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Literatur der Empfindsamkeit (1740-1790)

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt: Die empfindsamen Schriftsteller sind in


ihren Werken zu Tränen gerührt, und alles kann dafür Anlass sein: die ihnen durch
den herrschenden Adel gesetzten Grenzen in ihrer individuellen Entfaltung, die
Erhabenheit der Kunst, Anmut und Tugend, Freundschaft, Natur, Idylle und
Heiterkeit. Ihre Protagonisten verzweifeln an der Unterdrückung durch Fürsten (wie
in Lessings Bürgerlichem Trauerspiel Emilia Galotti, 1772) oder wegen unerfüllter
Liebe, die sie bis in den Selbstmord treibt (wie in Goethes Die Leiden des jungen
Werther, 1774).
Indem sie das Emotionale zum Ideal erklärt, grenzt sich die literarische
Empfindsamkeit nur scheinbar von der zeitlich parallel verlaufenden Aufklärung und
ihrem Rationalismus ab. Beide haben das Wesentliche gemein: Das zu Wohlstand
gelangte, gebildete Bürgertum ist politisch einflusslos und mit seinem Streben nach
Emanzipation darum auf andere Bereiche verwiesen. Und so sucht es sich in der
Ausprägung einer starken emotionalen Persönlichkeit eine Nische, in der es sich
gegenüber dem herrschenden Adel Geltung zu verschaffen versucht. Auch die
Anhänger der Empfindsamkeit berufen sich auf die Aufklärung, ihre Morallehre und
die Vernunft: Die durch die Lektüren provozierten emotionalen Ausbrüche sollen
kein Selbstzweck sein. Sie sollen den Bürgerlichen darin schulen, mit sich und seiner
Umwelt bewusster umzugehen.
Gefühle und die Fähigkeit, ihre Regungen intensiv zu erleben, gelten den
Empfindsamen als Maßstab für die Ausbildung ihrer Persönlichkeit. Das Schreiben
wird darum zum Instrument der Selbsterforschung. Die Introspektion, also der nach
Innen gerichtete Blick, wird in den meisten Gedichten, Dramen und Prosastücken
zum Leitmotiv. Kein Wunder also, dass die Empfindsamkeit viele nicht nur zu
sanften Tränen bewegt, sondern sogar zum literarischen Selbstversuch. In seinem
Moralismus, seiner überschwänglichen Emotionalität und der Bildung, die es daraus
ableitet, fühlt sich das Bürgertum dem Adel überlegen.
England wird zum literarischen Vorbild Europas
Führenden Einfluss gewinnt England ab 1700. Besonders die Autoren Samuel
Richardson, Laurence Sterne und Oliver Goldsmith üben einen großen Einfluss auf
ihre Zeitgenossen aus. Lessing übersetzt das englische „sentimental“ mit
„empfindsam“ und gibt der Strömung so einen deutschen Namen.
Parallel entstehen im stärker rationalistisch geprägten Frankreich die comédie
larmoyante (engl.: sentimental comedy) und die bürgerliche Dichtung Denis Diderots.
Die britische Sentimental Comedy und ihr französisches Pendant inspirieren in
Deutschland das Weinerliche Lustspiel; auch Jean-Jacques Rousseaus
Briefroman Nouvelle Héloïse (1761) entfaltet eine große Wirkung.
Die wichtigsten Schriftsteller der deutschen Empfindsamkeit sind für das Drama
Gotthold Ephraim Lessing (dessen Miss Sarah Sampson außerdem das
deutsche bürgerliche Trauerspiel begründet) und Christian Fürchtegott Gellert.
Matthias Claudius Gedicht Der Mond ist aufgegangen ist noch heute vielen
Deutschen als Kinderlied oder aus der Schule bekannt. Friedrich Gottlieb Klopstock
wird in Deutschland zum einflussreichsten Schriftsteller seiner Zeit. Die deutsche
Empfindsamkeit entwickelt sich über den Freundschaftskult hin zur Kunstlyrik
Klopstocks, der seine Leser nicht mehr bloß belehren und unterhalten, sondern durch
Erhabenheit erschüttern will. Viele Schriftsteller wirken zugleich an der Literatur der
Aufklärung mit. Der nationalistische Dichterbund Göttinger Hain bildet einen
Übergang zwischen der Empfindsamkeit und der Epoche des Sturm und Drang; er
strebt nach der Befreiung der Dichtung vom aufklärerischen Rationalismus und
Einflüssen aus dem Ausland und pflegt um Klopstock einen Personenkult. Als seine
bedeutendsten Vertreter gelten der an Tuberkulose leidende Schriftsteller Ludwig
Hölty, der mit nur 28 Jahren stirbt, sowie der Dichter und Übersetzer Johann Heinrich
Voß. Klopstocks Epos Messias gilt als das wichtigste Werk der Empfindsamkeit. Der
Quedlinburger stellt darin die Passion und die Auferstehung Christi dar. Stilistisch
angelehnt ist der Messias mit seinem durchgehenden Hexameter an die antiken Epen
Homers. Wie sonst nur wenige deutsche Dichter bekennt Klopstock sich 1789 zu den
Idealen der Französischen Revolution. Als sich nach der Hinrichtung Ludwig des
XVI. die Bewegung in Frankreich radikalisiert, distanziert er sich aber davon.

Matthias Claudius
Der Mensch

Der Mensch

1 Empfangen und genähret


Vom Weibe wunderbar
Kömmt er und sieht und höret
Und nimmt des Trugs nicht wahr,
5 Gelüstet und begehret
Und bringt sein Tränlein dar,
Verachtet und verehret,
Hat Freude und Gefahr,
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
10 Hält nichts und alles wahr,
Erbauet und zerstöret
Und quält sich immerdar,
Schläft, wachet, wächst und zehret
Trägt braun und graues Haar.
15 Und alles dieses währet,
Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.
Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

Friedrich Gottlieb Klopstock, 1724-1803

Das Rosenband
1 Im Frühlingsschatten fand ich sie,
Da band ich sie mit Rosenbändern:
Sie fühlt' es nicht und schlummerte.
Ich sah sie an; mein Leben hing
5 Mit diesem Blick an ihrem Leben:
Ich fühlt' es wohl und wußt' es nicht.

Doch lispelt' ich ihr sprachlos zu


Und rauschte mit den Rosenbändern.
Da wachte sie vom Schlummer auf.

10 Sie sah mich an; ihr Leben hing


Mit diesem Blick an meinem Leben,
Und um uns ward Elysium.

Friedrich Gottlieb Klopstock


Die frühen Gräber
1.
Willkommen, o silberner Mond,
Schöner, stiller Gefährt der Nacht!
Du entfliehst? Eile nicht, bleib, Gedankenfreund!
Sehet, er bleibt, das Gewölk wallte nur hin.
2.
Des Maies Erwachen ist nur
Schöner noch, wie die Sommernacht,
Wenn ihm Tau, hell wie Licht, aus der Locke träuft,
Und zu dem Hügel herauf rötlich er kömmt.
3.
Ihr Edleren, ach es bewächst
Eure Male schon ernstes Moos!
O wie war glücklich ich, als ich noch mit euch
Sahe sich röten den Tag, schimmern die Nacht.
Friedrich Gottlieb Klopstock. Ausgewählte Werke. Hg. v. Karl August Schleiden. Darmstadt
1962, S. 108.

Friedrich Leopold Graf zu Stolberg

Lied auf dem Wasser zu singen (1783)


Für meine Agnes

1 Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen


Gleitet, wie Schwäne, der wankende Kahn;
Ach, auf der Freude sanftschimmernden Wellen
Gleitet die Seele dahin wie der Kahn;
5 Denn von dem Himmel herab auf die Wellen
Tanzet das Abendroth rund um den Kahn.

Über den Wipfeln des westlichen Haines,


Winket uns freundlich der röthliche Schein;
Unter den Zweigen des östlichen Haines
10 Säuselt der Kalmus im röthlichen Schein;
Freude des Himmels und Ruhe des Haines
Athmet die Seel' im erröthenden Schein.
Ach, es entschwindet mit thauigem Flügel
Mir auf den wiegenden Wellen die Zeit.
15 Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel
Wieder wie gestern und heute die Zeit,
Bis ich auf höherem strahlenden Flügel
Selber entschwinde der wechselnden Zeit.

Johann Wolfgang Goethe

Wonne der Wehmut

1 Trocknet nicht, trocknet nicht,


Tränen der ewigen Liebe!
Ach, nur dem halbgetrockneten Auge
Wie öde, wie tot die Welt ihm erscheint!
5 Trocknet nicht, trocknet nicht,
Tränen unglücklicher Liebe!
Johann Wolfgang von Goethe
Die Leiden des jungen Werther

Am 10. Mai
Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den süßen Frühlingsmorgen,
die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die
für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem
Gefühle von ruhigem Dasein versunken, daß meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt nicht
zeichnen, nicht einen Strich, und bin nie ein größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn
das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen
Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann
im hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir
merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen,
unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mückchen näher an meinem Herzen fühle, und fühle die
Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in
ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; mein Freund! Wenn's dann um meine Augen dämmert, und
die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten –
dann sehne ich mich oft und denke : ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere
das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, daß es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine
Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes! – mein Freund – aber ich gehe darüber zugrunde, ich
erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.
Ich weiß nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme, himmlische
Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so paradisisch macht. Das ist gleich vor dem
Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin wie Melusine mit ihren Schwestern. – Du gehst
einen kleinen Hügel hinunter und findest dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen
hinabgehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Die kleine Mauer, die oben umher
die Einfassung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher bedecken, die Kühle des Orts; das
hat alles so was Anzügliches, was Schauerliches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde da
sitze. Da kommen die Mädchen aus der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschäft und das
nötigste, das ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt die
patriarchalische Idee so lebhaft um mich, wie sie, alle die Altväter, am Brunnen Bekanntschaft machen
und freien, und wie um die Brunnen und Quellen wohltätige Geister schweben. O der muß nie nach
einer schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens Kühle gelabt haben, der das nicht
mitempfinden kann.

1. Wählen Sie einen der Texte aus und interpretieren Sie ihn mit einer Zeichnung
oder Bildfolge, in die entweder der gesamte Text oder einzelne Zeilen
integriert sein sollten (Format A 3 oder mehrere A4).
2. Wählen Sie einen der Texte aus und paraphrasieren Sie ihn aus der Sicht des
Verfassers:
“Das schrieb ich damals, als ich.... ich fühlte mich... ich will
meine Stimmung möglichst genau beschreiben... weißt du, wie es sich
anfühlt, wenn..der Mond/ der Nebel sah damals so aus, als ob....ich wollte
unbedingt festhalten, wie…”

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