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6/2016 November | Dezember € 5,50 A: € 6,30 CH: sFr 11,00 BeNeLux: € 6,50 SK, I: € 7,45 FIN: € 8,10

Das Magazin für Militärgeschichte

Clausewitz
Sewastopol 1942

„Taifun“ 1941
So fiel die stärkste
Wie die Wehrmacht
Moskau erobern Festung der Welt
wollte

P-38 Lightning
Der US-Teufel im
Pazifikkrieg

Bauernaufstand
1525: So wurde
der Adel überrumpelt
Max von Gallwitz FESTUNG IN FALAISE
Der General, Residenz der Normannen
der 1918
Diktator Wo die Invasion Englands begann
werden
sollte
Die gef ü r c h t e t e n
Ka m p f p a n z e r
der W e h r m a c h t
GeraMond Verlag GmbH, Infanteriestraße 11a, 80797 München

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Editorial 22. Folge Krieger, Söldner & Soldaten

Liebe Leserin, Südamerikas Sonnenkrieger


lieber Leser, Die Inka, die sich als Abkömmlinge der Sonne verstehen, erobern ein riesi-
ges Reich in Südamerika. Rückgrat dieses Imperiums sind die Inka-Krieger.
der Name Sewastopol steht wie kein
zweiter als Inbegriff für eine unein-
nehmbare Festung, ein gigantisches Ü ber die Frühgeschichte des Inkareiches,
das vermutlich um 1200 entsteht, gibt
es nur Legenden und Mythen. Erst ab Mitte
sind Steine, die entweder die Abhänge hinun-
tergerollt oder mittels einer Schleuder ver-
schossen werden. Die spanischen Konquista-
Bollwerk. Traurige Berühmtheit erlangte
die Krim-Festung erstmals um die Mit- des 15. Jahrhunderts liegen konkrete Quellen doren können das Inka-Reich schnell erobern
te des 19. Jahr- vor. Zu dieser Zeit rückt auch der Kult um den (siehe Clausewitz 5/16), nicht nur weil sie eine
hunderts. Da- Sonnengott Inti in das Zentrum der inkaischen überlegene Kriegstechnologie mitbringen, son-
mals standen Weltanschauung. Unter Huayna Capac erreicht dern vor allem, weil das Land durch den Bür-
sich Russland das Land seine größte Ausdehnung bis zum gerkrieg zwischen Huáscar und Atahualpa er-
auf der einen Río Maule im Süden. Dieses riesige Anden-Im- schöpft ist. Zudem finden die Europäer leicht
und das Osmani- perium wird von gut organisierten Truppen er- indigene Verbündete, die das Joch der verhass-
sche Reich mit obert und gesichert. Allein in der Festung ten Inkaherrschaft abschütteln wollen. Als der
Unterstützung Sacsahuamán sind 5.000 Soldaten statio- letzte Inka-Herrscher Tupac Amaru 1572 von
Großbritanniens niert, um die Hauptstadt Cuzco zu verteidigen. den Spaniern hingerichtet wird, endet die Ge-
und Frankreichs Die Inka legen Straßen, Arsenale und Proviant- schichte des südamerikanischen Indianer-Im-
sowie des Kö- lager an, damit die Armee im Ernstfall bewe- periums.
nigsreichs Sardinien auf der anderen gungsfähig bleibt und ständig versorgt werden
kann. Jeder Mann erhält eine militärische
Seite gegenüber. Höhepunkt der Bela-
Grundausbildung. Inka-Krieger ziehen, anders
FAKTEN
gerung von Sewastopol war der Mo-
ment, als französische Truppen das als sonst in Südamerika üblich, nicht in den Zeit: Zirka 1200 bis 1572
mächtige Fort Malakoff am 8. Septem- Krieg, um Gefangene zu machen, sondern um Spezialtaktik: Steinschlagfallen in engen Tä-
ber 1855 erstürmten. Mit diesem Er- zu töten. Organisatorisch überlegen, unter- lern und Schluchten
folg war auch die Schlacht um die Fes- scheiden sie sich waffentechnisch hingegen Ausrüstung: Helm (aus Kupfer, Bronze,
tung zugunsten der Alliierten kaum von ihren Gegnern – Eisen ist nicht be- Holz oder Tierhaut), Holzschild,
entschieden. kannt und so sind die Waffen hauptsächlich durch Holzplatten verstärktes
85 Jahre nach dem Ende des Krimkrie- aus Kupfer, Bronze, Holz und Stein. Die Inka Stoffhemd
ges von 1853–1856 rückte Sewasto- nutzen aber das bergige Terrain ihres Reiches Hauptwaffen: Speer, Axt,
pol erneut in den Fokus der Weltöffent- geschickt aus: Die effektivsten Waffen Kriegs-Keule, Schwert, Bogen,
Steinschleuder, Bola (Schleuder-
lichkeit. Die Belagerung durch die waffe)
Wehrmacht in den Jahren 1941/42 MÄCHTIGE KRIEGER MIT
Wichtige Schlachten: Schlacht
dauerte insgesamt etwa acht Monate. „EISENMANGEL“: Die Inka, ein
am Río Maule (zwischen
Mit dem Mut der Verzweiflung folgte südamerikanisches Indianer- 1471 und 1493), Bürgerkrieg
die Besatzung dem Befehl von Josef volk aus Peru, besitzen eine (1529–1532), Schlacht/Mas-
Stalin und harrte in den Trümmern der gut organisierte Armee. Der saker von Cajamarca (1532),
stark zerstörten Festung aus. Mit der abgebildete Soldat ist mit ei- Schlacht von Maraycalla
Pistole in der Hand trieb Lew Sacharo- ner Bronzeaxt und einem Holz- (1534), Belagerung von Cuz-
witsch Mechlis (1889–1953), der schild ausgerüstet – eine Aus- co (1536/1537), Schlacht von
Volkskommissar für Verteidigung, viele stattung, die gegen die Eisen- Ollantaytambo (1537)
Soldaten der Roten Armee in das tödli- und Feuerwaffen der Spanier
che Feuer der Deutschen. allerdings so gut wie
Während Mechlis schließlich wegen mi- nutzlos ist
litärischer Unfähigkeit und Nichtausfüh- Abb.: Johnny Shumate
rung von Befehlen degradiert wurde,
erklärte Stalin die Stadt am 1. Mai
1945 zur „Heldenstadt“ – „für den Wi-
derstand von Stadt und Festung wäh-
rend der Schlacht um Sewastopol und
der Weigerung zur Kapitulation.“
Lesen Sie in unserer aktuellen Titelge-
schichte „Mansteins heikle Mission“
ab Seite 10 alles Wissenswerte über
den dramatischen Kampf um die da-
mals wohl stärkste See- und Landfes-
tung der Welt.

Ich wünsche Ihnen eine spannende


und abwechslungsreiche Lektüre.

Dr. Tammo Luther


Verantwortlicher Redakteur

3
Clausewitz 6/2016
Inhalt
Titelthema Titelgeschichte | Sewastopol 1942

Angriff auf die gewaltige Krim-Festung

Mansteins heikle Mission........................................................................................10 Mansteins


Angriff auf die gewaltige Krim-Festung 1942. heikle Mission
Juni 1942: Erich von Mansteins Auftrag ist äußerst
gewagt. Seine 11. Armee soll endlich die mächtige und

Kampf ohne Atempause ...........................................................................................24 strategisch bedeutsame Festung Sewastopol erobern


und den brisanten Gefahrenherd auf der Krim endgültig
ausschalten Von Tammo Luther

Extreme Belastungen für Angreifer und Verteidiger.

Bollwerk der Superlative ...........................................................................................28


Die mächtigen Anlagen der Festung Sewastopol.
5 KURZE FAKTEN
ZEIT: Juni/Juli 1942
ORT: Halbinsel Krim (Schwarzes Meer/Asowsches Meer)
KONTINENT: Europa
DEN GEGNER IM VISIER: GEGNER: Deutsches Reich, Verbündete – Sowjetunion
Generaloberst Erich von Manstein beobachtet von EREIGNIS: Deutsch-rumänischer Angriff auf die
einem vorgeschobenen Posten aus die Kämpfe um Festung Sewastopol
die stark befestigte Festung Sewastopol. Sie soll
im zweiten Anlauf in deutsche Hände fallen, doch
ihre Verteidiger leisten erbitterten Widerstand
Foto: ullstein bild - Heinrich Hoffmann

10 Clausewitz 6/2016 11

Sewastopol wurde nicht nur zur Festung


ausgebaut, das Vorfeld bot auch wenig
Deckung, so dass hohe Verluste
programmiert waren Foto: Oliver Richter

Magazin Kriege, Krisen & Konflikte


Neues zur Militärgeschichte, Ausstellungen und Bücher. ...................... 6 Kampf um Frankreichs kostbarste Kolonie ...................40
Der Algerienkrieg 1954–1962.
Schlachten der Weltgeschichte
Bildstrecke
Im Zeichen des Regenbogens ......................................................................32 Kampfmaschinen der Weltkriege
Dramatische Bauernkriegsschlacht von Frankenhausen 1525.
wiederbelebt..........................................................................................................................................46
Dynamische und detaillierte Rekonstruktionen
Militärtechnik im Detail
aus den USA.
Der „Gabelschwanzteufel“ .....................................................................................38
P-38 Lightning Abfangjäger aus den USA. Meinung
Titelfotos: Sammlung Anderson, Weider History Group/Jim Laurier, picture-alliance/Süd-
Der entgrenzte Krieg ..........................................................................................................52
deutsche Zeitung Photo, picture alliance/zb, ullstein bild–Haeckel Archiv, Ulrich Pfaff Die Wiedergeburt des Stellvertreterkrieges.

4
Schlachten der Weltgeschichte | Frankenhausen 1525 Kriege, Krisen und Konflikte

Dramatische Bauernkriegsschlacht bei Frankenhausen AUF DER JAGD: Mit einem örtlichen Führer sind Fallschirmjäger der
Fremdenlegion auf der Suche nach Rebellen der FLN. Die Nähe zum

Im Zeichen
Mutterland und der hohe Anteil an französischen Siedlern machen
Algerien zu einem extrem bedeutenden Besitz Abb.: Jürgen Joachim

des Regenbogens
15. Mai 1525: Einen auftauchenden Regenbogen am Himmel sieht Thomas Müntzer
als „göttliches Heilszeichen“: Er verspricht seinem von fürstlichen Truppen umlagerten
Bauernheer Unverwundbarkeit im bevorstehenden Kampf Von Eberhard Birk

B
ei Frankenhausen am Südhang des le des niederen Adels im wirtschaftlichen
Kyffhäusergebirges findet an jenem Niedergang begriffen. So sind es folglich die
15. Mai 1525 eine der bedeutendsten größeren Territorialherren, die sich bei allem
und blutigsten Schlachten des Bauernkrieges gegenseitigen Argwohn erst zusammenfin-
statt. Das Aufeinandertreffen der fürstlichen den müssen, um die Revolte niederzuschla-
Truppen mit dem Heer der gen.
Aufständischen bildet den Aber auch die Bauern
Höhepunkt des Bauernkrie- sind überrascht: Das Ge-
ges in Mitteldeutschland. fühl der „Masse“ verleiht
Doch das Zentrum des Auf- ihnen zunächst einen
standes der Bauern liegt zu- Vorteil, den sie zuvor auf-
nächst in Franken und seiten der Obrigkeit gese-
Schwaben. hen hatten. Und auch
In Süddeutschland ste- wenn der Begriff „Hau-
hen die fürstlichen Truppen fen“ eine gewisse Desor-
des „Schwäbischen Bun- ganisation der militäri-
des“ unter dem militäri- schen Schlagkraft der
schen Kommando des Bauern nahelegen mag:
„Bauernjörg“ Georg III. Dieser ist durchaus gut DER KRIEG IN ZAHLEN*
Truchseß von Waldburg. organisiert. Die von den
Ihm gelingt es durch hin- Mannschaften mitgeführ- Algerienkrieg
terlistige Diplomatie und ten „bäuerlichen“ Dresch- FLN (ALN) Frankreich
enorme Marschleistungen IM PORTRÄT: Thomas Müntzer, flegel, Sensen und derglei- Truppenstärke bis zu 200.000 (1960) bis zu 750.000 (1960)
seiner Truppen, die Haufen protestantischer Theologe, Revo- chen sind nicht seine ein- + Zehntausende zivile Unterstützer inkl. Zehntausende Harkis (algerische
der süddeutschen Bauern lutionär und Führer der Bauern in zige Bewaffnung. Ein Unterstützer/Loyalisten)
einzeln zu schlagen. Thüringen. Er unterliegt mit sei-
nen Aufständischen bei Franken-
Haufen verfügt auch über
einige Geschütze und
Der Algerienkrieg 1954–1962 Verwundete
Tote
unbekannt
150.000 (inkl. 12.000 interne „Verluste“)
zirka 65.000 (+ einige Tausend Europäer)
25.000 Soldaten (+ einige Tausend Europäer)
(+ Hunderttausende Zivilisten) + Zehntausende Harkis
Überraschter Adel

Kampf um Frankreichs
hausen und wird schließlich hinge- zahlreiche Handbüchsen
Doch wird der Adel vom richtet Abb.: picture-alliance/akg-images als Feuerwaffen. Er kann

D
Aufstand der Bauern zu- in der Regel aber nicht auf ie Aufständischen wähnen sich in Si- reich, nachdem es nur vier Jahre zuvor den französischen Interessen an dem Gebiet las-
nächst vollkommen überrascht. Bislang be- eine für die Aufklärung im Vorfeld und ei- cherheit, als sie sich im April 1958 in ei- Indochinakrieg mit der verheerenden Nie- sen sich bis in das 16. Jahrhundert zurück-
fehdete er sich gegenseitig und versuchte, nen entscheidenden Angriff so wichtige Rei- nen Bergkessel zurückziehen. Doch derlage von Dien Bien Phu (8. Mai 1954) kra- verfolgen – und seit Mitte des 19. Jahrhun-

kostbarste Kolonie
zwischen eigenen Interessen und jenen des terei zurückgreifen. was nun geschieht, überrascht die Algerier chend verloren hatte. derts gilt Algerien als Teil Frankreichs. Zu-
Klerus die Unruhe in den Städten zu jeweils vollkommen: Von allen Seiten knattern plötz- gleich handelt es sich nicht um eine rein
eigenen Gunsten zu nutzen. Zudem sind Tei- Mangelnde Kriegserfahrung lich Hubschrauber heran und riegeln sämtli- Koloniales Krisengebiet innerfranzösische Angelegenheit, sondern
Von den „regulären“ Truppen der Fürsten che Zugänge ab: Das vermeintliche Versteck Der Konflikt in Algerien beginnt nur wenige der Konflikt wird vom sich verstärkenden
unterscheiden sich die Bauern erheblich in entpuppt sich als Todesfalle. Die Soldaten des Monate später, am 1. November 1954. Frank- Ost-West-Gegensatz überschattet – verbun-

S.32 S.40
der Frage der Disziplin und Professionalität.
HIMMELSERSCHEINUNG: Müntzer Ihre mangelnde Kriegsgeübtheit können sie
1962: Die Grande Nation ist schwer gedemütigt. Nach Indochina (1954), ist auch Alge- 1. Fallschirmjäger-Regiments der Fremden- reich ist damit unmittelbar von der nach den mit der Möglichkeit, dass sich ein unab-
legion fackeln auch nicht lange und eröffnen dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Deko- hängiges Algerien auf die Seite der Sowjet-
interpretierte Regenbogenfarben als durch Enthusiasmus und das Gefühl, für ei- rien verloren, und muss in die Unabhängigkeit entlassen werden. Frankreich gibt seine das Feuer, worauf die Algerier in nahe Höh- lonialisierung betroffen, und im Falle Alge- union schlägt und damit nicht nur das östli-
göttliches Zeichen, um die Bauern zur ne „gerechte und gottgefällige Sache“ zu len fliehen. riens noch dazu direkt vor der eigenen che Mittelmeer (Stichwort Ägypten), son-
Entscheidungsschlacht zu animieren kämpfen, nicht ausgleichen. Insbesondere
Besitzung in Nordafrika aber nicht kampflos auf – und so geht der Souveränität Alge-
Der Kolonialkrieg in Nordafrika verlief Haustür. Darüber hinaus ist Algerien nicht dern auch das westliche in den kommunisti-
Abb.: picture-alliance/dpa-Zentralbild das Bestreben der Bauern, sich auf strategi- riens ein blutiger Krieg voraus Von Robert Riemer mittlerweile überraschend gut für Frank- irgendeine beliebige Kolonie, sondern die schen Einflussbereich rückt.

32 Clausewitz 6/2016 33 40 Clausewitz 6/2016 41

Bildstrecke Schlachten der Weltgeschichte | Moskau 1941

Riskanter Vorstoß von Guderians 2. Panzerarmee


Dynamisch & detailliert
F
otografien sind unbestritten eine der wichtigsten

„Husarenritt“
Quellen für die Rekonstruktion vergangener Epo-

Kampfmaschinen
chen. Unsere Vorstellung davon, wie die beiden
Weltkriege „ausgesehen“ haben, ist maßgeblich von der
bildlichen Überlieferung geprägt. Aber Fotos haben ihre
Schwächen. Das gilt besonders, wenn sie im Zusam-
menhang mit Kampfhandlungen stehen. In der Regel

der Weltkriege nach Tula


sind sie statisch. Und zwar in dem Sinn, dass sie etwa
ein Flugzeug vor oder nach einem Einsatz zeigen – und
nicht, jedenfalls meistens, während des eigentlichen
Kampfes. An dieser Stelle kommen Rekonstruktionen

wiederbelebt
ins Spiel. Rekonstruktionen, die kraftvoll, lebhaft und
„in Bewegung“ sind. Der ehemalige Ingenieur Mike
Newland – der unter anderem U-Boote für die US-Navy
konstruiert hat – stellt solche plastischen „Zeitfenster
in die Vergangenheit“ her. Sein Interesse für Militär- Oktober 1941: Die Heeresgruppe
technik speist sich einerseits aus der Faszination für Mitte setzt zum Sturm auf
„mächtige Maschinen“ und andererseits aus der Fami-
liengeschichte. Sein Vater war Fluglehrer beim Militär, Stalins Hauptstadt an. Auf
zwei Onkel dienten unter General Patton und ein an- ihrem rechten Flügel
derer Familienangehöriger war bei der Marine. Verbun-
den mit einer Passion für Kunst und Fotografie führte kämpft die 2. Panzer-
dieser Hintergrund zur Anfertigung von historischen
Kampfszenen. Im Mittelpunkt steht dabei die Militär-
armee. Sie soll zu-

K
technik im Einsatz, die zwar martialisch wirkt – und nächst bis Tula im ein Geringerer als der in den „Blitzkrie-
wirken soll, denn Krieg ist kein Kinderspiel! – aber nie- gen“ in Polen und Frankreich bewährte
mals in die niederen Sphären des Reißerischen abgleitet.
Süden von Moskau vor-
Generaloberst Heinz Guderian ist für
Dafür ist Mike Newlands Respekt vor den Männern stoßen – ein äußerst eine riskante Aufgabe vorgesehen: Er soll den
zu groß, die in den abgebildeten Maschinen kämpfen Panzervorstoß bis zum Industrie- und Rüs-
mussten. Zu dieser Anerkennung gehört auch die heikler Auftrag tungszentrum Tula etwa 190 Kilometer süd-
gründliche Recherche, um die Szenen akkurat wieder- Von Tammo Luther lich von Moskau führen. Ein waghalsiges Un-
zugeben. Eben wie auf einem klassischen Foto – nur terfangen wartet im Rahmen der deutschen
dynamischer, in Aktion und Farbe. Mike Newland ver- Herbstoffensive (Unternehmen „Taifun“) auf
wendet dazu historisches Bildmaterial, Fachliteratur die abgekämpfte Truppe.
und spricht mit Veteranen und Augenzeugen. Das Er- Doch nach dem Triumph in der Kessel-
gebnis sind faszinierende Kunstwerke, die sich nicht schlacht von Kiew Ende September 1941

5 KURZE FAKTEN
als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu Fotografien lässt Hitler den scheinbar unbezwingbaren
verstehen. Soldaten der Wehrmacht keine Zeit zum Ver-
schnaufen. Er setzt nun alles auf eine Karte.
ZEIT: Oktober bis Dezember 1941 Der „Führer“ will vor Wintereinbruch in Sta-
ORT: Raum westlich/südwestlich vor Moskau lins Machtzentrum an der Moskwa vorsto-
KONTINENT: Europa ßen und seinem Widersacher den militäri-
TÖDLICHER TRIUMPH: Am 10. August 1918 schießt GEGNER: Deutsches Reich/Sowjetunion schen Todesstoß versetzen.
Rudolph Berthold in seiner Fokker D. VII (gut an seinem Wappen zu EREIGNIS: Deutscher Vorstoß Richtung Moskau Dieses Ziel ist extrem ehrgeizig ange-
erkennen, dem „geflügelten Schwert”) zwei britische DH-4 Bomber sichts der stark verminderten Soll-Stärken
ab. Das hochdekorierte deutsche Fliegerass kollidiert dabei der deutschen Panzer- und Infanteriedivisio-
unglücklich mit einem seiner getroffenen Opfer, stürzt ab, kracht in
nen. Denn vor allem die motorisierten Ver-
ein Haus – und ist tot. Aufgrund zahlreicher alter Kriegsverletzungen
– unter anderem steckt eine Kugel in seinem rechten Arm – kann er bände sind aufgrund der vorangegangenen
seine Maschine nur noch einhändig steuern und verliert vermutlich Kämpfe weit entfernt von ihrer gewohnten
deshalb die Kontrolle während seines letzten Kampfes Durchschlagskraft. Trotz dieses großen Man-
kos und der fortgeschrittenen Jahreszeit
zeigt man sich auf deutscher Seite durchaus
optimistisch. Man glaubt, noch etwa zwei
Monate Zeit zu haben, um Moskau vor Ein-

S.46 S.60
bruch des Winters zu erobern.

MÜHSAMER VORMARSCH: Die deutschen


Startschuss für „Taifun“
Angreifer kommen bei ihrer Herbstoffensive Am 2. Oktober 1941 bricht die Operation
an vielen Frontabschnitten nur langsam vo- „Taifun” über die Ostfront herein. Der Hee-
ran. Dennoch scheint der Sieg zum Greifen resgruppe Mitte unter ihrem Oberbefehlsha-
nahe zu sein Foto: ullstein bild - Arthur Grimm

46 Clausewitz 6/2016 47 60 Clausewitz 6/2016 61

Spurensuche | Falaise Menschen & Geschichten

REISE IN DIE VERGANGENHEIT:


Diese Rekonstruktionsgrafik
zeigt den mächtigen Stammsitz
der normannischen Herzöge so,
General der Artillerie Max von Gallwitz

Feldherr an
wie er im Mittelalter ausgesehen
haben könnte Abb.: Ulrich Pfaff

WECHSELNDE AUFGABEN:
Gallwitz bekommt im Laufe
seiner Militärkarriere zahlrei-
che Kommandos über ver-
schiedene Großverbände
übertragen
vielen Fronten
1914–1918: Max von Gallwitz gilt als ausgewiesener Artilleriefachmann und befehligt
picture-alliance/©dpa Bilderdienste
während des Ersten Weltkriegs mehrere Armeen und Heeresgruppen. In der Weimarer
Republik kämpft er auf einem neuen „Kriegsschauplatz“ Von Lukas Grawe

M ax von Gallwitz – dieser Name dürf-


te heute vielen Menschen weniger
geläufig sein als die anderer Feldher-
ren der Kaiserlichen Armee wie Paul von
Hindenburg, Helmuth von Moltke oder Erich
einer der besten Führer unseres Heeres“, be-
schrieb Ludendorff im Jahr 1915 den General
der Artillerie, der sich soeben bei den Kämp-
fen an der Ostfront ausgezeichnet hatte.
Doch verkörpert der dem einfachen Bür-
Ludendorff. Dabei gilt er als einer der fähigs- gertum entstammende Katholik Gallwitz al-
ten deutschen Offiziere des Ersten Welt- les andere als den Urtypus des preußischen
kriegs. „Ein unternehmender und gedanken- Generals. Wer also war dieser deutsche
reicher Soldat, ein Mann mit vielseitigen In- Heerführer, der nach dem Krieg den Dienst
teressen auf allen Gebieten des Lebens, war in der Armee quittierte und in der politi-

Das Château Guillaume-le-Conquérant in Falaise

Heimat der
normannischen Herzöge
Um 1100: Es ist eine monumentale Burg, die dramatisch auf einem Felssporn thront.

S.66 S.74
HOHER BESUCH: Infanterie marschiert an
Von hier aus regieren die Herzöge der Normandie. Der berühmteste unter ihnen ist zwei- Kaiser Wilhelm II. und hochrangigen Heerfüh-
Foto: xxxxx

fellos der Mann, der als Wilhelm der Eroberer in die Geschichte eingeht Von Ulrich Pfaff rern vorbei, unter ihnen Max von Gallwitz
(ganz rechts) Foto: ullstein bild - ullstein bild

66 Clausewitz 6/2016 67 74 Clausewitz 6/2016 75

Militär und Technik „Lernen, um zu siegen“ ................................................................................................72


„Königin der Wüste“?........................................................................................................54 Frankreichs angesehene Militärakademie Saint-Cyr.
Der britische Infantry Tank Mk.II Matilda II.
Menschen & Geschichten
Schlachten der Weltgeschichte
„Husarenritt“ nach Tula ................................................................................................60 Feldherr an vielen Fronten ....................................................................................74
General Max von Gallwitz – Militär und Politiker.
Riskanter Vorstoß von Guderians 2. Panzerarmee.

Spurensuche Spurensuche
Die Heimat der normannischen Herzöge ...........................66 Schiffsduell im Sturm ......................................................................................................80
Das Château Guillaume-le-Conquérant in Falaise. Dramatische Seeschlacht in der Bucht von Quiberon.
Titelbild: Für die Einnahme Sewastopols zog die Wehrmacht schwerste Artillerie
zusammen – darunter auch die 28-Zentimeter-Kanone K5 Vorschau/Impressum............................................................................................................................82

Clausewitz 6/2016 5
Magazin

Oberhalb der alten Universitätsstadt


Würzburg thront die mächtige Festung Marien-
berg. Weite Teile der Anlage sind begehbar
Foto: picture-alliance/DUMONT Bildarchiv

BEGEHBARE WEHRANLAGE

Festung Marienberg
Beeindruckendes Wahrzeichen oberhalb Würzburg

D
ie Festung Marienberg besticht durch ih- ger Fürstbischöfe. Die Hauptburg baute man Das Festungsinnere ist von wehrhaften Bastionen
re reiche geschichtliche Vergangenheit um 1600 zum Renaissanceschloss um. Nach umgeben Foto: picture-alliance
und ihre stolze Erscheinung. Über einen der Eroberung durch die Schweden im Jahre
Zeitraum von drei Jahrtausenden hinweg 1631 wurde die Burg zur starken Barockfes- vom Würzburger Stadtzentrum entfernt. Von
lässt sich die Historie der gewaltigen Bergfes- tung mit zahlreichen Bastionen ausgebaut. ihren mächtigen Mauern aus hat man einen
te verfolgen. Schon in vorchristlicher Zeit In das Zeughaus zog nach den schweren hervorragenden Ausblick auf die alte Univer-
existierte an der Stelle der heutigen Anlage Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs das sitätsstadt. Öffentliche Burgführungen werden
eine keltische Fliehburg. Mainfränkische Museum. angeboten, Gruppen werden um vorherige
Den Kern der späteren Der gewaltige, vierge- Im Ostflügel befindet sich Anmeldung gebeten.
Burg bildet die im frü- schossige Geschütz- das Fürstenbaumuseum
hen 8. Jahrhundert ge- turm aus dem ersten mit den fürstbischöflichen Kontakt:
weihte Marienkirche, Drittel des 18. Jahr- Wohnräumen, der Schatz- Festung Marienberg
der früheste Sakralbau hunderts wurde zur Si- kammer und einer Abtei- Nr. 240
östlich des Rheins. cherung der Südflanke lung zur Stadtgeschichte 97082 Würzburg
Von 1253 bis 1719 war der Festung errichtet Würzburgs. Telefon: 0931 3551750
die 1201 gegründete Burg Foto: picture-alliance/Bild- Die Festung Marienberg www.wuerzburg.de und
Residenz der Würzbur- archiv Monheim liegt nur einen Steinwurf www.schloesser.bayern.de

NEUES AUS DEN MILITÄRMUSEEN

Zuwachs in Down Under


Wargaming stiftet Militärmuseum in Australien einen AC1 Sentinel

D as Australian Armour & Artillery Mu-


seum, das größte seiner Art in der süd-
lichen Hemisphäre, erhält Zuwachs in Form
Spieler aus Australien“, so Bobko weiter.
„Diese Panzer waren die einzigen, die in
Massen in Australien entstanden. Heute
eines AC1 Sentinel. „Mehr als zwei Jahre existieren davon weltweit nur noch drei
stecken in diesem Projekt“, erzählt Alexan- Stück.“ Es wird aber noch etwas dauern,
der Bobko, Head of Global Marketing Pro- bis das Publikum den Kampfwagen besich-
ducts bei Wargaming, von den Arbeiten. tigen kann – es sind noch einige Arbeiten
Das Unternehmen hinter Spielen wie fällig, bis der Panzer wieder in seinem alten
„World of Tanks“ bezahlt weltweit Projekte, Glanz erstrahlt. Das Museum befindet sich
die sich der Restaurierung von „Veteranen“ in Cairns, North Queensland, und verfügt
verschreiben. über 119 Fahrzeuge mit einem besonderen
Im Falle des Sentinel kommt der Panzer Schwerpunkt auf dem Zweiten Weltkrieg.
aus der Sammlung von Jacques Littlefield Nähere Informationen im Internet unter: Gründlich: Die Restaurierung des AC1 Sentinel in Australien ist
aus Kalifornien. „Den Impuls gab uns ein www.ausarmour.com zeitaufwendig und wird noch etwas dauern Foto: Alexander Losert

6
NEUERSCHEINUNG

Union Jack und Jerrycan


Studie über leichte britische Transport- und
Aufklärungsfahrzeuge

N
149,5
Meter lang (Länge über alles) sind die im

Foto: picture-alliance/©dpa
ach dem alliierten Misserfolg im Frankreichfeld-
Abb.: Helios Verlag

Bau befindlichen Fregatten der Baden-Würt-


zug von 1940 stand die britische Armee, vorher Reich illustrierte temberg-Klasse. Vier Exemplare dieser
die bestmotorisierte Europas, fast ohne Transport- Neuerscheinung hochmodernen Überwasserkampfschiffe soll
und leichte Kampffahrzeuge da. Uraltes Material die Deutsche Marine bis 2019 erhalten. Sie
wurde aus den Depots geholt, Improvisationen wurden auf den Weg werden im Marinestützpunkt Wilhelmshaven
gebracht. Auf der Basis der sehr leistungsfähigen Pkw-Produktion stationiert und sollen die ehemals acht
Schiffe der Bremen-Klasse (F122) ersetzen.
der 1930er-Jahre entstanden nun in großer Stückzahl feldverwen-
dungsfähige leichte Transport- und Aufklärungsfahrzeuge. Diese
Light Utility Cars beziehungsweise Light Reconnaissance Cars be-
währten sich und blieben bis über das Ende des Zweiten Weltkriegs
BUNDESWEHR
hinaus im Dienst.
Mit der ersten deutschsprachigen Veröffentlichung zu diesem spe- Neues altes Übungsterrain
ziellen Thema hat das deutsch-niederländische Autorenteam viele bis- Truppenübungsplatz in Torgelow wird reaktiviert
lang kaum bekannte Aspekte untersucht. Das in Zusammenarbeit mit
Fahrzeugsammlern und Reenactors zusammengetragene Bildmaterial
enthält auch bislang unveröffentlichte Fotos.
Dennis Buijs, Lars Herrmann, Detlef Ollesch und Hagen Seehase:
Union Jack und Jerrycan. Die britischen Light Utility Cars & Light Re-
connaissance Cars des Zweiten Weltkrieges, 90 Seiten, fest gebunden, 190
Fotos, 65 davon farbig, DIN-A4, 21 x 28,6 cm, Preis: 25,80 Euro

Foto: picture-alliance/©dpa
Das Mittelalter kennt zahlreiche Eroberer, Krieger-Könige
und Heerführer. Clausewitz stellt einige besondere Feldher-
ren dieser Epoche in chronologischer Reihenfolge vor:
Auf dem Truppenübungsplatz Jägerbrück bei
 Karl der Große (748–814) In zahlreichen Feldzügen erneuert er Torgelow soll es bald wieder größere Übungen geben
das westliche Kaisertum und erschafft das mächtigste Reich seit dem

D
Untergang Roms. ie Bundeswehr reagiert auf an. Die Aktivitäten auf dem et-
❷ Wilhelm der Eroberer (1027–1087) Sein entscheidender Sieg die veränderte Sicherheitsla- wa 10.000 Hektar großen, vor al-
bei Hastings im Jahr 1066 prägt die englische und europäi- ge und stuft den im Jahr 2011 lem von Soldaten der Panzer-
sche Geschichte nachhaltig. zurückgestuften Übungsplatz grenadierbrigade 41 genutzten
❸ Rodrigo Diaz de Vivar, genannt „El Cid“ Jägerbrück bei Torgelow (Kreis Areal, sollen wieder intensiviert
(1043–1099) Der spanische Nationalheld ist eine Vorpommern-Greifswald) in werden, umfangreiche Übungen
Schlüsselfigur der Reconquista. Das Glanzstück des Mecklenburg-Vorpommern wie- auch mit Kampfpanzern wieder
Taktikgenies ist die Eroberung Valencias 1094. der hoch. Dies kündigte Bun- möglich sein.
❹ Saladin (1138–1193) Der Sultan kurdischer desverteidigungsministerin Ur- Auch befreundete Streitkräfte
Abstammung ist der gefährlichste Gegner der Kreuz- sula von der Leyen (CDU) Ende – etwa aus Polen – sollen den
fahrer – und bis heute einer der bekanntesten muslimi- August 2016 anlässlich eines Truppenübungsplatz künftig
schen Heerführer. Truppenbesuches in Torgelow nutzen dürfen.
Stolzer Spanier: ❺ Dschingis Khan / Temudschin (1155–1227)
El Cid, Ritter und Der mongolische Großkahn ist Erschaffer des größten
Held der Recon- (zusammenhängenden) Weltreichs der Geschichte, das
quista
❻ Timur Länk
sich vom Kaspischen bis ans Japanische Meer erstreckt.
/ Tamerlan (1336–1405) Der zentralasiatische
Herrscher („Timur der Lahme“) gilt als Erneuerer des Mongolenreiches
FF Modell-Service
und Erbe Dschingis Kahns. Auftragsmodellbau ... klein aber fein
❼ Mehmed II. der Eroberer (1432–1481) Der Sultan des Osma- Modellbau mehr als Plastik – Nah am Original
Abb.: picture alliance/prismaarchivo

nischen Reiches kämpft in über 25 Feldzügen, erobert Konstantinopel


(1453) und dringt fast bist ins europäische Herzland vor. Individuelle Decal - Herstellung
Weitere Nominierungen: Chālid ibn al-Walīd (unbesiegt in über
100 Schlachten), Subutai (mongolischer Belagerungsexperte), Alexan- www.ffmodell-service.de
der Newski (Sieger der Schlacht auf dem Peipussee), Eduard I. (Eroberer
von Wales und Bezwinger von William Wallace), Süleyman I. (unter
Tel. 01525/900 66 39
ihm erreicht das Osmanische Reich seine größte Ausdehnung), Tokuga- Im Vertrieb:
wa Ieyasu (einigt das feudale Japan).

Clausewitz 6/2016
Clausewitz Magazin

AUSSTELLUNGSTIPP

„Das Duell – Zweikampf um die Ehre“


Sonderausstellung des Wehrgeschichtlichen Museums Rastatt

Eindrucksvolle Original-Waffen wie dieses


Duellpistolenpaar sind ebenfalls zu sehen
Abb.: WGM

tige Einblicke in die wechselvolle


Geschichte des Duellwesens vom
17. Jahrhundert bis in die Zeit des
Der Zweikampf um die Ehre erscheint heute exotisch, unverständlich, als ein Phäno- Fast schon seit Urzeiten trieben Zweiten Weltkriegs. Zusammen
men einer weit entfernten Zeit Abb.: WGM Begriffe wie Ehre, Mut und Männ- mit informativem Text- und Bild-
lichkeit erhitzte Gemüter in ritua- material werden hier die Waffen –

Ich habe das Duellieren stets als


ein versteinertes Überbleibsel ei-
ner vergangenen Epoche angese-
aldemokratie, Ferdinand Lassalle.
Dennoch konnte er sich einem
Zweikampf um die verletzte Ehre
lisierte Zweikämpfe. Ihre Hoch-
Zeit erlebte diese Form des
Schlagabtausches im 18. und 19.
darunter kunsthandwerkliche
Preziosen – gezeigt, die man in
den ritualisierten Zweikämpfen
hen – unvereinbar mit den Prinzi- nicht entziehen und wurde am 4. Jahrhundert. Viele berühmte Per- verwendete.
pien der Demokratie“, schrieb der August 1864 durch die Kugel sei- sönlichkeiten – vom Dichterfürs-
Mitbegründer der deutschen Sozi- nes Gegners tödlich getroffen. ten Alexander Puschkin bis hin Kontakt:
zum Arbeiterführer Lassalle – Wehrgeschichtliches Museum
starben beim Duell. Rastatt im Schloss Rastatt
In seiner ungewöhnlichen Son- Herrenstraße 18
„Die Achtung, die wir in der Welt besitzen, derausstellung „Das Duell – Zwei- 76437 Rastatt
leistet oft mehr als die mächtigsten Heere.“ kampf um die Ehre“, die noch bis Telefon: 07222 / 34 2 44
Ludwig XIV. (1638–1715), genannt der „Sonnenkönig“; französischer Herrscher zum 11. Dezember 2016 gezeigt E-Mail: information@wgm-
wird, bietet das Wehrgeschichtli- rastatt.de
che Museum in Rastatt vielschich- www.wgm-rastatt.de

FILMKLASSIKER
ZEITSCHICHTEN

Die Normannen Die Fotocollage des russischen Fotografen


Sergey Larenkov stellt eindrucksvoll

kommen visualisiert einen Brückenschlag zwischen


Vergangenheit und Gegenwart her.
www.sergey-larenkov.livejournal.com
Zwischen Liebe und loderndem Hass

D ie Story ist simpel: Ein normannischer Lehnsherr


(Charlton Heston) verliebt sich im 11. Jahrhun-
dert in eine Leibeigene. Dies führt zu einem bluti-
gen Zwist mit der lokalen Bevölkerung. Die Liebes-
geschichte ist Hintergrund für spektakuläre Kampf-

www.sergey-larenkov.livejournal.com
und Belagerungsszenen. Die Normannen kommen
(Originaltitel The War Lord) gehört, im Gegensatz
zu anderen Heston-Historienfilmen, zu den eher
leiseren und unbekannteren Kostümdramen.
Der Film war bei seinem Erscheinen 1965 ein
Flop und wurde von ursprünglichen drei auf
knapp zwei Stunden gekürzt – was vermutlich der
Grund für einige Logiklöcher ist. Abgesehen davon
ist er aber optisch nach wie vor sehr ansehnlich.
Fazit: Einer der interessantesten Damals: Soldaten der Wehrmacht ziehen 1941 in die russische Stadt
Historienfilme der 1960er-Jahre – Nowgorod ein und halten sie bis Anfang 1944 besetzt. Während des
und ein Film, der es verdient hat, Krieges erleidet der südöstlich von Sankt Petersburg gelegene Ort
wiederentdeckt zu werden. große Schäden.
Die Normannen kommen, USA Heute: Die heute offiziell Weliki Nowgorod genannte Stadt ist eine
Abb.: Archiv Clausewitz

1965, Regie: Franklin Schaffner,


FSK 16, auf DVD erhältlich der ältesten und architektonisch interessantesten Orte Russlands.
1992 erklärt die UNESCO die historischen Gebäude der 220.000
Das bunte Cover der VHS-Kassette Einwohner zählenden Stadt zum Weltkulturerbe.
(1987) ist selbst schon ein Klassiker

8
BUCHEMPFEHLUNG

,QXQVHUH:HEVKRSÀQGHQ6LHPHKUDOV0LOLWlUPRGHOOHLQ0D‰VWDE%HVXFKHQ6LHZZZDUWLWHFVKRSGH RGHUIUDJHQ6LH,KU0RGHOOIDFKKDQGOHU
Die Luftwaffe und der Starfighter

Artitec =HLWJHVFKLFKWPRGHOOH
Neuerscheinung zum umstrittenen Düsenjet

I n seiner jüngst veröffentlichten Studie un-


tersucht Claus Siano erstmals auch unter
allein organisatorisch überfordert. Sie hat
auch innerhalb der Bundeswehr und im Bun-

Abb.: Carola Hartmann-Miles Verlag


Hinzuziehung der Quellen des Bundestages desverteidigungsministerium wie auch in
und der Luftwaffenführung die Beschaffung den politischen Raum selten umfassend und
und Nutzung des Lockheed F-104 Starfighter eindeutig informiert.
in der Bundeswehr. Der Autor kann dadurch Claas Siano: Die Luftwaffe und der Starfighter.
nachweisen, dass die Probleme, die 1965/66 Rüstung im Spannungsfeld von Politik, Wirt-

®
in die Starfighter-Krise münden, in erster Li- schaft und Militär (Schriften zur Geschichte der
nie selbst verschuldet waren. Die Luftwaffe Deutschen Luftwaffe, Bd. 4), Berlin 2016, 372
war mit dem Waffensystem Starfighter nicht Seiten, Preis: 24,80 Euro

Briefe an die Redaktion Cllau


usewittz
Westfront 1945

Zu „Hitlers Marschall Vorwärts“ 1930 Kommandeur Wie die Wehrmeaicnht


den Niederrh
verteidigte
Helm. Der vernichten-
in Clausewitz 4/2016: 3. Kraftfahrab- de und psychologi-
teilung sche Effekt der Feuer-
Napoleon 1798

Die biographische Tabelle ist ein we- Weeshalb er in


Flandern-Front
Ägyypten kämpfte

Das Grauen des


Josef Kammhuber

nig unterernährt. Im Kommentar zu 1931 1.10. Chef des So wurde


er zum
waffen ist selbst-
G
Albtraum
für die
askr iegs
alliierten

1919 sogar unrichtig: Guderian war Stabes Inspek- Bomber-


Ypern: Einsatz der ersten Chemiewaffen
piloten verständlich unbestrit-
tion der Kraft- ten. Die Armeen, die
MILITÄR & TECHNIK

keineswegs ein gewöhnliches „Frei- Dolphin-


Klasse
Deutsche Hightech-U-Boote
unter israelischer Flagge

korpsmitglied“, sondern der Ia der fahrtruppen Die Kreuzzüge


Angriffs- oder
die Reiche der Azteken
und Inkas besiegten
Veerteidigungskrieg?

„Eisernen Division“. Der „Einsatz im 1932 Besuch der


Ersten Weltkrieg“ lieferte schon deutsch-russischen Panzer- und unterwarfen, bestanden zu ma-
Schlüsselmomente von „Blitzkrieg“ schule in Kasan, daselbst Er- ximal 2% aus Spaniern! 98% der
und Panzerwaffe: Guderian, Sohn ei- probung Kämpfer stellten - wie erwähnt -
nes Berufssoldaten, wird Funkoffi- erster deutscher Modelle von den Azteken bzw. Inkas blutig
zier einer Kavallerieeinheit, das 1935 Oktober. Guderian wird Kom- unterworfene indianische Völker.
heißt, er lernt die Praxis der drahtlo- mandeur der 2. Panzerdivisi- Jürgen Kaltschmitt, per E-Mai
sen Führung von Einheiten des on (Würzburg) Generalmajor.
schnellen Bewegungskrieges in der 1939 Im Polenfeldzug befehligt Gu- Allgemein zu Clausewitz:
5. KD, nachdem er seine Ausbildung derian das XIX. AK (mot.). Ich lese Ihre Zeitschrift wirklich ger-
bei der leichten Infanterie gemacht Erich Quandt, Bremen ne, aber eine Angelegenheit hat
hat. Das wird seine Idee von Kom- mich schon des Öfteren so genervt,
munikation, Führung im Einsatz und Zu „Konquistadoren – dass ich Sie darauf aufmerksam
die Taktik bestimmen. die Imperienzerstörer“ machen wollte, und in der aktuellen
Sein XIX. AK (mot.) soll im Rahmen in Clausewitz 5/2016 Ausgabe ist es mir erneut aufgefal-
der Panzergruppe Kleist am Frank- In der Auflistung der den Konquista- len. Von daher nun: Sie sollten Ihren
reichfeldzug teilnehmen. doren zur Verfügung stehenden Waf- intensiven Gebrauch von „Gänsefüß-
Aus dem Gesagten ergibt sich der fen fehlt meines Erachtens nach ei- chen“ etwas zurückfahren und diese
Werdegang eines Soldaten, der das ne wichtige: die Armbrust! nur noch „nutzen“, wenn es denn
seltene Privileg genießt, zielführigen Sie war schneller nachzuladen und auch wirklich „Sinn“ macht.
Werdegang zu einer Waffe hin zu leichter zu bedienen als die Arkebu- Thomas Gottsmann, per E-Mail
haben, deren Schöpfer er vom Reiß- se und erfüllte ihre Funktion auch
brett über Bau, Erprobung, Organi- bei schlechtem Wetter. Die indiani- Anm. d. Red.: Wir danken Ihnen für Ih-
sation und Einsatzgründsätze, Lo- schen Baumwoll-Panzer wurden re Anmerkungen zu den Gänsefüß-
gistik und Ausbildung bis hin zum vom Armbrust-Bolzen glatt durch- chen. Dort, wo Wörter oder Formulie-
Führen in die Schlacht ist. schlagen, hingegen n i c h t von rungen eine historisch belastete
1907 Mit 19 Leutnant im Hanno- Pfeilen der indianischen Bogen. Wortwahl betreffen oder die Gänse-
verschen Jägerbtl. Nr. 10 Deswegen tauschten viele Spanier füßchen als Stilmittel angebracht sind,
1912 ab Oktober im Telegraphen- sehr schnell die europäische Metall- werden wir sie weiterhin einsetzen. In
bataillon Nr. 3 Koblenz, zur Rüstung gegen den erheblich leich- den anderen Fällen werden wir sehr
Führung einer Kavalleriedivi- teren Schutz aus Baumwolle, be- genau prüfen, ob An- und Abführun-
sion hielten lediglich den metallenen gen wirklich notwendig sind.
1914 August, Funkoffizier in der 5.
Kavalleriedivision, Teilnahme Schreiben Sie an:
an der Marneschlacht redaktion@clausewitz-magazin.de oder
1918 28.2. Eintritt in den General- Clausewitz, Postfach 40 02 09, 80702 München
stab, Ia der „Eisernen Divisi- Leserbriefe spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Die Redaktion
on“ im Osten behält sich vor, Leserbriefe aus Gründen der Darstellung eines möglichst umfassenden
Meinungsspektrums sinnwahrend zu kürzen.

Clausewitz 6/2016
Titelgeschichte | Sewastopol 1942

DEN GEGNER IM VISIER:


Generaloberst Erich von Manstein beobachtet von
einem vorgeschobenen Posten aus die Kämpfe um
die stark befestigte Festung Sewastopol. Sie soll
im zweiten Anlauf in deutsche Hände fallen, doch
ihre Verteidiger leisten erbitterten Widerstand
Foto: ullstein bild - Heinrich Hoffmann

10
Angriff auf die gewaltige Krim-Festung

Mansteins
heikle Mission
Juni 1942: Erich von Mansteins Auftrag ist äußerst
gewagt. Seine 11. Armee soll endlich die mächtige und
strategisch bedeutsame Festung Sewastopol erobern
und den brisanten Gefahrenherd auf der Krim endgültig
ausschalten Von Tammo Luther

5 KURZE FAKTEN
ZEIT: Juni/Juli 1942
ORT: Halbinsel Krim (Schwarzes Meer/Asowsches Meer)
KONTINENT: Europa
GEGNER: Deutsches Reich, Verbündete – Sowjetunion
EREIGNIS: Deutsch-rumänischer Angriff auf die
Festung Sewastopol

Clausewitz 6/2016 11
Titelgeschichte | Sewastopol 1942

12
Geballter Großangriff

Gewaltiger Feuerschlag
Das Bollwerk auf der Krim mit seinen mächtigen Panzerwerken scheint uneinnehmbar zu
sein. Schwere Artillerie- und Luftschläge bereiten den Sturm der deutschen Bodentrup-
pen auf Sewastopol vor Foto: ullstein bild - ullstein bild

FAKTEN

Deutsches Reich/Verbündete
Oberbefehlshaber/Kommandierender General:
Generaloberst (seit 1. Juli 1942 Generalfeldmarschall)
Erich von Manstein (11. Armee)
Generalmajor Gheorghe Avramescu (Kommandierender General
rumänisches Gebirgskorps)
Zielsetzungen:
Eroberung der strategisch bedeutsamen Festung auf der
Krim-Halbinsel; Flankensicherung für die geplante, Ende
Juni 1942 einsetzende Sommeroffensive der Wehrmacht
Richtung Don und Kaukasus („Fall Blau“)
Truppenstärke*:
zirka 200.000 Mann
Verluste*:
zirka 6.000 Gefallene oder vermisste deutsche Soldaten;
etwa 18.200 Verwundete
zirka 1.900 Gefallene oder vermisste rumänische Soldaten
(*Die Angaben beziehen sich auf den Zeitraum 7. Juni bis 4. Juli
1942, Unternehmen „Störfang“)

Clausewitz 6/2016 13
Titelgeschichte | Sewastopol 1942

Geschockt und gezeichnet


Den in Gefangenschaft geratenen Soldaten der Roten Armee stehen die körperlichen und seeli-
schen Strapazen der heftigen Kämpfe um die Krim und Sewastopol ins Gesicht geschrieben. Doch
die sowjetischen Truppen sind ein zäher Gegner, der sich verbissen gegen die deutsch-rumäni-
schen Angreifer wehrt Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo

14
Außerordentlich zäher Widerstand

FAKTEN

Sowjetunion
Oberbefehlshaber:
Generalmajor Iwan J. Petrow
Vizeadmiral Filipp S. Oktjabrski
Zielsetzungen:
Halten des strategisch bedeutsamen
Bollwerkes und sowjetischen Flotten-
stützpunktes; Bindung starker deut-
scher Truppenverbände
Truppenstärke*:
zirka 140.000 Mann
Verluste*:
Gefallene: k.A., aber deutlich höher
als die deutsch-rumänischen Verlus-
te, etwa 95.000 Gefangene
(*Die Angaben beziehen sich auf
den Zeitraum 7. Juni bis 4. Juli
1942, Unternehmen „Störfang“)

Clausewitz 6/2016 15
Titelgeschichte | Sewastopol 1942

IN BEREITSTELLUNG: Ein Pioniertrupp wartet


auf den Befehl zum Losschlagen. Der steinige
Krimboden, in den man sich nicht eingraben
kann, bietet den Angreifern kaum Deckungs-
möglichkeiten Foto: picture-alliance/©dpa

M ansteins Soldaten der 11. Armee steht


Ende Mai/Anfang Juni 1942 ein ex-
trem schwerer Kampf bevor. Ihr Auf-
trag lautet: Eroberung der mächtigen Land-
und Seefestung Sewastopol. Mit seinen
Geschützen und 250 Panzer: Weniger als
40.000 Sowjets konnten den Angreifern ent-
kommen.

Schwere Aufgabe
schweren Panzerwerken, zahlreichen Befes- Doch man ist noch lange nicht am Ziel: Als
tigungen und seinen Zehntausenden von Generaloberst Erich von Manstein Anfang
Verteidigern scheint das Bollwerk auf der Juni 1942 zum entscheidenden Stoß auf die
Krim uneinnehmbar zu sein. Es gilt als die
stärkste Festung der Sowjetunion und eine
der gewaltigsten Anlagen weltweit. Zudem
ist hier zu Kriegsbeginn ein Großteil der sow-
jetischen Schwarzmeerflotte stationiert, deren
Überwasserschiffe im Verlauf der Kämpfe in
andere Schwarzmeerhäfen ausweichen.
Im Jahr 1942 bezeichnet die NS-Propa-
ganda den zweiten Angriff auf Sewastopol
als „das kühnste (...) Unternehmen der deut-
schen und rumänischen Wehrmacht.“ Ein
erster Eroberungsversuch im Herbst 1941
schlug fehl und führte zu bitteren Verlusten
bei den Angreifern. ETAPPENZIEL: Ein deutsches Sturmge-
Deren Ausgangslage hat sich im Mai 1942 schütz ist nach Beginn des Unterneh-
allerdings erheblich verbessert. Denn bis da- mens „Störfang“ in einen Vorort von
hin brachten deutsch-rumänische Truppen Sewastopol eingedrungen
Foto: picture-alliance/(c)dpa-Bildarchiv
die Halbinsel Kertsch an der Ostseite der
Krim mit Ausnahme einiger Widerstands-
nester unter ihre Kontrolle. Etwa 170.000 WIRD BELOHNT: Erich von Mansteins
sowjetische Soldaten traten daraufhin Ende 11. Armee knackt das sowjetische
Mai den Weg in die Gefangenschaft an. Die Bollwerk auf der Krim. Er wird dafür
Wehrmacht erbeutete im Rahmen des Unter- am 1. Juli 1942 zum Generalfeldmar-
nehmens „Trappenjagd“ große Mengen an schall befördert Foto: picture-alliance/©dpa

16
Zum Siegen verdammt

SPUREN DES KAMPFES: Ein leichter Schützenpanzerwagen


(Sd.Kfz. 250) einer deutschen Einheit passiert einen in Trümmer
gelegten Straßenzug. Die massiven Zerstörungen zeugen von der
Schwere der Kämpfe um Sewastopol Foto: ullstein bild - ullstein bild

Festung Sewastopol ansetzt, wartet ein har- eine besondere Herausforderung dar – ganz Eure Offiziere: Warum hat Hitler Euch nicht
ter Brocken auf seine Soldaten der 11. Armee gleich, ob vom Land- oder Seeweg her oder abgelöst? (...) In Wirklichkeit kann Hitler
und ihre rumänischen Verbündeten. Die na- aus der Luft. Der Respekt der Männer, die Euch nicht ablösen und will es auch nicht
tionalsozialistische Propaganda beschreibt dieses Bollwerk knacken sollen, ist entspre- tun, da seine Menschenreserven erschöpft
die Festungsanlagen wie folgt: „Die unüber- chend groß. sind. Ihr, die Ihr gestern noch dem Tode ent-
gangen seid, werdet morgen unvermeidlich
zugrunde gehen. Deutsche Soldaten! Der
„Der Krieg hängt Euch zum Halse raus. Wer Hitler Krieg hängt Euch zum Halse raus. Wer Hit-
vertraut, hat nichts zu erwarten als den Tod.“ ler vertraut, hat nichts zu erwarten als den
Aus einem an die deutschen Belagerer von Sewastopol gerichteten Tod (...)“, heißt es darin warnend gegenüber
sowjetischen Propagandaflugblatt von 1942 den Angreifern.

Sowjets verschanzen sich


windlich erscheinende Festungsfront um- Diese Tatsache ist der sowjetischen Mili- Für diese ist von Vorteil, dass sich mit der
gibt in einer Tiefe von zehn Kilometern Stadt tärführung bewusst. Sie lässt Mitte Mai Einnahme der Halbinsel Kertsch und der
und Hafen. Es sind nicht nur Befestigungs- 1942 Propagandaflugblätter in deutscher lang ersehnten Ankunft größerer Verstär-
gürtel, zwischen denen ungeschützte Gelän- Sprache drucken, um die Belagerer zur Ein- kungen die Situation deutlich verbessert hat.
deteile liegen, sondern Festungskampffelder, stellung des Kampfes zu bewegen. „Fragt Allerdings können die sowjetischen Vertei-
die mit Tausenden von Beton- und Erdbun-
kern, Geschütz- und Granatwerferstellun- DOKUMENT
gen, Minenfeldern, Panzerabwehrgräben,
Drahtsperren und Fallen gespickt sind. In ih-
nen bilden moderne Werke mit schwersten
Befehl des VIII. Fliegerkorps
Geschützen und mit unterirdischen Verbin- „1.) Feind: leichte Flak-Batterien. Schwergewicht um Ha-
dungen und Versorgungslagern die Haupt- a.) Erdlage: Feindkräfte (7 Schützen-Divisio- fen und Stadt.
zentren des feindlichen Widerstandes.“ nen, 3 Marine-Brigaden und 2 Panzer-Batail- c.) Seelage: Feind führt bei Nacht und bei
lone mit starker Artillerie – etwa 70 Batte- geeigneter Wetterlage auch tagsüber lau-
rien) verteidigen hartnäckig die Festung Se- fend Versorgung der Festung im Seetrans-
Appell an die Angreifer wastopol. port durch. Geleitschutz durch leichte Kreu-
Wenngleich es sich um die Schilderung eines b.) Luftlage: Rund 60 Flugzeuge aller Art auf zer, Zerstörer und Schnellboote (...).“
propagandistisch geschulten Kriegsbericht- 2 Land- und 3 Wasserflugplätzen. Im Fes- Befehl für den vorbereitenden Angriff gegen
erstatters handelt, wird deutlich: Die Befes- tungsgebiet etwa 20 schwere und zahlreiche Sewastopol vom 1. Juni 1942 (Auszug)
tigungsanlagen stellen für jeden Angreifer

Clausewitz 6/2016 17
Titelgeschichte | Sewastopol 1942

befehlshaber konzentriert die Masse seiner Luftwaffe wird demnach von Beginn der
Verbände vor der nicht ganz 40 Kilometer Angriffsoperation an eine große Bedeutung
breiten Front. Das kampferprobte VIII. Flie- beigemessen.
gerkorps unter dem Kommando von Gene- Ein Großangriff von der Seeseite aus
raloberst Wolfram von Richthofen unter- kommt für die Deutschen und ihre Verbün-
stützt die Heeresverbände vor und während deten, darunter auch italienische Marineein-
ihrer Aktionen. heiten, nicht in Betracht. Selbst den sowjeti-
Der „Befehl für den vorbereitenden An- schen Nachschub auf dem Seewege können
griff gegen Sewastopol“ mit Datum vom 1. die Angreifer nie gänzlich unterbinden.
Juni 1942 umreißt den Auftrag des Korps
für die Tage unmittelbar vor dem Beginn Erneuter Fehlschlag?
der Bodenoffensive unter anderem mit fol- Daher müssen die Deutschen das Unterneh-
genden Worten: „VIII. Fliegerkorps zer- men in erster Linie aus der Luft und von der
schlägt (...) die Moral der Verteidiger Se- Landseite aus durchführen. Tief gestaffelte
wastopols, im Einzelnen feindliche Reser- Befestigungssysteme schützen die an vielen
ven, Artillerie-Stellungen, Feldstellungen Stellen von unwegsamem Gelände umgebe-
und Gefechtsstände im gesamten Feindge- ne Festung Sewastopol vor feindlichen At-
lände. Feuernde feindliche Flak-Batterien tacken.
sowie feindliche Flugzeuge sind grundsätz- Der Hauptstoß der Bodentruppen beginnt
lich zu vernichten (...).“ Dem Einsatz der nach mehrtägigen schweren Luft- und Artil-

VERBÜNDETE: Blick auf eine rumänische Stellung


vor Sewastopol. Die Rumänen kämpften zusammen
ZÄHES RINGEN: Immer wieder müssen die mit den Soldaten der Wehrmacht gegen die Rote
Angreifer mit Dratverhauen gesicherte Grä- Armee Foto: picture-alliance/akg-images

ben im Nahkampf nehmen Foto: Oliver Richter

diger unter dem Oberbefehl von Vizeadmi-


ral Filipp S. Oktjabrski (Schwarzmeerflotte)
und Generalmajor Iwan J. Petrow (Küsten-
armee) über mehrere Monate hinweg ihre
Befestigungsanlagen weiter ausbauen und
durch neue Panzersperren und Minenfelder
zusätzlich sichern. Außerdem führt auch die
Rote Armee noch immer neue Reserven an
Mensch und Material über See zu. So bringt
etwa der Zerstörer Swobodny Anfang Juni
1942 Nachschub und Truppenverstärkun-
gen in die von der Landseite her umlagerte
Stadt. Im Gegenzug werden Verwundete
und Zivilisten auf dem Seeweg evakuiert.
Das später durch Bomber zerstörte Kriegs-
schiff beteiligt sich zeitweise auch daran,
Landziele zu bekämpfen.

Massive Feuerschläge
Zu diesem Zeitpunkt, Anfang Juni, holen
die deutsch-rumänischen Verbündeten im
Rahmen des Unternehmens „Störfang“ zum
entscheidenden Schlag aus. Der Großangriff
wird eingeleitet durch mehrtägige, schwere
Luft- und Artilleriefeuerschläge. Diese sollen
die mächtigen Festungsanlagen sturmreif
schießen und den Gegner in seinen Bunkern
und Panzerwerken zermürben.
Etwa 200.000 Mann hat die Führung seit
Ende Mai 1942 um Sewastopol herum zu-
sammengezogen, darunter vor allem Divi-
sionen der 11. Armee (darunter das XXX.
und das LIV. Armeekorps) und der 3. Armee
der Rumänen. Erich von Manstein als Ober-

18
Massive Luftschläge

VOM GEGNER
GEFÜRCHTET: IN BRAND GERATEN: Luftaufnahme der
Sturzkampfbomber Stadt Sewastopol auf der Krim. Am oberen
vom Typ Ju 87 spie- Bildrand (siehe Pfeil) ist ein brennendes
len bei der Erobe- Schiff zu erkennen Foto: picture-alliance/©dpa
rung von Sewastopol
eine wichtige Rolle.
Ihre Bomben schla-
gen vielerorts
Breschen in den
Festungsgürtel
Foto: picture-alliance/Süd-
deutsche Zeitung Photo

lerieschlägen am 7. Juni 1942. Die ebenfalls in Darüber kann auch das Oberkommando
der ersten Juniwoche einsetzenden Infante- der Wehrmacht (OKW) nicht hinwegtäu-
rieangriffe an der Nordfront durch Verbände schen, als es am 9. Juni 1942 bekannt gibt:
des LIV. Armeekorps (A.K.) sowie am Ost- „Im Festungsgelände von Sewastopol halten
und Südostabschnitt durch das rumänische die Kämpfe an. Von schwerster Artillerie
Gebirgskorps beziehungsweise das XXX. A.K. und stärksten Kräften der Luftwaffe wirk-
zeigen jedoch nicht die erhoffte Wirkung. sam unterstützt, hat unsere Infanterie eine

KARTE

Sturm auf Sewastopol, Juni/Juli 1942

NACH HARTEM
KAMPF:
Deutsche Truppen
ziehen in die schwer
zerstörte Stadt
Sewastopol ein
Foto: picture-alliance/akg-
images

VOR DEM ANGRIFF:


Die deutschen Bo-
dentruppen finden
im Felsgelände
kaum Deckungs-
möglichkeiten. Nach
massiven Luft- und
Artillerieschlägen
müssen sie im Nah-
kampf den Wider-
stand des Gegners
brechen
Foto: picture-
alliance/(c)dpa

Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich

Clausewitz 6/2016 19
Titelgeschichte | Sewastopol 1942

Reihe von Festungsanlagen auf beherrschen- überschweren „Dora“ steckt jedoch ein enor-
der Höhe gestürmt und Gegenangriffe des mer personeller und materieller sowie logis-
Feindes blutig abgewiesen.“ Entscheidende tischer Aufwand. Heftige Kritik daran übt
Erfolgsmeldungen lesen sich anders: Sollte unter anderem der Kommandierende Gene-
damit auch der zweite Eroberungsversuch ral des LIV. A.K., General der Kavallerie Erik
von Sewastopol – wie schon Ende 1941 – ge- Hansen. Die Nachschubwege würden durch
scheitert sein?

Der Diktator erwägt Abbruch LEBENSADER


Denn auch die Luft- und Artillerieschläge
können den Feind zunächst nicht zermür- Auch U-Boote versorgen die landseitig
ben. Das Abwehrbollwerk bleibt vielmehr eingeschlossene Festungsbesatzung mit
weitgehend intakt – so intakt, dass Hitler so- Nahrungsmitteln und Munition
gar zeitweise in Betracht zieht, die Offensive
einzustellen. den Transport dieses Stahlgiganten stark be-
Um die Betondecken der äußerst stark einträchtigt. Zudem stünden andere Waffen
ausgebauten Festungswerke zu durchschla- für die wenigen infrage kommenden Ziele
gen, wird im weiteren Verlauf der Kämpfe der Festung bereit, so der General.
um die Festung schwerste Artillerie einge- Die Lage verbessert sich auch in den wei-
setzt. Das Sondergeschütz „Dora“ mit sei- teren Tagen bis zur Monatshälfte des Juni
nem gewaltigen Kaliber von 80 Zentimetern, 1942 nicht. Es wird um jeden Fußbreit Boden
einem Gesamtgewicht von mehr als 1.300 gerungen. Jeder Bunker, jede Feldstellung
Tonnen und einer Rohrlänge von etwa 32 muss im Nahkampf ausgeschaltet werden.
AM ERFOLG MANSTEINS BETEILIGT:
Metern sowie 60-Zentimeter-Geschütze zäh- Das zehrt an den Nerven und Kräften der an
Das VIII. Fliegerkorps unter Wolfram von
len dazu. Vor allem hinter dem Einsatz der den schweren Gefechten beteiligten Soldaten Richthofen trägt großen Anteil an der Erobe-
rung von Sewastopol Foto: picture-alliance/©dpa

DOKUMENT beider Seiten. Auch im Zeitplan hinken die

Fernschreiben Festung Sewastopol ihre Krönung fanden,


befördere ich Sie zum Generalfeldmarschall.
Deutschen hinterher. Nur langsam kommen
die Angreifer am Boden voran. Die Lage bes-
von Adolf Hitler Mit Ihrer Beförderung und durch die Stiftung
eines Erinnerungsschildes für alle Krim-
sert sich, als das zur 22. Infanteriedivision
gehörige Infanterie-Regiment 16 unter
„An den Oberbefehlshaber der Krim-Armee, kämpfer ehre ich vor dem ganzen deutschen Oberst Dietrich von Choltitz das Fort „Sta-
Generaloberst von Manstein. Volke die heldenhaften Leistungen der unter lin“ einnimmt.
In dankbarer Würdigung Ihrer besonderen Ihrem Befehl fechtenden Truppen. [gez.]
Verdienste um die siegreich durchgeführten Adolf Hitler.“
Kämpfe auf der Krim, die mit der Vernich- Wortlaut eines nach der Eroberung von Sewastopol
tungsschlacht von Kertsch und der Bezwin- Anfang Juli 1942 verfassten Fernschreibens des
gung der durch Natur und Bauten mächtigen „Führers“ an Erich von Manstein

20
Peter Joachim Lapp 176 Seiten, Hard-
Hitler zweifelt am Erfolg Kampf und Untergang cover, fest geb., 32
der 17. Armee im 2. Weltkrieg
Militärhistorische Skizze eines Großverbandes
Karten, 23 Abb.;
der Wehrmacht an der Ostfront
ISBN
979-3-86933-154-6
AM ZIEL: Deutsche Panzer erreichen nach heftigen
Kämpfen Anfang Juli 1942 den Hafen der Festung
Sewastopol Foto: picture-alliance/akg-images
neu

Lapp, Peter Joachim


Kampf und Untergang der
17. Armee im 2. Weltkrieg
Militärhistorische Skizze eines Groß-
verbandes der Wehrmacht an der Ostfront
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Wijers, Hans J.
Die Ardennenoffensive
Band 2
Die Ardennenoffensive –
Sturm auf die Nordfront
– Entscheidung in Krinkelt-
Rocherath - Augenzeugen-
berichte
Vier Tage später gelingt dann sogar ein GPU, Sibirien, Wolga, sind in unserer Hand“,
Durchbruch, um das Bollwerk an entschei- beschreibt Manstein diesen wichtigen Durch- 165 Seiten, Großformat,
fest geb., 125 Abb. und 21
dender Stelle auszuhebeln. Denn am 17. Juni bruch. In den folgenden Tagen können die
Karten; ISBN 978-3-86933-118-8
1942 erringen die Deutschen einen bedeu- Angreifer in erbitterten Gefechten schließlich
tenden Teilerfolg. Verbände des LIV. A.K. er- das gesamte Nordufer der Swernaja-Bucht 34,00 €
obern an der Nordfront mehrere bedeutende unter ihre Kontrolle bringen.
Wijers, Hans J.
Festungswerke. „Bis zum 17. Juni ist es –
wenn auch unter starken Verlusten – gelun- Schlag auf Schlag Die Ardennenoffensive
gen, in das Festungskampffeld im Norden ei- Dann geht es plötzlich Schlag auf Schlag: Bis Band 3
nen breiten, tiefen Keil zu treiben. Die Werke Ende Juni treffen weitere wichtige Erfolgs- Die Entscheidung Angriff
der 6. Panzerarmee und
der zweiten Verteidigungslinie, Tscheka, meldungen bei Mansteins 11. Armee-Ober- amerikanische Abwehr im
Bereich der 1. US-Inf.-Div,
30. US-Inf.Div, 3. Fall-
schirmjägerdivision und
12. SS-Pz. Div. im Raum:
Bütgenbach, Weywertz, Weismes, Mors-
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Standgerichte im
Zweiten Weltkrieg
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der Geschehnisse vor und
nach dem Fall der Brücke
von Remagen am 7. März
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VERLUSTREICHER VORSTOSS: Das Gelände bot


den Deutschen meist nur wenig Deckung
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Clausewitz 6/2016 21
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Titelgeschichte | Sewastopol 1942

HINTERGRUND

Der Krimschild
Am 4. Juli 1942 befindet sich die Krim der Hauptschlachten
in deutscher Hand. Anlässlich der voll- teilgenommen hat, der
endeten Eroberung der Halbinsel ein- auf der Halbinsel verwun-
schließlich der Festung Sewastopol stiftet det wurde oder sich drei
Hitler am 25. Juli 1942 den Krimschild – Monate ohne Unterbrechung
ein am linken Uniformärmel (Oberarm) zu tra- auf der Krim aufhielt.
gendes schildförmiges Kampfabzeichen der Das Abzeichen wird auch an Angehörige
Wehrmacht. Nach den Verordnungsbestim- der rumänischen Streitkräfte verliehen. Die
mungen erhält jeder Wehrmachtsangehörige Verleihung der Schilder findet erst ab Som-
den Krimschild, der im Zeitraum vom 21. mer 1943 statt.
September 1941 bis 4. Juli 1942 an einer Foto: picture-alliance/akg-images

cken. Doch ein frontaler Angriff hätte es er- Diese müssen die Deutschen zunächst am
forderlich gemacht, die bereits angeschla- steilen Nordufer unter möglichem Feindbe-
genen Kräfte umzugruppieren. Dies hätte schuss ins Wasser absetzen. Von den Höhen
angesichts der schwierigen Geländeverhält- des befestigten Südufers der Swernaja-Bucht
nisse vermutlich Wochen gedauert. aus können die Verteidiger den Gegner unter
Manstein verfolgt daher einen riskanten Feuer nehmen. Trotz großer Bedenken ande-
Plan. Er will vom Nordufer der etwa 800 bis rer Truppenführer beharrt Manstein auf sei-
1.000 Meter breiten Swernaja-Bucht aus die nem Plan. Der Oberbefehlshaber der 11. Ar-
AUSGESCHALTET: Soldaten einer Propagan- Sapun-Stellung aushebeln. „Denn gerade mee setzt voll und ganz auf den Überra-
dakompanie der Wehrmacht begutachten hier (...) würde der Feind einen Angriff wohl schungseffekt.
ein schweres Geschütz auf der Panzerbatte- am allerwenigsten erwarten“, so Manstein in
rie „Maxim Gorki“ Foto: picture-alliance/akg-images seinen Erinnerungen Verlorene Siege. Deutsche setzen sich fest
Dann ist es so weit: Mit Sturmbooten setzen
kommando ein: Verbände des XXX. A.K. un- Riskanter Plan Einheiten des LIV. A.K. am 29. Juni 1942 über
ter General der Artillerie Maximilian Fretter- Mansteins Plan ist äußerst riskant, denn eine die Bucht und beißen sich am gegenüberlie-
Pico durchstießen den äußeren Verteidi- Überwindung der Meeresbucht birgt erheb- genden Steilufer fest. „Ungeheure Spannung
gungsring und erreichten die Ausläufer der liche Gefahren für die Angreifer – zumal das lag auf all denen, die an der Durchführung
Sapun-Höhen. Hier liegt der Schlüssel, um Unternehmen mit Sturmbooten durchge- des Übergangs über die Bucht beteiligt wa-
die gewaltige Festung vollständig zu kna- führt werden soll. ren, in jenen Stunden um die Mitternacht des

ENTSCHLOSSEN: Soldaten eines sowjetischen


Marineinfanterieregiments greifen an (Aufnah-
me von 1941). Bei Sewastopol kämpfen im
Sommer 1942 unter anderem die 7. und 8. Mari-
neinfanteriebrigade Foto: picture-alliance/akg-images
Aufbäumen gegen die Niederlage

28./29. Juni, in denen die Vorbereitungen


zum Angriff getroffen wurde“, beschreibt
Manstein rückblickend die Szenerie. Gegen
ein Uhr in der Nacht setzen Teile des LIV.
A.K in etwa 100 Sturmbooten über die Mee-
resbucht. Der waghalsige Übergang in den
frühen Morgenstunden des 29. Juni gelingt:
Die Deutschen können sich am Südufer fest-
setzen und schließlich das befestigte Steil-
ufer einnehmen.

Unerwarteter Durchbruch
An der Südfront treten unterdessen Verbän-
de des XXX. A.K. – mithilfe von massiven
Luft- und Artillerieschlägen einen Großan-
griff auf breiter Front vortäuschend – gegen
die Sapun-Höhen an. Unerwartet gelingt der
auf schmalem Raum an den Fedjukiny-Hö-
hen bereitgestellten 170. Infanteriedivision
unter Generalleutnant Erwin Sander – als ei- VORMARSCH: Im südlichen Abschnitt gehen Infanteristen bei den Sapun-Höhen vor. Erst
ne Art „Stoßtruppe“ – ein wichtiger Durch- am 30. Juni gelingt es dem XXX. Armeekorps, die Höhen zu stürmen Foto: Oliver Richter
bruch in die feindlichen Linien. Ein Aufrol-
len der Festungsfront nach Norden, Süden „zwischen den Felsennestern“ hochschos-
und Westen ist für die nachrückenden An- sen. Diese Luftschläge brechen den letzten Literaturtipps
griffsverbände dadurch möglich. Damit ist Feindwiderstand, den der Luftwaffenoffi-
die Vorentscheidung im Kampf um die Fes- zier als „im wahrsten Sinne des Wortes un- Gerhard Taube: Festung Sewastopol,
tung Sewastopol gefallen. glaublich“ bezeichnet: „So haben sie auf der Hamburg 1995.
In den ersten Julitagen des Jahres 1942 ganzen Linie die ganze Zeit Sewastopol ver-
Bernd Wegner: Der Krieg gegen die Sowjetuni-
ist die für beide Seiten verlustreiche teidigt und deshalb war das eine arg harte on 1942/43, in: Das Deutsche Reich und der
Zweite Weltkrieg, Bd. 6, hrsg. v. Militärgeschicht-
lichen Forschungsamt. Stuttgart 1990, S. 761–
„Es ist schon ein einzigartiges Erleben, das Gefühl 1102, hier vor allem S. 840–852.
des Sieges auf dem Schlachtfeld zu kosten!“
Erich von Manstein in seinem 1955 veröffentlichten Buch Verlorene Siege
gen. Die NS-Propaganda bejubelt die Ge-
fangennahme von fast 100.000 sowjetischen
Schlacht endgültig entschieden. Die vor al- Nuss. Das ganze Land musste mit Bomben Soldaten. Am 5. Juli 1942 hielt Manstein an-
lem auf der Halbinsel Chersones zusam- buchstäblich erst umgepflügt werden, ehe lässlich des Triumphes eine Siegesfeier mit
mengedrängten, letzten Verteidiger bäu- sie ein Stück zurückwichen.“ Großem Zapfenstreich in einem Schloss-
men sich vergeblich auf. Sie hoffen noch im- park im Süden der Krim ab. Der Preis für
mer, dass man sie auf dem Seeweg Teuer erkaufter „Triumph“ diesen militärischen Erfolg auf der Krim ist
evakuiert, doch genau dies wollen die Deut- Im Deutschen Reich wird Manstein in den jedoch angesichts von mehreren Tausend ei-
schen verhindern. Massive Attacken deut- ersten Julitagen 1942 als „Sieger von Sewas- gener Gefallener hoch. Zudem verzögert
scher Stukas brechen über die ausharren- topol“ gefeiert und von Hitler zum Gene- sich der erste Teil der deutschen Sommerof-
den Reste der Festungsbesatzung herein. ralfeldmarschall befördert. „Die stärkste fensive an der Ostfront („Fall Blau“) durch
Ein Offizier einer an den Kämpfen beteilig- Festung der Welt ist in deutscher Hand.“ die nicht frühzeitiger beendeten Kämpfe,
ten Stuka-Staffel des VIII. Fliegerkorps be- Diese und ähnliche Schlagzeilen beherr- die eigentlich schon Ende 1941 zu einem er-
richtet von „giftigen Explosionspilzen“, die schen die Titelseiten der deutschen Zeitun- folgreichen Abschluss gebracht werden
sollten.
Im Mai 1944 gelingt der Roten Armee
dann die Revanche für die als große
Schmach empfundene Niederlage des Jahres
1942: Sie erobert die Krim einschließlich der
Festung Sewastopol zurück und fügt den
dort verbliebenen Deutschen der 17. Armee
ein „zweites Stalingrad“ zu.

Dr. Tammo Luther, Jg. 1972, verantwortlicher Redak-


teur von Clausewitz und Freier Autor & Lektor in
WIDERSTAND: Auch ausgeschaltete Ge- SIEGESTROPHÄE: Deutsche Soldaten posie-
Schwerin mit Schwerpunkt „Deutsche Militärgeschich-
schützstellungen machen noch einen Nah- ren mit einer sowjetischen Flagge vor einem
te des 19. und 20. Jahrhunderts“.
kampf notwendig Foto: picture-alliance/Südd. Zeitung Bunker der Festung Foto: ullstein bild - Photo12

Clausewitz 6/2016 23
Titelgeschichte | Sewastopol 1942

TÖDLICHER FEUERBALL: Ein deut-


scher Soldat geht mit einem Flam-
menwerfer gegen eine gegnerische
Stellung vor
Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo

Extreme Belastungen für Angreifer und Verteidiger

Kampf ohne
Atempause
Sommer 1942: Die Soldaten der
11. Armee sind seit Monaten
ärgsten Strapazen ausgesetzt. Fast
pausenlos sind sie in schwerste
Kämpfe um die Krim und die Fes-
tung Sewastopol verwickelt –
gegen einen extrem hartnäckigen
Gegner Von Tammo Luther

D
ie an den schweren Kämpfen um die hezu ohne Unterlass hämmern schwere und IN KOLONNE: Sowjetische Soldaten auf dem
Festung Sewastopol beteiligten Solda- schwerste Artillerie sowie unzählige Bomben Weg in ein Gefangenenlager. Die deutschen
ten haben sie erlebt: Die sprichwörtli- von Sturzkampfbombern der deutschen Angreifer machen bei den Kämpfen um
che „Hölle auf Erden“. Das gilt für Angreifer Luftwaffe auf die Betondecken der Panzer- Sewastopol fast 100.000 Gefangene
und Verteidiger gleichermaßen. Sie liefern werke, Bunker und Forts von Sewastopol. Foto: picture-alliance/akg-images
sich im Juni 1942 einen erbitterten Kampf um
jeden Quadratmeter auf der Krim. Zeitzeu- Kampf bis zum Äußersten ständen dem Feind ergeben. Dabei sieht es
gen berichten übereinstimmend von einem Deren Verteidiger wehren sich trotz des tod- tatsächlich zunächst danach aus, als könnten
Ringen ohne Verschnaufpause. Den abge- bringenden Granathagels verbissen. Sie wol- sich die Soldaten mit dem roten Stern gegen
kämpften Männern in und außerhalb der ge- len Sewastopol den deutschen Angreifern die Belagerer behaupten.
waltigen Festungsanlage bleibt keine Zeit und ihren rumänischen Verbündeten keines- Im ersten Anlauf im Herbst 1941 scheiter-
zum Durchatmen und Kräftesammeln. Na- falls überlassen und sich unter keinen Um- ten diese bereits. Und auch der zweite Ver-

24
such im Jahr 1942 soll nach dem Willen der
Verteidiger misslingen. Deren Militärführung FÜR DEN NAHKAMPF GEWAPPNET:
entwirft Mitte Mai 1942 – kurz vor dem zwei- Soldaten der Wehrmacht, ausgerüstet
ten deutschen Angriffsversuch – ein Flugblatt mit Handfeuerwaffen und Stielhand-
granate sowie MG-Gurt
in deutscher Sprache. Es soll die Soldaten der
Foto: picture-alliance/akg-images
Wehrmacht zur Aufgabe des Kampfes bewe-
gen. Sie sollen sich stattdessen der Roten Ar-
mee gefangen geben. Die sowjetische Propa-
ganda richtet darin einen eindringlichen Ap-
pell an die Aggressoren: „Deutsche Soldaten!
Ihr kämpft schon zehn Monate ohne jegliche
Ablösung. Schon ein halbes Jahr steht ihr vor
Sewastopol. Hitler und seine Offiziere ver-
sprachen Euch, dass Ihr im Frühling abgelöst
und zu Euren Familien auf Ruhe [sic!] heim-
kehren werdet. Aber nun ist schon die erste
Hälfte des Monats Mai verflossen, und Ihr
liegt nach wie vor an der Front, den Tod vor
Augen, der Euch jeden Augenblick ereilen
kann.“ Weiterhin heißt es dort: „Eure Offizie-
re werden Euch etwas vorlügen, genauso,
wie sie Euch bisher belogen, als sie Euch Eure
Ablösung mit Herannahung der Frühjahrsre-
serven versprachen.“ Gleichzeitig soll das
Flugblatt als Passierschein dienen. Die Rote
Armee versucht, die erschöpften und von
den schweren Gefechten physisch wie psy-
chisch belasteten Soldaten ins Grübeln zu
bringen: Macht dieser mörderische Kampf
fernab der Heimat eigentlich Sinn?

Massiver Feuerschlag
Die Propaganda zeigt jedoch nicht die von
den Sowjets erhoffte Wirkung. Im Gegenteil:
Anfang Juni 1942 beginnt der wuchtige
Sturmangriff auf die seit rund sechs Mona-
ten von der Landseite her eingeschlossene
Festung Sewastopol. Ein an den Kämpfen
beteiligter Stabsoffizier einer Wehrmachtsdi-
vision schildert jene dramatischen Ereignisse
mit folgenden Worten: „Leicht fröstelnd
standen wir im dämmergrauen Morgen des
7. Juni vor unserem Bunker, als der Angriff
begann. Berge und Täler waren in fahles
Halbdunkel gehüllt, (...). Drei Uhr knallte es
schlagartig aus allen Rohren, mit allen Kali-

DOKUMENT

OKW-Meldung vom 1. Juli 1942


„Das Oberkommando der Wehrmacht gibt die bisher stärkste Land- und Seefestung
bekannt: Sewastopol ist gefallen! Über Fes- der Welt bezwungen.
tung, Stadt und Hafen wehen die deutschen Starke Forts, in Fels gehauene Befesti-
und rumänischen Kriegsflaggen! gungswerke, unterirdische Kampfanlagen,
Unter Führung des Generalobersten von Beton- und Erdbunker sowie unzählige Feld-
Manstein haben deutsche und rumänische befestigungen wurden in vorbildlichem Zu-
Truppen, hervorragend unterstützt von dem sammenwirken aller Waffen genommen. Ge-
bewährten Nahkampf-Fliegerkorps des Gene- fangenen- und Beutezahlen lassen sich noch
ralobersten Freiherr von Richthofen, nach nicht übersehen. (...).“
25-tägigem erbitterten Ringen heute Mittag Meldung des OKW (Auszug)

Clausewitz 6/2016
Titelgeschichte | Sewastopol 1942

bern. Vor uns schossen Infanterie-Geschütze,


dicht hinter uns eine Langrohr-Batterie mit
ihrem eigenartigen Platzgeräusch, von fern
her gurgelten ganz schwere Sachen über un-
sere Köpfe und schräg unten im Tal standen
Nebelwerfer. Sie jaulten wie eine Herde ge-
schlagener Hunde, wenn sie schossen, und
spuckten einen leuchtenden Feuerregen aus
ihren Rohren.“
Dieser massive Feuerschlag bildet den
Auftakt für die Erstürmung einer der welt-
weit stärksten Festungsanlagen. Deren Besat-
zung müssen die Angreifer an vielen Stellen
im Nahkampf werfen, um die Forts und Bun-
ker mit ihren gefährlichen Panzertürmen
vollständig auszuschalten.

Tödliche Nahkämpfe
Dass diese Aufgabe besonders riskant ist,
zeigt ein zeitgenössischer Bericht des Ober-
kommandos des Heeres (OKH) über die WICHTIGE WAFFE: Die mobilen Granatwer- ANGESPANNTES WARTEN: Eine Gruppe
„Auswertung fremder Landbefestigungen.“ fer mit ihrem Steilfeuer bewähren sich im deutscher Infanteristen kurz vor dem Sprung
Ein dazugehöriger Nachtrag schildert die Kampf gegen Gräben und Stellungen aus der Deckung
Erstürmung von zwei bedeutenden Panzer- Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo
türmen wie folgt: „15:45 Uhr springen sechs
Pioniere mit geballten Ladungen den Turm Der Kampf im jeweiligen Werkinnern der richtet von dem „unbändigem Widerstands-
an und vernichten dessen Besatzung. Die Be- Festung wird an vielen Stellen mit Sprengla- willen“ und der großen Nervenstärke der
satzung des zweiten Turmes verteidigt sich dungen, Benzin und Flammöl geführt. Der Rotarmisten, von denen sich viele eher er-
zäh durch Gewehrfeuer aus einer in den umzingelte Gegner soll regelrecht ausgeräu- schießen ließen, als sich in Gefangenschaft
zu begeben: „Nach tagelangen Luftangriffen
und systematischer Artilleriebekämpfung
„Zusammenfassend ist zu sagen, dass wehrte er sich mit einer hartnäckigen Ver-
bissenheit, die trotz der nachweislich hohen
Feindwiderstand zäher als angenommen. Erhoffte Verluste kaum die leiseste Schwächung spü-
Tagesziele wurden nirgends erreicht.“ ren ließ. Brach seine Linie zahlenmäßig und
Eintrag aus dem Kriegstagebuch der deutschen 11. Armee vom 7. Juni 1942 geländemäßig zusammen, führte er sofort
neue, als örtliche Reserve bereitstehende
Kräfte heran und stieß im Gegenangriff (...)
Panzerplatten durch Artilleriewirkung ent- chert werden. Auch dieses Unterfangen ist gegen unsere Front. Ruhe gönnte er weder
standenen schartenartigen Öffnung. Unter besonders für die Pioniere gefährlich und sich noch uns.“
seitlichem Feuerschutz der Infanterie gelingt kostet viele von ihnen das Leben. Bis zur Eroberung der Festung Sewasto-
dann der Pionierangriff auf diesen Panzer- Unterdessen leisten die in ihren Wider- pol Anfang Juli 1942 bleibt es ein dramati-
turm. Mit geballten Ladungen wird der Geg- standsnestern verschanzten Verteidiger hef- scher Kampf ohne Atempause zwischen An-
ner in den Turmschächten niedergehalten.“ tige Gegenwehr. Ein deutscher Zeitzeuge be- greifern und Verteidigern.

HOHER BLUTZOLL: Deutsche Soldatengrä-


ber auf der Krim. Mehrere Tausend Angreifer
finden bei der Erstürmung der Krimfestung
den Tod Foto: picture-alliance/akg-images

26
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Titelgeschichte | Sewastopol 1942

FESTUNGSPLAN: Diese zeitge-


nössische Grafik der Krim-Fes-
tung zeigt die drei räumlich ge-
staffelten Festungsgürtel, be-
rücksichtigt jedoch nur einen
Teil der Forts – die im Bereich
nördlich der Swernaja-Bucht.
„Maxim Gorki I“ steht im Fokus
der schweren Kämpfe und er-
langt „Berühmtheit“ durch die
von der NS-Propaganda veröf-
fentlichten Fotos
Abb.: picture-alliance/©dpa

NOCH EINSETZBAR: Dieses


drehbare Geschütz fiel – an-
ders als viele andere Artille-
riewaffen in Sewastopol –
nahezu unbeschädigt in
deutsche Hände und konnte
auch für den Beschuss von
landseitigen Zielen einge-
setzt werden
Foto: picture-alliance/©dpa

28
Die mächtigen Anlagen der Festung Sewastopol

Bollwerk der
Superlative
1941/1942: Sewastopol
zählt zu den weltweit stärks-
ten Festungen. Mit ihren
schussgewaltigen Küsten-
batterien, Forts und Panzer-
türmen gilt sie als unbe-
zwingbar Von Tammo Luther

D
er Jubel auf deutscher Seite ist grenzen-
los: Die als uneinnehmbar geltende See-
und Landfestung Sewastopol befindet GROSSES KALIBER: Die Deutschen setzten BEUTESTÜCK: Dieses geringfügig beschädig-
sich Anfang Juli 1942 endlich in der Hand der auch schwerste Artillerie ein. Hier te Festungsgeschütz konnten die Deutschen
Wehrmacht. ein „Karl“-Gerät (Kaliber 60 Zentimeter) bis zum Verbrauch der Munitionsvorräte nut-
Die Erleichterung der an den schweren Foto: ullstein bild–Süddeutsche Zeitung Photo/Scherl zen Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo
Kämpfen beteiligten Soldaten ist enorm.
Und auch das Armeeoberkommando 11 gen den verbissenen Widerstand eines Geg- gegen eine feindliche Attacke zu behaupten.
macht aus seiner Freude über den Triumph ners, dessen Elemente die Gunst des Gelän- In der Geschichte gibt es zahllose Beispiele,
auf der Krim keinen Hehl: So lässt der am des, die Zähigkeit und das unerschütterliche bei denen scheinbar uneinnehmbare Fes-
1. Juli 1942 zum Generalfeldmarschall beför- Standhalten des russischen Soldaten“ waren. tungsanlagen aufgrund des mangelnden
derte Oberbefehlshaber Erich von Manstein Kampfeswillens der Besatzung aufgegeben
eine „Siegesfeier der 11. Armee anlässlich Wert der Besatzung wurden. Eines davon ist das der damals
des Falles von Sewastopol“ abhalten. Diese Auch die NS-Propaganda frohlockt über den stärksten preußischen Festung Magdeburg:
findet am 5. Juli 1942 im Schlosspark von Li- Triumph, denn „eine Einnahme der Festung Ihre Verteidiger streckten 1806 nahezu kampf-
wadija im Süden der Krim-Halbinsel mit wurde (...) von den Sowjets, aber auch von los die Waffen gegenüber den Franzosen.
dem Großen Zapfenstreich statt. Dort befand England und Amerika für unmöglich gehal- Eine kampflose Aufgabe der Verteidiger
sich einst die Sommerresidenz des letzten ten“, so ein Kriegsberichterstatter der für das findet bei Sewastopol nicht statt. Im Gegen-
russischen Zaren Nikolaus II. Manstein wür- Ausland bestimmten Propagandazeitschrift teil: Hier fechten die sowjetischen Soldaten
digt den „Geist deutschen Soldatentums“ „Signal“ nach dem Ende der Kämpfe. während der deutsch-rumänischen Belage-
und „die Tapferkeit, die Initiative, die frei- Bekanntlich ist eine Wehranlage nur so
willige Hingabe des deutschen Soldaten ge- stark wie die Bereitschaft ihrer Verteidiger, sie

HINTERGRUND

Zur Festungsgeschichte
Die Geschichte der Festung Sewastopol schen Reich und den Alliierten (Osmani-
reicht bis ins späte 18. Jahrhundert zurück. sches Reich, Frankreich, Großbritannien, Kö-
Gleich nach der Einverleibung der Krim durch nigreich Sardinien) das mittlerweile gewalti-
das Russische Reich im Jahr 1783 wird bei ge Bollwerk ins Bewusstsein der weltweiten
der Hafenstadt ein Kriegshafen und eine Öffentlichkeit.
Seefestung errichtet. Seit 1804 ist sie zen- Im Jahr 1918 besetzen deutsche Solda- GEWALTIGE DIMENSIONEN: Blick auf Se-
traler Stützpunkt der russischen Schwarz- ten die Festung. Sie wird nach Kriegsende wastopol im 19. Jahrhundert. Die Befesti-
meer-Flotte, rund 20 Jahre später setzt der zwischenzeitlich von der „Weißen Armee“ ge- gungen und der Flottenstützpunkt werden
Bau von Befestigungsanlagen zur Landseite nutzt und schließlich bis zum Beginn des bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs
hin ein. Mitte des 19. Jahrhunderts rückt be- Zweiten Weltkriegs zur größten sowjetischen immer weiter ausgebaut
sonders der Krimkrieg zwischen dem Russi- Festung ausgebaut. Abb.: picture-alliance/©dpa

Clausewitz 6/2016 29
Titelgeschichte | Sewastopol 1942

DOKUMENT VORFÜHRUNG: Hitler (Bildmitte) und Rüs-


tungsminister Speer (rechts hinter Hitler)
Bericht über „Dora“-Wirkung bei den Vorbereitungen für das Erprobungs-
schießen der nach dem Einsatz in Sewasto-
„Am 25.6.1942 wurden die fünf zugeführten den Messstellen konnte der Aufschlagpunkt pol modifizierten 80-Zentimeter-Kanone in
Versuchs-Spreng-Granaten verschossen, da- selbst nicht festgestellt werden, da er hinter Rügenwalde im März 1943
von Schuss 1 bis 4 auf See. Sie dienten der einem Hügel lag. Foto: ullstein bild - Walter Frentz
Erprobung der Haltbarkeit der Geschosse, Eine Messstelle beobachtete in der Luft
der Sprengladung, Zünder und des Rohres herumfliegende Gegenstände, die jedoch so-
bei größerer V 0, sowie gleichzeitig einer fort wieder durch eine emporquellende während der deutschen Belagerung 1941/42
Neubearbeitung der Schusstafel. Schuss 5 Rauchwolke verdeckt wurden (...).“ laufend verstärkt. Zudem wurde bei ihrer
wurde befehlsgemäß auf die Stadt gefeuert. Schreiben der Schweren Artillerie-Abteilung (E) 672 Errichtung sichergestellt, dass diese Befesti-
Es wurde eine Rauchwolke von 200 Metern an den Höheren Artillerie-Kommandeur 306 vom gungen im Wirkungsbereich der eigenen
Breite und 350 Metern Höhe gemessen. Von 25. Juni 1942 (Auszug) schweren Panzerwerke lagen.
Die erste (äußere) Zone erstreckt sich da-
mals von dem Bereich nördlich Ljubimowka
rung 1941/42 an vielen Abschnitten bis zur macht eine gewaltige Herausforderung. Da- über die mit zahlreichen Feldstellungen ver-
letzten Patrone beziehungsweise Granate. bei ist es nach Aussagen der an den Kämpfen sehenen Belbek-Höhen in einem weiten Bo-
Aber den Kampf einzustellen, kommt für ei- auf der Krim beteiligten Soldaten gar nicht gen über zumeist unwegsames Gelände hin-
nen Großteil der Männer und Frauen mit nur die Masse, Stärke und Dichte der Haupt- weg bis hin nach Balaklawa im Süden der
dem roten Stern nicht infrage. Das Bollwerk, befestigungsanlagen, die einen Sturm ins Krim. Ein zweiter (innerer) Verteidigungs-
das sie verteidigen, ist trotz des hohen Alters Festungsinnere so schwierig macht. Man- ring erstreckt sich etwa von der Mündung
zahlreicher Bauwerke und Mängeln bei der stein selbst bezeichnet die „außerordentliche des Belbek-Flusses, dann den Fluss entlang
Ausrüstung mit modernem Gerät eine ein- Schwierigkeit des Geländes in seinem Aus-
zigartige Anlage: bau mit einer Unzahl von kleineren Anlagen“
Halbkreisförmig umzieht ein fast 20 Kilo- als großes Hindernis, das den Verteidigungs-
meter tiefer Gürtel die Stadt Sewastopol. Er wert der Festungsanlage zusätzlich erhöht.
ist gesichert von mehreren schweren Küsten-
batterien, 14 Forts von unterschiedlicher Grö- Kaum Deckungsmöglichkeiten
ße, weit mehr als 3.000 Beton- und Erdbun- Denn das steinig-felsige Vorgelände von Se-
kern sowie Kampfständen. Hinzu kommen wastopol bietet auf der einen Seite nahezu
Hunderte von Kilometern an Schützengräben ideale Voraussetzungen für die Defensive
und Unmengen an Landminen. Und nicht zu und auf der anderen Seite kaum Deckung
vergessen: Insgesamt weit mehr als 100.000 für angreifende Bodentruppen. Ihr Vorgehen
sowjetische Verteidiger sind nicht gewillt, den ist mit einem sehr hohen Risiko verbunden.
Makel der Niederlage im Kampf um Stalins Denn zum Schutz der Festung errichteten SOLL DEN GEGNER ZERMÜRBEN: „Ein
stärkste Festung an ihre Brust zu heften. die Russen insgesamt drei räumlich tief ge- Mörser wird zum Beschuss der Befesti-
Ein Durchstoßen dieser an vielen Ab- staffelte Stellungssysteme mit unzähligen gungsmauer abgeschossen“, lautet die zeit-
schnitten mit großer Verbissenheit verteidig- betonierten Befestigungen und gut getarnten genössische Bildunterschrift
ten Festungsringe bedeutet für jede Streit- Feldstellungen. Vielen von ihnen werden Foto: picture-alliance/©dpa-Bildarchiv

30
Feuertaufe für schwerste Artillerie

RISKANT: Nach der Zerstörung wichtiger Verteidigungsstellungen durch Bomben und Gra- VERNICHTET: Dieses zerstörte Befesti-
naten kommen die Bodentruppen zum Einsatz, um den Widerstand im Festungsinneren im gungswerk zeugt von der enormen Wirkung
Nahkampf zu brechen Fotos (2): picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo der deutschen Luft- und Artillerieschläge

und schließlich in Richtung Süden abkni- wie schwerste Geschütze. Eine massive Ar- einer Rohrlänge von etwa 32 Metern erzielt
ckend über die stark ausgebauten Sapun- tillerievorbereitung sowie heftige Schläge eine Schussfolge von zirka zwei Granaten
Höhen bis zum Windmühlenberg. Ein drit- der Luftwaffe sollen nach dem Willen Man- (Gewicht: bis zu 7,1 Tonnen) pro Stunde.
ter, vorwiegend mit Stützpunkten und MG- steins und seiner Stabsoffiziere den Sturm-
Nestern sowie Panzergräben versehener angriff der Bodentruppen vorbereiten. Beschuss durch „Dora“
Festungsgürtel legt sich um das engere Während der Belagerung der Krim-Festung
Stadtgebiet von Sewastopol. Er schirmt auch Massiver Artillerieeinsatz feuert das Riesengeschütz zunächst 48 Beton
die Chersones-Halbinsel ab. Geschütze aller Kaliber kommen dabei zum brechende Granaten ab. Später folgt der Ab-
Wenngleich heute die Meinungen von Einsatz. Unter der schwersten Artillerie be- schuss von fünf Sprenggranaten. Manstein
Fachleuten darüber auseinandergehen, ob finden sich Haubitzen und Mörser der Kali- bezeichnet das „Dora“-Geschütz in seinen Er-
Sewastopol damals die stärkste Festung der ber 30,5 bis 42,7 Zentimeter. Hinzu kommen innerungen als „Wunderwerk der Artillerie-
Welt war und sicher ist, dass ihre Bewaff- zwei schwerste Steilfeuergeschütze. Diese technik“, dessen „Aufwand zweifellos nicht
im richtigen Verhältnis zu dem Nutzeffekt ge-
standen“ habe. Denn der logistische und per-
„Deutsche und rumänische Kriegsflaggen wehen sonelle Aufwand, den Koloss in Stellung zu
über der Welt stärkster Festung.“ bringen, ist enorm. Außerdem ist für die Her-
stellung der Gefechtsbereitschaft in der Feu-
Schlagzeile auf der Titelseite der Berliner Tageszeitung
„Das 12 Uhr Blatt“ vom 2. Juli 1942 erstellung ein spezielles Doppelgleis erforder-
lich. Dieses nimmt weitere Sonderzüge in An-
spruch. Die eigens aufgestellte Schwere-
nung tatsächlich vielfach in die Jahre gekom- „Karl“-Geräte wurden von der Firma Rhein- Artillerie-Abteilung (E) 672 mit 500 Mann
men war, steht fest: Jeder Angreifer musste metall ursprünglich entwickelt, um die Ma- wurde Mitte April 1942 Richtung Krim in
sich etwas Besonderes einfallen lassen, um ginot-Linie im Westen zu bekämpfen. Marsch gesetzt, um das Sondergeschütz zu
diese Riesenfestung zu erobern. Im Osten vor Sewastopol erfährt das 60- bedienen. Für seinen Aufbau werden insge-
Auf deutscher Seite setzt man im Juni Zentimeter-Geschütz jedoch seine größte Be- samt mehr als 2.000 Männer benötigt.
1942 vor allem auf die Flugzeuge des be- währungsprobe. Die beiden nach General Allerdings, so bemerkt Manstein nach
währten VIII. Fliegerkorps und schwere so- der Artillerie Karl Becker (1879–1940) be- dem Krieg, „hat das Geschütz mit einem
nannten Geräte mit den Truppen-Eigenna- Schuss ein großes feindliches Munitionsla-
men „Odin“ und „Thor“ sollen unter ande- ger am Nordrand der Swernaja-Bucht ver-
rem die Werke „Maxim Gorki I“ mit seinen nichtet, das 30 Meter tief im gewachsenen
30,5-Zentimeter-Geschützen und „Bastion“ Fels lag.“ Und tatsächlich: Die auch als „Lit-
unter Feuer nehmen und diese nach Mög- fasssäulen“-Projektile bezeichneten Riesen-
lichkeit ausschalten. Und tatsächlich gelingt granaten durchschlagen etwa einen Meter
am 7. Juni 1942 ein spektakulärer Treffer. Stahl, acht Meter Beton oder 32 Meter ge-
Im Kriegstagebuch des Armeeoberkom- wachsenen Boden.
mandos 11 ist für dieses Datum vermerkt: Der entscheidende Coup, mit dem Man-
„14:55 Uhr. Turm Maxim Gorki nach Be- stein schließlich die Verteidigung aushebelt,
schuss mit Karl seit 13:00 Uhr Geschütze gelingt unterdessen mit Sturmbooten. Sie er-
Richtung See festgeklemmt.“ obern Ende Juni in einem Handstreich das
EIN HALBES JAHRHUNDERT SPÄTER: Auch das 80-Zentimeter-Geschütz „Do- befestigte Südufer der Swernaja-Bucht und
Blick auf einen Teil der Küstenbatterie von ra“ kommt vor Sewastopol zum Einsatz. schaffen die Voraussetzung dafür, um die in-
„Maxim Gorki I“ (mit nachträglich eingebau- Dieses im Ernstfall praktisch unerprobte Rie- neren sowjetischen Verteidigungszonen auf-
tem Drillingsturm), Aufnahme von 1996 sengeschütz der Firma Krupp mit einem Ge- zurollen und Stalins Bollwerk der Superlati-
Foto: picture-alliance/©dpa-Bildarchiv samtgewicht von mehr als 1.300 Tonnen und ve am 4. Juli 1942 zu erobern.

Clausewitz 6/2016 31
Schlachten der Weltgeschichte | Frankenhausen 1525

32
Dramatische Bauernkriegsschlacht bei Frankenhausen

Im Zeichen
des Regenbogens
15. Mai 1525: Einen auftauchenden Regenbogen am Himmel sieht Thomas Müntzer
als „göttliches Heilszeichen“: Er verspricht seinem von fürstlichen Truppen umlagerten
Bauernheer Unverwundbarkeit im bevorstehenden Kampf Von Eberhard Birk

B
ei Frankenhausen am Südhang des Teile des niederen Adels im wirtschaftli-
Kyffhäusergebirges findet an jenem chen Niedergang begriffen. So sind es folg-
15. Mai 1525 eine der bedeutendsten lich die größeren Territorialherren, die sich
und blutigsten Schlachten des Bauernkrieges bei allem gegenseitigen Argwohn erst zu-
statt. Das Aufeinandertreffen der fürstlichen sammenfinden müssen, um die Revolte nie-
Truppen mit dem Heer der derzuschlagen.
Aufständischen bildet den Aber auch die Bauern
Höhepunkt des Bauernkrie- sind überrascht: Das Ge-
ges in Mitteldeutschland. fühl der „Masse“ verleiht
Doch das Zentrum des Auf- ihnen zunächst einen
standes der Bauern liegt zu- Vorteil, den sie zuvor auf-
nächst in Franken und seiten der Obrigkeit gese-
Schwaben. hen hatten. Und auch
In Süddeutschland ste- wenn der Begriff „Hau-
hen die fürstlichen Truppen fen“ eine gewisse Desor-
des „Schwäbischen Bundes“ ganisation der militäri-
unter dem militärischen schen Schlagkraft der
Kommando des „Bauern- Bauern nahelegen mag:
jörg“ Georg III. Truchseß Dieser ist durchaus gut
von Waldburg. Ihm gelingt organisiert. Die von den
es durch hinterlistige Diplo- Mannschaften mitgeführ-
matie und enorme Marsch- ten „bäuerlichen“ Dresch-
leistungen seiner Truppen, IM PORTRÄT: Thomas Müntzer, flegel, Sensen und derglei-
die Haufen der süddeut- protestantischer Theologe, Revo- chen sind nicht seine ein-
schen Bauern einzeln zu lutionär und Führer der Bauern in zige Bewaffnung. Ein
schlagen. Thüringen. Er unterliegt mit sei- Haufen verfügt auch über
nen Aufständischen bei Franken- einige Geschütze und
Überraschter Adel hausen und wird schließlich hinge- zahlreiche Handbüchsen
Doch wird der Adel vom richtet Abb.: picture-alliance/akg-images als Feuerwaffen. Er kann
Aufstand der Bauern zu- in der Regel aber nicht auf
nächst vollkommen überrascht. Bislang be- eine für die Aufklärung im Vorfeld und ei-
fehdete er sich gegenseitig und versuchte, nen entscheidenden Angriff so wichtige Rei-
zwischen eigenen Interessen und jenen des terei zurückgreifen.
Klerus die Unruhe in den Städten zu jeweils
eigenen Gunsten zu nutzen. Zudem sind Mangelnde Kriegserfahrung
Von den „regulären“ Truppen der Fürsten
unterscheiden sich die Bauern erheblich in
der Frage der Disziplin und Professionalität.
HIMMELSERSCHEINUNG: Müntzer Ihre mangelnde Kriegsgeübtheit können sie
interpretierte Regenbogenfarben als durch Enthusiasmus und das Gefühl, für ei-
göttliches Zeichen, um die Bauern zur ne „gerechte und gottgefällige Sache“ zu
Entscheidungsschlacht zu animieren kämpfen, nicht ausgleichen. Insbesondere
Abb.: picture-alliance/dpa-Zentralbild das Bestreben der Bauern, sich auf strategi-

Clausewitz 6/2016 33
Schlachten der Weltgeschichte | Frankenhausen 1525

HINTERGRUND scher und organisatorischer Ebene den mili-


tärischen Gepflogenheiten der „Berufssolda-
Zum Bauernkrieg vielerorts zu spontanen Ausbrüchen eines an-
gestauten Potenzials an Gewalt. Die Verqui-
ten“ anzunähern, verringert den Vorteil ihrer

1524–1526 ckung von Reformation und der sozialen Nö-


ten folgenden Protestbewegung bildet den
„asymmetrischen“ und überraschenden
Kriegsführung. Trotz der beeindruckenden
Im 16. Jahrhundert empören sich die Bau- bedeutendsten Volksaufstand in Europa vor Anzahl der zum Kampf bereiten Bauern lei-
ern im süddeutschen Raum gegen die welt- der Französischen Revolution. Die Reforma- den sie unter einem Manko: Sie besitzen kei-
lichen und geistlichen Herren. Die Aufbe- tion ist hierfür jedoch der radikalisierende ne zentrale Führung. Auch der freiwillige
gehrenden verlangen hierbei relativ weitrei- Katalysator, nicht der Grund. oder erzwungene Beitritt einzelner Reprä-
chende Zugeständnisse. Dabei spielen die Luther missbilligt – wie auch viele ande- sentanten des niederen Adels und vieler Bür-
zwölf „Memminger Artikel“ vom März 1525 re – das gewaltsame Agieren der Aufständi- ger führen nicht zum politischen Nachgeben
eine zentrale Rolle. Um ihren Zusammen- schen als einen unerhörten Vorgang. Der be-
der Fürsten. Einzelne militärische Erfolge der
schluss zur „Christlichen Vereinigung“ theo- reits von Zeitgenossen gebrauchte Terminus
Haufen in der ersten Kriegsphase können da-
logisch zu begründen, beziehen sich die „Bauernkrieg“ ist schon abwertend genug:
Politische Programmatik und Kriegführung ran ebenfalls nichts ändern.
Bauern auf das kühne Wirken des Augusti-
nermönches Martin Luther. Ausgangspunkt gelten ja nicht als Angelegenheiten sozialer
von Luthers seit dem 31. Oktober 1517 die Untergruppen. Sie sind vielmehr den Fürs- Müntzer als Revolutionär
Reformation auslösenden 95 Thesen ist die ten vorbehalten. Genauso herausfordernd wie der Aufstand
Überzeugung, dass die „Freiheit eines Besser ist es daher – wie die Quellen na- im Süden des Reiches wird für die Territori-
Christenmenschen“ nicht die römische Zwi- helegen – von den „rustici“, also der einfa- algewalten das Aufbegehren seit April 1525
scheninstanz einer irdischen Heilsverwal- chen Landbevölkerung, von Bauern, der ver- in Thüringen. Für den in Stolberg/Harz ge-
tung benötigt. armten und rechtlosen Stadtbevölkerung so- borenen Handwerkmeistersohn und Priester
Dass es im Heiligen Römischen Reich wie Bergknappen zu sprechen: Diese
Thomas Müntzer (1489–1525), den sprachge-
Deutscher Nation ein Bedürfnis nach Verän- bringen in den Jahren 1524 bis 1526 eine
waltigen „Knecht Gottes gegen die Gottlo-
derung gibt, ist unbestritten. Art und Weise „Revolution des gemeinen Mannes“ hervor.
Mit der Schlacht von Frankenhausen ist der sen“, sind Theologie und Revolution eine
der Auswirkungen sind gewaltig. Indem man
religiöse, soziale und politische Forderungen Bauernkrieg entschieden – die Niederlage Einheit. Müntzer greift die revolutionäre Un-
und Ziele miteinander vermsicht, kommt es der Aufständischen endgültig besiegelt. zufriedenheit der Landbevölkerungen auf

DER BUNDSCHUH: Die Bundschuh-Bewe-


gung von aufständischen Bauern des späten
15. und frühen 16. Jahrhunderts führte die-
ses Symbol als Feldzeichen in ihrer Fahne
Abb.: picture-alliance/akg-images
Zerstörungen und Plünderungen

verstärkt werden. Schnell übernimmt Münt- dischen: Etwas mehr als 2.000 „Reisige“,
zer als politische und geistige Persönlichkeit das heißt meist berittene Dienstmannen,
de facto die Führung. und 4.000 Fußknechte gleichen die nume-
Daraufhin marschieren auch die Fürsten rische Überlegenheit des Haufens von
mit ihren Truppen in Richtung Frankenhau- Müntzer aber durch Disziplin und Kriegs-
sen. Von Westen kommt ein vereinigtes hes- geübtheit aus.
sisch-braunschweigisches Heer unter dem
Kommando von Landgraf Philipp I. von Überstandene Feuertaufe
Hessen (1504–1567) und Herzog Heinrich Einen Plan für einen konzentrischen Angriff
II. von Braunschweig-Wolfenbüttel (1489– auf Frankenhausen haben sie jedoch zu-
1568). Verstärkung erhalten sie durch das nächst nicht. Der hessische Landgraf möchte
aus südlicher Richtung anmarschierende den Ruhm eines Bezwingers des Bauernhau-
sächsische Heer von Herzog Georg von fens für sich alleine. Er lässt daher am
Sachsen (1471–1539). Es schließen sich am 14. Mai aus der Bewegung heraus die Trup-
14. Mai Kräfte aus Kurmainz und der Mark- pen Müntzers westlich von Frankenhausen
GRAUSAM: Die Schlacht bei Frankenhausen grafschaft Brandenburg an. frontal angreifen. Diese sind jedoch gut vor-
endet mit einem wahren Blutbad. Zirka Müntzers Revolutionstheologie und bereitet. Sie stützen ihre letztlich erfolgreiche
6.000 Aufständische werden in einem ein- sein Haufen müssen sie aus ihrer Sicht an Verteidigung auf eine Wagenburg, aus
seitigen Kampf getötet
Abb.: picture-alliance/akg-images
„Wie immer genügte auch in Thüringen
und wird deren programmatischer Katalysa-
tor. Er vermengt Predigten mit politisch auf-
die eine Schlacht, um den Aufstand im ganzen
geladenen Forderungen, die kein Politiker Lande niederzuwerfen (...).“
umsetzen kann – ganz abgesehen vom Wol- Günther Franz: Der deutsche Bauernkrieg, 11. Auflage, Darmstadt 1977, S. 270
len. Seinen Landesherrn, den Grafen Ernst
von Mansfeld, bedenkt er mit einem Brief fol-
genden Inhalts: „Sag an, du elender dürftiger der Wurzel bekämpfen und vernichten. der heraus sie die Angreifer mit ihren
Madensack, wer hat Dich zu einem Fürsten Das Vorrücken der Alliierten verengt den 15 Geschützen und vielen Handbüchsen un-
des Volkes gemacht, welches Gott mit seinem Manövrierradius der Aufständischen. Die- ter Beschuss nehmen. Damit haben die Auf-
teuren Blut erworben hat? (...) Dass Du auch se igeln sich daher bei Frankenhausen ein. ständischen ihre Feuertaufe überstanden. Ihr
wissest, dass wir strikten Befehl haben, sage Die Truppenstärke des alliierten Fürs- Abwehrerfolg gibt ihnen das Gefühl, den
ich: Der ewige lebendige Gott hat es gehei- tenheeres ist geringer als die der Aufstän- „Soldknechttruppen“ überlegen zu sein.
ßen, dich von dem Stuhl mit der Gewalt, die
uns gegeben, zu stoßen (...).“ Die folgende
Einladung zur Aufnahme in Müntzers „Bund KARTE
der Auserwählten“ will und kann der so be-
drohte Landesfürst natürlich nicht anneh- Schlacht bei Frankenhausen, Mai 1525
men. Die Entscheidung kann wieder einmal
nur das Schwert bringen.
Nach Beginn des Aufstandes der Bauern
am 18. April 1525 in Vacha breitet sich die-
ser schnell über ganz Thüringen aus. Ge-
trieben von Bauern und verarmter Stadt-
bevölkerung schließen sich Städte wie
Meinungen, Salzungen, Erfurt und Fran-
kenhausen den Aufständischen an. Von
Mühlhausen zieht ein Haufen vom
29. April bis zum 6. Mai durch das Eichsfeld.
Die Aufständischen zerstören und plündern
Adelssitze und Klöster und bringen die UNGLEI-
Fürsten gegen sich auf. CHER KAMPF: Die
bei Frankenhausen
Aufmarsch bei Frankenhausen versammelten Auf-
ständischen haben
Zudem steht ein fast 8.000 Mann starker, mi- gegen das zentral ge-
litärisch vollkommen ungeübter Haufen un- führte Fürstenheer
ter der Führung seines Obersten Feldhaupt- keine Chance
manns Bonaventura Kürschner seit Ende Abb.: picture-alliance/dpa-
April im Lager von Frankenhausen. Dort, Zentralbild
wo sie am 11. Mai von Thomas Müntzer mit
seinen 300 Anhängern aus Mühlhausen und
Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich
zahlreichen Bauern aus dem Werragebiet

Clausewitz 6/2016 35
Schlachten der Weltgeschichte | Frankenhausen 1525

BEEINDRUCKEND: Ausschnitt mit Thomas Müntzer unter dem


Regenbogen und Sonnenhalo aus dem Bilderzyklus „Frühbürgerliche
Revolution in Deutschland“ von Werner Tübke im Innern des Panora-
ma Museums von Frankenhausen Foto: picture-alliance/©dpa-Report

Für den Folgetag beziehen sie eine neue Müntzer ist sich des drohenden Endes – stehenden Schlacht. Gleichwohl bleibt die
Position. Diese liegt auf dem nördlich ober- ob mit oder ohne Schlacht – bewusst. Er ver- tatsächliche Situation ernüchternd. Die von
halb der Stadt gelegenen Haus- beziehungs- sucht die Bauern zu „motivieren“. Nochmals ihm erhoffte Hilfe durch Truppen der Städte
weise Weißenberg. Dort ordnen sie ihre ruft er ihnen die Perspektivlosigkeit ihrer so- Erfurt und Nordhausen sowie des Grafen
Kriegswagen sowie die mitgeführten Ge- zialen Lage ins Gedächtnis. Das Erscheinen von Schwarzburg ist utopisch. Müntzers po-
schütze hinter einem ausgehobenen Graben eines Regenbogen-Phänomens am Himmel litische Unerfahrenheit macht seine mehr
kreisförmig an. Am Abend des 14. Mai 1525 wird von ihm als „göttliches Heilszeichen“ fast 8.000 Anhänger im Ring zu Gefangenen
erhalten sie ein Waffenstillstandsangebot der für die Angehörigen seines „Bundes der seiner Verkennung der machtpolitischen
Fürsten. Dieses ist verbunden mit der Auf- Auserwählten“ interpretiert. Er verspricht und vor allem militärischen Lage.
forderung, Müntzer und andere „Rädelsfüh- seinen Bauern Unverwundbarkeit in der an- Nachdem die alliierten Truppen in ihrer
rer“ an die Fürsten auszuliefern. Angriffsausgangsposition stehen und wäh-
rend die Aufständischen am Hausberg noch
Kapitulation oder Kampf diskutieren und Müntzers Predigt zuhören,
Die Führer der Verbündeten planen unterdes- geschieht das für sie Unerwartete: Die säch-
sen für den nächsten Tag einen konzentri- sischen Truppen schießen mit ihren Geschüt-
schen Angriff. Sie wollen Artilleriegeschütze zen die Wagenburg sturmreif und feuern zu-
östlich der Wagenburg so auffahren lassen, nächst auch auf die im Ring versammelten
dass diese aus überhöhten Stellungen wir- Bauern. Die bis auf wenige Posten entblößte
ken können. Rechts davon soll sich die von Verteidigungsreihe der Wagenburg wird von
Infanterie unterstützte Reiterei nördlich der Reiterei und Fußknechten ohne nennenswer-
Wagenburg aufstellen. Der Aufmarsch des ten, militärisch organisierten Widerstand so-
Fürstenheeres am Morgen des 15. Mai wird fort genommen.
jedoch von den Aufständischen erkannt. Sie Unter den Aufständischen macht sich Pa-
feuern mit ihren Geschützen auf die fürstli- nik breit. Pardon haben sie im Chaos des
chen Truppen, um deren Vereinigung zu ver- Schlachtgetümmels nicht zu erwarten.
hindern. Doch dieses Vorhaben misslingt. Müntzer irrt Schutz suchend inmitten des
Um Zeit für die geplante Ausgangsstel- Geschehens umher. Die Reiter schlagen vom
lung zu gewinnen, setzen die Fürsten auf
eine weitere, auf drei Stunden Dauer befris-
tete Waffenruhe. Von den Bauern fordern sie Literaturtipp
dabei nach wie vor, dass sie die „Rädelsfüh-
Eckardt Opitz: Der Bauernkrieg aus militärge-
rer” ausliefern. Und tatsächlich geht ihr Plan
schichtlicher Sicht, in: Militärgeschichtliches
auf. Aufgrund der mehr oder weniger aus- FARBENFROH: Landsknechte zur Zeit der
Forschungsamt (Hg.), Einzelprobleme politi-
sichtslosen Gesamtsituation wird in den Rei- Reformation und des Bauernkriegs in zeitge- scher und militärischer Führung (= Vorträge zur
hen der Aufständischen darüber diskutiert, nössischer Uniformierung Militärgeschichte, Bd. 1), Herford 1981, S. 13–29.
diesem Ansinnen entgegenzukommen. Abb.: Blanc Kunstverlag/Süddeutsche Zeitung Photo

36
Fachliteratur • Militärgeschichte • Modellbau
Grausames Gemetzel www. VDMedien 24.de
DIE WAFFEN DER KÖNIGLICH
BAYERISCHEN ARMEE 1806 - 1918
Horst F. Plank
NEU! Band IV:
DIE ARTILLERIE
Alles Wissenswerte über die Artillerie des
Königreichs Bayern und die Artillerie des
Deutschen Reiches bis zum Kriegsende
1918. Darin enthalten sind auch Infanterie-
Kanonen, Gebirgskanonen und die gesam-
te Flak. 268 S., 230 Abb. teilweise farbig
56,00 EURO

Neuheiten aus der Reihe Geschichte im Detail:

GEFÄNGNIS: Festung Heldrungen südöstlich von Frankenhausen. Hier wurde Thomas Münt-
zer gefangen gehalten und gefoltert, bevor man ihn vor den Toren der Stadt Mühlhausen am
27. Mai 1525 hinrichtete Foto: picture-alliance Seekrieg Luftkrieg Der Erste Weltkrieg
1914-1918 1914-1918 in Afrika
Der erbitterte Wettlauf Nie zuvor und nie danach Je länger Krieg andauer-
Pferderücken aus auf die Bau- GEGNER DER BAUERN: der Deutschen und Bri- hat eine neue Waffengat- te, desto mehr wurde
ten um die Herrschaft tung in diesem Ausmaß auch Afrika ein Kriegs-
ern ein. In den unzähligen Philipp I. von Hessen, genannt auf den Meeren. 88 S., den Krieg verändert. 80 S., schauplatz. 64 S., HC,
Nahkämpfen Mann gegen der Großmütige, kämpft mit HC, 220 Abb. teilw. far-
big + Karten 19,95 €
HC, 200 Abb. teilw. farbig
+ Karten, 19,95 €
ca. 200 Abb. teilw. far-
big + Karten , 19,95 €
Mann zeigt sich die individu- seinem Heer bei Frankenhau-
elle Überlegenheit der fürstli- sen erfolgreich gegen das
chen Truppen. Müntzers Bau- Bauernheer
ern sind nicht, wie von ihm Abb.: ullstein bild - ullstein bild
versprochen, unverwundbar.
Sie haben gegen die kriegsge- hingerichtet. Auch Müntzer Die Schlacht um U.S. Marines in Die Schlacht von
übten „Profis“ der Fürsten wird entdeckt und an seinen Berlin 1945 Vietnam Verdun
Die Schlacht um Berlin Legendäre „Ledernacken“ Verdun wurde zum mi-
nicht den Hauch einer Chan- Landesherrn Ernst von Mans- leitete das Ende des 2. im Vietnamkrieg: Taktik, litärischen Mythos, aber
WK und den Beginn des Technik, Uniformierung auch zum Inbegriff einer
ce. Einem Teil der Aufständi- feld übergeben. In dessen Kalten Krieges ein. 80 und pers. Ausrüstung. 68 Tragödie. 80 S., HC, 200
schen gelingt es, aus der Wa- Wasserburg Heldrungen ver- S., HC, 143 Abb. teilw.
farbig + Karten 19,95 €
S., HC, 220 Farb-Abb./
Karten, 16,95 €
Abb. teilw. farbig + Kar-
ten 16,95 €
genburg in Richtung Fran- hört und foltert man Müntzer,
Kolonialheld für
kenhausen zu entkommen. bevor seine Peiniger ihn am Kaiser und Führer
Bei ihrer Flucht werden Hun- 27. Mai 1525 enthaupten. Gen. Lettow-Vorbeck - Mythos
und Wirklichkeit. U. Schulte-
derte das Opfer der Verfolger. Varendorff, 224 S., 73 S/W-Abb.,
Der Hauptweg ihrer Flucht erhält später Politische Verklärung 16,5 23,5 cm, PB 19,95 EURO

nicht umsonst die Bezeichnung „Blutrinne“. Die Folgen des größten Aufstandes weiter
Geschichte des III. See- Askari und Fitafita
Am Ende stehen zirka 6.000 Tote bei den Teile des Volkes im Reich bis zur Revolution Bataillons - Tsingtau 1912. „Farbige“ Söldner in
den deutschen Koloni-
„Auserwählten“ und sechs tote Söldner. Das von 1848/49 sind überall gleich: Die Fürsten HC, A4, 168 S., mit 63 Abb. nach
en, T. Morlang, 208 S.,
Photographien, 1 Übersichtskar-
ergibt ein Verhältnis von 1:1.000. Nur 600 können ihre erschütterte Herrschaft stabili- te von China, 8 Karten-Skizzen. 84 s/w-Fotos, 5 Karten,
Reprint 35,00 EURO Tb. statt 29,90 EURO
Anhänger Müntzers können mit ihm vorläu- sieren und sogar ausbauen. Damit verliert 14,95 EURO
fig entkommen. Viele werden jedoch gefan- die kaiserliche Macht zunehmend an Ein- Reihe SCHRIFTEN ZUR GESCHICHTE MECKLENBURGS
gen, 300 davon am Folgetag vor dem Rat- fluss. Weder Bauern- noch Bürgertum entwi-
haus in Frankenhausen, und auf dem Anger ckeln in der Folgezeit ein Selbstbewusstsein,
wie es in anderen europäischen Ländern ent-
steht. Gerade das Bürgertum in den Städten
erhofft sich Ruhe durch die adelige Territori-
alherrschaft, die nach und nach frühabsolu- Militärmusik und Zur Geschichte der v.Thümen - Die
tistische Züge annimmt. Insbesondere in der Militärmusiker 12. (Meckl.) Infan- Uniformen
in Mecklenburg um terie-Division der Preussischen Gar-
DDR wird Müntzers Programmatik, sein 1900. SGM Bd. 30 - SGM Bd. 29 - Keubke den 1704-1836
Handeln und seine Hinrichtung von der Keubke. Pb., 224 S., Pb., 344 S., zahlr. Abb.
zahlr. s/w- u. Farb-Abb. 19,90 €
APH Bd.25 - Keubke /
Hentschel. Pb., 320 S.,
SED-Propaganda verklärt. 19,90 € 1 s/w-Abb. u. 106 ganz-
seit. Farbtafeln statt
Zur Erinnerung an die Schlacht von 1525 35,00 € nur 19,90 €
errichtet man einen großen Denkmalbau. Er
wird 1989 eröffnet und ist im Innern mit ei-
nem Bilderzyklus des Künstlers Werner Tüb-
ke versehen. Im Zentrum dieses monumen- Mecklenburger
talen Gemäldes steht die Szene mit Müntzer Mecklenburg- Truppen
in Schleswig-Holstein,
unter dem Regenbogen. Schweriner Trup- in Baden und bei inne- Die Uniformen der
pen in den Nieder- ren Unruhen im eige- Deutschen Wehr-
landen 1788-1795 nen Lande 1848/49 macht im Herbst 1936
APH Bd.11 - Keubke / SGM Bd. 28. - Keubke/ SGM Bd. 20 - Keubke/
Dr. Eberhard Birk, Jg. 1967, Oberregierungsrat und Köbke. HC, 96 S., 8 Mumm. Pb., 192 S., 42 Stadler. HC, 80 S., 280
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Amerikas Lockheed P-38 Lightning Abfangjäger Illustration: Jim Laurier

Der „Gabelschwanzteufel“
D ie P-38 war Lockheeds Antwort auf die Anforde-
rungen der US Luftwaffe hinsichtlich eines Kampf-
flugzeugs, das in großer Höhe operieren konnte. Die
selung der Flugroute Admirals Isoroku Yamamotos 16
P-38-Maschinen 700 Kilometer von Guadalcanal nach
Bougainville, um den Planer des Angriffs auf Pearl Har-
Ausführung sah weit auseinanderliegende Ausleger bor zu töten. In Europa bezeichneten die Piloten der
(Leitwerksträger) vor. Die Bewaffnung war in der Nase Achsenmächte die Maschine als den „Gabelschwanz-
der Rumpfgondel konzentriert. Das Flugzeug mit ei- teufel“. Ein italienischer Pilot schoss mit einer erbeute-
nem Gesamtgewicht von 6, 8 Tonnen diente als Bomber, ten P-38 zwei B-17 Bomber ab und beschädigte drei
unterstützte die Bodentruppen und flog zudem als weitere, bevor der qualitativ schlechte Treibstoff die
Aufklärer. Als Rückgrat des amerikanischen Motoren der Maschine unbrauchbar machte. Die Light-
Luftkrieges im Pazifik schossen die einsit- ning – von der 10.037 Stück entstanden – war das ein-
zigen Lightnings mehr als 1.800 Ma- zige amerikanische Kampfflugzeug, das ununterbro-
schinen des Gegners ab. Im April chen, von Pearl Harbor bis zum Ende des Krieges, her-
1943 flogen nach Entschlüs- gestellt wurde.

Kraftvolles „Liebesgefährt“
Diese P-38J zeigt die an der Maschine von Major Richard Bong
angebrachten künstlerischen Darstellungen. Dieser benannte
sein Flugzeug nach seiner Frau Marge Vattendahl, die er sechs
Monate vor seinem Tod geheiratet hatte. Bong starb am
6. August 1945, als er mit einem Prototyp des P-80-Jets abstürzte

Ordentliche Ausstattung Nennt mich „Blitz“


V-12-Allison-Motoren trieben die Pro- Der Konstrukteur Clarence „Kelly“ Johnson
peller an. Diese rotierten in entgegenge- strebte eine doppelmotorige Lösung an, da ein
setzten Richtungen, wodurch die P-38 einzelner Motor die geforderte Leistung von
eine erhöhte Flugstabilität erreichte 580 Kilometern pro Stunde in einer Höhe von
6.000 Metern nicht erreichen konnte. Einige
andere Typen konnten sogar bis in einer Höhe
von 12.000 Metern operieren, aber die P-38J
war die schnellste und schaffte bei einer
Steighöhe von 8.000 Metern eine Geschwin-
40 bestätigte Abschüsse – alle in digkeit von 676 Kilometern pro Stunde
einer P-38 – machten Richard Bong,
24, zum führenden amerikanischen
Fliegerass des Krieges

38
Vier in der Nase unter- DIE KONKURRENZ
gebrachte Browning-
MG vom Kaliber .50
(12,7 Millimeter) zu-
sammen mit einer 20-
Millimeter-Bordkanone Japanischer Abfangjäger Kawasaki Ki-45 Dragon
sorgten für einen kon- Slayer (Drachentöter)
zentrierten Geschoss- Besatzung: zwei Mann
hagel, der ein Ziel Höchstgeschwindigkeit: 540 km/h
buchstäblich in zwei Gewicht: 5,5 Tonnen
Reichweite: 2.000 Kilometer
Teile zerfetzen konnte Bewaffnung: 37-Millimeter-Bugkanone, 20-Millimeter-Heckkanone,
Alle Fotos: National Archives 7,92-Millimeter-Maschinengewehr
Produziert: etwa 1.700 Stück
Ursprünglich als Langstreckenbegleitmaschine geplant, wurde die
Ki-45 – alliierter Codename „Nick“ – als Nachtjäger und zur
Unterstützung von Bodentruppen eingesetzt. Bei Kriegsende diente
sie nur noch als Rammjäger

Deutscher schwerer Jäger (Zerstörer)


Messerschmitt Me 410
Besatzung: zwei Mann
Rüttelplatte Höchstgeschwindigkeit: 624 km/h
Bei hoher Geschwindigkeit rüttelte das Gewicht: 10,7 Tonnen
Höhenruder und unerfahrene Piloten hatten Reichweite: 2.250 Kilometer
Mühe, die Kontrolle zu behalten. Lockheed Bewaffnung: zwei 7,92-Millimeter- und zwei 13-Millimeter-Maschi-
diagnostizierte eine Stoßwelle, die durch den nengewehre, zwei 20-Millimeter-Bordkanonen, vier 21-Zentimeter-
Einbau von Bremsklappen beseitigt wurde Raketen, 1,1 Tonnen Bombenlast
Produziert: 1.189 Stück
Hitlers bevorzugter Bomberzerstörer, genannt „Hornisse“, war den
alliierten Maschinen nicht gewachsen. Er wurde auch als Nacht-
bomber, Torpedobomber sowie
für Aufklärung und als
Nachtjäger eingesetzt

Schallraum
In den beiden Leitwerks-
trägern befanden sich
Turbolader und Radiatoren,
die den Maschinenlärm
dämpften

In dieser Serie u. a. bereits erschienen:


Schwedische 40-Millimeter-Flak (5/2015) Eine P-38 konnte ebenfalls
Sowjetische Iljuschin IL-2 (6/2015) vier bis zehn Raketen oder
Britisches Flugboot Short S.25 Sunderland (1/2016) zwei Tonnen Bomben mit
US-Atombomben „Little Boy“ und „Fat Man“ (2/2016) sich führen. Durch abwerfba-
Japanischer Torpedobomber Nakajima B5N (3/2016) re Zusatztanks vergrößerte
Amerikanisches M1918A2 Browning Automatic Rifle (4/2016) sich die Reichweite auf
Deutsche Panzerfaust 60 (5/2016)
4.000 Kilometer

Clausewitz 6/2016 39
Kriege, Krisen und Konflikte

AUF DER JAGD: Mit einem örtlichen Führer sind Fallschirm-


jäger der Fremdenlegion auf der Suche nach Rebellen der
FLN. Die Nähe zum Mutterland und der hohe Anteil an franzö-
sischen Siedlern machen Algerien zu einem extrem bedeu-
tenden Besitz Abb.: Jürgen Joachim

Der Algerienkrieg 1954–1962

Kampf um Frankreichs
kostbarste Kolonie
1962: Die Grande Nation ist schwer gedemütigt. Nach Indochina (1954) ist auch Alge-
rien verloren und muss in die Unabhängigkeit entlassen werden. Frankreich gibt seine
Besitzung in Nordafrika aber nicht kampflos auf – und so geht der Souveränität Alge-
riens ein blutiger Krieg voraus Von Robert Riemer

40
DER KRIEG IN ZAHLEN*

Algerienkrieg
FLN (ALN) Frankreich
Truppenstärke bis zu 200.000 (1960) bis zu 750.000 (1960)
+ Zehntausende zivile Unterstützer inkl. Zehntausende Harkis (algerische
Unterstützer/Loyalisten)
Verwundete unbekannt zirka 65.000 (+ einige Tausend Europäer)
Tote 150.000 (inkl. 12.000 interne „Verluste“) 25.000 Soldaten (+ einige Tausend Europäer)
(+ Hunderttausende Zivilisten) + Zehntausende Harkis

D ie Aufständischen wähnen sich in Si-


cherheit, als sie sich im April 1958 in ei-
nen Bergkessel zurückziehen. Doch
was nun geschieht, überrascht die Algerier
vollkommen: Von allen Seiten knattern plötz-
reich, nachdem es nur vier Jahre zuvor den
Indochinakrieg mit der verheerenden Nie-
derlage von Dien Bien Phu (8. Mai 1954) kra-
chend verloren hatte.
französischen Interessen an dem Gebiet las-
sen sich bis in das 16. Jahrhundert zurück-
verfolgen – und seit Mitte des 19. Jahrhun-
derts gilt Algerien als Teil Frankreichs. Zu-
gleich handelt es sich nicht um eine rein
lich Hubschrauber heran und riegeln sämtli- Koloniales Krisengebiet innerfranzösische Angelegenheit: Der Kon-
che Zugänge ab: Das vermeintliche Versteck Der Konflikt in Algerien beginnt nur wenige flikt wird vom sich verstärkenden Ost-West-
entpuppt sich als Todesfalle. Die Soldaten des Monate später, am 1. November 1954. Frank- Gegensatz überschattet – verbunden mit der
1. Fallschirmjäger-Regiments der Fremden- reich ist damit unmittelbar von der nach Möglichkeit, dass sich ein unabhängiges Al-
legion fackeln auch nicht lange und eröffnen dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Deko- gerien auf die Seite der Sowjetunion schlägt
das Feuer, worauf die Algerier in nahe Höh- lonialisierung betroffen, und im Falle Alge- und damit nicht nur das östliche Mittelmeer
len fliehen. riens noch dazu direkt vor der eigenen (Stichwort Ägypten), son- dern auch das
Der Kolonialkrieg in Nordafrika verlief Haustür. Darüber hinaus ist Algerien nicht westliche in den kommunistischen Einfluss-
mittlerweile überraschend gut für Frank- irgendeine beliebige Kolonie, sondern die bereich rückt.

Clausewitz 6/2016 41
Kriege, Krisen und Konflikte | Algerienkrieg 1954–1962

HINTERGRUND
GUERILLA-KRIEG: Ein-
Die FLN zelne Fahrzeuge sind
besonders gefährdet, in
Die Front de Libération Nationale (Natio- einen Hinterhalt oder
nale Befreiungsfront) ist eine 1954 in Kai-
eine Minenfalle zu fah-
ro gegründete Bewegung, die am 1. No-
vember 1954 den Kampf gegen das kolo- ren Abb.: Jürgen Joachim
niale Frankreich zur Befreiung Algeriens
aufnimmt. Deren Angehörige sind der
Überzeugung, dass eine algerische Unab-
hängigkeit nicht auf politischem Weg zu
erreichen ist, sondern allein über den be-
waffneten, aktiven Kampf – und leiten da-
raus einen politischen Alleinvertretungs-
anspruch für alle Nichteuropäer in Algerien
ab. Als organisatorisches Vorbild dienen
die Kaderparteien Osteuropas; eine harte
Disziplin und politische Unterordnung wer-
den von den Mitgliedern gefordert und im
Falle schwerer Verstöße mit der Todesstra-
fe sanktioniert. Die FLN ist nicht die einzi-
ge Opposition gegen Frankreich, doch
kann sich die Befreiungsfront am Ende
des Krieges gegen die Konkurrenten
durchsetzen und ist – nach wechselhaften
Wahlerfolgen – seit 2012 die stärkste Par-
tei und stellt mit
In diesem Krieg verlaufen zwei Teilkon- Minderheitsregierung unter dem sozialisti-
Abd al-Aziz Boutefli-
ka den aktuellen flikte parallel, denn einerseits stehen sich die schen Ministerpräsidenten Guy Mollet, der
algerischen Präsi- französische Armee und die Nationale Be- im Frühjahr 1957 zurücktreten muss und
denten. freiungsfront (FLN) im Kampf um die Unab- Frankreich damit endgültig ins Chaos stürzt.
Die FLN grün- hängigkeit Algeriens gegenüber, anderer- Vom Militär in Algerien unterstützte De-
det die Armée de seits findet gleichzeitig ein Bürgerkrieg in monstrationen Zehntausender Siedler führen
Libération Natio- Algerien zwischen der FLN und algerischen 1957 zur Machtübernahme General Jacques
nal (Nationale Be- Loyalisten statt, die einen Verbleib bei Frank- Massus, der von Fallschirmjägern auch Kor-
freiungsarmee, reich befürworten. Außerdem ziehen die sika besetzen lässt und sogar die Okkupation
ALN), eine an- Kämpfe in Nordafrika Unruhen im französi- von Paris erwägt. Als neuer starker Mann
fangs nur aus we-
nigen hundert
Kämpfern beste-
hende, zentral or-
„Algerien wird das Fundament sein, das
TERROR: Französi- ganisierte Truppe, uns unseren Ruhm erhält, oder aber der Felsblock,
sche Soldaten die sich der Gue- der uns zerschmettert.“
durchsuchen einen rilla-Taktik be-
Algerier nach einem dient. Politisches Théophile Delcassé im Jahr 1915, damals französischer Außenminister
Anschlag Ziel ist die Errich-
Abb.: picture-alliance/dpa tung einer sozia- schen Kernland nach sich, die schließlich in bietet sich in dieser Situation de Gaulle an,
listischen Demo- der Gründung der Fünften Republik unter der mit großem Erfolg das Volk über eine
kratie mit islamischen Elementen in Form
Charles de Gaulle enden. neue französische Verfassung entscheiden
einer Republik. Gelenkt werden politische
und militärische Aktionen von Ägypten lässt, die in Algerien bei den zugelassenen
aus. Die FLN greift im Rahmen ihrer asym- De Gaulle greift ein Wählern über 95 Prozent Zustimmung er-
metrischen Kriegführung auf Terror- und Die letzten Jahre der Vierten Republik sind reicht. Doch die vordringliche (außen-)politi-
Guerillataktiken zurück. angesichts dieser Entwicklungen als krisen- sche Aufgabe des neuen französischen Präsi-
reich zu bezeichnen: Seit 1956 regiert eine denten ist der Algerienkrieg.

CHRONOLOGIE
1830–1870 Militärische Eroberung und französische Besetzung großer Teile Algeriens heimischen, gegenüber Frankreich loyalen Eliten und muslimischen Rechtsgelehrten;
1848 Algerien wird als Teil Frankreichs deklariert gleichzeitig jedoch Unruhen, Hunger sowie Unterdrückung der neu gegründeten Partei
des Algerischen Volkes (PPA, 1939 aufgelöst)
1870 Aufstand von 150.000 Berbern und Arabern gegen die französischen Kolonial-
frühe 1940er-Jahre Unterdrückung der unzufriedenen algerischen Bevölkerung
herren parallel zum gleichzeitig stattfindenden Deutsch-Französischen Krieg
durch die Vichy-Regierung im Zweiten Weltkrieg; Übernahme der Kontrolle durch die
(1870/71)
Streitkräfte für ein freies Frankreich (FFL) unter Charles de Gaulle 1942/43, der sich
bis 1900 Europäische – nicht nur französische – Einwanderung in Algerien aus wirt- mit Forderungen nach einem autonomen Status Algeriens in einer Föderation mit
schaftlichen Gründen (Industrialisierung, Bevölkerungsdruck, Verarmung) Frankreich konfrontiert sieht
1920er-/1930er-Jahre Entstehung eines algerischen Nationalbewusstseins bei ein- 8.5.1945 Massaker von Sétif – französische Truppen schießen auf Demonstranten,

42
Terror von beiden Seiten

KARTE

Frankreichs Krieg in Nordafrika

BRUTAL:
Französische Offizie-
re billigen es, dass
Algerier über dem
Mittelmeer aus
Flugzeugen gewor-
fen werden
Foto: picture–alliance/dpa

MARSCH IM WADI:
Eine französische
Patrouille im Wüs-
tensand. Seit 1948
gilt Algerien offiziell
als Teil Frankreichs
Foto: Jürgen Joachim

Gestaltung: KGS Kartographie


und Grafik Schlaich

Dort findet parallel zu den innerfranzö- Brutalität geprägt. Auf Seiten der Kolonial- Die als Reaktion auf mehrere Bombenat-
sischen Entwicklungen die Schlacht von Al- macht wird die „französische Doktrin“ an- tentate der FLN durchgeführten Maßnah-
gier statt. Fallschirmjäger unter Massu ge- gewendet, ein systematisches Vorgehen des men in Algier und später ganz Algerien stel-
hen gegen die FLN vor, um diese damit lan- Staates gegen Widerstand mittels Repressio- len Menschenrechtsverletzungen dar, bei de-
desweit als Gegenspieler auszuschalten. nen, Folter und illegaler Tötungen, die auch nen sich auch der höchstdekorierte Soldat
in Teilen der französischen Bevölkerung Frankreichs, Oberst Marcel Brigeard, un-
Kriegsverbrechen Proteste hervorruft und später unter ande- rühmlich auszeichnet – er lässt Algerier teil-
Die Auseinandersetzung trägt Merkmale rem in mittel- und südamerikanischen Dik- weise mit Gewichten beschwert aus Flug-
der heute sogenannten asymmetrischen taturen gegen die eigene Bevölkerung ein- zeugen in das Mittelmeer werfen. Die
Kriegführung und ist von großer Härte und gesetzt wird. Schlacht von Algier ist also keine „klassi-

die im Rahmen der Siegesfeiern (Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa) die 23.1.1960 Unter Führung von Pierre Lagaillarde beginnen 600 Paramilitärs der
verbotene grün-weiße algerische Fahne zeigen. Es folgt ein Aufstand, der über Französischen Nationalfront (Front national français, FNF) in Algier einen erfolglosen
100 Europäer das Leben kostet und zu Racheaktionen führt Staatsstreich
1954 Gründung der FLN als Abspaltung der 1946 gegründeten MTLD 8.1.1961 Volksabstimmung in Frankreich: 72 Prozent stimmen für eine Selbstbe-
1.11.1954 Beginn des Algerienkriegs stimmung aller Algerier über ihren künftigen Status
30.9.1956–24.9.1957 Schlacht von Algier 1961–1962 Die Organisation der Geheimen Armee (Organisation de l'armée secrète,
1958–1959 Die Challe-Offensive zielt auf die Trennung von Guerilla (FLN) und OAS) kämpft im Untergrund gegen algerische Muslime und den französischen Staat
Bevölkerung und kostet die FLN zirka die Hälfte ihrer zu diesem Zeitpunkt aktiven 22.4.1961 Ein Putsch französischer Generäle (u.a. Challe, die OAS und Lagaillarde)
20.000 Kämpfer und Truppen in Algerien gegen de Gaulle und die Fünfte Republik beginnt und schei-

Clausewitz 6/2016 43
Kriege, Krisen und Konflikte | Algerienkrieg 1954–1962

DER POLITISCHE GEWINNER


Ahmed Ben Bella
Der erste Staatspräsident Algeriens
(1918–2012) stammt aus einer musli-
mischen Familie und leidet bereits früh
unter der Zurücksetzung wegen seines
Glaubens. Dennoch tritt er Mitte der
1930er-Jahre in die französische Armee
ein, um die Chance auf einen sozialen
Aufstieg zu nutzen. Ende der 1930er-
Jahre ist Ben Bella in Marseille statio-
niert und spielt bei Olympique Marseille
Fußball (im zentralen Mittelfeld, Tor-
schütze im Französischen Pokal 1940),
kann sich aber nicht entschließen, ei-
nen ihm offerierten Profivertrag anzu-
nehmen. Im Zweiten Weltkrieg kämpft er
für Frankreich, wird befördert (Adjudant)
und ausgezeichnet (Croix de guerre, Mé-
daille militaire). Wegen des Massakers
von Sétif wendet er sich immer mehr
der Idee einer algerischen Unabhängig-
keit von Frankreich zu. Nach seiner
Flucht nach Kairo gründet er dort 1954
BEWEGLICH: Hubschrauber erweisen sich in Algerien als effiziente Waffe Abb.: Jürgen Joachim die FLN, die noch im gleichen Jahr den
bewaffneten Kampf gegen die französi-
sche“ Schlacht, sondern eine von der FLN er die Außengrenzen dichtmacht und die Re- schen Kolonialherren in Algerien be-
mit Mitteln des kleinen Krieges geführte bellen nach Möglichkeit von der übrigen al- ginnt. Ben Bella selbst wird 1956 von
Auseinandersetzung, die zwar mit einer mi- gerischen Bevölkerung trennt. Bis Ende 1959 französischen Agenten verhaftet und
litärischen Niederlage endet, wegen des werden zwei Millionen Algerier zwangsinter- kehrt erst nach Kriegsende und erreich-
französischen Vorgehens aber als politischer niert, die traditionell muslimische Gesell- ter Unabhängigkeit 1962 zurück, kann
Sieg für die FLN gewertet werden kann, die schaft – etwa die Scharia – bekämpft. sich gegen innenpolitische Konkurren-
ten durchsetzen und wird Präsident des
Landes. Im Jahr darauf findet der alge-
risch-marokkanische Grenzkrieg um das
„Sie haben schon 100.000 Leute mehr, als an Bodenschätzen reiche Tindūf-Gebiet
Napoléon benötigte, um Europa zu erobern.“ statt, bei dem der algerische Präsident
Antwort Charles de Gaulles auf den Ratschlag von Premierminister als Oberbefehlshaber den Sieg erringt.
Michel Debré, die Truppen in Algerien zu verstärken Nur zwei Jahre später,
1965, zwingt ein er-
folgreicher Militär-
damit die öffentlichen Sympathien auf ihre Die Politik de Gaulles spielt der FLN nun putsch Ben Bella
Seite zieht. Gleichwohl ist die FLN über den zunehmend in die Hände, denn der Präsi- bis 1982 in einen
Hausarrest.
politischen Wechsel in Frankreich verunsi- dent dekolonisiert und macht sich für eine
chert, denn eine Befriedung Algeriens durch Volksabstimmung zum Status Algeriens

Abb.: picture alliance/ZUMA Press


de Gaulle würde der FLN die Unterstützung stark. Deren Ergebnis Anfang Januar 1961 GEJAGT: 1956 wird
Ben Bella von einem
im Land entziehen. Die Folge sind verstärkte ist eindeutig – alle Algerier sollen über ihre
französischen Kom-
Anschläge und Sabotageakte in Algerien Zukunft selbst bestimmen dürfen. Ein Vier- mando aus einem ma-
und Frankreich. teljahr später putschen vier Generäle in Al- rokkanischen Flugzeug
1958/59 führt General Maurice Challe die gerien, die mit dieser Selbstbestimmung – entführt. Er bleibt bis
nach ihm benannte Offensive mit einem be- zu Recht – die bisherige Herrschaft der fran- zum Waffenstillstand
stimmten Ziel durch: Er möchte die FLN vom zösischen Minderheit bedroht sehen. Es 1962 in Haft
personellen Nachschub abschneiden, indem handelt sich dabei nicht um den einzigen

CHRONOLOGIE
tert wenige Tage später; de Gaulle regiert in diesem Notstand gemäß Verfassung mit 1.7.1962 Volksentscheid in Algerien: 90 Prozent der Wähler stimmen für die
diktatorischen Befugnissen Unabhängigkeit des Landes
17.10.1961 Massaker von Paris: 30.000 Algerier protestieren gewaltlos in Paris, die ab 1965 Ben Bella, erster Staatspräsident Algeriens, steht nach einem Militärputsch
Polizei geht gegen sie vor. unter Hausarrest
18./19.03.1962 Nach erfolgreichen Verhandlungen mit der GPRA (seit Mai 1961) 1991–1997 Algerischer Bürgerkrieg
Ende des Algerienkrieges, Verträge von Évian, Waffenstillstand zwischen Frankreich
und der FLN – Unabhängigkeit Algeriens nach dem kommenden Referendum 1999 Offizielle Anerkennung des Begriffs „Algerienkrieg“ in Frankreich
8.4.1962 Volksentscheid in Frankreich: 90 Prozent der Wähler stimmen für die Un- ab 2000 Öffentliche Diskussionen um Menschenrechtsverletzungen der
abhängigkeit Algeriens und bestätigen damit de Gaulles Politik französischen Armee während des Algerienkriegs

44
Schwerer Schlag für Frankreich

DER UMSTRITTENE FRIEDENSBRINGER


Charles de Gaulle
Der Namensgeber des sogenannten eine Berufsarmee und den Einsatz mobi-
„Gaullismus“ – einer konservativen, pa- ler, gepanzerter Truppen fordert. Zu Be-
triotischen, gemäßigt rechtsgerichteten ginn des Krieges im Westen 1940 erringt
politischen Strömung, die ein zwiespälti- de Gaulle einen Sieg gegen deutsche
ges Verhältnis zur europäischen Integrati- Truppen und wird daraufhin zum General
on hat – ist Begründer der Fünften Franzö- befördert. Nachdem sein ehemaliger Men-
sischen Republik (seit 1958) und von tor Pétain einem Waffenstillstand mit den
1959 bis 1969 deren Präsident. Bekannt Deutschen zustimmt, setzt er sich nach
wird de Gaulle (1890–1970) schon im London ab.
Zweiten Weltkrieg, als er an der Spitze Nach dem Krieg erreicht de Gaulle die Auf-
der Streitkräfte für ein freies Frankreich nahme Frankreichs als ständiges Mitglied
den Widerstand gegen die deutsche Be- in den UN-Weltsicherheitsrat, verlässt nach
setzung anführt. innenpolitischen Auseinandersetzungen in
Aufgewachsen in einer katholisch-kon- der Vierten Republik die Öffentlichkeit
SCHMUTZIGER KRIEG: Die Franzosen – in servativen Intellektuellenfamilie, und kehrt nach dem verlorenen In-
der Bildmitte ist General Massu Ende No- schlägt er die militärische Lauf- dochinakrieg – und mitten im an-
vember 1958 zu sehen – gehen mit großer bahn ein, wird 1912 Offizier und ist dauernden Algerienkrieg – 1958 auf
Härte gegen die FLN vor Abb.: picture-alliance/dpa vor dem Ersten Weltkrieg im Regi- die politische Bühne zurück. Unter
mentsstab des späteren „Hel- seiner Präsidentschaft versucht
den von Verdun“, Henri Philippe sich die Fünfte Republik aus
Putsch dieser Art: Teile der französischen
Pétain, beschäftigt. De Gaulle dem Ost-West-Konflikt zu lö-
Armee sowie französische Siedler versu- gerät 1916 vor Verdun in Ge- sen und betreibt eine eigene
chen in den Jahren 1960 und 1961 zweimal

Abb.: picture alliance/Heritage Images


fangenschaft, hilft nach dem nukleare Aufrüstung.
erfolglos einen Staatsstreich. Die OAS, eine Ersten Weltkrieg beim Aufbau
der von Militärs gegründeten Organisatio- der neuen polnischen Armee
nen, die sich gegen de Gaulles Politik weh- und dient danach als Lehrer an ei-
ren, terrorisiert mit Anschlägen und Atten- ner französischen Militärschule, AUF DER ABSCHUSSLISTE:
taten 1962 ganz Frankreich und bestärkt den in einem Kommando im Libanon Am 22. August 1962 ver-
Präsidenten letztlich darin, Verhandlungen sowie im Nationalen Verteidi- sucht die OAS de Gaulle bei
gungsrat. Er betätigt sich außer- Paris zu ermorden. Das Foto
mit der seit 1958 in Kairo existierenden und
dem als Schriftsteller militäri- zeigt ihn im Jahr 1958 bei
seit 1960 in Tunis residierenden provisori-
scher Fachbücher, in denen er einem Auftritt in Algerien
schen algerischen Regierung (GPRA) zu
führen. Diese münden schließlich in der Un-
abhängigkeit des nordafrikanischen Staates. das Ergebnis der Auseinandersetzungen – tut sich lange schwer, mit der Art und Weise
die algerische Unabhängigkeit – erstaunlich, der eigenen Kampfführung und dem territo-
Anstrengende Aufarbeitung passt aber gleichwohl nahtlos in die weltwei- rialen Verlust umzugehen: Erst seit 1999 ist
Vor dem Hintergrund der drückenden fran- te Dekolonisationsphase in der zweiten Hälf- offiziell vom „Algerienkrieg“ die Rede, erst-
zösischen Überlegenheit hinsichtlich Perso- te des 20. Jahrhunderts. Das französische Ko- mals diskutiert man vor 15 Jahren die Men-
nal und Material und der deutlichen militäri- lonialreich ist 1962 Geschichte, die Armee als schenrechtsverletzungen und im Jahr 2005
schen Niederlage der algerischen Kräfte ist politischer Akteur ausgeschaltet. Frankreich sorgt ein Gesetz für öffentliche Auseinander-
setzungen, welches das französische Wirken
(FM 24/29)
FRANZÖSISCHER MASCHINENGEWEHRSCHÜTZE
in den Kolonien in ein positives Licht setzt.
Fotos: Bastien Chevot

Algerien selbst kommt nach dem Sieg


Bergrucksack
Helm TTA Mo- Tropenhut Modell 1950 nicht zur Ruhe: Zwar regiert die FLN bis
dell 1951 Modell 1949 „Bergam" heute, doch mehrere, teilweise schwere Kri-
sen prägen das Land. In den freien Wahlen
Feldjacke TTA im Jahr 1991 erringt die erst 1989 gegründete
Modell 1947 und bereits 1992 wieder verbotene islamisch-
fundamentalistische Islamische Heilsfront
Gürtel (Front islamique du Salut, FIS) einen deutli-
1903/14 chen Sieg, doch das Militär bricht die Wahlen
ab und das Land schlittert in einen bis 1997
MG-Magazin- andauernden Bürgerkrieg, der über 100.000
Gürtelholster
TTA Modell tasche TTA US M43 Menschenleben fordert.
1948 1950 Klappspaten
Feldhose TTA in französi-
Feldflasche Modell scher Tasche Dr. Robert Riemer forscht und lehrt als Privatdozent
TTA Modell 1947/50 am Historischen Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Univer-
1952 sität Greifswald. Außerdem unterrichtet er an der Offi-
Kampfstiefel Gamaschen zierschule des Heeres in Dresden und an der Offizier-
Modell 1952 TTA Modell schule der Luftwaffe in Fürstenfeldbruck.
1951
TTA = TouTes Armes (an alle Truppengattungen ausgegeben)
Clausewitz 6/2016 45
Bildstrecke

Dynamisch & detailliert

Kampfmaschinen
der Weltkriege
wiederbelebt

TÖDLICHER TRIUMPH: Am 10. August 1918 schießt


Rudolph Berthold in seiner Fokker D. VII (gut an seinem Wappen
zu erkennen, dem „geflügelten Schwert”) zwei britische DH-4-
Bomber ab. Das hochdekorierte deutsche Fliegerass kollidiert
dabei unglücklich mit einem seiner getroffenen Opfer, stürzt ab,
kracht in ein Haus und kommt dabei ums Leben. Aufgrund zahl-
reicher alter Kriegsverletzungen – unter anderem steckt eine
Kugel in seinem rechten Arm – konnte er seine Maschine nur
noch einhändig steuern und verlor vermutlich deshalb die Kon-
trolle während seines letzten Kampfes

46
F
otografien sind unbestritten eine der wichtigsten
Quellen für die Rekonstruktion vergangener Epo-
chen. Unsere Vorstellung davon, wie die beiden
Weltkriege „ausgesehen“ haben, ist maßgeblich von der
bildlichen Überlieferung geprägt. Aber Fotos haben ihre
Schwächen. Das gilt besonders, wenn sie im Zusam-
menhang mit Kampfhandlungen stehen. In der Regel
sind sie statisch. Und zwar in dem Sinn, dass sie etwa
ein Flugzeug vor oder nach einem Einsatz zeigen – und
nicht, jedenfalls meistens, während des eigentlichen
Kampfes. An dieser Stelle kommen Rekonstruktionen
ins Spiel. Rekonstruktionen, die kraftvoll, lebhaft und
„in Bewegung“ sind. Der ehemalige Ingenieur Mike
Newland – der unter anderem U-Boote für die US-Navy
konstruiert hat – stellt solche plastischen „Zeitfenster
in die Vergangenheit“ her.
Sein Interesse für Militärtechnik speist sich einer-
seits aus der Faszination für „mächtige Maschinen“
und andererseits aus der Familiengeschichte. Sein Va-
ter war Fluglehrer beim Militär, zwei Onkel dienten
unter General Patton und ein anderer Familienange-
höriger war bei der Marine. Verbunden mit einer Pas-
sion für Kunst und Fotografie führte dieser Hinter-
grund zur Anfertigung von historischen Kampfszenen.
Im Mittelpunkt steht dabei die Militärtechnik im Ein-
satz, die zwar martialisch wirkt – und wirken soll, denn
Krieg ist kein Kinderspiel! – aber niemals in die niede-
ren Sphären des Reißerischen abgleitet. Dafür ist Mike
Newlands Respekt vor den Männern zu groß, die in
den abgebildeten Maschinen kämpfen mussten. Zu
dieser Anerkennung gehört auch die gründliche Re-
cherche, um die Szenen akkurat wiederzugeben. Eben
wie auf einem klassischen Foto – nur dynamischer, in
Aktion und Farbe. Mike Newland verwendet dazu his-
torisches Bildmaterial, Fachliteratur und spricht mit
Veteranen und Augenzeugen. Das Ergebnis sind faszi-
nierende Kunstwerke, die sich nicht als Konkurrenz,
sondern als Ergänzung zu Fotografien verstehen.

Clausewitz 6/2016 47
Bildstrecke

AUF VERLORENEM POSTEN:


Nach den anfänglichen Überraschungser-
folgen in der Ardennenoffensive (Winter
1944/45) scheitert die Wehrmacht unter
anderem an der massiven alliierten Luft-
überlegenheit sowie dem chronischen
Treibstoffmangel. Diese Situation schil-
dert das Bild „Winter War“: die wegen
fehlendem Kraftstoff liegen geblieben
deutsche Panzer bilden einfache Ziele
für die Bomben der überfliegenden P-57

IM TIEFFLUG GEGEN EINEN TITANEN AUS


STAHL: Diese britische S.E.5a greift einen
deutschen Versorgungszug an. Solche Mis-
sionen sind äußerst gefährlich, da die Zü-
ge meist stark bewaffnet sind und sich
durchaus zu verteidigen wissen …

BEDROHLICHE BEGEGNUNG
MIT DEM „LICHTSPUCKER“:
Dieser britische Airco-D.H.-2-Pilot, der ge-
rade einen deutschen Aufklärungs-Ballon
(im Hintergrund links noch zu erkennen)
abgeschossen hat) wird nun seinerseits
schwer getroffen. Die gegnerische Flak
mit dem sprechenden Spitznamen „Licht-
spucker“ beschießt ihn mit 37-Millime-
ter-Artilleriegeschossen, die bis in
eine Höhe von 1.500 Metern reichen

Alle Abbildungen: Mike Newland / www.zulumike.deviantart.com

48
ABGESCHOSSENER ANGREIFER:
Während der Luftschlacht um England (1940)
fliegt eine britische Hurricane gefährlich nahe
an einer getroffenen He 111 vorbei. Solche dra-
matischen Szenen haben sich im kompromisslo-
sen Luftkrieg des Zweiten Weltkriegs zuhauf ab-
gespielt

FLUG INS „TODESFEUER“: Die Anlagen der Leuna I.G. Farbenindus-


trie sind ein strategisch wichtiges Angriffsziel für die Alliierten und gehören zu
den am besten geschützten Industriewerken Europas. Der Himmel färbt sich bei
einem Angriff schwarz von den Explosionen der deutschen Flak und brennender
Öltanks auf dem Boden. Insgesamt braucht es fast ein Jahr (Mai 1944 bis April
1945), um die Produktion endgültig lahmzulegen. Unser Bild gibt einen guten
Eindruck von der heftigen Gegenwehr, die die Piloten und ihre Bomber erwartet

Clausewitz 6/2016 49
Bildstrecke

ÜBERFALL AUS DER LUFT:


Amerikanische P-47-Jagdbomber greifen
einen deutschen Truppentransport in
den Alpen an. P-47 zerstören während
des Krieges über 9.000 Lokomotiven
(im Bild eine Dampflok Baureihe 55)

ANGRIFF AUS DEM NICHTS:


Zwei Messerschmitt Me 262 überraschen
eine B-17-Staffel über dem Ruhrgebiet.
Die Me 262 ist das erste in Serie gebaute
strahlgetriebene Flugzeug – und bei den
Gegnern besonders gefürchtet. Aufgrund
der späten Einführung und geringen
Stückzahl hat die Me 262 zwar auf den
Kriegsverlauf selbst kaum Einfluss, übt
aber dafür in technikgeschichtlicher Hin-
sicht eine beindruckende Wirkung aus

50
AUS DER NOT GEBOREN:
In der Endphase des Krieges experimen-
tiert die Luftwaffe mit gewagten Ramm-
Manövern, um die allgegenwärtigen alli-
ierten Bomberflotten aufzuhalten. Vor al-
lem das „Sonderkommando Elbe“ macht
sich in diesem Zusammenhang einen
Namen. Das Bild zeigt einen Bf-109-Pilo-
ten während solch einer Verzweiflungs-
tat gegen eine amerikanische B-17

DUELL IN DER
DUNKELHEIT:
Während eines Nachtein-
satzes holt eine Fw 190 AUSGEBOMBT: Gegen Ende des Krieges ist
einen britischen Lancas- die alliierte Luftüberlegenheit so groß, dass ihr von
ter-Bomber vom Himmel. deutscher Seite kaum noch etwas entgegengesetzt
Das deutsche Jagdflug- werden kann. Dieser Bahnhof ist – bis auf eine
zeug (auch „Würger“ ge- schwache Flak-Verteidigung – praktisch schutzlos,
nannt) ist gut ausgerüs- als er von B-24-Bombern angegriffen und sprich-
tet: Zwei 13-Millimeter- wörtlich aus den Angeln gehoben wird
Maschinengewehre und
zwei 20-Millimeter-Kano-
nen (MG 151), die Minen-
munition (Sprengmunition)
verschießen, sind eine äu-
ßerst tödliche Bewaffnung

Clausewitz 6/2016 51
Meinung

Die Wiedergeburt des Stellvertreterkrieges

Der entgrenzte Krieg


Spätestens seit dem Eingreifen russischer Truppen in Syrien geht das Gespenst des
Stellvertreterkrieges um. Handelt es sich hier um ein singuläres Ereignis oder werden
wir uns an Konflikte dieser Art gewöhnen müssen? Von Stefan Krüger

M al ehrlich: Wenn Sie das Wort „1980er-Jahre“ hö-


ren, wird Ihnen da auch ganz warm ums Herz?
Sicher, die Retrowelle, die im Moment durchs
Land gluckert, mag dem Umstand geschuldet sein, dass
die Kinder der 1980er-Jahre mittlerweile das nötige Geld
Soweit die Theorie. Da die USA befürchteten, dass
weitere Staaten „umfallen”, wenn der Kommunismus
erstmal Vietnam beherrscht, unterstützten die Ameri-
kaner bereits in den 1950er-Jahren Frankreich in seinem
Kolonialkrieg gegen die Viet Minh („Liga für die Unab-
haben, um sich den ganzen Retro-Kram auch leisten zu hängigkeit Vietnams”). Mit der Niederlage Frankreichs
können. Es mag aber auch daran liegen, dass die Welt 1955 endete der Stellvertreterkrieg keineswegs – nun
vor allem in politischer Hinsicht vor 30 Jahren bedeutend sollte er erst richtig beginnen. Denn Südvietnam, das
einfacher war: Auf der einen Seite stand „der Russe“ und die Westmächte analog zur Bundesrepublik als „Boll-
auf der anderen „der Ami“. Heutzutage sieht das Ganze werk gegen den Kommunismus” installiert hatten,
Stefan Krüger so aus: Soldaten aus Russland kämpfen in Syrien für As- schaffte es kaum, sich im Bürgerkrieg zu behaupten. Die
Foto: Archiv Clausewitz sad gegen den Islamischen Staat und diverse Oppositi- USA erhöhten in der Folge kontinuierlich ihre Militär-
onsgruppen – und das ist bereits die stark vereinfachte hilfe, bis sie schließlich aktiv intervenierten. Zunächst
Version. mit Luftangriffen, zuletzt auch mit Bodentruppen.
Was wir im Moment in Syrien erleben, ist nichts anderes
als die Renaissance des Stellvertreterkrieges, eine Er- Bis zum bitteren Ende
scheinung, von der die Optimisten gehofft haben, dass Und auch dies ist ein typisches Merkmal für den Stell-
sie gemeinsam mit dem Kalten Krieg auf dem Friedhof vertreterkrieg: Die Großmacht schlittert recht leicht in
der Geschichte gelandet ist. diesen hinein, findet aber oft genug nur sehr mühsam
und unter größten Verlusten wieder hinaus. Man muss
Eine reine Machtdemonstration sich deshalb auch davor hüten, den Stellvertreterkrieg
Nüchtern betrachtet nimmt der Stellvertreterkrieg eine als eine Art „Light-Version” des Großkonfliktes zu be-
mittlere Position zwischen der Diplomatie und dem trachten. Clausewitz lehrt uns, dass eine kriegführende
Großkonflikt ein. Sobald die Kontrahenten ihre diplo- Partei in der Regel nie bis zum Äußersten geht, um ei-
matischen Möglichkeiten ausgereizt haben und zugleich nen Konflikt zu gewinnen. Vielmehr wird sie versuchen,
davor zurückschrecken, offen zu den Waffen zu greifen, den Krieg zu beenden, sobald die Verluste und Schäden
liegt es nahe, dass sie versuchen, Punktsiege in der Peri- in keinem Verhältnis zur möglichen „Kriegsbeute” ste-
pherie einzufahren. So bietet es sich an, die Bundesge- hen – sofern man diese überhaupt noch erlangen kann.
nossen des jeweiligen Rivalen zu schwächen, indem Im Stellvertreterkrieg ist dies jedoch völlig anders. Das
man deren lokale Gegner systematisch stärkt und im Territorium der beteiligten Großmächte, im Falle Viet-
Kriegsfall sogar eigene Truppen entsendet. nams waren dies die USA, die UdSSR und China, bleibt
Vietnam ist hierfür das klassische Beispiel. Der Konflikt meist unberührt, so dass das Risiko scheinbar gering
in Indochina zeigt auch besonders gut, was der eigentli- bleibt. Ähnliches können wir auch im Dreißigjährigen
che Sinn des Stellvertreterkrieges ist. Es geht nämlich Krieg beobachten: Solange die Kernländer Habsburgs,
keineswegs darum, ein paar Quadratmeter Dschungel Frankreichs und Schwedens nicht betroffen waren, sa-
oder einen nutzlosen Steppenfleck in Zentralasien zu er- hen die Großmächte keinen Grund, den Krieg zu been-
obern, um dort die „Fahne der Freiheit“ zu hissen. Der den. Erst als französische und schwedische Truppen
Stellvertreterkrieg ist eine reine Machtdemonstration. Er kurz davor waren, Habsburger Territorium zu betreten,
soll den eigenen Verbündeten demonstrieren, dass sie bemühte sich der Kaiser ernsthaft um Frieden.
sich auf ihren Hegemon verlassen können, während sich Der Stellvertreterkrieg verführt die Beteiligten also
der Rest der Welt eingeschüchtert zusammenkauert. dazu, teils bis zum Äußersten zu gehen, wobei es freilich

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WAFFENHILFE: Eine russische
Suchoi Su-24 hebt am 21. Oktober
2015 von der syrischen Luftwaffen-
basis Hmeymim ab. Die russische
Unterstützung war für das Überleben
des Assad-Regimes wohl entschei-
dend. Russland selbst errang einen
erheblichen Prestigegewinn
Abb.: picture alliance/Photoshot

das Land und die Menschen vor Ort sind, die darunter
zu leiden haben. In Vietnam etwa hatte kamen über
zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ums Leben.

Marionetten an die Front


Dass es auch anders geht, zeigt der sogenannte Nomo-
han-Zwischenfall (11. Mai bis 16. September 1939). Of-
fiziell handelte es sich hier um einen Grenzkonflikt zwi-
schen der Mongolei und dem Kaiserreich Mandschu-
kuo. De facto aber waren diese Länder lediglich
Marionetten, die an den Strippen Moskaus und Tokios
hingen. Daher standen sich beim Höhepunkt des Kon-
flikts, der Schlacht am Galchin Gol, vor allem sowjeti-
sche und japanische Truppen gegenüber. Die Rote Ar-
mee bescherte dem Inselreich jedenfalls eine krachende
Niederlage mit weitreichenden Konsequenzen für den
späteren Zweiten Weltkrieg. So verabschiedete sich die
japanische Führung von der Idee, auf Kosten der UdSSR
zu expandieren und zielte stattdessen fortan auf den
südostasiatischen Raum ab.
Dank dieses Stellvertreterkonfliktes hatte Stalin so- EWIGES TRAUMA:
mit einen Krieg gewonnen, den er offiziell überhaupt globalen Machtpoker zwischen Russland und den Ver- US-Soldaten der
nicht geführt hat. Dass ein solcher Schuss buchstäblich einigten Staaten. Putin ist es dabei gelungen, seinen 199th Light Infan-
auch nach hinten losgehen kann, zeigt der Afghanistan- Wert als Bündnispartner weltweit erheblich zu steigeren try Brigade berei-
Krieg der Sowjetunion (25. Dezember 1979 bis 15. Feb- hat, während er die NATO als einen zahnlosen Tiger ten sich am 6. Ok-
ruar 1989), der der Supermacht nicht nur einen erhebli- vorführte. tober 1969 auf ei-
chen Prestigeverlust einbrachte, sondern auch ihren nen Einsatz vor.
Zerfall deutlich beschleunigte. Aus amerikanischer Der Krieg der Zukunft? Vietnam war die
Sicht war es nichts anderes als die gelungene Retour- Manch einer behauptet, dass der „Krieg gegen den Ter- größte Niederlage,
kutsche für Vietnam. ror“ lediglich ein Werbegag der Rüstungsindustrie sei. die die USA je hat-
Wladimir Putin hingegen scheint diese Klaviatur Das ist natürlich überzogen; es dürfte allerdings der ten einstecken
deutlich besser zu beherrschen. So führte er einen Krieg Wahrheit entsprechen, dass der Hauptgegner Washing- müssen Abb.: picture-
gegen Georgien, um die russischstämmigen Bürger in tons nicht der islamische Terrorismus, sondern Russ- alliance/dpa
diesem Land zu beschützen. Anschließend intervenierte land ist. Vom Ausgang dieses neuen Kalten Krieges
er im ukrainischen Bürgerkrieg, um die russischen Se- wird es abhängen, wie und unter welchen Bedingungen
paratisten zu unterstützen und um die Krim zu annek- die Waren- und Rohstoffströme in Zukunft verlaufen
tieren, während er zugleich Truppen nach Syrien sand- werden. Noch schreckt der Westen davor zurück, Kon-
Stefan Krüger, Jahrgang
te, um das Assad-Regime vor dem Zusammenbruch zu flikte in seinem Sinne zu instrumentalisieren, so wie es
1982, ist Militärhistoriker
bewahren. So wichtig die jeweiligen Anlässe für Russ- Putin getan hat. Der Erfolg des Kreml-Herrschers dürfte
und Freier Redakteur bei
land auch sein mögen, dürfen sie nicht darüber hinweg- aber Schule machen, so dass wir künftig noch mehr
Clausewitz.
täuschen, dass es hier vor allem um eines geht: um einen Stellvertreterkriege sehen werden.

Clausewitz 6/2016 53
Militär und Technik | Panzer Matilda II

Der Infantry Tank Matilda II im Kampf

„Königin
der Wüste“
1939/40: Der britische Panzer Matilda II erzielt in Nordafrika
große Erfolge gegen die italienischen Truppen und wird als
„Queen of the Desert“ gefeiert. Doch können die Matildas auch
gegen die Panzer des Afrikakorps bestehen? Von Ulrich Pfaff

IN FORMATION: Britische Panzer


des Typs Matilda II in einem Ge-
ländeabschnitt unweit von To-
bruk, 1942. Vor allem im Kampf
gegen die Italiener sollten sie
sich bewähren
Foto: picture-alliance/Heritage Images

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ERBEUTET: Deutsche Soldaten inspizieren einen briti-
schen Infantry Tank Mk II. Matilda II. Er ist den deut-
schen Panzern III und IV vor allem in der Hauptbewaff-
nung unterlegen Foto: Sammlung Anderson

E
s ist die Nacht zum 9. Dezember 1940 wirkenden Panzern, sind die Italiener nicht genommen. Am nächsten Morgen fällt auch
im italienischen befestigten Lager Ni- gewachsen. Die Panzerabwehrgeschütze das über Nacht eingekreiste Tummar West
beiwa, kurz hinter der libysch-ägypti- von Nibeiwa bleiben wirkungslos. Die 23 nahezu kampflos: 2.000 Soldaten ergeben
schen Grenze: General Pietro Maletti, Kom- Panzer vom Typ M11 haben den Matildas sich, nachdem sich durch entkommende Sol-
mandeur einer italienischen Kampfgruppe, ebenfalls nichts entgegenzusetzen. Sie sind daten aus Tummar Ost wie ein Lauffeuer das
genehmigt sich in seinem Zelt noch einen Co- schon vor dem Sturm auf die italienischen Gerücht verbreitet hatte, die britischen Pan-
gnac. Den kurz zuvor im Camp vernomme- Stellungen den 40-Millimeter-Geschossen zer seien unzerstörbar.
nen Gefechtslärm hält er für ein Scharmützel der britischen Panzer zum Opfer gefallen.
zwischen Truppen seines Lagers und eines Nach drei Stunden ist das Gefecht beendet. Mangelhafter Vorgänger
britischen Stoßtrupps. 4.000 Italiener strecken die Waffen. General Was hat es mit dieser vermeintlichen Unver-
Doch er irrt. Das für 7:30 Uhr geplante Maletti fällt durch MG-Feuer aus dem Turm wundbarkeit der Matilda-II-Panzer auf sich,
Frühstück wird Maletti nicht mehr erleben: eines Matilda-Panzers. die sie zu einer Berühmtheit auf dem nord-
Denn die Briten greifen nach Tagesanbruch Keine drei Stunden später greifen briti- afrikanischen Kriegsschauplatz machen soll-
mit der Infanterie der 4. Indischen Divisio an, sche Truppen das nächste italienische Lager te? Rückblick in die späten 1930er-Jahre:
unterstützt von den Matilda-Panzern des 7th an. Tummar Ost wird nach heftigem Gefecht Großbritannien hat seine Panzerwaffe in
Royal Tank Regiment (RTR). Es ist der Tag, zwei Kategorien aufgeteilt mit jeweils ge-
der den Ruf des Infantry Tank Mk. (Mark) II TECHNISCHE DATEN trennten taktischen Rollen: die Cruiser Tanks
als „Königin der Wüste“ begründet.
„Unverwundbar und unerschüt- Infantry Tank A12 und die Infantry Tanks. Als erster Infanterie-
panzer erblickt ein eher altbacken anmuten-
terlich mahlten die Panzer vor- Besatzung 4 Mann des Gefährt mit der Bezeichnung A11 das
wärts, jedes Hindernis niederwal- Gewicht 25 t Licht der Welt: Als Ergebnis einer vor allem
zend, Tod und Verwüstung in ihrer Länge 6m an den Kosten orientierten Entwicklung zu
Spur zurücklassend“, so formuliert Breite 2,6 m maximal 5.000 Pfund Stückpreis ähnelt diese
es der Geschichtsschreiber der Höhe 2,5 m Matilda I einem watschelnden Vogel. Tat-
4. Division. Tatsächlich: Den Matil- Panzerung 20 bis 78 mm sächlich hat der A11 etwas von einer lahmen
das, diesen kleinen, fast knubbelig Hauptbewaffnung QF-2-pounder (40 mm), Ente: Ein V8-Pkw-Motor, eine fragil wirken-
7,92-mm-Besa-MG
Antrieb 2 Sechszylinder-Diesel- de Laufwerkskonstruktion und eine für da-
ERFOLGLOSER VORGÄNGER: motoren, je 7 Liter à 95 malige Zeiten beachtliche Panzerung von 60
Die Panzer des Typs Matilda I wie- PS, 6-Gang-Getriebe mit Millimetern ergeben ein Fahrzeug mit einer
sen gravierende Mängel auf und Vorwahl Höchstgeschwindigkeit von gerade mal acht
Reichweite 257 km
waren wenig kampfkräftig. Hier ein Meilen pro Stunde. Das völlig exponierte
Geschwindigkeit 26 km/h Straße,
während der Kämpfe in Frankreich 14 km/h Gelände Laufwerk, ein Ein-Mann-Turm auf einer völ-
zerstörtes Exemplar (rückwärtige Bauzeit 1937 bis 1943 lig unterdimensionierten Wanne, ein wasser-
Ansicht), Juni 1940 Gebaute Exemplare 2.987 gekühltes Vickers-MG als einzige Bewaff-
Foto: ullstein bild–ullstein bild nung und lediglich zwei Mann Besatzung:

Clausewitz 6/2016 55
Militär und Technik | Panzer Matilda II

AUSGESCHALTET: Der Matilda-II-Nachfolger Valentine wurde ab Ende 1941 in Nordafrika eingesetzt. Seine schwächere Panzerung erwies sich
als zusätzlicher Nachteil. Das Foto zeigt während der Gazala-Schlacht (Juni 1942) aufgegebene Valentine Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo

Diese Fakten zeigen, dass dieser mit Män- Das einzige, was im Mai 1940 jedoch von den len britischen Gegenangriff am 21. Mai 1940
geln behaftete Entwurf lediglich ein Anfang Matildas I Eindruck bei den deutschen Trup- bei Arras, dass er einer der modernsten Pan-
sein kann. pen hinterlässt, sind das merkwürdige Äu- zer seiner Zeit ist. Und verdammt gut gepan-
ßere und die dicke Panzerung, an der die Ge- zert ist er dazu.
Schock für Rommel schosse der 3,7-Zentimeter-Pak der Wehr- Infantry Tank A12 lautet die offizielle Be-
Dennoch: Mit diesem kruden Stück Panzer- macht abprallen. zeichnung des Panzers Matilda II, der 1937
technik, das aussieht, als ob es direkt aus Im Gegensatz dazu jagt der Nachfolger als Nachfolger des A11 in Auftrag gegeben
dem Ersten Weltkrieg käme, zieht das 7th dieser „lahmen Ente“ den Soldaten von Ge- wird. Die Zielausrichtung lautet: ein gegen
RTR 1939 mit der British Expeditionary neralmajor Erwin Rommels 7. Panzerdivi- Beschuss bestens gesicherter Panzer, kaum
Force (BEF) über den Ärmelkanal, um sion einen gehörigen Schrecken ein: Der schneller als die zu begleitenden Fußtrup-
den Franzosen im Kampf gegen Panzer vom Typ Matilda II zeigt pen, mit hoher Feuerkraft gegen andere Pan-
das Deutsche Reich beizustehen. bei dem einzigen wirkungsvol- zer. Heraus kommt ein 25 Tonnen schweres
Fahrzeug, dessen Front und Turm jeweils
aus einem Stück gegossen sind. Sein Lauf-
werk ist weitgehend gepanzert, der Panzer
verfügt über ein rasantes 40-Millimeter-
Hauptgeschütz. Die rechteckig wirkende
Wanne ist an der dicksten Stelle mit einer
Panzerung von 78 Millimetern versehen.
Das ist mehr als das, was mitteleuropäische
Mächte zu dieser Zeit ihren Panzern und de-
ren Besatzungen gönnen.

Deutliche Fortschritte
Das Zwei-Pfünder-Geschütz in einem hy-
draulisch angetriebenen Drehturm ist auf
STARK GEPANZERT: Das Schutzniveau des Matilda-II-Panzers ist 1941/42 außergewöhn- der Höhe seiner Zeit und geeignet, die Stan-
lich hoch. Auf diesem Foto ist die fast vollständige Abdeckung des Fahrwerks durch eine dard-Panzerungen der späten 1930er-Jahre
massive Stahlplatte gut zu sehen Foto: Sammlung Anderson zu durchdringen. Mit vier Mann Besatzung,

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Gravierende Schwächen

UNTER DIE LUPE GENOMMEN: Soldaten der Wehr-


macht unterziehen diesen erbeuteten Matilda II einer GESTELLT: Britische Soldaten durchsuchen die deutsche Besatzung
technischen Prüfung und scheinen ihn für eine Vorfüh- eines auffällig mit Balkenkreuzen markierten Beute-Matildas;
rung vorzubereiten Foto: Sammlung Anderson Propaganda-Aufnahme Foto: Kadari

umfassender Funkausrüstung und Diesel- Ägypten im Dezember 1940 noch bevorste- zung der Infanterie nahezu sinnlos. Auch die
Antrieb – zwei Sieben-Liter-Diesel-Triebwer- hen sollte. Cruiser Tanks, die nach einem Frontdurch-
ke, die aus den Londoner Doppeldecker- Was das Gefecht bei Arras ebenfalls zeigt, bruch in Kavalleriemanier hinter die feindli-
Bussen stammen und eine gemeinsame Kur- sind die Schwachstellen der Matilda-II-Pan- chen Linien stoßen sollen, sind mit dieser
belwelle haben – ist der A12 anders als sein zer und des britischen Panzerkonzepts über- schwachen Hauptbewaffnung ausgestattet.
Vorgänger ein vollwertiges Panzerfahrzeug.
Es gehört zum Zeitpunkt seiner Konstrukti-
on zu den modernsten Rüstungserzeugnis- „Unverwundbar und unerschütterlich mahlten die
sen. Allerdings sind bei Kriegsausbruch 1939 Panzer vorwärts, jedes Hindernis niederwalzend, Tod
gerade einmal zwei Exemplare fertiggestellt. und Verwüstung in ihrer Spur zurücklassend (...).“
Harte Nuss Der Geschichtsschreiber der 4. Indischen Division über einen Einsatz von Panzern
des Typs Matilda II im Jahr 1940 gegen italienische Truppen
Und nur 23 Stück sind es, die im Mai 1940 in
Arras gegen die 7. deutsche Panzerdivision
anrollen. Aber diese Exemplare hinterlassen haupt. Denn die Konstruktionen weder der Sie ist lediglich gegen mittleren Panzerschutz
einen bleibenden Eindruck. In der Tat ist an I-Tanks noch der Cruiser sind zu Ende ge- geeignet. So bleiben gegen Weichziele die ko-
diesem 21. Mai 1940 die Panzerung der Ma- dacht. Die Zwei-Pfünder-Kanone ist ein ge- axialen Besa-MG der britischen Panzer (eine
tilda-II-Panzer eine so harte Nuss für die gen gepanzerte Fahrzeuge wirksames Ge- tschechische Entwicklung, in England in Li-
deutsche Panzerabwehr, dass sie mit den üb- schütz – am Standard von 1938 gemessen. zenz gefertigt) die wirkungsvollste Waffe.
lichen Mitteln nicht zu knacken ist. Die Ma- Sprenggranaten sind für die Hauptbe- Das soll sich binnen Jahresfrist nach dem bri-
tilda II haben die Panzerabwehrkanonen waffnung nicht verfügbar. Das macht tischen Achtungserfolg von Arras als Bume-
samt Besatzungen nach verzweifelter Ge- den Einsatz zur Unterstüt- rang erweisen – in Libyen und Ägypten beim
genwehr einfach überrollt. Nur die eilig in Kampf gegen das Afrikakorps.
die vorderste Linie gebrachte 8,8-Zentime-
ter-Flak („Acht-Acht“) kann im Erdeinsatz Albtraum der Italiener
die britischen Panzer wirksam bekämpfen. Operation „Compass“ beginnt am 8./9. De-
Dieser erste Auftritt britischer zember 1940 mit dem eingangs beschrie-
Infanteriepanzer gibt einen benen Paukenschlag gegen die Italiener.
Vorgeschmack auf das, „Queen of the Desert“ (zu deutsch: „Kö-
Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto

was den Italienern in nigin der Wüste“) nennt man den Panzer
Matilda II nach den Blitzerfolgen der ers-
ÜBERBLICK ten Tage. Der britische General Richard
O’Connor, Befehlshaber der Western Desert
Matilda II MODELL: Ein Infantry
Tank Mk. II Matilda II als
Force (Vorgänger der 8th Army), entwickelt
aus dem ursprünglich geplanten begrenzten
STÄRKEN: SCHWÄCHEN: Nachbau. Da die Schwä- Vorstoß seiner Truppen einen rasanten Feld-
+ Hoher Panzerschutz – Geringe Geschwindigkeit chen des Panzers im zug. Die Offensive treibt die Italiener inner-
+ Hauptbewaffnung – Keine Explosiv-Granaten für Hauptbewaffnung Kampfeinsatz überwo- halb weniger Wochen bis hinter die Cyrenai-
effektiv gegen gepanzerte verfügbar gen, lief seine Zeit als
Ziele (bis zirka 1941) – Enger Innenraum ka, bis El Agheila. Das mächtigste Instru-
Gefechtsfahrzeug in
– Komplexes und wartungsintensives Laufwerk Europa schnell ab ment seines „Blitzkriegs” sind die Matilda
II: Sie lehren die fliehenden Italiener das

Clausewitz 6/2016 57
Militär und Technik | Panzer Matilda II

NEUE VERWENDUNG: 1942 geht der Stern der Matildas auf dem europäischen Kriegsschauplatz unter. Im Pazifikraum hingegen wird er
sich gegen die schwach ausgerüsteten japanischen Streitkräfte gut bewähren Foto: Doyle

Fürchten. „Ein Matilda-Kommandant er- beschädigte Fahrzeuge vom Schlachtfeld zu Infantry Tanks: Die kompliziert aufgebauten
zählte mir, er habe während der Schlacht um bergen oder im Bereich der Frontlinie zu re- Laufwerke sind zwar seitlich bestens gegen
Bardia im Januar 1941 46 Treffer erhalten. parieren. Beschuss gesichert, aber anfällig gegen Mi-
Keiner sei durchgeschlagen“, berichtet der Die deutschen Panzer III mit der 3,7-Zen- nen. Im hin und her wogenden Wüstenkrieg
britische Militärhistoriker George Forty. Er timeter-Kampfwagenkanone (KwK) 38 und zeigt sich immer deutlicher, dass die geringe
war einst selbst Panzeroffizier und später der kurzen 5-Zentimeter-KwK 38 sind den Geschwindigkeit der Matilda-Panzer ein
langjähriger Direktor des Royal Tank Muse- Matilda II unterlegen. Aber mit Einführung schwerer Nachteil ist. Zwar können sie beim
ums in Bovington. Die Robustheit der Matil- der 5-Zentimeter-KwK 39 (L60) und beim Angriff auf deutsche Stellungen immer noch
da-Panzer macht ab April 1941 erneut deut- Einsatz des „Stummelgeschützes“ des Pan- auf den taktischen Vorteil vertrauen, den die
schen Soldaten Probleme, die den taumeln- zer IV (7,5-Zentimeter-KwK 37) mit Hohlla- starke Panzerung bietet. Aber dieser Vorteil
den italienischen Achsenpartner in dungen auf kürzere Distanz beginnt sich das schwindet zunehmend: Bereits Ende 1941
Nordafrika unterstützen sollen. Blatt zu wenden. Auch der in Nordafrika sind mit der deutschen 5-Zentimeter-Pak 38
häufig praktizierte Einsatz von Minen ver- und der 7,5-Zentimeter-Pak 40 ernst zu neh-
Rommel findet Gegenmittel ursacht hohe Verluste unter den britischen mende Widersacher vorhanden – und die
Wieder ist es Erwin Rommel, dessen Trup-
pen sich der vermeintlich undurchdringli-
chen Gussstahlhülle der „Königin der Wüs-
te“ gegenübersehen. Aber Rommel, dieses
Mal Befehlshaber des Deutschen Afrika-
korps, kennt bereits das geeignete Gegenmit-
tel: Seine Taktik besteht darin, die langsamen
britischen Panzer vor einen Schirm aus Pan-
zerabwehrgeschützen zu locken und sie in
geballtem Feuer auzuschalten. Und die deut-
sche „Acht-Acht“ spielt dabei zunächst die
zentrale Rolle. Denn ihren Granaten können
auch die Matilda II – selbst auf größere Ent-
fernung – nicht widerstehen.
So verlieren die Briten bei Operation
„Battleaxe“ vom 15. bis 17. Juni 1941 64 ihrer
Matildas vornehmlich durch das Feuer der
deutschen Flak-Geschütze. Dabei handelt es AUF ABWEGEN: Ein Matilda bei einem Lande- IN DEUTSCHER HAND: Diese in Frankreich
sich sogar um Totalverluste: Denn die 8th Ar- unternehmen im pazifischen Raum. Der Matil- erbeuteten Matilda II auf dem Bahntransport
my verfügt im Gegensatz zu den deutschen da ist dank seiner hohen Watfähigkeit für der- tragen neben deutschen Balkenkreuzen noch
Truppen über kein brauchbares System, um artige Operationen gut geeignet Foto: Doyle britische Markierungen Foto: Sammlung Anderson

58
Fachliteratur • Militärgeschichte • Modellbau
Nicht mehr konkurrenzfähig www. VDMedien 24.de

Neuheiten aus der Reihe Geschichte im Detail:

HARTE GEGNER: Die Panzer des Afrikakorps


und der Einsatz der 8,8-Zentimeter-Flak
gegen Erdziele machen den Matildas das
Leben in Nordafrika zunehmend schwer
Foto: ullstein bild - Süddeutsche Zeitung Photo/Scherl
Wächter des Luftraumes - Die Flakartillerie der Legion Con-
dor im Span. Bürgerkrieg (1936/39) - 160 S., 128 s/w-Fotos, 6
S. farb. Illustrationen, 2-seitige farb. Karte, HC, 19,95 EURO
Iwo Jima - Krieg im Pazifik - Luis Galeano Martinez. Hard-
cover, 64 S., 17 x 24 cm, ca. 65 Fotos, einige in Farbe, 3
Land- und Seekarten in Farbe 14,95 EURO
Die Männer von Thoma’s - Das deutsche Heer im Spani-
schen Bürgerkrieg (1936-1939). 224 S., HC, 295 s/w-Fo-
tos, 16 Seiten Farbtafeln, 24,95 EURO

Auszeichnungen des Dritten Reiches - mil. Auszeichnun-


gen und Ehrenabzeichen im Dritten Reich. B5, 224 meist
farb. Fotos, 112 S. 14,95 EURO
Erprobungsverbände der Legion Condor - Eher unbekann-
te Fliegerverbände im span. Bürgerkrieg. B5, über 160
Fotos, 8 S. in Farbe, 96 S. 19,95 EURO
Militaria der Blauen Division - Uniformen, Abzeichen, Doku-
mente, Auszeichnungen u.a. Sammelobjekte der span. Ost-
freiwilligen. 80 S., B5, Hc., meist farb. 140 Fotos 19,95 EURO

panzerbrechenden Geschosse der Zwei- Dennoch wird der Infantry Tank A12 zum
Pfünder taugen für den Einsatz gegen Pan- einzigen Panzer britischer Produktion, der
zerabwehrgeschütze kaum. vom ersten bis zum letzten Kriegstag 1939
bis 1945 im Dienst ist. Denn auf dem Kriegs-
Auf dem Abstellgleis schauplatz in Fernost leistet das langsame, Die Geschichte der „Bismarck“ - 72 S., B5, Hc., ca. 100 Fo-
Das taktische Problem lässt sich technisch aber bestens gepanzerte Fahrzeug mit Ver- tos, davon einige in Farbe, 3 gr. farb. Karten 14,95 EURO
Der Kessel von Cholm - 72 Seiten, Format B5, Hc., über
mit dem Modell Matilda II nicht mehr behe- bänden des britischen Commonwealth bis 130 Fotos, davon einige in Farbe, 14,95 EURO
ben. Denn bedingt durch die Abmaße der zum August 1945 hervorragende Dienste. Russen gegen Stalin - Die Geschichte der Russischen Be-
Wanne ist es nicht möglich, einen Turm zu freiungsarmee. 88 S., B5, Hc., über 90 Fotos, einige in
konstruieren, der eine stärkere Hauptbe- Weiterverwendung nach Umbau Farbe,
Unternehmen „Merkur“ - Dt. Fall-
19,95 EURO

waffnung aufnehmen könnte. Mit dem Zu- Weniger begeistert sind die Sowjets von den schirmjäger bei der Invasion
fluss von Panzern aus US-amerikanischer britischen Lieferungen: Von 1942 bis 1943 Kretas. 80 S., B5, Hc., über 100 s/
w-/(Farb-)Fotos 14,95 EURO
Produktion, vor allem des M3 Medium Tank verschifft Großbritannien mehr als 1.000
U-Boote - Geschichte der „Grauen
Grant mit seinem wirksamen 75-Millimeter- Matilda II in die UdSSR. 918 erreichen Mur- Wölfe“ 64 S., Hc., über 110 Fotos,
mansk und werden gegen die Deutschen einige in Farbe, 14,95 EURO

IN UDSSR eingesetzt. Aber was in der Wüste Nordafri-


kas funktionierte, erweist sich in den Weiten
Deutsche geheime Panzerprojekte
W.Trojca. Gigntiamus und Größenwahn brachten

UNBELIEBT
manche kuriose Projekte zustande: Panzerkampf-
der sowjetischen Steppe als problematisch: wagen Typ 205 - Maus, E-100, 'Bär', Pz.Kpfw. VII
Das schmale Fahrwerk ist für schlammigen Löwe, P 1000 und weitere Krupp-Prokjekte. 88
S., 47 s/w-Fotos, 41 detaillierte Rißzeichn., 14
Boden und Schnee nicht besonders geeignet ganzs. Farbprof., Großf., HC. 29,80 EURO
Fast 1.000 Matilda II gelangen in die und verstopft schnell. Zudem reicht den Gebirgsartillerie auf allen Kriegsschauplätzen
UdSSR. Doch die Rotarmisten verzwei- Rotarmisten die Feuerkraft nicht aus. Auch Der Kampf der deutschen und österreichischen Ge-
birgs-Artillerie-Regimenter im 2. Weltkrieg.
feln an den schmalen Ketten und der wenn der Fortschritt der Panzerentwicklung R.Kaltenegger. 520 S. mit 214 Fotos, 14 Karten u.
schwachen Hauptbewaffnung die Matilda II schnell veralten lässt: Ihr Skizzen, 35 Faksim., 13 Zeichn., Inhalts-, Lit.-Ver-
Chassis wird für Umbauten genutzt. So ent- zeichnis, Efalineinband. 30,20 EURO
Geschütz, schieben die Briten ihre „Königin stehen zum Beispiel Minenräumpanzer Das Kavallerie-Regiment 11
und seine Aufklärungsabteilungen 1938-1945.
der Wüste“ seit Winter 1941 zunehmend auf („Scorpion“) und Canal Defence Lights Fritz Heinz Felgenhauer. 365 S. 91 Fotos, 4
das Abstellgleis. Ihre Zeit läuft ab. Schon an (CDL), bei denen der Geschützturm durch Zeichnungen, 8 Faksimiles, 3 Karten, Inhalts-, Ab-
bild.-, Personen- und Abkürz.-Verzeichnis, lackier-
der Schlacht von El Alamein Ende Oktober einen Hochleistungsscheinwerfer ausge- ter mehrfarbiger Efalineinband. 43,45 EURO
1942, dem Wendepunkt des Wüstenkrieges, tauscht wird.
Stalingrad
nehmen die Matilda-II-Panzer nicht mehr als Eine Ausstellung des Militärhistorischen Museums
Gefechtsfahrzeug teil. Man verwendet sie der Bundeswehr. 404 S., 305 teils farbige Abb., dar-
Ulrich Pfaff, Jg. 1965, ist Redakteur und hat sich als unter ein ausklappbares Luftbild von Stalingrad,
nur noch in Sonderversionen als Minen-
Freier Journalist unter anderem auf Themen zur Militär- Großf. HC. statt 38,00 EURO NUR 12,95 EURO
räumpanzer. Im August 1943 läuft die Pro-
geschichte spezialisiert.
duktion nach fast 3.000 Exemplaren aus. VDM Heinz Nickel
Kasernenstr. 6-10, 66482 Zweibrücken,
Tel.: 06332-72710, FAX: 06332-72730
Clausewitz 6/2016 E-Mail: heinz.nickel@vdmedien.de
224/16

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Schlachten der Weltgeschichte | Moskau 1941

Riskanter Vorstoß von Guderians 2. Panzerarmee

„Husarenritt“
nach Tula
Oktober 1941: Die Heeresgruppe
Mitte setzt zum Sturm auf
Stalins Hauptstadt an. Auf
ihrem rechten Flügel
kämpft die 2. Panzer-
armee. Sie soll zu-
nächst bis Tula im
Süden von Moskau vor-
stoßen – ein äußerst
heikler Auftrag
Von Tammo Luther

5 KURZE FAKTEN
ZEIT: Oktober bis Dezember 1941
ORT: Raum westlich/südwestlich vor Moskau
KONTINENT: Europa
GEGNER: Deutsches Reich/Sowjetunion
EREIGNIS: Deutscher Vorstoß Richtung Moskau

60
K
ein Geringerer als der in den „Blitzkrie-
gen“ in Polen und Frankreich bewährte
Generaloberst Heinz Guderian ist für
eine riskante Aufgabe vorgesehen: Er soll den
Panzervorstoß bis zum Industrie- und Rüs-
tungszentrum Tula etwa 190 Kilometer süd-
lich von Moskau führen. Ein waghalsiges Un-
terfangen wartet im Rahmen der deutschen
Herbstoffensive (Unternehmen „Taifun“) auf
die abgekämpfte Truppe.
Doch nach dem Triumph in der Kessel-
schlacht von Kiew Ende September 1941
lässt Hitler den scheinbar unbezwingbaren
Soldaten der Wehrmacht keine Zeit zum Ver-
schnaufen. Er setzt nun alles auf eine Karte.
Der „Führer“ will vor Wintereinbruch in Sta-
lins Machtzentrum an der Moskwa vorsto-
ßen und seinem Widersacher den militäri-
schen Todesstoß versetzen.
Dieses Ziel ist extrem ehrgeizig ange-
sichts der stark verminderten Soll-Stärken
der deutschen Panzer- und Infanteriedivisio-
nen. Denn vor allem die motorisierten Ver-
bände sind aufgrund der vorangegangenen
Kämpfe weit entfernt von ihrer gewohnten
Durchschlagskraft. Trotz dieses großen Man-
kos und der fortgeschrittenen Jahreszeit
zeigt man sich auf deutscher Seite durchaus
optimistisch. Man glaubt, noch etwa zwei
Monate Zeit zu haben, um Moskau vor Ein-
bruch des Winters zu erobern.

MÜHSAMER VORMARSCH: Die deutschen


Startschuss für „Taifun“
Angreifer kommen bei ihrer Herbstoffensive Am 2. Oktober 1941 bricht die Operation
an vielen Frontabschnitten nur langsam vo- „Taifun” über die Ostfront herein. Der Hee-
ran. Dennoch scheint der Sieg zum Greifen resgruppe Mitte unter ihrem Oberbefehlsha-
nahe zu sein Foto: ullstein bild - Arthur Grimm

Clausewitz 6/2016 61
Schlachten der Weltgeschichte | Moskau 1941

NATÜRLICHER GEGNER: Das Wetter


spielt beim Sturm auf Moskau eine
maßgebliche Rolle. Vor allem die
Schlammperiode bremst die Angreifer
entscheidend aus
Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo

ber Generalfeldmarschall Fedor von Bock zergruppe besonders lange Versorgungswe- kann aber dennoch die Nord- und Ostseite
steht dafür eine Streitmacht von fast zwei ge zu überwinden. des Kessels von Brjansk schließen. Insgesamt
Millionen Soldaten zur Verfügung. Der An- Die 2. Armee unter Generaloberst Maxi- drei Armeen der „Brjansker Front” sind darin
griffsschwerpunkt im Zentrum liegt bei der milian Freiherr von Weichs mit sieben Infan- eingeschlossen. Das XXIV. A.K. (mot.) mit der
4. Armee mit der unterstellten Panzergruppe teriedivisionen – gegliedert in drei Armee- 3. und 4. Panzerdivision bildet die Spitze der
Panzergruppe 2 und stößt durch die Linien

„Der Feind leistete zähen Widerstand und führte


wiederholt durch Panzer unterstützte Gegenangriffe,
die das Vorgehen der Korps sehr verzögern.“
Eintrag aus dem Bericht der 2. Panzerarmee über die
Ereignisse am 19. November 1941

4. Sie soll mit mehr als 20 Divisionen frontal korps – soll die Operationen von Guderians
entlang der Rollbahn Richtung Moskau vor- Verbänden gegen Orel und Brjansk mit
rücken. Nördlich von ihr greift die 9. Armee Marschrichtung Tula an der Nord- und Ost-
mit der unterstellten Panzergruppe 3 an. Ihr flanke abdecken.
Stoß zielt nordostwärts in Richtung Kalinin,
Klin und Moskwa-Wolga-Kanal. Guderians Coup
Südwärts umfassend über das bedeuten- Guderians Panzer müssen die weiteste Ent-
de Industriezentrum Tula setzt die Führung fernung bis Moskau überwinden. Sie schla-
die selbstständig operierende Panzergruppe gen daher bereits am 30. September 1941 los.
2 unter Generaloberst Heinz Guderian an. Seine motorisierten Verbände durchbrechen
Sie ist mit fünf Panzerdivisionen, vier moto- die feindliche Front bei Gluchow und stoßen
risierten Infanteriedivisionen, sechs be- rund 60 Kilometer in Richtung Orel vor. Auf
spannten Infanteriedivisionen und einer Ka- Guderians linkem Flügel nimmt die 10. Pan-
valleriedivision – gegliedert in fünf Armee- zerdivision der Panzergruppe 4 den wichti-
korps (A.K.) – stark und beweglich. gen Verkehrsknotenpunkt Brjansk. Mit dem ALLTAG: Nach einem tagelangen Marsch
Allerdings hat die noch während des An- schnellen Tempo der Panzergruppen-Ver- durch den Morast versucht ein Landser sei-
griffs in 2. Panzerarmee umbenannte Pan- bände kann die 2. Armee nicht mithalten. Sie ne Stiefel zu trocknen Foto: picture alliance/ZB

62
Der Schein trügt

KARTE

Unternehmen „Taifun“ 1941

ABWEHRBEREIT:
Eine sowjetische
BESCHWERLICH: Die vielfach abgekämpf- Flak-Batterie soll
Moskau vor den
ten Soldaten der Wehrmacht haben kaum
Angreifern schüt-
Zeit zum Verschnaufen. Sie erleiden große
zen. Die Rote Armee
Strapazen auf ihrem Weg nach Osten leistet erbitterten
Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo Widerstand
Foto: ullstein bild - ADN-
der 13. sowjetischen Armee bei günstigen Bildarchiv
Wetterbedingungen vor. Sie überwindet an
einem Tag 130 Kilometer. Bereits am 3. Okto-
ber 1941 stehen die Angreifer vor Orel. Dort
sind die Rotarmisten vollkommen über-
rascht. Guderian beschreibt die Situation in
seinen „Erinnerungen eines Soldaten“ wie
folgt: „Am 3. Oktober erreichte die 4. Panzer-
division Orel. Damit hatten wir auf der festen
Straße Fuß gefasst und einen wichtigen Ei-
senbahn- und Straßenknotenpunkt gewon-
nen, der unsere Basis für weitere Unterneh- Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich
mungen werden sollte. Die Eroberung der
Stadt vollzog sich für den Gegner so überra- gänge über die Oka für das weitere Vorgehen feindlichen Linien hinein und schließen den
schend, dass die elektrischen Bahnen noch in Richtung Kolomna oder Kaschira süd- Kessel von Wjasma. Insbesondere die Pan-
fuhren, als unsere Panzer eindrangen.“ westlich von Moskau gewinnen. zergruppe 4 unter Generaloberst Erich Ho-
Diese Anfangserfolge der ersten Phase epner und Kräfte der 4. Armee durchbrechen
Trügerische Teilerfolge von „Taifun” bleiben nicht ohne Folgen: Der die Stellungen der russischen „Westfront”
Dieser stürmische, an die „Blitzkriege“ der Generalstabschef des Heeres, Generaloberst und kommen zügig voran. Die Panzergrup-
Jahre 1939/40 erinnernde Vormarsch bestä- Franz Halder, glaubt trotz einmonatiger Ver- pe 3 mit der im Westfeldzug bewährten 7.
tigt erneut Guderians schon vor dem Krieg spätung des Angriffsbeginns und unzurei- Panzerdivision („Gespenster-Division“) an
vertretene Auffassung vom „Motor als Waf- chender Auffrischung der Panzerverbände der Spitze bildet den nördlichen Arm der
fe.“ Angesichts der aus deutscher Sicht er- wieder an einen Erfolg der Operation. In die- Zange. Diese schließt sich um nicht weniger
freulichen Entwicklung erhält die 2. Panzer- ser Ansicht wird er auch durch die Entwick- als sechs Armeen. Deren Divisionen sitzen
gruppe am 7. Oktober 1941 den Befehl, auf lung bei den beiden anderen deutschen Pan- bei Wjasma und Brjansk in der Falle. Rund
Tula vorzustoßen. Sie soll die dortigen Über- zergruppen bestärkt. Sie stoßen tief in die 670.000 Soldaten der Roten Armee geraten
in Gefangenschaft.
HINTERGRUND Die Erfolgmeldungen reißen nicht ab: Die
freigewordenen Panzerspitzen gehen sofort
Bericht der 2. Panzerarmee zur Verfolgung über. Trotz einsetzender Wet-
terwidrigkeiten fällt am 13. Oktober Kaluga
„Die Versorgungslage der Pz.Armee ist als gung können größere Schwierigkeiten eintre- an der Oka. Damit befindet sich der südliche
gerade noch gesichert zu bezeichnen mit ten. Bei stärkeren Kämpfen können sich letz-
Eckpfeiler der 1. Moskauer Schutzstellung in
Ausnahme des Betriebsstoffes, dessen Zu- tere auch hinsichtlich Munition ergeben.“
lauf in keinem Verhältnis zu den Führungs- Aus dem Bericht der 2. Panzerarmee über die Ereig- deutscher Hand. Im Norden erobert die Pan-
absichten steht. Auch hinsichtlich Verpfle- nisse am 19. November 1941 (Auszug) zergruppe 3 mit der 1. Panzerdivision den
Ort Kalinin und errichtet einen Brückenkopf

Clausewitz 6/2016 63
Schlachten der Weltgeschichte | Moskau 1941

RICHTUNG OSTEN: Eine deutsche


Pak nimmt die feindlichen Linien vor
den Toren Moskaus unter Feuer
Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo

an der oberen Wolga. Damit ist auch der gierungsstellen und das Diplomatische gen für die Angreifer sind hingegen fatal:
nördliche Stützpfeiler der russischen Schutz- Korps vorsorglich hinter den Ural evakuie- Sie können den Durchbruch durch die zwei-
stellung weggebrochen. In der Mitte, auf der ren. Der Diktator selbst bleibt im Kreml. te Moskauer Schutzstellung nicht ausnut-
Rollbahn Smolensk-Moskau, nimmt hinge- Die Situation für die sowjetische Seite ist zen. Kurz vor Moskau bleiben die deutschen
gen der sowjetische Widerstand unweit von äußerst kritisch, als dann Mitte Oktober Angriffsspitzen nordwärts der oberen Wol-
Borodino zu.
In Moskau verfolgt man diese Entwick-
lung mit großer Sorge und handelt: Stalin „Der Gedanke, dass der Feind vor der
wirft die frisch aus dem Fernen Osten einge- Heeresgruppe ,zusammenbricht, war, wie die Kämpfe
troffene 32. Sibirische Schützen-Division in der letzten 14 Tage zeigten, ein Traumbild.“
den Abwehrkampf. Die „Sibirer“ sind aus-
Generalfeldmarschall Fedor von Bock am 12. Dezember 1941
geruht und hervorragend mit Winterausrüs-
tung ausgestattet.
Mitte Oktober 1941 bricht in Stalins 1941 heftiger Dauerregen einsetzt. Die nie- ga und im westlichen Vorfeld von Moskau
Hauptstadt plötzlich Panik aus, denn am 16. derprasselnden Wassermassen verwandeln bei Istra stecken.
Oktober ist die Panzergruppe 4 östlich Klin das Gelände und die meisten Straßen in Bis zum 26. Oktober 1941 geht nichts
nur noch etwa einen Tagesmarsch von Mos- knietiefen Morast und Schlamm – und sind mehr. Guderians 2. Panzerarmee bleibt im
kaus Vororten entfernt. Stalin lässt die Re- damit ein Segen für die Verteidiger. Die Fol- Süden bei Mzensk liegen. Allein bei seinem
XXIV. A.K., das mit zwei Panzerdivisionen
HINTERGRUND und dem motorisierten Regiment „Groß-

Unternehmen „Taifun“ deutschland“ die Speerspitze seiner auf Tu-


la angesetzten Panzerarmee bildet, liegen
Mit einem dramatischen Aufruf wendet sich Die Vorbereitungen für die groß angeleg- etwa 2.000 Fahrzeuge auf der Straße im
Hitler am 2. Oktober 1941 an die Soldaten te Operation unter dem Tarnnamen „Taifun“ Schlamm fest.
der Ostfront. Er will zum „letzten gewaltigen begannen bereits im September 1941 pa-
Hieb“ ausholen, um den Feind noch „vor dem rallel zu den Kämpfen um Kiew, die den ge- Akt der Verzweiflung
Einbruch des Winters“ zu „zerschmettern“. planten Sturm auf Stalins Hauptstadt um ei- Als Anfang November 1941 durch zunächst
Zu diesem Zeitpunkt liegt der Triumph der nige Wochen verzögerten. Im Zuge des Un- nur leichten Frost die Straßen wieder befahr-
Wehrmacht in der Kesselschlacht von Kiew ternehmens „Taifun“ sollen die Verbände bar werden, entspannt sich die Nachschub-
erst wenige Tage zurück. Ohne ihnen Zeit der Heeresgruppe Mitte unter Oberbefehl situation für die Angreifer zumindest etwas.
zum Durchatmen zu gewähren, schwört Hit- von Generalfeldmarschall Fedor von Bock
Man entscheidet sich am 13. November
ler seine erschöpften Armeen erneut auf eine die westlich vor Moskau stehenden Verbän-
1941 dafür, den Angriff fortzusetzen, obwohl
Großoffensive gegen die Rote Armee ein. de der Roten Armee vernichten. Im An-
Anders als in den Wochen zuvor richtet er schluss will man die sowjetische Haupt- die Deutschen ihre Truppen nur unzurei-
nun sein Hauptaugenmerk auf Moskau. stadt einnehmen. chend auffrischen können. So beginnt der
zweite Sturmlauf auf Moskau am 15. No-

64
Russischer „Wettergott”

vember 1941. An mehreren Stellen durchsto-


ßen die Angreifer die zweite und nach deut-
schen Erkenntnissen letzte Schutzstellung
vor Moskau. In der Mitte nimmt die Division
„Das Reich“ am 26. November die von Sibi-
riern hart verteidigte Zitadelle von Istra. Im
Norden erreicht die Panzergruppe 3 den
Wolga-Stausee bei Klin und den Moskwa-
Wolga-Kanal bei Dmitrow. Der Nordflügel
der Panzergruppe 4 steht ebenso wie Teile
des V. Armeekorps der 9. Armee knapp 20
Kilometer vor den Außenbezirken der Stadt.
Am weitesten dringt ein Stoßtrupp des Hee-
res-Pionierbataillons 62 vor. Er erreicht
Chimki, acht Kilometer vor der Stadtgrenze
Moskaus. Doch der sowjetische Widerstand
erlahmt nicht. Ganz im Gegensatz zum deut-
schen Angriffsschwung, der seit Ende No-
vember durch die eisigen Minustemperatu-
ren von bis zu 30 Grad gehemmt wird.
BEI EISESKÄLTE: Das extreme Wetter trifft die Wehrmacht völlig unvorbereitet
Befehl zum Rückzug Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo
Man erzielt nur noch geringe Geländegewin-
ne. Unter ständig wachsendem Feinddruck kämpften Verbände von Guderians 2. Pan- den geordneten Rückzug, der „Husarenritt“
muss die Wehrmacht erste Ortschaften zerarmee mit nachlassenden Kräften und nach Tula endet mit einem Misserfolg.
räumen. steigender Bedrohung ihrer langen Ostflan- Am 5. Dezember 1941 setzt der von Parti-
Die 4. Armee, die Moskau frontal angrei- ke verzweifelt um die Einnahme von Tula. saneneinheiten unterstützte Gegenschlag ein.
fen sollte, wird in heftige Abwehrkämpfe ge- Anfang Dezember kommt der Angriff Drei Tage später erklärt Hitler mit der Wei-
gen einen hart andrängenden Feind verwi- schließlich zum Erliegen. Generaloberst Gu- sung Nr. 39 die Offensive für beendet. Der
ckelt. Im Süden der Stadt fechten die abge- derian befiehlt auf eigene Verantwortung Sturm auf Moskau ist ebenfalls gescheitert.
Spurensuche | Falaise

Das Château Guillaume-le-Conquérant in Falaise

Heimat der
normannischen Herzöge
Um 1100: Es ist eine monumentale Burg, die dramatisch auf einem Felssporn thront.
Von hier aus regieren die Herzöge der Normandie. Der berühmteste unter ihnen ist zwei-
fellos der Mann, der als Wilhelm der Eroberer in die Geschichte eingeht Von Ulrich Pfaff

66
REISE IN DIE VERGANGENHEIT:
Diese Rekonstruktionsgrafik
zeigt den mächtigen Stammsitz
der normannischen Herzöge so,
wie er im Mittelalter ausgesehen
haben könnte Abb.: Ulrich Pfaff

Clausewitz 6/2016 67
Spurensuche | Falaise

I
m Französischen bedeutet Falaise „Fel- NORMANNISCHER RITTER WÄHREND DER SCHLACHT BEI HASTINGS
sen“ oder „Felswand“. Auf dem Fels- Das aus einer Eisen-
Die Kettenrüstung ist
sporn, der der Stadt im heutigen Depar- zur besseren Beweg- und Stahlmischung be-
tement Calvados ihren Namen gibt, steht be- lichkeit vorne und hin- stehende Schwert ist
reits im 10. Jahrhundert eine der ersten ten geschlitzt die wichtigste Nah-
kampfwaffe
normannischen Befestigungen aus Stein. Sie
wird zur Wiege der anglo-normannischen
Dynastie, als furchterregendes Bollwerk zu
einer der bedeutendsten Residenzen der Her-
zöge der Normandie – und zum Symbol ihrer Das „Drachen-
Macht. Falaise prosperiert und hat Mitte des schild“ ist für den
11. Jahrhunderts etwa 4.000 Einwohner. Das Kavallerie-Einsatz
sind fast so viele wie Winchester, die dama- optimiert
lige Hauptstadt Englands.

Abb.: akg-images/Osprey Publishing/Norman Knight, AD 950-1204/Christa Hook


Die Legende will es, dass Herzog Robert I.
von einem Fenster des „großen Donjons“ aus
die schöne Färberstochter Arlette bei ihrer
Arbeit beobachtet. Er lässt sie zu sich kom-
men und macht sie zu seiner „frilla“, also zur Der Nasalhelm aus Eisen
ist bei den Normannen
Ehefrau nach normannischem Brauch, aber besonders beliebt
nicht nach katholischem Ritus. Mit ihr zeugt
er im Gemach, zu dem das Fenster gehört,
den Sohn, der vermutlich 1027 auf der Burg
geboren wird: Wilhelm, der fortan als illegi-
timer Sohn des Herzogs den Beinamen „der
Bastard“ führt. Das Schlafgemach freilich
existiert zu dieser Zeit nur in der Legende,
denn der Bergfried wird erst im 12. Jahrhun-
dert errichtet – in einem quadratischen
Grundriss, wie ihn besagter Wilhelm später
als „König der Engländer“ zuvor beim Bau
des Tower of London erstmalig angelegt hat.
So ist heute die einzige erhaltene Spur von
Wilhelms Zeit als Herzog der Normandie ein
Stück der Fundamentmauer des Donjons.
tungsgeländes anschauen, die ihn durch die Grundform: Der „große Bergfried“ entsteht
Kein Disneyland! Jahrhunderte führt. Aus dem Wehrbau des ab 1123, dem anglo-normannischen Muster
Um den baulichen Werdegang der ein- 10. Jahrhunderts, aufgeteilt in einen unteren des Tower of London folgend. Denn wie sei-
drucksvollen Burg bis zu ihrer heutigen und oberen Burghof – mit seinen typischen nerzeit in Englands neuer Hauptstadt, muss
Form mitzuerleben, kann der Besucher eine Turmdächern aus Holz – wird im 12. Jahr- auch in Falaise das Verwaltungszentrum der
computeranimierte Darstellung des Fes- hundert die Burg in ihrer heute bekannten normannischen Herrscher vor allem eines
ausstrahlen: unbezwingbare Macht! Und so
HINTERGRUND kommt es, dass auch in den 1980er- und
1990er-Jahren ein umfassendes Restaurie-
Die Burg in Falaise im Überblick rungsvorhaben sich vor allem am militäri-
schen Charakter des Donjons orientiert.
Die Burg von Falaise wird im 10. Jahrhundert lediglich das Haus des Vizegrafen als Fun- Durch ein Tor aus Stahlbeton und über eine
auf einem glatten Felssporn mit einer Fläche dament erhalten geblieben. Hier befindet Zugbrücke aus verzinktem Stahl betritt heu-
von etwa 1,5 Hektar errichtet. Die Wehrmau- sich das Besucherzentrum. Der Standort
te der Besucher den „Grand Donjon“. „Es
er mit 15 Türmen folgt dem unregelmäßigen der Kapelle wird durch ein Kräuterlabyrinth
Verlauf des Plateaus. Im Nordwesten domi- repräsentiert. Im 17. Jahrhundert gibt man entspricht der Intention der damaligen Zeit“,
nieren die Bergfriede an der am schwierigs- die Burg auf, worauf sie verfällt. Im Jahre sagt der Historiker Samuel Barth von der
ten zugänglichen Stelle der Festung: Zwei 1840 kommt sie unter Denkmalschutz, und Verwaltung des Château Guillaume-le-Con-
mit rechteckigem Grundriss stammen aus erste Maßnahmen gegen den weiteren Ver- quérant, „es ist brutal, nicht hübsch. Das war
der anglo-normannischen Ära und bauen auf fall werden unternommen. 1851 wird das kein Disneyland.“
den Resten eines Donjons aus dem 10. Reiterstandbild von Wilhelm dem Eroberer
oder frühen 11. Jahrhundert auf. zwischen dem Aufgang zur Burg und der Digitale Reise ins Mittelalter
Der dritte, runde Turm stammt aus dem Église de la Trinité (Dreifaltigkeitskirche) er- Und die Burg von Falaise ist auch kein Neu-
frühen 13. Jahrhundert, als die Burg bereits richtet. Ein umfangreiches Restaurierungs- schwanstein: Im Inneren des Donjon, der im
der französischen Krone gehört. Sie sind programm dauert von 1870 bis 1874. Zwi-
Mittelalter in die Aula (die öffentlichen Räu-
von der „basse cour“, der Unterburg, nur schen 1987 und 1997 werden die drei Tür-
durch eine Zugbrücke zu erreichen. Von den me unter Einbeziehung moderner Elemente me der herzoglichen Regierung) und die ca-
Wirtschaftsgebäuden in der Unterburg ist erneut restauriert. mera (die Privatgemächer der Familie) ge-
trennt ist, dominiert die mittelalterliche Ein-

68
Hochmögende Herzöge

HINTERGRUND

1066 – die Eroberung Englands


Die normannische Eroberung prägt England Saint Valéry aus sticht die Flotte am 27. Sep-
bis heute. Aber warum kommt es zu dem Er- tember 1066 in See und landet am Tag da-
eignis von 1066, bei dem ein normannischer rauf in Pevensey. Bereits seit dem Sommer
Herzog einen englischen König vom Thron hat Harold die Invasion der Normannen er-
stößt? Um 1050 reist Wilhelm der Bastard wartet und Truppen an der Kanalküste sta-
nach England zu einem Cousin seines Va- tioniert – er muss jedoch Anfang September
ters, nämlich Eduard dem Bekenner, der seit einen Angriff seines eigenen Bruders Tostig
BEEINDRUCKEND: Der am PC rekonstruier- 1042 König ist. Der kinderlose Eduard, so und des norwegischen Königs Harald Hardra-
te Thronsaal im Château straft das oft in heißt es, soll dem jungen Wilhelm die Nach- da im Norden Englands zurückschlagen. Nun
tristen Tönen gehaltene Mittelalterbild als folge versprochen haben. 1064 schickt Edu- ist er durch Wilhelms Landung gezwungen,
historisch unkorrekt Abb.: Ulrich Pfaff ard Harold Godwinson, als Earl of Wessex ei- mit seiner Streitmacht wieder südwärts zu
ner der mächtigsten Herzöge seines Rei- ziehen. Während Wilhelms Heer nach Has-
ches, in die Normandie. Wilhelm befreit den tings weitermarschiert und ein befestigtes
fachheit. Der heutige Besucher kann einen
nach Schiffbruch gestrandeten und von sei- Lager aufschlägt, kehrt Harold nach London
Zeitsprung aus dem 21. Jahrhundert zurück
nem Feind Guy de Ponthieu gefangen gehal- zurück. Er hat einen Teil seiner Truppen in
in diese vergangene Zeit machen. Mit mo- tenen Harold, und nimmt diesem gefähr- Nordengland zurückgelassen, sammelt neue
dernster Kommunikationstechnik wird das lichsten Konkurrenten um den Thron Eng- Soldaten und will die Normannen überra-
historische Aussehen der Räumlichkeiten re- lands den Treueeid ab. schen. Doch dies gelingt ihm nicht: Wilhelm
konstruiert – auf einem sogenannten Histo- Doch Harold wird zwei Jahre später, als erwartet den englischen König bei Hastings,
Pad, einem Tablet, das jeder Besucher erhält. Eduard stirbt, zu dessen Nachfolger gekrönt. an einem Ort, der seither – ähnlich wie Wa-
Es dominiert Rot – die teuerste Farbe zu die- Das bedeutet Krieg. Wilhelm der Bastard terloo – fast ausschließlich mit einer
ser Zeit, die sich nur die Reichsten leisten kön- weiß ein hervorragend verwaltetes und wirt- Schlacht assoziiert wird.
nen. Und die Zurschaustellung ihres Vermö- schaftlich stabiles Herzogtum hinter sich. So Am 14. Oktober 1066 siegt Wilhelm in ei-
kann er es sich leisten, eine für damalige ner hin- und her wogenden Schlacht gegen
gens und ihrer Stärke ist den normannischen
Zeiten unerhört große Invasionsstreitmacht Harold, der durch einen Pfeil im Auge den
Herzögen nicht reiner Selbstzweck oder
aufzustellen: 15.000 Bewaffnete, darunter Tod findet. Wilhelm, jetzt „der Eroberer“ ge-
schnöde Prahlsucht, sondern Herrschaftsin- eine Vielzahl an Söldnern aus fast ganz nannt, zieht mit seinem Heer durch Südeng-
strument: Gegen diese Macht lehnt man sich Frankreich und Süditalien, und 4.000 Pferde land bis London, beginnt hier den Bau des
besser nicht auf. Eine Lehre, die schon Wil- sollen auf 500 Schiffen und unzähligen Be- Towers und lässt sich am Weihnachtstag
helm, der Bastard, seinen Gegnern erteilt – gleitbooten über den Ärmelkanal segeln. Von zum „König der Engländer“ krönen.
und die er an seine Nachkommen weitergibt.

EROBERER MIT VERWALTUNGSTALENT: Die Norman-


nen sind gefürchtete Krieger, die jedoch einmal gewon-
nene Gebiete auch administrativ zu führen wissen –
was oft schwieriger ist, als die Landnahme selbst. Das
Foto entstand während einer Reenactment-Veranstal-
tung in Falaise Abb.: Ulrich Pfaff
Spurensuche | Falaise

Auf dem Weg durch die tiefer liegenden


Wirtschaftsräume im ebenfalls quadratischen
„zweiten Bergfried“ (entstanden nach 1159)
gelangt der Besucher in den „Tour Talbot“,
den dritten Donjon. Im HistoPad leben Kü-
che, Lagerräume, Brunnen und Schlafgemä-
cher des 12. und 13. Jahrhunderts wieder auf.
1207 errichtet, dient der mächtige runde Turm
vor allem als der letzte Verteidigungsposten
der Burg. Der französische König Philipp II.
lässt ihn bauen. Also genau jener Herr-
scher, der – Ironie der Geschichte – zuvor
im Angevinischen Krieg die mit seinem
Feind England verbundene Normandie
erobert und so die Herrschaft von Wil-
helms Nachkommen beendet hat.
Nur einmal bis dahin haben sich die KRIEGERISCHE EPOCHE: Zahlreiche detaillierte
Verteidiger der Burg von Falaise bei einer Modelle – wie diese Belagerungsmaschinen – sind
Belagerung geschlagen geben müssen: für militärgeschichtlich Interessierte besonders se-
Im Jahr vor Wilhelms Geburt, als in einer henswert. Die Schiffe lassen das nordische Erbe
Art Bruderkrieg sein Vater Robert sich ge- der Normannen deutlich erkennen Abb.: Ulrich Pfaff

gen seinen regierenden Bruder Richard III.


erhebt und in Falaise verschanzt. Den an- Verflechtungen zwischen englischer Krone die den Herzog in Kettenhemd, mit gekrön-
stürmenden gegnerischen Truppen hält er und französischen Lehen durch Wilhelms tem Helm und buschigem Schnurrbart zeigt.
zwar anfänglich stand, doch er ergibt sich Thronbesteigung in England, hat einen mehr- Die Plastik war eine Studie, seinerzeit ange-
bald, so dass die Brüder miteinander Frieden fachen Besitzerwechsel der Burg zur Folge. In fertigt als Ausgangspunkt für das monu-
schließen können. diese Zeit führt den Besucher eine kleine Aus- mentale Reiterstandbild auf dem Platz vor
stellung von Belagerungsmaschinen im Mo- dem Aufgang zur Unterburg, unmittelbar
Umkämpfter Felsen dell – Trebuchet (Blide), Balliste und Mango- vor dem Rathaus von Falaise. Es zeigt Wil-
Von Frieden kann im Hochmittelalter aber in nel (Katapult) sind unter anderem zu sehen. helm den Eroberer in heldenhafter Pose, voll
Falaise keine Rede sein: Der Hundertjährige Geräte, wie sie in dieser turbulenten und krie- kriegerischer Dynamik – und entfernt sich
Krieg zwischen Frankreich und England, gerischen Zeit auch gegen die Befestigung auf dabei deutlich vom Erscheinungsbild seines
auch er letztlich eine Folge der komplexen dem Felssporn eingesetzt werden. historischen Vorbilds. Denn wie ein umfang-
Vermeintlich zeitgenössisch für diese mit- reicher, mit Zeichnungen im Comic-Stil be-
telalterliche Epoche präsentiert sich eine bilderter Lebenslauf im Château verdeut-
überlebensgroße Büste des legendären Wil- licht, ist die normannische Kampfbeklei-
helm: Eine Gipsplastik aus dem Jahre 1850, dung zu Wilhelms Zeiten ebenso schnörkel-

MARTIALISCH: Die neuen Ele-


mente orientieren sich in ihrer
Wirkung bewusst am „Schön-
heitsideal” der Normannen –
mächtig und brutal wirken die
Zugbrücke und das Tor aus Stahl
und Beton, die vor dem „großen
Donjon“ angebracht sind
Abb.: Ulrich Pfaff

70
Geschichte & Legende

HINTERGRUND

Wilhelm der London zum König von England krönen. Aus


Wilhelm dem Bastard, wird Wilhelm der Er-
Eroberer oberer – und Wilhelm I. von England. Die nor-
mannische Besatzung verändert das angel-
Wilhelm der Bastard, Sohn des Herzogs Ro- sächsische England nachhaltig. Für den Her-
bert I. der Normandie, wächst zuerst bei sei- zog der Normandie ist die Krone Englands
ner Mutter Arlette auf der Burg in Falaise he- ein gutes Geschäft: Das legendäre Dooms-
ran. Es sind kriegerische Zeiten, erst recht, day Book beziffert den Wert der königlichen
als Robert I. nach Jerusalem aufbricht und Ländereien auf 73.000 englische Pfund –
1035 auf der Rückreise stirbt. Er hat seinen während ein Ritter auf zwei, ein wirklich rei-
Sohn zum Nachfolger bestimmt, aber die cher Händler auf 40 Pfund Einkommen im
GUTER GEDANKE: Das HistoPad ist kein un-
Macht des Kindes ist nur so stark wie die Jahr kommt. Aber in der Normandie bringt
nützer Technik-Schnickschnack, sondern
normannischen Feudalherren, die dem min- Wilhelm die Krone Englands auch Nachteile:
Seine neue Macht sät das Misstrauen des bringt willkommene neue Einblicke
derjährigen Herzog die Treue geschworen ha-
Königs von Frankreich, der sich erneut mit Abb.: Ulrich Pfaff
ben. Der Kampf um die Herrschaft kostet
mehrere Beschützer Wilhelms das Leben, Vasallen gegen Wilhelm verbündet. Auch
die von Rivalen ermordet werden, um Wil- sein eigener Sohn Robert gerät mit seinen
helm habhaft zu werden. Der Aufenthaltsort Machtgelüsten in Streit mit Wilhelm. Es fol-
des jungen Herrschers wechselt aus Sicher- gen Aufstände ab etwa 1080. Wilhelm ist er-
heitsgründen häufig. Letztlich ist es der neut gezwungen, Krieg in seinen Besitzun-
Lehnseid, den der junge Wilhelm dem franzö- gen auf dem Kontinent zu führen. Nach einer
sischen König Heinrich I. leistet, der ihn in seiner Expeditionen gegen den französi-
der Zeit der ständigen Rebellion rettet: Der schen König stirbt er 1087 in Rouen. Seinen
König übernimmt damit die Vormundschaft Eroberungen ist nach seinem Tod kein Zu-
für den Herzog. 1047 schließlich zieht Wil- sammenhalt beschert: Wilhelm teilt auf dem
helm mit Unterstützung eines königlichen Sterbebett sein Reich, gibt die Normandie
Heeres bei Val-ès-Dunes bei Caen gegen die seinem Sohn Robert II. Curthose, die engli-
Aufrührer ins Feld und siegt. Der 20 Jahre al- sche Krone an den zweiten Sohn William II. NACHGEBAUT: Nicht nur digital wird die
te Herzog, nach alten Quellen ungewöhnlich Rufus – nach dessen Tod im Jahre 1100 füh- Welt des Mittelalters wiederbelebt: ein nor-
groß und von kräftiger Statur, gewährt seinen ren die Brüder Robert II. und Heinrich I. Be- mannisches Schlafgemach Abb.: Ulrich Pfaff
Gegnern Pardon und erlaubt ihnen, ihren Be- auclerc Krieg um die Vorherrschaft in der
sitz zu erhalten – eine weise Entscheidung, Normandie. Erst unter Wilhelms Enkel Hein- los wie das kurz geschorene und an den
denn Wilhelm wird seine Barone noch brau- rich II. werden die englische Krone und der Schläfen rasierte Haupthaar der Krieger. Die
chen. Zwei Jahre später heiratet Wilhelm Ma- Herzogstitel der Normandie wieder vereint –
Vorliebe der Franzosen für die „bande dessi-
thilde von Flandern, eine entfernte Verwand- bei der verliert sein Urenkel
Johann Ohneland dann je- née“ (französisch für „Comic“) verleiht die-
te, was der Ehe den Kirchenbann einbringt.
Und mehr noch: Der Machtzuwachs des jun- doch endgültig. sem Lebenslauf das Flair des 21. Jahrhun-
gen Herzogs der Normandie bringt den fran- derts, so wie die Büste von 1850 dem dama-
zösischen König gegen ihn auf. Doch Wil- ligen Bedürfnis des Second Empire nach
helm kann die folgenden kriegerischen Aus- heroischem Pathos entspricht.
einandersetzungen mit dem Souverän für HEROISCH: Kraftvoll
sich entscheiden, die Normandie er- und kriegerisch wirkt Ewiger Eroberer
lebt eine Zeit des Friedens und des Wilhelm der Eroberer Dass Wilhelm der Eroberer über die Jahrhun-
wirtschaftlichen Aufschwungs nach in diesem 1851 ein- derte den jeweiligen Zeitströmungen zwar
1057. Nicht zuletzt auch des- geweihten Reiter-
Genüge tat, aber bis heute die zentrale Figur
halb, weil Wilhelm es ge- standbild, das vor der Unter-
burg steht der frühen Geschichte der Normandie geblie-
schickt versteht, seine feuda- Abb.: Ulrich Pfaff
len Interessen mit denen sei- ben ist, zeigt auch der berühmte Wandteppich
ner Vasallen und der Kirche zu von Bayeux. Er beschreibt die Eroberung Eng-
verbinden. Wilhelm der Bastard wird lands ausführlich und auf ihn wird im Châ-
einer der mächtigsten Herrscher teau immer wieder verwiesen. Der vermut-
auf dem Territorium des heutigen lich um 1080 entstandene, 70 Meter lange
Frankreichs. Teppich ist eines der wenigen echten Über-
Ohne seine gesicherte Stel- bleibsel aus der Zeit von Herzog Wilhelm:
lung und ohne die ihm zur Ver- Sein Grab in der Kirche Saint-Étienne in Caen
fügung stehenden finanziellen wird während der französischen Revolution
Mittel wäre sein nächster Griff
zerstört, nur ein Oberschenkelknochen ist
nach noch größerer Macht ver-
mutlich nicht so erfolgreich gewe- dort noch erhalten. Aber Wilhelm lebt im
sen: 1066 setzt Wilhelm Château Guillaume-le-Conquérant bis heute
mit einem Heer über den fort, und das sogar digital.
Ärmelkanal, besiegt die
Truppen des englischen
Ulrich Pfaff ist Redakteur und hat sich als freier
Königs Harold bei Has-
tings und lässt sich in Journalist unter anderem auf Themen der Militär-
geschichte spezialisiert.

Clausewitz 6/2016 71
Spurensuche

STOLZE SOLDATEN:

Abb.: picture alliance/AP Photo


Die Militärschule Saint-Cyr
Die prächtigen Parade-
uniformen der Kadetten

„Lernen, um
atmen die Grandeur
vergangener Tage.
Trotz allgegenwärtiger
Tradition bietet Saint-
Cyr eine moderne

zu siegen!“
Offiziersausbildung

1802: Napoleon gründet die „École Spéciale Militaire“. Mehr als 200 Jahre später existiert
diese Institution noch immer – als „Les écoles de Saint-Cyr Coëtquidan“. Hier erhalten die
Offiziere des französischen Heeres eine erstklassige Ausbildung Von Maximilian Bunk

D
ie gezückten Säbel blitzen im Sonnen- ted States Military Academy in West Point ge- in neue Quartiere bei Saint-Cyr nahe Paris.
licht, als eine Abteilung entschlossen hören auf jeden Fall dazu. Und die École spé- Nach diesem Ort ist die Militärschule bis
blickender Soldaten während der Fei- ciale militaire de Saint-Cyr – meist einfach nur heute benannt. Hauptgrund für die Existenz
erlichkeiten am 14. Juli im Gleichschritt über „Saint-Cyr“ genannt – in Frankreich, einem der Akademie ist der Bedarf Napoleons an
die Pariser Champs-Élysées paradiert. An ih- Land, das über eine der schlagkräftigsten Ar- fähigem Führungspersonal für seine Armee
ren prächtigen Uniformen sind sie als Ange- meen Europas verfügt. – das Offizierskorps ist durch die Krisen, Un-
hörige der renommierten Offiziersschule ruhen und politischen Konflikte seit der Re-
Saint-Cyr zu erkennen. Weltweit gibt es gera- Tradition und Wandel volution von 1789 arg gebeutelt und zerris-
de einmal eine Handvoll Militärakademien Nach der Gründung in Fontainebleau zieht sen. Viele royalistisch gesinnte Offiziere ste-
mit internationalem Ruf. Die Royal Military die Schule – die damals noch „l`école spécia- hen den Streitkräften nicht mehr zur
Academy Sandhurst in England oder die Uni- le impériale militaire“ heißt – im März 1808 Verfügung. Die Ausbildung für die damals
zwischen 16 und 18 Jahre alten Kadetten um-
FAKTEN fasst zu Napoleons Zeiten unter anderem
Mathematik, Geschichte, das Anfertigen von
L'École spéciale militaire de Saint-Cyr Karten, das Planen von Schanzwerk und
Verteidigungsanlagen, sowie Militäradmi-
Gegründet: 1. Mai 1802 durch Napoleon Sonstiges: Jedes Jahr nehmen 200 Kadetten nistration. Nach dem endgültigen Fall des
(damals Erster Konsul) aus dem Ausland an der Ausbildung teil. Seit
napoleonischen Imperiums 1815 wird die
Ort: Ursprünglich in Fontainebleau, dann 1983 sind auch Frauen zugelassen. Auf dem
Schule zunächst aufgelöst, doch bereits zwei
Saint-Cyr (beide bei Paris), heute im Depar- Campus-Gelände ist außerdem ein Museum un-
tement Morbihan in der ländlichen Bretagne tergebracht, das der Öffentlichkeit zugänglich ist Jahre später schon wieder reaktiviert. Einen
Dauer der Ausbildung: Drei Jahre Internet: www.st-cyr.terre.defense.gouv.fr großen Wendepunkt in der akademischen
Ausrichtung bringt die Niederlage im Krieg

72
von 1870/71: Die Verantwortlichen überar- DRILL: Kadetten
beiten den Lehrplan und die Unterrichtsme- in den alten Ge-
thoden grundlegend. Man rekrutierte exzel- bäuden der Mili-
lente Lehrkräfte und schenkt einer besseren tärschule im (bis
Ausgewogenheit zwischen Theorie und Pra- heute) namensge-
xis (inklusive großer Übungen und Manö- benden Saint-Cyr
ver im Gelände) von nun an besondere Auf- bei Paris (kolorier-
merksamkeit. Während des Zweiten Welt- tes Foto von
kriegs findet die Ausbildung der 1892)
französischen Offiziere („Cadets de la France Abb.: picture-
Libre“) in Algerien und in England statt. alliance/maxppp
Nach dem Krieg zieht die Schule nach Co-
ëtquidan im Herzen der Bretagne, da die al-
ten Gebäude in Saint-Cyr durch Bomben zer-
stört sind. Die Zeit nach 1945 ist durch die
Dekolonialisierungskriege in Indochina und
Algerien sowie den Ost-West-Konflikt ge- digen Fähigkeiten sind das Meistern Die Kurse und Fächer, die in Saint-Cyr belegt
prägt. Der Schulbetrieb in Saint-Cyr wendet schwieriger und auch unbekannter Situa- werden können, sind ebenso bemerkenswert
sich mehr und mehr der modernen Krieg- tionen, das schnelle Treffen von Entschei- wie die räumliche und materielle Ausstat-
führung zu und bietet verschiedene Spezia- dungen und das überlegte Agieren in einem tung der Schule. Längst sind es nicht mehr
lisierungen an. 1977 wird zum Beispiel die feindlichen Terrain. Die Umgebung, in der nur Militärgeschichte, Gewaltmärsche und
L’École militaire du corps technique et admi- diese komplexe Ausbildung stattfindet, Fallschirmspringen, sondern auch Themen
nistratif eröffnet, die bis heute eine der vier kann nur als sehr beeindruckend beschrie- wie etwa der Einsatz von Kriegsrobotern.
Schulen innerhalb von Saint-Cyr ist. Mit an- ben werden. Das Akademiegelände liegt in- Das bei der Gründung 1802 ausgegebene
deren Worten: Trotz aller Tradition geht die mitten des Waldes von Brocéliande im De- Motto „Sie lernen, um zu siegen“ wird in der
Ausbildung mit der Zeit und den sich stän- partement Morbihan. langen Geschichte der Militärschule Saint-
dig ändernden Anforderungen an die Offi- Insgesamt 365 Gebäude stehen für Unter- Cyr mehrfach abgeändert. Seit dem Ende des
ziere wird Rechnung getragen. richt und Unterkunft zur Verfügung. Ein Ersten Weltkriegs steht Frankreichs angese-
mehr als 5.000 Hektar großes Übungsgelän- hene Militärakademie wieder unter dem
Gigantisches Gelände de ermöglicht ausgedehnte Praxisübungen. Originalmotto: „Ils s'instruisent pour vain-
Als Offizierschule des Heeres sieht Saint- Ein 90 Kilometer umfassendes Straßennetz cre“. Eine bessere Maxime für eine Militär-
Cyr seine Aufgabe heute folgendermaßen: gehört ebenso zur akademieeigenen Infra- schule ist kaum denkbar …
zukünftigen Offizieren soll eine Ausbil- struktur wie Sportplätze, mehrere Hinder-
dung zukommen, die es ihnen ermöglicht nisparcours, ganze 22 (!) Schießanlagen, ein
Maximilian Bunk ist Historiker und Redakteur bei
auch unter extrem widrigen Umständen ih- Schwimmbad, zwei Sprengstoff-Übungs-
Clausewitz.
re Soldaten anzuführen. Die dafür notwen- plätze und ein Häuserkampf-Trainingsplatz.

BEKANNTE ABSOLVENTEN
Philippe Pétain (der „Held von Verdun”) Charles de Gaulle (Präsident) Jacques Massu (französischer General)

VON HOHEM RANG: Viele namhafte Militärs besuchten Saint-Cyr Abb.: picture alliance/Everett Collection; picture-alliance/akg-images; picture-alliance/dpa

Clausewitz 6/2016 73
Menschen & Geschichten

WECHSELNDE AUFGABEN:
Gallwitz bekommt im Laufe
seiner Militärkarriere zahlrei-
che Kommandos über ver-
schiedene Großverbände
übertragen
picture-alliance/©dpa Bilderdienste

Foto: xxxxx

74
General der Artillerie Max von Gallwitz

Feldherr an
vielen Fronten
1914–1918: Max von Gallwitz gilt als ausgewiesener Artilleriefachmann und befehligt
während des Ersten Weltkriegs mehrere Armeen und Heeresgruppen. In der Weimarer
Republik kämpft er auf einem neuen „Kriegsschauplatz“ Von Lukas Grawe

M ax von Gallwitz – dieser Name dürfte


heute vielen Menschen weniger ge-
läufig sein als die anderer Feld-
herren der Kaiserlichen Armee wie Paul von
Hindenburg, Helmuth von Moltke oder Erich
ner der besten Führer unseres Heeres“, be-
schrieb Ludendorff im Jahr 1915 den General
der Artillerie, der sich soeben bei den Kämp-
fen an der Ostfront ausgezeichnet hatte.
Doch verkörpert der dem einfachen Bür-
Ludendorff. Dabei gilt er als einer der gertum entstammende Katholik Gallwitz al-
fähigsten deutschen Offiziere des Ersten Welt- les andere als den Urtypus des preußischen
kriegs. „Ein unternehmender und gedanken- Generals. Wer also war dieser deutsche
reicher Soldat, ein Mann mit vielseitigen Inte- Heerführer, der nach dem Krieg den Dienst
ressen auf allen Gebieten des Lebens, war ei- in der Armee quittierte und in der politi-

HOHER BESUCH: Infanterie marschiert an


Kaiser Wilhelm II. und hochrangigen Heerfüh-
rern vorbei, unter ihnen Max von Gallwitz
(ganz rechts) Foto: ullstein bild - ullstein bild

Clausewitz 6/2016 75
Menschen & Geschichten | Max von Gallwitz

schen Landschaft der jungen Weimarer Re- ministeriums auf. Im Jahr 1897 avanciert der
publik mitmischte? erfahrene Artillerist zum Chef der Feldartil-
Max Gallwitz wird am 2. Mai 1852 als lerie-Abteilung. 1903 wird er sogar Direktor
Sohn eines bürgerlichen Unteroffiziers in des Armee-Verwaltungs-Departments und
Breslau geboren und katholisch erzogen – gleichzeitig stellvertretender Bevollmächtig-
zwei Umstände, die nicht gerade förderlich ter des Ministeriums im Bundesrat. Fortan
für eine Offizierslaufbahn in der preußi- hat er die Maßnahmen des Kriegsministeri-
schen Armee erscheinen. Wie sein Vater ent- ums gegenüber zivilen Politikern zu vertre-
scheidet er sich früh für den Soldatenberuf ten und Übungsplätze und Kasernen zu in-
und tritt am 13. August 1870 in das 9. Schles- spizieren. Dabei unterwirft sich Gallwitz voll
wig-Holsteinische Feldartillerieregiment in und ganz dem Geist des adeligen Offizier-
Rendsburg ein. Zu diesem Zeitpunkt befin- korps, der vor allem durch eine konservative
det sich das preußische Heer bereits im Krieg Grundhaltung, eine Verachtung der Sozial-
mit Frankreich. Enthusiastisch nimmt Gall- demokratie, sozialdarwinistische Tendenzen
witz seinen Dienst auf und beteiligt sich zu und zuweilen auch durch einen ausgewiese-
Beginn des Feldzuges an der Belagerung von nen Antisemitismus charakterisiert wird.
Metz und dem Marsch zur Loire. Auf der anderen Seite kann sich Gallwitz
aber – im Gegensatz zu vielen seiner Offi-
Steile Karriere zierskollegen – auch von schablonenhaftem
Nach dem siegreichen Feldzug beginnt für Denken frei machen und Argumente aner-
Gallwitz eine Zeit der kontinuierlichen Aus- kennen, die zuvor nicht den seinen entspra-
bildung. Der ehrgeizige Unteroffizier ist be- PROPAGANDAKARTE: Gallwitz befehligt chen.
seelt von dem Gedanken, sich in der Armee 1915 auch Einsätze an der nördlichen
einen Namen zu machen. Auf der Kriegs- Ostfront, ehe er im Herbst desselben Jah- Inspekteur der Feldartillerie
schule in Potsdam und der Artillerieschule res nach Serbien abkommandiert wird Nach einer vierjährigen Zeit als Komman-
in Berlin besticht Gallwitz durch hervorra- Abb.: picture-alliance/akg-images deur der 15. (Infanterie-)Division in Köln
gende Leistungen. Sie ebnen ihm den Weg in steigt er im März 1911 schließlich zum In-
den Großen Generalstab in Berlin. Die dafür spekteur der Feldartillerie auf. Nun kann er
notwendige Qualifikation erlangt er auf der auf sämtliche Fragen, die „seine“ Waffengat-
Kriegsakademie, die er ebenfalls mit tadello- tung betreffen, maßgeblichen Einfluss aus-
sen Noten absolviert. Im Jahr 1883 geht sein üben. Einen Monat nach seiner Ernennung
Wunsch in Erfüllung: Man kommandiert befördert ihn Kaiser Wilhelm II. zum Gene-
Gallwitz in den Generalstab. Doch anders ral der Artillerie. Obwohl Gallwitz mit gro-
als von ihm erhofft, ist es nicht der Gene- ßem Eifer an seine neue Aufgabe geht und er
ralstab, der seine Laufbahn nachhaltig vor allem darum bemüht ist, das Ansehen
prägen wird - sondern das preußi- der Artillerie zu heben, ist seine Euphorie
sche Kriegsministerium. 1887 wird nur von kurzer Dauer. Der bereits mehrfach
Gallwitz dorthin befohlen. Er soll als Mahner und Kritiker aufgefallene Gene-
sich in der Sektion „Feldgerät“ mit ral passt weder zum Berliner Hofmilieu noch
technischen Fragen und der Rolle zum intrigenbehafteten Treiben in den
des Nachschubs befassen. höchsten Militärbehörden. Dort schachern
Obwohl diese Verwendung Generalstab, Militärkabinett und Kriegsmi-
dem jungen Offizier nicht zu- nisterium um Einfluss.
sagt, steigt Gallwitz innerhalb Gallwitz ist kein Theoretiker und kein
der Rangordnung des Kriegs- Technikfanatiker. Mehrfach denkt er an

BIOGRAPHIE

Max von Gallwitz


1852 Geboren in Breslau
1870 Eintritt in die preußische Armee, Teilnahme am Krieg gegen Frankreich
1883–1887 Dienst im Großen Generalstab
1897–1899 Chef der Feldartillerie-Abteilung im Kriegsministerium
1903–1906 Direktor des Armee-Verwaltungs-Departments
1911–1914 Inspekteur der Feldartillerie
1914 Kommandeur des Garde-Reservekorps, Eroberung von Namur
1914–1915 Einsatz an der Ostfront
1915–1916 Oberbefehlshaber der 11. Armee (vormals 12. Armeeoberkommando) in Serbien
IM PROFIL: Gallwitz gilt als streitbarer 1916 Einsatz an der Westfront vor Verdun und an der Somme
Feldherr. Er erhält im Juni 1915 den Orden 1916–1918 Oberbefehlshaber der 5. Armee
„Pour le Mérite“, wenige Monate später 1920–1924 Reichstagsabgeordneter für die DNVP
mit Eichenlaub Foto: ullstein bild - ullstein bild 1937 Tod in Neapel
Erfolge an der Westfront

IM SCHATTEN DER POLITIK: Gallwitz war


von 1897 bis 1899 Chef der Feldartillerie-
Abteilung im Kriegsministerium
Foto: picture-alliance/©dpa

Rücktritt, auch weil ihm ein weiterer Karrie-


resprung nicht gelingt.
Angesichts der internationalen Spannun-
gen im Vorfeld des Ersten Weltkriegs schließt
er sich den Forderungen Ludendorffs an, der
dafür wirbt, die deutsche Armee massiv zu
vergrößern. Mit seiner militärischen Lauf-
bahn hat Gallwitz, der 1913 in den erblichen
preußischen Adelsstand aufsteigt, gedank-
lich bereits abgeschlossen. Als letzte Station
vor der Pensionierung ist im Juli 1914 die
Stelle des Präsidenten des Reichsmilitärge-
richts für ihn vorgesehen, ehe sich die inter-
nationale Anspannung in einem bewaffne-
ten Konflikt entlädt. Den sich abzeichnenden IM ZEICHEN DER ARTILLERIE: Gallwitz profiliert sich als Artilleriefachmann und wird im
Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommen- Westen bei der Belagerung der Festungswerke von Namur (1914) und Verdun (1916) einge-
tiert Gallwitz enthusiastisch: „Sollte meine setzt; zeitgenössische Propagandapostkarte Abb.: picture-alliance/akg-images
alte Idee in Erfüllung gehen, dass ich im ers-
ten und im letzten Dienstjahre einen Krieg Artilleriefachmann erhält die Aufgabe, die Garde-Reservekorps. Während an beiden
mitmache? Welche Fügung!“ Festungswerke der belgischen Stadt Namur Fronten entscheidende Schlachten geschla-
einzunehmen. Mithilfe der schweren Artille- gen werden, sitzt Gallwitz mit seinen Män-
An der Westfront rie lässt er die Festungen sturmreif schießen. nern untätig im Zug.
Tatsächlich geht sein Wunsch im August Nur fünf Tage nach Beginn der Kampfhand-
1914 in Erfüllung. Er erhält den Befehl über lungen müssen die belgischen Forts kapitu- Kritik an der OHL
das Garde-Reservekorps, das der 2. Armee lieren. Gallwitz hat sich bereits jetzt einen Im Osten angekommen, untersteht er seit
untersteht. Es soll dazu beitragen, den Feld- Namen gemacht. Anfang September 1914 dem Kommando
zug gegen Frankreich innerhalb von sechs Ende August 1914 scheint der Feldzug im Hindenburgs und Ludendorffs und ihrer
Wochen zu gewinnen. Zunächst läuft nahe- Westen bereits gewonnen. Deutsche Trup- 8. Armee und beteiligt sich an der Schlacht
zu alles nach Plan. Tief stoßen die deutschen pen stehen kurz vor Paris. Doch die Oberste an den Masurischen Seen. Diese endet je-
Verbände in das Innere Frankreichs vor. Heeresleitung (OHL) fasst einen fatalen Ent- doch nur mit einem Zurückdrängen, nicht
Während ihrer Offensive an der Westfront schluss: Sie verlegt zwei Armeekorps von mit der völligen Vernichtung der russischen
durchqueren sie das neutrale Belgien. Der der West- an die Ostfront, darunter auch das Truppen. Gallwitz legt den Finger in die

Clausewitz 6/2016 77
Menschen & Geschichten | Max von Gallwitz

NACH DEM KRIEG: Max von Gallwitz (ganz


links) während der Trauerzeremonie anläss-
lich der Beerdigung von Auguste Viktoria, der
Frau von Kaiser Wilhelm II., im Jahr 1921;
vorne Hindenburg und Ludendorff
Foto: ullstein bild - Süddeutsche Zeitung Phtoto/Scherl

dennoch angreifen – eine Offensive ist für


ihn die beste Verteidigung.
Seit Dezember 1914 befiehlt der General
der Artillerie auch einige österreichische Ver-
bände. Auf sein Betreiben setzt die OHL
schließlich später das Konzept der „Korsett-
stangen“ um. Dabei werden deutsche Trup-
pen an Schlüsselstellen in die österrei-
chischen Verbände eingegliedert. Gallwitz
erfreut sich dank seiner Art als einer der we-
nigen deutschen Befehlshaber einer beson-
deren österreichischen Wertschätzung.
In der anschließenden Offensive gegen
POLITISCH: Von 1920 bis 1924 sitzt Max den Narew brechen seine Truppen durch die
von Gallwitz für die Deutschnationale russischen Verteidigungsstellungen und er-
Volkspartei (DNVP) im Reichstag; Wahl- zielen erneut große Geländegewinne. Für
plakat von 1920 Foto: ullstein bild - ullstein bild seine energische Führung wird der General
der Artillerie daraufhin mit dem Orden
„Pour le Mérite“ ausgezeichnet.
Wunde, wirft den beiden Befehlshabern
Schwanken und fehlende Orientierung vor. In Serbien und im Westen
Während des gesamten Krieges wird der un- Im Herbst 1915 ist die Lage an der Ostfront
bequeme General auch gegenüber Vorge- soweit gesichert, dass die OHL die Erobe-
setzten kein Blatt vor den Mund nehmen. rung Serbiens ins Auge fassen kann. Gall- WEGGEFÄHRTE:
Die Lage an der Ostfront ist kritisch. Die witz übernimmt den Befehl über die 11. Ar- Erich Ludendorff hält anfangs
deutschen Truppen sehen sich mit einer rus- mee und bildet gemeinsam mit bulgarischen viel von Gallwitz’ fachlichen
sischen Übermacht konfrontiert. In den fol- Verbänden die Speerspitze des Angriffs. Im Fähigkeiten als Militär
genden Wochen lässt Gallwitz seine Truppen Oktober beginnt der Feldzug, der bereits Abb.: picture-alliance/Everett Collection

78
Verbittert und enttäuscht

nach wenigen Wochen zur Besetzung Ser- Nach erfolgreicher Abwehr der Somme-
biens führt. Offensive kehrt Gallwitz an die Front vor
Trotzdem hadert der deutsche Feldherr Verdun zurück, wo er den Befehl über die 5.
mit dem Erreichten, denn die Einkesselung Armee erhält. Die nächsten Monate sind ge-
der serbischen Armee scheitert. Er kritisiert prägt von ständigen Scharmützeln zwischen
seine Vorgesetzten in der Heeresgruppe. deutschen und französischen Truppen. Doch
„Man fühlt sich etwas in unklaren Verhält- die Pattsituation ändert sich nicht entschei-
nissen und hat nicht den Eindruck, klaren dend. Erneut wirbt Gallwitz für offensivere
Blick und feste Hand hinter sich zu wissen“, Maßnahmen. Eine reine Defensive sei Gift
kommentiert Gallwitz lakonisch. In der Fol- für die Moral. Auch gegen die zunehmenden
ge wird er dazu auserkoren, die in Griechen- sozialistischen und kommunistischen Agita-
land gelandeten Entente-Truppen anzugrei- tionen im Heer will er mit Gewalt vorgehen.
fen. Eine geplante Offensive gegen Saloniki Folglich wird in konservativen Kreisen wie-
muss die Führung mehrfach verschieben derholt sein Name genannt, wenn es um die
und letztlich ganz verwerfen. Nachfolge des bei ihnen unbeliebten Reichs-
Ende März 1916 beordert man Max von kanzlers Theobald von Bethmann Hollweg
Gallwitz wieder an die Westfront. Er soll da- geht. Da sich die Anfragen häufen, entwirft
bei helfen, die festgefahrene Lage vor Ver- der General der Artillerie sogar eine Art Re-
dun aufzulösen. Wie immer geht er taten- gierungsprogramm. Darin schreckt er auch
durstig an seine neue Aufgabe. Er setzt vor diktatorischen Maßnahmen oder der ZEITWEILIGER NAMENSPATRON: Bis zu
gleich zu Beginn seiner Tätigkeit auf Offen- Auflösung des Reichstags nicht zurück. ihrer Umbenennung in den 1990er-Jahren
sive und erzielt rasch erste Geländegewinne. Im März 1918 starten die deutschen Trup- trug unter anderem die 2003 im Zuge der
Doch seine Soldaten sind demoralisiert und pen eine letzte Offensive. Sie soll die Wende Truppenreduzierung geschlossene „Dr.-Julius-
Schoeps-Kaserne“ in Hildesheim den
Namen von Gallwitz; Aufnahme von 2001
„Ich hoffe, sie suchen sich für den Foto: picture-alliance/©dpa-Bildarchiv

Diktatorposten einen anderen. Ich bin dazu nicht


Verbittert über die „unnötige“ Niederlage
genügend blutrünstig. Wäre mir eklig.“ startet er nach dem Krieg eine zweite Karrie-
Max von Gallwitz am 8. November 1918 re als Politiker. Max von Gallwitz zieht 1920
für die Deutschnationale Volkspartei
(DNVP) in den Reichstag ein, den er aber be-
vollkommen erschöpft. Die Pattsituation vor im Westen herbeiführen. Gallwitz und seiner reits nach einer Legislaturperiode wieder
Verduns Festungen kann auch Gallwitz nicht nach ihm benannten Heeresgruppe kommt verlässt. Zeit seines Lebens hält der Artille-
aufbrechen. dabei jedoch nur die Rolle des Flankenschut- riegeneral am konservativen Wertekanon
zes zu. Nach anfänglichen Erfolgen fahren des preußischen Offizierskorps fest. Im Jahr
Disput mit dem Kronprinzen sich die Angriffe fest. Die deutschen Solda- 1931 beteiligt er sich sogar an der Gründung
Als die Lage auch an der Somme kritisch ten sind mit ihren Kräften am Ende. Die En- der antidemokratischen, republikfeindlichen
wird, erhält er den Oberbefehl über die dor- tente wird nun durch amerikanische Trup- und nationalistischen „Harzburger Front.“
tige 2. Armee. In blutigen Schlachten gelingt pen verstärkt und übernimmt die Initiative.
es den deutschen Verteidigern, die wüten- Wenige Monate später droht der Zusam- Bittere Ironie
den Attacken der angreifenden Briten aufzu- menbruch der gesamten deutschen Linien. Am Ende seines Lebens resümiert Gallwitz
halten. Nach wie vor legt sich der streitbare Noch immer macht sich Gallwitz für eine of- das Erreichte mit bissiger Ironie: „Ich habe ja
General mit seinen Vorgesetzten an. Über ei- fensive Verteidigung stark, doch die Lage ist nie Tamtam schlagen wollen. Daher! Für Na-
nen Disput mit Kronprinz Rupprecht von aussichtslos. mur nicht die geringste Dekoration erhalten,
Bayern notiert Gallwitz in sein Tagebuch: Auch in der Heimat erlahmen allmählich russische Offensive ganz disqualifiziert. Ser-
„Ich kann mit dem Kronprinzen überhaupt die Kräfte, um den Krieg weiterhin zu unter- bien alles auf Konto Mackensen, Somme al-
nicht gut reden; er fällt immer beim Vorder- stützen. Revolutionäre Unruhen kündigen les auf Konto Kuhl, 1 ¾ Jahre aktiver General
satz ins Wort, ehe der wesentliche Gedanke sich an. Erneut geistert der Name von Gall- der Artillerie, zwei Armeegruppen, vier Ar-
heraus ist, und schweift ab. In summa bin witz durch militärische Kreise, wenn es um meen, zwei Heeresgruppen geführt und
ich, glaube ich, ziemlich ungezogen gewe- die Errichtung einer Militärdiktatur geht. nicht Generaloberst geworden.“
sen, aber man wird warm sichtlich dilettan- Doch winkt der Artilleriegeneral ab. Er sei Trotz vieler Erfolge als Feldherr in einem
tischen Auffassungen gegenüber.“ nicht „blutrünstig“ genug für diese Aufgabe. mehrjährigen Kampf an vielen Fronten blieb
Dennoch vermisst auch er eine starke Hand dem ehrgeizigen Offizier der große Durch-
und beschwört den Kaiser, einen energi- bruch an die militärische Spitze zeitlebens
schen Aufruf an sein Volk zu verfassen. Doch versagt. Hadernd mit seinem Schicksal,
Literaturtipp die militärische und politische Lage lässt sich stirbt Gallwitz 1937 während eines Erho-
Jakob Jung: Max von Gallwitz (1852–1937), nicht mehr beschönigen. Im November 1918 lungsaufenthaltes in Neapel.
General und Politiker (= Soldatenschicksale dankt Wilhelm II. ab. Die neue deutsche Re-
des 20. Jahrhunderts als Geschichtsquelle 12). gierung bittet auf Geheiß der OHL um Waf-
Lukas Grawe, M.A., Jahrgang 1985, Historiker aus
Osnabrück 1995. fenstillstand. Einen Monat später nimmt
Warstein.
Gallwitz seinen Abschied.

Clausewitz 6/2016 79
Spurensuche

Seeschlacht in der Bucht von Quiberon

Schiffsduell
Winter 1759: Vor der bretoni-
schen Küste bricht ein bluti-
ger Kampf zwischen
im Sturm
Engländern und Franzosen
aus – und das in gefährli-
chen Gewässern bei aufzie-
hendem Sturm! Dabei
kommt es zum dramatischen
Duell zwischen der Superbe
und Royal George

D
er Siebenjährige Krieg – das Ringen sische Linienschiffe stellt. Eigentlich sucht lich gefolgt ist. Als er es merkt, wähnt er sich
zwischen Großbritannien und Frank- Admiral Marquis de Conflans in der Bucht dennoch in Sicherheit, denn die Bucht ist
reich um die globale Vorherrschaft – von Quiberon – in der Nähe von St. Nazaire durch Felsen und Untiefen gut geschützt. Mit
befindet sich in seinem vierten Jahr, als eine – nur einen sicheren Ankerplatz während des Entsetzen erkennt er, dass die Briten so toll-
englische Flotte aus 23 Schiffen, unter dem gerade aufziehenden Sturmes. Er ahnt nicht, kühn sind und ihn trotz des heftigen Seegan-
Kommando von Admiral Hawke, 21 franzö- dass ihm sein britischer Gegenspieler heim- ges in der vermeintlich sicheren Bucht angrei-

80
DATEN

Superbe HMS Royal George


Indienststellung: 1738 Indienststellung: 1755
Länge: 49,4 Meter Länge: 54,3 Meter
Verdrängung: 1.500 Tonnen Verdrängung: 2.047 Tonnen
Bewaffnung: 74 Kanonen Bewaffnung: 100 Kanonen
Besatzung: 750 Mann Besatzung: 880 Mann

DRAMATISCHER AUGENBLICK:
Die HMS Royal George feuert eine
volle Breitseite auf das französi-
sche Schiff Superbe – das Bild
gibt die zentrale Szene der See-
schlacht in düsteren Farben wie-
der, vor denen sich die hellen
Mündungsfeuer der Kanonen ge-
spenstisch abheben. Auch der
Schauplatz könnte kaum spekta-
kulärer sein: Die Bucht von Qui-
beron ist von gefährlichen Felsen
und Sandbänken durchzogen und
selbst bei ruhiger See äußerst tü-
ckisch Grafik: Radoslav Javor

fen – Hawke geht dabei ein beträchtliches Ri- Entsetzen in Panik und chaotische Verwir- HMS Royal George auf die Superbe hat die
siko ein! Die HMS Royal George steuert direkt rung. Der Waffengang dauert zwar noch gan- Franzosen völlig überrumpelt. Admiral Sir
auf die Suberbe zu. Als eine donnernde Breit- ze drei Stunden, doch die geschockten Fran- Edward Hawke wird zum Nationalhelden
seite aus den britischen Kanonen krachend zosen finden nicht mehr in die Schlacht – und ist bis zum Auftreten Nelsons – des Ti-
in das Holz des französischen Schiffes ein- mehrere ihrer Schiffe streichen die Flagge tanen von Trafalgar – der populärste britische
schlägt und es versenkt, wandelt sich das und ergeben sich. Der kühne Angriff der Marinekommandant. Maximilian Bunk

Clausewitz 6/2016 81
Nr. 34 | 6/2016 | November-Dezember | 6. Jahrgang

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Kampf um Schlesien 1945 Gesamtanzeigenleitung
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Anfang 1945: Die Rote Armee startet ihre Anzeigenleitung Clausewitz
Operation „Weichsel-Oder“, der Osten des Uwe Stockburger
Deutschen Reiches ist massiv bedroht. In Tel. +49 89 130699-521
uwe.stockburger@verlagshaus.de
Schlesien versuchen die abgekämpften Divisio- Anzeigendisposition Clausewitz
nen der Wehrmacht mit letzter Kraft, dem ge- Carmen Bals, Tel. +49 (0) 89. 13 06 99.130
Fax +49 (0) 89.13 06 99.100,
waltigen sowjetischen Ansturm standzuhalten. carmen.bals@verlagshaus.de
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Litho ludwigmedia, Zell am See, Österreich
Druck Severotisk, Ústí nad Labem, Tschechien
Verlag GeraMond Verlag GmbH,
Schlacht um die Aleuten Infanteriestraße 11a,
80797 München
1942/43 www.geramond.de

Blutiges Ringen um die Inseln Attu


und Kiska
Geschäftsführung Clemens Hahn
Juni 1942: Japanische Truppen landen auf Leitung Marketing und Sales Zeitschriften:
den Inseln Attu und Kiska vor der Küste von Andreas Thorey
Vertriebsleitung Dr. Regine Hahn
Alaska und stehen damit vor der Haustür Vertrieb/Auslieferung Bahnhofsbuchhandel,
der Vereinigten Staaten. Die Amerikaner ver- Zeitschriftenhandel: MZV, Unterschleißheim
suchen, die Invasoren zu vertreiben – um Im selben Verlag erscheinen außerdem:
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STRASSENBAHN MAGAZIN Militär & Geschichte

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va Bruckmann Verlagshauses eingezogen. Der Einzug
Die römischen Legionen
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erfolgt jeweils zum Erscheinungstermin der Ausgabe,


der mit der Vorausgabe ankündigt wird. Den aktuellen
Roms militärisches Rückgrat Außerdem im nächsten Heft: Abopreis findet der Abonnent immer hier im Impres-
sum. Die Mandatsreferenznummer ist die auf dem
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Erscheinen und Bezug Clausewitz erscheint zwei-
en Straßen, Grenzbefestigungen und Brü- samen „Urteile“ im Zweiten Weltkrieg. monatlich. Sie erhalten Clausewitz in Deutschland,
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cken: die Legionen Roms. Noch heute gel- Rosenkriege in England. Die erbitterten Bahnhofsbuchhandel, an gut sortierten Zeitschriften-
ten sie als eine der besten Armeen aller Feindseligkeiten zwischen den rivalisie- kiosken sowie direkt beim Verlag.
ISSN 2193-1445
Zeiten – obwohl sie auch schwere Niederla- renden Adelshäusern York und Lancaster. © 2016 by GeraMond Verlag. Die Zeitschrift und alle
in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind ur-
gen einstecken mussten. Was macht die Und viele andere Beiträge aus den Wis- heberrechtlich geschützt. Durch Annahme eines Ma-
Legionen so speziell, wie sahen ihre Ausbil- sengebieten Geschichte, Militär und nuskripts erwirbt der Verlag das ausschließliche
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dung und Ausrüstung aus? Technik. te Fotos und Manuskripte wird keine Haftung über-
nommen. Gerichtsstand ist München. Verantwortlich
für den redaktionellen Inhalt: Dr. Tammo Luther; ver-
antwortlich für die Anzeigen: Thomas Perskowitz bei-
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de: Infanteriestraße 11a, 80797 München.
Hinweis zu §§ 86 und 86a StGB: Historische Original-

Unternehmen „Alberich

Kennen Sie schon die aktuelle Ausgabe von Militär & Geschichte? fotos aus der Zeit des „Dritten Reiches“ können
Hakenkreuze oder andere verfassungsfeindliche
eldzug 1941g
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Hitlers letztter
Jetzt am Kiosk! Symbole abbilden. Soweit solche Fotos in Clausewitz
veröffentlicht werden, dienen sie zur Berichterstattung
über Vorgänge des Zeitgeschehens und dokumentieren
Unter anderem im Heft: Kampf um die deutschen Kolonien, Bal- die militärhistorische und wissenschaftliche
Kampfeutschen Koolonien Forschung. Wer solche Abbildungen aus diesem Heft
um diSe d
o schlugen sich die Schut

SPEZIAL
ztruppen im Ersten Welt

VERBÄNDE & EINHEITE


N
krieg
kanfeldzug 1941 – Hitlers letzter Blitzkrieg, Division „Groß- kopiert und sie propagandistisch im Sinne von
§ 86 und § 86a StGB verwendet, macht sich strafbar!
deutschland“ an der Ostfront u.v.m.
Nach
Waterloo
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Redaktion und Verlag distanzieren sich ausdrücklich


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von jeglicher nationalsozialistischer Gesinnung.

Die nächste Ausgabe von erscheint am 5. Dezember 2016.

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