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6/2013 November | Dezember € 5,50 A: € 6,30 CH: sFr 11,00 BeNeLux: € 6,50 SK, I: € 7,45 S: SKR 75 N: NOK 79 FIN:

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Clausewitz
Das Magazin für Militärgeschichte

Clausewitz
Militär & Technik
Flakpanzer „Gepard“
und Shilka

Kampf in Italien 1944


Germanien
9n. Chr.
Untergang
des Varus
Monte
Nebelwerfer
Die deutsche
Cassino
„Stalinorgel“

Oliver
Cromwell
Revolutionär
oder
Tyrann? MILITÄRTECHNIK IM DETAIL

Fairey
Swordfish sdaf qgsdf
adfads gsdfg asdf
Werte, die erhalten bleiben
hlitten
Der Nikolaus-Sc uchtete
di e be le
„fliegt“ um
The Ashton-Drake Galleries The Hamilton Collection Baumspitze!

Die erste Weihnachtsbaum-Skulptur mit


3 fahrenden Zügen auf 4 Ebenen und Beleuchtung
„Thomas Kinkades Wunderland-Express Weihnachtsbaum“ Mit 12 beleuchteten
Häusern, fahrenden
Sankt Nikolaus in seinem Rentier- Zügen auf 3 Ebenen,
Schlitten fliegt in die Heilige mehr als 30 von Hand
Nacht hinaus, und der verträum- geschaffenen Figuren
te Wunderland-Express „schlän- und weihnachtlichem
gelt“ sich durch die schneebedeck-
Musikwerk
te Landschaft des romantischen
Weihnachtsbaumes. In seine Zweige Mit Musik
Thomas Kinkade, schmiegt sich ein nostalgisches
preisgekrönter
und Bewegung
Dörfchen mit herrlich beleuchteten auf 4 Ebenen
„Maler des
Lichts “ TMHäusern. So sieht Winterzauber
pur aus, und Sie können ihn sich
jetzt nach Hause holen: mit „Thomas Kinkades
Wunderland-Express Weihnachtsbaum“!
Musik, fahrende Züge, warmes Licht
Das beleuchtete Dörfchen, wie auch die 12 beleuchtete
Häuser und über
Baumskulptur, wurden kunstvoll von Hand kolo- 30 Figuren –
riert. Mehr als zwei Dutzend Figuren beleben die allesamt von
winterlich verschneite Szenerie, und warmes Licht Künstlerhand
strahlt aus den Fenstern der Häuser. Das hoch- gefertigt
wertige Musikwerk spielt ein Medley beliebter
Weihnachtsmelodien, die Sie zum Träumen und
Vorfreuen einladen. Ein solches Kunstwerk hat es
noch nie gegeben: Genießen Sie dieses unvergleichli-
che Weihnachtsmärchen, das nach Motiven des welt- ©2013 Thomas
berühmten „Malers des LichtsTM“, Thomas Kinkade, Kinkade, The
Thomas Kinkade
geschaffen wurde! Company, Morgan
Hill, CA., all
Dieses Meisterwerk ist ausschließlich bei The rights reserved.
Bradford Exchange erhältlich - reservieren Sie daher
am besten noch heute und genießen Sie „Thomas
Kinkades Wunderland-Express Weihnachtsbaum“!
Das Angebot ist limitiert –
Reservieren Sie daher noch heute!

PERSÖNLICHE REFERENZ-NUMMER: 72975
Mit 1-GANZES-JAHR-Rückgabe-Garantie
Zeitlich begrenztes Angebot:
Antworten Sie bis zum 18. November 2013
T Ja, ich reserviere die Baum-Skulptur
„Thomas Kinkades Wunderland-Express Weihnachtsbaum“.
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Produktpreis: € 199,80
Originalgröße: ca. 40,6 cm hoch
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NEUE SERIE Krieger, Söldner & Soldaten
Editorial 5. Folge

Liebe Leserin, „Ritter“ der Spätantike


lieber Leser, Die Ostgoten vereinen germanische, römische und steppennomadische
noch heute gilt die viermonatige Kriegstraditionen zu einer wirkungsvollen Kampftaktik zu Pferd.
Schlacht von Monte Cassino im Früh-
m die Mitte des zweiten Jahrhunderts pen- oder Lamellenpanzer sowie ein Rundschild
jahr 1944 in vielen Ländern als Syno-
nym für die Sinnlosigkeit des Krieges
– die verlustreichen Kämpfe in Italien
U n. Chr. ziehen die germanischen Goten von
der Ostseeküste aus nach Süden. Gegen 300
mit eisernem Schildbuckel. Ebenso sind die
meisten Pferde durch Schuppen- oder Lamellen-
werden oft auch als „Verdun des Zwei- spalten sie sich auf in West- und Ostgoten. Vor panzer geschützt. Die ostgotische kavalleristi-
ten Weltkriegs“ bezeichnet. allem letztere stehen in engem Kontakt zu den sche Kampftaktik besteht in einem schnell
Der harte und erbitterte Kampf um benachbarten Steppenvölkern. Dies spiegelt durchgeführten Angriff in dichten, mehrere Glie-
Monte Cassino – eine Schlüsselposi- sich auch in der Bewaffnung und Kampfesweise der tiefen Formationen. Bei einem Fehlschlag
tion der deutschen Abwehrstellung wider, die ein starkes kavalleristisches Element ziehen sich die Reiter unter den Schutz der eige-
„Gustav-Linie“ südlich von Rom – war enthält. Allerdings übernehmen die Ostgoten nen Fußkrieger zurück, um dann erneut anzugrei-
eine der größten „Vielvölkerschlach- nicht die berittenen Bogenschützen. Die ur- fen. Dabei wird die lange Reiterlanze mit beiden
ten“ des Weltkrieges 1939–1945. sprüngliche germanische Gefechtstaktik nimmt Händen geführt, wodurch sie den Gegner mit
Soldaten aus keine exakte Trennung zwischen berittenen und enormer Wucht trifft. Diese relativ einfache
circa 30 Natio- zu Fuß kämpfenden Kriegern vor. So sitzen die Kampftaktik erweist sich in zahlreichen Schlach-
nen waren an Reiter je nach Lage für den Kampf ab, während ten als wirkungsvoll, doch sie ist gegen die dif-
den zermür- sich Fußkämpfer bei entsprechender Gelegen- ferenziert zusammengesetzten und ausgerüste-
benden Cassi- heit auf herrenlose Pferde schwingen. Obwohl ten byzantinischen Heere nicht effizient genug.
no-Schlachten das ostgotische Heer auch über zahlreiche Fuß- Vor allem das Fehlen von berittenen Bogenschüt-
beteiligt. krieger verfügt, nimmt bei ihnen die schwere Ka- zen führt schließlich dazu, dass die Byzantiner
In der nähe- vallerie die Hauptrolle ein. Nachdem die Ostgo- die Ostgoten vernichten können.
ren Umgebung ten Ende des fünften Jahrhunderts die Herr-
der am Fuße schaft über Italien erlangt haben, kontrollieren FAKTEN
des knapp sie auch die dortigen fabricae (staatliche Waf-
520 Meter hohen Klosterberges lie- fenschmieden) sowie die Gestüte des Weströ- Zeit: 4. bis 6. Jahrhundert n. Chr.
genden Stadt Cassino befinden sich mischen Reiches. Der ostgotische Reiter ist mit Uniform: Tunika-ähnliches Obergewand,
seit der Nachkriegszeit zahlreiche der langen Rei- Hose, Lederschuhe, Umhang, Kettenhemd,
Grabstätten. terlanze und Schuppen- oder Lamellenpanzer, Span-
Neben Deutschland, Großbritan- einem Lang- genhelm, Rundschild, Langschwert, Lanze
nien, Frankreich und Polen unterhal- schwert bewaff- Hauptwaffe: Lanze (contus)
ten unter anderem auch die US-Ameri- net. Zum Schutz Kampftaktik: Mehrere Glieder tiefe
kaner bei Nettuno – Ort der alliierten dienen Spangen- Kavallerieformation
Landung auf dem „italienischen Stie- helme mit Wan- Wichtige Schlachten:
fel“ – einen 30 Hektar großen Solda- genklappen und Adrianopel 378
tenfriedhof, auf dem mehrere Tausend Nackenschutz, Ket- Katalaunische Felder 451
gefallene US-Soldaten ihre letzte Ru- tenhemden, Schup- Busta Gallorum (Taginae) 552
hestätte fanden. Ostgoten im Film:
Der vollständigen Zerstörung des Kampf um Rom, zwei Teile (1968)
mehr als 1.000 Jahre alten Benedikti-
nerklosters Monte Cassino durch die
Alliierten im Februar 1944 folgte nach
dem Krieg der Wiederaufbau der alt-
ehrwürdigen Abtei nach erhalten ge-
bliebenen Bauplänen.
Wenn man heute von dem einst hart
umkämpften Klosterberg auf die um-
liegende Landschaft blickt, kann man
kaum glauben, dass in dieser idylli-
schen Gegend eine der längsten und
blutigsten Schlachten des Zweiten
Weltkriegs stattgefunden hat.
Lesen Sie mehr über die dramati-
schen Ereignisse bei Monte Cassino
GROSSER KAMPF-
1944 in unserer Titelgeschichte „Zwi-
RADIUS: Der Verzicht
schen Himmel und Hölle“ auf den Sei-
auf Rüstung bei Pferd
ten 10 bis 31.
und Reiter machen die-
Eine spannende Lektüre wünscht Ihnen sen – ansonsten gut aus-
gerüsteten – Ostgoten beson-
ders schnell und wendig.
Er kann dadurch auch größere
Dr. Tammo Luther Entfernungen rasch
Verantwortlicher Redakteur überwinden.
Abb.: Johnny Shumate

Clausewitz 6/2013
Inhalt
Titelgeschichte

Monte Cassino 1944


Titelthema
Zwischen Himmel und Hölle „Zwischen Himmel und Hölle“ ................................................................................ 10
Januar 1944: Um den knapp 520 Meter hohen
Monte Cassino entbrennt eine der längsten und
blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs.
Die Alliierten kämpfen gegen die sich verbissen
Kampf um die Gustav-Linie 1944.
verteidigenden Deutschen. Angreifer und Vertei-
diger durchleben ein viermonatiges Inferno.
Von Jörg-M. Hormann

Die „Vielvölkerschlacht“ ........................................................................................................ 24


Alliierte und deutsche Soldaten bei Monte Cassino.

Die „Stunde des Nahkampfes“ ............................................................................. 28


Infanterie- und Spezialwaffen im Einsatz.
PULVERISIERT:
Alliierte Bomben und Granaten verwandeln den
Ort Cassino und den Klosterberg in eine Trümmer-
wüste. Es entsteht eine Kraterlandschaft, in der
sich die deutschen Verteidiger eingraben und
erbitterten Widerstand leisten.
Foto: picture-alliance/©Illustrated London News Ltd/
picture-alliance/Mary Evans Picture Library

10 Clausewitz 6/2013 11

Angespannt: Angehörige einer deutschen


Fallschirmjäger-Kampfgruppe vor ihrem nächsten
Einsatz in den Cassino-Schlachten 1944.
Foto: picture-alliance/akg-images

Magazin Das historische Dokument


Neues zur Militärgeschichte, Ausstellungen und Bücher. ..................... 6 Trothas grausamer Erlass .................................................................................... 46
Der „Schießbefehl“ gegen die Herero 1904.
Schlachten der Weltgeschichte
Kampf um Ostpreußen ............................................................................................... 32 Militär und Technik
Die Winterschlacht in Masuren 1915. Gefürchtete „Kugelspritzen“ ........................................................................... 48
Flakpanzer von Bundeswehr und NVA.
„Varus, gib mir meine Legionen zurück!“ ......................... 38
Buchvorstellung
Die Varusschlacht 9 n. Chr.
Der Weltkrieg 1914–1918 ................................................................................ 54
Militärtechnik im Detail Der deutsche Aufmarsch in ein kriegerisches Jahrhundert.
Großbritanniens Fairey Swordfish ..................................................... 44 Titelbild: Fotomontage: Deutsche Fallschirmjäger; im Hinter-
Die letzten „großen Stunden“ des legendären Doppeldeckers. grund das noch unzerstörte Kloster Monte Cassino.

4
Schlachten der Weltgeschichte Schlachten der Weltgeschichte

Winterschlacht in Masuren 1915 Die Varusschlacht


7. Februar 1915: Zwei deutsche Armeen beginnen ihren Zangenangriff auf die russische

Kampf um 10. Armee, die Teile Ostpreußens besetzt hält. Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff
wollen die östlichste Provinz des Deutschen Reiches befreien. Von Lukas Grawe „Varus, gib mir meine Legionen zurück!“
Ostpreußen T rotz bedeutender Erfolge gegen
die Armeen des russischen Zaren-
reichs ist die Lage an der Ostfront
aus deutscher Sicht noch immer kri-
tisch. Während die Oberste Heereslei-
9. n. Chr.: Als diese berühmten, von Kaiser Augustus in tiefs-
ter Verzweiflung ausgerufenen, Worte durch dessen Palast
hallen, hatte Rom gerade die größte militärische Katastrophe
seit den Punischen Kriegen erlebt. Von Otto Schertler
tung den Schwerpunkt der deutschen
Anstrengungen im Westen sieht, set-
zen sich die Befehlshaber im Osten
(Ober-Ost), Hindenburg und Luden-
dorff, für ein Handeln im Osten ein.
Hier soll der „russische Koloss“ end-
lich zu Fall gebracht werden.
Mithilfe abgefangener Funksprü-
M itten im Teutoburger Wald: In Felle
gehüllte und gehörnte Helme tragen-
de, wilde Germanen stürzen sich in
heiligem Zorn auf die vor Schreck erstarrten
römischen Soldaten und machen diese gna-
naissance erwacht. Generationen von
Gelehrten und „Hobby–Histori-
kern“ versuchen seitdem, den
genauen Ort des Schlachtfel-
des ausfindig zu machen.
che gelingt es dem deutschen Ober- denlos nieder. Dieses Bild ist in zahlreichen Doch erst mit den seit
kommando, die Ziele der russischen Darstellungen, vor allem des 19. Jahrhun- 1987 gemachten
Heeresleitung aufzudecken. Der rus- derts, verbreitet worden und hat den Blick Entdeckungen
sische Kommandeur der Nordwest- auf diese Schlacht von welthistorischer Be- scheint das Schlacht-
front, Nikolai Russki, will mit der deutung bis in die jüngste Vergangenheit ge- feld nördlich des Wiehengebirges
neu aufgestellten 12. Armee und der prägt. Das historische Interesse an der bei der Fundregion Kalkriese (na-
bereits in Ostpreußen stationierten Schlacht im Teutoburger Wald und dem ger- he Osnabrück) lokalisierbar zu
10. Armee eine neue Offensive gegen manischen Heerführer Arminius ist in sein. Daher wird die Bezeich-
Deutschlands östlichste Provinz er- Deutschland jedoch bereits während der Re- nung „Schlacht im Teutobur-
öffnen. Dass die deutsche Führung ger Wald“ heute durch den Be-
von dem Vorhaben weiß und dem russischen 10. Armee unter General der Infanterie Tha- FESTGEHALTEN: Fotopostkarte mit russi- griff „Varusschlacht“ ersetzt.
Angriff daher zuvorkommen will, ist dem deus von Sievers einzukesseln und zu ver- schen Kriegsgefangenen der Winterschlacht Nicht zuletzt auch deshalb,
russischen Oberkommando nicht bekannt. nichten und somit ein „zweites Tannenberg“ in Masuren. Foto: picture-alliance/akg-images weil der heutige Teutobur-
Sahen die ursprünglichen deutschen Pla- (1914) in die Tat umzusetzen. Dabei sollen ger Wald erst im frühen
nungen eine Unterstützung des österrei- die 8. Armee unter General der Infanterie Ot- Die 10. Armee Eichhorns, bestehend aus 17. Jahrhundert auf-
chisch-ungarischen Verbündeten an der Kar- to von Below die südliche und die deutsche dem XXI. und dem XXXVIII. Armeekorps, grund der antiken
patenfront vor, will Ober-Ost nun auf die 10. Armee unter Generaloberst Hermann dem XXXIX. Reservekorps und der 1., 10. Bezeichnung (saltus
neuerliche Bedrohung Ostpreußens durch von Eichhorn die nördliche Zange bilden. und 16. Landwehrdivision, soll ihren Stoß in Teutoburgiensis) eben
russische Truppen reagieren. Nach erfolgreicher Vernichtung der russi- südöstlicher Richtung auf Wirballen – Su- diesen Namen erhielt. Auch
schen Truppen sollen beide Armeen in Rich- walki – Augustow durchführen und somit die deutsche Bezeichnung des GUERILLAKRIEG IN GERMANIEN: Ausge-
Deutsche Planung tung Bialystok und damit tief in feindliches die linke Zange bilden. Die rechte Zange, Ot- Arminius als „Hermann“ geht rüstet mit Holzschild, Helm, Lanze und
Am 28. Januar entwirft Erich Ludendorff, Gebiet vorstoßen, um dort die Nachschub- to von Belows 8. Armee, besteht aus dem auf „Eindeutschungsversu- Schwert überrumpelten Krieger wie dieser
der als Chef des Generalstabs von Ober-Ost achsen zu unterbrechen. Auf diese Weise sol- XXXX. Reservekorps, dem I. Armeekorps che“ des 16. Jahrhunderts die römische Militärmaschine mit einer „Hit-
die Operationen leitet, den Angriffsplan. len sämtliche russischen Armeen zum Rück- und der 1. und 10. Landwehrdivision und zurück, die aber jeder lin- and-Run“-Taktik. Zeichnung: Johnny Shumate
Dieser soll die russischen Absichten bereits zug gezwungen und die österreichisch-un- soll auf Johannisburg – Lyck vorzustoßen, guistischen Grundlage ent-
im Keim ersticken. Ziel ist es, die russische garische Karpatenfront entlastet werden. um sich bei Augustow mit der 10. Armee zu behren. Die heutige Na- mensgebung als „Varusschlacht“ ist zwar un-
vereinigen. gewöhnlich, da man Schlachten eigentlich
SCHWERER SCHLAG: eher nach dem Sieger benennt, doch sie setzt
FAKTEN Die Kriegsparteien im Überblick Sievers’ Warnungen In Germanien liegen RÖMISCHES DEBAKEL: sich im Allgemeinen durch.
Der Plan Ludendorffs ist wohlüberlegt und Römische Truppen Tausende von Rö- Der vermeintlich besten
Deutsches Reich Russland
derart naheliegend, dass auch Sievers ein Befehlshaber: Publius mern, unter ihnen der Armee der damaligen Roms Blick nach Germanien
Ziel Befreiung Ostpreußens von russi- Erneuter Einmarsch in Ostpreußen;
schen Truppen; Vorstoß ins Reichsgebiet ähnliches deutsches Vorgehen befürchtet. Quinctilius Varus Oberbefehlshaber Va- Zeit wurde eine Die Vorgeschichte der Varusschlacht reicht
anschließender Stoß auf Bialystok Seine Bedenken werden vom russischen Truppenstärke: zwischen rus samt seinen Offi- katastrophale Niederla- bis in die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts
Oberbefehl Paul von Hindenburg Nikolai Russki Hauptquartier jedoch abgeschmettert. Front- 20.000 und 25.000 Mann zieren, tot auf dem ge beigebracht – v. Chr. zurück. Bereits Julius Cäsar stößt im
Verluste: mindestens 20.000 Schlachtfeld. Der Ort

S.32 S.38
(Oberbefehlshaber Ost), (Oberbefehlshaber der kommandeur Russki ist der Meinung, dass von Barbaren! Am Ende Verlauf seines Feldzuges in Gallien in den
Erich Ludendorff Nordwestfront) Germanische Truppen der Niederlage sollte
(Chef des Generalstabs Ober-Ost) die neu aufgestellte 12. Armee einen deut- bleiben 20.000 Jahren 55 und 53 v. Chr. zweimal über den
als „Teutoburger
BEIM KARTENSTUDIUM: Erich Luden- Verluste circa 16.000 Gefallene, Verwundete circa 55.000 Tote, Verwundete und schen Vorstoß unwahrscheinlich macht, da Befehlshaber: Der Cheruskerfürst Arminius Wald“ bekannt wer- Legionäre auf dem Rhein vor, um die rechts des Rheins leben-
dorff und Max Hoffmann bei militärstra- und Vermisste Vermisste; etwa 75.000 Gefangene sie die Flanke der deutschen 8. Armee ge- Truppenstärke: unbekannt, Schätzungen reichen Schlachtfeld zu- den germanischen Stämme davon abzuhal-
den. Gemälde von Ot-
tegischen Planungen an der Ostfront, (geschätzt) fährdet. Für diesen Fall hat Ludendorff je- von 17.000 bis 40.000 Mann rück… ten, weiter nach Gallien einzudringen. Nach
Verluste: unbekannt to Albert Koch, 1909.
1915/16. picture-alliance/ZB©dpa doch bereits vorgesorgt und das XX. Armee- Abb.: IAM/akg Zeichnung: Johnny Shumate der Eroberung Galliens durch die Römer bil-

32 Clausewitz 6/2013 33 38 Clausewitz 6/2013 39

Militär und Technik Militär und Technik | Nebelwerfer

IN AKTION: 550 Schuss pro


Minute je Rohr jagen aus VORBEREITUNG: Ein deutscher
den automatischen Kanonen einzelnen Flugbahnen durch den Gasan-
des Gepard. Nebelwerfer der Wehrmacht Soldat beim Laden eines Nebel-
werfers vom Typ 41. triebsstrahl vermindert werden.
Foto: BW Streitkräfteamt Fotoarchiv Foto: picture-alliance/picture-alliance Jede eingespielte Bedienungsmannschaft

Hitlers „Stalinorgel“ eines Werfers entwickelte ihre besondere


Technik zum schnellen Laden und Richten
der Waffe. Zum Beispiel wird durch das Ein-
führen der Wurfgranate mit einer schwung-
vollen Drehung das Abschussrohr von den
1940/41: Die Einführung des 15-cm-Nebelwerfers 41, der sich im weiteren Kriegsverlauf Pulverrückständen des vorausgegangenen
als deutscher Standard-Mehrfachraketenwerfer durchsetzen wird, beginnt. Die gefu?
rchtete Schusses grob gereinigt und ein einwand-
freier Zündkontakt hergestellt.
Waffe entwickelt sich zum „Erfolgsmodell“ der Raketenartillerie. Von Heisam El-Araj Die Reinigung der Abschussvorrichtung
erfolgt mit Wasser und Bürste, erst danach
wird Öl und Fett verwendet. So kann eine

N
ach dem Ende des Ersten Weltkriegs runter Walter Dornberger und Wernher von fern in der ursprünglich für das Verschießen Verkrustung der Pulverrückstände verhin-
und infolge der in Versailles 1919 von Braun. Ende der 1920er-Jahre kann eine Viel- von chemischen Kampfstoffen vorgesehe- dert werden. Die Splitterwirkung einer ein-
den Siegermächten beschlossenen zahl von Konstrukteuren für das neue Hee- nen „Nebeltruppe“: Die Rückstoßfreiheit der zelnen 15-cm-Wurfgranate 41 Spreng (Ge-
restriktiven Bestimmungen war es Deutsch- resprogramm gewonnen werden. Raketengeschosse erlaubt ein niedriges Wer- wicht 35,7 kg) liegt bei etwa 40 Metern nach
land untersagt, Weiterentwicklungen im Be- fer-Gewicht (Marschgewicht 590 kg), das jeder Seite.
reich schwerer Artillerie- und Panzerwaffen Technischer Durchbruch deutlich unter dem der entsprechenden Ge-
und der Luftwaffe voranzutreiben. Der technische Durchbruch weg von den schütze der Artillerie liegt. der drallstabilisierten Raketengeschosse der Rakete ist ein elektrischer Randdüsen- Wirkungsvolle Schwerpunktwaffe
Doch hatten die Erfahrungen des Krieges ersten Nebelwerfern vom Typ 10-cm-Nebel- Eine geringe Feuerhöhe und eine gute Ge- vom Kaliber 15 cm. Die Bedienungsmann- zünder eingesetzt, auf dessen Zündteller die Ab 1941 gilt die Nebelwerfertruppe als
von 1914–1918 gezeigt, dass im Bereich des werfer 35 bzw. 40, die noch auf den Granat- ländegängigkeit – selbst im Mannschaftszug schaft besteht aus dem Werferführer und Zündkontaktstange aufgesetzt wird. Schwerpunktwaffe, sowohl im Angriff in der
Heerwesens besonders im Hinblick auf die und Minenwerfern des Ersten Weltkriegs ba- – entsteht durch die Verwendung der glei- vier Soldaten. Über eine Sechsfach-Zündmaschine wird Rolle als Bahnbrecher als auch in der Ab-
IN FEUERSTELLUNG: Flakselbstfahr- Beweglichkeit und Feuerkraft der Kriegfüh- sieren, ist die Entwicklung der Dralldüse. chen Lafette wie bei der 3,7-cm-Panzerab- durch Drehung eines Handgriffes ein Strom- wehr zum Zerschlagen feindlicher Bereitstel-
lafette 23/4 Shilka der Landstreit- rung ein Umdenken erforderlich ist. Die seit Durch schräg gebohrte Austrittsöffnun- wehrkanone. Eine elektrische Zündung der Neuartige Raketenmunition impuls durch ein 30 Meter langes Zündkabel lungen und zur Abriegelung von Einbrü-
kräfte der NationalenVolksarmee im Mitte der 1920er-Jahre zeitweilig durchge- gen wird beim Austritt der Verbrennungsga- Werfer beim Abfeuern erhöht die Kadenz In der Feuerstellung wird der Werfer zu- zum Werfer übertragen. Dieser löst mit Hil- chen.
Manövereinsatz. Foto: Sammlung Dirk Krüger
führte militärische Zusammenarbeit Deutsch- se des Treibsatzes der Wurfgranate (Rakete) (Schussfolge). Die ausgewogene Mischung nächst bei gespreizten Holmen „aufge- fe eines Glühzünders eine kleine Pulverla- Die Werfertruppe vereinigt Überra-
lands mit Russland nach Abschluss des Ra- diese in eine um die Längsachse rotierende von Spreng-, Flamm- und Nebel-Munition bockt“, das heißt der Werfer wird auf die dung aus. Von dieser schießt eine Zündflam- schung durch schlagartige Feuerüberfälle
Flakpanzer von Bundeswehr und NVA pallo-Vertrags hat erste Ansätze in diese
Richtung zusätzlich bestärkt – zumal Ent-
Bewegung versetzt und so im Flug stabili-
siert. Dadurch kann auf Flügel wie bei den
verdichtet die Wirkung.
Mitte 1940 beginnt die Aufstellung des
Aufbockvorrichtung gestellt und ruht in ei-
ner standfesten Dreipunktlagerung auf dem
me durch die Randdüse auf die Treibsatz-
oberfläche der Rakete. Es werden immer die
mit der Wucht überlegener Einschlagdichte.
Dies verlangt von der Führung der Einheiten

Gefürchtete
wicklungen im Raketenbereich in den Ver- russischen Katjuscha-Raketen oder Züge wie Werfer-Regiments 51, das erstmalig mit dem Aufbockteller und den Spornblechen. gegenüberliegenden Rohre nacheinander ständige Vorausplanung der Feuerschläge
zum festen Bestandteil der Kampftruppen Soldaten bei der Zielerfassung und -verfol- mm-Flak-Vierling. Da das Halbkettenfahr- sailler Bestimmungen nicht erwähnt sind. bei Rohrartilleriewaffen gänzlich verzichtet für im Feld verwendungsfähig erklärten 15- Diese neuartige Lagerung ermöglicht ein gezündet, so kann eine Beeinflussung der und besondere Einsatzüberlegungen.
beider „Kontrahenten“ auf deutschem Bo- gung „menschliche Reaktionsgrenzen“ ge- zeug noch aus der Zeit des Zweiten Welt- Die erstellten Vorgaben des Heereswaf- werden. cm-Nebelwerfer 41 ausgerüstet ist. Der gezo- sicheres Richten des Werfers und ein weites
den. Ihre Flakpanzer dienen dem Schutz von setzt. Die zweite Generation der eingesetzten kriegs stammt, entspricht die „Panzerflak fenamtes (HWA) der Reichswehr beinhalten In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre be- gene Feldraketenwerfer besteht aus einem Seitenrichtfeld
Bodentruppen und strategisch wichtiger Ob- Flakpanzer auf den beiden Seiten des Eiser- M 16“ bereits zum Einführungszeitpunkt eine Auswertung der Ergebnisse von Wis- ginnt die Entwicklung des späteren 15-cm- Rohrbündel zu sechs Rohren auf einer Die neuartige Raketenmunition erforder- HINTERGRUND „Nebeltruppe“

„Kugelspritzen“
jekte wie zum Beispiel von Flugplätzen, De- nen Vorhangs mit Namen Gepard und Shil- nicht mehr den Anforderungen. Die Waffen- senschaftlern und Technikern der verschie- Nebelwerfers 41 (15-cm-NBW 41). Er bietet Spreizlafette. Die Rohre haben eine geringe te auch eine besondere Art der Zündung. In Bei der „Nebeltruppe“ der Wehrmacht han- wehr feindlicher chemischer Angriffe und in
pots und anderen militärischen Einrichtun- ka wird sich durch vollautomatischen Waf- anlage ist gegen schnelle Jets so gut wie wir- densten Raketenprojekte in Deutschland, da- folgende Vorteile gegenüber seinen Vorläu- Wandstärke und dienen nur zum Abschuss eine Randdüse (besteht aus 26 Einzeldüsen) delt es sich um eine ursprünglich zur chemi- der Dekontamination von Soldaten, Waffen
gen vor Angriffen aus der Luft. feneinsatz und radargesteuerte Zielbekämp- kungslos. Die Zeit zum manuellen Richten schen Kriegführung aufgestellte Truppengat- und verseuchten Abschnitten.
Die erste Generation moderner Flugab- fung auszeichnen. des Vierlings reicht für ein Wirkungsfeuer tung. Die in verschiedenen Varianten als „Nebel-
wehrpanzer bei den beiden deutschen Streit- nicht aus. Schon ab 1962 verabschiedet sich IM GEFECHT: Blick auf eine Werfer-Batterie Ihr taktischer Auftrag bestand anfangs vor werfer“ bezeichnete Raketenartillerie des
kräften ist mit Maschinenkanonen bewaff- Anfänge bei der Bundeswehr das Heer vom M 16 und ersetzt ihn durch den an der Ostfront, die sich auf den nächsten allem im Abfeuern bzw. Freisetzen von Ne- Heeres zählt während des Zweiten Weltkrie-
net, die noch manuell mit Ladestreifen oder Bis zur Indienststellung des Gepard sind bei parallel eingeführten Flakpanzer M 42 A1. Feuerschlag vorbereitet. bel- und chemischen Kampfstoffen, der Ab- ges auch zur „Nebeltruppe“.
Kalter Krieg: Als Schutzschild für Bodentruppen und zum Objektschutz zählen Flakpan- Foto: picture-alliance/
Magazinen munitioniert werden. Erfasst der Heeresflugabwehr der Bundeswehr zwei Der Flakpanzer M 42 „Duster“ ist ein Re-
zer zum Kampftruppen-Standard beider deutscher Armeen. Heute ist das Waffensystem und bekämpft werden die Ziele, indem sie sehr unterschiedliche Flakpanzer im Ge- sultat des Kalten Krieges als Antwort auf die
Süddeutsche Zeitung Photo

optisch aufgeklärt und anschließend verfolgt brauch. Zur Erstausstattung der Flugabwehr- erwartete gegnerische Luftbedrohung der
in den gesamtdeutschen Streitkräften abgeschafft – vorläufig. Von Jörg-M. Hormann
werden. Mit zunehmender Geschwindigkeit truppe zählt 1956 das amerikanische Halbket- Bodentruppen. Entwickelt auf der Fahr-
der angreifenden Strahlflugzeuge sind den tenfahrzeug M 16 mit einem montierten 12,7- werksgrundlage des leichten Panzers M 41

E ine Pressemeldung vom 12. April 2013


lässt aufhorchen: „Brasilien kauft deut-
sche Panzer für Fußball-WM. Das süd-
amerikanische Land bereitet sich auf mögli-
che Anschläge bei Großereignissen wie der
Die Heeresflugabwehr der Bundeswehr
benötigt ihre Flakpanzer nicht mehr. Im Zu-
ge einer der zahlreichen Bundeswehrrefor-
men kam Ende 2012 das Aus für die Heeres-
flugabwehrtruppe und ihre Waffensysteme.
der Bundeswehr und bei der Nationalen
Volksarmee (NVA) steht die Notwendigkeit
einer „Flugabwehrtruppe“ („West-Sprach-
gebrauch“) bzw. einer „Truppenluftabwehr“
(„Ost-Sprachgebrauch“) außer Frage. Die Er-
FLAKPANZER IM GRÖßENVERGLEICH

Fußballweltmeisterschaft 2014 und den Der Flakpanzer Gepard wird als erstes ein- fahrungen des Zweiten Weltkriegs haben ge-
Olympischen Spielen zwei Jahre später vor. gemottet. Die Aufgaben der Heeresflugab- zeigt, dass die Luftwaffe allein den Schutz

S.48 S.60
Sie gelten als potentielle Anschlagsziele. Zur wehrtruppe hat die Luftwaffe übernommen. der Bodentruppen gegen Angriffe aus der
Sicherung der Veranstaltungen kauft die bra- Luft nicht in ausreichendem Maße gewähr-
silianische Armee von Deutschland 37 ge- Erste moderne Flakpanzer leisten kann. 1976–1980: FlaPz Gepard 1A2 1968–1978: Fla-SFL 23/4 1957–1960: Fla-SFL 57/2 auf Basis des 1953–1958: M 42 A1
brauchte Flugabwehrkanonenpanzer vom Etwa fünfeinhalb Jahrzehnte zuvor: Mit der Aus diesem Grund gehören Flugabwehr- auf Kampfpanzerbasis Leopard 1. Shilka. mittleren Kampfpanzers T-54. Duster auf Basis des M 41.
Typ Gepard 1A2.“ Wiederaufstellung neuer Heerestruppen bei panzer seit der Nachkriegszeit lange Zeit
Abb.: Sammlung Jörg-M. Hormann

48 Clausewitz 6/2013 49 60 Clausewitz 6/2013 61

Spurensuche Feldherren

BEEINDRUCKEND: Luftaufnahme
der 750 Meter über dem Meeres-
spiegel gelegenen Hohkönigsburg
V on allem Wehrbauten, die von Norden
zum Süden die nach der Rheinebene
zu vorgelagerten Bergrücken und
Kuppen der Vogesen krönen, ist die Hohkö-
nigsburg am imposantesten“, schreibt der el- Oliver Cromwell
ENTSCHEIDUNGSSCHLACHT: Bei
dem Dorf Nasbey in Mittelengland
im Elsass. Foto: ©Jean-Luc Stadler
sässische Burgenkenner Fritz Bouchholtz in können 1645 Parlamentstruppen

Der Glaubenskrieger
seinem Werk „Burgen und Schlösser im El- die Royalisten schlagen. Crom-
sass“. Aber nicht nur die Landschaft wird wells Kavallerie der New Model Army
von dem rund 750 Meter über dem Meeres- überwältigt in dieser Szene königliche
spiegel gelegenen stolzen Burgbau be- Pikeniere und Musketiere.
herrscht, auch die Geschichte der von deut- Zeichnung: Guiseppe Rava/www.g-rava.it
scher und französischen Kultureinflüssen ge-
prägten Region. 17. Jahrhundert: Während die Großmächte des Festlands unter der Vorgabe, den wahren DATEN Oliver Cromwell
Kaum eine Burg kann für sich in An-
spruch nehmen, in der Vergangenheit im Be- Glauben zu verteidigen, das Heilige Römische Reich verheeren, versinken die Britischen 25.4.1599 geboren in Huntingdon
sitz dreier Kaisergeschlechter gewesen zu (England)
Inseln in einem blutigen Bürgerkrieg. Von Alexander Querengässer 1617 Beginn des Jurastudiums
sein. Die im Elsass gelegene Hohkönigsburg
(frz.: Haut-Kœnigsbourg) kann: Sie gehörte 1628–1640 Parlamentsabgeordneter
den Hohenstaufen, den Habsburgern und für Huntingdon

D
schließlich den Hohenzollern. er Englische Bürgerkrieg bringt einen 1628 Übergang zum Puritanismus
Der Name des Burgberges wird schon im Mann hervor, der wohl im Gegensatz 1642 Eintritt in die Parlamentsarmee
8. und 9. Jahrhundert urkundlich erwähnt: zu den meisten Feldherren seiner Zeit als Kapitän
„Stophanberch“ (Staufenberg). Aus der frü- als echter Glaubenskrieger bezeichnet wer- 1643 Oberst
hen Stauferzeit stammen die ältesten (roma- den kann: Oliver Cromwell. Er wird 1599 im 02.7.1644 Marston Moor
nischen) Bauteile der Burg. Im Jahre 1147 ist mittelenglischen Huntingdon als Sohn eines 1645 Generalleutnant
in einer Urkunde die Rede vom „castrum KONTROVERS: wohlhabenden Landedelmanns geboren – 14.6.1645 Naseby
estufin“. Zwei Besitzer teilen sich die Burg: Die Person Crom- damit ist er ein Kind des goldenen König- 10.7.1645 Langport
Konrad III. von Hohenstaufen (seit 1138 wells ist umstrit- reichs unter Elisabeth I., das allerdings sei- 17.–19.8.1649 Preston
deutscher König) und sein Bruder Friedrich ten – war er Er- nen inneren Glanz und seine äußere Stärke 11.9.1649 Drogheda
der Einäugige, Herzog von Schwaben. Wäh- oberer oder Be- bereits langsam zu verlieren beginnt. Ein 03.9.1651 Worcester
rend schon in der Herrschaftszeit Kaiser freier, Reformer Grund dafür sind religiöse Konflikte. Beein- 1653 Lordprotektor von England
Friedrichs II. das Abbröckeln der staufi- oder Tyrann? flusst durch holländische Calvinisten und 03.9.1658 Tod durch Malaria
schen Hausmacht beginnt, wird die Foto: dpa - Bildarchiv französische Hugenotten hat sich unter eng-
Burg Besitz der Herzöge von Lothrin- lischen Protestanten eine neue Strö-
gen, die ihrerseits die Grafen von mung, der Puritanismus, herausge-
Werd (Landgrafen des Elsass) damit bildet. Der junge Cromwell wird
belehnen. zunächst noch ganz im Sinne
Die neuere Forschung hat gezeigt, der anglikanischen Staatskir-
dass die Hohkönigsburg einst aus zwei che erzogen. 1617 beginnt er
getrennten Burganlagen be- sein Jurastudium in Cam-
stand, die zusammenge- bridge, siedelt aber nach
wachsen sind. Außer- dem Tod seines Vaters nach
dem liegt weiter west- London über. Spätestens
lich auf dem gleichen hier, in der frühneuzeitli-
Bergrücken die Oe- chen, kosmopolitischen
denburg. Nach Metropole des Inselkönig-
dem Aussterben reichs, kommt er mit den
der Grafen von neuen religiösen Ideen in Be-
Werd wird das rührung. Cromwell bleibt
Hohkönigsburg im Elsass Lehnsverhältnis
zu den Lothringer
zwei Jahre in der Stadt, heiratet
1620 und kehrt nach Hunting-
Herzögen undurch- don zurück. In dieser Zeit be-

Monument des Kaisers sichtig. Die Nachfol-


ger in der Landgraf-
schaft verkaufen die Burg
1359 an den Bischof von
ginnt die langsame, aber
spürbare Spaltung von
Staat und König.

S.66 S.72
Straßburg. Als Lehnsnehmer
des Bistums Straßburg fun-
4. Mai 1899: Die elsässische Kleinstadt Schlettstadt schenkt Kaiser Wilhelm II. die ver- IN POSE: Kaiser Wilhelm II. gieren fürderhin die Rath-
kommene Burganlage. Der 40-jährige Monarch beschließt den Wiederaufbau der Hohkö- nach einem Gemälde von R. Nagy. samhausen auf der Oeden-
Abb.: picture-alliance/akg-images burg und die Hohenstein
nigsburg als sichtbares Denkmal der deutschen Kultur im Elsass. Von Hagen Seehase auf der Hohkönigsburg.

66 Clausewitz 6/2013 67 Clausewitz 6/2013 73

Militär und Technik Museen & Militärakademien


Hitlers „Stalinorgel“ ............................................................................................................ 60 Das Imperial War Museum..................................................................................78
Entwicklung und Fronteinsatz der Nebelwerfer der Wehrmacht. Militärgeschichte modern präsentiert.

Spurensuche
Ein Bild erzählt Geschichte
Monument des Kaisers .............................................................................................. 66 Brachialer Blick in die Hölle ..............................................................................80
Die mächtige Hohkönigsburg im Elsass.
Das berühmte Triptychon-Gemälde „Der Krieg“ von Otto Dix.
Feldherren
Der „Glaubenskrieger“ ..................................................................................................72 Vorschau/Impressum .......................................................................................................................... 82
Revolutionär oder Tyrann? – Oliver Cromwell.
Titelfotos: Bundeswehr Streitkräfteamt Fotoarchiv; Johnny Shumate; picture-alliance/picture-alliance; dpa - Bildarchiv; Sammlung Jörg-M. Hormann;
Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo; Weider History Group

5
Clausewitz 6/2013
Magazin

Seltene Gäste in Kiel


Japanische Kriegsschiffe auf Stippvisite im Tirpitzhafen

V
om 12. bis 13. August 2013 waren zum störer DD-123 Shirayuki und DD-127 Isoyu- kamen über Hawaii, Mexiko und Kanada bis
ersten Mal seit 1991 Schiffe der japani- ki sind mit einer 76-mm-Kanone, zwei drei- in die Ostsee. Nach Besuchen in Helsinki, St.
schen Marine zu Gast in Kiel. Der Aus- fachen Torpedorohren, zwei Vierfachstar- Petersburg und Gdingen ging es weiter durch
bildungsverband, der aus dem Schulschiff tern für Harpoon-Raketen und einem AS- das Mittelmeer, den Suez-Kanal und den In-
Kashima sowie den beiden baugleichen Zer- ROC-Werfer ausgestattet. dischen Ozean, um dann am 30. Oktober wie-
störern Shirayuki und Isoyuki besteht, be- Die von Konteradmiral Fumiyuki Kitag- der in Japan anzukommen. Der einlaufende
findet sich auf einer Ausbildungsreise rund awa befehligten, rund 750 Besatzungsmit- Flottenverband begrüßte das morgendliche
um den Globus. Die beiden 3.099 Tonnen glieder (darunter 180 Kadetten) sind am Kiel mit einem 21-schüssigen Salut, der von
verdrängenden und 130 Meter langen Zer- 22. Mai in Harumi (Japan) aufgebrochen und der Fregatte „Karlsruhe“ beantwortet wurde.

Verteidigungsbereit: Die beiden Zerstörer (links)


verfügen über zwei 20-mm-Vulcan Phalanx-CIWS-
Stationen und einen Sea-Sparrow-Achtfachwer-
fer. Darüber hinaus wird zur U-Boot-Jagd ein
SH-60 Sea Hawk Hubschrauber mit Tauchsonar
mitgeführt. Foto: Frederick Feulner

AUSSTELLUNGSTIPP

„Die Römer kommen!“


Große Landesausstellung 2013 in Braunschweig

D as Braunschweigische Landes-
museum zeigt seit dem 1. Sep-
tember bis zum 19. Januar 2014
aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.
südwestlich von Braunschweig
sowie die Rekonstruktion der his-
Dolabra (römische Pionieraxt) mit der In-
schrift „Leg IIII“ (vierte Legion).
die große Niedersächsische Lan- torischen Ereignisse stehen erst- Foto: Th. Deutschmann/NLD
desausstellung „Roms vergesse- mals im Zentrum einer Ausstel-
ner Feldzug. Die Schlacht am lung. Niedersächsische Landesausstellung 2013

Harzhorn“. Insgesamt 84 Museen Militärische Funde wie ein Bo-


und private Leihgeber aus acht genschützenhelm aus dem unga- ROMS VERGESSENER
Ländern Europas stellen außerge- rischen Intercisa (das heutige Du- FELDZUG
Die Schlacht am Harzhorn
wöhnliche Exponate zur Verfü- naújváros) oder ein Teil eines www.römer-in-braunschweig.de
gung. Schuppenpanzers aus dem Lan- Hauptförderer

Niedersächsisches Ministerium
für Wissenschaft und Kultur
Projektpartner

Niedersächsisches Landesamt
für Denkmalpflege

Die Geschichte der sensatio- desmuseum Mainz veranschau- Einer der ersten Funde vom Harzhorn: eine
nellen Entdeckung eines germa- lichen die interkulturelle Zu- römische „Hipposandale“, ein Hufschutz Gestaltung: DIE KIRSTINGS Kreativwerk-
nisch-römischen Schlachtfeldes sammensetzung des römischen für Maultiere. Foto: Christa S. Fuchs, NLD statt. Foto: BLM
Heeres und geben Auf-
schluss über die pro- Harzhorn, die in der Landesaus- Kontakt:
fessionelle Ausstat- stellung erstmalig in großem Um- Braunschweigisches
tung der kämp- fang der Öffentlichkeit präsentiert Landesmuseum
Münze des Kaisers Sep- fenden Truppen. werden können, sowie die hoch- Burgplatz 1, Braunschweig
timus Severus, Rücksei-
Im Zusam- karätigen Leihgaben von fast 300 Info-Tel.: 0531 / 1215 0
te, Denar aus dem Jahr
206 n. Chr., menspiel erzäh- Jahren römisch-germanischer Be- Öffnungszeiten: Di. 10–20 Uhr,
Foto: Thorsten Schwarz, Ldkr. len die Original- ziehungen, beginnend bei der Mi. bis So. 10–18 Uhr,
Northeim/NLD Fundstücke vom „Varusschlacht“ bis zum Ende der Mo. geschlossen
Schlachtfeld am Ära der Soldatenkaiser. www.römer-in-braunschweig.de

6
ENGLISCHSPRACHIGES MUSEUMSTIPP

Caribbean Pirate
Ein spannender
U-Boot-Roman
68
Jahre betrug die „Amtszeit“ von Franz
Joseph I. als Kaiser von Österreich.
Die Nürnberger Burg
Museale Neupräsentation in der Kaiserburg

S eptember 1940: Das deutsche


U-Boot U-103 soll in die Karibik
Der 1830 geborene Monarch aus
dem Haus Habsburg-Lothringen war D ie Kaiserburg – das weithin
sichtbare Wahrzeichen der al-
ten Reichsstadt Nürnberg – wird
von der Abdankung seines Onkels Fer-
vorstoßen, um in Trinidad eine bri- dinand I. und der Verzichtleistung sei- mit einem modernen, thematisch
tische Ölraffinerie zu zerstören. nes Vaters Franz Karl Ende 1848 bis ausgerichteten Konzept neu prä-
Der Auftrag gehört somit in das zu seinem Tod Kaiser von Österreich, sentiert. Zu den umfangreichen

Foto: BSV/Maria Scherf und Andrea Gruber


strategische Konzept, das Insel- seit 1867 König von Ungarn. Er starb musealen und restauratorischen
am 21. November 1916 in Wien.
reich von Rohstoffen abzuschei- Maßnahmen zählen die Verbin-
den und an den Verhandlungs- dung von Palas und Kemenate zu
tisch zu zwingen. Doch von An- einem attraktiven Rundgang, ei-
fang an steht die Mission unter ne neue Ausstellung auf dem be-
keinem guten Stern, da es zu zahl- rühmten Sinwellturm und die in-
reichen – teilweise merkwürdigen formative Vorführung des Tiefen
– Zwischenfällen kommt. Die fik- Brunnens. Die grundlegende Sa-
tive Geschichte ist bereits 1980 er- nierung des Palas – des ur-
schienen und Teil einer Reihe von sprünglichen Saalbaus mit Wohn-
„explosiven“ U-Boot-Abenteuer- trakt und Kapelle des Kaisers – Impression aus der Sonderausstellung
romanen. Ein- bildet den Grundstein für die ver- „Kaiser – Reich – Stadt. Die Kaiserburg
fache, aber gu- änderte Raumkonstellation und Nürnberg“.
te Unterhal- das zeitgemäße Museumskon-
Foto: picture-alliance/akg-images

tung! zept. Auch die Dauerausstellung


Den Auftakt bildet die Son- wurde von der Bayerischen
derausstellung „Kaiser – Reich – Schlösserverwaltung in Zusam-
Abb: Archiv Clausewitz

Antiquarisch: Stadt. Die Kaiserburg Nürnberg“ menarbeit mit den Nürnberger


Die Karl-Horst- (bis 10. November 2013). Sie rückt Museen in der ersten Jahreshälf-
Romane werden die Burg selbst als Hauptexponat te 2013 neu konzipiert. In der
momentan in den Blick und fragt am au- Neupräsentation der Burg wer-
nicht aufgelegt. thentischen Ort nach der Funkti- den nicht nur Bestand und Funk-
onsweise des Alten Reiches. Die tion der Kaiserburg in ihrer his-
Ausstellung zeigt wertvolle Leih- torischen Bedingtheit anschaulich
BUCHTIPP gaben und eindrückliche Insze- erklärt, sondern es wird auch
nierungen am „Ort des Gesche- Wissenswertes über das Heilige
Passion – Die Liebe zum Pferd hens“ und macht die mittelalter- Römische Reich Deutscher Nati-
liche Glanzzeit Nürnbergs und on und die Rolle Nürnbergs im
Studie über deutsche Herren- und Offiziersreiterei die wechselvolle Geschichte der Spätmittelalter spannend und an-
Burg vom Mittelalter bis ins regend vermittelt.

D ieses über mehr als 30 Jahre


hinweg vom einstigen Militär-
Journalisten Gerd von Ende re-
hoher, ja in Europa einzigartiger
Blüte führten. Wie sie nie den mi-
litärischen Nutzen aus dem Auge
19. Jahrhundert auf diese Weise
für den Besucher lebendig und Kontakt:
erlebbar. Burgverwaltung Nürnberg
cherchierte Geschichts- und Ge- verloren; gemäß dem Credo „Tur- Auf der Burg 13
schichtenbuch erweckt die deut- nier- und Jagdreiten ist Manöver, 90403 Nürnberg
sche Herren- und Offiziersreiterei Rennreiten ist Krieg!“ Oder wie es Telefon (09 11) 24 46 59-0
ein letztes Mal zu prallem Leben! ihre „Sattelheroen“ zu heute schier E-Mail: burgnuernberg@
Die mehr als 400 Seiten dokumen- unglaublicher Popularität brach- bsv.bayern.de
tieren mosaikartig, wie neben ten. Und wie sich eben diese Män- www.kaiserburg-nuernberg.de
Landadligen vor allem Offiziere ner später als Rennstallbesitzer,
mit Amateurstatus nach den Na- Züchter auf eigener Scholle, Trai-
poleonischen Befreiungskriegen ner oder Funktionäre einen Na-
den Pferderennsport und die Voll- men und ihren Sport bis 1914 zu
blutzucht – mit dem deutschen Publikums-
dem Wohlwollen magneten überhaupt mach-
des preußischen ten. Passionierte Herrenreiter
Königshauses – be- waren es auch, die nach dem
gründeten. Wie sie Ersten Weltkrieg den schwe-
Foto: Archiv v. Ende

„ihr“ Hindernis- ren Neubeginn wagten.


metier mittels Ver- Blick in den inneren Bereich
Erschienen ist das Buch im DSV
einen und Renn- der Kaiserburg Nürnberg.
Deutscher Sportverlag, Köln 2013.
bahnen vielerorts Foto: BSV/Konrad Rainer
ISBN 978-3-937630-19-9.
etablierten und zu
Preis: 19,80 EUR

Clausewitz 6/2013 7
Clausewitz Magazin

DEUTSCHES PANZERMUSEUM MUNSTER Historische Panzer – wie dieser


PzKpfw III – wurden der Öffentlichkeit
Tag der offenen Tür in „Aktion“ gezeigt. Foto: Ulf Kaack

Vorführung seltener historischer Panzerfahrzeuge

U nd mal wieder hat der Boden


gebebt auf dem Gelände
des Deutschen Panzermuseums
mentgruppen gaben Einblicke in
das Soldatenleben früherer Zeiten:
Die Gruppe „Napoleonik“ zeigte
im niedersächsischen Munster. Uniformen, Ausrüstung und Waf-
Gleichzeitig gab es mit knapp fen aus der Zeit der Revolutions-
10.000 Besuchern einen neuen Re- kriege, die Gruppe „Alte Armee“
kord beim alljährlichen Tag der aus dem Ersten Weltkrieg. Höhe-
offenen Tür mit der trefflichen Be- punkte waren unbestritten die dy-
zeichnung „Stahl in der Heide“. namischen Vorführungen ver-
Zahlreiche Stahlkolosse in den schiedener Kettenfahrzeuge aus
Museumshallen hatten am 1. Sep- dem Museumsbestand: So wur-
tember 2013 ihre Luken geöffnet den verschiedene neuzeitliche
und konnten, was sonst nicht Kampfpanzer in Fahrt vorgestellt,
möglich ist, auch aus der Perspek- außerdem die Schützenpanzer dem Zweiten Weltkrieg zum Ein- de durch die Vergaser geflossen“,
tive der Besatzung genauestens „Marder“ der Bundeswehr und satz: ein Sturmgeschütz 40, auch erklärte DPM-Sprecherin Julia En-
unter die Lupe genommen wer- BMP-1 der NVA einem unmittel- bekannt als StuG III, die Panzer- gau. „Außerdem drei Flaschen
den. Im Außenbereich waren Mo- baren Vergleich unterzogen. Am kampfwagen III und IV sowie ein Bleiadditiv, denn modernen Treib-
dellpanzer auf einem Offroad-Par- späten Nachmittag kamen schließ- feldgraues Kettenkrad. „200 Liter stoff können die betagten Motoren
cours in Aktion. Zwei Reenact- lich die „stählernen Kolosse“ aus Benzin sind in dieser halben Stun- natürlich nicht ab.“
ZEITSCHICHTEN

Die Fotocollage des russischen


Fotografen Sergey Larenkov stellt
eindrucksvoll visualisiert einen
Brückenschlag zwischen Vergangen-
heit und Gegenwart her.
www.sergey-larenkov.livejournal.com

Damals: Bis zum 2. Mai 1945 tobt die Schlacht Heute: Seit der Wiedervereinigung 1990 ist
um Berlin und endet mit der Besetzung der Berlin nicht nur Hauptstadt der Bundesrepu-
www.sergey-larenkov.livejournal.com

Stadt. Schwere sowjetische Kampfpanzer der blik Deutschland, sondern eine Metropole mit
IS-Serie („Stalinpanzer“) spielen dabei eine Weltruf – jedes Jahr kommen Millionen von
nicht unbedeutende Rolle. Auf dem Bild ist ein Touristen und machen Berlin damit zu einer
IS-2-Panzer zu sehen, der auf den Reichstag der meistbesuchten Städte Europas. Das
zurollt – das Gebäude wird während des Krie- Reichstagsgebäude ist heute renoviert und
ges und der Kämpfe stark beschädigt. eine der Hauptsehenswürdigkeiten Berlins.

8
5/2013 September | Oktober
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Clausewitz
S: SKR 75 N: NOK 79 FIN:
€ 8,10

Das Magazin für Militärge

Clausewitz
schichte

Briefe an die Redaktion Leichte


105-mm-
Haubitze
der US-
Militär-
Army technik im
1940: Hitlers „verschenkter Sieg“
Zu „Wozu Militärgeschichte – und schlussreichen Artikel immer nur einem Detail
Zu „Feldherr mit zweifelhaften
wie?“ in CLAUSEWITZ 2/2013: kleinen Interessentenkreis zugänglich Dünkirchen Ansichten“ in CLAUSEWITZ 5/2013:
Ich stimme Hr. Birk bei seinem Artikel voll sind. Wir – die sich dafür interessieren – Sechstagekrieg
1967: Israel kämpft
um seine Existenz
In der Ausgabe 5/2013 ist ein Artikel über
zu, dass Militärgeschichte eine Spezial- sind eine kleine „Kaste“ in der Bevölke- den US-amerikanischen General George
disziplin der Geschichtswissenschaft ist. rung. George S. Patton S. Patton.
Genial, erfolgreich,

Nur glaube ich, dass sich diese Disziplin Thomas Pelzl, per E-Mail umstritten
Darin heißt es u.a., dass dessen Vater
erst so richtig nach dem Ende des II. mit dem konföderierten Kavallerieoffizier
Weltkrieges entwickelt hat. Ausschlagge- Zu „Der dritte arabisch-israelische Die Adelsburg
als Wehrbau
Verteidigungsanlagen
MILITÄR & TECHNIK:

Transportmaschinen von
und Guerillaführer John S. Mosby be-
Bundeswehr und NVA

bend waren sicher auch die 68iger-Revo- Krieg“ in CLAUSEWITZ 5/2013: des Mittelalters

Transall C-160
freundet war.
Antonow An-26

lutionen, durch die die Vergangenheit erst In o. g. Ausgabe Ihrer Zeitschrift ist Ihnen Ich möchte diesbezüglich hinzufügen,
so richtig zur Sprache gekommen ist. auf Seite 63, Abbildung rechts oben ein nenblende und sein Geschützrohr wirkt dass auch Pattons Großvater und Großon-
Durch viele Kriege hat sich nicht nur Fehler unterlaufen. Bei dem abgebildeten eher schlank. kel im Amerikanischen Bürgerkrieg
das soziale Gefüge, sondern auch oftmals Sturmgeschütz handelt es sich um ein Thomas Penk, per E-Mail (1861–1865) auf Seite der Südstaaten
die Menschheit und die Technik verän- SU 100 auf Basis des Kampfpanzers T 34 kämpften.
dert. Bis in unsere Zeit war der Zeitgeist und nicht um ein ISU 152, welches auf Anm. d. Red.: Die Leser haben Recht – Pattons Großvater, George S. Patton
einfach anders und man sah einen Krieg dem Fahrgestell des schweren Panzers CLAUSEWITZ dankt allen, die uns auf die- Senior, 1833 in Fredericksburg, Virgina,
als Sache an, etwas zu erreichen was IS 2 (Josef Stalin) basierte. sen Fehler hingewiesen haben. geboren, zweiter seiner Klasse des Ab-
sich politisch nicht durchsetzen [ließ]. Trotzdem möchte ich der Themenaus- schlussjahrgangs 1852 am Virginia Mili-
Deshalb hat sich niemand über Militärhis- wahl und dem Informationsgehalt Ihrer Zu „Das ,Wunder von Dünkirchen’“ in tary Institute (VMI), kämpfte während des
torie Gedanken gemacht. Zeitschrift ein großes Lob aussprechen. CLAUSEWITZ 5/2013: Bürgerkriegs als Colonel des 22. Virginia
Militärhistorie behandelt nur die Ver- Ich freue mich auf jede neue Ausgabe. Ergänzend zu dem sehr guten Artikel Infanterie-Regiments. Kurz bevor ihn der
gangenheit. Viele haben sicher ein Pro- Burkhard Richter, per E-Mail kann ich einen Besuch des Museums Mé- konföderierte Kongress in Richmond zum
blem mit der Vergangenheit. Sie schaffen morial du Souvenir in Dünkirchen emp- Brigadier General ernennen wollte, wurde
es nicht dieser Vergangenheit neutral ge- Ich habe gerade die aktuelle Clausewitz- fehlen. Die Ausstellung stellt den Kampf er im Shenandoah-Tal während der
genüberzustehen. Nicht nur sie sondern ausgabe erworben. Sie ist wieder sehr in- um Dünkirchen und die Seeoperation dar Kämpfe gegen die Unionstruppen unter
auch wir hier in Österreich haben mit der teressant. Ein Bildfehler ist mir aber trotz- (www.dynamo-dunkerque.com). General Sheridan in der dritten Schlacht
Vergangenheit – respektive die Zeit von dem aufgefallen. Er befindet sich im Weiter noch ein Tipp zum Ersten Welt- von Winchester am 19. September 1864
1933–1945 – zu kämpfen. Deshalb ist es Beitrag „Sechstagekrieg 1967“ auf Seite krieg: In Flanders Fields Museum in leper tödlich verwundet. Sein jüngerer Bruder
auch bei uns schwierig, der Militärhistorie 63 ganz rechts oben. Die Bildbeschrei- (in Belgien, Anm. d. Red.). Museumspäda- (Pattons Großonkel), Waller T. Patton,
einen neutralen geschichtshistorischen bung lautet: Von der Besatzung zurückge- gogisch tolle Ausstellung, die nicht nur diente in General Picketts Virginia Divisi-
„Anstrich“ zu verpassen. lassen: Ein zerstörtes ISU-152 Sturmge- Funde sprechen lässt, sondern auch on. Er fiel am 3. Juli 1863 in der Schlacht
Leider haftet diesem Zweig der Ge- schütz aus sowjetischer Produktion.“ Auf durch Schauspieler Tagebucheinträge zu von Gettysburg.
schichtswissenschaft immer noch die dem Foto ist aber kein ISU-152, sondern Wort kommen lässt. Jens Florian Ebert, per E-Mail
Meinung an, dass es sich hier um die ein SU-100 zu sehen. Rainer Düpow, per E-Mail
Darstellung des Dritten Reiches handelt. Das ISU-152 hat das Laufwerk des KW
Heute wird diese Klientel, die sich [für Mi- bzw. Stalin-Panzers, eine kastenartige
litärgeschichte] interessiert, immer klei- Schreiben Sie an:
Kanonenblende und das Geschützrohr
ner und es wird daher in Zukunft immer redaktion@clausewitz-magazin.de oder
wirkt eher gedrungen ( Längen-/ Kaliber-
schwieriger werden, geeignete Personen verhältnis).
CLAUSEWITZ, Postfach 40 02 09, 80702 München
für die Erstellung von Militärhistorie zu Das SU-100 hat das Laufwerk des Leserbriefe spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Die Redaktion behält sich vor,
Leserbriefe aus Gründen der Darstellung eines möglichst umfassenden Meinungsspektrums
finden. Es ist schade, dass solche auf- T 34, eine runde / halbkugelartige Kano- sinnwahrend zu kürzen.

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Titelgeschichte

Monte Cassino 1944

Zwischen Himmel

10
und Hölle
Januar 1944: Um den knapp 520 Meter hohen
Monte Cassino entbrennt eine der längsten und
blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs.
Die Alliierten kämpfen gegen die sich verbissen
verteidigenden Deutschen. Angreifer und Vertei-
diger durchleben ein viermonatiges Inferno.
Von Jörg-M. Hormann

PULVERISIERT:
Alliierte Bomben und Granaten verwandeln den
Ort Cassino und den Klosterberg in eine Trümmer-
wüste. Es entsteht eine Kraterlandschaft, in der
sich die deutschen Verteidiger eingraben und
erbitterten Widerstand leisten.
Foto: picture-alliance/©Illustrated London News Ltd/
picture-alliance/Mary Evans Picture Library

Clausewitz 6/2013 11
Titelgeschichte | Monte Cassino

IM NAHKAMPF:
Die Alliierten müssen sich mühsam Mann gegen
Mann durch die Ruinen von Cassino kämpfen. Hinter
jedem Mauervorsprung und unter jedem Trümmer-
haufen kann der Gegner und damit der Tod lauern.
Foto: ullstein bild – TopFoto

FAKTEN Alliierte
Strategische und operative Zielsetzungen
Nach Ende des Feldzuges in Nordafrika Mitte 1943:
•Die alliierten Truppen sollen auf dem indirekten Weg über Italien ins
Innere des Deutschen Reiches vorstoßen.
•Die „britische Lösung“ zur Stabilisierung der eigenen Interessen im
Mittelmeerraum beruht zudem auf der Annahme, dass Italien das
Bündnis mit Deutschland verlassen wird. Vorgesehen sind:
•Mehrere Landungsoperationen und die schnelle Eroberung Italiens
mit Vormarsch bis an die Alpen.
•Die USA bevorzugen hingegen die Invasion im Westen und den Vor-
stoß durch Frankreich bis über die Reichsgrenzen ins Zentrum des
„Dritten Reiches“.

Befehlshaber
Allied Central Mediterranean Forces: General Henry Maitland Wilson mit
der 15. Armee-Gruppe unter dem Befehl von General Harold Alexander
sowie der 5. US-Armee unter Lt.Gen. Mark W. Clark.
Zu den bei Monte Cassino eingesetzten Verbänden zählen: II. US-Corps
(Maj.Gen. Geoffrey Keyes) mit der 34. US-Infanteriedivision (Maj.Gen.
Charles W. Ryder), 36. „Texas“ Infanteriedivision (Maj.Gen. Frederick L.
Walker), 4. Indische Division (Brig.Gen. Harry K. Dimoline), 2. Neusee-
ländische Division (Brig.Gen. Parkinson) und 3. Algerische Division
(Maj.Gen. Joseph de Goislard de Monsabert) des Französischen Expe-
ditionskorps unter General Alphonse Juin.

12
Verlustreiche Angriffe

Clausewitz 6/2013 13
Titelgeschichte | Monte Cassino

BEREIT ZUM KAMPF:


Schwer bewaffnete deutsche Fallschirmjäger
bereiten sich auf den nächsten Einsatz vor. Die
„Grünen Teufel“ waren bei den Alliierten aufgrund
ihrer Erfahrung und Entschlossenheit besonders
gefürchtet. Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

14
Hartnäckiger Gegner

FAKTEN Deutsches Reich


Strategische und operative Zielsetzungen
Nach der Landung alliierter Truppen auf Sizilien und in der Bucht von
Salerno sowie der Kriegserklärung Italiens an Deutschland am
13. Oktober 1943:
•Abriegeln des alliierten Vormarsches in Süditalien südlich von Rom
durch Ausnutzung der natürlichen Gegebenheiten des Apennin-
Gebirgszugs.
•Hierbei taktische Nutzung des beherrschenden Klosterberges Monte
Cassino zur Sperrung bzw. Kontrolle der Route 6 als Straßenverbin-
dung auf dem Weg nach Rom.

Befehlshaber
Heeresgruppe C: Generalfeldmarschall Albert Kesselring mit der 10. Ar-
mee unter dem Kommando von Generaloberst Heinrich von Vietinghoff-
Scheel.
Zu den bei Monte Cassino eingesetzten Verbänden zählen: XIV. Panzer-
korps unter Generalleutnant (seit 1. Januar 1944 General der Panzer-
truppe) Fridolin von Senger und Etterlin mit der 1. Fallschirmjäger-Divisi-
on (GenLt. Richard Heidrich), 44. Infanteriedivision „Hoch- und Deutsch-
meister“ (GenLt. Bruno Ortner), 5. Gebirgsdivision (GenLt. Julius Ringel,
anschließend GenLt. Max-Günther Schrank) sowie 15. Panzergrenadier-
division (GenMaj., seit 1. März 1944 GenLt. Eberhard Rodt).

Clausewitz 6/2013 15
Titelgeschichte

JAHRHUNDERTE ALT: Die Erzabtei, seit


529 n. Chr. das Mutterkloster der Benedikti-
ner auf dem Gipfel des bewaldeten Monte
Cassino. Sie sollte das Landschaftsbild bis
zum 15. Februar 1944 prägen.
Foto: Sammlung Jörg-M. Hormann

KARTE Die Kampfhandlungen bei Monte Cassino im Frühjahr 1944 im Überblick


DREIGETEILT: Verschiedene Phasen der Schlachten zwischen Alliierten und Deutschen bei Cassino vom 17. Januar bis zur Eroberung
des Monte Cassino am 18. Mai 1944.

Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich

16
Brennpunkt „Gustav-Linie”

E iner der „schwarzen Tage“ für die deut-


sche Kriegführung im Zweiten Welt-
krieg ist der 8. September 1943. Wäh-
rend der Roten Armee die Rückeroberung
des Donezbeckens gelingt, wird der Waffen-
HINTERGRUND Alliierte Kriegsstrategien 1943/44
Die beiden mächtigsten westlichen Natio-
nen des Bündnisses gegen die „Achsenmäch-
te“, Großbritannien und die USA, haben in
ders. Ihnen ist an einem Ende des Krieges
in kürzester Zeit und auf direktem Weg gele-
gen. Mit der britischen Insel als Sprungbrett
stillstand zwischen Italien und den Alliierten Bezug auf die Kriegführung im Mittelmeer- auf das Festland übersetzen, und dann un-
öffentlich verkündet. Als in Moskau und raum unterschiedliche Vorstellungen. Nach ter möglichst geringen eigenen Verlusten
London auf den Straßen gefeiert wird, ent- dem Ende des Krieges in Nordafrika stellt nach Berlin durchmarschieren, lautet ihre
sich die Frage nach der Verwendung der dort strategische Marschrichtung.
wickeln die deutschen Truppen in Italien ge-
massierten Truppen und Seestreitkräfte. So wachen die höchsten Stäbe der bei-
zielte Betriebsamkeit. Schon die Operation Die Briten wollten jetzt indirekt gegen die den Partner misstrauisch darüber, wohin
„Husky“, die Landung der Alliierten an der „Festung Europa“ vorgehen, und zwar durch welche Truppen für welchen Zweck verlegt
Südküste Siziliens am 10. Juli 1943 und die den „weichen Unterleib“ im Süden – womit werden. Jeder versucht, seine Intention
Unfähigkeit bzw. der Unwillen der Italiener, sie die kriegsmüden Italiener meinten. durchzusetzen. Dies hat zur Folge, dass die
auf eigenem Boden ernsthaften militärischen Die Amerikaner dagegen zogen einen di- alliierte Schlagkraft aufgesplittert und ge-
Widerstand zu leisten, hat Hitler maßlos em- rekten Schlag gegen den deutschen Vertei- schwächt wird. Für die parallele Durchset-
pört. Nun ist das Vertrauen in den italieni- digungswall im Westen vor. zung beider Strategien reicht die Kraft nicht
schen Bündnispartner endgültig zerrüttet. Die britische Regierung reagierte schon im- aus. Von der halbherzigen Führung des Ita-
Wieder einmal bringt die Notwendigkeit, mer empfindlich auf Gefahren, die ihren im- lienfeldzugs durch die Alliierten seit dem
perialen Interessen im Mittelmeer drohen Sommer 1943 profitierten die zahlenmäßig
den Italienern mit Truppen zur Hilfe zu ei-
konnten. Durch das Mittelmeer gingen die weit unterlegenen deutschen Truppen.
len, das gesamtstrategische deutsche Kriegs- Lebenslinien ihres Empire, nämlich über den Mit einem möglichen konzentrierten Ein-
konzept durcheinander. Das war bereits Suezkanal nach Australien, dem Fernen Os- satz aller alliierten Kräfte hätte es vermut-
beim Griechenland- und Afrikafeldzug der ten, Indien und den Ölstaaten am Persi- lich keine drei Cassino-Schlachten mit Zehn-
Fall, nun zeichnet sich auf italienischem Bo- schen Golf. tausenden von Toten gegeben.
den eine neue verhängnisvolle Entwicklung Die Amerikaner denken 1943/44 an-
ab. Mit hinhaltendem Widerstand versuchen
die Deutschen – nach dem Sprung von Sizi-
lien auf die italienische Halbinsel – den außerhalb Roms liegenden deutschen Trup- Generalfeldmarschall Kesselring, zog Ver-
Durchmarsch der Engländer und Amerika- pen in Verteidigungszustand versetzt. Als stärkungen heran und leitete den Angriff auf
ner Richtung Rom abzubremsen. Begründung wurde die Gefahr einer feindli- Rom ein und stellte dem Kommandanten ein
chen Landung westlich Roms ange- Ultimatum. Unter diesem Druck hat
„Abfall” Italiens geben. Seit der Kapitulation am der italienische Oberbefehlshaber
Im Wehrmachtbericht heißt es zum von 8. September haben sich in in Rom in einem Umkreis von
deutscher Seite nicht unerwarteten „Abfall“ Rom Kämpfe zwischen 50 km kapituliert...“
Italiens: „Die verräterische Regierung Bado- deutschen und italieni-
glio hatte in den letzten Wochen zur Vorbe- schen Truppen entwi- „Rollenwechsel”
reitung ihres Abfalls starke Kräfte um Rom ckelt. Der deutsche Die militärische Situation
versammelt und die Stadt selbst gegen die Oberbefehlshaber Süd, in Gesamtitalien und der
Vormarsch der Alliierten
in Süditalien werden in
VERTEIDIGER: den nächsten Monaten er-
Albert Kesselring, hebliche deutsche Trup-
Befehlshaber der hin- penteile binden, die da-
haltend Widerstand durch an der Ostfront feh-
leistenden deutschen len. Nach der Entwaffnung
Truppen in Italien. der italienischen Truppen und
Foto: Sammlung JMH dem deutschen „Rollenwechsel“
vom Waffenbruder zum Besatzer er-
geht am 4. Oktober 1943 Hitlers Weisung zur
Verteidigung Italiens auf der Linie Gaeta am
Tyrrhenischen Meer und Ortona an der
Adria. Diese Riegelstellung quer durch den
italienischen Stiefel und den Gebirgszug des
Apennin folgt etwa dem Flusslauf des San-
gro. Als „Gustav-Linie“ wird sie in die Ge-
schichte des Krieges eingehen und insbeson-
dere durch den verlustreichen Stellungskrieg
bei Monte Cassino traurige Berühmtheit er-
langen.
Bereits am 9. September läuft die Opera-
GELANDET: Alliierte Truppen gehen im Rahmen der Operation „Shingle“ am 22. Januar 1944 tion „Avalanche“ im Golf von Salerno an.
bei Anzio und Nettuno an Land. Ziel ist es, die deutsche Verteidigungslinie in Mittelitalien Die Truppen der 5. US-Armee unter dem
(„Gustav-Linie“) zu umgehen. Foto: picture-alliance/UnitedArchives/TopFoto Befehl von Generalleutnant Mark W. Clark

Clausewitz 6/2013 17
Titelgeschichte | Monte Cassino

SCHWIERIGES GELÄNDE: Ein Sturmgeschütz III am Rande eines kleinen Ortes bei Cassino. IN KONTAKT: Neuseeländische Funkstation
Der Kommandant sucht nach einer günstigen Feuerstellung. Foto: Sammlung Jörg-M. Hormann oberhalb Cassino. Foto: Sammlung JMH

landen an dem süditalienischen Küstenstrei- Erst Mitte Oktober gelingt es den Verbän- standteil der „Gustav-Linie“ gerät im Herbst
fen, und am 8. Oktober 1943 erreichen die den der 5. US-Armee, den Volturno zu über- 1943 die Stadt Cassino mit ihrem mehr als
Amerikaner die Linie vom Fluss Volturno bis queren. Sie kommen jedoch in den weglosen 500 Meter hohen Klosterberg in den Blick-
Termoli an der Adria. Für das weitere Vorge- Bergen nur mühselig voran. Schwere Regen- punkt der Militärs.
hen gegen die „Gustav-Linie“ werden sich fälle behindern inzwischen den alliierten
gerade die Flüsse, wie zum Beispiel der Vol- Vormarsch. Monte Cassino im Fokus
turno, die nach ausgiebigem Herbstregen Unterdessen wird die Position der Wehr- Die vernichtende Wirkung der modernen
Hochwasser führen, als sperrige Hindernis- macht durch die politische Entwicklung in Waffen bedroht eines der berühmtesten Klös-
se erweisen – zumal alle Brücken von den or- Italien zusätzlich erschwert: Am 13. Oktober ter der Christengeschichte, die Benediktiner-
ganisiert zurückweichenden Deutschen ge- 1943 erklärt die Badoglio-Regierung dem abtei von Monte Cassino, mit unschätzbaren
sprengt werden.

Hinhaltende Kampfführung „Wir sehen uns Ende Oktober in Rom!“


Deren Taktik der hinhaltenden Kampffüh- Churchill in einem Telegramm an General Harold Alexander, Befehlshaber
rung ist immer die gleiche: Die deutschen Ein- der 15. alliierten Armee-Gruppe, nach der Landung der Amerikaner bei Salerno
heiten verteidigen eine Zeitlang ihre Stellung, und der Einnahme von Neapel am 1. Oktober 1943.
bis die Angriffe des Gegners stärker werden.
Dann sprengen sie die Brücken, legen Minen-
felder und Straßensperren, um sich in das Deutschen Reich den Krieg und wird von den Werten der christlichen bildenden Kunst und
nächste, für eine Verteidigung geeignete Berg- Alliierten als „Mitkriegführender“ anerkannt. einzigartigem Schriftgut. All diese unschätz-
dorf zurückzuziehen und so Zeit für den Aus- In direkter Stoßrichtung der angloameri- baren Kostbarkeiten stehen zur Disposition
bau der „Gustav-Linie“ zu gewinnen. kanischen Truppen und als zentraler Be- von Militärs. Anschaulich beschreibt der pol-
nische Militärhistoriker Janusz Piekałkiewicz
das Geschehen um die Bergung der Kunst-
IM SCHUTZE DER MAUERN: Ge- und Kulturgüter: „Am Donnerstag, dem 14.
fechtsstand eines Fallschirmjägerba- Oktober 1943, fährt Oberstleutnant Schlegel,
taillons in den Ruinen der Ortschaft Kommandeur der Instandsetzungs-Abteilung
Cassino. Handgranaten und Handfeu- der Fallschirm-Panzerdivision ,Hermann Gö-
erwaffen liegen immer griffbereit. ring’, nach Cassino. Schlegel will – bisher oh-
Foto: picture-alliance/akg-images
ne Wissen seines Divisionskommandeurs Ge-
neralleutnant Conrath – dem Erzabt von Mon-
te Cassino, Don Gregorio Diamare, die
bevorstehende Gefahr schildern und ihn dazu
bewegen, die Kunstschätze des Klosters mit
seiner Hilfe in Sicherheit zu bringen. Schlegel
erklärt dem Abt, dass Monte Cassino in abseh-
barer Zeit von den Kampfhandlungen betrof-
fen sein wird. Die Deutschen wünschen des-
halb, alle transportablen Kunstwerke, Archi-
valien, Handschriften und die wertvolle
Bibliothek an einen sicheren Ort zu bringen.
Er deutet dem Abt gegenüber an, dass die

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Titelgeschichte | Monte Cassino

deutsche Hauptkampflinie genau über den Oberstleutnant Schlegel schildert weiter:


Klosterberg führen wird. Doch der Abt ist in „In wenigen Tagen hatte unsere fast wie am
seiner Sicherheit kaum zu erschüttern. ,Flie- Fließband arbeitende Tischlerei viele hun-
ger’, so meint er, ,würden Monte Cassino nie- dert Kisten nebst Verschlägen für Bilder und
mals zerstören.’ Schlegel fährt unverrichteter Truhen für besondere Kostbarkeiten herge-
Dinge wieder ab.“ stellt. Gleich nach Fertigstellung wanderte
jede Kiste in die Bibliothek, wo sie mit Bü-
Rettung kostbarer Kulturgüter chern gefüllt wurde, um dann sofort auf den
Nach einigen Tagen kommt er wieder und Lastwagen gebracht zu werden (...). Auf die
die Lage hatte sich wesentlich verändert. Der geschilderte Weise gelang es, etwa 70.000
Krieg war dem Kloster ein gutes Stück näher Bände der Bibliothek und des Archivs zu ret-
gerückt. Schlegel selbst: „Der Abt zeigte sich ten. (...) Zahlreiche, oft sehr kostbare Bilder,
ganz als der gütige, aufrichtige Mensch, der konnten nicht mit Verschlägen versehen
er war. Er bat mich, dem Kloster zu helfen, er werden, gingen nur Rahmen an Rahmen ge-
HOHER BESUCH: Reichsmarschall wolle alles tun, mein Rettungswerk zu unter- lehnt und durch Tücher geschützt auf die
Hermann Göring begrüßt Fallschirmjäger, die stützen (...).“ Strecke nach Rom. (…) Ich hatte noch immer
in den Schlachten von Monte Cassino Oberstleutnant Schlegel berichtet weiter: meinem General nichts gemeldet.
gekämpft haben. Foto: picture-alliance/akg-images „Ich sandte vorerst einige Wagen, die von Dass ich dies hätte tun müssen, war mir
den Mönchen ziemlich wahllos beladen und klar, weniger klar aber war mir, ob er mir die
mit der nun schon gewohnten Begleitung Fortsetzung meines Rettungswerkes erlau-
von je zwei Padres nach Rom geschickt wur- ben würde. An einem Vormittag knirschte
den. Die Bestätigungen ordnungsgemäßer ein Lastwagen im Sande vor dem Tor.
Ankunft versetzten den Abt in helle Begeis- 20 Mann Feldgendarmerie unter Führung ei-
terung. Alles drängte sich, die Räumung der nes Offiziers stürmten ins Kloster. Auf An-
Bibliothek in Angriff zu nehmen (...). Was weisung Generalfeldmarschalls Kesselring
ich brauchte, waren Hände, Material und solle er die Plünderung des Klosters verhin-
Werkzeug. In einer nahegelegenen Geträn- dern. Ein Feindsender hätte gemeldet die Di-
kefabrik fand ich eine Anzahl Kisten und vision ,Hermann Göring’ plündere das Klos-
reichlich dafür zugeschnittenes Holz. In ter Monte Cassino. Schnell wurde der Irrtum
Lastwagen ließ ich alles nach Monte Cassi- aufgeklärt und nun stand ich vor der unaus-
no schaffen und besorgte Nägel für die Kis- weichbaren Notwendigkeit, unverzüglich
tenherstellung. (...) Meine Soldaten, durch- meinem General Meldung zu erstat-
HOHER BLUTZOLL: Fallschirmjäger tragen weg Tischler und Zimmerleute, organisier- ten. Zu guter Letzt stimmte der
an vielen Stellen die Hauptlast der Abwehr- ten, beaufsichtigten und vermehrten die Kommandierende
kämpfe. Illustration: Johnny Shumate Produktion ...“ General

20
Hauptkampflinie auf dem Klosterberg

ohne weiteres zu, ordnete die Fortsetzung


HINTERGRUND Division „Hoch- und Deutschmeister“ der Arbeit mit vermehrten Mitteln an sowie
Hoch- und Deutschmeister nannten den Einsatz von einigen Angehörigen der
BESONDERHEIT: Schulterstück eines
sich die Ordensmeister des Deut- Propagandakompanie, um die Vorgänge fo-
Oberstleutnants der Reichsgrenadierdi-
schen Ritterordens, seitdem sich vision „Hoch- und Deutschmeister“ tografisch festzuhalten (...).“
die Würde des Hochmeisters und mit dem Deutschmeisterkreuz als
die des Deutschmeisters in einer Auflage, mit der Erweiterung zum Organisierte Abwehrfront
Hand befinden. Der Titel ergibt sich „Stalingradkreuz“. Die Verteidigung des Cassino-Abschnitts am
nach der Verlegung der Ordensre- Foto: Sammlung Jörg-M. Hormann rechten Flügel der „Gustav-Linie“ über-
gierung von Königsberg nach Mer- nimmt das der 10. Armee unterstellte XIV.
gentheim 1526. nadierdivision Hoch- und Deutsch- Panzerkorps unter dem Kommando des Ge-
Erzherzog Maximilian von Öster- meister“ und das Grenadierregi-
reich (1589–1618) führt erstmals den
nerals der Panzertruppe (seit 1. Januar 1944)
ment 134 als Wiener Hausregi-
vereinten Titel. Der Preßburger Friede Fridolin von Senger und Etterlin.
ment den Namen „Reichsgre-
vom 26. Dezember 1805 überträgt die- nadierregiment Hoch- und Mittelpunkt dieser Stellung ist ein steiles
se erbliche Würde dem österreichischen Deutschmeister“. Bergmassiv mit um die 1.500 Meter hohen
Kaiserhaus, aus dem sie stets ein Erzher- Bis zum Ende des Krieges Bergen im Rücken der Stadt Cassino. Dort
zog bekleidet. kämpfen die „Hoch- und Deutsch- treffen sich die breiten Täler mit den Flüssen
Fortan trägt das österreichische Infante- meister“ in Italien und Ungarn. An der Ver- Rapido und Liri. Erst nach Überquerung des
rieregiment „Hoch- und Deutschmeister“ teidigung der Riegelstellung Monte Cassino Rapido kann man das Liri-Tal erreichen, in
Nr. 4 diesen Titel. sind sie maßgeblich beteiligt. Nach einer dem die Route 6 – die Straße nach Rom – ent-
Im April 1938 wird in Wien (Wehrkreis Verordnung vom 23. März 1944 tragen Sol- langläuft. Gut im Blick hat man Cassino vom
XVII) die 44. Infanteriedivision aufgestellt. daten des Divisionsstabes auf ihren Schul-
Mit den Regimentern 131, 132 und 134
knapp 520 Meter hoch aufragenden Monte
terstücken das modifizierte „Deutschmeis-
kämpft die Division in Polen, Frankreich und Cassino mit dem Kloster auf der Bergkuppe,
terkreuz“ – auch als „Stalingradkreuz“ be-
Russland bis zur völligen Vernichtung in Sta- zeichnet – in Form einer Metallauflage. angelehnt an den dreimal höheren Monte
lingrad 1942/43. Nach einer Verfü gung vom 26. Februar Cairo (1.669 m). Von dort bieten sich noch
Bei der Wiederaufstellung im März 1943, 1945 sollen alle Soldaten der Division und bessere, getarnte Beobachtungsmöglichkei-
aus den verstärkten Grenadierregimentern des Regiments einen Ä rmelstreifen „Hoch- ten. Zudem ist es hier möglich, jede Bewe-
887 und 888, erhält die 44. Infanteriedivisi- und Deutschmeister“ tragen, doch zu deren gung in den Tälern zu beobachten.
on am 3. Juni 1943 den Namen „Reichsgre- Ausgabe kam es nicht mehr. Durch das langsame Vorstoßen der alliier-
ten Truppen bleibt genügend Zeit, die für die
Verteidigung ohnehin vorteilhaften Verhält-
nisse im Gelände und der Bebauung noch
zu verbessern und fast

TRÜMMERWÜSTE: Nach dem Bombenhagel


vom 15. Februar 1944 ist das Kloster auf
dem Monte Cassino eine gewaltige Ruine.
Foto: Sammlung Jörg-M. Hormann

Clausewitz 6/2013 21
Titelgeschichte | Monte Cassino

MIT AUSZEICHNUNG: Richard Heidrich er-


hält für seine Leistungen als Kommandeur
der 1. Fallschirmjäger-Division zunächst das
„Ritterkreuz“ (siehe Foto), am 5. Februar
1944 auch das „Eichenlaub“ und bereits En-
de März 1944 die „Schwerter“.
Foto: BArch, Bild 183-L19501

kommen. Der alliierte Frontalangriff beginnt


ab 17. Januar. Immer wieder stürmen US-In-
fanteristen gegen die Front der deutschen
Verteidiger der „Gustav-Linie“ an. Diese
IN TRÜMMERN: Inmitten der durch die Kämpfe „umgepflügten“ Kraterlandschaft überwacht Vorstöße bleiben ohne Erfolg und bringen
ein britisches Fla-Geschütz den Luftraum über Cassino. Foto: ullstein bild - LEONE den angreifenden Einheiten hohe Verluste
ein. Den die angeschlagenen US-Truppen ab-
uneinnehmbar zu machen. Das Rapido- und mehr auszumachen. Dornige Ginsterhecken lösenden Neuseeländern geht es nicht an-
Liri-Tal werden intensiv vermint und mit werden mit Stacheldraht und Minen gesi- ders. Befehlshaber der neuseeländischen
Stolperdrähten durchzogen. Beiderseits der chert. Jeder geeignete Felsvorsprung bietet Truppen ist Generalleutnant Bernard Frey-
Flussläufe entstehen Geschützstellungen in Platz für ein MG-Nest mit vorzüglicher De- berg. Er kennt den Gegner – insbesondere
ungezählten Gräben, Hügeln und Boden- ckung. Hier an diesem Schlüsselpunkt der die deutschen Fallschirmjäger – aus dem al-
wellen. Panzertürme werden in den Boden „Gustav-Linie“ wird das passieren, was die liierten Desaster bei Kreta 1941 nur zu gut.
eingelassen und raffiniert getarnt, Bauern- Alliierten bei diesem Feldzug in Süditalien Als Kommandeur der Truppen auf der Mit-
häuser zu Bunkern ausgebaut. Die Stadt Cas- am meisten fürchten – das Einfrieren der Be- telmeerinsel musste er mit seinen Männern
sino wird umfangreich befestigt, die Gebäu- wegung und die Möglichkeit der deutschen vor deutschen Fallschirm- und Gebirgsjä-
de erhalten Schießscharten und verwandeln Truppen zur starren Verteidigung. gern die Flucht ergreifen. Für ihn ist das Aus-
sich in kleine Widerstandsnester mit stahl- nutzen sämtlicher Geländemöglichkeiten
und betonverstärkten Keller- und Erdge- Alliierte Frontalangriffe durch die Deutschen kein Diskussionspunkt.
schossen, die selbst schweres Artilleriefeuer Mitte Januar 1944 sind die Amerikaner Er fordert ultimativ die Bombardierung des
überstehen können. schließlich auf Artillerieentfernung an die 529 n. Chr. vom heiligen Benedikt gegründe-
Eine Anzahl größerer Gebäude wird zum deutschen Stellungen um Cassino herange- ten Klosters. Der Monte Cassino mit seiner
Versteck für Panzer umfunktioniert. Die Wi- Abtei ist in seinen Augen in erster Linie ein
derstandsnester selbst sind durch ein Netz feindlicher Beobachtungspunkt und eine
von Laufgräben und Tunnels miteinander Literaturtipps Waffenplattform des Gegners.
verbunden. Unterhalb von Cassino staut ein Dass die deutschen Truppen im Umkreis
provisorischer Staudamm den Rapido. Katriel Ben Arie: „Die Schlacht bei Monte Cassi- von 300 Metern um das Kloster ein befohle-
no 1944“, Einzelschriften zur militärischen Ge-
Durch die aufgestauten Regenfälle verwan- nes Aktionsverbot haben, ist den Alliierten
schichte des Zweiten Weltkrieges, Bd. 29,
delt sich das ganze Tal in ein Sumpfgebiet, hrsg. v. MgFA, Freiburg 1985 zwar mitgeteilt, aber sie vermuten hinter
nahezu unpassierbar für schwere Fahrzeuge. dieser Anordnung eine Kriegslist. Ihre Be-
Pioniere sprengen Höhlen in die umliegen- E. D. Smith: „Der Kampf um Monte Cassino fehlshaber, die Freyberg aus verschiedenen
den Berge. Die dadurch entstandenen „Ver- 1944“, Stuttgart 1979 Gründen wie eine heiße Kartoffel behandeln,
stecke“ sind später dank guter Tarnung nicht zumal er mit dem Abzug seiner Truppen

22
Blutiger Stellungskrieg

droht, geben nach und Generalleutnant


Mark W. Clark erteilt den Bombardierungs-
befehl.
Am 15. Februar 1944 öffnen sich dann die
Bombenschächte über dem Klosterberg. Fast
500 Tonnen Brand- und Sprengbomben, aus
mehr als 200 amerikanischen Bombern ab-
geworfen, radieren innerhalb weniger Stun-
den das Kloster aus. Allerdings kündigten
die Alliierten den Luftangriff Tags zuvor an
und forderten mit Flugblättern zum Verlas-
sen des Klosters auf.

Verlustreiche Kämpfe
Doch von den rund 800 Mönchen und
Flüchtlingen, die in den Klostergewölben
Schutz suchen, kommen viele ums Leben.
Schon kurz nach der Bombardierung und
der Evakuierung der Verletzten und Überle-
benden werden die Klosterruinen von deut- LAGEBESPRECHUNG: Ein britischer Offizier gibt am Kartentisch letzte Instruktionen für den
schen Fallschirmjägern in den Verteidi- Angriff auf die Stellungen der „Gustav-Linie“ bei Monte Cassino. Foto: picture-alliance/akg-images
gungsriegel einbezogen. Erst am 17. Mai
werden sie sich aus der Ruine zurückziehen. „Verheizen“ von Menschen auf kleinem Die mangelnde General- und Eventual-
Bis dahin rennt Welle um Welle alliierter In- Raum im Frühjahr 1944 seinen traurigen planung der alliierten Befehlshaber und Stä-
fanteristen gegen die zäh verteidigten Stel- „Höhepunkt“. Schätzungsweise rund 50.000 be im Italienfeldzug wird bei Monte Cassino
lungen an. Artillerie und Bomber erzeugen alliierte Soldaten, darunter Angehörige vie- von Januar bis Mai 1944 mit viel Blut „be-
zahlt“. Dabei hätte der letzte Akt von Mitte
Mai schon im Februar der erste sein können.
„Ein so auffallender Punkt ist nach deutschen Als die alliierten Soldaten am 18. Mai auf
taktischen Auffassungen für eine Beobachtungsstelle dem Klosterberg ankommen, haben sich die
wenigen deutschen Fallschirmjäger, die seit
ganz ungeeignet, weil spätestens bei Beginn des Februar hartnäckig Widerstand leisteten, be-
Großkampfes mit deren Ausfall durch Beschuss zu reits zurückgezogen.
rechnen wäre.“ An jenem Morgen des 18. Mai 1944 betre-
Fridolin von Senger und Etterlin, Kommandierender General des ten polnische Soldaten die in Schutt und
XIV. Panzerkorps, zum taktischen Wert des Klosters Monte Cassino. Asche gelegte Abtei von Monte Cassino. Die
dezimierten Truppen des Polnischen Korps
von General Władysław Anders sind die ers-
Kraterlandschaften, wie sie aus dem Ersten ler verschiedener Nationalitäten, fallen oder ten Soldaten der alliierten Streitkräfte, die hier-
Weltkrieg bekannt sind. werden bei den Kämpfen um Cassino ver- her kommen.
Obwohl der Stellungskrieg der Maschi- letzt. Dagegen stehen allerdings auch Ver- Unterdessen lösen sich die Deutschen aus
nenwaffen gegen anstürmende Infanteristen luste von rund 20.000 Mann auf deutscher ihren Stellungen bei Cassino und gehen auf
einen Anachronismus darstellt, findet das Seite. den „Senger-Riegel“ zurück. Die alliierte Of-
fensive geht nun wieder in die Bewegung
über, die die zahlenmäßig weit unterlegenen
DOKUMENT deutschen Truppen nicht aufhalten können.
Verwundetenabzeichen vom 17. Mai 1944 Der Vorstoß schwenkt auf Rom ein, das am
Während der Dritten Schlacht um die Riegel- 1944 zum Major befördert, unterschreibt er 4. Juni 1944 erreicht wird.
stellung von Cassino, die vom 11. bis 18. als Regimentsführer das Besitzzeugnis für Doch erneut begeht die militärische Füh-
Mai 1944 tobt, wird der Obergefreite Walter das Verwunde- rung der Alliierten dabei einen folgenreichen
Krippner vom Nachrichtenzug des Fall- tenabzeichen an Fehler. Anstatt die 10. deutsche Armee mit
schirmjäger-Regiments 1 zum ersten Mal im Walter Krippner. einer Bewegung Richtung Adria abzu-
Gefecht verwundet. Sein Chef ist seinerzeit schneiden, kann diese an Rom vorbei aus-
Hauptmann Rudolf Rennecke. Der Kampf- BESTÄTIGUNG: weichen und weiter nördlich mit der „Go-
kommandant von Cassino verteidigt mit sei- Besitzzeugnis ten-Stellung“ eine neue Verteidigungslinie
nen „Grünen Teufeln“ die zerbombten Rui- in Italien aufbauen.
für Walter
nen des Klosters Monte Cassino und die
Krippner mit
Riegelstellungen des Bergmassivs.
Im März 1944 übernimmt Rennecke die Unterschrift
Jörg-M. Hormann, Jg. 1949, Freier Journalist und
Führung des II. Bataillons des Fallschirmjäger- von Major
Sachbuchautor aus Rastede mit Schwerpunkten bei
Regiments 3 und wird am 9. Juni 1944 mit Rennecke.
der deutschen Luftfahrt-, Marine- und Militärgeschich-
dem „Ritterkreuz“ ausgezeichnet. Am 1. Juni Foto: Helmut Weitze te mit über 30 Buchveröffentlichungen zu den Themen.

Clausewitz 6/2013 23
Titelgeschichte | Monte Cassino

IM ANSCHLAG: Bewaffnet mit einem FG 42


erwartet dieser deutsche Fallschirmjäger die
Angreifer. Eine Maschinenpistole vom Typ
MP 40 und stapelweise Handgranaten die-
nen dem Nahkampf.
Foto: BArch, Bild 101I-578-1926-36A/Wahner

Kampf um die ,,Gustav-Linie“ 1944

Die „Vielvölkerschlacht“
Frühjahr 1944: Angehörige zahlreicher Nationalitäten sind an den Cassino-Schlachten
beteiligt. Die Verluste der beiden Kriegsparteien sind extrem hoch. Erst nach vier Mona-
ten enden die grausamen Kämpfe. Von Tammo Luther

V ierzehn Jahre nach Ende der heftigen


Kämpfe von 1944 erscheint in der Bun-
desrepublik Deutschland ein neuer Ki-
nofilm. Er trägt den Titel „Die grünen Teufel
von Monte Cassino“ (Regie: Harald Reinl)
Rettung wichtiger Kunst- und Kulturschätze
aus der Klosteranlage veranlasst und durch-
geführt haben, ist unbestritten. Heute wird
dem Kinostreifen mit Joachim Fuchsberger
als Oberleutnant Reiter in der männlichen
sivsten und blutigsten Schlachten des Zwei-
ten Weltkriegs. Insgesamt mehrere Zehntau-
send gefallene Soldaten zahlreicher Nationa-
litäten sprechen eine eindeutige Sprache.
Auf der Seite der Alliierten kämpfen in jenen
und thematisiert die Kämpfe um den Monte Hauptrolle von Kritikern jedoch unter ande- Frühjahrsmonaten 1944 neben Briten, US-
Cassino und seine Umgebung. Er stellt die rem vorgeworfen, der mit Beteiligung von Amerikanern, Neuseeländern, Kanadiern
Ereignisse um die Bergung bedeutender Kul- Kriegsteilnehmern gedrehte Film betreibe und Soldaten aus Britisch-Indien unter ande-
turgüter aus dem Kloster – kurz bevor die vor allem die „Rehabilitation deutscher Sol- rem auch Polen sowie Angehörige der frei-
mehr als 1.000 Jahre alte Benediktinerabtei daten.“ französischen Truppen.
von alliierten Bombern in Schutt und Asche Die Trümmer der stark zerstörten Ort-
gelegt wird – durch einen deutschen Offizier Verlustreiche Häuserkämpfe schaften und seit den alliierten Bombenan-
in den Mittelpunkt. Fest steht: Die an den sogenannten Cassino- griffen von Mitte Februar 1944 auch die aus-
Dass Angehörige der Wehrmacht – allen Schlachten beteiligten Soldaten beider gedehnten Ruinen des Klosters werden zum
voran Oberstleutnant Julius Schlegel – die Kriegsparteien erlebten hier eine der inten- Schauplatz von beiden Seiten verbissen ge-

24
Gespenstische Atmosphäre

ENTWAFFNET: Gefangene Neuseeländer


werden von einem deutschen Fallschirmjä-
ger bewacht.
Foto: BArch, Bild 101I-577-1921-14/Zscheile

führter Nah- und Häuserkämpfe. Durch das während der Kämpfe im Frühjahr 1944 unter
massive Artilleriefeuer der Alliierten und ih- dem Kommando von Oberst Ludwig Heil-
re heftigen Bombardements aus der Luft ent- mann, der am 15. Mai 1944 für seine militä-
steht nach und nach eine Kraterlandschaft, rischen Leistungen ebenfalls wie Heidrich
in der sich die deutschen Verteidiger der (25. März 1944) mit den „Schwertern“ ausge-
Cassino-Stellung in Tunnels und Bunkern re- zeichnet wird.
gelrecht unter den Trümmern eingraben Auch der Chef der 8. Kompanie des
können. Zeitzeugen berichteten vom Lei- FschJgRgt. 3, Hauptmann Heinz Meyer aus
chengeruch, der im Frühling aus den zerstör- Magdeburg, kann sich am Bergmassiv des
ten Häusern und Mauerresten stieg und von Monte Cassino durch persönliche Tapferkeit
der gespenstischen Atmosphäre, die über an der Front mehrfach auszeichnen und er-
weiten Teilen des völlig zerbombten Kriegs- hält dafür kurz zuvor, am 8. April 1944, das
schauplatzes lag. „Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes“, dem
Ende 1944 an der Westfront noch das „Ei-
Kampferprobte Fallschirmjäger chenlaub“ folgen sollte. Im Gegensatz zu
Beim Abwehrkampf im Zentrum der „Gus- vielen anderen ihrer Kameraden und ihrer
tav-Linie“ bei Monte Cassino, das den Zu- Gegner überleben Heidrich, Heilmann und
gang zum Liri-Tal und damit den Weg nach Meyer den Krieg.
Rom kontrolliert, spielen auf deutscher Seite
insbesondere Fallschirmjäger-Einheiten eine Hohe Verluste
wichtige Rolle. Unter den beteiligten Verbän- Die Schätzungen der insgesamt auf beiden
den der Wehrmacht befindet sich die 1. Fall- Seiten gefallenen Soldaten gehen weit ausei-
schirm-Division, ehemals 7. Flieger-Divisi- nander und liegen zumeist zwischen 35.000
on, unter ihrem frontbewährten und hochde- und 75.000 Toten. Auch die Cassino-Schlach-
korierten Kommandeur Generalleutnant AUSGEZEICHNET: Hauptmann der Luftwaffe ten stehen damit in besonderem Maße – wie
Richard Heidrich (1896–1947). Heinz Meyer mit dem am 8. April 1944 zahlreiche andere Schlachten – für die Sinn-
Das der 1. Fallschirmjäger-Division unter- verliehenen „Ritterkreuz des Eisernen losigkeit des Krieges. Für viele Polen besitzt
stellte Fallschirmjäger-Regiment 3 steht Kreuzes“. Foto: BArch, Bild 146-1981-101-31 die Eroberung der Klosterruinen von Monte

Clausewitz 6/2013 25
Titelgeschichte | Monte Cassino

AM ZIEL: Polnische
und britische Soldaten
erreichen im Mai 1944
den Gipfel des Monte
Cassino.
Foto: picture-alliance/Leema-
ge©Costa/Leemage

VIELVÖLKERARMEE: Arabische Soldaten


(Marokkaner), die unter französischem Kom-
mando kämpfen, nehmen feindliche Stellun-
gen unter Feuer. Foto: Sammlung Jörg-M. Hormann

nach Norden in Richtung Rom und fügen ihm


dabei trotz quantitativ unterlegener Ausrüs-
tung und erheblicher Nachschubschwierig-
keiten empfindliche Verluste zu.

Im Tode vereint
Mehrere Anläufe mit massiver Luftunter-
stützung, die zahlreiche Opfer unter der ita-
lienischen Zivilbevölkerung fordern, sind
letztlich nötig, um die deutschen Fallschirm-
jäger-Einheiten und Heeresverbände zur
Aufgabe der Schlüsselstellung bei Monte
Cassino zu zwingen. Auf dem ehemaligen

Cassino und das Hissen der polnischen Flag-


ge auf dem Gipfel jedoch bis in die Gegenwart „Ich bin jetzt schon mehrere Tage an der Front.
hinein eine wichtige nationale Bedeutung: Sie Wir haben neue Stellungen dicht beim Tommy
steht als eine Art „ Symbol“ für den Tod Tau-
sender polnischer Soldaten, die nach der pol- bezogen. Ich glaube, man kann behaupten,
nischen Niederlage im Herbst 1939 im weite- dass es auf dem Schlachtfeld an der Somme nicht
ren Verlauf des Zweiten Weltkriegs im Exil schlimmer ausgesehen hat.“
auf Seiten der Alliierten kämpften und auf
Tagebucheintrag eines am Cassino-Abschnitt eingesetzten
diese Weise einen aktiven Beitrag zur militä- deutschen MG-Schützen vom 13. Februar 1944.
rischen Niederringung des „Dritten Reiches“
leisteten.
gen. Die letztlich unterlegenen deutschen Ver- Schlachtfeld in und um Cassino herum fin-
Zähe Verteidiger teidiger der „Gustav-Linie“ haben sich trotz den die Gebeine der Soldaten verschiedener
In der Ballade „Der rote Mohn am Monte Cas- aller Feindseligkeiten und der allgemeinen Nationen der „Vielvölkerschlacht“ von 1944
sino“ (deutsche Übersetzung) wird der opfer- Grausamkeit des Krieges den militärischen schließlich ihre letzte Ruhestätte. Auch für
reiche Einsatz des Polnischen Korps in den Respekt des Gegners – im wahrsten Sinne des sie gilt, was die Inschrift einer der ältesten
Kämpfen in Italien im Frühjahr 1944 besun- Wortes – erkämpft. Zu einem Zeitpunkt, als Gedenksteine in Erinnerung an die „Völker-
die einst siegesgewohnte Wehrmacht längst schlacht“ 1813 auf dem Leipziger Nordfried-
mit dem Rücken zur Wand und unter erheb- hof verkündet: „Freund und Feind – im Tod
Literaturtipps lichem Druck steht, versperren die General- vereint“.
feldmarschall Albert Kesselring, dem deut-
Klaus Hammel: Der Krieg in Italien 1943–45.
schen Oberbefehlshaber in Italien, unterstell-
Brennpunkt Cassino-Schlachten, Zwickau 2012. Dr. Tammo Luther, Jg. 1972, Verantwortlicher Redak-
ten Verbände, insbesondere die Generaloberst
teur von CLAUSEWITZ und freier Autor und Lektor in
Fred Majdalany: Monte Cassino – Porträt einer Heinrich von Vietinghoff-Scheel unterstehen-
Schlacht, München 1958. Schwerin mit Schwerpunkt „Deutsche Militärgeschich-
de 10. Armee, dem an Mensch und Material te des 19. und 20. Jahrhunderts“.
weit überlegenen Gegner lange Zeit den Weg

26
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Titelgeschichte | Monte Cassino

Infanterie- und Spezialwaffen im Einsatz

Die „Stunde des


Nahkampfes“
1944: Die kampferprobten deutschen Fall-
schirmjäger bei Monte Cassino aus dem ex-
trem unübersichtlichen Gelände zu vertrei-
ben, ist ein schwieriges Unterfangen für die
Alliierten – vor allem, wenn der Gegner im
Nahkampf geworfen werden muss.
Von Jörg-M. Hormann

VOLLE DECKUNG: Alles fallen und lie-


gen lassen. Bei einem Feuerüberfall
pressen sich die Fallschirmjäger in den
Ruinenschutt von Cassino.
Foto: picture-alliance/akg-images

28
Maschinenwaffen gegen Infanterie

A m Abend des 17. Februar 1944: Noch


vor Sonnenuntergang beginnt der An-
griff der 7. Indischen Infanterie-Bri-
gade. Der Klosterberg von Cassino, der Mon-
te Calvario und eine dazwischen liegende
SPEZIALWAFFE Fallschirmjägergewehr 42 (FG 42)
Schon bei den ersten Sprungeinsätzen deut-
scher Fallschirmjäger zu Beginn des Zweiten
Weltkrieges in Holland 1940 und dann be-
beinstütze, mit aufgesetztem Zielfernrohr 42
zum Scharfschützeneinsatz und mit Bajo-
nett als Nahkampfwaffe geeignet sein. Zu-
Höhe sollen genommen werden. Bereits in sonders beim Unternehmen „Merkur“, dem dem sollte die Waffe das Aufsetzen des
dieser frühen Phase der Schlachten bei Cas- Massenabsprung über Kreta 1941, zeigt Schießbechers zum Verschießen der 30-
sino um die Stellungen der „Gustav-Linie“ sich die problematische Verwendung des Ka- mm-Gewehrgranate ermöglichen.
rabiners 98k. Das Standardgewehr der So entwickelte die Waffenindustrie das
wird den alliierten Soldaten und ihrer Füh-
Wehrmacht für den Infanterieeinsatz mit Fallschirmjägergewehr 42 (FG 42), die erste
rung das Fatale ihrer Situation schnell klar: fünfschüssigen Patronenladestreifen kann Universalwaffe für Einzelkämpfer der Waf-
Die deutschen Grenadiere, Fallschirmjä- aus Sicherheitsgründen nicht „mitspringen“ fengeschichte.
ger und Gebirgsjäger sind „eingerichtet“. und muss in Waffenbehältern abgeworfen Als vollautomatischer Gasdrucklader mit
werden. starr verriegeltem Verschluss, eingerichtet
Im Kreuzfeuer schwerer MG Nach den bitteren Erfahrungen des Zu- für Einzel- oder Dauerfeuer, wird das Gewehr
Die zum festen Widerstand entschlossenen sammensuchens ihrer verstreut abgeworfe- im Blechprägeverfahren gefertigt.
Verteidiger haben ihre gefürchteten schwe- nen Waffen auf Kreta fordern die deutschen Das Gehäuse des FG 42 besitzt eine Auf-
ren Maschinengewehre vom Typ MG 42 für Fallschirmjäger eine automatische Univer- setzschiene für das ZFG 42.
indirektes Feuer – auch bei Nacht – auf die salwaffe. Sie soll als leichtes MG mit Zwei- Weiterhin ist es mit abklappbarem Zwei-
bein und Nadelbajonett ausgerüstet. Ver-
Schlüsselpositionen der möglichen feindli-
schossen wird die deutsche Standardge-
chen Stoßroute ausgerichtet. Das Gelände wehrpatrone 7,92 x 57 mm.
um Cassino herum bietet aus infanteristi- Das FG 42 bildet die technische Grundla-
schem Blickwinkel gesehen besonders für ge für das MG 42 und später für das ame-
den Angreifer alles andere als günstige Vo- rikanische Maschinengewehr M60.
raussetzungen. Auf der einen Seite bietet es
zwar durch seine Kleinteiligkeit unzählige EINZELKÄMPFERWAFFE: Das
verschiedene Deckungsmöglichkeiten, doch Fallschirmjägergewehr 42 ist Fallschirmjäger und Heeressoldaten auch
die schroffe, bergige Landschaft ist ungüns- die erste Handwaffe der Waffen- noch aus überhöhter Position heraus tref-
tiges Terrain für Sturmangriffe der Boden- geschichte für den universalen, fen. Denn der mehr als 500 Meter hoch-
truppen und völlig ungeeignet für unterstüt- infanteristischen Kampfeinsatz. ragende Klosterberg und seine Hänge
zende Kampfpanzer. Foto: Auktionshaus Hermann Historica stellen eine hervorragende Beobachtungs-
Nahezu alle Vorteile des Geländes liegen plattform dar.
bei den Verteidigern der „Gustav-Linie“. (FG 42), oder leichte Geschütze und Granat-
Dieses Mal haben die Deutschen wochen- werfer, auf genau die Punkte auszurichten, Abwehr aus überhöhter Position
lang Zeit hat, sich einzugraben und ihre Waf- über die – geländebedingt – ein Angriff ein- Eine groß angelegte, verdeckte Offensivbe-
fen, darunter Maschinengewehre wie das zig möglich ist. Und diese Vorbereitungen wegung der alliierten Truppen ist nicht mög-
MG 42 und das Fallschirmjägergewehr 42 zum Abwehrkampf können die deutschen lich, ohne von den Deutschen rechtzeitig

ARTILLERIE DER INFANTERIE


Leichter Granatwerfer 36 (5 cm), 1938 1 Rohr 6 Kipptrieb. Ausrich-
In der Heeres-Dienstvorschrift 145 von 1937 heißt es unter anderem: 9 2 Höhenrichttrieb +41 tung bei schräger
„…Der leichte Granatwerfer 36 ist die kleinste Steilfeuerwaffe der In- bis +83 Grad Bodenplatte
fanterie. Er ist ein Vorderlader mit glattem Rohr von 50 mm Kaliber 3 Seitenrichttrieb bis 7 5-cm-Wurfgranate 36
16 Grad je Seite (Anfangsgeschwin-
und wiegt etwa 14 kg. Er verschießt Wurfgranaten mit einem Gewicht 4 Bodenplatte digkeit 80 m/sec)
von 0,900 kg auf eine Höchstschussweite von 572 m. Zur Bedienung 5 Abfeuerungs- 8 Handgriff
eines leichten Granatwerfers sind erforderlich: ein Truppführer, ein 1 einrichtung 9 Richtaufsatz
Richtschütze, ein Ladeschütze. Für den Munitionsersatz sind unter (fehlt hier)
Umständen weitere, von Fall zu Fall zuzuteilende Schützen erforder-
lich. Die Hauptteile des leichten Granatwerfers 36 (5 cm) sind: Rohr 8 7
und Verschluss, Höhenrichttrieb, Bodenplatte mit Seitenrichttrieb und
Kipptrieben und Richtaufsatz.“ 2
Interessant ist auch die mi-
nimale, also steilste Schuss-
weite von nur 75 m. Aus der
Foto: Sammlung Jörg-M. Hormann

Deckung indirekt vor die De- 3


ckung zu feuern, ist nur mit Gra-
natwerfern möglich. Sie sind im
Häuser- und Grabenkampf auf
kurze Entfernungen ein wichti-
4 5 6
ges Kampfmittel, bevor Hand-
PRÄPARIERT: Die Wurfgranate granaten und aufgepflanztes
auf einem Stock im Rohr des Seitengewehr im Nahkampf HANDLICH: Leichter Granatwerfer 36 (5 cm), Fertigung 1938.
8,14-cm-Granatwerfers 34. zum Einsatz kommen. Foto: Auktionshaus Hermann Historica

Clausewitz 6/2013 29
Titelgeschichte | Monte Cassino
„FALLSCHIRMJÄGER-
WAFFENARSENAL”
Leuchtpistole
des Heeres. Un-
entbehrlich für Gefechtsig-
nale und zum Ausleuchten
des Kampffeldes.

Standardpistole
P38 der Wehrmacht.
Mit einem Kaliber von
9 mm eine durchschlagende
Nahkampfwaffe.

Fallschirmjägerhelm M38 mit Kinn- und Nacken-


riemen und die Kontur brechendem Tarnanstich.

STELLUNGSWECHSEL: Deutsche „KNOCHENSACK”: Tarnfarbige


Fallschirmjäger bringen ihre Sprungsonderbekleidung der
Pak bei Cassino in Feuer- deutschen Fallschirmjäger.
position. Foto: Sammlung JMH Foto: Hermann Historica

bemerkt zu werden. Also mit der Hälfte der benötigten


muss für den Angriff das Munition eingetroffen ist. Das
Büchsenlicht nach Sonnen- Bataillon ist vom Pech ver-
untergang reichen, oder das folgt: Als die Artillerie zur
Gefechtsfeld zuvor mit Unterstützung des Bataillons den Wochen der Cassino-Schlachten fordern
künstlichem Nebel ver- das Feuer eröffnet, treffen die einen speziellen Waffeneinsatz und beson-
schleiert werden. Für eine Granaten mitten in die füh- dere Kampftaktiken von Angreifern wie Ver-
gezielte Attacke mit aufge- rende Kompanie. Wie in der teidigern. „Friendly fire“ und Nachschub-
pflanztem Bajonett sind das Nacht zuvor schlägt den An- probleme ergeben sich ungewollt aus dem
im Hinblick auf das kraftrauben- greifern bereits nach 50 Metern Panorama eines solchen Kampfgeschehens.
de Gelände denkbar ungünstige heftiges MG-Feuer der in den
Voraussetzungen. Trümmern eingegrabenen deut- Nahkampfausrüstung
Eine zusätzliche Schwierigkeit schen Fallschirmjäger entgegen. In Die gesamte Waffenwirkung infanteristi-
stellt das enge Zeitfenster dar, das einem erbittert geführten Nah- scher Ausrüstung vom Gewehr mit aufge-
durch die früh fallende Nacht am 17. Februar kampf wird der Vorstoß zurückgeschlagen. pflanztem Bajonett, über die Maschinenpis-
1944 auf wenige Stunden begrenzt ist. Schon In der kurzen Schilderung dieser alliierten tole bis hin zur Handgranate und zum
kurz nach dem Beginn des Sturmangriffs Angriffsgefechte werden viele Aspekte deut- Kampfmesser im Stiefelschaft kommt in blu-
schlägt den Indern massives Abwehrfeuer lich, die im Resultat zu hohen Verlusten auf tigen Nahkämpfen zum Tragen – auf nächst
entgegen. Sie können nur langsam und unter alliierter Seite führen. höherer „Infanterie-Kampfebene“ erweitert
großen Verlusten ihre Offensive fortsetzen. Das relativ enge Gefechtsfeld und das Zu- durch Maschinengewehre und Granatwer-
Die alliierte Feuerunterstützung bleibt jedoch sammenrücken der Fronten in den folgen- fer, subtiler und hinterhältiger ergänzt durch
aus, da man befürchtet, die eigenen Truppen
zu treffen. Tiefflieger oder Bomber der Briten EXTREM LAUT:
und US-Amerikaner können nicht eingreifen, Vor dem Knall und
weil es mittlerweile dunkel ist. der Druckwelle, ehe
Die Angreifer werden von den Verteidi- das Wurfgeschoss
gern im Gelände festgenagelt bis ihnen das Rohr verlässt,
schließlich nach hohen Verlusten nur der wenden sich die alli-
Rückzug bleibt. ierten Soldaten ab.
Foto: Sammlung Jörg-M.
Im Gelände „festgenagelt” Hormann
Am nächsten Tag soll gegen 23.00 Uhr das
Sussex-Bataillon erneut den 593 Meter ho-
hen Monte Calvario angreifen. Die Aktion
kann jedoch erst nach Mitternacht beginnen,
da sich die Maultierkolonne mit dem Hand-
granaten-Nachschub verspätet hat und nur

30
Gefürchtete „Grüne Teufel”

Für für
den Nah-
MG 42 mit „mörderischer“ und Häuser-
Schussfolge. Unübertroffe- kampf auf engem
ne automatische Waffe der Raum entwickelt,
Infanterie. die Maschinenpistole MP 40.

Karabiner 98k
mit Zielfernrohr.
Die Waffe der
Scharfschützen
im Häuser-
kampf.

Ärmelstreifen der in Italien Feldbluse für Soldaten der Sturmge-


1944 eingesetzten Division schützabteilungen der Panzerdivision
Für alle Fälle im Stiefelschaft. Traditioneller Ärmelstreifen der „Hermann Göring“. „Hermann Göring“.
Kampfmesser der Luftwaffe für den Fallschirmjägerelite, oben in der
„lautlosen” Nahkampf Ausführung für Offiziere.
Fotos: Auktionshaus Hermann Historica (11)

den verstärkten Einsatz von Landminen und Ruinenkampfes, den eine Eigenart der Regi- während der Angriffe. Nach empfindlichen
Scharfschützen. on besonders langwierig macht. Große und Verlusten im Infanteriekampf beginnen die
Aus diesem von beiden Kriegsparteien stabile Kellergewölbe, in dieser Gegend Ita- Alliierten mit der systematischen Bombar-
gewählten Waffeneinsatz ergeben sich die liens traditionell üblich beim Häuserbau, dierung des Ortes Cassino und des umlie-
Taktiken des Häuserkampfes oder – im Fal- trotzen den massiven Bombardements und genden Geländes einschließlich des Kloster-
le von Monte Cassino – besser gesagt des bieten den Verteidigern wirksamen Schutz berges. Doch auch damit misslingt das Vor-
haben, die deutschen Verbände zu
vertreiben. Die bei Cassino zahlenmäßig
VW „KÜBEL“ TYP 82 VON 1944 deutlich unterlegenen deutschen Truppen,
in erster Linie Einheiten der 1. Fallschirmjä-
13 12 11 10 9
ger-Division, zeichnen sich durch große
Kampferfahrung aus. Diese bekommen die
Soldaten des British Empire sowie US-Ame-
rikaner, Franzosen und Polen deutlich zu
14 spüren. Viele der „Grünen Teufel“ sind
schon in Holland und auf Kreta gesprungen
und haben in Nordafrika unter Rommels
15 8 Oberbefehl gekämpft. Durch ihren zähen
Widerstand, der bei Monte Cassino lange
Zeit nicht gebrochen werden kann, verzögert
sich der alliierte Vormarsch auf Rom um
7 mehrere Monate.

Verzögerter Vormarsch
Bei der Landung der Alliierten auf Sizilien
16
im Sommer 1943 hieß es unter den amerika-
Foto: Auktionshaus Hermann Historica

nischen und englischen Soldaten: „Weih-


nachten sind wir in Rom!“.
Doch erst am 4. Juni 1944, zwei Tage vor
Beginn der Invasion in der Normandie, errei-
1 2 3 4 5 6
chen die ersten Panzer der US-Truppen die
italienische Hauptstadt – aufgehalten durch
1 Bodenblech 5 Hupe 9 Seitenfenster 13 Tankstutzen die Verteidiger der „Gustav-Linie“, die be-
2 Tarnscheinwerfer 6 Schutzblech 10 Winkergehäuse 14 Reserverad sonders bei Monte Cassino in nerven- und
3 Kurbellenkerachse 7 Karosserie 11 Scheibenhalter 15 Tarnüberzug
4 Spaten 8 Faltverdeck 12 Suchscheinwerfer 16 Abschleppseil kräftezehrenden Nahkämpfen um jeden
Quadratmeter mit dem Gegner rangen.

Clausewitz 6/2013 31
7. Februar 1915: Zwei deutsche Armeen beginnen ihren Zangenangriff auf die russische
10. Armee, die Teile Ostpreußens besetzt hält. Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff
wollen die östlichste Provinz des Deutschen Reiches befreien. Von Lukas Grawe

T rotz bedeutender Erfolge gegen


die Armeen des russischen Zaren-
reichs ist die Lage an der Ostfront
aus deutscher Sicht noch immer kri-
tisch. Während die Oberste Heereslei-
tung den Schwerpunkt der deutschen
Anstrengungen im Westen sieht, set-
zen sich die Befehlshaber im Osten
(Ober-Ost), Hindenburg und Luden-
dorff, für ein Handeln im Osten ein.
Hier soll der „russische Koloss“ end-
lich zu Fall gebracht werden.
Mithilfe abgefangener Funksprü-
che gelingt es dem deutschen Ober-
kommando, die Ziele der russischen
Heeresleitung aufzudecken. Der rus-
sische Kommandeur der Nordwest-
front, Nikolai Russki, will mit der
neu aufgestellten 12. Armee und der
bereits in Ostpreußen stationierten
10. Armee eine neue Offensive gegen
Deutschlands östlichste Provinz er-
öffnen. Dass die deutsche Führung
von dem Vorhaben weiß und dem russischen unter General der Infanterie Thadeus von FESTGEHALTEN: Fotopostkarte mit russi-
Angriff daher zuvorkommen will, ist dem Sievers einzukesseln und zu vernichten und schen Kriegsgefangenen der Winterschlacht
russischen Oberkommando nicht bekannt. somit ein „zweites Tannenberg“ (1914) in die in Masuren. Foto: picture-alliance/akg-images
Sahen die ursprünglichen deutschen Pla- Tat umzusetzen. Dabei sollen die 8. Armee
nungen eine Unterstützung des österrei- unter General der Infanterie Otto von Below Die 10. Armee Eichhorns, bestehend aus
chisch-ungarischen Verbündeten an der Kar- die südliche und die deutsche 10. Armee un- dem XXI. und dem XXXVIII. Armeekorps,
patenfront vor, will Ober-Ost nun auf die ter Generaloberst Hermann von Eichhorn dem XXXIX. Reservekorps und der 1., 10.
neuerliche Bedrohung Ostpreußens durch die nördliche Zange bilden. Nach erfolgrei- und 16. Landwehrdivision, soll ihren Stoß in
russische Truppen reagieren. cher Vernichtung der russischen Truppen südöstlicher Richtung auf Wirballen – Su-
sollen beide Armeen in Richtung Bialystok walki – Augustow durchführen und somit
Deutsche Planung und damit tief in feindliches Gebiet vorsto- die linke Zange bilden. Die rechte Zange, Ot-
Am 28. Januar entwirft Erich Ludendorff, ßen, um dort die Nachschubachsen zu unter- to von Belows 8. Armee, besteht aus dem
der als Chef des Ober-Ost-Generalstabs die brechen. Auf diese Weise sollen sämtliche XXXX. Reservekorps, dem I. Armeekorps
Operationen leitet, den Angriffsplan. Dieser russischen Armeen zum Rückzug gezwun- und der 1. und 10. Landwehrdivision und
soll die russischen Absichten bereits im Keim gen und die österreichisch-ungarische Kar- soll auf Johannisburg – Lyck vorzustoßen,
ersticken. Ziel ist es, die russische 10. Armee patenfront entlastet werden. um sich bei Augustow mit der 10. Armee zu
vereinigen.
FAKTEN Die Kriegsparteien im Überblick Sievers’ Warnungen
Der Plan Ludendorffs ist wohlüberlegt und
Deutsches Reich Russland
derart naheliegend, dass auch Sievers ein
Ziel Befreiung Ostpreußens von russi- Erneuter Einmarsch in Ostpreußen;
schen Truppen; Vorstoß ins Reichsgebiet ähnliches deutsches Vorgehen befürchtet.
anschließender Stoß auf Bialystok Seine Bedenken werden vom russischen
Oberbefehl Paul von Hindenburg Nikolai Russki Hauptquartier jedoch abgeschmettert. Front-
(Oberbefehlshaber Ost), (Oberbefehlshaber der kommandeur Russki ist der Meinung, dass
Erich Ludendorff Nordwestfront)
(Chef des Generalstabs Ober-Ost) die neu aufgestellte 12. Armee einen deut-
Verluste circa 16.000 Gefallene, Verwundete circa 55.000 Tote, Verwundete und schen Vorstoß unwahrscheinlich macht, da
und Vermisste Vermisste; etwa 75.000 Gefangene sie die Flanke der deutschen 8. Armee ge-
(geschätzt) fährdet. Für diesen Fall hat Ludendorff je-
doch bereits vorgesorgt und das XX. Armee-

Clausewitz 6/2013 33
Schlachten der Weltgeschichte | Masuren 1915

korps als Flankenschutz eingeteilt. Der weit-


sichtige Sievers muss sich den Befehlen sei-
KARTE Die Kampfhandlungen in Masuren, Februar 1915
ner Vorgesetzten beugen.

Beginn des Angriffs


Der deutsche Angriff beginnt am 7. Februar
bei eisigen Temperaturen und starken
Schneefällen. Straßen und Eisenbahnen sind
für die vormarschierenden deutschen Trup-
pen kaum noch zu erkennen, spiegelglatte
Eisflächen machen ein schnelles Vordringen
unmöglich. Auch die Nachrichtenverbindun-
gen leiden unter den Witterungsbedingun-
gen. Schon in den ersten Tagen wird den deut-
schen Kommandeuren klar, dass die russische
Führung keine Informationen über den deut-
schen Angriffstermin besitzt. Trotz gelunge-
ner Überraschung kommen die deutschen Ar-
meen jedoch nur langsam voran. Im Süden
gelingt dem XXXX. Reservekorps unter Gene-
ral der Infanterie Karl Litzmann am 8. Febru-
ar der Übergang über den Fluss Pissek und
die Einnahme von Johannisburg. Dabei wer-
den 3.800 Gefangene gemacht.
Der deutsche Angriff im Norden trifft auf
noch geringeren Widerstand, da der 10. Ar-
mee in diesem Abschnitt nur schwächere
Kräfte des Gegners gegenüberstehen. Zu-
dem sind die russischen Verteidigungsstel-
lungen nur dürftig ausgebaut und die Infan-
terie wird von der eigenen Artillerie mangel-
haft unterstützt. Auch hier werden die
wenigen russischen Truppen durch den
deutschen Angriff voll-
kommen überrascht.
Um das Entkom-
men der russischen Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich

Truppen zu vereiteln, ist Geschwindigkeit


Führer der „Zangenarmee“: von höchster Bedeutung. Ober-Ost befiehlt
daher der 10. Armee, bei der das XXI. Armee-
Hermann von Eichhorn korps den linken Umfassungsflügel bildet,
auf eine zu weit ausholende Zangenbewe-
Der 1848 in Breslau geborene Eichhorn nimmt bereits am gung zu verzichten. Ein „taktischer Sieg“ sei
„Bruderkrieg“ von 1866 und am Krieg von 1870/71 teil, ehe
einer „strategischen Umfassung“ vorzuzie-
er nach dem Besuch der Kriegsakademie in den General-
stab eintritt. In den folgenden Jahren durchläuft der ehrgei-
hen. Obwohl die russischen Truppen nur ge-
zige Mustersoldat verschiedene Posten und erweist sich ringen Widerstand leisten, führen auch bei
in allen Aufgabengebieten als hervorragend qualifiziert. der 10. Armee die schlechten Wetterverhält-
1904 wird Eichhorn schließlich Kommandierender Gene- nisse dazu, dass die gesteckten Ziele nicht er-
ral des XVIII. Armeekorps und avanciert 1912 sogar zum reicht werden können. Zu diesem frühen
Generalinspekteur der VII. Armee-Inspektion. 1913 zum Zeitpunkt der Operation ist das Gelingen
Generaloberst befördert, stürzt er 1914 während einer des Angriffs fraglich. Die Soldaten müssen
Truppenbesichtigung vom Pferd und zieht sich schwere daher mit kräftezehrenden Nachtmärschen
Verletzungen zu. Nach seiner Genesung wird Eichhorn die Verzögerungen aufholen.
am 26. Januar 1915 das Kommando über die 10. Ar-
mee übergeben, das er bis zum Frühjahr 1918 aus-
übt. Mittlerweile zum Generalfeldmarschall beför-
Ahnungslose Russen
dert, wird Eichhorn nach dem Friedensschluss von Am 9. Februar ahnt die russische Generalität
Brest-Litowsk Anfang März 1918 zum Heeresgrup- noch immer nichts von der drohenden Ge-
penkommandeur im deutsch besetzten Kiew er- fahr, in der ihre 10. Armee schwebt. Trotz der
nannt. Dort fällt er am 30. Juli 1918 einem Atten- anfänglichen Schwierigkeiten halten die
tat linksgerichteter Revolutionäre zum Opfer. deutschen Armeen an ihrem Vorgehen fest:
Während der deutsche Südflügel die russi-
Foto: picture-alliance/akg-images

34
Der Sturm bricht los

ERSCHÖPFT: Deutsche
Soldaten im Schützengra-
ben nahe der Ortschaft
Darkehmen im
Februar 1915.Foto: ullstein
bild - Haeckel Archiv

HINTERGRUND Ober-Ost
Im Namen des Kaisers, der laut Reichsver- befindet sich das Deutsche Reich eher als
fassung von 1871 als „Oberster Kriegsherr“ gedacht in einem Zweifrontenkrieg. Um die
fungiert, übernimmt der Chef des preußi- Arbeitsbelastung aufzuteilen und die Kom-
schen Generalstabs die Leitung der Opera- mandostruktur zu verbessern, werden die Der Unterlegene:
tionen im beginnenden Weltkrieg. Der mobi- Truppen an der Ostfront am 1. November Thadeus von Sievers
le Teil des Generalstabs, fortan als Oberste 1914 dem neugeschaffenen Oberkomman-
Heeresleitung (OHL) bezeichnet, ist sowohl do des „Oberbefehlshabers Ost“ unterstellt,
Als Sohn eines deutsch-baltischen Aris-
für die Kriegsführung im Osten als auch im der seinerseits nur der OHL (seit Herbst
tokraten im Jahr 1853 geboren, erweist
Westen verantwortlich. Da der deutsche 1914 Chef der OHL: Erich von Falkenhayn)
Kriegsplan, zuerst Frankreich vernichtend zu sich Sievers früh als fähiger Offizier.
verantwortlich ist. Erster Oberbefehlshaber
schlagen, um anschließend alle Kräfte ge- Ost (Ober-Ost) wird der „Held von Tannen- Nach der Ausbildung an der General-
gen Russland einzusetzen, nicht aufgeht, berg“, Paul von Hindenburg. Erich Luden- stabsakademie in Sankt Petersburg
dorff fungiert als sein Stabschef. In der Fol- nimmt er am russisch-türkischen Krieg
gezeit kommt es zwischen Ober-Ost und der von 1877/78 teil. In den folgenden Jah-
OHL immer wieder zu Meinungsverschieden- ren erhält Sievers jedoch nur Posten an
heiten, die ihren Ursprung in verschiedenen den Randgebieten des russischen Za-
strategischen Auffassungen haben. Mit der renreichs, bis er 1900 als Teilnehmer
Ablösung Falkenhayns durch Hindenburg im der Kampagne gegen die chinesische
August 1916 wird die Auseinandersetzung „Boxerbewegung“ auserkoren wird. Da-
zwischen den beiden Instanzen letztlich zu- nach geht seine Karriere steil bergauf:
gunsten des Oberbefehlshabers im Osten 1908 wird er zum Kommandierenden
entschieden. General des XVI. Armeekorps ernannt,
vier Jahre später zum General der Infan-
„HELD VON TANNENBERG“: Paul von Hindenburg terie befördert. Nach Beginn des Ersten
behält mit seinen Truppen auch in der Winter- Weltkriegs feiert Sievers an der südli-
schlacht in Masuren die Oberhand über den russi- chen Front gegen österreichisch-ungari-
schen Gegner. Foto: picture-alliance/Artcolor sche Truppen große Erfolge, die ihm das
Kommando über die 10. Armee einbrin-
und die russischen Truppen zurückzudrän- gen. In dieser Funktion gelingt seinen
Truppen anfangs der erneute Vorstoß
gen. Auf diese Weise laufen die russischen
nach Ostpreußen, doch führt die Nieder-
Nachschublinien Gefahr, abgeschnitten zu
lage seiner Armee in der Winterschlacht
sche Armee beschäftigen soll, soll der Nord- werden. Dies wäre für das Zentrum von Sie- in Masuren zu seiner Versetzung in den
flügel möglichst hohe Raumgewinne erzie- vers’ Armee äußerst verhängnisvoll. Ruhestand. Zu Unrecht macht man ihn
len, um in den Rücken des Gegners zu gelan- Währenddessen häufen sich im Armee- für den katastrophalen Ausgang der
gen. Hier gelingt es den deutschen Truppen oberkommando der deutschen 10. Armee die Schlacht verantwortlich. Noch im Jahr
am 10. Februar, durch den dünnen Kavalle- Nachrichten, dass sich die russischen Solda- 1915 begeht Sievers Selbstmord.
rieschleier der 10. Armee durchzubrechen ten auf einem allgemeinen Rückzug befinden.

Clausewitz 6/2013 35
Schlachten der Weltgeschichte | Masuren 1915

UMJUBELT: Der Oberbefehlshaber Ost Paul von


Hindenburg inmitten seiner siegreichen Truppen
nach der Winterschlacht in Masuren, zeitgenös-
sisches Gemälde. Foto: ullstein bild - Archiv Gerstenberg

Dies muss aus deutscher Sicht unter allen Wirballen einnehmen, fallen ihnen reich ge- im Südabschnitt zu animieren. Völlig falsch
Umständen verhindert werden, soll die russi- füllte russische Nachschubmagazine und 80 schätzt Russki auch die bedrohliche Situati-
sche Armee nicht aus der Umfassung entwei- Feldküchen in die Hände. Zudem macht das on im Norden ein, wo die deutsche 10. Ar-
chen. Eichhorn befiehlt seinen Soldaten daher XXI. Armeekorps 9.000 Gefangene. mee bereits die russischen Nachschublinien
nachdrücklich, weiterhin unerbittlich und zü- gekappt hat. Selbst als am 11. Februar der
gig vorzudringen. Vielerorts kämpfen seine Russkis Fehleinschätzung komplette russische rechte Flügel dem
Männer jedoch nicht mit dem Gegner, son- Die unbestreitbaren Erfolge fallen dennoch Druck des XXI. Armeekorps und des XXXIX.
dern mit der eigenen Erschöpfung. Schnee nicht so hoch aus wie von Ober-Ost erhofft, Reservekorps nachgeben muss und zusam-
und Eis machen das Vordringen beschwer- da viele russische Einheiten, darunter vor al- menbricht, zeigt sich die russische Führung
lich, die hohen Marschdistanzen von bis zu lem die Kavalleriedivisionen, dem deut- noch nicht alarmiert.
35 Kilometern am Tag fordern sämtliche schen Angriff ausweichen können. Vielmehr plant Russki eine Gegenoffensi-
Kraftreserven der Soldaten. Zudem sorgt das Anders als im Norden stößt die 8. Armee ve im Bereich der deutschen 8. Armee, deren
Wetter dafür, dass der Nachschub nicht fol- im Südabschnitt auf energischen russischen Flanke von der russischen 12. Armee atta-
gen kann und die deutschen Truppen auf ih- Widerstand. Frontbefehlshaber Russki er- ckiert werden soll. Obwohl diese noch nicht
re „eisernen Rationen“ zurückgreifen müs- kennt im Vorgehen der 8. Armee fälschli- einsatzbereit ist, verbietet Russki Sievers den
sen. Erst als Eichhorns Truppen die russisch- cherweise den deutschen Hauptstoß und Rückzug, da er die 10. Armee als Flanken-
deutsche Grenze überschreiten und den Ort setzt alles daran, Sievers zur Verteidigung schutz der 12. Armee betrachtet.

GEFALLEN: Russische Soldaten vor einem Drahtverhau in den Wäl- GROßER FUHRPARK: Gespanne der deutschen Armee auf dem
dern Masurens. Die russische Armee erleidet besonders hohe Marktplatz von Augustow, jenseits der ostpreußischen Grenze.
Verluste. Foto: ullstein bild – Haeckel Archiv Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo

36
Unzufriedener Ludendorff

Dass die deutsche 10. Armee während- die 8. und 10. Ar-
dessen die Umfassung des Großverbands mee ihren Griff
von Sievers vorbereitet, ist noch immer nicht um den russischen
zu Russki durchgedrungen. Großverband immer
enger und stoßen auf
Einkesselung misslingt Augustow vor, auch
Auf dem Nordflügel schwenken Eichhorns wenn in den Stäben
Truppen nach Süden ein, um den Gegner im von Ober-Ost Befürch-
Rücken zu fassen. Damit dies gelingt, müs- tungen aufkommen, von
sen die Soldaten des äußeren linken Stoßflü- der russischen 12. Ar-
gels noch immer über sich hinauswachsen mee doch noch gefährdet
und unglaubliche Marschdistanzen bewälti- zu werden. Aber der sich abzeichnende Sieg IN KOLONNE: Deutsche Artilleriegespanne in
gen. Nach dem Winterwetter der letzten Ta- verlangt es, an den Stoßrichtungen der An- Ostpreußen, die Räder der Fuhrwerke sind
ge führt der Einbruch einer Warmwetterpe- griffsspitzen festzuhalten. Allerdings muss auf Kufen montiert. Foto: ullstein bild – Haeckel Archiv
riode zu einsetzender Schneeschmelze. Ludendorff einsehen, dass ein weiteres Aus-
Sämtliche Vormarschstraßen werden durch greifen des Vorstoßes auf Bialystok im An- durchbrechen, was jedoch misslingt. Die
die entstehenden Schlammmassen nahezu schluss der Operation angesichts der Bedro- deutschen Truppen sind mittlerweile geord-
unpassierbar. Die Anforderungen an die An- hung, die von der russischen 12. Armee aus net um den belagerten Wald verteilt und wei-
greifer steigen nochmals an. südlicher Richtung ausgeht, zu riskant ist. sen alle Angriffe der erschöpften und demo-
Am 12. Februar gewinnen die beiden Während dem Nordflügel am 16. Februar die ralisierten russischen Soldaten ab. Auch der
deutschen Armeen Fühlung und schließen Einnahme von Augustow glückt, kommt Be- letzte große Durchbruchsversuch vom 19. Fe-
so das westliche Ende des sich bildenden lows 8. Armee noch immer nur langsam vo- bruar verläuft – ebenso wie ein improvisier-
Kessels. Die russische 10. Armee ist somit ran. Da die Flügelzange der deutschen 10. ter Entlastungsangriff des frisch aus Grodno
halbkreisförmig von deutschen Truppen Armee zudem in hohem Maße überdehnt ist, angekommenen russischen XV. Armeekorps
in den Rücken der deutschen Zange – ohne
Erfolg. Im Kessel kommt es im Augustower
„Der Entscheidung gegen Russland, und auf die Wald zu erbitterten Nahkampfgefechten, die
allerdings noch keine Entscheidung herbei-
kam es mir in meinem innersten Denken und führen. Erst am 21. Februar erzwingen die
Fühlen zunächst an, hatten wir uns aber doch nur deutschen Belagerer das Ende der Schlacht.
um einen Schritt genähert.“ Nach stundenlangem Einsatz der Artillerie
Erich Ludendorff in seinen Memoiren zur Winterschlacht in Masuren. gehen mehrere deutsche Verbände gezielt
vor und nehmen am Abend die restlichen
12.000 völlig entkräfteten Russen gefangen.
umzingelt, die danach streben, den Kreis gelingt es mehreren russischen Verbänden,
nun auch im Osten vollends zu schließen. die deutschen Sperren zu durchbrechen und Befreiung Ostpreußens
Geschwindigkeit ist dabei immer noch das dem Kessel zu entfliehen. Der deutsche Erfolg in der Winterschlacht in
höchste Gebot. Der Kommandierende Gene- Masuren beendet die russische Besetzung
ral des XXI. Armeekorps, Fritz von Below, Der Kessel schließt sich Ostpreußens im Ersten Weltkrieg und führt
lässt am selben Tag seinen Truppen befehlen: Diese für die deutschen Truppen verhäng- zu hohen russischen Verlusten. Gemessen an
„Marschschwache sind zurückzulassen und nisvolle Wendung kann jedoch durch eilig den enormen Erwartungen Ludendorffs
die Munitionsfahrzeuge gründlich zu er- herangeführte Truppen einigermaßen korri- kann der Ausgang der Schlacht jedoch nicht
leichtern. Von den berittenen Waffen erwar- giert werden, auch wenn nun nicht mehr die als großer Erfolg gewertet werden. Zum ei-
te ich, dass sie die Mittel finden, den Marsch gesamte russische 10. Armee vernichtet nen misslingt die völlige Vernichtung der
entweichender feindlicher Kolonnen auf wird. russischen 10. Armee, zum anderen muss
weite Entfernungen zu stören.“ Nach dem erfolgreichen Ausbruch befin- das Vorhaben eines weiteren deutschen Aus-
Da die 10. Armee bereits mit weiten Teilen den sich am 17. Februar noch vier russische greifens nach Osten vorerst aufgegeben wer-
im Rücken des Gegners ist, zeichnet sich Divisionen im Kessel, der nunmehr vollkom- den. Ludendorffs rückblickende Bilanz lässt
frühzeitig ein großer deutscher Sieg ab. Bis men geschlossen ist. Die verbliebenen russi- daher Enttäuschung erkennen: „Die Hoff-
zuletzt bleibt jedoch das Ausmaß dieses Er- schen Soldaten ziehen sich in den Augusto- nungen, die ich auf eine unmittelbare strate-
folges ungewiss, da bislang nur eine deut- wer Wald zurück und versuchen in den fol- gische Ausnutzung der Winterschlacht ge-
sche Zange geschlossen ist und die russi- genden Tagen, eine der deutschen Zangen zu hegt hatte, musste ich beiseite legen. Taktisch
schen Truppen noch immer über Augustow war sie geglückt, das erfüllte mich mit Ge-
in südöstlicher Richtung entkommen kön- nugtuung. […] Der Entscheidung gegen
nen. Endlich erkennt das russische Haupt- Literaturtipps Russland, und auf die kam es mir in meinem
quartier am 14. Februar die große Gefahr Reichsarchiv (Hrsg.): Der Weltkrieg 1914 bis innersten Denken und Fühlen zunächst an,
und lässt Sievers sofort den Befehl zum all- 1918. Band 7: Die Operationen des Jahres hatten wir uns aber doch nur um einen
gemeinen Rückzug geben. Sehr spät, aber 1915. Die Ereignisse im Winter und im Frühjahr, Schritt genähert.“
noch nicht zu spät beginnen die russischen Berlin 1931, S. 172–242.
Verbände in großer Hektik und Unordnung, Norman Stone: The Eastern Front 1914–1917, Lukas Grawe, M.A., Jahrgang 1985, Historiker aus
sich den Umfassungsbewegungen der deut- London 1975. Münster.
schen Armeen zu entziehen. Derweil ziehen

Clausewitz 6/2013 37
Schlachten der Weltgeschichte

Die Varusschlacht

„Varus, gib mir meine

SCHWERER SCHLAG:
In Germanien liegen
Römische Truppen Tausende von Rö-
Befehlshaber: Publius mern, unter ihnen der
Quinctilius Varus Oberbefehlshaber Va-
Truppenstärke: zwischen rus samt seinen Offi-
20.000 und 25.000 Mann zieren, tot auf dem
Verluste: mindestens 20.000 Schlachtfeld. Der Ort
Germanische Truppen der Niederlage sollte
als „Teutoburger
Befehlshaber: Der Cheruskerfürst Arminius Wald“ bekannt wer-
Truppenstärke: unbekannt, Schätzungen reichen
den. Gemälde von Ot-
von 17.000 bis 40.000 Mann
Verluste: unbekannt to Albert Koch, 1909.
Abb.: IAM/akg

38
Legionen zurück!“
9. n. Chr.: Als diese berühmten, von Kaiser Augustus in tiefs-
ter Verzweiflung ausgerufenen, Worte durch dessen Palast
hallen, hatte Rom gerade die größte militärische Katastrophe
seit den Punischen Kriegen erlebt. Von Otto Schertler

M itten im Teutoburger Wald: In Felle


gehüllte und gehörnte Helme tragen-
de, wilde Germanen stürzen sich in
heiligem Zorn auf die vor Schreck erstarrten
römischen Soldaten und machen diese gna-
naissance erwacht. Generationen von
Gelehrten und „Hobby–Histori-
kern“ versuchen seitdem, den
genauen Ort des Schlachtfel-
des ausfindig zu machen.
denlos nieder. Dieses Bild ist in zahlreichen Doch erst mit den seit
Darstellungen, vor allem des 19. Jahrhun- 1987 gemachten
derts, verbreitet worden und hat den Blick Entdeckungen
auf diese Schlacht von welthistorischer Be- scheint das Schlacht-
deutung bis in die jüngste Vergangenheit ge- feld nördlich des Wiehengebirges
prägt. Das historische Interesse an der bei der Fundregion Kalkriese (na-
Schlacht im Teutoburger Wald und dem ger- he Osnabrück) lokalisierbar zu
manischen Heerführer Arminius ist in sein. Daher wird die Bezeich-
Deutschland jedoch bereits während der Re- nung „Schlacht im Teutobur-
ger Wald“ heute durch den Be-
griff „Varusschlacht“ ersetzt.
Nicht zuletzt auch deshalb,
weil der heutige Teutobur-
ger Wald erst im frühen
17. Jahrhundert auf-
grund der antiken
Bezeichnung (saltus
Teutoburgiensis) eben
diesen Namen erhielt. Auch
die deutsche Bezeichnung des GUERILLAKRIEG IN GERMANIEN: Ausge-
Arminius als „Hermann“ geht rüstet mit Holzschild, Helm, Lanze und
auf „Eindeutschungsversu- Schwert überrumpelten Krieger wie dieser
che“ des 16. Jahrhunderts die römische Militärmaschine mit einer „Hit-
zurück, die aber jeder lin- and-Run“-Taktik. Zeichnung: Johnny Shumate
guistischen Grundlage ent-
behren. Die heutige Na- mensgebung als „Varusschlacht“ ist zwar un-
gewöhnlich, da man Schlachten eigentlich
eher nach dem Sieger benennt, doch sie setzt
RÖMISCHES DEBAKEL: sich im Allgemeinen durch.
Der vermeintlich besten
Armee der damaligen Roms Blick nach Germanien
Zeit wurde eine Die Vorgeschichte der Varusschlacht reicht
katastrophale Niederla- bis in die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts
ge beigebracht – v. Chr. zurück. Bereits Julius Cäsar stößt im
von Barbaren! Am Ende Verlauf seines Feldzuges in Gallien in den
bleiben 20.000 Jahren 55 und 53 v. Chr. zweimal über den
Legionäre auf dem Rhein vor, um die rechts des Rheins leben-
Schlachtfeld zu- den germanischen Stämme davon abzuhal-
rück… ten, weiter nach Gallien einzudringen. Nach
Zeichnung: Johnny Shumate der Eroberung Galliens durch die Römer

Clausewitz 6/2013 39
Schlachten der Weltgeschichte | Varusschalcht

bildet zunächst der Rhein die Grenze zu den


Germanen, die jedoch immer wieder dort- Arminius
hin Beutezüge unternehmen. Ein im Jahr Der „Befreier Germaniens“
16 v. Chr. unternommener Überfall der ger-
manischen Sugambrer auf römisches Gebiet, Arminius entstammt dem Volk der Cherus-
bei dem eine römische Legion aufgerieben ker und wird um 18 v. Chr. als Sohn des
wird, macht die Notwendigkeit einer star- Fürsten Segimer geboren. Bereits 8 v.
ken Grenzsicherung deutlich. Es werden Chr. kommt er nach Rom, wo er eine mili-
Feldzüge unternommen und Militärlager er- tärische Ausbildung erhält. Im Rang eines
richtet. Obwohl sich die Germanen darauf- Militärtribuns nimmt er in den Jahren
4–6 n. Chr. an den Feldzügen des Tiberius
hin teilweise unterwerfen oder Bündnisver-
im freien Germanien teil. Arminius besitzt
träge mit Rom schließen, schätzen die Rö- das römische Bürgerrecht sowie die Rit-
mer die Situation anscheinend völlig falsch terwürde. Nach seinem Sieg gegen Varus
ein: Germanien wird als „fast steuerpflichti- kämpft er zunächst gegen seinen rom-
ge Provinz“ bezeichnet. Um die Zeitenwen- freundlichen Schwiegervater Segestes
de gilt das gesamte Gebiet zwischen Rhein und den diesen unterstützenden Germani-
und Elbe als befriedet und bereit dafür, als cus. Dabei verliert er seine Frau Thusnel-
römische Provinz in das Reich eingegliedert da, die Germanicus in seinem Triumphzug
zu werden. Die Verhältnisse in Germanien durch Rom führt. Militärisch kann Armini-
stellen sich jedoch wesentlich anders dar als us nicht mehr an seinen großen Erfolg an-
knüpfen, und 17 n. Chr. wendet er sich
zur Zeit der römischen Eroberung in Gallien.
gegen den mit Rom verbündeten Marko-
In Germanien gibt es keine städtisch gepräg- mannenkönig Marbod. Innerhalb seiner
ten Stammeszentren mit einem über das gan- Gefolgschaft wächst das Misstrauen ge-
ze Land gespannten Netz wirtschaftlicher gen den angeblich die Alleinherrschaft an-
Verflechtungen, die erobert und kontrolliert strebenden Arminius. Zwischen 19 und
werden können. Stattdessen ist das teilweise 21 n. Chr. wird er von seinen Verwandten
schwer zugängliche Land in zahlreiche ver- ermordet.
feindete Stämme aufgeteilt, deren Bevölke-
rung verstreut in einfachen Dörfern und
Weilern lebt. Diese mögen sich zwar für den STRAHLENDER SIEGER: Arminius – auch
Augenblick nach einer Niederlage gegen rö- als „Hermann der Cherusker“ bekannt –
mische Truppen ruhig verhalten – doch nur trampelt die Legionen Roms auf diesem
um nach deren Abzug sofort wieder eine verklärenden Holzstich des 19. Jahrhun-
feindliche Haltung einzunehmen. derts mit seinem Schimmel nieder.
Abb.: picture-alliance/akg-images
Der Aufstand beginnt
Im Jahr 7 n. Chr. übernimmt Publius Quincti- stand zu formieren. Dessen treibende Kraft Linie hinsichtlich der Beziehungen zu Rom.
lius Varus den Oberbefehl in Germanien. Er ist Arminius, ein Fürst der im Wesergebiet le- Es gibt auch einige Fürsten, die sich dem ge-
macht sich daran, das Land in eine römische benden Cherusker. Arminius hat gute Bezie- planten Aufstand nicht anschließen wollen.
Provinz umzuwandeln und Steuern einzu- hungen zu Rom, war in römischen Militär- Zu den rebellierenden Cheruskern gesellen
treiben. Dies – zusammen mit der Einfüh- diensten und ist Träger der Ritterwürde. So- sich benachbarte Stämme, darunter die Mar-
rung römischer Gesetze – schürt die Angst mit kennt er die römische Strategie und ser, Brukterer und wohl auch die Chatten so-
der germanischen Oberschicht, ihre Macht- Taktik und auch deren Schwächen. Bei den wie weitere Stämme. Die Erhebung ist gut
stellung zu verlieren. Es beginnt, sich Wider- germanischen Führern herrscht keine klare geplant: Im Herbst des Jahres 9 n. Chr. befin-
det sich Varus im Inneren Germaniens und
ist im Begriff in Richtung Westen zu mar-
FAKTEN Germanien und das Römische Weltreich schieren, um ein festes Winterlager am Rhein
zu beziehen. Während er sich mit drei Legio-
Die von Rom kurz vor der Zeitenwende vom lich zu erkennen. Für Germanien bleiben die
römischen Gallien und den Alpen her unter- römischen „Rachefeldzüge“ folgenlos, und nen (XVII., XVIII. und XIX.), drei Alen (Rei-
nommenen Feldzüge nach Germanien hatten bis auf das sogenannte Dekumatland östlich tereinheiten), sechs Kohorten Auxiliarinfan-
eine Eingliederung Germaniens (zumindest des Oberrheins wird Germanien niemals rö- terie und einem großen Tross – zusammen
bis zur Elbe) in das Römische Reich zum mische Provinz. Obwohl die welthistorische etwa 25.000 Mann – aufmacht, wird ihm ei-
Ziel. Die nach der Vernichtung des Varus und Bedeutung der Varusschlacht heute ver- ne fingierte Nachricht über einen gerade
seiner Legionen nach Germanien unternom- schiedentlich angezweifelt wird, gilt es doch, stattfindenden Aufstand zugespielt. Er tappt
menen Feldzüge sind allerdings nur noch be- Folgendes zu bedenken: Bei einer dauerhaf- im Vertrauen auf das Wort des Arminius in
grenzte Operationen. Sie dienen hauptsäch- ten Besetzung Germaniens durch die Römer dessen Falle, als er den Befehl gibt, den ver-
lich dazu, das schwer angeschlagene Presti- hätte die damit verbundene Gründung von meintlichen Aufstand niederzuschlagen.
ge des Reiches wiederherzustellen. Heute Städten – zusammen mit dem kulturellen
würde man angesichts dieser Ausgangslage Einfluss – nicht zu unterschätzende Auswir-
von „asymmetrischer Kriegführung“ spre- kungen auf die germanischen Völker gehabt.
Die römische Militärmaschine
chen, und in der Tat sind die Parallelen zu Die Geschichte Deutschlands wäre mit Si- Die in Germanien stehende römische Streit-
den heutigen Kämpfen in Afghanistan deut- cherheit anders verlaufen. macht ist Teil der am höchsten entwickelten
Militärmaschinerie Europas – mit Ausnah-

40
Varus marschiert in den Untergang

me Chinas vielleicht der gesamten damali-


gen Welt. Sie ist in offener Feldschlacht prak-
KARTE Möglicher Ort der Varusschlacht 9 n. Chr.
tisch nicht zu schlagen. Jeder Mann ist mit
Kettenhemd (oder möglicherweise bereits
mit Schienenpanzer), Helm und großem,
rechteckigem Schild geschützt. Die Bewaff-
nung bildet das schwere Pilum (Wurfspeer),
das, auf kurze Entfernung im „Massenbe-
schuss“ geworfen, die ersten feindlichen
Schlachtreihen buchstäblich „niedermäht“.
Für den Nahkampf ist der Legionär mit dem
Gladius (Kurzschwert) ausgerüstet, dessen
Klinge schwerste Verwundungen verur-
sacht. Zusätzlich trägt jeder Mann einen
Dolch (pugio) mit breiter Stahlklinge.

Gedrillt und hochgerüstet


Die gut ausgebildeten und kriegserfahrenen
Legionäre kämpfen in enger Formation und
bilden als schwere Infanterie den Kern jeder
römischen Schlachtaufstellung. Den Legio-
nen sind Kohorten (je etwa 500 Mann) aus
sogenannten Auxiliaren (Hilfstruppen) zur
Seite gestellt, die als mittelschwere oder
„leichte“ Infanterie kämpfen. Sie sind mit
flachen ovalen Schilden, Kettenhemd, Helm,
kurzer Lanze und Gladius bewaffnet. Wäh-
rend der Kaiserzeit ist der Besitz des römi-
schen Bürgerrechts Voraussetzung für den
Dienst in der Legion. Die Auxiliare rekrutie-
ren sich hingegen aus den Bewohnern der
Provinzen. Die Kavallerie wird ebenfalls zu
den Hilfstruppen gerechnet. Sie ist in als
Alen (Ala = Flügel) bezeichnete Einheiten zu
500 oder 1.000 Mann gegliedert und den Le-
Gestaltung: KGS Kartographie und Grafik Schlaich
gionen als Kavallerieunterstützung zuge-
ordnet. Die Kavalleristen sind ähnlich wie
die Infanterie-Auxiliare bewaffnet – nur die wegt sich direkt in den Hinterhalt. Das Wet- ZUFLUCHT IM TOD: Der erfolglose
Helme sind dem gehobenen Status entspre- ter war schlecht, und das auf eine Länge von Feldherr Varus erdolcht sich auf dieser
chend von aufwendigerer Form, und sie ver- etwa 20 Kilometern ausgedehnte Heer mit Radierung (1810) mitten auf dem
fügen über lange Schwerter (spatha), die sich dem großen Tross kommt nur langsam vo- Schlachtfeld. Im Hintergrund werden –
von den keltischen Langschwertern ableiten. ran. Vermutlich übertreiben die antiken vor imposanter Bergkulisse – seine
Varus verlässt aus den obengenannten Quellen aber mit ihrer Beschreibung der Un- Truppen von den Germanen niederge-
Gründen den ihm bekannten Weg und be- wegsamkeit des Geländes. Die damalige metzelt. Abb.: picture-alliance/akg-images

Publius Quinctilius Varus


Der Sündenbock

Der um 46 v. Chr. geborene römische Feldherr Publius Quinctilius Varus


hat, als er 7 n. Chr. die Statthalterschaft über Germanien antritt, bereits ei-
ne beachtliche Karriere hinter sich. 13 v. Chr. hat er den Rang eines Konsuls
inne, 7 v. Chr. wird er Prokonsul der Provinz Africa und zwischen 6 und 4 v. Chr.
übernimmt er das Amt des Statthalters der Provinz Syria. Bei den römischen
Historikern ist Varus offensichtlich nicht sonderlich beliebt. Bereits für sei-
ne Amtszeit in Syrien wirft man ihm schamlose Ausbeutung des Landes
vor, und der Aufstand in Germanien wird auf sein unkluges Verhalten
zurückgeführt. Ob er allein für die militärische Niederlage verant-
wortlich zu machen ist, lässt sich heute nicht mehr feststellen.
Kaiser Augustus scheint jedenfalls anderer Ansicht gewesen zu
sein, da er, nachdem das abgeschlagene Haupt des Varus nach
Rom gelangte, dessen ehrenvolle Bestattung anordnete.

Clausewitz 6/2013 41
Schlachten der Weltgeschichte | Varusschalcht

Geschichtsschreibung bedient sich nämlich


gerne der in zahlreichen Werken wiederhol-
ten literarischen Gemeinplätze, wie beispiel-
weise die Hinweise auf unwirtliches Gebiet
oder Unwetter, um die Dramatik des Ge-
schehens noch anschaulicher zu machen.
Neuere Forschungen zeigen jedenfalls, dass
die Umgebung des Schlachtfeldes nicht
überall aus undurchdringlichem Urwald be-
stand. Teilweise handelte es sich wohl auch
um urbar gemachtes, dünn besiedeltes Land
mit offenen Lichtungen zwischen den Wald-
gebieten. Sicher scheint jedoch, dass sich
während des schwierigen Marsches Tross
und kämpfende Einheiten miteinander ver-
mischen, und die Systematik der ansonsten
streng vorgegebenen Marschordnung gelo-
ckert wird. Dann schlägt die Stunde der Ger-
manen, die sich nadelstichartig an verschie-
denen Stellen auf den Heereszug stür-
zen. Die weitgehend aufgelösten
römischen Truppen werden in
Kämpfe verwickelt, dann ziehen sich
die Angreifer schnell wieder zurück.
Varus lässt den Tross verbrennen,
um schneller voranzukommen, doch
es nützt nichts. Die pausenlosen An-
griffe der germanischen Krieger set-
zen den ermüdeten Legionären im- VERZWEIFELTE LAGE: Zwischen Wald und
mer mehr zu. Die Germanen können Sumpf gedrängt, bleibt den römischen Legio- tik besteht in der Aufstellung dicht gedräng-
ihre Krieger beliebig an bestimm- nen kein Platz zum Manövrieren und einer ter Infanterieformationen, die in der antiken
ten Punkten sammeln, durch ihre ihnen gewohnten Kriegführung. Holzstich Literatur als „Keil“ bezeichnet werden, bei
punktuell zahlenmäßige Überle- von 1855. Abb.: picture-alliance/akg-images denen es sich aber um rechteckige Anord-
genheit die Legionäre einkreisen, nungen handelt. Letztere Kampftaktik wäre
niederringen und sobald sich stärke- jedoch eher im Rahmen einer regulären
rer Widerstand formiert, schnell wie- Schlacht zum Einsatz gekommen. Im Fall der
der verschwinden. Die schwere Pan- Varusschlacht wird vielmehr die „Schlag zu
zerung der Legionäre verwandelt sich GIGANTISCH: Bei Det- und renn weg“-Taktik nach Art der leichten
bei dieser Gefechtsart in einen Nachteil. mold ragt das wuchtige Infanterie zum Einsatz gekommen sein.
Hermannsdenkmal in den
Die Taktik der Germanen Himmel. 1875 einge- Dramatischer Kampf um den Wall
Die Germanen hingegen sind mit ihrer weiht, schloss das In einer offenen Feldschlacht wären die Ger-
leichten Ausrüstung unter Ausnutzung Bauwerk für die Zeit- manen mit ihrer leichten Ausrüstung stark
des Geländes gegen den unorganisierten genossen den ge- benachteiligt gewesen. Doch für die punktu-
Feind im Vorteil. Der durchschnittliche schichtlichen Kreis: ell durchgeführten Angriffe auf eine weit
germanische Krieger ist nur durch einen Das Schwert ist auseinandergezogene Marschkolonne sind
Holzschild geschützt. Kettenhemden diesmal gegen sie perfekt geeignet. Vier Tage und drei
oder Helme sind selten und bleiben den romanischen Nächte sehen sich die Legionäre den Angrif-
meist wohlhabenden Kriegern vorbe- Feind im Westen fen ausgesetzt. In den ersten beiden Nächte
halten. Als Waffen führen sie eine Lan- gerichtet – Frank- können die Römer sogar noch ein mit Feld-
ze, gelegentlich ergänzt durch eine reich. befestigungen umgebenes Lager errichten,
leichte Streitaxt oder ein Schwert. Foto: picture dann beginnt sich das erschöpfte und dezi-
Leichte Wurfspeere dienen dem Fern- alliance/chromorange mierte Heer aufzulösen. Besonders interes-
kampf, der Einsatz von Bogen ist zwar für sant im Hinblick auf die Ereignisse der
diesen Zeitrahmen nicht belegt, könnte Schlacht ist eine neu entdeckte, sich nördlich
vereinzelt aber vorgekommen sein. Im des Kalkrieser Berges befindliche, in Ost-
Rahmen der damaligen germanischen West-Richtung parallel zum Marschweg der
Kampftaktik findet der Einsatz von Reitern römischen Truppen verlaufende 400 Meter
und Fußkriegern nicht getrennt, sondern zu- lange Wallanlage. Bei dieser handelt es sich
sammen statt. Dabei ist jedem Reiter ein Fuß- um eine wahrscheinlich kurz vor der
krieger zur Seite gestellt, sodass diese Schlacht errichtete, germanische Feldbefes-
paarweise kämpfen. Eine andere Tak- tigung aus Sand und Grassoden von etwa

42
Drei Legionen – völlig vernichtet! Roland Sennewald

DAS KURSÄCHSISCHE HEER


IM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEG

vier Metern Breite und zwei Metern Höhe, anlage abspielenden Kämpfe kurz vor der
die von einer Brustwehr aus Holz bekrönt endgültigen Vernichtung des römischen
war. Der Wall war von mehreren, durch Holz- Heeres ereignen. Der verzweifelte Varus
tore gesicherten Zugängen unterbrochen und stürzt sich angesichts der Katastrophe in sein
verlief nicht gerade, sondern in einer Wellen- Schwert – diesem Beispiel folgen auch seine
linie. So fanden mehr Kämpfer auf und hin- hohen Offiziere. Andere fallen im Kampf,
ter dem Wall Platz, und jeder gegen eine Ein- während der Legat Numonius Vala versucht,
buchtung geführte Angriff konnte von drei mit der Kavallerie durchzubrechen und zu
Seiten aus abgewehrt werden. Zusätzlich wa- fliehen. Doch „...das Schicksal rächte seine
ren die Enden des Walls durch einen Graben Schandtat: Er überlebte seine Kameraden
und natürliche Hindernisse gesichert, sodass nicht, von denen er desertiert war, sondern Roland Sennewald

eine Umgehung nicht möglich war. fand (...) den Tod.“ DIE KURSÄCHSISCHEN FELDZEICHEN
IM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEG
Die Germanen gehen bei der Anlage ihrer Einigen Angehörigen des Heeres gelingt
Feldbefestigung sehr geschickt vor, da sie es dennoch, sich durchzukämpfen und das
sich an der engsten Stelle zwischen dem Berg Geschehene zu berichten. Die Zahl der Über-
und dem nördlich davon gelegenen Moor lebenden ist jedoch gering, das gesamte Heer
befindet. Das daran zwangsläufig vorbeizie- ist praktisch ausgelöscht. Den Germanen fal-
hende Heer wird auf dem ohnehin engen len drei Legionsadler sowie die gesamte
Weg dadurch noch weiter zusammenge- Ausrüstung der gefallenen Römer in die
drängt und kann sich weder formieren noch Hände. Das ganze Schlachtfeld wird von den
ausweichen. Die archäologischen Ausgra- siegestrunkenen Germanen tagelang ge-
bungen lassen Rückschlüsse auf die drama- plündert. Dieser schwere Schlag bedeutet
tischen Ereignisse zu, die sich am Wall abge- das Ende der römischen Ambitionen rechts
spielt haben: Die germanischen Krieger stür- des Rheins. Erst 14 n. Chr. beginnen die von Roland Sennewald
men auf die weit auseinandergezogen dem Feldherrn Germanicus geführten Feld-
marschierenden Legionäre zu, während die- züge nach Germanien. In deren Verlauf sto- Band 1:
se sich unter dem Befehl ihrer Zenturionen ßen die Römer auch auf den Schauplatz der DAS KURSÄCHSISCHE HEER
IM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEG
Über 200 Abb., 688 Seiten, Format 32x24cm
„Nichts war grausamer als dieses Gemetzel in
r
Sümpfen und Wäldern, nichts war unerträgliche Band 2
als der Hohn der Barbaren, besonders aber gege
n DIE KURSÄCHSISCHEN FELDZEICHEN
die Gerichtsherren. Den einen stac hen sie die IM DREISSIGJÄHRIGEN KRIEG

Augen aus, anderen hieben sie die Hände ab; Über 400 Abb., 192 Seiten, Format 32x24cm

einem wurde der Mund zugenäht, zuvor aber die Beide Bände gebunden, im Schuber:
Zunge herausgeschnitten. Diese hielt einer der
149.95 €
Barbaren in der Hand und rief: „Du Viper, endlich (Dieses Angebot gilt bis zum 31.12.2013,
hast du aufgehört zu zischen.“ danach kosten beide Bände zusammen 159.90 €)
iker
Lucius Annaeus Florus, römischer Autor und Histor Nr. 502/122

so gut als möglich formieren, um die feindli- Katastrophe des Jahres 9 n. Chr.: „Mitten in Zu bestellen bei:
chen Angriffe abzuwehren. Verzweifelt ver- dem freien Feld lagen die bleichenden Ge- "ERLINER:INNlGUREN

suchen die Legionäre gegen den Wall anzu- beine zerstreut oder in Haufen (... ). In den Knesebeckstr. 88, 10623 Berlin
stürmen. „Pioniere“ arbeiten daran, unter benachbarten Hainen standen die Altäre der Telefon: 030/315700 0
dem Schutz der Schilde ihrer Kameraden, Barbaren, an denen sie die Tribune und die
die Toranlagen zu zertrümmern, den Wall hochrangigen Centurionen abgeschlachtet %MAILINFO
 ZINNlGURCOM
und die Brustwehr einzureißen, während sie hatten...“. Die Römer bestatten die Überres-
dabei pausenlos von den germanischen Krie- te ihrer gefallenen Kameraden, errichten ei-
Weitere Infos unter:
gern angegriffen werden. Diese Anstrengun- nen Grabhügel und können sogar den Adler
gen erweisen sich teilweise als erfolgreich, der XIX. Legion zurückgewinnen. Dennoch
WWWZINNlGURCOM
da einigen Legionären der Einbruch in den führt der bis 17 n. Chr. dauernde Krieg –
Wall gelungen zu sein scheint. trotz einiger römischer Siege – nicht zur Un-
terwerfung Germaniens.
Das Ende
Trotzdem werden sie schließlich von der
Otto Schertler, Jg. 1962, studierte an der Universität
Übermacht zurückgeworfen und vernichtet. München und arbeitet als Autor und Übersetzer.
Es ist gut möglich, dass sich die an der Wall-

Clausewitz 6/2013
NEUE SERIE
Militärtechnik im Detail

Die letzten großen Stunden des Doppeldeckers


Großbritanniens Fairey Swordfish
O bwohl ein Zeitgenosse der Spitfire, war
der Torpedobomber der britischen Mari-
neluftstreitkräfte bereits veraltet, als diese
Zwanzig Swordfish verwüsteten bei ei-
nem Angriff in der Nacht vom 11. zum 12.
November 1940 den italienischen Flotten-
Für Feinde, die ein topaktuelles Flugzeug
erwarteten und sich auf ein solches einge-
stellt hatten, konnte die Swordfish eine töd-
im Herbst 1938 ihren Dienst antrat. stützpunkt Tarent. Dabei versenkten sie drei liche Überraschung bedeuten. So geschehen
Dennoch versenkte das robuste Flugzeug Schlachtschiffe sowie zwei Unterstützungs- bei der Versenkung der Bismarck im Mai
eine größere Schiffstonnage als jeder andere schiffe und beschädigten zwei Zerstörer. Die 1941. Denn dort waren die deutschen Flak-
Torpedobomber im Krieg. Dabei überlebte er Briten verloren bei diesem Angriff lediglich kanoniere schlecht auf langsam und tief an-
ganz nebenbei noch die für ihn bestimmten zwei Maschinen im Hagel von 13.000 fliegende Flugzeuge vorbereitet. Schließlich
Nachfolgemuster. Luftabwehrgeschossen. gelang es einer Swordfish, die Ruderanlage
des deutschen Giganten zu beschädigen.

Illustration: Jim Laurier

Der obere Backbordflügel beherbergte in


einem dort befindlichen Ablagefach ein sich
selbst aufblasendes Rettungsboot, das sich im
Falle einer Notlandung automatisch entfaltete.

690-PS-Bristol-Pegasus-Motor

Trotz der Bespannung von Rumpf und Flügeln mit Feststehendes Fahrwerk
Leinwand erwies sich die Swordfish als erstaunlich robust. So
kam eines der Flugzeuge, die die Bismarck angegriffen hatten,
von über 100 Flaktreffern förmlich durchlöchert zurück zu
seinem Träger.

„Stringbag“ („Einkaufsnetz“) wurde die Swordfish von den


Soldaten spöttisch genannt, womit sie ihre eigentümliche
Erscheinung meinten. Doch dieser Spitzname war in Wirk-
lichkeit als Kompliment für die Flexibilität hinsichtlich der
zu tragenden Lasten zu verstehen. Die Besatzungen drück-
ten damit ihre Wertschätzung dafür aus, dass die Sword-
fish wie ein dehnbarer Einkaufsbeutel eine große Bandbrei-
te unförmiger Ausrüstungen aufnehmen konnte. Auch ließ
sich der Torpedobomber an Deck der Träger gut handha-
ben. So konnte er sogar starten, ohne dass der Flugzeug-
träger erst in den Wind drehen musste. Ebenso machte die
Swordfish bei rauer See eine gute Figur.

44
In dem offenen Cockpit
war die Besatzung so-
wohl der Witterung als
auch Schrapnellsplittern
und Flakfeuer schutzlos
ausgeliefert. In erster Li-
nie fand die Kommunika-
tion mittels Sprachrohren
und zwischen Flugzeugen
der Staffel mit Hilfe von
Lampen statt.

Die gängige Angriffsdoktrin forderte, dass die Swordfish ih-


ren Torpedo gut 900 Meter vor dem Ziel abwarf. Ihre langsa-
me Annäherungsgeschwindigkeit von rund 160 Kilometern
pro Stunde gab Feindschiffen somit zuvor bis zu zwei Minu-
ten Zeit, den angreifenden Torpedobomber abzuschießen.

Maschinengewehr
Kaliber .303
(7,7 Millimeter)

2Q/K8376
Die Markierung der Swordfish Mk1
der Staffel 825, von der man an-
nimmt, dass sie den entscheidenden
Treffer an der Bismarck erzielte.

18-Zoll-Torpedo Mark-XII (45,7 Zentimeter)


Dieser Torpedo war in der Lage, ein 10.000-Tonnen-
Schiff innerhalb von Minuten zu versenken.

DIE KONKURRENTEN:
Die amerikanische Die japanische
Douglas TBD-1 Nakajima
Devastator B5N2
Höchstgeschwindigkeit rund 320 km/h Höchstgeschwindigkeit rund 370 km/h
Obwohl in der Schlacht in der Korallensee erfolg- Die Nakajima verursachte bei Pearl Harbor
reich eingesetzt, wurden die bei Midway erhebliche Schäden und war darüber hinaus an
kämpfenden Verbände, die dieses langsame und der Versenkung der Träger Lexington, Yorktown
plumpe Flugzeugmuster flogen, nahezu und Hornet beteiligt. Die B5N2 war aber ohne In dieser Serie bereits erschienen:
aufgerieben. Jagdschutz der Zerojäger sehr verwundbar. Kampfpanzer Sherman M4 (2/2013)
Flugzeugträger Independent-Klasse (3/2013)
Deutsches Schnellboot Typ S-100 (3/2013)
Die italienische Die deutsche Maschinengewehr (MG)42 (4/2013)
Savoia Marchetti Heinkel He111-H Amerikanische Haubitze M2A1 (5/2013)
SM-79 Höchstgeschwindigkeit Demnächst:
Höchstgeschwindigkeit rund 440 km/h Japanisches Jagdflugzeug A6M (1/2014)
rund 460 km/h Ein effektiver Angreifer von Handelsschiffen auf
Die SM-79 versenkte zahlreiche Kriegs- und den Konvoirouten des Atlantiks und der Arktis. CLAUSEWITZ dankt dem „World War II magazine“ sowie der
Handelsschiffe der Maltakonvois. Das geschah Weider History Group für die Zurverfügungstellung der Grafiken.
aber meist unter erheblichen eigenen Verlusten. Mehr Informationen unter www.HistoryNet.com.

Clausewitz 6/2013 45
Das historische Dokument

„Schießbefehl“ gegen die Herero 1904

Trothas grausamer Erlass


Januar 1904: In Berlin treffen alarmierende Nachrichten aus Deutsch-Südwestafrika ein.
Die Herero erheben sich gegen die Kolonialherrschaft. 123 Siedler finden den Tod. Ein
Expeditionskorps unter General von Trotha soll den Aufstand beenden. Von Joachim Schröder

DOKUMENT Aufruf an das

A ufgrund der andauernden Unruhen


schickt Berlin im Mai ein mehrere
Tausend Mann starkes Expeditions-
korps unter Führung von General von Trot-
ha in die Krisenregion. Doch auch der er-
Volk der Herero
„Ich, der große General der Deutsch
Herero. Die Herero sind nicht meh
gestohlen, haben verwundeten Sold
r Deutsche Untertanen. Sie haben gem
schnitten und wollen jetzt aus Feigheit
aten Ohren und Nasen und andere
(2. Oktober 1904/Auszug)
en Soldaten, sende diesen Brief an das
Volk der
ordet und
Körperteile abge-
nicht mehr kämpfen. Ich sage dem
folgsverwöhnte General muss erkennen, dass einen der Kapitäne an eine meiner Volk: Jeder, der
Stationen als Gefangenen abliefert,
die mit modernen Gewehren ausgerüsteten Mark, wer Samuel Maharero bringt, erhält tausend
erhält fünftausend Mark. Das Volk
Herero so rasch nicht zu bezwingen sind. Im jedoch das Land verlassen. Wenn das der Herero muss
Volk dies nicht tut, so werde ich es
August 1904 führt die Schlacht am Water- Rohr dazu zwingen. mit dem Groot
berg, einem gewaltigen Sandsteinmassiv, Innerhalb der deutschen Grenze wird
jeder Herero mit oder ohne Gewehr,
schließlich die Entscheidung herbei: Gegen ohne Vieh erschossen, ich nehme kein mit oder
e Weiber und keine Kinder mehr auf,
ihrem Volke zurück oder lasse auch treibe sie zu
die geballte Feuerkraft der deutschen Trup- auf sie schießen. (...)
pen haben die Herero trotz erbitterten Wider- Dieser Erlass ist bei den Appells den
Truppen mitzuteilen mit dem Hinzufü
(...) das Schießen auf Weiber und Kind gen, dass
stands auf Dauer keine Chance. er so zu verstehen ist, dass über sie
sen wird, um sie zum Laufen zu zwin hinweggeschos-
Zu Tausenden flüchten die Herero mit ih- gen. Ich nehme mit Bestimmtheit an,
Erlass dazu führen wird, keine män dass dieser
rem Vieh in die angrenzende, fast wasserlo- nliche Gefangene mehr zu machen,
Grausamkeiten gegen Weiber und Kind aber nicht zu
se Omaheke-Steppe. Und da sollen sie nach er ausartet. Diese werden schon fortl
zweimal über sie hinweggeschossen aufen, wenn
dem Willen von Trothas auch bleiben. Der wird. Die Truppe wird sich des gute
schen Soldaten bewusst bleiben. Der n Rufes der Deut-
General ist wahrhaftig kein Diplomat: Ir- Kommandeur, gez. von Trotha, Gen
eralleutnant.“
gendein Paktieren mit Afrikanern kommt
ihm nicht in den Sinn. Am 2. Oktober 1904
veröffentlicht er einen Aufruf, der als „Ver- „Meine genaue Kenntnis so vieler zentral- Herero bedeutet dies den qualvollen Tod
nichtungsbefehl“ in die Geschichte einge- afrikanischer Stämme hat mir überall die durch Verdursten und Verhungern. Deut-
gangen ist. Trotha fordert die Herero zum so- überzeugende Notwendigkeit vorge- sche Patrouillen machen in den folgen-
fortigen Verlassen des Landes auf, anderen- führt, dass sich der Neger keinem Ver- den Monaten bei ihren Erkundungen
falls werde „jeder Herero (...) erschossen“. In trag, sondern nur der rohen Gewalt grausame Entdeckungen: Wege und
der Zusatzerklärung für die Truppe zeigt beugt.“ Was das bedeutet, teilt Trotha Pfade sind gesäumt von Tier- und
sich von Trotha zuversichtlich, dass es zu Er- selbst ohne Skrupel mit: Von den Ge- Menschengerippen. In ihrer Ver-
schießungen von Frauen und Kindern nicht fangenen habe er alle Männer zweiflung haben die Herero über 15
kommen werde, da diese fortlaufen würden, aufhängen lassen, Frauen und Meter tiefe Löcher auf der Suche
„wenn zweimal über sie hinweggeschossen Kinder habe er in das Sandfeld nach Wasser gegraben. Häuptling
wird.“ zurückgejagt. Samuel Maharero gelingt mit etwa
Trotha weiß sehr wohl um die Brisanz sei- Fortan verlegen sich Trot- 1.500 Mann die Flucht in das bri-
nes Vorgehens. Am 4. Oktober versucht sich has Soldaten darauf, die tische Schutzgebiet Betschuana-
der General in einem Bericht an General- Omaheke-Steppe hermetisch land, dem heutigen Botswana.
stabschef von Schlieffen zu rechtfertigen: abzuriegeln. Für Tausende In Deutschland schlagen die
Wogen der Empörung hoch. Aus
zahlreichen Feldpostbriefen wird
BIOGRAPHIE Lothar von Trotha ersichtlich, was sich in der Kolo-
nie abspielt. Zwar ordnet Kaiser
Adrian Dietrich Lothar von Trotha, gebo- sich an der Niederschlagung des Wilhelm II. im Dezember 1904
ren am 3. Juli 1848 in Magdeburg, Boxeraufstandes in China (1900).
endlich die Rücknahme des „Ver-
wächst in einer Offiziersfamilie auf und 1903 zum Generalleutnant beför-
nimmt bereits an den Kriegen gegen dert, wird Trotha ein Jahr darauf nichtungsbefehls“ an, doch bleibt
Österreich (1866) und Frankreich zum Oberbefehlshaber des Expediti-
(1870/71) teil. Von 1894–1897 kom- onskorps in Deutsch-Südwestafrika ENTSCHEIDUNGSTRÄGER: Oberbe-
mandiert er die „Schutztruppe“ in ernannt. Er stirbt am 31. März fehlshaber Lothar von Trotha geht
Deutsch-Ostafrika, später beteiligt er 1920 in Bonn. mit unerbittlicher Härte gegen die
Herero vor. Foto: picture-alliance/akg-images

46
HINTERGRUND Deutsch-Südwestafrika
1884 lässt Bismarck die ein schen Volksgruppen wird das
Jahr zuvor im Südwesten Afrikas Schutzgebiet nach und nach er-
durch den Kaufmann Adolf Lü- weitert. 1904 leben circa 5.000
deritz erworbene Küstenregion deutsche Siedler und etwa
Angra Pequeña unter den 55.000 bis 80.000 Herero in ei-
Schutz des Reiches stellen. Für nem vor allem durch Wüste und
Deutschland beginnt damit das Savanne geprägten Gebiet, das
Kolonialzeitalter. Durch Vertrags- dem heutigen Namibia ent-
abschlüsse mit den einheimi- spricht.

BLUTIG: Gefecht zwischen Angehörigen der Herero und Soldaten des Expeditionskorps, zeitgenössischer Farbdruck. Foto: picture-alliance/akg-images

von Trotha noch fast ein Jahr auf seinem Pos- Es bleibt festzustellen, dass der Konflikt von Trothas an Generalstabschef von Schlief-
ten. Als deutliches Zeichen seiner Ableh- für die Herero furchtbarer nicht hätte enden fen dokumentieren eine entmenschte Kolo-
nung weigert sich Wilhelm II. immerhin, den können. Das Versagen der deutschen Regie- nialpolitik, als deren Folge nur etwa 15.000
General nach dessen Abberufung zu emp- rung, namentlich des Kaisers und seines Herero den Aufstand und die anschließende
fangen. Reichskanzlers von Bülow, liegt unbestritten Internierung und Zwangsarbeit überlebten.
darin, einen General nach Afrika entsandt zu
haben, der bereits in China und in Ostafrika
Dr. Joachim Schröder, Jg. 1968, studierte Latein, Ge-
Literaturtipp rigoros gegen Aufständische vorgegangen
schichte und Erziehungswissenschaften und promo-
Jürgen Zimmerer u. Joachim Zeller (Hrsg.):
war und der den Ureinwohnern der deut-
vierte 1999 zum Dr. phil. Zu seinen Themenschwer-
Völkermord in Deutsch-Südwestafrika, schen Kolonien die Lebensberechtigung ver- punkten als Autor zählen die deutsche Marine- und
Augsburg 2011. weigerte. „Dieser Aufstand ist und bleibt der Kolonialgeschichte.
Anfang eines Rassenkampfes.“ Diese Worte

Clausewitz 6/2013 47
Militär und Technik

IN AKTION: 550 Schuss pro


Minute je Rohr jagen aus
den automatischen Kanonen
des Gepard.
Foto: BW Streitkräfteamt Fotoarchiv

Flakpanzer von Bundeswehr und NVA

Gefürchtete
„Kugelspritzen“
Kalter Krieg: Als Schutzschild für Bodentruppen und zum Objektschutz zählen Flakpan-
zer zum Kampftruppen-Standard beider deutscher Armeen. Heute ist das Waffensystem
in den gesamtdeutschen Streitkräften abgeschafft – vorläufig. Von Jörg-M. Hormann

E ine Pressemeldung vom 12. April 2013


lässt aufhorchen: „Brasilien kauft deut-
sche Panzer für Fußball-WM. Das süd-
amerikanische Land bereitet sich auf mögli-
che Anschläge bei Großereignissen wie der
Die Heeresflugabwehr der Bundeswehr
benötigt ihre Flakpanzer nicht mehr. Im Zu-
ge einer der zahlreichen Bundeswehrrefor-
men kam Ende 2012 das Aus für die Heeres-
flugabwehrtruppe und ihre Waffensysteme.
der Bundeswehr und bei der Nationalen
Volksarmee (NVA) steht die Notwendigkeit
einer „Flugabwehrtruppe“ („West-Sprach-
gebrauch“) bzw. einer „Truppenluftabwehr“
(„Ost-Sprachgebrauch“) außer Frage. Die Er-
Fußballweltmeisterschaft 2014 und den Der Flakpanzer Gepard wird als erstes ein- fahrungen des Zweiten Weltkriegs haben ge-
Olympischen Spielen zwei Jahre später vor. gemottet. Die Aufgaben der Heeresflugab- zeigt, dass die Luftwaffe allein den Schutz
Sie gelten als potentielle Anschlagsziele. Zur wehrtruppe hat die Luftwaffe übernommen. der Bodentruppen gegen Angriffe aus der
Sicherung der Veranstaltungen kauft die bra- Luft nicht in ausreichendem Maße gewähr-
silianische Armee von Deutschland 37 ge- Erste moderne Flakpanzer leisten kann.
brauchte Flugabwehrkanonenpanzer vom Etwa fünfeinhalb Jahrzehnte zuvor: Mit der Aus diesem Grund gehören Flugabwehr-
Typ Gepard 1A2.“ Wiederaufstellung neuer Heerestruppen bei panzer seit der Nachkriegszeit lange Zeit

48
IN FEUERSTELLUNG: Flakselbstfahr-
lafette 23/4 Shilka der Landstreit-
kräfte der NationalenVolksarmee im
Manövereinsatz. Foto: Sammlung Dirk Krüger

zum festen Bestandteil der Kampftruppen Soldaten bei der Zielerfassung und -verfol- mm-Flak-Vierling. Da das Halbkettenfahr-
beider „Kontrahenten“ auf deutschem Bo- gung „menschliche Reaktionsgrenzen“ ge- zeug noch aus der Zeit des Zweiten Welt-
den. Ihre Flakpanzer dienen dem Schutz von setzt. Die zweite Generation der eingesetzten kriegs stammt, entspricht die „Panzerflak
Bodentruppen und strategisch wichtiger Ob- Flakpanzer auf den beiden Seiten des Eiser- M 16“ bereits zum Einführungszeitpunkt
jekte wie zum Beispiel von Flugplätzen, De- nen Vorhangs mit Namen Gepard und Shil- nicht mehr den Anforderungen. Die Waffen-
pots und anderen militärischen Einrichtun- ka wird sich durch vollautomatischen Waf- anlage ist gegen schnelle Jets so gut wie wir-
gen vor Angriffen aus der Luft. feneinsatz und radargesteuerte Zielbekämp- kungslos. Die Zeit zum manuellen Richten
Die erste Generation moderner Flugab- fung auszeichnen. des Vierlings reicht für ein Wirkungsfeuer
wehrpanzer bei den beiden deutschen Streit- nicht aus. Schon ab 1962 verabschiedet sich
kräften ist mit Maschinenkanonen bewaff- Anfänge bei der Bundeswehr das Heer vom M 16 und ersetzt ihn durch den
net, die noch manuell mit Ladestreifen oder Bis zur Indienststellung des Gepard sind bei parallel eingeführten Flakpanzer M 42 A1.
Magazinen munitioniert werden. Erfasst der Heeresflugabwehr der Bundeswehr zwei Der Flakpanzer M 42 „Duster“ ist ein Re-
und bekämpft werden die Ziele, indem sie sehr unterschiedliche Flakpanzer im Ge- sultat des Kalten Krieges als Antwort auf die
optisch aufgeklärt und anschließend verfolgt brauch. Zur Erstausstattung der Flugabwehr- erwartete gegnerische Luftbedrohung der
werden. Mit zunehmender Geschwindigkeit truppe zählt 1956 das amerikanische Halbket- Bodentruppen. Entwickelt auf der Fahr-
der angreifenden Strahlflugzeuge sind den tenfahrzeug M 16 mit einem montierten 12,7- werksgrundlage des leichten Panzers M 41

FLAKPANZER IM GRÖßENVERGLEICH

1976–1980: FlaPz Gepard 1A2 1968–1978: Fla-SFL 23/4 1957–1960: Fla-SFL 57/2 auf Basis des 1953–1958: M 42 A1
auf Kampfpanzerbasis Leopard 1. Shilka. mittleren Kampfpanzers T-54. Duster auf Basis des M 41.

Abb.: Sammlung Jörg-M. Hormann

Clausewitz 6/2013 49
Militär und Technik | Flakpanzer

ÜBEN FÜR DEN ERNSTFALL:


Ein GEPARD auf einem Trup-
penübungsplatz.
Foto: BW Streitkräfteamt Fotoarchiv

wehrgeschosse. Er trägt die Waffen- und


„...Die Außerdienststellung des Gepard ist Radaranlagen, die Elektronik mit dem Feu-
besonders schmerzlich, weil damit erstmals erleitrechner und den gesamten Munitions-
vorrat. Der Turm kann in weniger als 2,5 Se-
im Heer auf eine Teilfähigkeit, zumindest zeitlich kunden um 360 Grad gedreht und die Waf-
befristet, verzichtet wird…“ fenanlage innerhalb von 1,5 Sekunden um
Der damalige Heeresinspekteur Generalleutnant Hans-Otto Budde 90 Grad nach oben oder unten geschwenkt
in einem „Inspekteursbrief“ im Frühjahr 2010. werden.
Zur Zielaufklärung verfügt der Gepard
am Turmheck über ein klappbares Rund-
wird er ab 1952 bis 1959 in den USA gebaut. Panzerung des Gepard ungewöhnlich stark. suchradar und an der Turmfront über ein
Die Bundeswehr übernimmt ab 1956 als Ohne weitere Zusatzausrüstung kann er Ge- Folgeradar. Beide haben eine Reichweite von
Erstausstattung 496 Fahrzeuge, die gut wässer durchqueren. Nach Einschalten der 15 Kilometern. Alternativ können Flugziele
20 Jahre ihren Dienst versehen. Als Bewaff- Tauchhydraulik, Umstellen der Luftzufüh- über zwei optische Panoramaperiskope an-
nung verfügt der M 42 A1 über einen um 360 rung für den Motor und dem Aufpumpen der visiert werden, etwa bei Ausfall des Zielfol-
Grad schwenkbaren Flak-Zwilling mit je- Turm-Dichtungen kann er bis zur Unterkante geradars. Bei den 35-mm-Zwillingskanonen
weils 40 mm L/60 Kaliber von Bofors mit des Waffensystems ins Wasser eintauchen. handelt es sich um Gasdrucklader mit einer
optischer Zieleinrichtung. Da Radar noch Der Zwei-Mann-Turm ist leicht gepanzert Feuergeschwindigkeit von 550 Schuss pro
nicht zur Zieleinrichtung gehört, kann für ei- und schützt gegen Granatsplitter und Ge- Minute je Rohr. Ihre Kampfentfernung ge-
nigermaßen brauchbare Ergebnisse nur vom
stehenden Panzer aus gefeuert werden. Bei
einer Kadenz von 120 Schuss pro Minute und
Rohr liegt die wirksame Schussentfernung
bei rund 1.300 Metern, die maximale Reich-
weite der Zwillingsflak bei 2.000 Metern.

Einführung des Gepard


Zwischen 1976 und 1979 wird der „Duster“
ausgemustert und durch den Gepard er-
setzt. Als Basis für den Gepard dient das
leicht modifizierte Fahrgestell des Kampf-
panzers Leopard 1, von dem die komplette
Antriebseinheit mit dem 37,4 Liter großen
Zehnzylinder-Vielstoffmotor übernommen
wird. Das Triebwerk leistet 830 PS. Auch
das drehstabgefederte Stützrollenlaufwerk
mit sieben Laufrollenpaaren sowie die „le-
bende“ Endverbinderkette vom Typ Diehl
640 A stammen vom Leopard 1. Wegen der
Verwendung einer ursprünglich für einen VORSTELLUNG IN BRASILIEN: Präsentation des GEPARD 1A2 durch ein deutsches Unter-
Kampfpanzer entwickelten Wanne ist die stützungskommando auf dem Truppenübungsplatz Formosa im Herbst 2011. Foto: Hans Schommer

50
Ungewöhnlich starke Panzerung

HINTERGRUND Flakpanzer der Wehrmacht


Schon während des Ersten Weltkriegs werden. Während die leichten Batterien mit
wächst die Erkenntnis, dass mit Infanterie- 2-cm-Einzelrohr und sehr effizienten 2-cm-
waffen gegen die immer schneller und höher Flakvierlingen stationär oder mobil auf un-
fliegenden Kampf- und Jagdflugzeuge nicht terschiedlichen Fahrgestellen im Divisions-
viel auszurichten ist. Zufallstreffer wie der verband agieren, sind die Batterien der Hee-
Schuss eines MG-Schützen, der den „Roten resflakabteilungen als Korpstruppen mit
Baron“ vom Himmel holt, sind die große Geschützkalibern ab 8,8 Zentimetern auf-
Ausnahme – Ausnahmen, auf die die Solda- wärts ausgerüstet. Da es nur eine geringe
ten der Roten Armee – im Kriegsjahr 1941 Anzahl von Heeresflakeinheiten gibt, ist de-
in der Rolle des vermeintlich Unterlegenen ren Beweglichkeit besonders wichtig.
– hoffen. Mit allem, was schießt und in den Aus diesem Grund werden die Geschütze
Händen zu halten ist, wird auf die Kampfflug- auf wieder hergestellte Fahrgestelle des ECHTER VETERAN: Die Waffenbedienung
zeuge des Gegners gefeuert. Panzerkampfwagens IV oder 38t montiert des „Duster” ist optisch-manuell. Foto: Ulf Kaack
Für den deutschen Truppenluft- und mit Panzerplattenschutz gegen Flug-
schutz ist diese infanteristi- zeug- und Infanteriebeschuss sowie Die Landstreitkräfte (LaSK) der NVA se-
sche „Notlösung“ kein Weg. Splitterwirkung versehen. hen die Luftbedrohung ihrer Bodentruppen
Die Notwendigkeit einer Hee-
EFFIZIENTE WAFFE: Flakpanzer während des Kalten Krieges ähnlich wie das
resflaktruppe führt dazu dass,
„Wirbelwind“, mit Vier- bundesdeutsche Heer auf der anderen Seite
leichte Flakkompanien
lings-2-cm-Flak auf dem des Eisernen Vorhangs. Wie die Heeresflug-
und schwere Flakab-
Fahrgestell des Pan- abwehrtruppe der Bundeswehr bekommt
teilungen auf-
zerkampfwagens IV. auch die Truppenluftabwehr der LaSK vom
gestellt und
Foto: Sammlung Jörg-M. Hor-
eingesetzt „großen Waffenbruder“ die ersten Flakpan-
mann
zer geliefert.

gen Flugziele beträgt Weiter wird ein Brieftext Lieferungen aus der Sowjetunion
3.500 Meter, gegen Boden- des Heeresinspekteurs Generalleutnant Im September 1957 erhält die Truppenluftab-
ziele 1.200 Meter. Hans-Otto Budde zitiert: „…er hat entschie- wehr die ersten 27 von insgesamt 129 Fla-
Die Waffenanlage ist außerhalb des Tur- den, noch in diesem Jahr 58 Schützenpanzer SFL-57/2 aus der UdSSR. Auf einem leicht
mes an den Seiten angebracht, um dem Pro- Marder, zwölf Panzerhaubitzen 2000, zehn abgeänderten Fahrgestell des T-54 präsentiert
blem des Absaugens der Pulvergase aus dem Bergepanzer und alle 91 Flak-Panzer Gepard sich die Flak-Selbstfahrlafette (Fla-SFL) mit
Kampfraum aus dem Weg zu gehen. Ein ge- aus der Nutzung zu nehmen (...). Die Außer- einer aufmontierten 57-mm-Zwillingsflak S-
zieltes Feuer der Kanonen aus voller Fahrt dienststellung des Gepard sei besonders 68, die ein wirksames Feuer auf Luftziele bis
des Gepard ist nicht möglich, da die Kano- schmerzlich, weil damit erstmals im Heer 4.000 Meter entfalten kann. Bei einer An-
nen vom Kaliber 35 mm L/90 nicht stabili- auf eine Teilfähigkeit, zumindest zeitlich be- fangsgeschwindigkeit von 1.000 Metern pro
siert sind. Ihr Höhenrichtbereich reicht von fristet, verzichtet wird. Das Nachfolge-Sys- Sekunde lässt sich mit der Waffe bei einer
-10 bis +85 Grad. Jede Kanone kann einzeln tem ,Mantis’ [Stationäres Luft-Nahbereichs- Feuergeschwindigkeit von 220 bis 240 Schuss
aktiviert, gespannt und entspannt werden, Flugabwehrsystem] ist noch nicht einsatzfä- pro Minute eine Reichweite von bis zu 12.000
um bei Störungen der einen Waffe mit der hig.“ Meter erzielen. Die Munition wird über La-
anderen weiterfeuern zu können.

Der Gepard brüllt weiter TECHNISCHE DATEN Flakpanzer der Bundeswehr


Zwischen 1976 und 1980 werden von der
Bundeswehr mehr als 400 Flakpanzer vom M 42 A1 Flakpanzer Gepard 1A2
Typ Gepard beschafft. In der zweiten Hälfte Gewicht 22,5 t 47,5 t
der 1980er-Jahre erhalten 206 Fahrzeuge ei- Länge 5,82 m 7,68 m
nen Laserentfernungsmesser und werden Breite 3,23 m 3,71 m
damit zum Typ Gepard A1. Nachdem man Panzerung 30–40 mm Front, 25 mm Flanke 20–70 mm
1997 die Anzahl der Flakpanzer auf 140 Ein- Besatzung 5 Soldaten 3 Soldaten
heiten reduziert hatte, verlängerte die Bun- Motor 6-Zylinder-Boxer-Ottomotor, Continental V10-Zylinder-Vielstoffmotor
AOS-895-3 mit 2 mechanischen Ladern,
deswehr deren Dienstzeit und spendierte ih- MTU MB838 CaM500
nen Digitalrechner zur Feuerleitung und Hubraum 14,7 l 37,4 l
moderne Datenfunkgeräte (FlaPz Gepard Leistung 323 kW/440 PS 610 kW/830 PS
1A2). Höchstgeschwindigkeit 72 km/h 62 km/h
Eine Pressemitteilung von Ende März Reichweite 180 km Straße 530 km Straße
2010 kündigt das Ende des Gepard im Dienst Hauptbewaffnung 1 x 40-mm Bofors-Zwillingsmaschinen- 2 x 35-mm-L/90-Maschinenkanonen
der Bundeswehr an. In der Meldung heißt es kanone L/60 M2A1 in Lafette M4E1 Oerlikon-KDA
Sekundärbewaffnung 1 x 7,62-mm-Browning, 1 x Nebelmittel-Wurfanlage
unter anderem: Maschinengewehr
„Das deutsche Heer stellt eine Reihe von Munitionsvorrat 480 Patronen/Flak, 640 Patronen/Flak
Waffensystemen außer Dienst, darunter 2.400 Patronen/MG
sämtliche Flugabwehrkanonenpanzer vom Stückzahl Bundeswehr 496 436
Typ Gepard. Grund seien Sparmaßnahmen.“

Clausewitz 6/2013 51
Militär und Technik | Flakpanzer

DEMONSTRATION DER STÄRKE: Flak-


panzer der LaSK der NVA am 7. Oktober
1969 während der Parade zum 20.
derahmen zu je vier Patronen zu- Gründungstag der DDR in Ost-Berlin.
Foto: dpa/Süddeutsche Zeitung Photo
geführt. Die Hülsen transportiert
ein Laufband in einen Drahtkorb der Fla-SFL rüstet das Reparatur-
am Heck des nach oben offenen werk Neubrandenburg zwi-
Turmes. schen 1981 und 1982 zu Fahr-
Auffällig gegenüber dem T-54-Ketten- schulausbildungspanzern um.
laufwerk ist das Fehlen einer Laufrolle (vier Diese Fahrzeuge erhalten anstelle des Dreh-
statt fünf). Bei einem wesentlich geringeren turmes eine verglaste Kabine.
Gewicht des Aufbaus der Selbstfahrlafette im
Verhältnis zum Panzerturm des T-54 konnte Flakselbstfahrlafette Shilka VIERLING: Vier mal AZP-23 Maschinenka-
eine Laufrolle eingespart werden. Des Weite- In den späten 1960er-Jahren ersetzt der rus- nonen. Effektive „Kugelspritze“ des Flakpan-
ren befand sich in der Bugplatte der Wanne sische Flakpanzer ZSU-23-4, nach „NVA- zers SHILKA. Foto: Sammlung Dirk Krüger
eine Notausstiegsluke für die Besatzung. En- Lesart“ Fla-SFL 23/4 Shilka, den zweirohri-
de der 1970er-Jahre beginnt die Aussonde- gen Flakpanzer der ersten Generation in den Benannt nach einem Fluss in Ostsibirien,
rung dieses Waffensystems. 43 Exemplare Mot.-Schützen- und Panzerregimentern. dient die Selbstfahrlafette Shilka der De-
ckung vor Luftangriffen des Gegners in allen
Gefechtsarten. Mit ihr können Luftziele bis
zu einer Entfernung von 2.500 und einer Hö-
he von 1.500 Metern, Erdziele bis 2.000 Me-
ter Entfernung wirksam aus dem Stand, aber
auch aus der Bewegung heraus bekämpft
werden.
Dazu erhält die Shilka Ziele mit entspre-
chenden Parametern von sogenannten
Rundblickstationen zugewiesen. Der Flak-
panzer auf der Fahrgestellbasis des leichten
Schwimmpanzers PT-76 kann aber auch völ-
lig autark agieren. Dafür sind alle Geräte zur
Rundsicht- oder Sektorensuche, zur Zielsu-
che und -begleitung sowie zur Steuerung der
Waffen im oder am Waffenturm eingebaut
oder angebracht. In der Gefechtssituation er-
mittelt ein integriertes Rechengerät die Ziel-
koordinaten und die Entfernung, veranlasst
das Richten der Waffen und gibt das Feuer-
IN STELLUNG: Flakselbstfahrlafetten SHILKA bei der Luftsicherung eines Vorstoßes mittle- signal. Die maximale Auffassentfernung für
rer Kampfpanzer von Typ T-55. Foto: Sammlung Dirk Krüger ein Ziel beträgt 20 Kilometer.

52
Lieferungen vom „Großen Bruder”

TECHNISCHE DATEN Flakpanzer der NVA


Fla-SFL 57/2 Fla-SFL 23/4 SHILKA
Gewicht 28 t 19,4 t
Länge 8,48 m (üb. Kanone) 6,53 m
Breite 3,27 m 3,12 m
Besatzung 6 Soldaten 4 Soldaten
Fahrzeugbasis T-54 GM-575
Motor W-54, 4-Takt-Diesel / V-12 W-6R-1, 4-Takt-Diesel / R-6
Hubraum 38,88 l 19,1 l
IMPOSANT: Lange Rohre und großer Turm- Leistung 382 kW/520 PS 206 kW/280 PS
aufsatz - Fla-SFL 57/2. Foto: Sammlung Dirk Krüger Höchstgeschwindigkeit 50 km/h 50 km/h
Reichweite 420 km Straße 450 km Straße
Das Vierlingswaffensystem AZP-23 mit Hauptbewaffnung 2 x S-68 57 mm 1 x Waffensystem AZP-23,
23-mm-Kaliber verschießt Panzerbrand- und Zwillingsmaschinenkanone 4 x 23 mm Maschinenkanonen
Splitterspreng-Brandgranatpatronen mit Munitionsvorrat 300 Patronen/Flak 2.000 Patronen/Flak
Leuchtspur bei einer theoretischen Feuerge- Stückzahl NVA 129 125
schwindigkeit von 2.000 Schuss pro Minute.
Nach 150 Schuss je Rohr ist eine Feuerunter-
brechung von etwa 15 Sekunden zur Küh- Stück Fla-SFL 23/4 aus der Sowjetunion. sie die ersten Jahre auf interessierte Käufer
lung nötig. Dafür sorgt eine geschlossene Während des Vietnamkrieges setzt Nord- warten und nun zumeist als zur Verwertung
Flüssigkeitsumlaufkühlung. vietnam die Shilka umfangreich ein und holt in den Hochofen wandern.
zahllose amerikanische Flugzeuge vom Fakt für das Ende der Kanonenflakpanzer
Aus für die Flakpanzer Himmel. beider Seiten ist ihre verpuffende Waffenwir-
Ab 1974 werden die modernisierten Fla-SFL Nach der Wiedervereinigung 1990 wer- kung aus den vollautomatischen, radarge-
23/4M ausgeliefert. Die wichtigsten Verän- den die Shilkas der NVA in den eingeführten steuerten Kanonen. Zudem lauert heute im
derungen betreffen einen verbesserten Mo- Typenversionen 23/4W1 und 23/4M von Ernstfall außerhalb ihrer Reichweite eine
tor, ein zusätzliches Ventilationssystem auf der Bundeswehr nicht weiter verwendet und zielsuchende Rakete auf den Flakpanzer, ab-
dem Turm sowie neue Elektronik. Insgesamt aus der Nutzung genommen. Sie wandern in gefeuert von einem Kampfhubschrauber un-
erhält die Truppenluftabwehr der LaSK 125 Einzelstücken in Museen oder in Depots, wo ter dem Horizont.
Buchvorstellung | Der Erste Weltkrieg
ZWECKGEMEINSCHAFT: Um zu
überleben, mussten die Soldaten ler-
nen, sich aufeinander zu verlassen.
Foto: BArch, Bild 146-1978-049-36A

Der Erste Weltkrieg 1914–1918

Der deutsche Aufmarsch in


E
s gehört zu den bemerkenswertesten Ei- Auch gab es nachrangige oder zeitlich be-
2014 jährt sich der Beginn genarten des Weltkrieges, dass er nicht grenzte Fronten wie die Alpenfront, die Pa-
des Ersten Weltkriegs zum mehr, wie noch die Kriege des 18. und lästinafront oder die Salonikifront, die mit den
einhundertsten Mal. Diese 19. Jahrhunderts, als Feldzug beschrieben taktischen und materiellen Realitäten der
werden kann, bei dem feindliche Armeen im Westfront allenfalls gemein hatten, dass sich
weltumspannende Katastro-
Raum manövrierten und ihre Feldherren be- auch hier Soldaten gegenüberlagen und nach
phe legte ihren langen Schat- strebt waren, vorteilhafte Bedingungen für ei- dem Leben trachteten. Und wenn die Erinne-
ten über das gesamte ne an einem einzigen Tag durchzufechtende rungsliteratur vom Krieg in den Kolonien
20. Jahrhundert: Faschismus Schlacht herbeizuführen. Tatsächlich waren oder der Spionage als den „vergessenen Fron-
und Kommunismus, Zweiter weiträumige militärische Bewegungen im ten“ sprach, meinte sie damit gerade einmal
Weltkrieg und Kalter Krieg Verlauf des Krieges von 1914 bis 1918 selten. den Kriegsschauplatz, nicht aber die statische
An die Stelle der großen Entscheidungs- Zone im Wirkungsbereich der gegnerischen
folgten. In England, Amerika
schlacht traten zähe Stellungskämpfe, traten Waffen. Auch wenn es im Seekrieg unsichtba-
und Frankreich ist „the Great Menschen und Material verschlingende Groß- re Linien gab, die den Wirkungsbereich der
War“ bzw. „la Grande Guerre“ kämpfe. Dieses mehrjährige Festfressen des großen Flotten markierten, so hat sich dort der
noch immer stark im kollekti- Krieges in einer geografisch relativ klar be- Begriff der Front nie eingebürgert. Die Kämp-
ven Bewusstsein präsent. grenzten und statischen Zone – der Front – fe in der dritten Dimension blieben, trotz der
Mit dem Buch „Der Weltkrieg hat dazu geführt, dass die Erinnerung an den enormen Bedeutungszunahme des taktischen
Weltkrieg oftmals mit dem Erinnern an diese Luftkrieges und der Anfänge der strategi-
1914–1918“ versuchen die
Front gleichgesetzt wurde. „Erster Weltkrieg“ schen Bombardements, doch stark am Verlauf
Wissenschaftler des ZMSBw stand und steht synonym für „Front“ und für der Fronten am Boden ausgerichtet. Die Front
den „Großen Krieg“ auch in „Stellungskrieg“. Diese Gleichsetzung wurde blieb also für den gesamten Weltkrieg ein Phä-
Deutschland wieder stärker in oft zusätzlich verengt auf die Westfront, also nomen des Landkrieges.
den Blick der Öffentlichkeit zu die Hauptfront in Belgien und Frankreich. Sie Will man sich diesem Phänomen nähern,
rücken: verständlich, anschau- lässt sich natürlich mit den operativen und so empfiehlt sich die Betrachtung unter drei
lich und kompetent. strategischen Gegebenheiten des Krieges nicht Gesichtspunkten: Erstens sollte die Front als
in Einklang bringen: So kämpften Hundert- Kampfzone begriffen werden, wo das Kern-
CLAUSEWITZ präsentiert auf tausende deutscher Soldaten zeitgleich an der geschäft des Krieges betrieben wurde. Zwei-
den folgenden Seiten einen Ostfront im Russischen Reich. Sie taten dies – tens entwickelte sich die Front zu einem ganz
Auszug aus dem neuen Werk. bezieht man die Nachkriegskämpfe im Balti- besonderen Lebensraum, und zwar für die
kum mit ein – sogar länger als im Westen. Soldaten, die in diese Zonen hineingeführt

54
GESPENSTISCHER ANBLICK: Eine
Batterie deutscher 21-cm-Mörser im
Kampfgelände zwischen Bapaume
und Arras. Foto: BArch, Bild 146-1975-006-20

ein kriegerisches Jahrhundert


wurden und dort über längere Zeiträume zu me der Führung aufwarf; schließlich durch Seiten mussten, wenn sie angriffen. Das Nie-
kämpfen und zu überleben versuchten. Drit- die Anlage temporärer Feldbefestigungen, mandsland wurde durch die Posten ständig
tens wuchs die Front nach dem Ende des die aber im Ruf standen, der offensiv geführ- beobachtet und von Patrouillen erkundet. Die
Krieges zu einem Erinnerungsort auf, der in ten Entscheidungsfindung hinderlich zu sein. verwaiste und verwüstete Gegend dort konn-
der Gesellschaft der Weimarer Republik lite- Als die Aussichtslosigkeit weiterer Angrif- te für die Soldaten zu einer Landschaft für
rarisch, aber auch politisch kontrovers disku- fe im Herbst 1914 offenkundig wurde, blieben mystische Gedankenreflexion, zu einem La-
tiert wurde. die Armeen zwischen Kanal und Schweizer byrinth, aber auch zu einem Ort kurzer, tödli-
Grenze, zwischen Ostsee und Karpaten cher Begegnung werden.
Kampfzone schließlich liegen und gruben sich zunächst Wo beide Gegner sich entlang der Stel-
Die Bildung statischer Fronten ergab sich zu einmal buchstäblich ein. Das Stellungssys- lungssysteme gegenüberlagen, bestand das
Beginn des Weltkrieges aus dem taktischen tem, das sich nun ausbildete, differenzierte zentrale Problem darin, an einem bestimmten
Unvermögen, die eigene Truppe nahe genug sich bald enorm aus – im ersten Schritt, bis et- Punkt eine kurzfristige, lokale Überlegenheit
an die gegnerische heranzubringen. Diesem wa Ende 1916, zu einem Gefüge aus zwei bis zu schaffen, um diese Todeszone zu überwin-
Bestreben aller Seiten stand die tödliche Wir- drei hintereinander liegenden Kampfgräben, den und einen taktischen Einbruch in die geg-
kung des modernen Massen- und Maschinen- die durch eine Vielzahl von Verbindungsgrä- nerische Stellung zu bewerkstelligen. Dieser
feuers entgegen, das die über offenes Feld ben verbunden waren. Für den Rest des Krie- sollte dann – dies blieb jedoch bis zum Ende
vorgetragenen Angriffe von Infanterie und ges entwickelte sich das lineare Stellungssys- des Krieges meist ein Wunschtraum – zu ei-
Kavallerie immer wieder unter hohen Verlus- tem, auf deutscher Seite gleichermaßen be- nem operativen Durchbruch erweitert wer-
ten zusammenbrechen ließ. An sich war die dingt durch taktische Erkenntnisse und den.
überwältigende Feuerwirkung keine Überra- Mangel an Menschen und Material, in ein we- Kampf an der Front bedeutete Artillerie-
schung. Spätestens seit dem Russisch-Japani- niger zusammenhängendes, dafür aber noch vorbereitung und Infanterieangriff, ein Ver-
schen Krieg 1904/05 war diese Erkenntnis in tiefer gegliedertes Netzwerk aus Sperren, fahren, das sich über die Jahre stark weiterent-
allen großen Armeen ein Allgemeinplatz. Stützpunkten und Trichterstellungen um. wickelte. Einmal im Stellungskrieg versackt,
Derselbe Krieg hatte auch wichtige Erkennt- Zwischen den jeweils vordersten gegneri- waren die militärischen Führungen nämlich
nisse darüber geliefert, wie die Armeen auf schen Gräben lag das Niemandsland, das die dazu übergegangen, das System, dem sie
diese taktische Herausforderung reagieren eigentliche Todeszone im Stellungskrieg bil- nicht entkamen, zu perfektionieren. Die Stel-
konnten: So etwa durch die Einführung feld- dete. Dieser Gürtel konnte je nach Gelände lungssysteme gerieten immer ausgefeilter, die
grauer Uniformen, wodurch der einzelne Sol- nur wenige Dutzend oder aber mehrere Hun- Pläne für Angriff und Verteidigung immer
dat ein schwerer zu treffendes Ziel abgeben dert Meter breit sein. Das Niemandsland war komplexer. Die Front war der Ort, wo die
sollte; durch die weitgehende Auflösung der der Raum, den keine Seite auf Dauer für sich wichtigste Waffe des Weltkrieges, die Artille-
geschlossenen Formationen, was aber Proble- beanspruchen konnte, durch den aber beide rie, am unerbittlichsten zur Wirkung kam. Bis

Clausewitz 6/2013 55
Buchvorstellung | Der Erste Weltkrieg

UNERLÄSSLICH AN DER FRONT: Regelmäßige Verpflegung bildete die Grundlage für das Überleben und die Kampfkraft der Soldaten. Feld-
küche im Raum Arras, 1917. Foto: BArch, Bild 183-S36041

in das letzte Kriegsjahr hinein kündigte ein Bild, das sich einem aufmerksamen Beobach- Populäre Kriegsschilderungen mögen es
mehrstündiges, ja mehrtägiges Artilleriebom- ter wie Harry Graf von Kessler aus der Vogel- so darstellen, aber der Kampf Mann gegen
bardement einen Angriff an. Die angreifende perspektive durchaus aufdrängen konnte. Mann mit dem Bajonett war an der Front die
Infanterie wurde währenddessen möglichst Die Überlebensstrategien auf dem Gefechts- seltene Ausnahme. Wo Soldaten das Weiße im
nah an die vorderste Linie herangezogen, um feld waren allerdings weitaus vielfältiger. Sol- Auge des Gegners zu sehen bekamen, schos-
dann, einer immer präziser terminierten Feu- daten kauerten sich in Trichtern zusammen, sen sie aufeinander, griffen sie sich mit Mes-
erwalze folgend, in die gegnerische Stellung nutzten leichte Verwundungen, um sich nach sern oder selbstgebauten Totschlägern an
einzubrechen. Wo dies gelang, rollten die An- hinten zu „verdrücken“, stellten sich tot, ga- oder lieferten sich in den engen Gräben
greifer die Gräben auf, zogen rasch ihre Ma- ben sich gefangen, suchten dem Verderben Handgranatenduelle. Die nach dem Krieg
schinengewehre und andere Unterstützungs- durch berserkerhaftes Durchgehen nach vorn veröffentliche Sanitätsstatistik zeigt klar auf,
waffen nach und richteten sich zur Abwehr zu entkommen. Andere aber bemühten sich, wer die großen Killer in diesem Krieg waren:
eines Gegenstoßes ein. Verstärkung, Muniti-
on und Artillerie wurden jetzt eilig nach vorn
gebracht, Verwundete und Gefangene nach
»
Versetzung, Krankheit, Verwundung, Desertion
hinten transportiert. oder Gefangennahme waren Wege, der Hölle der
Ein zentrales Problem im Grabenkampf
war die Kommunikation, die wiederum Vo-
Front dauerhaft zu entkommen. «
raussetzung für Führung auf allen Ebenen durch möglichst gute Anwendung ihrer mili- das Maschinengewehr und die Artillerie.
war. Kampfeslärm, Rauch und Giftgas beein- tärischen Kenntnisse zu überleben. Sie bilde- Auch wer meint, die bekannten Material-
trächtigten die Orientierung. So kam es nicht ten mit Kameraden Gruppen, sprachen ihr schlachten des Jahres 1916 – Verdun oder die
selten vor, dass die vereinbarte Artillerieunter- gemeinsames Vorgehen vorher ab, suchten Somme – hätten auch die schwersten Verlus-
stützung ausblieb oder – schlimmer – Truppen Anschluss an vertraute Unterführer. Für man- te unter den Soldaten erzeugt, irrt. Tatsächlich
von eigener Artillerie beschossen wurden. chen wurde der Krieg zum großen Spiel, zum waren es das erste und das letzte Kriegsjahr,
Der Tod an der Front konnte einen auf Adrenalinrausch. also das Jahr, in dem sich die Front ausbilde-
mannigfaltige und brutale Weise ereilen: Sol- Keine dieser individuellen Strategien ver- te, beziehungsweise das, in dem sie zusam-
daten wurden erschossen, von Schrapnells sprach unter den Bedingungen des Kampfes menbrach.
oder Granatsplittern zerrissen, sie wurden Aussicht auf Unversehrtheit und Überleben. In der Kampfzone entstanden unter den
von Feinden erstochen, erwürgt oder erschla- Die Lektüre von Kriegsbriefen und Tagebü- deutschen Soldaten und im Umgang mit ih-
gen, wurden verschüttet, verbrannten, er- chern lässt auch den Schluss zu, dass indivi- ren Gegnern eigene Regeln – Regeln, die sich
stickten an Rauch oder Kampfgasen, ertran- duelle Verhaltensmuster nicht fest und auf in der Haager Landkriegsordnung nicht fan-
ken oder erlitten angesichts des Grauens ganz Dauer verteilt waren. Mentale Robustheit den und über die die Soldaten nach dem
banal Schlaganfälle oder Herzinfarkte. Unter gegenüber den Schrecken des Krieges, Mit- Krieg auch nicht immer freimütig sprachen.
den chaotischen Bedingungen des Stellungs- gefühl gegenüber dem Gegner, persönliche Die kurzzeitigen Verbrüderungen über die
kampfes hatte jene Seite Vorteile, die das Zu- Initiative im Gefecht oder entfesselte Kamp- Front hinweg zu Weihnachten 1914 können
sammenwirken ihrer Waffen (Infanterie, Ar- feslust konnten von der persönlichen Ge- als das bekannteste Beispiel für den Eigen-
tillerie und später auch Flieger) besser koordi- fühlswelt am Tag des Kampfes abhängen: sinn der erschöpften Männer gelten. Kein Sol-
nierte als der Gegner. Vorteile hatte aber auch von einer an sich bedeutungslosen Krank- dat, keine Einheit konnte und wollte 24 Stun-
die Seite, deren Soldaten durch eine entspre- heit oder Verwundung, von einem Brief von den am Tag kämpfen. So bildeten sich, wo
chende Ausbildung selbstverantwortlicher zu Hause, vom vorangegangenen Verlust ei- sich bestimmte Formationen länger gegen-
handelten. Dass die Infanterie „wie Acker- nes Kameraden, vom Hass auf einen einzel- überlagen, gewohnheitsmäßige Regeln aus,
gäule in den Tod“ geführt wurde, war ein nen Vorgesetzten. wann man sich angriff und wann nicht. Offi-

56
Gewöhnung an die Schrecken der Front

MONOTON: Der militärische Alltag war auch bestimmt von langen Phasen des Wartens und ALPENFRONT: Auch in den Bergen wurde
der Langeweile. Soldaten beim Kartenspiel, Mai 1916. Foto: BArch, Bild 104-00434 gekämpft. Foto: BArch, Bild 183-R37403

ziere konnten befehlen, pro forma nur einige mandiert. Jeder Soldat hatte Anspruch auf auf Gefolgschaft hoffen als solche, die als
Schüsse abzugeben, oder sie ordneten an, das Heimaturlaub, Landwirte zusätzlich auf Ern- „frontfremd“ galten oder die den Standes-
Feuer einzustellen, wenn der Gegner Ver- teurlaub. Facharbeiter wurden von ihren al- dünkel der Friedensarmee auslebten.
wundete und Tote aus dem Niemandsland ten Betrieben reklamiert. Ein Soldat konnte Entscheidend hat aber die Dynamik der
bergen wollte. In der Hitze des Kampfes durchaus mehrmals verwundet werden und militärischen Gruppe selbst dazu beigetra-
konnte man einen verwundeten Gegner kalt- seine Genesung konnte jedes Mal mehrere gen, dass Soldaten ausgehalten haben. Sie
blütig töten, man konnte ihn aber auch liegen Wochen oder gar Monate beanspruchen, be- kämpften nicht nur mit Kameraden, sondern
lassen oder ihm mit Wasser oder einer Ziga- vor er zurück in den Krieg geschickt wurde. auch für diese. Die Bedingungen der Front
rette Linderung verschaffen. Auf Flüchtende Versetzung, Krankheit, Verwundung, Deser- machten die Grabenkrieger nicht nur zu Tei-
konnte man schießen oder man konnte sie tion oder Gefangennahme waren Wege, der len einer Kampfgemeinschaft, sondern sie
laufen lassen. Gegner, die gegen diese unge- Hölle der Front dauerhaft zu entkommen. wurden auch zu Teilen einer Überlebensge-
schriebenen Gesetze verstießen, die etwa be- Für die verbleibende Zeit lässt sich aus den meinschaft.
sonders grausame Waffen wie Dumdumge- Briefen und Tagebüchern ein Mix von Moti- Gekämpft wurde ganz einfach auch des-
schosse oder Bajonette mit Sägezähnen ver- vatoren schlussfolgern. Aus schierer Begeiste- halb, weil es befohlen wurde. Dabei wirkte
wendeten, konnten keine Gnade erwarten. rung, Kaiserliebe oder Hass auf die Feinde nicht so sehr die Angst vor konkreten Militär-
Dasselbe galt für Soldaten, die eine Kapitula- haben wohl die wenigsten deutschen Solda- strafen. Welche Strafe kann schon schlimmer
tion vortäuschten, dann aber wieder zu den ten gekämpft. Kaum untersucht ist bislang sein als das Verbleiben in der Front, sagten
Waffen griffen. Verbitterung erzeugten unter die Bedeutung der Motivation durch Beloh- sich viele Soldaten. Vielmehr muss man sich
den Soldaten auch die Ermordung von nung, denn Sonderurlaub für freiwillige Mel- heute die generelle obrigkeitsstaatliche Aus-
Kriegsgefangenen und die Verstümmelung dung bei Patrouillenunternehmen, Beutegel- richtung der Friedensgesellschaft von 1914 in
von Gefallenen, Sprengfallen in Unterständen der, Beförderungen oder Ordensverleihungen Erinnerung rufen. Diese fand im Militär nur
oder die planmäßige Verwüstung ganzer verhießen in der isolierten Welt der Front ma- eine weitere und besonders scharfe Ausprä-
Landstriche. Doch konnte es mit den kleinen, terielles, aber auch moralisches Kapital. Viele gung. Der Umstand, dass sich die Kriegfüh-
informellen Bemühungen der Hegung Soldaten kämpften in dem Bewusstsein, da- rung industrialisierte, dass damit das Kämp-
schnell vorbei sein, wenn die große Kriegsma- mit ihre Heimat und ihre Familien zu schüt- fen selbst zu einer „Arbeit“ wurde, bei der die
schine wieder in Bewegung trat und ein An- zen. Dabei war gerade die Kommunikation Prinzipien der Arbeitsteilung, der Verantwor-
griff befohlen war. Dass sich die Gegner prin- mit der Heimat ein zweischneidiges Instru- tung, der Zuständigkeit, der Statistik und das
zipiell als gleich begriffen und sich an einem ment der Motivation. Zwar konnten erfreuli- Regime der Zeitplanung galten, hat dazu ge-
Tag gemeinsam als Leidtragende verstanden, che Nachrichten und Pakete mit „Liebesga- führt, dass sich viele, vielleicht die meisten
verhinderte nicht, dass sie sich am nächsten ben“ die Stimmung der Soldaten verbessern. Kriegsteilnehmer anscheinend mit dem
Tag wieder zu töten suchten. Im Umkehrschluss hinterließen Hiobsbot- Schrecken der Front arrangierten. Rückbli-
Woher kam die Motivation, über vier Jah- schaften über familiäre Probleme, die heimat- ckend ist es ein beunruhigender Befund, dass
re unter den schrecklichen Bedingungen des liche Mangelwirtschaft und wachsende sich die Soldaten an das Kämpfen und das Tö-
Stellungskrieges zu kämpfen? Zunächst ist Kriegsmüdigkeit zu Hause auch bei den Sol- ten schlicht gewöhnten.
festzustellen, dass derart lange Frontdienst- daten an der Front ihre Wirkung. Ein wichti-
zeiten eher selten gewesen sind. Die Kampf- ger Faktor für die Kampfbereitschaft der Lebensraum
einheiten wurden immer wieder aus der Truppe waren die Qualifikation und die Hal- Das Kämpfen mag der eigentliche Zweck der
Front genommen, sie rotierten in die Bereit- tung ihrer Vorgesetzten. Offiziere, die in den Soldaten an der Front gewesen sein. Die meis-
schafts- und die Ruhestellung. Offiziere, aber Augen der Männer ihr militärisches Hand- te Zeit des Tages verbrachten sie aber damit,
auch Unteroffiziere und Mannschaften wur- werk verstanden und die sich für die Belange ihren Körper, ihre Waffen und ihren „Arbeits-
den zu Lehrgängen im Hinterland abkom- ihrer Untergebenen einsetzten, konnten eher platz“ – die Stellung – einsatzbereit zu halten.

Clausewitz 6/2013 57
Buchvorstellung | Der Erste Weltkrieg

ERINNERUNGSFOTO: Militäreisenbahner mit einem Motto aus Ernst IMPROVISATION: Ein Stoßtrupp richtet einen Minentrichter zur
Moritz Arndts „Vaterlandslied“, Serbien, 1916. Foto: MHM Bucher Verlag Verteidigung her, Westfront, ca. 1917/18. Foto: BArch, Bild 183-R25765

Mit der Dauer geriet die Front zu einem Bio- zeichnet werden. Die Divisionen verfügten ten sowie Maden im Essen waren allgegen-
top. Das Leben dort wäre schon ohne die all- über eigene Schlachtereien, Proviant- und wärtige Mitbewohner der Soldaten. Ein
gegenwärtigen kriegerischen Gefahren für Feldbäckerkolonnen. Feldküchen bereiteten ebenfalls häufiger Begleiter waren Ge-
die Körper und die Seelen der Menschen sehr das Essen hinter den Linien zu, von wo es schlechtskrankheiten, die schmerzhafte Be-
belastend gewesen. Offensichtlich wurde dies dann Träger bis in die vorderste Linie trans- handlungen und ein Militärgerichtsverfah-
erstmals, als die Armeen 1914/15 ohne ausrei- portierten – eine Aufgabe, die oft auch unter ren nach sich ziehen konnten. Während die
chende Winterausstattung in improvisierten Feuer durchgeführt werden musste. Die Kost klassischen Seuchen an den Fronten durch
Löchern überwintern mussten. war von Anfang an eintönig, mit der Dauer Impfungen eingedämmt gehalten werden
Im großen Biotop Front stechen zunächst des Krieges nahmen die Mengen und die konnten, brachen 1918 zwei große Grippe-
die Formen der Unterkunft ins Auge: Diese Qualität dramatisch ab. Durch Beute beim wellen über die Frontverbände herein.
bestanden anfangs mitunter nur aus Erdlö- Gegner und durch die Jagd auf Niederwild, An Tagen ohne Gefechtstätigkeit orientier-
chern, die mit Zeltplanen verhängt wurden. das sich im unzugänglichen Niemandsland te sich der Tagesablauf vornehmlich entlang
Bald entstanden in den Stellungen Unterstän- hielt, suchte die Truppe ihren Speiseplan auf- der menschlichen Grundbedürfnisse: Siche-
de, die zum Schutz vor den Granaten immer zubessern. Jeder Soldat verfügte zudem über rung des eigenen Abschnittes durch Posten,
tiefer in die Erde hinein gegraben wurden. An einen Satz an Konserven, die Eiserne Ration, Organisation von Verpflegung und Körper-
Schwerpunkten der Kämpfe errichtete man die allerdings für Notfälle zurückgehalten pflege, Unterhalt der Stellung, Visitationen
auch Betonbunker, die in Flandern etwa bis werden musste. Fast noch wichtiger als das durch Sanitätspersonal, Reinigung von Waf-
zum heutigen Tag noch erhalten sind. Auch Essen waren Trinkwasser, Kaffee und Alko- fen und Gerät, Heranführen von Nachschub,
die zerschossenen Ortschaften, Weinkeller hol, der jedoch rationiert war und bei allen Vergraben von Müll, Fäkalien und Leichen.
und sogar jahrhundertealte unterirdische Armeen unmittelbar vor Angriffen auch be- Einen immer größeren Anteil am Tagesablauf
Stollen und Kavernen boten manchmal sonders freigiebig ausgeschenkt wurde. Ta- nahm, wenigstens für die Vorgesetzten, die
Schutz. Besonders schwierige Bedingungen bak war für die Soldaten nicht nur Nerven- Administration des industrialisierten Krieges
für den Unterkunftsbau eröffneten sich an nahrung und Genussmittel, sondern funktio- ein – der bei vielen verhasste „Papierkrieg“.
Fronten mit hohem Grundwasserstand, etwa nierte auch als inoffizielle Währung. Sobald alle diese Tätigkeiten erledigt waren,
in Flandern oder den Pripjet-Sümpfen, und Die Lebensbedingungen griffen Körper widmeten sich die Soldaten ihrer Korrespon-
natürlich im Hochgebirge. Wo immer Solda- und Seele der Männer tagtäglich an, wetter- denz, lasen, schrieben Tagebuch, spielten Kar-
ten unterkamen, versuchten sie rasch, es sich feste Kleidung konnte überlebenswichtig ten, schnitzten, jagten Ungeziefer, nahmen
heimelig zu machen. Sie zimmerten Bettstät- sein. Unterwäsche, Schals, Ohrenschützer, Sonnenbäder, befriedigten und unterhielten
ten, organisierten Verpflegung, Brennholz Handschuhe oder Körperpflegemittel for- sich, trieben Unfug oder dösten. Was sich für
und Öfen. Aus umliegenden Ortschaften derten die Soldaten oft von ihren Familien den einen Moment noch als Pfadfinderidylle
schleppten sie Einrichtungsgegenstände he- an. Stiefel benötigten besondere Pflege und präsentierte, konnte jedoch innerhalb weni-
ran. Sie tauften markante Geländepunkte und wurden oft den Gefallenen, wie auch Mäntel ger Sekunden wieder in Chaos und Todesge-
einzelne Gräben nach landsmannschaftlichen oder Stahlhelme, abgenommen. Ungeziefer, fahr umschlagen. Leben an der Front bedeu-
Erinnerungen (Schwaben-Feste) oder promi- vor allem Flöhe, Läuse, Wanzen, Mäuse, Rat- tete schließlich auch überwältigende, biswei-
nenten Persönlichkeiten (Gall- len gefährliche Naturerfahrung. Niederschlag
witz-Riegel). und Kälte konnten zwar den Kampf vorüber-
Abgesehen von der Behau- gehend zum Erliegen bringen, doch selbst un-
sung kreisten die Gedanken der Markus Pöhlmann, Harald ter Extrembedingungen im Hochgebirge oder
Soldaten vor allem um die Ver- Potempa, Thomas Vogel im flandrischen Überschwemmungsgebiet
pflegung. Angesichts ihrer Mil- (Hrsg.): Der Weltkrieg 1914–1918. musste die vorderste Linie in der Regel we-
lionen „Kunden“ kann die Ver- Der deutsche Aufmarsch in ein krie- nigstens symbolisch besetzt bleiben. Nur we-
pflegung des Heeres im 20. Jahr- gerisches Jahrhundert. 384 Seiten, nige der Soldaten hatten in der Friedenszeit
hundert zweifellos als der größte ca. 450 Abbildungen, seltene Fotos andere Länder kennen gelernt. Was sie an der
Systemgastronomiebetrieb in und völlig neue Karten. 45,00 EUR. Front sahen, waren Wüsteneien ohne ziviles
der deutschen Geschichte be- Leben, wo Natur und Tod regierten.

58
Der „Frontsoldat“ als Propagandamittel

GEFÄHRLICHES VORHABEN: Soldaten bereiten sich auf ein KLEINKRIEG: Ungeziefer war ständiger Begleiter der Soldaten.
Patrouillenunternehmen vor. Foto: MHM Bucher Verlag Das Lausen war Teil des soldatischen Alltags. Foto: bpk

Die Entwicklung der Front zu einem deut- te, sondern der Begriff konnte auch als eine auch vom Zweiten Weltkrieg unterschied.
schen Erinnerungsort hat sich aus zwei Ent- Chiffre der Abgrenzung gegen andere ver- Historisch gesehen war der Stellungskrieg
wicklungen gespeist: Erstens der Rolle der wendet werden: Einmal gegen die Soldaten in aber nicht einzigartig gewesen. Man kann
Kameradschaft im Krieg und zweitens aus der Etappe, die den vermeintlich wirklichen ihn letztlich als eine riesige Belagerung deu-
den konkreten Umständen der Niederlage Krieg und dessen Bedrückungen ja nie erlitten ten, wie sie im Mittelalter und in der Frühen
von 1918. Im Krieg hatte oftmals die militäri- hätten; dann aber auch gegen die Heimat, die Neuzeit üblicherweise durchgeführt wurde.
sche Kameradschaft über allem gestanden. – so die extremen Vertreter dieser Position – Das Objekt der Belagerung war hier nicht
Der Grund dafür war einfach: „Denn“, so der den Kampfwillen der Front nicht ausreichend mehr eine einzelne Festung, sondern – je
Historiker Michael Geyer, „zwar starb jeder unterstützt hätten. Der „Frontsoldat“ entwi- nach Perspektive – die von der Entente ver-
für sich selbst, aber zum Überleben brauchte ckelte sich, unter Flankierung durch interes- teidigte Festung Frankreich beziehungswei-
es die Anderen.“ Mit der Heimkehr der Solda- sierte politische Gruppierungen und die po- se die von den Mittelmächten beherrschte
ten waren diese in der Masse wieder in ihre zi- puläre Publizistik, zu einem politischen und Festung Europa.
Für die militärischen Entscheidungsträ-
»Die Lebensbedingungen griffen Körper und ger Deutschlands sollte es nach 1918 stets
oberste Priorität haben, ein Wiederentstehen
Seele der Männer tagtäglich an, wetterfeste Kleidung der statischen Front unter allen Umständen
konnte überlebenswichtig sein.« zu vermeiden. Auch wenn man die Wirkung
der Schrecken des Stellungskrieges auf die
vilen Lebenswelten zurückgekehrt. Die Front- immer inflationärer verwendeten Label, des- Generalität selbst in Rechnung stellen kann,
gemeinschaft konnte ihnen bei der unmittel- sen bekanntester Propagandist Adolf Hitler so waren die Gründe für diese Bewertung
baren Bewältigung des Alltages nur mehr werden sollte. Diese politische Instrumentali- keinesfalls humanitärer Natur. Vielmehr sah
wenig von Nutzen sein. Alte Freundschaften, sierung der Front konnte nicht lange gut ge- die militärische Führung nur allzu gut, dass
Familien, Belegschaften, Sportvereine, Kir- hen, denn für das Verhältnis der Veteranen un- im Abnutzungskrieg entlang fester Fronten
chengemeinden oder andere Netzwerke ge- tereinander, aber auch gesamtgesellschaftlich vor allem die wirtschaftlichen und gesamt-
wannen wieder an Bedeutung. Auch wenn hatte sie eine zersetzende Wirkung. Und so gesellschaftlichen Potenziale zur Geltung
die Kameradschaft letztlich nur eine Zweck- verwundert es nicht, dass es die Nationalso- kommen würden – und da war das Deut-
gemeinschaft gewesen war, war der Zivilisa- zialisten waren, die der von ihnen bis dahin sche Reich der gegnerischen Koalition unter-
tionsbruch des Fronterlebnisses aber derart selbst zelebrierten elitären „Frontkämpfer“- legen gewesen. Der Krieg musste also unbe-
eindrücklich gewesen, dass viele Veteranen Ideologie im übergeordneten Interesse der dingt wieder „in Bewegung“ kommen. Nur
das Bedürfnis verspürten, das gemeinsame jetzt aufzubauenden „Volksgemeinschaft“ ein dann würde es gelingen, die militärische
Wissen und die Erfahrungen im geschlosse- Ende bereiteten. Mit der Stiftung des Ehren- Entscheidung schnell und zu eigenen Guns-
nen Kreis zu teilen. kreuzes des Weltkrieges im Jahr 1934 konnte ten herbeizuführen.
fast jeder – auf dem Wege des bürokratischen Der Stellungskrieg hat schließlich einer
Nachkriegsordnung Antrags – Teil der jetzt wieder weiter gefass- umfassenden Industrialisierung des Kampfes
Über die Front zu reden, bedeutete in der jun- ten Gemeinschaft werden: „Frontkämpfer“, und damit des militärischen Raumes den Weg
gen Republik aber zunehmend auch, teilzu- alle sonstigen Kriegsteilnehmer und sogar die bereitet. An der Front herrschten nicht nur die
nehmen an Verteilungskämpfen um morali- Hinterbliebenen. Die Frontgemeinschaft wei- Gesetze des Krieges, sondern zunehmend
sches Kapital. Das hing mit dem Ausgang des tete sich so zur Kriegsgemeinschaft. Davon auch die der industriellen Arbeit. Krieg als
Krieges zusammen. Wer trug Schuld an der sollte freilich eine Gruppe ausgeschlossen Arbeit ist deshalb auch nicht als zynische
Niederlage? In welchem Zusammenhang bleiben: die Veteranen jüdischen Glaubens. Analogie zu verstehen, sondern spiegelt die
standen Niederlage und Revolution? Unter reale Veränderung des Krieges und den Zu-
dem Eindruck der innenpolitischen Auseinan- Schluss sammenhang von Kriegführung und Gesell-
dersetzung um diese Fragen verschob sich die Die statische Front war ein militärisches Phä- schaftsordnung im beginnenden 20. Jahrhun-
Diskussion. „Front“ war nun oftmals nicht nur nomen des Ersten Weltkrieges, das diesen dert wider. Allerdings genügt hierzu nicht al-
eine Umschreibung für das gemeinsam Erleb- von den vorangegangenen Kriegen, aber lein der Blick auf die Front.

Clausewitz 6/2013 59
Militär und Technik | Nebelwerfer

Nebelwerfer der Wehrmacht

Hitlers „Stalinorgel“
1940/41: Die Einführung des 15-cm-Nebelwerfers 41, der sich im weiteren Kriegsverlauf
als deutscher Standard-Mehrfachraketenwerfer durchsetzen wird, beginnt. Die gefü rchtete
Waffe entwickelt sich zum „Erfolgsmodell“ der Raketenartillerie. Von Heisam El-Araj

N
ach dem Ende des Ersten Weltkriegs runter Walter Dornberger und Wernher von fern in der ursprünglich für das Verschießen
und infolge der in Versailles 1919 von Braun. Ende der 1920er-Jahre kann eine Viel- von chemischen Kampfstoffen vorgesehe-
den Siegermächten beschlossenen zahl von Konstrukteuren für das neue Hee- nen „Nebeltruppe“: Die Rückstoßfreiheit der
restriktiven Bestimmungen war es Deutsch- resprogramm gewonnen werden. Raketengeschosse erlaubt ein niedriges Wer-
land untersagt, Weiterentwicklungen im Be- fer-Gewicht (Marschgewicht 590 Kilo-
reich schwerer Artillerie- und Panzerwaffen Technischer Durchbruch gramm), das deutlich unter dem der entspre-
und der Luftwaffe voranzutreiben. Der technische Durchbruch weg von den chenden Geschütze der Artillerie liegt.
Doch hatten die Erfahrungen des Krieges ersten Nebelwerfern vom Typ 10-cm-Nebel- Eine geringe Feuerhöhe und eine gute Ge-
von 1914–1918 gezeigt, dass im Bereich des werfer 35 bzw. 40, die noch auf den Granat- ländegängigkeit – selbst im Mannschaftszug
Heerwesens besonders im Hinblick auf die und Minenwerfern des Ersten Weltkriegs ba- – entsteht durch die Verwendung der glei-
Beweglichkeit und Feuerkraft der Kriegfüh- sieren, ist die Entwicklung der Dralldüse. chen Lafette wie bei der 3,7-cm-Panzerab-
rung ein Umdenken erforderlich ist. Die seit Durch schräg gebohrte Austrittsöffnun- wehrkanone. Eine elektrische Zündung der
Mitte der 1920er-Jahre zeitweilig durchge- gen wird beim Austritt der Verbrennungsga- Werfer beim Abfeuern erhöht die Kadenz
führte militärische Zusammenarbeit Deutsch- se des Treibsatzes der Wurfgranate (Rakete) (Schussfolge). Die ausgewogene Mischung
lands mit Russland nach Abschluss des Ra- diese in eine um die Längsachse rotierende von Spreng-, Flamm- und Nebel-Munition
pallo-Vertrags hat erste Ansätze in diese Bewegung versetzt und so im Flug stabili- verdichtet die Wirkung.
Richtung zusätzlich bestärkt – zumal Ent- siert. Dadurch kann auf Flügel wie bei den Mitte 1940 beginnt die Aufstellung des
wicklungen im Raketenbereich in den Ver- russischen Katjuscha-Raketen oder Züge wie Werfer-Regiments 51, das erstmalig mit dem
sailler Bestimmungen nicht erwähnt sind. bei Rohrartilleriewaffen gänzlich verzichtet für im Feld verwendungsfähig erklärten 15-
Die erstellten Vorgaben des Heereswaf- werden. cm-Nebelwerfer 41 ausgerüstet ist. Der gezo-
fenamtes (HWA) der Reichswehr beinhalten In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre be- gene Feldraketenwerfer besteht aus einem
eine Auswertung der Ergebnisse von Wis- ginnt die Entwicklung des späteren 15-cm- Rohrbündel zu sechs Rohren auf einer
senschaftlern und Technikern der verschie- Nebelwerfers 41 (15-cm-NBW 41). Er bietet Spreizlafette. Die Rohre haben eine geringe
densten Raketenprojekte in Deutschland, da- folgende Vorteile gegenüber seinen Vorläu- Wandstärke und dienen nur zum Abschuss

IM GEFECHT: Blick auf eine Werfer-Batterie


an der Ostfront, die sich auf den nächsten
Feuerschlag vorbereitet.
Foto: picture-alliance/
Süddeutsche Zeitung Photo

60
VORBEREITUNG: Ein deutscher
Soldat beim Laden eines Nebel- einzelnen Flugbahnen durch den Gasan-
werfers vom Typ 41. triebsstrahl vermindert werden.
Foto: picture-alliance/picture-alliance Jede eingespielte Bedienungsmannschaft
eines Werfers entwickelte ihre besondere
Technik zum schnellen Laden und Richten
der Waffe. Zum Beispiel wird durch das
Einführen der Wurfgranate mit einer
schwungvollen Drehung das Abschussrohr
von den Pulverrückständen des vorausge-
gangenen Schusses grob gereinigt und ein
einwandfreier Zündkontakt hergestellt. Ge-
reinigt wird die Abschussvorrichtung mit
Wasser und Bürste, erst danach verwendet
man Öl und Fett. So kann eine Verkrustung
der Pulverrückstände verhindert werden.
Die Splitterwirkung einer einzelnen 15-cm-
Wurfgranate 41 Spreng (Gewicht 35,7 Kilo-
gramm) liegt bei etwa 40 Metern nach jeder
Seite.

der drallstabilisierten Raketengeschosse vom der Rakete ist ein elektrischer Randdüsen- Wirkungsvolle Schwerpunktwaffe
Kaliber 15 cm. Die Bedienungsmannschaft zünder eingesetzt, auf dessen Zündteller die Ab 1941 gilt die Nebelwerfertruppe als
besteht aus dem Werferführer und vier Sol- Zündkontaktstange aufgesetzt wird. Schwerpunktwaffe, sowohl im Angriff in der
daten. Über eine Sechsfach-Zündmaschine wird Rolle als Bahnbrecher als auch in der Ab-
durch Drehung eines Handgriffes ein Strom- wehr zum Zerschlagen feindlicher Bereitstel-
Neuartige Raketenmunition impuls durch ein 30 Meter langes Zündkabel lungen und zur Abriegelung von Einbrü-
In der Feuerstellung wird der Werfer zu- zum Werfer übertragen. Dieser löst mit Hil- chen.
nächst bei gespreizten Holmen „aufge- fe eines Glühzünders eine kleine Pulverla- Die Werfertruppe vereinigt Überra-
bockt“, das heißt der Werfer wird auf die dung aus. Von dieser schießt eine Zündflam- schung durch schlagartige Feuerüberfälle
Aufbockvorrichtung gestellt und ruht in ei- me durch die Randdüse auf die Treibsatz- mit der Wucht überlegener Einschlagdichte.
ner standfesten Dreipunktlagerung auf dem oberfläche der Rakete. Es werden immer die Dies verlangt von der Führung der Einheiten
Aufbockteller und den Spornblechen. gegenüberliegenden Rohre nacheinander ständige Vorausplanung der Feuerschläge
Diese neuartige Lagerung ermöglicht ein gezündet, so kann eine Beeinflussung der und besondere Einsatzüberlegungen.
sicheres Richten des Werfers und ein weites
Seitenrichtfeld
Die neuartige Raketenmunition erforder- HINTERGRUND „Nebeltruppe“
te auch eine besondere Art der Zündung. In Bei der „Nebeltruppe“ der Wehrmacht han- wehr feindlicher chemischer Angriffe und in
eine Randdüse (besteht aus 26 Einzeldüsen) delt es sich um eine ursprünglich zur chemi- der Dekontamination von Soldaten, Waffen
schen Kriegführung aufgestellte Truppengat- und verseuchten Abschnitten.
tung. Die in verschiedenen Varianten als „Nebel-
Ihr taktischer Auftrag bestand anfangs vor werfer“ bezeichnete Raketenartillerie des
allem im Abfeuern bzw. Freisetzen von Ne- Heeres zählt während des Zweiten Weltkrie-
bel- und chemischen Kampfstoffen, der Ab- ges auch zur „Nebeltruppe“.

Clausewitz 6/2013 61
Militär und Technik | Nebelwerfer

GESPENSTISCHE SZENE: 28-cm-


Wurfkörper Spreng eines deutschen
Raketenwerfers (schweres Wurfgerät
41) kurz nach dem Abfeuern während
der Kämpfe in Warschau 1944.
Foto: BArch, Bild 101I-696-0426-15/Leher

WEITHIN SICHTBAR: Die typischen


Rauschschwaden der Nebelwerfer
nach dem Abschuss der Granaten.
Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo

62
Geballte Feuerkraft

AUF DEM WEG ZUR FRONT: Ein leichter Zugkraftwagen 1to VOR DEM FEUERSCHLAG: Eine Werfer-Batterie macht sich bereit
(Sd.Kfz.10) mit Werfern (28/32-cm-Nebelwerfer 41) bei der Fahrt zum Abfeuern der 21-cm-Nebelwerfer 42.
durch eine russiche Ortschaft. Foto: BArch, Bild 101I-049-0176-16/Bernd Lohse Foto: picture-alliance/Süddeutsche Zeitung Photo

Die Regel ist der Einsatz mindestens einer Es gibt Normal-, Arktis- und Tropentreib- Die Splitterwirkung der 21-cm-Wurfgra-
Abteilung, der einer einzelnen Batterie sätze für die unterschiedlichen Kriegsschau- nate 42 Spreng beträgt etwa 46 Meter im Um-
(sechs Werfer) bildet die Ausnahme. Da die plätze, für den 21-cm-Nebelwerfer 42 wird kreis. Wesentlich größer ist die Wirkung,
starke Rauch- und Staubentwicklung bei jedoch keine Nebelmunition hergestellt. wenn sie als „Abpraller“ auf Entfernungen
Feuerschlägen die Stellungen leicht verrät, Die Granate wiegt 110 Kilogramm und bis 4.000 Meter auf ebenes, hartes Gelände
ist die Werfertruppe voll motorisiert. kann auf Entfernungen von 500 bis 7.850 Me- verschossen wird.
Als Standardfahrzeuge kommen die tern verschossen werden. Im Jahr 1944 wer-
Halbkettenzugmaschinen 1to (Sd.Kfz.10/1) den für den 21-cm-Werfer Einbauschienen Schwere Wurfgeräte
und 3to (Sd.Kfz.11/5) sowie in einzelnen eingeführt, mit denen die Waffe auf das Ka- Das schwere Wurfgerät 40 bzw. 41 zeichnet
Ausnahmefällen normale Lkw zur Verwen- liber 15 Zentimeter umgerüstet werden sich durch seine einfache Konstruktion aus.
dung. Dies ermöglicht einen schnellen Stel- kann. Da die verwendeten Wurfkörper beim Ab-
lungswechsel nach dem Abschuss. Die schwere Werferabteilung (21 cm) schuss nahezu rückstoßfrei sind, können sie
Die geballte Feuerkraft der Werfereinhei- kann einen Feuerüberfall von 90 Raketen in- aus den Transportkisten heraus von einfa-
ten hat allerdings einen großen Nachteil. nerhalb von acht Sekunden abgeben. Ohne chen Holzgestellen (Typ 40) oder Metallge-
Durch den hohen Munitionsansatz sind die Zielwechsel kann der Feuerüberfall etwa al- stellen (Typ 41) verschossen werden. In der
Batterien relativ schnell verschossen, da Mu- le zweieinhalb Minuten wiederholt werden. Regel verfügt eine Batterie über zehn Wurf-
nition nicht unbegrenzt nachgeführt werden gestelle. Pro Gestell können vier Wurfkörper
kann. Eine Teilnahme an einem längeren mit ihren Packkisten beladen werden. Die
Kampf ist dadurch kaum möglich. Seitenrichtung wird beim Aufbau vorge-
nommen, die Höhenrichtung wird mit ei-
Schneller Feuerüberfall nem einfachen Aufsatzwinkelmesser am
Das Bestreben, einen im Hinblick auf die Wurfgestell eingestellt.
Entfernung identisch wirkenden Feuerüber- Gezündet wird auch hier elektrisch über
fall wie beim 15-cm-Nebelwerfer 41 zu errei- eine Glühzündkette mit Verzögerung oder
chen aber mehr Sprengstoff in den Zielraum über einen Glühzündapparat.
zu transportieren, findet seine technische Verschossen werden können folgende Muni-
Umsetzung im 21-cm-Nebelwerfer 42. tionssorten:
Dieser ruht auf der Lafette des 15-cm- • 28-cm-Wurfkörper Spreng (Schussweite
Werfers, die Rohrbündel können bei Bedarf 750 bis 1.925 m)
auch ausgetauscht werden. Jedoch verfügt • 32-cm-Wurfkörper Flamm
das Rohrbündel des 21-cm-Werfers nur über (Schussweite 875 bis 2.200 m)
fünf Rohre vom Kaliber 21 Zentimeter. Völ- • 30-cm-Wurfkörper 42 Spreng (Schusswei-
lig anders ist die Munition konstruiert. te 800 bis 4.550 m)
Die 21-cm-Wurfgranate 42 Spreng besitzt Nachteilig wirken sich der zeitraubende
einen Aufschlagzünder, der mit oder ohne Aufbau in Deckungsmulden, die geringe
Verzögerung verschossen werden kann. Der Reichweite sowie die erschwerte Tarnung
Sprenggranatenteil befindet sich im Vorder- der Geräte aus. Dennoch kann im Massen-
teil, der Treibsatz aus rauchlosem Diglykol- einsatz eine erhebliche Feuerwirkung im
Pulver im hinteren Teil der Wurfgranate. Die FRONTAL: Blick in die Rohre eines Nebelwer- Ziel erreicht werden.
Turbine schließt die 21-cm-Wurfgranate 42 fers vom Typ 21-cm-NBW 42 an der Italien- Panzerpionierbataillone der Wehrmacht
nach hinten ab. front 1943. Foto: BArch, Bild 101I-574-1776-08A/Faber führen in ihrem Bestand mittlere Schützen-

Clausewitz 6/2013 63
Militär und Technik | Nebelwerfer

TROPHÄEN: Alliierte Solda- die durch je zwei Ersatz- und Lehrregimen-


ten posieren mit erbeuteten ter ergänzt werden.
Nebelwerfern der geschlage- Der ursprüngliche Ansatz, dass die Ne-
nen deutschen Truppen in beltruppe vordringlich Nebel- und Kampf-
Tunesien, 1943. stoffmunition verschießt, war schnell über-
Foto: picture-alliance/©Illustrated holt. Die Nebelwerfer werden zu einer wich-
London News Ltd/picture-alliance/ tigen Waffe in der Flächenwirkung, die mit
Mary Evans Picture Library
einer äußerst wirksamen Brisanzmunition
(Sprenggeschosse) die Rohrartillerie immer
BELADEN: Ein mittlerer mehr ergänzt.
Schützenpanzerwagen So fordert auch Generalfeldmarschall Er-
(Sd.Kfz.251) mit Wurfkör- win Rommel im Rahmen der Vorbereitungen
pern in angehängten zu seinem strategischen Konzept zur Abwehr
schweren Wurfrahmen 40. der erwarteten alliierten Invasion in Frank-
Foto: BArch, Bild 101I-216-0417- reich die Zuführung von weiteren Werferbri-
09/Dieck gaden zur Verteidigung an der Küste.

panzerwagen (Sd.Kfz.251), an denen seitlich Die Sprengladung hat ein Gewicht von 45 Gegen Kriegsende
Wurfkörper eingehängt und abgefeuert wer- Kilogramm, die Wirkung im Zielraum be- Die deutsche Nebelwerfertruppe erlebt Mit-
den können. Der 30-cm-Nebelwerfer 42 wird ruht in der Hauptsache auf der Druckwir- te Dezember 1944 während der „Ardennen-
ab 1943 in der Truppe eingeführt, gelangt kung der innerhalb von zehn Sekunden ein- offensive“ ihren größten Gesamteinsatz. So
aber erst gegen Ende des Krieges in größerer schlagenden Salven. werden am 16. Dezember 1944 bei Beginn
Stückzahl zum Einsatz. Er löst aufgrund grö- der Großoffensive im Westen acht Werferbri-
ßerer Schussweite den ähnlich aufgebauten Ergänzung zur Rohrartillerie gaden mit insgesamt 957 Werfern, davon 369
Wurfrahmen 28/32-cm-Nebelwerfer 41 ab Für den Transport und das Laden der Wurf- schwere, eingesetzt.
und besteht aus einem Block mit sechs Ab- körper wird eine besondere Ladeschwinge Im letzten Kriegsjahr 1945 hat die Nebel-
schussgestellen auf einem Anhängerfahrge- benutzt. Die Beweglichkeit im Mannschafts- werfertruppe eine Gesamtstärke von mehr
stell. Die Bedienungsmannschaft besteht aus zug wird durch eine Handdeichsel erleichtert. als 5.000 Offizieren, 18.000 Unteroffizieren
sechs Soldaten. Diese kann auch bei einer Nahzielbekämp- und 89.000 Mannschaften, zusammen circa
Die 127 Kilogramm schweren 30-cm- fung problemlos verwendet werden. Richten 112.000 Soldaten, die mit rund 4.800 Wer-
Wurfkörper 42 Spreng erreichen eine können die Artilleristen den Werferrahmen fern unterschiedlicher Typen ausgestattet
Höchstschussweite von 4.550 Metern. mit einer durch Handkurbeln betriebenen sind.
Seiten- und Höhenrichtmaschine.
Waren bei Ausbruch des Zweiten Welt-
Literaturtipp Heisam Alexander El-Araj, Jg. 1974, Major d. R.,
krieges auf deutscher Seite lediglich eine
Raketenartillerist während seiner aktiven Bundeswehr-
Alexander Lüdeke: Deutsche Artillerie-Geschüt- Hand voll selbstständiger Werferabteilun- zeit, Organisationsleiter beim Verband der Reservisten
ze 1933–1945, Stuttgart 2010. gen vorhanden, entstehen daraus im weite- der Deutschen Bundeswehr e.V.
ren Kriegsverlauf rund 20 Frontregimenter,

64
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Spurensuche

BEEINDRUCKEND: Luftaufnahme
der 750 Meter über dem Meeres-
spiegel gelegenen Hohkönigsburg
im Elsass. Foto: ©Jean-Luc Stadler

Hohkönigsburg im Elsass

Monument des
4. Mai 1899: Die elsässische Kleinstadt Schlettstadt schenkt Kaiser Wilhelm II. die ver-
kommene Burganlage. Der 40-jährige Monarch beschließt den Wiederaufbau der Hohkö-
nigsburg als sichtbares Denkmal der deutschen Kultur im Elsass. Von Hagen Seehase

66
indeutiges Urteil: ,,Von allen Wehr-

E bauten, die von Norden zum Süden die


nach der Rheinebene zu vorgelagerten
Bergrücken und Kuppen der Vogesen krö-
nen, ist die Hohkönigsburg am imposantes-
ten“, schreibt der elsässische Burgenkenner
Fritz Bouchholtz in seinem Werk „Burgen
und Schlösser im Elsass“. Aber nicht nur die
Landschaft wird von dem rund 750 Meter
über dem Meeresspiegel gelegenen stolzen
Burgbau beherrscht, auch die Geschichte der
von deutscher und französischen Kulturein-
flüssen geprägten Region.
Kaum eine Burg kann für sich in An-
spruch nehmen, in der Vergangenheit im Be-
sitz dreier Kaisergeschlechter gewesen zu
sein. Die im Elsass gelegene Hohkönigsburg
(frz.: Haut-Kœnigsbourg) kann: Sie gehörte
den Hohenstaufen, den Habsburgern und
schließlich den Hohenzollern.
Der Name des Burgberges wird schon im
8. und 9. Jahrhundert urkundlich erwähnt:
„Stophanberch“ (Staufenberg). Aus der frü-
hen Stauferzeit stammen die ältesten (roma-
nischen) Bauteile der Burg. Im Jahre 1147 ist
in einer Urkunde die Rede vom „castrum
estufin“. Zwei Besitzer teilen sich die Burg:
Konrad III. von Hohenstaufen (seit 1138
deutscher König) und sein Bruder Friedrich
der Einäugige, Herzog von Schwaben. Wäh-
rend schon in der Herrschaftszeit Kaiser
Friedrichs II. das Abbröckeln der staufi-
schen Hausmacht beginnt, wird die
Burg Besitz der Herzöge von Lothrin-
gen, die ihrerseits die Grafen von
Werd (Landgrafen des Elsass) damit
belehnen.
Die neuere Forschung hat gezeigt,
dass die Hohkönigsburg einst aus zwei
getrennten Burganlagen be-
stand, die zusammenge-
wachsen sind. Außer-
dem liegt weiter west-
lich auf dem gleichen
Bergrücken die Oe-
denburg. Nach
dem Aussterben
der Grafen von
Werd wird das
Lehnsverhältnis
zu den Lothringer
Herzögen undurch-

Kaisers IN POSE: Kaiser Wilhelm II.


sichtig. Die Nachfol-
ger in der Landgraf-
schaft verkaufen die Burg
1359 an den Bischof von
Straßburg. Als Lehnsnehmer
des Bistums Straßburg fun-
gieren fürderhin die Rath-
nach einem Gemälde von R. Nagy. samhausen auf der Oeden-
Abb.: picture-alliance/akg-images burg und die Hohenstein
auf der Hohkönigsburg.

Clausewitz 6/2013 67
Spurensuche | Hohkönigsburg

HOHER BESUCH:
Kaiser Wilhelm II.
macht sich bei ei-
nem Besuch im Jahr
1907 ein Bild von
den Restaurationsar-
beiten auf der Hoh-
königsburg.
Foto: BArch, Bild 183-
W0107-502

Zu Beginn seiner Herrschaftszeit hat der kalkuliert sich aber. Der Kurfürst erhält nach nigsburg eingenistet hat. Es sind 33 Mann un-
Pfälzer Kurfürst und Landvogt der Reichs- erfolgreichem Angriff seiner Truppen auf die ter der Führung einiger Adeliger aus der
lande im Elsass, Friedrich der Siegreiche, ei- Burg das Öffnungsrecht auf der Hohkönigs- Pfalz. Im November des Jahres 1462 haben
ne heftige Fehde mit den Grafen von Lützel- burg und einen Besitzanteil. 1462 macht eine sie Straßburger Bürger angegriffen und um
stein (frz.: La Petite-Pierre). Räuberbande Furore, die sich auf der Hohkö- Geld erpresst. Da die Hohkönigsburg eine
Im Jahr 1454 nimmt der Pfälzer Kurfürst sehr gut befestigte Burg ist, muss eine größe-
Friedrich die Hohkönigsburg ein, die von re Mannschaft zu deren Einnahme aufgebo-
Verbündeten der Lützelsteiner Grafen – es Literaturtipps ten werden. Dazu sind die Straßburger aber
sind die Brüder Hohenstein – gehalten wird. wild entschlossen. Der Bischof von Straßburg
Fritz Bouchholtz: Burgen und Schlösser im
Anton von Hohenstein hat Hans von Wester- schickt Truppen, ebenso der Bischof von Ba-
Elsass, Frankfurt/Main 1965.
nach, einem Feldhauptmann der Lützelstei- sel. Die Stadt Straßburg sendet große Ge-
ner, auf der Burg Aufnahme gewährt. Der Georges Bernage und Harald Mourreau: schütze. Auf Verlangen des österreichischen
gedenkt von dieser starken Position aus Le Haut-Kœnigsbourg, Bayeux 2011. Landvogtes und des Grafen von Rappolt-
Krieg gegen den Kurfürsten zu führen, ver- stein beteiligt sich die Stadt Basel an der Ex-

68
Mächtige Position der Habsburger

pedition und sendet unter der Führung von DETAIL: Ehrenportal


Ritter Hans von Flachsland und Ritter Hans der Hohkönigsburg
von Bärenfels neben 30 Reitern und 200 Fuß- mit einer Inschrift
soldaten auch schweres Belagerungsgerät. zur Erinnerung an
Am 18. Dezember (andere Quellen sprechen den „Restaurator“
vom 26. Oktober) beginnt die Belagerung der Kaiser Wilhelm II.
Hohkönigsburg. Bald muss sich die Besat- Foto: ullstein bild – image-
zung auf Gnade und Ungnade ergeben, die broker.net/Helmut Meyer
Burg wird schwer beschädigt. Erzherzog Si- zur Capellen
gismund von Tirol erwirbt sie und lässt Repa-
raturen durchführen.

Unter den Thiersteiner Grafen


Für seine Verdienste (besonders in den Bur-
gunderkriegen) belehnt Kaiser Friedrich III.
Graf Oswald von Thierstein 1479 mit der
Hohkönigsburg: Am 14. Mai 1479 ergeht kai-
serlicher Befehl an die Stadt Straßburg, den MÄRCHENHAFT: Blick auf das
Thiersteinern bei der Instandsetzung der Treppenhaus im Inneren der
stark mitgenommenen Hohkönigsburg zu Burg. Foto: ©Klaus Stöber GROßES
helfen. Oswald und sein Bruder Wilhelm KALIBER: Im
müssen sich für ihre ambitionierten Bau- Schlacht von Calliano glücklich ge- Bollwerk der
maßnahmen auf der Hohkönigsburg mit ins- wonnen werden kann, aber die Fi- Anlage ausge-
gesamt 11.000 Gulden bei den Städten Straß- nanznöte Sigismunds noch erheblich stellte Kanone.
burg und Solothurn schwer verschulden. steigert. Die ganze Affäre hat ein Nach- Foto: ©Klaus Stöber
Der Um- und Neubau zieht sich bis 1481 hin. spiel: Kaiser Friedrich III. entmachtet Erz-
Große Teile des Mobiliars bringen die Thier- herzog Sigismund, 1490 wird er gegen eine walds, Heinrich, nach. Ihm kauft der nun-
steiner aus ihren Schweizer Burgen mit. hohe Pension dazu bewogen, auf alle Amts- mehrige Kaiser Maximilian die Hohkönigs-
Der Position als Landvogt der Habsbur- geschäfte zugunsten des Thronfolgers Maxi- burg ab. Mit dem Tode Heinrich von Thier-
ger Besitzungen wird Graf Oswald durch milian zu verzichten. Die „bösen Räte“ in steins im Jahre 1519 sterben die Thiersteiner
Erzherzog Sigismund bald enthoben. Er Innsbruck werden entlassen. Auch Graf Os- im Mannesstamme aus.
bleibt aber in seiner Position als Hofrat in wald von Thierstein verliert 1487 sein Amt.
Innsbruck und hat erheblichen Anteil an Er ist sogar von der Ächtung bedroht, ver- Im Besitz der Habsburger
dem Ausbruch des Krieges zwischen Sigis- stirbt aber bereits 1488. Erbe wird sein Bru- Die Hohkönigsburg wird zur mächtigsten
mund und Venedig, der zwar 1487 mit der der Graf Wilhelm. Dem folgt der Sohn Os- militärischen Position der Habsburger im
ganzen Elsass, politisches Zentrum der Vor-
lande bleibt Ensisheim. 1533 werden die bei-
HINTERGRUND Die Habsburger im Elsass den Söhne des berühmten Franz von Sickin-
gen als Burghauptleute und Pfandherren
Die Habsburger benannten sich nach ihrer 1379 werden die Habsburger Territorien zwi-
Stammburg, der Habsburg im schweizeri- schen den Brüdern Albrecht III. und Leopold eingesetzt. Streitereien zwischen den Sickin-
schen Aargau, stammen aber höchstwahr- III. geteilt, wobei das Elsass und der Rest der gern und der Administration in Ensisheim
scheinlich aus dem Elsass. sogenannten „Vorlande“ an Herzog Leopold führen dazu, dass die Sickinger 1605 die
Albrecht IV. von Habsburg ist Feldhaupt- fällt. Jener kommt in der Schlacht von Sem- Burg verlieren.
mann der Straßburger. Seinem Sohn Rudolf, pach am 9. Juli 1386 gegen die Eidgenossen Die Burg verfällt zusehends, seit 1611 ist
seit 1273 König, verdankt das Geschlecht ums Leben und mit ihm viele elsässische Junker Philipp von Lichtenau Burgvogt. Er
den Aufstieg zur Herrschaft. Er verbündet Ritter. Die Kriege gegen die Eidgenossen be- korrespondiert mit der Administration in
sich 1262 mit den Straßburgern gegen de- lasten die Habsburger Herzöge von Tirol Ensisheim (später in Breisach). Seine Briefe
ren Bischof Walther von Geroldseck. Außer- schwer, Herzog Sigismund der Münzreiche
nehmen einen bittenden Tonfall an, als das
dem baut er die Burg Ortenberg zu einer ist gezwungen, die Vorlande an den Burgun-
Elsass während des Dreißigjährigen Krieges
wichtigen Festung aus. Durch die Einheirat derherzog Karl den Kühnen zu verpfänden.
seiner Schwester Kunigunde in die Familie Später geht er ein Bündnis mit den Eidgenos- in die Hände der Schweden fällt. Im Juni
der Ochsensteiner kommt eine politisch be- sen gegen Burgund ein, Elsässer kämpfen 1633 ist die Hohkönigsburg der einzige ver-
deutsame Verbindung zustande. Otto von bei Murten 1476 und Nancy 1477. bleibende Stützpunkt der Kaiserlichen im
Ochsenstein kann den Großteil der Elsässer 1490 wird Sigismund entmachtet, der spä- ganzen Elsass. Die Garnison der Burg be-
Ritterschaft für Rudolfs Sohn Albrecht von tere Kaiser Maximilian wird sein Nachfolger. steht aus 20 habsburgischen Soldaten unter
Österreich mobilisieren. Er bekämpft als Unter seiner Herrschaft ziehen die Elsässer Philipp von Lichtenau, dazu kommen 39
Landvogt des Elsass bei Göllheim am 2. Ju- 1499 noch einmal gegen die Eidgenossen lothringische Soldaten und 80 Einwohner
li 1298 für Albrecht den Gegenkönig Adolf in den Krieg. Kaiser Karl V. zieht auch im El- (darunter Frauen und Kinder) von Or-
von Nassau. Viele Elsässer nehmen an dem sass gegen unbotmäßige (protestantische) schweiler (frz.: Orschwiller).
Kampf teil. Otto von Ochsenstein erstickt in Reichsfürsten zu Felde. Mit dem Dreißigjäh-
Ein paar Dutzend Bewohner des Weiler-
seiner Rüstung vor Hitze, sein Schlachtross rigen Krieg und den Raubkriegen des „Son-
trägt den toten Reiter durch die Reihen der nenkönigs“ Ludwig XIV. endet die Herrschaft tals stoßen hinzu. Schwedische Truppen un-
gegnerischen Heere. der Habsburger im Elsass. ter Obrist-Wachtmeister Georg Sebastian
Fischer stellen Artillerie auf dem Schänzel,

Clausewitz 6/2013 69
Spurensuche | Hohkönigsburg

DETAILAUFNAHME: Teile einer Ritterrüs-


tung, die im Burginnern zusammen mit ande-
ren Ausstellungsstücken besichtigt werden
können. Foto: ©Jean-Luc Stadler

In den Jahren 1940–1945 werden in der


Hohkönigsburg wertvolle Kunstschätze aus
den Museen der Region aufbewahrt.
Am 29. November 1944 besetzt eine ame-
rikanische Patrouille die mächtige Burganla-
VORHER: Aufnahme des Zustandes der Burg vor Beginn des Wiederaufbaus und der Restau- ge. Sie wird zu einem wichtigen Beobach-
rierungsarbeiten. Foto: ©DBV-Inventaire d'Alsace tungsposten amerikanischer und französi-
scher Truppen während der Kämpfe um den
einer kleinen die Burg überragenden Kuppe, nanziell überlastet. Die Stadt ergreift die Ge- Frontvorsprung bei Colmar im Frühjahr 1945.
auf und beginnen am 17. Juli mit dem Be- legenheit beim Schopf, als Kaiser Wilhelm II.
schuss. Dann werden die Batterien vorge- das Elsass besucht: Am 4. Mai 1899 macht Beeindruckende Sehenswürdigkeit
schoben. Zwei Aufforderungen zur Kapitu- ihm Schlettstadt die Ruine zum Geschenk. Die durch ihre Höhenlage weithin sichtbare
lation lehnt Lichtenau ab. Ende August hat Kaiser Wilhelm beschließt den Wiederauf- Burg beeindruckt schon durch ihre imponie-
er nur noch Brot und Wasser für die arg ge- bau nicht etwa als Residenz, sondern als renden Ausmaße. Sie ist (nach der Burg Gir-
schrumpfte Garnison: die Lothringer sind sichtbares Monument der deutschen Kultur baden) die zweitgrößte Burg im Elsass. Der
geflüchtet. Am 7. September 1633 muss Lich- im Elsass. Mit 100.000 Mark aus dem Privat- größte Teil des ursprünglichen Baubestandes
tenau die Burg übergeben. Einen Monat spä- vermögen des Kaisers werden ab Sommer stammt aus dem 15. Jahrhundert und die
ter wird sie von den Schweden in Brand 1899 Untersuchungen durchgeführt. Der Burg zeigt neben architektonischen Details
gesetzt.
Die Hohkönigsburg ist nun Ruine. Unter
wechselnden Besitzern ist sie dem Verfall „Möge die Hohkönigsburg hier im Westen des
preisgegeben. Reiches, wie die Marienburg im Osten, als ein
Der Wiederaufbau Wahrzeichen deutscher Kultur und Macht bis in die
Ihre romantische Wirkung auf Besucher hält fernsten Zeiten erhalten bleiben.“
das französische Innenministerium 1848 Kaiser Wilhelm II. in seiner Ansprache zur Einweihung der
nicht davon ab, alle zu ihrer Erhaltung be- restaurierten Hohkönigsburg im Jahr 1908.
stimmten Kredite zu streichen. 1856 wird die
„Gesellschaft für die Erhaltung der Histori-
schen Bauwerke des Elsass“ gegründet, die Wiederaufbau, finanziert zu gleichen Teilen auch kulturhistorisch wertvolle Einrichtungs-
aber mit dem Erhalt der Hohkönigsburg aus dem Etat des Reiches und dem des gegenstände. Hervorzuheben ist die mittelal-
hoffnungslos überfordert ist. Die Stadt „Reichslandes Elsass-Lothringen“, beginnt terliche und frühneuzeitliche Waffensamm-
Schlettstadt ist als Eigentümerin ihrerseits fi- 1901 und kostet am Ende über zwei Millio- lung, insbesondere die im Großen Bollwerk
nen Mark. aufbewahrten Artilleriegeschütze.
Der Kaiser, der die Baustelle jedes Jahr be- Die aus rötlichem Sandstein errichtete
KONTAKT sucht, bestimmt Bodo Ebhardt (1865–1945) Hohkönigsburg mit ihren vielen Schieß-
Château du Haut-Kœnigsbourg zum Architekten und Bauleiter. Die von ihm scharten, Pechnasen und Wehrgängen ver-
(Hohkönigsburg) geleitete Wiederherstellung der Burg wird mittelt – wenn auch in vollständig restau-
FR-67600 Orschwiller (Orschweiler) heftig angefeindet, wobei viele Kritikpunkte riertem Zustand – den Eindruck einer stol-
Alsace (Elsass) unsachlich und polemisch sind. Tatsächlich zen wehrhaften Burg.
www.haut-koenigsbourg.fr ist Ebhardts Wiederaufbau viel eher am mit-
Öffnungszeiten: telalterlichen Vorbild orientiert als die meis-
Hagen Seehase, Jg. 1965, ist Autor zahlreicher Artikel
Die Burg ist das ganze Jahr über täglich geöff- ten im Zeitalter der Burgenromantik wieder-
und Sachbücher über militärgeschichtliche Themen,
net, bis auf den 1. Januar, den 1. Mai und den hergestellten Burgen. Am 13. Mai 1908 weiht
darunter eine Biografie über den Pfälzer Kurfürsten
25. Dezember. Kaiser Wilhelm in weißer Kürassieruniform Friedrich den Siegreichen.
die Burg bei strömendem Regen ein.

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Feldherren

Oliver Cromwell

Der Glaubenskrieger
17. Jahrhundert: Während die Großmächte des Festlands unter der Vorgabe, den wahren
Glauben zu verteidigen, das Heilige Römische Reich verheeren, versinken die Britischen
Inseln in einem blutigen Bürgerkrieg. Von Alexander Querengässer

D
er Englische Bürgerkrieg bringt einen
Mann hervor, der wohl im Gegensatz
zu den meisten Feldherren seiner Zeit
als echter Glaubenskrieger bezeichnet wer-
den kann: Oliver Cromwell. Er wird 1599 im
mittelenglischen Huntingdon als Sohn eines
KONTROVERS: wohlhabenden Landedelmanns geboren –
Die Person Crom- damit ist er ein Kind des goldenen König-
wells ist umstrit- reichs unter Elisabeth I., das allerdings sei-
ten – war er Er- nen inneren Glanz und seine äußere Stärke
oberer oder Be- bereits langsam zu verlieren beginnt. Ein
freier, Reformer Grund dafür sind religiöse Konflikte. Beein-
oder Tyrann? flusst durch holländische Calvinisten und
Foto: dpa - Bildarchiv französische Hugenotten hat sich unter eng-
lischen Protestanten eine neue Strö-
mung, der Puritanismus, herausge-
bildet. Der junge Cromwell wird
zunächst noch ganz im Sinne
der anglikanischen Staatskir-
che erzogen. 1617 beginnt er
sein Jurastudium in Cam-
bridge, siedelt aber nach
dem Tod seines Vaters nach
London über. Spätestens
hier, in der frühneuzeitli-
chen, kosmopolitischen
Metropole des Inselkönig-
reichs, kommt er mit den
neuen religiösen Ideen in Be-
rührung. Cromwell bleibt
zwei Jahre in der Stadt, heiratet
1620 und kehrt nach Hunting-
don zurück. In dieser Zeit be-
ginnt die langsame, aber
spürbare Spaltung des
Königreichs.

72
ENTSCHEIDUNGSSCHLACHT: Bei
dem Dorf Nasbey in Mittelengland
können 1645 Parlamentstruppen
die Royalisten schlagen. Crom-
wells Kavallerie der New Model Army
überwältigt in dieser Szene königliche
Pikeniere und Musketiere.
Zeichnung: Guiseppe Rava/www.g-rava.it

DATEN Oliver Cromwell


25.4.1599 geboren in Huntingdon
(England)
1617 Beginn des Jurastudiums
1628–1640 Parlamentsabgeordneter
für Huntingdon
1628 Übergang zum Puritanismus
1642 Eintritt in die Parlamentsarmee
als Kapitän
1643 Oberst
02.7.1644 Marston Moor
1645 Generalleutnant
14.6.1645 Naseby
10.7.1645 Langport
17.–19.8.1649 Preston
11.9.1649 Drogheda
03.9.1651 Worcester
1653 Lordprotektor von England
03.9.1658 Tod durch Malaria

Clausewitz 6/2013 73
Feldherren | Oliver Cromwell

1625 wird Charles I. (dt. Karl) König und ver- Cromwells Stern auf. Im Herbst 1642 tritt er aus englischen Bauern. Die Offiziere sollen
sucht sofort, die Rechte des Parlaments ein- als einfacher Hauptmann in die Armee ein. nicht nur aus den Reihen des Adels, sondern
zudämmen. Zeitgleich beginnen puritanische Cromwell besitzt keinerlei Erfahrungen als auch aus der starken Bürgerschaft stammen.
Wanderprediger, die neuen religiösen Ideen Soldat, ist aber ein äußerst effektiver Organi- Cromwell beginnt, diese Idee beim Aufbau
im ganzen Land zu verbreiten. Auch Crom- sator. Am Abend des 23. Oktober 1642 er- einer neuen Reitertruppe umzusetzen. Ne-
well tritt 1628 dieser neuen Kirche bei. Im reicht er das Schlachtfeld von Edgehill und ben der sozialen Komponente spielt beson-
gleichen Jahr wird er als Abgeordneter sei- muss miterleben, wie die starke königliche ders auch die religiöse Festigung dieser For-
ner Heimatstadt ins Parlament gewählt und Reiterei den linken Flügel der Parlamentsar- mation nach den puritanischen Lehren für
ist dadurch direkt in die Konflikte des Kö-
nigs mit seiner Legislative verwickelt.

Ein Land in Flammen „Schlagt nicht nur zu, solang das Eisen heiß ist,
Es gelingt Charles I. tatsächlich, elf Jahre oh- sondern macht es heiß, wenn ihr zuschlagt.“
ne Parlament zu regieren. 1640 gerät der Kö-
nig jedoch über religiöse Fragen in einen Oliver Cromwell
Krieg mit Schottland. Nun braucht er das
Parlament, um neue Mittel für sein Heer be-
willigt zu bekommen. Ein Großteil der Abge- mee im ersten Ansturm überrennt. Obwohl Cromwell eine besondere Rolle. Ihre Offizie-
ordneten, darunter Cromwell, nutzt die Not- dieser Waffengang unentschieden endet, re sind nicht nur Drillmeister, sondern auch
lage des Monarchen, um ihre Rechte zu stär- marschiert Charles nun auf London zu und Priester.
ken. Im November 1641 gehört er, neben löst eine Panik im Parlament aus. Im Glauben findet Oliver Cromwell seine
John „King“ Pym, zu den führenden Verfas- Cromwell kann die Abgeordneten über- Kriegsartikel, die sich gegen das weitverbrei-
sern einer Klageschrift gegen den König. zeugen, dass es notwendig ist, eine völlig tete Plündern, Brandschatzen und Vergewal-
Im Frühjahr des Folgejahres versucht neue Armee zu organisieren. Den bis dahin, tigen der Soldateska dieser Zeit richten. Er
Charles, die Abgeordneten des Unterhauses vom Adel gelenkten Söldnerhaufen wollte er lässt kleine Taschenbibeln an seine Reiter
zu verhaften und löst so den Englischen Bür- ein Heer mit nationalem Charakter entge- ausgeben. Diese enthalten 150 Bibelverse mit
gerkrieg aus. Zunächst können die kriegser- gensetzen. Rekrutieren soll sich diese Armee Verhaltensregeln. Anfang 1643 avanciert
fahrenen Regimenter des Königs Erfolge ge-
gen die schnell aufgestellten Truppen des UNDURCHDRINGLICHER LANZENWALD: Die schwere Infanterie in Cromwells Armee
Parlaments erringen. In dieser Krise geht ist mit Helm, Panzer und einer Pike ausgerüstet. Als Nahkampfwaffe führen viele ei-
ne Hieb- oder Stichwaffe mit sich. Die Formation wird durch Musketiere (links im
Bild) und einen – die Ordnung überwachenden – Feldwebel (blauer Hut und Hellebar-
de) vervollständigt. Zeichnung: Guiseppe Rava/www.g-rava.it

74
Cromwells Heeresreform

DIE BIBEL IN DER Reiterei, die in engen Formationen drei Glie-


HAND, DIE KRONE der tief hart attackiert. Für den richtigen
IM BLICK: Oliver Zeitpunkt und Ort dieser Attacken hat der
Cromwell wird militärische Laie Cromwell einen außerge-
manchmal als „ers- wöhnlichen Instinkt. Gleichzeitig überträgt
ter Diktator der Neu- er seine ihm eigene innere Disziplin auf die
zeit“ bezeichnet. Auf Truppen und verhindert vorzeitige Plünde-
dieser Illustration rungen und wilde Verfolgungen.
aus dem 19. Jhd. ist
der Lordprotektor Aufstände der Royalisten
mit seiner Tochter Am 14. Juni 1645 prallt die reformierte Armee
Elizabeth Claypole unter Fairfax bei Naseby auf die Kronarmee
zu sehen. Abb.: picture unter Charles I. – Cromwell befehligt den
alliance/Prisma Archivo rechten Flügel der Rebellen. Obwohl zahlen-
mäßig unterlegen, greifen die königlichen
Cavaliers an und können auch beachtliche
Erfolge erzielen. Nur an Cromwells Flügel
Cromwell zum Oberst und kommandiert ge Puritaner unter seinen Freiwilligen. Ge- prallen ihre Angriffe ab. Nachdem er ein Rei-
1.000 dieser Reiter, die mit ihren Eisenküras- messen am Standard der Zeit werden die ein- terregiment zur Verstärkung erhält, geht der
sen und –helmen als „Ironsides“ bekannt zelnen Regimenter qualitativ gut und einheit- General in die Offensive und zerschlägt den
werden. Trotzdem gelingt es den königstreu- lich ausgerüstet. Die Kavallerie erhält Leder- gegnerischen Flügel. Die Kronarmee und ihr
en Truppen, im Laufe des Jahres 1643 weite koller und Kürasse nach dem Vorbild der König fliehen vom Schlachtfeld, Artillerie
Teile Englands zu besetzen. „Ironsides“, die Infanterie rote Röcke, die al- und Bagage, sowie hunderte Fahnen zurück-
Cromwells Reiter können Achtungserfol- lerdings nicht in ausreichender Zahl beschafft lassend. Nach der Schlacht bei Naseby sind
ge erringen, aber noch keine Wende bewir- werden können. die Parlamentstruppen an allen Fronten auf
ken. Diese kommt erst mit der Schlacht bei Die Infanterie besteht in der Masse aus dem Vormarsch. Im Sommer 1646 flieht
Marston Moor am 2. Juli 1644, als eine roya- Musketieren und Pikenieren im Verhältnis Charles I. ins nordenglische Newcastle und
listische Armee die Belagerung Yorks durch zwei zu eins, umfasst aber auch einige der befiehlt seinen Regimentern, die Waffen nie-
ein Parlamentsheer aufbrechen will. Die letzten Bogenschützen. Generell werden sie derzulegen. Ein Jahr später liefern die Schot-
Royalisten, ihren Gegnern zahlenmäßig un- nach dem Vorbild der holländischen und ten ihn an das Parlament aus. Allerdings ge-
terlegen, bereiten nach einem Gewaltmarsch schwedischen Armee in einer breiten, nur lingt es dem Monarchen geschickt, die Span-
am späten Abend ihr Biwak vor, als sie voll- noch wenige Glieder tiefen Linie aufgestellt. nungen zwischen Cromwells Puritanern und
kommen überraschend von der Kavallerie Anders als bei den Schweden spielen in den den presbyterianischen Schotten auszunut-
der Rebellen angegriffen werden. Zunächst englischen Bürgerkriegsarmeen Kanonen zen und beide Parteien zu spalten. 1648 lo-
gelingt es den Königstreuen, den rechten nur eine untergeordnete Rolle. Cromwell dern royalistische Aufstände in England auf,
Flügel des Parlamentsheeres zurückzudrän- vertraut besonders auf seine gut gedrillte und ein schottisches Heer marschiert nach
gen – doch dann erscheinen die dichten Rei-
hen der „Ironsides“ unter Cromwell auf dem HINTERGRUND Die Hinrichtung Charles I.
Schlachtfeld! Diese drängen ihrerseits den
rechten Flügel der Royalisten zurück und Besonders in der Spätphase des 1. Bürgerkrie-
schwenken dann ein, um das ganze gegneri- ges zeigt sich eine Spaltung des Parlaments in
sche Heer aufzurollen. radikale Puritaner und einen gemäßigten Flügel.
Gegen 22 Uhr ist die Schlacht entschie- Charles I. versucht dies auszunutzen und nach
seiner Gefangennahme mit einer Parlaments-
den, das Parlamentsheer hat seinen bis dahin
mehrheit ein Gesetz gegen Häresie zu erlassen,
größten Sieg errungen. Marston Moor ist die das sich mehrheitlich gegen die Puritaner rich-
Wende im Bürgerkrieg. tet. Bis zu diesem Zeitpunkt hat Cromwell selbst
noch eine Einigung mit dem König gesucht. Nach
Die New Model Army seinem Sieg bei Preston fordert er jedoch, dass
Cromwell, der Held der Schlacht, beginnt diesem der Prozess gemacht wird. Zwar hat der
nun, das gesamte Parlamentsheer nach sei- König noch treue Anhänger, die ihm die Flucht er-
nen Vorstellungen zu reorganisieren und über möglichen wollen, doch er stellt sich dem Verfah-
den Winter 1644/45 zusammen mit dem ren. Nur unter dem großen Druck Cromwells kön-
Oberbefehlshaber Thomas Fairfax die New nen willige Richter gefunden werden, die den Kö-
nig schuldig sprechen. Am 30. Januar 1650 wird
Model Army aufzubauen. Zum Generalleut-
Charles I. in London enthauptet.
nant befördert, fängt er an, ihm unliebsame
Offiziere aus der Armee zu drängen und sei- BITTERES ENDE: Charles I. auf dem Schafott
ne eigene Macht zu festigen. Die neue Armee in Whitehall – kurz vor seiner Hinrichtung
soll eine Stärke von 22.000 Mann haben. Für (Enthauptung) am 30. Januar 1649. Gemälde
die Besetzung der Offiziersposten soll Leis- des englischen Künstlers Ernes Crofts, der zahl-
tung mehr gelten als soziale Herkunft. Ande- reiche Bilder zum Englischen Bürgerkrieg ver-
rerseits ist das Heer kein Hort religiöser Libe- fertigte. Abb.: picture alliance/Mary Evans Picture Library
ralität: Cromwell akzeptiert nur strenggläubi-

Clausewitz 6/2013 75
Feldherren | Oliver Cromwell

VOR DER SCHLACHT: Cromwell und seine „Ironsides“ bereiten sich 1650 auf
den Kampf mit den Schotten bei Dunbar vor. Im Bestreben, ein einiges König-
reich zu erschaffen, führt Cromwell auch Krieg in Irland und Schottland.
Abb.: picture alliance/Mary Evans Picture Library

Süden. Cromwell hat inzwischen den Befehl schen Herrschaft befreien können. Die irische sche Städte einzunehmen und am 3. Septem-
über die New Model Army übernommen. Im Konföderation stellt vor allem deswegen eine ber auch eine kleine Invasionsarmee unter
Spätsommer manövriert er die schottischen große Bedrohung dar, weil sie sich mit den Charles II. bei Worcester vernichtend zu
Truppen aus und überrennt sie in der verbliebenen Royalisten unter dem Kronprin- schlagen. Noch während all dieser Feldzüge
Schlacht bei Preston – seine Soldaten machen zen Charles verbunden hat. geht Cromwell mit unbändiger Energie an
über 10.000 Gefangene. Auch die Aufstände Noch 1649 schickt das Parlament Crom- die Restauration von Englands vernachläs-
im Herzen Englands können nach und nach well nach Dublin, und so beginnt ein vier sigter Seemacht. Er lässt eine neue Flotte
niedergeschlagen und der zweite Bürger- Jahre währender Feldzug, der mit der Unter- bauen und sucht den Krieg mit den Nieder-
krieg beendet werden. werfung der grünen Insel endet. Dieser landen, der 1652 ausbricht. Nach mehreren
Krieg ist allerdings bei weitem nicht mehr gewaltigen Seeschlachten wird 1654 ein Frie-
Tod dem König! durch die Prinzipien religiöser Disziplin und den geschlossen, der England leichte Han-
Gestützt auf seine ihm ergebene Armee be- Zurückhaltung geprägt, sondern im Gegen- delsvorteile bringt. Auch gegen den alten
ginnt Cromwell nun auch, seine politische teil von beiderseitigem Fanatismus. Lehnt ei- Feind Spanien wird die neue Flotte aktiv.
Position zu stärken. War der Krieg aufgrund ne Stadt Cromwells Übergabeforderungen 1655 erobert ein englisches Geschwader Ja-
von Charles‘ Unterdrückung des Parlaments ab, lässt er nach erfolgreichem Sturm die Be- maika. Oliver Cromwell stirbt am 3. Septem-
entstanden, beginnen die Puritaner nun
selbst andersgläubige und -denkende Abge-
ordnete aus dem Ober- und Unterhaus zu
drängen. Das so geschaffene Rumpfparla- „Wenn man mit Männern von Ehre zu ringen hat,
ment unter Cromwells Führung macht dem so muss man Männer von Religion dagegen setzen.“
gefangenen König den Prozess. Mit der Hin-
richtung Charles I. am 30. Januar 1649 be- Oliver Cromwell
ginnt die kurze Periode der englischen Re-
publik, die durch Cromwells provisorisches
Parlament regiert wird. satzung gnadenlos liquidieren. Noch heute ber 1658 an einem plötzlichen Malariaanfall.
Defacto handelt es sich dabei nur um eine ist sein Name in Irland verhasst. Bei der Er- Obwohl er die Position des Lordprotektors
Übergangsphase in eine – in der europäischen oberung der Stadt Drogheda im September für seinen Sohn Richard als erbliches Amt
Geschichte fast einmalige – Diktatur, die sich 1649 sterben 3.500 Menschen, wofür Crom- eingerichtet hat, kann dieser nicht in die vä-
zum einen auf die New Model Army (Mili- well folgende Rechtfertigung findet: „Der terlichen Fußstapfen treten. Da ihm die nöti-
tär), zum anderen aber auf die strenge Ausle- Feind wurde dadurch mit großem Schrecken ge Macht fehlt, legt er nach einem halben
gung des Puritanismus (Religion) stützt. Die- erfüllt. Und fürwahr, ich glaube, dass dieser Jahr sein Amt nieder und geht ins Exil. 1660
se Diktatur begann 1653 mit Cromwells Er- bittere Schlag viel Blutvergießen durch die kehrt Charles II. an der Spitze einer großen
nennung zum Lordprotektor. Die ihm 1657 Güte Gottes ersparen wird.“ Die Hoffnung Flotte nach London zurück – gerufen vom
angebotene Krone durch das Rumpfparla- erweist sich als falsch. Schätzungsweise Parlament und bejubelt von der Bevölke-
ment lehnt er jedoch ab. Nachdem die innere 200.000 Iren sterben in diesem Krieg. rung! Der rachsüchtige Königssohn lässt
Ordnung des Landes wiederhergestellt ist, Cromwells Leichnam exhumieren und
beginnt der „Ersatzkönig“ an das alte engli- Der Traum vom Empire schänden. Bis 1685 verwest sein abgeschla-
sche Großmachtstreben aus der elisabethani- Cromwell selbst muss den irischen Schau- gener Kopf vor der Westminster Abbey.
schen Zeit anzuknüpfen. Dazu gehört die Ei- platz 1650 verlassen, um sich gegen Schott-
nigung der Britischen Inseln. Das überwie- land zu wenden, das ebenfalls noch gegen Alexander Querengässer, M.A., Jahrgang 1987,
gend katholische Irland hat sich während des die Parlamentsarmeen Krieg führt. Es ge- Historiker und Autor aus Dresden.
Bürgerkrieges zunächst wieder aus der briti- lingt den Engländern, wichtige südschotti-

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Museen & Militärakademien

MUSEUMSSCHIFF VOR
IMPOSANTER KULISSE:
Der Leichte Kreuzer
HMS BELFAST liegt seit
1971 unweit der Tower
Bridge.

Militärgeschichte modern präsentiert

Das Imperial War Museum


Der alte Glanz des Britischen Empires ist in den Räumen des Imperial War Museum (IWM)
im Londoner Stadtteil Southwark noch sichtbar. Dennoch verkommt die ehrwürdige Institu-
tion nicht zu einem bloßen Schaukasten vergangener Kriege. Von Frederick Feulner

V
on der Lambeth Road kommend wird T-34, ein M3 General Grant, ein A12 Matilda
der Besucher bereits durch zwei mas- II und ein M4 Sherman. Weitere Fahrzeuge
sive 15-Zoll-Schiffsgeschütze empfan- in dieser Sektion sind etwa der Mark V Pan-
gen, die bereits seit 1968 vor dem Museum zer „Devil“ und der alte London Bus „Old
stehen. Diese entstammen unterschiedlichen Bill“, der zu Beginn des Ersten Weltkriegs
Schlachtschiffen der Revenge-Klasse (RA- Soldaten an die Front transportierte. Nach-
MILLIES, RESOLUTION) bzw. dem Moni- dem die ebenerdigen Exponate begutachtet
tor ROBERTS, die ihren Einsatz im Zweiten sind, wird der Blick über die vertikal aufge-
Weltkrieg hatten. Der Portikus des klassizis- stellten Exponate, Polaris und „V2“-Raketen,
tischen Baus leitet die Besucher direkt durch an den „Himmel“ des Museums gelenkt.
den Kuppelsaal, an den anschließend eine
beeindruckende Anzahl militärischer Aus- Fulminante Vielfalt
stellungsstücke präsentiert wird. Hier tummeln sich die fliegenden Veteranen
Die Exponate aus allen Epochen befinden des Ersten und vor allem des Zweiten Welt-
sich in einem hervorragend restaurierten Zu- kriegs: eine filigrane Royal Aircraft Factory
stand, und man weiß gar nicht, wo man zu- B.E 2c, die schnelle P-51 Mustang, eine Su-
erst hinsehen soll. Ein Sd.Kfz 173 „Jagdpan- permarine Spitfire und eine Focke-Wulf
ther“, erbeutet 1944 in der Schlacht um Fw-190 A-8. Auch ein Fieseler Fi 103 Marsch-
Hechtel, lässt als „Cut-away“-Modell einen DETAILLIERT UND INFORMATIV: Im Unter- flugkörper, eher bekannt unter dem Namen
Blick in die Enge zu, in der die fünfköpfige geschoß des IWM befinden sich zeitlich und „V1“, von dem über 2.400 alleine in London
Alle Fotos: Autor

Besatzung einst ihren Dienst verrichtete. Es thematisch gestaffelte Vitrinenexponate. niedergingen, ist zu sehen. Im ersten Stock
ist einer von vermutlich zehn noch erhalte- Hier ist die Ausrüstung eines japanischen stehen weitere Großexponate, Flugabwehr-
nen „Jagdpanthern“. Daneben stehen in Ein- Piloten während des Zweiten Weltkriegs zu geschütze, Raketen und sogar die Cockpit-
tracht die ehemaligen Gegner – darunter ein sehen. sektion eines Bombers.

78
BLICKFANG: Zwei BL 15-Zoll-Mk.1-Geschütz-
rohre (381 mm) – je eines von HMS RAMILLIES
und ROBERTS – vor dem IWM in der Lambeth

BEINDRUCKENDER AUFTAKT: Die Eingangshalle des IWM empfängt die Besucher mit hoch-
wertig restaurierten Exponaten.
SOWJETISCHER PANZER: Ein T-34/85 mit
In den anschließenden Ausstellungsräu- moderner Geschichte statt, die sich nach- einem Gewicht von 30 t, bis 1946 baute man
men des IWM liegt der Schwerpunkt weiter- denklich mit der Shoa und Kriegsverbrechen fast 2600 Exemplare.
hin deutlich auf dem Ersten und Zweiten beschäftigt.
Weltkrieg. Im Kellerbereich werden die Be- Concorde, die SR71 Blackbird oder der Vul-
sucher in einen abgedunkelten Raum ge- Willkommen an Bord! can-Bomber. Aber auch seltene Prototypen
führt, in dem man einen deutschen Bomben- Zum IWM gehören mittlerweile auch einige aus britischer Produktion wie die BAC TSR-2
angriff zumindest teilweise nacherleben Außenstellen, die ebenfalls sehenswert sind. oder der Eurofighter Typhoon DA4 sind hier
kann. Die Abteilung zum Ersten Weltkrieg Doch etwas entfernt vom Stammhaus liegt zu bestaunen. In mehreren Hallen werden
wird bis 2014 völlig neu gestaltet und ist der- die HMS BELFAST. Sie ist – vor der Silhouet- auch Boote ausgestellt, geht es um die Luft-
zeit geschlossen. Aber auch von anderen te der weltbekannte Tower Bridge – am Süd- schlacht um England oder man kann den
Kriegsschauplätzen und Orten werden aus- ufer der Themse vertäut. Mit einer Verdrän- Restauratoren bei der Arbeit zusehen. Das
gewählte Gegenstände präsentiert: japani- gung von 11.550 Tonnen als Leichter Kreuzer American Air Museum, die größte Samm-
sche Uniformen, Offiziersschwerter, erbeute- 1939 in den Dienst der Royal Navy gestellt, lung amerikanischer Flugzeuge außerhalb
te Waffen. Selbst Ausrüstungen aus dem lief sie kurze Zeit später auf eine deutsche der USA, zeigt Bomber wie die B-17 Flying
Fundus osteuropäischer Armeen des Kalten Mine und musste bis 1942 erneut in die Werft. Fortress, B-29 Superfortress oder B-52 Strato-
Krieges oder aus dem Vietnam-Konflikt wer- Die BELFAST operierte anfangs im Nordat- fortress. In der Landkriegsausstellung kön-
den gezeigt. Militärische Einsätze aus der lantik, unterstützte später die Landung in der nen zahlreiche restaurierte Panzer und Mili-
britischen Geschichte wie Aden, Borneo, Su- Normandie und wurde dann in den Pazifik tärfahrzeuge aus allen Epochen besichtigt
ez oder der Golfkrieg erfreuen sich natürlich verlegt. 1971 wurde sie zunächst ein privates werden. An mehreren Tagen im Jahr finden
einer hervorgehobenen Präsentation. Abseits Museumschiff und gehört seit 1978 zum die Duxford Air Show und die Flying Le-
davon findet eine kritische Aufarbeitung IWM. Neun Decks sind für die Besucher zu- gends Show statt, bei denen unter anderem
gängig und können in unterschiedlichen zeit- die Flugzeuge des Museums in Aktion zu er-
lichen Zuständen besichtigt werden. Auch leben sind. Als aktives Flugfeld bietet Dux-
KONTAKT
hier werden audio-visuelle und atmosphäri- ford Privatpiloten die Anreisemöglichkeit
Imperial War Museum London sche Effekte eingesetzt, um einen möglichst über den Luftweg.
Lambeth Road authentischen Einblick zu gewähren. Seit 2002 existiert in Manchester das IWM
SE1 6HZ London North. Auch hier werden Militärfahrzeuge,
Imperial War Museum North Fantastische Flugzeugsammlung besonders aus dem Falkland- und Golfkrieg
Trafford Wharf Road Seit den 1970ern gibt es zudem eine Außen- sowie dem Afghanistan-Einsatz, gezeigt. Zu-
M17 1TZ Manchester stelle auf dem ehemaligen Royal-Air-Force- dem finden thematisch wechselnde Ausstel-
Imperial War Museum Duxford Gelände in Duxford, südlich von Cambrid- lungen statt. Alle IWM-Museen sind sehr gut
Cambridgehire CB22 4QR ge. Hier werden die Großexponate des IWM, besucht, musealisch perfekt aufbereitet und
allen voran natürlich Flugzeuge, ausgestellt. mit Sicherheit für jeden geschichtlich Inte-
HMS Belfast Während in London nur Platz für ein paar ressierten eine Reise wert.
The Queen’s Walk
SE1 2JH London kleinere Flugzeuge ist, stehen auf den Frei-
flächen und den Hallen in Duxford über 200 Dr. Frederick Feulner, Jg. 1975, ist Research Fellow
Für mehr Informationen: www.iwm.org.uk Maschinen! Darunter befinden sich Gigan- an der University of York, England.
ten der Luftfahrtgeschichte wie etwa die

Clausewitz 6/2013 79
Ein Bild erzählt Geschichte

Der Krieg

Brachialer Blick in die

UNGEWÖHNLICHES FORMAT: Die Mitteltafel


misst 204 x 204 cm, die linke und rechte Tafel
haben einen Umfang von jeweils 204 x 102 cm
und die Predella von 60 x 204 cm. Dix orientier-
te sich dabei an religiösen Werken wie dem
Isenheimer Altar. Seine verstörende Vision befin-
det sich in der Gemäldegalerie in Dresden.
Abb.: akg-images

80
1929–1932: Kaum ein Kunstwerk reflektiert die Schrecken des

Hölle „Großen Krieges“ auf so erschütternde Weise wie das monströse


Triptychon des Veteranen Otto Dix. Von Maximilian Bunk

Gera und gestorben 1969 in Singen, ist einer ih-


rer Anhänger. Als 1914 der Krieg ausbricht, se-
hen viele darin die Chance, durch persönliche
Teilnahme an dem „reinigenden Gewitter“ der
Welt ein neues, besseres Gesicht zu verleihen.
Sie melden sich freiwillig zum Dienst an der
Front – so auch Otto Dix. Doch der Kriegsalltag
mit all seinen Gräueln lehrt ihn etwas anderes.
In dem Triptychon „Der Krieg“ von 1932 verar-
beitet er seine Erfahrungen. Dabei will er nicht
anklagen, sondern aufklären, und er betont: „Ich
wollte nicht Angst und Panik auslösen, sondern
Wissen um die Furchtbarkeit des Krieges ver-
mitteln…”
Auf dem linken Flügel marschieren Soldaten
aus dem nebligen Hintergrund auf den Be-
trachter zu, um in der Bildmitte nach einem
scharfen Schwenk rechts wieder zu ver-
schwinden.
Die Mitteltafel konfrontiert unverblümt mit
den Schrecken der Schlacht: Zerfetzte Körper,
blutige Eingeweide, Leichenteile und ein völ-
lig verkohlter Baumstamm präsentieren einem
hinter einer Gasmaske verborgenen Soldaten
eine Kraterlandschaft.
Auf dem rechten Flügel portraitiert sich der
Maler selbst: Er schleppt einen Kameraden aus
der infernalischen Feuerzone. Mit toten Au-
gen und verbissenem Gesicht blickt er dabei
aus dem Bild heraus, der Zustand des zu Ret-
tenden bleibt ungeklärt.
Die Predella unterhalb der Mitteltafel zeigt
Soldaten, die, eng aneinander gedrängt, in ei-
nem niedrigen, bretterverschlagenen Raum
schlafen. Über ihnen breitet sich eine Plane aus.
Die Tafeln stellen einzelne Abschnitte eines
Kampfes dar. Links folgt der Betrachter den
Kampfbereiten in die Schlacht. In der Bildmit-
te wird er Teil dessen, was sich dem Soldaten
danach offenbart: totale Zerstörung von
Mensch und Umwelt. Auf der rechten Tafel
tritt Dix den Rückzug an, während die Feuers-
brunst im Hintergrund noch wütet. Das Kräf-

E
uphorie und Fortschrittsglaube – mit die- tesammeln der Schlafenden auf der Predella
sen Worten lässt sich die Stimmung der In- wirft die Frage auf: Ruhen sie, um erneut in ei-
tellektuellen in Deutschland kurz vor Aus- ne Schlacht ziehen zu müssen oder war es gar
bruch des Ersten Weltkriegs vielleicht am bes- ihr letzter Einsatz?
ten beschreiben. Neue Entwicklungen und Otto Dix’ Triptychon „Der Krieg” soll das
technische Errungenschaften halten allerorts Werk eines Zeitzeugen sein. Mehrfach betont
Einzug. Man diskutiert darüber und beginnt, er, nicht „bekehren, sondern bezeugen” zu
sie künstlerisch zu verarbeiten. „Aufbruch und wollen. Eine Reportage will er liefern als Zu-
Erneuerung alter Werte“ lautet das Motto. Heu- sammenfassung der Schrecken eines Krieges,
te bezeichnet man diese Geisteshaltung als Ex- den er vor 1914 noch voller Hoffnung herbei
pressionismus, und Otto Dix, geboren 1891 in gesehnt hatte.

Clausewitz 6/2013 81
Nr. 16 | 6/2013 | November-Dezember | 3.Jahrgang

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Redaktion Dr. Tammo Luther (Verantw. Redakteur),
Maximilian Bunk, M.A. (Redakteur),
Markus Wunderlich (Redaktionsleiter)
Berater der Redaktion Dr. Peter Wille
Ständige Mitarbeiter Dr. Joachim Schröder,
Dr. Peter Andreas Popp
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September 1941: Mit der Einnahme von Helmut Kramer
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Hauptstadt geschlossen. Für zweieinhalb helmut.gassner@verlagshaus.de
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Deutschen und Russen. johanna.eppert@verlagshaus.de
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Schlacht um Vicksburg 1863 Infanteriestraße 11a,
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Wendepunkt im Amerikanischen
Bürgerkrieg
1863: Zeitgleich mit der Niederlage bei Geschäftsführung Clemens Hahn, Carsten Leininger
Gettysburg kapitulieren die konföderier- Herstellungsleitung Sandra Kho
ten Verteidiger der Stadt Vicksburg – Vertriebsleitung Dr. Regine Hahn
nach langer Belagerung durch die Nord- Vertrieb/Auslieferung Bahnhofsbuchhandel,
Zeitschriftenhandel: MZV Moderner Zeitschriften
staaten. Die Union besitzt nun die voll- Vertrieb GmbH & Co. KG, Unterschleißheim
ständige Kontrolle über den Mississippi. Im selben Verlag erscheinen außerdem:

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© 2013 by GeraMond Verlag. Die Zeitschrift und alle
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letzte Offensive an der Westfront. Infanteriestraße 11a, 80797 München.
Dschungelfallen und Tunnelsysteme. Tödliche Hinweis zu §§ 86 und 86a StGB: Historische Original-
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Und viele andere Beiträge aus den Wissengebie- Symbole abbilden. Soweit solche Fotos in CLAUSEWITZ
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Dr. Tammo Luther am 9. Dezember 2013.

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