben möge. Diese Kolonie wurde
nach den Plänen des berühmten italienischen Geographen Codazzi errichtet. Wohl
liegt diese Siedlung nicht allzu weit von der Hauptstadt entfernt, da aber zwischen
diesen keine Verkehrswege aufgebaut worden sind, die den Absatz der landwirt-
schaftlichen Produkte und die Vermischung der Einwohner mit der Eingeborenen-
bevölkerung erleichtert hätten, mußte es im Laufe der Zeit zu Inzucht und zu
wirtschaftlichem Verfall kommen.)
Während sich nun die aus Mitteleuropa eingewanderten Landarbeiter allgemein
durchzusetzen und zu einer unteren agrarischen Mittel5chicht zu etablieren ver-
mochten, sind den italienischen, portugiesischen und spanischen Landarbeitern in
der Landwirtschaft in der Regel keine Erfolgschancen beschieden gewesen. Man
bezahlt sie zumeist außerordentlich schlecht, so daß sie sich oftmals noch nicht
einmal zulänglich ernähren können. (Ihr Tageslohn beträgt ungefähr Bs. 3,-,
150 Oliver Brachfeld

wobei 11 Milch Bs. 0,80 = DM 1,- kostet.) Aus diesem Grunde ziehen sie es vor,
als Handlanger in der nach Arbeitskräften fragenden Bauindustrie ihr Geld zu
verdienen, wobei sie hier ca. Bs. 8,- pro Tag erhalten. Gelingt es ihnen etwa, bei
einer Tankstelle oder einer Autoreparaturwerkstatt anzukommen, so verdienen
sie bereits Bs. 11,- bis 13,-. Mir ist das Schicksal eines aus Ungarn stammenden
Jungen eines Landwirtes bekannt, der mir dadurch auffiel, daß er nicht nur lange
in seinen einheimischen Stiefeln herumlief, sondern auch die Landessprache
nicht beherrschte, der sich auf diese Weise "emporarbeitete". Als ich ihn nach
zwei Jahren wiedersah, betrieb er zusammen mit einem seiner Landsleute einen
Hausierhandel mit Nähmaschinen, offensichtlich nicht ohne Erfolg.
Man kann also sagen, daß die italienischen, portugiesischen und spanischen
Landarbeiter aus ihrer Not eine Tugend zu machen verstehen, wenn sie die von
ihnen an sich angestrebte landwirtschaftliche Tätigkeit aufgeben, um sich als
selbständige Gewerbetreibende zu versuchen, wobei die Branchen denkbar weit
streuen, etwa vom Bauwesen bis zum Betreiben einer Bar. Ist erst einmal ein
gewisses Einkommen gesichert, lassen sie bald Frau und Kinder nachkommen, so
daß ihrem weiteren wirtschaftlichen Fortkommen nichts mehr im Wege steht.
Wir haben also die merkwürdige Situation vor uns, daß die zur Behebung der
Misere im Agrarsektor gleichsam herbeigerufenen Einwanderer wenigstens teil-
weise durch diese Misere veranlaßt werden, einer anderen als der von ihnen beab-
sichtigten Berufs- und Erwerbstätigkeit nachzugehen, womit sich in der Regel
zwar ein sozialer Aufstieg verbinden läßt (und zwar in die untere und gewerbliche
Mittelschicht), die Probleme der Agrarwirtschaft des Landes aber um so drängen-
der werden. In dieser komplexen Lage scheinen sich die portugiesischen Land-
arbeiter am schwierigsten zurechtfinden zu können, was wohl nicht zuletzt bedingt
wird durch das niedrige kulturelle Niveau, das ihnen eigen ist. Angesichts dessen
muß man sagen, daß sie wohl noch unter den autochthon-venezolanischen städti-
schen Unterklassen rangieren. Die Aggressivität in dieser Gruppe ist darum wohl
auch am größten, zumal sie ohne Frauen ins Land kommen und unter ihnen sehr
oft Zwistigkeiten um Geldfragen entstehen, so daß sie mit ihren Raufereien der
Polizei mehr zu tun geben als die übrigen Einwanderergruppen. Das Wort
Portugues ist deshalb auch in Venezuela zu einem Schimpfwort geworden, das
Venezolaner in einem Konflikt untereinander beinahe an erster Stelle einer Be-
schimpfung gebrauchen. Es besteht also ein ausgesprochenes Vorurteil gegenüber
den Portugiesen, das sich nicht selten auch im offiziellen Verkehr gegenüber dem
diplomatischen und konsularischen Personal ausdrückt. Von hierher erklärt es
sich, daß auch die in die untere Mittelschicht bereits aufgestiegenen Portugiesen
eine verhältnismäßig isolierte Gruppe darstellen, deren Angehörige sich viel
weniger mit der einheimischen Bevölkerung vermischen, als die Spanier und ganz
besonders die Italiener das tun.
Mittelschichtenprobleme Südamerikas 151

Die Festigung der Mittelschicht durch die Prozesse der Transkulturation

Angesichts der aufgezeigten Differenzierung könnte der Eindruck entstanden


sein, daß man von einer Mittelschicht in Venezuela gar nicht zu sprechen befugt ist.
Daß dafür dennoch eine Berechtigung vorhanden ist, hat seinen Grund in der
dominanten industriegesellschaftlichen Ordnung, die die Bewohner des Landes
klar in eine Ober-, Mittel- und Unterschicht einteilt. Diese Dominanz des industrie-
gesellschaftlichen Systems ist aber auch der Grund dafür, daß man von einer
oberen, einer mittleren und einer Unterschicht sprechen muß, wie wir es getan
haben. Integration und Differenzierung sind also nur die zwei Seiten ein und
derselben Sache.
Was nun die Integration der Bevölkerung zu einer einheitlichen Mittelschicht
anbetrifft, die in Venezuela als einem Entwicklungsland in erster Linie ein Problem
der Akkulturation darstellt, muß gesagt werden, daß sie in einem geradezu un-
heimlichen Tempo vor sich geht, denn schon bei der zweiten Generation, d. h.
bei den Kindern der Einwanderer, darf die vollständige Anpassung als vollzogen
angesehen werden. Das ist um so erstaunlicher, als der Immigrant wohl in keinem
anderen Lande so lange als Ausländer betrachtet wird wie in Venezuela, wo er es
selbst dann noch bleibt, wenn er sich längst in Sprache, Sitte, Kleidung und
Lebensgewohnheiten assimiliert hat. Es ist bezeichnend, daß es in Venezuela für
diese Inländer, die keine sind, einen eigenen Namen gibt, nämlich das Wort Musiu
in der männlichen und Musiua in der weiblichen Form (vom französischen Mon-
sieur), das heute noch einem Schimpfwort gleichkommt, wenn auch weniger
beleidigend als das Wort Portugues.
Als für die Mittelschichtenforschung allgemein interessant darf die Feststellung
angesehen werden, daß eine kulturelle Anpassung immer auch zur Mittelschicht-
bildung führt. Selbst Adelige mit ihren aus Europa mitgebrachten eigenwilligen
Vorstellungen - wir haben Franzosen, Italiener, Ungarn, Österreicher, Deutsche
usw. dieser sozialen und geistigen Herkunft - werden außerordentlich rasch ver-
bürgerlicht und passen sich (besonders der unter dem Namen der Neovenezolaner
beschriebenen Gruppe) den mittleren Schichten an. Akkulturation bzw. Trans-
kulturation -letzteres ein von dem Kubaner Ortiz geprägtes Wort, das das, worauf
es ankommt, wohl noch besser zum Ausdruck bringt - ist also nie ein bloß
ethnischer, sondern zur gleichen Zeit auch ein sozialer Anpassungsprozeß, und
zwar an die mittleren Schichten. Dies ist deswegen der Fall, weil der einwandern-
den und möglicherweise auch noch der nächsten Generation der Zugang zur
Oberschicht verschlossen zu sein pflegt, und ein längeres Verbleiben des Ein-
wanderers in der Unterschicht, selbst wenn dieser nur Land- oder Industriearbeiter
ist, scheidet normalerweise aus, da er sich angesichts seines zivilisatorischen
Niveaus zum sozialen Aufstieg geradezu genötigt sieht, wie wir gesehen haben.
Exemplarischen Charakter für die Transkulturation beansprueht in Venezuela
die vom Staat betriebene Agrarkolonie von Turen, wo Einwanderer mit venezo-
lanischen Landarbeiterfamilien zusammenleben. In Wirtschafts stil und Lebensform
152 Oliver Brachfeld

ihrer Angehörigen ähnelt diese Kolonie einem "mittelständischen" agrarischen


Kleinbetrieb in Dänemark. Wieder handelt es sich bei diesem Unternehmen
weniger um ein Versuchsprojekt als vielmehr um ein Schaustück, das man aus-
ländischen Besuchern freilich nicht ohne berechtigten Stolz immer wieder vor-
führt. Bei einer Besichtigung wird natürlich nicht verraten, daß die Kolonie den
Staat eine Menge Geld kostet und sich eben durchaus nicht selbst trägt. Aus
diesem Grunde ist die Kolonie von Turen, deren "ausländische" Bewohner aus
gehobenen ländlichen Mittelstandsverhältnissen Europas stammen - es sind z. T.
Angehörige des ungarischen Kleinadels-, ein Luxusunternehmen und gerade kein
Lösungsvorschlag der venezolanischen Agrarfrage. Aus diesem Grunde ist auch
der folgende Vorschlag des amerikanischen Agrarsoziologen George W. Hilf un-
brauchbar, obwohl dieser sechs Jahre lang den Lehrstuhl für Soziologie an der
Zentraluniversität Venezuelas innehatte: Wenn er in Übereinstimmung mit seinen
zahlreichen Schülern zwischen Chile und Japan die Lösung der Agrarprobleme
Venezuelas darin erblickt, daß eine Landarbeitereinwanderung auf breiter Basis
und mit gewaltigen staatlichen Mitteln durchgeführt werden müsse 14 , so wird die
tatsächliche Situation vollkommen verkannt. Man unterstellt dabei, daß die
Kolonie von Turen aus sich heraus existenzfähig sei und daß dem venezolanischen
Staat Finanzmittel in unbegrenzter Menge zur Verfügung stünden.
Noch zur Zeit unseres Aufenthaltes in Venezuela haben wir auf ganz andere
Lösungsmöglichkeiten der Agrarfrage hingewiesen, so u. a. auf jene im brasilia-
nischen Matto Grosso. Die Schweizer Caritas, die das Ansiedlungsprojekt durch-
führte, verfuhr hier folgendermaßen: Aus Lagern in Westdeutschland mit displaced
persons - es handelte sich hierbei um deutschstämmige Ungarn - wurde die
Bevölkerung eines ganzen Dorfes zusammengesucht; bei der Zusammenstellung
ließ man sich leiten von den Ergebnissen "soziometrischer" Wahlen, d. h. daß man
Familien, die wenige Wertschätzungen erfuhren, ausschloß. Sodann konnten
Schweizer Fabrikanten bewogen werden, das notwendige Kapital zur Verfügung
zu stellen, das zur Gründung einer Agrarkooperative benötigt wurde. Im einzelnen
waren diese Gelder für die Beschaffung vorfabrizierter Häuser, für den Ankauf
der Arbeitsgeräte sowie für den Ausgleich der bei der Überfahrt entstehenden
Kosten. Es wurde vereinbart, daß das Geld in sechs Jahren verzinst zurückzu-
zahlen sei. Schließlich beteiligte sich der brasilianische Staat mit einer Finanzhilfe.
Außerdem erteilte er den Schweizer Fabrikanten zusätzliche Einfuhrquoten für
ihre Erzeugnisse in der Höhe des von ihnen geliehenen Kapitals.
Wir lassen diese Lösung hier deswegen nicht unerwähnt, weil sie einer Nach-
ahmung würdiger zu sein scheint als der venezolanische Versuch mit der Muster-
kolonie Turen.

U Vgl. Georges W. Hili, Rural Sociology, 1952.


WOLFGANG TEUSCHER
KÖLN

Die Mittelschichten
in den neugegründeten Staaten Westafrikas

üBERSICHT

Einige Vorbemerkungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 154


Die traditionellen Gesellschaften. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 155
Die koloniale Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 159
Die Unabhängigkeitsbewegungen: Eine Revolution der kolonialen Mittelschichten ... 163
Die afrikanische Gesellschaft auf der Suche nach einer Mittelschicht . . . . . . . . . . . .. 165
Ansätze und Ausprägungen afrikanischer Mittelschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 169
Einige SOZiologische Aspekte der Entwicklungshilfe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 171
154 Wolfgang Teuscher

Einige Vorbemerkungen
Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf gesellschaftliche Strukturen in
einem geographischen Raum, der etwa die Größe Europas westlich der sowjeti-
schen Grenze besitzt. Dieses riesige, zum Teil menschenleere Territorium, in dem
Wüsten, Savannen und Mittelgebirge das landschaftliche Bild bestimmen, wird von
nicht mehr als fünfzig Millionen Menschen bewohnt. Dabei leben 35 Millionen
von ihnen in Nigeria, der Rest verteilt sich auf 14 weitere Staaten. Ähnlich
unausgeglichen ist die Streuung der Einwohner. Es gibt Gebiete starker Bevöl-
kerungskonzentration, in denen bis zu hundert Menschen auf einem Quadrat-
kilometer leben (Dahomey), während z. B. in den Wüsten der Republik Niger nur
1,8 Menschen auf einen Quadratkilometer entfallen. Klimatisch liegt das gesamte
Gebiet im tropischen Bereich. In ihm gibt es auch heute noch fast alle Lebens-
formen, die die Sozialanthropologie kennt: Jäger und Sammler, Nomaden, Acker-
bauern. Bemerkenswerte Staatsgebilde beherrschten einst Räume von der Größe
Mitteleuropas, die durch die Zeit alle nur erdenklichen Herrschaftsformen aus-
bildeten. Die Geschichte dieser Staaten (Ghana, Mali, Bambara, Aschanti, Benin,
Dahomey und andere) wurde von den europäischen Historikern bis jetzt noch
kaum zur Kenntnis genommen, geschweige daß sie in unser eigenes geschichtliches
Bewußtsein eingefügt worden wäre. Dieser Umstand erschwert es insbesondere
auch dem Soziologen, Probleme dieses Territoriums abzuhandeln und verständlich
zu machen. Hinzu kommt, daß gerade auf gesellschaftswissenschaftlichem Gebiet
die nötige Dichte an Daten fehlt. Diese Tatsachen machen es schwer, selbst einen
Ausschnitt der gesellschaftlichen Wirklichkeit unserer Gegenwart umfassend zu
beschreiben. So kann die Frage nach den gesellschaftlichen Schichtungen bzw. den
Mittelschichten in den neugegründeten westafrikanischen Staaten nur mit einer
allgemeinen Beschreibung von Trends beantwortet werden.
Die Struktur der sich umbildenden afrikanischen Gesellschaft zeigt Erschei-
nungen, die den Beobachter erregen müssen. Traditionen der alten afrikanischen
Kultur, okzidentale Modelle und Reaktionen auf diese Modelle prägen zusammen
mit lebensnotwendigen administrativen und wirtschaftlichen Aufgaben die neuen
afrikanischen Wirklichkeiten. Gegenüber den augenscheinlichen Bewegungen der
politischen Verselbständigung sind die tiefgreifenden gesellschaftlichen Verände-
rungen freilich nicht ohne weiteres zu erkennen. Indessen folgen sie aber nicht
nur den inneren Gesetzen der afrikanischen Gesellschafts bildung, es ist auch gewiß,
daß sie am Ende ebenfalls über die politische Szenerie entscheiden werden. Mag
gegenwärtig auch eine Reihe von Versuchen unternommen werden, mit Hilfe von
politischen Konzepten und Ideologien Formeln für das staatliche und politische
Handeln in Mrika zu finden, so werden Erfolg oder Mißerfolg dieser politischen
Ideologien von jenen untergründigen Entwicklungen abhängen.
In diesem Zusammenhang ist die Frage nach der Stellung der Mittelschichten
besonders wichtig. Ihr Vorhandensein oder Nichtvorhandensein bestimmt wesent-
lich die Struktur dieser Gesellschaften. So ist schon allein aus diesem Grund eine
Die Mitte/schichten in den neugegriindeten Staaten Westafrikas 155

Untersuchung wie die vorliegende geboten, woran sich auch dann nichts ändert,
wenn unser Aufsatz nicht mehr zu sein beansprucht als eine Anregung für künftige
intensive Forschungen.
Eine Analyse der Ansätze und Ausprägungen afrikanischer Mittelschichten ist
für das Erfassen der sozialen Gegenwartsprobleme in Afrika und für die Prognose
ein geeigneter Ausgangspunkt, da ihr der Charakter einer ersten Orientierung auf
einem Gebiet zukommt, auf dem es bisher noch kaum zu einer intensiven soziolo-
gischen Arbeit gekommen ist. Zwar sind über die politischen Philosophien vor
allem von Mamadou Dia1 eine Reihe von Thesen aufgestellt worden, doch setzen
diese das Bild einer afrikanischen Gesellschaft voraus, das mehr gefühlsmäßig
erfaßt als wissenschaftlich belegt ist.
Die monographischen Arbeiten von Mersadier 2 über Familienbudgets der Funk-
tionäre von Dakar, über die Struktur der Hauptstadt von Dahomey, Porto Novo,
von Tardits S oder die berühmte Arbeit von Balandier' über die sozialen Zusammen-
hänge in Brazzaville sind zwar wertvolle Einzelstudien, doch erschöpfen sie sich
in Aussagen über lokale Probleme. Für den Mangel an umfassenden Daten mag
vor allem die bis jetzt noch nicht entschiedene Zuständigkeit von Ethnologie,
Soziologie, politischer Philosophie und Statistik für bestimmte afrikanische
Probleme verantwortlich sein. Ein weiterer Grund dürfte darin zu sehen sein, daß
die Universitäten von Dakar, Ibadan und Accra durch die politische Balkanisierung
der letzten 3 Jahre daran gehindert worden sind, überregionale Daten zu sammeln.
Als die erfolgversprechende Methode, etwas Konkretes über die Mittelschichten
in Westafrika auszusagen, muß zur Zeit vor allem die Beschreibung der geschicht-
lichen Entwicklungen angesehen werden. Ihre Logik und die konstatierbaren
Tendenzen im Sozialleben Westafrikas lassen einigermaßen zufriedenstellend das
Problem der Mittelschichten in diesem Gebiet erkennen.

Die traditionellen Gesellschaften


Westafrika in seiner präkolonialen Epoche war, im Gegensatz zu den bei uns
verbreiteten Vorstellungen, durch vielfältige ineinander verwobene politische und
gesellschaftliche Gebilde geordnet. Das, was gemeinhin mit traditionellen afrika-
nischen Gesellschaften bezeichnet wird, stellt dabei eine Reihe von unterschied-
lichen Kulturen dar. Ihre Vielfalt reicht von den an materieller Kultur armen
Rückzugsvölkern (Kissi, Toma, Bassarie, Konjagie) bis zu komplizierten staat-
lichen Ordnungen mit Beamtenschaft, höfischer Gesellschaft und Klassenordnun-

1 V gl. Mamadou Dia, Reflexions sur 1'economie de l'Mrique noire, Presence Africaine, Paris 1960.
2 Vgl. Y. Mersadier, Budgets familiamr Africains, 6tudes chez 136 familles de salaries dans trois
ccnties urbains du Senegal, Etudes Seneglaises No 7.
3 Vgl. C. Tardits, Porto Novo. Une etude sur l'urbanisation africaine, Paris 1960.
, Vgl. Georges Ba/andier, Sociologie des Brazzavilles Noires, Paris 1955.
156 Wolfgang Teuscher

gen (Mossi, Bambara, Aschanti, Dahomey Fulbe, Haussa, Bornu usw.). Neben den
staatlichen souveränen Ordnungen, die aggressive oder friedliche Beziehungen
zueinander unterhielten, gab es Bevölkerungsgruppen, die schon in frühester
historischer Zeit im Fernhandel tätig waren und allgemeine Immunität besaßen.
Reste dieser Gruppen sind heute die Haussa und die Diula. Die Ibo in Nigeria,
deren Familienordnung jede größere staatliche Gliederung unmöglich machte,
nahmen schon früh eine Sonderstellung sowohl als Händler als auch als Hand-
werker ein. Sie entwickelten innerhalb von Familienverbänden wirtschaftliche
Initiative und gründeten bereits unabhängige Unternehmungen, die ihresgleichen
in den mehr oder weniger festgefügten Staaten Westafrikas nicht besitzen.
Es ist mithin festzustellen, daß es in Westafrika zwar miteinander verwobene,
jedoch grundsätzlich unterschiedliche Lebensrahmen gibt, und zwar mindestens
deren drei:
1. Staatliche Ordnungen, in denen voneinander abgegrenzte Klassen bestimmte Funk-
tionen hatten. Als Beispiel hierfür können die Staaten von Ghana, Aschanti, Da-
homey, Bornu, Benin oder Nupe genannt werden. Staatsphilosophie und Staats-
religion zerbrachen jedoch die bestehende Familienordnung und den Familienkult,
sobald sie miteinander in Konflikt gerieten. Diese Staaten hatten hochspezialisierte,
fast kastenhafte Sozialordnungen.
Diese Kasten oder Klassen der traditionellen afrikanischen Kulturen bildeten
sich vor allem in den großen höfischen Zentren. Ihr unternehmerischer Geist wurde
von den jeweiligen Herrschern, dem Adel und den Kriegern, in genauen Grenzen
gehalten, wodurch die Untergebenen zum Wohlstand und zum Prestige der füh-
renden Klassen beitrugen. Der Hof von Abomey mit den blutigen und militaristi-
schen Herrschaften von Dahomey gestattete lediglich einzelnen Künstlern und den
in Familienindustrien Schaffenden eine gewisse Freizügigkeit, wodurch diese zu
einer Art Mittelschicht wurden. Sie besaßen gewisse Sondervollmachten und
konnten in begrenztem Rahmen ihren Wohnsitz selbst bestimmen. Der Außen-
handel blieb jedoch unter der Aufsicht von staatlichen Stellen.
Ähnliche Zustände fanden sich im ehemaligen Aschantireich. Hier wurde jedoch
nicht so sehr die Initiative von spezialisiert produzierenden Familienklans geför-
dert, sondern das individuelle Kunsthandwerk und eine Künstlerkaste, die, ver-
wiesen auf den Bereich des Kultischen, sich vor allem dem Bronzeguß bzw. der
Schnitzkunst widmete. In Großreichen wie dem historischen Ghana bestand eine
Mittelschicht, die in ihrer Ausprägung dem mitteleuropäischen Modell am näch-
sten kam. Eine kombinierte Beamten-, Handwerker- und Händlerschicht diente
durch Jahrhunderte hindurch allen wechselnden Regierungen. In den durch Ghana
beeinflußten Nachfolgerstaaten Mali und Bambara sowie in der Stadtkultur von
Timbuktu lebte diese alte Schicht fort. Sie war jedoch sehr klein und auf die
wenigen höfischen Zentren beschränkt. Ihre Aktivität hatte einen sehr begrenzten
Rahmen. Sobald gewisse Besitztümer angesammelt worden waren, die Investitionen
ermöglicht hätten, wurden sie von dem jeweiligen Herrscher für sich beansprucht.
Die Freiheit, außerhalb der begrenzten Aufgabe tätig zu sein, war dieser Schicht
Die Milte/schichten in den neugegründeten Staaten Westafrikas 157

verwehrt. Sie rettete sich meistens in eine als Kaste institutionalisierte Gruppe, die
im Staate dienende Funktionen übernahm, und verlor so den Charakter einer
Mittelschicht. Am deutlichsten prägte sich das bei der Griotenschicht - den Sän-
gern, Künstlern, Handwerkern und Diplomaten Westafrikas - aus, die sich vor
allem den Herrschern, einzelnen Familien oder den verschiedenen Geheimgesell-
schaften als Helfer zur Verfügung stellten.
Die 2. Gruppe der westafrikanischen traditionellen Gesellschaften sind die
globalen, weitgehend auf sich gestellten Stammesordnungen der RiickZugsvölker. Sie leben
zerstreut, insbesondere in unzugänglichen Gebirgsgegenden (Felaise de Bandia-
garra, Bautschi, Bassari-Berge) oder in Waldzonen (Guinea, Sierra Leone, Liberia).
Zu dieser zweiten Gruppe gehören auch bestimmte berberische und hamitische
Nomadenvölker, die in kleinen Stammeseinheiten versprengt und ohne Zusam-
menhang mit größeren Gruppen ein eigenständiges Leben führen (Tibbu, Tedda,
Koroboro).
Bei diesen ethnischen Gruppen gibt es keine Schichten, die im Rahmen unseres
Themas irgendwie relevant wären. Es erübrigt sich auch eine Diskussion der
Einzelfälle. Man könnte in diesem Zusammenhang auf eine Einzelstudie verweisen,
die unter dem Titel" Tribes without Rulers" von der International Mrican Society
herausgegeben wurde und diesen Komplex afrikanischer Gesellschaften an Hand
mehrerer Beispiele beschreibt.
Der 3. Lebensrahmen afrikanischer Gesellschaften und Kulturen ist in unserem
Zusammenhang äußerst interessant. Es gibt in Westafrika eine große Zahl von
Bevölkerungsgruppen, meistens verselbständigte Teilgruppen, die im zwischen-
staatlichen Raum Mittel- oder besser Mittlerschichten darstellen. Die Entstehungs-
geschichte dieser Gruppen und ihre sozialen Hintergründe sind verschiedenster
Natur. Auch ihre Mittlerrollen sind sehr unterschiedlich. Es wurde bereits das Volk
der Ibo erwähnt. Bei ihm führen die besonders starken Familienbindungen seines
Sozialsystems zu einer antietatistischen Haltung. Der Ibo fühlt sich deshalb vor
allem seiner Familie verpflichtet und sucht jeder anderen Autorität zu entfliehen.
Das führt dazu, daß die Ibo als Händler und Handwerker freizügig sind und für
einen gewinnbringenden Lohn auch außerhalb ihres Volkes arbeiten.
Die Haussa, teilweise seßhaft gewordene Nomaden in Nordnigeria, waren schon
in vorkolonialer Zeit gute Händler, die Handelsbeziehungen bis zum Senegal und
zum Kongo hin pflegten. Sie stellten so Verbindungen zwischen den verschiedenen
Reichen her. Ihr Spürsinn hinsichtlich kommerzieller und industrieller Möglich-
keiten war überragend. Sie kennen bis heute eine Sippengenossenschaftlichkeit,
die auch bei neuen Problemen oder auf Anregung eines einzigen Sippenmitgliedes
sich zu einem bestimmten Zweck organisiert. Dies macht es möglich, daß die
Haussasippe im Gegensatz zu anderen Sippen und Familiensvstemen Westafrikas
kapitalbildend und nicht kapitalvernichtend ist. Diese Verhaltensweise ist insofern
von grundsätzlicher Bedeutung, als das soziale Sicherheitssystem der traditionellen
afrikanischen Familie davon ausgeht, daß jeder Wertzuwachs der Familie größere
Konsummöglichkeiten gewährleistet und nicht etwa veranlaßt, neue Produktions-
158 Wolfgang Teuscher

mittel zu schaffen. Dabei wird der von dem einzelnen erworbene Zugewinn von
der ganzen Gruppe verbraucht. In den meisten Fällen ist es sogar eine Ehre,
Zugewinn sofort gemeinschaftlich verbrauchen zu lassen. Diese Forderung der
meisten afrikanischen Gesellschaften ist auch heute noch ein großes Hindernis für
die Bildung einer über eigene Produktionsmittel verfügenden Mittelschicht, wie
wir sie in Europa finden. Die Haussa sind also insofern eine Ausnahme. Ihre
Großfamilie kann nicht nur im Hinblick auf traditionelle Produktionsmittel- wie
beispielsweise bei den Küstenfischern die Herstellung des gemeinsamen Bootes
und der Netze - zu gemeinsamen Anstrengungen versammelt werden, sondern
steht auch zur Gründung eines Geschäftes, das großes Kapital erfordert, zusam-
men. Diese Eigenschaft ließ die Haussafamilie schon in der vorkolonialen Zeit zu
Unternehmern werden. Die Haussa wurden dadurch zu großen Mittlern und be-
stimmten mit ihrem Handelszentrum Kano den Fernhandel. Aus diesem Grund
besaßen sie zusammen mit der Bambara sprechenden Gruppe der Diula im heu-
tigen Mali und der Elfenbeinküste sowie den Bela-Tamaschek von Timbuktu
zeitweise das Fernhandelsmonopol Westafrikas.
Diese Außen- und Mittlerwirkung in ganz Westafrika ging eigenartigerweise
von einem Volk aus, das in Nordnigeria ein straff gegliedertes Feudalsystem
kannte. Das Reich der Haussa mit den Machtzentren Sohoto, wo ein theokratischer
Moslemsultan über eine Klassengesellschaft herrschte, besaß zwei Gesichter: Ein
kriegerisch-aggressives mit Reiterheeren und Angriffskriegen und ein friedliches
mit weit über die eigenen Grenzen wirkenden Händlern und Handwerkern. Diese
als wirtschaftliche Mittlergruppe wirkende Händler- und Handwerkerschicht stellt
innerhalb des Reiches bereits eine Mittelschicht ansehnlichen Ausmaßes dar. Sie
erweist sich damit als eine seltene Erscheinung auf dem afrikanischen Kontinent
südlich der Sahara.
Die Haussa sind am schwersten in einen der drei angegebenen Lebensrahmen
einzuordnen. Viele Elemente ihrer staatlichen Ordnung gehören der unter 1. be-
schriebenen traditionellen afrikanischen Gesellschaftsform an. Außerhalb ihres
Reiches treten die Haussa jedoch als eine geschlossene Teilgruppe auf, deren
Lebensgrundlage die Vermittlung von Geschäften und Wissen ist. Somit wären
sie zur 3. Form zu rechnen. Hinzu kommt, daß sie schon seit frühester Zeit dem
Islam angehören. Dadurch gewannen sie Beziehungen zu den anderen islamischen
Völkern der Saharazone sowie den Nupe, Mosse, Fulbe, Tekrur usw.
Im Gegensatz zu diesen islamischen Völkern, bei denen die Eigentumsdefinition
der altafrikanischen Kulturen aufgehoben wurde, fällt es den Völkern mit Stammes-
religion offensichtlich schwerer, aus sich heraus Schichten aus dem engen Sanktions-
system zu entlassen, oder anders ausgedrückt: Die traditionellen Gesellschaften,
die in ihren Wertsystemen durch den Islam nicht erschüttert wurden, zeigen eine
eng umschriebene Begrenzung der erzeugerischen Initiative. Gerade diese Ein-
engung aber steht der Formierung eines Mittelstandes entgegen. Die geringen
Möglichkeiten zur vertikalen Mobilität und die totale Einbeziehung aller Lebens-
äußerungen in das sozial-religiöse System bei den meisten traditionellen afrikani-
Die Mitte/schichten in den neugegründeten Staaten Westafrikas 159

schen Gesellschaften, vor allem aber zu jenem zweiten Typ, verhindern nahezu
vollständig deren technischen und wirtschaftlichen Fortschritt. So wird der
Lebensstandard über ein gewisses Niveau hinaus nicht gesteigert. Wenn er infolge
von Mißernten, Kriegen und Katastrophen gesenkt werden mußte, wird der
Lebensstandard dem alten Stand wieder angeglichen.
In der Mehrzahl der traditionellen Gesellschaften Afrikas existierte in der einen
oder anderen Form eine zentrale politische Herrschaft, durch welche ethnische
Gruppierungen bzw. geographische Regionen und die in ihnen lebenden Ein-
wohner zusammengefaßt wurden, wenn auch der Schwerpunkt der politischen
Macht im allgemeinen in diesen Regionen, und zwar in den Händen derer lag, die
die Nutzung des Landes durch religiöse Sanktionen zu kontrollieren verstanden.
Diese Art Agrargesellschaft schließt Mittelschichten weitgehend aus. Erst nach
der Überlagerung von starken Kriegervölkern und der Errichtung von Handels-
zentren, die überstammesmäßigen Elementen Asyl boten, konnte sich bei den
wenigen genannten Beispielen eine Art Mittelstand entwickeln. Häufig war dieser
Mittelstand eine Mittelschicht, eine Minorität oder ein Teilstamm, der freilich mit
einem okzidentalen Mittelstand nichts gemein hat. Wir können also stark verallge-
meinernd sagen: In bezug auf die Mittelschicht gab es in der vorkolonialen Periode West-
afrikas nur wenige Ansätze. Diese Erscheinung hat ihren verständlichen Grund
darin, daß Mittelschichten ja nur dort entstehen können, wo eine soziale Struktur
so etwas wie ein eigenständiges Unternehmertum ermöglicht und dieses sich von
der politischen Elite absetzt. Das aber setzt voraus, daß das ethnisch-religiöse
System einen Teil seiner Angehörigen aus seinem Ritus entläßt und einer Gestal-
tung des Daseins durch eigene Initiative nichts in den Weg legt. Weiterhin ist es nö-
tig, daß die Begründung der Macht nicht in der Konzentration der Potenz und der
Transparenz der Fruchtbarkeit im Herrscher oder in der herrschenden Gruppe
liegt, vielmehr muß sie begründet sein in der Verwaltung des Verteidigungs-
schutzes durch einen Vertrag auf Gegenseitigkeit. Das heißt: Dem Sakralkönig
wird geopfert und durch das Opfer in ihm die Potenz der Gemeinschaft gesteigert,
dem Kriegsherrscher hingegen wird Tribut gezahlt, wofür dieser die Verteidigung
gewährleistet. Im ersten Falle ist nur eine Mittelschicht in Form des Priesterstandes
möglich, im zweiten bildet sich eine händlerische und handwerkliche Mittelschicht
heraus, wie die wenigen genannten Beispiele der traditionellen afrikanischen
Gesellschaften zeigen.

Die koloniale Zeit

Die traditionellen afrikanischen Gesellschaften wurden durch den Einbruch der


europäischen Mächte nachhaltig erschüttert. Die Europäer blieben fast drei Jahr-
hunderte an den Küsten Westafrikas und beschränkten sich auf Handelsgeschäfte mit
wenigen hochwertigen Gütern wie Gcwüize, Gold und schließlich Sklaven, die in
der Plantagen wirtschaft Mittelamerikas benötigt wurden. Als Gegenleistung boten
160 Wolfgang Teuscher

sie vor allem Feuerwaffen und Werkzeuge. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts
waren die Kolonialmächte nicht daran interessiert, politische Macht auszuüben.
Die innerafrikanischen Zusammenhänge und die Wirkung ihres geschäftlichen
Interesses auf die traditionellen Systcme waren ihnen gleichgültig. Bald bildeten
sich freilich Systeme von Raubreichen, die das Land verheerten und die geraubten
Güter an der Küste gegen die von den Europäern gebotenen Waffen eintauschten5 •
Indirekt unterstützten die Europäer durch die Abnahme dieses Raubgutes die
verheerenden Wirkungen einzelner verhältnismäßig kleiner Kriegergruppen.
Westafrika wurde so in eine Unzahl von Kriegen gestürzt und das überkommene
Staatensystem in zwei Jahrhunderten völlig vernichtet. Es setzte eine Völker-
wanderung ein, die die demographische Struktur dieses Gebietes so lange außer-
ordentlich labil gestaltete, bis in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die europä-
ischen Mächte England, Frankreich, Portugal und Deutschland das politisch
anarchische Westafrika unter ihre Oberhoheit brachten. Die einzelnen Mächte
verhielten sich recht unterschiedlich gegenüber den lokalen Autoritäten. Allen
gemeinsam war jedoch, daß sie auf verschiedene Weise den universalen Anspruch
der autochthonen ethnisch-sozialen Systeme angriffen. Durch eine Art politisch-
religiöser Mission erschütterten sie die Vorstellungen über den Besitz und die überkom-
menen Sinngebungen des Lebens, und sie brachten die Menschen in Berührung mit
anderen Formen des Konsums- und Produktionsverhaltens. Überdies brauchten
die Kolonialmächte Hilfskräfte für die Verwaltung. Mehr oder weniger wahllos
holte man aus den unterschiedlichsten sozialen Systemen Menschen in Verwal-
tungsschulen und verlangte von ihnen, nach westlichen Gesichtspunkten in der
Administration zu regieren. Die koloniale Situation erzog die Mrikaner zur Mit-
hilfe in der Verwaltung, ohne daß ihnen aber eine Mitverantwortung eingeräumt
worden wäre. Die Engländer knüpften hierbei unmittelbar an afrikanische Herr-
schaftsformen mit ihrem System der indirect rule an. Die Franzosen versuchten in
sogenannten Häuptlingsschulen die Kinder der vorhandenen Elite ihrem politi-
schen System gefügig zu machen. Viele Häuptlinge lehnten es jedoch entschieden
ab, ihre Kinder den Befehlen eines Lehrers zu unterstellen. So geschah es nicht
selten, daß sie an Stelle des eigenen Kindes das Kind eines ihrer Sklaven ent-
sandten, das von den Franzosen zu einem Verwaltungs beamten ausgebildet wurde,
um später als Kantonchef der untersten administrativen Exekutive der Kolonial-
verwaltung plötzlich über der Herrscherschicht zu stehen. Daher erklärt sich, daß
der Alphabetisierung von der herrschenden Schicht ein größerer Widerstand ent-
gegengesetzt wurde als von anderen Schichten. Damit aber bildete sich gegen oder
richtiger neben der traditionellen afrikanischen Gesellschaft eine mit den Kolonial-
mächten kollaborierende Schicht von "Kontaktafrikanern", die langsam in die
Wertsysteme der Europäer hineinwuchsen und - die europäischen Lebensformen
zum Teil imitierend - zu Befehlsübermittlern hinsichtlich der traditionellen Milieus
wurden. Bis zum ersten Weltkrieg war diese Schicht der Kontaktafrikaner ver-

5 Vgl. Dietrich Westermann, Geschichte Afrikas, Staatenbildung südlich der Sahara, Köln 1952.
Die Millelschichte" i" tim "ellgegrilntleten Staaten Westafrikas 161

hältnismäßig klein. Die Konzentrationspunkte dieser Schicht waren die aus


Handelsstützpunkten entwickelten Städte an der Küste: Dakar, Conakry, Grand
Bassam (später wurde die Hauptstadt der Elfenbeinküste nach Abidjan verlegt,
das heute das Erbe von Grand Bassam angetreten hat), Takorady, Accra, Lome,
Porto Novo, Lagos usw. In diesen Städten entstanden größere Arbeitsmärkte; sie
waren der Umschlagsplatz der Rohstoffe aus dem Inneren und der Fertigwaren aus
Europa. Von ihnen aus wurden die weiten Gebiete Westafrikas verwaltet. Sierra
Leone und Liberia mit ihren Rückwandererkolonien amerikanischer Sklaven
weisen völlig andere Probleme auf, auf die später gesondert eingegangen wird.
Ein gutes Beobachtungsfeld für das Verhalten dieser Kontaktschicht ist die
Stadt Dakar, die die Tradition der ihr vorgelagerten Insel Goree fortsetzte. Goree
war seit vierhundert Jahren ununterbrochen in europäischem Besitz. Hier befand
sich neben Liverpool die wichtigste Sklavenbörse für afrikanische Sklaven. Eine
Schicht von Zwischenhändlern und afrikanischen Hilfstruppen lebte im Schatten
des wechselnden portugiesischen, britischen, holländischen und französischen
Forts, bis die Insel zu klein und die Siedlung vor hundert Jahren auf das Festland
an die Stelle des heutigen Dakar verlegt wurde. Dieses ins Meer ragende Kap
Verde wurde zum Ansatzpunkt französischer Afrikapolitik. Die Stadtkultur von
Dakar entstand an einem Ort, der keinerlei afrikanische städtische Tradition auf-
wies. Sie wurde als ein Bestandteil Frankreichs angesehen. Schon unter dem libe-
ralen Einfluß der Revolution von 1848 durfte der Senegal einen Deputierten in die
französische Kammer entsenden, der damals allerdings noch ein Franzose war.
Aber er hatte in der Metropole die schwarzen Bürger Dakars und des Senegals zu
vertreten. Die koloniale Verwaltung errichtete inmitten der traditionellen afrika-
nischen Systeme eine Gesellschaft nach dem Bilde Frankreichs. 1914 fanden die
ersten Wahlen in Dakar und St. Louis statt, und Frankreich bekam den ersten
afrikanischen Deputierten: Blaise Diagne. Diagne argumentierte zusammen mit
seinem politischen Anhang gegen jeden Versuch einer afrikanischen Emanzipa-
tion. Er sagte: "Wir französischen Eingeborenen wollen französisch bleiben, da
uns Frankreich jede Freiheit gewährt." Diese "Ära" DialJZes reichte über dessen
Tod im Jahre 1934 hinaus. Sein Nachfolger wurde der Mischling Galandotl Diouf,
der den Wahlkampf mit der Forderung nach einer Revision der Politik der schritt-
weisen Assimilierung gewonnen hatte. Er konnte aber an der politischen Lage bis
zu seinem Tode im Jahre 1945 kaum etwas ändern.
Die Verhältnisse in Dakar zur Zeit DialJZes sind äußerst aufschlußreich für das
Verständnis der Formierung der afrikanischen Eliten und des Entstehens der
kolonialen Gesellschaft.
Es wäre ein zu einfaches Schema, die koloniale Gesellschaft in Westafrika als
eine dreischichtige Pyramide aufzufassen, wie es etwa der Russe Pothekin tat, der
mit aller Gewalt versuchte, das Klassenschema anzuwenden. Er sieht als Basis der
Pyramide die große Masse der Afrikaner, dle innerhalb der traditionellen Gesell-
i><.:haften ieben. über ihnen steht eine Schicht von Mrikanern, die die Befehle der
kolonialen Unterdrucker an diese Masse weitergeben. Die obere Schicht der
162 Wolfgang Teuscher

Pyramide bilden die Vertreter der Kolonialmacht. Gegen ein solches Schema ist
einzuwenden, daß die Verhältnisse tatsächlich wesentlich komplizierter sind. In
einem Verwaltungskreis des Hinterlandes, in dem ein Kreiskornmandant mit
einem kleinen Stab von afrikanischen Administratoren einer großen Mehrheit
gegenübersteht, die in der traditionellen Gesellschaft lebte, mag ein solches
Strukturbild vielleicht zutreffen. Für die Küstenstädte wie Dakar beispielsweise
trifft es aber bereits für die früheste Zeit nicht mehr zu. Hier bildete sich eine wohl-
gegliederte und -geschichtete neue afrikanische Gesellschaft, die nur noch wenig
Ähnlichkeiten mit den traditionellen Kulturen aufwies. Die neuen afrikanischen
Stadtkulturen, wie sie sich in Dakar, aber auch in Lagos, Abidjan, Accra und
Conakry ausbildeten, lebten auf eine mehr oder weniger bewußt durchgeführte
Assimilation an das Mutterland hin.
In den britischen Kolonien war an die juristische Fixierung einer solchen Assi-
milation in keiner Weise zu denken, obgleich auch dort eine afrikanische Ober-
schicht mehr oder weniger "britisch" dachte. In den französischen Städten und
vor allem im Senegal besaßen die Bewohner von vier Kommunen (Rufusque,
Dakar, Goree und St. Louis) das französische Bürgerrecht. Das Hinterland blieb
jedoch im Zustand des "etre protege". In ihm war die Zwangsarbeit das einzige
Mittel, das die Kreiskornmandanten kannten, um die wirtschaftliche Infrastruktur
notdürftig zu unterhalten. Eine kleine europäische Minderheit mußte durch ge-
schicktes Lavieren mit wenigen Polizeitruppen versuchen, die angestammten
Herrscher unter Kontrolle zu halten. Das ergab in dem beinahe nicht verwalteten
Niger andere Probleme als in Obervolta oder in dem bis zum ersten Weltkrieg
durch Aufstände erschütterten Guinea. Die politisch kaum unterworfenen Aschanti
im heutigen Ghana oder die Stämme im Norden Togos (Moba, Kabre, Tscho-
kossi) boten zeitweise bis in die zwanziger Jahre das Bild antiker Tributvölker, die
man nicht weiter beachtete, wenn sie nur ruhig blieben.
Die Strukturveränderungen der afrikanischen Gesellschaft spielen sich im wesent-
lichen in den neuen afrikanischen Siedlungen an der Küste ab. Dabei wurde die
koloniale Situation vor allem den Intellektuellen am deutlichsten. Sie erlebten
unmittelbar den Zickzackkurs der europäischen Haltung gegenüber den Kolo-
nien. Periodenweise stellten sie sich auf eine Assimilierung ein, dann mußten sie
von den die Rasse diskriminierenden Bestrebungen der Assozüerung erfahren. Die
Verfechter dieser These lehnten eine höhere Schulbildung für Eingeborene ab.
Demokratische Rechte oder allgemeines Wahlrecht stand für sie gar nicht zur
Diskussion. Vielmehr zeichnete sich die Assoziierungspolitik Frankreichs für die
afrikanischen Kolonien durch ihre despotische Regierungsform bzw. durch eine
Art Paternalismus6 aus. Zwischen Assimilierungspolitik und Assoziationspolitik
hin- und hergerissen, von der Stammeskultur abgewendet, vor den Pforten euro-
päischer Bildung stehengeblieben, wuchsen die Kontaktafrikaner in Westafrika zu
einer Mittelschicht heran, die einerseits zwar eine politisch-administrative Füh-
6 Vgl. John Midd/elon und David Tait, Tribes without Rulers, Studies in Africain Segmentary
Systems, London 1958.
Die Mitte/schichten in den neugegründeten Staaten Westafrikas 163

rungsschicht darstellte, andererseits aber die noch nicht aufgestiegenen Afrikaner


verachtete, den Kontakt zu ihnen vernachlässigte und den Anschluß an die "weiße
Welt" suchte. Diese Lage mußte die Kontaktafrikaner bzw. diese eigenartige
koloniale Mittelschicht in den Zustand eines fortdauernden Minderwertigkeits-
gefühls bringen.
Ungeachtet der intellektuellen Diskussion um die Rechte der kolonialen Afri-
kaner wuchs im Verlaufe der kolonialen Verwaltung eine immer größere Zahl von
jüngeren Afrikanern heran, die in den Büros der Residence Offtcer und Commandant
de Cercle Dienst taten und sich zu einer unentbehrlichen mittleren Verwaltungs-
schicht formierten, um so zu einer Elite im afrikanischen Sinn zu werden.
Der Stand der Medicins Africains, der Ärzte ohne vollakademische Ausbildung,
trug schnell dazu bei, die Mittelschicht zu vergrößern. Schließlich war die Armee
diejenige Institution, die den breitesten Rahmen für eine afrikanische untere Mittel-
schicht der kolonialen Verwaltung abgab. 1960 gab es in Westafrika mindestens
200000 ehemalige Kriegsteilnehmer. Sie verbreiteten die französische Sprache bis
in das kleinste Dorf; sie waren die besten Propagandisten für die Alphabetisierung.
Sie waren loyal gegenüber der Kolonialmacht und wirkten stabilisierend, entwik-
kelten aber als Schicht keine eigene Initiative.
Anders ist es mit dem Lehrerstand. Er wurde in zunehmendem Maße von den
traditionellen Autoritäten anerkannt und gewann im Hinterland in kleinem Rah-
men politische Macht. Aus ihm gingen später eine Reihe von politischen Persön-
lichkeiten hervor (Sir Abubakar Balewa, Azikwe, Senghor).
Die Geschichte der afrikanischen Emanzipation zeigt indessen ein zunehmendes
Unbehagen der Angehörigen jener Mittelschicht zwischen den Vertretern der
Kolonialmacht und den "Eingeborenen". Glaubten sie zunächst, die oberste
Schicht der Kolonisierten zu sein, so mußten sie doch im Laufe der Zeit schmerz-
lich zur Kenntnis nehmen, daß ihnen einerseits ihre Negerhaftigkeit (Personalite
Negre) in den Assimilationsanstrengungen verlustig zu gehen drohte, daß sie
andererseits aber von den Europäern nach wie vor diskriminiert wurden. Aus
dieser Erkenntnis heraus und getragen von der allgemeinen weltpolitischen Ent-
wicklung nach dem zweiten Weltkrieg ergriffen deshalb die führenden Köpfe der
afrikanischen kolonialen Mittelschicht auf dem politischen und intellektuellen
Gebiet die Initiative.

Die Unabhängigkeitsbewegung:
Eine Revolution der kolonialen Mittelschichten

In der Aufstiegsgeschichte der kolonialen Mittelschicht verdient das Schicksal


eines Mannes besondere Beachtung, dem es gelang, sich bis zum höchsten Verwal-
tungsposten, nämlich dem Amt eines Gouverneurs. emporzuarbeiten. Es handelt
sich um Folix Eboue, einen Farbigen aus Martinique, der durch seine Tatkraft und
sein Einschwenken auf die Linie de Gaul/es im Jahre 1944 das Signal zur "Bewe-
164 Wolfgong Teus&her

gung von Brazzaville" gab. Auf jener denkwürdigen Konferenz von Brazzaville
versprach de Gaulle, Frankreicb werde eine fortschrittliche Kolonialpolitik ein-
leiten, die den Eingeborenen "die Behandlung ihrer eigenen Angelegenheiten"
ermöglichen werde? Für die innere Reorganisation sollten die Gouverneure alle
Persönlichkeiten heranziehen, die "bereits jetzt fähig sind, eine kompetente Mei-
nung zu äußern". Neben dieser allgemeinen Feststellung war jedoch jene Empfeh-
lung sehr wichtig, die lautete: "In mindestens fünf Jahren soll die Freiheit der
Arbeit verwirklicht werden8 ."
NachBeendigung des zweiten Weltkrieges sagten die Angehörigen der kolonia-
len Mittelschicht aber den alten Privilegien der Kolonialmächte den Kampf an.
Gleichzeitig wurde das Wirtschaftsleben stark aktiviert, und es bildeten sich
Parteien. Der "Geist von Brazzaville" schien nach dem Sieg der Alliierten nichts-
destoweniger in Vergessenheit zu geraten, da sich auch Bestrebungen einstellten,
das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Ertrugen im Verlauf des "effort de
guerre" die Afrikaner die Zwangsarbeit, so schien ihnen aber nach dem Kriege
jede Begründung dafür zu fehlen. Vor allem die koloniale Mittelschicht fühlte sich
durch einen möglichen Schritt zurück beunruhigt. Tatkräftiges Handeln schien
ihnen vonnöten. Senghor, d' Arboussier, Houphouet-Boig'!J, Moumie, Modibo Keita,
Fodeba Keita, Zinsou, Konate Quezzin KoulibatJ, Barry Diawadou setzten sich die
Organisation der politischen Kader zum Ziel. Man muß nämlich wissen, daß die
koloniale Mittelschicht über mindestens ein Jahrhundert hin nicht zuletzt durch
ihre völlig unpolitische Haltung bestimmt war. Nun wurde sie zu einer bis in alle
Verzweigungen reichenden politisierten Gruppe mobilisiert, weshalb bereits nach
kurzer Zeit selbst Ärzte, Lehrer, Kommis der Handelshäuser, afrikanische Admi-
nistratoren ihrer Stellung geradezu schuldig zu sein glaubten, politisch tätig zu
werden.
Viele lehnten sich an die französischen Kommunisten an, da sie sich als aus-
gebeutete Proletarier fühlten. Außerdem fehlte es ihnen an einem Konzept politi-
scher Zielsetzungen, so daß man dankbar erst einmal auf die Klassenkampftheorie
zurückgriff. Aber sehr bald ließen sie davon ab, da ihnen klar wurde, daß das
marxistische Schema das Ergebnis einer Analyse einer bestimmten mitteleuropä-
ischen Industriegesellschaft und für die afrikanischen Verhältnisse denkbar un-
geeignet war. Eine Suche nach den Quellen des Afrikanertums begann. Diese
Besinnung verband sich mit den notwendigen politischen Forderungen, die sich
allmäblich zu einer politischen Dogmatik entwickeln sollte. In den englischen
Gebieten vollzog sich parallel zu dieser Entwicklung eine erste Anlehnung der
kolonialen Mittelschicht an den englischen Sozialismus fabianistischer Prägung.
In den panafrikanistischen Thesen von Padmore 9 , den pragmatischen Ratschlägen
von "Zik" Azikwe wurde eine sozialistische bzw. sozialistisch-liberale Haltung
gefunden.
? Vgl. Chor/es de Goulle, Memoires de Guerre, Bd. 1, Paris 1954.
8 Thomos Hodgkin, Nationalism in Colonial Africa, London 1956, S. 35.
• Vgl. George Podmore, Panafricanism or Communism?, London 1956.
Die Mitle/s&hiGhlen in den neugegriindelen SlfllZlen Weslafrikas 165

In den Jahren der Unabhängigkeitsbewegung (1956-1960) und in den Jahren


der "Mrikanisierung der Kader" wurde unversehens aus der kolonialen Mittel-
schicht Westafrikas dessen politische Elite. Diese neue Oberschicht besitzt noch
viele Merkmale ihrer vergangenen Rolle. Das wohl nicht unbedeutendste ist darin
zu sehen, daß sie nach wie vor kein genaues Wissen von den eigenen traditionellen
Gesellschaften besitzt, obwohl sich ihre philosophische Diskussion seit anderthalb
Jahrzehnten darum bemüht. Die in Ideologien übergehenden Systeme und Erklä-
rungen des Mrikanertums können über den Mangel an Selbstverständnis dieser
überforderten Schicht nicht hinwegtäuschen.

Die afrikanische Gesellschaft auf der Suche nach einer Mittelschicht


Die Entwicklung aus dem kolonialen Zustand in die Unabhängigkeit ist in
Westafrika durch äußere weltpolitische Ereignisse so beschleunigt worden, daß
ihr die innere Entwicklung kaum zu folgen vermochte. Eines ihrer auffälligsten
Ergebnisse ist darin zu sehen, daß die ehemalige Mittelschicht zur (politischen)
Fiihrungsgruppe aufstieg, ohne daß die frei gewordenen gesellschaftlichen Positionen
durch aufrückende Angehörige der Unterschicht besetzt werden konnten. Will die
Oberschicht aber ihre Verbindung zu ihren eigenen nationalen Einheiten und
Gesellschaften nicht verlieren, ist es unerläßlich, so schnell wie möglich die mittleren
sozialen Ränge wieder Zu besetzen. Das derzeitige Schichtbild in den jeweiligen Staaten
bietet sich demnach etwa so dar wie z. B. in Togo, wo gegenwärtig vier Ärzte
als Minister in der Regierung sind, ein Arzt außer Landes gehen mußte, weil er
der politischen Opposition angehörte, während gleichzeitig etwa 10 ihren eigent-
lichen Beruf ausübende Ärzte im Lande fehlen. Ähnliche Verhältnisse finden wir in
anderen Staaten, wo die koloniale Mittelschicht fast geschlossen zur Führungs-
schicht aufrückte und unzählige praktische Aufgaben ungelöst bleiben. Am augen-
fälligsten wurde das Fehlen einer Mittelschicht nach dem Aufsteigen der kolonialen
Mittelschicht in Guinea. Hier verlief die Entwicklung unter dem Einfluß Slkou
Toures mit ungeheurer Vehemenz. Mit den Mitteln eines in wenigen Jahren auf-
gebauten Parteiapparates manövrierte Toure seine politischen Kader in die Füh-
rungsrolle. Für kurze Zeit zwang er durch sein Taktieren sogar die französischen
Administratoren in die Rolle der Exekutive und kehrte dadurch das Verhältnis
von politischer Führungsschicht und Mittelschicht um. Nach dem Rahmengesetz
(1956) setzte er mit Hilfe der Franzosen in Guinea die Entmachtung der traditio-
nellen Häuptlinge durch. Die Franzosen beraubten sich damit ihrer treuergebenen
Gruppe traditioneller Afrikaner, deren leere Stellen mit Parteifunktionären besetzt
wurden. Die totalitäie Organisation des Staates und die Identität von Partei- und
Staats ämtern war von der Struktur Guineas her die einzige Möglichkeit, ein Volk
ohne Mittelstand zu verwalten.
Es ist erstaunlich, zu beobachten, daß sich drei Jahre nach dieser radikalen Lö-
166 Wolfgang Teuscher

sung, also 1961, in Guinea Mittelschichten bilden, die, ökonomisch ausgerichtet,


in dem sonst sozialistischen Staat Guinea ein kleines privates Unternehmertum
begründen. Der Handel wurde freilich in den ersten beiden Jahren konsequent
verstaatlicht. Unerfahrene Funktionäre verhinderten dabei die Entwicklung von
gesunden Märkten, so daß die Versorgung der Bevölkerung katastrophale Formen
annahm. Eine weitere Form von "Privatwirtschaft" zeigt sich darin, daß eine
immer größere Zahl von Funktionären, unter denen Regierungsmitglieder den
Anfang machten, dazu überging, ihren Verdienst in Taxiunternehmen anzulegen -
eine übrigens in ganz Westafrika übliche hochverzinsliche Kapitalanlage, die
meistens geschäftstüchtige Frauen ausnutzen. Hinsichtlich des ebenfalls verstaat-
lichten Transportwesens ist zu sagen, daß es durch Fehlplanungen und illegale
Transporte sehr bald korrumpiert wurde. Daraufhin erlaubte die Regierung den
Ferntransport im freien Wettbewerb. Eine unternehmerische Schicht ergriff diese
Chance. Aus ihr entwickelte sich eine rege Kleinunternehmerschicht. Sie drang
schnell in den allgemeinen Handel vor und begann, den staatlichen Handelsagentu-
ren merklich Konkurrenz zu machen.
Der afrikanische Sozialismus, von dem Sekou Toure spricht, ist in der geschil-
derten Struktur eine Gesellschaftsverfassung ohne Mittelschicht. Seine Festigung wird
nicht in der Schaffung dieser mittleren sozialen Schicht gesehen, sondern in der
Überführung der kooperativen wirtschaftlichen Formen der verschiedenen tradi-
tionellen Gesellschaften in moderne Erzeugungsformen. Die zur Führungsschicht
aufgerückte koloniale Mittelschicht sieht dabei überhaupt keine andere gesell-
schaftsgestaltende Möglichkeit als diesen afrikanischen Sozialismus, der ebenso
Kultur- wie Wirtschaftstheorie ist. Das Fehlen einer unternehmerischen Mittel-
schicht wird also noch nicht einmal gespürt. Da in Senegal, an der Elfenbeinküste,
in Togo, Dahomey und Nigeria auf größere Elitekader zurückgegriffen werden
kann, kann man auch behutsamer bei der Errichtung des Sozialismus vorgehen.
Aber auch hier findet sich nur beschränkt eine unternehmerische Mittelschicht.
Das Vorhandensein einer mittleren Schicht von Funktionären und Beamten macht
allerdings radikale Lösungen nicht notwendig. Ghana hingegen ist ein Beispiel für
einen rückläufigen Prozeß. Hier bildete sich bereits in kolonialer Zeit eine unter-
nehmerische Mittelschicht aus kleineren industriellen Unternehmern, die sich -
ohne jedes politische Interesse - allein oder in Partnerschaft mit Europäern, Syrern
und Libanesen etablierte. Diese Ansätze sind etwa seit 1959 zunichte gemacht
worden. Was etwa in Guinea ein notwendiger Schritt sein kann, wurde in Ghana
der sozialistischen Doktrin folgend entwickelt. Der freie Mittelstand, wenigstens
in Ansätzen bereits vorhanden, fällt also hier der konsequenten "Sozialisierung"
zum Opfer. Die Zielsetzung der einzelnen Regierungsparteien und die Weise, wie
das Problem der Integrierung der traditionellen Gruppen in eine nationale Einheit
vollzogen wird, besitzt also auch und gerade für den wirtschaftlichen Aufbau ent-
scheidende Bedeutung.
So stehen die Führungsgruppen der verschiedenen neuen westafrikanischen
Staaten durchweg vor dem Problem der Zuordnung ihrer traditionellen Gesellschaften,
Die Mitte/schichten in den neugegriindeten Staaten Westafrikas 167

welches zu lösen besonders dadurch erschwert wird, daß sie selbst zwar aus ihnen
stammen, sich ihnen aber mehr oder weniger entfremdet haben. "On a blanchi
ma raison; mais mon sang inattaquable est pur, conserve de tout contact. Mon
sang est reste paien dans mes veines civilisees et se revolte et piaffe aux sons des
tamtam noirs!" Diese Äußerung von Mariama Ba lo erscheint als eine Rationalisie-
rung. Der Weg zur großen ruralen Mehrheit, die in Westafrika zu nationalen Ein-
heiten werden soll, geht über das Herz. Man versucht mit einem bestimmten
Gefühl, das in der allgemeinen Diskussion mit "Negritude" bezeichnet wird, einen
Zugang zur afrikanischen Mehrheit zu finden. Denn man sucht aus ihrer Mitte
Hilfe.
Im vorangegangenen Kapitel über die traditionellen Gesellschaften hatten wir
uns bereits mit dieser Mehrheit beschäftigt. Wir hatten festgestellt, daß mit gerin-
gen Ausnahmen die traditionellen Gesellschaften Mrikas kaum aus sich heraus
unternehmerische Initiative entwickeln können. Der Grund war in der Einstellung
zur Großfamilie und Sippe zu suchen, die in ihrem kooperativen Sicherheitssystem
kapitalzerstörend wirkt. Im Rahmen dieser traditionellen Kulturen gibt es nur den
einen Weg zur Entfaltung des Wirtschaftslebens, nämlich die Verwirklichung des
genossenschaftlichen Prinzips, was übrigens auch von fast allen führenden Politi-
kern bereits zum Ausdruck gebracht wurde l l • Der Aufbau einer Mittelschicht,
deren Charakter im einzelnen nicht festzulegen ist, könnte demnach nur gegen die
Tradition geschehen, was auch für andere Gebiete Afrikas zutreffen dürfte.
Eine Ersatzlösung könnte der Experte sein bzw. der ihm folgende Mann, der
technische Hilfe bringt. Einströmende Geschäftsleute und Unternehmer aus
Europa oder dem Nahen Osten, die in diesen Raum ungenutzter geschäftlicher
Möglichkeiten hineindrängen, würden allerdings im Lande ein Gefühl der Be-
einflussung erzeugen, das sich über kurz oder lang in Aggressionen gegen diese
Gruppe einer wirtschaftlichen Mittelschicht verwandeln dürfte. In Ghana z. B.
läßt sich ein solcher Vorgang gegenwärtig beobachten. Dort wird die wirtschaft-
liche Mittelschicht, die sich aus den genannten Gruppen gebildet hat, systematisch
vernichtet bzw. des Landes vertrieben. Die Furcht vor einer wirtschaftlichen
Mittelschicht, die von außen ins Land kommt und die klaffende Lücke der gesell-
schaftlichen Mitte ausfüllt, ist überall vorhanden. Mamadou Dia, der Minister-
präsident des Senegals, formulierte dieses Problem in seinen "Reflexions sur
l'economie de l'Mrique noire" folgendermaßen: "Nous aspirons a remonter le
mieux possible le handicap de notre dependance economique. Il faut connaitre tres
exactement les contours de cette dependance, qui permettrons d'imaginer les
mesures a prendre pour y remedier, le choix de teIle ou teIle mesure sera un acte

10 Mariamo Ba, zitiert in: Maaradou Dia, ReHexions sur l'economie de l'Afrique noire, Paris
1960, S. 83.
11 Afrikanische Politiker fast aller Richtungen stimmen darin überein, daß das genossenschaft-
liche Prinzip die afrikanische Lösung wirtschaftlichen HandeIns sei. Mamadou Dia, der
Ministerpräsident der Republik Senegal, widmete diesem Problem bereits 1952 eine Studie:
Mamadou Dia, Contribution a l'etude du mouvement cooperatif en Afrique noire, Paris 1952.
168 Wolfgang Teuscher

politique, dont nous aurons pese toutes les consequences." Und weiter: "J'estime
indispensable de rassembier le potentiel en organisation. Dans un pays insuffisam-
ment developpe, c'est un imperatif absolu. J'entends par la la voie de la planifica-
tion, qui decoule de notre option socialiste, et qui subordonne aux interets com-
munautaires de la nation, le gouvernment des choses essentielles. Non pas, certes,
une planification soupie et ferme a la fois, epousant les contours du developpement
humain12."
Keiner der westafrikanischen Politiker hat es bisher ausgesprochen und in keiner
Analyse der neuen afrikanischen Gesellschaft wurde es genau gesagt: Der wesent-
liche Mangel in allen westafrika1/ischen Staaten ist das Fehlen einer den bestehenden Ver-
hältnissen entsprechenden wirtschaftlichen Mittelschicht. Europäer, Syrer oder Libanesen,
die in diesen Raum vorstoßen, können bald unter dem Aspekt des Neokolonialis-
mus ihrer Existenz beraubt werden. Die afrikanische Antwort auf diesen Mangel
ist gegenwärtig die Planwirtschaft. In dieser hat der Experte oder der "Technical
Assistant" eine für die afrikanische Kultur ungefährliche Rolle. Er kann als Gast
das Land jederzeit wieder verlassen. In fast allen Staaten wurde auf diese Heraus-
forderung von außen mit afrikanischen sozialistischen Thesen geantwortet.
Ausnahmen sind lediglich Nigeria, Togo, Sierra Leone und Liberia, wobei
Liberia als alter unabhängiger Staat mit einem oligarchischen Führungsklan, der
das Hinterland meidet und sich vom Volk distanziert, ausfällt. Nigeria als der Riese
unter den afrikanischen Staaten, in dem allein fünfzig Prozent mehr Menschen
wohnen als im übrigen Westafrika, kennt diese überfremdungsängste kaum. Wie
im nächsten Kapitel deutlich wird, sind die Schichtungsverhältnisse dort weitaus
günstiger.
In Togo vollzog sich unter der Führung von Sylvanus Olympio ein wirtschaft-
liches und gesellschaftliches Experiment. Es wurde eine Art "Politik der offenen
Tür" getrieben. Die Armut des Landes und der niedrige Entwicklungsstand der
wirtschaftlichen Infrastruktur veranlaßt einstweilen noch die Libanesen und Syrer
ebenso wie die mittelständischen europäischen Geschäftsleute, dem Lande fernzu-
bleiben. Im übrigen gibt es eine kleine togoländische Mittelschicht in Lome, die
ohne Initiative unbeweglich verharrt. In Togo ist das Entwicklungstempo noch
so langsam, daß neue bewegende Kräfte kaum sichtbar werden. - In dem gerade
selbständig gewordenen Sierra Leone bestehen strukturell dieselben Verhältnisse
wie in Liberia. Nur brechen hier die Bevölkerungsgruppen aus dem Hinterland,
angeführt von dem Premierminister, in das Milieu der städtischen Rückwanderer-
kultur ehemaliger Sklaven ein und setzen einen Prozeß in Gang, der die Möglich-
keit der Bildung einer afrikanischen wirtschaftlichen Mittelschicht nicht aus-
schließt. Auch könnten sich hier ersatzweise nichtafrikanische Mittelschichten
ansiedeln.

12 Mamadou Dia, Reflexions sur l'economie de l'Afrique noire, Paris 1960, S. 135.
Die Mitte/schichten in den neugegründeten Staaten Westafrikas 169

Ansätze und Ausprägungen afrikanischer Mittelschichten


Das im letzten Abschnitt Gesagte läßt sich etwa folgendermaßen zusammen-
fassen: In den neuen afrikanischen Staaten fehlen infolge der durch sie ins Leben
gerufenen politisch-sozialen Formen nennenswerte Mittelschichten. Diesen Struk-
turverhältnissen entsprechen gesellschaftspolitische Konzeptionen sozialistischer
Prägung. Ihre Eigenart liegt in der Hinwendung zu einer ursprünglich afrikani-
schen Kultur, d. h. in der Suche nach einer afrikanischen Ideologie. Ist dieses
Streben nach einer Selbstverständigung zwar heute noch darauf angewiesen, sich
in okzidentalen Sprachen auszudrücken, so verstärkt sich doch zusehends das
Verlangen nach der Formulierung der afrikanischen Geistigkeit und nach einem
afrikanischen Humanismus. Um regieren zu können, müssen die afrikanischen
Eliten zwar einerseits die Führungskräfte der traditionellen Gesellschaft entmach-
ten, doch müssen sie andererseits darauf bedacht bleiben, die Substanz der
traditionellen Gesellschaften als Zeugen afrikanischer Geistigkeit und der be-
rühmten "Negritude" lebendig zu erhalten. Dieser Zwiespalt hat soziale Span-
nungen entstehen lassen, die es zu beseitigen gilt. Für ihre Beseitigung scheinen
sich drei Lösungen anzubieten:
1. Die Planwirtschaft, d. h. Aufbau der Kooperativen und die Ausführung des
Willens der Regierungen durch Verwaltungskader, also die Herrschaft von
Funktionären;
2. Die systematische Heranbildung eines wirtschaftlichen Mittelstandes, also einer
kleinen Unternehmerschicht, die das individuelle Risiko auf sich nimmt. Dieser
Weg setzt allerdings einen erfolgreichen Prozeß psychologischer Individualisie-
rung voraus, welcher sich einstweilen jedoch noch die Struktur der afrikanischen
Großfamilie entgegenstellt. Die gesamte Familie in die Mittelschicht zu heben,
ist nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen möglich;
3. Die Funktionärsschicht einer Planwirtschaftsgesellschaft korrumpiert und ent-
wickelt deshalb illegale wirtschaftliche Initiative. Sie erfüllt damit sozusagen
nebenamtlich Mittelstandsfunktionen. Indessen beruht dieser dritte Weg wohl
auf einem Wunschdenken, das ja in bezug auf die kollektivistische Welt bereits
versagte, insofern man bisher vergeblich darauf hoffte, daß die sowjetrussische
Funktionärsschicht in ein bourgeoises Verhalten hinübergleiten würde.
An diesem Punkt der Diskussion müssen wir wieder auf das im Abschnitt über
die traditionalen GesellschafLen Gesagte zurückkommen. Es gibt in ihnen nämlich
einige spärliche Ansätze zu einer wirtschaftlichen Mittelschichtbildung auf Sippen-
grundlage, die in dieser Entwicklungsphase Mrikas Möglichkeiten zur Entfaltung
finden. In Nordnigeria sind das vor allem die Haussa, in Ostnigeria die Ibo. Die
Haussasippe ist so beweglich, daß sie neue Unternehmen zu gründen vermag Die
3cltsanie Mischung aus nomadischen und seßhaften Elementen mag zu dieser
Fähigkeit beigetragen haben. Im übrigen entläßt man auch einen Haussa ohne
Umstände für längere Zeit aus dem Sippenzusammenhang. Es ist ihm erlaubt, sich
jahrelang in Westafrika oder Ostafrika aufzuhalten und Geschäfte zu tätigen und
170 Wolfgang Teuscher

Unternehmungen zu gründen, um schließlich zurückzukehren und die Sippe als


Ganze in seine Pläne einzubeziehen. Die Ibo gründen ebenfalls außerhalb ihres
Stammesbezirks mit ihrer Familie neue Unternehmen, die mehr oder weniger als
Familienkollektiv geführt werden.
Mit dem sich vergrößernden Markt für das afrikanische Kunsthandwerk und
die Erzeugnisse der Goldschmiedekunst hat die Kunsthandwerkerschicht, die
früher im Dienste sakraler Verrichtungen stand, an Zahl und Wirtschafts kraft
zugenommen. Es entwickelten sich vor allem in Bamako eine Goldschmiedegilde
und im Anschluß an das sogenannte Artisanat des "Institut Fran~ais d' Mrique
Noire" eine Künstlergilde, die leider der Verstaatlichung in Mali zum Opfer fiel
bzw. zum Teil nach Dakar und Wagadugu in Obervolta ausgewichen ist. Doch in
Dahomey, Nigeria (vor allem Kano), der Elfenbeinküste und in Dakar sowie in
der islamischen Republik Mauretanien blüht dieses Kunsthandwerk langsam
wieder auf. Die traditionellen Händlergruppen sorgen einstweilen noch für den
Absatz an den Küsten. Bei einer durchaus möglichen Produktionssteigerung
dürften sich jedoch ihre Verkaufs methoden als nicht ausreichend erweisen. In
Dahomey beginnt man zwar, staatliche Verkaufs stellen für den Export dieser
Waren zu errichten, doch bedeutet diese "Verstaatlichung" gerade keine Förde-
rung der wirtschaftlichen Mittelschicht, sondern genau deren Gegenteil.
Fundierte Ansätze für eine Mittelschicht finden wir in Westafrika bei einer afri-
kanischen Pflanzerschicht, die, angeregt durch europäische Konzerne oder durch
die koloniale Verwaltung, mit dem Anbau exportfähiger agrarischer Produkte
begann.
Eine Entwicklung, die in die zwanziger Jahre zurückgeht, wurde in Liberia und
später in Sierra Leone angeregt. Hier investierte die Firestone Company ansehn-
liche Summen in den Plantagenbau und gab Kredite an eingeborene Pflanzer zur
Anlage kleiner Pflanzungen für die Gewinnung von Gummi. Heute produzieren
diese Kleinplantagen insgesamt mehr Rohgummi als die großen Pflanzungen der
Konzerne.
An der Elfenbeinküste entstand nach dem zweiten Weltkrieg eine Kaffee- und
Kakaopflanzerschicht, die allerdings zum Teil mit der gegenwärtig führenden
Elite identisch ist. Die Regierung versucht, durch billige Kredite die Neugründung
von Kleinplantagen anzuregen und die bestehende wirtschaftliche Mittelschicht
zu vergrößern. Ähnliche Verhältnisse wie an der Elfenbeinküste finden wir in
Dahomey. Auch hier entstanden schon in kolonialer Zeit afrikanische Pflanzer-
gruppen, die in Porto Novo und Cotonou regen Anteil am Geschäftsleben nahmen.
In Ghana liegen die Dinge etwas anders. Die straffe Stammesorganisation der
Akkan-Völker sowie deren religiös geprägte Eigentumsvorstellungen ließen keine
selbständigen Pflanzer aufkommen. Das Kakaogeschäft blieb deshalb in den Hän-
den des Aschantiadels, und eine mehr feudale als mittelständische Unternehmer-
schaft kontrolliert heute die größte Kakaoproduktion der Erde. 1961 jedoch ver-
suchte die Regierung N' krumah eine Nationalisierung des Kakaohandels, wodurch
die Produktion nicht unwesentlich gedrosselt worden ist.
Die Mitte/schichten in den neugegründeten Staaten Westafrikas 171

In den neoafrikanischen Stadtkulturen Westafrikas sind als weitere Ansätze für


die Entstehung von Mittelschichten die Handwerker- und Mechanikergruppen zu
nennen. Allerdings ist ihre Zahl so klein, daß von einer Schicht nicht gesprochen
werden kann. Außerdem dominiert nach wie vor das System der Großfamilie, das
eine vertikale Mobilität erheblich einschränkt. Hinzu kommt die Existenz von
statuszuweisenden Organisationen, wie die Geheimbünde, die in der neoafri-
kanischen Kultur zum Teil weiterleben. Eine ähnliche Wirkung geht von den
Parteiorganisationen aus, innerhalb derer ein beschränkter Aufstieg möglich ist.

Einige soziologische Aspekte der Entwicklungshilfe

Zusammenfassend ist zu sagen, daß es bis zur Stunde noch keine sich organisch
in den Rahmen der neuen afrikanischen Gesellschaft einfügende Mittelschicht gibt,
wie wir sie in Europa, in Teilen Asiens, Nordamerikas und Südamerikas kennen.
Allerdings ist zu bemerken, daß im Gegensatz zu diesen Gebieten Westafrika
unterbevölkert ist, daß in Mrika der Bevölkerungsstoß, der erwartungsgemäß
nach gewissen hygienischen und versorgungsmäßigen Verbesserungen eintritt,
erst noch bevorsteht. So ist erst in den nächsten] ahren mit einem gewaltigen An-
stieg der afrikanischen Bevölkerung zu rechnen. Das Ergebnis werden bevölke-
rungsstrukturelle Veränderungen sein, die sich zunächst als Landflucht auswirken
dürften; die sich daran anschließende Rückwanderung in die beinahe leeren Agrar-
zonen dürfte zu einer Zerstörung der alten Sippenformen führen.
Ob diese Entwicklung zur Bildung von Mittelschichten oder gar zu einem
unternehmerischen bzw. funktions-spezifischen Mittelstand führen wird, der dem
europäischen Mittelstand gleicht, ist unwahrscheinlich. Die gegenwärtige Tendenz
in vielen Staaten deutet vielmehr auf die folgende Entwicklung hin: In verstärk-
tem Maße wird die unternehmerische Initiative und das Risiko von den staatlichen
Stellen übernommen. Dadurch aber wird ein gewisser Kreis von Funktionären
veranlaßt, Teilfunktionen einer Mittelschicht zu übernehmen. Deren Beweglich-
keit ist allerdings eingeschränkt und ihre Aktivität als Befehlsempfänger und
-übertrager zu sehr gelenkt, als daß sie ein Eigengewicht entwickeln könnten.
Das gegenwärtig angewandte oder geplante System der Entwicklungshilfe und
der technischen Hilfe fördert diese Tendenz. Der in ein afrikanisches Land ent-
sandte "Technical Assistant" oder Experte trägt keinerlei unternehmerisches
Risiko. Er rät zu wirtschaftlicher Initiative ohne eigene Verantwortlichkeit. Diese
Tätigkeit kann er nur innerhalb eines Regierungsplanes ausüben. Er fördert also
die Herrschaft der Funktionäre. Die Regeln der Kapitalhilfe für die Entwicklungs-
länder sind ebenfalls so, daß nur Projekte gefördert werden können, die von den
Regierungen eingeleitet und im Rahmen eines Regierungsprogramms durch-
geführt werden. Das mag seine praktischen Gründe haben und vom fiskalischen
Denken der westlichen Staaten aus berechtigt sein. Die damit erreichte Wirkung,
172 Wolfgang Teuscher

nämlich die Förderung des staatlichen Dirigismus und die Verhinderung der Bil-
dung einer Mittelschicht, mag freilich von den mit Entwicklungsproblemen be-
faßten Politikern nicht gewollt sein. Indessen wissen sie aber wahrscheinlich noch
nicht einmal um diese Wirkung, die sich nach den Erörterungen dieser Unter-
suchung klar ergeben.
Die Mittelschichten in Westafrika, soweit sie in Ansätzen vorhanden sind,
weichen in zunehmendem Maße kollektivistischen Gesellschaftsformen. Diese
Entwicklung hat ihren Grund einmal darin, daß die traditionellen Voraussetzungen
der Sippen und Familienordnungen diese Formen bereits kennen und der einzelne
nur schwer aus diesen Ordnungen entlassen werden kann; zum anderen darin, daß
das objektive Fehlen mittlerer sozialer Positionen politisch-wirtschaftliche Kon-
struktionen nötig macht, die künftig eine Mittelschicht überhaupt überflüssig
erscheinen lassen könnten, nämlich die aufkooperative Erzeugergruppen abgestellte
Planwirtschaft.
Nur dort, wo ein feudales Machtsystem mit der neoafrikanischen Elite in Kon-
flikt gerät und sich zu behaupten vermag, darf man vermuten, daß eine Art Mittel-
stand mit einem Eigengewicht entstehen wird. Diese Möglichkeit zeichnet sich in
besonderem Maße in Nigeria ab. Viele Faktoren der gesellschaftlichen Entwick-
lung Westafrikas sind indessen heute noch nicht zu übersehen. Es sind dies vor
allem die Beschleunigung des Bevölkerungswachstums sowie die Erschließung
der wirtschaftlichen Hilfsquellen. Die Fülle der strukturell-gesellschaftlichen Hin-
dernisse gegenüber der Initiative des einzelnen in der traditionellen Gesellschaft
jedoch dürfte aber wenigstens in der absehbaren Zeit dominant bleiben. Das
bedeutet freilich, daß die Entstehung einer wirtschaftlichen Mittelschicht oder gar
eines risikofreudigen Mittelstandes im mitteleuropäischen Sinne im größeren
Umfange so gut wie ausgeschlossen ist.
Es könnte sich abschließend der Gedanke aufdrängen, aus dem Fehlen einer
größeren Mittelschicht eine Definition von Gesellschaften der sogenannten Ent-
wicklungsländer abzuleiten. Wäre ein solches Unterfangen lohnend? Es muß dies
bezweifelt werden. Denn in der Entwicklungsphase, in der wir gegenwärtig stehen,
ist kaum mehr zu leisten, als Tatbestände aufzuzeigen und sie hinzunehmen. Eine
Ausdeutung der Möglichkeiten, wie sich die Gesellschaften in Westafrika weiter-
entwickeln werden, muß als Spekulation gelten. So scheint allein der Hinweis
darauf erlaubt, daß deren Zukunft bestimmt sein wird sowohl von den Entschei-
dungen der Eliten dieser Gesellschaften als auch von den wirtschaftlichen und
politischen Möglichkeiten der Zukunft.
DR. AHMED MUDDATHIR
HAMBURG

Die Rolle der Mittelschichten


in der wirtschaftlichen Entwicklung
Ein Nachwort

üBERSICHT

Ursachen für die Schwäche der mittleren sozialen Schichten in den Entwicklungsländern 174
Der soziale Mechanismus der Gewinnung von materiellen Gütern ... 174
Der sozio-ökonomische Dualismus der Gewinnung von materiellen
Gütern ...................................................... 175
Der soziale Pluralismus der Gewinnung von materiellen Gütern. . . .. 177
Mitte/schicht und politische Unstabi/ität ..••••...........•......•....•..•. 177
Mitte/schicht und Arbeitergewerkschaften ................................. 178
Mitte/schicht und positiver Nationalismus. . . . . . . . . . . . • . . . . . . . • . • . . . .. . . . •. 179
Mitte/schicht IIfld universa/istisches Verhalten (Die Leistllflgsorientierung). •. . . . .• 181
Zur Förderung der Mitte/schicht .. . . . . . . • • . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . . . . .• 185
174 Abmed Muddathir

Ursachen für die Schwäche der mittleren sozialen Schichten


in den Entwicklungsländern

Wie es scheint, müssen drei Ursachen für die Schwäche der mittleren Schichten
in den Entwicklungsländern unterschieden werden: 1. der sogenannte soziale
Mechanismus, 2. der sogenannte sozio-ökonomische Dualismus sowie 3. der so-
genannte soziale Pluralismus der Gewinnung materieller Güter in einer unterent-
wickelten traditionellen Gesellschaft.

Der soziale Mechanismus der Gewinnung von materiellen Gütern

Wollen die Entwicklungsländer den Stand erreichen, auf dem sich die indu-
strialisierten Länder heute befinden, dann ist es notwendig, in das Ganze der wirt-
schaftstheoretischen und der wirtschaftspolitischen Überlegungen auch kulturelle
und soziale Gesichtspunkte mit einzubeziehen. Da das Ziel des wirtschaftlichen
Wachstumsprozesses in der Vermehrung der materiellen Güter liegt, ist es wesent-
lich zu wissen, welches die hauptsächlichsten sozialen Werte sind, auf Grund derer
die heute industrialisierten Länder in den Besitz dieser Güter gekommen sind.
Entscheidend war und ist dafür nach wie vor eine "Verhaltensorientierung nach
der Leistung" (achievement) im Gegensatz zur" Verhaltensorientierung nach vor-
gegebenen Eigenschaften" (ascription)l. Von den traditionellen Gesellschaften
und besonders von denen der tropischen Zone muß nun gesagt werden, daß es
bei ihnen eine Orientierung nach der Leistung als Mittel der Erstellung der mate-
riellen Güter im allgemeinen nicht gibt. Freilich sind diese Völker durchaus
leistungsfähig; was diese Fähigkeit jedoch nicht zur Entfaltung gelangen läßt, ist
das Fehlen eines entsprechend ausgebildeten Wertbewußtseins. Wohl gibt es ein
Besitzstreben nach materiellen Gütern, sei es als Ertrag einer eigenen, sei es als
Ertrag einer fremden Leistung; was sich in der Regel jedoch nicht findet, ist das
Bewußtsein, diese Güter auch zum Aufbau einer modernen dynamischen Wirt-
schaft einzusetzen. So hat der Besitz jener Güter zumeist keine andere Bedeutung,
als soziales Prestige bzw. Macht zu bekunden.
Charakteristisch für das gesellschaftliche Leben in den Entwicklungsländern ist
es, daß es sich vor allem in kollektiven Formen vollzieht, d. h. daß ein traditio-
nelles Denken vorherrscht und daß Familiengemeinschaften und Verwandtschafts-
beziehungen weitgehend das Einzelschicksal bestimmen. In einer solchermaßen
strukturierten Gesellschaft besitzt das Privateigentum ebenso wenig Bedeutung
wie eine auf der individuellen Leistung beruhende Berufsausübung, wie sie sich
heute in Europa und in Amerika findet. Die Folge jener kollektiven Organisation
des sozialen Lebens ist, daß eine Erhöhung des Einkommens des einzelnen zu
keiner Erhöhung seines sozialen Status führt. Das hinwiederum bedeutet, daß der
1 Zur näheren Bestimmung dieser zentralen Begriffe vgl. Rene König, Soziologie, Das Fischer-
Lexikon, Frankfurt 1958, S. 88.
Die Rolle der Mittelschichten in der wirtschaftlichen Entwicklung 175

einzelne keine Veranlassung besitzt, sein erworbenes Eigentum seinen Kindern zu


vererben. Der mangelnde Sinn, privates Eigentum zu erwerben und weiterzu-
reichen, bietet nun vielen Nutznießern die Chance, sich auf Kosten der Strebsam-
keit von anderen zu bereichern. Derlei Praktiken führen dazu, daß selbst der
Leistungswille der Fähigen ausgehöhlt wird. Wie es scheint, lassen sich alle diese
Erscheinungen aus der herrschenden Gleichgültigkeit gegenüber dem privaten
Eigentum erklären.
Das dominierende traditionelle Bewußtsein ist sodann auch der Grund dafür,
daß sich in der Bevölkerung keine Beziehung zum rational-wissenschaftlichen
Denken und zur modernen Technik entwickeln kann, welches eine weitere, un-
erläßliche Voraussetzung für eine moderne wirtschaftliche Entwicklung darstellt.
Vielmehr werden insbesondere von jenen, die gerne auf Kosten anderer leben
wollen, die technischen Berufe mit der Begründung abgelehnt, daß es sich bei
ihnen um schmutzige Arbeit handele. Freilich gilt man andererseits nicht dadurch
als vornehm, daß man als Bettler auftritt.
Das Vorherrschen der Wertvorstellung "Orientierung nach vorgegebenen
Eigenschaften" hat auch noch einen psychologischen Grund. Solange man sich
nämlich noch nicht an jene andere Maxime gewöhnt hat, muß man sich isoliert
und schwach fühlen; diese Erfahrung aber verleitet dazu, den einmal beschrittenen
Weg nicht mehr weiter zu gehen, sondern in eine kollektivistische Gemeinschaft
zurückzukehren, die Schutz verspricht und auch bietet.
All dies mag der Grund dafür sein, aus dem man die Vorgänge um einen herum
nicht kritisch zu analysieren versucht. Schließlich fehlen den Angehörigen einer
traditionellen Gesellschaft jene dynamische Denkweise und jene geistig-mora-
lischen Leitideen, die die entsprechenden Schichten in Europa charakterisieren. So
darf man endlich auch nicht darüber erstaunt sein, daß diese Gesellschaften in den
verschiedenen Epochen ihrer Geschichte bis auf den heutigen Tag keine große
Zahl von Revolutionären, Reformatoren und von Verteidigern der sozialen Ge-
rechtigkeit hervorgebracht haben.

Der soZio-ökonomische Dualismus der Gewinnung von materiellen Gütern

Der sogenannte sozio-ökonomische Dualismus ist eines der sichtbarsten Merk-


male für die Unterentwicklung eines Landes. Er besteht darin, daß ein Land
sowohl Formen des modernen Wirtschaftens als auch von alters her überlieferte
Produktionsweisen besitzt. In einem solchen Lande gibt es also einerseits die
traditionelle Landwirtschaft und das traditionelle Handwerk, andererseits jedoch
den modernen Bergbau sowie die Großindustrie und die mit dieser zusammen-
hängenden Transport- und Handelsorganisationen.
Erweisen sich, wie gezeigt worden ist, die traditionalen Formen des Gemein-
schaftslebens als ein außerordentliches Hindernis für die Ausbildung einer Mittel-
schicht, so haben wir überall dort, wo wir einen sozio-ökonomischen Dualismus
176 Ahmed Muddathir

vorfinden, mit zusätzlichen Erschwernissen für die Bildung einer Mittelschicht zu


rechnen. Freilich muß dies nicht zwangsläufig so sein, zumal der geschichtliche
Wandel das Geschehen der Dinge ständig im Fluß hält. So sollte man überall dort,
wo eine moderne Kultur oder Wirtschaftsform in einem traditionellen Milieu
entwickelt worden ist, erwarten, daß von dieser ein Wandel des Bewußtseins und
der Mentalität oder mindestens die Steigerung der Kritikfähigkeit der einhei-
mischen Bevölkerung ausgeht. In einer angemessenen Zeit könnte dieser Einfluß
dann zu einem allgemeinen Wandel der sozialen Verhältnisse führen. Im Zuge
dieses Wandels könnte es nun auch zur Bildung einer Mittelschicht kommen.
Freilich führte bisher im Gegensatz zu dieser Erwartung die dualistische Wirt-
schaftsform, so wie sie sich auf die Erzeugung von Rohstoffen und Nahrungs-
mitteln für die Industrieländer beschränkte, in der Regel zu einer Bereicherung der
an sich schon wohlhabenden Oberschicht konservativen Charakters, anstatt daß
sie zu einer gleichzeitigen Verbesserung der sozialen Lage der gesamten Bevölke-
rung beitrug. Eine kleine Oberschicht zieht also aus dieser Wirtschaftsform den
für sie größtmöglichen Nutzen, während die Mehrheit der Bevölkerung genau wie
früher lebt. Sodann vermochte es jene moderne Wirtschaftsform kaum, die mit
ihr einhergehende Denkweise der technischen Rationalität, der Persönlichkeits-
entfaltung sowie die Techniken der Anpassung an das industrielle Gesellschafts-
system in die Bevölkerung hineinzutragen, um dadurch die Voraussetzungen zu
schaffen für ein sparwilliges und investitions- und risikofreudiges Unternehmer-
tum, einen unabhängigen Bauernstand und eine qualifizierte Facharbeiterschicht.
Der Grund hierfür liegt in der mangelhaften Verßechtung der traditionalen mit
der modernen Wirtschaftsform.
Eine der sich hieraus ergebenden Folgen liegt darin, daß sich keine mittlere
soziale Schicht auszubilden vermag. Die Erfüllung der ihr zukommenden Funk-
tionen mußte deshalb den Mittelschichten der Industrieländer übertragen werden,
soweit sie nicht von der heimischen Oberschicht wahrgenommen wird. Damit
fehlen aber in jenen Gesellschaften gerade diejenigen Kräfte, die vergleichsweise
die wirtschaftliche und politische Entwicklung Europas im 19. Jahrhundert be-
stimmt haben, denn die Mittelschicht ist Ursache und Wirkung kumulativer Pro-
zesse, indem sie die moderne Wirtschaftsentwicklung, durch die sie hervorgerufen
wurde, weiter vorantreibt und schließlich eine ausgeglichene Wirtschaftsentwick-
lung gewährleistet.
In einer Gesellschaft nun, die keine Träger einer solchen Ausgleichsfunktion
besitzt, können freilich politische Extremisten sehr schnell zum Zuge kommen, so
daß bald Feudalherren oder Militärjuntas, bald Funktionäre oder Gruppierungen,
die mit den (ehemaligen) Kolonialherren sympathisieren, an die Macht gelangen.
Die Rolle der Mittelschichten in der wirtschaftlichen Entwicklung 177

Der soziale Pluralismus der Gewinnung von materiellen Gütern

Unter dem Begriff des Pluralismus sollte man nicht nur die verschiedenen ein-
heimischen ethnischen Gruppen zusammenfassen, sondern auch und vor allem
die ausländischen Minderheiten, die in der Wirtschaft des Landes eine große, wenn
nicht gar die größte Rolle spielen. Man denke etwa an die Chinesen, Inder, Araber
und Europäer in Südostasien, z. B. in Indonesien, Malaya und Burma, Länder, in
denen vor allem Chinesen und Europäer die Kaufleute sind und das Bankgeschäft
hauptsächlich von Indern betrieben wird. Gleiche Verhältnisse finden wir in
Mrika. Spielen in Ostafrika vor allem Europäer und Inder eine bedeutende Rolle,
so in Westafrika Syrer und Libanesen.
Hinsichtlich des engen Zusammenhanges zwischen Pluralismus und Mittel-
schicht ist das Folgende zu sagen: Die verschiedenen einheimischen ethnischen
Gruppen stehen sich zumeist recht unfreundlich gegenüber. Diesen Zwist machen
sich nun die ausländischen Minderheiten nicht selten zunutze, zumal sie ja in
gewisser Hinsicht außerhalb dieser Gesellschaft leben. Bisweilen erklären sie sogar
recht deutlich ihre Absicht, nämlich "to make money and to go horne". Verlassen
sie nun aber das Kolonialgebiet, dann pflegen sie den unternehmerischen Geist
mitzunehmen. So entsteht nicht selten mit jeder Unabhängigkeitserklärung ein
Vakuum im Bereich der unternehmerischen Initiative, das wohl nur dadurch
aufgefüllt werden kann, daß man den ausländischen Minderheiten die Rückkehr
oder ein Verbleiben nahelegt. Folgen sie einer solchen Aufforderung, dann begibt
sich das Entwicklungsland freilich wiederum in eine Abhängigkeit, obwohl es
politisch gerade seine Unabhängigkeit erlangt hat, und es verhindert nicht selten
die Bildung einer einheimischen Unternehmerschicht.

Mittelschicht und politische Unstabilität

Daß die politischen Verhältnisse in einem Entwicklungsland infolge der Um-


bruchsituation allgemein unstabil sind, ist bekannt. Welcher besondere Zusammen-
hang besteht jedoch zwischen jener Unsicherheit und der Lage der Mittelschicht ?
Wie es scheint, spielen hier jene "arbeitslos" gebliebenen Intellektuellen eine
zentrale Rolle - wie gering ihre Zahl auch sein mag -, die ihre Aufgabe darin
sehen, die unzufriedenen Massen zu führen bzw. zu beeinflussen. Wie erklärt sich
die Lage jener Intellektuellen? Die Antwort ist leicht zu geben: Nationale und
internationale Ausbildungshilfen haben eine Situation geschaffen, in der ein
Widerspruch besteht zwischen der Zahl der Ausgebildeten und den für sie im
eigenen Lande offenstehenden Stellen. So gibt es verhältnismäßig viele junge
Menschen, die Hochschulen im westlichen oder im östlichen Ausland besucht
haben, für die aber kein Bedarf im eigenen Lande besteht. Die Ost-West-Konkur-
renz, die überhöhten Ansprüche der Entwicklungsländer, das Prestige einzelner
178 Ahmed MuddaJhir

Staaten, auch Entwicklungshilfe geleistet zu haben, führten zu einer bisweilen


wahllosen Stipendienvergabe. Die dadurch fast zwangsläufig unter den Aus-
gebildeten entstehende Unzufriedenheit führt nun nicht selten zu einem Paktieren
mit politisch extremen Anschauungen, um auf diese Weise wenigstens irgendwie
die gewonnenen Kenntnisse einsetzen zu können. Diese politisierende Betätigung
des geistigen Proletariats führt meist zur Ablehnung der ehemals verteidigten
Kultur und zu einer Kampfansage an die Oberschicht des eigenen Landes. So
wenden sich diese Intellektuellen gegen den Feudalismus, den Traditionalismus
und die Autokratie. Und obwohl sie Mitglieder einer pluralistischen Gesellschaft
sind, bekämpfen sie die einheimische Rassendiskriminierung. Da sie ihren Ent-
scheidungen zumeist ausschließlich die Erfahrungen der eigenen, sich wider-
sprechenden Situation ihres eigenen Landes zugrunde legen, entwickeln sie sehr
bald ein antikapitalistisches Konzept, in dem Kolonialismus, Feudalismus, Tradi-
tionalismus und parafeudales Beamtenturn das nicht näher differenzierte Angriffs-
ziel darstellen. Aus diesen Gründen begeistern sie sich für eine sozialistische, wenn
nicht gar für eine kommunistische Gesellschaftsordnung als das von ihnen
erstrebte Ziel. Hand in Hand damit unterstützen sie alle Industrialisierungs-
bestrebungen.
Schließlich sei darauf hingewiesen, daß die Rivalität zwischen den verschiedenen
Tendenzen innerhalb der Mittelschicht die politische Unstabilität vergrößert, wo-
durch die Industrialisierungsvorhaben natürlich erheblich erschwert werden.
Obwohl die Mittelschicht die Industrialisierung befürwortet, findet sich in ihr
doch wenig Begeisterung, das unternehmerische Risiko einzugehen. So zieht man
es trotz aller nationalen Gefühle dennoch vor, lieber ausländische Techniker und
Spezialisten im eigenen Land die Pionierarbeiten durchführen zu lassen. Diese
Mittelschicht, die die Ausübung eines unternehmerischen bzw. eines technischen
Berufes weitgehend ablehnt, wird sich dafür um so eher entschließen, im Civil
Service (Beamtenturn), als "Industriemanager" oder als "technischer Berater"
zu arbeiten.
So ist die Mittelschicht, obwohl sie die Industrialisierung fördern möchte,
infolge ihrer ablehnenden Einstellung, unternehmerisch tätig zu werden, für die
wirtschaftliche Entwicklung eher ein Hemmschuh, als daß sie sie förderte.

Mittelschicht und Arbeitergewerkschaften


Entstanden die Gewerkschaften in den heutigen Industrieländern im wesent-
lichen als Folge der Industrialisierung, so kann man im Gegensatz dazu in den
Entwicklungsländern beobachten, daß es sie dort bereits dann gibt, wenn noch
gar keine Industrialisierung vorliegt. Dieser Vorgang der Gründung von Gewerk-
schaften ohne das Vorhandensein einer ausgeprägten Arbeiterklasse hat seinen
Grund erstens in den allgemeinen Bedingungen der wirtschaftlichen und sozialen
Die Rolle der Mittelschichten in der wirtschaftlichen Entwicklung 179

Unterentwicklung, zweitens im politischen Nationalismus sowie drittens in der


Rolle, die die Intellektuellen in den Entwicklungsländern spielen.
Da die Arbeiter nicht in der Lage sind, die Ursachen ihrer Unzufriedenheit zu
erkennen, geschweige denn, daß sie fähig wären, diejenigen Maßnahmen zu
ergreifen, die ihren Zustand verändern könnten, erweisen sich besonders die
Intellektuellen der Mittelschicht als geeignete Führer der Gewerkschaftsbewe-
gung. Da diese nun aber kaum ihre mittelständische Herkunft verleugnen können,
verwundert es nicht, wenn die Ideologie der Mittelschicht zum politischen Pro-
gramm der Gewerkschaften wird. Inhalt dieser Ideologie ist im wesentlichen ein
Antikolonialismus auf der einen Seite und die Forderung, eine nationale Industrie
aufzubauen, auf der anderen. Mit dieser Zielsetzung erweisen sich die Gewerk-
schaften schließlich als nichts anderes als eine Gefolgschaft der politischen
Parteien. Aus diesem Grund darf man dann auch wohl sagen, daß die Gründung
von Gewerkschaften letztlich gar nicht auf eine Vertretung der Interessen der Arbei-
ter hinzielt. So muß man bezweifeln, ob die unter der Führung von Mittelständlern
stehenden Gewerkschaften für das Gewerkschaftswesen überhaupt von Nutzen
sein können. Trägt man sodann den ideologischen und politischen Rivalitäten
zwischen den verschiedenen Führungsgruppen Rechnung und bedenkt man, wie
oft die Unzufriedenheit der Arbeiter dazu ausgenutzt wird, persönliche Vorteile
zu erlangen, dann darf man wohl behaupten, daß die Gewerkschaften fragwürdige
Einrichtungen darstellen, da sie nicht viel mehr zu sein pflegen als ein Instrument
tatendurstiger Intelligenzler, die mit seiner Hilfe ihre bald nationalistischen, bald
kommunistischen, bald sozialistischen Ideen verbreiten wollen.

Mittelschicht und positiver Nationalismus

Der "positive Nationalismus" ist als Gegenspieler des "aggressiven Nationalis-


mus" zu verstehen. Er richtet sich nicht nach außen, sondern auf das Innere der
Gesellschaft. Er stellt das Bemühen um die Dynamisierung der nationalen Kräfte
dar, um dadurch die Voraussetzungen für eine Inangriffnahme der Industriali-
sierung zu schaffen. Er unterscheidet sich vom aggressiven Nationalismus da-
durch, daß er die von ihm erstrebte Expansion nicht auf Kosten anderer durchzu-
setzen sucht, was den heuii.gcn Entwicklungsländern im übrigen auch gar nicht
möglich ist. Soweit er lediglich eine Reaktion gegen einen aggressiven Nationalis-
mus darstellt (z. B. gegenüber ehemaligen Kolonialmächten), müßte er freilich eine
Umwandlung in eine "Entwicklungsideologie" erfahren, d. h. in eine soziale Kraft,
deren Bedeutung für die Überwindung der Übergangsperiode vom Traditionalis-
mus zum Modernismus nicht unterschätzt werden kann.
W. W. Rostow nennt diese Spielart des positiven Nationalismus den "reaktiven
Nationalismus", womit er eine nationale Reaktion gegen äußere Verletzungen
zum Ausdruck bringen will, deren Wirkungen für die wirtschaftliche Entwicklung
180 Ahmed Muddathir

genauso stark sind wie die Profitmotive2 • Diesen reaktiven Nationalismus be-
trachtet Rostow überraschenderweise als eine der Hauptideologien der Industriali-
sierung Englands. überraschend ist diese Auffassung insofern, als ja die Meinung
verbreitet ist, daß das "take off" Englands, also der Start der Industrialisierung,
etwas Ursprüngliches darstellt, d.h. eine "Aktion" und keine "Re-Aktion". Wie
wir heute wissen, ist diese Ansicht der Industrialisierung Englands als Aktion
jedoch unrichtig. Sie genügt nicht, um den englischen Vorsprung in der Indu-
strialisierung erklären zu können, da es in der Tat reaktive Momente waren, die
für die Nutzung der historischen Umstände entscheidend wurden.
Hat man also allen Grund, im Falle der Industrialisierung Englands - dem
Beginn des Industrialismus überhaupt - der These zuzustimmen, daß wir es hier
mit den Auswirkungen eines reaktiven Nationalismus zu tun haben, so ist England
doch nicht das einzige Beispiel. Aus diesem Grund spricht Rostow zutreffend etwa
hinsichtlich der Industrialisierung Deutschlands ebenfalls von einem solchen
Nationalismus, der insofern vorliege, als Deutschland auf die Demütigungen seiner
Vergangenheit reagierte. Die Erinnerung an die Herrschaft Napoleons und ein
Bewußtsein von der Einheit der deutschen Nation, welches verbunden ist mit dem
Jahr 1848, schufen den Rahmen des deutschen "take off". In Rußland sodann war
es eine Reihe von militärischen Niederlagen, die sich über ein Jahrhundert er-
streckten, z. B. der Angriff Napoleons, der Krimkrieg, der Russisch-Japanische
Krieg und schließlich der erste Weltkrieg. In China endlich war es, ähnlich wie in
Rußland, ein Jahrhundert ausländischer Erniedrigung, die die Gesellschaft nur
schwer ertrug8 •
Freilich kann man über diese Auffassung von Rostow streiten. Nun glaube ich
jedoch, daß es wenig sinnvoll ist, sich mit den Problemen der Vergangenheit zu
beschäftigen. Eine Konzentration auf die Fragen der Gegenwart scheint mir viel
wichtiger zu sein. Hier bin ich nun aber der Meinung, daß sich der reaktive Natio-
nalismus in den heutigen Entwicklungsländern wesentlich von demjenigen der von
Rostow erwähnten Länder und Epochen unterscheidet. Gegenüber diesem bestehen
nämlich mindestens zwei grundsätzliche Unterschiede. Der erste ist darin zu sehen,
daß die heutigen Entwicklungsländer keineswegs eine so intensive nationale Ein-
heit oder den Wunsch nach einer solchen kennen, wie das in Europa der Fall war.
Der zweite Grund liegt sodann darin, daß die europäischen Länder über die Basis
der homogenen westlichen Kultur verfügten, die in sich die Ansätze des modernen
Wirtschaftsverhaltens enthielt. Was die Bildung der Nation anbelangt, so kennen
wir den pluralistischen Charakter der Länder der tropischen Zone. Gewiß gibt es
auch einen sozialen Pluralismus in den bereits industrialisierten Ländern; aber der
Pluralismus der heutigen Entwicklungsländer unterscheidet sich von jenem doch
insofern, als in den unterentwickelten Gesellschaften zumeist alles das fehlt, was
als Grundlage des gemeinsamen Daseins gilt und die Existenz einer Nation kenn-

2 Vgl. W. W. Rostow, The Stages ofEconomic Growth, Cambridge 1960, S. 26.


a Vgl. W. W. Rostow, a. a. 0., S. 31 ff.
Die Rolle der Mitte/schichten in der wirtschaftlichen Entwicklung 181

zeichnet, nämlich die Gemeinsamkeit der Kultur, der Rasse, der Sprache, der
Religion, der sozialen Verhaltensweisen und der historischen Traditionen. Die
Existenz eines gerade unabhängig gewordenen Staates ist deshalb in der Regel
kaum mehr als ein juristisches Gebilde mit der Funktion, Verwaltungsaufgaben zu
erfüllen innerhalb einer kulturell, sozial, wirtschaftlich, politisch und rassisch
durch und durch ungleichartigen Gesellschaft. Im Gegensatz dazu vollzog sich
der sozio-ökonomische Wandel der heute industrialisierten Länder unter der Be-
dingung einer wenigstens dem Grundsatz nach vorherrschenden Einheitlichkeit
in ethnischer, kultureller und sprachlicher usw. Hinsicht, was man, allgemein
gesehen, selbst für die Entwicklung Japans sagen kann. So dürfte der Mangel
eines solchen "einheitlichen Pluralismus" (der infolge der Großräume bisweilen
noch nicht einmal in geographischer Hinsicht gegeben ist) wohl das größte
Hindernis darstellen, mit dem die Entwicklungsländer fertig werden müssen, ein
Hindernis, welches die europäischen Länder bei ihrem Wandel vom Traditionalis-
mus zum Modernismus kaum oder zumindest nicht in diesem Ausmaß gekannt
haben.
Unter den soeben geschilderten Umständen scheint in jenen uneinheitlich plura-
listisch strukturierten Ländern nichts gebotener zu sein als die Entwicklung eines
positiven Nationalbewußtseins. Ein solcher positiver Nationalismus könnte sich
zur unverzichtbaren "sozialen Ideologie" wandeln, durch welche dieser Plura-
lismus überwunden und eine Konsolidierung der administrativen und rechtlichen
Institutionen erreicht werden könnte, wodurch sich nicht zuletzt das Vertrauen
des Auslands und der ausländischen Investitoren (zutück-)gewinnen ließe. Als
"soziale Ideologie" verstanden erweist sich der positive Nationalismus als das
vielleicht wirkungsvollste Mittel der wirtschaftlichen Entwicklung.

Mittelschicht und universalistisches Verhalten


(Die Leistungsorientierung)
Was ich im vorliegenden Zusammenhang mit universalistischem Verhalten
meine, erweist sich insofern als eine spezielle Aufgabe innerhalb der Zielsetzungen
des positiven Nationalismus, als in ihm das individuelle Leistungsmotiv und seine
Nebenwirkungen zum Ausdruck kommen, die eine der Hauptursachen für das An-
wachsen des nationalen Reichtums darstellen. Wie wir oben gesehen haben, ist
eines der größten Hindernisse für die wirtschaftliche Entwicklung die Orientie-
rung nach vorgegebenen Eigenschaften bzw. die kollektive Form der Gesell-
schaften in den Entwicklungsländern. Diese Sozialstruktur möchte ich im folgen-
den kurz beschreiben.
In einem kollektivistischen sozialen System ist der einzelne nicht mehr als
lediglich ein Glied der Gemeinschaft (Großfamilie, Klan usw.), der er angehört.
Seine sozialen Führungsaufgaben, sein berufliches und außerberufliches Streben
182 Ahmed Muddathir

und Trachten, ja sogar sein Ehepartner werden ihm von den Älteren bzw. von
anderen Mitgliedern der Gemeinschaft vorgeschrieben oder mindestens empfohlen.
Das gleiche gilt hinsichtlich der Verfügung über das Eigentum, das mit oder gegen
seinen Willen mit denjenigen Angehörigen seiner Gemeinschaft, die kein Eigen-
tum besitzen oder einfacher leben wollen, geteilt werden muß, wozu er ungeachtet
ihrer tatsächlichen sozialen Stellung verpflichtet ist, so daß er keine überlegenheit
über die anderen Familienmitglieder zu erlangen vermag. Daß ein solches soziales
System lediglich einer Naturalwirtschaft, in der die Arbeit kollektiv erfolgt,
gerecht werden kann, liegt auf der Hand. Zur Entwicklung einer Geldwirtschaft
eignet es sich schon allein deswegen nicht, weil es von vornherein jede Kapital-
bildung verhindert. Wenn sich also das Mitglied einer Familie beispielsweise
bemüht, einen Beruf zu erlernen, um dadurch Geld zu verdienen, dann ist es ihm
nicht etwa möglich, einen überschüssigen Betrag zu sparen, vielmehr ist es ge-
zwungen, diesen überschuß zu verteilen. Das führt nun nicht selten dazu, daß
trotz allen Strebens der Lebensstandard dieses Familienmitgliedes um nichts höher
ist als der der nicht leistungsfähigen bzw. leistungs unwilligen Mitglieder der
Gemeinschaft. Daraus aber entstehen vier Folgen:
1. Ein Mangel an Sparvermögen sowie der damit verbundene Verzicht auf die
Gründung entsprechender wirtschaftlicher Einrichtungen wie Kreditinstitute,
Finanzierungsunternehmen usw., die ihrerseits die Kapitalbildung fördern
könnten.
2. Eine Ermutigung zur Faulheit anstatt zu strebsamer Arbeit, da es meistens
leichter ist, sich hilfesuchend an materiell besser gestellte Angehörige oder Freunde
zu wenden, als selbst zu arbeiten.
3. Da das arbeitsunwillige Mitglied der Familie die Gewißheit besitzt, mit Frau
und Kind an den Früchten der Arbeit der Fähigen teilzuhaben, kann es unbesorgt
Kinder in die Welt setzen; die Konsequenz heißt übervölkerung. Denn wäre
jenes Mitglied für seine Kinder selbst verantwortlich, würde es vielleicht diese
Zahl entsprechend beschränken.
4. Gelingt es sodann einem Familienmitglied, einen wirtschaftlichen Betrieb zu
gründen, so ist das Nächstliegende zwar, mehrere Angehörige darin zu beschäf-
tigen, doch wird es einem solchen Unternehmer kaum gelingen, seinen Beschäf-
tigten etwas über das Wesen des Rentabilitätsprinzips und der Wachstumsrate
beizubringen. Die Folge ist, daß sich eine unternehmerische Initiative kaum zu
entfalten vermag.
Wie verhält sich nun die Mittelschicht angesichts einer solchen Situation? Zu-
nächst ist darauf zu antworten, daß sie sich noch bis vor kurzem dieser Folgen gar
nicht bewußt war. Erst eigentlich die nationale und internationale Bildungshilfe
durch die entwickelten Länder ließ sie die dynamischen Faktoren der Entwicklung
erkennen. Gerade das ist nun aber der Grund, aus dem die Mittelschicht im eigenen
Land kaum wirksam werden kann. Denn ist sie nicht durch Hilfe von außen zu
dem geworden, was sie ist? Gerade dieser Umstand ist es nun, der die Angehörigen
und Freunde eines wirtschaftlich modern denkenden Mannes veranlaßt, an diesen
Die Rolle der Mittelschichten in der wirtschaftlichen Entwicklung 183

mit der Bitte um Unterstützung heranzutreten, da ja auch er eine Unterstützung


von anderen erhalten habe. So entsteht eine schwierige Situation für den Angehö-
rigen der Mittelschicht : Auf der einen Seite verteidigt er den Modernismus, den
er zu verkörpern behauptet, auf der anderen Seite legt er ein traditionelles Ver-
halten an den Tag, wie es ihm von seinen Angehörigen aufgenötigt wird.
So wäre die Überwindung der kollektiven Strukturierung der Gesellschaften
der Entwicklungsländer eine der dringendsten Aufgaben für die Mittelschicht,
soweit diese schon besteht. Sie müßte sich niederschlagen in einer intensiven
Propaganda für die Bedeutung der individuellen Leistung und der sich aus ihr
ergebenden materiellen und kulturellen Vorteile. Eine solche Initiative wäre für
die wirtschaftliche und soziale Entwicklung gewiß nützlicher als die Konzentra-
tion der Propaganda für einen politischen Nationalismus, zumal dieser ja sein Ziel
in dem Augenblick erreicht hat, in dem die politische Unabhängigkeit verkündet
ist.
Daß eine solche Propaganda ihr Hauptaugenmerk auf die Wege und Mittel zu
richten hat, mit denen man die neuen Ideen durchsetzen kann, liegt auf der Hand.
Die Erziehung in den kleinen Gemeinschaften wäre hierbei eine erste Möglichkeit;
jedoch darf diese Erziehung nicht vereinzelt geschehen, sondern muß allgemein
geplant sein, damit der Erfolg so schnell wie erwünscht eintritt. Als ein geeignetes
Instrument für eine solche Erziehungsarbeit bieten sich die Gewerkschaften an,
auf deren wichtige Rolle ich schon oben hingewiesen habe. Dabei wäre es freilich
die Aufgabe der Gewerkschaften, zu erkennen, daß eine Nachahmung der Aktio-
nen der Gewerkschaften der Industrieländer, insbesondere deren ständiges Ver-
langen nach Lohnerhöhungen, nicht immer möglich ist, da nur zu oft die V oraus-
setzungen hierfür fehlen. Schließlich hatte in der vergleichbaren Entwicklungs-
periode der heute industrialisierten Länder die Arbeiterschaft ja auch nicht die
Möglichkeit, höhere Löhne und höhere soziale Leistungen durchzusetzen, obwohl
solche Forderungen nach dem damaligen Stand der Technik und der Bevölke-
rungszahl bisweilen gerechtfertigt gewesen sein mögen. In jedem Fall vermochten
sich die Unternehmer den menschlichen Forderungen der Arbeiter nicht zuletzt
deswegen mit Erfolg zu widersetzen, weil sie argumentierten, daß allein durch
niedrige Löhne und lange Arbeitszeiten eine Kapitalbildung und über die Produk-
tionssteigerung der allgemeine Fortschritt garantiert werde. Man könnte natürlich
über die Richtigkeit einer solchen Argumentation diskutieren, und zwar zumal
dann, wenn man bedenkt, daß in England zum Beginn des 19. Jahrhunderts
Kinder von Unternehmern geschlagen worden sind, weil sie unter der unmensch-
lich harten Arbeit eingeschlafcn waren Freilich steht andererseits fest, daß diese
Opfer ertragen wurden und daß die Nachkommen die Nutznießer jener Entbeh-
rungen sind.
Solche Probleme sollten den Gewerkschaftsangehörigen von mittelständischen
Intellektuellen (Gewerkschaftsführern) erklärt werden. Dies besagt jedoch nicht,
daß die Gewerkschaften ihren Kampf gegen die Ausbeutung durch die neuen
Herren einstellen sollen. Denn mancher neue einheimische Unternehmer oder
184 Ahmed Muddathir

sogar "Industriefunktionär" fühlt sich nach der Unabhängigkeit als "Herr im


Hause"; und in ihrem Streben, die ehemaligen Kolonialherren nachzuahmen,
übertreffen sie tatsächlich die Methoden derer, die zur Kolonialzeit die wirtschaft-
liche Macht in Händen hatten. Ich nenne dieses V erhalten den "Identifizierungs-
prozeß". Er bedeutet folgendes: Die einheimische Oberschicht bzw. die neuen
Funktionäre der jungen Staaten wollen ihre Existenz als große Herren beweisen,
deshalb imitieren sie die ehemaligen Kolonialisten, die diese Macht ihnen gegen-
über verkörperten. Daß die ehemaligen Kolonialherren heute kaum mehr in einer
Weise von ihrer Macht Gebrauch machen würden, wie sie dies einstmals taten,
fällt den neuen Herren dabei selten auf. Hieraus erklärt sich auch der Widerspruch,
daß die neue Oberschicht auf der einen Seite zwar für die Überwindung der
kollektiven Strukturierung der Gesellschaft, d. h. für die Befreiung der einzelnen
Persönlichkeit, kämpft, daß sie jedoch auf der anderen Seite die Gewerkschaften,
die sich aus den traditionellen Gemeinschaften zusammensetzen, zur Unfreiheit
verurteilt.
Auf jeden Fall läßt das oben Dargestellte darauf schließen, daß der politische,
ökonomische und soziale Kampf der Gewerkschaften in der gegenwärtigen Lage
nach innen gerichtet sein muß. Dabei ist ohne eine Mitarbeit der intellektuellen
Mittelschicht diese Aufgabe nicht erfüllbar.
Kann die vorhandene intellektuelle Mittelschicht diese Aufgabe jedoch ohne
weiteres erfüllen? Wie es scheint, sind dafür zwei Voraussetzungen notwendig.
Erstens muß sie jenen Widerspruch überwinden und sich entscheiden, welchen
Weg sie schließlich beschreiten möchte. Entscheidet sie sich für den Fortschritt,
also für das Prinzip der Leistungsorientierung, wie dieses in den heute industriali-
sierten Ländern herrscht, dann muß sie auch wissen, welches jene kulturellen
Voraussetzungen waren, die zu diesem sozialen und wirtschaftlichen Niveau
geführt haben. Kennt sie die kulturellen Grundlagen des westlichen Vorsprungs,
so weiß sie, welche Entscheidungen zu treffen sind. Sie wird also zweitens die
positiven Werte der zivilisierten Welt zu übernehmen trachten und der eigenen
Umgebung als Maximen des Handels anbieten. Freilich muß gesagt werden, daß
in vielen Fällen keinerlei Kenntnisse der kulturellen Voraussetzungen, von denen
die Wirtschaftsentwicklung abhängt, vorhanden sind. Hierin mag schließlich einer
jener Gründe für die widersprüchliche Situation in den Entwicklungsländern
gesehen werden. Auf diese Erscheinung verwies etwa W. F. Wertheim, als er davon
sprach, daß in den Führungsschichten der unterentwickelten Länder die Tendenz
herrsche, lediglich die Ergebnisse der westlichen Zivilisation zu übernehmen,
ohne sich dabei zu informieren, auf welchem Wege die westlichen Gesellschaften
zu diesen Ergebnissen gekommen sind. Es ist merkwürdig - meint Wertheim in
einem Hinweis auf das Beispiel Indonesien -, daß die westlich gebildeten Indo-
nesier in mancher Hinsicht "westlicher" dachten als viele Indo-Europäer, die auf
ihrem europäischen Status bestanden. Für letztere bedeutete dieser Status vor
allem, daß sie zu einer gehobenen Schicht in der sozialen Hierarchie gehören und
dadurch ein besonderes Prestige genießen. Infolgedessen war ihre Geisteshaltung
Die Rolle der Mitte/schichten in der wirtschaftlichen Entwicklung 185

überwiegend konservativ, und die westliche Literatur, die sich mit der sozialen
Unzufriedenheit befaßte, interessierte die meisten von ihnen nicht. Ganz anders
ist demgegenüber das Verhalten vieler gebildeter Indonesier der jungen Genera-
tion. Ihre soziale Unzufriedenheit führte sie zur Lektüre westeuropäischer Lite-
ratur, die einen Protest gegen die dort herrschenden sozialen Verhältnisse zum
Gegenstand hat. Die europäischen Veröffentlichungen über Nationalismus und
Sozialismus fanden so einen interessierten Leserkreis. Mit dem dadurch zunehmend
klarer werdenden Bewußtsein des Unterschiedes der eigenen Kultur, erwachte
freilich zugleich der Protest gegen die westlichen Einflüsse, denen man sich ganz
jedoch nicht entziehen konnte. Die Formen jener Proteste sind dabei recht ver-
schieden und oft versteckt. Der Grund für dieses merkwürdige Verhalten dürfte
darin zu sehen sein, daß man westliche Kulturelemente mit Aspekten der eigenen
Kultur zu verbinden sucht'.

Zur Förderung der Mittelschicht

Ich möchte an das Folgende erinnern: Je breiter die Mittelschicht, desto gün-
stiger sind die Voraussetzungen für ein schnelles wirtschaftliches Wachstum. Die
Mittelschicht, von der in diesem Nachwort die Rede war, besitzt in den Entwick-
lungsländern in der Regel aber keine ins Gewicht fallende Bedeutung und enthält
in sich außerdem die große Zahl jener sich überaus ambivalent verhaltenden
Intellektuellen. Dieser Zustand ruft nicht weniger als einen dauernden Wider-
spruch innerhalb der Mittelschicht hervor. So betrachtet, manifestiert sich in der
Schwäche der Mittelschicht die Schwäche des wirtschaftlichen Wachstums. Wie
aber ist es möglich, eine starke Mittelschicht ins Leben zu rufen, um dadurch ein
schnelles wirtschaftliches Wachstum in den Entwicklungsländern zu gewähr-
leisten? Meiner Ansicht nach ist das nur möglich durch die Herbeiführung kumu-
lativer wirtschaftlicher Prozesse. Der wirksamste kumulative Prozeß ist die
Industrialisierung, vorausgesetzt, daß die betreffenden Länder die erforderlichen
Bedingungen eines "take off" erfüllen. Dabei kann man aus den Industrialisie-
rungsbeispielen, die vorliegen, entnehmen, daß die Bildung einer Mittelschicht
zwei Ursprünge besitzen kann, nämlich einerseits den proletarischen Sektor,
andererseits die Spontaneität der traditionellen Mittelschicht, auf die der Erfolg
der in die städtischen Industriebetriebe Ausgewanderten als ein "demonstration
effect" gewirkt hat.
R. Bertinieaux weist in seiner Betrachtung über die Mittelschicht im ehemals
belgischen Kongo darauf hin, daß die Abwanderung der Kongolesen aus den
traditionellen Gemeinschaften in die moderne Industrie zu einem erstaunlichen

4 Vgl. W. F. Wertheim, Indonesian Society in Transition - A Study of Social Change, Den Haag(
Bandung 1956, S. 291 f.
186 Ahmed Muddathir

Wandel in ihren Lebensformen geführt hat. So verdanken zum erstenmal diese


Menschen ihren Lebensunterhalt nicht einer kollektiv bestimmten Arbeitsweise,
sondern dem Lohn, der sie befähigt, die von ihnen benötigten Lebensgüter zu
kaufen, und zwar auch und gerade solche, die in der traditionellen Familienwirt-
schaft nicht produziert werden. Die ursprüngliche Befürchtung, daß die Indu-
strialisierung des Kongo zu einer Proletarisierung der einheimischen Arbeiter-
schaft führen würde, hat sich nicht bewahrheitet. Vielmehr ist das Gegenteil der
Fall, insofern sich mit dem wirtschaftlichen Wachstum auch eine Mittelschicht
gebildet hat. Veranlaßte nämlich der Anreiz eines individuellen Vorteils eine
Entfaltung der beruflichen Fertigkeiten, so versetzten diese hinwiederum nicht
wenige ehemalige Arbeiter in den Stand, ein eigenes Unternehmen zu gründen,
sei es im Sinne des unabhängigen Handwerkers, sei es als Kaufmann 5 •
Es ist nahezu selbstverständlich, daß jene abgewanderten Personen, die durch
ihre eigene Arbeit ein gewisses Vermögen ansammeln konnten, den Wunsch ent-
wickeln, sich den Anforderungen der Gemeinschaftstradition zu entwinden, um
nicht die Fruchte ihres Erfolges mit den "Faulen" ihrer Klans oder ihrer Familien
teilen zu müssen. Auch legen sie Wert darauf, ihr Eigentum ihren Kindern ver-
erben zu können, damit diesen ein leichterer sozialer Aufstieg möglich werde als
ihren Vätern.
An solchen Vorgängen wird offenkundig, daß die wirtschaftliche Prosperität
den Individualismus hervorruft. Mit diesem Individualismus geht jedoch Hand
in Hand die Risikofreudigkeit und das Verantwortungsbewußtsein, soziale Fak-
toren, die einem Gesellschaftssystem einen dynamischen Charakter verleihen.
Jedoch genügt die Schaffung von privatem Eigentum allein noch nicht, um die
neue Mittelschicht im Dasein zu erhalten bzw. sie anwachsen zu lassen. Zusätzlich
notwendig ist die Schaffung einer positiven Rechtsordnung, die das Unternehmer-
tum schützt und dessen verstärkten Aufstieg fördert. Das soll besagen, daß privates
Eigentum und wirtschaftliches Erfolgsstreben erst dann Wirklichkeit werden
können, wenn das Gewohnheitsrecht der traditionellen Gemeinschaften abgelöst
worden ist durch ein positives Recht. So sind es verständlicherweise gerade die-
jenigen Schichten, die durch ihren persönlichen Einsatz Eigentum erworben
haben, die eine Befreiung von der schweren Last des Gewohnheitsrechtes wün-
schen; denn die traditionelle Solidarität zwischen den Mitgliedern des Klans, die
aus diesem Gemeinschaftsrecht entsteht, erlaubt den Eltern, Verwandten und
Freunden, sich an jeden ihrer Angehörigen zu wenden, der zu Besitz gelangt ist,
um auf dessen Kosten zu leben: ". .. de venir s'installer chez lui et d'y vivre en
veritables parasites· ."

5 Vgl. RqymondBertinieaux, Les c1asses moyennes au Congo-Belge, INCIDI, Brüssell955, S.198ff.


8 R"ymond Bertinieaux, a. a. 0., S. 208.
ABHANDLUNGEN ZUR MITTELSTANDSFORSCHUNG
HERAUSGEGEBEN VOM INSTITUT FüR MITTELSTANDSFORSCHUNG

1 Soziologische Probleme mittelständischer Berufe. 1. Teil: Der Lebensmittel-Einzel-


händler - Der Drogist - Der Textil-Ingenieur - Die steuerberatenden Berufe.
1962.195 Seiten, 1 Falttafel, zahlr. Tabellen. Verlags-Nr. 043801
Soziologische Abteilung Kartoniert DM 15,80
2 Dr. Renate AENGENENDT-PAPESCH, Bonn: Die Funktionen der Klein- und Mittelbetriebe
in der wettbewerblichen Marktwirtschaft
1962. VII, 114 Seiten. Verlags-Nr. 033401 Kartoniert DM 9,-
Volkswirtschaftliche Abteilung
3 Die Konkurrenzsituation mittelständischer Unternehmungen
1962. VIII, 409 Seiten, 52 Tabellen. Verlags-Nr. 024001 Kartoniert DM 31,-
Betriebswirtschaftliche Abteilung
4 Dr. Klaus-Jürgen GANTZEL, Junkersdorf: Wesen und Begriff der mittelständischen
Unternehmung
1962. XII, 341 Seiten. Verlags-Nr. 024002 Kartoniert DM 28,-
Betriebswirtschaftliche Abteilung
5 Dr. Renate AENGENENDT, Bonn: Die freiwilligen Handelsketten in der Bundesrepublik
Deutschland. Ihre wirtschaftspolitische und mittelstandspolitische Bedeutung.
1962. VI, 57 Seiten. Verlags-Nr. 033402 Kartoniert DM 6,-
Volkswirtschaftliche Abteilung
6 Dr. Peter REICHARDT, Köln: Steuerbelastung und Belastungsgefühl im Handwerk
Eine empirische Untersuchung (Leitstudie) in 47 Handwerksbetrieben in Köln.
1962. VI, 122 Seiten. Verlags-Nr. 033501 Kartoniert DM 17,50
Finanzwirtschaftliche Abteilung
7 Walter NELLEssEN und Klaus NOLD, Bad Ems: Unterlagen der deutschen amtlichen
Statistik für eine quantitative Abgrenzung der Mittelschichten
1963. VIII, 137 Seiten, 122 Tabellen im Anhang. Verlags-Nr. 033607
Konjunkturabteilung Kartoniert DM 27,50
8 Dipl.-Kfm. Heinz KLEINEN, Köln: Die Einzelhandelstätigkeit des Handwerks
1963. VIII, 171 Seiten, 47 Tabellen. Verlags-Nr. 024008 Kartoniert DM 28,-
Betriebswirtschaftliche Abteilung
9 Probleme der Kreditfinanzierung bei Klein- und Mittelbetrieben
1964. VIII, 165 Seiten, 32 Tabellen. Verlags-Nr. 033509 Kartoniert DM 20,-
Finanzwirtschaftliche Abteilung
10 Entwicklungstendenzen im mittelständischen Einzelhandelin den Jahren 1951 bis 1959.
1964. Verlags-Nr. 024004 In Vorbereitung
Betriebswirtschaftliche Abteilung
11 Einzelhandelspreis- und Handelsspannenvergleich zwischen den Ländern Belgien,
Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden und der Schweiz.
1964. Verlags-Nr. 024005 In Vorbereitung
Betriebswirtschaftliche Abteilung
13 Dipl.Kfm. Rüdiger DOEBEL, Köln: Vertikale Preisbindung und Konzentration
1964. Etwa 48 Seiten. Verlags-Nr.033413 Kartoniert ca. DM 9,-
Volkswirtschaftliche Abteilung

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