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Internetklausurenkurs SR 144 – Lösungsvorschlag StA/GL Büchner

A. Materiellrechtliches Gutachten

I. Erster Tatkomplex: Der „Besuch“ bei der Geschädigten Mangold und der Einsatz der Kun-
denkarte der Berliner Sparkasse

1. Betrug gem. § 263 Abs. 1 StGB

Der Beschuldigte Anton Alsleben (A) könnte sich des Betruges gem. § 263 Abs. 1 StGB hinreichend
verdächtig gemacht haben, indem er am 31. Januar 2021 die Geschädigte Martha Mangold (M) auf-
suchte und sie zur Herausgabe der Kundenkarte der Berliner Sparkasse veranlasste.

Dann müsste zunächst mit der für eine Anklageerhebung notwendigen Wahrscheinlichkeit davon aus-
zugehen sein, dass es A war, der M aufsuchte, sich als „Kurt Kaiser“ von der Berliner Sparkasse vor-
stellte und ihr wahrheitswidrig erklärte, dass er ihre Kundenkarte zur Ausstellung einer neuen Karte
benötige. A selbst bestreitet dies, indem er sich dahingehend eingelassen hat, er sei nicht die Person,
die M aufgesucht und sich als „Kurt Kaiser“ ausgegeben habe.

Fraglich ist, ob diese Einlassung als Schutzbehauptung anzusehen ist bzw. ob sie durch andere Be-
weismittel widerlegt werden kann. Für die Täterschaft des A spricht zunächst der Umstand, dass die
Kundenkarte in seinem Fahrzeug aufgefunden wurde. Dies allein dürfte allerdings nicht für die An-
nahme eines hinreichenden Tatverdachts ausreichen.

Für die Täterschaft des A spricht weiterhin die Aussage der M, die A im Rahmen der Wahllichtbildvor-
lage vom 6. Mai 2021 als die Person bezeichnet hat, die ihrer Ansicht nach der Täter gewesen sein
könnte. Allerdings dürfte dies auch die Annahme eines hinreichenden Tatverdachts nicht tragen, da
die Zeugin ihre Aussage sogleich dahingehend eingeschränkt hat, dass sie sich nicht sicher sei.

Somit dürfte die Aussage des Bertold Braun (B) von entscheidender Bedeutung sein, da er in seiner
zeugenschaftlichen Aussage vom 6. Mai 2021 A als die Person wiedererkannt hat, von der er die
Kundenkarte der M erhalten habe und der er sie nach der Tatbegehung auch wieder zurückgegeben
habe. Allerdings hat der Verteidiger des A in seinem Schriftsatz vom 24. Mai 2021 vorgetragen, dass
B ein umfassendes Auskunftsverweigerungsrecht zustehe, B sich in einer etwaigen Hauptverhandlung
auf dieses Recht auch berufen und somit als Beweismittel nicht zur Verfügung stehen werde. Fraglich
ist daher, ob B ein umfassendes Auskunftsverweigerungsrecht zusteht.

a) Auskunftsverweigerungsrecht gem. § 55 Abs. 1 StPO

Nach § 55 Abs. 1 StPO kann ein Zeuge die Auskunft auf solche Fragen verweigern, deren Beantwor-
tung für ihn selbst die Gefahr begründen würde, wegen einer Straftat oder Ordnungswidrigkeit verfolgt
zu werden. Eine Verfolgungsgefahr im Sinne des § 55 StPO besteht grundsätzlich dann nicht mehr,
wenn gegen den Zeugen hinsichtlich der Tat ein rechtskräftiges Urteil vorliegt. Insoweit steht Artikel
103 Abs. 3 GG einer erneuten Verurteilung und damit einer Verfolgungsgefahr entgegen. Der gegen
B erlassene Strafbefehl ist seit dem 22. März 2021 rechtskräftig und steht gem. § 410 Abs. 3 StPO
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einem rechtskräftigen Urteil gleich. Die Gefahr einer Strafverfolgung besteht aber nur bzgl. der bereits
rechtskräftig abgeurteilten Tat. Fraglich ist daher, ob B über die bereits abgeurteilte Tat hinaus eine
Strafverfolgung drohte. Das könnte dann der Fall sein, wenn er selbst die Person war, die von der
Zeugin M die Kundenkarte erschlichen hat und dieser Vorwurf nicht von der rechtskräftigen Verurtei-
lung umfasst wäre. Es kommt demnach darauf an, ob der dem Strafbefehl wegen Hehlerei und Com-
puterbetrug zugrunde liegende Sachverhalt und der einer Anklage wegen Betruges zugrunde liegende
Sachverhalt als verschiedene Taten im prozessualen Sinne aufzufassen sind. Zu der Tat als Prozess-
gegenstand gehört das gesamte Verhalten des Täters, soweit es nach natürlicher Auffassung einen
einheitlichen Lebensvorgang darstellt. Ob der Betrug und die Hehlerei dieselbe Tat im prozessualen
Sinne sind, ist strittig.

Nach Auffassung des BGH handelt es sich bei der Vortat und der Verwertung der Beute in der Regel
um verschiedene Lebensvorgänge.

BGH, Urteil vom 29.09.1987 – 4 StR 376/87


Orientierungssatz
GG Art 103 Abs. 3 verwendet einen von dem materiellen Tatbegriff verschiedenen prozessualen
Begriff der "Tat", nach dem sich der Gegenstand der Urteilsfindung (StPO § 264 Abs. 1) und
damit verbunden der Umfang der Rechtskraft richten. Zwar trifft es zu, dass Diebstahl und Heh-
lerei oder Raub und Hehlerei einen geschichtlichen Vorgang bilden können. Die bloße Alterna-
tivität von Handlungsvorgängen - wenn also ein Vorgang tatsächlich einen anderen ausschließt
- führt aber, wenn nur einer der Vorgänge Gegenstand der zugelassenen Anklage ist, nicht stets
zum Verbrauch der Strafklage für den anderen Vorgang. Es kommt vielmehr auf den Einzelfall
an.

Aus den Gründen:


Durch die Verurteilung zunächst wegen Hehlerei und nunmehr wegen Raubes ist das in Art.
103 Abs. 3 GG verbürgte Verbot wiederholter Strafverfolgung für ein- und dieselbe Tat (ne bis
in idem) nicht verletzt.
Die Vorschrift soll den Bürger davor schützen, wegen einer bestimmten Tat, deretwegen er
schon zur Verantwortung gezogen worden ist, nochmals in einem neuen Verfahren verfolgt zu
werden. Sie greift nicht auf das materielle Strafrecht zurück, das im Bereich der Konkurrenzen
zwischen Tateinheit (§ 52 StGB) und Tatmehrheit (§ 53 StGB) unterscheidet, sondern verwen-
det einen von dem materiellen Tatbegriff verschiedenen prozessualen Begriff der "Tat", nach
dem sich der Gegenstand der Urteilsfindung (§ 264 Abs. 1 StPO) und damit verbunden der
Umfang der Rechtskraft richten. Der verfahrensrechtliche Tatbegriff umfasst den von der zuge-
lassenen Anklage betroffenen einheitlichen geschichtlichen Vorgang, innerhalb dessen der An-
geklagte einen Straftatbestand verwirklicht haben soll.
Den Rahmen der Untersuchung bildet dabei zunächst das tatsächliche Geschehen, wie es die
zugelassene Anklage umschreibt. Der bei der Verurteilung wegen Hehlerei zugrunde gelegte
und der nunmehr bei der Aburteilung wegen Raubes festgestellte Sachverhalt stellen zwei zeit-
lich und räumlich getrennte Vorgänge dar. Das allein würde nicht hindern, beide Sachverhalte
als eine Tat aufzufassen. Denn die Tat als Prozessgegenstand ist nicht nur der in der Anklage
umschriebene und dem Angeklagten dort zur Last gelegte Geschehensablauf; vielmehr gehört
zu ihm das gesamte Verhalten des Angeklagten, soweit es mit dem durch die Anklage bezeich-
neten geschichtlichen Vorgang nach der Auffassung des Lebens ein einheitliches Vorkommnis
bildet. Unter diesem Gesichtspunkt haben das Reichsgericht und ihm folgend der Bundesge-
richtshof Tatidentität von Diebstahl und Hehlerei angenommen, falls der in der Anklage nach

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Objekt, Ort und Zeit der Handlung konkretisierte Diebstahl Grundlage der Verurteilung wegen
Hehlerei blieb.
Der Generalbundesanwalt ist der Auffassung, dass diese Grundsätze auf den hier vorliegenden
Fall übertragbar seien. Dem Angeklagten sei zwar nicht einerseits Hehlerei und andererseits
Diebstahl - auch nicht wahlweise - zur Last gelegt worden, sondern in einem Verfahren Hehlerei
und in einem anderen Verfahren Raub; der Gegenstand des Ansichbringens sei jedoch in bei-
den Verfahren derselbe gewesen. Auf die Zufälligkeiten der jeweiligen Anklagegestaltung dürfe
es rechtlich nicht ankommen.
Dem folgt der Senat nicht.
Es trifft zwar zu, dass Diebstahl und Hehlerei oder Raub und Hehlerei einen geschichtlichen
Vorgang bilden können. Das ist stets der Fall, wenn den Vorwürfen dasselbe tatsächliche Ge-
schehen zugrunde liegt; Abweichungen, die das Tatbild nicht wesentlich ändern, sind dabei
unbeachtlich. Das kann auch so sein, wenn der Täter die hehlerische Abnahme der Beute bei
der Anstiftung des Diebes oder des Räubers zur Wegnahme zugesagt hat. Von einem einheit-
lichen prozessualen Verfahrensgegenstand ist ferner dann auszugehen, wenn dem Täter in der
zugelassenen Anklage zur Last gelegt wird, entweder die eine oder die andere Tat begangen
zu haben. Denn bei solcher Sachlage sind beide geschichtlichen Geschehnisse dem Richter
zur Untersuchung unterbreitet. Die Feststellung, der Täter habe die eine oder die andere Tat
begangen, verbraucht die Strafklage wegen beider Taten. Entsprechendes gilt, wenn der Täter
bei alternativer Anklage nur wegen eines Geschehnisses verurteilt wird; denn diese Verurteilung
schließt ein, dass wegen des anderen Geschehnisses, das in der Hauptverhandlung ebenfalls
Gegenstand der Untersuchung war, eine Verurteilung nicht möglich ist. Die bloße Alternativität
von Handlungsvorgängen - wenn also ein Vorgang tatsächlich oder rechtlich einen anderen
ausschließt - führt aber, wenn nur einer der Vorgänge Gegenstand der zugelassenen Anklage
war, nicht stets zum Verbrauch der Strafklage für den anderen Vorgang. Es kommt vielmehr auf
den Einzelfall an.
Die Tatsache, dass hier der rechtskräftigen Verurteilung des Angeklagten wegen Hehlerei -
unausgesprochen - die Annahme zugrunde liegt, er habe die gehehlte Sache nicht durch eine
andere Straftat an sich gebracht, steht deshalb für sich allein der Verurteilung wegen Raubes
nicht entgegen. Denn nach § 259 StGB bedarf es nicht der Kenntnis gerade der bestimmten
Vortat und ihrer näheren Umstände sowie der Person des Täters. Es genügt vielmehr die Fest-
stellung, dass die Sache durch irgendeine Straftat erlangt worden ist, gleichviel durch welche
und durch wen. Wenn die Rechtsprechung bisher generell Tatidentität zwischen Hehlerei und
Diebstahl bejaht, so mit der Erwägung, dass beide Vermögensdelikte in Richtung auf dasselbe
Tatobjekt begangen worden sind und diesem die Identität der Tat begründenden gemeinsamen
Nenner gegenüber Abweichungen nach Tatzeit und Tatort im Einzelfall Vorrang eingeräumt
wurde. Deshalb sind allein wegen der Identität des Tatobjektes möglicherweise zeitlich und
räumlich weit auseinanderliegende und im Tatbild nicht unerheblich voneinander abweichende
Geschehnisse zu einer einheitlichen Tat im prozessualen Sinne zusammengefasst worden. Der
damit verbundene Verzicht, die prozessuale Tat in Fällen wie dem vorliegenden nach Tatort,
Tatzeit und Tatbild einzugrenzen, führt im Ergebnis jedoch dazu, dass nicht der in der Anklage-
schrift umschriebene geschichtliche Vorgang Gegenstand der Urteilsfindung ist, sondern die
Tatsache der Inbesitznahme eines Tatobjektes durch den Täter, wann und wie er es auch im-
mer erlangt hat. Dies wird aber dem Tatbegriff des § 264 StPO nicht gerecht, da dieser an einen
bestimmten historisch abgrenzbaren Lebensvorgang anknüpft und nicht an das strafbare Ver-
halten eines Täters, das dieser in verschiedenen Handlungsvorgängen, die sich rechtlich oder
tatsächlich sogar ausschließen können, hinsichtlich eines Tatobjektes begangen haben kann.
Der Lebensvorgang, der der Verurteilung wegen Hehlerei zugrundeliegt - Annahme von Aktien
von zwei unbekannten Personen am 28. Dezember 1983 - und der Lebensvorgang, welcher
der jetzigen Anklage zugrundeliegt - Raub der Aktien am 19. Dezember 1983 -, sind aber nach
Ort, Zeit und Tatumständen - und auch hinsichtlich des verletzten Rechtsgutes (Raub als zwei-
aktiges Delikt) - derart gegeneinander abgegrenzt, dass sie bei natürlicher Betrachtungsweise
nicht einen einheitlichen geschichtlichen Geschehensablauf darstellen. Sie sind damit nicht eine
Tat im prozessualen Sinne. Die Strafklage wegen Raubes ist also nicht durch die Verurteilung
wegen Hehlerei verbraucht.

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Zwar bezieht sich die Rechtsprechung des BGH auf einen Raub oder einen Diebstahl als Vortat, sie
ist jedoch auf einen Betrug als Vortat übertragbar. Danach können Vortat und Hehlerei zwar einen
geschichtlichen Vorgang bilden, regelmäßig ist dies aber nicht der Fall. In der Regel verbraucht also
die rechtskräftige Verurteilung wegen Hehlerei nicht die Strafe bzgl. der Vortat. So dürfte es auch im
hiesigen Fall sein. Da der Lebensvorgang, der der Verurteilung wegen Hehlerei zugrunde liegt – An-
nahme der Kundenkarte und Geldabheben – und der Lebensvorgang, welcher dem Betrug zugrunde
liegt – „Erschleichen“ der Kundenkarte durch Betrug – sowohl örtlich als auch zeitlich voneinander
abgrenzbar sind, dürften sie bei natürlicher Betrachtungsweise nicht einen einheitlichen geschichtli-
chen Geschehensablauf bilden. Sie sind somit nicht eine Tat im prozessualen Sinne, so dass die Straf-
klage wegen Betruges nicht verbraucht wäre.

Dem ließe sich jedoch entgegenhalten, dass die Hehlerei die Vortat eines anderen voraussetzt und
dass das Gericht mit der Verurteilung wegen Hehlerei – nunmehr bindend – befunden hat, dass ein
anderer als der Verurteilte der Vortäter war. Gegen diese Auffassung spricht jedoch, dass für eine
Verurteilung wegen Hehlerei die Feststellung genügt, dass die Sache durch irgendeine Straftat erlangt
worden ist, gleichviel durch welche und durch wen.

Der Rechtsprechung des BGH zufolge dürfte ein Strafklageverbrauch nicht eingetreten sein und es
könnte die Gefahr der Strafverfolgung für B bestehen.

Jedoch ist weiterhin zu berücksichtigen, dass der Begriff der „Gefahr“ der Strafverfolgung nicht bloße
Vermutungen oder jede denktheoretische Möglichkeit, sondern einen Anfangsverdacht im Sinne des
§ 152 StPO voraussetzt. Gegen einen solchen Anfangsverdacht dürfte sprechen, dass M den B nicht
als Täter erkannt hat, während alle Indizien (insbesondere das Auffinden der Karte in As Fahrzeug)
auf A hindeuten. Zudem ist zu der Gefahr einer „Rückbelastung“ durch A anzuführen, dass diese nicht
durch § 55 StPO vermieden werden soll. Diese ist vom Schutzzweck der verfassungsrechtlich verbürg-
ten Selbstbelastungsfreiheit nicht umfasst. Das Risiko, bei einer wahrheitsgemäßen Aussage mit un-
berechtigten Gegenvorwürfen konfrontiert zu werden, muss jeder Zeuge tragen.

BGH, Urteil vom 19.12.2006 – 1 StR 326/06


Orientierungssatz
Das Auskunftsverweigerungsrecht nach § 55 StPO kann grundsätzlich nur in dem Umfang grei-
fen, in welchem die Befragung sich auf Vorgänge richtet, die im Verhältnis zu den abgeurteilten
Geschehen andere Taten im verfahrensrechtlichen Sinn des § 264 Abs. 1 StPO darstellen wür-
den. Besteht die konkrete Gefahr, dass der Zeuge durch eine wahrheitsgemäße Aussage zu-
gleich potentielle Beweismittel gegen sich selbst wegen noch verfolgbarer eigener Delikte lie-
fern müsste, so ist ihm die Erteilung solcher Auskünfte nicht zumutbar.

Nach alledem dürfte die Gefahr einer Strafverfolgung für B nicht gegeben sein, so dass ihm auch kein
Auskunftsverweigerungsrecht gem. § 55 Abs. 1 StPO zusteht.

Zudem ist für B auch nicht die Gefahr einer Strafverfolgung insoweit gegeben, als dass er in seiner
Beschuldigtenvernehmung vom 14.02.2021 nicht die Wahrheit gesagt hätte. Eine Strafbarkeit nach
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§ 153 StGB scheidet aus, da B als Beschuldigter und nicht als Zeuge vernommen worden ist und die
Vernehmung von der Polizei durchgeführt worden ist. Ferner käme § 145d Abs. 2 Nr. 1 StGB in Be-
tracht, falls es sich bei B um „Kurt Kaiser“ handeln würde. Dann hätte B in der Vernehmung versucht,
den Verdacht von sich abzulenken und seine eigene Tat einem anderen, dem „großen Unbekannten“,
unterzuschieben. § 145d Abs. 2 Nr. 1 StGB dürfte jedoch, unabhängig davon, ob B die Vortat began-
gen hat, zu verneinen sein. Da B in diesem Fall den Verdacht nur allgemein von sich abgelenkt und
die Verfolgungstätigkeit nicht in eine bestimmte Richtung zu lenken versucht hätte, soll der Tatbestand
nicht verwirklicht sein.

Mit B als Zeuge bzw. mit den (verwertbaren) Angaben des B dürfte A hinreichend verdächtig sein, B
die Kundenkarte am Abend des 31. Januar 2021 übergeben zu haben, denn die Angaben des B dürften
glaubhaft sein. Hierfür spricht insbesondere der Umstand, dass B bereits in seiner Einlassung vom
14.02.2021 den Täter als „Anton“ bezeichnet hat.

Damit dürfte A aber auch mit hinreichender Wahrscheinlichkeit als die Person anzusehen sein, die M
am 31. Januar 2021 gegen 16 Uhr in ihrer Wohnung aufgesucht und sich als „Kurt Kaiser“ ausgegeben
hat. Anhaltspunkte dafür, dass A selbst die Karte von einem unbekannten Dritten erhalten oder auch
gefunden haben könnte, sind demgegenüber nicht ersichtlich. Eine Täuschungshandlung des A ist
damit zu bejahen.

b) Weitere Tatbestandsvoraussetzungen

Die wahrheitswidrigen Angaben des A, so unglaubhaft sie auch gewesen sein mögen, haben bei M zu
einer Fehlvorstellung, mithin zu einem Irrtum geführt. Unerheblich ist, dass die Aufforderung des A der
M „reichlich seltsam“ vorkam, denn ein Irrtum ist auch dann gegeben, wenn der Getäuschte Zweifel
an der Wahrheit des Vorgespiegelten hat, die Möglichkeit der Unwahrheit aber – wie hier - jedenfalls
für geringer hält.

Des Weiteren müsste M eine zu einem Vermögensschaden führende Vermögensverfügung vorge-


nommen haben. Eine Vermögensverfügung ist jedes Handeln, Dulden oder Unterlassen, das eine Ver-
mögensminderung unmittelbar herbeiführt. M hat A die Kundenkarte und die PIN gegeben. Der Scha-
den am Vermögen der M ist aber erst endgültig eingetreten, als die Karte zum Geldabheben benutzt
wurde und das Konto der M belastet wurde. Problematisch ist deshalb die Unmittelbarkeit der Verfü-
gung. Unmittelbarkeit bedeutet, dass das Verhalten des Getäuschten ohne weitere Handlungen des
Täters oder nicht dem Risikobereich des Opfers zuzurechnender Dritter die Vermögensminderung her-
beiführt. Gegen die Unmittelbarkeit könnte sprechen, dass nach Herausgabe der Karte und der PIN
noch eine Verwertungshandlung erforderlich ist. Zu beachten ist allerdings, dass für A mit dem Erlan-
gen von Karte und PIN der wichtigste Teil der Tat gelungen ist, d. h. die „wesentliche Zugriffsschwelle“
überschritten worden ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass A die Karte jetzt nutzt, ist hoch und die Mög-
lichkeit des Opfers, dies noch rechtzeitig zu verhindern, gering. Danach genügt zur Unmittelbarkeit die

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ernsthafte Erwartung, d.h. die konkrete Gefahr eines Vermögensschadens. Somit dürfte die Heraus-
gabe der Karte nebst PIN eine Vermögensverfügung darstellen, die bereits zu einem Vermögensscha-
den geführt hat. Der objektive Tatbestand des Betruges wäre damit erfüllt.

A handelte zudem vorsätzlich und in der Absicht, sich rechtswidrig zu bereichern.

Da auch Rechtswidrigkeit und Schuld vorliegen dürften, ist A des Betrugs gem. § 263 Abs. 1 StGB
hinreichend verdächtig.

2. Anstiftung zur Hehlerei gem. §§ 259 Abs. 1, 26 StGB

A könnte sich durch die Übergabe der Karte an B verbunden mit der Aufforderung, Geld am Geldau-
tomaten abzuheben, wegen Anstiftung zur Hehlerei gem. §§ 259, 26 StGB hinreichend verdächtig ge-
macht haben.

Ungeachtet der Frage, ob die Tatbestandsvoraussetzungen, insbesondere eine teilnahmefähige


Haupttat (hier in Form einer vorsätzlichen und rechtswidrigen Hehlerei des B) vorliegen, wird von der
herrschenden Meinung angenommen, dass für den Täter der Vortat eine Anstiftung zur Hehlerei im
Wege der Gesetzeskonkurrenz (mitbestrafte Nachtat) zurücktritt. Begründet wird dies im Wesentlichen
damit, dass der Vortäter mit seiner Handlung kein neues Rechtsgut verletze; teilweise wird aber auch
vertreten, dass für den Täter der Vortat bereits keine teilnahmefähige Haupttat vorliege, da die Hehlerei
als Haupttat die Tat eines anderen voraussetze.

3. Anstiftung zum Computerbetrug gem. §§ 263a Abs. 1, 26 StGB

A könnte sich durch das vorgenannte Verhalten zudem einer Anstiftung zum Computerbetrug hinrei-
chend verdächtig gemacht haben. Als teilnahmefähige Haupttat könnte ein Computerbetrug gem.
§ 263a Abs. 1 StGB zulasten der M in Betracht kommen. Fraglich ist, ob das Geldabheben am Auto-
maten durch B den Straftatbestand eines Computerbetruges erfüllt. Insoweit ist die rechtliche Würdi-
gung im Strafbefehl gegen B nicht bindend.

Zunächst dürfte die Geldausgabe am Automaten das Ergebnis eines Datenverarbeitungsvorganges


darstellen. Es ist ausreichend, dass dieser Vorgang durch die Eingabe der Kundenkarte in Gang ge-
setzt wurde.

B könnte das Ergebnis eines Datenverarbeitungsvorgangs gem. § 263a Abs. 1, 3. Var. StGB durch
unbefugte Verwendung von Daten beeinflusst haben.

B hat mit Hilfe der erschlichenen Kundenkarte und der PIN Geld am Geldautomaten abgehoben. Dabei
hat er die von der Sparkasse an M ausgegebene PIN ganz „normal“, wie für Kunden vorgesehen,
eingegeben. Fraglich ist daher, ob das Tatbestandsmerkmal „unbefugt“ erfüllt ist. Die Auslegung die-
ses Merkmals ist umstritten. In der Literatur werden sowohl eine sehr weite als auch seine sehr enge
Auslegung des Merkmals vertreten; die das Merkmal am weitesten einschränkende Auslegung ist die
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sog. computerspezifische Auslegung. Die wohl herrschende Meinung in der Literatur und die Recht-
sprechung vertreten demgegenüber die sog. betrugsspezifische Auslegung. Danach ist die Verwen-
dung der Daten unbefugt, wenn sie gegenüber einer natürlichen Person Täuschungscharakter hätte.
Unbefugt handelt nur derjenige, der als Äquivalent zur schlüssigen Täuschung beim Betrug durch kon-
kludentes Verhalten gegenüber dem Automaten eine nicht vorhandene Berechtigung zur Nutzung der
Karte „vorspiegelt“. Dies dürfte zu bejahen sein, wenn die Karte durch verbotene Eigenmacht erlangt
wurde. Streitig ist jedoch die Behandlung von Fällen, in denen der Täter, wie hier B (vermittelt durch
A), die Karte mit Einverständnis des Inhabers im Besitz hat und diese (nur) abredewidrig benutzt. Wenn
der Täter die Karte und PIN durch Täuschung erschlichen hat, könnte (nur) ein Betrug und kein Com-
puterbetrug vorliegen. Da die Verwendung der Karte nicht die konkludente Erklärung enthalte, im In-
nenverhältnis mit dem Kontoinhaber getroffene Abreden einzuhalten, sei eine Täuschung zu vernei-
nen. Ein Computerbetrug würde demnach ausscheiden.

BGH, Beschluss vom 17.12.2002 – 1 StR 412/02


Orientierungssatz
Hat der Täter an einem Geldautomaten vom Konto des Geschädigten mit dessen Codekarte
und der Geheimnummer Geld abgehoben, liegt kein Computerbetrug in Form der unbefugten
Verwendung von Daten vor, wenn der geschädigte Kontoinhaber dem Täter Karte und Daten
überlassen hat und der Täter diese lediglich absprachewidrig verwendete. Die Handlung kann
jedoch den Tatbestand des Betrugs erfüllen.

Aus den Gründen:


In den Fällen 127 bis 139 der Urteilsgründe hat der Angeklagte nicht je einen Computerbetrug
(§ 263a Abs. 1 StGB) begangen, sondern einen Betrug (§ 263 Abs. 1 StGB). Hebt jemand an
einem Geldautomaten vom Konto eines anderen mit dessen Codekarte und der Geheimnum-
mer Geld ab, so liegt ein Computerbetrug durch unbefugte Verwendung von Daten dann nicht
vor, wenn ihm die Daten vom Kontoinhaber überlassen wurden und er lediglich absprachewidrig
handelt. Da der Angeklagte hier dem Geschädigten vorgetäuscht hatte, er wolle ihm eine Schuld
zurückzahlen und benötige dazu seine - des Geschädigten - Geldautomatenkarte, dieser ihm
glaubte und ihm Karte wie PIN-Nummer überließ, hat der Angeklagte allerdings einen Betrug
begangen; denn er hat mit Hilfe der Karte sowie der Codezahl vorgefasster Absicht entspre-
chend mehrmals an verschiedenen Geldautomaten Geld abgehoben. Gleiches gilt, soweit er
sich unter demselben Vorwand vom Geschädigten "uno actu" auch die VISA-Karte nebst PIN-
Nummer erschwindelt und diese ebenfalls - wie von vornherein geplant - zu Abhebungen ge-
braucht hat.

Die gegenteilige Ansicht dürfte jedoch ebenso vertretbar sein. So könnte maßgeblich darauf abgestellt
werden, dass M dem A die Karte und die PIN nicht zur Benutzung am Bankautomaten und zum Geld-
abheben überlassen hat; die hier maßgebliche Verwendung dürfte daher über eine bloße Überschrei-
tung der eingeräumten Verwendungsbefugnis hinausgehen, so dass eine konkludente Täuschung des
B über seine Berechtigung vorliegen könnte und damit das Tatbestandsmerkmal „unbefugt“ zu bejahen
wäre. Kandidaten, die diesen Lösungsweg wählen, könnten einen Computerbetrug durch B bejahen.
M wäre durch die Belastung auf ihrem Konto ein Vermögensschaden entstanden. Da B darüber hinaus
vorsätzlich und in der Absicht rechtswidriger Bereicherung gehandelt haben dürfte und die Tat des B
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auch rechtswidrig war, läge die erforderliche Haupttat vor. A hätte B auch zur Begehung dieser Haupt-
tat bestimmt und hätte auch mit dem erforderlichen (doppelten) Anstiftervorsatz gehandelt.

Fraglich wäre jedoch auch hier, welches Verhältnis zwischen der Anstiftung zum Computerbetrug und
dem vorausgegangenen Betrug besteht. Hier dürfte zunächst die Annahme von Tatmehrheit gem. § 53
StGB vertretbar sein. Allerdings dürften auch einige Gesichtspunkte für ein Zurücktreten auf Konkur-
renzebene sprechen. Insbesondere könnte argumentiert werden, dass der Betrug als mitbestrafte Vor-
tat von der Anstiftung zum Computerbetrug verdrängt wird. Hierfür könnte angeführt werden, dass erst
durch das Abheben des Geldes ein konkret zu beziffernder Schaden eintritt, während zuvor nur eine
(konkrete) Vermögensgefährdung vorlag. Nach hier vorzugswürdiger Ansicht dürfte jedoch eher die
Anstiftung zum Computerbetrug eine mitbestrafte Nachtat darstellen. Hierfür spricht insbesondere,
dass die Annahme eines Betruges einen Schaden voraussetzt, der durch den Computerbetrug nur
noch vertieft werden konnte. Zu dieser Ansicht dürften vor allem die Kandidaten gelangen, die bereits
die Anstiftung zur Hehlerei des B als mitbestrafte Nachtat angesehen haben.

A ist daher im 1. Tatkomplex (nur) eines Betruges gem. § 263 Abs. 1 StGB hinreichend verdächtig.

II. Zweiter Tatkomplex: Die Verkehrskontrolle am 21. April 2021

1. Trunkenheit im Verkehr gem. § 316 Abs. 1 und 2 StGB

A könnte einer vorsätzlichen oder fahrlässigen Trunkenheit im Verkehr gem. § 316 Abs. 1 bzw. Abs. 2
StGB hinreichend verdächtig sein, indem er trotz alkoholischer Beeinflussung mit dem Pkw VW Golf,
amtliches Kennzeichen B – ZA 321, am 21. April 2021 gegen 0.15 Uhr die Autobahn 115 in Höhe
Abfahrt Hüttenweg befuhr.

Dann müsste A zunächst hinreichend verdächtig sein, ein Fahrzeug im öffentlichen Straßenverkehr
geführt haben. Dies dürfte sich aus den Angaben der Polizeibeamten Persch und Landohr, die A im
Rahmen der Verkehrskontrolle festgestellt haben, ohne weiteres ergeben.

A müsste das Fahrzeug im Zustand der Fahruntüchtigkeit geführt haben. Wesentliches Beweismittel
dafür ist die A entnommene Blutprobe. Ausweislich des Gutachtens des rechtsmedizinischen Instituts
betrug der Blutalkoholkonzentrationswert des A zum Entnahmezeitpunkt am 21. April 2021 um
1.15 Uhr 1,12 ‰. Demnach dürfte zur Tatzeit gegen 0.15 Uhr (ungeachtet eines stündlichen Abbau-
werts von 0,1 ‰ und einer Nichtberücksichtigung der ersten zwei Stunden nach Trinkende) von einem
BAK-Wert von mindestens 1,12 ‰ auszugehen sein. Nach der Rechtsprechung wird bei einer Blutal-
koholkonzentration ab 1,1 ‰ die Unfähigkeit, ein Fahrzeug sicher zu führen (absolute Fahruntüchtig-
keit), unwiderleglich vermutet. A war somit zum Tatzeitpunkt infolge des Genusses alkoholischer Ge-
tränke (absolut) fahruntüchtig.

Gem. § 316 Abs. 1 StGB wäre weiterhin erforderlich, dass A vorsätzlich gehandelt hat. Dafür wäre
erforderlich, dass er zumindest Eventualvorsatz bzgl. seiner Fahruntüchtigkeit hatte. Bei einer Blutal-
koholkonzentration über 1,1 ‰ ist das Vorliegen zumindest bedingten Vorsatzes nahe liegend, wenn
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der Täter einschlägig vorbestraft ist und in Fahrbereitschaft Alkohol konsumiert hat; aus der Blutalko-
holkonzentration allein kann allerdings nicht ohne Hinzutreten weiterer Umstände auf ein vorsätzliches
Handeln geschlossen werden. Angesichts dieser Vorgaben (A ist unbestraft und die näheren Um-
stände des Fahrtantritts sind unbekannt) dürfte hier im Zweifel zugunsten des A davon auszugehen
sein, dass nicht Vorsatz, sondern nur Fahrlässigkeit im Sinne des § 316 Abs. 2 StGB vorliegt.

A ist demgemäß der fahrlässigen Trunkenheit im Verkehr gem. § 316 Abs. 2 StGB hinreichend ver-
dächtig.

2. Bestechung gem. § 334 Abs. 1 StGB

A könnte sich durch das (erfolglose) Angebot zur Zahlung von 50,- € für den Fall, dass die Polizeibe-
amten ihn weiterfahren lassen, der Bestechung gemäß § 334 Abs. 1 StGB strafbar gemacht haben.

Bei den Polizeibeamten handelt es sich um Amtsträger im Sinne des § 11 Abs. 1 Nr. 2a StGB.

A müsste den Polizeibeamten einen Vorteil angeboten haben. Vorteil ist jede Leistung, die die wirt-
schaftliche, rechtliche oder persönliche Lage des Amtsträgers verbessert und auf die er keinen An-
spruch hat. Dies ist bei der angebotenen Geldzahlung der Fall. Die Tathandlung des Anbietens ist die
auf den Abschluss einer Unrechtsvereinbarung gerichtete ausdrückliche oder konkludente Erklärung.
Sie ist mit der Äußerung vollendet. Eine Bereitschaft des Amtsträgers darauf einzugehen, ist also nicht
erforderlich.

Die Unrechtsvereinbarung ist die inhaltliche Verbindung von Dienstausübung und Vorteilszuwendung.
Auch wenn den Worten des A nicht ausdrücklich diese Verbindung zu entnehmen sein sollte, dürfte
jedenfalls konkludent die Zahlung von 50 € als Gegenleistung für ein dienstliches Verhalten, nämlich
die Entscheidung, A weiterfahren zu lassen, anzunehmen sein, so dass A den Polizeibeamten einen
Vorteil für eine Diensthandlung angeboten hat.

Des Weiteren muss sich die Tathandlung auf eine pflichtwidrige dienstliche Handlung des Begünstig-
ten beziehen. Mit der Wahrnehmung des Alkoholgeruches bestand der Anfangsverdacht einer Straftat
gem. § 316 StGB. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Polizeibeamten gem. § 163 Abs. 1 StPO den Sach-
verhalt zu erforschen. A zielte mit seinem Angebot darauf ab, dass die Polizeibeamten diese Erfor-
schung unterlassen und ihn weiterfahren lassen. Durch das Unterlassen der Maßnahme hätten die
Polizeibeamten ihre Dienstpflicht verletzt. Das geforderte Verhalten war demgemäß pflichtwidrig (Ver-
stoß gegen das sog. Legalitätsprinzip). Soweit das dienstliche Verhalten hier in dem Unterlassen der
erforderlichen Diensthandlung, nämlich der weiteren Erforschung des Sachverhalts, gesehen wird,
steht dies der Tatbestandsverwirklichung nicht entgegen, da das Unterlassen der Handlung gem.
§ 336 StGB ausdrücklich der Vornahme der Diensthandlung gleichgestellt ist.

A müsste ferner vorsätzlich gehandelt haben. Insoweit ist seine Einlassung zu beachten, wonach das
Angebot offensichtlich nicht ernst gemeint gewesen sei. Diese Einlassung dürfte A jedoch nicht ent-

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lasten. Aus seinen Angaben gegenüber den Polizeibeamten vor Ort dürfte sich die fehlende Ernstlich-
keit jedenfalls nicht ergeben, so dass es sich insoweit um eine nachträgliche Schutzbehauptung han-
deln dürfte. Soweit die Einlassung des A dahingehend zu verstehen sein sollte, dass er (im Sinne einer
sog. Mentalreservation bzw. es inneren Vorbehalts) zur Zahlung des Geldes gar nicht bereit war, dürfte
auch dies A nicht entlasten, da nicht erforderlich ist, dass der Täter den versprochenen Vorteil tatsäch-
lich gewähren will.

A ist demgemäß der Bestechung gem. § 334 Abs. 1 StGB hinreichend verdächtig.

3. Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte gem. § 113 Abs. 1, Abs. 2 S.2 Nr.1 StGB

A könnte sich durch den Versuch, sich dem Griff des Polizeibeamten Landohr zu entwinden wegen
Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte hinreichend verdächtig gemacht haben.

POM Landohr war ein zur Vollstreckung berufener Amtsträger.

Er müsste sich bei der Vornahme einer Vollstreckungshandlung befunden haben. Eine Vollstreckungs-
handlung ist eine gezielte hoheitliche Maßnahme zur Regelung eines Einzelfalls. Bei dem Verbringen
zur Dienststelle zur Ermöglichung der Entnahme einer Blutprobe handelt es sich um eine Vollstre-
ckungshandlung. Als Tathandlung könnte A Widerstand mit Gewalt oder durch Drohung mit Gewalt
geleistet oder einen tätlichen Angriff begangen haben.

Widerstand leisten ist das – auch untaugliche oder erfolglose – Unternehmen, den Amtsträger durch
ein aktives Vorgehen zur Unterlassung der Vollstreckungshandlung als solcher zu nötigen oder diese
zu erschweren.

Gewalt ist der Einsatz materieller Zwangsmittel, vor allem körperlicher Kraft, durch tätiges Handeln
gegen die Person des Vollstreckenden, der geeignet ist, die Vollendung der Diensthandlung zumindest
zu erschweren. Der mehrfache Versuch des A, sich beim Verbringen zum Dienstwagen dem Griff des
POM Landohr zu entwinden, dürfte über rein passiven Widerstand hinausgehen und demgemäß die
Grenze zur „Gewalt“ überschritten haben.

A dürfte insoweit auch vorsätzlich gehandelt haben.

Des Weiteren müsste die Diensthandlung gem. § 113 Abs. 3 S.1 StGB rechtmäßig gewesen sein. Die
Rechtmäßigkeit der Diensthandlung wird von der herrschenden Meinung als objektive Bedingung der
Strafbarkeit aufgefasst. Die Rechtsprechung und die wohl herrschende Meinung vertreten den sog.
strafrechtlichen Rechtmäßigkeitsbegriff, wonach der Vollstreckungsbeamte bereits dann rechtmäßig
handelt, wenn er sachlich und örtlich zuständig ist, die wesentlichen Förmlichkeiten einhält und nicht
willkürlich handelt. Danach dürfte die Verbringung des A zur Dienststelle zwecks Entnahme einer Blut-
probe rechtmäßig gewesen sein, zumal sie auch die Anwendung unmittelbaren Zwangs zulässt.

A ist demgemäß eines Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte gem. § 113 Abs. 1 StGB hinreichend
verdächtig.

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Darüber hinaus könnte durch die Fußtritte auch ein besonders schwerer Fall gem. § 113 Abs. 2 S. 2
Nr. 1 StGB vorliegen. Dann müsste A ein gefährliches Werkzeug mit sich geführt haben, um dieses
bei der Tat zu verwenden. Ausreichend ist, dass der Täter das gefährliche Werkzeug erst während der
Tat in Verwendungsabsicht bei sich führt. Der Begriff des gefährlichen Werkzeugs hat erst durch das
44. StÄG mit Wirkung vom 5.11.2011 Eingang in den Gesetzestext gefunden. Die Auslegung des
Merkmals dürfte problematisch sein, zumal der Gesetzeswortlaut in § 224 Abs. 1 Nr.2 StGB und § 244
Abs. 1 Nr. 1a StGB nicht identisch ist. In Anlehnung an § 224 Abs. 1 Nr.2 StGB ist ein gefährliches
Werkzeug nach herrschender Meinung ein beweglicher Gegenstand, der nach der Art seiner Verwen-
dung im konkreten Fall geeignet ist, erhebliche Verletzungen herbeizuführen. Ob der beschuhte Fuß
darunterfällt, soll nach der Rechtsprechung von den Umständen des Einzelfalls abhängen.

BGH, Urteil vom 20.03.2003 – 4 StR 527/02


Orientierungssatz
1. Hat einer der beiden Angeklagten, um an Geld zu gelangen, wie von beiden geplant eine
Person überfallen, während der andere unbeteiligt zusah, sind dem unbeteiligten Angeklag-
ten die Schläge und Tritte des ausführenden Angeklagten zuzurechnen. Allein der Um-
stand, dass über Schläge bzw. Tritte als Mittel der von beiden Angeklagten zum Zweck der
Wegnahme ins Auge gefaßten Gewalt vor der Tat nicht ausdrücklich gesprochen worden
war, läßt das Vorgehen des ausführenden Angeklagten noch nicht als Exzess erscheinen.
Es spricht viel für ein stillschweigend vereinbartes einverständliches Handeln.
2. Für die Frage, ob bei Tritten mit einem beschuhten Fuß, der Schuh als gefährliches Werk-
zeug im Sinne des § 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB anzusehen ist, kommt es auf die Umstände
des Einzelfalls an. Auch Turnschuhe der heute üblichen Art können durchaus geeignet sein,
erhebliche Körperverletzungen herbeizuführen.

Maßgeblich soll sein, wohin die Tritte erfolgen und mit welcher Heftigkeit zugetreten wird. So soll ein
Straßenschuh von üblicher Beschaffenheit regelmäßig als gefährliches Werkzeug anzusehen sein,
wenn damit gegen den Kopf eines Menschen getreten wird.

BGH, Urteil vom 15.09.2010 – 2 StR 395/10


Orientierungssatz
Ein Straßenschuh von üblicher Beschaffenheit ist regelmäßig als gefährliches Werkzeug im
Sinne von § 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB anzusehen, wenn damit einem Menschen gegen den Kopf
getreten wird. Das gilt jedenfalls für Tritte in das Gesicht des Opfers. Entsprechendes ist anzu-
nehmen, wenn der Täter feste Turnschuhe der heute üblichen Art trägt.

Nach diesen Vorgaben dürften die zwei Tritte in Richtung Kopf des Beamten Landohr ausreichend
sein, um einen besonders schweren Fall des Widerstands zu bejahen.

4. Tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte gem. § 114 Abs. 1 StGB

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A könnte sich zudem durch die Tritte im Polizeifahrzeug wegen tätlichen Angriffs auf Vollstreckungs-
beamte hinreichend verdächtig gemacht haben.

POM Landohr war ein zur Vollstreckung berufener Amtsträger.

Bei den zwei Fußtritten im Dienstwagen handelt es sich nicht nur um Gewalt, sondern auch um tätliche
Angriffe, d.h. eine unmittelbar auf den Körper des Beamten abzielende feindselige Aktion.

A dürfte insoweit auch vorsätzlich gehandelt haben.

5. Versuchte gefährliche Körperverletzung gem. §§ 223, 224 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 2, 22, 23 StGB

A könnte durch die zwei Fußtritte in Richtung Kopf des Polizeibeamten auch einer versuchten gefähr-
lichen Körperverletzung hinreichend verdächtig sein.

A hat den Polizeibeamten Landohr nicht verletzt, sodass nur ein gem. § 224 Abs. 2 StGB strafbarer
Versuch in Betracht kommt.

Der Entschluss, den Polizeibeamten körperlich zu misshandeln und an der Gesundheit zu schädigen,
dürfte angesichts der Tritte gegen den Kopf zu bejahen sein.

A könnte zudem den Entschluss gefasst haben, die Körperverletzung mittels eines gefährlichen Werk-
zeugs gem. § 224 Abs. 1 Nr. 2 StGB zu begehen. Angesichts der obigen Ausführungen zu § 113 Abs.
2 S.2 Nr.1 StGB dürfte dies hier konsequenterweise zu bejahen sein.

Mit den Tritten hat A zudem gem. § 22 StGB unmittelbar zur Tat angesetzt.

A ist somit der versuchten gefährlichen Körperverletzung gem. §§ 224 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 2, 22, 23
StGB hinreichend verdächtig.

III. Gesamtergebnis und Konkurrenzen

Im zweiten Tatkomplex ist A der (fahrlässigen) Trunkenheit im Verkehr, der Bestechung, des Wider-
stands gegen und des tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte im besonders schweren Fall und
der versuchten gefährlichen Körperverletzung hinreichend verdächtig.

Die beiden Widerstandshandlungen dürften eine natürliche Handlungseinheit bilden, da sie beide da-
rauf gerichtet waren, die Entnahme der Blutprobe zu verhindern. Die versuchte (gefährliche) Körper-
verletzung steht in Tateinheit zum Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, da die Tathandlung (Fuß-
tritte) teilidentisch ist mit einer Tathandlung, die den Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte verwirk-
licht. Die übrigen Delikte (§§ 316 Abs. 2, 334 Abs. 1 StGB) sowie der Betrug aus dem 1. Tatkomplex
dürften dazu und zueinander in Tatmehrheit (§ 53 StGB) stehen.

B. Prozessrechtliches Gutachten

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I. Anklage und (Teil-)Einstellungen

Nach diesem Lösungsvorschlag käme keine (Teil-)Einstellung des Verfahrens in Betracht, da hinsicht-
lich sämtlicher prozessualer Taten hinreichender Tatverdacht besteht. Da alle zur Anklage kommen-
den Delikte Vergehen sind, wäre gemäß §§ 24, 25 Nr.2 GVG das Amtsgericht – Strafrichter - sachlich
zuständig, wenn eine höhere (Gesamt-)Strafe als Freiheitsstrafe von zwei Jahren nicht zu erwarten ist.
Auch wenn hier mehrere Delikte verwirklicht sind, dürfte eine Strafe über zwei Jahre Gesamtfreiheits-
strafe nicht zu erwarten sein, zumal A bislang unbestraft ist. Die Annahme einer Straferwartung von
über zwei Jahren Freiheitsstrafe und damit die Zuständigkeit des Schöffengerichts dürften aber ggfs.
auch noch vertretbar sein.

Örtlich zuständig ist gem. §§ 7, 8 StPO das Amtsgericht Tiergarten in Berlin.

II. Haftbefehl

Ein Antrag auf Erlass eines Haftbefehls dürfte nicht zu stellen sein. Zwar dürfte bzgl. der im materiell-
rechtlichen Gutachten angenommenen Delikte nicht nur ein hinreichender, sondern auch ein dringen-
der Tatverdacht gem. § 112 Abs. 1 S.1 StPO bestehen. Allerdings dürfte kein Haftgrund gem. § 112
Abs. 2 StPO vorliegen.

III. Verteidigung

Hier dürften die Voraussetzungen einer Pflichtverteidigung gem. §§ 140 Abs. 2 StPO vorliegen. So
gebietet eine Straferwartung von einem Jahr Freiheitsstrafe in der Regel Anlass zur Beiordnung eines
Verteidigers. Ungeachtet des Umstandes, wie sich die Kandidaten an dieser Stelle entscheiden, hat A
allerdings bereits einen Wahlverteidiger, so dass ein Antrag auf Beiordnung eines Pflichtverteidigers
(gem. § 141 StPO) nicht zu stellen ist.

IV. Entziehung der Fahrerlaubnis

Voraussetzungen der §§ 69, 69a StGB und vorläufige Entziehung der Fahrerlaubnis Nach dem obigen
Lösungsvorschlag ist A u.a. eines Vergehens nach § 316 StGB hinreichend verdächtig. Es liegt dem-
gemäß ein Regelfall gem. § 69 Abs. 2 Nr.2 StGB vor, so dass zu erwarten ist, dass A die Fahrerlaubnis
entzogen und gem. § 69a StGB eine Sperre für die Erteilung der Fahrerlaubnis angeordnet wird.

Dem Antrag des Verteidigers auf Herausgabe des Führerscheins ist nicht zu entsprechen. Nach
§ 111a Abs. 4 StPO bedarf es jedoch insoweit keines Antrages auf Beschlagnahmebestätigung. Da
dringende Gründe für die Annahme vorhanden sind, dass A die Fahrerlaubnis entzogen wird, ist gem.
§ 111a Abs. 1 StPO zu beantragen, dass die Fahrerlaubnis vorläufig entzogen wird. Die entsprechende
Entscheidung würde gem. § 111a Abs. 3 S.1 StPO zugleich als Anordnung der Beschlagnahme oder
Bestätigung der Beschlagnahme des Führerscheins wirken.
13
V. Asservate

Die Kundenkarte dürfte weiterhin als Beweismittel benötigt werden. Auch haben weder der Beschul-
digte noch die Zeugin Mangold noch die Berliner Sparkasse die Karte herausverlangt.

Ferner dürfte gemäß §§ 73, 73c StGB die Einziehung von Wertersatz iHv 1.000,- Euro anzuordnen
sein.

14
Staatsanwaltschaft Berlin Berlin, den 6. Juni 2021
10 Js 2445/21

An das
Amtsgericht Tiergarten
- Strafrichter -

Anklageschrift
Anton Alsleben,
weitere Personalien erlassen

- Registerauszug ist beigefügt -

Verteidiger: Rechtsanwalt Otto Obermann, Rheinstr. 12, 12161 Berlin

wird a n g e k l a g t,

in Berlin
in der Zeit vom 31. Januar 2021 bis zum 21. April 2021

durch drei selbständige Handlungen

1. in der Absicht, sich einen rechtswidrigen Vermögensvorteil zu verschaffen,


das Vermögen eines anderen dadurch beschädigt zu haben, dass er durch Vor-
spiegelung falscher Tatsachen einen Irrtum erregte,

2. im Verkehr ein Fahrzeug geführt zu haben, obwohl er infolge des Genusses


alkoholischer Getränke nicht in der Lage ist, das Fahrzeug sicher zu führen,

und zugleich

- 16 -
16
Amtsträgern einen Vorteil für diese als Gegenleistung dafür angeboten zu ha-
ben, dass sie eine Diensthandlung unterlassen, und dadurch ihre Dienstpflich-
ten verletzen,

3. einem Amtsträger, der zur Vollstreckung von Gesetzen, Rechtsverordnungen,


Urteilen, Gerichtsbeschlüssen und Verfügungen berufen ist, bei der Vor-
nahme einer solchen Diensthandlung mit Gewalt Widerstand geleistet zu ha-
ben,

einen Amtsträger, der zur Vollstreckung von Gesetzen, Rechtsverordnungen,


Urteilen, Gerichtsbeschlüssen und Verfügungen berufen sind, bei einer
Diensthandlung tätlich angegriffen zu haben,

und zugleich

versucht zu haben, mittels eines gefährlichen Werkzeugs eine andere Person


körperlich zu misshandeln.

Dem Angeschuldigten wird Folgendes zur Last gelegt:


1. Am 31. Januar 2021 überzeugte der Angeschuldigte die Zeugin Mangold ge-
gen 16.00 Uhr in deren Wohnung in der Archivstr. 10, 14195 Berlin, bewusst
wahrheitswidrig davon, ihm als angeblichen Mitarbeiter der Berliner Spar-
kasse ihre ec-Karte mitsamt PIN auszuhändigen, um damit den gesondert ver-
folgten Braun zur Abhebung und Aushändigung an sich von 1.000,- Euro zu
veranlassen, auf die er – wie ihm bewusst war – keinen Anspruch hatte.
2. Am 21. April 2021 gegen 00.15 Uhr schlug der bis dahin auf der Autobahn
115 in Höhe der Ausfahrt Hüttenweg, Berlin, mit seinem Pkw fahrende An-
geschuldigte im Rahmen einer Verkehrskontrolle den Zeugen POM Landohr
und PHM Persch, vor, diesen jeweils 50,- Euro zu zahlen, damit sie ihn trotz
seiner erkennbaren Alkoholisierung weiterfahren lassen. Eine dem Ange-
schuldigten am selben Tag um 1.15 Uhr entnommene Blutprobe wies eine
Blutalkoholkonzentration von 1,12 ‰ Ethanol im Vollblut auf. Der Ange-
schuldigte hat sich durch diese Tat als zum Führen von Kraftfahrzeugen un-
geeignet erwiesen.

- 17 -
17
3. Seine daraufhin erforderlich gewordene Verbringung zur Blutentnahme er-
schwerte der Angeschuldigte, indem er vom Rücksitz des Funkwagens aus
zwei Mal mit seinen beschuhten Füßen nach dem Kopf des Zeugen POM
Landohr trat, um diesem Schmerzen zuzufügen, was ihm allerdings nicht ge-
lang.
Vergehen, strafbar gemäß §§ 113 Abs. 1 und 2, 114 Abs. 1 und 2, 223 Abs. 1
und 2, 224 Abs. 1 Nr. 2, 263 Abs. 1, 316, 333 Abs. 1, 334 Abs. 1, 336, 22, 23,
52, 53, 69, 69a, 73, 73c StGB

Beweismittel
- erlassen -

Es wird beantragt,

das Hauptverfahren zu eröffnen und die Anklage vor dem Amtsgericht


Tiergarten – Strafrichter – zur Hauptverhandlung zuzulassen.

Unterschrift
Staatsanwalt

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