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Selbstbestimmte Kinder in indigenen

Gesellschaften

Folgende Leserfrage von Mika, einem alleinerziehenden Vater einer Tochter,


wurde von Hannelore Vonier im nachfolgenden Text beantwortet:

"Was ist die Rolle der Väter in einer indigenen Gemeinschaft? Haben
sie eine Beziehung zu "ihren" Kindern?

H. VONIER: Das Wort "Vater" in seiner heutigen Bedeutung ist neu und erst
mit dem Beginn des Patriarchats entstanden (indogerm. peter, lat. und gr.
pater). Es bezieht sich auf die gesellschaftliche Stellung des Vaters als Hausherr
und Herr über die Großfamilie. Die indogermanische Wortwurzel lautet atta, ist
ein Lallwort der Kindersprache und bedeutet "Vater/Mutter", hat sich aber mit
der Entwicklung des Patriarchats allein auf "Vater" verlagert, weil auch
gleichzeitig die Väter allmählich die alleinige Fürsorge für "Kind und Kegel"
übernahmen. In vielen Sprachen gibt es Beispiele für dieses familiäre Wort:
gotisch. atta, neuengl. daddy, frz. und neuhochdeutsch Papa usw.

In indigene Sprachen von Ureinwohnern hat diese Bedeutungs-Verschiebung


nicht stattgefunden, weil es keine Begriffe wie Vater, Mutter, Eltern gibt, die ein
Kind einzelnen Menschen zuordnen. Es kümmern sich alle Personen einer
Gemeinschaft auf die gleiche Weise um die Kinder. Alle verhalten sich
"mütterlich". Größere Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer, alte Frauen und alte
Männer haben alle eine Hege- und Pflege-Beziehung zu den Jüngeren. Mit ihnen
spielen, kuscheln, sprechen die Kinder und lernen von ihnen.

Die Bezeichnungen für Männer sind Bruder und Onkel, wobei das auch die
Cousins, Großonkel usw. einschließt. Will man eine Person exakter bezeichnen,
so sagt man z.B. Mutter-Bruder.
Da in Stammesgesellschaften Kinder im Fokus der Gemeinschaft stehen, sind
alle, neben der Güter- und Lebensmittelbeschaffung (Subsistenzwirtschaft),
damit beschäftigt, die Bedürfnisse der Individuen und eben auch der Kinder zu
erfüllen. Kinder werden als selbstbestimmte Persönlichkeiten eher beobachtet
als bevormundet, d.h., dass die Initiative hauptsächlich beim Kind liegt. Es geht

Hannelore Vonier, Kissimmee, Florida - Blog: Rette sich, wer kann!


auf die männliche oder weibliche Person seiner Wahl zu, wenn es Hunger oder
eine Frage hat, Hilfe benötigt oder sich einfach auf den Schoß setzen will.
Kindern wird niemals gesagt, oder gar befohlen, was sie tun sollen. Es gibt auch
kein System von Lob und Tadel, weil das die Entfaltung der eigenen
Persönlichkeit verhindern und zu Fremdbestimmung führen würde.

Die Antwort auf die Frage ist also: In indigenen Stammesgesellschaften haben
"Väter", besser Männer, zu den Kindern eine Hege-Beziehung, während das im
Patriarchat nicht der Fall ist; dort haben Väter die Verfügungsgewalt über
Kinder in Form einer Hierarchie-Beziehung, die Kinder als Eigentum behandelt,
Gehorsam von ihnen fordert und eine Entfaltung der Persönlichkeit nicht
zulässt.

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MIKA: Entweder missverstehe ich die Antwort oder ich halte eine solche Art
Umgang mit Kindern für unmöglich, ja höchst gefährlich. Nur die Kinder dürfen
also auf die Erwachsenen (oder gilt das nur für die Männer) zugehen?

H. VONIER: Mir ist kein Beispiel aus der Literatur bekannt, wonach indigene
Männer und Frauen auf unterschiedliche Weise mit Kindern umgehen. Natürlich
werden Kinder von Frauen (nicht unbedingt der Mutter) gestillt und als Säugling
am Körper getragen, damit sich das Kind in seinem Rhythmus an der Brust
"bedienen" kann.

Aber das allgemeine Zusammensein mit Kindern ist geschlechts- (und alters-)
unabhängig: sie werden als selbst bestimmte Persönlichkeiten wahrgenommen,
respektiert und unterstützt - von allen Sippenmitgliedern.

Von "dürfen" kann keine Rede sein, wenn es um Selbstbestimmung geht.


Niemand kontrolliert andere Personen, niemand kann anderen etwas "erlauben"
(das bezieht sich nicht nur auf Kinder). Dahinter steht eine andere
Geisteshaltung, die sich von unserer unterscheidet. Es gibt keine Hierarchien
und keine Inbesitznahme. Jede Person gehört sich selbst, auch Kinder.

Wir kennen keine Selbstbestimmung, weil wir mit Druck zu Gehorsam erzogen
werden und Regeln einhalten müssen, die andere aufgestellt haben.

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MIKA: Wenn ein 2jähriges Kind also auf die Straße rennt, wäre es falsch,
dieses daran zu hindern, weil es die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes
behindert? Wenn ein 3jähriges Kind mit einem Messer in der Hand durch die
Gegend rennt, muss man warten, bis es einen fragt, ob das vielleicht gefährlich
wäre?

H. VONIER: Die Amerikanerin Jean Liedloff, die jahrelang bei den Yequana-
Indianern in Südamerika lebte, beschreibt Beispiele, die zeigen, dass Kinder
keine selbstmörderischen Absichten haben und soziale Wesen sind, die sich
sehr gut selbst schützen können, falls die Mechanismen des Um-sich-selbst-
Kümmerns nicht gestört sind, wie bei den Kindern der Industrienationen:

Es gibt viel mehr potentiell gefährliche Situationen bei den Yequana


als in unseren Zivilisationen. Eine der auffallendsten ist die
Allgegenwart von Macheten und Messern, die alle rasiermesserscharf
und ständig verfügbar sind: zum darauf treten, dagegen fallen oder
damit spielen. Babies, die zu klein waren, um etwas über Griffe
gelernt zu haben, fassten sie bei der Klinge und wedelten sie, während
ich zusah, in ihren Grübchenfäusten herum. Sie schnitten sich nicht
nur die eigenen Finger nicht ab oder verletzten sich überhaupt,
sondern sie verletzten auch ihre Mütter nicht, wenn sie in deren
Armen lagen.

Ähnlich war es, als ein Baby, das mit einem brennenden Holzscheit
spielte, damit stolperte und hinfiel, über eine dreißig Zentimeter hohe
Schwelle ins Haus und wieder hinauskletterte und dabei tatsächlich
niemals das Holz oder das überhängende Palmdach oder sein eigenes
Haar oder das eines anderen Menschen berührte. Babys spielten wie
kleine Hunde um das Familienfeuer herum, ohne Einmischung
vonseiten der jeweils anwesenden Älteren.

Ich halte es für keine gute Idee, unsere großen scharfen Küchenmesser in
Reichweite von Kleinkindern aufzubewahren, weil unsere Kinder keine
selbstbestimmten Kinder sind, die sich selbst schützen können. Sie sind aber
soziale Wesen wie Indianerkinder auch und versuchen die Erwartungen der
Umgebung zu erfüllen: Unsere Kinder werden sich verletzen, weil wir genau das
erwarten. Yequana-Kinder verletzen sich nicht, weil genau das von ihnen
erwartet wird. Das sollte uns zum Nachdenken bringen.

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Ein weiteres Beispiel für Selbstbestimmtheit:

Beim Umherrutschen auf Händen und Knien kann sich ein Baby mit
ziemlicher Geschwindigkeit vorwärts bewegen. Bei den Yequana
beobachtete ich einmal mit Unbehagen, wie sich ein Krabbelkind am
Rande einer anderthalb Meter tiefen Grube, die zur Beschaffung von
Erde für Bauzwecke ausgehoben worden war, heranmachte und dort
anhielt. Auf seinen Streifzügen um den Wohnbereich tat es dies
mehrmals täglich.

Mit der Beiläufigkeit eines am Rande einer Felswand grasenden Tieres


purzelte es in eine sitzende Stellung, und zwar ebenso oft mit dem
Rücken zur Grube wie mit dem Gesicht. Beschäftigt mit einem Stock
oder Stein oder seinen Fingern oder Zehen, spielte es und rollte in
jede Richtung, anscheinend ohne auf die Grube zu achten, bis
offenbar wurde, dass es überall, nur nicht in der Gefahrenzone,
landete.

Die nicht vom Verstand gelenkten Selbsterhaltungsmechanismen


funktionierten unfehlbar; und genau, wie sie in ihren Berechnungen
sind, funktionierten sie aus jeder Entfernung von der Grube gleich gut,
angefangen vom Rand selbst. Unbeaufsichtigt oder - was häufiger
vorkam - am Rande der Aufmerksamkeit einer Gruppe von Kindern,
die mit dem gleichen Mangel an Respekt für die Grube spielten,
übernahm das Baby die Verantwortung für seine eigenen Beziehungen
zu all den umgebenden Möglichkeiten.

Die einzige Beeinflussung seitens der Mitglieder seiner Familie und


Gesellschaft bestand darin, dass sie von ihm erwarteten, es könne
sich um sich selbst kümmern. Obwohl es noch immer nicht laufen
konnte, wusste es, wo Trost zu finden wäre, wenn es ihn brauchte -
was jedoch selten der Fall war.

Dies ist natürlich nicht auf unsere patriarchale, alles kontrollieren wollende,
Gesellschaft übertragbar. Bei uns hat ein Säugling und Kleinkind bereits keine
Chance sich in Selbstverantwortung hineinzuentwickeln. Die Erwachsenen
übernehmen immer Verantwortung für ein Kind, weil sie nicht wissen, dass ein
Lebewesen von sich aus sozial ist.

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MIKA: Die Kinder werden sich auch freuen, dass sie nur noch Schokolade statt
Obst und Gemüse zu essen brauchen, denn fragen, ob das gut für sie wäre,
werden sie sicherlich nicht.

H. VONIER: Kinder ahmen nach, was sie sehen. Sie haben keinen Zugang zu
ungesunden Dingen, wenn Erwachsene ihnen keinen Zugang ermöglichen.

Ein anderes Beispiel von Jean Liedloff, die natürlich die gleichen
Verständnisprobleme hat wie wir alle in den Industrieländern lebenden
Menschen:

Es fiel mir schwer, den völligen Verzicht auf Druck durch Überredung,
also, dass ein Mensch einem anderen seinen Willen aufdrängt, zu
glauben oder zu verstehen - ungeachtet der Beharrlichkeit, mit
welcher die Yequana mir Beispiele davon zeigten.

Zu Beginn der dritten Expedition, als wir uns darauf vorbereiteten,


flussaufwärts zu ziehen, fragte ich Anchu (einen Erwachsenen), ob
Tadehah, ein Junge von neun oder zehn Jahren, mitkommen dürfe.
Wir machten Filme und er war besonders fotogen.

Anchu ging zu ihm und seiner Pflegemutter und legte ihnen meine
Einladung vor. Tadehah sagte, er wolle gern mitkommen, und die
Pflegemutter ließ mich durch Anchu bitten, ihn nach der Expedition
nicht mit nach Hause zu meiner eigenen Mutter zu nehmen. Ich
versprach, ihn zurückzubringen, und am Tag unseres Aufbruchs mit
fünf Yequana-Männern als Helfern brachte Tadehah seine Hängematte
und suchte sich in einem der Kanus einen Platz.

Etwa eine Woche später ergab sich eine Unstimmigkeit, und die
Yequana-Männer marschierten plötzlich mit der Ankündigung, sie
gingen nach Hause aus dem Lager. In letzter Minute wandten sie sich
um und sagten zu Tadehah, dessen Hängematte immer noch unter
dem Schutzdach hing: "Mahtyeh!" - komm mit!

Das Kind sagte nur sanft "Ahkay" - Nein -, und die anderen gingen
ihres Weges.

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Sie versuchten nicht, ihn zu zwingen oder auch nur zu überreden, mit
ihnen zu gehen. Er gehörte, wie jeder andere auch, sich selbst. Seine
Entscheidung war Ausdruck davon, dass er sein eigener Herr war, und
die Folgen Teil seines Schicksals.

Keiner maßte sich an, sein Recht auf eigene Entscheidung außer Kraft
zu setzen, nur weil er klein und schwach genug war, um körperlich
beherrscht zu werden, oder weil seine Fähigkeit, Entscheidungen zu
treffen, durch geringere Erfahrung bestimmt war.

Bei den Yequana wird die Urteilskraft eines Menschen für hinreichend
angesehen, jede Entscheidung zu treffen, zu der er sich motiviert
fühlt.

Der Impuls, eine Entscheidung zu treffen, ist Beweis der Fähigkeit, dies
auf angemessene Weise zu tun.

Kleine Kinder treffen keine größeren Entscheidungen; sie haben ein starkes
Interesse an ihrer Selbsterhaltung, und in Angelegenheiten, die ihr
Einsichtsvermögen überschreiten, erwarten sie von Älteren, dass diese
beurteilen, was am besten ist.

Dadurch, dass man dem Kind von klein auf die Wahl überlässt, bleibt seine
Urteilskraft von höchster Wirksamkeit, beim Delegieren ebenso wie beim
Treffen von Entscheidungen.

Vorsicht zeigt sich in dem Maße, in dem Verantwortung im Spiel ist, und
Irrtümer kommen auf diese Weise außerordentlich selten vor. Eine so gefällte
Entscheidung trifft beim Kind nicht auf Widerstand und funktioniert daher
harmonisch und angenehm für alle Betroffenen.

In seinem Alter war Tadehah durchaus imstande, eine - wie es mir


schien - für ein Kind gewaltige Verpflichtung einzugehen. Er entschied
sich dagegen, mit seinen Stammesgefährten zu ziehen, um bei drei
höchst seltsamen Fremden zu bleiben, die gerade begonnen hatten,
einen großen Fluss hinaufzufahren - ohne Mannschaft und, da ich

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nicht daran gedacht hatte, Paddel für uns selber einzuhandeln, ohne
Paddel; denn die Männer hatten ihre beim Weggehen mitgenommen.

Tadehah kannte seine eigenen Fähigkeiten und wollte das Abenteuer.


Wir hatten eine Menge davon in den Monaten bis zu unserer
Rückkehr; aber er war der Sache immer gewachsen, nie anders als
hilfsbereit und immer zufrieden.

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MIKA: Und wenn ein Kind weint, darf man es auch nicht mehr in den Arm
nehmen und trösten, sondern muss warten, bis es selbst zu einem kommt? Ich
meine damit NICHT sich aufdrängen, wenn das Kind alleine sein will, soll es das
selbstverständlich, aber man darf ja nach der Antwort oben als Erwachsener
nicht mal mehr auf das Kind zugehen, sondern muss warten, bis das Kind es
tut.

H. VONIER: Wenn man die Persönlichkeit eines Kindes respektiert und ihm
vertraut, dass es selbst weiß, wann es etwas will und von wem, aber es ebenso
das Vertrauen in die mit ihm lebenden Personen hat, zu ihnen zu gehen, wann
es will, dann hat das mit "dürfen" oder "warten" nichts zu tun.

Das Kind bestimmt, ob es Trost braucht oder will und wenn ja, von wem und
wie. Denn es weiß das selber am besten. Und es sollte auch wissen, wohin es
sich wenden kann.

Wenn Erwachsene unaufgefordert ein Kind „trösten“ wollen, dann tun diese
Erwachsenen das, um ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Sie tun es nicht
für das Kind.

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MIKA: Und was für eine trostlose Welt ist es denn, wenn man einem Kind, das
etwas Tolles gemacht hat (z.B. gebastelt), nicht mal mehr sagen darf, dass
man es toll findet (Lob). Oder wie soll das Kind lernen, wenn auf den Schlag mit
dem Stock, den es verteilt hat und dem "Empfänger" weh getan hat, nicht
reagiert werden darf. Denn selbst eine Frage wie "Wie würde es dir gefallen,
wenn du so geschlagen würdest?" wäre nicht nur ein verbotenes "auf das Kind
zugehen", sondern zudem ein ebenso verbotener Tadel. Und sogar ein
physisches Eingreifen (Stock wegnehmen) wäre nach dem Wortlaut deiner
Antwort ein verbotenes "auf das Kind zugehen".

H. VONIER: wiederum: Wir können das Verhalten indigener Gesellschaften


nicht auf unsere verkorkste Lebensweise übertragen und sie von jetzt auf
nachher über Bord werfen. Es geht zunächst darum, zu erkennen, dass unsere
Art mit Kindern und anderen Personen umzugehen nicht die bestmögliche ist.
Erst wenn wir dafür unseren Blick geschärft haben, können wir uns auf den
Weg machen und Handlungsalternativen finden.

Naturvölker leben tatsächlich in einer "trostlosen Welt", weil Trost nicht nötig
ist, wenn alles stimmt und sich richtig anfühlt. Auch Situationen, die wir als
„schlimm“ bewerten, die wir zu vermeiden suchen, obwohl sie zum Leben
gehören. Wo Freude, Spiel, Liebe und Vertrauen den Alltag bestimmen, wer
sollte dort getröstet werden?

Selbstbestimmte Kinder nehmen keinen Stock in die Hand, um auf ein anderes
Kind loszugehen, denn sie verfügen über die Fähigkeit zur Empathie, dem Mit-
und Einfühlungsvermögen. Daher schlagen sie nicht. Sie erleben in ihrer
intakten Gemeinschaft keine Schläge.

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Lob und Tadel

Jean Liedloff schreibt viel über die das Selbstvertrauen zerstörende Kraft von
Lob und Tadel. Hier ein Ausschnitt:

Ich war Zeuge der ersten Augenblicke im Arbeitsleben eines kleinen


Mädchens. Die Kleine war ungefähr zwei Jahre alt. Ich hatte sie bei
den Frauen und Mädchen gesehen; während diese Maniok in einen
Trog rieben, spielte sie. Jetzt nahm sie ein Stück Maniok vom Haufen
und rieb es an dem Reibholz eines Mädchens in ihrer Nähe. Das Stück
war zu groß; sie ließ es bei dem Versuch, es über das raue Brett zu
führen, mehrmals fallen.

Von ihrer Nachbarin erhielt sie ein liebevolles Lächeln und ein
kleineres Stück Maniok, und ihre Mutter, auf das Auftauchen des
unvermeidlichen Impulses schon vorbereitet, reichte ihr ein winziges
Reibholz für sich allein. Das kleine Mädchen hatte die Frauen beim
Reiben gesehen, solange es zurückdenken konnte, und so rieb es
sofort das Klümpchen an seinem Reibebrett auf und ab wie die
anderen.

In weniger als einer Minute verlor es das Interesse und rannte weg,
ohne dass das Maniokstück merklich kleiner geworden wäre, wobei es
sein kleines Reibholz im Trog ließ. Niemand gab ihm zu verstehen,
dass seine Geste komisch oder eine "Überraschung" sei; in der Tat
erwarteten die Frauen sie früher oder später; sind sie doch alle
vertraut mit der Tatsache, dass Kinder an der jeweiligen Kultur
teilnehmen, wenngleich dabei Methode und Tempo von individuellen
Kräften in ihnen selbst bestimmt werden.

Es steht dabei außer Frage, dass das Endergebnis im Einklang mit der
Gesellschaft stehen und auf Zusammenarbeit und völliger Freiwilligkeit beruhen
wird.

Erwachsene und ältere Kinder tragen nur die Hilfe und Vorräte bei, die sich ein
Kind unmöglich allein beschaffen kann. Ein Kind, das noch nicht spricht, ist sehr
gut in der Lage, seine Bedürfnisse klar zu machen, und es ist sinnlos, ihm

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etwas anzubieten, was es nicht braucht; schließlich ist das Ziel der kindlichen
Aktivitäten die Entwicklung von Selbstvertrauen.
Bietet man ihm entweder mehr oder weniger Unterstützung an, als es braucht,
so wird dieses Ziel leicht vereitelt.

Fürsorge wird, ebenso wie Unterstützung, nur auf Verlangen gewährt. Nahrung
für den Körper und Umarmen als Nahrung für die Seele wird weder angeboten
noch vorenthalten. Sie werden jedoch stets, einfach und anmutig, als
Selbstverständlichkeit zur Verfügung gehalten.

Vor allem wird die Persönlichkeit des Kindes in jeder Hinsicht als gut
respektiert. Weder gibt es den Begriff eines "unartigen Kindes", noch wird
umgekehrt irgendeine Unterscheidung hinsichtlich "braver Kinder" getroffen.

Es wird angenommen, dass das Kind in seinen Motiven in Übereinstimmung,


nicht im Gegensatz zur Gesellschaft steht. Was immer es tut, wird als Handlung
eines von Geburt an "richtigen" Geschöpfes anerkannt. Auf dieser Annahme der
Richtigkeit bzw. des Sozialtriebes als eines eingebauten Wesenszuges der
menschlichen Natur gründet die Einstellung der Yequana gegenüber anderen
Menschen jeden Alters.

"Erziehen" im ursprünglichen Sinne bedeutet "herausführen", doch obwohl


dieser Weg dem weitverbreiteten Begriff "eintrichtern" überlegen sein mag, ist
keiner von beiden mit den entwickelten kindlichen Erwartungen vereinbar.

Von einer älteren Person herausgeführt oder geleitet zu werden, bedeutet


Einmischung in die Entwicklung des Kindes, da dieses hierdurch von seinem
natürlichen, wirksamsten Weg fortgeführt wird zu einem, der dies in
geringerem Maße ist.

Die Annahme eines angeborenen Sozialtriebes steht in direktem Gegensatz zur


allgemeinen zivilisierten Überzeugung, dass die Triebe eines Kindes zwecks
Erziehung zu sozialem Verhalten gebändigt werden müssten. Einige meinen,
dass Erklärungen und "Kooperation" mit dem Kind diese Bändigung besser
bewerkstelligten als Drohung, Beschimpfung oder der Rohrstock.

Die Annahme, das Kind sei von Natur aus gesellschaftsfeindlich und benötige
Manipulation, um für die Gesellschaft akzeptabel zu werden, ist jedoch beiden

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Ansichten nicht minder zu eigen als den verbreiteteren Auffassungen zwischen
diesen beiden Extremen.

Wenn uns an Kontinuum-Gesellschaften wie den Yequana wirklich etwas von


Grund auf fremd ist, so ist es diese Annahme eines angeborenen Sozialtriebes.

Erst wenn wir von dieser Annahme und allem, was sie beinhaltet, ausgehen,
wird die scheinbar unüberbrückbare Kluft zwischen ihrem merkwürdigen
Verhalten und dem daraus resultierenden intensiven Wohlbefinden einerseits
und unseren sorgfältigen Überlegungen bei außerordentlich viel geringerem
Wohlgefühl andererseits verständlich.

Die gängigen Mittel von Lob und Tadel sind absolut zerstörerisch gegenüber den
Motiven von Kindern, besonders der kleinsten.

Wenn das Kind etwas Nützliches tut, wie sich selbst anziehen oder den
Hund füttern, ein Sträußchen Feldblumen hereinbringen oder aus
einem Tonklumpen einen Aschenbecher machen, so kann nichts
entmutigender sein als ein Ausdruck der Überraschung darüber, dass
es sich sozial verhalten hat.

"Oh, was für ein liebes Mädchen!", "Seht mal, was Stefanie ganz alleine
gemacht hat!" und ähnliche Ausrufe deuten an, dass soziales Verhalten bei dem
Kind unerwartet, uncharakteristisch und ungewöhnlich ist.
Sein Verstand mag sich darüber freuen, doch sein Gefühl wird voll Unbehagen
darüber sein, dass es gegenüber dem von ihm Erwarteten, dem, was es zu
einem wahren Bestandteil seiner Kultur, seines Stammes, seiner Familie macht,
versagt hat.

Selbst bei Kindern untereinander wird ein Satz wie: "Mensch, guck mal, was die
Vera in der Schule gemacht hat!", wenn er mit hinreichendem Erstaunen
geäußert wird, der Vera ein unbehagliches Gefühl des Getrenntseins von ihren
Spielkameraden vermitteln, gerade so, als hätten sie in demselben Ton gesagt:
"Mensch, die Vera ist aber dick!" - bzw. dünn oder lang oder klein oder tüchtig
oder dumm, aber jedenfalls nicht so, wie man es von ihr erwartet hätte.

Tadel, besonders wenn er verstärkt wird durch ein "Du-machst-das-immer"-


Etikett, ist mit seiner Andeutung, dass antisoziales Verhalten erwartet wird,

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gleichfalls zerstörerisch. "Das sieht dir ähnlich, dein Taschentuch zu verlieren",
"Der denkt nur an Unfug", ein resigniertes Schulterzucken, eine umfassende
Anklage wie "Typisch Jungens", die impliziert, dass die Schlechtigkeit tief in
ihnen drinsteckt, oder auch einfach ein Gesichtsausdruck, der anzeigt, dass ein
schlechtes Benehmen keine Überraschung war, haben die gleiche verheerende
Wirkung wie Überraschung oder Lob für ein Zeichen von Gemeinschaftsgeist.

Auch die Kreativität kann durch den Umgang mit den kindlichen Bedürfnissen
nach Kooperation verletzt werden.

Man sagt nur etwas wie: "Nimm dein Malzeug auf die Veranda; ich möchte
nicht, dass du hier drinnen eine Schweinerei machst". Die Botschaft, dass das
Malen eine Schweinerei verursacht, geht nicht verloren, und der Drang nach
Kreativität müsste schon enorm sein, um das grundlegende Bedürfnis des
Kindes, zu tun, was seine Mutter von ihm erwartet, zu überwinden.

Ob es nun mit einem süßen Lächeln gesagt oder wie ein Schlachtruf
hervorgestoßen wird: Die Aussage über die Schlechtigkeit des Kindes ist
gleichermaßen wirksam.

Die Annahme eines angeborenen Sozialtriebes erfordert einige Kenntnis sowohl


vom Inhalt wie der Form der kindlichen Bestrebungen und Erwartungen. Sie
sind eindeutig nachahmend, kooperativ und der Erhaltung des Einzelwesens
und der Gattung dienlich.

Diese Kenntnis des angeborenen Sozialtriebes und der angemessene Umgang


damit sind im Patriarchat verloren gegangen. Selbst, wenn wir einsehen, dass
Lob und Tadel zerstörerisch wirken, weil sie manipulativ sind (auch zwischen
Erwachsenen), wir wissen nicht, wie wir ohne auskommen könnten. Es steht
uns keine Handlungsalternative zur Verfügung.

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MIKA: Die von dir vorgestellte Interpretation von Stammesgesellschaften, die
ganz und gar nicht denen von gängigen Lexika oder Wörterbüchern entspricht
und auch von 90% der Deutschen nicht in der Form verstanden wird, macht
einen ganz guten Eindruck.

H. VONIER: Was in gängigen Lexika und in Bildungseinrichtungen vermittelt


wird, ist patriarchal. Das Patriarchat muss den "Mythos vom ewigen
Patriarchat" aufrechterhalten, weil sonst das ganze kranke und künstlich
aufgebaute System zusammenfallen würde wie ein Kartenhaus.

Wenn alles Wissen über die sozialen Strukturen nicht-patriarchaler


Gesellschaften Allgemeingut wäre, wenn in der Zeitung darüber berichtet oder
im Fernsehen Bilder davon gezeigt würden, müsste ich auf meinen Websites
nicht versuchen, Einblick in eine lebenswerte Kultur zu vermitteln, in der ich
selbst nicht aufgewachsen bin und die ich erst nach Jahren intensiven Literatur-
Studiums halbwegs verstehe.

Was EthnologInnen wie Jean Liedloff über Naturvölker schreiben, ist eine große
Herausforderung für unsere Denk- und Gefühlsmuster.

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MIKA: Aber im Umgang mit Kindern ist da was oberfaul - oder die Antwort
einfach irreführend formuliert.

H. VONIER: Ja, im Umgang mit Kindern ist etwas oberfaul, aber nicht im bei
den indigenen Völkern...

Die Antwort kann natürlich als irritierend und missverständlich aufgenommen


werden, weil sie Kenntnisse voraussetzt, die in unserer Gesellschaft nicht
populär sind. Wir gehen zwangsläufig immer von unseren Maßstäben aus, bis
wir andere kennen und interpretieren Texte entsprechend. Wenn ich Antworten
gebe, dann weiß ich nie, was ich voraussetzen kann. Deshalb: Nachfragen.

Ich empfehle das wirklich schöne und gut zu lesende Buch "Auf der Suche nach
dem verlorenen Glück" von Jean Liedloff - zum Glück ist es nicht vergriffen, die
Nachfrage ist so groß, dass es immer wieder neu aufgelegt wird.

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MIKA: Spätestens mit dem Wissen um Vererbung sogar von
Charaktereigenschaften (vergl. Studien mit getrennt aufgewachsenen eineiigen
Zwillingen) ist es außerdem für ein jedes Kind wichtig, BEIDE leiblichen Eltern
zu kennen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. So toll es sicherlich ist,
wenn alle Erwachsenen gemeinsam für die Kinder da sind, so halte ich es doch
für notwendig, dass es ein besonderes Verhältnis zwischen Kindern und
leiblichen Eltern gibt.

H. VONIER: In der Stammes-Gemeinschaft findet ein Kind immer ein


"gemütliches Plätzchen" auf einem Schoß zum Ausruhen. Ist es dabei wichtig,
ob es sich um die biologische Mutter, eine entfernte Cousine, die Tante oder
den älteren Bruder handelt?

Was können zwei einzelne Menschen - die Eltern - einem Kind bieten, die dem
Alltagsstress ausgesetzt, gar nicht für das Kind (oder die Kinder!) da sein
können, wenn es das braucht, selbst wenn sie sich darum bemühen?

Zeit bedeutet für ein Kind etwas völlig anderes als für "zivilisierte" Erwachsene;
Kinder leben in der Gegenwart. Ein Bedürfnis haben sie jetzt und nicht "später,
wenn ich Zeit für dich habe". Sie werden ständig vertröstet - eine trostvolle
Welt.

Ich möchte dazu eine afrikanische Frau, Sobonfu E. Somé, vom Stamm der
Dagara zu Wort kommen lassen:

Kinder brauchen eine Stimme und ein offenes Ohr. Im Dorf, wo alle
Vater oder Mutter eines jeden Kindes sind, wissen sie, dass sie allen
Dorfbewohnern trauen und auf sie zählen können. Wenn viele
Menschen Eltern eines Kindes sind, kann das Kind zu jeder und jedem
gehen und einfach dasitzen und reden. Alle im Dorf wissen, was im
Leben jedes einzelnen Kindes vor sich geht - es gibt keine
Geheimnisse. Das Dorf leiht ihnen sein Ohr, hört ihre Stimme und
ermutigt sie, ihre Wahrheit mitzuteilen.

Wenn Kinder kein Ventil haben, wenn niemand ihnen zuhört,


verschließen sie ihre Stimme und ihre Gaben in sich. Wenn wir unsere
Kinder nicht dazu ermutigen, zu reden und offen zu sein, bricht sich
ihre Stimme auf andere Weise Bahn, und diese Energie kann äußerst

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zerstörerisch für sie sein. Wenn Kinder sprechen, wirkt dies befreiend.
Es lässt die Gifte heraus, und neue Energie kann hereinkommen. Aber
wenn sie nicht reden, bleiben ihre Gedanken, Gefühle und
Erfahrungen in ihnen verschlossen und können schließlich ihr Leben
vergiften.

Das ist es, was ich unter Gemeinschaft verstehe. Der vereinte Einsatz einer
Gemeinschaft wohlmeinender Menschen gibt einem Kind die Möglichkeit, ein
Netz aus Familie und Freunden/Freundinnen zu weben, das seine Weltsicht und
sein Wissen erweitert.

Es gibt viele Arten, wie sich Weiblichkeit oder Männlichkeit ausdrückt. Ein Kind,
das viele Frauen und Männer im Alltag erlebt, kann durch diese vielfältigen
Impulse uneingeschränkt in seine eigene Rolle hineinwachsen, weil es als Junge
oder Mädchen nicht ein "richtiger" Mann oder eine "richtige" Frau werden muss.
Alles ist möglich, denn die Vielfalt wird gefördert.

Auf diese Weise werden sich die Kinder im Dorf ihres unersetzlichen Wertes für
das Ganze und der Bedeutung der Gemeinschaft für ihr Wohlergehen bewusst.

Aus diesem Grund kann sich kein Kind als Waise fühlen, denn es wird sich
immer wenigstens eine Mutter oder ein Vater seiner Seele annehmen, selbst
wenn die leiblichen Eltern nicht da sein sollten. Alle, die sich um das Kind
kümmern, tun dies mit ihrem ganzen Herzen und ihrer ganzen Liebe, um ihm
mehr zu geben, als die leiblichen Eltern ihm möglicherweise geben können.

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MIKA: Ich bin getrennt lebender Vater und ich lasse unserer Tochter viel mehr
Freiheiten als es ihre Mutter tut. Mit Gefahren sollte aber meines Erachtens
"altersgerecht" umgegangen werden. Zudem gibt es Sachzwänge, die auch die
Erwachsenen nicht unter Kontrolle haben, an die sich aber auch das Kind halten
muss, auch wenn es keine Lust dazu hat (denken wir nur mal an die Schule).

H. VONIER: Ja, die Sachzwänge... Die gibt es aber nur in patriarchalen


Gesellschaften. Wir können sie natürlich nicht von heute auf morgen
abschaffen, weil wir sie meistens noch nicht mal als Zwänge erkennen, die uns
von anderen Menschen! - nicht von den natürlichen Gegebenheiten - auferlegt
werden. Wenn wir diese Erkenntnis hätten, würden wir etwas dagegen tun,
denn kein Mensch lässt sich freiwillig von anderen etwas vorschreiben. Es gibt
aber bereits Leute, die haben Verschiedenes erkannt und klinken sich in
Teilbereichen aus dem System aus.

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Ausblick (Sobonfu E. Somé):

Es ist Kindern ein natürliches Bedürfnis, in einer Gemeinschaft mit anderen zu


sein, ob diese Gemeinschaft nun aus Erwachsenen oder anderen Kindern
besteht. Das Ichbewusstsein eines Kindes wird von der Gemeinschaft getragen.
Ihre Seelen und ihr Ichgefühl blühen in der Gemeinschaft auf. Wir stellen
manchmal fest, dass Kinder die wichtigste Zuwendung von anderen Kindern
erhalten.
Das sieht man im Dorf an der Art, wie Kinder miteinander umgehen - die Liebe
eines Kindes zu einem anderen kann durch nichts ersetzt werden. Kein
Spielzeug oder Videospiel kann die Liebe eines anderen Kindes aufwiegen.

Kinder müssen mit anderen Kindern zusammen sein, denn sie können auf eine
Art miteinander sprechen, wie es Erwachsenen nicht möglich ist. Sie können
einander andere Energien vermitteln als Erwachsene, um ihr Ichgefühl zu
stärken. Sie bringen Freundschaft, Liebe, Unterstützung und Spiritualität zum
Ausdruck. Allein schon aus diesem Grund sorgt in meinem Dorf eine Familie mit
nur einem Kind dafür, dass ein anderes Kind zu ihnen kommt, um diese
Dynamik von Kind zu Kind zu fördern.

Diese Beziehung wird im Dorf nicht nur ernst genommen, sondern auch
respektiert. Wenn Kinder einige Zeit miteinander verbracht haben und es dann
Zeit ist, auseinander zugehen, muss man ein Ritual zur vorübergehenden
Trennung abhalten. Wir lassen immer etwas von dem weggehenden Kind bei
dem anderen und umgekehrt, sodass beide wissen, dass die verbindende
Energie noch immer da ist.

Dies ist heutzutage von besonderer Bedeutung, weil so viele Familien durch
Scheidung auseinandergerissen und die Kinder voneinander getrennt werden.
Den Kindern ist vielleicht nicht gleich großer Kummer anzumerken, doch später
wird ihnen bewusst, dass sie eine/n wichtige/n Verbündete/n verloren haben.

Quellen:

Liedloff, J.: Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Gegen die Zerstörung unserer
Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit : C.H.Beck, 2009 – ISBN 9783406585876

Hannelore Vonier, Kissimmee, Florida - Blog: Rette sich, wer kann!


Somé, S. E.: In unserer Mitte: Kinder in der Gemeinschaft : Orlanda Frauenverlag GmbH, 2005 –
ISBN 9783936937107

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