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Forens Psychiatr Psychol Kriminol (2019) 13:136–141

https://doi.org/10.1007/s11757-019-00527-6

ÜBERSICHT

Scheinerinnerungen und „false memory“ – aktuelle rechtliche Fragen


an die Aussagepsychologie
Thomas Wolf1

Eingegangen: 1. Oktober 2018 / Angenommen: 28. Januar 2019 / Online publiziert: 15. Februar 2019
© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019

Zusammenfassung
Die Fristen für die Verjährung der Verfolgung von Sexualstraftaten wurden in den letzten 20 Jahren extrem verlängert. Als
Folge davon wird die Strafjustiz zunehmend mit Fällen befasst, in denen die Taten sehr lange zurückliegen. Der Beitrag
fragt, ob die als Goldstandard eingesetzte Methode der „Nullhypothese“ noch tragfähig ist, um zu beurteilen, ob in solchen
Fällen die Aussagen der Opfer glaubhaft sind, und versucht, neue Forschungsaufgaben an die Aussagepsychologie zu
formulieren.

Schlüsselwörter Aussagepsychologie · Gutachten · Nullhypothese · Scheinerinnerung · False memory · Freie


Beweiswürdigung · § 261 StPO

Recovered memory and false memory—current legal questions for psychology of evidence

Abstract
The limitation periods for the prosecution of sexual offences have been extremely extended in the last 20 years. As
a result, criminal justice is increasingly confronted with cases in which the offences occurred a long time ago. This article
examines whether the null hypothesis method used as the gold standard is still viable in order to assess whether the victims’
statements are credible in such cases and tries to formulate new questions for the psychological research.

Keywords Credibility of victims’ statement · Psychological expertise · Null hypothesis · False memory · Free judicial
consideration of evidence

Rechtlicher Ausgangspunkt Zusammenhang mit Erkrankungen, die nur schwer objekti-


vierbar sind, gerichtsnotorisch geworden. In zunehmendem
Im Mittelpunkt vieler Strafverfahren wegen des Verdachts Maße gilt dies auch für das Ausländerrecht (Bleibe- und
von Sexualdelikten, v. a. an Kindern und Jugendlichen, steht Asylrecht); durch die weltweiten kriegerischen Konflikte
seit jeher die Frage, ob die Aussage des (vermeintlichen) und die in großer Zahl der vor ihnen Flüchtenden kommen
Opfers glaubhaft ist. Vergleichbare Fragen stellen sich oft in viele Menschen nach Deutschland, die angeben, schwers-
Verfahren vor den Familiengerichten, wenn es um das Sor- te Traumata verschiedenster Art erlebt zu haben, als Op-
gerecht und, gelegentlich versteckt, um den Unterhalt geht. fer, als Mitansehende und inzwischen auch als Täter1. Alle
Auch im Bereich des Sozialrechts ist die Glaubhaftigkeit im Angaben unterliegen ähnlich strengen Überprüfungen wie

 Dr. jur. Thomas Wolf


wolfmarburg@t-online.de

1
Landgericht Marburg, Universitätsstraße 48, 35037 Marburg,
Deutschland 1 Vgl. Der Spiegel vom 22.04.2017.

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die der Opfer sexueller Gewalt2; wobei man angesichts der Viele Opfer können sich oft nur an Teile des Gesche-
Personalnot davon ausgehen muss, dass jedenfalls die Er- hens erinnern. Für die Masse der Taten geht vieles durch-
mittler in den Behörden insoweit weniger geschult sind als einander; Zeiten, Orte und Handlungen sind sehr schwer
z. B. Kriminalbeamte; auch bei den Verwaltungs- und So- und nur mit Hilfsmitteln erinnerlich oder rekonstruierbar.
zialgerichten dürfte die Kenntnis der einschlägigen Fragen Das gewöhnliche menschliche Bedürfnis, Lücken in der
geringer verbreitet sein. Die nachfolgenden Ausführungen Erinnerung durch „logische“ Puzzleteile zu schließen, tritt
legen zwar das Schwergewicht auf das Strafrecht, dürften nachdrücklich hervor. All das kann die Glaubhaftigkeit in
aber in den anderen Rechtsbereichen vergleichbare Bedeu- Zweifel ziehen – und dazu führen, dass schwere Straftaten
tung haben. mit schlimmen, ein Leben lang dauernden Folgen für die
Opfer am Ende ungesühnt bleiben, und sei es nur wegen
des Zweifelssatzes „in dubio pro reo“. Das Gegenteil, dass
Strafrecht – Sexualstraftaten nämlich eine Verurteilung erfolgt, obwohl ein aussagepsy-
chologisches Gutachten Zweifel an der Glaubhaftigkeit der
Die schon immer bestehende „ureigenen Aufgabe des Aussage angemeldet hat, kommt – eben wegen des Zwei-
Tatrichters“3, die Glaubhaftigkeit einer Aussage zu beur- felssatzes – praktisch nicht vor.
teilen, hat im Sexualstrafrecht aufgrund einer Reihe von
Gesetzesänderungen früher unbekannte Schwierigkeiten
aufgeworfen: Der Ausgangspunkt der bisherigen
forensischen Aussagepsychologie
 Die Verjährungsfrist für (schweren: mit einem Eindrin-
gen verbundenen) sexuellen Missbrauch eines Kindes be-
Es gilt die Nullhypothese: „Das methodische Grundprinzip
trägt inzwischen 20 Jahre; einmal angezeigt, kann sich
besteht darin, einen zu überprüfenden Sachverhalt (hier:
die Verjährungsfrist – das war allerdings schon immer so
Glaubhaftigkeit der spezifischen Aussage) so lange zu ne-
– bis auf die doppelte Zeit verlängern. Ist vor Ablauf der
gieren, bis diese Negation mit den gesammelten Fakten
absoluten Verjährung (40 Jahre) ein Urteil ergangen, ver-
nicht mehr vereinbar ist. Der Sachverständige nimmt daher
längert sich der Eintritt der Verjährung auch über 40 Jah-
bei der Begutachtung zunächst an, die Aussage sei unwahr
re hinaus bis zur Rechtskraft des Urteils.
(sog. Nullhypothese). Zur Prüfung dieser Annahme hat er
 Dabei beginnt die Verjährungsfrist seit 20154 erst mit der
weitere Hypothesen zu bilden. Ergibt seine Prüfstrategie,
Vollendung des 30. Lebensjahres; diese Frist gilt für alle
daß die Unwahrhypothese mit den erhobenen Fakten nicht
Taten, die bis dahin noch nicht verjährt waren.
mehr in Übereinstimmung stehen kann, so wird sie verwor-
Dies hat dazu geführt, dass die Betroffenen Taten zur fen, und es gilt dann die Alternativhypothese, daß es sich
Anzeige bringen, die besonders lange zurückliegen. um eine wahre Aussage handelt“5.
Wenn eine der infrage kommenden Subhypothesen nicht
Typischer Fall: Eine 35-jährige Mutter von drei Kindern zu widerlegen ist, gilt auch die Nullhypothese als nichtwi-
hört einen Song aus ihrer Vergangenheit, der plötzlich die derlegt oder nichtwiderlegbar; damit gilt die Aussage als
Erinnerung an einen mehrjährigen Missbrauch durch den nichterlebnisbasiert.
Vater im Alter von 10 bis 14 Jahren weckt. Diese Entscheidung des BGH beruht auf einem vom
BGH in Auftrag gegebenen Gutachten – ein äußerst sel-
tener Vorgang – der Professoren Fiedler und Steller, was
2 Für die rechtliche Prüfung einer posttraumatischen Belastungsstö-
wiederum eine Reaktion des BGH auf eine Reihe von auf-
rung bei Asylanträgen s. Präsentation des BAMF bei http://news. sehenerregenden Strafverfahren mit unbefriedigender Güte
eformation.de/client/media/193/data/30568.pdf (zuletzt aufgerufen
am 18.09.2018); für Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver
der Gutachten darstellte6; überhaupt gab es bis dahin in
Traumafolgen in aufenthaltsrechtlichen Verfahren vgl. https://www. der obergerichtlichen Rechtsprechung in Strafsachen keine
ntfn.de/wp-content/uploads/2010/12/Standards_Trauma1.pdf (zuletzt Standards für solche Gutachten, an denen sich die erken-
aufgerufen 18.09.2018); für die Begutachtung in sozialrechtlichen nenden Gerichte orientieren konnten.
Fragen „anhaltspunkte“ des Bundesministeriums für Arbeit und Sozia-
les http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/anhaltspunkte-
gutachter.pdf?__blob=publicationFile (zuletzt aufgerufen 18.09.2018);
vgl. auch BSG, Beschluss vom 01. April 2014 – B 9 V 54/13 B –,
Rn. 12, juris. 5 BGH 1 StR 618/98 – Urteil v. 30. Juli 1999, BGHSt 45, 164, Rdn.
3 Immer wiederkehrende Wortwahl des BGH schon seit Urteil vom 12 juris.
09. Februar 1957 – 2 StR 508/56 –, BGHSt 10, 208–217. 6 „Wormser Kinderschänder“ und „Montessori“; bei Wikipedia.de fin-
4 Aus Platzgründen darf auf die Darstellung der Gesetzeshistorie in den sich ordentliche Zusammenfassungen dieser Verfahren; auch das
den Kommentaren zum StGB und die Vergleiche der Gesetzesfassun- der BGH-Entscheidung zugrunde liegende Verfahren des Landgerichts
gen z. B. bei beck-online.de oder juris.de verwiesen werden. Ansbach gehört in diese Reihe.

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Wesentlich ist, dass sich alle damaligen Verfahren um die Überzeugung“ gibt. Dafür sind vertiefende Überlegungen
Aussagen von Kindern drehten. Die von Steller und Volbert7 geboten:
dazu mitgeteilten empirischen Grundlagen erschienen zwar Ausgangspunkt der Auseinandersetzung des Gerichts
– für heutige Ansprüche – eher schmal, v. a., was die schiere mit dem Gutachten ist der Grundsatz, dass es Aufgabe
Anzahl der Probanden betrifft (s. dazu unten, Fußnote 15); des Sachverständigen ist, dem Gericht seine Sachkunde
gleichwohl hat sich die Entscheidung des BGH als höchst zu vermitteln, sodass das Gericht darauf aufbauend, aber
nützlich für die Praxis erwiesen, indem nach einem nega- ohne Bindungswirkung daran seine eigene normative Ent-
tiven Gutachten gar nicht erst angeklagt wurde und eine scheidung finden kann9. Der Sachverständige ist eines der
positives Gutachten oft zum Geständnis des Beschuldigten vier Beweismittel der Strafprozessordnung. Er ist nicht ein
führte. beweisführender Verfahrensbeteiligter. Die Beweisführung
Aber im vorliegenden Zusammenhang von Aussagen zu obliegt vielmehr dem Gericht; im Rahmen dessen ist es
lange zurückliegenden Geschehnissen erscheint die den Ge- gerichtliche Aufgabe zu beurteilen, welchen Beweiswert
richten zugängliche Datengrundlage – diese wird in der ein Gutachten für die jeweilige Beweisfrage hat. Man-
Hauptverhandlung kaum jemals umfassend dargestellt – be- che Gutachten können von so erheblichem Gewicht sein,
sonders dürftig. Denn es ist immer geboten, die Subhypo- dass sie schon für sich die Entscheidung tragen oder nur
these der Scheinerinnerung/„false memory“ zu prüfen; sie noch geringe weitere Beweismittel dafür erforderlich sind.
kann durch Fremd- oder/und Autosuggestion hervorgeru- Gemeint hiermit sind solche, die auf allseits anerkannten
fen werden, und dazu gibt es noch nicht viele Erkenntnisse. gesicherten wissenschaftlichen, v. a. naturwissenschaftli-
Das kann dramatische Auswirkungen zeitigen, wenn es kei- chen Erkenntnissen fußen, z. B. Gutachten zur Bestimmung
nerlei objektive Beweise8 gibt und die Rechtsprechung die des Blutalkoholgehaltes, DNA-Gutachten, Gutachten zur
besonders strengen Anforderungen an die Situation „Aus- Bestimmung von Fingerabdrücken, und auf dieser Grund-
sage gegen Aussage“ anlegen muss. lage ein eindeutiges Ergebnis liefern. Hierüber kann sich
Wenn die Subhypothese nicht widerlegt werden kann, das Gericht nicht hinwegsetzen, denn es ist bei seiner
führt dies in der weiteren gutachtlichen Prüfung dazu, dass Beweiswürdigung an gesicherte wissenschaftliche Erkennt-
weder eine Konstanzprüfung zulässig ist – wer glaubt, sich nisse gebunden und darf nicht ohne Weiteres gegenläufige
richtig zu erinnern, wird die Erinnerung leicht immer gleich Feststellungen treffen. Liegt umgekehrt dem sachverständi-
wiedergeben (können) – noch ist die Lügenhypothese zu genseits gefundenen Ergebnis kein hinreichend validiertes
prüfen – wer von der Richtigkeit seiner Erinnerung über- Fachwissen zugrunde, kann das Gericht durchaus abwei-
zeugt ist, gibt sie mit derselben Qualität wieder wie eine chend davon entscheiden. Es verstößt damit nicht gegen
echte Erinnerung, und es fehlt an den für Lügen charakte- wissenschaftliche Erkenntnisse oder Erfahrungssätze, weil
ristischen Merkmalen der Aussage. diese eben nicht vorhanden sind. Das Gericht ist auf alle
Fälle gehalten, die Erkenntnisgrundlagen des Sachverstän-
digen zu prüfen, um den Beweiswert eines Gutachtens
Aussagepsychologisches Gutachten und richtig einordnen zu können.
richterliche Überzeugung Zu den allgemeinen Umständen, die bei der Gewich-
tung des Beweiswertes eines aussagepsychologischen Gut-
§ 261 StPO bestimmt knapp: „Über das Ergebnis der Be- achtens zu bedenken sind, gehört zunächst, dass es sich
weisaufnahme entscheidet das Gericht nach seiner freien, bei der forensische Aussagepsychologie um einen wissen-
aus dem Inbegriff der Hauptverhandlung geschöpften Über- schaftshistorisch sehr jungen Zweig der Psychologie han-
zeugung“. Aus der Vielzahl von Entscheidungen ist in un- delt. Eine für entsprechende Gutachten grundlegende, für
serem Zusammenhang ist wichtig, dass das Gericht nicht die Gerichte und damit auch für die vom Gericht zu prüfen-
so „frei“ ist, dass es sich über wissenschaftliche Erkennt- den Gutachten verbindliche Systematik erfuhr sie erstmals
nisse hinwegsetzen könnte. Das wiederum gilt jedoch nur, durch die oben genannte Entscheidung des BGH10. Hätte es
wenn diese Erkenntnisse als gesichert gelten. Damit stellt vorher solche Standards gegeben, hätte sich die Rechtspre-
sich die Frage, ob die der Nullhypothese zugrunde liegen- chung daran halten müssen. Aus dem Umstand, dass sie
den Erkenntnisse dieses Prädikat in Anspruch nehmen dür- vom BGH erstmals formuliert wurden, kann man ableiten,
fen, oder ob es hier noch Spielraum für die „geschöpfte dass ein über Wissenschaftsgenerationen hinweg erworbe-
ner und gesicherter Stand der Erkenntnisse nicht zugrunde
gelegt werden kann. Dies zeigt sich z. B. auch darin, dass
7 Praxis der Rechtspsychologie 1999, 46 ff.
8 9 Ständige Rechtsprechung seit BGH, z. B. Beschluss vom 07. Juni
Im oben skizzierten „typischen Fall“ waren das Tagebuchaufzeich-
nungen des Kindes; infrage kommen z. B. auch medizinische Befunde 1979 – 4 StR 441/78 –, BGHSt 29, 18 ff.
und Äußerungen gegenüber Dritten aus der Tatzeit. 10 Nochmals: BGHSt 45, 164 ff.

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schon die genannten Autoren Steller und Volbert Teile ihres oft nicht in einem justiziellen Sinn überprüfbar. Auch die
Beitrags nicht veröffentlicht haben, weil sie gegeneinander Laborbedingungen der Experimente können nur mit großer
Vorbehalte hatten11; mit einem Bild aus der Physikgeschich- Zurückhaltung auf die Wirklichkeit übertragen werden.
te gesprochen, mag sich die Aussagepsychologie bei Aris- Die andere Erkenntnisquelle sind Feldstudien, die auf
toteles aufhalten und erscheint, um den Weg bildhaft auf- wirklichen Geschehnissen beruhen und den Fragen vor
zuzeigen, weit entfernt von Galileo, Newton, Heisenberg, Gericht deutlich näher stehen. Solche Studien sind je-
Einstein und Hawkins12. doch selten, und ihnen liegen meist sehr kleine Kohorten
Die Erkenntnismittel der Aussagepsychologie als einer zugrunde15. Aus der geringen Zahl ergibt sich das Problem,
empirischen Wissenschaft sind zunächst Erfahrungen, die ob überhaupt noch zuverlässige Aussagen zu Signifikanzen
aus Untersuchungen von Fällen und Experimenten gewon- gemacht werden können und welchen qualitativen Wert
nen werden. Daraus abgeleitet werden Theorien, Modelle sie haben. Als ein Vergleich bietet sich hier an, die Stu-
und Hypothesen, um eine konkrete Fragestellung beant- dienlage zu einem der aktuell wichtigsten statistischen
worten zu können. Diese Annahmen werden mit für ge- (aktuarischen) Prognoseinstrumente in der Vorhersage kri-
eignet angesehenen wissenschaftlichen Methoden geprüft. minellen Verhaltens, dem „HCR-20“ heranzuziehen16; man
Die Methodik ist überwiegend naturwissenschaftlich, mit- findet dort eine sehr große Fülle an Daten aus einer welt-
hin quantitativ, in Verbindung mit experimentellem oder weiten Forschung17; gleichwohl sind auch die Ergebnisse
quasiexperimentellem Vorgehen. Die wichtigsten Werkzeu- dieser Forschung keineswegs ohne Weiteres für die gericht-
ge der Psychologie finden sich in der Mathematik, insbeson- liche Entscheidung nutzbar, sondern bedürfen stets genauer
dere der deskriptiven Statistik, der Stochastik und hier v. a. Betrachtung im Einzelfall. In diesem Zusammenhang er-
der induktiven Statistik sowie in den statistischen Testver- scheint bemerkenswert, dass es – in nur wenig anderen
fahren. Allerdings hat es den Anschein, als seien bereits auf Zusammenhängen – als völlig selbstverständlich gilt, „dass
dieser wissenschaftlich grundlegenden Ebene in nichtwe- empirische dimensionale Resultate auf kategoriale recht-
nigen Bereichen der Forschung erhebliche Unsicherheiten liche Konzepte transferiert werden müssen“ und dass die
festzustellen: Eine von 250 weltweit tätigen Wissenschaft- „Krux, dass empirische Befunde normative Fragen nicht
lern der Open Science Collaboration durchgeführte Nach- beantworten können“, zu einem interdisziplinären Diskurs
untersuchung von 100 psychologischen Studien ergab, dass führen müsse18.
weniger als die Hälfte replizierbar waren, und von den repli- Aus der eben angesprochenen Prognoseforschung ergibt
zierbaren statt in 97 % nur in 36 % signifikante Ergebnisse sich ein weiteres grundsätzliches Problem auch der Aussa-
erzielt werden konnten13. Replizierbarkeit und Reliabilität gepsychologie: Zwar dürfen die statistischen Methoden als
aber gelten allgemein als Grundlage jeder wissenschaftli- wissenschaftlich gesichert angesehen werden; die für eine
chen Erkenntnis, gerade im Bereich der Statistik. qualitative Bewertung eines solcherart gefundenen Ergeb-
Die der statistischen Bearbeitung und den daraus ab- nisses entscheidende Frage ist aber, welche Aussagekraft
geleiteten Bewertungen zugrunde liegenden Erkenntnisse dem Ergebnis zukommt. Dazu nutzt die Statistik die Be-
werden zum einen in Simulationsstudien gefunden. Bei den griffe der Signifikanz und des „Cut-off-Werts“. Diesen liegt
dabei mitwirkenden Probanden handelt es sich in der Re- jedoch ein Werturteil zugrunde, das letztlich nicht aus der
gel um hochspezifische, ausgesuchte Personengruppen, die Statistik abgeleitet werden kann, gleichwohl aber für die
im Blick auf die Erforschung der Wahrheit eines konkreten wertende Gesamtbetrachtung („der Proband wird straffäl-
Falles vor Gericht zur Vorsicht mahnen, wie z. B. Studie- lig“ – „der Proband hat etwas Erlebnisbasiertes berichtet“)
rende (wegen ihres Alters und ihrer Bildung14) oder Kinder. entscheidend ist. Es gilt, dass die abschließende Bewertung
Zudem ist die tatsächliche Auswahl der Versuchspersonen der Erlebnisbasiertheit einer jeden Aussage aufgrund einer

11 A. a. O., Fußnote S. 47: „Ein III. und IV. Komplex von (insgesamt 9)
Fragen über das primäre Glaubwürdigkeitsgutachten und die darauf
15 Steller/Vobert a. a. O. S. 78 f. benennen 40 Kinder im Alter von 3 bis
bezogene Methodenkritik durch Prof. Sch. wird hier nicht veröffent-
licht, da diesbezügliche Vorbehalte der Erstgutachterin nicht ausge- 15 Jahren, 75 Kinder im Alter von 4 bis 16 Jahre und, 98 Transskripte
räumt werden konnten.“ (!) von Aussagen von Kindern zwischen 4 und 13 Jahren, wobei diese
12 Vgl. zum Unwissenstand auch Köhnken, „Mythen und Missver- Studie gerade die Fälle ausgeklammert hat, die vorliegend von Bedeu-
ständnisse bei der Beurteilung von (Zeugen-)Aussagen“ In N. Saimeh tung sein könnten, a. a. O. S. 79 Fußnote 18; vgl. auch die Kritik an der
(Hrsg.), Kriminalität als biographisches Scheitern. Forensik als Le- Aussagekraft solcher Studien insgesamt a. a. O. S. 78 ff.
16 Webster u. a.; deutsche Version Müller-Isberner et al. Haina 1998.
benshilfe?, S. 50–62, Bonn: Psychiatrie-Verlag.
13 https://osf.io/phtye/, 20.07.2015; vgl. auch Welt am Sonntag 17 http://hcr-20.com/hcr/wpcontent/uploads/2013/03/HCR-20-
v. 30.08.2015 S. 57, „Wackelige Befunde“. Annotated-Bibliography-Version-12-January-2014.pdf; ferner HCR-
14 Es sei an das geflügelte Wort erinnert: „Die am besten erforschte 20V3, Gießen 2014, Vorwort ix ff.
Spezies sind Labormäuse und Psychologie-Stundeten“; Letztere sind 18 Müller/Fromberger/Jordan FPPK 2015, 130, online publiziert

z. T. zwangsverpflichtet, an Studien teilzunehmen. 09.06.2015, mit zahlreichen Nachweisen.

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Gesamtbetrachtung erfolgen muss19. Welche Maßstäbe die- früher eine Straftat begangen, was sie nicht hatten. Am En-
ser Gesamtbetrachtung zugrunde liegen, ist jedoch gerade de waren 70 % der Probanden davon überzeugt, sie hätten
nicht wissenschaftlich zwingend abgeleitet und auch sonst die Straftat begangen (30 % haben sich also nicht beein-
in einer justiziablen Weise kaum erkennbar. Zwar muss ei- flussen lassen – das ist vor Gericht eine gewichtige Quote).
nem Sachverständigen ein Raum zugestanden werden, in Sie kamen zu ihrer Überzeugung allerdings, was die Au-
dem er seine wissenschaftliche Meinung selbst letztverant- toren hervorheben, aufgrund von hochgradig suggestiven
wortlich vorbringt; dieser Raum muss sich jedoch auch an Befragungstechniken22.
den Anforderungen des Strafprozesses messen lassen20. Es sei nicht verschwiegen, dass der BGH formuliert hat23,
Bleibt der Erkenntnisstand der Aussagepsychologie auf- eine wie vorstehend skizzierte „skeptische Herangehens-
grund einer schmalen Datengrundlage sowie aufgrund me- weise an die Aussagepsychologie macht die Beweiswürdi-
thodischer Probleme21 schon allgemein hinter dem anderer gung des Gerichts von vornherein mangelhaft“, womit das
empirischer Forschung deutlich zurück, so tritt dies noch darauf gestützte Urteil also ohne Weiteres hinfällig sei. Die-
mehr zutage, wenn man auf den aktuellen Stand der For- se in der Rechtsprechung des BGH gänzlich vereinzelte
schung zu den hier behandelten Fragen blickt: Der Bun- Formulierung widerspricht jedoch nicht nur diametral der
desgerichtshof hat das oben genannte Gutachten eingeholt, in ständiger Rechtsprechung von allen Senaten des BGH ge-
weil Datenlage und Methodik der Aussagepsychologie bis forderten eigenständigen Auseinandersetzung des Gerichts
dahin allgemein als sehr unzureichend aufgefasst wurden. mit Gutachten aller Art24, sie ist auch, wenn man sie wört-
Die von Fiedler, Steller und Volbert entwickelte und vom lich nimmt, die Bankrotterklärung jeglichen wissenschaft-
BGH übernommene Methode der Prüfung über die Null- lichen Diskurses und sollte fürderhin unbeachtet bleiben.
hypothese hat sich in der Folgezeit insbesondere bei der
Unterscheidung zwischen intentionalen Falschaussagen und
erlebnisbasierten Aussagen bewährt. Ebenfalls konnten die Fragen an die Aussagepsychologie
Forschungsergebnisse fruchtbar gemacht werden für die
Frage, ob Aussagen von Kindern durch eine Fremdsugges- Die vorstehenden, durchaus verschiedenen Gesichtspunk-
tion hervorgerufen sein könnten. In beiden Fallarten führen te führen zu (mindestens, denn grundsätzlichere Fragen
die Ergebnisse von aussagepsychologischen Gutachten oft- wie die doch sehr schlichten Übernahme der naturwissen-
mals entweder zu einem Geständnis zum Zweck einer mil- schaftlichen Prüfungsmethode der Hypothesenbildung und
deren Strafe oder zur Einstellung der Ermittlungen gemäß deren Widerlegung25 sollen vorliegend ganz außen vorblei-
§ 170 Abs. 2 StPO mangels hinreichendem Tatverdacht. ben) einer Reihe von Fragen an die Aussagepsychologie,
Forschungsergebnisse der vorliegend relevanten Frage deren Wissenschaftlichkeit unverzichtbar ist; Fragen, für
einer irrtümlichen, auf Autosuggestion beruhenden Erin- deren Beantwortung ein Richter nicht auf wissenschaftli-
nerung gibt es jedoch nahezu nicht. Bekannt geworden ist che, gesicherte Erkenntnisse zurückgreifen kann, muss er
die Studie von Shaw und Porter, die von den Autoren als eben „nach seiner freien, aus dem Inbegriff der Hauptver-
erste (!) Studie ihrer Art bezeichnet wurde und das Dilem- handlung geschöpften Überzeugung“ lösen, und dass muss
ma solcher Untersuchungen aufzeigt: Einer Gruppe von Er- der Erforschung der Wahrheit keineswegs immer dienlich
wachsenen wurde in drei Interviews eingeredet, sie hätten sein:
1. Unter Berücksichtigung insbesondere des Umstandes,
19 Offenbar kaum rezipiert ist eine Folgeentscheidung zur „Nullhypo- dass die Nullhypothese in Strafverfahren entwickelt und
these“, zu der sich der BGH alsbald veranlasst sah:
eingesetzt wurde, in denen Kinder und Jugendliche Op-
„Die Nullhypothese sowie die in der Aussagebegutachtung im
Wesentlichen verwendeten Elemente der Aussageanalyse (Qualität, fer waren, sowie der Regel, dass aussagepsychologische
Konstanz, Aussageverhalten), der Persönlichkeitsanalyse und der
Fehlerquellen- bzw. der Motivationsanalyse sind gedankliche Arbeits- 22
schritte zur Beurteilung der Zuverlässigkeit einer Aussage. Sie sind Shaw/Porter „Construction Rich False Memories [...]“, zit. nach
nicht nur in einer [Hervorhebung durch den Verf.] Prüfungsstrategie http://pss.sagepub.com/content/26/3/291; vgl. auch Niehaus, „Zur
anzuwenden und verlangen keinen vom Einzelfall losgelösten, sche- Anwendbarkeit inhaltlicher Glaubhaftigkeitsmerkmale [...]: Simulati-
matischen Gutachtenaufbau (Fortführung BGH, 30. Juli 1999, 1 StR onsstudie mit Kindern als Verkehrsunfallopfer“, Frankfurt 2001, zit.
618/98, BGHSt 45, 164).“ BGH, Beschluss vom 30. Mai 2000 – 1 StR nach http://www.peterlang.com/detail/buch/21570/5/3/36940/.
23 BGH 2 StR , noch unter dem Vorsitz von Prof. Fischer.
582/99 –, juris.
20 Vgl. Kröber, FPPK 2015, 193: „[...] und die 5 % seines Handwerks 24 Schon seit BGH vom 08. März 1955 – 5 StR 49/55 –, BGHSt 7,
ausübt, die man Kunst nennen könnte.“ 238, ständig wiederholt, vgl. z. B. BGH, Entscheidung vom 26. April
21 Erinnert sei daran, dass keines der Realkennzeichen für sich genom- 1955 – 5 StR 86/55 –, BGHSt 8, 113–125 und BGH, Beschluss vom
men hinreichend validiert ist, um eine Aussage über die Glaubhaftig- 19. November 2014 – 4 StR 497/14 –, juris.
keit zuzulassen, und es gibt auch kein Rating oder Scoring, wie viel 25 Die Schlichtheit kann man schon erkennen, wenn man bei Wikipe-

Realkennzeichen mit welcher Güte vorliegen müssen, um die Aussage dia – wo es oft gar nicht schlicht zugeht – das Stichwort „Nullhypothe-
als insoweit glaubhaft zu qualifizieren. se“ aufruft.

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Scheinerinnerungen und „false memory“ – aktuelle rechtliche Fragen an die Aussagepsychologie 141

Gutachten über Erwachsene ohnehin nur sehr begrenzt 4. Welche Bedeutung hat die Erkenntnis der Gedächtnis-
sinnvoll sind, insbesondere was die Prüfung der Lügen- forschung, dass Erinnerungen immer neu abgespeichert
hypothese anlangt, ist zu fragen, werden, wenn sie hervorgerufen worden sind, also die
ob und in welchem Umfang die Nullhypothese überhaupt alte Erinnerung überschreiben, sodass sie nicht mehr
geeignet ist, wissenschaftliche Aussagen über die Anga- vorhanden ist? Unter welchen Umständen kann es dann
ben von Erwachsenen (über lange zurückliegende Ereig- überhaupt – ohne Rückgriff auf objektive Beweismittel –
nisse) zu treffen. unverfälschte Erinnerungen geben?
2. Erkenntnismittel der (Aussage-)Psychologie sind die Er- 5. Ist es wissenschaftlich vertretbar, trotz des Verdachts ei-
fahrungen, die in Laborversuchen und in analytischen ner (teilweisen) Scheinerinnerung die anderen Prüfungs-
Feldstudien gewonnen werden. fragen der Aussagepsychologie heranzuziehen, um zu ei-
Gibt es hinreichende [!] Untersuchungen zu Scheinerin- ner Beurteilung der Erlebnisbasiertheit zu gelangen?
nerungen von Erwachsenen (außer der jüngst publizier-
ten Studie von Shaw und Potter, welche die Autoren als Insbesondere: Kommt dabei v. a. der Aussagegenese eine
die erste ihrer Art bezeichnen)? besondere Bedeutung zu? Muss die Konstanz oder Inkon-
stanz einer Aussage neu bewertet werden? Kann aus der
Qualität der Realkennzeichen doch etwas gewonnen wer-
Insbesondere Gibt es vergleichende Untersuchungen über den?
Aussagen, die Zur letzten Frage kann ein aktueller Beschluss des BGH
angeführt werden, in dem er die „sachverständig berate-
a) als Scheinerinnerungen verdächtig waren, sich dann aber
ne“ Beweisführung des Tatgerichts gebilligt hat; was in der
als echte Erinnerungen erwiesen haben (z. B. durch ob-
Entscheidung des BGH nicht ausgeführt wird, ist die Art
jektive Beweise oder durch ein Geständnis des Täters),
dieser Beweisführung: Die aussagepsychologische Sachver-
mit Angaben, die ständige hatte nämlich eine Subhypothese nicht widerlegen
können und die Aussage gleichwohl als glaubhaft bewer-
b) sich tatsächlich als Scheinerinnerungen erwiesen haben,
tet. Möglicherweise öffnet sich hier eine rechtliche Türe zu
sowie Untersuchungen von Angaben, die einer differenzierteren, auch die Besonderheiten der Aus-
sage von Erwachsenen über einen in der Kindheit erlebten
c) zunächst nicht als Scheinerinnerungen verdächtig waren,
Missbrauch berücksichtigenden Umgang mit der Nullhy-
sich dann aber als solche erwiesen haben (z. B. durch ob-
pothese. In ihrer starren und rigiden Ausprägung dürfte sie
jektive Beweise oder durch Erklärung des scheinbaren
den durch die eingangs genannten Umstände veränderten
Opfers),
heutigen Anforderungen an die Beurteilung eines Aussa-
mit Angaben, die ge nicht mehr in vollem Umfang gerecht werden und damit
mit dem gleichwohl erhobenen Anspruch der Wissenschaft-
d) sich auch im Weiteren nicht als Scheinerinnerungen er-
lichkeit letztlich die freie Beweiswürdigung des Gerichts im
wiesen haben.
Sinne von § 261 StPO unzulässig einschränken.
Wenn es solche Untersuchungen gibt: Wie ist das genaue Interessenkonflikt T. Wolf gibt an, dass kein Interessenkonflikt be-
Design: Anzahl, Alter, Geschlecht, Bildungsstand usw. der steht.
Probanden, wie die genaue Versuchsbeschreibung.
3. Ist es geboten, in den fraglichen Fällen die rigorose Ver-
werfung einer (auch nur teilweise) der Scheinerinnerung
verdächtigen Aussage infrage zu stellen?

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