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Geisteswissenschaft

Karin Geisselhardt

Einsatz von psychoaktiven Substanzen in


der Psychotherapie am Beispiel der
Schweiz

Studienarbeit
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Copyright © 2014 GRIN Verlag
ISBN: 9783668129542

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Karin Geisselhardt

Einsatz von psychoaktiven Substanzen in der Psychothe-


rapie am Beispiel der Schweiz

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EINSATZ VON PSYCHOAKTIVEN SUBSTANZEN (MDMA)
IN DER PSYCHOTHERAPIE AM BEISPIEL DER SCHWEIZ

Leistungsnachweis

im Universitätslehrgang Psychotherapie (Integrative Therapie)

von

Karin Geisselhardt

Department für Psychotherapie und


Biopsychosoziale Gesundheit

an der Donau-Universität Krems

Rorschacherberg, 04.12.2014
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ............................................................................................................. 1
2. Geschichte der Substanz-unterstützten Psychotherapie in der Schweiz.............. 2
2.1 Die Entdeckung des LSD und seiner psychedelischen („die Seele offenba-
renden“) Wirkung..................................................................................................... 2
2.2 Die Entdeckung des MDMA und seiner empathogenen („Mitfühlen bewirken-
den“) und entaktogenen („das Innere berührenden“) Wirkung ................................ 4
2.3 Die Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT) . 4
3. Prinzipien, Regeln und Ablauf der MDMA-unterstützten Psychotherapie............. 5
3.1 Einbettung in einen übergreifenden Therapieprozess, Vorgespräch und me-
dizinische Abklärungen ........................................................................................... 5
3.2 Set und Setting .............................................................................................. 6
3.3 MDMA-Sitzung .............................................................................................. 7
3.4 Integration ..................................................................................................... 7
3.5 Nachwirkungen .............................................................................................. 9
3.6 Nebenwirkungen............................................................................................ 9
3.7 Langzeitwirkungen......................................................................................... 9
3.8 Gefahren und Risiken allgemein.................................................................. 10
4. Indikationen und Kontraindikationen der Substanz-unterstützten Psychotherapie .
........................................................................................................................... 10
4.1 Psychiatrisch-psychotherapeutische Indikationen für MDMA-unterstützte
Psychotherapie...................................................................................................... 10
4.1.1 Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ........................................... 11
4.1.2 Angststörungen ......................................................................................... 11
4.1.3 Depressionen ............................................................................................ 12
4.1.4 Essstörungen ............................................................................................ 12
4.1.5 Paartherapie.............................................................................................. 12
4.1.6 Schmerz .................................................................................................... 13
4.1.7 Erleichterung des Sterbeprozesses .......................................................... 13
4.2 MDMA als Katalysator psychischer Prozesse in der Psychotherapie .......... 13
4.3 Kontraindikationen und Nebenwirkungen der MDMA-unterstützten Psycho-
therapie ................................................................................................................. 14
4.3.1 Somatische Kontraindikationen ................................................................. 14
4.3.2 Psychiatrische Kontraindikationen ............................................................. 14
4.3.3 Medikamenten-Interaktionen ..................................................................... 14

II
5. Anknüpfungspunkte der Substanz-unterstützten Psychotherapie an die Integra-
tive Therapie ............................................................................................................. 15
6. Ausblick: Legalisierung Substanz-unterstützter Psychotherapie? ...................... 17
7. Conclusio ........................................................................................................... 18
8. Anhang: Fallbeispiele ......................................................................................... 20
9. Literaturverzeichnis ............................................................................................ 25
10. Abkürzungsverzeichnis ...................................................................................... 28

Die abwechselnd gewählte männliche bzw. weibliche Form steht jeweils pars pro toto,
wechselt je nach Kontext und stellt keine Bewertung des jeweils anderen Geschlechts
dar.

III
1. Einleitung

Die Zukunft mag uns lehren, mit besonderen chemischen Stoffen die Energiemengen
und deren Verteilungen im seelischen Apparat direkt zu beeinflussen. Vielleicht
ergeben sich noch ungeahnte andere Möglichkeiten der Therapie …

Sigmund Freud

In unserer westlichen Gesellschaft entstand erstmals in den ersten drei Jahrzehnten


des vergangenen Jahrhunderts ein wissenschaftliches Bemühen, psychoaktive
Substanzen zu identifizieren und ihre Wirkungen zu erforschen. In vielen indigenen
Kulturen hingegen sind psychoaktive Pflanzen seit Jahrhunderten fester Bestandteil
und wichtiger „Ratgeber“ für Heilung und persönliche Weiterentwicklung. Die westliche
Gesellschaft spricht von Betäubungsmitteln, Rauschgift oder Drogen und meint damit
dieselben Substanzen, die in zahlreichen indigenen Traditionen seit jeher heilig sind,
eine Verkörperung von Liebe und Gebet darstellen.

In den vergangenen Jahrzehnten wurde weltweit, u. a. auch in der Schweiz, von


einigen Wissenschaftlern und Forschern die gezielte und verantwortungsbewusste
Nutzung bewusstseinserweiternder Substanzen erforscht, erprobt und als Methode der
systematischen Erweiterung resp. Unterstützung herkömmlicher Psychotherapie-
verfahren weiterentwickelt. Laut Naranjo (1979) liegt einer der Schlüssel der Substanz-
unterstützten Psychotherapie (SPT) darin, dass veränderte Bewusstseinszustände mit
Persönlichkeitsveränderungen einhergehen und somit die vorsätzliche Herbeiführung
veränderter Bewusstseinszustände mittels psychoaktiver Substanzen gezielt
therapeutisch genutzt werden kann.

Diverse Gespräche mit Dr. Peter Oehen, einem der beiden Psychiater, die in der Zeit
von 2007 bis 2010 mit Bewilligung des Schweizer Bundesamtes für Gesundheit (BAG)
eine klinische Studie mit MDMA durchführten, resp. mit Menschen, die Erfahrungen
mit Therapiesitzungen unter Zuhilfenahme von psychoaktiven Substanzen haben,
liessen in mir die Idee entstehen, mich mit dieser Thematik vertiefter auseinander-
zusetzen. Dabei möchte ich der Frage nachgehen, worin der Nutzen der SPT liegt und
wie sie bestehende Therapieangebote bereichern resp. ergänzen könnte. Im Weiteren
ist es mir ein Anliegen dazu beizutragen, bestehende Vorurteile gegenüber dieser
Therapiemethode abzubauen, indem ich am Beispiel von MDMA aufzeige, wie mit
psychoaktiven Substanzen konstruktiv gearbeitet wird.

1
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit werde ich zunächst auf die Geschichte der SPT
am Beispiel der Schweiz eingehen. Danach wird der regeltypische Ablauf einer SPT
vorgestellt, gefolgt von einem Überblick über Indikationen und Kontraindikationen.
Anschliessend wird auf allfällige Anknüpfungspunkte zwischen der SPT und der
Integrativen Therapie eingegangen und ein Ausblick unter dem Blickwinkel der
Illegalität gegeben. Im Anhang werden anhand von drei Original-Protokollen
beispielhaft die Erlebnisse zweier Patientinnen unter MDMA-Einfluss dargelegt.

2. Geschichte der Substanz-unterstützten Psychotherapie in der


Schweiz

Die Geschichte der SPT ist in der Schweiz eng mit der Geschichte von Albert
Hofmann, dem Entdecker des LSD resp. mit der Substanz LSD selbst verknüpft.

2.1 Die Entdeckung des LSD und seiner psychedelischen („die Seele
offenbarenden“) Wirkung

Erstmals wurde LSD-25 (Diäthylamid der d-Lysergsäure) 1938 von Albert Hofmann in
den Laboratorien der Firma Sandoz in Basel synthetisch hergestellt – mit der Absicht,
ein Kreislauf- und Atmungsstimulans (Analeptikum) zu gewinnen. Da die Studien-
ergebnisse zu wenig erfolgsversprechend erschienen, wurden sie zunächst nicht
weiter untersucht.

Jahre später, 1943, sichtete Hofmann von neuem die Ergebnisse der ersten
pharmakologischen Versuche mit LSD-25 und entschied, die stimulierende Wirkung
auf das Zentralnervensystem, die sich in Tierexperimenten gezeigt hatte, näher zu
untersuchen. Dabei kam es zu einem faszinierenden und folgenreichen Experiment mit
Albert Hofmann als unfreiwilliger Versuchsperson (Grof, 2000).

„Vergangenen Freitag, 16. April 1943, mußte ich mitten am Nachmittag meine Arbeit
im Laboratorium unterbrechen und mich nach Hause begeben, da ich von einer
merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl, befallen wurde.
Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen
rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußerst angeregte Phantasie
kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen – das Tageslicht
empfand ich als unangenehm grell – drangen ununterbrochen phantastische Bilder
von ausserordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel

2
auf mich ein. Nach etwa zwei Stunden verflüchtigte sich dieser Zustand“ (Hofmann,
2010, S. 29).

Hofmann vermutete, eine zufällige Intoxikation erlitten zu haben, konnte sich jedoch
nicht erklären, wie das LSD in einer Menge, die solche Wirkungen hervorrufen konnte,
in sein System hätte gelangen sollen. Weil er seine Vermutungen wissenschaftlich
überprüfen wollte, unterzog er sich einige Tage später einem zweiten Selbstversuch
mit einer Menge, die er für äusserst gering erachtete – nicht wissend, dass er mit einer
der stärksten psychoaktiven Substanzen experimentierte, die der Menschheit bekannt
sind. Sein Experiment bestätigte ihm nachdrücklich, was er vermutet hatte: LSD wirkt
bewusstseinsverändernd. Im Folgenden führte Hofmann weitere Versuche mit
Freiwilligen aus den Laboratorien der Firma Sandoz durch (Grof, 2000).

W. A. Stoll, Psychiater in einer Klinik in Zürich und Sohn des Vorgesetzten von Albert
Hofmann, war einer der nächsten Pioniere in der Erforschung der bewusstseins-
verändernden Wirkung des LSD. 1947 publizierte er den ersten Bericht über
wissenschaftliche Untersuchungen an Menschen (gesunde Freiwillige und
schizophrene Patientinnen) mit LSD. Zwei Jahre später machte der Schweizer
Psychiater Gion Condrau den Vorschlag, LSD therapeutisch einzusetzen. In den
Jahren 1955 bis 1960 führte der deutsche Psychiater Hanscarl Leuner mehr als 1300
LSD-Sitzungen mit Neurotikern und gesunden Freiwilligen durch. Die Gründung der
Europäischen medizinischen Gesellschaft für Psycholytische Therapie (EPT) im Jahre
1964 geht auf ihn zurück. LSD hatte in den sechziger Jahren bereits einen festen Platz
in der Psychiatrie eingenommen; es diente als wertvolles Instrument zur
Grundlagenforschung, zur psychiatrischen Ausbildung und für therapeutische
Experimente. Durch die Verbreitung der Substanz in der damaligen Hippie-Bewegung
sowie die übertriebenen und einseitigen, z. T. verherrlichenden Aussagen einiger
Forscher, bspw. des amerikanischen Psychologie-Professors Timothy Leary, und
Schriftsteller, bspw. Aldous Huxley („Die Pforten der Wahrnehmung“), geriet LSD
international in Kritik und wurde bald als „Wahnsinnsdroge“ gebrandmarkt. In der Folge
wurde die Substanz Anfang der siebziger Jahre nach heftigen öffentlichen Debatten
weltweit verboten (Hürlimann, 2013).

Die zweite Substanz, die in der Schweizer Geschichte der SPT eine wichtige Rolle
spielt, ist MDMA oder Ecstasy, wie die Substanz in der Partyszene genannt wird.

3
2.2 Die Entdeckung des MDMA und seiner empathogenen („Mitfühlen
bewirkenden“) und entaktogenen („das Innere berührenden“) Wirkung

MDMA (3,4-Methylendioxy-Methylamphetamin) wurde bereits im 19. Jahrhundert


durch Fritz Haber für seine Doktoralthese erstmals synthetisiert. Im Jahre 1912 wurde
es von Chemikern der Firma E. Merck in Darmstadt wiederentdeckt und zum Patent
angemeldet, ohne dass spezifische Anwendungen dafür benannt wurden. In den
folgenden Jahren geriet die Substanz wiederum in Vergessenheit.

Erneute Aufmerksamkeit erlangte MDMA 1965, nachdem der amerikanische


Biochemiker Alexander Shulgin die Substanz in seinem Labor hergestellt und
anschliessend ausführlich getestet hatte. Durch ihn gelangte MDMA in die Hände von
Psychotherapeuten, die es als Hilfsmittel in Psychotherapien einsetzten. 1986 berich-
teten Greer und Tolbert erstmals über positive therapeutische Wirkungen von MDMA.
Da die Substanz im Gegensatz zu LSD praktisch keine halluzinogenen Effekte, die die
Patientin von ihren inneren Prozessen ablenken könnten, hervorruft und die
Wirkungsdauer kürzer ist, wird sie als aussichtsreiche Alternative zum LSD gesehen.

In den achtziger und neunziger Jahren fand MDMA unter dem Namen „Ecstasy“ als
Tanzdroge in der Partyszene eine massenhafte Verbreitung und wurde 1986 von der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Convention on Psychotropic Substances
unterstellt und für illegal erklärt (Schmid-Semisch, 1996). Die Forschung konzentrierte
sich nach dem Verbot weitgehend auf die Grundlagenforschung und die
Neurotoxizitäts-Problematik. Eine Ausnahme bildete eine Bewilligung für die
Anwendung von MDMA und LSD an Psychotherapiepatienten für fünf niedergelassene
Psychiater in der Schweiz.

2.3 Die Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie (SÄPT)

1985 wurde die Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie


gegründet. Ihr Zweck ist es, die SPT als Behandlungsform in den psycho-
therapeutischen Alltag einzuführen, die für dieses Verfahren brauchbaren
psychoaktiven Substanzen für die praktische psychotherapeutische Anwendung
zugänglich zu machen, deren Handhabung zu kontrollieren, deren weitere Erforschung
anzuregen und entsprechend qualifiziert Therapeutinnen auszubilden.

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Für die Jahre 1988 bis 1993 erteilte das BAG vier Psychiatern und einer Psychiaterin,
die dieser Gesellschaft angehörten, eine Ausnahmebewilligung mit LSD und MDMA
psychotherapeutisch zu arbeiten. In diesen Jahren wurden ca. 170 Patienten, die
insgesamt etwas mehr als 1000 ganztägige Sitzungen durchliefen, behandelt. Die
überwiegend positiven Ergebnisse dieser Behandlungen wurden von Peter Gasser in
einer follow-up-Untersuchung beschrieben. Das Experiment unter psychothera-
peutischen Bedingungen mit psychedelischen Stoffen zu arbeiten und Erfahrungen zu
sammeln wurde 1993 allerdings vorerst unterbrochen (Gasser, 1996).

Von 2007 bis 2010 erhielten die beiden Psychiater Peter Oehen und Peter Gasser,
beide praktizierend im Kanton Solothurn, eine Bewilligung des BAG eine klinische
Studie mit LSD (Gasser) resp. MDMA (Oehen) durchzuführen. In jeweils zwei
achtstündigen Therapiesitzungen behandelte Gasser zwölf Patienten, die wegen
Krebs an Angststörungen litten. Acht von ihnen erhielten dabei LSD verabreicht, die
restlichen vier ein wirkungsloses Placebo. Oehen behandelte im gleichen Zeitraum
vierzehn Patientinnen, die an posttraumatischer Belastungsstörung litten, mit dem
Wirkstoff MDMA; die Studie war ebenfalls als Doppelblindstudie angelegt.

Beim Entaktogen MDMA handelt es sich um eine Substanz mit einem spezifischen
Wirkungsbild, welches von demjenigen der Halluzinogene (wie z. B. LSD) oder der
Stimulantien (Amphetaminen) abweicht. MDMA teilt zwar mit beiden dieser
Substanzgruppen einige Eigenschaften, doch sein Wirkungsschwerpunkt liegt im
emotionalen Bereich. Nachfolgend soll weitestgehend auf die SPT mit MDMA
eingegangen werden.

3. Prinzipien, Regeln und Ablauf der MDMA-unterstützten


Psychotherapie

3.1 Einbettung in einen übergreifenden Therapieprozess, Vorgespräch und


medizinische Abklärungen

Die wesentlichste Voraussetzung für eine MDMA-unterstützte Therapiesitzung stellt


das Vorhandensein einer therapeutischen Beziehung im Rahmen einer längerfristigen
therapeutischen Behandlung dar. Diese soll vor den Substanzsitzungen etabliert sein
und unbedingt nach diesen weitergeführt werden – u. a. da die Übertragungen
während dieser Sitzungen auf die Therapeutin und/oder die Assistenten und/oder die

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Mitpatienten dermassen wichtig sind, dass sie nachfolgend im Rahmen der
Einzeltherapie aufgegriffen und bearbeitet werden müssen.

Im Vorgespräch geht es darum, die Patientin über die Substanz und ihre
Wirkungsweisen sowie über das Setting (siehe Kap. 3.2) zu informieren und allfällige
Fragen dazu zu beantworten sowie auf bestehende Ängste und Erwartungen
einzugehen. Auch der gesundheitliche Zustand wird thematisiert, da beispielsweise
Medikamente wie Beta-Blocker oder Antidepressiva drei bis vier Wochen vor einer
Substanzsitzung abgesetzt werden sollten (Jungaberle & Verres, 2008).

3.2 Set und Setting

Unter Set und Setting werden die nicht-pharmakologischen Faktoren des


psycholytischen Psychotherapieprozesses verstanden. Dabei gibt es Faktoren resp.
Rahmenbedingungen, die sich für die Einnahme von bewusstseinsverändernden
Substanzen als wertvoll und nutzbringend erwiesen haben. Es hat sich gezeigt, dass
bei Einhaltung dieser Rahmenbedingungen unerwünschte Nebeneffekte
weitestgehend vermieden werden können. Set und Setting beeinflussen sich
gegenseitig.

Unter „Set“ versteht man alle psychologischen, d. h. internen Determinanten des


Patienten, die den Verlauf einer Sitzung beeinflussen können – seine gesamte
innerpsychische Konstitution. Dazu gehören die grundsätzlichen inneren Einstellungen
gegenüber der Therapie, die Vorstellungen über die Therapeutin, das
Vertrauensverhältnis bzw. die Beziehung zur Therapeutin, die Therapiemotivation und
die Erwartungen an die bevorstehende Sitzung. Ebenfalls zu erwähnen sind
momentane Stimmungen (z. B. Angst), die im Verlauf der Sitzungsvorbereitung
aufkommen können. Es spielt zudem eine Rolle, ob ein Patient bereits über Erfahrung
im Umgang mit bewusstseinsverändernden Substanzen verfügt. Auch die
Stimmungslage der Therapeutin sowie ihre Erwartungen und Wünsche beeinflussen
das Geschehen.

Unter dem Begriff „Setting“ wird in der SPT die gesamte physische und soziale
Umgebung zusammengefasst. Dies beinhaltet die Anwesenheit von weiteren
Personen wie Therapeut, Assistenten und Mitpatientinnen, aber auch atmosphärische
Elemente wie Raumgestaltung, Musik usw. Das Ziel soll sein, dem Patienten einen
geschützten, sicheren Raum zur Verfügung zu stellen, der ihm – abgeschirmt von

6
Störungen der Aussenwelt – erlaubt, sich so umfassend wie möglich seinem inneren
Prozess zu überlassen (Möckel Graber, 2010).

3.3 MDMA-Sitzung

Von den Mitgliedern des SÄPT wurde das Gruppensetting favorisiert (zehn bis
fünfzehn Teilnehmende), einerseits aus ökonomischen Gründen, andererseits da sich
interpersonelle Themen in einer Gruppe besser bearbeiten lassen. Sie unterstützten
die Gruppenbildung aktiv mit Gruppenübungen um für ein möglichst ideales
Gruppenklima zu sorgen. Dabei orientierten sie sich an den Regeln der
Gruppentherapie nach Yalom (Jungaberle & Verres, 2008).

Einige der Therapeuten beginnen bereits am Vorabend der Sitzung mit einer
Gesprächsrunde, andere setzen diese ca. eineinhalb bis zwei Stunden vor der
Substanzeinnahme an. In deren Rahmen teilt jede der Teilnehmerinnen der Gruppe
und dem Therapeuten mit, welche Themen sie akut beschäftigen und welches ihr
persönlicher Fokus für die bevorstehende MDMA-Sitzung sein soll. Letzte Fragen
werden beantwortet, allfällige Ängste und Befürchtungen angesprochen sowie auf die
Möglichkeit hingewiesen, sich während der Sitzung beim leitenden Therapeuten oder
den Assistentinnen Unterstützung zu holen. Am darauf folgenden Vormittag trifft sich
die Gruppe im vorbereiteten Gruppenraum und jeder Teilnehmer richtet sich seinen
Platz im Kreis ein – darauf eingestellt, längere Zeit möglichst ruhig zu liegen. Dann
wird die Substanz eingenommen. Nach 15 bis 45 Minuten setzt die Wirkung ein. Nun
können zwei bis drei Stunden vergehen, bis sich die Substanzwirkung voll entfaltet.
Danach bleibt das Wirkungsniveau während einiger Stunden, der so genannten
Plateauphase gleich. Nach vier bis sechs Stunden geht diese Phase in die Ausdrucks-
oder Zwischenintegrationsphase über. Die Substanzwirkung lässt nun langsam nach
und es kommt zur Abstiegsphase. Die verbleibende Zeit bis zum Sitzungsende und
darüber hinaus wird als Integrationsphase bezeichnet. Die einzelnen Phasen werden
von Pausen unterbrochen, damit die Teilnehmenden zur Toilette gehen und
ausreichend trinken können (Möckel Graber, 2010).

3.4 Integration

Die integrative Nacharbeit dient dazu, die während der Sitzung unter Substanzeinfluss
gemachten Erfahrungen auf verschiedenen Ebenen zu integrieren: sowohl kognitiv als
auch emotional, sozial und transpersonal. Somit soll die Umsetzung und Verankerung
im Alltagsleben erleichtert und gefördert werden. Diese Integrationsarbeit beginnt

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unmittelbar nach dem Ende der Sitzung. Für die Integration ist der Austausch unter
den Gruppenmitgliedern sehr hilfreich. Dabei sind Kreisrituale, innerhalb derer jeder
Patient die Gelegenheit hat, sich unlimitiert mitzuteilen, erfahrungsgemäss wirksam.
Heilsam sind hierbei die Aufmerksamkeit, die Präsenz und das Einfühlungsvermögen
der anderen Gruppenmitglieder, die ihrerseits meist sehr sensibilisiert und bewegt von
den durchlebten Erfahrungen sind. Dabei geht es nicht um ein intellektuelles
Analysieren (Styk, 2008).

Die durch die Substanz gewonnene Öffnung hilft, weiterhin in einer ganzheitlichen
Wahrnehmung zu verbleiben. Falls eine Patientin den Eindruck hat, gewisse
Erlebnisinhalte seien ungenügend aufgearbeitet, nicht wirklich verstanden oder
befriedigend zu Ende gebracht worden, ist nun der Zeitpunkt um abschliessende
Techniken anzuwenden und somit einen „runden“ Abschluss zu finden. Es gilt
Erlebnisfragmente und Restproblematiken aufzuspüren und diese gemeinsam mit der
Patientin so weit wie möglich aufzuarbeiten resp. zurückgebliebene körperliche
und/oder emotionale Spannungen ganz auszuleben und abzubauen. Manche
Patienten verspüren in der Schlussphase einer Substanz-unterstützten Sitzung das
Bedürfnis nach körperlicher Nähe, nach Wärme und Sicherheit und suchen den
körperlichen Kontakt zu den Assistentinnen oder Mitpatienten. Andere bleiben ruhig
und entspannt an ihrem Platz. Wenn die Phase der ruhigen Einkehr beim Patienten
ausklingt und allfällige Restprobleme durchgearbeitet sind, geht es darum, sich
langsam wieder auf die äussere soziale Umwelt zu „besinnen“. Meist wird nun
gemeinsam eine leichte Mahlzeit eingenommen. In der Nacht nach einer solchen
Sitzung können in den Übergangsbereichen zwischen Wachsein und Einschlafen resp.
zwischen Schlaf und Erwachen vermehrt Emotionen, die während der Sitzung aktiviert
wurden, auftreten. Es ist hilfreich und für die längerfristige Integration wichtig, diese
Gefühle und allenfalls dazugehörige kognitive Einsichten und Erkenntnisse schriftlich
festzuhalten (Abegglen, 1996).

Am folgenden Tag setzt sich die Integration fort und ein Schlussgespräch findet statt.
Feedback, Nachfragen, Konfrontation und Spiegelung durch die Therapeutin, die
Assistentinnen und die anderen Teilnehmer sind dabei wichtige Hilfsmittel. In einem im
Anschluss erstellten Protokoll (siehe Originalprotokolle im Anhang) sollen möglichst
detailliert die Erlebnisse wiedergegeben werden. Der Vorgang der Protokollierung an
sich ist ein wichtiger Teil der Nacharbeit, da dadurch Erlebtes zu bereits Bekanntem in
Beziehung gebracht werden kann, sich Zusammenhänge erschliessen und das

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Erfahrene sich somit mit dem Alltagsbewusstsein verbinden kann. Durch die
Protokollierung soll sichergestellt werden, dass Details nicht wieder in Vergessenheit
geraten oder ins Unbewusste absinken (Styk, 2008).

3.5 Nachwirkungen

Als Folge der übermässigen Entleerung der Serotoninspeicher kann es zu


Nachwirkungen in Form von Erschöpfungszuständen, Müdigkeit, Vergesslichkeit,
depressiven Zuständen, Motivationslosigkeit, Konzentrationsmangel, Appetitverlust,
Angstzuständen und Schlafstörungen kommen. Diese sind meist nur am Tag nach der
Einnahme von MDMA spürbar und klingen schnell wieder ab. Zudem treten sie
hauptsächlich bei Mischkonsum, zu hoher Dosierung und/oder gestreckten,
unsauberen Substanzen – und damit nicht im Kontext von psychotherapeutischen
Sitzungen auf (Thomasius, 1999).

3.6 Nebenwirkungen

Als akute Nebenwirkungen der Therapieform sind Appetitmangel,


Muskelverspannungen im Bereich des Kiefers, Mundtrockenheit, Gleichgewichts-
störungen und Abnahme der Konzentration, leichte Temperaturerhöhung und leichte
Erhöhung des Blutdrucks bekannt. Es kann in einzelnen Fällen auch zu Wärme- bzw.
Kältegefühl, beschleunigtem Herzschlag, Schwindelgefühl, Schwitzen, Müdigkeit,
Übelkeit, Zittern, Spannungszuständen, Kopfschmerzen oder Schwächegefühl
kommen. In der Regel sind diese Nebenwirkungen leicht und von kurzer Dauer, meist
bis zu ca. 3 Stunden (maximal 24 Stunden) anhaltend. Wird MDMA in nicht-
therapeutischem Rahmen konsumiert (z. B. auf „Raves“), kann es in Zusammenhang
mit Flüssigkeitsmangel, exzessivem Tanzen und hohen Umgebungstemperaturen zu
Hyperthermie kommen (Thomasius, 1999).

3.7 Langzeitwirkungen

Auch bei den Langzeitwirkungen ereignete sich die Mehrzahl der beschriebenen
Komplikationen im ungeschützten Setting von Rave-Partys. Die Anzahl der in der
Literatur dokumentierten Fälle von medizinischen Komplikationen und
behandlungsbedürftigen psychiatrischen Störungen nach dem Konsum von MDMA ist
im Verhältnis zu seiner weiten Verbreitung sehr gering. Im Rahmen einer SPT mit
MDMA sind nach heutigem Wissenstand neurotoxische Spätschäden nicht zu
erwarten.

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Anders als beim illegalen Partykonsum, der oft mit dem Mischkonsum mit Alkohol und
weiteren illegalen Substanzen sowie einer zu hohen Dosierung einhergeht, sind die
Bedingungen im Rahmen einer Psychotherapie gut kontrollierbar und methodisch
sorgfältig planbar (Hermle, 2008).

3.8 Gefahren und Risiken allgemein

Eine Metastudie des Advisory Council on the Misuse of Drugs (ACMD) im Auftrag der
britischen Regierung ist 2009 zu dem Schluss gelangt, dass Ecstasy (MDMA) für
Konsumenten weit weniger gefährlich ist, als bisher angenommen wurde. Für diese
Arbeit wurden an der Peninsula Medical School in Exeter Daten aus 110 Studien über
die Langzeitwirkung der Droge analysiert.

Laut ACMD-Chef David Nutt handelt es sich dabei um die systematischste Bewertung
von Ecstasy die es je gegeben hat. Es gebe vergleichsweise wenige Nebenwirkungen,
nur wenige Konsumentinnen würden von der Droge abhängig.

Die Ergebnisse decken sich mit einer Untersuchung aus dem Jahr 2007, in der Nutt
gemeinsam mit Kollegen der University of Bristol eine Rangliste der schädlichsten
Drogen erstellt hatte. Sie wird angeführt von Heroin und Kokain, auch Alkohol und
Tabak landeten unter den zehn erstgereihten Substanzen. Ecstasy kam im Ranking
„nur“ auf den 18. Platz (Nutt, 2009).

4. Indikationen und Kontraindikationen der Substanz-unterstützten


Psychotherapie

In den Jahren zwischen 1950 und 1980 wurden zahlreiche Untersuchungen zur SPT
(LSD, MDMA und Psilocybin) bei verschiedensten Indikationen durchgeführt
(Bibliografie bei Passie 1997). Obwohl diese Untersuchungen nicht den heutigen
wissenschaftlichen Anforderungen entsprechen, geben sie doch wichtige Hinweise
darauf, in Bezug auf welche Indikationen weiterführende wissenschaftliche
Forschungen lohnenswert erscheinen (Oehen, 2008).

4.1 Psychiatrisch-psychotherapeutische Indikationen für MDMA-unterstützte


Psychotherapie

MDMA gilt als die psychotherapeutisch wirksamste Substanz aus der Gruppe der
Phenylethylamine. Es führt zu einem veränderten Bewusstseinszustand, der sich

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folgendermassen beschreiben lässt: Stimmungshebung bis Euphorie, verminderte
Angst, gesteigerte Wahrnehmung von Gefühlen, Abbau von interaktioneller
Aggression, Abbau von Hemmungen und gesteigerte Empathiefähigkeit. Die Substanz
hat die Fähigkeit, das tief Unbewusste zugänglich zu machen. Sie fungiert dabei als
unspezifischer Verstärker; sie verstärkt die Kathexis – die energetische Aufladung, die
mit den tief unbewussten Inhalten der Psyche verknüpft ist – und macht somit
konfliktbehaftetes biographisches Material der bewussten Verarbeitung zugänglich.
Aufgrund dieses Wirkungsspektrums wurde die Substanz gemäss Oehen (2008)
vorwiegend bei nachfolgenden psychischen Störungen eingesetzt.

4.1.1 Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)

Gamma (2000) war in der Lage ansatzweise aufzuzeigen, dass MDMA direkt in die der
PTBS zugrunde liegenden neuropathophysiologischen Mechanismen eingreift und
u. a. die Aktivität der linken Amygdala akut vermindert. Erste klinische Studien mit
Patienten, die unter therapieresistenter PTBS litten, sind seit 2005 durchgeführt
worden: in den USA eine Phase II-Pilotstudie (Mithoefer 2006), in der Schweiz eine
Studie mit vergleichbarem Design und eine weitere in Israel. Die vorläufigen Resultate
und Erfahrungen sind sehr ermutigend und decken sich mit den früheren empirischen
Erfahrungen aus der Schweizer Bewilligungszeit. Typischerweise werden den
Patienten unter der Wirkung von MDMA vergangene traumatische Erfahrungen
bewusst; diese werden wiedererlebbar, allerdings in einem veränderten
Bewusstseinszustand und unter ebenfalls veränderten emotional-kognitiven
Voraussetzungen. Somit werden korrektive Erfahrungen und eine Integration der
traumatischen Erlebnisse möglich. Der Therapieverlauf folgt dabei der sogenannten
„heilenden Spirale“ nach Ken Wilber: Regression bis zum biografischen Ursprung der
Traumatisierung mit anschliessendem Umschwung in die Progression mit Aufbau
individueller und sozialer Fähigkeiten sowie dem Transfer in den Alltag (Oehen, 2008).

4.1.2 Angststörungen

Unter dem Einfluss von MDMA kommt es einerseits zu einer Reduktion von Angst,
andererseits jedoch auch zu einer Konfrontation mit bestehenden Ängsten. Die unter
MDMA gemachte Erfahrung, dass Angst vorübergeht und alleine überstanden werden
kann, sowie das Erleben der Angst in diesem spezifisch veränderten
Bewusstseinszustand haben eine starke motivationale Wirkung bei Angstpatientinnen.
In der Folge sind sie eher bereit, sich ihren Angstauslösern im Alltag zu stellen und

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zeigen eine gesteigerte Bereitschaft für verhaltenstherapeutische Interventionen.
Oftmals führen „traumatische“ Auslöser (Erleben extremer Angst, Hilflosigkeit,
Ohnmacht oder Verlassenheit) zu Angststörungen. Solche Schlüsselszenen werden
unter dem Einfluss von MDMA regelmässig aktiviert, dadurch wieder bewusst und
somit bearbeitbar (Oehen, 2008).

4.1.3 Depressionen

Nach Grawe (2004) sind die Behandlung von interpersonellen Problemen, die
Reduktion von Symptomen, die Bewältigung von Problemen und die Verbesserung
des Selbstwertgefühls die vorgängigsten Behandlungsanliegen von depressiven
Patienten. Grawe kommt zum Schluss, dass oft zwischenmenschliche Probleme der
Entwicklung von Depressionen zugrunde liegen. Oehen (2008) führt aus, dass unter
der akuten Wirkung von MDMA die Kommunikationsfähigkeit und Empathie von
depressiven Patienten verbessert wird, der Selbstwert steigt und sie in der Lage sind,
aus ihren bisherigen Beziehungsmustern herauszutreten und ein in vielen Aspekten
kompetenteres Beziehungsverhalten zu zeigen. Erst nach mehreren Wochen liegen
die von der Substanz ausgelösten neurobiochemischen Veränderungen wieder bei
den Ausgangswerten. Die „Nachwirkungen“ einer Behandlung mit MDMA (Persistenz
der subjektiven Befindlichkeit und der vorgängig beschriebenen psychologischen
Veränderungen) ermöglichen es Patienten, Korrekturen in ihren Alltagsbeziehungen
einzuleiten. Für die Veränderung dysfunktionaler Beziehungsmuster hat es einen
hohen korrektiven und motivationalen Wert, dass der Patient unter der akuten Wirkung
der Substanz erfahren hat, dass es ihm möglich ist, sich anders, „neu“ zu verhalten.

4.1.4 Essstörungen

Während der Bewilligungszeit wurden in der Schweiz auch Patientinnen mit


Essstörungen mit MDMA behandelt. Dabei schienen bulimische Patientinnen mehr von
diesen Behandlungen zu profitieren als anorektische. Es war teilweise möglich, die
Selbstakzeptanz dieser Patientinnen in Bezug auf den eigenen Körper zu verbessern
und deren Isolation zu durchdringen. Trotzdem erwies es sich als eher schwierig,
diese Patientengruppe mit SPT zu behandeln (Oehen, 2008).

4.1.5 Paartherapie

Gemäss Oehen (2008) ist die Paartherapie eine der erfolgversprechendsten


Indikationen für die SPT, da im Zustand des veränderten Bewusstseins Gespräche
erleichtert und Abwehrhaltungen gegenüber dem Partner abgebaut werden können.
12
Es kommt zu mehr Nähe und somit zu einer Reduktion der Entfremdung. Dank der
gesteigerten Empathie fällt es leichter, die Standpunkte des Partners zu verstehen und
zu akzeptieren.

4.1.6 Schmerz

Holland (2001) beschreibt mehrfach, dass MDMA eine mehrere Stunden andauernde
schmerzstillende Wirkung hat. Die Vermutung geht dahingehend, dass die
Schmerzwahrnehmung u. a. positiv verändert wird durch das Auslösen von
angenehmen Gefühlen und die allgemeine Angstreduktion. Chronische
Schmerzpatientinnen finden oftmals nach MDMA-Erfahrungen – zumindest für eine
gewisse Zeit – zu einem verbesserten Umgang mit ihren Schmerzen (Oehen, 2008).

4.1.7 Erleichterung des Sterbeprozesses

Es existieren mehrere Studien, die sich mit dem Einsatz von MDMA zur
Angstreduktion bei Sterbenden beschäftigen. Vor einiger Zeit wurde z. B. am MacLean
Hospital der Harvard Medical School eine Pilotstudie bewilligt, die den Einsatz der
MDMA-unterstützten Psychotherapie bei Angststörungen bei terminalen
Krebspatienten untersuchen soll (Halpern, 2006).

4.2 MDMA als Katalysator psychischer Prozesse in der Psychotherapie

Gemäss Oehen (2008) haben die Erfahrungen mit MDMA während der Schweizer
Bewilligungszeit gezeigt, dass diese Substanz den psychotherapeutischen Prozess
folgendermassen unterstützen kann:

- Stärkung des therapeutischen Bündnisses


- Erhöhung der Motivation zu Veränderung
- Steigerung der Bereitschaft, sich mit den unerwünschten und unangenehmen
Seiten der eigenen Psyche zu konfrontieren
- Ermöglichung der vertieften Einsicht in die eigene Psychodynamik und das
interpersonelle Verhalten
- Förderung und Steigerung von Selbstakzeptanz und Selbstwertgefühl
- Fähigkeit, eigene Gefühle zu beobachten und die Zusammenhänge mit
interpersonellen Auslösern und biographischen Erfahrungen zu verstehen

Dabei ist die Intention ein äusserst wichtiger Faktor. Die katalytische, unspezifische
Wirkung der klassischen Halluzinogene (LSD, Psilocybin und Meskalin), die ihre

13
Phänomenologie durch das Zusammenspiel von Dosis, Set und Setting entfalten, wird
schon von den Pionieren der SPT wie z. B. Grof (2000) beschrieben.

4.3 Kontraindikationen und Nebenwirkungen der MDMA-unterstützten


Psychotherapie

Gemäss heutigem Kenntnisstand gelten die in der Folge behandelten als


Kontraindikationen für die Anwendung von MDMA.

4.3.1 Somatische Kontraindikationen

Während Schwangerschaft und Stillzeit soll kein MDMA eingenommen werden, da die
Wirkung auf das ungeborene Kind resp. das Baby nicht bekannt ist. Im Weiteren
gelten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, unbehandelte Hypertonie, Epilepsie,
Lebererkrankungen, Essstörungen mit aktivem Erbrechen oder Abführen (Gefahr der
Elektrolytstörungen) und Diabetes mellitus (Gefahr der Hypoglykämie) als
Kontraindikationen (Oehen, 2008).

4.3.2 Psychiatrische Kontraindikationen

Bipolare Störungen, Schizophrenie sowie Borderline-Persönlichkeitsstörungen gelten


als psychiatrische Kontraindikationen. Bei Borderline-Patientinnen besteht unter
MDMA-Wirkung die Gefahr einer Schwächung der Steuerungsfähigkeit und
Affekttoleranz und somit einer Zunahme von impulsivem und autodestruktivem
Verhalten aufgrund der dieser Störung inhärenten emotionalen Regulationsstörung
und Impulsivität (Oehen, 2008).

4.3.3 Medikamenten-Interaktionen

Es können bei gleichzeitiger Anwendung von β2-Stimulatoren Blutdruckkrisen


auftreten. Bei der gleichzeitigen Einnahme von Substanzen wie z. B. Ritonavir,
Fluoxetin oder Paroxetin, welche zu einem z. T. massiv höheren MDMA-Spiegel
führen, sind pharmakokinetische Interaktionen zu erwarten. Bei paralleler Einnahme
von serotonerg wirksamen Medikamenten wie Fluoxetin, Venlafaxin, Lithium,
Clomipramin, Tramadol aber auch Kokain und Dextromethorphan und insbesondere
MAO-Hemmern sind pharmakodynamische Interaktionen zu erwarten (Oesterheld,
Armstrong & Cozza, 2004).

14
5. Anknüpfungspunkte der Substanz-unterstützten Psychotherapie
an die Integrative Therapie

Mittels der psychoaktiven Substanzen soll in einem ärztlich kontrollierten und betreuten
Umfeld eine alternative Erfahrung des Selbst und der Lebenswelt sowie der Konflikte,
Symptome und sozialen Beziehungen ermöglicht und diese in darauf folgenden
psychotherapeutischen Sitzungen integriert werden. Dies bedeutet vor allem ein
Erinnern und Neu-Interpretieren der Problem- und Ressourcenaktualisierung. Die
Bearbeitung von Veränderungswiderstand und schwer zugänglichen Traumata soll mit
Hilfe der Substanzerfahrungen möglich gemacht werden (Jungaberle & Verres, 2008).

Grawe (1999) versteht die psychoaktiven Substanzen als Katalysatoren, welche die
Möglichkeit zur Aktivierung impliziter Erregungsbereitschaften bieten, also von
unbewusst und unwillkürlich wirkenden störungsrelevanten Systemen. Die Substanzen
bringen die Inkonsistenzen im psychischen System in den Vordergrund. Es handelt
sich dabei um Gedächtnisinhalte, die nicht top-down vom Bewusstsein aus aktivierbar
sind. Durch sensuelle Erfahrung können diese der Aufmerksamkeit und eventuell der
willentlichen Beeinflussung zugeführt werden. Die wiederholte Aktivierung
störungsrelevanter mentaler Inhalte und deren Verbindung mit ressourcenhaften
Erfahrungs- und Gedächtnisinhalten können schliesslich zur Bildung neuer neuronaler
Einheiten führen.

Gemäss Hofmann (2010) ist das Erleben unter Halluzinogen-Einfluss wesentlich


intensiver und tiefer als bei den traditionellen Techniken, und der Zugang zum
Unterbewusstsein stellt sich sehr rasch ein. Für ihn ist einer der wichtigsten Faktoren
dabei, dass es sich um kein gewöhnliches Erinnern, sondern ein eigentliches
Wiedererleben handelt.

Die SÄPT hat vier Prinzipien für die Substanz-unterstützte Psychotherapie definiert:

I. Die SPT ist ein tiefenpsychologisch und neurowissenschaftlich orientiertes


Psychotherapieverfahren. (Sie wurde seit den sechziger Jahren auch stark von
den humanistischen Psychotherapieverfahren beeinflusst.)
II. Mit einer bestimmten Anzahl von Substanzsitzungen sollen implizite neuronale
Erregungsmuster aktiviert und therapierelevante Erlebensmuster angeregt
werden.

15
III. Die substanzinduzierten Erlebnisse sollen innerhalb des psychotherapeutischen
Prozesses integriert werden, d. h. für eine dauerhafte Veränderung beim
Patienten verfügbar gemacht werden.
IV. Die Defizit- und die Ressourcenperspektive stehen in der therapeutischen
Arbeit gleichberechtigt nebeneinander.

Wie die SPT sieht sich die Integrative Therapie ebenfalls dem „neuen
Integrationsparadigma“ in der Psychotherapie, wie es u. a. von Grawe vertreten wird,
verpflichtet. Sie bezieht sich ebenso auf tiefenpsychologische Ansätze und knüpft
dabei an die „elastische Psychoanalyse“ des ungarischen Psychoanalytikers Sándor
Ferenczi an. Bestimmte Ansätze und Arbeitsweisen aus humanistischen
Therapieverfahren wie beispielsweise aus der Gestalttherapie nach Friedrich S. Perls
und aus dem Psychodrama von Jakob L. Moreno werden miteinbezogen und
integriert. Eine weitere Parallele ist die Orientierung an neusten
neurowissenschaftlichen Erkenntnissen.

Die SPT legt wie bereits erwähnt grossen Wert auf eine möglichst umfassende
Information des Patienten. Die Therapeutin zeigt dem Patienten mögliche
Konsequenzen auf und holt von ihm die Zustimmung zum gemeinsam vereinbarten
Vorgehen (Substanz-unterstützte Therapiesitzungen) ein. Sie setzt sich mit dem
Patienten als Person, mit seiner aktuellen Lebenslage, seinem sozialen Umfeld sowie
seinen Ressourcen, Defiziten und Entwicklungsaufgaben partnerschaftlich
auseinander um mit ihm gemeinsam an Gesundung, Problemlösung und
Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten. Diese Grundhaltung entspricht dem Prinzip
der intersubjektiven Korrespondenz der Integrativen Therapie.

Gesundheit und Krankheit werden durch das Zusammenwirken von Risikofaktoren und
protektiven Faktoren über den gesamten Lebenslauf bestimmt (Petzold, Goffin &
Oudhof 1993). Dies macht plausibel, wie wesentlich es ist, Patientinnen (und
Therapeuten) aus einer einseitigen Problem- bzw. Pathologiefixierung in die
Ressourcenperspektive zu bringen. In der Integrativen Therapie wie in der SPT spielt
die Aktivierung und Förderung verschiedenster Ressourcen und Potentiale eine
zentrale Rolle.

16
6. Ausblick: Legalisierung Substanz-unterstützter Psychotherapie?

Bei allen psychoaktiven Substanzen wie auch bei anderen Psychopharmaka bestehen
eine prinzipielle Missbrauchsgefahr und das Risiko einer Abhängigkeitsentwicklung.
Diese sind jedoch bei den Halluzinogenen und Empathogenen geringer als bei
anderen Psychopharmaka und massiv geringer als bei Opiaten und Barbituraten sowie
Alkohol und Nikotin (Nutt, 2009). Das aktuelle Drogenregulationssystem behandelt
unterschiedlichste psychoaktive Substanzen dennoch pauschal gleich und
unterscheidet ebenfalls nicht zwischen medizinisch-therapeutischen und nicht-
supervidierten Gebrauchsformen.

Die SÄPT vertritt klar die Meinung, dass Halluzinogene und Empathogene im
therapeutischen Rahmen so genutzt werden können, dass ihr Nutzen gegenüber ihren
Risiken bei Weitem überwiegt.

“Ich bin fest davon überzeugt, dass die Psychedelika in einer solchen Weise
angewandt werden können, dass ihr Nutzen die Risiken bei weitem überwiegt. Dies ist
durch Jahrtausende sicheren rituellen und spirituellen Gebrauchs von Generationen
von Schamanen, einzelnen Heilern und ganzen Urvölkern umfassend bewiesen
worden“ (Grof, 2008, S. 385).

Zum heutigen Zeitpunkt existieren noch nicht genügend offiziell anerkannte klinische
Studien um den zuständigen Behörden die Einschätzung der Sicherheit und
Wirksamkeit von psychoaktiven Substanzen wie MDMA, LSD und Psilocybin als
unterstützende Wirkstoffe in der Psychotherapie zu ermöglichen und somit den Weg
zu einer Einstufung als legale, verschreibungspflichtige Medikamente zu ebnen. Die
Vision solch einer Einstufung als zugelassene Medikamente hat sich jedoch in den
vergangenen Jahrzehnten zu einer ernst zu nehmenden Möglichkeit entwickelt. Die
Wiederaufnahme der psychedelischen Forschung in den neunziger Jahren nach zwei
Jahrzehnten des Stillstandes war aufgrund der fehlenden finanziellen Unterstützung
durch Behörden, Stiftungen oder Pharmaunternehmen jedoch ein langsamer Prozess.
2008 unterstützte die amerikanische Multidisciplinary Association for Psychedelic
Studies (MAPS) die Durchführung von sechs Phase II-Studien zur therapeutischen
Anwendung von Psychedelika. MAPS geht davon aus, dass MDMA wahrscheinlich die
erste psychoaktive Substanz sein wird, die eine Zulassung als verschreibungsfähiges
Medikament erhalten wird. PTBS dürfte das erste psychiatrische Krankheitsbild
darstellen, für das eine MDMA-unterstützte Psychotherapie zugelassen werden könnte

17
– als Zusatz zu einer nicht Substanz-basierten Psychotherapie, die von speziell
ausgebildeten Therapeuten in speziell lizenzierten Einrichtungen begleitet würde
(Doblin & Davis, 2008).

7. Conclusio

Die Entwicklung der SPT erwuchs aufgrund konkreter Erfahrungen aus der klinischen
Arbeit mit psychiatrischen Patienten. Es sollten Mittel und Wege gefunden werden,
diesen „besser“ helfen zu können, resp. eine effektive Ergänzung zu konventionellen,
vorwiegend verbalen Psychotherapien anbieten zu können, da diese einerseits sehr
zeitintensiv und somit auch teuer sind und da sie andererseits bei bestimmten
psychopathologischen Erscheinungsformen nicht zur einer Verbesserung der
Leidenszustände der betroffenen Patienten führen.

Substanzen wie MDMA, LSD oder Psylocibin wirken wie vorgängig erläutert im
Gegensatz zu vielen legal verwendeten Psychopharmaka nicht „schliessend“, also
gefühlsdämpfend, sondern vielmehr „öffnend“. Sie vermögen psychische Widerstände
schneller zu lösen und Abwehrmechanismen effektiver zu lockern als rein verbale
Behandlungsformen. Des Weiteren sind sie in der Lage, die für das
Normalbewusstsein verborgenen und schwer zugänglichen psychischen Inhalte von
Patientinnen sicht- und erlebbar und somit auch der späteren therapeutischen Arbeit
zugänglich zu machen.

Darin liegt aus meiner Sicht sowohl das Potenzial als auch die Gefahr der SPT, da es
dabei um einen Prozess geht, der extreme Zustände beinhalten kann, die durch
grosses emotionales Leid und heftige psychosomatische Beschwerden
gekennzeichnet sein können. Die SPT nutzt das Heilungspotential veränderter
Bewusstseinszustände, konfrontiert den Patienten sehr schnell und direkt mit
verdrängten Erlebnissen und ist somit natürlich auch mit bestimmten Risiken (z. B.
Retraumatisierung) behaftet. Umso wichtiger sind ein adäquates Setting, die
Einbettung in einen laufenden Therapieprozess und die Begleitung durch
entsprechend ausgebildete Therapeutinnen, die auf eigene „Substanzerfahrungen“
zurückgreifen können und in der Lage sind, die ausgelösten Prozesse zu steuern und
achtsam und kompetent zu begleiten. Zudem ist eine umfassende Vorabklärung des
psychischen und physischen Zustandes der Patienten essentiell und unabdingbar.

18
Zusammenfassend gelangt die vorliegende Arbeit zum Schluss, dass die SPT ethisch
vertretbar und für gewisse Störungsbilder bei Patientinnen mit einer einigermassen
stabilen Persönlichkeitsstruktur nutzbringend anwendbar ist.

Ebenfalls lassen die durchgeführten vielfältigen Studien den Schluss zu, dass die SPT
über ein beachtliches Heilungspotential verfügt, das durch die gesetzlichen Verbote
der angewendeten Substanzen bisher nicht adäquat genutzt werden konnte.

19
8. Anhang: Fallbeispiele

Die nachstehenden Texte sind Originalprotokolle, erstellt nach MDMA-unterstützten


Psychotherapiesitzungen. Diese Protokolle wurden mir von den zwei Patientinnen zur
Verfügung gestellt unter der Bedingung der Anonymisierung. Die Namen der
Patientinnen sind mir bekannt.

1. Fallbeispiel: E. G., 43-jährige Managerin, sehr kontrolliert, distanziert, zurückhaltend

Ich stehe in einem Strom; um mich herum fliesst das Wasser, teilt sich vor mir,
schliesst sich hinter mir; es führt verschiedenste Dinge mit sich. Ich möchte einige
davon festhalten, in die Hände nehmen, anschauen, behalten. Doch es funktioniert
nicht. Alles fliesst an mir vorbei, macht einen Bogen um mich herum – nichts ist für
mich. Ich begreife es nicht, es macht mich ratlos und traurig. Später (ich befinde mich
in meiner Kindheit) schwanke ich hin und her. Irgendwie weiss ich, wer ich bin, was ich
möchte und kann. Doch es scheint nicht richtig zu sein, scheint nicht in meine
Umgebung zu passen. Bin ich doch falsch? Ich darf nicht so sein bzw., wenn ich es
doch bin, bekomme ich nichts. Es macht mich trotzig, wütend, ohnmächtig. Ich lerne
mich anzupassen. Es fühlt sich an, wie wenn man etwas Gerades leicht verdreht. Es
ist einfach nicht mehr richtig. Ich lebe mit dieser Drehung, sie wird zur Normalität. Ich
passe mich an. Ich ziehe mich in mich selbst zurück, lebe ein Innen- und ein
Aussenleben. Ich sehe C. an. Er sitzt da, stark, klar, unabhängig, frei. Er sieht schön
aus. Ich liebe ihn. Kann ich diese Liebe für mich beanspruchen? Werde ich ihn
verlieren, wenn er erkennt, wer er wirklich ist, wie viel Kraft er hat? Ich fühle
Unsicherheit, Zweifel, Verlustangst und auch Eifersucht. Irgendwann kommt V. und
fragt mich, was mir C. bedeutet. Ich versuche, mir darüber klar zu werden, eine
Antwort zu formulieren. V. wartet, fragt nach. Es sind so viele verschiedene
Puzzleteile, sie lassen sich nicht fassen, nicht bündeln, nicht in ein, – zwei Sätze
packen. Er ist Freude für mich. Er ist Herausforderung für mich. Er löst Ängste in mir
aus. Er weckt manchmal Wut und Aggressionen in mir. Er konfrontiert mich mit mir
selbst – mit den schönen und weniger schönen Aspekten. Er hat mich gelehrt, wieder
zu vertrauen, wieder zu lieben, mich selbst neu zu entdecken. Er ist Leben. Er ist Kraft.
Er ist Kind und Mann und Lebenspartner. Zwischendurch gelingt es mir, meine eigene
Kraft zu fühlen, eine ganz unmittelbare, körperliche Kraft. Sie konzentriert sich in
meinem Unterleib. Dort wird es ganz warm, strömend, kraftvoll. Wenn ich es nicht

20
mehr aushalte, es mir zu viel wird, steige ich aus und gehe in den leeren Raum des
Nichtfühlens. So wechsle ich einige Male hin und her. Nach dem Abendessen lege ich
mich auf meine Matratze. D. sitzt neben mir und zeichnet mit ihren Fingern meine
Gesichtslinien nach. Die Berührungen sind fein und zart. Ich kann diese einfach
annehmen. K. hat seinen Kopf auf meinem Bauch gelagert und auch vier bis fünf
andere Mitreisende liegen sehr nahe bei mir. Ich halte diese Menge an Menschen,
Energien fast nicht aus. Am liebsten würde ich meine Matratze nehmen und diese in
einem freien Teil des Raums neu platzieren (leider ist sie zu schwer und ich müsste zu
viele Menschen „verscheuchen“). Also halte ich die Situation aus. Dieses ZUVIEL ist
und bleibt für mich ein Thema. Immer wieder finde ich mich in Situationen wieder, in
denen „es“ mir zu viel wird. Zu viele Menschen, zu viele, zu laute Gespräche, zu viele
Gefühle… Es gelingt mir nicht oft, diese durch mich hindurch gehen zu lassen und
dabei bei mir zu bleiben. Ich denke, ich verliere mich dann im Aussen – doch was
dabei genau geschieht und was mein Anteil daran ist, ist mir noch nicht ganz klar.

2. Fallbeispiel: A. Z., 46-jährige Ärztin, traumatisches Erlebnis in der Kindheit

Ich liege auf meiner Matte, richte mich ein, warte. Gedanken floaten, das Erste was
sich festhackt ist, dass ich dauernd meinen Unterleib und seine Funktionen
kontrolliere, halte – teils bewusst, teils unbewusst. Das Gefühl, ich dürfe nicht
loslassen, da sonst ein „Unglück“ passieren könnte. Schon beginnen meine Gedanken
darum zu kreisen, ob ich nun aufs Klo muss oder nicht. Eine Weile warte ich ab, dann
gehe ich, obwohl wohl noch nicht viel Zeit vergangen ist. Zurück auf meiner Matte; ich
fühle mich ruhig, gelassen, still. Ich sehe mich leicht, luftig, fröhlich, fühle mich
glücklich. Rund um mich herum wird geweint, gestöhnt, geflucht – einige stecken fest.
Darf ich glücklich sein, wenn die anderen unglücklich sind, wenn die anderen leiden?
Kurz blende ich in meine Kindheit zurück und sehe, wo der Ursprung dieses
„Dilemmas“ liegt. Da meine Mutter während Jahrzehnten depressiv war, gab es für uns
Kinder und für meinen Vater keinen Platz für Freude, aber auch keinen Platz für
eigenen Schmerz, für eigene Trauer. Alle Luft wurde von ihr eingesogen. Für uns blieb
kein Raum, keine Luft zum Atmen. (Vielleicht atme ich deshalb immer so flach?) Doch
ich stelle dies nur fest, registriere es – da ist kein Schmerz mehr – und verlasse die
Szene wieder. Der Satz: „Darf ich glücklich sein, wenn die anderen unglücklich sind,
wenn die anderen leiden?“ begleitet mich noch eine Weile, doch ich bleibe bei mir,

21
entscheide für mich, dass ich das darf. Ich beobachte die anderen, sehe K. an. Sie
lächelt nicht, schaut mich nur an, verzieht keine Miene. Ich sehe Bitterkeit in ihrem
Gesicht; Bitterkeit, die sie im Alltag nie zeigt. Ich muss nichts tun, muss nicht zu ihr,
muss keine Verantwortung dafür übernehmen, dass es ihr wieder gut geht, dass auch
sie glücklich sein kann. Ich kehre zu mir und meinen schönen Gefühlen zurück.
Irgendwann ruft B. D. zu sich, da sie auf ihrer Matte weint, stöhnt. Da mein Platz neben
B. ist, kommt sie dadurch neben mich zu liegen. Zuerst denke ich: „Oh nein, das mag
ich jetzt nicht aushalten! Muss das sein?“ Ich spiele sogar mit dem Gedanken, meinen
Platz zu räumen und mich im Gegenzug auf ihre Matratze zu legen. Doch nein, das
will ich nicht. Eine Weile bin ich damit beschäftigt, mich abzugrenzen, dann lasse ich
es, konzentriere mich wieder auf mich selbst. Dieses Mal kann ich die einzelnen
Teile/Phasen der Sitzung ganz klar wahrnehmen. Später spüre ich meine Klarheit. Die
Klarheit, die ich bis anhin nur isoliert oder aber in Verbindung mit der Kraft der
untersten Chakren gefühlt habe. Dieses Mal gelingt es mir, sie mit dem Herzen, mit der
Herzensenergie und meinem Glücklich-Sein zu verbinden. Ich weiss, dass ich um zu
helfen nirgendwo hingehen muss, nichts TUN muss. Ich kann einfach sein und die
Klarheit durch mich hindurch und aus mir heraus in den Raum fliessen lassen. So
stelle ich einen Teil meiner Selbst zur Verfügung, teile ihn mit anderen, teile mich mit.
Irgendwann denke, fühle ich, dass ich das Leben einatme. Bis anhin versuchte ich
mich oft abzugrenzen, wollte den Schmerz, die Trauer, die Wut, den Hass, der
anderen Menschen nicht haben, wollte zuerst alles filtern, entscheiden, was ich bis zu
mir durchlasse und was nicht. Ich sehe, dass dies nicht geht, dass ich mich so vom
Leben abschneide. Es fühlt sich ein wenig unsicher an, doch ich entscheide mich,
künftig das Leben tiefer einzuatmen. Ich habe mich früher oft gefragt, ob es denn nie
aufhört, immer wieder kommt etwas Neues, das es anzuschauen, durchzugehen und
aufzulösen bzw. zu integrieren gilt. Ist es wohl möglich, irgendwann mit der
„Aufräumarbeit“ aufzuhören, einfach zu leben, glücklich zu sein, die Vergangenheit als
Teil meiner Selbst zu betrachten, der Zukunft vertrauensvoll und etwas gelassener
entgegen zu blicken und die Gegenwart so richtig zu geniessen? Ich glaube, ich habe
einen Blick auf diesen Zustand „erhascht“…

22
3. Fallbeispiel: A. Z., 46-jährige Ärztin, traumatisches Erlebnis in der Kindheit

Ich starte meine Reise mit B.‘s Worten; er sprach über die Liebe, das Vertrauen zu
sich selbst, über die Sicherheit, die aus mir selbst erwächst, über die Geborgenheit,
die ich in mir selbst finde. Ich lausche in mich hinein; suche nach der Eigenliebe, finde
sie nicht; versuche es mit Vertrauen, Vertrauen in mich selbst. Bilder, Erlebnisse
tauchen auf, ein leises Gefühl von Vertrauen lässt sich in meinem Innern entdecken.
Auch Sicherheit kann ich finden, mit der Geborgenheit tue ich mich wieder schwer.
Dann kehre ich nochmals zur Liebe zurück und nun ist da ein kleines Samenkorn, das
ich in meine Erde einpflanzen kann. Dann verweile ich beim Thema „Hilfe“. Ich möchte
meiner Mutter nicht mehr helfen. Ich möchte diese Last nicht mehr tragen. Ich möchte
mich aber auch nicht dagegen auflehnen, dafür kämpfen müssen, diese Last nicht
mehr tragen zu müssen. Ich will sie einfach nieder legen, aus freiem Willen, ohne Wut,
ohne Zorn, ohne Abhängigkeit. Es streift mich kurz das Thema „Ohnmacht/Macht“. Ich
war als Kind ohnmächtig. Ich war alleine, ohne Hilfe oder Unterstützung, ohne
Wegweiser oder Rückendeckung. Und doch hatte ich auch Macht. Ich war die Retterin
meiner Mutter. Ich sorgte für sie, ich entschied für sie, ich bestimmte über richtig oder
falsch. Für mich hing an diesem „richtig oder falsch“ immer auch „stirbt sie oder lebt
sie“. Ich war die Hüterin über Leben und Tod – was für eine Macht – und was für eine
Verantwortung – und was für eine Last! Ich blieb bei der Hilfe – muss ich K. helfen?
Muss ich ihren Prozess (schon wieder) begleiten? Muss ich ihr helfen, da sie mich in
letzter Zeit auch unterstützt hat, muss ich ihr helfen, da sie selbst auch immer für mich
da ist? Ich spüre meine Abwehrhaltung, weiss, dass sie mit meiner Geschichte
zusammenhängt. Darüber hinaus möchte ich diesen Prozess nicht begleiten. Ich bin
ihre Freundin, nicht ihre Therapeutin. Doch ich sehe auch, dass ich insofern helfen
kann, dass ich einfach da bleibe und nicht „Reissaus“ nehme, wenn ich ihre
Bedürftigkeit spüre. Sie ist nicht meine Mutter! Während der Reise bleibe ich präsent
neben ihr, tue aber nichts. Irgendwann nehme ich W.‘s Schmerzen wahr. Wieder diese
Thematik: muss/soll/ -kann ich helfen? Ich schaue hinüber; sehe V. und B. bei ihm
und bleibe liegen. In mir fühlt es sich ruhig an. Ich kann bleiben, muss nichts tun, für
ihn ist gesorgt. Dann wird es ruhig, still, leer – langweilig. Doch diesmal bekämpfe ich
diese Leere, dieses Nichts nicht, wehre mich nicht dagegen, will es nicht weg haben
(oder zumindest nur ansatzweise). Irgendwann setze ich mich zwischen V.‘s Beine (sie
sitzt auf dem Stuhl) auf den Boden. Da ist Ruhe, Gelassenheit, Frieden, ruhige

23
Freude, Akzeptanz, Sein, das Gefühl in Frieden mit mir und der Welt zu sein. Ich kann
mich dem hingeben und bin doch ganz bei mir.

24
9. Literaturverzeichnis
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27
10. Abkürzungsverzeichnis

ACMD Advisory Council on the Misuse of Drogs


BAG Bundesamt für Gesundheit der Schweiz
EPT Europäische medizinische Gesellschaft für Psycholytische Therapie
MAPS Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies
PTBS Posttraumatische Belastungsstörung
SÄPT Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Therapie
SPT Substanz-unterstützte Psychotherapie
WHO Weltgesundheitsorganisation

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