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Wieso es gut sein kann, jemandem seine Partnerin auszuspannen

© Christof Wahner 2009

In dieser moralphilosophischen Abhandlung geht es weniger darum, weshalb meine allererste Note im
Religionsunterricht im Gumminasium eine satte Sechs minus war und weshalb ich darauf heute noch
ausgesprochen stolz bin. Das hat für mich überhaupt nichts damit zu tun, dass ich mich in Wirklichkeit
gleichermaßen zum Neuen Testament, zum Koran, zur buddhistischen Lehre und zu einigen weiteren
Weltanschauungen bekenne, und zwar jeweils in eigenständig reflektierter und textkritischer Weise.
Nein, es geht hier um ein weit verbreitetes Missverständnis: nämlich dass es als moralisch verwerflich
gilt, im eigenen Interesse die Auflösung einer bestehenden Partnerschaft einzuleiten, obwohl diverse
marktanalytische Überlegungen seit geraumer Zeit aufzeigen, dass das Konzept der Übernahme gar
nicht mal so antisozial ist wie dies in der Regel vom unwissenden Beobachter empfunden wird.

Das 6. Gebot lautet >Du sollst nicht die Ehe brechen.< Es ist sehr wichtig, dieses Gebot einzuhalten,
selbst wenn sich mit der Zeit eine gähnende Langeweile breit macht, die nach Veränderung brüllt.
Damit dann keiner der beiden Partner zum Ehebrecher wird, muss sich eine dritte Person einschalten.
Böse Zungen erwähnen hierbei den alten Spruch >Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte<.
Aber nein, Schadenfreude darf dabei nicht mit im Spiel sein. Das wäre moralisch verwerflich. Vielmehr
ist es so, dass eine außenstehende Person durch ihre Neutralität wesentlich besser einschätzen kann,
wann eine Trennung erforderlich ist, welche Veränderungen anstehen und wer zu wem optimal passt.
Man füllt lediglich die Lücke aus, die der Mitmensch durch gravierende Mängel an Loyalität, Vertrauen,
Selbstdisziplin, Zärtlichkeit, Kreativität usw. entstehen ließ. Man opfert sich also nicht nur für die eigene
Partnerin auf, sondern zusätzlich in einer noch selbstloseren Weise für das Wohlergehen der unglück-
lichen Gespielin eines vielleicht harmlosen, aber unbrauchbaren Mitmenschen. Man darf aber nicht um
jeden Preis altruistisch sein, sondern man muss die betreffende Frau attraktiv und sympathisch finden.
Man darf also unter keinen Umständen als Erlöser auftreten oder sich unter seinem Wert verkaufen.
Außerdem sollte man kein schlechtes Gewissen haben, wenn man für die aufgebrachte Mühe eine
angemessene Entschädigung beansprucht, indem man das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet.
Wenn eine Partnerschaft reif für die Trennung ist, dann kann man nur helfen, indem man dem Paar die
Entscheidung zur Trennung deutlich erleichtert. Eine solche Abhilfe ist lediglich eine emanzipatorische
Maßnahme, weil jede Frau ihr gutes Recht auf regelmäßige Befriedigung ihrer Bedürfnisse hat.

Das 10. Gebot beinhaltet die Aussage >Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen.<
Hierbei ist es wichtig, den winzigen Unterschied von 'Verlangen' und 'Begehren' herauszuarbeiten.
Ein Verlangen will besitzen, während ein Begehren sich nach der Erfüllung der innersten Träume sehnt.
Es kommt also auf die Grundhaltung an, mit der man in eine bestehende Partnerschaft eingreift.
In modernen Gesellschaften gilt es inzwischen aus gutem Grund als spießbürgerlich-patriarchialisch,
eine Frau quasi besitzen zu wollen. Auf Dauer ist das außerdem langweilig, anstrengend und sinnlos.
Das 10. Gebot will also Eifersucht verhindern. Eifersucht ist moralisch verwerflich, indem sie die wahre
Liebe pervertiert. Für ernsthafte Christen steht im Zweifelsfall das Gebot der Liebe an oberster Stelle.
Wenn man sich nicht für das Wohlergehen einer leidenden Frau einsetzt, handelt man geradezu wie
der Levit, der schnell am ausgeraubten und verwundeten Händler vorüberzieht, ganz in der Erwartung,
dass sich das schlimme Schicksal von selber wieder richten wird oder dass irgendwann jemand anders
helfen wird. Doch für einen barmherzigen Samariter verbietet es sich strengstens, tatenlos zuzuschauen.
Viele Leute mit einer solchen prosozialen Gesinnung werden völlig zu Unrecht als Aasgeier verschrien.
Sobald man Verdacht schöpft, dass eine Frau unter ihrem Partner leidet, steht man als Mitmensch und
als Mann in der Pflicht, diesem Übel schleunigst abzuhelfen und hilfreich Hand anzulegen, auch wenn
dies einem durchaus schwer fallen mag, vor allem wenn die betreffende Frau und die eigene Freundin
noch nicht so ganz von diesem Vorhaben überzeugt sind, weil sie beispielsweise bisher ein wenig zu
prüde sind, um sich einfach mal für einen flotten Dreier oder für voyeuristische Sexspiele zu begeistern.
Wenn man einen Mitmenschen mit seinen Schwächen konfrontiert, indem man ihm seine Partnerin
ausspannt, gibt man ihm die großartige Gelegenheit, sich mit subjektiv empfundenen Feindseligkeiten
auseinander zu setzen, über das eigene Schicksal hinweg zu sehen, neidische und eifersüchtige
Tendenzen zu überwinden und sich auf einen Neuanfang zu besinnen. Leider wird man in diesem Fall
zu sehr mit der gerade ergatterten Gespielin beschäftigt sein als dass man sich nun auch noch um die
Gefühle des Mitmenschen kümmern könnte, wo man ja gerade erst genug Mühe aufgewendet hat, um
dessen Partnerin für sich zu gewinnen. Um aber moralisch korrekt mit der unpässlichen Situation des
Betroffenen umzugehen, sollte man ihn relativ zeitnah mit ein paar liebenswürdigen Worten trösten:
"Weißt du, wie man jede Krise in den Griff bekommt? Du musst dir immer nur sagen >Hilf dir selbst,
dann hilft dir Gott<. Freu dich doch: Jetzt hast du nicht mehr diesen Klotz am Bein. Diese Monotonie
ist auf Dauer echt ungesund. Das führt regelrecht zu Betriebsblindheit. Spürst du eigentlich gar nichts
von dieser tödlichen Langeweile, die sich in dir breit gemacht hat? Falls du deine Miesepeter-Laune
vertreiben willst, dann bist du herzlich eingeladen, genüsslich zu beobachten, was deine Ex und ich so
alles miteinander treiben. Immerhin verpulverst du dabei kein Geld für Pornovideos und Peepshows."
Falls der Mitmensch aber so ein liebenswürdiges Angebot schroff ablehnt oder sogar ausrastet, dann
deutet das ganz darauf hin, dass er in einer genauso schroffen Weise zurecht gewiesen werden will.
Selbst jemand, den man bisher als Freund tolerieren konnte, macht sich durch solches Fehlverhalten
systematisch zum 'Freundchen' und sollte sich lieber demütig mit seinem Schicksal abfinden.
"Jetzt hör mal gut zu, mein Freundchen! Kennst du den Satz >Die Letzten werden die Ersten sein<?
Übrigens riecht es hier ganz danach, dass du die >Anleitung zum Unglücklichsein< wörtlich nimmst.
Offensichtlich willst du aus Prinzip nicht verstehen, was Paul Watzlawick eigentlich damit sagen wollte.
Durch mich bekommst du die grandiose Chance dich als heimlicher Gewinner zu fühlen und ziehst als
Dank dafür so eine beknackte Depri-Nummer ab. Ey, ich weiß, du hast von Philosophie keinen blassen
Schimmer. Aber ich versuch's mal trotzdem. Also ... Der berühmte Philosoph Heraklit hat mal gesagt
>Panta rhei<. Das hat jetzt nichts mit Großkatzen zu tun, sondern bedeutet, dass alles fließt. Alles ist
in Bewegung. Leben heißt Dynamik. Es ist eine vollkommen ungesunde Einstellung, dass alles immer
beim Alten bleiben soll. Vielmehr muss man dem Neuen immer wieder eine Chance geben. Man muss
sich immer wieder auf neue Erfahrungen einlassen. >Wer rastet, der rostet.< Nicht umsonst sprechen
die Sozialwissenschaftler vom lebenslangen Lernen. Die denken sich doch sicher was dabei."
Außerdem wird das Freundchen, das offenbar mit seiner bisherigen Partnerschaft ziemlich überfordert
war, durch die planmäßig herbeigeführte Trennung von einer schwerwiegenden Bürde entlastet.
"Ey Mann, was willst du hier noch herumjammern und herumzicken? Du gewinnst wieder Freiräume!
Du hast endlich die Chance, dich diversen Aktivitäten zu widmen, die du vorher sträflich vernachlässigt
hast: berufliche und allgemeine Weiterbildung, Engagement in Vereinen, Hobbies, Kontakte zu deiner
Verwandtschaft, und eine Therapie, um deine psychischen Probleme endlich gründlich aufzuarbeiten."
Apropos: Natürlich sollte nicht verschwiegen werden, dass durch tief greifende Krisen im Körper eines
Versagers jede Menge Endorphine ausgeschüttet wird, also jene morphium-artigen Hormone, die nach
wissenschaftlicher Erkenntnis bei allen Arten von subjektiv bewegenden Ereignissen produziert werden.
Jede betroffene Person hat also in Wirklichkeit allen Grund, für diesen Drogenkick dankbar zu sein.
Wenn alles nichts mehr hilft, muss auch für einen aufrichtigen Christen die folgende Regel über dem
Gebot der Liebe stehen, dass nämlich hartnäckige Undankbarkeit hartnäckig abgestraft werden muss.
"Hey Freundchen! Du hast nicht den geringsten Grund, meine Fürsorglichkeit in eigenwillig-paranoider
Weise als egoistische Hinterhältigkeit umzudeuten, außer du stehst auf selbsterfüllende Prophezeiung.
Natürlich, ich weiß. Es gibt Leute, die kriegen regelrecht einen hoch, wenn sie schlecht behandelt und
gemobbt werden. Aber von dir hätte ich echt nicht gedacht, dass du mal so tief sinken würdest."
Sofern das Freundchen dann die Stirn hat und weiterhin jede Art von Fürsorglichkeit als Feindseligkeit
umdeutet, muss man auf die Stelle im Neuen Testament hinweisen, die da heißt >Liebe deine Feinde<.
Dabei darf nicht verschwiegen werden, dass es moralisch verwerflich ist den Umkehrschluss zu ziehen
und zu sagen >Hasse deine Freunde< – auch wenn diese Praxis nicht so selten ist wie man vermuten
mag und selbst bei Moralphilosophen wesentlich häufiger anzutreffen ist als man gemeinhin glaubt.