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"Eine grundlose Hysterie"

Ungarn hat eine neue Verfassung. Viele fragen, ob welchen Kurs die rechts-
konservative Regierung damit einschlägt. Der Parlamentarische Staatssekretär im
Innenministerium, Bence Rétvári, bezieht Stellung, im Gespräch mit Sven Matis.

Matis:
Herr Staatssekretär, was glauben Sie: welches Bild hat man im Ausland dieser Tag von
Ungarn?

Rétvári:
Ich zweifle nicht daran, dass das Bild weiterhin positiv ist. Man schätzt Ungarn
aus kulturellen, touristischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Durch die
Ratspraesidentschaft konnten wir europaweit Akzente setzen.

Matis:
Bezieht sich dieser Eindruck auch auf die ungarische Regierung?

Rétvári:
Wir haben in den letzten Monaten eine grundlose Hysterie im Ausland erlebt, die
zum großen Teil auf unbegründeter Kritik basierte. Wir mussten leider
beobachten, dass innenpolitischer Streit auf auswärtigen Bühnen ausgetragen
wurde. Der Tiefpunkt ist aber durchschritten.

Matis:
Sie meinen die Diskussion um das Mediengesetz?

Rétvári:
In der Tat. Wir halten das Gesetz nach wie vor für wichtig und richtig. Zudem
haben wir es von der EU-Kommission überprüfen lassen. Drei Punkte hat sie
angemerkt, wohlgemerkt alles Punkte technischer Natur. Diese haben wir
korrigiert.

Matis
Die Regierung ist rund ein Jahr im Amt. Ihr Fazit?

Rétvári:
Sehen Sie, die Ungarn haben vergangenes Jahr an den Wahlurnen eindrucksvoll
gezeigt, dass Sie eine Kehrtwende wollen. Wir mussten mit den Versäumnisse der
letzten Jahre aufräumen, wir haben auch zahlreiche Tabuthemen angepackt...

Matis:
...und die wären?

Rétvári:
Ungarn leidet noch unter einer Staatsverschuldung von 80% des BIPs, wir wollen
sie langfristig unter 50% drücken. Deswegen haben wir Steuern für Banken und
Kreditinstitute eingeführt, sowie für die Sektoren Energie, Telekommunikation und
Einzelhandel.
Matis:
Das ist nicht auf viel Gegenliebe gestossen. Koennen Sie ueberhaupt Erfolge Ihrer
Wirtschaftspolitik vorweisen?

Rétvári:
Wir halten die Entlastung der kleinen und mittleren Unternehmen für wichtig. Wir
haben die 16 prozentige "Einschlüsselsteuer" eingeführt, dadurch bleiben 500
Millionen Euro bei den Bürgern. Obwohl sich die Beschäftigung insgesamt in dem
vergangenen Jahr nicht besonders verändert hat, lohnt es sich, hinter die Zahlen
zu schauen. Während die Zahl der Beschäftigten in der Finanzsphäre Die Zahl der
Mitarbeiter bei den Unternehmen, die 5 oder mehrere Mitarbeiter beschäftigen, hat
sich im Vergleich zum letzten Jahr um 3% vergrößert.
Die Körperschaftssteuer haben wir unter 2 millionen Euro auf 10% gesenkt.

Matis:
Die neue Verfassung stößt in vielen deutschensprachigen Medien auf Unverstaendnis,
insbesondere der nationale Pathos wirkt abschreckend...

Rétvári:
Fast alle sozialistischen Staaten haben sich mittlerweile eine demokratische
Verfassung gegeben. In Ungarn gab es 40 Jahre lang eine international-
sozialistische, 20 Jahre lang eine provisorische - und ab Ostern endliche eine
nationale. Im übrigen gibt es in Irland und Griechenland Verfassungen, die
deutlich starker die nationale Karte spielen.

Matis:
Aber ist die Präambel nicht doch ein bisschen zu viel des Guten?

Rétvári:
Wir brauchen dringend etwas identitätsstiftendes. Wir sind 10 Mio. Ungarn in einer
EU mit fast 500 Millionen Menschen. Die Verfassung zeigt unser Selbstbild und
unseren Platz in Europa.

Matis:
Wie passt so viel Nation mit dem Motto der Ratspräsidentschaft "Ein starkes Europa"
zusammen?

Rétvári:
Das ist simpel. Nur wenn die Nationen wirtschaftlich stark sind und
selbstbewusst, ja souverän handeln können, haben wir ein starkes Europa.

Matis:
Wie transparent ist die Verfassung?

Rétvári:
Wir haben politische Organisationen sowie alle Wahlberechtigten konsultiert. Von
den in Ungarn akreditierten 10 juristischen Fakultaeten haben 8 konstruktiv an der
Konsultation des Verfassungsenwerfs teilgenommen. Und das Ergebnis kann sich
sehen lassen. Wir haben eine Million Fragebögen erhalten und ausgewertet. Die
Ergebnisse finden sich in der neuen Verfassung wider.
Matis:
Trägt eine konservative Verfassung zur politischen Aussöhnung bei?

Rétvári:
Die Aussoehnung ist ein Thema, das wir ernst nehmen. Wir haben im
Verfassungsprozess eng mit den Sozialisten zusammengearbeitet, vor allem mit
Frau Szili, der ehemaligen Vositzenden des Parlaments. Ich denke, es ist nicht
unser Fehler dass die MSZP nicht zur Vorbereitung des Grundgesetzes beitragen
hat.

Matis:
Vielen Dank für das Gespräch!