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URTEIL VOM 6.10.

1970 — RECHTSSACHE 9/70

gen einer Entscheidung andere sein punkt, dem 1. Januar 1972, wirk­
als diejenigen einer in einer Verord­ sam.

nung enthaltenen Vorschrift; dieser


Unterschied schließt jedoch nicht aus, 4. Wenn Artikel 4 Absatz 2 der Ent­
auß das Endergebnis, nämlich das scheidung vom 13. Mai 1965 die Auf­
Recht des einzelnen, sich auf die hebung von „spezifischen Steuern"
Maßnahme vor Gericht zu berufen, vorsieht, um ein gemeinsames und
gegebenenfalls das gleiche sein kann geschlossenes System der Umsatzbe­
wie bei einer unmittelbar anwend­ steuerung zu gewährleisten, so ver­
baren Verordnungsvorschrift. Es ist bietet diese Zielsetzung es nicht,
daher in jedem einzelnen Fall zu auf Beförderungsleistungen sonstige
prüfen, ob die Bestimmung, um Steuern zu erheben, die eine andere
die es geht, nach Rechtsnatur, Rechtsnatur haben und andere
Systematik und Wortlaut geeignet Zwecke verfolgen als das gemeinsame
ist, unmittelbare Wirkungen in den Umsatzsteuersystem. Eine Steuer, bei
Rechtsbeziehungen zwischen dem der nicht ein Handelsgeschäft, son­
Adressaten der Handlung und Dritten dern die bloße Tatsache der Beförde­
zu begründen. rung im Straßenverkehr Besteue­
rungsmerkmal ist und bei der als
2. Artikel 4 Absatz 2 der Entscheidung
Bemessungsgrundlage nicht das Ent­
des Rates vom 13. Mai 1965, der den
gelt für eine Leistung dient, sondern
Mitgliedstaaten verbietet, das gemein­
die in Tonnenkilometern ausge­
same Umsatzsteuersystem mit spezi­
drückte Belastung, der die Straßen
fischen Steuern zu kumulieren, die
durch die besteuerte Tätigkeit aus­
statt der Umsatzsteuer erhoben wer­
gesetzt werden, entspricht nicht der
den, kann in Verbindung mit den üblichen Form der Umsatzsteuer im
Vorschriften der Richtlinien des Rates
Sinne von Artikel 4 Absatz 2 der
vom 11. April 1967 und 9. Dezember
Entscheidung vom 13. Mai 1965.
1969 unmittelbare Wirkungen in den
Rechtsbeziehungen zwischen den 5. Der Gerichtshof kann in dem Ver­
Mitgliedstaaten, an die sich die Ent­ fahren nach Artikel 177 EWG-Ver­
scheidung richtet, und den einzelnen
trag die Tatbestandsmerkmale einer
erzeugen und für letztere das Recht
von einem bestimmten Mitgliedstaat
begründen, sich auf diese Vorschrift
getroffenen Maßnahme nicht am
vor Gericht zu berufen.
Gemeinschaftsrecht messen. Dage­
3. Das Verbot, das gemeinsame Umsatz­ gen fällt es in seine Zuständigkeit, die
steuersystem mit spezifischen Steuern einschlägige Gemeinschaftsvorschrift
zu kumulieren, wird zu dem in der auszulegen, um dem staatlichen Ge­
Dritten Richtlinie des Rates vom richt deren richtige Anwendung auf
9. Dezember 1969 festgelegten Zeit- die streitige Steuer zu ermöglichen.

In der Rechtssache 9/70

betreffend das dem Gerichtshof aufgrund von Artikel 177 EWG-Vertrag


vom Finanzgericht München in dem vor diesem Gericht anhängigen
Rechtsstreit

FRANZ GRAD, Linz-Urfahr (Österreich),

gegen
Finanzamt Traunstein

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GRAD / FINANZAMT TRAUNSTEIN

vorgelegte Ersuchen um Vorabentscheidung über die Auslegung des


Artikels 4 der Entscheidung 65/271/EWG des Rates vom 13. Mai 1965
und des Artikels 1 der Richtlinie 67/227/EWG des Rates vom 11. April 1967
sowie hilfsweise der Artikel 5, 74, 80, 92 und 93 EWG-Vertrag

erläßt

DER GERICHTSHOF

unter Mitwirkung des Prädisenten R. Lecourt, der Kammerpräsidenten


R. Monaco und P. Pescatore, der Richter A. M. Donner (Berichterstatter),
A. Trabucchi, W. Strauß und J. Mertens de Wilmars,

Generalanwalt : K. Roemer
Kanzler : A. Van Houtte

folgendes

URTEIL

Tatbestand

I — Sachverhalt und Ver­ die Güterbeförderung im Eisenbahn-,


fahren Straßen- und Binnenschiffsverkehr
solchen Steuern unterliegt."
Artikel 4 der Entscheidung 65/271/EWG Am 11. April 1967 erging die Erste
des Rates vom 13. Mai 1965 über die Richtlinie des Rates (67/227/EWG) zur
Harmonisierung bestimmter Vorschrif­ Harmonisierung der Rechtsvorschriften
ten, die den Wettbewerb im Eisenbahn-, der Mitgliedstaaten über die Umsatz­
Straßen- und Binnenschiffsverkehr be­ steuer (Amtsblatt 1967, S. 1301 ff.)
einflussen (Amtsblatt 1965, S. 1500 ff.) deren Artikel 1 wie folgt lautet :
hat folgenden Wortlaut : „Die Mitghedstaaten ersetzen ihr
„Sobald ein gemeinsames Umsatz­ derzeitiges Umsatzsteuersystem durch
steuersystem vom Rat beschlossen das in Artikel 2 bezeichnete gemein­
und in den Mitgliedstaaten in Kraft same Mehrwertsteuersystem.
gesetzt worden ist, wenden die Mit­ In jedem Mitgliedstaat wird das Gesetz
gliedstaaten dieses System nach noch über diese Ersetzung so bald wie
zu bestimmenden Modalitäten auf die möglich verkündet, damit es zu einem
Güterbeförderung im Eisenbahn-, von dem betreffenden Mitgliedstaat
Straßen- und Binnenschiffsverkehr an. unter Berücksichtigung der Kon­
Das in Absatz 1 genannte gemeinsame junkturlage zu bestimmenden Zeit­
Umsatzsteuersystem tritt spätestens punkt, spätestens aber am 1. Januar
mit seinem Inkrafttreten an die Stelle 1970, in Kraft treten kann.
der spezifischen Steuern, die statt der Ab Inkrafttreten dieses Gesetzes darf
Umsatzsteuer erhoben werden, soweit der Mitgliedstaat bezüglich der Um-

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satzsteuer im Handelsverkehr zwi­ und Beratung künftiger Rechts- und


schen den Mitgliedstaaten bei der Verwaltungsvorschriften der Mitglied­
Einfuhr bzw. Ausfuhr keine pauscha­ staaten auf dem Gebiet des Verkehrs
len Ausgleichsmaßnahmen aufrecht­ (Amtsblatt Nr. 23 vom 3. April 1962,
erhalten oder einführen." S. 720 f.) den Entwurf des Gesetzes über
Die Dritte Richtlinie des Rates (69/463/­ die Besteuerung des Straßengüterver­
EWG) vom 9. Dezember 1969 zur kehrs zugeleitet. Der Entwurf war
Harmonisierung der Rechtsvorschrif­ Bestandteil des „Verkehrspolitischen
ten der Mitgliedstaaten über die Umsatz­ Programms für die Jahre 1968 bis 1972",
steuer — Einführung der Mehrwert­ das die Bundesregierung am 8. Novem­
steuer in den Mitgliedstaaten (Amtsblatt ber 1967 beschlossen hatte.
L 320 vom 20. Dezember 1969, S. 34 f.) Am 31. Januar 1968 richtete die Kom­
hat den in Artikel 1 der Ersten Richt­ mission zu diesem Gesetzentwurf an
linie vom 11. April 1967 vorgesehenen die Bundesrepublik die Empfehlung, auf
Zeitpunkt des 1. Januar 1970 durch den die Sondersteuer zu verzichten (Amts­
1. Januar 1972 ersetzt. blatt L 35 vom 8. Februar 1968,
Die Bundesrepublik Deutschland ist S. 14 ff.).
ihren Verpflichtungen aus Artikel 1 der Der Kläger des Ausgangsverfahrens
Ersten Richtlinie vom 11. April 1967 beförderte 25,3 Tonnen von Hamburg
durch die Einführung der Mehrwert­ kommende Obstkonserven und führte
steuer mit dem Umsatzsteuergesetz vom sie am 1. März 1969 über die Grenz­
29. Mai 1967 (BGBl. I, S. 545) nach­ kontrollstelle Schwarzbach-Autobahn
gekommen. Dieses am 1. Januar 1968 von Deutschland nach Österreich aus.
in Kraft getretene Gesetz gilt auch für Das deutsche Zollamt erhob aufgrund
Verkehrsleistungen. Das bis zu diesem des Gesetzes vom 28. Dezember 1968
Zeitpunkt geltende Beförderungsteuer­ für diese Beförderung eine Steuer in
gesetz in der Fassung vom 13. Juni 1955 Höhe von 179,35 DM. Der Kläger
(BGBl. I, S. 366) wurde aufgehoben wandte sich daraufhin mit der Sprung­
(Artikel 31 des Umsatzsteuergesetzes klage an das Finanzgericht München.
vom 29. Mai 1967). Er machte geltend, das genannte Gesetz
Seit dem 1. Januar 1969 unterliegen verstoße sowohl in seiner Gesamtkon­
Beförderungen von Gütern im Straßen­ zeption als auch in einigen Einzelvor­
verkehr in der Bundesrepublik Deutsch­ schriften gegen den EWG-Vertrag und
land ferner der Straßengüterverkehr­ gegen in Ausführung dieses Vertrages
steuer nach Maßgabe des „Gesetzes erlassene Rechtsvorschriften, insbeson­
über die Besteuerung des Straßengüter­ dere gegen Artikel 4 der Entscheidung
verkehrs" vom 28. Dezember 1968 65/271/EWG des Rates vom 13. Mai
(BGBl. I, S. 1461). Diese Steuer beträgt 1965 in Verbindung mit Artikel 1 der
für Beförderungen im Güterfernverkehr Richtlinie 67/227/EWG des Rates vom
1 Pfennig je Tonnenkilometer (§ 4). 11. April 1967. Zur Begründung seiner
Handelt es sich um die Beförderung von Auffassung trug der Kläger namentlich
Gütern, die mit Seeschiffen eingeführt folgendes vor :
worden sind, und beginnt die Beförde­ Artikel 4 Absatz 2 der Entscheidung
rung in einem Seehafen, so wird bei der vom 13. Mai 1965 verpflichte die Mit­
Steuerberechnung nur die 170 km über­ gliedstaaten nach Einführung des Mehr­
steigende Tarifentfernung zugrunde ge­ wertsteuersystems nicht nur dazu, bisher
legt (§ 3). Das Gesetz tritt am 31. De­ bestehende spezifische Steuern auf­
zember 1970 außer Kraft (§ 14). zuheben, sondern auch dazu, keine neuen
Die Bundesregierung hatte der Kommis­ Steuern derselben Art einzuführen. Hier­
sion im November 1967 aufgrund von gegen habe die Bundesrepublik ver­
Artikel 1 der Entscheidung des Rates stoßen, da die Straßengüterverkehr­
vom 21. März 1962 über die Einführung steuer in ihrer Konstruktion im wesent­
eines Verfahrens zur vorherigen Prüfung lichen, in ihrer Wirkung vollständig der

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früheren Beförderungsteuer entspreche. kel 80 des Vertrages anzusehen. Der


Es sei nicht maßgeblich, daß das Mehr­ Begriff „Beförderungsbedingungen" er­
wertsteuersystem bisher noch nicht von fasse auch die deutsche Straßengüter­
allen Mitgliedstaaten eingeführt worden verkehrsteuer. Artikel 80 des Vertrages
ist. Artikel 4 der Entscheidung vom entfalte ebenfalls Wirkungen gegenüber
13. Mai 1965 sei vielmehr für diejenigen den einzelnen.
Mitgliedstaaten, die ihr Umsatzsteuer­ Schließlich, so fuhr der Kläger fort,
system bereits den Richtlinien des Rates verstoße das Gesetz gegen Artikel 93
entsprechend geändert haben, vom Zeit­ Absatz 3 EWG-Vertrag, der den Mit­
punkt des Inkrafttretens ihrer neuen gliedstaaten verbietet, ohne vorherige
Gesetzgebung an verbindlich gewor­ Zustimmung der Kommission wettbe­
den. werbsverfälschende Beihilfen einzufüh­
Auch die Kommission der Europäischen ren. Eine derartige Stellungnahme der
Gemeinschaften habe, so meinte der Kommission liege jedoch nicht vor. Die
Kläger, in ihrer Empfehlung an die mit dem Gesetz verfolgte mittelbare
Bundesrepublik Deutschland vom 31. Ja­ Subvention der Deutschen Bundesbahn
nuar 1968 diese Auffassung vertreten bedeute somit einen Verstoß gegen das
und darauf hingewiesen, daß das Beihilfeverbot. Artikel 93 Absatz 3 des
Straßengüterverkehrsteuergesetz gegen Vertrages erzeuge gleichfalls unmittel­
das Gemeinschaftsrecht verstoße. bare Wirkungen in den Rechtsbeziehun­
Obwohl die Entscheidung vom 13. Mai gen zwischen den Mitgliedstaaten und
1965 an die Mitgliedstaaten gerichtet den einzelnen.
sei, könne sich der einzelne Staats­ Folge der gerügten Verstöße sei, so
bürger im gerichtlichen Verfahren den­ bemerkte der Kläger abschließend, die
noch auf ihre Einhaltung oder Nichtein­ Nichtigkeit zumindest aber Nichtan­
haltung berufen. Entscheidend sei, ob wendbarkeit des Gesetzes über die
das dem nationalen Recht vorgehende Besteuerung des Straßengüterverkehrs.
primäre und sekundäre Gemeinschafts­ Der Straßengüterverkehrsteuerbescheid
recht dem Mitgliedstaat eine Verpflich­ sei daher aufzuheben.
tung auferlege, die keinerlei Einschrän­ Das Finanzgericht München hat mit
kungen zulasse. Dies sei bei Artikel 4 Beschluß vom 23. Februar 1970 das
Absatz 2 der Entscheidung vom 13. Mai Verfahren ausgesetzt und gemäß Arti­
1965 der Fall. kel 177 EWG-Vertrag dem Gerichtshof
Der Kläger vertrat ferner die Auffassung, der Europäischen Gemeinschaften fol­
das Gesetz verstoße auch gegen Artikel 5 gende Fragen zur Vorabentscheidung
Absatz 2 in Verbindung mit Artikel 74 vorgelegt :
EWG-Vertrag. Es sei mit der in Arti­ „1. Begründet Artikel 4 der Entschei­
kel 74 EWG-Vertrag vorgesehenen und dung des Rates vom 13. Mai 1965
in der Entscheidung des Rates vom über die Harmonisierung bestimm­
13. Mai 1965 sowie der Empfehlung der ter Vorschriften, die den Wettbe­
Kommission vom 31. Januar 1968 um­ werb im Eisenbahn-, Straßen- und
schriebenen gemeinsamen Verkehrspo­ Binnenschiffsverkehr beeinflussen
litik unvereinbar. Artikel 5 Absatz 2 (65/271/EWG), in Verbindung mit
EWG-Vertrag begründe eine Unter­ Artikel 1 der Ersten Richtlinie des
lassungspflicht mit unmittelbarer Wir­ Rates vom 11. April 1967 zur Har­
kung gegenüber den einzelnen. monisierung der Rechtsvorschriften
Auch verstoße das Gesetz gegen Ar­ der Mitgliedstaaten über die Um­
tikel 80 EWG-Vertrag, da das Straßen­ satzsteuer (67/227/EWG) unmittel­
güterverkehrsteuergesetz als Maßnahme bare Wirkungen in den Rechtsbe­
zum Zwecke der Verkehrsteilung ziehungen zwischen den Mitglied­
anzusehen sei und allein dem Schutz staaten und Einzelpersonen und
der Deutschen Bundesbahn diene. Diese begründen diese Vorschriften Rechte
sei als Unternehmen im Sinne von Arti- der einzelnen, welche auch die

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Gerichte der Mitgliedstaaten zu gen" im Sinne von Artikel 80 Ab­


beachten haben? satz 1 EWG-Vertrag auch Steuern
2. Verbietet Artikel 4 der Entscheidung zu verstehen, die spezifisch die
des Rates vom 13. Mai 1965 Güterbeförderung belasten?
(65/271/EWG) in Verbindung mit 6. Verbietet Artikel 80 Absatz 1 EWG-
Artikel 1 der Ersten Richtlinie vom Vertrag auch den Schutz von Eisen­
11. April 1967 (67/227/EWG) einem bahnunternehmen, die von Mitglied­
Mitgliedstaat bereits vor dem 1. Ja­ staaten hoheitlich betrieben wer­
nuar 1970 die Wiedereinführung den ?
von spezifischen Steuern, die für 7. Erzeugt Artikel 80 Absatz 1 EWG-
die Güterbeförderung statt der Um­ Vertrag unmittelbare Wirkungen in
satzsteuer erhoben werden, wenn den Rechtsbeziehungen zwischen
dieser Mitgliedstaat das gemein­ den Mitgliedstaaten und den ein­
same Mehrwertsteuersystem bereits zelnen, auf welche sich die einzelnen
in Kraft gesetzt und die spezifischen vor den Gerichten der Mitglied­
Steuern für die Güterbeförderung staaten berufen können?
aufgehoben hat, auch wenn zu 8. Gilt das Subventionsverbot der
diesem Zeitpunkt noch nicht alle Artikel 92 ff. EWG-Vertrag in
übrigen Mitgliedstaaten diese Maß­ seinem sachlichen Geltungsbereich
nahmen durchgeführt haben ? auch für das Gebiet des Verkehrs ?
3. Ist die deutsche Straßengüterver­ 9. Verbieten Artikel 92 ff. EWG-Ver­
kehrsteuer (BGBl. 1968 I, S. 1461), trag auch den Schutz von Eisen­
bei der eine Tätigkeit und nicht ein bahnunternehmen, die von Mit­
Leistungsaustausch Besteuerungs­ gliedstaaten hoheitlich betrieben
merkmal (§ 1 StraGüVStG), ferner werden ?
nicht das Entgelt für eine Vertrags­ 10. Scheidet die Annahme einer mit
leistung, sondern das Leistungs­ dem Gemeinsamen Markt nicht
produkt Steuerbemessungsgrund­ vereinbaren Beihilfe aus, wenn die
lage ist (§ 3 StraGüVStG), als spezi­ Kommission eine Entscheidung nach
fische Steuer im Sinne von Artikel 4 Artikel 93 Absatz 2 EWG-Vertrag
der Entscheidung des Rates vom nicht getroffen hat und ihr der
13. Mai 1965 (65/271/EWG) anzu­ entsprechende Sachverhalt bekannt
sehen, die für die Güterbeförderung war ?
statt der Umsatzsteuer erhoben wird ? 11. Erzeugt Artikel 92 EWG-Vertrag
Hilfsweise wird für den Fall, daß der unmittelbare Wirkungen in den
Gerichtshof der Europäischen Gemein­ Rechtsbeziehungen zwischen den
schaften die Fragen 1 bis 3 verneint, die Mitgliedstaaten und den einzelnen,
Vorabentscheidung übet folgende wei­ auf welche sich die einzelnen vor
tere Fragen eingeholt : den Gerichten der Mitgliedstaaten
4. Begründet Artikel 5 Absatz 2 EWG- berufen können?"
Vertrag in Verbindung mit Artikel 74 Das Finanzgericht hält die Entscheidung
EWG-Vertrag sowie Artikel 4 der über die vorgelegten Fragen zum Erlaß
Entscheidung des Rates vom 13. Mai des Urteils in diesem Rechtsstreit für
1965 (65/271/EWG) und Artikel 1 erforderlich und meint, der Kläger habe
der Ersten Richtlinie vom 11. April für seine Auffassung vertretbare Gründe
1967 (67/227/EWG) unmittelbare vorgetragen. Auch das Gericht selbst
Wirkungen in den Rechtsbeziehun­ habe Bedenken gegen die Vereinbarkeit
gen zwischen den Mitgliedstaaten des Gesetzes über die Besteuerung des
und den einzelnen, auf welche sich Straßengüterverkehrs mit dem Recht
die einzelnen auch vor den Gerichten der Europäischen Gemeinschaften. Im
der Mitgliedstaaten berufen kön­ übrigen meint das Gericht, der Kläger
nen? könne, obwohl er nicht Angehöriger
5. Sind unter „Beförderungsbedingun- eines Mitgliedstaats ist, die Unverein-

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barkeit des Gesetzes mit dem EWG- fassung, der Gerichtshof könne die
Recht geltend machen, da es sich um gestellten Fragen beantworten, ohne
ein rein gebietsbezogenes Gesetz handle, seine Befugnisse aus Artikel 177 des
das seine Rechtsfolgen unmittelbar und Vertrages zu überschreiten, wenn er
allein an die Tatsache der Güterbeför­ sich auf Auslegungsfragen (namentlich
derung im Gebiet der Bundesrepublik was die dritte Frage anbelangt) be­
Deutschland knüpfe. schränke. Daß der Kläger des Aus­
Der Vorlagebeschluß ist am 16. März gangsverfahrens nicht die Staatsange­
1970 in das Register der Kanzlei des hörigkeit eines Mitgliedstaats habe,
Gerichtshofes eingetragen worden. stehe der Zulässigkeit eines Ersuchens
Gemäß Artikel 20 der Satzung des um Vorabentscheidung gleichfalls nicht
Gerichtshofes der EWG haben das entgegen.
Finanzamt Traunstein (Beklagte des
Ausgangsverfahrens), die Bundesregie­
rung und die Kommission der Euro­ B — Zur Beantwortimg des Vorabent­
päischen Gemeinschaften Erklärungen scheidungsersuchens
eingereicht.
Der Gerichtshof hat auf den Bericht des 1 — Zur ersten Frage
Berichterstatters nach Anhörung des
Generalanwalts beschlossen, von einer a) Erklärungen der Kommission
vorherigen Beweisaufnahme abzusehen. Die Kommission untersucht zunächst die
Der Kläger des Ausgangsverfahrens, Frage, ob der Rechtsakt des Rates vom
die Bundesregierung und die Kommis­ 13. Mai 1965 zu Recht als „Entschei­
sion der Europäischen Gemeinschaften dung" im Sinne von Artikel 189 des
haben in der Sitzung vom 15. September Vertrages qualifiziert worden sei. Sie
1970 mündliche Erklärungen abgege­ führt aus, wenn zahlreiche Vorschriften
ben. dieses Rechtsaktes eher den Charakter
Der Generalanwalt hat seine Schlußan­ von Programmpunkten hätten, so gebe
träge in der Sitzung vom 17. September es andere, darunter gerade auch Arti­
1970 vorgetragen. kel 4 Absatz 2, zu deren Ausführung
Der Kläger des Ausgangsverfahrens war keine weiteren gemeinsamen Regeln
vertreten durch die Rechtsanwälte Möh­ erlassen werden müßten. Hieraus
ring, Beisswingert, Reimer, Pohle, schließt die Kommission, daß es sich
Wunderlich, Zimmermann und Risse, in der Tat um eine echte Entscheidung
zugelassen in München, die Bundes­ handle.
regierung durch Herrn Morawitz und Sie wirft sodann die Frage auf, ob grund­
die Kommission der Europäischen Ge­ sätzliche Bedenken dagegen bestehen,
meinschaften durch ihren Rechtsberater in an Staaten gerichteten Entscheidun­
Wägenbaur. gen (oder gegebenenfalls Richtlinien)
enthaltene Vorschriften als „unmittelbar
anwendbar" anzuerkennen, vorausge­
II — Zusammenfassung der setzt, daß die Vorschriften klar und
Erklärungen der Be­ durch keinen Vorbehalt eingeschränkt
teiligten seien und den Mitgliedstaaten bei der
Anwendung kein wirklicher Ermessens­
spielraum verbleibe. In diesem Zusam­
A — Zur Zulässigkeit menhang stellt sie die Argumente einan­
der gegenüber, die gegen oder für die
Ohne konkrete Einwände zu erheben, „unmittelbare Anwendbarkeit" geltend
regt die Bundesregierung an, der Ge­ gemacht werden können. Zunächst führt
richtshof möge die Zulässigkeit der vor­ sie eine Reihe von Argumenten an, die
gelegten Fragen prüfen. dagegen sprechen :
Dagegen ist die Kommission der Auf- 1. Entscheidungen an Mitgliedstaaten

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seien gemäß Artikel 189 EWG-Ver­ unmittelbaren Anwendbarkeit anführen


trag nur für den betreffenden Mit­ lassen :
gliedstaat verbindlich. Sie sollten 1. Nach der Rechtsprechung des Ge­
daher für den Staatsbürger nur mit­ richtshofes zu denjenigen Vorschrif­
telbare Wirkung haben. Unmittel­ ten des Vertrages, die unmittelbare
bare Pflichten und Rechte ergäben Wirkungen erzeugen, sei es nicht
sich für den Staatsbürger erst aus dem maßgeblich, daß die Mitgliedstaaten
staatlichen Vollzugsakt. Dafür lasse als Adressaten genannt sind. Es
sich auch anführen, daß Artikel 189 komme danach allein darauf an, ob
EWG-Vertrag nur der Verordnung eine Vorschrift ihrer Natur nach dazu
unmittelbare Wirkung zuerkennt. geeignet ist, unmittelbar angewandt
2. Der Vertrag unterscheide im Hinblick zu werden. Die Gesichtspunkte, die
auf das sekundäre Gemeinschafts­ der Gerichtshof hierzu im Hinblick
recht bewußt zwischen unmittelbar auf die Vorschriften des Vertrages
anwendbaren Rechtsakten — den entwickelt habe, ließen sich auf die
Verordnungen — und solchen, auf Vorschriften einer an Mitgliedstaaten
die dieses Merkmal nicht zutreffe gerichteten Entscheidung übertra­
(Richtlinien und an Staaten gerichtete gen.
Entscheidungen). Diese sorgfältig 2. Es treffe zwar zu, daß Artikel 189
durchgeführte Unterscheidung würde EWG-Vertrag ausdrücklich nur der
zunichte gemacht, wenn einzelnen Verordnung unmittelbare Wirkung
Bestimmungen einer an Mitglied­ in jedem Mitgliedstaat zuerkenne.
staaten gerichteten Entscheidung die Die Begriffsbestimmung der Ent­
unmittelbare Anwendbarkeit zuer­ scheidung, die Artikel 189 bereit­
kannt würde. Rechtsunsicherheit hält, schließe es jedoch keineswegs
wäre die Folge. aus, diese Wirkung unter bestimmten
3. Der Vertrag lasse in einigen Bereichen Voraussetzungen auch der an Mit­
(z.B. Landwirtschaft, Verkehr, Han­ gliedstaaten gerichteten Entscheidung
delspolitik) die Wahl des Rechtsakts zuzubilligen. Zwischen „unmittelba­
offen. In anderen Bereichen sei als rer Anwendbarkeit" im Sinne des
einziges Instrument die Richtlinie Artikels 189 EWG-Vertrag und Vor­
zulässig (z.B. Niederlassungs- und schriften, die geeignet sind, „unmittel­
Dienstleistungsrecht, Rechtsanglei­ bare Wirkungen in den Rechtsbe­
chung). Daraus lasse sich folgern, daß ziehungen zwischen den Mitglied­
die Mitgliedstaaten insofern der staaten und den ihrem Recht unter­
Gemeinschaft keine unmittelbaren worfenen Personen zu erzeugen", sei
Rechtsetzungsbefugnisse zubilligen zu unterscheiden. Im Sinne von
wollten. Artikel 189 bedeute „unmittelbare
4. Schließlich brauchten Entscheidun­ Anwendbarkeit" insbesondere, daß
gen nach dem Vertrag nicht veröffent­ kein Akt nationaler Rechtsetzung
licht zu werden. Es bleibe also mehr erforderlich sei, um dem betreffenden
oder minder dem Zufall oder dem Akt des Gemeinschaftsrechts Geltung
Geschick des einzelnen überlassen, zu verschaffen. Bei der Frage, ob
ob er sich vor seinen nationalen Vorschriften geeignet sind, im Sinne
Gerichten auf ihm günstige Vor­ der Rechtsprechung des Gerichts­
schriften des Gemeinschaftsrechts be­ hofes „unmittelbare Wirkung" im
rufen könne. Daraus folge eine ge­ Verhältnis zu den einzelnen zu erzeu­
wisse Ungleichheit vor dem Recht, gen, gehe es dagegen — soweit es sich
da nicht davon ausgegangen werden um Handlungsverpflichtungen han­
könne, daß der Richter Rechtsakte delt — darum, ob der einzelne trotz
kennt, die nicht veröffentlicht sind. des Fehlens innerstaatlicher Aus­
Sodann erwähnt sie eine Reihe von führungsgesetze unmittelbare Rechte
Argumenten, die sich zugunsten der erlangen könne.

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GRAD / FINANZAMT TRAUNSTEIN

3. Die Gefahr der Rechtsunsicherheit Gerichtshofes schienen sich keine


dürfe nicht dämonisiert werden. Pro­ Gründe gegen, wohl aber Gesichts­
bleme könnten sich insofern im punkte zugunsten der unmittelbaren
wesentlichen nur stellen, soweit Ent­ Anwendbarkeit von Entscheidungen
scheidungen den Mitgliedstaaten ein entnehmen zu lassen. So habe der
bestimmtes Tun vorschreiben und die Gerichtshof in seinem Urteil vom
hierfür eingeräumte Frist ungenutzt 18. Februar 1970 in der Rechtssache
verstreicht. Abhilfe könnte dadurch 38/69 zu der sogenannten „Beschleu­
geschaffen werden, daß Fristen von nigungsentscheidung" vom 26. Juli
angemessener Länge vorgesehen wer­ 1966 (Amtsblatt 1966, S. 2971) aus­
den und die Mitgliedstaaten alles geführt :
daransetzen, die erforderlichen Aus­ „Die Entscheidung soll sich, obwohl
führungsvorschriften fristgemäß zu sie ausdrücklich nur an die Mitglied­
erlassen. Nehme man noch hinzu, staaten gerichtet ist, auf den gesam­
daß es sich nach der Rechtsprechung ten Gemeinsamen Markt auswirken;
des Gerichtshofes um eindeutige, sie regelt das Wirksamwerden in den
unbedingte Vorschriften handeln Mitgliedstaaten unmittelbar geltender
muß, so folge, daß sich die Frage der Vorschriften, die in Artikel 9 Ab­
unmittelbaren Anwendbarkeit über­ satz 1 des Vertrages und, was insbe­
haupt nur in einer geringen Anzahl sondere die Beziehungen zu Dritt­
von Entscheidungen stellen sollte. ländern anbelangt, in der Verordnung
4. Die Systematik der Rechtsakte des Nr. 950/68/EWG des Rates vom
sekundären Gemeinschaftsrechts, wie 28. Juni 1968 über den Gemeinsamen
sie in Artikel 189 EWG-Vertrag vor­ Zolltarif (Amtsblatt 1968, L 172/1)
gesehen ist, werde nicht dadurch enthalten sind." (Slg. 1970, 57).
verwischt, daß einzelnen Vorschrif­ Diese Ausführungen könnten den
ten, die in an die Staaten gerichteten Schluß zulassen, daß der Gerichtshof
Entscheidungen enthalten sind, bereit sei, ebenso wie den einschlägi­
unmittelbare Anwendbarkeit zuge­ gen zollrechtlichen Vorschriften des
billigt wird. Die unmittelbare An­ Vertrages auch der Beschleunigungs­
wendbarkeit bestimmter Vorschrif­ entscheidung unmittelbare Wirkung
ten — bei im übrigen unveränderter zuzubilligen, „obwohl sie ausdrück­
Aufrechterhaltung der Systematik des lich nur an die Mitgliedstaaten
Artikels 189 EWG-Vertrag — führe gerichtet ist".
dagegen zu einer Stärkung des gericht­ Im Lichte aller dieser Argumente und
lichen Schutzes der individuellen namentlich unter dem Gesichtspunkt des
Rechte des einzelnen. Rechtsschutzes der einzelnen meint die
5. Es entspreche der Gepflogenheit der Kommission, es gebe keine zwingenden
Gemeinschaftsorgane, von ganz weni­ Gründe, die unmittelbare Anwend­
gen Ausnahmen abgesehen, Entschei­ barkeit von Vorschriften des Gemein­
dungen, soweit sie an Mitgliedstaaten schaftsrechts allein deswegen zu ver­
gerichtet sind, zur Information im neinen, weil sie in eine an Mitglied­
Amtsblatt zu veröffentlichen. Der staaten gerichtete Entscheidung auf­
Hinweis auf die fehlende Veröffent­ genommen sind.
lichungspflicht für an Staaten gerich­ sie wenaet soaann die vom Gerichtsnot

tete Entscheidungen werde in dem für Vertragsvorschriften erarbeiteten


Maße irrelevant, in dem die Gemein­ Kriterien auf die Bestimmung des
schaftsorgane über die in Artikel 191 Artikels 4 Absatz 2 der Entscheidung
EWG-Vertrag statuierte Veröffent­ des Rates vom 13. Mai 1965 an und
lichungspflicht hinausgehen und auch gelangt zu dem Ergebnis, daß es sich
an Staaten gerichtete Entscheidungen hier um eine unbedingte Verpflichtung
allgemein bekanntgeben. handle, die keiner weiteren Rechtsakte
6. Der bisherigen Rechtsprechung des der Gemeinschaft bedürfe und einer

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seits das Gebot, „spezifische Steuern" hinsichtlich des Zeitpunkts auf den vor­
aufzuheben, andererseits das Verbot hergehenden Absatz. Diese Vorschrift
enthalte, solche Steuern einzuführen. könne verschieden ausgelegt werden,
denn der Ausdruck „... in den Mitglied­
b) Erklärungen der Bundesregierung
staaten in Kraft gesetzt worden ist"
Die Bundesregierung schlägt vor, die lasse wenigstens zwei Auslegungen zu.
erste Frage zu verneinen. Es gehe nicht Der Zeitpunkt, auf den es ankomme, sei
an, eine Vorschrift, die in einer an entweder derjenige, zu dem die einzel­
einen Mitgliedstaat gerichteten Ent­ nen Mitgliedstaaten die Mehrwertsteuer
scheidung enthalten ist, als unmittelbar eingeführt haben (einführen werden),
anwendbar anzusehen. Doch selbst wenn oder derjenige, bis zu dem alle Mit­
dies möglich sein sollte, sei jedenfalls gliedstaaten die Mehrwertsteuer späte­
Artikel 4 der Entscheidung des Rates stens eingeführt haben müßten. Nach
vom 13. Mai 1965 keiner unmittelbaren Meinung der Kommission ist jedoch
Anwendung fähig. die erste Auslegung abzulehnen. Einmal
Ihre grundsätzliche Ablehnung der un­ würde sie den Mitgliedstaat, der sich
mittelbaren Anwendbarkeit von Ent­ beeilt und die Mehrwertsteuer vor
scheidungs- (oder Richtlinien-) bestim­ den anderen eingeführt hat, insofern
mungen stützt die Bundesregierung auf „pönalisieren", als er von diesem Zeit­
die auch von der Kommission ange­ punkt an gegenüber den anderen Mit­
führten Gegengründe. Ferner legt sie das gliedstaaten gebunden und wehrlos
Urteil 38/69 des Gerichtshofes anders wäre, denen in diesem Bereich noch
aus als die Kommission. Der Gerichtshof eine gewisse Handlungsfreiheit bleibe.
habe der „Beschleunigungsentscheidung" Außerdem könnten die Harmonisie­
die unmittelbare Anwendbarkeit zuer­ rungsbemühungen, die Gegenstand der
kannt, weil er diese „Entscheidung" als Entscheidung vom 13. Mai 1965 seien,
autonome Vertragsergänzung (gemäß nur auf Gemeinschaftsebene verwirk­
Artikel 235) und nicht als Entscheidung licht werden und nicht dadurch, daß in
im Sinne von Artikel 189 qualifiziert den Mitgliedstaaten einzelne Harmoni­
habe. Daher könnten die vom Ge­ sierungsmaßnahmen zu unterschiedli­
richtshof in diesem Falle aufgestellten chen Zeitpunkten getroffen werden.
Grundsätze auf Entscheidungen im Aus diesem Grunde sowie im Hinblick
eigentlichen Sinne' nicht angewandt auf die Dritte Richtlinie sei Artikel 4
werden. Absatz 2 der Entscheidung vom 13. Mai
Zu der hier streitigen Bestimmung trägt 1965 erst vom 1. Januar 1972 an für alle
die Bundesregierung vor, es handle sich Mitgliedstaaten verbindlich. Infolgedes­
dabei um ein bloßes Arbeitsprogramm sen sei die zweite Frage zu verneinen.
des Rates. Sie führt hierzu an, die Be­
stimmung der Modalitäten nach Ab­ b) Erklärungen der Bundesregierung
und des Finanzamts Traunstein
satz 1 sei auch Voraussetzung für das
Inkrafttreten der Verpflichtungen aus Im wesentlichen mit den gleichen Argu­
Absatz 2. In jedem Falle bestehe vor menten wie die Kommission kommen
dem 1. Januar 1972, dem in der Dritten die Bundesregierung und das Finanzamt
Richtlinie vom 9. Dezember 1969 fest­ Traunstein zu dem Ergebnis, daß die
gesetzten Zeitpunkt, keine Verpflichtung. zweite Frage zu verneinen sei.

3 — Zur dritten Frage


2 — Zur zweiten Frage
Sowohl die Bundesregierung als auch
a) Erklärungen der Kommission die Kommission sind der Auffassung, daß
Die Kommission führt aus, Artikel 4 die Straßengüterverkehrsteuer nicht als
Absatz 2 nenne keinen Termin, verweise „spezifische Steuer, die statt der Umsatz­
vielmehr mit dem Ausdruck „spätestens" steuer erhoben wird," im Sinne von

834
GRAD / FINANZAMT TRAUNSTEIN

Artikel 4 der Entscheidung vom 13. Mai schiedener Meinung über die Bedeu­
1965 und a fortiori nicht als „Umsatz­ tung, die dem Satzteil „es sei denn,
steuer" im eigentlichen Sinne bezeichnet daß die Kommission die Genehmigung
werden könne. Ihre Zielsetzung (Ver­ hierzu erteilt", für diese Frage zu­
kehrslenkung) wie auch ihre Modali­ kommt.
täten (Bemessungsgrundlage sei die An­ Einerseits „neigt [die Kommission] ...
zahl der Tonnenkilometer, nicht das dazu, die siebte Frage ... zu bejahen"
Leistungsentgelt) stünden einer solchen und macht insbesondere geltend, der
Qualifizierung entgegen. ihr in Artikel 80 eingeräumte Ent­
scheidungsspielraum lasse das in dieser
Bestimmung enthaltene grundsätzliche
4 — Zur vierten Frage Verbot unberührt.
Demgegenüber ist die Bundesregierung
Die drei nach Artikel 20 der Satzung des
der Auffassung, der Genehmigungsvor­
Gerichtshofes eingereichten Schriftsätze
behalt — bezüglich dessen die Kommis­
stimmen darin überein, daß die in Arti­
sion im übrigen über einen Entschei­
kel 5 Absatz 2 des Vertrages enthaltene
dungsspielraum verfüge (vgl. Urteil 1/69,
Verpflichtung zu allgemein und zu
EuGH Slg. XV, 277 ff.) — nehme dem
unbestimmt gefaßt sei, um als solche
Verbot seine Unbedingtheit. Daraus
unmittelbare Wirkung haben zu kön­
folge, daß im vorliegenden Fall jede
nen. Sie könne eine solche Wirkung
unmittelbare Wirkung auszuschließen
höchstens in Verbindung mit anderen sei.
Gemeinschaftsvorschriften erlangen, vor­
ausgesetzt, daß diese präzise und unbe­ b) Zur fünften Frage
dingt seien. Diese Eigenschaften fehlten
Die Bundesregierung und die Kommis­
aber gerade Artikel 74 des Vertrages,
sion schlagen vor, diese Frage zu ver­
der sich darauf beschränke, den Grund­ neinen. Nach Geist und Zweck des
satz einer gemeinsamen Verkehrspolitik Artikels 80 seien unter dem Ausdruck
aufzustellen. Andererseits könne das
„Beförderungsbedingungen" offensicht­
Verbot des Artikels 5 Absatz 2 der
lich mit Ausnahme der Frachten alle
(etwaigen) unmittelbaren Wirkung der
Vorschriften von Artikel 4 der Ent­
übrigen für die Beförderung durch den
fraglichen Verkehrsträger maßgeblichen
scheidung vom 13. Mai 1965, die bereits
Vorschriften zu verstehen. Der Begriff
bei den vorhergehenden Fragen erörtert schließe also nicht Steuervorschriften
wurde, nichts hinzufügen.
ein, die einen anderen Verkehrsträger
betreffen.

5 — Zur fünften, sechsten und siebten


c) Zur sechsten Frage
Frage
Die Bundesregierung und die Kommission
Die Bundesregierung und die Kommis­ heben nochmals hervor, daß der Aus­
sion stellen diese drei Fragen in ihren druck „Unternehmen" in Artikel 80
Erklärungen um, da sie der Auffassung Absatz 1 nur für Unternehmen als
sind, die Entscheidung über die fünfte Verkehrsnutzer gelte, und führen aus,
und sechste Frage hänge von der über das in dieser Vorschrift enthaltene
die siebte Frage ab. Verbot sei auf eine Steuerregelung wie
die vorliegende nicht anwendbar.
a) Zur siebten Frage
Die Kommission und die Bundesregie­
rung gehen übereinstimmend davon aus, 6 — Zur achten, neunten, zehnten und
daß das Verbot des Artikels 80 Absatz 1, elften Frage
abstrakt gesehen, auf eine unmittelbare
Anwendbarkeit dieser Vorschrift Die Bundesregierung und die Kommis­
schließen lassen könnte; sie sind aber ver- sion stellen diese vier Fragen in ihren

835
URTEIL VOM 6.10.1970 — RECHTSSACHE 9/70

Erklärungen um und ändern ihre Rei­ den Verkehrssektor erhalte nur in


henfolge. Vorab untersuchen sie, ob eine Verbindung mit einem Verbot einen
Abgabe wie die streitige deutsche Steuer Sinn. Da der Titel Verkehr kein
unter den Begriff „Beihilfe" im Sinne solches Verbot enthalte, müsse
der Artikel 92 ff. falle. Diese Vorschrift zwangsläufig auf das in Artikel 92
stelle nur auf Fälle ab, in denen ein aufgestellte Verbot zurückgegriffen
Unternehmen zu Lasten staatlicher Mit­ werden.
tel unentgeltliche Zuwendungen erhält — Jeder Zweifel werde in dieser Hin­
oder von einer Belastung befreit wird, sicht durch Artikel 9 Absatz 2 der
nicht aber auf den Fall, daß Konkur­ Entscheidung des Rates vom 13. Mai
renten besteuert werden oder sich die 1965 ausgeräumt, wonach die Arti­
Begünstigung nur daraus ergibt, daß kel 92 bis 94 des Vertrages auf den
das betreffende Unternehmen von der Verkehr anwendbar sind.
Steuer nicht betroffen wird. Unter Die Bundesregierung gelangt zu dem
diesem Vorbehalt geben die Bundesre­ gleichen Ergebnis.
gierung und die Kommission ihre Erklä­
rungen zu den Fragen 8 bis 11 ab. b) Zur elften Frage
Der Kläger des Ausgangsverfahrens ist Die Bundesregierung wie auch die Kom­
demgegenüber der Auffassung, der Be­ mission sind der Auffassung, von dem
griff „Beihilfe" umfasse nicht nur direkte grundsätzlichen Verbot des Artikels 92
Subventionen und Freistellungen, son­ seien zuviele Ausnahmen vorgesehen —
dern auch alle Maßnahmen, die auf Ausnahmen, die im übrigen der Kom­
eine Lenkung der Wirtschaft durch mission einen Ermessensspielraum ge­
ungleiche Besteuerung bestimmter Tä­ währten —, als daß dieses Verbot für
tigkeiten oder Gruppen abzielen. Daraus unmittelbar anwendbar gelten könnte.
folge, daß die streitige Steuer durchaus Die Bundesregierung weist noch darauf
eine „Beihilfe" im Sinne der Artikel 92 hin, daß diese Schlußfolgerung durch
ff. sei. das Urteil des Gerichtshofes in der
Hierauf entgegnet die Bundesregierung Rechtssache 6/64 (Slg. 1964, 1273) nicht
in Übereinstimmung mit der Kommis­ entkräftet werde, wonach Artikel 93
sion, eine solche Auslegung nehme dem Absatz 3 Satz 3 unmittelbarer Wirkung
Begriff „Beihilfe" jede spezifische Bedeu­ fähig sei, denn die Aussage dieses Urteils
tung und mache die Vorschriften der sei streng auf den in dieser Bestimmung
Artikel 101 und 102 EWG-Vertrag geregelten Fall beschränkt, der vor­
überflüssig. liegend nicht gegeben sei.
Der Kläger macht dagegen geltend,
a) Zur achten Frage wenn der Vertrag auch die Möglichkeit
Die Kommission führt aus, die Beihil­ von Ausnahmen zu dem grundsätzlichen
fevorschriften des Vertrages müßten Verbot des Artikels 92 vorsehe, so sei
auch auf dem Gebiet des Verkehrs gel­ dieses doch in den durch die Ausnahmen
ten (unbeschadet jedoch der hier vor­ nicht gedeckten Fällen unmittelbarer
gesehenen Sonderbestimmungen). Zur Anwendung fähig.
Begründung für diese Auffassung führt
sie namentlich an : c) Zur neunten Frage
— Der die Beihilfen betreffende Ab­ Die Bundesregierung und die Kommis­
schnitt des Vertrages enthalte keine sion sind der Meinung, für die Anwen­
Vorschriften, die den Verkehr vom dung der Artikel 92 ff. sei es unerheblich,
Anwendungsbereich dieses Ab­ ob das durch die Beihilfen begünstigte
schnitts ausnähmen, wie es Arti­ Unternehmen ein hoheitlich betriebenes
kel 61 Absatz 1 für das Kapitel Eisenbahnunternehmen ist oder nicht;
Dienstleistungen ausdrücklich tue. eine Einschränkung gelte nur für etwaige
— Die in Artikel 77 vorgesehene Er­ Ausnahmen nach Artikel 90 Absatz 2
laubnis bestimmter Beihilfen für des Vertrages.

836
GRAD / FINANZAMT TRAUNSTEIN

d) Zur zehnten Frage wenn die Kommission bei voller Kennt­


nis des Sachverhalts keine Beanstan­
Die Bundesregierung geht zwar grund­
sätzlich davon aus, daß eine Beihilfe dungen erhoben habe.
auch dann vorliegen könne, wenn die Während die Kommission der gleichen
Kommission keine Entscheidung nach Auffassung ist wie die Bundesregierung,
Artikel 93 Absatz 2 getroffen hat, sie führt der Kläger aus, wenn die Kom­
mission eine staatliche Maßnahme nicht
meint jedoch, nach dem Vertrauens­
grundsatz könne nicht angenommen ausdrücklich beanstande, so sei darin
werden, daß eine mit dem Gemeinsamen noch keine Genehmigung der Maß­
nahme zu erblicken.
Markt unvereinbare Beihilfe vorliege,

Entscheidungsgründe

1 Das Finanzgericht München hat durch Beschluß vom 23. Februar 1970,
beim Gerichtshof eingegangen am 16. März 1970, aufgrund von Artikel 177
des Vertrages zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
mehrere Fragen zur Auslegung von Artikel 4 der Entscheidung des Rates
vom 13. Mai 1965 über die Harmonisierung bestimmter Vorschriften, die
den Wettbewerb im Eisenbahn-, Straßen und Binnenschiffsverkehr beein­
flussen (Amtsblatt 1965, S. 1500 ff.), sowie von Artikel 1 der Ersten Richtlinie
des Rates vom 11. April 1967 zur Harmonisierung der Rechtsvorschriften
der Mitgliedstaaten über die Umsatzsteuer (Amtsblatt 1967, S. 1301 ff.)
vorgelegt. Für den Fall, daß der Gerichtshof diese Fragen verneint, hat das
Finanzgericht hilfsweise weitere Fragen zur Auslegung insbesondere der
Artikel 80 und 92 des EWG-Vertrags gestellt.

Zur ersten Frage

2 Mit der ersten Frage bittet das Finanzgericht den Gerichtshof um Entschei­
dung darüber, ob Artikel 4 Absatz 2 der Entscheidung in Verbindung mit
Artikel 1 der Richtlinie unmittelbare Wirkungen in den Rechtsbeziehungen
zwischen den Mitgliedstaaten und Einzelpersonen erzeugt und ob diese
Vorschriften Rechte der einzelnen begründen, welche auch die staatlichen
Gerichte zu beachten haben.

3 Die Frage betrifft die Gesamtwirkung von Vorschriften, die in einer Ent­
scheidung beziehungsweise einer Richtlinie enthalten sind. Nach Artikel 189
EWG-Vertrag ist eine Entscheidung in allen ihren Teilen für diejenigen
verbindlich, die sie bezeichnet. Ferner ist nach diesem Artikel eine Richtlinie

837
URTEIL VOM 6.10.1970 — RECHTSSACHE 9/70

für jeden Mitgliedstaat, an den sie gerichtet wird, hinsichtlich des zu errei­
chenden Ziels verbindlich, überläßt jedoch den innerstaatlichen Stellen die
Wahl der Form und der Mittel.

4 Die Bundesregierung vertritt in ihren Erklärungen die Auffassung, Arti­


kel 189 habe, wenn er zwischen den Wirkungen von Verordnungen einer­
seits sowie von Entscheidungen und Richtlinien andererseits unterscheide,
damit für Entscheidungen und Richtlinien die Möglichkeit ausgeschlossen,
die in der Frage angesprochenen Wirkungen zu erzeugen; solche Wirkungen
seien vielmehr den Verordnungen vorbehalten.

5 Zwar gelten nach Artikel 189 Verordnungen unmittelbar und können


infolgedessen schon wegen ihrer Rechtsnatur unmittelbare Wirkungen
erzeugen. Hieraus folgt indessen nicht, daß andere in diesem Artikel
genannte Kategorien von Rechtsakten niemals ähnliche Wirkungen erzeu­
gen könnten. Namentlich die Bestimmung, daß Entscheidungen in allen
ihren Teilen für den Adressaten verbindlich sind, erlaubt die Frage, ob
sich auf die durch die Entscheidung begründete Verpflichtung nur die
Gemeinschaftsorgane gegenüber dem Adressaten berufen können oder ob
ein solches Recht gegebenenfalls allen zusteht, die ein Interesse an der
Erfüllung dieser Verpflichtung haben. Mit der den Entscheidungen durch
Artikel 189 zuerkannten verbindlichen Wirkung wäre es unvereinbar,
grundsätzlich auszuschließen, daß betroffene Personen sich auf die durch
die Entscheidung auferlegte Verpflichtung berufen können. Insbesondere
in den Fällen, in denen etwa die Gemeinschaftsbehörden einen Mitgliedstaat
oder alle Mitgliedstaaten durch Entscheidung zu einem bestimmten Ver­
halten verpflichten, würde die nützliche Wirkung („effet utile") einer solchen
Maßnahme abgeschwächt, wenn die Angehörigen dieses Staates sich vor
Gericht hierauf nicht berufen und die staatlichen Gerichte sie nicht als
Bestandteil des Gemeinschaftsrechts berücksichtigen könnten. Zwar können
die Wirkungen einer Entscheidung andere sein als diejenigen einer in einer
Verordnung enthaltenen Vorschrift; dieser Unterschied schließt jedoch
nicht aus, daß das Endergebnis, nämlich das Recht des einzelnen, sich
auf die Maßnahme vor Gericht zu berufen, gegebenenfalls das gleiche sein
kann wie bei einer unmittelbar anwendbaren Verordnungsvorschrift.

6 Artikel 177, wonach die staatlichen Gerichte befugt sind, den Gerichtshof
mit der Gültigkeit und Auslegung aller Handlungen der Organe ohne
Unterschied zu befassen, setzt im übrigen voraus, daß die einzelnen sich
vor diesen Gerichten auf die genannten Handlungen berufen können.
Es ist daher in jedem einzelnen Fall zu prüfen, ob die Bestimmung, um die
es geht, nach Rechtsnatur, Systematik und Wortlaut geeignet ist, unmittel-

838
GRAD / FINANZAMT TRAUNSTEIN

bare Wirkungen in den Rechtsbeziehungen zwischen dem Adressaten der


Handlung und Dritten zu begründen.

7 Die an alle Mitgliedstaaten gerichtete Entscheidung des Rates vom 13. Mai
1965 ist insbesondere auf Artikel 75 des Vertrages gestützt, der den Rat
ermächtigt, zur Durchführung einer gemeinsamen Verkehrspolitik „gemein­
same Regeln", „Zulassungsbedingungen" und „alle sonstigen zweckdien­
lichen Vorschriften" zu erlassen. Der Rat verfügt daher in der Auswahl
der zu treffenden Maßnahmen über einen sehr großen Spielraum. Die
fragliche Entscheidung legt, insgesamt gesehen, die im Rahmen einer
Politik zur Harmonisierung der staatlichen Vorschriften angestrebten Ziele
sowie die Zeitfolge ihrer Verwirklichung fest. Im Hinblick auf diese Ziele
sieht Artikel 4 der Entscheidung in Absatz 1 vor, daß die Mitgliedstaaten,
sobald ein gemeinsames Umsatzsteuersystem vom Rat beschlossen und in den
Mitgliedstaaten in Kraft gesetzt worden ist, verpflichtet sind, es nach
noch zu bestimmenden Modalitäten auf die Güterbeförderung im Eisen­
bahn-, Straßen- und Binnenschiffsverkehr anzuwenden. Absatz 2 dieses
Artikels bestimmt, daß dieses gemeinsame Umsatzsteuersystem spätestens
mit seinem Inkrafttreten an die Stelle der spezifischen Steuern tritt, die statt
der Umsatzsteuer erhoben werden, soweit die Güterbeförderung durch
die genannten Verkehrsträger solchen Steuern unterliegt.

8 Diese Vorschrift legt den Mitgliedstaaten somit zwei Verpflichtungen auf :


einmal, spätestens von einem bestimmten Zeitpunkt an das gemeinsame
Umsatzsteuersystem auf die Güterbeförderung im Eisenbahn-, Straßen-
und Binnenschiffsverkehr anzuwenden, und sodann, dieses System spätestens
mit seinem Inkrafttreten an die Stelle der spezifischen Steuern im Sinne
von Absatz 2 treten zu lassen. Diese zweite Verpflichtung umfaßt offen­
sichtlich das Verbot, solche Steuern einzuführen oder wiedereinzuführen,
wodurch vermieden werden soll, daß das gemeinsame Umsatzsteuersystem
im Verkehrswesen mit ähnlichen, zusätzlichen Steuerregelungen zusammen­
trifft.

9 Nach den vom Finanzgericht vorgelegten Akten bezieht sich die Frage
vor allem auf die zweite Verpflichtung. Diese Verpflichtung ist ihrem Wesen
nach zwingend und allgemein, auch wenn die Vorschrift die Bestimmung
des Zeitpunkts, zu dem sie wirksam wird, offenläßt. Sie untersagt den Mit­
gliedstaaten ausdrücklich, das gemeinsame Umsatzsteuersystem mit spezi­
fischen Steuern zu kumulieren, die statt der Umsatzsteuer erhoben werden.
Diese Verpflichtung ist unbedingt und hinreichend klar und genau, um
unmittelbare Wirkungen in den Rechtsbeziehungen zwischen den Mitglied­
staaten und den einzelnen begründen zu können.

839
URTEIL VOM 6.10.1970 — RECHTSSACHE 9/70

10 Das Datum, an dem diese Verpflichtung wirksam wird, wurde durch die
Richtlinien des Rates zur Harmonisierung der Rechtsvorschriften über die
Umsatzsteuer bestimmt; dort ist festgelegt, bis zu welchem Zeitpunkt die
Mitgliedstaaten das gemeinsame Mehrwertsteuersystem spätestens ein­
führen müssen. Der Umstand, daß dieser Zeitpunkt durch eine Richtlinie
festgesetzt wurde, nimmt dieser Bestimmung nichts von ihrer bindenden
Wirkung. Damit ist aufgrund der Ersten Richtlinie die durch Artikel 4
Absatz 2 der Entscheidung vom 13. Mai 1965 begründete Verpflichtung
vollständig geworden. Diese Vorschrift legt den Mitgliedstaaten mithin
Verpflichtungen auf — namentlich diejenige, von einem bestimmten Zeit­
punkt an das gemeinsame Mehrwertsteuersystem nicht mehr mit den genann­
ten spezifischen Steuern zu kumulieren —, die geeignet sind, unmittelbare
Wirkungen in den Rechtsbeziehungen zwischen den Mitgliedstaaten und den
einzelnen zu erzeugen und für letztere das Recht zu begründen, sich vor
Gericht auf diese Verpflichtungen zu berufen.

Zur zweiten Frage

11 Die zweite Frage des Finanzgerichts geht dahin, ob Artikel 4 der Entschei­
dung in Verbindung mit Artikel 1 der Richtlinie einem Mitgliedstaat bereits
vor dem 1. Januar 1970 die Wiedereinführung von spezifischen Steuern,
die für die Güterbeförderung statt der Umsatzsteuer erhoben werden,
verbietet, wenn dieser Mitgliedstaat das gemeinsame Mehrwertsteuer­
system bereits in Kraft gesetzt und die spezifischen Steuern für die Güterbe­
förderung aufgehoben hat. Diese Frage zielt offensichtlich auf Artikel 1
der Ersten Richtlinie in der Fassung der Dritten Richtlinie des Rates vom
9. Dezember 1969 zum gleichen Gegenstand (Amtsblatt L 320, 1969, S. 34 f.)
ab, wonach der Zeitpunkt des 1. Januar 1970 durch denjenigen des 1. Januar
1972 ersetzt wurde.

12 Zwar könnte eine wörtliche Auslegung von Artikel 4 Absatz 2 der Entschei­
dung zu der Auffassung führen, daß diese Vorschrift auf den Zeitpunkt
abstelle, in dem der Mitgliedstaat auf seinem Hoheitsgebiet das gemeinsame
System in Kraft gesetzt hat.

13 Eine solche Auslegung entspräche jedoch nicht dem Ziel der genannten
Richtlinien, nämlich sicherzustellen, daß von einem bestimmten Zeitpunkt
an das Mehrwertsteuersystem im gesamten Gemeinsamen Markt angewandt
wird. Solange dieser Zeitpunkt noch nicht erreicht ist, behalten die Mitglied­
staaten auf diesem Gebiet ihre Handlungsfreiheit.

840
GRAD / FINANZAMT TRAUNSTEIN

14 Das Ziel der Entscheidung vom 13. Mai 1965 läßt sich außerdem nur auf
Gemeinschaftsebene erreichen und konnte daher nicht schon dadurch
verwirklicht werden, daß einzelne Mitgliedstaaten — übrigens zu verschiede­
nen Zeitpunkten und mit unterschiedlicher Zeitfolge — Harmonisierungs­
maßnahmen getroffen haben.

15 Die gestellte Frage ist somit dahin zu beantworten, daß das Verbot des
Artikels 4 Absatz 2 der Entscheidung erst vom 1. Januar 1972 an wirksam
werden kann.

Zur dritten Frage

16 Mit seiner dritten Frage ersucht das Finanzgericht den Gerichtshof um


Entscheidung darüber, ob die Straßengüterverkehrsteuer als spezifische
Steuer anzusehen ist, die für die Güterbeförderung statt der Umsatzsteuer
erhoben wird, und ob sie daher unter das Verbot von Artikel 4 Absatz 2
der Entscheidung vom 13. Mai 1965 fällt.

17 Der Gerichtshof kann im Vorabentscheidungsverfahren nicht die Tatbe­


standsmerkmale einer von einem bestimmten Mitgliedstaat eingeführten
Steuer am Gemeinschaftsrecht messen. Dagegen fällt es in seine Zustän­
digkeit, die einschlägige Gemeinschaftsvorschrift auszulegen, um dem staatli­
chen Gericht deren richtige Anwendung auf die streitige Steuer zu ermög­
lichen.

18 Artikel 4 sieht die Aufhebung von „spezifischen Steuern" vor, um ein


gemeinsames und geschlossenes System der Umsatzbesteuerung zu gewähr­
leisten. Indem die Vorschrift dergestalt die Markttransparenz auf dem
Verkehrssektor begünstigt, trägt sie zur Angleichung der Wettbewerbsbe­
dingungen bei und ist als eine wesentliche Maßnahme zur Harmonisierung
des Steuerrechts der Mitgliedstaaten auf dem Verkehrssektor anzusehen.
Diese Zielsetzung verbietet es nicht, auf Beförderungsleistungen sonstige
Steuern zu erheben, die eine andere Rechtsnatur haben und andere Zwecke
verfolgen als das gemeinsame Umsatzsteuersystem.

19 Eine Steuer mit den vom Finanzgericht aufgeführten Tatbestandsmerkma­


len, bei der nicht ein Handelsgeschäft, sondern eine besondere Tätigkeit
Besteuerungsmerkmal ist, ohne daß im übrigen zwischen Tätigkeiten für
eigene und für fremde Rechnung unterschieden wird, und bei der Bemes­
sungsgrundlage nicht das Entgelt für eine Leistung, sondern die in Tonnen-

841
URTEIL VOM 6.10.1970 — RECHTSSACHE 9/70

kilometern ausgedrückte Belastung ist, der die Straßen durch die besteuerte
Tätigkeit ausgesetzt werden, entspricht nicht der üblichen Form der
Umsatzsteuer. Auch der Umstand, daß sie eine Verkehrslenkung bezweckt,
ist geeignet, sie von spezifischen Steuern im Sinne von Artikel 4 Absatz 2 zu
unterscheiden. Die gestellte Frage ist daher in diesem Sinne zu beant­
worten.

Zu den Fragen 4 bis 11

20 Das Finanzgericht hat diese Fragen nur hilfsweise gestellt, nämlich für
den Fall, daß die drei ersten Fragen verneint werden. Da dies namentlich
für die erste Frage nicht zutrifft, besteht zu einer Beantwortung der Fragen 4
bis 11 keine Veranlassung.

Kosten

21 Die Auslagen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Kom­
mission der Europäischen Gemeinschaften, die beim Gerichtshof Erklärun­
gen eingereicht haben, sind nicht erstattungsfähig. Für die Parteien des
Ausgangsverfahrens ist das Verfahren vor dem Gerichtshof ein Zwischen­
streit in dem vor dem Finanzgericht München anhängigen Rechtsstreit.
Die Kostenentscheidung obliegt daher diesem Gericht.

Aufgrund der Prozeßakten,


nach Anhörung des Berichtes des Berichterstatters,
nach Anhörung der mündlichen Ausführungen des Klägers des Ausgangs­
verfahrens, der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Kom­
mission der Europäischen Gemeinschaften,
nach Anhörung der Schlußanträge des Generalanwalts,
aufgrund des Vertrages zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsge­
meinschaft, insbesondere seiner Artikel 75, 177 und 189,
aufgrund der Entscheidung des Rates vom 13. Mai 1965, insbesondere
ihres Artikels 4,
aufgrund der Richtlinien des Rates vom 11. April 1967 und 9. Dezember 1969
zur Harmonisierung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten über die
Umsatzsteuer,
aufgrund der Satzung des Gerichtshofes der Europäischen Wirtschaftsge­
meinschaft, insbesondere ihres Artikels 20,

842
GRAD / FINANZAMT TRAUNSTEIN

aufgrund der Verfahrensordnung des Gerichtshofes der Europäischen


Gemeinschaften

hat

DER GERICHTSHOF

auf die ihm vom Finanzgericht München durch Beschluß vom 23. Februar
1970 vorgelegten Fragen für Recht erkannt :

1. Artikel 4 Absatz 2 der Entscheidung des Rates vom 13. Mai 1965,
der den Mitgliedstaaten verbietet, das gemeinsame Umsatzsteuer­
system mit spezifischen Steuern zu kumulieren, die statt der Umsatz­
steuer erhoben werden, kann in Verbindung mit den Vorschriften
der Richtlinien des Rates vom 11. April 1967 und 9. Dezember 1969
unmittelbare Wirkungen in den Rechtsbeziehungen zwischen den
Mitgliedstaaten, an die sich die Entscheidung richtet, und den
einzelnen erzeugen und für letztere das Recht begründen, sich auf
diese Vorschrift vor Gericht zu berufen.

2. Das Verbot, das gemeinsame Umsatzsteuersystem mit spezifischen


Steuern zu kumulieren, wird zu dem in der Dritten Richtlinie des
Rates vom 9. Dezember 1969 festgelegten Zeitpunkt, dem 1. Januar
1972, wirksam.

3. Eine Steuer mit den vom Finanzgericht aufgeführten Tatbestands­


merkmalen, bei der nicht ein Handelsgeschäft, sondern die bloße
Tatsache der Beförderung im Straßenverkehr Besteuerungsmerkmal
ist und bei der als Bemessungsgrundlage nicht das Entgelt für eine
Leistung dient, sondern die in Tonnenkilometern ausgedrückte
Belastung, der die Straßen durch die besteuerte Tätigkeit ausgesetzt
werden, entspricht nicht der üblichen Form der Umsatzsteuer im
Sinne von Artikel 4 Absatz 2 der Entscheidung vom 13. Mai 1965.

Luxemburg, den 6. Oktober 1970

Lecourt Monaco Pescatore

Donner Trabucchi Strauß Mertens de Wilmars

Verkündet in öffentlicher Sitzung in Luxemburg am 6. Oktober 1970.

Der Kanzler Der Präsident

A. Van Houtte R. Lecourt

843

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