Sie sind auf Seite 1von 36

turkritik bestimmende Frage nach einer Alternative zum bürgerlichen von Tolstoi und Dostojewski dazu in ihrer Eigenart

genart zu verstehen und


Individualismus seiner Zeit. Seine Aufmerksamkeit richtete sich dabei, Ihre Sicht eines neuen Menschen und der neuen Gesellschaft zu vermit­
wie seine Buchkritiken aus jener Zeit belegen, ebenso sehr auf die Ar­ teln. "Um es kurz zu sagen", faßt Lukacs sein Urteil über diesen russi­
beiter, von denen er freilich recht wenig erwartete, wie vor allem auf lehen Dichter zusammen,
die russische Kultur, an der er vor allem die Unterschiede zum Westen
betont sehen will. Anläßlich seiner Auseinandersetzung mit Hans "die Enttäuschung, die die europäischen Leser an Solovjeff unbedingt erleben
werden, ist, daß man bei ihm eine philosophische, gedanklich-visionäre Gegen­
Staudingers Buch über "Individuum und Gemeinschaft in der Kultur­ ständlichkeit, die der dichterischen Tolstojs und Dostojewskys entspricht und
organisation des Vereins" (1913) weist er darauf hin, auch er hege die sie ergänzt, erwartet, aber kaum mehr als einen edlen und feinen Eklektizismus
Hoffnung, daß die wirtschaftliche Organik und Synthese der Arbeiter­ antiker und moderner idealistischer Philosophien findet. " 42
welt "zu einer kulturellen Synthese, zu einer neuen Herrschaft des All­
gemeinen über das Persönliche, der Bindung über die Freiheit" führen Diese Konfrontation von Ost und West gesehen als Gegensatz von In­
möchte, eine Hoffnung freilich, für deren Verwirklichung bei der dividualismus und Gemeinschaftsdenken, von alten und neuen Men­
"Kulturferne und Unfähigkeit zur Kultur in der Arbeiterwelt" wenig schen, von Vergangenheit und Zukunft sollte die eher als Kultur- denn
Aussicht bestehe. 39 Diese Kulturform, in der ..das Allgemeine über als Literaturkritik aufgefaßte Arbeit Lukacs: über das Werk von Do­
das Persönliche und die Bindung über die Freiheit" herrschte, hoffte stojewski leisten.
er eher bei Dostojewski und in der östlichen Tradition zu finden, in der
er eine Alternative zu den westlichen Lebensformen zu finden meinte.
Das Verlangen nach dieser Alternative wird in seinem Urteil über die 2. »DIE THEORIE DES ROMANS«
Werke von Masaryk und Solovjeff deutlich, an denen er rügt, daß sie
die Eigentümlichkeiten und den Gegensatz der russischen Tradition 2.1. Methodik
zur westlichen nicht genügend betonten. Zwar gesteht er Th.G. Masa­ Zur Bewältigung seines großen Themas benutzte Lukacs eine Metho­
ryks zweibändigem Werk "Zur russischen Geschichts- und Religions­ de, die auf seiner "Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas"
philosophie" (1913) zu, daß es große Materialfülle biete, kritisiert aufbaute. Wie diese das neue Drama, das kommen sollte, suchte, so
aber, daß es seiner ganzen Anlage gemäß den charakteristischen Er­ diese Arbeit die neue Form des Romans. Beide Arbeiten stimmten in
scheinungen der russischen Kultur des 19. Jahrhunderts wie der Span­ ihrer Zukunftsbezogenheit überein und darin, daß sie die Moderne an
nung zwischen "Atheismus und Orthodoxie, Terrorismus und Auto­ der geschlossenen Kultur der Antike und des Mittelalters maßen. Der
kratie" nicht gerecht werde 40 und damit keinen tieferen Einblick in Unterschied zwischen beiden Werken bestand darin, daß die "Theorie
das russische Geistesleben geben könne. Noch schärfer geht Lukacs des Romans" *, das, was die "Entwicklungsgeschichte" über diese bei­
mit Wladimir Solovjeff ins Gericht, dessen Ansichten den seinigen völ­
lig entgegenstanden. Solovjeffs Bestreben war es gewesen, in seinen * Von der Kritik ist "Die Theorie des Romans", an die sich der Ruhm des jungen Lu­
Werken die Gemeinsamkeiten zwischen östlichen und westlichen Tra­ kacs heftete, besser aufgenommen worden als die Essaysammlung "Die Seele und die
Formen". Obwohl es an kritischem Widerspruch nicht fehlt, überwiegt das Lob.
ditionen herauszuarbeiten, während Lukacs deren Konfrontation Weisen die Befürworter dieses Werks auf dessen Tiefe der kunstphilosophischen und
wünscht. Dementsprechend ist auch seine Stellungnahme zu Solovjeffs dichtungstheoretischen Einsicht hin, so bemängeln die Gegner dessen Schematismus
Werk "Die Rechtfertigung des Guten" (1916) entschieden negativ. 41 und die Enge des vorgebrachten Konzepts.
Wie Masaryk vor ihm wird nach Lukacs' Urteil Solovjeff der Aufgabe So macht Günther Weydt in seinem Beitrag zum "Deutschen Roman von der Renais­
sance bis zu Goethes Tod" in der "Deutschen Philologie im Aufriß" (Bd. 11, 2.
nicht gerecht, das russische Geistesleben und insbesondere die Beiträge Auft., Berlin 1966, Spalte 1221) geltend, dieser Versuch bringe "die Gefahr der Ver­

166 167
den Perioden in Andeutungen enthielt, nun zu einem vollständigen dafür die Stellung des griechischen Epos in der "Theorie des Romans" anführt (S.
4(0).

Weltmodell ausbaute. War die "Theorie des Romans" auf der einen Günter Rohrmosers Urteil, Lukacs' Romantheorie sei "in der ästhetischen Diskus­

Seite skizzenhafter und weniger materialreich als die "Entwicklungsge­ sion fast folgenlos geblieben" (S. 396), wird schwer haltbar, wenn die Kritiker be­

schichte", so war sie auf der anderen Seite deutlicher in der Ausarbei­ rücksichtigt werden, die Lukacs' Beitrag aufgeschlossen gegenüberstanden und die

tung von Lukacs' Auffassung der vom bürgerlichen Individualismus Theoretiker zu Worte kommen, die versuchen, dessen Gedanken zur Grundlage ei­

gener Theorien zu machen. Kar! Mannheim, Mitarbeiter des von Lukäcs mitgetrage­
geprägten Gegenwart als einer Epoche zwischen einer vergangenen und nen "Sonntagskreises" in Budapest, eröffnet mit seiner 1920 erschienenen Bespre­
einer kommenden Kultur der Gemeinschaft und der Geschlossenheit. chung von Lukacs' Arbeit (wieder abgedruckt in Mannheims "Wissenssoziologie" ,
In der "Entwicklungsgeschichte" hatte er das Kommen einer solchen Neuwied 1970, S. 85-90) die lange Reihe der Bewunderer von Lukacs' Werk, wenn
er ihm nachrühmt, "mit Hilfe einer überraschenden Interpretationsfähigkeit" gelin­
neuen Zeit in der Stilbewegung der Jahrhundertwende und insbesonde­ ge es ihm "das Wesentlichste und Tiefste einer Kunstforrn und des Geistes, aus dem
re dem Neuklassizismus eines Paul Ernst geglaubt erkennen zu kön­ sie entsprungen" sein müsse, zu erfassen (S. 90). Mannheim wird in diesem Urteil
nen. Seit der "Theorie des Romans" hatte er diese Hoffnung aufgege­ unterstützt von Siegfried Kracauer und Franz H. Staerk. Kracauer in seiner Bespre­
ben. Nicht mehr vom Westen erwartete er eine Erneuerung, sondern chung in den "Neuen Blättern für Kunst und Literatur" (vom 4. Okt. 1921, S. 1-5)
nennt Lukacs' Werk "eine so innerlich durchglühte und tiefgegründete philosophi­
vom Osten. Nicht mehr die Neuklassiker, deren Zeit 1915 ohnedies zu sche Leistung, daß sich ihr in unserer Zeit schwerlich etwas Ähnliches zur Seite stei­
Ende ging, wiesen für ihn in die Zukunft, sondern Dostojewski. len" lasse (S. 4). Staerk im "Neuen Merkur" (5. Jg., 1922, S. 840-843) nennt Lu­
kacs' Arbeit "eine der bedeutendsten philosophischen Taten der Gegenwart" (S.
allgemeinerung und der Konstruktion nach zu weit auseinanderliegenden Beispielen" 842). Walter Benjamin, ein Dutzend Jahre später, findet in Lukacs' Theorie den
mit sich "und verabsolutiere in seinem Bild von der Antike und vom Mittelalter de­ wichtigsten Aufschluß über die Funktion der Zeit im Roman (Gesammelte Schriften,
ren geschlossene Weltanschauung". Peter Demetz in seiner Arbeit über "Marx, En­ Frankfurt, 1977, Bd. Il, 2, S. 454). Theodor W. Adorno bestätigt 1958 in dem Auf­
gels und die Dichter" (Stuttgart 1959) weist darauf hin, daß Lukacs' kritisches Mo­ satz "Erpreßte Versöhnung" über Lukacs' Abhandlung" Wider den mißverstanden
dell "völlig auf philosophisch-inhaltlichen Kriterien gegründet" sei und spezifisch li­ Realismus" (in "Noten zur Literatur", Bd. Il, Frankfurt 1965, S. 152-187) seinem
terarische Maßstäbe mißachte (S. 265). Ähnlich urteilt Jürgen von Kempski, der in damaligen Gegner, die "Theorie des Romans" habe "durch Tiefe und Elan der Kon­
seinem Essay-Band "Brechungen" (Reinbek 1964) meint, daß aus "dem geschichts­ zeption ebenso wie durch die nach damaligen Begriffen außerordentliche Dichte und
philosophischen Ansatz des Versuches" sich schwerlich eine Literaturästhetik gewin­ Intensität der Darstellung einen Maßstab philosophischer Ästhetik aufgerichtet, der
nen ließe (S. 193) und zudem rügt, daß "die geschichtsphilosphische Konstruk­ seitdem nicht wieder verloren ward" (S. 152). Bruno Hillebrand in seiner ausgreifen­
tion", die Lukacs "zugrunde" lege nicht wirklich durchgeführt werde (S. 192). Wil­ den, von Heliodor bis Handke reichenden"Theorie des Romans" (2 Bände, Mün­
helm Voßkamp in seiner aufschlußreichen Abhandlung über "Methoden und Pro­ chen 1972) bezeichnet Lukacs' Arbeit einfach als "genial" (II , S. 89); Rolf-Peter
bleme der Romansoziologie" (erschienen im "Internationalen Archiv für Sozialge­ Janz in seiner aufschlußreichen Abhandlung über Lukacs' Beitrag zur Romantheo­
schichte der deutschen Literatur", 1978, S. 9-12) wendet gegen Lukacs' Werk ein, rie (im "Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft" 1978, S. 674-699), findet dar­
es verenge in der Tradition des deutschen Bildungsromans und ihrer HegeIschen In­ in "Einsichten und Fragen formuliert, die durch neue literaturtheoretische Arbeiten
terpretation "den Roman vornehmlich auf das biographisch-dualistische Muster in erst zum Teil aufgegriffen und noch nicht überholt sind" (S. 698).
der Darstellung von Individuum und Gesellschaft" (S. 11). Einen neuen Gesichts­ Die ungebrochene inspiratorische und aufschließende Kraft von Lukacs' früher Ar­
punkt für die kritische Beurteilung von Lukacs' Arbeit bringt Peter Furth in seiner beit über den Roman hat Manfred Durzak in seinem "Gespräch über den Roman"
Besprechung der Neuauflage ("Argument", Heft 26, Juli 1963, S. 49-52), wenn er, (Frankfurt 1976) dargetan, der die von Lukacs entwickelten Prinzipien auf die Ge­
darüber vom marxistischen Standpunkt aus richtend, darauf hinweist, "wie fern die schichte des deutschen Romans des 20. Jahrhunderts anwendet und zu dem Schluß
ästhetisch motivierten Vorbehalte gegenüber der Gesellschaft", die in der"Theorie kommt, daß bei allen methodischen Zweifeln, die Lukacs selbst gegen seine Abhand­
des Romans" ihren Begriff fänden, einer Kritik seien, die sich als Mittel zu einer ge­ lung gehabt habe, dessen Analyse von der Geschichte des neueren Romans gegen sei­
sellschaftlichen Veränderung begreife (S. 52). Was Demetz und Furth nur andeuten, nen eigenen Willen bestätigt worden sei (S. 31). Für Luden Goldmann in seinen
spricht Günther Rohrmoser in seiner Abhandlung über "Literatur und Gesellschaft" "Dialektischen Untersuchungen" (Neuwied 1966, S. 283-313) wird Lukacs' Beitrag
(veröffentlicht in "Deutsche Romantheorien" , herausgegeben von R. Grimm, mit seiner Parallelführung von gesellschaftlicher und literarischer Entwicklung zur
Frankfurt 1968, S. 396-411) unumwunden aus, wenn er von der "reaktionären Ten­ Bestätigung der von ihm angestrebten Theorie einer Homologie von wirtschaftlicher
denz der Lukacs'schen Ästhetik" spricht, die sich für ihn in dem Bestreben aus­ und literarischer Ausdrucksform (S. 298). Das Werk seines einstigen Lehrers wird
drückt, "eine an traditionaler Kunst abgelesene Form zum Kanon zu erheben", und für Ferenc Feher unter dem Gesichtspunkt, ob "der Roman eine problematische

168 169
2.1.1 Geschichtskonzepte achritt von Bewußtsein, Selbstbewußtsein und Vernunft mit dem Ge­
Ichichtskonzept des geplanten Dostojewski-Werks, zu dem die "Theo­
Die Methode, die Lukacs zur Darstellung seines Bildes von Dostojews­ rie des Romans" die Einleitung darstellte, nur sehr schwer zu vereinen
ki verwandte, ergab sich aus der Tradition, aus der er kam, wie aus der war. Auch von Fichtes Vorstellung der geschichtsphilosophischen Ent­
"geisteswissenschaftlichen Richtung", der er sich in Deutschland ange­ wicklung von der Herrschaft des Instinkts zu der der Vernunft über die
schlossen hatte. Sie verstand sich, vor allem für Lukacs, nicht von Zwischenstufe der "vollendeten Sündhaftigkeit"46 ließ sich höchstens
selbst. Für ihn als Verfasser der "Heidelberger Philosophie der dieser Begriff, wie Lukacs das tat, zur Beschreibung der bürgerlichen
Kunst", wäre eine auf die Analyse der Werk struktur, deren Grundzü­
Gegenwart anwenden.
ge er in seinem theoretischen Werk erarbeitet hatte, gerichtete Arbeit Nicht fugenlos, aber doch mit weit geringeren Schwierigkeiten als
mindestens nicht undenkbar gewesen. Wenn Lukacs auf diese Metho­ die Konzepte von Fichte und Hegel ließen sich die Kategorien, die
de verzichtete, deren Fruchtbarkeit anderthalb Jahrzehnte später Mi­ Kierkegaard in "Entweder - Oder" (1843) und in seinen "Stadien auf
chail Bachtin 43 dargetan hat, und die erprobtere geisteswissenschaftli­ dem Lebenswege" (1845) entwickelt hatte, auf Lukacs' Arbeit anwen­
che verwandte, so gab er ein frühes Beispiel, für seine spätere an ihm den. Kierkegaard hatte in diesem Werk drei Stufen, die ästhetische, die
so oft kritisierte Neigung, das bewährte Alte dem unerprobten Neuen ethische und die religiöse unterschieden. Diese "Stadien" waren als
vorzuziehen. Konzepte persönlicher Lebensgestaltung gedacht. Lukacs macht dar­
In seinen Lebensrückblicken hat Lukacs verschiedene Hinweise ge­ aus, Kierkegaards Absicht entgegen, drei Stufen eines weltgeschichtli­
geben, wie die geschichtsphilosophische Perspektive zustande gekom­ chen Prozesses. Die Zeit der Antike und des Mittelalters, das Zeitalter
men sei, die er seinem Buch zugrunde legte. So macht er in seiner auto­ des Epos, erscheint in seinem Essay als die Zeit, in der Ästhetik und
biographischen Schrift "Mein Weg zu Marx" aus dem Jahre 1933 auf Metaphysik eins waren (TR 28,32). Die Zeit der Moderne, die des Ro­
die "Phänomenologie des Geistes" aufmerksam, die zur Zeit der Ab­ mans, ist für Lukäcs, wie es dem zweiten von Kierkegaards Stadien
fassung der "Theorie des Romans" eine wachsende Bedeutung für ihn entspricht, eine Welt des Sollens, in der "die Ethik, die Gesinnung im
gehabt hatte. 44 Sein Lebensabriß "Gelebtes Denken" aus den Jahren Gestalten jeder Einzelheit (der Dichtung, E.K.) sichtbar" wird (TR 70
1969/71 stellt dagegen Fichte ins Zentrum und nimmt damit den Hin­ f., 43). Auch die dritte Stufe von Lukacs' Geschichtskonstruktion, sie
weis auf, den er in seiner Einleitung zur Neuausgabe der "Theorie des ganz besonders, entspricht dem Kierkegaardschen Schema. Lukäcs,
Romans" 1962 gemachte hatte. Neben Fichte hatte er damals Kierke­ der schon in seiner Analyse von Paul Ernsts Werk "Ariadne auf Na­
gaard gestellt und von einem "Kierkegaardisieren der HegeIschen Ge­ xos" von der Möglichkeit eines "kommenden Gottes" 47 und mit ihm
schichtsdialektik" gesprochen (TR 13), einer "eklektischen Geschichts­ eines neuen Zeitalters des Glaubens gesprochen hatte, spart auch in
philosophie" 45 mit der Vermischung sich widerstrebender Konzepte. seiner "Theorie des Romans" nicht mit Hinweisen auf einen neuen
Prüft man diese Urteile im einzelnen nach, so erweist es sich, daß Äon des Glaubens; so spricht etwa die Ironie, die die Zeit der Gegen­
der Hegels "Phänomenologie des Geistes" zugrunde liegende Drei- wart für ihn kennzeichnet, "ahnend und unausgesprochen von vergan­
genen und kommenden Göttern" (TR 92). Die Skizze zu dem Buch
Gattung" sei (in: Lukacs, Heller, Feber u.a. "Individuum und Praxis", Frankfurt über Dostojewski, zu der die "Theorie des Romans" die Einleitung
1975, S. 147-190) zum Ausgangspunkt einer eigenen Theorie des Romans, in deren
Mittelpunkt nicht der problematische Mensch, sondern der der "alternativen Wahl" hätte darstellen sollen, sieht das Dunkel der "Welt ohne Gott" abge­
(S. 178) steht und die im Unterschied zu der des Meisters auf die Vision eines neuen
löst durch "das kommende Licht" eines neuen Glaubens. 48
Menschen jenseits der Bürgerlichkeit verzichtet.
Der Umstand, daß Kierkegaards System besser Lukacs' Anordnung
Lukacs' frühes Werk, fern davon wirkungslos zu sein, scheint mehr als 60 Jahre

nach seinem ersten Erscheinen seine anregende Kraft erst recht zu entfalten.

des Materials zu seinem Werk entspricht als die beiden anderen, sollte

170 171
nicht darüber hinwegtäuschen, daß auch im Verhältnis zu ihm schwer­ er sich eingehend befaßt hatte. Hinter den Mustern des Idealismus, die
wiegende Unterschiede zu verzeichnen sind. Kierkegaards Stadien Lukacs uns zur Erklärung seines Geschichtsbildes anbietet, erscheint
standen gleichberechtigt nebeneinander als Stufen in einer kontinuier­ das neuplatonische Weltschema als das grundlegende Modell, auf dem
lichen Entwicklung zu dem als Ideal angesehenen religiösen Stadium. er seinen Geschichtsentwurf aufbaut.
Dieses Konzept einer allmählichen Höherentwicklung der drei Stadien
entspricht nicht dem von Lukäcs. Nicht das Prinzip der Steigerung
liegt dem Bild der Weltgeschichte, das er in seiner "Theorie des Ro­
mans" skizziert, zugrunde, sondern vielmehr das von Fall und Wieder­ 2.1.2 Konservative Kritik
aufstieg. Das Zeitalter der Griechen erscheint als eine begnadete WeIt, Von den drei Stufen des geschichtsphilosophischen Modells, das Lu­
in der "alles Tun der Seele sinnvoll und rund" ist (TR 22); die Moderne käcs dem geplanten Werk über Dostojewski zugrunde legte, werden
wird gezeichnet als gottverlassene Weit, und das letzte Stadium dieses nur die beiden ersten schärfer ausgezogen, während die dritte Skizze
Geschiehtsprozesses wird dargestellt als die utopisch gesehene Welt ei­ bleibt: Der Vergleich zwischen Antike und Moderne wird zur Grundla­
nes "kommenden Gottes" (TR 92). Der Sturz aus der Geborgenheit ge von Lukacs' einleitender Studie über den Roman.
des ersten in die Lebensfremde des zweiten Stadiums wird deutlich in Um diese beiden als Beispiele von offenen und geschlossenen Kultu­
der Verwendung des von Lukacs häufig gebrauchten Bildes des Weges. ren verstandenen Geschichtsperioden zu kennzeichnen, benutzt Lu­
Lukacs hatte dieses Bild schon in der "Ästhetischen Kultur" zur Be­ käcs zwei sich ergänzende Methoden. Er greift zurück auf die seit dem
zeichnung des wesentlichen Lebens gebraucht, dessen eines Charakte­ 17. Jahrhundert zur Tradition gewordene Abgrenzung der Moderne
ristikum für ihn war, daß man von einem Punkte her kam und auf ein gegenüber der Antike, und er stellt diesen Gegensatz dar am Beispiel
Ziel hin ging. Jetzt in der "Theorie des Romans" bezeichnete er die der Geschichte der Epik.
Welt der Griechen als eine von "gangbaren und zu gehenden Wegen" Die konservative Neigung von Lukäcs, die schon bei seiner Wahl
(TR 22, auch 23 u.ö.). Von Wegen, die manchmal weit, ja unendlich der geisteswissenschaftlichen Methode für seine Analyse von Dosto­
sein mochten, aber sich nie in Abgründe verloren (TR 26). Diese Ge­ jewskis Werk hervortrat, zeigt sich noch deutlicher, wenn er die tradi­
bahntheit gilt auch für die erhoffte und ersehnte neue WeIt nach der tionelle Methode, die Antike mit der Moderne zu vergleichen, in der
Moderne, wo jeder "zum Heile kommen" kann. 49 Die zwischen diesen Weise gebraucht, daß alles Licht auf die Antike und aller Schatten auf
beiden Zeiten liegende Moderne erscheint dagegen in Lukäcs' Be­ die Moderne fällt. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich deutlich von
schreibung als eine Epoche, in der es "keinen Weg" mehr gab (TR 90), seinen Vorgängern, Perrault im 17. und Friedrich Schlegel im 18. Jahr­
"weder Ziele noch Wege unmittelbar gegeben" waren (TR 58). hundert. Beide, Perrault und Schlegel, hatten beim Vergleich zwischen
Das diesem Geschichtsentwurf zugrundeliegende Prinzip ist nicht der Antike und der Moderne, Perrault geradezu, Schlegel gerade noch,
das einer kontinuierlichen Höherentwicklung, wie das die Theorien der Moderne den Vorzug gegeben. Im Gegensatz zu diesen bei den Kri­
von Fichte und Hegel oder auch die von Lukacs zu einer Geschichts­ tikern vertritt Lukäcs in Übereinstimmung mit Sorel, unter dessen Ein­
philosophie erhobene Dreistadienlehre Kierkegaards nahegelegt hatte. fluß, eigenem Bekenntnis zufolge, er damals stand (TR 13), eine anti­
Viel eher als diesen idealistischen Vorstellungen entspricht das von Lu­ modernistische Position. Wie Sorel in seinem 1908 erschienenen Werk
kacs vorgetragene Geschichtsbild des Sturzes aus der Geborgenheit in über "Die Illusionen des Fortschritts" die Moderne als eine Welt des
die Entfremdung und deren Wiedergewinnung, dem Konzept das Plo­ Verfalls zeichnete, als dessen Beginn er den Streit über Perraults Mani­
tins Weltentwurf zugrunde lag, dem Denker, über den er einst ein fest über die "Parallele des anciens et des modernes" (1688) ansah 50,
Buch hatte schreiben wollen und mit dessen christlichen Nachfolgern so zeichnete auch Lukacs die Moderne als Geschichte eines fortschrei­

172 173
tenden Verfalls vom 17. bis in das 20. Jahrhundert. Wie Sorel sah er in 2.2 Weltbild 1915
diesem Prozeß des Verfalls einen Wendepunkt zum Schlimmeren in
die Darstellung seines Bildes von Antike und Moderne greift Lu­
der Mitte des 19. Jahrhunderts. Radikaler noch als der Franzose ver­
auf die deutsche klassische Tradition zurück, wie er das schon für
mochte er zudem auch in den Leistungen, die das Bürgertum vor dieser
Charakterisierung von Epos und Drama getan hatte, die ihre
Wende vollbracht hatte, keine zu erkennen, die ihr hätten steuern kön­
aus der "Ästhetik" Hegels nicht verleugnet.
nen. Das konnten auch die Beiträge von Goethe und Keller nicht tun.
"Die westeuropäische Kultur" wurzelt nach Lukacs' damaliger An­
sicht "so stark in der Unentrinnbarkeit der sie aufbauenden Gebilde"
(TR 149), daß ihm deren endgültiger Verfall unabwendbar erschien. 2.2.1 Welten des Glaubens
Wenn der ungarische Kritiker Ferenc Lendvai auf Grund solcher The­ zeigt sich besonders deutlich in dem Bild der Antike, das Lukacs
sen Ähnlichkeiten zwischen Lukacs und Spengler sieht 51, so ist seine .twirft. Für dieses hat, wie Willy Michel dargetan hat 52, das auf Har­
Auffassung nicht ganz von der Hand zu weisen. monie ausgerichtete Griechenbild von Friedrich Schlegels Abhandlung
Neben dem Rückgriff auf die traditionellen Formeln zur Kenn­ I,Ueber das Studium der griechischen Poesie" (1795) ebenso Pate ge­
zeichnung des Gegensatzes von Antike und Moderne zeigt Lukacs die­ ".tanden wie Schillers Konzept der Griechen als "einer naiven und geist­
sen auch an der Geschichte der Epik auf. Seiner Meinung nach ent­ reichen Jugendwelt" 53, wie vor allem Hegels Auffassung der griechi­
sprechen den beiden Geschichtsepochen besondere epische Formen. schen Welt als einer Epoche, in der das Individuum seine "eigene Frei­
"Die große Epik gestaltet die extensive Totalität des Lebens", stellt die heit nur in den allgemeinen Zwecken des Ganzen" gesucht habe, wie er
"Theorie des Romans" fest. "Für sie ist die jeweilige Gegebenheit der In seiner "Ästhetik" schrieb 54. Lukacs' Darstellung des, nach Kierke­
Welt ein letztes Prinzip, sie ist in ihrem entscheidenden und alles be­ aaards Schema, "ästhetischen Stadiums" der Weltgeschichte stützt
stimmenden transzendentalen Grunde empirisch ... " (TR 41) Da sie sich vor allem auf die ästhetischen Schriften der deutschen Klassiker
empirisch verfährt, zeigt sie, so Lukacs' Schlußfolgerung, die Verän­ und Romantiker. Auf deren Grundlage entstand ein Geschichtsbild, in
derungen der Wirklichkeit direkter auf als etwa das Drama, das "aus dem Lukacs vierzig Jahre nach Nietzsches Hinweisen auf den die grie­
der Form heraus" (TR 41) gestaltet. Kann das formgebundene Drama chische Kultur beherrschenden Pessimismus 55 die Welt der Griechen
den Hiatus zwischen Antike und Moderne überspringen und, verwan­ als eine der Geborgenheit und ihr Zeitalter als eines zeichnet, in dem
delt zwar, aber in der Essenz erhalten (TR 44), fortdauern, so ist das "die Welt weit und doch wie das eigene Haus" gewesen sei (TR 22).
bei der Epik nicht der Fall. Die Epik, die "Leben, Immanenz, Empi­ Mehr als ein Menschenalter nach Nietzsches These, daß die griechische
rie" (TR 50) ist, bildet für die beiden großen Epochen der Literaturge­ Kultur aus dem Leiden an der "Individuation" und dem Versuch zu
schichte, die "Die Theorie des Romans" ins Auge faßt, zwei verschie­ deren Überwindung im dionysischen Rausch oder ihrer Verklärung im
dene Formen der Darstellung aus, das Epos und den Roman. Denn apollinischen Glanz entstanden sei, trägt Lukilcs seine Lehre vom
"Epopöe und Roman, die beiden Objektivationen der großen Epik", Griechentum als einer Welt vor, in der der Mensch der urbildlichen
so Lukäcs, "trennen sich nicht nach den gestaltenden Gesinnungen, Heimat näher und verwandter gewesen sei, das Bild des Griechentums
sondern nach den geschichtsphilosophischen Gegebenheiten, die sie als einer homogenen Gemeinschaft, der die Ethik des Individualismus
zur Gestaltung vorfinden" (TR 53). Das Epos entspricht den geschlos­ fremd (TR 65) gewesen sei und für die "Liebe, Familie, Staat" die Sub­
senen Kulturen der Antike und des Mittelalters, der Roman der offe­ stanz des Lebens gebildet habe (TR 26).
nen der Moderne. Von seinen klassischen und romantischen Vorgängern unterschei­
det sich Lukacs nur in der Bewertung des Mittelalters. Ungleich HegeI,

174 175
der an dieser Periode den "grässlichen Eigensinn des Fanatismus" 56 ianszendentalen Obdachlosigkeit heraufdämmern sieht und als dessen
rügte und ungleich Friedrich Schlegel, der in der Kunstproduktion die­ lIIIdeutendster Vorläufer ihm das Werk Dostojewskis erscheint.
ses "eisernen Zeitalters" 57 den Anfang der Moderne sah, sieht Lukacs
in der Kirche als der beherrschenden Institution dieser Zeit eine "neue *
Polis" (TR 31), "ein neues, paradoxes Griechentum". In ihr, meint er.
sei die Welt "wieder rund, übersichtlich und zur Totalität" geworden heilen Welt ist das Epos zugeordnet. Für Lukacs ist es in diesen
(TR 31). Es ist die Welt des Mittelalters als die Welt des Glaubens, der Epochen der Antike und des Mittelalters repräsentiert durch die
"wahren Religion", wie er sie in der "Ästhetischen Kultur" (S. 20), die ,"Werke Homers und Dantes, in denen allein er die "geschlossene Le­
strenge Weit der Synthese des mittelalterlichen Katholizismus, wie er f,benstotalität" findet, die das Epos ausmacht (TR 57). In ihnen sieht er
sie in der "Entwicklungsgeschichte" (S. 358) als Ideal präsentiert hat­ 'leiner Überzeugung gemäß, daß jedes große Werk "die einzige bedeu­
te, die er in der "Theorie des Romans" aufgreift. Er legt sie in einer tende Objektivation seines Typus" bleibe (TR 104), die beiden exem­
Form dar, die nicht allzuweit von den Vorstellungen entfernt war, die plarisch künstlerischen Ausprägungen ihres Zeitalters.
Novalis in seinem Essay über "Die Christenheit oder Europa" (1799) In der Auswahl wie im Verständnis dieser Werke läßt er sich dabei
entwickelt hatte. von der klassischen idealistischen Tradition leiten. Wie Hegel vor ihm
Den so zurechtstilisierten Perioden von Antike und Mittelalter ent­ schließt er die Beiträge des Mittelalters, wie sie vom Dichter des Nibe­
spricht ihr Heldentyp. Dieser wird von Lukacs als ein Mensch vorge­ lungenliedes, von Wolfram von Eschenbach und von Gottfried von
stellt, in dem sich "die Beziehung von objektiver und subjektiver Welt Straßburg geleistet wurden, vom Kanon der repräsentativen epischen
... adäquat im Gleichgewicht" hält (TR 97) und der realistisch die Werke aus. Hegel hatte das getan, weil diese Werke des "individuellen
Stärke der ihm gegenüberstehenden Außenwelt einzuschätzen versteht. Reichtums" wie der "wahrhaft lebendigen Anschaulichkeit" erman­
Der Held dieser Geschichtsepochen ist für Lukacs vor allem ein gläubi­ gelten. 58 Lukacs begründete seinen Ausschluß damit, daß die für das
ger Mensch. Epos notwendige "geschlossene Lebenstotalität" in ihnen höchstens
Er sieht die Überlegenheit der Umwelt ein, schreibt Lukacs über "eine brüchige oder ersehnte" sei und sich nicht zu weltumfassender
ihn, "er kann aber trotz dieser innersten Bescheidenheit am Ende doch Totalität weite. (TR 57)
triumphieren, denn seine an sich schwächere Kraft wird von der höch­ Kaum weniger traditionell als in der Auswahl ist Lukäcs in der kriti­
sten Macht der Welt zum Siege geführt" (TR 97). Von ihr und vor al­ schen Einordnung der als repräsentativ angesehenen Werke. Im Gefol­
lem vom Glauben des Helden an sie hängt sein Sieg ab. Lukacs: ge vo;n Schillers Beurteilung der griechischen Welt als einer, in der die
"Götter menschlicher" und die "Menschen göttlicher" gewesen sei­
"Achilles oder Odysseus, Dante oder Arjuna (der Held der Bhagavadgita, en 59 , wird die Welt Homers als eine beschrieben, die "die Allherr­
E.K.) - gerade weil sie auf ihren Wegen von Göttern geführt werden wis­ schaft der rein menschlichen Kategorie des Lebens sowohl die Men­
sen, daß diese Führung auch ausbleiben könnte; wissen, daß sie ohne solche schen wie die Götter" umfaßt habe (TR 102). Homer wird, wie Lukacs
Hilfe machtlos und hilflos übermächtigen Feinden gegenüberstehen werden."
(TR 97)
das formuliert, repräsentativ für eine Zeit, in der "das Transzendente
unlösbar in das irdische Dasein" verwoben gewesen sei. (TR 42)
Die Helden der Epen als Menschen dargestellt, die um der Aufgabe Der Tradition folgt Lukacs auch bei seiner Beurteilung von Dantes
willen, die zu lösen ihnen übertragen ist, des Glaubens und der göttli­ "Göttlicher Komödie". Friedrich Schlegel war das "kolossalische
chen Hilfe bedürfen, werden so zu Vorläufern der Heiligengestalten Werk" des Italieners als ;,erhabenes Phänomen in der trüben Nacht"
des neuen Zeitalters des Glaubens, das Lukacs jenseits der Epoche der eines eisernen Zeitalters erschienen 6Q; Hegel hatte es als "das eigentli­

176 177
che Kunstepos des christlichen, katholischen Mittelalters" 61 gerühmt. an seinem Werk schon dessen Nähe zur Zeit der transzendentalen Ob­
Lukäcs beschrieb es als eine Leistung, in der "die Welt wieder rund, dachlosigkeit, der Moderne, sichtbar wird.
übersichtlich und zur Totalität" geworden sei. (TR 31)* Was Dante Die Verwurze!ung Homers in der sinnvollen Welt der "Organik"
anging, so konnte sich Lukllcs zudem auf das neuerwachte Interesse des Griechentums wird von Lukllcs durch eine Parallele zwischen ihr
seiner Zeitgenossen an diesem Werke stützen. Stefan George hatte Tei­ und der "Organik" von dessen Werk plausibel zu machen versucht.
le von dessen großem Epos übersetzt. Die Präraffaeliten, deren Theo­ (TR 65) Die "Abenteuermasse" von Homers Epik wird als "ein Lebe­
rien Lukacs mit Aufmerksamkeit verfolgte (SF 36, 42), rühmten Dan­ wesen von innerlich unendlicher Lebensfülle" beschrieben, einer Le­
tes Epos als das für seine Zeit exemplarische Kunstwerk, das das ge­ bensfülle, die es ihr ermöglicht, sich beliebige Stoffmassen zu assimi­
schlossene Weltbild seiner Gegenwart in einem strengen Gefüge von lieren (TR 66). Homers Werk ist exemplarisch, weil sich an ihm die
Entsprechungen widerspiegelte 62 . Lukllcs sah in Dantes großem Werk "Gleichgültigkeit der wahrhaft epischen Gesinnung gegen jeden archi­
die Spiegelung einer Welt, in der wie bei Homer, die "Immanenz des tektonischen Aufbau" zeigen lasse (TR 66). Diese Gleichgültigkeit
Lebenssinnes" gegeben war, die im Unterschied zu diesem aber nicht fehlt dem Werk Dantes. Dessen Grenzstellung gegenüber dem Roman
im Diesseits, sondern im Jenseits gründete. Dantes Welt, schreibt Lu­ zeigt sich darin, daß es Elemente von ihm, zu denen Lukacs die Archi­
kacs, tektonik zählt, in sich aufnimmt. Die Beobachtung Friedrich Schle­
gels, der an Dantes Epos Eigenschaften des Romans entdeckte 63 , wird
"ist die vollendete Immanenz des Transzendenten. Der Abstand in der ge­
von Lukllcs benutzt, um den geschichtsphilosophischen Ort der "Divi­
wöhnlichen Welt des Lebens ist zur Unüberwindbarkeit gesteigert, aber jen­
seits dieser Welt findet jeder Verirrte seine auf ihn von Ewigkeit her wartende na Commedia" zu fixieren. "Dante ist das einzige große Beispiel", sagt
Heimat ... " (TR 56 Lukacs, "wo die Architektur über die Organik eindeutig siegt: deshalb
ein geschichts-philosophischer Übergang von der reinen Epopöe zum
In den Werken von Homer und Dante erblickt Lukacs zwei Weltbil­ Roman." (TR 66)
der, die beide das beinhalten, was er die Totalität des "Sinnes" nennt, Dokumente für geschlossene Kulturen sind für Lukacs die Beiträge
das eine gegründet in der Immanenz, das andere in der Transzendenz. Homers und Dantes. Das Werk des Italieners kündigt ihm aber auch
Originell wird Lukllcs' Beitrag über Homer und Dante dort, wo er schon das Kommen einer neuen Epoche, oder, wie er sich in seiner
deren Stelle im Rahmen seiner Geschichtsphilosophie bestimmt. In sei­ "Philosophie der Kunst" in Anlehnung an Kierkegaard ausdrückte, ei­
ner Abhandlung über die "Philosophie der Kunst" hatte es Lukacs zur nes neuen "Stadiums" der Weltgeschichte an.
Aufgabe des "Geschichtsphilosophen der Kunst" erklärt, "die histo­
risch-metahistorische Wesensart der wahrhaft kanonischen Werke" zu
erkennen und an ihnen den "geschichtsphilosophischen Sinn eines Sta­
diums, einer Epoche" abzulesen (PhK 230 f.). Hier lagen zwei Werke 2.2.2 Moderne
vor, mit denen dies getan werden konnte, und Lukacs ordnet sie ent­ Mit diesem auf das Geschichtsbild des beginnenden 19. Jahrhunderts
sprechend ein: Homer, indem er dessen Beitrag zum exemplarischen gestützten Konzept von Griechentum und Mittelalter schuf sich Lu­
Werk einer Zeit der Fülle macht, Dantes, indem er deutlich macht, daß kacs den Rahmen für seine Beurteilung der Moderne. Gegenüber den
• Lukacs erwähnt an dieser Stelle neben Dante Giotto und Pisano, in deren Werken auf Geschlossenheit und Geborgenheit hinstilisierten Epochen der An­
diese neue Totalität sich ausgedrückt habe, auch Wolfram; die Totalität von dessen tike und des Mittelalters erscheint Lukllcs die Moderne als Zeit der
Werken nennt er zwei Dutzend Seiten später "brüchig". (TR 57) An diesem Wider­ Entfremdung, in der sich ein Riß zwischen Mensch und Welt und
spruch wird eine der Schwierigkeiten erkennbar, die den Zugang zur "Theorie des
Romans" erschweren. Mensch und Menschen öffnet.

178 179
Antike und Mittelalter auf der einen und Moderne auf der anderen schen Individuen der Moderne dadurch, daß sie "Suchende" (TR 58)
Seite verhalten sich nach Lukacs' Schilderung wie Harmonie und Dis­ sind, Suchende nach Sinn und Suchende nach Selbsterkenntnis.
sonanz. An die Stelle von Naturverbundenheit, Sinnerfülltheit und na­
türlicher Sittlichkeit, wie sie den geschlossenen Kulturen eigen waren,
treten in der Moderne Individualismus, Zufall und Konvention. An die
Stelle der Einheit von Mensch und Gemeinschaft tritt der Widerstreit, 2.2.3 Der Roman und seine Struktur
der das Individuum auf sich selbst zurückwirft und die Innerlichkeit
schafft, die nach Lukäcs nur dann möglich ist, "wenn das Unterschei­ Dieser Weltperiode entspricht in Lukacs' Geschichtsphilosophie der
dende zwischen den Menschen zur unüberbrückbaren Kluft geworden Roman. Er ist der Ausdruck einer Welt, in der klar und eindeutig gege­
ist" (TR 64). Der Mensch selbst, zur Zeit der Antike problemlos und bene Ziele fehlen und die "Lebensimmanenz des Sinnes unrettbar"
ganz, erfährt sich als gespalten versunken ist, wie Lukacs das ausdrückt (TR 35). Der Roman ist, wie
Lukacs definiert, "die Epopöe eines Zeitalters, für das die extensive
"in eine Subjektivität als Innerlichkeit, die fremden Machtkomplexen gegen­
Totalität des Lebens nicht mehr sinnfällig gegeben ist, für das die Le­
übersteht und der fremden Welt die Inhalte ihrer Sehnsucht aufzuprägen be­
strebt ist, und in eine Subjektivität, die die Abstraktheit und mithin die Be­ bensimmanenz des Sinnes zum Problem geworden ist, und das den­
schränktheit der einander fremden Subjekts- und Objektswelten durchschaut noch die Gesinnung zur Totalität hat" (TR 53). Sein Thema ist die
... " (TR 73). Darstellung der "Wanderung des problematischen Individuums zu
Sinn und Weltorientierung, in der Antike, der Zeit der "homogenen sich selbst". die Schilderung seines"Weges von der trüben Befangen­
Welt" der gebahnten Wege (TR 26) vorgegeben, müssen jetzt gesucht heit in der einfach daseienden, in sich heterogenen, für das Individuum
werden. An die Stelle der kindlichen Geborgenheit geschlossener Kul­ sinnlosen Wirklichkeit zur klaren Selbsterkenntnis" (TR 79). Hatte
turen tritt die Sorge des Erwachsenseins in einer Welt, die des unmittel­ das Epos den Helden im Rahmen der Gemeinschaft gezeichnet und auf
baren Sinnes entbehrt. An die Stelle eines Lebens in der Gemeinschaft das Gesellschaftliche gezielt, so ist der Roman auf das Individuum aus­
von "Familie, Staat" (TR 26) und der neuen Polis der Kirche (TR 31) gerichtet und zielt, wie Lukacs, Friedrich Schlegels Romantheorie auf­
tritt das Leben des Individuums, das sich durch den kategorischen Im­ greifend, sagt, auf das Biographische. (TR 80)
perativ des Sollens Ziele setzt im Chaos des Seins, einen wenigstens Diese Situation spiegelt sich für Lukacs in der Aufbauform des Ro­
künstlichen Sinn in der Weite der Sinnlosigkeit; wie das schon die I1
mans. Den Konventionen der Klassik folgend nennt er das Epos orga­
"Ästhetische Kultur" gefordert hatte.
111
il'
nisch, den Roman dagegen, diesen Repräsentanten eines Zeitalters der
Dieser nach Kierkegaards Vorbild als "ethisch" bezeichneten Welt­
periode (TR 65, 70 f.) entspricht ein neuer Typus des Menschen. An
l',. "Brüchigkeit" und "Trostlosigkeit" (TR 70), abstrakt und künstlich.
Künstlich hatte schon Friedrich Schlegel, über den Lukäcs einst eine
1'>
die Stelle des in die Gemeinschaft eingegliederten und in seiner geord­ " Studie hatte schreiben wollen, den Charakter der modernen Dichtung
"i
,~\ genannt. 64 Lukacs urteilt im selben Sinne über den Roman, wobei er
neten Welt lebenden Helden geschlossener Kulturen tritt das "proble­
~i' zu dessen Kennzeichnung dem Hegeischen Begriff des Abstrakten den
matische Individuum", das sich in einer unkontro1lierbaren Welt des
Zufalls zu bewähren hat und sich als ihr zugeordnet erlebt. In Lukacs' Vorzug gibt. "Die Elemente des Romans", sagt er. sind "im Hegei­
Formulierung: "Kontingente Welt und problematisches Individuum schen Sinn, durchwegs abstrakt" (TR 68). Der schwäbische Philosoph
sind einander wechselseitig bedingende Wirklichkeiten." (TR 76) hatte in seinem Aufsatz über diesen Begriff "abstrakt" die Vorstellun­
Von den ihren Weg wissenden und von ihren Göttern geleiteten gen genannt, die obwohl zu unbestimmt, zu allgemein und zu leer, um
Helden von Antike und Mittelalter unterscheiden sich die problemati­ einen Gegenstand oder eine Person zu kennzeichnen, gleichwohl ge­

180 181
braucht werden.· Dieser Begriff der Abstraktheit des Romans ist für 75) erreicht, die sich für das Epos von selbst versteht. Wie für
Lukacs ein Ausdruck für die Schwierigkeit, in der Welt des Zufalls, Friedrich Schlegel vor ihm, ist die Form des Romans für Lukacs etwas
der Sinnlosigkeit und dem Mangel an Orientierung ein Gebilde zu Werdendes, etwas, das "grenzenlos wachsend", wie Friedrich Schlegel
schaffen, das Einheit und Geschlossenheit vorspiegelt. '"te 66 , nie abgeschlossen werden kann. Wie die Entwicklung seines
"Abstrakt", und das heißt in diesem Fall unpräzise, vorläufig und Helden ein Prozeß ist, so ist dies auch dessen Gestaltung: beide unter­
notwendigerweise ungenau nennt er auch die Mittel, mit denen der Ro· .tehen dem Imperativ des Sollens. Die repräsentative Form der Erzähl­
man Einheit, Fülle zu erreichen sucht. Darunter versteht er dessen kunst im Zeitalter der Ethik ist in Form und Inhalt von deren Impera­
Streben nach utopischer Vollendung ebenso sehr, wie dessen Neigung, tiv durchdrungen. "Hier", sagt Lukacs über den Roman, "ist die
sich mit dem anzureichern, was Friedrich Schlegel "gediegenen Bil­ Ethik, die Gesinnung im Gestalten jeder Einzelheit sichtbar, ist also in
dungsstoff jeder Art" genannt hatte 65 • In Lukacs' Sprache hieß das: ihrer konkretesten Inhaltlichkeit ein wirksames Aufbauelement der
Dichtung selbst." (TR 70/71)
"Abstrakt ist die auf utopische Vollendung hinstrebende. nur sich und ihr Be­
Brüchig in seinen einzelnen Elementen, brüchig in der ihn begrün­
gehren als wahre Realität empfindende Sehnsucht der Menschen; abstrakt ist
das nur auf Tatsächlichkeit und Macht des Bestehens beruhende Dasein der denden Struktur, bedroht von innen und von außen, ist der Roman ein
Gebilde." (TR 68) sprechendes Beispiel für das Trotzdem der Kunst gegen das Leben und
segen eine orientierungslose Welt. Die Kunstform, die das Schicksal
Diese Eigentümlichkeiten des Romans werden besonders dort augen­ , des problematischen Menschen zum Gegenstand hat, ist selbst eine
fällig, wo dieser gleich dem Epos vor ihm das Bild der Totalität seiner problematische, eine "Halbkunst" (TR 71), wie sie Schiller und in sei­
Welt geben soll. Hatte das Epos, der Geschichtsphilosophie zufolge, nem Gefolge Lukacs' Freund Paul Ernst bezeichnete. Sie ist eine
die Lukacs vorlegt, den Blick auf eine organisch sinnvolle Welt freige­ Kunstform, die immer in Gefahr ist, von der selbstgesetzten Aufgabe,
geben, so registriert der Roman die "Brüchigkeit" und "Trostlosig­ die Wanderung des problematischen Menschen zu sich selbst darzu­
keit" der Welt seiner Zeit, In die Gestaltung des Romans, meint Lu­ stellen, zu versagen. Zu diesen Gefahren gehören nach Lukacs ihr Ab­
kacs, müssen "alle Risse und Abgründe, die die geschichtliche Situa­ gleiten in die Konventionen der Unterhaltungsliteratur (TR 71), ihr
tion in sich trägt", einbezogen werden (TR 58). Versinken in lyrischer Selbstbespiegelung (TR 69) und ihr Versagen
Brüchig sind aber nicht nur die Elemente, die das Material des Ro­ vor der Gestaltung der geforderten Totalität durch Ausweichen in die
mans darstellen, brüchig sind auch die Konzepte, die diesen Artefakt Idyllik (TR 69).
in einer orientierungslosen Welt zusammenhalten. Um diese auseinan­ Zum Roman hohen Ranges, dieser für Lukacs exemplarischen
derstrebenden Einzelteile zu einer Einheit zusammenzufügen, bedarf Form des Zeitalters des Individualismus, gehört für ihn auch das Be­
der Roman, wie Lukacs mit einem Anleihen bei Kant sagt, eines seine wußtsein der Grenzen des Individuums wie das Bewußtsein der Be­
Totalität begründenden "Systems regulativer Ideen" (TR 78). Dieses grenztheit der Mittel, mit denen seine Welt gestaltet wird. Wie Fried­
System fügt die disparaten Einzelteile zu einem zweckmäßigen Ganzen rich Schlegel vor ihm nennt Lukacs dieses Bewußtsein der Grenzen Iro­
zusammen, das im besten Falle wenigstens einen "Schein der Organik" nie. (TR 73) Friedrich Schlegel hatte diesen Begriff aus seiner Theorie
des Kunstwerks entwickelt und seine Fruchtbarkeit in seiner Analyse
* Hegel führt in seinem Aufsatz das Beispiel eines Menschen an, der als Mörder be­ von Goethes Epik dargetan. Lukacs entwickelt diesen Begriff aus sei­
zeichnet wird: "Dies heißt abstrakt gedacht, in dem Mörder nichts als dies Abstrak­ ner Geschichtsphilosophie. Die Ironie ist für ihn ebenso Ausdruck der
te, daß er ein Mörder ist, zu sehen und durch diese einfache Qualität alles übrige
menschliche Wesen an ihm zu vertilgen." (G.W.F, Hegel; Werke in zwanzig Bänden, Unbehaustheit in dieser Zeit wie der Individualismus und in seinem
Suhrkamp, Frankfurt 1974, Bd. 2, S, 578) Gefolge der Roman selbst. Sie ist für ihn ein Ausdruck der bereits frü­

182 183
her erwähnten Spaltung des Ichs in einer gespaltenen Welt und gleich­ "die negative Mystik der gottlosen Zeiten", wobei er mit einer Anspie­
zeitig das Bewußtsein dieser Spaltung, wie es für ihn selbst in der Ro­ luna auf die Theologie des Nikolaus Cusanus sagt, sie sei "eine docta
manform zum Ausdruck kommt. Die Ironie bedeutet, schreibt Lu­ IInorantia dem Sinn gegenüber" (TR 90). Mit dem Begriff der "docta
kacs, l.norantia" hatte der spätmittelalterliche Theologe das Wissen von der
Unbegreiflichkeit Gottes bezeichnet. Die Ironie, von Lukacs so defi­
"als formelles Konstituens der Romanform, eine innere Spaltung des normativ niert und zu einem Kennzeichen des Zeitalters der "transzendentalen
dichterischen Subjekts in eine Subjektivität als Innerlichkeit, die fremden
Obdachlosigkeit" (TR 35) erhoben, wird zum Wissen über die Dürftig­
Machtkomplexen gegenübersteht und der fremden Welt die Inhalte ihrer Sehn­
sucht aufzuprägen bestrebt ist, und in eine Subjektivität. die die Abstraktheit keit der Zeit wie zum Wissen darum, daß diese Geschichtsepoche sich
und mithin die Beschränktheit der einander fremden Subjekts- und Objekts­ ihrem Ende zuneigt. Der eschatologische Zug, der "Die Theorie des
welten durchschaut, diese in ihren, als Notwendigkeiten und Bedingungen ih­ Romans" auszeichnet, prägt auch den Begriff der Ironie.
rer Existenz begriffenen, Grenzen versteht und durch dieses Durchschauen die Das Geschichtsbild, das Lukacs in den ausgeführten Teilen seines
Zweiheit der Welt zwar bestehen läßt, aber zugleich in der wechselseitigen Be­ Dostojewski-Buches, in der "Theorie des Romans", entwickelt, ver­
dingtheit der einander wesenfremden Elemente eine einheitliche Welt erblickt leugnet nicht sein Verschulden der romantischen Tradition gegenüber.
und gestaltet" (TR 73).
Von der als ideal geschilderten griechischen Antike als der Zeit der Ge­
Die so erreichte Einheit ist jedoch hinfällig und verletzlich. Diese Ein­ borgenheit, entwickelt sich die Geschichte über das Mittelalter, das die
heit des Romans, stellt Lukäcs fest, "ist ... eine rein formale; die Geborgenheit gerade noch zu geben vermag, in die Unbehaustheit des
Fremdheit und die Feindlichkeit der innerlichen und äußerlichen Wel­ Individualismus der Moderne, dessen literarischer Ausdruck der Ro­
ten ist nicht aufgehoben, sondern nur als notwendig erkannt ... " (TR man ist. Vom romantischen Geschichtsbild unterscheidet sich diese
73). Weitsicht dadurch, daß angenommen wird, ein neues Äon der Gebor­
Bis zu diesem Punkt unterscheidet sich Lukacs' Begriff der Ironie genheit begänne in Kürze.
nicht wesentlich von dem Begriff des Frühromantikers Friedrich Schle­ Auf diesem Hintergrund entwickelt Lukacs seine Vorstellungen
gel, von dem er ausgeht. Dieser Begriff tut das jedoch dort, wo er in über die Epik in dieser Zwischenzeit der Moderne.
den Sog von Lukacs' Geschichtsphilosophie gerät und wie das Epos
und der Roman selbst auf seine Bedeutung im Rahmen der Geschichts­
epoche befragt wird, in der er erscheint. Zugeordnet der Epoche der 2.3 Epik im Zeitalter des Individualismus
"transzendentalen Obdachlosigkeit" ist Ironie, wie der Roman selbst,
Ausdruck von deren Brüchigkeit und der Isoliertheit des Individuums. Um die Geschichte des Romans als der epischen Form des Zeitalters
Aber damit ist die geschichtsphilosophische Bedeutung der Ironie, die des Individualismus und der Bürgerlichkeit darzustellen, bedient sich
sich hier mit der des Romans deckt, für Lukacs nicht erschöpft. Wie Lukacs, wie erwähnt, des historischen Schemas, das er der "Entwick­
Dantes Epos seine Grenzstellung dem Roman gegenüber dadurch do­ lungsgeschichte des modernen Dramas" zugrundegelegt hatte.
kumentierte, daß es bereits wesentliche Merkmale von ihm vorweg­ In seiner Analyse des Romans konzentriert er sich, wie er das in sei­
nahm, so zeigt die Ironie ihre Grenzstellung dadurch, daß sie ihrerseits ner Dramengeschichte getan hatte, auf die Zeit zwischen der Mitte des
die Stellung der Moderne zwischen zwei religiös geprägten Zeitaltern 18. Jahrhunderts und seiner Gegenwart. Diese Zeitspanne erweitert er
dadurch charakterisiert, daß sie "ahnend und unausgesprochen, von in seinem Essay über den modernen Roman nur insofern, als er nach
vergangenen und kommenden Göttern" (TR 92) spricht. Die Ironie romantischem Vorbild aus dem 17. Jahrhundert Cervantes' "Don
wird von Lukacs im Rahmen seiner Geschichtsphilosophie definiert als Quichotte" in seine Betrachtungen einbezieht. In dem gesamteuropäi­

184 185
sehen Anspruch erhebenden Überblick fehlen die wichtigen Beiträge Cervantes (1547-1616): Don Quichotte (1605/1615)
der französischen Renaissance zur Entwicklung des modernen Ro­ An den Kommentaren zum Werk des Cervantes wird die Methode be­
mans, ebenso wie die des deutschen Barock, einem Zeitalter, in dem IOnders deutlich. die Lukacs verwendet, um den modernen europäi­
sich Lukacs ohnehin nie recht heimisch fühlte. Dem Zeitalter des voll achen Roman in das Schema seiner Geschichtsphilosophie einzufügen.
entwickelten Bürgertums gehört, wie schon immer, sein Interesse, und Sie wird insbesondere augenfällig, wenn sie mit der Hegels verglichen
aus ihm wählt er die Beispiele, mit denen er die Verfallsformen der eu­ wird, von dessen Analyse "Don Quichottes" sie allem Anschein nach
ropäischen Bürgerkultur illustriert. ausgeht. Hegel hatte den Helden von Cervantes Werk als eine edle Na­
Die Mittel, diese herauszuarbeiten, sind die seiner "Entwicklungs­ tur geschildert, deren "reflexionslose Ruhe in Rücksicht auf den Inhalt
geschichte". Dort hatte er zwei Reaktionsformen auf das Leben in der und Erfolg seiner Handlungen" ihr Schicksal bestimmt. 67 Lukacs
Bürgerwelt ins Zentrum seiner Betrachtungen gerückt: das, was er den übernimmt diese Charakterisierung und macht sie zum Ausgangs­
"doktrinären Idealismus" nannte (E 139) und für den ihm die Figur punkt seiner Bestimmung des "abstrakten Idealismus" , als dessen Pro­
des Gregers Werle beispielhaft ist, und die Flucht in die Innerlichkeit, totyp ihm Don Quichotte erscheint. Lukacs definiert:
deren Auswirkungen auf das Drama er am Theater des Impressionis­
"Das vollständige Fehlen einer innerlich erlebten Problematik verwandelt die
mus und Lyrismus seiner Zeit untersucht hatte. Die gleichen Prinzi­ Seele in reine Aktivität ... Das Leben eines solchen Menschen muß also zu ei­
pien, von denen das erste auf den an Hegel angelehnten Begriff des ner ununterbrochenen Reihe selbstgewählter Abenteuer werden. Er stürzt sich
"abstrakten Idealismus" (TR 105) umgetauft wird, beherrschen auch in diese, denn Leben kann für ihn nur so viel bedeuten wie: Abenteuer beste­
die "Theorie des Romans". Die Aufschlüssse, die sie über die Entwick­ hen." (TR 98 L)
lung der Epik im Zeitalter des Individualismus liefern, werden ergänzt
durch eine skizzenhafte Untersuchung über den Entwicklungsroman Aber Lukacs bleibt bei dieser Radikalisierung der Hegeischen Analy­
und dessen Scheitern im Rahmen der modernen Bürgerwelt. sen in seiner Bestimmung des abstrakten Idealisten Don Quichotte
nicht stehen. Hegel hatte die Heldenfigur des Cervantes in seiner "Äs­
thetik" in einen sozial- und geistesgeschichtlichen Zusammenhang ge­
2.3.1 Der Roman des abstrakten Idealismus stellt und als eine "Verspottung des romantischen Rittertums"68 ver­
Lukäcs definiert den Begriff des abstrakten Idealismus auf dem Hin­ standen. Der Hegel-Schüler und Exeget Friedrich Th. Vischer hatte
tergrund seiner religiös gefärbten Geschichtsphilosophie als eine Exi­ den sozialkritischen Gesichtspunkt noch stärker unterstrichen und im
stenzform, die jede, "wenn auch noch so inadäquate Beziehung zum Werk des Cervantes eine kritische Stellungnahme gegen die Aristokra­
Leben verloren" habe (TR 105), als Ausdruck des Verlustes der "trans­ tie gesehen. 69 Für den Lukacs der"Theorie des Romans" ist weder die
zendentalen Beziehung" (TR 102) und "der Verlassenheit der Welt von geistesgeschichtliche ­ wie er selber später betont (TR 7) - noch die
Gott" (TR %). Dargestellt findet er diese Form der Existenz beispiel­ sozialkritische Perspektive in erster Linie ausschlaggebend. Für ihn
haft in den Werken von Cervantes, Balzac, Gogol und Dickens, die für steht vielmehr der religiöse Gesichtspunkt im Vordergrund. Das Zeit­
ihn eine zunehmende Entfernung von der Fülle der Epik der geschlos­ alter des Cervantes wird nicht sozial kritisch als das des Niedergangs
senen Kulturepochen repräsentieren. Dieser Abfall zeigt sich inhaltlich der spanischen Weltmacht vorgestellt, sondern vielmehr religionsge­
in der steigenden Isolation und Irrelevanz ihrer Helden, dem fort­ schichtlich als das Zeitalter der Mystik. Lukäcs schreibt:
schreitenden Verlust der Totalität ihres Weltbildes und der Anglei­
"Cervantes lebt in der Periode der letzten, großen und verzweifelten Mystik,
chung ihres Weltbildes an das des Bürgertums, eine Angleichung, die des fanatischen Versuchs einer Erneuerung der versinkenden Religion aus sich
für Lukacs bei Dickens vollständig wird. selbst; in der Periode der in mystischen Formen aufsteigenden neuen WeIter­

186 187
kenntnis; in der letzten Periode von wahrhaft erlebten, aber bereits zielverlore­ und der einsamen Seelen" (TR 109). Der Verfall, der sich hier voll­
nen, suchenden und versucherischen, okkulten Bestrebungen." (TR 104) zieht, spiegelt sich aber nicht nur in der isolierten individuellen Exi­
stenz der Helden, sondern wird auch reflektiert durch die Form. Wie
Cervantes lebt in einer Zeit, in der, wie Lukacs sagt, der "durchschei­
in Lukacs' späteren Kritiken wird Balzac hier schon bescheinigt, daß er
nende Schatten Gottes" (TR 102) schon als "etwa Dämonisches" er­
die Totalität einer Welt darstelle und damit inhaltlich die Bedingungen
scheint. Cervantes wird in Lukacs' Darstellung zu der Gestalt, die den
der großen Epik erfülle. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, daß die­
ersten Schritt in eine Welt ohne Transzendenz tut, noch beleuchtet von
ser inhaltlichen Erfüllung .der Forderung des Epos keine formelle ent­
ihrem schon schwindenden Licht. Der Umstand, daß Cervantes Visio­
spreche. Denn, so Lukacs, die Totalität dieser Epik "beruht auf Prin­
nen an dem Punkt erwuchsen, "wo zwei Weltepochen sich schieden"
zipien, die der epischen Form transzendent sind, auf Stimmung und
(TR 134), ist für Lukacs der geschichtsphilosophische Grund für die
Erkenntnis, nicht auf Handlung und auf Helden, und kann deshalb
epischen Qualitäten von dessen Werk.
nicht in sich vollendet und abgerundet sein" (TR 110).
"Der abstrakte Idealismus und seine innige Beziehung zur zeitjenseitigen,
transzendenten Heimat machen diese Gestaltungsart notwendig. Darum muß Gogot (1809-1852)
das größte Werk dieses Typus, der ,Don Quixote' noch stärker, und zwar sei­
nen formellen und geschichtsphilosophischen Grundlagen nach, zur Epopöe Noch deutlicher zeichnet sich für Lukacs dieser Verfall in Gogols "To­
transzendieren." (TR 133) ten Seelen" (1835/41). Er ist schon in der Gestalt des Helden Tschit­
schikow verkörpert, dieses Geschäftemachers, der sich durch einfalls­
Es sind diese Qualitäten, durch die sich nach Lukacs' Urteil das Werk reichen Betrug Reichtum erschleichen und so den Zugang zur großen
des Cervantes von den Leistungen Balzacs, Gogols und Dickens' un­ Gesellschaft gewinnen will. Lukacs preist diese Romanfigur , mit deren
terscheidet. Der Glanz der "transzendentalen Heimat", der auf dem Hilfe Gogol die russische Adelsgesellschaft seiner Zeit kritisiert und
Werk des Spaniers liegt, fehlt ihnen. Sie stellen Stufen der Entfrem­ ironisiert, als "glückliche und fruchtbare" Gestalt. Das Hauptgebre­
dung dar, die der europäische Roman durchschreitet, sind Dokumente chen von Gogols Roman liegt für Lukacs darin, daß es von vornherein
für den Verfall der Werte, der sich für diesen Kritiker seit dem Aus­ unmöglich gewesen sei, "für die künstlerisch so glückliche und frucht­
gang des Mittelalters vollzieht und sich in Thematik und Form dieser bare aber ,negative' Gestalt Tschitschikows ein ,positives' Gegenge­
Romane spiegelt. wicht zu finden" (TR 108) und damit sein Werk episch abzurunden.

Dickens (1811-1870)
Balzac (1799-1850) Am prägnantesten zeigt sich für Lukacs der postulierte Verfall der
Am augenfälligsten wird dieser Verfall der Werte für Lukacs in den Werte in der nachmittelalterlichen Kultur Europas in den Werken von
Werken von Balzac, denen er in der "Theorie des Romans" bedeuten­ Dickens. Dieser englische Schriftsteller, später neben Balzac, Stendhal
des Gewicht gibt. Was später, in Lukacs' marxistischer Phase, in Bal­ und Tolstoi zu den Meistern des Realismus gezählt 72, erscheint in der
zacs Werk als Ausdruck der "Kulturzerstörung durch den Kapitalis­ "Theorie des Romans" als die Verkörperung der bürgerlichen Misere.
mus" 70 verstanden und als Analyse einer Welt gedeutet wIrd, für die Den Gestalten Balzacs und Gogols Tschitschikow wird zugebilligt, daß
die Formel "homo homini lupus" gelte 71, erscheint in der "Theorie sie die bürgerliche Konvention in Frage stellen, den Figuren Dickens'
des Romans" vorgebildet als eine entfremdete Welt eines "unendlichen wird angekreidet, daß sie kein anderes Ziel haben, als sich in diese
und unübersichtlichen Gewühls von Verflochtenheit der Schicksale Konvention einzufügen. In dieser Einstellung sieht Lukacs

188 189
"den künstlerischen Grund, der die an humoristischen Gestalten so unendlich Idealismus das Verhältnis des Helden zur bürgerlichen Konvention
reichen Romane von Dickens letzten Endes so flach und spießbürgerlich er­ &Um Maßstab seiner Ethik gemacht, so im Desillusionsroman dessen
scheinen läßt: die Notwendigkeit, als Helden Idealtypen einer sich mit der heu­ Verhältnis zur Zeit. Zur Grundlage für sein Urteil wird für Lukacs der
tigen bürgerlichen Gesellschaft innerlich konfliktlos abfindenden Menschlich­ Begriff der erlebten Zeit, wie ihn damals Bergson formuliert hatte.
keit zu gestalten ... " (TR 107/lO8).
Dieser Begriff, von Bergson als Gegenbegriff zur objektiven an der Be­
Bürgerlichkeit, wie Dickens sie darstellte, war für den Lukacs der wegung von Himmelskörpern gemessenen Zeit konzipiert (vgl. TR 9,
"Theorie des Romans" die Verkörperung einer Welt ohne Transzen­ 124), war von Lukacs in seine Geschichtsphilosophie eingebaut und
denz, das Zeichen einer wesenlosen Existenz. wie die Ironie zum Merkmal der Moderne gemacht worden. "Die Zeit
kann erst dann konstitutiv werden". schreibt er, "wenn die Verbun­
denheit mit der transzendentalen Heimat aufgehört hat." (TR 125)
Dort in der transzendentalen Heimat der geschlossenen Kulturen von
2.3.2 Der Roman der Innerlichkeit Antike und Mittelalter und der ihr zugeordneten Welt des Epos erleben
Noch eindringlicher als am Beispiel des Romans des abstrakten Idealis­ die Helden nach Lukacs' Urteil
mus wird die Situation des Bürgertums von Lukacs durch seine Analy­
"die Zeit innerhalb der Dichung nicht, an ihre innere Wandlung oder Unverän­
se des Romans der Innerlichkeit aufgezeigt. War der abstrakte Idealis­ derlichkeit reicht die Zeit nicht heran; ihr Alter haben sie in ihren Charakter
mus durch die Isolation und ziellose Aktivität des Individuums ge­ aufgenommen, und Nestor ist alt, so wie Helena schön und Agamemnon mäch­
kennzeichnet, so die Innerlichkeit durch eine kontemplative Haltung tig ist" (TR 124).
und die Abwendung von der Außenwelt; ". .. der Beruf verliert jede
Wichtigkeit für das innere Geschick des einzelnen Menschen", schreibt Für den Roman jedoch, dieser beispielhaften epischen Form der Mo­
Lukacs. "Die innere Wichtigkeit des Individuums hat den geschichtli­ derne, wird das Bewußtsein der verrinnenden Zeit für seinen Helden
chen Gipfelpunkt erreicht (und) trägt ausschließlich in sich selbst sei­ konstitutiv. Das, was Lukacs "das tiefste und erniedrigendste Sich­
nen Wert" (TR 115, 119). In der Analyse dieser Existenzform stützt nicht-bewähren-Können der Subjektivität" gegenüber "dem träg-steti­
sich Lukacs besonders stark auf Heget. Der deutsche Philosoph hatte gen Ablauf" der Zeit (TR 123) genannt hatte, glaubte er besonders ein­
in seiner "Ästhetik" eine Verbindungslinie zwischen dem abstrakten leuchtend am Roman der Innerlichkeit, wie er in Gontscharows "Ob­
Idealismus und der Innerlichkeit gezogen und beide als Formen von lomow", Flauberts "Education sentimentale" und Jacobsens "NieIs
"Haltungslosigkeit des Charakters" 73 verurteilt. Die Innerlichkeit und Lyhne" vorlag, aufzeigen zu können.
ihre sich "immer steigernde Vertiefung in die gehaltlose Subjektivität
der eigenen Persönlichkeit" 74 sah er in seiner Zeit in Goethes "Wer­
ther" (1777) und Jakobis"Woldemar" (1799) dokumentiert. Gontscharow (1812-1891)
Lukacs übernimmt dieses Schema und wendet es auf den europäi­ Besonders eindrucksvoll ließ sich Lukacs' These an Gontscharows
schen Roman des 19. Jahrhunderts an. "Die Desillusionsromantik" , "Oblomow" (1859) belegen. Der total passive Held Gontscharows, der
schreibt er und meint mit diesem Begriff die Form, die die Innerlich­ in einem Leben sein Ideal sieht, in dem Jahr für Jahr ein Tag dem an­
keit in der Epik der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angenommen deren gleicht, jeder verträumt und vertrödelt "bis zu den grauen Haa­
hatte, "die Desillusionsromantik folgt nicht nur zeitlich-geschichtlich ren, bis zum Grabe"75, bot ein gutes Beispiel für eine Form der Exi­
auf den abstrakten Idealismus, sie ist auch begrifflich sein Erbe ... " stenz, die durchaus nicht zu dem Ideal des Zielesetzens und der Selbst­
(TR 120). Hatte Lukacs bei seiner Analyse des Romans des abstrakten erziehung passen wollte, die Lukacs mit soviel Nachdruck in seiner

190 191
"Ästhetischen Kultur" vertreten hatte. Angesichts der Entschiedenheit Sinneserfüllung gestaltet", so beschreibt Lukacs in der "Theorie des
von Oblomows Abkehr von der Außenwelt versagt jeder Versuch, ihn Romans" Flauberts Werk, "aber die Gestaltung erhebt sich zur rei­
für diese zu gewinnen, wie das sein Freund Stolz unternimmt. l!'r~;j, chen und runden Erfülltheit einer wirklichen Lebenstotalität. " (TR
130)
l~(
"Vor der Tiefe der Oblomowschen Tragik, der direkt und nur das Eigentliche Flauberts Roman wird für Lukacs' Analyse der Moderne bedeut­
im Innersten erlebt, ... wird das sieghafte Glück seines starken Freundes Stolz il
platt und trivial, ... die schauererregende Komik dieser Heterogeneität von ~~~
sam, weil in ihm die transzendentale HeimatIosigkeit, die für ihn die
~i', Moderne auszeichnet, ihre beispielhafte Gestaltung erfährt. Weder

Innerem und Äußerem, die der im Bette liegende Oblomow offenbart, verliert 1
1
mit dem Beginn der eigentlichen Handlung, dem Erziehungswerk des Freundes f "Oblomow" vor ihm, noch "NieIs Lyhne" nach ihm konnten für die­
und dessen Mißlingen immer stärker ihre gestaltete Tiefe und Größe, sie wird sen Kritiker das Leben des orientierungslosen Individualismus der Mo­
immer mehr das gleichgültige Geschick eines von vornherein verlorenen Men­ derne so beispielhaft ausdrücken, wie das der Held von Flauberts Ro­
sehen." (TR 123) man tat.
Oblomow war bei aller Passivität und Tagträumerei begabt mit ei­
Der Versuch, mit einer solchen sich in ihrem eigenen Innern verlieren­ ner Seele "rein und klar wie Glas"78, deren Bewahrung seinem Leben
den Figur eine epische Totalität aufzubauen, war, so Lukacs' Urteil, Richtung und Gewicht gab; Niels Lyhne ist bei all seiner Schwermut
von Anbeginn zum Scheitern bestimmt. doch immer wieder zu Opfertaten fähig, die seine Ich-Bezogenheit
überwinden. In beiden Werken war in reichem Maße das vorhanden,
was Lukacs "Keime und Fußspuren des verlorenen Sinnes" nannte
Flaubert (1821-1880) (TR 127). Das war in Flauberts Werk kaum der Fall. Am Leben des
Den repräsentativen Roman dieses Typus, der die DarsteUung eines Frederic Moreau, das hoffnungsvoll beginnt und durch keine besonde­
Lebens in der Innerlichkeit mit der Totalität eines Weltbildes vereinigt, re Reinheit der Seele oder Anflüge von Heroismus ausgezeichnet,
findet Lukacs in Flauberts zweiter Fassung der "Education sentimen­ schließlich im Mittelmäßigen und Banalen versandet, ließ sich die
tale" (1869). An diesem Werk gelingt es ihm am eindringlichsten, seine Orientierungslosigkeit der Moderne augenfälliger aufzeigen als an den
These von der Zeitverfallenheit und der Banalität der bürgerlichen Exi­ beiden anderen Rom<wen.
stenz aufzuzeigen. Es ist der Beitrag eines Autors, dessen Werk in Lu­ Am Beispiel von Frederic Moreau ließ sich einleuchtender als dem
kacs' Literaturkritik fortan eine Schlüsselstellung einnehmen wird. In von Niels Lyhne oder gar Oblomow die These belegen, der leitende Ge­
ihm wird in Form und Gehalt das festgehalten, was dieser Kritiker zur danke, der diesem Leben zugrunde liege, habe jede Beziehung zu ei­
Zeit der "Theorie des Romans" "die Verlassenheit der Welt von Gott" nem allgemein gültigen Ideal verloren (TR 129). Dieses ziellos verrin­
(TR 96) und - zwanzig Jahre später in seiner Studie zum "Histori­ nende Leben konnte zudem vorzüglich für Lukacs' These von der Rol­
schen Roman" (1937) die "Trivialisierung und Verrohung des Lebens le der Zeit im modernen Roman verwendet werden. Dieses Werk war
durch die Entwicklung des Kapitalismus" nannte 76. Was Lukacs im der überzeugendste Beleg für seine Auffassung, daß im Zeitalter der
späteren Werk mit Begriffen aus der marxistischen Soziologie als Aus­ Moderne
druck der "Niedergangs krise" des Kapitalismus 77 bezeichnete, war für
ihn in seinem Frühwerk der Ausdruck einer Sinnkrise. Der Roman "das tiefste und erniedrigendste Sich-nicht-bewähren-Können der Subjektivi­
tät . .. weniger in dem vergeblichen Kampfe gegen ideenlose 'Gebilde und de­
Flauberts, den er sich für seine Analyse ausgewählt hat, gibt für ihn ren menschliche Vertreter (bestehe), als darin, daß sie dem träg-stetigen Ablauf
das Totalbild einer Welt, in der "alles was geschieht, ... sinnlos, brü­ (der Zeit) nicht standhalten (könne), daß sie von mühsam errungenen
chig und trauervoll" ist (TR 129). "Es ist die völlige Abwesenheit jeder langsam aber unaufhaltsam herabgleiten (müsse), daß dieses unfaßbar, un­

192 193
sichtbar-bewegliche Wesen ihr allen Besitz allmählich (entwinde) und ihr entblößte Leben und das Leben, das sich auflöst im Versickern der
unbemerkt - fremde Inhalte (aufzwinge)" (TR 123 f.). Zeit, nur zwei verschiedene Seiten des einen Sturzes aus der Fülle des
Sinns in die transzendentale Heimatlosigkeit darstellen, als die er die
Der Begriff der Zeit, wie ihn Lukacs in seiner Analyse der "Education Moderne versteht.
sentimentale" entwickelt, weist eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit
dem Konzept auf, das Heidegger in "Sein und Zeit" als "die Zeitlich­ Jacobsen (1847-1885)
keit des Daseins als Alltäglichkeit" umschrieben hatte 79. Die Paralle­ Als zeitlich letzten in der Reihe seiner Dokumentationen zum Roman
len im Denken zwischen dem jungen Lukacs und dem frühen Heideg­ der Innerlichkeit führt Lukacs Jacobsens "Nieis Lyhne" (1880) an.
ger, die Luden Goldmann in seinen letzten Schriften verzeichnet Der Roman des Dänen, der einen Dichter schildert, der nichts zu Pa­
hat 80, ließen sich auch am Beispiel des in der "Education pier bringt und dessen Ideale eines nach dem anderen zerbrechen, war
sentimentale" entwickelten Zeitbegriffs dokumentieren. vorzüglich dazu geeignet als Beispiel für ein Ästhetenleben zu dienen,
Und wie Frederic Moreau als Beispiel für das ziellose Versickern ei­ wie das Lukacs in der "Ästhetischen Kultur" dargestellt hatte. In Niels
nes Lebens gebraucht werden konnte, so konnte er dazu dienen, dessen Lyhnes Leben war in der Tat, wie Lukäcs es in seinem zeitkritischen
Versinken in der Banalität alltäglicher Konventionen sinnfällig zu ma­ Essay geschildert hatte, alles zur Stimmungsmöglichkeit geworden,
chen. Lukacs hatte die Romane Dickens' als "spießbürgerlich" ver­ war ein Leben vorgeführt, aus dem alle Substanz geschwunden war.
worfen (TR 170), weil sie keinen Horizont jenseits der bürgerlichen (BK 15) Darin erschöpft es sich freilich nicht. Wenn es auch zutrifft,
Konventionen aufzeigten. Der Roman Flauberts ist für ihn ein Werk, daß Niels Lyhnes Leben durchaus nicht von einem Punkte zu einem
das die unter diesen Konventionen zutage tretende "Abwesenheit jeder anderen ging, wie die "ÄsthetiSChe Kultur" das vom Mann des wesent­
Sinneserfüllung" (TR 130) bloßlegt. In ihm wird gezeigt, wie der Selb­ lichen Lebens gefordert hatte (EK 17), und wenn auch der seinen Stim­
ständigkeitsanspruch des Individualismus sich in der bürgerlichen mungen unterworfene Held dieses Romans sich eingestand "von sich
Welt in der Banalität eines entfremdeten Lebens auflöst. selbst und von der Idee", die ihn einst leitete, abgefallen zu sein 82, so
Diese Beurteilung von Flauberts Werk durch Lukäcs ist kaum weni­ war es nicht minder wahr, daß er ungleich Oblomow und ungleich Fre­
ger zukunftsweisend als die Analyse von dessen Zeitstruktur . Sie nimmt d6ric Moreau einmal wenigstens des heroischen Aufschwungs fähig ge­
ein Urteil vorweg, das Nathalie Sarraute ein halbes Jahrhundert später wesen war, einmal in seinem Leben den Entschluß hatte fassen kön­
über Flauberts Werk ausgesprochen hat. Die französische Schriftstelle­ nen, sein Leben formen zu wollen, wie er das selber nannte 83 und wie
rin hatte als hervorragendes Merkmal von Flauberts Schaffen dessen das die "Ästhetische Kultur" gefordert hatte (EK 26 f.), und auch die
kritische Gestaltung des Konventionellen, Unechten, Verlogenen her­ Kraft besessen hatte, das zu tun und diesen Aufschwung der Ent­
ausgestellt; die Gestaltung dessen, was sie das "Inauthentique" nann­ schlossenheit mit seinem Leben zu bezahlen.
te. 81 Sie wendet damit dieselben Kriterien an, die Lukacs dazu be­ In seinem Urteil über Jacobsens Roman wägt Lukacs diese Elemen­
stimmten, Flauberts "Education sentimentale" als das Werk herauszu­ te von "Nieis Lyhne" gegeneinander ab und kommt zu dem Schluß
stellen, in dem die Sinnentleertheit des Lebens im bürgerlichen Zeital­
ter, dem Zeitalter der transzendentalen Gottlosigkeit, am augenfällig­ ..... der Versuch des Dichters in dem heldenhaften Atheismus Niels Lyhnes, in

sten zum Ausdruck gebracht worden war, und das er deshalb im Rah­ dem kühnen Aufsichnehmen seiner notwendigen Einsamkeit, eine verzweifelte

, Positivität zu finden, wirkt als eine von außerhalb der eigentlichen Dichtung

men seiner Geschichtsphilosophie als das Werk bezeichnen kann, das


herbeigeholte Hilfe ... Es bleibt eine schöne aber schattenhafte Mischung von

"für die Form des Romans am meisten vorbildlich" sei (TR 133). Er Schwelgen und Bitterkeit, von Trauer und Hohn, aber keine Einheit; Bilder

konnte das um so mehr, als für seine Geschichtsphilosophie das sinn­ und Aspekte, aber keine Lebenstotalität. " (TR 122 f.)

194 195
,'
.

Eine solche Lebenstotalität innerhalb des Romans der Innerlichkeit


hatte nur Flaubert in der "Education sentimentale" erreicht: die Tota­
1
I
I,,!.'

"Das Ideal, das in diesen Menschen lebt und ihre Taten bestimmt, hat deshalb
zum Inhalt und Ziel: in den Gebilden der Gesellschaft Bindungen und Erfül­
lität des unwesentlichen Lebens. lungen für das Innerlichste der Seele zu finden. Damit ist aber, wenigstens po­
stulativ, die Einsamkeit der Seele aufgehoben. Diese Wirksamkeit setzt eine
menschliche und innerliche Gemeinschaft, ein Verständnis und ein Zusammen­
wirkenkönnen in bezug auf das Wesentliche zwischen den Menschen voraus."
2.3.3 Der Entwicklungsroman
(TR 136)
Anhand der Romane des abstrakten Idealismus und denen der Inner­
lichkeit hatte Lukacs die Schwierigkeiten der Existenz im Zeitalter der Damit ist das Ideal zur Überwindung des Individualismus beschrieben,
bürgerlichen Moderne dargestellt. Diese Schwierigkeiten hatten im er­ das sich Lukacs schon bei seiner Beschäftigung mit der mystischen
sten Fall ein verfehltes Lebenskonzept, im zweiten das passive Versin­ Tradition erarbeitet hatte, nun aber in seiner säkularisierten Form er­
ken in der eigenen Innerlichkeit zur Grundlage. Der Bildungsroman, scheint: das Ideal einer Gemeinschaft sich gegenseitig verstehender
so wie er von Lukacs dargestellt wurde, zeigte, daß auch dort, wo we­ und fördernder Menschen, ein Konzept, das fortan zum Maßstab sei­
sentliches Leben jenseits des Individualismus ernsthaft gesucht, ver­ nes Urteils wird.
tretbare Ziele gesetzt wurden, dies innerhalb der westlichen Kultur zu Aber Goethes Roman ragt für Lukltcs nicht nur deshalb hervor,
keinem fruchtbaren Ergebnis führen konnte. weil er die später "utopisch" (TR 147) genannte Vision einer idealen
Wie in seiner "Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas" menschlichen Gemeinschaft jenseits des Individualismus beschreibt.
räumt Lukacs im Rahmen seiner Studie über den Roman der deut­ Er tut es auch deshalb, weil er die Überwindung des Individualismus in
schen Klassik und dem Beitrag Goethes eine besondere Stellung ein. seiner Darstellungsform ausdrückt. Lukacs glaubt diese Eigenschaft
Aber hier wie dort, beim Drama wie beim Roman, handelt es sich nur des Goetheschen Werks darin zu erkennen, daß in ihm die Zentralstel­
um einen Vorstoß in die richtige Richtung. Auch der Beitrag der Klas­ lung des Helden relativiert werde:
sik, vertreten hier durch Goethes "Wilhelm Meister", konnte im Rah­
men dieser Versuche, Sinnleere durch Isolation innerhalb der Kultur "sie ist eine zufällige; der Held wird aus der unbegrenzten Zahl der Gleichstre­
der Moderne zu überwinden, bestenfalls die Funktion eines Wegberei­ benden nur darum herausgegriffen und in den Mittelpunkt gestellt, weil gerade
ters haben. Und noch mehr galt das für die Beiträge von Gottfried Kel- . sein Suchen und Finden die Gesamtheit der Welt am deutlichsten offenlegt.
Aber in dem Turm, wo Wilhelm Meisters Lehrjahre aufgezeichnet sind, stehen
ler und Henrik Pontoppidan. - unter sehr vielen anderen - auch die von Jarno und Lothario und weiteren
Mitgliedern des Bundes, und der Roman selbst enthält, in den Erinnerungen
der Stiftsdame, eine ausgeführte Parallele des Erziehungsschicksals. " (TR 137)
Goethe (1749-1832)
"Wilhelm Meisters Lehrjahre" (1795/96) wird innerhalb Lukacs' Stu­ Lukacs kann mit diesem Urteil auf die Beobachtung Friedrich Schle­
die ein zentraler Platz zugewiesen. Es wird als ein Werk vorgestellt, in gels aufbauen, der Goethes Werk als einen Roman analysiert hatte, wo
dem die Frage behandelt wird, die Lukacs vor allen anderen beschäf­ "Personen und Begebenheiten der letzte Endzweck" seien 84 • Lukltcs
tigte. "Wilhelm Meister" wird als ein Roman verstanden, der in der nimmt diese Beobachtung auf und gibt ihr zusätzliches Gewicht, in­
Entwicklung seines Helden einen Weg aufzuzeigen versucht, die isola­ dem er sie im Rahmen seiner Geschichtsphilosophie mit dem Indivi­
tion seines Individualismus durch den Anschluß an eine Gemeinschaft dualismus der Moderne und der Frage von dessen Überwindung durch
zu überwinden. Diese zu finden, is~ der Sinn seines Bildungsganges. In den "Gemeinschaftsgedanken" (TR 145) in Zusammenhang bringt.
Lukacs Worten: Goethes Roman wird aufgefaßt als der Entwurf zu einer Gesellschafts­

196 197
form, in der jedem die ,~Gelegenheit für ein freieres und großzügigeres produktiven Talente" ergebnislos wären, hätten sie im Widerspruch
Leben" geboten wird, "der die dazu notwendigen inneren Vorausset­ zum Geist der Epoche gestanden, in der sie entstanden. 85 Nach Lu­
zungen besitzt" (TR 146). kacs' Urteil gründen auch die in Goethes Werk zutage tretenden
Solchen Qualitäten zum Trotz vermag Lukäcs Goethes Roman Schwächen, nicht im Dichter. sondern in der Epoche, gegen die er an­
nicht zu befriedigen. Er kann darin nur eine "bloß relative Angemes­ schrieb: Sie sind der Ausdruck für die Schwierigkeit, im Zeitalter pro­
senheit an das wesentliche Leben" (TR 146) sehen. Die Welt, die er blematischer Vereinzelung ein überzeugendes Bild einer harmonischen
hier beschrieben sieht, besteht aus Bildern des "gesellschaftlichen Le­ Gesellschaft zu schaffen. Hier öffnete sich nach Lukacs' Ansicht ein
bens", wie er sagt, und stelle nicht, wie Lukäcs, der Platoniker. an­ Abgrund, den keine "noch so große und noch so meisterhaft reife
merkt, "Abbild einer feststehenden und sicheren, transzendenten Kunst des Gestaltens" zu überbrücken vermochte (TR 147).
Welt" (TR 141) dar. Goethes Versuch, im "Wilhelm Meister" einen Weg zu finden, den
Aber nicht nur vom Inhalt her vermag Goethes Roman Lukäcs Individualismus zu überwinden, wird im Rahmen dieser Geschichts­
nicht zu genügen, auch dessen Form befriedigt ihn nicht. Er ist für ihn philosophie vor allem ein Dokument für die Unmöglichkeit einer Lö­
ein uneinheitliches Werk, dessen auseinanderstrebende Teile auch die sung dieser Aufgabe im Rahmen der westlichen Tradition.
Ironie, deren Allgegenwärtigkeit er ebenso feststellt, wie Friedrich
Schlegel vor ihm, nicht zur Einheit verbinden kann. Der Grund für
diese Uneinheitlichkeit des Werkes liegt in dessen Thema. Die "Vollen­ Keller (1819-1890)
dung des Erziehungswerkes muß notwendigerweise bestimmte Teile Als Beleg für seine schon in der "Entwicklungsgeschichte" vertretene
der Wirklichkeit idealisieren, romantisieren und andere, als des Sinnes These, daß die Frage der Überwindung des Individualismus und ihrer
bar, der Prosa verfallen lassen" (TR 142). Dieser Sachverhalt rechtfer­ Folgen für die Kultur mit fortschreitender Entwicklung der bürgerli­
tigt Novalis' scharfe Kritik an dem Werk als "prosaisch", "modern" chen Gesellschaft immer schwieriger werde, werden die beiden Fassun­
und "undichterisch" - eine Kritik, die Lukäcs, sonst mit Zitaten eher gen von Gottfried Kellers "Grünem Heinrich" herangezogen. Dient
sparsam, unter Auslassung der gröbsten Invektiven in fast völligem die erste Fassung (1854/55) Lukacs dazu, darzutun, wie gleitend die
Umfang wiedergibt (TR 143), während er gleichzeitig Novalis' eigenen Grenzen "zwischen diesem nachgoetheschen Typus des Erziehungsro­
Vorschlag, gestalterische Einheit durch Schaffung einer "Märchen­ mans und dem der Desillusionsromantik" der Innerlichkeit seien (TR
wirklichkeit" (TR 144) als die nur reflektive Stilisierung einer zwar 140), so dient die zweite Fassung des Werks (1879/80) dazu, zu zeigen,
harmonischen, aber letztlich beziehungslosen Welt ablehnt. Wie für was es für ein episches Werk bedeute, wenn es eine "nicht vorbildliche
viele Kritiker vor ihm erreichen die Dissonanzen in Goethes Werk für ... Subjektivität" (TR 140) zum Gegenstand der Gestaltung wählt. In
Lukäcs in dem "phantastischen Apparat der letzten Bücher", der für diesem ersten Urteil Lukacs' über Keller sind wir noch weit entfernt
ihn "die Toneinheit des Ganzen dissonierend zerreißt" (TR 146 f.), ih­ von seiner späteren Aussage, im "Grünen Heinrich" sei "die Erzie­
ren Höhepunkt. Trotz solcher Kritik will er die beschriebenen Unzu­ hung zum Staatsbürger der Demokratie" 86 und damit die Aufhebung
länglichkeiten des Werks nicht dessen Schöpfer anlasten, um so weni­ des isolierten Individuums in der Gemeinschaft gestaltet worden. Das
ger, als es ihm "vollkommen unmöglich" scheint, "dieses so unorgani­ Urteil der "Theorie des Romans" lautet, im Einklang mit seiner Ge­
sche ,Wunderbare' irgendwie aus dem ,Wilhelm Meister' wegzuden­ schichtsphilosophie jener Zeit, sehr viel skeptischer. Nicht als Modell
ken" (TR 147). Zur Erklärung dieser Dissonanz greift Lukacs auf sei­ vorbildlicher Lebensgestaltung wird hier der "Grüne Heinrich" der
ne Geschichtsphilosophie zurück. Schon in der "Theorie der Literatur­ zweiten Fassung angeführt, sondern als Beispiel für die Gefahr, es
geschichte" hatte er ausgeführt, daß "die größten Kämpfe der großen könnte sich bei der Darstellung eines solchen Lebens wie des seinen nur

198 199
um "ein memoirenartig erzähltes Privatgeschick" handeln, dem der weltanschaulichen und einem künstlerischen. Der weltanschauliche
"fatale, belanglose und kleinliche Charakter des bloß Privaten" (TR Grund besteht darin, daß die Lösung, die Pontoppidans Held sucht,
140 f.) anhafte. Dieser Gefahr, von der Lukacs sagt, ihr sei "der weit­ nur eine individuelle bleibt und nicht zu einer neuen Form des Zusam­
aus größte Teil des modernen Erziehungsromans ... rettungslos ver­ menlebens führt. Der künstlerische Grund besteht darin, daß Lukäcs
fallen (TR 141), entgeht seiner Meinung nach auch der "Grüne Hein­ In diesem Werk eher eine ideale Konstruktion als - wie er in Anleh­
rich" der zweiten Fassung nicht. Er wird zur Dokumentation dafür, nung an Hegels Begrifflichkeit argumentiert - eine lebendig-organi­
wie fast unmöglich es in der - wie die "Entwicklungsgeschichte" es Khe Einheit sieht. Lukacs' Urteil über Pontoppidans Roman lautet
schilderte - Blütezeit des Individualismus gegen Ende des 19. Jahr­ dementsprechend: Der Weg von dessen Helden habe "seinen Wert
hunderts war, Konzepte zu dessen Überwindung zu entwickeln. Ansät­ doch nur in bezug auf dieses bestimmte Ziel" und der Wert, der so ent­
ze, das zu tun, hatte Lukäcs, wie schon in seinem früheren großen .tehe. sei "doch nur der des Gewachsenseins und nicht der des Wach­
Werk über das Drama, in seiner Gegenwart entdeckt. .ens selbst" (TR 133).
Auch Pontoppidans Roman gelingt es nach Lukacs' Urteil nicht, ei­
ne Alternative zum westeuropäischen Individualismus aufzuzeigen.
Pontoppidan (1857-1943) Alle aufgezählten Werke, die Romane des abstrakten Idealismus,
Ein solch hoffnungsvoller Vorstoß in die richtige Richtung, obzwar die mit der Untersuchung von Balzac und Dickens endeten, wie die der
noch keine Lösung der Frage des modernen Individualismus, sieht Lu­ Innerlichkeit, die mit Niels Lyhne abgeschlossen wurden, und insbe­
kacs in Pontoppidans Roman "Hans im Glück". In diesem 1904 er­ londere die herangezogenen Entwicklungsromane demonstrieren im
schienenen, heute kaum mehr bekannten Werk, wird das Geschick des Rahmen von Lukacs' Geschichtsphilosophie die Weglosigkeit, den
Ingenieur gewordenen Pastorensohns erzählt, der die heimatliche Enge ,.Abgrund" (TR 54) der bürgerlichen Moderne und ihres Individualis­
mit der Weite der Lebensform des fortschrittlichen Großbürgertums mus, von dem er nicht glaubt, daß für ihn eine Lösung im Rahmen der
seiner Zeit vertauscht, freilich nur, um zu erkennen, daß er in dieser westlichen Tradition möglich sei.
Welt, die ihm kalt und seicht erscheint, "ein Fremdling" bleibt 87. Sei­
nem Verlangen nachgebend, "sein eigenes Wesen zu ergründen 88,
zieht er sich aus der Welt der Moderne in die ländliche Einsamkeit zu­
rück, überzeugt, daß er dort "allein das höchste Menschenglück ken­
nenlernen könne: sich seines eigenen Selbst voll und klar bewußt zu 3. DoSTOJEWSKI UND DIE WENDUNG ZUM OSTEN
werden" 89.
Lukacs stellt diesen Roman sehr hoch und glaubt in ihm ein Gegen­ Schärfer als jemals zuvor und schärfer auch als jemals später, als er
stück zur Leistung Flauberts zu erkennen (TR 133). Ungleich der versuchte, Teile der westlichen Kultur als "bürgerliches" Erbe für die
"Education sentimentale" wird hier ein Dasein gestaltet, das nicht in neu entstehende sozialistische Literatur in Anspruch zu nehmen, zog
der Banalität versickert, sondern im Gegensatz dazu im Bewußtsein Lukacs am Ende seiner "Theorie des Romans" und in den Notizen für
der Fragwürdigkeit von Moderne und Fortschritt ein alternatives Le­ das geplante Dostojewski-Buch, zu dem diese die Einleitung bilden
ben mit Entschlossenheit ansteuert. Dennoch vermag diese Leistung, sollte, den Trennungsstrich zwischen West und Ost. Der seelen- und
die in der Darstellung ihrer Hauptgestalt dem Ideal des bewußten Hel­ kulturfremden Überzivilisation des Westens mit ihrer "trockenen und
den sehr nahe kommt, für das Lukacs später mit Nachdruck eintreten dürren Geistlosigkeit" wird die Welt des Ostens mit ihrer, nach Lu­
wird 90 , nicht zu befriedigen. Sie tut das aus zwei Gründen nicht, einem käcs' Urteil, "größeren Nähe zu den organisch-naturhaften Urzustän­

200 201
den" als eine der Erneuerung und der Kraft zu "schaffender Polemik" hat Lukacs immer festgehalten. Noch 1943, als die Stalinsche
(TR 149) gegenübergestellt. Dieses Urteilsschema wird durch die Stel­ Kulturpolitik zu vorsichtigerem Taktieren in bezug auf diesen Schrift­
lung unterstrichen, die Lukacs im Rahmen seiner Geschichtsphiloso­ zwang, stellt Lukacs Dostojewski als den Schöpfer eines "neuen
phie Dostojewski gibt. Expressionistisch übersteigert nennt Lukacs ihn ~Menschentypus" und als Dichter vor, der es vermocht habe, während
den Dante und Homer eines neuen Zeitalters. "Er gehört der neuen einer Krisenzeit seines Landes, ja der ganzen Menschheit, in dichte­
Welt an", urteilt die "Theorie des Romans" (TR 158) über ihn. n.eh entscheidendem Sinne Fragen zu stellen. Er habe Menschen ge­
In dem Bilde, das Lukacs im ersten Weltkrieg von Dostojewski ent­ "'haffen, schrieb Lukacs damals, "deren Schicksal und Innenleben,
wirft, erscheint dieser als ein Denker, der den materialistischen Indivi­ Zusammenstöße und Wechselwirkungen mit anderen Gestalten
dualismus des Westens gegen die gemeinschaftsbezogene "Sphäre ei­ ••. alle Tiefen der Fragen dieser Epoche sichtbar" gemacht hatten,
ner reinen Seelenwirklichkeit" (TR 157) abgrenzt. Dostojewski er­ "trOher, tiefer und umfassender als im durchschnittlichen Leben
scheint für Lukacs als ein Kulturphilosoph, der die Kriterien ent­ IIlbst" 92.
wickelt, um die "abstrakte, isolierte und "gespaltene Realität" der Das Urteil aus dem Jahre 1943 klingt freilich nur wie ein fernes
westlichen Tradition zu scheiden von der "abgerundeten Totalität" Icho der Einschätzung Dostojewskis, wie Lukitcs sie im Jahre 1915 ge­
(TR 157) und dem "lebendigen Leben" (TR 154) der östlichen. Dosto­ leben hatte. Damals wurde dieser nicht nur als eine hervorragende Ge­
jewski ist für den Lukacs dieser Zeit der Diagnostiker, der die Gründe Italt der Geistesgeschichte, sondern als eine säkulare Figur eingeführt,
aufzeigt, für die "Seelenfremdheit" , die "Geistlosigkeit" und die "kul­ die den Beginn eines neuen Äons ankündigte, das "die Epoche der
turfremde, bloß zivilisationshafte Wesensart" (TR 149) der westlichen vollendeten SÜlldhaftigkeit" (TR 157) ablöste und überwand. Wie Ady
Welt; Dostojewski ist für ihn ein "Visionär"91, der die Utopie eines ein halbes Dutzend Jahre zuvor, so war jetzt Dostojewski für Lukacs
neuen Menschen und einer neuen Gemeinschaft entwarf und so an die der Maßstab, an dem er die europäischen und russischen Schriftsteller
Stelle der kraft- und ziellos gewordenen Lebensformen des Westens maß. Als er am Ende seines Aufsatzes über die "Ästhetische Kultur"
das Modell eines neuen "wesentlichen Lebens" (TR 152) zu setzen ver­ eile Künstler nennt, von denen er glaubt, sie kündeten eine neue Epo­
mochte. che an, nannte er unter ihnen auch "den Namen des größten, an den
Die angeführten Zeugnisse, wie die "Notizen" und der skizzenhafte Ich fortwährend dachte, als ich dies schrieb, den geheiligten Namen
Aufriß (siehe Anhang) zu seinem Dostojewski-Buch dokumentieren, unseres größten epischen Dichters, den Namen Dostojewskis" (EK
daß es vor allem der Ideologe Dostojewski war, für den sich Lukacs in 30). Und als er wieder einmal kämpferisch für seinen Freund Bela Ba­
erster Linie interessierte. Was ihn am Werk dieses Schriftstellers an­ IUs eintritt, so kann er als Lob für dessen Drama "Tödliche Jugend"
zog, war dessen Vision eines neuen Menschen und einer neuen Lebens­ keinen besseren und höheren Vergleich ersinnen, als es als "das drama­
art. Im Werk dieses Russen schien es eine Fülle von Gestalten zu ge­ tische Gegenstück zur Epik Dostojewskis" zu bezeichnen 93 •
ben, die die Forderung der "Ästhetischen Kultur" erfüllten, den neuen
Menschen des wesentlichen Lebens sich dadurch auszeichnen zu las­
sen, daß er von einem Punkte herkomme und zu einem Ziele gehe (EK
3.1 Kritik an der russischen Tradition
17), und daß er sein Leben zu Ende kämpfe und bis zum Ende leide
(EK 27). Neben der europäischen und der ungarischen Literatur wird vor allem
An dem im Schluß kapitel der "Theorie des Romans" und in den die russische an Dostojewski gemessen. Diesem Maßstab vermögen
Notizen zu seinem nie vollendeten Dostojewski-Buch entwickelten Bild auch Gestalten wie Turgenjew und Tolstoi nicht zu genügen. Sie beide
des russischen Schriftstellers als des Schöpfers eines neuen Menschen­ werden ein geringes Lob als "Desillusionsromantiker" (TR 149)

202 203
l'

eingestuft und können in der Geschichtsphilosophie Lukacs' aus dem er kann dem Bild vom neuen Menschen, das Lukacs damals vor­
Jahre 1915 bestenfalls - Turgenjew weniger, Tolstoi mehr - den schwebte, nicht entsprechen, weil sein Protest im Individuellen befan­
Rang von Vorläufern von Dostojewski einnehmen. gen bleibt und er keinen Versuch unternimmt, diesen Individualismus,
und sei es auch nur theoretisch, zu überwinden.
Turgenjew, der nach eigenem Bekenntnis "eingefleischte Anhänger
Turgenjew (1818-1883) ,des Westens'" 95, vermochte die Anforderungen, die Lukacs an den
Aus dem umfangreichen Werk des Flaubert-Verehrers und Bakunin­ neuen, den westlichen Individualismus überwindenden Roman stellte,
Freundes Turgenjew zieht Lukacs für seine Argumentation "Väter nicht zu erfüllen.
und Söhne" (1862) heran, also den Roman, in dem dieser Schriftsteller
den Konflikt der Generation der Väter der vierziger und der Söhne der
sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts schildert. Die Beurteilung dieses Tolstoi (1828-1910)
Werks als Desillusionierungsroman nach dem Muster von Flauberts Auch Tolstoi; der sich durch sein Werk, sein Leben und nicht zuletzt
"Education sentimentale" lag um so näher, als das Schicksal des Pa­ durch seinen Tod als Vorkämpfer einer neuen Lebensform präsentiert
wel Kirsanow auffällige Parallelen zu dem von Frederic Moreau auf­ hatte, vermochte das nach Lukacs' Urteil aus dem Jahre 1915 nur teil­
wies. weise zu tun. Der vom Neuplatonismus herkommende Kritiker hielt
Lukacs' Interesse an diesem Roman richtet sich allerdings nicht so die Grundthese von Tolstois Werk, eine Lösung der Gegenwartsfragen
sehr auf diese Gestalt und noch weniger auf Figuren, wie Pawels Bru­ sei nur durch die Rückkehr von der Kultur zu Natur möglich, für ver­
der Nikolai und dessen Sohn Arkadij, die beide gemeinsam haben, daß fehlt. Die großen Beiträge Tolstois zur russischen und zur Weltlitera­
sie nach einer kurzen Episode der Sympathie mit einer unbürgerlichen tur wie "Krieg und Frieden" (1869) und "Anna Karenina" (1875/78)
Existenz heimfinden zu den Konventionen der Bürgerlichkeit. Sein In­ vermag er deshalb ebenfalls nur als Desillusionsromane freilich "mit
teresse, das mit dem neuen Roman die neue unbürgerliche Lebensform der stärksten Transzendenz zur Epopöe" (TR 149) zu sehen. In der
sucht, richtet sich vor allem auf Basarow, die Gestalt des Romans, die epischen Form von Tolstois Werk und den Visionen in den beiden eben
von seinem Freunde als "Nihilist", und das heißt als Mensch, vorge­ genannten Romanen zeigt sich für Lukacs die geschichtliche Wende
stellt wird, "der sich vor keiner Autorität beugt, der ohne vorgängige an, die für ihn im Werk von Dostojewski manifest wird.
Prüfung kein Prinzip annimmt und wenn es auch noch so sehr im An­ Die rousseausche Orientierung von Tolstois Werk, die Lukacs be­
sehen" steht 94 . Lukacs sieht in Basarow eine Niels Lyhne ähnliche Ge­ reits in seiner "Entwicklungsgeschichte" (S. 522 f.) kritisiert hatte, fin­
stalt, die den Versuch unternimmt, eine neue Lebensform zu begrün­ det er in den beiden Romanen, insbesondere in deren Vorstellung über
den~ aber letztlich an ihr versagt. Die große Forderung der "Ästheti­ Liebe und Ehe, am deutlichsten ausgeprägt:
schen Kultur", statt von Luftschlössern zu träumen, sein Leben zu ei­ " ... die Liebe als Mittel der Geburt; die Ehe und die Familie als Vehikel der
ner "granitenen Burg" zu gestalten (EK 27) konnte auch Basarow, der naturhaften Kontinuität des Lebens" (TR 152) so faßt er Tolstois Gedanken
angesichts des Todes, wie der Däne das getan hatte, den Konventionen zusammen und fügt als Kritik hinzu: "Der Triumph dieser Liebe über die Kul­
der Zeit nachgab, nicht genügen. Er konnte die dort von Lukacs aufge­ tur soll ein Sieg des Ursprünglichen über das falsch Verfeinerte sein, er wird je­
stellten Forderungen des wahren "Schaffens" und Wirkens (EK 16) doch zu einem trostlosen Verschlucktwerden alles menschlich Hohen und Gro­
schon deshalb nicht erfüllen, weil seine Skepsis dem Leben im allge­ ßen von der Natur, die im Menschen lebt ... " (TR 153)
meinen und den russischen Zuständen im besonderen gegenüber so tief Besonders aussagekräftig für diese These scheint ihm der Epilog von
ist, daß er wenig Sinn in konkreter Reform zu erblicken vermag. Und "Krieg und Frieden" zu sein. Die dort von Tolstoi geschilderte Welt

204 205
von Elternsorge und Kindernot erscheint Lukacs als "die beruhigte
Kinderstubenatmosphäre, in der alles Suchen ein Ende gefunden hat"
und die für ihn "von einer tieferen Trostlosigkeit (ist), als das Ende des
problematischsten Desillusionsromans" (TR 153). Es ist für ihn eine
Welt, in der "alles Seelische vom animalisch Naturhaften aufgesogen"
1
f

,
r.

lI
Solcher Würdigung zum Trotz vermag Lukacs in diesen drei Episo­

den aus Tolstois Werk bestenfalls Ansätze zu einer Lebensform zu er­

kennen, die Individualismus und dumpfe Naturgebundenheit überwin­

den. Die Erlebnisse Bolkonskys und Karenins bleiben dem Augenblick

verhaftet. Platon Karatajew erscheint ihm, wie anderen Kritikern nach


(TR 153) wurde. ihm, als eine "gut gemeinte Konstruktion" 100, deren Leben sich nicht
An den Maßstäben der "Ästhetischen Kultur" mit ihrem Verlangen "objektiviere" und die keine Realität darstelle (TR 155). Solcher Un­
nach Zielsetzung und Seelenformung und unablässigem Streben ge­ zulänglichkeiten ungeachtet blieben diese Momente aus Tolstois
messen, mußte Tolstois Ideal eines natürlichen Lebens versagen. Und Schaffen für Lukacs' Geschichtsphilosophie wichtig als Vorwegnahme
Lukacs spricht denn auch von der "Ziellosigkeit und Stubstanzlosig­ des großen Themas der Überwindung des Individualismus, das er in
keit dieses Lebens" (TR 153). Was Tolstois Werk im Rahmen der Ge­ Dostojewskis Werk beispielhaft gestaltet sah.
schichtsphilosophie, innerhalb derer er es sieht, für Lukacs rettet, ist
der Umstand, daß in ihm wenigstens "Ahnungen eines Durchbruchs in
eine neue Weltepoche sichtbar" werden (TR 157). Solche Augenblicke
3.2 Dostojewski (1821-1881)
werden für Lukacs im Werk Tolstois dort sichtbar, wo die Schleier der
Konvention sinken und das auftaucht, was Dostojewski in seiner Tol­ Mit der Zuwendung zu Dostojewski fand Lukacs' kritische Auseinan­
stoi-Kritik .. die ewige große Lebenswahrheit"96 genannt hatte. Lukacs dersetzung mit dem Westen und seiner Kultur, die er mit seiner "Ent­
zeigt drei Episoden in Tolstois Werk auf, in denen für ihn die Ahnung wicklungsgeschichte" im großen Maßstab begonnen hatte, ihren Hö­
einer neuen Lebensform jenseits des Individualismus sichtbar wird. Er hepunkt und vorläufigen Abschluß. Er fand in Dostojewski einen
zählt dazu die Vision, die der verwundete Andrej Bolkonsky auf dem Schriftsteller, der in seiner Kritik am Westen ebenso dessen Bürgerlich­
Schlachtfeld von Austerlitz hat und die ihn sein Leben .. in einem ganz keit und Individualismus ins Zentrum stellte, wie er das selbst getan
anderen Sinne erfassen" läßt als früher 97 , nämlich, wie Lukacs meint, hatte. Und wenn er im kulturkritischen Werk von Dostojewski Mate­
als ein wesentliches und zielgebundenes (TR 154). Das grundlegende rial in Fülle fand, das seine in der "Entwicklungsgeschichte des moder­
Erlebnis Bolkonskys in diesem Augenblick, im Feind den Mitmen­ nen Dramas" und der "Theorie des Romans" vorgebrachte These vom
schen zu sehen, bestimmt auch das zweite von Lukacs herangezogene Zerfall der westlichen, vom Individualismus geprägten Kultur stützte,
Beispiel. Als "freudiges Gefühl ... das die dem Feind entgegenge­ so fand er noch mehr Material darin, um seine Vorstellung von einem
brachte Liebe und Verzeihung erweckt" 98, erfährt Karenin die Begeg­ wesentlichen, auf ein überindividuelles Ziel und ein auf Gemeinschaft
nung mit seinem Rivalen Wronskij am Krankenbett von Anna. Lu­ hin orientiertes Leben herauszuarbeiten. Die Vision eines neuen Men­
kacs' drittes Beispiel, in dem er Tolstois Idealgestalt Platon Karatajew schen, die Dostojewski in Gestalten wie Sonja Semenowa in "Schuld
vorstellt, unterstreicht denselben Gesichtspunkt. Karatajew war von und Sühne", im Fürsten Myschkin aus dem "Idioten" und in Alexei
Tolstoi als russischer Bauer in sein Werk eingeführt worden, dessen Karamasoff vorgestellt hatte, Menschentypen, die Lukacs bereits in
Leben nur Sinn hatte, wie Tolstoi schreibt, .. als Teil jenes Ganzen, seiner Schrift über die "Armut am Geiste" (S. 73) als vorbildlich emp­
dessen Vorhandensein er beständig spürte"99. Was die anderen beiden fohlen hatte. Diese Vision eines neuen Menschen mußte Lukacs um so
nur als Vision sehen, wird von Karatajew nach Lukacs' Urteil gelebt. näher stehen, als hier, wie er das in der .. Ästhetischen Kultur" gefor­
(TR 154 f.) dert hatte, eine Lebensform aufgezeigt wurde, die ein Ziel hatte (EK
13) und in der bis zum Ende gekämpft und gelitten wurde (EK 28). Die

206 207
von Dostojewski vorgeschlagene Form des wesentlichen Lebens, die 3.2.1 Kritik am westlichen Individualismus
sich an der christlichen Vorstellung von der Pilgerschaft zur Erlösung
Lukäcs' Auseinandersetzung mit Dostojewski stellt einen Einschnitt in
orientiert, die, wie gezeigt, auch dem Lukacs der "Seele und die For­ Hiner Beschäftigung mit der Kultur des Westens dar, von der seine Li­
men" (S. 10) nicht fremd war, mußte für ihn um so anziehender sein,
teraturkritik ausgegangen war. Nach einer ersten unreflektierten Zu-
als sie sich im Fall von Sonja Semenowa und Markell Sossima, deren Wendung zur zeitgenössischen Literatur des Westens als einer Alterna­
Analyse Lukacs in seinen Notizen zum geplanten Dostojewski-Buch
. tlve zur Bürgerlichkeit seiner Umgebung war das Bild, das sich Lukacs
bedeutendes Gewicht gibt (S. 120), verband mit dem Gedanken der
l·davon in der "Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas" und
notwendigen, für Individuum und Gemeinschaft fruchtbaren Schuld,
daran anschließend in der "Theorie des Romans" gemacht hatte, sehr
der in seinen Erwägungen zum wesentlichen Leben eine so große Rolle viel skeptischer: Mittel- und West-Europa, die in seinem Land traditio­
spielt. Ungleich Tolstoi, für den erfülltes Leben nach Lukacs' Auffas­
nell bewunderte und beneidete Welt, stellte sich in seiner Analyse als
sung nur im Rahmen des "animalisch Naturhaften" (TR 153) möglich eine Weit des kulturellen Verfalls dar, für die er in der Dramenge­
war, fand er in Dostojewski einen Dichter, dessen Menschen von den schichte nur noch wenig, in der "Theorie des Romans" kaum eine
durch sie verkörperten Ideen bestimmt waren und von ihnen zu Heil
Hoffnung mehr sah.
oder Unheil geführt wurden. In seiner Skepsis gegenüber dem Westen stand Lukacs in Ungarn
Entsprechend der von Lukacs vorgenommenen Einordnung Dosto­ nicht allein. Er konnte sich auf den von ihm bewunderten Ady stützen,
jewskis als Kulturkritiker wie als Romancier, der mit seinem Werk eine
der in seinen Schilderungen von Paris, in dem er sein Ungartum ent­
neue literarische und nach Lukacs' Meinung auch geschichtsphiloso­
deckte, das Bild einer von Macht und Geldsucht beherrschten Baals­
phische Epoche eröffnet, beziehen die Notizen zu der geplanten Arbeit welt entwarf, das sich nur in Nuancen von der Beschreibung unter­
das kulturkritische Werk Dostojewskis ebenso in den Kreis ihrer Be­ schied, die Dostojewski, dem sich Lukacs jetzt zuwandte, davon gelie­
trachtungen ein wie dessen Romane. Als Unterlagen für das Europa­ fert hatte 101. Die von Ressentiment nicht freien Analysen, die Dosto­
bild des Russen dienen Lukacs dessen "Winteraufzeichnungen über jewski über den Westen anfertigte, ließen sich zudem ohne Schwierig­
Sommereindrücke" (1863) ebenso wie dessen "Tagebuch eines Schrift­ keiten mit den Auffassungen von der westlichen Moderne verbinden,
stellers" (1873-1881). Ergänzt wird dieses Bild durch die Großinqui­
die Simmel vertreten und die Lukacs seiner Dramengeschichte zugrun­
sitorerzählung aus den "Brüdern Karamasoff" (1881) und, was die
de gelegt hatte.
Charakterisierung des europäischen Nihilismus angeht, durch "Die Für Simmel wie für Dostojewski war der Individualismus der
Dämonen" (1871). Das Bild wesentlichen Lebens, das Lukacs entwirft Schlüssel zum Verständnis der europäischen Moderne. Wie Simmel
und in dem er vielleicht am deutlichsten von seinem Mentor abweicht,
hatte Dostojewski die westeuropäische Zivilisation durch "das Vor­
stützt sich, wie erwähnt, auf die Beschreibung des Fürsten Myschkin handensein des Prinzips der Einzelperson" bestimmt gesehen. Das
aus dem Roman "Der Idiot" (1868) und auf die Erzählung des Staretz Konzept einer "betonten Selbsterhaltung, Selbstbehauptung, des
Sossima über seinen jüngeren Bruder MarkeIl aus den "Brüdern Kara­ Selbstbetriebs, der Selbstbestimmung innerhalb des eigenen Ich, das
masoff". Die ideale Gesellschaft, in der ein solches Leben möglich Prinzip, dieses Ich der ganzen Natur und allen übrigen Menschen ent­
war, fand er in der Novelle "Der Traum eines lächerlichen Me~schen" gegenzustellen,,102, ist für ihn bezeichnend für die Weltanschauung
vorgezeichnet. des Westens, deren Verbindung zur kapitalistischen Wirtschaftsform
er ebenso hervorhebt wie Simmel das getan hatte

208 209
Bei dieser Analyse blieb der russische Kritiker des Westens nicht Die Perspektive, die Lukacs wählt, um die westliche Welt als eine
stehen. Nicht minder wichtig war es für ihn, das Verhältnis dieses Indi­ des Verfalls darzustellen, ist dabei weniger eine soziologische als viel­
vidualismus zur Gemeinschaftsform der westlichen Welt zu untersu­ mehr eine religiöse. Der Gegensatz von West und Ost wird in der
chen. Der Sozialismus, den er dort findet, erscheint ihm hohl und Nachfolge von Dostojewski als der eines falschen und eines ricMigen
"künstlich" 104. Von größerem Gewicht erscheint ihm die Beziehung Glaubens angesehen. Der "wahren Struktur" des objektiven Geistes
des Bourgeois, wie er den typischen Vertreter des Westens nennt, zum (EF 115) des Westens glaubt Lukacs dementsprechend am besten
Staat. Er liebe es ungeheuer, sagt Dostojewski über ihn, "sich vor den durch eine Analyse von dessen Gottesbegriff näher zu kommen.
Augen der Obrigkeit irgendwie auszuzeichnen, vor ihr irgendwie zu Die Geistesgeschichte des Westens ist nach Lukacs' Meinung seit
dienern, ihr womöglich ganz uneigennützig einen Dienst zu erweisen, dem Mittelalter von einem Gottesbegriff beherrscht, der die bestehen­
sogar ohne dafür eine sofortige Belohnung zu erwarten ... " 105. Der de Ordnung zusammen mit ihrem Unrecht, ihrer Gewalt und ihren
Staat wird so das Gegengewicht zum Atomismus einer individualisti­ Kriegen (EF 122) rechtfertigt und den Lukacs den "jehovistischen" Be­
schen Gesellschaft, der Staat wird zur einzigen Institution, zu dem der griff Gottes nennt (EF 121 u.ö.). Obwohl schon früher bestehend, fin­
sonst nach Dostojewskis Urteil ganz dem Gelderwerb ergebene Bour­ det dieser Gottesbegriff in der calvinistischen und - wie Lukacs meint
geois eine affektgetönte Beziehung hat. - lutherischen Vorstellung eines erbarmungslosen, das Schicksal des
Menschen ohne Gnade bestimmenden Gottes seinen adäquatesten
* Ausdruck. (EF 122)
Nach Lukacs' Überzeugung bestimmte diese Gottesvorstellung die
Es ist ein Kennzeichen von Lukacs' Literaturkritik seit ihren Anfängen westliche Tradition seit dem Verfall des Urchristentums. Damals
gewesen, daß sie in der Literatur nach Lebensmodellen suchte. Davon herrschte das, was er in seinen Notizen eine "ethische Demokratie"
machten auch die Notizen .zum geplanten Dostojewski-Buch keine nannte (EF 119). Deren Zeit war aber begrenzt, denn schon "mit den
Ausnahme. Die Frage, die er in "Die Seele und die Formen" gestellt Aposteln beginnt der Kompromiß" (EF 119). Der sich bereits hier an­
hatte: "Wie kann und muß man heute leben?" (S. 69) war für ihn auch kündigende Abfall von der ursprünglichen auf persönlicher Hingabe
für seine Dostojewski-Arbeit maßgebend. Der Gegensatz von West gegründeten Gemeinschaft der Urkirche dokumentiert sich in der In­
und Ost, den er anhand der Texte des russischen Autors untersuchte, stitutionalisierung der Religion in der Kirche, deren Sinn nach den
ist für ihn der Gegensatz zweier Lebensformen, von denen die eine "Ethischen Fragmenten" darin besteht, Versöhnung und Erlösung
dem Verfall preisgegeben, die andere der Zukunft zugeordnet er­ durch die Gottheit "vom unendlich zufälligen Individuum unabhän­
scheint. gig" zu machen (EF 122).
Um die Struktur der westlichen Welt zu kennzeichnen, bedient sich War die Urkirche nach Lukacs' Schilderung eine Gemeinschaft ge­
Lukacs desselben geschichtsphilosophischen Schemas, das er zur Dar­ wesen, in der "das ,Gemeinsame' als das Prinzip der ethischen Sub­
stellung der Geschichte des modernen Dramas und der Geschichte des stantialität" (EF 119) gegolten hatte und die aus diesem Grunde schon
Romans entworfen hatte. "Die Möglichkeit des Erkennens der wahren eine Alternative zu der individualistischen Lebensform der Welt außer­
Struktur des objektiven Geistes", schreibt Lukacs in den Notizen zu halb dieser Gemeinschaft abgegeben hatte, so zeigte sich der Abfall der
seinem Dostojewski-Buch, "muß man geschichtsphilosophisch schaf­ Kirche als Institution von diesem ursprünglichen Ideal darin, daß sie
fen", und er fügt dieser Bemerkung, zum ersten und zum letzten Male sich mit der" Welt" arrangierte. Im Gegensatz zu dem Bild, das Lu­
in seinen "Ethischen Fragmenten" den Namen von Marx nennend, kacs von der Kirche als einer "neuen Polis" in der "Theorie des Ro­
hinzu, "hierin liegt die Bedeutung von Marx." (EF 116) mans" (TR 31) entworfen hatte, erscheint sie in den "Ethischen Frag­

210 211
menten", inspiriert durch die kritische Haltung Dostojewskis, als eine Sieht man im Gefolge der Kulturkritik Dostojewskis die Geschichte
höchst konservative und fragwürdige Institution, die den gegebenen westlichen Geistes und der westlichen Kultur in diesem Lichte, so
Zustand der Welt als gottgewollt hinstellt (EF 121 f.); eine These, die sie als eine Geschichte von Irrtum und Verfall. Die Notizen
Lukäcs mit dem Hinweis auf Thomas von Aquins Rechtfertigung von dem geplanten Dostojewski-Buch machen, wie bereits die "Ent­
Eigentum und Sklaverei belegen zu können meint (EF 121). !Wicklungsgeschichte" und die Romantheorie, deutlich, daß die Wurzel
Die Prinzipien, die die mittelalterliche Kirche beherrschten, treten Verfalls im Individualismus zu sehen ist. Seinen Blick auf
nach deren Auflösung in den Kirchen und der Theologie der Reforma­ Deutschland gerichtet, dessen geistige Tradition er nur wenige Jahre
tion besonders deutlich hervor. Kronzeuge für diese Auffassung ist für als vorbildlich hingestellt hatte, fand Lukacs für diese Grund­
Lukacs, wie bereits erwähnt, die Prädestinationslehre Calvins, die er Illhwäche des Westens die Formel: "Deutschland: die eigene Seele -
auch Luther zuschreibt. Die Doktrin "eines nicht gerechten und nicht Verbindung zu Gott" (EF 117). Er leitet aus diesem Umstand die
gütigen Gottes" und dessen Verherrlichung (EF 123) scheint Lukacs Deutschlands" ab, die er darin sieht, daß es dort nur einsa­
der prägnanteste Ausdruck einer Theologie zu sein, die Gewalt und Heiden gebe. (EF 117) Aber Lukacs verwendet diese Formel auch
Unterdrückung rechtfertigt. Im Einklang mit der Kirche des Mittelal­ Rahmen seiner Geschichtsphilosophie. Eine auf solcher Grundlage
ters, so hält Lukacs fest, erklärt auch die der Reformation Obrigkeit aufgebaute Welt mußte in einer "Epoche der Apokalypse", wie Lu­
und Eigentum, Krieg und Gewalt als gottgewollt. (EF 122) seine Gegenwart nennt (EF 128), einer Epoche, in der Christen­
Das Erbe der mittelalterlichen und der reformatorischen Kirchen und Gottesglaube abstirbt (EF 128) und Atheismus und Nihilis­
trat der moderne Staat an. "Die Kirche", formuliert Lukacs in seinen die herrschenden Anschauungen wurden, besonders gefährdet
Notizen, "ist das Vorbild des modernen Staates." (EF 122) Die Frag­ lein. Denn diese Entwicklungen drohten die einzige Klammer zu zer­
würdigkeiten, die schon die Kirchen auszeichneten, treten bei ihm 'tören, die die Individuen no\.'=h zu einer Gemeinschaft verbanden.
noch ungeschminkter hervor. Noch mehr als die Kirchen beschreibt Ungleich besser als der Westen schien nach Lukacs' durch Dosto­
Lukäcs ihn als Zwangsanstalt. Der Staat ist für ihn "die organisierte 'ewskis Einfluß geprägte Auffassung Rußland geeignet zu sein, diese
Immoralität - von innen als Polizei, Strafrecht, Stände, Handel, Fa­ iapokalyptischen Stürme zu überstehen. Denn die Formel für dieses
milie; von außen als Macht, Krieg, Eroberung, Rache-Lust" (EF 121). lautet den "Ethischen Fragmenten" zufolge: "Rußland: die eige­
Der Staat ist, wie Lukäcs beifällig Augustin zitiert, die "organisierte Seele - in der von Gott gewollten und geschaffenen Gemeinschaft
Sünde" (EF 123) aus eigener Phantasie fügt er hinzu: "der Staat als or­ der anderen Seelen". (EF 117) Mochte Gott sterben, die Gemeinschaft
ganisierte Tuberkulose; wenn sich die Pest bazillen organisieren wür­ dieser Seelen blieb bestehen.
den, würden sie ein Weltreich gründen" (EF 123). Die Epoche der Apokalypse, für den Westen, nach Lukacs', Dar­
Und wenn Lukacs im Gefolge Dostojewskis mit dem Staat des We­ riltellung, ein Moment auf seinem Wege zu Auflösung und Untergang,
stens wenig anfangen kann, so auch wenig mit den Philosophen, die sich für den Osten als die Möglichkeit der Ausbildung eines neu­
ihn verteidigen. Dabei wird insbesondere die deutsche Philosophie als durch keine Vaterherrschaft beeinträchtigten Reichs der Brüderlich­
"die Repräsentantin des absolut hypostasierten objektiven Geistes"
(EF 123) kritisiert. In ihrem Rahmen wird Hegel als der Philosoph her­
vorgehoben, der, wie Lukacs meint, das Dilemma der Substantialität
3.2.2 Östliche Solidarität
"Seele oder Staat" falsch gelöst habe. Lukäcs 1915: "Hegel setzt die
Substantialität und Moralität des Staates voraus, deshalb kommt es Brüderlichkeit und europäischer Individualismus - das ist
II.U:';:;l:;\;UC

bei ihm zur Vergöttlichung des Bestehenden." (EF 123) Gegensatz, den die Notizen zum geplanten Dostojewski-Werk be­

212 213
sonders nachdrücklich herausarbeiten. Denn in der russischen Tradi­ Tradition aufgezeichnet und wieder ins Bewußtsein gerufen zu
tion der Solidarität mit dem Mitmenschen, so wie Dostojewski sie be­ haben, sieht Lukacs als Verdienst Dostojewskis an. Der Rang von des­
schreibt, sieht Lukäcs die Möglichkeit einer Alternative zum Konkur­ Mn Werk ist fQr ihn darin begründet, daß er einerseits "das Chaos des
renzprinzip des westlichen Individualismus. .hischen Solipsismus" (EF 120) analysiert und zugleich Möglichkeiten
Mit Dostojewski geht er einig, daß es zwar auch im Westen eine Art rur dessen Überwindung aufzeichnet. In diesem Werk, meint Lukacs,
von Brüderlichkeit gebe. Aber sie scheint ihm unecht oder, wie er es II'wacht die Sehnsucht nach einer allgemeinen Verzeihung, weil man
formuliert "abstrakt" zu sein. Sie ist dort nur ein "Ausweg aus der . dann auch über diesen Solipsismus hinwegkommen könne. (EF 120)
Einsamkeit", der andere wird zwar .. ,Mitbürger', ,Genosse', ,Lands­ 15 wird damit gezeigt, fügt er hinzu, daß die Lebensprobleme lösbar,
mann'" genannt, aber nur in einem abstrakten, unpersönlichen Sinn. daß Erlösung - dieses Schlüsselwort seiner frühen Jahre! - möglich
Die Brüderlichkeit, die im Westen praktiziert wird, schließt nach der Mi. (EF 120)
Meinung von Lukäcs' Notizen den Rassen- und Klassenhaß usw. nicht Indem er diese Lösungen verheißt und auf Traditionen hinweist, die
aus, sie setzt ihn vielmehr voraus. (EF 127) Dies ist nach Lukäcs' Mei­ .ine neue Form des Zusammenlebens möglich erscheinen lassen,
nung in Rußland anders. "Rußland:", notiert er, "der andere ist mein macht er aufmerksam auf Formen menschlichen Zusammenlebens, die
Bruder, wenn ich zu mir selbst finde; zu mir selbst findend, fand ich freilich alle paradiesisch-utopischen Charakter haben. "Gerechtig­
ihn." (EF 127) Dostojewski hatte recht, wenn er in seiner Puschkin­ keit", notiert Lukacs zu seinem Autor, "Gerechtigkeit kommt bei Do­
Rede diese Haupteigenschaft des russischen Menschen in den Satz faß­ stojewski nicht vor ... er kann auf die Gerechtigkeit verzichten, weil
te: "Ein echter, ein ganzer Russe werden, heißt vielleicht nur - ein er die Güte an deren Stelle setzt." (EF 125) Die Welt, die so sichtbar
Bruder aller Menschen werden." (EF 127) wird, ist eine, in der die Prinzipien der Bergpredigt, auf die Lukacs in
Der Analyse dieser Form der menschlichen Solidariät und deren Be­ diesem Zusammenhang hinweist (EF 125), zu selbstverständlicher
deutung für die Begründung einer neuen Lebens- und Gesellschafts­ Wirklichkeit geworden sind.
form widmen Lukäcs' Notizen die größte Aufmerksamkeit. Der junge Um zu zeigen, wie ein Leben und eine Gesellschaft unter der Lei­
Philosoph, zu dessen Lieblingsideen, wie oben dargetan, der Begriff tung solcher Prinzipien sich gestalten, wies Lukacs auf den Bericht des
der als notwendig erkannten Schuld gehörte, kommt auf Grund der Staretz Sossima über das Leben seines jüngeren Bruders MarkeIl (EF
ihm vorliegenden Dostojewski-Texte zu dem Schluß, daß dieses mit­ 120) aus den "Brüdern Karamasoff" und auf die Erzählung "Der
menschliche Verständnis auf der Anerkennung der eigenen Schuldhaf­ Traum eines lächerlichen Menschen" hin.
tigkeit und der Bereitschaft beruhe, die Schuld des anderen anzuneh­ Beide Texte hatten gemeinsam, daß der verheißene Zugang zur pa­
men und mitzutragen. "Der Sünder, der sich als Sünder fühlt" (EF radiesischen Existenz über die erkannte und eingesehene Schuld führ­
119), ist für ihn der Ausgangspunkt für diese Form der Solidarität und te: Bei Markell über die Erkenntnis der Schuld seinen Familienmitglie­
des Realitätsprinzips, auf dem die Welt der russischen Brüderlichkeit, dern gegenüber, beim "lächerlichen Menschen" über die Reue über
wie Dostojewski sie darstellt, aufbaut. Zum Beleg für seine These unterlassene Hilfeleistung. Bei bei den bedeutete diese Einsicht die Ver­
führt Lukäcs die Einsicht Aljoschas aus den "Brüdern Karamasoff" tauschung von Isolation und Vereinzelung mit Geborgenheit und Ein­
an: klang mit Natur und Menschenwelt. "Mag ich doch schuldig sein vor
allen, dafür wird man mir auch vergeben, und das ist ja das Paradies" ,
"Jeder von uns ist für jedermann und alles in der Welt schuldig und nicht faßt Markell das Credo seiner letzten Lebensmonate zusammen. 106
nur wegen der allgemeinen Weltsünde, sondern jedes einzelne Individuum ist Der "lächerliche Mensch", versetzt in eine visionäre Welt, in der jeder
für sämtliche Menschen und jeden einzelnen von ihnen auf dieser Erde verant­
wortlich. Diese Erkenntnis ist der Gipfelpunkt des Lebens." (EF 127) wußte, wie er leben sollte, das Leben eines jeden ausgefüllt und in Ein­

214 215
klang war mit dem von Mitmenschen und Natur, dachte nicht anders. Schon in seiner Arbeit über die "Armut am Geiste" hatte Lukacs den
Freilich, wenn das das Ziel war, das Dostojewski aufzeigte und das Fürsten Myschkin und Alexei Karamasoff als vorbildliche Gestalten
Lukacs für erstrebenswert hielt, wie war es zu erreichen? Wie konnte vorgestellt (S. 73). Ihre Fähigkeit, bei ihren Mitmenschen Liebe zu er­
eine solche Paradies-Sehnsucht in dieser Zeit der "transzendentalen wecken und Gemeinschaft zu stiften, verbindet sich bei ihnen mit der
Heimatlosigkeit" (TR 59) verwirklicht werden? Wie sah das wesentli­ Oberzeugung, daß selbst das Glück der ganzen Menschheit mit dem
che, die Ziellosigkeit des Individualismus hinter sich lassende Leben, Opfer des Geringsten unter den Menschen zu teuer erkauft wäre. 107
das dort möglich war. im Alltag der Gegenwart aus? Lukacs unterstrich diesen Gedanken in seinen ..Ethischen Fragmen­
ten" mit einem Zitat aus dem Werk von Meister Eckehart: "Wenn wir
mit einer einzigen häßlichen Sünde auch so viele Seelen aus der Hölle
erlösen könnten, daß wir sie nicht zählen könnten", notiert er aus den
3.2.3 Der Weg zum wesentlichen Leben
Schriften des Dominikaners, "wir dürften sie nicht erlösen." (EF 119)
In der Beantwortung dieser Fragen unterscheidet sich Lukacs am deut­ Aber dieser Weg zum wesentlichen Leben stellte für die "Ethischen
lichsten von Dostojewski: Der russische Schriftsteller hatte den Weg zu Fragmente" nur eine Möglichkeit dar. Intensiver als er wird der Weg
dem Leben, das ihm als wesentlich erschien, deutlich in Gestalten wie dazu über die Schuld erörtert, wie Lukacs das schon in seinen Kom­
Sonja aus "Schuld und Sühne", Myschkin, dem Helden des Romans mentaren zu den Werken der Mystiker und in seinen "Notizheften" ge­
"Der Idiot" und Aljoscha Karamasoff gekennzeichnet. Den Irrweg in tan hatte.
die Wesenlosigkeit und Zerstörung hatte er in den dem Nihilismus er­ Geschichtsphilosophisch vorgehend, wie das der Anlage der "Ethi­
gebenen Figuren der "Dämonen" beschrieben: in Kiriloff, der glaubt, schen Fragmente" entsprach, warf Lukacs die Frage über die Rolle der
sich durch Überwindung der Todesangst zur Göttlichkeit erheben zu Schuld bei der Gestaltung des wesentlichen Lebens am Beispiel der Re­
können; in Werchowenski, dem nihilistischen Macher, der Kiriloffs bellen gegen die "jehovistischen" Mächte von Kirche und Staat auf, in
Tod für die Zwecke seiner Bewegung und zur Begründung des von ihm denen er die Vorläufer des neuen Lebens und der neuen Gesellschaft
erstrebten neuen Reiches zu nutzen hoffte. Vor allem aber hatte Do­ sieht, die ihm vorschwebte. Er sieht solche Rebellen am Werk in den
stojewski diesen Irrweg in Stawrogin gezeichnet, der Gestalt, die dazu Sekten, die ihre "freiwilligen Gemeinschaften" an die Stelle der
bestimmt war, Herrscher in dem von Werchowenski ersehnten Reich Zwangsgesellschaft der Kirche setzen (EF 122); er sieht sie in den Un­
zu werden; der Gestalt auch, die sich von allen anderen in diesem Werk zufriedenen, die sich gegen den Staat und dessen Ungerechtigkeiten
dadurch unterscheidet, daß sie das Schändliche um seiner selbst willen auflehnen und für die er als Beispiel Kleists Kohlhaas anführt (EF
tut. 117). Beiden Formen des Protests gegen die bestehende Ordnung ist
Bei Dostojewski waren die Wege von Schuldlosigkeit und Schuld, gemeinsam, daß sie mit deren Rechtsnormen in Konflikt geraten. De­
von Glaube und Nihilismus deutlich geschieden. Das war bei Lukacs, ren Bruch stellt für Lukäcs den ersten Schritt in die richtige Richtung
für den Dostojewskis Ideen, wie er sagte, nur eine "Stufe" auf dem dar. "Die Übertretung (des Rechts, E.K.)", halten die "Notizen" der
Wege zur Erkenntnis des wahren Lebens und nicht das letzte Wort wa­ "Ethischen Fragmente" fest, "ist das Positive!" (EF 125) Das Rebel­
ren (EF 128), nicht der Fall. Er bewunderte Gestalten wie Aljoscha lentum, dem Lukacs sich hier zuwendet, findet seinen prinzipiellen
und Myschkin, aber auch in den Nihilisten und ihren Methoden glaub­ Ausdruck im Terrorismus, wie er aus der russischen Geschichte der
te er Möglichkeiten zur Gewinnung wesentlichen Lebens sehen zu kön­ zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und um die Jahrhundertwende be­
nen. Was bei Dostojewski klare Scheidung war, war bei Lukacs ein Di­ kannt war.
lemma.

216 217
Mit diesem Terrorismus, der ihn als ethisches Problem interessierte, Wo es um die große Sache der Errichtung einer Gesellschaft ging, die
gedachte sich Lukacs in seinem Dostojewski-Buch ausführlich zu be­ ein wesentliches Leben ermöglichte, wurde das Sittengesetz suspen­
schäftigen. Er sollte Augangspunkt für die Darlegung dessen werden, diert. Oder wie es der Held von der "Armut am Geiste" ausdrückt:
was er in den Briefen an Paul Ernst seine "metaphysische Ethik" "Und das große Leben, das Leben der Güte braucht eine solche Rein­
nannte 108. Die Frage, wie und ob die Taten der Terroristen zu verste­ heit nicht mehr; sie hat eine andre, eine höhere. Reinheit im Leben ist
hen seien, sollte dabei an den Beispielen, die Dostojewski vorbrachte, ein bloßer Schmuck und kann nie eine wirkende Kraft des Handeins
ebenso erörtert werden wie an solchen von zeitgenössischen Zeugen. werden." (S. 79 f.)
Unter diesen ragte für Lukacs insbesondere W. Ropschin hervor. Rop­ Gleichermaßen angezogen von der Doktrin der Gewaltlosigkeit wie
schin, selbst ein ehemaliger Terrorist, hatte seine Erlebnisse in den bei­ von der Lehre, daß wesentliches Leben nur über den Umweg über die
den Romanen "Das fahle Pferd" (1909) und "Als wär es nie gewesen" Schuld zu erreichen war, die er seit Jahren in seinen literarischen Kom­
(1911, deutsch 1913) kritisch beschrieben. In diesen Werken, die Lu­ mentaren erörtert hatte, stand Lukacs vor einem Dilemma, das für ihn
kacs damals studierte und deren letzteres er angelegentlich seinem in dem Augenblick akut wurde, als er sich mit dem Gedanken trug, in
Freund Paul Ernst empfahl, wird der Terrorist als religiöser Überzeu­ die am 24. November 1918 gegründete Kommunistische Partei Un­
gungstäter vorgestellt, der in dem Glauben handelt, daß in gewissen Si­ garns einzutreten. Im Herbst 1918 hatte er als Antwort auf eine Rund­
tuationen das Nichttöten eine viel größere Sünde sei als das Töten. 109 frage als Einwand gegen den - wie er ihn nannte - "Bolschewismus"
Es war dies eine Rechtfertigung, wie sie Lukacs selbst in seiner Refle­ das Argument geltend gemacht:
xion über Hebbels "Judith" vorgebracht hatte. IlO
Einen neuen Menschentyp, "den es wichtig ist kennenzulernen " 111, "Ich wiederhole: der Bolschewismus basiert auf der metaphysischen Annahme,
nennt Lukacs den in solchen Bildern gesehenen Terroristen. "Hier daß aus dem Schlechten Gutes stammen kann, daß es möglich ist, sich - wie
Rasumichin im ,Raskolnikow' sagt - durchzulügen bis zur Wahrheit. Der
muß", beschreibt er dessen Situation, Verfasser dieser Zeilen kann diesen Glauben nicht teilen, und darum sieht er in
" - um die Seele zu retten - gerade die Seele geopfert werden: man muß, aus den Wurzeln der bolschewistischen Position ein unlösbares Problem." 113
einer mystischen Ethik heraus, zum grausamen Realpolitiker werden und das
absolute Gebot, das nicht eine Verpflichtung gegen Gebilde (der Kirchen ­ Aber dabei blieb es nicht. Die Argumente des anderen Weges, des We­
oder Staatsorganisation, E.K.) ist, das ,Du sollst nicht töten', verletzen." 112 ges über die Schuld zum wesentlichen und das hieß zum anti-individua­
listischen, auf die Gemeinschaft hin orientierten Lebens, die Argumen­
Ein neuer Menschentyp ist der Terrorist. wie er hier verstanden wird,
te, die bei Lukacs ein älteres Heimrecht hatten, gewannen die Ober­
weil er ungleich dem Individualisten nicht sich selbst bewahrt, sondern
hand. Am 2. Dezember 1918 trat Georg Lukacs in die Kommunistische
bereit ist, sich und seine Reinheit um eines höheren Zieles willen zu op­
Partei Ungarns ein·, und ein Jahr später belehrte er die jungen Genos­
fern. Er erscheint als die Verwirklichung der Ethik, die drei Jahre zu­
vor der Held von Lukacs' Aufsatz "Von der Armut am Geiste" in den
* Die Gründe für diesen Entschluß von Lukäcs sind umstritten. Man kann Antonia
zwei Sätzen umschrieben hatte: Grunenberg, die die bisher dazu vorgebrachten Argumente in ihrer Arbeit .. Bürger
"Man muß jemanden retten wollen, dann ist man gut. Man will die Rettung und Revolutionär - Georg Lukacs 1918-1928" (S. 42-47) kritisch sichtet und zu­
und handelt schlecht, grausam, tyrannisch, und jede Tat mag eine Sünde sein. sammenfaßt, zustimmen, wenn sie geltend macht, daß Lukäcs' .. Übergang ins Lager
des Kommunismus nicht zwingend aus (seiner) mystizistisch-antikapitalistischen
Aber selbst die Sünde ist dann kein Gegensatz zur Güte ... Die Rücksicht, das Überzeugung heraus" erfolgt sei. Immerhin ist darauf hinzuweisen, daß Lukacs seit
Denken an sich ... die Feinheit, die Zurückhaltung, die Bedenken - hier ... Beginn seiner schriftstellerischen Tätigkeit nach einer Alternative zur bürgerlichen
haben Sie alles, was unmenschlich, unlebendig, von Gott verlassen und wahr­ Lebensform Ausschau gehalten hat. Die von Dostojewski inspirierte Vision einer
haft sündenvoll ist." (AG 79) idealen Gemeinschaft, die er in seinen "Ethischen Fragmenten" skizziert, stellt nur

218 219
sen seiner Partei mit Berufung auf Ropschin** über die Moralprinzi­ erlegte Tat die Sünde gesetzt hätte - wer bin ich, daß ich mich dieser
pien ihrer Bewegung: "Morden ist nicht erlaubt", betonte er, "es ist ei­ entziehen könnte?" 114*
ne unbedingte und unverzeihliche Schuld; es ,darf' zwar nicht, aber es
,muß' dennoch getan werden." Das Ruhmeszeichen eines solchen
Kampfes eines solchen Kämpfers bestünde darin, führt Lukacs in
*
Übereinstimmung mit den Forderungen des Helden aus "Der Armut Es gehört zu den Eigentümlichkeiten von Lukacs' früher Literaturkri­
am Geiste" fort, daß er "auch seine Reinheit, seine Moral, seine Seele tik, daß er mit sehr persönlichen Fragen an die Texte heranging, mit
opfert". Schließlich präsentiert Lukitcs "diesen Gedanken größter denen er sich auseinandersetzte. Dostojewski, den Lukacs sehr gegen
menschlicher Tragik mit den", wie er sagt, "unnachahmlich schönen den Strich interpretieren zu wollen schien, stellte in dieser Hinsicht kei­
Worten von Hebbels ,Judith"', die er aus dem Gedächtnis in der fol­ ne Ausnahme dar. Das Ziel dieser Fragen war es immer gewesen, eine
genden Form zitiert: "Und wenn Gott zwischen mich und die mir auf­ Existenzform jenseits des bürgerlichen Individualismus zu erkunden,
die er das wesentliche Leben nannte. Zu den Eigenschaften dieses we­
sentlichen Lebens gehörte für ihn, wie er in der "Ästhetischen Kultur"
die letzte Stufe dieser Suche dar. Dazu kam, daß die bürgerliche Gesellschaft ihm die ausgeführt hatte, daß es von einem Punkte her kam und auf ein Ziel zu
Erfüllung der Wünsche nach "Dozentur" und schriftstellerischem Erfolg, die für
ihn, in einer Eintragung in seinem Tagebuch vom 23, Mai 1910, Voraussetzung für
ging (S. 17), und zu ihm gehörte, das Ethos "bis zum Ende zu kämpfen
ein befriedigendes Leben waren, versagt hatte. und bis zum Ende zu leiden" (S. 28), Zum Wesenszeichen dieses Le­
Eine andere Frage ist, ob der Eintritt in die Kommunistische Partei Ungarns einen bens gehörte, wie er im Oktober 1911 in seinem Tagebuch notiert hat­
Bruch Lukacs' mit seinen "alten Anschauungen und Vorbehalten" bedeutete, wie te, insbesondere "die Kategorie ,in'''. "Ich war noch nie in etwas",
das Antonia Grunenberg mit Hinweis auf die Gewaltlosigkeitsthese, die er in seinem
Aufsatz "Der Bolschewismus als moralisches Problem", und der Bejahung der Ge­ hatte er damals geschrieben (S. 45). Jetzt war er es.
walt zum Zwecke der Umgestaltung der Gesellschaft, wie er es in seiner Arbeit über Literaturkritik war für den jungen Lukacs eine Suche nach einer
"Rechtsordnung und Gewalt" vertreten habe, glaubt belegen zu können, Dagegen ist neuen Lebensform gewesen. Diese war nun gefunden. Literaturkritik,
darauf aufmerksam zu machen, daß LuUes der Gewaltthese schon sehr viel früher
das Dostojewski-Buch, wie die Studie über das Kunstwerk, beide blie­
zugeneigt war. Als Belege dafür können seine auch später immer wieder herangezo­
genen Kommentare zu Hebbels "Judith" in seiner "Entwicklungsgeschichte" (5. ben liegen. Sie wurden erst Jahre später wieder aufgegriffen - im
208), seine Anmerkungen über die Haltung Jean Boussets zu Marie Donadieu in Dienste der Sache, für die er seine Seele zu opfern bereit war.
"Die Seele und die Formen" (S. 143), seine Ausführungen über die notwendige
Schuld in den Kommentaren zu den Mystiker-Texten in seinen Notizheften (IV 18,
S. 107 u.ö,) und auch die einschlägigen Bemerkungen in dem Aufsatz "Von der Ar­
mut am Geiste" herangezogen werden. Im Lichte dieser Dokumente gesehen, scheint
Lukacs' Haltung in dem Aufsatz "Bolschewismus als moralisches Problem" die
Ausnahme darzustellen, Die anderen Texte fügen sich ohne Schwierigkeiten in die
von ihm schon Jahre früher vertretenen Gedankengänge ein .
... Diese Berufung auf die reinen Terroristen Ropschins ("" Deckname für Boris Sawin­
kow) erscheint in etwas ironischem Licht, wenn man bedenkt, daß dieser sich nach
eigenem Geständnis auch in der zaristischen Geheimpolizei betätigt hatte (vgl. B. Sa.
winkow: Erinnerungen eines Terroristen, Beflin 1929, S. 213 ff.) und, unter der Ke­ *Wie wichtig für Lukacs diese Thesen waren, dokumentiert der Erinnerungsband
renski-Regierung zu hoher Stellung gelangt, sich energisch gegen die "Bolschewi­ "Visegrader Straße" (Dietz Verlag, Berlin 1959) von Jozsef Lengyel, der 1919 zur
sten", für die seine Gestalten hier als Beispiele hingestellt werden, gewehrt hatte (vgl. Zeit der Ungarischen Räterepublik im Hauptquartier der Kommunistischen Partei
Albert Syrkin: "Boris Sawinkow", Vorwort zu: "Der Prozeß gegen Sawinkow", Ungarns in der Visegrader Straße in Budapest von Lukaes und seinen "Ethikern"
Berlin o.J. (1924), S. 4.), mit diesen Maximen konfrontiert worden war (S. 244-248),

220
V
KRITIK UND WÜRDIGUNG

als er selber zugeben wollte, war das kritische Werk des jungen
"'1oI1I.(l~S,
dieses oft umstrittenen Außenseiters der europäischen Litera­
tur- und Kulturkritik, geprägt von der ungarischen Tradition, in der er
aufgewachsen war. Das Urteil über sich selbst, das er am 11. Mai 1910
In seinem Tagebuch gefällt hatte, er sei "metaphysisch absolut untreu,
vaterlandslos ... , in Wirklichkeit aber treu und bodengebunden " 1,
traf auf sein Verhältnis zur ungarischen literarischen und kritischen
Tradition sehr genau zu. Dieser Tradition verdankte er die ihn aus­
zeichnende Auffassung von der westlichen Literatur, der "Weltlitera­
tur", als des verbindlichen und wegweisenden literarischen Kanons
ebenso wie seine Fixierung auf die Klassik. Ihr entstammte der ihm
selbstverständliche Begriff des Kritikers als eines Mittlers zwischen die­
ser "Weltliteratur" und dem Geistesleben des eigenen Landes, eine
Rolle, die er in seinen Anfängen als Theaterkritiker , wie später als An­
reger und Regisseur der "Thalia" beispielhaft erfüllte. Kaum minder
aeprägt als von den literarischen und kulturellen Traditionen seines
Landes war seine Literaturauffassung bestimmt von seinem persönli­
chen, auf frühe Erfahrungen zurückgehendem Kunsterleben, das nach
romantischem Vorbild die Welt der Kunst als eine der Harmonie und
der wegweisenden Ordnung der Misere des Alltagslebens gegenüber­
stellte, das sich ihm als das Elend einer neubürgerlichen Existenz prä­
sentierte. Als "selige Insel inmitten der unseligen Unrast und im
schmutzigen Dahinströmen des Lebens" hatte die "Armut am Geiste"
das Kunstwerk gesehen und hinzugefügt: "Wenn die Kunst das Leben

223
formen könnte, ... wären wir Götter." (AG 73) Diese Auffassung der Romans" meinte, die Kirche zu einer "neuen Polis" geworden war und
Kunst bildete die Grundlage von Lukacs' erstem Versuch einer theore­ die "Welt wieder rund, übersichtlich und zur Totalität" gemacht hatte
tischen Analyse von Schöpfung und Rezeption des als utopische Wirk­ (TR 31).
lichkeit verstandenen Kunstwerks in den Bruchstücken zu seiner "Hei­ Aber die "Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas" und
delberger Philosophie der Kunst". Diese Abhandlung, die wichtige "Die Theorie des Romans" sind nicht nur deshalb aufschlußreich für
Thesen der Kunsttheorie des 20. Jahrhunderts über das Leben des das dem literatur- und kultur kritischen Urteil von Lukacs zugrundelie­
Kunstwerks vorwegnimmt, schreibt, wie das die "Armut am Geiste" gende Weltbild, weil sie diesen Gegensatz zwischen dem Elend der Ge­
getan hatte, dem Kunstwerk lebensweisende, orientierende Funktion genwart und der Größe von Antike und Mittelalter herausarbeiten. Sie
zu. Das Kunstwerk wird darin zum Mittel, den "letzten metaphysi­ sind es auch deshalb, weil beide von der Überzeugung ausgehen, diese
schen Sinn des Weltlaufs" erkennen zu helfen (PhK 231); ein Konzept, Gegenwart und ihre Dürftigkeit sei nur vorübergehend und nähere sich
das Lukacs unter veränderten ideologischen Umständen in seinem letz­ ihrem Ende. Geblendet von den Möglichkeiten der modischen Stil­
ten großen Werk über "Die Eigenart des Ästhetischen" (Werke Bd. 12, kunst seiner Gegenwart hatte Lukacs in der "Entwicklungsgeschichte"
S. 742) wieder aufgreifen wird. auf das Kommen einer neuen Klassik gerechnet. Was in ihr noch ver­
Der Gegensatz von Misere und Ordnung, den Lukacs seiner Kunst­ hältnismäßig zurückhaltend ausgedrückt worden war, hatte "Die
auffassung zugrundelegt, bleibt nicht auf diese beschränkt. Er bildet Theorie des Romans", die in Dostojewski den möglichen Homer oder
auch die Grundlage des Geschichtsbildes der beiden großen kritischen Dante eines neuen Äons der Geschlossenheit meinte sehen zu können,
und geschichtsphilosophischen Werke dieser Frühzeit. Die "Entwick­ schon recht zuversichtlich verkündet. Am deutlichsten hat diese Mei­
lungsgeschichte des modernen Dramas" wie "Die Theorie des Ro­ nung sein Kommentar zu Paul Ernsts "Ariadne auf Naxos" ausgespro­
mans" stellen der als Auflösung und Verfall geschilderten Gegenwart, chen, wo Lukacs sich fragte, ob "das Dunkel unserer Ziellosigkeit
der "Epoche der vollendeten Sündhaftigkeit", wie "Die Theorie des (vielleicht) nur das Dunkel der Nacht zwischen dem Sonnenuntergang
Romans" mit Fichte sagt (TR 157), Antike und Mittelalter als Epo­ eines Gottes und der Morgenröte eines anderen" sei. 3
chen der Geschlossenheit und Geborgenheit gegenüber. Ist dieser Ge­ Die Welt der Gegenwart in ihrer "transzendentalen Obdachlosig­
gensatz in der "Entwicklungsgeschichte" eher blaß, die Darstellung keit", wie "Die Theorie des Romans" (TR 35) das nannte, als Durch­
dieser früheren Epochen beiläufig und, wie Lukacs in "Gelebtes Den­ gangsstadium zwischen den geschlossenen Kulturen von Antike und
ken" sagt, voll von "schematischer Abstraktion" 2 , so ist er in der Mittelalter und einem neuen Äon der Geborgenheit in der nahen Zu­
"Theorie des Romans" systematisch ausgeführt: Antike und Mittelal­ kunft im Rahmen dieses Geschichtsbildes, das mehr und mehr mes­
ter, vertreten durch Homer und Dante, erscheinen als Epochen hei­ sianisch auf die Zukunft ausgerichtet war, hatte Lukacs' Verhältnis zu
matlicher Verwurzelung gegenüber der, wie Lukacs das einmal in sei­ Marxismus und Sozialismus, das in dieser Frühzeit zwiespältig war,
nem Tagebuch ausdrückt, "Deraciniertheit" seiner Gegenwart (S. 46). seinen Platz. In seiner "Theorie der Literaturgeschichte" hatte er die
Fast mehr noch als das Griechentum, dessen Bild bei Lukacs stark vom ..konsequente marxistische Kunstsoziologie" "wegen ihrer zu einfa­
Klassizismus und Monumentalismus der Zeit nach der Jahrhundert­ chen und zu direkten Verbindungsversuche" zwischen ökonomischen
wende beeinflußt schien, wurde in dieser frühen Zeit das Mittelalter als Verhältnissen und der Literatur als "hoffnungslos" abgelehnt. 4 Von
Gegensatz zu seiner Gegenwart gebraucht. Als Kontrast zu deren Interesse wird der Marxismus für Lukacs dort, wo dieser als"vielleicht
Orientierungslosigkeit wird es von der "Entwicklungsgeschichte" (E die grausamste und die strengste Synthese seit dem mittelalterlichen
358) wie der "Ästhetischen Kultur" als das Zeitalter der wahren Reli­ Katholizismus", wie er in seiner "Entwicklungsgeschichte" (E 358)
gion (EK 20) geschildert, als eine Welt, in der, wie "Die Theorie des sagt, als eine historische Kraft ins Auge gefaßt wird, die als Grundlage

224 225
für eine Kunst und Kultur von ähnlicher Geschlossenheit wie die der Nicht den Sozialisten und den Proletariern, sondern den deutschen
mittelalterlichen Epoche dienen könnte. Ähnlich steht es mit Lukacs' Mystikern und unter ihnen insbesondere Meister Eckehart wandte sich
Verhältnis zum Sozialismus in dieser Zeit. Die "Ästhetische Kultur" Lukacs zu, um Anregung für seine Auffassung eines wesentlichen Le­
(EK 20) bemängelte an dieser Bewegung, daß ihr die "bibelschaffende bens jenseits der Ziellosigkeit und des Hedonismus des Spätbürger­
Kraft" des frühen Christentums und damit "die wahre Religion" man­ tums zu bekommen. Die Beschäftigung mit den Mystikern, nach Aus­
gele, die nötig wäre, um ein wahres Gegengewicht zur Welt des Bürger­ weis seiner Notizbücher recht eingehend vollzogen, wird für ihn eine
tums und seiner Kultur darzustellen. wichtige Stufe auf dem "Wege zu Marx", wie er selbst seine Entwick­
Die verklärten Kulturen der Vergangenheit und die ersehnte ge­ lung später bezeichnete. Ernst Topitsch und Jakob Taubes haben in
schlossene Kultur der Zukunft, die in dieser frühen Zeit freilich noch eindringlichen Studien den Zusammenhang zwischen neuplatonisch­
keine festen Umrisse hat, stellen für Lukacs Alternativen zu der Epoche mystischer Tradition und dem Marxismus nachgewiesen. Bei Lukacs
der Bürgerlichkeit dar, die für ihn eine Epoche des Verfalls ist. Die .lind solche Analysen hinfällig. Er selbst zeigt uns den Weg.
"Entwicklungsgeschichte" wie "Die Theorie des Romans" und vor al­ Die Auseinandersetzung mit den Mystikern vollzieht sich bei Lukacs
lem Lukacs' Essay über Storm, sie alle zeigen, daß er nicht ohne Sym­ im Rahmen seiner Suche nach dem neuen, dem wesentlichen, dem anti­
pathie für das frühe, mittelalterlich geprägte, patrizische Bürgertum bürgerlichen Menschen, die seine Literaturkritik von Anfang an kenn­
und dessen Kultur war. Von diesen Anfängen an erscheint ihm die Ent­ zeichnet, einem Menschen, in dem er ein Gegenbild zu der von ihm seit
wicklung der bürgerlichen Kultur als Auflösung, die im Falle der "Ent­ frühester Jugend mit Mißtrauen betrachteten bürgerlichen Lebensform
wicklungsgeschichte des modernen Dramas" durch die Leistungen der sieht. Etwas schwankend und undeutlich beginnt er dieses Gegenbild in
deutschen Klassik und den Beitrag Hebbels zwar verzögert, aber kei­ seiner Analyse von Maeterlincks "Manna Vanna'(IM 27 f.) zu ent­
nesfalls aufgehalten werden konnte und als deren Endprodukt ihm in wickeln, wird deutlicher in der von Hauptmanns "Michael Kramer"
seiner Gegenwart Naturalismus und Impressionismus erschienen. Bei­ (IM 86 f.), findet dafür in seiner "Entwicklungsgeschichte des moder­
den zeitgenössischen Strömungen, von denen er die erste damals ebenso nen Dramas" (E 208,224) den modellhaften, später immer wieder an­
entschieden ablehnte wie zwei Jahrzehnte später am Anfang der dreißi­ geführten Ausdruck in Hebbels "Judith". Er greift diese Frage nach
ger Jahre, und von denen er die zweite als Ausdruck eines ziellosen He­ der Form des erstrebten wesentlichen Lebens in der Essaysammlung
donismus verwarf, suchte er in seiner Literatur- und Kulturkritik sein ..Die Seele und die Formen" in seiner Beschäftigung mit dem Werk von
Ideal eines neuen Menschen entgegenzustellen, der nicht durch äußeren Charles-Louis Philippe am Beispiel der Beziehung von Jean Bousset zu
Zufall, sondern durch die innere Notwendigkeit bestimmt wurde. An­ Marie Donadieu (SF 147) und in seiner Analyse der Beziehung von
regungen zu diesem Entwurf eines neuen Menschen schöpfte er aus der Kierkegaard zu Regine Olsen (SF 55) wieder auf. Er diskutiert die in
Stilbewegung seiner Zeit und - mehr noch - aus dem damals modi­ diesem Zusammenhang in jedem Fall gestellte Frage nach der S'chuld,
schen Studium der Schriften der deutschen Mystiker. Weder Marx die zur Erreichung dieses Zieles auf sich genommen werden muß und
noch andere sozialistische Theoretiker lieferten ihm soviel Material zu die als unabdinglicher Bestandteil des erstrebten wesentlichen Lebens
diesem Bild des neuen Menschen der Notwendigkeit, der ihm vor­ erscheint. In seinen "Notizheften" geschieht dies eingehend am Beispiel
schwebte, wie die Mystiker, auch die Arbeiter nicht. Diesen stand er da­ der Texte Meister Eckeharts, Valentin Weigels und an Kierkegaards
mals sehr unentschieden gegenüber: auf der einen Seite warb er um sie Kommentaren über das Isaak-Opfer Abrahams in "Furcht und
in seinen "Thalia"-Aufführungen, auf der anderen Seite stand er ihren Zittern". Er kommt auf diese Frage in seiner Besprechung von Paul
Reformversuchen, wie das sein Essay über Charles-Louis Philippe de­ Ernsts "Ariadne auf Naxos" zurück und wirft sie während des ersten
monstriert (SF 246), eher skeptisch oder gar ablehnend gegenüber. Weltkrieges mit innerster Anteilnahme in seinem Briefwechsel mit Paul

226 227
Ernst bei der Diskussion über die russischen Terroristen, in denen er fe der Analyse der westlichen Literatur und Kultur einsam in ihrer Zeit
"einen neuen Menschentypus" 5 sieht, wieder auf. Itanden, wie seine "Dramengeschichte" und seine "Romantheorie"
In den Anfängen von Lukacs' Literatur- und Kulturkritik blieb un­ bezeugen. Man konnte gegen ihn, der vornehmlich Essayist war, ein­
klar, worauf sich dieses neue wesentliche Leben richten sollte: auf wenden, daß er nie "vor Ort" gearbeitet, nie geforscht habe 6 , daß er
Selbsterfüllung wie bei Monna Vanna und Jean Bousset? auf Reife wie "nie wirklich ein Historiker" 7 gewesen sei, und daß er mit der unge­
bei Michael Kramer? auf das Werk wie bei Kierkegaard? Bei seinen fonnten Wirklichkeit jenseits der Literatur immer seine Mühe gehabt
Kommentaren zu den Mystiker-Texten, zu Kierkegaards Abraham­ habe. Diese Einwände treffen alle zu, können aber die Tatsache nicht
Thesen, bei seiner Analyse von Hebbels "Judith" und Paul Ernsts IUS der Welt schaffen, daß Lukäcs, den Schwächen seiner Methodik
"Ariadne auf Naxos", und bei seiner Beschäftigung mit der Frage des zum Trotz, in seinen Werken immer wieder "Fermenta cognitionis"g
Terrorismus tritt immer deutlicher hervor, daß der Bezugspunkt des ausgestreut hat, die zu fruchtbaren Denkanstößen geworden sind.
wesentlichen Menschen in einer neuen Gemeinschaft gesehen wird, die Auf der anderen Seite wird man die Grenzen seiner Beiträge nicht
erst noch gestiftet werden soll und deren Schaffung die Schuld, die da­ "übersehen können. Eine Betrachtung seines Frühwerkes zeigt, daß er
für eingegangen werden muß, rechtfertigt. vor allem dort Hervorragendes leistete, wo er auf bestehenden Tradi­
Der Bezug des Individuums auf eine vorgegebene Totalität, wie sie ,tlonen aufbauen konnte: sein Beitrag als zwischen den Nationen ver­
hier in der Beziehung des wesentlichen Menschen zur Gemeinschaft mittelnder Literaturkritiker und Dramaturg, mit dem er eine tief ver­
unterstrichen wird, gehört zu den Merkmalen von Lukacs' früher lite­ wurzelte ungarische Tradition vorbildlich erfüllte, zeigt das ebenso,
ratur- und Kulturkritik ebenso wie deren Bezug zur Autorität. Die bei­ wie seine gleichfalls aus dieser Tradition erwachsene Erfassung der
den großen Werke seiner Frühzeit, die "Entwicklungsgeschichte des westlichen Literatur als einer Einheit, wie er das in seiner "Entwick­
modernen Dramas" wie "Die Theorie des Romans" gehen von festen lungsgeschichte" und der "Theorie des Romans" tut. Er braucht vor­
Vergleichsmaßstäben aus: das eine vom Drama nach dem Vorbild ,eformtes Material, wo er fruchtbar werden soll: die Soziologie Tön­
Shakespeares und der Klassik, das andere vom griechischen Epos ­ nies' und Simmels für die "Entwicklungsgeschichte", die Ästhetik He­
alle drei Modelle verstanden als literarische Repräsentanten von Epo­ ,eis für "Die Theorie des Romans". Zu den Kennzeichen seines Werks
chen, in denen das Individuum noch in einer umfassenden Gemein­ ,ehOrt auch die Neigung, einmal akzeptierte Autoritäten absolut zu
schaft, in einer "Heimat", wie "Die Theorie des Romans" das nannte letzen. Hat er eine solche Autorität einmal angenommen, so setzt sein
(TR 24,34, u.ö.), aufgehoben war. Aber diese Berufung auf die Auto­ lonst scharfer kritischer Verstand aus: Weder Paul Ernst noch Dosto­
rität beschränkt sich nicht nur auf die Tradition. Zu Autoritäten erho­ Jewski, noch - wie man hinzufügen kann - später Marx werden je­
ben werden auch Zeitgenossen, in deren Werken Lukacs das ablesen zu mals einer grundlegenden kritischen Analyse unterzogen. Lukacs, der
können glaubte, was er in seiner "Heidelberger Philosophie der . tiefen Einblicke in das Wesen der westlichen Kultur, die er uns gab,
Kunst" als "Spuren und Zeichen des letzten, metaphysischen Sinnes . ungeachtet, blieb der Zugang zu deren vielleicht wertvollstem Ver­
des Weltlaufs" (PhK 231) bezeichnete. Zu ihnen gehörten für ihn die iimächtnis, der Skepsis gegenüber der Autorität, stets verschlossen. Das
Beiträge Paul Ernsts ebenso wie die Dostojewskis. Weltbild seiner Frühzeit, in dem Hoffnungen wie der "Durchbruch ins
Mit diesen seit seiner "Entwicklungsgeschichte des modernen Dra­ Religiöse" 9 und Erwartungen wie die eines "Damaskus"-Erlebnisses 10
mas" festgefügten Grundbegriffen seiner Kritik, die ebenso der Tradi­ ebenso zentrale Rolle spielten wie seine messianische Erwartung
tion erwuchsen, der er entstammte, wie der Zeit, in der er lebte, hat neuen Zeit einer geschlossenen Kultur der Geborgenheit, wie sie
Lukäcs in seiner Frühzeit und auch später immer wieder kritische Wer­ Meinung nach Antike und Mittelalter geboten hatten - solche
ke geschaffen, die an Eindringlichkeit der Problemstellung und Schär­ Bilder scheinen ein Weltverständnis auszudrücken, das seine Wurzeln

228 229
in der Vormoderne hatte und das dem in seinem Frühwerk auch immer ANHANG

wieder als Beispiel herangezogenen Mittelalter näher stand als der


Neuzeit. Seine Skepsis gegenüber den Werten der europäischen Mo­
derne wird auch sichtbar in dem Entwicklungsweg, den sein Frühwerk
dokumentiert: Dieser Weg hatte ihn, der intellektuellen Tradition sei­
nes Landes folgend, von der Bewunderung zur Kritik des Westens zu­
rück zum Osten geführt, der ihm schließlich in der Gestalt Dostojews­
kis das Heil zu bieten versprach, nach dem er suchte.
Nimmt man alles in allem: Lukacs' Verlangen nach Autorität und
seinen Willen zur Einordnung in eine umfassende Totalität mit einem,
wie seine Terroristenmystik zeigt, Stich ins Totalitäre - so war es
nicht ganz ohne innere Logik, daß seine Suche nach dem wesentlichen DIE VON LUKAcs BESPROCHENEN STÜCKE

Leben als der Alternative zu der bürgerlichen Existenz, die er in seiner IN CHRONOLOGISCHER FOLGE

Literatur- und Kulturkritik so oft beschworen hatte, ihren Abschluß


schließlich im Schoße einer Organisation von autoritärem Charakter Das Gnadenbrot Magyarsag, 20. Feb.
fand, die von ihren Bekennern eben die rigorose Disziplin und das un­ 1902, 3. 19., Nr. 44
Der Boden Magyar Szalon, Nov.
bedingte Bekenntnis forderte, das Lukacs nach Jahren der Erfahrung 1902, Bd. 38, Nr. 2
von Erfolg und Anerkennung, aber auch von Demütigung und Angst Der Richter von Zalamea Magyar Szalon, ebd.
Calderon, Pedro
im Rahmen dieser Partei als "eine höhere, abstrakte Stufe der Treue" Der Kampf ums Dasein Magyar Szalon, ebd.
pries 11.
?
Berczik, Arpad Die Kurutzen in Paris Magyar Szalon, ebd.
Oorki, Maxim Die Kleinbürger Magyar Szalon, ebd.
Maeterlinck, Maurice Monna Vanna Magyar Szalon, ebd.
Echegaray, Jose Tödliche Stille Magyar Szalon, Dez.
1902, Bd. 38, NT. 3
Oalsworthy, lohn Der Streik Magyar Szalon, ebd.
Shakespeare, William Der Sommernachtstraum Magyar Szalon, ebd.
Die Ankömmlinge Magyar Szalon, ebd.
?
R6zsa, Mikl6s Der Glaube Magyar Szalon, ebd.
Pasztor, Arpad &
StolI, Karoly Niobe Magyar Szalon, ebd.
Hauptmann, Gerhart Hannele (Gastspiel Magyar Szalon, Jan.
Emma Soml6) 1903, Bd. 38, Nr. 4
Br6dy, Sandor Königsidylle Magyar Szalon, ebd.
Hauptmann, Gerhart Der arme Heinrich Magyar Szalon, ebd.
Wilde, Oscar Salome Magyar Szalon, ebd.
Sardou, Victorien Der letzte Liebesbrief Magyar Szalon, ebd.
Molnar, Ferenc Der Herr Doktor Magyar Szalon, ebd.
Björnson, Björnstjerne Laboremus II Magyar Szalon, ebd.

231
230
11 Samu Szemere: Einleitung zu Bemat Alexander: Die Kunst. Ung. (322), S. 25 Honigsheim: On Max Weber (413), S. 9 (Meine Übersetzung aus dem Eng­
40
, !ischen)

12 Theodor W. Adomo: Ästhetische Theorie (246), S. 35


26 Kutzbach (150), S. 66

13 Roman Ingarden: Das literarische Kunstwerk (264), S. 367 ff.


27 Lukäcs: Die Theorie des Romans (138), S. 13

14 Zitiert in Lee Congdon: The Making of a Hungarian Revolutionary (515),


28 Lukacs: Skizze einer Geschichte der neueren deutschen Literatur (143), S.

S. 66 (Meine Übersetzung aus dem Englischen) 198 und 196

15 Zitiert in György Markus: Lukacs' "erste" Ästhetik: Zur Entwicklungsge­


29 Kutzbach (150), S. 75

schichte der Philosophie des jungen Lukacs, in: Heller, Feher u.a.: Die
30 Ebd., S. 74

Seele und das Leben (174), S. 209


31 Fekete und Karadi (166), S. 63

32 Zitiert in Zoltan Noväk (188), S. 143

33 Lukacs: Gelebtes Denken (148), S. 257

»Die Theorie des Romans« und die Notizen zum Dostojewski- Werk 34 Paul Ernst: Leo Tolstoi und der slawische Roman, 1889. In: S. Hoefert:

Russische Literatur in Deutschland (530), S. 58-83

1 Lukacs: Die Theorie des Romans (138), S. 6


3' Lukacs: Notizheft 1 (117) (Lukacs-Archiv Nummer Xl, 6) notiert "Zeitge­

2 Lukacs: Gelebtes Denken (148), S. 253


nossen"; die vom Lukacs-Archiv herausgegebene Bibliographie zu seiner

3 Paul Honigsheim: Der Max-Weber-Kreis in Heidelberg (412), S. 272


"Entwicklungsgeschichte des modernen Dramas" notiert dazu "Die mo­

4 Marianne Weber: Max Weber. Ein Lebensbild (423), S. 473 f.


derne Literatur", (Berlin/Leipzig 1900-1902) in: Lukäcs György: A dra­

5 Zitiert in Zoltan Novak: Die Sonntagsgesellschaft. Ung. (188), S. 142


mairas föbb iranyai a mult szazad utols6 negyedeben (115), S. 132

6 Honigsheim: Der Max-Weber-Kreis in Heidelberg (412), S. 270


36 MoeHer van den Bruck: Zeitgenossen (300), S. 83 f.; 88

7 Honigsheim: On Max Weber (413), S. 28 (Meine Übersetzung aus dem


37 Honigsheim: On Max Weber (413), S. 81 (Meine Übersetzung aus dem

Englischen)
Englischen)

8 Eva Fekete und Eva Karädi (Hrsg.): Georg Lukäcs. Sein Leben in Bildern
38 Marianne Weber (423), S. 474

(166), S. 56
39 Lukacs: Zum Wesen und zur Methode der Kultursoziologie (91), S. 220

9 Honigsheim: Der Max-Weber-Kreis in Heidelberg (412), S. 271


40 Lukacs: Rezension von Th. G. Masaryk: Zur russischen Geschichts- und

10 Honigsheim: On Max Weber (413), S. 25 (Meine Übersetzung aus dem


Religionsphilosophie (90), S. 874

Englischen)
41 Lukacs: Rezension von Wladimir Solovjeff: Die Rechtfertigung des Guten

11 Ebd., S. 27 und 25
(99), S. 978

12 Lukacs: Ethische Fragmente aus den Jahren 1914-1917 (116), S. 122


42Ebd., S. 979

13 Marianne Weber (423), S. 530


43 Michail Bachtin: Probleme der Poetik Dostoevskijs (511)

14 Lukacs: Gelebtes Denken (148), S. 254 f.


44 Lukacs: Mein Weg zu Marx (140), S. 9

15 Karl A. Kutzbach (Hrsg.): Paul Ernst und Georg Lukacs. Dokumente ei­ 45 Lukacs: Gelebtes Denken (148), S. 256

ner Freundschaft (150), S. 74


46 J.G. Fichte: Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters (374), S. 21

16 Fekete und Karadi (166), S. 141


47 Lukacs: Ariadne auf Naxos (97), S. 17

17 Lukäcs: Gelebtes Denken (148), S. 73


48 Lukacs-Archiv, Siehe Anhang

18 Ebd., S. 72
49 Lukacs: Ethische Fragmente aus den Jahren 1914-1917 (116), S. 128

19 Ebd., S. 81
50 VgI. Michael Freund: Georges Sorel (411), S. 182

20 Lukacs: Die deutschen Intellektuellen und der Krieg (95), S. 66


51 Ferenc Lendvai: Georg Lukacs' Weg zu Marx. Ung. (230), S. 408 f.

21 Ebd., S. 67
52 Willy Michel: Marxistische Ästhetik - Ästhetischer Marxismus (187), Bd.

22 Ebd., S. 69
II, S. 93 ff. U.Ö.

23 Ebd., S. 68
53 Friedrich Schiller: Gesamtausgabe (487), Bd. 89, S. 135

24 Kutzbach (150), S. 64 (Brief vom März 1915)


54 G. W.F. Hegel: Ästhetik (380), Bd. I, S. 422

272
273
55 Friedrich Nietzsche: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik,
Henrik Pontoppidan: Hans im Glück (481), Bd. I, S. 405

1871
Ebd., Bd. II, S. 333

56 Hegel (380), Bd. I, S. 526


Ebd., Bd. II, S. 416

57 Friedrich Schlegel: Kritische Schriften (490), S. 134


to Lukäcs: Die intellektuelle Physiognomie des künstlerischen Gestaltens

58 Hegel (380), Bd. II, S. 462

59 Friedrich Schiller: Die Götter Griechenlands (487), Bd. 71, Sämtliche Ge­
dichte l. Teil, S. 147

'I (1936) (122), S. 157

Lukacs: Rezension von Wladimir Solovjeff: Die Rechtfertigung des Guten

(99), S. 978

60 Friedrich Schlegel: Kritische Schriften (490), S. 134

,t2 Lukacs: Dostojewskij (1943) (123), S. 162

61 G.W.F. Hegel: Ästhetik (380), Bd. II, S. 462

93 Lukäcs: Jugendwerke (1902-1908). Ung. (147), S. 694

62 VgI. Lothar Hönnighausen: Präraphaeliten und Fin de Siede (348), S. 45

94 Iwan Turgenjew: Väter und Söhne (506), S. 36

ff. 95 Ebd., S. 289

96 Fjodor M. Dostojewski: Tagebuch eines Schriftstellers (443), S. 317

63 Friedrich Schlegel: Literary Notebooks 1797-1801 (488), S. 26, Fragment

97 Leo N. Tolstoi: Krieg und Frieden (504), S. 375

76

98 Tolstoi: Anna Karenina (505), S. 415

64 Friedrich Schlegel: Kritische Schriften (490), S. 134

P9 Tolstoi: Krieg und Frieden (504), S. 1265

65 Friedrich Schlegel: Kritische Ausgabe (489), Bd. 11, S. 182, Fragment 116
100 Maximilian Braun: Der Kampf um die Wirklichkeit in der russischen Lite­
66 Ebd., Bd II, S. 182, Fragment 116

ratur (332), S. 46

67 Hegel (380), Bd. I, S. 566


101 Dostojewski: Winteraufzeichnungen über Sommereindrücke (444), S. 777

68 Ebd., Bd. I, S. 566

ff.,780

69 Friedrich Th. Vischer: Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen (405), Bd.

102Ebd., S. 797

VI, S. 191

103 Ebd., S. 792

70 Lukacs: Balzac und der französische Realismus I Verlorene Illusionen

(1935) (124), S. 476


104 Ebd., S. 801

71 Lukacs: Balzac und der französische Realismus I Die Bauern (1934) (124),
lOS Ebd., S. 805

l06Dostojewski: Die Brüder Karamasoff (441), S. 471

S.466
72 Lukacs: Die Gegenwartsbedeutung des kritischen Realismus (1957) (122), 107 Ebd., S. 400

108 Kutzbach (150), S. 64

S.511

109 W. Ropschin: Als wär es nie gewesen (485), S. 270

73 Hegel (380), Bd. 1. S. 237

110 Lukacs: Entwicklunsgeschichte des modernen Dramas (131), S. 208

74 Ebd., Bd. I, S. 237

111 Kutzbach (150), S. 66

75 Iwan Gontscharow: Eine alltägliche Geschichte I Oblomow (457), S. 640

76 Lukacs: Der historische Roman (1954 deutsch) (124), S. 234


112Ebd., S. 74

113 Lukacs: Taktik und Ethik (144), S. 33

77 Ebd., S. 236

114Ebd., S. 53

78 Gontscharow (457), S. 1066

79 Martin Heidegger: Sein und Zeit (382), S. 333

80 Luden Goldmann: Lukacs und Heidegger (170), S. 139

81 Zitiert in: Walter Pabst: Einführung zu: Der moderne französische Roman
Kritik und Würdigung
(328), S. 10

82 Jens Peter Jacobsen: Niels Lyhne (465), S. 274


1 Lukacs: Naplo Tagebuch (l91Q-ll) (114), S. 20. Ung., übersetzt von

83 Ebd., S. 275
Agnes Meller-Vertes

84 Friedrich Schlegel: Kritische Ausgabe (489), Bd. II, S. 133


2 Lukacs: Gelebtes Denken (148), S. 248

85 Lukäcs: Zur Theorie der Literaturgeschichte (49), S. 32


3 Lukäcs: Ariadne auf Naxos (97), S. 17

86 Lukacs: Gottfried Keller (1939) (125), S. 393


4 Lukacs: Theorie der Literaturgeschichte (49), S. 34

274
275
5 Karl A. Kutzbach (Hrsg.): Paul Ernst und Georg Lukacs. Dokumente ei­ LITERATURVERZEICHNIS
ner Freunschaft (150), S. 66, 73 ff.
6 Gyula Hellenbart: Georg Lukacs und die ungarische Literatur (173), S. 159
7 Georg Ahrweiler (Hrsg.): Betr. Lukacs (152), S. 33 f. I. BIBLIOGRAPHIEN (AUSWAHL)
8 Gotthold E. Lessing: Sämtliche Schriften (467), Bd. X, S. 188 1. Von Lukacs' Schriften
9 Lukacs: Naplo - Tagebuch (1910-11) (114), S. 45 2. Zur Literatur über Lukacs
10 Ebd., S. 48
11 Lukacs: Parteidichtung (1945), in: Schriften zur Ideologie und Politik 11. VERZEICHNIS DER WERKE VON LUKAcs VON 1902-1918
(142), S. 401 I. Gedruckt (1-113)
2. Aus dem Nachlaß erschienen (114-116)
3. Ungedruckt, Archivmaterial (117-120)

III. SPÄ TERE WERKE (AUSWAHL)


(l21-148a)

IV. BRIEFE
(149-151)

V. SEKUNDÄRLITERATUR ZU LUKAcs
1. Bücher (152-197)
2. Artikel (198-245)

VI. BEGLEITLITERATUR
A. Allgemeines
I. Literatur- und Kunsttheorie (246-279)
2. Deutsche Literaturgeschichte (280-306)
3. Ungarische Literaturgeschichte (307-322)
4. Französische Literaturgeschichte (323-330)
5. Russische Literaturgeschichte (331-334)
6. Englische Literaturgeschichte (335-338)
7. Italienische Literaturgeschichte (339)
8. Theatergeschichte (340-346)
9. ~unstgeschichte (347-349)
10. Politische und Geistesgeschichte
a. Deutschland (350-352)
b. Ungarn (353-361)
11. Philosophie (362-408)
12. Soziologie (409-425)
B. Texte (426-509)
c. Sekundärliteratur (510-569)

276 277

Das könnte Ihnen auch gefallen