Sie sind auf Seite 1von 1

Torculus initio debilis

(Torculus mit gleitendem Tonansatz, auch: Torculus mit komplexer Endartikulation)

 Bezeichnung für einen T., dessen erste Note schwach ist; zugleich rhythmische Verdichtung bei der zweiten
Note, die spannungsvoll zur Endnote strebt.
 Der gleitende Tonansatz ergibt sich aus der Schwäche der ersten Note.
 Der T. i. d. findet sich in ziemlich genau bestimmten Kontexten. (s. u.)
 Außerdem weisen oft auch die Neumenformen oder rhythmisch relevante Zusätze auf das Phänomen des T.
i. d. hin.
 Graphien

 Hinweis auf einen T. i. d. ist auch das Fehlen der ersten Note in manchen Hss:
Bereits L (Laon 239, um 930) gibt oft den T. i. d. von SG nur mit einer Clivis wieder.
(Umgekehrt kommt dies seltener vor.)
häufiger in Ch 47 (10. Jh.) und in den beneventanischen Hss (wichtigste Hs: Bv 34, 11./12. Jh.)
nahezu regelmäßig in den aquitanischen Hss (A = Albi, vor 1079, und Y = Yrieix, 11. Jh.)

 andere, heute nicht mehr verwendete Bezeichnungen:


Torculus specialis (deutsch: Spezialtorculus): nimmt Bezug auf die Unterordnung der ersten Note und
die rhythmische Strebetendenz zur zweiten und dritten Note (Diese rhythmische Zuordnung ist jedoch
auch bei den meisten anderen Torculusfällen gegeben, daher ist die Bezeichnung unausgewogen.)
Torculus mit vorbereiteter Endartikulation: verweist auf die rhythmische Verdichtung bei der zweiten
Note, die auf den Endton zielt. Nachteil: Die Gleitfunktion der ersten Note bleibt in der Bezeichnung
unberücksichtigt.

 Typische Kontexte:
 T. der Wortartikulation (d. h. auf der Endsilbe)
1. isoliert über der Endsilbe
2. ganztönig geführt
3. Anfangston des T. ist tiefer als der vorhergehende Ton (d. h. die Melodie steigt zum T. ab)

 Intonationstorculus
1. der zweite Ton ist wenigstens eine kl. Terz höher als der erste und erreicht eine subsemitonale
Stufe
2. der dritte Ton sinkt um einen Halbton
3. nach dem T. führt die Melodie wieder aufwärts auf eine subsemitonale Tonstufe
4. bereitet einen Akzent auf der übernächsten Silbe vor (dieser liegt i. d. Regel einen Ton höher als die
zweite Torculusnote)
 akzentvorbereitender Torculus
1. ganztönig geführt
2. der Akzent folgt auf der nächsten Silbe
3. verbindet zwei Melodiepole im Abstand einer gr. Terz

 Der liqueszierende Torculus initio debilis


„rhythmische Hierarchie“ zwischen diesen drei Arten des T. i. d.: „Verbreiterung der zweiten und dritten
Note am stärksten ausgeprägt beim T. der Wortartikulation, bedeutend weniger beim Intonationstorculus
und nur mehr selten und in sehr geringem Maß vorhanden beim akzent-vorbereitenden T. Dem entspricht
die Tatsache, daß der T. der Wortartikulation ausschließlich augmentative Liqueszenzen kennt, der
Intonationstorculus nur in einigen wenigen, textlich prägnanten Fällen die augmentative Liqueszenz, sonst
immer die diminutive Liqueszenz, schließlich der akzentvorbereitende T. ausschließlich die diminutive
Liqueszenz aufweist.“ (L. AGUSTONI/J. B. GÖSCHL, Einführung in die Interpretation des Gregorianischen Chorals, Bd. 2 Ästhetik,
Teilband I, S. 232, Regensburg 1992; Abkürzung: Ch. H.) Ein durchweg kurrenter T. liquesziert grundsätzlich nur
augmentativ. (Vgl. ebd.)