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D: € 9,90

D-DAY 1944
Clausewitz Spezial
Das Magazin für Militärgeschichte

Clausewitz Spezial A: € 10,90


CH: sFr 19,80

ISBN 978-3-86245-455-6

D-DAY 1944
70. Jahrestag!

Landung der
Alliierten
D-DAY 1944
Clausewitz Spezial

BeNeLux: € 11,40 Norwegen: NOK 127,- Italien: € 12,85

Harte Kämpfe Befreiung von Paris Flucht der Wehrmacht


Als die Invasion auf Messers General Charles de Gaulles Die Vorboten des
Schneide stand triumphale Rückkehr totalen Zusammenbruchs
Le gen de n
d er Lü fte

Jetzt am
Kiosk !

   
          
     

Editorial Inhalt
Liebe Leserin, lieber Leser,
am 6. Juni 1944 begann mit der alliierten
Landung in der Normandie der Sturm auf
die „Festung Europa“. Die Invasion in der
von deutschen Truppen besetzten Norman-
die und die anschließenden Kämpfe in
Nordfrankreich zählen zweifellos zu den
Entscheidungsschlachten des Zweiten
Weltkriegs. Der Durchbruch der Alliierten
und ihr Vorstoß nach Paris bedeuteten
eine Vorentscheidung im Kampf gegen das
„Dritte Reich“. An zahlreichen Orten in der
Normandie wird im Jahr 2014 mit Gedenk-
veranstaltungen an die Landungsoperation
„Overlord“ und an die verlustreiche
Schlacht erinnert.
Anlässlich des 70.
Jahrestages der
Invasion ruft die
Region Basse-Nor-
mandie alle Ein-
wohner und Besu-
cher aus dem In-
und Ausland dazu
auf, die Bewer-
bung für die Auf-
nahme der Landungsstrände in das Welt- 4 Sturm auf die 58 Der aussichtslose Kampf der
kulturerbe der UNESCO zu unterstützen. „Festung Europa“. Luftwaffe.
Der Präsident der Region bezeichnete die Vor 70 Jahren – der „D-Day“ in der Ungleiche Gegner
Strände kürzlich als „universelles Symbol Normandie
62 Armee im Schatten.
für den Frieden und die Aussöhnung frü- 12 Furcht vor der „Zweiten Die Résistance und der „D-Day“
herer Kriegsfeinde“. Front“.
Eine Vielzahl von Soldatenfriedhöfen
Deutsche Abwehrvorbereitungen 64 Im „Widerstandsnest 62“
für die Gefallenen verschiedener Natio- im Westen am 6. Juni 1944.
nen erinnert seit Jahrzehnten an die zahl- Erinnerungen eines deutschen
losen Toten der blutigen Kämpfe. Mit Na- 14 Operation „Overlord“. MG-Schützen
men oder namenlos, die Gräber mahnen „D-Day“ – Beginn der Invasion
nachfolgende Generationen zum Frieden. am 6. Juni 1944 68 Endgültige Entscheidung.
Den umfangreichen Feierlichkeiten zur Kesselschlacht von Falaise
20 Mit Hightech über den
Erinnerung an den „D-Day“ – den Tag der 74 Meinung:
Entscheidung – kommt in diesem Jahr ei-
Ärmelkanal.
Alliierte Landungsboote und Ohne Konzept und materiell hoffnungslos
ne ganz besondere Bedeutung zu. Ver- unterlegen: die Hauptgründe für das deut-
Spezial-Panzer
mutlich werden zum letzten Mal „Akteure“ sche Desaster
der dramatischen Ereignisse des Jahres 24 Auf des Messers Schneide.
1944 in größerer Zahl an einem „großen Kampf um die Brückenköpfe 76 „D-Day“-Reenactment.
Jahrestag“ teilnehmen. Denn es ist zu er- Engagement gegen das Vergessen
warten, dass zum 75. oder gar zum 80. 30 Hitlers Bollwerk aus Beton.
Unüberwindbares Hindernis? 78 Stumme Zeugen.
Jahrestag 2019 bzw. 2024 nur noch we-
Der ehemalige Kriegsschauplatz heute
nige hochbetagte Zeitzeugen die Reise
34 Schlacht um Caen.
nach Nordfrankreich antreten können und
Kampf um den Durchbruch 82 Meinung:
werden. Gewagtes Gedankenexperiment: Was
Umso wichtiger ist es, die Erinnerung 40 Führung ohne Fortune. wäre geschehen, wenn die Invasion
an die dramatischen Ereignisse von da- Die deutschen Oberbefehlshaber gestoppt worden wäre?
mals in der Gegenwart und für die Zukunft im Westen
wach zu halten. Mit unserem vorliegenden 86 Die filmische Inszenierung
CLAUSEWITZ-Spezial „D-DAY 1944 – Lan- 44 Der „Invasionsexperte“. der Invasion.
dung der Alliierten“ wollen wir unseren Bei- General Dwight D. Eisenhower Vom „längsten Tag“ bis „James Ryan“
trag dazu leisten. 48 Meinung: 90 Strände des Sieges, Strände
Pas de Calais oder Normandie? Wer des Todes.
Eine abwechslungsreiche Lektüre wünscht ist schuld an der Fehleinschätzung des Reise in die Vergangenheit
Ihnen alliierten Landungsschwerpunktes?
94 Ein Tag des Ruhms?
50 Der große Durchbruch. Literatur zum „D-Day“
Operation „Cobra“
Dr. Tammo Luther 97 Impressum
56 Akteure im „D-Day“-Drama.
Verantwortlicher Redakteur 98 Epilog
Uniform und Ausrüstung der Soldaten

Titelfotos: picture-alliance/akg-images (3); picture-alliance/Mary Evans Picture Library


Foto Inhalt: picture-alliance/picture-alliance 3
Clausewitz Spezial
Die alliierte Landung

Vor 70 Jahren – Der „D-Day“ in der Normandie

Sturm auf
die „Festung
Europa“

RIESIGE STREITMACHT: Der Umfang der alliierten Landungs-


truppen war enorm. Bei der Invasion in der Normandie handelt
es sich um die größte Landungsaktion, die jemals durchge-
führt wurde. Sie sollte den Ausgang des Zweiten Weltkriegs
maßgeblich beeinflussen. Foto: picture-alliance/akg-images

4
Eine gewaltige alliierte Invasionsarmee tritt in den frühen Morgenstunden des 6. Juni
1944 an, um in Frankreich die von Hitler und seinen Generälen gefürchtete „Zweite
Front“ zu eröffnen. Der Kampf der Westalliierten gegen das „Dritte Reich“ geht in
seine entscheidende Phase über. Von Tammo Luther

Die Operation „Overlord“


Die alliierte Invasion
Ursprünglich für Mai, dann für den 5. Juni 1944 ge- gleich, wäre doch die Eröffnung einer breiten Front
plant, muss die alliierte Landung in der Norman- im Westen auf längere Sicht nicht mehr möglich.
die aufgrund ungünstiger Wetterverhältnisse ein Mit der Operation „Overlord“ wollen die alli-
weiteres Mal kurzfristig verschoben werden. Als ierten Streitkräfte den entscheidenden Schritt zur
„D-Day“ ist nun der 6. Juni vorgesehen. Befreiung Westeuropas von der deutschen Besat-
Ein Misserfolg der groß angelegten Landungs- zungsmacht gehen und die Grundlage für den mi-
operation käme einer Katastrophe für die Alliierten litärischen Sieg über das „Dritte Reich“ schaffen.

Clausewitz Spezial 5
Die alliierte Landung

Die Verteidiger
Die deutsche Abwehr in Frankreich
Die Wehrmacht hat sich auf eine mögliche Inva- Die an den meisten Küstenabschnitten Nord-
sion der Alliierten mit der Errichtung des „Atlan- frankreichs zahlenmäßig nur schwachen Vertei-
tikwalls“ seit längerer Zeit intensiv vorbereitet. diger des „Atlantikwalls“ sehen sich einer über-
Dennoch ist man selbst auf höchster Führungs- mächtigen Invasionsarmee mit massiver Schiffs-
ebene noch am Morgen des 6. Juni 1944 vom Zeit- artillerie und Luftunterstützung gegenüber. Die
punkt und vom Zielgebiet der alliierten Lan- personelle und materielle Überlegenheit der Lan-
dungsoperation überrascht. dungstruppen ist erdrückend.

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Warten auf den Angriff

BEREIT ZUM KAMPF: Ein deutscher Soldat


der Küstenverteidigung in einer Geschütz-
batterie. Der „Atlantikwall“ erweist sich
bei den Kämpfen im Juni 1944 entgegen
den Parolen der NS-Propaganda nicht als
„unüberwindliches Bollwerk“. An vielen
Küstenabschnitten sind statt stark ausge-
bauter Verteidigungsanlagen nur befestigte
„Widerstandsnester“ (WN) errichtet. Auf-
grund ihrer geringen Personalstärke und
unzureichender Bewaffnung sind diese
vielfach von eher geringem Kampfwert.
Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto

Clausewitz Spezial 7
Die alliierte Landung

AUF DEM WEG ZUR INVASIONSFRONT: US-Soldaten in einem süd-


englischen Hafen kurz vor ihrer Einschiffung auf die wartenden Trup-
pentransporter. Tausende von Schiffen und Booten werden im Juni
1944 im Einsatz sein, um die alliierte Invasionsarmee nach Frank-
reich überzusetzen. Foto: picture-alliance/akg-images

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Bereit zum Angriff

Die Angreifer
Der alliierte Aufmarsch in England
Die Planungen zur gemeinsamen Landungs- 6. Juni 1944 auf Tausenden von Schiffen und
operation werden von den Alliierten seit Booten in mehreren Wellen nach Frankreich
1943 mit großem Aufwand vorangetrieben. übersetzen.
In England laufen die konkreten Vorberei- Ziel der Landungstruppen ist es, einen
tungen seit Monaten auf Hochtouren. stabilen Brückenkopf an der französischen
Mehr als 160.000 Alliierte, darunter US- Küste zu errichten, noch bevor die Deut-
Amerikaner, Briten, Kanadier und ein klei- schen ihre Reserve-Panzerkräfte heranfüh-
neres französisches Kontingent, sollen am ren können.

Clausewitz Spezial 9
Die alliierte Landung

Der „längste Tag“


Der Sturm bricht los
In den frühen Morgenstunden des 6. Juni Landungstruppen schließlich stabilisie-
1944 beginnt der von den Westalliierten ren. Es gelingt ihnen, die zahlenmäßig
und von Stalin lang ersehnte Angriff auf deutlich unterlegenen Verbände der Küs-
die „Festung Europa“. Die Streitmacht tenverteidigung in blutigen Gefechten
setzt alles daran, trotz zum Teil massiver niederzuringen.
Gegenwehr an den einzelnen Landungs- Aber noch sind die Alliierten nicht am
abschnitten Fuß zu fassen. Nach herben Ziel: In den folgenden Wochen und Mo-
Verlusten am ersten Invasionstag – etwa naten wird in Nordfrankreich erbittert
im Abschnitt „Omaha“ – können sich die weitergekämpft.

10
Beginn des „D-Day“

ERSCHÖPFT: US-Soldaten haben am „Omaha Beach“ nach heftigen


Gefechten die deutsche Küstenverteidigung ausgeschaltet und
einen Brückenkopf errichtet. Die Verluste der Amerikaner sind hier
anfangs besonders hoch. Doch die erfolgreiche Anlandung weiterer
Tausender alliierter Soldaten an den umkämpften Landungsab-
schnitten sollte die Grundlage für die Eröffnung einer zusammen-
hängenden Front im Westen bilden. Foto: picture-alliance/Everett Collection

Clausewitz Spezial 11
Küstenverteidigung

Deutsche Abwehrvorbereitungen im Westen

Furcht vor der


„Zweiten Front“
Anfang 1944: Die Deutschen bereiteten sich mit der Errichtung des „Atlantikwalls“ seit
längerer Zeit auf eine alliierte Invasion vor. Ein Ansturm des Gegners sollte abgewehrt
und die Eröffnung einer „Zweiten Front“ verhindert werden. Von Lukas Grawe

Z
um Jahreswechsel 1943/44 hielten werden. Wenngleich theoretisch die Invasion Eine Schwerpunktbildung war lediglich
deutsche Truppen noch immer den an der gesamten Nordsee- und Atlantikküs- punktuell möglich. Dennoch war es das vor-
größten Teil Europas besetzt, so auch te stattfinden konnte, vermutete die deut- gegebene Ziel der Verteidiger, die alliierten
Frankreich, die Niederlande, Dänemark und sche Militärführung eine Landung am ehes- Landungstruppen so lange am Strand zu
Norwegen. In diesen Staaten erschien der ten in Nordfrankreich zwischen Boulogne halten, bis kampfstarke Reserven herange-
deutschen Militärführung eine alliierte Lan- und Cherbourg. führt werden konnten. Aus diesem Grund
dung möglich. war eine Kapitulation oder Aufgabe unter
Abgesehen von der großen Gefahr, die Keine Schwerpunktbildung keinen Umständen gestattet.
von einer erfolgreichen Invasion für den Vor allem das Gebiet um die nordfranzösi- Der Oberbefehlshaber (OB) West, Gene-
deutschen Machtbereich ausging, bot der sche Hafenstadt Calais an der engsten Stelle ralfeldmarschall von Rundstedt, gab daher
Landungsversuch auf der anderen Seite des Ärmelkanals sah man als möglichen Ort die Devise aus: „Im Bereich West gibt es kein
auch eine große Chance: Sollte der Wehr- des Angriffs an. Ausweichen.“ Aufgrund der Unklarheit über
macht eine Abwehr im Vorfeld des „Atlan- Da der deutsche Nachrichtendienst je-
tikwalls“ glücken, wäre eine akute Gefahr doch keine genauen Informationen besaß,
im Westen für längere Zeit gebannt. Die eige- mussten die zur Verfügung stehenden Trup-
nen Kräfte und Anstrengungen könnten pen der Wehrmacht entlang der gesamten
noch stärker auf die Ostfront konzentriert Küste verteilt und somit zersplittert werden.

GROSSES KALIBER: Blick auf eine im Bau


befindliche Fernkampfbatterie. Für Rommel
waren jedoch schnell einsatzbereite Panzer-
reserven der „Schlüssel“ zu einer erfolgrei-
chen Abwehr des alliierten Ansturms.
Foto: picture-alliance/akg-images

12
VOR ORT: Der für die Ver-
teidigungsmaßnahmen am
„Atlantikwall“ zuständige
Oberbefehlshaber der Hee-
resgruppe B, Generalfeld-
marschall Erwin Rommel,
macht sich an einem
Küstenabschnitt selbst ein
Bild vom Stand der
Abwehrvorbereitungen.
Foto: picture-alliance/akg-images

ABWEHRBEREIT: Schwere
Artillerie einer mit Netzen
getarnten deutschen
Küstenbatterie beim
„scharfen Schuss“.
Foto: picture-alliance/akg-images

den möglichen Ort des Angriffs war die deut- nur spärlich ausgebaut und weite Atlantik- fertig. Material und Personal reichten für ei-
sche Führung jedoch uneins über die Frage, und Mittelmeerküstenabschnitte beinahe nen weiteren Ausbau nicht mehr aus. Zu-
wo die Panzerreserven stationiert werden gar nicht befestigt. dem machten die ständigen alliierten Luft-
sollten. Während die einen hochrangigen Of- Abseits des Gebiets um Calais vernach- angriffe die Errichtung des „Atlantikwalls“
fiziere für eine Positionierung direkt an den lässigte man den Stellungsausbau somit zu einer äußerst schwierigen Aufgabe. In-
Küstengebieten plädierten, hielten andere sträflich. Ein Umstand, der sich im Nach- nerhalb der zwischen Küste und zweiter Li-
Generäle die Aufstellung im Hinterland für hinein als ein verhängnisvoller Fehler erwei- nie liegenden „Kampfzone“, in der die Ar-
sinnvoller. Sie befürchteten, dass die Panzer- sen sollte. mee-Oberbefehlshaber die Befehlsgewalt
einheiten an der Küste von den alliierten Flie- Da zu Beginn des Jahres 1944 erst 8.500 ausübten, wurden große Teile der französi-
gern leicht vernichtet werden würden. Vom Anlagen fertiggestellt waren und die deut- schen Zivilbevölkerung evakuiert.
Hinterland aus sollten die Panzer schnell an sche Führung jederzeit mit einem Beginn der Abseits von Betonbauten bot sich den
den jeweiligen Landungspunkt entsandt gegnerischen Invasion rechnete, forcierte die Deutschen zudem die Möglichkeit, durch ge-
werden. Nach harten Auseinandersetzungen für die Bauvorhaben zuständige „Organisa- zielte Überschwemmungen einzelner Land-
einigte man sich auf einen Kompromiss und tion Todt“ (OT) ihre Bemühungen noch ein- striche den alliierten Vormarsch zu verzö-
auf eine Aufteilung der Panzerkräfte. mal erheblich. Mehr als 200.000 Arbeitskräf- gern. Bis zur Invasion wurde von diesem Mit-
te, die meisten von ihnen in Frankreich und tel jedoch nur in geringem Ausmaß Gebrauch
Ausbau des „Atlantikwalls“ Osteuropa zwangsverpflichtet, setzten das gemacht, um ortsansässige Industrieanlagen
Neben der strategisch sinnvollen Positionie- gigantische Bauvorhaben in die Tat um. Bis oder eigene Militärstützpunkte zu schonen.
rung der Streitkräfte sollte in erster Linie ein zum Tag der Landung gelang es zwar nicht, Letztlich kam es in erster Linie auf die
engmaschiges Befestigungsnetz den An- das ursprüngliche Ziel zu erreichen, doch Truppenkontingente an, die die Stellungen
sturm der alliierten Landungsarmada ab- waren immerhin mehr als 12.200 Stellungen besetzen und die Küsten verteidigen sollten.
wehren. Bereits am 25. August 1942 hatte fertig. Darüber hinaus hatten die Arbeiter Anfang 1944 standen etwa 60 deutsche Divi-
Hitler den Befehl zum Bau einer Festungsli- über 500.000 Vorstrandhindernisse positio- sionen in Westeuropa, von denen die wenigs-
nie gegeben. niert, die anlandende Boote und Panzer auf- ten jedoch ihre volle Kampfstärke besaßen.
Da ein befestigter Ausbau von Nordnor- halten oder beschädigen sollten. 6,5 Millio- Noch immer befanden sich numerisch die
wegen bis zur französischen Atlantikküste nen Minen sollten das alliierte Vordringen meisten Soldaten an der Ostfront – aus deut-
jedoch illusorisch war, beschränkte man sich zusätzlich erschweren. Zahlreiche Artillerie- scher Sicht der „Hauptkriegsschauplatz“.
vornehmlich auf die am meisten gefährdeten geschütze und Panzerabwehrwaffen wur- Eine kontinuierliche Vorbereitung der Ver-
Punkte und auf die Befestigung von Häfen den – durch Betonmauern geschützt – an den bände auf die alliierte Invasion stellte unter
und Städten. Die deutschen Pläne sahen die Küsten so aufgestellt, dass sie auch auf Ziele diesen Umständen eine schwierige Aufgabe
Errichtung von 15.000 Bunkern, Unterstän- feuern konnten, die von der Landseite an- dar. Auch die Zahl von lediglich etwa 1800 ge-
den und Geschützstellungen vor, wobei griffen. Auf diese Weise konnten auch im panzerten Fahrzeugen aller Art war für die
auch hier der Schwerpunkt der Arbeiten Hinterland vorgehende Fallschirmtruppen Abwehr einer möglichen Invasion vollkom-
zwischen Calais und der Seine-Mündung unter Beschuss genommen werden. Beute- men unzureichend. Die fehlende Schwer-
lag. Die Küstenabschnitte entlang der Nor- waffen und Material aus der französischen punktbildung verschlimmerte die Lage zu-
mandie und der Bretagne wurden hingegen „Maginot-Linie“ verwendete man ebenfalls sätzlich. Zudem waren sowohl die deutsche
im großen Stil. Luftwaffe als auch die Kriegsmarine ihren al-
liierten Pendants in allen Belangen unterle-
Literaturtipp Zweite Verteidigungslinie gen. Insgesamt gesehen, waren die deutschen
Heber, Thorsten: Der Atlantikwall 1940–1945. Eine zweite Verteidigungslinie 20 bis 30 Truppen im Juni 1944 alles andere als optimal
Band 1: Die Befestigung der Küsten West- und Kilometer landeinwärts sollte durchgebro- auf eine gegnerische Invasion vorbereitet.
Nordeuropas im Spannungsfeld nationalsozia- chene alliierte Streitkräfte auffangen. Ur-
listischer Kriegführung und Ideologie. Norder- sprünglich sollte diese durch den gesamten Lukas Grawe, M.A., Jahrgang 1985, Historiker aus
stedt 2008 Norden Frankreichs verlaufen, doch wurde Münster.
sie schließlich nur in der Gegend um Calais

Clausewitz Spezial 13
Landung in der Normandie

IN ERWARTUNG DES ANGRIFFS: Blick


aus einem bewaffneten Unterstand des
„Atlantikwalls“. Propagandaaufnahme.
Foto: picture-alliance/ZB©dpa

„D-Day“ – Beginn der Invasion am 6. Juni 1944

Operation „Overlord“
Der 6. Juni 1944: Für die Beteiligten des alliierten Landeunternehmens er sich zum
„längste Tag“, der scheinbar nicht enden wollte. Tausende von Soldaten beider Seiten
sollten ihn nicht überleben. Von Stefan Krüger

D
ie amerikanischen Offiziere traf es wie Das Unternehmen „Overlord“ stand von tig verschoben werden. Neben der Windstär-
ein Schock, als sie die ersten Berichte Anfang an unter keinem guten Stern. Eigent- ke und dem Seegang spielten bei der Wahl
von der Landung erhielten. Die lich hätte das Unternehmen bereits im Mai des Datums weitere Faktoren eine Rolle. So
Sturmkompanien verfielen in Panik und lös- 1944 starten sollen, denn das Wetter war benötigten die alliierten Fallschirmjäger, die
ten sich auf, Tausende von US-Soldaten wa- ideal und Stalin saß den Westalliierten mit noch vor der Landung über von Deutschen
ren bereits tot oder verwundet. Hatten die seiner Forderung nach mehr aktiver Unter- besetztem Gebiet abspringen mussten,
Amerikaner zuvor noch gehofft, dass ihre ge- stützung im Nacken. Die Sowjetunion hat- Mondlicht, während die Invasionstruppen
waltige Schiffsartillerie und ihre übermächti- te bereits eine besonders hohe Zahl an Op- bei Ebbe an Land gehen sollten.
gen Luftstreitkräfte die deutsche Verteidi- fern im Kampf gegen NS-Deutschland ge- Für den 6. Juni sagten die Meteorologen
gung weitgehend pulverisieren werden, bracht. Daher waren nach Ansicht des indes eine leichte Besserung voraus. Eisenho-
mussten sie nun einsehen, dass der „Atlantik- sowjetischen Diktators nun die US-Ameri- wer war sich unsicher: Sollte er sich auf die-
wall“ standhielt – zumindest im Landeab- kaner und die Briten an der Reihe, einen stär- se eher vage Prognose verlassen oder das Un-
schnitt „Omaha Beach“. Generalleutnant keren Beitrag als bisher zu leisten. Doch der ternehmen erneut verschieben? Das Zeitfens-
Omar Nelson Bradley, der die 1. US-Armee Oberbefehlshaber der alliierten Expeditions- ter, in dem alle Faktoren für eine Landung
befehligte, stand vor einer schwierigen Ent- streitkräfte, Dwight D. Eisenhower, monier- übereinstimmten, begann sich jedoch bereits
scheidung: Weitermachen oder abbrechen? te, dass zu wenig Schiffsraum zur Verfügung zu schließen. Wenn Eisenhower am 6. Juni
Hätte er die Invasion in „Omaha Beach“ ab- stünde. Er bestand daher darauf, eine zu- nicht gestartet wäre, hätte sich das nächste
gebrochen, hätte er die verbliebenen Kräfte sätzliche Monatsproduktion abzuwarten. Fenster erst wieder Ende Juni geöffnet – mit
im britischen Sektor anlanden müssen. verheerenden Konsequenzen für die Moral
„Overlord“ lief hier zwar bedeutend erfolg- Sprung ins kalte Wasser der Truppe und das politische Ansehen der
reicher, doch war das alliierte Expeditions- Als Anfang Juni schließlich ausreichend Ma- Verbündeten. Am Ende wagten die Alliierten
heer in der Lage, sich mit nur einem Arm ei- terial vorhanden war, versagte der „Wetter- buchstäblich den Sprung ins kalte Wasser.
nen Weg ins französische Hinterland freizu- gott“ den Alliierten seine Gunst. Die für den Auf deutscher Seite war man recht ah-
kämpfen? Bradley befahl: „Weitermachen!“ 5. Juni angesetzte Invasion musste kurzfris- nungslos. Es gab zwar Hinweise wie zum

14
ZUSAMMENGEKAUERT: Ein mit
US-Soldaten voll besetztes Wasser-
fahrzeug nähert sich der französi-
schen Küste in der Normandie.
Welle für Welle setzen Schiffe und
Boote aller Art alliierte Truppen-
kontingente über den Kanal, um
die eigenen Kräfte an den Landungs-
abschnitten zu verstärken.
Foto: picture-alliance/Associated Press

Beispiel die Luftangriffe auf deutsche Radar-


anlagen oder via BBC ausgestrahlte, gehei- GEFALLEN: Die Ver-
me Botschaften für die französische Résis- teidiger wurden vom
tance, die der deutsche Geheimdienst längst feindlichen Ansturm
entschlüsselt hatte. Der OB West, General- überrannt. Ihnen
feldmarschall Gerd von Rundstedt, ordnete stand von Seiten der
jedoch keine höhere Alarmstufe an. Er hielt Wehrmacht nichts
die alliierten Luftangriffe für zu wenig ziel- Gleichwertiges
gerichtet und in ihrer Wirkung zu gering, als gegenüber.
dass man sie als ernsten Hinweis auf eine In- Foto: picture-alliance/
vasion hätte werten können. Das Marine- Mary Evans Picture Library
gruppenkommando West kam zudem zu
dem Schluss, dass US-Amerikaner und Bri-
ten noch immer nicht über ausreichend
Schiffsraum verfügten.

Landung im Hinterland Division hatte den Auftrag, die linke Flanke die Geschützbatterie bei Merville auszu-
Die Deutschen ahnten nicht, dass bereits in der britischen Landezone zu sichern und schalten. Die Alliierten gingen irrtümlich da-
der Nacht vom 5. auf den 6. Juni alliierte den östlichsten Brückenkopf („Sword“) ab- von aus, dass die Batterie mit 15-Zentimeter-
Transportmaschinen mit dem Auftrag abho- zuschirmen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, Geschützen bestückt war, die für die Lan-
ben, drei Luftlandedivisionen in der Nor- mussten die Briten mehrere Brücken erobern dungstruppen ein ernstes Problem gewesen
mandie abzusetzen. Kurz nach Mitternacht oder zerstören, die „Sword“ mit dem östli- wären. Minutiös hatte man die Aktion daher
landeten die ersten Gleiter der britischen chen Teil der Normandie verbanden. Ferner geplant, nichts wurde dem Zufall überlas-
6. Luftlandedivision nördlich von Caen. Die hatten die Luftlandetruppen den Auftrag, sen. Doch die deutsche Flugabwehr brachte

Clausewitz Spezial 15
Landung in der Normandie

US-RANGERS: An Bord von britischen Landungs-


booten LCA (Landing Craft, Assault); im Hinter-
grund sind Boote des Typs LCI (I für Infantry) BEFEHLSHABER:
zu sehen. Weymouth im Juni 1944. Foto: US Navy Generalleutnant
Omar Nelson Brad-
ley (1893–1981)
die Transportmaschinen wortwörtlich in
unterstand die
größte Turbulenzen. Die Folge war, dass die 1. US-Armee wäh-
Gleiter ihre Landezonen teilweise weit ver- rend der Kämpfe
fehlten. Lediglich 150 von 750 Mann fanden in der Normandie.
vor Merville zusammen. Oberstleutnant Te- Foto: picture-alliance/
rence Otway wagte das Husarenstück den- United Archives/TopFoto
noch. Nach einem kurzen Gefecht trium-
phierten die Briten. Sie stellten allerdings
fest, dass die Batterie lediglich aus 75-mm-
Kanonen bestand, die für „Sword“ keine
große Bedrohung dargestellt hätten. Ent-
scheidend war aber, dass es der 6. Luftlande- rikaner ähnlich vor. Die 82. und 101. US-Luft- den Piloten die Orientierung, sodass viele
division gelang, den verwundbaren Ab- landedivision mit insgesamt 17.000 Mann Fallschirmjäger über den Überschwem-
schnitt „Sword“ abzuschirmen, indem sie hatten den Auftrag, mit „Utah“ den west- mungsgebieten absprangen. Hier ertranken
die Orne-Übergänge sicherte. lichsten Landestreifen zu decken. Doch auch nicht wenige aufgrund ihrer schweren Aus-
Auf der anderen Seite der Invasionsfront, in der Luft hatten die GIs zunächst kein rüstung. Die Lastensegler mit schwerem Ge-
auf der Halbinsel Cotentin, gingen die Ame- Glück. Tief liegende, dichte Wolken raubten rät zerschellten häufig an Steinmauern oder
wurden ein Opfer der „Rommelspargel“. So
AUSSCHNITT: Teil kam es, dass allein die 101. Division in jener
der Titelseite der Nacht etwa ein Drittel ihrer Soldaten und
NS-Propaganda- 70 Prozent ihrer Ausrüstung verlor.
zeitung „Völkischer Größer und verhängnisvoller als die Ver-
Beobachter“ vom luste war indes das Chaos, das nach dem Ab-
7. Juni 1944.
sprung herrschte. Fallschirmjäger fanden ih-
Foto: picture-alliance/dpa
re Kompanien nicht, Kompanien suchten
vergeblich nach ihren Regimentern. Das
Folgenreiches Täuschungsmanöver

Durcheinander war letztlich so enorm, dass


sich die Deutschen zunächst nicht im Klaren
KARTE Lageentwicklung vom 6. Juni bis 24. Juli 1944
darüber waren, was die Amerikaner mit ih-
rer Aktion eigentlich bezweckten.

Fatale Fehlinterpretation
Dennoch gelang es den US-Fallschirmjägern,
Sainte-Mère-Église einzunehmen. Die Klein-
stadt war die erste größere französische Ort-
schaft, die die Alliierten eroberten. Lediglich
der Versuch, die Geschützbatterien zu zer-
stören, misslang. Insgesamt schafften es die
Luftlandesoldaten aber, das Hinterland von
„Utah“ freizukämpfen. Nun konnten die
Landungstruppen kommen.
Erstaunlicherweise hatten die deutschen
Kommandobehörden im Westen zu diesem
Zeitpunkt noch nicht begriffen, dass die lang
erwartete Invasion nun unmittelbar bevor-
stand. Stattdessen interpretierten sie die
Luftlandeunternehmen als Sabotageaktio-
nen. Noch immer nämlich vermuteten die
Deutschen, dass die Alliierten am Pas-de-Ca-
Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich
lais – der schmalsten Stelle zwischen Groß-
britannien und Frankreich – an Land gehen
würden. Doch wie war es möglich, dass sich Juli 1944 vortäuschte: Die Operation „Forti- nachrücken. Darüber hinaus entstand in
die deutsche Führung so kolossal in die Irre tude“ war geboren. So entstand im Südosten Schottland eine britische „Geisterarmee“, die
führen ließ? Englands – gegenüber dem Pas-de-Calais – einen Ablenkungsangriff auf Norwegen vor-
Die Alliierten waren sich während der die fiktive 1. US-Heeresgruppe mit zwei Ar- täuschen sollte.
Planungen für „Overlord“ bewusst, dass sie meen und insgesamt elf Divisionen, darun-
ihren Aufmarsch in Großbritannien nicht ter die 3. US-Armee. Dieser Großverband Späte Reaktion
verschleiern konnten. Daher entwarfen sie unter Führung von George S. Patton existier- Erst als die Verbündeten um 4:00 Uhr mor-
ein Täuschungsmanöver, das den Deutschen te zwar tatsächlich, doch sollte die Armee gens begannen, die Küstenbefestigungen
eine Hauptlandung am Pas-de-Calais im später als zweite Welle in der Normandie massiv zu bombardieren, versetzte GFM
Rundstedt die 7. Armee in der Normandie
und die 15. Armee am Pas-de-Calais in Ge-
„Ein unmittelbares Bevorstehen der fechtsbereitschaft. Zudem beantragte er
beim Oberkommando der Wehrmacht
,Invasion‘ ist noch nicht erkennbar.“ (OKW) die Freigabe der 12. SS-Panzerdivi-
OB West Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt am 5. Juni 1944 sion „Hitlerjugend“ und der hervorragend

UNTER BESCHUSS: Britische Soldaten gehen an einem noch um- SPUREN DES KAMPFES: Ein von den alliierten Landungstruppen
kämpften Landeabschnitt in Deckung. Einige Männer sind offen- ausgeschalteter deutscher Bunker unmittelbar nach Ende der
sichtlich bereits verwundet. Foto: picture-alliance/Mary Evans Picture Library Kampfhandlungen. Foto: picture-alliance/Usis-Dite/Leemage

Clausewitz Spezial 17
Landung in der Normandie

ausgerüsteten Panzer-Lehr-Division unter nen Krater in die französische Erde rissen, insgesamt mehr als 6.000 Schiffen und Boo-
dem Kommando von Generalleutnant Fritz der die Landungstruppen bei ihrem Vor- ten. Von der Kriegsmarine oder der Luftwaf-
Bayerlein. Genehmigen musste dies jedoch marsch behindert hätte. fe wurden die Angreifer kaum belästigt.
Hitler, der sich zunächst sträubte. Selbst dann nicht, als die Alliierten rund sie-
Allein am ersten Tag der Invasion flogen Gewaltige Armada ben bis elf Seemeilen von der Küste entfernt
die Alliierten über 14.000 Einsätze. Knapp Auch das Hinterland blieb nicht verschont, in die Landungsboote umstiegen und sich
12.000 Tonnen Bomben verwüsteten Minen- wenn es nicht bereits von Fallschirmjägern auf die Küste zubewegten.
felder, ebneten Schützengräben ein und zer- gesichert worden war. Caen, die größte Stadt Der „Atlantikwall“, laut NS-Propaganda
störten Bunker und Geschützstellungen. der Normandie, wurde in weiten Teilen ein ein unüberwindliches Bollwerk, existierte tat-
Frühzünder sorgten obendrein dafür, dass Raub der Flammen. Derweil näherte sich die sächlich – allerdings größtenteils nur am Pas-
die Fliegerbomben hochgingen, bevor sie ei- Invasionsflotte – eine gewaltige Armada mit de-Calais. Dagegen fand sich in der Norman-
die lediglich eine Kette aus „Widerstandnes-
tern“, die aus Bunkern, Schützengräben,
befestigten Unterkünften und Geschütz- und
MG-Stellungen bestanden. Bestückt mit zum
Teil veralteten Beutewaffen, besetzt von Sol-
GESCHAFFT: US-Sol- daten, die häufig weit über 30 Jahre alt waren,
daten gehen mit ihrer bot die vorderste Verteidigungslinie der deut-
Spezialausrüstung an schen Westfront nur geringen Kampfwert.
Land, nachdem der Kaum hatten die alliierten Flugzeuge ihr
Küstenabschnitt von tödliches Werk verrichtet, feuerte auch schon
den eigenen Truppen
freigekämpft wurde. KLARE ÜBERLEGENHEIT: Zahlreiche Schiffe
Foto: picture-alliance/ und Boote unterschiedlicher Bauart versor-
Usis-Dite/Leemage gen einen alliierten Brückenkopf mit Nach-
schub. Die materielle Übermacht der Alliier-
ten war erdrückend. Foto: picture-alliance/akg-images
Massive Bombardements

MIT ERHOBENEN HÄNDEN: In Gefangen-


schaft geratene Soldaten der deutschen
Küstenverteidigung werden abgeführt.
Foto: picture-alliance/Mary Evans Picture Library

WEITGEHEND UNBEHELLIGT: In der Anfangs-


phase der Operation „Overlord“ versuchen
britische Lancaster-Bomber der No 467 Sqn, GEZEICHNET: Ein während der Landung
deutsche Verteidigungsstellungen durch takti- schwer verwundeter US-Soldat wird von
sche Tagangriffe auszuschalten. Foto: Sammlung WM einem Kameraden versorgt.
Foto: picture-alliance/Usis-Dite/Leemage

die mächtige Schiffsartillerie los. Dazwi- gen, nach vorne zu robben. Welches Schick- Amerikaner dann die Verteidigung. In den
schen heulten Raketen heran und pflügten sal erwartete die Soldaten? Würden sie er- nächsten Stunden erweiterten sie den beste-
um, was Bomben und Granaten verschont trinken oder erschossen werden? henden Brückenkopf auf 2,2 Kilometer
hatten. Es waren die wohl kritischsten Stunden Tiefe und acht Kilometer Breite und ver-
der Invasion. Grund für das Beinahe-Deba- stärkten ihn auf 34.000 Mann. Dennoch hat-
Tödliches Abwehrfeuer kel waren zum einen die alliierten Feuerleit- ten etwa 3.000 ihrer Soldaten den Tag nicht
Die Landungstruppen hatten daher allen offiziere, die im letzten Moment das Feuer überlebt.
Grund, zuversichtlich zu sein. So auch die der Schiffsartillerie verlegten, aus Sorge, die
Männer der 1. US-Division, die in ihren Boo- eigenen Leute zu treffen. Der größte Teil der Alliierter Teilerfolg
ten auf „Omaha Beach“ zubrausten. Kaum Granaten schlug daher wirkungslos hinter In den übrigen vier Landungszonen lief das
hatten sich jedoch die Luken geöffnet, pras- den deutschen Stellungen ein. Zweitens Unternehmen deutlich reibungsloser ab. Die
selte wütendes MG-Feuer auf die GIs ein. hatten die Amerikaner das Pech, dass die Alliierten errichteten hier bereits in den frü-
800 bis 1.000 Meter deckungslosen Strand 352. deutsche Infanteriedivision, die „Oma- hen Morgenstunden des 6. Juni erste Brü-
mussten sie nun überwinden. Rasch zerfiel ha Beach“ verteidigte, just an diesem Tag ei- ckenköpfe und sicherten diese.
jede Ordnung. In Panik hetzten die Soldaten ne Übung absolvierte. Die US-Soldaten tra- Bis zum Ende des 6. Juni gelang es den
unter Mörser-, MG- und Geschützfeuer fen somit auf einen gefechtsmäßig vorberei- Verbündeten, 155.000 Mann und 16.000
nach vorne. Viele warfen sich ins flache Was- teten Gegner. Fahrzeuge anzulanden. Der erste schwierige
ser, um den MG-Salven zu entgehen. Doch Nutzlos war die Schiffsartillerie jedoch Teil von „Overlord“ war somit geglückt. Die-
auch hier zeigte sich „Omaha Beach“ uner- nicht. Das dichte Sperrfeuer verhinderte ser Erfolg konnte aber nicht darüber hinweg-
bittlich: Als die Flut kam, waren sie gezwun- nämlich, dass auch nur eine Patrone aus täuschen, dass die Alliierten ihre Tagesziele
Nachschubtransporten die deutschen Solda- größtenteils verfehlt hatten. So hätten die
ten in ihren Schützengräben erreichte. Den fünf Landungszonen bis zum Abend längst
Literaturtipp MG-Schützen ging dadurch im Laufe des zu einem zusammenhängenden Brücken-
Vogel, Detlef: Deutsche und alliierte Kriegfüh- Tages die Munition aus. Entscheidend war kopf verschmelzen sollen. Doch auch am
rung im Westen. In: Militärgeschichtliches For- zudem der Einsatz der Zerstörer, die dicht 7. Juni 1944 kämpften die Zonen mit Aus-
schungsamt (Hrsg.): Das Deutsche Reich und an die Küste heranfuhren und gezielt deut- nahme von „Juno“ und „Gold“ isoliert für
der Zweite Weltkrieg. Bd. 7: Das Deutsche Reich sche MG-Stellungen ausschalteten. Der sich. Zudem befanden sich entgegen der al-
in der Defensive. Stuttgart 2001, S. 419–639 Druck der Deutschen ließ somit immer liierten Planung auch die Städte Bayeux und
stärker nach. Am Nachmittag knackten die Caen noch in deutscher Hand.

Clausewitz Spezial 19
Alliierte Landungstechnologie

Alliierte Landungsboote und Spezial-Panzer

Mit Hightech über


den Ärmelkanal
Die Invasion der Normandie war die aufwendigste Militäroperation des Krieges:
Die Alliierten mussten eine gigantische Anzahl von Soldaten an Land bringen
und halten – dies konnte nur mit effizienter Militärtechnik gelingen. Von Maximilian Bunk

PORTABLER PORT:
Vielleicht illustriert
die Konstruktion
vorgefertigter Häfen
am besten, wie gigan-
tisch der alliierte Aufwand
war – und wie viel Innovation
und Technik hinter der Landungsope-
ration steckten. Die Zeichnung zeigt eine
der „Mullberry harbour“ genannten Anlagen, die nötig
waren, um die großen Mengen an Material rasch anzulanden. Da die
Alliierten seit dem Dieppe-Desaster keine Häfen zu Beginn der Inva-
sion einnehmen wollten, kreierten sie diese temporär nutzbaren
Äquivalente – Reste eines „Mullberry“ sind noch heute am Strand
von Arromanches zu sehen. Abb.: picture-alliance/Mary Evans Picture Library

B
ei dem gescheiterten Landungsunter- te Lufthoheit notwendig, sondern auch das durchzuführen. Insgesamt 6.500 Schiffe wa-
nehmen in Dieppe 1942 hatten die Al- planmäßige Anlanden einer riesigen Armee ren an der Operation beteiligt, es wurden
liierten eine blutige Lektion erhalten: samt Ausrüstung, Panzern und Versorgungs- mehr als ein Dutzend unterschiedliche Lan-
Die Einnahme eines Hafens zu Beginn einer gütern. 1944 verfügten die Alliierten endlich dungsboote von den Amerikanern, Briten und
Invasion ist so gut wie unmöglich. Eine groß über eine ausreichende Menge an Transport- Kanadiern eingesetzt. Diese hatte man speziell
angelegte Landung an den Stränden der Nor- und Landungsbooten sowie speziellen Pan- für das Unternehmen konstruiert und sie ver-
mandie war deshalb die Lösung für den zwei- zermodellen (z. B. Schwimmpanzer), um ein fügten teilweise über bordeigene Artillerie, um
ten Versuch. Dazu war nicht nur die absolu- so komplexes Unternehmen überhaupt küstennahen Feuerschutz zu geben. Mit

20
FAHRT INS UNGEWISSE: Amerikanische
Soldaten in einem
LCVP (Landing Craft, Vehicle, Personnel)
„Higgins-Boot“.
Rechts ist eines der beiden 7,62-mm-Masc
hinengewehre zu
sehen. Das Landungsboot konnte 36 Solda
ten und ein Fahr-
zeug transportieren.
Foto: picture-allianc
e/akg

LAND- UND SEETAUGLICH: Der DUKW („six-wheel-drive


amphibious truck) war besonders vielseitig einsetzbar.
Er konnte zwölf Soldaten oder knapp zwei Tonnen Ausrüs-
tung transpor tieren. Das Fahrzeug wurde auch als „duck“
– Ente – von den Soldaten bezeichnet.
Foto: picture-alliance/Leemage

LOGISTISCHE MEISTERLEISTUNG: Es war entscheidend,


möglichst viele Soldaten in möglichst kurzer Zeit an den
Stränden abzusetzen. Der alliierte Oberbefehlshaber Dwight
D. Eisenhower bezeichnete deshalb die „Higgins-Boote“ als
kriegsentscheidend, da ohne sie eine Invasion nicht mög-
lich gewesen wäre. Foto: picture-alliance/dpa

dieser, eigens für die Landung an Sandsträn- HINTERGRUND Das „Higgins-Boot“ – „Ikone“ der Invasion
den entwickelten, Militärtechnik gelang es den
Alliierten, sich an Land festzusetzen, Brücken- Andrew Jackson Higgins’ Firma „Higgins In- wendbarkeit im seichten Wasser, die gute Ma-
köpfe zu errichten und Hitlers „Atlantikwall“ dustries“ steht hinter dem LCVP – von den Sol- növrierfähigkeit sowie die große Rampe am
schnell zu überwinden. Auf den folgenden daten einfach „Higgins-Boot“ genannt. Es ist Bug des Bootes – unerlässlich für eine schnel-
Seiten stellt CLAUSEWITZ eine Auswahl der das berühmteste Landungsboot aus der riesi- le Anlandung der 36 Soldaten, die im Inneren
gen und vielfältigen Invasionsflotte und in den Platz hatten. Die Crew bestand aus drei Män-
Invasiontechnologie vor, die half, die größte
USA beinahe eine Ikone des „D-Day“. Die Vor- nern. Insgesamt kamen während der Invasion
Seelandungs-Operation der Geschichte zu er- züge der robusten Konstruktion waren die Ver- mehr als 1.000 „Higgins-Boote“ zum Einsatz.
möglichen und erfolgreich zu beenden.

Clausewitz Spezial 21
Alliierte Landungstechnologie

HINTERGRUND Spezial-Panzer für den Strand


dem M4 Sherman beru-
KETTEN GEGEN MINEN: Die auf Eigens für die Invasion konstruierten bart – deswegen werden die für den
bbe) räum te mit dem aufmontierten die Alliierten spezielle Panzermodel- „D-Day“ hergestellten Spezialpanzer-
hende „Crab“ (Kra
nfeld er. Das Fahrzeug
„Dreschflegel“ Gassen durch Mine le, die bei der Landung an den Sand- fahrzeuge oftmals als „Hobart’s Fun-
und war durc h zusä tzlic he Platten vor stränden der Normandie eine wichti- nies“ bezeichnet. Percy Hobart war
wog 32 Tonnen
t. Foto: National Archives
detonierenden Minen geschütz ge Rolle spielten. Alle entwickelten Kommandeur der 79th (Experimen-
Varianten basierten auf dem mittle- tal) Armoured Division Royal Engi-
ren US-Panzer M4 Sherman oder neers, Experte in der Panzerkriegfüh-
dem schweren britischen Panzer rung und Schwager von Bernard
„Churchill“. Die Oberaufsicht über die „Monty“ Montgomery. Letzterer war
Umbauten hatte der erfahrene briti- es auch, der ursprünglich spezielle
sche Generalmajor Percy „Hobo“ Ho- Panzer für die Invasion anforderte.

ANFÄLLIGER SCHWIMMPANZER: Die als „Duplex-Dri-


ve tanks“ (DD tanks) bezeichneten Panzer hatten eine
abgedichtete Wanne und Antriebspropeller für die
Fahrt im Wasser (s. Hintergrund). Eine Schwimmhülle
bewahrte die Panzer vor dem Sinken. Die Idee eines
unerwarteten Panzerangriffs von der Seeseite ging
nicht überall reibungslos über die Bühne – besonders
am Omaha Beach sanken viele, bevor sie den Strand
erreichen konnten. Das Foto zeigt britische DD tanks,
die am „Gold Beach“ anlanden. Foto: picture-alliance/dpa

PANZERBRÜCKE: Der Churchill


ARK war ein Brückenlegepan-
zer – er hatte keinen Turm, da-
für an jedem Ende eine Rampe,
und konnte somit eine Brücke
formen, um anderen Fahrzeugen
die Überquerung von Hindernis-
sen zu ermöglichen. Das Bild
zeigt ARKs 1944 in Italien,
doch kamen diese Modelle auch
erfolgreich bei der Landung in
der Normandie zum Einsatz.
Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto

22
Innovative Invasionstechnologie

Literaturtipp
Falconer, Jonathan: D-Day Manual. In-
sights into how science, technology and
engineering made the Normandy invasi-
on possible. Erschienen 2013 in der
Reihe „Haynes Operations Manual“.
160 Seiten, englischsprachig

„FEUERSPUCKER“: Der „Churchill Crocodile“ war ein Flammenwer-


ferpanzer, der ab Oktober 1943 für die Invasion produziert wurde. Als
Basis diente ein Churchill Mk VII. Das „Krokodil“ war besonders im
Einsatz gegen Bunker und Unterstände sehr effektiv und hatte eine
große Schockwirkung. Die Reichweite des Flammenwerfers betrug
etwa 110 Meter. Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto

EINSCHIFFUNG IN
ENGLAND: Amerika-
nische Soldaten einer
Sanitätseinheit gehen
ALLZWECKPANZER: Auf Basis eines Churchill III oder IV ent- auf diesem Bild an
stand der AVRE („Armoured Vehicle Royal Engineers“). Dazu Bord eines Landungs-
wurde das Geschütz abmontiert und mit einem Petard-Mörser bootes (LCT).
(290 mm) ausgetauscht. Die unterschiedlichsten Zusatzgeräte Foto: picture-alliance/akg
konnten angebaut werden – das hier gezeigte Modell trägt ei-
nen Faschinenroller zum Überwinden von Gräben (die Aufnahme
wurde wenige Monate nach der Invasion gemacht).
Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto

HINTERGRUND Operation „Bell Push Able“


Eine für den Erfolg von Operation „Overlord“ ned Operations Pilotage Parties (COPP) von Land gehen und Bodenproben sammeln. Als
wichtige Frage war, ob unter den Sandsträn- Lord Mountbatten ins Leben gerufen worden. nach einem erfolgreichen Probelauf in Eng-
den der Normandie Torf liegt. Professor Ber- Bei den Combined Operations galt Sir Mal- land die zwei Kampfschwimmer der COPP 1
nal, der sich mit den geologischen Fragen der colm Campbell, der Geschwindigkeitsweltre- auf Campbell zutraten und um Rat fragten,
Normandie-Operation befasste, hatte Berich- kordhalter zu Lande und zu Wasser, als Spe- war dieser äußerst enthusiastisch, dass er
te aus der Römerzeit studiert. Er wusste, zialist für die Tragfähigkeit von Sandstränden seine Teilnahme anbot. Major Logan Scott-
dass an der Normandieküste früher Torf ab- für Fahrzeuge. Schließlich hatte er auf dem Bowden und Sergeant Bruce Ogden-Smith
gebaut worden war. Ein Untergrund aus Torf Sandstrand von Daytona Beach, den er vor- konnten ihm das wieder ausreden. Sie
wäre für eine Landung aber ein großes Risi- her selbst auf seine Tragfähigkeit hin unter- schwammen zu zweit in der Silvesternacht
ko: Ist die Sandschicht darüber dick genug, sucht hatte, einen Geschwindigkeitswelt- 1943/44, einen halben Kilometer vor der
um Rad- und Kettenfahrzeuge zu tragen? Das rekord aufgestellt. Nach Campbells Ansicht Küste ausgesetzt, bei Minustemperaturen
konnte nur durch Bodenproben herausgefun- genügte eine Sandschicht von 14 Zoll, um und hohem Wellengang in der Normandie an
den werden. Speziell für Stranderkundungen schwere Fahrzeuge zu tragen. Kampfschwim- Land und brachten mit ihren Proben wichtige
vor Landungsunternehmen waren die Combi- mer der COPP sollten in der Normandie an Erkenntnisse mit. Hagen Seehase

Clausewitz Spezial 23
Sicherung der Landeabschnitte

OHRENBETÄUBEND: Soldaten
der US-Army feuern Granaten
auf zurückweichende deutsche
Verbände.
Foto: picture-alliance/akg-images

Kampf um die Brückenköpfe

Auf des Messers


Schneide
6. Juni 1944: Die erste Etappe war am Nachmittag erreicht. Unermüdlich „pumpten” die
Alliierten Menschen und Material in die Brückenköpfe. Dennoch hinkten sie ihrem Zeitplan
hinterher. Der Kampf um die Küste war noch längst nicht entschieden. Von Stefan Krüger

D
er für die Verteidigungsmaßnahmen vor Ort aber identifizierten drei anglo-ame- weilte aus privaten Gründen in seinem
am „Atlantikwall“ zuständige Gene- rikanische Luftlandedivisionen und briti- Wohnort Herrlingen.
ralfeldmarschall Erwin Rommel hat- sche Truppen, die bereits in Afrika gekämpft Hitler indes schlief noch und niemand
te bereits lange vor Beginn der Invasion die hatten. Mit anderen Worten: In der Norman- brachte den Mut auf, den Diktator zu we-
Ansicht vertreten, dass man die Alliierten die versammelten sich gerade alliierte Elite- cken. Somit waren auf deutscher Seite in den
entweder direkt am Strand aufhalten müsse Verbände. Würde Eisenhower seine besten Morgenstunden des „D-Day“ entscheidende
– oder sie andernfalls gar nicht stoppen kön- Männer wirklich für einen Scheinangriff op- Personen nicht zu erreichen.
ne. Einen Kampf im Hinterland hielt er auf- fern? Hitler ließ sich jedoch nicht überzeu-
grund der überwältigenden gegnerischen gen und weigerte sich in den entscheiden- „Das Ganze kehrt!“
Luftüberlegenheit für aussichtslos. Er sollte den ersten Stunden beharrlich, die Reserven Erst gegen 9:00 Uhr am ersten Invasionstag
Recht behalten. Doch wo blieben die deut- des OKW freizugeben. Rundstedt unterstell- rollte die 21. Panzerdivision nach Norden.
schen Panzer? te lediglich die 21. Panzerdivision der 7. Ar- Zusammen mit Teilen der 716. Infanteriedi-
Selbst nach Landungsbeginn herrschte in mee. Doch der Gegenangriff kam nur müh- vision sollte sie die britischen Fallschirmjä-
den deutschen Kommandostellen Unsicher- sam in Gang. Die Führung im Westen war ger an der Orne angreifen und die Brücken
heit. Hitler und Rundstedt witterten einen nämlich durch eine verworrene Befehls- zurückerobern. Als sie den Einsatzraum er-
„Bluff“, der von der eigentlichen Invasion struktur wie gelähmt. Außerdem hielt sich reichten, dämmerte es der deutschen Füh-
am Pas-de-Calais ablenken sollte. Offiziere Rommel nicht einmal in Frankreich auf. Er rung, dass es wenig sinnvoll wäre, wertvol-

24
ERSCHÖPFT: Britische Soldaten drängen sich am „D-Day“ an ihrem Landungsabschnitt von GEFALLEN: Ein US-Soldat betrachtet den
„Sword Beach“. Sanitäter kümmern sich um die Verletzten. Die Verluste waren hoch, aber den- Leichnam eines deutschen Soldaten der Küs-
noch gelang der Durchbruch ins Hinterland. Foto: picture-alliance/Mary Evans Picture Library tenverteidigung. Foto: picture-alliance/Usis-Dite/Leemage

Führung zuvor ohne Not wertvolle Stunden


ungenutzt verstreichen ließ.
Die Briten hatten inzwischen nämlich ei-
nen Pak-Riegel aufgebaut, den die Panzer
zunächst nicht aufbrechen konnten. Feld-
marschall Bernard Montgomery, der für den
britischen Invasionsbereich verantwortlich
war, begriff den Ernst der Lage. Am „Omaha
Beach“ kämpften die Amerikaner noch im-
mer ums Überleben, in seinem Sektor stan-
den die Deutschen wieder an der Küste. Be-
deutete dies etwa das Scheitern der Invasi-
on? Montgomery handelte entschlossen: Was
er nur greifen konnte, packte er in Lasten-
segler und warf es den deutschen Truppen
entgegen. Auch die Schiffsartillerie betei-
ligte sich daran, den Vormarsch der Wehr-
macht zusammenzuschießen. Mit Erfolg. Die
EINSATZBEREIT: Ein „Sherman“-Panzer der US-Armee wartet auf das Signal zum Angriff auf 21. Panzerdivision zog sich zurück und rich-
die deutschen Stellungen. Foto: picture-alliance/akg-images tete sich nördlich von Caen zur Verteidigung
ein. Von 125 Panzern verlor sie knapp 80.
le Panzer gegen isolierte Luftlandetruppen pelte wieder unverrichteter Dinge Richtung
einzusetzen, während die Briten zugleich Caen. Inzwischen war es Nachmittag. Späte Entscheidung
erfolgreich begannen einen stabilen Brü- Zweiter Anlauf. Nun, noch am selben Erst am Nachmittag des 6. Juni rang sich Hit-
ckenkopf zu bilden. Prompt kam daher der Tag, hatten die Panzer den Auftrag, den Brü- ler dazu durch, die 12. SS-Panzerdivision
Befehl „Das Ganze kehrt!“ Die Division rum- ckenkopf aufzuspalten, indem sie die Naht- „Hitlerjugend“ und die Panzer-Lehr-Divisi-
stelle zwischen der 3. britischen und 3. kana- on freizugeben. Diese Entscheidung kam
dischen Division aufreißen sollten. Und tat- viel zu spät. Zudem mussten die Verbände
„Hier gibt es kein sächlich gelang, was man angesichts der nun bei Tageslicht losfahren. Wie Habichte
Umstände kaum für möglich gehalten hätte: stürzten sich alliierte Jagdbomber auf die
Ausweichen und Die Panzergrenadiere bissen sich durch und deutschen Panzertruppen und fügten ihnen
Operieren, hier trieben einen Keil zwischen die Landungszo- schwere Verluste zu, ehe diese überhaupt ih-
nen „Juno“ und „Sword“. An der Küste fan- ren Einsatzraum erreichten. Darüber hinaus
gilt es zu stehen, den sie sogar noch deutsche Infanteristen, verzögerten sie die Anfahrt der Panzer er-
zu halten oder zu die sich in einem „Widerstandsnest“ (WN) heblich. Die 12. SS-Panzerdivision konnte
eingeigelt und alle Angriffe abgewehrt hat- dadurch erst am 7. Juni um 16:00 Uhr an-
sterben.“ ten. Jetzt mussten die Panzer nachstoßen. Es treten. Die Panzer-Lehr-Division benötigte
Hitler am 6. Juni 1944 rächte sich nun aber bitter, dass die deutsche obendrein noch einen weiteren Marschtag.

Clausewitz Spezial 25
Sicherung der Landeabschnitte

SS-Brigadeführer und General- Artillerie- und Pakfeuer liegen.


major der Waffen-SS Fritz Witt, Die Wehrmacht brach die Aktion
Kommandeur der 12. SS-Panzerdi- schließlich ab und ging auf der Li-
vision, formierte seine Männer zum nie Tilly-Caen zur Verteidigung
Angriff. Zusammen mit der 21. Pan- über. Es war der letzte ernsthafte
zer- und den Resten der 716. Infan- Versuch, die Küste doch noch zu
teriedivision wollte er die Briten erreichen.
und Kanadier nun endlich ins Meer Die deutsche Führung hatte die
zurückdrängen. Und hatte Glück: britischen Truppen als den gefähr-
Ein kanadischer Panzerverband nä- licheren Gegner eingestuft und
herte sich. Die Kanadier ahnten of- dementsprechend ihre Kräfte dis-
fenbar nicht, dass deutsche Kampf- GRUND ZUR ZUVERSICHT: Bernard L. Montgomery (rechts im loziert. Dies verschaffte den Ame-
panzer bereits auf sie lauerten, und Bild) und George S. Patton (links) an der Invasionsfront, 1944. rikanern im westlichen Teil des In-
präsentierten die Flanke. Die Deut- Foto: picture-alliance/dpa©dpa-Bildarchiv vasionsbereichs deutlich Luft.
schen feuerten aus allen Rohren
und schalteten 28 „Sherman“-Panzer aus. schien plötzlich Rommel und blies die Akti- US-Truppen in Bedrängnis
Doch die 21. Panzerdivision kam auf dem on ab. Die 50. britische Division hatte am US-Luftlandesoldaten hatten bereits am
rechten Flügel nicht voran. Sie hatte ihre Vormittag Bayeux erobert. Das war gefähr- 6. Juni Sainte-Mère-Église eingenommen
Kampfkraft bereits am Vortag größtenteils lich, denn die Stadt stellte einen der wich- und vereinigten sich anschließend mit den
veingebüßt. Auch die 716. Division war aus- tigsten Verkehrsknotenpunkte dar. Von hier Landetruppen aus „Utah“. Die nächsten
gebrannt und konnte Witts Panzer nicht ab- aus verliefen Straßen nach Caen, St. Lô und Schritte lagen auf der Hand: Das VII. US-
schirmen. Somit musste sich die Division Carentan auf der Cotentin-Halbinsel. „Oma- Korps musste als erstes Carentan im Süden
„Hitlerjugend“ alleine gegen wütende Ge- ha Beach“ lag nur wenige Kilometer ent- der Cotentin-Halbinsel einnehmen. Mit die-
genangriffe wehren. Unter ihrem Druck zog fernt. Die Alliierten waren somit kurz davor, sem äußerst wichtigen Verkehrsknoten-
sie sich bald zurück. Die Kraft reichte nicht ihre Landungszonen zu vereinigen. punkt wäre die Halbinsel bereits zur Hälfte
aus, um den Brückenkopf einzudrücken. abgeriegelt. Außerdem konnten die Ameri-
Am 8. Juni traf die von Jagdbombern dezi- Abbruch des Angriffs kaner von hier ihren bedrängten Kameraden
mierte Panzer-Lehr-Division ein. Nun sollte Dies mussten die Deutschen unter allen Um- am „Omaha Beach“ die Hand reichen und
es endlich klappen: Die Kanadier, so hofften ständen verhindern. Die Panzer-Lehr-Divisi- im Raum Bayeux zu den Briten aufschließen.
die Deutschen, werden kaum drei Panzerdi- on erhielt daher den Auftrag, Bayeux am Das große Ziel – die Vereinigung aller Brü-
visionen standhalten können. Doch dann er- 9. Juni zurückzuerobern. Der Angriff lief gut ckenköpfe – wäre damit erreicht gewesen.
an, doch nur wenige Kilometer vor dem Ziel Zeitgleich sollte das VII. Korps zur Westküs-
hieß es wieder „Stopp!“ und „Kehrt!“. Es gab te der Halbinsel vorstoßen, um diese voll-
einen triftigen Grund für diese Entscheidung: ständig abzuschnüren. Zuletzt stand Cher-
Die Kanadier hatten die Gelegenheit ge- bourg mit seinen wertvollen Hafenanlagen
schickt genutzt und eine Bresche zwischen auf der Liste. Denn die Verbündeten konnten
die Panzer-Lehr-Division und Witts Truppen den Nachschub nicht dauerhaft über künst-
geschlagen. Die Panzer-Lehr-Division drohte liche Häfen und Lastensegler heranschaffen.
abgeschnitten zu werden. Mit ihrem Gegen- Carentan wurde von den Resten des
angriff wollten die Deutschen jedoch nicht 6. Fallschirmjägerregiments verbissen vertei-
nur den Einbruch bereinigen. Sie planten da- digt. Zwar war der Verband bereits schwer
rüber hinaus, den Schwung zu nutzen und angeschlagen und litt zudem unter Nach-
zur Küste vorzustoßen. Der Angriff blieb al- schubmangel. Doch als die 101. US-Division
lerdings schnell im massiven gegnerischen bereits nahe Carentan stand, konnten sich

AUSGESCHALTET: Ein mittlerer Kampfpanzer vom


Typ „Panther“ wird während des Kampfes in der
Normandie in einem Dorf von US-Einheiten
„gestellt“. Der Verlust eines „Panthers“ wog für
die Deutschen schwer. Foto: picture-alliance/akg-images

26
Wuchtige Schläge gegen den Gegner

VERNICHTET: „Ausgebrannte Panzer und zerstörtes Kriegsgerät der alliierten Truppen an einer
Straße in Nordfrankreich“, so die Bildunterschrift unter dieser Propagandaaufnahme. Im Ge-
gensatz zur deutschen Seite konnten die Alliierten ihre Ausfälle an Fahrzeugen durch umfang-
reiche Nachschublieferungen ersetzen. Foto: picture-alliance/akg-images

die Fallschirmjäger unter Einsatz von Mör- aus dem Brückenkopf aus. Den linken Keil Spitze Isigny – nur zwölf Kilometer von der
sern und Artillerie zu einem heftigen Gegen- trieben die Amerikaner am weitesten in die umkämpften Stadt entfernt. Kurz darauf
angriff aufraffen. Unterstützt wurden sie Front hinein und eroberten bis zum 17. Juni reichten sich die Soldaten des VII. und des
hierbei von Teilen der 17. SS-Panzergrena- Caumont. Hierbei konnten sie auch endlich V. US-Korps die Hände: „Utah“ und „Oma-
dierdivision „Götz von Berlichingen“. Die den Briten die Hand reichen. Deren XXX. ha Beach“ und somit sämtliche alliierten
Amerikaner wankten unter den wuchtigen Korps stieß linker Hand parallel zu den US- Brückenköpfe in der Normandie waren ab
Schlägen für einen Moment bedrohlich und Truppen Richtung Süden vor. Damit stand dem 12. Juni 1944 vereint.
wichen teilweise sogar zurück. Erst als die das XXX. Korps gefährlich tief in der linken Die Wehrmacht hatte nun nicht mehr vie-
US-Artillerie die Deutschen heftig beschoss, Flanke der deutschen Panzertruppen, die le „Pfeile im Köcher“. Als Verstärkung führ-
stabilisierte sich die Lage und die Deutschen sich seit dem 9. Juni auf der Linie Tilly-Caen te sie lediglich die 275. Infanterie- und die
zogen sich zurück. Am 15. Juni nahm die 101. mühsam verteidigten. 3. Fallschirmjägerdivision aus der Bretagne
US-Luftlandedivision schließlich Carentan heran. Diese Verbände bauten südlich Ca-
ein. Dass der deutsche Widerstand letztlich Vereinigung der Brückenköpfe rentans eine neue Verteidigungslinie auf, um
stark erlahmte, lag vor allem am fehlenden Die mittlere Stoßgruppe des V. US-Korps einen Durchbruch der Amerikaner nach Pé-
Nachschub, den die alliierten Jagdbomber marschierte direkt nach Süden auf Saint-Lô riers und Saint-Lô zu verhindern. Zwar ge-
erfolgreich blockierten. zu, erst wenige Kilometer vor Stadt fraß sich lang es ihnen zusammen mit den übrigen
Auch das V. US-Korps in „Omaha Beach“ der Angriff fest. Der rechte Keil hingegen deutschen Truppen tatsächlich, die Lage
hatte sich derweil von seinem Landungs- brach vollständig durch. Noch während die noch einmal zu stabilisieren. Doch lag dies
schock erholt und brach in drei Stoßkeilen Schlacht um Carentan tobte, erreichte die vor allem daran, dass das VII. US-Korps zu
diesem Zeitpunkt Front nach Norden Rich-
tung Cherbourg machte. Die 1. US-Armee
kämpfte daher zu diesem Zeitpunkt mit nur
„Die Anglo-Amerikaner mit den derzeitigen einem Arm Richtung Süden, nämlich mit
Kräften und Mitteln ins Meer zu werfen, er- dem V. Korps.
Eines stand fest: Schafften es die Amerika-
scheint ausgeschlossen … Selbst die größte ner, die Cotentin-Halbinsel einschließlich
Tapferkeit der Panzertruppe kann den Ausfall Cherbourg rasch einzunehmen, würde die
Wehrmacht den großen „Dammbruch“ nicht
von zwei Wehrmachtteilen nicht ersetzen.“ mehr verhindern können. Der erste Schritt
Generaloberst Heinz Guderian zu Hitler am 20. Juni 1944 dazu war bereits am 18. Juni getan, als

Clausewitz Spezial 27
Einee Welt …
Sicherung der Landeabschnitte

NEU!
U!

UNGEWISSE ZUKUNFT: Kanadische Solda-


ten der alliierten Invasionsarmee bewachen
mit aufgepflanztem Bajonett deutsche
Kriegsgefangene. Sie wurden auf Schiffen
nach England gebracht.
Foto: picture-alliance/Mary Evans Picture Library

BESIEGT: Generalmajor Robert Sattler, bis


zum 21. Juni 1944 Kommandant der Fes-
tung Cherbourg, folgt US-General Manton
Eddy nach Abschluss der Kämpfe. Sattler
Über 1.000 Tagebücher und Briefsammlungen stan nden für dieses ehrgeizige Projek
kt verblieb bis 1947 in Gefangenschaft.
araus wählten die Autoren die bew
zur Verfügung. Da wegendsten aus: Aufzeichnungen n Foto: picture-alliance/Usis-Dite/Leemage
von Krankenschwestern, Offizieren und Frontsolda aten, aber auch von bekannten
Persönlichkeiten wie
w Stefan Zweig, Manfred von Richthofen und Kurt Tucholsky. Ru und US-Truppen die Westküste der Halbinsel er-
300 verschollen g
geglaubte Farbfotografien aus demm Archiv von August Fuhrmann reichten. Insgesamt waren nun Reste von
zeigen den Ersten
n Weltkrieg, wie ihn bisher noch keiner
k gesehen hat. vier deutschen Divisionen mit rund 21.000
320 Seiten · ca. 300 Abb.
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Kampf um jeden Zentimeter


Rommel und Rundstedt hatten dieses be-
drohliche Szenario vorausgesehen und sich
dafür ausgesprochen, dass sich die deut-
schen Truppen sofort nach Cherbourg zu-
rückziehen sollten, sobald die Amerikaner
zur Westküste der Halbinsel vorstießen. Die
Soldaten sollten dadurch Zeit gewinnen, um
sich in der Stadt zur Verteidigung einzurich-
ten. Die Feldmarschälle hofften, dass die
Festung starke US-Einheiten binden würde,
um den Deutschen im Süden Zeit und Luft
zu verschaffen. Hitler aber bestand auf ei-
nen Kampf um jeden Zentimeter Boden.
Nun mussten sich die angeschlagenen Ver-
bände zurückziehen. Dabei setzten ihnen
die alliierten Flugzeuge und Kriegsschiffe
arg zu. Die mächtige Schiffsartillerie schliff
Erlebnis Geschhichte
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GUT GETARNT: Soldaten einer US-Artillerieeinheit nehmen deutsche Stellungen im Kampf um


Cherbourg Ende Juni 1944 unter Beschuss. Foto: picture-alliance/Usis-Dite/Leemage

hierbei ganze Ortschaften, um jeden Wider- Atempause. Dies sollte den Amerikanern 224 Seiten · ca. 200 Abb. · 22,8 x 22,8 cm
stand zu brechen. später noch schwer zu schaffen machen. € [A]
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So war es kein Wunder, dass die Amerika- ISBN 978-3-7658-2038 8-0 € 24,99
ner zügig vorankamen. Der Wettergott aber Kampf um Cherbourg
meinte es erneut nicht gut mit ihnen: Am Am 22. Juni 1944 starteten alliierte Kampf-
19. Juni brauste ein gewaltiger Sturm durch flugzeuge einen verheerenden Luftangriff
den Ärmelkanal, der die Landungsschiffe auf die Hafenstadt Cherbourg, der zahlrei-
wie Spielzeug hin und her warf. Das Toben che Opfer forderte. Auch Schlachtschiffe nä-
und Brausen währte noch bis zum 23. Juni. herten sich und eröffneten das Feuer. Eine
Die Alliierten verloren durch das Unwetter verbliebene Küstenbatterie zwang die
zahlreiche Schiffe und viel Material. Hätte Kriegsschiffe zwar zum Rückzug, doch es
Eisenhower die Invasion um zwei Wochen nutzte den Verteidigern nichts mehr. Als die
verschoben, wie kurzzeitig erwogen, hätte Amerikaner die ersten Stellungen stürmten,
dies katastrophale Folgen bis hin zum Ab- stellten sie überrascht fest, dass ihre Gegner
bruch des Unternehmens haben können. offenbar ziemlich demoralisiert und entmu- 288 Seiten · ca. 50 Abb. · 14,3 x 22,3 cm
Der Sturm brachte die Alliierten zudem tigt waren. Zuletzt drängten die Angreifer € [A]
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in eine für sie sehr ungewohnte Lage: Sie die verbliebenen Wehrmachtsoldaten in ISBN 978-3-7658-1850 0-9 € 19,99
mussten nun mit dem Nachschub sparsam Schächte und Bunker zurück. In dieser Si-
umgehen. Es mangelte vor allem an Grana- tuation kapitulierte Generalleutnant Karl-
ten für die Artillerie. Wilhelm von Schlieben, der das zusammen-
Der Kommandeur der 1. US-Armee Brad- geschrumpfte Kontingent in Cherbourg be-
ley beschloss, den Schwerpunkt auf die Er- fehligte. Seine Männer gaben jedoch nicht
oberung Cherbourgs zu legen. So ging es auf, ohne ihren Kameraden im Süden noch
hier zwar weiter voran, doch dafür erhielt einen wichtigen Dienst zu erweisen: Sie zer-
die Wehrmacht im Süden eine willkommene störten die Hafenanlagen so gründlich, dass
die Alliierten Cherbourg erst drei Wochen
später nutzen konnten. So lange mussten sie
Literaturtipp noch auf künstliche Häfen zurückgreifen.
Mit dem Fall von Cherbourg am 26. Juni
Hall, Tony (Hrsg.): Operation „Overlord“. Die
Landung der Alliierten in der Normandie 1944 1944 konnten die Alliierten den Druck auf 224 Seiten · ca. 40 Abb. · 14,3 x 22,3 cm
die Deutschen im westlichen Abschnitt be- € [A] 20,60
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(Titel der 1993 erschienenen Originalausgabe:
„D-Day. Operation Overlord from its planning to trächtlich erhöhen. Für die Wehrmacht kam ISBN 978-3-7658-18511-6 € 19,99
the Liberation of Paris“). Stuttgart 2004 es nun allein darauf an, einen „Dammbruch“
zu verhindern.
Erlebnis Geschiichte

Clausewitz Spezial
„Atlantikwall“

Hitlers Bollwerk
Unüberwindbar?

aus Beton

30
1942: Hitler begann die „Festung Europa“ zu konstruie-
D
ie Verteidigungsanlagen des „Atlan-
tikwalls“ waren in ihrer Konzeption
ren – die westliche Flanke sollte der „Atlantikwall“ gigantisch – allein geografisch reich-
te der Bau von Spanien bis Norwegen. Aber
schützen. Das Projekt kann wohl als das ambitioniertes- ist eine Küstenlinie von mehreren Tausend
te Festungsbauprogramm des gesamten Krieges gelten. Kilometern wirklich effektiv – und überall
gleich stark – abzusichern? Wirklich vollen-
Am Ende brachen die Alliierten an einem Tag durch das det wurde das ehrgeizige Bauwerk zwischen
1942 und 1944 nicht. Hitler forderte nach dem
„unbezwingbare“ Bollwerk … Von Maximilian Bunk
gescheiterten Kommandounternehmen der
Alliierten bei Dieppe (19. August 1942) den
Ausbau der „Festung Europa“. Es blieb ein
propagandistisch überhöhtes Provisorium,
das seinen Zweck – die Landung der Alliier-
ten im Westen zu verhindern – letztendlich
nicht erfüllen konnte. Und das, obwohl

HINTERGRUND Die Bedeutung des Kürzels „D-Day“ GEBALLTE FEUERKRAFT: Ein


schweres Geschütz, integriert
Eigentlich bezeichnet die Abkürzung „D-Day“ („Befreiungs-Tag“) oder „Doomsday“ („Tag in den Atlantikwall, in Aktion.
seit dem Ersten Weltkrieg lediglich den des jüngsten Gerichts“) stehen – oder auch An der französischen Kanalküste
Zeitpunkt einer (beliebigen) größeren Militä- einfach nur als Doppelung von „Day“, wobei war die Verteidigungsanlage am
roperation. Die ursprüngliche Herkunft des das „D“ stellvertretend für den noch zu be- stärksten ausgebaut, da hier eine
Begriffes ist unklar bzw. nicht mehr völlig stimmenden Termin gesetzt wird. Der heute amphibische Großoperation der
zu rekonstruieren. „D-Day“ kann in der eng- bekannteste „D-Day“ ist der 6. Juni 1944. Alliierten am wahrscheinlichsten
lischen Sprache als Abkürzung für „Debarka- Häufig wird deshalb „D-Day“ als Synonym für erschien. Ab 1944 wurden im
tion Day“ („Landungs-Tag“), „Decision Day“ die Landung der Alliierten in der Normandie Hinterland zusätzlich Luftlandehin-
(„Entscheidungs-Tag“), „Deliverance Day“ verwendet. dernisse („Rommelspargel“) auf-
gestellt. Foto: picture-alliance/akg-images

Clausewitz Spezial 31
„Atlantikwall“

IN ERWARTUNG DES ANGRIFFS:


Deutsche Soldaten in einer befestig-
ten MG-Stellung am Atlantikwall. Die
Strände selbst waren durch ein Laby-
rinth aus Hindernissen (z. B. Holzpfäh-
le, die den Boden der Landungsboote
aufreißen sollten) gesichert.
Foto: picture-alliance/akg-images

FAKTEN Wehranlagen an den „D-Day“-Stränden


Strand Dt. Infanterie- MGs Mörser Feldgeschütze Panzerabwehr- Verluste der Alliier-
kompanien geschütze ten am 6.6.1944
Utah 1 17 3 7 6 197
Omaha 8 85 28 20 15 2.374
Gold 4 18 1 5 9 413
Juno 4 33 5 4 9 805
Sword 2 14 7 8 7 630
Daten aus: Doyle, Peter: Der Zweite Weltkrieg in Zahlen. München 2014

hinsichtlich der nackten Zahlen geklotzt und die ohnehin schon überstrapazierte deutsche den verbarrikadiert, Uferzonen und der
nicht gekleckert wurde: Allein für die Ab- Kriegswirtschaft, und Kritiker sahen das star- Raum zwischen einzelnen Verteidigungsan-
schnitte in Frankreich verbaute eine gewalti- re Verteidigungskonzept nicht wirklich als lagen vermint sowie „Rommelspargel“ (Hin-
ges Heer von Arbeitern (darunter Zwangsar- kompatibel mit der Kriegsführung der Wehr- dernisse aus Holz und Draht, die Luftlande-
beiter) 17 Millionen Kubikmeter Beton und macht an. Außerdem wurde die geringe Ver- operationen erschweren sollten) im Hinter-
über eine Millionen Tonnen Stahl. Betraut mit teidigungstiefe bemängelt: Nach einem er- land installiert. Am Ende kam der Angriff
den Ausführungen war die Organisation folgreichen Durchbruch in Küstennähe gab nicht dort, wo er erwartet wurde, am Pas-de-
Todt. Vielleicht war gerade der Größenwahn es keine effektiven Verteidigungslinien im Calais, und auch die Ausbesserungen durch
Hitlers, der sich im Traum von der „Festung Hinterland mehr. Erwin Rommel versuchte den „Wüstenfuchs“ halfen nichts. Innerhalb
Europa“ manifestierte, schuld am „Versagen“ einige der konzeptionellen Schwächen der eines einzigen Tages war Hitlers Bollwerk aus
des Walls. Die enormen Kosten schwächten Wehranlage zu „entschärfen“: Strände wur- Beton bezwungen.

32
„Festung Europa“

FAKTEN Bunkeranlagen des „Atlantikwalls“


Frankreich, Stand 1944 EROBERT: Ein briti-
Mannschaftsbunker (Gruppenunterstände, 2.471 scher Soldat vor ei-
Kleinstunterstände usw.) nem deutschen Fern-
geschütz. Aus Effi-
Munitionsbunker (Munitionsunterstände) 575
zienzgründen wurden
Sanitäts- und Versorgungsbunker 171
für die enormen Anfor-
Nachrichtenstände 36
derungen des „Atlan-
Gefechtsstände 192
tikwalls“ standardi-
Beobachtungsstände (Artillerie) 134 sierte Regelbauten
Bunker zur Waffenlagerung 151 entwickelt – immerhin
Kasematten und Geschützunterstände (alle Typen) 2.376 wurden mehrere Tau-
Insgesamt 6.106 send Bunker errichtet!
Daten aus: Zaloga, Steven: The Atlantic Wall (1), France. Oxford 2007 Foto: picture-alliance/akg-images

GEWALTIG: Der „At-


lantikwall“ stellt das
größte Festungsbau-
projekt in der jünge-
ren europäischen
Vergangenheit dar –
nur die französische
„Maginot-Line“ er-
reichte ähnlich ko-
lossale Dimensio-
nen. In den Bau flos-
sen Unsummen an
Geld und Material.
Das Bild zeigt einen
Geschütztransport,
die damalige Pro-
paganda titelte:
„Reisender Gigant!
Kriegsmarsch eines
Riesengeschützes
zum Atlantik.“
Foto: picture-alliance/ZB

REKONSTRUIERT: BLICK INS INNERE:


Diese Szene aus Waffen und Ausrüs-
dem Spielfilm „Der tung der Soldaten
Soldat James Ryan“ sind in diesem
(1998) zeigt, wie Mannschaftsbunker
sich amerikanische stets griffbereit.
GIs durch Panzer- Über dem Waschbe-
sperren („Tsche- cken im Hintergrund
chenigel“) kämpfen. steht: „Ruhe und
Die Strände waren Besonnenheit – und
noch mit anderen schnelle gründliche
Hindernissen be- Entgiftung erhalten
stückt: Hemmbal- die Kampfkraft und
ken, Minen, Gräben Gesundheit!“
aller Art sowie Sta- Foto: picture-alliance/ZB
cheldraht sollten ei-
ne Anlandung stark
erschweren – die
alliierten Soldaten
mussten bei Ebbe
angreifen und sich
unter MG-Feuer
durch Barrieren und
Blockaden kämpfen.
Foto: picture-alliance

Clausewitz Spezial 33
Zermürbender Stellungskrieg

TRÜMMERWÜSTE: Alliierte Solda-


ten in einem durch die schweren
Kämpfe stark zerstörten Straßen-
zug der Stadt Caen.
Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto

34
Durchbruchskampf

Schlacht um Caen
2. Junihälfte 1944: Bei den Alliierten herrschte Angespanntheit. Während die US-Trup-
pen Fortschritte erzielt hatten, fraß sich die Offensive der Briten und Kanadier unter
Feldmarschall Montgomery in einem Stellungskrieg um Caen fest. Von Stefan Krüger

D
ie Stadt Caen hätte längst erobert sein 6. britische Luftlandedivision noch immer zu brechen, scheiterte. Zwar bedrängten die
sollen. Nicht nur, weil es die größte den Brückenkopf östlich der Orne. Montgo- Briten die Deutschen hart, doch errangen sie
Stadt der Normandie war, sondern mery beschloss nun, diesen endlich zu nut- nur bescheidene Geländegewinne. Für die
weil das Gelände südlich davon für die me- zen. Er beauftragte die 51. britische Infante- britische Führung stellte sich die wichtige
chanisierte Kriegsführung mit Panzern und riedivision „Highland“, am 12. Juni aus dem Frage: Wie konnte dieser „Ring aus Stahl“
sonstigen Fahrzeugen wesentlich günstiger Brückenkopf nach Süden auszubrechen und geknackt werden?
war. Hier konnten die Alliierten ihre Überle- Caen östlich zu umgehen. Zugleich sollte die
genheit erst vollends ausspielen. 3. kanadische Division nordwestlich der Offene Flanke
Das Heckenland nördlich von Caen hin- Stadt einen Ablenkungsangriff auf die 12. SS- Während die Briten ihre Wunden leckten,
gegen kam den deutschen Verteidigern ent- Panzerdivision durchführen. Die Offensive drängte das V. US-Korps die 352. Infanteriedi-
gegen. Dieser wilde „Dschungel“ aus Ge- brach jedoch rasch unter großen Verlusten vision weit nach Süden zurück. Damit stand
strüpp und Bäumen ist so eigentümlich, dass
die Franzosen diesem Landschaftstyp einen
eigenen Namen gegeben haben: Bocage.
Und hier mussten die Briten durch.
Als die Kritik an Montgomery und dessen
Operationsführung immer lauter wurde, ei-
nigte sich das alliierte Hauptquartier darauf,
die Vorgehensweise der Streitkräfte klarer zu
definieren: Die Amerikaner sollten nun nach
der Ende Juni 1944 gelungenen Einnahme
von Cherbourg den Durchbruch im Westen HOHER BESUCH: Der
erzwingen, während Briten und Kanadier britische Premierminis-
wie bisher den größten Teil der deutschen ter Winston Churchill
in der Stadt Caen mit
Panzertruppen binden sollten.
dem Oberbefehlshaber
der 2. Britischen
Hammer und Amboss Armee, Miles Demp-
Dem ruhmsüchtigen Montgomery aber be- sey, und Feldmarschall
hagte es nicht, dass er lediglich die „Amboss- Bernard Montgomery.
Rolle“ spielen sollte, während die Amerika- Foto: picture-alliance/ZUMA Press
ner den Hammer schwangen. Er plante da-
her, sein ramponiertes Ansehen wiederher-
zustellen. Dafür konnte es nur ein Ziel ge- zusammen. Die Deutschen rafften sich sogar nun die weite linke Flanke der deutschen
ben: die Eroberung von Caen. zu einem Gegenangriff auf den Orne-Brü- Panzertruppen offen. Montgomery rieb sich
Feldmarschall Montgomery hatte seine ckenkopf auf, der allerdings ebenso fehl- begeistert die Hände. Da war sie, die große
Kräfte in zwei Korps gegliedert. Das XXX. schlug. Eine Art „Patt“ bahnte sich an. Dies Chance, auf die jeder Feldherr hofft. Ein er-
Korps im Westen, bestehend aus der 7. Pan- war für die Briten umso verhängnisvoller, folgreicher Flankenstoß konnte die gesamte
zer- und der 50. Infanteriedivision, kämpfte da ihr Landestreifen inzwischen vollgestopft deutsche Front zwischen Tilly-sur-Seulles
gegen die Panzer-Lehr-Division bei Tilly- mit Menschen und Material war. Dadurch und Caen zum Einsturz bringen. Montgo-
sur-Seuless, während das I. Korps mit drei konnten sie keine weiteren Kräfte mehr in mery setzte seine besten Männer für das Un-
Divisionen gegen die deutschen Stellungen die Normandie verlegen – aus deutscher ternehmen an: die 7. Panzerdivision, Vetera-
nordwestlich und nördlich von Caen an- Sicht wäre dies freilich ein „Luxusproblem“ nen aus Afrika, die man respektvoll „Desert
rannte. Doch wie sollte er die Stadt nun ein- gewesen. Auch der Versuch des XXX. Korps, Rats“ (Wüstenratten) nannte. Sogleich ras-
nehmen? Nordöstlich von Caen hielt die den Widerstand der Panzer-Lehr-Division selten die Panzer los. Die erste Etappe war

Clausewitz Spezial 35
Zermürbender Stellungskrieg

ABTRANSPORT: Solda-
ten der Waffen-SS wer-
den nach ihrer Gefangen-
nahme auf Lastkraftwa-
gen zu einem Sammel-
lager gebracht.
Foto: picture-alliance/
Usis-Dite/Leemage

MIT ERHOBENEN HÄN-


DEN: Kanadische Solda-
ten durchsuchen deutsche
Soldaten unmittelbar nach
ihrer Gefangennahme
nahe Caen im Juli 1944.
Foto: picture-alliance/
United Archives/TopFoto

ACHTUNG VORFAHRT:
Stabsoffiziere der 12. SS-
Panzerdivision „Hitlerju-
gend“ passieren standes-
gemaß in Mercedes-Limou-
sinen die Panzer der Divisi-
on, hier einen PzKpfw IV
Ausf H der 1. Kompanie.
Diese Szene wurde sicher
vor der Landung der Alliier-
ten fotografiert. Anders
MIT GALGENHUMOR: Soldaten der 10. SS-
ist die sorglose Haltung
Panzerdivision „Frundsberg“ posieren auf
der Soldaten angesichts
einem erbeuteten US-Jeep. Die angespannte
der feindlichen Luftüberle-
Versorgungssituation zwang die deutsche
genheit nicht zu erklären.
Seite zur Improvisation, Beutematerial wurde
Foto: NARA
daher gerne eingesetzt. Foto: Sammlung Anderson

Villers-Bocage, das direkt südlich von Tilly- Panzerdivision wieder zurück. Die große reitschaft. Das Korps bestand aus drei Divi-
sur-Seulles lag. Chance war damit vertan. sionen und war rund 60 000 Mann stark. Die-
Auf deutscher Seite ahnte man nichts. Die Der Druck auf Montgomery wuchs. Nicht se Soldaten besaßen zwar nur sehr wenig
Führung setzte lediglich die schwere SS- nur, weil die 7. Panzerdivision einen enttäu- Kampferfahrung, waren dafür aber frisch
Panzer-Abteilung 101 in Marsch, da man schenden Start hingelegt hatte, sondern auch und „unverbraucht“. Der Feldmarschall
sich inzwischen Sorgen wegen der offenen aufgrund der V1, die die Deutschen ab dem schob sie zwischen dem XXX. und I. Korps
Flanke machte. Als Kompanieführer Micha- 12. Juni 1944 in großer Zahl auf England ab- ein. Er beabsichtigte, Caen im Westen zu um-
el Wittmann erkannte , dass die Briten Vil- feuerten. Allein in London kamen bis Ende gehen und in den Rücken der Stadt zu gelan-
lers-Bocage bereits eingenommen hatten, be- Juli mehr als 4.000 Menschen ums Leben, gen. Hierfür mussten die Briten die Flüsse
griff er sofort, wie brandgefährlich die Situa- weitere 30.000 wurden verletzt. Vor diesem Odon und Orne überwinden, die südwest-
tion war. Entschlossen griffen seine Hintergrund ist es verständlich, dass die Hei- lich der Stadt Richtung Nordost verliefen.
„Tiger“-Panzer die ,,Wüstenratten“ an und mat endlich weitere Erfolge sehen wollte. Würde ihnen dies gelingen, wären die Deut-
schossen etwa 24 Tanks ab, doch schafften es schen gezwungen, Caen aufzugeben. Dies
die Briten, die Stadt zu halten. Auch einem Montgomerys Ass im Ärmel hätte nichts anderes als den endgültigen
zweiten Ansturm der deutschen Stahlkolos- „Monty“ verhielt sich nun wie ein Poker- Durchbruch und damit den alliierten Sieg in
se hielten sie stand. Dabei büßten sie etwa 30 spieler, der nach ersten Verlusten die Einsät- der Normandie bedeutet. Den entscheiden-
Panzer ein, während die Deutschen zehn ze erhöht. Allerdings hatte er noch ein Ass im den Stoß sollte das neue VIII. Korps führen,
Kampfwagen verloren. Ärmel: Das VIII. Korps, dessen Aufmarsch während das XXX. und das I. Korps den Be-
Montgomery brach das Unternehmen sich aufgrund des Sturms im Ärmelkanals fehl erhielten, weiterhin die Panzer-Lehr-Di-
daraufhin ab und beorderte die 7. britische verzögert hatte, meldete endlich Einsatzbe- vision beziehungsweise die 21. Panzerdivision

DOKUMENT Unterhausrede von W. Churchill (Auszug) vom 6. Juni 1944


„Wir haben verschiedene wichtige Brücken, die es ein sehr wertvoller erster Schritt ist – ein le- entwickeln wird, denn der Feind wird wahr-
nicht gesprengt worden waren, in Besitz ge- benswichtiger, wesentlicher erster Schritt –, scheinlich jetzt versuchen, sich auf dieses Ge-
nommen. Auch im Innern des Landes, in Caen, gibt noch keinen Hinweis darauf, wie sich die biet zu konzentrieren, und in diesem Fall wer-
geht der Kampf weiter. Das alles aber, obgleich Schlacht in den nächsten Tagen und Wochen den sich bald schwere Kämpfe entwickeln (...).“

36
Mörderisches Trommelfeuer

VERMINT: Blick in einen Straßenzug von


Tilly-sur-Seulles nach Abschluss der heftigen
Kämpfe in der 2. Junihälfte 1944. Im Vorder-
grund ist ein Panzerfahrzeug „Universal Car-
rier“ zu sehen, das durch eine Minenexplosi-
on vollständig zerstört wurde.
Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto

zu „beschäftigen“. Die abgekämpfte 12. SS- die Alliierten eher aufhielt, waren schwere der 9. SS-Panzerdivision „Hohenstaufen“,
Panzerdivision „Hitlerjugend“ hingegen traf Regenfälle und Verkehrstaus. Erst am 27. Ju- der 10. SS-Panzerdivision „Frundsberg“ und
der Hauptschlag. ni 1944 schafften sie es, einen Brückenkopf der 2. SS-Panzerdivision „Das Reich“ an der
Operation „Epsom“, wie Montgomery südlich des Odon zu bilden. westlichen Flanke des britischen VIII. Korps
das Unternehmen nannte, begann nach eini- Das nächste Ziel war die beherrschende auf. Die drei Divisionen griffen unverzüg-
ger Verzögerung am 26. Juni 1944. Mehr als „Höhe 112“. Noch einmal rafften sich die lich an und gewannen rasch an Boden. Dabei
700 Geschütze eröffneten ein mörderisches Verteidiger auf und griffen den Brückenkopf vernichteten sie bis zum Abend 30 gegneri-
Trommelfeuer. Dazwischen wummerte die mit Panzern an. Doch die Schotten der 15. In- sche Tanks.
Schiffsartillerie von drei Kreuzern, die ihre fanteriedivision hielten stand, sodass am
Salven über die gesamte Landezone hinweg nächsten Tag die 11. Panzerdivision der Bri- Fataler Fehler
in die deutschen Stellungen jagten. Aus der ten ungestört den Fluss überquerte und die Wieder waren es die Schotten der 15. Divi-
Luft brausten zudem 250 Bomber heran, die Offensive energisch fortsetzte. sion, die die Lage für die Alliierten retteten.
die Feuerglocke über der 12. SS-Panzerdivi- Die Deutschen taumelten und wankten Mit starker Artillerieunterstützung dräng-
sion „Hitlerjugend“ vollendeten. Dann fuh- zurück. Hatte man ihnen nicht Verstärkung ten sie das II. SS-Korps wieder zurück – vor
ren die Panzer los. Diese machten sich meist versprochen? Wo blieb das II. SS-Panzer- allem die Schiffsgeschütze setzten den Deut-
gar nicht erst die Mühe, die verbliebenen korps? Am 29. Juni fiel „Höhe 112“. Die schen schwer zu.
deutschen Panzerabwehrgeschütze nieder- Nachbarverbände eilten ihren schwer be- Dennoch konnten die Angreifer einen tak-
zuschießen. Sie zermalmten sie schlicht mit drängten Kameraden von der 12. SS-Panzer- tischen Erfolg verbuchen, denn General Miles
den Ketten. division endlich zu Hilfe, doch die Gegen- Dempsey, Oberbefehlshaber der 2. britischen
stöße scheiterten. Armee, sorgte sich um die exponierte Lage
Wo blieb das II. SS-Panzerkorps? Der Sieg war für die Alliierten nun zum seines VIII. Korps und ordnete an, zumindest
Die Verteidiger wehrten sich dennoch ver- Greifen nah. Lediglich die Orne mussten sie die „Höhe 112“ vorläufig zu räumen. Eine
bissen. Mit Panzerfäusten und Haftlandun- noch überwinden. In diesem Augenblick Vorsichtsmaßnahme, die sich später als fata-
gen rückten sie den feindlichen Panzern zu aber trat die britische Führung kräftig auf ler Fehler herausstellen sollte. Montgomery
Leibe. Die mächtigen „Tiger“-Panzer „brüll- die Bremse – und sie hatte allen Grund dazu: brach Operation „Epsom“ schließlich am
ten“ immer wieder. Aber ihre Zahl war viel Das II. SS-Panzerkorps war da. Der Großver- 30. Juni 1944 endgültig ab. 4.000 Mann hatten
zu gering, standen doch dem VIII. Korps im- band marschierte unter dem Kommando die Briten verloren, die deutsche Seite hatte et-
merhin rund 600 Tanks zur Verfügung. Was von SS-Gruppenführer Wilhelm Bittrich mit wa 3.000 Soldaten eingebüßt.

Clausewitz Spezial 37
Zermürbender Stellungskrieg

TOD AUS DER LUFT: Ein britischer


Lancaster-Bomber während eines
alliierten Luftangriffs über Caen.
Foto: picture-alliance/united Archives/TopFoto

Wie prekär die Gesamtlage auf deutscher Ziel. Der Widerstand der 12. SS-Panzerdivi- tung Süden durchbrechen. Montgomery
Seite jedoch inzwischen war, zeigt vor allem sion, die während der Operation „Epsom“ wusste, dass dies sein letzter Versuch war,
das Verhalten des OB West Rundstedt. Am hierhin abgedrängt worden war, und der 16. bevor die Amerikaner ihre eigene große
29. Juni telefonierte er mit dem Chef des Luftwaffenfelddivision überraschte die Ver- Durchbruchsschlacht im Westen eröffneten.
Oberkommandos der Wehrmacht, General- bündeten und kostete sie hohe Verluste. Noch einmal warf er daher alles in die Waag-
feldmarschall Wilhelm Keitel, und machte Dennoch wichen die Verteidiger am 9. Juli schale, was er bei der alliierten Führung he-
diesem unverblümt klar, dass die Lage in der unter dem gewaltigen Druck zurück und rausschlagen konnte: 2.000 schwere Bomber,
Normandie hoffnungslos sei und dass die räumten schließlich den Nordteil von Caen. 600 mittlere Kampfflugzeuge und weit über
Führung Frieden schließen müsse. Hitler be- Die Orne teilt die Stadt in ziemlich genau 1.000 Panzer. Die deutsche „Panzergruppe
rief Rundstedt daraufhin am 2. Juli als OB zwei Hälften, sodass die neue Verteidigungs- West“ verfügte zu diesem Zeitpunkt ledig-
West ab und ersetze ihn durch Feldmarschall linie der Wehrmacht nun am südlichen Or- lich über 150 Kampfwagen. Musste diese
Günther von Kluge. Dieser ging zunächst ne-Ufer in Caen verlief. Montgomery hatte enorme materielle Überlegenheit nicht die
zuversichtlich ans Werk und überschüttete damit einen Teilerfolg errungen, doch der Entscheidung bringen?
den für die deutschen Abwehrmaßnahmen Preis war hoch: knapp 4.000 Soldaten und General der Panzertruppe Heinrich Eber-
zuständigen Generalfeldmarschall Rommel rund 80 Tanks waren verloren. Die Deut- bach, Oberbefehlshaber der „Panzergruppe
zunächst mit Vorwürfen. Doch kaum hatte er schen büßten rund 2.000 Mann und mehr als West“, besaß allerdings einen entscheiden-
sich selbst vor Ort ein Bild der Lage gemacht, 20 Panzer ein. den Vorteil: Dank sorgfältiger Aufklärung
schloss er sich Rommels Beurteilung der La- war er darüber im Bilde, was sich im Norden
ge an: Es war aussichtslos, die Wehrmacht Schwindende Reserven zusammenbraute und verteilte seine Kräfte
spielte nur noch auf Zeit. Nun zeigte sich, dass auch die Alliierten entsprechend. So baute er auf dem Bourgué-
Montgomery erhöhte nun den Einsatz nicht grenzenlos aus dem Vollen schöpfen bus-Höhenzug, der südlich von Caen ver-
abermals und plante eine noch größere Of- konnten. So warnte man Montgomery, dass läuft, eine starke Verteidigungs- und Auf-
fensive östlich von Caen. Um den Druck auf- die Reserven an Infanterie rasch „zur Neige“ fanglinie auf. Das „Herz“ der Defensive bil-
rechtzuerhalten, befahl er dem I. Korps, am gingen. Er legte daher den Schwerpunkt des dete hier das III. Flakkorps, das den
8. Juli mit drei Divisionen nördlich der Stadt neuen Großangriffs auf seine drei Panzerdi- Höhenzug mit fast 80 Geschützen vom Kali-
in die Offensive zu gehen. 450 Bomber leite- visionen. Unterstützt von nur zwei Infante- ber 8,8 cm sicherte. Die 1. SS-Panzerdivision
ten den Angriff am 7. Juli ein, doch der weit- riedivisionen, sollten diese den Orne-Brü- postierte er als Reserve südlich der Höhen-
aus größte Teil der Bomben verfehlte das ckenkopf nutzen und östlich von Caen Rich- züge. Nördlich davon stand lediglich die

38
Scheitern des Durchbruchs

HOCHDEKORIERT: KAMPFKRÄFTIG:
Michael Wittmann gilt Auch die 9. SS Pan-
nach Zahl der Abschüs- zerdivision „Hohen-
se als der erfolgreichste staufen” hatte eine
Panzerkommandant des gemischte II. Abtei-
Zweiten Weltkriegs. Al- lung im Panzer-Regi-
lein in der Schlacht um ment, neben 46
Villers-Bocage zerstörte PzKpfw IV (lang) wa-
er mit seinem „Tiger“ ren 40 Sturmge-
zahlreiche britische schütze im Bestand.
Panzer und Fahrzeuge. Die I. Abteilung war
Dafür erhielt er am 22. mit 79 „Panthern“
Juni 1944 die „Schwer- ausgerüstet. Auch
ter“. Wittmann und sei- dieses Fahrzeug, ein
ne Panzerbesatzung fie- Sturmgeschütz III
len am 8. August 1944 Ausf G, wurde gut
während der Kämpfe in getarnt, um den
Nordfrankreich. feindlichen Fliegern
Foto: ullstein bild - ullstein bild zu entgehen.
Foto: Sammlung Anderson

SELTENER AN-
BLICK: Panzergrena-
diere der Waffen-SS
passieren mehrere
PzKpfw V „Panther“
im Kampfraum Tilly-
sur-Seulles. Die ma-
terielle Unterlegen-
heit der Deutschen LEISTUNGSFÄHIG: Das Panzer-Regiment 12 der Divi-
war auch bei der sion „Hitlerjugend” hatte zwei Abteilungen, die I. war
Zahl von Panzern mit 79 „Panthern”, die II. mit 98 PzKpfw IV (lang)
erheblich. ausgerüstet. Die Luftüberlegenheit des Gegners führ-
Foto: picture- te zu großen Verlusten. Foto: NARA
alliance/ZB©dpa

21. Panzer- und die 16. Luftwaffenfelddivisi- sichern. Dadurch hatten es die deutschen Die Alliierten hatten rund 500 Panzer ver-
on. Die 12. SS-Panzerdivision befand sich zur Grenadiere leichter, die gegnerischen Panzer loren – dies entsprach etwa 36 Prozent aller
„Auffrischung“ zunächst weit entfernt vom mit Panzerfäusten und Haftladungen zu be- Tanks, die Briten und Kanadiern in der Nor-
Gefechtsraum. kämpfen und auszuschalten. mandie insgesamt zur Verfügung standen.
Dennoch rasselten die gepanzerten Unge- Die Wehrmacht büßte ungefähr 80 Kampf-
Operation „Goodwood” tüme weiter. Nun gerieten sie aber in Reich- wagen ein. Allerdings hatten die Deutschen
Die Briten ahnten nicht, dass Eberbach seine weite der brandgefährlichen 8,8-cm-Ge- weitaus größere Schwierigkeiten, diese Ver-
Verteidigung so tief gestaffelt hatte. Als Ope- schütze, die die Spitzen der Briten rasch zu- luste auszugleichen.
ration „Goodwood“ schließlich am 18. Juli sammenschossen. Auch die am Höhenzug
startete, verschonten die alliierten Bomber positionierte 1. SS-Panzerdivision griff nun Enttäuschte Öffentlichkeit
daher ausgerechnet das III. Flakkorps. Die mit ihren Kampfpanzern vom Typ „Panther“ Die Öffentlichkeit in Großbritannien zeigte
übrigen deutschen Verbände traf es dafür in die Schlacht ein und fügte den Angreifern sich indes maßlos enttäuscht darüber, dass
umso härter. 7.500 Tonnen Bomben verwüs- schwere Verluste zu. Derweil versuchte die der große Durchbruch nicht gelungen war.
teten Dörfer, Unterstände, Geschützstellun- 3. britische Infanteriedivision den Ein- Lediglich Caen war nun vollständig erobert.
gen und verwandelten die Gegend in eine bruchsraum nach Osten zu erweitern. Sie be- Die letzten deutschen Verteidiger hatten die
Kraterlandschaft. drängte die 346. deutsche Infanteriedivision Stadt verlassen.
Die 16. Luftwaffenfelddivision hatte es so hart, dass es zeitweise nach einem erfolg- Montgomery verwies darauf, dass es an-
am schlimmsten erwischt: Sie existierte reichen Durchbruch aussah. Erst als Eber- geblich nur seine Absicht gewesen wäre,
praktisch nicht mehr. bach die 12. SS-Panzerdivision „Hitlerju- deutsche Panzertruppen zu binden, um den
Mühsam quälten sich sodann die briti- gend“ wieder heranführte, konnte er die Kri- Amerikanern den finalen Ausbruch aus der
schen Tanks der 7., 11. und der Garde-Pan- se meistern. Die Verteidigung stand somit Normandie zu erleichtern. Auch wenn dies
zerdivision über Bombentrichter und Trüm- wieder. nicht ganz der Wahrheit entspricht, hatte
mer. Wieder einmal erwiesen sich das Gelän- Wie schwer die Verluste der Briten waren, „Goodwood“ dennoch genau dies bewirkt:
de und Staus als große Hindernisse. zeigte sich am nächsten Tag, als sie bei Die Wehrmacht fokussierte sich völlig auf
Doch nun rächte sich der Infanterieman- schlechtem Wetter nur noch zaghafte Angrif- die Briten, während sich die US-Truppen auf
gel auf britischer Seite: Die 11. Panzerdivisi- fe mit geringen Geländegewinnen ausführ- die Operation „Cobra“ vorbereiteten. Ihre
on musste ihre eigene Infanterie ausschwär- ten. Am 20. Juli 1944 brach Montgomery die Offensive sollte die Entscheidung in der
men lassen, um die kleinen Ortschaften zu Operation „Goodwood“ ab. Normandie bringen.

Clausewitz Spezial 39
Deutsche Befehlshaber

ERNSTE MIENE: Erwin Rommel (Mitte) und


Gerd von Rundstedt (rechts im Bild) während
einer Besprechung im Mai 1944 in Paris. Bei-
de waren sehr unterschiedliche Charaktere
und hatten bei der militärischen Führung in
Frankreich miteinander auszukommen.
Foto: picture-allaince/akg-images

40
Die deutschen Oberbefehlshaber im Westen

Führung ohne
Fortune
Mitte 1944: In den kritischen Tagen und Wochen
der alliierten Invasion leiteten Gerd von Rundstedt
als Oberbefehlshaber West und Erwin Rommel als
Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B die deut-
schen Operationen in Frankreich. Von Lukas Grawe

D
er Oberbefehlshaber West (OB West), ihren Verbänden rasch tief in pol-
Gerd von Rundstedt, wurde 1875 in nisches Territorium vor. Nach
Aschersleben geboren und wuchs als dem schnellen Sieg über Polen
Sohn eines preußischen Husarenoffiziers in übernahm Rundstedt den Ober-
der Tradition der preußischen Armee auf. Im befehl im Westen und befehligte
Ersten Weltkrieg machte der ehrgeizige Sol- im anschließenden Westfeldzug
dat in erster Linie in Stäben von Verbänden die HGr. A, die durch die Ardennen bis zum MIT ERNSTEM BLICK: Der OB West Gerd von
Karriere und diente nach der deutschen Nie- Kanal vorstieß und damit der Masse der al- Rundstedt lä sst sich während einer Übung
derlage in der Reichswehr. liierten Soldaten die rückwärtigen Verbin- anhand von Karten und Plänen die Lage ein-
Rundstedt begrüßte die Machtergreifung dungen kappte. zelner Truppenteile an einem „Atlantikwall“-
Hitlers ausdrücklich, um die „Fesseln von Abschnitt erlä utern. Foto: picture-alliance/akg-images
Versailles“ abstreifen zu können. Seine Loya- Generalfeldmarschall Rundstedt
lität zu Hitler bewies er unter anderem wäh- Nach dem überraschenden „Blitzkrieg“ in seinen Generalfeldmarschall und schickte
rend der „Blomberg-Fritsch-Krise“ 1938, die Frankreich ernannte Hitler im Juli 1940 zwölf ihn in den Ruhestand. Die Untätigkeit des
zur Entlassung des Reichwehrministers und Generäle zum Generalfeldmarschall, darun- bereits 67-jährigen und herzkranken Rund-
des Oberbefehlshabers des Heeres führte. ter auch Gerd von Rundstedt. Mehr denn je stedt währte nicht lange. Schon Mitte März
Als Hitler durch seinen aggressiven außen- war dieser dem „Führer“ treu ergeben. 1942 ernannte ihn Hitler zum OB in den be-
politischen Kurs auf einen Krieg hinsteuerte Beim Angriff auf die Sowjetunion im Juni setzten Ländern Westeuropas.
und sich innerhalb der Wehrmachtführung 1941 übernahm Rundstedt den Oberbefehl
erster Widerstand formierte, verschloss sich über die HGr. Süd, die den deutschen Ernennung zum OB West
Rundstedt entsprechenden „Werbungsver- Hauptstoß auf Moskau flankieren und die Mit diesem Kommando, das er bis Juli 1944
suchen“. Wenngleich er Zweifel hatte, ob ein fruchtbaren Gebiete der Ukraine erobern ausübte, war er für die Verteidigung des
Krieg zu diesem Zeitpunkt erfolgverspre- sollte. Beim dortigen Vormarsch beging die westeuropäischen Machtbereichs und damit
chend sein konnte, war sein Vertrauen zum „Einsatzgruppe C“ das Massaker von Babi auch für die Abwehr einer möglichen alliier-
„Führer“ doch größer als seine Bedenken. Jar. Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei ten Invasion zuständig. In der Folge begann
Beim Angriff auf Polen im September und des Sicherheitsdienstes exekutierten er mit der Intensivierung des „Atlantik-
1939 erhielt Rundstedt den Oberbefehl über hier im September/Oktober 1941 insgesamt wall“-Ausbaus. Im Streit zwischen „mobi-
die Heeresgruppe (HGr.) Süd und stieß mit mehrere Zehntausend Menschen. ler“ und „statischer“ Verteidigung neigte
Rundstedt befürwortete die „Vernichtung von Rundstedt zur ersteren Option und be-
des Sowjetstaates“ und zeigte sich dem völ- fürwortete die Bildung starker Panzerreser-
„Der ungleiche kischen Gedankengut der Nationalsozialis- ven. Als am 6. Juni 1944 die alliierte Landung
Kampf neigt sich dem ten zugänglich. in der Normandie begann, waren Rund-
Als jedoch seine HGr. vor Rostow am Don stedts Operationsmöglichkeiten jedoch stark
Ende entgegen.“ im Dezember 1941 den ersten Rückschlag eingeengt, da die mobilen Panzerreserven,
Erwin Rommel im Juli 1944 des Krieges einstecken musste, entließ Hitler die bei Paris zurückgehalten wurden, nur

Clausewitz Spezial 41
Deutsche Befehlshaber

mit Hitlers Erlaubnis eingesetzt werden „Mein Führer, ich habe stets Ihre Größe,
durften. Diese kam jedoch zu spät, um die
Brückenkopfbildung der Invasionsarmee zu Ihre Haltung in diesem gigantischen Kampf
verhindern. Als Rundstedt daraufhin offene und Ihren eisernen Willen, sich und den
Kritik an der obersten Führung äußerte,
wurde er am 2. Juli 1944 seines Kommandos Nationalsozialismus zu erhalten, bewundert.
des OB West enthoben und durch Günther (…) Zeigen Sie nun auch die Größe, die not-
von Kluge ersetzt. Noch einmal, im Septem-
ber 1944, übernham Rundstedt das Kom-
wendig sein wird, wenn es gilt, einen aus-
mando als OB West, ehe er im März 1945 sichtslos gewordenen Kampf zu beenden.“
endgültig von Hitler entlassen wurde.
Günther von Kluge in seinem Abschiedsbrief an Hitler 1944

Kluge als Nachfolger


Der 1882 in Posen geborene Günther von
Kluge stammte ebenso wie Rundstedt aus ei- jedoch unentbehrlich, sodass er im Novem- Richtung Calais zum Ärmelkanal vor. Als
ner preußischen Offiziersfamilie. Vor dem ber 1938 reaktiviert wurde. Die Politik Hit- nach sechs Wochen im Juni 1940 die vermeint-
Ersten Weltkrieg als Generalstabsoffizier tä- lers beunruhigte den zum General der Artil- lich stärkste Militärmacht Europas bezwun-
tig, erlitt Kluge an der Ostfront, in Italien lerie beförderten Offizier zwar, und Kluge gen war, wurde Kluge wenig später von Hit-
und vor Verdun schwere Verwundungen empfand auch keine Sympathie für die NS- ler zum Generalfeldmarschall befördert.
und versah ab 1916 hauptsächlich in Stäben Ideologie. Doch beteiligte er sich nicht an Anders als die meisten hochrangigen
von Militärverbänden seinen Dienst. Nach den frühen Widerstandsplänen gegen das Wehrmachtoffiziere befürwortete Kluge den
Kriegsende trat Kluge in die Reichswehr ein. nationalsozialistische Regime. Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941. Er-
Dort machte er rasch Karriere und stieg be- Als die Wehrmacht im September 1939 in neut führte er zunächst die 4. Armee als Teil
reits 1933 zum Generalmajor und ein Jahr Polen einmarschierte, übernahm Kluge den der HGr. Mitte. Als Mitte Dezember 1941 der
später zum Generalleutnant auf. Befehl über die 4. Armee. Sie stieß innerhalb sowjetische Gegenschlag die erschöpften
Seine steile Karriere dämpfte allerdings kurzer Zeit durch den polnischen Korridor deutschen Verbände traf, übernahm Kluge
die „Blomberg-Fritsch-Krise“. Vom neuen nach Ostpreußen vor und schwenkte dann den Befehl über die HGr. Mitte und ersetzte
Oberbefehlshaber des Heeres, Walther von nach Süden in Richtung Warschau ein. Hitler den erkrankten Generalfeldmarschall Bock.
Brauchitsch, wurde Kluge im Februar 1938 ernannte Kluge daraufhin zum Generaloberst. Hitlers Befehle, die Front um jeden Preis zu
in den Ruhestand versetzt. Die aggressive Im Westfeldzug gegen Frankreich behielt halten, setzte Kluge mit aller Energie und
Außenpolitik Hitlers machte einen Mann mit Kluge den Oberbefehl über „seine“ 4. Armee Härte in die Tat um.
den Erfahrungen und Begabungen Kluges und stieß über das belgische Malmedy in Seine völlig entkräftete Heeresgruppe
musste nach der erfolglosen Großoffensive
bei Kursk 1943 den Rückzug antreten. Ob-
wohl kurzzeitig die Reorganisation der Front
auf der „Hagen-Linie“ gelang, durchbrachen
die sowjetischen Truppen auch die-
se Verteidigungsstellung. Dieser
Erfolg des Gegners veranlasste
Kluge zum Weitermarsch Richtung
Reichsgrenze.
Im Oktober 1943 erlitt Kluge bei
einem Autounfall an der Front schwe-
re Verletzungen. Nach seiner Genesung
blieb er vorerst ohne Verwendung und wur-
de der „Führerreserve“ zugeteilt. In dieser
Zeit intensivierte der Widerstand seine Be-
mühungen, den schwankenden Generalfeld-
marschall auf die Seite der Hitler-Gegner zu
ziehen. Doch noch immer hoffte Kluge, ei-
nen Verständigungsfrieden mit den Westalli-
ierten erzielen und den Krieg gegen die Sow-
jetunion fortführen zu können.
Da Hitler stark über das Misslingen der
Abwehr der alliierten Invasion in der Nor-

BÖSE VORAHNUNG: Erwin Rommel an einem französischen


Küstenabschnitt des „Atlantikwalls“. Dem populären Generalfeld-
marschall war bereits kurz nach der Invasion die Aussichtslosigkeit
einer erfolgreichen Abwehr der alliierten Landung bewusst.
Foto: picture-alliance/Everett Collection
Kluge begeht Selbstmord

mandie verärgert war, entließ er Rundstedt


am 2. Juli 1944 und ernannte Kluge zum
OB West. Nach der schweren Verwundung
Rommels übernahm Kluge am 17. Juli über-
gangsweise zusätzlich den Befehl über des-
sen HGr. B.
In der Folge unterlief ihm bei der Organi-
sation des deutschen Gegenangriffs – dem
„Unternehmen Lüttich“ – der folgenschwe-
re Fehler, die Panzerreserven ohne Luft-
unterstützung an die Front zu entsenden.
Die deutschen Panzer erlitten durch alliierte
Luftangriffe massive Verluste. Ein erfolgrei-
cher Gegenschlag war dadurch unmöglich
geworden.
Nach dem 20. Juli 1944 versagte sich Klu-
ge nach kurzem Schwanken und entgegen
vorherigen Zusagen den Hitler-Gegnern.
Dennoch ließen sich seine engen Verbindun-
gen zum Widerstand nicht länger verheim- HOCHDEKORIERT: Erwin Rommel (1891– AUF INSPEKTIONSREISE: GFM Günther
lichen. Hitler war misstrauisch geworden 1944) erhielt zahlreiche Tapferkeitsaus- von Kluge (1882–1944), später Nachfolger
und befahl Kluge am 17. August 1944 direkt zeichnungen und Orden, darunter den „Pour Rundstedts als OB West, lässt sich den
von der Front zu sich. Auf dem Weg nach le Mérite“ (1917) und das „Eichenlaub mit Aufbau von Befestigungsanlagen an der
Deutschland beging Kluge am 19. August Schwertern und Brillanten“ (1943). französischen Küste erläutern.
1944 in Frankreich Selbstmord. Foto: picture-alliance/akg-images Foto: picture-alliance/akg-images

Rommels Werdegang Anfang März 1943 verließ Rommel den anging. Dennoch stürzte er sich mit Taten-
Rommel, im Jahr 1891 in Heidenheim gebo- afrikanischen Kontinent und erhielt nach drang in seine neue Aufgabe. Er hegte die
ren, war 1912 in die württembergische Ar- kurzer Regenerationszeit den Posten als Hoffnung, die erwartete britisch-amerikani-
mee eingetreten und wurde während des Oberbefehlshaber der HGr. B, die die Ent- sche Landung doch noch abwehren und
Ersten Weltkriegs als Frontoffizier mehrfach waffnung der ehemals verbündeten italieni- dann im Westen aus einer Position der Stär-
für besondere militärische Leistungen aus- schen Streitkräfte zu organisieren hatte. Ein- ke heraus verhandeln zu können. Daher tat
gezeichnet. fluss auf die Operationen im Süden Italiens er alles, um die Moral und die Kampfkraft
Nach der Niederlage Ende 1918 diente gegen die dort gelandeten Alliierten konnte seiner HGr. zu heben. Fieberhaft trieb der
Rommel – seit Ende 1917 Träger des höchsten Rommel nicht nehmen. So war er erleichtert, Generalfeldmarschall den Ausbau des „At-
Tapferkeitsordens „Pour le Mérite“ – in der dass seine HGr. Ende 1943 nach Frankreich lantikwalls“ voran. Dabei setzte er sich stark
Reichswehr. Als Hitler 1933 die Macht über- verlegte. Dort übernahm Rommel, der unter für eine „statische Verteidigung“ ein, da er
nahm, war Rommel von dessen Tatendrang dem Befehl des OB West stand, von Hitler wegen der absoluten alliierten Luftüberle-
beeindruckt. Bereits vier Jahre später zählte den Auftrag, die Kontrolle über die Verteidi- genheit größere Verlegungen eigener Pan-
er zum engen militärischen Gefolge des gungsmaßnahmen am „Atlantikwall“ zu zerreserven für ausgeschlossen hielt.
„Führers“ beim Reichsparteitag in Nürnberg. überwachen. Als die alliierte Landungsoperation
Während des Einmarsches in das Sude- „Overlord“ am 6. Juni 1944 begann, weilte
tenland im Herbst 1938 erhielt Rommel das In aussichtsloser Lage Rommel aus privaten Gründen in seinem
Kommando über das Führerbegleitbataillon Ziel seiner Abwehrmaßnahmen war es, ei- Wohnort Herrlingen. Die Invasion nahm ih-
und befehligte 1939 als Kommandant das ne Invasion der Alliierten an der Atlantik- ren Lauf, die Alliierten waren nicht zu stop-
Führerhauptquartier. Rommel hatte dadurch küste und die Errichtung einer auf deut- pen. Schnell gelang es ihnen, Brückenköpfe
auch während des Krieges gegen Polen ste- scher Seite gefürchteten „Zweiten Front“ an der französischen Küste zu bilden. Rom-
ten Kontakt zu Hitler. Im Rahmen des West- im Westen zu verhindern. Rommel ließ Mi- mel ahnte nun, dass die Abwehr der Invasi-
feldzugs gegen Frankreich 1940 übertrug Hit- nengürtel anlegen, Vorstrandhindernisse on gescheitert war.
ler Erwin Rommel den Befehl über die 7. Pan- („Rommelspargel“) aufstellen und neue Am 17. Juli 1944 wurde er durch feindli-
zerdivision („Gespensterdivision“). Bunker errichten. Der einst militärisch er- che Tiefflieger schwer verwundet. In der
Mit seiner vom Gegner gefürchteten un- folgreiche „Angreifer“ war zum „Verteidi- Folge vom Kommando der HGr. B entbun-
orthodoxen Führung empfahl sich Rommel ger“ geworden. den, geriet Rommel in den Verdacht, Mit-
für das nächste Kommando. Im Februar 1941 Rommel war mittlerweile pessimistisch, wisser des Attentats vom 20. Juli zu sein.
traf er in Libyen ein, um den deutschen Ver- was den erfolgreichen Ausgang des Krieges Vor die Wahl gestellt, vor dem „Volksge-
bündeten Italien im Kampf gegen die Briten richtshof“ angeklagt zu werden oder Gift
zu stabilisieren. In Nordafrika gelangen ihm zu nehmen, entschied sich Rommel für den
innerhalb der nächsten eineinhalb Jahre er- Literaturtipp Freitod. Er starb am 14. Oktober 1944. Zu
staunliche Erfolge. Folgerichtig wurde Rom- Ose, Dieter: Entscheidung im Westen 1944. diesem Zeitpunkt tobte bereits seit knapp
mel zum Generalfeldmarschall ernannt, ehe Der Oberbefehlshaber West und die Abwehr der zwei Wochen die Schlacht um Aachen. Der
sich Ende 1942 bei El Alamein das Blatt zu- alliierten Invasion. Stuttgart 1982 Kampf um das Deutsche Reich war im Wes-
gunsten der Alliierten wendete. ten längst entbrannt.

Clausewitz Spezial 43
Alliierter Oberbefehlshaber: Eisenhower

LÄSSIGE POSE: Dwight David


Eisenhower bedient auf die-
sem Foto ein MG locker aus
der Hüfte. Aufnahme vom Juni
1944 bei einem Truppenbe-
such. Foto: picture-alliance/AP Photo

44
General Dwight D. Eisenhower

Der „Invasionsexperte“
November 1942: Eisenhower
leitete die alliierte Invasion
Nordafrikas. Unter seinem
Kommando landeten Briten
und Amerikaner 1943 auf
Sizilien und dem italienischen
Festland. Sein militärisches POPULÄR ALS SOLDAT
UND POLITIKER: Das
„Meisterstück“ war aber die Prestige, das sich der
Landung am „D-Day“ 1944. Texaner Eisenhower wäh-
rend des Krieges erwarb,
Von Hagen Seehase sollte ihm später bei der
Präsidentschaftswahl
1952 helfen. Die Aufnah-

D
wight David Eisenhower wurde am me aus den 1940er-Jahren
14. Oktober 1890 in Denison, Texas, zeigt einen gut gelaunten
geboren. Seine Familie war deutscher General in seinem Büro.
Herkunft – sie stammte ursprünglich aus Foto: picture-alliance/Everett Collection
dem saarpfälzisch-lothringischen Grenzge-
biet und siedelte im 18. Jahrhundert zuerst in ziplin zu unterwerfen. Wichtig für die späte- formierten Tank Corps auszubilden, was er
Pennsylvania, bevor sie Ende des 19. Jahr- ren Ereignisse war aber, dass sich in seinem hervorragend meisterte. Als konsequenter
hunderts nach Kansas weiterzog. Dwight und in dem folgenden Jahrgang zahlreiche Verfechter der Mechanisierung der US-
war der dritte von insgesamt sieben Söhnen vielversprechende Offiziersanwärter befan- Streitkräfte machte er sich mit Denkschriften
des Ehepaars David Jacob Eisenhower – ein den, darunter seine späteren Untergebenen unbeliebt und musste disziplinarische Kon-
Ingenieur – und Ida Elisabeth Eisenhower. Omar Bradley und George Patton. 1915 gra- sequenzen fürchten. Er bekam einen Dienst-
Schon seit früher Jugend, die er in Abilene, duierte Eisenhower in West Point und heira- posten in der Panamakanalzone „verpasst“,
Kansas, verbrachte, trug Dwight den Spitz- tete kurz darauf Mamie Geneva Doud. Das wurde dann aber 1925 auf Empfehlung sei-
namen „Ike“. Durch die Freundschaft mit ei- Paar hatte zwei Söhne, von denen der eine, nes Vorgesetzten General Conner zur Gene-
nem Landstreicher entwickelte er zeitig ein Doud, schon im Alter von drei Jahren an ei- ralstabsausbildung in Fort Leavenworth zu-
Interesse am Angeln, an der Jagd und Cam- ner Kinderkrankheit starb. gelassen. Diese bestand er 1926 als bester
ping. Die Bibliothek seiner sehr belesenen von 245 Teilnehmern. Nach verschiedenen
Mutter war nicht nur der intellektuelle Ge- Langer Weg nach oben Verwendungen in der Militärbürokratie kam
genpart zu den zahlreichen Outdoor-Beschäf- Als 2nd Lieutenant ersuchte Dwight Eisen- Eisenhower in den Stab des damaligen Chef
tigungen, sondern sie führte zu einem anhal- hower mehrfach um Versetzung nach Über- des Stabes der US Army, General MacArthur,
tenden Interesse für Militärgeschichte. Als see: erst 1915 auf die Philippinen, dann so- den er 1935 auf die Philippinen begleitete –
Schüler zog Eisenhower sich eine lebensge- fort nach Kriegseintritt der USA 1917 nach endlich das ersehnte Auslandsabenteuer! Ei-
fährliche Infektion zu, die Ärzte wollten sogar Frankreich. Jedes Mal wurde das Gesuch ab- senhower wurde zum Lieutenant Colonel
sein Bein amputieren, was Dwight strikt zu- gelehnt, der ehrgeizige Eisenhower schien befördert und machte sogar den Piloten-
rückwies. Er erholte sich wieder und verein- dem langweiligen Garnisonsdienst in den schein, der ein lang ersehnter Traum war.
barte mit seinem Bruder Edgar, abwechselnd USA nicht entfliehen zu können. Stattdessen Nach dem Kriegseintritt der USA kam er
das jährliche College zu besuchen, während erhielt er die Aufgabe, eine Einheit des neu zum Generalstab nach Washington, wo er
der andere arbeitete: Das Geld der Familie sich mit strategischen Planungen beschäf-
reichte nicht für die Ausbildung beider Söh- tigte. Er fiel dem neuen Chef des Stabes der
ne. 1911 ging Dwight Eisenhower auf die Mi- US Army, General Marshall, auf, der ihn un-
litärakademie West Point. Seine Leistungen „Die einfachste ter seine Fittiche nahm. Eisenhower unter-
dort waren aber allenfalls durchschnittlich, Jagd ist die nach nahm eine Inspektionsreise nach Großbri-
nur in Sport und Naturwissenschaften glänz- tannien und wurde als Nachfolger von Ge-
te er mit guten Noten. Der junge Mann hatte dem Sündenbock.“ neral Chaney Kommandierender General
Schwierigkeiten, sich der militärischen Dis- Dwight D. Eisenhower des „European Theater of Operations“. Eine

Clausewitz Spezial 45
Alliierter Oberbefehlshaber: Eisenhower

steile Karriere, die hier noch nicht ihren Gip-


fel erreicht haben sollte.
Im November 1942 übernahm „Ike“ das
Kommando über die „Allied Expeditionary
Force“ für die Landung in Nordafrika.

Eisenhower, der Eroberer!


Die Durchführung der „Operation Torch“
stellte Eisenhower vor eine politische Heraus-
forderung: Er musste die Kooperation der
französischen Streitkräfte und Behörden in
Nordafrika und sogar deren obersten Befehls-
haber Admiral Darlan, der vordem noch treu-
er Parteigänger des Vichy-Regimes gewesen
war, akzeptieren. Das trug Eisenhower viel
Kritik ein, mit der er sich jedoch nicht lange
aufhielt. Weitere britische Streitkräfte wurden
ihm unterstellt, darunter auch Montgomery
mit seiner 8th Army. Eisenhower war der
Oberbefehlshaber während der alliierten Lan-
dungen auf Sizilien und in Süditalien – Unter-
nehmen, die in militärischer Hinsicht durch- ANSPRACHE ZUM „D-DAY“: Nur wenige Stunden vor dem Einsatz in der Normandie spricht
aus als „Generalproben“ für den „D-Day“ Dwight D. Eisenhower Fallschirmjägern der 101. US-Luftlandedivision Mut zu. Als Oberkom-
gelten können. Im Dezember 1943 ernannte mandierender litt er darunter, ein „Château-General“ zu sein, der kaum Kontakt zur Front
ihn Präsident Roosevelt – und nicht General hatte. Foto: picture-alliance/ZUMAPRESS
Marshall – zum „Supreme Allied Comman-
der in Europe“. Am 12. Februar 1944 über- Präsident Roosevelt hatte er Meinungsver- verschob Eisenhower den Invasionstermin
nahm er dann auch noch den Posten als „Su- schiedenheiten bezüglich eines Abkommens kurzfristig am 4. Juni um 24 Stunden. Am
preme Allied Commander of the Allied Expe- mit dem exilfranzösischen Regierungschef Montag, dem 5. Juni, um 2:00 Uhr früh, tra-
ditionary Force“, eine Doppelfunktion, die er General de Gaulle über den Einsatz von Ein- fen sich die zwölf höchsten alliierten Befehls-
bis zur deutschen Kapitulation behielt! heiten der Résistance vor und während der haber unter Eisenhowers Vorsitz im South-
Invasion. Beim britischen Premierminister wick House. Die Wetterprognose war etwas
„Let’s go!“ Churchill erwirkte er durch Androhung sei- besser, Montgomery war für die Landung
Die Planung der alliierten Landung in Nord- nes Rücktritts die Unterstellung der briti- am 6. Juni, die beiden Air Chief Marshalls
frankreich war eine Herkulesaufgabe, die schen Bomberflotte unter sein Kommando. Tedder und Leigh-Mallory dagegen. Eisen-
von Eisenhower nicht nur Entscheidungs- Eisenhower verlor bei all den diplomati- hower entschied pragmatisch: „Okay. Let’s
freude, Durchsetzungsvermögen und Pla- schen Winkelzügen aber nicht den Kontakt go!“ Um 3:30 Uhr gab er den Invasionsbefehl.
nungskompetenz auf militärisch-operativer zu den einfachen Soldaten: Am Vorabend ih- Trotz aller Vorbereitungen und der unge-
Ebene verlangte, sondern auch diplomati- res Einsatzes sprach er zum Beispiel persön- heuren Schlagkraft der ihm unterstellten
sches Geschick auf politischem Gebiet. Es lich mit Angehörigen der 101st Airborne Verbände war Eisenhower bezüglich des
ging neben taktischen und logistischen Fra- Division. Am 25. Mai 1944 bestätigte Eisen- Ausgangs der Invasion nicht ohne Skepsis.
gen auch um wichtige Personalentschei- hower den 5. Juni als Invasionstermin. Das Er entwarf sogar ein Rücktrittsgesuch für
dungen und politische Rücksichtnahmen. Hauptquartier („Supreme Headquarters Al- den Fall des Scheiterns, in dem er alle Verant-
Bei Admiral King musste er die Zuweisung lied Expeditionary Forces“, SHAEF) wurde wortung auf sich nahm.
von zusätzlichen Landungsbooten vom pa- nach Southwick House bei Portsmouth ver-
zifischen Kriegsschauplatz durchsetzen. Mit legt. Aufgrund widriger Wetterverhältnisse Château-General Eisenhower
Doch das Schreiben konnte in der Schubla-
de bleiben, die Invasion in der Normandie
verlief erfolgreich.
Endstation Straßengraben Nach der Landung der Alliierten in Süd-
frankreich im August 1944 wurden auch die-
An der nordafrikanischen Front war Gene- und lag plötzlich in einem Graben. Glückli-
se Verbände Eisenhowers Kommando un-
ral Eisenhower zu weit vorgeprescht und cherweise wurde keiner der beiden Insas-
musste nun, um nicht abgeschnitten zu sen dabei verletzt. Nach langen Bemühun- terstellt. Er befahl nun über die britisch-ka-
werden, einen weiten Bogen zurück zu den gen gelang es ihnen, das Fahrzeug wieder nadische 21st Army Group unter General
eigenen Linien machen. Stundenlang fuhr fahrtauglich zu machen und sicher zu den Montgomery, die US 12th Army Group
er in Begleitung eines einfachen Soldaten eigenen Truppen zurückzukehren. unter General Bradley und General Devers
in einem Jeep durch die Wüste. „Und was haben Sie mit dem Mann US 6th Army Group mit amerikanischen und
Nachdem er selbst lange Zeit am Steu- gemacht, der auf seinem Posten einge- französischen Verbänden. Eisenhowers
er saß, übergab er das Lenkrad dem Un- schlafen ist?“, wurde der General gefragt. Hauptquartier SHAEF verlegte ins „Trianon
tergebenen. Eisenhower fiel augenblicklich „Ich habe den armen Kerl ins Lazarett ge- Palace Hotel“ in Versailles. Seine Untergebe-
in tiefen Schlaf – und der Fahrer vermutlich schickt, damit er ordentlich ausschlafen nen machten es ihm nicht immer einfach, da
auch, denn der Jeep machte einen Satz kann.“
sie einen Schwerpunkt der Operationen auf

46
Eisenhower zieht ins Weiße Haus ein

jeweils ihrem Sektor beanspruchten. Eisen- „Was nicht auf einer einzigen
hower gab diesem Drängen zeitweise nach –
Kritiker wenden ein, das habe den Krieg ver- Manuskriptseite zusammengefasst
längert. Aber er erkannte beispielsweise die werden kann, ist weder durchdacht
strategische Bedeutung Antwerpens für den
alliierten Nachschub. Seinem erfolgreichsten noch entscheidungsreif.“
Armeekommandeur, General Patton, ge- Dwight D. Eisenhower
währte er sogar große Operationsfreiheit,
musste aber häufig zwischen diesem und
dem ähnlich „divenhaften“ Montgomery
vermitteln. Dabei empfand es Eisenhower dennen führte zu übertriebenen Absiche- lehnte aber – zunächst noch – ab. Er nahm lie-
selbst als großes Handicap, dass er (ungleich rungsmaßnahmen seines Hauptquartiers, ber den Präsidenten-Posten der Columbia
Montgomery, Patton und de Gaulle) niemals die eine effektive Kommandoführung eher University an und veröffentlichte seine Me-
selbst Einheiten in den Kampf geführt hatte. behinderten. Darüber hinaus geriet Eisenho- moiren unter dem schillernden Titel „Crusa-
Er machte es sich vielleicht deshalb zum Prin- wer dann auch noch in Streit mit de Gaulle de in Europe“ („Kreuzzug in Europa“). Ende
zip, alle an der Invasion beteiligten Divisio- bezüglich eines von Eisenhower angeordne- 1950 trat er von seinem Universitätsamt zu-
nen persönlich zu besuchen und Gespräche ten Rückzugs der alliierten Streitkräfte auf rück, um erster Oberkommandeur der NATO
mit den Soldaten zu führen. Zu seinem gro- die Vogesen, was Straßburg preisgegeben in Europa zu werden. Im Mai 1952 nahm er
ßen Verdruss blieb er in seinem Hauptquar- hätte. De Gaulle war damit nicht einverstan- seinen endgültigen Abschied von der Armee,
tier in Versailles stets ohne direkten Kontakt den und drohte, Eisenhower das Komman- und nach einem kurzen Intermezzo als zu-
zur Front. Er war nahezu abgeschottet durch do über die französischen Streitkräfte zu ent- rückgekehrter Universitätspräsident wurde
einen gewaltigen Stab von Militärangehöri- ziehen. Aber beide deutschen Offensiven – in er am 20. Januar 1953, nach einem überwälti-
gen und ein großes Gefolge von Geheim- den Ardennen und im Elsass – scheiterten genden Wahlsieg über den demokratischen
dienstmitarbeitern, zivilen Behördenvertre- letztendlich. Dwight D. Eisenhowers Sohn Kandidaten Adlai Stephenson, der 34. Präsi-
tern, Angehörigen von Hilfsorganisationen John war seit 1944 amerikanischer Offizier dent der Vereinigten Staaten von Amerika.
und nicht zuletzt von Journalisten. und wollte unbedingt in den Kampfeinsatz. Als Präsident gelang ihm die Eindäm-
General Bradley und General Patton, die bei- mung und Zurückdrängung des sowjetischen
Differenzen mit de Gaulle de ihren Kommandeur vor der Sorge um das Einflusses. Eine kostspielige Neuausrüstung
Am 20. Dezember 1944 stieg „Ike“ zum Ge- Leben seines Sohnes verschonen wollten, der konventionellen US-Streitkräfte lehnte
neral of the Army auf, dem höchsten Rang in hielten diesen ohne Wissen General Eisenho- er aus wirtschaftlichen und haushaltspoliti-
der amerikanischen Armee. Die Endphase wers mit administrativen Posten in England schen Gründen ab, stattdessen setzte er auf
der Kämpfe brachte zwei große Krisen für von der Front fern. nukleare Abschreckung. Zu den außenpoliti-
ihn: Das Auftreten deutscher Kommando- Mit der Kapitulation Deutschlands wur- schen Krisensituationen seiner Amtszeit ge-
truppen während der Gefechte in den Ar- de Eisenhower zum Militärgouverneur der hörten die Suezkrise und der Ungarnaufstand
amerikanischen Besatzungszone in Deutsch- 1956, der „Sputnikschock“ 1957 sowie der Ab-
land. Er befahl, die NS-Verbrechen in den schuss einer U2 über der Sowjetunion 1960.
Konzentrationslagern umfassend und ge- Eisenhower formulierte die sogenannte Do-
nauestens fotografisch und filmisch zu do- minotheorie, die eine der Grundlagen für die
kumentieren. Er lockerte das Fraternisie- US-Außenpolitik in Südostasien werden soll-
rungsverbot gegenüber der deutschen Zivil- te. 1956 wurde er wiedergewählt, erneut als
bevölkerung, ließ 400.000 Tonnen Lebens- Sieger über den unglücklichen Stephenson.
mittel an deutsche Zivilisten verteilen und Am 28. März 1969 erlag Dwight D. Eisen-
setzte sich für weitere Nahrungs- und Arz- hower in Washington einem langjährigen
neimittelhilfen an Deutschland ein. Herzleiden. Er wurde in Abilene, Kansas, an
der Seite seines als Kind verstorbenen Soh-
Karrierekrönung: Präsident nes Doud beigesetzt.
Im November 1945 kehrte Eisenhower nach
Washington zurück, um Marshalls Nachfol-
ger als Chef des Stabes der amerikanischen Literaturtipps
Armee zu werden. In dieser Position hatte er Brendon, Piers: Eisenhower. Von West Point ins
den Rücktransport der US-Truppen aus Eu- Weiße Haus. München 1988
ropa zu organisieren. Eisenhower gehörte
Ambrose, Stephen: Eisenhower. New York
außerdem zu den Kritikern des Atombom-
1983/1984. 2 Bände (auch als „Eisenhower.
beneinsatzes gegen Japan und hielt ein zu-
Soldier and President“ in einer einbändigen
künftiges gutes Verhältnis zur Sowjetunion [gekürzten] Fassung erschienen)
STAATSBEGRÄBNIS IN „STARS AND für möglich. Letzteres musste er aber ange-
STRIPES“: Eine Ehrengarde bewacht den sichts des aggressiven Auftretens der Sow-
Sarg des ehemaligen Generals und Präsiden- jets in Deutschland und im griechischen Bür-
Hagen Seehase, Jg. 1965, Studium der Germanistik
ten am 31. März 1969 im Rundbau des Ka- gerkrieg revidieren.
und Geschichte, Autor von Büchern und Fachartikeln,
pitols in Washington. Seine letzte Ruhestät- Eisenhower erhielt Angebote der beiden
besonders zu Themen der britischen Geschichte und
te fand „Ike“ im US-Bundesstaat Kansas. amerikanischen Parteien, für die Präsident-
Militärgeschichte.
Foto: picture-alliance/dpa schaftswahlen von 1948 zu kandidieren,

Clausewitz Spezial 47
Meinung

Pas de Calais oder Normandie?


Wer ist schuld an der Fehleinschätzung des alliierten
Landungsschwerpunktes?
Von Bernd Ulrich

W as auch immer am Vortag der alliierten Lan-


dung am 6. Juni 1944 auf dem Obersalzberg
herrschte: Nervosität war es jedenfalls nicht.
Bis auf ein paar wenige Besprechungen war alles wie
immer verlaufen, der „Führer“ residierte auf dem Berg-
sehe, so Goebbels, „blendend aus“ – hatten auch die
in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni eingelaufenen Mel-
dungen über die Besetzung Roms durch alliierte Trup-
pen nichts zu ändern vermocht. Italien war als Kriegs-
schauplatz – und erste europäische Region einer alliier-
hof und gab seinen Obsessionen des monologisierenden ten Landung – offensichtlich von zweitrangiger Natur.
Herrschers der Welt und kunstsinnigen Bohemiens nach. Zwar wäre, wie es ungewöhnlich offen schon in der
Das erlebte an diesem 5. Juni auch Joseph Goebbels, Führerweisung Nr. 51 vom 3. November 1943 hieß, „die
der mit Hitler lange Unterredungen über die Unzu- Gefahr im Osten geblieben, aber eine größere im Wes-
länglichkeiten Görings und Ribbentrops führte und da- ten zeichnet sich ab: die angelsächsische Landung!“
bei insgeheim seinen Plan weiter verfolgte, den Führer Gelänge ihr der „Einbruch in unsere Verteidigung“, so
von der Notwendigkeit des „Totalen Kriegs“ zu über- damals der richtige Umkehrschluss, wären „die Folgen
zeugen – selbstverständlich unter seiner, Goebbels, Lei- in kurzer Zeit unabsehbar“.
tung. Im Übrigen jedoch eröffnete Hitler ihm – frei von „Die Entscheidung fällt zweifellos im Westen“, ver-
„Depression oder von seelischer Erschütterung“, so das traute der Propagandaminister seinem Tagebuch an,
Goebbel’sche Tagebuch – ausufernde Pläne über die damit die Überzeugung Hitlers wiedergebend. Und
„Zukunft des Krieges, groß gefasst und von einer au- „was die Invasion anlangt, so sieht der Führer ihr mit
ßerordentlich tiefgründigen Phantasie“ zeugend. vollem Vertrauen entgegen. Rommel hat die in ihn ge-
In der Tat: Phantasie- und folgenreich waren die Hit- setzten Hoffnungen vollauf erfüllt.“ Einzig das über
lerschen Vorstellungen, wenn auch kaum „tiefgrün- dem Obersalzberg und Berchtesgaden am späten
dig“. Mit England etwa sei keine Verständigung mög- Abend des 5. Juni niedergehende schwere Gewitter
lich, weshalb er, Hitler, fest entschlossen sei, dem Land schien ein Vorbote kommenden Unheils.
„den Todesstoß zu versetzen, wenn er auch nur die ge-
ringste Gelegenheit dazu bekommt“. Selbst Goebbels Verblendetes Vertrauen
zeigte sich an diesem Juni-Tag 1944 unsicher darüber, Der Verblendungszusammenhang, der sich hier mit
„wie er das im Einzelnen durchführen wird“, tröstete Blick auf die halb privaten Gepflogenheiten und Denk-
sich dann aber sogleich mit den autosuggestiven Wor- weisen Hitlers und seines engeren Umkreises über die
ten, dass „sein Führer“ es ja schon oft geschafft habe, Kriegslage im Allgemeinen und die bevorstehende In-
„Pläne, die im Augenblick absurd klangen, in späterer vasion im Besonderen zeigte, war allenthalben anzutref-
Zukunft doch zu verwirklichen.“ fen: innerhalb der militärischen Führung ebenso wie
Der Abend aber gehörte – nach dem üblichen nach- unter den im Westen stationierten Soldaten. Die Ver-
mittäglichen und sich Stunden hinziehenden Ritual im bundenheit mit Hitler (sie sollte sich dann vor allem be-
Teehaus und den kurzen Spaziergängen davor und da- stätigen, nachdem der Führer das mutige Attentat vom
nach – dem Beisammensein vor dem Kamin und wei- 20. Juli 1944 überlebt hatte), die Nähe zur NS-Ideologie,
teren, teils endlos sich hinziehenden „Plaudereien“. vor allem aber die Entschlossenheit zu kämpfen, trotz
Am 5. Juni schaute man zuvor „noch die neue Wochen- der absehbaren materiellen Überlegenheit des Gegners
schau an, die ausgezeichnete Bilder bringt“, wie Goeb-
bels in seinem Tagebuch vermerkte, um hernach „noch
bis nachts um 2:00 Uhr am Kamin“ zu sitzen. „Wir tau- Literaturtipps
schen Erinnerungen aus, freuen uns über die vielen Boog, Horst/Krebs, Gerhard/Vogel, Detlef: Das Deutsche
schönen Tage und Wochen, die wir zusammen erlebt Reich in der Defensive. Strategischer Luftkrieg in Europa.
haben. Kurz und gut, es herrscht eine Stimmung wie in Krieg im Westen und in Ostasien 1943–1944/45. In: Militär-
den guten alten Zeiten.“ geschichtliches Forschungsamt (Hrsg.): Das Deutsche Reich
An dieser so gespenstischen wie anhaltend guten und der Zweite Weltkrieg. Bd. 7, Stuttgart/München 2001
Stimmung des Führungszirkels und der hervorragen- Keegan, John: Der Zweite Weltkrieg. Berlin 2004
den mentalen und äußerlichen Verfassung Hitlers – er

48
– und trotz der desolaten deutschen Gesamtlage im Zeitraum für die Invasion herausgeschält hatte. Hit-
Frühsommer 1944 –, war nach wie vor stark ausgeprägt. ler etwa war sich wochenlang ganz sicher, dass der
Und dies nicht nur bei den im Westen stationierten Waf- „Angriff im Westen“ im Frühjahr 1944 kommen würde,
fen-SS-Einheiten oder Fallschirmjägern. und legte sich schließlich auf den 18. Mai fest. Knapp
Sicher, gewisse „Etappenerscheinungen“ – oder, daneben ist auch vorbei – alle näheren Bestimmungen
wie der Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall von Tag und Stunde glichen dem Stochern im Nebel,
Gerd von Rundstedt, noch Ende 1943 angeprangert zumal die Alliierten bis einen Tag vor der Landung
„DIE ENTSCHEI- hatte, die „Verwässerung der Westeinheiten“ – blieben selbst nicht wussten, wann genau ihre Riesenoperation
DUNG FÄLLT IM unübersehbar. Trotz gelegentlicher Luftangriffe und beginnen sollte.
WESTEN“: Auf deut- einzelner Aktionen des französischen Widerstands leb- Die herrschende Unsicherheit über den genauen
scher Seite erwartete te es sich als Wehrmachtssoldat in der französischen Zeitpunkt hing indessen auf deutscher Seite aufs Engs-
man eine Landung in „Festung Europa“ bislang immer noch ungleich ange- te mit der zugleich spätestens seit Ende 1943 konstatier-
Frankreich – der Zeit- nehmer und gefahrloser als an allen anderen Frontab- ten, felsenfesten Gewissheit zusammen, wo die Lan-
punkt wurde recht
schnitten. Es gab keinen flächendeckend vorhandenen dung erfolgen würde, ja, müsse. Nämlich „natürlich“
akkurat eingeschätzt,
aber beim Ort hat
oder mit den Monaten der „Blitzsiege“ vergleichbaren an der engsten Stelle des Kanals, an den Küstenstreifen
sich die Militärfüh- Kampfgeist. Und der vorhandene wurde durch die ge- der Picardie und im Artois, vor allem am Pas de Calais,
rung verkalkuliert. ringe Kampfkraft mancher Verbände, die oft aus Rest- einer der Küstenregionen, von der aus 1940 auch der
Das Bild zeigt einen beständen zerschlagener Einheiten zusammengefügt deutsche Angriff auf die britische Insel geplant worden
Wachposten vor ei- worden waren, nicht gerade befördert. Hinzu kam, war (Operation „Seelöwe“).
nem Geschütz am dass viele Soldaten im Falle eines alliierten Angriffs – Namentlich von Rundstedt und der von Hitler ge-
Atlantikwall. und anders als an der Ostfront – keine Angst davor hat- schätzte Generalfeldmarschall Erwin Rommel, seit An-
Foto: picture-alliance/ZB ten, in Gefangenschaft zu geraten. Es hatte sich nach fang November 1943 mit seinem Heeresstab zu einer
den Erfahrungen in Nordafrika und in Italien herum- Art Revisor der Verteidigungsvorbereitungen im Küs-
gesprochen, dass die Alliierten gemeinhin das Kriegs- tenbereich befohlen, favorisierten diese Variante. Sie
völkerrecht achteten. Schließlich sprach auch die ließen sich davon auch nicht durch die Ergebnisse di-
auffällige Zunahme von Selbstmorden und Fahnen- verser Planspiele, die Ahnungen einiger Armeeführer
fluchtdelikten seit Mitte 1943 für einen veränderten und die seit März verstärkt einlaufenden Agentenmel-
Erwartungshorizont mancher deutscher Soldaten. dungen abringen, nach denen die Normandie, insbe-
Aber all das minderte weder die weit über die Inva- sondere die Gegend um die Orne-Mündung, die Calva-
sion hinaus anhaltende Kampfzähigkeit deutscher dos-Küste, Teile der Halbinsel Contentin und der Raum
Truppen, noch änderte es etwas an der weit verbreite- Sainte-Mère-Église im Zentrum des Unternehmens
ten Überzeugung unter den Soldaten und Offizieren, „Overlord“ standen.
die sie mit ihrem „Führer“ teilten, jeder alliierten Lan- Diese Gewissheit war so stark, dass sie – im Verein
dungseinheit im Gefecht turmhoch überlegen zu sein. mit den ebenso sicher erwarteten Täuschungsmanö-
Mehr als alle mangelhaften logistischen oder verfehlten vern und Scheinangriffen der Alliierten – noch Geltung
taktischen Vorbereitungen oder Führungsfehler, mehr beanspruchte, als die Landung in den Morgenstunden
auch als die Fehleinschätzungen des Landungszeit- des 6. Juni 1944 in der Normandie begann. Teils bis En-
punktes und -ortes oder auch die absolute Luftherr- de Juli war die deutsche Führung überzeugt, dass der
schaft der Alliierten war es diese von sich so überzeug- eigentliche Landungsangriff noch bevorstehen würde –
te wie verblendete Kampfbereitschaft, die im Westen al- an der Kanalküste.
lein bis Mitte August rund 250.000 tote, verwundete Einzig Hitler, der sonst in nahezu allen Belangen
oder gefangen genommene deutsche Soldaten forderte. den Plänen der beiden Feldmarschälle gefolgt war und
in seiner Weisung Nr. 51 vom 3. November 1943 eben-
Getäuschte Armeeführung falls die Kanalküste als alliierten Landungsschwer-
Die Vorbereitungen auf deutscher Seite, die drohende punkt ausgemacht hatte, begann im März 1944 skepti-
und seit Ende 1943 sicher erwartete „angelsächsische scher zu werden. Er veranlasste die Verlegung einiger
Landung“ wenn nicht zu verhindern, so doch sofort weniger Einheiten in die Gegend um Caen und an die
zurückzuschlagen, waren vor allem nach der großen Calvados-Küste. Dazu gehörte auch die 352. Infanterie-
Denkschrift des OB West, Gerd von Rundstedt, am division; sie war jener kampfstarke Verband, der den
25. Oktober 1943 und der kurz darauf ergehenden Füh- amerikanischen Soldaten am „Omaha Beach“ so mas-
rerweisung Nr. 51 (3. November 1943) nochmals inten- sive Verluste zufügte.
siviert und in ihren Anordnungen präzisiert worden. Allerdings hat weder diese Aktion noch hätten prä-
Das betraf naturgemäß auch die Frage, wann und zise Kenntnisse über Zeit und Ort der Invasion die ab-
vor allem wo die Anlandungen stattfinden würden. Im sehbare Niederlage verhindert.
Hinblick auf den Zeitpunkt herrschte einige Konfusion,
wenn man einmal davon absieht, dass sich trotz aller
Dr. phil. Bernd Ulrich studierte Geschichte und Germanistik
alliierter Täuschungsmanöver und unzureichender ei- an der FU Berlin. Er arbeitet als Historiker und Autor für Verlage,
gener Aufklärungsmittel zutreffend die erste Hälfte des Rundfunk und Zeitungen sowie als Ausstellungskurator.
Jahres 1944 (ab März) mit hoher Wahrscheinlichkeit als

Clausewitz Spezial 49
Schlacht in der Normandie

Operation „Cobra“

Der große
Durchbruch
Juli 1944: Bislang war den Alliierten der entscheidende Schlag gegen die deut-
schen Verbände in der Normandie verwehrt geblieben. Doch die Voraussetzungen
für einen alliierten Erfolg verbesserten sich von Tag zu Tag. Von Stefan Krüger

V
orbei an Ruinen, Trümmern und aus-
gebranntem Kriegsgerät holperte der
Stabswagen durch die Landschaft. Sein
Ziel war der Stab der Panzer-Lehr-Division
südwestlich von Saint-Lô. Der Verband hatte
erst Ende Juni 1944 die Caen-Front verlassen.
Als der Druck der Amerikaner nach der
Einnahme von Cherbourg rasant zunahm,
sollte nun die Panzer-Lehr-Division den
Kampf gegen die US-Soldaten fortsetzen.
Sie war hier das Rückgrat der Verteidigung
und Feldmarschall Kluge, dem neuen OB
West, so wichtig, dass er seinen eigenen
Sohn als Abgesandten zu ihr schickte, um
seine Befehle zu übermitteln. Der junge
Oberstleutnant Kluge fühlte sich in seiner
sauberen Uniform sichtlich unwohl im Krei-
se dieser von den schweren Kämpfen ge-
zeichneten Offiziere der Division. Er richte-
te schließlich das Wort an ihren Komman-
deur Fritz Bayerlein und teilte diesem mit,
dass der Feldmarschall verlange, dass die
Linie Saint-Lô–Périers gehalten werde. To-
tenstille. Bayerlein sah mit trüben Augen zu
ihm auf, ehe er leise antwortete: „Melden SCHILDERWALD: Ein US-Soldat blickt auf von den Deutschen auf ihrem Rückzug zurück-
Sie dem Feldmarschall, die Panzer-Lehr ist gelassene Hinweistafeln. Mit „Cobra“ gelang den Alliierten schließlich der entscheiden-
vernichtet.“ Generalleutnant Bayerlein hat- de Durchbruch. Foto: picture-alliance/Usis-Dite/Leemage
te keineswegs übertrieben.
nen gegen die Briten ins Feld führte, stan- Nach dem Fall von Cherbourg am 26./
Zäher Widerstand den den Amerikanern lediglich acht Infan- 27. Juni 1944 waren die US-Soldaten aller-
Mit der Operation „Goodwood“ hatten die teriedivisionen und drei motorisierte Ver- dings nur sehr langsam vorangekommen.
Briten ihr letztes großes Opfer an der Nor- bände gegenüber. Schlechtes Wetter, ungünstiges Gelände und
mandiefront gebracht. Ihr Ziel war es gewe- Doch der Preis, den die Briten gezahlt nicht zuletzt der zähe deutsche Widerstand
sen, die schlagkräftigen deutschen Panzer- hatten, war sehr hoch gewesen. Nun oblag hatten dazu geführt, dass Saint-Lô erst am
verbände auf sich zu ziehen. Und sie hatten es den Amerikanern, ihren Teil der Aufgabe 19. Juli fiel. Mit diesem entscheidenden Ver-
Erfolg: Während die „Panzergruppe West“ zu erfüllen – den großen Durchbruch an der kehrsknotenpunkt in der Hand beabsichtig-
sieben Infanterie- und acht Panzerdivisio- Normandiefront. te Generalleutnant Omar Bradley, Oberbe-

50
WICHTIGER ETAPPENSIEG: Ein Half-track der
US-Armee durchquert die Kleinstadt Avranches,
Ziel des gescheiterten deutschen Unternehmens
„Lüttich“. Foto: picture-alliance/Usis-Dite/Leemage

fehlshaber der 1. US-Armee, die Durch- Trumpf der Verbündeten stellten jedoch führte jedoch dazu, dass einige Bomber den-
bruchsschlacht am 24. Juli zu beginnen. Das 11.000 Flugzeuge dar, denen kaum 1.000 deut- noch aufstiegen und prompt die eigenen
auf den Namen „Cobra“ getaufte Unterneh- sche Maschinen gegenüberstanden, die zu- Leute bombardierten. Das Resultat waren et-
men sah vor, die deutschen Linien westlich dem bedeutend weniger Einsätze flogen. wa 600 Soldaten Verluste.
von Saint-Lô zu durchstoßen. Die wichtigste Am nächsten Tag aber stiegen über 2.000
Etappe war der Küstenort Avranches. Von Verheerender Bombenteppich Flugzeuge auf, die einen dichten Bomben-
hier aus sollten die US-Divisionen in alle drei Die Wehrmacht hatte inzwischen 25 Divisio- teppich auf ein lediglich sieben mal drei Ki-
Richtungen ausschwärmen, um zum einen nen in der Normandie zusammengezogen, lometer großes Gebiet legten. Dort verteidig-
die leistungsstarken Häfen in der Bretagne deren Stärke am Vorabend von „Cobra“ je- ten sich die Panzer-Lehr-Division und Teile
einzunehmen und zum anderen die deut- doch lediglich 16 vollständig aufgefüllten benachbarter Fallschirmjägerregimenter. Als
sche 7. Armee und die „Panzergruppe West“ Verbänden entsprach. Zudem litten die ob dies nicht genug gewesen wäre, flogen
mit einem großen Schwenk nach Osten ein- Deutschen erheblich unter Munitions- und den schweren Maschinen anschließend 400
zukesseln und zu vernichten. Treibstoffmangel. Der Quartiermeister der Jagdbomber hinterher, die der Panzer-Lehr-
Neben dem V. und VII. US-Korps standen 7. Armee meldete gar, dass die Versorgung Division endgültig das Genick brachen. Als
Bradley nun auch noch das VIII. und XIX. der Armee nicht mehr gewährleistet sei. das VII. US-Korps am Ende vorrückte, fan-
Korps zur Verfügung. In Reserve hielt sich die Die 14 Divisionen der 1. US-Armee traten den die Amerikaner meist nur noch Leichen
gesamte 3. US-Armee unter George Smith somit unter denkbar günstigen Vorausset- und Wracks. Der Weg war frei.
Patton mit drei Korps bereit. Insgesamt waren zungen zu „Cobra“ an, vor Pannen und ei- Erst am nächsten Tag trafen die US-Solda-
zu diesem Zeitpunkt bereits 1,3 Millionen al- ner ungünstigen Wetterlage waren sie indes ten auf Widerstand, den die alliierten Flieger
liierte Soldaten beziehungsweise 31 Divisi- nicht gefeit. So verschob Bradley das Unter- jedoch erneut niederbombten. Die drei an-
onen in der Normandie aufmarschiert, darun- nehmen aufgrund schlechten Wetters auf greifenden Infanteriedivisionen des VII.
ter allein 770.000 Amerikaner. Den stärksten den 25. Juli. Eine Kommunikationspanne Korps hatten es somit geschafft, ein großes

Clausewitz Spezial 51
Schlacht in der Normandie

KARTE Alliierte Durchbrüche (Saint-Lô/Avranches)

AUF DEM VORMARSCH: Soldaten des


VII. US-Korps begutachten auf einer frei-
gekämpften Straße die eigenen Verluste.
Foto: picture-alliance/Usis-Dite/Leemage

Loch in die deutsche Verteidigung zu schla-


gen. Generalmajor Lawton Collins, Kom-
mandeur des VII. US-Korps, entschied da-
her, bereits am 27. Juli seine beiden Panzer-
divisionen in die Schlacht zu werfen, um
nun rasch einen Durchbruch zu erzwingen.
Dies war gewiss etwas früh, doch der Erfolg
gab ihm Recht: Schon am 28. Juli 1944 stan-
den seine Tanks in Coutances. Für die Vertei-
diger bedeutete dies eine Katastrophe, denn
nun waren die vier Divisionen, die sich nörd-
lich der Ortschaft momentan gegen das VIII.
US-Korps verteidigten, abgeschnitten. Rasch
versuchten sich die Deutschen vom Feind zu
lösen, den meisten gelang die Flucht jedoch
nicht mehr.

Vor dem Zusammenbruch


Verzweifelt versuchte Kluge, die Lücken zu
stopfen, indem er Verbände von der „Pan-
zergruppe West“ abzog. Deren Zahl war
aber erstens viel zu gering und zweitens kam
die Verstärkung zu spät. Dazu trugen auch
Fesselangriffe der kanadischen Armee und
Fliegerangriffe bei. Der Zusammenbruch des
linken Flügels der 7. Armee war nun nicht
mehr aufzuhalten. Lediglich die Verbände
östlich von Saint-Lô hielten sich noch, wenn-
gleich die US-Soldaten sie nach und nach
zurückdrängten. Konsequent spielten die
Amerikaner nun ihren letzten großen
Trumpf aus und schoben die 3. US-Armee
unter Patton in die geschlagene Bresche. Pat-
ton nahm am 31. Juli Avranches und vollen-
dete damit den „Dammbruch“. Eine zusam-
menhängende deutsche Front existierte hier
zu diesem Zeitpunkt nicht mehr.
Der schnelle Erfolg verführte die Verbün-
deten dazu, größere Risiken einzugehen.
Hatte das Hauptziel ursprünglich darin be-
Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich
standen, bis zum Herbst des Kriegsjahres

52
Deutsche in Bedrängnis

MIT GESENKTEM HAUPT: Eine Kolonne deuts


cher
Gefangener in einem im Rahmen der Operation
„Cobra“ von den Alliier ten eroberten franzö
si-
schen Dorf. Foto: picture-alliance/Usis-Dite/Leemage

AUF DEM WEG NACH VORN: Sol-


daten der 12. SS-Panzerdivision
„Hitlerjugend” in einem Pionierpan-
zerwagen (Sd.Kfz. 251/7). Mithilfe
BILANZ: Ein RAF-Pilot ergänzt der Spezialausrüstung sowie der
auf dem „Squadron board“ die beiden Pionierbrücken konnten die
mit seiner „Hawker Typhoon“ im Panzerpioniere die Truppe im An-
Kampf gegen die Luftwaffe und griff wirkungsvoll unterstützen. Der
deutsche Bodentruppen errun- Schützenpanzerwagen ist aufwen-
genen Abschüsse. dig getarnt, das MG zur Fliegerab-
Foto: picture-alliance/empics wehr bereit. Foto: NARA

1944 große Häfen einzunehmen, um die Ver- Monat und die vielen schweren Schlachten 20 Kilometer südlich von Villers-Bocage, wo
sorgung mit Nachschub endlich auf ein so- forderten mittlerweile deutlich ihren Tribut die schwere SS-Panzer-Abteilung 101 am
lides Fundament zu stellen, beabsichtigten von den deutschen Truppen an der Caen- 13. Juni ihren großen Erfolg über die britische
die Alliierten nun alles daranzusetzen, um Front. So meldete die „Panzergruppe West“ 7. Panzerdivision errungen hatte. Nun sah es
die deutschen Normandie-Armeen zu ver- nach dem Abbruch der alliierten Operation düster aus für die Wehrmacht: Hammer und
nichten. Bradley, der mittlerweile das Kom- „Goodwood“ am 20. Juli, „dass in Kürze die Amboss kamen sich unaufhörlich näher.
mando über die 12. Armeegruppe übernom- Substanz der Divisionen aufgebraucht sein Während bei den Alliierten die Zeichen
men hatte und damit für beide US-Armeen muss“. Allein bis zum 24. Juli summierten also auf Sieg standen, erhielt Eisenhower un-
verantwortlich war, unterstellte hierfür das sich die Verluste in der gesamten Normandie erwartet eine eindringliche Warnung des Ge-
VIII. Korps der 3. Armee unter Patton. Die- auf mehr als 116.000 Mann. Als Ersatz trafen heimdienstes: Die Deutschen planten angeb-
ser erhielt sodann den Befehl, lediglich ein lediglich etwa 10.000 Soldaten ein. lich einen massiven Gegenschlag mit Pan-
Korps auf die strategisch wichtigen Bretag- zerkräften. War dies überhaupt möglich?
ne-Häfen anzusetzen, während die drei üb- Furcht vor Gegenstoß Hitler hatte am 2. August tatsächlich
rigen Großverbände der 3. Armee den Kessel Ein Durchbruch, wie er den „amerikani- angeordnet, einen Gegenstoß mit mehre-
schließen sollten. Die Amerikaner schwan- schen Vettern“ gelungen war, blieb den Bri- ren Panzerdivisionen auszuführen. Ziel des
gen den Hammer, während die Briten und ten und Kanadiern zwar verwehrt. Doch Unternehmens „Lüttich“ war Avranches.
Kanadier weiterhin den Amboss bildeten. drängten sie die Deutschen nach und nach Der Diktator hoffte, die 3. US-Armee voll-
Letztere blieben indes nicht untätig. Der zurück. So standen sie am 5. August rund ständig abschneiden und aufreiben zu kön-
Abzug der Panzer-Lehr-Division vor einem zehn Kilometer südlich von Caen und etwa nen. Feldmarschall Kluge, der seit Rommels

Clausewitz Spezial 53
Schlacht in der Normandie

À VOTRE SANTÉ: US-Solda-


ten stoßen mit französischen
Zivilisten in einem eroberten
Dorf auf den Erfolg über die
Deutschen an.
Foto: picture-alliance/Usis-Dite/Leemage

SCHWERSTARBEIT: Eine „Hawker


Typhoon“ Mk.Ib der 2nd Tactical Air
Force (TAF) wird im Juni 1944 auf einem
vorgeschobenen Flugfeld in der Norman-
die mit 60-lb-Raketen für den nächsten
Kampfeinsatz bestückt. Foto: Sammlung WM

ZWISCHEN LEBEN UND TOD: Eine motori-


sierte US-Einheit passiert ein aufwendig
gestaltetes Grab für einen Soldaten der
Waffen-SS in einem Waldstück.
Foto: picture-alliance/Usis-Dite/Leemage

schwerer Verwundung am 17. Juli 1944 auch zentrieren. Mittlerweile aber näherte sich die Der deutsche Gegenangriff brach in der
dessen Heeresgruppe B führte, erkannte 3. US-Armee Brest, Lorient und Saint Nazai- Nacht vom 6. auf den 7. August 1944 los. Zü-
richtig, dass nur dann eine geringe Aussicht re in der Bretagne, wo 92.000 deutsche Solda- gig rasselten die Panzer nach Westen, Mor-
auf Erfolg bestand, wenn die Deutschen so ten Gefahr liefen, eingeschlossen zu werden. tain fiel wieder in deutsche Hand. Ein gutes
früh wie möglich losschlugen. Er hatte je- Auch auf Domfront im Osten und Le Mans Drittel der Strecke hatte die Wehrmacht be-
doch größte Mühe, Verbände von der Caen- im Südosten von Avranches rückten Pattons reits in den ersten Stunden zurückgelegt.
Front abzuziehen. Zu groß war der Druck Männer im hohen Tempo vor. Damit befan- Bradley wurde nervös. Er hatte die Schlag-
Montgomerys. Bis zum 6. August versam- den sich die Amerikaner bereits tief im Rü- kraft des Feindes offenbar unterschätzt und
melten sich daher lediglich vier Panzer- und cken der deutschen Normandiefront. Von die Divisionen der 1. US-Armee, die diesen
zwei Infanteriedivisionen im Raum Mortain, Domfront nach Argentan waren es wiederum Bereich verteidigten, gerieten in arge Be-
das 36 Kilometer östlich von Avranches ent- nur noch 57 Kilometer, sodass die 3. US-Ar- drängnis. Mit dem Tageslicht aber kamen die
fernt lag. Bei den vier Panzerdivisionen han- mee auch den Nachschublinien der deut- Jagdbomber. Planmäßig hoben zwar auch
delte es sich ausnahmslos um Verbände, die schen Truppen gefährlich nahekam. Es war die deutschen Jäger ab, doch verwickelten
zuvor der 15. Armee unterstellt gewesen wa- ein Wettlauf darum, wem es zuerst gelingen alliierte Flugzeuge diese unverzüglich in
ren, ehe man sie viel zu spät in die Norman- würde, den anderen von der Versorgung ab- Kämpfe und schossen die meisten ab, ehe sie
die schickte. Dem raffinierten Täuschungs- zuschneiden. auch nur in die Nähe von Mortain kamen.
unternehmen der Alliierten (Operation „For- Die Jagdbomber vom Typ „Hawker Ty-
titude“), mit dem sie den Deutschen eine Unternehmen „Lüttich“ phoon“ feuerten daher ungestört ihre Luft-
Landung am Pas-de-Calais vorgaukelten, Hitler gab deshalb nach und genehmigte die Boden-Raketen auf die Panzer ab. Welle auf
kommt somit, wie man sieht, durchaus eine Offensive. 140 Panzer und 60 Sturmgeschüt- Welle stürzte sich auf die Deutschen. Die
entscheidende Bedeutung zu. ze standen bereit. Auch die deutsche Luft- Luftangriffe haben maßgeblich dazu beige-
Kluge wollte nun angreifen. Die Zeit waffe sollte diesmal eingreifen und den Pan- tragen, das Unternehmen „Lüttich“ abzu-
drängte. Doch Hitler war nicht begeistert, er zern mit über 300 Jägern ein schützendes würgen. Zudem schafften die Amerikaner
bestand darauf, noch weitere Verbände he- Dach bieten. So konnte es gehen, es waren eilig Feldartillerie in großen Stückzahlen
ranzuführen. Er forderte, die Kräfte zu kon- schließlich „nur“ rund 30 Kilometer. herbei, um den Gegenangriff zusammenzu-

54
Gescheiterter Gegenstoß

SELTENER MOMENT: Dieser Soldat


der Panzer-Lehr-Division nutzt die Zeit
für eine Ruhepause. Sein Panzer, ein
PzKpfw IV, ist aufwendig getarnt, uner-
lässlich auf dem westlichen Kriegs-
schauplatz. Sowohl Seitenschürzen
als auch der Zimmerit-Belag sind gut
erkennbar. Foto: Sammlung Anderson

schießen. Kluge gab jedoch nicht auf. Er Höhenrücken südlich von Caen zu überwin- Um das drohende „Patt“ abzuwenden,
wusste, dass dies die allerletzte und zugleich den und Falaise zu nehmen. Zwischen dieser forderte Simonds einen weiteren Luftangriff
winzige Chance war, die große Katastrophe Stadt und den Kanadiern lag allerdings das an. Die Bomber verfehlten aber ausgerechnet
im Westen noch abzuwenden. Genau wie III. Flakkorps, das bereits den Briten wäh- die gefürchtete 12. SS-Panzerdivision, die zu-
Montgomery zuvor im Juli erhöhte er daher rend „Goodwood“ schwere Verluste zuge- vor obendrein durch eine schwere Panzer-
den Einsatz und befahl, weitere Verbände fügt hatte. Generalleutnant Guy Simonds, Abteilung verstärkt worden war. Der Angriff
von der „Panzergruppe West“, die am 5. Au- der das II. kanadische Korps befehligte, der Kanadier und Polen fraß sich fest. Die
gust in 5. Panzerarmee umgetauft worden plante daher, in der Nacht vom 7. auf den Alliierten stellten „Totalize“ schließlich am
war, abzuziehen, um den Angriff am 9. oder 8. August ohne Artillerievorbereitung anzu- 11. August ein. Das Unternehmen hatte sie
10. August wieder anzukurbeln. greifen. Er setzte auf Tempo und Überra- 1.256 Soldaten und fast 150 Tanks gekostet,
schung. Aus diesem Grund wies er auch die während die Deutschen rund 3.000 Mann und
Dramatische Entwicklung Infanterie an, während des Vormarsches etwa 40 Panzer einbüßten. Dass die kana-
Doch nun überschlugen sich die Ereignisse: nicht wie üblich abzusitzen, sondern in ihren disch-polnischen Verluste an Infanterie so
Am 8. August trat die 1. kanadische Armee, gepanzerten Transportern zu bleiben – es verhältnismäßig gering ausgefallen waren,
unterstützt von polnischen Verbänden, süd- war der erste größere Angriff mechanisierter lag vor allem an der Taktik des mechanisier-
lich von Caen zur Offensive an. Operation Infanterie der Geschichte. Rund 1.000 Bom- ten Vormarsches.
„Totalize“ hatte das Ziel, den Amerikanern ber leiteten die Offensive ein.
entgegenzustoßen, die am 9. August Le Insgesamt warfen die Kanadier drei In- Alliierter Durchbruch
Mans erreichten und daraufhin nach Norden fanterie- und zwei Panzerdivisionen, unter- Noch einmal hatte es die Wehrmacht ge-
einschwenkten. Die Schlinge zog sich zu. stützt von zwei Panzerbrigaden, in die schafft, die Alliierten aufzuhalten, und noch
Der kurz zuvor beförderte SS-Oberstgrup- Schlacht. Ihnen gegenüber standen drei In- gab es ein Schlupfloch im Osten, das aber
penführer und Generaloberst der Waffen-SS fanteriedivisionen und die 12. SS-Panzer- von Tag zu Tag kleiner wurde. Immerhin er-
Paul Hausser, Oberbefehlshaber der 7. Ar- division „Hitlerjugend“. Simonds Rechnung kannte an diesem 11. August 1944 die deut-
mee, drängte Kluge daher, Teile der 5. Pan- ging auf: Zwar kamen seine Männer wegen sche Führung – einschließlich Hitler –, dass
zerarmee den Amerikanern entgegenzuwer- der Dunkelheit und dem Staub nur sehr „Lüttich“ fehlgeschlagen war. Man würde
fen. Dies bedeutete freilich nichts anderes, langsam voran, doch nahmen sie den Hö- den Alliierten sogar in die Hände spielen,
als „Lüttich“ aufzugeben. henzug bis zum Nachmittag ein. SS-Ober- wenn man die Offensive fortsetzen würde.
Ursprünglich hatten die Alliierten beab- führer Kurt Meyer, Kommandeur der 12. SS- Die Schlacht in der Normandie war für die
sichtigt, den großen Kessel erst an der Seine Panzerdivision, wusste, was nun von seinen Deutschen verloren.
zu schließen. „Lüttich“ bewegte sie jedoch Soldaten abhing. Noch am 8. August un-
dazu, die Falle bereits zwischen Falaise und ternahm er mit „Tiger“-Panzern einen wü- Stefan Krüger, M.A., Jg. 1982, Historiker aus
Argentan zuschnappen zu lassen. Die kana- tenden Gegenangriff, der allerdings nicht München.
dische Armee hatte daher den Auftrag, den durchschlug.

Clausewitz Spezial 55
Uniformtafel

Akteure im „D-Day“-Drama
Von Maximilian Bunk

A m 6. Juni 1944 rollte die allliierte Kriegs-


maschine wie eine riesenhafte Welle an
die Küste der Normandie. Es war die größte
der die „Festung Europa“ angeblich vor je-
dem Angriff von außen zuverlässig schützen
und jede amphibische Großlandung vereiteln
saßen, die von den Landungsbooten an Land
stürmten und die in den Gräben des Atlantik-
walls saßen. Menschen aus Fleisch und Blut
Invasionsflotte, die die Menschheit bisher ge- würde. Befestigte Artilleriestellungen, MG- kämpften, töteten und starben an diesem Tag
sehen hatte – 6500 Schiffe, voll beladen mit Nester, Bunker und ein Minengürtel waren an den Stränden der Normandie. CLAUSE-
Panzern, Lastwagen, Jeeps und Ausrüstung Bestandteile der kolossalen Anlage, die sich WITZ rekonstruiert in aufwendigen Uni-
für eine gigantische Armee. Tausende von von Spanien bis Norwegen erstreckte. Der formtafeln drei Soldaten, die stellvertretend
Flugzeugen stellten die Luftüberlegenheit si- „D-Day“ selbst gilt als bedeutende Entschei- für die Armeen stehen sollen, die an diesem
cher und unterstützten das Landungsmanö- dungsschlacht, als einer der wichtigsten Ta- schicksalhaften Tag aufeinanderprallten. Für
ver, das in seiner logistischen Komplexität ei- ge in der Geschichte überhaupt. Doch bei all das multinationale Heer der alliierten Angrei-
ne absolute Singularität in der Militärge- diesen technischen und weltgeschichtlichen fer wurden ein amerikanischer Infanterist
schichte darstellt. Auf deutscher Seite wartete Superlativen wird oft der Mensch vergessen sowie ein britischer Fallschirmjäger ausge-
man hinter einem Bollwerk aus Beton: dem – denn der Kampf wurde letztendlich von wählt – die USA und England stellten zah-
propagandistisch überhöhten Atlantikwall, Soldaten ausgefochten, die in den Panzern lenmäßig das Hauptkontingent der Invasi-
onstruppen. Die deutsche Defensive – zah-
lenmäßig unterlegen – wird durch einen
Infanteristen repräsentiert. Die farbigen und
detaillierten Illustrationen rücken den Men-
schen zurück in den Mittelpunkt des grausi-
gen Dramas, das damals an den Sandsträn-
den der Normandie stattfand.

ALLIIERTER ANGREIFER AM STRAND

Verbissen kämpft dieser amerikanische GI


(Dienstgrad „Private“) am Omaha-Beach. Er trägt
die Feldjacke M41 (Standardausführung, darüber
eine „assault vest“) sowie einen Munitionsgurt vom
Typ M-1923. Das Abzeichen auf seinem Helm gibt
ihn als Angehörigen der „1st Infantry Division“ der
US Army zu erkennen. Die große rote Eins ist der
Grund für den Spitznamen der Einheit: „The Big Red
One“. Am rechten Arm ist eine „gas detection bras-
sard“ (Armbinde) zu sehen – sie wurde an alle Ein-
heiten während der Invasion ausgegeben. Beim Ein-
satz von Kampfgas sollte sie sich verfärben und so-
mit im Gefecht den Soldaten als Warnsignal dienen.
Die Alliierten rechneten fest damit, dass die deut-
schen Verteidiger Giftgas einsetzen würden. Bewaff-
net ist der Soldat mit dem M1-Garand-Gewehr, das
Alle Illustrationen: Johnny Shumate

eine Magazinkapazität von acht Patronen hatte.

56
ALLIIERTER ANGREIFER AUS DER LUFT

Die Illustration zeigt einen britischen Fallschirmjäger-Offizier der „6th Airborne


Division“ (Luftlandedivision). Auf den Schulterklappen ist die königliche Krone zu
erkennen – eine steht für einen „Second Lieutenant“, zwei stehen für einen „First
Lieutenant“ und drei für einen „Captain“. Die blaue Umrandung der Kronen
zeigt an, dass es ein Angehöriger einer Luftlandeeinheit ist. Besonders inte-
ressant ist die grüne Litze: Wir haben es hier mit einem Soldaten der
„Somerset Light Infantry“ (!) zu tun, die – und das ist wohl einmalig –
in eine Luftlandeinheit umgewandelt wurde. Im Gras liegt eine Mk V Sten
Gun im Kaliber 9-Millimeter-Parabellum. Das Tarnmuster der Denison-
Jacke sowie die Form des Helmes sind typisch für britische Luftlandeein-
heiten. Auf dem Rücken ist das hellgrüne „identification panel“ zu
erkennen, das im Juni 1944 während der Invasion verwendet wurde –
die Einheit hatte die Aufgabe, die linke eigene Flanke zu sichern.

DEUTSCHE DEFENSIVE

Dieser deutsche Infanterist trägt die Feldhose M40


(feldgrau, Standardausführung) sowie lederne Marsch-
stiefel M1939. Besondere Beachtung verdienen die
Heeresjacke in Splittertarn und der Splittertarn-Helm-
bezug (M1942). Die Zeltbahn am Rücken ist ebenfalls
in dieser Ausführung gestaltet. Ein Klappspaten, Gas-
maske, Brotbeutel, Feldflasche sowie Kochgeschirr
vervollständigen die Ausrüstung. Als Hauptwaffe trägt
der Soldat das Standardgewehr der Wehrmacht – den
1935 eingeführten fünfschüssigen Karabiner 98k im
Kaliber 7,92 Millimeter. Die Waffe wurde bei Mauser
hergestellt und millionenfach produziert. Dazu kom-
men noch das am Koppel getragene Bajonett M1898
sowie die im Stiefel steckende Stielhandgranate.

Literaturtipp
Bertin, François: D-Day Normandy. Weapons,
Uniforms, Military Equipment. Englischsprachige
Version 2007 erschienen (Original in Franzö-
sisch). 128 Seiten mit über 300 Farbfotografien
von Waffen, Fahrzeugen, Uniformen und Ausrüs-
tungsgegenständen beider Konfliktparteien.

Clausewitz Spezial 57
Luftkrieg

Ungleiche Gegner

Der aussichtslose
Kampf der Luftwaffe
Die Nacht vom 5./6. Juni: Ein heftiges Bombardement auf deutsche Stellungen ging
der Invasion voraus. Die Luftwaffe stand einem übermächtigen Rivalen gegenüber –
der Luftkrieg war entbrannt … Von Dietmar Hermann

58
TOTALE LUFTÜBERLEGENHEIT: Diese
spektakuläre Aufnahme zeigt amerikani- LETZTE VORBEREITUNGEN: Waffenwarte belad
sche Douglas A-20 Havocs (der 416. en ei-
ne Hawker Typhoon mit Bordraketen für den
Bombergroup) bei der Bombardierung der nächsten
Einsatz. Die RAF setzte diesen Jagdbomber
Eisenbahnanlagen in der Nähe von Dom- äußerst
wirkungsvoll gegen Bodenziele ein. Foto: Sammlu
front an der Orne. Die Luftwaffe konnte ng Hermann
die Invasion nicht stoppen. Foto: USAF

FAKTEN Beteiligte Flugzeuge


Luftwaffe RAF USAF
Jäger Fw 190 A Spitfire P-51 Mustang
Me 109 G P-38 Lightning
Jagdbomber Fw 190 G Typhoon P-47 Thunderbolt
Mittlere Bomber Ju 88/188 Boston B-26 Marauder
Do 217 Mitchell A-20 Havoc
Schwere Bomber Lancaster B-17 Flying Fortress
Halifax B-24 Liberator

mes Oberkommando gestellt werden. Dafür Ein riesiges Bombardement durch 1.012
schuf man die AEAF (Allied Expeditionary schwere Bomber der RAF in der Nacht vom
Air Force), an deren Spitze Air Chief Marshal 5. auf den 6. Juni leitete den „D-Day“ ein.
Trafford Leigh-Mallory stand. Um die Nach- 5.000 Tonnen Bomben gingen auf deutsche
schubverbindungen, und damit die deutsche Befestigungsanlagen und Küstenbatterien
Position in Nordfrankreich, zu schwächen, nieder. Noch mitten in der Nacht erhielt der
flogen die Alliierten ab April 1944 strategi- Gefechtsstand des Schnellkampfgeschwa-
sche Luftangriffe zur Vorbereitung der Inva- ders SKG 10 die Meldung, dass alliierte
sion in Nordfrankreich und Belgien. Alle Kampfflugzeuge die Küste zwischen Caen
wichtigen Objekte wie Verschiebebahnhöfe, und Carentan bombardierten. Ursprünglich
Eisenbahnbrücken, Munitions- und Spreng- war das SKG 10 Anfang 1943 als „Anti-Inva-
stoffwerke und Funkmessgerätestellungen sionsgeschwader“ gebildet worden. Doch
wurden in zunehmendem Maße bombar- der starke Druck an allen Fronten zwang
diert. Ebenso griffen die Bomber die im Auf- zum Abzug von zwei Gruppen. Somit blieb
bau befindlichen Abschussbasen für Hitlers nur noch die I. Gruppe übrig, die mit speziel-

I
m Januar 1944 begannen die organisatori- Vergeltungswaffen „V1“ und „V2“ an. Diese len Fw-190-Langstreckenjagdbombern aus-
schen Vorbereitungen für die geplante In- Aktivitäten entgingen auch der Luftwaffe gerüstet war. Nur vier Fw 190 der 3. Staffel
vasion in Frankreich. Entscheidend für das nicht. Die Deutschen erwarteten die Invasion des SKG 10 stiegen zur Abwehr auf. Dabei
Gelingen der Landung war das Erringen der faktisch jeden Tag. Da die Wehrmacht weder kam es zu ersten Luftkämpfen, in deren Ver-
absoluten Luftherrschaft. Nur so konnte der über genügend Flakkräfte noch über ausrei- lauf vier schwere britischen Bomber abge-
massenhafte Transport von Truppen und chende Luftwaffenverbände verfügte, war schossen wurden.
Nachschub über See und deren Landung in die Wirkung der Angriffe beträchtlich. Sys-
Frankreich sichergestellt werden. Außerdem tematisch versuchten die Alliierten außer- „Overlord“ läuft an
brauchten die Truppen massive Luftunter- dem, die Flugplätze der wenigen deutschen Als die Invasion am 6. Juni 1944 begann, be-
stützung, um nicht bereits in der kritischen Luftwaffenverbände in Nordfrankreich zu saßen die Alliierten die absolute Luftherr-
Landungsphase aufgerieben zu werden. Da- bombardieren, hier allerdings mit geringem schaft über Nordfrankreich. Wichtig für ihre
mit so eine gewaltige Aufgabe überhaupt Erfolg. Durch gute Tarnung, wechselnde Be- Strategie während der Landung war die ge-
durchgeführt werden konnte, mussten alle legung und Erhöhung der Ausweichrollfel- naue Aufgabenverteilung der einzelnen
Waffengattungen der britischen RAF und der der blieben die Angriffe auf die deutschen Waffengattungen. Allein 45 Jägerstaffeln
amerikanischen USAF unter ein gemeinsa- Flugfelder unwirksam. übernahmen während der Landung die

Clausewitz Spezial 59
Luftkrieg

Heimatverteidigung (ADGB = Air Defence AUF VERLORE-


of Great Britain). Für den wirksamen Schutz NEM POSTEN:
über den Kampfzonen an den Landungs- Der Geschwa-
stränden war die britische 2. TAF zuständig derkommodore
des JG 26
– sie flog am „D-Day“ über 4.000 Einsätze.
„Schlageter“,
Bereits am Vorabend starteten die ersten Josef Priller,
Transportflugzeuge, die drei Luftlandedivi- und sein Flügel-
sionen hinter den deutschen Linien absetzen mann flogen
sollten. Allein dafür mussten genügend Las- den einzigen
tensegler und Transportflugzeuge bereitge- dokumentierten
halten werden. Einsatz der Luft- ZAHLENMÄSSIG UNTERLEGEN: Im Westen
Während sich die Invasionsflotte auf waffe am D-Day lagen nur zwei Jagdgeschwader. Hier die Fw
dem Seeweg Richtung französischer Küste gegen die alli- 190 des Geschwaderkommodore Oberstlt. Jo-
befand, starteten noch in der Nacht 1.350 ierten Truppen. sef Priller, die zum Schutz vor Tieffliegern in
Foto: H. Ringlstetter Deckung geschoben wird. Foto: Sammlung Hermann
schwere US-Bomber zu Einsätzen gegen
deutsche Küstenbatterien und gegen die
Stadt Caen. Zur direkten Luftunterstützung te. Für den Begleitschutz sorgten im Laufe Kampf stellten, weil sie anfangs ausschließ-
wurden den einzelnen Landungsabschnitten des Tages 1929 US-Jäger. lich zu Tiefangriffen auf Landungsfahrzeuge
Omaha, Gold, Juno und Sword amerika- Während die RAF und USAF in Großbri- und Landungsstellen und zum Jagdschutz
nische Bomberverbände zugeordnet. Die tannien über 12.000 Maschinen für die ge- der wenigen Jabo-Verbände eingesetzt wur-
2. Bomberdivision (BD) begann mit 329 B-24- plante Landung bereitstellte, verfügte die den. Die Erfolge waren allerdings gering,
Bombern, die deutschen Stellungen in der Luftwaffe in Frankreich nur noch über gerin- weil die gewaltige Jagdabwehr der Alliierten
Omaha-Landungszone um 6:00 Uhr morgens ge Kräfte. Zum einen waren das die beiden meistens einen wirkungsvollen Angriff noch
anzugreifen. Eine Stunde später folg- Jagdgeschwader JG 2 und JG 26. Seit dem vor Erreichen des Ziels verhinderte.
ten 385 schwere B-17 Bomber der 1. BD im Westfeldzug 1940 waren diese beiden Ge-
Strandabschnitt Gold und Juno. Zur gleichen schwader ohne Pause ununterbrochen im Ganz alleine?
Zeit lud auch die 3. BD mit 322 B-17 über der Einsatz. 14 Tage vor der Invasion mussten Wenige Tage vor der Invasion erhielt Oberst-
Küstenregion im Abschnitt Sword ihre beide Geschwader sogar noch sechs voll aus- leutnant Josef Priller, Kommodore des JG 26,
„Fracht“ ab. Nicht ein Luftwaffenjäger griff gerüstete Jagdstaffeln an die Reichsverteidi- aufgrund der massiven Jagdbomberangriffe
sie an und es gab so gut wie keine Verluste. gung abgeben. Damit besaß die 3. Luftflotte auf die Liegeplätze den Befehl, sein komplet-
Als zweite Aufgabe sollten die Bomber Ver- in Frankreich nur noch vier Jagdgruppen zu tes Geschwader weiter ins Hinterland zu
kehrsknotenpunkte in den vorgelagerten je vier Staffeln mit einer Einsatzstärke von verlegen. Obwohl er damit nicht einverstan-
Städten angreifen, um den deutschen Trup- rund 20 Jägern je Gruppe. Hinzu kamen zum den war, begann die Verlegung. Am Morgen
pen den Weg zu den Landungszonen zu anderen noch eine Gruppe des SKG 10 mit des 6. Juni erhielt Priller von der zuständigen
versperren. 528 Bomber übernahmen gegen rund 30 Fw 190 und einige wenige weitere Jagddivision einen Anruf, wie viele Jagd-
9:00 Uhr diese Aufgabe. Kampfverbände. maschinen er noch zur Verfügung hätte. Es
Betrachtet man nur die Anzahl der Jagd- ist überliefert, dass Priller antwortete: „Zwei
Ungleiches Kräfteverhältnis flugzeuge, so lag das Kräfteverhältnis bei Fw 190 – ich und mein Rottenflieger! Der
Die 8. USAF flog ihren vierten und letzten höchstens 1:50. Dieses Ungleichgewicht soll- Rest ist ja gerade erst verlegt worden!“ Das
Einsatz mit 736 schweren Bombern gegen te sich erst Tage später für die deutsche Sei- führte zu einer gewissen Ratlosigkeit und es
Verkehrsknotenpunkte in den kleinen Städ- te bessern. Es verwundert auch nicht, dass gab sicherlich auch noch das ein oder ande-
ten südlich und östlich der Landungsgebie- sich die wenigen deutschen Jäger nicht zum re unangenehme Wort während dieses Tele-
fonats. „Ich werde fliegen, (…) ja, auch mit
nur zwei Maschinen, sagen Sie das dem Ge-
HINTERGRUND Der „Blitzbomber“ Me 262 neral!“, war am Ende Prillers Antwort.
Priller und sein Rottenflieger Heinz Wo-
Hitler sah in der Me 262 seinen neuen
darczyk flogen gegen eine feindliche Arma-
„Blitzbomber“, der durch die überlegene Ge-
schwindigkeit ungehindert die Invasions- da aus über 12.000 Bombern und Jägern! Die
strände bombardieren sollte. Die Me 262 beiden Focke-Wulf Fw 190 starteten gegen
war ursprünglich als reiner Jäger konzipiert. 8:00 Uhr und nahmen Kurs auf die Küste.
Deshalb musste zeitaufwendig eine speziel- Mit nur zwei Jägern machte sich der Kom-
le Bombenaufhängung unter dem Rumpf modore über ihre Überlebenschancen sicher-
konstruiert und gebaut werden. Als „Blitz- lich keine großen Illusionen. Bereits weit vor
bomber“ zur Bekämpfung der Invasion kam dem Einsatzgebiet sahen die beiden riesige
die Me 262 damit zu spät. Gleichzeitig wur- Pulks amerikanischer „Mustang“-Jäger. Pril-
de der Luftwaffe durch Hitlers Befehl die ler und Wodarczyk hielten sich allerdings
letzte Möglichkeit zur Schaffung einer
WIRKUNGSLOSE „WUNDERWAFFE“: Die sehr tief und blieben von den in großer Hö-
schlagkräftigen Jagdwaffe genommen. Trotz
Kinderkrankheiten der neuen Triebwerke Me 262 war zwar technisch herausragend, he fliegenden Mustang unentdeckt. Je weiter
zeigten sich die wenigen als Jäger einge- spielte aber während des Luftkrieges über sich Priller dem Invasionsraum näherte, um-
setzten Maschinen den alliierten Kolbenjä- Nordfrankreich keine Rolle. so mehr feindliche Jäger tauchten auf.
gern überlegen. Foto: Sammlung Hermann Als die beiden die Küste erreichten, flogen
sie in Richtung Strand, wo eine riesige Men-

60
Die Luftwaffe hat keine Chance

AUFFALLEND GEKENNZEICHNET:
Diese amerikanischen P-51 Mus-
tang der 361. Fighter Group tra-
gen sogenannte Invasionsstreifen
unter den Tragflächen und am
Rumpf. Diese Markierung diente
der besseren Freund/Feind-Unter-
scheidung. Foto: USAF

ge von Landungsbooten britische und ameri-


kanische Soldaten absetzte. Die zwei deut-
„Macht euch keine Sorgen wegen
schen Maschinen trafen hier auf den briti- der Flugzeuge über euch. Es werden
schen Invasionsabschnitt Sword, der hart unsere eigenen sein.“
umkämpft wurde. In etwa 50 Meter Höhe
über dem Boden beschossen sie die britischen General Eisenhower in seiner Ansprache zum „D-Day“
Truppen mit ihren Bordwaffen. Sie hatten in
diesem Moment Glück, weit und breit waren
keine alliierten Jäger zu sehen. Was wäre hier
geschehen, wenn Priller mit zwei Gruppen
seines Geschwaders aufgetaucht wäre? Als ten. Meine Raketen erzielten wahrscheinlich serer Seite abgeschossen!“ Allein am Invasi-
die alliierten Jäger den Strandabschnitt er- einen Volltreffer auf einem Landungsschiff.“ onstag gelangen Hauptmann Huppertz
reichten, waren Priller und sein Rottenflieger Am Abend des „D-Day“ kam es zu hefti- sechs Abschüsse. Schon um die Mittagszeit
schon längst wieder weg. Im Tiefstflug er- gen Luftduellen im umkämpften Raum der traf er im Raum Caen erstmals auf britische
reichten beide Maschinen unbeschadet ihren wichtigen Stadt Caen. Ursprünglich sollten Typhoon-Jagdbomber, von denen er inner-
Liegeplatz. Schweißgebadet und aufgewühlt die I. und III. Gruppe vom JG 2 gemeinsam halb kürzester Zeit vier zerstören konnte.
rief Priller unmittelbar nach dem Angriff die gegen gelandete Lastensegler an der Fluss- Doch die Übermacht war erdrückend. Die
Jagddivision in Paris an und berichtete von mündung der Orne eingesetzt werden. So Luftwaffe verlor elf Tagjäger, erzielte aber
seinem Einsatz. Dies war sicherlich einer der berichtet Lt. Fischer weiter: „Hptm. Herbert auch 19 Abschüsse. Nur zwei Tage später fiel
verwegensten Einsätze des gesamten Krie- Huppertz, Gruppenkommandeur der III./ Huppertz einer angreifenden P-47 zum Op-
ges. Es ist kein Wunder, dass dieses Ereignis JG2, landete mit fünf Maschinen um 19:30 fer. Die wenigen Maschinen der Luftwaffe
auch in dem Kriegsfilm „Der längste Tag“ Uhr auf unserem Platz. Als wir anschließend konnten gegen diese zahlenmäßige Über-
von 1962 zu sehen ist. zusammen Bernay erreichten, entdeckten macht so gut wie nichts ausrichten.
wir einen Verband von zwölf Mustang des
Raketen gegen Landungsboote 335. Fighter Squadrons von der 4. Fighter Aussichtslose Lage
Die I. Gruppe des Jagdgeschwaders JG 2 lag Group, die deutsche Infanterie mit schweren Die Invasion bedeutete für die Luftwaffe eine
am Tag der Invasion nur 60 Kilometer von Waffen in der Nähe einer Brücke über den völlig neue Situation. Zur Unterstützung der
der Küste entfernt. Auch sie griff unmittelbar Fluss Risle attackierten. Um eine bessere An- Luftflotte 3 wurden bereits am nächsten Tag
ins Kampfgeschehen ein. So berichtet Lt. griffsposition zu haben, nutzten wir den fast alle verfügbaren Tagjägerverbände, die
Wolfgang Fischer von des 3. Staffel des JG 2: Abendnebel und den Schutz der Sonne, um bis dahin in der Reichsverteidigung eingesetzt
„Wir wurden um 4:30 Uhr geweckt und von auf 1.200 Meter Höhe zu steigen. Wir nah- waren, nach Frankreich abkommandiert. Bis
den Unterkünften in der Stadt Nancy zum men eine klassische Formation für den An- zum Morgen des 7. Juni waren so rund zwei
Flugplatz gebracht. Kurze Zeit später waren griff ein. Der folgende Kampf dauerte nur Drittel von insgesamt 400 Jägern nach Frank-
wir an Bord unserer Maschinen und flogen wenige Minuten. Jeder konnte ein Ziel aus- reich verlegt worden. Dadurch besserte sich
um 5:00 Uhr nach Creil nördlich von Paris. wählen und ungehindert angreifen, bevor zwar das Kräfteverhältnis für die Luftwaffe,
Dort wurden unsere Fw 190 mit Raketen- wir unter dem US-Verband durchtauchten. trotzdem blieb die materielle Unterlegenheit
werfern unterm Flügel ausgerüstet. Wir star- Acht P-51 wurden so ohne Verluste auf un- bestehen. Die Luftherrschaft war verloren
teten von dort um 9:30 Uhr, um Schiffsziele und der Vormarsch der
im amerikanischen Invasionsabschnitt Gold Alliierten konnte nicht
anzugreifen. Als wir die Flussmündung der FAKTEN Luftkrieg-Statistik des „D-Day“ gestoppt werden.
Seine überflogen, war die Wolkendecke zu
Luftwaffe USAF/RAF
sieben Zehntel geschlossen. Das erlaubte
Flugzeuge 400 14.000 Dietmar Hermann, Dipl. Ing.
uns, unbedrängt unsere Ziele zu erreichen Kräfteverhältnis 1 35 aus Dortmund, Experte für Luft-
und unsere Raketen abzufeuern. Wir konn- Geflogene Einsätze 500 12.000 fahrtgeschichte und Autor zahl-
ten eine riesige Zahl von feindlichen Jägern Verluste 22 107 reicher Fachartikel und Bücher.
sehen, die über die Landungsstrände kreis-

Clausewitz Spezial 61
Der französische Widerstand

Die Résistance und der „D-Day“

1940: Mit der deutschen Besetzung


großer Teile Frankreichs begann auch
die Geschichte der Résistance. Vor,
während und nach der Landung der
Alliierten in der Normandie sollte sie
diesen im Kampf helfen.
Von Alexander Querengässer

den Franzosen. Es hatte 1940 auch kaum Propaganda


gegeben, die die Franzosen zu ideologischen Feinden
stilisiert hätte. Außerdem blieb der französische Ver-
waltungs- und Polizeiapparat weitgehend erhalten,
und mit dem Vichy-Regime bestand eine Kollabora-
tionsregierung, die in weiten Teilen Frankreichs auch
akzeptiert wurde.
Trotzdem existierte auch in der französischen Be-
völkerung der Wille zum Widerstand. Unter die heu-
tige Bezeichnung „Résistance“ fallen Dutzende ver-
schiedener Gruppierungen wie beispielsweise die ge-
werkschaftlich organisierten Eisenbahner oder auch
die sehr starke kommunistische Untergrundbewegung.
Ihr Kampf galt Verkehrsmitteln, Kollaborateuren, De-
pots und Kommunikationsanlagen, und natürlich un-
terstützten sie Flüchtlinge und geflohene Gefangene.
Diese Bewegung arbeitete seit 1941 eng mit der briti-
schen Special Operations Executive (SOE) zusammen

A
m 18. Juni 1940 sendete die BBC die Rede eines bis und informierte sie über Garnisonen und Transporte
STRASSENKAMPF:
dato kaum bekannten französischen Generals der Wehrmacht.
Ein Résistance- über den Kanal: „Dieser Krieg ist mit der Schlacht
Kämpfer im August um Frankreich nicht zu Ende. Dieser Krieg ist ein Welt- Guerillakrieg in Frankreich
1944 in der Bretag- krieg … was immer geschieht, die Flamme des Wider- Die Planer von „Overlord“ waren sich über die Einbin-
ne. Der französische standes darf nicht und wird nicht erlöschen.“ Damit be- dung der Résistance zunächst alles andere als einig.
Widerstand sollte zog sich Charles de Gaulle zwar vor allem auf die Be- Ein vorläufiger Plan für einen französischen Aufstand,
während der vorange- mühungen der von ihm geleiteten Exilregierung, seine der deutsche Truppen im Hinterland binden sollte,
gangenen Invasion Rede stellte aber auch den historischen Beginn der in- wurde schnell fallen gelassen. Erst auf Initiative der
hauptsächlich Sabo- nerfranzösischen Widerstandsbewegung dar. SOE, die die Amerikaner von der Effektivität des Wi-
tage-Aktionen gegen
Doch gemessen an den Zuständen der Ostfront war derstands überzeugte, wurden die Gruppen ab 1944
die deutsche Infra-
struktur ausführen.
das Leben für die deutschen Besatzungssoldaten in
Foto: picture-alliance/Leemage Frankreich schon fast als paradiesisch zu bezeichnen.
„Leben und leben lassen lautete die Devise, die das Literaturtipp
Verhältnis zur einheimischen Bevölkerung bestimmte“, Lieb, Peter: Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschau-
charakterisierte der britische Militärhistoriker John ungskrieg? Kriegführung und Partisanenbekämpfung in
Keegan die Besatzungszeit. Die Masse der Deutschen Frankreich 1943/44. München 2007
bemühte sich um ein korrektes Auftreten gegenüber

62
verstärkt mit Waffen versorgt und eine Guerillakrieg- konnten, wo diese faktisch nicht präsent war.
führung in die Planung mit einbezogen. Die Hauptauf- Als unmittelbare Reaktion auf die alliierte Lan-
merksamkeit der Saboteure galt dem Schienennetz, da dung erhoben sich etliche französische Städte
die Eisenbahn der bedeutendste Lieferant von Beton und Departements gegen die Deutschen und
und Nachschub für den Atlantikwall war. Allein im das dahinsiechende Vichy-Regime. Doch nur in
ersten Quartal 1944 zerstörte man über 800 Lokomoti- entlegenen und vor allem gebirgigen Regionen wie
ven und führte über 3000 Anschläge auf Gleise aus. den Alpen und im Jura konnten sich diese Gruppen
Um die Einsätze der Résistance effektiv planen zu eine längere Zeit behaupten. Sobald die Wehrmacht
können, wurde im März eigens in London das Büro der oder SS jedoch Truppen in die aufständischen Ge-
Forces françaises de l intérieur (FFI) unter General Ma- biete entsandte, gelang es ihnen schnell und un-
rie-Pierre Koenig gegründet. Koenig war ein erfahrener ter geringen eigenen Verlusten, die FFI-Verbän-
Soldat, der sich 1942 bei der Verteidigung des libyschen de auszuschalten.
Wüstenforts Bir Hacheim ausgezeichnet hatte. Unter Das größte Ziel für die Résistance stellten im
seiner Führung sollten die Mitglieder der gaullistischen Übrigen nicht die Deutschen dar, sondern franzö-
Armée Sécrete, der kommunistischen Francs-Tireurs et sische Kollaborateure, von denen mehr durch den
Partisans und der im ehemaligen Vichy-Frankreich Widerstand umkamen als Wehrmachtssoldaten.
operierenden Organisation De Résistance de l’Armée Im Kampf hinter der Front stellte die Résistance ei-
(ORA) einen regulären Kombattantenstatus erhalten. nen wichtigen Verbündeten für die hier operierenden
Die FFI wurde zwar von den Amerikanern kaum ernst alliierten Fallschirmjäger während der Landung dar, GEFÄHRLICHER
genommen, aber für die Gesamtbewegung der Résis- denen sie mit ihren Ortskenntnissen half, und vor allem EINSATZ: Ein franzö-
sischer (Forces fran-
tance stellte ihre Errichtung einen bedeutenden Schritt unterstützte sie die alliierten Kommandounternehmen.
çaises libres) SAS-
dar, um die sich mehr als kritisch beäugenden ehema- Dabei handelte es sich um Spezialtruppen wie die ame-
Soldat im Juni 1944.
ligen Offiziere der ORA und die kommunistischen rikanischen dreiköpfigen Jedburgh-Teams oder die US SAS-Kommandos
Francs-Tireurs nun unter einer Führung zu vereinigen. Operational Groups mit etwa einem Dutzend Männern operierten im Hinter-
Ab dem Frühjahr 1944 wurden die französischen Wi- sowie den britischen Special Air Service (SAS), der land und nahmen oft
derstandsgruppen nun teilweise sogar mit Geschützen größere Kampfkommandos von bis zu fünfzig Mann Kontakt zu lokalen
ausgerüstet, die von alliierten Flugzeugen abgeworfen verwendete. Auch die freifranzösischen Streitkräfte Résistance-Gruppen
wurden. Ihre Einsatzbefehle erhielt die Résistance über schickten in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni mehrere auf, die wertvolle In-
die BBC, die an jedem 1./2. und 15./16. des Monats ver- SAS-Kommandos in die Bretagne, um Widerstandszel- formationen liefern
schlüsselte Nachrichten sendete. len zu bilden und die lokalen Résistancegruppen in Ba- konnten. Foto: picture-
alliance/Leemage
taillonen zu organisieren. Doch obwohl fast 10.000
Sabotagepläne zum „D-Day“ Mann zusammenströmten, gelang es der Wehrmacht
Die Operationen der Résistance sollten sich am Tag der binnen Stunden, die Bretagne wieder in ihre Hand zu
Landung vor allem gegen die deutschen Kommunika- bekommen. Seltsamerweise wurden in der Normandie
tionsmittel und Nachschubwege richten. Dafür ent- selbst keine solch groß angelegten Operationen gestar-
warf man drei Einsatzpläne, die als Ziel die Eisenbah- tet. Hier wären die Erfolgsaussichten für die Résistan-
nen (plan vert), Funk- und Telefonleitungen (plan ce viel größer gewesen, da Wehrmacht und SS ihr
violet) und Stromleitungen (plan bleu) ausga- Hauptaugenmerk auf die regulären Verbände der
ben. Ein vierter Plan (Bibendum) ordnete di- Alliierten richten mussten und sich nicht nur mit
rekte Angriffe auf die Besatzungstruppen an. SAS und Partisanen beschäftigen konnten. Der
Insgesamt jedoch blieben die Sabotageakte der ausschließliche Einsatz der bewaffneten Wider-
einzelnen Widerstandsgruppen im ganzen Früh- standstruppen weit im Hinterland ermög-
jahr 1944 in ihrer Bedeutung weit hinter den lichte es den Deutschen da-
Schäden zurück, die die alliierten Luftbom- gegen, sich auf diese Grup-
bardements dem Schienennetz und den pen zu konzentrieren.
Kommunikationsmitteln der Wehrmacht Nichtsdestotrotz ist der Kampf
zugefügt hatten. der Résistance bis heute wichtig für
Besonders auffällig ist, dass, trotz al- das französische Selbstverständnis in
ler Beteuerungen des Gegenteils, die diesem Krieg. Die Widerstandsbewe-
französischen Widerständler nur dort gung symbolisiert ein Gegenmodell zur
erfolgreich gegen die deutsche Kollaborationsregierung des Vichy-Regi-
Besatzungsmacht operieren mes und sie setzte ein Zeichen, dass der
Kampf gegen die Besatzung nicht
MARTIALISCHE POSE: nur von einer kleinen Exilgruppe
Ein Angehöriger der FFI mit im Ausland, sondern in Frank-
einem leichten Bren-MG.
reich selbst fortgesetzt wurde.
Die Résistance war keine ho-
mogene Gruppe, sondern setzte
sich aus vielen unterschiedli- Alexander Querengässer, Jg. 1987, ist
chen Organisationen zusammen. Militärhistoriker und Autor aus Dresden.
Foto: picture-alliance/Leemage

Clausewitz Spezial 63
Der Zeitzeuge

Erinnerungen eines deutschen MG-Schützen

„Widerstandsnest 62“
am 6. Juni 1944

Ein einziger Tag veränderte das Leben von Heinrich Severloh: Der damals erst 20 Jahre
alte Soldat kämpfte am Omaha-Beach ums nackte Überleben: 34.000 Amerikaner tra-
fen dort auf 300 deutsche Wehrmachtssoldaten.
Die Landungsboote kamen nun immer in
Wellen, immer ein ganzer Schwarm in unre-
gelmäßiger Formation. Danach hatte es eine
gewisse Zeit gedauert, dann kam die nächs-
te Welle. (Bis zum Mittag registrierte ich
sechs solcher Angriffswellen.) Wenn sich die
Boote näherten, konzentrierte ich mich auf
die Frontklappen (die Rampen). Immer
wenn sie herabfielen, damit die GIs heraus-
„Junge, mach Dich nicht unglücklich; der
Karabiner ist viel zu heiß.“
Das war mir bisher gar nicht aufgefallen,
erst als ich auf das Patronenlager fasste, ver-
brannte ich mir daran die Finger. Während
ich dann wieder mit dem MG weiterfeuerte,
lief der Feldwebel in unseren Fernmeldebun-
ker und holte einen anderen Karabiner.
„Die brauchen da unten kein Gewehr“,
springen konnten, begann ich zu feuern. […] sagte er und lud mir die Waffe tief. („Tief la-
Mit der nun zunehmenden Flut kamen die den“ bedeutet, dass zu den fünf Patronen im
landenden Boote dem höher gelegenen Vor- Magazin noch eine sechste direkt ins Patro-
strand auch immer näher (wodurch sich ihr nenlager geladen wird.) […]
Risiko vergrößerte, da die Strandhindernisse Leicht links vor unserem Stützpunkt be-
langsam unter der Wasseroberfläche ver- fand sich direkt am Strand eine Kieszertrüm-
schwanden und somit für die heranfahren- merungsanlage, die aussah wie ein großer
den Boote unsichtbar wurden). Inzwischen Metalltrichter, der auf zwei dicken Beton-
trieben etliche von ihnen, einige halb gesun- klötzen ruhte und von dem aus ein Förder-
ken, als Wracks in den Wellen. Die GIs ver- BRUTALER KAMPF: Heinrich Severlohs MG band bis zum Vorstrand reichte. […] Der
suchten, hinter den noch aus den Fluten ra- stand auf dem Rand des Schützengrabens Feldwebel, der fast die ganze Zeit bei mir ge-
genden Strandhindernissen Deckung zu fin- von „WN 62“. Von dort feuerte er neun lan- blieben war, deutete auf diese Kieszertrüm-
den oder hinter den umhertreibenden Lei- ge Stunden auf die anstürmenden Amerika- merungsanlage unter uns und sagte:
chen ihrer gefallenen Kameraden. Man konn- ner – er war der am meisten gefürchtete „Da unten, da läuft noch einer …!“
te oft nur ihre Köpfe mit den Helmen sehen. deutsche MG-Schütze der Invasion. Das ge- Jetzt erst fiel mir auf, wie viele Tote unten
Nachdem die Landungsboote ihre leben- zeigte Bild ist eine Fotomontage. am Strand von der inzwischen aufgelaufe-
de Fracht am Strand ausgespuckt hatten, Abb.: Archiv von Keusgen nen Flut und den hohen Wellen vor unserem
fuhren sie wieder zurück. Bis zur nächsten Abschnitt angeschwemmt worden waren. In
Welle schoss ich auf alles, was sich im Was- Kurz nach Mittag kam ein Feldwebel einem etwa dreihundert Meter langen und
ser und am Strand bewegte. Dafür gebrauch- durch den mittlerweile von den Granatein- mehrere Meter breiten Saum aus blutigem
te ich gelegentlich meinen Karabiner, da ich schlägen halb zugeschütteten Graben zu mir. Schlamm lagen Hunderte und Aberhunder-
mit ihm gezielter auf einzelne Soldaten Es war so ein südländischer Typ, schlank, te lebloser Körper amerikanischer Soldaten,
schießen konnte und gleichzeitig dem MG mit fast schwarzem Haar und sehr blass, teilweise mehrere übereinander. Verwunde-
Gelegenheit zum Abkühlen ermöglichte. denn aus zwei Löchern in seinem Hals rann te bewegten sich am blutigen Wassersaum
Die einzelnen Wellen der jeweils zehn bis dunkles Blut. Er war an der linken Halsseite langsam, meistens kriechend, auf den Vor-
fünfzehn Landungsboote verschiedener Ty- durchschossen worden, was aber seinen strand mit seiner etwa eineinhalb Meter ho-
pen, die vor WN 62 ankamen, […] brachten Elan nicht zu beeinträchtigen schien, doch hen Böschung zu, um dahinter Deckung zu
immer nur ein paar Hundert Leute an den seine Uniform war blutdurchtränkt. Ich war suchen. Ich konnte nur noch etwa fünfzig bis
Strand. Wenn diese mit dem Maschinenge- gerade dabei, das Schloss meines Karabiners sechzig GIs sehen, die gelegentlich geduckt
wehr niedergemacht und die restlichen mit mit dem Stiefelabsatz aufzutreten, weil es und einzeln umherliefen …
dem Karabiner erledigt waren, entstanden sich von Hand nicht mehr öffnen ließ. Als Der GI, auf den mich der Feldwebel auf-
mehr oder weniger lange Pausen. […] der Feldwebel sah, was ich tat, sagte er: merksam gemacht hatte, erreichte nun fast

64
den Vorstrand, und ich konnte erkennen, jede fünfte Patrone mit einer Leuchtkugel ter, denn das Risiko, beim Rückzug an dem
dass er etwas auf seinem Rücken trug, das versehen.) Obwohl ich mir des Risikos be- schrägen Hang von einer Kugel oder Grana-
wie große Metallflaschen aussah, wie die Öl- wusst war, dass beim Schießen meine ge- te getroffen zu werden, erschien mir nicht
tanks eines Flammenwerfers – und ein sol- naue Position von den Amerikanern nun viel unerheblich. Die Sorge, in meinem Loch ge-
cher Flammenstrahl mit seinen rund tausend besser zu erkennen war, begann ich damit zu troffen zu werden, hatte ich merkwürdiger-
Grad Hitze konnte vom Vorstrand aus viel- feuern. […] Plötzlich schlug eine Granate di- weise nicht. Außerdem glaubte ich noch im-
leicht bis zu meinem MG-Loch reichen … Ich rekt vor meinem MG-Stand ein. Eine dunkle mer, dass WN 62 am Eingang auf der Anhö-
nahm den vom Feldwebel geladenen Karabi- Fontäne aus Erde und Kalkgestein riss mir he fest verbarrikadiert war.
ner, legte an und schoss auf den GI. Der ver- während des Schießens mein Maschinenge- Ab 15:00 Uhr sah ich dann, nur etwa 250
suchte sofort hinter dem großen Kieszer- wehr regelrecht aus den Händen, schleuder- Meter westlich, die Amerikaner gleich zu
trümmerer Deckung zu finden. […] Noch te es über mich hinweg. Ich holte das MG mehreren nebeneinander und in langen Rei-
war der GI nicht in Deckung, und ich lud wieder zurück und untersuchte es einen Mo- hen die schrägen Anhöhen ersteigen. (An
nach und schoss noch mal. Dem Amerikaner ment lang auf eventuelle Beschädigungen, den von meiner Stellung aus fast fünf Kilo-
flog der Stahlhelm davon, trudelte über den konnte aber nichts feststellen und baute es meter entfernten Hängen zwischen St. Lau-
Sand des Strandes und wurde sofort von fla- wieder auf. Dann konzentrierte ich mich rent und Vierville hatte ich bereits ab etwa
chen Wellenausläufern umspült. Der GI war wieder auf die Amerikaner unten am Strand. 12:00 Uhr viele US-Soldaten in dunklen
abrupt stehengeblieben, sackte hart auf die Neue Landungsboote hatten sich genähert. Kolonnen heraufsteigen sehen.) In diesem
Knie, sein Kinn fiel ihm auf die Brust, dann Wieder hämmerte ich zwischen die heraus- Moment bemerkte ich, dass unser Beobach-
kippte er langsam vornüber und schlug aufs springenden GIs. Einen Moment später wur- tungsbunker gezielt mit Granaten beschos-
Gesicht … (Mein zu hoch gegangener fronta- de mein MG nochmals von einer dicht vor sen wurde. Eine war an der oberen Beton-
ler Schuss musste seinen Stahlhelm durch- mir einschlagenden Granate weggerissen kante des nur eineinhalb Meter breiten Seh-
schlagen und ihn direkt in den Kopf getroffen und innerhalb von zehn Minuten noch zwei- schlitzes eingeschlagen und krachend ex-
haben.) In diesem Moment erst wurde mir mal. […]“ plodiert. Schnell lief ich zum Bunker, um zu
wirklich bewusst, was ich eigentlich die gan- sehen, was mit den beiden Insassen gesche-
ze Zeit lang getan hatte – Menschen getötet … Ein MG gegen die Invasion hen war, da kam bereits Leutnant Grass
Im Laufe der Zeit war der Feldwebel „Inzwischen fanden erhebliche Truppenbe- humpelnd und von Oberleutnant Frerking
mehrmals verschwunden und danach immer wegungen am Vorstrand statt. Immer mehr gestützt heraus. Als er meinen besorgten
mit neuer MG-Munition für mich wiederge- Amerikaner waren in der gesamten „Oma- und fragenden Blick sah, erklärte er:
kommen. Er hatte mir mindestens 8.000 ha“-Bucht gelandet, auch etliche US-Panzer „Mich hat’s am Knie erwischt …“
Schuss besorgt; woher, wusste ich nicht. Aber hatten ebenfalls das Land erreichen können. Nur ein schmaler, dreieckiger Riss in sei-
nach etwas mehr als einer Stunde fiel mir auf, Dass bereits erste kleine Gruppen von GIs ab ner Reithose verriet, dass ein kleiner Granat-
dass er nicht mehr da war. […] 8:00 Uhr über die nur wenige Hundert Meter splitter in seiner Kniescheibe steckte. Als sie
Plötzlich gab es direkt vor mir, und wäh- entfernten Anhöhen beiderseits unseres Wi- langsam und in gebückter Haltung den halb
rend ich wieder mit dem Maschinengewehr derstandsnestes ins nahe Hinterland vorge- verschütteten Graben zum Fernmeldebun-
feuerte, einen hellen, lauten Knall und ir- drungen waren, hatte ich von meiner Positi- ker hinaufgingen, sagte Frerking zu mir:
gendetwas flog mir von der Mündung mei- on aus nicht beobachten können. „Wir hauen jetzt alle ab und geben unse-
nes MGs entgegen. Es war mir augenblick- Mir war längst klar geworden, dass wir in ren Posten hier oben auf …“
lich, als hätte mir jemand mit einer schmalen absehbarer Zeit unsere Stellung aufgeben Der Lauf meines Maschinengewehrs hat-
Peitsche ins Gesicht geschlagen, direkt unter und uns zurückziehen würden, denn uns te inzwischen längst keine Züge mehr und
mein rechtes Auge. Ein brennender Schmerz musste zwangsläufig irgendwann die Muni- war derart heiß, dass sich an seiner Mün-
ließ mich mit einer Reflexbewegung ins tion ausgehen. Von den Soldaten des Grena- dung trockenes Gras entzündete. Mehr als
Gesicht fassen – meine Finger waren sofort dier-Regiments 716 sah ich schon lange nie- 12.000 Schuss hatte ich aus der Waffe verfeu-
voller Blut. Und während ich spürte, wie manden mehr. Doch vorerst schoss ich wei- ert. Auch die beiden Karabiner, mit denen ich
das Fleisch unter meinem Auge schnell an-
schwoll, bemerkte ich, dass vom Lauf mei-
nes MGs das spitze, metallene Korn fehlte. HINTERGRUND Chronist schrecklicher Erlebnisse
Es war von einem Projektil eines offenbar ge- Heinrich Severloh kam 1923 zur Welt und DAMALS: Heinrich
zielten Schusses abgerissen worden und mir entstammt einer alten niedersächsischen „Hein“ Severloh mit
ins Gesicht geflogen. Ich war nun noch wü- Familie, deren Wurzeln bis in die Zeit vor 20 Jahren. Mit sei-
tender und setzte mein brutales Feuer auf dem Dreißigjährigen Krieg reichen. Im Juli nem Bericht – den
die letzten GIs am Strand vor dem WN 62 1942 wurde er eingezogen und kam zu- er selbst nicht als
fort. […] nächst an die Ostfront. Ende des Folgejah- Rechtfertigung sei-
Gegen 14:00 Uhr bemerkte ich sechs US- res kam die Abkommandierung nach Frank- nes Tuns verstanden
Panzer, die sich etwas weiter links von mir reich. Severloh erlebte als MG-Schütze den haben möchte – er-
(aus Richtung St. Laurent und dem Sektor ersten Tag der Invasion. Sein Erlebnisbericht regte er große Reso-
dieser dunklen Zeit ist direkt und unge- nanz. Selbst ehema-
„Easy Green“) am Vorstrand auf unseren Ab-
schminkt – für Severloh ist er ein Vermächt- lige Gegner zollen
schnitt zubewegten. […] nis an Nachgeborene, ein Aufruf zur Völker- ihm für seine „große
Mehrere Tausend Projektile hatte ich in- verständigung und eine Stellungnahme ge- Beichte“ Respekt.
zwischen aus meinem MG verschossen und gen den Krieg. Severloh verstarb 2006 im Foto: Kollektion
musste nun Munition für Nachteinsätze Alter von 82 Jahren. Heinrich Severloh
verwenden. (In diesen Munitionsgurten war

Clausewitz Spezial 65
Der Zeitzeuge

annähernd 400 Schuss abgegeben hatte, hatte mich zum ersten Mal geduzt. Wir
waren völlig überhitzt. Ich wusste, dass hatten keine Zeit mehr, noch viele
nun der Zeitpunkt gekommen, da alles Worte zu sagen. Diese Sekunden unse-
verloren war. Zwar nahm ich das MG res Abschieds waren voller unseliger
mit, an das ich noch ein Trommelmaga- Zweifel. Schweigend drückten wir uns
zin mit 50 Schuss angeschlagen hatte, die Hände – ein kurzer, viel zu kurzer,
doch wollte ich niemanden mehr tö- bizarrer Moment nur. Ein Gefühl von
ten – es war genug … Sympathie, Wärme und Verbunden-
Westlich von uns erschienen nun im- heit zu ihm stieg noch einmal kurz
mer mehr Amerikaner. Ich lief die paar in mir auf und gleichzeitig eine tiefe
Meter zum Fernmeldebunker. Erst jetzt Melancholie. Warum dieser Abschied?
sah ich, dass die gesamte Anhöhe unse- Dann presste ich mein Maschinenge-
res Stützpunkts vom schweren Granat- wehr an mich und sprang aus dem fla-
beschuss der Schiffsartillerie völlig um- chen Graben.
gegraben worden war. Ich informierte In dem Augenblick, in dem ich den
kurz die Funker Herbert Schulz und Graben verließ (es war ziemlich genau
Kurt Wernecke, dass wir uns nun abset- 15:30 Uhr), jagte mir der Gedanke
zen würden. durch den Kopf, dass ich nicht auch
Als wir drei dann den total verwüs- nach links laufen sollte, da die GIs den
teten Graben betraten, warteten nahe Hügel sicherlich im Visier hatten. So
des Fernmeldebunkers bereits Ober- rannte ich halb rechts hinüber und hat-
leutnant Frerking, Leutnant Grass und te das Glück, nach nur wenigen Me-
Unteroffizier Beermann auf uns. Ihre tern einen tiefen Granattrichter zu fin-
Stahlhelme und Uniformen waren von den, in den ich springen konnte. Ein
hellem Staub bedeckt. Frerking hatte paar Gewehrprojektile peitschten in
sich einen langen MG-Gurt mit etwa ORT DES GESCHEHENS: Dieser Plan zeigt die Topogra- meiner Nähe in den Sand, dann sprang
einhundert Patronen um den Hals ge- fie und die Verteidigungsanlagen von „WN 62“. Es war ich in den nächsten Trichter. Wieder
hängt – obwohl nur ich noch ein Ma- eines von 15 Widerstandsnestern in der Omaha-Bucht. begleiteten mich die Geschosse der
schinengewehr bei mir hatte. Der Lauf- Am 6. Juni befanden sich dort 28 Soldaten der 3. Kompa- Amerikaner.
graben war von der durch das Trom- nie des Grenadier-Regiments 726 sowie 13 Soldaten des Das schwere Bombardement durch
melfeuer umhergeflogenen Erde nur Artillerie-Regiments 352. Der Gefreite Heinrich Severloh die Flugzeuge im Morgengrauen und
noch weniger als halb so tief wie ur- befand sich mit seinem MG in einer offenen Feldstellung das anschließende Trommelfeuer der
sprünglich. Auch ein verstörter Soldat (Nummer 42 auf dem Plan). Abb.: Helmut Konrad Freiherr von Keusgen Schiffsartillerie hatten oben auf dem
der 726er hockte sich zu uns Artilleris- Plateau derart viele tiefe und nah bei-
ten. Es war der einzige deutsche Infanterist, wir zu diesem Zeitpunkt bereits die letzten einanderliegende Bombenkrater und Gra-
den ich seit Stunden gesehen hatte. Ober- deutschen Soldaten in diesem Abschnitt wa- nattrichter erzeugt, dass ich nun, teilweise in
leutnant Frerking sagte zu ihm: ren). Nachdem sich nun der erste von uns gebückter Haltung, von einem in den nächs-
„Sie springen jetzt als Erster raus und set- abgesetzt hatte, waren die Amerikaner offen- ten laufen konnte, ohne mich dabei über
zen sich vorsichtig nach hinten ab. Danach bar noch aufmerksamer und es war klar, dem normalen Bodenniveau zeigen zu müs-
springe ich hinaus, dann folgt mir der Ge- dass sie sich auf uns einschießen würden. sen. Somit hatten mir die Bomben, die auch
freite Severloh, danach die anderen …“ Wir mussten sehr schnell handeln, wenn wir mich hätten treffen sollen, nun geholfen,
Der Infanterist sprang sofort aus dem noch heil davonkommen wollten … schnell und sicher den mehr als einhundert
Graben, lief in geduckter Haltung schräg Dann wandte sich Frerking zu mir. Ernst Meter langen Weg aus der unmittelbaren Ge-
nach links davon und suchte hinter dem we- sah er mich an, betrachtete kurz mein fahrenzone bis hinter den höchsten Grad des
nig entfernten Erdaushub eines geplanten schmerzendes, geschwollenes und blutver- Plateaus zu finden.
Bunkers Deckung. Sofort prasselte ein Hagel schmiertes Gesicht. Etwa vierhundert Meter weiter hinten
von Projektilen auf den Hügel ein – so, als „Du springst als nächster, Hein – mach’s blieb ich am schmalen Weg, der von St. Lau-
hätte man eine Hand voll Mais darauf ge- gut …“, sagte er entgegen seiner vorherigen rent zum WN 62 führte, in guter Deckung
worfen. Auf der westlichen Seite des WN 62 Anweisung und reichte mir die Hand. Er liegen (die heutige Straße zum US-Friedhof).
hatten sich die Ameri- Da ich dort keine Amerikaner mehr sehen
kaner inzwischen bis konnte, wartete ich auf meinen Oberleut-
Lesen Sie die ganze Geschichte:
an die Umzäunung he- nant. Es dauerte nicht lange, da tauchte zwi-
rangewagt. Unten war Severloh, Hein: WN 62. Erinnerun- schen den Kratern Kurt Wernecke auf. Ich
es ihnen nun endlich gen an Omaha Beach – Normandie, machte mich ihm bemerkbar, und einen Mo-
gelungen, den Vor- 6. Juni 1944. Garbsen 2012 (9. Auf- ment später war er bei mir. Er war verstört
strand zu überlaufen lage), 167 Seiten, 12,50 € und berichtete atemlos, dass die anderen al-
und den Fuß des Küs- Mehr Informationen und Bestell- le tot seien und es ihm irgendwie gelungen
möglichkeit unter:
tenhanges zu erreichen. war, durchzukommen – Oberleutnant Frer-
www.hek-creativ-verlag.de
Überall dort lagen die king sei durch einen Kopfschuss gefallen. Ich
GIs jetzt in guter De- CLAUSEWITZ dankt dem H.E.K.-Verlag und war zutiefst betroffen, denn keine Nachricht,
insbesondere Herrn Helmut Konrad Frei-
ckung und hatten sich herr von Keusgen für die Unterstützung. die mich in diesem Moment hätte erreichen
auf uns konzentriert (da können, wäre furchtbarer gewesen …

66
te n , T e c h ni k ,
S c h l a c h
Feld h e r r e n
In jeder Ausgabe:
Fundierte Beiträge rund um das Thema Militär-
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Sieg der Alliierten

Kesselschlacht von Falaise

Endgültige
Entscheidung
August 1944: Über der Wehrmacht braute sich ein gewaltiges „Unwetter“ zusammen.
Denn südlich von Caen zeichnete sich die Einschließung von 100.000 Mann durch den
Gegner ab. Die Schlacht in der Normandie ging in ihre letzte Phase. Von Stefan Krüger

FEUERHÖLLE: Alliierte Soldaten beobachten


entlang der Straße Caen-Falaise die verheeren-
de Wirkung ihrer überlegenen Luftstreitkräfte,
August 1944. Foto: picture-alliance/United Archives/TopFoto

68
O
hne ein Wunder stand den massiv in musste. Doch obgleich über die Bedeutung Truppenteilen gelingen sollte, der „Falle von
Bedrängnis geratenen Deutschen ei- des Kessels von Falaise Einigkeit bestand, Falaise“ zu entkommen.
ne Katastrophe bevor. Erst ab dem setzten die Verbündeten ihre Verzettelungs- Derweil plante Montgomery nach dem
11. August rangen sich Hitler und OB West taktik fort, die sie schon seit ihrem Durch- Abbruch der Operation „Totalize“ am 13. Au-
Günther von Kluge dazu durch, die Norman- bruch bei Avranches am 31. Juli 1944 „pfleg- gust 1944 den Schlussangriff auf Falaise, um
die-Front aufzugeben. Nun drängte alles, was ten“. So setzten sie ein US-Korps auf die den Kessel zusammen mit den Amerikanern
noch marschieren und fahren konnte, zu dem Bretagnehäfen an, obwohl diese für die anste- zu schließen. Doch anstatt seine bewährten
immer kleiner werdenden Schlupfloch zwi- hende Kesselschlacht nicht von Bedeutung Veteranen aus dem Afrikafeldzug mit dieser
schen Falaise und Argentan. Da es wie im- waren. Und auch von den übrigen drei Korps wichtigen Aufgabe zu betrauen, setzte er we-
mer an Treibstoff mangelte, blieb das meiste der 3. US-Armee, die die Südzange der alliier- niger erfahrene kanadische und polnische
schwere Gerät zurück. Viel war es ohnehin ten Kesselfront zu bilden hatte, marschierte Truppen in Marsch. Die britischen Verbände
nicht mehr. Priorität besaß die Rettung der nur ein einziges den Briten Richtung Norden schickte er hingegen nach Osten Richtung
Soldaten, um das deutsche Westheer irgend- entgegen. Die beiden anderen ließ Oberbe- Seine, so, als ob sich Amerikaner und Briten
wann neu aufbauen zu können. fehlshaber Omar Bradley nach Chartres be- bereits einen Wettlauf zur deutschen West-
Die Alliierten hingegen wussten, dass ziehungsweise Orléans marschieren. grenze liefern würden.
sich nun eine einmalige Chance aufgetan Zum einen wollte das alliierte Oberkom- Aus all diesen Gründen trügt der Eindruck
hatte. Denn die Vernichtung der deutschen mando weiteres französisches Territorium nicht, dass die Alliierten in der Spätphase von
Normandie-Armeen würde nicht nur einen einnehmen und später auf Paris vorstoßen. „Overlord“ eher halbherzig – mit angezoge-
operativen, sondern auch einen strategi- Zum anderen wollte es damit gewährleisten, ner Handbremse – losfuhren. Für die Deut-
schen Erfolg darstellen, der im nächsten den Ring wenigstens an der Seine zu schlie- schen war dies dagegen die einzige Chance,
Schritt zum raschen Kriegsende führen ßen, für den Fall, dass es größeren deutschen der Vernichtung im Kessel zu entkommen.

Clausewitz Spezial 69
Sieg der Alliierten

Die dramatische Lage auf Seiten der die nicht überschritten werden durften. 18. August eroberten die Verbündeten Trun.
Wehrmacht forderte schon bald ihren Tribut Auch diese Maßnahme stand im Wider- Bei den Deutschen brach allmählich große
an der Spitze. Am 15. August verschwand spruch zur Situation, die eigentlich kühne Unsicherheit aus. Die Spitze des XV. US-
Feldmarschall Kluge plötzlich während ei- und temporeiche Vorstöße verlangte. Korps stand östlich von Argentan bei Cham-
ner Frontfahrt. Hitler, der der Generalität Montgomery eröffnete seinen Zug wie bois – und war damit weniger als sieben Ki-
seit dem Attentat vom 20. Juli 1944 miss- üblich mit einem schweren Luftangriff. 800 lometer von der 1. kanadischen Armee ent-
trauischer denn je gegenüberstand, forderte Bomber starteten, doch sie warfen ihre Last fernt. Dies war keine Lücke mehr, sondern
sofortige Aufklärung. Wo steckt der OB teilweise zu früh ab und verursachten damit ein Nadelöhr, durch das sich die 7. Armee
West? Der „Führer“ befürchtete, dass Kluge in den eigenen Reihen Verluste in Höhe von verzweifelt hindurchzwängte.
Kontakt mit den Alliierten aufgenommen 400 Mann. Die Bodentruppen griffen der-
haben könnte. Doch der Verdacht war unbe- weil das während „Totalize“ erfolgreich In der „Falle“
gründet: Kluge war lediglich in einen alliier- praktizierte Konzept des mechanisierten Um die Ostseite des Kessels endgültig abzu-
ten Fliegerangriff geraten. Hitler blieb aller- Vorstoßes auf. Um den Verteidigern die riegeln, mussten die Verbündeten das östli-
dings misstrauisch und ersetzte ihn Mitte Sicht zu nehmen, schoss die Artillerie oben- che Ufer des zwischen Trun und Chambois
August durch Generalfeldmarschall Walter drein Rauchgranaten. Dennoch kam der verlaufenden Flusses Dives sichern und da-
Model. Dem Defensivspezialisten war es Angriff nur zäh in Gang. Wieder war es die rüber hinaus den Mont Ormel (wegen seiner
kurz zuvor gelungen, die katastrophale Lage 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“, die Höhe auch „Hügel 262“ genannt) rund sechs
an der Ostfront zu stabilisieren. Nun sollte er den Vormarsch verlangsamte und den Alli- Kilometer östlich der Dives nehmen.
dasselbe „Wunder“ im Westen wirken. ierten schwere Verluste bescherte. Dabei In den frühen Morgenstunden des 19. Au-
verfügte der Verband nur noch über ganze gust rollte die 4. kanadische Panzerdivision
Kluge begeht Selbstmord 15 Panzer und einige 8,8-cm-Geschütze. Fa- nach Chambois. Parallel dazu attackierten
Feldmarschall Kluge hingegen nahm sich laise fiel erst am 16. August. zwei kanadische Infanterieverbände die
am 19. August das Leben. In einem Ab- Die Amerikaner hatten derweil bereits am Nordost-Seite des Kessels, um deutsche
schiedsbrief an Hitler schrieb er unter ande- 15. August Argentan erreicht, trafen hier je- Kräfte zu binden. Zwar wiesen die Verteidi-
rem zum Debakel an der Westfront: „Meine doch auf verbissenen Widerstand der 9. Pan- ger den Fesselangriff der kanadischen Infan-
,Schuld‘ als verantwortlicher Führer ist da- zerdivision, die zuvor aus Südfrankreich terie ab und fügten ihnen schwerste Verlus-
mit festgestellt.“ Kluge konnte ein sehr un- eingetroffen war. Die 3. US-Armee hätte mit te zu, doch die kanadischen Panzertruppen
angenehmer Offizier und Vorgesetzter sein, Teilen an der Stadt vorbei Richtung Norden hatten Erfolg und reichten den Amerikanern
doch er war ein fähiger Kommandeur und vorstoßen können, um den Kessel zu schlie- in Chambois die Hände. Bis zum Nachmit-
gewiss trug er nicht die alleinige Schuld an ßen, doch Bradley hielt sich penibel an die tag desselben Tages quälte sich auch die
der sich abzeichnenden Katastrophe an der Gefechtslinien, während Stunde um Stunde polnische Panzerdivision den „Hügel 262“
Westfront. Tausende von deutschen Soldaten der „Fal- hinauf und brach ebenfalls unter großen
Die Alliierten läuteten währenddessen le“ entwischten. Opfern den letzten Widerstand der 12. SS-
den Schlussakt von „Overlord“ ein. Am Panzerdivision. Die „Falle“ war zuge-
14. August begann Unternehmen „Tractab- Nadelöhr statt Lücke schnappt und 100.000 deutsche Soldaten sa-
le“. Die Ziele waren überschaubar: Kanadier Am 16. August traten Kanadier und Polen ßen darin. „Hügel 262“ bot zudem eine her-
und Polen sollten noch am ersten Tag Falai- erneut an. Eile war geboten. Zwar hatten die vorragende Sicht auf den schrumpfenden
se und am 15. August Trun freikämpfen. Von Alliierten den Gefechtsraum der 7. Armee Kessel, sodass die Polen das Artilleriefeuer
dort sollten sie dann zu den Amerikanern inzwischen auf ein Gebiet von rund 50 Kilo- koordinierten. Tagsüber donnerten oben-
aufschließen. Deren Auftrag war es, Argen- meter Breite und 25 Kilometer Tiefe zusam- drein alliierte Flugzeuge heran, die jede Be-
tan zu nehmen. mengedrückt, doch mussten sie die Lücke wegung für die Eingeschlossenen unmög-
Die Verbündeten legten zudem starre Ge- im Osten nun schleunigst schließen. Die lich machten. Gab es für die verbliebenen
fechtslinien zwischen den britisch-kanadi- Angreifer fochten sich allerdings nur müh- deutschen Soldaten noch Hoffnung, diesem
schen Truppen und den US-Verbänden fest, sam und unter Verlusten vorwärts. Erst am Inferno zu entkommen?
Die 5. Panzerarmee, ehemals „Panzer-
gruppe West“, befand sich mit dem II. SS-
Panzerkorps längst außerhalb des Kessels.
„Ich weiß es nicht, ob der überall bewährte Dies war auch bitter notwendig, denn das
Korps zehrte schon lange von seiner Sub-
Feldmarschall Model die Lage noch meistern stanz. Außerdem bereitete die deutsche Füh-
wird. […] Sollte es […] nicht der Fall sein und rung bereits den Aufbau einer neuen Front
östlich der Seine vor und konnte dabei nicht
Ihre neuen, heiß ersehnten Kampfmittel, auf diese kampfstarke Formation verzichten.
insbes. die der Luftwaffe, nicht durchschla- Insofern wäre es sinnvoll gewesen, das II. SS-
Panzerkorps vollständig nach Osten zu füh-
gen, dann, mein Führer, entschließen Sie ren. Doch nun war der Großverband die letz-
sich den Krieg zu beenden. Das dt. Volk hat te Hoffnung der 7. Armee. Am 20. August
1944 trat das Korps mit der 2. und 9. SS-Pan-
so namenlos gelitten, dass es Zeit ist, dem zerdivision an. Gerade einmal 20 Panzer
Grauen ein Ende zu machen.“ konnten diese ausgebluteten Verbände noch
Feldmarschall Günther von Kluge in seinem Abschiedsbrief an ins Feld führen. Ihnen zur Seite standen drei
Hitler vom 18. August 1944 Infanteriebataillone.

70
Hölle auf Erden

PROPAGANDAZEICHNUNG: US-Kampfflug-
zeuge greifen eine deutsche Fahrzeugko-
lonne an, die versucht, aus dem Kessel
von Falaise zu entkommen.
Abb.: picture-alliance/Mary Evans Picture Library

GIGANT AUF KETTEN: Alliierte Soldaten


untersuchen einen zerstörten
Panzerkampfwagen VI, „Tiger“ II. Mit
seiner starken Panzerung und seiner leis-
tungsstarken 8,8-cm-Kanone war er eine
gefürchtete Waffe. Doch besonders die
alliierte Luftüberlegenheit wurde vielen
„Königstigern“ zum Verhängnis.
Foto: picture-alliance/Mary Evans Picture Library

HITLERS „FEUERWEHRMANN“:
Generalfeldmarschall Walter Model
(1891–1945) galt als „Defensiv-
spezialist“ und sollte als neuer OB
West ab Mitte August 1944 die
Front in Frankreich stabilisieren.
Foto: picture-alliance/IMAGNO/Austrian Archives
STAHLKOLOSS: Titelseite
der NS-Propagandazeitung
GUT GETARNT: Soldaten der Waffen-
„Signal“. Die „Tiger“ wa-
SS in ihren charakteristischen Fleck-
ren beim Gegner gefürch-
tarn-Uniformen mit Helmüberzug. Be-
tet, doch die Stückzahlen
sonders die kampferprobten SS-Ver-
viel zu gering.
bände setzten den Alliierten arg zu.
Foto: picture-alliance/akg-images
Foto: picture-alliance/akg-images

Clausewitz Spezial 71
Sieg der Alliierten

Mit diesen bescheidenen Kräften war es


freilich kaum möglich, den Einschließungs-
ring aufzubrechen. Daher musste die 7. Ar-
mee noch einmal alle Kräfte mobilisieren
und den Entsatztruppen entgegenstoßen.
Armeeoberbefehlshaber Paul Hausser ord-
nete daher an, dass alles, was noch kämp-
fen und marschieren konnte, sich in Kampf-
gruppen zu organisieren und selbstständig
auszubrechen hatte. Noch in der Nacht
vom 19. auf den 20. August überwanden
erste Stoßgruppen die schwachen Kräfte an
der Dives und besetzten handstreichartig
einige Brücken. Die Spitze bildeten die Sol-
BESTAUNT: Panzer und andere Militärfahr-
daten der 3. Fallschirmjägerdivision. Sie ge-
zeuge der Alliierten präsentieren sich nach
ihrem Einzug in Paris Ende August 1944 wannen auch erstaunlich viel Gelände,
der erleichterten Bevölkerung der französi- doch bei Coudehard am Fuße des „Hügels
schen Hauptstadt. Foto: picture-alliance/akg-images 262“ war zunächst Schluss, denn hier trafen
sie auf die polnische Panzerdivision. Sollte
ihnen nicht längst das II. SS-Panzerkorps
entgegenkommen?
Die beiden SS-Divisionen kamen im Mor-
gengrauen des 20. August ihren eingeschlos-
senen Kameraden zu Hilfe. Doch auch sie
prallten auf „Hügel 262“ wie gegen eine
Wand. Verbissen und zäh wehrten die Polen
alle Angriffe ab. In jenen Tagen verlor die Di-
UNGEWISSE ZUKUNFT: vision allerdings über 1.400 Mann – 20 Pro-
Soldaten der Wehrmacht zent ihrer Stärke. Die Polen zahlten den Preis
werden nach der Kapitu- für Montgomerys inkonsequente Operati-
lation in Paris am 25. onsführung. Das II. SS-Korps schloss darauf-
August 1944 auch von hin Teile der Verteidiger, denen mittlerweile
Personen in Zivil, ver- sogar die Gewehrmunition ausging, auf der
mutlich Angehörige der Hügelspitze ein.
Résistance, durchsucht.
Foto: picture-alliance/akg-images
Dramatische Flucht
Auf der anderen Seite rafften sich die Fall-
KARTE Kessel von Falaise und alliierter Vormarsch schirmjäger noch einmal zum Angriff auf.
Unterstützt von den Resten der 2. SS-Panzer-
division, vertrieben sie die Polen aus Coude-
hard und reichten dem II. SS-Korps die Hän-
de. Bis zum späten Nachmittag erweiterten
sie die Lücke auf bis zu drei Kilometer.
Obwohl alles nach Osten drängte, be-
mühte sich die Armee, den Ausbruch organi-
siert ablaufen zu lassen. So stellten die ver-
antwortlichen Offiziere eine Fahrzeugko-
lonne zusammen, die zunächst die Verwun-
deten abtransportierte, während man den
Verkehr für die anderen sperrte.
Die verbliebenen polnischen Verteidiger
auf „Hügel 262“ besaßen zwar nur noch ei-
ne sehr geringe Kampfstärke. Sie konnten ih-

Literaturtipp
Beevor, Antony: D-Day. Die Schlacht um die
Normandie. Aus dem Englischen von Helmut
Ettinger (die Originalausgabe ist 2009 unter
dem Titel „D-Day – The Battle for Normandy“
erschienen). 2. Auflage, München 2011
Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich

72
Triumphaler Einzug in Paris

Aus Liebaeil
zum Det
„Wenn ,Monty‘ [Bernard L. Montgomery]
versucht, vorsichtig vorzugehen, ist es zu spät.“
US-General George S. Patton in seinem Tagebuch
über die Kesselschlacht von Falaise

re Position jedoch weiterhin hervorragend zwischen Elbeuf und der Flussmündung, zu


nutzen, um das Artilleriefeuer zu koordinie- stellen. Zwar hatten Bomber bereits vor der
ren, das der fliehenden 7. Armee arg zusetz- Landung die Brücken in diesem Abschnitt
te. Daher versuchte das II. SS-Panzerkorps zerstört, doch rückte die 21. britische Armee-
am 21. August ein letztes Mal, diesen Pfahl gruppe zu langsam vor. Dies lag zum einem
im Fleisch zu beseitigen, die Kraft war aller- am schlechten Wetter und zum anderen am
dings längst verbraucht und gegen Nachmit- unerwartet heftigen deutschen Widerstand.
tag zog sich das Korps allmählich zurück. In- Die Amerikaner wiederum waren erneut
zwischen hatte nämlich die kanadische Ar- schneller, respektierten jedoch die Operati-
mee Verstärkungen entsandt, die bis zum onsgrenzen und stießen nicht über Elbeuf
Abend sämtliche Lücken am Ostrand des hinaus nach Norden vor. So entkamen viele
Kessels schloss. Während sich nun alle geret- Deutsche abermals und evakuierten bis
teten Soldaten rasch Richtung Seine absetz- zum 30. August den größten Teil ihrer Trup-
ten, kapitulierten die eingeschlossenen Res- pen nach Ostfrankreich. Schwer wog indes
te der 7. Armee. der Verlust an Fahrzeugen und Geschützen,
Zwischen 35.000 und 40.000 deutschen die die Wehrmacht nicht über die Seine ret-
Soldaten ist in diesen dramatischen Stun- ten konnte.
den, als der Korridor noch offen stand, die
Flucht geglückt. Etwa 50.000 traten ihren Die Vorentscheidung
letzten Marsch in die Gefangenschaft an, Der Siegeseuphorie auf Seiten der Verbün-
rund 10.000 waren gefallen. Zudem ließ die deten tat dies keinen Abbruch. So beendete
7. Armee mehr als 2.700 Fahrzeuge, davon die 2. französische Panzerdivision zusam-
344 gepanzert, und rund 250 Artilleriege- men mit US-Truppen bereits am 25. August
schütze zurück. die deutsche Besatzungsherrschaft in der

at
Jeden Mon !
Der Ausgang der Schlacht von Falaise französischen Hauptstadt, in der Stadtkom-
hatte für die Alliierten jedoch einen Makel: mandant Dietrich von Choltitz kapitulierte.
Unter den entkommenen Soldaten befand Der Jubel der Franzosen kannte keine Gren-
sk
neu am Kio
sich zum Teil sehr erfahrenes Personal, vor zen. Am 26. August 1944 präsentierten sich
allem aus dem Generalstab. Mit diesen Män- die Sieger mit ihren Fahrzeugen auf der
nern konnte die deutsche Führung daran Avenue des Champs-Élysées der Bevölke-
denken, die geschlagene Normandie-Armee rung von Paris.
zumindest teilweise neu aufzubauen. Die hohen Verluste der Deutschen weck-
Es ist erstaunlich, dass die Verbündeten, ten bei den Verbündeten nun große Hoff-
die „Overlord“ so vorzüglich geplant und nungen. Hatte das alliierte Hauptquartier
im Laufe der Invasion so vieles richtig ge- vor der Landung in der Normandie noch die
macht hatten, nun ausgerechnet in der Absicht, bis Herbst 1944 lediglich die Seine
Schlussphase einen derart schwerwiegenden zu erreichen, wagten einige hochrangige Of-
Fehler begingen. Denn sie versäumten es, fiziere nun die Prognose, dass der Krieg bis
am Ostrand des Kessels einen Schwerpunkt Weihnachten 1944 zu Ende sein könnte.
zu bilden und ihre Kräfte entsprechend zu Doch nach dem unerwarteten Rück-
verteilen. So halfen die Amerikaner zwar da- schlag bei Arnheim, als vor allem Panzer-
bei, den Kessel von Westen her einzudrü- verbände des II. SS-Panzerkorps den alliier-
cken, standen am Südrand „Wache“ und ent- ten Luftlandetruppen eine herbe Niederlage
sandten gleich zwei Korps Richtung Ost und beibrachten, war dieser „Zeitplan“ nicht
Südost. Doch ausgerechnet dort, wo man sie mehr einzuhalten.
am dringendsten benötigt hätte, nämlich im Allerdings konnte das verlustreiche
Ausbruchsraum der Deutschen, blieben sie Scheitern der alliierten Operation „Market
weitgehend inaktiv. Garden“ das Vordringen der Westalliierten
Die Deutschen hingegen konzentrierten bis zur Reichsgrenze im Herbst 1944 nur ver-
ihre verbliebenen Kräfte auf den Fluchtkor- zögern, aber nicht stoppen. Mit dem Tri-
ridor und fügten Polen und Kanadiern umph in der Normandie in den Monaten Ju-
schwere Verluste zu. Letztere büßten vom ni bis August 1944 war die endgültige Ent-
14. bis zum 21. August rund 5.400 Mann ein. scheidung im Westen und eine wichtige
Nun versuchten die Alliierten, die flie- Vorentscheidung im Zweiten Weltkrieg zu-  
 
 

henden Deutschen noch westlich der Seine, gunsten der Anti-Hitler-Koalition gefallen.

   


Clausewitz Spezial



73
Meinung

Ohne Konzept und materiell


hoffnungslos unterlegen
Hauptgründe für das deutsche Desaster
Von Peter Andreas Popp

E
inem bekannten Sprichwort zufolge hat der Erfolg spät. Die militärischen Siege zu Beginn des Krieges wa-
viele Väter, der Misserfolg nur einen. Ein anderes ren letztlich dem Überraschungsmoment und auf tak-
Sprichwort lautet: „Erstens kommt es anders, und tischer Ebene durchaus gegebener höherer Kampfkraft
zweitens, als man denkt.“ Auf das Landungsunterneh- geschuldet. Wie gewonnene Schlachten zu einem zu
men der Alliierten in der Normandie gemünzt heißt das, gewinnenden Krieg modelliert werden können, war,
sich genau zu überlegen, in welchem Maß das aus alli- betrachtet jenseits der „Qualität“ des NS-Regimes, für
ierter Sicht erfolgreiche Vorhaben planbar war und wel- die deutsche Kriegsführung kein Thema. Sie war gut fi-
che Faktoren sich der Planbarkeit widersetzten. xiert auf die taktische Ebene, bedingt berücksichtigte
Dass die Angloamerikaner die Schlacht um die Nor- sie auch die operative Ebene. Kläglich versagte sie im
mandie gewannen, weil sie die Sache der Demokratie Begreifen der strategischen Dimension des Krieges.
vertraten, war nicht vorherbestimmt. Kriegsgeschehen Was nützte die Eroberung Frankreichs, wenn bis An-
ist Menschenwerk. Es geht um Dinge, die geplant und fang 1944 die Verteidigung der „Festung Europa“ zu
realisiert werden durch Menschen, und es geht um Lande und zu Luft kläglich vernachlässigt worden war,
Dinge, die sich der Steuerbarkeit durch den Menschen weil Hitler und seine Generalität es vorgezogen hatten,
entziehen. sich auf Basis einer improvisierten Kriegsführung in
Eine Strategie, die sich bewusst auf Unwägbarkeiten den Weiten Russlands zu verzetteln, um dort ein groß-
einlässt, als wären sie eine planbare Größe, und auf die- germanisches Imperium zu errichten? Sie nützte nichts,
se so baut, als wären diese Unwägbarkeiten unbedingt wie Rommels verspätete Armierungsmaßnahmen am
begünstigende Faktoren für den eigenen Erfolg, ver- torsohaften „Atlantikwall“ erwiesen.
dient nicht den Namen „Strategie“. Sie bedeutet Dilet- Bereits vom Grundansatz her betrachtet, nicht erst
tantismus. Anders formuliert: Man siegt nicht deshalb, in der Umsetzung, war die Verteidigung dieser „Fes-
weil man siegen muss – gerade dann, wenn man eine tung Europa“ absolut defizitär:
politische Idee vertritt. Man kann aber besser siegen, • Weder war sie dynamisch: Man setzte auf starre Fes-
wenn Überzeugung einhergeht mit guter Ausbildung tungen, ohne die räumliche Dimension in Rechnung
des Personals und Bereitstellung guten Materials. Und zu stellen, also zu bedenken, was geschehen würde,
dies immer im Bewusstsein, dass Tugend, Notwendig- sobald die „Festung“ blutreich genommen worden
keit und Zufall – in den Worten Machiavellis: der Drei- war.
klang „virtù“, „necessitá“ und „fortuna“ – immer auch • Noch wurde die maritime Sicherung des weiten Vor-
des günstigen Augenblicks bedürfen. Für die Alliierten feldes bedacht, also die Bekämpfung des Gegners auf
war dies der 6. Juni 1944 mit den ihm folgenden 24 See, bevor dieser mit Amphibienfahrzeugen anlan-
Stunden, „der längste Tag“ also. den konnte.
• Und am problematischsten: Es fehlte die Luftüberle-
Kein kluges Konzept genheit, und zwar auch nur ansatzweise!
Literaturtipps Das Hauptproblem auf deutscher Seite bestand darin,
dass sie Gefangene ihrer eigenen Vorstellung und Fehl- Gescheiterte Generalität
Kennedy, Paul: Die Casab-
wahrnehmung war: nämlich Gefangene des Glaubens, Und nun ein Stück weitergedacht: Ist eine Festung ge-
lanca-Strategie. Wie die
Alliierten den Zweiten Welt- der deutsche Soldat habe den Ersten Weltkrieg verlo- nommen, dann können dem Eindringling immer noch
krieg gewannen. Januar ren, weil ihm allein der Wille zum Kämpfen gefehlt ha- Schwierigkeiten erwachsen aufgrund des Verhaltens der
1943 bis Juni 1944. be. Deutsches militärisches Denken im Zweiten Welt- Bewohner. Die deutsche Besatzungspolitik hatte in
München 2012 krieg setzte folglich nicht nur primär, sondern absolut Frankreich nichts getan, um die Herzen derer zu gewin-
auf die immaterielle, d. h. auf die geistige Seite soldati- nen, die nicht eindeutig pro-nationalsozialistisch einge-
Mönch, Winfried: Entschei-
schen Handelns. Und zwar so, dass – hier wirkte der stellt waren. Wie soll die „Festung Europa“ verteidigt
dungsschlacht „Invasion“
1944? Prognosen und Konformitätsdruck einer totalitären Diktatur erst recht werden, wo es doch für die meisten, einschließlich der
Diagnosen. Stuttgart 2001 kontraproduktiv! – auch auf geistiger Ebene nicht in Al- „schweigenden Mehrheit“ (sei es aus Angst vor NS-Ter-
ternativen gedacht wurde, und wenn, dann viel zu ror oder aus Opportunismus), nichts zu verteidigen gab.

74
Direkt angesprochen: Die deutsche Verteidigung am Die Wehrmacht mochte über „Kampfkraft“ verfü- MACHTBEWEIS:
Atlantik war in der Tat in technischer und personeller gen – um mit Martin van Creveld zu sprechen, viel- Dieser französische
Hinsicht absolut unvollständig. Sie war zudem starr leicht sogar über mehr als die US Army, was die men- Sherman steht für
und militärisch phantasielos angelegt. Und dort, wo tale Komponente und die Empathiefähigkeit von Vor- das überwältigende
sie bautechnisch einigermaßen ausgestaltet war, griffen gesetzten auf Ebene der Truppe anbelangt –, aber in der Wirtschaftspotential
die Alliierten nur zum Schein an (= Raum Calais/Diep- historischen Situation des 6. Juni 1944 verfügte die der Alliierten – über
pe). Von Nachhaltigkeit der Verteidigung keine Spur! andere Seite über mehr davon. Zur Kampfkraft gehört 50.000 Stück wurden
Aufgrund der permanenten alliierten Luftangriffe auf auch ein umsichtiges Ressourcenmanagement, gerade davon produziert! Na-
die französischen Verkehrswege und deren erhebliche unter militärischen Vorzeichen. Und hier fällt auf, dass türlich kann das
Sabotage seitens des französischen Widerstandes wur- auf deutscher Seite die Ressourcen an Material und „deutsche Desaster“
de die Logistik zur Abwehr der Invasionstruppen be- Personal immer knapper geworden und auf angloame- nicht monokausal
reits im „Hinterland“ paralysiert. rikanischer Seite so angewachsen waren, dass das Lan- mit der materiellen
Über die Nichtheranführung deutscher Panzerreser- dungsunternehmen mit hoher Wahrscheinlichkeit – Überlegenheit des
ven ist viel geschrieben worden. Es stimmt: Diese stan- Faktoren jenseits menschlichen Einflusses ausgeklam- Gegners erklärt wer-
den in der Normandie nicht zur Verfügung, und Hitler mert – nicht scheitern konnte. den. Ein weiterer
trug dafür die Verantwortung. Doch nicht er allein. Die Paul Kennedy vertritt in seiner 2013 erschienenen Punkt war vor allem
deutsche Generalität an der Westfront erwies sich im Studie „Engenineers of Victory: The Problem Solvers das kopflose Verteidi-
Juni 1944 als der beste Verbündete der Alliierten – nicht, Who Turned the Tide in the Second World War“ (der gungskonzept der
weil sie Hitler auch nur ansatzweise untreu wurde (an- deutsche Titel lautet nicht ganz so prägnant „Die Ca- Wehrmacht.
dernfalls hätten die Akteure des „20. Juli“ ja auf sie sablanca-Strategie“) die Auffassung: „Von allen Foto: picture alliance/Leemage
bauen können), sondern, weil sie Hitler allzu treu dien- Aspekten, die zum alliierten Sieg in der Normandie
te, indem sie das tat, was die Führungsverantwortli- beitrugen, war der wichtigste sicherlich der von Kom-
chen auf angloamerikanischer Seite nicht zu erwarten mando und Kontrolle. Ohne sie scheitert alles andere
wagten! Jetzt rächte sich auch hier, dass Hitler das selbst bei Glanzleistungen auf taktischer Ebene.“ Ge-
Kämpfen nicht der Generalität exklusiv überließ. Wer nau hier lag das gravierende Defizit auf deutscher Sei-
wird General (von den in politischer Hinsicht „kastrier- te. Worüber die Angloamerikaner verfügten, davon
ten“, soll heißen politisch willfährig orientierten, Gene- hatte die deutsche Seite zu wenig. Sie entbehrte am 6.
ralfeldmarschällen hier gar nicht erst zu reden) in die- Juni 1944 drei weiterer ganz entscheidender Kriterien:
ser Diktatur mit einem Militär, welches sich auf dem der Luftherrschaft, der Seeherrschaft sowie „gute(r)
Wege zum „nationalsozialistischen Volksheer“ befand Täuschung und Aufklärung“. Paul Kennedy sum-
– sei es in Form der selbst gleichgeschalteten Wehr- miert also die im Sinne des Gelingens der Landung
macht oder der Waffen-SS als Kerntruppe? Mit Sicher- „positiven“ Faktoren auf insgesamt vier. Und so blei-
heit nicht derjenige, der über Alternativen nachdenkt, ben dann hinsichtlich der aus alliierter Perspektive
bevor er handelt. Genau hierin lag das strukturelle Pro- negativen Faktoren nur zwei übrig: „Das Wetter im
blem auf deutscher Seite. Potenziert wurde es durch Kanal und die Verteilung und Reaktion der deutschen
den Umstand, dass – infolge der ab Juni/Juli drama- Truppen.“
tisch ansteigenden Verluste – fortan frei werdende Das Zusammenwirken all dieser Faktoren Anfang
Planstellen mit militärhandwerklich ausgereiftem Per- Juni 1944 öffnete für die angloamerikanischen Trup-
sonal nicht mehr besetzt werden konnten. Der bereits pen den Weg nach Westeuropa. Bis sie die Elbe er-
bis zum 6. Juni 1944 an der Ostfront geleistete Tribut reichten, sollte es noch fast elf blutige Monate dauern.
verstärkte das Problem dramatisch. Aus deutscher Perspektive war der Krieg im Sinne
der Anwendung strategisch wirkender Initiative spä-
Kommando und Kontrolle! testens bereits Mitte 1942 verloren. Fortan konnte nur
1944 hatte die deutsche Rüstungsproduktion zwar ih- noch reagiert werden. Mit der Landung der westalli-
ren höchsten „Output“ trotz des alliierten Flächenbom- ierten Truppen in der Normandie begann das letzte
bardements, aber im Unterschied zu den Alliierten hat- Kapitel des Zweiten Weltkrieges auf dem europäi-
te die deutsche Seite darüber hinaus versäumt, tech- schen Kriegsschauplatz.
nisch hochwertiges Wehrmaterial in Serienreife „an die
Front“ zu bringen: Dies verkörperte ein strukturelles
Dr. Peter Andreas Popp, Oberstleutnant, Jg. 1958, ist ständiger
Defizit bereits im Vorfeld der Invasion, welches die ag-
Mitarbeiter bei CLAUSEWITZ und seit 2005 Lehrstabsoffizier für
gressive und zugleich improvisierte Herangehenswei-
Militärgeschichte und Politische Bildung an der Offizierschule der
se an die Führung des Krieges deutscherseits nur allzu Luftwaffe, Fürstenfeldbruck.
sehr bezeugt.

Clausewitz Spezial 75
Reenactment

Engagement gegen das Vergessen

„D-Day“-Reenactment
6. Juni 2014: Zum
SCHWERES GESCHÜTZ: Reen-
actment-Gruppen stecken viel 70. Jahrestag der alliier-
Geld in ihre Ausrüstung – dazu
gehören auch Jeeps und Panzer.
ten Landung in der Nor-
Foto: Dennis Buijs mandie wird es wieder
zahlreiche Reenactment-
Veranstaltungen geben,
die die historischen Er-
eignisse möglichst au-
thentisch rekonstruieren.
Ziel ist das Wachhalten
der Erinnerung und ein
besonderer Zugang zur
Vergangenheit – das
Nacherleben.
Von Hagen Seehase

G
eschütze donnern, Infanteriewaf- nem „D-Day“-Reenactment teilzunehmen, Um den britischen Part der Invasion
fen bellen, ein B-25-Mitchell-Bomber ja, sie können sogar die Originalschauplätze kümmert sich besonders die „Gold Beach Li-
fliegt an. Landungsboote bringen aufsuchen. So fahren Mitglieder von „Keep ving History Group“, zu der verschiedene
Truppen in US-Uniform an den Strand – ganz Them Rolling“, einer niederländischen Ver- Darstellergruppen gehören. Hier ist alles bri-
so wie am 6. Juni 1944. Allerdings ist es Au- einigung von Fahrzeugsammlern, alle fünf tisch: die Fahrzeuge, die Waffen, die Unifor-
gust 2013 und der Strand ist der des Eriesees Jahre nach Courseulles, nahe dem Landeab- men, nur nicht notwendigerweise die Reen-
bei der Stadt Conneaut in Ohio. Hier wird schnitt Juno. Exakt dort gingen am „D-Day“ actors. Die kommen aus Großbritannien,
laut Insidern seit 1999 eines der besten Reen- die kanadischen Truppen an Land, die 1945 aber auch aus den USA, Kanada, Frankreich
actments des Zweiten Weltkriegs abgehalten. die Niederlande befreiten. Für eine Woche und Deutschland. Seit 2004 organisiert die
ist der Campingplatz von Courseulles von „Gold Beach Living History Group“ Reen-
Blumenkränze für die Gefallenen Militärzelten und rund 150 alten Fahrzeugen actments in der Normandie.
2013 sind 750 Reenactors, hauptsächlich „belagert“, die die niederländischen Enthu-
Amerikaner und Kanadier, dabei. 91 Vetera- siasten mitgebracht haben. Sie nehmen an ei- Absprung aus alten Dakotas
nen von Overlord hatten ihr Erscheinen an- nigen Paraden teil, abends spielt eine Big Im Jahre 2008 erließen M. Bart, Präfekt der
gemeldet. Die Motivation dieser Reenactors Band im Stil der 40er-Jahre auf dem Cam- Region Calvados, und Admiral Brac de la Per-
macht die offizielle Verlautbarung der Ver- pingplatz. 2004 brachte ein Mitglied sogar riere, Präsident der Association Normandie
anstaltung deutlich: Man will die damals be- sein Flugzeug, einen A-26-Invader-Bomber, Mémoire, eine Charta, die einen Verhaltens-
teiligten Soldaten, auf beiden Seiten, ehren mit und machte einen Flug über die Pega- kodex für die Reenactors beinhaltet und die
und die Erinnerung an sie wachhalten und sus-Bridge. Mit DUKW-Amphibienfahrzeu- Zusammenarbeit mit den französischen Be-
bewahren. gen brachten Veteranen Blumenkränze vor hörden regelt. Aber nicht nur in Frankreich
Reenactors und Fahrzeugsammler aus der Küste aus, um die gefallenen Kameraden werden, wie eingangs schon beschrieben,
Europa müssen nicht weit fahren, um an ei- von damals zu ehren. „D-Day“-Reenactments abgehalten. Zur In-

76
DER EHEMALIGE GEGNER: Reenactors, die deutsche Soldaten AUFWENDIG: Dieses Bild vermittelt einen guten Eindruck von den
darstellen, gehören ebenso zu den Veranstaltungen. Foto: Dennis Buijs Dimensionen der Veranstaltungen. Foto: Gold Beach Living History Group

AUTHENTISCH: Ziel ist, historisch so korrekt wie möglich aufzutreten. EHRUNG: Ein integraler Bestandteil der D-Day-Reenactments ist das
Reenactors einer amerikanischen Fallschirmjäger-Einheit. Foto: Dennis Buijs Gedenken an die Gefallenen. Foto: Gold Beach Living History Group

vasion gehören auch die militärischen Vorbe- und das sind immerhin rund 200 US-Dollar Unternehmen „Overlord“ teilnahmen. Und
reitungen in England. Ein großes Reenact- Sprung. Die Pilgerstätte der Reenactors, die das tut er nicht nur durch seine Teilnahme
ment hat 2012 in Dorset stattgefunden: „Ar- britische Fallschirmjäger darstellen, ist die Pe- an Veranstaltungen in der Normandie: Er
mour and Embarkation“. Mit dabei: die „First gasus-Bridge, für die Darsteller der US-Air- betreibt seit Jahren schon die Website
Division“, eine hauptsächlich aus Briten be- borne ist es das Städtchen Sainte-Mère-Église. www.white-star.nl, auf der es hauptsächlich
stehende Reenactment-Gruppe, die sich die um alliierte Fahrzeuge geht. Auch Geoff Lee-
Darstellung der Company E, 16th Infantry Die Bundeswehr beim „D-Day“ se von der „Gold Beach Living History
Regiment, 1st Division US Army, zur Aufgabe Was treibt nun die Reenactors an, Kosten Group“ beschränkt sich nicht nur auf Reen-
macht. und Mühen auf sich zu nehmen, Urlaub zu actments: Er gehört zu den vielen Mitarbei-
Vermutlich die authentischste Art der „li- opfern und behördliche Auflagen befolgen tern des America-Gold Beach Museums in
ving history“ erleben die Mitglieder des Li- zu müssen? Für Dennis Buijs, der zur Grup- Ver-sur-Mer, das einen Schwerpunkt auf die
berty Jump Teams aus Texas, die jedes Jahr pe „Keep Them Rolling“ gehört, ist die Ant- Landung in der Normandie legt.
in den USA sowie Europa auftreten. 2012 wort klar: um die Soldaten zu ehren, die am Das Reenactment gehört heute ganz
sind sie beim „D-Day“-Reenactment dabei selbstverständlich zur Erinnerungskultur in
gewesen, 2013 auch, und 2014 nehmen sie der Normandie: Ganz deutlich wurde dies
wieder teil. Manchmal wird sogar aus den Mehr Informationen 2013 in La Fière, wo zum Gedenken an die
Maschinen von damals gesprungen: alten Luftlandung am Vorabend des 6. Juni 1944
www.dday70.wordpress.com
C-47 (Dakotas). Fallschirmspringer – allerdings bei hellem
www.dday-overlord.com
Viele der Mitglieder sind aktive Soldaten, www.ddayohio.us Tageslicht – abgesetzt wurden. Darunter be-
so Lt. Col. Jeffrey Foundas, als US-Soldat in www.the70th-normandy.com fanden sich sowohl Reenactors als auch akti-
einer NATO-Stabsverwendung. Er springt www.normandiememoire.com ve Soldaten … bei Letzteren waren auch An-
wie seine Teamkollegen auf eigene Kosten, gehörige der Bundeswehr vertreten.

Clausewitz Spezial 77
Relikte des Krieges

AUS DER SICHT DER VER-


TEIDIGER: Blick aus einer
deutschen Artillerie-Kase-
matte des „Atlantikwalls“
bei Pointe du Hoc. Durch
Erschließungsarbeiten
sind weite Teile der ausge-
dehnten Anlage für Besu-
cher zugänglich. Das im
Juni 1944 besonders hart
umkämpfte Gelände an der
Felsenküste ist durch Ero-
sion gefährdet und wurde
daher im Zuge umfang-
reicher Baumaßnahmen
durch Betonverfüllungen
stabilisiert.
Foto: picture-alliance/Eibner-Pressefoto

Der ehemalige Kriegsschauplatz heute

Stumme Zeugen
In der Normandie erinnern zahlreiche Relikte des Krieges aus Beton und Stahl an die
dramatischen Ereignisse von 1944. Viele Anlagen des „Atlantikwalls“ sind mittlerweile
für Besucher zugänglich und wahre Touristenmagneten. Von Tammo Luther

78
GUT ERHALTEN: Küstenver- INSTANDGESETZT: Eine kanadische Hau-
teidigungsbatterie Longues- bitze am „Juno Beach“, an dem kanadische
sur-Mer. Diese Batterie Soldaten am 6. Juni 1944 an Land gingen.
stellte einen wichtigen In derNähe befindet sich ein Museum, das
Stützpunkt des „Atlantik- an die Ereignisse des Juni 1944 erinnert.
walls“ dar und umfasste ne- Foto: picture-alliance/Eibner-Pressefoto
ben einem Feuerleitstand
vier Bunker. Die im Zent-
rum des alliierten Ansturms
auf der Spitze einer Klippe
über dem Ärmelkanal er-
richtete Batterie spielte
bei der Invasion am 6. Juni
1944 eine strategisch be-
deutende Rolle. Longues-
sur-Mer ist heute die einzi-
ge mit Originalkanonen aus-
gestattete Batterie. Sie
liegt zwischen Arromanches
und „Omaha Beach“ und er-
öffnet dem Besucher einen
eindrucksvollen Rundblick
über die Landungsstrände.
Foto: picture-alliance/picture-alliance

BETRETEN VERBOTEN: Pontons als Überreste


der Mulberry-Häfen, hier bei Ebbe am Strand
von Arromanches („Mulberry B“). Über die
künstlichen Nachschubhäfen konnten während
der alliierten Invasion 1944 Schiffe entladen
werden. Foto: picture-alliance/dpa©epa-Bildfunk
Clausewitz Spezial 79
Relikte des Krieges

TOURISTENMAGNET: Die Artilleriebatte-


rie zur Küstenverteidigung von Crisbecq
wurde ab 1942 von der „Organisation
Todt“ errichtet. Mit ihren 21-cm-Skoda-
Langrohrgeschützen deckte sie den Sek-
tor zwischen Saint-Vaast-la-Hougue und
Pointe du Hoc ab. Die Batteriebesatzung
leistete den Soldaten der 4. US-Infante-
riedivision, die am 6. Juni 1944 bei Utah
Beach gelandet waren, erbitterten Wider-
stand. Von den etwa 400 Verteidigern
konnten sich am 12. Juni 1944 weniger
als 80 Mann absetzen. Für die Besucher
werden in der ausgedehnten Anlage heu-
te verschiedene Szenen nachgestellt, da-
runter Ruheraum, Küche, Munitionslager
und Krankenstation. Diese Bereiche sind
mit Originalstücken ausgestattet.
Foto: picture-alliance/akg-images

AUS STAHLBETON: Kase-


matte der Küstenverteidi-
gungsanlage Pointe du
Hoc, einem rund 500 Me-
ter langen und fast 30 Me-
ter hohen Abschnitt an der
Steilküste der sogenann-
ten Calvadosküste in der
Normandie. Das 155-mm-
Artilleriegeschütz fehlt.
Pointe du Hoc zählt zu den
besonderen Sehenswürdig-
keiten des ehemaligen
„Atlantikwalls“ und weist
unter anderem auch ein
Denkmal für die Angehö-
rigen des US-Ranger-Ba-
taillons auf, das die deut-
schen Stellungen im Zuge
der alliierten Invasion er-
oberte.
Foto: picture-alliance/Eibner-Pressefoto

GUT BESUCHT: Wenige


Kilometer von Arroman-
ches entfernt liegt die
Küstenbatterie Longues-
sur-Mer. Unmittelbar an
der Küstenlinie befindet
sich der gut erhaltene
frühere Beobachtungs-
und Feuerleitbunker, von
dem hier die Rückseite
zu sehen ist. Die etwa
zwei Kilometer von der
Küstenlinie entfernten,
in Kasematten unterge-
brachten 15-cm-Kanonen
der Batterie verfügten
über einen Schwenk-
bereich von 120 Grad
und eine Reichweite von
knapp 20 Kilometern.
Foto: picture-alliance/dpa

80
AUS DER VOGELPERSPEKTIVE: Pointe du Hoc war ein strate-
gisch wichtiger Stützpunkt der deutschen Küstenverteidigung in
der Normandie. Das 2. Ranger-Bataillon sollte die Landspitze ein-
nehmen. Den US-Soldaten ist es trotz der glatten Felswände und
des deutschen Abwehrfeuers gelungen, innerhalb kurzer Zeit zum
Gipfel des Felsvorsprungs zu gelangen. An diesem Standort sind
heute noch die Reste der deutschen Heeresküstenbatterie sowie
tiefe Spuren der harten Kämpfe und die Krater der Luftangriffe zu
sehen. Pointe du Hoc ist damit einer der wenigen Standorte, die
noch direkt von der Brutalität der Kämpfe bei der Landung der Alli-
ierten in der Normandie zeugen. Foto: picture-alliance/dpa©dpa-Report

EXPONIERT: Ein US-Panzer


vom Typ „M4 Sherman“
oberhalb des Strandab-
schnitts von Arromanches.
Der an prominenter Stelle
aufgestellte Panzer ist ein
beliebtes Fotomotiv der
zahlreichen Besucher vor
Ort. Foto: picture-alliance/maxppp

Clausewitz Spezial 81
Meinung

Gewagtes
Gedankenexperiment
Was wäre geschehen, wenn die Invasion gestoppt worden wäre?
Von Peter Andreas Popp

D
ie Qualität eines militärischen Führers (und nicht nicht mit einem durchgeht, sondern – besonders im
minder eines Politikers!) erweist sich gerade Falle von Schreckensszenarios – von kultivierten Le-
auch in der Planung für den Eventualfall. Wenn bensängsten, die Aufschluss über eine bestimmte Stim-
die Landung der Alliierten am Morgen des 6. Junis we- mungslage des Historikers als Einzelperson und als
gen schlechten Wetters oder zu starker deutscher Ge- Teil einer politischen Gemeinschaft, also „über Nation
genwehr gescheitert wäre, dann hätte Dwight D. Eisen- und Gesellschaft“, geben.
hower, der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte Das Wissen darum, wie sehr die Existenz Großbri-
in Europa, folgenden Text verlesen: „Our landings in tanniens seit dem deutschen Angriff auf dem Spiel
the Cherbourg-Havre area have failed to gain a satis- stand und die Rückeroberung, sprich Befreiung, des
factory foothold and I have withdrawn the troops. My westlichen Europas in Gefahr war, erklärt zu einem gu-
decision to attack at this time and place was based on ten Teil, weswegen sich gerade angelsächsische Histo-
the best information available. The troops, the air and riker zur kontrafaktischen Geschichtsbetrachtung hin-
the Navy did all that bravery and devotion to duty gezogen fühlen. Im Falle amerikanischer Gelehrter
could do. If any blame or fault attaches to the attempt kommt der Umstand hinzu, dass der Eintritt der USA
it is mine alone.“ auf dem europäischen Kriegsschauplatz in den Augen
Diese nicht verlesene Erklärung, die nichts anderes der meisten damals lebenden US-Amerikaner längst
bedeutete, als dass Eisenhower die volle Verantwor- nicht so dringlich war wie der Krieg gegen den „Ag-
tung bei einem Scheitern übernommen hätte, ist real. gressor Japan“. Gleichwohl, es galt seit der Konferenz
Eisenhower trug sie am 6. Juni 1944 „am Mann“. Noch von Casablanca (Januar 1943) auf Seiten der Angloame-
wichtiger: Er vernichtete sie nicht, und so überdauerte rikaner die Devise: „Germany First!“ Nach Lage der
sie den Krieg. Das Schriftstück stellt mithin einen Dinge konnte die NS-Herrschaft über Kontinentaleuro-
Glücksfall dar, weil es Zeugnis davon ablegt, dass die pa zeitnah nur mit dem ökonomischen und militäri-
alliierte Invasion – der Begriff ohne Anführungszeichen schen Potenzial der USA beendet werden.
ist im rein militärtechnischen Sinne zu verstehen – al- Um die „bedingungslose Kapitulation“ Nazi-
les andere als ein erfolgssicheres Unternehmen dar- Deutschlands ebenfalls „zeitnah“ zu erreichen, bedurf-
stellte. te es darüber hinaus der konzertierten Aktion der „Gro-
Und weil dem so ist, macht es Sinn, sich Gedanken ßen Drei“, also der Vereinigten Staaten, Großbritanniens
darüber zu machen, was „Unternehmen Overlord“ und der Sowjetunion. Das heißt: Eine Betrachtung des
zum Erfolg verhalf und was passiert wäre, wenn es ein Unternehmens „Overlord“, gerade auch im Sinne einer
Misserfolg geworden wäre. Lange Zeit galt nicht nur in Alternativgeschichte, bedarf der Inrechnungstellung
Deutschland Geschichtsbetrachtung im Sinne einer Be- der Geschehnisse im Osten wie auch der Betrachtung
schäftigung mit nicht-geschehener Geschichte als „un- der Erfolgsaussichten alternativer bzw. ergänzender
historisch“. Die Aufgabe eines jeden Historikers ist es angloamerikanischer Landungsunternehmen auf dem
schließlich, im Sinne Leopold von Rankes, des Begrün- westeuropäischen Kriegsschauplatz.
ders der modernen Geschichtswissenschaft, die Dinge
so darzustellen, „wie es eigentlich gewesen ist“. Es geht Pakt mit dem „roten Zaren“
also um Realität und Wahrheitsliebe. Es bedeutet keine relativierte historische Wahrheit,
wenn man vorab festhält, dass ein Scheitern von „Un-
Bilder des Grauens ternehmen Overlord“ das Koordinatensystem der Alli-
Zugegeben: Wenn sich Historiker mit „Geschichte, die ierten erheblich beeinträchtigt hätte. Wäre daraus dann
sich so nicht ereignet hat“, beschäftigen, dann zeugt eine die Sowjetunion begünstigende Konstellation ent-
das nicht nur von kreativer Phantasie, die hoffentlich standen? Stalin steht neben Hitler, Mao Tse-Tung und

82
Pol Pot für die großen politischen Verbrechergestalten mit „Unternehmen Overlord“ haargenau nach Vorbild
des zwanzigsten Jahrhunderts. Hätte er aus einem kommunizierender Röhren zusammen.
Scheitern der Invasion Profit schlagen können? Die Fra- Welche Auswirkungen hätte ein Fehlschlag auf das
ge ist umso berechtigter, weil aus dem Blickwinkel der Verhältnis der Angloamerikaner zur Sowjetunion ge-
östlichen Mitteleuropäer, der Polen zum Beispiel, dem habt? Dieselbe Frage ist, wenn auch abgeschwächt, für
geglückten Landungsunternehmen der West-Alliierten das diffizile angloamerikanische Verhältnis zu stellen.
längst nicht die hohe Wertschätzung zuteil wird wie Und dann gab es noch Frankreich mit seiner ganzen
aus westeuropäischer Perspektive. Das Gedenken an- politischen Variationsbreite: Das Kollaborationsregime
lässlich des 60. Jahrestages der Schlacht in der Norman- von Vichy hatte mit der deutschen Besetzung ganz
die (2004) legte davon Zeugnis ab. Der „D-Day“ verhin- Frankreichs (Dezember 1942) ideell „abgewirtschaftet“,
derte nicht, dass das östliche Europa die eine totalitäre aber doch nicht so, dass es im Frühsommer 1944 von
Diktatur gegen die andere eintauschte. Dafür gibt es ein der politischen Bildfläche verschwunden war. General
Schlagwort. Es lautet: „Jalta oder die Teilung des Kon- de Gaulle wurde von seinen Landsleuten, soweit in der
tinents.“ Résistance oder mit ihr sympathisierend, als Sprecher
Welche Dynamik vom nationalsozialistischen des „Freien Frankreich“ mittlerweile geschätzt. Und
Deutschland ausging, belegt der Umstand, dass die für die Angloamerikaner galt dies nicht minder, aller-
Angloamerikaner sich mit Stalins Sowjetunion einen dings nicht so, dass de Gaulle gleichberechtigt sich den
Bündnispartner aussuchen mussten, der die immer „Großen Drei“ im Frühsommer 1944 hätte zugesellen
wieder betonte freiheitliche Werteorientierung westli- dürfen. Nebenbei bemerkt, Frankreich war auch auf
cher Politik von vornherein dem Vorwurf des Zynis- der Potsdamer Konferenz ein gutes Jahr später nicht
mus, ja der Unglaubwürdigkeit, aussetzte. Um bei den mit von der Partie!
wichtigen Einzelpersonen zu bleiben: Zwischen Stalin Die Angloamerikaner wussten indes sehr genau,
und Churchill herrschte, erst recht seit der Konferenz dass de Gaulle und sein „Freies Frankreich“, und nicht
von Teheran (Anfang Dezember 1943), tiefstes Miss- minder natürlich die Bevölkerung des von den Deut-
trauen; zwischen Roosevelt und Churchill so etwas wie schen besetzten Landes, psychologisch und materiell
Freundschaft, zumindest solange es die gemeinsame kriegsentscheidend waren für das Gelingen des Lan-
Interessenlage, gepaart mit „angelsächsischer Nähe in dungsunternehmens. Für die, infolge der Kollaboration
Verschiedenheit“, zuließ. Das Verhältnis zwischen Roo- mit den Deutschen, lädierte Psyche der „Grande Nati-
sevelt und Stalin war, was den amerikanischen Präsi- on“ wäre ein Fehlschlag katastrophal gewesen. Ohne
denten und seinen linksliberal orientierten Beraterstab den Resonanzkörper eines widerständigen Frankreich
anging, geprägt von einer mitunter sehr idealistischen, wäre die Landung wohl gescheitert. Wie kriegsentschei-
um nicht zu sagen naiv orientierten, Wahrnehmung des dend die Résistance tatsächlich war, darüber gehen die
„roten Zaren“. Meinungen der Zeitgenossen wie der Historiker noch
immer auseinander. Die Résistance war sehr reell, und
Die Furcht Frankreichs sie war hilfreich. Die Angloamerikaner hatten dafür im-
Es fällt auf, dass jeder kontrafaktische Blick auf das al- merhin ein bedingtes Gespür. Doch sie war nicht abso-
liierte Landungsunternehmen betont, wie sehr durch lut gleichrangig, sie blieb eine „Hilfstruppe“. De Gaul-
dessen Gelingen die Freiheit wenigstens im westlichen le sah dies natürlich ganz anders, und daraus entstand
Europa gesichert wurde. Im Rückblick verkörpert der ein französischer Gründungsmythos.
„D-Day“ das letzte große US-amerikanische Militärun- Wäre der Résistance bei einer gescheiterten Lan-
ternehmen, welches nicht dem Vorwurf der Amoralität dung am 6. Juni 1944 dieser Ruhm geblieben? Eindeu-
ausgesetzt sein sollte. tig ist dies nur so zu beantworten, dass Frankreich sich
Wenn soeben von der Naivität Roosevelts gegen- unter diesen Umständen nicht aus eigener Kraft hätte
über dem „russischen Wolf“ Stalin die Rede war, so befreien können. Die „Grande Nation“ befand sich seit
sollte nicht verkannt werden, dass angloamerikani- 1940 auf dem Weg zum – materiell wie ideell gesehen
scherseits bei „Overlord“ auch „knallhartes“ Machtkal- – zerrütteten Staatswesen. Nach einem Scheitern von
kül mitschwang: „Unternehmen Bagration“ (der Vor- „Overlord“ hätten die Westalliierten, im Sinne der Stär-
marsch der Roten Armee auf die Heeresgruppe Mitte kung der mentalen Abwehrkräfte Frankreichs, so
und deren faktische Auflösung im Juni/Juli 1944) hing schnell wie möglich mit einem erneuten Landungsun-
ternehmen reagieren müssen. Die Varianten liegen auf
der Hand: entweder am Ärmelkanal (nur wo?) oder –
Literaturtipps von Churchill tatsächlich immer favorisiert (!) – via
Stephen E. Ambrose: Die Landung in der Normandie schei- Südfrankreich. Am besten natürlich in Kombination!
tert, in: Robert Cowley (Hgg.): Was wäre geschehen, wenn? Nur: woher die Kräfte nehmen?
München 2004.
Auswirkungen auf Deutschland
Harold C. Deutsch (Hgg.): If the Allies Had Fallen. Sixty Al-
ternate Scenarios of World War II, Chicago 1997 (hier das Die deutsche Seite und die mit NS-Deutschland ver-
Kapitel: „The June 1944 Invasion“, S. 142-166, insbes. S. bündeten Staaten betrachtet, wirkt die alternative Ge-
164-166). schichtsbetrachtung nicht minder herausfordernd, und
zwar in folgender Hinsicht. Ab welchem Zeitpunkt war

Clausewitz Spezial 83
Meinung

der Krieg für Deutschland tatsächlich verloren? Mit der rade verbessert. Roosevelt und Churchill hätten auf al-
verlorenen Luftschlacht um England? Ab der „Wende le Fälle von einem zweiten Landungsversuch nicht ab-
vor Moskau“ (Dezember 1941)? Ab Stalingrad (Ende gelassen. Doch wären sie selbst dazu noch gekommen,
Januar 1943)? Ab der verlorenen Panzerschlacht von und wenn, wo? Ambrose verneint dies im Falle Chur-
Kursk oder der Landung der Alliierten auf der italieni- chills, geht aber gleichermaßen davon aus, dass die
schen Halbinsel (beide Juni/Juli 1943)? Wehrmacht gegenüber den Alliierten nicht hätte stand-
Tatsache ist, dass, nicht nur aus der Perspektive Ber- halten können – dies freilich unter anderen Rahmenbe-
lins, „die Einschläge seit Stalingrad immer näher ka- dingungen und in gänzlich anderer Konstellation.
men“ und dass ab Sommer 1942 eine strategisch lang- Churchill wollte (wie sich in den Monaten vor dem
fristige im heutigen Sprachgebrauch „nachhaltige“ 6. Juni 1944 mehrfach intensiv gezeigt hatte!) bei dem
Kriegführungskapazität gerade unter logistischen Vor- Landungsunternehmen in der Normandie immer das
zeichen in Kombination mit operativen Möglichkeiten minimalste Risiko eingehen. Eisenhower war nicht der
immer weniger gegeben war. Andererseits saß das NS- General, der die seinem Kommando anvertrauten Sol-
Regime seit Goebbels‘ berühmt-berüchtigter Sportpa- daten verheizte. Und jetzt, angesichts der angenomme-
last-Rede („Wollt ihr den totalen Krieg?“) vom 18. Fe- nen Niederlage, diese paradox-tragische Situation! Es
bruar 1943 fester denn je im Sattel. Die Durchsetzung tritt genau das ein, was nicht hatte eintreten sollen:
des totalen Zugriffs auf den im NS-Jargon „deutschen Churchill konnte nicht länger als Premierminister agie-
Volksgenossen“ seitens des Regimes war ab Sommer ren – Ende der Karriere! Roosevelt hingegen hätte wohl
1944, wie der britische Historiker Ian Kershaw in sei- ein zeitnahes Misstrauensvotum im Kongress über-
nem Werk „Das Ende“ anschaulich aufzeigt, so fest wie standen, jedoch die in fünf Monaten anstehenden Prä-
niemals zuvor. „Niemals zuvor“ meint: gerechnet ab sidentschaftswahlen verloren.
dem 30. Januar 1933 mit Hitlers Übernahme der Reichs-
kanzlerschaft. Die Tötungsfabriken des Regimes liefen Zwei Varianten
im Sommer 1944 noch auf Hochtouren. Auf welche Weise wäre nun Nazi-Deutschland besiegt
Ein Scheitern von „Overlord“ hätte auch auf das worden? Ambrose geht von zwei Möglichkeiten aus,
Funktionieren der Mordmaschinerie der Nazis gravie- die er mit unterschiedlicher Wertigkeit bemisst.
rende Auswirkungen gehabt. Wie gravierend tatsäch-
lich, das wiederum hing ab von den Geländegewinnen Variante 1: US-Präsident Thomas E. Dewey hätte
der Roten Armee. Wie gefestigt das NS-Regime war, nun den Abwurf von Atombomben auf zwei deut-
wie sehr es tentakelhaft die deutsche Gesellschaft mitt- sche Städte autorisiert – ob dann auf Mannheim,
lerweile korrumpiert hatte, davon legt auch der Wider- München, Hamburg oder gar Berlin, sei dahinge-
stand eines beschämend geringen Teils des Militärs ge- stellt. Gleichwie, der Krieg wäre in Europa so zu En-
gen Hitler und das NS-Regime Zeugnis ab: Der bald de gegangen, wie er in Japan tatsächlich geendet
stattfindende „Aufstand des Gewissens“ vom 20. Juli hatte. Nur: Wie hätte dann Japan reagiert ...?
1944 geschah tatsächlich „fünf nach zwölf“; immerhin:
Er fand statt in den überlieferten Worten Henning von
Tresckows unter der Devise: „Koste es, was es wolle.“ Variante 2: Die Rote Armee hätte wegen des ausge-
Das meint in zeitlicher Hinsicht: nach der geglückten bliebenen Landgewinnes der Westalliierten freie
Landung der Alliierten und noch vor dem Durchbruch Bahn bis hin zum Atlantik und zur Kanalküste ge-
der Alliierten in Nordfrankreich (Kessel von Falaise, habt. Vielleicht hätte sie es auch nur bis kurz vor den
12. bis 21. August 1944). Rhein geschafft. Gleichwie: Kontinentaleuropa mit
„roter“, sprich kommunistischer, Zukunft, kein
Ein zweiter „D-Day“ Nordatlantikpakt und vielleicht sogar eine Selbst-
Ein Stück weit „frommer Schauder“ schwingt immer gleichschaltung Großbritanniens gegenüber Mos-
mit, wenn sich angloamerikanische Historiker mit kon- kau! Ambrose macht keinen Hehl daraus, dass „Va-
trafaktischen Ereignissen beschäftigen. Einer davon ist riante 2“ nicht in US-amerikanischem Interesse gele-
Stephen E. Ambrose, mittlerweile verstorben, als krea- gen hätte. Aufschlussreich ist, dass diese Sicht
tiver Verwerter der Ideen von Fachkollegen überführt haargenau den transatlantischen Ängsten vor einer
und einem Gutteil unserer jungen Leser sicher bekannt „Selbstfinnlandisierung“ Europas gegenüber der
als historischer Berater und Stichwortgeber für die TV- Sowjetunion zu Zeiten des Kalten Krieges entspricht.
Serie „Band of Brothers“. Gerade in seinem Fall geht es
auch um Geschichtspolitik, also das patriotische Be-
dürfnis, den 6. Juni 1944 als Schlüsseldatum in der Ge- Ein Gegenentwurf
schichte der demokratischen Menschheit zu verankern, Was spricht nun für, was gegen diese beiden Varianten?
und dies unter Führung der USA. Betrachten wir zur Klärung dieser Frage einen kontra-
Den Aufhänger für Ambrose bildet die eingangs faktischen Alternativentwurf, formuliert von den bei-
erwähnte Notiz Eisenhowers. Dieser hätte bei einem den Militärhistorikern Harold C. Deutsch und Dennis
Scheitern vom Kommando zurücktreten müssen. Ob E. Showalter. Deren zentrale Thesen lauten:
Omar Bradley tatsächlich dessen Nachfolger geworden (1) Der „D-Day“ war eine militärische Operation, die
wäre, sei dahingestellt. Patton oder Montgomery in der nur einmal durchgeführt werden konnte. Dies gilt
Funktion des Supreme Commander hätten jedenfalls vor allem für die britische Seite, insbesondere was
den angloamerikanischen „Familienfrieden“ nicht ge- deren psychische und physische Ressourcen anging.

84
Atombomben auf deutsche Städte?

(2) Großbritannien hätte bei einem Scheitern von


„Overlord“ innerhalb der angloamerikanischen Al- Kein deutscher Sieg!
lianz seinen Einfluss paradoxerweise steigern kön- Interessanterweise gehen Ambrose, Deutsch und
nen. Begründung: Jetzt müssten die Amerikaner auf Showalter in einer Bewertung konform: Die USA hät-
Churchills alternative Landungsvorschläge, näm- ten Atomwaffen als Erstes nicht gegen Japan, sondern
lich Südfrankreich (vgl. die tatsächlich nach „Over- gegen Nazi-Deutschland eingesetzt. „Die Bombe“ wä-
lord“ durchgeführten Operationen „Anvil“ und re damit zu einem Kompensationsobjekt für die nicht
„Dragoon“) und Oberitalien, mit Stoßrichtung Bal- früh genug entstandene und seitens der Sowjetunion
kan eingehen. geforderte „Zweite Front“ geworden; und dies mit ei-
(3) Norwegen wäre nicht minder als alternative westal- nem doppelten Effekt: die dann wirklich unumgängli-
liierte Landungszone infrage gekommen. che Kapitulation Deutschlands und die Errichtung ei-
(4) Die Angloamerikaner hätten sich nach dem Motto nes Haltesignals gegenüber der raumgreifenden Roten
„jetzt erst recht“ auf das Führen des strategischen Armee. Auch Deutsch und Showalter gehen bei einem
Luftkriegs verlegt. Er zermürbte bereits in der tat- Scheitern von „Overlord“ von einem weiten Vorstoß
sächlich durchgeführten Form das deutsche Wehr- sowjetischer Truppen in den Westen Europas aus, d. h.
potenzial erheblich! der Realisierung der immer anti-westlich orientierten
(5) Ein Scheitern von „Overlord“ hätte keineswegs be- eurasischen Variante russischer (damals sowjetischer)
deutet, ein erneutes Landungsunternehmen im Är- Außenpolitik.
melkanal zu verwerfen, und das heißt nichts ande- Wenn man das Schicksal Ostmittel- und Südosteu-
res als: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!“. ropas nach 1944/45 in Rechnung stellt, so ist dies für
Nur: den Westen Europas alles andere als eine erfreuliche
(6) Die Hauptlast bei der Niederringung Deutschlands Perspektive. Doch eines sollte bedacht sein: War die DIE ROTE ARMEE AM
zu Lande hätte nun wirklich die Sowjetunion tragen Rote Armee nicht gerade deshalb bei der Zerschlagung ATLANTIK: Bei einem
müssen, und dies hätte zu einem noch massiveren der deutschen Gegenmacht so erfolgreich, weil es die Scheitern von „Over-
Auftreten der Sowjetunion bei interalliierten Kriegs- Operation „Overlord“ gab? Das Scheitern dieses Unter- lord“ hätte es passie-
konferenzen geführt. nehmens hätte „nur“ eine Verzögerung des Kriegsen- ren können, dass die
Bekanntlich hat in der Politik „alles seinen Preis“. Die des und damit noch unendlich viel mehr Leid bedeu- sowjetischen Truppen
Sowjetunion trug nach eigenem Selbstverständnis be- tet; auf keinen Fall einen deutschen Sieg! viel weiter nach Wes-
reits jetzt die Hauptlast für den alliierten Sieg. Dieses Außerdem sollte nicht vergessen werden (und es ten vorgedrungen wä-
Argument ist insofern berechtigt, als der Krieg im Os- wird von allen drei aufgeführten Autoren total ausge- ren – vielleicht bis an
ten von vornherein einen ganz anderen Charakter hat- blendet): Der Abwurf von Atombomben auf deutsche den Atlantik? Das Bild
te. Der Feldzug im Osten war ein Rasse- und Vernich- Städte hätte es den Deutschen wahrlich nicht erleich- zeigt russische Solda-
tungskrieg; und das hieß plakativ auf den Nenner ge- tert, sich mit den Verbrechen des NS-Regimes tatsäch- ten bei Sewastopol/
bracht: Die Sowjets waren aus NS-deutscher lich nach Ende des Krieges auseinanderzusetzen. Auch Krim 1944 (doch hätte
Perspektive erbitterte Feinde, denen keine Schonung Deutsche waren Opfer dieses Weltenbrandes, durch dieses Bild bei einem
zuteil wurde, die Briten und Franzosen hingegen wa- den Einsatz von Nuklearwaffen auf deutschem Boden missglückten „D-Day“
ren lediglich Gegner. Allerdings: Die Befreiung Frank- seitens der USA wäre – es steht zu befürchten und sei auch vom Rhein stam-
reichs sollte mit sich bringen, dass zum Teil auf deut- deshalb direkt ausgesprochen – „Auschwitz“ für viele men können ...).
scher Seite (s. Vorgehen von Einheiten der Waffen-SS, Deutsche erheblich relativiert worden. So kam es be- Foto: picture-alliance/ZB
Behandlung west-alliierter Kriegsgefangener) gegen- kanntlich nicht. Und daher sei als sehr wirklichkeitsori-
über den West-Alliierten ähnlich verfahren wurde, wie entierte These abschließend ganz bewusst formuliert:
gegenüber Angehörigen der Roten Armee verfahren Das Gelingen von „Overlord“ wirkte perspektivisch
worden war. An der Westfront wurde der Krieg immer auch für die Deutschen in Richtung „Demokratie“.
inhumaner geführt, auf deutscher Seite griffen nun
auch hier die bereits im Osten lang eingeübten militä-
rischen Verhaltensstandards.

Clausewitz Spezial 85
Der „D-Day“ im Film

Kampf für die Freiheit

Die filmische Inszenierung


der Invasion Der „D-Day“ ist bis
heute ein beliebtes
Sujet für Kriegs- und
Antikriegsfilme sowie
für Fernsehsendungen.
Von Daniel Carlo Pangerl

von den Nationalsozialisten besetzten eu-


ropäischen Festlandes durch die alliierten
Truppen, auf Zelluloid festzuhalten.
Hierzu entsandte man nicht weniger als
1.400 Kameramänner direkt an die Kriegs-
schauplätze. Diese filmten unmittelbar an
der Front, oftmals unter Einsatz ihres eige-
nen Lebens. Dabei starben 32 Kameramän-
ner, 16 gelten als vermisst, über 100 erlitten
leichte bis schwere Verletzungen. Als der
Zweite Weltkrieg schließlich zu Ende war,
hatte man einen gigantischen Fundus an
Filmmaterial vorliegen.
Die Herkulesaufgabe, aus dieser Stofffülle
im Schneideraum einen Dokumentarfilm zu
erstellen, übernahmen der englische Regis-
seur Carol Reed, welcher 1949 mit seinem
Meisterwerk „Der dritte Mann“ (Originalti-
tel: „The Third Man“) Filmgeschichte schrei-
VIELSCHICHTIG: Im Film „The True Glory“ verschwimmen Inszenierung und Wirklichkeit be- ben sollte, und der US-amerikanische Dreh-
sonders stark. Bekannte Personen wie Dwight D. Eisenhower und George S. Patton kommen buchautor Garson Kanin. Am 27. August
in der Dokumentation vor. Foto: picture-alliance/Mary Evans Picture Library 1945 feierte der Film (Laufzeit: 87 Minuten)
seine Premiere in London. Zu diesem Zeit-

A
m 6. Juni 1944 ereignete sich die zah- wort: Overlord“ (GB 1975), „Der Soldat James punkt kämpften die Amerikaner noch immer
lenmäßig größte Invasion der Militär- Ryan“ (USA 1998), „Band of Brothers“ (USA im Pazifik gegen die Japaner. Im Jahr darauf
geschichte. An jenem denkwürdigen 2001) und „D-Day – Entscheidung in der gewann „The True Glory“ den Oscar für die
Tag, der unter dem Namen „D-Day“ Be- Normandie“ (GB 2004). beste Dokumentation. Reed und Kanin wei-
rühmtheit erlangte, stürmten über 150.000 al- gerten sich jedoch, den Preis anzunehmen.
liierte Soldaten die Strände der Normandie, „The True Glory“ Stattdessen widmeten sie die Auszeichnung
um Europa von der faschistischen Gewalt- „The True Glory“ aus dem Jahr 1945 ist der all denjenigen, die während des Drehs dieses
herrschaft zu befreien. Angesichts der heraus- erste Langfilm über den „D-Day“. Es handelt Films ums Leben gekommen waren.
ragenden historischen Bedeutung dieses sich dabei um eine amerikanisch-englische „The True Glory“ beginnt mit einer kur-
Ereignisses ist es nur folgerichtig, dass der Koproduktion, die vom United States Office zen Rede von General Dwight D. Eisen-
„D-Day“ auch zahlreichen Film- und Fern- of War Information und dem britischen Mi- hower, dem Oberbefehlshaber der alliierten
sehproduktionen als Inspirationsquelle dien- nistry of Information in Auftrag gegeben Streitkräfte in Europa während des Zweiten
te. Besonders hervorzuheben sind in diesem wurde. Die Zielsetzung dieses Werkes be- Weltkrieges: Er zieht eine Bilanz des gewon-
Zusammenhang: „The True Glory“ (GB/USA stand darin, den Fortgang der Operation nenen Krieges und appelliert an die „Kame-
1945), „Der längste Tag“ (USA 1962), „Kenn- „Overlord“ von 1944, also die Invasion des radschaft der freien Völker“. Danach setzt

86
DREHPAUSE BEIM D-DAY: Stuart Whitman
und John Wayne beim Schachspiel. „Der
längste Tag“ bietet unzählige Filmstars und
einen ungewöhnlichen Ansatz: drei Regis-
seure aus drei Ländern. Foto: picture-alliance

die eigentliche Handlung ein: Diese erstreckt


sich von den militärischen Vorbereitungen
im Vorfeld der Invasion, insbesondere der
Waffen- und Munitionsproduktion, über
die Ereignisse des „D-Day“ in der Norman- SPEKTAKULÄR: Die Invasion ist in dem überlangen Spielfilm „Der längste Tag“ mit großem
die und die erfolglose Operation „Market Aufwand inszeniert worden. Das Bild zeigt eine Filmszene, die die Anlandung am Omaha
Garden“ in den Niederlanden bis hin zur Beach rekonstruiert. Foto: picture-alliance
Schlacht in den Ardennen. Der Film endet
mit einer Schilderung der Rheinüberque- numentalen Laufzeit von 180 Minuten, der Twentieth Century Fox drei gleichberechtig-
rung und dem Einmarsch in Berlin. auch heute noch zu den Klassikern zählt.. te Regisseure: Den Engländer Ken Annakin,
„The True Glory“ ist ein außergewöhnli- Seit den 1950er-Jahren befand sich das den in den USA tätigen Ungarn Andrew (En-
ches militärhistorisches Quellenzeugnis über traditionsreiche US-amerikanische Filmstu- dre) Marton und den Deutsch-Schweizer
die Endphase des Zweiten Weltkrieges. Be- dio Twentieth Century Fox in einer Krise. Bernhard Wicki, der durch seinen Anti-
dauerlicherweise erschien dieser Film bis- Darryl F. Zanuck, der Vizepräsident des Stu- kriegsfilm „Die Brücke“ von 1959 Berühmt-
lang in Deutschland weder auf DVD, noch dios, versuchte die sinkenden Besucherzah- heit erlangte. Das illustre Schauspieleren-
zeigte ihn das Fernsehen. Er kann aber bei len in den Kinos zu stoppen, indem er pres- semble weist eine Reihe der größten damali-
einschlägigen Internethändlern als Import- tigeträchtige Großproduktionen in Auftrag gen Filmstars auf, darunter Richard Burton,
DVD aus England oder den USA bezogen gab: Hierzu gehörte auch die Verfilmung des Sean Connery, Henry Fonda, Gert Fröbe,
werden. überaus populären Buches „The Longest Curd Jürgens, Robert Mitchum, Rod Steiger
Day“ von 1959, welches die Ereignisse des und John Wayne.
„Der längste Tag“ „D-Day“ beschrieb. Autor dieses Werkes war Bei „Der längste Tag“ handelt es sich pri-
Die Normandie am 6. Juni 1944: Alliierte der irische Journalist und Schriftsteller Cor- mär um ein auf Oberflächenreize zielendes,
Streitkräfte landen mit dem Ziel, Europa von nelius Ryan. Zanuck beauftragte Ryan, ein klug kalkuliertes Actionkino für den mäßig
den deutschen Besatzern zu befreien. Das Drehbuch für den geplanten Film zu schrei- anspruchsvollen Zuschauer. Entsprechend
nun folgende Gefecht geht als eines der ben, welches die Geschehnisse aus Sicht der fulminant gestaltete sich der Erfolg, den die-
blutigsten des Zweiten Weltkrieges in die Amerikaner, der Engländer und der Deut- ser Film beim Publikum erzielte. Eine histo-
Geschichtsbücher ein. Dieses Sujet bildet schen schilderte und genügend Raum für risch-kritische und detailgetreue Auseinan-
den Rahmen für einen der aufwendigsten spektakuläre Kriegsszenen bot. Da die dersetzung mit dem „D-Day“ wird hingegen
Kriegsfilme überhaupt: „Der längste Tag“ Handlungsstränge an verschiedenen Schau- nicht geleistet, ja, gar nicht erst angestrebt.
(Originaltitel: „The Longest Day“), ein 1962 plätzen spielten und in der jeweiligen Lan- Insofern beeindruckt „Der längste Tag“ auch
gedrehter Schwarz-Weiß-Film mit einer mo- dessprache gedreht wurden, engagierte heute noch in erster Linie als gigantische Ma-
terialschlacht der Hollywood-Maschinerie.
Wer sich selbst ein Bild von diesem cineasti-
schen Spektakel machen möchte, kann dies
„Jede große Sache erfordert einen Anfang. mit der seit 2001 in Deutschland erhältlichen
DVD von Twentieth Century Fox tun.
Aber die Fortsetzung bis zum Ende, bis
zur mühsamen Vollendung, bringt den wah- „Kennwort: Overlord“
England 1944: Das Empire mobilisiert seine
ren Ruhm.“ Streitkräfte. Einer der zahlreichen jungen
Zitat aus dem Film „The True Glory“ von 1945 Männer, die gegen ihren erklärten Willen

Clausewitz Spezial 87
Der „D-Day“ im Film

zum vaterländischen Kriegsdienst eingezo-


gen werden, ist Tom Beddows (dargestellt
von Brian Stirner). Tom reist fortan von
Camp zu Camp, wo er die Grundausbildung
und verschiedene Spezialausbildungen ab-
solviert. Hierdurch wird er nach und nach
zu einem kleinen Rädchen im Getriebe der
gewaltigen Operation „Overlord“. Schließ-
lich kommt der Einsatzbefehl: Die Soldaten
sollen sich an der Südküste Englands sam-
meln, um auf das europäische Festland über-
zusetzen. Von Todesahnungen gepeinigt,
schreibt Tom einen Abschiedsbrief an seine
Eltern. Schon bald gerät seine unheilvolle Vi-
sion zur schrecklichen Realität: Als er am „D-
Day“ zusammen mit seiner Truppe in der
Normandie landet, stirbt er beim Kampf ge-
gen die deutsche Armee.
Dieses Szenario ist die Grundlage für ei-
nen der besten Filme, die je über den Zwei-
ten Weltkrieg gedreht wurden: „Kennwort: HISTORISCHES VORBILD: Diese Szene aus Spielbergs Film von 1998 repliziert eines der
Overlord“ (Originaltitel: „Overlord“). Regis- bekanntesten „Images“ der Invasion: die sogenannten „Jaws of Death“. Foto: picture-alliance
seur dieses 1975 in Großbritannien entstan-
denen Films ist der US-Amerikaner Stuart baute. Diese historischen Dokumente, die „Barry Lyndon“ und „The Shining“ auf Zel-
Cooper. „Kennwort: Overlord“ zeichnet sich etwa ein Drittel der Gesamtlaufzeit von luloid bannte, verwendete für „Kennwort:
durch eine künstlerisch überaus originelle 79 Minuten ausmachen, kombinierte er Overlord“ bewusst Kameralinsen, die auch
Konzeption aus: Cooper sichtete im Imperial mit Spielfilmsequenzen – ebenfalls in in der Kriegsberichterstattung der 1930er-
War Museum in London eine Reihe authen- Schwarz-Weiß gedreht. Der brillante Kame- und 1940er-Jahre üblich waren. Dadurch ver-
tischer Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem ramann John Alcott, der auch Stanley Ku- schwimmen für das Publikum beim Betrach-
Zweiten Weltkrieg, die er in seinen Film ein- bricks Meisterwerke „Clockwork Orange“, ten des Films die Grenzen zwischen Realität
und Fiktion. Das Resultat ist eine beklem-
mende Atmosphäre, in welcher das Schick-
HINTERGRUND Der „D-Day“ als Fernsehserie sal des Tom Beddows den Zuschauer emo-
Steven Spielberg und Tom Hanks, Regisseur satz waren. Dank eines hohen Budgets be- tional unmittelbar berührt.
bzw. Hauptdarsteller des Hollywood-Block- sticht die Serie durch realistisch wirkende Obgleich der Film bei seiner Premiere gu-
busters „Der Soldat James Ryan“, produzier- Schlachtszenen sowie durch spektakuläre te Kritiken erzielte und beim Filmfestival
ten 2001 für den US-amerikanischen Privat- Spezial- und Soundeffekte. In Deutschland Berlinale den Spezialpreis der Jury („Silber-
sender HBO eine zehnteilige Fernsehserie wurde die Serie erstmals 2005 im Free-TV ner Bär“) gewann, blieb er lange Zeit weitge-
mit dem Titel „Band of Brothers“ (Gesamt- ausgestrahlt. Zudem ist sie seit 2007 als hend unbekannt. Erst seit Kurzem erhält er
laufzeit: 603 Minuten). Diese Serie widmet 6-DVD-Box des Labels Warner Home Video dank seiner Veröffentlichung auf DVD eine
sich, ebenso wie bereits „Der Soldat James erhältlich, die neben einer deutschen Syn- wohlverdiente Würdigung. In Deutschland
Ryan“, dem „D-Day“. Sie kann jedoch diese chronfassung auch den englischen Original-
erschien „Kennwort: Overlord“ im Jahr 2010
Ereignisse aufgrund der deutlich längeren ton bietet.
beim Label Bildstörung.
Spieldauer ungleich detaillierter darstellen.
Geschildert wird die Geschichte einer Fall-
schirmjägereinheit, die im Zweiten Weltkrieg „Der Soldat James Ryan“
kämpft und den Namen „Band of Brothers“ Am „D-Day“ findet an der Küste der Nor-
trägt. Die Handlung setzt bei der Ausbildung mandie die Invasion der alliierten Truppen
der jungen Männer ein. Darauf folgen mehre- statt. An den Kämpfen ist auch Captain John
re Episoden: von der Landung der Soldaten H. Miller (dargestellt von Tom Hanks) betei-
in der Normandie während des „D-Day“ bis ligt. Unter hohen Verlusten können die deut-
hin zum Kriegsende im Mai 1945. Bemer- schen Stellungen erobert werden, jedoch
kenswert ist die Tatsache, dass es sich bei überleben nur wenige von Millers Soldaten.
allen vorkommenden Charakteren um Perso- Währenddessen wird in den USA eine Mut-
nen handelt, die wirklich lebten. Dies verleiht UMFANGREICH: In insgesamt zehn Folgen ter von der Armee benachrichtigt, dass in-
„Band of Brothers“ eine gewisse historische der TV-Serie „Band of Brothers“ (2001)
nerhalb weniger Monate bereits ihr dritter
Authentizität. Zudem wird jede Folge, mit Aus- werden die Ereignisse vom „D-Day“ bis
nahme der zehnten, durch einen Kommentar
Sohn in Europa gefallen sei. Wegen der im-
zum Kriegsende nachgezeichnet. Als
von Zeitzeugen eingeleitet, die 1944/45 als Nachfolger erschien 2010 „The Pacific“. mensen Opfer, welche die Mutter und deren
Soldaten der US Army in Westeuropa im Ein- Foto: picture-alliance/United Archives Familie erbringen mussten, beschließt das
Militär, den letzten noch lebenden Sohn na-

88
Action und Pathos bei Spielberg

mens James Ryan (dargestellt von Matt Da- „Es gibt nichts, wodurch man es wieder
mon) nach Hause zu schicken. Bedauerli-
cherweise landeten die Fallschirmjäger der vergisst; jedes Mal beginnt man wieder ganz
101. Division, deren Mitglied Ryan war, in von vorne. Durch den Krieg werden die
einem Himmelfahrtskommando hinter den
deutschen Linien. Daher ist gegenwärtig we- Menschen nicht edler; er macht sie zu Hunden;
der bekannt, an welchem Standort sich Ry- vergiftet die Seele.“
ans Einheit genau befindet, noch, ob es Über-
Zitat aus dem Film „Der schmale Grat“ von 1998
lebende gibt. Captain Miller erhält deswegen
den Auftrag, zusammen mit acht anderen
Soldaten im Gebiet des Feindes nach Ryan
zu suchen. Die Expedition endet tragisch: lenen und zeichnet die deutschen Feinde als Ereignisses. Als Regisseur engagierte man
Miller stirbt, Ryan hingegen kann gerettet Karikaturen. Aufschlussreich ist in diesem den Engländer Richard Dale, der für die BBC
werden. Kontext ein Vergleich mit Terrence Malicks bereits erfolgreiche populärwissenschaftli-
Dies ist der Handlungsrahmen von Ste- Antikriegsfilm „Der schmale Grat“ (Origi- che Dokumentationen kreiert hatte. Dale ent-
ven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ naltitel: „The Thin Red Line“), welcher eben- warf für den Film ein Konzept, welches den
(Originaltitel: „Saving Private Ryan“) von falls von einer US-amerikanischen Militär- Schwerpunkt auf eine möglichst authenti-
1998. Dieses mit enormem Aufwand gedreh- operation während des Zweiten Weltkrieges sche und detailgetreue Nachbildung der Ge-
te Werk von 163 Minuten Länge gehört zu handelt und im selben Jahr wie „Der Soldat schehnisse legte. Dabei kombinierte er histo-
den populärsten und kommerziell erfolg- James Ryan“ entstand. Während Malick eine rische Originalaufnahmen, die an den
reichsten Kriegsfilmen in der Geschichte glaubwürdige humanistische und pazifisti- Kriegsschauplätzen entstanden, Interviews
Hollywoods. Besonders berühmt ist die sche Botschaft ohne weltanschauliche Vor- mit Zeitzeugen sowie nachgestellte Spielsze-
atemberaubende, etwa 20-minütige Eröff- eingenommenheit vermittelt, sucht man nen, die er mit Schauspielern im Studio dreh-
nungssequenz: Mit virtuosen Kamerabewe- Vergleichbares bei Spielberg vergeblich. te.
gungen wird die Landung der Alliierten in „Der Soldat James Ryan“ ist seit 2001 in einer Um ein dem wichtigen Jahrestag ange-
der Normandie am „D-Day“ in einem gera- DVD-Ausgabe von Paramount verfügbar. messenes Werk zu schaffen, scheute man we-
dezu dokumentarischen Stil gezeigt, wo- der Kosten noch Mühen: Mithilfe von Com-
durch der Zuschauer Teil des Geschehens „Entscheidung in der Normandie“ puteranimationen wurden mehrere Tausend
wird. Der Regisseur Spielberg scheut dabei Im Jahr 2004 produzierte der staatliche briti- Soldaten sowie zahlreiche Fahrzeuge und
auch nicht die Darstellung von nackter, un- sche Fernsehsender BBC ein aufwendiges Landungsboote erschaffen. Für die aufwen-
geschminkter Gewalt. 90-minütiges Doku-Drama über die Lan- digen Schlachtszenen feuerte man etwa
Leider kann der Film die zu Beginn ge- dung der Alliierten am 6. Juni 1944: „D-Day 4.000 Platzpatronen von 100 Originalwaffen
nährten hohen Erwartungen nicht erfüllen. – Entscheidung in der Normandie“ (Origi- ab und zündete etwa 250 Kilogramm
Allzu oft gleitet er in ein hohles patriotisches naltitel: „D-Day 6.6.1944“). Anlass war der Sprengstoff. Leider überzeugt das Endergeb-
Pathos ab, überhöht die heldenhaften Gefal- 60. Jahrestag dieses geschichtsträchtigen nis sowohl aus technischer als auch aus dra-
maturgischer Sicht nur teilweise: Die Com-
putereffekte sind oftmals mit dem bloßen
Auge klar zu erkennen. Des Weiteren kann
der Film die bedrückende Stimmung und
den Spannungsbogen des „D-Day“ nicht
durchgehend vermitteln. Ebenso gerät die
Charakterisierung der beteiligten Figuren
teilweise zu pauschal.
Trotz besagter Schwächen handelt es sich
bei dieser BBC-Produktion um eine überaus
verdienstvolle Unternehmung, Geschichte
einem breiten Publikum in plastischer und
gut verständlicher Weise zu vermitteln, ohne
zu große Zugeständnisse an Inhalt und
Stil zu machen. In Deutschland lief „D-Day
– Entscheidung in der Normandie“ erstmals
am 5. Juni 2004 im Fernsehen. Der Film ist
seit 2004 auch als DVD des Labels Polyband
erhältlich.

PROBLEMATISCH: Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ scheut sich nicht, die blutige Seite
Dr. Daniel Carlo Pangerl, Jg. 1983, ist Historiker und
des Krieges zu zeigen (Szene aus der bekannten Eröffnungsschlacht des Filmes). Doch wie
Kulturwissenschaftler. Er promovierte 2011 an der
realistisch können Filme den Krieg überhaupt darstellen? Letztendlich kann die Kamera im-
Ludwig-Maximilians-Universität München.
mer nur einen kleinen – noch dazu interpretierten – Ausschnitt zeigen. Foto: picture-alliance

Clausewitz Spezial 89
Gedenkorte & Museen

Reise in die Vergangenheit

Strände des Sieges,


Strände des Todes
Für die Westalliierten stellt der „D-Day“ das bedeutendste Ereignis des Zweiten Welt-
krieges dar. Daher haben sich die Strände der Normandie zu einem Ausflugsziel für
„Schlachtfeldtouristen“ aller Art entwickelt. Von Alexander Querengässer

M
ittlerweile treffen in der Normandie des Jahres 1944 inzwischen weitgehend er- tige Geschützstellung gehörte zum Verteidi-
nicht nur die Veteranen der Kämp- holt. Die dichten Heckenlandschaften im gungsabschnitt der 716. Division östlich des
fe regelmäßig aufeinander, sondern Hinterland (Bocage), die den Alliierten einst Orne-Kanals. Merville wurde am 6. Juni
auch junge englische und amerikanische Of- so große Probleme machten, wuchern wie- durch einen überraschenden landseitigen An-
fiziersanwärter, welche die alten Kampfstät- der. Doch die französische Atlantikküste griff von Teilen des 9. britischen Fallschirmjä-
ten für moderne taktische Schulungen besu- wird wohl für immer vom Zweiten Welt- ger-Bataillons eingenommen. Das Museum
chen. Schlachtengewinner vereinnahmen die krieg geprägt bleiben, denn die Reste des At- erhält die Bunkeranlage und präsentiert eine
Schauplätze ihrer Siege oft für die eigene Er- lantikwalls sind nahezu allgegenwärtig. Die originale tschechische 100-mm-Haubitze. Auf
innerungskultur, und daher verwundert es imposantesten Anlagen finden sich sicher- dem Rasen vor den Bunkern steht eine jener
auch nicht, dass an den französischen Kanal- lich weiter nördlich am Pas de Calais. Doch Dakota-Maschinen, die die Briten kurz vor
küsten weitaus mehr amerikanische und auch vom Verteidigungsgürtel in der Nor- Caen abgesetzt hatten. In den einzelnen Bun-
englische Denkmäler stehen als deutsche. In mandie sind immer noch beeindruckende keranlagen sind die Museumsräume unter-
der deutschen Erinnerungskultur wird die Bunkeranlagen erhalten. gebracht, die sich mit dem Leben der deut-
Bedeutung des „D-Day“ zudem von den gro- schen Batteriebesatzung, der Ausbildung der
ßen Schlachten an der Ostfront, allen voran Prinz Charles am Atlantikwall britischen Landungskräfte und dem Sturm
Stalingrad, überlagert. Einen guten Einblick über die Organisation auf die Batterie beschäftigen. Die Ausstellun-
Die Landschaft der Normandie hat sich der deutschen Küstenverteidigung gibt die gen sind sehr plastisch und bieten viele
von den teilweise enormen Zerstörungen Batterie de Merville. Diese strategisch wich- Schaukästen mit Wehrmachtssoldaten in

90
Klippen über die Ufer des Kanals, die den Einen gesamten Landungsabschnitt, den
deutschen Verteidigern exzellente Verteidi- Juno Beach, stürmte die 1. kanadischen Ar-
gungsstellungen boten. Das Gelände ist mee. Es war die drittgrößte alliierte Teilstreit-
durch befestigte Wege gut erschlossen. Der kraft. 2003 eröffnete die kanadische Regie-
Pointe du Hoc bildet einen in jedem Fall se- rung das „Juno Beach Center“ als offizielles
henswerten Kontrast zu den flachen und Museum für den Einsatz kanadischer Solda-
sandigen Strandabschnitten. ten im Zweiten Weltkrieg. Es fokussiert sich
Ein visuell beeindruckendes Erlebnis dabei nicht nur auf den Einsatz der kanadi-
stellt das 360-Grad-Kino in der Nähe der schen Divisionen, sondern auch auf den zi-
Klippen von Arromanches dar. Das Kino vilen Beitrag und die politische Entwicklung
präsentiert in Hollywood-Manier eine beein- im größten Commonwealthstaat, also Ebe-
druckende Dokumentation über den Ablauf nen, die fast alle anderen Museen in dieser
der Landung. Im Ort selbst steht das offizi- Region ausblenden. Die militärischen Berei-
elle französische „Musée Debarquement“, che präsentieren ausführliche Infotexte, viel
welches 1954 zur Erinnerung an die Lan- Bildmaterial und überschaubare Vitrinen
dung eröffnet wurde. Das Museum rückt und unterscheiden sich somit konzeptionell
weniger die eigentlichen Kampfhandlungen, sehr von den amerikanischen Museen. Über-
als den logistischen Aufwand des Ereignisses haupt geht das „Juno Beach Center“ an die
in den Mittelpunkt. Im ersten Ausstellungs- empfindliche Thematik Krieg auf eine nüch-
raum erläutern die Museumsführer den Gäs- terne und sachlichere Art und Weise heran
ten die Funktion der Mulberryhäfen anhand als die amerikanischen – und teilweise sogar
von Modellen und warten mit den beeindru- britischen – Erinnerungsstätten. Das Gebäu-
ckenden Statistiken aus dem alliierten Nach- de ahmt mit seinen fünf Flügeln die Form ei-
ALLGEGENWÄRTIG: Überreste des Zweiten schubwesen auf. Durch das große Panorama- nes Ahornblatts nach.
Weltkrieges prägen die küstennahen Land- fenster kann man auch einen direkten Blick
schaften im Norden Frankreichs, die heute auf die Reste der künstlichen Häfen erha- Denkmäler für die GIs
Anziehungspunkt für viele Besucher sind. schen. Im zweiten Raum wird mithilfe einer Ein Hauptanziehungspunkt für jeden Ameri-
Das Foto zeigt den Überrest eines deut- animierten Karte der Ablauf der Landung ge- kaner ist wahrscheinlich das „Utah-Beach-
schen Bunkers bei Merville. Foto: picture-alliance zeigt und in sechs Sprachen (darunter Museum“, welches sich direkt hinter den Dü-
Deutsch) erklärt. Die „Hall des Alliés“ stellt nen des Strandes befindet. Hier findet der Be-
ihren Unterkünften, Fallschirmjäger-MG- anschließend die beteiligten Armeen vor (an- sucher neben weiteren Resten des
Trupps oder Ausschnitten aus den Transport- ders als der Name erwarten lässt, werden die Atlantikwalls etliche Denkmäler für die ame-
flugzeugen. Bereits jetzt bereitet das Museum Deutschen nicht ausgeklammert) und prä- rikanischen Soldaten. Das letzte wurde erst
seine Gedenkveranstaltungen für den kom- sentiert ganz klassisch Uniformen, Waffen am 6. Juni 2012 eingeweiht und zeigt Major
menden 70. Jahrestag vor, bei denen neben und andere Relikte in Vitrinen. Im Kinosaal „Dick“ Winters, dessen Lebensgeschichte vor
Prinz Charles alle Veteranen des 9. Bataillons können sich die Besucher abschließend auch allem durch die Fernsehserie „Band of Bro-
eingeladen sind und auch eine Nachstellung noch einmal von einer Dokumentation aus thers“ Bekanntheit erlangte. Im Museum er-
dieses Teilgefechts geplant ist. Archivbildern erklären lassen, wie man die läutern zehn Räume die strategische Lage der
Mulberryhäfen entwarf, baute und zusam- Alliierten im Sommer 1944, die Stärken und
Klippen, Kino, Kunsthäfen mensetzte. Wer durch diesen Besuch ange- Schwächen der deutschen Verteidigungsan-
Nicht nur militärhistorisch, sondern auch regt wurde, sich ausführlicher mit dem „D- lagen, die zehn Gefechtsabschnitte dieses Ta-
landschaftlich reizvoll ist der Pointe du Hoc Day“ zu beschäftigen, der findet umfangrei- ges und die folgende Besetzung Cotentins.
bei Grandcamp-Maisy. Hier wachsen steile che Literatur im Museumsshop. Dem Besucher wird militärisches Großgerät

ANSCHAULICH: Das „Musée Debarquement“ präsentiert Ausrüs- AMERIKANISCH: Das „Utah-Beach Museum“ widmet sich vor allem
tungsgegenstände aller Art. Foto: picture-alliance /PHOTOPQR/L’EST REPUBLICAIN den USA und ihrer Rolle bei der Invasion. Foto: picture-alliance/Vintage

Clausewitz Spezial 91
Gedenkorte & Museen

in erstklassigem Zustand gezeigt, so unter


anderem einer der letzten B-26-Marauder-
HINTERGRUND Veranstaltungen zum 70. Jahrestag
Mittelstreckenbomber und ein Higgins-Lan- Im Jahr 2014 jährt sich die Landung in der ten, die damals aufeinander schossen, wer-
dungsboot. Wie fast jedes „D-Day“-Museum Normandie zum siebzigsten Mal – es sind den die Möglichkeit haben, über ihre Erleb-
setzt auch „Utah-Beach“ stark auf audiovisu- zahlreiche Feierlichkeiten, Gedenkveranstal- nisse zu sprechen und sich auszusöhnen.
elle Medien und präsentiert seinen Gästen ei- tungen, Sonderausstellungen, Paraden und Mehr Informationen unter:
ne eigens produzierte, aufwendige Doku- Feuerwerke geplant. Veteranen beider Sei- www.the70th-normandy.com
mentation. Und wie in Arromanches kann
der Besucher auch hier durch ein Panorama- komplex um einen neuen Flügel erweitert, tere Museen. Das „Musée D-Day Omaha“ ist
fenster einen beeindruckenden Blick auf den der nun auch den Verlauf der gesamten eine kleine, privat betriebene Einrichtung,
Landungsstrand werfen. Operation „Neptune“ präsentiert. deren Hauptaugenmerk auf der Präsenta-
tion aller möglichen Militärtechnik, vom
Einsamer Fallschirmjäger Deutscher Friedhof Feldgeschütz über Panzer bis zum Jeep und
In dem Film „Der längste Tag“ spielte der Moderne Schätzungen schraubten die ame- Uniformen, liegt. Das „Musée Memorial
Hollywoodstar John Wayne einst einen Co- rikanischen Verluste am „bloody“ Omaha- d’Omaha Beach“ präsentiert in Schaukästen
lonel der 101st US Airborne bei ihrem An- Beach von ursprünglich geschätzten 3.000 Szenen aus der Besatzungszeit Frankreichs
griff auf St. Mere Eglise. Die Szenen wurden auf 4.200 Mann hinauf. Auch hier befindet und vom Angriff der ersten Landungswel-
im Ort selbst gedreht. An der Spitze des sich ein auf die amerikanischen Besucher len. Diese wurden unter anderem von der
Kirchturms hängt heute noch eine Puppe, ausgerichtetes Museum. Da das gesamte Ge- 1. Amerikanischen Infanteriedivision, der
die den Fallschirmjäger John Steele dar- lände um den Strand der amerikanischen „Big Red One“, vorgetragen, der das dritte
stellt, der sich mit seinem Fallschirm am Regierung von Frankreich zum Geschenk Museum gewidmet ist. Das „Big Red One
Dach verheddert hatte und hilflos den gemacht wurde, werden hier an jedem Assault Museum“ geht ebenfalls sehr detail-
Kämpfen im Ort zusehen musste. Wayne Nachmittag um 16:30 Uhr die Stars and Stri- liert auf die Struktur dieser Einheit und den
und Steele sind wahrscheinlich heute die pes eingeholt. Direkt neben dem Museum chronologischen Verlauf ihrer Kämpfe am
wichtigsten Werbefiguren für den Ort und befindet sich der Friedhof von Colleville-sur- 6. Juni 1944 ein.
das hier befindliche „Airborne Museum“, Mer, auf dem 9387 schneeweiße Kreuze an
eine der ältesten Ausstellungen in der Nor- die gefallenen GIs erinnern. Hier wurde Monumental-Denkmal in den USA
mandie. Sie setzt sich speziell mit dem tra- auch die Einführungsszene von Steven Auch außerhalb der Museen und Friedhöfe
gischen Einsatz der amerikanischen 82nd Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ gedreht. ist der Zweite Weltkrieg an den Stränden der
und 101st Airborne Division und den Im nicht weit entfernten La Cambe befindet Normandie stets präsent, denn in wohl kei-
Kämpfen um Sainte-Mère-Èglise auseinan- sich die größte Kriegsgräberstätte mit über nem anderen Landstrich sind so viele Straßen
der. Zu den größten Ausstellungsobjekten 21.000 gefallenen Deutschen. nach Soldaten oder militärischen Einheiten
zählen eine Douglas C-47, das alliierte Ge- Am Strandabschnitt Omaha gibt es neben benannt. Für Touristen, die nicht nur ein oder
genstück zur „Tante Ju“, und ein Waco-Las- der modernen Gedenkskulptur „Les Braves“ zwei Museen besichtigen wollen, lohnt sich
tensegler. Ab 1. Mai wurde der Gelände- der Künstlerin Anilore Banon noch drei wei- die Anschaffung des Normandie-Passes, der

ANDENKEN: Ein Angehöriger der Bundes- ANSPRACHE: Präsident Georg W. Bush bei ANGELSÄCHSISCH: Queen Elisabeth II.
wehr vor dem Sarg eines unbekannten deut- der Eröffnung des nationalen D-Day-Denkmals während eines Besuches des D-Day-Muse-
schen Soldaten auf dem Friedhof in La Cam- in Bedford, Virginia. Die Wahl fiel auf diesen ums im südenglischen Portsmouth. Die Auf-
be. Die Aufnahme entstand während des 65. Ort, weil proportional die meisten amerikani- nahme stammt aus dem Jahr 2009, als das
Jahrestages der Landung in der Normandie. schen Opfer der Invasion von hier stammten. Museum eingeweiht wurde.
Foto: picture-alliance/dpa Foto: picture-alliance/dpa Foto: picture-alliance/empics

92
Aufgaben für die Zukunft

in fast allen der hier aufgezählten Einrichtun- Luftangriffe. In jenen Jahren war die Insel sieht es mit den Verteidigern der Strände
gen einen ermäßigten Eintritt ermöglicht. ein Aufmarschgebiet und Trainingslager für aus. Natürlich trifft der Besucher in fast je-
Das größte Denkmal zu den Ereignissen die alliierten Armeen, was ebenso in mehre- dem Ort auf verfallene Bunker und alte Grä-
an Omaha- und Utha-Beach steht allerdings ren Displays dargestellt wird, so wie die ber. Aber wie die Soldaten der Wehrmacht in
auf der anderen Seite des Atlantiks: das „Na- Szenen der Landung mit echten Higgins- Frankreich gelebt haben, wie ihr Verhältnis
tional D-Day Memorial“ in Bedford, Virginia. Booten oder Lastenseglern. Es zeigt ein zur französischen Bevölkerung gewesen ist,
Es wurde komplett durch private Spenden fi- wandgroßes Foto des britischen Soldaten- wie sich ihr soldatischer Alltag gestaltet hat
nanziert, die ein Komitee seit 1988 in den friedhofs in Ranville mit seinen endlosen und vor allem auch, wie sie den 6. Juni erlebt
ganzen USA sammelte. Insgesamt kamen da- Reihen von Grabkreuzen. haben, blenden viele Museen in ihren Dar-
bei 25 Millionen Dollar zusammen, von de- stellungen aus. Doch wenn die alten Gräben
nen man in den Blue Ridge Mountains ein Umfassendes Gedenken? tatsächlich überwunden werden sollen,
riesiges Areal kaufte, auf dem sich heute das Der „Schlachtfeldtourist“ kann in der Nor- müssen sich einige Museen in Zukunft auf-
Denkmal erhebt. Am 6. Juni 2001 weihte es mandie viel entdecken. Grabstätten sind geschlossener mit den „Gegnern“ beschäfti-
der damalige Präsidenten George W. Bush ebenso allgegenwärtig wie Siegesmonumen- gen. Vielleicht liefert der 70. Jahrestag einen
ein. Drei Garten- und Platzanlagen stehen te und Museen für die alliierten Armeen. An entsprechenden Anlass, dieses Defizit zu
symbolisch für den zeitlichen Ablauf von den Kampf und das Leben der angloameri- überwinden, damit für jeden Besucher ein
Operation „Overlord“. kanischen Soldaten wird in all diesen Aus- abgerundetes Bild dieser Ereignisse entste-
Der erste, Reynolds Garden, hat die Form stellungen sehr anschaulich erinnert. Anders hen kann.
eines mittelalterlichen Schildes und erinnert
somit an das Abzeichen der „Supreme Head-
quarters Allied Expeditionary Force“. Dieser Adressen in Frankreich und England
Bereich steht für die Organisation und Pla-
nungsphase. Die Grey Plaza erinnert an die Zur Orientierung über Museen und Kinder: 4,50 Pfund
Landung selbst und präsentiert in Metall ge- Ausflugsziele in der Normandie: Gruppenpreise: 5,50 (Erwachsene),
gossene amerikanische GIs und Betonskulp- www.normandiememoire.com 5,00 (Rentner), 4,00 (Kinder)
turen, die an die Strandhindernisse der (Hier gibt es auch den Normandie-Pass)
Wehrmacht oder die Landungsboote der Al- Batterie Merville
liierten erinnern sollen. Unregelmäßig in den Utah Beach D-Day Museum Musée de la Batterie de Merville
Himmel schießende Wasserfontänen empfin- 50480 Sainte Marie du Mont Place du 9ème Bataillon
www.utah-beach.com 14810 Merville-Franceville
den den Effekt ins Wasser rauschender MG-
Öffnungszeiten: www.batterie-merville.com
Salven nach. Die den Platz einfassende Mau-
1. Oktober–31. Mai: 10:00–18:00 Uhr Öffnungszeiten:
er trägt im Westen die Namen der amerikani-
1. Juni–30. September: 9:30–19:00 Uhr 15. Februar–31. März
schen Toten und im Osten die der übrigen
Eintritt: Mo–So 10:00–17:00 Uhr
Alliierten. Auf dem Estes Platz erhebt sich Erwachsene: 8,00 € 1. April–30. September
schließlich ein 13 Meter hoher Triumphbogen Kinder unter 15: 3,50 € Mo–So 9:30–18:30 Uhr
als Monument des Sieges. Links und rechts Gruppen (p. P.): 6,00 € 1. Oktober–16. November
davon sind die Flaggen aller siegreichen Na- Schulgruppen (p. P.): 3,00 € Mo–So 10:00–17:00 Uhr
tionen gehisst. In amerikanischen Maßen soll Kinder unter 7 Jahre und Weltkriegsveteranen: frei Eintritt:
die Höhe des Bogens mit 44 Fuß und sechs Erwachsene: 6,00 € (mit Normandie-Pass 5,00 €)
Inch an den Landungstag, den 6. Juni 1944 er- Musée du Débarquement Arromanches Kinder bis 6 Jahre: frei
innern. Das Denkmal ist durchgängig geöff- Place du 6 Juin Kinder bis 16 Jahre: 3,50 €
net und lockt regelmäßig mit Feierlichkeiten 14117 Arromanches Gruppen (ab 10 Personen): 4,50 € (Erwachsene),
und Reenactmentveranstaltungen. www.arromanches-museum.com 3,00 € (Schüler)
Eintritt:
Der „Overlord Teppich“ Erwachsene: 7,90 € Juno Beach Center
Großbritannien unterhält ebenfalls ein ei- Kinder/Studenten: 5,80 € Juno Beach Centre Association
genes „D-Day“-Museum in der Hafenstadt Gruppen ab 20 Personen: 6,20 € (Erwachsene), 828 Legion Road
Portsmouth, wo die Masse der gewaltigen 4,00 € (Kinder/Studenten) Burlington, ON
Invasionsarmada ankerte. Das Herzstück Mit Normandie-Pass 1,00 € Vergünstigung auf L7S 1T5
der Ausstellung ist der 83 Meter lange jeden Eintritt www.junobeach.org
Öffnungszeiten:
„Overlord Teppich“, der die einzelnen Sta-
D-Day Museum and Overlord Embroidery 1. April–30. September: 9:30–19:00 Uhr
dien der Invasion darstellt (in Anlehnung an
Clarence Esplanade März/Oktober: 10:00–18:00 Uhr
den mittelalterlichen Teppich von Bayeux,
Southsea Februar/November/Dezember: 10:00–17:00 Uhr
der die Eroberung Englands durch die Nor-
PO5 3NT England Eintritt:
mannen zeigt). Anschließend wird der Besu- www.ddaymuseum.co.uk/d-day/visitor-information Erwachsene/ermäßigt (Veteranen, Kriegswitwen,
cher zunächst in das Großbritannien des Öffnungszeiten: Kinder bis 8 Jahre):
Zweiten Weltkrieges eingeführt. Hier fällt es April–September: 10:00–17:30 Uhr Juno Beach Center: 7,00 €/5,50 €
auch dem deutschen Gast einfacher, einen Oktober–März: 10:00–17:00 Uhr Nur temporäre Ausstellung: 3,00 €
Zugang zur mentalitätsgeschichtlichen Be- Eintritt: Nur Juno Park: 5,50 €/4,50 €
deutung der Jahre 1940 bis 1944 für Großbri- Erwachsener: 6,50 Pfund Center + Park: 11,00 €/9,00 €
tannien zu bekommen, denn das prägendste Rentner: 5,50 Pfund
Ereignis dieser Zeit waren die deutschen

Clausewitz Spezial 93
Service

Ein Tag des Ruhms? – Literatur zum „D-Day“


Mit dem „D-Day“ scheint für viele stands zum entscheidenden ALLIIERTER BLICK:
angloamerikanische Historiker Schlag gegen das „Dritte Reich“ Der „D-Day“ ist das
der Zweite Weltkrieg seine ent- antraten. Folglich nimmt er in der zentrale Großereignis
scheidende Wendung genommen englischsprachigen Literatur ei- des Krieges für die
zu haben. Die Landung markierte nen wesentlich breiteren Raum Westalliierten – des-
den Punkt, an welchem die Alliier- ein als in der deutschen, die sich halb wird er von Ame-
ten von einer langen Aufrüstungs- vor allem auf die großen Massen- rikanern und Englän-
phase und einer Strategie des be- schlachten an der Ostfront kon- dern auch literarisch
grenzten militärischen Wider- zentriert. viel öfter bedacht als
von deutscher Seite.

Populärhistorischer Bestseller Das Bild zeigt Eisen-


hower und seinen Stab
Einen der bekanntesten Tatsa- er beginnt und dessen Worten am 12. Juni 1944.
chenberichte stellt vermutlich der Titel des Buches entlehnt ist: Foto: picture-alliance/Leemage
„Der längste Tag“ von Corneli- „Die ersten 24 Stunden der In-
us Ryan dar, der seit 1941 als vasion sind entscheidend … für
Kriegsberichterstatter für den die Alliierten und für Deutsch-
Daily Telegraph arbeitete. Ryan land wird es der längste Tag Bitterer Beigeschmack
nahm zunächst an einigen Bom- sein.“ Direkt nach dem Erschei- Während Ryans Buch schon vor haben. Individuelles Helden-
berangriffen teil, ehe er wenige nen des Buches sicherte sich der Verfilmung ein Klassiker der tum und der anscheinend allge-
Wochen nach der Invasion Pat- Hollywood-Produzent Daryl D-Day-Literatur war, fand ein genwärtige schwarze Humor,
tons 3. US-Armee begleitete. anderes Werk erst durch Holly- das sind die beiden Ebenen, auf
1949 besuchte er die Invasions- wood einen größeren Absatz. denen sich Ambrose den „Ea-
strände und begann, sich für die 1992 erschien Stephen Edward sys“ nähert, viel mehr Persönli-
Ereignisse des 6. Juni zu interes- Ambroses „Band of Brothers, ches erfährt der Leser nicht. Das
sieren. Über zehn Jahre sammel- E Company, 506th Regiment, Heldentum nimmt auch eine
te er Informationen und führte 101st Airborne: From Norman- wesentlich breitere Darstellung
über 3000 Interviews mit alliier- dy to Hitler’s Eagle’s Nest“, das ein als die „Entgleisungen“ ame-
ten und deutschen Soldaten so- durch die von Steven Spielberg rikanischer Soldaten. Diese wer-
wie französischen Zivilisten. produzierte Fernsehserie zum den zwar vom Autor nicht ver-
1956 begann er, daraus eine Klassiker wurde. Ambrose lie- schwiegen, er erwähnt beispiels-
ernsthafte Studie der Ereignisse fert eine militärhistorische Mik- weise Mord, Plünderungen und
zu schmieden. Als 1959 „The rostudie, die chronologisch den auch Vergewaltigungen, aber
Longest Day: D-Day June 6, Weg einer einzelnen Kompanie meist nur versteckt in Nebensät-
1944“ erschien, war es sofort ein von den Ausbildungslagern in zen, eingebettet in Rechtferti-
Bestseller. Bis heute wurden den USA und Großbritannien gungen, die er in anderen Passa-
über zehn Millionen Exemplare BESTENS BEKANNT: Die Bü- über die Schlachtfelder Europas gen weder für die übrigen Alli-
in 18 Sprachen verkauft. Ryan cher des in Dublin geborenen bis zu ihrer Auflösung nach- ierten noch die Deutschen gelten
hat einen sehr romanhaften Stil. Journalisten und Autors Corne- zeichnet. Er fängt die militäri- lässt. Das mag auch der Grund
Durch die vielen Interviews, die lius Ryan (1920–1974) sind bis schen Details, Fragen der Aus- sein, warum das Buch trotz des
er für das Buch geführt hat, ge- heute viel gelesen – nicht zu- rüstung, des Springens, der großen Erfolgs der TV-Serie bis-
wann er eine individuelle Per- letzt durch die Hollywood-Adap- Waffen und des Kampfes sehr her nicht ins Deutsche übersetzt
spektive auf die Ereignisse, die tionen. Aufnahme von 1973. detailliert ein. Der „D-Day“ wurde. Trotz allem hat Ambrose
seine Erzählung durchzieht. Da Foto: picture-alliance/dpa nimmt dabei nur ein – jedoch be- einen flüssig lesbaren, spannen-
er auch viele Wehrmachtsoffi- sonders spannendes – Kapitel den Stil und die Kritik, die an
ziere und -soldaten befragte Zanuck für 175 000 US-$ die ein. Allerdings beschäftigt Am- „Band of Brothers“ geübt wer-
oder ihre Tagebücher las, schaff- Rechte und schickte 1962 sein brose sich wenig mit den Men- den kann, lässt sich auf sehr
te es der Journalist, eine gleich- gleichnamiges Filmepos in die schen, wenn sie sich nicht durch viele jüngere amerikanische Bei-
wertige Darstellung beider Sei- Kinos. Ryan schrieb weiterhin besondere Taten ausgezeichnet träge übertragen.
ten zu liefern, die zumeist mitreißende Bücher über die
vorurteilsfrei von politischen
Hintergründen ist und die Hal-
Schlachten der Alliierten, von
denen das bekannteste nach Mutige Memoiren
tung dieser Männer aus ihrer „The Longest Day“ 1974 auf den Die Serie „Band of Brothers“ be- vieler Kriegserinnerungen von
Eigenschaft als Soldaten heraus Markt kam: „A Bridge Too Far“, lebte nicht nur den Verkauf von Soldaten der Easy-Company.
beleuchtet. Einen besonderen das drei Jahre später ebenfalls Ambroses Buch, sondern führte Der bekannteste ist Major Ri-
Fokus legt Ryan auf Erwin verfilmt wurde („Die Brücke auch zur Wiederentdeckung chard „Dick“ Winters, der sei-
Rommel, mit dessen Geschichte von Arnheim“). oder gar Erstveröffentlichung ne Memoiren erst nach Aus-

94
strahlung der Verfilmung ver-
fasste und 2006 unter dem Titel
Angst vor genau solchen Titu-
lierungen hatte der Landser so Nüchtern & neutral
„Beyond Band of Brothers. The lang geschwiegen. In seinem Einen völlig anderen Ansatz als zum Vorstoß der Alliierten zum
War Memoirs of Major Dick Buch schildert er die Ereignisse viele angloamerikanische Au- Rhein. Sensationell waren sei-
Winters“ veröffentlichte. Das an diesem Strandabschnitt als toren verfolgte der polnische nerzeit Piekalkiewicz’ Erkennt-
Buch bildet einen interessanten archaischen Überlebenskampf Historiker Janusz Piekalkie- nisse über die Bedeutung des
Kontrast zu Ambroses Studie, mit modernen Waffen, bei dem wicz (1925–1988). Ihm fehlt die Wetterumschwungs vom 5. auf
denn es ist ein authentisches er nicht wegen des Reizes am individuelle Ebene Ryans, da den 6. Juni. Der polnische Au-
Selbstzeugnis, im Stil vielleicht Töten, sondern aus der Angst seine Bücher größtenteils aus tor hatte von der US-Armee er-
nicht immer so geschliffen wie heraus, selbst getötet zu wer- den offiziellen Berichten der beutete deutsche Akten gefun-
das Werk des Historikers, aber den, handelte. Seine Offenheit Ereignisse schöpfen. Daraus den, die bewiesen, dass Meteo-
dafür oftmals ehrlicher. fand schließlich internationales schuf Piekalkiewicz eine minu- rologen der Luftwaffe vor der
Auch auf deutscher Seite ist Lob. Die Washington Post schrieb tiöse, aber sachlich neutrale Wetterverbesserung, die eine
die Zahl der Tagebücher, Me- über das Buch: „Nach Jahrzehn- Schlachtendarstellung. Diesem Überführung der Invasionsflot-
moiren und anderen Kriegser- ten der Scham, Angst und des Muster folgt auch „Invasion: te ermöglichte, gewarnt hatten.
innerungen Legion. Doch gera- selbst auferlegten Schweigens Frankreich 1944“. Das Buch Der Stil des Autors ist sehr
de bei einem so belasteten The- wagen es deutsche Soldaten beschreibt nicht nur den „D- nüchtern, aber durch seine po-
ma, wie es der Zweite Weltkrieg und die zivilen Opfer nun, ihre Day“, sondern auch die inten- litische Unbefangenheit ist das
für Wehrmachtssoldaten dar- Perspektiven des Krieges zu sive Vorbereitung eines überra- Buch auch noch heute lesens-
stellt, sind solche Selbstzeugnis- schildern. Hinter den traditio- schenden Angriffs seitens der wert. Zwar sind alle Auflagen
se mit Vorsicht zu genießen, nellen Darstellungen des Zwei- Alliierten, die Abwehrversuche vergriffen, es kann jedoch sehr
denn vielen hängt der Makel ten Weltkrieges als einer epi- der Deutschen sowie den wei- günstig antiquarisch bezogen
der Rechtfertigung oder Klitte- schen Schlacht zwischen Gut teren Verlauf des Feldzugs bis werden.
rung an. Einiges Aufsehen in und Böse offenbaren die zum
der Medienwelt erregte der Vorschein kommenden Darstel-
schonungslose Bericht des da- lungen eine komplexere Ge- Breitgefächerter Blick
mals 21 Jahre alten Landsers schichte.“ Später nahm Sever- AUSGEZEICHNET:
Heinrich Severloh (siehe auch loh Kontakt zu einem wahr- Der 2012 verstor-
„Der Zeitzeuge“ in dieser Aus- scheinlich durch ihn verwunde- bene britische Mili-
gabe). Severloh war MG-Schüt- ten GI auf, woraus sich eine tärhistoriker John
ze im Widerstandsnest 62 am intensive Freundschaft entwi- Keegan vor dem
Omaha Beach. In seinem erst ckelte. 2004 sendete Spiegel-TV Buckingham Palace
(nach der Verleihung
Jahre nach dem Krieg veröffent- die Dokumentation „Die Tod-
der Ritterwürde im
lichten Bericht „WN 62 – Erin- feinde von Omaha“ über die
Jahr 2000). Sein
nerungen an Omaha Beach beiden ungewöhnlichen Män- vielbeachtetes Werk
Normandie, 6. Juni 1944“ schil- ner. Da Severloh einer der ers- „Six Armies in Nor-
dert er den blutigen Tag, den ten Wehrmachtssoldaten war, mandy“ erschien
er als MG-Schütze erlebte. Er die ihr Schweigen über die 1982. Foto: picture-
selbst geht davon aus, 2000 GIs Kämpfe des „D-Day“ gebro- alliance/Photoshot
getötet zu haben. Diese hohe chen haben, wird sein Bericht in
Opferzahl wird heute von His- fast allen neueren Publikationen
torikern angezweifelt, aber zitiert. Er ist nicht nur wegen Eine weitere moderne und le- „Six Armies in Normandy.
noch immer bezeichnen ameri- seiner Offenheit interessant, senswerte Darstellung, die bis From D-Day to the Liberation
kanische Medien Severloh als sondern vor allem wegen der heute nur in englischer Sprache of Paris, June 6–Aug. 5, 1944“.
die „Bestie von Omaha“. Aus Diskussionen, die er auslöste. erhältlich ist, ist John Keegans John Keegan zählt mit seiner

BUCHEMPFEHLUNG „Der vergessene Verschwörer“


1944 fand nicht nur die Landung der Alliier- des Attentats teilnahm und anschließend ERWEITERTER BLICK: Das
ten in der Normandie statt (6. Juni), son- von der Gestapo gejagt wurde. Das neue Hitler-Attentat fand kurz nach
dern auch das Attentat auf Adolf Hitler (20. Buch „Der vergessene Verschwörer“ rückt die der Landung der Alliierten statt
Juli). Der Name „von Stauffenberg“ steht tragische Person Lindemann ins Zentrum – eigentlich hatten die Ver-
hier symbolisch für den militärischen Wi- und beleuchtet auch das Schicksal derer, schwörer um Stauffenberg ge-
derstand im „Dritten Reich“ – zuletzt popu- die den Mut aufbrachten, ihm zu helfen. plant, früher loszuschlagen.
larisiert durch den Kinofilm „Operation Wal- „Der vergessene Verschwörer“
küre“ (2008) sowie die zweiteilige TV-Pro- von zur Mühlen, Bengt (Hrsg.): Der verges- liefert einen vertieften Blick
Foto: Bucher Verlag

duktion „Stauffenberg – die wahre Ge- sene Verschwörer. General Fritz Lindemann auf das tragische Jahr 1944
schichte“ (2009). Übersehen wird dabei oft und der 20. Juli 1944. München 2014, und stellt gleichzeitig einen
die Person des Artilleriegenerals Fritz Lin- 224 Seiten, 40 Abbildungen, 19,99 €, Menschen vor, der fast in
demann, der aktiv an den Vorbereitungen ISBN: 978-3-7658-1851-6 Vergessenheit geraten wäre …

Clausewitz Spezial 95
Service

ansprechenden wissenschaftli- hebt, ist seine eigenständige der wichtigsten beteiligten Ar-
chen Prosa zu den unübertrof- Betrachtung militärischer Dok- meen, der britischen, amerika-
fenen Historikern des Zweiten trinen. Keegan gibt nicht nur nischen und deutschen, darzu-
Weltkrieges. Wie sein Titel be- strategische und taktische Kon- legen und kann damit das Pa-
reits suggeriert, betrachtet er zepte wieder, wie sie die Gene- radoxon herausstreichen, das
die Ereignisse nicht nur durch ralstabswerke erläutern, son- die für ein totalitäres Regime
die „angloamerikanische Bril- dern setzt sich kritisch mit ih- kämpfenden Wehrmachtssol-
le“, sondern liefert zudem eine nen auseinander und erklärt, daten viel stärker als Indivi-
fundierte Analyse über Stärken, warum bestimmte Feldzüge duen wahrgenommen wurden
Schwächen und Einsatz der und Schlachten von zwei unter- und freier in der Ausführung
Wehrmacht und räumt auch schiedlichen Armeen so aus- ihrer „Aufträge“ waren als die
den kleineren alliierten Kontin- gefochten worden waren. Das GIs und Tommies der westli-
genten Kanadas, Polens und Buch liefert keine umfassende chen Demokratien, die sehr eng
Frankreichs einen würdigen operationsgeschichtliche Dar- an direkte „Befehle“ gebunden
Platz in der Geschichte ein. stellung, sondern greift be- waren. Lieb hinterfragt die
Keegan gelingt es, die vernetz- stimmte Episoden der Norman- Auswirkung der unterschiedli-
ten Strukturen von einem hal- dieschlacht auf, um die soziale chen Kräfte- und Nachschub-
ben Dutzend alliierter Streit- Struktur und die Kampfweise verhältnisse auf die Ereignisse
kräfte in einfachen Worten zu von Verbänden zu erklären, wie AKTUELL: Ein hervorragender an der Front, vergleicht das Ab-
skizzieren. Er erklärt die Bedeu- den Einsatz der amerikani- – und umfassender – Überblick schneiden der britischen mit
tung von technischen Ausrüs- schen Fallschirmjäger in der lässt sich durch das 2014 er- den amerikanischen Streitkräf-
tungsstücken für bestimmte Nacht des 5. auf den 6. Juni, die schienene Buch von Peter Lieb ten, betont die Improvisations-
(Militärakademie Sandhurst)
Operationen und hat bei jeder Landung der Kanadier bei Ca- fähigkeit der Wehrmacht, die
gewinnen. Es ist hervorragend
Betrachtung die Gegenseite im en und Juno, den entscheiden- recherchiert und spannend zu Starre der britischen Truppen-
Blick. Mit seiner Kunst zu den Stoß der 1. polnischen Pan- lesen! Foto: C. H. Beck führung und die Lernfähigkeit
schreiben zieht er den Leser in zerdivision der Exilarmee bei der Amerikaner. Er versucht
die Ereignisse hinein, ohne da- Falaise und schließlich die Ein- Buch ist eine gelungene Über- die tatsächlichen Auswirkun-
bei auf die romanhafte oder nahme von Paris durch die blicksdarstellung der alliierten gen der alliierten Lufthoheit zu
glorifizierende Prosa zurückzu- freifranzösische Panzerdivision Invasion und der Befreiung ergründen oder die Bedeutung
fallen, die Ambrose in seinen Leclerc. Keegans Theorien ha- Frankreichs. Dabei beschränkt der Sabotageakte der Résistan-
Büchern teilweise benutzt. Kee- ben vermutlich jeden anderen er sich nicht nur auf eine Zu- ce zusammenzufassen. Außer-
gan blickt auf die einfachen Sol- Historiker beeinflusst, der seit- sammenfassung militärischer dem scheut sich Lieb nicht, in
daten ebenso wie auf ihre Ge- dem über den „D-Day“ ge- Ereignisse, sondern beleuchtet einem Kapitel über den „dre-
neräle, an der Front und gleich- forscht hat. Es gibt umfangrei- die Strukturen der Wehrmacht ckigen Krieg“ über die Exzesse,
zeitig am „grünen Tisch“, auf chere Studien als „Six Armies und der alliierten Armeen, Kriegsverbrechen und Gräuel-
die kleinen Details und im sel- in Normandy“, aber kaum ein haucht simplen Statistiken in taten auf beiden Seiten zu be-
ben Moment auf die großen Zu- Werk, das eine solche Fakten- wenigen Sätzen Leben ein und richten – Alliierte und Wehr-
sammenhänge. Was ihn von fülle in einem Buch verdichten beleuchtet auch die Geisteshal- macht unterschieden sich weni-
vielen Militärhistorikern ab- kann. tung der einfachen Soldaten. ger darin, wie sie kämpften, als
Immer wieder hinterfragt er vielmehr im „wofür“. Die einen
lang verbreitete Historikerkli- für ein demokratisches System,
Brillante Einzelstudie schees und liefert kurze, aber die anderen für das verbreche-
Wer des Englischen nicht mäch- der Normandie und die Befrei- präzise Antworten anhand ak- rische Regime der Nationalso-
tig ist, aber nach einer aktuel- ung Westeuropas“ zurückgrei- tueller Studien. Vor allem hin- zialisten. Dabei bleibt sein Stil
len, kompakten Darstellung fen. Ähnlich wie Keegan hat terfragt der Autor die patrio- allzeit klar, verständlich und
von „Overlord“ sucht, der soll- Lieb ein Talent, große und kom- tische Militärgeschichtsschrei- spannend, was sein Buch zu ei-
te auf Peter Liebs „Unterneh- plexe Vorgänge kompakt und bung der Amerikaner. Er ner absolut empfehlenswerten
men Overlord. Die Invasion in übersichtlich darzustellen. Sein nimmt sich die Zeit, das Wesen Einstiegslektüre macht.

BUCHEMPFEHLUNG „Der Zweite Weltkrieg in Zahlen“


Ein reines Zahlenwerk zu einem so kungen des globalen Krieges werden OPTIMALE ORIENTIERUNG:
brutalen Konflikt wie dem Zweiten anschaulich präsentiert und mit zahl- Die Datenfülle in Peter Doyles Buch
Weltkrieg mag auf den ersten Blick reichen Tabellen, Grafiken und Dia- macht es zum idealen Begleiter
kühl erscheinen. Doch die furchtbare grammen visualisiert. jeder Lektüre zum Zweiten Welt-
Dimension dieses Krieges wird beson- krieg. Auch zum „D-Day“ finden
ders in den nackten Zahlen deutlich – Doyle, Peter: Der Zweite Weltkrieg sich Zahlen und Tabellen.
es wird nichts verbal verbrämt oder in Zahlen. München 2014, Foto: Bucher Verlag
verschleiert. Fakten und Zahlen zu 224 Seiten, 200 Abbildungen,
Opfern, Waffen, Kosten und Auswir- 24,99 €, ISBN: 978-3-7658-2038-0

96
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Kanadiern, die den Juno-Strand stellung ist Anthony Beevors Wehrmacht und SS. All diese redaktion@clausewitz-magazin.de
stürmten, beschäftigt sich Mark „D-Day. Die Schlacht um die Details kann der Autor an- Redaktion Dr. Tammo Luther (Verantw. Redak-
teur), Maximilian Bunk, M.A. (Redakteur),
Zuehlkes „Juno Beach: Cana- Normandie“, die ebenfalls eine schaulich darlegen. Die Schwä- Markus Wunderlich (Redaktionsleiter),
Alexander Losert, Stefan Krüger
das D-Day Victory, June 6 über den Landungstag hinaus- che des Buches besteht aller- Berater der Redaktion Dr. Peter Wille
1944“. Zuehlke ist ein Experte reichende Darstellung des dings in den großen Zusam- Ständige Mitarbeiter Dr. Joachim Schröder,
Dr. Peter Andreas Popp
für kanadische Militärgeschichte Krieges im Westen bis zur Be- menhängen. Beevor handelt Layout Ralph Hellberg
in den Weltkriegen und folgt freiung von Paris liefert. Der die politischen und strate-
in seinem Buch den vertrauten ehemalige Offizier und Schüler gischen Hintergründe von Leserservice
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und Ausrüstung der kanadi- Kämpfe um Omaha Beach eine zentraler Bedeutung für das Gesamtanzeigenleitung
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ihren Jägern und Bombern tendiert, den Kampf der Briten hinter stehenden strategischen Druck Stürtz GmbH, Würzburg
die Luftherrschaft absicherten. und Amerikaner zum Helden- Ansichten wirklich zu erläu- Verlag GeraMond Verlag GmbH,
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Zuehlke beschränkt sich nicht epos zu stilisieren, verschweigt tern. Auf der Gegenseite nimmt 80797 München
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auf eine bloße Skizzierung die- er aber auf der anderen Seite Beevors Kritik am britischen
ser Verbände, sondern streicht auch nicht die von ihnen be- Fieldmarshal Montgomery
die Unterschiede ihrer Struktu- gangenen Kriegsverbrechen. überproportional viel Raum
Geschäftsführung Clemens Hahn,
ren und Ausbildung im Ver- Dieses delikate Thema, welches ein. Doch letztlich bietet Beevor Carsten Leininger
gleich zu den englischen Trup- viele Autoren eher nebenbei eine gut lesbare Geschichte mit Herstellungsleitung Sandra Kho
Vertriebsleitung Dr. Regine Hahn
pen heraus. Die Kämpfe an Ju- abhandeln, erhält in „D-Day“ teilweise sehr interessanten Vertrieb/Auslieferung Bahnhofsbuchhandel,
no-Beach waren die heftigsten einen breiteren Raum. Beevor und neuen Blickwinkeln auf Zeitschriftenhandel: MZV Moderner Zeitschriften
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aller Commonwealth Truppen, streicht dabei klar heraus, dass bestimmte Ereignisse.
nur die Amerikaner an Omaha es teilweise auch bei den Al- Im selben Verlag erscheinen außerdem:

hatten höhere Verluste zu ver- liierten von oben angeordne- SCHIFFClassic


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zeichnen. Zuehlke beschreibt te Kriegsverbrechen gab, und AUTO CLASSIC SCHIFFSMODELL BAHN EXTRA
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diese sehr genau, wobei die setzt dies ins Verhältnis zu den TRAKTOR CLASSIC STRASSENBAHN MAGAZIN

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(bei Einzelversand jeweils zzgl. Versandkosten)
erleichtern. Zur Bewertung der Beide Seiten verübten Gewaltexzesse an Erscheinen und Bezug Sie erhalten CLAUSEWITZ
Ereignisse bezieht der Autor gefangenen Gegnern. Das Foto zeigt deut- Spezial in Deutschland, in Österreich, in der
Schweiz und in den BeNeLux-Ländern im Bahn-
auch die Aussagen deutscher sche Soldaten, die am Utah Beach in die hofsbuchhandel, an gut sortierten Zeitschriften-
Offiziere mit ein. Sein Buch kon- Hände der Alliierten gefallen sind. kiosken sowie direkt beim Verlag.

zentriert sich allein auf den Foto: picture-alliance/Leemage © 2014 by GeraMond Verlag. Die Zeitschrift und
„D-Day“, allerdings verfasste alle in ihr enthaltenen Beiträge und Abbildungen
sind urheberrechtlich geschützt. Durch Annahme
Zuehlke wenig später mit „Hol- eines Manuskripts erwirbt der Verlag das aus-
schließliche Recht zur Veröffentlichung. Für unver-
ding Juno“ einen weiteren le- langt eingesandte Fotos und Manuskripte wird kei-
ne Haftung übernommen. Gerichtsstand ist Mün-
senswerten Band, der die Kämp- chen. Verantwortlich für den redaktionellen Inhalt:
fe der 1. Kanadischen Armee un- Dr. Tammo Luther; verantwortlich für die Anzeigen:
Helmut Kramer, beide: Infanteriestraße 11a,
mittelbar nach der Landung bis 80797 München.
zum 12. Juni ins Auge fasst. Hinweis zu §§ 86 und 86a StGB: Historische
Originalfotos aus der Zeit des „Dritten Reiches“
können Hakenkreuze oder andere verfassungs-
feindliche Symbole abbilden. Soweit solche Fotos
in CLAUSEWITZ veröffentlicht werden, dienen sie
zur Berichterstattung über Vorgänge des Zeitge-
schehens und dokumentieren die militärhistori-
sche und wissenschaftliche Forschung. Wer sol-
che Abbildungen aus diesem Heft kopiert und sie
propagandistisch im Sinne von § 86 und § 86a
StGB verwendet, macht sich strafbar!
Redaktion und Verlag distanzieren sich ausdrück-
lich von jeglicher nationalsozialistischer
Gesinnung.

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Epilog

„VERSÖHNUNG ÜBER DEN GRÄBERN“:


Unter diesem Motto halfen auf der deut-
schen Kriegsgräberstätte La Cambe in
der Normandie Ende der 1950er-Jahre
erstmals Jugendliche aus mehreren Na-
tionen dem Volksbund Deutsche Kriegs-
gräberfürsorge bei der Erweiterung der
1961 offiziell eingeweihten Anlage, in
der mittlerweile mehr als 21.000 Gefal-
lene des Zweiten Weltkriegs ihre letzte
Ruhestätte gefunden haben.
Foto: picture-alliance/Eibner-Pressefoto

„Kriegsgräber sind die großen


Prediger des Friedens …“
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