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Bücher .

Zeitschriften 180

Bernd Senf: sich »etwas einfallen lassen, was den Tausch


Der Nebel um das Geld. vereinfacht: ein allgemeines Tauschmittel«
(S. 18). Dann erklärt er, ganz im Sinne des or-
Zinsproblematik – Währungssysteme thodoxen Tauschparadigmas, die Vorzüge des
– Wirtschaftskrisen. geldvermittelten Tausches gegenüber einem
Ein AufklArungsbuch, Naturaltausch. Originell ist hier nur die »tie-
Gauke Verlag Lütjenburg 1996, fere« Begründung der besonderen Eignung
des Goldes als allgemeines Äquivalent, die er
254 S. (29,80 DM) aus dem früheren »Wissen um die Lebens-
energie und um die heilenden und spirituellen
Mit der vorliegenden Publikation gelangte ein Qualitäten von Edelmetallen« (S. 23) herlei-
Buch auf den Markt, das eine zwiespältige tet. Daran an schließt sich ein Kapitel über
Aufnahme verdient: Es ist eigentlich kein die Wertbestimmung des Goldes (»Ist es der
Fachbuch, denn es hat keinen Bezug zur aktu- Arbeitswert?« oder »ist es die Knappheit?«).
ellen wirtschafts- und sozialwissenschaftli- Und schon sind wir bei der »Goldillusion«,
chen Diskussion. Trotzdem behandelt es mit als der vermeintlichen Ursache für das Nicht-
den Themen Geld, Zins, Währung usw. theo- erkennen der wahren Gründe für die verhee-
retisch wie praktisch gleichermaßen bedeutsa- renden Inflations- und Deflationskrisen der
me Fragen und bedient sich dabei einer wis- zwanziger Jahre. »Es gab damals nur eine
senschaftlichen Sprache. Das Buch folgt kei- Richtung, die die geld- und währungspoliti-
ner der bekannten Theorien, und doch lebt es schen Zusammenhänge klar gesehen hat, aber
von theoretischen Anleihen bei Smith, Marx, sich weder links noch rechts noch in der poli-
Marshall, Keynes, Gesell u.a. Es veranschau- tischen Mitte wirksam Gehör verschaffen
licht sehr klar und eingängig komplizierte konnte... Gemeint ist die sogenannte ›Frei-
volkswirtschaftliche Zusammenhänge und wirtschaftliche Bewegung‹, deren theoreti-
erfüllt damit seinen Anspruch als »AufklA- sche Grundlagen von Silvio Gesell gelegt
rungsbuch«. Zugleich verdunkelt es aber auch wurden« (S. 32). Silvio Gesell (1862-1930),
einiges durch Simplifizierung und Klischees, der in der Sicht von Keynes »seltsame, zu
vor allem aber durch den Glauben des Autors, Unrecht übersehene Prophet«, stand bei der
daß der Zins das »Krebsgeschwür« der Zivili- Abfassung der folgenden Kapitel Pate. An
sation sei und die Hortung von Geld die Ursa- seiner Vision einer umlaufgesicherten Papier-
che aller Krisen. Dem selbst gesteckten Ziel, währung sind die kritischen Abschnitte sowie
»den Nebel um das Geld, der sich bislang so die währungspolitischen Verbesserungsvor-
weitreichend über die Gesellschaft ausgebrei- schläge Senfs ausgerichtet. Auf ihn geht auch
tet hat, ...zu lichten« (S. 248), wird das Buch die Ansicht zurück, daß der »fundamentale
dadurch nur bedingt gerecht. Der Vorwurf, und verhängnisvolle Fehler« aller bisherigen
daß andere Geld- und Währungsfragen »zu ei- Geld- und Währungssysteme in der »untrenn-
ner Sache des Glaubens, nicht des Verste- baren Verknüpfung von Geld und Zins« (S.
hens« (S. 10) machen, schlägt gewissermaßen 32) zu sehen sei. Nun ist hier nicht der Ort,
auf den Autor zurück. Denn die Verteufelung sich mit den »Einfällen tiefer Einsicht« und
des Zinses und des Geldhortens ist, zumindest mit den »großen Fehlern« (Keynes) der Theo-
für die heutige Zeit, rational nicht begründbar. rie Gesells zu beschäftigen. Für diese Bespre-
Die unkonventionell und sehr überzeugend chung reicht es aus, zu zeigen, daß die unkri-
vorgetragenen Überlegungen zur Funktions- tische Übertragung Gesellscher Ideen auf das
weise des Goldstandards, der Goldkern- heutige Geldsystem zu irrationalen, ja teilwei-
währung, des Bretton-Woods-Systems und se absurden Schlüssen führt und daß die
des EWS kontrastieren mit den »tieferen« Er- Grundlagen dafür zum Teil, trotz zuerkannter
klärungen des Autors, die in ihrem Kern an- Wissenschaftlichkeit des Gesamtwerks, schon
tiquiert sind bzw. phänomenalistisch oder gar bei Gesell liegen.
spiritualistisch. Dies beginnt bei der begrifflichen Fassung
Senfs Geldauffassung folgt zunächst der des Geldes: Senf argumentiert hier, gestützt
Konventionstheorie: Die Menschen haben auf Gesell und die klassisch/neoklassische
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Theorie, durchweg tauschbezogen. Das Geld »total verdrängt« (S. 40) wurde, ist allerdings
soll Tauschmittel sein, sonst nichts. Jedes zuzustimmen.
Festhalten von Geld, jede Geldakkumulation Auf Seite 42 wird der Zins eingeführt
erscheint als »Hortung« und bedeutet eine als eine »seit Jahrtausenden bestehende
Unterbrechung, eine Störung des Kreislaufs, Selbstverständlichkeit«. Die »tiefere Ursa-
des Flusses, letztlich der wirtschaftlichen Ent- che« dafür wird in der »Überlegenheit« des
wicklung. Dies scheint plausibel, sofern die Geldes gegenüber anderen Waren gesehen.
Prämisse vom Geld als Tauschmittel akzep- Was darunter letztlich zu verstehen ist, bleibt
tiert wird. Faßt man dagegen das Geld als Ver- im dunkeln. Daß andere Wissenschaftler hier-
körperung von Liquidität auf, als Wertaufbe- für inzwischen ganz andere Erklärungen ge-
wahrungsmittel oder als Reichtum etc., dann funden haben, wird in einer Fußnote wage an-
geht die obengenannte Argumentation schon gedeutet, ohne jedoch inhaltlich darauf einzu-
ins Leere! gehen. Da der sogenannte Naturalzins das
Weiter gilt es zu erkennen, daß für das Me- Denkmuster sprengen würde, wird er vor-
tallgeld, welches Gesell (1911 und 1916) vor sichtshalber gar nicht erwähnt. So läßt sich
Augen hatte, ganz andere Bedingungen galten die Behauptung lancieren, daß »die Wirt-
als für das heutige, gänzlich vom Gold los- schaft« von Anfang an, »seit Jahrtausen-
gelöste Kreditgeld. So stellte die Hortung von den«(!??), vom Geld abhängt, das heißt von
(Metall-)Geld damals in bestimmtem Maße denen, die das Geld besitzen. Und zwar, weil
durchaus ein volkswirtschaftliches Problem sie es dem Wirtschaftskreislauf entzogen ha-
dar. Heute jedoch ist es ein Scheinproblem ben und es nun zurückhalten, um von der Ge-
ohne praktische Relevanz. Bezeichnender- sellschaft ein »Lösegeld« zu erpressen, den
weise war der schwedische Ökonom Knut Zins. »Der Zins wirkt also wie ein Magnet auf
Wicksell auch der letzte, der sich mit dieser das zurückgehaltene Geld. Ist er zu schwach,
Frage wissenschaftlich auseinandergesetzt hat bleibt das Geld gehortet, und je stärker der
– 1913/1922. Magnet wird, um so mehr zieht er das bislang
Unter Bedingungen, worin mehr als 90 Pro- zurückgehaltene Geld auf den Kapitalmarkt
zent des Geldes Giralgeld ist und in Form und damit in den gesamtwirtschaftlichen
elektronischer Speichereinheiten existiert, Kreislauf zurück« (S. 44). Ist das nicht fa-
macht es einfach keinen Sinn, von »Geldhor- mos?! Auf der nächsten Seite findet sich das
tung« zu sprechen und eine »Enthortung« zu Ganze noch einmal, aber jetzt als Gedicht
fordern. Ebensowenig ist es plausibel, alles oder Lied: »Der Zins ist wie ein Lösegeld/Der
momentan nicht zirkulierende Geld als »über- Gesellschaft/An die Entführer des Geldes,
flüssiges Geld« (S. 82, 99, 118, 122) zu be- Damit sie den Mißbrauch beenden/Und das
zeichnen. Verkürzt man den betrachteten Zeit- Geld wieder freigeben« usw. usf., vier Stro-
raum auf einen Zeitpunkt, so wäre nach dieser phen hindurch. – Theoretisch bemerkenswert
»Logik« alles Geld »überflüssig«! Der em- ist an diesem Konzept, daß die Erklärungslo-
phatisch vorgetragene »Konstruktionsfehler« gik des Zinses beim Geldbesitz bzw. Geldka-
des Geldes, als allgemeines Äquivalent ein pital, beim Kreditgeber also, ansetzt und nicht
»öffentliches Gut« und als Wertaufbewah- beim Kreditnehmer oder Geldborger. Grund-
rungsmittel Gegenstand privaten Interesses zu lage für diese (einseitig verkehrte) Sicht ist
sein (S. 39), erweist sich bei näherem Hinse- wiederum die Verkürzung des Geldes auf
hen als nichts anderes als die Simplifizierung seine Tauschmittelfunktion. Zugleich aber
des Marxschen Gedankens, wonach im Geld erklärt sich hieraus eine bestimmte soziale
der der kapitalistischen Produktionsweise Stoßrichtung der Kritik: Schuld an den öko-
immanente Widerspruch zwischen der Gesell- nomischen, ökologischen, sozialen Krisen,
schaftlichkeit der Produktion und der privaten an der Krise der Staatsfinanzen und der
Form der Aneignung in dinglicher Form und Schuldenkrise der Dritten Welt ist nämlich al-
mystifiziert zum Ausdruck kommt. Der lein eine einzige Spezies Mensch: die Sparer,
Feststellung, daß diese Wesensbestimmung die Geldvermögenseigentümer (Senf schreibt
des Geldes durch die instrumentalistische fälschlich »Besitzer«), die Rentiers. Früher
Geldaufassung der bürgerlichen Geldtheorie waren es vor allem die Juden.
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Die volkswirtschaftliche Bedeutung des einem hoch angesehenen Freiwirtschaftler


Zinses sieht Senf in der Umlaufsicherung des (vgl. S. 162), ist auch Senf nicht frei von der
Geldes. Aber der Zins erfüllt diese Aufgabe für viele »Gesellianer« typischen bargeldzen-
schlecht. Er scheint dafür ungeeignet und soll- trierten Sicht auf das heutige Geldwesen. Da-
te deshalb durch ein geeigneteres Mittel er- bei ist es doch so, daß bei einer Darstellung
setzt werden, eine »Umlaufsicherungsge- des Funktionsmechanismus des modernen
bühr«, die auf »zurückgehaltenes Geld« erho- Geldes eher vom Bargeld abstrahiert werden
ben wird und das Halten von Liquiditätsreser- könnte als vom Kredit und Giralgeld. Das war
ven unattraktiv macht. »Überflüssiges Geld« zur Zeit Gesells noch anders, was es aber
würde so auf den Kapitalmarkt gelenkt fragwürdig macht, die alten Ideen heute auf-
werden und der Wirtschaftskreislauf wäre zuwärmen und mit ihrer Hilfe die Probleme
geschlossen (S. 122). Dieses »Freigeld-Kon- der Gegenwart lösen zu wollen.
zept«, zum ersten Mal 1932 in Wörgl (Öster- Ein tatsächliches Problem ist hingegen die
reich) mit positivem Effekt praktiziert, wird wachsende Konzentration der Geldvermögen
nun für das heutige Geld in Vorschlag ge- und die damit verbundenen Redistributionsef-
bracht, mit dem Ziel, Giroguthaben und Bar- fekte. Es stimmt auch, daß »nur wenige« vom
geldbestände durch die Belastung mit einer Zins profitieren, »auf Kosten der großen
Gebühr zu reduzieren und den Geldumlauf zu Mehrheit« (S. 100). Die Bundesrepublik ten-
beschleunigen (S. 125). Die praktische Um- diert zu einer Rentiersgesellschaft mit einer
setzung eines solchen Konzepts wäre ohne immer »stärkeren Polarisierung« und »wach-
weiteres denkbar, aber wozu? Theoretisch senden sozialen Ungleichheiten« (S. 103).
macht die ganze Konstruktion nur Sinn, wenn Aber dies ist primär kein monetäres Problem
die Verkürzung des Geldbegriffs auf den und auch nicht allein ein Problem des Zinses
Tauschmittelaspekt gilt und der Zins als Mit- und des Zinseszinses. Vermögensrechnungen
tel der Umlaufsicherung gefaßt wird. Aber zeigen, daß die Ungleichverteilung der Pro-
beides sind überholte bzw. unbegründete An- duktiv- und Immobilienvermögen größer ist
nahmen. Und praktisch gibt es hier gar keinen als die der Geldvermögen. Verläßt man die
Handlungsbedarf, denn das »Problem« ist nebulöse Produktionsfaktorentheorie, dann
längst auf ganz andere Weise gelöst, durch erscheint als Quelle des Zinses nicht der Zins,
Fristentransformation und Kreditgeldschöp- und auch nicht das Geld, sondern die Produk-
fung. Der Vorschlag geht also, ebenso wie die tion bzw. die Arbeit. Dies nicht zu sehen und
obengenannte Kritik, ins Leere! statt des Kapitalverhältnisses den Zinssatz
Vermutlich weiß dies auch der Autor und zum »sozialen Sprengsatz« zu erklären (S.
versucht deshalb, alle möglichen zusätzlichen 103), dies ist der Beitrag dieses »AufklA-
Erklärungen beizubringen. Diese aber weisen rungsbuches« zur Vernebelung der kapitalisti-
ihn nicht gerade als Kenner des Geld- und schen Wirklichkeit. Der zweifellos existieren-
Bankgeschäfts aus und wären deshalb besser de »Konflikt zwischen Geldkapital einerseits
unterblieben. So die Ableitung der Banknote und der übrigen Gesellschaft andererseits«
als »Papiergeld« (S.46), worin das Wesent- (S. 129), den Gesell wie auch Keynes auf-
liche, nämlich, daß sie aus dem Wechsel, ei- deckten, darf nicht zum Grundkonflikt der ka-
nem Kreditfinanzierungsinstrument, hervor- pitalistischen Wirtschaftsordnung und Gesell-
geht und folglich Kreditgeld ist, übersehen schaft hochstilisiert werden. Sonst tritt an die
wird. Ferner betrifft dies die Unterscheidung Stelle des »Nebelschleiers um das Geld« (S.
zwischen Sicht- und Spareinlagen (S. 164), 12) etwas noch weitaus Schlimmeres, nämlich
die Ausführungen zu den Mindestreservesät- die »Idee fixe«, wonach der Geldzins das
zen, deren Regelung dem Autor »nicht sinn- Nonplusultra zivilisatorischer Fehlentwick-
voll« (S. 166) erscheint, seine Vorstellung, lung ist – und das seit mehr als 6000 Jahren!
wonach die Banken »Überschußreserven als An das theoretisch strittige und in vielerlei
Kredite in Bargeld« (S. 167) ausleihen und Hinsicht desorientierende Kapitel zum Zins
Mindestreserven bar gehalten werden (vgl. S. schließt sich ein didaktisch und inhaltlich sehr
168) u.a.m. Ein Fauxpas nach dem anderen. gelungenes Kapitel zu den Währungssyste-
Trotz seiner Abgrenzung von Helmut Creutz, men nach 1945 an. Mit einer Ausnahme, und
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die betrifft die DDR-Problematik und die Tobias Debiel/Franz Nuscheler (Hg.):
Währungsunion von 1990. Wenn es stimmt, Der neue Interventionismus.
was Sprachwissenschaftler sagen (R. Reiher/R.
Läzer, 1996), nämlich, daß die Verwendung
Humanitäre Einmischung zwischen
des Epithetons »Ost« auf Abgrenzung und Anspruch und Wirklichkeit.
Diffamierung zielt, dann weiß man, was der EINE Welt – Texte der Stiftung
Autor beabsichtigt, wenn er die DDR- Entwicklung und Frieden. Bd. 1,
Währung, die bekanntlich »Mark der DDR«
hieß, konsequent mit »Ost-Mark« (S. 229) Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger
tituliert. Aber damit nicht genug: Er teilt auch Bonn 1996, 287 S. (24,80 DM)
den Kollektivirrtum des Jahres 1990, wonach
die D-Mark den Ost-Deutschen »wie eine Als im März 1997 Albanien in Chaos und
Sonne am düsteren Himmel« (S. 228) erschien. Bürgerkrieg zu versinken drohte, da erscholl
Der Umtauschsatz von 1,8 : 1 war in seinen in der westeuropäischen und deutschen Öf-
Augen ein »Geschenk« (S. 230). Weitere fentlichkeit wieder der Ruf nach einer Inter-
»Geschenke« sieht er in Form von »Trans- vention. Selbst der Wahlbertrugspräsident
fers« in den Osten fließen, obwohl die »Op- Berisha, als Antikommunist bis dato vom
ferbereitschaft der westdeutschen Bevölke- Westen gestützt, rief nach fremden Truppen.
rung ... ihre Grenze erreicht hat« (S. 233). Ex-Jugoslawien schreibt mittlerweile eine
Aber kein Wort über den Vermögenstransfer ganze Geschichte halbherziger Interventio-
von Ost nach West. Kein Wort über die Vor- nen, die inzwischen einen unsicheren Frieden
teile, die Westdeutsche aus der deutschen Ver- erzwingen. In den unübersichtlichen Zeiten
einigung und der Währungsunion gezogen nach dem Ende der Blockteilung scheint für
haben. Kein Nachdenken darüber, daß der Regierungen wie Opposition, auch in Deutsch-
Preisniveauanstieg in Ostdeutschland seit land, der Griff zur militärischen Trumpfkarte
1990 um ca. 60 Prozent im krassen Wider- immer leichter zu fallen. Und die Linke ist
spruch steht zu der Behauptung, die Kaufkraft selbst unentschlossen. Da ist ein Sammelband
der »Ost-Mark« sei geringer gewesen als die hilfreich, den die überparteiliche Stiftung Ent-
der D-Mark und der Währungsumtausch mit- wicklung und Frieden herausgibt. Die auf Ini-
hin für die Ostdeutschen ein »Schnäppchen« tiative von Willy Brandt gegründete Stiftung
zum »halben Preis« (S. 230). Es hat nicht den führt Persönlichkeiten aus Politik, Gesell-
Anschein, als verfolge der Autor hier die schaft, Wirtschaft und Wissenschaft zusam-
Absicht, aufhellend zu wirken. Eher sieht es men, die sich einer globalen Verantwortung
so aus, als sollten Tatsachen »vernebelt« wer- verpflichtet fühlen. Ihren Gremien gehören
den. Und dies trotz »südlicher Sonne auf den Johannes Rau, Manfred Stolpe, Elmar
griechischen Inseln Paros und Karpathos« Pieroth, Irmgart Schwaetzer, Dieter Senghaas,
(S. 252), den Orten der Niederschrift dieses Kurt Biedenkopf u.a. an.
AufklArungsbuches. Heute wird eine »Politik der Einmischung«
ULRICH BUSCH favorisiert, in der »›humanitärer Interventio-
nismus‹ ... nicht nur Souveränitätsrechte ver-
Verlagsanschrift – Gauke-Verlag GmbH, letzt, sondern Gutes mit einem Übel zu bewir-
Fachverlag für Sozialökonomie; Postfach ken versucht: nämlich mit militärischer Ge-
1320, 24319 Lütjenburg walt Menschenrechte zu schützen und Frieden
zu schaffen« (S. 9). Das scheint nach dem En-
de des Ost-West-Konflikts relativ problemlos
möglich, wie überhaupt Gewalt in der heuti-
gen Zeit wieder machbar zu sein schien. De-
biel/Nuscheler beobachten einen Wandel vom
homo oeconomicus, der auch die Kriegsrisi-
ken nüchtern abzuwägen suchte, hin zum
homo ambitiosus: »Politische Eliten instru-
mentalisieren ethnische Identitätsbezüge, sie
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mobilisieren ethno-nationale oder ethno-re- trär aus. Thomas G. Weiss plädiert für einen
gionale Loyalitäten für eigene Machtambitio- »beherzten Interventionismus«, weil »huma-
nen – und nehmen dabei auch eine Konflikt- nitäre Interventionen« zumindest »einen not-
eskalation bis hin zum Krieg in Kauf.« (S. 13) wendigen, wenn auch unzureichenden aller-
Die Konfliktfolgen sind verheerend. Ganz letzten Versuch darstellen, genügend Frei-
zu schweigen von den Toten und Verwunde- raum für die Rückkehr regionaler Stabilität
ten, flohen allein 1995 27,4 Millionen Men- und Ordnung zu schaffen« (S. 71). Jochen
schen ins Ausland, 30 Millionen waren Ver- Hippler sieht, daß sich »die Interessen von
triebene im eigenen Land, 40 Millionen von Staaten, Regierungen oder Staatengruppen ...
internationaler Hilfe abhängig. Dabei provo- regelmäßig als entscheidender für die Durch-
zieren oder verstärken diese Flüchtlingsströ- führung oder Nichtdurchführung von Inter-
me selbst wieder soziale Konflikte. ventionen als humanitäre Fragen« erweisen
Vor diesem Hintergrund hat sich seit Beginn (S. 91). Selbst die ausführliche Ausarbeitung
der neunziger Jahre der Interventionismus der ethischen Ansprüche an »humanitäre In-
etabliert: Die globalisierten Massenmedien terventionen«, wie sie Hajo Schmidt in seinem
alarmieren die Weltöffentlichkeit; das Völker- Beitrag versucht, lösen diese Interessenpro-
und Kriegsrecht wird mehr und mehr mißach- blematik nicht auf.
tet; militärische Eingriffe sind nach der In diesem Zusammenhang sind auch die
Blockkonfrontation risikoärmer; zudem keim- aufgenommenen Beiträge zu den Problemen
te besonders zu Beginn der neunziger Jahre zivilen »Interventionismus« – so von Antonio
eine »Hoffnung auf einen neuen Multilatera- Donini, Alex de Waal/Rakiya Omaar und
lismus im UN-Rahmen« (S.19/20). Enoch O. Opondo bemerkenswert. Ihre Un-
In ihrer Analyse verweisen Debiel/Nusche- tersuchungen zielen teilweise sehr nachdrück-
ler auf die bestimmenden Denkmodelle für lich auf die Erkenntnis, daß UN-Hilfswerke
den neuen Interventionismus. Generell werde und private Hilfsorganisationen eher das
»der zunehmenden Interdependenz zwischen Selbstbestimmungsrecht und die Handlungs-
innen- und zwischenstaatlichen Sicherheitsri- fähigkeit der unterstützten Völker begrenzen
siken ... nicht genügend Rechnung« getragen. und zerstören, als ihnen helfen.
Entweder erfolgt ein »Rückfall in ein nicht- Wenn auch die Herausgeber und Hippler da-
hinterfragtes Souveränitätskonzept oder aber von ausgehen, daß das Konzept der huma-
(man) redet einer Renaissance unkontrollier- nitären Intervention angesichts der praktischen
ter Macht und Gewalt als Mittel in den inter- Erfolglosigkeit, der Kosten und der Probleme
nationalen Beziehungen das Wort«. Aber auch in der Öffentlichkeit der Interventionsmächte
die gegen diesen »Realismus« gesetzte »idea- (USA und Somalia als Beispiel) im Rückzug
listische Idee eines universellen Gewaltmono- begriffen sei, so stehen für die weitere Diskus-
pols« bleibt umstritten.(S. 22/23). Die von sion alternativer Sicherheitspolitik aus meiner
den Herausgebern sowie ausländischen Auto- Sicht unverändert offene Fragen.
ren wie P.R. Chari und Mariano Aguirre/José Erstens werden im Einzelfall Chaos und
Antonio Sanahuja analysierten »Fälle mi- Bürgerkrieg auch künftig mit polizeilichen
litärischer Intervention zum tatsächlichen und militärischen Mitteln, wie durch rigorose
oder vermeintlichen Schutz von Menschen in Sanktionen und Blockaden seitens der Völ-
Not und Unfreiheit« belegen eher die Ineffek- kergemeinschaft beendet werden müssen.
titivität und Problematik solcher Einsätze als Zweitens steht damit aber die Frage, wer be-
ihren Sinn. Das betrifft die Schutzzone für die stimmt, ob Menschenrechte verletzt werden,
Kurden in Nordirak, die Interventionen in So- welche Menschenrechte hierfür herangezogen
malia, Ex-Jugoslawien, Ruanda und Haiti, werden – besonders die sozialen Menschen-
aber ebenso indische Aktionen in Asien. Eine rechte werden trotz ihrer Verankerung in den
dauerhafte Lösung der inneren Konflikte er- UN-Dokumenten gern ausgeklammert.
folgte nicht, die Lage verschlechterte und Drittens, wer entscheidet über solche
komplizierte sich oft weiter, die Entschlossen- Einsätze? Zweifellos kann es nur ein interna-
heit der handelnden Mächte war begrenzt. tionales Gremium sein – die UNO oder die
Die Positionen im Sammelband fallen kon- OSZE bieten sich an –, in der alle Staaten ver-
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treten und gleichberechtigt, ohne Vorherr- Eheleute Bebel viel Gelegenheit, einander
schaft, diese Entscheidung fällen. Briefe zu schreiben, da die Umstände sie häu-
Viertens ist zu entscheiden, wer interve- fig trennten. Bereits vier Jahre nach der Ehe-
niert. Truppen einzelner Staaten oder Militär- schließung wurde August des Hochverrats an-
blöcke teilen faktisch ihre Loyalität zwischen geklagt und verbrachte ein Vierteljahr (17.
Entsendeorganisation und Entsendestaat, der Dezember 1870 bis 28. März 1871) in Unter-
aber hat allein durch Bewilligung oder Kür- suchungshaft, gefolgt von zwei Jahren Fes-
zung von Mitteln unmittelbar Einfluß. tungshaft auf der Hubertusburg und weiteren
Fünftens die Frage, wie militärische Inter- neun Monaten im Gefängnis wegen Maje-
vention und integrierte zivile Aktivitäten ge- stätsbeleidigung. Nur vom April 1875 bis No-
meinsam die Lage vor Ort verändern. Gerade vember 1877 befand er sich in Freiheit, dann
hier wäre eine stärkere Orientierung auf einen brachte ihn seine parlamentarische Agitation
eher polizeilichen Charakter der Missionen gegen den Militarismus erneut sechs Monate
und kooperative Aktivitäten eines »Friedens- ins Gefängnis. Als 1878 das »Gesetz gegen
korps« mit den Strukturen vor Ort entscheidend. die gemeingefährlichen Bestrebungen der So-
Der homo ambitiosus ist keineswegs ein zialdemokratie« in Kraft trat, wurde Bebel,
Problem allein der neuen Staaten und Völker- der seit Gründung der Sozialdemokratischen
schaften. Die Mächte des Westens, gerade Arbeiterpartei 1869 stets zur Führungsspitze
auch die Bundesrepublik, verkörpern diesen der Partei gehörte, 1881 aus Leipzig ausge-
Typus nur zu gut. wiesen. 1882/83 verbrachte er weitere vier
STEFAN BOLLINGER Monate die Bezirksgefängnis Leipzig. Bis
1884 mußte er von der Familie getrennt leben.
Wegen Teilnahme am illegalen Parteikongreß
Ursula Hermann (Hrsg.): in Kopenhagen wanderte Bebel 1886/7 für
weitere neun Monate in die Landesgefange-
August und Julie Bebel. nenanstalt Zwickau. Nach der Aufhebung des
Briefe einer Ehe, Sozialistengesetzes 1890 war August Bebel
Verlag J.H.W. Dietz Nachfolger durch Geschäftsreisen, Teilnahme an Parteita-
Bonn 1997, 659 S. gen und in anderen Parteizusammenhängen
auch sehr häufig unterwegs.
Die von Ursula Hermann vorgelegten 168 Auf der Arbeitertochter Julie Bebel geb.
Briefe zwischen den Eheleuten, denen in ei- Otto lasteten nicht nur der Haushalt, die Sor-
nem Anhang fünf Briefe Julie Bebels an Fried- ge für die häufig unpäßliche und psychisch
rich Engels, ein Brief an Natalie Liebknecht wenig belastbare Tochter Bertha Friederike
und fünf Brieffragmente aus dem ehelichen (1869-1948) und die Bebelsche Drechsler-
Briefwechsel hinzugefügt wurden, sind mit werkstatt, die den Unterhalt der Familie ge-
vielen Anmerkungen zu den zahlreichen darin währleistete. Sie, die nur ein paar Jahre die
erwähnten Personen und Ereignissen verse- Volksschule besucht hatte, war ihres Mannes
hen. Diese mühevoll ermittelten Informatio- Sekretärin, die seine politischen Aufträge er-
nen ermöglichen heutigen LeserInnen, Zu- füllte, ihn mit den von ihm gewünschten
sammenhänge, auf die in den Briefen nicht Büchern, mit Kleidung und anderem versorg-
eingegangen wird, zu verstehen. Der hier pu- te, die Briefe an die Genossen schrieb, die die
blizierte Briefwechsel zwischen August Bebel einen finanziell unterstützte, anderen Nach-
und seiner Frau ist keineswegs vollständig. richten und Weisungen von ihm übermittelte.
Vor allem sind die meisten Briefe von Julie an Julie Bebel war gewiß keine marxistische
August bisher nicht wieder aufgefunden wor- Theoretikerin und im Briefwechsel der Ehe-
den. Lediglich 49 ihrer Briefe an August sind leute werden weder theoretische noch partei-
in dem Band enthalten, während 119 aus sei- strategische Fragen diskutiert. Ebensowenig
ner Feder stammen. Diese Briefe sind aus ver- war sie eine Feministin, den frauenrechtlichen
schiedenen Gründen eine spannende Lektüre. Ansichten von Gräfin Gertrud Guillaume-
Während ihrer vierundvierzig Jahre – bis zu Schack stand sie reserviert gegenüber (S.
Julies Tod 1910 – währenden Ehe hatten die 505), wenngleich sie gelegentlich Frauenver-
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sammlungen besuchte (S. 219f). Aus Briefen über steht außer Zweifel. Bebels Verurteilung
von Rosa Luxemburg ahnt man, daß die wegen »Geheimbündelei« im August 1886
führenden Parteifrauen keinen rechten Zu- »übersteigt an Gemeinheit alles bisher Dage-
gang zu ihr fanden und sie wohl erst nach wesene und zeigt aber, wie es nur gemacht
ihrem Tode würdigten1. Seine Autobiographie war, um euch einen Schlag zu versetzen, um-
Aus meinem Leben, die sein Leben und das so mehr, da Du dabei warst«, schreibt sie ihm
der Arbeiterbewegung von seinem Eintreten am 5. August 1886.
in diese bis zum Vorabend des Sozialisten- Sie beschafft private Lehrkräfte für Friede-
gesetzes behandelt und in Julies Todesjahr, rike, da Frauen in Deutschland damals nicht
bzw. drei Jahre vor Augusts Tode erstmals er- an Universitäten zugelassen wurden, liest und
schien, widmet Bebel seiner Frau. Im Kapitel diskutiert künstlerische und politische Bücher
»Persönliches« würdigt er sie wie folgt: »Ich mit der Tochter, zu denen sie sich gelegentlich
habe meine Ehe nie zu bereuen gehabt. Eine in ihren Briefen kritisch äußert. Sie gehen ins
liebevollere, hingebendere, allezeit opferbe- Theater, oft zu sehr populären Stücken, und
reitere Frau hätte ich nicht finden können«2. wandern (S. 442). Auch August, der ein höchst
Es ist Ursula Hermann zuzustimmen, wenn engagierter Vater war, nahm stets ein reges
sie schreibt, daß diese Briefe, indem sie »Julie Interesse am körperlichen (S. 58, 61) und gei-
Bebel aus ihrem Schattendasein« heraustreten stigen (S. 84, 142, 204) Wohlergehen sowie
lassen (S. 22), ein Beitrag zur bisher unge- der Bildung seiner Tochter (S. 144 u.v.a.).
schriebenen Geschichte der Frauen in der Über den Schatten zeitgenössischer Prüderie
deutschen Arbeiterbewegung sind. Ihre Briefe konnte auch er nicht springen. So war es ihm
zeigen, daß sie eine durchaus unabhängig nicht recht, daß die damals immerhin 18jähri-
denkende und handelnde Frau war, die sich ge Friederike Ibsens Gespenster las (S. 385).
auch von ihrem geliebten und geachteten In einem ungewöhnlich langen Brief schreibt
Mann nicht den Mund verbieten ließ. An ver- Julie am 17. April 1887 ihrem Mann ins
schiedenen Stellen des Briefwechsels wider- Gefängnis, daß sie »trotz manchmal gegentei-
spricht sie ihm. Dabei geht es in der Regel um liger Äußerungen« am Leben hänge. »Das
ihre vom praktischen Verstand diktierten Ein- macht, weil ich glücklich bin, im Besitz eines
schätzungen von Personen oder Vorhaben. So so guten Mannes und Kindes...Und habe nur
bewertet sie eine Rede von Paul Singer zur den einen Wunsch, daß wir nicht soviel ge-
Begründung der Ablehnung der Vorlage über trennt leben müssen. Die reine Ironie des
die Friedensstärke des deutschen Heeres Schicksals: Manche Menschen möchten ge-
durch seine Fraktion als »ganz gut, wenn sie trennt sein, und die es nicht sein möchten,
auch schärfer hätte sein können, und viel war werden gewaltsam getrennt.« (S. 442).
es auch nicht, was allerdings auch kein Fehler Mit einemVerzeichnis der in den Briefen
ist« (S. 399). Als August ihr vorwirft, sie sei genannten Schriften, Aufsätze und Periodika
»etwas sehr zerfahren« (S. 366), entgegnet sie und mit einem Personenverzeichnis versehen,
prompt und unbußfertig, sie wundere sich, spiegelt der Briefwechsel, die akribische Ar-
daß er so schnell vergessen habe, »wie größ- beitsweise und lange editorische Erfahrung
tenteils unsere Situation mitunter ist, und daß seiner Herausgeberin wider.
ich fast nie einen Brief an Dich ungestört HANNA BEHREND
schreiben kann« (S. 371f). Und in der Tat, die
1 Rosa Luxemburg forderte Leo Jogiches auf, »unbedingt eine
Briefe weisen sie als eine außerordentlich Notiz über den Tod von Bebels Frau (zu) bringen. Sie emp-
vitale Frau aus, die tagtäglich ein riesiges fiehlt, Luise Kautskys Artikel über Julie Bebel im Vorwärts
vom 27. November 1910 dazu zu verwenden, in: Rosa Lu-
Arbeitspensum bewältigt. Da sie mit allen xemburg, Gesammelte Briefe, Dietz Verlag Berlin 1984,
nicht in Haft befindlichen sozialdemokrati- Bd.3, S. 267f .
2 August Bebel: Aus meinem Leben, in: August Bebel: Ausge-
schen Aktivisten engen Kontakt hat, kann sie wählte Reden und Schriften Bd.6, Verlag J.H.W. Dietz Nachf.
sachkundig mit August u.a. über Mandatsan- Berlin 1983, S. 139.

gelegenheiten diskutieren und seine Auffas-


sungen, die sie teilt, den Betreffenden kompe-
tent vermitteln. (S. 387-392) Ihre politische
Loyalität der Partei und ihrem Mann gegen-
187 Bücher . Zeitschriften

Werner Rügemer: griff« (S. 17), sondern bei genauerem Hinse-


Wirtschaft ohne Korruption? hen auch ein reichlich nebulöser Straftatbe-
stand, der – soweit er überhaupt vom Straf-
Fischer Taschenbuch Verlag recht erfaßt wird – »in der Praxis nur sehr ein-
Frankfurt/M. 1996, 265 S. geschränkt bis gar nicht verfolgt wird« (S.
(18,90 DM) 60). Mehr noch, seit 1934 werden in Deutsch-
land Schmiergelder als steuerlich abzugsfähi-
Daß der Profit so lange zu niedrig ist, wie nicht ge Betriebskosten anerkannt – eine bemerkens-
alle verfügbaren Faktoren zu seiner Erhöhung werte Regelung, die auch durch die Änderun-
wirksam gemacht wurden, ist eine marktwirt- gen im Jahressteuergesetz 1996 nur weitge-
schaftliche Binsenweisheit. Dies bedeutet je- hend wirkungslos eingeschränkt worden ist
doch keineswegs, daß es sich bei den jeweils (vgl. S. 61f.). Die wenigen Fälle, die hin und
nutzbaren Faktoren ausschließlich um legale wieder der Öffentlichkeit zur Kenntnis gelan-
handelt. Vielmehr ist die Vermischung von le- gen und zu wahren Stürmen der Entrüstung in
galen und illegalen Formen der Profitsteige- der Boulevard-Presse und in den oberen Rän-
rung in Marktwirtschaften systemimmanent. gen der Politik führen, sind bestenfalls die
Für die Akteure kommt es lediglich auf die Spitze eines Eisberges, dessen unter Wasser
Ergebnisse einer Folgenabschätzung an, die liegender Teil gerade auch mit Hilfe von Poli-
die angedrohten Strafen gegen die möglichen tik und Justiz im verborgenen gehalten wird.
Gewinne aufrechnet. Ergibt sich aus der Ab- Der große Vorzug des vorliegenden Buches
wägung von potentiellen Vor- und Nachteilen, besteht darin, daß es nicht der verlockenden
daß die Gefahren einer Bestrafung gering sind Schilderung spektakulärer Einzelfälle erliegt
oder im Falle der Entdeckung noch nachträglich – obwohl auch hier der Leser durchaus auf
reduziert werden können, so drängt sich die An- seine Kosten kommt –, sondern versucht, dem
wendung illegaler Mittel der Profit- bzw. Ein- Phänomen systematisch nachzugehen und vor
kommenserhöhung den Wirtschaftsakteuren, die allem die Schäden und Geschädigten von
zueinander in Konkurrenz stehen, als Notwen- Korruption zu benennen. Den Ausgangspunkt
digkeit auf. Wer nicht selbst aktiv wird, der wird bildet hier nicht etwa die Abhandlung von
durch möglicherweise skrupellosere Konkurren- »traditionell korrupten Milieus« irgendwo im
ten schmerzlich eines besseren belehrt. Ausland, vorzugshalber in der »Dritten Welt«,
Es verwundert daher kaum, daß gerade bei sondern eine Fallstudie zu den Mechanismen
der Nutzung eines der naheliegendsten Instru- der Korruption ausgerechnet in Deutschland.
mente der Gewinnsteigerung – der Korruption Dabei wird mit einigen Verharmlosungs-
– »so gut wie kein Unrechtsbewußtsein« (S. und Entschuldigungsfloskeln von Politik und
115) bei den Unternehmen zu erkennen ist. Unternehmertum gründlich aufgeräumt. Zu-
Dies rührt nicht zuletzt aus einer eigenartigen nächst ist Korruption keineswegs, wie immer
Besonderheit der Korruption. Beim eigentli- wieder beteuert wird, der Ausnahmefall, son-
chen Bestechungsakt gibt es nämlich nur Ge- dern die Regel. Es sind vor allem die ent-
winner – der Korrumpierte kassiert oft sofort wickelten Industrieländer, die eine »Kultur
und in bar (d.h. an der Steuer vorbei) und der der Korruption« globalisieren. Dabei stellen
Korrumpierende kassiert über die so erlangten »die neuen Bundesländer ... den historisch
Aufträge, über Monopolpreise u.ä. später und in einmaligen Fall eines in kürzester Zeit vollzo-
der Regel sehr viel länger. »Der Sinn der schwe- genen Exports einer Korruptionskultur dar...
ren und systematischen Korruption liegt also Die alten (relativ harmlosen) Korruptionsfor-
nicht in der Erlangung einzelner Aufträge, son- men der sozialistischen DDR wurden nahezu
dern in der Sicherung eines dauerhaften Zusatz- ersatzlos ausgetauscht« und von »zum Teil ...
oder Monopolprofits. Mit ihm wird die Be- vereinfachten, gesteigerten, sozusagen kruden
triebsausgabe Schmiergeld um ein Mehrfaches westlichen Korruptionsformen« (S. 27f.)
wieder hereingeholt« (S. 81). Die eigentlichen ersetzt. Nachfolgend wendet sich der Autor
Geschädigten bleiben zunächst im dunkeln und einer Form der Korruption zu, die nahezu völ-
können sich kaum wirksam zur Wehr setzen. lig außerhalb des Blickfeldes der Strafverfol-
Korruption ist nicht nur ein »nebulöser Be- gung liegt – der Bestechung zwischen den
Bücher . Zeitschriften 188

Unternehmen. Während bei der Vorteilsnah- Staat« ist, sondern »wegen der Diskrepanz
me von Staatsdienern das strafrechtlich ge- zwischen geringer Kompetenz und großen
schützte »Ansehen des Staates« beschädigt Aufgaben, zwischen verzopften Vorschriften
wird und die Strafverfolgung hier noch ver- und eigentlich klaren Vorgaben anfällig für
gleichsweise intensiv ist, wird Korruption offenen und geheimen Druck, also auch für
zwischen Unternehmen nicht strafrechtlich Korruption« (S. 114) ist.
verfolgt. Die Gesamtwirkung ist jedoch kei- Im zweiten Teil, der sich mit »Korruption
neswegs unbedeutend. »Wenn man die kumu- im globalen Markt« anhand von Länderprofi-
lativen Effekte der nationalen und internatio- len beschäftigt, verweist der Autor zunächst
nalen, der privat-öffentlichen und der privat- die »Vorstellung eines korrupten Landes« in
privaten Korruption zugrunde legt, ist eine das Reich der Fiktion. Allerdings erhärtet er
durchschnittliche Überteuerung der Markt- hier nicht nur die vorher am deutschen Bei-
preise im Inland um 20 Prozent nicht unwahr- spiel erarbeiteten Aussagen durch einen Ver-
scheinlich« (S. 83). Rügemer zeigt ausführ- gleich mit den USA und Frankreich, er weicht
lich und mit einem ausgezeichneten Blick für seine Position auch wieder auf, indem er
die wesentlichen Details, wie die verschiede- »schwere und systemische Korruption«, die
nen Ebenen – nicht zuletzt auch Unterneh- vorher als durchaus typisch für Industrielän-
men, Politik und Justiz, Kontrolleinrichtun- der konstatiert wurde, nun mit genau den
gen, Sonderregelungen für Bestechung im Merkmalen in Verbindung bringt, die immer
Ausland, Schmiergeldvermittlung als Beruf wieder gern von Politik und Wirtschaft ins
usw. – ineinandergreifen und schließlich die Feld geführt werden, um mit erhobenem Zei-
»Schäden der Korruption« hervorbringen. gefinger auf die ach so schlimmen anderen zu
Dazu zählt er nicht nur überhöhte Preise, viel- verweisen – »die Identität von staatlicher und
mehr auch Arbeitsplatzvernichtung, Umwelt- unternehmerischer Tätigkeit, die politische
und Gesundheitsgefährdungen sowie Ent- Außerkraftsetzung des Marktes, die Abwe-
wicklungs- und Innovationsblockaden. Ein senheit von Rechtsstaat und ziviler Gesell-
bemerkenswert kurzer Abschnitt befaßt sich schaft, das korruptive Verhalten ausländischer
mit den Gewinnern der Korruption (nur ca. 50 Unternehmen und Regierungen« (S. 166).
Zeilen). Im Zentrum stehen hier die im Ver- Korruption dient in der »Dritten Welt« wie in
hältnis zur Anzahl der Geschädigten wenigen der »Ersten Welt« genau demselben Zweck,
Nutznießer – die großen Unternehmen. »Vor- der sowohl mit marktwirtschaftlichen als auch
stands- und Aufsichtsratsmitglieder, Aktionä- mit ›antediluvianischen‹ Formen der Ausbeu-
re und Anteilseigner, in indirektem Sinne viel- tung verbunden sein kann – als System zur Si-
leicht auch die jeweiligen Beschäftigten, pro- cherung der übermäßigen politischen und
fitieren von der Korruption« (S. 96). Daß die ökonomischen Einflußnahme der Vermögen-
Gewinner gewinnen, liegt nicht zuletzt an den den, als »geschlossenes, heimliches System
politischen Rahmenbedingungen, denen sich der Privilegiensicherung« (S. 198).
der Autor am Ende seiner »Fallstudie Im abschließenden Kapitel geht es Rügemer
Deutschland« zuwendet. Hier geht es ihm um »Kontrolle und Bekämpfung der Korrup-
nicht nur um die Kennzeichnung spezifischer tion«. Und hier kommt nun der in Marktwirt-
korruptiver Milieus wie dem »Korruptionstyp schaften alles beherrschende Kostenfaktor
Bayern«, für den eine Doppelmoral in der en- von der anderen Seite her ins Spiel. Galten die
gen »Verbindung zwischen Korruption und Ausgaben für Bestechung auf seiten der Un-
Kruzifix« (S. 104f.) charakteristisch ist, son- ternehmer vor allem als Kapitalanlagen, für
dern um die Aufhellung systemischer Zusam- deren außergewöhnlich hohe Verwertung die
menhänge – z.B. die rechtsfreie Wirtschaft, Allgemeinheit zur Kasse gebeten wird, so er-
die Straffreiheit von Abgeordneten, die scheinen die gegen derartige »Investitionen«
gleichzeitig in einer Vielzahl von wichtigen anwendbaren Maßnahmen als reine gesell-
Entscheidungsgremien der Wirtschaft Sitz schaftliche Kosten, die lediglich solche ge-
und Stimme haben, und vor allem den meinschaftlichen Werte wie die Wahrung der
»schlanken Staat«, der »nicht einfach ein per- Chancengleichheit und eine gleichmäßigere
sonell abgespeckter und effizient arbeitender Verteilung von Einkommen und Einfluß
189 Bücher . Zeitschriften

sichern sollen. Der »Normal«-Bürger trägt in Herbert Schui/ Eckart Spoo (Hrsg.):
der Regel beides, die Folgekosten der Korrup- Geld ist genug da. Reichtum in
tion und die Kosten der Korruptionsbekämp-
fung. Wie nun kapitalistische Systeme insge-
Deutschland.
samt keineswegs zu Gleichverteilung und Unter Mitarbeit von Rainer Buten-
wirtschaftlichem Gleichgewicht tendieren und schön, Friedrich Heckmann und
das Wirken staatlich-zivilier Institutionen le- Heinz in der Wiesche,
diglich eine destabilisierende Zunahme von
Ungleichgewichten verhindern soll, so kann Distel Verlag Heilbronn 1996,
auch die Bekämpfung der Korruption – schon 247 S., (Distel Hefte – Beiträge zur
aus Kostengründen – nicht ins Extrem gestei- politischen Bildung Band 30)
gert werden. Das heißt, Marktwirtschaften oh- (28,00 DM)
ne Korruption sind illusionär. Und Rügemer
beschränkt sich daher auf die Erörterung eines
»optimalen Grades der Korruption« – wobei Kaum etwas wird in unserer Gesellschaft so
das Wort »optimal« hier reichlich Raum für diskret behandelt wie der Reichtum, der im
hintergründige Überlegungen läßt, die vom Gegensatz zur »weiblichen« Armut nicht nur
Autor aber selbst nur eher am Rande ange- grammatikalisch männlich ist (Andrea Wei-
deutet werden. Obwohl dadurch die Pfähle, nert, S. 141-153). Während – gegen nicht ge-
die von ihm vorn eingeschlagen wurden, im ringe Widerstände – inzwischen sozialwissen-
nachhinein wieder gelockert werden, entsch- schaftlich und politisch über Armut diskutiert
ließt er sich nun doch zu einer differenzierten wird und zumindest auf die Einkommensar-
Sicht. »Es gibt Formen der Korruption, die mut ein vergleichsweise guter Zugriff besteht,
nicht bekämpft werden können, und solche, sehen sich »Reichtumsforscher« vor erhebli-
bei denen es sich gar nicht lohnt, aber auch che Zugriffsprobleme gestellt. Während den
solche, die legitim sind« (S. 216). Unter den Armen, so sie es wollten, kaum Chancen zur
letztgenannten verweist er auf die Ȇberle- Verschleierung ihrer Lebenslage zu Gebote
benskorruption«, die vor allem dann legitim stehen, bedeutet Reichtum im Kapitalismus
ist, »wenn sich der Schwächere oder Bedroh- zugleich gesellschaftliche Macht, politischen
te gegenüber dem Stärkeren nur mit Hilfe von Einfluß und damit viele Möglichkeiten, Ver-
Bestechung oder Bestechlichkeit sein Men- mögens- und Einkommenssituation zu ver-
schenrecht auf Leben, Arbeitsplatz und Men- stecken. »Wer sind die Reichsten im ganzen
schenwürde sichern kann, und dies nicht auf Land? Die ... amtliche Statistik gibt keine
Kosten eines Dritten geschieht« (S. 216f.). Antwort auf diese Frage. Sie enthält keine
Hier zeigt sich nun (wiederholt) das eigentli- Angaben über die Zahl der Millionäre und
che Problem – Korruption, wenn sie rein Milliardäre. Die Superreichen scheuen das
›technisch‹ schlicht als Bestechung oder Vor- Licht der Öffentlichkeit.« (S. 237)
teilsnahme bestimmt wird, bleibt ein nebulö- Dies ist um so besser möglich, wie mehrere
ses Phänomen und als solches entzieht es sich Autoren des Sammelbandes »Geld ist genug
einer konsequenten theoriegestützten Unter- da« ausführen, weil auch Geld und Medien
suchung und politisch-rechtlichen Bekämp- eine – wie man am italienischen Beispiel Ber-
fung. Die ausgesprochen anregende Lektüre lusconi eindrucksvoll studieren kann – demo-
des vorliegenden Buches macht deshalb auch kratiegefährdende Verbindung eingehen kön-
deutlich, daß die Bekämpfung korruptiver nen. So findet es Otto Köhler rückblickend
Praktiken in Politik und Wirtschaft gerade un- geradezu idyllisch, wenn Paul Sethe 1955
ter dem Fehlen einer trennscharfen – auch be- Pressefreiheit als die »Freiheit von zwei-
grifflichen – Unterscheidung legaler, legali- hundert reichen Leuten, ihre Meinung zu
sierter und illegaler Korruptionsformen leidet, verbreiten« definierte. Heute, so Köhler, der
weil dadurch immer wieder Schlupflöcher seine Auffassung am »System Metro/ Kirch«
eröffnet werden und, wohl auch bewußt, exemplifiziert, seien aus den 200 allenfalls
offengehalten werden sollen. noch 20 Reiche geworden, die die herrschen-
ARNDT HOPFMANN de Meinung bilden. (S. 128)
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Besagtes System Metro/ Kirch, eine »Sym- nung, folgerichtig stellt Huster die Frage:
biose von gigantischen Handelsunternehmen Wieviel Abstand zwischen Arm und Reich
mit kommerziellen Fernsehstationen, ist das verträgt die Gesellschaft?
System der Zukunft. Das Werbefernsehen Weitere Beiträge zum ersten Kapitel: Stefan
einschließlich seines redaktionellen Umfeldes Welzk und Rainer Roth untersuchen in ihren
weckt die richtigen Konsumwünsche. Das Aufsätzen die steuerpolitische Reichtums-
Handelsunternehmen Metro erfüllt sie und produktion, Klaus Steinitz erläutert, wie an
zwingt seine Lieferanten zugleich, mit Werbe- der deutschen Vereinigung verdient werde
aufträgen die Kirch- und Metrosender zu fi- und Hans See geht darauf ein, daß es neben
nanzieren.« (S. 133) Daß der derzeitige Bun- den legalen (nicht legitimen) Möglichkeiten
deskanzler mit Medienzar Kirch befreundet für die Reichen, noch reicher zu werden, auch
ist, wirkt unterstützend, ist aber für das Funk- wirtschaftskriminelle Bereicherung gibt.
tionieren der Meinungsmanipulation nicht Das zweite Kapitel »Wie das Kapital zu-
erforderlich. sammenwächst und seine Macht erweitert«
Der hier zitierte Aufsatz ist einer von rund (S. 70-102) wird mit einem kurzen Überblick
dreißig Beiträgen eines Kongresses, die die von Jörg Huffschmid zu aktuellen Tendenzen
Herausgeber für die Buchveröffentlichung der Kapitalkonzentration eingeleitet: »Die
ausgewählt haben. Bei dem Kongreß handelt marktradikale Deregulierungspolitik ... hat zu
es sich um den »Sozialpolitischen Ratschlag neuer unkontrollierbarer Zusammenballung
über Reichtum in Deutschland«, der im No- privater Wirtschaftsmacht geführt, deren Ein-
vember 1995 in Hamburg mit dem Ziel statt- fluß demokratische Willensbildungsprozesse
fand, den eingangs erwähnten Nebel über der ... unterlaufen kann.« (S. 78) Dagegen müß-
bundesdeutschen Reichtumslandschaft etwas ten internationale Kontrollinstitutionen wirk-
zu lichten. sam werden, die auch Fred Schmid gegen die
So begrüßenswert dieses Ziel mir scheint, grassierenden internationalen Finanzspekula-
so unterschiedlich erhellend wirken die abge- tionen fordert.
druckten Referate. Wie häufig bei Tagungs- Dem dritten Kapitel »Wie die Kapitalmacht
bänden sind die Beiträge sowohl vom Um- auf die Köpfe wirkt« (S. 103-157) ist der an-
fang als vom Anspruch wie der (wissenschaft- gesprochene Beitrag von Otto Köhler zuge-
lichen, publizistischen) Qualität recht diffe- ordnet. Instruktiv hier auch die Skizze des
renziert zu bewerten, wobei im folgenden wirtschafts«wissenschaftlichen« Neoliberalis-
eher die – nicht in der Minderheit befindli- mus, dessen sozialdarwinistisch beeinflußte
chen – besonders lesenswerten Beiträge her- hochgradige Ideologie- und Demokratiefeind-
vorgehoben werden. lichkeit Herbert Schui ebenso lesbar darstellt
Positiv ist dabei zunächst auf die editori- wie, gleichsam en passant, die dagegenste-
sche Arbeit einzugehen. Die Herausgeber ha- hende keynesianische Theorie. Ohne Illusio-
ben den Band überzeugend in fünf Kapitel nen verweist Schui auf den erheblichen Ein-
gegliedert. »Wie die Reichen reicher werden« fluß der Neoliberalen im akademischen Be-
(S. 13-S. 69) – auf diese Frage geht zunächst reich und in der Politik – inzwischen auch in
einer der Pioniere der Reichtumsforschung, der SPD, der vormals keynesianisch-reformi-
Ernst-Ullrich Huster, ein. Huster, über die stischen Hochburg par excellence.
Armutsforschung zu seinem Thema gekom- Im vierten Kapitel »Wie der Sozialstaat
men, beschreibt die Veränderungen in der ausgebeutet wird« (S. 153-212) gehen die
Lebenslage, wenn eine bestimmte Reichtums- Autoren unter verschiedenen Aspekten den et-
grenze überschritten wird. Wenn ab einem was anderen Sozialschmarotzern nach, von
monatlichen Einkommen etwa von 10.000 denen in den Medien selten zu hören ist. Eber-
DM nur noch relativ geringe Einkommensan- hard Dähne beschreibt am Beispiel von
teile für die Lebenshaltung benötigt werden, Frankfurt am Main die private Bereicherung
wächst die ökonomische Freiheit – mit Brecht im Immobilienbereich durch eine willfährige
ausgedrückt: »Nur wer im Wohlstand lebt, – auch rot/grüne – Boden- und Baupolitik.
lebt angenehm«. So betrachtet, ist »Reich- (S. 172-179)
tum« ebenso wie Armut eine Massen-erschei- Wie das Asylrecht mißbraucht wird, zeigt
191 Bücher . Zeitschriften

Dieter Hummel. Anders als in der veröffent-


lichten Meinung sind es aber nicht die Flücht-
linge, die Mißbrauch betreiben, sondern skru-
pellose Unternehmer und willfährige bis igno-
rante Behörden, die dies besorgen. Ein Bei-
spiel ist das Betreiben von Flüchtlingslagern,
zwischenzeitlich zum öffentlichen Skandal in
Niedersachsen geworden. In Leipzig »wurde
am Stadtrand ein Lager eingerichtet ... Inner-
halb des Zaunes stehen ehemalige DDR-Bau-
wagen. Betreiber des Lagers ist die G&V
Grundstücksverwaltung aus Pirmasens.« Für
die dort untergebrachten 300 Flüchtlinge
überwies die Stadt Leipzig 1993 monatlich
137.000 DM. »Das ergibt eine Monatsmiete
von 456 DM pro Person. Den einzelnen Be-
wohnern stehen ca. 4,5 qm Fläche zur Verfü-
gung. Das bedeutet einen Quadratmeterpreis von
ca. 100 DM pro Monat. Die Investitionen in
die Bauwagen betrugen pro Wagen 1000 DM.«
(S. 182)
Im fünften Kapitel schließlich geht es
darum, »Wofür wir das Geld brauchen« (S.
193-244). Hier wird der Bogen zur Sozialpo-
litik geschlagen, eine gesellschaftsintegrie-
rende Verteilung des Reichtums gefordert und
– etwa von Joachim Bischoff – Wege dazu
angedeutet. Eckart Spoo entfaltet sechs Berei-
che, für die Geld benötigt werde: »Beschäfti-
gung; Grundsicherung, höhere Massenein-
kommen, höherer Lebensstandard; Umwelt-
schutz; Ausbau des Gemeinwesens; breite
Entfaltung der Demokratie; Sicherheit und
friedliche Entwicklung.« (S. 217 f.)
Der Band schließt mit der »Hamburger Er-
mutigung«, die dazu aufruft, den Reichtum
seiner Diskretion zu entkleiden. Geredet wer-
den müsse über die Skandale, die mit der
Gesellschaftsspaltung verbunden seien, über
Verschwendung und Ungerechtigkeit dürfe
nicht länger geschwiegen werden. »Denn
wenn wir schweigen, machen wir uns mit-
schuldig an den Verwüstungen, die ein entfes-
selter Kapitalismus anrichtet, und machen die
mutlos, die schlechter leben als wir.« (S. 244)
Einen Anfang dazu haben Autoren und Her-
ausgeber des besprochenen Bandes geleistet.
Damit es weitergeht, ist dem Buch die weite-
ste Verbreitung zu wünschen – besser ein klei-
nes Medium, das wir haben, als die vielen
großen, die die anderen haben.
FRIEDHELM WOLSKI-PRENGER