Sie sind auf Seite 1von 7

Umschau: Bücherschau 363

MEINUNG UND ERÖRTERUNG


BÜCHERSCHAU Philologie, die aber durch solches „Mehr" wahr¬
lich nicht überflüssig wird—, patscht mancher
Über die jüngste Sohar-Anthologie Amhaarez, von Verantwortung für die Ver¬
führung seiner Leser ungehemmt, dunkel und
Seit längerer Zeit wendet sich das Interesse anspruchsvoll im mystischen Meer. Im Osten
der Forscher und Laien unter den Juden und gilt es bei den Chassidim als verdienstlich, Sohar
anderen wieder jenem dunklen Trümmerhaufen zu lesen, auch wenn man kaum ein Wort versteht.
und den darin mit einigem Grund vermuteten Das mag Gründe haben und ist do ch nicht gut —
Schätzen zu, der in der Gestalt der weiten kab¬ aber immerhin hat wohl noch niemand von
balistischen Literatur und vor allem des viel¬ ihnen seinen Nächsten Sohar lehren wollen.
schichtigen soharitischen Schrifttums einen so Bei uns scheint es so weit zu sein. Dem weit¬
großen Raum auf dem Felde der jüdischen verbreiteten Verlangen, kanonische Texte der
Literatur einnimmt. Kaum verstanden und oft
Kabbala in genauer und soweit das möglich ist,
als unverständlich erklärt, oder als sinnlos ge¬ verläßlicher Übersetzung, wenigstens in Teilen
ächtet, liegen diese Texte vor uns, in denen sich zu besitzen, die für die mannigfachen inneren
in der Tat alle formalen Schwierigkeiten ver¬ Schichten des Ganzen irgendwie repräsentativ
einigen und in dieser Vereinigung zum Äußer¬ sind — dies irgendwie mit großer Betonung ge¬
sten steigern, die sich dem Eindringen in die sagt, denn es gibt hier solche Repräsentation
Substanz unseres Schrifttums entgegenstellen nur in sehr bedingter Weise—, diesem Verlangen
können. So die Sprache des späten, fast künst¬ also schien ein lange angekündigter Band der
lichen Syroaramäisch, talmudische Dialektik „Weltbücher" entgegenkommen zu wollen*).
samt dem Auf und Ab des Midrasch, eine sehr Diese Veröffentlichung liegt jetzt vor und ist,
entwickelte mystische Terminologie und Sym¬ wie im folgenden begründet werden soll, eine
bolik. All dies macht es nicht erstaunlich, daß böse Enttäuschung, ja, sie wird durch die gar
die Zahl derer, die auf Anschauung gegründete hohen Stelzen, auf denen sie geht (und gegangen
Begriffe von diesem Schrifttum haben, bei uns wird), eine moralische Zumutung an das Publi¬
verschwindend klein ist und sehr viel kleiner kum der Leser, so daß es notwendig scheint,
leider, als die Zahl derer, die darüber schreiben. Protest und Warnung hier deutlich auszusprechen.
Aus mancherlei, reinen wie zweifelhaften Quel¬ Wie das Nachwort die Absicht des Über¬
len gespeist, ist unter den ihrer und ihrer Doku¬ setzers ausdrückt, sollte die Auswahl „einen
mente Unkundigen nun ein fast wunderbares kleinen Widerschein vom Strahlen dieses
Interesse an der jüdischen Mystik entstanden, herrlichen Buches geben". Ein besonderer,
dem das der Gelehrten lange nicht Gewicht hält. fast superlativischer Nachdruck scheint hier auf
Die Werke, die von ihr handeln, sind gesucht das Wörtchen klein gelegt werden zu sollen:
wie wenige, und so möchte man den Lesern Der Übersetzer hat nämlich geglaubt, dieses
nur wünschen, daß jene Bücher, die in Ermange¬ Strahlen in ausreichender Weise aufzufangen,
lung der lebendigen Tradition als Lehrer und indem er aus dem Sohar und Sohar chadasch,
Tradenten dienen (und oft sündhaft teuer be¬ die ungefähr zweitausend engbedruckte Seiten
zahlt werden), auch wirklich jene Ansprüche füllen, acht, sage acht kurze Stellen, die kaum
erfüllen, die man auf diesem Gebiete füglich 5 Textseiten des Originals ausmachen, vor¬
an sie stellen muß. Denn hier wird der Irrtum führte! Bei aller Wertung der Qualität, die so¬
zur Verführung und der sichere Schaden würde gleich geprüft werden soll, darf auf jeden Fall
den problematischen Nutzen unendlich über¬ der Mut bewundert,^ wenn auch nicht geschätzt
wiegen. Jenen Forderungen: Sach- und Sprach¬ werden, der diese Quantität als ausreichend
kenntnis, philologisches Gewissen, Vorurteils¬ erachtete, um in ihr auch extensiv die mannig¬
losigkeit und Vorsicht bei der Deutung ent¬ fachen Manifestationen dieses Strahlens zum
sprechen leider kaum drei von ihnen und Schein¬ Ausdruck kommen zu lassen. Soviel mystisches
wissen und Dilettantismus im bösen Sinn führen Licht auf fast punktuellem Raum — das müßte,
hier das große Wort Weil die Gelehrten (und wenn anders es auch sonst hier mit rechten
gerade die jüdischen) sich wenig produktiv und
sehr zurückhaltend zeigten — und um die hier *) Aus dem heiligen Buche Sohar des Rabbi
hegenden lebendigen Dinge, und sei es selbst Schimon ben Jochaj. Eine Auswahl, zusammen¬
richts als Folklore, die noch heute wirkt, un¬ gestellt und übertragen von Jankew Seid¬
verfälscht sehen und weitergeben zu können, mann. Welt-Verlag, Berlin. 63 Seiten in kl. 8°.
d azu mag wohl noch mehr gehören, als ehrliche Preis 7,50 Mark und 20 % Buchhändleraufschlag.
364 Umschau: Bücherschau

Dingen zuginge, verbrennen statt erleuchten. contribuens der gewöhnlichen Leser, unserer
In der Tat ist aber dieser Mystizismus auf einer Buchhandlung dreißig bedruckte Seiten in einem
Messerspitze, der achtmal aus dem Korpus Pappband mit neun Mark bezahlen müssen,
eines Riesenbuches ein paar Zeilen und im besten das glaubt man nicht, wenn man es erzählt.
Fall eine ganze Seite herauspickt, alles andere Nach alledem möchte man wenigstens glauben
eher, als ein Auffangen des „Strahlens" im ge¬ können, daß die Übersetzung selbst einwandfrei
eigneten Prisma. Denn gerade, wer wirklich ist, ja mehr: den besonderen Anspruch, den
zeigen wollte, was Sohar ist, sei es zum Guten, der Übersetzer für seine Weise der Übersetzung
sei es zum Bösen, müßte notwendigerweise erhebt, auch erfüllt. Ihm nämlich ist es nicht
einige jener seitenlangen, von irgendeinem genug, den Text „seinem Geist" nach, das heißt
Zentrum aus ins Unendliche zerfließenden, und also, wenn diese Deutung gewagt werden darf:
gerade in dieser ihrer extensivsten Gestalt erst nur richtig, wiederzugeben, sondern „auch
eigentlich die Sache und ihre Farbe selbst geben¬ die Form, die reinster künstlerischer Ausdruck
den Erörterungen bringen, die doch das Aller¬ dieses Geistes ist,... der Duft und die Farbe
erste sind, was jedem, der einmal 10 Blatt zu¬ des hebräisch-aramäischen Wortes" sollen nicht
sammenhängend darin gelesen hat, am Sohar verloren gehen. So hat er denn „den Rhythmus
als charakteristisch auffällt, noch vor und neben des Originals nach Möglichkeit beibehalten."
jenen kleinen Geschichten, Glanzstellen und Das sind Prinzipien, denen, wenn man den Duft
konzisen Sätzen, in denen und mittels derer wegläßt, nur zugestimmt werden kann. Wichtiger
sich zwar der Sohar wie alle jüdische Literatur freilich noch als diese im Nachwort vorgetragenen
auf Duftflaschen, Perlenschnüre und Chresto¬ Prinzipien ist deren in den vorangegangenen
mathien ziehen läßt, dabei aber jene Gestalt Übersetzungen versuchte Durchführung, und
des Unendlich-Verfließenden, das doch immer dieser Qualitätsarbeit darf wohl ein wenig auf
irgendwie in sein Zentrum zurückkehrt, ein¬ die Finger gesehen werden. Als letzten seiner
büßt, in der allein sich das „Strahlen" jüdischer Grundsätze erwähnt der Übersetzer: „was im
Dinge ungebrochen zeigt. Und man wende Original nicht ganz klar ist, darf auch in der
nicht ein, daß das Bringen solcher Stücke den Übersetzung nicht verdeutlicht werden". Es
Umfang dieses Buches etwa gesprengt hätte. ist wohl selbstverständlich, daß, um diesen recht
Im Gegenteil, es hätte ihn sogar erst erreicht. schwierigen und zweischneidigen Grundsatz rich¬
Es darf nämlich nicht verschwiegen werden, tig anwenden zu können, man in der Lage sein
daß nur durch eine verschwenderisch mit dem muß, das Original selbst zu verstehen, soweit
Papier umgehende Drucktechnik jener Umfang es eben zu verstehen ist, und daß man die Sprache,
von sechzig Seiten erreicht ist, den die Sohar- in der es geschrieben ist, derart gründlich be¬
stücke und der Nachweis der in ihnen zitierten herrschen muß, daß man ein einigermaßen
Bibelverse einnehmen. Ich habe mir erlaubt autoritatives Gefühl dafür erlangt hat, was in
nachzuzählen, daß von diesen sechzig Seiten ihr klar und unklar ist. Dem, der eine Sprache
genau dreißig mit Sohartext bedruckt sind (in nicht versteht, oder dem Anfänger ist natürlich
einer wunderschönen Riesentype, über die man alles unklar und nimmt geheimnisvolle Dimen¬
erfreut sein könnte, wenn sie in diesem Fall sionen an. Sehr mit Recht hat Hermann Strack
nicht durch die Jämmerlichkeit dez Ganzen, einmal bemerkt, für den, der nicht Latein ver¬
dessen Blöße sie schlecht verdeckt, Anlaß zu stünde, sei auch das Original von Cäsars Bellum
Meditationen gäbe). Alles übrige ist — vom gallicum ein mystisches Buch. Und welche
Übersetzer zugefügte — Überschrift, Nachweis Vorstellungen vom Rhythmus eines Textes und
und vor allem, mit Respekt zu sagen, leer. Diese seinem Stile jemand hat, der ihn nicht oder
Proportionen sind herausfordernd. Die alten halb versteht, das denkt man sich gewöhnlich
Juden druckten ihren Sohar schlecht und recht ungern aus. Hier freilich bekommt man sie
hintereinander, und waren froh, wenn sie ihn vom Anfang bis zum Ende unentrinnbar vor¬
in drei Bände kriegten. Heute ist man froh, geführt. Denn das muß gesagt werden: der
wenn es gelingt, acht Stellchen zu einem Bande Übersetzer hat keine Ahnung. Weder von der
aufzuplustern, in dem genau soviel an Schreib¬ aramäischen Sprache noch von ihrem Stile noch
papier wie an ein Druckwerk erinnert. Mit von ihrem Rhythmus. Er betrachtet die Texte
Verlaub: das ist Snobismus. Wenn nicht eine gleichsam mit den Augen eines mystischen
Notiz, die noch erwähnt werden soll, dagegen Gymnasiasten. Nicht nur, daß er, wie gezeigt
spräche, würde man annehmen, daß hier ein werden wird, die bösesten Elementarschnitzer
Luxusdruck den Leuten angeboten würde, die macht, sondern ebenso sehr liebt er es, Ausdrücke
Zeit, also auch Geld haben — Zeit, um die leeren und Wendungen, die im Original gänzlich und
Seiten auf alle Fälle mitzulesen, Geld, um sie vollkommen klar und deutlich sind, mit ge¬
zu bezahlen. Denn daß wir, die misera plebs spreizten, dunklen oder auch ganz Unverstand-
Umschau: Bücherschau 36S
liehen Worten wiederzugeben. Dies nun ver¬ sind — nicht etwa nichts wert, sondern gerade
bindet sich weiter mit einer grotesken Unkennt¬ „nicht wert", ohne daß dem bedürftigen Adjektiv
nis mystischer Terminologie*), und so kann man sein Objekt gegönnt wird. Was ist das für eine
sich vorstellen, daß mehr als jene legendären künstlerische „Treue", die eine semitische Kon¬
fünfhundert Jahresreisen, die man vom Himmel struktion, die kein Objekt braucht und in sich
bis zur Erde braucht, zwischen dem Original klar ist, durch eine ein Objekt regierende im
und dieser rhythmustreuen Übertragung liegen. Deutschen wiedergibt, dies Objekt aber im Ab¬
Und hierbei muß hervorgehoben werden, daß grund versinken läßt, so daß natürlich ganz von
die übersetzten Stücke zu den all ereinfachsten selber eine Dunkelheit entsteht, die kein Korre¬
des Sohar gehören. Es befindet sich in ihnen lat im Text hat — und all das, obwohl die bessere
keine, aber auch tatsächlich keine einzige Stelle, Übersetzung durch eines der drei erwähnten
in der bei ruhiger Lektüre irgendwelche Schwierig¬ Worte bei der Hand lag. Aber eben diese Ent¬
keiten liegen, und man ist von hier aus fast fernung scheint dem Übersetzer zu nah zu sein,
noch froh, daß sich der Übersetzer nicht auch denn in der nächsten Zeile läßt er „der Bösen
an einige der schon eher repräsentativen, in sich viele im Weltraum schweben". Wen bei dieser
und nicht nur im Gemüt eines Lesers, der die Vorstellung, versucht er sie zu vollziehen, nicht
Anfangsgründe aramäischer Wort- und Satz¬ entweder ein mystischer Schauer, zu dem aber
lehre nicht versteht, dunklen und schwierigen der Text sicher keinen Anlaß gibt, oder aber das
Stücke gewagt hat, an denen der Sohar über¬ Lachen ankommt, den möchte ich sehen. In
reich ist. Da hätte sich wohl schwer Aus¬ Wirklichkeit ist aber 'Olam niemals der Welt¬
zudenkendes ergeben. Immerhin reichen raum (das ist Challalo schel 'Olarn), sondern ganz
zur Umgrenzung jener Sphäre des dämo¬ einfach und ungespreizt die Welt selber, und
nischen Dazwischen, in der es zwar Sohar rr.ü heißt entweder mit einer auch sonst bei
und Aramäisch nicht mehr, aber auch Deutsch diesem Verbum begegnenden humoristischen
noch nicht gibt, die vorliegenden Fragmente Nuance der Übertreibung „in der Welt herum¬
völlig aus. fliegen" — aber auf gar keine Weise „schweben",
Es sei all das hier an Beispielen belegt und was auf mystische Ruhe deutet, während das
ausgeführt Verbum, wenn es schon so übersetzt werden darf,
Im ersten Stück wird gleich am Anfang, ein hier im Gegenteil, auf die geschäftige, ganz un¬
leichter Fall, die Partikel pty „dort", das heißt mystische, Herumlauferei der Menschen geht
stets in der Zitationsterminologie: an einem (so daß also die Lacher recht behielten), oder
andern Orte, also eine Quellenangabe, mit aber, was viel wahrscheinlicher ist, die Wendung
„hierzu", nämlich zu diesem Schriftvers, über¬ heißt unter Zugrundelegung der zweiten Be¬
setzt, wodurch eine Überleitung entsteht, die deutung des Stammes parach „in der Welt
der Sohar, gerade wörtlich genommen, gar nicht groß werden, aufblühen", in jedem Fall aber
hat. Sofort dahinter wächst die zweifelhafte ist die Wendung in völlig klarem, bewegtem
Kurve an und aus dem ganz ungekünstelten Sinne überall geläufig, und nur vom Übersetzer
Ausdruck (sündlos, rein, würdig) erstehen in stammt die Dunkelheit, die hier so eingehend
mystifizierender Übersetzung und fragwürdigem betrachtet wird, weil sie charakteristisch für
Deutsch „Menschensöhne", die „nicht wert" ,die Technik aller mystifizierenden Übersetzung
ist: die ehrlichen Gedanken durch Aufspreizung
*) Deren Zeugnisse sind, da der Übersetzer und Verschiebung der Worte zu einem Rätsel¬
nur zwei einigermaßen kabbalistische Stücke spiel zu machen.
bringt (in denen es dafür auch hoch hergeht!) Noch auf derselben Seite bekommt es der
und alles übrige eigentlich Aggada ist, hier Übersetzer fertig, nicht nur „Seele" gegen seine
nicht so häufig, dafür aber tritt sie desto unglaub¬ eigenen Deutlichkeitsprinzipien mit „Weltseele"
licher auf in der vom selben Übersetzer im
zu verdeutlichen, sondern eben dadurch den
ersten Almaaach des Welt-Verlags veröffent¬
Sinn zugleich völlig zu verundeutlichen, da sein
lichten Übersetzung einer im vollen Rüstzeug Zusatz gerade falsch ist; denn die Gerechten
kabbalistischer Symbolik glänzenden Hymne
d es Isaak Lurja. Man darf vielleicht;dem Über¬ werden hier ja ausdrücklich als die Seele des
setzer raten, wenn es schon nicht anders geht, Menschengeschlechtes, nicht als die der Welt
doch wenigstens einmal einen der großen Kom¬ erklärt, und die Sündigen sind natürlich nicht
mentare zu diesen Hymnen (wie deren einer der Leib der Welt, sondern der der Menschheit,
s*c h z. B. im.Chemdath jamim befindet) oder deren sichtbarsten, leibhaftesten Bestandteil sie
eine der großen 'Erkhe hakkinnujim-Samm- bilden.
*ungen anzuschauen, bevor er magische Hymnen
* u übersetzen und zu interpretieren unternimmt.
Und damit diese erste Seite wenigstens völlig
Uber die erste Probe haben alle mystischen besprochen sei, muß noch die Behauptung des
kühner gelacht. Übersetzers erwähnt werden, daß wenn Gott
366 Umschau: Bücherschau

der besagten Bösen viele im Weltraum schweben kürzung zusammennehmen, so zu trennen, daß
sieht, „er dann Gericht schafft an der Welt" — das „Gleichnis" ein ganzer Absatz für sich wird,
natürlich, wenn man jedes Wort einzeln über¬ und „wem-ist die Sache ähnlich", sich ihm erst
setzt und dann die Bedeutungen, die am schlech¬ in der nächsten Zeile zu folgen traut!
testen zueinander passen, zusammenstellt, so Das Wesen dieser wensenlosen Wörtlichkeit
kann man diese Wendung auch so über¬ ohne Treue erscheint sehr deutlich in diesem
setzen. Nur glaube niemand, daß etwa im Sohar Rosengleichnis (Seite 9), wo der König „Rosen,
an dieser Stelle eine so präziöse und gesprenkelte gut und schön" erblickt. Hier ist dem Über¬
Wendung steht. Dem Übersetzer aber scheint setzer die Wortlichkeit durchgegangen: um die
die Sache auch nicht ganz geheuer gewesen zu Wortstellung der Adjektiva um jeden Preis zu
sein, denn er übersetzt, für die methodische retten — wozu aber nicht der allermindeste
Reinlichkeit seiner Arbeit erleuchtend und ver¬ Anlaß, etwa in besonderer Betonung, vorlag,
nichtend, denn auch gleich im ersten Stückchen und was er auch sonst an keiner Stelle tut, so
auf drei Seiten dieselbe Wendung p nvy, d. h. daß auch hier nebst allem andern reine Willkür
• das Gericht oder das Urteil vollstrecken, in genau das Wort hat—, zugleich aber sein Sprachgefühl
der gleichen Bedeutungsnuance auf fünf zu beruhigen, das sich gegen Rosen, gute und
verschiedene Weisen. Da denkt natürlich, der schöne, ablehnend verhält, wie es wenn schon,
Leser, der den Prinzipien des Übersetzers traut, denn schon heißen müßte, was tut er da ? Er
es stände jedesmal etwas anderes da. Und wenn streicht den Plural in archaischer Weise und
gar zweimal in diesem Abschnitt diese Wendung bekommt auf diese Art einen treudeutschen
im selben Satze zweimal mit verschiedenen Volksliedton heraus — alles im Namen der Er¬
Ausdrücken übersetzt wird, so mag das noch haltung des Duftes und der Farbe des hebräisch¬
einem mehr oder weniger diskutabeln deutschen aramäischen Wortes —, der nicht gerade nach
Stilgefühl entspringen (das in diesem Falle Sohar klingt. In solchen Fällen führt sich das
sicher irregeht, wenn es sich gegen die kräftige mit unreinem Gefühl angewandte Prinzip not¬
und nachdrückliche Wiederholung sträubt), aber wendig selbst ad absurdum. Es soll hier gar nicht
daß der Stil und Rhythmus des Sohar dabei ohne weiter von der, allenfalls im schweren Hymnen¬
Not verfälscht wird, muß dann eben zugestanden stil denkbaren, hier aber in einer mehr als mittel¬
werden. Im Sohar steht, ob es uns nun gefällt mäßigen Prosa ganz gesetzlos das eine Mal ja,
oder nicht: „Will Gott das Gericht an den Bösen das andere Mal wieder nicht angewandten syn¬
vollstrecken, läßt er die Gerechten aus ihrer taktischen Entwurzelung der Sätze — die da¬
Mitte sterben und dann vollstreckt er das Ge¬ bei doch nichts weniger als aramäisch werden —
richt an den Bösen." Und wenn man schon gesprochen werden, die dem Buche jede bestimmte
auf den „Duft" des Sohar aus ist, so möge man sprachliche Gestalt raubt, eben durch diese offen¬
uns wenigstens keinen unechten unter die Nase bare Unentschlossenheit zur Entscheidung zwi¬
halten. Wie freilich sollte dieser Duft auch echt schen grammatischem und ungrammatischem
sein, wenn es Rosen gibt (nach Seite 9), die ihn Deutsch im einfachen Sinne. Es kann hier nur
> zwar nicht geben, wie es ordentlich und mit einem auf Einzelfälle, die aber keine Ausnahmen sind,
anschaulichen Bild im Aramäischen heißt (da hingewiesen werden, an denen sich die Sprach¬
sie ihn ja an die Außenwelt hingeben und aus¬ verwirrung — ein tiefes jüdisches Laster! — am
strömen), sondern „tragen". Das ist ein ebenso sinnfälligsten dokumentiert. Was etwa soll man
sinnloses wie gespreiztes Bild, und diese Rosen mit einem König anfangen, „dem ein Lust¬
riechen nach Mystizismus um jeden Preis, und garten war" (Seite 9), was mit Menschen, die
wenn man will nach Expressionismus. Und „von derWelt ziehen, um das Zeugnis zu schauen,
darnach riecht, man konstatiert es wahrlich mit daß um der Sünden des Menschensohnes sie
Erstaunen, noch viel in diesem Buch, und es von der Welt ziehen, und nicht um Adam".
scheint, als ob jenem mutigen expressionistischen Zu dieser fabelhaften Übersetzung würde der
Theoretiker, der ebenso frech wie unwissend Autor des Sohars, wenn ich nicht irre, bemerkt
vor einigen Jahren auf Grund der Buberschen haben: n»ac atenDt6 n»n kduui *Ktt, zu deutsch:
Bearbeitung der „Erzählungen des Rabbi Nach- das muß man sich näher anschauen! Vor
man" die Kabbala als eine Provinz des Expres¬ allem ist hier jene ruchlose Mystagogie fest¬
sionismus erklärte, hier von „sachkundiger" zunageln, mit der noch heute ein Jude sich
Seite eine Bundesgenossenschaft zuwächst, als jener unheilvollen Übertragung von Bar nasch
deren einziger fester Grund nicht deutlich genug mit Menschensohn mitschuldig machen kann,
das gemeinsame Unwissen erkannt werden kann. so einer philologisch falschen und geistig un¬
Wer anders etwa sollte es fertig bekommen, die getreuen Wörtlichkeit zuliebe das ganz klare
einheitliche Wendung Vnte, die die Juden Wort, in dem das Bar nichts anderes als die
in ihrem Stilgefühl immer in eine einzige Ab¬ Zugeordnetheit zu einer bestimmten Kategorie
Umschau: Bücherschau 367

bedeutet, wie sehr oft in den semitischen Sprachen, wenn auch keines da ist Er schreibt „sich
zu verdunkeln und mit jenem fürchterlich be¬ festigen" gespreizt und zudem falsch für „voll¬
lasteten, in einem ganz spezifisch mystischen endet werden", „sich verändern" für „unter¬
Sinne zwar von Juden nicht gebrauchten, aber schieden sein" und so durch das ganze Buch
leider doch verstandenen Terminus aus dem hindurch, wodurch fast jedesmal eine unän-
Neuen Testament zu übersetzen. Zudem hat der stehende und daher unanständige Dunkelheit
Übersetzer sich hier noch einen den mystago- erzielt wird. „Ein Baum, der sich entwurzelt" —
gischen Eindruck unheimlich verstärkenden dem glaubt man schon viel eher, daß er in mysti¬
Sprachschnitzer geleistet, indem er in dem im schen Regionen gepflanzt ist, als jenem beschei¬
Original im Singular stehenden und dadurch denen, sozusagen säkularisierten Baum des
gänzlich unmißverständlichen Satz das Verbum Sohartextes, der nur (von außen her) „ent¬
ohne Grund in den Plural übertragen hat, so wurzelt worden ist". „Jener Menschensohn,
daß natürlich nun zwischen jenen, die sterben der sich innen zerriß", auf Seite 20, ist doch ge¬
und dem einen Menschensohn ein mystischer wiß ein ganz anderer bengalischer Kerl als
Abgrund entsteht, aus dem wieder einmal alles jener einfache „Mensch, an dem ein Makel ist",
andere aufsteigt als der Duft des Sohar. Wört¬ von dem in meiner Soharausgabe die Rede ist.
lich, wie man es nur verlangen kann, heißt jener Überhaupt ist der schöne Passus von der Schöp¬
Satz: Alle Kinder der Welt sehen Adam zur fung der Dämonen in einer Weise verhunzt, die
Zeit, da sie „aus der Welt genommen werden, man nur durch öffentliche Ausstellung eines
damit man ihnen ein Zeugnis zeigt, daß für kritisch korrigierten Exemplares dieser Leistung
seine eigenen Sünden der Mensch aus der Welt völlig und schaurig sichtbar machen könnte.
genommen wird, und nicht für jene Adams". Eine Art Gipfelschnitzer ist hier, nachdem gleich
Bis in alle Kleinigkeiten hat der Übersetzer der erste Satz falsch konstruiert und übersetzt
diesen Satz falsch übersetzt, und der präposi- ist, die Übersetzung von imntt 9 als ob man
tionelle Galgen, an dem weder um... willen hebräisch und aramäisch lustig durcheinander
mit dem Genitiv, noch um mit dem Akkusativ, werfen dürfte, mit „sich vereinigen", welche
sondern mit Recht gerade der Zwitter, den es Bedeutung es niemals im Aramäischen hatte*),
gar nicht gibt, um mit dem Genitiv aufgehängt wo es „ergriffen werden" und von da aus gerade
ist, paßt gut zu der düstern Situation, in die die im Sohar sehr oft „unter die Gewalt von etwas
Ambitionen dieses Rhythmikers den Menschen¬ geraten" bedeutet, was etwas gänzlich anderes
sohn gestürzt haben. In Wahrheit aber bestehen ist, als „sich vereinigen"! Die Möglichkeit,
vor dem einfachen Textverstande an all diesen dieses fast auf jedem Blatt im Sohar vorkom¬
so leichten Stellen jene Dunkelheiten nicht, mit mende Wort falsch zu übersetzen, ist recht er¬
denen sie hier mystisch aufgeputzt w,erden. Es staunlich, um so mehr, als es jedem Juden, der
gibt eine echte und eine erlogene Sprache des jüdische Gebräuche kennt, vom Anfang des in
Geheimnisses, und man hat viel gestritten, in der Schabuothnacht gelesenen Soharstücks aus
welcher von beiden der Sohar spreche oder Parschath Emor her bekannt ist. Ein ähnlicher
welche doch in ihm herrsche — das aber darf Fehler in den einfachsten sprachlichen Dingen
sicher für ihn gesagt werden, daß diese Sprache äst die Übersetzung des adverbiellen Lamed als
nicht seine ist. Dativpartikel, wobei natürlich eine Menge dunk¬
Was soll man zu den Sprachkenntnissen len Unsinns herauskommt, z. B. Seite 21 „da
emes Sohar-Übersetzers sagen, dem unbekannt sie nicht nach dem Höchsten und Tiefsten ver¬
zu sein scheint, daß die mit dem Präfix 'et- ge¬ vollkommnet wurden" (hier erkennt, wie in
bildeten Verbalformen in allen aramäischen manchen lichteren Stellen, der Übersetzer die
Dialekten so gut wie ausschließlich passiven und Existenz eines Passivs an, man möchte nur
nicht wie im Hebräischen reflexiven Sinn haben wissen, nach welchen Kriterien der Unter¬
und der auf Grund dieser Unkenntnis zahllose scheidung), statt des einfachen „da sie oben und
falsche Übersetzungen solcher Formen oder unten nicht vollendet sind", wo oben und unten
Verdunkelungen und bengalische Beleuchtungen, regionale mystische Begriffe sind, die mit Super¬
v on denen im Text keine Spur zu finden ist, lativen hier wiederzugeben nicht nur kein Grund
veranstaltet. Für „entstehen" schreibt er „sich besteht, sondern auch aus inneren Gründen
formen". Warum nur, wo dieses Wort weder falsch ist. Die irreführende und falsche Über¬
seiner Etymologie noch seinem Sinne nach setzung des doppelsinnigen bekidduscha dejoma
W> es bedeutet: Sein, nicht der Form, Idee,
sondern der Materie nach annehmen, also *) Sich vereinigen heißt aramäisch imfiK,
as g^aue Gegenteil!) irgend etwas mit Form, was mit nnan** etymologisch nicht das Geringste
sondern allein mit Dasein zu tun hat. Es klingt zu tun hat, da hier nur äußerlich zwei verschiedene
*ohl dunkler und man vermutet ein Mysterium, D-Laute in einen zusammengefallen sind.
368 Umschau: Bücherschau

mit „während der Heiligkeit des Tages", was das Urteil von mir gefällt ward: Bis sie Buße
nun gerade die einzige Übersetzung dieser tun", das, was man gedruckt liest: „Einen
Wendung ist, die sicher falsch ist (denn den Schwur schwöre ich, daß ich an jenem Tage
hier folgenden Segensspruch sagt man ja gerade die Strenge verweise vor mir, an dem sie um¬
nicht „während der Heiligkeit des Tages", d. h. kehren." Das war früher einmal die Sprache
** anr Sabbat selbst, sondern nur — wie es auch des Prager Bar-Kochba und ist jetzt die des
wörtlich heißt — „in seiner Heiligung", d. h. Berliner Blau-Weiß, niemals aber war es die
im Gebet bei Anbruch des Sabbat), gehört auch Sprache des Sohar.
hierher. In dem Stück „vom Verschwinden Soll man diese Aufzählung noch weiterfüh¬
des göttlichen Gesichtszeichens" ist der Sinn im ren *)? Ist es nicht klar, daß wer solcherart leichte
Grunde dadurch ganz verfehlt, daß dejokna, und im eigenen Lichte leuchtende Texte durch
einer der wichtigsten und häufigsten Begriffe bengalisches Feuer zu Tode hetzt, wer vor jeder
.des Sohar, ganz falsch nicht mit Gestalt, son¬ semitischen Konstruktion versagt und jeder
dern „Gesichtszug" übersetzt ist, womit es deutschen die Gelenke ausdreht, daß der gut
gar nichts zu tun hat. Es handelt sich hier um daran täte, seine Hände nicht öffentlich nach
das unantastbare, nur in der Sünde zu ver¬ dem Sohar auszustrecken und erst einmal zu
letzende Urbild, die mystische Gestalt des Men¬ lernen, was er zu lehren unternimmt. Es muß
schen, die von Gott herstammend aller Kreatur ja nicht gleich gedruckt werden, und jenes In¬
vorgeordnet ist und sie bezwingt Im deutschen teresse der Leser, sei es nun rein oder unrein,
Text ist jetzt alles schief. Am Schluß desselben muß ja nicht gerade zur Erzeugung dämonischer
Stückes entsteht ein vollkommen falscher Ein¬ Sprachzwitter ausgenutzt und mißbraucht wer¬
druck vom Sinne der Stelle durch die verdrehende, den, durch deren Ekstasen zwar mancher in die
aber pompöse Übersetzung des aramäischen Hölle hineinkommen könnte, sicher aber keiner
Nune, Fische, mit „Wale": „und alle Fische des hinaus. Diesem Deutsch fehlt zum Zauber die
Meeres sind in euere Hände gegeben — ja so¬ echte Magie und ich gestehe, vergebens ver¬
gar die Wale des Meeres". Jeder Leser muß den¬ sucht zu haben, den Rhythmus eines Sohar-
ken, es sei gemeint: unter den Fischen sogar abschnittes in dieser Übersetzung meinem
die Wale, während es vielmehr bedeutet: unter Ohre einzulesen. Ich wage nicht zu entscheiden,
all den vorhergenannten, in diesem Vers nicht wenn ich auch ein wenig daran zweifle, ob es
mehr miterwähnten Tieren sogar die Fische —- wahr ist, was der Übersetzer im Nachwort vom
ja sogar die unerreichbaren Fische des Meeres Sohar behauptet: „Der Seele Tiefstes wird in
sind in seine Macht gegeben. Von „Walen" einfachstem Ausdruck offenbar", das aber weiß
steht nirgends etwas. Offenbar aber ist diese ich sicher, daß weder die Übersetzung noch die
den Akzent so stark verschiebende Gespreiztheit
Stilisierung» dieses Satzes selbst würdige Zeugen
aus dem falschen Streben entstanden, die beiden seiner Behauptung sind, und jene grundlose,
verschiedenen Textworte für Fische — die hier wenn auch nicht abgründige Tiefe, die im chi¬
ganz einfach darin begründet sind, daß das eine märischen Glänze einer wesenlosen Sprache
im Bibelzitat und das andere in dessen wörtlicher
sich darstellen soll, ist verdächtig. Der wahre
aramäischer Wiederholung steht, denn eben Abgrund der Sprache aber ist mit dem Namen
darum und nicht um Steigerung handelt es sich! — der Erkenntnis versiegelt. - Die Worte und die
auch durch zwei Worte im Deutschen auszu¬
mystischen Dinge haben keinen „Duft", es sei
drücken, wobei dann jene unglücklichen Wale denn, daß sie einer vergewaltige, und nicht die
erzeugt wurden.
Überhaupt scheint der Übersetzer bei den *) Absichtlich -habe ich keine Beispiele aus
Schlüssen besonders stark dem Irrtum aus¬ dem Stück „Das Schauen des Göttlichen" ge¬
gesetzt gewesen zu sein: von den fünf Schlüssen, bracht, das das bedeutendste der Sammlung
ist. Der Übersetzer hat es — man verzeihe diese
die eine besondere Pointe enthalten, sind vier
verdorben. Sehr charakteristisch ist z. B. der Worte, wo es dem mystischen Präziösentum
den Schädel einzuschlagen gilt — so schmach¬
des zweiten Stückes, wo der Übersetzer das voll unverständlich zugerichtet, daß nichts
Schlußwort einfach weggelassen hat und der anderes übrig bliebe, als das ganze Stück abzu¬
richtig so heißen muß: „Diese Perle entstand drucken und einer anderen Übersetzung gegen¬
unter deiner Hand, eine Perle sei sie in deinem überzustellen. Hier feiert die Ignoranz des
Geschlechte." Und auch den feierlichen zionisti¬ Ekstatikers der Undeutlichkeit einen wahren
schen letzten Schluß schützen seine messia- Hexensabbat, und wenn schon der Wille des
Königs weder oben noch unten noch im leuch¬
nischen Lettern nicht vor der Feststellung, daß tenden Spiegel des Auges erscheint, weil wir und
er imSohar nicht zu finden ist, es sei denn, man unsere Augen schwach sind, so ist er nun doch
pfeife auf aramäische Sprache und Syntax und sichtbarlich und weltlich eingebannt in die Hölle
mache aus: „Geschworen habe ich am Tage, da des Geschwätzes.
Umschau: Bücherschau 369
Nase des Ästheten, den die Dämonen narren, für diese Arbeit die hundert Arbeiter sich
sondern die harte und strenge Arbeit der Er¬ finden, die bitter nötig sind, das muß mit der¬
kenntnis ist allein das Medium, durch das hin¬ selben Inbrunst gewünscht und erstrebt werden,
durch die Trümmer unseres heiligen Besitzes wie daß in unserer Mitte jene hundert Drohnen
zu neuem Leben erweckt und umgestaltet werden nicht zu finden seien, an welche die grauen¬
können. Schon lange warten die stummeren haften Zeilen appellieren, die als die eigentliche
Teile unseres Schrifttums, und nicht die Mystik wahre Chochma dieser Soharemanation auf der
allein, auf erkennende Liebe, die ihre Aura linken Seite allem andern Sprachschein dieses
schaut, und daß nicht der Rausch von Genießen¬ Buchs vorangesetzt sind, so offenbar auf seine
den, die am erlogenen Dufte trunken wurden, tiefere Bestimmung, die Welt nicht nur in Aus¬
den mühseligen Weg beschmutze, daß den Dro¬ wahl, sondern auch im Weltdruck zu bestrahlen,
gisten, die solch Parfüm erzeugen, der Handel deutend:
mit gefälschter Ware aufs möglichste erschwert „Als erstes Werk der Welt-Drucke wurden
werde, solange sie fast allein den Markt beherr¬ 100 Exemplare dieses Buches auf Büttendruck
schen, das darf im Namen der Aufgabe gefordert abgezogen und numeriert."
werden. Die Anthologie — und das ist heute Gerhard Scholem
wichtig zu sagen, wo Überschwemmung von
ihr droht — steht am Ende und nicht an ihrem
Entgegnung
Anfang, und gar ein Widerschein der Aura, die
nur ganz oder gar nicht geschaut wird, existiert Ich will auf den hauptsächlichen Bestandteil
nicht. Es ist keine gute Stunde für ein Volk, wenn dieser Kritik, auf die Werturteile, nicht ein¬
ihm nur noch der Widerschein seiner Werke ge¬ gehen. Nur einige Worte über die mir nach¬
boten wird, bevor noch jene selbst auch nur er¬ gesagten Absichten und Elementarfehler müssen
kannt und erforscht sind, und es kann nicht gesagt werden.
ausbleiben, daß es mit diesem Widerscheine Jede Auswahl aus dem Sohar muß bei der
nicht in Ordnung ist. Duft- und Scheinantholo¬ Größe und Gehaltfülle dieses Werks unzureichend
gien brauchen wir nicht, was wir brauchen, sein. Mir ging es nur darum, wie ich auch in
ist ehrliche Arbeit — mag sie nun schon bis meinem Nachwort erwähnte, zu zeigen, welcher
zur Anthologie gedrungen sein oder noch vor Stoffkreis und welche Art der Betrachtung über¬
ihr stehen — die ohne falsche Aspirationen und haupt im Sohar zu finden sind.
Bumbumstil den Weg zur Erkenntnis und Der Grundfehler in Scholems Kritik scheint
jenen fünfzig Pforten der privativen Einsicht mir, daß er mir unbedingt nur solche Wort¬
öffnet, die der Auferstehung unserer alten übersetzungen aufdrängen will, die in gewissen
Weisheit in tuns vorangehen muß*), und daß Wörterbüchern fixiert sind. Ihm fehlt die leben¬
dige Tradition des Wortes, die aber unentbehr¬
*) Die Vorstellung, die der Übersetzer sich lich ist, um jene Tiefe des Wortes zu erschöpfen,
von solcher Arbeit zu machen scheint, geht die kein Wörterbuch andeuten kann. Kein
schon aus dem einen, dem einzigen scheinbar Wörterbuch vermag auch alle Verbindungen
logisch argumentierenden Satz des Nachwortes zu berücksichtigen, in denen ein Wort stehen
hervor, in dem ein irgendwie produktiver Anteil kann, oder die verschiedene sprachliche Atmo¬
des Mose de Leon bei der Redaktion des Sohar
sphäre zu vermitteln, die dem Wort in diesen Ver¬
geleugnet und sein hohes Alter damit „bewiesen"
wird, daß seine Sprache das jerusalemische bindungen eignet und die jeweils verschiedene
Aramäisch sei, das seit dem sechsten Jahrhundert Übersetzungen bedingt.
schon aus der jüdischen Literatur verschwunden Für diese Traditionslosigkeit seien nur einige
sei. Eine solche Argumentation sollte man doch Beispiele angeführt. Das Wort >tm, welches ich
auch in einer Zeit, in der für das Alter der Kab- mit „wert" übersetzte, kann für ihn nur, die
bala wieder manche Lanze gebrochen wird, Bedeutung „würdig" oder „schuldlos" haben.
nicht vortragen dürfen. Denn weder ist es wahr, Das. Wort „wert" verbindet die Bedeutung
daß die Sprache des Sohar und die des jerusale- „würdig" mit der von „teuer", freilich nicht
nüschen Talmuds identisch seien, noch beweist im Sinne des Marktwerts und Kaufpreises, wes¬
ihre Verwandtschaft irgend etwas, noch ver¬ halb auch das von Scholem geforderte Objekt
schwand dies Aramäisch im sechsten Jahr¬
hundert aus der Literatur (man denke nur an
aie späten Pesiktas). Vor allem aber müßte doch bei einiger Sprachkenntnis nicht gut zu
£ann ja jedes aramäische Stück unserer Dich¬ leugenden künstlich (und nicht immer richtig)
tung und Prosa (etwa der im selben Aramäisch archaisierenden Weise der Soharsprache. In
wie der Sohar verfaßte Maggid Mescharim, von solchen Argumenten spricht sich nur eine sehr
dem doch gewiß niemand je bezweifelt hat, daß naive Auffassung von den so überaus kom¬
e F lm 16. Jahrhundert entstanden ist) aus so plizierten Sprachverhältnissen in der jüdischen
alter Zeit stammen, ganz zu schweigen, von der Literatur aus.
Heft 5/6. 24