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Waller Groltian .

Lenins Anleitung zum Handeln


Lenins Anleitung
zum Handeln
Theorie und Praxis sowjetischer Außenpolitik·

von

Professor Dr.Walter Grottian

WESTDEUTSCHER VERLAG· KÖLN UND OPLADEN

1962
ISBN 978-3-322-97997-1 ISBN 978-3-322-98618-4 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-98618-4

Verlags-Nr.051018
© 1962 Westdeutscher Verlag, Köln und Op1aden
Gesamtherstellung : Dr. Friedrich Midde1hauve GmbH, Opladen

Umschlagfoto: Landesbildstelle B, Berlin(West)


Die Lehre von Marx, Engels und Lenin
war und bleibt für uns
immer Anleitung zum Handeln
CHRUSCHTSCHOW
vor dem 22. Parteikongreß am 17. Oktober 1961
INHALT

Einleitung
1. Urteile der Nachfolger Stalins über Lenin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
2. Die Aufgabe des Verfassers .................................... 13
3. Über die Aufgabe der Theorie nach Lenin ...................... 16

A. Die Theorie Lenins über den Monopolkapitalismus und Imperialismus


der großen Industriestaaten ................................... 19

I. Von der Epoche des Konkurrenzkapitalismus zur Epoche des


Monopolkapitalismus ....................................... 19
II. Vier Haupterscheinungen des Monopolkapitalismus. . . . . . . . . . . 20
III. Bestochene Arbeiter der Monopolkapitalisten ................ 22
IV. Über die Unmöglichkeit, den Lebensstandard der Völker unter
dem Monopolkapitalismus zu heben.......................... 24
V. Grenzen für die politische und wissenschaftliche Freiheit unter
dem Monopolkapitalismus .................................. 25
VI. Die Unvermeidlichkeit von Kriegen zwischen den monopol-
kapitalistischen Staaten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 28
VII. Kriege zwischen den monopolkapitalistischen Staaten als Be-
schleuniger der proletarischen Revolution .................... 30
VIII. Der Einfluß der wachsenden internationalen Verflechtungen
zwischen den monopolkapitalistischen Unternehmungen auf
Kriege zwischen den monopolkapitalistischen Staaten ........ 32
IX. Charakteristik des Monopolkapitalismus nach dem ersten
Weltkrieg .................................................. 34
X. Zur Unvermeidlichkeit eines zweiten Weltkrieges zwischen den
kapitalistischen Staaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
vm Inhalt

B. Die Theorie Lenins als AnleitHflg zum Handeln. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 40


I. Allgemeine Richtlinien für das Verhalten des Proletariats gegen-
über der kapitalistischen Gesellschaftsordnung .................. 41
1. Moralische Grundsätze für den Kampf zum Sturz des Kapitalis-
mus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
2. Welche Staatenkriege sind abzulehnen oder zu befürworten? 42
a) Die sinnlose Unterscheidung zwischen Angriffskriegen und Ver-
teidigungskriegen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 42
b) Die Nützlichkeit von Kriegen zwischen den kapitalistischen
Staaten. ... ... .... .... .. .... ... ... .... ..... . .. . .... . ...• 46
c) Lenins Wunsch nach weiteren Kriegen zwischen den kapitalisti-
schen Staaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
d) Für Angriffskriege "sozialistischer" Staaten gegen "kapitalisti-
sche" Staaten .•......................................... 52
3. Die Rolle von Bürgerkriegen .......................... 55
a) Der fast immer unvermeidliche Bürgerkrieg zum Sturz des
kapitalistischen Systems .................................. 55
b) Nur über Bürgerkriege zum dauerhaften Frieden zwischen den
Staaten..... .... ........................................ 59
c) Frauen und Kinder als Teilnehmer am Bürgerkrieg.. . . . . . . . .. 63
4. Terror und Haß als Mittel des Kampfes .................. 65
5. Elastischer Wechsel in den Methoden des Kampfes ......... 71
a) Grenzen für die Anwendung von Gewalt ................... 71
b) Andere Methoden als die Gewalt .......................... 73
c) Ein Höchstmaß an Elastizität in den Methoden als Lernziel. . .. 76
6. Organisatorische Grundsätze für den Aufbau der Organisation
und ihre innen- und außenpolitische Bedeutung .. . . . . . . . . . .. 79
a) Grenzen für die Fähigkeiten und die Zuverlässigkeit des Prole-
tariats .................................................. 79
b) Zu einer von Berufsrevolutionären geführten Organisation vor
der Revolution. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 82
c) Zu einer von Berufsrevolutionären geführten Organisation nach
der Revolution. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
d) Die innen- und außenpolitische Bedeutung der organisatorischen
Grundsätze Lenins ....................................... 93

II. Richtlinien im einzelnen für das Verhalten eines "sozialistischen"


Staates besonders gegenüber den westlichen Industriestaaten ... 96
1. Sechs Anhaltspunkte für die Zweckmäßigkeit von Angriffs-
kriegen gegen andere Staaten.............................. 98
inhalt IX

2. Wann sollte ein sozialistischer Staat keinen Angriffskrieg führen? 104


3. Verhalten eines sozialistischen Staates zu kapitalistischen Staaten
zwischen den Kriegen ..................................... 106
a) Rückzüge und das Kompromiß mit sehr großen Zugeständnissen
an den Gegner. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 106
b) Kompromisse zur Entfachung und Verschärfung von Gegen-
sätzen innerhalb des kapitalistischen Staatensystems .......... 111
c) Kompromisse zur Zersetzung des nichtkommunistischen Partners 115
d) Anweisungen des sozialistischen Staates an die kommunistischen
Parteien in den kapitalistischen Staaten ..................... 117
da Die notwendigen Bedingungen für eine erfolgreiche Revolution 119
db Über die Notwendigkeit, auch nichtproletarische Massen für
die proletarische Revolution zu gewinnen .........•....... 121
dc Der Kampf gegen die sozialdemokratischen Parteien . . . . . .. 123
dd Der Kampf gegen die Gewerkschaften ... , ............... 137
de Über die Notwendigkeit, in alle Organisationen der "werk-
tätigen Bevölkerung" einzudringen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 140
df Der Sinn der kommunistischen Mitarbeit in den Parlamenten 142
dg Verbindung von legaler und illegaler Arbeit ............. ,. 145
dh Über die Nützlichkeit eines hungernden Proletariats vor der
Revolution ........................................... 148
di Die Einmischung eines sozialistischen Staates in die inneren
Angelegenheiten von kapitalistischen Staaten (Folgerungen
aus da-dh). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 151
e) Das Verhalten des sozialistischen Staates zum Selbstbestimmungs-
recht der Völker und nationalen Minderheiten ............... 151
f) Die Wirtschaft im Dienst der Außenpolitik eines sozialistischen
Staates ................................................. 157
g) Zur Abrüstung sozialistischer und kapitalistischer Staaten ..... 163

BI. Richtlinien im einzelnen für das Verhalten eines sozialistischen


Staates gegenüber Entwicklungsländern ........................ 166

1. Die Bedeutung der kolonialen und halb kolonialen Gebiete für


den Sturz des kapitalistischen Systems in den westlichen
Industriestaaten ........................................... , 166

2. Die Methoden zur Befreiung der kolonialen und halbkolonialen


Gebiete von der Herrschaft der westlichen Industriestaaten 172
a) Aufgaben der kommunistischen Parteien in den Staaten mit
Kolonialbesitz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 172
b) Aufgaben der kommunistischen Parteien in den kolonialen und
halb kolonialen Gebieten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 174
x lnhall

c) Militärische Hilfe und Wirtschaftshilfe für die kolonialen und


halbkolonialen Gebiete ................................... 179
3. Ziel und Methoden nach der Befreiung kolonialer und halb-
kolonialer Gebiete ......................................... 181
a) Das Ziel ...............................................• 181
b) Die notwendige Vorsicht bei der Auswahl der Methoden für den
übergang zum Sozialismus ................................ 185

C. Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin . . . . . . . . . . . . . . .. 188


I. Der Auftakt zur sowjetischen Außenpolitik: das "Dekret über
den Frieden" vom 8.11. 1917 ................................. 188
11. Die Gründung der Roten Armee für den Verteidigungs- und
Angriffskrieg ................................................. 198
III. Die Gründung der Kommunistischen Internationale als Instru-
ment der sowjetischen Außenpolitik ........................... 201
IV. Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten ..... , 217

1. Deutschland ............................................... 217


a) Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk (3.3.1918) .......... 217
b) Die entscheidende Bedeutung Deutschlands für Sowjetrußland 233
c) Sowjetische Vorbereitungen auf die Revolution in Deutschland
(Mai-November 1918) .................................... 236
d) Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Deutschland
(5.11. 1918) und Lenins Stellungnahme (6.11. 1918) ......... 241
e) Lenins Urteile über den Friedensvertrag von Versailles und
Lenins Folgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
f) Der Weg nach Deutschland über ein zukünftiges Sowjetpolen . 255
g) Die Entstehung des Vertrages von Rapallo (16. 4. 1922) ....... 259
h) Einmischungen Lenins in die inneren Verhältnisse Deutschlands
(1920-1921) ............................................. 278

2. Großbritannien ............................................ 293


a) Kritik und Anregungen Lenins zur Lage in Großbritannien
(April-] uni 1920) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. 296
b) Verstärkte wirtschaftliche Angebote Lenins an die kapitalistischen
Staaten und das britisch-sowjetische Handelsabkommen vom
16.3. 1921 .............................................. 308
c) Die Verletzungen des britisch-sowjetischen Handelsabkommens
durch Sowjetrußland (1921) ............................... 327
d) Die geplante internationale Konferenz in Genua in der Sicht
Lloyd Georges und Lenins (1922) .......................... 335
Inhalt XI

3. Vereinigte Staaten ......................................... 344


a) Das Verhalten Lenins Zu den Vereinigten Staaten vor dem
amerikanischen Interventionskrieg gegen Sowjetrußland ...... 344
b) Lenins Brief an die amerikanischen Arbeiter (20. 8. 1918) ...... 347
c) Der Versuch Lenins, einen Krieg zwischen den Vereinigten
Staaten und Japan zu entfachen (November 1920) ............ 351

4. China . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . • . . . . . . . . .. 361
a) Charakteristik eines halbkolonialen Landes (Stand von 1913) .. 361
b) Die sowjetischen Ankündigungen als Befreier Chinas (1917-1920) 364
c) Moskau und die Äußere Mongolei (1921-1922) ............... 375
d) Die Verhandlungen über die Ostchinesische Bahn (1920-1923) 382
e) Die "Gemeinsame Erklärung" SunJat-sens und Joffes (26.1.1923) 383

5. Persien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387

D . Mißerfolge und Erfolge Lenins als Außenpolitiker . . . . . . . . . . . . . . . . . 395


1. Die falsche Beurteilung des Proletariats in den westlichen Industrie-
staaten .................................................. 397
11. Zur Befreiung der kolonialen und halbkolonialen Gebiete durch
die kommunistischen Parteien .............................. 404
III. Das falsche Bild Lenins von den Vereinigten Staaten . . . . . . . . . . 405
IV. Beispiele für Erfolge Lenins ..................... '" ......... 409

E. Das Ergebnis ............................................ 412


F. Ein Blick auf die Gegenwart . ................................ 420
Literaturverzeichnis und Bemerkungen hierzu ....................... 426
Sachregister ................................................. 433
EINLEITUNG

1. Urteile der Nachfolger Stalins über Lenin

Kein verstorbener Politiker des 20. Jahrhunderts steht seit Jahrzehnten so


stark im Licht der Öffentlichkeit eines Landes wie Lenin. Tag für Tag preisen
sowjetische Veröffentlichungen - Redner, Zeitungen, Zeitschriften, Rund-
funk - Lenin als Vorbild in jeder Hinsicht. Jede wichtige Maßnahme der
kommunistischen Partciführung auf dem Gebiete der Außenpolitik, Wirt-
schaftspolitik, im organisatorischen Aufbau, im Erziehungswesen, sogar im
Kampf gegen "Abweichungen" einst einflußreicher Parteimitglieder werden
mit der Lehre Lenins begründet. Wüßte man nichts von Lenins Tod, so
könnte man leicht nach den täglichen zahlreichen sowjetischen Veröffent-
Hchungen einen immer noch lebenden Lenin vermuten. Einen Lenin, der sich
wegen seines Alters auf einen Landsitz zurückgezogen hat und dort nach wie
vor seine weisen und zugleich unbedingt verbindlichen Ratschläge an seine
Schüler in der Parteiführung gibt. "Lenin ist immer bei uns I" lautet die Über-
schrift eines Aufsatzes der Moskauer "Prawda" zu Lenins neunzigstem Ge-
burtstag (22. 4. 1960). Die ständige Gegenwärtigkeit Lenins beschrieb dieser
Aufsatz u. a.: "Mit Lenin im Herzen, nach seinem Plan, bauten die Sowjet-
menschen den Sozialismus auf. Mit Lenin im Herzen, unter seiner Fahne
schützten sie in harten Kämpfen ihre Heimat. Mit Lenin im Herzen, diesem
nach einem Ausdruck A. M. Gorkis ,großen, gegenwärtigen Menschen dieser
Welt', bauen wir heute die helle und freudige Welt des Kommunismus auf ...
So schreitet unser Land, die heilige Fahne Lenins immer höher hebend, von
einem Sieg zum anderen". A. Mikojan drückte die Gegenwärtigkeit Lenins
auf dem XX. Parteikongreß (Februar 1956) wie folgt aus: "Leninscher Geist
und Leninismus durchdringen unsere ganze Arbeit und unsere ganzen Be-
schlüsse, als ob Lenin lebte und unter uns weilte"l.
Den ständigen Hinweisen auf Lenin begegnen wir seit der Entstehung des
"sozialistischen Lagers" auch in Ländern wie China, Nord-Korea, der Tsche-

1 "XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion". Düsseldorf


1956, S.274.
2 Einleitung

choslowakei, Bulgarien, Ungarn usw. Um dem chinesischen Volk den Ein-


druck einer fast leibhaften Anwesenheit Lenins zu vermitteln, ließ die KP-
Führung Chinas zur Feier des vierzigsten Jahrestages der Oktoberrevolution
seine Stimme über alle Rundfunksender ertönen-. Möglichst jeder Chinese
sollte der Stimme Lenins in Lenins kurzen Reden "Was ist die Sowjetmacht?"
und "Aufruf an die Rote Armee" lauschen.
Nach den sich wiederholendenVeröffentlichungen in den Ländern des "sozia-
listischen Lagers" beschränkt sich die Bedeutung Lenins nicht nur auf die
Vergangenheit und Gegenwart des "sozialistischen Lagers". Über dies hinaus
wird der überragende Einfluß Lenins auf die ganze Welt und die Zukunft
unterstrichen. In der von der KPdSU 1959 neu herausgegebenen "Geschichte
der Kommunistischen Partei der Sowjetunion" heißt es:
"Das Studium der Geschichte der KPdSU, das Studium des von der Partei
zurückgelegten Weges, der Theorie des Marxismus-Leninismus, rüstet
die Werktätigen mit dem Wissen von den Gesetzen der gesellschaftlichen
Entwicklung, von den Gesetzen des Klassenkampfes und von den Trieb-
kräften der Revolution aus, mit dem Wissen von den Gesetzen des Aufbaus
der sozialistischen Gesellschaft und des Kommunismus ...
Die Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, der Partei,
die die welthistorischen Siege des Sozialismus über den Kapitalismus er-
rungen, die die Wurzeln des imperialistischen Weltsystems untergraben und
den Sieg des Marxismus-Leninismus gewährleistet hat, erfüllt die Kommu-
nisten der anderen Länder mit berechtigtem Stolz auf ihre siegreiche Bruder-
partei und bestärkt die Werktätigen der ganzen Welt in ihrem Glauben an
den Sieg des Sozialismus. Das Studium der Geschichte der Partei trägt bei
zur Meisterung des Marxismus-Leninismus und zur Aneignung der Erfahrun-
gen des Kampfes für die Vernichtung des Jochs der Ausbeuter und für den
Aufbau des Kommunismus."
(Aus "Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion", Ost-Berlin 1960,
S.10/11.)

Die internationale und zeitlose Bedeutung Lenins liegt nach der "Prawda"
darin:
"Lenin, ein unendlich großer Name; er wird als Stern durch Jahrtausende
leuchten; und zugleich der Menschlichste, dem Herzen jedes einfachen
Menschen nahe. Lenin - der Genius der Revolution, der weise Schöpfer und
Führer der Kommunistischen Partei und des Sowjetstaates, der geliebte
2 Vgl. die Vorankündigung in der "Prawda", Moskau, 27. 10. 1957.
Einleitung 3

Führer, Lehrer und Freund der Menschen der Arbeit. Sein Leben - eine
große und unvergleichliche Tat, das begeisternde Beispiel des selbsdosen
Dienstes an der Menschheit ...
Die marxistisch-leninistische Lehre übt einen mächtigen Einfluß auf das
Schicksal der Menschheit, auf den ganzen Gang der Weltgeschichte aus ...
Die Bewegung der Menschheit zum Kommunismus geht so vor sich, wie
es Lenin vorausgesehen hat. Der Sozialismus siegte zuerst in einem Lande.
Dann fielen vom Kapitalismus andere Länder ab - es bildete sich das sozia-
listische Weltsystem ...
Der Marxismus-Leninismus ist die ewig lebendige, schöpferische, ständig
sich entwickelnde Lehre, die große geistige Waffe der Umgestaltung der
Welt. Seine Lebenskraft und unüberwindliche Macht sind durch den ganzen
Gang der historischen Entwicklung erwiesen."
(Aus "Prawda", Moskau, 22.4. 1960.)

Obschon sich folgerichtig daraus die Gültigkeit der Lehre Lenins auch für
die Außenpolitik der Nachfolger Stalins ableiten ließe, sollen jedoch einige
besonders darauf hinweisende Darstellungen im folgenden abgedruckt werden.
Sie stammen aus den Jahren 1955 bis 1961.
1955
"Der Leninismus erhellt den Weg eines siegreichen Kampfes der Werk-
tätigen für die Befreiung. Nachdem die Leninschen Ideen von den Massen
Besitz ergriffen hatten, verwandelten sie sich in eine große Kraft der Um-
gestaltung der Gesellschaft auf sozialistischen Grundlagen ...
Wie es Lenin auch voraussah, ging die imperialistische Welt aus dem zwei-
ten Weltkriege mit neuen schweren Verlusten hervor. Die Völker einer
Reihe von Ländern Europas und Asiens stürzten, zerschlugen in ihren
Ländern den Kapitalismus und beschritten fest den Weg der sozialistischen
Entwicklung.
In diesem Zusammenhang kann man nicht umhin, sich der wahrhaft pro-
phetischen Worte Lenins zu erinnern, die von ihm in den ersten Jahren der
Sowjetrnacht ausgesprochen wurden: ,Die erste bolschewistische Revolution
riß aus dem imperialistischen Krieg, aus der imperialistischen Welt das erste
Hundert von Millionen Menschen der Erde heraus. Die folgenden werden
aus solchen Kriegen und aus einer solchen Welt die ganze Menschheit her-
ausreißen'. "
(Aus der Rede Chruschtschows in Warschau am 20.4. 1955, vgl. "Prawda",
21. 4. 1955.)
4 Einleitung

"Die wichtigste Aufgabe der Propaganda ist, die Kommunisten mit den
Ideen des Marxismus-Leninismus auf der Grundlage eines gründlichen
Studiums des theoretischen Erbes von Marx, Engels, Lenin und Stalin, der
Entscheidungen der Partei und Regierung auszurüsten, systematisch die auf
der Grundlage der revolutionären Theorie erarbeitete Innen- und Außen-
politik der Kommunistischen Partei zu erläutern und damit zu bewirken,
daß die Kommunisten ehrenvoll ihre Rolle als bewußte, aktive Kämpfer für
die Linie der Partei erfüllen."
(Aus einem Aufsatz in der Zeitschrift "Kommunist" Nr.14, September 1955,
Moskau, S. 6.)
1956
"Unsere Feinde lieben es, uns Leninisten immer und in allen Fällen als
Anhänger der Gewalt darzustellen. Es ist richtig, daß wir die Notwendig-
keit der revolutionären Umgestaltung der kapitalistischen Gesellschaft in
die sozialistische Gesellschaft anerkennen. Und das unterscheidet die revo-
lutionären Marxisten von den Reformisten, den Opportunisten. Es besteht
kein Zweifel, daß der gewaltsame Sturz der Diktatur der Bourgeoisie und
die damit verbundene krasse Verschärfung des Klassenkampfes für eine
Reihe kapitalistischer Länder unvermeidlich ist. Aber es gibt verschiedene
Formen der sozialen Revolution. Und daß wir angeblich Gewalt und Bürger-
krieg als den einzigen Weg zur Umgestaltung der Gesellschaft anerkennen-
das entspricht nicht den Tatsachen."
(Aus der Rede Chruschtschows vom 14.2.1956 auf dem XX. Parteikongreß,
vgl. "Neues Deutschland", Ost-Bedin, 17.2.1956.)
*
"Wir sind stolz darauf, daß wir Kommunisten sind und die Lehre von
Marx, Engels und Lenin konsequent fortsetzen. Weil wir aber Kommu-
nisten sind, sind wir auch konsequente Internationalisten. Wir lassen uns
davon leiten, daß wir unseren Brüdern im Klassenkampf helfen müssen, das
zu erreichen, was auch wir uns wünschen. Deshalb, Genossen, schonen
wir keine Kräfte, damit die Völker erfolgreicher zum Sozialismus schreiten.
Wir wollen das Glück nicht nur für unser Volk, sondern auch für die Werk-
tätigen aller Länder, für die Arbeiterklasse, die Bauernschaft, die Intelligenz,
für alle unterdrückten und ausgebeuteten Menschen."
(Aus der Rede Chruschtschows vom 17.7. 1956 in Moskau, "Neues Deutsch-
land", Ost-Bedin, 19. 7. 1956.)
1957
"Die Außenpolitik der sozialistischen Länder beruht auf der granitfesten
wissenschaftlichen Grundlage des Marxismus-Leninismus. Die konsequente
Einleitung 5

Anwendung der Prinzipien des Marxismus-Leninismus in der Außenpolitik


erlaubt es, die objektiven Gesetzmäßigkeiten, die die internationale Lage
bestimmen, richtig zu verstehen, jene Möglichkeiten, die die reale Lage für
die Durchführung sozialistischer Außenpolitik bietet, zu berücksichtigen,
und Fragen, die das Leben stellt, erfolgreich zu entscheiden. Darin liegt die
große Kraft der Außenpolitik sozialistischer Staaten."
(Vgl. "Prawda", 11. 3.1957.)
1958
"Der Geist des Leninismus, die Leninsche theoretische Kraft regten die
großen historischen Dokumente der Gegenwart - die Entscheidungen des
XX. Parteikongresses der KPdSU, die Deklaration und das Manifest des
Friedens an, die auf den Konferenzen der Vertreter der kommunistischen
und Arbeiterparteien der sozialistischen Länder und anderer Länder der
Welt angenommen wurden. In diesen Dokumenten ist die kollektive Weis-
heit und kollektive Erfahrung der kommunistischen und Arbeiterparteien
ausgedrückt, die dem Marxismus-Leninismus heilig die Treue bewahren."
(Aus der Rede P. N. Pospelows in Moskau zu Lenins Geburtstag am 22. 4. 1958,
vgl. "Prawda", 23.4. 1958.)
1959
"Wir wurden nicht geboren und leben nicht dazu, um dem Kapitalismus
Platz zu machen. Wir müssen uns fest an die Prinzipien des proletarischen
Internationalismus halten. Wir leben, wie W. I. Lenin sagte, in einer Epoche
der proletarischen Revolutionen und des Untergangs des Kapitalismus 1"
(Aus einer Rede Chruschtschows in Leipzig am 7. 3. 1959, vgl. "Neues Deutsch-
land", 27.3. 1959.)
*
"Der Leninismus - das ist die große internationale Lehre; in ihr kommen
die Erwartungen und Hoffnungen der Werktätigen der ganzen Welt zum
Ausdruck. Lenin hat gelehrt, daß das Proletariat den Sieg erringen
kann, wenn es dem Kapital die Vereinigung seiner Kräfte im inter-
nationalen Maßstab entgegensetzt. Wladimir Iljitsch Lenin hat der Sache
der Vereinigung der Unterdrückten und Ausgebeuteten der ganzen Welt
seine gesamte Energie als Revolutionär-Internationalist gewidmet. Die
Arbeiterklasse und die Völker unseres Landes, erzogen im Geiste der
Leninschen Vermächtnisse der internationalen proletarischen Solidarität,
festigen unermüdlich die Bande der Freundschaft und Bruderschaft mit den
Proletariern und Werktätigen der ganzen Welt."
(Aus der Rede L. J. Breshnews in Moskau zu Lenins Geburtstag am 22.4. 1959,
vgl. "Prawda", 23. 4. 1959.)
6 Einleitung

"Worin besteht die Stärke unserer Außenpolitik? Ihre Stärke besteht


darin, daß sie auf marxistisch-leninistischen Grundlagen fußt, daß sie die
Verkörperung der Wünsche und Hoffnungen unseres ganzen Volkes, der
Ausdruck seiner ureigensten Lebensinteressen ist, die mit den Bestrebungen
und Hoffnungen aller einfachen Menschen der Erde übereinstimmen."
(Aus einer Rede Chruschtschows in Riga am 11.6. 1959, vgl. "Neues Deutsch-
land", 12.6. 1959.)
1960
"Wir sehen, daß die Gesetze des historischen Fortschrittes so wie niemals
mit unüberwindlicher Kraft wirken. Aber wir wissen auch, daß die Ge-
schichte ihre Sache nicht elementar vollendet, sondern durch die starken
Hände und den Verstand des lebenden Menschen. Und unser großes Glück,
das Glück aller fortschrittlichen Menschen, besteht in der angespannten
Arbeit und im unermüdlichen Kampf für die Verwirklichung der erha-
benen Ideen Lenins."
(Aus der Rede O. W. Kuusinens in Moskau Zu Lenins Geburtstag am 22. 4.1960,
vgl. "Prawda", 23.4. 1960.)
1961
"Wenn wir das Fazit der weltgeschichtlichen Siege der Kommunistischen
Bewegung ziehen, richten wir das erste Dankeswort an unsere großen
Lehrmeister Kar! Marx, Friedrich Engels und W. 1. Lenin. Ihre Lehre hat
die internationale kommunistische Bewegung allmächtig gemacht und ihre
Siege ermöglicht. Wenn wir unsere Strategie und Taktik für die Zukunft
ausarbeiten, ziehen wir wieder Marx, Engels und Lenin zu Rate. Die Treue
zum Marxismus-Leninismus ist das Unterpfand aller unserer weiteren Siege."
(Aus der Rede Chruschtschows in Moskau am 6. 1. 1961, vgl. "Prawda", 25. 1.
1961.)

Diese sowjetischen Darstellungen betonen die Gültigkeit der Theorie Lenins


für die sowjetische Außenpolitik auch nach Stalins Tod. Sie erwähnen die
von Lenin erkannte Gesetzmäßigkeit der gesellschaftlichen Entwicklung
zur Zeit des Imperialismus und die Anwendung der Theorie Lenins auf die
sich daraus ergebenden Lagen. Denn diese Gesetzmäßigkeit der gesellschaft-
lichen Entwicklung bedeutet nicht, daß die Anhänger Lenins das kommende
Ergebnis geduldig abwarten. Es wird der revolutionäre Charakter dieser
Theorie betont und dabei auch die Gewalt und der Klassenkampf als Mittel
für die Beseitigung des Kapitalismus in allen Staaten der Welt unterstrichen.
Alle kommunistischen Parteien der Welt haben bei der Lösung dieser revo-
lutionären Aufgabe sich gegenseitig zu unterstützen.
Einleitung 7

Man wird in den angeführten sowjetischen Darstellungen nichts finden,


was Lenin als Freund des Friedens zwischen den Staaten verschiedener gesell-
schaftlicher Struktur zeigt. Hingegen wird in anderen sowjetischen Darstellun-
gen das friedfertige Verhalten Lenins zu nicht kommunistisch geführten
Staaten betont. Vor ihren Angriffen auf Stalin auf dem XX. Parteikongreß
(Februar 1956) haben die Nachfolger Stalins neben Lenin auch Stalin als Vor-
bild grundsätzlicher Friedfertigkeit in der Außenpolitik gerühmt.
1954
"Der Sowjetstaat unter der Führung der Kommunistischen Partei verwirk-
licht folgerichtig eine friedliebende Außenpolitik, deren Prinzipien von
Lenin ausgearbeitet und von Stalin beharrlich in der Praxis durchgeführt
wurden. Die friedliebende sowjetische Außenpolitik geht von der Lenin-
Stalinschen Einstellung zur Möglichkeit eines langen Bestehens und eines
friedlichen Wettbewerbes zweier verschiedener Systeme aus - des kapita-
listischen und des sozialistischen."
(Vgl. "Prawda", 5. 3. 1954.)
1955
"Die Leninschen Ideen über die friedliche Koexistenz von Staaten mit ver-
schiedenem gesellschaftlichen und politischen Aufbau, die von J. W. Stalin
entwickelt wurden, haben jetzt eine ungeheure Bedeutung."
(Vgl. "Prawda", 21. 12. 1955.)

Daß mit dem Weglassen des Namens Stalin als Vorbild friedlicher Koexistenz
seit Februar 1956 Stalin nicht stillschweigend verurteilt werden sollte, ließ
bereits der von Chruschtschow erstattete "Bericht des Zentralkomitees der
KPdSU" vor dem XX. Parteikongreß erkennen. Demnach war bereits "von
den ersten Jahren der Sowjetmacht an" der Grundsatz der Leninschen Fried-
fertigkeit zu allen anderen Staaten maßgebend. Das ist nach Chruschtschow
nie anders gewesen. Das bedeutet, daß auch die Außenpolitik Stalins dem
Leninschen Prinzip der friedlichen Koexistenz gefolgt ist.
"Das Leninsche Prinzip der friedlichen Koexistenz von Staaten mit ver-
schiedener sozialer Ordnung war und bleibt die Generallinie der Außen-
politik unseres Landes. Man sagt, die Sowjetunion habe das Prinzip der
friedlichen Koexistenz nur aus taktischen, konjunkturbedingten Erwägun-
gen aufgestellt. Es ist jedoch bekannt, daß wir uns mit der gleichen Beharr-
lichkeit auch früher, von den ersten Jahren der Sowjetmacht an, für die
friedliche Koexistenz eingesetzt haben."
(Aus der Rede Chruschtschows vom 14.2. 1956, vgl. "Neues Deutschland",
17. 2. 1956.)
8 Einleitung

Es folgen noch einige sowjetische Bekenntnisse zur friedlichen Koexistenz


nach dem Vorbild Lenins. Sie erläutern teilweise etwas näher, was unter der
friedlichen Koexistenz nach Lenin verstanden werden soll.
1955
"Wenn wir dies erklären, lassen wir uns von den unsterblichen Ideen des
großen Lenin leiten, der der Ansicht war, daß die Völker eines jeden Landes
das Recht haben, so zu leben, wie sie es selbst wollen, ohne daß sich andere
Staaten in ihre Angelegenheiten einmischen."
(Aus der Rede Chruschtschows vor dem indischen Parlament am 21. 11. 1955,
vgl. N. A. Bulganin u. N. S. Chruschtschow: "Reden während des Besuches in
Indien, Birma und Afghanistan", Ost-Berlin 1956, S. 38.)
1957
"Unser Staat hat in den internationalen Beziehungen von den ersten Ta-
gen seines Bestehens an alles, was auf Raub, Gewalt und Eroberung be-
ruht, kategorisch abgelehnt und entschlossen das Prinzip der gutnach-
barlichen Beziehungen und der Gleichberechtigung mit allen Ländern der
Welt verkündet.
Als W. 1. Lenin am 8. November 1917 vor dem H. Sowjetkongreß die
Leitsätze des Dekrets über den Frieden begründete, erklärte er:
,Wir lehnen alle Punkte über Raub und Vergewaltigung ab, aber alle
Punkte über freundschaftliche Beziehungen und wirtschaftliche Abkommen
werden wir freudig annehmen. Diese Punkte können wir nicht ablehnen.'
(Lenin, Werke, Band XXII, S. 16.)
Seit seiner Entstehung hat der Sowjetstaat das Prinzip der friedlichen
Koexistenz von Staaten mit unterschiedlicher Gesellschaftsordnung zur
Grundlage seiner Außenpolitik gemacht ...
Wir sind für die Politik der friedlichen Koexistenz mit den kapitalistischen
Staaten und treten sowohl für bilaterale freundschaftliche Abkommen zur
Festigung des Friedens als auch für Abkommen über kollektive Sicherheit
in Europa und Asien ein.
Den Beziehungen zwischen Staaten mit unterschiedlichen Systemen lie-
gen die bekannten fünf Prinzipien zugrunde: Gegenseitige Achtung der
territorialen Integrität und Souveränität, Nichtangriff, keine Einmischung
in die inneren Angelegenheiten des anderen aus wirtschaftlichen, politischen
oder ideologischen Gründen, Gleichheit und gegenseitiger Vorteil, fried-
liche Koexistenz."
(Aus der Rede Chruschtschows vom 6.11. 1957 in Moskau, vgl. "Neues Deutsch-
land", 9. 11. 1957.)
Einleitung 9

"Niemals erhob die Sowjetunion die Waffe gegen irgendein anderes Land
mit dem Ziel, dem Volk dieses Landes seine Ideologie, sein System aufzu-
zwingen; sie wird das auch niemals tun. Das widerspricht dem eigentlichen
Wesen unserer marxistisch-leninistischen Weltanschauung."
(Aus Chruschtschows Gespräch mit dem amerikanischen Zeitungsverleger W. R.
Hearst am 22.11. 1957, vgl. "Prawda", 29. 11. 1957.)
1959
"Die am nüchternsten denkenden Vertreter der kapitalistischen Welt ha-
ben begonnen zu verstehen, daß es sinnlos ist, gegen die kommunistischen
Ideen mit Waffengewalt zu kämpfen, daß man mit Kanonen die Verbrei-
tung der Ideen des Kommunismus nicht aufhält. Nicht weniger abge-
schmackt wäre der Versuch, diese Ideen mit Waffengewalt zu verbreiten.
Die Sowjetunion hat niemals solche Ziele verfolgt und wird auch nicht
solche Ziele verfolgen, die unvereinbar mit der großen Sache des Marxis-
mus-Leninismus sind."
(Aus der Rede Chruschtschows in Dnjepropetrowsk am 28. 7. 1959, vgl. "Praw-
da", 30.7.1959.)
*
"In unserer Zeit wird den Völkern der ganzen Welt immer klarer die
überragende Bedeutung der weisen Idee des großen Lenin über die fried-
liche Koexistenz ... Wir müssen fest unsere Leninsche friedliebende Politik
durchführen; und wir werden sie mit genauer Folgerichtigkeit durch-
führen ... Unsere ganze auf der marxistisch-leninistischen Theorie gegrün-
dete Politik ist von der Sorge um den Menschen, um das Glück der Völker
durchdrungen. Deshalb sind wir gegen den Krieg."
(Aus Chruschtschows Rede vor dem Obersten Sowjet der UdSSR am 31. 10. 1959,
vgl. "Iswestija", Moskau, 1. 11. 1959.)
1960
"Gegenwärtig finden sich im Westen flinke Publizisten, die es so dar-
stellen, als wäre Lenin ein Gegner der friedlichen Koexistenz zweier Systeme
gewesen. Diese Fälscher reißen aus den Werken Lenins einzelne Zitate oder
sogar Zitatfetzen heraus, die sich auf die Zeit des Bürgerkrieges und der
kriegerischen Intervention beziehen. Aber die Weltbourgeoisie selber gab
durch ihre Intervention damals dem Kampf des russischen Proletariats den
Charakter eines internationalen Streites. Es ist klar, daß im Augenblick
dieser Intervention die Frage der friedlichen Koexistenz des Sozialismus und
des Kapitalismus auf die zweite Stelle weggerückt wurde. Hingegen um-
gehen diese Herren sorgfältig mit Schweigen die ganze Leninsche Politik
der ersten friedlichen Jahre der Sowjetmacht, seinen Kurs auf die Anbah-
10 Einleitung

nung einer geschäftlichen Zusammenarbeit mit den kapitalistischen Staaten,


der seinen klaren Ausdruck fand in den Direktiven Lenins an die sowjeti-
schen Delegierten auf den ersten internationalen Konferenzen, z. B. in
Genua (1922).
In dieser Zeit entwickelte Lenin seine Idee über den friedlichen wirtschaft-
lichen Wettbewerb der beiden Systeme."
(Aus der Rede O. W. Kuusinens in Moskau zum 90. Geburtstag Lenins am 22. 4.
1960, vgl. "Prawda", 23. 4. 1960.)

Nach diesen sowjetischen Äußerungen zur Koexistenz im Sinne Lenins


wären darunter zu verstehen: grundsätzliche Ablehnung jeder Gewalt in den
Beziehungen zwischen den Staaten mit verschiedenen Systemen, Ablehnung
jedes Gebietsraubes auf Kosten eines anderen Staates, keine Aufzwingung
kommunistischer Ideen mit Waffengewalt gegenüber anderen Völkern, auch
sonst keinerlei Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen
Staates, gutnachbarliche Beziehungen, friedlicher wirtschaftlicher Wettbewerb.
Eine solche Koexistenz hat den sowjetischen Darstellungen zufolge keinen
deklamatorischen Charakter. Sie verkörpere sich konsequent in der gesamten
sowjetischen Außenpolitik von 1917 bis zur Gegenwart.
Man kann nicht umhin, zwischen der ersten Reihe von sowjetischen Er-
klärungen über die außenpolitische Lehre Lenins (vgl. S. 2-6) und der zweiten
Reihe (vgl. S. 7-10) starke Widerspruche zu erkennen. Die erste Reihe rühmte
den revolutionären Charakter der Lehre, wobei die Gewalt und die gegen-
seitige Hilfe der kommunistischen Parteien beim Sturz der verhaßten kapi-
talistischen Ordnung gut geheißen werden. In der zweiten Reihe wird ein
Lenin geschildert, dessen Friedfertigkeit in Worten und Taten alle Freunde
des Friedens beeindrucken könnte.
Dieser offensichtliche Gegensatz bereitet den Nachfolgern Stalins offenbar
keine inneren Schwierigkeiten. Für Chruschtschow ist es kein Widerspruch,
im Namen Lenins gleichzeitig die proletarische Solidarität, den Klassenkampf,
ein brüderliches Zusammenleben aller Menschen und den Frieden in der
ganzen Welt zu fordern:
"Freunde! Solange unser Herz in der Brust schlägt, werden wir immer
unserer Arbeiterklasse, dem Arbeitsvolk treu sein. Wir werden immer den
Kampf für ihre Freiheit und ihr Glück, für den Triumph der Lehre des
Marxismus-Leninismus, für den Aufbau der kommunistischen Gesell-
schaft führen! Es lebe die proletarische Solidarität! Es lebe die Arbeiter-
klasse Deutschlands! Es lebe der Klassenkampf der Arbeiterklasse, der die
Einleitung 11

Völker von den kapitalistischen Feinden befreien und eine Welt aufbauen
wird, wo die Produktionsmittel Gemeineigentum sein, wo sie dem ganzen
Volk gehören werden, wo mithin die Ausbeutung des Menschen durch den
Menschen beseitigt sein wird, wo alle Menschen Brüder sein werden. Das
wird der Kommunismus sein I Es lebe der Kommunismus! Es lebe der
Friede in der ganzen Welt!"
(Schlußsätze der Rede Chruschtschows auf der "Gesamtdeutschen Arbeiterkon-
ferenz" in Leipzig am 7. 3.1959, vgl. "Neues Deutschland", 27. 3. 1959.)

Jeder, der die sowjetischen Erklärungen über Lenins außenpolitische Lehre


und Praxis, über Lenins unveränderten Einfluß auch auf die Prinzipien der
gegenwärtigen sowjetischen Außenpolitik ernst nimmt, dürfte sich verwirrt
fühlen. Nicht nur die Widersprüche zwischen den verschiedenen sowjetischen
Erklärungen müssen ihn beunruhigen, sondern auch die Leichtigkeit, mit
der sowjetische Politiker bei des zugleich behaupten können. Überdies sieht
er sich noch anderen sowjetischen Erklärungen gegenübergestellt, die das
Lob auf einen in der Theorie und Praxis friedfertigen Lenin mit dem Hinweis
auf den zeitlich begrenzten Charakter der Koexistenz verbinden.

1954
"Die friedliebende sowjetische Außenpolitik geht von der Lenin-Stalin-
sehen Einstellung zur Möglichkeit eines langen Bestehens und eines fried-
lichen Wettbewerbs zweier verschiedener Systeme aus - des kapitalistischen
und des sozialistischen."
(Vgl. "Prawda", 5. 3.1954.)
1955
"Indem wir den Vermächtnissen des großen Lenin folgen, stehen wir
ein für eine dauernde, friedliche Koexistenz zweier Systeme, d. h. wir
dachten und denken, daß diese bei den Systeme zusammen leben und nicht
Kriege führen können.
Wenn man fragt, wie dauernd diese Koexistenz sein kann, so muß man
sagen, daß diese von den historischen Bedingungen, von der historischen
Entwicklung abhängen wird."
(Aus einem Gespräch Chruschtschows mit ausländischen Journalisten am 5.2.
1955, vgl. "Prawda", 11. 2.1955.)

Die folgenden Sätze Chruschtschows aus seiner Rede vor dem Obersten
Sowjet der UdSSR (30. 10. 1959) erwähnen zwar nicht Lenin als Zeugen für
die "friedliche Koexistenz", zeigen aber wieder den zeitlich begrenzten Cha-
12 Einleitung

rakter dieser Koexistenz in der Sicht Chruschtschows. Ausdrücke, wie


"gegenwärtige Lage in der Welt", "gegenwärtige Etappe der Entwicklung
der menschlichen Gesellschaft" deuten an, was Chruschtschow klarer in
seinem erwähnten Gespräch mit ausländischen Journalisten am 5. Februar 1955
umrissen hatte.
"Nicht selten muß man Erwägungen von Politikern westlicher Länder
darüber hören, ob man den von der Sowj~tunion gemachten Vorschlag zur
friedlichen Koexistenz ,annehmen' oder ,nicht annehmen' soll. Solche Er-
wägungen, denke ich, drücken das Unverständnis für das Wesen der Frage
aus. Es handelt sich darum, daß die friedliche Koexistenz in unseren Tagen
ein reales Faktum und nicht irgendeine Bitte oder ein Wunsch ist. Diese ist
eine objektive Notwendigkeit, die aus der gegenwärtigen Lage in der Welt
aus der gegenwärtigen Etappe der Entwicklung der menschlichen Gesell-
schaft folgt. Beide hauptsächlichen Gesellschaftssysteme, die augenblick-
lich auf der Erde bestehen, verfügen über eine Bewaffnung, die furchtbare
Folgen bringen würde, wenn man sie in Gang setzte. Wer jetzt erklärt, daß
er die friedliche Koexistenz nicht anerkennt und dagegen polemisiert, tritt
faktisch für den Krieg ein."
Aus der Rede Chruschtschows vom 31. 10. 1959, vgl. "Iswestija", Moskau, 1. 11.
1959.)

Was hier an widerspruchsvollen Äußerungen der Nachfolger Stalins über


Lenin als Außenpolitiker angefühlt wurde, ist nur ein kleiner Teil der Flut
von ständig in die ganze Welt hinausgehenden sowjetischen Äußerungen über
den revolutionären, aber immer friedfertigen Lenin. Die nachdrücklich be-
hauptete Friedfertigkeit Lenins machen wiederum Hinweise auf eine zeitlich
nicht unbegrenzte Koexistenz zwielichtig. Die vielen sowjetischen Äußerungen
über den Außenpolitiker Lenin tragen eher zur Verwirrung als Klärung bei.
Ob dies in der Absicht der Nachfolger Stalins liegt, soll hier nicht untersucht
werden. Tätsächlich besteht ein weites Maß von falschen Vorstellungen
von Lenin bei den Völkern innerhalb und außerhalb des "sozialistischen
Lagers". Ist er wirklich ein Mann des Friedens gewesen, der nach seiner
Theorie diese Welt mit friedlichen Mitteln zu einer neuen, besseren Welt
umgestalten wollte und nach dieser Theorie handelte? Die Antwort darauf
interessiert nicht nur den Liebhaber historischer Darstellungen. Gerade
weil die Gegenwärtigkeit Lenins als Lehrer für die Ziele und die Methoden
der sowjetischen Außenpolitik immer wieder betont wird, könnte eine klare
Antwort auf die gestellte Frage die Außenpolitik der Nachfolger StaHns ver-
Einleitung 13

ständlieher machen, als dies bei der Betrachtung der verschiedenen west-
lichen Meinungen über die Triebkräfte der sowjetischen Außenpolitik offenbar
der Fall ist.

2. Die Aufgabe des Verfassers

Angesichts der vielfältigen Meinungen über Lenin stellen wir uns die Auf-
gabe, das Denken und Wirken Lenins als Außenpolitiker klar zu bestimmen.
Danach soll die Frage beantwortet werden, inwieweit Lenin die ihm zuge-
schriebenen Grundsätze der Koexistenz in seiner Theorie und Praxis befolgte.
Die radikale Umgestaltung des wirtschaftlichen, sozialen, politischen und
geistigen Lebens dieser Welt als Ziel eines Staates schließt die Friedfertigkeit
dieses Staates gegenüber Staaten anderer Struktur nicht unbedingt aus. Es
kommt sehr auf die Methoden an, die er bei der Verfolgung seines radikalen
Zieles anwendet. Je mehr Ungeduld und Haß die Führung dieses Staates gegen
bestehende Erscheinungen zum Handeln treiben, um so geringer wird die Aus-
sicht, daß sie auf die Gewalt in ihren verschiedenen Formen verzichtet und sich
allgemein gültigen Normen für das sittliche Verhalten des Menschen unterwirft.
Will ein Politiker sein Handeln auf die radikale Umgestaltung irgendeines
Zustandes in einem Land oder gar in der ganzen Welt ausrichten, so muß er
von der Möglichkeit des Erfolges in dieser Hinsicht überzeugt sein. Das
heißt, er glaubt, die gegenwärtigen ihn nicht befriedigenden Verhältnisse und
die ihnen zugrunde liegenden Zusammenhänge in einem Land usw. richtig
zu beurteilen und die Methoden zu kennen, um diesen Zustand zu ändern.
Lenin in seiner Eigenschaft als Außenpolitiker war nicht nur von der richtigen
Beurteilung der Gesellschaftsordnung eines kapitalistischen Staates zu einem
bestimmten Zeitpunkt überzeugt. Er glaubte, daß alle kapitalistischen Staaten
einer den Naturgesetzen ähnlichen Gesetzlichkeit folgen, die zu jeder Zeit
den Zustand in einem kapitalistischen Staat bestimmt, mag auch die äußere
Form dieses Zustandes in den einzelnen kapitalistischen Staaten zeitweise
verschieden sein. Daher werden wir im ersten Teil der vorliegenden Arbeit
die Theorie Lenins über den Kapitalismus darstellen. Die Theorie Lenins will
eine Theorie über die gesetzlichen Zusammenhänge insbesondere zur Zeit
des Monopolkapitalismus sein. Sowohl Lenin als auch seine Nachfolger er-
hoben für diese Theorie den Anspruch höchster wissenschaftlicher Erkenntnis
der Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung.
Die Methoden, die nach der Erforschung der Verhältnisse in den kapi-
talistischen Staaten für die Beseitigung des kapitalistischen Systems anzu-
14 Einleitung

wenden sind, gehören im engeren Sinne der Theorie Lenins als Anleitung
zum Handeln an. Sowohl ~e als auch die sich daraus ergebende Praxis werden
im zweiten und dritten Teil der Arbeit dargestellt. Ihnen kommt die größte
Bedeutung für die Beurteilung der sowjetischen Außenpolitik in Vergangen.
heit und Gegenwart zu.
Von 1917 bis zur Gegenwart ist die sowjetische Außenpolitik starken Miß·
deutungen ausgesetzt. Was an den sowjetischen außenpolitischen Er·
klärungen nur täuschende Propaganda oder Ausdruck eines ehrlichen Bemü·
hens um Verständigung mit anderen Staaten ist, versetzt viele westliche
Politiker immer wieder in Unsicherheit. Klarheit darüber bringen oft sehr
viel später sowjetische Handlungen, die gewisse Rückschlüsse auf den Cha·
rakter der früher geäußerten sowjetischen Erklärungen zulassen. Inzwischen
aber liegen neue sowjetische Erklärungen vor, die neue Zweifel an den wirk-
lichen Absichten sowjetischer Führer wecken. Ein Zustand, der mit gerin-
gen Veränderungen schon seit über vier Jahrzehnten anhält.
Kritiker an den Fehlurteilen westlicher Politiker über die sowjetische
Außenpolitik machen auf die Notwendigkeit aufmerksam, die Werke Lenins
zu lesen. Dort - so sagen sie - findet sich der Schlüssel zu den Triebkräften
der sowjetischen Außenpolitik. Im Besitz dieses Schlüssels würden ihrer
Meinung nach mit einem Schlag eine Reihe von sich wiederholenden Irr-
tümern westlicher Politiker vermieden werden, die das Tor zu außenpoliti-
schen Erfolgen der sowjetischen KP-Führung auf Kosten des "Westens"
aufschließen.
Nach dem Urteil des Verfassers, der die sowjetische Außenpolitik und die
Politik der anderen Mächte gegenüber der Sowjetunion seit über 25 Jahren
verfolgt, ist die erwähnte Kritik zum größten Teil berechtigt. Das notwendige
Studium der außenpolitischen Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln für
alle Kommunisten wird aber dadurch sehr erschwert, daß diese Theorie als
ein geschlossenes Ganzes zumindest öffentlich nicht vorhanden ist. Es gibt
nur Teildarstellungen Lenins über seine Theorie, vor allem in seiner Schrift:
"Der ,linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im Kommunismus" (1920).
Wer aber sämtliche Werke Lenins mit seinen Reden, Schriften, Aufsätzen,
Briefen von 1914 bis 1923 studiert, wird anderen wichtigen Teilstücken der
außenpolitischen Theorie Lenins begegnen.
Der Verfasser nimmt für sich in Anspruch, die vielfach verstreut in Lenins
Werken vorhandenen Teilstücke der außenpolitischen Lehre Lenins zu einem
geschlossenen Ganzen zusammengefügt zu haben. Damit ist nicht die auch
außenpolitisch bedeutsame Theorie Lenins über den Monopolkapitalismus
Einleitung 15

gemeint. Diese ist seit langem allgemein bekannt. Verfasser meint damit die
Theorie Lenins als Anleitung zum außenpolitischen Handeln, nämlich die
Frage nach dem Verhalten eines Leninanhängers bzw. des kommunistisch
geführten Staates gegenüber anderen Staaten, ferner gegenüber den ver-
schiedenen politischen Bewegungen in anderen Staaten. Es zeigt sich, daß
diese Theorie viele verschiedene Lagen innerhalb eines kapitalistischen Staa-
tes und in den Beziehungen der kapitalistischen Staaten untereinander be-
rücksichtigt und auf die jeweilige Lage eine Antwort zu geben versucht.
Bei dem Versuch, die außenpolitische Lehre Lenins als Anleitung zum
Handeln geschlossen darzustellen, legte der Verfasser den größten Wert dar-
auf, ausgiebig die Worte Lenins hierfür zu benutzen. Das geschah, um allen
Zweifeln über die richtige Wiedergabe der Theorie Lenins zu begegnen. Wo
die verschiedenen außenpolitischen Gedanken besonders klar herauskommen,
hat sich der Verfasser nicht gescheut, sogar lange Darlegungen Lenins zu
bringen. Dies schien ihm wichtiger zu sein, als die Ausführungen Lenins in-
direkt unter Hinweis auf die benutzten Quellen wiederzugeben. Der Grund
dafür lag in dem Bestreben des Verfassers, dem Leser eine möglichst breite
Grundlage für sein eigenes Urteil zu geben.
Es waren bei der Darstellung der Theorie Lenins alle Äußerungen Lenins
auszuscheiden, die nur tagespolitischen Charakter trugen. Es mag den Leser
langweilen, daß mancher wichtige Gedanke Lenins mehrfach, aus verschie-
denen Jahren stammend, dargestellt wird. Damit soll jedoch etwaigen Ver-
mutungen des Lesers über den Zufalls charakter des einen oder anderen Ge-
danken Lenins vorgebeugt werden.
Bei der Darstellung der außenpolitischen Praxis Lenins im Vergleich zu
seiner Theorie kam es nicht darauf an, einen Gesamtüberblick über die Außen-
politik Lenins von 1917 bis zu seinem politischen Ausscheiden (März 1923) zu
geben. Vielmehr sollte der Schwerpunkt in der ausführlichen Darlegung von
Lenins Handeln in bestimmten einzelnen Lagen liegen. Dieses Verfahren
empfahl sich um so mehr, als die Theorie Lenins und sein Handeln in dieser
oder jener Lage durch Lenins eigene Darstellung möglichst klar zutage treten
soll. Daher mußte sich die Auswahl der Beispiele nach den Unterlagen richten,
die in den gesammelten Werken Lenins und anderen Veröffentlichungen zu
finden sind. Mit Rücksicht auf den sonst zu großen Umfang des vorliegenden
Buches haben wir nicht alle vorhandenen Dokumente hier veröffentlicht. Die
Auswahl der fünf Länder wurde von dem Ziel des Verfassers bestimmt,
Lenins Verhalten zu Staaten zu zeigen, deren Stellung in der Weltpolitik sich
während des außenpolitischen Wirkens Lenins stark voneinander unterschied.
16 Einleitung

Die deutschen Übersetzungen aus russisch, englisch und französisch abge-


faßten Texten stammen vom Verfasser. Die Notwendigkeit, einige sowjetische
Texte aus der englischen und fra.ru:ösischen Sprache in die deutsche zu über-
setzen, ist einigen fehlenden Unterlagen in russischer Sprache in BerUn zuzu-
schreiben. Soweit sowjetische Veröffentlichungen in deutscher Sprache
bereits vorlagen und hier benutzt wurden, sind manche stilistischen Uneben-
heiten im deutschen Text zu bemerken. Soweit es sich um mißverständliche
Übersetzungen handelte, wurde zur Prüfung der russische Text herangezogen.
Auf die sich daraus ergebenden Korrekturen wurde in Fußnoten gesondert
hingewiesen. Sich wiederholende Quellenangaben werden im weiteren Ver-
lauf der Darstellung zumeist nur verkürzt angegeben. Weitere Anmerkungen
über die Benutzung der Literatur finden sich im Literaturverzeichnis (vgl.
S.409).

3. Ober die Aufgabe der Theorie nach Lenin

Wie Stalin, gebrauchen auch die Nachfolger Stalins oft die Bezeichnung
"Marxismus-Leninismus" und wollen damit die enge Verbindung der Theorie
des Marxismus und des Leninismus betonen. Die Frage, ob wirklich eine
solche Verbindung besteht, hat in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen
zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen den sozialdemokratischen und
kommunistischen Parteien geführt. Wir beabsichtigen nicht, die Frage zu
erörtern, inwieweit der Leninismus Marxismus ist, inwieweit er eine konse-
quente Weiterentwicklung der Theorie des Marxismus unter den Bedin-
gungen des Monopolkapitalismus ist. Für unsere Absicht, die Bedeutung
der leninistischen Theorie für die außenpolitische Praxis Lenins zu unter-
suchen, spielen die erwähnten Fragen keine Rolle.
Wie bereits kurz erwähnt, muß man bei der Theorie Lenins zwei Aufgaben
der Theorie unterscheiden. Einmal soll sie Erkenntnis gesetzmäßiger Zu-
sammenhänge sein, zum anderen hat sie als Anleitung zum Handeln zu dienen.
Beide Aufgaben widersprechen sich nicht, sondern ergänzen einander. Die
aus der Theorie als Erkenntnis gesetzmäßiger Zusammenhänge gewonnenen
Erkenntnisse müssen der Theorie als Anleitung zum Handeln zugrunde liegen.
Lenin hat diesen Zusammenhang u. a. so ausgedrückt:
"Die Theorie des Marxismus, erhellt durch das klare Licht der neuen,
weltumfassend reichen Erfahrung der revolutionären Arbeiter, hat uns
geholfen, die ganze Gesetzmäßigkeit des Geschehens zu begreifen. Sie
wird den Proletariern der ganzen Welt, die für den Sturz der kapitalistischen
Einleitung 17

Lohnsklaverei kämpfen, behilflich sein, die Ziele ihres Kampfes klarer zu


erkennen, fester auf dem schon vorgezeichneten Weg vorwärtszuschreiten,
den Sieg sicherer und auf die Dauer zu erringen und ihn zu verankern."
(Aus Lenins Aufsatz: "Errungenes und schriftlich Festgelegtes", veröffentlicht
am 6.3.1919, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau
1947, S.504/505.)

Die Aufgabe der Theorie als Anleitung zum Handeln besteht in der Aus-
arbeitung mannigfaltiger Methoden, die geeignet sind, die gesetzmäßige Ent-
wicklung zu beschleunigen. Damit ist beabsichtigt, sich dem Ergebnis dieser
Entwicklung rascher zu nähern, als wenn man die erkannte gesetzmäßige
Entwicklung sich selbst überließe. Man kann bei einem Fluß, der seine Wasser-
rnassen ins Meer ergießt, das Tempo der Fortbewegung der Wasserrnassen als
von Natur aus gegeben ansehen oder aber durch die Beseitigung von Hinder-
nissen auf dem Boden und an den Ufern des Flusses das "gesetzmäßige"
Tempo des Abfließens beschleunigen. Ebenso ist es denkbar, eine erwünschte
revolutionäre Lage im Laufe der erkannten gesetzmäßigen Entwicklung her-
anreifen lassen oder dieses Heranreifen durch die Anwendung verschiedener
Methoden zu beschleunigen. Gerade das ist die Aufgabe der Theorie als
Anleitung zum Handeln. Lenin hat dies u. a. wie folgt ausgedrückt:
"Die Arbeit (eine zähe, systematische, vielleicht auch langwierige Arbeit)
im Sinne der Umwandlung des nationalen Krieges in den Bürgerkrieg be-
treiben - das ist der Kern der Sache. Der Zeitpunkt dieser Umwandlung-
das ist eine andere, zur Zeit noch ungeklärte Frage. Man muß diesen Zeit-
punkt heranreifen lassen und systematisch diesem Heranreifen nachhelfen."
(Aus dem Brief Lenins an A. G. Schljapnikow vom 17. 10. 1914, vgl. Lenin:
"Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 18, Wien-Berlin 1929, S.74.)

Die Gestalt der Theorie als Anleitung zum Handeln wird einmal bestimmt
durch die Folgerungen, die aus der Theorie als Erkenntnis gesetzmäßiger
Zusammenhänge gezogen werden, zum anderen durch die Erfahrungen, die
man bei der Anwendung der theoretisch abgeleiteten Methoden macht. Lenin
hat die Erfahrungen für die Gestaltung der Theorie als Anleitung zum Han-
deln sehr hoch veranschlagt:
"Die gewaltigste Freiheitsbewegung einer unterdrückten Klasse, der revo-
lutionärsten Klasse der Geschichte, ist unmöglich ohne revolutionäre
Theorie. Sie kann nicht ausgedacht werden, sie wächst heraus aus der Ge-
samtheit der revolutionären Erfahrung und der revolutionären Ideen aller
Länder der Welt. Und eine solche Theorie erwuchs seit der zweiten Hälfte
18 Einleitung

des 19. Jahrhunderts. Sie heißt Marxismus. Man kann nicht Sozialist sein,
wenn man nicht nach Kräften teilnimmt an der Ausarbeitung und Anwen-
dung dieser Theorie, in unseren Tagen aber am schonungslosen Kampf
gegen ihre Verunstaltung durch Kautsky, Plechanow und Co."
(Aus Lenins Aufsatz: "Die ehrliche Stimme eines französischen Sozialisten",
veröffentlicht 1915, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 18, Wien-
Berlin 1929, S. 379.)

Nicht nur die Theorie als Erkenntnis gesetzmäßiger Zusammenhänge,


sondern auch die Theorie als Anleitung zum Handeln ist für Lenin eine
Wissenschaft:
"Dabei äußert der Verfasser des Briefes den ganz richtigen Gedanken,
daß eine kommunistische Partei in England nach wissenschaftlichen Grund-
sätzen wirken müsse. Die Wissenschaft fordert erstens, daß man die Erfah-
rung anderer Länder in Betracht ziehe, besonders wenn andere, gleichfalls
kapitalistische Länder eine ganz ähnliche Erfahrung durchmachen oder un-
längst durchgemacht haben; zweitens, daß man alle Kräfte, alle Gruppen,
Parteien, Klassen, Massen, die innerhalb des betreffenden Landes wirken,
in Rechnung stelle, daß man die Politik keineswegs nur auf Grund der
Wünsche und Ansichten, des Grades des Klassenbewußtseins und der
Kampfbereitschaft nur einer Gruppe oder Partei bestimme."
(Aus Lenins Schrift: "Der ,linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im Kom-
munismus", veröffentlicht im Juni 1920, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in
zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S.725/726.)

Im folgenden wird zunächst die Theorie Lenins als Erkenntnis gesetz-


mäßiger Zusammenhänge möglichst nach seinen eigenen Worten dargestellt.
A. Die Theorie Lenins über den Monopolkapitalismus
und Imperialismus der großen Industriestaaten

Lenin hat diese Theorie hauptsächlich in seiner 1916 geschriebenen und


1917 veröffentlichten Schrift "Der Imperialismus als höchstes Stadium des
Kapitalismus" dargestellt. Bei der folgenden Darstellung haben wir auch
einige andere Arbeiten Lenins herangezogen, soweit sich Formulierungen
dort finden, die Teile der Theorie klarer als in der soeben erwähnten Schrift
zum Ausdruck bringen oder sie ergänzen.

1. Von der Epoche des Konkurrenzkapitalismus


zur Epoche des Monopolkapitalismus

"Es gab die Epoche eines verhältnismäßig ,friedlichen' Kapitalismus, in


der er in den vorgeschrittenen Ländern Europas den Feudalismus voll-
ständig besiegt hatte und sich mit - relativ - größter Ruhe und Gleich-
mäßigkeit entwickeln konnte, unter ,friedlicher' Expansion über gewaltige
Gebiete von noch unbesetzten, in den kapitalistischen Strudel noch nicht
endgültig hineingerissenen Ländern. Auch in dieser Epoche, die ungefähr
in die Jahre 1871-1914 fällt, schuf der ,friedliche' Kapitalismus natürlich
Lebensbedingungen, die von einem wirklichen ,Frieden', sowohl im mili-
tärischen als auch im allgemeinen Klassensinne, recht weit entfernt waren.
Für neun Zehntel der Bevölkerung der vorgeschrittenen Länder, für
Hunderte von Millionen Menschen in den Kolonien und rückständigen
Ländern war dies eine Epoche nicht des ,Friedens', sondern der Unter-
drückung, der Qual, des Schreckens, - eines Schreckens, der vielleicht um
so entsetzlicher war, als er ein ,Schrecken ohne Ende' zu sein schien. Diese
Epoche ist nun unwiderruflich vorüber, sie ist abgelöst von einer Epoche
verhältnismäßig viel stürmischeren, sprunghafteren, katastrophaleren,
konfliktereicheren Charakters -, von einer Epoche, in der für die Masse
der Bevölkerung nicht so sehr der ,Schrecken ohne Ende' als vielmehr das
,Ende mit Schrecken' typisch wird.
20 Lenins Theorie über Monopolkapitalismus und Imperialismus

Ganz besonders ist dabei zu beachten, daß dieser Wechsel durch nichts
anderes herbeigeführt ist als durch unmittelbare Entwicklung, Erweiterung,
Fortsetzung der am. tiefsten verwurzelten Tendenzen des Kapitalismus und
der Warenproduktion überhaupt. Wachstum des Austausches, Wachstum
der Großindustrie, - dies sind die Grundtendenzen, die seit Jahrhunderten
durchweg in der ganzen Welt zu beobachten sind. Auf einer bestimmten
Entwicklungsstufe des Austausches, auf einer bestimmten Wachstumsstufe
der Großindustrie, auf jener nämlich, die ungefähr an der Grenze zwischen
dem 19. und 20. Jahrhundert erreicht war, führte der Austausch eine solche
Internationalisierung der Wirtschaftsbeziehungen und des Kapitals herbei,
wuchs die Großindustrie zu einem solchen Umfang heran, daß an die Stelle
der freien Konkurrenz das Monopol zu treten begann. Typisch wurden nun
nicht mehr die - innerhalb eines Landes und in den Beziehungen zwischen
den Ländern - einander in ,freier' Konkurrenz gegenüberstehenden Unter-
nehmungen, sondern die monopolistischen Unternehmerverbände, die
Trusts. Zum typischen ,Herrn' der Welt wurde nun das Finanzkapital, das
sich durch besondere Beweglichkeit und Elastizität, durch besonders starkes
Verflochtensein, national wie international, auszeichnete, - das in be-
sonderem Maße unpersönlich und von der direkten Produktion losgelöst ist,
das sich besonders leicht konzentriert und auch bereits in besonders hohem
Maße konzentriert ist, derart, daß buchstäblich einige hundert Milliardäre
und Millionäre die Geschicke der ganzen Welt in ihren Händen halten.
(Aus Lenins Vorwort zu N. Bucharins Broschüre "Weltwirtschaft und Imperia-
lismus" vom Dezember 1915, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 18,
Wien-Berlin 1929, S.465/466.)

II. Vier Haupterscheinungen des Monopolkapitalismus


"Wir haben gesehen, daß der Imperialismus seinem ökonomischen Wesen
nach Monopolkapitalismus ist. Dadurch allein schon ist der historische
Platz des Imperialismus bestimmt, denn das Monopol, das auf dem Boden
der freien Konkurrenz und eben aus der freien Konkurrenz erwächst,
bedeutet den Übergang von der kapitalistischen zu einer höheren ökono-
mischen Gesellschaftsformation. Es sind insbesondere vier Hauptarten
der Monopole oder Haupterscheinungen des Monopolkapitalismus hervor-
zuheben, die für die in Betracht kommende Epoche charakteristisch sind.
Erstens: Das Monopol ist aus einer Konzentration der Produktion auf
einer sehr hohen Stufe ihrer Entwicklung erwachsen. Das sind die Monopol-
verbände der Kapitalisten: die Kartelle, Syndikate und Trusts. Wir sahen,
Vier Haupterscheinungen des Monopolkapitalismus 21

welch gewaltige Rolle sie im heutigen Wirtschaftsleben spielen. Zu Beginn


des 20. Jahrhunderts gewannen sie in den fortgeschrittenen Ländern das
völlige Übergewicht, und wenn die ersten Schritte auf dem Wege der
Kartellierung zuerst von Ländern mit hohen Schutzzöllen (Deutschland,
Amerika) getan wurden, so hat England mit seinem Freihandelssystem nur
wenig später dieselbe grundlegende Tatsache aufzuweisen: die Entstehung
der Monopole aus der Konzentration der Produktion.
Zweitens: Die Monopole haben in verstärktem Maße zur Besitzergreifung
der wichtigsten Rohstoffquellen geführt, besonders in der ausschlaggeben-
den und am meisten kartellierten Industrie der kapitalistischen Gesell-
schaft: der Kohlen- und Eisenindustrie. Die monopolistische Beherrschung
der wichtigsten Rohstoffquellen hat die Macht des Großkapitals ungeheuer
gesteigert und den Gegensatz zwischen der kartellierten und nichtkartellier-
ten Industrie verschärft.
Drittens: Das Monopol ist aus den Banken erwachsen. Diese haben sich
aus bescheidenen Vermittlungsunternehmungen zu Monopolisten des
Finanzkapitals gewandelt. Drei bis fünf Großbanken einer beliebigen der
kapitalistisch fortgeschrittensten Nationen haben zwischen Industrie- und
Bankkapital eine ,Personalunion' hergestellt und in ihrer Hand die Ver-
fügungsgewalt über Milliarden und aber Milliarden konzentriert, die den
größten Teil der Kapitalien und der Geldeinkünfte des ganzen Landes
ausmachen. Eine Finanzoligarchie, die ein dichtes Netz von Abhängigkeits-
beziehungen über ausnahmslos alle ökonomischen und politischen Institutio-
nen der modemen bürgerlichen Gesellschaft spannt, - das ist die plastischste
Erscheinungsform dieses Monopols.
Viertens: Das Monopol ist aus der Kolonialpolitik erwachsen. Den zahl-
reichen ,alten' Motiven der Kolonialpolitik fügte das Finanzkapital noch
den Kampf um Rohstoffquellen hinzu, um Kapitalausfuhr, um ,Einfluß-
sphären' - d. h. um Sphären für gewinnbringende Geschäfte, Konzessionen,
Monopolprofite usw. - und schließlich um das Wirtschaftsgebiet überhaupt.
Als z. B. die europäischen Mächte mit ihren Kolonien erst den zehnten Teil
von Afrika besetzt hatten, wie es noch 1876 der Fall war, da konnte sich
die Kolonialpolitik auf nichtmonopolistische Weise entfalten, in der Art
einer sozusagen ,freibeuterischen' Besetzung des Landes. Als aber neun
Zehntel Afrikas bereits besetzt waren (gegen 1900), als die ganze Welt
verteilt war, da begann unvermeidlich die Ära des monopolistischen
Kolonialbesitzes und folglich auch eines besonders verschärften Kampfes
um die Teilung und Neuverteilung der Welt.
22 Lenins Theorie über Monopolkapitalismus und Imperialismus

Wie sehl: der monopolistische Kapitalismus alle Widersprüche des


Kapitalismus verschärft hat, ist allgemein bekannt. Es genügt, auf die
Teuerung und auf den Druck der Kartelle hinzuweisen. Diese Verschärfung
der Gegensätze ist die mächtigste Triebkraft der geschichtlichen übergangs-
periode, die mit dem endgültigen Sieg des internationalen Finanzkapitals
ihl:en Anfang genommen hat.
Monopol, Oligarchie, das Streben nach Herrschaft statt nach Freiheit,
die Ausbeutung einer immer größeren Anzahl kleiner oder schwacher
Nationen durch ganz wenige reiche oder mächtige Nationen - all das er-
zeugte jene Merkmale des Imperialismus, die uns veranlassen, ihn als parasi-
tären oder in Fäulnis begriffenen Kapitalismus zu kennzeichnen. Immer
plastischer tritt als eine Tendenz des Imperialismus die Bildung des ,Rentner-
staates', des Wucherstaates hervor, dessen Bourgeoisie in steigendem Maße
vom Kapitalexport und ,Kuponschneiden' lebt. Es wäre ein Fehler zu
glauben, daß diese Fäulnistendenz ein rasches Wachstum des Kapitalismus
ausschließe; durchaus nicht: einzelne Industriezweige, einzelne Schichten
der Bourgeoisie und einzelne Länder offenbaren im Zeitalter des Imperialis-
mus mehr oder minder stark bald die eine, bald die andere dieser Tendenzen.
Im großen und ganzen wächst der Kapitalismus bedeutend schneller als
früher, aber dieses Wachstum wird nicht nur im allgemeinen immer un-
gleichmäßiger, sondern die Ungleichmäßigkeit äußert sich auch im besonde-
ren in der Fäulnis der kapitalkräftigsten Länder (England). "
(Aus Lenins Schrift: "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus",
veröffentlicht 1917, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd. 1,
Moskau 1947, S. 870-872.)

IH. Bestochene Arbeiter der Monopolkapitalisten

"Dadurch, daß die Kapitalisten eines Industriezweiges unter vielen anderen


oder eines Landes unter vielen anderen usw. hohe Monopolprofite heraus-
schlagen, bekommen sie ökonomisch die Möglichkeit, einzelne Schichten
der Arbeiter, vorübergehend sogar eine ziemlich bedeutende Minderheit
der Arbeiter zu bestechen und sie auf die Seite der Bourgeoisie des be-
treffenden Industriezweiges oder der betreffenden Nation gegen alle übrigen
hinüberzuziehen. Diese Tendenz wird durch den verschärften Gegensatz
zwischen den imperialistischen Nationen wegen der Auf teilung der Welt
noch verstärkt. So entsteht der Zusammenhang zwischen Imperialismus
und Opportunismus, eine Erscheinung, die sich am frühesten und krassesten
Bestochene Arbeiter der Monopolkapitalisten 23

in England geltend machte, weil dort gewisse imperialistische Züge der


Entwicklung bedeutend früher als in anderen Ländern zum Vorschein
kamen."
(Aus Lenins Schrift: "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus",
S.872.)
Woher die Profite der Monopolkapitalisten für die bessere Bezahlung eines
Teiles der Arbeiterschaft kommen und welchen Zweck die Monopolkapitalisten
damit verfolgen, geht klarer aus dem 1920 geschriebenen Vorwort Lenins zu
der erwähnten Schrift hervor:
"Es ist eben der Parasitismus und die Fäulnis des Kapitalismus, die seinem
höchsten geschichtlichen Stadium, d. h. dem Imperialismus, eigen sind.
Wie im vorliegenden Buch nachgewiesen ist, hat der Kapitalismus jetzt
eine Handvoll (weniger als ein Zehntel der Bevölkerung der Erde, reichlich
und übertrieben gerechnet, weniger als ein Fünftel) besonders reicher und
mächtiger Staaten hervorgebracht, die - durch einfaches ,Kuponschneiden' -
die ganze Welt plündern. Der Kapitalexport ergibt Einkünfte von 8 bis
10 Milliarden Francs jährlich, und zwar nach den Vorkriegspreisen und der
bürgerlichen Vorkriegsstatistik. Gegenwärtig ist es natürlich viel mehr.
Es ist begreiflich, daß man aus solchem gigantischen Extraprofit (denn
diesen Profit heimsen die Kapitalisten extra ein, über den Profit hinaus,
den sie aus den Arbeitern ihres ,eigenen' Landes herauspressen) die Arbeiter-
führer und die Oberschicht der Arbeiteraristokratie bestechen kann. Sie
wird denn auch von den Kapitalisten der ,fortgeschrittenen' Länder be-
stochen - durch tausenderlei Methoden, direkte und in9irekte, offene und
versteckte.
Diese Schicht der verbürgerlichten Arbeiter oder der ,Arbeiteraristo-
kratie', in ihrer Lebensart, durch ihr Einkommen, durch ihre ganze Welt-
anschauung vollkommen verspießert, ist die Hauptstütze der II. Internatio-
nale und in unseren Tagen die soziale (nicht militärische) Hauptstütze der
Bourgeoisie. Denn sie sind die wirklichen Agenten der Bourgeoisie inner-
halb der Arbeiterbewegung, die Arbeiterkommis der Kapitalistenklasse
(labour lieutenants of the capitalist dass), die wirklichen Schrittmacher des
Reformismus und Chauvinismus. Im Bürgerkrieg zwischen Proletariat und
Bourgeoisie stellen sie sich in nicht geringer Zahl unvermeidlich auf die
Seite der Bourgeoisie, auf die Seite der ,Versailler' gegen die ,Communards'.
Ohne die ökonomischen Wurzeln dieser Erscheinung begriffen zu haben,
ohne ihre politische und soziale Bedeutung abgewogen zu haben, ist es
unmöglich, auch nur einen Schritt zur Lösung der praktischen Aufgaben
24 Lenins Theorie über Monopolkapitalismus und Imperialismus

der kommunistischen Bewegung und der kommenden sozialen Revolution


zu machen."
(Vgl.Lenin: "Ausgewählte Werke in zweiBänden",Bd.1,Moskau 1947,S. 773-774.)

IV. Über die Unmöglichkeit, den Lebensstandard der Völker


unter dem Monopolkapitalismus zu heben

Abgesehen von jenem kleinen Teil der besser bezahlten und bestochenen
Arbeiterschaft, der "Arbeiteraristokratie", ist nach Lenin "das Hunger- und
Bettlerdasein" des größten Teiles der Bevölkerung unter dem Monopol-
kapitalismus charakteristisch. Lenin bestreitet jede Möglichkeit einer Ver-
besserung unter diesem Wirtschaftssystem und führt folgende Gründe dafür an:
"An der Schwelle des 20. Jahrhunderts sehen wir die Bildung von Mono-
polen anderer Art: erstens Monopolverbände der Kapitalisten in allen Län-
dern des entwickelten Kapitalismus; zweitens MonopolsteIlung der wenigen
überaus reichen Länder, in denen die Akkumulation des Kapitals gewaltige
Dimensionen erreicht hat. Es entstand ein ungeheurer ,Kapitalüberschuß'
in den fortgeschrittenen Ländern.
Freilich, wäre der Kapitalismus imstande, die Landwirtschaft zu heben,
die jetzt überall weit hinter der Industrie zurückgeblieben ist, könnte er die
Lebenshaltung der Massen der Bevölkerung heben, die trotz des schwindel-
erregenden technischen Fortschritts überall ein Hunger- und Bettlerdasein
fristen - dann könnte von einem Kapitalüberschuß nicht die Rede sein.
Und das ist auch der ,Einwand', der allgemein von kleinbürgerlichen Kriti-
kern des Kapitalismus erhoben wird. Aber dann wäre der Kapitalismus nicht
Kapitalismus, denn die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung wie das Hunger-
dasein der Massen sind wesentliche, unvermeidliche Bedingungen und
Voraussetzungen dieser Produktionsweise. Solange der Kapitalismus
Kapitalismus bleibt, wird der Kapitalüberschuß nicht zur Hebung der
Lebenshaltung der Massen in dem betreffenden Lande verwendet - denn
das würde eine Verminderung der Profite der Kapitalisten bedeuten -,
sondern zur Steigerung der Profite durch Kapitalexport ins Ausland, in
rückständige Länder."
(Aus Lenins Schrift: "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus",
S.816/817.)

An einer anderen Stelle der erwähnten Schrift (S. 835) heißt es:
"Der freie Markt rückt immer mehr in die Vergangenheit, monopolistische
Syndikate und Truste engen ihn von Tag zu Tag mehr ein, die ,einfache'
Politische und wissenschaftliche Freiheit unter dem Monopolkapitalismus 25

Hebung der Landwirtschaft aber läuft auf eine Hebung der Lage der Massen,
Erhöhung der Löhne und Verminderung des Profites hinaus. Wo existieren
jedoch, außer in der Phantasie süßlicher Reformisten, Truste, die fähig
wären, sich um die Lage der Massen zu kümmern, anstatt Kolonien zu
erobern?"

V. Grenzen für die politische und wissenschaftliche Freiheit


unter dem Monopolkapitalismus

Nach Lenin bestehen in den monopolkapitalistischen Staaten die Rechte des


Volkes nur dem Schein nach. Die Monopolkapitalisten beherrschen außer der
Wirtschaft auch die Regierungen und Parteien, die Presse in den bürger-
lichen Demokratien der Großmächte. Was nutzt nach Lenin dem Arbeiter
die Freiheit, wenn ihm die Papiervorräte für den Druck eigener Zeitungen und
geeignete Versammlungsräume für die Abhaltung von Versammlungen vor-
enthalten bleiben?! Demgegenüber betonte er die Vorzüge der Sowjet-
demokratie in dieser Hinsicht:
"Der alte bürgerliche Apparat - das Beamtentum, die Privilegien des
Reichtums, der bürgerlichen Bildung usw. (diese tatsächlichen Privilegien
sind um so mannigfaltiger, je entwickelter die bürgerliche Demokratie ist) -
all das fällt bei der Sowjetorganisation fort. Die Freiheit der Presse hört auf,
eine Heuchelei zu sein, denn die Druckereien und das Papier werden der
Bourgeoisie weggenommen. Das gleiche geschieht mit den besten Gebäuden,
Palästen, Villen, Herrensitzen. Die Sowjetrnacht hat Tausende und aber
Tausende dieser besten Gebäude den Ausbeutern sofort weggenommen und
hat dadurch das Versammlungsrecht für die Massen, jenes Versammlungs-
recht, ohne das die Demokratie ein Schwindel ist, millionenmal ,demokrati-
scher' gemacht. Die indirekten Wahlen zu den nichtlokalen Sowjets er-
leichtern das Zustandekommen der Sowjetkongresse, machen den gesamten
Apparat billiger, beweglicher und für die Arbeiter und Bauern zugänglicher,
und das in einer Zeit, wo das Leben brodelt und es erforderlich ist, be-
sonders schnell die Möglichkeit zu haben, einen örtlichen Abgeordneten
abzuberufen oder ihn zum allgemeinen Sowjetkongreß zu entsenden.
Die proletarische Demokratie ist millionenfach demokratischer als jede
bürgerliche Demokratie; die Sowjetmacht ist millionenfach demokratischer
als die demokratischste bürgerliche Republik.
Das nicht bemerken konnte nur ein bewußter Diener der Bourgeoisie
oder ein Mensch, der politisch völlig abgestorben ist, der hinter den staub-
26 Lenins Theorie über Monopolkapitalismus und Imperialismus

bedeckten bürgerlichen Büchern das lebendige Leben nicht sieht, der durch
und durch von bürgerlich-demokratischen Vorurteilen durchtränkt ist
und der sich daher objektiv in einen Lakaien der Bourgeoisie verwandelt.
Das übersehen konnte nur ein Mensch, der unfähig ist, die Frage vom
Standpunkt der unterdrückten Klassen zu stellen:
Gibt es unter den demokratischsten bürgerlichen Ländern auch nur ein
Land in der Welt, in dem der durchschnittliche Arbeiter aus der Masse, der
durchschnittliche Landarbeiter aus der Masse oder überhaupt ein Halb-
proletarier aus dem Dorfe (d. h. der Vertreter der unterdrückten Masse,
der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung) auch nur annähernd eine
solche Freiheit genießt, Versammlungen in den besten Gebäuden abzuhalten,
eine solche Freiheit zur Äußerung seiner Ideen, zur Verteidigung seiner
Interessen die größten Druckereien und die besten Papiervorräte zu be-
sitzen, eine solche Freiheit, gerade Menschen seiner Klasse mit der Leitung
und ,Einrichtung' des Staates zu betrauen wie in Sowjetrußland ?
Es wäre lächerlich, auch nur anzunehmen, daß Herr Kautsky in einem
beliebigen Lande unter tausend unterrichteten Arbeitern und Landarbeitern
auch nur einen fände, der bei Beantwortung dieser Frage im Zweifel sein
würde. Instinktiv sympathisieren die Arbeiter der ganzen Welt, die aus den
bürgerlichen Zeitungen Bruchteile der Wahrheit erfahren, mit der Sowjet-
republik gerade deshalb, weil sie in ihr die proletarische Demokratie, eine
Demokratie für die Armen sehen, und nicht eine Demokratie für die Reichen,
wie es jede, auch die beste, bürgerliche Demokratie in Wirklichkeit ist.
Wir werden regiert (und unser Staat wird ,eingerichtet') von bürger-
lichen Beamten, bürgerlichen Parlamentariern, bürgerlichen Richtern. Das
ist die einfache, offensichtliche, unbestreitbare Wahrheit, die Millionen
und aber Millionen Menschen der unterdrückten Klassen in allen bürger-
lichen Ländern, auch in den allerdemokratischsten, aus eigener Lebens-
erfahrung kennen, die sie täglich zu fühlen und zu spüren bekommen."
(Aus Lenins Schrift: "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky",
veröffentlicht im Dezember 1918, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bän-
den", Bd. 2, Moskau 1947, S.428---430.)

Lenin bestreitet auch die Unabhängigkeit von bürgerlichen Wissenschaftlern


in der Darstellung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfte des
monopolkapitalistischen Systems. Statt dessen bemühen sie sich nach Lenin
darum, die Tatsachen zu entstellen:
"Die Aufgabe eines bürgerlichen Professors besteht eben nicht darin,
diese ganze Mechanik aufzudecken und die Machenschaften der Bank-
Politische und wissenschaftliche Freiheit unter dem Monopolkapitalismus 27

monopolisten zu enthüllen, sondern vielmehr darin, sie zu beschönigen ...


Zu diesem Schluß mußte ein ausnahmsweise gewissenhafter bürgerlicher
Ökonom kommen ...
Das ist ein Musterbeispiel für die Hilliosigkeit der bürgerlichen Publi-
zistik, von der sich die bürgerliche Wissenschaft nur durch einen geringeren
Grad von Aufrichtigkeit und durch das Bestreben unterscheidet, das Wesen
der Dinge zu vertuschen, den Wald durch Bäume zu verdecken. Man ist
,bestürzt' über die Folgen der Konzentration, man macht der Regierung
des kapitalistischen Deutschland oder der kapitalistischen ,Gesellschaft'
(,uns') ,Vorwürfe', man fürchtet die ,Beschleunigung' der Konzentration
durch die Einführung von Aktien, wie der deutsche Kartellspezialist
Tschierschky, der die amerikanischen Truste fürchtet und die deutschen
Kartelle ,vorzieht', weil sie angeblich ,den technischen und ökonomischen
Fortschritt nicht so überstürzen wie die Truste' - ist das nicht Hilliosig-
keit? ...
Von derselben Art ist die Grundeinstellung Hobsons in seiner Kritik
des Imperialismus. Hobson nahm Kautsky vorweg, indem er sich gegen
die ,Unvermeidlichkeit des Imperialismus' wandte und sich auf die Not-
wendigkeit berief, ,die Konsumtionsfähigkeit der Bevölkerung zu heben'
(unter dem Kapitalismus I). Auf dem kleinbürgerlichen Standpunkt in der
Kritik des Imperialismus, der Allmacht der Banken, der Finanzoligarchie
usw. stehen auch die von uns mehrfach zitierten Agahd, A. Landsburgh,
L. Eschwege und von den französischen Autoren Victor Berard, der Ver-
fasser eines oberflächlichen Buches: ,England und der Imperialismus',
das 1900 erschienen ist. Sie alle, die durchaus nicht den Anspruch erheben,
Marxisten zu sein, stellen dem Imperialismus die freie Konkurrenz und die
Demokratie entgegen, verurteilen das Abenteuer der Bagdadbahn, das zu
Konflikten und zum Krieg führe, äußern ,fromme Wünsche' nach Frieden
usw. - bis hinauf zu dem Statistiker der internationalen Emissionen,
A. Neumarck, der 1912, die Hunderte von Milliarden Francs ,internationaler'
Werte aufzählend, ausrief: ,Ist es denkbar, daß der Frieden gebrochen
werden könnte? ... daß man bei diesen ungeheuren Zahlen riskieren
würde, einen Krieg zu beginnen?'
Bei bürgerlichen Ökonomen ist eine derartige Naivität nicht verwunder-
lich; für sie ist es überdies auch vorteilhaft, so naiv zu tun und ,im Ernst'
von einem Frieden unter dem Imperialismus zu reden."
(Aus Lenins Schrift: "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus",
S. 796, 778, 794, 860.)
28 Lenins Theorie über Monopolkapitalismus und Imperialismus

"Diese drei Gruppen zusammen bilden in allen kapitalistischen Ländern


die Mehrheit der Landbevölkerung. Daher ist der Erfolg der proletarischen
Umwälzung nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem flachen Lande
vollkommen gesichert. Die entgegengesetzte Meinung ist weit verbreitet,
hält sich aber nur aufrecht: erstens vermöge des systematischen Betrugs
durch die bürgerliche Wissenschaft und Statistik, die mit allen Mitteln
den tiefen Abgrund zwischen den erwähnten Klassen im Dorf und den Aus-
beutern, Gutsbesitzern und Kapitalisten, wie auch zwischen den Halb-
proletariern und den Kleinbauern einerseits und den Großbauern anderseits
vertuscht; zweitens ... "
(Aus Lenin: "Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur Agrarfrage", veröffentlicht
am 20.7. 1920, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau
1947, S.760.)

VI. Die Unvermeidlichkeit von Kriegen


zwischen monopolkapitalistischen Staaten
Aus der vorangegangenen Darstellung geht hervor, daß nach Lenin eine
zunehmende Verschärfung der Spannungen sowohl innerhalb der monopol-
kapitalistischen Staaten als auch in ihren Beziehungen zueinander den Monopol-
kapitalismus kennzeichnet. Die drohenden Absatzkrisen auf dem Binnenmarkt
eines monopolkapitalistischen Staates, hervorgerufen durch sehr hohe Profite
der Monopolkapitalisten und die sehr niedrigen Löhne der Arbeitnehmer, die
als Kaufkraft für den Absatz der Waren im eigenen Lande nicht ausreichen,
werden zunächst durch die Schaffung neuer Absatzmärkte in den wirtschaft-
lich schwach entwickelten Gebieten insbesondere Asiens und Afrikas ver-
hindert. Solange diese Gebiete noch nicht als koloniale bzw. halbkoloniale
Gebiete unter den Siegern aufgeteilt sind, werden kriegerische Auseinander-
setzungen zwischen den Industriestaaten um diese Gebiete im großen ganzen
vermieden. Nach der Aufteilung dieser Gebiete wird aber nach Lenin die Lage
wesentlich anders. Es ist gleichzeitig die Zeit, da der Monopolkapitalismus den
Konkurrenzkapitalismus mehr und mehr ablöst. Auf der Suche nach weiteren
billigen Rohstoffbezugsgebieten und Absatzmärkten für Waren- und Kapital-
export müssen die Monopolkapitalisten der einzelnen industriellen Groß-
mächte immer stärker aufeinander stoßen. Da sie auch jetzt nicht daran denken,
die drohende Absatzkrise für ihre Erzeugnisse durch eine wesentliche Er-
höhung der Kaufkraft des Binnenmarktes in der Form von erheblichen
Lohnerhöhungen für die Arbeitnehmer zu beseitigen und sich in ihren Profiten
zu mäßigen, wird der Krieg zwischen den monopolkapitalistischen Staaten
Unvermeidliche Kriege zwischen monopolkapitalistischen Staaten 29

unvermeidlich. Es geht dabei um die gewaltsame Neuverteilung der kolonialen


und halbkolonialen Gebiete zugunsten der siegreichen monopolkapitalistischen
Staaten. Dieser Krieg ist nach Lenin kein Zufall, sondern ein unerläßlicher
Bestandteil des Monopolkapitalismus. Er ist ein Ausdruck der gesetzmäßigen
Entwicklung im System des Monopolkapitalismus und wird sich daher
unvermeidlich von Zeit zu Zeit wiederholen, solange es mehrere monopol-
kapitalistische Staaten gibt. Dazu einige Äußerungen Lenins:

1915
"Der Krieg ist kein Widerspruch zu den Grundlagen des Privateigentums,
sondern er ist das direkte und unvermeidliche Entwicklungsergebnis dieser
Grundlage. Unter dem Kapitalismus ist gleichmäßiges Wachstum in der
ökonomischen Entwicklung der einzelnen Wirtschaften und der einzelnen
Staaten unmöglich. Unter dem Kapitalismus gibt es keine anderen Mittel
zur zeitweiligen Wiederherstellung des gestörten Gleichgewichtes als Krisen
in der Industrie und Kriege in der Politik."
(Aus Lenins Aufsatz: "über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa",
veröffentlicht am 23. 8. 1915, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Auf!., Bd. 18,
S.309.)
1917
"Das Finanzkapital und die Trusts schwächen die Unterschiede im Tempo
des Wachstums der verschiedenen Teile der Weltwirtschaft nicht ab,
sondern verstärken sie. Sobald aber die Kräfteverhältnisse sich geändert
haben, wie sollen dann unter dem Kapitalismus die Gegensätze anders
ausgetragen werden als durch Gewalt? ...
,Interimperialistische' oder ,ultraimperialistische' Bündnisse sind daher
in der kapitalistischen Whklichkeit, und nicht in der banalen Spießer-
phantasie englischer Pfaffen oder des deutschen ,Marxisten' Kautsky,
notwendigerweise nur ,Atempausen' zwischen Kriegen - gleichviel in wel-
cher Form diese Bündnisse auch geschlossen werden, ob in der Form einer
imperialistischen Koalition gegen eine andere imperialistische Koalition
oder in der Form eines allgemeinen Bündnisses aller imperialistischen Mäch-
te. Friedliche Bündnisse bereiten Kriege vor und wachsen ihrerseits aus Krie-
gen hervor, bedingen sich gegenseitig, erzeugen einen Wechsel der Formen
friedlichen und unfriedlichen Kampfes auf ein und demselben Boden
imperialistischer Zusammenhänge und Wechselbeziehungen der Welt-
wirtschaft und der Weltpolitik. "
(Aus Lenins 1917 veröffentlichter Schrift: "Der Imperialismus als höchstes
Stadium des Kapitalismus", S. 847, 867.)
30 Lenins Theorie über Monopolkapitalismus und Imperialismus

1920
"Die Verteilung des Eisenbahnnetzes, die Ungleichmäßigkeit dieser V er-
teilung, die Ungleichmäßigkeit seiner Entwicklung - das sind Ergeb-
nisse des modernen Monopolkapitalismus im Weltmaßstabe. Und diese
Ergebnisse zeigen, daß auf einer solchen wirtschaftlichen Grundlage, so-
lange das Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht, imperialisti-
sche Kriege absolut unvermeidlich sind."
(Aus Lenins Vorwort vom 6.7.1920 zur deutschen und französischen Ausgabe
seiner Schrift: "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus", S. 770.)
*
"Japan hat eine gewaltige Zahl von Kolonien an sich gerissen. Japan
hat eine Bevölkerung von 50 Millionen und ist wirtschaftlich verhältnis-
mäßig schwach. Amerika hat eine Bevölkerung von 110 Millionen und hat
keinerlei Kolonien, obwohl es viel reicher ist als Japan. Japan hat China
an sich gerissen, das eine Bevölkerung von 400 Millionen und die reichsten
Kohlenvorkommen der Welt besitzt. Wie kann es diese Beute behaupten?
Es wäre lächerlich zu glauben, der stärkere Kapitalismus werde dem schwä-
cheren nicht alles entreißen, was dieser zusammengeraubt hat. Können etwa
die Amerikaner diesen Dingen gleichgültig zuschauen? Kann man etwa
annehmen, daß die stärkeren Kapitalisten den schwächeren nichts weg-
nehmen werden? Was würden sie dann wert sein?"
(Aus der Rede Lenins vor den Moskauer Zellensekretären der KP am 26. 11. 1920,
vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwölf Bänden", Bd. 8, Moskau 1935, S. 298.)

VII. Kriege zwischen den monopolkapitalistischen Staaten


als Beschleuniger der proletarischen Revolution

Die nach Lenin unvermeidlich sich wiederholenden Kriege zwischen den


monopolkapitalistischen Staaten, solange es solche gibt, können in ihrem
Verlauf den Monopolkapitalisten völlig unerwünschte Ergebnisse bringen:
den Sturz der gesellschaftlichen Ordnung durch das revolutionäre Proletariat
in dem einen oder anderen kriegführenden Land. Das gilt vor allem für Länder,
die im Verlaufe des Krieges schwere militärische Niederlagen erleiden oder
letzten Endes sogar den Krieg verlieren. In dem Krieg um die Eroberung
neuer Märkte für die Aufrechterhaltung oder Vermehrung der Profite der
Monopolkapitalisten führt nach Lenin die gesetzmäßige Entwicklung zu einer
beschleunigten Selbstzerstärung der kapitalistischen Ordnung. Wer von diesen
Staaten aus einem solchen Krieg ohne eine siegreiche proletarische Revolution
Kriege als Beschleunigung der proletarischen Revolution 31

herausgelangt, wird nach dem folgenden Krieg bzw. nach den folgenden Krie-
gen nicht mehr dazu fähig sein.
1915
"In keinem Lande darf der Kampf gegen die eigene, am imperialistischen
Krieg beteiligte Regierung haltmachen vor der Möglichkeit einer infolge
der revolutionären Agitation eintretenden Niederlage dieses Landes. Durch
die Niederlage der Regierungsarmee wird die betreffende Regierung ge-
schwächt, die Befreiung der von ihr geknechteten Völkerschaften gefördert
und der Bürgerkrieg gegen die herrschenden Klassen erleichtert."
(Aus Lenins Aufsatz: "Konferenz der Auslandssektionen der SDAPR", veröffent-
licht am 29. 3. 1915, vgl. Lenin: " Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 18, Wien-Ber-
lin 1929, S. 164.)
1917
"Der Krieg selbst führt durch die unerhörte Kraftanspannung der Völker,
die er verursacht, die Menschheit diesem einzigen Ausweg aus der Sack-
gasse entgegen: er zwingt sie, gewaltige Schritte vorwärts auf dem Wege
des Staatskapitalismus zu machen, und zeigt praktisch, wie eine planmäßige
Gemeinwirtschaft betrieben werden kann und muß, eine Wirtschaft nicht
im Interesse der Kapitalisten, sondern durch ihre Enteignung im Interesse
der heute an Hungersnot und sonstigen Schrecken des Krieges zugrunde
gehenden Massen unter der Leitung des revolutionären Proletariats."
(Aus Lenins Aufsatz: "An die Arbeiter, die den Kampf gegen den Krieg und gegen
die auf die Seite ihrer Regierungen übergegangenen Sozialisten unterstützen",
Januar 1917,vgl.Lenin:" SämtlicheWerke",2.Ausg.,Bd.19, Wien-Berlin 1930,S.493.)

*
"Die Dialektik der Geschichte ist gerade die, daß der Krieg, der die
Umwandlung des monopolistischen Kapitalismus in den staatsmonopolisti-
schen Kapitalismus ungeheuer beschleunigt hat, dadurch die Menschheit
dem Sozialismus außerordentlich nahe gebracht hat. Der imperialistische
Krieg ist der Vorabend der sozialistischen Revolution. Und zwar nicht nur
deshalb, weil der Krieg mit seinen Schrecken den proletarischen Aufstand
erzeugt - keinerlei Aufstand kann den Sozialismus schaffen, wenn er nicht
ökonomisch herangereift ist -, sondern auch deshalb, weil der staatsmono-
polistische Kapitalismus die vollständigste materielle Vorbereitung des
Sozialismus, seine Vorstufe, jene Stufe der historischen Leiter ist, deren
nächste Stufe - eine Zwischenstufe gibt es nicht - Sozialismus genannt wird."
Aus Lenins Schrift: "Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll",
veröffentlicht Ende Oktober 1917, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bän-
den". Bd. 2, Moskau 1947, S. 125.)
32 Lenins Theorie über Monopolkapitalismus und Imperialismus

1920
"Auf dem Boden des durch den Krieg hervorgerufenen Ruins in der
ganzen Welt erwächst somit die revolutionäre Weltkrise, die - mag sie auch
noch so lange und schwere Wandlungen durchmachen - nicht anders enden
kann als mit der proletarischen Revolution und deren Sieg."
(Aus Lenins Vorwort vom 6.7.1920 zur deutschen und französischen Ausgabe
seiner Schrift: "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus",
S.771.)
*
"Und wenn in einem solchen Augenblick, wo der imperialistische Krieg
tausendmal mehr als unsere Propaganda den Zusammenbruch vorbereitet
hat, auch nur in einem einzigen Lande das Proletariat siegreich auftritt,
so genügt das, um die Kräfte der internationalen Bourgeoisie zu unter-
graben."
(Aus Lenins Rede zum 3. Jahrestag der Oktoberrevolution am 6.11. 1920, vgl.
Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 25, Wien-Berlin 1930, S. 591.)

VIII. Der Einfluß der wachsenden internationalen Verflechtungen


zwischen den monopolkapitalistischen Unternehmungen auf Kriege
zwischen den monopolkapitalistischen Staaten

In seiner Darstellung des monopolkapitalistischen Systems macht Lenin


auf die durch das Finanzkapital geförderte internationale Verflechtung zwi-
schen den großen Unternehmungen einzelner Wirtschaftszweige in einem
Staat mit den entsprechenden Unternehmungen anderer Staaten aufmerksam
(vgl. S. 19/22). Es liegt der Schluß nahe, daß mit dem immer weiteren Fort-
schreiten dieser Entwicklung der Ausbruch eines Krieges zwischen den so
miteinander wirtschaftlich verflochtenen Staaten wachsenden Hindernissen
begegnet. Eine solche Tendenz ist um so wahrscheinlicher, als Lenin zufolge
der alleinige Herr über die Wirtschaft und die Regierung eines monopol-
kapitalistischen Staates die kleine Gruppe von Monopolkapitalisten ist, die
sich mit den anderen kleinen Gruppen dieser Art in den anderen großen Indu-
striestaaten wirtschaftlich immer enger verbindet. Daß es dabei zu einer Ver-
meidbarkeit von Kriegen zwischen solchen Staaten kommen könnte, wird
von Lenin jedoch bestritten. In diesem Zusammenhang richtete er scharfe An-
griffe gegen den Marxisten Karl Kautsky:
"Abstrakt - theoretisch gesprochen kann man zu dem Schluß kommen, zu
dem denn auch Kautsky - der, zwar in etwas anderer Weise, dem Marxismus
Internationale Verflechtungen und Kriege 33

ebenfalls Valet gesagt hat - in der Tat gelangt ist: daß es nämlich bereits
nicht mehr allzuweit sei bis zum Zusammenschluß dieser Kapitalmagnaten
in einem einzigen Welttrust, der die Konkurrenz und den Kampf der staat-
lich getrennten Finanzkapitale durch ein international zusammengeschlos-
senes Finanzkapital ersetzen werden ...
Der ,friedliche' Kapitalismus ist abgelöst durch den nichtfriedlichen, krie-
gerischen, katastrophenreichen Imperialismus, das muß Kautsky zuge-
ben, weil er das bereits 1909 in einer besonderen Schrift zugegeben hat,
in der er zum letzten Male mit einheitlichen Schlußfolgerungen als Marxist
aufgetreten ist. Wenn es aber nicht angeht, ganz einfach, offen, gröblich von
einer Rückkehr vom Imperialismus zurück zum ,friedlichen' Kapitalismus
Träume zu spinnen - ließe sich dann nicht vielleicht diesem ihrem Wesen
nach kleinbürgerlichen Träumen die Form von unschuldigen Betrachtun-
gen über einen ,friedlichen' ,Ultra-Imperialismus' geben? Bezeichnet man
als Ultra-Imperialismus den internationalen Zusammenschluß der nationa-
len (richtiger gesagt: der staatlich getrennten) Imperialismen, als ein Ge-
bilde, das die auf den Kleinbürger besonders unangenehm, besonders be-
unruhigend, besonders störend wirkenden Konflikte, wie Kriege, politische
Erschütterungen usw., beseitigen ,könnte', - warum sollte man dann nicht
die heute schon eingetretene, schon vorhandene konflikt- und katastrophen-
reiche Epoche des Imperialismus von sich abtun durch unschuldige Träume
von einem verhältnismäßig friedlichen, verhältnismäßig konfliktlosen, ver-
hältnismäßig katastrophenlosen ,Ultra-Imperialismus'? Warum sollte man
dann nicht den ,schroffen' Aufgaben, die das für Europa bereits angebro-
chene imperialistische Zeitalter bereits gestellt hat und weiter stellt, aus dem
Wege gehen können mit dem phantastischen Traum: diese Epoche werde
vielleicht bald vorüber sein und in ihrem Gefolge sei vielleicht eine relativ
,friedliche', keine ,schroffe' Taktik erfordernde Epoche des ,Ultra-Imperia-
lismus' denkbar? Und so sagte denn auch Kautsky:
,Eine solche neue (ultra-imperialistische) Phase des Kapitalismus ist jeden-
falls denkbar. Ob auch realisierbar, das zu entscheiden fehlen noch die ge-
nügenden Voraussetzungen I'
(Neue Zeit, 30.4. 1915, S. 144.)
Nicht die geringste Spur von Marxismus findet sich in diesem Bestreben,
dem bereits in die Wirklichkeit getretenen Imperialismus aus dem Wege zu
gehen und sich dem Traum von einem ,Ultra-Imperialismus' hinzugeben,
von dem man gar nicht weiß, ob er realisierbar ist. In dieser Konstruktion
wird der Marxismus für jene ,neue Phase des Kapitalismus' anerkannt, für
34 Lenins Theorie über Monopolkapitalismus und Imperialismus

deren Realisierung ihr Erfinder selbst nicht garantiert; für die gegenwärtige,
für die bereits eingetretene Phase wird statt des Marxismus das kleinbürger-
liche, durch und durch reaktionäre Streben nach einer Abstumpfung der
Widersprüche serviert ...
Läßt sich aber bestreiten, daß eine neue Phase des Kapitalismus nach dem
Imperialismus abstrakt ,denkbar' ist? Nein. Abstrakt kann man sich eine
solche Phase denken. Nur daß dies in der Praxis bedeutet, daß man ein
Opportunist wird, der die brennenden Aufgaben der Gegenwart von sich
weist im Namen der Phantasie über künftige, nicht brennende Aufgaben.
In der Theorie heißt das, daß man sich nicht auf die in der Wirklichkeit vor
sich gehende Entwicklung stützt, sondern sich von vornherein von ihr ab-
wendet um dieser Phantasie willen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die
Entwicklung in der Richtung auf einen einzigen, alle Unternehmungen und
alle Staaten ausnahmslos umfassenden Welt-Trust verläuft. Doch tut sie
dies unter solchen Umständen, in einem solchen Tempo, unter solchen
Widersprüchen, Konflikten und Erschütterungen - beileibe nicht nur
ökonomischer, sondern auch politischer, nationaler Natur usw. usw., - daß
unbedingt, noch ehe es zu einem einzigen Welt-Trust, zu einer ,ultra-
imperialistischen' Weltvereinigung der nationalen Finanzkapitale kommt,
der Imperialismus unvermeidlich zusammenbrechen, der Kapitalismus sich
in sein Gegenteil verwandeln wird."
(Aus Lenins Vorwort vom Dezember 1915 zu N. Bucharins Schrift: "Weltwirt-
schaft und Imperialismus", vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Aufl., Bd.18,
Wien-Berlin 1929, S. 466,467/468,469/470.)
Bis also die internationale Verflechtung der monopolkapitalistischen Grup-
pen so stark ist, daß der Krieg zwischen den Staaten dieser Gruppen sich ver-
meiden läßt, ist nach Lenin das monopolkapitalistische System bereits zu-
sammengebrochen und hat dem sozialistischen Wirtschaftssystem Platz ge-
macht.

IX. Charakteristik des Monopolkapitalismus


nach dem ersten Weltkrieg

In zahlreichen Aufsätzen, Schriften und Reden im Verlauf des ersten Welt-


krieges hat Lenin die Unmöglichkeit eines dauerhaften Friedens ohne die
vorherige Umwandlung des Staatenkrieges in einen Bürgerkrieg innerhalb der
kriegführenden Staaten vorausgesagt (vgl. S. 59-62). Die Bürgerkriege, die
das Proletariat gegen die Regierungen führt, sollten die Regierungen nicht nur
Charakteristik des Monopolkapitalismu~ nach dem ersten Weltkrieg 35

von der Fortsetzung des "imperialistischen" Krieges abhalten. Sie hatten


auch die gesamte gesellschaftliche Ordnung zugunsten einer zu errichtenden
radikal anderen Ordnung zu beseitigen. Der erste Weltkrieg ging zu Ende,
ohne daß sich die Voraussage und der \Vunsch Lenins - ausgenommen in
Rußland - erfüllten. Sah sich Lenin dadurch genötigt, seine bisherige Theorie
über den Monopolkapitalismus und den mit ihm eng verbundenen Imperialis-
mus zu revidieren? Er sah sich in seiner Theorie nur bestätigt. Die von ihm
geschilderten starken Spannungen innerhalb der monopolkapitalistischen
Staaten und in ihren auswärtigen Beziehungen zueinander hatten sich Lenin
zufolge als Ergebnis des ersten Weltkrieges noch verschärft. Damit wuchsen
in seiner Sicht die Aussichten für noch schwerere Wirtschaftskrisen und neue
Kriege zwischen den kapitalistischen Staaten. Alle Wesenszüge des Monopol-
kapitalismus, so wie sie von ihm während des ersten Weltkrieges geschildert
wurden, hatten sich nach dem ersten Weltkrieg nur insoweit verändert, als sie
noch schärfer als vorher hervortraten. Auf dem II. Weltkongreß der Kommu-
nistischen Internationale, am 19. Juli 1920, äußerte er sich darüber wie folgt:
"Aus dieser Teilung der ganzen Welt, aus dieser Herrschaft der kapitalisti-
schen Monopole, aus dieser Allmacht einer geringfügigen Anzahl von
Großbanken, etwa 2 bis 5 auf je einen Staat, nicht mehr - erwuchs un-
vermeidlich der imperialistische Krieg 1914-1918. Der Krieg drehte sich
darum, die ganze Welt neu zu verteilen. Der Krieg drehte sich darum,
welche von den beiden Weltmächtegruppen - die englische oder die deut-
sche - die Möglichkeit und das Recht der Ausraubung, Versklavung und Aus-
beutung der ganzen Welt erhalten sollte; und Ihr wißt, daß der Krieg diese
Frage zugunsten der englischen Gruppe entschieden hat. Als Ergebnis dieses
Krieges haben wir eine unvergleichlich schärfere Zuspitzung aller kapitali-
stischen Gegensätze. Der Krieg versetzte mit einem Schlag etwa eine
Viertelmilliarde der Weltbevölkerung in eine Lage, die mit der von Kolonien
gleichbedeutend ist, nämlich Rußland, das mit 130 Millionen zu veran-
schlagen ist, Österreich-Ungarn, Deutschland und Bulgarien mit nicht
weniger als 120 Millionen. Eine Viertelmilliarde von Menschen in Ländern,
die teilweise wie Deutschland zu den vorgeschrittensten, aufgeklärtesten,
kultiviertesten gehören und technisch auf der Höhe des modernen Fort-
schritts stehen I Der Krieg zwang ihnen durch den V ersailler Vertrag solche
Bedingungen auf, daß vorgeschrittene Völker in koloniale Abhängigkeit,
Elend, Hunger, Ruin und Rechtlosigkeit gerieten. Sie sind durch den Ver-
trag auf viele Generationen hinaus gebunden und in Verhältnisse versetzt,
unter denen noch nie ein zivilisiertes Volk gelebt hat. Damit habt Ihr ein
36 Lenins Theorie über Monopolkapitalismus und Imperialismus

Bild der Welt, das zeigt, daß nach dem Kriege auf einmal eine Bevölkerung
von nicht weniger als ein und einer Viertelmilliarde dem kolonialen Joch,
der Ausbeutung des brutalen Kapitalismus unterworfen ist. Dieser Kapi-
talismus rühmte sich der Friedensliebe und hatte dazu vielleicht vor 50
Jahren einiges Recht, als die Welt noch nicht aufgeteilt war, als die Mono-
pole noch nicht herrschten, als der Kapitalismus zu verhältnismäßig fried-
licher Entwicklung ohne ungeheuere Kriegskonflikte noch Raum hatte ...
So bekommt Ihr in kurzen Grundstrichen ein Bild der Welt, wie es sich
nach dem imperialistischen Kriege gestaltet hat. Eine und eine Viertel-
milliarde Bevölkerung der geknechteten Kolonien 2a: Länder, die man bei
lebendigem Leibe aufteilt, wie Persien, die Türkei, China; besiegte und zu
Kolonien gemachte Länder. Nicht mehr als eine Viertelmilliarde zählen die
Länder, die sich im alten Zustand erhalten haben, aber auch sie sind in wirt-
schaftliche Abhängigkeit von Amerika geraten und waren während des
Krieges alle militärisch von ihm abhängig. Denn der Krieg ergriff die ganze
Welt, er ließ keinen einzigen Staat wirklich neutral bleiben. Und wir haben
endlich nicht mehr als eine Viertelmilliarde Bevölkerung in den Ländern, in
denen, versteht sich, nur die Oberklasse, nur die Kapitalisten von der Teilung
der Erde profitieren. Die Summe, etwa 1% Milliarden, ergibt die Gesamt-
bevölkerung der Erde. Ich wollte Euch an dieses Weltbild erinnern, da alle
grundlegenden Gegensätze des Kapitalismus, des Imperialismus, die zur
Revolution führen, alle grundlegenden Gegensätze in der Arbeiterbewe-
gung, die zu dem erbitterten Kampf gegen die 11. Internationale geführt
haben, von denen der Genosse Vorsitzende sprach - da alles das mit der
Teilung der Weltbevölkerung zusammenhängt."
(Aus Lenins "Bericht über die Weltlage und die Grundaufgaben der Kommunisti-
schen Internationale" vom 19. 7. 1920, vgl. das "Protokoll des 11. Welt kongresses
der Kommunistischen Internationale", Hamburg 1921, S. 19/20,21.)

Außer den Gegensätzen zwischen den besiegten und siegreichen kapitalisti-


schen Staaten verschärften sich nach Lenin auch die Gegensätze zwischen den
siegreichen Staaten - vor allem wegen ihrer auswärtigen Verschuldung:
"Nicht nur die kolonialen, besiegten Länder sind in diesen Zustand der
Abhängigkeit geraten, sondern auch innerhalb jedes Siegerlandes gestalten
sich alle Konflikte immer schärfer, spitzen sich alle kapitalistischen Gegen-
sätze Zu. Ich werde dies in kurzen Zügen an einigen Beispielen zeigen.

2a Die im Original mißverständlichen Worte "Eine und eine Viertel Milliarde

geknechteter Kolonien" wurden sinngemäß, wie oben ersichtlich, abgeändert.


Charakteristik des Monopolkapitalismus nach dem ersten Weltkrieg 37

Nehmen wir die Staatsschulden. Wir wissen, daß die Schulden der wichtig-
sten europäischen Länder von 1914 bis 1920 nicht weniger als auf das Sie-
benfache gewachsen sind. Ich verweise auf noch eine ökonomische Quelle,
die besonders große Bedeutung gewinnt. Es ist dies Keynes, ein englischer
Diplomat, der Verfasser des Buches ,Die wirtschaftlichen Folgen des
Friedens' ... Er ist zu der Schlußfolgerung gekommen, daß Europa und die
ganze Welt durch den Versailler Frieden dem Bankrott entgegengehen.
Keynes hat seinen Abschied genommen. Er hat der Regierung sein Buch ins
Gesicht geschleudert und gesagt: ,Ihr begeht Wahnsinn.' Ich werde Euch
aus dem Buche von Keynes Zahlen vorlegen, die im großen und ganzen
folgendes zeigen:
Wie gestaltet sich die gegenseitige Verschuldung der Großmächte zuein-
ander? Ich übertrage englische Pfund in Goldrubel, indem ich 10 Gold-
rubel für ein Pfund Sterling rechne. Und da sehen wir, daß die Vereinigten
Staaten ein Aktivum von 19 Milliarden besitzen, während das Passivum
gleich Null ist. Vor dem Kriege hatten sie an England Schulden. Auf dem
letzten Parteitag der KPD am 14. April 1920 wies Genosse Levi in seinem
Bericht ganz richtig darauf hin, daß zwei Mächte bestehen, die jetzt selb-
ständig in der Welt auftreten: England und Amerika. Nur Amerika ist in
finanzieller Hinsicht absolut selbständig. Vor dem Kriege war es Schuldner,
jetzt tritt es nur als Gläubiger auf. Alle übrigen Mächte der Welt sind
Schuldner ...
Keynes offenbart dabei nur eine übliche spießbürgerliche Eigenheit; wäh-
rend er seinen Rat gibt, alle Schulden zu annulieren, sagt er, daß Frank-
reich natürlich nur gewinne, daß England natürlich nicht sehr verliere, denn
von Rußland sei sowieso nichts zu bekommen; gehörig verliert Amerika,
aber Keynes rechnet auf den amerikanischen ,Edelmut'. In dieser Hinsicht
gehen unsere Ansichten mit denen von Keynes und den übrigen klein-
bürgerlichen Pazifisten auseinander. Wir meinen, daß wir zur Annullierung
der Schulden auf etwas anderes hoffen und in einer anderen Richtung
arbeiten müssen als in der Richtung der Hoffnung auf den ,Edelmut' der
Herren Kapitalisten."
(Aus Lenins "Bericht über die Weltlage und die Grundaufgaben der Kommunisti-
schen Internationale" vom 19. 7. 1920, S. 22/23, 24.)

Auch die innere Lage der aus dem ersten Weltkrieg siegreich hervorgegan-
genen Staaten zeichnete sich nach Lenin durch verschärfte Spannungen zwi-
schen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern aus:
38 Lenins Theorie über Monopolkapitalismus und Imperialismus

"Die Preise für Lebensmittel sind im Durchschnitt in den Vereinigten


Staaten Amerikas um 120 Prozent, der Arbeitslohn nur um 100 Prozent
gestiegen. In England sind die Preise für Lebensmittel um 170 Prozent ge-
stiegen, der Arbeitslohn um 130 Prozent, in Frankreich sind die Lebens-
mittelpreise um 300 Prozent, der Arbeitslohn um 200 Prozent, in Japan sind
die Lebensmittelpreise um 130 Prozent, der Arbeitslohn um 60 Prozent
gestiegen (ich zitiere die Zahlen des Genossen Braun aus seiner oben an-
geführten Broschüre und die Zahlen des Obersten Wirtschaftsrats aus der
,Times' vom 10. März 1920).
Es ist klar, daß bei einer solchen Sachlage das Anwachsen der Empörung
unter den Arbeitern, das Anwachsen revolutionärer Stimmungen und
Ideen, das Anwachsen elementarer Massenstreiks unvermeidlich ist. Denn
die Lage der Arbeiter wird unerträglich. Die Arbeiter überzeugen sich durch
die Erfahrung, daß die Kapitalisten sich am Kriege unmäßig bereichert
haben und die Ausgaben und Schulden den Arbeitern aufbürden."
(Aus Lenins "Bericht über die Weltlage ... " vom 19. 7. 1920, S. 25.)

X. Zur Unvermeicllichkeit eines zweiten Weltkrieges

Aus der Theorie Lenins über die sich noch verschärfenden Spannungen im
monopolkapitalistischen System nach dem ersten Weltkrieg ließ sich noch mehr
als vorher die Unvermeidlichkeit eines neuen Weltkrieges folgern. Für Lenin
stand der kommende Ausbruch eines zweiten Weltkrieges außer Zweifel,
sofern nicht vorher das von den kommunistischen Parteien geführte Prole-
tariat zumindest in den wichtigsten Industriestaaten den Kapitalismus stürzen
würde. Der Ausbruch eines zweiten Weltkrieges, falls der Kapitalismus nicht
vorher zusammenbricht, wurde schon während des ersten Weltkrieges Be-
standteil seiner Theorie:
1914
"Der Imperialismus hat das Geschick der europäischen Kultur aufs Spiel
gesetzt: diesem Kriege werden bald, wenn es nicht eine Reihe erfolgreicher
Revolutionen geben wird, andere Kriege folgen, - das Märchen vom
,letzten Kriege' ist ein leeres schädliches Märchen, eine kleinbürgerliche
,Mythologie' (wie sich ,Golos' richtig ausdrückt). Wenn nicht heute, dann
morgen, wenn nicht während des jetzigen Krieges, so nach ihm - wenn nicht
in diesem, dann im nächstfolgenden Kriege wird das proletarische Banner
des Bürgerkrieges nicht nur Hunderttausende von klassenbewußten Arbei-
Unvermeidlichkeit des 2. Weltkrieges 39

tern um sich sammeln, sondern auch Millionen der jetzt durch den Chau-
vinismus irregeführten Halbproletarier und Kleinbürger, die durch die
Greuel des Krieges nicht nur erschreckt und eingeschüchtert, sondern auch
belehrt, aufgeklärt, geweckt, organisiert, gestählt und gerüstet sein werden,
zum Krieg gegen die Bourgeoisie sowohl des ,eigenen' wie der ,fremden'
Länder."
(Aus Lenins Aufsatz: "Lage und Aufgaben der sozialistischen Internationale",
veröffentlicht am 1. 11. 1914, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke'\ 2. Ausg., Bd. 18,
Wien-Berlin 1929, S.90j91.)
1917
"Wir wollen nicht die unangenehme Möglichkeit ignorieren, daß die
Menschheit im schlimmsten Falle noch einen zweiten imperialistischen Krieg
überleben wird, wenn die Revolution trotz mehrfachen Ausbrüchen der
Massengärung und Massenempörung und trotz unseren Bemühungen aus
diesem Krieg noch nicht geboren wird."
(Aus Lenins Schrift: "Das Militärprogramm der proletarischen Revolution", ver-
öffentlicht im Sept.jOkt. 1917, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden",
Bd. 1, Moskau 1947, S. 883.)
1921
"Die Frage der imperialistischen Kriege, jener heute in der ganzen Welt
vorherrschenden internationalen Politik des Finanzkapitals, welche un-
vermeidlich neue imperialistische Kriege zeugt, unvermeidlich eine un-
erhörte Verstärkung der nationalen Unterdrückung, der Plünderung, Aus-
raubung, Erdrosselung der schwachen, rückständigen, kleinen Völker-
schaften durch eine Handvoll ,fortgeschrittener' Mächte mit sich bringt -
diese Frage ist seit 1914 zum Eckstein der gesamten Politik aller Länder des
Erdballs geworden. Sie ist für Dutzende von Millionen Menschen eine Frage
von Leben und Tod. Es ist das die Frage, ob im nächsten imperialistischen
Krieg, der vor unseren Augen von der Bourgeoisie vorbereitet wird, der vor
unseren Augen aus dem Kapitalismus hervorgeht, 20 Millionen Menschen
niedergemetzelt werden sollen (statt der 10 Millionen Gefallenen des Krieges
von 1914 bis 1918 samt den ihn ergänzenden, auch heute noch nicht be-
endeten ,kleinen' Kriegen), ob in diesem (bei Aufrechterhaltung des Kapi-
talismus) unvermeidlichen kommenden Kriege 60 Millionen verstümmelt
werden sollen (statt der 30 Millionen Verstümmelten von 1914 bis 1918)."
(Aus Lenins Aufsatz: "Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution", veröffent-
licht am 18.10.1921, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd.2,
Moskau 1947, S.887.)
B. Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Nach der Theorie Lenins über den Monopolkapitalismus und über die mit
ihm unvermeidlich verbundene imperialistische Außenpolitik gibt es in diesem
Stadium auf längere Sicht keine Möglichkeiten mehr für das weitere Bestehen
des Kapitalismus. Lenin verneint Wandlungen des Kapitalismus, die ihn für die
Arbeitnehmer erträglich oder gar angenehm machen könnten. Die sich ver-
schärfenden innenpolitischen und außenpolitischen Spannungen im System
des Monopolkapitalismus lassen nach Lenin keine andere Lösung als den Zu-
sammenbruch dieses Systems zu. Daraus wird die "Diktatur des Proletariats"
hervorgehen, die eine sozialistische Gesellschaftsordnung in allen Ländern der
Welt errichten wird. Die unvermeidlichen Kriege zwischen den kapitalisti-
schen Staaten, die einen untrennbaren Bestandteil des monopolkapitalistischen
Systems darstellen, werden nach Lenin diesen gesetzmäßigen Prozeß be-
schleunigen.
Aufgabe des Proletariats ist es nicht, diesen gesetzmäßigen Prozeß ruhig zu
beobachten und geduldig auf den unvermeidlichen Zusammenbruch des
monopolkapitalistischen Systems zu warten. Wie dargelegt, gilt es nach Lenin
diesen Prozeß zu beschleunigen. Die Theorie als Anleitung zum Handeln für
das Proletariat ist eine Lehre über die Methoden, die diesen Prozeß beschleuni-
gen. Umgekehrt darf das Proletariat nichts tun, was diesen Prozeß verlang-
samen könnte.
Im folgenden werden zunächst die allgemeinen Richtlinien Lenins dargestellt,
die für das Handeln des von Kommunisten geführten Proletariats gelten. Es
sind Richtlinien für jeden Kommunisten, unabhängig davon, ob er an der
Spitze eines Staates steht und dabei innen- und außenpolitische Aufgaben zu
lösen hat, oder ob er innerhalb eines kapitalistischen oder feudalen Systems eines
Staates den Sturz dieser Ordnungen vorbereitet und verwirklicht. In einem
daran sich anschließenden Teil werden die konkreten Anweisungen an einen
"proletarischen" Staat für sein Verhalten im Verkehr mit Staaten anderer
Gesellschaftssysteme geschildert, so wie sie sich aus den allgemeinen Richt-
linien für das Handeln des von Kommunisten geführten Proletariats ergeben.
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 41

I. Allgemeine Richtlinien für das Verhalten des Proletariats


gegenüber der kapitalistischen Gesellschaftsordnung

1. Moralische Grundsätze für den Kampf zum Sturz des Kapitalismus

Wenn der Sturz des Kapitalismus und die Errichtung der sozialistischen
Gesellschaftsordnung in jedem Land der Welt das Ziel Lenins ist, so ist damit
über die dabei erlaubten und unerlaubten Methoden nichts gesagt. Es wäre
z. B. denkbar, daß aus moralischen Gründen im weitesten Sinne sich die An-
wendung gewisser Methoden für die Erreichung des erwähnten Zieles ver-
bietet. Das ist in der Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln nicht der Fall.
Es gibt für Lenin keine zeitlosen und allgemein verbindlichen moralischen
Werte, die das Verhalten eines politisch handelnden Menschen zügeln sollen.
Jede Handlung ist erlaubt, sofern sie geeignet ist, das Proletariat dem an-
gestrebten Ziel irgendwie näherzubringen.
"Jede solche Sittlichkeit, die aus einem übernatürlichen, klassenlosen Be-
griff abgeleitet wird, lehnen wir ab. Wir sagen, daß das ein Betrug ist, daß
das ein Schwindel ist, eine V erkleisterung der Hirne der Arbeiter und
Bauern im Interesse der Gutsbesitzer und Kapitalisten.
Wir sagen, daß unsere Sittlichkeit völlig den Interessen des proletarischen
Klassenkampfes untergeordnet ist. Unsere Sittlichkeit entspringt aus den
Interessen des proletarischen Klassenkampfes ...
Wir sagen: sittlich ist, was der Zerstörung der alten Ausbeutergesellschaft
dient und dem Zusammenschluß aller Werktätigen um das Proletariat, das
die neue kommunistische Gesellschaft errichtet.
Die kommunistische Sittlichkeit ist jene Sittlichkeit, die diesem Kampf dient,
die die Werktätigen zusammenschließt gegen jede Ausbeutung, gegen jedes
Kleineigentum; denn das Kleineigentum gibt in die Hände eines einzelnen,
was durch die Arbeit der ganzen Gesellschaft geschaffen wurde."
(Aus Lenins Rede über "Die Aufgaben der Jugendverbände" vom 2. 10. 1920,
vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd.2, Moskau 1947, S.788,
790.)

Durchdenkt man diesen Standpunkt Lenins in allen seinen Folgen für das
politische Handeln, so heißt das: auch die Anwendung von Gewalt in jeder
Form - Angriffskrieg, Bürgerkrieg, Mord an Personengruppen, an einzelnen
Personen - ist erlaubt, sofern sie zu der Zerstörung eines unerwünschten Ge-
sellschaftssystems beiträgt. Demnach sind auch Haß, List, Lüge als Mittel im
Dienste des anzustrebenden Zieles zugelassen. Auch ein zeitweiliges Zusam-
42 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

mengehen mit dem zu vernichtenden Gegner oder ein zeitweiliges Zurück-


weichen vor dem zu vernichtenden, aber noch zu starken Gegner kann sich als
zweckmäßig erweisen.
Wie Lenin zu allen diesen Folgerungen als Theoretiker und Praktiker steht,
wird sich im folgenden aus seiner eigenen Darstellung ergeben.

2. Welche Staatenkriege sind abzulehnen oder Zu befürworten?

a) Die sinnlose Unterscheidung


zwischen Angriffskriegen und Verteidigungskriegen

Nach Lenin ist es falsch, grundsätzlich den Angriffskrieg zu verneinen und


den Verteidigungskrieg zu bejahen. Es hängt von den besonderen Umständen
ab, ob auch der Angriffskrieg zu bejahen ist.
"Je nach der geschichtlichen Situation, je nach den Klassenverhältnissen
usw. muß zu verschiedener Zeit auch die Stellung zum Krieg eine verschie-
dene sein. Es ist sinnlos, ein für allemal, prinzipiell jede Teilnahme am Krieg
ablehnen zu wollen. Es ist anderseits ebenso sinnlos, die Kriege in Ver-
teidigungs- und Angriffskriege zu scheiden ...
Der Imperialismus ist das, was dem gegenwärtigen Kriege einen ganz be-
sonderen Stempel aufdrückt, ihn von allen vorhergegangenen unter-
scheidet.
Nur wenn wir diesen Krieg in seinen spezifischen geschichtlichen Ge-
samtverhältnissen betrachten, wie das für den Marxisten unbedingt er-
forderlich ist, können wir unsere Stellung zum Kriege klar bestimmen.
Andernfalls würden wir mit alten Begriffen und Argumenten operieren, wie
sie einer anderen, einer alten Situation entsprachen. Zu solchen veralteten
Begriffen gehört auch der des Vaterlandes und die erwähnte Einteilung in
Angriffs- und Verteidigungskriege.
Natürlich gibt es auch jetzt noch im lebendigen Bilde der Wirklichkeit
Flecken der alten Farbe. So sind es unter allen kriegführenden Ländern
einzig und allein noch die Serben, die um ihre nationale Existenz kämpfen.
In Indien und China können die klassenbewußten Proletarier ebenso keinen
anderen Weg als den nationalen einschlagen, da sich ihre Länder noch nicht
zu nationalen Staaten herausgebildet haben. Wenn China zu diesem Zwecke
einen Angriffskrieg zu führen hätte, so könnten wir ihm nur unsere Sympa-
thie zuwenden, weil das objektiv ein fortschrittlicher Krieg wäre. Ganz
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 43

genauso konnte Marx im Jahre 1848 einen Angriffskrieg gegen Rußland


propagieren. "
(Aus Lenins Vortrag vom 14. 10. 1914 über das Thema: "Proletariat und Krieg",
vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 18, Wien-Berlin 1929, S. 65, 67/68.)

Als Faktor für die Bestimmung eines Krieges als fortschrittlichen oder
reaktionären ("imperialistischen") Krieg, unabhängig davon, ob er seinen
äußeren Merkmalen nach ein Angriffs- oder Verteidigungskrieg ist, erwähnt
Lenin die Klassen, die den Krieg führen:
1916
"Wie kann man nun das ,wirkliche Wesen' eines Krieges erfassen und
bestimmen? Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik. Man muß die Politik
vor dem Kriege, die Politik, die zum Kriege geführt und ihn herbeigeführt
hat, studieren. Wenn die Politik eine imperialistische war, d. h. eine Politik
der Verteidigung der Interessen des Finanzkapitals, des Raubes und der
Unterdrückung von Kolonien und fremden Ländern, dann ist auch der
Krieg, der sich aus dieser Politik ergibt, ein imperialistischer. Wenn die
Politik eine Politik der nationalen Befreiung war, d. h. die Massenbewegung
gegen die nationale Unterdrückung zum Ausdruck brachte, dann ist der
Krieg, der sich aus dieser Politik ergibt, ein nationaler Befreiungskrieg.
Der Spießbürger versteht nicht, daß der Krieg die ,Fortsetzung der
Politik' ist, und begnügt sich deshalb damit, daß er sagt: ,der Feind greift
an, der Feind ist in mein Land eingefallen', ohne zu analysieren, um was der
Krieg geführt wird, von welchen Klassen, um welchen politischen Zieles
willen."
(Aus Lenins Schrift: "über eine Karikatur auf den Marxismus über den ,imperia-
listischen Ökonomismus'" vom Oktober 1916, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke",
2. Ausg., Bd. 19, Wien-Berlin 1930, S.237.)
1918
"Ein Sozialist, ein revolutionärer Proletarier, ein Internationalist argumen-
tiert anders: Der Charakter eines Krieges (ober ein reaktionärer oder ein
revolutionärer Krieg ist) hängt nicht davon ab, wer angegriffen hat und in
wessen Land der ,Feind' steht, sondern davon, welche Klasse den Krieg
führt, welche Politik durch den gegebenen Krieg fortgesetzt wird. Ist der
gegebene Krieg ein reaktionärer, imperialistischer Krieg, d. h. ein Krieg, der
von zwei Weltgruppen der imperialistischen, gewalttätigen, räuberischen,
reaktionären Bourgeoisie geführt wird, so wird jede Bourgeoisie (sogar die
eines kleinen Landes) zur Teilnehmerin am Raube, und es ist meine Aufgabe,
44 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

die Aufgabe eines Vertreters des revolutionären Proletariats, die proletari-


sche Weltrevolution als einzige Rettung vor den Schrecken des Weltkrieges
vorzubereiten. "
(Aus Leruns Schrift: "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky",
vgl. Lerun: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S.465.)

1920
"Denn der Beweis für den wirklichen sozialen oder, richtiger, den wirk-
lichen Klassencharakter eines Krieges ist selbstverständlich nicht aus der
diplomatischen Geschichte des Krieges zu erhalten, sondern aus der Analyse
der objektiven Lage der herrschenden Klassen in allen kriegführenden
Staaten."
(Aus dem Vorwort Lenins vom 6.7. 1920 zu seiner Schrift: "Der Imperialismus
als höchstes Stadium des Kapitalismus", S. 770.)

So gesehen, beurteilt Lenin die Kriege des revolutionären Frankreich gegen


Österreich, Preußen, Großbritannien (1792-1814), den Krieg Preußens gegen
Frankreich 1870/71 als fortschrittlich, unabhängig davon, ob es sich dabei um
Angriffs- oder Verteidigungskriege handelte. Ebenso ist er bereit, z. B. einen
etwaigen Krieg Chinas, Indiens, Persiens zur Abschüttelung der Herrschaft
der kapitalistischen Großmächte als fortschrittlich zu bezeichnen:
"Die Große Französische Revolution eröffnete eine neue Epoche in der
Geschichte der Menschheit. Von dieser Zeit bis zur Pariser Kommune,
von 1789 bis 1871, stellten die bürgerlich-fortschrittlichen nationalen Be-
freiungskriege einen besonderen Kriegstypus dar. Mit anderen Worten: der
hauptsächlichste Inhalt und die historische Bedeutung dieser Kriege be-
stand in der Beseitigung des Absolutismus und des Feudalismus, in ihrer
Unterminierung, in der Beseitigung fremdnationaler Unterdrückung. Es
waren dies daher fortschrittliche Kriege; und alle ehrlichen, revolutionären
Demokraten, desgleichen auch alle Sozialisten standen bei Kriegen dieses
Charakters mit ihren Sympathien stets auf der Seite desjenigen Landes, d. h.
derjenigen Bourgeoisie, die an der Beseitigung oder Unterminierung der ge-
fährlichsten Stützen des Feudalismus, des Absolutismus und der Unter-
jochung fremder Völker arbeitete. In den Revolutionskriegen Frankreichs
z. B. war das Element der Plünderung und Eroberung fremder Territorien
durch die Franzosen auch enthalten, aber das ändert durchaus nichts an der
grundlegenden historischen Bedeutung dieser Kriege, die den Feudalismus
und Absolutismus im ganzen in die Fesseln der Leibeigenschaft geschlagenen
alten Europa zerstörten und erschütterten. Im französisch-preußischen Krieg
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 45

wurde Frankreich durch Deutschland beraubt, aber dies ändert nicht die
grundlegende historische Bedeutung dieses Krieges, der viele Millionen
Deutsche von der feindlichen Zersplitterung und von der Unterdrückung
durch zwei Despoten, den russischen Zaren und Napoleon IH., befreite."
(Aus Lenins und Sinowjews Schrift vom August 1915: "Sozialismus und Krieg",
vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 18, Wien-Berlin 1929, S.248.)

*
"Junius, der in seiner Broschüre die genannten ,Leitsätze' verteidigt, sagt,
in der imperialistischen Epoche führe jeder nationale Krieg gegen eine
von den imperialistischen Großmächten zum Eingreifen einer anderen,
mit der ersten konkurrierenden, auch imperialistischen Großmacht, und
dadurch werde jeder nationale Krieg in einen imperialistischen verwandelt.
Dieses Argument ist aber auch unrichtig. Es kann so sein, es ist aber nicht
immer so. Mehrere Kolonialkriege in den Jahren 1900-1914 gingen nicht
diesen Weg. Und es wäre einfach lächerlich, wenn wir erklärten, daß z. B.
nach dem jetzigen Krieg, wenn er mit der äußersten Erschöpfung der krieg-
führenden Länder endigt, es ,keinen' nationalen, fortschrittlichen, revo-
lutionären Krieg meinetwegen seitens Chinas im Bunde mit Indien, Persien,
Siam usw. gegen die Großmächte geben ,kann'."
(Aus Lenins Schrift: "Das Militärprogramm der proletarischen Revolution", ver-
öffentlicht im September/Oktober 1917, S. 877.)

Da für Lenins Definition eines Angriffskrieges unerheblich ist, welcher der


gegeneinander kämpfenden Staaten mit militärischen Gewaltakten zuerst
begonnen hat, kann er unter gewissen Umständen den Krieg eines Staates
oder Gebietes als Verteidigungskrieg bezeichnen, obschon dieser Staat bzw.
dieses Gebiet zuerst mit dem Krieg begonnen hat. Es folgen drei Beispiele,
die für Lenins Theorie als Artleitung zum Handeln alle Möglichkeiten offen-
lassen:
1915
"Wenn die Sozialisten in Hinsicht auf die Kriege einer solchen Epoche
von der Berechtigung des ,Verteidigungskrieges' sprachen, so hatten sie
stets gerade diese Ziele, d. h. die dem Revolutionskampf gegen Mittelalter
und Leibeigenschaftsregime geltenden Zwecke im Auge. Die Sozialisten
verstanden unter einem ,Verteidigungskrieg' stets einen in diesem Sinne
,gerechten' Krieg (wie sich Wilhelm Liebknecht einmal ausdruckte). Nur
diesen Sinn hat es, wenn die Sozialisten die Berechtigung, den fortschritt-
lichen und gerechten Charakter der ,Vatedandsverteidigung' und des
46 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

,Abwehrkrieges' anerkannt haben und auch heute anerkennen. Wenn z. B.


morgen Marokko an Frankreich, Indien an England, Persien oder China
an Rußland usw. den Krieg erklären werden, so wären dies ,gerechte'
Kriege, ,Verteidigungskriege', unabhängig davon, wer der angreifende
Teil wäre, und jeder Sozialist würde mit dem Sieg der unterdrückten,
abhängigen, nicht gleichberechtigten Staaten über die Unterdrücker, die
Sklavenhalter, die Räuber - über die ,Großmächte' - sympathisieren."
(Aus Lenins und Sinowjews Schrift vom August 1915: "Sozialismus und Krieg",
S.249.)
1916
"P. Kijewski hat nicht bemerkt, daß ein nationaler Aufstand auch ,Vater-
landsverteidigung' ist I Indes wird nur ein klein bißchen Überlegung jeden
überzeugen, daß dem wirklich so ist, denn jede ,aufständische Nation'
,verteidigt' sich gegen die unterdrückende Nation, verteidigt ihre Sprache,
ihre Heimat, ihr Vaterland.
Jede nationale Unterdrückung ruft Abwehr in den breiten Massen des Vol-
kes hervor, die Tendenz jeder Abwehr der national unterdrückten Bevölke-
rung ist aber der nationale Aufstand."
(Aus Lenins Schrift vom Oktober 1916: "über eine Karikatur auf den Marxismus
und über den ,imperialistischen Ökonomismus' ", S. 270.)
*
"Wir wollen als Ergänzung zu dem dort Gesagten bemerken, daß man
einen nationalen Aufstand des annektierten Gebietes oder Landes gegen das
annektierende Land Aufstand und nicht Krieg nennen kann (uns ist eine sol-
che Entgegnung zu Ohren gekommen, und wir führen sie deshalb an, ob-
wohl wir diese Streitigkeiten über die Terminologie nicht ernst nehmen).
In jedem Falle wird sich wohl kaum jemand entschließen, zu verneinen, daß
das annektierte Belgien, Serbien, Galizien, Armenien ihren ,Aufstand'
gegen die annektierenden Staaten, Vaterlandsverteidigung' nennen und mit
Recht so nennen."
(Aus Lenins Aufsatz: "Ergebnisse der Diskussionen über das Selbstbestimmungs-
recht", veröffentlicht im Oktober 1916, vgl. Lenins und Sinowjews Sammelwerk:
"Gegen den Strom", Berlin 1921, S.393.)

b) Die Nützlichkeit von Kriegen zwischen den kapitalistischen Staaten

Bei einer solchen Einstellung zu Kriegen müssen Lenin Kriege zwischen


den kapitalistischen Staaten nützlich erscheinen. Das ist auch die richtige
Folgerung Lenins, nachdem er, wie dargelegt, Kriege zwischen den kapi-
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 47

talistischen Staaten als Beschleuniger für das Heranreifen der proletarischen


Revolution ansieht. Einige Beispiele für die Nützlichkeit von Kriegen zwischen
kapitalistischen Staaten für das Ziel Lenins seien angeführt:

1915
"Es ist längst anerkannt, daß Kriege bei all den Schrecken und Nöten,
die sie mit sich ziehen, einen mehr oder weniger großen Nutzen bringen
durch die schonungslose Aufdeckung, Enthüllung und Zerstörung von
manch Faulem, Überlebtem und Abgestorbenem in den menschlichen
Einrichtungen. Von unzweifelhaftem Nutzen wurde auch der europäische
Krieg der Jahre 1914/15 für die Menschheit dadurch, daß er der vor-
geschrittenen Klasse der zivilisierten Länder zeigte, daß in ihren Parteien
eine abscheuliche Eiterbeule gereift ist, von der sich ein unerträglicher
Leichengeruch verbreitet ...
Da kann weder von irgendwelchen ,Illusionen' im allgemeinen noch von
ihrer Widerlegung die Rede sein, denn nie hat irgendein Sozialist irgendwo
die Garantie dafür übernommen, daß die Revolution gerade von dem an-
gehenden (und nicht erst dem folgenden) Kriege, gerade von der gegen-
wärtigen (und nicht von der morgigen) revolutionären Situation erzeugt
werden wird: hier handelt es sich um die unzweifelhafteste und grundlegendste
Verpflichtung aller Sozialisten, die Verpflichtung, vor den Massen das
Vorhandensein der revolutionären Situation zu enthüllen, ihre Breite und
Tiefe zu untersuchen, das revolutionäre Bewußtsein und die revolutionäre
Entschlossenheit des Proletariats anzuregen, ihm zum Übergang zu revolu-
tionären Aktionen zu verhelfen und der revolutionären Situation entspre-
chende Organisationen zu schaffen für die Weiterarbeit in dieser Richtung."
(Aus Lenins Aufsatz: "Der Zusammenbruch der H. Internationale", veröffentlicht
1915, vgl. das Sammelwerk Lenins u. Sinowjews: "Gegen den Strom", Hamburg
1921, S. 130, 137.)
1916
,,,Verräterisch' kann dabei nur sein, daß Spießbürger imstande sind, jeden
Krieg zu rechtfertigen, indem sie sagen: ,wir verteidigen das Vaterland',
während der Marxismus, der sich nicht zum Spießbürgertum erniedrigt,
die historische Analyse jedes einzelnen Krieges fordert, um festzustellen,
ob man diesen Krieg als fortschrittlichen, den Interessen der Demokratie
oder des Proletariats dienenden und in diesem Sinne als einen berechtigten,
gerechten usw. betrachten kann."
(Aus Leruns Schrift vom Oktober 1916: "über eine Karikatur auf den Marxis-
mus ... ", S.236.)
48 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

1920
"Der imperialistische Krieg hat der Revolution geholfen: die Bourgeoisie
zog aus den Kolonien, aus den rückständigen Ländern Soldaten zur Teil-
nahme an dem imperialistischen Kriege heran. Die englische Bourgeoisie
redete den indischen Bauern ein, daß es ihre Pflicht sei, als Soldaten Groß-
britannien gegen Deutschland zu verteidigen. Die französische Bourgeoisie
redete den Soldaten aus den französischen Kolonien ein, daß sie, die Neger,
Frankreich verteidigen müßten. Sie lehrte sie den Gebrauch von Waffen.
Das ist ein äußerst nützliches Wissen; wir könnten der Bourgeoisie dafür
sehr dankbar sein, ihr im Namen aller russischen Arbeiter und Bauern und
im Namen der russischen Roten Armee im besonderen danken. Der im-
perialistische Krieg zog die abhängigen Völker mit hinein in die Welt-
geschichte. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist nun, darüber nachzu-
denken, wie wir den Grundstein zur Organisation der Sowjetbewegung in
den nichtkapitalistischen Ländern legen sollen. Die Sowjets sind auch dort
möglich; sie werden keine Arbeiterräte, sondern Bauernräte oder Räte der
Werktätigen sein."
(Aus Lenins "Bericht über die Weltlage ... " vom 19. 7. 1920, S.38.)

Wer sich zur Nützlichkeit von Kriegen zwischen den kapitalistischen Staaten
als Beschleuniger für das Heranreifen der proletarischen Revolution bekennt,
muß logischerweise gegen eine zu frühzeitige Beendigung von Kriegen zwi-
schen den kapitalistischen Staaten sein. Wird doch dadurch der beschleunigte
Prozeß in der Zerstörung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung verlang-
samt und der Ausbruch der proletarischen Revolution hinausgezögert. Das
hat Lenin auch ausgesprochen. Vom Standpunkt Lenins aus ging der erste
Weltkrieg mit dem Jahre 1918 zu rasch zu Ende:
"Es war augenscheinlich, daß eine Verlangsamung der revolutionären Be-
wegung eintreten mußte, als die Völker Frieden bekamen. Ohne also
hinsichtlich der Zukunft irgendwelche Prophezeiungen auszusprechen,
müssen wir sagen, daß wir gegenwärtig unseren Kurs nicht darauf einstellen
können, daß dieses Tempo in ein rasches Tempo umschlagen werde.
Unsere Aufgabe ist es, zu entscheiden, was wir in der Gegenwart tun müssen.
Die Menschen leben in einem Staat, jeder Staat aber lebt innerhalb eines
Systems von Staaten, zwischen denen ein gewisses politisches Gleichgewicht
besteht."
(Aus der Rede Lenins vor den Moskaucr Zellensekretären vom 26. 11. 1920, vgl.
Lenin: "Ausgewählte Werke in zwölf Bänden", Bd. 8, Moskau 1935, S. 297.)
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 49

"Und die Hauptschwierigkeiten, vor denen wir im Laufe der vier Jahre
standen, bestanden darin, daß es den westeuropäischen Kapitalisten gelungen
war, den Krieg zu beenden und die Revolution hinauszuschieben.
Wir alle haben in Rußland besonders deutlich beobachtet, daß die Lage der
Bourgeoisie während des imperialistischen Krieges am unsichersten war."
(Aus der Rede Lenins vom 6. 2. 1921 vor Vertretern der Textilarbeiter, vgl. Lenin:
"Sämtliche Werke", 3. Auß., Bd. 26, Moskau 1940, S. 184.)

c) Lenins Wunsch nach weiteren Kriegen zwischen den kapitalistischen Staaten

Es kann daher nicht verwundern, daß Lenin, der die vorteilhaften Wirkun-
gen eines Krieges zwischen den kapitalistischen Staaten und die nachteiligen
Wirkungen einer zu frühen Beendigung dieses Krieges so sieht, sich möglichst
viele und lange Kriege zwischen den kapitalistischen Staaten wünschen muß.
Das wäre der Fall, selbst wenn Lenin sich in keiner Veröffentlichung darüber
so geäußert hätte. Es gibt jedoch zumindest zwei Veröffentlichungen Lenins,
in denen er seinen grundsätzlichen Standpunkt dazu fast unverhüllt darlegte.
Wie wünschenswert er den Ausbruch eines Krieges zwischen den kapitalisti-
schen Staaten hält, geht u. a. aus seiner Rede über die Revision des Partei-
programms auf dem 7. Parteitag am 8. März 1918 hervor. Er berief sich dabei
auf Friedrich Engels wie folgt:
"Und hier muß man das sagen, was Friedrich Engels 1887, vor dreißig
Jahren, sagte, als er die wahrscheinliche Perspektive eines europäischen
Krieges einschätzte. Er sprach davon, daß die Kronen zu Dutzenden in
Europa auf das Pflaster rollen werden, und daß sich niemand finden werde,
der sie aufhebt, er sprach davon, welche unglaubliche Zerstörung in den
europäischen Ländern eintreten werde und wie das Endergebnis der
Schrecken des europäischen Krieges nur eines sein kann. Er drückte es
folgendermaßen aus: ,... Der Sieg des Proletariats ist entweder schon
errungen oder doch unvermeidlich'. In dieser Beziehung hat Engels sich
außerordentlich exakt und vorsichtig ausgedrückt. Zum Unterschied von
den Leuten, die den Marxismus entstellen, die ihre verspäteten Pseudo-
scharfsinnigkeiten präsentieren, daß auf dem Boden der Zerstörung der
Sozialismus nicht möglich sei, verstand Engels ausgezeichnet, daß jeder
Krieg sogar in jeder fortgeschrittenen Gesellschaft, nicht nur Zerstörung,
Verwilderung, Qualen und Leiden für die Massen schafft, die im Blute
ersticken, daß man nicht garantieren könne, daß das nicht zum Sieg des
Sozialismus führen werde. Er sagte: ,... Der Sieg des Proletariats ist
50 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

entweder schon errungen oder doch unvermeidlich', d. h. also, daß hier


noch eine Reihe von schwierigen Übergangs stufen möglich ist angesichts
der gewaltigen Zerstörung der Kultur und der Produktionsmittel, daß aber
das Resultat nur sein kann: der Aufschwung der Avantgarde der werk-
tätigen Massen, der Arbeiterklasse, und der Übergang dazu, daß sie die
Macht in ihre Hände nimmt zum Aufbau der sozialistischen Gesellschaft.
Denn wie groß auch die Zerstörung der Kultur sein mag - sie aus dem ge-
schichtlichen Leben auszumerzen, ist unmöglich. Es wird schwer sein, sie
wieder aufzubauen, aber niemals führt eine Zerstörung so weit, daß die
Kultur vollkommen verschwindet. Dieser oder jener Teil, diese oder jene
materiellen Überreste dieser Kultur sind nicht zu beseitigen, die Schwierig-
keit wird lediglich darin bestehen, sie zu erneuern. Das ist die eine Auf-
fassung, die dafür eintritt, daß wir das alte Programm beibehalten und es
durch eine Charakteristik des Imperialismus und des Beginns der sozialen
Revolution ergänzen."
(Aus einer Rede Lenins vom 7.3.1918, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in
zwölf Bänden", Bd. 8, Moskau 1935, S.329/330.)

Was Friedrich Engels über die revolutionären Vorteile eines kommenden


Weltkrieges sagte, hielt Lenin für so wichtig, daß er einige Monate nach seiner
erwähnten Rede einen besonderen Aufsatz darüber veröffentlichte. Er be-
wunderte die Voraussage von Engels über eine nach Lenin schon greifbare
gesellschaftliche Wirklichkeit, die aus einem zerstörerischen Krieg hervor-
gehen würde. In diesem Sinne veröffentlichte er am 2. Juli 1918 einen Aufsatz:
"Prophetische Worte". Dort hieß es:
"An Wunder glaubt man jetzt, Gott sei Dank, nicht mehr. Wunderbare
Prophezeiung ist ein Märchen. Aber wissenschaftliche Prophezeiung ist
eine Tatsache. Und in unseren Tagen, wo man ringsum nicht selten eine
schändliche Mutlosigkeit und sogar Verzweiflung antreffen kann, ist es
nützlich, an eine wissenschaftliche Prophezeiung zu erinnern, die sich
bewahrheitet hat ...
So hat vor über dreißig Jahren Friedrich Engels über einen kommenden
Weltkrieg geurteilt:
,Kein anderer Krieg ist für Preußen-Deutschland möglich als ein Welt-
krieg. Und das würde ein Weltkrieg von einer bisher nie gesehenen Aus-
dehnung und Kraft sein. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich
untereinander abwürgen und dabei ganz Europa kahlfressen, wie es noch nie
Heuschreckenschwärme getan haben. Die Verwüstungen des Dreißig-
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 51

jährigen Krieges, zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über


den ganzen Kontinent verbreitet, Hungersnot, Seuchen, allgemeine,
durch schwere Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volks-
massen, hoffnungslose Verwirrung unseres künstlichen Getriebes im Handel,
in der Industrie und im Kredit; alles dies endet im allgemeinen Bankrott;
Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit
derart, daß die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und
niemand sich findet, um diese Kronen aufzuheben; absolute Unmöglichkeit
vorherzusehen, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf
hervorgehen wird; nur ein Resultat absolut unzweifelhaft: die allgemeine
Erschöpfung und die Herstellung von Bedingungen für den endgültigen
Sieg der Arbeiterklasse.
Das ist die Aussicht, wenn das auf die Spitze getriebene System des gegen-
seitigen Wettbewerbs in den Kriegsrüstungen endlich seine unvermeid-
lichen Früchte trägt. Dorthin, meine Herren Könige und Staatsmänner,
hat Ihre Weisheit das alte Europa gebracht. Und wenn Ihnen nichts anderes
übrig bleibt, als den letzten großen Kriegstanz zu eröffnen - uns kann es
recht sein. Der Krieg mag uns vielleicht für eine Zeit in den Hintergrund
drängen, mag uns manche schon eroberte Position entreißen. Aber wenn Sie
die Mächte entfesseln werden, mit denen Sie dann schon nicht wieder fertig
werden können, so mag es gehen, wie es will: am Schluß der Tragödie sind
Sie ruiniert und der Sieg des Proletariats wird entweder schon errungen
oder doch unvermeidlich sein.
London, 15. Dezember 1887 Friedrich Engels'

Welch geniale Prophezeiung! Und wie unendlich reich an Gedanken ist


jeder Satz dieser genauen, klaren, kurzen, wissenschaftlichen Klassen-
analyseI"
(Aus dem Aufsatz Lenins "Prophetische Worte", veröffentlicht am 2. 7. 1918,
vgl. Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg., Bd.23, Moskau 1937, S.
105/106.)

Nirgends wird der Wunsch von Friedrich Engels nach einem so verheerenden
Krieg für das letzten Endes siegreiche Proletariat in ganz Europa so deutlich
wie in den Worten: "Und wenn Ihnen nichts anderes übrigbleibt, als den
letzten großen Kriegstanz zu eröffnen - uns kann es recht sein." Lenin schließt
sich dem Wunsch von Engels uneingeschränkt an.
Ob der von Engels prophezeite und gewünschte Weltkrieg bereits mit dem
Zusammenbruch der kapitalistischen Ordnung enden würde, war für Engels
52 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

nicht sicher. Die tatsächliche Entwicklung bestätigte den schon während des
ersten Weltkrieges erklärten Standpunkt Lenins, daß dem Sturz des kapitalisti-
schen Systems in allen Ländern möglicherweise ein zweiter Weltkrieg voraus-
gehen müßte (vgl. S. 38-39). Drei Jahre nach dem ersten Weltkrieg war er
sich offenbar nicht mehr sicher, ob selbst ein zweiter Weltkrieg das gewünschte
Ergebnis bringen würde. Er zweifelte zwar nicht an einem Sturz des Kapitalis-
mus in einer Reihe von Ländern nach einem zweiten Weltkrieg; aber bis zum
Sturz des Kapitalismus in allen Ländern waren nach ihm mehrere Weltkriege
unvermeidlich:
"Die erste bolschewistische Revolution riß aus dem imperialistischen Krieg,
aus der imperialistischen Welt das erste Hundert von Millionen Menschen
der Erde heraus. Die folgenden werden aus solchen Kriegen und aus einer
solchen Welt die ganze Menschheit herausreißen."
(Aus Lenins Aufsatz: "Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution", veröffent-
licht am 18. 10. 1921, vgl. "Ssotschinjenija" ["Werke"], 3. Ausg., Bd. 27, Moskau
1937, S.28/29.)3

Wieder wird deutlich die Nützlichkeit von Kriegen zwischen den kapitalisti-
schen Staaten für das Fortschreiten der von Lenin gewünschten Revolution.
Hat er damit auch mehrere Weltkriege gewünscht, falls nicht ohne sie der
erwünschte Zusammenbruch des kapitalistischen Systems in allen Ländern zur
Tatsache wird? Aus dem obigen Text läßt sich diese Frage nicht ebenso
eindeutig beantworten, wie das bei der Stellungnahme Lenins zum Ausbruch
des ersten Weltkrieges an Hand der von Lenin kommentierten Engels-Zitate
möglich war. Wir können nur mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß er auch
1921 den Ausbruch mehrerer Weltkriege bejaht hat, falls nicht proletarische
Bürgerkriege die von Lenin gehaßte gesellschaftliche Ordnung vor dem Aus-
bruch eines zweiten, dritten Weltkrieges stürzen können.

d) Für Angriffskriege "sozialistischer" Staaten gegen "kapitalistische" Staaten

Wie dargelegt, ist für Lenin der Angriffskrieg eines Staates gegen einen an-
deren Staat fortschrittlich, gerecht oder reaktionär, ungerecht, je nachdem,
ob die den Angriffskrieg führende Regierung einer fortschrittlichen Klasse
angehört im Vergleich zu der Regierung des angegriffenen Staates. Nach dieser
Theorie haben z. B. Angriffskriege bürgerlicher demokratischer, kapitalisti-
scher Staaten gegen "Feudalstaaten" einen fortschrittlichen Charakter im

3 Diesen Standpunkt Lenins billigte Chruschtschow in einer Rede 1955 (vgl. S. 3).
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 53

Gegensatz zu dem reaktionären Charakter des Angriffskrieges eines "Feudal-


staates" gegen einen bürgerlich demokratischen, kapitalistischen Staat.
Am fortschrittlichsten sind nach Lenin die "sozialistischen" Staaten. Ihnen
gegenüber erscheinen die fortschrittlichen "kapitalistischen" Staaten nicht
mehr fortschrittlich, sondern reaktionär. Noch mehr trifft dies auf "Feudal-
staaten" zu. Infolgedessen hat nach dieser Theorie der Angriffskrieg eines
"sozialistischen" Staates gegen einen "kapitalistischen" Staat als fortschrittlich,
gerecht zu gelten, während derselbe Krieg eines "kapitalistischen" Staates
gegen einen "sozialistischen" Staat reaktionär, ungerecht wäre.
Alles dies ergibt sich aus den Ausführungen unter B, I, 2a); und es ist fast
überflüssig, einige Beispiele für die grundsätzliche Bejahung von Angriffs-
kriegen "sozialistischer" Staaten gegen alle gesellschaftlich anders aufge-
bauten Staaten zu bringen. Freilich würde sich Lenin nach seiner Theorie
dagegen wenden, den Angriffskrieg (im Sinne eines Krieges, der von einem
Staat gegen einen anderen zuerst begonnen wurde) eines "sozialistischen"
Staates als Angriffskrieg zu bezeichnen. Er bezeichnet einen solchen Krieg
als "revolutionären Krieg", als "revolutionären Befreiungskrieg", als "Krieg".
Was unterscheidet aber praktisch den Angriffskrieg eines "kapitalistischen"
Staates z. B. von dem "revolutionären Befreiungskrieg" eines "sozialistischen"
Staates? Ein "revolutionärer Befreiungskrieg" ist nichts anderes als ein gesell-
schaftlich motivierter Angriffskrieg. Selbst dieses Motiv für einen Angriffskrieg
war nicht neu. Schon die Mächte der "Heiligen Allianz" hielten sich zu gesell-
schaftlich motivierten Angriffskriegen für berechtigt, falls in anderen Staaten
durch Revolutionen die bisherige Ordnung beseitigt wird. Bei Lenin handelt
es sich um ein radikal entgegengesetztes gesellschaftliches Motiv für Angriffs-
kriege. Es folgen nunmehr einige Beispiele für die grundsätzliche Einstellung
Lenins zu Angriffskriegen "sozialistischer" Staaten:
1916
"Es schadet aber nicht, darüber nachzudenken, ob eine solche ,Einwen-
dung' gegen das politische Programm einer revolutionären Partei logisch
ist. Sind wir denn gegen Kriege und Revolutionen für das Gerechte und
für das dem Proletariat Nützliche, für Demokratie und Sozialismus?"
(Aus Lenins Aufsatz: "Ergebnisse der Diskussionen über das Selbstbestimmungs-
recht", veröffentlicht im Oktober 1916, S.403.)
*
"Um diesen Krieg als national auszugeben, berufen sich die Sozialchau-
vinisten auf die Selbstbestimmung der Nationen. Es gibt nur eine richtige
Kampfesweise gegen sie: man muß beweisen, daß dieser Krieg nicht
54 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

um die Befreiung der Nationen geführt wird, sondern darum, welcher


von den großen Räubern mehr Nationen unterdrücken soll. Doch sich
zur Ablehnung eines Krieges versteigen, der wirklich um die Befreiung der
Völker geführt wird, heißt den Marxismus auf das Schlimmste karikieren."
(Aus Lenins Schrift vom Oktober 1916: "über eine Karikatur auf den Marxis-
mus ... ", S.239.)
1917
"Wir sind keine Pazifisten. Wir sind Gegner imperialistischer Kriege, die
um die Verteilung der Beute unter die Kapitalisten geführt werden, aber
wir haben es stets als Unsinn bezeichnet, daß das revolutionäre Proletariat
auch revolutionären Kriegen abschwören sollte, die sich im Interesse des
Sozialismus als notwendig erweisen können."
(Aus Lenins "Abschiedsbrief an die Schweizer Arbeiter" vom 8.4.1917, vgl.
Lenin: "Ausgewählte Werke in zwölf Bänden", Bd. 6, Moskau 1935, S. 18.)
1918
"Der Sozialismus ist gegen die Vergewaltigung der Nationen. Das ist un-
bestreitbar. Aber der Sozialismus ist überhaupt gegen die Gewaltanwen-
dung Menschen gegenüber. Daraus hat jedoch außer den christlichen
Anarchisten und Tolstoianern noch niemand gefolgert, daß der Sozialismus
gegen die revolutionäre Gewalt sei. Von ,Gewalt' schechthin reden, ohne
die Bedingungen zu analysieren, heißt also ein Spießbürger sein, der die
Revolution verleugnet, oder heißt einfach sich selbst und andere durch
Sophistik betrügen.
Das gleiche gilt auch für die Vergewaltigung von Nationen. Jeder Krieg
ist Gewaltanwendung gegenüber Nationen, das hindert aber die Sozialisten
nicht, für einen revolutionären Krieg zu sein. Der Klassencharakter des
Krieges - das ist die grundlegende Frage, die vor dem Sozialisten auftaucht
(wenn er kein Renegat ist)."
(Aus Lenins Schrift: "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky",
S.464.)
Das zuletzt angeführte Zitat Lenins zeigt, wie in seiner Sicht sich ein Be-
kenntnis zur Gewaltlosigkeit zugleich mit einem Bekenntnis zum Angriffs-
krieg eines "sozialistischen" Staates vereinbaren läßt. Begründung: um eben
zum Zustand der Gewaltlosigkeit zu gelangen, der nach Lenin erst nach der
Verwirklichung des Sozialismus in der ganzen Welt erreicht ist, muß man
Gewalt gegenüber den "kapitalistischen" Staaten anwenden. (Hierzu auch
der Standpunkt Lenins, daß erst nach der Verwirklichung des Sozialismus
Frieden möglich sei, vgl. S. 59-63 in diesem Buch.)
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 55

1919
"Wir haben stets gesagt: ,Es gibt Kriege und Kriege'. Wir verurteilten
den imperialistischen Krieg, aber wir lehnten nicht den Krieg schlecht-
hin ab.
Jene Leute, die uns des Militarismus zu beschuldigen versuchten, haben sich
verrannt. Und als ich den Bericht über die Berner Konferenz der Gelben
las, auf der Kautsky den Ausdruck gebrauchte, daß es bei den Bolschewiki
nicht Sozialismus, sondern Militarismus gebe, da lachte ich und zuckte die
Achseln. Hat es denn in der Geschichte auch nur eine große Revolution
gegeben, die nicht mit Krieg verbunden gewesen wäre? Natürlich nicht!"
(Aus Lenins Rede vom 18. 3. 1919 auf dem 8. Parteitag, vgl. Lenin: "Ausgewählte
Werke in zwölf Bänden", Bd. 8, Moskau 1935, S.35.)

Fassen wir die grundsätzliche Lehre Lenins über Kriege in seiner Theorie als
Anleitung zum Handeln zusammen:
Es gibt gerechte, fortschrittliche und ungerechte, reaktionäre Kriege, un-
abhängig davon, ob sie technisch in die Kategorie der Angriffskriege oder der
Verteidigungskriege fallen. In diesem Sinne kann ein "sozialistischer" Staat
nur gerechte Angriffs- und Verteidigungskriege führen. Sie sollen den Zu-
sammenbruch des Kapitalismus in der Welt beschleunigen. Als Beschleuniger
dieses Zusammenbruches wirken auch Kriege zwischen den "kapitalistischen"
Staaten. Sie sind daher nützlich und zumindest wünschenswert.

3. Die Rolle von Bürgerkriegen

a) Der fast immer unvermeidliche Bürgerkrieg für den Sturz


des kapitalistischen Systems

Wer sich zu Angriffskriegen "sozialistischer" Staaten gegen Staaten mit


anderer gesellschaftlicher Ordnung bekennt, kann erst recht nicht gegen
Bürgerkriege sein. Der von Lenin für unerläßlich gehaltene Klassenkampf des
Proletariats gegen andere Klassen darf sich nicht auf Streiks und Massen-
demonstrationen beschränken. Er muß nach ihm immer schärfere Formen an-
nehmen; und der Bürgerkrieg ist nach ihm nur eine Form des Klassenkampfes.
Der Klassenkampf schließt den Bürgerkrieg mit ein. Es folgen zunächst einige
Äußerungen Lenins aus verschiedenen Jahren, die die Notwendigkeit des
Bürgerkrieges im allgemeinen betonen.
56 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

1906
"Man wird entgegnen: wenn wir nicht die Kraft haben, einer regelwidri-
gen und demoralisierenden Erscheinung Einhalt zu gebieten, so ist das
gar kein Grund für die Partei, zu regelwidrigen und demoralisierenden
Kampfmitteln überzugehen. Ein solcher Einwand aber wäre bereits liberal-
bürgerlich und nicht marxistisch, denn der Marxist kann den Bürgerkrieg
oder den Partisanenkampf als eine seiner Formen nicht für überhaupt regel-
widrig und demoralisierend halten. Der Marxist steht auf dem Boden des
Klassenkampfes und nicht des sozialen Friedens. In gewissen Perioden
scharfer wirtschaftlicher und politischer Krisen entwickelt sich der Klassen-
kampf zum unmittelbaren Bürgerkrieg, d. h. zum bewaffneten Kampf
zwischen zwei Teilen des Volkes. In solchen Perioden ist der Marxist ver-
pflichtet, auf dem Standpunkt des Bürgerkrieges zu stehen. Jede moralische
Verurteilung des Bürgerkrieges ist vom Standpunkt des Marxismus völlig
unzulässig. "
(Aus Leruns Aufsatz: "Der Partisanenkampf", veröffentlicht am 13. 10. 1906,
vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Aufl., Bd. 10, Wien 1930, S. 120/121.)

1917
"Bürgerkriege sind auch Kriege. Wer den Klassenkampf anerkennt, der
kann nicht umhin, auch Bürgerkriege anzuerkennen, die in jeder Klassen-
gesellschaft eine natürliche, unter gewissen Umständen unvermeidliche
Weiterführung, Entwicklung und Verschärfung des Klassenkampfes dar-
stellen. Alle großen Revolutionen bestätigen das. Bürgerkriege zu verneinen
oder zu vergessen, hieße in den äußersten Opportunismus verfallen und auf
die sozialistische Revolution verzichten."
(Aus Lenins Schrift: "Das Militärprogramm der proletarischen Revolution",
S.877.)
1918
"Sie können die gesamte Literatur aller einigermaßen verantwortungs-
vollen sozialistischen Parteien, Fraktionen und Gruppen durchsehen und
werden bei keinem einzigen verantwortungsvollen und ernsthaften Sozia-
listen einen solchen Unsinn finden, daß irgendwann der Sozialismus anders
kommen wird als durch den Bürgerkrieg, und daß die Gutsbesitzer und
Kapitalisten ihre Vorrechte freiwillig abtreten werden. Das wäre eine
Naivität, die an Dummheit grenzt."
(Aus Lenins Schlußwort zu seiner Rede über den Kampf gegen den Hunger vom
4.6.1918, vgl. Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg., Bd.23, Moskau
1937, S. 63.)
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 57

1921
"Der Bürgerkrieg ist die schärfste Form des Klassenkampfes, und je
schärfer dieser Kampf ist, desto schneller verbrennen in seinem Feuer alle
kleinbürgerlichen Illusionen und Vorurteile, desto offenkundiger zeigt die
Praxis selbst sogar den rückständigsten Schichten der Bauernschaft, daß nur
die Diktatur des Proletariats die Bauernschaft retten kann, daß die Sozial-
revolutionäre und die Menschewiki faktisch nur die Lakaien der Guts-
besitzer und Kapitalisten sind."
(Aus Lenins "Thesen zum Referat über die Taktik der KPR auf dem III. Kongreß
der Kommunistischen Internationale" vom 13. 6. 1921, vgl. Lenin: "Ausgewählte
Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S. 865.)

Daß das Proletariat ohne Bürgerkrieg die Macht im Staat erobert und somit
ohne Bürgerkrieg den Kapitalismus stürzt, hielt Lenin in sehr seltenen Fällen
für möglich. Zu diesem allerdings offenbar nur zeitweiligen Standpunkt be-
kannte er sich angesichts der innenpolitischen Lage Rußlands nach dem ge-
scheiterten Putsch des Generals Kornilow im September 1917 (vgl. seine An-
sicht in den Jahren 1918, 1921). So schrieb er in den ersten Oktobertagen von
1917:
"Der Demokratie Rußlands, den Sowjets, den Parteien der Sozialrevolutio-
näre und Menschewiki bietet sich jetzt die in der Geschichte der Revolution
außerordentlich seltene Möglichkeit, die Einberufung der Konstituieren-
den Versammlung zur angesetzten Zeit ohne neue Verschleppungen zu
sichern, die Möglichkeit, das Land vor der Gefahr einer militärischen und
wirtschaftlichen Katastrophe zu schützen, die Möglichkeit, eine friedliche
Entwicklung der Revolution zu sichern ...
Durch die Übernahme der ganzen Macht könnten die Sowjets jetzt noch
- und wahrscheinlich ist das ihre letzte Chance - eine friedliche Entwicklung
der Revolution sichern, friedliche Wahlen der Deputierten durch das Volk,
einen friedlichen Kampf der Parteien innerhalb der Sowjets, die Prüfung der
Programme der verschiedenen Parteien in der Praxis, den friedlichen Über-
gang der Macht aus der Hand einer Partei in die einer anderen.
Läßt man diese Möglichkeit ungenutzt vorübergehen, so weist der ganze
Entwicklungsgang der Revolution, angefangen von der Bewegung des
20. April bis zum Kornilowputsch, auf die Unvermeidlichkeit des schärfsten
Bürgerkrieges zwischen Bourgeoisie und Proletariat hin. Die unabwendbare
Katastrophe wird diesen Krieg näher bringen. Er wird, wie alle dem mensch-
lichen Verstande zugänglichen Erfahrungen und Erwägungen zeigen, mit
einem vollen Sieg der Arbeiterklasse enden, die bei der Durchführung des
58 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

dargelegten Programms von den armen Bauern unterstützt werden wird,


aber dieser Krieg kann sich als sehr schwer und sehr blutig erweisen, er
kann Zehntausenden von Gutsbesitzern und Kapitalisten sowie Offizieren,
die mit ihnen sympathisieren, das Leben kosten. Das Proletariat wird vor
keinen Opfern haltmachen, um die Revolution zu retten, die jedoch anders
als durch das dargelegte Programm nicht gerettet werden kann. Das Prole-
tariat würde aber die Sowjets mit allen Mitteln unterstützen, wenn sie ihre
letzte Chance einer friedlichen Entwicklung der Revolution ausnutzen
würden."
(Aus Lenins Aufsatz: "Die Aufgaben der Revolution", veröffentlicht am 9./10.10.
1917, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd.2, Moskau 1947,
S. 145/146.)

Mit diesem seltenen Fall einer friedlichen Revolution war keineswegs eine
Mäßigung im Ziel oder eine Teilung der Macht des von Lenins Partei ge-
führten Proletariats mit anderen Parteien, auch sozialistischen Parteien gemeint.
Nur wenn die anderen Parteien die alleinige Machtergreifung durch Lenin
und seine Anhänger ohne Widerstand vorher und nachher zuließen, war der
Fall einer Machtergreifung ohne Bürgerkrieg denkbar. Tatsächlich trat dieser
Fall nicht ein. Dafür machte Lenin "den wütenden Widerstand der besitzenden
Klassen" verantwortlich:
"Gleichzeitig hat der Bürgerkrieg, der durch den wütenden Widerstand
der besitzenden Klassen hervorgerufen wurde, die sehr gut begriffen haben,
daß sie vor dem letzten und entscheidenden Kampf um die Erhaltung des
Privateigentums an Grund und Boden und den Produktionsmitteln stehen,
seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Der Sieg der Sowjetrnacht in diesem
Kampf ist sicher, aber unvermeidlich wird noch eine gewisse Zeit vergehen,
unvermeidlich wird eine große Anspannung der Kräfte erforderlich sein,
wird eine gewisse Periode der akuten Zerrüttung und des Chaos, die die
Folge eines jeden Krieges, besonders eines Bürgerkrieges sind, unvermeid-
lich sein - bis der Widerstand der Bourgeoisie gebrochen sein wird."
(Aus Lenins: "Thesen über den sofortigen Abschluß eines annexionistischen
Separatfriedens", veröffentlicht am 24. 2. 1918, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke
in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S.304.)

Selbst wenn in einem Land die bürgerliche Demokratie den "unterdrückten


Massen" dieselben politischen Rechte wie den anderen gesellschaftlich herr-
schenden Gruppen geben sollte, so wäre dies für Lenin nur eine günstigere
Grundlage für den Sturz der dortigen Gesellschaftsordnung. Jeder Wider-
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 59

stand gegen die alleinige Machtergreifung des kommunistisch geführten


Proletariats war nach ihm gewaltsam zu brechen, d. h. man durfte auch nicht
vor dem Bürgerkrieg zurückschrecken:
" ,Wir', die revolutionären Marxisten, haben dem Volke nie solche Reden
gehalten, wie es die Kautskyaner aller Nationalitäten zu tun liebten, die vor
der Bourgeoisie liebedienerten, sich dem bürgerlichen Parlamentarismus an-
paßten, den bürgerlichen Charakter der heutigen Demokratie verschwiegen
und nur ihre Erweiterung, ihre restlose Durchführung forderten.
,Wir' haben der Bourgeoisie gesagt: ,Ihr Ausbeuter und Heuchler sprecht
von Demokratie, während ihr gleichzeitig der Teilnahme der unterdrück-
ten Massen an der Politik auf Schritt und Tritt tausend Hindernisse in
den Weg legt. Wir nehmen euch beim Wort und fordern im Interesse dieser
Massen die Erweiterung eurer bürgerlichen Demokratie, um die Massen zur
Revolution vorzubereiten, um euch Ausbeuter zu stürzen. Und wenn ihr
Ausbeuter versuchen solltet, unserer proletarischen Revolution Widerstand
zu leisten, so werden wir euch erbarmungslos unterdrücken, werden euch
entrechten, mehr noch: wir werden euch kein Brot geben, denn in unserer
proletarischen Republik werden die Ausbeuter rechtlos sein, Feuer und
Wasser wird ihnen entzogen werden, denn wir sind im Ernst und nicht
im Scheidemannschen oder Kautskyschen Sinne Sozialisten'.
So haben ,wir' gesprochen und so werden ,wir' revolutionären Marxisten
sprechen; und eben darum werden die unterdrückten Massen für uns und mit
uns sein, die Scheidemann und Kautsky dagegen werden auf dem Mist-
haufen der Renegaten enden."
(Aus Lenins Schrift von 1918: "Die proletarische Revolution und der Renegat
Kautsky", S.459.)

b) Nur über Bürgerkriege


zum dauerhaften Frieden zwischen den Staaten

Für Lenin hat der Bürgerkrieg des Proletariats aber nicht nur eine große
innenpolitische Bedeutung. Nach seiner Theorie sind, wie dargelegt, Kriege
zwischen den kapitalistischen Staaten in der Phase des Monopolkapitalismus un-
vermeidlich. Der Friede zwischen den kapitalistischen Staaten ist nur eine
Atempause zwischen den Kriegen. Einen "dauerhaften", "demokratischen"
Frieden kann es daher nicht geben, solange diese gesellschaftliche Ordnung
nicht gestürzt und durch eine sozialistische Ordnung abgelöst wird. Daher
richtet er die schärfsten Angriffe gegen bürgerliche und sozialdemokratische
60 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Pazifisten, die meinen, daß ein langer Frieden zwischen den kapitalistischen
Staaten möglich sei, und im Rahmen der kapitalistischen Ordnung dafür
kämpfen. Wer nach Lenin einen dauerhaften Frieden erstrebt, kann dies nicht
anders als durch den proletarischen Bürgerkrieg erreichen, der das kapitali-
stische System stürzt. Zum dauerhaften Frieden durch Bürgerkrieg - das ist
für Lenin kein Widerspruch. Die folgenden Darlegungen Lenins zeigen, wie
unverrückbar er an dieser Auffassung vor und nach der Oktoberrevolution
festhlelt.
1914
"Kriegsdienstverweigerung, Streik gegen den Krieg usw. ist einfach eine
Dummheit, ein jämmerlicher und feiger Traum von unbewaffnetem Kampf
gegen die bewaffnete Bourgeoisie, ein Seufzen nach Beseitigung des
Kapitalismus ohne verzweifelten Bürgerkrieg oder eine Reihe von Kriegen.
Die Propaganda des Klassenkampfes bleibt auch im Kriege Pflicht der
Sozialisten; die Arbeit, die auf die Verwandlung des Völkerkrieges in den
Bürgerkrieg zielt, ist im Zeitalter des imperialistischen bewaffneten Zu-
sammenpralls der Bourgeoisie aller Nationen die einzige sozialistische
Arbeit. Nieder mit den pfäffisch-sentimentalen und törichten Träumereien
vom ,Frieden um jeden Preis'! Wir wollen das Banner des Bürgerkrieges
erheben!"
(Aus Lenins Aufsatz: "Lage und Aufgabe der sozialistischen Internationale", ver-
öffentlicht am 1. 11. 1914, vgI. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd.18,
Wien-Berlin 1929, S. 90.)
1915
"Wer einen dauerhaften und demokratischen Frieden will, der muß für den
Bürgerkrieg gegen Regierungen und Bourgeoisie sein ...
Marxismus ist nicht Pazifismus. Für schnellste Beendigung des Krieges Zu
kämpfen ist notwendig. Aber nur bei gleichzeitigem Aufruf zu revolutio-
närem Kampf erhält die ,Friedens'-Forderung proletarischen Sinn. Ohne
eine Reihe von Revolutionen ist der sogenannte demokratische Friede eine
spießbürgerliche Utopie."
(Aus Lenins und Sinowjews Schrift: "Sozialismus und Krieg" vom August 1915,
vgI. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Auf1., Bd. 18, Wien-Berlin 1929, S.267, 284.)

1916
"Unser ,Friedensprogramm' muß schließlich darin bestehen, klarzumachen,
daß die imperialistischen Mächte und die imperialistische Bourgeoisie keinen
demokratischen Frieden schließen können. Diesen muß man suchen und
erstreben, aber nicht in der Vergangenheit, in der reaktionären Utopie
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 61

eines nicht imperialistischen Kapitalismus oder eines Bundes gleichbe-


rechtigter Nationen im Kapitalismus, sondern in der Zukunft, in der
sozialistischen Revolution des Proletariats. Keine einzige demokratische
Grundforderung ist in den fortgeschrittenen imperialistischen Ländern
auch nur halbwegs dauerhaft und in breitem Umfange anders zu verwirk-
lichen als durch revolutionäre Kämpfe unter dem Banner des Sozialismus.
Wer aber den Völkern einen ,demokratischen' Frieden verheißt, ohne
gleichzeitig die sozialistische Revolution zu propagieren, wer den Kampf
für diese Revolution, den Kampf schon jetzt, während des Krieges, ablehnt,
der betrügt das Proletariat."
(Aus Lenins Aufsatz: "Über das Friedensprogramm", veröffentlicht am 25.3.
1916, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 19, Wien-Berlin 1930, S. 63/64.)
1917
"Erst nachdem wir die Bourgeoisie in der ganzen Welt, und nicht nur in
einem Lande niedergeworfen, vollständig besiegt und expropriiert haben,
werden die Kriege unmöglich werden. Und es wird vom wissenschaftlichen
Standpunkt aus ganz unrichtig und ganz unrevolutionär sein, wenn wir
gerade das Wichtigste: die Unterdrückung des Widerstandes der Bour-
geoisie, - das Schwierigste, das am meisten Kampf Erfordernde beim Über-
gang zum Sozialismus umgehen oder vertuschen werden. Die ,sozialen'
Pfaffen und Opportunisten sind immer bereit, von dem zukünftigen
friedlichen Sozialismus zu träumen, aber sie unterscheiden sich von den
revolutionären Sozialdemokraten gerade dadurch, daß sie an den erbitterten
Klassenkampf und Klassenkriege nicht denken wollen und den erbitterten
Klassenkampf und Klassenkriege nicht beabsichtigen wollen, um diese
herrliche Zukunft zu verwirklichen."
(Aus Lenins Aufsatz: "Das Militärprogramm der proletarischen Revolution",
veröffentlicht im Sept./Okt. 1917, vgl. Lenin: "Ssotschinjenija" ["Werke"],
3. Ausg., Bd. 19, Moskau 1935, S.325.)
1918
"Wie vor der Revolution, so weisen wir auch jetzt darauf hin, wenn das
internationale Kapital den Krieg in den Lauf der Geschichte wirft, wenn
Hunderttausende von Menschen umkommen, wenn der Krieg die Sitten
umgestaltet und die Menschen lehrt, Fragen mit militärischer Gewalt zu
entscheiden, es in dieser Zeit mehr als seltsam wäre zu denken, daß man
anders aus dem Krieg herauskommen kann als nach seiner Umwandlung
in einen Bürgerkrieg. Und das, was in Österreich, in Italien und in Deutsch-
land heranreift, zeigt, daß der Bürgerkrieg dort in noch krasseren Zügen
62 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

sich vollziehen wird, noch schärfer sein wird. Einen anderen Weg gibt es
für den Sozialismus nicht. Wer gegen den Sozialismus Krieg führt, der
verrät den Sozialismus völlig."
(Aus Lenins Schlußwort vom 4. 6. 1918 Zu seiner Rede vom 4.6.1918, vgl. Le-
nin "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg., Bd. 23, Moskau 1937, S.63.)

Das Ende des ersten Weltkrieges im November 1918, ohne Umwandlung


des Staatenkrieges in Bürgerkriege in den vormals kriegführenden Staaten,
bewog Lenin nicht, seine Theorie über die V O1aussetzungen eines "dauer-
haften, demokratischen Friedens« zu korrigieren. Was sich nach 1918 im
Verhältnis der kapitalistischen Staaten zueinander abzeichnete, war in seiner
Sicht nur die Grundlage für einen neuen Weltkrieg zwischen ihnen. So wider-
sprach er sich nicht, wenn er während des ersten Weltkrieges die Aussicht
für einen dauerhaften Frieden ohne den siegreichen Bürgerkrieg des Prole-
tariats verneinte und nach dem ersten Weltkrieg erklärte: kein dauerhafter
Frieden ist möglich ohne den vorherigen siegreichen Bürgerkrieg des Prole-
tariats in diesen Staaten.
1920
"Eine jede Partei, die der III. Internationale anzugehören wünscht, ist
verpflichtet, nicht nur den offenen Sozialpatriotismus, sondern auch die
Unaufrichtigkeit und Heuchelei des Pazifismus zu entlarven: den Arbeitern
systematisch vor Augen zu führen, daß ohne revolutionären Sturz des
Kapitalismus keinerlei internationale Schiedsgerichte, keinerlei Abkommen
über Einschränkung der Kriegsrüstungen, keinerlei ,demokratische'
Reorganisation des Völkerbundes imstande sein werden, neue imperialisti-
sche Kriege zu verhüten."
(Aus Lenins Leitsätzen über die Bedingungen zur Aufnahme in die Kommunisti-
sche Internationale, veröffentlicht in der Zeitschrift "Die Kommunistische Inter-
nationale", Moskau 1920, Nr. 12, S. 12.)4

1921
"Die Lakaien der Bourgeoisie und ihre Nachbeter in Gestalt der Sozial-
revolutionäre und der Menschewiki, in Gestalt der ganzen angeblich
,sozialistischen' kleinbürgerlichen Demokratie der ganzen Welt haben die
Losung ,Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg'

4. Die dort abgedruckten Leitsätze erwähnen zwar nicht Lenin als Verfasser.

Aus anderen sowjetischen Quellen geht klar hervor, daß Lenin der Verfasser
dieser Leitsätze war (v gl. u. a. Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg.,
Bd. 25, Moskau 1937, S.615).
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 63

verhöhnt. Aber diese Losung hat sich als die einzige Wahrheit erwiesen - als
eine unangenehme, grobe, nackte, grausame Wahrheit, ganz richtig, aber
als Wahrheit inmitten eines Wustes der raffiniertesten chauvinistischen und
pazifistischen Betrügereien. Diese Betrügereien brechen zusammen. Der
Brester Frieden ist entlarvt. Mit jedem Tag werden immer erbarmungsloser
Bedeutung und Folgen des im Vergleich zum Brester Frieden noch schlim-
meren Versailler Friedens entlarvt. Und immer klarer, immer deutlicher,
immer unabweisbarer ersteht vor Millionen und aber Millionen von Men-
schen, die über die Ursachen des gestrigen Krieges und über den herauf-
ziehenden Krieg von morgen nachdenken, die schreckliche Wahrheit:
es gibt kein anderes Entrinnen aus dem imperialistischen Kriege und aus
dem ihn unvermeidlich erzeugenden imperialistischen Frieden, aus der
imperialistischen Welt - es gibt kein anderes Entrinnen aus dieser Hölle
als durch den bolschewistischen Kampf und durch die bolschewistische
Revolution.
Mögen die Bourgeoisie und die Pazifisten, die Generale und die Spieß-
bürger, die Kapitalisten und die Philister, alle gläubigen Christen und alle
Ritter der II. Internationale und der Internationale Zweieinhalb mit noch
so wütendem Geschimpfe über diese Revolution herfallen - auch mit
Strömen von Bosheit, Verleumdung und Lüge werden sie die weltgeschicht-
liche Bedeutung der Tatsache nicht verdunkeln können, daß zum erstenmal
in Jahrhunderten und Jahrtausenden die Sklaven den Krieg zwischen den
Sklavenhaltern mit der offenen Verkündung der Losung beantwortet haben:
Laßt uns diesen zwischen den Sklavenhaltern um die Teilung ihrer Beute
geführten Krieg umwandeln in den Krieg der Sklaven aller Nationen gegen
die Sklavenhalter aller Nationen!"
(Aus Lenins Aufsatz: "Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution", veröffent-
licht am 18. 10. 1921, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd.2,
Moskau 1947, S.887/888.)

c) Frauen und Kinder als Teilnehmer am Bürgerkrieg

Aus alledem ergibt sich, welche Bedeutung der Bürgerkrieg in Lenins


Theorie als Anleitung zum Handeln für das revolutionäre Proletariat spielt.
Dabei ist wichtig für Lenin, daß sich an dem Bürgerkrieg auch die Frauen und
Kinder des Proletariats beteiligen. Schon vor dem Bürgerkrieg sollen die
proletarischen Kinder von ihren Müttern im Geiste eines kommenden Bürger-
krieges zum Sturz der bürgerlichen Gesellschaftsordnung erzogen werden.
64 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

So nahm Lenin hierzu im Oktober 1916 Stellung:


"Ein bürgerlicher Zeuge der Kommune schrieb im Mai 1871 in einer
englischen Zeitung folgendes: ,Wenn die französische Nation nur aus
Frauen bestünde, was für eine schreckliche Nation wäre das dann I' Frauen
und Kinder über 13 Jahre kämpften zur Zeit der Kommune an der Seite
der Männer. Anders kann es auch in den zukünftigen Kämpfen für die
Niederwerfung der Bourgeoisie nicht sein. Die proletarischen Frauen
werden nicht passiv zusehen, wie die gut bewaffnete Bourgeoisie die schlecht
bewaffneten oder unbewaffneten Arbeiter erschießen wird. Sie werden - so
wie es auch im Jahre 1871 der Fall war - zu den Waffen greifen, und aus den
jetzigen eingeschüchterten Nationen - oder richtiger gesagt: aus der
jetzigen Arbeiterbewegung, die mehr durch die Opportunisten als durch
die Regierungen desorganisiert wurde - wird sich früher oder später,
jedoch mit absoluter Sicherheit ein internationaler Verband der ,schreck-
lichen Nationen' des revolutionären Proletariats entwickeln.
Jetzt erfaßt die Militarisierung das ganze öffentliche Leben. Imperialis-
mus - das ist ein erbitterter Kampf der Großmächte um die Teilung und
abermalige Teilung der Welt - und deshalb muß er unvermeidlich in allen
Ländern, auch in den neutralen und kleinen Ländern, zur weiteren Mili-
tarisierung führen. Was werden aber die proletarischen Frauen dagegen tun?
Werden sie jeden Krieg und alles militärische Wesen nur verfluchen und
allein die Abrüstung fordern? Niemals werden die Frauen einer unter-
drückten Klasse, die wirklich revolutionär ist, sich mit einer so schmach-
vollen Rolle begnügen. Sie werden zu ihren Söhnen sagen:
,Du wirst bald groß sein. Man wird dir Waffen geben. Nimm sie und übe
dich im Waffenhandwerk. Dieses Wissen ist für den Proletarier notwendig,
nicht, um auf deine Brüder, die Arbeiter der anderen Länder zu schießen,
wie dies auch in diesem Kriege der Fall ist, und wie die Verräter des Sozialis-
mus es dir zu tun raten, sondern um gegen die Bourgeoisie deines eigenen
Landes zu kämpfen, um der Ausbeutung, der Armut und den Kriegen
nicht mit frommen Wünschen, sondern durch den Sieg über die Bourgeoisie
und ihre Entwaffnung ein Ende zu machen.'
Wenn man, besonders im Zusammenhange mit dem jetzigen Kriege,
auf eine solche Propaganda verzichten will, dann ist es besser, überhaupt
keine großen Worte über die internationale Sozialdemokratie, über die soziale
Revolution und über den Kampf gegen den Krieg im Munde zu führen."
(Aus Lenins Aufsatz: "über die Losung der Abrüstung", veröffentlicht im Oktober
1916, vgl. Lenin u. Sinowjew: "Gegen den Strom", Hamburg 1921, S. 505/506.)
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 65

4. Terror und Haß als Mittel des Kampfes

"Wir sind gegen den Terrorismus, aber für den Terror" - ein solcher Stand-
punkt wäre in der Sicht westlicher demokratischer Politiker ein Widerspruch.
Lenin aber unterschied zwischen Terrorismus und Terror. Unter Terrorismus
verstand er z. B. die Attentate der Sozialrevolutionäre an führenden Persön-
lichkeiten des zaristischen Systems, um damit das Zeichen für spontane
Aufstände des Volkes gegen das zaristische Regierungssystem zu geben.
Solche Attentate verurteilte Lenin. Damit lehnte er nicht grundsätzlich Atten-
tate ab. Was er an den Attentaten der Sozialrevolutionäre verurteilte, waren
nicht die Attentate an sich, sondern ihre mangelnde Koordination mit einem
organisatorisch gründlich vorbereiteten Aufstand. Attentate, für sich allein
stehend, erschienen ihm ungeeignet, ja schädlich für den Erfolg einer Organi-
sation, die sich den gewaltsamen Sturz des Zarismus zum Ziel setzt. Daß er
Attentate an politisch führenden Einzelpersonen begrüßte, wenn sie die
Einleitung zu einem vorbereiteten Aufstand bilden sollen, geht u. a. aus
seiner Stellungnahme zu dem Attentat des Sozialdemokraten Fritz Adler
auf den Ministerpräsidenten Österreich-Ungarns, Graf Stürgkh, am 21. Okto-
ber 1916 hervor. Seine Rede auf dem Parteitag der sozialdemokratischen Partei
der Schweiz am 4. November 1916 berührte das Attentat auf Stürgkh und
zeigt die Abgrenzung Lenins gegenüber den Anhängern des "Terrorismus"
und gegenüber den sozialdemokratischen "Opportunisten", die auf die Gewalt
als Mittel des politischen Kampfes verzichten wollen.
"Erlauben Sie mir, mit einigen Worten noch einen Punkt zu berühren,
über den heutzutage besonders viel gesprochen wird und über welchen
wir russischen Sozialdemokraten im Besitze einer besonders reichen
Erfahrung sind: das ist die Frage des Terrorismus.
Wir besitzen noch keine Nachrichten von den österreichischen revolutio-
nären Sozialdemokraten, die auch dort vorhanden sind, und auch die son-
stigen Nachrichten sind äußerst spärlich. Infolgedessen wissen wir nicht,
ob die Hirnichtung Stürgkhs durch den Genossen Fritz Adler die An-
wendung des Terrorismus als Taktik war, die in der systematischen Organi-
sierung politischer Attentate ohne Zusammenhang mit dem revolutionären
Kampf der Masse steht, oder ob diese Hinrichtung nur ein einzelner Schritt
im Übergang von der opportunistischen, nichtsozialistischen Taktik der
das Vaterland verteidigenden offiziellen österreichischen Sozialdemokraten
zu eben jener Taktik des revolutionären Massenkampfes war. Diese zweite
Annahme scheint eher den Tatsachen zu entsprechen; und infolgedessen
66 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

verdient die Begrüßung an Fritz Adler, die der Zentralvorstand der italie-
nischen Partei zum Beschlusse erhoben hat und die im ,Avanti' vom 29. Ok-
tober veröffentlicht wurde, die volle Sympathie.
Jedenfalls sind wir überzeugt, daß die Erfahrung der Revolution und
Konterrevolution die Richtigkeit des mehr als zwanzigjährigen Kampfes
unserer Partei gegen den Terrorismus als Taktik bestätigt hat. Es darf
aber nicht vergessen werden, daß dieser Kampf im engen Zusammenhange
mit dem schonungslosen Kampf gegen den Opportunismus, der geneigt
war, jegliche Anwendung der Gewalt von seiten der unterdrückten Klasse
gegen ihre Unterdrucker zu verwerfen, geführt worden ist. Wir. waren
immer für die Anwendung der Gewalt, sowohl im Massenkampfe wie auch
im Zusammenhange mit diesem Kampfe. Zweitens haben wir den Kampf
auch gegen den Terrorismus mit einer jahrelangen, viele Jahre vor dem
Dezember 1905 beginnenden Propaganda des bewaffneten Aufstandes
vereinigt. Wir sahen in ihm nicht nur die beste Antwort des Proletariats
auf die Politik der Regierung, sondern auch das unvermeidliche Resultat
der Entwicklung des Klassenkampfes für den Sozialismus und die Demo-
kratie. Drittens hatten wir uns mit der prinzipiellen Anerkennung der
Gewaltanwendung und der Propagierung des bewaffneten Aufstandes nicht
begnügt. Wir unterstützten z. B. vier Jahre vor der Revolution die An-
wendung der Gewalt der Masse gegen ihre Unterdrücker, besonders bei den
Straßendemonstrationen. Wir bemühten uns dafür, daß sich das ganze Land
die Praxis einer jeden solchen Demonstration zu eigen machte. Wir trachteten
immer mehr auf die Organisierung eines ausdauernden und systematischen
Widerstandes der Massen gegenüber der Polizei und dem Militär, auf die
Hineinziehung mittels dieses Widerstandes eines mäglichft großen Teils
der Armee in dem Kampf zwischen dem Proletariat und der Regierung,
auf die Heranziehung der Bauern und des Militärs zu einer bewußten Anteil-
nahme an diesem Kampfe. Das ist die Taktik, die wir im Kampfe gegen den
Terrorismus angewendet haben und die nach unserer festen Überzeugung
vom Erfolg gekränt ist."
(Aus Lcnins Rede auf dem Parteitag der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz
am 4.11. 1916, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 19, Wien-Berlin
1930, S. 348-350.)

Sobald Attentate auf einzelne Personen organisatorisch mit einem vorberei-


teten Aufstand verbunden sind, fallen sie nach Lenin nicht mehr unter den Be-
griff des Terrorismus, sondern des Terrors. Zum Terror gehärt auch die Er-
schießung von Personengruppen der als feindlich angesehenen Gesellschafts-
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 67

klassen durch Aufständische während eines Bürgerkrieges. Dabei spielt die tat-
sächliche leitende Stellung jener zu erschießenden Personengruppen im Staat
keine emscheidende Rolle. Entscheidend ist dabei der Schlag gegen die zu
stürzende Gesellschaftsklasse als Ganzes, deren Widerstandswille gegen die
Aufständischen durch Verbreitung von Schrecken gebrochen werden soll.
Dieser Terror kann Bestandteil eines Bürgerkrieges sein; er braucht es aber
nicht zu sein. Er spielt im allgemeinen eine wesentlich größere Rolle, nachdem
ein Bürgerkrieg die Aufständischen an die Macht gebracht hat. Diese eroberte
Macht steht zu Beginn der Herrschaft der siegreichen Aufständischen oft noch
für die Zeit von Monaten oder gar Jahren auf schwachen Füßen. Es ist die
Zeit, da die Anhänger der gestürzten Ordnung sich sammeln, um nach Vor-
bereitungen den gewaltsamen Sturz der neu sich bildenden Ordnung zu
versuchen. Es ist die Zeit, da gesellschaftliche Gruppen, die weder an der
Revolution der siegreichen Gruppen beteiligt waren noch die Anhänger des
gestürzten Regierungssystem unterstützt hatten, Stellung beziehen und mög-
licherweise sich auf die Seite der Anhänger des gestürzten Regierungssystems
stellen. Je mehr sich unter diesen Umständen die Anhänger der durch den
Bürgerkrieg an die Macht gelangten Gruppe in einer Minderheit sehen, je
größer aber ihre Entschlossenheit ist, unter allen Umständen an der Macht
zu bleiben, um so näher liegt für sie der Terror als Mittel zur Einschüchterung
der offenen oder möglichen Gegner. Im Zusammenhang damit werden An-
gehörige der als feindlich angesehenen Gesellschaftsklassen mit ihren Familien-
angehörigen erschossen, ohne Rücksicht darauf, ob ihnen die Teilnahme an
den Vorbereitungen zur "Kontenevolution" nachgewiesen werden kann oder
nicht. Hierzu gehört auch die Festnahme von Personengruppen als Geiseln
und die öffentliche Anordnung, sie sofort zu erschießen, sobald die An-
gehörigen der als feindlich angesehenen Gesellschaftsklassen einen Aufstand
wagen sollten. Eine andere Form des Terrors ist der Zwang zur wirtschaft-
lichen Mitarbeit der gestürzten und enteigneten Gesellschaftsklassen in unter-
geordneter Stellung unter der Androhung, daß sie im Falle einer Weigerung
von der allgemeinen knappen Lebensmittelversorgung ausgeschlossen werden.
Nur einige Beispiele sind hier angeführt, wie sich der Terror der mit Gewalt
an die Macht gelangten Gruppe auswirken kann, um einen Aufstand gegen
sie zu verhindern.
Der dabei angewandte Terror kann das Ergebnis nicht vorher erkannter
politischer Kräfteverhältnisse innerhalb eines Landes sein oder er ist von
vornherein als ein erlaubtes Instrument der auf die gewaltsame Eroberung und
Sicherung der Macht bedachten Gruppe vorgesehen. Für Lenin, für den jede
68 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Moral sich den Erfordernissen des Klassenkampfes unterordnen muß (vgl.


S. 41), war der Terror schon lange vor der Oktoberrevolution Bestandteil
der Theorie als Anleitung zum Handeln:
"Der Partisanenkampf und der Massenterror, der jetzt nach dem Dezem-
ber überall in Rußland fast ununterbrochen angewandt wird, werden uns
zweifellos helfen, die Massen zu lehren, im Augenblick des Aufstandes
die richtige Taktik anzuwenden. Die Sozialdemokratie muß diesen Massen-
terror billigen und in ihre Taktik aufnehmen, muß ihn natürlich organisieren
und kontrollieren und den Interessen und Bedingungen der Arbeiter-
bewegung und des allgemeinen revolutionären Kampfes unterordnen und
rücksichtslos die ,lumpenproletarische' Entstellung dieses Partisanenkampfes
beseitigen und ausmerzen, mit der die Moskauer in den Tagen des Auf-
standes und die Letten in den Tagen der rühmlich bekannten lettischen
Republiken so prächtig und rücksichtslos aufgeräumt haben."
(Aus Lenins Aufsatz: "Die Lehren des Moskauer Aufstandes", veröffentlicht am
11. 9.1906, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 10, Wien~Berlin 1930,
S.73.)

Lenin bewunderte den Terror der französischen Revolution und verachtete


Menschen, die den Terror de1 französischen Revolution, den Terror als Mittel
"prinzipiell" verurteilten:
"Selbstverständlich lehnten wir den individuellen Terror nur aus Gründen
der Zweckmäßigkeit ab; Leute aber, die es fertigbrächten, den Terror der
großen französischen Revolution oder überhaupt den Terror der siegreichen
und von der Bourgeoisie der ganzen Welt bedrängten revolutionären Partei
,prinzipiell' zu verurteilen, solche Leute hat bereits Plechanow in den
Jahren 1900-1903, als er Marxist und Revolutionär war, dem Spott und der
Verachtung preisgegeben."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ce, S. 681.)

Für den Kampf der Kommunisten in den kapitalistischen Staaten nach dem
ersten Weltkrieg empfahl Lenin den Terror als unbedingt notwendiges Mittel:
"Wir jedoch werden die bittere, aber unbestreitbare Wahrheit aussprechen;
in den Ländern, die eine unerhörte Krise, eine Auflösung der alten Bindun-
gen, eine Verschärfung des Klassenkampfes nach dem imperialistischen
Krieg 1914-1918 durchmachen - und das ist in allen Ländern der Welt
der Fall -, ist es entgegen den Heuchlern und Phrasenhelden unmöglich,
ohne Terror auszukommen. Entweder der weißgardistische, bürgerliche
Terror auf amerikanische, englische (Irland), italienische (Faschisten),
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 69

deutsche, ungarische oder sonstige Manier oder der rote proletarische


Terror. Ein Mittelding gibt es nicht, ein ,Drittes' gibt es nicht und kann es
nicht geben."
(Aus Lenins Schrift: "über die Naturalsteuer", veröffentlicht im Mai 1921, vgl.
Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S. 852.)

Viereinhalb Jahre nach der Oktoberrevolution hielt Lenin die "Diktatur


des Proletariats" in Sowjetrußland immer noch für so gefährdet, daß er auf
den Terror nicht verzichten wollte. In einem Brief vom 17. Mai 1922 an den
damaligen Volkskommissar für Justiz, D. J. Kurski, forderte er eine straf-
gesetzliche Bestimmung, die neben den Gerichten den Terror ausdrücklich
rechtfertigt. Die Bestimmung sollte möglichst weit gefaßt sein, um eine An-
wendung des Terrors unter den verschiedensten Bedingungen zu erlauben:
,,17. V. 1922.
Genosse Kurski ! Im Anschluß an unser Gespräch übersende ich Ihnen
den Entwurf für einen zusätzlichen Paragraphen des Strafgesetzbuches.
Der skizzierte Entwurf bedarf natürlich jeglicher Bearbeitung und Über-
arbeitung. Der grundlegende Gedanke, hoffe ich, ist klar, ungeachtet aller
Mängel des Entwurfs: offen herauszustellen den prinzipiell und politisch
wahren (und nicht nur den juristisch begrenzten) Leitsatz, der den Kern und
die Rechtfertigung des Terrors, seine Notwendigkeit, seine Grenzen be-
gründet.
Das Gericht soll den Terror nicht beseitigen; das zu versprechen wäre
Selbstbetrug oder Betrug, aber ihn prinzipiell begründen und gesetzlich
verankern, klar, ohne Falsch und unverblümt. Formulieren muß man
soweit wie möglich, denn nur das revolutionäre Rechtsbewußtsein und das
revolutionäre Gewissen stellen die Bedingungen für die mehr oder weniger
weite Anwendung in der Wirklichkeit.
Mit kommunistischem Gruß
Lenin."
(Vgl. Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg., Bd. 27, Moskau 1937, S. 296.)

Wer wie Lenin seine Anhänger belehrt, den Aggressionskrieg gegen andere
Staaten nicht grundsätzlich abzulehnen, den Bürgerkrieg, den Terror grund-
sätzlich zu befürworten, wird logischerweise auch den Haß seiner Anhänger
gegen die "Kapitalisten" und ihre Stützen mit allen Mitteln zu entfachen
versuchen. Der 1914 ausgebrochene Krieg zwischen verschiedenen kapitalisti-
schen Staaten erschien ihm dafür besonders günstig:
70 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

"Betrachten wir diese Frage noch von einer anderen Seite. Der Krieg
muß in den Massen unbedingt die stürmischsten Gefühle hervorrufen, die
den üblichen Zustand der Psychologie des Schlafs durchbrechen. Und ohne
Anpassung an diese neuen stürmischen Gefühle ist eine revolutionäre
Taktik unmöglich.
Welches sind die Hauptströme dieser stürmischen Gefühle? 1. Schrecken
und Verzweiflung. Daher - Stärkung der Religion. Die Kirchen begannen
sich von neuem zu füllen - frohlocken die Reaktionäre. ,Wo Leiden sind,
da ist Religion', sagt der Erzreaktionär Barres. Und er hat recht. 2. Haß
gegen den ,Feind' - ein Gefühl, das speziell von der Bourgeoisie (nicht so
sehr von den Pfaffen) angefacht wird und nur für sie wirtschaftlich und poli-
tisch von Vorteil ist. 3. Haß gegen die eigene Regierung und die eigene Bour-
geoisie - das Gefühl aller klassenbewußten Arbeiter, die einerseits begreifen,
daß der Krieg ,die Fortsetzung der Politik' des Imperialismus ist, und darauf
mit einer ,Fortsetzung' ihres Hasses gegen ihren Klassenfeind antworten,
aber andererseits verstehen, daß ,Krieg dem Kriege' ohne Revolution gegen
die eigene Regierung eine platte Phrase ist. Man kann den Haß gegen die
eigene Regierung und die eigene Bourgeoisie nicht wecken, ohne ihnen die
Niederlage zu wünschen, - und man kann kein aufrichtiger Gegner des
,Burgfriedens' (= des Klassenfriedens) sein, ohne den Haß gegen die eigene
Regierung und gegen die eigene Bourgeoisie zu wecken."
(Aus Lenins Aufsatz: "über die Niederlage der eigenen Regierung im imperia-
listischen Kriege", veröffentlicht am 26. 7. 1915, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke",
2. Ausg., Bd. 18, Wien-Berlin 1929, S.226/227.)

Den Haß des Proletariats hält Lenin nicht nur für notwendig, sondern
bezeichnet ihn als edel. Es folgen zwei Beispiele für den Standpunkt Lenins.
"Der Verfasser des Briefes ist von edelstem proletarischen Haß gegen die
bürgerlichen ,Klassenpolitiker' erfüllt (einem Haß, der jedoch nicht nur
den Proletariern, sondern auch allen Werktätigen, allen, um einen deutschen
Ausdruck zu gebrauchen, ,kleinen Leuten' nahe und verständlich ist).
Dieser Haß des Vertreters der geknechteten und ausgebeuteten Massen ist
wahrlich ,aller Weisheit Anfang', die Grundlage einer jeden sozialistischen
und kommunistischen Bewegung und ihrer Erfolge."
(Lenin über einen Brief des britischen Kommunisten Gallacher in seiner Schrift
von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 725.)
*
"In jedem ehrlichen, klassenbewußten Arbeiter, der das Baseler Manifest
von 1912 für bare Münze nahm und nicht für ,Ausflüchte' der Schurken
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 71

der Sorte ,H' und ,H%' hielt, erwachte in unglaublicher Schärfe der Haß
gegen den Opportunismus der alten deutschen Sozialdemokratie; und dieser
Haß - das edelste, erhabenste Gefühl der Besten aus der geknechteten und
ausgebeuteten Masse - machte die Leute blind, nahm ihnen die Möglichkeit,
kaltblütig zu überlegen, eine eigene richtige Strategie auszuarbeiten, als
Antwort auf die glänzende Strategie der bewaffneten, organisierten, durch
die ,russische Erfahrung' gewitzigten, von der Entente, von Frankreich,
Rngland und Amerika unterstützten Kapitalisten. Dieser Haß trieb sie zu
vorzeitigen Aufständen."
(Aus Lenins Brief an die deutschen Kommunisten vom 14.8. 1921, vgl. Lenin:
"Sämtliche Werke", 3. Ausg., Bd. 26, Moskau 1940, S. 595.)

5. Elastischer Wechsel in den Methoden des Kampfes

a) Grenzen für die Anwendung von Gewalt

Hätten Lenin und seine Anhänger nur die Gewalt in ihren verschiedenen
Formen (Bürgerkrieg, Terror, Angriffskrieg u. a.) als Mittel für die Erreichung
ihres Zieles angewandt, so wären sie wahrscheinlich zu keiner größeren
Bedeutung gelangt. Die Anwendung von Gewalt ohne Rücksicht auf die
gegebenen Bedingungen wäre von großen Niederlagen und Blutopfern für
Lenins Anhänger begleitet gewesen, die jede Chance für eine Machtergreifung
immer wieder zerstört hätten. So sehr Lenins Theorie die Anwendung von
Gewalt in ihren verschiedenen Formen, den Haß befürwortet, so sehr aber
haben sie sich dem nüchternen Urteil des Revolutionärs über die Macht der
zu stürzenden Gegner unterzuordnen. Die Gewalt als Instrument für die Ver-
wirklichung der ,proletarischen' Revolution kann zeitweise sogar als schäd-
lich verworfen werden. Lenin hat die Grenzen für ein gewalttätiges Handeln
besonders klar nach seinen Erfahrungen als Praktiker der Politik nach 1917
erkannt und darüber allgemein Gültiges ausgesagt:
"N atürlich, ohne revolutionäre Stimmung unter den Massen, ohne Ver-
hältnisse' die das Anwachsen einer solchen Stimmung fördern, kann eine
revolutionäre Taktik nicht in die Tat umgesetzt werden; wir in Rußland
haben uns aber durch allzu lange, schwere, blutige Erfahrungen von der
Wahrheit überzeugt, daß die revolutionäre Taktik auf der revolutionären
Stimmung allein nicht aufgebaut werden kann. Die Taktik muß auf einer
nüchternen, streng objektiven Einschätzung aller Klassenkräfte des be-
treffenden Staates (und der ihn umgebenden Staaten sowie aller Staaten der
72 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

ganzen Welt) sowie auf der Berücksichtigung der Erfahrungen der revolutio-
nären Bewegungen aufgebaut werden."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S.709.)

Ende 1921 veröffentlichte Lenin einen Aufsatz, in dem er u. a. vor der


Gefahr warnt, die aus der ständigen Anwendung von Gewalt ohne Rücksicht
auf die gegebene Lage für die Revolution erwachsen kann:
"Für den wirklichen Revolutionär ist die größte Gefahr - vielleicht sogar
die einzige Gefahr - die Übertreibung des Revolutionären, das Ignorieren
der Grenzen und Bedingungen der angebrachten und erfolgreichen An-
wendung revolutionärer Methoden. Wirkliche Revolutionäre brachen sich
zumeist dann den Hals, wenn sie anfingen, ,Revolution' mit großen Buch-
staben zu schreiben, die ,Revolution' zu etwas fast Göttlichem zu erheben,
den Kopf zu verlieren, die Fähigkeit zu verlieren, ganz kaltblütig und nüch-
tern zu überlegen, abzuwägen, zu prüfen, in welchem Moment, unter wel-
chen Umständen, auf welchem Betätigungsgebiet man revolutionär zu
handeln verstehen muß und in welchem Moment, unter welchen Umständen
und auf welchem Betätigungsgebiet man es verstehen muß, zu reformisti-
schem Handeln überzugehen. Wirkliche Revolutionäre gehen zugrunde
(nicht im Sinne einer äußeren Niederlage, sondern in dem eines inneren
Zusammenbruchs ihrer Sache) nur dann - aber dann gehen sie bestimmt
zugrunde -, wenn sie die Nüchternheit verlieren und sich einfallen lassen,
daß die ,große, siegreiche, weltumspannende' Revolution unbedingt alle
und jegliche Aufgaben unter allen Umständen auf allen Betätigungsgebieten
revolutionär lösen könne und müsse ... Woraus folgt denn, daß die
,große, siegreiche, weltumspannende' Revolution nur revolutionäre Metho-
den anwenden kann und darf? Das folgt aus gar nichts. Und das ist geradezu
und unbedingt falsch. Das Falsche dieser Auffassung ist auf Grund rein
theoretischer Leitsätze von selbst klar, wenn man den Boden des Marxismus
nicht verläßt."
(Aus Lenins Aufsatz: "über die Bedeutung des Goldes", veröffentlicht am 6./7.
11. 1921, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd.2, Moskau
1947, S. 893/894.)

Zwei andere Beispiele sollen Lenins Warnungen vor "revolutionären Krie-


gen" eines "sozialistischen" Staates Zu jeder beliebigen Zeit gegen andere
Staaten zeigen:
"Faßt man die Beurteilung der Argumente für einen sofortigen revolutio-
nären Krieg zusammen, so muß man zu der Schlußfolgerung kommen,
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 7.3

daß eine solche Politik vielleicht dem Drang eines Menschen nach dem
Schönen, Effektvollen und Blendenden entspricht, aber das objektive
Verhältnis der Klassenkräfte und der materiellen Faktoren im gegen-
wärtigen Augenblick der begonnenen sozialistischen Revolution absolut
nicht berücksichtigt."
(Aus Lenins "Thesen über den Abschluß eines annexionistischen Separatfriedens",
veröffentlicht am 24. 2. 1918, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden",
Bd. 2, Moskau 1947, S.308.)
*
"Vielleicht nehmen die Verfasser an, die Interessen der internationalen Re-
volution erfordern, daß man die Revolution vorantreibt, und ein solches
Vorantreiben sei nur der Krieg, keinesfalls aber ein Frieden, der bei den
Massen den Eindruck einer Art von ,Legitimierung' des Imperialismus
erwecken könnte? Eine solche ,Theorie' wäre ein völliger Bruch mit dem
Marxismus, der stets ein ,Vorantreiben' der Revolution abgelehnt hat, die
sich in dem Maße entwickelt, wie die die Revolution erzeugenden Klassen-
gegensätze sich verschärfen. Eine solche Theorie käme der Auffassung
gleich, der bewaffnete Aufstand sei eine stets und unter allen Umständen
obligatorische Kampfform. In Wirklichkeit erfordern die Interessen der
internationalen Revolution, daß die Sowjetmacht, die die Bourgeoisie
im Lande gestürzt hat, dieser Revolution helfe, aber eine ihren Kräften
entsprechende Form der Hilfe wähle. Daß man der sozialistischen Revolu-
tion im internationalen Maßstab hilft, wenn man es auf die Niederlage dieser
Revolution in einem gegebenen Lande ankommen läßt - eine solche Auf-
fassung ergibt sich nicht einmal aus der Theorie des Vorantreibens."
(Aus Lenins Aufsatz: "Seltsames und Ungeheuerliches", veröffentlicht am 28. 2./
1. 3. 1918, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd.2, Moskau
1947, S.317/318.)

Immer wieder wird deutlich die Kritik Lenins an der Anwendung von
Gewalt, wenn die Überlegenheit des zu vernichtenden Gegners die Gewalt
als Mittel ausschließt. Man beachte auch Lenins Kritik an den schädlichen
Auswirkungen eines durch die Zweckmäßigkeit nicht gezügelten Hasses auf
S.70/71.
b) Andere Methoden als die Gewalt

Schon vor dem ersten Weltkrieg und erst recht danach hat Lenins Theorie
als Anleitung zum Handeln nicht nur bestimmte Methoden des Kampfes
gekannt. Keine Methode lehnte er ab, wenn sie nur geeignet war, den Sturz
74 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

der unerwünschten Ordnung zu erleichtern. Bei aller Mannigfaltigkeit der


Methoden für die oft langwierigen Vorbereitungen der Revolution wurde
die Gewalt jedoch als unvermeidlich angesehen. Auf die Notwendigkeit
mannigfaltiger Methoden im Kampf gegen den Gegner machte Lenin schon
1906 und vorher aufmerksam. In dem bereits angeführten Aufsatz: "Der
Partisanenkampf" verteidigte er aus besonderem Anlaß den Geldraub in
Staatsbanken und bei Privatpersonen, wenn dadurch die Partei des revolutio-
nären Proletariats in ihrem Kampf für den Sturz der kapitalistischen Ordnung
finanziell gekräftigt würde5• Die Verteidigung dieser Methode leitete er mit
einer grundsätzlichen Betrachtung über die Notwendigkeit mannigfaltiger
Methoden ein:
"Beginnen wir mit dem Anfang. Welches sind die Grundforderungen, die
jeder Marxist bei der Untersuchung der Frage der Kampfformen stellen
muß? Erstens unterscheidet sich der Marxismus von allen primitiven
Formen des Sozialismus dadurch, daß er die Bewegung nicht an irgendeine
bestimmte Kampfform bindet. Er erkennt die allerverschiedensten Kampf-
formen an, und zwar ,denkt er sie nicht aus', sondern verallgemeinert sie
nur, organisiert sie und trägt das Element des Bewußtseins in jene Kampf-
formen der revolutionären Klassen, die im Verlauf der Bewegung von
selbst entstehen. Der Marxismus lehnt alle abstrakten Formen, alle doktri-
nären Rezepte unbedingt ab und verlangt ein aufmerksames Studium des in
Gang befindlichen Massenkampfes, der mit der Entwicklung der Bewegung,
mit dem Wachsen des Bewußtseins der Massen, mit der Verschärfung der
wirtschaftlichen und politischen Krisen immer neue und verschiedenartigere
Methoden der Verteidigung und des Angriffes hervorbringt. Deshalb denkt
der Marxismus gar nicht daran, ein für allemal irgendwelche Kampfformen
abzulehnen. "
(Aus dem Aufsatz Lenins von 1906: "Der Partisanenkampf" , S. 113.)

Daraus ergibt sich ohne weiteres, daß auch die Lüge, die List als Mittel
im Kampf gegen den Gegner grundsätzlich erlaubt sind. Lenins Standpunkt,
daß die Moral sich dem Klassenkampf unterzuordnen hat, führt zu derselben
Folgerung. Im Gegensatz zu vielen anderen anzuwendenden Methoden hat
sich Lenin in seinen veröffentlichten Aufsätzen, Schriften, Reden über die
Nützlichkeit der Lüge, der List offenbar nicht grundsätzlich geäußert. Manche
von den Gegnern Lenins angeführten Zitate, die grundsätzliche Bekenntnisse
Lenins zur Lüge, zur List enthalten, erweisen sich bei ihrer Nachprüfung
5 Vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 10, Wien-Berlin 1930, S. 116-125.
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 75

als falsch. Das schließt nicht aus, daß er Lüge und List im politischen Kampf
grundsätzlich befürwortet hat. Nur Veröffentlichungen Lenins darüber sind
offenbar nicht vorhanden.
Als Praktiker der Politik hat er die Lüge und die List durchaus als erlaubte
Mittel anerkannt (vgl. die Beispiele auf S. 280,340-341). Wir haben daneben
Äußerungen von Anhängern bzw. engen Mitarbeitern Lenins, die Lenins
Fähigkeiten, den Gegner zu überlisten, rühmend hervorheben 6 •
Andere erlaubte Mittel neben der Gewalt sind für Lenin das "Lavieren"
zwischen den Gegnern, das .. ,Paktieren", die Kompromisse mit Gegnern - je
nach del Lage. Er macht den Kommunisten Vorwürfe, die solche Methoden
im Kampf gegen den zu vernichtenden Gegner ablehnen:
"Die Kommunisten müssen alle Kräfte anspannen, um die Arbeiterbewe-
gung und die soziale Entwicklung überhaupt auf dem geradesten und
raschesten Wege zum Sieg der Sowjetmacht und zur Diktatur des Prole-
tariats in der ganzen WeIt zu führen. Das ist eine unbestreitbare Wahr-
heit. Aber man braucht nur einen ganz kleinen Schritt weiter - scheinbar
einen Schritt in derselben Richtung - zu tun und die Wahrheit verwandelt
sich in einen Irrtum. Man braucht nur, wie die deutschen und englischen
linken Kommunisten es tun, zu sagen, daß wir nur einen Weg, nur den
geraden Weg anerkennen, daß wir kein Lavieren, kein Paktieren und keine
Kompromisse zulassen - und das wird bereits ein Fehler sein, der dem Kom-
munismus ernstesten Schaden zufügen kann, zum Teil bereits zugefügt
hat und noch zufügt."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 747.)

An einer anderen Stelle der erwähnten Schrift betont er die Notwendigkeit


mehrerer "Zwischenstationen" auf dem Wege zur Revolution, was aber mit
dem grundsätzlichen Verzicht auf "unreine" Methoden unvereinbar sei:
"Unzweifelhaft ist jedoch erstens, daß auch in dieser Frage derjenige
unvermeidlich fehlgehen würde, der auf den Gedanken käme, die Taktik
des revolutionären Proletariats von Grundsätzen abzuleiten wie: ,Die
Kommunistische Partei muß ihre Lehre rein, ihre Unabhängigkeit vom
Reformismus unbefleckt erhalten. Ihre Mission ist es, ununterbrochen,
ohne haltzumachen oder vom Wege abzubiegen, zur kommunistischen

6 L. Trotzki schrieb über Lenin: "Iljitsch liebte die Kriegslist überhaupt. Den
Feind hinters Licht führen, ihn zum besten halten - als ob es etwas Schöneres gäbe I"
Vgl. seine in Moskau erschienene Schrift: "über Lenin", Deutsche Ausgabe, Berlin
1924, S. 81.
76 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Revolution vorwärtszuschreiten.' Denn solche Grundsätze wiederholen


nur den Fehler der französischen blanquistischen Kommunarden, die im
Jahre 1874 die ,Ablehnung' aller Kompromisse und aller Zwischenstationen
proklamierten. "
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ce, S.733/734.)

ZU den anderen Methoden neben der Gewalt gehört sogar der Rückzug vor
einem überlegenen Gegner:
"Die Revolutionen des Proletariats, die in allen fortgeschrittenen Ländern
der Welt heranreifen, werden ihre Aufgaben nicht lösen können, wenn sie
die Fähigkeit, hingebungsvoll zu kämpfen und anzugreifen, nicht mit der
Fähigkeit vereinen, sich in revolutionärer Ordnung zurückzuziehen. Die
Erfahrung der zweiten Periode unseres Kampfes, d. h. die Erfahrung des
Rückzuges, wird vermutlich in Zukunft den Arbeitern zumindestens in
einigen Ländern ebenfalls zugute kommen, ebenso wie unsere Erfahrung
der ersten Periode der Revolution, die Erfahrung der grenzenlos kühnen
Offensive, unzweifelhaft den Arbeitern aller Länder zugute kommen wird."
(Aus Lenins Schlußansprache vom 2.4.1922 auf dem 11. Parteitag, vgl. Lenin:
"Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S. 958.)

c) Ein Höchstmaß an Elastizität in den Methoden als Lernziel

In der Theorie Lenins ist nicht nur die Richtlinie enthalten, mannigfaltige
legale und illegale Methoden anzuwenden. Man muß es auch verstehen, diese
Methoden entsprechend der rasch sich ändernden Lage schnell zu wechseln.
Erst dann kann nach Lenin von einer Beherrschung der verschiedenen Kampf-
rnethoden die Rede sein. In einem bildhaften Vergleich hat Lenin 1915 den
raschen Wechsel im taktischen Vorgehen und die bedenkenlose Anwendung
aller hierfür geeigneten Mittel geschildert:
"Nehmen wir die moderne Armee. Sie ist eine mustergültige Organisation.
Und diese Organisation ist nur deshalb gut, weil sie elastisch ist und zugleich
Millionen von Menschen einen einheitlichen Willen verleihen kann. Heute
sitzen diese Millionen bei sich zu Hause an verschiedenen Ecken und Enden
des Landes. Morgen kommt ein Mobilmachungsbefehl; und schon sind sie
an bestimmten Punkten versammelt. Heute liegen sie in den Schützengräben,
liegen mitunter monatelang da. Morgen gehen sie zum Sturm vor. Heute
vollziehen sie Wunder, indem sie sich vor dem Kugelregen und den Schrap-
nells verstecken. Morgen zeigen sie Wunder im offenen Kampfe. Heute
legen ihre Vortrupps Flatterminen, morgen rücken sie Kilometer weit in
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 77

der Luft vor. Das heißt eben Organisation, wenn im Namen eines Zieles
Millionen von Menschen, beseelt von einem und demselben Willen, die Form
ihrer Gemeinschaft und ihrer Aktion wechselnd, den Ort und die Methoden
der Aktion wechseln, die Waffen und die Werkzeuge entsprechend den
veränderten Verhältnissen und den Erfordernissen des Kampfes wechseln.
Dasselbe hat auch für den Kampf der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie
Gültigkeit. Heute fehlt die revolutionäre Situation, es fehlen die Bedingun-
gen zur Aufruttelung der Massen und zur Steigerung ihrer Aktivität, heute
wird dir ein Wahlzettel in die Hand gedrückt - so nimm ihn und verstehe
dich so zu organisieren, daß du mit dem Wahlzettel deine Feinde schlägst,
aber nicht um im Parlament Leuten, die sich aus Furcht vor dem Gefängnis
am Sessel festhalten, zu guten Plätzen zu verhelfen. Morgen wird dir der
Wahlzettel genommen, dir wird eine Flinte und ein ausgezeichnetes, nach
den letzten Errungenschaften der Maschinentechnik konstruiertes Ma-
schinengewehr in die Hand gedrückt, so nimm diese Mordwerkzeuge,
höre nicht auf die sentimentalen Heulfritzen, die sich vor dem Kriege
fürchten; in der Welt ist noch vieles übriggeblieben, was zur Befreiung der
Arbeiterklasse mit Feuer und Eisen ausgerottet werden muß, und wenn
in den Massen die Erbitterung und die Verzweiflung wächst, wenn eine
revolutionäre Situation vorliegt, so mach dich bereit, neue Organisationen
zu schaffen und die so nützlichen Mordwerkzeuge gegen deine Regierung
und deine Bourgeoisie in Bewegung zu setzen.
Gewiß, das ist nicht leicht. Das wird schwierige, vorbereitende Aktionen
erfordern. Das wird schwere Opfer erfordern. Das ist eine neue Form der
Organisation des Kampfes, die ebenfalls gelernt werden muß, und die
Wissenschaft geht nicht ohne Irrtümer und Niederlagen ab. Diese Art des
Klassenkampfes verhält sich zu der Beteiligung an den Wahlen, wie das
Stürmen sich zu den Manövern, Märschen oder dem Liegen in den Schützen-
gräben verhält. Diese Art des Kampfes wird in der Geschichte höchst selten
aktuell, dafür aber erstrecken sich seine Folgen und seine Bedeutung auf
Jahrzehnte. Jene Tage, da man solche Kampfmethoden auf die Tages-
ordnung stellen kann und darf, kommen zwanzig Jahre anderer historischer
Epochen gleich."
(Aus Leruns Aufsatz: ,.Der Zusammenbruch der 11. Internationale", veröffent-
licht 1915, vgl. Lerun u. Sinowjew: ,.Gegenden Strom", Hamburg 1921, S.165/166.)
Zwei weitere Beispiele aus den Jahren 1920 und 1921 zeigen denselben
Gedanken Lenins. Sosehr sich die Methoden voneinander unterscheiden,
immer sind sie einem unverändert bleibenden Ziel Lenins untergeordnet.
78 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

1920
"Die Geschichte im allgemeinen, die Geschichte der Revolutionen im
besonderen, ist stets inhaltsreicher, mannigfaltiger, vielseitiger, lebendiger,
,schlauer', als die besten Parteien, die klassenbewußtesten Avantgarden der
fortgeschrittensten Klassen es sich vorstellen. Das ist auch verständlich,
denn die besten Avantgarden bringen das Bewußtsein, den Willen, die
Leidenschaft, die Phantasie von Zehntausenden zum Ausdruck, die Revo-
lution aber wird, in Augenblicken des besonderen Aufschwungs und der
besonderen Anspannung aller menschlichen Fähigkeiten, durch das Be-
wußtsein, den Willen, die Leidenschaft, die Phantasie von Dutzenden
Millionen verwirklicht, die vom schärfsten Klassenkampf vorwärtsgepeitscht
werden. Hieraus ergeben sich zwei sehr wichtige praktische Schlußfolgerun-
gen: erstens, daß die revolutionäre Klasse zur Erfüllung ihrer Aufgabe es
verstehen muß, alle Formen oder Seiten der gesellschaftlichen Tätigkeit,
ohne die geringste Ausnahme, zu beherrschen (wobei sie nach der Eroberung
der politischen Macht, mitunter mit großem Risiko und unter ungeheurer
Gefahr, das zu Ende führen muß, was sie vorher nicht zu Ende geführt hat);
zweitens, daß die revolutionäre Klasse auf die schnellste und jäheste Ab-
lösung der einen Form durch die andere vorbereitet sein muß.
Jeder wird zugeben, daß das Verhalten einer Armee unvernünftig, ja
verbrecherisch ist, die sich nicht darauf vorbereitet, alle Waffenarten, alle
Kampfmittel und Kampfmethoden zu beherrschen, über die der Feind
verfügt bzw. verfügen kann. Das gilt aber für die Politik noch mehr als für
das Kriegswesen ...
Die Kommunisten müssen wissen, daß die Zukunft auf jeden Fall ihnen
gehört, und daher können (und müssen) wir die größte Leidenschaftlichkeit
in dem gewaltigen revolutionären Kampf mit der kaltblütigsten und nüch-
ternsten Einschätzung des Tobens der Bourgeoisie verbinden. Die russische
Revolution ist 1905 grausam niedergeschlagen worden; die russischen
Bolschewiki sind im Juli 1917 geschlagen worden; durch raffinierte Provo-
kationen und geschickte Manöver haben die Scheidemanns und Noskes
im Verein mit der Bourgeoisie und den monarchistischen Generalen über
15000 deutsche Kommunisten hingemordet; in Finnland und in Ungarn
wütet der weiße Terror. Aber in allen Fällen und in allen Ländern stählt
und entwickelt sich der Kommunismus; er hat so tiefe Wurzeln geschlagen,
daß die Verfolgungen ihn nicht schwächen, nicht entkräften, sondern stär-
ken. Es fehlt nur eins, damit wir sicherer und fester dem Siege entgegen-
schreiten, nämlich: daß alle Kommunisten in allen Ländern überall voll-
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 79

kommen klar die Notwendigkeit erkennen, in ihrer Taktik äußerst elastisch


zu sein. Dem sich glänzend entwickelnden Kommunismus fehlt jetzt,
besonders in den fortgeschrittenen Ländern, diese Erkenntnis und die
Fähigkeit, diese Erkenntnis in der Praxis anzuwenden."
(Aus Lenins Schrift: "Der ,linke Radikalismus' ... ce, S. 739/740, 745.)

1921
"Die Schwierigkeiten sind unermeßlich. Wir sind gewohnt, mit unermeß-
lichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Es hat schon etwas für sich, wenn
unsere Feinde uns als ,die Felsenfesten' und als Vertreter einer ,Knochen-
brecher-Politik' bezeichnet haben. Aber wir erlernten auch, wenigstens bis
zu einem bestimmten Grad, noch eine andere in der Revolution notwendige
Kunst: die Elastizität, die Fähigkeit, unsere Taktik rasch und jäh zu ändern,
veränderte objektive Bedingungen zu berücksichtigen, einen anderen Weg
zu unserem Ziel zu wählen, wenn der frühere Weg sich für den gegebenen
Zeitabschnitt als unzweckmäßig, als unmöglich erwiesen hat."
(Aus Lenins Aufsatz: "Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution", S.889.)

6. Organisatorische Grundsätze für den Aufbau der Organisation


und ihre innen- und außenpolitische Bedeutung

a) Grenzen für die Fähigkeiten und


die Zuverlässigkeit des Proletariats

Schon die dargelegten allgemeinen Richtlinien für das Handeln des Prole-
tariats zum Sturz des Kapitalismus erfordern von jedem Proletarier eine un-
gewöhnlich hohe Einsicht zur Beurteilung der innen- und außenpolitischen
Lage eines Landes. Selbst wenn jeder Proletarier die mannigfaltigen Methoden
Lenins genau erlernen würde, so wäre damit für ihn die Frage noch nicht
beantwortet, ob die jeweilige innen- und außenpolitische Lage eines Landes
so ist, daß die für diese Lage vorgesehenen Methoden im politischen Kampf
angewendet werden können. Die richtige Beurteilung der Lage ist aber ent-
scheidend für die richtige Anwendung der Methoden - eine Aufgabe, der keine
Klasse als Ganzes gewachsen ist. Diese Unmöglichkeit hatte Lenin schon
vor dem ersten Weltkrieg erkannt. Erstaunlich war jedoch, wie Lenin die
begrenzten Fähigkeiten des Proletariats auch in anderer Hinsicht beurteilte.
Wie oft hat er das Proletariat als die "einzige revolutionäre Klasse" bezeichnet
und allen anderen Klassen revolutionäre Fähigkeiten zum Sturz des Kapitalis-
80 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

mus abgesprochen. Es folgen zunächst einige Urteile Lenins, die alles andere
als ein von Natur aus revolutionäres Proletariat zeigen:
1902
"Die Geschichte aller Länder zeugt davon, daß die Arbeiterklasse aus
eigenen Kräften nur ein trade-unionistisches Bewußtsein herauszuarbeiten
vermag, d. h. die überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden
zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unternehmer zu führen,
der Regierung diese oder jene für die Arbeiter notwendigen Gesetze ab-
zutrotzen u. a. m. Die Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philo-
sophischen, historischen und ökonomischen Theorien hervorgewachsen,
die von den gebildeten Vertretern der besitzenden Klassen, der Intelligenz,
ausgearbeitet wurden. Auch die Begründer des modernen wissenschaftlichen
Sozialismus, Marx und Engels, gehörten ihrer sozialen Stellung nach der
bürgerlichen Intelligenz an ...
In Ergänzung zu dem oben Gesagten wollen wir noch folgende, sehr
treffende und wertvolle Worte K. Kautskys über den Entwurf für das neue
Programm der österreichischen Sozialdemokratischen Partei anführen:
,. . . Der Sozialismus als Lehre wurzelt allerdings ebenso in den heutigen
ökonomischen Verhältnissen wie der Klassenkampf des Proletariats, ent-
springt ebenso wie dieser aus dem Kampfe gegen die Massenarmut und das
Massenelend, das der Kapitalismus erzeugt; aber beide entstehen nebenein-
ander, nicht auseinander und unter verschiedenen Voraussetzungen. Das
moderne sozialistische Bewußtsein kann nur entstehen auf Grund tiefer
wissenschaftlicher Einsicht. In der Tat bildet die heutige ökonomische
Wissenschaft ebenso eine Vorbedingung sozialistischer Produktion wie
etwa die heutige Technik, nur kann das Proletariat beim besten Willen die
eine ebenso wenig schaffen wie die andere; sie entstehen beide aus dem
heutigen gesellschaftlichen Prozeß. Der Träger der Wissenschaft ist aber
nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz' (hervorgehoben
von K. K.); ,in einzelnen Mitgliedern dieser Schicht ist denn auch der moder-
ne Sozialismus entstanden und durch sie erst geistig hervorragenden Prole-
tariern mitgeteilt worden, die ihn dann in den Klassenkampf des Prole-
tariats hineintragen, wo die Verhältnisse es gestatten. Das sozialistische
Bewußtsein ist aber etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen
Hineingetragenes, nicht etwas von ihm urwüchsig Entstandenes'."
(Aus Lenins Schrift: "Was tun?", veröffentlicht 1902, vgl. Lenin: "Ausgewählte
Werke in zwei Bänden", Bd. 1, Moskau 1947, S. 199, 206, 207.)
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 81

1916
"Das Proletariat wird noch lange nicht zum Heiligen werden und ist noch
lange nicht gegen Fehler und Schwächen gefeit, nur aus dem einzigen
Grunde, weil es die soziale Revolution vollzogen haben wird. Die möglichen
Fehler (und die habgierigen Interessen - der Versuch, auf Kosten des anderen
zu leben) werden das Proletariat unvermeidlich zur Erkenntnis dieser
Wahrheit führen."
(Aus Lenins Aufsatz: "Ergebnisse der Diskussionen über das Selbstbestimmungs-
recht", S.410.)
1917
"Eines der wissenschaftlichen und praktisch-politischen Hauptmerkmale
jeder wirklichen Revolution ist das ungewöhnlich schnelle, jähe, schroffe
Anwachsen der Zahl der zur aktiven, selbständigen, tatkräftigen Anteil-
nahme am politischen Leben, an der Gestaltung des Staates, übergehenden
,Spießbürger' .
So auch in Rußland. Rußland ist jetzt in Wallung. Die Millionen und
Dutzende von Millionen, die politisch zehn Jahre lang geschlafen haben, in
denen das furchtbare Joch des Zarismus und die Zwangsarbeit für die
Gutsbesitzer und Fabrikanten jede politische Regung erstickten, sind er-
wacht und drängen zur Politik. Wer aber sind diese Millionen und Dutzende
von Millionen? Größtenteils sind es Kleinbesitzer, Kleinbürger, Leute, die
zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern in der Mitte stehen. Rußland ist
das kleinbürgerlichste Land unter allen europäischen Ländern.
Die riesige kleinbürgerliche Woge hat alles überflutet, sie hat das klassen-
bewußte Proletariat nicht nur durch ihre zahlenmäßige Stärke, sondern auch
ideologisch überwältigt, das heißt, sie hat sehr breite Arbeiterkreise mit
kleinbürgerlichen politischen Ansichten angesteckt, ergriffen!"
(Aus Lenins Schrift: "Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution", ver-
öffentlicht im September 1917, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden",
Bd. 2, Moskau 1947, S.20.)
1920
"Schamlosester Karrierismus, Ausnutzung der Parlaments pöstchen auf
bürgerliche Art, himmelschreiende reformistische Entstellung der Arbeit im
Parlament, abgeschmackte spießbürgerliche Routine - das alles sind ohne
Zweifel die gewöhnlichen und überwiegenden charakteristischen Züge, die
der Kapitalismus überall, nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der
Arbeiterbewegung erzeugt."
(Aus Lenins Schrift: "Der ,linke Radikalismus' ... ce, S.754/755.)
82 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Das Proletariat ist also nach Lenin grundsätzlich mehr an der Besserung
seiner materiellen Bedingungen im Rahmen des kapitalistischen Systems als an
der gewaltsamen Beseitigung dieses Systems interessiert. Das "sozialistische
Bewußtsein" des Proletariats entsteht nicht hauptsächlich aus dem Klassen-
kampf, den das Proletariat zur Beseitigung seines wirtschaftlichen Elends führt.
Es ist vielmehr "etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen
Hineingetragenes". Überdies erweist sich das Proletariat gegenüber kleinbür-
gerlichen Einflüssen sehr zugänglich, wie vor allem aus Lenins Schilderung
des russischen Proletariats wenige Monate vor der Oktoberrevolution hervor-
geht. Man sollte meinen, daß diese "einzige revolutionäre Klasse" eher fähig
wäre, das Kleinbürgertum revolutionär zu machen als sich von den Ansichten
des Kleinbürgertums anstecken zu lassen. Offenbar hat der Kapitalismus eine
solche Verführungs kraft, daß er nach Lenin auch innerhalb der Arbeiter-
bewegung "schamlosesten Karrierismus", eine "abgeschmackte spießbürger-
liche Routine" erzeugt.

b) Zu einer von Berufsrevolutionären geführten Organisation


vor der Revolution

Man kann nach Lenin das Proletariat nicht sich selbst überlassen in der An-
nahme, daß es aus sich selbst heraus die revolutionäre Entschlossenheit, die
Stetigkeit und Zielbewußtheit, die richtige Einsicht für die Beurteilung der
Lage, ferner die Organisation und die Methoden entwickeln wird, die für den
Sturz des Kapitalismus in der ganzen Welt notwendig sind. Diese vielseitigen
Fähigkeiten traut Lenin nur einer kleinen Gruppe eng zusammenarbeitender
und geschulter Berufsrevolutionäre zu. Ihr soll nicht nur die Analyse der je-
weiligen innen- und außenpolitischen Lage eines Landes vorbehalten bleiben,
sondern auch die Ergreifung der sich aus der Analyse ergebenden Maß-
nahmen im Kampf für den Sturz der kapitalistischen Ordnung. Je nach der
Beurteilung der Situation sind Maßnahmen zu ergreifen, die die revolu-
tionäre Führung nur ein Stück auf dem Wege zum Ziel weiterbringen sollen,
oder Maßnahmen, die sich unmittelbar auf das Ziel richten. Die Arbeiter-
klasse braucht daher zu ihrer Führung eine aus Berufsrevolutionären be-
stehende Organisation, an deren Spitze eine besonders erfahrene kleine
Gruppe steht.
Die Sozialdemokratische Partei Rußlands, bis 1905 nur als illegale Organi-
sation bestehend, war mit diesen organisatorischen Grundsätzen ihres Mit-
gliedes Lenin in ihrer Mehrheit keineswegs von Anfang an einverstanden. Um
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 83

sich gegenüber seinen Gegnern innerhalb der Sozialdemokratischen Partei


durchzusetzen, führte Lenin einen regen publizistischen Kampf. In seiner auch
noch heute aktuellen Schrift "Was tun?" vom Jahre 1902 versuchte er, die
anders eingestellten Partei mitglieder u. a. mit dem Hinweis auf die Vorzüge in
der Führung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands zu überzeugen.
Die dabei von Lenin angeführten Zitate beziehen sich auf den Aufsatz in einer
russischen sozialdemokratischen Zeitschrift, den Lenin zum Gegenstand seiner
Polemik auswählte.
"Der Anschaulichkeit halber will ich versuchen, mit einem Beispiel zu be-
ginnen. Man nehme die Deutschen. Man wird doch hoffentlich nicht leugnen
wollen, daß ihre Organisation die Menge erfaßt, daß alles von der Menge
ausgeht, daß ihre Arbeiterbewegung gelernt hat, auf eigenen Füßen zu
gehen. Und wie versteht diese millionenköpfige Menge es trotzdem, ihr
,Dutzend' bewährter politischer Führer zu schätzen, wie fest hält sie sich an
sie! Im Parlament ist es wiederholt vorgekommen, daß die Abgeordneten
feindlicher Parteien die Sozialisten hänselten: ,Schöne Demokraten seid
ihr! Nur in Worten habt ihr eine Bewegung der Arbeiterklasse, in Wirklich-
keit aber tritt immer dieselbe Führersippe auf. Immer derselbe Bebel, der-
selbe Liebknecht, jahraus, jahrein, von einem Jahrzehnt zum anderen. Eure
angeblich gewählten Abgeordneten der Arbeiterschaft sind noch weniger
absetzbar als die vom Kaiser eingesetzten Beamten!' Doch die Deutschen
hatten nur ein verächtliches Lächeln für diese demagogischen Versuche
übrig, die ,Menge' gegen die ,Führer' auszuspielen, in der Menge schlechte
und eitle Instinkte zu entfachen, der Bewegung ihre Widerstandsfähigkeit
und Festigkeit durch Erschütterung des Vertrauens der Masse zu einem
,Dutzend Besserwisser' zu rauben. Das politische Denken der Deutschen ist
schon entwickelt genug, sie haben genügend politische Erfahrung gesam-
melt, um zu verstehen, daß es ohne ein ,Dutzend' talentvoller (Talente aber
kommen nicht zu Hunderten zur Welt), bewährter, beruflich durchgebilde-
ter und in langen Jahren geschulter Führer, die ausgezeichnet aufeinander
eingespielt sind, in der heutigen Gesellschaft keinen zähen Kampf irgend-
einer Klasse geben kann. Die Deutschen haben auch in ihrer Mitte Demago-
gen gesehen, die einem ,Hundert Dummköpfen' schmeichelten, indem sie sie
über das ,Dutzend Besserwisser' stellten, die der ,schwieligen Faust' der
Masse schmeichelten, sie (wie Most oder Hasselmann) zu unüberlegten
,revolutionären' Aktionen anstachelten und Mißtrauen gegen die bewährten
und standhaften Führer säten. Und nur dank dem unentwegten und unver-
söhnlichen Kampf gegen alle demagogischen Elemente innerhalb des Sozia-
84 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

lismus ist der deutsche Sozialismus so gewachsen und erstarkt. Zu einer


Zeit, wo die ganze Krise der russischen Sozialdemokratie daraus zu erklären
ist, daß die spontan erwachten Massen keine genügend geschulten, durch-
gebildeten und erfahrenen Führer besitzen, verkünden unsere Neunmal-
klugen mit dem Scharfsinn des dummen Hans: ,Es ist schlimm, wenn die
Bewegung nicht von unten kommt!'
,Ein Komitee aus Studenten taq.gt nichts, es ist nicht widerstandsfähig'. -
Sehr richtig. Aber hieraus muß der Schluß gezogen werden, daß man ein
Komitee aus Berufsrevolutionären braucht, einerlei, ob es ein Student oder
ein Arbeiter versteht, sich zum Berufsrevolutionär zu entwickeln."
(Aus Lenins Schrift von 1902: "Was tun?", S.274/275.)

Das von Lenin gezeichnete Bild "der Deutschen" - er meint damit nur die
sozialdemokratischen Parteimitglieder Deutschlands - entsprach zwar nicht in
jeder Hinsicht den Tatsachen. Aus seiner erwähnten Schilderung geht jedoch
Lenins Wunsch nach einer Führung durch "ein Dutzend" Berufsrevolutionäre
hervor, die "ausgezeichnet aufeinander eingespielt sind" und fest die entschei-
dende Macht in der Hand behalten. Für diese Gruppe von Berufsrevolutionä-
ren sollte auch die soziale Zugehörigkeit keine Rolle spielen. Lenin nannte fünf
Gründe, die für die Führung einer revolutionären Partei durch eine Gruppe
von Berufsrevolutionären, ein Dutzend "Besserwisser", sprechen:
"Stellt ihr aber die Frage des Abfangens der Organisationen und weicht
nicht davon ab, so will ich euch sagen, daß es viel schwieriger ist, ein Dutzend
Besserwisser abzufangen als ein Hundert Dummköpfe. Und ich werde diesen
Grundsatz verfechten, so sehr ihr die Menge gegen mich wegen meines
,Antidemokratismus' usw. auch aufhetzen mögt. Unter den ,Besserwissern'
sind, wie ich schon wiederholt betont habe, in organisatorischer Beziehung
nur die Berufsrevolutionäre zu verstehen, einerlei, ob sie sich aus Studenten
oder Arbeitern hierzu entwickeln. Und nun behaupte ich, daß
1. keine einzige revolutionäre Bewegung ohne eine stabile und die Kon-
tinuität wahrende Führerorganisation Bestand haben kann;
2. je breiter die Masse ist, die spontan in den Kampf hineingezogen wird,
die die Grundlage der Bewegung bildet und an ihr teilnimmt, um so drin-
gender ist die Notwendigkeit einer solchen Organisation und um so fester
muß diese Organisation sein (denn um so leichter wird es für allerhand
Demagogen sein, die rückständigen Schichten mitzureißen);
3. eine solche Organisation muß hauptsächlich aus Leuten bestehen, die sich
berufsmäßig mit revolutionärer Tätigkeit befassen;
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 85

4. je mehr wir die Mitgliedschaft einer solchen Organisation einengen und


zwar so weit, daß sich an der Organisation nur diejenigen Mitglieder beteili-
gen, die sich berufsmäßig mit revolutionärer Tätigkeit befassen und in der
Kunst des Kampfes gegen die politische Polizei berufsmäßig geschult sind,
um so schwieriger wird es in einem absolutistischen Lande sein, eine solche
Organisation ,abzufangen' und
5. um so breiter wird der Kreis der Personen aus der Arbeiterklasse wie
aus den übrigen Gesellschaftsklassen sein, die die Möglichkeit haben werden,
an der Bewegung teilzunehmen und sich in ihr aktiv zu betätigen."
(Aus Lenins Schrift von 1902: " Was tun?", S. 277.)

Daß eine so eng begrenzte Organisation von Berufsrevolutionären keinen


großen Einfluß auf die breiten Massen haben könnte, bestreitet Lenin. Die
mannigfaltigen Möglichkeiten und die zahlenmäßigen Erfolge der Berufs-
revolutionäre in der stillen Vorbereitung der Massen für den revolutionären
Kampf beurteilte Lenin wie folgt:
"Die Frage, ob es leichter sei, ein ,Dutzend Besserwisser' als ein ,Hundert
Dummköpfe' abzufangen, läuft auf die oben analysierte Frage hinaus, ob
eine Massenorganisation möglich ist, wenn strengste Konspiration geboten
ist. Eine breite Organisation werden wir nie auf die Höhe der Konspiration
bringen können, ohne die von einem zähen und kontinuierlich verlaufenden
Kampf gegen die Regierung keine Rede sein kann. Die Konzentrierung aller
konspirativen Funktionen in den Händen einer meglichst geringen Zahl von
Berufsrevolutionären bedeutet keineswegs, daß die Berufsrevolutionäre ,für
alle denken werden', daß die Menge keinen tätigen Anteil an der Bewegung
nehmen wird. Im Gegenteil, diese Berufsrevolutionäre werden in immer
größerer Anzahl aus der Menge hervorgehen, denn die Menge wird dann
wissen, daß es nicht genügt, wenn sich ein paar Studenten und einen ökono-
mischen Kampf führende Arbeiter zusammentun, um ein ,Komitee' zu
bilden, sondern daß es notwendig ist, sich durch jahrelange Arbeit zu einem
Berufsrevolutionär auszubilden; und die Menge wird nicht nur an Hand-
werklerei ,denken', sondern eben an eine solche Ausbildung. Die Zentrali-
sierung der konspirativen Funktionen der Organisation bedeutet keines-
wegs die Zentralisierung aller Funktionen der Bewegung. Die aktive Mit-
arbeit der breitesten Massen an der illegalen Literatur wird nicht geringer,
sondern zehnmal stärker werden, wenn ein ,Dutzend' Berufsrevolutionäre
die konspirativen Funktionen dieser Arbeit zentralisieren ... Die aktivste
und breiteste Teilnahme der Massen an der Bewegung wird nicht nur keinen
86 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Abbruch erleiden, sondern, im Gegenteil, viel dadurch gewinnen, daß ein


,Dutzend' bewährter Revolutionäre, beruflich nicht schlechter geschult als
unsere Polizei, die ganze konspirative Arbeit, wie z. B. die Herstellung von
Flugblättern, die Aufstellung eines annähernden Planes, die Einsetzung eines
Stammes von Leitern für jeden Stadtbezirk, für jedes Fabrikviertel, für jede
Lehranstalt usw., zentralisieren werden (ich weiß, man wird mir das ,Un-
demokratische' meiner Ansichten vorwerfen, aber ich werde auf diesen abso-
lut unklugen Vorwurf weiter unten eingehen). Die Zentralisierung der kon-
spirativsten Funktionen durch eine Organisation der Revolutionäre wird die
Tragweite und den Tätigkeitsinhalt einer ganzen Masse anderer Organi-
sationen, die auf eine breite Masse berechnet und darum möglichst lose und
möglichst unkonspirativ sind, nicht vermindern, sondern bereichern; dazu
gehören sowohl die Gewerkschaftsverbände der Arbeiter als auch die Ar-
beiterzirkel für Selbstbildung und die Lesezirkel für illegale Literatur, ferner
die sozialistischen und auch die demokratischen Zirkel in allen übrigen
Bevölkerungsschichten usw. usf. Solche Zirkel, Verbände und Organisatio-
nen sind überall in möglichst großer Zahl und für die mannigfaltigsten
Funktionen erforderlich, aber es wäre sinnlos und schädlich, sie mit einer
Organisation der Revolutionäre zu verwechseln, die Grenzen zwischen ihnen
zu verwischen, in der Masse die ohnehin sehr verblaßte Erkenntnis auszu-
löschen, daß zur ,Bedienung' der Massenbewegung Menschen erforderlich
sind, die sich der sozialdemokratischen Tätigkeit völlig widmen, und daß
diese Menschen sich mit Geduld und Zähigkeit zu Berufsrevolutionären
emporarbeiten müssen."
(Aus Lenins Schrift von 1902: "Was tun?", S.278/279.)

Wofür Lenin in seiner Schrift: "Was tun?" eintritt, ist eine straff diszipli-
nierte, zahlenmäßig eng begrenzte illegale Organisation von Berufsrevolutio-
nären, die zahlreiche legale Organisationen von Arbeitern und anderen Be-
völkerungsschichten möglichst unsichtbar leitet und zielbewußt beeinflußt.
Innerhalb dieser Organisation von Berufsrevolutionären herrscht keineswegs
ein demokratischer Aufbau. Vielmehr ist die Macht fest in der Hand eines
"Dutzends" von besonders qualifizierten Berufsrevolutionären vereinigt. Wie
dargelegt, spielt die soziale Herkunft des Berufsrevolutionärs für die zur
Führung der Arbeiterklasse bestimmten Organisation keine Rolle. An einer
anderen Stelle der erwähnten Schrift Lenins wird dies besonders klar betont:
"Vor diesem allgemeinen Merkmal der Mitglieder einer solchen Organisation
muß jeder Unterschied zwischen Arbeitern und Intellektuellen, ganz zu schwei-
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 87

gen von beruflichen Unterschieden der einen oder der anderen, vollkommen
verwischt werden" (vgl. S. 266).
Warum Lenin damals die Sozialdemokratische Partei Rußlands auf eine nur
aus Berufsrevolutionären bestehende Organisation beschränken wollte, lag an
den besonders ungünstigen Bedingungen für das öffentliche Wirken einer
revolutionären Partei im zaristischen Rußland. Diesen Grund führte Lenin
für seinen Organisationsplan einer zukünftigen Sozialdemokratischen Partei
Rußlands an 7 • Demnach war denkbar, daß mit einer Änderung der Lage für die
öffentliche Entfaltung der Sozialdemokratischen Partei Rußlands nach 1905, be-
sonders nach der Februarrevolution von 1917, Lenin seine organisatorischen
Grundsätze wesentlich ändern würde. Mit einer einzigen Ausnahme hielt je-
doch Lenin an seinen organisatorischen Richtlinien vom Jahre 1902 fest. Diese
Ausnahme bestand darin, daß nach der Februarrevolution von 1917 nicht nur
Berufsrevolutionäre, sondern auch andere, allerdings politisch aktive Personen
Mitglieder der Partei Lenins werden konnten.

c) Zu einer von Berufsrevolutionären geführten Organisation


nach der Revolution

Daß Lenin auch nach der siegreichen Oktoberrevolution seine organisato-


rischen Grundsätze von 1902 im wesentlichen nicht aufgab, war erstaunlich.
Bestanden doch die Bedingungen nicht mehr, die ihn nach seiner Darstellung
von 1902 gezwungen hatten, seine organisatorischen Grundsätze diesen Be-
dingungen anzupassen. Der Zwang zur konspirativen Arbeit unter der zaristi-
schen Herrschaft gehörte der Vergangenheit an. Auch der Wettbewerb mit
anderen Parteien um die Gunst der Massen des Proletariats und der Klein-
und Mittelbauern war nach der Oktoberrevolution kein zwingender Grund
mehr. Dennoch ließen teils neue, teils frühere Gründe Lenin an den organi-
satorischen Grundsätzen von 1902 festhalten.
Anders als jede andere siegreiche Revolution war die Oktoberrevolution
der Bolschewisten nicht darauf gerichtet, die Gewohnheiten und Einrich-
tungen der Masse der Bevölkerung zu schonen und nur kleine Gruppen der
Gesellschaft hart zu treffen. Die von Lenin unübersehbar oft genannte "Dik-
tatur der Proletariats" sollte sich zunächst zwar nur in der Enteignung der
Bankiers, Großindustriellen und Großgrundbesitzer äußern. Diesem V or-
gang sollte auf längere Sicht jedoch die Enteignung der Großbauern, Mittel-

7 Vgl. Lenin in der erwähnten Schrift, S. 289-291.


88 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

und Kleinbauern, der Handwerker, der kleinen Ladeninhaber folgen. Darin


sah Lenin eine Vorbedingung für den "Aufbau des Sozialismus". Ein solches
Ziel Lenins bedeutete, daß im Gegensatz zu anderen Revolutionen die ärmeren
Klassen der Bevölkerung kein Privateigentum an Produktionsmitteln auf
Kosten der wohlhabenden Klassen gewannen, sondern ihr kleines Eigentum
an Produktionsmitteln auch noch verlieren sollten. Mit einem solchen Ziel
mußte die Partei Lenins gegenüber den wirtschaftlichen und sozialen Wün-
schen der großen Mehrheit der russischen Bevölkerung in eine kleine Minder-
heit geraten. Selbst wenn die Gruppe der P~rsonen, die Lenin als Proletariat
ansah - die vieljährig tätigen Arbeiter in den Industriebetrieben - geschlossen
Lenins Ziel unterstützen sollte, so wären es weniger als zwei Prozent der
Bevölkerung gewesen, die Lenins Ziel bejahten. Hielt Lenin an diesem Ziel
fest, so mußte er nicht nur Gewalt anwenden, sondern auch die zahlenmäßige
Schwäche seiner wirklichen Anhänger durch eine schlagkräftige, taktisch
geschickt handelnde, disziplinierte und zielbewußte Organisation ausgleichen.
An ihrer Spitze mußte wie vor 1917 wieder eine kleine Gruppe von besonders
erfahrenen Berufsrevolutionären stehen, der sich alle anderen Mitglieder der
Organisation unterzuordnen hatten. Was die "Diktatur des Proletariats"
nach einer Revolution bedeutet, hat Lenin selber so beschrieben:
1918
"Die Diktatur ist eine sich unmittelbar auf Gewalt stützende Macht, die an
keinerlei Gesetze gebunden ist.
Die revolutionäre Diktatur des Proletariats ist eine Macht, die durch die
Gewalt des Proletariats gegenüber der Bourgoisie erobert wurde und be-
hauptet wird, eine Macht, die an keinerlei Gesetze gebunden ist.
Und eben diese einfache Wahrheit, die für jeden klassenbewußten Arbei-
ter so klar wie der lichte Tag ist (für den Vertreter der Masse und nicht der
Oberschicht eines von den Kapitalisten gekauften kleinbürgerlichen Ge-
sindels, das die Sozialimperialisten aller Länder darstellen), diese für jeden
Vertreter der Ausgebeuteten, der für ihre Befreiung Kämpfenden, offen-
sichtliche, diese für jeden Marxisten unbestreitbare Wahrheit muß dem so
gelehrten Herrn Kautsky ,im Kampfe abgerungen' werden"
(Aus Lenins Schrift: "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky",
S.418.)
1920
"Die Diktatur des Proletariats ist der aufopferungsvollste und schonungs-
loseste Krieg der neuen Klasse gegen den mächtigeren Feind, gegen die
Bourgeoisie, deren Widerstand durch ihren Sturz (sei es auch nur in einem
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 89

Lande) sich verzehnfacht und deren Macht nicht nur in der Stärke des
internationalen Kapitals, in der Stärke und Festigkeit der internationalen
Verbindungen der Bourgeoisie besteht, sondern auch in der Macht der
Gewohnheit, in der Stärke der Kleinproduktion. Denn Kleinproduktion
gibt es in der Welt leider noch sehr, sehr viel; die Kleinproduktion aber
erzeugt unausgesetzt, täglich, stündlich, elementar und im Massenumfang
Kapitalismus und Bourgeoisie. Aus allen diesen Gründen ist die Diktatur
des Proletariats notwendig, und ein Sieg übet die Bourgeoisie ist ohne
einen langen, hartnäckigen, verzweifelten Krieg auf Tod und Leben un-
möglich, einen Krieg, der Ausdauer, Disziplin, Festigkeit, Unbeugsamkeit
und Einheit des Willens erfordert.
Ich wiederhole: die Erfahrung der siegreichen Diktatur des Proletariats
in Rußland hat denen, die nicht zu denken verstehen oder nicht in die Lage
kamen, sich über diese Frage Gedanken zu machen, deutlich gezeigt, daß
unbedingte Zentralisation und strengste Disziplin des Proletariats eine der
Hauptbedingungen für den Sieg über die Bourgeoisie sind."
(Aus Lenins Schrift: "Der ,linke Radikalismus' ... ce, S.672.)

1921
"Aber außer diesen Ausbeuterklassen gibt es fast in allen kapitalistischen
Ländern, vielleicht England ausgenommen, die Klasse der Kleinprodu-
zenten und der kleinen Ackerbautreibenden. Die große Frage der Revolu-
tion ist jetzt der Kampf gegen diese zwei letzten Klassen. Um sie loszu-
werden, muß man andere Methoden anwenden als im Kampf gegen die
Großgrundbesitzer und Kapitalisten. Diese beiden Klassen konnten wir
einfach exproprüeren, fortjagen. Das haben wir auch getan. Aber mit den
letzten kapitalistischen Klassen, mit den kleinen Produzenten, mit den
Kleinbürgern, die in allen Ländern existieren, können wir es nicht so machen.
In den meisten kapitalistischen Ländern stellen diese Klassen eine sehr
große Minderheit, etwa 30 bis 45 Prozent der Bevölkerung, dar. Wenn wir
die kleinbürgerlichen Elemente der Arbeiterschaft hinzunehmen, werden
es sogar mehr als 50 Prozent sein. Man kann sie nicht exproprüeren oder
fortjagen, hier muß der Kampf anders geführt werden. Die Bedeutung der
Periode, die jetzt in Rußland beginnt, besteht vom internationalen Stand-
punkt aus - wenn wir die internationale Revolution als einheitlichen Prozeß
betrachten - wesentlich darin, daß wir praktisch die Frage des Verhält-
nisses des Proletariats zur letzten kapitalistischen Klasse in Rußland zu lösen
haben. Theoretisch haben alle Marxisten diese Frage gut und leicht gelöst.
90 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Aber Theorie und Praxis ist zweierlei, und diese Frage praktisch oder
theoretisch zu lösen, ist durchaus nicht ein und dasselbe. Wir wissen be-
stimmt, daß wir große Fehler gemacht haben. Vom internationalen Stand-
punkt ist es ein enormer Fortschritt, daß wir bestrebt sind, das Verhältnis
des Proletariats, das die Staatsmacht in seinen Händen hält, zu der letzten
kapitalistischen Klasse, zur tiefsten Grundlage des Kapitalismus, zum
kleinen Eigentum, zu den Kleinproduzenten zu bestimmen. Diese Frage
ist uns jetzt praktisch gestellt. Ich glaube, daß wir diese Aufgabe lösen
können. Jedenfalls werden die Erfahrungen, die wir machen, für die kom-
menden proletarischen Revolutionen von Nutzen sein, und sie werden
technisch sich besser auf die Lösung dieser Frage vorbereiten können."
(Aus Lenins "Bericht über die Taktik der KPR(B)" vom 5.7.1921, vgl. Lenin:
"Ausgewählte Werke in zwölf Bänden", Moskau 1936, Bd. 9, S.247/248.)
*
"Im Krieg gibt es keine Minute, in der man nicht von Gefahren umgeben
wäre. Und was ist die Diktatur des Proletariats? Sie ist ein Krieg, und ein
viel grausamerer, langwierigerer und hartnäckigerer Krieg als alle Kriege,
die es je gegeben hat. Hier droht uns die Gefahr bei jedem Schritt, den wir
tun."
(Aus Lenins Rede auf der Moskauer Gouvernementsparteikonferenz am29.10.1921,
vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwölf Bänden", Bd. 9, Moskau 1936, S. 312).

Nicht nur das Ziel der radikalen Umgestaltung der Wirtschaft und Gesell-
schaft gegen den Willen der Mehrheit machte eine zentralistische Organisa-
tion unvermeidlich. Lenin traute auch nach 1917 dem Proletariat nicht die
innere Festigkeit gegen kleinbürgerliche Vorstellungen und Einflüsse zu. Die
kommunistische Partei muß das Proletariat daran hindern, in "kleinbürger-
liche Charakterlosigkeit, Zersplitterung, Individualismus, wechselnde Be-
geisterung und Mutlosigkeit" zurückzufallen - alles Eigenschaften, die nach
Lenin das Kleinbürgertum auszeichnen. Das kann aber nach Lenin nur eine
Partei, die in sich straff zentralisiert ist und von ihren Mitgliedern strenge
Disziplin fordert. Das Urteil Lenins über die anhaltende kleinbürgerliche An-
fälligkeit des Proletariats fast drei Jahre nach der Oktoberrevolution, über
Maßnahmen zur Fernhaltung des Proletariats von kleinbürgerlichen Einflüs-
sen zeigt zugleich, wie wenig die Macht zur Zeit der "Diktatur des Prole-
tariats" tatsächlich beim Proletariat liegt.
"Die Klassen aufheben, heißt nicht nur die Gutsbesitzer und Kapitalisten
davonjagen - das haben wir verhältnismäßig leicht getan -, das heißt
auch die kleinen Warenproduzenten beseitigen, diese aber kann man nicht
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 91

davonjagen, man kann sie nicht unterdrücken, mit ihnen muß man zurecht-
kommen, sie kann (und muß) man nur durch eine sehr langwierige, lang-
same, vorsichtige organisatorische Arbeit ummodeln und umerziehen. Sie
umgeben das Proletariat von allen Seiten mit einer kleinbürgerlichen Atmo-
sphäre, durchtränken, demoralisieren es mit ihr, rufen beständig innerhalb
des Proletariats Rückfälle in kleinbürgerliche Charakterlosigkeit, Zer-
splitterung, Individualismus, wechselnde Begeisterung und Mutlosigkeit
hervor. Innerhalb der politischen Partei des Proletariats sind strengste
Zentralisation und Disziplin notwendig, um dem zu wiederstehen, um die
organisatorische Rolle des Proletariats (das aber ist seine Hauptrolle) richtig,
erfolgreich und siegreich durchzuführen. Die Diktatur des Proletariats ist
ein zäher Kampf, ein blutiger und unblutiger, gewaltsamer und friedlicher,
militärischer und wirtschaftlicher, pädagogischer und administrativer
Kampf gegen die Mächte und Traditionen der alten Gesellschaft. Die
Macht der Gewohnheit von Millionen und aber Millionen ist die fürchter-
lichste Macht. Ohne eine eiserne und kampfgestählte Partei, ohne eine
Partei, die das Vertrauen alles dessen genießt, was in der gegebenen Klasse
ehrlich ist, ohne eine Partei, die es versteht, die Stimmung der Massen zu
verfolgen und zu beeinflussen, ist es unmöglich, einen solchen Kampf
erfolgreich zu führen. Es ist tausendmal leichter, über die zentralisierte
Großbourgeoisie den Sieg davonzutragen als Millionen und aber Millionen
kleiner Besitzer zu ,besiegen'; diese aber führen durch ihre tagtägliche,
alltägliche, unmerkliche, unfaßbare, zersetzende Arbeit eben jene Resultate
herbei, die die Bourgeoisie braucht, durch die die Macht der Bourgeoisie
restauriert wird. Wer auch nur im geringsten die eiserne Disziplin der
Partei des Proletariats (besonders während seiner Diktatur) schwächt, der
hilft in Wirklichkeit der Bourgeoisie gegen das Proletariat."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 691/692.)

Es stellt sich nach Lenin für die Partei die Aufgabe, neben anderen Klassen
auch das Proletariat umzuerziehen, damit es entsprechend den Wünschen
Lenins denkt und handelt. Man beachte dabei, daß trotz der "Diktatur des
Proletariats" das Proletariat umerzogen werden muß.
»Unter der Sowjetmacht werden in eure und unsere proletarische Partei
noch mehr Intellektuelle aus dem Bürgertum hineinzuschlüpfen suchen. Sie
werden auch in die Sowjets, in die Gerichte und in die Verwaltung hinein-
schlüpfen; denn man kann den Kommunismus aus nichts anderem und
nicht anders als aus dem Menschenmaterial und mit dem Menschenmaterial
92 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

aufbauen, das det Kapitalismus geschaffen hat, man kann die bürgerliche
Intelligenz nicht fortjagen und vernichten, sondern muß sie besiegen,
ummodeln, umwandeln, umerziehen, genauso wie man in langwierigen
Kämpfen, auf dem Boden der Diktatur des Proletariats, auch die Proleta-
rier selbst umerziehen muß, die sich von ihren eigenen kleinbürgerlichen
Vorurteilen nicht auf einmal, nicht durch ein Wunder, nicht auf Geheiß der
Mutter Gottes, nicht auf Geheiß einer Losung, einer Resolution, eines
Dekrets befreien, sondern nur in langwierigen und schweren Massen-
kämpfen gegen den Masseneinfluß des Kleinbürgertums. Unter der Sowjet-
macht erstehen vor uns die gleichen Aufgaben, die der Antiparlamentarier
jetzt so stolz, so hochmütig, so leichtfertig, so kindisch mit einer Handbe-
wegung von sich weist, dieselben Aufgaben leben wieder auf innerhalb der
Sowjets, innerhalb der Sowjetverwaltung, innerhalb der Sowjetinstitution
der ,Rechtsbeistände' (wir haben in Rußland die bürgerliche Advokatur
abgeschafft - und haben recht daran getan -, aber unter dem Deckmantel
,sowjetischer' ,Rechtsbeistände' lebt sie bei uns wieder auf). Unter den
Sowjetingenieuren, unter den Sowjetlehrern, unter den privilegierten,
d. h. qualifiziertesten, am besten gestellten Arbeitern in den Sowjetfabriken
sehen wir ein ständiges Wiederaufleben durchweg aller jener negativen
Züge, die dem bürgerlichen Parlamentarismus eigen sind, und nur durch
wiederholte, unermüdliche, langwierige, hartnäckige Kämpfe, durch pro-
letarische Organisiertheit und Disziplin werden wir - allmählich - dieses
Übels Herr."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ' .. ", S. 755/756.)

Ein weiterer Grund Lenins, auch nach der Oktoberrevolution seine orga-
nisatorischen Grundsätze von 1902 kaum zu ändern, lag auf außenpolitischem
Gebiet. Wie stolz er sich zu dem außenpolitischen Erfolg einer straff organi-
sierten und geführten Partei bekennt, die alle Bereiche innerhalb des Landes
beherrscht, geht u. a. aus seiner Rede vom 29. März 1920 hervor:
"Und nur weil die Partei auf der Hut war, weil in der Partei die strengste
Disziplin herrschte, weil die Autorität der Partei alle Ämter und Institu-
tionen zusammenfaßte und weil auf die vom Zentralkomitee ausgegebene
Losung hin Dutzende, Hunderte, Tausende und schließlich Millionen sich
wie ein Mann in Bewegung setzten, und nur weil unerhörte Opfer gebracht
wurden - nur deshalb konnte das Wunder geschehen, das vollbracht wurde.
Nur deshalb waren wir, obwohl die Imperialisten der Entente und die
Imperialisten der ganzen Welt ihren Feldzug zweimal, dreimal und vier-
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 93

mal unternahmen, imstande Zu siegen. Und wir müssen diese Seite der
Sache nicht nur hervorheben, sondern selbstverständlich auch im Auge
behalten, daß das für uns eine Lehre ist, daß wir ohne Disziplin und ohne
Zentralisation diese Aufgabe niemals gelöst hätten. Die unerhörten Opfer,
die wir für die Rettung des Landes vor der Konterrevolution, für den Sieg
der russischen Revolution über Denikin, Judenitsch und Koltschak ge-
bracht haben, sind eine Bürgschaft für den Sieg der sozialen Weltrevolution.
Um das zu vollbringen, brauchten wir in der Partei Disziplin, strengste
Zentralisation und absolute Gewißheit, daß die unerhört schweren Opfer
von Zehntausenden, Hunderttausenden helfen werden, alle diese Aufgaben
durchzuführen, daß das wirklich getan und gesichert werden kann."
(Aus Lenins Bericht vor dem 9. Parteitag am 29.3. 1920, vgl. Lenin: "Ausge-
wählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S.650.)

d) Die innen- und außenpolitische Bedeutung


der organisatorischen Grundsätze Lenins

Der Sturz des Kapitalismus in der ganzen Welt im Sinne Lenins bedeutet
nicht allein die Enteignung der Großindustriellen und Großgrundbesitzer,
der großen Bankiers und der Großkaufleute. Wie dargelegt, umfaßt die sich
anschließende Phase des Handelns auch die Enteignung selbst der kleinen und
kleinsten Eigentümer von Produktionsmitteln. Wenn man zu den sozialen
und wirtschaftlichen Umgestaltungen als Ziele der Anhänger Lenins auch
noch die angestrebten politischen und geistigen Umgestaltungen - im Sinne
der Monopolherrschaft der kommunistischen Partei und der als einzig richtig
angesehenen Weltanschauung Lenins - hinzurechnet, dann kann man mit
Sicherheit sagen, daß die große Mehrheit der Weltbevölkerung solche Ziele
ablehnt. Will die kleine Minderheit diese Ziele dennoch erreichen, dann muß
sie sehr geschickt zur rechten Zeit je nach der Lage die mannigfaltigen Mittel
anwenden, die in den allgemeinen Richtlinien Lenins für das Handeln vor-
gesehen sind. Wie wir gesehen haben, könnten die nach der Theorie Lenins
erlaubten Mittel, wie Angriffskrieg, Bürgerkrieg, Terror, das zeitweise La-
vieren und Paktieren mit dem letzten Endes zu vernichtenden Gegner, der
zeitweise Rückzug vor einem solchen Gegner, die Fähigkeit zum raschen
Wechsel der Methoden nicht die erwünschte Wirkung erzielen, wenn sie
nicht von einer straff geführten Organisation angewandt werden. Dabei ist
noch notwendig, daß an der Spitze dieser straff geführten Organisation eine
Minderheit, eine kleine Gruppe steht, die zielbewußt, erfahren, sich plötzlich
94 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

veränderten Lagen rasch anpassen kann. Daher gehören zu der Theorie


Lenins als Anleitung zum Handeln auch die Grundsätze der Organisation.
Die Bedeutung dieser Grundsätze für die erfolgreiche Vorbereitung einer
Revolution innerhalb eines Landes, für die Festigung der "Diktatur des
Proletariats" nach der Revolution geht wohl so offensichtlich aus den frühe-
ren Darlegungen hervor, daß wir sie nicht noch einmal zu erörtern brauchen.
Daher beschränken wir uns auf die außenpolitische Bedeutung der Grundsätze
Lenins für die Organisation eines "sozialistischen" Staates.
Würde die "Diktatur des Proletariats" in einem Staat die Unterdrückung
aller anderen Klassen, aber freie Demokratie für alle Angehörigen des Prole-
tariats bedeuten, dann ließe sich zumindest theoretisch eine grundsätzlich
andere Außenpolitik dieses Staates erwarten als in einem anderen Fall. Der
andere Fall bezieht sich auf die Diktatur einer Partei, in der die Macht einer
kleinen Gruppe von besonders erfahrenen und zielbewußten Berufsrevolutio-
nären vorbehalten bleibt, einer Diktatur, die faktisch alle Klassen einschließ-
lich der großen Mehrheit des Proletariats unterdrückt und somit eine Diktatur
auch über das Proletariat darstellt. Eine wirkliche "Diktatur des Proletariats"
im Sinne der freien Demokratie für alle Proletarier wäre sicher nicht einheit-
lich, weil das Denken in den Reihen des Proletariats verschieden wäre. Legen
wir allein die von Lenin mehrfach geäußerten Urteile über die kleinbürger-
liche Einstellung großer Teile des Proletariats zugrunde, so würden sich in
der Außenpolitik eines wirklich vom Proletariat geführten Staates zumindest
die kleinbürgerliche und die revolutionäre Strömung widerspiegeln. Es ist
sogar wahrscheinlich, daß mit der wachsenden materiellen Versorgung des
Proletariats in einem wirklich proletarisch beherrschten Staat die kleinbürger-
lichen Vorstellungen sich noch verstärken: u. a. der Wunsch nach mehr Pri-
vateigentum, nach gesellschaftlichem Ansehen gegenüber anderen Personen,
nach materieller Sicherung, nach weiteren materiellen Bequemlichkeiten 8 •
Dementsprechend würde der Anteil der von einer revolutionären Mission
erfüllten Proletarier zurückgehen. Man erinnere sich nur an die Auffassun-
gen Lenins über die Anfälligkeit des Proletariats gegenüber kleinbürgerlichen
Einflüssen, an die Notwendigkeit, auch das Proletariat umzuerziehen (vgl.
S. 81,90-92) und man wird solche möglichen Konsequenzen eines wirklich
vom Proletariat beherrschten Staates nicht für abwegig halten.
Die daraus sich ergebenden Folgen für die Außenpolitik eines solchen
Staates wären im Laufe der Zeit eine wachsende Angleichung an kleinbürger-
s Damit soll nicht gesagt sein, daß solche Wünsche nur für das Kleinbürgertum
charakteristisch sind.
Kapitalistische Gesellschaftsordnung und Proletariat 95

liche Vorstellungen anderer, besonders kleiner Staaten. Damit würden auch


die ursprünglich scharfen Gegensätze zwischen einem wirklich proletarisch
geführten Staat und den "bürgerlichen" Staaten sich Schritt für Schritt
mildern. Das Ziel des Sturzes des Kapitalismus in allen Ländern der Welt
würde als bestimmende Triebkraft der Außenpolitik mehr und mehr zurück-
treten und die Unterstützung revolutionärer Bewegungen in anderen Ländern
zum Sturz des Kapitalismus zu einer Aufgabe geringer Wichtigkeit werden.
Ganz andere außenpolitische Folgen ergeben sich, wenn die "Diktatur des
Proletariats" in Wirklichkeit die Diktatur einer kleinen Gruppe von zielbe-
wußten, erfahrenen und zum Letzten entschlossenen Berufsrevolutionären ist.
Ausgestattet mit einer biegsamen Taktik, die auch alle Formen der Gewalt je
nach der Zweckmäßigkeit einschließt, vor keiner Lüge und List im Dienste
einer riesigen revolutionären Aufgabe zurückschreckend, muß die entscheidende
Gruppe von Berufsrevolutionären alle kleinbürgerlichen Einflüsse in der von
ihr beherrschten Bevölkerung bekämpfen, die materiellen Grundlagen für die
Förderung kleinbürgerlicher Ideen zerstören (wo sie sich neu bilden, wieder
zerstören), den Sinn für revolutionäre Taten, nunmehr über die Staatsgrenzen
hinaus gerichtet, fördern. Denn auch die entscheidende Gruppe von Berufs-
revolutionären weiß, daß sie für die Ausübung ihrer unumschränkten Herr-
schaft als Stütze einen breiteren Unterbau von Anhängern, wenn auch nicht
unbedingt die Mehrheit des Volkes braucht.
Außenpolitisch bedeutet das die möglichst weitgehende Abschirmung
gegen Einflüsse, die diese Führung als schädlich ansieht. Das heißt u. a. die
Abhaltung aller Einflüsse von außen, die immer wieder als "kapitalistisch",
"bürgerlich", "kleinbürgerlich", "revisionistisch", "zersetzend" usw. be-
zeichnet werden. Damit ist beabsichtigt, das Aufkommen von anderen Ideen
und Vorstellungen in der Bevölkerung zu verhindern und damit die etwaigen
Tendenzen nach einer Ähnlichkeit, letzten Endes vielleicht nach einem Aus-
gleich mit den "kapitalistischen" Staaten zu unterbinden.
Neben dieser defensiven Haltung der Berufsrevolutionäre in ihrer Außen-
politik ist auch ihre offensive Haltung zu berücksichtigen. Die Vereinigung
der Macht in den Händen einer kleinen Gruppe erlaubt es u. a., alle beabsich-
tigten außenpolitischen Schritte geheimzuhalten. Das ist für diese Gruppe
um so vorteilhafter, als die Meinungsfreiheit besonders in den Demokratien
der westlichen Industriestaaten plötzliche außenpolitische Schritte dieser
Demokratien fast völlig verhindert. Diese Gruppe kann daraus oft sogar auf
den Umfang des Entgegenkommens westlicher Demokratien schließen, bevor
die offiziellen Verhandlungen begonnen haben.
96 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Ein weiterer Vorteil für die alleinige Macht in den Händen einer kleinen
Gruppe von Berufsrevolutionären ist ihre taktische Wendigkeit in der Außen-
politik. Sie sieht sich darin von einer innenpolitischen Opposition nicht be-
hindert und braucht ihr gegenüber vorher oder nachher keine öffentliche
Rechenschaft abzulegen.
Eine von Berufsrevolutionären beherrschte Führung bürgt auch für das
Festhalten an dem weltrevolutionären Ziel: Sturz des Kapitalismus und
Errichtung des Sozialismus in der ganzen Welt mit allen Mitteln.
Die tatsächliche Anwendung dieser oder jener Mittel richtet sich nach dem
Risiko möglicher gefährlicher Rückschläge in der Außenpolitik. Das setzt
eine Vorausberechnung der möglichen Folgen bei der Anwendung dieser oder
jener Mittel voran. In dem Besitz einer solchen Voraussicht glaubt die ent-
scheidende Gruppe der Berufsrevolutionäre zu sein.
Stellen sich auf längere Sicht außenpolitische Erfolge auf Grund der An-
wendung der zweckmäßigsten Methoden ein, so wird der Glaube der Berufs-
revolutionäre an die Erreichbarkeit ihrer revolutionären Ziele für die ganze
Welt noch bestärkt. Diese Berufsrevolutionäre sind darüber hinaus am wenig-
sten gegen Einflüsse anfällig, die letztlich "versöhnlerische" Neigungen zum
Ausgleich mit dem zu vernichtenden Gegner nach sich ziehen könnten.
Es wäre kaum denkbar, alles dies zu erreichen, hätte Lenin in der Theorie
als Anleitung zum innen- und außenpolitischen Handeln den Fragen der
Organisation nicht sehr große Aufmerksamkeit geschenkt.

Ir. Richtlinien im einzelnen für das Verhalten


eines "sozialistischen" Staates besonders gegenüber
den westlichen Industriestaaten

Im Teil B I stellten wir die allgemeinen Richtlinien Lenins für das Ver-
halten des Proletariats gegenüber der kapitalistischen Gesellschaftsordnung
dar. Sie gelten ebenso gegenüber jeder anderen von Lenin bekämpften Gesell-
schaftsordnung. Sie sollen das Verhalten jedes Kommunisten in der Stellung-
nahme zu innen- und außenpolitischen Fragen bestimmen, unabhängig davon,
ob die ihm verhaßte Gesellschaftsordnung noch besteht oder nach der
Eroberung der Macht die "Diktatur des Proletariats" nach außen und innen
zu festigen ist.
Im vorliegenden Teil B Il werden die Richtlinien im einzelnen dargestellt,
die sich für Lenin aus der Befolgung der allgemeinen Richtlinien ergeben.
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 97

Unserer Aufgabe entsprechend, wird sich die Darstellung nur auf die näher
erläuterten Richtlinien beschränken, die für die Außenpolitik eines "sozia-
listischen" Staates wesentlich sind.
Die Frage, was unter einem sozialistischen Staat zu verstehen ist, wäre
Anlaß genug für eine ausführliche Darlegung. Wir beziehen uns bei dem
Gebrauch dieser Bezeichnung nur darauf, was Lenin allgemein darunter
verstand. Es handelt sich einmal um einen Staat, in dem der Sozialismus im
Sinne Lenins verwirklicht wurde. Zum anderen wird nach Lenin auch der
Staat als sozialistisch bezeichnet, der den Sozialismus noch nicht verwirk-
licht hat, ihn jedoch sich zur Aufgabe stellt. So nannte sich der nach der
Oktoberrevolution entstandene Staat von 1918 bis 1923 Russische Sozia-
listische Föderative Sowjet-Republik (RSFSR), ohne daß Lenin damit zum
Ausdruck bringen wollte, dort sei der Sozialismus bereits verwirklicht. Das-
selbe gilt für den neuen Namen "Sowjetunion" ab 1924, der ausführlicher
lautet: Union der Sozialistischen Sowjet-Republiken (UdSSR). Es wird auch
hier das Wort "sozialistisch" in der amtlichen Staatsbezeichnung gebraucht,
obschon nach der offiziellen sowjetischen Darstellung der Sozialismus erst seit
dem Jahre 1936 im wesentlichen verwirklicht wurde. Daß die Bezeichnung
sozialistischer Staat auch in der Sicht der Nachfolger Lenins zwei verschie-
dene Inhalte umfaßt, sehen wir am Beispiel des nach 1945 entstandenen
"sozialistischen Lagers". Auch damit war nicht gemeint, daß alle darin ver-
einigten Staaten bereits den Sozialismus verwirklicht haben. Dieses "Lager"
umfaßt in sowjetischer Sicht Staaten, die den "Aufbau des Sozialismus"
vollendet haben (wie die Sowjetunion, vielleicht auch China 9) und die anderen
Staaten, die sich noch immer in der Phase des "Aufbaus des Sozialismus"
befinden.
Mit der im folgenden häufig verwendeten Bezeichnung "sozialistischer
Staat" verbindet der Verfasser keineswegs die Vorstellung, als könnte es in
der Welt nur sozialistische Staaten im Sinne Lenins und der Nachfolger Lenins
geben. Bekanntlich gehörten zu den Gegenständen jahrzehntelanger Ausein-
andersetzungen zwi schen den Kommunisten Lenins und den Sozialdemo-
kraten die Fragen, was Sozialismus ist und welche Wege für seine Verwirk-
lichung zu beschreiten sind. Lenin und seine Nachfolger haben immer nur
ihre Vorstellung als sozialistisch angesehen und jede Abweichung davon
als nicht sozialistisch bekämpft.
9 Nach den offiziellen Darstellungen der Volksrepublik China ist dort der Sozialis-

mus bereits verwirklicht. Ob die KP-Führung der Sowjetunion diesen Standpunkt


wirklich teilt, ist fraglich.
98 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

,. Sechs Anhaltspunkte für die Zweckmäßigkeit von Angriffskriegen


gegen andere Staaten

Die grundsätzliche Bejahung eines Angriffskrieges als eines "gerechten",


"fortschrittlichen" Krieges, sofern er von einem sozialistischen Staat geführt
wird, sagt dem Anhänger Leruns noch nichts darüber, in welcher Lage er
ihn führen darf. Aus den Schriften Lenins ergibt sich die Berechtigung eines
solchen Krieges in sechs verschiedenen Fällen.
Den ersten Fall schildert Lenin wie folgt:
"Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung
ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, daß der Sieg
des Sozialismus ursprünglich in wenigen oder sogar in einem einzeln
genommenen kapitalistischen Lande möglich ist. Nach Enteignung der
Kapitalisten und Organisation der sozialistischen Produktion im eigenen
Lande würde sich das siegreiche Proletariat dieses Landes gegen die übrige
kapitalistische Welt erheben, indem es die unterdrückten Klassen der
anderen Länder für sich gewinnen, in diesen Ländern den Aufstand gegen
die Kapitalisten anfachen und im Notfall sogar mit Kriegsgewalt gegen die
exploitierenden Klassen und ihre Staaten vorgehen würde. Die politische
Form der Gesellschaft, in der das Ptoletariat siegt, indem es die Bourge-
oisie niederwirft, wird die demokratische Republik sein, die die Kräfte des
Proletariats der betreffenden Nation oder der betreffenden Nationen immer
mehr zentralisiert im Kampfe gegen die Staaten, die noch nicht zum Sozia-
lismlls übergegangen sind.
(Aus Lenins Aufsatz: "Über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa",
veröffentlicht am 23.8.1915, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Aufl., Bd.18,
Wien-Berlin 1929, S.310.)

Demnach soll das in einem Lande siegreiche Proletariat den sozialistischen


Staat erst durch den "Aufbau des Sozialismus" wirtschaftlich kräftigen,
bevor dieser Staat in den anderen Staaten Aufstände zu entfachen versucht.
Sollten die so entfachten Aufstände nicht zum Erfolg führen, dann hat für
diesen "Notfall" der sozialistische Staat Angriffskriege zur Unterstützung
dieser Aufstände zu führen. Dasselbe soll gelten, wenn sich mehre1e sozialisti-
sche Staaten gebildet haben, die ihre außenpolitischen Anstrengungen unter
zentraler Leitung aufeinander abstimmen. Dabei dachte Lenin offenbar dar-
an, daß dem ersten sozialistischen Staat in der Welt in gewisser Weise eine
leitende Funktion gegenüber den nachfolgenden anderen sozialistischen
Staaten zufällt.
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 99

Nach Lenin muß jedoch ein sozialistischer Staat nicht unbedingt erst den
Sozialismus verwirklicht haben, bevor er mit einem Angriffskrieg beginnt.
Sind z. B. die revolutionären Strömungen in den wichtigsten gegeneinander
kriegführenden kapitalistischen Staaten schon so stark, daß die proletarische
Revolution dort bald bevorsteht, dann sollte selbst ein erst vor kurzem ent-
standener sozialistischer Staat alles tun, um diesen Prozeß dort zu fördern und
die innenpolitisch schon schwer bedrohten Staaten gleichzeitig angreifen.
Diesen Handlungen hat ein Vorschlag der Regierung des sozialistischen
Staates mit populären Friedensbedingungen vorauszugehen, deren Ableh-
nung durch die kriegführenden kapitalistischen Staaten erwartet wird. Unter
Ausnutzung der dadurch entstehenden Stimmung der breiten Massen in den
kriegführenden Staaten und in den von ihnen abhängigen Kolonien soll der
sozialistische Staat seinen Angriffskrieg mit den proletarischen Revolutionen
in den kapitalistischen Staaten verbinden.
Diese von Lenin empfohlene Taktik findet sich in seinem Aufsatz "Einige
Thesen" vom 13. 10. 1915. Unter ausdrücklichem Bezug darauf wiederholte
Lenin seinen Standpunkt u. a. in seinem Abschiedsbrief an die Schweizer
Arbeiter vom 8. 4. 1917.
1915
,,11. Auf die Frage, was die Partei des Proletariats tun würde, wenn die
Revolution sie im jetzigen Kriege ans Ruder brächte, antworten wir: wir
würden allen Kriegführenden den Frieden anbieten unter folgender Be-
dingung: Befreiung der Kolonien und aller abhängigen, unterdrückten
und nicht vollberechtigten Völker. Weder Deutschland noch England oder
Frankreich würden unter ihren jetzigen Regierungen diese Bedingungen
annehmen. Dann müßten wir den revolutionären Krieg vorbereiten und
führen, d. h. wir würden nicht nur mit den entschlossensten Mitteln unser
ganzes Minimalprogramm zur Gänze durchführen, sondern uns auch
systematisch daranmachen, alle jetzt von den Großrussen unterdrückten
Völker, alle Kolonien und abhängigen Länder Asiens (Indien, China,
Persien usw.) zum Aufstand zu bringen, wir würden ebenso - und dies in
erster Linie - das sozialistische Proletariat Europas seinen Sozialchauvinisten
zum Trotz gegen seine Regierungen in den Aufstand treiben. Es unterliegt
keinem Zweifel, daß der Sieg des Proletariats in Rußland für die Entwick-
lung der Revolution in Asien wie in Europa ungewöhnlich günstige
Bedingungen schaffen würde."
(Aus Lenins "Einige Thesen", veröffentlicht am 13. 10. 1915 in Lenins Zeitschrift
"Sozialdemokrat", Nr. 47, in der Schweiz, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke",
2. Ausg., Bd. 18, Wien-Berlin 1929, S.415.)
100 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

1917
"In Nr.47 des ,Sozialdemokrat' haben wir auf die notwendig auftauchende
Frage, was unsere Partei machen würde, wenn die Revolution sie sofort
an die Macht brächte, eine klare und unumwundene Antwort gegeben.
Wir haben geantwortet: 1. wir würden unverzüglich allen kriegführenden
Völkern den Frieden vorschlagen; 2. wir würden unsere Friedensbedingun-
gen, die die sofortige Befreiung aller Kolonien und aller unterdrückten
oder nicht vollberechtigten Völker fordern, veröffentlichen; 3. wir würden
die Befreiung der Völker, die von den Großrussen unterdrückt werden,
sofort in Angriff nehmen und auch vollenden; 4. wir geben uns keinen
Augenblick der Täuschung hin, daß solche Bedingungen nicht nur für die
monarchistische, sondern auch für die republikanische Bourgeoisie Deutsch-
lands unannehmbar sein würden, und nicht nur für Deutschland, sondern
auch für die kapitalistischen Regierungen Englands und Frankreichs.
Wir würden gegen die deutsche Bourgeoisie, und nicht nur gegen die
deutsche, einen revolutionären Kampf führen müssen. Wir würden diesen
Kampf aufnehmen. Wir sind keine Pazifisten. Wir sind Gegner imperialisti-
scher Kriege, die um die Verteilung der Beute unter die Kapitalisten geführt
werden, aber wir haben es stets als Unsinn bezeichnet, daß das revolutionäre
Proletariat auch revolutionären Kriegen abschwören sollte, die sich im
Interesse des Sozialismus als notwendig erweisen können."
(Aus dem Brief Lenins vom 8.4. 1917 an die Schweizer Arbeiter, vgl. Lenin:
"Ausgewählte Werke in zwölf Bänden", Bd. 6, Moskau 1935, S. 17/18.)

Man beachte auch bei dieser empfohlenen Taktik das Friedensangebot an


die Völker, während die Regierungen und die Bourgeoisie dieser Völker so
hingestellt werden, als handelten sie von ihren Völkern getrennt und entgegen
den Wünschen ihrer Völker.
Es braucht sich nach Lenin nicht nur um Aufstände des Proletariats in den
kapitalistischen Ländern zu handeln, die den Angriffskrieg eines sozialistischen
Staates rechtfertigen. Auch nichtproletarische Aufstände von unterdrückten
Völkern, z. B. in den Kolonien und anderen annektierten Gebieten der
kapitalistischen Großmächte, sollen unterstützt werden. Dabei soll ein Angriffs-
krieg des sozialistischen Staates, je nach der Lage, früher oder später folgen:
"Ohne den Sozialismus preiszugeben, müssen wir jeden Aufstand gegen un-
seren Hauptfeind, die Bourgeoisie der Großmächte, unterstützen, wenn
er kein Aufstand einer reaktionären Klasse ist. Wenn wir die Unterstützung
des Aufstandes der annektierten Gebiete ablehnen, so werden wir - objektiv
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 101

gesehen - zu Annexionisten. Gerade in der ,Aera des Imperialismus', die


eine Aera der beginnenden sozialen Revolution ist, wird das Proletariat
heute den Aufstand der annektierten Gebiete mit besonderer Energie
unterstützen, um gleichzeitig oder morgen über die durch einen solchen
Aufstand geschwächte Bourgeoisie der ,Großmacht' herzufallen."
(Aus Lenins Aufsatz: "Ergebnisse der Diskussionen über das Selbstbestimmungs-
recht", veröffentlicht im Oktober 1916, vgl. Lenin u. Sinowjew: "Gegen den
Strom", Hamburg 1921, S. 393.)

Der Kampf gegen die Annexion von Gebieten durch kapitalistische Staaten
schließt nicht die Annexion von Gebieten durch einen sozialistischen Staat
aus. Eine Annexion solcher Art muß aber dem Willen des Volkes des annek-
tierten Gebietes entsprechen. Diese von Lenin gemachte Einschränkung gibt
jedoch dem annektierenden sozialistischen Staat nach der Annexion im Zeichen
der "Diktatur des Proletariats" viele Möglichkeiten, den Willen der Mehrheit
der Bevölkerung in dem annektierten Gebiet zu lenken.
"Es muß aufgeklärt werden, was eigentlich die Annexion sei, wie und
warum Sozialisten gegen Annexionen kämpfen müssen. Nicht jede An-
gliederung eines neuen Territoriums ist Annexion, denn im allgemeinen
ist der Sozialismus für das Verschwinden der Grenzen zwischen den N atio-
nen und für Bildung von größeren Staaten. Nicht jede Verletzung des
status quo ist Annexion. Das zu glauben, wäre reaktionär und verstieße
gegen die Grundbegriffe der Geschichtswissenschaft. Nicht jede Angliede-
rung eines Landes durch Kriegsgewalt ist Annexion, denn der Sozialismus
kann nicht Gewaltanwendung und Kriege, die im Interesse der Mehrheit
der Bevölkerung geführt werden, grundsätzlich ablehnen. Unter Annexion
verstehen wir bloß die Angliederung eines Landes gegen den Willen seiner
Bewohner. Mit anderen Worten: der Begriff der Annexion ist mit dem
Begriff des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen aufs innigste ver-
schmolzen. "
(Aus Lenins Aufsatz: "Vorschläge des Zentralkomitees der SDAPR an die zweite
Sozialistische Konferenz", veröffentlicht am 22.4.1916, vgl. Lenin: " Sämtliche
Werke", 2. Auf!., Bd. 19, Wien-Berlin 1930, S. 69/70.)

Was hat nach Lenin ein sozialistischer Staat zu tun angesichts einer Lage,
in der einige" Völker" eine sozialistische Revolution beginnen, während andere
"Völker" sie daran hindern wollen?
"Wenn jene konkrete Situation, vor der Marx in der Epoche des über-
wiegenden Einflusses des Zarismus in der internationalen Politik stand,
102 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

sich wiederholen sollte, z. B. in der Form, daß einige Völker eine sozialisti-
sche Revolution beginnen sollten (so wie im Jahre 1848 in Europa die
bürgerlich-demokratische Revolution begann), andere Völker sich aber als
Grundpfeiler der bürgerlichen Reaktion erweisen sollten - so müßten wir
für einen revolutionären Krieg mit ihnen sein, um sie zu ,erdrücken', und
um alle ihre Vorposten zu vernichten, ganz ungeachtet dessen, ob sich
hier kleine nationale Bewegungen bemerkbar machen oder nicht."
(Aus Lenins Aufsatz von 1916: "Ergebnisse der Diskussionen über das Selbstbe-
stimmungsrecht", S.400.)

Nach dieser Befürwortung von Angriffskriegen eines sozialistischen Staates


in bestimmten Lagen ist es nur folgerichtig, daß Lenin den Präventivkrieg
eines sozialistischen Staates gegen andere Staaten erst recht für richtig hält.
Für die Berechtigung eines solchen Krieges genügt bereits der Eindruck,
daß ein "direktes Streben der Bourgeoisie anderer Länder" darauf gerichtet ist,
"das siegreiche Proletariat des sozialistischen Staates zu zerschmettern". Man
beachte auch, daß ein Präventivkrieg nicht nur das Ziel hat, den Gegner zu
schlagen, sondern ihm das System des Sozialismus zu bringen.
"Drittens schließt der in einem Lande siegreiche Sozialismus keineswegs
mit einem Male alle Kriege überhaupt aus. Im Gegenteil, er setzt solche
voraus. Die Entwicklung des Kapitalismus geht höchst ungleichmäßig in
verschiedenen Ländern vor sich. Das kann nicht anders sein bei der \Varen-
produktion. Daraus die unvermeidliche Schlußfolgerung: der Sozialismus
kann nicht gleichzeitig in allen Ländern siegen. Er wird zuerst in einem oder
einigen Ländern siegen, andere werden für eine gewisse Zeit bürgerlich
oder vorbürgerlich bleiben. Das muß nicht nur Reibungen, sondern auch
ein direktes Streben der Bourgeoisie anderer Länder erzeugen, das sieg-
reiche Proletariat des sozialistischen Staates zu zerschmettern. In solchen
Fällen wäre ein Krieg unsererseits legitim und gerecht, es wäre ein Krieg
für den Sozialismus, für die Befreiung anderer Völker von der Bourgeoisie."
(Aus Lenins Aufsatz, veröffentlicht im Sept.jOkt. 1917: "Das Militärprogramm
der proletarischen Revolution", S. 878.)

Die Angriffskriege eines sozialistischen Staates oder sozialistischer Staaten


sind zum Teil ein Ausdruck des sogenannten proletarischen Internationalis-
mus. Der von Lenin und Lenins Nachfolgern gebrauchte Begriff des prole-
tarischen Internationalismus umfaßt u. a. alle Maßnahmen der Hilfe, die ein
sozialistischer Staat dem von Kommunisten geführten Proletariat in anderen
Staaten leistet . .f-Iierzu gehärt auch der Angriffskrieg als Mittel, wenn er sich
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 103

für die Errichtung der "Diktatur des Proletariats" in anderen Staaten als not-
wendig erweisen sollte. Wie Lenins Begriff vom proletarischen Internationalis-
mus Angriffskriege und in anderen Ländern zu entfachende Bürgerkriege
einschließt, soll an dlei Äußerungen Lenins über die Aufgaben des prole-
tarischen Internationalismus erläutert werden.

1917
,,16. Die internationalen Pflichten der Arbeiterklasse Rußlands treten gerade
jetzt mit besonderem Nachdruck in den Vordergrund.
Alles schwört heutzutage auf den Internationalismus, selbst die chauvi-
nistischen Vaterlandsverteidiger, selbst die Herren Plechanow und Po-
tressow, selbst Kerenski nennt sich Internationalist. Um so dringendere
Pflicht der proletarischen Partei ist es, mit aller Deutlichkeit, Schärfe und
Bestimmtheit dem Lippenbekenntnis zum Internationalismus den Inter-
nationalismus der Tat entgegenzustellen ...
Es gibt nur einen Internationalismus der Tat: die hingebungsvolle Arbeit
an der Entwicklung der revolutionären Bewegung und des revolutionären
Kampfes im eigenen Lande, die Unterstützung (durch Propaganda, durch
moralische und materielle Hilfe) eines ebemolchen Kampfes, einer eben-
solchen Linie und nur einer solchen allein in ausnahmslos allen Ländern."
(Aus Lenins Schrift: "Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution",
S.32/33.)
1918
"Die Taktik der Bolschewiki war richtig, war die einzige internationalisti-
sche Taktik, denn sie basierte nicht auf der feigen Furcht vor der Welt-
revolution, nicht auf dem spießbürgerlichen ,Unglauben' an sie, nicht
auf dem beschränkt-nationalistischen Wunsch, für das ,eigene' Vaterland
(das Vaterland der eigenen Bourgeoisie) einzustehen und auf alles andere zu
,spucken' - sie beruhte auf der richtigen (vor dem Krieg, vor dem Rene-
gatentum der Sozialchauvinisten und Sozialpazifisten allgemein anerkannten)
Einschätzung der europäischen revolutionären Situation. Diese Taktik war
allein internationalistisch, denn sie führte ein Höchstmaß dessen durch, was
in einem Lande für die Entwicklung, Unterstützung, Entfachung der
Revolution in allen Ländern durchführbar ist."
(Aus Lenins Schrift: "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky",
S.470/471.)
1920
"Der Kampf gegen dieses Übel, gegen die am tiefsten eingewurzelten klein-
bürgerlich-nationalen Vorurteile, muß um so mehr in den Vordergrund
104 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

rücken, je aktueller die Aufgabe der Umwandlung der Diktatur des Prole-
tariats aus einer nationalen Diktatur (d. h. der Diktatur, die nur in einem
einzigen Lande besteht und die Weltpolitik nicht zu bestimmen vermag)
in eine internationale wird (d. h. in die Diktatur des Proletariats mindestens
in einigen fortgeschrittenen Ländern, die einen entscheidenden Einfluß auf
die ganze Weltpolitik ausüben könnte). Der kleinbürgerliche Nationalismus
erklärt, daß die Anerkennung der Gleichberechtigung der Nationen Inter-
nationalismus sei, und weiter nichts, und läßt (ganz abgesehen davon, daß
eine solche Anerkennung nur ein Lippenbekenntnis ist) den nationalen
Egoismus unangetastet, während der proletarische Internationalismus
fordert: erstens, daß die Interessen des proletarischen Kampfes des einen
Landes den Interessen des internationalen proletarischen Kampfes unter-
geordnet werden; zweitens, daß die Nation, die über die Bourgeoisie siegt,
fähig und bereit sei, die größten nationalen Opfer für den Sturz des inter-
nationalen Kapitals zu bringen."
(Aus Lenin: "Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen
Frage", veröffentlicht am 14.6. 1920, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei
Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S. 773/774.)

Die Hilfsmaßnahmen eines sozialistischen Staates für die Förderung des


von Kommunisten geführten Proletariats in den anderen Staaten umfassen
wesentlich mehr als den Angriffskrieg. Insoweit werden sie in einem anderen
Teil dieses Buches dargestellt.

2. Wann sollte ein sozialistischer Staat keinen Angriffskrieg/ühren?

Schon die dargestellten allgemeinen Richtlinien für das Verhalten des


Proletariats enthielten Warnungen vor der Anwendung von Gewalt in ihren
verschiedenen Formen, wenn der zu vernichtende Gegner zu stark ist. Das
gilt selbstverständlich auch für das Verhalten eines sozialistischen Staates zu
anderen Staaten. Vor 1919 ein Optimist in der Beurteilung der Aussichten für
erfolgreiche Angriffskriege sozialistischer Staaten, hat Lenin besonders seit
1920 die objektiven Bedingungen hierfür wesentlich kritischer betrachtet.
Man erinnere sich an seine optimistischen Empfehlungen für Angriffskriege im
vorangegangenen Abschnitt S. 98-102. 1915 sah er den vollendeten Aufbau des
Sozialismus in einem Lande als ausreichend an, um mit der Entfachung von
Aufständen in den kapitalistischen Staaten zu beginnen und "notfalls" auch
Angriffskriege folgen zu lassen. V on einer Berücksichtigung des Kräftever-
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 105

hältnisses zwischen dem sozialistischen Staat und den zu zerstörenden kapita-


listischen Staaten war bei dieser Richtlinie Lenins keine Rede. Auch das auf
S. 99 erwähnte Beispiel 2 (Angriffskrieg eines sozialistischen Staates ohne den
vorherigen Aufbau des Sozialismus in der Hoffnung auf gleichzeitige Aufstände
des Proletariats und der Kolonialvölker in den anderen Staaten) erwies sich in
der Praxis von 1917 bis 1920 als falsche Einschätzung der internationalen Lage.
Wohl im Hinblick auf seine Erfahrungen als außenpolitischer Praktiker
seit der Oktoberrevolution wurde Lenin seit 1918 wesentlich vorsichtiger als
vorher in der Beurteilung der Aussichten eines erfolgreichen Angriffskrieges.
Das bedeutete nicht, daß er die von ihm genannten sechs Lagen für erfolg-
reiche Angriffskriege (S. 98-102) für falsch hielt. Er ergänzte aber die
Bedingungen für die erwähnten sechs Lagen durch Warnungen zur Vorsicht.
Die einst zu oberflächliche Berücksichtigung der internationalen Kräfte-
verhältnisse machte einem vertieften Studium Platz und beeinflußte in diesem
Sinne seine Theorie als Anleitung zum Handeln. Das ging nicht ohne Aus-
einandersetzungen mit einem Teil seiner Anhänger ab, die seinen bisherigen
Grundsätzen im politischen Handeln gefolgt waren. Es folgen zwei Beispiele,
die seine Mahnung zur außenpolitischen Zurückhaltung vor einem überlegenen
Gegner zeigen, ebenso seine Kritik an Kommunisten, die sich vor keinem
außenpolitischen Risiko fürchten.
1918
"Man sagt, daß wir in einer Reihe von Erklärungen der Partei einen revo-
lutionären Krieg direkt ,versprochen' haben und daß der Abschluß eines
Separatfriedens ein Wortbruch sein werde.
Das ist nicht richtig. Wir haben davon gesprochen, daß eine sozialistische
Regierung in der Epoche des Imperialismus einen revolutionären Krieg
,vorbereiten und führen' muß, wir haben davon gesprochen, um gegen den
abstrakten Pazifismus, gegen die Theorie der völligen Ablehnung der
,Vaterlandsverteidigung' in der Epoche des Imperialismus und schließlich
gegen die rein egoistischen Instinkte eines Teiles der Soldaten anzukämpfen,
aber wir haben nicht die Verpflichtung übernommen, einen revolutionären
Krieg zu beginnen, ohne Rücksicht darauf, ob man ihn in diesem oder jenem
Zeitpunkt führen kann.
Wir müssen auch jetzt unbedingt einen revolutionären Krieg vorbereiten.
Wir halten dieses Versprechen, so wie wir es überhaupt mit allen unseren
Versprechen, die man sofort durchführen konnte, getan haben: wir haben
die Geheimverträge annulliert, haben allen Völkern einen gerechten Frieden
angeboten, haben in jeder Weise und wiederholt die Friedensverhandlungen
106 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

in die Länge gezogen, um den übrigen Völkern Zeit zum Anschluß zu


lassen.
Aber die Frage, ob man sofort, unmittelbar einen revolutionären Krieg
führen kann, muß man entscheiden, indem man ausschließlich die materiellen
Bedingungen seiner Durchführbarkeit und die Interessen der bereits be-
gonnenen sozialistischen Revolution in Rechnung stellt."
(Aus Lenins "Thesen über den Abschluß eines annexionistischen Separatfriedens",
vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S. 307/308.)

1920
"Sich im voraus die Hände zu binden, dem Feinde, der jetzt besser ge-
wappnet ist als wir, offen zu sagen, ob und wann wir mit ihm Krieg führen
werden, ist eine Dummheit, aber kein revolutionäres Verhalten. Den Kampf
aufzunehmen, wenn dies offenbar für den Feind und nicht für uns günstig
ist, ist ein Verbrechen, und Politiker der revolutionären Klasse, die nicht
,zu lavieren, zu paktieren, Kompromisse zu schließen' verstehen, um einem
offenkundig unvorteilhaften Treffen auszuweichen, sind keinen Pfifferling
wert."
(Aus Lenins Schrift: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S.722.)

3. Verhalten eines sozialistischen Staates Zu kapitalistischen Staaten


zwischen den Kriegen

Wie ersichtlich, bedeuten die Ermahnungen Lenins zur außenpolitischen


Vorsicht nicht eine Ablehnung des Angriffskrieges. Man muß sich nur gründ-
licher auf ihn vorbereiten. Seine Anleitung zum Handeln sieht für diesen
Fall eine Taktik vor, die bis zu einem neuen Angriffskrieg den sozialistischen
Staat möglichst stärken und zugleich die kapitalistischen Staaten möglichst
schwächen soll. In den dargestellten allgemeinen Richtlinien fanden wir
Hinweise Lenins auf die Notwendigkeit, mit dem Gegner zu "lavieren",
zu "paktieren". Was bedeutet dies außenpolitisch im einzelnen?

a) Rückzüge und das Kompromiß


mit sehr großen Zugeständnissen an den Gegner

Es kann nach Lenin ein Kräfteverhältnis zwischen einem sozialistischen


und einem kapitalistischen Staat (bzw. mehreren kapitalistischen Staaten)
bestehen, das nicht nur einen Angriffskrieg des sozialistischen Staates aus-
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 107

schlie~t, sondern nur den Rückzug als einzig richtige Maßnahme nahelegt.
Dieser Rückzug hat nach Lenin nichts mit einem Verzieht auf das außen-
politische Endziel und auf die dabei anzuwendenden verschiedenen Methoden
zu tun. Nur für einige Zeit sollen diese Methoden zugunsten der einstweilen
einzig richtigen Methode des Rückzuges zurückgestellt werden. Je nach der
internationalen Lage sollte man nach Lenin vom Rückzug wieder zur Offensive
übergehen.
1918
"Derjenige ist kein Sozialist, der nicht versteht, daß um des Sieges über
die Bourgeoisie, des Überganges der Macht an die Arbeiter, des Anfangs
der internationalen proletarischen Revolution willen man keinerlei Opfer
scheuen kann und darf, darunter auch kein Opfer durch einen Teil des
Territoriums, kein Opfer schwerer Niederlagen durch den Kapitalismus
anderer Länder, kein Opfer eines Tributs an die Kapitalisten. Derjenige
ist kein Sozialist, der nicht durch Taten seine Bereitschaft bewiesen hat zu
größten Opfer für ,sein ' Vaterland, wenn nur die Sache der sozialistischen
Revolution faktisch vorwärts getrieben wird."
(Aus Lenins Brief an die amerikanischen Arbeiter, veröffentlicht am 22.8. 1918,
vgl. Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg., Bd. 23, Moskau 1937, S. 181.)

1921
",ll faut reculer, po ur mieux sauter' (Man muß zurückgehen, um besser
zu springen). Und dieser Sprung ist unvermeidlich, weil, objektiv gesehen,
die Lage unerträglich wird ... Unsere Losung ist Vorbereitung der Offen-
sive. Wir machen unseren Rückzug nicht grundsätzlich, sondern nur aus
taktischen Gründen und nur für kurze Zeit."
(Aus einer Rede Lenins vor dem 3. Kongreß der Kommunistischen Internationale
vom 11. 7. 1921, vgl. Institut für Marxismus-Leninismus, Hg.: "Leninski Sbor-
nik", ("Lenin-Sammelwerk"), Moskau 1959, S. 283/284.)

Die beiden folgenden Äußerungen Lenins wurden durch innenpolitische


Vorgänge veranlaßt, gelten aber sowohl für die Innenpolitik als auch für die
Außenpolitik.
"Wenn eine Armee, nachdem sie sieh davon überzeugt hat, daß sie die
Festung im Sturm zu nehmen nicht imstande ist, erklärte, sie sei für eine
Räumung der alten Stellungen nicht zu haben, sie werde keine neuen Stellun-
gen beziehen, werde nicht zu neuen Methoden übergehen, um die Aufgabe
zu lösen, so würde man von einer solchen Armee sagen: wer anzugreifen
gelernt hat und nicht gelernt hat, unter gewissen schwierigen Bedingungen,
108 Die Theorie Lenim als Anleitung Zum Handeln

sich diesen anpassend, den Rückzug anzutreten, der wird den Krieg nicht
siegreich beenden. Kriege, die mit einem ununterbrochenen siegreichen
Angriff begonnen und geendet hätten, hat es in der Weltgeschichte nie
gegeben, oder doch nur als Ausnahmefälle. Und das gilt für gewöhnliche
Kriege. In einem Krieg aber, in dem das Schicksal einer ganzen Klasse,
in dem die Frage Sozialismus oder Kapitalismus zur Entscheidung steht,
gibt es da vernünftige Gründe für die Annahme, daß ein Volk, das zum
erstenmal diese Aufgabe zu lösen hat, mit einem Schlage die einzig richtige,
fehlerlose Methode finden könnte? Welche Gründe für eine solche Annahme
gibt es? Gar keine! Die Erfahrung lehrt das Gegenteil. Unter den Aufgaben,
die wir zu lösen hatten, gab es keine einzige, die nicht von uns einen noch-
maligen Beschluß, sie wieder in Angriff zu nehmen, erfordert hätte. Nach
einer Niederlage die Sache ein zweites Mal anpacken, alles umarbeiten,
sich überzeugen, in welcher Weise man an die Lösung der Aufgabe heran-
gehen kann, nicht gerade an die endgültig richtige, aber an eine Lösung,
die wenigstens befriedigend ist - so haben wir gearbeitet, so muß man auch
in Zukunft arbeiten. Wenn bei der Perspektive, die sich uns eröffnet,
in unseren Reihen keine Einmütigkeit sein sollte, so wäre dies das traurigste
Anzeichen dafür, daß sich ein außerordentlich gefährlicher Geist des Klein-
muts in der Partei eingenistet hat. Und umgekehrt, wenn wir keine Scheu
tragen werden, selbst die bittere und harte Wahrheit unverblümt auszu-
sprechen, so werden wir es lernen, werden wir unweigerlich und unbedingt
lernen, alle und jegliche Schwierigkeiten zu besiegen.
Wir müssen uns auf den Boden der vorhandenen kapitalistischen Verhält-
nisse stellen. Werden wir vor dieser Aufgabe zurückschrecken? Oder wer-
den wir sagen, daß es keine kommunistische Aufgabe sei? Das hieße den
revolutionären Kampf nicht begreifen, den Charakter dieses Kampfes
nicht begreifen, dieses äußerst angespannten, mit den schroffsten Wendungen
verbundenen Kampfes, über die wir uns auf keinen Fall hinwegsetzen
können."
(Aus Lenins Rede über die Neue Ökonomische Politik vom 29. 10. 1921, vgl.
Lenin: "Ausgewählte Werke in zwölf Bänden", Bd. 9, Moskau 1936, S. 310/311.)
1922
"Ein Rückzug ist eine schwierige Sache, besonders für jene Revolutionäre,
die anzugreifen gewohnt sind, besonders dann, wenn sie mehrere Jahre lang
mit riesigem Erfolg anzugreifen gewohnt waren, besonders wenn sie von
Revolutionären anderer Länder umringt sind, die von nichts anderem träu-
men als davon, den Angriff zu beginnen. Angesichts unseres Rückzuges
Sozialistische Staaten und westlid~e Industriestaaten 109

brachen manche von ihnen sogar in unstatthafter, kindischer Weise in


Tränen aus, wie das auf der letzten Tagung der erweiterten Exekutive der
Kommunistischen Internationale geschah. Aus den allerbesten kommunisti-
schen Gefühlen und kommunistischen Bestrebungen heraus brachen einige
Genossen in Tränen aus, weil die guten russischen Kommunisten, man
stelle sich das nur vor, den Rückzug antreten. Vielleicht ist es mir heute
schon schwer, mich in diese westeuropäische Mentalität zu versetzen,
obwohl ich doch eine genügende Anzahl von Jahren als Emigrant in
diesen schönen demokratischen Ländern verlebt habe. Aber vielleicht ist
das von ihrem Standpunkt aus so schwer zu begreifen, daß man darüber in
Tränen ausbrechen kann. Wir jedenfalls haben keine Zeit, uns mit Senti-
mentalitäten abzugeben. Es war uns klar, daß, gerade weil wir viele Jahre
lang so erfolgreich im Angriff gewesen waren und so viele ungewöhnliche
Siege errungen hatten (und das alles in einem unglaublich ruinierten, der
materiellen Voraussetzungen beraubten Lande I), es für uns zur Sicherung
dieses Vormarsches durchaus notwendig war, da wir so viel erobert hatten,
es durchaus notwendig war, uns zurückzuziehen. Wir konnten nicht alle
Stellungen halten, die wir im Sturm erobert hatten, andererseits aber hatten
wir nur dank des Umstandes, daß wir, getragen von der Woge des Enthusias-
mus der Arbeiter und Bauern, im Sturm unermeßlich viel erobert hatten,
so viel Raum, daß wir uns sehr weit zurückziehen konnten und uns auch
gegenwärtig noch weit zurückziehen können, ohne das Wichtigste und
Grundlegende auch nur im geringsten zu verlieren."
(Aus Lenins Rede vor dem 11. Parteitag am 27.3.1922, vgl. Lenin: "Ausge-
wählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S.928/929.)

Die Frage stellt sich, wie weit ein sozialistischer Staat außenpolitisch zurück-
gehen kann. Ein immer weiter fortschreitender Rückzug würde wesentlich
mehr als den vorläufigen Verzicht auf militärische und diplomatische Angriffe,
auf die Entfachung von Aufständen innerhalb der kapitalistischen Staaten
bedeuten. Der Rückzug darf nach Lenin sogar zu großen Gebietsabtretungen
und anderen materiellen Opfern an einen überlegenen kapitalistischen Staat
führen, wenn dadurch das Überleben des sozialistischen Staates erreichbar ist.
Ein anderer Grund hierfür, die günstige Aussicht für das Fortschreiten der
Welttevolution, wurde bereits erwähnt. DieseNotwendigkeit für Kommunisten,
unter gewissen Umständen zu schweren territorialen Zugeständnissen bereit
zu sein, begriff Lenin vor allem unter dem Eindruck der überlegenen und nach-
stoßenden deutschen Armee in Rußland während der ersten Monate des Jahres
110 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

1918. Für den Zwang zur größten Anpassung der Kommunisten in sehr
schwierigen Lagen gab er folgendes zu bedenken:
"Wenn man sich nicht anpassen kann, wenn man nicht fähig ist, auf dem
Bauch durch den Schmutz zu kriechen, dann ist man kein Revolutionär,
sondern ein Schwätzer, und ich schlage nicht etwa deswegen vor, sich auf
diese Weise vorwärtszubewegen, weil mir das so gefällt, sondern weil es
keinen anderen Weg gibt, weil die Geschichte es nicht so angenehm gefügt
hat, daß die Revolution überall zu gleicher Zeit ausreift . . . Das aber mußte
jeder voraussagen, der den entsetzlichen Zustand des Heeres gesehen hatte.
Wir wären bei dem geringsten Angriff der Deutschen unvermeidlich und
todsicher zugrunde gegangen - das sagte jeder gewissenhafte Mensch, der
an der Front war. Wir wären binnen wenigen Tagen eine Beute des Feindes
geworden. "
(Aus Lenins Rede über Krieg und Frieden vor dem 7. Parteitag am 7.3. 1918,
vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd.2, Moskau 1947, S.344,
345.)

Lenin befürwortete daher die Unterzeichnung und Ratifizierung des Frie-


densvertrages von Brest-Litowsk im März 1918. Es wal ein Kompromiß zum
Schutze vor der Vernichtung der eigenen Existenz. Als Lehre für das außen-
politische Handeln von Kommunisten in besonders ungünstigen Lagen hat
er die Notwendigkeit eines solchen Kompromisses an einem Beispiel ver-
anschaulicht:
"Stellen Sie sich vor, daß Ihr Automobil von bewaffneten Banditen an-
gehalten worden ist. Sie geben ihnen Ihr Geld, Ihren Paß, Ihren Revolver,
Ihr Auto. Sie werden von der angenehmen Gesellschaft der Banditen erlöst.
Das ist zweifellos ein Kompromiß. ,Do ut des.' (,Ich gebe' dir mein Geld,
meine Waffe, meinen Wagen ,damit du' mir die Möglichkeit ,gibst', mich
wohlbehalten aus dem Staube zu machen.) Es dürfte aber schwer sein,
einen Menschen aufzutreiben, der bei gesundem Verstand ein solches
Kompromiß für ,prinzipiell unzulässig' oder aber die Person, die ein
solches Kompromiß geschlossen hat, für einen Komplicen der Banditen
erklären würde (obgleich die Banditen, nachdem sie im Automobil Platz
genommen hatten, den Wagen und die Waffe für weitere Raubüberfälle
benutzen konnten). Unser Kompromiß mit den Banditen des deutschen
Imperialismus glich einem solchen Kompromiß ...
Es gibt Kompromisse und Kompromisse. Man muß es verstehen, die
Umstände und die konkreten Bedingungen eines jeden Kompromisses
oder einer jeden Spielart der Kompromisse zu analysieren. Man muß es
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 111

lernen, den Menschen, der den Banditen Geld und Waffen gegeben hat, um
das Übel, das die Banditen stiften, zu verringern und ihre Ergreifung und
Erschießung zu erleichtern, von dem Menschen zu unterscheiden, der den
Banditen Geld und Waffen gibt, um sich an der Teilung der Banditenbeute
zu beteiligen. In der Politik ist das bei weitem nicht immer so leicht wie
in dem angeführten kindlich einfachen Beispiel."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 684/685.)

Ein Kompromiß des sozialistischen Staates zum Schutze vor der Vernich-
tung der eigenen Existenz soll nach Lenin selbstverständlich zeitlich nur von
möglichst begrenzter Dauer sein. Wie dargelegt, ist ein solches Komprorniß
die ungünstigste Form des Rückzuges für einen sozialistischen Staat. Wie
jedem Rückzug soll auch hier bei passender Gelegenheit die Offensive folgen.
Dabei hat Lenin nicht daran gedacht, ein solches Komprorniß durch friedliche
Vereinbarungen mit dem kapitalistischen Staat zu einer späteren Zeit abzulösen.

b) Kompromisse zur Entfachung und Verschärfung von Gegensätzen


innerhalb des kapitalistischen Staatensystems

Für einen sozialistischen Staat sind Lagen denkbar, die ihn einerseits nicht
zu einem verlustreichen Kompromiß mit dem kapitalistischen Staat zwingen
und andererseits einen Angriffskrieg gegen den kapitalistischen Staat nicht
erlauben. Dann ist nach Lenin durchaus eine Annäherung des sozialistischen
Staates an den kapitalistischen Staat (oder mehrere von ihnen), ja sogar
eine Vereinbarung erwünscht. Man soll sich so verhalten, falls dadurch
Gegensätze innerhalb des kapitalistischen Staatensystems entstehen bzw.
Gegensätze sich verschärfen. Klar hat Lenin den Sinn solcher Kompromisse
folgendermaßen beschrieben:
"Nach der ersten sozialistischen Revolution des Proletariats, nach dem Sturz
der Bourgeoisie in einem Lande, bleibt das Proletariat dieses Landes
lange Zeit schwächer als die Bourgeoisie, dies schon einfach wegen der
ungeheuren internationalen Verbindungen der Bourgeoisie, dann aber
auch infolge der elementar und ständig vor sich gehenden Wiederher-
stellung, Wiederbelebung des Kapitalismus und der Bourgeoisie durch die
kleinen Warenerzeuger des Landes, das die Bourgeoisie gestürzt hat. Einen
mächtigeren Gegner kann man nur unter größter Anspannung der Kräfte
und nur dann besiegen, wenn man unbedingt aufs sorgfältigste, sorgsamste,
vorsichtigste, geschicktste sowohl jeden, auch den kleinsten ,Riß' zwischen
112 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

den Feinden, jeden Interessengegensatz zwischen der Bourgeoisie der


verschiedenen Länder, zwischen den verschiedenen Gruppen oder Schichten
der Bourgeoisie innerhalb der einzelnen Länder als auch jede, selbst die
kleinste Möglichkeit ausnutzt, um einen Verbündeten zu gewinnen, hinter
dem Massen stehen, mag das auch ein zeitweiliger, schwankender, unsicherer,
unzuverlässiger, bedingter Verbündeter sein. Wer das nicht begriffen hat.
der hat auch nicht einen Deut vom Marxismus und vom wissenschaftlichen
Sozialismus überhaupt begriffen. Wer nicht während einer beträchtlichen
Zeitspanne und in recht verschiedenartigen politischen Situationen prak-
tisch bewiesen hat, daß er es versteht, diese Wahrheit in der Tat anzuwen-
den, der hat es noch nicht gelernt, der revolutionären Klasse in ihrem
Kampf um die Befreiung der gesamten werktätigen Menschheit von den
Ausbeutern zu helfen. Und das Gesagte gilt in gleicher Weise für die Pe-
riode vor und nach der Eroberung der politischen Macht durch das Pro-
letariat.
Unsere Theorie ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln,
pflegten Marx und Engels zu sagen, und der schwerste Fehler, das schwerste
Verbrechen solcher ,patentierten' Marxisten wie Karl Kautsky, Otto Bauer
u. a. besteht darin, daß sie das nicht begriffen, daß sie in den wichtigsten
Augenblicken der Revolution des Proletariats nicht verstanden, nicht ver-
mocht haben, diese Theorie anzuwenden. ,Das politische Wirken ist nicht
das Trottoir des Newski-Prospekts' (das saubere, breite, glatte Trottoir der
schnurgeraden Hauptstraße Petersburgs), pflegte schon N. G. Tscherny-
schewski, der große russische Sozialist der vormarxschen Periode, zu
sagen. Die russischen Revolutionäre haben seit Tschernyschewski das
Ignorieren oder Vergessen dieser Wahrheit mit unzähligen Opfern bezahlt.
Es gilt um jeden Preis zu erreichen, daß die linken Kommunisten und die
der Arbeiterklasse ergebenen Revolutionäre Westeuropas und Amerikas die
Aneignung dieser Wahrheit nicht so teuer bezahlen, wie sie die rückständi-
gen Russen bezahlt haben."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ce, S. 716/717.)

Daraus geht der zeitlich begrenzte Charakter solcher Kompromisse hervor.


Sie sollen den kapitalistischen "Partner" durch eine möglichst weitgehende
Verwicklung in Gegensätze mit anderen kapitalistischen Staaten schwächen,
während der sozialistische Staat gleichzeitig dabei erstarkt. Bemerkenswert
ist auch, daß ein solches Kompromiß auch dazu dienen soll, die Gegensätze
der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen innerhalb des kapitalistischen
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 113

Staates und Vertragspartners Zu schüren. Es schließt stillschweigend eine


planmäßige und weitgehende Einmischung in die inneren Angelegenheiten
eines anderen Staates in sich ein. Man nähert sich dabei gewissen gesellschaft-
lichen Gruppen innerhalb des kapitalistischen Staates, um sie in verschärfte
Auseinandersetzungen mit anderen gesellschaftlichen Gruppen hineinzu-
treiben. Alles dies zusammen soll ein Höchstmaß der Schwächung des kapita-
listischen Staates herbeiführen, mit dem man ein Kompromiß geschlossen
hat. Der günstigste Zeitpunkt für das Ende eines solchen Kompromisses
wäre die Stunde weit fortgeschrittener Schwächung dieses kapitalistischen
Staates und möglichst noch vieler anderer solcher Staaten bei gleichzeitig
vollendeten Vorbereitungen eines inzwischen erstarkten sozialistischen Staates
für den revolutionären Sturz der Regierung, der man sich einst genähert hatte.
Den Sinn dieses Kompromisses in der Theorie Lenins beleuchteten noch
mehrere Äußerungen Lenins:
1915
"Vom Standpunkt der bürgerlichen Gerechtigkeit und nationalen Freiheit
(oder des Existenzrechtes der Nationen) wäre Deutschland unbedingt im
Recht gegen England und Frankreich, weil es bei der Teilung der Kolonien
,übervorteilt' ist, weil seine Feinde unvergleichlich viel mehr Nationen
unter ihrer Botmäßigkeit haben als es, Deutschland, und weil im Reiche
seines Verbündeten, in Österreich, die unterdrückten Slawen unzweifelhaft
größere Freiheit genießen als im zaristischen Rußland, diesem wirklichen
,Zuchthaus der Völker'. Aber Deutschland kämpft selbst nicht für die Be-
freiung, sondern für die Unterdrückung der Nationen. Es ist nicht Sache
der Sozialisten, dem jüngeren und kräftigeren Räuber (Deutschland) bei der
Ausplünderung der älteren, mehr als sattgefressenen Räuber zu helfen. Die
Sozialisten haben den Kampf zwischen den Räubern auszunützen, um sie
alle zu beseitigen."
(Aus Lenins Schrift: "Sozialismus und Krieg", S.252.)

1920
"Krieg führen zum StutZ der internationalen Bourgeoisie, einen Krieg,
der hundertmal schwieriger, langwieriger, komplizierter ist als der hart-
näckigste der gewöhnlichen Kriege zwischen Staaten, und dabei im voraus
auf Lavieren, auf Ausnutzung der (wenn auch zeitweiligen) Interessengegen-
sätze zwischen den Feinden, auf Abkommen und Kompromisse mit even-
tuellen (wenn auch zeitweiligen, unbeständigen, schwankenden, bedingten)
Verbündeten verzichten - ist das nicht eine über alle Maßen lächerliche
Sache? Ist das nicht dasselbe, als wollte man bei einem schwierigen Auf-
114 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

stieg auf einen noch unenorschten und bis dahin unzugänglichen Berg von
vornherein darauf verzichten, manchmal im Zickzack zu gehen, manchmal
umzukehren, die einmal gewählte Richtung aufzugeben und verschiedene
Richtungen zu versuchen?"
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ce, S.715.)

*
"Das Wesentliche in der Frage der Konzessionen vom politischen Stand-
punkt - und hier spielen sowohl politische als auch wirtschaftliche Erwä-
gungen eine Rolle -, das Wesentliche in der Frage der Konzessionen ist vom
politischen Standpunkt jene Regel, die wir nicht nur theoretisch etfaßt,
sondern auch praktisch angewandt haben und die für uns lange Zeit, bis
zum endgültigen Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt, die Grundregel
bleiben wird, nämlich: daß man die Gegensätze und Widersprüche zwischen
zwei Kapitalismen, zwischen zwei Systemen kapitalistischer Staaten aus-
nutzen und sie gegeneinander hetzen muß. Solange wir nicht die ganze Welt
erobert haben, solange wir wirtschaftlich und militärisch schwächer sind
als die übrige, die kapitalistische Welt, solange haben wir uns an die Regel
zu halten, daß man es verstehen muß, sich die Widersprüche und Gegen-
sätze zwischen den Imperialisten zunutze zu machen. Wenn wir uns nicht
an diese Regel gehalten hätten, würden wir schon längst zum Vergnügen
der Kapitalisten an verschiedenen Bäumen hängen. Die wichtigste Erfah-
rung in dieser Hinsicht machten wir beim Abschluß des Vertrages von
Brest-Litowsk. Man darf daraus nicht die Schlußfolgerung ziehen, daß es
nur solche Verträge geben könne, wie die von Brest oder Versailles. Das
stimmt nicht. Es kann auch eine dritte, für uns vorteilhafte Art von Ver-
trägen geben."
(Aus Lenins Rede vor den Moskauer Zellensekretären vom 26. 11. 1920, S.293/
294.)
*
"Unsere Außenpolitik besteht, solange wir allein dastehen und die kapita-
listische Welt stark ist, einerseits darin, daß wir die Meinungsverschieden-
heiten ausnutzen müssen (alle imperialistischen Mächte zu besiegen, wäre
natürlich das Angenehmste, aber wir werden noch ziemlich lange nicht im-
stande sein, das zu tun)."
(Aus dem Referat Lenins über die Konzessionen vom 21. 12. 1920, vgl. Lenin:
"Sämtliche Werke", 3. Ausg., Bd. 26, Moskau 1940, S. 15/16.)

Immer wieder wird das Ziel deutlich: eine planmäßige Schwächung des
Vertragspartners durch Verschärfung aller denkbaren Gegensätze innerhalb
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 115

seiner Grenzen und im Streit mit anderen kapitalistischen Staaten. Wie früher
dargelegt, liegt es nach Lenin im Interesse des revolutionären Proletariats,
daß möglichst viele Kriege zwischen den kapitalistischen Staaten stattfinden,
solange die proletarische Revolution noch nicht in allen Ländern gesiegt hat.
So gesehen, muß der Krieg zwischen den kapitalistischen Staaten als Folge der
durch den sozialistischen Staat verschärften Gegensätze zwischen ihnen das
wünschenswerteste Ergebnis sein. Wenn auch diese Konsequenz in den theo-
retischen Darlegungen Lenins offenbar nicht ihren Niederschlag gefunden
hat, so gibt es schriftliche Darlegungen der außenpolitischen Praxis Lenins,
die ihn als Befolger dieser Konsequenz zeigen (vgl. S. 353-357).

c) Kompromisse zur Zersetzung des nichtkommunistischen Partners

Eine Form der Schwächung der kapitalistischen Staaten ist nach Lenin das
sozialistische Kompromiß zur Verschärfung der Gegensätze innerhalb des
kapitalistischen Staatensystems. Eine andere Form zielt auf die direkte Zer-
setzung des Verttagspartners ab. Sie empfiehlt sich z. B. in Fällen, da die
planmäßige Verschärfung der innen- und außenpolitischen Spannungen des
Vertrags partners aus verschiedenen Gründen wenig oder gar nicht wirksam
ist. Lenin hat diesen Fall in den Beziehungen einer kommunistischen Partei
zu anderen Parteien erwähnt. Dabei geht es um eine planmäßige oder durch
die Machtverhältnisse erzwungene Zusammenarbeit zwischen einer kommu-
nistischen Partei und anderen Parteien. Das Ziel aber ist, den Partner Schritt
für Schritt zu zersetzen. Hierzu gehören alle Versuche, die andere Partei in
möglichst schwierige Lagen hineinzudrängen, die sie vor ihren Anhängern
diskreditieren. Andere Versuche richten sich darauf, möglichst Gegner dieser
Partei in diese Partei einzuschleusen, die zu möglichst einflußreichen Positio-
nen innerhalb dieser Partei gelangen sollen. Damit ist beabsichtigt, eine den
Kommunisten nicht gefügige Führung der anderen Partei von innen her zu
schwächen und zum Rücktritt zu zwingen. Der Auflösungsprozeß dieser
Partei vollendet sich, wenn die Führung in die Hände getarnter Kommuni-
sten übergegangen ist. Zu welchen Folgen ein solches Kompromiß zwischen
einer kommunistischen Partei und einer anderen Partei führen soll, hat
Lenin wie folgt beschrieben:
"Aus alledem aber ergibt sich für die Vorhut des Proletariats, für seinen
klassenbewußten Teil, für die kommunistische Partei absolut unumgäng-
lich die Notwendigkeit, die unbedingte Notwendigkeit, zu lavieren, zu
paktieren, Kompromisse mit verschiedenen proletarischen Gruppen, mlt
116 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

verschiedenen Parteien der Arbeiter und der kleinen Besitzer Zu schließen.


Es kommt nur darauf an, zu verstehen, diese Taktik so anzuwenden, daß
sie zur Hebung und nicht zur Senkung des allgemeinen Niveaus des prole-
tarischen Klassenbewußtseins, des revolutionären Geistes, der Kampf- und
Siegesfähigkeit beiträgt. Wir müssen übrigens bemerken, daß der Sieg der
Bolschewiki über die Menschewiki nicht nur vor der Oktoberrevolution
1917, sondern auch nachher die Anwendung der Taktik des Lavierens, des
Paktierens, der Komptomisse forderte, natürlich nur eines solchen Lavie-
rens und Paktierens und solcher Komptomisse, die den Sieg der Bolsche-
wiki auf Kosten der Menschewiki erleichterten, beschleunigten, festigten
und stärkten."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S.719/720.)

Dieselbe Taktik läßt sich auf die Beziehungen eines sozialistischen Staates
zu einem kapitalistischen Staat übertragen. Sie besteht zunächst in der Aufnah-
me diplomatischer Beziehungen zu einem kapitalistischen Staat. Die dann zu
errichtende Gesandtschaft oder Botschaft des sozialistischen Staates soll
geheim hauptsächlich andere Funktionen erfüllen, als sich um die Verständi-
gung zwischen der Regierung des sozialistischen und der des kapitalistischen
Staates zu bemühen.
Der Botschaft oder Gesandtschaft eines sozialistischen Staates muß es im
einzelnen darauf ankommen, die Position der Regierung des Gastlandes zu
unterhöhlen. Der Botschafter und seine Vertreter werden Kontakte möglichst
zu allen Gegnern der Regierung suchen und sie indirekt zur verschärften
Opposition gegen die Regierung ermutigen. In diesem Falle schließt der Plan
der Zersetzung des anderen Staates auch das erwähnte Mittel der Verschärfung
der Gegensätze zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ein.
Darüber hinaus geht es darum, besonders ergebene und fachlich befähigte,
möglichst bürgerliche Freunde des sozialistischen Staates zu finden, die ein-
flußreiche Stellungen in der Verwaltung, Wehrmacht, Polizei und Wirtsch3.ft
des kapitalistischen Staates einnehmen oder planmäßig dorthin gelangen sollen.
Ihre Aufgabe der Nachrichtenübermittlung über alle wichtigen internen V or-
gänge kann sich mit der Aufgabe verbinden, andere geheime Freunde des
sozialistischen Staates in ande1e einflußreiche Stellungen "nachzuziehen".
Das wohl wichtigste Instrument, um solche Freunde zu finden, ist eine
Partei innerhalb des kapitalistischen Staates, die sich zu denselben Zielen und
Methoden des sozialistischen Staates bekennt und das Interesse an der Stär-
kung des sozialistischen Staates allen anderen Interessen unterordnet.
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 117

Im Besitz einer solchen Partei kann der sozialistische Staat die planmäßige
Schwächung des kapitalistischen Staates durch Zersetzung von innen her in
wesentlich größerem Umfang verwirklichen, als wenn eine solche Partei nicht
bestehen würde. Die einer solchen Partei vom sozialistischen Staat gestellten
Aufgaben sind so wichtig und mannigfaltig, daß sie einem gesonderten Ab-
schnitt vorbehalten bleiben.

d) Anweisungen des sozialistischen Staates


an die kommunistischen Parteien in den kapitalistischen Staaten

Wie sich eine das Proletariat führende Partei in den kapitalistischen Staaten
sowohl vor als auch nach der Entstehung eines sozialistischen Staates grund-
sätzlich zu verhalten hat, wurde bereits in den "Allgemeinen Richtlinien"
dargelegt. Zur Frage, was bei dem Handeln nach diesen Richtlinien im ein-
zelnen zu tun ist, hat sich Lenin besonders in den Jahren 1920 und 1921 ge-
äußert. Die wichtigsten Gedanken Lenins darüber finden sich vor allem in
seiner im Juni 1920 veröffentlichten Schrift: "Der ,linke Radikalismus' die
Kinderkrankheit im Kommunismus". Eine große Bedeutung kommt darüber
hinaus seinen folgenden Arbeiten zu: "Leitsätze über die Grundfragen des
H. Kongresses der Kommunistischen Internationale" (1920), "Die Bedin-
gungen zur Aufnahme in die Kommunistische Internationale" (1920), "Be-
richt über die Weltlage und die Grundaufgaben der Kommunistischen Inter-
nationale" (1920), "Thesen zum Referat auf dem IH. Kongreß der Kommu-
nistischen Internationale über die Taktik der KPR" (1921) u. a.
Lenin war der Meinung, daß die im ersten sozialistischen Staat der Welt
gemachten Erfahrungen sich als Richtlinien für das taktische Verhalten des
Proletariats auf dem Wege zur Revolution in allen Ländern gut eignen. Kaum
ein Jahr nach der Oktoberrevolution war es für ihn sicher:
"Der Bolschewismus hat in der Tat die Entwicklung der proletarischen
Revolution in Europa und Amerika so stark gefördert, wie es bisher keine
einzige Partei in irgendeinem Lande vermochte. Während es den Arbeitern
der ganzen Welt von Tag zu Tag klarer wird, daß die Taktik der Scheide-
mann und Kautsky sie nicht von dem imperialistischen Krieg und von der
Lohnsklaverei im Dienste der imperialistischen Bourgeoisie erlöst hat, daß
diese Taktik als Vorbild für alle Länder ungeeignet ist -, wird es gleichzeitig
den Massen der Proletarier aller Länder mit jedem Tage klarer, daß der
Bolschewismus den richtigen Weg zur Rettung vor den Schrecken des
118 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Krieges und des Imperialismus gewiesen hat, daß der Bolschewismus als
Vorbild der Taktik für alle geeignet ist."
(Aus Lenins Schrift von 1918: "Die proletarische Revolution und der Renegat
Kautsky", S.471.)
Fast zwei Jahre später hatten ihn die weiteren Erfahrungen offenbar vor-
sichtiger gemacht. Er räumte nunmehr den Besonderheiten der Lage in den
einzelnen Ländern einen solchen Platz ein, daß nicht in jedem Punkt die in
Rußland gemachten Erfahrungen befolgt werden müßten. Jedoch käme
einigen Grundzügen der Revolution in Rußland eine allgemeine Gültigkeit
zu. Sie sollten bei der Anwendung der Taktik des Proletariats in allen Ländern
berücksichtigt werden.
"In den ersten Monaten nach der Eroberung der politischen Macht durch
das Proletariat in Rußland (25. Oktober alten, 7. November neuen Stils 1917)
konnte es scheinen, daß infolge des ungeheuren Unterschiedes zwischen
dem rückständigen Rußland und den fortgeschrittenen westeuropäischen
Ländern die Revolution des Proletariats in diesen Ländern der unseren sehr
wenig ähnlich sein werde. Jetzt liegt uns bereits eine recht beträchtliche
internationale Erfahrung vor, die mit größter Bestimmtheit davon zeugt,
daß einige Grundzüge unserer Revolution nicht örtliche, nicht spezifisch
nationale, nicht allein russische, sondern internationale Bedeutung haben.
Und ich spreche hier von internationaler Bedeutung nicht im weiten Sinne
des Wortes: im Sinne der Einwirkung unserer Revolution auf alle Länder
sind nicht einige, sondern alle ihre Grundzüge und viele ihrer sekundären
Züge von internationaler Bedeutung. Nein, im engsten Sinne des Wortes,
d. h., wenn man unter internationaler Bedeutung versteht, daß das, was bei
uns geschehen ist, internationale Geltung hat, oder daß sich dasselbe mit
historischer Unvermeidlichkeit im internationalen Ausmaß wiederholen
wird, so muß man einigen Grundzügen unserer Revolution eine solche Be-
deutung zuerkennen.
Natürlich wäre es der größte Fehler, diese Wahrheit zu übertreiben und
sie auf mehr als einige Grundzüge unserer Revolution auszudehnen ...
Um das klarzumachen, will ich mit der von uns gemachten Erfahrung
beginnen - entsprechend dem allgemeinen Plan der vorliegenden Schrift,
die den Zweck hat, auf Westeuropa das anzuwenden, was es in der Ge-
schichte und der heutigen Taktik des Bolschewismus an allgemein Anwend-
barem gibt, was darin von allgemeiner Bedeutung und allgemeiner Gültig-
keit ist."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 669,693.)
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 119

Was hier an Richtlinien Lenins für die kommunistischen Parteien in den


kapitalistischen Staaten folgt, könnte mit Recht auch zur Praxis der Außen-
politik Lenins gerechnet werden; fallen doch fast alle folgenden Dokumente
in eine Zeit, da Lenin als Praktiker der Politik an der Spitze eines sozialisti-
schen Staates stand. Wegen der grundsätzlichen Bedeutung dieser Dokumente
als Anleitung für das Handeln des kommunistisch geführten Proletariats in
allen kapitalistischen Ländern gehören sie jedoch ebenso zur Theorie Lenins.
Sie werden daher im theoretischen Teil dieser Arbeit behandelt.

da) Die notwendigen Bedingungen für eine erfolgreiche Revolution

Das "Grundgesetz der Revolution" setzt nach Lenin zwei Bedingungen


voraus:
"Das Grundgesetz der Revolution, das durch alle Revolutionen und ins-
besondere durch alle drei russischen Revolutionen des 20. Jahrhunderts
bestätigt worden ist, besteht in folgendem: zur Revolution genügt es nicht,
daß sich die ausgebeuteten und geknechteten Massen der Unmöglichkeit,
in der alten Weise weiterzuleben, bewußt werden und eine Änderung for-
dern; zur Revolution ist es notwendig, daß die Ausbeuter nicht mehr in
der alten Weise leben und regieren können. Erst dann, wenn die ,unteren
Schichten' die alte Ordnung nicht mehr wollen und die ,Oberschichten'
nicht mehr in der alten Weise leben können, erst dann kann die Revolution
siegen. Mit anderen Worten kann man diese Wahrheit so ausdrücken: die
Revolution ist ohne eine gesamtnationale (Ausgebeutete wie Ausbeuter
erfassende) Krise unmöglich. Folglich ist zu einer Revolution notwendig:
erstens, zu erreichen, daß die Mehrheit der Arbeiter (oder jedenfalls die
Mehrheit der klassenbewußten, denkenden, politisch aktiven Arbeiter) die
Notwendigkeit der Umwälzung vollkommen begreife und bereit sei, ihret-
wegen in den Tod zu gehen; zweitens, daß die heuschenden Klassen eine
Regierungsktise durchmachen, die sogar die rückständigsten Massen in
die Politik hineinzieht (das Merkmal einer jeden wirklichen Revolution
ist: die schnelle Verzehnfachung, ja sogar die Verhundertfachung der
Zahl der zum politischen Kampf fähigen Vertreter der werktätigen und
ausgebeuteten Masse, die bis dahin apathisch war), die Regierung ent-
kräftet und es den Revolutionären ermöglicht, diese Regierung schnell zu
stürzen."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S.729/730.)
120 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Die näheren Erläuterungen hierzu in Lenins erwähnter Schrift berücksich-


tigen noch folgende Faktoren vor dem Ausbruch der Revolution:
"Solange es sich darum handelte (und soweit es sich noch darum handelt),
die Vorhut des Proletariats für den Kommunismus zu gewinnen, solange
und insoweit tritt die Propaganda an die erste Stelle; sogar Zirkel mit allen
dem Zirkelwesen eigenen Schwächen sind hier nützlich und zeitigen frucht-
bare Ergebnisse. Wenn es sich um die praktische Arbeit der Massen, um die
Verteilung - wenn man sich so ausdrücken darf - von Millionenarmeen, um
die Gruppierung aller Klassenkräfte einer gegebenen Gesellschaft zum
letzten und entscheidenden Kampf handelt, so kann man hier mit propa-
gandistischen Gepflogenheiten allein, mit der bloßen Wiederholung der
Wahrheiten des ,reinen' Kommunismus nichts ausrichten. Hier gilt es, nicht
mit Tausenden zu rechnen, wie das im Grunde genommen der Propagandist
als Mitglied einer kleinen Gruppe tut, die noch keine Massen geführt hat;
hier muß man mit Millionen und aber Millionen rechnen. Hier muß man
sich nicht nur fragen, ob wir die Avantgarde der revolutionären Klasse
überzeugt haben, sondern auch, ob die historisch wirksamen Kräfte aller
Klassen, unbedingt ausnahmslos aller Klassen der gegebenen Gesellschaft,
so gruppiert sind, daß die Entscheidungsschlacht bereits wirklich heran-
gereift ist, so daß 1. alle uns feindlichen Klassenkräfte genügend in V er-
wirrung geraten sind, genügend miteinander in Fehde liegen, sich durch den
Kampf, der ihre Kräfte übersteigt, genügend geschwächt haben; daß 2. alle
schwankenden, unsicheren, unbeständigen Zwischenelemente, d. h. das
Kleinbürgertum, die kleinbürgerliche Demokratie zum Unterschied von
der Bourgeoisie, sich vor dem Volk genügend entlarvt haben, durch ihren
Bankrott in der Praxis genügend bloßgestellt sind; daß 3. im Proletariat die
Massenstimmung zugunsten der Unterstützung der entschiedensten, grenzen-
los kühnen, revolutionären Aktionen gegen die Bourgeoisie begonnen hat
und machtvoll ansteigt. Ist das der Fall, dann ist die Zeit für die Revolution
reif, dann ist unser Sieg - wenn wir alle obenerwähnten, kurz umrissenen
Bedingungen richtig eingeschätzt und den Augenblick richtig gewählt
haben -, dann ist unser Sieg sicher."
(Aus Lcnins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 738.)

Es müssen also alle "uns feindlichen Klassenkräfte" sich in größter Ver-


wirrung befinden. Die hin und her schwankenden "Zwischenelemente", klein-
bürgerlich gesonnen, wozu Lenin vor allem die sozialdemokratischen Parteien
und Gewerkschaften rechnet, müssen hinreichend bloßgestellt sein, während
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 121

gleichzeitig im Proletariat die Bereitwilligkeit zum kühnen Handeln ein


Höchstmaß erreicht hat.
Bis es zu diesen Bedingungen kommt, muß die "Avantgarde des Proletariats",
die kommunistische Partei, in jedem Lande einen mehr oder weniger langen
und schwierigen Weg zurücklegen. Zu den dabei zu lösenden Aufgaben rech-
net Lenin nicht die Aufgabe, bis zum Ausbruch der Revolution die Mehrheit
der Bevölkerung zu Anhängern eines sozialistischen Systems zu machen. Das
muß nach Lenin der Zeit nach der Revolution überlassen werden, weil dann die
Einwirkungsmöglichkeiten auf die Bevölkerung wesentlich größer sind.
"Als ebensolche Schönfärbung des Kapitalismus und der bürgerlichen
Demokratie, als ebensolcher Betrug der Arbeiter erscheint andererseits die
bei den alten Parteien und alten Führern der H. Internationale übliche An-
sicht, als ob die Mehrheit der Werktätigen und Ausgebeuteten imstande sei,
unter den Verhältnissen der kapitalistischen Sklaverei, im Joch der Bourge-
oisie, das unendlich verschiedenartige Formen annimmt, und zwar um so
raffiniertere und gleichzeitig grausamere und schonungslosere, je zivilisierter
das betreffende Land ist - in sich eine völlige Klarheit der sozialistischen
Erkenntnis, Festigkeit der sozialistischen Überzeugungen und des Charak-
ters herauszuarbeiten. In Wirklichkeit aber ist die Aufklärung, Erziehung,
Organisierung der breitesten werktätigen und ausgebeuteten Massen unter
dem Einfluß und der Führung des Proletariats, ihre Befreiung vom Egois-
mus, von der Zersplitterung, von den Lastern und Schwächen, die durch
den Privatbesitz hervorgerufen werden, ihre Umwandlung in einen freien
Bund freier Arbeiter erst dann möglich, wenn der Vortrupp des Proletariats,
unterstützt von dieser ganzen einzig revolutionären Klasse oder ihrer Mehr-
heit, die Ausbeuter gestürzt, sie unterdrückt, die Ausgebeuteten aus ihrer
sklavischen Lage befreit und ihre Lebensbedingungen unverzüglich auf
Kosten der enteigneten Kapitalisten verbessert hat - also im eigentlichen
Verlauf des allerschärfsten Klassenkampfes."
(Aus Lenins "Leitsätzen über die Grundaufgaben des H. Kongresses der Kommu-
nistischen Internationale", veröffentlicht in "Die Kommunistische Internationale",
Moskau 1920, Heft 12, S. 42.)

db) Ober die Möglichkeit, auch nichtproletarische Massen


für die proletarische Revolution zu gewinnen

Nach Lenins Meinung ist die Gewinnung einer Mehrheit der Bevölkerung
für das sozialistische System vor der Revolution nicht nur unmöglich, sondern
auch nicht notwendig. Auch einer Minderheit, sogar manchmal einer kleinen
122 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Minderheit, kann eine proletarische Revolution gelingen, wenn sie Folgendes


beachtet:
"Es ist möglich, daß auch eine kleine Partei, vielleicht die englische oder
amerikanische, wenn sie die politische Entwicklung gut studiert hat, das
Leben und die Gewohnheit der parteilosen Masse kennt, in einem günstigen
Moment eine revolutionäre Bewegung hervorrufen wird (Genosse Radek
hat als gutes Beispiel den Bergarbeiterstreik genannt). Wenn eine solche
Partei in einem solchen Moment mit ihren Losungen auftritt und es erreicht,
daß Millionen von Arbeitern ihr folgen, dann ist das eine Massenbewegung.
Ich bestreite nicht unbedingt, daß die Revolution auch mit einer sehr kleinen
Partei begonnen und bis zum siegreichen Ende geführt werden kann. Man
muß aber wissen, mit welchen Methoden die Massen zu gewinnen sind.
Man muß dazu gründlich die Revolution vorbereiten. Nun kommen Ge-
nossen und sagen: man muß sofort auf die Forderung ,großer' Massen ver-
zichten. Man muß gegen diese Genossen den Kampf aufnehmen. Ohne
gründliche Vorbereitungen werdet ihr in keinem Lande siegen können. Eine
ganz kleine Partei kann genügen, um die Masse zu führen. In gewissen
Momenten braucht man keine großen Organisationen.
Um zu siegen braucht man aber die Sympathie der Massen. Man braucht
nicht immer die absolute Mehrheit, allein um zu siegen und die Macht zu
behalten, braucht man nicht nur die Mehrheit der Arbeiterklasse - ich ge-
brauche hier das Wort ,Arbeiterklasse' in westeuropäischem Sinne, meine
also das Industrieproletariat -, sondern auch die Mehrheit der ausgebeuteten
und werktätigen Landbevölkerung."
(Aus Lenins "Referat über die Taktik der KPR" vom 1. 7. 1921 auf dem IH. Kon-
greß der Komintern, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 3. Ausg., Bd. 26, Moskau
1940, S. 554.)

Je kleiner diese Minderheit als Vorkämpfer einer proletarischen Revolution


ist, um so mehr wächst für sie die Bedeutung einer glänzend durchdachten und
geführten Organisation. Die Führung dieser Organisation, zielbewußt, ent-
schlossen und geschmeidig in der Taktik des Lavierens, der Kompromisse im
Dienste der fortschreitenden Vorbereitungen für die Revolution, muß darauf
bedacht sein, das ganze Proletariat und breite Schichten des Kleinbürgertums
gegen die Regierung aufzubringen:
"Die proletarische Avantgarde ist ideologisch gewonnen. Das il't die
Hauptsache. Ohne das kann man nicht einmal den ersten Schritt zum Sieg
machen. Aber von hier bis zum Sieg ist es noch ziemlich weit. Mit der
Avantgarde allein kann man nicht siegen. Die Avantgarde allein in den
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 123

entscheidenden Kampf werfen, solange die ganze Klasse, solange die breiten
Massen nicht eine Position eingenommen haben, wo sie die Avantgarde
entweder direkt unterstützen oder wenigstens wohlwollende Neutralität
ihr gegenüber üben und eine völlige Unfähigkeit, ihren Gegner zu unter-
stützen, an den Tag gelegt haben, wäte nicht nur eine Dummheit, sondern
auch ein Verbrechen. Damit aber wirklich die ganze Klasse, damit wirklich
die breiten Massen der Werktätigen und vom Kapital Unterdrückten zu
dieser Position gelangen, dazu ist Ptopaganda allein, Agitation allein zu
wenig. Dazu bedarf es der eigenen politischen Erfahrung dieser Massen. Das
ist das grundlegende Gesetz aller großen Revolutionen, das sich jetzt mit
überraschender Kraft und Anschaulichkeit nicht nur in Rußland, sondern
auch in Deutschland bestätigt hat. Nicht nur die auf niedriger Kulturstufe
stehenden, oft analphabetischen Massen Rußlands, sondern auch die auf
hoher Kulturstufe stehenden, durchweg des Lesens und Schreibens kundi-
gen Massen Deutschlands mußten am eigenen Leibe die ganze Ohnmacht,
die ganze Charakterlosigkeit, die ganze Hilfslosigkeit, die ganze Liebedie-
nerei gegenüber der Bourgeoisie, die ganze Gemeinheit der Regierung der
Ritter der H. Internationale, die ganze Unvermeidlichkeit der Diktatur der
äußersten Reaktionäre (Kornilow in Rußland, Kapp und Konsorten in
Deutschland) als einzige Alternative gegenüber der Diktatur des Proletari-
ats erfahren, um sich entschieden dem Kommunismus zuzuwenden."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 737.)

Um die nicht kommunistisch gesinnten Massen zu gewinnen, die zu Helfern


auf dem Wege zur proletarischen Revolution werden, müssen alle Parteien
und andere Organisationen bekämpft werden, hinter denen Massen stehen.
Man muß ihnen diese Massen durch ein taktisch geschicktes Vorgehen ent-
reißen: vor allem den großen sozialdemokratischen Parteien und den Ge-
werkschaften.

dc) Der Kampf gegen die sozialdemokratischen Parteien

Nach Lenin ist nur die kommunistische Partei berechtigt, das Proletariat zu
führen, während alle anderen Arbeiterparteien sich durch ihr Verhalten dieses
Recht verwirkt haben.
"Nur die kommunistische Partei, wenn sie tatsächlich der Vortrupp der
revolutionären Klasse ist, wenn sie alle ihre besten Vertreter einschließt,
wenn sie aus vollkommen bewußten und ergebenen Kommunisten besteht,
die durch die Erfahrung hartnäckigen Revolutionskampfes aufgeklärt und
124 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

gestählt sind, wenn diese Partei es verstanden hat, sich untrennbar mit dem
ganzen Leben ihrer Klasse und durch sie mit der ganzen Masse der Ausge-
beuteten zu verbinden und dieser Klasse und dieser Masse volles Vertrauen
einzuflößen, nur eine solche Partei ist befähigt, das Proletariat im schonungs-
losesten, entscheidenden, letzten Kampf gegen alle Mächte des Kapitalismus
zu führen. Anderseits ist das Proletariat nur unter der Führung einer solchen
Partei befähigt, die ganze Macht seines revolutionären Ansturms zu ent-
falten, die unausbleibliche Apathie und teils auch den Widerstand der kleinen
Minderheit der vom Kapitalismus verdorbenen Arbeiteraristokratie, der
alten trade-unionistischen und Kosumgenossenschaftsführer usw. in ein
Nichts zu verwandeln - seine ganze Macht zu entfalten, die infolge der
wirtschaftlichen Struktur der kapitalistischen Gesellschaft unermeßlich
größer ist als ihr Anteil an der Bevölkerungszahl. "
(Aus Lenins "Leitsätze über die Grundaufgaben des H. Kongresses der Kommu-
nistischen Internationale" 1920, S. 43.)

Seit dem Verhalten fast aller sozialdemokratischen Parteien während des


ersten Weltkrieges in den kriegführenden Ländern ist Lenin zu einem ihrer
schärfsten Gegner geworden. Es gehört zu seinen Grundsätzen seit Ende 1914,
die proletarische Revolution im Kampf gegen die sozialdemokratischen
Parteien in allen Ländern zu verwirklichen. Einige Beispiele für Lenins
Richtlinien im Kampf gegen die sozialdemokratischen Parteien aus den Jah-
ren 1915-1921 seien angeführt.
1915
"Golay hat tausendmal recht, wenn er sagt, daß es einen sterbenden Sozi-
alismus gibt und einen, der wiederauferstehen muß; dieses Sterben und
dieses Wiederauferstehen stellt aber einen schonungslosen Kampf gegen die
Richtung des Opportunismus dar, und zwar nicht nur einen ideellen K.ampf,
sondern auch die Ausmerzung dieses verunstaltenden Auswuchses aus den
Arbeiterparteien, die Ausschließung bestimmter Vertreter dieser dem Prole-
tariat fremden Taktik aus den Organisationen, den vollständigen Bruch
mit ihnen. Sie werden weder physisch noch politisch sterben, aber die Ar-
beiter werden mit ihnen brechen, werden sie hinunter in die Grube stoßen,
wo die Lakaien der Bourgeoisie beisammen liegen, und am Beispiel ihrer
Verfaulung werden sie ein neues Geschlecht erziehen oder vielmehr:
neue Armeen des Proletariats, die in den Aufstand zu marschieren wissen."
(Aus Lenins Aufsatz: "Die ehrliche Stimme eines französischen Sozialisten", ver-
öffentlicht 1915, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 18, Wien-Berlin
1929, S. 381.)
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 125

1917
"Die internationale sozialistische und Arbeiterbewegung hat in den mehr
als zwei Kriegsjahren in allen Ländern drei Strömungen hervorgebracht,
und wer den realen Boden der Anerkennung dieser drei Strömungen, ihrer
Analyse und des konsequenten Kampfes für die wirklich internationalistische
Strömung verläßt, der verurteilt sich selbst zur Ohnmacht, zur Hilflosigkeit
und zu Fehlern.
Die drei Strömungen sind folgende:
1. Die Sozialchauvinisten, d. h. Sozialisten in Worten, Chauvinisten in der
Tat - das sind Leute, die für die ,Verteidigung des Vaterlandes' im imperia-
listischen Krieg (und vor allen Dingen im gegenwärtigen imperialistischen
Krieg) sind.
Diese Leute sind unsere Klassengegner. Sie sind auf die Seite der Bour-
geoisie übergegangen.
Zu ihnen gehört die Mehrzahl der offiziellen Führer der offiziellen Sozial-
demokratie in allen Ländern: die Herren Plechanow und Konsorten in
Rußland, die Scheidemänner in Deutschland, Renaudel, Guesde, Sembat in
Frankreich, Bissolati und Konsorten in Italien, Hyndman, die Fabier und die
,Labouristen' (die Führer der ,Arbeiterpartei') in England, Branting und
Konsorten in Schweden, Troelstra und seine Partei in Holland, Stauning
und seine Partei in Dänemark, Victor Berger und andere ,Vaterlandsver-
teidiger' in Amerika usw.
2. Die zweite Strömung - das sogenannte ,Zentrum' - besteht aus Leuten,
die zwischen den Sozialchauvinisten und den Internationalisten der Tat
schwanken.
Das ganze ,Zentrum' beteuert hoch und heilig, sie seien Marxisten, Inter-
nationalisten, sie seien für den Frieden, für jederlei ,Druck' auf die Regierun-
gen, für jederlei ,Forderungen' an die eigene Regierung, sie solle ,den
Friedenswillen des Volkes kundtun', sie seien für alle möglichen Kampa-
gnen zugunsten des Friedens, für einen Frieden ohne Annexionen usw. usf. -
und für den Frieden mit den Sozialchauvinisten. Das ,Zentrum' ist für die
,Einheit', das ,Zentrum' ist ein Gegner der Spaltung.
Das ,Zentrum' ist das Reich der harmlosen kleinbürgerlichen Phrase, des
Lippenbekenntnisses zum Internationalismus, des feigen Opportunismus
und der Liebedienerei gegenüber den Sozialchauvinisten der Tat.
Der Kern der Sache ist, daß das ,Zentrum' von der Notwendigkeit der
Revolution gegen die eigenen Regierungen nicht überzeugt ist, sie nicht
propagiert, daß es keinen rücksichtslosen revolutionären Kampf führt, daß
126 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

es gegen ihn die allerplattesten - und erz,marxistisch'-klingenden - Aus-


flüchte erfindet.
Die Sozialchauvinisten sind unsere Klassengegner, sie sind die Bourgeois
innerhalb der Arbeiterbewegung. Sie vertreten jene Schichten, Gruppen und
Teile der Arbeiterschaft, die von der Bourgeoisie objektiv bestochen sind
(bessere Löhne, Ehrenämter usw.) und die der eigenen Bourgeoisie behilf-
lich sind, kleine und schwache Völker auszuplündern und zu unterdrücken
und den Kampf um die Teilung der kapitalistischen Beute zu führen.
Das ,Zentrum' - das sind die Leute der Routine, zerfressen von der faulen
Legalität, korrumpiert durch die Atmosphäre des Parlamentarismus usw.,
Beamte, gewöhnt an warme Pöstchen und an ,ruhige' Arbeit. Historisch und
ökonomisch gesehen, vertreten sie keine besondere Schicht, sie sind nur eine
Übergangserscheinung von der hinter uns liegenden Periode der Arbeiter-
bewegung von 1871 bis 1914 - einer Periode, die viel Wertvolles geschaffen
hat, besonders in der für das Proletariat notwendigen Kunst der lang-
samen, beharrlichen, systematischen Organisationsarbeit auf breiter und
breitester Grundlage - zu einer neuen Periode, die objektiv notwendig ge-
worden ist seit dem ersten imperialistischen Weltkrieg, welcher die Ara der
sozialistischen Revolution eingeleitet hat.
Der prominenteste Führer und Repräsentant des ,Zentrums' ist Karl
Kautsky, die bedeutendste Autorität der Ir. Internationale (1889 bis 1914),
das Musterbeispiel eines vollständigen Versagens des Marxismus, ein Muster-
beispiel unerhörter Charakterlosigkeit, jämmerlichster Schwankungen und
Verrätereien seit August 1914. Der ,Zentrum '- Strömung gehören an Kautsky,
Haase, Ledebour, die sogenannte ,Arbeitsgemeinschaft' im Reichstag; in
Frankreich Longuet, Pressemane und überhaupt die sogenannten ,Minori-
taires' (Minderheitler); in England Philipp Snowden, Ramsay MacDonald
und viele andere Führer der ,Independent Labour Party' und zum Teil der
,British Socialist Party'; Morris HiIlquit und viele andere in Amerika;
Turati, Treves, Modigliani usw. in Italien; Robert Grimm u. a. in der
Schweiz; Viktor Adler und Konsorten in Österreich; die Partei des Organi-
sationskomitees, Axelrod, Martow, Tschchei:dse, Zereteli u. a. in Rußland
usw.
Selbstverständlich gehen einzelne Personen, mitunter ohne es selbst zu
merken, von der Position des Sozialchauvinismus zur Position des ,Zen-
trums' über und umgekehtt. Jeder Marxist weiß, daß die Klassen sich von-
einander unterscheiden, unbeschadet des freien Hinüberwechselns einzelner
Personen von einer Klasse zu anderen; genau so unterscheiden sich die
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 127

Strömungen des politischen Lebens voneinander, unbeschadet des freien


Hinüberwechselns einzelner Personen von der einen Strömung zur anderen,
unbeschadet der Versuche und Anstrengungen, die Strömungen zu ver-
schmelzen.
3. Die dritte Strömung sind die Internationalisten der Tat, denen die
,Zimmerwalder Linke' am nächsten kommt (im Anhang drucken wir ihr
Manifest vom September 1915 ab, damit der Leser sich über die Entstehung
dieser Strömung an Hand von authentischem Material unterrichten kann).
Ihr wichtigstes Unterscheidungsmerkmal ist: der völlige Bruch sowohl
mit dem Sozialchauvinismus als auch mit dem ,Zentrum', der selbstlose
revolutionäre Kampf gegen die eigene imperialistische Regierung und die
eigene imperialistische Bourgeoisie. Ihr Prinzip lautet: ,Der Hauptfeind
steht im eigenen Land.' Schonungsloser Kampf gegen die süßliche sozial-
pazifistische Phrase (der Sozialpazifist ist Sozialist in Worten, bürgerlicher
Pazifist in der Tat; die bürgerlichen Pazifisten träumen vom ewigen Frieden
ohne die Abschüttelung des Joches und der Herrschaft des Kapitals) sowie
gegen alle Ausflüchte, die den Zweck haben, in Abrede zu stellen, daß der
revolutionäre Kampf des Proletariats und die proletarische sozialistische
Revolution in Verbindung mit dem gegenwärtigen Krieg möglich bzw. an-
gebracht oder aktuell ist.
Die bedeutendste Vertreterin dieser Strömung ist in Deutschland die ,Spar-
takusgruppe' oder ,Gruppe Internationale', der Kar! Liebknecht angehört.
Kar! Liebknecht ist der berühmteste Vertreter dieser Strömung und der
neuen, wirklichen, proletarischen Internationale ...
Es kommt nicht auf die Schattierungen an, die es auch unter den Linken
gibt. Es kommt auf die Richtung an. Der ganze Kern der Sache ist, daß es
nicht leicht ist, in der Epoche des furchtbaren imperialistischen Krieges
Internationalist der Tat zu sein. Solcher Menschen gibt es nur wenige, aber
nur sie sind die ganze Zukunft des Sozialismus, nur sie sind Führer der
Massen und nicht Verführer der Massen."
(Aus Lenins Schrift: "Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution",
S. 33-36, 38.)
1918
",Kautskys Büchlein ist hier fast unbekannt', schreibt mir dieser Tage
(heute haben wir den 30. Oktober) ein gut unterrichteter Genosse aus Berlin.
Ich würde unseren Botschaftern in Deutschland und der Schweiz raten, sich
Tausende nicht leid tun zu lassen für den Ankauf und die kostenlose V er-
teilung dieser Schrift unter die klassenbewußten Arbeiter, um jene ,euro-
128 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

päische' - lies: imperialistische und reformistische - Sozialdemokratie, die


längst zu einem ,stinkenden Leichnam' geworden ist, in den Schmutz zu
treten."
(Aus Lenins Schrift: "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky",
S.458.)
1920
"In den Spalten der Presse, in Volksversammlungen, in den Gewerk-
schaften, in Konsumvereinen - überall, wohin sich die Anhänger der
IH. Internationale Eingang verschaffen, ist es notwendig, nicht nur die
Bourgeoisie, sondern auch ihre Helfershelfer, die Reformisten aller Schattie-
rungen, systematisch und unbarmherzig zu brandmarken."
(Aus Lenins "Bedingungen zur Aufnahme in die Kommunistische Internationale",
S. 11.)
1921
"Dann aber werden wir unbesiegbar sein, denn ohne die Stütze innerhalb
des Proletariats (vermittels der Agenten der Bourgeoisie in der 11. und H Y2.
Internationale) ist die Bourgeoisie in Westeuropa und in Amerika nicht
imstande, die Macht zu behaupten."
(Aus Lenins Brief an die deutschen Kommunisten vom 14. 8. 1921, S. 603.)

Dieser von 1915 bis zu seinem Tode anhaltende Haß Lenins gegen die
sozialdemokratischen Parteien wurde zu einer Richtlinie für die grundsätzliche
Einstellung aller kommunistischen Parteien. In den sozialdemokratischen
Parteien ist der zu vernichtende Hauptfeind auf dem Wege zur Revolution zu
sehen:
"Im Kampf mit welchen Feinden innerhalb der Arbeiterbewegung ist der
Bolschewismus groß geworden, erstarkt und gestählt worden?
Erstens und hauptsächlich im Kampf gegen den Opportunismus, der sich
im Jahre 1914 endgültig zum Sozialchauvinismus ausgewachsen hat, end-
gültig zur Bourgeoisie, gegen das Proletariat hinübergewechselt ist. Das
war natürlich der Hauptfeind des Bolschewismus innerhalb der Arbeiter-
bewegung. Dieser Feind bleibt auch der Hauptfeind im internationalen Aus-
maß. Diesem Feind widmete der Bolschewismus stets und widmet ihm auch
weiter die größte Beachtung. Über diese Seite der Tätigkeit der Bolschewiki
ist man jetzt auch im Ausland schon ziemlich gut unterrichtet!"
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 679.)
*
"Der Opportunismus in den Oberschichten der Arbeiterklasse ist kein pro-
letarischer, sondern bürgerlicher Sozialismus. Der praktische Beweis dafür
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 129

ist, daß die Führer, die innerhalb der Arbeiterbewegung der opportu-
nistischen Richtung angehören, bessere Verteidiger der Bourgeoisie sind als
die Bourgeoisie selbst. Ohne ihre Unterstützung könnte sich die Bourgeoisie
den Arbeitern gegenüber nicht behaupten. Das beweist nicht nur die Ge-
schichte der Kerenski-Regierung in Rußland, das beweist auch die demo-
kratische Republik Deutschland mit ihrer sozialdemokratischen Regierung
an der Spitze, das beweisen die Beziehungen Albert Thomas' zu seiner
bürgerlichen Regierung. Dies beweist die entsprechende Erfahrung in Eng-
land und in den Vereinigten Staaten. Hier ist unser Hauptfeind, und diesen
Feind müssen wir besiegen. Wir müssen von dem Kongreß mit dem festen
Entschluß weggehen, diesen Kampf in allen Parteien bis zu Ende zu führen.
Das ist die Hauptaufgabe. "
(Aus Lenins "Bericht über die Weltlage und die Grundaufgaben der Kommu-
nistischen Internationale" vom 19.7. 1920, S.36/37.)

Es mag zunächst unverständlich erscheinen, daß auch die linken Gruppen


der sozialdemokratischen Parteien, die aus diesen Parteien austraten und z. B.
in Deutschland die Unabhängige Sozialdemokratische Partei bildeten, nach
Lenin grundsätzlich zu bekämpfen sind. Diese Parteien standen zwar links
von den sozialdemokratischen Parteien, wollten sich jedoch gleichzeitig den
Kommunisten nicht unterordnen. Sie erschienen Lenin in gewisser Hinsicht
noch gefährlicher als die sozialdemokratischen Parteien. Nicht, als hätte er ihre
zahlenmäßige Stärke für so gefährlich gehalten. Jedoch ihre Ahnlichkeit mit
den Losungen der kommunistischen Parteien störte ihn, da sie damit andere
konkrete Vorstellungen verbanden als Lenin. In den Führern der USPD,
Dittmann und Crispien, sah er den Prototyp aller zu bekämpfenden Führer
ähnlicher Parteien in anderen Ländern. Der Leitfaden Lenins für die kom-
munistischen Parteien nahm hierzu wie folgt Stellung:
"Die wahre Natur der jetzigen Führer der ,Unabhängigen Sozialdemokra-
tischen Partei Deutschlands' (derjenigen Führer, von denen mit Unrecht
gesagt wird, sie hätten bereits jeden Einfluß verloren, und die in Wirklich-
keit für das Proletariat noch gefährlicher sind als die ungarischen Sozial-
demokraten, die sich Kommunisten nannten und die Diktatur des Prole-
tariats zu ,unterstützen' versprachen) hat sich während der deutschen
Kornilowiade, d. h. während des Putsches der Herren Kapp und Lüttwitz,
aber und abermals offenbart. Eine kleine, aber anschauliche Illustration
dazu sind die Artikelchen von Karl Kautsky: ,Entscheidende Stunden'
in der ,Freiheit', dem Organ der Unabhängigen, vom 30. März 1920, und
130 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

von Arthur Crispien: ,Zur politischen Situation' (ebenda, 14. Apri11920).


Diese Herrschaften sind absolut außerstande, wie Revolutionäre zu denken
und zu urteilen. Das sind weinerliche, spießbürgerliche Demokraten, die
dem Proletariat noch tausendmal gefährlicher sind, falls sie sich für An-
hänger der Sowjetmacht und der Diktatur des Proletariats erklären, denn
in Wirklichkeit werden sie in jedem schweren und gefährlichen Augenblick
unvermeidlich Verrat begehen ... in der ,aufrichtigsten' Überzeugung,
daß sie dem Proletariat helfen! Wollten doch auch die ungarischen Sozial-
demokraten, die sich zu Kommunisten umgetauft hatten, dem Proletariat
,helfen', als sie aus Feigheit und Charakterlosigkeit die Lage der Räte-
regierung in Ungarn für hoffnungslos hielten und vor den Agenten der
Kapitalisten und Henker der Entente zu flennen anfingen!"
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S.751/752.)

Wenige Monate später ergänzte er noch seinen Standpunkt über die Rolle
von Parteien, die links von den Sozialdemokraten und rechts von den Kommu-
nisten stehen. Nur der linke Flügel dieser Parteien blieb von seinen schweren
Angriffen ausgenommen. Das bedeutete aber keineswegs, daß er ihm eine
eigene Existenz für die Dauer zubilligte.
"Durch ihre ewigen Schwankungen in der Richtung des Reformismus
und Menschewismus, durch ihr Unvermögen, revolutionär zu denken und
zu handeln, üben die Dittmanns, Crispiens usw., ohne sich dessen bewußt
zu sein, faktisch den Einfluß der Bourgeoisie auf das Proletariat innerhalb
der proletarischen Partei aus und ordnen das Proletariat dem bürgerlichen
Reformismus unter. Nur durch Trennung von diesen und ähnlichen Leuten
kann man die internationale Einheit des revolutionären Proletariats gegen
die Bourgeoisie herstellen, um diese Bourgeoisie zu stürzen.
Die Ereignisse in Italien müssen sogar den hartnäckigsten unter denjenigen
die Augen öffnen, die nicht einsehen, welchen Schaden die ,Einheit' und der
,Friede' mit den Crispiens und Dittmanns bringt. Die italienischen Crispiens
und Dittmanns (Turati, Prampolini und D' Aragona) begannen sofort der
Revolution in Italien Hindernisse in den Weg zu legen, als es dort wirklich
zur Revolution kam. In dieser Richtung entwickeln sich aber die Dinge
- mehr oder minder rasch, mehr oder minder schwer und qualvoll- in ganz
Europa, in der ganzen Welt.
Es ist an der Zeit, alle diese überaus schädlichen Illusionen über die Mög-
lichkeit der ,Einigkeit' oder des ,Friedens' mit den Dittmanns und Cris-
piens, mit dem rechten Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratischen
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 131

Partei Deutschlands, der englischen Unabhängigen Arbeiterpartei, der


Sozialistischen Partei Frankreichs usw. aufzugeben. Es ist Zeit, daß alle
revolutionären Arbeiter ihre Parteien von ihnen säubern und wirklich
einheitliche kommunistische Parteien des Proletariats schaffen."
(Aus Lenins Brief an die deutschen und französischen Arbeiter vom 24. 9. 1920,
vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 25, Wien-Berlin 1930, S.473.)
Wenn es auch nach Lenin die Aufgabe der kommunistischen Parteien ist,
letzten Endes alle Parteien vor der Revolution oder spätestens nach der
Revolution zu entmachten, so fragt es sich, warum gerade die sozialdemokrati-
schen Parteien und die links davon stehenden nichtkommunistischen Parteien
am stärksten zu bekämpfen sind (das schließt im Zeichen des Lavierens und
Leninscher Kompromisse eine vorübergehende Zusammenarbeit zwischen
Kommunisten und diesen Parteien nicht aus), während weiter rechts stehende
Parteien zunächst jedenfalls schwächer davon betroffen werden.
Die Gründe hierfür liegen u. a. in dem Anspruch jeder nach Lenin handeln-
den kommunistischen Partei, zur Führung des Proletariats allein befähigt
und allein berechtigt zu sein. Da es zunächst auf die Gewinnung des Pro-
letariats in allen Ländern für die Revolution im Sinne Lenins ankommt,
werden alle anderen Parteien, die das Proletariat organisatorisch erfassen und
politisch und geistig tief beeinflussen, zum Haupthindemis. Das sind bis heute
noch in den meisten Staaten außerhalb des "sozialistischen Lagers" die sozial-
demokratischen Parteien. Es gilt nach Lenin, das Proletariat gerade diesen
Parteien zu entreißen, während die rechts von den sozialdemokratischen
Parteien stehenden politischen Organisationen über keine oder wesentlich
geringere "proletarische Reserven" verfügen.
Ferner beanspruchen nach Lenin die kommunistischen Parteien für sich
allein, die Lehre des Marxismus richtig zu deuten und allein nach ihr zu handeln.
Mit dem Anspruch sozialdemokratischer Parteien, auch Anhänger von Marx
zu sein und den Marxismus richtig und doch anders zu deuten, als es Lenin
getan hat, werden sie zu Rivalen der kommunistischen Parteien. Sie erscheinen
Lenin und seinen Anhängern auch in dieser Hinsicht weit gefährlicher als die
sogenannten bürgerlichen Parteien, die für sich nie in Anspruch nehmen,
Anhänger von Marx zu sein und ihn ausdrücklich bekämpfen.
Es kommt hinzu eine Ähnlichkeit in den Formulierungen der Ziele. Sie
zeigt sich noch stärket bei Parteien, die aus der ehemaligen linken Opposition
innerhalb der sozialdemokratischen Parteien hervorgegangen sind und den-
noch einen Anschluß an die kommunistischen Parteien ablehnen. Die Ähnlich-
keiten in den Formulierungen halten mehr oder weniger Arbeiter davon ab,
132 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

den ganzen Weg zu den Kommunisten zu gehen, während in der Sicht Lenins
die möglichst vollständige Erfassung des Proletariats eine der wesentlichen
Aufgaben der kommunistischen Parteien vor der Revolution ist. Auch hier
schieden zur Zeit Lenins die bürgerlichen Parteien als Konkurrenten aus.
In manchen Fällen kölUlen die Formulierungen der Kommunisten und an-
derer links stehender Parteien sogar vollständig übereinstimmen, was den
Konkurrenzcharakter der anderen Parteien in der Sicht Lenins noch gefähr-
licher macht. DelUl hier handelt es sich nicht nur um einen Konkurtenzkampf
um die Gewinnung des Proletariats für nuancierte Zielsetzungen, sondern um
den konkreten Inhalt, der mit den übereinstimmenden Formulierungen ver-
bunden ist. Wenn z. B. eine links stehende, aber nicht kommunistische Partei
als Ziel die Diktatur des Proletariats verkündet, so kann sie z. B. damit meinen:
frei gewählte Vertretungen, Meinungsfreiheit, Organisationsfreiheit usw. nur
für alle Angehörigen des Proletariats, Ausschluß aller anderen Klassen von
diesen Rechten. Eine solche Vorstellung von der Diktatur des Proletariats
entspricht keineswegs der Vorstellung Leruns. Nach ihm muß das Proletariat
geleitet und umerzogen werden, und zwar allein von der kommunistischen
Partei (vgl. S. 90-92). Seine Vorstellung läuft praktisch auf das hinaus,
was Trotzki in den Jahren der Gegnerschaft vor 1914 Lerun vorwarf: Diktatur
über das Proletariat.
Aus den dargelegten Gründen ist es kein Widerspruch, welUl die Theorie
Lenins als Anleitung zum Handeln das Hauptgewicht des Kampfes zunächst
gegen die sozialdemokratischen Parteien richtet, während rechts davon
stehende Parteien zunächst geringeren Angriffen ausgesetzt werden. Noch ein-
mal sei betont, daß diese Taktik nicht zeitweilige Aufforderungen der kommu-
nistischen Parteien an die sozialdemokratischen Parteien ausschließt, mit ihnen
bei der Erreichung von gemeinsam interessierenden Teilzielen zusammen-
zuarbeiten.
Worin soll nach Lerun der Kampf gegen den "Hauptfeind" im einzelnen
bestehen? Wie bereits angedeutet, dient die planmäßige Diskreditierung
der sozialdemokratischen Parteien dazu, die Arbeiter diesen Parteien zu
entfremden und sie zu den kommunistischen Parteien hinüberzuziehen.
Hand in Hand mit dieser Form der Schwächung sozialdemokratischer Parteien
muß nach Lerun der Kampf um die Verdrängung einflußreicher "Arbeiter-
aristokraten ") "Opportunisten" von ihren Posten in den sozialdemokratischen
Parteien gehen.
,,8. Die Diktatur des Proletariats ist die entschiedenste Form des Klassen-
kampfes des Proletariats gegen die Bourgeoisie. Dieser Kampf kann nur
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 133

dann erfolgreich sein, wenn der revolutionäre Vortrupp des Proletariats


dessen überwältigende Mehrheit hinter sich führt. Die Vorbereitung der
Diktatur des Proletariats erfordert daher nicht nur die Klarstellung des
bürgerlichen Charakters eines jeden Reformismus, jeder Verteidigung der
Demokratie bei Aufrechterhaltung des Privateigentums an den Produktions-
mitteln; nicht nur die Entlarvung der Kundgebung von Tendenzen, die in
Wirklichkeit die Durchführung der Verteidigung der Bourgeoisie innerhalb
der Arbeiterbewegung bedeuten - sie erfordert auch die Ersetzung der
alten Führer durch Kommunisten in absolut allen Arten von proletarischen
Organisationen, nicht nur in den politischen, sondern auch in den gewerk-
schaftlichen, konsumgenossenschaftlichen, Bildungsorganisationen usw.
Je andauernder, vollständiger und festgefügter die Herrschaft der bürger-
lichen Demokratie im betreffenden Lande war, um so mehr gelang es der
Bourgeoisie, auf die Posten solcher Führer Leute einzustellen, die von ihr
erzogen, von ihren Anschauungen und Vorurteilen durchtränkt und sehr
häufig von ihr direkt oder indirekt gekauft sind. Es ist notwendig, diese
Vertreter der Arbeiteratistokratie oder der verbürgerlichten Arbeiter
hundertmal kühner als bisher von allen ihren Posten zu verdrängen und sie,
sei es auch sogar durch unerfahrene Arbeiter, zu ersetzen, wenn sie nur mit
der ausgebeuteten Masse verknüpft sind und ihr Vertrauen im Kampfe
mit den Ausbeutern genießen. Die Diktatur des Proletariats wird die Er-
nennung solcher Arbeiter, die keine Erfahrung aufzuweisen haben, auf die
verantwortlichsten Posten im Staat erfordern, sonst wird die Macht der
Arbeiterregierung ohnmächtig sein und von der Masse nicht unterstützt
werden."
(Aus Lenins "Leitsätze über die Grundaufgaben des H. Kongresses der Kommu-
nistischen Internationale", 1920, S.45/46.)

*
,,2. Jede Organisation, die der Kommunistischen Internationale angehören
will, ist verpflichtet, die Reformisten und die Anhänger des ,Zentrums'
planmäßig und systematisch von den einigermaßen verantwortlichen Posten
in der Arbeiterbewegung (Parteiorganisation, Redaktion, Gewerkschaft,
Parlamentsfraktion, Konsumgenossenschaft, Stadt- und Gemeindeverwal-
tungen und dergI.) zu entfernen und sie durch zuverlässige Kommunisten zu
ersetzen, ohne davor zurückzuschrecken, daß ,erfahrene' Funktionäre
bisweilen anfangs von einfachen Arbeitern ersetzt werden müssen."
(Aus Lenins "Bedingungen zur Aufnahme in die Kommunistische Internationale",
1920. S. 11.)
134 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Dabei macht Lenin die kommunistischen Parteien auf die besonderen


Schwierigkeiten aufmerksam, die "opportunistischen Führer" in den sozial-
demokratischen Parteien Europas und Amerikas zu entfernen.
"Wir begegnen in Amerika, in England, in Frankreich einer viel größeren
Hartnäckigkeit der opportunistischen Führer, der leitenden Kreise der
Arbeiterklasse, der Arbeiteraristokratie. Sie leisten der kommunistischen
Bewegung den stärksten Widerstand. Deshalb müssen wir auch darauf
gefaßt sein, daß die Befreiung der europäischen und amerikanischen
Arbeiterparteien von diesem Übel viel schwerer als bei uns sein wird."
(Aus Lenins "Bericht über die Weltlage und die Grundaufgaben der Kommunisti-
schen Internationale", 1920, S.36.)

Wie die gegen die Kommunisten eingestellten einflußreichen Mitglieder


der sozialdemokratischen Parteien zu entfernen sind, das hängt nach Lenin
von den besonderen Bedingungen in diesen Parteien ab. Wenn die kommu-
nistisch gewordenen Mitglieder der sozialdemokratischen Parteien innerhalb
ihrer Partei die "opportunistischen Führer", die "Arbeiteraristokratie" frei
kritisieren und für die "Diktatur des Proletariats" im Sinne Lenins wirken
können, dann sollen sie die Partei nicht verlassen. Haben andererseits kommu-
nistische Gruppen Gelegenheit, in eine sozialdemokratische Partei aufgenom-
men zu werden und sich dort frei zu entfalten, dann sollen sie diese Gelegenheit
nutzen.
,,16. In der Frage, wie sich die Kommunisten, die jetzt die Minderheit bil-
den, auf verantwortlichen Posten der genannten und ähnlicher Parteien
zu verhalten ha ben, muß der II. Kongreß der Kommunistischen Internatio-
nale bestimmen, daß angesichts des offenbaren Anwachsens der aufrichtig-
sten Sympathien für den Kommunismus unter den Arbeitern, die zu diesen
Parteien gehören, der Austritt der Kommunisten aus ihnen nicht wünschens-
wert ist, solange sie die Möglichkeit haben, in diesen Parteien im Sinne der
Anerkennung der Diktatur des Proletariats und der Sowjetmacht, sowie
im Sinne der Kritik an den in diesen Parteien noch übriggebliebenen
Opportunisten und Zentmmsleuten zu arbeiten.
Gleichzeitig muß sich der II. Kongreß der III. Internationale für den
Anschluß der kommunistischen oder mit dem Kommunismus sympathi-
sierenden Gruppen und Organisationen in England an die ,Arbeiterpartei'
(Labour Party) aussprechen, obgleich sie der II. Internationale angehört.
Denn solange diese Partei für die ihrem Bestande angehörenden Organisatio-
nen ihre jetzige Freiheit der Kritik und Freiheit der Propaganda-, Agitations-
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 135

und Organisationstätigkeit für die Diktatur des Proletariats und die Sowjet-
macht aufrechterhält, solange diese Partei den Charakter einer Vereinigung
aller Gewerkschaftsorganisationen der Arbeiterklasse bewahrt, müssen die
Kommunisten unbedingt alle Schritte tun und auf gewisse Kompromisse
eingehen, um die Möglichkeit zu haben, auf die breitesten Arbeitermassen
einzuwirken, ihre opportunistischen Führer von einer höheren und den
Massen sichtbaren Tribüne herab zu entlarven, den Übergang der politischen
Macht von den direkten Vertretern der Bourgeoisie zu den ,Arbeiter-
leutnants der Kapitalistenklasse' zu beschleunigen, um die Massen rasch
von ihren letzten Illusionen in dieser Hinsicht zu heilen."
(Aus Lenins "Leitsätze über die Grundaufgaben ... ", 1920, S. 51/52.)
Der Sinn dieser beiden Methoden ist die Zersetzung der sozialdemokrati-
schen Parteien von innen her. Entmachtung der einflußreichen Funktionäre
einerseits und die Gewinnung einer möglichst großen Zahl von kommunisti-
schen Anhängern andererseits innerhalb der sozialdemokratischen Partei - das
ist zunächst das Ziel. Im Idealfall führen diese Methoden zu einer sozialdemo-
kratischen Partei, die faktisch im Sinne Lenins handelt, aber bis auf weiteres
noch mit Rücksicht auf die Anhänglichkeit des fest zur sozialdemokratischen
Partei stehenden Proletariats ihren Namen nicht ändert.
Wenn die beiden erwähnten Methoden zur Zersetzung der sozialdemokrati-
schen Parteien von den sozialdemokratischen Parteiführungen nicht zu-
gelassen werden, dann gilt es, die sozialdemokratischen Parteien durch den
Austritt einer möglichst großen Mitgliederzahl, die sich kommunistisch
organisiert, zu spalten. Unter diesen Umständen ist die "Einheit der Arbeiter-
klasse" nur durch die Trennung des revolutionären Flügels der Sozialdemo-
kraten von den anderen Sozialdemokraten zu verwirklichen. Diese Gruppe
von Sozialdemokraten soll sich dann als kommunistische Partei organisieren
oder in einer bereits bestehenden kommunistischen Partei aufgehen. Jede
andere von den sozialdemokratischen Parteien gewünschte Einheit ist nach
Lenin abzulehnen.
,,7. Die Parteien, die der Kommunistischen Internationale anzugehören
wünschen, sind verpflichtet, einen vollen Bruch mit dem Reformismus und
mit der Politik des ,Zentrums' anzuerkennen und diesen Bruch in den
weitesten Kreisen der Parteimitgliedschaft zu propagieren. Ohne das ist
eine konsequente kommunistische Politik nicht möglich.
Die Kommunistische Internationale fordert unbedingt und ultimativ
die Durchführung dieses Bruches in kürzester Frist."
(Aus Lenins "Bedingungen zur Aufnahme ... ", 1920, S. 12.)
136 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

"In welchem Ton spricht Genosse Crispien über die Spaltung? Spaltung
ist eine bittere Notwendigkeit, hat er gesagt, und er hat lange darüber
geweint. Das war kautskyanisch. Spaltung von wem? Von Scheidemann ?
Jawohl! Crispien sagte: Wh haben die Spaltung gemacht. Erstens haben
Sie sie zu spät gemacht! Wenn man darüber spricht, dann müssen wir das
sagen. Und zweitens müssen die Unabhängigen nicht darüber weinen,
sondern sagen: Die internationale Arbeiterklasse befindet sich noch unter
dem Joch der Arbeiteraristokratie und der Opportunisten. Das ist Tatsache
auch in Frankreich und England. Genosse Crispien denkt über die Spaltung
nicht kommunistisch, sondern ganz und gar im Geiste von Kautsky, der
keinen Einfluß haben soll."
(Aus Lenins Diskussionsrede vom 30.7.1920 auf dem H. Kongreß der Kommu-
nistischen Internationale, vgl. "Protokoll des H. Weltkongresses der Kommu-
nistischen Internationale", Hamburg 1921, S. 348.)

*
"Wenn man ferner von der Einheit des Proletariats redet, davon redet,
daß wir diese Einheit verletzen, so fällt es einem schwer, das ohne Lächeln
anzuhören. Wir haben hier bei uns von der Einheit des Proletariats gehört,
und haben jetzt in der Tat gesehen, daß die Einheit des Proletariats in der
Epoche der sozialen Revolution nur durch die äußerste revolutionäre Partei
des Marxismus, nur durch schonungslosen Kampf gegen alle übrigen
Parteien verwirklicht werden kann."
(Aus Lenins Schlußwort zu seinem Bericht am 23. 12. 1920, vgl. Lenin: "Sämt-
liehe Werke", 3. AufI., Bd. 26, Moskau 1940, S. 62.)

*
"Eine wirklich revolutionäre Partei hatten die deutschen Arbeiter im Augen-
blick der Krise noch nicht, infolge der zu spät vorgenommenen Spaltung,
infolge des Druckes der verfluchten Tradition der ,Einheit' mit der korrup-
ten (die Scheidemann, Legien, David und Konsorten) und charakterlosen
(die Kautsky, Hilferding und Konsorten) Bande der Lakaien des Kapitals."
(Aus Lenins "Brief an die deutschen Kommunisten" vom 14.8. 1921, S.594/595.)

Aus diesen Dokumenten wird die Folgerichtigkeit Lenins sichtbar, die sich
aus dem Alleinanspruch der kommunistischen Partei auf die Führung des
Proletariats ergibt. In diesem Sinne zieht er die Spaltung der Arbeiterparteien
einer verständnisvollen Zusammenarbeit mit diesen Parteien zur gemeinsamen
Führung des Proletariats vor.
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 137

dd) Der Kampf gegen die Gewerkschaften

Entsprechend Lenins Richtlinien für das Handeln ist auch die Eroberung
der Macht innerhalb der Gewerkschaften beabsichtigt. Die Erreichung dieses
Zieles vor der Revolution ist für Lenin aus zwei Gründen wichtig. Erstens
sieht er in den Gewerkschaften die festeste Stütze für das Funktionieren des
kapitalistischen Wirtschaftssystems. Zum anderen erscheinen ihm diese
Gewerkschaften als wichtige Stützen der sozialdemokratischen Führer. Mit
der Entfernung der einflußreichen gewerkschaftlichen Funktionäre von ihren
Ämtern und ihre Ersetzung durch Kommunisten läßt sich erhoffen, daß die
sozialdemokratischen Parteien auch von dieser Seite her geschwächt werden.
"Insbesondere befürchten die herrschenden Klassen der ganzen Welt die
Veränderungen, die in der Gewerkschaftsbewegung vor sich gehen. Eine
Partei, die das revolutionäre Proletariat führen könnte, wie das in der
russischen Revolution der Fall war, wo aus einer illegalen Partei in wenigen
Monaten oder wenigen Wochen eine Partei wurde, die über die Kräfte
des ganzen Volkes verfügte, eine solche Partei, der Millionen Gefolgschaft
leisten, hat man seit Jahrzehnten in Europa nicht gesehen und man fürchtet
sie auch nicht. Aber die Gewerkschaften kennt jeder Kapitalist; und er weiß,
daß sie Millionen erfassen, daß ohne die Gewerkschaften - wenn die Kapi-
talisten sie nicht durch deren Führer, die sich Sozialisten nennen, aber die
Politik der Kapitalisten treiben, in ihren Händen halten -, daß ohne die
Gewerkschaften die ganze Maschinerie des Kapitalismus zusammenbrechen
würde. Sie wissen das, fühlen und empfinden das. Für Deutschland z. B.
ist es wohl am charakteristischsten, daß die besondere Wut der ganzen
bürgerlichen Presse, der ganzen Presse der Sozialverräter, die in der
11. Internationale sitzen, und sich Sozialisten nennen, in Wirklichkeit aber
auf Gedeih und Verderb den Kapitalisten dienen, nicht so sehr durch die
Reise Sinowjews hervorgerufen wurde als vielmehr durch die Reise der
russischen Gewerkschaftler nach Deutschland, weil niemand die deutschen
Gewerkschaften so sehr zersetzt hat wie die russischen Arbeitergewerkschaft-
Ier, als sie zum erstenmal eine ganz kleine Reise durch Deutschland unter-
nahmen. Und diese tolle Wut aller bürgerlichen Zeitungen, aller Kapitalisten,
die die Kommunisten hassen, zeigt, wie sehr ihre Lage labil, unbeständig ist.
Im internationalen Maßstabe, in der ganzen Welt ist der Kampf um den
Einfluß in den Gewerkschaften entbrannt, die gegenwärtig in allen zivilisier-
ten Staaten Millionen von Arbeitern vereinigen und von denen diese ganze
innere, auf den ersten Blick unsichtbare Arbeit abhängt. Das Schicksal der
138 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

kapitalistischen Staaten geht im Zusammenhang mit der wachsenden


Wirtschaftskrise unvermeidlich der Entscheidung entgegen."
(Aus Lenins Rede vor Vertretern der Textilarbeiter am 6.2. 1921, vgl. Lenin:
"Sämtliche Werke", 3. Ausg., Bd. 26, Moskau 1940, S. 188/189.)
*
"Gerade wegen der zünftlerischen Beschränktheit, des beruflichen Egois-
mus und Opportunismus hatten bei uns die Menschewiki eine Stütze in den
Gewerkschaften (und haben sie in ganz wenigen Gewerkschaften zum Teil
auch jetzt noch). Im Westen haben sich die dortigen Menschewiki in den
Gewerkschaften viel mehr ,festgesetzt', dort hat sich eine viel stärkere
Schicht einer beruflich beschränkten, bornierten, selbstsüchtigen, ver-
knöcherten, eigennützigen, spießbürgerlichen, imperialistisch gesinnten
und vom Imperialismus bestochenen, vom Imperialismus demoralisierten
,Arbeiteraristokratie' herausgebildet als bei uns. Das ist unbestreitbar.
Der Kampf mit den Gompers, den Herren Jouhaux, Henderson, Merrheim,
Legien und Konsorten in Westeuropa ist viel schwieriger als der Kampf mit
unseren Menschewiki, die, sozial und politisch, einen völlig gleichartigen
Typus darstellen. Dieser Kampf muß rücksichtslos und, so wie wir es getan
haben, unbedingt bis zur völligen Diskreditierung aller unverbesserlichen
Führer des Opportunismus und Sozialchauvinismus und bis zu ihrer
Verjagung aus den Gewerkschaften geführt werden. Man kann die politische
Macht nicht erobern (und soll nicht versuchen, die politische Macht zu
erobern), solange dieser Kampf nicht auf eine gewisse Stufe gebracht ist,
wobei diese ,gewisse Stufe' in den verschiedenen Ländern und unter den
verschiedenen Verhältnissen nicht die gleiche ist; diese Stufe richtig ab-
schätzen können nur überlegt handelnde, erfahrene und sachkundige
politische Führer des Proletariats jedes einzelnen Landes."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 698.)

Lenin war nie der Meinung, daß die planmäßige Diskreditierung der ge-
werkschaftlich führenden Funktionäre genügt, um sie von ihren Posten zu
entfernen und ihren Ausschluß aus den Gewerkschaften zu erreichen. Die
wirkungsvollste Methode war für ihn der Kampf von innen her. Daher gehört
es zu den Grundstützen Lenins, den Eintritt von Kommunisten in die nicht-
kommunistischen Gewerkschaften zu befürworten. Das nicht zu tun, erschien
ihm als unverzeiliche Dummheit von Kommunisten.
"Doch den Kampf gegen die ,Arbeiteraristokratie' führen wir im Namen
der Arbeitermassen und um sie für uns zu gewinnen; den Kampf gegen die
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 139

opportunistischen und sozialchauvinistischen Führer führen wir, um die


Arbeiterklasse für uns zu gewinnen. Diese ganz elementare, augenfällige
Wahrheit zu vergessen, wäre eine Dummheit. Und gerade diese Dummheit
begehen die ,linken' deutschen Kommunisten, die aus der Tatsache, daß
die Spitzen der Gewerkschaften reaktionär und konterrevolutionär sind,
den Schluß ziehen, daß '" 9a man aus den Gewerkschaften austreten!!,
die Arbeit in den Gewerkschaften ablehnen!! und neue, ausgeklügelte
Formen von Arbeiterorganisationen schaffen müsse!! Das ist eine so un-
verzeihliche Dummheit, daß sie dem größten Dienst gleichkommt, den die
Kommunisten der Bourgeoisie erweisen können."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 699.)

Nach Lenin haben die Kommunisten innerhalb der nichtkommunistischen


Gewerkschaften u. a. folgende Aufgaben:
,,9. Eine jede Partei, die der Kommunistischen Internationale anzugehören
wünscht, ist verpflichtet, systematisch und beharrlich die kommunistische
Tätigkeit innerhalb der Gewerkschaften, der Konsumgenossenschaften und
anderer Massenorganisationen der Arbeiter zu führen. Innerhalb dieser
Verbände ist es notwendig, kommunistische Zellen zu organisieren, die
durch andauernde und beharrliche Arbeit die Gewerkschaften für die
Sache des Kommunismus gewinnen sollen. Die Zellen sind verpflichtet, in
ihrer alltäglichen Arbeit auf jedem Schritt den Vetrat der Sozialpatrioten
und die Wankelmütigkeit des ,Zentrums' zu entlarven. Die kommunistischen
Zellen müssen der Gesamtpartei vollständig untergeordnet sein."
(Aus Lenins "Bedingungen zur Aufnahme ... ", 1920, S. 13.)

Neben der planmäßigen Zersetzung der Gewerkschaften von innen her


sollen die Kommunisten auch auf die organisatorische Spaltung der Gewerk-
schaften hinwirken, damit davon getrennte kommunistische Gewerkschaften
entstehen.
,,10. Eine der Kommunistischen Internationale angehörende Partei ist ver-
pflichtet, einen hartnäckigen Kampf gegen die Amsterdamer ,Internatio-
nale' der gelben Gewerkschaftsverbände zu führen. Sie muß unter den
gewerkschaftlich organisierten Arbeitern die Notwendigkeit des Bruches
mit der gelben Amsterdamer Internationale nachdrücklich propagieren.
Mit allen Mitteln hat sie die keimende internationale Vereinigung der roten

9a Punktiert von Lenin.


140 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Gewerkschaften, die sich der Kommunistischen Internationale anschließen,


zu unterstützen."
(Aus Lenins "Bedingungen zur Aufnahme ... ce, 1920, S. 13.)

de) über die Notwendigkeit, in alle Organisationen der "werktätigen Bevölke-


rung" einzudringen.

Wie dargelegt, ist es für eine revolutionäre Machtergreifung durch eine


kommunistische Minderheit wichtig, möglichst viele Nichtkommunisten so
zu beeinflussen, daß sie praktisch zu Mithelfern auf dem Wege zur Revolution
werden. Folglich muß die kommunistische Minderheit systematisch versuchen,
in alle Organisationen hineinzugelangen und dort alle gesellschaftlichen Grup-
pen zu beeinflussen, deren Mitwirkung für das Gelingen des revolutionären
Sturzes einer Regierung erwünscht ist: das Proletariat und alle kleinbürger-
lichen Schichten in Stadt und Land. Nach Lenin darf die "Bearbeitung" auch
nicht die "ältesten, muffigsten und anscheinend hoffnungslosen Gebiete"
ausnehmen.
"Wir wissen nicht und können nicht wissen, welcher Funke - unter der
Unmenge von Funken, die jetzt in allen Ländern unter dem Einfluß der
ökonomischen und politischen Welt krise umherfliegen - imstande sein
wird, den Brand zu entfachen, d. h. die Massen besonders aufzurütteln,
und wir sind deshalb verpflichtet, mit unseren neuen, kommunistischen
Grundsätzen an die ,Bearbeitung' aller und jeder, sogar der ältesten, muffig-
sten und anscheinend hoffnungslosen Gebiete zu gehen, denn sonst werden
wir nicht auf der Höhe der Aufgabe stehen, werden nicht allseitig sein,
werden nicht alle Waffenarten beherrschen, werden weder zum Sieg über
die Bourgeoisie (die alle Gebiete des gesellschaftlichen Lebens auf bürger-
liche Art organisiert, jetzt aber auch desorganisiert hat) noch zur bevor-·
stehenden kommunistischen Reorganisation des gesamten Lebens nach
diesem Sieg vorbereitet sein."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ce, S. 743.)

Es ist wichtig, daß diese "Bearbeitung" dauernd geschieht, nicht erst einige
Zeit vor den Wahlen zu einer öffentlichen Vertretung im kapitalistischen Staat.
"Die Kommunisten in Westeuropa und in Amerika müssen es lernen,
einen neuen Parlamentarismus zuwege zu bringen, der nicht der übliche
ist und der mit Opportunismus und Strebertum nichts zu tun hat: es muß
so sein, daß die Partei der Kommunisten ihre Losungen ausgibt und wirk-
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 141

liehe Proletarier mit Hilfe der unorganisierten und niedergedrückten armen


Leute Flugblätter ausstreuen und austragen, die Wohnungen der Arbeiter,
die Behausungen der ländlichen Proletarier und der in weltentlegenen
Winkeln lebenden Bauern aufsuchen (in Europa gibt es zum Glück viel
weniger weltentlegene Winkel als bei uns, und in England nur ganz wenige),
in die Kneipen gehen, wo das ganz einfache Volk verkehrt, und sich zu
den Verbänden, Vereinen, zufälligen Versammlungen des einfachen Volkes
Zutritt verschaffen. Sie dürfen mit dem Volk nicht in gelehrter (und nicht
in allzu ,parlamentarischer' Sprache reden, dürfen nicht im geringsten auf
ein ,Plätzchen' im Parlament erpicht sein, sondern müssen überall die Ge-
danken wecken, die Masse in die Bewegung hineinziehen, die Bourgeoisie
beim Wort nehmen, den von der Bourgeoisie geschaffenen Apparat, die
von ihr angesetzten Wahlen, die von ihr an das ganze Volk gerichteten
Aufrufe ausnutzen und das Volk mit dem Bolschewismus so vertraut machen,
wie dies nie zuvor (unter der Herrschaft der Bourgeoisie) außer in der durch
Wahlen geschaffenen Situation möglich war (natürlich abgesehen von großen
Streiks, wo ein ebensolcher Apparat einer das ganze Volk erfassenden
Agitation bei uns noch intensiver arbeitete). Dies in Westeuropa und Amerika
durchzuführen, ist sehr schwer, sehr, sehr schwer, aber das kann und muß
geschehen, denn ohne Mühe können die Aufgaben des Kommunismus über-
haupt nicht gelöst werden, die Mühe aber muß der Lösung der praktischen
Aufgaben gelten, die immer mannigfaltiger werden, immer mehr mit allen
Zweigen des gesellschaftlichen Lebens verknüpft sind, und durch die immer
ein Zweig, ein Gebiet nach dem anderen der Bourgeoisie abgerungen wer-
den."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 742/774.)

Weitere Einzelheiten der Tätigkeit von Kommunisten in den zahlreichen


nichtkommunistischen Organisationen sollen nach Lenin u. a. darin bestehen:
"In ausnahmslos allen Organisationen, Verbänden, Vereinigungen vor
allem der proletarischen, dann aber auch der nichtproletarischen werk-
tätigen und ausgebeuteten Masse (politischen, gewerkschaftlichen, mili-
tärischen, Kooperativ-, Bildungs-, Sportvereinen usw.) müssen Gruppen
oder Zellen von Kommunisten geschaffen werden, hauptsächlich offene,
aber auch geheime - letztere sind obligatorisch in jedem Fall, wo ihre
Schließung, die Verhaftung oder Verbannung ihrer Mitglieder durch die
Bourgeoisie zu erwarten ist, wobei diese Zellen, eng untereinander und mit
der Parteizentrale verbunden, ihre Erfahrungen austauschen, die Arbeit
142 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

der Agitation, Propaganda, Organisation verwirklichen, sich absolut allen


Gebieten des öffentlichen Lebens, absolut allen Spielarten und Einteilungen
der werktätigen Masse anpassen und durch diese vielseitige Arbeit syste-
matisch sowohl sich selbst als auch die Partei, die Klasse und die Massen
erziehen müssen.
Hierbei ist es äußerst wichtig, die erforderliche Entwicklung der Methoden
der gesamten Arbeit auszuarbeiten, einerseits in bezug auf die Führer oder
verantwortlichen Vertreter, die auf Schritt und Tritt durch spießbürgerliche
und imperialistische Vorurteile hoffnungslos verdorben sind, diese ,Führer'
müssen schonungslos entlarvt und aus der Arbeiterbewegung vertrieben
werden, anderseits in bezug auf die Massen, die besonders nach dem impe-
rialistischen Morden meistenteils geneigt sind, der Lehre von der not-
wendigen Führerschaft des Proletariats als dem einzigen Ausweg aus der
kapitalistischen Sklaverei Gehör zu schenken und sie anzunehmen; man
muß lernen, an die Massen besonders geduldig und vorsichtig heranzu-
treten, um die Eigenarten, die besonderen Züge der Psychologie einer
j eden Schicht, eines jeden Berufes usw. in dieser Masse verstehen zu können. "
(Aus Lenins "Leitsätze über die Grundaufgaben ... ", 1920, S.46.)
Daß unter den zahlreichen zu beeinflussenden Organisationen in einem
kapitalistischen Staat die Wehrmacht zu den wichtigsten gehört, ist wohl
selbstverständlich:
,,4. Es ist eine nachdrückliche, systematische Propaganda und Agitation
im Heer und die Bildung von kommunistischen Zellen in einem jeden
Truppenteil notwendig. Die Kommunisten werden gezwungen, diese Arbeit
meistens illegal auszuführen, aber der Verzicht auf eine solche Arbeit
würde einem Verrat an der revolutionären Pflicht gleichen und mit der
Zugehörigkeit zur IH. Internationale unvereinbar sein."
(Aus Lenins "Bedingungen zur Aufnahme ... ", 1920, S. 12.)

df) Der Sinn der kommunistischen Mitarbeit in den Parlamenten


Nicht wenigen Kommunisten außerhalb Sowjetrußlands erschien in den
ersten Jahren nach 1917 die Forderung Lenins unverständlich, sich an den
\'Vahlen für "bürgerliche" Parlamente zu beteiligen und dort zu wirken. Eine
Einrichtung, die zu zerstören ist - warum sollte man sie vorher noch indirekt
unterstützen und sich damit diskreditieren, so dachte ein Teil dieser Kommuni -
steno Lenin verurteilte ein solches Verhalten ähnlich wie im Falle der Gewerk-
schaften usw. Die Gründe Lenins dafür waren keineswegs eine Würdigung
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 143

der parlamentarischen Arbeit überhaupt. Wieder ging es ihm nur um die


richtige Taktik der Zerstörung. Irrtümer seiner Anhäng~r in dieser Hinsicht
bekämpfte er nachdrücklich:
"Das Parlament ist ein Produkt der historischen Entwicklung, das man
nicht aus der Welt schaffen kann, bevor man nicht stark genug ist, das bürger-
liche Parlament auseinanderzujagen. Nur wenn man Mitglied des Parlaments
ist, kann man von dem gegebenen historischen Standpunkt aus die bürger-
liche Gesellschaft und den Parlamentarismus bekämpfen. Dasselbe Mittel,
das von der Bourgeoisie im Kampfe angewandt wird, muß auch vom
Proletariat angewandt werden, natürlich mit ganz anderen Zielen ... Ein
Teil des proletarischen Kleinbürgertums, die rückständigen Arbeiter und
Kleinbauern, alle diese Elemente denken wirklich, daß ihre Interessen im
Parlament vertreten werden, und dagegen muß man durch die Arbeit im
Parlament ankämpfen und durch Tatsachen den Massen die Wahrheit
beibringen. Die rückständigen Massen lassen sich nicht durch Theorien
belehren, sie brauchen Erfahrungen ...
Man muß wissen, auf welche Weise das Parlament zerbrochen werden kann.
Wenn Sie es durch einen bewaffneten Aufstand in allen Ländern machen
können, so ist es sehr gut. Sie wissen, daß wir in Rußland nicht nur in
der Theorie, sondern in der Praxis unseren Willen gezeigt haben, das
bürgerliche Parlament zu zerstören. Aber Sie haben die Tatsache aus dem
Auge gelassen, daß dies ohne eine ziemlich langwierige Vorbereitung
unmöglich ist, und daß es für die meisten Ländern noch nicht möglich ist,
das Parlament mit einem Schlage zu zerstören ...
In allen kapitalistischen Ländern gibt es rückständige Elemente der Ar-
beiterklasse, die überzeugt sind, daß das Parlament die wahre Vertretung
des Volkes ist, und die nicht ~ehen, daß hier unlautere Mittel angewandt
wetden. Es ist, sagt man, das Instrument, mit dem die Bourgeoisie die
Massen täuscht. Aber dieses Argument muß sich gegen Sie richten und
richtet sich gegen Ihre Thesen. Wie werden Sie den wahrhaft rückständigen
und von der Bourgeoisie getäuschten Massen den wahren Charakter des
Parlaments offenbaren, wenn Sie nicht hineingehen? Wie werden Sie dieses
oder jenes parlamentarische Manöver, die Haltung dieser oder jener Partei
bloßstellen, wenn Sie nicht im Parlament sind? Wenn Sie Marxist sind,
so müssen Sie erkennen, daß die Beziehungen der Klassen in einer kapitalisti-
schen Gesellschaft und die Beziehungen der Parteien eng verbunden sind.
Wie, ich wiederhole es, werden Sie das alles zeigen, wenn Sie nicht Mitglied
des Parlaments sind, wenn Sie die parlamentarische Aktion ablehnen? Die
144 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Geschichte der russischen Revolution hat klar bewiesen, daß die großen
Massen der Arbeiterklasse, der Bauernklasse, der kleinen Angestellten,
wenn sie nicht eigene Erfaluungen gemacht hätten, durch kein Argument
überzeugt worden wären.
Es ist hier gesagt worden, daß man viel Zeit vergeudet, wenn man an
parlamentarischen Kämpfen teilnimmt. Kann man sich irgendeine Gelegen-
heit denken, an der sich alle Klassen in solchem Umfange beteiligen wie
am Parlament? Das läßt sich nicht künstlich schaffen. Wenn alle Klassen
veranlaßt werden, sich am parlamentarischen Kampfe zu beteiligen, so
deshalb, weil die Klasseninteressen und Konflikte im Parlament ihren
Widerschein haben. Wenn es möglich wäre, überall vielleicht zunächst
entscheidende Generalstreiks zu veranstalten, um mit einem Male aufräumen
zu können, dann würde die Revolution schon in verschiedenen Ländern
stattgefunden haben. Man muß aber mit den Tatsachen rechnen, und das
Parlament stellt die Arena des Klassenkampfes dar."
(Aus Lenins Diskussionsrede vom 2.8.1920 gegen den italienischen Sozialisten
Bordiga, vgl. "Protokoll des II. Weltkongresses der Kommunistischen Inter-
nationale", Hamburg 1921, S. 451/452, 452/453, 453/454.)

In seiner Schrift: "Der ,linke Radikalismus', die Kinderkrankheit im


Kommunismus" lautet diese Richtlinie für die Kommunisten in allen Ländern:
"Drittens. Die ,linken' Kommunisten sagen über uns Bolschewiki sehr
viel Gutes. Manchmal möchte man sagen: mögen sie uns doch weniger
loben, aber die Taktik der Bolschewiki besser kapieren, sich etwas mehr mit
ihr vertraut machen! Wir haben uns im September bis November 1917 an
den Wahlen zum bürgerlichen Parlament Rußlands, zur Konstituierenden
Versammlung beteiligt. War unsere Taktik richtig oder nicht? Wenn nicht,
so muß das klar gesagt und bewiesen werden; das ist notwendig, damit der
internationale Kommunismus eine richtige Taktik ausarbeite. Wenn ja,
so müssen daraus gewisse Schlußfolgerungen gezogen werden. Selbst-
verständlich kann von einer Gleichsetzung der Verhältnisse in Rußland
und der Verhältnisse in Westeuropa keine Rede sein. Doch speziell in der
Frage, was der Satz: ,Der Parlamentarismus hat sich politisch überlebt!'
bedeute, muß unbedingt unsere Erfahrung genau in Betracht gezogen werden,
denn solche Worte verwandeln sich nur allzu leicht in hohle Phrasen, wenn
die konkreten Erfahrungen nicht in Betracht gezogen werden. Hatten wir
1ussische Bolschewiki im September-November 1917 nicht mehr als irgend-
welche Kommunisten im Westen das Recht anzunehmen, daß der Parla-
mentarismus in Rußland sich politisch überlebt habe? Natürlich hatten wir
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 145

das Recht dazu, denn es kommt ja nicht darauf an, ob die bürgerlichen
Parlamente lange oder kurze Zeit bestehen, sondern darauf, wieweit die
breiten Massen der Werktätigen (ideologisch, politisch, praktisch) dazu
bereit sind, die Sowjetordnung anzuerkennen und das bürgerlich-demo-
kratische Parlament auseinanderzujagen oder zuzulassen, daß es auseinander-
gejagt wird. Daß in Rußland im September-November 1917 die Arbeiter-
klasse in den Städten, die Soldaten und die Bauern infolge einer Reihe von
besonderen Umständen für die Anerkennung der Sowjetordnung und dieAus-
einanderjagung des demokratischen bürgerlichen Parlaments außerordent-
lich gut vorbereitet waren, ist eine ganz unbestreitbare und durchaus
feststehende historische Tatsache. Und trotzdem haben die Bolschewiki
die Konstituierende Versammlung nicht boykottiert, sondern haben sich
sowohl vor als auch nach der Eroberung der politischen Macht durch das
Proletariat an den Wahlen beteiligt. Daß diese Wahlen außerordentlich
wertvolle (und für das Proletariat im höchsten Grade nützliche) politische
Resultate gezeitigt haben, habe ich, wie ich hoffen darf, in dem obenerwähn-
ten Aufsatz nachgewiesen, der das Material über die Wahlen zur Kon-
stituante in Rußland ausführlich analysiert.
Daraus ergibt sich eine ganz unbestreitbare Schlußfolgerung: es ist be-
wiesen, daß sogar einige Wochen vor dem Siege der Sowjetrepublik, ja
sogar nach diesem Siege die Beteiligung am bürgerlich-demokratischen
Parlament dem revolutionären Proletariat nicht nur nicht schadet, sondern
es ihm erleichtert, den rückständigen Massen zu beweisen, weshalb solche
Parlamente es verdienen, auseinandergejagt zu werden, erleichtert, sie mit
Erfolg auseinanderzujagen, und dazu beiträgt, daß der bürgerliche Parla-
mentarismus sich ,politisch überlebt'. Diese Erfahrung nicht in Rechnung
stellen und gleichzeitig auf die Zugehörigkeit zur Kommunistischen Inter-
nationale Anspruch erheben, die ihre Taktik international (nicht als eng
oder einseitig nationale, sondern eben als internationale Taktik) auszu-
arbeiten hat, heißt einen sehr schweren Fehler begehen und eben in der
Praxis vom Internationalismus abweichen, während man ihn in Worten
anerkennt. "
(Aus der erwähnten Schrift, S. 705/706.)

dg) Verbindung legaler und illegaler Arbeit

Alle erwähnten Richtlinien Lenins für die Vorbereitung der Revolution


ließen sich auch nach der Meinung Lenins selbst in den freiesten westlichen
146 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Demokratien nicht nur auf legalem Boden durchführen. Legale und illegale
Tätigkeit hatten sich eng zu verbinden, um ein Höchstmaß von Wirkungen
zu erzielen.
"Die unbedingte prinzipielle Notwendigkeit der Vereinigung von illegaler
und legaler Arbeit wird nicht nur durch die Gesamtheit der Eigentümlich-
keiten der gegenwärtigen Periode des Vorabends der proletarischen Dikta-
tur bestimmt, sondern auch durch die Notwendigkeit, der Bourgeoisie zu
beweisen, daß es kein Gebiet und kein Arbeitsfeld gibt und geben kann,
das die Kommunisten nicht erobern, und vor allem dadurch, daß es noch
überall breite Schichten des Proletariats und mehr noch der nichtproleta-
rischen werktätigen und ausgebeuteten Masse gibt, die der bürgerlich-
demokratischen Legalität noch vertrauen und deren Überzeugung vom
Gegenteil für uns die wichtigste Angelegenheit ist. "
(Aus Lenins "Leitsätze über die Grundaufgaben ... ce, 1920, S.49.)

Lenin war sich über die Schwierigkeiten klar, legale und illegale Arbeit
besonders zu einer Zeit zu vereinigen, da der Beginn der Revolution noch
in weiter Ferne lag.
Wer solche Schwierigkeiten nicht überwindet, ist nach Lenin kein guter
Revolutionär.
"Aber Revolutionäre, die es nicht verstehen, die illegalen Kampfformen
mit allen legalen zu verknüpfen, sind sehr schlechte Revolutionäre. Es ist
nicht schwer, dann Revolutionär zu sein, wenn die Revolution bereits aus-
gebrochen und entbrannt ist, wenn sich all und jeder der Revolution an-
schließt, aus einfacher Passion, aus Mode, mitunter sogar aus Gründen der
persönlichen Karriere. Das Proletariat hat nachher, nach seinem Sieg, die
größte Mühe, man könnte sagen, hat seine liebe Not, sich von diesen
Quasi-Revolutionären zu ,befreien'. Viel schwerer - und viel wertvoller - ist
es, zu verstehen, ein Revolutionär zu sein, wenn die Bedingungen für einen
direkten, offenen, wirklich revolutionären Kampf der Massen noch nicht
vorhanden sind; zu verstehen, die Interessen der Revolution (propagan-
distisch, agitatorisch, organisatorisch) in nichtrevolutionären, oft sogar in
direkt reaktionären Institutionen, in einer nichtrevolutionären Situation,
unter einer Masse zu verfechten, die unfähig ist, unverzüglich die Notwen-
digkeit der revolutionären Aktionsmethode zu begreifen. Es zu verstehen,
den konkreten Weg oder die besondere Wendung der Ereignisse, die die
Massen zum wirklichen, entscheidenden, letzten, großen revolutionären
Kampf heranführt, herauszufinden, herauszufühlen, richtig zu bestimmen -
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 147

darin besteht die Hauptaufgabe des heutigen Kommunismus in Westeuropa


und Amerika."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 740/741.)

Als Beispiele für eine Verbindung von legaler und illegaler Arbeit führt
Lenin u. a. an: die Schaffung eines illegalen Parteiapparates neben einem lega-
len, die Herausgabe einer illegalen Parteipresse, die die legale Parteipresse
ergänzt.
,,3. In all den Ländern, wo die Kommunisten infolge des Belagerungs-
zustandes und der Ausnahmegesetze nicht die Möglichkeit haben, ihre ge-
samte Arbeit legal zu führen, ist die Kombinierung der legalen Tätigkeit
mit der illegalen unbedingt notwendig. Der Klassenkampf in fast allen
Ländern Europas und Amerikas tritt in die Periode des Bürgerkrieges ein.
Und unter derartigen Verhältnissen können die Kommunisten kein Ver-
trauen zu der bürgerlichen Legalität haben. Sie sind verpflichtet, überall
einen parallelen illegalen Organisationsapparat zu schaffen, der im ent-
scheidenden Moment der Partei behilflich sein würde, ihre Pflicht der
Revolution gegenüber zu erfüllen."
(Aus Lenins "Bedingungen zur Aufnahme in die Kommunistische Internationale",
1920, S. 11/12.)
*
"Andererseits ist es auch notwendig, sich in allen Fällen ohne Ausnahme
nicht nur auf die illegale Arbeit zu beschränken, sondern auch die legale
durchzuführen, zu diesem Zweck alle Schwierigkeiten zu überwinden,
legale Preß organe und legale Organisationen unter den verschiedenartig-
sten und, wenn nötig, häufig wechselnden Benennungen zu gründen. So
handeln die illegalen Parteien in Finnland, Ungarn, zum Teil in Deutsch-
land, Polen, Lettland usw. So müssen die ,Industriearbeiter der Welt'
(I. W. W.) in Amerika handeln, so werden alle Mitglieder legaler kommu-
nistischer Parteien handeln müssen, wenn es den Staatsanwälten genehm
sein wird, Verfolgungen auf Grund von Beschlüssen der Kongresse der
Kommunistischen Internationale usw. einzuleiten ...
13. Speziell zeigt die Lage der Arbeiterpresse in den fortgeschrittensten
kapitalistischen Ländern besonders anschaulich sowohl die ganze Verlo-
genheit der Freiheit und Gleichheit unter der bürgerlichen Demokratie als
auch die Notwendigkeit einer systematischen Vereinigung von legaler und
illegaler Arbeit. Sowohl im besiegten Deutschland als auch im siegreichen
Amerika werden die ganze Macht des Staatsapparates der Bourgeoisie und
148 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

alle Streiche ihrer Finanzkönige angewandt, um den Arbeitern ihre Presse


zu nehmen, sowohl gerichtliche Verfolgungen und Verhaftungen (oder
Ermordungen durch gedungene Mörder) ihrer Redakteure als auch das
Verbot ihrer Postbeförderung, Verweigerung von Papier usw. Zudem
befindet sich das für eine Tageszeitung erforderliche Nachrichtenmaterial
in den Händen der bürgerlichen Telegraphenagenturen ; und die Anzeigen
ohne die eine große Zeitung sich nicht rentiert, stehen zur ,freien' Ver-
fügung der Kapitalisten. Folglich nimmt die Bourgeoisie durch Betrug
und durch den Druck des Kapitals und der bürgerlichen Herrschaft dem
revolutionären Proletariat seine Presse.
Zum Kampf dagegen müssen die kommunistischen Parteien einen neuen
Typus der periodischen Presse zur Massenverbreitung unter den Arbeitern
schaffen: erstens legale Ausgaben, die lernen sollen, ohne sich als kommu-
nistische zu bezeichnen und ohne von ihrer Zugehörigkeit zur Partei zu
reden, auch die kleinste Legalität auszunutzen, wie die Bolschewiki es unter
dem Zaren nach 1905 taten; zweitens illegale Blätter, wenn auch kleinsten
Umfangs und unregelmäßig erscheinend, die aber in einer Menge von
Druckereien durch die Arbeiter nachgedruckt werden (insgeheim oder,
wenn die Bewegung erstarkt ist, durch revolutionäre Inbesitznahme der
Druckereien) und dem Proletariat eine freie, revolutionäre Information
und revolutionäre Losungen geben.
Ohne einen die Massen hineinziehenden revolutionären Kampf für die
Freiheit der kommunistischen Presse ist die Vorbereitung zur Diktatur des
Proletariats unmöglich."
(Aus Lenins "Leitsätzen über die Grundaufgaben ... ", 1920, S. 49,49/50.)

dh) Über die Nützlichkeit eines hungernden Proletariats vor der Revolution

Nicht nur Haß verlangt Lenin vom Proletariat gegen alle Gegner als eine
der Vorbedingungen für die erfolgreiche Revolution. Es sind auch die häufig
wiederholten Forderungen Lenins an die Opferbereitschaft des Proletariats
bekannt. Wohl kaum bekannt ist sein Standpunkt über die Nützlichkeit eines
hungernden Proletariats für die Revolution. Vielleicht am klarsten hat Lenin
seinen Standpunkt hierzu in der Auseinandersetzung mit einem der führenden
Mitglieder der USPD, Crispien, auf dem H. Kongreß der Kommunistischen
Internationale dargelegt:
"Dann kam Crispien auf die hohen Löhne zu sprechen. Die deutschen Ver-
hältnisse seien so, daß die Arbeiter im Vergleich zu den russischen und
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 149

überhaupt osteuropäischen Arbeitern eine ziemlich gute Lebenshaltung


hätten. Eine Revolution kann nur gemacht werden, sagte er, wenn die
Arbeiter eine ,nicht zu große' Verelendung erleiden. Ich frage mich, ob
es in einer kommunistischen Partei zulässig ist, in diesem Ton zu sprechen.
Das ist gegenrevolutionär . Wir in Rußland haben sicher eine Lebenshaltung,
die niedriger ist als in Deutschland; und als wir die Diktatur errichteten,
trat als Folge ein, daß die Arbeiter mehr hungerten und ihr Lebensniveau
noch niedriger wurde. Der Sieg der Arbeiter ist unmöglich ohne Opfer,
ohne zeitweilige Verschlechterung ihrer Lage. Wir müssen den Arbeitern
das Gegenteil von dem, was Crispien sagte, sagen. Wenn man die Arbeiter
zur Diktatur vorbereiten will und vor ihnen über ,nicht zu große' Ver-
elendung spricht, so hat man das Wichtigste vergessen, nämlich: daß die
Arbeiteraristokratie dadurch entstanden ist, daß sie ,ihrer' Bourgeoisie half,
auf imperialistischem Wege die ganze Welt zu erobern und zu erdrosseln,
und sich auf diese Art bessere Löhne zu sichern wußte. Wenn jetzt die deut-
schen Arbeiter revolutionäre Arbeit tun wollen, dann müssen sie Opfer
bringen und nicht davor zurückschrecken.
Im allgemeinen, welthistorischen Sinne ist es richtig, daß ein chinesischer
Kuli in zurückgebliebenen Ländern keine Revolution machen kann; aber in
den wenigen reicheren Ländern, wo die Lebensstellung dank dem impe
rialistischen Raub besser ist, den Arbeitern sagen, sie sollen ,zu große'
Verelendung fürchten, ist gegenrevolutionär. Das Gegenteil muß gesagt
werden. Eine Arbeiteraristokratie, die Opfer fürchtet, die eine ,zu große'
Verelendung während des revolutionären Kampfes fürchtet, kann nicht
zur Partei gehören. Sonst ist keine Diktatur möglich, besonders nicht für
die westeuropäischen Länder."
(Aus Lenins Diskussionsrede vom 30.7. 1920, vgl. "Protokoll des 11. Weltkon-
gresses der Kommunistischen Internationale", Hamburg 1921, S. 348/349.)

Lenin wandte sich auch grundsätzlich gegen die Unterlassung von Streiks
von Bauern und Landarbeitern, auch wenn diese Streiks die Gefahr einer
geringen Lebensmittelproduktion und damit eine Hungersgefahr für die
städtische Bevölkerung heraufbeschwören sollten. Für eine Unterlassung
solcher Streiks waren eine Reihe links stehender Organisationen in den kapi-
talistischen Ländern eingetreten. Demgegenüber vertrat Lenin den Stand-
punkt:
"Der Kongreß der Kommunistischen Internationale brandmarkt als Ver-
räter und Treubrüchige jene Sozialisten - die es leider nicht nur in der
150 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

gelben, 11. Internationale, sondern auch in den drei aus dieser Internationale
ausgeschiedenen, für Europa besonders wichtigen Parteien gibt -, die es
fertigbringen, sich nicht nur den Streikkämpfen auf dem Lande gegenüber
gleichgültig zu verhalten, sondern auch (so wie K. Kautsky) gegen diese
Kämpfe vom Gesichtspunkt einer Gefahr der Verminderung der Lebens-
mittelproduktion auftreten. Keinerlei Programme und noch so feierliche
Erklärungen haben irgendeinen Wert, wenn nicht in der Praxis, durch
Taten bewiesen wird, daß die Kommunisten und die Arbeiterführung die
Entwicklung der proletarischen Revolution und ihren Sieg über alles in
der Welt stellen, daß sie ihretwegen zu den schwersten Opfern bereit sind,
denn es gibt sonst keinen anderen Ausweg und keine andere Rettung vor
Hunger, Zerrüttung und neuem imperialistischen Frieden."
(Aus Lenins "Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur Agrarfrage", veröffent-
licht am 20. 7. 1920, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd.2,
Moskau 1947, S.768.)
Diese Einstellung Lenins zu einem hungrigen Proletariat ist um so bedeut-
samer, als hier nicht von einer unbeabsichtigt herbeigeführten Hungedage für
das Proletariat die Rede ist. Trotz einer Vermeidbarkeit dieser Lage schreckte
Lenin vor dem Hunger des Proletariats nicht zurück, wenn dadurch auch die
revolutionäre Streikbewegung auf dem Lande sich entfalten könnte. Kam es
ihm doch darauf an, neben dem Proletariat auch einige andere Klassen in
den revolutionären Kampf einzubeziehen.
Die von Lenin geforderte Hungerbereitschaft des Proletariats gilt nicht nur
vor, sondern auch nach der Revolution; falls die Verteidigung der durchge-
führten Revolution ein solches Opfer verlangen sollte:
"Das Proletariat wird nur insofern revolutionär, als es sich nicht in enge
Zunftgrenzen einschließt, insofern, als es an allen Erscheinungen und auf
allen Gebieten des öffentlichen Lebens als Führer der gesamten werktätigen
und ausgebeuteten Masse teilnimmt - und es kann seine Diktatur unmöglich
verwirklichen, wenn es nicht zu den größten Opfern um des Sieges über
die Bourgeoisie willen bereit und fähig ist. Sowohl prinzipielle als auch
praktische Bedeutung hat in dieser Hinsicht die Erfahrung Rußlands, wo
das Proletariat seine Diktatur nicht hätte verwirklichen, die allgemeine
Achtung und das Vertrauen der gesamten werktätigen Masse nicht hätte
erobern können, wenn es nicht die größten Opfer gebracht und mehr ge-
hungert hätte, als alle anderen Schichten dieser Masse in den schwersten
Zeiten des Ansturms, des Krieges, der Blockade durch die Weltbourgeoisie. "
(Aus Lenins "Leitsätze über die Grundaufgaben ... ", 1920, S. 48.)
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 151

Es braucht wohl nicht näher erläutert zu werden, daß der Hunger für Lenin
einer der wichtigsten Hebel für die Entfachung der revolutionären Entschlos-
senheit einer Klasse ist. Das berücksichtigten Lenins Richtlinien für das Han-
deln des Proletariats in den zu zerstörenden kapitalistischen Staaten.

di) Die Einmischung eines sozialistischen Staates in die inneren Angelegenheiten


von kapitalistischen Staaten (Folgerungen aus da-dh)

Mit den angeführten Richtlinien für das Verhalten von kommunistischen


Parteien in den kapitalistischen Staaten sind keineswegs alle Richtlinien Lenins
geschildert. Sie stellen einen wesentlichen Teil der nach 1917 ergänzten Theorie
Lenins als Anleitung zum außenpolitischen Handeln dar. Befolgt man sie, so
machen sie die außerordentlich weitgehende Einmischung eines sozialistischen
Staates in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten unvermeidlich. Die
Spannungen zwischen den sozialistischen und kapitalistischen Staaten müssen
um so mehr wachsen, als diese Einmischungen (kein Staat liebt Einmischungen
selbst hilfsbereiter Staaten) ja nicht dem Wohle kapitalistischer Staaten, son-
dern ihrer Zerstörung dienen sollen.
Damit ist die große Zahl der Reibungspunkte zwischen sozialistischen und
anderen Staaten nicht erschöpft. Das wird aus der grundsätzlichen Stellung-
nahme eines sozialistischen Staates zum Selbstbestimmungsrecht der Völker,
zur außenpolitischen Bedeutung einer sozialistischen Wirtschaft und zur Ab-
rüstung noch hervorgehen.

e) Verhalten des sozialistischen Staates zum Selbstbestimmungsrecht


der Völker und nationalen Minderheiten

Zur Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln gehört auch das Verhalten
eines sozialistischen Staates zu nationalen Minderheiten innerhalb eines kapi-
talistischen Staates, zu Kolonialvölkern (hauptsächlich Asiens und Afrikas,
die der Fremdherrschaft kapitalistischer Staaten unterworfen sind). Für beide
forderte Lenin die volle Freiheit der Lostrennung. Was er vom zaristischen
Rußland radikal forderte, sollte auch für die anderen kapitalistischen Staaten
gelten. In seiner Schrift "Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revolution"
umriß er den Begriff der "annektierten Nationen und Völkerschaften" und
wandte sich scharf gegen nur scheinbare Zugeständnisse von Staaten an das
Selbst bestimmungsrecht.
,,14. In der nationalen Frage muß die proletarische Partei sich vor allem
einsetzen für die Proklamierung und sofortige Verwirklichung der vollen
152 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Freiheit der Lostrennung von Rußland für alle vom Zarismus unterdrückten,
gewaltsam dem Staat einverleibten bzw. zwangsweise in den Staatsgrenzen
festgehaltenen, d. h. annektierten Nationen und Völkerschaften.
Alle Etklärungen, Deklarationen und Manifeste über den Verzicht auf
Annexionen, die mit der tatsächlichen Verwirklichung der Freiheit der
Lostrennung nicht Hand in Hand gehen, sind bürgerlicher Volksbetrug
oder kleinbürgetliche ftomme Wünsche.
Die proletarische Partei erstrebt die Schaffung eines möglichst großen
Staates, denn dies ist für die Werktätigen vorteilhaft; sie ersttebt die An-
näherung und weitere Vetschmelzung der Nationen, aber sie will dieses Ziel
nicht mittels Gewalt erreichen, sondern ausschließlich auf dem Wege eines
freien, brüderlichen Bündnisses der Arbeiter und der werktätigen Massen
aller Nationen.
Je demokratischer die Republik Rußland sein wird, je erfolg reichet sie
sich als Republik der Sowjets der Atbeiter- und Bauerndeputierten organi-
siert, desto mächtiger werden die werktätigen Massen aller Nationen sich
Zu einer solchen Republik freiwillig hingezogen fühlen.
Volle Freiheit der Lostrennung, weitestgehende lokale (und nationale) Au-
tonomie, bis ins einzelne ausgearbeitete Garantien der Rechte der natio-
nalen Mindetheit - das ist das Ptogramm des revolutionären Ptoletariats".
(Aus Lenins Schrift von 1917: "Die Aufgaben des Proletariats in unserer Revo-
lution", S. 31/32.)

Vom Standpunkt eines sozialistischen Staates aus, der den kapitalistischen


Staaten gegenübersteht, ist es nur vorteilhaft, wenn die Forderung nach der
"vollen Fteiheit der Lostrennung" für alle nationalen Minderheiten und Kolo-
nialvölket durch die kapitalistischen Staaten erfüllt wird. Denn damit erleiden
die kapitalistischen Staaten mehr oder weniger schwere territoriale, wirt-
schaftliche und andere Verluste, was auf alle Fälle das Kräfteverhältnis zwi-
schen einem sozialistischen Staat und den anderen Staaten zugunsten des
sozialistischen Staates beeinflußt. Damit kann sich aber ein sozialistischer
Staat nach der Theorie Lenins nicht begnügen. Sind doch auch die von den
kapitalistischen Gtoßmächten losgetrennten Gebiete ehemaliger nationaler
Minderheiten und der ehemaligen Kolonialvölker für eine sozialistische Um-
gestaltung im Sinne Lenins vorgesehen. Daher sind diese von den kapitalisti-
schen Staaten loszutrennenden bzw. losgetrennten Gebiete in enge Bezieh-
ungen zu dem sozialistischen Staat zu bringen, letztlich sogar mit ihm zu
verschmelzen. Das zeigt sich bereits an dem dargelegten Standpunkt Lenins.
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 153

Lostrennung vom kapitalistischen Staat - ja, aber danach wieder Annäherung


und "weitere Verschmelzung", wenn dieser Staat ein sozialistischer Staat
geworden ist. Allerdings soll diese Entwicklung nicht durch Gewalt, sondern
"auf dem Wege eines freien, brüderlichen Bündnisses der Arbeiter und der
werktätigen Massen aller Nationen" herbeigeführt werden.
Man stelle diese von Lenin proklamierte Freiwilligkeit seinen Aufforde-
rungen zu Angriffskriegen für die Verwirklichung des Sozialismus gegen-
über. Es dürfte schon von daher deutlich werden, daß der von Lenin gemein-
ten Freiwilligkeit sehr enge Grenzen gezogen sind. Darüber hinaus ist zu
bedenken, daß im Rahmen der Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln
nicht jede Annexion von Gebieten verurteilt wird. Wie dargelegt (vgl. S.
101), hält Lenin die gewaltsame Angliederung eines Gebietes durch einen
sozialistischen Staat für berechtigt, falls sie dem Willen der Mehrheit des
V olkes des annektierten Gebietes entspricht. Daher sind im Rahmen der Theorie
Lenins als Anleitung zum Handeln bereits alle Türen für eine sehr weite Aus-
legung des Begriffes "Freiwilligkeit" geöffnet.
Natürlich ist es für Arbeiter nicht leicht zu begreifen, daß sie für das Recht
der Lostrennung von Völkern und für ihre spätere Verschmelzung gleich-
zeitig kämpfen sollen. Manche fanden dies nach Lenins eigener Darstellung
"widersinnig", aber Lenin riet ihnen, mehr darüber nachzudenken, um diesen
Standpunkt aufzugeben:
"Der Schwerpunkt der internationalistischen Erziehung der Arbeiter in
den Unterdrückerstaaten muß unweigerlich dahin gehen, daß ihnen das
Recht auf Trennung der unterdrückten Staaten gepredigt werde, und daß
sie diese Trennungsfreiheit verteidigen. Ohne dies gibt es keinen Inter-
nationalismus. Wir haben die Pflicht und Schuldigkeit, jeden Sozialdemo-
kraten, der einer Nation angehört, die andere bedruckt, und der keine solche
Propaganda treibt als Imperialisten und Schuft zu behandeln. Dies ist eine
unumgängliche Forderung, wenn auch ein Fall der Trennung vor der Ver-
wirklichung des Sozialismus ein Fall von tausend möglich und zu verwirk-
lichen wäre.
Wir sind verpflichtet, die Arbeiter den nationalen Unterschieden gegen-
über zur ,Gleichgültigkeit' zu erziehen. Aber nicht zur Gleichgültigkeit der
Annexionisten. Dem Mitgliede einer unterdrückenden Nation muß es
,gleichgültig' sein, ob die kleinen Nationen seinem Lande, sich selbst, oder
dem Nachbarlande angehören, sowie es ihre Sympathien verlangen: Wenn
ihm diese Gleichgültigkeit fehlt, so ist er kein Sozialdemokrat. Um ein
internationalistischer Sozialdemokrat zu sein, darf man nicht nur an seine
154 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

eigene Nation denken, sondern die Interessen aller, die allgemeine Freiheit
und Gleichberechtigung, höher stellen als ihre Interessen. In der ,Theorie'
sind alle damit einverstanden. In der Praxis aber zeigen sie eine Gleichgül-
tigkeit im annexionistischen Sinne. Und hier liegt die Wurzel des Übels.
Das Gegenteil muß der Fall sein.
Der Sozialdemokrat einer kleinen Nation muß den Schwerpunkt seiner
Agitation auf das zweite Wort unserer allgemeinen Formel legen: ,frei-
willige Vereinigung' der Nationen. Er kann, ohne seine Verpfiichtungen
als Internationalist zu verletzen, sowohl für die politische Unabhängigkeit
seiner Nation als auch für ihre Zugehörigkeit zu den Nachbarländern X,
Y, Z sein usw. Er muß aber in jedem Falle gegen die kleine nationale Enge,
Abgeschlossenheit und Isolierung auf Kosten des Ganzen und Allgemeinen
sein und für die Unterordnung der Interessen eines Einzelnen unter die
Interessen der Gesamtheit.
Leute, die sich in diese Frage nicht hineingedacht haben, finden, daß
es ,widersinnig' sei, wenn die Sozialdemokraten der Unterdrückernationen
auf der ,Freiheit der Trennung' beharren, und die Sozialdemokraten der
unterdrückten Nationen dagegen für die ,Freiheit der Vereinigung' sind.
Etwas Nachdenken wird aber zeigen, daß es keinen andern Weg zum Inter-
nationalismus und zur Verschmelzung der Nationen, daß es bei der gege-
benen Lage der Dinge keinen anderen Weg zum Ziel gibt und geben kann,"
(Aus Lenins Aufsatz: "Ergebnisse der Diskussionen über das Selbstbestimmungs-
recht", veröffentlicht im Oktober 1916, S. 404/405.)

Aber auch noch vierzehn Jahre später - im Jahre 1930 - war einem Teil
der kommunistischen Parteimitglieder selbst in der UdSSR offenbar immer
noch die Leninsche Forderung schwer begreiflich, gleichzeitig für die Freiheit
der Lostrennung von Völkern und für ihre spätere Verschmelzung zu sein.
Wie die Forderung Lenins zu deuten ist, darüber hat sich Stalin auf dem
16. Parteitag am 27. Juni 1930 klar ausgesprochen:
"Oder als Beispiel die Leninsche Einstellung zu der Frage über das Selbst-
bestimmungsrecht der Völker bis zur Lostrennung. Lenin gestaltete manch-
mal die These von der nationalen Selbstbestimmung in der einfachen
Formel: ,Lostrennung zur Vereinigung'. Ihr werdet denken - Lostrennung
zur Vereinigung. Das ergibt ein Paradoxon. Übrigens drückt diese ,wider-
sprüchliche' Formel jene lebendige Wahrheit der Marxschen Dialektik aus,
die den Bolschewisten die Möglichkeit gibt, die unzugänglichsten Festun-
gen auf dem Gebiete der nationalen Frage zu nehmen."
(Vgl. Stalin: "Ssotschinjenija" ("Werke"), Bd. 12, Moskau 1949, S. 370.)
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 155

Daß die Freiheit der Lostrennung von Nationen nur ein Übergangszustand
zu einer neuen "Konzentration" sein soll, ist nach Lenin auch der Stand-
punkt von Man.::
"Ohne jemals Anhänger der Kleinstaaterei, der staatlichen Zerstückelung
im allgemeinen, des föderalistischen Prinzips zu sein, betrachtete Marx die
Abtrennung der unterdrückten Nation als einen Schritt zur Föderation -
folglich nicht zur Zerstückelung, sondern zur Konzentration, zur politischen
und ökonomischen Konzentration, aber zur Konzentration auf der Basis des
Demokratismus. Vom Standpunkt des Genossen Parabellum führte Marx
wahrscheinlich einen ,illusorischen' Kampf, indem er die Forderung der
Separation Irlands aufstellte. In der Tat aber war nur diese Forderung das
konsequent revolutionäre Programm, nur sie entsprach dem Internationa-
lismus, nur sie vertrat die Konzentration auf eine nicht imperialistische Art .
. . . Wir fordern das Selbstbestimmungsrecht, d. h. die Unabhängigkeit, d. h.
die Freiheit der Separation für die unterdrückten Nationen nicht deshalb,
weil wir von der wirtschaftlichen Zerstückelung oder vom Ideal der Klein-
staaten träumen, sondern im Gegenteil, weil wir für Großstaaten und für
Annäherung, ja Verschmelzung der Nationen sind, aber auf wahrhaft
demokratischer, wahrhaft internationalistischer Grundlage, die ohne die
Freiheit der Separation undenkbar ist. Wie Marx im Jahre 1869 die Separa-
tion Irlands forderte, nicht zur Zerstückelung, sondern für den weiteren
freien Bund Irlands mit England, nicht aus ,Gerechtigkeit gegenüber Irland',
sondern vom Standpunkt der Interessen des revolutionären Kampfes des
englischen Proletariats, ebenso betrachten auch wir die Weigerung der
Sozialisten Rußlands, das Selbstbestimmungsrecht der Nationen im oben
entwickelten Sinne zu fordern, als einen direkten Verrat an der Demokratie,
am Internationalismus, am Sozialismus."
(Aus Lenins Aufsatz: "Das revolutionäre Proletariat und das Selbstbestimmungs-
recht der Nationen", 1915, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Aufl., Bd. 18,
Wien-Berlin 1929, S. 429,432/443.)

Das von Lenin geforderte Selbstbestimmungsrecht der Völker erweist sich


also als der systematische Versuch eines sozialistischen Staates, durch die Los-
lösung möglichst vieler Gebiete und Völker aus dem Herrschaftsbereich der
kapitalistischen Großmächte diese Großmächte möglichst zu schwächen.
Dementsprechend würden sich die Aussichten des sozialistischen Staates für
eine internationale Lage verbessern, die nach der Theorie Lenins z. B. den
Angriffskrieg gegen den einen oder anderen kapitalistischen Staat erfolg-
versprechend macht. Eine noch bessere internationale Lage würde durch die
156 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

schrittweise Verschmelzung der von den kapitalistischen Großmächten los-


gelösten nationalen Minderheiten und Kolonialvölker mit dem Volk des
sozialistischen Staates entstehen. Übet den Sinn der angestrebten Verschmel-
zung der Völker unter dem Sozialismus hat sich Lenin u. a. wie folgt geäußert:

1914
"Die sozialistische Bewegung kann innerhalb des alten nationalen Rahmens
nicht siegen. Sie schafft neue, höhere Formen des menschlichen Zusam-
menlebens, worin die berechtigten Bedürfnisse und fortschrittlichen Be-
strebungen der werktätigen Massen jeder Nationalität zum ersten Male in
internationaler Einheit, unter Wegfall der jetzigen nationalen Schranken,
befriedigt sein werden. Die Versuche der heutigen Bourgeoisie, die Arbei-
ter durch heuchlerische Berufung auf die ,Vaterlandsverteidigung' Zu tren-
nen und zu spalten, werden die klassenbewußten Arbeiter mit neuen und
immer neuen, mit wiederholten und immer von neuem wiederholten Ver-
suchen beantworten, die Einheit der Arbeiter verschiedener Nationen 11
wiederherzustellen - im Kampfe für den Sturz der Bourgeoisiehertschaft
bei allen Nationen."
(Aus Lenins Aufsatz: "Lage und Aufgaben der sozialistischen Internationale",
veröffentlicht am 1. 1. 1914, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Aufl., Bd.18,
Wien-Berlin 1929, S. 89.)
1915
"Die Vereinigten Staaten der Welt (nicht aber Europas) sind jene staat-
liche Form der Vereinigung und der Freiheit der Nationen, die wir mit dem
Sozialismus verknüpfen - solange nicht der vollständige Sieg des Kommu-
nismus zum endgültigen Verschwinden eines jeden, darunter auch des demo-
kratischen Staates geführt haben wird."
(Aus Lenins Aufsatz: "über die Losung der Vereinigten Staaten von Europa",
S.309.)
1919
"Die Gründung der III., der Kommunistischen Internationale, ist die V or-
stufe der internationalen Republik der Sowjets, des Weltsieges des Kommu-
nismus."
(Aus Lenins Aufsatz: "Errungenes und schriftlich Festgehaltenes", S. 505.)

1920
,,7. Die Föderation ist eine Übergangsform zur völligen Einheit der Werk-
tätigen der verschiedenen Nationen '" Indem man die Föderation als
Übergangsform zur völligen Einheit anerkennt, muß man ein immer engeres
11 Berichtigter Druckfehler: Statt Nation muß es Nationen heißen.
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 157

föderatives Bündnis anstreben und dabei berücksichtigen: erstens, daß es


ohne ein ganz enges Bündnis der Sowjetrepubliken unmöglich ist, ihre
Existenz zu behaupten, denn sie sind von den militärisch weit stärkeren
imperialistischen Staaten der ganzen Welt umgeben; zweitens, daß ein enges
wirtschaftliches Bündnis der Sowjetrepubliken notwendig ist, weil anders
die Wiederherstellung der durch den Imperialismus zerstörten Produktiv-
kräfte und die Sicherung des Wohlstandes der Werktätigen unmöglich ist;
drittens die Tendenz zur Schaffung einer einheitlichen, nach einem ge-
meinsamen Plan vom Proletariat aller Nationen geregelten Weltwirtschaft
als Ganzes, welche Tendenz bereits unter dem Kapitalismus ganz offen zu-
tage getreten ist und unter dem Sozialismus unbedingt weiterentwickelt und
ihrer Vollendung entgegengeführt werden muß."
(Aus Lenins "Thesen zu nationalen und kolonialen Fragen" [ursprünglicher Ent-
wurf], S. 772.) *
"Überall zeigt sich, verbreitet sich und wächst die Unzufriedenheit mit der
H. Internationale sowohl wegen ihres Opportunismus als auch wegen ihrer
Ohnmacht oder ihrer Unfähigkeit, eine wirklich zentralisierte, wirklich
leitende Zentralstelle zu schaffen, die fähig wäre, die internationale Taktik
des revolutionären Proletariats in seinem Kampf für die Weltsowjetrepublik
zu leiten."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S. 736.)

Alles dies dürfte die tiefe Kluft zwischen den Vorstellungen der um ihr
Selbstbestimmungsrecht kämpfenden Völker und den Vorstellungen Lenins
zeigen.

f) Die Wirtschaft im Dienst der Außenpolitik eines sozialistischen Staates

Das Verhältnis der Wirtschaft eines sozialistischen Staates zur Wirtschaft


anderer Staaten wird nach der Theorie Lenins u. a. dadurch bestimmt, daß
Wirtschaftskrisen in anderen Staaten grundsätzlich erwünscht sind. Solche
Wirtschaftskrisen fördern die Revolution im Sinne Lenins. Vor der Oktober-
revolution von 1917 erwähnte er die wirtschaftliche Zerrüttung in folgendem
Zusammenhang:
"Die ganze Agitation im Volke muß so umgestellt werden, daß die völlige
Aussichtslosigkeit für die Bauern, Land zu bekommen, solange die Macht
der Militärc1ique nicht gestürzt ist, solange die Parteien der Sozialrevolutio-
näre und der Menschewiki nicht entlarvt sind und ihnen das Volksvertrauen
158 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

nicht entzogen ist, klargemacht wird. Das wäre unter den ,normalen' Ver-
hältnissen der kapitalistischen Entwicklung ein sehr langwieriger und sehr
schwieriger Prozeß, aber der Krieg und die wirtschaftliche Zerrüttung
werden die Sache in ungeheurem Maße beschleunigen. Das sind ,Be-
schleuniger', die einen Monat, ja selbst eine Woche einem Jahre gleich-
machen können."
(Aus Lenins Aufsatz: "Zu den Losungen", veröffentlicht 1917, vgl. Lenin: "Aus-
gewählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S.73.)

Nach der Oktoberrevolution - im Jahre 1921- umschrieb Lewn die günsti-


gen Folgen einer Wirtschaftskrise in kapitalistischen Staaten wie folgt:
"Die Revolution in Europa hat einen anderen Verlauf genommen als unsere
Revolution. Wie ich schon hingewiesen habe, ist es in den westeuropäi-
schen Staaten nicht gelungen, das Ende des Krieges, als die Waffen in
den Händen der Arbeiter und Bauern waren, für eine rasche und möglichst
schmerzlose Revolution auszunutzen, aber der imperialistische Krieg hat die
Lage dieser Staaten so erschüttert, daß die Krise dort bisher nicht nur nicht
beendet ist, sondern daß im Gegenteil die Wirtschaftskrise sich gerade im
bevorstehenden Frühjahr, überall ohne Ausnahme, in den reichsten, fort-
geschrittensten Ländern immer mehr und mehr verschärfen wird. Das
Kapital ist ein internationales Übel, aber gerade weil dieses Übel inter-
national ist, sind alle Länder untereinander bereits so eng verbunden, daß
der Untergang der einen alle übrigen mit in den Abgrund reißen wird ...
Der Versuch der deutschen monarchistischen Partei, einen Umsturz zu
vollziehen, ist an dem Widerstand der deutschen Arbeitergewerkschaften ge-
scheitert. Die Arbeiter, die bis dahin dem Scheidemann, den Mördern Lieb-
knechts und Luxemburgs nachliefen, erhoben sich alle und zwangen die
militärischen Kräfte nieder. Das gleiche geschieht in England und jetzt zu
einem großen Teil auch in Amerika, um so schneller, je schneller die Wirt-
schaftskrise anwächst. Deshalb flößt uns gerade die internationale Lage nicht
nur die größte Hoffnung ein, sondern auch die größte Gewißheit, daß die
außenpolitische Lage der kapitalistischen Staaten ihre Kräfte endgültig
untergräbt und daß unsere internationale Lage, die gestern schwer war und
heute trotz der gewaltigen Erfolge immer noch schwer ist, sich für uns
zweifellos bessern wird, und daß wir imstande sein werden, alle Kräfte der
Lösung unserer inneren Aufgaben zu widmen."
(Aus Lenins Rede vor den Vertretern der Textilarbeiter vom 6. Februar. 1921,
S. 187, 189.)
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 159

Die wirtschaftliche Verflechtung eines sozialistischen Staates mit anderen


Staaten ist aus zwei Gründen zu vermeiden: 1) soll der sozialistische Staat den
Folgen einer Wirtschaftskrise in den kapitalistischen Staaten möglichst wenig
ausgesetzt sein; 2) darf der Absatz kapitalistischer Staaten auf dem Markt eines
sozialistischen Staates kein Ausweg aus der Wirtschaftskrise kapitalistischer
Staaten sein.
Das Ziel einer autarken Wirtschaft gegenüber der Wirtschaft kapitalistischer
Staaten verlangt allerdings zunächst einen Außenhandel mit kapitalistischen
Staaten und andere wirtschaftliche Konzessionen an sie, Maßnahmen, die
eher auf eine Zunahme als Abnahme der wirtschaftlichen Verflechtung mit
kapitalistischen Staaten hindeuten. Das gilt vor allem für einen wirtschaftlich
noch wenig entwickelten sozialistischen Staat. Mit dem ehrgeizigen Ziel, in
verhältnismäßig wenigen Jahren sich eine breite industrielle Grundlage für
die Unabhängigkeit in der Herstellung aller ihm wichtig erscheinenden Er-
zeugnisse zu schaffen, fördert der sozialistische Staat zunächst die Einfuhr
von Maschinen usw., zieht ausländische Fachkräfte heran, wie beides unter
Umständen niemals vorher der Fall war. Dabei läßt er aber das Ziel nicht
außer acht, im Verlaufe einer solchen Politik die wirtschaftliche Unabhängig-
keit von den kapitalistischen Staaten zu erlangen:
"Die bereits eingeführten Staatsmonopole (für Getreide, Leder usw.) muß
man festigen und regulieren - und damit die Monopolisierung des Außen-
handels durch den Staat vorbereiten. Ohne eine solche Monopolisierung
werden wir nicht imstande sein, uns durch Zahlung eines, Tributes' von dem
ausländischen Kapital loszukaufen. Die Möglichkeit des sozialistischen Auf-
baus aber hängt ganz davon ab, ob wir im Laufe einer bestimmten Über-
gangszeit durch Zahlung eines gewissen Tributes an das ausländische
Kapital imstande sein werden, unsere innere wirtschaftliche Selbständigkeit
zu wahren."
(Aus Lenins Schrift: "Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht", veröffentlicht
am 28.4.1918, S.369.)
*
"Wenn wir den Warenaustausch mit dem Ausland wollen - wir aber wol-
len ihn, wir sehen seine Notwendigkeit ein -, so sind wir hauptsächlich
daran interessiert, möglichst schnell von den kapitalistischen Ländern die-
jenigen Produktionsmittel (Lokomotiven, Maschinen, elektrische Apparate)
zu erhalten, ohne die wir unsere Industrie halbwegs ernsthaft nicht wieder-
herstellen können, mitunter aber sie überhaupt nicht wiederherzustellen im-
stande sind, weil unsere Fabriken die notwendigen Maschinen nicht bekom-
160 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

men können. Es gilt, den Kapitalismus durch große Profite zu bestechen.


Er wird einen überprofit einheimsen. Mag er nur diesen überprofit ein-
stecken. Wir werden das Wesentliche bekommen, mit dessen Hilfe wir uns
befestigen, endgültig auf die Beine kommen und ihn wirtschaftlich besiegen
werden."
(Aus Lenins Referat über die Konzessionen, vom 21. 12. 1921, vgl. Lenin: "Sämt-
liche Werke", 3. Aufl.., Bd. 26, Moskau 1940, S.20/21.)
*
"Solange unsere Sowjetrepublik als alleinstehendes Randgebiet der ganzen
kapitalistischen Welt bleibt, wäre es ganz lächerliche Phantastik und Uto-
pisterei, an unsere völlige wirtschaftliche Unabhängigkeit und an das Ver-
schwinden dieser oder jener Gefahren zu denken."
(Aus Lenins Bericht über die Tätigkeit der Volkskommissare, vom 22. 12. 1921,
vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 3. Aufl.., Bd. 26, Moskau 1940, S.34.)

In der Sicht Lenins genügt es jedoch nicht, die wirtschaftliche Unabhängig-


keit des sozialistischen Staates von den anderen Staaten zu erreichen. Auf dem
Wege dorthin bzw. danach soll sich die Wirtschaft des sozialistischen Staates
derart kräftigen, daß sie stärker als die der anderen Staaten wird. Damit würde
sich das Kräfteverhältnis weiter zu Ungunsten der kapitalistischen Staaten
verschieben.
"Die Wehr kraft, die militärische Macht eines Landes mit nationalisierten
Banken ist größer als die eines Landes, in welchem die Banken in Privat-
händen bleiben. Die militärische Macht eines Bauernlandes, in welchem sich
der Boden in den Händen von Bauernkomitees befindet, ist größer als die
eines Landes mit gutsherrlichem Bodenbesitz.
Man beruft sich ständig auf den heroischen Patriotismus der Franzosen in
den Jahren 1792/93 und auf die Wunder an militärischem Heldenmut, die sie
vollbracht haben. Man vergißt aber die materiellen - historischen und öko-
nomischen - Bedingungen, die diese Wunder erst ermöglicht haben. Die
wirklich revolutionäre Abrechnung mit dem überlebtem Feudalismus, der
mit einer Schnelligkeit, Entschlossenheit, Energie und Hingabe, die wahr-
haft revolutionär-demokratisch waren, erfolgte Übergang des ganzen Landes
zu einer höheren Produktionsweise, zum freien bäuerlichen Grundbesitz -
das waren die materiellen, ökonomischen Bedingungen, die Frankreich mit
,wunderbarer' Schnelligkeit retteten, indem sie seine wirtschaftliche Grund-
lage umgestalteten und erneuerten.
Das Beispiel Frankreichs lehrt uns eines und nur eines: Um Rußland wehr-
fähig zu machen, um auch in Rußland, Wunder' an Massenheroismus zu er-
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 161

zielen, muß man mit ,jakobinischer' Schonungslosigkeit alles Alte hinweg-


fegen und Rußland wirtschaftlich erneuern und umgestalten ...
Infolge einer Reihe historischer Ursachen: der größeren Rückständigkeit
Rußlands, seiner durch den Krieg geschaffenen besonderen Schwierigkeiten,
der weit fortgeschrittenen Fäulnis des Zarismus, der außerordentlich leben-
digen Traditionen des Jahres 1905, ist in Rußland die Revolution früher als
in anderen Ländern ausgebrochen. Die Revolution bewirkte, daß Rußland
hinsichtlich seines politischen Systems die fortgeschrittenen Länder in eini-
gen Monaten eingeholt hat.
Aber das ist zu wenig. Der Krieg ist unerbittlich, er stellt mit schonungs-
loser Schärfe die Frage: entweder untergehen oder die fortgeschrittenen
Länder auch ökonomisch einzuholen und zu überholen.
Das ist möglich, denn vor uns liegt die fertige Erfahrung einer großen An-
zahl fortgeschrittener Länder, liegen die fertigen Resultate ihrer Technik
und großen Kultur. Eine moralische Stütze finden wir in dem wachsenden
Protest gegen den Krieg in Europa, in der Atmosphäre der anwachsenden
proletarischen Weltrevolution. Wir werden angespornt, angetrieben durch
die während eines imperialistischen Krieges äußerst seltene revolutionär-
demokratische Freiheit.
Untergehen oder mit Volldampf vorwärtsstürmen. So wird die Frage von
der Geschichte gestellt."
(Aus Lenins Schrift: "Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen
soll", veröffentlicht Ende Oktober 1917, S. 127, 129/130.)
*
"Solange wir nicht die ganze Welt erobert haben, solange wir wirtschaft-
lich und militärisch schwächer sind als die übrige, die kapitalistische Welt,
solange haben wir uns an die Regel zu halten, daß man es verstehen muß, sich
die Widersprüche und Gegensätze zwischen den Imperialisten zunutze zu
machen."
(Aus Lcnins Rede vor den Moskauer Zellensekretären vom 26. 11. 1920, S. 293/294.)

Selbst wenn es notwendig sein sollte, wegen der Kapitalarmut des wirt-
schaftlich rückständigen sozialistischen Staates zunächst Konzessionen an aus-
ländische Kapitalisten (Verpachtung von Bergwerken, Erdölvorkommen usw.)
zu gewähren, soll es das Ziel sein, mit Hilfe dieser Kapitalisten den sozialisti-
schen Staat rascher als sonst zu stärken auf dem Wege zur wirtschaftlichen
Überlegenheit gegenüber den kapitalistischen Staaten:
"Ohne Konzessionen können wir unser Programm und die Elektrifizie-
rung des Landes nicht durchführen; ohne Konzessionen wird die Wieder-
162 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

herstellung unserer Wirtschaft in zehn Jahren unmöglich sein. Stellen wir


aber die Wirtschaft wieder her, so werden wir für das Kapital unbesiegbar
sein. Die Konzessionen bedeuten nicht Frieden mit dem Kapitalismus,
sondern Krieg auf einem neuen Gebiet. An die Stelle des Krieges mit Waf-
fen, mit Tanks tritt der wirtschaftliche Krieg. Allerdings birgt auch dieser
Krieg neue Schwierigkeiten und neue Gefahren in sich. Aber ich bin über-
zeugt, daß wir sie überwinden werden. Ich bin dessen gewiß: wenn wir die
Frage der Konzessionen so stellen, so werden wir mit Leichtigkeit die große
Mehrheit der Parteigenossen überzeugen. Jene instinktive Furcht aber, von
der ich gesprochen habe, ist eine nützliche und gesunde Furcht, die wir zu
jener treibenden Kraft machen müssen, die unseren Sieg im bevorstehenden
wirtschaftlichen Krieg beschleunigen wird."
(Aus der Rede Lenins vor den Moskauer Zellensekretären vom 26. 11. 1920, S. 314.)
*
"Solange wir das Kapital in den anderen Ländern nicht gestürzt haben,
solange es viel stärker ist als wir, kann es jederzeit seine Kräfte gegen uns
richten, kann neuerdings einen Krieg gegen uns unternehmen. Darum müs-
sen wir stärker werden. Dazu aber bedarf es der Entwicklung der Groß-
industrie, bedarf es der Hebung des Transportwesens. Indem wir das be-
treiben, gehen wir ein Risiko ein. Hier haben wir abermals Kriegsverhält-
nisse, abermals Kampf. Und wenn die Kapitalisten unsere Politik unter-
graben sollten, so werden wir gegen sie Krieg führen. Es wäre ein schwerer
Fehler zu glauben, daß ein friedlicher Vertrag über Konzessionen ein
Friedensvertrag mit den Kapitalisten sei. Das ist ein Vertrag über Krieg,
aber ein Vertrag, der weniger gefährlich ist für uns, weniger schwer für die
Arbeiter und Bauern, weniger schwer als zu der Zeit, da man die besten
Tanks und Kanonen gegen uns einsetzte. Und deshalb müssen wir alle
Methoden anwenden, damit wir um den Preis wirtschaftlicher Zugeständ-
nisse dahin gelangen, daß unsere wirtschaftlichen Kräfte sich entwickeln,
daß unser wirtschaftlicher Wiederaufbau erleichtert werde."
(Aus Lenins Referat über die Konzessionen vom 21. 12. 1921, S. 25.)

Wie ersichtlich, hat eine dauernde wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen


sozialistischen und kapitalistischen Staaten zur Förderung des Friedens in der
Theorie Lenins grundsätzlich keinen Platz. Die Wirtschaft des sozialistischen
Staates hat zum Teil Aufgaben zu dienen, die mit den üblichen Aufgaben einer
Wirtschaft nichts zu tun haben. Es sind zum Teil Aufgaben, die sich aus dem
alles umfassenden Kampf gegen die kapitalistischen Staaten ergeben. Wenn
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 163

trotzdem die kapitalistischen Staaten bereit sind, Handel mit dem sozialisti-
schen Staat zu treiben, so kann das Lenin nur mit Genugtuung erfüllen, so-
lange dieser Handel benötigt wird.
"Es kann keinen besseren Beweis für den materiellen und moralischen Sieg
der russischen Sowjetrepublik über die Kapitalisten der ganzen Welt
geben als die Tatsache, daß die Staaten, die wegen unseres Terrors und
unserer ganzen Ordnung Krieg gegen uns führten, gegen ihren Willen mit
uns Handelsbeziehungen aufnehmen müssen, obwohl sie wissen, daß sie uns
damit stärken. Das als Beweis für den Zusammenbruch des Kommunismus
hinzustellen, wäre möglich, wenn wir versprochen oder davon geträumt
hätten, mit den Kräften Rußlands allein die ganze Welt umzumodeln. Aber
so unsinniges Zeug haben wir nie gesagt, wir haben vielmehr stets erklärt,
daß unsere Revolution siegen wird, wenn die Arbeiter aller Länder sie unter-
stützen werden. Es hat sich gezeigt, daß sie uns zur Hälfte unterstützt haben,
denn sie haben den Arm geschwächt, der sich gegen uns erhoben hat, aber
auch damit haben sie uns doch unterstützt."
(Aus Lenins Rede in Moskau vom 20.11. 1920, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke",
2. Ausg., Bd. 25, Wien-Berlin 1930, S.607.)

Im Rahmen dieser grundsätzlichen Einstellung Lenins zu den Wirtschafts-


beziehungen zwischen sozialistischen und anderen Staaten ist durchaus eine
Taktik erlaubt, die zeitweise einen wieder regeren Wirtschaftsverkehr mit dem
einen oder anderen kapitalistischen Staat vorsieht. Dabei kann es sich um ein
Mittel handeln, das der Annäherung an einen kapitalistischen Staat oder mehrere
Staaten dieser Art dient, um dadurch Verbindungen dieser Staaten zu anderen
kapitalistischen Staaten zu lockern, zu beseitigen (Kompromiß zur Verschär-
fung der Gegensätze zwischen den kapitalistischen Staaten). Oder der Handel
soll ein erwachtes Mißtrauen kapitalistischer Staaten gegen das außenpolitische
Endziel des sozialistischen Staates besänftigen. Er läßt sich auch als Instrument
für die wachsende Abhängigkeit eines anderen Staates von einem sozialistischen
Staat mit erhofften politischen Konsequenzen verwenden (z. B. Wirtschafts-
hilfe an Entwicklungsländer außerhalb des "sozialistischen Lagers", vgl.
S. 180/181 dieses Buches).

g) Zur Abrüstung sozialistischer und kapitalistischer Staaten

In der bisherigen Darstellung der Theorie Lenins als Anleitung zum Han-
deln wurden an verschiedenen Stellen Äußerungen Lenins gebracht, die seinen
Standpunkt zum Pazifismus und Frieden beleuchten (vgl. z.B. S.59-63, 76-77).
164 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Wer einen dauerhaften, demokratischen Frieden will, so urteilte Lenin von


1914 bis zu seinem Tod, kann ihn nicht ohne den gewaltsamen Sturz der
kapitalistischen Ordnung, zumindest in den wichtigsten Industriestaaten der
Welt, erreichen. Es ist daher nur folgerichtig, wenn Lenin auch die Abrüstung
eines sozialistischen Staates in der Zusammenarbeit mit den kapitalistischen
Staaten für nicht richtig hält. Wie sollen nach einer Abrüstung des sozialisti-
schen Staates die von Lenin erlaubten Angriffskriege, die materielle Hilfe für
proletarische Aufstände in den kapitalistischen Staaten usw. verwirklicht wer-
den?! Man kann wohl kaum anders die folgenden Gedanken Lenins deuten:
"Sozialisten können nicht gegen jeden Krieg sein, ohne dabei aufzuhören,
Sozialisten zu sein. Man darf sich von dem jetzigen imperialistischen Krieg
nicht blenden lassen. Für die imperialistische Epoche sind gerade solche
Kriege zwischen Großmächten typisch, aber auch demokratische Kriege
und Aufstände sind durchaus nicht unmöglich, wie z. B. Kriege unter-
drückter Nationen gegen ihre Unterdrücker, für ihre Befreiung von der
Unterdrückung. Bürgerkriege des Proletariats gegen die Bourgeoisie, für
den Sozialismus sind unvermeidlich. Kriege des in einem Lande siegreichen
Sozialismus gegen andere, bürgerliche oder reaktionäre Länder sind
möglich.
Die Abrüstung ist das Ideal des Sozialismus. In der sozialistischen Gesell-
schaft wird es keine Kriege geben, infolgedessen wird die Abrüstung ver-
wirklicht werden. Aber derjenige ist kein Sozialist, der ohne die soziale
Revolution und die Diktatur die Verwirklichung des Sozialismus erwartet.
Diktatur ist Staatsgewalt, die sich unmittelbar auf die Gewalt stützt. Die
Gewalt im 20. Jahrhundert - wie überhaupt in der Epoche der Zivilisation -
ist weder die Faust noch der Knüttel, sondern das Heer. Die Abrüstung in
das Programm aufnehmen, das hieße überhaupt sagen: wir sind gegen die
Anwendung von Waffen. Darin ist ebensowenig eine Spur von Marxismus
zu finden, als wenn wir sagen wollten: wir sind gegen die Anwendung von
Gewalt!"
(Aus Lenins Aufsatz: "Über die Losung der ,Abrüstung"', veröffentlicht Okto-
ber 1916, vgl. Lenin u. Sinowjew: "Gegen den Strom", Hamburg 1921, S. 503.)

Eine Abrüstung läßt sich nach Lenin erst nach dem Sieg des Sozialismus in
der ganzen Welt, d. h. nach der Beseitigung aller kapitalistischen Staaten ver-
wir klichen. Vor der Lösung dieser Aufgabe die" Waffen zum alten Eisen zu
"werfen" wäre ein "Verrat" des Proletariats an seiner "weltgeschichtlichen
Aufgabe":
Sozialistische Staaten und westliche Industriestaaten 165

"Wir sagen: Bewaffnung des Proletariats zum Zwecke, die Bourgeoisie zu


besiegen, zu exproprüeren und zu entwaffnen - das ist die einzig mögliche
Taktik der revolutionären Klasse, eine Taktik, die durch die ganze objektive
Entwicklung des kapitalistischen Militarismus vorbereitet, fundiert und ge-
lehtt wird. Nur nachdem das Proletariat die Bourgeoisie entwaffnet hat,
kann es, ohne an seiner weltgeschichtlichen Aufgabe Verrat zu üben, die
Waffen zum alten Eisen werfen, was es auch ganz sicher dann - aber nicht
früher - tun wird."
(Aus Lenins Aufsatz: "Das Militärprogramm der proletarischen Revolution",
veröffentlicht im September/Oktober 1917, S. 879/880.)

Man kann unschwer daraus folgern: sollte aus gewissen Gründen der sozia-
listische Staat eine Abrüstung mit den kapitalistischen Staaten vereinbaren, so
nur für den Fall, daß der sozialistische Staat als letzter abrüstet und damit sich
alle außergewöhnlichen Entscheidungen für den Todesstoß gegen die ab-
gerüsteten kapitalistischen Staaten votbehält.
Es kann daher auch nicht verwundern, daß Lenin die modernsten, wirkungs-
vollsten Waffen usw. für den sozialistischen Staat fordert: "Jeder wird zu-
geben, daß das Verhalten einer Armee unvernünftig, ja verbrecherisch ist, die
sich nicht darauf vorbereitet, alle Waffenarten, alle Kampfmittel und Kampf-
rnethoden zu beherrschen, über die der Feind verfügt, bzw. verfügen kann."12
So sehr Lenin den Pazifismus in den Reihen des Proletariats, in einem
sozialistischen Staat verurteilt, so wenig hat er etwas gegen einen Pazifismus
der zu bekämpfenden Gegner einzuwenden. Diesen Pazifismus gilt es auszu-
nutzen, man darf sich nur nicht selber vom Pazifismus einfangen lassen:
"Von gewaltiger Bedeutung ist unser Verhalten zu den schwankenden
Elementen in der Internationale überhaupt. Solche Elemente - vorzüglich
Sozialisten von pazifistischer Färbung - gibt es ebenso in den neutralen wie
in einigen kriegführenden Ländern (in England z. B. die Unabhängige
Arbeiterpartei). Diese Elemente können zu Mitläufern für uns werden. Ein
Zusammengehen mit ihnen gegen die Sozialchauvinisten ist geboten. Man
darf aber nicht vergessen, daß sie nur Mitläufer sind, daß im Wichtigsten und
Wesentlichen bei der Wiederaufrichtung der Internationale diese Elemente
nicht mit uns, sondern gegen uns marschieren werden, daß sie mit Kautsky,
Scheidemann, Vandervelde, Sembat zusammengehen werden. Auf inter-
nationalen Konferenzen darf man sein Programm nicht auf das beschränken,

12 Vgl. Lenin: "Der ,linke Radikalismus' ... ", 1920, S.740.


166 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

was für diese Elemente annehmbar ist. Sonst werden wir selbst in die Ge-
fangenschaft dieser schwankenden Pazifisten geraten."
(Aus Lenins Schrift: "Sozialismus und Krieg", veröffentlicht 1915, S.282/283.)

Die Methode, den Pazifismus bei den Gegnern auszunutzen, gehört zu den
vielen anderen Methoden, den sozialistischen Staat durch die systematische
Schwächung der kapitalistischen Staaten zu stärken (vgl. auch Lenins Ver-
halten als Politiker auf S. 340-342, 343).

IH. Richtlinien im einzelnen für das Verhalten


eines sozialistischen Staates gegenüber Entwicklungsländern

In der Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln spielen auch die sogenann-
ten Entwicklungsländer eine wichtige Rolle. Dieser unklare Ausdruck bezieht
sich fast ausschließlich auf wirtschaftlich schwach entwickelte Gebiete, die vor
allem nach dem ersten und zweiten Weltkrieg den Status souveräner Staaten er-
langt haben. Vor dem ersten Weltkrieg waren diese wirtschaftlich schwach ent-
wickelten Gebiete zum Teil Kolonien der westlichen Industriestaaten, Ruß-
lands und Japans, zum Teil Staaten mit stark eingeschränkter Souveränität,
wie z. B. China, Persien, die Türkei, Afghanistan. Mit Recht bezeichnete Lenin
solche Staaten als halb koloniale Gebiete.

1. Die Bedeutung der kolonialen und halbkolonialm Gebiete für den Sturz
des kapitalistischen Systems in den westlichen Industriestaaten

Die Frage, wie wichtig solche Gebiete für die Kolonialmächte in der Phase
des Monopolkapitalismus sind, wurde bereits erörtert. Nach der dargestellten
Theorie Lenins über den Monopolkapitalismus kämpfen die kapitalistischen
Großmächte in immer schärferen Formen um neue Rohstoffbezugsgebiete und
Absatzgebiete. So bedeutend erscheint dem Theoretiker Lenin dieser Kampf,
daß er die Unvermeidlichkeit von sich wiederholenden Kriegen zwischen
diesen Mächten voraussagt. Wenn die kapitalistischen Staaten sogar bereit
sind, um die Neuverteilung der kolonialen und halbkolonialen Gebiete Kriege
gegeneinander zu führen, wie lebenswichtig müssen demnach diese Gebiete
für die Erhaltung ihrer Existenz sein! Wie sehr ließ sich demgemäß ein zu-
mindest beschleunigter Zusammenbruch der kapitalistischen Großmächte
Sozialistische Staaten und Entwicklungsländer 167

erwarten, wenn sie nicht mehr über die kolonialen und halb kolonialen Ge-
biete verfügen könnten! Diese Beurteilung kolonialer und halb kolonialer Ge-
biete kam besonders auf dem II. Kongreß der Kommunistischen Internationale
(1920) zum Ausdruck, obschon sich eine solche Folgerung bereits aus der
Theorie Lenins über den Monopolkapitalismus (1916) ziehen ließ. Der damalige
indische Kommunist Roy trug diesen Gesichtspunkt in seinen Ergänzungs-
thesen zur nationalen und kolonialen Frage vor und zog daraus Folgerungen
für das notwendige politische Handeln in der Form von Thesen. Zu den
Thesen Roys bekannte sich Lenin, so daß sie mit den Gedanken Lenins gleich-
zusetzen sind. Dieser Hinweis ist deshalb erforderlich, weil wir noch mehrfach
die Thesen Roys für die Beleuchtung des Standpunktes Lenins heranziehen
werden. Es folgen zunächst zwei Bekenntnisse Lenins zu den Thesen von Roy:
"Genossen, ich werde nur eine kurze Einleitung geben, und dann wird
Genosse Maring, Sekretär unserer Kommission, ganz genau Bericht er-
statten über die Änderungen, die in den Leitsätzen vorgenommen worden
sind. Sodann wird Genosse Roy das Wort haben, der die Ergänzungsthesen
formuliert hat. Unsere Kommission hat sowohl die ersten als auch die zwei-
ten einstimmig angenommen. Ihr werdet aus den Leitsätzen ersehen, daß
wir in den wichtigsten Fragen einstimmige Beschlüsse gefaßt haben, und ich
möchte jetzt nur einige kurze Bemerkungen machen ...
Dieser Gedanke des Unterscheidens, der Teilung der Nationen in unter-
drückende und unterdrückte zieht sich durch alle Leitsätze, nicht nur durch
die ersten, die von mir unterzeichnet und schon gedruckt waren, sondern
auch durch die Leitsätze des Genossen Roy. Diese sind vorwiegend vom
Standpunkt Indiens und anderer großer asiatischer Völkerschaften, die von
England unterdrückt werden, geschrieben und deshalb für uns besonders
wichtig."
(Aus Lenins Rede vom 26.7. 1920, vgl. "Protokoll des II. Welt kongresses der
Kommunistischen Internationale", Hamburg 1921, S. 137/138.)

Roy machte auf die kolonialen und halbkolonialen Gebiete als Quelle der
Existenz der kapitalistischen Großmächte aufmerksam. Daher müßte man ihm
zufolge diese Quelle endgültig "verstopfen".
,,2. Der europäische Kapitalismus schöpft seine Kraft in der Hauptsache
weniger aus den europäischen Industrieländern als aus seinen Kolonial-
besitzungen. Zu seiner Existenz bedarf er der Kontrolle über die umfang-
reichen Kolonialmärkte und ein weites Feld der Ausbeutungsmöglichkeit.
England, das Bollwerk des Imperialismus, leidet schon ein Jahrhundert lang
168 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

unter überproduktion. Ohne die ausgedehnten Kolonialbesitzungen, die für


den Absatz seiner Waren notwendig sind und zugleich die Rohstoffquelle
bilden, wäre die kapitalistische Ordnung Englands schon lange unter ihrer
eigenen Last zusammengebrochen. Indem der englische Imperialismus
Hunderte von Millionen Bewohner Asiens und Afrikas zu Sklaven macht,
hält er gleichzeitig das bridsche Proletariat unter der Herrschaft der Bour-
geoisie.
3. Der Extragewinn, der in den Kolonien erzielt wird, ist eine der Haupt-
quellen der Mittel des zeitgenössischen Kapitalismus. Der europäischen
Arbeiterklasse wird der Sturz der kapitalistischen Ordnung erst dann ge-
lingen, wenn diese Quelle endgültig verstopft ist. Die kapitalistischen Länder
versuchen, und zwar nicht ohne Erfolg, durch umfangreiche und intensive
Ausbeutung der menschlichen Arbeit und der natürlichen Reichtümer der
Kolonien ihre erschütterte Lage wiederherzustellen ...
4. Der Fortfall der Kolonien und die proletarische Revolution in den
Mutterländern werden die kapitalistische Ordnung in Europa stürzen.
Folglich muß die Kommunistische Internationale ihr Tätigkeitsfeld erwei-
tern. Die Kommunistische Internationale muß sich in enger Verbindung mit
den revolutionären Kräften befinden, die sich gegenwärtig in den politisch
und wirtschaftlich unterdrückten Ländern an dem Sturz des Imperialismus
beteiligen. Zum vollen Erfolg der Weltrevolution ist das Zusammenwirken
dieser beiden Kräfte notwendig."
(Aus den Ergänzungsthesen Roys zur nationalen und kolonialen Frage, vorge-
tragen am 26. 7. 1920, vgl. "Protokoll des Ir. Weltkongresses der Kommunisti-
schen Internationale", Hamburg 1921, S. 146/147.)

Einem Zusammenwirken der proletarischen Revolutionen in den westlichen


Industriestaaten mit den revolutionären Befreiungskriegen der kolonialen und
halb kolonialen Gebiete maß Lenin bereits während des ersten Weltkrieges
große Bedeutung bei:
"Während das Proletariat der vorgeschrittenen Länder die Bourgeoisie
stürzt und ihre konterrevolutionären Versuche abwehrt, werden die un-
entwickelten und unterdrückten Nationen nicht warten, nicht aufhören zu
leben, nicht verschwinden. Wenn sie sogar eine solche, im Vergleich zur
sozialen Revolution geringfügige Krise der imperialistischen Bourgeoisie,
wie den Krieg 1915/16, zu Aufständen ausnützen (Kolonien, Irland), so
kann es keinem Zweifel unterliegen, daß sie in noch höherem Maße die
große Krise des Bürgerkrieges in den vorgeschrittenen Ländern zu Auf-
ständen ausnützen werden.
Sozialistische Staaten und Entwicklungsländer 169

Die soziale Revolution kann nicht anders vor sich gehen als in der Form
einer Epoche, die den Bürgerkrieg des Proletariats gegen die Bourgeoisie
in den vorgeschrittenen Ländern verbindet mit einer ganzen Reihe demo-
kratischer und revolutionärer Bewegungen der unentwickelten, rückständi-
gen und unterdrückten Nationen, darunter auch nationaler Befreiungs-
bewegungen.
Warum das? Weil der Kapitalismus sich ungleichmäßig entwickelt und
die objektive Wirklichkeit uns neben hochentwickelten kapitalistischen
Nationen eine Reihe von Nationen zeigt, die ökonomisch schwach oder
gar nicht entwickelt sind."
(Aus Lenins Schrift von 1916: "Über eine Karikatur auf den Marxismus ... ", S. 269.)

Von Beobachtern der gegenwärtigen sowjetischen Politik in den Entwick-


lungsländern wird manchmal geäußert, daß bereits Lenin diese Gebiete für den
Sieg der Weltrevolution für bedeutender gehalten habe als die westlichen
Industriestaaten. Das ist nicht richtig. Wohl aber lassen die Urteile Lenins im
Laufe der Jahre eine Tendenz zur höheren Einschätzung der kolonialen und
halb kolonialen Gebiete für die Weltrevolution erkennen. In dem bereits
angeführten Aufsatz Lenins "Einige Thesen", veröffentlicht am 13. Oktober
1915 (vgl. S. 99), erhoffte er sich vor allem von dem Proletariat der
westlichen Industriestaaten die entscheidende revolutionäre Wendung. 1916
gelangte Lenin sogar zu einem sehr negativen Ergebnis über die Bedeutung
von Aufständen in Asien und Afrika. Ein Aufstand der unterdrückten Iren
gegen die britische Bourgeoisie erschien ihm "hundertmal" wichtiger als ein
Aufstand in Asien und Afrika:
"Ein Kampf der unterdrückten Nationen in Europa, der imstande ist,
bis zu Aufständen und Straßenkämpfen zu gehen, und bis zur Verletzung
der eisernen Disziplin des Heeres und des Belagerungszustandes, - dieser
Kampf wird ,die revolutionäre Krise in Europa' in unvergleichlich größerem
Maße ,verschärfen" als ein viel größerer Aufstand in einer entfernten Kolonie
dies vermöchte. Ein Schlag von gleicher Stärke, der der Macht der englischen
imperialistischen Bourgeoisie durch den Aufstand in Irland versetzt wurde,
hat eine hundertmal größere politische Bedeutung als es in Asien oder
Afrika der Fall sein könnte."
(Aus Lenins Aufsatz, veröffentlicht 1916: "Ergebnisse der Diskussionen über das
Selbstbestimmungsrecht", S. 413.)

In dem erwähnten "Abschiedsbrief an die Schweizer Arbeiter" vom


8. April 1917 bezog sich Lenin ausdrücklich auf seinen Aufsatz "Einige
170 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Thesen" vom 13. Oktober 1915 und wiederholte ihren Inhalt, ohne allerdings
auch die dort erwähnte besondere Rolle des europäischen Proletariats zu wie-
derholen (vgl. beide Dokumente auf S.99/100). Die folgenden Urteile Lenins
aus den Jahren 1920, 1921, 1923 machen den Unterschied zu Lenins geringer
Einschätzung der Rolle der asiatischen und afrikanischen Entwicklungslän-
der im Jahre 1916 klar.
1920
"Die Vereinigung der revolutionären Proletarier der vorgeschrittenen kapi-
talistischen Länder mit den revolutionären Massen der Länder, in denen
es kein oder fast kein Proletariat gibt, mit den unterdrückten Massen der
östlichen Kolonialländer, diese Vereinigung erfolgt auf dem gegenwärtigen
Kongreß. Und von uns hängt es ab - und ich bin überzeugt, daß wir es
durchführen werden -, diese Vereinigung zu festigen. Der Weltimperialismus
muß fallen, wenn der revolutionäre Ansturm der ausgebeuteten und unter-
jochten Arbeiter im Innern jedes Landes den Widerstand der kleinbürger-
lichen Elemente und den Einfluß der wenig zahlreichen Oberschichten der
Arbeiteraristokratie besiegt, sich mit dem revolutionären Druck von Hun-
derten von Millionen der Menschheit vereinigt, die bisher außerhalb der
Geschichte standen, nur als ihr Objekt betrachtet wurden.
Der imperialistische Krieg hat der Revolution geholfen, die Bourgeoisie
zog aus den Kolonien, aus den rückständigen Ländern Soldaten zur Teil-
nahme an dem imperialistischen Kriege heran. Die englische Bourgeoisie
redete den indischen Bauern ein, daß es ihre Pflicht sei, als Soldaten Groß-
britannien gegen Deutschland zu verteidigen. Die französische Bourgeoisie
redete den Soldaten aus den französischen Kolonien ein, daß sie, die Neger,
Frankreich verteidigen müßten. Sie lehrte sie den Gebrauch der Waffen.
Das ist ein äußerst nützliches Wissen, wir könnten der Bourgeoisie dafür
sehr dankbar sein, ihr im Namen aller russischen Arbeiter und Bauern und
im Namen der russischen Roten Armee im besonderen danken. Der impe-
rialistische Krieg zog die abhängigen Völker mit hinein in die Weltgeschichte.
Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist nun, darüber nachzudenken, wie
wir den Grundstein zur Organisation der Sowjetbewegung in den nicht-
kapitalistischen Ländern legen sollen."
(Aus Lenins "Bericht über die Weltlage und die Grundaufgaben der Kommunisti-
schen Internationale", S. 37/38.)
1921
"Man betrachtet die Bewegung in den Kolonialländern noch immer als
kleine nationale und ganz friedliche Bewegung. Dem ist aber nicht so.
Sozialistische Staaten und Entwicklungsländer 171

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts ist in dieser Beziehung eine große
Veränderung eingetreten, nämlich: Millionen und hunderte Millionen -
faktisch die übergroße Mehrheit der Bevölkerung der Erde -, treten jetzt
als selbständige, aktive, revolutionäre Faktoren auf. Und es ist ganz klar,
daß in den kommenden entscheidenden Schlachten der Weltrevolution die
ursprünglich auf die nationale Befreiung gerichtete Bewegung der Mehrheit
der Bevölkerung der Erde sich gegen den Kapitalismus und Imperialismus
kehren und vielleicht eine viel größere revolutionäre Rolle spielen wird, als
wir erwarteten. Es ist wichtig zu betonen, daß wir zum erstenmal in unserer
Internationale die Vorbereitungen für diesen Kampf in Angriff genommen
haben. Natürlich sind auf diesem großen Gebiet die Schwierigkeiten viel
größer, aber jedenfalls geht die Bewegung vorwärts. Und die Massen der
Werktätigen, die Bauern der Kolonialländer werden, obwohl sie jetzt noch
rückständig sind, in den folgenden Phasen der Weltrevolution eine sehr
große revolutionäre Rolle spielen."
(Aus Lenins "Bericht über die Taktik der KPR(B)" vom 5.7. 1921 vor dem
III. Kongreß der Komintern, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwölf Bänden",
Bd. 9, Moskau 1936, S. 245.)
1923
"Der Ausgang des Kampfes hängt in letzter Instanz davon ab, daß Rußland,
Indien, China usw. die gigantische Mehrheit der Bevölkerung der Erde
stellen. Gerade diese Mehrheit der Bevölkerung wird denn auch in den
letzten Jahren mit ungewöhnlicher Schnelligkeit in den Kampf um ihre
Befreiung hineingerissen, so daß es in diesem Sinne nicht die Spur eines
Zweifels darüber geben kann, wie die endgültige Entscheidung des Welt-
kampfes ausfallen wird."
(Aus Lenins Aufsatz vom 2. 3. 1923: "Lieber weniger, aber besser", vgl. Lenin:
"Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S. 1018.)

Wie daraus zu ersehen ist, hielt Lenin es 1921 für möglich, daß die Freiheits-
bewegung in den kolonialen und halbkolonialen Gebieten "vielleicht eine
viel größere revolutionäre Rolle spielen wird, als wir erwarteten." Ihre "sehr
große revolutionäre Rolle" in den "folgenden Phasen der Weltrevolution"
erkannte er 1921 uneingeschränkt an. Ein Grund für den veränderten Stand-
punkt Lenins lag in den von ihm erhofften Folgen der Waffenausbildung von
kolonialen Völkern während des ersten Weltkrieges.
Aus dem veränderten Standpunkt Lenins kann man aber nicht schließen,
daß Lenin nunmehr den kolonialen und halbkolonialen Gebieten für den
"Endkampf" eine größere Kraft zuschrieb als den westlichen Industriestaaten.
172 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

2. Die Methoden zur Befreiung der kolonialen und halbkolonialen Gebiete


von der Herrschaft der westlichen Industriestaaten

Die Anleitung Lenins zum außenpolitischen Handeln eines sozialistischen


Staates im Kampf gegen die westlichen Industriestaaten weist auf zwei ver-
schiedene Richtungen zu demselben Ziel hin. Zum einen soll durch die
Methoden Lenins der direkte Sturz der gesellschaftlichen Ordnung der west-
lichen Industriestaaten erreicht werden: durch Angriffskriege gegen die
westlichen Industriestaaten, Revolutionen innerhalb dieser Staaten, Kompro-
misse mit ihnen, um sie Schritt für Schritt auf dem Wege zu ihrer endgültigen
Zerstörung zu schwächen. Um aber den wirtschaftlichen Zusammenbruch
dieser Staaten zu beschleunigen, soll man gleichzeitig die für ihre Existenz
als lebenswichtig angesehenen kolonialen und halbkolonialen Gebiete von
ihnen trennen, indem man diese Gebiete von dem Einfluß der westlichen
Industriestaaten befreit. Ahnlieh einer Zangenbewegung gegen einen Gegner
wird der direkte Stoß durch den indirekten Stoß ergänzt. Die Befreiung der
kolonialen und halbkolonialen Gebiete ist ein zusätzliches Mittel, um das
Kräfteverhältnis zwischen den westlichen Industriestaaten und den sozialisti-
schen Staaten zugunsten der letzteren zu verschieben. Was ist für diese Be-
freiung nach Lenin zu tun?

a) Aufgaben der kommunistischen Parteien


in den Staaten mit Kolonialbesitz

In den erwähnten Ergänzungsthesen von Roy heißt es darüber (aus These 8):
"Die kommunistischen Parteien der verschiedenen imperialistischen
Länder müssen im engsten Kontakt mit den proletarischen Parteien der
Kolonialländer arbeiten und durch diese die revolutionäre Bewegung
überhaupt materiell und moralisch unterstützen."
(Vgl. "Protokoll des Ir. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale",
Hamburg 1921, S. 149.)

Über diese Verpflichtung der kommunistischen Parteien in den Staaten mit


Kolonialbesitz äußerte sich Lenin wie folgt:
"Die kommunistischen Parteien müssen nicht nur in ihrer gesamten Pro-
paganda und Agitation - sowohl von der Parlamentstribüne herab als
auch außerhalb des Parlaments - die Verletzungen der Gleichberechtigung
der Nationen und der Garantien der Rechte der nationalen Minderheiten,
Sozialistische Staaten und Entwicklungsländer 173

die in allen kapitalistischen Staaten trotz ihrer ,demokratischen' Verfassun-


gen eine ständige Erscheinung sind, unentwegt enthüllen, sondern not-
wendig ist erstens auch ständige Aufklärung darüber, daß nur die Sowjet-
ordnung imstande ist, den Nationen wirkliche Gleichberechtigung zu geben,
indem sie erst die Proletarier, dann die gesamte Masse der Werktätigen im
Kampf gegen die Bourgeoisie zusammenfaßt ; zweitens müssen alle kommu-
nistischen Parteien die revolutionären Bewegungen unter den abhängigen
oder nicht gleichberechtigten Nationen (z. B. in Irland, unter den Negern
Amerikas usw.) sowie in den Kolonien direkt unterstützen.
Ohne diese letzte, besonders wichtige Voraussetzung bleibt der Kampf
gegen die Unterdrückung der abhängigen Nationen und Kolonien und die
Anerkennung ihres Rechtes auf staatliche Lostrennung ein verlogenes
Aushängeschild, wie wir das bei den Parteien der II. Internationale sehen."
(Aus Lenins "Thesen zur nationalen und kolonialen Frage", [ursprünglicher Ent-
wurf], vom Juni 1920, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2,
Moskau 1947, S.773.)

Das Ziel der kommunistischen Propagandaarbeit in den Staaten mit Kolo-


nialbesitz ist, die Bereitwilligkeit der betreffenden Völker zum Verzicht auf
jedwede Kolonialpolitik zu fördern. Die gestellte revolutionäre Aufgabe zielt
auf die Schwächung aller staatlichen Einrichtungen ab, die für die Durch-
führung der Kolonialpolitik die materielle Grundlage bieten. In diesem Zu-
sammenhang hatten z. B. die britischen, französischen, holländischen Kommu-
nisten Zellen der Zersetzung in den Kolonialarmeen zu organisieren. Gerade
diese letzte Aufgabe widerstrebte offenbar einigen Teilnehmern am II. Kongreß
der Kommunistischen Internationale so stark, daß Lenin in seiner Rede vom
26. Juli 1920 auf diesem Kongreß dazu Stellung nahm und das Verhalten dieser
Teilnehmer verurteilte:
"Das letzte, was ich hier noch bemerken möchte, ist die Rolle der revolu-
tionären Arbeit der kommunistischen Parteien nicht nur in ihrem Lande,
sondern auch in den Kolonialländern, und besonders unter den Truppen,
die von den ausbeutenden Nationen zur Niederhaltung der Kolonialvölker
gebraucht werden.
Genosse Quelch von der B.s.p.12a hat darüber in unserer Kommission
gesprochen. Er hat gesagt, daß der gewöhnliche englische Arbeiter es als
einen Verrat betrachten würde, wenn er den abhängigen Völkern helfen

12a Gemeint ist die British Socialist Party, eine Partei, die sich gegen die
Labour Party wandte.
174 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

würde, gegen die englische Herrschaft Aufstände zu machen. Es ist richtig,


daß die jingoistisch und chauvinistisch gestimmte Arbeiteraristokratie in
England und Amerika die größte Gefahr für den Sozialismus, die größte
Stütze der H. Internationale bildet und den größten Verrat seitens der
Führer und der Arbeiter, die zu einer solchen bürgerlichen Internationale
gehören, vollführt. Auch in der H. Internationale wurde von der Kolonial-
frage gesprochen. Das Basler Manifest sprach darüber ganz klar. Die Parteien
der H. Internationale versprachen, revolutionär zu handeln. Aber wirkliche
revolutionäre Arbeit zu tun, um den ausgebeuteten und abhängigen Völkern
in ihren Aufständen gegen die unterdrückenden Nationen zu helfen, davon
ist in den Parteien der 11. Internationale keine Rede; und ich glaube, auch
in den meisten Parteien, die aus der H. Internationale ausgetreten sind und
Aufnahme in die Kommunistische Internationale suchen, ist davon keine
Rede. Wir müssen das offen sagen, das kann nicht widerlegt werden. Wir
werden sehen, ob der Versuch gemacht wird, das zu widerlegen.
Auf Grund dieser Erwägungen kamen wir zu den Resolutionen, die ohne
Zweifel zu lang sind. Aber ich glaube, sie werden trotzdem nützlich sein und
dazu beitragen, die wirklich revolutionäre Arbeit in der Nationalitäten- und
Kolonialfrage zu fördern und zu organisieren, und das ist unsere Hauptauf-
gabe."
(Aus der Rede Lenins vom 26. 7. 1920, S. 142/143.)

b) Aufgaben der kommunistischen Parteien


in den kolonialen und halb kolonialen Gebieten

In den westlichen Industriestaaten gehört es zu den Aufgaben der kommu-


nistischen Parteien, möglichst viele gesellschaftliche Gruppen in den Kampf
für den gewaltsamen Sturz des kapitalistischen Systems hineinzuziehen, ob-
schon diese Gruppen zum Teil ganz andere Ziele mit der Revolution ver-
binden als die Kommunisten. Die Taktik einer Minderheit kann nicht anders
sein, wenn sie eine erfolgreiche Revolution von unten verwirklichen will.
Das ist um so notwendiger in wirtschaftlich rückständigen Gebieten, die kaum
eine Industrie und damit kaum ein Proletariat im Sinne Lenins aufweisen.
Auch in der Auswahl der Bündnispartner für ein Zusammengehen auf dem
Wege zur Revolution zeigt die kommunistische Taktik in den kolonialen und
halbkolonialen Gebieten ein zum Teil anderes Bild. In den westlichen Industrie-
staaten kommt es darauf an, neben dem Proletariat möglichst alle kleinbürger-
lichen Gruppen im Kampf gegen die "Bourgeoisie" (Lenin verstand darunter
Sozialistische Staaten und Entwicklungsländer 175

das Großbürgertum: hauptsächlich Großindustrielle, Großgrundbesitzer, Ban-


kiers, Großkaufleute) zu vereinigen. Dagegen haben die kommunistischen
Parteien in den kolonialen und halbkolonialen Gebieten Bündnisse auch mit
der Bourgeoisie zu suchen, soweit diese Bourgeoisie in ihrem Haß gegen die
Fremdherrschaft kolonialer Mächte zu einer revolutionären Lösung bereit ist.
Soweit jedoch diese Bourgeoisie mit den Kolonialmächten zusammenarbeitet
oder nur auf friedlichem Wege die Befreiung ihres Landes von der Fremd-
herrschaft der Kolonialmächte anstrebt, ist sie nach Lenin scharf zu bekämpfen.
Im ersten Fall bezeichnet Lenin die Bourgeoisie als revolutionär, im zweiten
Fall als reformistisch.
Jedoch muß die revolutionäre Bourgeoisie mit zwei Bedingungen ein-
verstanden sein, bevor ein Bündnis zwischen ihr und den Kommunisten zur
Befreiung des Landes von der Fremdherrschaft entstehen kann. Sie darf nichts
einwenden gegen die Erziehung und Organisierung der Bauernschaft und der
"großen Massen der Ausgebeuteten" durch die kommunistische Partei.
In seiner erläuternden Rede zu den Thesen zur nationalen und kolonialen
Frage vom 26. Juli 1920 auf dem 11. Kongreß der Kommunistischen Inter-
nationale beschreibt er die Möglichkeiten einer kommunistischen Zusammen-
arbeit mit anderen Gruppen wie folgt:
"Drittens möchte ich besonders die Frage der bürgerlich-demokratischen
Bewegung in den zurückgebliebenen Ländern betonen. Das ist der Punkt,
der einige Meinungsverschiedenheiten hervorgerufen hat. Wir debattierten
darüber, ob es prinzipiell und theoretisch richtig sei, zu erklären, daß die
Kommunistische Internationale und die kommunistischen Parteien ver-
pflichtet sind, die bürgerlich-demokratische Bewegung in den zurück-
gebliebenen Ländern zu unterstützen; und das Ergebnis dieser Diskussion
war, daß wir zu einem einstimmigen Beschluß gekommen sind, statt von
,bürgerlich-demokratischen' Bewegungen nur von nationalistisch-revolutio-
nären Bewegungen zu sprechen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß jede
nationalistische Bewegung nur eine bürgerlich-demokratische Bewegung
sein kann, weil die große Masse der Bevölkerung der zurückgebliebenen
Länder aus der Bauernschaft besteht, die die Vertreterin der bürgerlich-
kapitalistischen Verhältnisse ist. Es wäre utopisch, zu denken, daß prole-
tarische Parteien, soweit es überhaupt möglich ist, daß solche in diesen
Ländern entstehen, ohne zu der Bauernbewegung ein bestimmtes Verhältnis
zu haben, ohne sie in der Tat zu unterstützen, imstande seien, die kommunisti-
sche Taktik und kommunistische Politik in den zurückgebliebenen Ländern
durchzuführen. Aber die Einwände, die gemacht wurden, waren die, daß,
176 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

wenn wir bürgerlich-demokratisch sagen, der Unterschied zwischen der


reformistischen und revolutionären Bewegung verlorengeht, der in den
zurückgebliebenen Ländern und in den Kolonien in der letzten Zeit ganz
klargeworden ist, weil eben die imperialistische Bourgeoisie alles Mögliche
getan hat, um auch unter den unterdrückten Völkern eine reformistische
Bewegung Zu schaffen. Es ist eine gewisse Verständigung zwischen der
Bourgeoisie der ausbeutenden und der kolonialen Länder eingetreten, so daß
sehr oft, vielleicht sogar in den meisten Fällen, die Bourgeoisie der unter-
drückten Länder, trotzdem sie auch nationale Bewegungen unterstützt,
dennoch in gewissem Einvernehmen mit der imperialistischen Bourgeoisie,
d. h. zusammen mit ihr, gegen alle revolutionären Bewegungen und revolu-
tionären Klassen kämpft. Das wurde in der Kommission vollständig be-
wiesen, und wir glaubten, daß es das einzig Richtige sei, diesen Unterschied
in Erwägung zu ziehen und das Wort ,bürgerlich-demokratisch' fast überall
durch den Ausdruck ,nationalistisch-revolutionär' zu ersetzen. Der Sinn
ist der, daß wir als Kommunisten die bürgerlichen Freiheitsbewegungen in
den kolonialen Ländern nur dann unterstützen werden, wenn diese Bewe-
gungen wirklich revolutionär sind, wenn ihre Vertreter nicht dagegen sind,
daß wir die Bauernschaft und die großen Massen der Ausgebeuteten im
revolutionären Sinne erziehen und organisieren. Wenn das nicht geht, sind
die Kommunisten auch dort verpflichtet, gegen die reformistische Bour-
geoisie, zu der auch die Helden der H. Internationale gehören, zu kämpfen."
(Aus Lenins Rede vom 26. 7. 1920, S. 139/140.)

Dies zeigt die Absicht Lenins, bereits zur Zeit eines Bündnisses mit der
Bourgeoisie ungestört eine Massenorganisation besonders unter den vielen
Millionen wirtschaftlich sehr bedrückt lebender Pachtbauern aufzubauen.
Ähnliche Organisationen sind für die Kulis, für die um ihre Existenz ringenden
Handwerker, für die Arbeiter in den Handels- und Industrieunternehmungen
vorgesehen. Am Ende einer solchen Entwicklung würde sich die "revolutio-
näre" Bourgeoisie ebenso wie die "reformistische" Bourgeoisie der Mehrheit
einer kommunistisch geführten Bevölkerung gegenübersehen. \V'er von den
Angehörigen auch der "revolutionären" Bourgeoisie die kommunistische
Partei bei ihren Vorbereitungen dabei stört, wird "reformistisch" und ist zu
bekämpfen. Nichts anderes soll in diesem Falle auch gegenüber sozialdemo-
kratischen Parteien in den kolonialen und halb kolonialen Gebieten gelten.
Die Absicht Lenins, während eines kommunistischen Bündnisses mit einem
Teil der Bourgeoisie die Massen systematisch dem Einfluß selbst der "revolu-
Sozialistische Staaten und Entwicklungsländer 177

tionären" Bourgeoisie zu entziehen, spiegelt sich auch in den von ihm unter-
stützten Thesen von Roy wider. Dort heißt es (Thesen 6 und 7):
"Die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung dieser Kolonien befindet sich
im Zustande der Unterdrückung. Infolge dieser Politik kommt der un-
entfaltet in den Volksmassen lebende Geist der Empörung nur bei der
zahlenmäßig schwachen intelligenten Mittelklasse zum Ausdruck. Die
Fremdherrschaft hemmt beständig die freie Entwicklung des sozialen Lebens;
daher muß der erste Schritt der Revolution die Beseitigung dieser Fremd-
herrschaft sein. Den Kampf zum Sturz der ausländischen Herrschaft in den
Kolonien unterstützen heißt also nicht, die nationalen Bestrebungen der
eingeborenen Bourgeoisie unterschreiben, vielmehr bedeutet es, dem
Proletariat der Kolonien den Weg zu seiner Befreiung zu ebnen.
7. Es lassen sich zwei Bewegungen feststellen, die mit jedem Tage mehr
auseinandergehen. Eine von ihnen ist die bürgerlich-demokratische natio-
nalistische Bewegung, die das Programm der politischen Unabhängigkeit
unter Beibehaltung der kapitalistischen Ordnung verfolgt; die andere
ist der Kampf der besitzlosen Bauern um ihre Befreiung von jeglicher
Ausbeutung. Die erste Bewegung versucht, oft mit Erfolg, die zweite zu
kontrollieren; die Kommunistische Internationale aber muß gegen eine
derartige Kontrolle ankämpfen, und die Entwicklung des Klassenbewußt-
seins der Arbeitermassen der Kolonien muß demgemäß auf den Sturz des
ausländischen Kapitalismus gerichtet werden. Die wichtigste und not-
wendigste Aufgabe jedoch ist die Schaffung kommunistischer Organisatio-
nen der Bauern und Arbeiter, um diese zur Revolution und zur Errichtung
der Sowjetrepublik zu führen. Auf diese Weise werden die Volksrnassen
in den rückständigen Ländern nicht durch die kapitalistische Entwicklung,
sondern durch die Entwicklung des Klassenbewußtseins unter der Führung
des bewußten Proletariats der fortgeschrittenen Länder dem Kommunismus
angeschlossen werden."
(Aus den Thesen Roys von 1920, vgl. "Protokoll des H. Weltkongresses der
Kommunistischen Internationale", Hamburg 1921, S. 148/149.)

Der nur zeitweilige Charakter einer kommunistischen Zusammenarbeit mit


nichtkommunistischen Kreisen und Organisationen gilt demnach nicht nur
für die Taktik in den westlichen I·ndustriestaaten. Auch wäre die Annahme
verfehlt, daß dieses taktische Verhalten nur gegenüber der Bourgeoisie in den
kolonialen und halbkolonialen Gebieten gilt. Alle gesellschaftlichen Gruppen,
die in der bürgerlichen nationalen Freiheitsbewegung vereinigt sind, können
178 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

nur auf ein zeitweiliges Bündnis mit der kommunistischen Partei ihres Landes
rechnen. In dem Maße, wie es der kommunistischen Partei während dieser
Zusammenarbeit gelingt, auf Kosten der bürgerlichen Freiheitsbewegung zu
erstarken, rückt der Zeitpunkt für den Kampf gegen den Bündnispartner heran.
,,11. In bezug auf die rückständigeren Staaten und Nationen, bei denen
feudale oder patriarchalische und patriarchalisch-bäuerliche Verhältnisse
vorwiegen, muß man insbesondere folgende Punkte im Auge behalten: .. ,
viertens, die Notwendigkeit einer besonderen Unterstützung der Bauern-
bewegung in den rückständigen Ländern gegen die Gutsbesitzer, gegen den
Großgrundbesitz, gegen alle Äußerungen oder Überreste des Feudalismus;
man muß darauf hinarbeiten, daß die Bauernbewegung einen möglichst
revolutionären Charakter annimmt, indem ein möglichst enges Bündnis
zwischen dem westeuropäischen kommunistischen Proletariat und der
revolutionären Bewegung der Bauern im Osten, in den Kolonien und den
rückständigen Ländern überhaupt hergestellt wird;
fünftens, die Notwendigkeit eines entschiedenen Kampfes gegen die
Versuche, den bürgerlich-demokratischen Befreiungsströmungen in den
zurückgebliebenen Ländern einen solchen Anstrich Zu geben, daß sie als
kommunistische erscheinen; die Kommunistische Internationale darf die
bürgerlich-demokratischen nationalen Bewegungen in den Kolonien und
den rückständigen Ländern nur unter der Bedingung unterstützen, daß die
Elemente der künftigen proletarischen Parteien - nicht nur dem Namen nach
kommunistischen Parteien - in allen rückständigen Ländern gesammelt
und in dem Bewußtsein ihrer besonden Aufgaben, der Aufgaben des
Kampfes gegen die bürgerlich-demokratischen Bewegungen innerhalb ihrer
Nation, erzogen werden. Die Kommunistische Internationale muß ein
zeitweiliges Bündnis mit der bürgerlichen Demokratie der Kolonien und der
rückständigen Länder eingehen, darf sich aber nicht mit ihr verschmelzen
und muß unbedingt die Selbständigkeit der proletarischen Bewegung
- sogar in ihrer Keimform - wahren."
(Aus Lenins "Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen
Frage" vom Juni 1920, S. 774/775.)

Abstrakter ausgedrückt, findet sich derselbe Gedanke Lenins in der These 6:

,,6. Folglich darf man sich jetzt nicht auf die bloße Anerkennung oder
Proklamierung der gegenseitigen Annäherung der Werktätigen verschiede-
ner Nationen beschränken, sondern man muß eine Politik der Verwirk-
Sozialistische Staaten und Entwicklungsländer 179

lichung des engsten Bündnisses aller nationalen und kolonialen Freiheits-


bewegungen mit Sowjetrußland führen und die Formen dieses Bündnisses
nach der jeweiligen Entwicklungsstufe der kommunistischen Bewegung
unter dem Proletariat eines jeden Landes oder der bürgerlich-demokratischen
Freiheitsbewegung der Arbeiter und Bauern in den rückständigen Ländern
oder unter den rückständigen Nationalitäten bestimmen."
(Aus Lenins "Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen
Frage", S.771/772.)

Neu in der These 6 ist die Richtlinie, die zeitweiligen Bündnisse der kommu-
nistischen Parteien in den kolonialen und halbkolonialen Gebieten mit den
bürgerlichen Freiheitsbewegungen durch Bündnisse des sozialistischen Staates
mit den bürgerlichen Freiheitsbewegungen möglichst zu ergänzen. Auch hier
hat sich die Form des Bündnisses entsprechend der "Entwicklungsstufe" zu
wandeln.

c) Militärische Hilfe und Wirtschaftshilfe


für die kolonialen und halbkolonialen Gebiete

Im Kampf um die Befreiung soll den kolonialen und halbkolonialen Ge-


bieten u. a. die militärische Hilfe des sozialistischen Staates zuteil werden.
Diese Hilfe kann z. B. in der Lieferung von Waffen bestehen. Der Einmarsch
der Armee des sozialistischen Staates zur Beseitigung der Stützen ausländi-
scher Kolonialmächte kann eine andere Form der militärischen Hilfe sein.
Je nach den internationalen Kräfteverhältnissen ist auch ein Angriffskrieg des
sozialistischen Staates auf das nichtkoloniale Territorium der kapitalistischen
Großmacht usw. denkbar. Es wird hier noch einmal der bereits dargelegte
Standpunkt Lenins angeführt:
"Ohne den Sozialismus preiszugeben, müssen wir jeden Aufstand gegen
unseren Hauptfeind, die Bourgeoisie der Großmächte, unterstützen, wenn
er kein Aufstand einer reaktionären Klasse ist. Wenn wir die Unterstützung
des Aufstandes der annektierten Gebiete ablehnen, so werden wir - objektiv
gesehen - zu Annexionisten. Gerade in der ,Ära des Imperialismus', die
eine Ära der beginnenden sozialen Revolution ist, wird das Proletariat heute
den Aufstand der annektierten Gebiete mit besonderer Energie unterstützen,
um gleichzeitig oder morgen über die durch einen solchen Aufstand ge-
schwächte Bourgeoisie der ,Großmacht' herzufallen."
(Aus Leruns Aufsatz: "Ergebnisse der Diskussionen über das Selbstbestimmungs-
recht", veröffentlicht im Oktober 1916, S.393.)
180 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

An diesem Standpunkt hielt Lenin auch nach der Oktoberrevolution fest.


Zusammen mit anderen Arbeiten von ihm und Sinowjew ließ er diesen Auf-
satz in einem Sammelwerk: "Gegen den Strom" 1918 in Rußland veröffent-
lichen und schrieb in seinem Vorwort:
"Ohne Kenntnis dieser Aufsätze wird kein klassenbewußter Arbeiter aus-
kommen, der die Entwicklung der Ideen der internationalen sozialistischen
Revolution und ihres ersten Sieges am 25. Oktober 1917 begreifen will."
(Lenin u. Sinowjew: a. a. 0., S. VII.)

Um die Loslösung der kolonialen und halbkolonialen Gebiete von den


westlichen Industriestaaten zu fördern, soll der sozialistische Staat ihnen auch
"uneigennützige Kulturhilfe", z. B. in der Form von Maschinen, der tech-
nischen Ausbildung von Eingeborenen, leisten. Der Sinn dieser Hilfe besteht
jedoch keineswegs darin, die Unabhängigkeit der kolonialen und halbkoloni-
alen Gebiete den Wünschen der dortigen Bevölkerung zu überlassen. Die von
Lenin angeregte Wirtschaftshilfe dient der V orbereitung des Sozialismus in
diesen Gebieten. Entsprechend seinem bereits geschilderten Standpunkt zum
Selbstbestimmungsrecht der Völker hat nach der erreichten Lostrennung
der kolonialen und halb kolonialen Gebiete von den westlichen Industrie-
staaten die Verschmelzung dieser Gebiete im Zeichen des Sozialismus zu
folgen. Das bedeutet u. a. auch die Verschmelzung der Völker dieser Gebiete
mit dem Volk des sozialistischen Staates. Alles dies stellt Lenin so dar:
"Wir werden alle Anstrengungen machen, um uns den Mongolen, Per-
sern, Indern, Ägyptern zu nähern, uns mit ihnen zu verschmelzen, wir
sind der Meinung, daß es unsere Pflicht ist und daß es in unserem Inter-
esse liegt, dies zu tun, weil anders der Sozialismus in Europa nicht gesichert
sein wird. Wir werden uns bemühen, diesen rückständigen und noch mehr
als wir unterdrückten Völkern, nach dem treffenden Ausdruck der polni-
schen Sozialdemokraten, ,uneigennützige Kulturhilfe' angedeihen Zu
lassen, d. h. ihnen beim Übergang zur Benützung von Maschinen, zur Er-
leichterung der Arbeit, zur Demokratie und zum Sozialismus zu helfen.
Wenn wir die Freiheit der Lostrennung für die Mongolen, Perser, Ägyp-
ter und alle unterdrückten und nicht gleichberechtigten Völker ohne Aus-
nahme fordern, so keineswegs deshalb, weil wir für ihre Lostrennung
wären, sondern nur deshalb, weil wir für freie, freiwillige und gegen ge-
waltsame Annäherung und Verschmelzung sind. Nur deshalb!
Und in dieser Hinsicht sehen wir den einzigen Unterschied zwischen den
mongolischen oder ägyptischen Bauern und Arbeitern und den polnischen
Sozialistische Staaten und Entwicklungsländer 181

oder finnischen darin, daß die letzteren hochentwickelte Menschen sind,


die politisch erfahrener sind als die Großrussen, ökonomisch besser ge-
rüstet usw., die deshalb sicherlich sehr rasch ihre Völker, die heute berech-
tigterweise die Großrussen ob der von ihnen gespielten Henkerrolle hassen,
überzeugen werden, daß es unvernünftig ist, diesen Haß auf die sozialisti-
schen Arbeiter und ein sozialistisches Rußland auszudehnen, daß der
wirtschaftliche V orteil ebenso wie der Instinkt und das Bewußtsein des
Internationalismus und der Demokratie die rascheste Annäherung und Ver-
schmelzung aller Nationen in der sozialistischen Gesellschaft erfordert. Weil
die Polen und Finnen kulturell hochstehende Menschen sind, werden sie
sich aller Wahrscheinlichkeit nach sehr schnell von der Richtigkeit dieser
Erwägungen überzeugen, und die Lostrennung Polens und Finnlands kann
nach dem Siege des Sozialismus nur von sehr kurzer Dauer sein. Die un-
vergleichlich weniger kultivierten Fellachen, Mongolen, Perser können sich
auf längere Zeit lostrennen, aber wir werden bestrebt sein, diese Zeit, wie
bereits gesagt, durch uneigennützige Kulturhilfe abzukürzen.
Einen anderen Unterschied in unserer Stellung zu den Polen und zu den
Mongolen gibt es nicht und kann es nicht geben. Es gibt keinen ,Wider-
spruch' und kann keinen Widerspruch geben zwischen der Propaganda der
freien Lostrennung der Nationen und der festen Entschlossenheit, diese
Freiheit zu verwirklichen, sobald wir die Regierung sein werden - und
zwischen der Propaganda der Annäherung und Verschmelzung der Nati-
onen."
(Aus Lenins Schrift von 1916: "über eine Karikatur auf den Marxismus ... ",
S. 278/279.)

3. Ziel und Methoden nach der Befreiung


der kolonialen und halbkolonialen Gebiete

a) Das Ziel

Nach der Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln darf sich die Befrei-
ung der erwähnten Gebiete nur durch einen Aufstand der Unterdrückten
gegen ihre fremden Unterdrücker vollziehen, wobei sie der sozialistische Staat
direkt oder indirekt unterstützt. Falls die Unabhängigkeit dieser Gebiete von
den westlichen Industriestaaten ohne vorangehende Revolution erreicht
werden sollte, so wäre sie nur eine Scheinunabhängigkeit und daher zu ver-
werfen. Darüber sagte Lenin:
182 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

"sechstens, die Notwendigkeit, unter den breitesten Massen der Werktäti-


gen aller, insbesondere der rückständigen Länder, unentwegt jenen Be-
trug aufzudecken und zu entlarven, den die imperialistischen Mächte syste-
matisch begehen, indem sie scheinbar unabhängige, politisch unabhängige
Staaten schaffen, die aber wirtschaftlich, finanziell und militärisch voll-
ständig von ihnen abhängig sind; bei der heutigen internationalen Lage
gibt es für die abhängigen und schwachen Nationen keine andere Rettung
als den Bund der Sowjetrepubliken."
(Aus Lenins "Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen
Frage" von 1920, S. 775.)

Das Ziel - die Zusammenfassung der befreiten kolonialen und halbkoloni-


alen Gebiete in Sowjetrepubliken, die immer enger miteinander verschmelzen -
ließ sich bereits aus der Stellungnahme Lenins zum Selbstbestimmungsrecht
der Völker ableiten (vgl. S. 153-157). In der Frage der Zukunft der kolonialen
und halb kolonialen Gebiete hat er diesen Standpunkt immer wieder vertreten.
Die überwiegend bäuerliche Struktur dieser Gebiete, im Gegensatz zu der
Struktur der westlichen Industriestaaten, ist für Lenin kein Grund, davon
abzusehen:
"Die nächste Bemerkung, die ich machen wollte, ist über die Bauernräte.
Die praktische Arbeit der russischen Kommunisten in den Kolonien, die
früher dem Zarismus gehörten, in zurückgebliebenen Ländern wie
Turkestan und anderen, hat uns vor die Frage gestellt, wie die kommunisti-
sche Taktik und Politik auf die vorkapitalistischen Verhältnisse anzuwenden
sind. Das wichtigste Merkmal dieser Länder ist, daß dort noch vorkapi-
talistische Zustände herrschen, und deshalb kann dort von einer rein prole-
tarischen Bewegung nicht die Rede sein. Es gibt dort fast gar kein Industrie-
proletariat. Trotzdem haben wir in ihnen die führende Rolle übernommen
und übernehmen müssen. Unsere Arbeit hat uns gezeigt, daß die Schwierig-
keiten dort wirklich enorm sind, aber das praktische Ergebnis der Arbeit
hat auch gezeigt, daß es trotz dieser Schwierigkeiten möglich ist, das
selbständige politische Denken, die selbständige politische Tätigkeit auch
da zu erwecken, wo es fast kein Proletariat gibt. Diese Tätigkeit war für uns
schwieriger als für die Genossen in den westeuropäischen Ländern, weil
das Proletariat in Rußland mit Staatsarbeit überbürdet ist. Es versteht sich,
daß die Bauern, die sich in halbfeudalem Abhängigkeitsverhältnis befinden,
die Idee der Sowjetorganisation erfassen und sich auch praktisch auf diesem
Felde betätigen können. Es ist auch klar, daß die ausgebeuteten Massen,
Sozialistische Staaten und Entwicklungsländer 183

die nicht nur durch das Handelskapital ausgebeutet werden, sondern auch
durch die Feudalen und den Staat auf feudaler Basis, diese Waffe, diese
Art der Organisation auch für diese Verhältnisse anwenden können. Die
Idee der Sowjetorganisation ist einfach und kann angewandt werden nicht
nur auf proletarische Verhältnisse, sondern auch in den feudalen und halb-
feudalen Bauernverhältnissen. Unsere Edahrungen sind noch nicht groß
auf diesem Gebiet. Aber die Besprechungen in der Kommission, in der
mehrere Vertreter der Kolonialländer anwesend waren, haben uns ganz
entschieden bewiesen, daß wir in die Leitsätze der Kommunistischen Inter-
nationale aufnehmen müssen, daß die Bauernräte, die Räte der Ausgebeu-
teten, nicht nur für kapitalistische Länder ein geeignetes Mittel, sondern
auch für vorkapitalistische Zustände passend sind, und daß es unbedingte
Pflicht der kommunistischen Parteien und der Elemente, die bereit sind,
kommunistische Parteien zu schaffen, die Bauernräte, ist, die Räte der Ar-
beitenden überall, auch in den zurückgebliebenen Ländern und in den
Kolonien, zu propagieren und den praktischen Versuch zu machen, sofort,
wo es nur die Bedingungen zulassen, Räte des werktätigen Volkes zu bilden. "
(Aus Lenins Rede vom 26. 7. 1920, S. 140/141.)

Lenin trat damit auch der Theorie jener Sozialisten entgegen, die für die
industrielle Entwicklung eines Agrarlandes eine Phase des Kapitalismus als
unvermeidlich ansehen, bevor sich der Sozialismus in diesem Lande verwirk-
lichen läßt. Nach Lenin brauchen die kolonialen und halb kolonialen Gebiete
nach ihrer Befreiung keine Phase des Kapitalismus wegen ihrer fehlenden
industriellen Entwicklung zu durchschreiten. Die sozialistischen Staaten, so-
weit sie industriell entwickelt sind, würden ihnen bei der Schaffung einer Indu-
strie helfen. Wirtschaftshilfe der industriell fortgeschrittenen sozialistischen
Staaten, um eine kapitalistische Phase der Industrialisierung zu vermeiden -
darüber äußerte sich Lenin wie folgt:
"Die allgemeinen Edahrungen sind noch nicht besonders groß, aber wir
werden mehr und mehr Material sammeln, und es kann keinem Zweifel
unterliegen, daß das Proletariat in den vorgeschrittenen Ländern den zu-
rückgebliebenen arbeitenden Massen helfen muß und kann, und daß die
Entwicklung der zurückgebliebenen Länder ihr jetziges Stadium ändern
würde, sobald das siegreiche Proletariat der Sowjetrepubliken diesen Massen
seine Hand reichen und Hilfe gewähren kann.
Über diese Frage gab es ziemlich lebhafte Diskussionen in der Kommission;
nicht nur im Zusammenhang mit den Leitsätzen, die ich unterzeichnet habe,
184 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

sondern noch mehr mit denen des Genossen Roy, die er hier verteidigen
wird und in denen einstimmig einige Änderungen gemacht wurden.
Die Frage lautete: können wir als richtig anerkennen, daß die kapita-
listische Entwicklung der Volkswirtschaft notwendig ist für die zurück-
gebliebenen Völker, die sich jetzt befreien, unter denen jetzt, nach dem
Kriege, fortschrittliche Bewegungen zustande gekommen sind? Wir sind
zu dem Schluß gekommen, es verneinen zu müssen. Wenn das revolutionäre,
siegreiche Proletariat eine systematische Propaganda organisiert und die
Sowjetregierungen ihm mit allen Mitteln zu Hilfe kommen, ist es unrichtig,
anzunehmen, daß das kapitalistische Stadium der Entwicklung für solche
Völkerschaften notwendig sei. Wir müssen nicht nur in allen Kolonien und
zurückgebliebenen Ländern selbständige Kerntruppen und Parteien bilden,
wir müssen nicht nur sofort Bauernräte propagieren und die Räteorganisa-
tion den vorkapitalistischen Verhältnissen anzupassen suchen, sondern
auch theoretisch muß die Kommunistische Internationale erklären und
begründen, daß mit Hilfe des Proletariats der vorgeschrittenen Länder die
zurückgebliebenen Länder zur Sowjetorganisation und durch eine Reihe
von Stadien auch unter Vermeidung des kapitalistischen Systems zum
Kommunismus kommen können.
Welche Mittel dazu notwendig sind, kann nicht vorausgesagt werden, die
praktische Erfahrung wird das zeigen. Aber es steht fest, daß die Räteidee
allen arbeitenden Massen, auch in den entlegensten Völkerschaften, zu-
gänglich ist, daß diese Organisationen den vorkapitalistischen Verhält-
nissen angepaßt werden müssen und daß die Arbeit der kommunistischen
Parteien in der ganzen Welt sofort in dieser Richtung beginnen muß."
(Aus Lenins Rede vom 26. 7. 1920, S. 141/142.)

Vorbild für den wirtschaftlichen Aufbau in den kolonialen und halbkoloni-


alen Gebieten sollte nach Lenin Sowjetrußland sein. Besonders günstige Wir-
kungen erwartete er sich nach dem industriellen Aufbau Sowjetrußlands.
"Wir müssen es dahin bringen, daß jede Fabrik, jedes Kraftwerk sich in
einen Herd der Aufklärung verwandle, und wenn Rußland sich mit einem
dichten Netz von elektrischen Kraftwerken und mächtigen technischen An-
lagen bedeckt haben wird, dann wird unser kommunistischer Wirtschafts-
aufbau zum Vorbild für das kommende sozialistische Europa und Asien
werden."
(Aus Lenins Bericht über die Tätiigkeit des Rates der Volkskommissare vom 22.
12. 1920, S. 60.)
Sozialistische Staaten und Entwicklungsländer 185

b) Die notwendige Vorsicht bei der Auswahl der Methoden


des Übergangs zum Sozialismus

Wie bereits dargelegt, soll die kommunistische Partei schon während des
Bündnisses mit der bürgerlichen Freiheitsbewegung die Bauern, Handwerker
usw. möglichst weitgehend beeinflussen und organisatorisch erfassen. Das
erstrebte günstigste Ergebnis dieser Phase wäre eine kommunistische Partei,
die bereits vor dem Ausbruch der Revolution gegen die Fremdherrschaft
an der Spitze der gesamten Freiheitsbewegung eines Landes steht, ohne sich
bereits mit der bürgerlichen Freiheitsbewegung überworfen zu haben. Sollte
das nicht möglich sein, dann muß die führende Rolle der bürgerlichen Frei-
heitsbewegung nach der erfolgreichen Revolution beseitigt werden. Das
ganze Verfahren ist ein Beispiel für ein Kompromiß mit Nichtkommunisten
Zur Zersetzung des nichtkommunistischen Partners. Ein solches Kompromiß,
von Lenin schon für das Verhalten gegenüber nichtkommunistischen Organi-
sationen in den westlichen Industriestaaten vorgeschlagen (vgl. S. 115/117),
soll auch in den Entwicklungsländern angewandt werden.
Die politische Entmachtung der bürgerlichen Freiheitsbewegung darf aber
nicht gleich von radikalen wirtschaftlichen Maßnahmen begleitet sein. Man
würde damit nicht nur die bürgerliche Freiheitsbewegung, sondern gleich-
zeitig auch alle kleinbürgerlichen Klassen gegen sich aufbringen. Mit Rück-
sicht auf die wirtschaftlichen und sozialen Vorstellungen jener Klassen gilt es,
vorläufig nur ein "reformistisches" Programm durchzuführen. Klar äußert
sich diese Taktik in den Ergänzungsthesen von Roy:
,,9. In der ersten Zeit wird die Revolution in den Kolonien keine kommu-
nistische Revolution sein; wenn jedoch von Anfang an die kommunistische
Vorhut an ihre Spitze tritt, werden die revolutionären Massen auf den
richtigen Weg gebracht werden, auf dem sie durch allmähliche Sammlung
von revolutionärer Erfahrung das gesteckte Ziel erreichen werden. Es wäre
ein Fehler, die Agrarfrage sofort nach rein kommunistischen Grundsätzen
entscheiden zu wollen. Auf der ersten Stufe ihrer Entwicklung muß die
Revolution in den Kolonien nach dem Programm rein kleinbürgerlicher,
reformistischer Forderungen, wie Aufteilung des Landes usw., durchge-
führt werden. Daraus aber folgt nicht, daß die Führung in den Kolonien
sich in den Händen der bürgerlichen Demokraten befinden darf. Im Gegen-
teil, die proletarischen Parteien müssen eine intensive Propaganda der
kommunistischen Ideen betreiben und bei der ersten Möglichkeit Arbeiter-
und Bauernräte gründen. Diese Räte müssen in gleicher Weise wie die
186 Die Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln

Sowjetrepubliken der vorgeschrittenen kapitalistischen Länder arbeiten, um


den endgültigen Sturz der kapitalistischen Ordnung der ganzen Welt her-
beizuführen. "
(Vgl. "Protokoll des H. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale",
Hamburg 1921, S. 149-150.)

In demselben Sinne ermahnt Lenin die sozialistischen Staaten und die


kommunistischen Parteien außerhalb dieser Staaten zu einem besonders vor-
sichtigen Vorgehen gegenüber den Völkern der kolonialen und halbkolonialen
Gebiete. Das gilt sowohl vor als auch nach der Lostrennung dieser Gebiete
von den westlichen Industriestaaten. "Nationaler Egoismus", "nationale
Beschränktheit", der "Krähwinkel-Geist" sind eine beträchtlich lange Zeit
auf dem Wege zum letzten Ziel zu schonen:
,,12. Die jahrhundertelange Unterdrückung der kolonialen und schwachen
Nationalitäten durch die imperialistischen Mächte hat in den werktätigen
Massen der unterdrückten Länder nicht nur Erbitterung, sondern auch
Mißtrauen gegen die Unterdrückernationen überhaupt und auch gegen
das Proletariat dieser Nationen hinterlassen. Der niederträchtige Verrat am
Sozialismus, den die Mehrheit der offiziellen Führer dieses Proletariats in
den Jahren 1914 bis 1919 beging, als unter der sozialchauvinistischen Flagge
der ,Vaterlandsverteidigung' das ,Recht' der ,eigenen' Bourgeoisie auf
Unterdrückung der Kolonien und Ausplünderung der finanziell abhängigen
Länder verteidigt wurde, - dieser Verrat mußte unvermeidlich dieses voll-
kommen berechtigte Mißtrauen noch verschärfen. Je rückständiger ein
Land ist, desto stärker sind andererseits in ihm die landwirtschaftliche
Kleinproduktion sowie der patriarchalische und Krähwinkel-Geist, die un-
vermeidlich den tiefsten der kleinbürgerlichen Vorurteile zu besonderer
Kraft und Stabilität verhelfen, nämlich den Vorurteilen des nationalen Ego-
ismus und der nationalen Beschränktheit. Da diese Vorurteile erst nach dem
Verschwinden des Imperialismus und des Kapitalismus in den fortge-
schrittenen Ländern und nach der radikalen Umgestaltung der gesamten
Grundlage des wirtschaftlichen Lebens der rückständigen Länder ver-
schwinden können, so geht das Aussterben dieser Vorurteile notwendiger-
weise nur sehr langsam vor sich. Daraus erwächst dem klassenbewußten kom-
munistischen Proletariat aller Länder die Pflicht zu besonderer Vorsicht und
besonderer Aufmerksamkeit gegenüber den Überresten nationaler Gefühle
in den Ländern und den Nationalitäten, die am längsten unterdrückt worden
sind, ebenso auch die Pflicht, gewisse Zugeständnisse zu machen, um dieses
Sozialistische Staaten und Entwicklungsländer 187

Mißtrauen und diese Vorurteile rascher Zu überwinden. Ohne das frei-


willige Bestreben des Proletariats und dann auch aller werktätigen Massen
aller Länder und der Nationen der ganzen Welt zu einem Bunde und zur
Einheit kann das Werk des Sieges über den Kapitalismus nicht mit Erfolg
vollendet werden."
(Aus Lenins "Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur nationalen und kolonialen
Frage" vom Juni 1920, S. 775/776.)

Eine vollständige Überwindung der kleinbürgerlichen, nationalen Vorur-


teile in den Entwicklungsländern hält Lenin bezeichnenderweise erst nach
dem Sturz des Kapitalismus in den westlichen Industriestaaten für erreichbar.
So wird die erwähnte Zangenbewegung in der Taktik Lenins gegen die west-
lichen Industriestaaten gleichzeitig zu einer Zangenbewegung gegen die
wirkliche Freiheit der Entwicklungsländer Asiens und Afrikas. Für den
Sturz des Kapitalismus in den westlichen Industriestaaten sind nach Lenin
die proletarischen Revolutionen in diesen Staaten und die revolutionäre Los-
trennung der kolonialen und halbkolonialen Gebiete von diesen Staaten
unerläßlich. Zugleich setzt aber auch der endgültige kommunistische Sieg
in den losgelösten einst kolonialen und halb kolonialen Gebieten des Westens
den Zusammenbruch der westlichen Industriestaaten voraus.
C. Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

In diesem Teil der Darstellung wird nicht beabsichtigt, die Entwicklung der
sowjetischen Beziehungen zu anderen Ländern in der Zeit von 1917 bis
1922/23 zeitlich lückenlos zu schildern. Bei der Anführung einzelner Bei-
spiele wird immer wieder die Frage auftauchen, inwieweit die Theorie Lenins
als Anleitung zum Handeln sich in den angeführten Beispielen der sowjetischen
außenpolitischen Praxis widerspiegelt. Wo das nicht der Fall ist, werden wir
besonders darauf hinweisen; in den anderen Fällen düdten Hinweise an
einigen Stellen der Darstellung genügen.

1. Der Auftakt zur sowjetischen Außenpolitik:


das "Dekret über den Frieden" vom 8. 11. 1917

Kaum möglich ist es, die Zahl der sowjetischen Zeitungsartikel, Zeit-
schriftenaufsätze, Reden seit Stalins Tod zu überblicken, die Lenins
"Dekret über den Frieden" als Beweis für die friedliebende sowjetische Außen-
politik anführen. Diesem Dekret räumen die sowjetischen Darstellungen
einen hervorragenden Platz in der Reihe von Beweisen für die "Leninschen
Prinzipien der friedlichen Koexistenz" ein. 1958 erschien sogar ein sowjeti-
sches Buch mit dem Titel: "Das Leninsche Dekret über den Frieden". Ent-
sprechend der Tendenz der anderen sowjetischen Hinweise auf das erwähnte
Dekret heißt es in diesem Buch:
"Das Dekret über den Frieden eröffnete den Weg zum revolutionären
Ausscheiden Rußlands aus dem imperialistischen Krieg. Es legte die unauf-
löslichen Grundlagen der friedlichen Außenpolitik des Sowjetstaates ...
Die Rolle des Dekretes als mächtiges Instrument des Friedens und als Faktor,
der den Weg für einen neuen Typ der internationalen Beziehungen säubert,
ist unzerreißbar damit verbunden, daß das darin verkündete Programm
auf dem Prinzip der friedlichen Koexistenz von Staaten mit verschiedenem
gesellschaftlich-politischem Aufbau beruht. Dieses Prinzip wurde von
Auftakt der sowjetischen Außenpolitik 189

W. I. Lenin begründet, der bewiesen hatte, daß von dem Moment des
Auseinanderfallens der Welt in zwei Systeme der Politik des Friedens, der
Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen den Völkern, die von dem
Sowjetstaat durchgeführt wird, nicht nur von der sozialistischen Natur dieses
Staates herrührt, sondern auch vollkommen der objektiven Lage in der inter-
nationalen Arena entspricht, wo für die Dauer einer ganzen historischen
Epoche das gleichzeitige Bestehen sozialistischer und kapitalistischer Länder
unvermeidlich istI"
(Aus dem Buch von S. J. Wygodski: "Leninski Dekret 0 Mirje" ["Das Leninsche
Dekret über den Frieden"], Leningrad 1958, S. 4.)

Gleich vielen anderen sowjetischen Veröffentlichungen, erwähnt das Buch


das Lenin zugeschriebene Prinzip der friedlichen Koexistenz von verschiede-
nen Staaten, während wir in der Darstellung der Theorie Lenins als Anleitung
zum Handeln dieses Prinzip mit keinem Wort erwähnt haben. Die russische
Bezeichnung für "friedliche Koexistenz" (mirnoje sosuschtschestwowanije)
findet sich nicht in den sehr zahlreichen Veröffentlichungen Lenins (Näheres
vgl. S. 412). Wohl hat sich Lenin über das grundsätzliche Verhältnis eines
sozialistischen Staates zu anderen Staaten oft geäußert (vgl. z. B. S.52-55,
99-117), hierfür aber die Bezeichnung "friedliche Koexistenz" nicht gebraucht.
Der sowjetische Verfasser des ,Buches "Das Leninsche Dekret über den
Frieden" erweckt auf S. 124 den Eindruck, als hätte Lenin in dem erwähn-
ten Dekret das Prinzip der friedlichen Koexistenz ausdrücklich erwähnt.
Es mag daher begreiflich sein, daß dieses wissenschaftlich erscheinende Buch mit
vielen Lenin-Zitaten trotz seiner 257 Seiten den vollen Wortlaut des "Dekretes
über den Frieden" nicht enthält. Um so notwendiger ist es, diese erste wich-
tige außenpolitische Erklärung des Sowjetstaates in vollem Wortlaut zu
bringen und anschließend den Sinn dieses Textes zu beleuchten. Während
einer Sitzung des 11. Sowjetkongresses vom 8. November verlas Lenin den
Text des erwähnten Dekretes; das Dekret wurde von der Mehrheit der ver-
sammelten Teilnehmer an demselben Tage angenommen. Die Bezifferung der
Absätze des nun folgenden Dekretes stammt von mir.
(1) "Die Arbeiter- und Bauernregierung, die durch die Revolution des 6. und
7. November (24. und 25. Oktober) geschaffen worden ist und sich auf
die Räte der Arbeiter-, Soldaten- und Bauerndeputierten stützt, macht
allen am Krieg beteiligten Völkern und ihren Regierungen den Vorschlag,
in sofortige Verhandlungen über einen gerechten demokratischen Frieden
einzutreten.
190 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

(2) Ein gerechter oder demokratischer Frieden, den die überwältigende Mehr-
heit der durch den Krieg erschöpften, gepeinigten und gemarterten Klas-
sen der Arbeiter und der Werktätigen aller kriegführenden Länder ersehnt
und den die russischen Arbeiter und Bauern nach Niederwerfung
der Zarenmonarchie auf die entschiedenste und hartnäckigste Weise ge-
fordert haben - ein solcher Frieden ist nach der Auffassung der Regierung
ein sofortiger Frieden ohne Annexionen (d. h. ohne Aneignung fremden
Gebietes, ohne gewaltsame Angliederung fremder Nationalitäten) und
ohne Kriegsentschädigungen.
(3) Die Regierung Rußlands schlägt allen am Krieg beteiligten Völkern vor,
sofort einen solchen Frieden zu schließen, wobei sie sich bereit erklärt,
ohne die geringste Verzögerung sofort alle entscheidenden Schritte zu tun -
bis zur endgültigen Bestätigung aller Bedingungen eines solchen Friedens
durch die bevollmächtigten Versammlungen der Volksvertreter aller Län-
der und aller Nationen.
(4) Unter Annexion oder Aneignung fremder Gebiete versteht die Regierung
im Einklang mit dem Rechtsbewußtsein der Demokratie im allgemeinen
und der werktätigen Klaasen im besonderen jede Angliederung einer
kleinen oder schwachen Nationalität an einen großen oder mächtigen Staat,
ohne den bestimmten klaren und freiwilligen Ausdruck ihres Einverständ-
nisses und ihres Wunsches, unabhängig davon, wann eine solche gewalt-
same Annexion erfolgt ist und wie entwickelt oder rückständig eine solche
mit Gewalt annektierte oder mit Gewalt innerhalb der Grenzen eines gege-
benen Staates festgehaltene Nation ist, sowie unabhängig davon, ob diese
Nation in Europa oder in fernen Ländern jenseits der Meere lebt.
(5) Wenn irgendeine Nation mit Gewalt in den Grenzen eines gegebenen
Staates festgehalten wird, wenn dieser Nation entgegen ihrem zum Aus-
druck gebrachten Wunsche - gleichgültig, ob die Kundgebung dieses
Wunsches in der Presse erfolgte oder ob er in Volksversammlungen, in
Beschlüssen der Parteien oder in Empörungen und Aufständen gegen die
nationale Unterdrückung zum Ausdruck gekommen ist - das Recht vor-
enthalten wird, über die Formen ihrer staatlichen Existenz in freier Ab-
stimmung, nach dem vollständigen Abzug der Truppen der die Annexion
durchführenden oder überhaupt der stärkeren Nation, ohne den mindesten
Zwang selbst zu entscheiden, so ist eine solche Angliederung eine Annexion,
d. h. eine Eroberung und Vergewaltigung.
(6) Diesen Krieg fortzusetzen, um zu entscheiden, wie die starken und reichen
Nationen die von ihnen annektierten schwachen Nationalitäten unter sich
Auftakt der sowjetischen Außenpolitik 191

aufteilen sollen, hält die Regierung für das denkbar größte Verbrechen an
der Menschheit; und sie proklamiert in feierlicher Weise ihre Entschlossen-
heit, unverzüglich Bedingungen eines Friedens zu unterzeichnen, der diesen
Krieg unter den oben genannten ausnahmslos allen Nationalitäten gegen-
über gleich gerechten Bedingungen beendigt.
(7) Gleichzeitig erklärt die Regierung, daß sie die oben erwähnten Friedens-
bedingungen keineswegs als ultimativ betrachtet, d. h. daß sie damit ein-
verstanden ist, auch alle anderen Friedensbedingungen zu prüfen, und ledig-
lich darauf besteht, daß die Friedensbedingungen von jedem beliebigen
kriegführenden Lande möglichst rasch und mit voller Klarheit, bei unbe-
dingter Ausschaltung jeder Zweideutigkeit und Geheimdiplomatie vor-
gelegt werden.
(8) Die Regierung schafft die Geheimdiplomatie ab und erklärt, daß sie fest
entschlossen ist, alle Verhandlungen ganz offen, vor allem Volke zu führen.
Sie wird sofort darangehen, alle Geheimverträge zu veröffentlichen, die
die Regierung der Großgrundbesitzer und der Kapitalisten vom März
(Februar) bis zum 7. November (25. Oktober) 1917 bestätigt oder beschlos-
sen hat.
Der gesamte Inhalt dieser Geheimverträge, soweit sie, wie es zumeist der
Fall war, den Zweck haben, den russischen Grundbesitzern und Kapitalisten
Vorteile und Privilegien zu verschaffen, die Annexionen der Großrussen
aufrechtzuerhalten oder zu erweitern, wird von der Regierung unbedingt
und sofort für ungültig erklärt.
(9) Indem sich die Regierung an die Regierungen und Völker aller Länder
mit dem Vorschlag wendet, sofort offene Verhandlungen über den Ab-
schluß eines Friedens aufzunehmen, erklärt sie ihre Bereitschaft, diese Ver-
handlungen sowohl schriftlich, telegraphisch als auch durch Unterhand-
lungen zwischen den Vertretern der verschiedenen Länder oder auf Kon-
ferenzen solcher Vertreter zu führen. Um diese Unterhandlungen zu er-
leichtern, ernennt die Regierung ihren bevollmächtigten Vertreter in den
neutralen Ländern.
(10) Die Regierung schlägt allen Regierungen und Völkern aller kriegführen-
den Länder vor, sofort einen Waffenstillstand zu schließen, wobei sie es
ihrerseits für wünschenswert hält, daß dieser Waffenstillstand für mindestens
drei Monate geschlossen werde, d. h. für eine Zeit, die völlig ausreicht so-
wohl für die Durchführung der Friedensverhandlungen unter Teilnahme
der Vertreter ausnahmslos aller Nationalitäten oder Nationen, die in diesen
Krieg hineingezogen oder hineingezwungen worden sind, als auch für die
192 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Einberufung der bevollmächtigten Versammlungen der Volksvertreter aller


Länder zur endgültigen Bestätigung der Friedensbedingungen.
(11) Indem sich die Provisorische Arbeiter- und Bauernregierung Rußlands
mit diesem Friedensvorschlag an die Regierungen und an die Völker aller
kriegführenden Länder richtet, wendet sie sich auch im besonderen an die
klassenbewußten Arbeiter der drei fortgeschrittensten Nationen der Mensch-
heit und der drei gewaltigsten am gegenwärtigen Krieg beteiligten Staaten:
England, Frankreich und Deutschland. Die Arbeiter dieser Länder haben
der Sache des Fortschritts und des Sozialismus die größten Dienste er-
wiesen und für sie hervorragende Beispiele geliefert: die Chartistenbewe-
gung in England ; eine Reihe von Revolutionen von weltgeschichtlicher
Bedeutung, die das französische Proletariat durchgeführt hat; und schließ-
lich der heroische Kampf gegen das Sozialistengesetz sowie für die Arbeiter
der ganzen Welt mustergültige ausdauernde und unermüdliche diszipli-
nierte Arbeit zur Schaffung proletarischer Massenorganisationen in Deutsch-
land. Alle diese Vorbilder proletarischen Heldenmuts und geschichtlicher
Schöpferkraft sind für uns eine Bürgschaft, daß die Arbeiter der genannten
Länder die ihnen jetzt gestellte Aufgabe der Erlösung der Menschheit von
den Schrecken des Krieges und seinen Folgen begreifen werden; denn diese
Arbeiter werden uns durch ihre allseitige, entschiedene, rückhaltlos ener-
gische Aktion helfen, die Sache des Friedens und damit auch die Sache der
Befreiung der werktätigen und ausgebeuteten Massen der Bevölkerung von
aller Sklaverei und aller Ausbeutung erfolgreich zu Ende zu führen."
(Lenins "Dekret über den Frieden" vom 8.11. 1917, vgl. Lenin: "Ausgewählte
Werke in zwölf Bänden" Bd. 6, Zürich 1934, S.408-411.)

Die ersten sechs Absätze des Textes bekunden den Wunsch der Sowjet-
regierung nach einem gerechten, demokratischen Frieden und enthalten die
Bedingungen, unter denen alle kriegführenden Staaten Frieden schließen
sollten. Man muß sich dabei an den Begriff eines "gerechten", "demokrati-
schen" Friedens erinnern, den Lenin von 1914 bis zu seinem Tode in zahlreichen
Schriften, Aufsätzen und Reden erläuterte. Demnach ist ein Frieden dieser
Art ohne den vorherigen gewaltsamen Sturz des Systems in den kapitalisti-
schen Staaten undenkbar. Daher empfiehlt er in seiner Theorie, wie dargelegt,
Bürgerkriege und revolutionäre Befreiungskriege zum Sturz der Regierungen
in den kapitalistischen Staaten. Dem geforderten Frieden in der Sicht Lenins
müssen also zunächst eine Reihe von Bürgerkriegen und Angriffskriegen
gegen die kapitalistischen Staaten vorausgehen. Die geforderte Befreiung
Auftakt der sowjetischen Außenpolitik 193

aller annektierten Gebiete gilt nach der Theorie Lenins nur für die Befreiung
von den kapitalistischen Staaten. Ihr soll, wie dargelegt, die Verschmelzung
mit sozialistischen Staaten folgen. Sollten die kriegführenden Staaten den
geforderten Verzicht auf alle Annexionen auch bezüglich der kolonialen und
halb kolonialen Gebiete verwirklichen, dann war von Lenins Theorie aus
gesehen eine erfreuliche Beschleunigung des Zusammenbruches des kapita-
listischen Systems in den westlichen Industriestaaten zu erwarten.
Schon in dem erwähnten Aufsatz Lenins "Einige Thesen" (13. 10. 1915)
und in dem erwähnten Abschiedsbrief an die Schweizer Arbeiter (8. 4. 1917)
wird die Absicht Lenins deutlich, die zu entfachenden Bürgerkriege und
Angriffskriege eines kommenden sozialistischen Staates durch eine psycho-
logische Beeinflussung der Massen in den westlichen Industriestaaten, den
kolonialen und halbkolonialen Gebieten möglichst wirkungsvoll vorzube-
reiten. Er forderte dort von einem sozialistischen Staat die Aufstellung von
Friedensbedingungen, die von den kriegführenden kapitalistischen Groß-
mächten nicht angenommen werden würden. Gerade dieses erwartete ableh-
nende Verhalten sollte nach Lenin eine Erbitterung des Proletariats der
kriegführenden Großmächte, eine Empörung der Völker der von diesen
Großmächten beherrschten kolonialen und halb kolonialen Gebiete auslösen,
so daß dort Bürgerkriege gegen die Regierungen ausbrechen und sich mit
Angriffskriegen des sozialistischen Staates gegen die Großmächte vereinigen.
Was Lenin dort über die Taktik, unannehmbare Bedingungen zu stellen,
sagte, wird zum ersten Male praktisch angewandt in dem "Dekret über den
Frieden". Das Ziel Lenins, die Bedingungen bis zur Unannehmbarkeit seitens
der kapitalistischen Großmächte zu steigern, geht besonders daraus hervor:
es genügt dem Dekret zufolge noch nicht einmal, daß diese Großmächte be-
reit sind, auf die Herrschaft über alle nationalen Minderheiten, alle kolonialen
und halb kolonialen Völker zu verzichten. Sie haben darüber hinaus die von
diesen Völkern und Völkerschaften bewohnten Gebiete zu räumen, bevor dort
überhaupt freie Abstimmungen über die nationale Zukunft dieser Gebiete
stattfinden. Großbritannien und Frankreich, heute wesentlich entgegenkom-
mender gegenüber den Wünschen ihrer Kolonialvölker als vorher, würden
höchstwahrscheinlich auch heute die Annahme so weitgehender Bedingungen
ablehnen. Um wieviel weniger war die Annahme solcher Bedingungen 1917
zu erwarten. Was Lenin erwartete, war eben nicht die Annahme dieser Be-
dingungen, sondern die nach der Ablehnung eintretende revolutionäre Em-
pörung des Proletariats und der unterdrückten fremden Völker der krieg-
führenden kapitalistischen Großmächte.
194 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Besonders deutlich kam diese Taktik Leruns vier Wochen vor der Verkün-
dung des "Dekrets über den Frieden" als zukünftige Aufgabe zum Ausdruck:
,,3. Die Sowjetregierung muß unverzüglich allen kriegführenden Völkern
(d. h. gleichzeitig sowohl ihren Regierungen als auch den Arbeiter- und
Bauernrnassen) vorschlagen, sofort einen allgemeinen Frieden auf demo-
kratischer Grundlage sowie auch unverzüglich einen Waffenstillstand zu
schließen (sei es auch nur für drei Monate).
Die Hauptbedingung für einen demokratischen Frieden ist der Verzieht
auf Annexionen (Eroberungen) - nicht in dem falschen Sinne, daß allen
Mächten das Verlorene zurückgegeben wird, sondern in dem einzig
richtigen Sinne, daß ausnahmslos jede Volkswirtschaft, sowohl in Europa
wie in den Kolonien, die Freiheit und die Möglichkeit erhält, selbst zu
entscheiden, ob sie einen besonderen Staat bilden oder einem beliebigen
anderen Staat angehören will ...
Mit dem Angebot der Friedensbedingungen muß die Sowjetregierung so-
fort selbst an deren tatsächliche Erfüllung schreiten, d. h. sie muß die
Geheimverträge, durch die wir auch heute noch gebunden sind, die der Zar
abgeschlossen hat und die den russischen Kapitalisten die Ausplünderung
der Türkei, Österreichs usw. versprechen, veröffentlichen und zerreißen.
Ferner ist es unsere Pflicht, sofort die Bedingungen der Ukrainer und Finn-
länder zu erfüllen, ihnen, wie auch allen anderen Nationalitäten in Rußland,
die volle Freiheit einschließlich der Freiheit der Lostrennung zu sichern,
dasselbe Prinzip auf ganz Armenien anzuwenden, uns zu verpflichten,
Armenien und die von uns besetzten türkischen Gebiete zu räumen usw.
Solche Friedensbedingungen werden bei den Kapitalisten keine wohlwol-
lende Aufnahme finden, werden aber bei allen Völkern eine so ungeheure
Sympathie wecken und einen so gewaltigen, welthistorischen Ausbruch der
Begeisterung und der allgemeinen Empörung über die Hinausziehung des
räuberischen Krieges hervorrufen, daß wir höchstwahrscheinlich sofort
einen Waffenstillstand und die Zustimmung zur Eröffnung von Friedens-
verhandlungen erhalten werden. Denn die Arbeiterrevolution gegen den
Krieg ist überall in unaufhaltsamem Wachsen begriffen; und nicht Phrasen
über den Frieden (mit denen alle imperialistischen Regierungen, darunter
auch unsere Kerenskiregierung, die Arbeiter und Bauern seit langem
betrügen), sondern nur der Bruch mit den Kapitalisten und das Friedens-
angebot sind imstande, diese Revolution vorwärtszutreiben. "
(Aus Lenins Aufsatz, veröffentlicht am 9. und 10. 10. 1917: "Die Aufgaben der
Revolution", S. 141-142.)
Auftakt der sowjetischen Außenpolitik 195

Um den Eindruck eines Ultimatums bei den geforderten Friedensbedin-


gungen Zu vermeiden, erklärte Lenin sein Einverständnis, die von den krieg-
führenden Großmächten noch ausstehenden Friedensbedingungen zu "prüfen"
(vgl. Absatz 7 des Dekretes). Abgesehen davon, daß die Bezeichnung "prü-
fen" die Verhandlungen zwischen dem militärisch und wirtschaftlich zer-
rütteten Sowjetrußland und den anderen, keineswegs erschöpften krieg-
führenden Staaten eher erschweren als erleichtern mußte, war mit dem Wort
"prüfen" bei Lenin durchaus nicht die Bereitwilligkeit gemeint, auch zu an-
deren als den von ihm gestellten Bedingungen den Weltfrieden zu wollen.
In seinem Kommentar zu dem "Dekret über den Frieden", ebenfalls vom
8. November 1917, hat Lenin diesen Standpunkt so ausgedrückt:
"Wir werden natürlich unser ganzes Programm eines Friedens ohne Annexio-
nen und Kontributionen in jeder Weise verteidigen. Wir werden nicht
davon abgehen, aber wir müssen unseren Feinden die Möglichkeit neh-
men, zu sagen, daß ihre Bedingungen andere seien und daß es deshalb
zwecklos sei, mit uns in Verhandlungen einzutreten. Nein, wir müssen ihnen
diesen Trumpf aus den Händen schlagen und dürfen unsere Bedingungen
nicht ultimativ stellen. Deshalb haben wir auch den Satz mit aufgenommen,
daß wir alle Friedensbedingungen, alle Vorschläge prüfen werden. Prüfen
heißt noch nicht annehmen."
(Vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwölf Bänden", Bd. 6, Zürich 1934, S. 412.)

Die Bereitwilligkeit der Sowjetregierung, die Friedensbedingungen der


anderen Staaten zu prüfen, wird jedoch von einer wesentlichen Bedingung
abhängig gemacht. In dem Absatz 7 des Dekretes wird von den anderen
Staaten die rasche und klare Bekanntgabe eindeutiger Friedensbedingungen
ohne Geheimdiplomatie verlangt. Damit verfolgte Lenin offensichtlich die
Absicht, den Regierungen der kriegführenden Staaten die Möglichkeit von
Rückzügen durch unklare Formulierungen zu versperren und die der ganzen
Welt bekanntzugebenden Bedingungen vor den Völkern der kriegführenden
kapitalistischen Staaten und kolonialen Gebiete usw. bloßzustellen. Der
Kommentar Lenins zu dem Dekret drückt diese Absicht nicht so deutlich aus,
wenngleich Lenins Feindseligkeit gegenüber den Regierungen, die er zum
Frieden auffordert, unverkennbar ist:
"Wir kämpfen gegen den Betrug der Regierungen, die stets von Frieden
und Gerechtigkeit reden, in Wirklichkeit aber räuberische Eroberungskriege
führen. Keine einzige Regierung spricht alles aus, was sie denkt. Wir aber
sind gegen die Geheimdiplomatie und werden offen vor allem Volke han-
196 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

deIn. Wir schließen und schlossen niemals die Augen vor den Schwierig-
keiten. Der Krieg kann nicht durch den Verzicht, Krieg zu führen, beendet
werden, der Krieg kann nicht durch eine der Parteien beendet werden."
(Vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwölf Bänden", Bd. 6, Zürich 1934, S. 412.)

Die Bedingung, daß die kriegführenden Staaten bei der Bekanntgabe ihrer
Friedensbedingungen auf die Geheimdiplomatie verzichten sollten, bevor die
Sowjetregierung diese Bedingungen zu "prüfen" bereit ist, erschwerte ein
etwaiges Entgegenkommen der anderen Staaten gegenüber den sowjetischen
Friedensbedingungen. Allein die Forderung, die Geheimdiplomatie dabei auf-
zuheben, lief auf die Preisgabe wichtiger Lebensinteressen der kriegführenden
Staaten hinaus. Gerade während eines Krieges ist die Geheimhaltung von V er-
trägen, Gesprächen, Absichten für die beteiligten Staaten unentbehrlich. Daß
die von Lenin geforderte öffentliche Erörterung aller außenpolitischen Fragen
und Beschlüsse nur taktische Erwägungen waren, trat klar nach der Unterzeich-
nung des Friedensvertrages von Brest Litowsk hervor (vgl. S. 231-233).
Im Absatz 8 des Dekretes kündigte Lenin neben der Abschaffung der
Geheimdiplomatie an, die Geheimverträge zu veröffentlichen, die vor allem
zwischen dem zaristischen Rußland einerseits, Großbritannien und Frank-
reich andererseits bestanden. War eine solche Ankündigung geeignet, die
Bereitwilligkeit der britischen und französischen Regierung für einen Frieden
entsprechend den sowjetischen Bedingungen zu fördern? Die angekündigte
Veröffentlichung der Geheimverträge, die bald danach folgte, sollte gerade die
britische und französische Regierung vor ihren Völkern, vor den verbündeten
Mittelmächten unter Führung Deutschlands bloßstellen. Daraus ergaben sich
günstige Aussichten in der Sicht Lenins, daß sich die Spannungen zwischen
den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs einerseits und ihren
Völkern andererseits erhöhen, ebenso die Spannungen zwischen den Regierun-
gen Großbritanniens, Frankreichs einerseits und den Regierungen der Mittel-
mächte andererseits. Auch eine Empörung der Völker in den kolonialen und
halbkolonialen Gebieten (u. a. Türkei, Persien) ließ sich erhoffen. Diese viel-
fältig zu verschärfenden Spannungen mußten die kriegführenden kapitalisti-
schen Staaten schwächen und die Bedingungen für Revolutionen dort be-
günstigen. Alle diese Aussichten, die sich nach der Veröffentlichung der
Geheimverträge vielleicht eröffneten, waren vom Standpunkt der Theorie
Lenins sehr zu begrüßen. Die dadurch erhoffte Bloßstellung der Regierungen
der kriegführenden Staaten mit dem Ziel, dort die Revolution zu beschleuni-
gen, hat Lenin so beschrieben:
Auftakt der sowjetischen Außenpolitik 197

"Es ist klar: den Krieg vernichten, heißt das Kapital besiegen, und in
diesem Sinne hat die Sowjetmacht den Kampf begonnen. Wir haben die
Geheimverträge veröffentlicht und werden sie auch weiter veröffentlichen ...
Wenn es so leicht war, mit einer Bande solcher kläglichen, verrückten Leute
wie Romanow und Rasputin fertig zu werden, so ist es dafür unendlich
schwieriger, gegen die organisierte und starke Clique der deutschen ge-
krönten und ungekrönten Imperialisten zu kämpfen. Man kann und muß
aber Hand in Hand mit der revolutionären Klasse der Werktätigen aller
Länder zusammenarbeiten. Und diesen Weg hat die Sowjetregierung be-
schritten, als sie die Geheimverträge veröffentlichte und zeigte, daß die
Herrschenden aller Länder Räuber sind. Das ist keine Propaganda des
Wortes, sondern der Tat."
(Aus der Rede Lenins vor dem Kongreß der Kriegsflotte am 5. 12. 1917, vgl.
Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 22, Zürich 1934, S.98/99.)

Daß in Lenins "Dekret über den Frieden" Friedensverhandlungen mit den


Regierungen der kriegführenden kapitalistischen Staaten eine nur taktisch und
zeitlich sehr begrenzte Bedeutung haben sollen, geht auch aus Absatz 11 des
Dekretes hervor. Dort wird das Proletariat Großbritanniens, Frankreichs und
Deutschlands verhüllt zur Revolution gegen ihre Regierungen aufgefordert
und an die heroischen Traditionen dieses Proletariats erinnert. Die Hoffnung
auf die baldige proletarische Revolution in diesen Ländern gegen ihre Re-
gierungen äußert sich in dem Kommentar Lenins zum "Dekret über den
Frieden" noch deutlicher:
"Die Regierung und die Bourgeoisie werden alle Anstrengungen machen,
um sich zusammenzuschließen und die Arbeiter- und Bauernrevolution im
Blute zu ersticken. Aber die drei Jahre Krieg haben die Massen genügend
belehrt. Wir sehen eine Rätebewegung auch in anderen Ländern, wir sehen
den Aufstand der deutschen Flotte, der von den Junkern des Henkers
Wilhelm unterdrückt wurde. Und schließlich dürfen wir nicht vergessen,
daß wir nicht im tiefen Afrika leben, sondern in Europa, wo alles schnell be-
kannt wird.
Die Arbeiterbewegung wird die Oberhand gewinnen und dem Frieden und
dem Sozialismus den Weg bahnen."
(Vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwölf Bänden", Bd. 6, Zürich 1934, S.413.)

Die unannehmbaren Friedensbedingungen Lenins an die Regierungen der


kriegführenden kapitalistischen Staaten, gleichzeitig die Versuche, sie vor
198 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

ihren Völkern und den Völkern der kolonialen und halb kolonialen Gebiete
bloßzustellen, das Proletariat zur Revolution gegen die Regierungen aufzu-
fordern, mit denen die Sowjetregierung angeblich verhandeln will - alles dies
war nicht auf einen wirklichen Frieden, sondern auf die Umwandlung des bis-
herigen Weltkrieges in Bürgerkriege und revolutionäre Befreiungskriege ge-
richtet. In dem Dekret zeigt sich die Anwendung verschiedener Bestandteile
der Theorie Lenins als Anleitung zum Handeln.
Nicht zuletzt ist das Dekret ein Beispiel der List Lenins: die Täuschung des
Gegners mit der Absicht, ihn zu einem Verhalten zu verleiten, das seine Schwä-
chung bzw. Vernichtung erleichtert.

H. Die Gründung der Roten Armee


für den Verteidigungs- und Angriffskrieg

Schon in den letzten Wochen vor der Oktoberrevolution von 1917 zeigte die
russische Armee zahlreiche Zeichen der inneren Auflösung. Die Kriegsmüdig-
keit unter dem Eindruck katastrophaler militärischer Niederlagen gegen
Deutschland, die sich auch nach dem Sturz der zaristischen Herrschaft fort-
setzten, ferner der Einfluß der bolschewistischen Propaganda mit ihren viel-
fach wiederholten Aufforderungen, den Krieg gegen den äußeren Feind in
einen Krieg gegen den inneren Feind zu verwandeln, machten die russische
Armee fast unbrauchbar. Dieser Schwäche der russischen Armee sah sich
Lenin auch nach der Oktoberrevolution gegenüber. Wie Lenin selber es in
seiner Rede vom 7. März 1918 beschrieb, war der Organismus der Armee
derartig zersetzt, daß sich der Wiederaufbau einer kampfbereiten Armee nur
nach der Demobilisierung der alten Armee erhoffen ließ (vgL S.221/222).
Der gefaßte Beschluß der Sowjetregierung über die Demobilisierung erwies
sich als unvermeidbar, obschon aus diesem Beschluß die deutsche militärische
Führung für Lenin gefährliche Folgerungen ziehen konnte.
Wenn man die Kriegsmüdigkeit fast der ganzen russischen Bevölkerung be-
rücksichtigt, so waren die Maßnahmen für die Gründung einer neuen Armee be-
reits im Januar 1918 sicher verfrüht. Doch die drohende Gefahr eines weiteren
Vormarsches der deutschen Armee beschleunigte die Entscheidung Lenins.
Die Gründung einer neuen Armee im Januar 1918 entsprach unmittelbar dem
Bedürfnis nach Landesverteidigung. Daß für eine spätere Zeit die neu zu
gründende Armee auch Angriffskriegen im Sinne revolutionärer Befreiungs-
kriege dienen sollte, hoben einige militärische Erlasse bereits in den ersten
Gründung der Roten Armee 199

Monaten des Jahres 1918 hervor. In dem Dekret vom 15. Januar 1918 wird
der Armee neben der Landesverteidigung zugleich die Aufgabe gestellt, "zur
Unterstützung der herannahenden sozialistischen Revolution in Europa" zu
"dienen" :
"Die alte Armee war ein Klasseninstrument der Bourgeoisie zur Unter-
drückung der Werktätigen. Mit der Übernahme der Macht durch die
Arbeiterklasse und die Besitzlosen wurde die Bildung einer neuen Armee er-
forderlich. Diese neue Armee wird die Sowjetmacht zu schützen und die
Grundlagen abzugeben haben für die Umgestaltung des stehenden Heeres in
eine auf allgemeiner Volks bewaffnung beruhenden Macht, und weiter wird
die neue Armee zur Unterstützung der herannahenden sozialistischen
Revolution in Europa dienen.
1.
In Ausführung beschließt der Rat der Volkskommissare, die neue Armee
auf nachfolgenden Grundlagen unter dem Namen ,Rote Arbeiter- und
Bauern-Armee' zu organisieren:
1. Die Rote Arbeiter- und Bauern-Armee wird aus den klassenbewußtesten
und den am besten organisierten Elementen der werktätigen Klassen ge-
bildet.
2....
Der Vorsitzende
des Rates der Volkskommissare
W. Uljanow-Lenin ... "
(Aus dem Dekret des Rates der Volkskommissare vom 15.1.1918, vgl. das
kommunistische Sammelwerk, hg. u. a. von J. Thomas: "Illustrierte Geschichte
des Bürgerkrieges in Rußland 1917-1921", Berlin 1929, S.209.)

Auch der Eid, den jede in die Rote Armee eintretende Person zu leisten
hatte, berührt an drei Stellen Punkte, die nicht nur die Landesverteidigung,
sondern auch die weltrevolutionäre Aufgabe dieser Armee berührten. "Vor
den arbeitenden Klassen Rußlands und der ganzen Welt" sollte der einzelne
sich verpflichten (Art. 2). Von ihm wurde u. a. verlangt, sein "ganzes Tun und
Denken auf das große Ziel der Befreiung aller Arbeitenden zu richten"
(Art. 4). Er durfte keine Kräfte schonen im Kampf für "die Sache des Sozialis-
mus und der Völkerverbrüderung" (Art. 5).
Wortlaut der Eidesformel vom 22. April 1918:
,,1. Ich, Sohn des arbeitenden Volkes, Bürger der Sowjetrepublik, nehme
den Namen eines Kriegers der Arbeiter- und Bauern-Armee an.
200 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

2. Vor den arbeitenden Klassen Rußlands und der ganzen Welt verpflichte
ich mich, diesen Namen in Ehren zu tragen, die militärische Tätigkeit ge-
wissenhaft zu erlernen und wie den Augapfel das militärische und V olks-
vermögen vor Schaden und Raub zu hüten.
3. Ich verpflichte mich, streng und unentwegt die revolutionäre Disziplin
zu beobachten und ohne Widerspruch die Befehle der durch die Macht der
Arbeiter- und Bauern-Regierung eingesetzten Führer zu befolgen.
4. Ich verpflichte mich, mich selbst und die Genossen von Handlungen
abzuhalten, die die Würde eines Bürgers des Sowjetrepublik herabsetzen,
und mein ganzes Tun und Denken auf das große Ziel der Befreiung aller
Arbeitenden zu richten.
5. Ich verpflichte mich, auf den ersten Ruf der Arbeiter- und Bauern-Re-
gierung mich zur Verteidigung der Sowjetrepublik gegen Gefahren und
Anschläge seitens aller ihrer Feinde zu stellen und im Kampfe für die russi-
sche Sowjetrepublik, die Sache des Sozialismus und der Völkerverbrüderung
weder meine Kräfte noch selbst mein Leben zu schonen.
6. Sollte ich durch bösen Vorsatz von diesem feierlichen Gelübde abfallen,
so sei die allgemeine Verachtung mein Los und strafe mich der harte Arm
des revolutionären Gesetzes."
(Vgl. das kommunistische Sammelwerk, hg. u. a. von W. Astrow: "Illustrierte
Geschichte der russischen Revolution 1917", Berlin 1928, S.493/494.)

Wenige Tage danach wurde in einem Erlaß der Sowjetregierung vom


26. April 1918 u. a. zur Frage der allgemeinen Abrüstung und zu den Pflichten
eines Rotarmisten wie folgt Stellung genommen:
"Eine der grundlegenden Aufgaben des Sozialismus ist die Befreiung der
Menschheit von der Last des Militarismus und der Barbarei der blutigen
Konflikte zwischen den Völkern. Das Ziel des Sozialismus ist die allgemeine
Abrüstung, der ewige Friede und das brüderliche Zusammenarbeiten aller
die Erde bewohnenden Völker.
Dieses Ziel wird verwirklicht sein, wenn in allen mächtigen kapitalistischen
Ländern die Gewalt in die Hand der Arbeiterklasse übergegangen sein
wird, die die Produktionsmittel den Ausbeutern entreißen, sie allen Arbei-
tenden zur gemeinsamen Nutzung übergeben und als eine unerschütter-
liche Grundlage der menschlichen Solidarität die kommunistische Ord-
nung aufrichten wird.
Zur Zeit besitzt nur in Rußland die Arbeiterklasse die Staatsgewalt. In
allen anderen Ländern steht die imperialistische Bourgeoisie an der Macht.
Gründung der Kommunistischen Internationale 201

Ihre Politik läuft auf die Unterdrückung der kommunistischen Revolution


und Knechtung aller schwachen Völker heraus. Die russische Sowjet-
republik, die von allen Seiten von Feinden umgeben ist, muß deshalb eine
mächtige Armee schaffen, unter deren Schutz die kommunistische Um-
gestaltung der Gesellschaftsordnung des Landes sich vollziehen wird.
Bürger im Alter von 18 bis 40 Jahren, welche die militärische Pflicht-
ausbildung durchgemacht haben, werden als militärpflichtig registriert
werden. Auf den ersten Aufruf der Arbeiter- und Bauern-Regierung sind
sie verpflichtet, sich zu stellen, um die Kader der Roten Armee, die aus
den ergebensten und aufopferungsbereiten Kämpfern für die Freiheit und
Unabhängigkeit der Russischen Sowjetrepublik und die internationale
sozialistische Revolution bestehen, aufzufüllen."
(Aus dem Erlaß der Sowjetregierung vom 26.4. 1918 über die obligatorische
militärische Ausbildung, vgl. W. Astrow: a. a. 0., S. 494.)

In seiner Theorie als Anleitung zum Handeln fordert Lenin von einem
zukünftigen sozialistischen Staat militärische Vorbereitungen, um die "pro-
letarische Revolution" in anderen Staaten zu unterstützen. Eine allgemeine
Abrüstung erscheint ihm erst nach dem Sieg des Sozialismus in der Welt
denkbar. Bis dahin die Aufgabe für den sozialistischen Staat: nicht abrüsten,
sondern aufrüsten. Die erwähnten Gesichtspunkte seiner Theorie (vgl. S. 163/
165) fanden in den erwähnten Erlassen der Sowjetregierung ihren fast voll-
ständigen Niederschlag.

IIr. Die Gründung der Kommunistischen Internationale


als Instrument der sowjetischen Außenpolitik

Entgegen dem Verhalten der meisten sozialdemokratischen Parteien zum


Kriegsausbruch von 1914 betonte Lenin schon im November 1914 die Not-
wendigkeit, an die Stelle der "toten H. Internationale" eine revolutionäre
IH. Internationale Zu gründen. In internationalen Zusammenkünften mit
Gleichgesinnten auf Schweizer Boden versuchte er, die Gründung einer
!II. Internationale vorzubereiten. Die Ergebnisse waren wenig erfolgreich,
so daß ein neuer bedeutenderer Versuch bis zum März 1919 auf sich warten
ließ. Damals fand der I. Kongreß der Kommunistischen Internationale in
Moskau statt. Die damalige internationale Lage, die Verkehrs schwierigkeiten
erlaubten es kaum zwanzig ausländischen Revolutionären, als Delegierte
202 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

verschiedener Organisationen nach Moskau zu dem erwähnten Kongreß zu


gelangen.
Anders war die Lage zur Zeit des II. Kongresses im Juli/August 1920.
Auf diesem Kongreß wurden u. a. die organisatorischen Grundlagen für die
Kommunistische Internationale (Komintern) als dauernde Einrichtung ge-
schaffen. Das dort beschlossene Organisationsstatut der Komintern erhielt
eine Präambel, die die Gründe für die Schaffung dieser Organisation darlegte.
Darin hieß es u. a.:
"Die 11. Internationale, die im Jahre 1889 in Paris gegründet wurde, ver-
pflichtete sich, das Werk der I. Internationale fortzusetzen. Aber im Jahre
1914, zu Beginn des Weltrnordens, erlitt sie einenlOb völligen Zusammen-
bruch. Untergraben vom Opportunismus und gebrochen durch den Verrat
der Führer, die auf die Seite der Bourgeoisie übergingen, brach die II. Inter-
nationale zusammen.
Die Kommunistische Internationale, gegründet im März 1919 in der Haupt-
stadt der Russischen Föderativen Sowjetrepublik, Moskau, erklärt feier-
lich vor der ganzen Welt, daß sie es auf sich nimmt, das große Werk,
das von der 1. Internationalen Arbeiterassoziation begonnen wurde, fort-
zusetzen und zu Ende zu führen.
Die Kommunistische Internationale bildete sich beim Abschluß des imperia-
listischen Krieges 1914-1918, in dem die imperialistische Bourgeoisie
der verschiedenen Länder 20 Millionen Menschen opferte ...
Die Kommunistische Internationale stellt sich zum Ziel: mit allen Mitteln,
auch mit den Waffen in der Hand für den Sturz der internationalen Bour-
geoisie und für die Schaffung einer internationalen Sowjetrepublik als
Übergangsstufe zur vollen Vernichtung des Staates zu kämpfen. Die Kom-
munistische Internationale hält die Diktatur des Proletariats für das einzige
Mittel, das die Möglichkeit gibt, die Menschheit von den Greueln des
Kapitalismus zu befreien. Und die Kommunistische Internationale hält die
Sowjetmacht für die geschichtlich gegebene Form dieser Diktatur des
Proletariats.
Der imperialistische Krieg hat die Geschicke der Proletarier des einen
Landes mit den Geschicken der Proletarier aller anderen Länder besonders
eng verknüpft. Der imperialistische Krieg hat aufs neue bestätigt, was in
den Generalstatuten der 1. Internationale gesagt war: die Emanzipation der
Arbeiter ist weder ein lokales, noch ein nationales, sondern ein internatio-
nales Problem.
lOb Das Wort "einen" hinzugefügt von mir.
Gründung der Kommunistischen Internationale 203

Die Kommunistische Internationale bricht ein für allemal mit der Über-
lieferung der H. Internationale, für die in Wirklichkeit nur Menschen weißer
Hautfarbe existierten. Die Kommunistische Internationale stellt sich die
Befreiung der Werktätigen der ganzen Welt zur Aufgabe. In den Reihen
der Kommunistischen Internationale vereinigen sich brüderlich Menschen
weißer, gelber, schwarzer Hautfarbe - die Werktätigen der ganzen Erde.
Die Kommunistische Internationale unterstützt restlos die Eroberungen
der großen proletarischen Revolution in Rußland, der ersten siegreichen
sozialistischen Revolution in der Weltgeschichte, und ruft die Proletarier
der ganzen Welt auf, denselben Weg zu gehen. Die Kommunistische Inter-
nationale verpflichtet sich, jede Sowjetrepublik zu unterstützen, wo immer
sie auch geschaffen wird.
Die Kommunistische Internationale weiß: um den Sieg schneller zu errin-
gen, muß die um die Vernichtung des Kapitalismus und für die Schaf-
fung des Kommunismus kämpfende Arbeiterassoziation eine straff zentrali-
sierte Organisation besitzen. Die Kommunistische Internationale muß wirk-
lich und in der Tat eine einheitliche kommunistische Partei der ganzen Welt
darstellen. Die Parteien, die in jedem Lande arbeiten, erscheinen nur als
ihre einzelnen Sektionen. Der Organisationsapparat der Kommunistischen
Internationale muß den Arbeitern jedes Landes die Möglichkeit gewähr-
leisten, in jedem gegebenen Moment die größtmögliche Hilfe von den
organisierten Proletariern der übrigen Länder zu erhalten."
(Vgl. "Protokoll des H. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale",
Hamburg 1921, S. 600-602.)

Die Hinweise auf die Notwendigkeit einer einheitlichen kommunistischen


Partei für die ganze Welt sind eine konsequente Fortsetzung der Gedanken
Lenins aus dem Jahre 1902. Wie dargelegt, forderte er z. B. in seiner Schrift
"Was tun?" eine straff aufgebaute, von einer Gruppe von erfahrenen Berufs-
revolutionären geleitete Parteiorganisation für Rußland. Ihre Aufgabe sollte es
sein, u. a. das revolutionäre Klassenbewußtsein im Proletariat zu wecken
und einen einheitlichen Willen des Proletariats zu formen. Entsprechend der
dargelegten Theorie Lenins sollte dasselbe in allen anderen Ländern geschehen,
weil anders in seiner Sicht wirkungsvolle Voraussetzungen für den Sturz des
kapitalistischen Systems fehlen würden. An diesem Grundsatz des Theoretikers
Lenin von 1902 hielt der Praktiker Lenin von 1920 fest:
"An die Stelle des alten Drills, der gegen den Willen der Mehrheit in der
bürgerlichen Gesellschaft betrieben wurde, setzen wir die bewußte Disziplin
204 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

der Arbeiter und Bauern, die mit dem Haß gegen die alte Gesellschaft die
Entschlossenheit, Fähigkeit und Bereitschaft verbinden zum Zusammen-
schluß, zur Organisation der Kräfte für diesen Kampf, um aus dem Willen
von Millionen und aber Millionen vereinzelter, zersplitterter, über das
ganze ungeheure Land zerstreuter Menschen einen einheitlichen Willen
zu schmieden, denn ohne diesen einheitlichen Willen werden wir unver-
meidlich geschlagen werden. Ohne diesen Zusammenschluß, ohne diese
bewußte Disziplin der Arbeiter und Bauern ist unsere Sache hoffnungslos.
Ohne das werden wir nicht imstande sein, die Kapitalisten und Gutsbesitzer
der ganzen Welt zu besiegen. Wir werden nicht einmal das Fundament
festigen, geschweige denn auf diesem Fundament die neue kommunistische
Gesellschaft aufbauen."
(Aus Lenins Rede vom 2. 10. 1920: "Die Aufgaben der Jugendverbände",
S.785/786.)

Jedoch schloß selbst eine tatsächlich erreichte Zentralisierung des Willens


des Proletariats innerhalb einer von Berufsrevolutionären geführten Organi-
sation jedes Landes nicht aus, daß der einheitliche Wille des Proletariats in
jedem Lande im internationalen Rahmen mehr oder weniger stark voneinander
abweichen konnte. Das war vor allem in der Anwendung der richtigen Taktik
der kommunistischen Parteien in den verschiedenen Ländern gegenüber
gewissen Ereignissen und Lagen zu erwarten. Die bereits geschilderten
Anweisungen zum Handeln, die Lenin den von ihm als revolutionär anerkann-
ten Parteien in allen Ländern gab, sicherten nicht gleichzeitig die richtige
Einschätzung der innen- und außenpolitischen Lage, von der aus sich aber
erst die richtige Anwendung dieser oder jener Taktik bestimmen ließ. Daher
forderte Lenin, daß der von den kommunistischen Parteien zu schaffende
einheitliche Wille des Proletariats in den einzelnen Ländern sich seinerseits
einem zentralen Willen beugt. Es folgt ergänzend eine Erklärung Lenins, die
die notwendige Bildung eines einheitlichen Willens aller kommunistischen
Parteien mit der Bildung einer einheitlichen Armee vergleicht.
"Wir können mit Stolz sagen: auf dem Ersten Kongreß waren wir eigent-
lich nur Propagandisten. Wir warfen die Grundideen, den Aufruf zum
Kampfe ins Weltproletariat. Wir fragten nur: wo sind die Leute, die sich
fähig fühlen, diesen Weg zu beschreiten? Jetzt steht das vorgeschrittene
Proletariat überall zu uns. Überall sind, wenn auch manchmal schlecht
organisierte und der Reorganisation bedürftige, proletarische Armeen
vorhanden, und wenn unsere internationalen Genossen uns helfen, eine
Gründung der Kommunistischen Internationale 205

einheitliche Armee zu schaffen, dann können uns keine Mängel an unserem


Vorhaben hindern. Dieses Werk ist die Sache der proletarischen Welt-
revolution, das Werk der Schaffung der Räterepublik der Welt."
(Aus Lenins Rede über die Weltlage und die Grundaufgaben der Kommunisti-
schen Internationale vom 19.7.1920, S.39/40.)

Die Frage war nur, wer den zentralen Willen bestimmt, dem sich der Wille
der einzelnen kommunistischen Parteien unterzuordnen hat. Zur Beantwortung
dieser Frage wird zunächst der Wortlaut der Bestimmungen des 1920 be-
schlossenen Organisationsstatuts der Komintern zugrunde gelegt. Er ist für
die von Anfang an vorgesehene Abhängigkeit der kommunistischen Parteien
von einer einzigen Partei sehr aufschlußreich.

,,§ 1. Die neue internationale Arbeitervereinigung ist geschaffen zur Organi-


sierung von gemeinsamen Aktionen der Proletarier der verschiedenen Länder,
die das eine Ziel anstreben: Sturz des Kapitalismus, Errichtung der Diktatur des
Proletariats und einer internationalen Sowjetrepublik zur vollen Beseitigung der
Klassen und zur Verwirklichung des Sozialismus, dieser ersten Stufe der kom-
munistischen Gesellschaft.
§ 2. Die neue internationale Arbeitervereinigung nennt sich: ,Kommunistische
Internationale' .
§ 3. Alle der Kommunistischen Internationale angehörenden Parteien tragen
den Namen: ,Kommunistische Partei des und des Landes (Sektion der Kom-
munistischen Internationale)'.
§ 4. Die höchste Instanz der Kommunistischen Internationale ist der Welt-
kongreß aller ihr angehörenden Parteien und Organisationen. Der Weltkongreß
tritt regelmäßig einmal jährlich zusammen. Der Weltkongreß allein ist berufen,
das Programm der Kommunistischen Internationale zu ändern. Der Weltkongreß
berät und beschließt über die wichtigsten Fragen des Programms und der Taktik,
die mit der Tätigkeit der Kommunistischen Internationale zusammenhängen.
Die Zahl der auf jede Partei oder Organisation entfallenden beschließenden
Stimmen wird durch besonderen Kongreßbeschluß bestimmt.
§ 5. Der Weltkongreß wählt das Exekutivkomitee der Kommunistischen
Internationale, welches das leitende Organ der Kommunistischen Internationale
in der Zeit zwischen den Weltkongressen der Kommunistischen Internationale ist.
Das Exekutivkomitee ist nur dem Weltkongreß verantwortlich.
§ 6. Der Sitz des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale
wird jeweils vom \'V'eltkongreß der Kommunistischen Internationale bestimmt.
§ 7. Ein außerordentlicher Weltkongreß der Kommunistischen Internationale
kann entweder auf Beschluß des Exekutivkomitees oder auf Verlangen der Hälfte
der Parteien, die zur Zeit des letzten Weltkongresses der Kommunistischen
Internationale angehört haben, einberufen werden.
§ 8. Die Hauptarbeit des Exekutivkomitees lastet auf der Partei des Landes,
wo auf Beschluß des Weltkongresses das Exekutivkomitee seinen Sitz hat. Die
206 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Partei des betreffenden Landes entsendet fünf ihrer Vertreter mit beschließender
Stimme in das Exekutivkomitee. Außerdem entsenden die 10 bis 13 bedeutendsten
kommunistischen Parteien, deren Liste von dem ordentlichen Weltkongreß
bestätigt wird, je einen Vertreter mit beschließender Stimme in das Exekutiv-
komitee. Den anderen in die Kommunistische Internationale aufgenommenen
Organisationen und Parteien steht das Recht zu, je einen Vertreter mit beratender
Stimme in das Exekutivkomitee zu delegieren.
§ 9. Das Exekutivkomitee leitet die gesamten Arbeiten der Kommunistischen
Internationale von einer Tagung bis zur anderen, gibt in mindestens vier Sprachen
das Zentralorgan der Kommunistischen Internationale (die Zeitschrift ,Kom-
munistische Internationale') heraus, tritt mit den erforderlichen Aufrufen im
Namen der Kommunistischen Internationale hervor und gibt für alle der Kom-
munistischen Internationale angehörenden Organisationen und Parteien bindende
Richtlinien. Das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale hat das
Recht, von den ihr angehörenden Parteien den Ausschluß von Gruppen und
Personen zu verlangen, die die internationale Disziplin verletzen und ebenso
diejenigen Parteien aus der Kommunistischen Internationale auszuschließen, die
gegen die Beschlüsse des Weltkongresses verstoßen. Diese Parteien haben das
Recht, Berufung beim Weltkongreß einzulegen. Im Bedarfsfalle organisiert das
Exekutivkomitee in den verschiedenen Ländern seine technischen und anderen
Hilfsbüros, die völlig dem Exekutivkomitee untergeordnet sind. Die Vertreter
des Exekutivkomitees erledigen ihre politischen Aufgaben im engsten Kontakt
mit der Parteizentrale des betreffenden Landes.
§ 10. Das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale hat das Recht,
Vertreter von solchen Organisationen und Parteien mit beratender Stimme in
seine Mitte aufzunehmen, die Zwar der Kommunistischen Internationale nicht
angehören, aber mit ihr sympathisieren und ihr nahestehen.
§ 11. Die Organe aller Parteien und aller Organisationen, die der Kommunisti-
schen Internationale angehören und die zu den mit der Kommunistischen Inter-
nationale Sympathisierenden zählen, sind verpflichtet, alle offiziellen Beschlüsse
der Kommunistischen Internationale und ihres Exekutivkomitees zum Abdruck
zu bringen.
§ 12. Die allgemeine Lage in ganz Europa und Amerika zwingt die Kommu-
nisten der ganzen Welt zur Schaffung illegaler kommunistischer Organisationen
neben der legalen Organisation. Das Exekutivkomitee ist verpflichtet, dafür zu
sorgen, daß das überall praktisch verwirklicht wird.
§ 13. In der Regel wird der politische Verkehr zwischen den einzelnen der
Kommunistischen Internationale angeschlossenen Parteien durch das Exekutiv-
komitee der Kommunistischen Internationale geführt. In dringenden Fällen geht
der Verkehr direkt, aber gleichzeitig wird davon dem Exekutivkomitee der
Kommunistischen Internationale Mitteilung gemacht.
§ 14. Die auf dem Boden des Kommunismus stehenden, im internationalen
Maßstabe unter der Leitung der Kommunistischen Internationale zusammen-
geschlossenen Gewerkschaften bilden eine Gewerkschaftssektion der Kommuni-
stischen Internationale. Diese Gewerkschaften delegieren ihre Vertreter zu den
Gründung der Kommunistischen Internationale 207

Weltkongressen der Kommunistischen Internationale durch die kommunistischen


Parteien der betreffenden Länder. Die Gewerkschaftssektion der Kommunistischen
Internationale entsendet einen Vertreter in das Exekutivkomitee der Kommuni-
stischen Internationale mit beschließender Stimme. Das Exekutivkomitee der
Kommunistischen Internationale hat das Recht, einen Vertreter mit beschließender
Stimme in die Gewerkschaftssektion der Kommunistischen Internationale zu
entsenden.
§ 15. Die Kommunistische Jugendinternationale ist als Mitglied der Kom-
munistischen Internationale wie alle übrigen dieser und ihrem Exekutivkomitee
untergeordnet. In das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale
wird ein Vertreter des Exekutivkomitees der Kommunistischen Jugendinterna-
tionale mit beschließender Stimme delegiert. Das Exekutivkomitee der Kom-
munistischen Internationale hat das Recht, in das Exekutivkomitee der Kom-
munistischen Jugendinternationale seinen Vertreter mit beschließender Stimme
zu entsenden.
§ 16. Das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale bestätigt den
internationalen Sekretär der kommunistischen Frauenbewegung und organisiert
die Frauensektion der Kommunistischen Internationale.
§ 17. Bei übersiedlung aus einem Lande in ein anderes erhält jedes Mitglied
der Kommunistischen Internationale brüderliche Unterstützung durch die dortigen
Mitglieder der Kommunistischen Internationale."
(Organisationsstatut der Komintern, beschlossen am 4. 8. 1920, vgl. "Protokoll
des H. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale", Hamburg 1921,
S. 602-606.)

Der Wortlaut des Statuts zeigt die überragende Rolle, die dem schon 1919
gegründeten Exekutivkomitee vorbehalten ist. Die Landespartei, die innerhalb
dieses zahlenmäßig eng begrenzten Gremiums den größten Einfluß ausübt,
mußte dementsprechend die Anweisungen des Exekutivkomitees an alle
übrigen kommunistischen Parteien entscheidend bestimmen. Die Anweisungs-
befugnis des Exekutiv komitees reicht gemäß § 9 sogar bis zu dem Recht,
ganze Parteien auszuschließen und von der Partei eines Landes den Ausschluß
von Gruppen und Personen zu verlangen, "die die internationale Disziplin
verletzen". Wann ein Vergehen auf Grund dieser ungenauen Definition zum
Ausschluß führt, hing fast ganz vom Ermessen des Exekutivkomitees ab.
Nach § 13 soll ein direkter Verkehr der kommunistischen Parteien unter-
einander nur "in dringenden Fällen" erlaubt sein; alle Wünsche einer Partei
an die Bruderpartei eines anderen Landes sind über das Exekutivkomitee zu
leiten. Daraus geht das Bedürfnis nach einer zentralen Kontrolle über den
V erkehr einzelner kommunistischer Parteien untereinander hervor. Deutlich
genug tritt damit von Anfang an das Mißtrauen der sowjetischen KP gegen
die anderen Parteien zutage.
208 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Behutsam umschreibend, verleiht der § 8 der Partei des Landes einen ent-
scheidenden Einfluß, das für den Sitz des Exekutivkomitees vorgesehen ist.
Die Partei jenes Landes erhält im Gegensatz zu den Parteien der anderen
Länder nicht nur eine beschließende Stimme im Exekutivkomitee, sondern
fünf Stimmen. Ihr darüber hinausgehender Einfluß wird so angedeutet:
"Die Hauptarbeit des Exekutivkomitees lastet auf der Partei des Landes,
wo auf Beschluß des Weltkongresses das Exekutivkomitee seinen Sitz hat."
Daß sich dahinter der Wunsch der sowjetischen Verfasser des Statuts
verbarg, vom II. Kongreß der Komintern Moskau als Sitz des Exekutiv-
komitees gewählt zu sehen, blieb wohl keinem ausländischen Teilnehmer
verborgen. In der damals noch zugelassenen Freiheit der Diskussion unter
kommunistischen Funktionären sprachen einige ausländische Teilnehmer ihre
Bedenken aus. Sie kritisierten mehr oder weniger offen Moskaus Übergewicht
innerhalb des Exekutivkomitees. Bemerkenswert war vor allem die Kritik
eines Vertreters der KP Hollands, Wijnkoop:
"Für mich ist die Hauptsache Paragraph 8, und da steht: ,Die Hauptarbeit
des Exekutivkomitees lastet auf der Partei des Landes, wo auf Beschluß des
Weltkongresses das Exekutivkomitee seinen Sitz hat' usw. Ich sage, es
scheint mir, als werde ein Internationales Exekutivkomitee gebildet, in
Wirklichkeit ist es aber nicht der Fall, sondern es wird hier ein erweitertes
russisches Exekutivkomitee gebildet. Nun muß man mich auch verstehen.
Ich habe nichts gegen ein russisches Exekutivkomitee einzuwenden, falls
das nötig ist; und vielleicht ist es jetzt nötig. Falls wir wirklich kein inter-
nationales Exekutivkomitee haben können, müssen wir ein russisches haben,
weil die russische Partei die revolutionärste und die mächtigste ist. Ich habe
nichts dagegen, aber dann soll man es auch sagen; man soll nicht so tun,
als bekämen wir ein internationales Exekutivkomitee. Man soll sagen: in
diesem Moment können wir nichts anderes haben als eine russischeExekutive ;
dieser Kongreß gibt die exekutive Macht in die Hände des russischen
Exekutivkomitees. Ich würde ohne weiteres dafür sein.
Warum geht aber meine Ansicht dahin, daß es sich hier nur um ein er-
weitertes russisches Exekutivkomitee handeln wird, und daß man hier in
diesem Moment keine andere Exekutive haben kann? Weil ich über den
Boykott nicht so optimistisch denke wie einige Genossen 12 • Er besteht für
Rußland und wird vielleicht nicht so bald abgeschwächt werden, obwohl
manche glauben, daß er schon abgeschwächt ist. Sollte das der Fall sein,
12 Wijnkoop meinte damit die von den Westmächten damals noch teilweise
aufrechterhaltene Blockade gegenüber Sowjetrußland.
Gründung der Kommunistischen Internationale 209

so wäre natürlich mein Argument nicht mehr am Platze. Vorläufig ist es


aber nicht der Fall. Ich gebe nur ein Beispiel. Wenn man hier ist, d. h.
wenn man die Delegierten der größten Parteien hierher sendet, so können
diese Delegierten die Weltlage nicht kontrollieren, denn sie bekommen keine
Berichte über die Weltpolitik. Sie hören nicht genug über die Organisationen
in den verschiedenen Ländern; man bekommt nur Berichte darüber, was
hier geschieht. Falls es möglich ist, daß zehn der besten Männer der inter-
nationalen Bewegung hierher geschickt werden, dann verlieren sie den
Kontakt mit ihrem eigenen Lande, dann werden sie nur von Rußland in-
formiert, und ob sie nun große oder kleine Charaktere und Intelligenzen sind,
sie werden geführt werden müssen von den russischen Informationen und
also von der russischen Exekutive. Das kann nicht anders sein und es ist
auch nicht anders denkbar, weil sie den Kontakt mit ihrem eigenen Lande
verlieren. Ich sage also, daß die Personen, die hierher kommen, den Kontakt
mit ihren Ländern verlieren, und falls man in dieser Exekutive Beschlüsse
faßt, wird man vielleicht in diesen Ländern sagen: Dort weilt dieser und
jener unserer Führer; er ist doch auch dabeigewesen und doch hat man
diesen oder jenen Beschluß angenommen, der schlecht ist, weil er der wirk-
lichen Situation in den Ländern Europas und Amerikas nicht Rechnung
trägt. Die Arbeiter dieser Länder würden sich noch mehr loslösen von
ihren Führern, die doch hierher gekommen sind, um die Verbindung zwi-
schen Moskau und der Welt aufrechtzuerhalten; denn sie würden zur Über-
zeugung gelangen, daß ihre Führer den sicheren Überblick über die Weltlage
verloren haben. Ich meine also, daß man die Sache nicht so machen kann.
Ich habe den Vorschlag gemacht, die Exekutive außerhalb Rußlands unter-
zubringen. Ich glaube, diese Frage sollte hier diskutiert werden. Ich habe
Italien oder Norwegen als Aufenthaltsort für die Exekutive vorgeschlagen,
weil ich meine, daß die Arbeiterbewegung jetzt in diesen Ländern stark
genug ist, um dort die Zusammenkunft einer internationalen Exekutive
zustande zu bringen. Genosse Levi hat Deutschland als Sitz der Exekutive
vorgeschlagen; ich wäre übrigens mit Deutschland ebenso einverstanden
wie mit Norwegen oder Italien, einerseits, weil in diesen Ländern eine
genügend starke Arbeiterbewegung vorhanden ist, andererseits, weil
man dort auch über die Weltlage informiert ist. Die russische Delegation
kann doch auch nach Norwegen kommen und auch nach Italien. Der Ge-
nosse Levi meint) sie könne auch nach Deutschland kommen. Diese Frage
habe ich zur Diskussion vorgeschlagen. Wenn der Kongreß meint, daß
eine Veränderung des Sitzes der Exekutive unmöglich ist, dann kann in
210 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

diesem Moment kein wirklich internationales Exekutivkomitee bestehen,


und man muß sich mit einem russischen begnügen. Diese Frage ist sehr
wichtig, weil wir diesem Exekutivkomitee eine sehr große Macht geben,
die so weit geht, daß die Exekutive sogar ganze Parteien, Gruppen und
Personen ausschließen kann. Das kann sie doch aber nur tun, wenn sie die
Situation in den verschiedenen Ländern ganz genau kennt. Das ist der
Grund, warum ich der Meinung bin, daß man die Statuten nicht ohne
weiteres in ihrer jetzigen Fassung annehmen kann."
(Aus der Diskussionsrede des holländischen Kommunisten Wijnkoop, vgl. "Pro-
tokoll des H. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale", Hamburg
1921, S. 583-585.)

Die Antwort des Vorsitzenden des Exekutivkomitees der Komintern, des


Sowjetrussen Sinowjew, damals eines der engsten Mitarbeiter Lenins, war
eine gewundene und dürftige Widerlegung. Sie bestätigte indirekt den Wunsch
der KP Sowjetrußlands, Moskau als Sitz des Exekutivkomitees zu sehen.
Sinowjew sagte aber zur Beruhigung der ausländischen Kongreßteilnehmer,
daß mit der Höchstzahl von fünf stimmberechtigten Delegierten eines Landes
gegenüber einer Gesamtzahl von 15 bis 18 keine kommunistische Partei eines
Landes die anderen im Exekutivkomitee überstimmen könnte. Daher wäre es
nach Sinowjews Meinung falsch, das Exekutivkomitee als erweitertes russi-
sches Komitee zu bezeichnen:
"Dann kommen wir zur zweiten Frage im Paragraphen 8 über die Exe-
kutive. Genosse Wijnkoop hat hier vorgeschlagen, man solle die Exekutive
vielleicht nach Norwegen verlegen. Man kann verschiedene Projekte auf-
stellen, man könnte einige exotische Republiken finden. Ich muß aber fest-
stellen, daß hier im Paragraphen 8, wie überhaupt in den Statuten, kein Wort
von Rußland steht. Das ist eine Frage für sich, die wir besonders disku-
tieren und entscheiden müssen. Die Statuten sagen: ,Der Sitz des Exekutiv-
komitees der Kommunistischen Internationale wird jeweils vom Welt-
kongreß der Kommunistischen Internationale bestimmt.' Sollte es sein,
daß die proletarische Revolution in Frankreich oder England siegt, so
werden wir selbstverständlich dem zustimmen, daß die Exekutive in eines
dieser Länder verlegt wird. Hier ist von Rußland gar nicht die Rede. Das
ist eine selbständige Frage. Daher greift man nicht vor. Hier ist das Prinzip
aufgestellt, daß der Kongreß beschließen muß, wo die Exekutive ihren
Sitz haben soll ...
Wijnkoop sagt, die Exekutive werde ein erweitertes russisches Komitee
sein. Ich aber sage: Vielleicht wird sie ein erweitertes holländisches Komitee
Gründung der Kommunistischen Internationale 211

sein. Es handelt sich nur darum, daß das Exekutivkomitee 15 Mitglieder


haben soll: 5 aus einem Lande und 10 von den anderen Parteien der ver-
schiedenen Länder, die zur Kommunistischen Internationale gehören. Das
wird ein internationales Komitee sein. Also wie kann man behaupten, daß
dies lediglich ein erweitertes russisches Komitee sein wird? Es wird dies
ein internationales Komitee sein in dem Falle, daß alle diese 10 Parteien
ihre Delegierten entsenden, und das sollen sie tun."
(Aus Sinowjews Diskussionsrede vom 4.8. 1920, vgl. "Protokoll des II. Welt-
kongresses der Kommunistischen Internationale'<, Hamburg 1921, S.594/595.)

Gegen die Behauptung Sinowjews, daß die Höchstzahl von fünf Stimmen
der Partei eines einzigen Landes keinen entscheidenden Einfluß auf die Politik
des Exekutivkomitees verleihen könnte, sprach vieles:
Dagegen sprach unter anderem der § 8 des Statuts. Er schreibt der KP jenes
Landes "die Hauptarbeit" zu, in dem sich der Sitz des Exekutivkomitees
befindet. Von dieser "Hauptarbeit" ist die Rede, obschon auf dieses Land nur
fünf Stimmen von 15 bis 18 Stimmen entfallen sollen. Mit der tatsächlichen
Wahl Moskaus als Sitz des Exekutivkomitees mußten sich eine Reihe von
bereits unsichtbar wirksamen Abhängigkeiten der kommunistischen Par-
teien von der KP Sowjetrußlands verstärken:
1. Für die Finanzierung der kommunistischen Parteien außerhalb Sowjet-
rußlands war die KP Sowjetrußlands unentbehrlich. Gerade die radikalen
Ziele der kommunistischen Parteien erschwerten es außerordentlich, selbst
unter den Kleinproduzenten Geldgeber zu finden. Eine staatliche finanzielle
Unterstützung in den Gebieten außerhalb Sowjetrußlands zu erhalten, war
ebenfalls eine fast aussichtslose Sache. Auch die Mitgliederbeiträge boten mit
Rücksicht auf die nicht große Mitgliederzahl der ausländischen kommunisti-
schen Parteien nur eine geringe Hilfe. Um so mehr mußte daher die finanzielle
Abhängigkeit dieser Parteien von Moskau wachsen.
2. Die KP Sowjetrußlands konnte in dem von ihr beherrschten Gebiet die
einzige Zufluchtstätte bieten, um die in ihrer Freiheit und ihrem Leben zeit-
weise bedrohten ausländischen Kommunisten dem Zugriff der Behörden
dieser Staaten endgültig zu entziehen.
3. Die KP Sowjetrußlands war damals die einzige, die eine Armee besaß.
Das konnte für das Gelingen eines zukünftigen kommunistischen Aufstandes
in diesem oder jenem Land von entscheidender Bedeutung werden.
4. Der KP Sowjetrußlands war es als einziger KP gelungen, aus eigener
Kraft mit Gewalt an die Macht zu gelangen. Sowohl dies als auch die Tatsache,
212 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

daß die KP Sowjetrußlands unter schwierigen Umständen trotz ihrer Minder-


heit die Macht fest in den Händen behielt, gaben ihr einen Schatz von Er-
fahrungen, der ihr als Lehrer der anderen kommunistischen Parteien eine große
Autorität verlieh.
5. Wie es die Handlungen der KP Sowjetrußlands noch klarmachen sollten,
war Moskau fest entschlossen, diese vielfache Vorzugsstellung gegenüber den
anderen kommunistischen Parteien auszunutzen.
Berücksichtigt man diese Gesichtspunkte, dann braucht die Umwandlung der
Kommunistischen Internationale in ein Instrument der sowjetischen KP
bereits im Jahre 1920 nicht verwunderlich zu sein. Die u. a. einstimmige
Annahme des erwähnten Organisations statuts auf dem H. Kongreß der
Komintern fand statt 13, obschon Sinowjew bereits vorher einen noch stärkeren
Einfluß des Exekutivkomitees in Aussicht gestellt hatte, als er bereits aus den
Statuten hervorging. Das Statut ließ es offen, wie oft das Exekutivkomitee
tagt und wo sich die ausländischen Mitglieder des Exekutivkomitees in der
Zeit zwischen den Tagungen aufhalten. Sinowjew aber bestand darauf, daß sich
die Mitglieder auf viele und schnell einberufene Tagungen des Exeku tiv-
komitees einrichten müßten. Dementsprechend forderte er die fast ununter-
brochene Anwesenheit höchster ausländischer Vertreter in der Stadt, in der das
Exekutivkomitee seine Tagungen abhalten würde, also praktisch in Moskau.
Damit erhöhten sich die Möglichkeiten des sowjetischen Einflusses auf die
ausländischen Vertreter. Stark beeinflußt und möglicherweise von ihren
Parteien lang getrennt, konnten diese Vertreter zu unselbständigen Helfern
der KP Sowjetrußlands herabsinken. Sollte dies eintreten, so würden sie von
sowjetischen Vertretern verfaßte Richtlinien unterzeichnen, die nach § 9
des Statuts für alle kommunistischen Parteien verbindlich wären. Äußerlich
ließ sich dabei der Schein wahren, als hätte ein internationales Gremium die
Richtlinien für alle kommunistischen Parteien verfaßt. Wir bringen nunmehr
die Erklärung Sinowjews über die Häufigkeit der Tagungen des Exekutiv-
komitees und über den Wohnort der ausländischen Mitglieder dieses Komitees:
"Wir wollen jetzt eine zentralisierte internationale Organisation haben,
die immer Anweisungen geben kann. Wir haben die Exekutive mit großen
Rechten ausgestattet, bis zum Ausschluß ganzer Parteien. Da müssen die
Parteien schon dafür sorgen, daß sie auch einen Vertreter hier haben.
Sonst haben wir umsonst gearbeitet und können dem Weltproletariat nicht
erklären: wir haben jetzt eine zentralisierte Internationale. Darum bin ich
13 V gl. "Protokoll des H. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale",
Hamburg 1921, S. 606.
Gründung der Kommunistischen Internationale 213

gegen den Vorschlag, den Genosse Levi gemacht hat, nämlich, daß einmal
in drei Monaten eine Plenarsitzung der Exekutive stattfinden soll. Ich habe
gestern in der Kommission etwas geschwankt. Ich war der Meinung, wir
sollten unseren deutschen Freunden Konzessionen machen. Aber wenn man
das überdenkt, was Genosse Levi vorschlägt, nämlich, daß die Vertreter
der Parteien nur in besonderen Fällen delegiert werden sollen oder nur
einmal in drei Monaten, so ist es ja klar, daß das ohnehin geschehen wird,
daß alle Parteien so handeln werden. Es wird dann einmal in drei Monaten
eine Parade sitzung stattfinden, aber in der Zwischenzeit werden wir keine
handelnde Exekutive haben. Darum müssen wir unseren Freunden erklären:
Obwohl es Euch schwerfällt, immer einen Genossen hier zu halten, müßt
Ihr doch dieses Opfer bringen, weil es ein Opfer im Interesse Eurer eigenen
Partei ist. Die Kommunisten werden diese Frage nicht so stellen wie etwa
die Unabhängigen, die ein Doppelspiel spielen, indem sie den Kampf auf
ein Blatt setzen und die Kommunistische Internationale auf das andere.
Man soll eben sagen: das ist doch dasselbe Blatt. Wir sind eine einige
internationale Partei, die Filialen in verschiedenen Ländern hat. Die Arbeit
in der Internationale ist für Deutschland ebenso wichtig wie für Rußland."
(Aus Sinowjews Diskussionsrede vom 4. 8. 1920, S.596/597.)

Ein weiteres Zeichen für die bereits 1920 beginnende Unterordnung der
kommunistischen Parteien unter die KP Sowjetrußlands war die Annahme
der 21 Bedingungen Lenins für die Aufnahme von Parteien in die III. Inter-
nationale. Es genügte nicht das Bekenntnis der daran interessierten Parteien
zu den Zielen und der Taktik Lenins. Sie mußten sich auch organisatorisch
nach den Richtlinien Lenins umgestalten. Zu den organisatorischen Fragen für
ausländische Parteien hatte sich Lenin in seinen Aufnahmebedingungen u. a.
wie folgt geäußert:
,,11. Parteien, die der III. Internationale angehören wollen, sind verpflich-
tet, den persönlichen Bestand ihrer Parlamentsfraktionen einer Revision
zu unterwerfen, alle unzuverlässigen Elemente aus ihnen zu beseitigen, diese
Fraktionen nicht nur in Worten, sondern in der Tat den Parteivorständen
unterzuordnen, von jedem einzelnen kommunistischen Parlamentsmitglied
fordernd, es möge seine gesamte Tätigkeit den Interessen einer wirklich
revolutionären Propaganda und Agitation unterwerfen.
12. Genauso müssen die periodische und unperiodische Presse und alle
Parteiverlage voll und ganz dem Parteivorstande unterstellt werden, ganz
abgesehen davon, ob die Partei in ihrer Gesamtheit in dem betreffenden
214 Die Praxis der sowjetischen Aupenpolitik unter Lenin

Moment legal oder illegal ist. Es ist unzulässig, daß die Verlage, ihre Auto-
nomie mißbrauchend, eine Politik führen, die der Politik der Partei nicht
voll entspricht.
13. Die der Kommunistischen Internationale angehörenden Parteien müs-
sen auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus aufgebaut werden.
In der gegenwärtigen Epoche des verschärften Bürgerkrieges wird die
kommunistische Partei nur in dem Fall imstande sein, ihrer Pflicht zu
genügen, wenn sie auf möglichst zentralistische Weise organisiert sein
werden. In der gegenwärtigen Epoche des verschärften Bürgerkrieges wird
die kommunistische Partei nur in dem Fall imstande sein, ihrer Pflicht
zu genügen, wenn sie auf möglichst zentralistische Weise organisiert sein
wird, wenn eiserne Disziplin in ihr herrscht und wenn ihr Parteizentrum
ein Organ mit der Fülle der Macht, Autorität und den weitestgehenden
Befugnissen ist, von dem Vertrauen der Parteimitgliedschaft getragen."
(Aus Lenins "Bedingungen zur Aufnahme in die Kommunistische Internationale",
1920, S. 13/14.)

Alle diese von Lenin für richtig gehaltenen Eingriffe in die Organisationen
von ausländischen Parteien wurden auf dem 11. Komintern-Kongreß durch
einen wichtigen Artikel ergänzt. Von den anwesenden ausländischen Ver-
tretern wurde erwartet, auch mit den Bestimmungen des neuen Artikels
einverstanden Zu sein.
,,20. Diejenigen Parteien, die jetzt in die Kommunistische Internationale
eintreten wollen, aber ihre bisherige Taktik nicht radikal geändert haben,
müssen vor ihrem Eintritt in die Kommunistische Internationale dafür
sorgen, daß nicht weniger als zwei Drittel der Mitglieder ihrer Zentralinsti-
tutionen aus Genossen bestehen, die sich noch vor dem II. Kongreß der
Kommunistischen Internationale unzweideutig für den Eintritt der Partei
in die Kommunistische Internationale öffentlich ausgesprochen haben.
Ausnahmen sind zulässig mit Zustimmung des Exekutivkomitees der
Komministischen Internationale. Die Exekutive der Kommunistischen
Internationale hat das Recht, auch für die im § 7 genannten Vertreter der
Zentrumsrichtung Ausnahmen zu machen."
(Vgl. "Protokoll des H. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale",
Hamburg 1921, S.658.)

Hier wurde eine bestimmte personelle Zusammensetzung der zentralen


Gremien der ausländischen Parteien verlangt, wobei das "unzweideutig"
positive Verhalten von Parteimitgliedern zum Eintritt in die Kommunistische
Gründung der Kommunistischen Internationale 215

Internationale schon zu einem vergangenen, nicht zukünftigen Zeitpunkt


maßgebend für die Zugehörigkeit zu zentralen Gremien sein sollte. Deutlich
sprach aus dieser Bestimmung das Ziel Lenins, lieber weniger, aber Moskau
sich unterordnende Parteien als viele, aber Moskau unzuverlässig erscheinende
Parteien zu Mitgliedern der Kommunistischen Internationale zu machen.
Für die bereits schon damals sichtbare Abhängigkeit der Teilnehmer aus-
ländischer kommunistischer Parteien am H. Komintern-Kongreß war die
Annahme der 21 Aufnahmebedingungen Lenins charakteristisch. Nur zwei
Stimmen sprachen sich gegen diese Annahme aus 14 •
Nur ein anderer Ausdruck für die fortschreitende Abhängigkeit der aus-
ländischen kommunistischen Parteien von Moskau war es, als ihre Vertreter
bereits auf dem Ir. Komintern-Kongreß die sowjetische Forderung annahmen,
daß die Interessen Sowjetrußlands mit den Interessen der Kommunistischen
Internationale gleichzusetzen und daher bedingungslos zu unterstützen sind.
,,15. Jede Partei, die der Kommunistischen Internationale anzugehören
wünscht, ist verpflichtet, einer jeden Sowjetrepublik in ihrem Kampfe
gegen die konterrevolutionären Kräfte einen bedingungslosen Beistand zu
leisten. Die kommunistischen Parteien müssen eine unbeugsame Propa-
ganda führen für die Weigerung der Arbeiter, Kriegsmunition zu transpor-
tieren, die an die Feinde von Sowjetrepubliken adressiert ist, sie müssen
unter den zur Erdrosselung von Arbeiterrepubliken entsandten Truppen
legal oder illegal Propaganda treiben usw."
(Aus Lenins "Bedingungen zur Aufnahme in die Kommunistische Internationale"
1920, S. 14.)
*
"Die Sache Sowjetrußlands wurde von der Kommunistischen Inter-
nationale zu ihrer eigenen gemacht. Das internationale Proletariat wird das
Schwert nicht niederlegen, solange Sowjetrußland nicht ein Glied in der
Föderation der Räterepubliken der ganzen Welt bildet."
(Aus dem "Manifest des Ir. Kongresses der Kommunistischen Internationale",
vom August 1920, vgl. "Protokoll des H. Weltkongresses der Kommunistischen
Internationale", Hamburg 1921, S. 741.)

So wurde bereits 1920 der von Lenin geforderte einheitliche Wille inner-
halb der einzelnen kommunistischen Parteien noch einmal einem überge-
ordneten Willen unterworfen. Es ist ein vielfach verbreiteter Irrtum, daß erst
Stalin die Organisation der Kommunistischen Internationale zu einem Instru-
14. Vgl. "Protokoll des H. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale",
Hamburg 1921, S. 658.
216 Die Praxis der sowjetischen Aupenpolitik unter Lenin

ment der sowjetischen Außenpolitik gemacht hat. Schon 1920 gab es viele
Anzeichen für diese Rolle der Kommunistischen Internationale. Davon bleibt
unberührt, daß diese Organisation zur Zeit der Herrschaft Stalins von Moskau
noch abhängiger werden sollte als vorher. Im letzten Jahr der noch aktiven
Tätigkeit Lenins (1922) bestätigte sein enger Mitarbeiter Sinowjew die Füh-
rung der Komintern durch die KP Sowjetrußlands. Einen Konflikt zwischen
den Interessen der Sowjetregierung und denen der ausländischen kommu-
nistischen Parteien kann es nach Sinowjew nie geben.
"In diesem Sinne stehen auch die Einstellung des dritten Kongresses so-
wie die Thesen über die Einheitsfront in Beziehung zu der Lage Sowjet-
rußlands. Das bedeutet aber keineswegs, daß die russische Partei, die die
Führung in der Komintern hat, diese zu irgendwelchen egoistischen Zwecken
ihres Landes mißbrauchen will. Wer dies behauptet, begeht eine Schän-
dung an der Komintern überhaupt. Es ist unmöglich, daß das Interesse
einer proletarischen Regierung der Welt sich mit den Interessen des ganzen
Proletariats nicht deckt. Die neue Lage wird also durch die Lage der russi-
schen Revolution beeinflußt, ebenso wie durch die Kämpfe der deutschen,
der englischen und der französischen Arbeiter, und in größerem Maße als
durch diese, weil in den letzten Jahren der Kampf des russischen Proleta-
riats von größerer Bedeutung war als der gegenwärtige Kampf in anderen
Ländern. Aber dabei kann man nicht behaupten, daß ein Mißbrauch der
Komintern zu egoistischen Zwecken der ersten Arbeiterregierung besteht.
Wer dies behauptet, stellt sich auf den Boden der 2. und 2Y2. Internationale,
der versteht nicht, daß die tieferen historischen Interessen des ersten sieg-
reichen proletarischen Staates sich mit denen der Arbeiterklasse der ganzen
Welt decken."
(Aus der Rede Sinowjews vom 24. 2. 1922, vgl. Bibliothek der Kommunistischen
Internationale, Nr. 27: "Die Taktik der Kommunistischen Internationale gegen
die Offensive des Kapitals", Hamburg 1922, S.36.)

Mit der Organisation der Kommunistischen Internationale schuf sich Lenin


ein zusätzliches Instrument sowjetischer Außenpolitik. Im Gegensatz zu allen
anderen Staaten, eröffneten sich damit für Sowjetrußland Aussichten, gegen
die Regierung eines anderen Staates nicht nur die bisher üblichen außenpo-
litischen Druckmittel anzuwenden. Auch von innen her ließ sich die Position
einer zu bekämpfenden ausländischen Regierung unterhöhlen. Bestünden die
kommunistischen Parteien des Auslandes aus Sowjetrussen, so würde ihre
den Interessen eines anderen Staates dienende Funktion jedem Volk außer-
halb Sowjetrußlands sofort offenbar werden. Weil aber die Mitglieder der
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 217

ausländischen kommunistischen Parteien aus Angehörigen der betreffenden


Völker bestehen, treten "Landsleute" vor ihren Völkern auf. Das erleichtert
es ihnen, überzeugend von den Interessen der eigenen Arbeiterklasse oder des
eigenen Volkes zu sprechen, während genauso sprechenden kommunistischen
Vertretern aus einem fremden Land eine erfolgreiche Tätigkeit wahrschein-
lich versagt bleiben würde.

IV. Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten

1. Deutschland

Als Lenin am 8. November 1917 mit seinem "Dekret über den Frieden"
alle Regierungen und Völker der Welt zu erreichen versuchte, war Rußland
noch ein Verbündeter Großbritanniens, Frankreichs und der Vereinigten
Staaten im Kriege gegen Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und die
Türkei. Zu jener Zeit hielten die deutschen und österreichisch-ungarischen
Truppen die westlichen Gebiete Rußlands - Polen, Litauen, ein Teil Lett-
lands bis Riga - besetzt. Die Mittelmächte unter Führung Deutschlands er-
klärten sich zu Friedensverhandlungen mit Sowjetrußland bereit. Von An-
fang an war jedoch klar, daß diese Mächte nicht beabsichtigten, die von Lenin
verkündeten Friedensbedingungen in Erwägung zu ziehen. Dem am 2. De-
zember 1917 abgeschlossenen Waffenstillstand für vier Wochen folgte am
9. Dezember der Beginn der Friedensverhandlungen.

a) Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk (3.3. 1918)

Der maßgebende Vertreter der Mittelmächte bei diesen Verhandlungen


war der deutsche General Hoffmann. Als die Sowjetregierung die Annahme
der sehr weitgehenden territorialen Forderungen vor allem Deutschlands
hinauszuzögern versuchte (sie hoffte auf einen Ausbruch der Revolution u. a.
in Deutschland), begann am 18. Februar 1918 eine deutsche Offensive, die in
wenigen Wochen den russischen Truppen das nördliche Lettland, ferner
Estland, weite Teile der Ukraine (einschließlich Kiews) entriß. Schon am
19. Februar erklärte sich die Sowjetregierung bereit, die ihr gestellten Friedens-
bedingungen anzunehmen. Am 3. März 1918 unterzeichnete die Sowjetregie-
rung in Brest-Litowsk einen Friedensvertrag, der für sie noch schwerere Be-
dingungen enthielt, als dies Ende Dezember 1917 der Fall war. Sie hatte auf
Polen, das baltische Randgebiet (Estland, Lettland, Litauen), Finnland, die
218 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Ukraine, auf die südkaukasischen Gebiete Ardahan, Kars und Batum zu ver-
zichten. Mehr noch als der territoriale Verlust fiel der wirtschaftliche Verlust
ins Gewicht: Rund drei Viertel des Kohlenbergbaus und der Eisenindustrie,
die fruchtbarsten landwirtschaftlichen Gebiete.
Es lag nicht an Lenin, daß die Sowjetregierung die nicht so schweren
Friedensbedingungen vom Dezember 1917 abgelehnt hatte und nunmehr
einen für sie noch ungünstigeren Friedensvertrag unterzeichnen mußte. Bei
der damals noch verhältnismäßig lockeren Organisation seiner Partei sah sich
Lenin einer heftigen Opposition innerhalb des Zentralkomitees gegenüber.
Dieser Opposition, besonders unter der Führung Bucharins, erschienen die
Friedensbedingungen so schändlich, daß sie die Unterzeichnung solcher Be-
dingungen als Verrat an der Sache des internationalen Proletariats ansah. Auf
die Hilfe des Proletariats Deutschlands und anderer Staaten hoffend, wünschte
die sogenannte linke Opposition die Fortsetzung des Krieges selbst auf die
Gefahr eines Unterganges hin. In einer eigenen Zeitschrift, die den Titel
"Kommunist" trug, vertrat sie ihren abweichenden Standpunkt.
Mehrfach vergeblich beschwor Lenin diese Opposition, die gegebene Lage
in militärischer, psychologischer und wirtschaftlicher Hinsicht zu berück-
sichtigen. Er setzte schließlich die Unterzeichnung des Friedensvertrages von
Brest-Litowsk am 3. März 1918 durch. Seine die Mehrheit des Zentralkomitees
überzeugenden Argumente versuchte er auch gegenüber dem 7. Parteitag
durchzusetzen. Dieser Parteitag trat am 6. März 1918 zusammen, um zu der
vollzogenen Unterzeichnung des Friedensvertrages Stellung zu nehmen und
seine Ratifizierung zu befürworten oder abzulehnen. Vor diesem Kongreß
hielt Lenin am 7. März seine "Rede über Krieg und Frieden", eine seiner ein-
drucksvollsten Reden. Was er an wichtigen Gründen für die Unterzeichnung
des Friedensvertrages dort anführte, soll jetzt im Wortlaut folgen. Der besseren
Übersichtlichkeit dienen einige von uns daneben gesetzte Hinweise.
Von der Periode "Von dem ununterbrochenen Triumphzug im Oktober, November, De-
des Triumph-
zuges in eine zember an unserer inneren Front, gegen unsere Konterrevolution, gegen
schwere Krise die Feinde der Sowjetmacht, mußten wir zum Kampf gegen den wirklichen
internationalen Imperialismus mit seinem wirklich feindlichen Verhalten
zu uns übergehen. Von der Periode des Triumphzuges mußten wir zu einer
ungewöhnlich schwierigen und drückenden Periode übergehen, die man
natürlich mit Worten, glänzenden Losungen nicht abtun kann - so ange-
nehm das auch wäre. Denn die Massen waren in unserem zerrütteten Lande
unglaublich erschöpft. Sie waren so weit gebracht worden, daß eine Fort-
setzung des Krieges ganz unmöglich war; sie waren durch den qualvollen
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 219

dreijährigen Krieg derart zermürbt worden, daß sie für den Krieg absolut
untauglich wurden. Schon vor der Oktoberrevolution sahen wir Vertreter
der Soldatenmassen, die nicht zu der Partei der Bolschewiki gehörten, sich
jedoch nicht scheuten, vor der gesamten Bourgeoisie die Wahrheit auszu-
sprechen, nämlich, daß die russische Armee nicht kämpfen werde. Dieser
Zustand der Armee schuf eine ungeheure Krise. Das seiner Zusammen-
setzung nach kleinbäuerliche Land, das durch den Krieg zerrüttet und in
einen furchtbaren Zustand gebracht worden war, befindet sich in einer
außerordentlich schweren Lage: wir haben keine Armee, müssen aber neben
einem bis an die Zähne bewaffneten Räuber leben, der vorläufig noch ein
Räuber ist und bleibt, den unsere Agitation für einen Frieden ohne Annexi-
onen und Kontributionen natürlich kalt lassen mußte. Ein friedliches Haus-
tier lag neben einem Tiger und wollte ihn überzeugen, daß ein Friede ohne
Annexionen und Kontributionen geschlossen werden müsse, während das
das nur durch einen Überfall auf den Tiger erreicht werden konnte. Über
diese Perspektive versuchten die Spitzen unserer Partei - Intellektuelle und
ein Teil der Arbeiterorganisationen - sich hauptsächlich mit Phrasen und
Ausflüchten hinwegzusetzen: das darf nicht sein. Dieser Friede war eine
allzu unwahrscheinliche Perspektive: wie konnten wir, die wir bisher mit
entrollten Fahnen in den offenen Kampf zogen und mit Hurrageschrei alle
Feinde überrannten, zurückweichen und demütigende Bedingungen an-
nehmen? Niemals! Wir sind zu stolze Revolutionäre, wir erklären vor
allem: ,Der Deutsche kann nicht angreifen!'
Das war die erste Ausflucht, mit der sich diese Leute trösteten. Die Ge- Revolution
in ganz Europa
schichte hat uns jetzt in eine außerordentlich schwierige Lage gebracht: als endgültige
wir müssen durch eine unerhört schwierige organisatorische Arbeit eine Rettung
Reihe qualvoller Niederlagen überwinden. Gewiß, wenn man an die Dinge
den welthistorischen Maßstab anlegt, so kann auch nicht der geringste
Zweifel darüber bestehen, daß der Endsieg unserer Revolution eine hoff-
nungslose Sache wäre, wenn sie allein bliebe, wenn es in den anderen Län-
dern keine revolutionäre Bewegung gäbe. Wenn wir, die bolschewistische
Partei, allein das ganze Werk in unsere Hände genommen haben, so haben
wir das in der Überzeugung getan, daß die Revolution in allen Ländern
heranreift, daß die internationale sozialistische Revolution letzten Endes
- und nicht gleich zu Anbeginn - ausbrechen wird, trotz aller Schwierig-
keiten, die wir durchzumachen haben werden, trotz aller Niederlagen, die
uns beschieden sein werden, denn die internationale sozialistische Revo-
lution marschiert; denn sie reift und wird völlig ausreifen. Unsere Rettung
220 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

aus all diesen Schwierigkeiten - das wiederhole ich nochmals - ist die Re-
volution in ganz Europa. Wenn wir von dieser Wahrheit, dieser ganz ab-
strakten Wahrheit ausgehen, wenn wir uns von ihr leiten lassen, so müssen
wir darauf achten, daß sie nicht mit der Zeit zur Phrase werde, denn jede
abstrakte Wahrheit wird zur Phrase, wenn man sie ohne jegliche Analyse
anwendet ...
Gegen eine Genauso wie absolut nicht bestritten werden kann, daß alle Schwierig-
abenteuerliche
Außenpolitik
keiten unserer Revolution erst dann überwunden sein werden, wenn die jetzt
überall heranreifende Weltrevolution vollständig ausgereift sein wird, genau-
so ist auch die Behauptung ganz absurd, daß wir jede gegebene konkrete,
augenblickliche Schwierigkeit unserer Revolution dadurch bemänteln müs-
sen, daß wir sagen: ,Ich setze auf die internationale sozialistische Bewegung,
ich dad jede beliebige Dummheit machen.' ,Liebknecht wird uns aus der
Klemme helfen, weil er sowieso siegen wirdl' Er werde eine so großartige
Organisation schaffen, werde alles im voraus so fesdegen, daß wir nur die
fertigen Formen zu übernehmen brauchen werden, so wie wir die fertige
marxistische Lehre aus Westeuropa übernommen haben. Gerade deshalb
habe sie bei uns gewissermaßen in wenigen Monaten gesiegt, während im
Westen zu ihrem Sieg Jahrzehnte edorderlich waren. Also, es ist ein ganz
sinnloses Abenteuer, die alte Methode, Fragen des Kampfes im Triumphzug
zu lösen, auf die neue historische Periode zu übertragen, die herangebrochen
ist, die uns nicht Schwächlinge wie Kerenski und Kornilow, sondern einen
internationalen Räuber - das imperialistische Deutschland - entgegenstellte,
wo die Revolution eben erst heranreift, aber bekanntlich noch nicht aus-
gereift ist. Ein ebensolches Abenteuer war die Behauptung, daß der Feind
sich nicht zum Angriff auf die Revolution entschließen werde. Während der
Verhandlungen in Brest-Litowsk brauchten wir noch nicht alle beliebigen
Friedensbedingungen anzunehmen. Das objektive Kräfteverhältnis war so,
daß die Erlangung einer Atempause für uns zu wenig war. Die Verhand-
lungen in Brest-Litowsk sollten dann zeigen, daß der Deutsche angreifen
wird, daß die deutsche Gesellschaft noch nicht so schwanger mit der Revolu-
tion geht, daß diese sofort ausbrechen müßte. Und man kann es den deut-
schen Imperialisten nicht als Schuld anrechnen, daß sie durch ihr Verhalten
diesen Ausbruch noch nicht vorbereitet haben oder, wie sich unsere jungen
Freunde, die sich für Linke halten, ausdrücken, noch keine solche Lage ge-
schaffen haben, in der der Deutsche nicht angreifen kann 14a \'Venn man
Ha Der deutsche Text dieses Satzes wurde nach dem russischen Text korrigiert
(vgJ. Lenin, "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg., Bd. 22, Moskau 1937, S. 320.
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 221

ihnen sagt, daß wir keine Armee haben, daß wir gezwungen waren zu
demobilisieren - gezwungen waren, obwohl wir keineswegs vergessen
hatten, daß neben unserem friedlichen Haustier ein Tiger lag -, dann wollen
sie es nicht begreifen. Wenn wir gezwungen waren, die Armee zu demobili-
sieren, so hatten wir doch keineswegs vergessen, daß man durch den ein-
seitigen Befehl, die Waffen hinzuwerfen, den Krieg nicht beenden kann.
Wie kam es überhaupt, daß keine einzige Strömung, keine einzige Rich- Warum mußten
wir die Armee
tung, keine einzige Organisation unserer Partei gegen diese Demobili- demobilisieren ?
sierung war? Hatten wir denn ganz den Verstand verloren? Keineswegs.
Offiziere, keine Bolschewiki, erklärten bereits vor dem Oktober, daß die
Armee nicht kämpfen könne, daß es unmöglich sei, sie auch nur einige
Wochen an der Front zu halten. Nach dem Oktober wurde das für jeden
augenscheinlich, der die Tatsachen, die unerfreuliche, bittere Wirklichkeit
sehen und sich nicht verstecken oder sich die Mütze über die Augen schieben
und mit stolzen Phrasen über sie hinweggehen wollte. Eine Armee gab es
nicht, sie zurückzuhalten war unmöglich. Das Beste, was man tun konnte,
war, sie möglichst schnell zu demobilisieren. Das ist ein kranker Teil eines
Organismus, der unerhörte Leiden ertrug, durch die Entbehrungen des Krie-
ges zermürbt war, in den er technisch unvorbereitet hineingegangen und aus
dem er in einem Zustande herausgekommen war, wo jeder Angriff bei ihm
eine Panik hervorruft. Man darf den Menschen, die diese unerhörten Leiden
ertragen haben, daraus keinen Vorwurf machen. Wir haben in hunderten
Resolutionen, in aller Offenheit, selbst noch in der ersten Periode der russi-
schen Revolution erklärt: ,Wir haben das Blutvergießen satt, wir sind nicht
imstande zu kämpfen!' Man konnte die Beendigung des Krieges künstlich
hinauszögern, man konnte die Betrügermethode Kerenskis anwenden, man
konnte das Ende um einige Wochen hinausschieben, aber die objektive
Wirklichkeit mußte sich durchsetzen. Die Armee ist ein krankes Glied des
russischen Staatsorganismus, das die Bürden dieses Krieges nicht länger er-
tragen kann. Je schneller wir sie demobilisieren, je schneller sie in den noch
nicht so kranken Teilen des Organismus aufgeht, desto schneller wird unser
Land imstande sein, neue schwere Prüfungen zu ertragen. Von diesen Emp-
findungen waren wir durchdrungen, als wir einstimmig, ohne den geringsten
Protest, den vom Standpunkt der außenpolitischen Ereignisse unsinnigen
Beschluß faßten, die Armee zu demobilisieren. Das war ein richtiger Schritt.
Wir sagten, daß es eine leichtfertige Illusion sei, zu glauben, man könne die
Armee zurückhalten. Je schneller die Armee demobilisiert wird, um so
schneller wird die Gesundung des gesamten gesellschaftlichen Organismus
222 Die Praxis der sowjetischen Aupenpolitik unter Lenin

einsetzen. Deshalb war es ein so schwerer Fehler, eine so bittere Überschät-


zung der Ereignisse, die revolutionäre Phrase zu prägen: ,Der Deutsche
kann nicht angreifen', woraus sich eine zweite Phrase ergab: ,Wir können
die Einstellung des Kriegszustandes erklären. Weder Krieg noch Unter-
zeichnung des Friedens!' ...
Zugrundegehen, Wir werden diese Krise überwinden. Auf keinen Fall wird unsere Partei
falls die deutsche
Revolution
oder unsere Revolution sich dabei das Genick brechen, obwohl das im ge-
nicht kommt gebenen Augenblick ganz nahe, durchaus im Bereich des Möglichen lag.
Eine Garantie dafür, daß wir uns bei dieser Frage das Genick nicht brechen
werden, bildet der Umstand, daß an Stelle der alten Methode, fraktionelle
Meinungsverschiedenheiten zu entscheiden, die darin bestand, daß man eine
außerordentliche Menge Literatur produzierte, endlose Diskussionen führte
und eine beträchtliche Anzahl von Spaltungen vornahm, die Ereignisse den
Menschen eine neue Methode des Lernens beigebracht haben. Diese Methode
besteht darin, daß man alles an Hand der Tatsachen, Ereignisse, Lehren der
Weltgeschichte nachprüft. Ihr sagt, der Deutsche könne nicht angreifen. Aus
eurer Taktik folgte, daß man den Kriegszustand für eingestellt erklären
konnte. Die Geschichte hat euch eines Besseren belehrt, sie hat diese Illu-
sionen zunichte gemacht. Ja, die deutsche Revolution wächst, aber nicht so,
wie wir es haben möchten, nicht mit der Schnelligkeit, die den russischen
Intellektuellen angenehm wäre, nicht in dem Tempo, das unsere Geschichte
im Oktober einschlug, als wir in einer beliebigen Stadt ankamen, die Sowjet-
macht proklamierten und neun Zehntel der Arbeiter im Laufe einiger Tage
für uns gewannen. Die deutsche Revolution hat das Unglück, nicht so rasch
zu schreiten. Aber wer muß nun mit dem anderen rechnen: wir mit ihr oder
sie mit uns? Ihr wünschtet, daß sie mit euch rechne, aber die Geschichte
hat euch eines Besseren belehrt. Das ist eine Lehre, denn es ist absolut wahr,
daß wir ohne die deutsche Revolution zugrunde gehen. Vielleicht nicht in
Petrograd, nicht in Moskau, sondern in Wladiwostok oder in noch ferneren
Gegenden, wohin wir uns vielleicht werden zurückziehen müssen, deren
Entfernung wohl noch gräßer ist als die zwischen Petrograd und Moskau,
aber wir werden auf jeden Fall trotz allen nur denkbaren Wendungen zu-
grunde gehen, wenn die deutsche Revolution nicht eintritt. Nichtsdesto-
weniger wird das nicht im geringsten unsere Überzeugung erschüttern, daß
wir auch die schwierigste Lage ohne Schwadronieren ertragen müssen ...
Man muß es Wenn wir es verstanden haben, Revolutionäre zu bleiben, unter entsetz-
verstehen, sich
zurückzuziehen
lichen Verhältnissen zu arbeiten und aus jener Lage wieder herauszukom-
men, so werden wir das auch jetzt verstehen, weil das keine Laune von uns,
Beispiele für sowjetisdle Beziehungen zu einzelnen Staaten 223

weil das die objektive Notwendigkeit ist, die in dem aufs äußerste zerrütteten
Lande dadurch entstanden ist, daß die europäische Revolution entgegen
unseren Wünschen sich erlaubte, sich zu verspäten, während der deutsche
Imperialismus entgegen unseren Wünschen sich erlaubte, die Offensive
aufzunehmen.
Hier muß man verstehen, sich zurückzuziehen. Über die unendlich bittere,
traurige Wirklichkeit kann man sich nicht durch Phrasen hinwegtäuschen.
Man muß sagen: gebe Gott, daß wir den Rückzug halbwegs geordnet
durchführen können. Aber wir sind nicht imstande, uns geordnet zurück-
zuziehen, und müßten deshalb zufrieden sein, wenn wir uns nur halb-
wegs geordnet zurückziehen und ein klein wenig Zeit gewinnen könnten,
damit der kranke Teil unseres Organismus wenigstens einigermaßen ge-
sunde. Der Organismus als Ganzes ist gesund: er wird die Krankheit über-
winden. Aber man kann nicht verlangen, daß er sie auf einmal, in einem
Augenblick überwinde, man kann die fliehende Armee nicht zum Stehen
bringen ...
Das aber mußte jeder voraussagen, der den entsetzlichen Zustand des Hee- Die Möglichkeit
der Vernichtung
res gesehen hatte. Wir wären bei dem geringsten Angriff der Deutschen durch die
unvermeidlich und todsicher zugrundegegangen - das sagte jeder gewissen- Deutschen in
wenigen Tagen
hafte Mensch, der an der Front war. Wir wären binnen wenigen Tagen
eine Beute des Feindes geworden ...
Das ist der Grund dafür, daß das Leben selbst die Theorie der Atem- Beispiele für die
Flucht der Armee
pause aufstellt, die in einer Unmenge von Artikeln im ,Kommunist' voll- ohne Zwang
ständig abgelehnt wird. Jeder sieht, daß die Atempause eine Tatsache ist,
daß sie sich jeder zunutze macht. Wir glaubten, daß wir Petrograd in weni-
gen Tagen verlieren würden, als die anrückenden deutschenTruppen nur
wenige Tagesmärsche von der Stadt entfernt waren und die besten Matrosen
und Arbeiter der Putilow-Werke, bei all ihrem großen Enthusiasmus, allein
dastanden, als ein furchtbares Chaos, eine Panik entstand, die dazu führte,
daß die Truppen bis Gatschina flohen, als wir erlebten, daß zurückgenommen
wurde, was gar nicht aufgegeben worden war. Das ging so vor sich, daß
ein Telegraphist zur Station fuhr, sich an den Apparat setzte und telegra-
phierte: ,Gar kein Deutscher da, Station von uns besetzt.' Einige Stunden
später teilte man mir telephonisch aus dem Volks kommissariat für Ver-
kehrswesen mit: ,Nächste Station eingenommen, nähern uns Jamburg.
Gar kein Deutscher da. Der Telegraphist nimmt seinen Posten ein.' Solche
Dinge haben wir erlebt. Das ist die wirkliche Geschichte jenes elftägigen
Krieges. Die Matrosen und Putilow-Arbeiter haben sie uns beschrieben.
224 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Man muß sie zum Sowjetkongreß einladen, damit sie die Wahrheit erzählen.
Das ist eine furchtbar bittere, kränkende, peinigende Wahrheit, aber sie ist
hundertmal nützlicher; das russische Volk wird sie verstehen ...
Gegen Poseure Gewiß, wir verletzen den Vertrag, wir haben ihn bereits dreißig-, vier-
eines ehrenvollen
Untergangs
zigmal verletzt. Nur Kinder können nicht verstehen, daß in einer solchen
Epoche, wo die qualvolle, langwierige Periode der Befreiung anbricht, die
eben erst die Sowjetmacht geschaffen und sie um drei Stufen ihrer Entwick-
lung emporgehoben hat - nur Kinder können nicht verstehen, daß hier ein
langwieriger, umsichtiger Kampf geführt werden muß. Der schändliche
Friedensvertrag reizt zum Aufstand, aber wenn ein Genosse vom ,Kommu-
nist' über den Krieg urteilt, dann appelliert er an das Gefühl und vergißt,
daß sich den Menschen die Hände zu Fäusten geballt und sie blutüber-
strömte Kinder vor sich gesehen haben. Was sagen sie eigentlich? ,Niemals
wird ein bewußter Revolutionär so etwas überleben, niemals wird er eine
solche Schmach auf sich nehmen.' Ihre Zeitung trägt den Namen ,Kommu-
nist', sollte aber ,Schlachtschitz' heißen, denn sie betrachtet die Dinge vom
Standpunkt des Schlachtschitzen, der, mit dem Degen in der Hand in
schöner Pose sterbend, ausrief: ,Der Friede ist eine Schmach, der Krieg
eine Ehre!' Sie betrachten die Dinge vom Standpunkt des Schlachtschitzen,
ich aber vom Standpunkt des Bauern.
Friede von Wenn ich den Frieden in einem Augenblick annehme, wo die Armee
Brest-Litowsk
nicht so schlimm
flieht und fliehen muß, wenn sie nicht tausende Menschen verlieren will,
wie der Friede so tue ich das, um Schlimmeres zu verhüten. Ist etwa der Vertrag eine
von Tilsit
Schande? Jeder ernste Bauer und Arbeiter wird mich rechtfertigen, denn
er versteht, daß der Friede ein Mittel zur Sammlung der Kräfte ist. Die
Geschichte kennt - darauf habe ich mich bereits mehrmals berufen - die
Befreiung der Deutschen von Napoleon nach dem Frieden von Tilsit. Ich
habe absichtlich den Frieden einen Tilsiter Frieden genannt, obwohl wir
solche Bedingungen nicht unterschrieben haben, obwohl wir die Verpflich-
tung nicht übernommen haben, dem Eroberer unsere Truppen für Erobe-
rungszüge gegen andere Völker zur Verfügung zu stellen. So weit ist es
aber in der Geschichte schon gekommen und wird es auch bei uns kommen,
wenn wir uns auf die Weltrevolution auf dem Schlachtfelde verlassen werden.
Gebt acht, daß die Geschichte euch nicht auch bis zu dieser Form der mili-
tärischen Sklaverei bringt. Solange die sozialistische Revolution nicht in
allen Ländern gesiegt hat, kann die Sowjetrepublik in die Sklaverei geraten.
Napoleon hat in Tilsit die Deutschen zu unerhört schmählichen Friedens-
bedingungen gezwungen. Damals entwickelten sich die Dinge so, daß der
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 225

Frieden mehrmals geschlossen wurde. Der damalige Hoffmann - Napoleon-


ertappte die Deutschen bei der Verletzung des Friedens; und uns wird
Hoffmann ebenfalls dabei ertappen. Wir werden uns aber bemühen, daß er
uns nicht so bald ertappe.
Der letzte Krieg hat dem russischen Volke eine bittere, qualvolle, aber
ernste Lehre erteilt: die Lehre, daß man sich organisieren, disziplinieren,
unterordnen und eine musterhafte Disziplin schaffen muß. Lernt bei den
Deutschen Disziplin, sonst sind wir ein verlorenes Volk und werden uns
ewig in der Sklaverei befinden ...
Ich erkläre nochmals, daß ich bereit bin, daß ich es für meine Pflicht Bereit, falls
notwendig,
halte, einen zwanzigmal, hundertmal demütigenderen Vertrag zu unter- einen hundertmal
schreiben, um nur einige Tage Zeit für die Räumung Petrograds zu bekom- demütigenderen
Vertrag als den
men, denn ich erleichtere dadurch die Leiden der Arbeiter, die sonst unter von
das Joch der Deutschen geraten können. Ich erleichtere dadurch den Ab- Brest-Litowsk
zu unterzeichnen
transport von Material, Pulver usw. aus Petrograd, das wir brauchen, weil
ich für den Verteidigungskrieg bin, weil ich für die Schaffung einer Armee
bin, sei es auch im fernsten Hinterland, wo man eben die jetzige de-
mobilisierte, kranke Armee kuriert.
Wir wissen nicht, wie lange die Atempause dauern wird, aber wir werden
versuchen, den Augenblick auszunutzen. Vielleicht wird die Atempause
von längerer Dauer sein, vielleicht aber wird sie nur einige Tage dauern.
Alles ist möglich, denn niemand weiß es, niemand kann es wissen, denn alle
Großmächte sind gebunden, bedrängt, gezwungen, an mehreren Fronten
zu kämpfen. Die Haltung Hoffmanns wird erstens dadurch bestimmt, daß
die Sowjetrepublik zerschlagen werden muß, zweitens dadurch, daß bei
ihm an einer ganzen Reihe von Fronten Krieg geführt werden muß, und
drittens dadurch, daß in Deutschland die Revolution heranreift und wächst.
Hoffmann weiß das, er kann nicht, wie man behauptet, Petrograd und
Moskau in diesem Augenblick nehmen. Aber er kann das morgen tun. Das
ist durchaus möglich. Ich wiederhole, daß wir in einem solchen Augenblick,
wo die Erkrankung der Armee eine Tatsache ist, wo wir jede Gelegenheit
um jeden Preis ausnutzen, um auch nur einen Tag Atempause zu bekom-
men, sagen, daß jeder ernste Revolutionär, der mit den Massen verbunden
ist und weiß, was Krieg, was Masse heißt, verpflichtet ist, diese Masse zu
disziplinieren, zu heilen, auf den neuen Krieg vorzubereiten - daß jeder
ernste Revolutionär uns rechtfertigen wird, die Annahme eines jeden schänd-
lichen Vertrags als richtig anerkennen wird, denn das liegt im Interesse der
proletarischen Revolution und der Erneuerung Rußlands, seiner Befrei-
226 Die Praxis der sowjetischen Aupenpolitik unter Lenin

ung von einem kranken Organ. Dadurch, daß wir diesen Frieden unter-
schreiben, geben wir - das wird jeder Mensch mit gesundem Menschen-
verstand begreifen - unsere Arbeiterrevolution nicht auf. Jeder wird ver-
stehen, daß wir, indem wir den Frieden mit den Deutschen unterzeichnen,
unsere militärische Hilfe nicht einstellen: Wir schicken den Finnen Waffen,
aber keine Abteilungen, die sich als untauglich erweisen ...
Trotz Unsere Losung muß sein: Das Kriegswesen gründlich erlernen, Ordnung
kommender
schwerster
auf den Eisenbahnen schaffen. Ohne Eisenbahnen ist ein sozialistischer
Niederlagen, revolutionärer Krieg schlimmster Verrat. Wir müssen Ordnung schaffen,
Sieg in der
Zukunft
müssen jene Energie und Stärke aufbringen, die das Beste schaffen wird,
was die Revolution bringen kann.
Nutzt die Atempause, die ihr bekommen habt, wenn auch nur für eine
Stunde, um den Kontakt mit dem fernen Hinterland herzustellen und dort
neue Armeen zu schaffen. Fort mit den Illusionen, für die euch das Leben
gestraft hat und noch mehr strafen wird. Wir sehen vor uns eine Epoche
schwerster Niederlagen. Sie ist eine Tatsache. Mit ihr muß gerechnet werden.
Wir müssen bereit sein zu hartnäckiger Arbeit unter illegalen Verhältnissen,
unter Verhältnissen ausgesprochener Versklavung durch die Deutschen.
Hier ist nichts zu beschönigen. Das ist wirklich ein Tilsiter Frieden. Wenn
wir es verstehen, so zu handeln, werden wir trotz der Niederlagen mit ab-
soluter Gewißheit sagen können, daß der Sieg unser sein wird."
(Aus Lenins Rede über Krieg und Frieden vom 7.3.1918, vgl. Lenin: "Ausge-
wählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947, S. 339/340, 340/341, 343,
345,346/347,347/348,349/350,350/351.)

Die sowjetische Unterzeichnung des Friedensvertrages von Brest-Litowsk


ist das Musterbeispiel eines Kompromisses zum Schutz vor der Vernichtung
der eigenen Existenz. Die von Lenin angeführten Gründe zeigen die außer-
ordentlich bedrängte Lage, in die Sowjetrußland durch einen überlegenen,
energisch nachstoßenden Verfolger geraten war. Wie ersichtlich, verachtete
Lenin ein heroisches Verhalten im Kampf, falls im Ergebnis der sichere
Untergang dem jungen revolutionären Staatswesen drohen würde. Ja, er
erklärte sich bereit, im Notfall einen für Sowjetrußland noch viel demütigen-
deren Friedensvertrag als den von Brest-Litowsk zu unterzeichnen. Nichts
Schändliches fand er an solchem Entgegenkommen zugunsten eines ver-
haßten kapitalistischen Staates, falls nur dadurch das bolschewistische Regime
am Leben erhalten werden könnte. Die äußerste Grenze des Entgegenkom-
mens für den Notfall wäre erst erreicht worden, falls der überlegene Gegner
neben sehr weitgehenden territorialen und wirtschaftlichen Forderungen auch
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 227

die Forderung gestellt hätte, in Sowjetrußland die Partei Lenins zu entmach-


ten. In diesem Falle hätte Lenin wahrscheinlich sich der Meinung Bucharins
angeschlossen, lieber im militärischen Kampf zugrunde zu gehen, als sich zu
ergeben.
Die Rede Lenins beweist darüber hinaus eine kühle Beurteilung der gege-
benen Verhältnisse und die Entschlossenheit, sich diesen Verhältnissen elastisch
anzupassen. Gleichzeitig zeigt sie eine falsche Einschätzung der zukünftigen
Lage, da Lenin die Existenz des neuen Regimes in Rußland von dem Erfolg
der proletarischen Revolution in Europa abhängig machte. Dabei ist bemer-
kenswert, welche überragende Rolle er der kommenden Revolution in Deutsch-
land beimaß: ohne Revolution in Deutschland Untergang Sowjetrußlands.
Andere Teile der Rede Lenins lassen erkennen, wie wenig Lenin eine
spätere Abänderung des Friedensvertrages mit friedlichen Mitteln auch nur
erwog. Die Aufforderung an die Russen, gerade von den Deutschen Disziplin
und Ordnung zu lernen, sollte die militärischen Vorbereitungen für einen
"revolutionären Krieg" gegen Deutschland einleiten. Bis zum Ausbruch
eines Angriffskrieges zur Befreiung von den Siegern von "Brest-Litowsk"
sollte der Vertrag bereits vorher gebrochen werden, sofern eine Geheim-
haltung dieser Verstöße vor der deutschen Regierung irgendwie möglich
wäre. Die Verletzungen betrafen u. a. den Artikel 2 des Vertrages, der beide
Parteien zum Verzicht auf Propaganda und Umsturzversuche auf dem Terri-
torium des anderen Vertragspartners, darunter auch in den von den Mittel-
mächten besetzten Territorien des ehemaligen zaristischen Rußland, verpflich-
tete. Verletzt wurden auch die sowjetischen Verpflichtungen, vollständig zu
demobilisieren und die Truppen aus der Ukraine, aus Estland, Livland und
Finnland zurückzuziehen (Artikel 4 und 6). In der erwähnten Rede vom
7.3. 1918 rühmte sich Lenin sogar, den am 3.3. 1918 unterzeichneten Frie-
densvertrag "bereits dreißig-, vierzig mal" verletzt zu haben.
In dem Schlußwort (8.3. 1918) zu jener Rede machte Lenin u. a. nähere
Angaben über seine Auslegungen des Vertrages und über bereits eingetretene
Vertragsverletzungen.
"Im Friedensvertrag ist uns die Verpflichtung auferlegt, unsere Truppen
aus Finnland abzuziehen, Truppen, die offensichtlich unbrauchbar sind,
aber es ist uns nicht verboten, Waffen nach Finnland einzuführen. Wenn
Petrograd vor einigen Tagen gefallen wäre, so hätte es eine Panik ergriffen
und wir hätten nichts herausschaffen können; aber in diesen fünf Tagen
haben wir unseren finnischen Genossen geholfen - ich sage nicht wieviel,
das wissen sie selbst.
228 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Die Behauptung, daß wir Finnland verraten hätten, ist eine ganz kindi-
sche Phrase. Wir haben ihnen auch gerade dadurch geholfen, daß wir recht-
zeitig vor den Deutschen den Rückzug antraten. Rußland wird niemals
sterben, wenn Petrograd verloren geht; in dieser Hinsicht hat Genosse
Bucharin tausendmal recht; aber wenn man nach Bucharinscher Art manö-
vriert, so kann man eine gute Revolution zu Grunde richten.
Wir haben weder Finnland noch die Ukraine verraten. Dessen bezichtigt
uns kein einziger bewußter Arbeiter. Wir helfen, womit wir können. Wir
haben aus unseren Truppen nicht einen einzigen guten Mann herausgezogen
und werden das auch nicht tun. Wenn ihr sagt, daß Hoffmann uns dabei
ertappen und verprügeln wird, so kann er das natürlich tun, daran zweifle
ich nicht, aber in wieviel Tagen er das tun wird - das weiß er nicht und das
weiß niemand. Außerdem, eure Vorstellungen über Ertappen, Verprügeln
sind Vorstellungen über das politische Kräfteverhältnis, auf das ich später
noch zu sprechen komme."
(Vgl. Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"),3.Aufl., Bd. 22, Moskau 1937, S. 334(335.)
In seiner "Rede über Krieg und Frieden" (7.3. 1918) rief er auf, sich auf
einen revolutionären Krieg nicht nur gegen Deutschland vorzubereiten. "Da-
durch, daß wir diesen Frieden unterschreiben, geben wir - das wird jeder
Mensch mit gesundem Menschenverstand begreifen - unsere Arbeiterrevolu-
tion nicht auf." Was Lenin sich u. a. darunter vorstellte, geht klarer aus seiner
kurzen Rede vom 8. 3. 1918 gegen Abänderungsanträge Trotzkis hervor.
Diese Rede zeigt die Absicht Lenins, sich militärisch auf alle kommenden
Lagen vorzubereiten, um damit zu Verteidigungs- und Angriffskriegen gegen
kapitalistische Staaten befähigt zu sein. Nach den entsprechenden Vorberei-
tungen soll für eine Kriegserklärung gegenüber "einer beliebigen imperia-
listischen Großmacht und der ganzen Welt" nur der günstige Augenblick
maßgebend sein. Man bedenke, daß Lenin eine solche Vollmacht für das ZK
zu einer Zeit forderte, da keine anderen Großmächte als Deutschland und
Österreich-Ungarn Sowjetrußland Schaden zugefügt hatten.
"Genossen, ich habe in meiner Rede schon gesagt, daß weder ich noch
meine Anhänger die Annahme dieser Änderungsanträge für möglich halten.
Wir dürfen uns keinesfalls bei einem strategischen Manöver die Hände
binden. Alles hängt von dem Kräfteverhältnis ab und von dem Augenblick
des Angriffs dieser oder jener imperialistischer Länder auf um, von dem
Moment, in dem die Gesundung unserer Armee, die unzweifelhaft beginnt,
soweit reicht, daß wir imstande und verpflichtet sein werden, nicht nur
auf die Unterzeichnung des Friedens zu verzichten, sondern auch den Krieg
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 22cJ

zu erklären. Ich bin einverstanden, anstelle derjenigen Änderungsanträge,


die Genosse Trotzki vorschlägt, folgende anzunehmen:
Erstens, zu sagen, - und das werde ich bedingungslos verteidigen -, daß
die vorliegende Resolution nicht in der Presse veröffentlicht, sondern nur
die Ratifizierung des Vertrages mitgeteilt wird.
Zweitens, hinsichtlich der Form der Veröffentlichung und des Inhaltes wird
dem ZK das Recht eingeräumt, Änderungen vorzunehmen im Zusammen-
hang mit einem möglichen Angriff der Japaner.
Drittens, zu sagen, daß der Kongreß dem ZK der Partei die Vollmachten
erteilt, sowohl alle Friedensverträge zu brechen als auch einer beliebigen
imperialistischen Großmacht und der ganzen Welt den Krieg zu erklären,
wenn das ZK der Partei den Augenblick dazu für passend erachtet.
Diese Vollmacht, die Verträge in einem beliebigen Moment zu brechen,
müssen wir dem ZK geben, aber das bedeutet keineswegs, daß wir sie jetzt
brechen, in jener Lage, die heute besteht. Augenblicklich dürfen wir uns
durch nichts die Hände binden. Die Worte, die Genosse Trotzki vorschlägt
einzufügen, werden die Stimmen derjenigen versammeln, die gegen die
Ratifizierung überhaupt sind, Stimmen - die für eine mittlere Linie sind,
die wieder jene Lage schafft, in der weder ein einziger Arbeiter noch ein
einziger Soldat irgend etwas in unserer Resolution versteht.
Wir werden jetzt die Notwendigkeit der Ratifizierung des Vertrages be-
schließen und dem Zentralkomitee die Vollmacht geben, in einem be-
liebigen Augenblick den Krieg zu erklären, weil auf uns ein Angriff, viel-
leicht von drei Seiten, vorbereitet wird; England oder Frankreich werden
uns Archangelsk wegnehmen wollen - das ist sehr wohl möglich, aber in
keinem Falle dürfen wir weder hinsichtlich eines Bruches des Friedens-
vertrages noch hinsichtlich der Erklärung eines Krieges unser Zentral-
organ durch irgend etwas beengen. Den Ukrainern geben wir finanzielle
Hilfe, helfen, womit wir können. In keinem Falle kann man sich dadurch
binden, daß wir keinerlei Friedensvertrag unterschreiben werden. In einer
Epoche wachsender Kriege, die einander ablösen, entstehen neue Kombi-
nationen. Der Friedensvertrag ist ein lebendiges Manövrieren - entweder
wir stehen auf dieser Abmachung des Lavierens oder wir binden uns von
vornherein formell die Hände so, daß wir uns nicht bewegen können:
man kann nicht sowohl Frieden schließen als auch Krieg führen."
(Aus Lenins Rede gegen die Abänderungsanträge Trotzkis zur Resolution über
Krieg und Frieden vom 8.3. 1918, vgl. "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg.,
Bd.22, S. 341/342.)
230 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Die von Lenin vorgeschlagene und vom Parteikongreß angenommene


"Resolution über Krieg und Frieden" vom 8. März 1918 hielt es "in der
gegenwärtigen Periode der begonnenen Ära der sozialistischen Revolution"
für "historisch unvermeidlich", daß sowohl die "imperialistischen Staaten"
des Westens und Ostens Sowjetrußland wiederholt militärisch angreifen
würden.
"Deshalb erklärt und erkennt der Parteikongreß an, daß die erste und
grundlegende Aufgabe sowohl unserer Partei als auch der ganzen A vant-
garde des bewußten Proletariats und der Sowjetrnacht ist, die energischsten,
schonungslos entschiedenen und drakonischen Maßnahmen zu ergreifen
für die Erhöhung der Selbstdisziplin und Disziplin der Arbeiter und Bauern
Rußlands, für die Aufklärung über das unvermeidliche historische Heran-
kommen Rußlands an einen vaterländischen, sozialistischen Befreiungskrieg,
für die Schaffung von Massenorganisationen überall, die engstens mit-
einander verbunden sind und durch einen eisernen einheitlichen Willen
zusammengehalten werden, von Organisationen, die zum festen und selbst-
losen Handeln fähig sind sowohl in gewöhnlichen als auch in besonders
kritischen Augenblicken des Volkslebens - und schließlich für die allseitige,
systematische, allgemeine Unterweisung der erwachsenen Bevölkerung,
ohne Unterschied des Geschlechtes, in militärischen Kenntnissen und mili-
tärischen Operationen.
Der Parteikongreß sieht die zuverlässigste Garantie für die Festigung der
sozialistischen Revolution, die in Rußland gesiegt hat, nur in ihrer Um-
wandlung in eine internationale Arbeiterrevolution.
Der Parteikongreß ist davon überzeugt, daß vom Standpunkt der Inter-
essen der internationalen Revolution der von der Sowjetrnacht getane Schritt
bei dem gegebenen Kräfteverhältnis in der internationalen Arena unver-
meidlich und notwendig war.
In der Überzeugung, daß die Arbeiterrevolution in allen kriegführenden
Ländern unaufhörlich heranreift und die unvermeidliche und vollständige
Niederlage des Kapitalismus vorbereitet, erklärt der Parteikongreß, daß
das sozialistische Proletariat Rußlands mit allen Kräften und allen ihr zur
Verfügung stehenden Mitteln die brüderliche revolutionäre Bewegung des
Proletariats aller Länder unterstützen wird."
(Aus Lenins "Resolution über Krieg und Frieden", 8. 3. 1918, vgl. Lenin: "Sso-
tschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg., Bd. 22, Moskau 1937, S. 339/340.)
Diese vieldeutige Resolution erwähnt einerseits den Verteidigungscharakter
der organisatorischen und militärischen Maßnahmen gegen die kapitalistischen
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 231

Staaten, andererseits macht sie auf das unvermeidliche Herannahen eines


sozialistischen Befreiungskrieges Sowjetrußlands, d. h. eines Angriffskrieges
aufmerksam. Darüber hinaus sollen mit allen Mitteln die proletarischen
Revolutionen in allen Ländern unterstützt werden, unabhängig davon, ob
diese Länder sich im Krieg mit Sowjetrußland befinden oder nicht. Das letzte
galt vor allem für Frankreich, Großbritannien, die Vereinigten Staaten.
Aber auch neutrale Regierungen, z. B. Hollands, der Schweiz, Schwedens,
Norwegens, mußten mit einer materiellen Unterstützung des revolutionären
Proletariats dieser Länder durch Sowjetrußland rechnen.
In dem späteren Ergänzungsantrag Lenins zu seiner "Resolution über Krieg
und Frieden" fielen die Hinweise auf die Notwendigkeit von Verteidigungs-
kriegen weg. Der Parteikongreß wurde aufgefordert, Lenins Zusatzantrag
mit folgendem Wortlaut zuzustimmen:
"Der Parteitag hält es für notwendig, die angenommene Resolution nicht
zu veröffentlichen, und verpflichtet alle Mitglieder der Partei, diese Resolu-
tion geheimzuhalten. In der Presse wird nur - und zwar nicht heute, sondern
nach Anweisung des ZK -, mitgeteilt, daß der Parteitag für die Ratifizierung
ist.
Außerdem betont der Kongreß besonders, daß dem ZK die Vollmacht
erteilt wird, in jedem Augenblick alle Friedensverträge mit imperialistischen
und bürgerlichen Staaten zu brechen und auf gleiche Weise ihnen den Krieg
zu erklären."
(Lenins Ergänzungsantrag vom 8.3. 1918 zu seiner "Resolution über Krieg und
Frieden", vgl. Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg., Bd.22, Moskau
1937, S.344.)

Das Leninsche Kompromiß zum Schutz vor der Vernichtung der eigenen
Existenz - die Unterzeichnung des Vertrages von Brest-Litowsk - erwies sich
somit als ein zeitweiliges Komprorniß, das nur mit Gewalt aufgehoben werden
sollte. Bis zu seiner Aufhebung waren nach Lenin bereits zahlreiche Vertrags-
verletzungen erlaubt, sofern sie nicht Zu große Gefahren für ihn herauf-
beschwören. Die von Lenin geforderte und vom Parteitag bewilligte Voll-
macht für das ZK soll vor allem Lenin ein Höchstmaß von freiem außen-
politischen Manövrieren gegenüber allen Staaten verschaffen. Hierzu rechnete
Lenin auch die Freiheit, in jedem Augenblick "alle Friedensverträge mit
imperialistischen und bürgerlichen Staaten zu brechen und auf gleiche Weise
ihnen den Krieg zu erklären".
Gegenüber allen diesen Erwägungen Lenins am 8. März wirkt der von ihm
angestellte Vergleich in seiner erwähnten Rede vom 7. März zumindest wenig
232 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

überzeugend: das friedliche sowjetische Haustier neben einem deutschen Tiger


(vgl. dieses zweimal gebrachte Bild auf S. 219,221).
Noch in einer anderen Hinsicht sind die sowjetischen Dokumente zum
Friedensvertrag von Brest-Litowsk aufschlußreich. In dem erwähnten "Dekret
über den Frieden" vom 8. November 1917 vertrat Lenin den Standpunkt:
"Die Regierung schafft die Geheimdiplomatie ab und erklärt, daß sie fest ent-
schlossen ist, alle Verhandlungen ganz offen, vor allem Volke zu führen"
(S. 191). Der erwähnte Kommentar Lenins zu dem "Dekret über den Frieden"
ergänzte diesen Standpunkt mit den Worten: "Keine einzige Regierung
spricht aus, was sie denkt. Wir aber sind gegen die Geheimdiplomatie und
werden offen vor allem Volke handeln" (S. 195/196). Man könnte der Sowjet-
regierung deshalb vorwerfen, daß sie die Verhandlungen über den Friedens-
vertrag mit den deutschen und anderen Vertretern in Brest-Litowsk nicht vor
der ganzen Bevölkerung Sowjetrußlands geführt hat. Das wäre jedoch
ungerecht, weil die äußere Form der Verhandlungen in Brest-Litowsk vor
allem von den deutschen Vertretern bestimmt wurde. Dann aber hätte man
eine offene Erörterung dieses Vertrages zumindest in der Zeit zwischen seiner
Unterzeichnung und seiner Ratifizierung erwartet. Wenn die Ratifizierung
eines Vertrages nach seiner Unterzeichnung überhaupt einen Sinn haben soll,
dann doch nur, um einer irgendwie gearteten Vertretung des Volkes Gelegen-
heit zu öffentlichen Erörterungen des unterzeichneten Vertrages zu geben
und die hieraus hervorgehenden Beschlüsse zu diesem Vertrag sofort zu
veröffentlichen.
Ganz im Gegensatz dazu handelte Lenin. Was seine Rede vom 7.3. 1918
und sein Schlußwort dazu vom 8.3. 1918 vor den Delegierten des Partei-
tages über die Ratifizierung des Vertrages anlangt, so wurden beide wahr-
scheinlich erst 1923, d. h. zumindest erst vier Jahre später, zum ersten Male
veröffentlicht (das Protokoll über den Parteitag vom März 1918 erschien erst
1923, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in zwei Bänden", Bd. 2, Moskau 1947,
S. 351). Von der vom Parteitag angenommenen "Resolution über Krieg und
Frieden" vom 8.3.1918 (vgl. S. 230) erfuhr die sowjetische Bevölkerung in
einer Zeitung am 1. Januar 1919 (vgl. Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"),
3. Ausg., Bd. 22, Moskau 1937, S. 340). Gemäß dem erwähnten Zusatzantrag
Lenins zur "Resolution über Krieg und Frieden" sollte diese Resolution
nicht veröffentlicht werden. Alle anwesenden Parteidelegierten hatten sie
geheim zu halten (S. 231). Lenin stellte sogar den Antrag, daß die gedruck-
ten Exemplare der "Resolution über Krieg und Frieden" nicht in den Händen
der versammelten Parteitagsdelegierten bleiben sollten. Vor dem Auseinander-
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 233

gehen der Parteitags delegierten wünschte er von ihnen die Rückgabe der
Exemplare an das Präsidium des Parteikongresses. Diesen Antrag Lenins
lehnte der Parteitag jedoch ab. Wir sind darüber durch eine Anmerkung in
Lenins "Werken", (3. Ausg., Bd. 22, Moskau 1937, S. 591) unterrichtet,
wo es u. a. heißt: "Die Resolution Lenins wurde mit der Mehrheit der Stimmen
angenommen. Der folgende Vorschlag Lenins, ,alle Delegierten sollten alle
in ihrem Besitz befindlichen Exemplare der Resolution unverzüglich an das
Präsidium zurückgeben', wurde vom Parteitag abgelehnt."
Aus dem Verhalten Lenins zur Geheimhaltung dieser Beratungen und der
Beratungsergebnisse dürfte eindeutig folgendes hervorgehen: die Abschaffung
der Geheimdiplomatie und damit die öffentliche Erörterung aller Verein-
barungen zu fordern, hatte für Lenin nur eine propagandistische und nicht
grundsätzliche Bedeutung. Er forderte sie zum Nachteil der Regierungen der
kapitalistischen Länder und versprach sich offenbar zugleich Popularität bei die-
sen Völkern. Er selbst beabsichtigte nicht, die Nachteile einer "offenen Diplo-
matie" in Kauf Zu nehmen. Bereits vier Monate nach seinem "Dekret über
den Frieden" hatte er die Probe auf den Ernst seiner Forderung nicht bestan-
den. Man vergleiche Lenins Versuch, den Vertrag über die faktische Lostren-
nung der Außeren Mongolei von China geheimzuhalten (S. 378/379).

b) Die entscheidende Bedeutung Deutschlands für Sowjetrußland

Bei den geheimen Beschlüssen des 7. Parteitages über Maßnahmen zur


Unterstützung der proletarischen Revolution in anderen Staaten spielte
Deutschland als Ziel die wichtigste Rolle. Wie erinnerlich, vertrat Lenin in
seiner Rede vom 7. März 1918 die Meinung, daß Sowjetrußland ohne die
Revolution in Deutschland zugrunde gehen würde. Keinem anderen Land der
Welt maß er diese Bedeutung bei. In keinem anderen Land der Welt fanden sich
nach Lenin so viele nachahmenswerte Erscheinungen wie in Deutschland.
Er hielt Deutschland für das Land mit den besten proletarischen Organisatio-
nen, mit der besten Disziplin, mit einer wirtschaftlichen Leistungskraft, die
er nur in einigen Wirtschaftszweigen von den Vereinigten Staaten übertroffen
sah. Der Aufbau und die Leistungsfähigkeit der deutschen Kriegswirtschaft
erschienen ihm als das beste Muster für eine zukünftige sozialistische Plan-
wirtschaft, wobei hauptsächlich nur die kapitalistische Befehlszentrale durch
eine proletarische Befehlszentrale zu ersetzen wäre. Selbst in den schweren
Tagen nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Brest-Litowsk
hatte er die Teilnehmer des Parteitages ermahnt: "Lernt bei den Deutschen
234 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Disziplin, sonst sind wir ein verlorenes Volk und werden uns ewig in der
Sklaverei befinden" (Rede vom 7.3. 1918, vgl. S. 225). Die entscheidende
Bedeutung Deutschlands für das Fortschreiten der Revolution in der Welt,
gleichzeitig Deutschland als Vorbild einer zukünftigen Industrie, einer Plan-
wirtschaft in Rußland kommt wohl am besten in einer Schrift Lenins vom
Mai 1918 zum Ausdruck:
"Der Sozialismus ist undenkbar ohne die groß kapitalistische Technik,
die sich auf den neuesten Errungenschaften der modernen Wissenschaft
aufbaut, ohne eine planmäßige staatliche Organisation, die Dutzende
Millionen Menschen zur strengsten Einhaltung einer einheitlichen Norm
bei der Produktion und der Verteilung der Produkte zwingt ...
Der Sozialismus ist ferner undenkbar ohne die Herrschaft des Proletariats
im Staate. Das ist eine Binsenwahrheit. Und die Geschichte (von der
niemand, außer den menschewistischen Dummköpfen ersten Ranges,
erwartet hatte, daß sie in glatter, ruhiger, leichter und einfacher Weise uns
den ,vollen' Sozialismus bringen werde) hat einen so eigenartigen Verlauf
genommen, daß sie im Jahre 1918 zwei getrennte Hälften des Sozialismus,
eine neben der anderen, wie zwei künftige Kücken unter der einen Schale
des internationalen Imperialismus erzeugt hat. Deutschland und Rußland
verkörperten im Jahre 1918 am anschaulichsten einerseits die materielle
Verwirklichung der Wirtschafts- und Produktionsbedingungen, der sozial-
ökonomischen Bedingungen und andererseits der politischen Bedingungen
für den Sozialismus.
Die siegreiche proletarische Revolution in Deutschland würde mit einem
Male, mit ungeheurer Leichtigkeit jede Schale des Imperialismus (die bisher
aus bestem Stahl verfertigt und deshalb nicht durch die Anstrengungen eines
jeden ... 15 Kückens zerbrochen werden kann) zerbrechen, den Sieg des
Weltsozialismus ohne Schwierigkeiten oder unter geringfügigen Schwierig-
keiten bestimmt verwirklichen - natürlich, wenn man den weltgeschichtlichen
Maßstab des ,Schwierigen' nimmt, nicht aber den engen Spießermaßstab.
Solange in Deutschland die Revolution mit ihrem ,Ausbruch' noch säumt,
ist es unsere Aufgabe, den Staatskapitalismus bei den Deutschen zu erlernen,
ihn uns mit allen Kräften zu eigen zu machen, keine diktatorischen Methoden
zu scheuen, um diese Aneignung noch mehr zu beschleunigen als Peter der
Große die Aneignung der westlichen Kultur durch das barbarische Rußland
beschleunigte, wobei er vor barbarischen Methoden des Kampfes gegen
die Barbarei nicht zurückschreckte. Wenn es unter den Anarchisten und
15 Punkte von Lcnin gesetzt.
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 235

linken Sozialrevolutionären (ich erinnere mich unwillkürlich an die Reden


Karelins und Geys im Zentralexekutivkomitee) Leute gibt, die imstande
sind, wie ein Narziß zu denken, daß es uns Revolutionären nicht gezieme,
bei dem deutschen Imperialismus zu ,lernen', so muß man nur eins sagen:
die Revolution, die solche Leute ernst nehmen wollte, wäre hoffnungslos
(und ganz mit Recht) verloren."
(Aus Lenins Schrift: "über ,linke' Kinderei und Kleinbürgerlichkeit", veröffent-
licht in den Tagen des 9.-11. 5. 1918, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg.,
Bd. 22, Zürich 1934, S. 593/594.)

Nicht genug, daß er Deutschland als organisatorisches Vorbild, als ent-


scheidendes Land für das Fortschreiten der Weltrevolution ansah. Er beurteilte
auch die Chancen für eine Revolution in Deutschland besonders günstig. So
sehr sich seine Bewunderung für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands
seit August 1914 in Haß verwandelt hatte, so unverändert blieb sein Ver-
trauen zum revolutionären Willen des deutschen Proletariats. In seinem "Ab-
schiedsbrief an die Schweizer Arbeiter", vor seiner Rückkehr aus der Schweiz
nach Rußland, rühmte Lenin die revolutionäre Bedeutung und die Eigen-
schaften des deutschen Proletariats mit folgenden Worten:
"In Deutschland ist die Stimmung der proletarischen Masse bereits dem
Siedepunkt nahe, derselben Masse, die der Menschheit und dem Sozialismus
durch ihre beharrliche, hartnäckige konsequente organisatorische Arbeit
in den langen Jahrzehnten der europäischen ,Windstille' von 1871 bis 1914
so viel gegeben hat. Nicht die Verräter Scheidemann, Legien, David und Co.
und auch nicht die schwankenden, von der Routine der ,friedlichen' Periode
nicht loskommenden Politiker Haase, Kautsky und ihresgleichen repräsen-
tieren die Zukunft des deutschen Sozialismus.
Diese Zukunft gehört jener Richtung, die einen Karl Liebknecht hervor-
gebracht hat, die die ,Spartakus-Gruppe' geschaffen hat, der Richtung, die
in der Bremer ,Arbeiterpolitik' Propaganda treibt.
Die objektiven Bedingungen des imperialistischen Krieges sind eine Bürg-
schaft dafür, daß die Revolution sich nicht auf die erste Etappe der russi-
schen Revolution, daß sie sich nicht auf Rußland beschränken wird.
Das deutsche Proletariat ist der treueste, zuverlässigste Verbündete der
russischen und der internationalen proletarischen Revolution."
(Aus Lenins erwähntem Brief vom 8.4. 1917, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke
in zwölf Bänden", Bd. 6, Zürich 1934, S. 20.)
Lenin sah ein Bündnis zwischen Sowjetrußland und Sowjetdeutschland für
die Zukunft als besonders wichtig an. Die Behauptung ist nicht gewagt, daß
236 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

er die Stärke eines solchen Bündnisses höher einschätzte als jedes andere
Bündnis in der Welt (vgl. S. 255).

c) Sowjetische Vorbereitungen auf die Revolution in Deutschland


(Mai-November 1918)

Da sich die außenpolitische und innenpolitische Stellung des kaiserlichen


Deutschland im Vergleich zum März 1918 erheblich verschlechtert hatte,
beurteilte Lenin die revolutionären Chancen besonders in Deutschland immer
günstiger. Deutschland war der Staat, dessen Soldaten mit Sowjetrußland in
Berührung kamen und politisch beeinflußt werden sollten. Überdies machte
Lenin von Anfang an die inzwischen errichtete diplomatische Vertretung
Sowjetrußlands in Berlin zum Treffpunkt sowjetischer Vertreter mit deutschen
Revolutionären. Unter Ausnutzung der exterritorialen Rechte, die üblicher-
weise den Mitgliedern der diplomatischen Vertretung gewährt werden, ließ
Lenin revolutionäre Schriften und Flugblätter in das sowjetische Botschafts-
gebäude Berlins bringen (Näheres S.241-246).
Als am 3. Oktober 1918, in einer sehr schwierigen Lage, Prinz Max von
Baden deutscher Reichskanzler wurde, rechnete Lenin mit einem baldigen
Ausbruch der proletarischen Revolution unter der Führung Karl Liebknechts.
Auf dieses Ereignis hatte sich auch Sowjetrußland gründlich vorzubereiten.
Am 3. Oktober 1918 richtete Lenin einen Brief an einige Moskauer Organi-
sationen der Partei. Dieser Brief ist so aufschlußreich für Lenins Verhalten in
jener Zeit, daß er in vollem Wortlaut abgedruckt wird. Die seitlich angebrach-
ten Überschriften zu den einzelnen Teilen des Briefes sollen die Übersicht
erleichtern.
Die kritische "In Deutschland ist eine politische Krise ausgebrochen. Die panische Ver-
Lage in wirrung sowohl der Regierung als auch aller Ausbeuterklassen im ganzen
Deutschland
ist vor dem ganzen Volk zutage getreten. Die Hoffnungslosigkeit der
militärischen Lage und das Fehlen jeglicher Unterstützung der herrschen-
den Klassen durch die werktätigen Massen sind plötzlich offenkundig.
Diese Krise bedeutet entweder den Beginn der Revolution oder in jedem
Falle, daß ihre Unausweichlichkeit und Nähe den Massen jetzt augenschein-
lich wurden.
Die Regierung ist moralisch zurückgetreten und schwankt hysterisch zwi-
schen einer Militärdiktatur und einem Koalitionskabinett. Aber die Mili-
tärdiktatur ist in Wirklichkeit schon seit Beginn des Krieges ausprobiert;
und gerade jetzt ist sie nicht mehr zu verwirklichen, weil die Armee un-
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 237

zuverlässig geworden ist. Die Hinzuziehung der Scheidemanns & Co.


zum Kabinett beschleunigt nur die revolutionäre Explosion, wird sie noch
umfassender, noch bewußter, noch fester und entschlossener machen,
nachdem die ganze jämmerliche Machtlosigkeit dieser Lakaien der Bour-
geoisie, dieser käuflichen Leutchen, dergleichen wie unsere Menschewiki
und Sozialrevolutionäre, wie die Hendersons und Sydney Webbs in Eng-
land, die Albert Thomas und Renaudels in Frankreich usw. völlig entlarvt
sein wird.
Die Krise in Deutschland hat gerade begonnen. Sie wird unausweichlich Warum der
Friedensvertrag
durch den Übergang der politischen Macht in die Hände des deutschen von
Proletariats beendet werden. Das russische Proletariat verfolgt die Er- Brest-Litowsk
jetzt noch
eignisse mit größter Aufmerksamkeit und Begeisterung. Jetzt sehen selbst nicht zerrissen
die verblendetsten der Arbeiter in den verschiedenen Ländern, wie recht werden soll?
die Bolschewiki hatten, die die ganze Taktik auf die Unterstützung der
Arbeiter-Weltrevolution bauten und die keine Angst hatten, verschiedene
schwerste Opfer zu bringen. Jetzt werden selbst die Trübsten verstehen,
welchen maßlos gemeinen Verrat die Menschewisten und Sozialrevolutio-
näre am Sozialismus begangen haben, indem sie ein Bündnis mit der räube-
rischen englisch-französischen Bourgeoisie eingingen, angeblich wegen der
Ablehnung des Brester Friedens. Auch denkt die Sowjetmacht selbst-
verständlich nicht daran, den deutschen Imperialisten durch Versuche zu
helfen, den Brester Frieden zu verletzen, ihn in einem solchen Augenblick
zu zerreißen, da die inneren antiimperialistischen Kräfte Deutschlands zu
kochen und zu brodeln beginnen -, in einem solchen Augenblick, da die
Vertreter der deutschen Bourgeoisie beginnen, sich vor ihrem Volk hin-
sichtlich des Abschlusses eines solchen Friedens zu rechtfertigen, anfangen
Mittel ausfindig zu machen, um die Politik ,auszuwechseln'.
Aber das Proletariat Rußlands verfolgt nicht nur mit Interesse und Be- Proletarischer
Internationaüs-
geisterung die Ereignisse. Es stellt die Frage, auf welche Weise alle Kräfte mus zugunsten
anzuspannen sind, um den deutschen Arbeitern zu helfen, denen die schwer- Deutschlands
im Interesse der
sten Entbehrungen bevorstehen, die schwersten Übergänge von der Sklave- internationaien
rei zur Freiheit, der hartnäckigste Kampf sowohl mit dem eigenen als auch Arbeiter-
revolution
mit dem englischen Imperialismus. Die Niederlage des deutschen Imperialis-
mus wird für eine gewisse Zeit ein Anwachsen der Frechheit, der Grausam-
keit, der Rückschrittlichkeit und der Eroberungsversuche seitens des eng-
lisch-französischen Imperialismus bedeuten.
Die bolschewistische Arbeiterklasse Rußlands war immer internationalistisch
nicht in Worten, sondern in der Tat, im Unterschied zu jenen Schur-
238 Die Praxis der sowjetischen Aupenpolitik unter Lenin

ken, Helden und Führern der 11. Internationale, die entweder direkten
Verrat begingen, indem sie ein Bündnis mit ihrer Bourgeoisie eingingen
oder sich bemühten, mit Phrasen davonzukommen, indem sie sich (wie
Kautsky, Otto Bauer & Co.) Ausflüchte hinsichtlich der Revolution aus-
dachten, sich gegen jede mutige revolutionäre große Handlung aussprachen,
gegen jedes Opfer gegenüber engnationalen Interessen im Namen der
Vorwärtsbewegung der proletarischen Revolution.
Das russische Proletariat wird verstehen, daß man jetzt bald von ihm die
größten Opfer zugunsten des Internationalismus fordern wird. Es nähert
sich die Zeit, da die Umstände von uns Hilfe fordern können für das sich
von seinem Imperialismus befreiende deutsche Volk gegen den englisch-
französischen Imperialismus.
Beginnen wir sofort, uns darauf vorzubereiten. Wir werden beweisen,
daß der russische Arbeiter es versteht, weit energischer zu arbeiten, weit
selbstloser zu kämpfen und zu sterben, wenn es sich nicht nur um die russi-
sche allein, sondern auch um die internationale Arbeiterrevolution handelt.
Russisches Vor allem werden wir unsere Anstrengungen für die Bereitstellung von
Getreide für
das deutsche
Getreidevorräten verzehnfachen. Wir werden festlegen, daß in jedem großen
Proletariat Elevator ein Getreidevorrat zur Hilfe für die deutschen Arbeiter geschaffen
wird, wenn die Umstände sie in eine schwierige Lage bringen in ihrem
Kampf um die Befreiung von den Ungeheuern und Tieren des Imperialismus.
Möge sich jede Parteiorganisation, jede Gewerkschaft, jede Fabrik, jede
Werkstatt usw. speziell mit einigen von ihr ausgewählten Amtsbezirken
verbinden zur Festigung des Bündnisses mit den Bauern, um diesen zu
helfen, für ihre Aufklärung, für den Sieg über die Kulaken, für die völlige
Räumung aller Überschüsse an Getreide.
Verstärkung Möge sich auf dem gleichen Wege unsere Arbeit zur Schaffung einer pro-
der Roten Armee
als vorbereitende
letarischen Roten Armee verzehnfachen. Der Umschwung hat begon-
Hilfe für die nen - wir alle wissen, sehen und fühlen es. Die Arbeiter und werktätigen
deutsche
Revolution
Bauern haben sich von den Schrecken des imperialistischen Gemetzels
erholt, sie haben die Notwendigkeit des Krieges mit den Unterdrückern
zum Schutz der Errungenschaften ihrer Revolution, der Revolution der
Werktätigen, ihrer Herrschaft, der Sowj etherrschaft verstanden und an
Hand der Erfahrung erkannt. Die Armee wird geschaffen, die Rote Armee
der Arbeiter und armen Bauern, die bereit sind zu allen Opfern für den
Schutz des Sozialismus. Die Armee erstarkt und stählt sich in den Kämpfen
mit den Tschechoslowaken und Weißgardisten. Das Fundament ist dauerhaft
gelegt, man muß eilen mit dem Aufbau des Gebäudes selbst.
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 239

Wir hatten beschlossen, bis zum Frühjahr eine Armee von einer Million
Mann zu haben, jetzt brauchen wir eine Armee von 3 Millionen Mann.
Wir können sie haben, und wir werden sie haben.
Die Weltgeschichte hat in den letzten Tagen ihren Lauf hinsichtlich der Der Gang der
Weltrevolution
Weltarbeiterrevolution ungewöhnlich beschleunigt. Die schnellsten Ände- beschleunigt sich
rungen sind möglich, Versuche eines Bündnisses zwischen dem deutschen
und englisch-französischen Imperialismus gegen die Sowjetmacht sind
möglich.
Auch wir müssen die Arbeit der Vorbereitung beschleunigen. Ver-
zehnfachen wir unsere Anstrengungen.
Möge dies die Losung zum Jahrestag der großen Oktoberrevolution des
Proletariats werden!
Möge dies das Unterpfand für die anbrechenden Siege der proletarischen
Weltrevolution werden!"
(Brief Lenins vom 3. 10. 1918 an einige Moskauer Organisationen der Partei,
vgl. Lenin: "Werke", 3. Ausg., Bd. 23, Moskau 1937, S. 215-217.)
Wie es schon aus vorangehenden Dokumenten hervorging, beweist auch
dieser Brief Lenins Verhalten zu den Verträgen. Hatte er bereits am 7. März
1918 auf dreißig bis vierzig sowjetische Verletzungen des Friedensvertrages
von Brest-Litowsk hingewiesen, so hielt ihn am 3. Oktober 1918 nur ein Um-
stand von der Zerreißung dieses Vertrages zurück: die Gefahr, daß durch
Lenins öffentliche Loslösung von diesem Vertrag die deutsche Regierung sich
zu einem neuen militärischen Vorgehen gegen Sowjetrußland entschließen
und damit die innenpolitische Krise Deutschlands wieder zunächst zurück-
drängen könnte.
Es mußten nach Lenin beträchtliche Getreidevorräte bereitgestellt werden,
um das deutsche Proletariat während der kommenden Revolution vor einer
Erschöpfung zu bewahren. Das ist um so bemerkenswerter, als die Bevölke-
rung Sowjetrußlands bereits unter einer großen Hungersnot litt. Gerade dieser
Zustand hatte Lenin im Sommer 1918 veranlaßt, scharfe Maßnahmen für die
Erfassung irgendwo noch vorhandener Vorräte an landwirtschaftlichen Er-
zeugnissen zu ergreifen. Aber gemessen an dem Wert eines kommenden
Sowjetdeutschland erschien ihm die Bekämpfung des Hungers in Sowjet-
rußland offensichtlich zumindest zweitrangig. Bei den Bauern noch irgendwie
aufzutreibende Überschüsse waren ihnen als Reserve für den Kampf des
deutschen Proletariats wegzunehmen.
Nicht nur um eine Lebensmittelhilfe für das revolutionäre deutsche Prole-
tariat ging es. Lenin forderte gleichzeitig die umfassende Vorbereitung einer
240 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

militärischen Hilfe in der Form einer in Deutschland einmarschierenden Roten


Armee. Angesichts der Ereignisse in Deutschland verlangte er die radikale
Erhöhung der Sollstärke von einer Million auf drei Millionen Mann. Die
militärische Intervention in Deutschland plante Lenin ohne Rücksicht darauf~
ob eine deutsche Regierung ihn um Hilfe ersuchen würde oder nicht.
Was die revolutionären Vorbereitungen in Deutschland arilangte, so schal-
tete sich Lenin mehrfach auch persönlich ein. Es folgen zwei Dokumente, die
Lenins unmittelbare Einflußversuche auf die kritische Lage in Deutschland
zeigen.
Lenins Brief vom 18. 10. 1918 an die Mitglieder der Spartakus-Gruppe
in Berlin:
"Geehrte Genossen I Heute traf die Nachricht ein, daß die Spartakus-Gruppe
zusammen mit der Bremer linksradikalen Gruppe die energischsten Mit-
tel anwendet, um die Schaffung von Arbeiter- und Soldaten-Räten in
ganz Deutschland zu fördern. Ich benutze die Gelegenheit, um den deut-
schen revolutionären Sozialdemokraten-Internationalisten unsere besten
Wünsche zu übermitteln. Die Arbeit der deutschen Spartakus-Gruppe, die
eine systematische Revolutionspropaganda unter schwierigsten Bedin-
gungen getrieben hat, hat tatsächlich die Ehre des deutschen Sozialismus
und des deutschen Proletariats gerettet. Jetzt kommt die entscheidende
Stunde: die schnell heranreifende deutsche Revolution ruft die Spartakus-
Gruppe zur Erfüllung wichtigster Aufgaben auf; und wir alle hoffen fest,
daß die deutsche sozialistische proletarische Republik dem Weltimperialis-
mus bald einen entscheidenden Schlag versetzen wird.
Ich hoffe, daß das Buch des Renegaten Kautsky gegen die Diktatur des
Proletariats auch beträchtlichen Nutzen bringen wird. Es bestätigt die
Richtigkeit dessen, was immer von der Spartakus-Gruppe gegen die Kauts-
kyaner gesagt wurde; und die Massen werden sich immer schneller von dem
Einfluß des Herrn Kautsky und Co. befreien, der sie in einen Sumpf hin-
einzieht.
Die besten Grüße mit der unerschütterlichen Hoffnung, daß man in der
nächsten Zeit den Sieg der proletarischen Revolution in Deutschland be-
grüßen kann. Ihr N. Lenin."
(Vgl. Lenin: "Ssotschinjcnija" ("Werke"), 3. Ausg., Bd. 29, Moskau 1937, S. 514.)

*
Anweisung Lenins vom 23. 10. 1918 an den sowjetischen Botschafter Joffe
in Berlin:
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 241

"Übermitteln Sie unverzüglich an Karl Liebknecht unseren herzlichsten


Gruß. Die Entlassung des Vertreters der revolutionären Arbeiter Deutsch-
lands aus dem Gefängnis ist das Zeichen einer neuen Epoche, der Epoche
des siegreichen Sozialismus, die jetzt sowohl für Deutschland als auch für
die ganze Welt anbricht.
Im Namen des Zentralkomitees der Russischen Kommunistischen Partei
(Bolschewisten). Lenin, Swerdlow, Stalin. "
(Vgl. Lerun: "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg., Bd. 29, Moskau 1937, S. 515.)

d) Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Deutschland


(5.11. 1918) und Lenins Stellungnahme (6.11. 1918)

Der deutschen Regierung entgingen keineswegs die häufigen Besuche von


deutschen Revolutionären in der sowjetischen Botschaft in Berlin. Ihr Ver-
dacht wuchs, daß sich in den mitgebrachten Kisten von diplomatischen
Kurieren für die Berliner Sowjetbotschaft Flugblätter und Flugschriften
befanden, die zur Revolution in Deutschland aufforderten. Dies brachte sie
in einen Konflikt mit dem Grundsatz, die exterritorialen Rechte der Vertreter
einer in Berlin akkreditierten auswärtigen Macht zu achten. Wie die deutsche
Regierung schließlich einen einwandfreien Beweis für die umstürzlerische
Tätigkeit der Sowjetregierung in Deutschland erhielt, schilderte der damalige
deutsche Legationssekretär im Auswärtigen Amt und spätere Gesandte
W. von Blücher:
"Als die deutsche Niederlage an der Westfront feststand, schien den Bol-
schewiken Deutschland für die bolschewistische Revolution reif zu sein.
Herr Joffe und seine Untergebenen hatten dauernde Berührung mit den am
meisten links stehenden Unabhängigen Sozialisten. Die Abgeordneten
dieser Partei waren ständige Besucher der Sowjet-Botschaft Unter den
Linden. Russisches Geld wurde in verschwenderischer Weise verteilt; und
die russischen Kuriere, die in Berlin eintrafen, führten Kisten von einem
außergewöhnlichen Umfang und außergewöhnlicher Schwere mit sich.
Die russischen Umtriebe in Deutschland bildeten das Thema einer Ressort-
besprechung der zuständigen Ministerien. In dieser verlangte der Ver-
treter des Generalstabes die Ausweisung der russischen Botschaft, aber
er konnte kein stichhaltiges Belastungsmaterial vorbringen. Daraufhin
erklärte Geheimrat Nadolny, der für das Auswärtige Amt der Sitzung bei-
wohnte, daß eine an den deutschen Generalkonsul in Leningrad adressierte
Kiste neulich auf dem dortigen Bahnhof hingefallen und zerbrochen sei.
242 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Herr Nadolny schloß seine Ausführungen mit den Worten: ,Hier geht
natürlich nie eine sowjetische Kiste entzweil'
Diese Bemerkung blieb nicht ohne Wirkung. Als der nächste russische
Kurier auf dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin ankam, ließen die Ge-
päckträger die größte und schwerste der Kisten auf einer der Steintreppen
des Bahnhofs fallen. Die Kiste brach programmäßig auseinander und eine
Flut von blutrünstigen Aufrufen an die Arbeiter und Soldaten ergoß sich
über die Treppenstufen. Jetzt hatten wir zum erstenmal unwiderlegliches
Beweismaterial gegen Herrn J offe in der Hand. Eine Anzahl von Exem-
plaren - eine mit der Überschrift ,Schlagt die Junker tot' - wurde ins Aus-
wärtige Amt gebracht und hier zur Grundlage einer Besprechung gemacht.
Der Vertrauensmißbrauch mit den Privilegien des diplomatischen Kurier-
rechts war so flagrant, insbesondere da Herr J offe vorher gewarnt war, daß
beschlossen wurde, dem Reichskabinett vorzuschlagen, Herrn J offe als
persona ingrata mit seinem Personal nach Rußland abzuschieben. Das
Reichskabinett erklärte sich damit einverstanden.
Darauf wurde Herr Joffe - es war am 5. November 1918 - zum Staats-
sekretär ins Auswärtige Amt gebeten. Dieser eröffnete ihm, was sich
ereignet hatte, und ersuchte ihn, mit seinem Personal seine Abreise nach
Rußland vorzubereiten. Herr Joffe trat bei dieser Gelegenheit sehr selbst-
bewußt auf. Er erklärte stolz: ,100000 Berliner werden mich zur Bahn
begleiten. '
Es lag nicht im deutschen Interesse, ihm die Möglichkeit zu geben,
eine derartige Demonstration zu veranstalten. In einer gleich nachher
abgehaltenen internen Besprechung wurde daher beschlossen, sofort die
russische Botschaft polizeilich abzusperren und die Telefonverbindungen,
mit Ausnahme der zum Auswärtigen Amt, abzuschneiden. Diese Maß-
nahme wurde von der Kriminalpolizei so schnell durchgeführt, daß
wir noch während der Besprechung von einem Herrn der russischen
Botschaft angerufen wurden mit der Frage, was denn los sei, man
könne nicht mehr telefonieren und es könne niemand mehr aus der Bot-
schaft heraus.
Dann wurde beschlossen, am folgenden Tage in frühester Stunde die
gesamte Botschaft in einem Extrazug auf dem Bahnhof Friedrichstraße zu
verladen und die Manipulation wurde so schnell durchgeführt, daß keinerlei
Demonstrationen möglich waren."
(Aus dem Buch von Wipert von Blücher: "Deutschlands Weg nach Rapallo",
Wiesbaden 1951, S. 34/35.)
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 243

Die deutsche Note vom 5. November 1918, die den Abbruch der deutsch-
sowjetischen Beziehungen mitteilte, deutete auch die erwähnten Vorgänge
an. Darüber hinaus enthielt sie eine Beschwerde über die bisherigen Maß-
nahmen der Sowjetregierung, die unmittelbar und mittelbar Beteiligten
an der Ermordung des deutschen Gesandten in Moskau, Graf Mirbach,
zu ergreifen und zu bestrafen. Mitglieder der Partei der Linken Sozialrevo-
lutionäre hatten ihn am 6. Juli 1918 ermordet. Die Sowjetregierung ging
trotz der antibolschewistischen Einstellung der Täter und Anstifter nur
zögernd vor und ließ eine vieldeutige Haltung erkennen. Der wichtigste und
größte Teil der deutschen Note vom 5. November 1918 hatte folgenden
Wortlaut (der Text ist eine Übersetzung aus dem russischen Text, da mir der
deutsche Text nicht zur Verfügung stand):
"An das Volks kommissariat für Auswärtige Angelegenheiten,
G. W. Tschitscherin.
Im Auftrage der deutschen Regierung hat das Kaiserliche Deutsche Konsulat
die Ehre, der Russischen Föderativen Sowjetrepublik Nachfolgendes mit-
zuteilen:
Die deutsche Regierung ist schon zum zweiten Male genötigt worden,
gegen den Umstand zu protestieren, daß durch das Verhalten russischer
offizieller Stellen entgegen der Bestimmung des Artikels 2 des Brester
Friedensvertrages eine unzulässige Agitation gegen deutsche staatliche
Stellen betrieben wird. Was sie anlangt, so hält sie es nicht mehr für mög-
lich, sich auf Proteste gegen diese Agitation zu beschränken, die nicht nur
eine Verletzung der erwähnten Vertragsbestimmungen, sondern auch eine
ernste Abweichung von den internationalen Gepflogenheiten bedeutet.
Als nach dem Abschluß des Friedensvertrages die Sowjetregierung ihre
diplomatische Vertretung in Berlin errichtete, wurde der ernannte Russische
Bevollmächtigte, Herr Joffe, genau auf die Notwendigkeit hingewiesen,
jede agitatorische und propagandistische Tätigkeit in Deutschland zu ver-
meiden. Er antwortete darauf, daß ihm der Artikel 2 des Brester Vertrages
bekannt sei, und daß er wisse, daß er als Vertreter einer ausländischen
Macht sich nicht in innere Angelegenheiten Deutschlands einmischen
dürfe. Herr Joffe und die ihm verwaltungs mäßig unterstellten Organe
genossen deshalb in Berlin jene Aufmerksamkeit und jenes Vertrauen, die
man üblicherweise exterritorialen ausländischen Vertretern entgegenbringt.
Dieses Vertrauen wurde jedoch getäuscht. Schon im Laufe einiger Zeit
wurde klar, daß die russische diplomatische Vertretung durch intime Ver-
bindung mit einigen Elementen, die in der Richtung eines Sturzes der
244 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

staatlichen Ordnung in Deutschland und durch Verwendung solcher Ele-


mente in ihrem Dienst an einer Bewegung interessiert ist, die sich auf den
Sturz der gegenwärtigen Ordnung in Deutschland richtet. Dank dem
folgenden Zwischenfall, der sich am 4. dieses Monats ereignete, wurde klar,
daß die Russische Regierung durch die Einfuhr von Flugblättern mit der
Aufforderung zur Revolution sogar aktiven Anteil nimmt an den auf den
Sturz der gegenwärtigen Ordnung abzielenden Bewegungen und dadurch
das Vorrecht der Benutzung diplomatischer Kuriere verletzt. Infolge der
Beschädigung, die während des Transportes eine der Kisten erlitt, die zu
dem offiziellen Gepäck des gestern in Berlin angekommenen russischen
Kuriers gehörte, wurde festgestellt, daß diese Kisten in deutscher Sprache
abgefaßte revolutionäre Flugblätter enthielten und ihrem Inhalt nach für
die Verbreitung in Deutschland bestimmt sind.
Einen weiteren Grund zur Beschwerde gibt der Deutschen Regierung das
Verhalten, das die Sowjetische Regierung zur Frage bekundete, wie die
Ermordung des kaiserlichen Gesandten Graf Mirbach gesühnt werden
soll. Die Russische Regierung hat feierlich versprochen, daß sie alles tun
würde, um die Schuldigen zu bestrafen. Die Deutsche Regierung konnte
jedoch keine Anzeichen dafür feststellen, daß die Verfolgung oder Bestra-
fung der Schuldigen bereits begonnen hat oder daß wenigstens eine Absicht
besteht, dies durchzuführen. Die Mörder flüchteten aus einem Gebäude,
das von allen Seiten von Organen der öffentlichen Sicherheit der Russischen
Regierung umgeben ist. Die Anstifter des Mordes, die offen zugegeben
haben, daß er von ihnen beschlossen und vorbereitet wurde, sind bis heute
nicht bestraft und, nach den erhaltenen Nachrichten zu urteilen, sogar am-
nestiert worden.
Die Deutsche Regierung protestiert gegen diese Verletzung des Vertrages
und des öffentlichen Rechtes. Sie muß von der Russischen Regierung
Garantien fordern, daß die Agitation und Propaganda, die im Widerspruch
zum Friedensvertrag stehen, in Zukunft nicht betrieben werden. Sie muß
darüber hinaus darauf bestehen, daß die Ermordung des Gesandten Graf
Mirbach durch die Bestrafung der Mörder und der Anstifter zum Mord
gesühnt wird.
Bis zu dem Moment, da diese Forderungen erfüllt sein werden, muß die
Deutsche Regierung die Regierung der Sowjetrepublik bitten, ihre diplo-
matischen und anderen offiziellen Vertreter aus Deutschland abzuberufen."
(Aus der Note der deutschen Regierung an die Sowjetregierung vom 5.11. 1918,
vgl. Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"),3. Ausg.,Bd. 23, Moskau 1937, S. 257/258.)
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 245

Der Text der deutschen Note vom 5. November 1918 wurde von Lenin
am 6. November vor dem 6. Allrussischen Außerordentlichen Sowjetkongreß
verlesen. In seiner Stellungnahme dazu bestritt er keinen der Vorgänge, der
in der erwähnten deutschen Note geschildert wurde. Verwunderlich erschien
ihm nur, warum die deutsche Regierung die ihr schon lange bekannten Zu-
sammenkünfte von deutschen Revolutionären mit sowjetischen Vertretern
in der sowjetischen Botschaft nicht schon früher zum Anlaß für den Abbruch
der diplomatischen Beziehungen genommen hätte. Er konnte es sich nicht
anders als damit erklären, daß die deutsche Regierung im Gefühl ihrer Schwä-
che kopflos den Abbruch der diplomatischen Beziehungen forderte, während
sie früher gegenüber denselben Vorgängen in der sowjetischen Botschaft sich
stark genug gefühlt hätte, um sich nicht davor zu fürchten. Bezeichnend
für Lenin war, daß er die tatsächlichen rechtlichen Bedenken der deutschen
Regierung gegen einen Abbruch diplomatischer Beziehungen ohne eindeutig
festgestellte Vertragsverletzungen völlig außer acht ließ. Nur die Macht-
stellung der deutschen Regierung gegenüber den Ereignissen erschien ihm
als Grund für den Abbruch der diplomatischen Beziehungen maßgebend.
Er fühlte sich noch nicht einmal formal veranlaßt, den sowjetischen Miß-
brauch der exterritorialen Rechte in Deutschland zu bedauern. Alles dies
zeigte die Stellungnahme Lenins zur deutschen Note. Auch das Vorgefühl
einenes baldigen Triumphes der Revolution wird darin spürbar:
"Genossen, wir alle wissen es ausgezeichnet, daß die deutsche Regierung
es sehr gut gewußt hat, daß die russische Botschaft von allem Anfang des
Krieges an die Gastfreundschaft der deutschen Sozialisten genoß und daß
diejenigen, die für den deutschen Imperialismus eintraten, daß solche Leute
die Schwelle der russischen Botschaft nicht überschritten. Ihre Freunde
waren die Sozialisten, die gegen den Krieg waren und mit Karl Liebknecht
sympathisierten. Von allem Anfang des Bestehens der Botschaft an waren
sie ihre Gäste und nur mit ihnen waren wir im Verkehr. Das hat die deut-
sche Regierung ausgezeichnet gewußt. Man überwacht jeden Vertreter
unserer Regierung mit derselben Aufmerksamkeit, mit der die Regierung
Nikolaus H. unsere Genossen überwachte. Und wenn jetzt die Regierung
diese Geste macht, so nicht nur, weil sich irgend etwas veränderte, sondern
weil sie sich früher für stärker hielt und sich nicht fürchtete, daß wegen
eines Hauses, das in den Straßen Berlins angezündet ist, ganz Deutschland
in Brand gerät. Die deutsche Regierung hat den Kopf verloren, und wenn
ganz Deutschland brennt, denkt sie, daß sie den Brand löschen wird, indem
sie ihre Polizeischläuche auf ein Haus richtet.
246 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Das ist nur lächerlich. Wenn die deutsche Regierung im Begriff ist, den
Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu erklären, so werden wir sagen,
daß wir das gewußt haben, daß sie mit allen Kräften nach einem Bündnis
mit den englisch-französischen Imperialisten trachtet. Wir wissen, daß die
Regierung Wilsons Telegramme massenhaft mit der Bitte übersandte, daß
die deutschen Truppen in Polen, in der Ukraine, in Estland und Livland
bleiben, weil, obwohl auch sie ein Feind des deutschen Imperialismus ist,
diese Truppen ihre Sache besorgen: sie unterdrücken die Bolschewisten.
Sie sollen erst gehen, wenn die ententefreundlichen Befreiungstruppen
erscheinen werden, um die Bolschewisten zu würgen.
Das wissen wir ausgezeichnet; von dieser Seite her liegt für uns nichts
Unerwartetes vor. Wir sagten nur, daß jetzt, da Deutschland in Brand ge-
raten ist und ganz Österreich brennt, da sie gezwungen waren, Liebknecht
freizulassen und ihm die Möglichkeit zu geben, in die russische Botschaft
zu fahren, was von der Generalversammlung der Sozialisten mit Liebknecht
an der Spitze beschlossen wurde, daß jetzt ein solcher Schritt seitens der
deutschen Regierung nicht so sehr davon zeugt, daß sie Krieg führen will,
als vielmehr davon, daß sie vollständig den Kopf verloren hat, daß sie
zwischen verschiedenen Entschlüssen hin und her schwankt, weil der furcht-
barste Feind gegen sie angetreten ist - der anglo-amerikanische Imperialis-
mus, der Österreich mit einem hundertfach gewaltsameren Frieden unter-
drückte, als es der Brester Frieden war. Deutschland sieht, daß diese Be-
freier auch Deutschland würgen, zerfleischen, quälen wollen. Aber zugleich
erhebt sich der Arbeiter Deutschlands. Die deutsche Armee hat sich nicht
deshalb als unbrauchbar, kampfunfähig erwiesen, weil die Disziplin schwach
war, sondern weil die Soldaten, die es ablehnten zu kämpfen, und von der
Ostfront zur deutschen Westfront hinübergebracht wurden, auch das mit
hinüberbrachten, was die Bourgeoisie den Weltbolschewismus nennt."
(Aus Lenins Rede zum ersten Jahrestag der Revolution am 6. 11. 1918, vgl.
Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Ausg., Bd. 23, Moskau 1937, S. 258/259.)

e) Lenins Urteile über den Friedensvertrag von Versailles


und Lenins Folgerungen

Am zweiten Tag der Novemberrevolution in Deutschland beurteilte Lenin


die Vorgänge in Deutschland noch zuversichtlich und forderte zu noch ver-
stärkten sowjetischen Anstrengungen auf. Nach einem Bericht der Moskauer
"Prawda" vom 14. 11. 1918 versammelten sich am 10. November Mitglieder
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 247

eines politischen Klubs in Anwesenheit Lenins und "verfolgten mit ange-


spannter Aufmerksamkeit die letzten Mitteilungen über das ungeheure Wach-
sen der Revolution in Deutschland. Bei der Erläuterung der sich vollziehenden
Ereignisse wies Genosse Lenin darauf hin, daß wir jetzt am meisten unsere
Kräfte anspannen müssen. ,Organisation, Organisation, Organisation' - das
ist es, womit Genosse Lenin seine Rede beendete."16 Einen Tag später
- bereits enttäuscht - deutete er die Ereignisse in Deutschland nicht als
"Oktoberrevolution" (proletarische Revolution im Sinne Lenins), sondern
als "Februarrevolution" (bürgerlich-demokratische Revolution im Sinne
Lenins)17. Das Scheitern einer deutschen "Oktoberrevolution" im November
1918 war nach Lenin die Schuld der deutschen Sozialdemokraten. Vor 1914
von Lenin bewundert, seit Ende 1914 von ihm bekämpft, wurde die Sozial-
demokratische Partei Deutschlands nach 1918 die von ihm am meisten gehaßte
Partei. Das Manifest des 11. Weltkongresses der Kommunistischen Internatio-
nale vom August 1920 brachte diese Empfindungen Lenins und seiner An-
hänger wohl am klarsten zum Ausdruck:
"Der historische Verrat der internationalen Sozialdemokratie hat in der
Geschichte der Unterdrückung und des Kampfes nicht seinesgleichen. Das
hat sich am klarsten und schrecklichsten in Deutschland gezeigt. Der Zu-
sammenbruch des deutschen Imperialismus vollzog sich zugleich mit dem
Zusammenbruch des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Außer dem Pro-
letariat gab es keine andere Klasse, die auf die regierende Macht hätte An-
spruch erheben können. Die Entwicklung der Technik, die zahlenmäßige
Stärke und kulturelle Höhe der deutschen Arbeiterklasse waren ein sicherer
Bürge für den Erfolg des sozialistischen Umsturzes. Aber der Verwirkli-
chung dieser Aufgabe stemmte sich die deutsche Sozialdemokratie entgegen.
Durch verwickelte Manöver, worin sich Schlauheit und Stumpfsinn paart,
wurde die Energie des Proletariats vom natürlichen und notwendigen Ziel,
der Eroberung der Macht, abgelenkt. Im Verlauf von Jahrzehnten hat die
Sozialdemokratie das Vertrauen der Massen gewonnen, um damit im ent-
scheidenden Augenblick, in dem das Schicksal der bürgerlichen Gesell-
schaft auf dem Spiele stand, ihre ganze Autorität den Unterdrückern zur
Verfügung zu stellen."
(Vgl. "Protokoll des H. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale",
Hamburg 1921, S.733/34.)

16 Der Bericht der "Prawda" ist entnommen: Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"),


3. Ausg., Bd. 23, Moskau 1937, S. 514.
17 Lenin: "Ssotschinjenija" ("Werke"), 3. Aufl., Bd. 23, Moskau 1937, S. 514.
248 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Neue Hoffnungen auf eine kommende proletarische Revolution in Deutsch-


land schöpfte Lenin aus den Folgen des von Deutschland unterzeichneten
Friedensvertrages von Versailles (28. 6. 1919). Nach Lenin mußten sich diese
Folgen u. a. in schweren wirtschaftlichen Krisen und starken internationalen
Spannungen für Deutschland äußern und damit eine proletarische Revolution
in Deutschland fördern. Manche scharfen Urteile Lenins über den Vertrag
von Versailles entsprachen den Gefühlen, die nicht wenige Deutsche gegen-
über diesem Vertrag empfanden:
"Der Friede von Brest-Litowsk, von dem monarchistischen Deutschland
diktiert, und dann der weitaus bestialischere und niederträchtigere Friede
von Versailles, von ,demokratischen' Republiken, von Amerika und Frank-
reich, sowie vom ,freien' England diktiert ... "
(Aus Lenins Vorwort vom 6.7. 1920, zur deutschen und französischen Ausgabe
seiner Schrift: "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus", S. 771.)

*
"Ihr wißt, das nach der Zertrümmerung Deutschlands die alliierten
Imperialisten - Frankreich, England, Amerika und Japan - den Versailler
Vertrag geschlossen haben, der jedenfalls unendlich barbarischer ist als der
berüchtigte Brester Friede, über den man so viel Lärm erhoben hat. Und
obwohl die Franzosen, die Amerikaner und die Engländer in die ganze
Welt hinausposaunten, daß dieser Krieg ein Befreiungskrieg sei, daß
dieser Krieg die Befreiung Europas und der ganzen Welt von der Barbarei
der Hunnen, wie sie die Deutschen nannten, die Befreiung der Welt vom
deutschen Militarismus und vom deutschen Kaiser zum Ziele habe, zeigte
es sich, daß der Versailler Friede alle Grausamkeiten übertraf, deren der
Kaiser fähig war, als er siegte. Die Einmischung der englischen und franzö-
sischen Offiziere in das Wirtschaftsleben aller besiegten Länder, Deutsch-
lands und der Länder des österreichisch-ungarischen Reiches, zeigte diesen
Ländern, daß man unter solchen Verhältnissen nicht leben kann.
Der Friede von Versailles unterdrückt eine Bevölkerung von hunderten
Millionen. Deutschland nimmt er die Kohle, die Milchkühe und hält es in
einer unerhörten, nie dagewesenen Sklaverei. Die rückständigsten Schichten
der bäuerlichen Bevölkerung Deutschlands haben erklärt, daß sie für die
Bolschewiki seien, daß sie ihre Verbündeten seien. Und das ist verständlich,
denn die Sowjetrepublik ist in ihrem Kampfe um ihre Existenz die einzige
Macht in der Welt, die gegen den Imperialismus kämpft."
(Aus Lenins Rede vom 2.10.1920 vor Arbeitern und Angestellten der Lederindu-
strie, vgl. Lenin: " Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 25, Wien-Berlin 1930, S. 498-500.)
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 249

"Der V ersailler Vertrag ist aber ein Vertrag von Mördern und Räubern.
Als uns der Frieden von Brest-Litowsk aufgezwungen wurde, unter dessen
Joch wir uns so lange befanden, da schrie man in der ganzen Welt, das sei
ein Raubfriede. Als Deutschland besiegt war, da schrie der Völkerbund,
dessen Mitglieder gegen Deutschland gekämpft hatten, das sei ein Befrei-
ungskrieg, ein demokratischer Krieg gewesen. Man zwang Deutschland
einen Frieden auf, aber dieser Friede war ein Friede von Wucherern und
Henkern, denn Deutschland und Österreich wurden ausgeplündert und
zerstückelt. Man nahm diesen Ländern alle Mittel zum Leben, ließ die
Kinder hungern und Hungers sterben. Das ist ein ungeheuerlicher Raub-
frieden. Was also ist der V ersailler Vertrag? Ein ungeheuerlicher Raub-
frieden, der dutzende Millionen Menschen, und darunter die zivilisiertesten,
zu Sklaven macht. Das ist kein Frieden, das sind vielmehr Bedingungen, die
einem wehrlosen Opfer von Räubern mit dem Messer in der Hand diktiert
worden sind. Die Gegner Deutschlands haben auf Grund des Versailler
Friedensvertrages ihm alle Kolonien weggenommen."
(Aus der Rede Lenins vor Vertretern der Sowjets des Moskauer Gouvernements
am 15. 10. 1920, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd.25, Wien-BerUn
1930, S. 520.)

Nicht nur die Hungersnot der Kinder in Deutschland und die deutschen
Kolonialverluste schien er zu bedauern, sondern auch die Teilung Deutsch-
lands in zwei Teile und den Verlust deutscher Gebiete an Polen:
"Eine der Voraussetzungen dieses ungeheuerlichen Friedens ist die Tat-
sache, daß Polen Deutschland in zwei Teile zerschneidet, weil Polen einen
Ausgang zum Meer braucht. Die Beziehungen zwischen Deutschland und
Polen sind gegenwärtig sehr zugespitzt. Wenn die Polen die deutsche Be-
völkerung unterdrücken, so werden sie dabei von den Truppen und Offi-
zieren der Entente unterstützt. Der Versailler Friede hat aus Polen einen
Pufferstaat gemacht, der Deutschland vor der Berührung mit dem Kommu-
nismus Sowjetrußlands schützen soll und den die Entente als Waffe gegen
die Bolschewiki betrachtet."
(Aus Lenins Rede vor Arbeitern und Angestellten der Lederindustrie am 2. 10.
1920, S.498/499.)

Aus den Urteilen Lenins über den Friedensvertrag von Versailles erklärte
es sich u. a., daß in einigen rechts stehenden Kreisen Deutschlands Sowjet-
rußland als geeigneter Verbündeter im Kampf gegen den Vertrag von Ver-
sailles betrachtet wurde. Sie sahen zum Teil nicht, daß die kritischen Urteile
250 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Lenins über "Versailles" mit einem ganz anderen Ziel verbunden waren, als
es den erwähnten Rechtskreisen vorschwebte. Diese Kreise glaubten an das
Wiederaufleben einer deutsch-russischen Freundschaft der Bismarck-Zeit, die
die gesellschaftliche und wirtschaftliche Struktur Deutschlands unangetastet
läßt. Inzwischen war unter Lenins Führung in Rußland ein Staat mit anderen
Zielen entstanden. Für Lenin bedeutete der Friedensvertrag von Versailles
nur eine gute Grundlage für den Ausbruch der proletarischen Revolution in
Deutschland, während einige Rechtskreise Lenin als eine außenpolitische
Stütze für die nationale Erneuerung des nichtkommunistischen Deutschland
ansahen. Die Möglichkeiten, den Sinn der scharfen Worte Lenins über ein
geteiltes Deutschland falsch zu deuten, wird bei einem Vergleich des zuletzt
angeführten Zitats Lenins mit den vom 11. Kominternkongreß angenommenen
Thesen erkennbar. Die These 3 der Thesen Lenins zur nationalen und kolo-
nialen Frage (ursprünglicher Entwurf) vom Juni 1920 wurde auf dem
,,11. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale" mit Lenins Einver-
ständnis etwas geändert und erhielt folgende Fassung:
,,3. Der imperialistische Krieg von 1914 hat allen geknechteten Nationen
und unterdrückten Klassen der ganzen Welt mit besonderer Klarheit die
Lügenhaftigkeit der bürgerlich-demokratischen Phrase bewiesen. Von bei-
den Seiten mit den Phrasen der Völkerbefreiung und des Selbstbestim-
mungsrechtes der Nationen begründet, hat einerseits der Friede von Brest-
Litowsk und Bukarest, andererseits der Friede von Versailles und St. Ger-
main gezeigt, daß die siegende Bourgeoisie rücksichtslos auch die ,nationa-
len' Grenzen nach ihren wirtschaftlichen Interessen bestimmt. Auch die
,nationalen' Grenzen sind für die Bourgeoisie nur Handelsobjekte. Der
sogenannte Völkerbund (,Liga der Nationen') ist nichts anderes als der
Versicherungsvertrag, in dem die Sieger dieses Krieges sich gegenseitig
ihren Raub garantieren. Die Bestrebungen auf Wiederherstellung der
nationalen Einheit, auf ,Wiedervereinigung mit abgetretenen Landesteilen'
sind für die Bourgeoisie nichts anderes als der Versuch der Besiegten, Kräfte
zu neuen Kriegen zu sammeln.
Die Wiedervereinigung der künstlich zerrissenen Nationen entspricht auch
dem Interesse des Proletariats; seine wirkliche nationale Freiheit und
Einheit kann das Proletariat jedoch nur auf dem Wege des revolutionären
Kampfes und über die niedergeworfene Bourgeoisie hinweg erreichen.
Der Völkerbund und die gesamte Politik der imperialistischen Staaten
nach dem Kriege decken diese Wahrheit noch deutlicher und schärfer auf,
verstärken überall den revolutionären Kampf des Proletariats der vor-
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 251

geschrittenen Länder sowie aller werktätigen Massen der Kolonien und der
abhängigen Länder, beschleunigen den Zusammenbruch der kleinbürger-
lich-nationalen Illusionen über die Möglichkeit eines friedlichen Zusammen-
lebens und über die Gleichheit der Nationen unter dem Kapitalismus."
(Vgl. "Protokoll des II. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale",
Hamburg 1921, S. 137, 224, 225/226.)

Bei einem Vergleich dieser These mit dem Urteil Lenins über die Teilung
Deutschlands durch Polen (vgl. S. 249) dürfte klar werden, daß Lenin aus der
Teilung Deutschlands von 1919 völlig andere Schlußfolgerungen als jeder
Deutsche (mit Ausnahme der Kommunisten) zog. Das vorliegende Beispiel
ist wieder ein Beispiel dafür, wie sehr im Gebrauch von Ausdrücken Kommu-
nisten und Nichtkommunisten bei der Beurteilung eines Gegenstandes über-
einstimmen können, während die konkreten Folgerungen daraus radikal
voneinander abweichen. Was in der These 3 über die "Wiederherstellung der
nationalen Einheit" über "Wiedervereinigung mit abgetretenen Landesteilen"
festgelegt wurde, hat an Bedeutung nichts eingebüßt. Damals wie heute soll
der "Wiederherstellung der nationalen Einheit" im Falle Deutschlands die
vorherige kommunistische Machtergreifung vorausgehen.
Die Bedingungen des Versailler Friedensvertrages würden Deutschland in
eine so schwierige Lage bringen, daß auch einem bürgerlichen Deutschland
nichts übrigbliebe, als sich mit Sowjetrußland gegen die Westmächte zu ver-
bünden. Diesen Zusammenhang deutete Lenin am 26. November 1920 so an:
"Der dritte Zwist ist der Zwist zwischen der Entente und Deutschland.
Deutschland ist besiegt, vom V ersailler Vertrag erdrückt, vedügt aber
über ungeheure wirtschaftliche Möglichkeiten. Deutschland ist, seiner
wirtschaftlichen Entwicklung nach, das zweite Land der Welt, wenn man
Amerika für das erste hält. Fachleute behaupten sogar, daß die Elektro-
industrie Deutschlands höher stehe als die Amerikas, und ihr wißt ja, was
für eine gewaltige Bedeutung die Elektroindustrie hat. Was den Umfang
der Anwendung der Elektrizität betrifft, so steht Amerika höher; was die
technische Vollendung betrifft, Deutschland. Und einem solchen Land hat
man den Versailler Frieden aufgezwungen, der ihm die Existenz unmöglich
macht. Deutschland ist eines der stärksten und fortgeschrittensten kapitalisti-
schen Länder; es kann den V ersailler Vertrag nicht ertragen und muß
Verbündete gegen den Weltimperialismus suchen, obwohl es selbst ein
imperialistisches - aber geschlagenes - Land ist."
(Aus Lenins Rede vom 26.11. 1920 vor den Moskauer Zellensekretären der
Partei, S. 305.)
252 Die Praxis der sowjetischen Aupenpolitik unter Lenin

Daß ein so zwangsläufig erscheinendes Bündnis zwischen Sowjetrußland


und einem bürgerlichen Deutschland sich einem letzten Ziel unterzuordnen
hätte, zeigte Lenin deutlich:
"Unsere Außenpolitik besteht, solange wir allein dastehen und die kapi-
talistische Welt stark ist, einerseits darin, daß wir die Meinungsverschie-
denheiten ausnutzen müssen (alle imperialistischen Mächte zu besiegen,
wäre natürlich das angenehmste, aber wir werden noch ziemlich lange nicht
imstande sein, das zu tun). Unsere Existenz hängt einerseits davon ab, daß
eine grundlegende Differenz zwischen den imperialistischen Staaten besteht,
andererseits aber davon, daß der Sieg der Entente und der Frieden von
V ersailles die gewaltige Mehrheit der deutschen Völker in unmögliche
Existenzbedingungen gebracht haben. Der Frieden von Versailles hat eine
Situation geschaffen, da Deutschland von einer Atempause nicht einmal
träumen kann, nicht davon träumen kann, daß man es nicht ausraube,
ihm nicht die Existenzmittel nehme, seine Bevölkerung nicht zum Hungern
und Aussterben verdamme; und es ist natürlich, daß für Deutschland das
einzige Mittel, sich zu retten, nur ein Bündnis mit Sowjetrußland ist, auf
das die Deutschen auch ihre Blicke richten. Sie sind wütende Feinde
Sowjetrußlands, sie hassen die Bolschewiki, sie erschießen ihre Kommunisten,
so wie es echte Weißgardisten tun. Die deutsche bürgerliche Regierung hegt
einen tollen Haß gegen die Bolschewiki, aber die Interessen der internatio-
nalen Lage treiben sie gegen ihren eigenen Willen zum Frieden mit Sowjet-
rußland. Das, Genossen, ist die zweite Hauptsäule unserer internationalen,
unsere Außenpolitik: den Völkern, die sich der kapitalistischen Unter-
drückung bewußt werden, zu beweisen, daß für sie keine andere Rettung
besteht als die Sowjetrepublik. Und da die Sowjetrepublik drei Jahre lang
dem Ansturm der Imperialisten standgehalten hat, so spricht das davon,
daß es ein Land auf der Welt gibt, nur ein Land, das diese Unterjochung
durch den Imperialismus erfolgreich abwehrt. Mag das ein Land der ,Räuber',
,Plünderer', ,Banditen', der Bolschewiki usw. sein, mag dem so sein, und
doch kann man ohne dieses Land die wirtschaftliche Lage nicht bessern."
(Aus Lenins "Referat über die Konzessionen" vom 21. 12. 1920, S. 15/16.)

Wie sollten sich die deutschen Kommunisten für den Fall einer erfolgreichen
Revolution zum V ersailler Friedensvertrag verhalten? Ihn sofort danach zu
zerreißen, wäre nach Lenin ein dummes Verhalten. Lenin hielt es aus ver-
schiedenen Gründen sogar für denkbar, daß auch ein von der KPD geführtes
Deutschland sich dem Vertrag für längere Zeit nicht entziehen könnte:
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 253

"Ein unzweifelhafter Fehler der ,Linken' in Deutschland besteht schließ-


lich in ihrem starrköpfigen Beharren darauf, daß der Versailler Frieden nicht
anerkannt werde. Je ,solider' und ,eindrucksvoller', je ,entschiedener' und
kategorischer z. B. von K. Horner diese Ansicht formuliert wird, desto
unklüger wirkt das. Es genügt nicht, sich von den himmelschreienden
Absurditäten des ,Nationalbolschewismus' (Lauffenbergs u. a.) loszusagen,
der so weit gekommen ist, daß er sich - unter den gegenwärtigen Ver-
hältnissen der internationalen proletarischen Revolution - bis zu einem
Block mit der deutschen Bourgeoisie zum Krieg gegen die Entente ver-
stiegen hat. Man muß verstehen, daß eine Taktik von Grund aus falsch ist,
die nicht zugibt, daß es für ein Sowjetdeutschland (wenn bald eine deutsche
Sowjetrepublik entstehen sollte) notwendig sein kann, den Versailler Frieden
eine Zeitlang anzuerkennen und sich ihm zu fügen. Daraus folgt nicht, daß
die ,Unabhängigen' recht hatten, die zu einer Zeit, als in der Regierung die
Scheidemänner saßen, als die Räteregierung in Ungarn noch nicht gestürzt
war, als die Möglichkeit der Unterstützung Räteungarns durch eine Räte-
revolution in Wien noch nicht ausgeschlossen war -, unter den damaligen
Verhältnissen forderten, daß der Versailler Friedensvertrag unterzeichnet
werde. Damals lavierten und manövrierten die Unabhängigen sehr schlecht,
denn sie übernahmen mehr oder minder die Verantwortung für die ver-
räterischen Scheidemänner und glitten mehr oder weniger vom Standpunkt
des schonungslosen (und kaltblütigsten) Klassenkrieges gegen die Scheide-
männer auf einen ,klassenlosen' oder sich ,über den Klassen' befindlichen
Standpunkt hinab.
Gegenwärtig ist aber die Lage offenkundig derart, daß die Kommunisten
Deutschlands sich nicht die Hände binden und nicht versprechen dürfen,
daß sie im Fall eines Sieges des Kommunismus den Versailler Friedens-
vertrag unbedingt und auf jeden Fall verwerfen werden. Das wäre eine
Dummheit. Es muß gesagt werden: die Scheidemänner und Kautskyaner
haben eine Reihe von Verrätereien begangen, die das Bündnis mit Sowjet-
rußland und mit Räteungarn erschwert (zum Teil direkt zu Fall gebracht)
haben. Wir Kommunisten werden ein solches Bündnis mit allen Mitteln
erleichtern und vorbereiten, wobei wir keineswegs verpflichtet sind, den
Versailler Frieden unbedingt, und zwar sofort zu verwerfen. Die Möglich-
keit, den Versailler Friedensvertrag mit Erfolg zu verwerfen, hängt nicht
nur von den deutschen, sondern auch von den internationalen Erfolgen der
Rätebewegung ab. Diese Bewegung haben die Scheidemänner, die Kauts-
kyaner gehemmt; wir unterstützen sie. Darin besteht der Kern der Sache,
254 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

darin der wesentliche Unterschied. Und wenn unsere Klassenfeinde, die


Ausbeuter und ihre Lakaien, die Scheidemänner und Kautskyaner, eine
ganze Reihe von Möglichkeiten verpaßt haben, sowohl die deutsche als
auch die internationale Rätebewegung, die deutsche und die internationale
Räterevolution zu stärken, so fällt die Schuld auf sie. Die Räterevolution
in Deutschland wird die internationale Rätebewegung stärken, die das stärkste
Bollwerk (und das einzig zuverlässige, unbezwingbare, mächtigste Bollwerk
in der ganzen Welt) gegen den Versailler Frieden, gegen den internationalen
Imperialismus überhaupt ist. Die Befreiung vom Versailler Frieden un-
bedingt, unter allen Umständen und unverzüglich an die erste Stelle, vor
die Frage nach der Befreiung der anderen vom Imperialismus unterdrückten
Länder vom Joch des Imperialismus zu setzen, ist kleinbürgerlicher Natio-
nalismus (der Kautsky, Hilferding, Otto Bauer und Konsorten würdig),
aber kein revolutionärer Internationalismus. Der Sturz der Bourgeoisie
in einem beliebigen großen europäischen Lande, darunter auch in Deutsch-
land, wäre ein solches Plus für die internationale Revolution, daß man
seinetwegen - wenn es notwendig sein sollte - auf ein längeres Bestehen des
Versailler Friedens eingehen könnte und eingehen müßte. Wenn Rußland
allein imstande war, zum Nutzen für die Revolution, mehrere Monate lang
den Brester Frieden zu ertragen, so wäre nichts Unmögliches daran, daß
ein Sowjetdeutschland im Bunde mit Sowjetrußland zum Nutzen für die
Revolution ein längeres Bestehen des Versailler Friedens ertrüge.
Die Imperialisten Frankreichs, Englands usw. provozieren die deutschen
Kommunisten, stellen ihnen eine Falle: ,Sagt doch, daß ihr den Versailler
Frieden nicht unterschreiben werdet!' Und die linken Kommunisten gehen
wie Kinder in die ihnen gestellte Falle, anstatt geschickt gegen den heim-
tückischen und im gegebenen Augenblick stärkeren Feind zu manövrieren,
anstatt ihm zu sagen: ,Heute würden wir den Versailler Frieden unter-
schreiben!' Sich im voraus die Hände zu binden, dem Feinde, der jetzt
besser gewappnet ist als wir, offen zu sagen, ob und wann wir mit ihm
Krieg führen werden, ist eine Dummheit, aber kein revolutionäres Verhal-
ten."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke Radikalismus' ... ", S.720-722.)

Wie ersichtlich, war nach Lenin die Einhaltung des Friedensvertrages von
Versailles für ein etwaiges Sowjetdeutschland nichts als eine Frage der inter-
nationalen Machtverhältnisse. Er dachte auch nicht an friedliche Vereinbarun-
gen mit den Westmächten, um ein Sowjetdeutschland nach und nach aus
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 255

seinen Versailler Verpflichtungen herauszulösen. Im Laufe einer mehr oder


weniger langen Zeit würde ein Bündnis zwischen Sowjetrußland und So-
wjetdeutschland in der Sicht Lenins Umwälzungen in der Weltpolitik aus-
lösen. Das Manifest des II. Weltkongresses der Kommunistischen Internatio-
nale vom August 1920 übte u. a. eine scharfe Kritik an den sozialdemokrati-
schen Regierungen Deutschlands und offenbarte Lenins Wunschbild:
"Der Kampf für Sowjetrußland ist verschmolzen mit dem Kampfe gegen
den Weltimperialismus. Die Frage ,Sowjetrußland' wurde der Prüfstein
für alle Organisationen der Arbeiterklasse. Der zweite niederträchtigste
Verrat der deutschen Sozialdemokraten nach dem 4. August 1914 bestand
darin, daß sie, an der Spitze des deutschen Staates stehend, bei dem Impe-
rialismus des Westens Schutz suchten, statt ein Bündnis mit der Revolution
im Osten anzustreben. Sowjetdeutschland im Bunde mit Sowjetrußland
wären stärker als alle kapitalistischen Staaten zusammengenommen!"
(Vgl. "Protokoll des H. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale",
Hamburg 1921, S.728/729.)

Darin spiegelt sich die entscheidende Rolle wider, die Lenin einer deutsch-
sowjetischen Zusammenarbeit unter kommunistischer Führung beimaß (vgl.
auch seine anderen Äußerungen auf S. 234-235.)

f) Der Weg nach Deutschland über ein zukünftiges Sowjetpolen

Eine neue Chance für die proletarische Revolution in Deutschland bot die
Lenin überraschende Wende in der polnischen Offensive gegen Sowjetrußland.
Nach langwierigen polnisch-sowjetischen Verhandlungen über den Verlauf
der zukünftigen gemeinsamen Grenze griffen polnische Truppen am 25. April
1920 u. a. die militärischen sowjetischen Stellungen in der Ukraine an. Sie
drangen über das sowjetische Territorium westlich von Shitomir vor und
besetzten bereits am 6. Mai 1920 Kiew. Die militärische Lage änderte sich in
den folgenden Wochen zugunsten der sowjetischen Truppen. Gegen Mitte
Juni 1920 mußten sich die polnischen Truppen in der Ukraine schnell zurück-
ziehen. Drei Wochen später traf dasselbe auch auf die polnischen Truppen in
Weißrußland zu 18• In der ersten Augusthälfte erreichten die sowjetischen
Truppen bereits das Gelände nördlich von Warschau, ferner einige kleinere
ostpreußische Gebiete, die Deutschland an Polen abgetreten hatte. Aus dem

18 Vgl. William Henry Chamberlin: "The Russian Revolution 1917-1921", Bd. 2,


New York 1954, S. 304.
256 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

einstigen Verteidigungskrieg Sowjetrußlands wurde angesichts der unerwarte-


ten Erfolge ein Angriffskrieg in dem Sinne, daß Sowjetrußland trotz dem
polnischen Angebot, einen Waffenstillstand zu schließen und Friedens-
verhandlungen zu beginnen (22. 7. 1920), nunmehr ganz Polen revolutionär
umgestalten und nach Deutschland gelangen wollte. Am 31. Juli 1920 wurde
in dem von sowjetischen Truppen besetzten Gebiet Polens ein "Provisorisches
Revolutionskomitee" unter dem Vorsitz des Polen und gleichzeitigen Leiters
der sowjetischen Tscheka, Felix Dshershinski, gebildet19• Über die Leiche
des "bürgerlichen" Polens nach Deutschland vorzustoßen und auch dort die
proletarische Revolution militärisch zu unterstützen - dieses Ziel war zu
verlockend, als daß Lenin die ihm günstig erscheinende Chance nicht ausnutzte.
Zur Zeit des schnellen polnischen Rückzuges tagte der "II. Weltkongreß
der Kommunistischen Internationale" in Moskau (23. 7. - 7. 8. 1920). Von
den überraschenden Siegen der sowjetischen Truppen, von dem zukünftigen
Bild eines Sowjetpolens und einer greifbar nahen deutschen Oktoberrevolution
aufgewühlt, veröffentlichte der Kongreß Aufrufe. In ihnen drückte sich
der Glaube an einen Wendepunkt in der Weltrevolution aus. In einem für
den Kongreß vorbereiteten Aufruf "An die Proletarier und Proletarierinnen
aller LänderI" vom 19. Juli 1920 wurde dem polnischen Volk das Selbstbe-
stimmungsrecht versprochen. Dieses Recht natürlich nur im Sinne Lenins,
das heißt, nach der Beseitigung der kapitalistischen Ordnung und der Errich-
tung der "Diktatur des Proletariats":
"Der II. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale tritt in einem
Augenblick zusammen, in dem unter den wuchtigen Schlägen der Roten
Armee der russischen Arbeiter und Bauern das weiße Polen, das Bollwerk
der kapitalistischen Weltreaktion, zusammenbricht. Was alle revolutionären
Arbeiter und Arbeiterinnen der ganzen Welt heiß ersehnt haben, das hat
sich vollzogen ...
Arbeiter und Arbeiterinnen der Welt! Wir brauchen Euch nicht erst
zu erklären, daß Sowjetrußland nicht die geringsten Eroberungspläne gegen-
über dem polnischen Volke hegt. Sowjetrußland verteidigte die Unab-
hängigkeit Polens vor dem Angriff der Henker des polnischen Volkes,
vor dem Angriff der Hoffmann und Beseler, Sowjetrußland war bereit,
sogar mit den polnischen Kapitalisten Frieden zu schließen, indem es, um
nur den Frieden Zu erlangen, nicht nur die Unabhängigkeit Polens an-
erkannte, sondern ihm sogar große Grenzgebiete zugestand. Sowjetrußland

19 Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 25, Wien-Be rUn 1930, S. 816.
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 257

zählt in seinen Reihen Tausende tapferer polnischer Kämpfer, Sowjet-


rußland ist durch jahrzehntelangen gemeinsamen Kampf mit den polnischen
Arbeitermassen aufs engste verbunden, für Sowjetrußland ist das Selbst-
bestimmungsrecht des polnischen Volkes ein heiliges, unantastbares Recht,
und wenn kein einziger Soldat Polen verteidigen würde, der polnische
Boden würde Besitz des polnischen Volkes bleiben und das polnische Volk
könnte frei über sein Geschick entscheiden.
Aber solange in Polen die Clique kapitalistischer und junkerlicher Aben-
teurer herrscht, die Polen in das verbrecherische Kriegsabenteuer gestürzt
haben, solange das Ententekapital Polen mit Waffen versieht, befindet sich
Sowj etrußland in einem Verteidigungskriege."
(Vgl. "Protokoll des II. Welt kongresses der Kommunistischen Internationale",
Hamburg 1921, S. 51/52, 53.)

Die Hoffnung auf günstige internationale Rückwirkungen des sowjetischen


Vormarsches in Polen äußerte sich in dem erwähnten Aufruf wie folgt:
"Arbeiter und Arbeiterinnen! Wenn die kapitalistische Canaille der ganzen
Welt über die Bedrohung der Unabhängigkeit Polens schreit, um einen
neuen Feldzug gegen Sowjetrußland vorzubereiten, so wißt eins: Eure
Sklavenhalter zittern, daß einer der Pfeiler ihrer Herrschaft, ihres Welt-
systems der Reaktion, der Ausbeutung, der Knechtung zusammenbricht;
sie fürchten, daß, wenn unter den Schlägen der Roten Armee das weiß-
gardistische Polen zusammenbricht und die polnischen Arbeiter die Macht
ergreifen, es den deutschen, österreichisehen, italienischen und französischen
Arbeitern leichter sein wird, sich von ihren Ausbeutern zu befreien, und
daß dann auch die Arbeiter Englands und Amerikas nachfolgen werden."
(Vgl. "Protokoll des 11. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale",
S.54.)

Die sowjetischen Hoffnungen, ein Sowjetpolen zu errichten und von dort


aus die Ereignisse in Deutschland zu beeinflussen, zerschlugen sich in der
zweiten Augusthälfte von 1920. Vom 17. August ab mußte die Rote Armee
nördlich von Warschau unter dem Druck der neuen polnischen Offensive
einen raschen Rückzug antreten. Am 19. August fiel Brest-Litowsk, am 23.
August Bialystok wieder in polnische Hände 20 • Der Friedensvertrag von Riga
zwischen Polen und Sowjetrußland (18.3. 1921) dämpfte zumindest die
polnischen Illusionen über ein schnell erreichbares Großpolen und die
sowjetischen Illusionen über ein schnell erreichbares Sowjetpolen mit einer
20 Chamberlin: a. a. 0., S.314.
258 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter I enin

anschließenden deutschen Oktoberrevolution. Wie wichtig Lenin der polnisch-


sowjetische Krieg für seine Absichten in Deutschland erschien, zeigte sich in
einigen seiner Reden nach dem sowjetischen Rückzug im August/September
1920. An die siegreichen Taten der Roten Armee in Polen erinnernd, sagte
Lenin:
"Und in dieser Zeit zerbrach die Rote Armee die polnischen Grenzpfähle
und näherte sich der deutschen Grenze. Das war zu einer Zeit, als in Deutsch-
land alle, sogar die schwärzesten Reaktionäre und Monarchisten sagten,
daß die Bolschewiki sie retten würden, als sie sahen, daß der Versailler
Friede in allen Fugen krachte, daß es eine Rote Armee gibt, die allen Kapi-
talisten den Krieg erklärt hatte. Was zeigte sich da? Es zeigte sich, daß Polen
ein Pfeiler des V ersailler Vertrages ist. Allerdings, es fehlte uns an Kräften,
den Krieg zu Ende zu führen. Aber man darf nicht vergessen, daß unsere
Arbeiter und Bauern ohne Kleider und Stiefel waren und trotzdem vorwärts
stürmten und Schwierigkeiten überwanden und unter Bedingungen kämpf-
ten, wie noch keine einzige Armee in der ganzen Welt. Als wir vom Hinter-
land abgeschnitten waren, da fehlte es uns an Kräften, um Warschau zu
nehmen und die polnischen Großgrundbesitzer, Weißgardisten und Kapi-
talisten aufs Haupt zu schlagen. Unsere Armee hat aber der ganzen Welt
gezeigt, daß der V ersailler Vertrag nicht jene Macht ist, als die man ihn
hinstellt, daß hunderte Millionen Menschen jetzt dazu verurteilt sind,
Jahrzehnte hindurch selbst zu zahlen und ihre Enkel und Urenkel zu zwin-
gen, Anleihen Zu bezahlen, um die französischen, englischen und anderen
Imperialisten zu bereichern. Die Rote Armee hat bewiesen, daß dieser
Versailler Vertrag keine sehr feste Grundlage hat. Nach dem Abschluß
dieses V ersailler Vertrages hat unsere Armee gezeigt, daß das ruinierte
Sowjetrußland im Sommer 1920 - dank dieser Roten Armee - nahe daran
war, den völligen Sieg zu erringen."
(Aus Lenins Rede vor Vertretern der Sowjets des Gouvernement Moskau vom
15.10.1920, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke", 2. Ausg., Bd. 25, Wien-Berlin 1930,
S.521.)
*
"Als die russischen Truppen sich Warschau näherten, da brodelte es in
ganz Deutschland. Ein Bündnis zwischen Rußland und diesem Lande, das
abgewürgt worden ist, das die Möglichkeit hat, gewaltige Produktivkräfte
in Bewegung zu setzen! Das gab den Anstoß dazu, daß in Deutschland ein
politisches Durcheinander entstand: die deutschen Reaktionäre trafen sich
in ihrer Sympathie für die russischen Boischewiki mit den Spartakusleuten.
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 259

Und das ist durchaus begreiflich, denn das ergibt sich aus den wirtschaft-
lichen Ursachen, das bildet das Fundament der gesamten wirtschaftlichen
Lage und unserer Außenpolitik."
(Aus Lenins "Referat über die Konzessionen" vom 21. 12. 1920, S. 15.)

Lenin hatte offenbar von einem für Sowjetrußland siegreich verlaufenden


sowjetisch-polnischen Krieg Folgen erwartet, die über eine Revolution in
Deutschland noch hinausgingen:
"Wäre Polen ein Sowjetstaat geworden, hätten die Warschauer Arbeiter
von Sowjetrußland die Hilfe erhalten, die sie erwarteten und begrüßten,
so wäre damit der Versailler Friede und das ganze internationale System
erschüttert worden, das ein Ergebnis der Siege über Deutschland ist.
Frankreich hätte dann nicht mehr jenen Pufferstaat, der Deutschland von
Sowjetrußland trennt. Es hätte keinen Sturmbock gegen die Sowjetrepublik.
Es hätte nicht die Hoffnung, seine Dutzende von Milliarden zurückzuerhal-
ten, und würde noch schneller der Katastrophe entgegengehen als jetzt.
Frankreich steckt bis über die Ohren in Schulden. Früher war es der reichste
Wucherer. Jetzt schuldet es Amerika dreimal soviel wie die anderen Staaten.
Es geht dem Bankrott entgegen. Seine Lage ist ausweglos. Deshalb wurde
der Vormarsch der Roten Truppen auf Warschau zu einer internationalen
Krise, deshalb geriet die gesamte bürgerliche Presse in eine solche Erregung.
Die Frage stand so: noch einige Tage siegreichen Vormarsches der Roten
Armee, und nicht nur Warschau wäre genommen (das wäre nicht so wichtig),
sondern auch der Versailler Frieden erschüttert worden."
(Aus Lenins Rede vor Arbeitern und Angestellten der Lederindustrie vom 2. 10.
1920, S. 500.)

g) Die Entstehung des Vertrages von Rapallo (16.4. 1922)

Am 16. April 1922 unterzeichneten sowjetische und deutsche Regierungs-


vertreter in Rapallo, nicht weit von Genua, einen Vertrag. Es gibt wohl keinen
anderen so weit zurückliegenden Vertrag, der bis zur Gegenwart immer noch
unter Politikern Deutschlands und der Westmächte Erregung auslöst, sobald
er öffentlich erörtert wird. Die Unterzeichnung dieses Vertrages wurde mit
heftigen Vorwürfen der britischen und französischen Regierung gegen die
deutsche Regierung beantwortet. Einige Tage vorher, am 10. April, hatten
die Vertreter von 29 Staaten der Eröffnung einer Konferenz in Genua bei-
gewohnt, die sich mit den Fragen eines wirtschaftlichen Wiederaufbaus in
260 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Europa befassen sollte. Unter dem Eindruck des Vertrages von Rapallo
schien diese Konferenz zeitweise vor dem Zusammenbruch zu stehen.
Wer den im folgenden abgedruckten Text des Vertrages liest, wird es wohl
kaum begreifen, inwiefern dieser Vertrag eine so große Erregung vor allem
in Großbritannien, Frankreich und Deutschland auslöste und zunächst eine
fast allgemeine Kritik in diesen Ländern fand.
Wortlaut des Vertrages von Rapallo:
"Die deutsche Regierung, vertreten durch Dr. Rathenau, und die Re-
gierung der Russischen Sozialistischen Republik, vertreten durch Tschi-
tscherin, sind über die nachfolgenden Bestimmungen übereingekommen:
Artikel 1. Beide Regierungen sind darüber einig, daß die Auseinander-
setzung zwischen Deutschland und Rußland aus der Zeit des Kriegs-
zustandes auf folgenden Grundlagen geregelt ist:
a) Das Deutsche Reich und die Sowjet-Republik verzichten gegenseitig
auf den Ersatz der Kriegskosten sowie auf den Ersatz der Kriegsschäden,
das heißt derjenigen Schäden, die ihnen und ihren Staatsangehörigen im
Kriegsgebiet durch militärische Maßnahmen einschließlich aller in Feindes-
land vorgenommenen Requisitionen entstanden sind. Desgleichen ver-
zichten beide Teile auf den Ersatz der zivilen Schäden, die Angehörigen
des einen Teiles durch sogenannte Kriegsausnahmegesetze oder durch
Gewaltmaßnahmen staatlicher Organe des anderen Teiles verursacht worden
sind.
b) Die durch den Kriegszustand getroffenen öffentlichen und privaten
Rechtsbeziehungen einschließlich der Frage der Behandlung der in die
Gewalt des anderen Teiles geratenen Handelsschiffe werden nach dem
Grundsatz der Gegenseitigkeit geregelt werden.
c) Deutschland und Rußland verzichten gegenseitig auf die Erstattung
der beiderseitigen Aufwendungen für Kriegsgefangene, ebenso verzichtet
die deutsche Regierung auf die Erstattung der von ihr für die in Deutschland
internierten Angehörigen der Roten Armee gemachten Aufwendungen.
Die russische Regierung verzichtet ihrerseits auf die Erstattung des Erlöses
aus den von Deutschland vorgenommenen Verkäufen des von diesem
requirierten und nach Deutschland gebrachten Heeresgutes.
Artikel 2. Deutschland verzichtet auf die Ansprüche, die aus der bisherigen
Anwendung der Gesetze und Maßnahmen der Sowjetrepublik auf deutsche
Reichsangehörige oder auf ihre Privatrechte, sowie auf die Rechte des
Deutschen Reiches und der Länder gegen Rußland, so wie sie sich aus den
von der Sowjetregierung oder ihren Organen gegen deutsche Reichs-
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 261

angehörige oder ihre privaten Rechte getroffenen Maßnahmen ergeben,


vorausgesetzt, daß die Regierung der Sowjetrepublik auch ähnliche An-
sprüche dritten Staaten nicht bewilligt.
Artikel 3. Die beiden Regierungen sind ferner auch darüber einig, daß
die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetrepublik
sogleich wieder aufgenommen werden.
Artikel 4. Die beiden Regierungen sind ferner auch darüber einig, daß
für die allgemeine Rechtsstellung des einen Teiles im Gebiet des anderen
Teiles wie für die allgemeine Regelung der beiderseitigen Handels- und
Wirtschaftsbeziehungen der Grundsatz der Meistbegünstigung gilt. Der
Grundsatz erstreckt sich nicht auf V orrechte oder Erleichterungen, die die
Sowjetregierung einer anderen Sowjetrepublik oder einem ähnlichen
Staate gewährt, der früher ein Bestandteil des ehemaligen russischen
Reiches war.
Artikel 5. Die beiden Regierungen werden dem wirtschaftlichen Bedürfnis
der beiden Länder in wohlwollendem Geiste entgegenkommen. Bei einer
grundsätzlichen Regelung der Fragen auf internationaler Basis werden sie
in einen vorherigen Gedankenaustausch eintreten. Die deutsche Regierung
erklärt sich bereit, in der Sowjetrepublik von Privatfirmen beabsichtigte
Unternehmungen nach Möglichkeit zu unterstützen und ihre Durchführung
zu erleichtern.
Artikel 6. Die Artikel 1 b) und 4 dieses Vertrages treten mit der Ratifizie-
rung, die übrigen Bestimmungen sofort in Kraft. Ausgefertigt in doppelter
Urschrift in Rapallo am 16. April 1922."
(Vgl. K. S. von Galera: "Geschichte unserer Zeit", Leipzig 1930, S.229-231.)

In dem Artikel 1 dieses Vertrages verzichteten Deutschland und Rußland


auf die Wiedergutmachung aller Schäden, die aus dem Krieg zwischen diesen
Ländern seit 1914 entstanden waren. Damit verzichtete Sowjetrußland auf
Reparationen, die es auf Grund des Absatzes 4 des Artikels 116 des Vertrages
von Versailles beanspruchen konnte: "Die alliierten und assoziierten Mächte
behalten Rußland ausdrücklich das Recht vor, von Deutschland alle Ent-
schädigungen und Wiedergutmachungen zu verlangen, die auf den Grund-
sätzen des gegenwärtigen V ertrages beruhen." Zur Zeit, da Deutschland den
Vertrag von Versailles unterzeichnete und ratifizierte, führten u. a. Großbri-
tannien und Frankreich einen Krieg gegen Sowjetrußland und dachten nicht
daran, das erwähnte Recht dem Rußland Lenins einzuräumen. Da der erhoffte
Sturz der Sowjetregierung durch die russischen Antibolschewisten nicht ein-
262 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

trat, andererseits der erwähnte Artikel des Versailler Friedensvertrages nur


von Rußland ohne nähere Bezeichnung sprach, so bestand vom deutschen
Standpunkt aus die Gefahr, daß zukünftig - nach einer etwaigen Verständi-
gung der Westmächte mit Sowjetrußland- sowjetische Reparationsforderungen
an Deutschland von den Westmächten unterstützt werden könnten. Der
Artikel 1 des Vertrages von Rapallo beseitigte diese Gefahr.
In dem Artikel 2 verzichtete Deutschland auf alle Entschädigungen, die es
wegen der sozialistischen Enteignungen von deutschem Staats- und Privat-
eigentum in Sowjetrußland hätte fordern können.
Der Artikel 3 verzeichnet die Bereitschaft der deutschen und sowjetischen
Regierung, die diplomatischen Beziehungen "sogleich" aufzunehmen.
Beide Staaten werden durch den Artikel 4 verpflichtet, ihre Außenhandels-
beziehungen nach dem Grundsatz der Meistbegünstigung zu regeln. Das war
für Deutschland insofern besonders wichtig, als der V ersailler Vertrag Deutsch-
land von einer solchen Gleichberechtigung in seinen Handelsbeziehungen zu
den Westmächten zunächst ausschloß. Ihm schließt sich in dem Artikel 5 die
Erklärung an, daß beide Regierungen "dem wirtschaftlichen Bedürfnis der
beiden Länder in wohlwollendem Geiste entgegenkommen" werden.
Diese fünf Artikel enthalten offenbar nichts, was die große internationale
Erregung unmittelbar nach der Unterzeichnung des Vertrages verständlich
machen könnte. Einen kleinen Hinweis darauf gibt uns höchstens die Bestim-
mung des Artikels 6, wo es heißt, daß die Artikel 1 b) und 4 mit der Ratifizie-
rung des Vertrages, die übrigen Artikel jedoch "sofort" in Kraft treten. Im
letzteren Fall übernahm die deutsche Regierung eine Verpflichtung, die einen
Eingriff in die Rechte des deutschen Reichstages (Zustimmung des Reichs-
tages in der Form der Ratifizierung des Vertrages) bedeutete. Der sowjetische
Partner des Vertrages legte jedoch den größten Wert darauf, die Ratifizierung
des Vertrages nicht abzuwarten, sondern "sofort" einige seiner Bestimmungen
in Kraft gesetzt zu sehen. Hierzu gehörte vor allem der Artikel 3 des Ver-
trages (Erklärung, daß die diplomatischen Beziehungen "sogleich wieder auf-
genommen werden"). In welche Bedrängnis mußte die deutsche Regierung
damals geraten sein, daß sie dem sowjetischen Wunsch nach der sofortigen
Wiederaufnahme von diplomatischen Beziehungen nachgab und sich damit
über die noch ausstehende Zustimmung des Reichstages hinwegsetzte? I In
dem Satz des Artikels 6 fand das erfolgreiche Vorgehen Sowjetrußlands seinen
Niederschlag: die deutsche Regierung zu einem ihr unerwünschten Zeit-
punkt zur sofortigen Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zu
zwingen und gerade dadurch die Gegensätze zwischen den Westmächten und
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 263

Deutschland so weit wie möglich zu verschärfen. Die Frage stellt sich, welche
Ereignisse der Unterzeichnung des Vertrages von Rapallo vorausgingen, die
das ungewöhnliche Verhalten der deutschen Regierung und die schweren
Vorwürfe der Westmächte gegen diesen Vertrag herbeiführten.
Fassen wir kurz das Verhalten der deutschen Regierung zur Wiederauf-
nahme der diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrußland von November 1918
bis Anfang April 1922 zusammen, so ergibt sich folgendes Bild:
Alle deutschen Regierungen nach der Novemberrevolution hielten die
Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen trotz der sowjetischen
Wünsche nicht für zeitgemäß. Sowohl die erkannten revolutionären Gefahren
einer solchen Annäherung für Deutschland als auch die Rücksicht auf das
Mißtrauen vor allem Großbritanniens und Frankreichs gegen eine deutsch-
sowjetische Annäherung waren dafür bestimmend. Der westliche Alptraum
über die möglichen Folgen einer deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit fand
u. a. in einer Denkschrift des britischen Premierministers Lloyd George vom
25. März 1919 seinen Ausdruck. In dieser Denkschrift, die er am 25. März 1922
der Öffentlichkeit übergab 21, hatte er geschrieben:
"Die größte Gefahr, die ich in der gegenwärtigen Lage sehe, ist, daß
Deutschland sein Schicksal mit dem Bolschewismus teilen könnte und seine
wirtschaftlichen Kräfte, seine Hirne, seine organisatorische Macht den
revolutionären Fanatikern zur Verfügung stellen könnte, deren Traum es
ist, die Welt für den Bolschewismus durch die Gewalt der Waffen zu er-
obern. Diese Gefahr ist keine bloße Schimäre".21
Die fortgesetzte Politik der wirtschaftlichen Ausbeutung und der nationalen
Demütigung Deutschlands durch Frankreich und Großbritannien machte es
allerdings jeder deutschen Regierung ab 1920 schwieriger, an ihrem erwähnten
Standpunkt ganz festzuhalten. Der Suche nach einer außenpolitischen Ent-
lastung gegenüber dem Druck der beiden Westmächte, nach einem Ersatz für
die verschlossen gebliebenen Exportgebiete im Westen stand die Furcht vor
den Folgen einer zu starken und zu schnellen Annäherung an Sowjetrußland
gegenüber. Das Ergebnis dieses zwiespältigen Verhaltens war die Verein-
barung der deutschen Vertreter mit sowjetischen Vertretern, den im April
1920 errichteten deutschen und sowjetischen Fürsorgestellen für Kriegs- und
Zivilgefangene in Berlin und Moskau gewisse konsularische Befugnisse zu
verleihen (Juli 1920)22. Der zunehmende wirtschaftliche Druck der beiden
21 Louis Fischer: "The Soviets in World Affairs", Bd. 1, Princeton (USA) 1951,
S.323.
22 Gustav Hilger: "Wir und der Kreml", Frankfurt a. M., 1956, S.33.
264 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Westmächte (Londoner Ultimatum vom 5. Mai 1921) wurde indirekt mit


einem "Deutsch-Russischen Abkommen über die Erweiterung und Tätigkeit
der bisherigen Delegationen für Kriegsgefangene" (6. Mai 1921)23 beantwortet.
Es erweiterte die konsularischen Befugnisse der bisherigen Vertretungen und
ließ nunmehr auch Handelsvertretungen Zu.
Diese Veränderungen bedeuteten keine grundlegende Änderung des Stand-
punktes der deutschen Regierung. Noch immer überwogen die Furcht vor
den revolutionären Folgen und das Bemühen, sich nicht durch eine stärkere
Annäherung an Moskau eine Annäherung an Paris und London zu verbauen.
Von Moskau aus gesehen, sprachen gerade diese Gründe dafür, engere Be-
ziehungen zu Deutschland herzustellen. Dafür sprach auch die besondere
Wertschätzung Deutschlands als kommender Lieferant von Maschinen usw.
für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Sowjetrußlands. Dementsprechend
drängten die sowjetischen Vertreter wiederholt auf eine schnelle Wiederauf-
nahme der diplomatischen Beziehungen. Dem verschloß sich die deutsche
Regierung jedoch auch noch zu einer Zeit, da sie die Aufnahme der diploma-
tischen Beziehungen zu Sowjetrußland zu einem späteren Zeitpunkt für mög-
lich hielt. Maßgebend für weitere Schritte in dieser Richtung sollten die Fort-
schritte in der Annäherung Londons an Moskau sein 24 • Um nicht das britische
Mißtrauen zu erregen, war es seit 1921 der Standpunkt der deutschen Regie-
rung, die offiziellen Beziehungen zu Moskau nur in dem Maße zu erweitern,
wie die britische Regierung auf diesem Gebiet vorausging.
Auf die britische Hilfe für eine Entspannung der gefahrvollen französisch-
deutschen Beziehungen hoffte die deutsche Regierung besonders seit der
Konferenz der Westmächte in Cannes (Januar 1922). Nach einem Vorschlag
des britischen Premierministers Lloyd George wurde dort beschlossen, eine
große internationale Konferenz in Genua einzuberufen. Was diese Konferenz
nach dem Plan Lloyd George's von vielen anderen Konferenzen seit 1919
unterscheiden sollte, war nicht nur die größere Zahl der einzuladenden Teil-
nehmerstaaten, sondern auch das Programm, die Fragen des wirtschaftlichen
Wiederaufbaues Europas vor einem internationalen Forum sachlich zu er-
örtern. Zu diesem Zweck hielt Lloyd George auch eine gleichberechtigte
Teilnahme Deutschlands und Sowjetrußlands für notwendig. Ohne die
Wiedereinfügung dieser Länder in das zerrissene wirtschaftliche Geflecht des

23 Gustav Bilger: a. a. 0., S. 72-74.


24 V gl. u. a. die Erklärungen offizieller deutscher Vertreter gegenüber dem
britischen Botschafter in Berlin, Lord D' Abernon; vgl. Viscount D' Abernon: "Ein
Botschafter an der Zeitwende", Bd. 1, Leipzig o. J., S. 265/266, 329.
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 265

europäischen Marktes, so erschien es Lloyd George, war ein Ausweg aus der
sich verschärfenden Wirtschaftskrise Europas nicht denkbar. Er hielt es daher
für notwendig, mit den Feinden des Weltkrieges und der Zeit danach nun im
Frieden zusammenzuarbeiten.
Die sowjetische Antwort auf die Initiative Lloyd Georges bestand u. a. in
verstärkten Bemühungen, Deutschland zur Aufnahme der diplomatischen
Beziehungen mit Sowjetrußland zu drängen. Moskau entsandte zum wieder-
holten Male einen sowjetischen Bevollmächtigten in der Person Kar! Radcks.
In Unterredungen u. a. mit Vertretern des Auswärtigen Amtes in Berlin
(Januar/Februar 1920) versuchte er, mit verschiedenen Mitteln die deutsche
Regierung aus ihrer Reserve herauszutreiben bzw. herauszulocken. Der da-
malige britische Botschafter in Berlin, Lord D' Abernon, einer der besten
Kenner der damaligen politischen Vorgänge in Deutschland, der das besondere
Vertrauen der deutschen Regierungen genoß, machte sich seinen Aufzeichnun-
gen darüber:
,,28. Januar 1922 Berlin
Radek hat ununterbrochen Besprechungen mit den deutschen Ministern,
Beamten und Parteipolitikern. Er erzählt allen dieselbe Geschichte: daß
Frankreich zu einem Geheimabkommen mit Rußland bereit sei, und daß
es ihm Handelskredite, die diplomatische Unterstützung in Angora, die
wirtschaftliche Hilfe beim Wiederaufbau und die Zahlung einer Kriegsent-
schädigung durch Deutschland auf Grund des Artikels 116 des Versailler
Vertrages versprochen habe. Seltsamerweise ist dies gar nicht Radeks
Politik, sondern Tschitscherins. Radek lehnt sie im Grunde seines Herzens
ab, macht von ihr jedoch aus taktischen Gründen Gebrauch. Er erklärt den
deutschen Vertretern: ,So steht es nun - wenn ihr uns nicht in die Arme
Frankreichs treiben wollt, macht uns ein Gegenangebot. Gebt uns eine
Anleihe und entschließt euch, die vollen diplomatischen Beziehungen mit
uns sofort aufzunehmen, noch vor dem Zusammentritt der Genua-Kon-
ferenz. Wenn ihr erst die Konferenz abwarten wollt, wird uns diese späte
Anerkennung nicht viel helfen. Ihr müßt auch unsere Bemühungen unter-
stützen, um eine Einladung an die Türkei zur Konferenz zu erwirken.' Die
Deutschen wenden gegen dieses Angebot oder besser gesagt gegen diese
Erpressung ein, daß sie noch keine Genugtuung für die Ermordung des
deutschen Gesandten Grafen Mirbach bekommen haben, daß in Deutsch-
land eine große Geldknappheit herrscht und daß man Rußland keine
großen Kredite einräumen kann, ohne sich erhöhte Forderungen der
Reparationskommission zuzuziehen, die selbstverständlich darauf hinweisen
266 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

würde, daß, wenn Deutschland Rußland Geld leihen könne, es auch imstande
sein müsse, die Reparationen zu zahlen. Andererseits weisen die Sowjet-
agenten in ihren Unterredungen mit den Franzosen darauf hin, daß die
Vorbedingung einer französisch-russischen Verständigung die Loslösung
Frankreichs von Polen sei. An diesem Punkt halten sie mit aller Zähigkeit
fest. Sie versprechen Frankreich dagegen, ihm in Angora zu helfen, wo
der französische Einfluß ihrer Behauptung nach stark im Verblassen ist.
Am Montag sollen Radek und Genossen mit dem deutschen Reichskanzler
und den Vertretern von Krupp, Stinnes und der AEG zusammenkommen."
(Vgl. Viscount D'Abernon: a. a. 0., S.280/281.)

Der verstärkte sowjetische Druck auf die deutsche Regierung zeigte sich
in den Anspielungen Radeks auf die Aussichten einer engen wirtschaftlichen
Zusammenarbeit mit Frankreich (verschiedene Formen französischer Wirt-
schaftshilfe für Sowjetrußland). Im Zusammenhang damit deutete er die fran-
zösische Unterstützung für den Artikel 116 des Versailler Vertrages an, der,
wie dargelegt, auch Rußland das Recht gab, Reparationen von Deutschland
zu fordern. Sollten diese Darlegungen Radeks den Tatsachen entsprechen,
so wäre für Deutschland zumindest ein großer wirtschaftlicher Schaden zu
befürchten. Der sowjetische Vertreter benutzte diesen Druck, um von Deutsch-
land die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrußland vor
der Konferenz von Genua (Beginn: 10.4.1922) zu verlangen. Warum der
sowjetische Vertreter eine solche zeitliche Grenze für die Aufnahme der
diplomatischen Beziehungen setzte, wird erst klar, wenn man den Stand-
punkt der deutschen Regierung während dieser Verhandlungen berücksich-
tigt. Sie erklärte sich zur Aufnahme der diplomatischen Beziehungen bereit,
aber sie forderte, daß dieser Vorgang nach der Konferenz von Genua statt-
finden sollte. Sie befürchtete, daß die Aufnahme diplomatischer Beziehungen
zu Sowjetrußland vor der Konferenz von Genua die gespannten Beziehungen
zu Großbritannien und Frankreich noch weiter belasten würde. Sie wünschte
das britische Mißtrauen gegen eine weitere deutsche Annäherung an Moskau
besonders zu einer Zeit nicht herauszufordern, da auf der kommenden Kon-
ferenz von Genua entsprechend dem britischen Plan Deutschland als gleich-
berechtigtes Mitglied der Konferenz willkommen geheißen werden sollte.
Diese Aussicht nicht durch eine vorzeitige Aufnahme der diplomatischen Be-
ziehungen zu Moskau zu gefährden, erschien der deutschen Regierung um so
wichtiger, als sie in den vergangenen Jahren seit 1919 nicht wenige Beispiele
einer ungleichen Behandlung seitens der europäischen Westmächte erlebt hatte.
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 267

Sie kannte auch den ablehnenden Standpunkt der französischen Regierung


unter Poincare zu dem britischen Plan, Deutschland und Sowjetrußland als
gleichberechtigte Teilnehmer an der Konferenz in Genua zuzulassen. Ein
deutscher Schritt in Richtung Moskau vor der Konferenz in Genua barg daher
die zusätzliche Gefahr in sich, daß Paris Berlin einer Zusammenarbeit mit
Moskau verdächtigen würde, was wiederum zu einer neuen gemeinsamen
britisch-französischen Front gegen Deutschland führen könnte. Aus diesen
und anderen Gründen lehnte die deutsche Regierung trotz der sowjetischen
Druckmittel den sowjetischen Vorschlag über die Aufnahme der diplomati-
schen Beziehungen ab.
Die Gründe der deutschen Regierung für ihren Standpunkt mußten die
Sowjetregierung im Sinne der Theorie Lenins veranlassen, die Aufnahme der
diplomatischen Beziehungen gerade vor der Konferenz von Genua zu ver-
langen. In ihrer Sicht hatte sie alles zu tun, um die von Deutschland dringend
gewünschte Verbesserung der deutsch-britischen Beziehungen zu verhindern.
Alle Tendenzen der Annäherung zwischen kapitalistischen Staaten waren zu
bekämpfen. Die systematische Entfachung und Verschärfung von Gegen-
sätzen zwischen den kapitalistischen Staaten (und damit ihre Schwächung
insgesamt) ist ein wesentlicher Bestandteil der Theorie Lenins. In dem vor-
liegenden Fall würde die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zu
Deutschland vor der Konferenz von Genua den Ausbruch eines neuen Kon-
fliktes u. a. zwischen London und Berlin bedeuten, während sich gleichzeitig
damit die Position Moskaus gegenüber Berlin verstärken würde. Dies würde auch
für Lenin die Aussicht verbessern, daß auch die Westmächte, von einer durch
diplomatische Beziehungen verstärkten Zusammenarbeit Moskau-Berlin an-
getrieben, ihrerseits sich rasch entschließen könnten, die diplomatischen Be-
ziehungen zu Sowjetrußland aufzunehmen.
Da es Lenin durch seinen Bevollmächtigten Radek nicht gelang, trotz der
vielfachen Druckmittel auf die deutsche Regierung sein Ziel noch vor der
Konferenz von Genua zu erlangen, entschloß er sich zu einer anderen Taktik.
Sie zielte darauf ab, die deutsche Regierung, wenn nicht vor der Konferenz
von Genua, so doch zumindest während der Konferenz zur Aufnahme der
diplomatischen Beziehungen zu Moskau zu zwingen. Erst die Ereignisse
während dieser Konferenz ließen nachträglich diese neue Taktik erkennen.
Am 10. April 1922 wurde die Konferenz eröffnet. Die deutsche Delegation
war u. a. durch den Reichskanzler Wirth, den Außenminister Rathenau, den
Leiter der Ostabteilung des Auswärtigen Amtes, Ago von Maltzan, vertreten
(Ago von Maltzan galt als starker Befürworter der Aufnahme von diploma-
268 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

tischen Beziehungen zu Moskau; aber auch er hatte sich schließlich gegen


einen solchen Vorgang vor der Konferenz von Genua ausgesprochen 24110). Die
sowjetische Delegation zählte zu ihren Mitgliedern den sowjetischen Volks-
kommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Tschitscherin, seinen Vertreter
Litwinow und andere wie Radek, Rakowski, ferner den ehemaligen sowjeti-
schen Botschafter in Berlin: Joffe. Die kühle Einstellung Frankreichs zur Kon-
ferenz äußerte sich schon formal darin, daß der französische Ministerpräsi-
dent Poincare nicht persönlich teilnahm, sondern die Leitung der franzö-
sischen Delegation seinem Außenminister Barthou überließ. Enge Mitarbeiter
von Lloyd George in der britischen Delegation waren der Abteilungsleiter
im britischen Handelsministerium Wise und der Leiter der russischen Abtei-
lung im Foreign Office, Gregory. Wir erwähnen alle diese Namen, weil sie bei
dem sowjetischen Versuch, sich die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen
zu Berlin während der Konferenz zu erzwingen, eine Rolle spielen sollten.
Über den ersten und zweiten Tag der Konferenz - am Montag und Dienstag,
dem 10. bzw. 11. April - wird in den Memoiren des damaligen britischen
Botschafters Lord D'Abernon in Berlin wie folgt berichtet:
"Schon bei der ersten Sitzung kam es zu einem Zusammenstoß zwischen
Tschitscherin und Barthou, der von Poincare die Instruktion bekommen
hatte, nicht nur gegen jede Erörterung des Friedensvertrages und des Re-
parationsproblems, sondern auch gegen jede Diskussion über die Abrüstung
zu protestieren. Der französische Premierminister hat auch gegen die Zu-
lassung Deutschlands zum Obersten Rat und die Festsetzung einer Kommis-
sion zur Besprechung der politischen Fragen mit der Sowjetregierung sein
Veto eingelegt.
Nach der Eröffnungssitzung schlug die Konferenz die Bildung von vier
Kommissionen vor, die sich 1. mit der Konsolidierung des europäischen
Friedens, 2. dem Finanzproblem, 3. den wirtschaftlichen und den Handels-
problemen und 4. demTransportproblem befassen sollten. Die erste Kommis-
sion setzte sich beinahe über das Poincaresche Veto hinweg, als sie einen
Unterausschuß zur Behandlung der russischen Fragen ins Leben rief, an den
der Bericht der alliierten Wirtschaftssachverständigen, die zwischen dem
20. und 28. März in London getagt hatten, überwiesen wurde. Dieser Unter-
ausschuß bestand aus Vertretern Großbritanniens, Frankreichs, Italiens,
Belgiens, Sowjetrußlands, Schwedens, Polens, Rumäniens, der Schweiz
und Deutschlands. Aber auf die Bitte der Sowjetdelegation - einer Bitte,
die seltsamerweise dem Poincareschen Veto gegen die Beteiligung Deutsch-
24a Viscount D'Abernon: a. a. 0., S. 337.
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 269

lands als den alliierten Mächten ebenbürtiges Verhandlungsmitglied ent-


sprach, wurde beschlossen, daß der betreffende Bericht zuerst von Groß-
britannien, Frankreich, Italien, Belgien und Sowjetrußland geprüft werden
sollte, wobei Deutschland ausgeschlossen blieb. Ob die Sowjetdelegation
mit dieser Forderung den Zweck verfolgte, jede Versöhnung zwischen den
Alliierten und Deutschland zu verhindern, läßt sich nicht sagen, jedenfalls
brach ein erbitterter Streit zwischen der Entente und den Deutschen aus,
als die Deutschen und die Sowjetdelegation am 16. April den Vertrag von
Rapallo unterzeichneten."
(Vgl. Viscount D' Abernon: a. a. 0., S. 322/323.)

Die Prüfung des Berichtes der alliierten Wirtschaftssachverständigen durch


die britischen, französischen, italienischen, sowjetischen Vertreter unter Aus-
schluß Deutschlands in den Tagen vom 11.-15. April sollte die deutsche Dele-
gation in eine sehr schwierige Lage bringen. Überraschend für die deutsche
Delegation war der sowjetische Antrag, über den erwähnten Bericht zunächst
ohne die Teilnahme Deutschlands zu beraten, ebenso die Bereitwilligkeit nicht
nur der französischen, sondern auch der britischen Vertreter, diesen Antrag
zu befürworten. In den britischen und französischen Vertretern vermochten
die sowjetischen Unterhändler offenbar schnell die Hoffnung zu erwecken, daß
ein Sonderabkommen mit Sowjetrußland die Frage der Entschädigung für
britische und französische Vermögensverluste in Rußland in ihrem Sinne
günstig regeln könnte. Für diesen Fall ließ sich eventuell auch eine Zusammen-
arbeit wirtschaftlicher und politischer Art anregen, die jedenfalls die Gefahr
einer engen deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit ausschließen würde. So-
wohl für die Erfüllung des ersten als auch des zweiten Wunsches von London
und Paris bot der Artikel 116 des Versailler Vertrages möglicherweise eine
gute Grundlage. Verständlich waren daher die Besorgnisse der vorläufig aus-
geschlossenen deutschen Delegation über eine kommende Einigung zwischen
Paris, London, Rom und Moskau auf Kosten Berlins. Hatte nicht der sowje-
tische Vertreter Radek während seiner Verhandlungen in Berlin (Januar/Fe-
bruar 1922) die Möglichkeit einer weitgehenden sowjetisch-französischen
Verständigung mit schädlichen Folgen für Deutschland angedeutet?!
Vergeblich versuchte die deutsche Delegation, Lloyd George zu sprechen
und ihn über die deutsche Politik gegenüber Sowjetrußland und Großbri-
tannien aufzuklären. Ihr lag auch daran, Lloyd George von einer Befürwor-
tung deutscher Reparationen für Sowjetrußland (auf Grund des erwähnten
Artikels 116) abzuhalten. Nur Besprechungen mit einigen weniger wichtigen
270 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Mitgliedern der Delegationen der westlichen Großmächte gelangen. Der nicht


Zu sprechende Lloyd George führte seit Donnerstag, dem 13. April, in der
Villa de Albertis zusammen mit den französischen, italienischen und sowje-
tischen Vertretern geheime Gespräche. Die Sorgen der deutschen Vertreter
mußten sich verstärken, als sie von den wachsenden Aussichten einer Eini-
gung in der Villa de Albertis hörten. Die immer noch ausgeschlossene deutsche
Delegation sah sich am Freitag, dem 14. Apr!l, nach dem Bericht ihres
Mitgliedes Harry Graf Kessler vor folgender Lage:
"Am Freitag, dem 14. April verdichteten sich die Gerüchte, daß in der
Villa de Albertis die Franzosen gerade den Artikel 116 und die sich daraus
abzuleitenden neuen Reparationslasten Deutschlands als Handelsobjekt
gegenüber den Russen benutzten. Für den Fall der Anerkennung der Vor-
kriegsschulden durch Rußland sollten die russischen Forderungen aus
Artikel 116 Frankreich gegenüber als Sicherungen dienen, diese Sicherungen
in Form einer Abgabe von allen aus Deutschland nach Rußland ausgeführten
Waren durchgeführt werden. Abends 11 Uhr erschien unerwartet im Auf-
trage des italienischen Außenministers Schanzer der Commendatore Gianini
beim Reichskanzler. Er sei gekommen, um dem Reichskanzler mitzuteilen,
daß die Besprechungen zwischen den ,einladenden Mächten' und den Russen
einen günstigen Verlauf nähmen. Die ,einladenden Mächte' seien der An-
sicht, daß die deutsche Regierung, so sagte er wörtlich, ,die Sache wohl
billigen würde'. Als Gianini nun in die Einzelheiten eintreten wollte, bat
ihn der Reichskanzler, mit zu Rathenau zu gehen und begleitete ihn persön-
lich nach dem Erdgeschoß des Hotels, wo dann eine einstündige Unter-
redung zwischen dem Reichskanzler, Rathenau, Maltzan, dem Staatssekretär
von Sims on und Gianini stattfand. Gianini führte aus: In den Besprechungen
am Donnerstag und Freitag in der Villa von Lloyd George zwischen Russen
und ,einladenden Mächten' habe man sich dahin geeinigt, daß die Kriegs-
schuld Rußlands gegen seine Forderungen an die Entente aus den Unter-
nehmungen von Denikin, Koltschak, Judenitsch aufgerechnet, dagegen
die russischen Vor kriegs schulden bestehenbleiben und dafür Obligationen
ausgegeben werden sollten, über deren Amortisation, Zinsen und Befristung
sicherlich Übereinstimmung Zu erzielen sein werde. Rathenau fragte, ob
dieser Vorschlag für sich allein gelten solle oder im Rahmen des Londoner
Memorandums? Gianini antwortete: ,Selbstverständlich im Rahmen des
Londoner Memorandums.' Rathenau dankte in höflichsten Worten Gianini
für den Besuch und führte aus, daß Deutschland unter diesen Umständen
an den Vorgängen ein Interesse zu nehmen außerstande sei. Als Gianini
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 271

seine Verwunderung darüber ausdrückte, sagte Rathenau: ,daß die Abma-


chungen ohne uns mit Rußland getroffen worden seien. Man habe ein schönes
Diner arrangiert, uns nicht dazu eingeladen, aber gefragt, wie uns das Menü
gefalle?' Auf mehrfache Wiederholung dieser Äußerung fand Gianini nur
die Worte: ,C'etait seulement prepare pour nous.' Rathenau sagte: ,Solange
die Punkte aus Artikel 116 bestehenblieben, könnten wir uns nicht mit
dem Memorandum einverstanden erklären.' Gianini deutete in keiner Weise
an, daß die Möglichkeit für eine Änderung des Memorandums gegeben sei.
Worauf Rathenau ihm zu verstehen gab, daß wir uns dann nach anderen
Sicherungen umsehen müßten. Gianini erklärte auch dann noch: ,Ich bin
nicht autorisiert, irgendwelche andere Erklärungen abzugeben. Mein Auf-
trag ging lediglich dahin, das eben Gesagte zur Kenntnis der deutschen
Delegation zu bringen.'
Die deutsche Delegation gewann aus dieser Unterredung die Überzeugung
1. daß die Verhandlungen der Westmächte mit Rußland nahe am Abschluß
standen;
2. daß die bevorstehende Verständigung zwischen den Westmächten und
Rußland, die aus dem ,Londoner Memorandum' in drei Punkten sich
ergebenden schweren Nachteile für Deutschland nicht beseitigen würde; und
3. daß die Information durch Gianini lediglich eine Aufforderung zum
Beitritt Deutschlands zu einem Abkommen darstelle, auf das Deutschland
keinen Einfluß mehr nehmen könne.
Am Sonnabend, dem 15. April um 10 Uhr traf Maltzan Joffe und Rakowsky
verabredungs gemäß im Palazzo Reale. Er besprach mit ihnen die Ereignisse
der letzten Tage und bekam von ihnen genaue Aufschlüsse über die Ver-
handlungen in der Villa Lloyd Georges. Sie erwähnten, daß diese geheimen
Verhandlungen trotz bestehender Schwierigkeiten im ganzen einen guten
Verlauf nähmen. Es bestünde bei den ,einladenden Mächten' anscheinend
die Absicht, sich zunächst mit den Russen zu verständigen und dann erst
wieder vor die Unterkommission zu treten. Maltzan sondierte die Russen
vorsichtig über die eventuelle Wiederaufnahme der Berliner Besprechungen.
Er stellte ihnen vor, daß bei einer Separatverständigung in der Villa Lloyd
Georges Deutschland kaum mehr in der Lage sein würde, ihnen die bisherige
wirtschaftliche Unterstützung zu gewähren. Er stellte ihnen diese Hilfe auf
Grund der mit der Industrie schwebenden Verhandlungen in erneute Aus-
sicht, verlangte aber als Gegengabe, daß sie uns an den Sondervorteilen,
die die Entente in den Verhandlungen in der Villa Lloyd Georges erhalten
habe, durch die Meistbegünstigung teilnehmen ließen und uns Garantien für
272 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

den Artikel 116 gewährten. Joffe und Rakowsky betonten, daß sie trotz der
Sonderverhandlungen mit Lloyd George auf eine Zusammenarbeit mit
Deutschland, wie bekannt sei, größtes Gewicht legten, daß sie die von
Maltzan gewünschten Garantien am besten durch Unterzeichnung des Ver-
trages erteilen könnten (des in Berlin vorbereiteten deutsch-russischen
Vertrages). "
(Vgl. Harry Graf Kessler: "Walter Rathenau - sein Leben und Werk", Berlin 1928,
S. 336-339.)

Daß die erwähnten "genauen Aufschlüsse" Joffes und Rakowskys über den
Stand der geheimen Verhandlungen nichts über die eigentlichen sowjetischen
Absichten aussagten, mußte wohl dem deutschen Gesprächspartner ent-
gehen. Auch der Vorschlag Joffes und Rakowskys, die von Sowjetrußland
und Deutschland gewünschte Zusammenarbeit am besten durch die Unter-
zeichnung des in Berlin (anläßlich der Anwesenheit Radeks) vorbereiteten
Vertrages, d. h. u. a. durch die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen,
zu fördern, ließ noch nichts einwandfrei erkennen. Denn die sowjetischen
Vertreter boten dies nicht als Alternative zu den angeblich bevorstehenden
Vereinbarungen Sowjetrußlands mit den Westmächten an. Ebenso verrieten
sie nicht ihr Ziel, die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zu Deutsch-
land noch während der Konferenz von Genua zu erreichen.
Noch immer von der Teilnahme an den Verhandlungen ausgeschlossen,
kam die deutsche Delegation am Sonnabend, dem 15. April abends, ab 6.30
Uhr nach den ihr zugehenden Nachrichten etwa zu folgendem Urteil:
"Nach dem Abschied Wises, der gegen 6.30 Uhr erfolgte 25 , mehrten sich
von allen Seiten die Meldungen, wonach im Laufe des Abends eine Ver-
ständigung zwischen den ,einladenden Mächten' und den Russen in der
Villa de Albertis erfolgt sei. Die folgenden erschienen der deutschen Dele-
gation besonders bedeutungsvoll:
a) In den offiziellen Mitteilungen der italienischen Presse an die fremden
Journalisten wurde von seiten Italiens zugegeben, daß seit einigen Tagen
Sonderbesprechungen zwischen den ,einladenden Mächten' und Rußland
in der Villa Lloyd George's stattgefunden hätten, die anscheinend heute
abend zu einer vorläufigen Verständigung geführt hätten.
b) Der Berichterstatter der ,Vossischen Zeitung', Herr Reiner, meldete
dem Reichskanzler und Rathenau, daß auf Grund guter Informationen die

25 Gemeint ist hier das Ende der Unterredung zwischen dem britischen Ver-

treter Wise und dem deutschen Vertreter von Maltzan um 6.30 Uhr abends.
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 273

Russen mit den Alliierten in der Villa Lloyd Georges heute abend abge-
schlossen hätten.
c) Gelegentlich eines Essens, welches der Sachverständige Dr. Hagen am
gleichen Abend gab, wurde dem Reichskanzler unter Berufung auf eine
authentische Äußerung von Benesch mitgeteilt, daß das Abkommen zwi-
schen den Russen und den Alliierten getroffen sei.
d) Der zum Essen eingeladene Holländer Van Vlissingen bestätigte das
aus neutraler Quelle.
In diesem Zusammenhang äußerte der Reichsfinanzminister Hermes dem
Staatssekretär von Simson und Maltzan gegenüber seine große Sorge und
Enttäuschung über den Abschluß Rußlands mit den Alliierten. Hierdurch
seien wir nunmehr auch im Osten ganz abgeschnürt. Er stellte Maltzan
insbesondere sehr eindringlich vor, ob dieser auf Grund seiner bekannten
Beziehungen zu den Russen nicht im rechten Moment noch irgend etwas
von ihnen erreichen könne, es müsse doch alles aufgeboten werden, damit
wir nicht auch im Osten abgeschnürt würden. Alle gingen in ziemlich ge-
drückter Stimmung nach Hause."
(Vgl. den Bericht Harry Graf Kesslers: a. a. 0., S. 340/341.)

Was sich in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag (15./16. April) ereignete
und im Verlauf des Sonntags eine völlig neue Lage schaffen sollte, wurde von
verschiedenen Teilnehmern der deutschen Delegation berichtet. \Vir legen
den mündlichen Bericht Ago von Maltzans zugrunde, den er dem britischen
Botschafter in Berlin, Lord D'Abernon, am 1. Oktober 1926 gab. Die
schriftliche Aufzeichnung D' Abernons erwähnt Tschitscherin als Teilnehmer
des nächtlichen Telefongespräches mit Ago von Maltzan. Nach anderen Dar-
stellungen soll es Joffe bzw. Rakowsky gewesen sein.
,,2. Oktober 1926 Berlin
Ich traf gestern Maltzan beim Abendessen und ergriff die Gelegenheit, um
ihn nach der wirklichen Geschichte des Rapallo-Vertrages zu fragen. Er
erzählte nur, daß der Vertrag mit den Russen schon um Weihnachten herum
im Wortlaut vereinbart war, daß Rathenau sich jedoch weigerte, ihn wäh-
rend der Genua-Konferenz zu unterzeichnen. Rathenau war eigentlich ein
Gegner der Bindung mit dem Osten und trat für eine Annäherung an Frank-
reich und England, vielleicht noch mehr an Frankreich, ein.
Am Sonntagabend ist der Rapallo-Vertrag unterzeichnet worden. In der
Nacht von Sonnabend auf Sonntag bekam die deutsche Delegation aus
verschiedenen Quellen, von den Holländern, den Italienern und anderen
274 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Delegierten, die Nachricht, daß Rußland zu einer Vereinbarung mit England


und Frankreich gelangt sei und Deutschland dabei ausgeschaltet wurde.
Rathenau war verzweifelt. Die deutschen Delegierten sprachen hin und her
über die ganze Lage, und da sie feststellen mußten, daß im Augenblick
nichts zu machen war, beschlossen sie, ins Bett zu gehen. Um zwei Uhr
morgens wurde Maltzan von dem Hotelkellner geweckt: ,Ein Herr mit
einem komischen Namen will Sie am Telephon sprechen.' Es war Tschit-
seherin. Maltzan ging in einem schwarzen Kimono in die Hotelhalle hin-
unter und begann ein Telefongespräch, das eine Viertelstunde dauerte.
Selbstverständlich wurde das ganze Gespräch von den italienischen Detek-
tiven belauscht, die die Hotelhalle unsicher machten. Der Kern der Unter-
redung mit Tschitseherin war, daß er die Deutschen bat, ihn am Sonntag
aufzusuchen und darüber zu verhandeln, ob man nicht doch zu einer Ver-
einbarung gelangen könnte. Er sagte nicht, daß die Verhandlungen mit
den westlichen Mächten sich zerschlagen hatten, aber Maltzan begriff sofort,
daß die der deutschen Delegation überbrachten Nachrichten von einer er-
folgten Vereinbarung zwischen Rußland und den Westmächten falsch sein
mußten. Sobald Maltzan herausgefunden hatte, daß die Russen Deutschland
nachliefen, sagte er, daß es sehr schwer sein würde, für den Sonntag eine
Verabredung zu treffen, da die deutsche Delegation ein Picknick organisiert
habe und er selbst die Absicht hätte, in die Kirche zu gehen. Aber als
schließlich Tschitscherin sich ausdrücklich bereit erklärte, Deutschland
die Meistbegünstigungsklausel zuzubilligen, versprach Maltzan, seine reli-
giösen Pflichten zu opfern und die Russen am Sonntag aufzusuchen.
Dann ging er um halb drei Uhr nachts zu Rathenau. Er fand ihn in seinem
Zimmer in einem malvenfarbenen Pyjama, auf und ab gehend - ein ver-
störtes Gesicht, Augen, die aus den Augenhöhlen hervorzutreten schienen,
blickten ihm entgegen. Als Maltzan hereinkam, sagte Rathenau: ,Ich nehme
an, daß Sie mir das Todesurteil bringen.' , Im Gegenteil' - beruhigte ihn
Maltzan - ,gute Nachrichten'. Er berichtete ihm dann über die Unterredung,
worauf Rathenau sagte: ,Jetzt wird mir die ganze Lage klar. Ich werde zu
Lloyd George gehen und ihm alles auseinandersetzen ; und wir werden uns
schon verständigen.' Maltzan erwiderte: ,Unmöglich - es wäre ehrlos ge-
handelt. Wenn Sie es tun, werde ich sofort meine Demission einreichen und
mich ins Privatleben zurückziehen. Zu einem solchen Verrat an Tschit-
seherin werde ich mich nicht hingeben.'
Allmählich ließ sich Rathenau zu dem Standpunkt Maltzans bekehren
und beschloß, wenn auch widerwillig, die Russen am Sonntag aufzusuchen. Am
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 275

Sonntagmorgen fand eine Konferenz zwischen den Russen und den Deut-
schen statt. Beide waren eigensinnig und man kam zu keinem Ergebnis.
Da die Deutschen zu einem Frühstück außerhalb Genuas eingeladen waren,
brachen sie um ein Uhr die Beratungen ab und fuhren zum Essen. Während
des Frühstücks wurde eine telefonische Mitteilung von Lloyd George fol-
genden Inhalts übermittelt: ,Es liegt mir besonders daran, Rathenau so
bald wie möglich zu sehen; würde es ihm passen, heute zum Tee oder
morgen zum Frühstück zu kommen?' Die Russen müssen auf irgendeine
Weise von diesem Telefonanruf Kenntnis bekommen haben. Jedenfalls
zeigten sie sich daraufhin viel versöhnlicher, und am Nachmittag wurde
der Rapallo-Vertrag ohne weitere Verzögerung unterzeichnet.
Wir wurden unterbrochen, bevor mir Maltzan erzählen konnte, was sich
nachher zwischen Lloyd George und Rathenau ereignet hat. Aber er be-
stätigte mir die Äußerung Lloyd George's, die ich aus anderer Quelle gehört
hatte. Als Rathenau ihm sagte, die Deutschen hätten Wise die ganzen
Schwierigkeiten ihrer Lage auseinandergesetzt, erwiderte Lloyd George:
,Wer ist Wise?'
Die deutsche Delegation ist sich des rein rhetorischen Charakters dieser
Frage nicht bewußt geworden - da sie keine Ahnung hatte, daß im walisi-
schen Dialekt Verwünschungen und Flüche sich häufig unter der Frage-
form verbergen."
(Vgl. Viscount D'Abernon: a. a. 0., S. 351-353.)

Spätestens am Montag, dem 17. April, als die angekündigten weiteren Sonder-
verhandlungen der westlichen und sowjetischen Vertreter unter Ausschluß
Deutschlands nicht stattfanden, wurde der Sinn der sowjetischen Taktik
offenbar: es galt, zunächst bei den Westmächten und Deutschland den Ein-
druck zu erwecken, als wäre Sowjetrußland zu großem Entgegenkommen in
allen die Westmächte interessierenden Fragen bereit. Hierdurch ließen sich
bei der deutschen Delegation Gefühle der Verwirrung, Enttäuschung und
einer gefährlichen Isolierung erhoffen, die nunmehr eine deutsche Bereitschaft
auslösen könnten, zur Vermeidung von nachteiligen Folgen die diplomatischen
Beziehungen zu Moskau schon während der Konferenz von Genua aufzu-
nehmen. Wie sehr es den sowjetischen Vertretern gerade darum ging, zeigt
sich an ihrer in Rapallo gestellten Forderung, die diplomatischen Beziehungen
sofort aufzunehmen, d. h. nicht erst die Ratifizierung des dabei zugrunde ge-
legten Vertrages durch den deutschen Reichstag abzuwarten. In dem erwähnten
Artikel 6 zusammen mit dem Artikel 3 des Vertrages von Rapallo kam der
276 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Erfolg der sowjetischen Absicht zum Ausdruck. Damit ließen sich, von
Moskau aus gesehen, heftige Auseinandersetzungen zwischen den West-
mächten und Deutschland erwarten. Daraus konnte eine neue erweiterte
Kluft zwischen Deutschland und den Westmächten entstehen, die Deutsch-
land Sowjetrußland zumindest außenpolitisch in die Arme treiben würde. Das
war eine von Moskau immer wieder angestrebte Entwicklung angesichts der
außerordentlichen Folgen, die sich Lenin von einem deutsch-sowjetischen
Bündnis versprach.
Die sowjetische Taktik in Verbindung mit dem Verhalten der westlichen
Vertreter hatte die deutsche Delegation am Sonnabend, dem 15. April, in eine
sehr schwierige Lage gebracht. Nichts machte dies deutlicher als die nun ent-
standene Bereitwilligkeit der deutschen Delegation, lieber das Risiko wieder
angespannter Beziehungen zu den Westmächten auf sich zu nehmen, den
Reichstag hinsichtlich der Ratifizierung von Verträgen zu übergehen, als die
sowjetische Forderung nach der sofortigen Aufnahme der diplomatischen
Beziehungen wieder abzulehnen.
Als die Welt von dem plötzlich unterzeichneten deutsch-sowjetischen Ver-
trag vom 16. April erfuhr, entstand eine außerordentliche Erregung bei den
Regierungen und Völkern der Westmächte. Die schwersten Vorwürfe wurden
gegenüber der deutschen Regierung erhoben. Als unzuverlässig, hinterhältig,
als Teilnehmer eines geheimen militärischen Abkommens galt sie in der Sicht
von Paris und London. Lloyd George verlangte die Annullierung des Ver-
trages von Rapallo. Vergeblich bemühte sich die deutsche Delegation, die
Zwangslage zu erklären, in die sie geraten war.
Kaum weniger schwierig war ihre Stellung gegenüber dem deutschen
Reichspräsidenten, den Parteien und der deutschen Öffentlichkeit. Mit der
Ausnahme der KPD und einiger Splittergruppen gab es in den ersten Tagen
nach der Bekanntgabe des Vertrages keine Organisation, die diesen Vertrag
begrüßte. Die schweren Vorwürfe aus London und Paris erweckten große
Besorgnisse. Für den damals vorherrschenden Eindruck in Deutschland seien
wenigstens einige Sätze aus den Tagebuchaufzeichnungen des damaligen
britischen Botschafters in Berlin angeführt:
,,24. April 1922 Berlin
Der Abschluß des Rapallo-Vertrages ist von der öffentlichen Meinung
hier nicht besonders günstig aufgenommen worden. Es gibt keine einfluß-
reichen Kreise in Deutschland, die eine enge Zusammenarbeit oder ein
Bündnis mit den Bolschewisten, die von allen Parteien (mit Ausnahme
einiger extremer Fanatiker) mit Mißtrauen und Furcht angesehen werden,
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 277

wirklich wünschen würden. Man ist im allgemeinen der Ansicht, daß die
Deutschen von den Russen in Genua überrumpelt worden sind; die Mit-
glieder der deutschen Delegation fanden sich in einer Sackgasse (oder
glaubten es wenigstens) und unterzeichneten den Vertrag in einem Augen-
blick der Verzweiflung. Es ist ganz offensichtlich, daß die Unterzeichnung
des Vertrages weder das Ergebnis einer zielbewußten Politik noch einer
geschickten , Verschwörung' war.
Die Auffassung, daß die Richtlinien der deutschen Politik sich von nun an
ändern werden, wird hier nicht geteilt. Der Vertrag wird als bloße Ver-
ständigung mit Rußland, die Deutschland von gewissen finanziellen Dro-
hungen befreit, aufgefaßt, und nicht als eine Neuorientierung der deutschen
Politik. Aber wenn dies auch heute nicht der Fall ist, so kann sich die Sach-
lage in Zukunft doch ändern. Unter einem unerträglichen Druck oder in
einer schweren wirtschaftlichen Not könnten die Deutschen zu der Über-
zeugung gelangen, daß eine Änderung ihrer Politik notwendig ist. Sollte
ein solcher Umschwung sich vollziehen, so würde die Schuld die französi-
schen Chauvinisten treffen, die ihr möglichstes tun, um die Gefahr herauf-
zubeschwören, die wir und sie am meisten zu fürchten haben."
(Vgl. Viscount D'Abernon: a. a. 0., S.334.)
Die starke Beunruhigung der europäischen Westmächte und Deutschlands
über die Wirkungen des Rapallo-Vertrages dürfte von einem großen Triumph-
gefühl Lenins begleitet gewesen sein. Die unter dramatischen Umständen statt-
gefundene Unterzeichnung des Vertrages war ein Beispiel für ein Kompro-
miß, das von Lenin in seiner Theorie empfohlen wird: Annäherung an einen
kapitalistischen Staat, wenn dadurch Gegensätze zwischen den kapitalistischen
Staaten entfacht bzw. verschärft werden können. Die angewandte sowjetische
Taktik auf der Konferenz von Genua gegenüber Deutschland und den West-
mächten entsprach genau seinem Rat, den er am 26. November 1920 den
Moskauer Zellensekretären der KP gegeben hatte:
"Das Beispiel des Friedens von Brest-Litowsk hat uns viel gelehrt. Gegen-
wärtig stehen wir zwischen zwei Feinden. Wenn es unmöglich ist, sie beide
zu besiegen, so müssen wir unsere Kräfte so gruppieren, daß die beiden mit-
einander in Streit geraten, denn wenn zwei Diebe sich in den Haaren liegen,
so gewinnt der Ehrliche stets dabei. Sobald wir aber stark genug sein werden,
um den gesamten Kapitalismus niederzuschlagen, werden wir ihn sofort
am Kragen packen."
(Aus der Rede Lenins vom 26.11. 1920, vgl. Lenin: "Ausgewählte Werke in 12
Bänden", Bd. 8, Moskau-Leningrad 1935, S.296.)
278 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

In der Sicht Lenins war jede nichtkommunistische Regierung - mochte sie


aus Kapitalisten oder antikapitalistischen Sozialdemokraten bestehen - ein
Feind, mit dem man aus taktischen Gründen vorübergehend zusammen-
arbeitet und den man je nach den gegebenen Machtverhältnissen später zu
vernichten hat. Wie wenig das damals von den Westmächten stark bedrängte
Deutschland davon ausgenommen war, zeigten auch die Ratschläge Lenins
an die kommunistische Partei Deutschlands.

h) Einmischungen Lenins in die inneren Verhältnisse Deutschlands

Das Exekutivkomitee der Komintern gab besonders seit 1920 viele Anwei-
sungen an die ausländischen kommunistischen Parteien, kritisierte einzelne
Handlungen, spornte zu anderen Handlungen an und brachte damit immer
die Wünsche der sowjetischen Staatspartei zur Geltung. Lenin begnügte sich
aber nicht mit einer nach außen unsichtbaren Leitung. Seine richtungweisen-
den Reden, seine Thesen zu allen grundlegenden Fragen des Zieles und des
taktischen Vorgehens auf dem Wege zum Ziel, ferner seine Teilnahme an
verschiedenen Kommissionen machten ihn auf den ersten drei Kongressen
der Kommunistischen Internationale zur alles überragenden Figur. Dabei
beschränkte er seine Tätigkeit keineswegs auf die Erörterung der grundsätz-
lichen Fragen auf den erwähnten Kongressen. Vielfach nahm er dort auch zu
einzelnen Ereignissen in diesem oder jenem Land Stellung. Gegenüber einem
anwesenden Führer der Unabhängigen Sozialdemokraten Deutschlands,
Crispien, (Vertreter der USPD durften 1920 an dem Komintern-Kongreß
teilnehmen) erhob er u. a. folgende Vorwürfe und Forderungen:
"Wie spricht Crispien über Terror und Gewalt? Das sei Verschiedenes, sagte
er. Vielleicht kann man in einem soziologischen Handbuch einen solchen
Unterschied machen, aber keinen für die praktische Politik, besonders
nicht in bezug auf die deutschen Verhältnisse. Gegen die Leute, die sich
benehmen wie die deutschen Offiziere beim Mord von Liebknecht und
Rosa Luxemburg, gegen die Leute wie Stinnes und Krupp, die die Presse
aufkaufen, gegen solche Leute ist man gezwungen, mit Gewalt und Terror
vorzugehen. Natürlich vorher zu erklären, daß wir unbedingt Terror üben
werden, ist nicht notwendig, aber wenn die deutschen Offiziere und Kap-
pisten, wenn Krupp und Stinnes so bleiben, wie sie jetzt sind, dann müssen
wir den Terror anwenden. Nicht nur Kautsky, sondern auch Ledebour und
Crispien sprechen über Terror und Gewalt ganz im gegenrevolutionären
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 279

Sinne. Eine Partei, die sich in solchen Ideen bewegt, kann die Diktatur
nicht mitmachen, das ist klar."
(Aus Lenins Diskussionsrede vom 30. 7. 1920, vgl. "Protokoll des 11. Weltkon.
gresses der Kommunistischen Internationale", Hamburg 1921, S. 349.)

Über seinen starken unmittelbaren und mittelbaren Einfluß auf die Kom·
intern hinaus versuchte Lenin, auch durch Schriften und Briefe auf die aus-
ländischen kommunistischen Parteien einzuwirken. Bei seiner bekannten
Einschätzung der Rolle Deutschlands war er an der Entwicklung der KPD
besonders interessiert. Einige Beispiele für Lenins Verhalten werden im fol-
genden angeführt:
Wie sollten sich nach Lenin die deutschen Kommunisten gegenüber der
Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands verhalten?
"Die ,Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands' ist in ihrem
Inneren offenkundig uneinheitlich: neben den alten opportunistischen
Führern (Kautsky, Hilferding, in beträchtlichem Maße offenbar auch
Crispien, Ledebour u. a.), die ihre Unfähigkeit bewiesen haben, die Bedeu-
tung der Sowjetrnacht und der Diktatur des Proletariats zu erfassen
und den revolutionären Kampf des Proletariats zu leiten, hat sich in
dieser Partei ein linker, proletarischer Flügel gebildet, der auffallend schnell
anwächst.
Hunderttausende Mitglieder dieser Partei (die, glaube ich, ungefähr drei
Viertel Millionen Mitglieder zählt) sind Proletarier, die Scheidemann den
Rücken kehren und rasch dem Kommunismus entgegengehen. Dieser pro-
letarische Flügel hat schon auf dem Leipziger Parteitag der Unabhängigen
(1919) den sofortigen und bedingungslosen Anschluß an die IH. Inter-
nationale beantragt. Ein ,Kompromiß' mit diesem Flügel der Partei zu
fürchten, ist geradezu lächerlich. Im Gegenteil, die Kommunisten müssen
unbedingt eine geeignete Form des Kompromisses mit ihm suchen und
auch finden, eines Kompromisses, das einerseits die notwendige vollkom-
mene Verschmelzung mit diesem Flügel erleichtern und beschleunigen,
andererseits aber die Kommunisten in ihrem ideologischen und politischen
Kampf gegen den opportunistischen rechten Flügel der ,Unabhängigen'
nicht behindern würde. Wahrscheinlich wird es keine leichte Sache sein,
eine geeignete Form des Kompromisses zu finden, aber nur ein Scharlatan
könnte den deutschen Arbeitern und den deutschen Kommunisten einen
,leichten' Weg zum Sieg versprechen."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke' Radikalismus ... ", S.719.)
280 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Sieht man diese Anregung Lenins im Zusammenhang mit seiner Theorie,


dann tritt das Beispiel eines Leninschen Kompromisses zur Zersetzung des
nichtkommunistischen Partners klar zu Tage. Daß er diese Taktik auch gegen-
über der damals den Kommunisten am nächsten stehenden sozialistischen
Partei anwendet, entsprach ganz der Theorie Lenins.
Eine Gefahr für das Erstarken der KPD als Ganzes sah Lenin seit 1920
in dem sogenannten linken Flügel der KPD. Was Lenin von den führenden
Vertretern dieses Flügels trennte, waren Meinungsverschiedenheiten in der
Taktik auf dem Wege der kommunistisch geführten Revolution. So betrach-
teten die sogenannten linken Kommunisten es als unrevolutionär, den sozial-
demokratisch beherrschten Gewerkschaften als Mitglieder anzugehören und
in ihnen politisch zu arbeiten. Solchen Meinungen gegenüber nahm Lenin
folgenden Standpunkt ein:
"Denn die ganze Aufgabe der Kommunisten besteht darin, es zu ver-
stehen, die Rückständigen zu überzeugen, unter ihnen zu arbeiten, nicht
aber sich von ihnen durch ausgeklügelte, kindische ,linke' Losungen
abzusondern.
Kein Zweifel, die Herren Gompers, Henderson, Jouhaux, Legien sind
solchen ,linken' Revolutionären sehr dankbar, die wie die deutsche ,grund-
sätzliche' Oppositon (bewahre uns der Himmel vor solcher ,Grundsätz-
lichkeit' !) oder wie manche Revolutionäre unter den amerikanischen
,Industriearbeitern der Welt' den Austritt aus den reaktionären Gewerk-
schaften und die Ablehnung der Arbeit in ihnen predigen. Kein Zweifel,
die Herren ,Führer' des Opportunismus werden zu allen möglichen Machen-
schaften der bürgerlichen Diplomatie greifen, werden die Hilfe der bürger-
lichen Regierungen, der Pfaffen, der Polizei, der Gerichte in Anspruch
nehmen, um die Kommunisten zu den Gewerkschaften nicht zuzulassen,
um sie auf jede Art und Weise aus den Gewerkschaften zu verdrängen, um
ihnen die Arbeit in den Gewerkschaften möglichst zu verleiden, um sie
herabzusetzen, gegen sie zu hetzen und sie zu verfolgen. Man muß es ver-
stehen, all dem Zu widerstehen, muß zu allen und jedweden Opfern ent-
schlossen sein und sogar - wenn es sein muß - zu allen möglichen Kniffen,
Listen, illegalen Methoden, zur Verschweigung, Verheimlichung der Wahr-
heit bereit sein, um nur in die Gewerkschaften hineinzukommen, in ihnen
zu bleiben und in ihnen um jeden Preis kommunistische Arbeit zu leisten ...
Das Exekutivkomitee der III. Internationale muß, meiner persönlichen
Ansicht nach, die Politik der Nichtbeteiligung an den reaktionären Gewerk-
schaften direkt verurteilen und dem nächsten Kongreß der Kommunisti-
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 281

schen Internationale vorschlagen, sowohl die Politik der Nichtbeteiligung


an den reaktionären Gewerkschaften zu verurteilen (unter ausführlicher
Begründung, warum eine solche Nichtbeteiligung unvernünftig und für die
Sache der proletarischen Revolution außerordentlich schädlich ist) als auch
im besonderen die Linie des Verhaltens gewisser Mitglieder der holländi-
schen Kommunistischen Partei, die - einerlei, ob direkt oder indirekt, offen
oder versteckt, ganz oder teilweise - diese falsche Politik unterstützt haben.
Die III. Internationale muß mit der Taktik der II. Internationale brechen
und darf die brennendsten Fragen nicht umgehen, nicht vertuschen, sondern
muß sie in ihrer ganzen Schärfe aufwerfen. Wir haben den ,Unabhängigen'
(der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands) die ganze
Wahrheit ins Gesicht gesagt, wir müssen auch den ,linken' Kommunisten
die ganze Wahrheit ins Gesicht sagen."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke' Radikalismus ... ", S. 700/701, 701/702.)

Dementsprechend forderte das Exekutivkomitee auf dem folgenden


11. Kongreß der Komintern (Juli/August 1920) eine Taktik gegenüber den
nichtkommunistischen Gewerkschaften in allen Ländern. Der II. Kongreß
stimmte dem in einer Resolution zu.
In den oben angeführten Äußerungen Lenins ist auch das offene Bekenntnis
zur Lüge und List enthalten. Daß die empfohlenen Mittel im Kampf um die
Macht in den Gewerkschaften nicht nur den deutschen Kommunisten vorbe-
halten bleiben sollen, ergibt sich aus Lenins Angriffen nicht nur gegen das
Verhalten des deutschen Gewerkschaftsführers Legien.
Eine weitere Meinungsverschiedenheit zwischen den Führern des linken
Flügels der KPD und Lenin betraf die einzuschlagende Taktik gegenüber den
Parlamenten westlicher Demokratien. Was diesen Führern als verwerflich
und "politisch überlebt" erschien, sah Lenin vorläufig als sehr zweckmäßig
an: die Teilnahme von Kommunisten an den Wahlen und an der Arbeit der
Parlamente. Er führte dafür u. a. folgende Gründe an:
"Für die Kommunisten in Deutschland hat sich der Parlamentarismus
natürlich ,politisch überlebt', aber es kommt gerade darauf an, daß wir das,
was für uns überlebt ist, nicht als überlebt für die Klasse, nicht als überlebt
für die Massen betrachten. Gerade hier sehen wir wiederum, daß die ,Linken'
nicht zu überlegen verstehen, daß sie es nicht verstehen, sich als Partei der
Klasse, als Partei der Massen zu verhalten. Ihr seid verpflichtet, nicht auf das
Niveau der Massen, nicht auf das Niveau der rückständigen Schichten der
Klasse hinabzusinken. Das ist unbestreitbar. Ihr seid verpflichtet, ihnen die
282 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

bittere Wahrheit zu sagen. Ihr seid verpflichtet, ihre bürgerlich-demokrati-


schen und parlamentarischen Vorurteile beim richtigen Namen zu nennen.
Aber gleichzeitig seid ihr verpflichtet, den tatsächlichen Grad des Bewußt-
seins und der Reife eben der ganzen Klasse (und nicht nur der kommu-
nistischen Avantgarde), eben der ganzen werktätigen Masse (und nicht nur
ihrer fortgeschrittenen Elemente) nüchtern zu verfolgen.
Nicht allein wenn ,Millionen' und ,Legionen', wenn einfach eine ziemlich
bedeutende Minderheit der Industriearbeiter den katholischen Pfaffen und
eine solche Minderheit der Landarbeiter den Junkern und Großbauern
nachläuft, ergibt sich schon daraus unzweifelhaft, daß der Parlamentarismus
in Deutschland sich politisch noch nicht überlebt hat, daß die Beteiligung
an den Parlamentswahlen und am Kampf auf der Parlamentstribüne für die
Partei des revolutionären Proletariats unbedingte Pflicht ist, gerade um die
rückständigen Schichten ihrer Klasse zu erziehen, gerade um die unent-
wickelte, geduckte, unwissende Masse auf dem Lande aufzurütteln und
aufzuklären. Solange ihr nicht stark genug seid, das bürgerliche Parlament
und alle sonstigen reaktionären Institutionen auseinanderzujagen, seid ihr
verpflichtet, innerhalb dieser Institutionen zu arbeiten, gerade weil sich
dort noch Arbeiter befinden, die durch die Pfaffen und in den Krähwinkeln
des flachen Landes verdummt worden sind."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke' Radikalismus ... ", S.704/705.)

Sowohl die zu befolgende Taktik gegenüber den nichtkommunistischen


Gewerkschaften, den Parlamenten westlicher Demokratien sind Beispiele für
Kompromisse in der Sicht Lenins. In beiden Fällen dient die kommunistische
Mitarbeit nur dazu, diese Einrichtungen Schritt für Schritt zu zersetzen und
sie schließlich ganz zu zerstören.
Wie wenig Lenin eine demokratische Wahl der deutschen kommunistischen
Führer durch die kommunistischen Parteimitglieder interessierte und wie
wenig er Proteste gegen die "Diktatur der Führer" ernst nahm, wurde bereits
in seinen Angriffen gegen den linken Flügel der KPD erkennbar:
"In Deutschland wie auch in anderen europäischen Ländern hat man sich
zu sehr an die Legalität gewöhnt, an die freie und regelrechte Wahl der
,Führer' durch regelmäßige Parteitage, an die bequeme Kontrolle der
Klassenzusammensetzung der Parteien durch Parlamentswahlen, öffentliche
Versammlungen, die Presse, die Stimmungen der Gewerkschaften und an-
derer Verbände usw. Als man, infolge des stürmischen Verlaufs der Revolu-
tion und der Entwicklung des Bürgerkrieges, von diesem Gewohnten rasch
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 283

zum Wechsel der Legalität und Illegalität, zu ihrer Kombinierung, zu ,un-


bequemen', ,undemokratischen' Methoden der Aussonderung oder Bildung
oder Erhaltung von ,Führergruppen' übergehen mußte, - da gerieten die
Leute außer Fassung und begannen hanebüchenen Unsinn auszuhecken.
Gewisse Mitglieder der holländischen Kommunistischen Partei, die das
Unglück hatten, in einem kleinen Lande mit den Traditionen und Verhält-
nissen einer besonders privilegierten und besonders stabilen Legalität ge-
boren zu sein, Leute, die den Wechsel von Legalität und Illegalität über-
haupt nie gekannt haben, sind wahrscheinlich selber in Verwirrung und
außer Fassung geraten und haben zu den absurden Einfällen beigetragen ...
Angriffe auf die ,Diktatur der Führer' hat es in unserer Partei stets gegeben:
ich erinnere mich der ersten dieser Angriffe aus dem Jahre 1895, als die
Partei offiziell noch nicht bestand, aber in Petersburg sich eine zentrale
Gruppe herauszubilden begann und die Führung der Bezirksgruppen über-
nehmen mußte. Auf dem IX. Parteitag unserer Partei (im April 1920) gab
es eine kleine Opposition, die ebenfalls von der ,Diktatur der Führer', der
,Oligarchie' usw. sprach. Daher hat die ,Kinderkrankheit' des ,linken
Kommunismus' der Deutschen nichts Verwunderliches, nichts Neues,
nichts Schreckliches an sich. Diese Krankheit geht ohne jede Gefahr vor-
über; und der Organismus wird nach dieser Krankheit sogar kräftiger."
(Aus Lenins Schrift von 1920: "Der ,linke' Radikalismus ... ", S. 688/689,692.)
Im März 1921 kam es in Mitteldeutschland, besonders im Gebiet von Mans-
feld, zu einem Aufstand der kommunistischen Arbeiter, der sich u. a. in der
Form eines Guerilla-Krieges äußerte. Max Hölz, seit 1920 der Führer von
kommunistischen aufständischen Verbänden im Vogtland, eilte den Auf-
ständischen im Mansfelder Kohlenrevier zu Hilfe. Diese von den Kommu-
nisten oft genannte "März-Aktion" in Mitteldeutschland brach bald zusammen.
Max Hölz wurde verhaftet und wegen seiner Handlungen im V ogtland und
im Gebiet von Mansfeld zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Hölz
gehörte 1921 nicht der KPD an, sondern einer von ihr abgesplitterten Gruppe,
der KAPD (Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands). Die von ihm
geführten gewaltsamen Ausschreitungen in Mitteldeutschland beeindruckten
aber die KP-Führung Sowjetrußlands stark. Die Nachricht über die gericht-
liche Verurteilung von Max Hölz veranlaßte die sowjetrussischen Mitglieder
des Exekutivkomitees der Komintern (Lenin, Trotzki, Sinowjew, Bucharin,
Radek), einen Aufruf "An das deutsche Proletariat" vorzuschlagen. Vor den
versammelten Teilnehmern des III. Komintern-Kongresses erläuterte Radek
am 25. Juni 1921 den Sinn dieses Aufrufes u. a. mit folgenden Worten:
284 Die Praxis der sowjetischen Aupenpolitik unter Lenin

"Wir halten es für unsere Pflicht, in dem Moment, wo die Bourgeoisie


Deutschlands diesen tapferen und ehrlichen Revolutionär zu lebensläng-
lichem Zuchthaus verurteilt hat, für Max Hölz als einen Revolutionär und
Kommunisten einzutreten. (Lebhafter Beifall)
Die Taktik von Max Hölz war nicht unsere Taktik. Hölz ist schon in den
Märzkämpfen des Jahres 1920 seine eigenen Wege gegangen. Hölz hat
schon damals, ohne auf die Disziplin und die Weisungen der Partei Rück-
sicht zu nehmen, auf eigene Faust einen Rachefeldzug gegen die Bourge-
oisie unternommen. Hölz hat auch jetzt während der Märzkämpfe vieles
getan, was vom Standpunkt der kommunistischen Strategie nicht zweck-
entsprechend war und auch nicht vom Standpunkt der Taktik der Partei ...
Ich wiederhole, vieles, was er machte, war nicht zweckentsprechend. Aber
wir stehen zur Lauterkeit des Wesens von Hölz; und sein Haß gegen die
Bourgeoisie ist unser Haß. Aus diesem Grunde schlage ich im Namen des
Engeren Bureau vor, folgende Kundgebung an das deutsche Proletariat
zu richten:
,An das Deutsche Proletariat! Zu den 2000 Jahren Zuchthaus und Gefäng-
nisstrafen, die die deutsche Bourgeoisie über die Märzkämpfer verhängt
hat, gesellt sich die Verurteilung von Max Hölz zu lebenslänglichem Zucht-
haus. Die Kommunistische Internationale ist Gegnerin des individuellen
Terrors und der Sabotageakte, die nicht direkten Kampfeszwecken im
Bürgerkrieg dienen. Sie ist Gegnerin eines von der politischen Leitung des
revolutionären Proletariats unabhängig geführten Freischärlerkrieges. Aber
die Kommunistische Internationale sieht in Max Hölz einen mutigen
Rebell gegen die kapitalistische Gesellschaft, deren Zucht sich in Zucht-
häusern, deren Ordnung sich in dem Wüten der Ordnungsbestie ausdrückt.
Seine Taten waren nicht zweckentsprechend. Der weiße Terror kann nur
durch den Aufstand der Arbeitermasse gebrochen werden, der alleine im-
stande ist, den Sieg des Proletariats zu verwirklichen. Aber seine Taten
entspringen der Liebe zum Proletariat, dem Haß gegen die Bourgeoisie.
Darum sendet der Kongreß Max Hölz brüderliche Grüße, empfiehlt ihn
dem Schutze des deutschen Proletariats und spricht die Hoffnung aus, daß
an dem Tage, wo die deutschen Proletarier die Tore zu seinem Gefängnis
sprengen werden, er in Reih und Glied der Kommunistischen Partei Deutsch-
lands für die Sache der Befreiung der deutschen Arbeiter kämpfen wird.'
(Lebhafter Beifall.)"
("Protokoll des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale", Hamburg
1922, S. 216/217,217/218.)
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 285

Dieser Aufruf wurde von dem Komintern-Kongreß am 25. Juni 1921


einstimmig angenommen 26. Die darin enthaltene Kritik an Hölz hat nichts
mit moralischen Vorwürfen zu tun; sie läßt nur die Zweckmäßigkeit als Maß-
stab für die Kritik gelten. Entsprechend der Theorie Lenins wurde der von
Max Hölz angewandte individuelle Terror nur deshalb verurteilt, weil er nicht
mit der Ausführung eines Gesamtplanes für den Bürgerkrieg koordiniert
war. Auch die Kritik der Kommunistischen Internationale an dem Freischäder-
krieg von Max Hölz entsprang nicht grundsätzlichen Erwägungen. Hätte dieser
Freischäderkrieg sich unter der "politischen Leitung des revolutionären Prole-
tariats" und nicht unabhängig von ihr, d. h. von der KPD-Leitung, voll-
zogen, dann wäre er Radek zufolge von der Komintern anders beurteilt wor-
den. Der von Lenin gebilligte Aufruf der Komintern zu Ehren von Max Hölz
war ein Beispiel der Einmischung in die inneren Angelegenheiten Deutschlands.
Ein weiteres Beispiel dafür bot die Rede, die Lenin am 11. Juli 1921 vor den
deutschen, polnischen, tschechoslowakischen, ungarischen und italienischen
Teilnehmern des IH. Komintern-Kongresses hielt. Darin sagte er u. a.:
"Gestern habe ich in der ,Prawda' einige Mitteilungen gelesen, die mich
davon überzeugten, daß der Augenblick der Offensive möglicherweise näher
ist, als wir auf dem Kongreß geglaubt haben und weshalb die jungen Ge-
nossen über uns hergefallen sind. Aber über diese Mitteilungen werde ich
später was sagen; jetzt muß ich sagen, je näher die Generaloffensive ist, um
so ,opportunistischer' müssen wir handeln. Jetzt werdet ihr alle nach Hause
zurückkehren und den Arbeitern sagen, daß wir klüger geworden sind,
als wir es vor dem IH. Kongreß waren. Ihr dürft nicht in Verwirrung ge-
raten; Ihr werdet sagen, daß wir Irrtümer begangen haben und jetzt vor-
sichtiger handeln wollen. Dadurch werden wir auf unsere Seite die Massen
der sozialdemokratischen und der unabhängigen sozialdemokratischen
Partei ziehen, die objektiv durch den ganzen Gang der Dinge zu uns ge-
drängt werden, sich aber vor uns fürchten ...
Unsere einzige Strategie ist jetzt - stärker und deshalb vernünftiger,
klüger, ,opportunistischer' zu werden; und das müssen wir den Massen
sagen. Aber nachdem wir die Massen dank unserer Klugheit erobert haben
werden, werden wir die Taktik der Offensive, und zwar im strengsten Sinne
des Wortes, anwenden.
Jetzt die drei Mitteilungen:

26 "Protokoll des III. Kongresses der Kommunistischen Internationale",


Hamburg 1922, S. 220.
286 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

1) Streik der Arbeitnehmer der Berliner Stadtverwaltung. Arbeitnehmer


der Stadtverwaltung sind in ihrer Mehrheit konservative Leute, die den
Mehrheitssozialisten und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei
angehören, gut gesichert sind. Aber sie sind gezwungen zu streiken.
2) Streik der Textilarbeiter in Lilie.
3) Die dritte Tatsache ist die wichtigste. In Rom fand eine Versammlung für
die Organisation des Kampfes gegen die Faschisten statt, an der 50000 Arbeiter
- Vertreter aller Parteien - der Kommunisten, Sozialisten und auch der Repu-
blikaner teilnahmen. Zu ihr stießen 5000 Kriegsteilnehmer in Uniform; und
nicht ein Faschist erdreistete sich, auf der Straße zu erscheinen. Das beweist,
daß in Europa mehr Zündstoff vorhanden ist, als wir gedacht haben. Lazzari
hat unsere Resolution über die Taktik gelobt 27 • Das ist eine große Errungen-
schaft unseres Kongresses. Wenn Lazzari sie anerkennt, so werden Tausende
von Arbeitern, die ihm folgen, ganz sicher zu uns kommen; und ihre Führer
werden sie von uns nicht abschrecken können. ,n faut reculer pour mieux
sauter' (Man muß zurückgehen, um besser zu springen). Und dieser Sprung
ist unvermeidlich, weil, objektiv gesehen, die Lage unerträglich wird.
Also, wir beginnen mit der Anwendung unserer neuen Taktik. Es ist nicht
nötig, nervös zu werden; wir können nicht zu spät kommen, sondern eher
zu früh. Und wenn Ihr fragt, ob Rußland so lange aushalten wird, so
antworten wir, daß wir jetzt Krieg führen mit dem Kleinbürgertum, mit
der Bauernschaft, einen wirtschaftlichen Krieg, der für uns bei weitem ge-
fährlicher ist als der vergangene Krieg. Aber, wie Clausewitz gesagt hat,
das Element des Krieges ist die Gefahr; und wir standen nicht einen Augen-
blick außerhalb der Gefahr. Ich bin sicher, wenn wir vorsichtiger handeln,
rechtzeitig Zugeständnisse machen werden, daß wir auch in diesem Kriege
siegen werden, selbst wenn er sich mehr als drei Jahre hinziehen sollte.
Ich fasse zusammen:
1) Wir werden alle einstimmig in ganz Europa sagen, daß wir eine neue
Taktik anwenden; und auf diese Weise werden wir die Massen erobern.
2) Koordination der Offensive in den drei wichtigsten Ländern: Deutsch-
land, Tschechoslowakei, Italien. Hier ist eine Vorbereitung, ein ständiges
Zusammenwirken notwendig. Europa ist revolutions schwanger, aber vor-
her einen Revolutionskalender zusammenzustellen ist unmöglich. Wir in
Rußland werden nicht nur fünf Jahre, sondern länger aushalten. Die einzig
richtige Strategie ist jene, die wir beschlossen haben. Ich bin mir bewußt, daß

27 Einer der Begründer der sozialistischen Partei Italiens.


Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 287

wir für die Revolution Stellungen erobern werden, denen die Entente
nichts entgegensetzen kann; und das wird der Beginn des Sieges im Welt-
maßstab sein .
. . . Wir machen unseren Rückzug nicht grundsätzlich, sondern nur aus
taktischen Gründen und nur für kurze Zeit."
(Aus einer Rede Lenins vom 11. 7. 1921, vgl. lnst. für Marxismus-Leninismus
[Hg.]: "Leninski Sbornik" [Lenin-Sammelwerk"], Bd. 36, Moskau 1959, S. 281,
282/283, 284.)

Diese Rede Lenins zeigt, daß er nach dem Stand vom Juli 1921 einen ge-
waltsamen Sturz der bestehenden Ordnung in Deutschland, Italien und der
Tschechoslowakei für am wichtigsten hielt. Die kommunistischen Vorberei-
tungen dafür in diesen Ländern sollten Lenin zufolge miteinander koordiniert
werden. Wenn diese Stellungen erobert sind, so ist dies in seiner Sicht "der
Beginn des Sieges im Weltmaßstab", denn die verbündeten westlichen Indu-
striestaaten Europas haben nach Lenin ihnen nichts entgegenzusetzen. Gleich-
zeitig zeigt die Rede Lenins den zeitweiligen Charakter milderer Formen im
Kampf gegen die kapitalistischen Staaten. Die Ratschläge zu größerer V or-
sicht dienen dem Zweck, die gewaltsame Auseinandersetzung mit dem kapi-
talistischen System anderer Staaten um so wirkungsvoller vorzubereiten.
Eine Anwendung seiner Lehre über den Sinn von Rückzügen vor zunächst
noch zu starken gegnerischen Kräften in den kapitalistischen Staaten. Seine
Ermahnung zum "opportunistischen" Handeln ist trotz der von Lenin ge-
setzten Anführungszeichen bemerkenswert, weil er das Handeln vor allem
der sozialdemokratischen Parteien in zahllosen Reden, Schriften usw. als
opportunistisch brandmarkte, während er für sich beanspruchte, niemals
opportunistisch gehandelt zu haben.
Mit großer Sorge sah Lenin dem Parteitag der deutschen kommunistischen
Partei am 22. August 1921 entgegen. Diese Partei, die sich nach ihrer Ver-
einigung mit dem linken Flügel der USPD (Dezember 1920) für einige Zeit
" Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands" (VKPD) nannte, stellte
1921 und noch mehrere Jahre danach keine auch nur annähernd in sich ge-
schlossene Organisation dar. Strömungen innerhalb dieser Partei stießen
aufeinander, die in der Sicht Lenins als linke und rechte Abweichung gedeutet
wurden. Der Einfluß des Exekutivkomitees der Komintern auf die Vorberei-
tungen und die Durchführung des Parteitages dieser Partei erschien Lenin
offenbar nicht ausreichend. Eilig schrieb er einen seiner längsten Briefe. Dieser
Brief verdient insofern ein besonderes Interesse, als er Lenins Sorge um die
Regelung selbst unbedeutend erscheinender Detailfragen erkennen läßt. Der
288 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Sinn des Briefes ist es, aus der VKPD ein schlagkräftiges Instrument zu
machen, das einer kommenden, für die Revolution reifen Lage gewachsen ist.
Nachstehend bringen wir einige Teile des Briefes, die Lenins Absichten kenn-
zeichnen. Zur besseren übersicht dieses Briefes setzen wir neben den Text
einige Hinweise.
Eiliger Brief "Ich hatte vor, in einem ausführlichen Artikel meine Ansicht über die
Lenins,
anläßlich des
Lehren des In. Kongresses der Kommunistischen Internationale darzulegen.
bevorstehenden Leider war ich bisher wegen Krankheit nicht imstande, diese Arbeit in
Kongresses der
VKPD
Angriff zu nehmen. Die Festsetzung des Parteitages eurer Partei, der
Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands (VKPD), auf den
22. August veranlaßt mich, mich mit diesem Brief zu 15eeilen, den ich in
einigen Stunden beenden muß, um mich mit der Absendung nach Deutsch-
land nicht zu verspäten ...
WasdieVKPD Die allmähliche Linksschwenkung der Arbeitermassen, der wirklichen Mehr-
in Deutschland
machen muß,
heit der Werktätigen und Ausgebeuteten in Deutschland, sowohl der in
um der den alten menschewistischen (d. h. der Bourgeoisie dienenden) Gewerk-
"aufgeklärten",
fortgeschritten-
schaften organisierten als auch der ganz unorganisierten oder fast gar nicht
sten Bourgeoisie organisierten, ist eine unbestreitbare Tatsache. Kalt Blut und Ausdauer
gewachsen zu
sein
bewahren; systematisch die Fehler der Vergangenheit korrigieren; unauf-
hörlich darauf bedacht sein, die Mehrheit der Arbeitermassen sowohl in
den Gewerkschaften als auch außer\alb der Gewerkschaften zu erobern;
geduldig eine starke und kluge kommunistische Partei aufbauen, die fähig
ist, bei allen und jeglichen Wendungen der Ereignisse die Massen wirklich
zu führen; sich eine Strategie ausarbeiten, die der besten internationalen
Strategie der (durch die jahrhundertelange Erfahrung im allgemeinen und
durch die ,russische Erfahrung' im besonderen) ,aufgeklärten', fortge-
schrittensten Bourgeoisie gewachsen ist, - das muß man tun, und das wird
das deutsche Proletariat tun, das garantiert ihm den Sieg.
Zur Duldung Andererseits wird augenblicklich die schwierige Lage der Kommunisti-
halbanarchisti-
scher Elemente
schen Partei Deutschlands durch die Absplitterung der kläglichen Kommu-
inderVKPD nisten von links (,Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands' KAPD)
und von rechts (Paul Levi mit seinem Blättchen ,Unser Weg' oder ,Sowjet')
noch mehr erschwert.
Die ,Linken' oder ,KAPD-isten' haben seit dem H. Kongreß der Kom-
munistischen Internationale von uns auf der internationalen Arena genügend
Verwarnungen erhalten. Solange wenigstens in den wichtigsten Ländern
sich noch keine genügend starken, erfahrenen, einflußreichen kommu-
nistischen Parteien herausgebildet haben, müssen wir die Teilnahme halb-
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 289

anarchistischer Elemente auf unseren internationalen Kongressen dulden;


sie ist sogar bis zu einem gewissen Grade nützlich. Nützlich insofern, als
diese Elemente ein anschauliches ,abschreckendes Beispiel' für unerfahrene
Kommunisten bilden, und auch insofern, als sie selbst noch fähig sind zu
lernen. In der ganzen Welt zerfällt der Anarchismus - und nicht seit gestern,
sondern seit Beginn des imperialistischen Krieges 1914-1918 - in zwei
Richtungen: in eine für die Sowjets und eine gegen die Sowjets, in eine für
die Diktatur des Proletariats und eine gegen die Diktatur des Proletariats.
Man muß diesen Zerfallsptozeß des Anarchismus reifen und ausreifen
lassen. In Westeuropa gibt es fast keine Menschen, die einigermaßen große
Revolutionen durchgemacht haben; die Erfahrung der großen Revolution
ist dort fast gänzlich vergessen; der Übergang aber vom Wunsch, revolutio-
när zu sein, und vom Gerede (und den Resolutionen) übet die Revolution
zur wirklichen revolutionären Arbeit ist ein sehr schwieriger, langsamer
und qualvoller Übergang.
Selbstverständlich kann und darf man halbanarchistische Elemente jedoch
nur in beschränktem Maße dulden. In Deutschland haben wir sie sehr lange
geduldet. Der IH. Kongreß der Kommunistischen Internationale stellte
ihnen ein genau befristetes Ultimatum. Wenn sie jetzt selber die Kommu-
nistische Internationale verlassen haben, um so besser. Erstens haben sie
uns der Mühe enthoben, sie auszuschließen. Zweitens ist vor allen schwan-
kenden Arbeitern, vor allen, die aus Haß gegen den Opportunismus der
alten Sozialdemokratie zum Anarchismus neigten, jetzt mit besonderer
Gründlichkeit und besonderer Anschaulichkeit demonstriert worden, durch
genaue Tatsachen bewiesen worden, daß die Kommunistische Internatio-
nale Geduld an den Tag gelegt hat, daß sie die Anarchisten keineswegs
sofort und unbedingt hinausgejagt hat, daß sie sie aufmerksam angehört und
ihnen geholfen hat, zu lernen.
Jetzt müssen wir den KAPD-isten weniger Aufmerksamkeit schenken.
Mit unserer Polemik gegen sie machen wir für sie nur Reklame. Sie sind
allzu unvernünftig; sie ernst zu nehmen wäre falsch; ihnen böse zu sein,
lohnt nicht. Einfluß auf die Massen besitzen sie nicht und werden sie nicht
bekommen, wenn wir selber keine Fehler machen. Lassen wir die winzige
Richtung eines natürlichen Todes sterben; die Arbeiter werden selbst da-
hinterkommen, wie unzulänglich sie ist. Wir wollen die organisatorischen
und taktischen Beschlüsse des IH. Kongresses der Kommunistischen Inter-
nationale gründlicher propagieren und sie in die Tat umsetzen und weniger
Reklame für die KAPD-isten durch unsere Polemik mit ihnen machen.
290 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Die linke Kinderkrankheit geht vorüber und wird mit dem Wachstum der
Bewegung ganz vergehen ...
Ich würde den deutschen Genossen raten: die Polemik gegen Levi und
sein Blättchen in der Tagespresse der Partei zu verbieten. Man soll für ihn
keine Reklame machen. Man soll ihm nicht erlauben, die Aufmerksamkeit
der kämpfenden Partei von dem Wichtigen auf das Unwichtige abzulenken.
In den Fällen der äußersten Notwendigkeit soll man in Wochenschriften,
in Monatsschriften oder Broschüren polemisieren und nach Möglichkeit
den KAPD-isten undPaul Levi nicht das Vergnügen bereiten, das sie emp-
finden, wenn sie beim Namen genannt werden; man soll vielmehr einfach
von ,einigen nicht sehr klugen Kritikern, die sich unbedingt für Kommu-
nisten halten wollen' sprechen.
Mir wird mitgeteilt, daß in der letzten Sitzung des Zentralausschusses
sogar der linke Friesland sich gezwungen sah, gegen Maslow scharf auf-
zutreten, der den Linken spielen und sich im Sport der ,Zentristenhetze'
üben wollte. Die Unvernunft (milde gesagt) des Verhaltens dieses Maslow
hat sich auch hier in Moskau gezeigt. Wahrhaftig, die deutsche Partei sollte
diesen Maslow und zwei, drei seiner Gesinnungsfreunde und Mitstreiter,
die den ,Friedensvertrag' offenbar nicht einhalten wollen und sich sehr
unklug ereifern, auf ein, zwei Jahre nach Sowjetrußland schicken. Wir
würden für sie nützliche Arbeit finden. Wir würden sie verdauen. Der
Nutzen aber für die internationale und für die deutsche Arbeiterbewegung
wäre ein offensichtlicher.
Die deutschen Kommunisten müssen um jeden Preis die inneren Streitig-
keiten beenden, die streitsüchtigen Elemente auf beiden Seiten entfernen,
Paul Levi und die KAPD-isten vergessen und an die wirkliche Arbeit her-
angehen.
Arbeit gibt es viel ...
Bessere Eine sorgfältigere, gründlichere Vorbereitung auf die neuen, immer ent-
Anpassung der
VKPD an die
scheidenderen Kämpfe, sowohl auf die Verteidigungs- als auch auf die
wirkliche Lage Angriffskämpfe, - das ist das Grundlegende und Wichtigste in den Be-
notwendig
schlüssen des IH. Kongresses.
, ... Der Kommunismus wird in Italien zu einer aktiven 11assenkraft,
wenn die Kommunistische Partei Italiens unermüdlich und unbeirrt den
Kampf gegen die opportunistische Politik Serratis führen und gleichzeitig
einen engen Kontakt mit den proletarischen Massen in den Gewerkschaften,
bei den Streiks, im Kampfe gegen die konterrevolutionäre Bewegung der
Faschisten haben wird, wenn sie die Massenaktion der Arbeiterklasse zu-
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 291

sammenfassen und ihre spontanen Ausbrüche in sorgfältig vorbereitete


Kämpfe verwandeln wird ... '
, ... Die Vereinigte Kommunistische Partei Deutschlands wird um so er-
folgreicher ihre Massenaktionen durchzuführen imstande sein, je besser
sie in der Zukunft ihre Kampflosungen der wirklichen Situation anpaßt, je
sorgfältiger sie diese Situation studiert und je einheitlicher diese Aktionen
sind ... '
Das sind die wichtigsten Stellen der taktischen Resolution des IH. Kon-
gresses ...
Unsere taktischen und strategischen Methoden bleiben noch (wenn man Wie wirkliche
kommunistische
im internationalen Ausmaß urteilt) zurück hinter der ausgezeichneten Parteien sein
Strategie der Bourgeoisie, die am Beispiel Rußlands gelernt hat und sich müssen
nicht ,überrumpeln' lassen wird. Aber wir haben mehr, unendlich mehr
Kräfte auf unserer Seite; Taktik und Strategie lernen wir, wir haben in
dieser ,Wissenschaft' auf Grund der Erfahrungen mit den Fehlern der
Märzaktion von 1921 Fortschritte gemacht. Wir werden uns diese ,Wissen-
schaft' vollständig zu eigen machen.
Unsere Parteien sind in den allermeisten Ländern noch lange, lange nicht
das, was wirkliche kommunistische Parteien sein müssen, d. h. wirkliche
Avantgarden der wirklich revolutionären und einzig revolutionären Klasse,
mit restloser Teilnahme aller Partei mitglieder am Kampf, an der Bewegung,
am täglichen Leben der Massen. Aber wir kennen diesen unseren Mangel;
wir haben ihn mit der größten Schärfe in der Resolution des IH. Kongresses
über die Arbeit der Partei aufgedeckt. Und wir werden diesen Mangel
überwinden.
Genossen deutsche Kommunisten! Erlaubt mir, mit dem Wunsch zu Appell Lenins
andieVKPD
schließen, daß euer Parteitag am 22. August mit fester Hand und für immer
für ihren
mit dem Kleinkampf gegen die nach links und rechts Abgespalteten Schluß Parteitag
macht. Genug des innerparteilichen Kampfes! Nieder mit jedem, der ihn
direkt oder indirekt noch in die Länge ziehen will. Wir kennen jetzt unsere
Aufgaben viel klarer, konkreter, anschaulicher als gestern; wir fürchten uns
nicht, unsere Fehler offen aufzuzeigen, um sie zu korrigieren. Wir werden
jetzt der Partei alle Kräfte für ihre bessere Organisation, für die Hebung
der Qualität und des Inhalts ihrer Arbeit, für die Herstellung eines engeren
Kontakts mit den Massen, für die Ausarbeitung einer immer richtigeren
und präziseren Taktik und Strategie der Arbeiterklasse hingeben."
(Aus Lenins Brief vom 14. 8. 1921 an die VKPD, vgl. Lenin: "Sämtliche Werke",
3. Ausg., Bd. 26, Moskau 1940, S. 594, 595-597, 600/601, 603/604, 605.)
292 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Um alles dies kümmerte sich ein Mann, der zugleich der offizielle Regie-
rungschef Sowjetrußlands war. Er zog es immer wieder vor, seine Beziehungen
zu den Regierungen anderer Staaten zu gefährden, als auf seine Handlungen
als Anreger revolutionärer Aktionen gegen diese Regierungen zu verzichten.
Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen Sowjetrußlands zu anderen Staaten
war ihm nicht nur aus dem normalen Nützlichkeitserwägungen eines Staates
willkommen. Bot ihm doch eine sowjetische Botschaft bzw. Gesandtschaft in
einem nichtkommunistischen Staat Möglichkeiten, unter dem Schutz der
gewährten Exterritorialität Revolutionäre in das andere Land zu schicken.
Davon hatte er bereits nach der ersten Aufnahme der diplomatischen Bezie-
hungen zu Deutschland im Jahre 1918 Gebrauch gemacht. Es war sehr wahr-
scheinlich, daß er auch nach der zweiten Aufnahme der diplomatischen Be-
ziehungen (auf Grund des Rapallo-Vertrages) ähnlich handeln würde.
Am 2. August 1922 überreichte der neue sowjetische Botschafter Krestinski
in Berlin sein Beglaubigungsschreiben 27s • Wenige Wochen danach trug der
britische Botschafter Lord D'Abernon in sein Tagebuch ein:
,,30. August 1922 Berlin
,Das Tor des Ostens' ist eine zwar etwas rhetorische und verschwommene
Phrase, aber sie kennzeichnet ungefähr die Stellung, die Berlin heute ein-
nimmt. Der Vertrag von Rapallo hat bis jetzt die beiden Signatarmächte
enttäuscht. Er hat jedoch das eine Ergebnis gehabt, daß Berlin von russi-
schen Delegierten und Sowjetbeamten mit ihren Spionen und Gegen-
spionen wimmelt, während die Vertreter der kommerziellen, finanziellen
und in geringerem Maße der politischen Interessen Westeuropas nach Berlin
kommen, um hier mit den Russen zusammenzutreffen."
(Vgl. Viscount D' Abernon: "Ein Botschafter an der Zeitwende", Bd. 2, Leipzig
o. J., S. 122.)

Die Vorbereitungen der KPD und Sowjetrußlands für eine deutsche Okto-
berrevolution im Jahre 1923 sollten den Wert der sowjetischen Botschaft in
Berlin auch unter diesem Gesichtspunkt beweisen. In die Zeit von Mai 1922
bis März 1923 fallen jedoch drei schwere Erkrankungen Lenins, die ihn zu-
nächst teilweise, nach März 1923 vollständig von der Führung Sowjetrußlands
ausschlossen. Daher sind für diese Zeit die Zusammenhänge zwischen ihm und
der sowjetischen Außenpolitik gegenüber Deutschland nicht mehr klar er-
kennbar.

27a G. Hilger: a. a. 0., S. 89.


Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 293

2. Großbritannien

Die folgenden Dokumente beziehen sich hauptsächlich auf die sowjetischen


Beziehungen zu Großbritannien in der Zeit von Mai 1920 bis März 1922.
Dieser Zeit gingen zwei Phasen der sowjetisch-britischen Beziehungen vor-
aus, die man, kurz zusammengefaßt, wie folgt kennzeichnen kann:
In der ersten Phase - von der Oktoberrevolution bis zur Unterzeichnung
des Friedensvertrages von Brest-Litowsk - schied das mit den Westmächten
verbündete Rußland gegen Deutschland aus dem Krieg aus. Das bolsche-
wistische Rußland fühlte sich an die vertraglichen Verpflichtungen des zaristi-
schen und demokratischen Rußland, keinen Sonderfrieden mit Deutschland
abzuschließen, nicht gebunden. Über den Verlust des russischen Bundes-
genossen hinaus sahen sich die Westmächte in Rußland einer Regierung
gegenüber, die sich mit dem gewaltsamen Sturz der Gesellschaftsordnung in
Rußland nicht begnügen wollte. In zahlreichen Veröffentlichungen vor der
Oktoberrevolution hatte Lenin das Programm einer gewaltsamen Umgestal-
tung der bisherigen Gesellschaftssysteme in der ganzen Welt verkündet. Wie
oft hatte er sich in dieser Zeit zur Umwandlung des Weltkrieges in einen
Bürgerkrieg des Proletariats aller Staaten gegen ihre Regierungen bekannt I
Darüber hinaus war es für ihn selbstverständlich, daß das siegreiche Prole-
tariat in dem einen oder anderen Staat revolutionäre Befreiungskriege, d. h.
gesellschaftlich motivierte Angriffskriege, zur Unterstützung des Proletariats
in kapitalistischen Staaten führt. Alle diese Gedanken fanden sich in zahlreichen
Veröffentlichungen Lenins vor der Oktoberrevolution.
Dementsprechend handelte Lenin nach der Eroberung der Macht in Ruß-
land. In dem "Dekret über den Frieden" vom 8. 11. 1917 und in dem Dekret
vom 15. 1. 1918 über die Gründung der Roten Armee (vgl. S. 192, 199) for-
derte er zur proletarischen Revolution gegen die Regierungen aller Staaten
auf und kündigte die Rote Armee als Instrument der proletarischen Revolu-
tion in Europa an. Nicht wenige Reden und Aufsätze Lenins in der Zeit vor
der Oktoberrevolution bis zur Unterzeichnung des Friedensvertrages von
Brest-Litowsk ließen vor der Öffentlichkeit unverhüllt die Absicht einer
revolutionären Ausbreitung Sowjetrußlands über die früheren Grenzen Ruß-
lands hinaus erkennen.
Als Großbritannien mit der Landung von Truppen in Murmansk während
der zweiten Junihälfte von 1918 und später in Archangelsk, Wladiwostok und
anderen Randgebieten Rußlands begann, war dies ein Interventionskrieg,
d. h. ein Angriffskrieg. Ein Grund dafür lag in der Furcht vor zukünftigen
294 Die Praxis der sowjetischen Aupenpolitik unter Lenin

sowjetischen Versuchen, die Gesellschaftsordnung z. B. Großbritanniens zu


stürzen und zu diesem Zweck auch die Kolonialgebiete Großbritanniens in
Aufstandsgebiete zu verwandeln. Großbritannien begründete die Landung
britischer Truppen in Murmansk und Archangelsk u. a. mit der Furcht, daß
die dort lagernden Waffenvorräte der Westmächte für ein mit ihnen verbündetes
Rußland nach dem Abschluß des russischen Sonderfriedens mit Deutschland
dem deutschen Gegner in die Hände fallen könnten. Das entsprach keines-
wegs nur dem britischen und französischen Bedürfnis, die Truppenlandungen
in Rußland öffentlich zu rechtfertigen. Die bei den erwähnten Motive Groß-
britanniens für sein militärisches Vorgehen kann man nicht als imperialistisch
bezeichnen.
Neben den erwähnten Gründen spielten aber noch andere eine Rolle.
Der Wunsch, die bisherigen britischen Kapitalanlagen, von der Sowjetregie-
rung entschädigungslos enteignet, den britischen Eigentümern zu erhalten,
beeinflußte ebenfalls das Verhalten der britischen Regierung. In der britischen
Unterstützung von Wünschen nichtrussischer Völker im Baltikum und im
südlichen Kaukasus, sich von Rußland zu lösen, kam auch die britische Ab-
sicht zum Ausdruck, einen zukünftigen russischen Staat, unabhängig von
dem dort herrschenden Regierungssystem, zu schwächen. In den von Ruß-
land loszutrennenden Gebieten sich wirtschaftliche Vorzugs stellungen zu
verschaffen (besonders im kaukasischen Ölgebiet), war ein weiteres Motiv für
das britische Vorgehen. Im Hinblick auf die drei zuletzt genannten 1fotive
zeigte der britische Interventionskrieg imperialistische Züge.
Infolge der allgemeinen Kriegsmüdigkeit der britischen Bevölkerung nach
dem Ende des ersten Weltkrieges, infolge der Unruhen in Irland, im Nahen
Osten und in Indien begann die britische Regierung bereits 1919 damit, ihre
Truppen (Gesamtstärke weniger als 30 000 Mann) aus Rußland abzuziehen.
Sie tat es, bevor ihre Truppen, alle in russischen Randgebieten stehend, einen
nennenswerten Vorstoß in das Innere Rußlands unternommen hatten. Archan-
gelsk und Murmansk wurden am 27. September bzw. 12. Oktober 1919 ge-
räumt 28 • Im September/November 1919 verließen die britischen Truppen
Sibirien. Im Sommer 1919 gaben die britischen Truppen ihre Positionen im
transkaspischen Wüstengebiet mit der wichtigsten Stadt Krasnowodsk auf 28 ,
und zogen auch im südlichen Kaukasus-Gebiet ab (Räumung u. a. von Baku
und Tiflis)29. Der letzte Rest des britischen Besatzungsgebietes im Kaukasus

~H W. H. Chambcrlin: a. a. 0.) S. 169.


:!o W. H. Chambcrlin: a. a. 0., S. 168.
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 295

- Batum - wurde am 7. Juli 1920 geräumt 3o • Schon vor diesem Zeitpunkt hatten
Frankreich und die Vereinigten Staaten, mit Großbritannien im Interven-
tionskrieg gegen Sowjetrußland verbündet, ihre Truppen aus Rußland zu-
rückgezogen.
Am 16. Januar 1920 hob der "Oberste Alliierte Rat" in Paris die seit dem
Sommer 1918 über Sowjetrußland verhängte Blockade teilweise auf. Das war
die erste wichtige Antwort der Westmächte - USA, Großbritannien, Frank-
reich, Italien - auf den sowjetischen Wunsch, den durch den Interventions-
krieg entstandenen Zustand zu beseitigen. Es folgten im April 1920 Verhand-
lungen über ein Handelsabkommen zwischen dem britischen Bevollmächtig-
ten Wise und dem sowjetischen Bevollmächtigten Krassin zunächst auf neu-
tralem Boden (Kopenhagen), dann in London (Ende Mai - Anfang Juli 1920).
Dabei traten große Hindernisse gegen eine britisch-sowjetische Vereinbarung
auf, weil es sowohl Großbritannien als auch Sowjetrußland um mehr als nur
die vertragliche Beendigung des Interventionskrieges ging. Die Sowjetregie-
rung wünschte darüber hinaus Handelsbeziehungen für den Wiederaufbau
der fast vollständig zerrütteten Wirtschaft in Sowjetrußland, eine Einstellung
der britischen Hilfe für die damals im Krieg mit Sowjetrußland stehende
polnische Armee und die Armee des Generals Wrangel in der Krim. Im weite-
ren Verlauf der Verhandlungen wurde der sowjetische Wunsch deutlich, mit
Großbritannien einen endgültigen Friedensvertrag zu schließen und damit die
Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten zu
erreichen. Die Wunschliste der britischen Regierung war ebenfalls ziemlich
groß. Die britische Regierung forderte die Anerkennung der russischen V or-
kriegsschulden, eine angemessene Entschädigung für den enteigneten briti-
schen Besitz in Sowjetrußland. Für die britische Regierung als Zentrum eines
Weltreiches war nicht weniger wichtig die Einstellung aller sowjetischen
Versuche, in den britischen Kolonien und Einflußgebieten Aufstände gegen
Großbritannien zu entfachen bzw. zu unterstützen.
Am Anfang des Monats Juli 1920 schienen die britisch-sowjetischen Ver-
handlungen so weit fortgeschritten zu sein, daß eine vertragliche Vereinba-
rung wenigstens über einige strittige Fragen nahelag. Doch die nach Polen
hineinstoßende Offensive der sowjetischen Armee mit der wachsenden Be-
drohung Warschaus erregte in London große Besorgnisse über eine Bolsche-
wisierung ganz Polens, die dann auch auf Deutschland übergreifen könnte.
Wie dargelegt, machten die Aufrufe des im Juli/August 1920 tagenden Kom-
30 W. H. Chamberlin: a. a. 0., S. 168/169; Louis Fischer: "The Soviets in World
Affairs", Bd. 1, Princeton (USA) 1951, S.218.
296 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

intern-Kongresses und einige Reden Lenins solche sowjetischen Absichten


deutlich (vgl. S. 257-259). Unter dem Eindruck höchster Gefahr für das nicht-
kommunistische Polen verminderte sich das Interesse der britischen Regierung
an Verhandlungen mit den sowjetischen Vertretern in London (ab Juli 1920).
Die britische Note an die Sowjetregierung, mit Polen einen Waffenstillstand
abzuschließen und die Linie längs des Bug als vorläufige polnisch-sowjetische
Grenze anzuerkennen (12.7. 1920), wurde abweisend beantwortet (17. 7.
1920)3oa. Ging es doch Lenin darum, die rasch fortschreitende sowjetische
Offensive zUrrllndest für den Sturz der gesellschaftlichen Ordnung in Polen
zu nutzen und in Verbindung damit die proletarische Revolution in Deutsch-
land zu entfachen.
Man sollte meinen, daß Lenin in der Zeit, da die britisch-sowjetischen Ver-
handlungen nicht unter dem Eindruck des sowjetischen Vormarsches in
Polen standen (AprillJuni 1920) alles unterlassen hätte, was die britische
Regierung an die revolutionäre Außenpolitik Lenins erinnern könnte. Viele
seiner Handlungen in dieser Zeit sprachen dagegen.

a) Kritik und Anregungen Lenins zur Lage in Großbritannien


(AprillJuni 1920)

Am 12. Mai 1920 traf zum ersten Male eine Delegation britischer Gewerk-
schaftler zu einem sechswöchigen Besuch in Sowjetrußland ein. Sie führte
Gespräche u. a. mit Lenin und setzte danach ihre Reise zum Studium sowje-
tischer Einrichtungen fort. Während ihres Aufenthaltes in Sowjetrußland
richtete Lenin an sie am 30. Mai 1920 einen Brief, um sich zu einigen Meinungs-
verschiedenheiten zu äußern. Die Hauptteile dieses Briefes sind für Lenins
Verhalten charakteristisch und haben folgenden Wortlaut (die Hinweise
neben dem Text stammen vom Verfasser dieses Buches):
Nicht als "Genossen, gestattet mir zunächst, Euch meinen Dank dafür auszu-
Vertreter der sprechen, daß Ibr eine Delegation zu uns geschickt habt, die Sowjetrußland
Regierung,
sondern einfach kennenlernen soll. Als Eure Delegation mir vorschlug, durch sie einen
als Kommunist Brief an die englischen Arbeiter zu schicken, und möglicherweise auch
einen Vorschlag an die englische Regierung, da antwortete ich, daß ich mit
Dankbarkeit den ersten Vorschlag annehme, daß ich mich aber an die
Regierung nicht durch die Arbeiterdelegation zu wenden habe, sondern
durch den Genossen Tschitscherin, direkt im Namen unserer Regierung.
Wir haben uns in dieser Weise sehr, sehr oft an die englische Regierung
30a W. H. Chamberlin: a. a. 0., S. 307.
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 297

gewandt und ganz offizielle, feierlicheVorschläge zur Aufnahme von Friedens-


verhandlungen gemacht. Solche Vorschläge machen unaufhörlich alle
unsere Vertreter, sowohl Genosse Litwinow als auch Genosse Krassin und
auch alle anderen. Die englische Regierung weigert sich hartnäckig, unsere
Vorschläge anzunehmen. Deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, daß ich
mit den Delegierten der englischen Arbeiter ausschließlich als Vertreter
der Arbeiter sprechen wollte, nicht als Vertreter der Regierung Sowjet-
rußlands, sondern ganz einfach als Kommunist.
Ich war nicht überrascht darüber, daß eine Reihe von Mitgliedern Eurer Der übergang
von britischen
Delegation nicht auf dem Standpunkt der Arbeiterklasse, sondern auf dem Arbeiterführern
Standpunkt der Bourgeoisie, der Klasse der Ausbeuter steht; denn in allen in den Dienst
der Bourgeoisie
kapitalistischen Ländern hat der imperialistische Krieg eine alte Eiterbeule
bloßgelegt: nämlich den Übergang der Mehrheit der Arbeiterführer in den
Parlamenten und Trade-Unions zur Bourgeoisie. Unter dem verlogenen
Vorwand der ,Vaterlandsverteidigung' verteidigten sie in Wirklichkeit die
räuberischen Interessen einer der beiden Gruppen der Welträuber - der
anglo-amerikanisch-französischen oder der deutschen -, schlossen ein
Bündnis mit der Bourgeoisie gegen den revolutionären Kampf des Prole-
tariats, bemäntelten diesen Verrat mit sentimentalen, kleinbürgerlichen,
reformistischen und pazifistischen Phrasen von der friedlichen Evolution,
den konstitutionellen Methoden, der Demokratie usw. Das war in allen
Ländern der Fall. Es ist also weiter kein Wunder, daß dieselbe Erscheinung
in England sich auch in der Zusammensetzung Eurer Delegation wider-
spiegelte.
Mitglieder Eurer Delegation, Shaw und Guest, fragten mich, offenbar Man muß die
britische
gekränkt oder erstaunt über meine Erklärung, daß England trotz unserer Regierung
Friedensvorschläge, trotz der Erklärungen der englischen Regierung, die revolutionär
stürzen, um die
Intervention fortsetze, Krieg gegen uns führe, \Vrangel in der Krim und Geheimverträge
das weißgardistische Polen unterstütze, ob ich Beweise dafür habe, ob ich zugunsten
Polens zu
angeben könne, wieviel Züge Munition England an Polen geliefert habe entdecken
usw. Ich antworte darauf, daß man, um die Geheimverträge der englischen
Regierung zu erlangen, diese auf revolutionäre Weise stürzen und sich alle
Dokumente der Außenpolitik der englischen Regierung aneignen müsse,
so wie wir das im Jahre 1917 getan haben ...
Ich hatte die Unterredung mit Eurer Delegation am Mittwoch, dem Lenins
"Beweise" für
26. Mai. Einen Tag darauf bekamen wir Telegramme, aus denen hervor- britische
ging, daß Bonar-Law im englischen Parlament zugegeben hat, daß man Polen-Hilfe 1920
Polen im Oktober ,zwecks Verteidigung gegen Rußland' (natürlich nur zur
298 Die Praxis der sowjetischen Außenpolitik unter Lenin

Verteidigung, nur im Oktober I In England gibt es noch ,einflußreiche Ar-


beiterführer', die den Kapitalisten helfen, die Arbeiter zu betölpeln.) unter-
stützt habe, während die Zeitung "The New Statesman", eine der gemäßig-
testen unter den gemäßigten kleinbürgerlichen Zeitungen oder Zeitschriften,
von der Lieferung von Tanks an Polen berichtet, die stärker sein sollen als die
im Kriege gegen die Deutschen verwendeten. Muß man nach alledem nicht
über jene ,Führer' der englischen Arbeiter lachen, die mit der Miene der
beleidigten Unschuld fragen, welche ,Beweise' dafür vorhanden seien, daß
England gegen Rußland Krieg führe und Polen sowie die Weißgardisten
in der Krim unterstütze.
Die erzieherische Die Mitglieder der Delegation fragten mich, was ich für wichtiger halte:
Aufgabe
die Bildung einer konsequenten, revolutionären kommunistischen Partei
einerKP in
Großbritannien in England oder die sofortige Unterstützung eines Friedensschlusses mit
Rußland durch die englischen Arbeitermassen. Darauf antwortete ich,
daß das Sache der Überzeugung sei. Aufrichtige Anhänger der Befreiung
der Arbeiter vom Joch des Kapitals können auf keinen Fall gegen die
Gründung einer kommunistischen Partei sein, die allein imstande ist, die
Arbeitermassen nicht bürgerlich, nicht kleinbürgerlich zu erziehen, die
allein imstande ist, diejenigen ,Führer' zu entlarven, zu verspotten und zu
brandmarken, die es fertigbringen, daran zu zweifeln, daß England Polen
unterstützt usw. Man braucht keine Angst davor zu haben, daß es in Eng-
land zu viel Kommunisten geben werde, denn es gibt dort nicht einmal
eine kleine kommunistische Partei. Aber wenn jemand sich noch in geistiger
Knechtschaft bei der Bourgeoisie befindet, die spießerhaften Vorurteile
über die ,Demokratie' (die bürgerliche Demokratie), den Pazifismus usw.
teilt, so muß man selbstverständlich sagen, daß solche Leute dem Prole-
tariat einen noch größeren Schaden zufügen würden, wenn es ihnen einfiele,
sich Kommunisten zu nennen und der IH. Internationale beizutreten ...
Gegen die Einige ~.Jitglieder Eurer Delegation befragten mich mit Erstaunen über
britische Kritik
den roten Terror, das Fehlen der Presse- und Versammlungsfreiheit in
am
pfoten Terror" Rußland, die Verfolgungen der Menschewiki und der menschewistischen
Arbeiter usw. Ich antwortete darauf, daß die wirklichen Schuldigen am
Terror die Imperialisten Englands und ihre ,Alliierten' seien, die den weißen
Terror in Finnland und Ungarn, in Indien und Irland durchgeführt, die
Judenitsch, Koltschak, Denikin, Pilsudski, Wrangel unterstützt haben und
noch unterstützen. Unser roter Terror diene der Verteidigung der Arbeiter-
klasse gegen die Ausbeuter, der Unterdrückung des Widerstandes der
Ausbeuter ...
Beispiele für sowjetische Beziehungen zu einzelnen Staaten 299

Genossin Sylvia Pankhurst ist die Vertreterin der Interessen von hunderten Was die
britischen nicht-
und aber hunderten Millionen Menschen, die von den englischen und kommunisti-
sonstigen Kapitalisten unterdrückt werden. Gerade deswegen wird sie dem schen
Arbeiterführer
weißen Terror ausgeliefert, der Freiheit beraubt usw. Jene ,Führer' der zu 99% sind
Arbeiter aber, die keine kommunistische Politik treiben, sind Zu 99% Ver-
treter der Bourgeoisie, ihrer Politik des Betrugs, ihrer Vorurteile.
Zum Schluß möchte ich Euch, Genossen, nochmals meinen Dank dafür
aussprechen, daß Ihr eine Delegation zu uns geschickt habt. Die Tatsache,
daß diese Delegation sich mit den Verhältnissen in Rußland bekannt ge-
macht hat, wird, trotz der feindlichen Stellung vieler Delegationsmitglieder
zum Sowjetsystem und zur Diktatur des Proletariats, trotzdem sie ungeheuer
stark von bürgerlichen Vorurteilen befangen sind, unvermeidlich den
Zusammenbruch des Kapitalismus in der ganzen Welt be