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3/2013 Mai | Juni € 5,50 A: € 6,30 CH: sFr 11,00 BeNeLux: € 6,50 SK, I: € 7,45 S: SKR 75 N: NOK 79 FIN:

5 S: SKR 75 N: NOK 79 FIN: € 8,10


Clausewitz
Das Magazin für Militärgeschichte

Clausewitz
Militär-
technik im
Detail
Flugzeugträger der
Independence-
Klasse

8,8-cm-FlaK
Das steckt hinter dem
Ruf der „Acht-Acht“

Hamburgs Brandnächte im Jahr 1943


Krimkrieg 1853
Vorstufe zu einem
Weltkrieg? Operation
„Gomorrha“
Richard MILITÄR & TECHNIK:
Löwenherz
König, Krieger
und Kreuzritter Mi-8T

Westland Deutsche
„Sea King“
Marineflieger im Kalten Krieg
Legen de n
der Lü fte

Das neue
.
Heft ist dal
i
Ab 15. Aprk!
am Kios

   
          
     

Editorial Krieger, Söldner & Soldaten
NEUE SERIE
Liebe Leserin, Der gefiederte Tod
lieber Leser, Die englischen Langbogenschützen revolutionieren mit ihrem
vor 70 Jahren wurde die Großstadt Massenbeschuss die Kriegführung des späten Mittelalters
Hamburg von einer Katastrophe un-
ie Ursprünge der englischen Langbogen- die Kampfausrüstung. In der Schlacht nehmen
vorstellbaren Ausmaßes heimge-
sucht. Das „alte“ Hamburg ging in ei-
nem von alliierten Bombenangriffen
D schützen stehen im Zusammenhang mit
den während der zweiten Hälfte des 13. Jahr-
die Bogenschützen oft eine Flankenposition
ein und werden damit von den gepanzerten
entfachten Feuersturm unter. Die Fol- hunderts stattfindenden Eroberungskriegen Fußkriegern und den meist abgesessen kämp-
gen der Operation „Gomorrha“ verän- des englischen Königs Edward I. in Wales. Dort fenden Panzerreitern geschützt. Innerhalb ei-
derten das Antlitz der Hansestadt an herrscht vor allem im Süden des Landes eine ner Minute muss ein Mann mindestens zehn
der Elbe für immer. alte Tradition des Bogenschießens, die sich Pfeile abschießen, sonst gilt er nicht als voll-
Auch sieben Jahrzehnte nach den der Herrscher bald zunutze macht. Er nimmt wertiger Schütze. Zu diesem Zweck stecken
verheerenden Luftangriffen sind die die dortigen Stämme in seine Dienste und die die Männer einige Pfeile vor sich in den Boden,
Wunden im Mischung aus großen Kontingenten von Bo- um diese noch schneller greifen zu können.
Stadtbild sicht- genschützen und Panzerreitern bildet eine ge- Die schweren Kriegsbögen sind etwa 1, 8 Me-
bar, die Ruine lungene Kombination aus Feuer- und Schlag- ter lang und bestehen aus einem Stück Eiben-
der ehemali- kraft. Während die frühen Langbogenschützen holz, das so gewählt ist, dass sich das dichte
gen Hauptkir- noch weitgehend ungerüstet in den Kampf zie- Kernholz in der Mitte des Bogens befindet,
che St. Nikolai hen, ändert sich dies mit ihrem gestiegenen während das elastischere Holz die Bogenarme
ragt seit ihrer Prestige. Da von nun an auch zahlreiche Eng- bildet. Dies verleiht dem Bogen seine enorme
Zerstörung im länder als Bogenschützen dienen, nehmen sie Spannkraft, die bei den schwersten Exempla-
Juli 1943 mah- bald den Rang einer Eliteeinheit ein. Damit ver- ren ein Zuggewicht von über 50 kg erreicht. Die
nend in den bessert sich auch ihre Ausrüstung. Neben den Pfeile durchdringen auf kurze Distanz sogar ei-
Himmel. Bogen treten Schwert, Axt oder ein Streitkol- ne Rüstung. Durch den Massenbeschuss wird
Heute wird das „Mahnmal St. Niko- ben als Sekundärwaffen. Dem das Vorrücken feindlicher Truppen erheblich
lai“ als Erinnerungsort für die Opfer Körperschutz dienen eine Be- behindert, wobei auch der psychologische Ef-
von Krieg und Gewaltherrschaft der ckenhaube oder ein anderer fekt eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.
Jahre 1933–1945 genutzt. Seit 1993 einfacher Helm, sowie eine Dabei liegt die weiteste Kampfentfernung bei
ist es Mitglied der „Nagelkreuzge- Brigantine, ein Kettenhemd etwa 300 Metern. Mit den seit dem 15. Jahr-
meinschaft“ – das in der Turmhalle oder ein Gambeson, der hundert immer ausgereifteren Handfeuerwaf-
angebrachte „Nagelkreuz von Coven- als „jack“ bezeichnet fen bekommt der Langbogen eine ernsthafte
try“ ist ein Symbol für das Anliegen, wird. Ein kleiner Faust- Konkurrenz. Dennoch ist er zunächst aufgrund
Gegensätze der Vergangenheit zu schild vervollkommnet seiner höheren „Feuergeschwindigkeit“ wei-
überbrücken und gemeinsam eine terhin im Einsatz, bis er schließlich zu Beginn
friedliche Zukunft zu gestalten. des 16. Jahrhunderts den Feuerwaffen ganz
Wie die kontrovers geführte Diskus- weichen muss.
sion um das 2012 in London enthüll-
te „Bomber Command Memorial“ für
die mehr als 55.000 Gefallenen der FAKTEN
Royal Air Force zeigt, berührt das The-
Zeit: Spätes 13. bis Anfang 16.
ma „Bombenkrieg – Alliierte Luftan- Jahrhundert
griffe auf Deutschland“ die Menschen
Uniform: Beinlinge, Wams, Brigantine, Ket-
auch heute noch emotional. tenhemd, einfacher Helm, Bogen, Bündel
Lesen Sie in unserer Titelgeschich- mit Pfeilen, kurzes Schwert, Dolch, kleiner
te „Bomben auf Hamburg“ ab Seite 10, Faustschild
wie es zum Untergang Hamburgs im Hauptwaffe: Langbogen
Feuersturm des Jahres 1943 kam Kampftaktik: Massenbeschuss durch
und welche Ziele die Alliierten mit der Pfeilhagel
Operation „Gomorrha“ verfolgten. Wichtige Schlachten: Falkirk 1298
Ich möchte Sie auch auf unser gro-
Crécy 1346
ßes CLAUSEWITZ-Gewinnspiel auf Sei-
Poitiers 1356
te 31 aufmerksam machen, bei dem
Azincourt 1415
es attraktive Preise zu gewinnen
Langbogenschützen im Film:
gibt. Machen Sie mit, es lohnt sich!
Henry V. (1989)
Eine abwechslungsreiche Lektüre und
Robin Hood (2010)
viel Spaß beim Gewinnspiel
wünscht Ihnen
Im Hundertjährigen Krieg: Dieser Langbogenschütze in der
Schlacht von Crécy ist durch eine gepolsterte Jacke und eine
Beckenhaube geschützt. Die Pfeile werden in einem großen
Dr. Tammo Luther Leinwandbeutel transportiert und erst kurz vor der Schlacht im
Verantwortlicher Redakteur Boden vor dem Schützen platziert oder – wie hier – direkt am
Gürtel getragen. Zeichnung: Andrea Modesti

Clausewitz 3/2013
Inhalt

Titelthema Titelgeschichte

HILFLOS:
Die Einwohner von Hamburg – sofern sie nicht den
Luftangriffen zum Opfer fallen – müssen der Zerstö-
rung ihrer Heimatstadt in mehreren alliierten Tag- und
Nachtangriffen tatenlos zusehen. Ganze Stadtteile
werden im Sommer 1943 in Schutt und Asche gelegt.
Die alliierten Luftangriffe sollen die deutsche Zivilbe-
völkerung demoralisieren.

Alliierte Luftangriffe 1943 – Foto: SSPL/National Media Museum/Süddeutsche Zeitung Photo

Operation „Gomorrha“. .............................................................................................................10


Hamburg versinkt im Feuersturm

Kriegsschauplatz „Himmel“. ..........................................................................................24


Technologie und Strategie im Bombenkrieg

„Es regnete Feuer...“. 28


.................................................................................................................... Alliierte Luftangriffe – „Operation Gomorrha“

Das Leid der Zivilbevölkerung während der Luftangriffe


Bomben auf Hamburg
24. Juli 1943: Fast 800 Bomber der Royal Air Force befinden sich auf dem Weg in Rich-
tung Hamburg. Ihre tödliche Mission ist der Auftakt zu einer Serie schwerer alliierter Luft-
angriffe, die das „Gesicht“ der Stadt Hamburg für immer veränderten... Von Peter Cronauer

10 Clausewitz 3/2013 11

Im Feuersturm: Ein Straßenzug in der Ham-


burger Innenstadt nach einem der verhee-
renden Bombenangriffe im Sommer 1943.
Foto: ddp images/AP/Süddeutsche Zeitung Photo

Magazin Schnellboot der Kriegsmarine.....................................................................42


Neues zur Militärgeschichte, Ausstellungen und Bücher .........................6 Der gefährliche „Jäger“ auf See

Schlachten der Weltgeschichte Der Zeitzeuge


Operation „Husky“ – Landung alliierter Eisenbahn im Zweiten Weltkrieg..........................................................44
Vom „Blitzkrieg“ bis zum Untergang
Truppen auf Sizilien 1943. .................................................................................32
Sturm auf die „Festung Europa“ Schlachten der Weltgeschichte
Krimkrieg 1853–1856. ................................................................................................48
Militärtechnik im Detail Der erste „moderne“ Stellungskrieg
Alliierter leichter Flugzeugträger. ....................................................... 40
Das historische Dokument
„Klein“, aber schlagkräftig
„Streng vertraulich!“ ............................................................................................................54
Geheimes NVA-Kartenmaterial aus den 1980er-Jahren

4
Schlachten der Weltgeschichte | Operation „Husky“ Schlachten der Weltgeschichte

Alliierte Landung auf Sizilien 1943


U
m den Krieg nach Westeuropa zu tra- mandostruktur im Mittelmeerraum als tigt. Der deutsche Oberbefehlshaber der
gen und mit Hilfe einer zweiten Front schwierig. Hinzu kommen persönliche Ab- Heeresgruppe Süd, Generalfeldmarschall
Krimkrieg 1853-1856
D
Druck vom sowjetischen Verbünde- neigungen zwischen amerikanischen und Albert Kesselring, stellt wenige Tage vor Be- icht gedrängt greifen am 5. November bei den Infanteriegewehren und beweist so- liegt aber im inneren Zerfall des Osmanischen

Sturm auf die


ten zu nehmen, entscheiden sich die Alliier- britischen Offizieren. In operativer Hin- ginn der alliierten Invasion fest: „Die Ver- des Jahres 1854 rund 35.000 russische fort deren Überlegenheit über die altbewähr- Reiches, das von Spöttern gerne als der
ten Anfang des Jahres 1943 für eine Invasion sicht kommt es den alliierten Landungs- stärkung der natürlichen Abwehrkraft der Soldaten die schwachen britischen ten glattläufigen Vorderlader. Doch das ist „Kranke Mann am Bosporus“ bezeichnet
auf Sizilien.
Für die Eroberung der Mittelmeerinsel
spricht vor allem ihre Lage: Mit Sizilien als
truppen vor allem auf die Inbesitznahme
von Häfen und Landungsplätzen an, um
die Versorgung der Truppen zu gewährleis-
Inseln durch die Anlage von Befestigungen
ist nicht in ausreichendem Maße erfolgt.“
Zudem zwingt die lange Küste Siziliens den Der erste „moderne“ Stellungen vor der Stadt und Festung Sewas-
topol auf der Halbinsel Krim an. Das Ziel der
russischen Angreifer sind die Hügel am
nicht die einzige Besonderheit, durch die
sich dieser Konflikt in der Mitte des 19. Jahr-
hunderts auszeichnet. Neben eisengepan-
wird.
Russland hofft, bedingt durch die Schwä-
che der Türken, endlich die Kontrolle über die

„Festung Europa“
Ausgangspunkt ist eine Invasion des italie- ten. Nicht alle Teile Siziliens liegen zudem Verteidiger zu einer Dekonzentration der nördlichen Ende der britischen Linien. Aber zerten Schiffen mit Dampfantrieb ist dies Meerenge des Bosporus zu erreichen. Das
nischen Festlandes möglich. Zudem erleich- in der Reichweite der alliierten Jagdflieger Kräfte. Trotz aller Argumente, die für eine der russische Angriff bleibt im mörderischen auch der erste Krieg, über den die Medien wiederum liegt nicht im Interesse Großbritan-
tert der Besitz der Insel die Kontrolle des
Schiffsverkehrs im westlichen Mittelmeer.
Da die geplante Invasion in Frankreich
nicht vor 1944 durchführbar ist, legen sich
die amerikanischen und britischen Militärs
auf Malta, sodass die Eroberung von Flug-
plätzen eine hohe Bedeutung erlangt.

Schwache Verteidigungsanlagen
Eine Landung auf Sizilien wird durch die
alliierte Landung auf der Insel sprechen,
kennen die „Achsenmächte“ die gegneri-
schen Landungsabsichten nicht. Mit Hilfe
eines groß angelegten Täuschungsmanö-
vers erhöhen die Alliierten die Unsicherheit
Stellungskrieg Abwehrfeuer der Verteidiger stecken. Die
dicht gedrängten russischen Angriffskolon-
nen erleiden ungeahnte Verluste im decken-
den Feuer der britischen Infanterie. Diese ist
im Gegensatz zu ihren russischen Gegnern
dank des Telegrafen direkt berichten. Sogar
Zar Nikolaus soll gesagt haben, er würde
keine Spione brauchen, da er ja die „Times“
lesen könne.
Doch wo liegt der Anlass für diesen Kon-
niens, denn London will nicht zulassen, dass
eine solche Schlüsselposition wie die Darda-
nellen unter russische Kontrolle gerät.

Der lange Weg auf die Krim


10. Juli 1943: In den frühen Morgenstunden landen mehrere Tausend amerikanische auf den italienischen Schwerpunkt fest. Ita- schwachen Verteidigungsanlagen begüns- bei ihrem Gegner. Die Wehrmachtführung 28. März 1854: England und Frankreich greifen militärisch in den blutigen Konflikt zwi- bereits mit den Gewehren mit gezogenen flikt? Russlands Eintreten für die Interessen Nach dem Abbruch der diplomatischen Be-
lien ist seit der vernichtenden Niederlage in schen Russland und dem Osmanischen Reich ein. Besonders um die Festung Sewastopol Läufen nach dem System Minié ausgerüstet. der orthodoxen Christen ruft den Widerstand ziehungen besetzen am 3. Juli 1853 rund
und britische Soldaten auf der italienischen Mittelmeerinsel Sizilien. Die Operation Nordafrika nur noch ein unsicherer Bun- Der Krieg auf der Krim erlebt den ersten der anderen christlichen Konfessionen her- 80.000 russische Soldaten unter dem Befehl
„Husky“ soll das Tor zur „Festung Europa“ aufstoßen... Von Lukas Grawe desgenosse des Deutschen Reichs. entbrennt ein Stellungskrieg, wie ihn die Welt bisher nicht kannte... Von Carsten Walczok massenhaften Einsatz dieses neuen Systems vor. Die eigentliche Ursache für den Krieg von Fürst Michail Gortschakow die Donau-
Mit der Eroberung Siziliens soll daher Ita-
lien aus dem Krieg an der Seite des Deut-
schen Reiches gedrängt werden. Hitler wäre
auf diese Weise gezwungen, die italienisch
besetzten Gebiete in Südfrankreich und auf
dem Balkan mit eigenen Truppen zu halten.
Die im Januar einsetzende Planung für
die Invasion der Insel gestaltet sich auf-
grund der komplizierten alliierten Kom-

Alliierte
FRANKREICH
Befehlshaber: Armand-Jacques Achille Leroy de
Saint-Arnaud (1798-1854)/ François Canrobert
(1809–1895) /Aimable Pélissier (1794–1864)
Truppenstärke: 100.000
Verluste: 70.000
GROßBRITANNIEN
HINTERGRUND Die „Achse“ Berlin – Rom Befehlshaber: Fitzroy James Henry Somerset,
Lord Raglan (1788–1855)
Seit dem 1936 geschlossenen geheimen um Romanum“ auf dem Balkan und in Afri- Truppenstärke: 35.000
Freundschaftsvertrag bildet sich eine enge ka. Grundlage für die deutsche Unterstüt- Verluste: 22.000
Zusammenarbeit zwischen dem faschisti- zung sind jedoch überwiegend eigene Inte-
schen Italien und dem „Dritten Reich“ aus. ressen. Italien beteiligt sich währenddessen SARDINIEN-PIEMONT
Mit dem „Stahlpakt“ von 1939 sichern sich an Hitlers Feldzug gegen die Sowjetunion, der Befehlshaber: Alfonso La Marmora
beide Länder im Falle eines Krieges unbe- jedoch von der italienischen Bevölkerung als (1804–1878)
dingte militärische Unterstützung zu, die „deutscher Krieg“ angesehen wird. Truppenstärke: 14.000
auch für einen Angriffskrieg gilt. Während Mit dem Sturz Mussolinis und der folgen- Verluste: k. A.

S.32 S.48
sich Italien noch nicht am Polenfeldzug be- den Kriegserklärung Italiens an das Deut-
Russland MARTIALISCH: Darstellung
OSMANISCHES REICH (TÜRKEI)
teiligt, tritt es am 10. Juni 1940 in den Krieg sche Reich Ende 1943 endet die militäri- Befehlshaber: Fürst Michael Dimitrijewitsch Gortscha- Befehlshaber: Omar Pascha (Michael Latas) der Belagerung von Sewas-
gegen Frankreich und Großbritannien ein. sche Zusammenarbeit, die stets von kow (1792–1861) / Fürst Menschikow (1787–1869) (1806–1871) topol von Franz A. Roubaud
UNBEHELLIGT: Landung von US-Truppen In der Folgezeit unterstützt Hitler Mussolinis starken Spannungen und Interessengegen- (Ausschnitt aus einem
Truppenstärke: 107.000 Truppenstärke: 55.000
auf Sizilien am 11. Juli 1943. Pläne zur Errichtung eines zweiten „Imperi- sätzen geprägt ist. Panoramagemälde).
Verluste: 73.000 Verluste: k. A.
Foto: Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung Photo Foto: picture-alliance/Prisma Archivo

32 Clausewitz 3/2013 33 48 Clausewitz 3/2013 49

Militär und Technik | Marineflieger Militär und Technik | FlaK 8,8 cm

Deutsche Marineflieger nach dem Zweiten Weltkrieg RESPEKTEINFLÖßEND: Gefürchtete Allzweckwaffe EINDRUCKSVOLLES SCHAUSPIEL:
Eine 8,8 cm FlaK L/56 auf einem
Bewaffneter Mi-8T-Hubschrauber

„Fliegen, wo die Die „Acht-Acht“


beim Einsatz über der Ostsee. der riesigen Faun-Lastwagen beim
Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte
Feuern in der Nacht. Die Feuerlei-
tung obliegt einem Kommando-
gerät (ebenfalls auf Lkw verlastet).
Foto: Sammlung Anderson

1941–1943: „Anti-Aircraft, Anti-Tank and Anti-Social!“ Mit grimmiger


Anerkennung zollen die Engländer in Nordafrika ihrem vielleicht
gefährlichsten Gegner Respekt. Was hat es mit der erfolgreichen
deutschen 8,8 cm FlaK auf sich? Von Thomas Anderson

Flotte fährt“
Angesichts der aus Sicht der Marine negati- sechs weiteren Soldaten eine Baracke in Die Aufgabe der Angriffs- bzw. Kampfflug-
ven Erfahrungen aus dem Zweiten Welt- Kiel-Holtenau. Im April 1957 wird die zeuge (Marinejagdbomber) liegt im Schutz
krieg werden eigene Marinefliegerkräfte als I. Marinefliegergruppe in Dienst gestellt. der Ostsee und ihrer Zugänge, um im Fall
NEUES MODELL: Ab 1975 werden die
notwendig angesehen. Die entsprechende Am 1. Januar folgt die Seenotstaffel und am eines Angriffs des Warschauer Pakts den
Sikorski H-34 (hinten) durch Westland
„Sea King“-Hubschrauber abgelöst.
Empfehlung geht auf den ehemaligen 1. April 1958 die II. Marinefliegergruppe. sowjetischen Streitkräften und ihren Ver-
Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte Oberst und späteren Kapitän zur See und Als einmaliger Vorgang in der deutschen bündeten den Zugriff auf diese Seegebiete
ersten Kommandeur der bundesdeutschen Militärgeschichte kann die Indienststel- zu verwehren und eine Landung auf bun-
Marineflieger, Walter Gaul, zurück. Vorge- lung der Mehrzweckstaffel am 19. Mai desdeutschem Territorium zu verhindern.
schlagen werden 84 Jagd-, 30 Aufklärungs- 1958 im schottischen Lossiemouth be- Die beiden dafür in Jagel bzw. ab März
INFO Vergleich schwerer Flakgeschütze
Ende der 1950er-Jahre: Die Bundeswehr beginnt mit der Einführung von Marineflieger- sowie 30, später sogar 60 Kampf- bzw. U- zeichnet werden. Einen Tag darauf wird 1965 in Eggebek in Schleswig-Holstein be- Waffe 8,8 cm 8,8 cm 10,5 cm 88 mm FlaK QF 3,7 inch 90 mm Gun

D
Jagdflugzeuge. Allerdings ist diese Forde- dort die U-Jagd-Staffel in Dienst gestellt. heimateten, zunächst als Marineflieger- er Erste Weltkrieg stellt eine Zäsur in beschreibt die Kaliberlänge des Geschützes Vertragswerkes werden von deutscher Sei- FlaK 18 FlaK 41 FlaK 38 M 1939 AA gun M1A1
gruppen. Wenige Jahre später wird in der DDR eine erste Marinehubschrauberstaffel zur rung nicht einfach umzusetzen. Da die Ma- gruppen aufgestellten Marinefliegerge- der Weltgeschichte dar. Was bereits und umfasst sowohl die 8,8 cm FlaK 18, 36 te jedoch unterlaufen, die Entwicklung mo- Herkunft Deutsches Reich Deutsches Reich Deutsches Reich Russland England USA
Unterstützung der Seestreitkräfte in Dienst gestellt... Von Werner Fischbach rine Bestandteil der Europäischen Verteidi- Luftfahrzeuge der Geschwader schwader 1 und 2 (MFG 1 und 2) werden, während des US-Bürgerkrieges und und 37). derner Waffen läuft im Geheimen weiter.
Kaliber 8,8 cm 8,8 cm 10,5 cm 8,5 cm 9,4 cm 9 cm
gungsgemeinschaft (EVG) werden soll, „Fliegen, wo die Flotte fährt“, lautet das da die USA nicht bereit sind, moderne im Krieg von 1870/71 im Ansatz erkennbar Zum Ende der 1920er-Jahre ergibt sich in
leisten Frankreich und Großbritannien hefti- Motto der Marineflieger. Und das be- Kampfflugzeuge wie die Grumman F9F-8P war, beeinflusst den neuen Konflikt gewal- Verborgene Entwicklung Deutschland wieder die Notwendigkeit ei- Kaliberlänge L/56 L/74 L/63 L/55 -- --

D
ie Anfänge der bundesdeutschen Ma- offizier 1934 zur Luftwaffe wechselte und gen Widerstand gegen eigenständige deut- schreibt ihre Aufgabe genau. Sie sind, der „Cougar“ an Deutschland zu liefern, zu- tig: Die industrielle Leistungsfähigkeit der Nach dem Ersten Weltkrieg ergeben sich ner Fliegerabwehrwaffe, um der steigen- Gewicht 7,2 t 11,2 t 14 t 4,2 t 9,3 t 8,6 t
rineflieger reichen in das Jahr 1949 zu- während des Krieges – unterbrochen von sche Marinefliegerverbände. direkten Kommandogewalt der Marine un- nächst mit Armstrong Whitworth „Sea- Kriegsteilnehmer bestimmt Art, Dauer und aus dem Versailler Vertrag für das deutsche den Gefährdung aus der Luft Rechnung zu Anfangs- 850 m/s 1.000 m/s 900 m/s 792 m/s 722 bis 1.044 823 m/s
rück. Vier Jahre nach dem Ende des Seeaufklärereinsätzen – im Stab der See- Nur durch die Intervention der USA terstellt, ein Seekriegsmittel und dienen da- hawk“ ausgerüstet. Dabei handelt es sich Ausgang dieses Konfliktes. Heer starke Einschränkungen bezüglich tragen. Die Hauptforderung an das zu ent- geschwindigkeit (Vo) m/s
Zweiten Weltkriegs ruft die US-Marine das kriegsleitung tätig war. werden der bundesdeutschen Marine im zu, Seekrieg aus der Luft und eben nicht, hierbei um ein für die Royal Navy entwi- Die rasante Entwicklung der Rüstungs- der Entwicklung und Einführung moder- wickelnde Geschütz ist die Bekämpfung Max. Schussweite 16.300 m 19.800 m 17.700 m 15.000 m 18.800 m 17.800 m
„Naval Historical Team“ zusammen, das un- Mai 1952 30 Hubschrauber und 24 Aufklä- Luftkrieg über der See zu führen. ckeltes und dort eingesetztes robustes technik im Ersten Weltkrieg bringt viele ner Waffen. Die harten Bedingungen dieses feindlicher Aufklärungs- und Bomberflug- Effektive Reichwei- 11.300 m 14.700 m 12.800 m 10.500 m 12.000 m 10.300 m
ter die Zuständigkeit der „Naval Intelli- Anfänge der Bw-Marineflieger rer zugestanden. technische Neuerungen auf das Schlacht- zeuge auf mittleren und großen Flughöhen te/max. Schusshöhe
gence“ fällt. Dabei geht es den Amerikanern Marineflieger sind also schon beim „Naval Als der EVG-Vertrag schließlich am Wi- IN BEGLEITUNG: Nach ihrer letzten Landung wird feld, darunter moderne Entwicklungen wie (500 bis 6.000 m).
in erster Linie um die Erfahrungen, die die Historical Team“ ein Thema. Wesentlich kon- derstand Frankreichs scheitert, werden der die „Atlantic“ der SIGINT-Version von zwei gepanzerte Kampffahrzeuge und Flugzeu- Die Entscheidung für das Kaliber 8,8 cm
deutsche Kriegsmarine im letzten Weltkrieg kreter wird die Angelegenheit in der Him- Marine bei den Verhandlungen über einen „Sea Lynx“ eskortiert. Foto: PIZ Marine ge. Luftgestützte Angriffe werden früh als der Flak ist praktischen Gesichtspunkten mit entsprechende Erfahrungen, sowohl te für eine Flugbahn von 8.000 m und einer auf einer Sockellafette montiert sein, die
insbesondere in Nord- und Ostsee, sowie in meroder Denkschrift, die im Oktober 1950 NATO-Beitritt der Bundesrepublik Deutsch- potentielle Bedrohung angesehen. Schon 40 geschuldet. Firmen wie Krupp haben da- Rasanz als auch Waffenwirkung im Ziel er- Flughöhe von 6.000 m nicht länger als 25 seitlich im 360° Vollkreis geschwenkt und
Norwegen und dem Atlantik gesammelt hat. vor dem Hintergrund der konventionellen land infolge einer massiven Unterstützung Jahre vor dem Weltkrieg werden erste Ge- füllen die gesetzten Parameter. Sekunden dauern. Das Geschütz muss im in der Höhe von minus 3 bis plus 85° ge-
Das Team umfasst fünf fest angestellte Überlegenheit sowjetischer Streitkräfte und durch die USA neben 58 Flugzeugen (24 schütze zur Abwehr französischer Bal- ERFOLGREICHE KOMBINATION: Am 13. Dezember 1930 verzeichnet die Einsatzgebiet der Artillerie auf dem Ge- richtet werden kann. Für den Einsatz als
Eine 8,8 cm FlaK L/56 auf ei-
hohe Marineoffiziere und tritt unter der des am 25. Juni desselben Jahres ausgebro- Aufklärer, 24 Angriffs- und zehn U-Jagd- lons entwickelt. Daraus entstehen Kommission für das streng geheime Ent- fechtsfeld einsetzbar sein. Die 8,8 cm FlaK Flugabwehrgeschütz ist eine Richtge-
nem gepanzerten s ZgKw 12 t
Leitung von Generaladmiral a. D. Otto chenen Koreakriegs hinter den Mauern des flugzeuge) eine unbestimmte Anzahl von noch vor 1910 brauchbare Fliegerab- wicklungsprogramm unter anderem: ist das kleinste Kaliber mit ausreichender schwindigkeit von 6° pro Sekunde in der

S.56 S.62
(SdKfz. 8). Schnell und auch
Schniewind am 9. April 1949 in Bremerha- Klosters Himmerod erstellt wird. Thema ist Hubschraubern zugestanden. Dazu kommt wehrgeschütze vom Kaliber 7,5 cm. im Gelände beweglich, kön- „Es wird eine Flugabwehrkanone mit Wirkung, das für den Einsatz mit unseren Höhe und 16° pro Sekunde nach der Seite
ven zum ersten Mal zusammen. Es gilt als der militärische Beitrag der Bundesrepublik noch eine Reserve von 30 Prozent. 1916 entwickelt Krupp ein Flugab- nen die wertvollen Waf- größtmöglicher Geschosswirkung benötigt. Kommandogeräten geeignet ist.“ gefordert.
Keimzelle der späteren Bundesmarine. VIELSEITIG EINSETZBAR: Ein Hubschrauber an der Seite ihrer westlichen Partner, wobei Mit dem Aufstellungsbefehl Nr. 41 vom wehrgeschütz vom Kaliber 8,8 cm, fen an Brennpunkten Die Reichweite muss zwischen 2.500 bis Die Firma Krupp hat bereits 1928 begon- Eine höchstmögliche Anfangsgeschwin-
Mit von der Partie ist auch der ehemali- vom Typ Mil Mi-4 beim Bergungsdienst. auch auf die Rolle zukünftiger Marineflie- 26. Juni 1956 bildet Kpt.z.S. Gaul das Kom- welches als Urahn der späteren 8,8 cm eingesetzt werden. 8.000 m bis zu einer Flughöhe von 6.000 be- nen, eine 8,8 cm FlaK auf Kraftzug-Anhän- digkeit (Vo) ist entscheidend, um die Waf-
ge Oberst i.G. Walter Gaul, der als Marine- Foto: BArch, Bild 183-C0229-0001-002, Fotograf: Karnitzki gerverbände eingegangen wird. mando der Marineflieger und bezieht mit Flak L/56 gelten darf (Das Kürzel L/56 Foto: Sammlung Anderson tragen. Die Flugdauer des Geschosses soll- ger zu entwickeln. Das Geschütz selbst soll fenwirkung schnell in das Zielgebiet zu

56 Clausewitz 3/2013 57 62 Clausewitz 3/2013 63

Spurensuche Feldherren

Richard I. Löwenherz IM HEILIGEN LAND: Richard I. und seine Armee be-


ten vor einer Schlacht gemeinsam. Der König begibt

HELGOLAND HEUTE: Ein


Der Krieger auf sich schon kurz nach seiner Thronbesteigung auf den
Kreuzzug und kämpft stets an der Seite seiner Trup-
pe. Illustration von Gustave Doré aus dem 19. Jhd.
Abb.: picture-alliance/Prisma Archivo

dem Königsthron
friedliches Eiland mitten
in der Nordsee. Foto: U. Kaack

Bis heute: Richard Löwenherz ist eine der romantisch

R
ichard, der gar kein Englisch spricht,
hält sich während seiner Regierungs-
verklärtesten Figuren der Geschichte, und er gilt nach
zeit nur einige Monate in England wie vor als einer der „englischsten“ Könige der
auf. Sein Kampf gegen Sultan Saladin im
Verlauf des Dritten Kreuzzugs ist ebenso
britischen Geschichte… Von Otto Schertler
von zahlreichen Legenden umrankt wie die
Zeit seiner daran anschließenden Gefangen- schaftszeit in nicht endende Kämpfe mit schaft kein Jahr seines Lebens in dem er
schaft in Österreich und Deutschland. Selbst widerspenstigen Vasallen, feindlichen nicht im Feld steht. Er beteiligt sich an der
die Umstände seines Todes erhöhen ihn Nachbarn und dem französischen König- von 1173–1174 währenden, vom französi-
„Spielball“ der Weltgeschichte über das Maß anderer Sterblicher – ver-
gibt er doch auf dem Totenbett dem franzö-
tum verstrickt sieht.
Bereits in jungen Jahren lernt er da-
schen König unterstützten Rebellion gegen
seinen Vater, mit dem er sich bis zu dessen

Helgoland
MILITÄRISCHE ASPEKTE: Diese 1714 (unter däni- sischen Armbrustschützen, der ihn tödlich her den Krieg aus eigener Erfahrung Tod im Jahr 1189 nicht mehr versöhnen
scher Regentschaft) entstandene Abbildung zeigt verletzt hatte. Richard Löwenherz ent- kennen, und seit wird. Einer der Lehrmeister Richards in
nicht nur die Insel, sondern ist auch eine Studie stammt der Dynastie der Normannen, die dieser Zeit vergeht diesen frühen Jahren ist Graf Philipp von
über mögliches Artilleriefeuer. Abb.: Archiv U. Kaack seit 1066 die Herrschaft über England inne- – bis auf die Phase Flandern, der als einer der verschlagensten
hat. Er wird am 8. September 1157 in Oxford seiner Gefangen- Krieger seiner Zeit gilt.
„BIG BANG“ AUF HELGOLAND: In der bis
als dritter Sohn König Heinrichs II. geboren.
heute weltweit größten nichtnuklearen
Besonders die französische Abstammung sei- Verbrannte Erde
Helgoland ist einzigartig. Zum einen durch die exponierte Lage im Herzen der Deut- Explosion detonieren am 18. April 1947
ner Mutter Eleonore von Aquitanien soll das Größere Schlachten hat Richard hier – bis
6.700 Tonnen Sprengstoff.
schen Bucht, vor allem aber durch die wechselvolle Historie. Ein Mikrokosmos. Mehr- Foto: Archiv Museum Helgoland zukünftige Leben Richards zu einem großen auf eine Ausnahme nicht zu bestehen,
Teil bestimmen. Die aus der nach ihnen be- eher handelt es sich bei den zahlreichen
fach wurde der kleine rote Felsen zum Spielball der Weltgeschichte. Von Ulf Kaack nannten Normandie stammenden Könige Kämpfen um kleinere Gefechte oder Be-
Englands sind nämlich durch vielfältige dy- lagerungen. Große Feldschlachten ver-
nastische Beziehungen eng an ihre weitrei- sucht man nämlich während des Mittelal-

S
eit dem 7. Jahrhundert ist das Eiland riker und Leiter des Museums Helgoland, 1906 nimmt das Projekt gewaltige Formen Marine eingezogen. Helgoländer in Diens- chenden, im Westen Frankreichs gelegenen ters so gut wie möglich zu vermeiden, zu
von Friesen bewohnt. Im 12. und 13. die wechselvolle Inselgeschichte. „Die Preu- an: Ein großdimensioniertes Stollensystem ten des Militärs – das hat es bislang noch Besitzungen gebunden. Dieser gesamte Herr- hoch ist das Risiko, die eigene bewaffne-
Jahrhundert untersteht es der Däni- ßen maßen Helgoland eine hohe strategische wird in den Kreidefelsen der Insel getrie- nicht gegeben. Zurück auf der Insel bleibt schaftskomplex wird zusammen mit Eng- te Macht zu verlieren. Schon der während
schen Krone, anschließend dem Herzogtum Bedeutung zu. Als Artillerievorposten zum ben. Räume, Verzweigungen sowie Schäch- eine 4.000 Mann starke militärische Besat- land als das Angevinische Reich bezeichnet. des späten 4. Jahrhunderts n. Chr. lebende
Schleswig. 1807 wird der sturmumtobte Fel- Schutze der Nordseeküste sowie den Zugän- te für Aufzüge und zur Belüftung werden zung für die Bedienung der Festungsartille- Bereits 1172 erhält Richard im Alter von nur römische Militärschriftsteller Vegetius rät
sen von den Briten als Kolonie in das Verein- gen zum Nord-Ostsee-Kanal, zur Elbe, We- gebaut. Bis 1914 werden der Nordsee 86 rie und den Betrieb des Hafens. fünfzehn Jahren das Amt des Herzogs von in seinem berühmten Handbuch „Epitoma
te Königreich integriert. Während der Konti- ser und Jade. Vor allem aber als dauerhaft Hektar abgetrotzt. Es entstehen der Torpe- Aquitanien, wo er sich während seiner Herr- rei militaris“, einer Kompilation älterer
nentalsperre, die 1814 durch den Kieler Frie- eisfreier Kriegshafen in vorgeschobener La- do-, Scheiben- und U-Boothafen. Außer- Seegefecht bei Helgoland Schriften, in Bezug auf Feldschlachten:
den beendet wird, erleben die Helgoländer ge.“ dem ein Seefliegerstützpunkt mit Hangar, Der Erste Weltkrieg beginnt für den roten „Lass es sein!“ Das Werk des Vegetius ist
eine Hochzeit als Blockadebrecher und Flugzeugaufschleppe, Kraftwerk und den Beobachtungs- und Scheinwerfereinrichtun- Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges am Felsen mit einem dramatischen Pauken-
FAKTEN Wichtige Kämpfe während des Mittelalters an den Herr-
Schmuggler. Die Zeiten bleiben friedlich – le- Aufrüstung im Kaiserreich erforderlichen Versorgungseinrichtungen. gen. Auf dem Unterland befindet sich eine 1. August 1914 müssen alle Helgoländer ih- schlag. Mit einer List locken überlegene bri- 4.10.1190: Eroberung von Messina scherhöfen wohlbekannt, und diesem
diglich 1849 und 1864 kommt es zu deutsch- Zügig geht Wilhelm II. daran, die Insel zu Im Mai 1908 beginnt die Neuarmierung Batterie mit zwei 8,8-cm-Geschützen, vier re Insel verlassen und werden im Umland tische Seestreitkräfte am Morgen des 18. Frühjahr 1191: Eroberung von Zypern
dänischen Seegefechten in Sichtweite von einer Festung auszubauen und einen Mari- der Festungsartillerie. Die Nord- und Süd- 3,7-cm-Revolverkanonen und Maschinenge- Hamburgs untergebracht. Familien, die August 1914 die Einheiten des V. Torpedo- 12.7.1191: Eroberung von Akkon POPULÄR BIS HEUTE: Die faszinierende
Helgoland. nehafen anzulegen. 1891 entstehen erste nach der Übergabe 1890 englisch geblieben bootgeschwaders sowie mehrere kleine

S.68 S.74
gruppe erhalten jeweils zwei moderne 30,5- wehren. Die Düne (Name der östlich gelege- 7.9.1191: Schlacht bei Arsuf Aura des „guten Königs“ Richard Löwen-
„Im Tausch gegen Handelsrechte in Ost- Gebäude, ein Jahr später wird an der Nord- cm-Krupp-Doppeldrehtürme und zwei 21- nen Nebeninsel) wird von einer Flak-Batte- waren, kommen in das Internierungslager Kreuzer in die Deutsche Bucht. Es kommt Anfang August 1192: Eroberung von Jaffa herz ist bis heute ungebrochen. Hier eine
Afrika, im sogenannten Helgoland-Sansibar- und Südspitze je ein Kanonenstand mit cm-Geschützstände. Dazwischen liegen be- rie mit vier 8,8-cm-Geschützen und einer Ruhleben bei Berlin. Britisch geborene In- zu einer ersten Feindberührung, bei der das 4.8.1192: Schlacht bei Jaffa Statue vor dem Parlamentsgebäude in
Vertrag, kam Helgoland am 10. August 1890 zwei 21-cm-Geschützen errichtet. Es folgt sagte acht Haubitzenbatterien sowie diverse weiteren Stellung mit drei 3,7-cm-Revolver- sulaner werden unter Polizeiaufsicht ge- deutsche Torpedoboot „V 187“ versenkt 4.7.1194: Fréteval London: Selbstbewusst und stolz sitzt
unter die Regentschaft des deutschen Kai- eine Haubitzenbatterie auf dem Oberland kleinere Anlagen mit leichten und mittleren kanonen sowie Maschinengewehren ge- stellt und vom Kriegsdienst befreit. und der britische Kreuzer „HMS Arethusa“ 28.9.1198: Gisors Richard I. auf seinem Ross.
serreiches“, erklärt Jörg Andres, Insel-Histo- mit acht schweren 28-cm-Geschützen. Geschützen, Kommando- und Peilständen, schützt. Deutschstämmige hingegen werden zur erheblich beschädigt werden. Foto: picture-alliance

68 Clausewitz 3/2013 69 74 Clausewitz 3/2013 75

Militär und Technik Feldherren


„Fliegen, wo die Flotte fährt“. ........................................................................56 Richard Löwenherz................................................................................................................74
Deutsche Marineflieger nach dem Zweiten Weltkrieg Englands berühmter König und
Feldherr des Mittelalters
Die „Acht-Acht“...............................................................................................................................62
Das gefürchtete Allzweckgeschütz der Wehrmacht Museum
An historischer Stätte. ....................................................................................................80
Spurensuche Das Garnisonsmuseum Wünsdorf stellt sich vor
Hochseeinsel Helgoland............................................................................................68
„Spielball“ der Weltgeschichte Vorschau/Impressum ..........................................................82

Titelbild: Fotomontage – Britischer Bomber über Titelfotos: Dietmar Hermann; picture-alliance/akg-images; WEIDER HISTORY GROUP; Bundesarchiv, Bild 101I-443-1574-26 / Zwilling,
Häuserruinen in Hamburg. Ernst A.; picture-alliance/akg-images (2x); Bibliothek für Zeitgeschichte (2x)

5
Clausewitz 3/2013
Clausewitz Magazin
Deutsche Kriegsgefangene und belgi-
sche Truppen passieren eine Brücke
über die Yser in Flandern.
Foto: picture-alliance/akg-images/Jean-
Pierre Verney

AUSSTELLUNG

In Flanders Fields Museum


Neue Dauerausstellung zur Geschichte des Ersten Weltkriegs

D
as In Flanders Fields Museum widmet met der heutigen Landschaft als einem der ein kulturelles und künstlerisches Begleit-
sich der Geschichte des Ersten Welt- letzten greifbaren Zeugen der Kriegsge- programm. Im Wissenszentrum des Muse-
kriegs in der westflämischen Frontregi- schichte große Aufmerksamkeit. In diesem ums kann sich jeder Besucher noch intensi-
on Westhoek. Es befindet sich in den wieder Rahmen ist im Museumsparcours auch ein ver mit einer der dramatischsten Perioden
aufgebauten Tuchhallen von Ypern, einem Besuch des Belfrieds (Turm) möglich, von der Weltgeschichte beschäftigen. Individu-
wichtigen Symbol für Kriegsleiden und die dem aus Sie einen Ausblick über die Stadt ell kann man sich dort auf die Suche nach
danach folgende Auferstehung. und die umliegenden Schlachtfelder haben. der großen, globalen Hintergrundgeschich-
Die völlig neu konzipierte, stark multime- Hunderte Originalobjekte und Bilder wer- te oder nach der sehr persönlichen oder re-
dial ausgerichtete Dauerausstellung erzählt den in einer erneuerten erfahrungsorien- gionalen Geschichte begeben.
von der Invasion Belgiens und den ersten tierten Gestaltung präsentiert. Kontakt:
Monaten des Bewegungskriegs, von den vier Das In Flanders Fields Museum, benannt In Flanders Fields Museum
Jahren Stellungskrieg im Westhoek, vom nach dem englischsprachigen Gedicht John Lakenhallen – Grote Markt 34
Ende des Krieges und vom fortwährenden McCraes aus dem Jahr 1915, bietet mehr als B - 8900 Ieper
Gedenken an die schrecklichen Ereignisse. eine ständige Ausstellung. Tel: + 32(0)57.239.220
Der Schwerpunkt der Szenografie liegt Es existiert eine pädagogische Abteilung E-Mail: flandersfields@ieper.be
auf der menschlichen Erfahrung und wid- für Schüler aus dem In- und Ausland und www.inflandersfields.be

Deutschlands einziger „Tiger“


Außergewöhnliches Exponat im Panzermuseum Munster

I n Fachkreisen ist dies eine Sen-


sation: Weltweit waren bisher
sechs erhalten gebliebene schwe-
hervorragenden Zustand. Seit
dem 22. März 2013 ist der Stahl-
koloss als Leihgabe für drei Jahre
re Kampfpanzer vom Typ„Tiger I“ im Deutschen Panzermuseum im
bekannt. Keines der Exemplare niedersächsischen Munster zu se-
befindet sich auf deutschem Bo- hen. Mehr über diesen „Tiger“
Einmalig in Deutschland: Dieser „Tiger I“ (Ausf E) ist ein besonderes Zeugnis der Tech- den. Scheinbar aus dem Nichts ist und seine Historie erfahren Sie in
nikgeschichte. Geringe Bauzahlen, nahezu pausenloser Einsatz und hohe Verluste ma- nun ein siebter „Tiger“ aufge- der nächsten Ausgabe von
chen den „Tiger“ heute zu einer wahren Rarität. Foto: Deutsches Panzermuseum Munster taucht – offensichtlich in einem CLAUSEWITZ.

6
Skelett von König Richard III. entdeckt ENGLISCHSPRACHIGES
Forscher haben die Knochen des englischen Königs Richard III. identifiziert Bowmen of
England
A rchäologen haben das Rätsel Bereits bevor bekannt wurde,
um die sterblichen Überreste dass es sich bei dem Skelett tat-
gelöst, die im September 2012 im sächlich um die Überreste von
Richard III. handelt, hatte die
zuständige Ausgrabungsleite-
rin erklärt, der gefundene Schä-
Der Langbogen als
Revolution auf dem
Erdreich unter einem Parkplatz del sei „in gutem Zustand“ und Schlachtfeld
in der mittelenglischen Stadt Lei- verrate viele Einzelheiten über
cester gefunden worden waren.
Laut DNA-Analyse stammen die
500 Jahre alten Gebeine tatsäch-
den Toten. Die DNA-Proben für
den Abgleich erhielten die Ar-
chäologen von dem 55-jährigen
D er mit hoher Durchschlags-
kraft und großer Reichwei-
te ausgestattete Langbogen
lich von König Richard III. kanadischstämmigen Michael stammt ursprünglich aus Wa-
Mithilfe von DNA-Materi- Ibsen, der in 17. Generation mit les. Wie aber gelang diese Waf-
al erstellten die Forscher ein Richard verwandt ist. fe in die englischen Armeen,
biologisches Profil der Cha- Historiker gingen stets die in Schlachten wie Crécy
rakteristika des Königs und davon aus, dass Richard III. in oder Azincourt französische
untersuchten die freigelegten Leicester in einer Franziska- Ritterheere schlugen? Wer wa-
Knochenreste auf Spuren, die nerkirche bestattet wurde. An ren die Bogenschützen und
Foto: picture-alliance/picture-alliance

auf einen gewaltsamen Tod ihrem ehemaligen Standort be- welche Stellung in der damali-
hindeuteten. Der Totenschä- findet sich heute der Parkplatz, gen Gesellschaft besaßen sie?
del weist am Hinterkopf Spu- unter dem die Forscher das Und schließlich:
ren einer Wunde und die ge- Skelett freilegten. Welchen Einfluss
krümmte Wirbelsäule eine Richard III. hatte von 1483 hatte der Lang-
eingedrungene Pfeilspitze auf. bis 1485 regiert und wurde bogen auf die
Richard III. war 1485 in der durch das gleichnamige Drama Kriegführung
Schlacht von Bosworth, dem von William Shakespeare welt- und weshalb
Höhepunkt der sogenannten Porträt von Richard III., berühmt. musste er im
König von England (1483-1485).
Rosenkriege, gefallen. frühen 16. Jahr-
hundert der
Schusswaffe
Scharfe Schwergewichte weichen – ob- Klassiker: Das

Foto: Archiv CLAUSEWITZ


„Böker“-Manufaktur ist „erste Adresse“ für Liebhaber
hochwertiger Schwerter
1813
Vor 200 Jahren – am 10. März des
wohl seine Buch wird seit
Schussfrequenz seiner Erstver-
und Reichweite öffentlichung
den
kontinuierlich
frühen aufgelegt.
Jahres 1813 – stiftete der preußi-
O b außergewöhnli-
che Sammler-
schwerter oder impo-
aber in über 144 Jahren immer
gleich geblieben: die Leiden-
schaft und Begeisterung für au-
sche König Friedrich Wilhelm III. in
der niederschlesischen Stadt Breslau
Musketen über-
legen war?
Antworten liefert der Mili-
für den Verlauf der „Befreiungskrie-
sante Prunkstücke: ßergewöhnliche Produkte. ge“ das von Karl Friedrich Schinkel tärhistoriker Donald Feather-
Von antiken römi- Die „Böker“-Manufak- entworfene Eiserne Kreuz. stone in seinem Buch
schen Kurzschwer- tur hat sich zu einem welt- „Bowmen of England“ (erst-
tern bis zu japani- weiten Innovationsführer mals erschienen 1967). Er
schen Ninja-Schwertern, und zum größten Herstel- schreibt in einem flüssig lesba-
von den Schwertern elbi- ler von Sport-, Einsatz- ren Stil. Sein Prolog ähnelt ei-
scher Krieger bis zu den und Sammlermessern in nem Roman wie Bernard
sagenhaften Schwertern Europa entwickelt. Cornwells „Das Zeichen des
und Streitäxten des Mittel- Eine große Stärke des Sieges“.
alters reicht die Auswahl „Böker“-Sortiments Dies hat allerdings den
der Manufaktur „Böker“ in und begehrt bei Mes- Nachteil, dass der Autor teil-
Solingen. Gefertigt aus rost- sersammlern im In- weise sehr lax mit seinen Quel-
freiem Edelstahl, als hand- und Ausland sind die len umgeht – es ist nicht immer
geschmiedete Klinge aus 200- exklusiven und welt- klar, woher Featherstone seine
lagigem Damaststahl oder weit streng limitierten Son- Informationen bezieht. Trotz-
aus Kohlenstoffstahl, sind die- dereditionen. Hier sind vor dem: Wer eine gut lesbare Ein-
Fotos: Böker Manufaktur Solingen

se hochdekorativen Schwerter allem die „Böker“-Damast- führung in die Geschichte des


und Äxte Glanzpunkte jeder Jahresmesser und „Magnum englischen Langbogens von
Sammlung. Collection Modelle“ zu nen- circa 1200 bis in das 16. Jahr-
Seit 1869 werden in der nen, die als Manufakturpro- hundert sucht, ist mit diesem
„Klingenstadt“ die berühmten dukte durch Handwerks- „Oldie“ sehr gut beraten.
Messer der Marke „Böker“ von kunst, innovatives Design Donald Featherstone: Bowmen
Hand gefertigt. Die Historie des und attraktive Materialaus- of England. Nur in englischer
Unternehmens ist geprägt von wahl überzeugen. Sprache erhältlich.
ereignisreichen Zeiten. Eines ist www.boker.de
Foto: picture-alliance/akg-images

Clausewitz 3/2013 7
Clausewitz Magazin
ZEITSCHICHTEN

Die Fotocollage des russischen Fotografen Sergey Larenkov stellt


eindrucksvoll visualisiert einen Brückenschlag zwischen Vergan-
genheit und Gegenwart her. www.sergey-larenkov.livejournal.com

Heute: Das Brandenburger Tor in Damals: Ein russischer Panzer unter

www.sergey-larenkov.livejournal.com
Berlin ist als eines der bekanntesten der Quadriga 1945 symbolisiert den
Wahrzeichen Deutschlands ein Touris- endgültigen Fall des „Dritten Reichs“.
tenmagnet. Seit dem Ende der DDR Die Grenze zwischen Ost und West im
wird es häufig mit der Wiedervereini- anschließenden Kalten Krieg verläuft
gung assoziiert. genau hier.

BUCHEMPFEHLUNG NEUERSCHEINUNG
Briefe von der Front Deutsche Auszeichnungen
Feldpost eines Badischen Leib-Grenadiers 1914-1917 Wichtige Orientierungshilfe für ein vielschichtiges Thema

I m Alter von 20 Jahren


wird Hermann Föller
zum 1. Badischen Leib-
Herausragend: Die aufwendige
Aufmachung des Buches
unterstreicht die hohe inhaltli-
W ann, Warum, Wofür? Wenn
uns die Auszeichnungen
der NS-Zeit beschäftigen, stel-
ein wichtiges Thema. Um den
Überblick und einen ersten Ein-
blick geht es in dem Typenkom-
che Qualität.
Grenadier-Regiment Nr. len sich zwangsläufig diese Fra- pass „Deutsche Auszeichnun-
109 eingezogen und fern den Kontext zu den gen. Angesichts der aktuellen gen“.
kommt im Jahr 1914 an Briefen und Fotografien Medienvielfalt und der nicht Vertiefende Texte, exzellente
die Westfront. Drei Jahre und ergeben zusam- enden wollenden intensiven farbige Fotodarstellungen der
später erliegt der junge men ein detailliertes Auseinandersetzung mit der Vorder- und Rückseiten der
Grenadier einer Verwundung – und faszinierendes Werk. Die Zeitgeschichte des „Dritten Rei- Auszeichnungen und zugeord-
dazwischen liegen 919 Tage im hervorragende Aufmachung ches“ sind die Orden und Eh- nete Beispiele von Besitzzeug-
Schützengraben und über 360 rundet die Lektüre ab – ein renzeichen aus der Zeit des Na- nissen machen das Buch zu
von ihm geschriebene Briefe in Buch, das den Leser vom ersten tionalsozialismus eher ein einer wichtigen Orientierungs-
die Heimat. Das Buch „Feldpost Moment an nicht mehr los und Randthema. Doch für hilfe.
eines Badischen Leib-Grenadiers“ in das Leben Hermann Föllers Redakteure bei den Me- Volker A. Behr
bietet anhand dieser Briefe und eintauchen lässt. dien, für Autoren, Fil- Deutsche Auszeich-
Foto: Motorbuch Verlag

anderer historischer Dokumente memacher und histo- nungen – Orden und


eine ganz persönliche und un- Susanne Asoronye (Hg.): Feldpost risch Interessierte ist es Ehrenzeichen der
Foto: VIANOVA

mittelbare Perspektive der dra- eines Badischen Leib-Grenadiers Wehrmacht 1936-


matischen Ereignisse. 1914-1917. Mehr Informationen Orden und Ehrenzeichen der 1945
Karten, Zeichnungen und und Bestellmöglichkeit unter: Wehrmacht 1936-1945 im Motorbuch Verlag
Hintergrundinformationen lie- www.feldpostbuch.de Überblick. 128 Seiten, 9,95 EUR

8
MUSEUMSTIPP
Celler Garnison-Museum
300 Jahre Militärgeschichte

D as Celler Garnison-Museum
widmet sich der Geschichte
des in der niedersächsischen
Bestandteil der Stadtge-
schichte.
Die Dauerausstellung
Stadt stationierten Militärs. In des Museums präsen-
konzeptioneller Abstimmung tiert mehr als 1.000 Ob-
mit dem Bomann-Museum, das jekte.
die hannoversche Zeit behan- Dabei hat die Mehr-
delt, beginnt das Garnison-Mu- zahl der umfangreichen
seum seine Ausstellung mit den Sammlung unmittelba-
auch für Celle weitreichenden ren Bezug zur Stadt und
Veränderungen des Jahres 1866 zur Region: Uniformrö-
(der Annexion des Königreichs cke, Silberbesteck, Reser-
Hannover durch Preußen infol- vistenbilder, Urkunden,
ge des verlorenen „Deutschen Säbel und zahlreiche
Krieges“). Es führt seine Besu- weitere Exponate zeu-
cher durch insgesamt drei Jahr- gen von der wechselvol- Britische Soldaten bei einer Militärparade durch die Innenstadt von Celle im Jahr 1971.
hunderte deutscher Geschichte len Geschichte der Stadt
bis in die Gegenwart hinein. als Truppenstandort. Truppen in Celle dokumentieren. Hafenstraße 4
Foto: picture-alliance/Wolfgang Weihs

Militärgeschichte sollte nicht Darüber hinaus „erzählen“ Technikgeschichtlich interessier- 29221 Celle
isoliert und „für sich“, sondern sie die Lebensgeschichten von te Besucherinnen und Besucher Tel.: 05141 / 21 46 42
immer auch im Zusammenhang Menschen, die einst im Militär finden zudem eine bedeutende www.garnison-museum.celle.de
mit der historischen Gesamtent- dienten, vom einfachen Soldaten Spezialsammlung vor: Nach- Öffnungszeiten:
wicklung der jeweiligen Epo- bis zum General. Wohl einzigar- richten- und Fernmeldegeräte Immer mittwochs von 13:00 bis
chen behandelt, vermittelt und tig in Norddeutschland ist der sämtlicher deutscher Streitkräfte 18:00 Uhr und sonnabends von
verstanden werden. Insofern ist umfangreiche Bestand des Muse- vom Kaiserreich bis in die Ge- 10:00 bis 14:00 Uhr
Militärgeschichte ein Aspekt der ums an britischen Uniformen genwart. Vom 1. Dezember bis inkl. 28. Feb-
Landesgeschichte und Garni- und Erinnerungsstücken, die die Kontakt: ruar sowie an Feiertagen ist das
songeschichte ein wesentlicher lange Anwesenheit britischer Celler Garnison-Museum Museum geschlossen.
2/2013 März | April
€ 5,50 A: € 6,30 CH: sFr 11,00
BeNeLux: € 6,50 SK, I: € 7,45
Clausewitz

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Das Magazin für Militärges

Clausewitz
chichte

Briefe an die Redaktion


NEUE SERIE

Allgemein zu CLAUSEWITZ 2/2013: da viele dieser Themen weitreichende ments zum Little Bighorn Militärtechnik
im Detail
Teil 1: Sherman M4
der USA d e n Grund ge-
Erstmal ein Lob voran: mit CLAUSEWITZ Folgen haben aber dennoch vergessen die ihm angebotenen Gat- Erich
von
Manstein
funden, mit allen Mitteln
Hitlers

ist Ihnen ein sehr gutes Magazin für Mili- sind. Yannik Alexander, per E-Mail ling-Maschinengewehre (nicht nur) gegen die La-
umstrittener
Stratege

US-Fort Abraham

tärgeschichte gelungen. Ich bin ein junger zurückwies (sie würden Lincoln
Custers letzter Posten kota vorzugehen, schon
Unternehmen „Zitadelle“

Zu „Der Anfang vom Ende ,General’ nur die Schnelligkeit sei- Schlacht um ein Jahr nach Custers De-
und treuer Leser und bin sehr zufrieden
damit. Unter den anderen historischen Custers“ in CLAUSEWITZ 1/2013: nes Vormarschs behin-
Lechfeld 955
Wie Otto I. über die
Kursk
saster waren die Lakota
Magazinen sticht Ihres besonders durch G.A. Custer war aus dem US-Bürgerkrieg dern) und die Säbel der
Ungarn triumphierte

1943
endgültig besiegt und die MILITÄR & TECHNIK:
Zeitzeuge der Schlacht:
Kriegsteilnehmer Anton Bumüller
richtet von den Ereignissen bei be-
Kursk.

„Parchim“- U-Jäger der Bundes-

Truppe im Fort einlagern Goldfelder der Black Hills


Klasse „Thetis“-Klasse der

die großzügige Illustration heraus. In der mit zwei Generalsrängen zurückgekehrt: der NVA und Volksmarine Bundeswehr

Ausgabe 2/2013 gefällt mir als Neuerung zum einen als Generalmajor der Freiwilli- ließ (sie könnten durch US-amerikanischer Besitz.
das Inhaltsverzeichnis, das durch die Ti- gen Verbände (U.S. Volunteers), zum ande- klappern am Sattelzeug indianische Spä- Trotzdem: General Cus-
telbilder der Artikel ergänzt wurde. Außer- ren als Generalmajor der regulären US-Ar- her warnen). Die Säbel wären im Nah- ter, NICHT „General“.
dem ist die Idee mit dem „Damals und mee (U.S. Army). Damit war er der jüngste kampf wohl nützlicher gewesen als im Jürgen Kaltschmitt, per E-Mail
heute“-Bild von Ihnen sehr gut umgesetzt Generalmajor in der Geschichte des US- Depot, desgleichen die Gatling-MG. Zumal
worden. Der Artikel über den Koreakrieg amerikanischen Heeres, er zählte gerade- höchstens die Hälfte der indianischen Zu „Kursk 1943 – Unternehmen Zita-
hat mir sehr gefallen, da dieses Thema mal 26 Jahre. Bei Beginn des Bürgerkrie- Krieger am Little Bighorn mit Schusswaf- delle“ in CLAUSEWITZ 2/2013:
leider immer mehr in Vergessenheit gera- ges war er noch Leutnant gewesen. fen ausgestattet war, und das waren nicht Da es sich bei dem Panzer auf Seite 19
ten ist. Dieser Krieg war die erste kriege- Als Befehlshaber des 7. US-Kavallerie- alles moderne Repetiergewehre. höchstwahrscheinlich um einen T34/85
rische Auseinandersetzung zwischen Ost regiments war seine Dienststellung (und Kurz vor der Schlacht war in den heili- handelt kann die Aufnahme nicht vom
und West – ein bedeutendes Ereignis im sein Sold) de facto „nur“ die eine Oberst- gen Bergen der Lakota-Sioux Gold gefun- Kursker Bogen zum Zeitpunkt von „Zita-
Kalten Krieg. (...) Ebenso gut gelungen leutnants, der Generalstitel war ein Titu- den worden. Die Lakota weigerten sich, delle“ stammen. Dieses Modell kam erst
finde ich den Hauptartikel über die lar-Rang, er hatte Anspruch auf die Anre- ihre „Black Hills“ zu verkaufen. Anfang 1944 zum Einsatz.
Schlacht von Kursk und den Artikel „Mil- de „General“ und auf alle militärischen Mit Custers Niederlage hatte man seitens Thomas Grosse, per E-Mail
tärtechnik im Detail“. Für die Zukunft und protokollarischen Ehren eines Gene-
Schreiben Sie an:
würde ich mir Artikel zu nicht so alltägli- rals. Die Anführungszeichen in der Über-
redaktion@clausewitz-magazin.de oder
chen Themen wie dem sowjetisch-afgha- schrift des Artikels von Herrn Kreuzer sind
CLAUSEWITZ, Postfach 40 02 09, 80702 München
nischen Krieg oder der Schlacht um Chal- überflüssig.
chin Gol während des japanisch- Es passt zum Wesen von G.A. Custer, Leserbriefe spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Die Redaktion behält sich vor,
Leserbriefe aus Gründen der Darstellung eines möglichst umfassenden Meinungsspektrums
sowjetischen Grenzkonfliktes wünschen, dass er vor dem Aufbruch seines Regi- sinnwahrend zu kürzen.

Clausewitz 3/2013 9
Titelgeschichte

Alliierte Luftangriffe – „Operation Gomorrha“

Bomben auf
24. Juli 1943: Fast 800 Bomber der Royal Air Force befinden sich auf dem Weg in Rich-
tung Hamburg. Ihre tödliche Mission ist der Auftakt zu einer Serie schwerer alliierter Luft-
angriffe, die das „Gesicht“ der Stadt Hamburg für immer veränderten... Von Peter Cronauer

10
HILFLOS:
Die Einwohner von Hamburg – sofern sie nicht den
Luftangriffen zum Opfer fallen – müssen der Zerstö-
rung ihrer Heimatstadt in mehreren alliierten Tag- und
Nachtangriffen tatenlos zusehen. Ganze Stadtteile
werden im Sommer 1943 in Schutt und Asche gelegt.
Die alliierten Luftangriffe sollen die deutsche Zivilbe-
völkerung demoralisieren.
Foto: SSPL/National Media Museum/Süddeutsche Zeitung Photo

Hamburg
Clausewitz 3/2013 11
Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

FAKTEN Alliierte Luftangriffe auf Hamburg, Sommer 1943


Schwere alliierte Luftangriffe im Rahmen der Operation „Gomorrha“:
Mehr als 3.000 Flugzeuge kommen zum Einsatz, rund 9.000 Tonnen* Sprengbomben und
Luftminen werden über dem Stadtgebiet von Hamburg abgeworfen.
24.–25. Juli: Nachtangriff der Royal Air Force (RAF)
25. Juli: Tagangriff der United States Army Air Forces (USAAF)
27.–28. Juli: Nachtangriff der RAF
28. Juli: Tagangriff der USAAF
29.–30. Juli: Nachtangriff der RAF
2.–3. August: Nachtangriff der RAF
Dazwischen wurden noch leichtere Angriffe durchgeführt, beispielsweise durch Mosquito-
Schnellbomber in der Nacht vom 28. auf den 29. Juli 1943.
(*ohne US-Angriffe)

12
Große alliierte Bomberverbände

GEWALTIGE BOMBENLAST:
Die Royal Air Force leitet die Operation
„Gomorrha“ mit ihrem schweren Luftangriff
in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943
ein und verwüstet dabei große Teile der Elb-
metropole Hamburg – vor allem Wohnviertel
werden schwer getroffen. Foto: ullstein bild – Bunk

Clausewitz 3/2013 13
Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

FAKTEN Deutsches Reich


Verluste und Schäden in der Großstadt Hamburg
Schätzungsweise mehr als 35.000 Tote und 120.000 Verletzte.
Bei den Angriffen im Juli/August 1943 werden fast 280.000
Wohnungen, und mehr als 3.000 Betriebe zerstört. Unzählige
Baudenkmäler und Kunst- und Kulturschätze gehen unwieder-
bringlich verloren.

14
In Schutt und Asche

UNVORSTELLBAR:
Das Ausmaß der Zerstörungen infolge der
alliierten Luftangriffe auf Hamburg sprengt
jede Vorstellungskraft. Ganze Straßenzüge
werden durch Feuerstürme ausradiert, Zehn-
tausende Menschen verlieren ihr Leben.
Foto: ullstein bild - LEONE

Clausewitz 3/2013 15
Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

AUF KNOPFDRUCK: Blick ins Innere


eines RAF-Bombers mit dem Auslöser für die
Öffnung des Bombenschachtes.
Foto: picture-alliance/Illustrated London News Ltd

A
m 24. Juli 1943 herrscht auf vielen Dass diese Verluste dennoch nicht einmal rollen an den Start, fliegen zum Sammel-
Flugplätzen Großbritanniens seit den fünf Prozent betragen – bezogen auf die ge- punkt und warten auf die anderen. Rund
frühen Morgenstunden emsige Be- samte Einsatzstärke der britischen Bomber- 800 Maschinen in die Luft zu bringen, dau-
triebsamkeit. Bis zum Abend müssen fast flotte – ist dabei nur ein schwacher Trost. ert seine Zeit. Mitunter kreisen die ersten
800 Bomber für den von Luftmarschall Art- Nach stundenlanger Vorbereitung ist es Bomber bereits seit Stunden in der Warte-
hur Harris befohlenen Einsatz gegen die schließlich soweit: Die ersten Maschinen schleife, während die letzten noch am Bo-
deutsche Großstadt Hamburg bereit sein. den sind; doch nach einer ausgeklügelten
Das Bodenpersonal hat alle Hände voll zu Choreografie sind irgendwann alle in der
tun. Luft.
Auch die Besatzungen der Flugzeuge be-
reiten sich auf den kommenden Einsatz vor. Die „Wellen“ formieren sich
Piloten und Navigatoren nehmen an den Die jeweiligen Staffeln schließen sich zu-
Vorbesprechungen teil, studieren ihre Unter- sammen, laufend stoßen weitere dazu, jede
lagen, die Bordschützen ruhen sich aus. Besatzung sucht die ihr zugewiesene Posi-
Viele sind angespannt, denn die deut- tion. Es ist nicht egal, welche Maschine wo
sche Luftverteidigung ist ein gefährlicher fliegt, denn die Fracht im Bombenschacht
Gegner – seit Monaten steigen die Bomber- ist nicht bei allen Bombern gleich. Einige
Verluste der Royal Air Force (RAF) konti- transportieren bis zu vier Tonnen schwere
nuierlich an. Von manchen Einsätzen kehr- Luftminen, andere Sprengbomben ver-
te in der letzten Zeit fast ein Drittel der ein- schiedener Kaliber und wieder andere
gesetzten Maschinen nicht zurück. Alleine Stabbrandbomben oder Phosphorkanister.
während der kürzlich abgeschlossenen Um die gewünschte Wirkung über dem
viermonatigen „Schlacht um die Ruhr“ hat- Zielort zu erzielen, muss diese Mischung in
te es rund 3.000 Flugzeuge erwischt. Davon einer bestimmten Reihenfolge abgeworfen
kehrten zwar mehr als 2.000 – viele schwer werden – entsprechend ist die Formation
beschädigt – wieder zurück, doch fast 900 UMSTRITTEN: Arthur Harris, Oberbefehlshaber durchdacht und ihre Umsetzung erfordert
Maschinen gingen verloren. Und weil in je- des RAF Bomber Command, setzte auf Flä- Disziplin. Nach und nach bilden sich die
der davon eine mehrköpfige Besatzung saß, chenbombardements in deutschen Städten, einzelnen „Wellen“, reihen sich in der Höhe
handelt es sich um den Verlust von insge- um die Zivilbevölkerung zu demoralisieren. gestaffelt hintereinander ein, allmählich er-
samt mehreren Tausend Kameraden. Foto: ullstein bild hält die Formation ihre Gestalt. Schließlich

16
Bombenhagel auf deutsche Städte

IM VERBAND: US-Bomber werfen ihre tod-


bringende Fracht über einer deutschen
Stadt ab, Aufnahme aus dem Jahr 1943.
Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

IM FEUERSTURM: gen, wohin es diesmal gehen und welche


Das Gemälde „Bom- Stadt es treffen wird. Vielleicht wieder Ber-
bennacht“ zeigt die lin? Oder Stettin? Ein weiteres Mal schlüp-
brennende Kirche fen die Besatzungen in ihre Kombinatio-
St. Katharinen in nen, eilen zu ihren Maschinen, klettern hi-
Hamburg. Das Bild nein, schnallen sich an, legen FT-Hauben,
hängt im Hamburger Atemmasken und Fallschirme an, und war-
Rathaus.
ten auf den Startbefehl. Unter den Männern
Abb.: picture-alliance/
akg-images ist auch ein Leutnant namens Peter Spoden.

Warten auf den „scharfen“ Einsatz


Der 1921 geborene Spoden meldete sich
1940 freiwillig zur Luftwaffe und wollte
Nachtjäger werden. Seine Ausbildung dau-
erte insgesamt 27 Monate. Seit dem 1. Juni
1943, also seit beinahe acht Wochen, gehört
er nun schon der 6. Staffel des Nachtjagdge-
schwaders 5 an, ohne bislang auch nur ei-
nen „scharfen“ Einsatz geflogen zu haben.
setzt sich die ganze Formation in Bewe- Nach und nach betreten Flugzeugführer Während seiner Ausbildung durchlief er im
gung. Die Pfad- und Zielfindermaschinen und Bordfunker die halbdunklen Bereit- Schnelldurchgang die wichtigsten Entwick-
fliegen voraus, die anderen folgen ihnen im schaftsräume, nehmen in Sesseln, oder um lungsstufen der bisherigen deutschen
Abstand von etwa fünf Minuten, ein weite- Tische herum Platz. Manche besprechen Nachtjagd: von der „hellen Nachtjagd“ der
rer „Bomberstrom“ geht auf Kurs in die mit gedämpften Stimmen die letzten Ein- Jahre 1940 und 1941, als Scheinwerferbatte-
Nacht hinaus. sätze, andere spielen Schach, oder hören rien den Nachthimmel ausleuchteten, da-
Unterdessen endet auf dem Fliegerhorst mit geschlossenen Augen Musik. mit die Jagdflieger auch nachts auf Sicht an-
Parchim rund 40 Kilometer südlich von Gegen 22:00 Uhr wird Sitzbereitschaft greifen konnten, bis zum Sommer 1941, als
Schwerin die allabendliche Einsatzbespre- angeordnet. Über der Nordsee werden die „helle Nachtjagd“ allmählich in die
chung für die Besatzungen der zweiten Feinderfassungen gemeldet, aber zu die- „dunkle“ überging. Neue Ortungsverfah-
Gruppe des Nachtjagdgeschwaders 5. sem Zeitpunkt kann noch keiner vorhersa- ren, die mittels Funkmesstechnik feindliche

Clausewitz 3/2013 17
Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

BEI TAGE: Drei Maschinen vom Typ seitig und gemeinsam jene neue Technik
Short Stirling. Dieser Typ war nach der kennen:
Avro Lancaster der bei der Operation „Unsere Messerschmitt Bf 110 trug vor
„Gomorrha“ am häufigsten eingesetzte dem Bug Antennen zum Senden und Emp-
RAF-Bomber. Foto: RAF
fangen im Dezimeterbereich. Im Inneren
des Rumpfes befanden sich vor dem Fun-
kersitz drei Braunsche Röhren zur Wieder-
gabe von elektrischen Impulsen. Die Radar-
echos eines voraus fliegenden Flugzeugs
stellten sich hier als leuchtende Zacken dar,
aus denen der Funker bei richtiger Inter-
pretation die Flughöhe und Flugrichtung
des Gegners und die Distanz zu ihm he-
rauslesen kann.“

Ortung des Gegners


Über die bordeigene „EiV“, die „Eigenver-
ständigung“, dirigierte dieser dann seinen
Flugzeugführer zum jeweiligen Übungs-
gegner hin:
„Höher, höher! … Links, mehr links! …
Rechts oben muss er sein! … Distanz 300
Meter … 100 Meter … langsamer! … Wir
überschießen!“
In unzähligen Zieldarstellungs-, Mess-
und Werkstattflügen übten sie diese Vorge-
hensweise, bei jedem Wetter, am Tag und in
der Nacht. Dabei wäre jederzeit ein „schar-
fer Einsatz“ möglich gewesen. Nachtangrif-
fe der RAF gab es genug, doch bislang war
die Besatzung Spoden nicht zum Zug ge-
kommen, weil jede „Himmelbett“-Stellung
Flugzeuge im Nachthimmel ausmachen mann Rudolf Schönert, gebremst: „Lang- jeweils nur einen Nachtjäger leiten kann.
und eigene an sie heranführen können, sam, langsam. Machen Sie sich erst einmal Also lösten die Besatzungen einander ab:
wurden damals eingeführt. Beim soge- mit ihrem Funker und dem Lichtenstein- „Den Anfang bildeten immer die erfah-
nannten „Himmelbett“-Verfahren werden Gerät vertraut.“ renen Besatzungen, die regelmäßig Ab-
die Nachtjäger vom Boden aus geleitet und Spodens Funker war ein 19 Jahre alter schüsse erzielten. Ging dann der Kraftstoff
an den Gegner herangeführt. Unteroffizier aus der Region des Teutobur- der ersten Maschine zur Neige, bekam der
Das ging bis auf drei- bis vierhundert ger Waldes. In den nun folgenden Tagen nächste Nachtjäger Startbefehl. Ich befand
Meter genau, die restliche Distanz musste und Wochen lernten sich die beiden gegen- mich meist am Ende der Wartereihe...“
dann der Flugzeugführer mit seinem Seh-
vermögen überbrücken, wie es auch Peter
Spoden am eigenen Leib erfuhr: „In einer
hellen Mondnacht bereitete das Erkennen
eines Gegners aus drei- bis vierhundert Me-
tern Entfernung keinerlei Probleme. In ei-
ner dunklen Nacht konnte man immerhin
noch 200 bis 300 Meter weit sehen, doch bei
starkem Dunst oder Wolken gar nichts
mehr.“

Bordeigenes Radar
Bei der 6./NJG 5 begegnete er dann erst-
mals dem „Lichtenstein“-Gerät. Damit aus-
gerüstete Maschinen erkannte man am
„Drahtverhau“ vor dem Bug. Allerdings
war das bordeigene Radargerät den Ein-
satzverbänden vorbehalten, im Schulungs-
betrieb gab es das noch nicht. Peter Spoden,
der davon ausging, sogleich gegen die Eng- GETROFFEN: Brennende Öltanks verdunkeln den Himmel über dem Hafen von Hamburg.
länder eingesetzt zu werden, wurde von Auch das Hafenviertel mit seinen Industrieanlagen erlitt schwere Schäden.
seinem Gruppenkommandeur, Haupt- Foto: picture-alliance/dpa

18
Alliierte Bomberströme nähern sich

Deshalb weiß auch die Besatzung Spoden


nicht, was auf sie zukommt, als die beiden
am Abend jenes 24. Juli 1943 zur „Sitzbe-
reitschaft“ in ihre Maschine klettern. Wer-
den sie wieder einmal dasitzen und warten
bis zum Morgengrauen?
Zur gleichen Zeit, im rund 430 Kilome-
ter südwestlich von Parchim gelegenen Sta-
de an der Niederelbe: Im Mammut-Ge-
fechtsbunker der 2. Jagddivision wächst die
Anspannung, er ist eine von fünf Schaltzen-
tralen der deutschen Reichsverteidigung.
Hier laufen die Meldungen von Horchpos-
ten, Radarstellungen und sonstigen Beob-
achtungs- und Frühwarnsystemen zusam-
men; von hier aus werden die Gegenmaß-
STANDARDNACHTJÄGER: Maschinen
nahmen der ihr unterstellten Flak und
vom Typ Messerschmitt Bf 110 bilden
Nachtjagd koordiniert. bis Kriegsende neben der Junkers Ju 88
Den gewaltigen Innenraum des Bun- das Rückgrat der deutschen Nacht-
kers, der mit seinen höhengestaffelten Sitz- jagdgeschwader. Foto: Dietmar Hermann
reihen einer Sporthalle oder einem Theater

Flughöhe sowie das Jägerquadrat werden


„Ich beglückwünsche die britischen Luftstreitkräfte genannt, in dem sie sich gerade befinden.
Lautet eine Meldung beispielsweise „Et-
und begrüße ihre Absicht, die Bombenangriffe auf wa 120 Flugzeuge in Gustav Cäsar fünf,
Deutschland zu verstärken.“ Kurs Ost, Höhe 5.000“, dann richten die
Nachrichtenhelferinnen ihre beiden Bild-
Vertrauliche Botschaft Josef Stalins an Winston Churchill vom 30. Juli 1943.
punktwerfer auf das entsprechende Jäger-
quadrat in der Lagekarte auf der großen
ähnelt, dominiert in der Mitte eine riesige einen Seite der Glaswand Dutzende von Milchscheibe. Dort zeigen jetzt rote Licht-
Milchglasscheibe, die beinahe die gesamte Luftwaffen-Nachrichtenhelferinnen. Jede punkte die aktuelle Position des Gegners
Höhe und Breite des Raumes einnimmt. von ihnen hat zwei „Bildpunktwerfer“ vor an, dessen Bewegungen werden von nun
Auf ihr ist die Landkarte des Deutschen sich – Urahnen heutiger Laserpointer – so- an laufend aktualisiert.
Reichs zu sehen, vom darüber gelegten wie ein Telefon, das direkt mit einer Funk-
Quadratnetz der Jägerführung in Planqua- messstellung (Radar) verbunden ist. Sobald Ruhe vor dem Sturm
drate unterteilt. Auf diese Karte werden je- diese einfliegende Bomberverbände ortet, Auf der anderen Seite der Glaswand sind
weils die wandernden Positionen von ein- werden die entsprechenden Angaben dem die roten Punkte gut zu sehen. Dort sitzen
fliegenden Feindflugzeugen und eigenen Gefechtsstand übermittelt. Die vermutete in langen Reihen die Jägerleitoffiziere und
Maschinen projiziert. Dafür sitzen auf der Anzahl der Flugzeuge, deren Kurs und darüber der Kommandeur sowie die Ver-
bindungsoffiziere mit ihren Schaltpunkten,
über die sie mit sämtlichen Jagdverbänden,
Nachtjagdstellungen und dem Flugmelde-
dienst verbunden sind. Nochmals eine Eta-
ge höher sitzen wiederum Dutzende weite-
rer „Lichtpunktwerfer“, die mit grünen
Punkten die Position der eigenen Maschi-
nen markieren.
Auch hier beginnt der Abend des 24. Ju-
li 1943 zunächst ruhig. Seit dem schweren
Angriff auf Aachen elf Tage zuvor hatte sich
nichts Gravierendes mehr ereignet. Kurz
vor Mitternacht laufen dann doch erste
Meldungen ein. Wieder einmal wandern
rote Lichtpunkte langsam auf der Milch-
glaskarte über die Ostsee, parallel zur deut-
schen Küste Richtung Osten. Die ersten
Messerschmitt Bf 110 und Junkers Ju 88
vom der 2. Jagddivision unterstellten
STOLZERFÜLLT: Ein Nachtjagdpilot der Luftwaffe vor dem Sei- FIEBERTE SEINEM EINSATZ Nachtjagdgeschwader 3 starten von ihren
tenleitwerk seiner Maschine, auf dem drei Abschüsse briti- ENTGEGEN: Nachtjäger Fliegerhorsten in Stade, Vechta, Wittmund-
scher Bomber markiert sind. Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo Peter Spoden. Foto: Peter Spoden hafen, Wunstorf, Lüneburg und Kastrup,

Clausewitz 3/2013 19
Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

und nehmen ihre Wartepositionen in ihren noch in groben Zügen. Den oben
jeweiligen „Himmelbetten“ über der deut- Das Flakkampfabzeichen der lauernden Nachtjägern nutzt
schen Nordseeküste ein. Luftwaffe war eine Auszeich- das jedoch nicht viel, sie sind
Inzwischen steht fest, dass die voraus flie- nung der Wehrmacht und wur- völlig auf sich alleine gestellt.
de am 10. Januar 1941
genden „Pfadfinder“-Maschinen die Vorbo- Tief unter ihnen, im Ge-
durch den Oberbefehlshaber
ten sind für einen großen, aus mehreren der Luftwaffe, Hermann Gö-
fechtsstand, gilt es, jetzt
hundert Maschinen bestehenden Bomber- ring, gestiftet. Die Verlei- bloß nicht die Nerven zu
strom des Gegners. Was hat dieser vor? Er hung des Abzeichens sollte verlieren; die 2. Jagddivisi-
steuert direkt auf die Elbmündung zu. Wird die Erfolge der Flakartille- on bittet den Flugmelde-
er davor abschwenken? Nach Süden? Oder rie sowohl bei der Abwehr dienst um Hilfe. Als hätte es
über Norddeutschland hinweg Richtung von Luftangriffen als auch das „Himmelbett“-Verfahren
Ostsee? Vielleicht sogar in Richtung Berlin? im Erdkampf würdigen. nie gegeben, als wäre diese
Foto: picture-alliance/Artcolor gewaltige hoch technisierte Or-
Verheerender Radarausfall ganisation der deutschen Nacht-
Doch plötzlich bleiben die roten Lichtpunk- jagd gar nicht existent, wird nun auf
te auf der Glaswand stehen, verharren mi- präzisen Angaben der „Würzburg“-Geräte Methoden aus der Anfangszeit des Krie-
nutenlang auf ein und demselben Fleck. hängt die Führung der Nachtjäger in ihren ges zurückgegriffen: auf die Beobachtun-
Nervosität macht sich breit. Was ist da los? „Himmelbetten“ ab, und nicht nur die, son- gen der über das ganze Land verteilten
Der Nachrichtenoffizier schaltet sich in die dern auch die der Flak. Sowohl die einen, Flugwachen am Boden. Diesen zufolge rie-
Direktleitungen zu den Radarstellungen ein als auch die anderen, tappen nun im Dun- seln in der Nähe von Meldorf, über Dith-
marschen, gelbe Leuchtkaskaden vom
Himmel. Immer wieder neue Kaskaden,
„Wir haben hier die Zerstörung einer Millionenstadt immer über demselben Gebiet: Da haben
festzustellen, die bisher in der Geschichte wohl kein wohl „Pfadfinder“-Maschinen eine Wen-
Beispiel findet. Es tauchen damit Probleme auf, die demarke gesetzt. Tatsächlich bestätigen
die nächsten Mitteilungen, dass der Bom-
fast nicht zu bewältigen sind.“ berstrom geschlossen nach Südosten
Propagandaminister Joseph Goebbels, Tagebucheintrag vom 29. Juli 1943 schwenkt, sich parallel zur Elbe weiterbe-
wegend, hält er direkt auf Hamburg zu.
Seit Kriegsbeginn hatte die alte Hanse-
und erhält auf seine Fragen überall dieselbe keln, und die Jägerleitoffiziere können au- stadt bereits eine Vielzahl von Bombenan-
Antwort: „Die Geräte sind gestört, oder aus- genblicklich gar nichts für sie tun. Auch die griffen zu überstehen, am Tag und in der
gefallen.“ Vor allem die „Würzburg“-Gerä- „Freya“-Geräte funktionieren nicht so wie Nacht – leichte, von einzeln fliegenden Ma-
te sind betroffen, über ihre Bildschirme flim- gewohnt, zeigen schon mal Tausende von schinen durchgeführte, aber auch schwere,
mern nur noch wirre Echozacken, aus de- Flugzeugen an, die sich dann plötzlich wie- die bereits deutlich sichtbare Spuren hin-
nen ist nichts Brauchbares herauszulesen. der in Nichts auflösen; doch immerhin er- terließen. Ist heute Nacht wieder die Elb-
Das ist eine fatale Situation, denn von den kennen sie den Bomberstrom wenigstens metropole dran?

TRÜMMERWÜSTE: Ein kleiner Junge


zwischen den kümmerlichen Überresten
Hamburger Wohnblocks.
Foto: picture-alliance/dpa

20
Zahlreiche Luftangriffe auf Hamburg

ANGETRETEN: Besatzung und Bo-


denmannschaft eines schweren
strategischen RAF-Bombers vom
Typ Short Stirling. Foto: RAF

HAUPTSACHE AM LEBEN: Menschen stehen Schlange, um eine


Lebensmittelration zu erhalten. Foto: ullstein bild – Erich Andres

VERHEEREND: Ein britischer Bomber beim Abwurf von Phosphor-


bomben, die in den dicht bebauten Stadtvierteln Hamburgs einen
Feuersturm entfachten. Foto: ullstein bild – Archiv Gerstenberg

Am Boden sind in und um Hamburg jetzt keine Zeit, man kann die ersten Motor- als „H2S“ bezeichnetem Bodenradargerät,
herum mehr als fünfzig schwere, gut zwei geräusche bereits hören, die Kommandeu- das die Umrisse der überflogenen Land-
Dutzend leichte Flak- sowie 22 Scheinwer- re der Flak müssen improvisieren. Wenn schaften im Inneren der Maschine auf ei-
fer- und drei Nebelbatterien positioniert. schon kein gezieltes Schießen möglich ist, nem Bildschirm wiedergibt. Seen und
Doch auch die Flak ermittelt ihre Schuss- soll „Sperrfeuer“ die Angreifer wenigstens Flüsse zeichnen sich hier als dunkle Flä-
werte nach den Messdaten der „Würz- einschüchtern. chen ab, Städte werden als helle Umrisse
burg“-Geräte. Dann, wenige Minuten vor dargestellt. Man kann sogar einzelne Flak-
01:00 Uhr nachts, dringen auch zu ihr kei- Bomber über dem Zielgebiet türme erkennen.
ne brauchbaren Angaben mehr durch. Auf Deren „Pfadfinder“-Maschinen befinden Gegen dieses Gerät sind jegliche Tarn-
einen Schlag ist die komplette deutsche sich inzwischen über dem Stadtgebiet. Sie versuche wirkungslos. Selbst bei völliger
Luftraumverteidigung außer Gefecht ge- sind mit modernster Technik ausgestattet, Dunkelheit, dichtem Nebel, Schneefall oder
setzt. Doch für Ursachenforschung bleibt unter anderem mit einem von den Briten Regen und auch durch eine geschlossene

Clausewitz 3/2013 21
Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

DOKUMENT
BILD DER VERWÜSTUNG: Teile der schwer Auszug aus dem amtlichen Bericht des
beschädigten Werftanlagen von Blohm & Polizeipräsidenten von Hamburg
Voss. Foto: ullstein bild – AP
„Die Straßen waren mit Hunderten von Leichen bedeckt. Mütter mit ihren Kindern, Män-
ner, Greise, verbrannt, verkohlt, unversehrt und bekleidet, nackend und in wächserner Bläs-
Wolkendecke hindurch bekommt man da- se wie Schaufensterpuppen, lagen sie in jeder Stellung, ruhig und friedlich oder verkrampft,
mit ein stets ausgezeichnetes Bild vom Ziel- den Todeskampf im letzten Augenblick des Gesichts. Die Schutzräume boten das gleiche
gebiet. Bild, grausiger noch in seiner Wirkung, da es zu dem Teil den letzten verzweifelten Kampf
Und das besteht in dieser Nacht aus den gegen ein erbarmungsloses Schicksal zeigte.“
Hamburger Stadtteilen Barmbek, Hoheluft, Zitiert nach: Dokumente deutscher Kriegsschäden, 5 Bde., Bonn 1958-1964
Eimsbüttel, Altona sowie dem Hafen. Die
„Pfadfinder“ beginnen zu markieren, wer-
fen sogenannte Christbäume ab: an Fall- drohenden, tiefen Brummen, erzeugt von phorkanister. Erste Großbrände lodern auf,
schirmen herabschwebende Magnesium- Tausenden großvolumiger Flugzeugmoto- die Lichtkeulen der Flakscheinwerfer
kugeln, die den nachfolgenden Bombern ren; wenige Minuten nach den „Pfadfin- durchschneiden immer dickeren Rauch.
das Zielen erleichtern sollen. Hier und da der“-Maschinen hat nun auch der Bomber- Die betroffenen Stadtteile werden von ei-
geht dabei auch etwas daneben, einige strom das Zielgebiet erreicht. nem wahren Inferno heimgesucht. Men-
Markierungen werden an der falschen Stel- schen – vor allem Frauen, Kinder und Alte –,
le abgeworfen, aber darauf kommt es nun Wahres Inferno die es nicht in die Luftschutzbunker ge-
nicht mehr an. Der Auftakt zur Operation Eine Welle nach der anderen zieht darüber schafft haben, sterben im Rauch und in den
„Gomorrha“ nimmt seinen Lauf. hinweg, schwere viermotorige Bomber Flammen. Viele Luftschutzkeller bieten kei-
Im Nachthimmel über Hamburg ent- vom Typ Avro Lancaster und Short Stirling nen ausreichenden Schutz.
steht eine unfassbare Geräuschkulisse: In öffnen ihre Bombenschächte, Dutzende Inzwischen hatte die 4. Jagddivision in
das Heulen der Sirenen mischt sich das zweimotoriger Vickers Wellington tun es Döberitz bei Berlin auch der II./NJG 5 in
Stakkato der wütend schießenden Flak, die ihnen gleich. Das Pfeifen der fallenden Parchim Startbefehl erteilt. Diesmal musste
Luft füllt sich mit einem anwachsenden Bomben geht im allgemeinen Getöse unter. die Besatzung Spoden nicht bis zum Mor-
Luftminen und Sprengbomben explodie- gengrauen warten, sie war gleich mit von
ren, straßenzugweise werden Dächer abge- der Partie:
Literaturtipps deckt, Häuserwände krachen zusammen „Ich befand mich im ,Himmelbett’-
Jörg Friedrich: Der Brand – Deutschland im oder werden aufgebrochen, Fenster und Raum ,Reiher’ nahe Lübeck, war als einer
Bombenkrieg 1940–1945, München 2002. Türen aus ihren Verankerungen gerissen. der letzten hoch geschickt worden und sah
Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg Dazwischen regnen massenhaft lose ge- bereits kurz nach dem Start einen furchtba-
1939–1945, Berlin 2004. bündelte Stanniolstreifen herunter, und ren Flächenbrand westlich von mir. So et-
dann wieder Stabbrandbomben und Phos- was hatte ich noch nie gesehen. Mein Gott!

22
Hamburg versinkt in Trümmern

Sollte das etwa Hamburg sein? Die Hanse-


stadt war noch mehr als 100 Kilometer ent-
fernt, und trotzdem nicht zu übersehen.
Gleichzeitig bereitete unser Lichtenstein-
Gerät Probleme, mein Bordfunker berichte-
te von schweren Störungen, nur ein Flim-
mern sei zu sehen, es gab keine ablesbaren
Zacken. Offenbar ging es den „Würzburg“-
Geräten ebenso, auch sie waren gestört,
mein Jägerleitoffizier konnte mich nicht an-
setzen. Da sah ich mit bloßem Auge in gro-
ßer Entfernung einige viermotorige Flug-
zeuge über der hellen, von Bodenbränden
erleuchteten Wolkenschicht. – Klein wie
Motten, aber unverkennbar Viermots! ,Las-
sen Sie mich dort hin!’, rief ich dem Jäger-
leitoffizier auf Kurzwelle zu. ,Nein, das
kann ich nicht’, antwortete er, ,das ist außer-
halb meines Raumes und zudem das
Schießgebiet der Flak!’ ,Sprechen sie mit
Berlin’, rief ich, ,lassen sie mich da hin, ich
kann die ,Tommies’ sehen!’ Die Antwort
kam prompt: ,Nein, sie haben im Raum ,Rei-
her’ zu bleiben. Ich habe schon nachgehört, Trauerfeier: Gedenkveranstaltung für die Opfer der alliierten Bombenangriffe während der
wir müssen mit Durchflügen rechnen.’“ Operation „Gomorrha“ auf Hamburg vor dem Rathaus der Stadt. Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

Systematische Zerstörung tiert, vielleicht auch der Oberbefehlshaber grausigen „Höhepunkt“ bildete der orkan-
Peter Spoden ist verzweifelt! Da war er nun der Luftwaffe Hermann Göring selbst. Von artige Feuersturm infolge des Angriffs vom
zwei Jahre lang ausgebildet worden, kann allen anderen Nachtjagdgeschwadern ge- 27. Auf den 28. Juli – dauerte insgesamt bis
die gegnerischen Flugzeuge sehen, darf hen gleichlautende Meldungen ein, alleror- zum 3. August 1943. Und es war kein Zu-
aber nicht hin. Natürlich kommen keine ten herrscht helle Aufregung. fall, dass Spoden und seine Kameraden zur
Durchflüge mehr, und als sein Sprit allmäh- Mit jenem Angriff britischer Bomber in Untätigkeit verdammt waren: Der Gegner
lich zur Neige geht, landet er vollkommen der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943 be- hatte Mittel und Wege gefunden, um die
niedergeschlagen in Parchim. Auf dem dor- ginnt die systematische Zerstörung weiter deutsche Raumnachtjagd mit einem Schlag
tigen Gefechtsstand ist die Hölle los! Alle Teile Hamburgs aus der Luft. auszuschalten.
Besatzungen, auch die erfahrenen, melden Im Cockpit seiner Messerschmitt wurde
extreme Störungen und Fehlerfassungen Peter Spoden Augenzeuge des schwersten Schreckensbilanz
des Bordradars, kaum einer hat Abschüsse Luftangriffs der bisherigen Kriegsgeschich- Schätzungsweise mehr als 35.000 Zivilisten
erzielt. Stattdessen berichten alle von te. Doch dieser Angriff auf Hamburg war kamen infolge der Luftangriffe der Opera-
furchtbaren Bränden und Detonationen, nur der Auftakt zu einer ganzen Serie von tion „Gomorrha“ ums Leben, weit mehr als
und dass sie viele „Viermots“ zu Gesicht Bombardierungen – auch durch Verbände 100.000 Menschen wurden verletzt, Hun-
bekamen, sie aber nicht angreifen durften. der U.S. Army Air Forces – der Großstadt derttausende obdachlos. Ganze Stadtteile
Umgehend wird die Jagddivision kontak- an der Elbe. Operation „Gomorrha“ – den wurden großflächig ausradiert, bedeutende
Kunst- und Kulturschätze sowie einzigarti-
ge historische Baudenkmäler gingen in den
Flammen unwiederbringlich verloren.
Menschen, die die Stadt noch rechtzeitig
verlassen hatten, wurde im Sommer 1943
unter Hinweis auf fehlende Unterkünfte
und mangelnde Verpflegung dringend ab-
geraten, in die in weiten Teilen verwüstete
Stadt zurückzukehren.
Noch heute ragt mahnend die Ruine des
Turmes der St. Nikolai-Kriche in den Ham-
burger Himmel. Auf dem Friedhof Ohlsdorf
befindet sich das zentrale Massengrab der
Bombenopfer mit einem Mahnmal zur Erin-
nerung an die Opfer von Krieg und Gewalt.

Peter Cronauer M. A., Jg. 1964, ist Luftfahrtjournalist


BETONKLOTZ: Der Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg dient heute zivilen
mit dem Schwerpunkt Luftkrieg 1939-1945.
Zwecken. Foto: picture-alliance/Bildagentur-online/Ohde

Clausewitz 3/2013 23
Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

Luftkrieg über Deutschland – Technologie und Strategie

Kriegsschauplatz
„Himmel“

Sommer 1943: Der Luftraum über dem Deutschen Reich ist Schauplatz heftiger Ausei-
nandersetzungen zwischen alliierten Bomberverbänden und deutschen Jägern. Für beide
Seiten spielt besonders die Radar-Technologie eine wichtige Rolle... Von Peter Cronauer

M
itte 1943 ist der Himmel über dem ge – die des Gegners und die des eigenen „Himmelbett“-Verfahren hat jedoch auch
Deutschen Reich längst ein hoch tech- Nachtjägers – als roter, bzw. grüner Punkt Schwächen: Der Wirkungskreis jeder Stel-
nisierter Kriegsschauplatz mit eige- auf die Glasplatte eines „Seeburg“-Auswer- lung hängt von der Reichweite des „Würz-
nen Gesetzen. Radar-Technologie spielt hier tetisches projiziert. Ein Leitoffizier beobach- burg“-Gerätes ab. Beträgt diese anfangs et-
eine wesentliche Rolle. Auch das „Himmel- tet die Kursdarstellung der beiden Maschi- wa 35 Kilometer, wächst sie mit dem ab
bett“-Verfahren der deutschen Nachtjagd ba- nen und führt den deutschen Nachtjäger per 1942 einsatzreifen „Würzburg-Riese“ auf 70
siert darauf. Seine Stellungen bestehen jeweils Funk an seinen potentiellen Gegner heran. bis 80 Kilometer an. Doch weiterhin kann
aus einem „Freya“- sowie zwei „Würzburg“- Seit August 1941 wurde eine „Himmel- jede Stellung nur ein einziges gegnerisches
Geräten. Ersteres steht bereits seit Kriegsbe- bett-Stellung“ neben der anderen errichtet. Flugzeug erfassen und verfolgen und je-
ginn im Einsatz und dient mit seiner Reich- Mitte 1943 reichen sie bereits in einem brei- weils nur einen eigenen Nachtjäger führen,
weite von bis zu 150 Kilometern als Früh- ten Gürtel von Frankreich entlang der der sein „Himmelbett“ auch nicht verlassen
warnsystem. Es kann einen anfliegenden Nordseeküste bis nach Südnorwegen. Das darf. Solange dieses System nur einzeln
Verband erkennen und seine Flugrichtung er-
mitteln, jedoch nicht die exakte Anzahl der
Flugzeuge und ihre genaue Flughöhe. Das
übernimmt kurze Zeit später das im Sommer FORTSCHRITTLICH: Die Antenne des
1941 einsatzreife „Würzburg“-Gerät. auf seinem Betonsockel dreh- und
schwenkbaren Radars „Würzburg-Rie-
„Himmelbett-Stellungen“ se“ besaß einen Durchmesser von
Im Einsatz verfolgt dann eines der beiden 7,40 Metern. Die hohe Richtgenauig-
„Würzburg“-Geräte einen anfliegenden keit des Funkmessgerätes erlaubte
Bomber, das andere einen eigenen Nachtjä- den Einsatz als Feuerleitradar. Es
ger, die von beiden erfassten Daten laufen in bildete einen wichtigen Baustein des
einer Leitstelle zusammen. Dort werden deutschen Abwehrkampfes.
dann die Bewegungen der beiden Flugzeu- Foto: ullstein bild – Photo12/Collection Bernard

24
HINTERGRUND „Window“ (Radartäuschung)
Für die „Lähmung“ der nächtlichen deutschen ßen, flattern in der Luft auseinander, bilden zu
Luftverteidigung sorgen Stanniol-Streifen, Tausenden flirrende Wolken und senken sich
zehn Millimeter breit und 30 Millimeter lang. wie ein Radarstrahlen millionenfach reflektie-
In der Auftaktnacht zur Operation „Gomorrha“ render Nebel langsam auf die Erde nieder. Ih-
werden sie (Tarnname „Window“) erstmals auf re Reflexionen blenden die Radar- und somit
dem europäischen Kriegsschauplatz einge- auch die Flugmelde- und Feuerleitgeräte der
setzt. Insgesamt haben die britischen Bomber deutschen Abwehr, vereiteln ein gezieltes
davon rund 92 Millionen Stück an Bord. Regel- Schießen der Flak und setzen das „Himmel-
mäßig werden sie in losen Bündeln ausgesto- bett“-Verfahren schlagartig außer Gefecht.

ge der bisherigen Luftangriffe diskutiert, Britische Luftfahrtministerium die „Area


aber auch die weitaus grundlegendere Fra- Bombing Directive“ – die „Anweisung zum
ge, ob man einen Krieg – insbesondere ei- flächigen Bombenangriff“. Dabei handelte
nen Luftkrieg, der auf der Basis internatio- es sich um eine großzügige Auslegung der
naler Abkommen wie den Haager Konven- von Air Marshall Hugh Trenchard bereits
tionen geführt wird – überhaupt gewinnen vor dem Krieg formulierten Doktrin. Dieser
kann. Die bisherige Erfahrung zeige, dass vertrat unter anderem die These, dass die
rein militärische Ziele nur schwer zu elimi- gründliche und nachhaltige Zerstörung der
nieren sind. Es drohe vielmehr ein langwie- gegnerischen Rüstungsindustrie strate-
riger Schlagabtausch ohne Perspektive. gisch weitaus wichtiger sei als beispielswei-
Politische und militärische Gremien in se der Sieg in einer Feldschlacht.
Großbritannien suchen daher nach Auswe- Der in Baden-Baden geborene Physiker
gen aus diesem Dilemma. und Churchill-Vertraute Frederick A. Lin-
Auf eine „Lösung“ legt man sich schließ- demann wird noch konkreter: In einem am
lich fest: Am 14. Februar 1942 erlässt das 30. März 1942 Churchill überreichten und

IM ANFLUG: Boeing B-17F der 381st


Bomb Group, deren Maschinen an den
Tagangriffen Ende Juli 1943 auf Hamburg
beteiligt sind, im Formationsflug über
dem europäischen Festland. Foto: USAF

fliegende Maschinen abzuwehren hat, die


zeitlich versetzt und in lockerem Verband
in den Luftraum über dem Reich eindrin-
gen, ist diese „gebundene“ Art der Nacht-
jagd durchaus effektiv.

Britischer Strategiewechsel
Alleine der Stellung „Tiger“ auf der nieder-
ländischen Insel Terschelling wird die Be-
teiligung an rund 150 Nachtabschüssen zu-
geschrieben. Doch das britische Bomber
Command ändert seine Strategie. Innerhalb
von einer Stunde, so hatten britische Ver-
antwortliche errechnet, könne eine „Him-
melbett-Stellung“ rund sechs Abschüsse er-
zielen. Da werden einzeln fliegende Ma-
schinen zur leichten Beute. Doch was
geschieht, wenn eine große Anzahl Bomber
die „Himmelbett-Stellungen“ möglichst
gleichzeitig durchstößt? Das müsste die
Verluste doch reduzieren. UM LEBEN UND TOD: Bomber des Typs Boeing B-17F der 8. US-Luftflotte werden während
Nicht nur aus diesem Grund vollzog die des Tagangriffs auf Hamburg am 25. Juli 1943 von einem deutschen Jäger bedrängt (er-
britische Luftkriegführung im Frühjahr kennbar im Kreis rechts unten). Das gestrichelt dargestellte Zielgebiet – die Blohm & Voss
1942 einen grundlegenden Strategiewech- Werft – ist durch Rauchwolken des vorhergegangen nächtlichen Bombardements durch die
sel. Im Vorfeld wurden die mäßigen Erfol- RAF verdeckt. Foto: USAF

Clausewitz 3/2013 25
Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

TÖDLICHE FRACHT: Eine Avro Lancaster wird für einen weiteren Ein- POSITIONSBESTIMMUNG: Am „Seeburg“-Auswertetisch laufen die
satz bestückt – in diesem Fall mit der gemischten Abwurflast aus Daten der beiden „Würzburg“-Geräte einer „Himmelbett“-Stellung
konventionellen Sprengbomben und einer „Cookie“-Luftmine. Foto: RAF zusammen. Foto: Sammlung W. Johnen

später als „Dehousing Paper“ bezeichne- Angriffen auf militärische Ziele, sondern Navigationssystem, das sogenannte GEE-
ten Memorandum schreibt er unter ande- eher umgekehrt. Verfahren.
rem, es sei erwiesen, dass die Zerstörung Mit seinem neuen Oberbefehlshaber,
seines Heimes den Menschen moralisch Arthur Travers Harris, erhält das RAF Bom- Neue Taktik und Technologie
tiefer erschüttere als der Tod von Freun- ber Command am 22. Februar 1942 einen Hinzu kommt eine neue Taktik: Jetzt fliegen
den und Verwandten. Daher rate er, Linde- Mann „für’s Grobe“. Er findet zu Beginn die Maschinen ihre Zielorte nicht mehr zeit-
mann, dazu, alle Kräfte auf die Produkti- seiner Amtszeit die nötigen Flugzeuge bzw. lich verzögert, weit auseinandergezogen
on von Bomben und geeigneten Bombern technischen Mittel vor, um die wenige Tage oder sogar einzeln an und werfen ihre Bom-
zu konzentrieren, um bis Mitte 1943 fünf-
zig Prozent des Wohnraumes in allen grö-
ßeren Städten Deutschlands zu zerstören. „Casablanca beseitigte die letzten moralischen
Auf diese Weise könne man die Moral des Hemmungen; wir erhielten für den Bombenkrieg
deutschen Volkes brechen und die Rüs- völlig freie Hand.“
tungsproduktion komme zum Erliegen.
Der Oberbefehlshaber des Bomber Command der RAF, Arthur Harris.
„Moral Bombing“
Vorrangiges Ziel des „Moral Bombing“ sei- zuvor verabschiedete „Area Bombing Di- ben dann, wenn sie davon ausgehen, ihr
en die Arbeiterwohnviertel, diese seien am rective“ in die Tat umzusetzen: Ziel erreicht zu haben. Nun durchstoßen sie
dichtesten bebaut. Mit der Annahme dieses Darunter befinden sich unter anderem die deutschen Nachtjagdräume in einem
Vorschlags durch das britische Kabinett ist schwere viermotorige strategische Bomber großen, möglichst geschlossenen Verband,
der Strategiewechsel vollzogen: Fortan ist mit hoher Zuladung und großer Reichwei- um beim eigentlichen Angriff möglichst
die Zerstörung ziviler Bauten nicht mehr te – Short Stirling, Handley Page Halifax viele Maschinen innerhalb kurzer Zeit über
eine bedauerliche Begleiterscheinung von und Avro Lancaster – sowie ein Hyperbel- dem Ziel zu konzentrieren. Nach dieser
Methode und im Sinne des „Moral Bom-
bing“ wird Lübeck im Frühjahr 1942 als ers-
AVRO LANCASTER B.MK.III te von vielen deutschen Städten angegrif-
Im Gegensatz zu den US-Bombern gibt fen. Doch der Erfolg gibt den Planern nur
Nach & Thomson FN-50 es in der Lancaster keinen Copiloten.
Nach & Thomson FN-20 oder FN-150 Drehturm Rechts neben dem Flugzeugführer sitzt vorübergehend Recht: Zwar überfordert
oder FN-120 Drehturm mit mit zwei 7,65-mm-MG stattdessen der Flugingenieur die Taktik des „Bomberstroms“ das „Him-
vier 7,65-mm-MG melbett“-Verfahren zunächst, setzt es aber
Astronavigationskuppel
für den Navigator nicht vollständig außer Gefecht.
Foto: RAF

Denn auch hier dreht sich die Entwick-


lungsspirale weiter: Im Sommer 1942
kommt auf deutscher Seite das Bordfunk-
messgerät „Lichtenstein B/C“ zum Einsatz
– der letzte Schritt zu einer „echten“ Dun-
kelnachtjagd.
Das bordeigene Radargerät „sieht“ bis
Nach & Thomson zu vier Kilometer weit und ermöglicht der
FN-5A Drehturm mit Besatzung eines Nachtjägers den eigenstän-
zwei 7,65-mm-MG
digen Endanflug auf seine Gegner, ohne
Der 10,5 Meter lange durchgehende
Bombenschacht ermöglicht die Mitnah- Bugkanzel mit Zielvor- ihn tatsächlich sehen zu müssen und unab-
Flüssigkeitsgekühlte Packard Merlin me unterschiedlichster oder je nach Be- richtung für den Bom- hängig von einer Leitstelle am Boden. De-
28 12-Zylinder-Reihenmotoren darf passend kombinierter Waffenlast benschützen ren Jägerleitoffiziere profitierten gleicher-

26
Technologische Entwicklungsspirale

BOEING B-17F-95

Foto: Boeing
maßen von der neuen Technik, denn von
nun an können sie freier agieren und führen Vier luftgekühlte Wright Cyclone Astronavigationskuppel
R-1820-97, 9-Zylinder-Sternmotoren mit für den Navigator
mehrere Nachtjäger zugleich. Dass die
Nachtjagd der RAF diesen Stand der Tech- Turbolader und je 1.200 PS Leistung Bis zu drei
nik bereits zwei Jahre zuvor erreicht hatte, Sperry A-1 Drehturm einzelne
mit zwei 12,7-mm-MG 12,7-mm-MG in
ist für die Angehörigen des Bomber Com- der Bugkanzel
mand nur ein schwacher Trost; ihre Verlus-
te steigen wieder deutlich an.
Auch das ständige „dem Gegner in die
Karten sehen“ wollen, stellt eine Art eige-
nen Kriegsschauplatz dar. Es geht um
Neuerungen und darum, diejenigen des
Gegners wieder unbrauchbar zu machen.
So werden wechselweise Kommunikati-
Heckstand mit
onseinrichtungen, der Navigation dienen-
zwei 12,7-mm-MG, Sperry Kugelturm mit zwei
de Peilfunkanlagen oder auch Radaranla- die der Schütze Extreme Aufhängungen für
12,7-mm-MG – wird beim
gen lahm gelegt. Hatte beispielsweise die kniend bedient zusätzliche 906 Kilogramm
Landen eingefahren
Bombenlast – werden wegen
RAF im März 1942 ihr neuestes Funknavi- Seitliche Waffenstände mit Im Bombenschacht finden bis zu des hohen Luftwiederstandes
gationssystem namens AMES erstmals er- je einem 12,7-mm-MG 3.628 Kilogramm Abwurflasten Platz kaum im Einsatz verwendet
folgreich eingesetzt, schlägt nur fünf Mona-
te später der Angriff von mehr als 160 Bom- Navigationssystem namens „Oboe“ gear- bare „Mandrel“-Störsender die „Freya“-
bern auf Osnabrück fehl, weil sämtliche beitet wird, sucht man dort gleichzeitig Anlagen erfolgreich lahm.
GEE-Geräte schlagartig versagen. Deutsche nach Methoden, um wiederum die deut-
Störsender mit dem Tarnnamen „Heinrich“ sche Technik auszutricksen. Mit Erfolg: „Combined Bomber Offensive“
leisteten dabei „ganze Arbeit“. Während Beim Angriff auf Mannheim Anfang De- Im Vorfeld der Operation „Gomorrha“ sind
nun in England fieberhaft an einem neuen zember 1942 legen in Flugzeugen einbau- aus britischer Sicht unter anderem zwei Er-
eignisse von besonderem Belang:
Am 9. Mai 1943 gelingt den Alliierten ein
„Kammhuber-Lichtspiele“ im Gefechtsstand einer Jagddivision großer Coup als eine Besatzung des NJG 3
mit ihrer Junkers Ju 88 in der neuesten
3 Nachtjäger-Version von Skandinavien aus
nach Großbritannien desertiert. Dieser „Vor-
fall“ wurde vom britischen Geheimdienst
2 eingefädelt und war von langer Hand vorbe-
7 reitet. Britische Wissenschaftler inspizieren
vor allem das bislang so streng geheim ge-
1
4 haltene „Lichtenstein“-Gerät, finden heraus,
wie es funktioniert und wie man es überlis-
5 ten kann. Innerhalb kurzer Zeit entwickeln
sie „Serrate“, ein Bordradargerät, das seiner-
seits „Lichtenstein“ anpeilen kann.
Auf all das findet die deutsche Seite früher
oder später eine angemessene Antwort. Nicht
6
jedoch auf „S2S“, das bordeigene britische
Foto: Sammlung W. Johnen

Panorama-Bodenradar-Gerät. Anfang 1943


bei einem Luftangriff auf Hamburg erstmals
erfolgreich eingesetzt, ermöglicht es den
RAF-Piloten Navigation und Zielfindung,
selbst unter ungünstigsten Bedingungen.
Die im Hinblick auf Operation „Gomor-
rha“ wichtigste strategische Entscheidung
Rechts befindet sich die 14 Meter hohe Raum füllende offiziere von Flak, Luftnachrichtentruppe, Heer und Ma- fällt jedoch im Januar 1943: Als eines von
Milchglasscheibe, darauf ist die Karte des Deutschen rine. Auf den Sitzreihen darunter sitzen die Jägerleitof- mehreren Ergebnissen der Konferenz von
Reiches zu sehen und das darüber gelegte Quadratnetz fiziere, die je nach Luftlage die Nachtjäger per Funk an
der Jägerführung. Jenseits der Glasscheibe und im Bild den Gegner heranführen. Casablanca beschließen Großbritannien und
nicht zu sehen, sitzen die Luftnachrichtenhelferinnen Auf der Galerie (2) befinden sich weitere sogenannte die USA die „Combined Bomber Offensive“
mit ihren Lichtpunktwerfern, die mit roten bzw. grünen Lichtpunktwerfer, die den Weg des Bomberstroms mit gegen Deutschland. Die schweren strategi-
Lichtpunkten die Positionen der eigenen und feindlichen langen Strichen und Pfeilen auf die Glaswand projizie-
Flugzeuge projizieren. ren. In einem separaten Raum (3) unterziehen Offiziere schen Bomberverbände der United States
Die geschwungene Linie bei (4) zeigt den Flugweg eingehende Meldungen einer ersten Prüfung. Die Groß- Army Air Forces sollen tagsüber Industrie-
eines Bomberstroms, der sich bei (5) teilt und auf eine raumkarten (7) zeigen den Raum der Nachbardivisio- anlagen und diejenigen der RAF nachts
Großstadt (6) zu bewegt. nen, aus dem der Bomberstrom kam und wohin er wo-
möglich wieder verschwinden wird, den Korpsbereich so-
Wohnviertel angreifen. Mit der Operation
Bei (1) sitzen der Divisionskommandeur, sein Ia,
der Chef der Operationsabteilung sowie die Verbindungs- wie den ganzen Kontinent im Überblick. „Gomorrha“ wird die „Combined Bomber
Offensive“ erstmalig angewandt.

Clausewitz 3/2013 27
Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

Operation „Gomorrha“ – Das Leid der Zivilbevölkerung

„Es regnete Feuer...“


24. Juli bis 3. August 1943: RAF und USAAF greifen Hamburg mehrfach mit schweren
Bomberverbänden an. Die Folgen für die Stadt und ihre Menschen sind verheerend...
Von Peter Cronauer

TRAGISCH: Ein bis zur Unkenntlichkeit verbrannter


Mensch in einem zerstörten Gebäude in Hamburg
nach einem der schweren Luftangriffe im Rahmen
der Operation „Gomorrha“. Foto: Barch, Bild 183-R93452

28
D
as Kriegstagebuch des RAF Bomber
Command weist militärische Ziele als
Angriffsgrund aus. Namentlich sind
die Industrieanlagen von Blohm & Voss ge-
nannt. Tatsächlich richten sich die Angriffe
jedoch im Sinne der „Area Bombing Directi-
ve“ sowie des „Moral Bombing“ vor allem
gegen die Wohnviertel der Zivilbevölkerung.
Dabei wirkt sich die Heftigkeit der An-
griffe sogar negativ auf die Zusammenarbeit
der Briten mit den US-Verbänden aus. Laut
deren Kriegstagebuch greifen im Rahmen
der „Combined Bomber Offensive“ am 25.
Juli 123 schwere Boeing B-17 an, doch schon
nach dem zweiten und noch schwereren
Nachtangriff der RAF kommt die Zusam-
menarbeit wieder zum Erliegen: Die US-Flie-
ger beklagen schlechte Sichtverhältnisse,
verursacht durch Qualm und Rauch und zu
heftige Luftturbulenzen über der brennen-
den Stadt. Die United States Army Air Forces VERZWEIFELT: Ein Mann sucht seine Frau SCHLANGE STEHEN: Ausgabe von Milchratio-
(USAAF) ziehen sich aus Operation „Go- und Tochter mit einer Nachricht auf einem nen an ausgebombte Hamburger auf einem
morrha“ zurück. Trümmerteil. Foto: ullstein bild – DRK Verpflegungsplatz. Foto: ullstein bild – Erich Andres

Überall Flächenbrände Brände, sodass diese Schadensgebiete in et- „In manchen Straßenzügen lagen Hunderte
Mitte August, zwei Wochen nach dem letz- wa 20 Minuten einem Flammenmeer gli- von Toten völlig unversehrt, zum Teil mit
ten schweren Nachtangriff, zieht der dama- chen. Beim dritten Angriff entwickelte sich aufgerissener Kleidung. Man vermutet Sau-
lige „Höhere SS- und Polizeiführer bei den ein sehr starker Feuersturm, bei dem teilwei- erstoffmangel und durch die große Hitze
Reichsstatthaltern und Oberpräsidenten in
Hamburg, in Oldenburg und in Bremen, in
Hannover und in Schleswig-Holstein im „Der HERR ließ Schwefel und Feuer regnen auf
Wehrkreis X“, Generalmajor Reiner Liessem, Sodom und Gomorrha und vernichtete die Städte
folgende Schadensbilanz: und die ganze Gegend und alle Einwohner.“
„Bei allen Angriffen wurde immer wieder
Altes Testament, 1. Buch Mose, 19, 24.
beobachtet, dass der Gegner bestimmte Flä-
chen durch Leuchtbomben markierte und in
wechselnder Folge Minen-, Spreng- und se größte Bäume umgerissen wurden und völliges Austrocknen der Kleidung und da-
Brandbomben in diese Gebiete warf. Diese ein Passieren der Straße unmöglich war. Bei her leicht Zündmöglichkeit.“
planvolle Angriffstaktik trat besonders in allen Angriffen konnte die Bevölkerung in-
Hammerbrook und in Hamm in Erschei- folge der zahlreichen Flächenbrände und des Schreckliche Szenen
nung. Die Gebäude wurden durch Spreng- Feuersturmes nur unter Einsatz aller verfüg- Die Folgen für die Zivilbevölkerung waren
und Minenbomben aufgerissen, stürzten auf baren Kräfte aus ihren Wohngebieten gebor- entsprechend grausam. In einem Geheimbe-
die Straße und die folgenden Brandbomben gen werden.“ In amtlich abgehacktem Stil richt des Hamburger Polizeipräsidenten
entfachten nunmehr in den Trümmerstätten fährt Liessem fort: Hans Julius Kehrl werden die Ereignisse wir
folgt geschildert: „Nur die entkamen dem
Tode, die rechtzeitig eine Flucht gewagt hat-
DOKUMENT Bericht (Auszug) eines RAF-Bombenschützen ten oder sich so nahe am Rande des Feuer-
meeres befanden, dass eine Rettungsmög-
„Es war ein Job: Knopf drücken und zurück- hatte, aber da war diese Geschichte von der
fliegen. Und man hatte dabei nicht ständig Mutter und ihrer kleinen Tochter. Das Feuer lichkeit überhaupt bestand. (…) Die Vernich-
das Gefühl, ein Monster zu sein. Ich bin so- war so gewaltig, dass der Teer auf der Stra- tung im Ganzen ist so radikal, dass von
gar ein bisschen stolz auf das, was ich da ße schmolz. Die Mutter versuchte noch, mit vielen Menschen buchstäblich nichts geblie-
vollbracht habe. Auch wenn viele Menschen der Tochter über die Straße zu kommen. ben ist. (…) Kinder wurden durch die Ge-
darunter leiden mussten. Doch das kleine Mädchen stolperte und fiel walt des Orkans von der Hand der Eltern ge-
Ich gebe aber zu, dass der Angriff auf mitten aufs Gesicht. Die Mutter starb bei rissen und ins Feuer gewirbelt. Menschen,
Hamburg in mir grauenvolle Erinnerungen dem Versuch, sie aus dem Teer zu ziehen. die sich gerettet glaubten, fielen in der alles
wachruft. Ich war mir zunächst gar nicht da- Das habe ich nie vergessen. Ich fühle mich vernichtenden Gewalt der Hitze um und
rüber im Klaren, was da abgelaufen war. Ich einfach schuldig. Ich war doch der, der auf
starben in Augenblicken. Flüchtende muss-
sah natürlich das Feuer unter mir. Und wie den Knopf gedrückt hatte.“
ten sich ihren Weg über Sterbende und Tote
es wütete. Als ich dann zurückgekehrt war,
kamen dazu noch die furchtbaren Zeitungs- Zitiert nach: Rolf-Dieter Müller: Der Bom- bahnen. (…) Von den Opfern waren insge-
berichte. Ich weiß gar nicht, wo ich das her benkrieg 1939-1945, Berlin 2004, S. 168. samt 70% erstickt, zum großen Teil durch die
giftigen Kohlenoxydgase. Es waren so viele

Clausewitz 3/2013 29
Titelgeschichte | Operation „Gomorrha“

ÜBERLEBT: Zivilisten inmitten einer verwüsteten Straße MAHNUNG: „Friedensgebet“ von Edith
im Stadtteil Altona, der gleich zu Beginn der Luftangriffe Breckwoldt vor der Ruine der Ehemaligen
schwer in Mitleidenschaft gezogen wird. Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg. Die
Foto: ullstein bild – Erich Andres Skulptur erinnert an den gewaltigen Feuer-
sturm, der Hamburg im Sommer 1943 in
löschen, sprangen sie in die zahlreichen Ka- Schutt und Asche legte. Foto: picture-alliance/dpa
näle, nur um beim Auftauchen erneut in
DEUTLICH: Der Hamburger Polizeipräsident Flammen aufzugehen. ren Ausmaßen. Wir haben hier die Zerstö-
warnt die aus der Stadt geflohenen oder rung einer Millionenstadt festzustellen, die
evakuierten Zivilisten vor einer Rückkehr in Unvorstellbare Katastrophe bisher in der Geschichte wohl kein Beispiel
das stark zerstörte Hamburg. Am 29. Juli 1943 notiert Reichsminister für findet. Es tauchen damit Probleme auf, die
Foto: ullstein bild Volksaufklärung und Propaganda, Joseph fast nicht zu bewältigen sind.“
Goebbels, in sein Tagebuch: „In der Nacht Die sonst üblichen Durchhalteparolen des
Menschen an Vergiftung gestorben und ihre hat der bisher schwerste Luftangriff auf Propagandaministers hörten sich anders an.
Leichen hatten sich derart strahlend blau, Hamburg stattgefunden. Die Engländer sind Tatsächlich wurde mit der Operation
orange und grün gefärbt, dass man zunächst mit 800 bis 1.000 Bombenflugzeugen über „Gomorrha“ innerhalb von elf Tagen das
annahm, die RAF hätte bei diesem Angriff der Stadt erschienen. Unsere Luftverteidi- über Jahrhunderte gewachsene Stadtbild der
zum ersten Mal Giftgasbomben eingesetzt. gung erzielte nur wenige Abschüsse, so dass traditionsreichen Hansestadt weitgehend
(…).“ man hier von einer nennenswerten Einbuße ausgelöscht.
Augenzeugen berichten von Fliehenden, des Angreifers nicht sprechen kann. Kauf-
die im verflüssigten Asphalt stecken blieben mann [Karl Otto Kaufmann war NS-Gaulei- Zielsetzung verfehlt
und bei lebendigem Leib verbrannten. Zu ter und Reichsstatthalter in Hamburg] gibt Insgesamt führte die „Combined Bomber
besonders schrecklichen Szenen kam es mir einen ersten Bericht über die Wirkungen Offensive“ gegen Hamburg nicht zum er-
dann, wenn Menschen von Phosphor getrof- des britischen Luftangriffs. Er spricht von ei- hofften Erfolg. Weder erhob sich die Bevöl-
fen wurden. In der Hoffnung, das Feuer zu ner Katastrophe von vorläufig unvorstellba- kerung gegen die NS-Machthaber noch
blieb die vor Ort ansässige Rüstungsindus-
trie dauerhaft ausgeschaltet. Die deutsche
FAKTEN Zahlenangaben zur Operation „Gomorrha“ Luftverteidigung erholte sich anschließend
Bei den vier Nachtangriffen auf Hamburg war- der eingesetzten Flugzeuge weichen Primär- sogar überraschend schnell von ihrer an-
fen die daran beteiligten Bomberverbände quellen wie die Kriegstagebücher von RAF fänglichen Überrumpelung.
der RAF zwischen dem 24. Juli und dem 3. und USAAF sowie deutsche Dokumente zum Zwar war das „Himmelbett“-Verfahren
August 1943 insgesamt mehr als 9.000 Ton- Teil erheblich voneinander ab. Insgesamt mit einem Schlag erledigt, nicht jedoch die
nen Bomben ab. Die von der USAAF bei ihren kann man jedoch davon ausgehen, dass die deutsche Nachtjagd. Die „Wilde Sau“-Taktik
beiden Tagesangriffen zusätzlich abgeworfe- RAF im Rahmen der Operation „Gomorrha“ wurde improvisiert, das im Herbst 1943 ein-
ne Bombenlast ist darin nicht enthalten. mehr als 3.000 Bomber einsetzte, von de- geführte „Lichtenstein SN2“ war weniger
Zum Vergleich: Auf dem Höhepunkt der nen nur ein geringer Prozentsatz der deut- störungsanfällig, weitere technische und tak-
„Luftschlacht um England“, in den Monaten schen Verteidigung zum Opfer fielen.
tische Neuerungen wurden von deutscher
September, Oktober und November 1940, Auch die genaue Anzahl der Todesopfer
warf die deutsche Luftwaffe insgesamt etwa unter der Zivilbevölkerung ist nicht bekannt. Seite eingeführt. Die nächtlichen Verluste
5.800 Tonnen Bomben auf Ziele in ganz Zeitnahe Schätzungen gingen von 30.000 der RAF stiegen wieder an. Gleiches galt
Großbritannien ab. bis 50.000 Toten aus, heute ist in der Ge- auch für die Abwehr alliierter Tagangriffe.
Zahlenangaben sind grundsätzlich mit schichtsforschung zumeist von etwa Hamburgs Zerstörung 1943 markierte einen
Vorsicht zu genießen und selbst hinsichtlich 35.000 Opfern die Rede. Wendepunkt: Von nun an besaß der Ausbau
der „Reichsverteidigung“ höchste Priorität.

30
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Nichtinteresse vermerken Sie dies bitte auf Ihrer Postkarte
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Schlachten der Weltgeschichte | Operation „Husky“

Alliierte Landung auf Sizilien 1943

Sturm auf die


„Festung Europa“
10. Juli 1943: In den frühen Morgenstunden landen mehrere Tausend amerikanische
und britische Soldaten auf der italienischen Mittelmeerinsel Sizilien. Die Operation
„Husky“ soll das Tor zur „Festung Europa“ aufstoßen... Von Lukas Grawe

UNBEHELLIGT: Landung von US-Truppen


auf Sizilien am 11. Juli 1943.
Foto: Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung Photo

32
U
m den Krieg nach Westeuropa zu tra- mandostruktur im Mittelmeerraum als tigt. Der deutsche Oberbefehlshaber der
gen und mit Hilfe einer zweiten Front schwierig. Hinzu kommen persönliche Ab- Heeresgruppe Süd, Generalfeldmarschall
Druck vom sowjetischen Verbünde- neigungen zwischen amerikanischen und Albert Kesselring, stellt wenige Tage vor Be-
ten zu nehmen, entscheiden sich die Alliier- britischen Offizieren. In operativer Hin- ginn der alliierten Invasion fest: „Die Ver-
ten Anfang des Jahres 1943 für eine Invasion sicht kommt es den alliierten Landungs- stärkung der natürlichen Abwehrkraft der
auf Sizilien. truppen vor allem auf die Inbesitznahme Inseln durch die Anlage von Befestigungen
Für die Eroberung der Mittelmeerinsel von Häfen und Landungsplätzen an, um ist nicht in ausreichendem Maße erfolgt.“
spricht vor allem ihre Lage: Mit Sizilien als die Versorgung der Truppen zu gewährleis- Zudem zwingt die lange Küste Siziliens den
Ausgangspunkt ist eine Invasion des italie- ten. Nicht alle Teile Siziliens liegen zudem Verteidiger zu einer Dekonzentration der
nischen Festlandes möglich. Zudem erleich- in der Reichweite der alliierten Jagdflieger Kräfte. Trotz aller Argumente, die für eine
tert der Besitz der Insel die Kontrolle des auf Malta, sodass die Eroberung von Flug- alliierte Landung auf der Insel sprechen,
Schiffsverkehrs im westlichen Mittelmeer. plätzen eine hohe Bedeutung erlangt. kennen die „Achsenmächte“ die gegneri-
Da die geplante Invasion in Frankreich schen Landungsabsichten nicht. Mit Hilfe
nicht vor 1944 durchführbar ist, legen sich Schwache Verteidigungsanlagen eines groß angelegten Täuschungsmanö-
die amerikanischen und britischen Militärs Eine Landung auf Sizilien wird durch die vers erhöhen die Alliierten die Unsicherheit
auf den italienischen Schwerpunkt fest. Ita- schwachen Verteidigungsanlagen begüns- bei ihrem Gegner. Die Wehrmachtführung
lien ist seit der vernichtenden Niederlage in
Nordafrika nur noch ein unsicherer Bun-
desgenosse des Deutschen Reichs.
Mit der Eroberung Siziliens soll daher Ita-
lien aus dem Krieg an der Seite des Deut-
schen Reiches gedrängt werden. Hitler wäre
auf diese Weise gezwungen, die italienisch
besetzten Gebiete in Südfrankreich und auf
dem Balkan mit eigenen Truppen zu halten.
Die im Januar einsetzende Planung für
die Invasion der Insel gestaltet sich auf-
grund der komplizierten alliierten Kom-

HINTERGRUND Die „Achse“ Berlin – Rom


Seit dem 1936 geschlossenen geheimen um Romanum“ auf dem Balkan und in Afri-
Freundschaftsvertrag bildet sich eine enge ka. Grundlage für die deutsche Unterstüt-
Zusammenarbeit zwischen dem faschisti- zung sind jedoch überwiegend eigene Inte-
schen Italien und dem „Dritten Reich“ aus. ressen. Italien beteiligt sich währenddessen
Mit dem „Stahlpakt“ von 1939 sichern sich an Hitlers Feldzug gegen die Sowjetunion, der
beide Länder im Falle eines Krieges unbe- jedoch von der italienischen Bevölkerung als
dingte militärische Unterstützung zu, die „deutscher Krieg“ angesehen wird.
auch für einen Angriffskrieg gilt. Während Mit dem Sturz Mussolinis und der folgen-
sich Italien noch nicht am Polenfeldzug be- den Kriegserklärung Italiens an das Deut-
teiligt, tritt es am 10. Juni 1940 in den Krieg sche Reich Ende 1943 endet die militäri-
gegen Frankreich und Großbritannien ein. sche Zusammenarbeit, die stets von
In der Folgezeit unterstützt Hitler Mussolinis starken Spannungen und Interessengegen-
Pläne zur Errichtung eines zweiten „Imperi- sätzen geprägt ist.

Clausewitz 3/2013 33
Schlachten der Weltgeschichte | Operation „Husky“

rechnet mit einer Invasion auf Sardinien und die Panzerdivision „Hermann Göring“ VERNICHTET: Das Schiff eines
und in Griechenland, veranschlagt diese je- die italienische 6. Armee unter dem Kom- amerikanischen Nachschub-
doch auf den Spätsommer. Diese Ungewiss- mando von Generaloberst Alfredo Guzzo- konvois erhält durch ein deut-
heit führt auf Seiten der „Achse“ zur Vertei- ni, der direkt dem italienischen „Comando sches Kampfflugzeug einen
lung sämtlicher verfügbarer Truppen im ge- Supremo“ untersteht. Aus taktischen Grün- Volltreffer und explodiert.
samten italienischen Raum und damit zur den sind die deutschen Verbände anfangs Foto: ullstein bild - Roger Viollet

Zersplitterung der ohnehin schon ge- dem italienischen Oberbefehl unterstellt.


schwächten Kräfte.
Die deutschen Truppen, die nicht mehr Fehlschlag zum Auftakt
rechtzeitig vor der Kapitulation des „Afri- Insgesamt stehen Anfang Juli rund 28.000
kakorps“ vom italienischen Festland aus deutsche und etwa 200.000 italienische Sol-
nach Tunesien verlegt werden konnten, bil- daten auf der Insel. Letztere sind zumeist
den ab Mai 1943 den Kern der Verteidi- schlecht bewaffnet und nur dürftig ausge-
gungstruppe in Italien. Auf Sizilien unter- bildet. Während die Panzerdivision „Her-
stützen die 15. Panzergrenadierdivision mann Göring“ und die italienischen Divi-

KARTE Kampf um Sizilien Juli/August 1943


ÜBERBLICK: Die Position der deutsch-italienischen Verteidiger (oben) und der Verlauf
der Kämpfe im Juli/August 1943 (unten).

sionen „Napoli“ und „Livorno“ im Süden


der Insel stehen, sichern die 15. Panzergre-
nadierdivision und die Divisionen „Aosta“
und „Assieta“ den Westen Siziliens. Die
deutsche „Kampfgruppe Schmalz“ deckt
die Ostküste im Raum von Catania.
Nachdem alliierte Streitkräfte im Juni
1943 bereits einige kleinere Inseln im Vor-

Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich

34
Kriegsmüde Italiener

FAKTEN Die Kriegsparteien im Überblick


„Achsenmächte“ Alliierte
Ziel Zerschlagung der alliierten Eröffnung einer zweiten Front in
Landungstruppen; Westeuropa; Sicherung des
Stopp des weiteren Vormarschs der Mittelmeerschiffsverkehrs;
Alliierten Ausschaltung Italiens als Verbündeter
an der Seite Deutschlands
feld Siziliens genommen haben, beginnt in Truppenstärke ca. 28.000 deutsche und 200.000 Zu Beginn der Operation „Husky“
der Nacht des 9. Juli die alliierte Invasion italienische Soldaten, 180.00 Mann,
mit groß angelegten Luftlandeunterneh- Ende Juli ca. 320.000 Mann am Ende 470.000 Soldaten
men bei Syrakus. Ziel ist es, wichtige Brü- Verluste Deutsche: 4.600 Gefallene, 13.500 Briten: 2.700 britische Gefallene,
cken und strategisch bedeutsame Berghö- Verwundete, 5.500 Gefangene, 8.000 Verwundete,
Italiener: 4.300 Gefallene, 32.500 11.500 Malariakranke,
hen zu erobern und bis zum Eintreffen der Verwundete, 115.000 Gefangene Amerikaner: 2.800 Gefallene, 6.500
Hauptinvasionsstreitmacht zu halten. Auf- Verwundete, 9.800 Malariakranke
grund eines starken Sturms verfehlen je-
doch die meisten Fallschirmspringer ihre
Landezonen, nur circa zehn Prozent errei- auf Sizilien. Unterstützt werden die Trup- 8. Armee unter General Montgomery folgt
chen ihre Zielbestimmung. Viele „Paras“ pen von 3.500 Flugzeugen. Dieser materiel- ihnen um 4:15 Uhr in einem südwestlich
ertrinken im Mittelmeer, andere geraten in len Überlegenheit haben die Verteidiger von Syrakus gelegenen Abschnitt. Die ers-
Gefangenschaft. Trotz des Fehlschlags ge- nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. ten Landungswellen treffen auf überrasch-
lingen einige örtliche Erfolge. Die Luftlan- Die italienische Marine kann die Anlan- te Verteidiger. Der schwache Widerstand
detruppen stiften zudem unter den Vertei- dung der alliierten Truppen ebenso wenig der italienischen Küstendivisionen kann
digern große Verwirrung. verhindern wie die Luftwaffe. Auch die ge- die Angreifer nicht aufhalten. Vielerorts er-
Einige Stunden später beginnt die ei- ringfügige Unterstützung durch deutsche geben sich die notdürftig zusammenge-
gentliche Invasion der Insel. Bis zu 3.000 U-Boote und Flugzeuge kann an diesem stellten italienischen Reservetruppen
Schiffe und Boote landen innerhalb von we- Umstand nichts ändern. kampflos den alliierten Invasoren. Britische
nigen Tagen eine Streitmacht von 180.000 Soldaten erobern ohne einen Schuss abzu-
Soldaten, 1.800 Geschützen und 600 Panzer Alliierte gehen an Land feuern noch am selben Tag die Stadt Syra-
Um 2:45 Uhr gehen die ersten amerikani- kus im Südwesten Siziliens. Energische Ge-
UNTER BESCHUSS: Britische Soldaten schen Soldaten der 7. Armee unter dem Be- genwehr kommt vielerorts zu spät: Die
geraten in gegnerisches Feuer. fehl von Generalleutnant George S. Patton weit verteilten Verbände der „Achsen-
Foto: SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo im Raum Gela-Licata an Land. Die britische mächte“ können erst eingreifen, als die

Clausewitz 3/2013 35
Schlachten der Weltgeschichte | Operation „Husky“

WÄHREND DES
KAMPFES: Deutsche
Artillerie nimmt briti-
sche Stellungen unter
Feuer.
Foto: ullstein bild – TopFoto

Alliierten bereits Fuß gefasst haben. Zwar Verbände sollen anschließend den amerika-
starten die Panzerdivision „Hermann Gö- „It was a jolly good race. nischen Brückenkopf zerschlagen. Trotz der
ring“ und die Division „Livorno“ starke I congratulate you.“ Anstrengungen können die alliierten Lan-
Angriffe gegen den amerikanischen Lan- dungszonen nicht durchbrochen werden.
Ein britischer Offizier zu General-
dungsabschnitt, doch gelingt den alliierten leutnant Patton anlässlich der Erobe-
Die Schiffsgeschütze stoppen die angreifen-
Soldaten die Bildung von Brückenköpfen, rung Messinas am 17. August 1943. den Truppen der „Achse“ und fügen ihnen
die von See und aus der Luft unterstützt große Verluste zu.
werden.
In der Nacht erkennt Guzzoni, dass von und sich anschließend mit der „Kampf- Verluste durch Schiffsgeschütze
den britischen Truppen die größere Bedro- gruppe Schmalz“ im Osten zu vereinigen. Am Abend desselben Tages hat die deutsche
hung ausgeht und dass der Rückzugsort Auf diese Weise soll der britischen 8. Armee Panzerdivision ein Drittel ihrer Kampfwa-
und Fährhafen Messina in Gefahr ist. Er er- der Weg nach Messina versperrt werden. gen im Geschosshagel der alliierten Schiffe
teilt daraufhin der Division „Hermann Gö- Die „Livorno“-Division soll sich nach und Panzerabwehrgeschütze verloren. So-
ring“ den Auftrag, die amerikanische 45. Westen wenden und mit der deutschen 15. wohl die Division „Livorno“ als auch die Di-
Infanteriedivision in der Flanke zu packen Panzergrenadierdivision vereinigen. Beide vision „Hermann Göring“ müssen in ihre
Ausgangspositionen zurückkehren.
Die deutsche Führung sieht die Lage auf
Koordinator des Rückzugs: Sizilien bereits drei Tage nach Beginn der
Hans-Valentin Hube Invasion als äußerst bedrohlich an. Gene-
ralfeldmarschall Kesselring meldet am
13. Juli an das Oberkommando der Wehr-
Der 1890 in Naumburg/Saale geborene Hube ist nach dem Ersten
Weltkrieg vor allem als Infanterieausbilder tätig, 1935 wird er Komman-
macht, dass die Masse der italienischen
deur der Infanterieschule Döberitz. Verteidiger bereits jetzt vollkommen ver-
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kommandiert er eine Infanterie- sagt habe und die Last des Kampfes fast
division, die im Rahmen des Westfeldzugs die Kanalküste erreicht. ausschließlich auf deutschen Schultern lie-
Anschließend formt er seinen Verband in eine Panzerdivision um, ge. Ein Gegenangriff sei unter diesen Um-
die als Ausbildungstruppe die verbündeten Rumänen unterstützt. ständen, auch wegen fehlender Luftunter-
Während des Russlandfeldzugs zeichnet sich Hube unter stützung, nicht mehr möglich. Kesselring
anderem als Kommandeur der 16. Panzerdivision wiederholt ist sich sogar sicher: „Mit den jetzigen deut-
durch besondere militärische Leistungen aus. Im Rahmen des schen Kräften allein ist die Insel nicht zu
Angriffs auf Stalingrad kommandiert Hube das XIV. Panzerkorps. halten.“ Die „Achsenmächte“ verfügen
Auf Befehl Hitlers wird er am 18. Januar 1943 aus dem Kessel auch über keine strategischen Reserven
ausgeflogen.
mehr. Trotzdem zaudert Kesselring, die An-
Anschließend nimmt der hochdekorierte General der Panzer-
zahl der deutschen Truppen auf Sizilien zu
truppe an den Kämpfen um Sizilien und auf dem italienischen
Festland teil. Nach der Übernahme des Oberbefehls über die erhöhen, da er es für unmöglich hält, mit
1. Panzerarmee kehrt er an die Ostfront zurück. Im April 1944 dem alliierten Nachschubtempo mithalten
kommt Hube bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. zu können. Ein allzu schneller Verlust Sizi-
liens soll dennoch verhindert werden.
Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto

36
Deutsch-italienische Spannungen

Kesselring fürchtet die politischen Rück- stellt. Der Panzerdivision „Hermann Gö-
wirkungen, die der Fall der Insel auf den ring“ gelingt es in der Zwischenzeit, die Lü- Der undiplomatische General
Bündnispartner Italien haben würde. cke zur „Kampfgruppe Schmalz“ zu schlie- George S. Patton
ßen und auf der Linie San Stefano–Catania
„Achsenmächte“ auf dem Rückzug im Nordostteil der Insel Verteidigungsstel- Der 1885 in Kalifornien
Sein neues Ziel ist daher nur noch ein hin- lungen zu errichten. Derweil gibt Hitler den geborene Patton sammelt
haltender Rückzug und damit einherge- Befehl, „unter unauffälliger Ausschal- bereits im Kampf gegen Auf-
hend ein großer Zeitgewinn. Dabei sollen tung“ der verbündeten italienischen ständische in Mexiko und im
sich die Truppen der „Achse“ langsam in „Kommandostellen“ die „Gesamt- Ersten Weltkrieg erste militäri-
Richtung Messina zurückziehen und den führung im Brückenkopf Sizilien“ sche Erfahrungen. Als Ausbil-
alliierten Vormarsch so lange wie möglich zu übernehmen. der für Panzerfahrer avan-
ciert er zu einem
verzögern. Diese Weisung stellt eine Ent-
ausgewiesenen Kenner
Am 12. Juli trifft mit der 1. Fallschirmjä- machtung der italienischen Füh- dieser neuen Waffengat-
gerdivision die erste deutsche Verstärkung rung auf der Insel dar und sorgt tung.
aus Unteritalien ein, drei Tage später folgt für erhebliche Spannungen zwischen Im Zweiten Weltkrieg
die 29. Panzergrenadierdivision. Sämtliche den Bundesgenossen. Stellenweise erhält er zunächst ein
deutschen Verbände werden unter der Be- kommt es sogar zu bewaffneten Kommando in Nordafrika, um
zeichnung XIV. Panzerkorps zusammenge- Scharmützeln, die auf beiden Seiten in Sizilien mit der Einnahme
fasst und dem Befehl des Ge- Tote fordern. Messinas auf sich aufmerk-

Foto: Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung Photo


nerals der Panzertruppe Der italienische Är- sam zu machen. Trotz
Hans-Valentin Hube unter- ger kann jedoch nicht militärischer Erfolge gilt
verhindern, dass der Patton als unbequem,
ANWERBUNG: Plakat zur Frei- deutsche Bündnispart- zynisch, undiplomatisch und
willigenwerbung der bei den widerspenstig.
ner die Operationsfüh-
Kämpfen um Sizilien 1943 ein- Als Befehlshaber der
rung ganz und gar an
gesetzten Division „Hermann 3. U.S. Army erlangt er vor
sich reißt. allem bei der Abwehr der
Göring“. Foto: ullstein bild - LEONE
deutschen Ardennenoffensive
1944/45 großen Ruhm. Patton
stirbt kurz nach Kriegsende an
den Folgen eines Autounfalls.

AUSGESCHALTET:
Ein zerstörter
US-Panzer vom Typ Die Kompetenzstreitigkeiten enden offiziell
„Sherman“ auf am 31. Juli, indem Generaloberst Guzzoni
Sizilien. Foto: ullstein bild den Befehl über alle Truppen der „Achsen-
mächte“ an Hube übergibt.

Montgomery verärgert Patton


Auch auf Seiten der Alliierten kommt es zu
Meinungsverschiedenheiten. Der Befehlsha-
ber der britischen 8. Armee, Bernard Mont-
gomery, will mit seinen Truppen die Insel im
Alleingang erobern und sieht die amerikani-
sche 7. Armee lediglich als Flankenschutz
an. Die Amerikaner sind notgedrungen in
die Rolle des Juniorpartners gedrängt wor-
den, da die erfahrenen britischen Soldaten
bereits in der Planungsphase für die Erobe-
rung Messinas vorgesehen sind und daher
mehr Nachschub erhalten. Der britische Ge-
neral Harold Alexander, Oberbefehlshaber
der alliierten Landstreitkräfte, bringt der
amerikanischen Truppe anfangs großes
Misstrauen entgegen. Er schätzt ihre Leis-
tungsfähigkeit als gering ein und will ihr
keine größeren Aufgaben anvertrauen. Aus
diesem Grund teilt er der britischen Armee
die meisten Vormarschstraßen zu und über-
lässt den Amerikanern nur den bedeutungs-
ärmeren Westteil Siziliens. Doch Montgo-
mery mutet seinen Soldaten zu viele

Clausewitz 3/2013 37
Schlachten der Weltgeschichte | Operation „Husky“

gibt aufgrund der unerwarteten Lageent-


wicklung Patton die Erlaubnis zum Sturm
auf Messina.
Der Fall von Palermo führt derweil zum
Sturz des italienischen Diktators Mussolini.
Fortan wird die Evakuierung der deut-
schen Truppen auf Sizilien vorbereitet, um
ein „zweites Tunesien“ zu verhindern. Hu-
be will trotz allem einen geordneten Rück-
zug und wirft daher den amerikanischen
Truppen die 29. Panzergrenadierdivision
entgegen, die den Vormarsch der 7. Armee
verlangsamen soll. Am 25. Juli einigen sich
Amerikaner und Briten auf einen gemein-
samen Vorstoß, um die Verbände der „Ach-
se“ in die Zange zu nehmen. In der Nacht
vom 29. auf den 30. Juli beginnen die Briten
daraufhin mit ihrer Offensive und drängen
die Deutschen zurück. Diese lassen sich wie
geplant auf eine rückwärtige Linie fallen.
Patton versucht unterdessen, den amerika-
GEBALLTE KRAFT: Ein schwerer Kampfpanzer vom Typ „Tiger I“ in einer süditalienischen nischen Vormarsch durch Truppenlandun-
Ortschaft. Foto: SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo gen hinter den deutschen Linien zu be-
schleunigen. Diese Aktion verläuft jedoch
Aufträge zu und erweitert vielfach eigen- ben. Bereits zwei Tage später ist Palermo in größtenteils erfolglos.
willig seinen vorher abgesteckten Kampf- amerikanischer Hand. Um den restlichen Am 11. August beginnen die Deutschen
sektor. An eine gemeinsame Planung mit Westteil der Insel einzunehmen, befiehlt mit der Evakuierung ihrer Truppen. Durch
seinem amerikanischen Gegenüber Patton Patton der 82. Airborne Division den Vor- die Verteidigungserfolge gelingt es ihnen
denkt er nicht und verärgert somit seinen marsch auf Trapani. Hier leisten die Italie- sogar, große Teile ihrer Ausrüstung zu ret-
Bundesgenossen. Trotz der Bevorzugung
an Nachschub und Material kommen die
Briten jedoch nur schleppend voran. Die „Mit den jetzigen deutschen Kräften allein
„Achsenmächte“ stellen ihnen ihre besten ist die Insel nicht zu halten.“
Divisionen in den Weg, um Messina unter Generalfeldmarschall Kesselring an das OKW am 13. Juli 1943.
allen Umständen so lange wie möglich zu
verteidigen.
Zur Division „Hermann Göring“ und ner Widerstand, der jedoch nach wenigen ten. Letzte Versuche der Alliierten, den
der „Kampfgruppe Schmalz“ tritt nun auch Stunden gebrochen wird. Der ganze West- Rückzug der deutschen Verbände abzu-
noch die 1. Fallschirmjägerdivision. Den teil Siziliens ist damit unter amerikanischer schneiden, scheitern.
erstklassig ausgebildeten deutschen Trup- Kontrolle und die Eroberung Messinas das Das Rennen um Messina entscheidet
pen kommt bei der Defensive zudem das neue Ziel Pattons. Patton gegen seinen Konkurrenten Mont-
Terrain zur Hilfe. Je weiter die Briten nach gomery für sich. Am Abend des 16. August
Norden vorstoßen, desto bergiger und un- Alliierter Erfolg rückt die 3. amerikanische Infanteriedivisi-
wegsamer wird das Gelände und begüns- Die Eroberung Messinas wird in der Folge- on kampflos in die geräumte Stadt ein. Nur
tigt den Verteidiger. zeit zu einem Wettlauf zwischen Montgo- einige Stunden später betreten auch die Bri-
Patton akzeptiert vorerst die ihm zuge- mery und Patton, bei dem es mehr um ten den eroberten Fährhafen. Ein britischer
dachte Rolle, erkennt bald aber die Mög- Ruhm und persönliche Eitelkeiten als um Offizier begrüßt Patton mit den Worten: „It
lichkeiten, die sich seiner Truppe im West- militärische Sinnhaftigkeit geht. Während was a jolly good race. I congratulate you.“
teil der Insel bieten. Die wichtige Hafen- Patton jedoch von Palermo aus an der Das „fröhliche Rennen” kostet jedoch 5.500
stadt Palermo im Nordwesten Siziliens Nordküste große Fortschritte erzielt, liegt alliierte Soldaten das Leben, fast 15.000
bildet daher das neue Ziel der 7. Armee, der Montgomery noch immer südlich des Ätna werden verwundet. Zusätzlich fordert die
nur noch wenige italienische Einheiten ge- vor den starken deutschen Stellungen fest. Malaria viele Opfer.
genüber stehen. Alle anderen Verbände der Der zuerst skeptische General Alexander Die Alliierten erreichen somit ihre ge-
„Achse“ haben bereits die neue Verteidi- steckten Ziele: Zwar gelingt es nicht, die
gungsstellung am Ätna im Nordosten der gegnerischen Verbände vollständig zu ver-
Insel bezogen. Während die Briten südlich Literaturtipp nichten, doch ist nun das gesamte Mittel-
des Vulkans festliegen, beginnt Pattons meer unter alliierter Kontrolle und das Tor
Gerhard Schreiber: Das Ende des nordafrikani-
7. Armee am 21. Juli ihren Vormarsch nach schen Feldzugs und der Krieg in Italien zur „Festung Europa“ weit aufgestoßen.
Nordwesten in Richtung Palermo. Schon 1943–1945, in: Das Deutsche Reich und der
nach wenigen Stunden haben die Amerika- Zweite Weltkrieg, Bd. 8, München 2007, S. Lukas Grawe, M.A., Jahrgang 1985, Historiker aus
ner 4.000 Gefangene zu verzeichnen, da 1100-1162. Münster.
sich die meisten Italiener kampflos erge-

38
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Militärtechnik im Detail

Schlagkräftiger Hybrid: NEUE SERIE


Leichter Flugzeugträger
Beengte Kommandozentrale
der Independence-Klasse Die zwangsläufig verkleinerten Inseln
zwängten Kommando- und Kontroll-
stände in sehr beengte Räume.

U m nach Pearl Harbor mehr Flugzeug-


träger in den Kampf schicken zu kön-
nen, machte die New York Shipbuilding
Corporation aus der Not eine Tugend, in-
dem sie bereits im Bau befindli-
che leichte Kreuzer zu leich-
ten Trägern bzw. CVLs um-
konstruierte. „Hauptsache
war, dass sie leicht durch
den Panamakanal passten“,
sagte James Devine, ein Flug-
deckoffizier an Bord der PRINCE-
TON (CVL-23) – das einzige der
neun Schiffe, welches bei Kampf-
handlungen versenkt wurde. Ob-
wohl zu klein, hatten die CVLs anders
als Geleitflugzeugträger die nötige Leis-
tungsfähigkeit, um in Kampfgruppen
agieren zu können. Sie dienten von Baker
Island bis Japan und kamen bei Tarawa,
Saipan, Kwajalein, Iwo Jima und anderen
entscheidenden Einsätzen zum Zuge. Wäh-
rend der Schlacht um die Philippinische See
stellten CVLs mehr als ein Drittel der U.S.-
Navy-Torpedobomber und -Jäger. So ver-
senkten Piloten der BELLEAU WOOD
(CVL-24 nebenstehend abgebildet) den ja-
panischen Träger HIYO. Es war auch ein Pi-
lot der BELLEAU WOOD, der eines der 100.000 Pferdestärken
letzten japanischen Flugzeuge des Krieges Ölbefeuerte Kessel, die vier Turbinen
abschoss. Im Jahr 1951 wurde das Typschiff von Babcock & Wilcox antrieben, ver-
INDEPENDENCE (CVL-22) bei einem liehen den leichten Trägern eine Höchst-
Atombombentest geopfert. Die U.S. Navy geschwindigkeit von bis zu 32 Knoten.
verkaufte die verbliebenen leichten Träger
anderen Marinen oder ließ sie einfach ab- Nachträglich aufgeweiteter Rumpf
wracken. Um den leichten Träger im Gleichgewicht zu halten, haben die Schiffs-
bauer Aufweitungen hinzugefügt, die die Schiffsbreite um fünf Fuß (1, 52
Meter) vergrößerten. Dabei wurde die backbordseitige Erweiterung mit
Zement als Ballast befüllt. Ein beladener CVL wog 15.800 Tonnen.
DIE KONKURRENTEN:

HMS HERMES ZUIHO-Klasse HIYO-Klasse


Verdrängung: 13.700 Tonnen ● Länge: 182,88 Verdrängung: 11.443 Tonnen ● Länge: 205,49 Verdrängung: 23.770 Tonnen ● Länge: 219,33
Meter ● Geschwindigkeit: 25 Knoten ● Flugzeuge: Meter ● Geschwindigkeit: 28 Knoten ● Flugzeuge: 30 Meter ● Geschwindigkeit: 25,5 Knoten ● Flugzeuge:
20 ● 1923 in Dienst gestellt. Bei den Einheiten dieser Klasse handelt es sich 48-53
Großbritanniens erster echter Flugzeugträger ließ um ursprünglich als U-Boot-Versorger gedachte Aufgebaut auf Luxuslinerrümpfen, hatten die
seine Flugzeuge auf Ceylon zurück, als er am Schiffe; Die SHOHO wurde in der Schlacht im beiden Träger dieser Klasse bewegte Laufbahnen.
9. April 1942 dort auslief, nur um dann von Korallenmeer von Flugzeugen der LEXINGTON und Eine arg ramponierte JUN´YO wurde nach dem
Sturzkampfbombern der AKAGI, SORYU und der YORKTOWN am 7. Mai 1942 versenkt. Dagegen Krieg abgewrackt. Die HIYO ging am 20. Juni
HIRYU überwältigt zu werden. Die HMS HERMES wurde die ZUIHO bei Kap Engano von Flugzeugen 1944 nach ihrem Gefecht mit der BELLEAU WOOD
war der erste Flugzeugträger, der von anderen der Kampfgruppe 38 am 25. Oktober 1944 unter.
Trägern versenkt wurde. versenkt.

40
Die INDEPENDENCE Grumman TBM
von der Bofors-Stel- Avengers verliehen
lung eines anderen den leichten Trägern
Schiffs aus gesehen. Schlagkraft und
Sie gab einer Flug- Durchsetzungsver-
zeugträgerklasse ih- mögen. Die Crews
ren Namen, die half, rollten die Flugzeu-
den Sieg im Pazifik ge, um Platz zu
davonzutragen. schaffen, und um sie
Foto: NATIONAL ARCHIVES in Startposition zu
bringen.
Foto: NATIONAL ARCHIVES

Kürzeres und schmaleres Flugdeck 20-Millimeter-Oerlikon-FlaKs


Zugeschnitten auf einen Kreuzerrumpf maß das Die Batterien der defensiven FlaK-Bewaffnung um-
Flugdeck eines CVL in der Breite gut 33 und in fassten 16 20-Millimeter-Kanonen in Einzel-, Doppel-
der Länge knapp 183 Meter. So war es unge- und Vierfachaufstellung. Jedes Geschütz konnte einen
fähr ein Drittel kleiner als das eines „normalen“ Angreifer aus der Luft mit einem Geschosshagel von
Amerikanische Luftrüs-
Flugzeugträgers. Das kurze Deck machte die 250-350 Schuss pro Minute überziehen.
tung wirft Maschine auf
Herausforderung des Starts von einem sich
Maschine in den Kampf
bewegenden Schiff noch komplizierter. Vierfach-Bofors-FlaK Ein leichter Träger konnte nicht
Die ursprünglich an Bug und Heck aufgestell- weniger als 45 Flugzeuge –
ten 5-Inch-FlaKs (12,7 Zentimeter) wurden aufgeteilt in Jäger des Typs F4F
durch vier wassergekühlte 40-Millimeter- Wildcat (später F6F Hellcat) und
Flugabwehrkanonen ersetzt. Mehrere solcher TBM Torpedobomber – tragen
Vielfachlafetten der Bofors bildeten einen und versorgen. Die CVLs führten
dichten Luftabwehrschirm um die CVLs. genug Munition und Treibstoff,
um Luftoperationen monatelang
unterstützen zu können.

Auf Geschwindigkeit
ausgerichtet
Der kreuzertypische Rumpf
Dünne Hülle, dicht gepackt sorgte dafür, dass die CVLs
Um die Geschwindigkeit zu optimieren, haben einerseits in schwerer See
die Schiffsbauer den 5-Inch-Panzergürtel, den unangenehme Fahrteigen-
üblicherweise leichte Kreuzer erhielten, schaften hatten, andererseits
weggelassen. Auf einem CVL waren 1.569 aber hohe Geschwindigkeiten
Mann Besatzung „eingepfercht“. fahren konnten.

Clausewitz 3/2013 41
Militärtechnik im Detail

„Blitzkrieg“ auf hoher See:


Deutsches Schnellboot Typ S-100
D er Versailler Vertrag beabsichtigte die
militärische Produktion Deutschlands
einzugrenzen. Doch genau die Restriktio-
Das Schnellboot oder auch S-Boot (von den
Alliierten auch E-Boot genannt. Das E steht
dabei für Enemy bzw. Feind), wurde von ei-
Andererseits war es standfest genug, sich auch
auf hoher See auszuzeichnen. Schnellbootbe-
satzungen versenkten 101 Handelsschiffe, 12
nen für die Deutsche Marine sollten es sein, nem Rennbootentwurf abgeleitet. Es war mit Zerstörer und beschädigten zahlreiche andere
die die Schaffung der wohl tödlichsten klei- seinen 35 Metern Länge und 1.000 Tonnen Schiffe. So erkannte John F. Kennedy nach ei-
nen Überwassereinheit des Zweiten Welt- Verdrängung klein genug, die Beschränkun- ner Nachkriegsinspektion an, dass das Schnell-
kriegs beförderten. gen des Versailler Vertrags zu unterlaufen. boot „unserem PT-Boot weit überlegen“ war.

Wasserbomben- 4-Zentimeter-Bofors- Zwillings-2-Zentimeter-


ablaufschienen Kanone (Beutewaffe) Flugabwehrkanone

Ersatz/Nach-
ladetorpedos

Die abgewinkelten Ruder verursachten Verdrängerrumpf


eine Lufttasche knapp hinter den drei Nicht so schnell wie ein flacher
Propellern (Lürsseneffekt). Das steigerte Rumpf in ruhigem Wasser, aber
die Effizienz der Maschine und sorgte da- deutlich effektiver bei hohen
für, dass das Boot sich weniger aufbäum- Wellen.
te, was mit der niedrigen Silhouette die
Sichtbarkeit reduzierte.

DIE KONKURRENTEN:

Britisches Fairmile D Italienisches MAS Amerikanisches Elco PT-Boot


30 Knoten – Effektiv in nächtlichen Hinterhalten, 45 Knoten – Schlug sich bewundernswert, den- 38 Knoten – Gut geeignet für nächtliche Erkun-
konnte aber allein keinen Kampf mit einem noch weniger seetüchtig unter rauen Seebedin- dungsmissionen und Hinterhalte, aber weniger
Schnellboot bestehen. gungen als seine deutschen Gegenstücke. vollkommen als die eigene Legende suggeriert.

42
Geschwindigkeit und Stär-
ke erlaubten dem Schnell-
boot sich auch in rauer
See zu behaupten und aus-
zuzeichnen. Die 2.500-PS-
Maschine beschleunigte
das 100-Tonnen-Boot auf
bis zu 43,8 Knoten wenn
seine Konstruktion aus
Holz und Aluminium allein
mit schierer Gewalt durch
hohe Wellen pflügte.
Eine 2-Zentimeter-Kanone in den Bug
eingelassen verteidigte das Schiff vorne
und bot dem Schützen Deckung. Die wei-
tere Bewaffnung variierte und umfasste
bisweilen auch Beutewaffen.

Gepanzerte Brücke (Kalottenbrücke)


Diese wurde, beginnend mit der S-100-Klasse,
eingebaut, um die Kommandozentrale zu schützen.

2-Zentimeter-Kanone.

Torpedorohr
Jedes Boot führte vier 53,3-Zentimeter-
Torpedos mit sich. Das war gerade genug
für Blitzüberfälle.

CLAUSEWITZ dankt dem „World War II


Sowjetisches Tupolev G-5 MTB Japanisches T-1MTB magazine“ sowie der Weider History
48 Knoten – Das schnellste Motortorpedoboot, 38 Koten – Produziert als Antwort auf die Group für die Zurverfügungstellung der
sehr aktiv in der Ostsee und dem Schwarzen amerikanischen PT-Boote, aber weniger Grafiken. Mehr Informationen unter
Meer. seetüchtig. www.HistoryNet.com.

Clausewitz 3/2013 43
Der Zeitzeuge

ZERSTÖRTE EISENBAHNANLAGEN:
Amerikanische Soldaten betrachten
eine durch Bomben aus den Gleisen
gerissenen Lok in Münster, April 1945.
Foto: U.S. National Archives

44
IM FEINDESLAND: Soldaten der Wehrmacht inspizieren
einen liegen gebliebenen französischen Militärtransport
mit einem veralteten Panzer auf einem der Waggons.
Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp

MOMENTAUFNAHME: Diesem
Fotografen gelingt es, den
Schatten seiner B-24 über dem
Münchner Hauptbahnhof einzu-
fangen. Foto: U.S. National Archives

SCHIENEN IN STALINGRAD:
Deutsche Soldaten hinter
einem schrottreifen
Eisenbahnfahrzeug.
Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp

Vom „Blitzkrieg“ bis zum Untergang

Eisenbahn im
Zweiten Weltkrieg
1939–1945: Während des gesamten Krieges spielt die Eisenbahn eine zentrale Rolle ̶
sie ist die Hauptschlagader des militärischen Transports und trägt die Hauptlast bei der
Bereitstellung des Nachschubs an allen Fronten. Vorgestellt von Maximilian Bunk

A
ufgrund ihrer signifikanten Rolle ist direkt am Bahnsteig. Vor diesem Hinter- auf einen besonders spannenden Abschnitt
die Eisenbahn stets Ziel von Angrif- grund wird die Eisenbahn zum probaten der Technikgeschichte. Es wird offensicht-
fen und Sabotage. Als komplexes Sys- „Zeugen“ des Krieges und dokumentiert Lo- lich, wie sehr die Bahn in den Krieg invol-
tem ist sie höchst verwundbar und kann gistik, Zerstörung, hohe Politik und mensch- viert war. Dies mag zunächst banal klingen,
besonders Attacken aus der Luft nur wenig liches Schicksal auf und neben den Schienen. doch das schiere Ausmaß erstaunt selbst
entgegensetzen. Gerade in diesem Zusam- Mit einer packenden Auswahl seltener Bil- Kenner der Materie immer wieder aufs
menhang ist es sowohl faszinierend als auch der (kombiniert mit kenntnisreichen Texten) Neue. Fazit: Die nationalsozialistische
makaber zu sehen, wie die Reichsbahn bis in zeichnen die Autoren Andreas Knipping und Kriegspolitik unterschätzt die Bedeutung der
die letzten Tage des Krieges hinein „funktio- Brian Rampp in ihrem Buch „Eisenbahn im Eisenbahn anfangs und überfordert ihre Ka-
niert“. Die Eisenbahn ist aber nicht nur Voll- Zweiten Weltkrieg“ ein Panorama des Krie- pazitäten anschließend massiv. CLAUSE-
strecker militärischer Bedürfnisse. Sie ist ges ̶ exemplifiziert an der Rolle der Eisen- WITZ präsentiert auf den folgenden Seiten
auch ein Repräsentationsmittel des Staates: bahn. Chronologisch voran schreitend vom eine kleine Auswahl der faszinierenden Bil-
Hitler z.B. reist in feudalen Sonderwagen Weg in den Krieg bis zum Ende des „Dritten der aus der modernen Gesamtdarstellung
durchs Land oder empfängt hohen Besuch Reiches“ öffnet es einen umfassenden Blick „Eisenbahn im Zweiten Weltkrieg“.

Clausewitz 3/2013 45
Der Zeitzeuge

ERBEUTET: Alliierten Soldaten fällt ein


Transportzug mit deutschen Panzern
vom Typ „Tiger“ in die Hände.
Foto: U.S. National Archives

BOMBEN AUF DIE BAHN: Das völlig zerstörte und mit Kratern übersäte Gleisfeld des
GLEISTRANSPORT: Ein leicht gepanzertes Verteilerbahnhofes Friedberg (Hessen) nach einem Fliegerangriff im Dezember 1944.
Aufklärungsfahrzeug auf einem Güterwagen Der Krieg ist längst in Deutschland angekommen. Foto: U.S. National Archives
irgendwo im eroberten Osten.
Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp
DIE EISENBAHN ALS KULISSE: Reichsmarschall
Göring hält auf dem Bahnsteig Mönichkirchen (Nieder-
österreich) eine Ansprache zu Ehren Hitlers. Im Hinter-
grund der Sonderzug zu „Führers Geburtstag“.
Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp

OSTFRONT 1942: Deutsche Truppen auf ei-


nem Umgehungsgleis, das um eine beschä-
digte russische Lok angelegt ist.
Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp

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Eisenbahn im Zweiten Weltkrieg. Vom
Blitzkrieg bis zum Untergang. Mün-
chen 2013. Hardcover mit Schutzum-
ABSCHIED AM ZUG: Hitler und Mus- schlag, 159 Seiten, mit vielen
solini beim Händeschütteln auf dem Fotoraritäten aus amerikanischen
Bahnhof von Salzburg 1942 oder Archiven und bisher unveröffentlich-
1943. Foto: Sammlung Dr. Brian Rampp ten Aufnahmen.

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Schlachten der Weltgeschichte

Krimkrieg 1853-1856

Der erste „moderne“


Stellungskrieg
28. März 1854: England und Frankreich greifen militärisch in den blutigen Konflikt zwi-
schen Russland und dem Osmanischen Reich ein. Besonders um die Festung Sewastopol
entbrennt ein Stellungskrieg, wie ihn die Welt bisher nicht kannte... Von Carsten Walczok

Russland
Befehlshaber: Fürst Michael Dimitrijewitsch Gortscha-
kow (1792–1861) / Fürst Menschikow (1787–1869)
Truppenstärke: 107.000
Verluste: 73.000

48
D
icht gedrängt greifen am 5. November bei den Infanteriegewehren und beweist so- liegt aber im inneren Zerfall des Osmanischen
des Jahres 1854 rund 35.000 russische fort deren Überlegenheit über die altbewähr- Reiches, das von Spöttern gerne als der
Soldaten die schwachen britischen ten glattläufigen Vorderlader. Doch das ist „Kranke Mann am Bosporus“ bezeichnet
Stellungen vor der Stadt und Festung Sewas- nicht die einzige Besonderheit, durch die wird.
topol auf der Halbinsel Krim an. Das Ziel der sich dieser Konflikt in der Mitte des 19. Jahr- Russland hofft, bedingt durch die Schwä-
russischen Angreifer sind die Hügel am hunderts auszeichnet. Neben eisengepan- che der Türken, endlich die Kontrolle über die
nördlichen Ende der britischen Linien. Aber zerten Schiffen mit Dampfantrieb ist dies Meerenge des Bosporus zu erreichen. Das
der russische Angriff bleibt im mörderischen auch der erste Krieg, über den die Medien wiederum liegt nicht im Interesse Großbritan-
Abwehrfeuer der Verteidiger stecken. Die dank des Telegrafen direkt berichten. Sogar niens, denn London will nicht zulassen, dass
dicht gedrängten russischen Angriffskolon- Zar Nikolaus soll gesagt haben, er würde eine solche Schlüsselposition wie die Darda-
nen erleiden ungeahnte Verluste im decken- keine Spione brauchen, da er ja die „Times“ nellen unter russische Kontrolle gerät.
den Feuer der britischen Infanterie. Diese ist lesen könne.
im Gegensatz zu ihren russischen Gegnern Doch wo liegt der Anlass für diesen Kon- Der lange Weg auf die Krim
bereits mit den Gewehren mit gezogenen flikt? Russlands Eintreten für die Interessen Nach dem Abbruch der diplomatischen Be-
Läufen nach dem System Minié ausgerüstet. der orthodoxen Christen ruft den Widerstand ziehungen besetzen am 3. Juli 1853 rund
Der Krieg auf der Krim erlebt den ersten der anderen christlichen Konfessionen her- 80.000 russische Soldaten unter dem Befehl
massenhaften Einsatz dieses neuen Systems vor. Die eigentliche Ursache für den Krieg von Fürst Michail Gortschakow die Donau-

Alliierte
FRANKREICH
Befehlshaber: Armand-Jacques Achille Leroy de
Saint-Arnaud (1798-1854)/ François Canrobert
(1809–1895) /Aimable Pélissier (1794–1864)
Truppenstärke: 100.000
Verluste: 70.000
GROßBRITANNIEN
Befehlshaber: Fitzroy James Henry Somerset,
Lord Raglan (1788–1855)
Truppenstärke: 35.000
Verluste: 22.000
SARDINIEN-PIEMONT
Befehlshaber: Alfonso La Marmora
(1804–1878)
Truppenstärke: 14.000
Verluste: k. A.
OSMANISCHES REICH (TÜRKEI) MARTIALISCH: Darstellung
Befehlshaber: Omar Pascha (Michael Latas) der Belagerung von Sewas-
(1806–1871) topol von Franz A. Roubaud
Truppenstärke: 55.000 (Ausschnitt aus einem
Verluste: k. A. Panoramagemälde).
Foto: picture-alliance/Prisma Archivo

Clausewitz 3/2013 49
Schlachten der Weltgeschichte | Krimkrieg

BELAGERT: Blick auf die


Befestigungsanlagen von
Sewastopol.
Foto: picture-alliance/akg-images

HINTERGRUND Deutsche Legionäre für die Krim


Die britische Armee besteht nur aus weni- denlegionären Ersatz zu beschaffen. 9.000
gen und schlecht bezahlten Berufssoldaten, deutsche Legionäre werden in der „British-
die zudem meist in den Kolonien eingesetzt German Legion“ zusammengefasst und ab
werden. Die hohen Verluste auf der Krim Mai 1855 in die Türkei verschifft. Durch das Die Festung von Sewastopol ist von den
verlangen aber nach schnellem Ersatz. Des- baldige Kriegsende kommen die Legionäre Russen nach ihrer Übernahme der Halbin-
halb beschließt das Parlament, mit Frem- aber nicht mehr auf der Krim zum Einsatz.
sel Krim von den Türken im Jahre 1783 an-
gelegt worden. Den Namen Sewastopol ha-
fürstentümer Walachei und Moldau. Am li (in der heutigen Türkei) die ersten Chole- ben die Russen aus dem Griechischen über-
16. Oktober erklärt das Osmanische Reich rafälle auf. Um den 20. August beklagen die nommen und er bedeutet „Stadt des
Russland den Krieg und General Omar Pa- Franzosen bereits 5.000 Opfer. Ruhms“.
scha beginnt seine Operationen gegen die Damit sind alle militärischen Operatio- Zwischen 1833 und 1851 werden die Ver-
russische Armee an der Donau. Die türki- nen der Alliierten auf dem Balkan geschei- teidigungsanlagen der Hafenstadt ausge-
schen Truppen schlagen sich – nicht zuletzt tert. Obwohl es jetzt eigentlich keinen Grund baut. Insgesamt werden acht Forts, drei auf
dank der deutschen Militärberater – erheb- mehr zu weiteren militärischen Operationen der Nordseite der Bucht und fünf auf der
lich besser als in früheren Kriegen. gibt, wollen die Alliierten ihren Krieg gegen Südseite, errichtet. 1854 folgen drei weitere,
Am 30. November 1853 greift die russi- Russland fortsetzen. Während Lord insgesamt verfügt die Festung über
sche Schwarzmeerflotte den osmanischen Aberdeen auf Sympathiegewinne 571 Kanonen.
Hafen von Sinope an und schießt sämtliche bei der anti-russisch einge- Allerdings hat die zur See
Schiffe der Türken in Brand. Etwa 4.000 Sol- stellten Öffentlichkeit hofft, hin gut gesicherte Festung ih-
daten verlieren dabei ihr Leben. möchte Napoleon III. das re Achillesferse an der
Österreich hatte sich zwar für neutral er- 1814 schwer geschlagene
klärt, fordert aber am 3. Juni 1854 den Zaren Frankreich zurück zu al- AN DER SEITE FRANKREICHS
zu dessen Überraschung auf, seine Truppen ter Stärke führen. UND GROßBRITANNIENS:
aus den Donaufürstentümern abzuziehen. Ein direkter Marsch 1855 befehligte Alfonso La
Zwar bleibt Wien auch weiterhin neutral, be- vom Balkan in das Innere Marmora das piemontesi-
setzt aber die Donaufürstentümer selber. Die Russlands ist zwar unter sche Expeditionskorps im
Alliierten landen Ende Mai 1854 ihrerseits diesen Umständen kaum Krimkrieg.
eine britisch-französische Expeditionsarmee sinnvoll, aber eine be- Foto: picture-alliance/akg-images

bei Warna im heutigen Bulgarien. Kaiser Na- grenzte Militäroperation


poleon III. entsendet 30.000 Mann und 68 gegen die russische Marine- Landseite, denn diese ist na-
Geschütze und die Briten 26.000 Mann und basis Sewastopol auf der hezu ungeschützt. Seit dem
60 Geschütze auf den Balkan. Krim würde obendrein den Frühjahr 1854 wird zwar zügig
Auch als sich die Russen wieder hinter Vorteil bringen, die russische an der Fertigstellung der Verteidi-
die Donau zurückziehen, wollen die Alliier- Schwarzmeerflotte zu schwächen. Das gungswerke zur Landseite hin gear-
ten den Kampf fortsetzen. Napoleon braucht wiederum würde die britische, die französi- beitet, aber bis zum September 1854 sind
nämlich zur Untermauerung seiner Groß- sche und auch osmanische Position im Mit- noch immer drei Viertel der Verteidigungsli-
machtambitionen einen militärischen Erfolg. telmeer und im Schwarzen Meer stärken. nie offen.
Den soll stattdessen eine Expedition in die Laut dem deutschstämmigen Ingenieur
Dobruschda im August 1854 liefern, doch es Der Kampf um die Krim beginnt Eduard von Totleben, der eigens zum Fes-
kommt anders. Am 12. September 1854 erscheint die alliier- tungsbau nach Sewastopol gesandt wurde,
Im französischen Lager im bulgarischen te Flotte vor der russischen Halbinsel und erwartet der Oberkommandierende Fürst
Warna bricht im Juli die Cholera aus. Kurz landet in der Bucht von Jewpatorija nörd- Menschikow für 1854 keinen Angriff auf die
darauf treten auch bei den Briten in Gallipo- lich von Sewastopol die Truppen an. Festung mehr.

50
Cholera wütet

TRIUMPH: Gemälde zur Er-


Die Alliierten ihrerseits stehen nach dem stürmung des Forts Malakoff
Anlanden mit 61.000 Mann zum Sturm auf durch französische Truppen
Sewastopol bereit. Fürst Menschikow hat unter Patrice de Mac-Mahon
immerhin 50.000 Soldaten unter seinem Be- am 8. September 1855, von
fehl, doch davon sind 12.000 zur Sicherung Horace Vernet.
Foto: picture-alliance/akg-images
der Halbinsel Kertsch abgestellt.

Alma, Balaklawa und Inkerman


Am 20. September greifen die Alliierten
schließlich an. Die russischen Soldaten weh-
ren sich entschlossen, aber die französischen
Zuaven, nordafrikanische Söldner, dringen
auf der linken Flanke dennoch erfolgreich
vor. De Saint-Arnauds Divisionen treffen da-
gegen im Zentrum auf heftigen Widerstand.
Doch das überlegene Feuer der mit den
Minié-Gewehren ausgerüsteten Franzosen
zwingt die Russen zum Rückzug.
Auf dem linken Flügel greifen die Briten
immer wieder an und werden dennoch zu-
rückgeworfen. Erst als später französische
Truppen die Briten unterstützen, ziehen die
Russen sich geordnet zurück.

„… das ist großartig,


aber kein Krieg. Das ist
Wahnsinn.“ KARTE Belagerung von Sewastopol 1854/55

General Bosquet nach der Attacke


der leichten Brigade bei Balaklawa

Dieses erste Aufeinandertreffen moder-


ner europäischer Armeen seit dem Ende der
Kriege Napoleons kostet die Russen 6.300
Mann (Tote, Verwundete und Vermisste), die
Briten insgesamt 2.000 Soldaten und die
Franzosen 1.600 Soldaten.
Die Alliierten haben aber noch ein weite-
res schweres Opfer zu beklagen. Der Kom-
mandeur der französischen Expeditions-
truppen, De Saint-Arnaud, wird ein Opfer
der Cholera.
Darum weichen die Alliierten von dessen
Plan, unverzüglich Sewastopol anzugreifen,
ab und belagern stattdessen die Hafenstadt.

TECHNIK Das Minié-System


Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich

Anders als die Russen haben sen die Kugel ein deutlich klei-
die Briten und Franzosen ihre neres Kaliber aufweist als der
Truppen bereits mit Gewehren Laufinnendurchmesser, ist das
mit gezogenen Läufen ausgerüs- beim System Minié anders. Hier
tet. Der Hauptmann der Jäger, wird das Geschoss durch die
Claude Etienne Minié, hat 1849 Zündung der Pulverladung
ein System vorgeschlagen, das künstlich vergrößert und in die
es ermöglicht, Gewehre mit ge- Züge des Laufes getrieben. Dies
zogenem Lauf auszustatten, die gibt dem Geschoss den notwen-
aber dennoch genauso leicht zu digen Drall (Drehung), um mit er-
laden waren wie die Waffen mit heblich größerer Präzision auf
glattem Lauf. Während bei die- sein Ziel zuzustreben.

Clausewitz 3/2013 51
Schlachten der Weltgeschichte | Krimkrieg

Diese Entscheidung rettet die Stadt vor der kommt es zu keinen effektiven
raschen Erstürmung. Der spätere Komman- BERÜHMT: Porträtaufnahme von Leo feindlichen Aktivitäten. Die
deur der Garnison, General Dimitrij von der Tolstoi, der am Krimkrieg teilnimmt. Schlacht von Balaklawa en-
Osten-Sacken, schreibt später: „Hätte der Seine dort gewonnenen Ein- det, ohne dass die Russen
Feind entschlossen gehandelt, dann hätte die drücke verarbeitet der ihr Ziel erreicht haben oder
ganze Armee auf der Krim für die Verteidi- Schriftsteller wenig später die Alliierten den Abwehr-
in drei Erzählungen.
gung von Sewastopol nicht genügt ...“ erfolg nutzen können.
Foto: picture-alliance/akg-images
Briten wie Franzosen beschließen, zuerst Die Alliierten begin-
ihre Positionen zu festigen und weitere Ver- nen zu erkennen, dass sie
stärkungen aus Warna und Konstantinopel sche Versorgungshafen sich trotz ihrer Erfolge an
abzuwarten. Die Verteidiger von Sewastopol Balaklawa. Die dort einge- der Alma und bei Balakla-
nutzen diese Phase des alliierten Zögerns und setzten türkischen Soldaten wa auf eine lange Belage-
bauen unter der Führung von Admiral Korni- weichen vor der russischen rung von Sewastopol einstel-
low und Oberst Totleben hastig ihre Verteidi- Übermacht von 25.000 Solda- len müssen.
gungspositionen aus. Neben den Soldaten ten zurück. Mittlerweile erreichen zwei
und Seeleuten hilft praktisch die ganze russi- Dabei zögert General Liprandi, weitere Divisionen, aus Bessarabien
sche Bevölkerung bei diesen Arbeiten. der den Angriff führt, nachdem er die Hö- kommend, die Krim. Da Menschikow nun
hen besetzt hat, mit seinem weiteren Vor- über insgesamt 107.000 Soldaten in und um
„Angriff der leichten Brigade“ dringen auf Balaklawa. Lord Lucans schwe- Sewastopol verfügt und somit die numeri-
Den russischen 118 Geschützen stehen 53 rer Kavalleriebrigade gelingt es, die russi- sche Überzahl gegenüber den 71.000 alliier-
französische und 73 britische gegenüber. Al- sche Reiterei zu schlagen. Der anschließende ten Soldaten besitzt, entschließt er sich zum
lerdings ist die Situation auf der Seite zur See Einsatz der leichten Kavalleriebrigade von Handeln.
für die Alliierten weniger günstig. Zwar Lord Cardigan führt zu einem Desaster. Erst Die Inkerman Höhenzüge, die bis zu ei-
wird im ersten Bombardement keines ihrer zögert er, den Befehl auszuführen, da er sich ner Höhe von 130 Metern ansteigen, sind das
30 Schiffe versenkt, doch das Feuer der rus- weigert, seinen Schwager und Intimfeind östliche Ende der alliierten Belagerungslinie
sischen Geschütze hat zahlreiche Opfer un- Lord Lucan als Oberbefehlshaber der Reite- und stellen einen Schwachpunkt dar. Insge-
ter den Seeleuten gefordert – 74 darunter To- rei anzuerkennen. Er folgt ihm schließlich samt stehen hier 8.600 Mann – rund ein Drit-
te und über 400 Verwundete. Die Russen da- doch auf Druck seiner Offiziere. tel der gesamten britischen Armee.
gegen haben kaum Ausfälle zu beklagen. Es Was nun folgt, ist seitdem als der „Angriff An dieser schwachen Position der Alliier-
bleibt den Alliierten die Erkenntnis, dass sie der leichten Brigade“ in die britische Militär- ten will Fürst Menschikow den Belagerungs-
mit hölzernen Schiffen gegen moderne Ge- geschichte eingegangen. Von 658 Reitern keh- ring durchbrechen und zugleich die briti-
schütze kaum mehr bestehen können. ren nur 200 zurück. General Bosquet ruft ent- schen Streitkräfte weitgehend zertrümmern.
Am 25. Oktober 1854 versuchen die Rus- setzt aus: „Das ist großartig, aber kein Krieg. Mit einem Durchbruch auf die Sapun-Höhen
sen, ihrerseits anzugreifen. Ziel ist der briti- Das ist Wahnsinn.“ Nach dieser Attacke und die Ebene von Cherson würde sich die
militärische Lage schlagartig zu Russlands
Gunsten verändern. Für diesen Plan setzt er
„Hätte der Feind entschlossen gehandelt, dann hätte 57.000 Soldaten ein.
die ganze Armee auf der Krim für die Verteidigung General Gortschakow bindet mit 22.000
Mann die Franzosen, während die Generale
von Sewastopol nicht genügt …“ Soimonow und Paulow mit insgesamt
General Dimitrij von der Osten-Sacken nach der Schlacht an der Alma 35.000 Soldaten direkt die Inkerman-Höhen
angreifen. Am frühen Morgen des 5. Novem-

UNTER BESCHUSS: Bombardement der Festung Sewastopol durch die französische und englische Flotte 1854. Foto: picture-alliance/akg-images

52
Sewastopol fällt

HINTERGRUND Cholera – die geheimnisvolle Seuche


Die Cholera ist in Europa eine „neue“ Ursachen für diese massenhaft auftre-
Krankheit. Ihren Ursprung hat sie in der tende Krankheit sind auf unhygienische
Gangesregion in Indien. Sie erreicht Lebensumstände und ganz besonders
während der 1820er-Jahre über Zentra- auf verseuchtes Trinkwasser zurückzu-
lasien auch Europa. Zwischen 1830 führen. Die große Choleraepidemie von
und 1837 schwappt eine erste Welle London im Sommer 1854 fordert fast
über den europäischen Kontinent. Die 12.000 Opfer.

am 7. Juni von den Franzosen gestürmt wer-


den. Von August bis September wiederholen
die Alliierten immer wieder ihre Bombarde-
ments der russischen Stellungen. Die Russen
erleiden heftige Verluste, allein in den letzten
drei Tagen verlieren sie 7.500 Männer.
Am Mittag des 8. September stürmen drei
französische und zwei britische Divisionen
die Festung. Da die Gesamtsituation durch
die Eroberung des Forts Malakow kaum
noch haltbar ist, befiehlt General Gortscha-
kow die Räumung der Stadt.
MANN GEGEN MANN: In der Schlacht an der Alma am
20. September 1854 Treffen Alliierte und Russen auf der Ostsee, Kaukasus und Fernost
Krim erstmals aufeinander. Foto: picture-alliance/akg-images Neben den Kämpfen auf der Krim wird
auch an anderer Stelle gekämpft. So läuft
bereits im März 1854 ein Verband britischer
ber ersteigen Soimonows Kolonnen die west- sind kalte und hungrige Wintermonate in Schiffe unter Admiral Napier in die Ostsee,
liche Seite der Inkerman-Höhen und werden den Gräben vor oder in den Trümmern von um russische Häfen zu blockieren. Da sich
sofort von den Briten unter Feuer genommen. Sewastopol. die russische Flotte zurückhält, bleibt es bei
Dort muss Soimonow feststellen, dass Gene- Da der Beschuss der Verteidigungsanla- der Beschießung russischer Häfen und
ral Paulow, anders als befohlen, noch nicht gen im Oktober 1854 trotz der nie gekannten Werften.
zum Angriff angetreten ist. Erst gegen 08:00 Intensität kaum Wirkung gezeigt hat, müs- Im August 1854 kommt es auch zu Kämp-
Uhr beginnen seine 16.000 Mann mit dem sen die Alliierten von einem schnellen Sturm fen auf der sibirischen Halbinsel Kamtschat-
Aufstieg. Die Briten können sich dank ihrer auf Sewastopol Abstand nehmen. Als Zen- ka, hier kann sich aber die schwache russi-
überlegenen Feuerkraft gegen die russische trum des russischen Widerstandes haben sie sche Garnison erfolgreich gegen die Alliier-
Übermacht behaupten. Die mangelnde Koor- mittlerweile das Fort Malakow (auch: Mala- ten behaupten. Auch die Kämpfe im Bereich
dinierung der Angriffskolonnen und der Um- koff) ausgemacht und konzentrieren nun ihr des Kaukasus verlaufen für die Russen er-
stand, dass General Soimonow gleich zu Be- Feuer darauf. folgreich, so können sie Militäroperationen
ginn des Kampfes fällt, lässt den russischen Im Mai des Jahres 1855 werden die Bela- 1853, 1854 und 1855 siegreich abschließen.
Angriff ins Stocken geraten. Doch erst der gerer durch 14.000 italienische Soldaten des Letztlich bringt dies den Russen die Mög-
Flankenangriff der französischen Fremdenle- Königreichs Sardinien verstärkt. lichkeit, trotz der Niederlage bei Sewastopol
gionäre und der Zuaven bringt die Wende. Zwei Expeditionen der Alliierten gegen einen annehmbaren Friedensvertrag zu un-
Nach drei Stunden heftiger Kämpfe ha- Kertsch im Südosten führen zu keinen ech- terzeichnen.
ben die russischen Angreifer rund ein Drittel ten Erfolgen. General Aimable Pélissier hat Am Ende zeichnet sich der alliierte Ge-
ihrer Soldaten verloren und müssen sich zu- inzwischen Canrobert als Oberbefehlshaber samterfolg dadurch aus, dass Briten und
rückziehen. Die Verluste der Briten belaufen der Franzosen abgelöst. Was zu tun bleibt, ist Franzosen sich dank ihrer überlegenen Wirt-
sich auf etwa 2.500 Tote und Verwundete. ganz klar: Der Sturm auf die Festung und schaft und der damit verbundenen moder-
Die Franzosen haben knapp über 1.700 Män- hier auf das Zentrum, Malakow. nen Rüstung gegenüber Russland durchset-
ner verloren. Am 6. Juni 1855 starten sie ein neues Bom- zen können. In St. Petersburg muss der neue
bardement. Ziel ist die Zerstörung der drei Zar Alexander II. Russlands Rückständig-
Sturm auf Sewastopol Festungswerke im Vorfeld Malakows, die keit in diesem Punkt anerkennen. In der Fol-
Ein schwerer Sturm, der Mitte November ge führt er verschiedene Reformen, wie die
durch das schwarze Meer fegt, trifft beson- Abschaffung der Leibeigenschaft, durch.
ders die Alliierten in ihrem Feldlager. Meh- Literaturtipps
rere Schiffe gehen vor der Krim verloren Orlando Figes: Krimkrieg – Der letzte Kreuzzug, Dr. Carsten Walczok, Jg. 1962, Dienst im Bundes-
und mit ihnen auch wichtige Güter für die Berlin 2011
grenzschutz, Geschichtsstudium, Tätigkeit als Archivar.
Truppen an Land. Dort werden Zelte und
Wilhelm Treue: Die Entstehung der modernen Verschiedene Publikationen zur Technik-, Kriegs- und
Baracken vom Sturm zerstört und proviso- Flotten, Göttingen 1954 Regionalgeschichte.
rische Lazarette zerschlagen. Was folgt,

Clausewitz 3/2013 53
Das historische Dokument

MARTIALISCH: Brückenlegepan-
zer während eines Manövers des
Warschauer Paktes.

Geheimes NVA-Kartenmaterial

Streng
vertraulich
Ende der 1980er-Jahre: Das Ministerium für Nationale
Verteidigung der DDR lässt Karten von NATO-Staaten
für den „Angriffsfall“ erstellen.... Von Eberhard Kliem

O
bwohl der Bundeswehr mit Übernah- beteiligt und nur wenige ihrer Genera-
me der Befehlsgewalt über die NVA- le haben offensichtlich Kenntnis vom
Truppenteile nach 1990 nahezu 25.000 militärischen Gesamtplan des War-
militärische Dokumente zugefallen sind, schauer Paktes.
sind die originären Operationspläne der Der Einsatz der NVA ist aber – im Zu-
sowjetischen Streitkräfte und ihrer Verbün- sammenwirken mit der Polnischen
deten bis heute nicht auffindbar. Volksarmee – ohne jeden Zweifel in STRENG GEHEIM: Deckblatt der Karte mit
Aufgrund des fehlenden Zugangs zu Nord- und Mitteldeutschland vorgesehen. wichtigen Angaben zur geographischen Be-
den Archiven des ehemaligen Warschauer Hier ist ein Durchbruch in die Norddeut- schaffenheit und zur Infrastruktur der Bun-
desrepublik Deutschland.
Paktes müssen Erkenntnisse über die mili- sche Tiefebene vorgesehen, der schnell bis
tärischen Pläne des östlichen Militärbünd- zur deutschen und holländischen Nordsee-
nisses auf indirektem Weg entwickelt wer- küste vorangetragen werden soll. Begleitet territorialen Grenzen folgt, sondern im
den. Dies ist möglich, da Manöver- und werden die Angriffe durch Landungen an Norden und Westen auch Teilgebiete der
Übungsbefehle – auch von Großmanövern der Ostseeküste zwischen Lübeck und angrenzenden Staaten Dänemark und der
der verbündeten Streitkräfte – ausgewertet Flensburg. Die notwendigen Unterlagen in Benelux-Länder darstellt.
werden können. Form von Karten, Plänen, Luftaufnahmen Im Osten sind darüber hinaus Gebiete
Grundsätzlich ergibt sich aus diesen Do- werden sorgfältig und in bester General- der DDR bis zu 100 Kilometern Tiefe karto-
kumenten, dass der Warschauer Pakt wäh- stabsarbeit vorbereitet. graphiert. Dies trifft besonders auf die
rend des Kalten Krieges an eine ständige Norddeutsche Tiefebene und das Gebiet
aggressive Bedrohung durch die Streitkräf- Talsperren im Visier östlich von Kassel und Fulda zu. Das darge-
te der NATO glaubt. Sollte diese in ihren Ein eindrucksvolles Beispiel dafür stellt die stellte Territorium ist in einzelne numerier-
Augen zu groß werden oder sollte sich eine „Karte der Passierbarkeit und des Pionier- te Quadrate unterteilt, um das Auffinden
günstige politische Situation ergeben, so ausbaus 1:200.000 BRD“ dar. Das 45 x 45 cm der Detaildarstellung auf den folgenden
will man die westlichen Staaten auf ihrem große Kartenwerk ist in deutscher und rus- Seiten zu erleichtern.
eigenen Territorium überraschend angrei- sischer Sprache verfasst. Gemäß Deckblatt Die Übersichtskarte enthält laut Legen-
fen, in Kesselschlachten ihr Angriffspoten- ist für die Erarbeitung des Inhaltes des Spe- de ein nicht nur aus heutiger Sicht erschre-
tial vernichten und in schnellen Operatio- zialkartenwerkes das „Ministerium für Na- ckendes Detail: Mit blauen Dreiecken sind
nen in circa 30 bis 35 Tagen bis an die Bis- tionale Verteidigung, Chef Pionierwesen“ „Talsperren mit einem Stauvolumen von 10
Alle Fotos: Eberhard Kliem

kaya vordringen. verantwortlich. Eingestuft ist das vorlie- Millionen m3“ markiert, gefolgt von einer
Die NVA ist als Koalitionsarmee in jeder gende Dokument als „Geheime Verschluss- blauen Linie, die „Durch Flutwellen be-
Beziehung in die Streitkräfte des Warschau- sache“ GVS – Nr. A 545 060, 85. Ausferti- drohte Flussabschnitte (bei Zerstörung von
er Paktes eingegliedert. An der Entwick- gung, 188 Blatt, Ausgabe 1988. Talsperren mit einem Stauvolumen von
lung eigener operativer Pläne hinsichtlich Seite 2 des Dokumentes zeigt in einer über 10 Millionen m3)“ aufzeigt. In der
einer Kriegführung auf dem westlichen farbigen Übersicht die Bundesrepublik, Übersichtskarte sind allein für das Ruhrge-
Kriegsschauplatz ist sie folgerichtig nicht wobei die Darstellung nicht exakt deren biet 15 solcher Talsperren mit den entspre-

54
WICHTIGE ZIELE: Kartenblatt mit dem bedeutenden Marine-
stützpunkt Wilhelmshaven und den Nordseehäfen Cuxhaven und
Bremerhaven.

zwischen drei und vier Schwarz-weiß-Auf-


nahmen, die jeweils in deutscher und russi-
ÜBERSICHT: scher Sprache beschrieben und einer geo-
In nummerierte graphischen Karte des Hauptteils zugeord-
Quadrate aufgeteil-
net sind. Es handelt sich bei den meisten
te Karte der Bun-
desrepublik
Aufnahmen um Luftbilder von Objekten,
Deutschland mit die aus militärischer Sicht von Bedeutung
eingezeichneten sind – Autobahnkreuzungen, Brücken, Ei-
Talsperren. senbahnknotenpunkte, Industrieanlagen,
Häfen und Kraftwerke. Dazu kommen Auf-
chenden Überflutungsgebieten dargestellt. gen Kartenblättern, die im Maßstab nahmen, die in großem Maßstab land-
Nach der Übersichtskarte folgen sieben Sei- 1:200.000 die gesamte Bundesrepublik kar- schaftliche Gegebenheiten erkennen lassen,
ten mit der Erläuterung der Legende der tographisch erfassen. Auf der Rückseite je- die für Truppenbewegungen von Bedeu-
verwendeten farbigen Symbole – wieder in der Karte befinden sich unter den Einzel- tung sind: Flußquerungen, Waldgebiete,
Deutsch und Russisch. Insbesondere flie- überschriften Kanalgebiete etc.
ßende Gewässer werden detailliert darge- • Allgemeine Angaben
stellt hinsichtlich Breite, Tiefe, Beschaffen- • Klimatische Bedingungen Veraltetes Bildmaterial
heit des Grundes, geeigneter Stellen zum • Straßenetz Es muss jedoch erwähnt werden, dass die
Übersetzen und zum Anlanden von Trup- • Geländeeinschätzung große Mehrzahl der Bilder in einem Kar-
pen. Nahezu jede einzelne Brücke, Schleu- • Bodenbewachsung tenwerk, das den Stand des Jahres 1988 wi-
se oder Furt ist erfasst. Darüber hinaus ist • Gewässer derspiegeln soll, in Teilen mehr als veraltet
jeder Hafen kenntlich gemacht. • Angaben zu den wichtigsten Flüssen ist. So wird zum Beispiel der Hafen von
• Passierbarkeit des Geländes Bremerhaven – im Jahr 1988 bereits einer
Detaillierte Angaben • Bedingungen zum Bau von Feldbefesti- der größten Containerhäfen Europas – an
Die Beschaffenheit der Küstengebiete an gungen Hand eines Fotos erläutert, der noch die al-
Ost- und Nordsee ist hinsichtlich der Mög- • Bedingungen zur Wassergewinnung te Auswandereranlage zeigt.
lichkeit der Anlandung von Truppen von und Aufbereitung Dieses Kartenwerk und andere nach
See her beschrieben. Nahezu sämtliche weitere detailliere Angaben. Besonders die 1990 zugänglich gewordene Manöverun-
Straßen-, Eisenbahn- und sonstige Brücken- Angaben zum Straßenetz sind militärischer terlagen machen deutlich, wo das geplante
anlagen einschließlich der entsprechenden Natur. So wird angegeben, wie breit die so- Operationsgebiet der NVA lag.
Tunnelanlagen sind erfasst und werden genannten Hauptmarschstraßen sind und
hinsichtlich ihrer Abmessungen, Baumate- aus welchem Material diese gebaut sind.
rialen und Nutzung, aber auch vorbereite- Davon abhängig wird dann die Vor- Eberhard Kliem, Jg. 1941, Fregattenkapitän a.D., zu-
letzt tätig im NATO-Hauptquartier Brüssel. Anschlie-
ter Sprengmöglichkeiten und Spreng- marschmöglichkeit in Regiments- oder Ba-
ßend drei Jahre Geschäftsführer des Deutschen Mari-
schächte erläutert. Wichtige Industrie- und taillonskolonne erläutert.
nemuseums in Wilhelmshaven. Mitarbeit an verschie-
Rüstungsbetriebe sind farblich gekenn- Im letzten Teil des Kartenwerkes finden
denen Museumsprojekten; zahlreiche maritime
zeichnet. Der Hauptteil des Dokuments be- sich auf insgesamt 80 Seiten „Bildwerke Fachbeiträge.
steht aus insgesamt 68 quadratischen farbi- ausgewählter Objekte“. Jede Seite enthält

Clausewitz 3/2013 55
Militär und Technik | Marineflieger

Deutsche Marineflieger nach dem Zweiten Weltkrieg

„Fliegen, wo die

NEUES MODELL: Ab 1975 werden die


Sikorski H-34 (hinten) durch Westland
„Sea King“-Hubschrauber abgelöst.
Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte

Ende der 1950er-Jahre: Die Bundeswehr beginnt mit der Einführung von Marineflieger-
gruppen. Wenige Jahre später wird in der DDR eine erste Marinehubschrauberstaffel zur
Unterstützung der Seestreitkräfte in Dienst gestellt... Von Werner Fischbach

D
ie Anfänge der bundesdeutschen Ma- offizier 1934 zur Luftwaffe wechselte und
rineflieger reichen in das Jahr 1949 zu- während des Krieges – unterbrochen von
rück. Vier Jahre nach dem Ende des Seeaufklärereinsätzen – im Stab der See-
Zweiten Weltkriegs ruft die US-Marine das kriegsleitung tätig war.
„Naval Historical Team“ zusammen, das un-
ter die Zuständigkeit der „Naval Intelli- Anfänge der Bw-Marineflieger
gence“ fällt. Dabei geht es den Amerikanern Marineflieger sind also schon beim „Naval
in erster Linie um die Erfahrungen, die die Historical Team“ ein Thema. Wesentlich kon-
deutsche Kriegsmarine im letzten Weltkrieg kreter wird die Angelegenheit in der Him-
insbesondere in Nord- und Ostsee, sowie in meroder Denkschrift, die im Oktober 1950
Norwegen und dem Atlantik gesammelt hat. vor dem Hintergrund der konventionellen
Das Team umfasst fünf fest angestellte Überlegenheit sowjetischer Streitkräfte und
hohe Marineoffiziere und tritt unter der des am 25. Juni desselben Jahres ausgebro-
Leitung von Generaladmiral a. D. Otto chenen Koreakriegs hinter den Mauern des
Schniewind am 9. April 1949 in Bremerha- Klosters Himmerod erstellt wird. Thema ist
ven zum ersten Mal zusammen. Es gilt als der militärische Beitrag der Bundesrepublik
Keimzelle der späteren Bundesmarine. VIELSEITIG EINSETZBAR: Ein Hubschrauber an der Seite ihrer westlichen Partner, wobei
Mit von der Partie ist auch der ehemali- vom Typ Mil Mi-4 beim Bergungsdienst. auch auf die Rolle zukünftiger Marineflie-
ge Oberst i.G. Walter Gaul, der als Marine- Foto: BArch, Bild 183-C0229-0001-002, Fotograf: Karnitzki gerverbände eingegangen wird.

56
RESPEKTEINFLÖßEND:
Bewaffneter Mi-8T-Hubschrauber
beim Einsatz über der Ostsee.
Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte

Flotte fährt“
Angesichts der aus Sicht der Marine negati- sechs weiteren Soldaten eine Baracke in Die Aufgabe der Angriffs- bzw. Kampfflug-
ven Erfahrungen aus dem Zweiten Welt- Kiel-Holtenau. Im April 1957 wird die zeuge (Marinejagdbomber) liegt im Schutz
krieg werden eigene Marinefliegerkräfte als I. Marinefliegergruppe in Dienst gestellt. der Ostsee und ihrer Zugänge, um im Fall
notwendig angesehen. Die entsprechende Am 1. Januar folgt die Seenotstaffel und am eines Angriffs des Warschauer Pakts den
Empfehlung geht auf den ehemaligen 1. April 1958 die II. Marinefliegergruppe. sowjetischen Streitkräften und ihren Ver-
Oberst und späteren Kapitän zur See und Als einmaliger Vorgang in der deutschen bündeten den Zugriff auf diese Seegebiete
ersten Kommandeur der bundesdeutschen Militärgeschichte kann die Indienststel- zu verwehren und eine Landung auf bun-
Marineflieger, Walter Gaul, zurück. Vorge- lung der Mehrzweckstaffel am 19. Mai desdeutschem Territorium zu verhindern.
schlagen werden 84 Jagd-, 30 Aufklärungs- 1958 im schottischen Lossiemouth be- Die beiden dafür in Jagel bzw. ab März
sowie 30, später sogar 60 Kampf- bzw. U- zeichnet werden. Einen Tag darauf wird 1965 in Eggebek in Schleswig-Holstein be-
Jagdflugzeuge. Allerdings ist diese Forde- dort die U-Jagd-Staffel in Dienst gestellt. heimateten, zunächst als Marineflieger-
rung nicht einfach umzusetzen. Da die Ma- gruppen aufgestellten Marinefliegerge-
rine Bestandteil der Europäischen Verteidi- Luftfahrzeuge der Geschwader schwader 1 und 2 (MFG 1 und 2) werden,
gungsgemeinschaft (EVG) werden soll, „Fliegen, wo die Flotte fährt“, lautet das da die USA nicht bereit sind, moderne
leisten Frankreich und Großbritannien hefti- Motto der Marineflieger. Und das be- Kampfflugzeuge wie die Grumman F9F-8P
gen Widerstand gegen eigenständige deut- schreibt ihre Aufgabe genau. Sie sind, der „Cougar“ an Deutschland zu liefern, zu-
sche Marinefliegerverbände. direkten Kommandogewalt der Marine un- nächst mit Armstrong Whitworth „Sea-
Nur durch die Intervention der USA terstellt, ein Seekriegsmittel und dienen da- hawk“ ausgerüstet. Dabei handelt es sich
werden der bundesdeutschen Marine im zu, Seekrieg aus der Luft und eben nicht, hierbei um ein für die Royal Navy entwi-
Mai 1952 30 Hubschrauber und 24 Aufklä- Luftkrieg über der See zu führen. ckeltes und dort eingesetztes robustes
rer zugestanden.
Als der EVG-Vertrag schließlich am Wi- IN BEGLEITUNG: Nach ihrer letzten Landung wird
derstand Frankreichs scheitert, werden der die „Atlantic“ der SIGINT-Version von zwei
Marine bei den Verhandlungen über einen „Sea Lynx“ eskortiert. Foto: PIZ Marine
NATO-Beitritt der Bundesrepublik Deutsch-
land infolge einer massiven Unterstützung
durch die USA neben 58 Flugzeugen (24
Aufklärer, 24 Angriffs- und zehn U-Jagd-
flugzeuge) eine unbestimmte Anzahl von
Hubschraubern zugestanden. Dazu kommt
noch eine Reserve von 30 Prozent.
Mit dem Aufstellungsbefehl Nr. 41 vom
26. Juni 1956 bildet Kpt.z.S. Gaul das Kom-
mando der Marineflieger und bezieht mit

Clausewitz 3/2013 57
Militär und Technik | Marineflieger

BILD AUS VERGANGENEN TAGEN: „Torna- LANGE IM EINSATZ: Das MFG 5 verwendet ÜBERFLIEGER: Mit dem „Tornado“ (rechts)
dos“ der Bundesmarine auf ihrer Basis in Do 28-D2 „Skyservant“ für Verbindungs- und erhalten die Marineflieger endlich ihr
Eggebek. Foto: picture-alliance/YPS collection Transportflüge. Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte „Wunschflugzeug“. Foto: PIZ Marine

Flugzeugmuster, das – wie die späteren Obwohl es zunächst Probleme mit der Er- gehört auch der Schutz bzw. die Überwa-
Nachfolgemodelle – auch als Aufklärer ein- satzteilbeschaffung gibt – zu Beginn sind chung der Seeverbindungen zu den Aufga-
gesetzt werden kann. im Jahresdurchschnitt nur 20% der Maschi- ben der Marineflieger. Deshalb wird eine
Insgesamt werden 68 Maschinen be- nen einsatzbereit – und eine Absturzserie U-Boot-Jagdstaffel eingerichtet, die zu-
schafft, 34 Jagdbomber und 34 Aufklärer. die „fliegende Rakete“ in die sogenannte nächst mit Fairey AS4/T15 „Gannet“ aus-
Die Grundausbildung der Piloten erfolgt Starfighter-Krise führt, können die Marine- gerüstet wird. Nach der Indienststellung in
bei der U.S. Navy; die nachfolgende Mus- flieger mit der F-104 ihre Aufgabe wesent- Schottland verlegt die Staffel zum MFG 2
tereinweisung wird bei der Royal Navy lich besser erfüllen als mit der „Seahawk“. nach Jagel. Das Geschwader verlegt im
durchgeführt. Zudem kann Ende der 1970er-Jahre die April 1963 nach Nordholz und Ende dessel-
Kampfkraft mit der Einführung des Luft- ben Jahres nach Eggebek, wobei die U-
Einführung neuer Jets Schiff-Flugkörpers Kormoran I deutlich er- Jagd-Staffel in Nordholz verbleibt. Sie bil-
Die Ablösung des britischen Jets wird be- höht werden. det die Keimzelle für das 1964 aufgestellte
reits am 10. September 1963 eingeläutet, als Im Jahr 1982 erhalten die Marineflieger MFG 3 und übernimmt zum Jahreswechsel
die erste F-104G „Starfighter“ auf dem Flie- mit dem PA-200 „Tornado“ endlich ihr 1964/65 auf dem ehemaligen Luftschiffha-
gerhorst Jagel landet. Dabei wollen die Ma- Wunschflugzeug. Denn der „Tornado“ ist fen die Verantwortung vom MFG 2.
rineflieger den „Starfighter“ eigentlich gar von vorneherein als Jagdbomber konstru-
nicht haben. Sie wünschen sich die NA 39 iert. Und die Maschine ist zweisitzig und Vielseitige Aufgaben
„Bucaneer“ vom britischen Hersteller zweistrahlig. Das MFG 1 ist der erste Ver- Bundespräsident Heinrich Lübke verleiht
Hawker Siddeley. Denn dabei handelt es band der Bundeswehr, der mit dem dem Geschwader am 9. Juli 1967 den Tradi-
sich im Gegensatz zur F-104G um ein zwei- neuen Kampfflugzeug ausgerüstet tionsnamen „Graf Zeppelin“. Mit der Lan-
strahliges und zweisitziges Flugzeug. Die- wird. Beide Geschwader setzen den dung der ersten von insgesamt 20 Breguet
se Tatsache bietet für Einsätze über See „Tornado“ bis zu ihrer Außer- BR1150 „Atlantic“ am 26. Januar 1966 wird
deutliche Vorteile. Doch die Bundesmarine dienststellung ein. die Ablösung der „Gannet“ eingeläutet; das
muss, wenn auch zähneknirschend, der Be- Neben dem Schutz der westli- Flugzeugmuster wird am 30. Juni 1966 au-
schaffung des „Starfighters“ zustimmen. chen Ostsee und ihrer Zugänge ßer Dienst gestellt. Fünf „Atlantics“ erhal-

IM ANFLUG: Die Volksmarine


setzte ihre Hubschrauber
auch zum Personentransport
ein – hier zu einem Küsten-
schutzschiff.
Foto: BArch, Bild 183-H1004-0001-
035, Fotograf: Jürgen Sindermann

58
Wunschflugzeug „Tornado“

ten in den USA ab 1969 unter der Bezeich-


nung „Peace Peek“ eine Spezialausrüstung
zur elektronischen Aufklärung (SIGINT)
und leisten für die NATO damit einen
wichtigen Beitrag zur Aufklärung.
Zur U-Bootjagd werden jedoch auch
Hubschrauber eingesetzt. Diese Aufgaben
sollen zunächst von Sikorsky H-34 des
MFG 4 wahrgenommen werden, die zu-
sätzlich auch für Minensuch- und Minen-
räumaufgaben vorgesehen sind. Knappe
Haushaltsmittel und die Erkenntnis, dass
die beschränkte Reichweite der H-34 einen
effektiven U-Jagdeinsatz nicht zulässt,
zwingen zur Einstellung dieser Pläne. Heu-
te werden Hubschrauber des Typs West-
land „Sea Lynx“ zur U-Boot-Jagd verwen-
det, die dem MFG 3 angehören und als
Bordhubschrauber auf den Fregatten ein-
gesetzt werden. Seit Beginn der 1980er-Jah-
re werden die Seefernaufklärer und in ge-
ringerem Maße auch die Hubschrauber der
Marine in verschiedenen Einsätzen auch
außerhalb des NATO-Gebiets eingesetzt. So
zum Beispiel im Jugoslawienkonflikt oder AUS BESONDEREM BLICKWINKEL:
Hubschrauber vom Typ Mil Mi-8 und
am Horn von Afrika.
Mil Mi-14 der Volksmarine während
Für Transport- und Verbindungsflüge eines Manövers in den 1970er-Jahren.
sowie für Search-and-Rescue (SAR)-Aufga- Foto: ullstein bild – ddrbildarchivde/Willmann
ben wird bereits am 1. Januar 1958 in Kiel-
Holtenau die Seenotstaffel in Dienst ge-
stellt, die später zum Marinedienst- und more“. Allerdings erweist sich dieser Hub- Do 27 und Piaggio P.149D
Seenotgeschwader aufgewertet wird und schrauber aufgrund seiner geringen Reich- verwendet. Als Nachfolger für
schließlich in MFG 5 umbenannt wird. Die weite und Tragfähigkeit für SAR-Aufgaben den nicht gerade leistungsstarken „Syca-
Erstausstattung besteht aus sechs Verbin- als wenig geeignet, so dass 1959 zusätzlich more“-Hubschrauber werden ab 1963 Mo-
dungsflugzeugen vom Typ Hunting Perci- fünf Grumman HU-16D „Albatros“-Am- delle der Typen Sikorski H-34G und ab 1975
val P.66 „Pembroke“ und vier SAR-Hub- phibienflugzeuge beschafft werden. Als Westland „Sea King“ Mk.41 eingesetzt.
schraubern vom Typ Bristol B 171 „Syca- weitere Verbindungsflugzeuge werden Nach der Einrüstung mit dem britischen
„Sea Skua“-Raketensystem können die
„Sea King“ zusätzliche Aufgaben wahrneh-
VORFALL Der Flug des Hauptgefreiten Metzger men. Ab 1972 werden die Transport- und
Bis gegen 9:00 Uhr des 5. Dezember 1963 wieder sicher auf den Boden zu bringen. Das Verbindungsflugzeuge durch Do 28-D2
ist eigentlich nicht besonders viel los auf muss einigermaßen schnell gehen, denn die „Skyservant“ ersetzt, die bis 1995 betrieben
dem Marinefliegerhorst Jagel. Doch das än- Maschine hat lediglich für 45 Minuten Treib- werden.
dert sich schnell, als eine Seahawk ohne stoff in den Tanks. Drei Versuche benötigt
Flugauftrag und ohne Freigabe des Towers Metzger, um die Seahawk auf den Boden zu Marineflieger der Volksmarine
auf die Piste rollt und startet. Der erste Ver- bringen. Beim ersten Anflug ist er für eine Obwohl die Volksmarine der DDR der ers-
dacht, ein russischer Agent hätte sich des Landung viel zu schnell, der zweite endet in
ten strategischen Staffel des Warschauer
Flugzeugs bemächtigt und wolle es gen Os- einem „Touch-and-Go“ (Aufsetzen und Durch-
ten entführen, wird schnell entkräftet. Denn starten). Beim dritten Versuch gelingt ihm
Paktes angehört, scheinen ihre Wünsche
im Cockpit sitzt der Hauptgefreite Metzger, eine einigermaßen saubere Landung. nach eigenen Luftstreitkräften zunächst auf
der als Flugzeugwart im Geschwader arbei- Beim Geschwader ist man erleichtert – taube Ohren zu stoßen. Grund hierfür mö-
tet. In seiner Freizeit ist er als Segelflieger die Maschine hat noch Sprit für fünf Minu- gen unzureichende finanzielle Mittel, die
tätig, befindet sich in der Ausbildung zum ten an Bord. Die ersten, die Metzger zu sei- personelle Begrenzung zugunsten des Hee-
Privatpiloten und will sich nun wohl den lang nem ersten Flug mit einem Marinejagdbom- res und der Luftwaffe sowie die Tatsache,
ersehnten Wunsch erfüllen, endlich ein „rich- ber gratulieren, sind die Piloten der verfol- dass die Volksmarine von der Sowjetunion
tiges“ Flugzeug zu fliegen. Am Vortag hat er genden Rotte. lediglich als Hilfsverband der Baltischen
sich das Flughandbuch einer Seahawk aus- Die Maschine dient danach für viele Jah- Flotte angesehen wird, sein.
geliehen und für sein Vorhaben in der Nacht re als „Gate Guard“ an der Hauptwache des
Dabei hat die Führung der Seestreitkräf-
ordentlich gebüffelt. Fliegerhorstes und wird erst nach der Außer-
Schnell wird eine Rotte startklar ge- dienststellung des MFG 1 entfernt. Über das
te (SSK) zunächst lediglich Hubschrauber
macht, die den Ausreißer bald einholt. Das weitere Schicksal des Hauptgefreiten Metz- für die U-Boot-Abwehr vorgesehen. Für
Problem ist jedoch, den Hauptgefreiten mit ger, der disziplinarisch bestraft und aus der den Zeitraum von 1956 bis 1960 sollen zwei
seinem „geliehenen“ Marinejagdbomber Marine entlassen wird, ist nichts bekannt. Regimenter der Jagdluftwaffe und ein Regi-
ment von Aufklärungsflugzeugen bei der

Clausewitz 3/2013 59
Militär und Technik | Marineflieger

Luftwaffe geschaffen werden, die jedoch


den Seestreitkräften operationell unterstellt
werden sollen.
Für die Zeit nach 1960 werden eigene
Seeluftstreitkräfte gefordert, die eine Staffel
düsengetriebene Aufklärungsflugzeuge, ei-
ne Staffel propellergetriebene Aufklärungs-
flugzeuge und eine Hubschrauberstaffel
zur U-Boot-Jagd sowie für den Seenotret-
tungsdienst umfassen sollen. Doch es dau-
ert bis zum Dezember 1962 bis eine Hub-
schrauberkette mit einer Personalstärke
von 123 Mann genehmigt wird.

Marinehubschraubergeschwader
Bereits drei Jahre zuvor, im Juli 1959, nah-
men Hubschrauber des Hubschrauberge-
schwaders 34 an einer Marineübung teil.
Sie werden dabei zum Kommando der See-
streitkräfte nach Rostock-Gehlsdorf verlegt.
Allerdings vergeht danach noch viel Zeit
ehe am 1. Mai 1963 eine mit vier Mi-4-Hub-
schraubern ausgerüstete Staffel in Dienst
gestellt wird. Dies wird als offizieller Grün-
dungstag der Marineflieger der DDR an-
gesehen. Wichtigste Aufgabe dieser als
18. Hubschrauberstaffel bezeichneten Ein-
heit ist die U-Bootjagd und der Lufttrans-
port. Nach dem Vorschlag des Chefs der
Seestreitkräfte, die Staffel mit neuen W-14
(Mil Mi-14)-Hubschraubern zu verstärken,
beginnt ab August 1974 die Ablösung der
Mi-4-Hubschrauber durch Transporthub-
schrauber vom Typ Mi-8T.
Dagegen verzögert sich die Beschaffung
von moderneren U-Jagd-Hubschraubern,
was vom sowjetischen Marschall Kulikow
kritisiert wird. Daraufhin erklärt sich die

VORFÜHRUNG: Hubschrauber Mil Mi-14 des


INFO Technische Daten Marinehubschraubergeschwaders 18 beim
Absetzen von Kampfschwimmern im Rahmen
Typ Mil Mi-14 Westland Sea King Mk41
einer Flottenparade im Jahr 1979 anlässlich
Besatzung 2 Piloten, 2 Piloten, 1 Operationsoffizier,
Operator, Mechaniker 1 Mechaniker des 30. Jahrestages der Gründung der DDR.
+ 19 Passagiere Foto: BArch, Bild 183-U1007-050, Fotograf: Jürgen Sindermann
Triebwerk 2 x Klimov TW3-117MT 2 x Rolls-Royce
bzw. TV3-117MT Gnome H 1400-1 Sowjetunion bereit, der Nationalen Volksar-
Startleistung je Triebwerk 1.435 kW/1.924 PS 1.238 kW/1.660 PS mee im Zeitraum von 1981 bis 1985 mo-
Maximale Geschwindigkeit 124 kn/230 km/h 113 kn/209 km/h dernstes Kriegsgerät in erheblichem Um-
Marschgeschwindigkeit 89 – 113 kt/165 – 210 km/h k.A. fang zu übergeben. Als Folge davon landen
Dienstgipfelhöhe 13.123 ft/4.000 m 10.000 ft/3.048 m bereits im Oktober 1979 die ersten drei U-
Reichweite 432 NM/800 km 664 NM/1.230 km Jagd-Hubschrauber vom Typ Mi-14PL auf
Leergewicht 8.900 kg 6.207 kg dem Fliegerhorst von Parow bei Stralsund;
Max. Startmasse 14.000 kg 9.525 kg sechs weitere folgen in den nächsten Jahren.
Rotorblätter (Haupt/Heck) 5/3 5/5 Obwohl von der Volksmarine mit Skepsis
Rotordurchmesser (Haupt/Heck) 21,29 m/3,91 m 18,90 m/3,23 m betrachtet, werden auch Minenabwehrhub-
Rotorkreisfläche 356,0 m2 280,6 m2 schrauber vom Typ Mi-14BT geliefert, so
Länge 25,32 m 22,15 m dass die Einheit, die seit dem Dezember 1981
Höhe 6,93 m 4,72 m als Hubschraubergeschwader 18 bezeichnet
Bewaffnung Wasserbomben, Torpedos, Sea Skua, Flare-Anlage M-130: wird, 1985 aus zwölf Kampf-, neun U-Jagd-
Sonarbojen Keine Bewaffnung bei
SAR-Einsatz und sechs Minenräumhubschraubern be-
steht. Ende 1990 verfügt das Geschwader

60
Schmerzhafte Auflösungen

AUSGEDIENT: Ein Teil der Volksmarine-Hub-


schrauber wird noch bis 1994 bei der Hub-
VERPFLICHTUNG: Seit Juli 1967 trägt schraubergruppe Parow eingesetzt.
das MFG 3 den Traditionsnamen „Graf Foto: Bibliothek für Zeitgeschichte
Zeppelin“, was diese Maschine auf dem
Seitenleitwerk zeigt. Foto: PIZ Marine

über eine Staffel von zwölf Mi-8TB/T, eine stellt wird, liegt wohl an den KSZE-Ver-
U-Jagdstaffel mit acht Mi-14PL und eine Mi- handlungen. Dort werden die Waffensyste-
nenräumstaffel mit sechs Mi-14BT. Zusätz- me der Luftwaffe separat von jenen der Ma-
lich wird noch im März 1990 eine SAR-Staf- rine gezählt; mit der Unterstellung des
fel mit sechs Hubschraubern vom Typ MFG 28 an die Marine kann die NVA die
Mi-14BT und zwei Mi-8BT gebildet. beiden Staffeln mit insgesamt 24 Su-22 auf
elegante Weise aus den Beständen ihrer
Geplante Erweiterung Luftstreitkräfte „verschwinden“ lassen.
Neben den Hubschraubern stehen auch Weitere Planungen der DDR-Marineflie-
Marinejagdbomber und die Einrichtung ei- ger (Bildung einer Su-22 -Aufklärungsstaffel MIT BREMSFALLSCHIRM: Eine Rotte von
nes entsprechenden Geschwaders auf der sowie einer Transporthubschrauberstaffel) Suchoi Su-22 bei der Landung auf dem Mili-
Wunschliste der Führung der Volksmarine. können nach der Wiedervereinigung der tärstützpunkt in Rostock-Laage im Jahr
Dies wird von der Sowjetunion unterstützt, beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1981. Foto: ullstein bild – EUROLUFTBILD.DE
wobei führende Militärs die Beschaffung 1990 nicht mehr realisiert werden. Ein Teil
von Su-7B-Jagdbombern empfehlen. der Hubschrauber wird von der Bundesma- zember 1993 aufgelöst wird. Zehn Tornado-
Allerdings wird dieses Luftfahrzeugmus- rine bis September 1994 bei der Marine- flugzeuge gehen an das MFG 2. Im Januar
ter abgelehnt, da die NVA einheitliche Jagd- Hubschraubergruppe Parow eingesetzt. 2005 wird auch dieses Geschwader aufge-
bombertypen sowohl für Luftwaffe (LSK/ löst. Ein schmerzhafter Einschnitt, denn da-
LV) als auch für die Marine beschaffen Nach der Wiedervereinigung mit verliert die Marine zumindest teilweise
möchte. Die Flugzeuge sollen im in Rostock- Nach dem Zusammenbruch der Sowjetuni- die Fähigkeit, „Seekrieg aus der Luft“ in ei-
Laage stationierten Marinefliegergeschwa- on entfällt die Bedrohung durch die Balti- gener Regie durchzuführen und muss sie
der 28 zusammengefasst und mit Jagdbom- sche Flotte, so dass die wichtigste Aufgabe diese an die Luftwaffe abgeben. Und dies
bern vom Typ MiG-23BN und Aufklärern der beiden Jagdbombergeschwader gewis- sollte eigentlich durch die Schaffung eigener
vom Typ Su-22M ausgerüstet werden. sermaßen über Nacht entfallen ist. Die Zahl Seefliegerverbände vermieden werden.
Die Führung der NVA entscheidet sich der Jagdbomber muss reduziert werden, so 1995 stellt das MFG 5 die mit Do-28D
jedoch, der Marine lediglich die Su-22 zu- dass das MFG 1 mit seinen Flugzeugen und ausgerüstete Staffel 1994 außer Dienst, wo-
zuteilen. Allerdings soll das Marineflieger- Liegenschaften sukzessive an die Luftwaffe durch die Marine ihre Lufttransportkapazi-
geschwader 28 zunächst bei den Luftstreit- übergeben und das Geschwader am 31. De- tät einbüßt. Die Hubschraubergruppe in
kräften verbleiben. Dass das Geschwader Parow wird im selben Jahr aufgelöst. Die
am 1. März 1988 dennoch der Marine unter- verbliebenen 21 „Sea King“-Hubschrauber
werden 2012 im Rahmen der Strukturrefor-
men von ihrem Standort Kiel-Holtenau
nach Nordholz verlegt. Damit wird der
ehemalige Luftschiffhafen bei Cuxhaven
nicht nur Heimat für die beiden verbleiben-
den Marinefliegergeschwader 3 und 5, son-
dern ist fortan der einzige Standort der Ma-
rineflieger und gleichzeitig der größte Flie-
gerhorst der Bundeswehr insgesamt.

Werner Fischbach, Jg. 1945, acht Jahre Dienst in der


Bundesmarine; danach Ausbildung und Einsatz als zi-
viler Fluglotse, seit den 1980er-Jahren freier Luftfahrt-
PRAKTISCH: Für den Einsatz auf Flugzeugträgern können die Tragflächen der „Seahawk“
journalist.
geklappt werden – Startvorbereitungen auf dem Fliegerhorst in Jagel. Foto: PIZ Marine

Clausewitz 3/2013 61
Militär und Technik | FlaK 8,8 cm

Gefürchtete Allzweckwaffe

Die „Acht-Acht“
1941–1943: „Anti-Aircraft, Anti-Tank and Anti-Social!“ Mit grimmiger
Anerkennung zollen die Engländer in Nordafrika ihrem vielleicht
gefährlichsten Gegner Respekt. Was hat es mit der erfolgreichen
deutschen 8,8 cm FlaK auf sich? Von Thomas Anderson

D
er Erste Weltkrieg stellt eine Zäsur in beschreibt die Kaliberlänge des Geschützes Vertragswerkes werden von deutscher Sei-
der Weltgeschichte dar. Was bereits und umfasst sowohl die 8,8 cm FlaK 18, 36 te jedoch unterlaufen, die Entwicklung mo-
während des US-Bürgerkrieges und und 37). derner Waffen läuft im Geheimen weiter.
im Krieg von 1870/71 im Ansatz erkennbar Zum Ende der 1920er-Jahre ergibt sich in
war, beeinflusst den neuen Konflikt gewal- Verborgene Entwicklung Deutschland wieder die Notwendigkeit ei-
tig: Die industrielle Leistungsfähigkeit der Nach dem Ersten Weltkrieg ergeben sich ner Fliegerabwehrwaffe, um der steigen-
Kriegsteilnehmer bestimmt Art, Dauer und aus dem Versailler Vertrag für das deutsche den Gefährdung aus der Luft Rechnung zu
Ausgang dieses Konfliktes. Heer starke Einschränkungen bezüglich tragen. Die Hauptforderung an das zu ent-
Die rasante Entwicklung der Rüstungs- der Entwicklung und Einführung moder- wickelnde Geschütz ist die Bekämpfung
technik im Ersten Weltkrieg bringt viele ner Waffen. Die harten Bedingungen dieses feindlicher Aufklärungs- und Bomberflug-
technische Neuerungen auf das Schlacht- zeuge auf mittleren und großen Flughöhen
feld, darunter moderne Entwicklungen wie (500 bis 6.000 m).
gepanzerte Kampffahrzeuge und Flugzeu- Die Entscheidung für das Kaliber 8,8 cm
ge. Luftgestützte Angriffe werden früh als der Flak ist praktischen Gesichtspunkten
potentielle Bedrohung angesehen. Schon 40 geschuldet. Firmen wie Krupp haben da-
Jahre vor dem Weltkrieg werden erste Ge-
schütze zur Abwehr französischer Bal- ERFOLGREICHE KOMBINATION:
Eine 8,8 cm FlaK L/56 auf ei-
lons entwickelt. Daraus entstehen
nem gepanzerten s ZgKw 12 t
noch vor 1910 brauchbare Fliegerab- (SdKfz. 8). Schnell und auch
wehrgeschütze vom Kaliber 7,5 cm. im Gelände beweglich, kön-
1916 entwickelt Krupp ein Flugab- nen die wertvollen Waf-
wehrgeschütz vom Kaliber 8,8 cm, fen an Brennpunkten
welches als Urahn der späteren 8,8 cm eingesetzt werden.
Flak L/56 gelten darf (Das Kürzel L/56 Foto: Sammlung Anderson

62
EINDRUCKSVOLLES SCHAUSPIEL:
Eine 8,8 cm FlaK L/56 auf einem
der riesigen Faun-Lastwagen beim
Feuern in der Nacht. Die Feuerlei-
tung obliegt einem Kommando-
gerät (ebenfalls auf Lkw verlastet).
Foto: Sammlung Anderson

INFO Vergleich schwerer Flakgeschütze


Waffe 8,8 cm 8,8 cm 10,5 cm 88 mm FlaK QF 3,7 inch 90 mm Gun
FlaK 18 FlaK 41 FlaK 38 M 1939 AA gun M1A1
Herkunft Deutsches Reich Deutsches Reich Deutsches Reich Russland England USA
Kaliber 8,8 cm 8,8 cm 10,5 cm 8,5 cm 9,4 cm 9 cm
Kaliberlänge L/56 L/74 L/63 L/55 -- --
Gewicht 7,2 t 11,2 t 14 t 4,2 t 9,3 t 8,6 t
Anfangs- 850 m/s 1.000 m/s 900 m/s 792 m/s 722 bis 1.044 823 m/s
geschwindigkeit (Vo) m/s
Max. Schussweite 16.300 m 19.800 m 17.700 m 15.000 m 18.800 m 17.800 m
Effektive Reichwei- 11.300 m 14.700 m 12.800 m 10.500 m 12.000 m 10.300 m
te/max. Schusshöhe

mit entsprechende Erfahrungen, sowohl te für eine Flugbahn von 8.000 m und einer auf einer Sockellafette montiert sein, die
Rasanz als auch Waffenwirkung im Ziel er- Flughöhe von 6.000 m nicht länger als 25 seitlich im 360° Vollkreis geschwenkt und
füllen die gesetzten Parameter. Sekunden dauern. Das Geschütz muss im in der Höhe von minus 3 bis plus 85° ge-
Am 13. Dezember 1930 verzeichnet die Einsatzgebiet der Artillerie auf dem Ge- richtet werden kann. Für den Einsatz als
Kommission für das streng geheime Ent- fechtsfeld einsetzbar sein. Die 8,8 cm FlaK Flugabwehrgeschütz ist eine Richtge-
wicklungsprogramm unter anderem: ist das kleinste Kaliber mit ausreichender schwindigkeit von 6° pro Sekunde in der
„Es wird eine Flugabwehrkanone mit Wirkung, das für den Einsatz mit unseren Höhe und 16° pro Sekunde nach der Seite
größtmöglicher Geschosswirkung benötigt. Kommandogeräten geeignet ist.“ gefordert.
Die Reichweite muss zwischen 2.500 bis Die Firma Krupp hat bereits 1928 begon- Eine höchstmögliche Anfangsgeschwin-
8.000 m bis zu einer Flughöhe von 6.000 be- nen, eine 8,8 cm FlaK auf Kraftzug-Anhän- digkeit (Vo) ist entscheidend, um die Waf-
tragen. Die Flugdauer des Geschosses soll- ger zu entwickeln. Das Geschütz selbst soll fenwirkung schnell in das Zielgebiet zu

Clausewitz 3/2013 63
Militär und Technik | Flak 8,8 cm

Bedienungs- und Feuerleitgerät der 8,8 cm FlaK L/56 Empfangsgerät für Höhe, hier
Lampenempfänger der Flak 18
FERNGESTEUERT: Bei der Bekämpfung hochfliegender Bomberverbän-
de übernimmt das Kommandogerät die Steuerung der Fla-Geschütze. Flak-Ziel-
fernrohr 20
Aufsatz für Rundblickfernrohr
für artilleristischen Einsatz

Gestänge zum
Höhengradbogen
Federaus-
gleicher
Flansch für Fla-
Zielfernrohr 20

Fotos: Sammlung Anderson


Höhenricht- Seitenricht- Kreuzlafette der
maschine maschine 8,8 cm Flak 18
Empfangsgerät für Empfangsgerät für Höhengradbogen K2 auf dem Sitz der
Höhenrichtung Seitenrichtung Seitenrichtmaschine

bringen. Die Sprenggranate erreicht 850 360°. Zur Verlegung kann die Kreuzlafette die Höhenrichtung (K1) und Seitenrich-
m/s, die Panzergranate 810 m/s. auf einem zweiachsigen Sonderanhänger tung (K2), die sie mit ihren Richtmaschinen
Das ursprünglich geforderte Gewicht in verladen werden. einstellen. Gleichzeitig stellt der K6 (an der
Fahrstellung von 7 t wird nur um 200 kg Als Zugmittel dienen anfangs Lkw, die linken Seite) die Werte seines Empfängers
überstiegen und somit erfüllt die 8,8 cm im Gelände völlig überfordert sind. Nach an der Zünderstellmaschine ein, die die
FlaK 18 auch eine weitere Forderung der Anlauf der Produktion der Halbkettenzug- Zeitzünder von jeweils zwei Sprenggrana-
Kommission: die nach höchstmöglicher Be- maschinen ist der m ZgKw 8 t verfügbar. ten dann automatisch justiert.
weglichkeit. Bei Ausfall der Befehlsstelle I tritt das
Ab 1933 wird das Geschütz, nun 8,8 cm Bekämpfung von Luftzielen Kommandohilfsgerät in der Befehlsstelle II
FlaK 18 genannt, in die Bestände der Die 8,8 cm Flak L/56 wird in Batterien zu (in der direkten Nähe der Feuerstellungen)
Reichswehr übernommen. Zweck der Waf- vier Geschützen eingesetzt. in Aktion.
fe ist zunächst lediglich die Bekämpfung Im indirekten Richten wird die Batterie Im direkten Richten nimmt der K2 das
von Flugzeugen. Das Geschütz besteht aus durch ein Kommandogerät in der Befehls- Ziel mithilfe des Flakzielfernrohrs 20, das
dem Rohr mit Verschluss, der Oberlafette stelle I geleitet. Dieses errechnet Schuss- vor dem Empfangsgerät für die Seitenrich-
und dem Lafettenkreuz. Die Oberlafette werte (Entfernungen, Beobachtungswin- tung montiert wird, ins Visier. Der K2 stellt
trägt das Rohr in der Wiege, sowie Rohr- kel) für die anfliegenden Flugzeuge. Die die seitliche Richtung selbst ein, die Höhen-
bremse, Ausgleicher und Luftvorholer. Ge- Werte werden per Kabel an die mehrere 100 richtung wird durch ein Gestänge zum Hö-
schütz und Oberlafette sind auf einem So- Meter entfernten Geschütze in den Feuer- hengradbogen übertragen. Hier richtet der
ckel auf der Kreuzlafette montiert. Die stellungen geleitet. Hier bekommen die K1 das Geschütz nach diesen Angaben. Die
Kreuzlafette dient dem festen Stand des Ge- Richtkanoniere (an der rechten Seite des Zünderstellmaschine wird nach einer
schützes, sie erlaubt ein Seitenrichtfeld von Geschützes) über ihre Empfänger Daten für Schusstafel justiert.
Nach Eröffnen des Feuers detonieren die
Granaten im Idealfall im Bomberpulk nahe
einzelner Flugzeuge. Volltreffer sind die
Ausnahme und auch nicht angestrebt. Viel-
mehr sollen die Geschosse aufgrund ihrer
Menge und der Splitterwirkung die Ma-
schinen beschädigen und zum Absturz
bringen.

Bekämpfung von Erdzielen


Das direkte Richten gegen Erdziele erfolgt
ebenfalls über das Fla-Zielfernrohr 20.
Nachdem der Geschützführer das Ziel zu-
EINSATZ ZU WASSER: Siebelfähren wurden ebenfalls mit 8,8 cm FlaK L/56 ausgestattet. gewiesen hat, richtet der K2 das Geschütz
Diese Flakfähre ist mit einer 8,8 cm FlaK, einem 2-cm-FlaK-Vierling und zwei 3,7 cm FlaK 36 mithilfe seines Zielfernrohrs nach Seite und
ausgerüstet. Viele dieser Fähren leisten ihren Dienst im Schwarzen Meer. Foto: Sammlung Anderson Höhe ein. Der K1 bringt sodann Erhö-

64
Steigerung der Leistung

hungs- und Rohrzeiger zur Deckung. Nach Bedienungs- und Feuerleitgerät der 8,8 cm FlaK L/56
Einstellung des Seitenvorhaltes kann gefeu-
ert werden. OPTISCHES HILFSMITTEL: Mit dem Luftvorholer
Für das indirekte Richten gegen Erdzie- Fla-Zielfernrohr 20 können Ziele direkt
le steht ein Rundblickfernrohr zur Verfü- anvisiert werden.
gung, das auf dem Luftvorholer montiert
werden kann.
Empfangsgerät
für Zünderstel-
Weiterentwicklung Flansch für lung, hier Fol-
Gegen 1939 wird die 8,8 cm FlaK 36 einge- Fla-Zielfern- gezeiger einer
führt. Es werden folgende Änderungen rohr 20 FlaK 37
vorgenommen:
• Das einteilige Seelenrohr der 8,8 cm FlaK
18 wird durch ein vereinfachtes mehrtei-
liges ersetzt. Man verspricht sich dadurch
Einsparungen, da der größte Verschleiß
im unteren Teil des Rohres auftritt. So
können die verbrauchten Teile separat
ausgetauscht werden. Auch fertigungs-
technisch ergeben sich Vorteile.
• Der augenfälligste Unterschied besteht in

Fotos: Sammlung Anderson


der Einführung einer Kreuzlafette mit
größerer seitlicher Ausladung. Diese La-
fette bedingt die Entwicklung eines neu-
en Sonderanhängers (des SdAnh 202). Feuerglocke zur
Zünderstellmaschine mit
• Die Rohre der verschiedenen Geschütze Sitz des K2 Sitz des K6 zwei Sprenggranaten Alarmierung
sind austauschbar, es kann vorkommen,
dass FlaK 36 aus Lagerbeständen mit ein-
teiligen Rohren versehen werden. Vor Beginn des Zweiten Weltkrieges begin- nischen Nationalisten in den Spanischen
• Die Modellbezeichnung ist nur durch den nen Bestrebungen, die Leistungen der 8,8 Bürgerkrieg.
Typ des Lafettenkreuzes bestimmt. Un- cm FlaK L/56 den aktuellen technischen
abhängig von der Art des Geschützrohres Herausforderungen anzupassen. Durch ei- Der erste scharfe Einsatz!
ist eine 8,8 cm FlaK L/56 mit SdAnh 202 ne Verlängerung des Rohres auf eine Kali- Das Oberkommando der Wehrmacht wird
immer eine Flak 36. berlänge von L/74 können alle ballistischen durch Hitler angewiesen, diese „Gelegen-
• Sowohl 8,8 cm FlaK 18 als auch 36 haben Daten deutlich verbessert werden (siehe Ta- heit“ zur kriegsmäßigen Erprobung neuer
Lampenempfänger für die Übermittlung belle 1). Feuerhöhe und Gesamtaufzug Waffen und Taktiken zu nutzen. Unter an-
der Schusswerte vom Kommandogerät, werden drastisch verringert, damit ist das derem werden auch vier 8,8 cm Flak-Batte-
deren Bedienung recht umständlich ist. Geschütz weniger auffällig und leichter zu rien nach Spanien verlegt.
Aus diesem Grund werden beim Nach- tarnen. Das Gesamtgewicht in Fahrstellung Hier sollen die Fliegerabwehrkanonen
folgemodell FlaK 37 Folgezeigerempfän- steigt auf 11,2 t. erstmals offensiv im Erdeinsatz eingesetzt
ger eingeführt. Die Produktion der 8,8 cm FlaK 41 läuft ab werden. Die Geschütze unterstützen die
Aufgrund der guten ballistischen Leis- August 1942 langsam an. Im Januar 1943 spanischen Truppen wirkungsvoll mit indi-
tungen werden Geschütze vom Kaliber 8,8 meldet die Luftwaffe einen Bestand von ge- rektem Feuer. Erkannte Punktziele wie
cm auch von der Marine genutzt, sowohl rade einmal 26 FlaK 41 gegenüber 6.607 Feldstellungen, Bunker und möglicherwei-
auf U-Booten als auch auf anderen Schiffen. Flak L/56. Das Verhältnis dieser Zahlen se auch Feindpanzer werden im direkten
Die 8,8 cm FlaK 18 steht den gesamten wird sich nicht wesentlich verschieben. Beschuss bekämpft.
Krieg über im Einsatz. Insgesamt werden 1936 ziehen deutsche Freiwillige mit der Die Auswertung dieser Erfahrungen
mehr als 15.000 8,8 cm FlaK L/56 gebaut. Legion Condor zur Unterstützung der spa- macht den Verantwortlichen die tatsächli-
SAUBERES GESPANN: Ein ZgKw 8 t (SdKfz 7, frü-
hes Baulos) vor einer 8,8 cm FlaK 18. Die Fahrzeu-
ge tragen den Reichswehr-Buntfarben-Tarnanstrich,
haben aber schon eine Luftwaffenkennung.
Foto: Sammlung Anderson

Clausewitz 3/2013 65
Militär und Technik | Flak 8,8 cm

INFO Durchschlagsdaten der 8,8 cm FlaK


Geschütz auf 100 m auf 500 m auf 1.000 m auf 1.500 m Munbestand
zum 1.12.42
8,8 cm FlaK 128 mm 118 mm 106 mm 98 mm 619.200
18/36/37 Schuss
8,8 cm FlaK 202 mm 185 mm 165 mm 147 mm 7.800
41 Schuss

mutlich darin, dass die Auslandsaufklä- ren Leistungen (siehe Tabelle 1). Als Bei-
rung ernsthafte Hinweise auf die Einsatz- spiel mag die russische 85 mm M 1939 gel-
bereitschaft schwerer französische Panzer ten, deren ballistische Daten kaum schlech-
bekommen hat. ter sind. Die Qualität der deutschen Muni-
In Nordafrika sind die Flakbatterien ein tion ist gewiss wesentlich besser, das gilt
wichtiger Teil von Rommels Kriegführung. für alle deutschen Geschütze. Dafür wiegt
Das Afrikakorps ist immer unterversorgt, die M 39 in Fahrstellung nur 4,2 t gegen-
Nachschub kommt nur sporadisch. Daher über 7,2 t – im beweglichen Einsatz ein
werden alle verfügbaren Waffen auch of- überzeugendes Argument. Mehr als 7.000
fensiv eingesetzt. Viele zeitgenössische Fo- Batterien der FlaK-Artillerie werden im
tos zeigen den gemeinsamen Vormarsch Reichsgebiet stationiert. Die weitaus meis-
von Panzer und 8,8 cm FlaK. Letztere sind ten Geschütze sind aus Materialmangel
TREFFER: Diese 8,8 cm FlaK 36 in Afrika das einzige Mittel im Kampf gegen den bri- nicht mehr mobil (wie anfangs gefordert),
feuert vom Sonderanhänger, was eigentlich tischen Infantry Tank Mk. 2 Mathilda. sondern fest versockelt. Stellungswechsel
verboten ist. Die leere Hülse springt heraus, ist nur unter großem Aufwand möglich.
das nächste Ziel kann aufgenommen wer- Verheizt in Russland Die Fliegerabwehr holt zwar eine große
den. Foto: Kadari Im Osten müssen die Flakbatterien bereits Zahl von Flugzeugen vom Himmel, doch
früh in den Bodenkampf eingreifen. Das die Alliierten gleichen diese Verluste
chen Möglichkeiten des Fliegerabwehr-Ge- Auftreten der modernen russischen Panzer schnell aus. Auch steigt die Einsatzhöhe der
schützes bewusst. KW-1 und 2 sowie T 34 stellt die eigenen feindlichen Bomber deutlich, was die Be-
Kurz vor Ausbruch des Krieges verfügt Panzer und Panzerabwehrkanonen des kämpfung erschwert. Im Einsatz gegen die
das Heereswaffenamt die Verwendung der Jahres 1941 vor kaum lösbare Aufgaben. Tag und Nacht angreifenden Bomberpulks
8,8 cm Flak 18 auch für den Einsatz gegen Die angreifenden deutschen Truppen sind zeigen sich die FlaK-Batterien (8,8 cm, 10,5
Bodenziele. Die militärischen Planer ver- gezwungen, leichte und mittlere Artillerie cm und 12,8 cm FlaK) bald als hoffnungslos
langen die sichere Bekämpfung befestigter oder eben 8,8 cm FlaK nach vorne zu zie- überfordert. Hatte man vor dem Kriege
Feindstellungen und Bunker. Die verfügba- hen. Gerade die FlaK mit ihrer hohen Ra- noch naive Vorstellungen bezüglich der
ren Panzer sind zur Bekämpfung dieser sanz und Feuergeschwindigkeit erweist Wirksamkeit der FlaK (man ging von einem
Ziele nur bedingt geeignet. Die Wirkung sich als sehr erfolgreich gegen Panzer (Pan- Abschuss je 47 Schuss aus), so muss man
der 7,5 cm Sprenggeschosse des PzKpfw IV zergranaten) sowie halbharte und weiche sich im Krieg der Realität stellen. Tatsäch-
wird als zu schwach erachtet. Ziele (Sprenggranaten). Der Erfolg der Fla- lich sind 4.000 Schuss nötig (Stand 1943),
Geschütze ermöglicht so auch in kritischen um einen vernichtenden Treffer zu landen.
Kampf gegen Panzer Situationen eine Fortsetzung des Vormar-
Es soll nun eine Waffe geschaffen werden, sches. Die euphorischen Meldungen der Erfolgsrezept: Flexibilität
die Panzer- und Infanterieeinheiten im An- Propaganda verstellen jedoch den Blick auf Woher nun rührt die außergewöhnliche Re-
griff schwere Feuerunterstützung geben die Realitäten. Der Einsatz der ungepanzer- putation, die die 8,8 cm FlaK immer noch
kann. Die Waffenwirkung der 8,8 cm FlaK ten Geschütze ist riskant. Die Fla-Artillerie hat? Die zahlreichen Erfahrungsberichte
L/56 ist derart überzeugend, dass diese zahlt für diesen konsequenten Einsatz ei- belegen, dass es oft der unkonventionelle
Waffe hinzugezogen wird. 1938 beginnt die nen hohen Preis. Einsatz des Fliegerabwehrgeschützes ist,
Entwicklung einer Selbstfahrlafette auf Ba- Eine Akte des Heereswaffenamtes liefert der deutschen Spitzeneinheiten auch in
sis des s ZgKw 12 t (SdKfz 8). Die schwere eine Reihe aufschlussreicher Fakten. Die ausweglosen Situationen Erfolg bringt.
Zugmaschine wird mit einer umgebauten Durchschlagsdaten zeigen, wie leistungsfä- Also doch eine Ehrenrettung für das
8,8 cm Flak 18 versehen, Motor und Fahrer- hig die 8,8 cm Fla-Geschütze sind (siehe Ta- breite Einsatzprofil der 8,8 cm FlaK? Viel-
stand werden teilgepanzert. Diese Lösung belle 2). Verschossen wird jeweils die 8,8 cm leicht. Die 8,8 cm FlaK ist das Ergebnis ei-
erweist sich während des Polen-Feldzuges PzGrPatr 39. Die absolute Überlegenheit ner zweckorientierten Entwicklung, ver-
als überraschend leistungsfähig. der FlaK 41 ist offensichtlich. Die Mun-Be- dient aber aufgrund ihres oft halsbrecheri-
Parallel dazu werden einige 8,8 cm FlaK stände belegen, wie gering die Zahl der schen Einsatzes fernab der ihr zugedachten
18 derart umgebaut, dass das Feuer direkt vorhandenen FlaK 41 ist. Aufgaben den Zusatz „Allzweckwaffe“.
vom Sonderanhänger aus eröffnet werden
kann. Die Zugmaschinen werden teilge- Die Legende – ein Resümee Thomas Anderson, Jg. 1958, ist als freier Autor tätig
panzert, um den Einsatz in der Nähe der Waffentechnisch ist die 8,8 cm FlaK L/56 und unterstützt namhafte Modellbau-Hersteller als
Hauptkampflinie zu ermöglichen. Der keine herausragende Entwicklung! Fast je- Fachberater.
Grund für diese schnelle Lösung liegt ver- de Nation hat Geschütze mit vergleichba-

66
Legende und Meilenstein der deutschen Luftwaffe

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Neben der legendären „Stalinorgel“ ist kein anderes Geschütz des Die vorliegende Sammlerausgabe in der höchsten Münzqualität
2. Weltkriegs heute noch so bekannt wie die deutsche 8,8-cm Flak. „Polierte Platte“ (PP) dokumentiert in Verbindung mit einer
In den Ausführungen 18, 36 und 37 bildete sie das Rückgrat der informativen Themenkarte die Entstehungs-
deutschen Luftverteidigung. Ihren legendären Ruf erwarb sich die und Einsatzgeschichte der legendären 8,8-cm
„Acht-Acht“ jedoch erst im Laufe des Krieges. Als wirkungsvolle Flugabwehrkanone auf besonders brillante
Allzweckwaffe kam sie an allen Brennpunkten zum Fronteinsatz. und anschauliche Weise. Vorbildlich ist auch
Neben der panzerbrechenden Wirkung der waffentechnisch idealen die strenge Limitierung auf nur 5.000 Stück
8,8-cm Granaten waren Robustheit, die relativ einfache Bedienung weltweit, die diese Sammlerausgabe schon
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Spurensuche

„Spielball“ der Weltgeschichte

Helgoland
Helgoland ist einzigartig. Zum einen durch die exponierte Lage im Herzen der Deut-
schen Bucht, vor allem aber durch die wechselvolle Historie. Ein Mikrokosmos. Mehr-
fach wurde der kleine rote Felsen zum Spielball der Weltgeschichte. Von Ulf Kaack

S
eit dem 7. Jahrhundert ist das Eiland riker und Leiter des Museums Helgoland, 1906 nimmt das Projekt gewaltige Formen
von Friesen bewohnt. Im 12. und 13. die wechselvolle Inselgeschichte. „Die Preu- an: Ein großdimensioniertes Stollensystem
Jahrhundert untersteht es der Däni- ßen maßen Helgoland eine hohe strategische wird in den Kreidefelsen der Insel getrie-
schen Krone, anschließend dem Herzogtum Bedeutung zu. Als Artillerievorposten zum ben. Räume, Verzweigungen sowie Schäch-
Schleswig. 1807 wird der sturmumtobte Fel- Schutze der Nordseeküste sowie den Zugän- te für Aufzüge und zur Belüftung werden
sen von den Briten als Kolonie in das Verein- gen zum Nord-Ostsee-Kanal, zur Elbe, We- gebaut. Bis 1914 werden der Nordsee 86
te Königreich integriert. Während der Konti- ser und Jade. Vor allem aber als dauerhaft Hektar abgetrotzt. Es entstehen der Torpe-
nentalsperre, die 1814 durch den Kieler Frie- eisfreier Kriegshafen in vorgeschobener La- do-, Scheiben- und U-Boothafen. Außer-
den beendet wird, erleben die Helgoländer ge.“ dem ein Seefliegerstützpunkt mit Hangar,
eine Hochzeit als Blockadebrecher und Flugzeugaufschleppe, Kraftwerk und den
Schmuggler. Die Zeiten bleiben friedlich – le- Aufrüstung im Kaiserreich erforderlichen Versorgungseinrichtungen.
diglich 1849 und 1864 kommt es zu deutsch- Zügig geht Wilhelm II. daran, die Insel zu Im Mai 1908 beginnt die Neuarmierung
dänischen Seegefechten in Sichtweite von einer Festung auszubauen und einen Mari- der Festungsartillerie. Die Nord- und Süd-
Helgoland. nehafen anzulegen. 1891 entstehen erste gruppe erhalten jeweils zwei moderne 30,5-
„Im Tausch gegen Handelsrechte in Ost- Gebäude, ein Jahr später wird an der Nord- cm-Krupp-Doppeldrehtürme und zwei 21-
Afrika, im sogenannten Helgoland-Sansibar- und Südspitze je ein Kanonenstand mit cm-Geschützstände. Dazwischen liegen be-
Vertrag, kam Helgoland am 10. August 1890 zwei 21-cm-Geschützen errichtet. Es folgt sagte acht Haubitzenbatterien sowie diverse
unter die Regentschaft des deutschen Kai- eine Haubitzenbatterie auf dem Oberland kleinere Anlagen mit leichten und mittleren
serreiches“, erklärt Jörg Andres, Insel-Histo- mit acht schweren 28-cm-Geschützen. Geschützen, Kommando- und Peilständen,

68
HELGOLAND HEUTE: Ein
friedliches Eiland mitten
in der Nordsee. Foto: U. Kaack

MILITÄRISCHE ASPEKTE: Diese 1714 (unter däni-


scher Regentschaft) entstandene Abbildung zeigt
nicht nur die Insel, sondern ist auch eine Studie
über mögliches Artilleriefeuer. Abb.: Archiv U. Kaack

„BIG BANG“ AUF HELGOLAND: In der bis


heute weltweit größten nichtnuklearen
Explosion detonieren am 18. April 1947
6.700 Tonnen Sprengstoff.
Foto: Archiv Museum Helgoland

Marine eingezogen. Helgoländer in Diens-


ten des Militärs – das hat es bislang noch
nicht gegeben. Zurück auf der Insel bleibt
eine 4.000 Mann starke militärische Besat-
zung für die Bedienung der Festungsartille-
rie und den Betrieb des Hafens.

Seegefecht bei Helgoland


Der Erste Weltkrieg beginnt für den roten
Beobachtungs- und Scheinwerfereinrichtun- Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges am Felsen mit einem dramatischen Pauken-
gen. Auf dem Unterland befindet sich eine 1. August 1914 müssen alle Helgoländer ih- schlag. Mit einer List locken überlegene bri-
Batterie mit zwei 8,8-cm-Geschützen, vier re Insel verlassen und werden im Umland tische Seestreitkräfte am Morgen des 18.
3,7-cm-Revolverkanonen und Maschinenge- Hamburgs untergebracht. Familien, die August 1914 die Einheiten des V. Torpedo-
wehren. Die Düne (Name der östlich gelege- nach der Übergabe 1890 englisch geblieben bootgeschwaders sowie mehrere kleine
nen Nebeninsel) wird von einer Flak-Batte- waren, kommen in das Internierungslager Kreuzer in die Deutsche Bucht. Es kommt
rie mit vier 8,8-cm-Geschützen und einer Ruhleben bei Berlin. Britisch geborene In- zu einer ersten Feindberührung, bei der das
weiteren Stellung mit drei 3,7-cm-Revolver- sulaner werden unter Polizeiaufsicht ge- deutsche Torpedoboot „V 187“ versenkt
kanonen sowie Maschinengewehren ge- stellt und vom Kriegsdienst befreit. und der britische Kreuzer „HMS Arethusa“
schützt. Deutschstämmige hingegen werden zur erheblich beschädigt werden.

Clausewitz 3/2013 69
Spurensuche | Helgoland

IM ERSTEN
WELTKRIEG:
U-Boote im
Kriegshafen
von Helgo-
land.
Foto: Archiv Mu-
seum Helgoland

UNVOLLENDET: Das
Nach einer kurzen Gefechtspause treffen gigantische Projekt
„Hummerschere“
die Gegner erneut aufeinander. Zunächst
sieht vor, Helgoland
entbrennt ein harter Kampf um den manö- bis 1948 zu einem rie-
vrierunfähigen Kreuzer „Mainz“. Dieser sigen Kriegshafen aus-
kann im Abwehrkampf noch drei englische zubauen. Tatsächlich
Zerstörer schwer beschädigen, bevor er werden nur Teile da-
selbst zusammengeschossen auf Tiefe geht. von realisiert, die aber
Auch der kleine Kreuzer „Ariadne“ wird heute noch auf der In-
binnen einer Viertelstunde in ein brennen- sel zu sehen sind.
des Wrack verwandelt. Eine Stunde später Foto: Archiv Museum
Helgoland
wird die „Cöln“ von dem Schlachtkreuzer
„HMS Lion“ gesichtet und trotz erbitterter
Gegenwehr versenkt. Nur ein Mitglied der und an dem Festungsbauwerk. Diese wer- Geplant ist die schrittweise Erweiterung
Besatzung überlebt den Untergang. Die den von verschiedenen deutschen Baufir- des Südhafens, vor allem aber die Schaf-
Seefestung Helgoland kann aufgrund men vorgenommen, die von einer 40-köpfi- fung eines großflächigen Kriegshafens in
schlechter Sicht nicht mit Artilleriebeschuss gen britischen Kontrollkommission über- Richtung Norden für Schlachtschiffe, Kreu-
eingreifen. Im weiteren Verlauf des Krieges wacht werden. Von 1921 bis 1924 wird zer und Zerstörer. Das Projekt Hummer-
erlangt die Insel dann lediglich als Stütz- Schritt für Schritt der Torpedo-Boot- und schere kommt allerdings nicht über die not-
punkt für U-Boote und Seeflieger noch stra- U-Boot-Hafen gesprengt. Das sehr weitläufi- wendigen Vorarbeiten hinaus und wird
tegische Bedeutung. ge Tunnelsystem wird hingegen lediglich 1941 eingestellt.
verplombt. Die Haupteingänge zu den
Turbulenzen Nord- und Südkasematten bleiben komplett Festungsbau unter Tage
Ab dem 6. Dezember 1918 dürfen die Insu- erhalten. Zügig vorangetrieben wird hingegen die
laner nach vier Jahren der Heimatlosigkeit Rearmierung und Erweiterung des kaiser-
wieder zurückkehren. Sie finden ihre Häu- Gigantische Pläne lichen Festungssystems. Ein weitläufiges
ser und die Infrastruktur in desolatem Zu- So hat es das NS-Regime ab 1933 im Zuge Stollensystem – insgesamt 13,7 Kilometer
stand wieder. Es beginnen politisch turbu- seiner Aufrüstungspolitik leicht, Helgoland lang – mit Schutzräumen, einem Lazarett,
lente Zeiten: Verhandlungen über eine Ent- erneut in einen waffenstarrenden Felsen zu verschiedenen Depots und Versorgungs-
schädigung der Helgoländer mit dem verwandeln. Museumschef Andres: „Plan einrichtungen, Werkstätten, ein Kraftwerk
preußischen Innenministerium laufen ins war es im Jahr 1935, Helgoland zu einer gi- und diversen Räumen zur militärischen
Leere. Verschiedene Bemühungen, sich von gantischen Festung mit einem Hochseeha- Nutzung wird wieder verwendbar ge-
Deutschland loszusagen und den An- fen für die Marine zu machen. Durch Auf- macht oder neu in den Felsen getrieben.
schluss an Großbritannien oder Dänemark schüttung, Trockenlegung und Errichtung Das Stollensystem umfasst vier Bereiche:
zu finden, scheitern. Mir diesen Aktionen von Betonmolen sollte die Insel bis 1948 in Die Raumanlage mit Zugang im südlichen
verspielen die „Halbengländer“ viele Sym- nördlicher Richtung um ein Vielfaches ihrer Unterland in den Felssockel, das obere Tun-
pathien in Deutschland. Größe erweitert werden. Die Bauarbeiten nelsystem relativ dicht unter der Oberfläche
Gemäß dem Vertrag von Versailles begin- fanden unter dem Tarnnamen ‚Operation des Unterlandes und der Kabelbahntunnel
nen die Schleifungsarbeiten am Kriegshafen Hummerschere’ statt.“ zum Transport von schweren Lasten zwi-

70
Bau des U-Boot-Bunkers

GEWALTIG: Geschütze der


„Falm“-Batterie vor dem Leucht- NACH DEM INFERNO: Wehrmachtsangehörige beim
turm und der Signalstelle. Aufräumen in den Trümmern. Die Zerstörung ist das Er-
Foto: Archiv Museum Helgoland
gebnis eines Bombenangriffs vom 15. Oktober 1944.
Foto: Archiv Museum Helgoland

schen Ober- und Unterland. Der Zugang zu schnellstmöglich als


den zivilen Luftschutzanlagen auf der Süd- Marinestützpunkt
und Ostseite der Insel erfolgt über die soge- wieder hergestellt
nannte „Spirale“ im Bereich des heutigen werden. Darum
Fahrstuhls. wird 1936 mit der Trümmerbergung der ge-
Die Hauptbewaffnung Helgolands be- mäß Versailler-Vertrag gesprengten Anla- Dreimal versuchen die Alliierten, den Hel-
steht aus den stark und tief verbunkerten gen begonnen. Ab 1937 entstehen die Ost-, goländer U-Boot-Bunker mit ferngesteuer-
Seezielbatterien „von Schröder“ an der West- und Südmole, außerdem der Nord- ten Bombern zu vernichten. Die Angriffe
Nordspitze sowie „Jacobsen“ im Süden. Da- ost- und der Dünenhafen. finden unter dem Decknamen „Aphrodite“
zu kommen drei schwere FlaK-Batterien. Im Winter 1939 beginnt der Bau eines U- statt. In allen drei Fällen gelingt es der Ma-
Hauptbefehlsstand und zentraler Leit- Boot-Bunkers im nordwestlichen Bereich des rine-FlaK die Flugzeuge – eine „Liberator“
stand für die Insel-FlaK ist der Rote Turm in Osthafens – offiziell als „UBB Nordsee III“ und zwei B-17 „Flying Fortress“ abzuschie-
der Mitte des Oberlandes, der heutige bezeichnet. Das Bauwerk ist 156 Meter lang ßen. Die mit Sprengstoff beladenen Bomber
Leuchtturm. Das 1941 aus massivem Stahl- und 16,5 Meter hoch. Die Wandstärke be- explodieren jeweils in einer mächtigen De-
beton errichtete Bauwerk dient außerdem als trägt zwei Meter, die der Decke drei Meter. tonation.
Beobachtungsstand und Lagezentrum. Bis Im Sommer 1942 ist der Betonklotz fertig ge-
heute ist unter dem Turm ein dreistöckiger stellt, auf seinem Dach befindet sich eine Jagdflieger auf der Düne
Bunkerkomplex mit ehemaligen Mann- leichte FlaK-Stellung. Die drei Boxen inner- Der Ende Januar 1942 auf der Düne fertig
schaftsunterkünften für zwei Unteroffiziere halb des Bunkers bieten Platz für bis zu neun gestellte Flugplatz mit zwei x-förmig ange-
und drei Mannschaftsdienstgrade erhalten U-Boote. Angelaufen wird das Bauwerk legten Pisten ist Stützpunkt von Jagd- und
geblieben. überwiegend von Schnell- und Minenräum- Aufklärungsfliegern der Luftwaffe. Er hat
booten. Ab Mitte 1944 sind hier außerdem allerdings nur geringe militärische Bedeu-
Hafen und U-Bootbunker Einheiten der Kleinstkampfmittelverbände tung. Gesichert werden Flugplatz und die
Der Festungsbau setzt entsprechend große stationiert: Zunächst Sprengboote vom Typ dazugehörigen Anlagen durch die FlaK-
Hafenanlagen zur Anlandung des Materi- „Linse“ und kurz vor Kriegsende Kleinst-U- Batterien „Wittekliff“ und die Sperrbatterie
als voraus. Außerdem soll Helgoland Boote der Baureihe „Seehund“. „Düne“. Noch im April 1945 werden die
Strandabschnitte der Düne gegen gegneri-
NARBEN DES sche Landungsunternehmen vermint.
KRIEGES: Drei Während des Zweiten Weltkrieges dürfen
Bombenkrater un- die 3.000 Insulaner auf ihrer Insel bleiben.
mittelbar am west- Zu ihnen gesellen sich bis zu 4.000 Offiziere,
lichen Klippenrand Soldaten, Arbeiter und Kriegsgefangene. Ab
zeugen von der 1943 werden die zur Bedienung der Artille-
konfliktreichen rie vorgesehenen Soldaten in großen Teilen
Vergangenheit der zum Einsatz an der Front abgezogen. Ihre
Insel. Foto: U. Kaack Aufgaben übernehmen Marinehelfer – blut-
junge Lehrlinge, Ober- und Realschüler. Ne-
ben dem militärischen Dienst geht ihre
Schulausbildung auf Helgoland weiter.
Die ersten beiden Kriegsjahre verlaufen
relativ ruhig. Ein Bombenangriff – der erste
überhaupt auf deutschen Boden – erfolgt
ohne größere Schäden am 3. Dezember 1939.
Das ändert sich mit den zunehmenden

Clausewitz 3/2013 71
Spurensuche | Helgoland

LETZTE AUGENBLICKE: Untergang des klei-


nen Kreuzers „Mainz“ bei der Seeschlacht
vor Helgoland zu Beginn des Ersten Welt-
kriegs. Foto: Archiv U. Kaack

AUßER GEFECHT GESETZT: Die Batterie „von Schröder“ im


August 1945. Foto: Archiv Museum Helgoland

In der Nacht vom 19. auf den 20. April 1945


erfolgt die Evakuierung von rund 2.500 Zi-
Luftattacken auf das Reichsgebiet, denn die den nun die Verletzten geborgen. Wir muss- vilisten. Beschwerlich ist der Weg durch die
alliierten Piloten nutzen Helgoland als Mar- ten immer wieder aufstehen, wenn die ver- unwirtliche Trümmerwüste. Kaum mehr
kierungspunkt für ihre Flugnavigation. Am wundeten Soldaten durch die Gänge in Rich- als einen Koffer und Handgepäck dürfen
13. Mai 1941 erfolgt der erste direkte Flieger- tung Lazarett getragen wurden. Aus man- die nun Heimatlosen mit an Bord der drei
angriff auf die Insel mit mehr als einem Dut- chen Uniformen tropfte Blut. Es war Dampfer – die „Kehrwieder“, die „Düssel-
zend Toten, ausnahmslos Zivilisten. In im- grausam.“ dorf“ und die „Rugia“ – nehmen, die sie
mer kürzeren Abständen folgen nun kleine- Die Bilanz des Luftangriffes ist verhee- auf das Festland bringen. „Nahezu ge-
re und größere Luftattacken. rend: 969 Maschinen sind daran beteiligt, da- schlossen fanden die evakuierten Helgolän-
„Wir Kinder empfanden das damals als runter 617 Lancaster- und 332 Halifax-Bom- der Aufnahme im Landkreis Pinneberg und
normal, nicht als störend“, erinnert sich Ja- ber sowie 20 „Mosquitos“ als Begleitjäger. wurden später sukzessive im norddeut-
mes Müller, der 1938 auf Helgoland geboren Drei Bomber gehen dabei verloren. Zwölf schen Raum untergebracht“, berichtet In-
wird. „Unter dem offenen Fenster meiner Helgoländer und 128 Soldaten werden getö- selhistoriker Jörg Andres.
Großmutter imitierten wir die Luftschutzsi- tet, 13 Menschen bleiben vermisst. Es gibt
rene, sammelten Patronenhülsen aus Mes- zahlreiche Verletzte. 95 Prozent der Gebäude Operation „Big Bang“
sing als Spielzeug und entwendeten sogar sind dem Erdboden gleich gemacht, zerstört Am 11. Mai 1945 besetzen britische Streit-
Bänke aus dem Bunker. In den letzten auch die militärischen Einrichtungen. Bei ei- kräfte den roten Felsen in der Nordsee. Zü-
Kriegstagen war dann fast ständig Alarm – nem weiteren Luftangriff am folgenden Tag gig beginnen sie mit der totalen Demilitari-
wenn die Bomber im Anflug auf ihre Fest- werden auch der bis dahin noch intakte U-
landziele waren und einige Stunden später, Bootbunker sowie die nach wie vor einsatz-
wenn es zurück nach England ging.“ bereite schwere Seezielbatterie an der Nord-
spitze vernichtet.
Das Bomben-Inferno
Eine Armada von Bombern formiert sich
am Morgen des 18. April 1945 über der süd-
westlichen Nordsee. Nahezu 1.000 britische DAMALS UND HEUTE
Kampfflugzeuge nehmen Kurs auf die DAMALS: Der ehemalige FlaK-Turm wird 1952
Deutsche Bucht. Sonor dröhnen die Moto- (nach der Rückgabe an die Insulaner) als proviso-
ren, Kondensstreifen sind weithin sichtbar risches Leuchtfeuer in Betrieb genommen. Noch
am Himmel. Es ist kurz vor 12 Uhr, als auf trägt das Gebäude die Zeichen des Krieges.
Helgoland Vollalarm gegeben wird. Foto: Archiv Nordseemuseum Helgoland
„Ich erinnere mich noch genau, es war ein
HEUTE: Der ehema-
warmer sonniger Frühlingstag, dieser un-
lige FlaK-Turm und
glückliche 18. April“, so James Müller. „Wie
Feuerleitstand
immer gingen meine Schwester und ich mit übersteht als einzi-
meinen Großeltern in den zivilen Schutz- ges Gebäude auf
raum. Jeder hatte einen festen Platz, wo- Helgoland sämtli-
durch leicht kontrolliert werden konnte, ob che Bombarde-
jemand fehlte. Auf den langen Bänken im ments und den „Big
Gang mussten wir auf Kommando des Bun- Bang“. Heute zeigt
kerwartes Platz nehmen. Die schweren Gas- der Leuchtturm den
schutztüren wurden verschlossen, und das Seeleuten den Weg
Inferno brach los.“ durch die Nacht.
Foto: U. Kaack
Nach zwei Stunden ist der Angriff vorbei.
James Müller: „Oben in den Stellungen wur-

72
Helgoland fliegt in die Luft

APOKALYPTISCH: Das restlos zerstörte


Unterland am späten Nachmittag des 18.
April 1945. Foto: Archiv Museum Helgoland

VOGELPERSPEKTIVE: Aufnahme
der britischen Luftaufklärung vom
18. April 1945.
Foto: Archiv Museum Helgoland

piloten. Am 26. Februar 1952 übergibt der


britische Hohe Kommissar Sir Ivone Kirk-
patrick die offizielle Nachricht an Bundes-
kanzler Konrad Adenauer, dass Helgo-
land am 1. März 1952 an die Bundesrepu-
blik zurückgegeben wird und frei ist zur
sierung, wie sie das „Potsdamer Abkom- Wiederbesiedlung durch die Insulaner. Der
men“ vorschreibt. 4.300 Tonnen Material Aufbau nimmt ein ganzes Jahrzehnt in An-
werden auf das Festland transportiert. spruch.
Unter dem Decknamen „Big Bang“ begin-
nen die Engländer im Sommer 1946 mit den Erneute Militärpräsenz
Vorbereitungen zur Sprengung Helgolands. In den 1960er-Jahren ist auch die Marine
Als Ziel werden die Vernichtung aller militä- wieder auf Helgoland präsent. Der kleine
rischen Einrichtungen und der deutschen DAMALIGER ZUFLUCHTSORT: Der gebürtige Kasernenkomplex auf dem Oberland passt
Munitionsbestände definiert. Der Inselhafen, Helgoländer James Müller (Jahrgang 1938) sich stilistisch der neuen Inselarchitektur
die Uferschutzbebauung und der Zivilbun- im Stollen des zivilen Luftschutzbunkers. Als an. Kein hoher Zaun, keine patrouillieren-
ker sind von der direkten Sprengung ausge- Fünfjähriger erlebt er an dieser Stelle den den Wachen – optisch weist kaum etwas
nommen. schweren Luftangriff vom 18. April 1945 und auf die Anwesenheit der Soldaten hin. Di-
Die Briten haben nicht vor, Helgoland wird am Tag danach evakuiert. Erst 1954 rekt am südlichen Klippenrand befindet
komplett auf der Landkarte auszuradieren, kann er zurückkehren. Foto: U. Kaack sich mit bester Rundumsicht auf die Nord-
nehmen dies aber als Restrisiko in Kauf. see die Marinesignalstelle. Von hier aus
18. April 1947: Mit dem dritten Ton des und detonieren in der bis heute weltweit werden der militärische Schiffsverkehr beo-
11-Uhr Zeitsignals der BBC löst der britische größten nichtnuklearen Explosion. bachtet und entsprechende Meldungen an
Navy-Offizier E.C Jellis die Sprengung von die Marineführung auf dem Festland wei-
Bord des britischen Kabellegers „Lasso“ mit- Die Wiederfreigabe tergegeben. Der am nördlichen Ende des
tels Kabelzündung aus. 4.000 Torpedoköpfe, Nach dem „Big Bang“ kehrt Ruhe ein. Un- Oberlandes gelegene Radarturm dient der
fast 9.000 Wasserbomben und über 91.000 terbrochen wird die Stille dabei regelmäßig Luftraumüberwachung. Bis 1989 sitzen in
Granaten verschiedener Kaliber – insgesamt durch Detonationen, denn die Briten nut- dem komplett abgedunkelten Gebäude die
6.700 Tonnen Sprengstoff – sind im U-Boot- zen das militärische Sperrgebiet nun als Ortungsspezialisten der Bundesmarine, an-
Bunker und im Tunnellabyrinth gestapelt Ziel- und Übungsgelände für ihre Bomber- schließend Soldaten der Luftwaffe.
Heute ist das Radargerät vom Dach des
Turmes entfernt. Die Marinesignalstelle wird
BUNDESWEHRPRÄSENZ: Ein SAR-Mari- ohne Personal als Relaisstation genutzt und
nehubschrauber vom Typ „Sea King“ bei das ehemalige Kasernengelände gehört nun
der Landung auf dem Militärgelände zum Alfred-Wegener-Institut. Einzig der 1979
(Unterland). Foto: Archiv Nordseemuseum Helgoland in Betrieb genommene Hubschrauber-Lande-
platz mit Hangar und Betankungsanlage ist
noch in Betrieb. Die Basis auf dem Unterland
wird heute unregelmäßig von SAR-Fliegern
besetzt, könnte aber stets als vorgeschobener
Operationsposten wieder aktiviert werden.

Ulf Kaack, Jg. 1964, Verantwortlicher Redakteur von


TRAKTOR CLASSIC. Autor zahlreicher Bücher, beson-
ders zu technischen und maritimen Themen.

Clausewitz 3/2013 73
Feldherren

Richard I. Löwenherz

Der Krieger auf


dem Königsthron
Bis heute: Richard Löwenherz ist eine der romantisch

R
ichard, der gar kein Englisch spricht,
hält sich während seiner Regierungs-
verklärtesten Figuren der Geschichte, und er gilt nach
zeit nur einige Monate in England wie vor als einer der „englischsten“ Könige der
auf. Sein Kampf gegen Sultan Saladin im
Verlauf des Dritten Kreuzzugs ist ebenso
britischen Geschichte… Von Otto Schertler
von zahlreichen Legenden umrankt wie die
Zeit seiner daran anschließenden Gefangen- schaftszeit in nicht endende Kämpfe mit schaft kein Jahr seines Lebens in dem er
schaft in Österreich und Deutschland. Selbst widerspenstigen Vasallen, feindlichen nicht im Feld steht. Er beteiligt sich an der
die Umstände seines Todes erhöhen ihn Nachbarn und dem französischen König- von 1173–1174 währenden, vom französi-
über das Maß anderer Sterblicher – ver- tum verstrickt sieht. schen König unterstützten Rebellion gegen
gibt er doch auf dem Totenbett dem franzö- Bereits in jungen Jahren lernt er da- seinen Vater, mit dem er sich bis zu dessen
sischen Armbrustschützen, der ihn tödlich her den Krieg aus eigener Erfahrung Tod im Jahr 1189 nicht mehr versöhnen
verletzt hatte. Richard Löwenherz ent- kennen, und seit wird. Einer der Lehrmeister Richards in
stammt der Dynastie der Normannen, die dieser Zeit vergeht diesen frühen Jahren ist Graf Philipp von
seit 1066 die Herrschaft über England inne- – bis auf die Phase Flandern, der als einer der verschlagensten
hat. Er wird am 8. September 1157 in Oxford seiner Gefangen- Krieger seiner Zeit gilt.
als dritter Sohn König Heinrichs II. geboren.
Besonders die französische Abstammung sei- Verbrannte Erde
ner Mutter Eleonore von Aquitanien soll das Größere Schlachten hat Richard hier – bis
zukünftige Leben Richards zu einem großen auf eine Ausnahme nicht zu bestehen,
Teil bestimmen. Die aus der nach ihnen be- eher handelt es sich bei den zahlreichen
nannten Normandie stammenden Könige Kämpfen um kleinere Gefechte oder Be-
Englands sind nämlich durch vielfältige dy- lagerungen. Große Feldschlachten ver-
nastische Beziehungen eng an ihre weitrei- sucht man nämlich während des Mittelal-
chenden, im Westen Frankreichs gelegenen ters so gut wie möglich zu vermeiden, zu
Besitzungen gebunden. Dieser gesamte Herr- hoch ist das Risiko, die eigene bewaffne-
schaftskomplex wird zusammen mit Eng- te Macht zu verlieren. Schon der während
land als das Angevinische Reich bezeichnet. des späten 4. Jahrhunderts n. Chr. lebende
Bereits 1172 erhält Richard im Alter von nur römische Militärschriftsteller Vegetius rät
fünfzehn Jahren das Amt des Herzogs von in seinem berühmten Handbuch „Epitoma
Aquitanien, wo er sich während seiner Herr- rei militaris“, einer Kompilation älterer
Schriften, in Bezug auf Feldschlachten:
„Lass es sein!“ Das Werk des Vegetius ist
FAKTEN Wichtige Kämpfe während des Mittelalters an den Herr-
4.10.1190: Eroberung von Messina scherhöfen wohlbekannt, und diesem
Frühjahr 1191: Eroberung von Zypern
12.7.1191: Eroberung von Akkon POPULÄR BIS HEUTE: Die faszinierende
7.9.1191: Schlacht bei Arsuf Aura des „guten Königs“ Richard Löwen-
Anfang August 1192: Eroberung von Jaffa herz ist bis heute ungebrochen. Hier eine
4.8.1192: Schlacht bei Jaffa Statue vor dem Parlamentsgebäude in
4.7.1194: Fréteval London: Selbstbewusst und stolz sitzt
28.9.1198: Gisors Richard I. auf seinem Ross.
Foto: picture-alliance

74
IM HEILIGEN LAND: Richard I. und seine Armee be-
ten vor einer Schlacht gemeinsam. Der König begibt
sich schon kurz nach seiner Thronbesteigung auf den
Kreuzzug und kämpft stets an der Seite seiner Trup-
pe. Illustration von Gustave Doré aus dem 19. Jhd.
Abb.: picture-alliance/Prisma Archivo

Clausewitz 3/2013 75
Feldherren

militärischen Grundprinzip folgen selbst


die kühnsten Befehlshaber, wie Richard,
der in jedem Gefecht und bei jedem Aufklä-
„Saladin sollte sich als der größte Gegenspieler der
rungsritt rücksichtslosen Mut beweist. Viel Kreuzfahrer erweisen. Unter seiner Herrschaft wur-
wichtiger erscheint es, das feindliche Ge- den ab 1174 zum ersten Mal im 12. Jahrhundert alle
biet durch Streifzüge zu verwüsten oder
Burgen zu erobern und zu halten, also die
großen muslimischen Nachbarherrschaften der Kreuz-
Anwendung einer Taktik der verbrannten fahrer […] in einem einzigen Reich zusammengefasst.“
Erde, die Heinrich V. später mit den Worten
Dr. Martin Hoch in: Schlachten der Weltgeschichte. Von Salamis bis Sinai.
„Krieg ohne Feuer ist wie Würste ohne
Senf“ rühmen sollte. Somit setzt man klu-
gerweise auf einen langfristigen strategi-
schen Vorteil gegenüber dem unberechen- Er begibt sich 1190 nach Tours, um dort Stab Schwester Johanna durch einen Sturm ver-
baren Wagnis einer Feldschlacht, die selbst und Sack als Zeichen seiner Pilgerschaft an- schlagen worden ist. Die Insel wird zu die-
im Fall eines eigenen Sieges möglicherwei- zunehmen. Dann vereinigt er seine Trup- ser Zeit von Isaak Dukas Komnenos, einem
se keine klaren Vorteile zu bringen vermag. pen mit denjenigen des französischen Kö- Mitglied des byzantinischen Kaiserhauses,
Als Richard im Jahr 1187 von der katastro- nigs Philipp II. Augustus. wie ein unabhängiges Königreich regiert.
phalen Niederlage der Kreuzfahrer bei Dieser hatte einen Teil der zusammen mit Jo-
Hattin im Heiligen Land und dem damit Die bewaffneten Pilger hanna gestrandeten Kreuzfahrer gefangen
verbundenen Verlust von Jerusalem hört, Das erste Ziel der Kreuzfahrer ist Sizilien, genommen und überdies ein Bündnis mit
entschließt er sich sofort, das Kreuz zu neh- wo Richard den Familienzwist mit dem dor- Saladin geschlossen. Als sich Isaak weigert,
men. Doch erst nach dem Tod seines Vaters tigen normannischen Herrscher Tankred die Gefangenen freizulassen, stürmt Richard
im Jahr 1189 und der folgenden Krönung in von Lecce kurzerhand durch die Eroberung kurzentschlossen mit seinen Kriegern den
Westminster, kann der nun als König herr- Messinas mit dem Schwert löst. 1191 setzt er Strand nahe der Stadt Limassol und ver-
schende Richard sein Gelübde in die Tat seine Fahrt nach Osten fort und landet zu- treibt die von Isaak dort in Stellung gebrach-
umsetzen. nächst in Zypern, wohin das Schiff seiner ten Truppen. Die Kreuzfahrer nehmen an-

LEGENDÄRER SIEG: Löwenherz und


sein Heer vor Jaffa. Von See kom-
mend, erobern sie die Stadt zurück.
Jaffa ist während der Kreuzzüge hef-
tig umkämpft. Die heutige Großstadt
ist uns besser bekannt unter dem
Namen Tel Aviv. Holzstich nach Gus-
tave Doré, 19. Jhd.
Abb.: picture-alliance/akg

76
Kampf um Akkon

HINTERGRUND Sultan Saladin – „Ritter des Morgenlandes“


Das Leben Sultan Saladins ist ebenso von Le- Der 1138 in Tikrit im heutigen Irak geborene Sa-
genden umrankt wie das seines Gegners Ri- ladin ist kurdischer Abstammung und dient zu-
chard I. Löwenherz. Dabei nächst dem über Syrien herrschenden Zengi-
genießt er besonders in denfürsten Nur ad-Din als Militärführer. In des-
der abendländischen Welt sen Auftrag nimmt er an einer Militärexpedition
einen enormen Ruf als „ed- nach Ägypten teil, die das Land vor den Kreuz-
ler Ritter des Morgenlan- fahrern schützen soll. Dort löst er schließlich
des“, der sein Wort nie- die schwache Dynastie der Fatimiden ab und be-
mals bricht und sich im gründet seine eigene Herrschaft. Nach dem Tod
Kampf stets ritterlich Nur ad-Dins bringt er zunächst Damaskus und
zeigt. Doch in der Reali- Syrien unter seine Herrschaft und nimmt 1175
tät ist auch er ganz ein den Sultanstitel an. Als bedeutendster Herr-
Mensch seiner Zeit, scher der damaligen islamischen Welt stellt
und er hat als solcher sich Saladin erfolgreich den Kreuzfahrern in den
keine Skrupel, nach Weg und erobert von diesen Jerusalem zurück.
der Schlacht von Saladin stirbt, bald nachdem sein Widersacher
Hattin alle gefange- Richard I. Palästina verlassen hatte, am 4. März
nen Johanniter und 1193, doch sein Ruhm überdauert sowohl in
Templer hinrich- der islamischen als auch der christlichen Welt
ten zu lassen. die Jahrhunderte bis heute.

ein und schließt sich dort dem vorausgeeil-


ten französischen König an. Die Belagerung
der Stadt ist bereits in vollem Gange, und
beide Könige stehen nun miteinander im
Wettstreit um die Führungsposition im Be-
lagerungsheer. Am 12. Juli kapituliert Ak-
kon, und als die Banner der beiden christli-
chen Könige auf den Stadtmauern aufge-
pflanzt werden, reißen einige Gefolgsleute
König Richards das ebenfalls auf den Mau-
ern wehende Banner Herzog Leopolds V.
von Österreich herunter. Damit hat sich Ri-
EBENBÜRTIGER GEGENSPIELER: Diese Darstellung aus dem 19. Jhd. zeigt Saladin als siegrei- chard einen Feind geschaffen, der nun auf
chen Feldherren. Trotz erfolgreicher militärischer Operationen überlässt Richard I. in einem Ver- die Gelegenheit zur Rache wartet. Während
trag seinem muslimischen Widersacher die Kontrolle von Jerusalem. Abb.: picture-alliance/Prisma Archivo König Philipp von Frankreich, angeblich aus
gesundheitlichen Gründen, Palästina vorzei-
schließend Limassol ein und plündern die hen. Innerer Zwist, Machtkämpfe und die tig verlässt, setzt Richard, der froh ist, seinen
dortigen Vorräte. Isaak rückt mit weiteren Bedrohung durch den großen muslimi- Rivalen los zu sein, den Kreuzzug fort. Zu-
Truppen bis in die Nähe der Stadt vor und schen Herrscher haben die christlichen Ge- nächst lässt er wegen der von Sultan Sala-
plant für den nächsten Tag eine Schlacht ge- biete an den Rand des Untergangs ge- din nicht eingehaltenen Übergabebedin-
gen die Kreuzfahrer, doch Richard lässt be- drängt. Am 8. Juni des Jahres 1191 trifft Kö- gungen von Akkon etwa 3.000 muslimische
reits in der Nacht die Pferde von den Schif- nig Richard I. mit seiner Flotte vor Akkon Gefangene hinrichten. Von Akkon aus mar-
fen holen und macht sich für einen Angriff schieren die Kreuzfahrer dann auf der ural-
im Morgengrauen fertig. Die Truppen Isaaks ten Küstenstraße, auf der schon die Heere
werden völlig überrascht und vernichtend der Pharaonen und Assyrer entlang gezo-
geschlagen, während er selbst unter Zurück- gen waren, in Richtung Süden.
lassung seines gesamten Schatzes gerade
noch zu entkommen vermag. Die Eroberung Sieg über Saladin
der Insel durch Richard kann er jedoch nicht Auf diesem Weg wird das taktische und
mehr aufhalten und gerät schließlich in Ge- strategische Können des Herrschers beson-
fangenschaft. Damit verfügen die Kreuzfah- ders deutlich. Das Kreuzfahrerheer formiert
rer über eine strategisch überaus wichtige, sich zu einem gewaltigen Karree, wobei die
gesicherte Nachschubstation für den Kampf gepanzerten Fußkrieger die Seiten bilden,
im Heiligen Land, die als Basis für die dorti-
gen christlichen Territorien dient. AUFRÜHRERISCHE VERWANDTSCHAFT:
Während Löwenherz im Heiligen Land
Das fallende Banner kämpft, organisiert sein Bruder Johann
Dann macht sich Richard auf den Weg nach Ohneland (links) eine Rebellion. Richard I.
Palästina, wo die Dinge für die Christen seit schlägt diese nach seiner Heimkehr nieder.
Saladins Offensive nicht zum Besten ste- Abb.: picture-alliance/akg-images

Clausewitz 3/2013 77
Feldherren

nes nach Ägypten das Herz von Saladins


Reich gerichteten, großen strategischen
Feldzugs zu nutzen. Doch im Kriegsrat wird
er überstimmt, und nach ergebnislosen Ver-
handlungen mit Saladin bricht Richard am
31. Oktober in Richtung Jerusalem auf.

Saladins ergreift die Initiative


Der Feldzug wird nicht zuletzt aus Witte-
rungsgründen abgebrochen, und Richard
zieht sich nach Askalon zurück, das er zur
stärksten Festung Palästinas ausbauen
lässt. Die folgenden Monate sind angefüllt
mit internen Streitigkeiten um die Macht in
Palästina, gleichzeitig treffen aus England
beunruhigende Nachrichten über eine Ver-
schwörung seines Bruders Johann mit dem
französischen König ein. Richard entschei-
det sich trotz aller Sorge um sein Reich für
das Bleiben, doch sein Plan eines Feldzuges
nach Ägypten wird von den anderen
Kreuzfahrern erneut abgelehnt. Auch der
Marsch nach Jerusalem kommt nicht zu-
stande, stattdessen ergreift Saladin die Ini-
tiative und er kann Anfang August des Jah-
res 1192 Jaffa, aber nicht dessen Zitadelle,
erobern. Kurz darauf erscheint Richard von
See her, und es gelingt ihm, die Stadt zu-
rückzuerobern.
Am 4. August kommt es vor den Mauern
zu einer weiteren Schlacht zwischen Ri-
chard und Saladin. Der englische König

TOD IN DER SCHLACHT: Bei der Belagerung von Châlus 1199 wird Löwenherz von einem
Pfeil getroffen und stirbt kurz darauf. Der Legende nach hat er dem feindlichen Todesschüt-
zen noch auf dem Sterbebett vergeben. Abb.: picture-allianc/akg

während die Ritter und der Tross sich inner- chen aus der Formation aus, um sich auf die
halb der Vierecksformation befinden. In der Feinde zu stürzen. Dabei reißen sie einen
sommerlichen Hitze setzen die ständig un- Teil der anderen Ritter mit, die ebenfalls
ter dem Beschuss von Saladins berittenen nach vorne in den Kampf stürmen. Dies ist
Bogenschützen stehenden Kreuzfahrer ih- der kritische Moment der Schlacht, Richard
ren Weg unbeirrt fort. handelt sofort und geht mit seinen eigenen
Rittern nun selbst zum Angriff über, und
Ungestümer Angriff „da hieb der König, der grimmige, [...] die
Am 7. September stellt sich Saladin schließ- Türken in jeder Richtung nieder […]“. Das FARBENPRÄCHTIG: Diese Lithographie
lich bei Arsuf zur Schlacht. Richard hatte Ergebnis ist ein vollständiger Sieg über den nach Zeichnungen von Albert Kretschmer
zwar befohlen, den feindlichen Angriffen so bis dahin für unbesiegbar gehaltenen Sala- (1825–1891) zeigt normannische Kostüme
lange standzuhalten, bis er das Zeichen zum din. Kurz darauf ziehen die siegreichen aus der Zeit Richards I. Der König selbst ist
Gegenangriff geben würde, doch zwei der Kreuzfahrer in die Stadt Jaffa ein. in der unteren Reihe ganz links als Krieger
mittlerweile bis zur Weißglut gereizten Rit- Richard plant das weiter südlich gelege- und daneben als König abgebildet.
ter verlieren schließlich die Nerven und bre- ne Askalon zu besetzen, um es als Basis ei- Abb.: picture-alliance/akg

78
Lösegeld für den inhaftierten König

legene Burg Trifels und entlässt ihn erst


nach der Zahlung eines ungeheuren Löse-
gelds von 150.000 Silbermark sowie der
Ableistung des Lehnseides. Kaum der
Gefangenschaft entkommen, muss Richard
in England die Rebellion seines Bruders
Johann Ohneland unterdrücken. Danach
kehrt er nach Frankreich zurück, um seine
dortigen Besitzungen gegen die Angriffe
Philipps II. zu schützen. Nachdem er mit
diesem einen Waffenstillstand abgeschlos-
sen hat, macht sich Richard daran, die Re-
volte eines Vasallen niederzuschlagen. Bei
der Belagerung der Burg Châlus-Chabrol
wird er jedoch von einem Armbrustbolzen
tödlich verwundet. Er stirbt am 6. April 1199.

IN GEFANGENSCHAFT: Auf der Burg Dürnstein Abenteurer und König


(heute eine Ruine) in Österreich wird Löwen- Zusammenfassend kann man über Richard
herz, mit französischem Einverständnis, festge- Löwenherz sagen, dass er weniger ein ziel-
halten. Foto: picture-alliance strebiger König als vielmehr ein abenteuer-
lustiger Ritter ist, der sozusagen „neben-

stellt seine Truppen in einer festen Schlacht-


ordnung auf, wobei die Frontlinie von lan- „Wer fähig ist, mich, den König, zu töten, ist es wert,
zenbewehrten Schildträgern gebildet wird.
Dahinter befinden sich Paare von Arm- zum Ritter geschlagen zu werden.“
brustschützen, von denen einer die Waffe Der Legende nach die letzten Worte von König Löwenherz. In Wirklichkeit
lädt, während der zweite schießt. Die Auf- dürfte dem Todesschützen ein anderes Los zuteil geworden sein…
stellung derartiger Formationen ist keine
Erfindung Richards, sie findet sich in ähn-
licher Form bereits in der älteren byzantini- und lässt den als Kreuzfahrer unter dem bei“ auch ein Herrscheramt ausübt. Persön-
schen Militärliteratur. Die Normannen, von Schutz der Kirche stehenden Richard in der lich außerordentlich mutig und immer im
denen Richard ja abstammt, bewegten sich Burg Dürnstein inhaftieren. 1193 übergibt dichtesten Kampfgetümmel zu finden,
bereits vor den Kreuzzügen als Söldner im er den Gefangenen schließlich Heinrich VI., führt er seine Truppen immer „von der
östlichen Mittelmeerraum, und daher ist Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Front“ aus: In Messina erstürmt Richard an
anzunehmen, dass auch Richard Kenntnis Dieser bringt Richard in die in der Pfalz ge- der Spitze seiner Männer die Tore, in Jaffa
von derartigen Kampftaktiken hat. Der Ha- springt er vom Schiff und bildet mit seinen
gel der durchschlagskräftigen Armbrust- Truppen einen wichtigen Brückenkopf,
bolzen bleibt nicht ohne Wirkung, und die während er sich in den Schlachten von Ar-
Formationen halten jedem Angriff stand. suf und Jaffa ebenfalls inmitten des Kamp-
Erneut geht Richard mit seinen Rittern zum fes befindet. Interessant ist dabei auch, was
Gegenangriff über und „[...] war ein Gigant die „feindlichen“ islamischen Quellen über
in der Schlacht [...]. An jenem Tag leuchtete die Persönlichkeit Richards berichten. Sie
sein Schwert wie der Blitz [...]“. Richards rühmen seine „Weisheit, Erfahrung, Tapfer-
erneuter Sieg über Saladin bleibt jedoch oh- keit und Energie“, fürchten aber auch „die
ne Folgen, beide Seiten sind erschöpft, zu- Schläue dieses verfluchten Mannes. Um
dem ist der König erkrankt, und am 9. Ok- seine Ziel zu erreichen, benutzt er manch-
tober 1192 verlässt er schließlich Palästina. mal sanfte Worte, manchmal gewaltsame
Taten. Gott allein war fähig, uns vor seiner
Die Rache des Herzogs Bosheit zu retten. Niemals mussten wir ei-
Wegen der fortgeschrittenen Jahreszeit ist nem scharfsinnigeren oder kühneren Geg-
eine Rückfahrt nach England über Gibraltar ner die Stirn bieten.“ Soweit der Chronist
zur See nicht mehr möglich. Richard wählt Baha ad-Din, einer der fähigsten Komman-
daher mit einigen Begleitern den Seeweg deure Sultan Saladins, der hier ein wohl
nach Istrien, um von dort aus den Weg über treffendes Bild König Richards I. zeichnet.
Land in Richtung Böhmen einzuschlagen.
Doch nahe Wien wird seine Tarnung durch- KÖNIGLICHE RUHESTÄTTE: Das Grabmal Ri-
Otto Schertler, Jg. 1962, studierte Vorderasiatische
schaut, und Herzog Leopold V. von Öster- chards I. liegt in der Abteikirche Notre-Dame-
Archäologie, Ethnologie sowie Vor- und Frühgeschichte
reich sieht nun eine hervorragende Gele- de-Fontevrauld. Auch sein Vater Heinrich II.
an der Universität München. Er lebt und arbeitet als
genheit, sich für die Demütigung von Ak- ist hier beigesetzt zu Lebzeiten waren beide Autor und Übersetzer in München.
kon zu rächen. Er zögert keine Sekunde Gegner. Foto: picture-alliance/akg-images/Erich Lessing

Clausewitz 3/2013 79
Museum

ANSCHAULICH: Blick in einen der


ehemaligen Ställe, in denen bis zu
72 Pferde unterkamen. Foto: Autor

Das Garnisonsmuseum Wünsdorf


An historischer Stätte
Zossen-Wünsdorf zählt zu Deutschlands bedeutendsten ehemaligen Militärstandorten. Von
dort aus wurde zeitweilig sogar die Weltgeschichte beeinflusst. Das Garnisonsmuseum
Wünsdorf hält die Erinnerung an seine wechselvolle Geschichte wach. Von Thomas Gliesche

R
und 40 Kilometer südlich von Berlin zum Artillerie-Schießplatz Kummersdorf der Nutzung des Militärstandortes in den
befindet sich die Ortschaft Wünsdorf. verlief. Jahren 1910 bis 1945 gewidmet.
Ein Jahr vor Abzug des in Wünsdorf Das 2001 eröffnete Garnisonsmuseum Im ersten Ausstellungsbereich wird die
stationierten Oberkommandos der Gruppe Wünsdorf befindet sich in einem sanierten, Entstehungsgeschichte des Truppenübungs-
der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland um 1911 erbauten Pferdestall. Hier werden platzes und Truppenlagers („Stammlager
im Jahr 1994 trafen sich hier militärhisto- die in langjähriger Forschungsarbeit gewon- Zossen“) gezeigt. Die Geschichte des heute
risch Interessierte und gründeten den „Mi- nenen Erkenntnisse in Wort und Bild präsen- nicht mehr existierenden Ortes Zehrensdorf
litärhistorischen Verein Zossen-Wünsdorf“, tiert. Zahlreiche, zum Teil sehr unterschied- wurde in diesem Zusammenhang aufgear-
seit 1997 „Förderverein Garnisonsmuseum liche Exponate sind auf rund 400 Quadrat- beitet. So erhält der Besucher vielfältige In-
Wünsdorf e.V.“. Die Vereinsmitglieder erfor- metern Ausstellungsfläche zu sehen. Die
schen seitdem die Militärgeschichte von Zos- Dauerausstellung ist vornehmlich der Zeit
sen und Wünsdorf. KONTAKT
Wie kam es zur Errichtung der Garnison
Förderverein Garnisonsmuseum Wünsdorf e.V.
in Zossen-Wünsdorf? Um 1900 war das Tem-
Gutenbergstraße 9, 15806 Zossen OT Wünsdorf
pelhofer Feld als Übungsgelände für das
Telefon: 033702 65451
Berliner Gardekorps zu klein geworden. Aus
E-Mail:
diesem Grund entschied das preußische
vorstand@garnisonsmuseum-wuensdorf.de
Kriegsministerium im Jahre 1906, an der von
Internet: www.garnisonsmuseum-wuensdorf.de
Zossen in Richtung Baruth führenden
Foto: Autor

Chaussee einen Truppenübungsplatz mit Öffnungszeiten:


Truppenlager einzurichten. April bis Oktober: tägl. 10.00 – 17.00 Uhr
Ein weiterer wesentlicher Grund für die November bis März: Montag Ruhetag, ansonsten
Standortwahl war die seit 1875 bestehende EINLADEND: Blick auf den Eingangsbereich nur nach telefonischer Voranmeldung unter Tel.:
Bahnstrecke der Königlich Preußischen Mili- des Garnisonsmuseums Wünsdorf, das in ei- 033702 9600 (Bücherstadt Tourismus GmbH)
tär-Eisenbahn, die von Berlin über Zossen nem sanierten Pferdestall untergebracht ist.

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ÜBERREST: Ruine eines Bunkerhauses der
Bunkersiedlung „Maybach I“ im heutigen Zu-
stand. Foto: Vereinsarchiv FV Garnisonsmuseum Wünsdorf

TEILANSICHT: Blick auf das „Stammlager Zossen“. Foto: Vereinsarchiv FV Garnisonsmuseum Wünsdorf

formationen über das einstige „Soldaten- folgte in Wünsdorf das „Halbmondlager“. In


dorf“ sowie über die Schicksale von Bewoh- diesen Lagern waren ausschließlich musli-
nern, die ihr Dorf verlassen mussten. mische Kriegsgefangene untergebracht, die
Ein weiterer Bereich informiert über die aus den britischen und französischen Kolo-
Infanterieschießschule in Wünsdorf, die nien und aus Staaten des britischen Herr-
nach nur zweijähriger Bauzeit am 1. Oktober schaftsgebietes stammten.
1913 zur Nutzung übergeben wurde. Hier Da die Militärturnanstalt in Berlin veral- BLICK IN DIE VERGANGENHEIT: Aufnahme
wurden Offiziere und Unteroffiziere mit der tet war, wurde ein Neubau geplant und als der Bunkersiedlung „Maybach I“, 1939/40.
Schießlehre vertraut gemacht, aber auch Standort Wünsdorf bestimmt. So entstand Foto: Vereinsarchiv FV Garnisonsmuseum Wünsdorf
sämtliche Hand- und Maschinenfeuerwaffen die im Oktober 1916 fertig gestellte Militär-
erprobt. turnanstalt Wünsdorf, die später in „Heeres- Standort dokumentiert. Ebenso spielt die
Ein weiteres Thema ist das im August sportschule“ umbenannt wurde. Über die Entwicklung der deutschen Panzertechnik
1914 infolge des Ersten Weltkriegs errichtete damalige Sportausbildung, aber auch über eine große Rolle. Schon 1928 wurden erste
Kriegslager in Wünsdorf. In diesem Bara- die Vorbereitung von Militärsportlern auf Prototypen in Kasan (Russland) getestet.
ckenlager sorgten Ersatztruppenteile für den die Olympischen Spiele 1936 informiert das Mit der Stationierung der Panzertruppen-
Personalersatz zum Ausgleich der hohen Museum und zeigt vielfältige Exponate. schule und ihrer Lehrtruppen entstand ab
Menschenverluste der Stammregimenter an 1937 begannen in Zossen umfangreiche 1935 in Wünsdorf das organisatorisch-geisti-
den Fronten. Baumaßnahmen zur Errichtung eines gehei- ge Zentrum der Panzerwaffe des deutschen
Im September 1914 entstand in Zossen ein men Nachrichtenbunkers mit Tarnnamen Heeres. Die Aufstellung der Panzer-Regi-
Kriegsgefangenenlager, das sogenannte „Zeppelin“ sowie von zwölf Bunkerhäusern menter 5, 6 und 8 erfolgte ebenfalls in Zossen
„Weinberglager“. Im Dezember 1914 für das Hauptquartier des Oberkommandos und Wünsdorf. Viele Exponate und Erlebnis-
des Heeres (OKH), die sogenannte Bunker- berichte konnte der Verein für das Museum
VIELFÄLTIGE EXPONATE: siedlung „Maybach I“. Die Arbeiten an einer von Zeitzeugen und ehemaligen Angehöri-
Auch Uniformen der zweiten, aus elf Bunkern bestehenden gen des Panzer-Regiments 5 sammeln.
Wehrmacht werden Siedlung „Maybach II“ begannen 1940. Diese Einblicke in einige ausgewählte
den Besuchern Im Ausstellungsbereich zur Geschichte Ausstellungsbereiche können nur einen
präsentiert. der Garnison von den 1920er-Jahren Ausschnitt dessen widerspiegeln, was den
Foto: Autor bis 1945 wird die Entstehung weite- Besucher im Garnisonsmuseum Wünsdorf
rer Kasernenanlagen an diesem erwartet.

ÜBERBLEIBSEL: Glasvitrine mit Relik- ABWECHSLUNGSREICH: Blick in die ver-


ten des Zweiten Weltkriegs. schiedenen Ausstellungsbereiche des Garni-
Foto: Autor sonsmuseums. Foto: Autor

Clausewitz 3/2013 81
Nr. 13 | 3/2013 | Mai-Juni | 3.Jahrgang

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„Völkerschlacht“ bei Leipzig 1813 CLAUSEWITZ
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wichtigsten Entscheidungsschlachten der „Befreiungskriege“ Maximilian Bunk, M.A. (Redakteur),
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Kampf um Charkow 1943 Geschäftsführung Clemens Hahn, Carsten Leininger


Hitlers letzter Sieg im Osten Herstellungsleitung Zeitschriften Sandra Kho
Vertriebsleitung Zeitschriften Dr. Regine Hahn
Frühjahr 1943: Der Südflügel der Vertrieb/Auslieferung Bahnhofsbuchhandel,
deutschen Ostfront befindet sich Zeitschriftenhandel: MZV Moderner Zeitschriften
Vertrieb GmbH & Co. KG, Unterschleißheim
auf dem Rückzug. Um die Front
Im selben Verlag erscheinen außerdem:
wieder zu stabilisieren, entschei-
det sich Hitler für eine Gegenof-
fensive in Richtung Charkow...

Preise Einzelheft € 5,50 (D),


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Revolutionäre Entwicklung monatlich. Sie erhalten CLAUSEWITZ in Deutschland,
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Ende 1944: Die Me 262 gilt Bahnhofsbuchhandel, an gut sortierten Zeitschriften-
als „Wunderwaffe“ der Luft- kiosken sowie direkt beim Verlag.
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waffe. Das modernste Kampf-
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hinaus... für den redaktionellen Inhalt: Dr. Tammo Luther; ver-
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Außerdem im nächsten Heft: Hinweis zu §§ 86 und 86a StGB: Historische Original-


fotos aus der Zeit des „Dritten Reiches“ können
Kampf um Wien 1683. Sieg des „Abendlandes“. Joseph Wenzel Graf Radetzky von Hakenkreuze oder andere verfassungsfeindliche
Symbole abbilden. Soweit solche Fotos in CLAUSEWITZ
Radetz (1766–1858). Österreichs berühmter Feldherr. veröffentlicht werden, dienen sie zur Berichterstattung
über Vorgänge des Zeitgeschehens und dokumentieren
Und viele andere Beiträge aus den Wissengebieten Geschichte, Militär und Technik. die militärhistorische und wissenschaftliche
Forschung. Wer solche Abbildungen aus diesem Heft
kopiert und sie propagandistisch im Sinne von
Lieber Leser, § 86 und § 86a StGB verwendet, macht sich strafbar!
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schichte begeistern wie Sie? Dann empfehlen Sie uns von jeglicher nationalsozialistischer Gesinnung.
doch weiter! Ich freue mich über jeden neuen Leser.
von
Ihr verantwortlicher Redakteur erscheint
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