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SR 146 – überarbeitet von StA’in Sodemann Seite 1 von 17

Gemeinsames Juristisches Prüfungsamt der Länder Berlin und Brandenburg


- Zweite juristische Staatsprüfung -

Lösungsvorschlag zur Klausur SR 146


- überarbeitet von Staatsanwältin Sodemann -

Lösungshinweise:

A. Materiellrechtliches Gutachten
Die öffentliche Klage wäre gegen den Beschuldigten Bernd Balkow (B) zu erheben, wenn er
einer Straftat hinreichend verdächtig ist; dies wiederum ist der Fall, wenn nach dem gesamten
Akteninhalt bei vorläufiger Tatbewertung die Verurteilung des Beschuldigten mit
Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist (vgl. Meyer-Goßner/Schmitt, Strafprozessordnung, 62. Aufl.,
§ 170, Rn.1).

I. Erster Tatkomplex: Das Geschehen hinsichtlich der Pelzmäntel

1. Beihilfe zum Betrug gem. §§ 263 Abs.1, 27 Abs.1 StGB


B könnte der Beihilfe zum Betrug gem. §§ 263 Abs. 1, 27 Abs. 1 StGB hinreichend verdächtig
sein, indem er am 10. Januar 2014 seinem Bruder für die Bestellung der Pelzmäntel seinen
Computer zur Verfügung stellte, obwohl er wusste, dass sein Bruder die Mäntel nicht bezahlen
würde.

Einem hinreichenden Tatverdacht könnte jedoch gem. § 78 Abs.1 S.1 StGB das
Verfahrenshindernis der Verjährung entgegenstehen. Der Betrug verjährt gem. § 78 Abs.3 Nr.4
StGB nach Ablauf von 5 Jahren. Die Verjährung begann nach § 78 a StGB mit dem – durch die
Zeugin Schwind und den Zeugen Dieter Balkow bestätigten – Erhalt der Mäntel am 17. Januar
2014 (vgl. auch Fischer, StGB, 66. Aufl., § 78a, Rn.7) und setzte nach 5 Jahren, also am 17.
Januar 2019 ein. Verjährungsunterbrechende oder die Verjährung zum Ruhen bringende
Umstände sind nicht gegeben; vielmehr verhält es sich ausweislich der entsprechenden
Ausführungen des KOK Petersen so, dass der Beschuldigte nie als solcher im Zusammenhang
mit dem am 10. Januar 2014 begangenen Betrug geführt worden ist. Etwaige die Verjährung
unterbrechende Maßnahmen am 5. August 2019 (Beschuldigtenvernehmung und richterliche
Beschlagnahmebestätigung) erfolgten nach Eintritt der Verjährung und sind daher unbeachtlich.
Ein hinreichender Tatverdacht wegen Beihilfe zum Betrug besteht daher nicht.
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2. Hehlerei gem. § 259 Abs.1 StGB


B könnte jedoch einer Hehlerei gem. § 259 Abs.1 StGB hinreichend verdächtig sein, indem er
die Pelzmäntel am 4. Juli 2019 - in Kenntnis ihrer Herkunft - von seinem Bruder Dieter Balkow
für 300 Euro gekauft hat und sich diese aushändigen ließ.

Dass B die Pelzmäntel von seinem Bruder erworben hat, ergibt sich aus dessen Aussage und
korrespondiert mit dem Umstand, dass die Gegenstände bei B aufgefunden wurden.
Anhaltspunkte dafür, dass die belastenden Angaben des Bruders unglaubhaft sein könnten,
bestehen nicht. Auch bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass B von dem ihm gem. § 52 Abs.1
Nr.3 StPO zustehenden Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen wird.

B könnte die Pelzmäntel gem. § 259 Abs.1 StGB „angekauft“ haben. Das „Ankaufen“ ist ein
Unterfall des Sichverschaffens und nur als Beispiel hervorgehoben; es soll insoweit nicht auf den
schuldrechtlichen Vertrag, sondern auf die Übertragung des Besitzes und die Erlangung der
Verfügungsgewalt ankommen (vgl. Fischer, a.a.O., § 259, Rn.10).

a) Taugliche Vortat
Taugliche Vortat dürfte hier der Betrug des Bruders Dieter Balkow sein. Dieser hat mit seiner
Bestellung konkludent seine Bereitschaft und Fähigkeit zur Bezahlung des Kaufpreises erklärt
und bei der Geschädigten, der Zeugin Schwind, einen entsprechenden Irrtum hervorgerufen.
Durch Vertragsschluss und Lieferung der Pelzmäntel hat die Zeugin Schwind über ihr Vermögen
verfügt und einen Schaden erlitten. Der Bruder des B handelte dabei vorsätzlich und in der
Absicht rechtswidriger Bereicherung.

b) Beteiligung des B an der Vortat


Ein hinreichender Tatverdacht gegen B würde ausscheiden, wenn B selbst Mittäter der Vortat
gewesen wäre. Dann wäre er kein „anderer“ im Sinne des Gesetzes. Sofern B allerdings nur
Gehilfe des Betruges wäre, käme nach herrschender Ansicht eine Hehlerei in Betracht (vgl.
Fischer, a.a.O., § 259, Rn.1, 31).
Eine Mittäterschaft des B an der Tat seines Bruders dürfte jedoch ausscheiden. B hatte weder
maßgeblichen Einfluss auf die Tat noch zog er einen Vorteil daraus (vgl. Fischer, a.a.O., § 25
Rn.23 ff.). Daher dürfte B – bei wertender Betrachtung - seinem Bruder durch das Bereitstellen
von Computer und Wohnung lediglich Hilfe zur Begehung des Betrugs geleistet haben. Eine
Hehlerei wäre daher nicht wegen der Beteiligung des B an der Vortat ausgeschlossen.
Einem hinreichenden Tatverdacht steht auch nicht entgegen, dass B für die Teilnahme an der
Haupttat wegen Verjährung nicht mehr strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann
(vgl. Fischer, a.a.O., § 259, Rn.6).
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c) Perpetuierung der rechtswidrigen Besitzlage


Die Verwirklichung des objektiven Tatbestandes dürfte hier aber daran scheitern, dass
hinsichtlich der Pelzmäntel zum Zeitpunkt der Tathandlung keine rechtswidrige Besitzlage
(mehr) bestand, die B hätte aufrecht erhalten können (vgl. Fischer, a.a.O., § 259, Rn.3). Die -
hier durch den Zeugen Dieter Balkow - betrügerisch geschaffene Besitzlage bleibt nur während
der Dauer der Anfechtbarkeit der irrtumsbedingten Verfügung des Getäuschten rechtswidrig und
eine Hehlerei ist nur in diesem Zeitrahmen möglich (vgl. Fischer, a.a.O., § 259 Rn.4).

Die Zeugin Schwind hat angegeben, die Wirksamkeit der Übereignung nicht angegriffen zu
haben, d.h. sie hat die Übereignungserklärung (§ 929 S.1 BGB) nicht angefochten. Stattdessen
hat sie - und das ist mit einer Anfechtung unvereinbar - erfolgreich auf Kaufpreiszahlung geklagt.
Die in § 124 BGB normierte einjährige Frist für eine hier auf § 123 BGB - arglistige Täuschung -
zu stützende Anfechtung ist auch spätestens am 25. April 2015, nämlich ein Jahr nach der
Verkündung des Strafurteils gegen den Zeugen Dieter Balkow vom 25. April 2014, bei der die
Zeugin Schwind nach ihren Angaben zugegen war, abgelaufen, denn ihre Kenntnis von der
arglistigen Täuschung setzte spätestens bei dieser von ihr wahrgenommenen Urteilsverkündung
ein. Deshalb war der Bruder des Beschuldigten spätestens seit dem 26. April 2015 rechtmäßiger
Besitzer der - seit der Versendung derselben an ihn in seinem Eigentum stehenden - Pelzmäntel.

B ist daher auch nicht einer Hehlerei hinreichend verdächtig.

B ist nach diesem Lösungsvorschlag im 1. Tatkomplex keiner Straftat hinreichend verdächtigt.

II. Zweiter Tatkomplex: Die Trunkenheitsfahrt am 5. August 2019

Trunkenheit im Verkehr gem. § 316 Abs.1 StGB


B könnte einer Trunkenheitsfahrt gem. § 316 Abs.1 StGB hinreichend verdächtig sein, indem er
am 5. August 2019 gegen 14 Uhr mit seinem Pkw, amtliches Kennzeichen GR – BB 2, im
alkoholisierten Zustand die Bismarckstraße in Görlitz befuhr.

Einem hinreichenden Tatverdacht könnte allerdings entgegenstehen, dass B am 29. Oktober


2019 vom Amtsgericht Görlitz wegen eines während dieser Fahrt begangenen Verstoßes gegen
§ 23 Abs.1 a) StVO rechtskräftig zu einer Geldbuße verurteilt wurde. Aufgrund dieser
Verurteilung könnte gem. § 84 Abs.1, Abs.2 S.1 OWiG (i.V.m. Art. 103 Abs.3 GG)
Strafklageverbrauch eingetreten sein. Nach dem Doppelbestrafungsverbot des § 84 Abs.1,
Abs.2 S.1 OWiG darf „dieselbe Tat“ nicht mehr als Straftat verfolgt werden kann, wenn bereits
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über (sie) als Ordnungswidrigkeit rechtskräftig entschieden worden ist (vgl. Meyer-
Goßner/Schmitt, a.a.O., Einl Rn.171 ff., 180; § 264 Rn.4). Der Tatbegriff des § 84 OWiG
entspricht dem der prozessualen Tat i.S.d. § 264 StPO (vgl. Meyer-Goßner, a.a.O., § 264, Rn.4).
Es ist also entscheidend, ob das Telefonieren mit dem Mobiltelefon während der Fahrt und das
alkoholisierte Fahren eine Tat i.S.d. § 264 StPO darstellen.
Eine Tat im prozessualen Sinn ist ein konkretes, nach Ort und Zeit individualisierbares
Vorkommnis. Es erfasst das gesamte Verhalten des Beschuldigten, soweit es bei natürlicher
Betrachtung einen einheitlichen Lebensvorgang darstellt. Soweit mehrere äußerlich
zusammenhängende Verhaltensweisen gegeben sind, muss eine innere Verknüpfung dergestalt
vorliegen, „dass ihre getrennte Aburteilung in verschiedenen erstinstanzlichen Verfahren einen
einheitlichen Lebensvorgang unnatürlich aufspalten würde“ (Meyer-Goßner/Schmitt,
a. a. O., § 264, Rn.2 ff., 3). Ein Strafklageverbrauch wäre also eintreten, wenn die beiden
Verhaltensweisen ein einheitliches Geschehen beinhalten würden (vgl. Meyer-Goßner/Schmitt,
a.a.O., § 264, Rn.5). Dies dürfte hier der Fall sein. Beide „Taten“ beruhen auf sich überlagernden
Willensbetätigungen (…) und stellen sich als zeitgleich-einheitliches Handeln der Außenwelt dar
(…). Beide (Verstöße) knüpfen an den Fahrvorgang an. Das Telefonieren ist nur während, nicht
aber außerhalb des Fahrvorgangs verboten. Die Fahrtätigkeit schafft erst die Voraussetzungen
für die Begehung der Ordnungswidrigkeit (…) und kann nicht hinweggedacht werden (…) (OLG
Saarbrücken, Beschluss vom 24.03.2006, Aktenzeichen Ss (B) 2/2006 (3/06), für den Fall der
Benutzung eines Mobiltelefons und die Ahndung eines auf derselben Fahrt begangenen
Verstoßes gegen die 0,5 Promille-Grenze nach § 24a Abs. 1 StVG).
Der für eine Anklageerhebung erforderliche hinreichende Tatverdacht dürfte danach an dem
Doppelverfolgungsverbot scheitern.

III. Dritter Tatkomplex: Das Geschehen am 27. Oktober 2019

1. Die Fahrt bis zum Unfall

a) Fahrlässige Körperverletzung gem. §§ 229, 230 StGB


B könnte sich der fahrlässigen Körperverletzung gem. §§ 229, 230 StGB hinreichend verdächtig
gemacht haben, indem er am 27. Oktober 2019 gegen 16 Uhr die Geschädigte Olga Opitz (O)
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auf dem Feldweg „Alter Fahrweg“ am Rande der Ortschaft Reichenbach anfuhr, wodurch diese
erheblich verletzt wurde.

Dass O angefahren und erheblich verletzt wurde, ergibt sich aus ihrer Zeugenaussage vom 30.
Oktober 2019. Danach wurde sie am 27. Oktober 2019 gegen 16 Uhr auf dem Feldweg „Alter
Fahrweg“ am nordwestlichen Rand von Reichenbach von einem Pkw erfasst und schwer
verletzt. Obwohl O zwischenzeitlich verstorben ist, kann ihre Aussage zur Beweisführung
verwertet werden. Nach § 251 Abs.1 Nr.2 StPO kann die Vernehmung eines Zeugen, der
verstorben ist, durch die Verlesung der Niederschrift über die Vernehmung ersetzt werden. Die
Aussage der O kann daher durch Verlesung derselben in die Hauptverhandlung eingeführt
werden.

Des Weiteren müsste zu belegen sein, dass B der Fahrer des den Unfall verursachenden Pkws
war. B hat sich insoweit nicht eingelassen. Allerdings dürfte sich aus einer Gesamtschau der
vorhandenen Beweismittel die Täterschaft des B ergeben. Nach der Aussage der O ereignete
sich der Unfall gegen 16 Uhr. Unfallverursacher war eine männliche Person mit einem Pkw der
Marke Opel. B fährt einen Pkw der Marke Opel. Auf der Motorhaube seines Pkws wurde Blut
festgestellt. Ausweislich des Gutachtens der Technischen Universität Dresden vom 21.
November 2019 stammt dieses Blut mit Sicherheit von O. Im Hinblick darauf ist davon
auszugehen, dass O durch einen Zusammenprall mit dem Fahrzeug des B verletzt wurde. Dass
B aller Wahrscheinlichkeit nach auch der Fahrer dieses Pkws war, ergibt sich wiederum aus der
Aussage des KOK Petersen, wonach er und KK´in Müller B kurz vor der Unfallzeit (gegen 15.55
Uhr) am Ortseingang Reichenbach aus den Augen verloren haben, nachdem sie ihn über eine
Fahrtstrecke von ca. 12 km verfolgt hatten. Anhaltspunkte dafür, dass B sein Fahrzeug in der
kurzen Zeit bis zum Unfall einem Dritten überlassen haben könnte, sind nicht ersichtlich, zumal
B bereits um 16.40 Uhr des Tattages wieder als Fahrer seines Fahrzeugs angetroffen wurde.
Von der der Täterschaft des B ist daher auszugehen.

B müsste die Körperverletzung fahrlässig verursacht haben. Nach der Aussage der O näherte
sich der Fahrer des Pkws, der sie anfuhr, mit extrem hoher Geschwindigkeit. B hat damit das
Gebot, nur so schnell zu fahren, dass das Fahrzeug ständig beherrscht wird, vgl. § 3 Abs.1 Satz
1 StVO, verletzt, indem er auf dem sandigen Untergrund viel zu schnell fuhr. Infolge überhöhter
Geschwindigkeit hat B die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und O angefahren. B hat damit
die erforderliche Sorgfalt außer Acht gelassen und O dadurch verletzt. B handelte mithin
fahrlässig.

Die Tat ist nur unter den Voraussetzungen des § 230 StGB verfolgbar. Danach bedarf es
entweder eines Strafantrags oder der Annahme des besonderen öffentlichen Interesses an der
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Strafverfolgung. Ein Strafantrag der O liegt nicht vor, allerdings dürfte angesichts der erlittenen
lebensgefährlichen Verletzungen der O das besondere öffentliche Interesse an der
Strafverfolgung anzunehmen sein.

B ist daher der fahrlässigen Körperverletzung gem. §§ 229, 230 StGB hinreichend verdächtig.

b) Gefährdung des Straßenverkehrs gem. § 315c Abs.1 Nr.2 d) StGB


B dürfte sich nicht einer (fahrlässigen) Gefährdung des Straßenverkehrs gem. § 315c StGB
hinreichend verdächtig gemacht haben. In Betracht käme allenfalls § 315c Abs.1 Nr.2 d) StGB.
Allerdings lässt sich dem Sachverhalt nicht entnehmen, dass sich der Unfall an einer
unübersichtlichen Stelle ereignet hat. Zudem dürfte sich nicht mit der für eine Anklageerhebung
notwendigen Wahrscheinlichkeit belegen lassen, dass B grob verkehrswidrig und rücksichtslos
gehandelt hat. Das bloße Ins-Schleudern-Geraten auf einer sandigen Stelle infolge überhöhter
Geschwindigkeit dürfte dafür nicht genügen.

Anmerkung: Da laut Bearbeitervermerk nur Straftaten nach dem StGB zu prüfen sind, ist auf § 21
Abs.2 Nr.2 StVG nicht einzugehen.

2. Weiterfahrt nach dem Unfall

a) Totschlag durch Unterlassen gem. §§ 212 Abs.1, 13 StGB


B könnte des Totschlags durch Unterlassen gem. §§ 212 Abs.1, 13 StGB hinreichend verdächtig
sein, indem er es unterlassen hat, O nach dem Unfall in ein Krankenhaus zu verbringen bzw. für
anderweitige Hilfe zu sorgen und O später verstarb.

O ist ausweislich des Sektionsberichts vom 25. November 2019 an den Unfallfolgen verstorben.
B hat O nach dem Unfall liegen lassen, ohne ärztliche Hilfe zu veranlassen. Dies ergibt sich aus
einem Zusammenspiel der verwertbaren Angaben der O, dem an dem Fahrzeug des B
sichergestellten Blut und den Beobachtungen der eingesetzten Beamten. B hätte auch Hilfe
leisten können. Das städtische Klinikum befindet sich nur ca. 15 km vom Unfallort entfernt, so
dass B die O relativ zeitnah ins Krankenhaus hätte bringen können. Jedenfalls hat es B trotz
entsprechender Möglichkeit unterlassen, einen Arzt oder die Polizei zu informieren, um so die
erforderliche Hilfe für O zu veranlassen.

Das Unterlassen des B ist auch (quasi-) kausal für den Tod der O. Ausweislich des
Sektionsberichts hätte O bei einer zeitigeren Einlieferung ins Krankenhaus (bis fünf Stunden
nach dem Unfall) mit Sicherheit gerettet werden können. Daraus ist zu schließen, dass O mit an
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Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht verstorben wäre, wenn B sie nach dem Unfall
ins Krankenhaus gebracht hätte oder anderweitig Hilfe herbeigeholt hätte.

Der durch B verursachte Unfall begründete seine Garantenstellung zugunsten des Lebens der
O aus Ingerenz (Herbeiführung einer Gefahrenlage durch Tun oder Unterlassen, vgl. dazu
Fischer, a.a.O., § 13, Rn.47, 48). Die Garantenstellung des Täters wird in Rechtsprechung und
Lehre zwar problematisiert, wenn das vorangegangene aktive Tun zumindest mit bedingtem
Vorsatz auf denselben Erfolg gerichtet war wie das spätere Unterlassen (vgl. Fischer, a.a.O., §
13, Rn.56 f.; 211, Rn.72 m.w.N.). Im Hinblick auf das (lediglich) fahrlässige Vorverhalten des B
ist aber hier eine Garantenpflicht gem. § 13 StGB zu bejahen.

Das Unterlassen des B dürfte auch einem positiven Tun entsprechen (sog. Entsprechensklausel
gem. § 13 StGB, vgl. aber auch unten zur Verdeckungsabsicht durch Unterlassen).

B müsste auch den erforderlichen Vorsatz aufgewiesen haben. Insbesondere müsste er den Tod
der O zumindest billigend in Kauf genommen haben. Dieser Vorsatz folgt hier aus den
verwertbaren Angaben der O. Danach ist B nach dem Unfall aus seinem Pkw ausgestiegen und
hat die schweren Verletzungen der O wahrgenommen. Insbesondere erlitt O einen sichtbar
starken Blutverlust. Auch war B von O unter dem Hinweis um Hilfe gebeten worden, dass sie
sonst wahrscheinlich sterben werde. Darauf hat B erklärt, dass ihm das egal sei. Dies dürfte die
Annahme rechtfertigen, dass B erkannt und billigend in Kauf genommen hat, dass O ohne
fremde Hilfe sterben würde. Aufgrund des Unfallortes konnte B auch nicht ernsthaft hoffen, dass
dem Unfallopfer zeitnah anderweitige Hilfe zuteil würde. Dafür, dass B umgekehrt geglaubt hat,
nicht mehr mit Erfolg helfen zu können, ergeben sich keine Anhaltspunkte. B dürfte daher
Tötungsvorsatz gehabt haben.

Das Verhalten des B war rechtswidrig. Es dürfte auch schuldhaft gewesen sein. Insbesondere
war B die Erfolgsabwendung zumutbar. Nicht zumutbar ist eine Handlung nur dann, wenn der
Garant eigene, billigenswerte Interessen in erheblichem Umfang gefährden würde. Dabei ist
zwischen dem drohenden Erfolg, der Wahrscheinlichkeit der Rettung durch pflichtgemäßes
Handeln und dem Gewicht der gefährdeten Interessen des Garanten abzuwägen (Fischer,
a.a.O., § 13, Rn.80-82). Hier kommen zwei nahe beieinander liegende Umstände in Betracht,
die gegen eine Zumutbarkeit sprechen könnten. Zum einen hätte B, um die Geschädigte ins
Krankenhaus zu verbringen oder Hilfe herbeizuholen, wiederum eine Straftat (§ 21 Abs.2 Nr.2
StVG) begehen müssen. Dies aber dürfte hier zumutbar gewesen sein. Das Interesse am Leben
der O überwiegt offensichtlich deutlich. Darüber hinaus hat B ohnehin § 21 Abs.2 Nr.2 StVG von
sich aus erneut verwirklicht, als er sich vom Unfallort entfernte. Zum anderen hätte sich B der
Gefahr eigener Strafverfolgung ausgesetzt, wenn er der Geschädigten geholfen hätte. Dies
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hindert aber nach ganz herrschender Meinung die Zumutbarkeit der Erfolgsabwendung nicht,
zumal das Leben der Geschädigten auf dem Spiel stand (vgl. etwa BGHSt 11, 353, 355)

B ist des Totschlags durch Unterlassen gem. §§ 212, 13 StGB hinreichend verdächtig.

b) Mord durch Unterlassen gem. §§ 211, 13 StGB


B könnte durch sein Verhalten auch des Mordes durch Unterlassen hinreichend verdächtig sein.

B hat O durch Unterlassen vorsätzlich getötet (s.o.). Er könnte dabei eines der in § 211 Abs.2
StGB genannten Mordmerkmale verwirklicht haben.

aa) Grausamkeit
Das Mordmerkmal der Grausamkeit dürfte im Ergebnis nicht vorliegen. Zwar ist eine grausame
Tatbegehung grundsätzlich auch durch Unterlassen möglich (Fischer, a.a.O., § 211, Rn.57). O
dürfte aber durch das Unterlassen des B keine Schmerzen erlitten haben, die über das für ihre
Tötung erforderliche Maß hinausgingen (vgl. Fischer, a.a.O., § 211, Rn.56). O verlor unmittelbar
nach dem Unfall und noch in Anwesenheit des B ihr Bewusstsein, so dass sie keine Schmerzen
mehr empfinden konnte, als B wegfuhr und es unterließ, sie in ein Krankenhaus zu verbringen
(vgl. Fischer, a.a.O., § 211, Rn.57). Als sie wieder erwachte, hatte sie – nach ihren eigenen
Angaben - keine Schmerzen mehr.

bb) Verdeckungsabsicht
Fraglich ist, ob B die erforderliche Rettungshandlung in Verdeckungsabsicht, also „um eine
andere Straftat zu (…) verdecken“, unterlassen hat.

Zunächst wäre zu klären, welche Tat als zu verdeckende Straftat überhaupt in Betracht kommt.
Die Fahrt bis zum Unfall als solche und damit eine Straftat gem. § 21 Abs.2 Nr.2 StVG dürfte als
zu verdeckende Straftat ausscheiden, denn B hatte ausweislich der Angaben des KOK Petersen
bereits in Görlitz wahrgenommen, dass er von ihm und KK´in Müller als Fahrer erkannt worden
war, nachdem sie seinen Führerschein am 5. August 2019 in Verwahrung genommen hatten.
Es dürfte B vielmehr darum gegangen sein, nicht als Fahrer des Fahrzeugs ermittelt zu werden,
mit dem O angefahren wurde (Straftat nach § 229 StGB, vgl. oben). Zwar wollte B im eigentliche
Sinne keine „Straftat (…) verdecken“, denn er musste damit rechnen, dass O irgendwann
gefunden und festgestellt wird, dass sie angefahren wurde. B dürfte es also darum gegangen
sein, nicht die Tat als solche, sondern seine Täterschaft zu verdecken. Diese Motivation kann
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jedoch nach allgemeiner Auffassung der Verdeckungsabsicht unterfallen (vgl. Fischer, a.a.O., §
211, Rn.68, 75).

Das Mordmerkmal der Verdeckungsabsicht dürfte aber auch noch aus anderen Gründen fraglich
sein.

Die Tötung durch Unterlassen muss eine "andere" Straftat verdecken. Diese Problematik stellt
sich insbesondere, wenn der Täter von Anfang an mit zumindest bedingtem Tötungsvorsatz
gehandelt hat, weil sich dann die Frage aufdrängt, ob ein einheitliches Tatgeschehen zugrunde
liegt (vgl. Fischer, a.a.O., § 211, Rn.70, 71). Hier ergibt sich allerdings eine Zäsur schon daraus,
dass B den Unfall lediglich fahrlässig verursacht hat und den Entschluss, den Unfallort ohne
Hilfeleistung zu verlassen, erst später fasste. Ein einheitliches Tatgeschehen dürfte daher
ausscheiden und die vorausgehende fahrlässige Körperverletzung eine andere Straftat
darstellen.

Bezweifelt wird zudem, ob bei einem bloßen Unterlassen überhaupt von Verdeckungsabsicht
gesprochen werden kann (vgl. Fischer, a.a.O., § 211, Rn.62, 72). Nach einer älteren
Entscheidung des Bundesgerichtshofs soll nach dem Wortsinn ein aktives „Zudecken"
erforderlich sein (BGHSt 7, 287, 290; Fischer, a.a.O., § 211, Rn.72). Während der
Bundesgerichtshof diese Einschränkung seit geraumer Zeit aufgegeben hat (vgl. Fischer, a.a.O.,
§ 211, Rn.72) und sich hierbei wohl im Wesentlichen auf den Gesetzeswortlaut stützt, wird im
Schrifttum diese Frage weiterhin problematisiert. Die Bedenken werden dabei häufig an der so
genannten Entsprechensklausel festgemacht. Da das subjektive Merkmal der
Verdeckungsabsicht seinem Sinngehalt nach ein aktives Tun verlange bzw. mangels
Steuerbarkeit eines Geschehens durch Unterlassen keine Gleichwertigkeit i.S.d. § 13 Abs.1
StGB bestehe, sei ein Mord durch Unterlassen in Verdeckungsabsicht nicht möglich (vgl. hierzu
Fischer, a.a.O., § 211, Rn.62, 72).

Wird mit der herrschenden Meinung die Möglichkeit einer Tötung in Verdeckungsabsicht durch
Unterlassen bejaht, bleibt noch die konkrete Verdeckungsabsicht des B zu prüfen. Schon der
Begriff (Verdeckungs-) „Absicht“ lässt erkennen, dass der Täter dolus directus 1. Grades
hinsichtlich der Verdeckung der Tat - bzw. seiner Täterschaft - gehabt haben, diesen
Erfolgseintritt also als End- oder Zwischenziel angestrebt haben muss. So scheidet
Verdeckungsabsicht aus, wenn die bedingt vorsätzliche Tötungshandlung eine Verdeckung der
Tat nur möglicherweise bewirken wird oder wenn sie für eine erfolgreiche Verdeckung gar nicht
kausal sein soll (Fischer, a.a.O., § 211, Rn.79a). Für die Annahme einer Verdeckungsabsicht
spricht hier, dass B zum Zeitpunkt des Unterlassens eine zeugenschaftliche Belastung allein
durch O drohte; die Feststellung der Blutspur auf seinem Pkw dürfte noch nicht absehbar
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gewesen sein. Dass B erstrebt hat, dass O nicht überlebt, lässt sich aus seiner Äußerung
gegenüber O entnehmen, er wolle keinen Ärger mit der Polizei wegen des Unfalls und er daran
auch nach der Äußerung der Geschädigten, sie werde wahrscheinlich sterben, wenn er nicht
helfe, festhielt. Außerdem hat die Geschädigte erklärt, dass sie den Fahrer klar gesehen hatte
und dies dem Fahrer bewusst war. B handelte daher in der Absicht, eine andere Straftat, nämlich
die vorangegangene fahrlässige Körperverletzung, zu verdecken und ist damit des Mordes
hinreichend verdächtig.

cc) Niedriger Beweggrund


Niedrige Beweggründe liegen vor, wenn die Motive einer Tötung nach allgemeiner sittlicher
Anschauung verachtenswert sind und auf tiefster Stufe stehen (Fischer, a.a.O., § 211, Rn.14a).
Als niedrig kommen dabei solche Beweggründe in Betracht, die speziellen Mordmerkmale nahe
kommen. So kommt etwa eine Tötung aus Rache für eine wahrheitsgemäße Belastung dem
Mordmerkmal der Verdeckungsabsicht nahe (Fischer, a.a.O., § 211, Rn.22). Die
Verdeckungsabsicht umfasst zudem auch solche Motive, die im Rahmen eines sonstigen
niedrigen Beweggrundes zu berücksichtigen sind (Fischer, a.a.O., § 211, Rn.69). Nach dem
hiesigen Lösungsvorschlag erschöpft sich indes der Unrechtsgehalt in der Verdeckungsabsicht
des B. Niedrige Beweggründe dürften daher eher zu verneinen sein (andere Ansicht vertretbar,
insbesondere dann, wenn die Verdeckungsabsicht mit dem Argument verneint wurde, dass B
nur fliehen wollte, vgl. Fischer, a.a.O., § 211, Rn.22).

c) Aussetzung gem. § 221 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 3 StGB


B dürfte sich darüber hinaus auch der Aussetzung gemäß § 221 Abs.1 Nr.2, Abs.3 StGB
hinreichend verdächtig gemacht haben.

B hat O in hilfloser Lage am Unfallort zurückgelassen und damit i.S.d. § 221 Abs.1 Nr.2 StGB im
Stich gelassen. Wie bereits oben dargelegt, begründete der Unfall eine Garantenstellung
gegenüber O. B war deshalb verpflichtet, O beizustehen. Dadurch, dass B die O am Unfallort
zurückgelassen hat, hat er sie der konkreten Gefahr des Todes ausgesetzt.

B dürfte auch vorsätzlich gehandelt haben. B war sich der hilflosen Lage der O bewusst.
Aufgrund der Angaben der O und der erkennbaren starken Blutungen der O war er sich darüber
hinaus bewusst, dass sein Verhalten zu einer bedrohlichen Verschlechterung der Lage der O
führen würde.

Auch die Voraussetzungen des § 221 Abs.3 StGB liegen vor. Hätte B die Geschädigte nicht
liegengelassen, wäre sie nicht gestorben. Die dem § 221 StGB eigentümliche Gefahr hat sich
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auch im Tod der O niedergeschlagen. Da B – wie oben dargestellt – sogar vorsätzlich hinsichtlich
des Todes handelte, sind die Voraussetzungen des § 18 StGB unproblematisch erfüllt.

d) Unterlassene Hilfeleistung gem. § 323c StGB


B dürfte auch einer unterlassenen Hilfeleistung nach § 323c StGB hinreichend verdächtig sein.
Es lag ein Unglücksfall vor, bei dem O der Hilfe bedurfte, die B vorsätzlich nicht geleistet hat.
Insbesondere war die Hilfeleistung B auch zumutbar (vgl. oben).

e) Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort gem. § 142 Abs. 1 Nr.1 StGB


Es besteht darüber hinaus der hinreichende Verdacht des unerlaubten Entfernens vom Unfallort
gem. § 142 Abs.1 Nr.1 StGB, indem sich B nach dem Verkehrsunfall entfernt hat, ohne
gegenüber der Geschädigten O die Feststellung seiner Person usw. zu ermöglichen. Obwohl
sich der Unfall auf einem Feldweg ereignet hat, liegt ein Unfall im öffentlichen Straßenverkehr
vor. Eine Rechtfertigung oder Entschuldigung der Tat käme allenfalls in Betracht, wenn sich B
vom Unfallort entfernt hätte, um das Leben der O zu retten. Dies ist indes nicht der Fall.

IV. Gesamtergebnis und Konkurrenzen


B ist nur im dritten Tatkomplex eines strafbaren Verhaltens hinreichend verdächtig.
Die Straftaten nach §§ 212 (13), 221, 323 c StGB werden von dem Mord durch Unterlassen im
Wege der Gesetzeskonkurrenz verdrängt (vgl. Fischer, a.a.O., § 211, Rn.106; § 221, Rn.28; §
323c, Rn.23). Zwischen Mord durch Unterlassen und unerlaubtem Entfernen vom Unfallort dürfte
Tateinheit gem. § 52 StGB anzunehmen sein (vgl. Fischer, a.a.O., § 211, Rn.108).
Fraglich ist das Verhältnis zur zeitlich vorgelagerten fahrlässigen Körperverletzung. Aus hiesiger
Sicht dürfte der Unfall eine Zäsur bilden, so dass Tatmehrheit gem. § 53 StGB anzunehmen
wäre (vgl. auch Fischer, a.a.O., § 211, Rn.108).

Nach dem hiesigen Lösungsvorschlag ist B der fahrlässigen Körperverletzung in Tatmehrheit mit
tateinheitlich begangenem Mord durch Unterlassen und unerlaubten Entfernen vom Unfallort
hinreichend verdächtig.
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B. Prozessrechtliches Gutachten

I. (Teil-) Einstellung und Anklageerhebung

1. (Teil-)Einstellung
Da sich B nur im 3. Tatkomplex einer Straftat hinreichend verdächtig gemacht hat, wäre bzgl.
des 1. und 2. Tatkomplexes eine (Teil-) Einstellung gem. § 170 Abs.2 S.1 StPO zu verfügen.
Von der (Teil-) Einstellung wäre B gem. § 170 Abs.2 S.2 StPO (über seinen Verteidiger) in
Kenntnis zu setzen. In der Praxis dürfte allerdings eine solche Einstellung unterbleiben, da B
durch die Anklageschrift Kenntnis über die ihm (noch) zur Last gelegten Vorwürfe erhält. Bzgl.
der Vorwürfe im 1. und 2. Tatkomplex dürften die Ermittlungen von Amts wegen erfolgt sein,
insbesondere ist nicht ersichtlich, dass die Zeugin Schwind gegen B Strafanzeige erstattet hätte.
Danach wäre auch kein Einstellungsbescheid zu fertigen.

2. Anklageerhebung
B ist unter anderem eines Mordes hinreichend verdächtig. Insoweit ist gem. § 74 Abs.2 Nr.4
GVG das Landgericht – Schwurgerichtskammer – sachlich zuständig.
Örtlich zuständig ist gem. § 7 StPO (Tatort) und § 8 StPO (Wohnsitz des Beschuldigten) das
Landgericht Görlitz.

II. Verteidigung
Es besteht ein Fall der notwendigen Verteidigung. Mord ist ein Verbrechen (§ 140 Abs.1 Nr.2
StPO) und die Hauptverhandlung findet – nach hier vorzugswürdiger Lösung - vor dem
Landgericht statt (§ 140 Abs.1 Nr.1 StPO). Da B jedoch schon einen Wahlverteidiger hat, ist kein
Antrag auf Bestellung eines Pflichtverteidigers gem. § 141 StPO zu stellen.

III. Haft
B dürfte der im Gutachten festgestellten Delikte nicht nur hinreichend, sondern auch dringend
tatverdächtig gem. § 112 Abs.1 S.1 StPO sein. Aus hiesiger Sicht dürfte nämlich die
Wahrscheinlichkeit groß bzw. hoch sein, dass B diese Delikte begangen hat.
Neben dem erforderlichen dringenden Tatverdacht müsste auch ein Haftgrund vorliegen.
Insoweit käme Fluchtgefahr gem. § 112 Abs.2 Nr.2 StPO in Betracht. Fluchtgefahr besteht, wenn
die Würdigung der Umstände des Falles es wahrscheinlicher macht, dass sich der Beschuldigte
dem Strafverfahren entzieht, als dass er sich ihm zur Verfügung halten werde (Meyer-Goßner,
a.a.O., § 112, Rn.17). Auch wenn die Straferwartung allein die Fluchtgefahr nicht begründen
kann (vgl. Meyer-Goßner/Schmitt, a.a.O., § 112, Rn.24), dürfte die extrem hohe Straferwartung
(nach hiesiger Lösung lebenslange Freiheitsstrafe) einen erheblichen Fluchtanreiz darstellen.
Gegen Fluchtgefahr spricht allerdings, dass B über einen festen Wohnsitz verfügen dürfte,
SR 146 – überarbeitet von StA’in Sodemann Seite 13 von 17

verheiratet und als Fleischer tätig ist. Er dürfte mithin über feste familiäre und berufliche
Bindungen verfügen. Unter diesen Umständen dürfte sowohl die Annahme als auch die
Ablehnung von Fluchtgefahr im Ergebnis vertretbar sein.
Sofern Fluchtgefahr nach § 112 Abs.2 Nr.2 StPO verneint wird, wäre – soweit dringender
Tatverdacht wegen einer der dort genannten Taten bejaht wurde - § 112 Abs.3 StPO zu erörtern.
Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ist § 112 Abs.3 StPO
verfassungskonform auszulegen. Danach ist der Erlass des Haftbefehls nur zulässig, wenn
Umstände vorliegen, die die Gefahr begründen, dass ohne Festnahme des Beschuldigten die
alsbaldige Aufklärung und Ahndung der Tat gefährdet sein könnte; ausreichen kann schon die
zwar nicht mit bestimmten Tatsachen belegbare, aber nach den Umständen des Falls doch nicht
auszuschließende Fluchtgefahr (vgl. Meyer-Goßner/Schmitt, a.a.O., § 112, Rn.37 f.) Dies dürfte
hier anzunehmen sein. Die gegenteilige Auffassung dürfte allerdings auch vertretbar, zumal B
der Tatvorwurf bekannt ist und er offenbar noch keine Anstalten zur Flucht getroffen hat.

IV. Asservate
1. Pelzmäntel
Da das Verfahren hinsichtlich der Pelzmäntel eingestellt wird, wäre die Beschlagnahme
aufzuheben (vgl. Meyer-Goßner/Schmitt, a.a.O., § 98, Rn.30). Die Pelzmäntel wären zugunsten
des B freizugeben.

2. Auto
Das Auto des B dürfte noch als Beweismittel benötigt werden. Da es durch richterlichen
Beschluss beschlagnahmt wurde, wäre insoweit nichts zu veranlassen. Im Hinblick darauf, dass
das Auto als Tatwerkzeug der Unfallflucht angesehen werden kann, könnte auch eine
Einziehung gem. § 74 Abs.1, Abs.2 Nr.1 StGB in Betracht gezogen werden (vgl. Fischer, a.a.O.,
§ 74, Rn.8; 142, Rn.67).

3. Führerschein
Eines gesonderten Antrages zur Beschlagnahme des Führerscheins des Beschuldigten oder zur
Entziehung seiner Fahrerlaubnis bedarf es in der Anklageschrift nicht, da B seinen Führerschein
freiwillig herausgegeben und bisher keine richterliche Entscheidung beantragt hat (vgl. Meyer-
Goßner/Schmitt, a.a.O., § 111a, Rn.15).

V. Entziehung der Fahrerlaubnis


Im Hinblick auf die Verwirklichung des § 142 StGB, der ein Regelfall des § 69 Abs.2 Nr.3 StGB
darstellt, ist B als ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen anzusehen, so dass ihm die
Fahrerlaubnis zu entziehen sein wird. Zudem wäre gem. § 69 a StGB eine Sperre für die
Wiedererteilung der Fahrerlaubnis zu bestimmen.
SR 146 – überarbeitet von StA’in Sodemann Seite 14 von 17

C. Anklageschrift

Staatsanwaltschaft Görlitz
100 Js 4210/19 Görlitz,
9. Dezember 2019

An das
Landgericht Görlitz
- Schwurgerichtskammer -

Schwurgerichtsanklage

Bernd Balkow,
weitere Personalien erlassen

Verteidiger: Rechtsanwalt Dr. iur. Veit Vertein,


weitere Angaben erlassen

- Registerauskunft liegt an –

wird angeklagt,

in Reichenbach
am 27. Oktober 2019

durch zwei selbständige Handlungen

1. fahrlässig eine andere Person körperlich


misshandelt und an der Gesundheit geschädigt
zu haben,
SR 146 – überarbeitet von StA’in Sodemann Seite 15 von 17

2. durch dieselbe Handlung

a) durch Unterlassen einen Menschen getötet


zu haben, wobei er handelte, um eine
andere Straftat zu verdecken,
b) als Unfallbeteiligter, sich nach einem Unfall
im Straßenverkehr vom Unfallort entfernt zu
haben, bevor er zugunsten der anderen
Unfallbeteiligten und der Geschädigten, die
Feststellung seiner Person, seines
Fahrzeugs und der Art seiner Beteiligung
durch seine Anwesenheit und durch die
Angabe, dass er an dem Unfall beteiligt ist,
ermöglicht hat.

Dem Angeschuldigten wird Folgendes zur Last


gelegt:

1. Der Angeschuldigte fuhr am 27. Oktober


2019 gegen 16 Uhr in Reichenbach auf dem
Feldweg „Alter Fahrweg“ mit seinem PkW
Opel Omega, amtliches Kennzeichen GR –
BB 2, mit deutlich erhöhter Geschwindigkeit.
Wegen der hohen Geschwindigkeit geriet der
Angeschuldigte mit seinem Fahrzeug von
dem Sandweg ab und geriet auf den
Grasstreifen, wo die Geschädigte Opertz mit
ihrem Fahrrad stand. Durch den
Zusammenstoß mit der Geschädigten wurde
diese in die Luft geschleudert und blieb
blutend und schwer verletzt mit inneren
Verletzungen und starken Schmerzen
liegen. Bei Einhaltung einer deutlich
geringeren Geschwindigkeit wäre der Unfall
vermeidbar gewesen. Dies war dem
Angeschuldigten auch bewusst.
SR 146 – überarbeitet von StA’in Sodemann Seite 16 von 17

2. Nach dem zu 1. beschriebenen


Zusammenstoß stieg der Angeschuldigte aus
seinem Fahrzeug aus und ging auf die
Geschädigte Opertz zu. Er beugte sich zu der
Geschädigten hinunter. Die Geschädigte bat
ihn, sie sofort in das Krankenhaus zu bringen,
da sie Schmerzen hätte und anderenfalls
sterben könnte. Der Angeschuldigte, der
nicht wegen der vorangegangen Tat zur
Verantwortung gezogen werden wollte, ließ
sie dort jedoch hilflos zurück, wobei er den
Tod der Geschädigten in Kauf nahm. Einen
Krankenwagen rief er nicht. Auch hinterließ
er am Unfallort nicht seine Personalien.

Die Geschädigte verstarb einige Tage später


im Krankenhaus an einem
verletzungsbedingten Organversagen, hätte
jedoch bei einer zeitnahen Einlieferung in das
Krankenhaus operiert und gerettet werden
können.

Der Angeschuldigte hat sich durch die Tat als


ungeeignet zum Führen von Fahrzeugen
erwiesen.

Verbrechen und Vergehen, strafbar nach §§


142 Abs. 1, 211, 212, 229, 230, 52, 53,69,
69a, 74 StGB.

Das besondere öffentliche Interesse an der


Strafverfolgung hinsichtlich der fahrlässigen
Körperverletzung wird bejaht.
SR 146 – überarbeitet von StA’in Sodemann Seite 17 von 17

Beweismittel:

-erlassen-

Wesentliches Ergebnis der Ermittlungen:

-erlassen-

Es wird beantragt,

das Hauptverfahren zu eröffnen und die


Anklage zur Hauptverhandlung vor dem
Landgericht
Görlitz – Schwurgerichtskammer –
zuzulassen.

Unterschrift
Staatsanwalt

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