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Im Gespräch | 28.03.2008 00:00 | Interview

Wie wir über Terror denken


Die Historikerin Sylvia Schraut über das Geschlecht des Terrors und warum
starke Frauen Männer angeblich zu Terroristen machen
Wenn seit dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 von islamischen Terroristen die Rede
ist, hat man automatisch Männer vor Augen. Die RAF der siebziger und achtziger Jahre war
dagegen prominent von Frauen besetzt und wurde weiblich wahrgenommen. Hat der Terrorismus
also ein Geschlecht? Die an der Bundeswehrhochschule München lehrende Historikerin Sylvia
Schraut hat sich im Rahmen ihrer Geschlechterforschungen mit dem Thema befasst.

FREITAG: Wenn über Terrorismus diskutiert wird und dabei auch das Geschlecht der Täter eine Rolle
spielt, so lautet Ihre These, steht die Frage der politischen Teilhabe von Frauen an der Macht auf dem
Prüfstand. Warum?
SYLVIA SCHRAUT: Von Terrorismus ist gemeinhin die Rede, wenn eine politisch einflusslose
Minderheit mit grausamen gewalttätigen Aktionen eine Plattform sucht, um das bestehende
Herrschaftssystem an seine Grenzen zu bringen und in Frage zu stellen. Die Terrorakte zielen auf der
einen Seite darauf ab, zu verunsichern und Sympathisanten und neue Mitglieder zu gewinnen. Zum
anderen suchen die Terroristen die politische Debatte darüber, wem welche Partizipationsrechte
zustehen. Terrorismus braucht die öffentliche Auseinandersetzung über die vorhandenen
Staatsvorstellungen und darüber, wie legitim das bestehende Regierungssystem und seine
Sicherheitsvorstellungen sind. In diese Debatte ist die Frage nach dem Geschlecht eingebunden.

Als Historikerin, die sich mit der Sozial- und Geschlechtergeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
beschäftigt, belegen Sie diese These auch an historischen Beispielen. Wie war das in der Weimarer
Republik?
Die Weimarer Republik war die erste Demokratie auf deutschen Boden. Zum ersten Mal durften Frauen
wählen, und sie zogen in nennenswerter Zahl ins Parlament ein. Auffällig ist in den Anfangs- und in den
Endjahren die große Zahl an politischen Gewalttaten. Denken Sie an den Kapp-Putsch, den
Ruhraufstand, Aufstände der Linken, Attentate der Rechten und Hitlers Putschversuch. Die Anschläge
und Überfälle zeigen: Das Gewaltmonopol wurde nicht an den Staat abgegeben. Das aber ist eine
Grundbedingung der Demokratie. Wenn wir genauer hinschauen, wer wen bedroht und wer politisch
aktiv ist, sehen wir in erster Linie Männer. Frauen durften zwar wählen und auch in die Parlamente
einziehen. Aber es war noch lange nicht gewährleistet, dass sie am öffentlichen Leben in gleichem Maße
wie die Männer partizipierten. Das lässt sich vor allem an den Parlamentsdebatten über die Gewaltakte
belegen, in denen ausschließlich männliche Parlamentarier das Wort ergriffen und ihr Recht auf
politische Teilhabe im Zusammenhang mit männlicher Wehrhaftigkeit unterstrichen. Politischen Mord
legitimierten insbesondere die Parlamentarier der Rechten als soldatische Vaterlandsverteidigung. Ihre
Loyalität galt dem Vaterland, nicht der weiblich konnotierten Republik.

Der Terrorismus der RAF in den 1970er Jahren in der Bundesrepublik wurde allerdings weiblich
wahrgenommen.
So liest man das in den zeitgenössischen Zeitungsartikeln und teilweise bis heute, obwohl es keine
differenzierten Forschungsergebnisse gibt, die den RAF-Terrorismus als spezifisch weiblichen
charakterisieren. Wir wissen, dass etwa ein Drittel der wichtigsten Personen der RAF Frauen waren. In
den Beiträgen wird aber häufig der Eindruck erweckt, es seinen 60 oder 70 Prozent gewesen.
Demgegenüber betonten alle RAF-Frauen in ihren autobiografischen Zeugnissen, es sei ihnen nicht um
die Geschlechterfrage, die Frage, ob Frauen gleichberechtigt sind, gegangen, sondern um den Kampf
gegen die Bundesrepublik.

Warum sehen Sie dadurch die politischen Teilhabe von Frauen in Frage gestellt?
In der Diskussion um Terrorismus, werden politische, soziale, ökonomische Ursachen als Gründe
genannt, die Menschen zur Waffe greifen lassen. Ab und an wird in diesem Zusammenhang auch das
Geschlecht erwähnt. Aus den dann folgenden Argumentationslinien erfährt man viel darüber, wie
überhaupt über Frauen und Männer in der Politik gedacht wird. Es ist interessant, welche Gründe
angeführt wurden, warum die RAF-Frauen Terroristinnen wurden. Bei der aus einem religiösen und
sozial engagierten Elternhaus stammenden Gudrun Ensslin hieß es, ihre weibliche Emotionalität hätte sie
fehlgeleitet. Frauen, so die Schlussfolgerung, seien nicht zu einer rationalen politischen Haltung fähig.
Andere Kommentatoren sahen Frauen angesichts ihrer Leiden im und am Patriarchat zwangsläufig zu
Terroristinnen werden. Und noch eine weitere Argumentationslinie meinte, Frauen wurden zu
Terroristinnen, weil sie ihre weibliche Rolle ablehnten. Aus solch einer Betrachtungsweise kann man
Rückschlüsse ziehen, wie der Autor über die Rolle der Frauen in der Gesellschaft denkt. Er kann nur zu
dem Ergebnis kommen, eine Frau, die nicht länger Hausfrau bleibt, wird Terroristin, wenn er selbst der
Meinung ist, Frauen sollten gefälligst Hausfrauen sein.

Seit dem 11. September 2001 agieren vorwiegend Männer als Terroristen. Sie gehören meist dem Islam
an und legitimieren ihren Kampf mit der männlichen "Kultur der Ehre". Der amerikanische Soziologe
Mark Juergensmeyer beschreibt in seinem Buch "Terror im Namen Gottes" radikale Muslime als sexuell
frustrierte, unverheiratete junge Männer, die in ihren traditionellen Gesellschaften nur eingeschränkt
Möglichkeit zum Geschlechtsverkehr haben. Was halten Sie davon?
Über diese Argumentation kann ich mich nur amüsieren. Daran kann man ablesen, wie sich die
Vorstellungen von Männlichkeit geändert haben. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts galt der Mann, der zur
Waffe griff, noch als der potente Mann. Auch in der Weimarer Republik ist ein bewaffneter Mann
besonders männlich. Nun erleben wir einen Paradigmenwechsel. Der Mann, der mit der Waffe in der
Hand kämpft, ist plötzlich ein in seiner Männlichkeit geschwächter Mann. Welche Entwicklung!

Mark Juergensmeyer interviewte religiös motivierten Terroristen überall auf der Welt. Gleichgültig, auf
welche Religion sie sich berufen, bei all diesen Gruppierungen handelt es sich seiner Erfahrung nach um
Männerbünde, die die patriarchale Ordnung in der Welt wieder herstellen wollen. Er findet aus Gender-
Perspektive andere Argumente über den Terrorismus als Sie.
Im Unterschied zu dem genannten Soziologen forsche ich nicht zu den Ursachen des Terrorismus. Ich
analysiere die Debatten darüber. Dabei fällt mir eines auf: Dem sexuell geschwächten Mann, gerade
wenn er Islamist ist, steht häufig eine starke, feministische, selbstbewusste westliche Frau gegenüber.
Wenn sie diese beiden Punkte zusammen ziehen, könnte man schlussfolgern: Jene Frauen, die
gleichberechtigt in der westlichen Welt leben, sind ein solches Bedrohungspotenzial, dass islamische
Männer zu Terroristen werden müssen. Diese Verknüpfung sagt allerdings wenig über die Terroristen.
Über sie wissen wir nur wenig, denn die Forschung hat gerade erst begonnen. Aber es sagt sehr viel
darüber, wie wir über den Terror und über Männlichkeit denken. Beispielsweise wenn es über den
tunesischen Terroristen Nizar Trabelsi heißt, seine Ehe mit einer Deutschen sei gescheitert, als Vater
habe er versagt, sein Leben habe er nicht in den Griff bekommen. Dass er zu einem Terrorist wurde,
erscheint in diesem Kontext als Zeichen der Schwäche und unmännlich. Implizit wird in dieser
Schilderung auch die westliche Ehefrau zu einer Herausforderung, an der er scheitert. In jedem Fall aber
bleiben wir in den Stereotypen von Weiblichkeit und Männlichkeit stecken.

Das trifft auch Wahrnehmung von Frauen zu, die zu Terroristinnen werden - beispielsweise jene Frauen,
die zwischen 2002 und 2004 in Tschetschenien Selbstmordattentate verübten.
Auch ihre Taten werden mit patriarchalen Mustern erklärt: Angeblich handelt es sich um Mütter, die für
ihre Söhne und deren Lebensraum kämpfen, oder um zum Opfer gezwungene Töchter. Diese
Terroristinnen treten in der medialen Wahrnehmung beispielsweise nicht an, um ihren politischen
Handlungsspielraum zu vergrößern. Das wäre auch eine Interpretationsmöglichkeit. Doch die
Berichterstattung bleibt auf einer Erklärungsebene, wie sie nach unserer Auffassung zu einer
patriarchalen Gesellschaft wie der islamischen passt. Damit wird ein Bild von islamischen Terroristinnen
gezeichnet, welches in den Mustern der als patriarchalisch charakterisierten Gesellschaft verhaftet bleibt.
Das aber ist unser Denken darüber und muss nicht die Realität sein.

In der emotionsgeladenen und die Sicherheit des Landes berührenden Debatte um den Terrorismus wird
auch in der westlichen Welt die Kriegermentalität wiederbelebt. Andere Qualitäten des Männlichen -
beispielsweise auch weise und fürsorglich - scheinen dabei wieder einmal vergessen.
Natürlich ist das eine eingeschränkte Sichtweise. Denken Sie an die wiederkehrenden Talkrunden im
Fernsehen in den zurückliegenden Jahren. Gesprochen wurde über den Krieg gegen den Terror und es
fielen Begriffe wie "militant und wehrhaft" und "Verteidigung der Nation", und es diskutierten dort in
der Regel nur Männer. Natürlich würde heute kein ernstzunehmender Politiker die Bühne betreten und
sagen, Frauen sollten aus der Politik zurückgedrängt werden. Damit würde er bei der Mehrheit der
Bevölkerung nicht auf Zustimmung treffen. Die Frage wird auf subtilerer Ebene angeschnitten. Da heißt
es, weil die westliche Frau ist, wie sie ist, sei sie möglicherweise eine Ursache für den Terrorismus
unserer Zeit. Als gute westliche Demokraten sehen sich deshalb die Männer aufgefordert, diese Frau im
Kriegen gegen den Terror zu verteidigen. Auf den ersten Blick scheint es, als akzeptiere man Frauen als
gleichberechtigt auf der politischen Bühne. Auf den zweiten Blick werden Frau zu schützenswerten
Objekten. Sie können weder für sich selbst noch gemeinsam mit den Männern für Sicherheit sorgen. Sie
brauchen die Männer, die sie schützen. Und damit kommt - möglicherweise auch unreflektiert - eine
Ungleichheit ins Spiel, die man weiterdenken muss. Deshalb plädiere ich dafür, auch in der
Auseinandersetzung mit dem Terrorismus genau zu überlegen, was sie mit Weiblichkeit und
Männlichkeit zu tun hat. Bewusst sollte die Gender-Perspektive genutzt werden, sich in die Diskussion
einzumischen.

Das Gespräch führte Barbara Leitner

Die Dokumentation der Ringvorlesung, in deren Rahmen Sylvia Schraut ihre Thesen vorstellte, wird
Ende des Jahres im VS-Verlag erscheinen.

der Freitag Artikel-URL: http://www.freitag.de/kultur/0813-gespraech

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