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Norbert Herrmann

Mathematik
und Gott
und die Welt
Was haben Kunst, Musik oder Religion
mit Mathematik am Hut?
2. Auflage
Mathematik und Gott und die Welt
Norbert Herrmann

Mathematik und Gott


und die Welt
Was haben Kunst, Musik oder Religion mit
Mathematik am Hut?

2. Auflage

123
Norbert Herrmann
Hannover
Deutschland

ISBN: 978-3-662-48722-8 ISBN: 978-3-662-48723-5 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-662-48723-5

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Planung: Dr. Andreas Rüdinger

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Vorwort

Ein Mathematiker, der nicht irgendwie ein Dichter ist,


wird nie ein vollkommener Mathematiker sein.
Karl Weierstraß
Ein Leser, Herr Dr. O., Mathematiker, schrieb mir folgendes Erlebnis:

Eines Nachmittags kam ein Anruf aus einer Kneipe. Der Wirt sagte zu mir: Du

bist doch Mathematiker. Wir haben hier einen Gast, der will nicht glauben,
dass 1=2 mal 1=2 D 1=4 ist. Erklär du ihm das mal.“ Ich sagte: Gib ihn mir

mal ans Telefon.“ Ich kam gar nicht zu Wort. Mein Gegenüber: Du kannst

mir viel erzählen. 1=2 mal 1=2 ist doch 1, man muss doch mit dem Kehrwert
multiplizieren.“ Meine Einwände blieben fruchtlos. Da kam mir der rettende
Gedanke: der Taschenrechner als anerkanntes Beweismittel. Habt ihr an der

Theke einen Taschenrechner?“ Ja.“ Also tippt jetzt mal ein: 0,5, ist doch
” ”
1/2, nicht wahr?“ Ja.“ Und jetzt die Maltaste und nochmal 0,5 eingeben
” ”
und dann die Gleichtaste. Und was kommt dann?“ Am anderen Ende der
Leitung: Scheiße, jetzt habe ich 100 Euro verloren.“ Dass 0; 25 D 1=4 ist,

war offensichtlich bekannt.
Sie werden diese kleine Geschichte vielleicht gar nicht so erzählenswert finden?
Nun, zwei Aspekte beunruhigen mich dabei:
• Die Bruchrechnung lernen wir normalerweise in der sechsten Klasse. Da
braucht es doch keinen promovierten Mathematiker, um hier Probleme zu
lösen.

V
VI Vorwort

• Wenn man aber meint, hier unbedingt die Erkenntnis eines Mathematikers
zu benötigen, so steht dahinter wohl die feste Überzeugung, dass Bruch-
rechnung ein wesentlicher Bestandteil des Mathematikstudiums ist.
Ich bin sicher, dass kaum jemand meint, dass man im Studium der Germanis-
tik die Kommaregeln lernt. Wahrscheinlich ist auch den meisten Menschen
klar, dass man im Studium der Theologie nicht das Vaterunser auswendig
lernt. Auch wird man vermuten, dass ein Historiker nicht Geschichtszahlen
paukt. Man hat sicher keine genauen Vorstellungen von all diesen Studien-
gängen, aber man ist sich doch ziemlich einig, dass ein wissenschaftliches
Studium nicht mit sturem Auswendiglernen verwechselt werden darf.
Warum aber glaubt offensichtlich kein geringer Teil der Bevölkerung, dass
Mathematiker im Studium das Einmaleins lernen?
Genau hierhin, nämlich mit solchen Irrtümern aufzuräumen, habe ich bei
diesem Buch meinen Schwerpunkt gelegt. Dazu will ich in den folgenden
Kapiteln versuchen, Zusammenhänge zwischen Mathematik und anderen als
große Geisteswissenschaften anerkannten Themen herzustellen. Das sind die
Literatur, die Kunst, damit einhergehend die Architektur, die Musik und die
Religion.
In diesem Buch möchte ich Ihnen die Erkenntnis nahebringen, dass Ma-
thematik eine Geisteswissenschaft ist – eine Einsicht, die dann auch unser
oben gewähltes Motto des großen Mathematikers Karl Weierstraß (1815–1897)
erklärt.
Mein ausgesprochener Dank geht an Springer Spektrum Verlag und hier
insbesondere an meinen Lektor Dr. Andreas Rüdinger, der mit vielen Diskus-
sionen und hilfreichen Anmerkungen wesentlich zur Verbesserung beigetra-
gen hat. Frau Mechler vom Springer Spektrum Verlag sei ebenfalls vielmals
gedankt. Sie hat sich sehr um die Umsetzung des Manuskriptes verdient
gemacht.
Zum Schluss möchte ich wieder meiner Frau ganz herzlich danken. So viel
Geduld, wie sie jedes Mal gerade in der Endphase eines Buches aufbringt, sucht
ihresgleichen. Ich musste nicht einmal mehr die Spülmaschine ausräumen.
Liebe Leserinnen, liebe Leser, wenn Sie Anregungen oder Verbesserungen
vorschlagen möchten, nutzen Sie bitte den Kontakt über meine Homepage
www.mathematikistueberall.de.
Norbert Herrmann
Inhaltsverzeichnis

1 Mathematik in der Kunst 1


1.1 Schönheit in der Mathematik 1
1.2 Leonardo da Vinci 2
1.3 Albrecht Dürer 16
1.4 Magische Quadrate 20
1.5 Johann Wolfgang von Goethe 27
1.6 Sir Christopher Wren 33
1.7 Karl Wilhelm Pohlke 37
1.8 Gottfried Semper 39
1.9 Antoni Gaudi 40
1.10 Marc-M. J. Wolff-Rosenkranz 43
1.11 Ausblick 44

2 Mathematik in der Musik 47


2.1 Wohltemperierte Klaviere 47
2.2 Mozarts Würfelmusik 54
2.3 Klassen in der Mathematik 58
2.4 Melodien finden leicht gemacht 61

3 Mathematik in der Sprache 67


3.1 Die Suche nach dem größten gemeinsamen
Nenner 67
3.2 Hinweis auf das Wurzelziehen 72
3.3 Wir wollen die Politik verstetigen 73
3.4 Er versuchte die Quadratur des Kreises 76

VII
VIII Inhaltsverzeichnis

3.5 Wo sind unsere Schnittmengen? 80


3.6 Wir begegnen uns auf Augenhöhe 81
3.7 Ich tue, was ich kann 82
3.8 Wo ist der Euro? 82

4 85. Geburtstag 85
4.1 Liebe Schwiegermutter! 85
4.2 Womit beschäftigen sich Mathematiker? 86
4.3 Die Zahlen deines Lebens 87
4.4 Die Zahl Null 87
4.5 Die Zahl 85 92
4.6 85 ist überall 94

5 Gott macht keine Physemathenten 97


5.1 Zur Mathematik 98
5.2 Zur Physik 117
5.3 Zu Gott 130

6 Ein Mathematikquiz 133


6.1 Das Quiz 133
6.2 Die Lösungen 135

Literaturverzeichnis 145

Sachverzeichnis 147
Abbildungsverzeichnis

Abb. 1.1 Skizze zum Satz des Pythagoras


Abb. 1.2 Von Leonardo da Vinci erweiterte Skizze zum Satz des Pythagoras
Abb. 1.3 Von Leonardo da Vinci ausgedachtes Perpetuum mobile“ , Nachbau in

einer Ausstellung
Abb. 1.4 Skizze von Leonardo da Vinci zum Beweis der Unmöglichkeit eines
Perpetuum mobile
Abb. 1.5 Die Originalzeichnung von Marcus Vitruvius Pollio (© WHA/United
Archives/Picture-alliance)
Abb. 1.6 Der vitruvianische Mensch von Leonardo da Vinci (© Cameraphoto/
akg-images/Picture-alliance)
Abb. 1.7 Die italienische 1-Euro-Münze
Abb. 1.8 Selbstbildnis von Albrecht Dürer aus dem Jahre 1498 (© Erich
Lessing/akg-images/Picture-alliance)
Abb. 1.9 Kupferstich Melencolia I von Albrecht Dürer (© Internationale Tage
Ingelheim)
Abb. 1.10 Magisches Quadrat aus dem Kupferstich Melencolia I
Abb. 1.11 Die zentralsymmetrische Eigenschaft des Dürer-Quadrates
Abb. 1.12 Zusammenhang mit dem Todestag von Dürers Mutter
Abb. 1.13 Magisches Quadrat der Ordnung 3
Abb. 1.14 Magisches Quadrat der Ordnung 7
Abb. 1.15 Magisches Quadrat der Ordnung 7 mit Schrägzeilen
Abb. 1.16 Ein Quadrat der Ordnung 3 als Vorgabe für Goethes Hexeneinmaleins
Abb. 1.17 Goethes unvollständiges Hexeneinmaleins
Abb. 1.18 Das vervollständigte Hexeneinmaleins
Abb. 1.19 Wieder das Quadrat der Ordnung 3 als Vorgabe für Goethes Hexenein-
maleins
Abb. 1.20 Das Quadrat nach drei Zeilen der Hexe
Abb. 1.21 Das Quadrat nach zehn Zeilen der Hexe

IX
X Abbildungsverzeichnis

Abb. 1.22 Das Quadrat nach zwölf Zeilen der Hexe


Abb. 1.23 Das vollständige magische Quadrat nach Goethes Hexeneinmaleins
Abb. 1.24 Die Zykloide
Abb. 1.25 Die Zykloide als Tautochrone
Abb. 1.26 Die Zykloide als Brachistochrone
Abb. 1.27 Meine rechte Hand mit gespreizten Fingern
Abb. 1.28 Veranschaulichung des Hauptsatzes von Pohlke
Abb. 1.29 Die weltberühmte Semperoper in Dresden
Abb. 1.30 Die Sagrada Familia in Barcelona
Abb. 1.31 Das magische Quadrat an der Sagrada Familia
Abb. 1.32 Vergrößerung des magischen Quadrates an der Sagrada Familia
Abb. 1.33 Bild zur GAGA-Hummel-Hummel-AG von Marc-M. J. Wolff-
Rosenkranz
Abb. 2.1 Einteilung der Mathematik in 60 Klassen
Abb. 2.2 Ein Blick in die Unterklasse 65 N 30
Abb. 2.3 Auszug aus dem alphabetisch sortierten hinteren Teil des Buches
Abb. 2.4 Auszug aus der Sammlung musikalischer Themen
Abb. 3.1 Eine bei x0 nicht stetige Funktion
Abb. 3.2 Stetige Funktionen
Abb. 3.3 Veranschaulichung des Zwischenwertesatzes
Abb. 3.4 Verdopplung des Quadrates
Abb. 4.1 Vier Karten aus meinem Kartenspiel
Abb. 5.1 Der Zahlenstrahl
Abb. 5.2 Eine Brücke aus sechs übereinandergelegten Steinen
Abb. 5.3 Ein großer Kreis (Durchmesser 2), in den viele kleinere Kreise
hineingezeichnet sind
Abb. 5.4 Der gleiche große Kreis wie in Abb. 5.3 (Durchmesser 2), jetzt aber sind
die kleinen Kreise ineinandergezeichnet
Abb. 5.5 Erklärung der Euklidischen Norm mittels das Satzes von Pythagoras
Abb. 5.6 Alle Punkte, die denselben Abstand vom Nullpunkt haben, liegen auf
einem Kreis
Abb. 5.7 Eine andere Möglichkeit, den Abstand zu messen. Wir betrachten nur
die längste Koordinate eines Vektors. Diese bestimmt den Abstand
Abb. 5.8 Alle Punkte, die denselben Abstand vom Nullpunkt haben, liegen
diesmal auf einem Quadrat. Dieses ist also der Kreis“ in dieser neuen

Abstandsbestimmung
Abb. 5.9 Gegenüberstellung der beiden Abstandsbegriffe. Der Kreis gehört zum
bekannten euklidischen Abstand, das Quadrat gehört als Kreis“ zum

neuen Abstand, der mit der maximalen Koordinate des Vektors bestimmt
wird
Abb. 5.10 Albert Einstein auf einem meiner Schlipse
1
Mathematik in der Kunst

1.1 Schönheit in der Mathematik


Für viele Menschen sind die beiden Begriffe Mathematik“ und Kunst“
” ”
geradezu Gegensätze. Mathematik, diese doch so trockene und häufig auch
viel zu schwierige Zahlenrechnerei – In Mathe war ich immer schlecht! – und
dagegen die so anmutige, leicht beschwingte Muse der Kunst – wie kann das
zusammengehen? Tatsächlich gibt es in vielen Teilbereichen Zusammenhänge
zwischen Kunst und Mathematik. Denken Sie z. B. an die Perspektive in
der Malerei. Ich werde an vielen Beispielen zeigen, wie sich Künstler häufig
Anregungen aus der Mathematik geholt haben.
Aber auch umgekehrt betätigen sich viele Mathematiker als Künstler. Ja,
viele Mathematiker sprechen gar von ihrer eigenen Wissenschaft als einer
abstrakten Schönheit. So hat in einem Wettbewerb, welches die schönste
mathematische Formel sei, folgende Formel von Euler klar das Rennen ge-
wonnen:
ei C 1 D 0
Diese Formel enthält die wichtigsten mathematischen Konstanten:

1. Die Euler’sche Zahl

e D 2; 71828182845904523536028747135266249775724709369995 : : :;

hier mit 50 Nachkommastellen wegen der vorgegebenen Buchbreite. Sie ist


die Basis der natürlichen Logarithmen.

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016 1


N. Herrmann, Mathematik und Gott und die Welt,
DOI 10.1007/978-3-662-48723-5_1
2 1 Mathematik in der Kunst

2. Die Kreiszahl

 D 3; 14159265358979323846264338327950288419716939937510 : : :;

wiederum mit 50 Nachkommastellen. Sie gibt bei jedem Kreis das Verhält-
nis von Umfang zu Durchmesser an.
3. Die komplexe Einheit i D .0; 1/ in der Gauß’schen Zahlenebene.
4. Die neutrale Zahl 1 bei der Multiplikation.
5. Die neutrale Zahl 0 bei der Addition.

Ja, wirklich, wir Mathematiker empfinden diese Formel als schön. Sie
kombiniert die wichtigsten mathematischen Konstanten miteinander. Zudem
ist die für alle Anwender der Mathematik so wichtige Exponentialfunktion
beteiligt. Diese Formel strahlt eine Souveränität aus wie kein1e andere. Sie ist
einfach schön.
Mit Hilfe der Gleichung von Leonhard Euler (1707–1783)

ei' D cos ' C i  sin '

und dem Wissen aus der Schule, dass

cos  D 1; sin  D 0

ist, kann man diese schöne Formel auch unmittelbar beweisen; denn wir
erhalten

ei C 1 D cos  C i  sin  C 1 D 1 C i  0 C 1 D 0:

Nun, ich will im Folgenden an Beispielen zeigen, wo sich herausragende


Künstler durchaus an die Mathematik herangewagt und dann ihre mathema-
tischen Erkenntnisse mit ihrer großen Kunst verbunden haben.

1.2 Leonardo da Vinci


Er war Maler, Zeichner, Bildhauer, Architekt, Dichter, Musiker, Geologe,
Anatom, Kartograf, Stadtplaner, Mechaniker, Ingenieur, Philosoph, Naturwis-
senschaftler und nicht zuletzt Mathematiker.
Leonardo da Vinci wurde am 15. April 1452 in Anchiano nahe bei Vinci,
einem kleinen Dorf in der Nähe von Florenz, geboren. Seine Mutter Catarina
1.2 Leonardo da Vinci 3

war eine getaufte Sklavin aus Nordafrika, sein Vater Ser Piero da Vinci war
bei Leonardos Geburt 25 Jahre alt. Er war ein angesehener Notar und konnte
daher in der damaligen Zeit unmöglich eine Hausangestellte, als die Leonardos
Mutter arbeitete, heiraten. Leonardo wuchs aber trotzdem im Hause seines
Vaters auf, durfte aber als uneheliches Kind nur eine Volksschule besuchen.
Latein lernte er erst in späten Jahren. Daher darf man mit Fug und Recht
davon ausgehen, dass Leonardo die Arbeiten und Erfindungen aus dem alten
Griechenland und aus Rom nicht kannte.
Als Leonardo einmal die Schwerpunkte seiner Arbeit hierarchisch auflisten
sollte, bezeichnete er sich zuerst

• als Architekt,
• dann als Bildhauer
• und dann erst als Maler.

Auf seinen weiteren Lebensweg will ich nicht näher eingehen, sondern
lediglich die Punkte herausheben, die Leonardos Verbindung zur Mathematik
zeigen.

Der Satz des Pythagoras

Dieser Abschnitt bietet eine gute Gelegenheit, mit einem alten Vorurteil
aufzuräumen. Selten trifft man jemanden, dem der Satz des Pythagoras
unbekannt ist. Die meisten Menschen sagen aber als spontane Antwort: Ja,
klar, Pythagoras ist doch
a 2 C b 2 D c2 :

Da blickt man als Mathematiker etwas ratlos; denn was meint der nur mit
a und b und c? Ohne eine Erklärung ist das doch nur eine leere Formel.
Dahinter steckt das Vorurteil, dass sich Mathematiker mit Zahlen, wenn es
hoch kommt, vielleicht noch mit Formeln befassen. Ich denke da an einen
bekannten Film, in dem ein offensichtlich hochbegabter Junge schwierigste
mathematische Aufgaben löst, obwohl er eigentlich nur den Flur fegen soll.
Kurz danach kommt die Filmsequenz, über die ich mich ärgere. Da stehen
nämlich dieser Junge und ein Lehrer an der Tafel und sollen wohl irgendwie
mit Mathematik umgehen. Das entwickelt sich dann so, dass der Junge eine
Formel an die Tafel schreibt. Daraufhin stöhnt der Lehrer auf, wischt die
Formel weg und schreibt selbst eine andere an. Darauf stöhnt der Junge
und ändert die Formel durch Wischen ab. Das geht so eine Weile, ohne
4 1 Mathematik in der Kunst

dass einer der beiden außer Stöhnen ein Wort hervorbringt. Da hatte wohl
der Drehbuchschreiber den Gedanken im Kopf, dass Mathematiker nur mit
Zahlen und Formeln um sich werfen, anderes können sie aber nicht von sich
geben.
Hier an diesem Beispiel sehen Sie den Unterschied. Wenn wir erklären
wollen und sollen, was die Formel oben ausdrückt, so müssen wir eine ganze
Menge reden. Das sieht dann so aus:

Satz 1.1 Gegeben sei ein beliebiges rechtwinkliges Dreieck mit den beiden Ka-
theten a und b und der Hypotenuse c. Über jeder der drei Seiten zeichnen wir
das Quadrat mit dieser Seitenlänge. Dann sind die Flächen der beiden Katheten-
quadrate zusammen genauso groß wie die Fläche des Hypotenusenquadrates, in
Zeichen gilt also:
a 2 C b 2 D c2

Das waren doch drei grammatikalisch richtige und vollständige Sätze. So


sprechen Mathematiker, die Formel ohne diese Erklärung ist inhaltsleer. Und
in der Mathematik ist es geradezu verpönt, inhaltsleere Aussagen zu machen.
Darum ärgere ich mich über diese falsche Darstellung in dem Film.
Nebenbei sei bemerkt, dass wir diesen Satz“ natürlich auch als nur einen

Satz formulieren könnten; dann müssten wir die im Konjunktiv geschriebenen
Voraussetzungen in einem wenn-Satz“ formulieren, z. B.: Wenn in einem

beliebigen rechtwinkligen Dreieck die beiden Katheten mit a und b und die
Hypotenuse mit c bezeichnet wird und …. Das wäre dann insgesamt ein Satz,
aber er wäre etwas unhandlich.
In der Skizze (Abb. 1.1) zum Satz des Pythagoras wird das Ganze veranschau-
licht:
Die Schwierigkeit dieses Satzes liegt in der Voraussetzung, dass das alles
für ein beliebiges rechtwinkliges Dreieck gelten soll. Beliebig viele, das sind
unendlich viele – wie sollen wir das denn beweisen? Abbildung 1.1 zeigt ein
einziges solches Dreieck. Wenn wir hier nachmessen und sehen, dass es wohl
stimmt, taugt das höchstens zu einer Vermutung. Wir müssen uns eine Kette
von Folgerungen einfallen lassen, die unabhängig von dem gerade zufällig
gewählten Beispiel ist.
Für den Satz des Pythagoras gibt es inzwischen Bücher mit mehr als 200
Beweisen. Da haben sich also viele Leute getummelt. Einer der ersten war
Leonardo da Vinci. In dem Buch des italienischen Mathematikers Fra Luca
Pacioli (1445–1517) mit dem Titel De Divina Proportione, veröffentlicht um
1500, befinden sich Zeichnungen von Leonardo da Vinci; eine davon befasst
sich mit unserem Satz. Schauen Sie sich Abb. 1.2 genau an.
1.2 Leonardo da Vinci 5

G
E
C

A B

I H
Abb. 1.1 Skizze zum Satz des Pythagoras

In der Mitte sehen wir das Ausgangsdreieck ABC. Jeweils über den Katheten
und der Hypotenuse sind die zugehörigen Quadrate eingezeichnet. Jetzt
kommen die Ideen von Leonardo dazu. Ganz unten über der Linie HI ist das
Ausgangsdreieck noch einmal gezeichnet. Drei weitere Linien vervollständigen
die Figur. Die Linie EF vervollständigt die Figur nach oben. Die beiden Linien
DG und CJ durchschneiden die Gesamtfigur.
Jetzt schauen wir genauer hin. Ein Teil der Linie DG ist die Diagonale
im Quadrat CBGF, der andere Teil ist die Diagonale im Quadrat ACED.
Beide Diagonalen liegen auf einer Linie, weil Diagonalen im Quadrat unter
45ı auf den Eckpunkt auftreffen und weil bei C ja der rechte Winkel des
Ausgangsdreiecks liegt.
Das ergibt die erste wichtige Erkenntnis, dass die Linie DG die ganze
sechseckige Figur ABGFED in zwei deckungsgleiche Hälften teilt. Wenn wir
also das Viereck DGFE entlang der Linie DG falten, erhalten wir das Viereck
DABG.
Jetzt betrachten wir das Sechseck AIJHBC. Wenn wir dieses ganze Sechseck
um den Mittelpunkt im unteren Quadrat, also den eingezeichneten dicken
Punkt, um 180ı drehen, so überdeckt die gedrehte Figur die alte Figur. Dieses
Sechseck ist also punktsymmetrisch bezogen auf den eingezeichneten dicken
6 1 Mathematik in der Kunst

G
E
C

A B

I H

J
Abb. 1.2 Von Leonardo da Vinci erweiterte Skizze zum Satz des Pythagoras

Punkt. Damit ist das Viereck AIJC nach 180ı Drehung deckungsgleich mit
dem Viereck CJHB.
Wir haben also im oberen Teil der Figur zwei deckungsgleiche Vierecke
und im unteren Teil ebenfalls, wobei das Dreieck ABC in beiden Sechsecken
beteiligt ist, was wir später berücksichtigen müssen.
Jetzt kommt der schwierigste Moment. Wir wollen zeigen, dass das Viereck
ABGD kongruent, also deckungsgleich, zum Viereck AIJC ist.
Die Deckung erreichen wir hier durch eine Drehung um 90ı im Uhrzei-
gersinn um den Punkt A. Wollen Sie es selber herausfinden, oder darf ich kurz
helfen? Nun, wenn wir das Viereck ABGD um A um 90ı drehen, kommt
doch D zum Punkt C und B zum Punkt I. Der Winkel ABG bei B setzt sich
zusammen aus dem (hier nicht eingezeichneten) Winkel ˇ und dem rechten
Winkel CBG. Genau so ist doch nach Konstruktion der Winkel AIJ bei I
zusammengesetzt. Beachten Sie, dass wir das Ausgangsdreieck nach unten an
die Linie IH drangezeichnet haben. Das bedeutet jetzt aber, dass der Punkt G
zum Punkt J kommt. Damit ist die Linie DG direkt auf die Linie CJ gedreht
worden. Beide Vierecke ABGD und AIJC sind deckungsgleich.
1.2 Leonardo da Vinci 7

Jetzt kommen wir zum Schlussspurt. Wir wissen aus obiger Überlegung,
dass die Sechsecke ABGFED und AIJHBC deckungsgleich sind. Jetzt rechnen
wir die Flächeninhalte beider Sechsecke getrennt aus.
Das Sechseck ABGFED besteht aus dem Ausgangsdreieck ABC und dem
dazu deckungsgleichen Dreieck FEC und den beiden Quadraten. Also ist

ab
F ABGFED D 2  C a2 C b2 :
2

Dabei haben wir ausgenutzt, dass ein rechtwinkliges Dreieck ein halbes
Rechteck ist, dass also ein rechtwinkliges Dreieck mit den Katheten a und
b den Flächeninhalt F D ab 2 hat.
Das Sechseck AIJHBC besteht aus dem Ausgangsdreieck ABC, dem dazu
deckungsgleichen Dreieck HIJ und dem großen Quadrat AIHB, also

ab
FAIJHBC D 2  C c2 :
2

Wegen der Gleichheit beider Flächeninhalte erhalten wir

ab ab
FABGFED D 2  C a2 C b2 D FAIJHBC D 2  C c2 :
2 2

Und aus dieser Gleichung folgt sofort

a 2 C b 2 D c2 :

Jetzt haben wir alles bewiesen. Wie, werden Sie fragen, haben Sie denn alle,
wirklich alle rechtwinkligen Dreiecke untersucht? Wir hatten doch nur ein
einziges hingezeichnet und daran argumentiert.
Aber halt, wir haben nur die Rechtwinkligkeit des Dreiecks vorausgesetzt,
sonst aber keine weitere Spezialisierung von diesem Dreieck vorgenommen.
Nirgends haben wir verlangt und benutzt, dass unser Ausgangsdreieck eine
Seitenlänge c D 3:1 cm oder so hätte. Auch die Winkel ˛ und ˇ waren
uns völlig egal. Wir haben also für jede beliebige Seitenlänge und jeden
beliebigen Winkel argumentiert. Damit sind unsere Argumente in jedem
beliebigen rechtwinkligen Dreieck korrekt und anwendbar. Wir haben also
die Aussage des Herrn Pythagoras wirklich für jedes beliebige rechtwinklige
Dreieck bewiesen.
Diesen großartigen Beweis finden wir bei Leonardo da Vinci, vor 500 Jahren
überlegt.
8 1 Mathematik in der Kunst

Perpetuum mobile

Ein alter Menschheitstraum ist die Erzeugung von Energie aus dem Nichts.
Das würde alle unsere Probleme mit einem Schlag radikal lösen, wenn es denn
ginge. Kann man eine Apparatur herstellen, die einfach so alleine läuft, ohne
dass Kraft oder halt Energie von außen zugeführt wird? Solch eine Maschine
nennt man Perpetuum mobile, dauernde Bewegung. Gute Lateiner wissen
natürlich auch, wie der Plural heißt: Perpetua mobilia.
Leonardo da Vinci hatte wohl ursprünglich auch diesen Traum. Aber dieser
große Geist ließ sich nicht beirren. Als Erstes hat er sich ein Perpetuum

mobile“ ausgedacht. In einer Ausstellung fand ich das in Abb. 1.3 dargestellte
Experiment:
Nun durften und sollten die Besucher der Ausstellung an der Apparatur
im Gegenuhrzeigersinn drehen. Dabei passiert Folgendes: Wenn ein Klöppel
ganz oben ist, so fällt er bei weiterem Drehen nach links um. Dadurch gerät
er wesentlich weiter vom Mittelpunkt des Rades weg. Damit überträgt er eine
größere Kraft auf das Rad als die rechts enger am Radius anliegenden Klöppel.
So erhält das Rad einen Schlag und dreht sich alleine weiter, bis der nächste
Klöppel sich oben umlegt und dem Rad wieder einen Schlag versetzt. Weil die
nach links umgeklappten Klöppel alle weiter von der Achse entfernt sind als

Abb. 1.3 Von Leonardo da Vinci ausgedachtes Perpetuum mobile“, Nachbau in



einer Ausstellung
1.2 Leonardo da Vinci 9

die rechten, geht das Spiel weiter und weiter und weiter und immer weiter.
Das Rad hört nie auf, sich zu drehen. So jedenfalls die Hoffnung.
Die Gemeinheit ist, dass das so leider nicht klappt. Beim Versuch drehte
sich zwar das Rad eine Weile unter lautem Geklapper herum, wurde dann aber
immer langsamer und blieb schließlich ganz stehen. Wo liegt der Fehlschluss?
Nun, darüber dachte Leonardo nach. Das Ergebnis seiner Überlegungen
sehen wir in Abb. 1.4.
Besonders am oberen Rand der Skizze sieht man Linien und Eintragungen.
Das entpuppt sich bei genauem Hinschauen als Darstellung der auftretenden
Kräfte auf die linken und die rechten Klöppel. Physikalisch sind es natürlich
die Drehmomente, die Leonardo hier aufgetragen hat.
Kurz ein Wort zum Drehmoment. Dieser Begriff tritt bei Drehbewegungen
auf. Was bei einer geradlinigen Bewegung die Kräfte sind, z. B. die Zugkraft
eines Autos oder die Schwerkraft, das nennt man bei Drehbewegungen das
Drehmoment. Das ist also eine Kraft, die die Drehbewegung eines Körpers,

Abb. 1.4 Skizze von Leonardo da Vinci zum Beweis der Unmöglichkeit eines
Perpetuum mobile
10 1 Mathematik in der Kunst

also seine Rotation, beschleunigen oder auch abbremsen kann. Mit einer
solchen Drehkraft zieht man Muttern mit einem Schraubenschlüssel fest.
Man kann auch mit einem solchen Drehmoment Eisen verbiegen. Das soll
angeblich August der Starke (1670–1733), Kurfürst von Sachsen, mit Hufeisen
geschafft haben.
Jeder weiß, dass es leichter ist, eine Mutter festzuziehen, wenn man den
Ringschlüssel weiter außen anfasst. Dabei überträgt man mehr Drehmoment.
Wie viel mehr das ist, zeigt uns die folgende Definition des Drehmomentes:

Definition 1.1 Bezeichnen wir mit F E die für eine Drehbewegung aufgewendete
Kraft und mit Er den Abstandsvektor vom Drehpunkt zu dem Punkt, wo wir
die Kraft ansetzen, so ergibt sich der Vektor M E des Drehmomentes aus dem
Kreuzprodukt des Abstandsvektors mit dem Kraftvektor:

E D Er  F
M E

Hier benutzen wir die Gelegenheit, etwas über das Kreuzprodukt von zwei
Vektoren zu sagen. Grundsätzlich wird dieses Produkt nur für Vektoren im R3
definiert. Wir werden gleich an der Definition zeigen, warum wir im Raum
arbeiten müssen.
Definition 1.2 Unter dem Kreuzprodukt oder auch dem Vektorprodukt aE  bE
E die einen Winkel ˛ einschließen, verstehen wir den
zweier Vektoren aE und b,
Vektor
E
Ec D aE  b;

der folgendermaßen bestimmt wird. Seine Länge sei

E  sin ˛;
jEcj D jEaj  jbj

und seine Richtung legen wir mit der Rechte-Hand-Regel fest: Man strecke
Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger der rechten Hand so, dass jeder auf den
beiden anderen senkrecht steht. Denken Sie an ein räumliches Koordinatensystem
und vergleichen Sie Abb. 1.27. Der Daumen weise dann in Richtung von aE , der
E Dann zeigt uns der Mittelfinger die Richtung von
Zeigefinger in Richtung von b.
Ec an.
Hier sehen Sie, dass wir nicht mehr in der Ebene bleiben können; der
Mittelfinger weist aus der Ebene hinaus. Darum wird das Kreuzprodukt oder
Vektorprodukt nur im R3 definiert.
1.2 Leonardo da Vinci 11

Jetzt zurück zum Drehmoment und zum Perpetuum mobile von Leonardo.
An der Skizze (Abb. 1.4) kann man erkennen, dass er genau die Beträge
dieser Drehmomente für jeden einzelnen Klöppel eingetragen hat. Dann
hat er die Beträge der Drehmomente der linken Seite, die das Rad also im
Gegenuhrzeigersinn rotieren lassen wollen, alle addiert und schließlich die
Beträge der Gegendrehmomente rechts, die das Rad im Uhrzeigersinn drehen
wollen, addiert und festgestellt:
Satz 1.2 Die Summe der Beträge der Drehmomente links ist genau
gleich der Summe der Beträge der Drehmomente rechts!
Da bleibt nichts drüber. Einen Gewinn an Energie kann man nicht aus
dem Experiment ziehen. Aber die beiden Seiten liefern immerhin das gleiche
Drehmoment. Wenn man das Rad einmal in Schwung versetzt, könnte es doch
beliebig weiterlaufen.
Dummerweise aber gibt es in der Welt die Reibung. Da ist z. B. die Reibung
an der Mittelachse, aber auch die Luftreibung. Beide bremsen das Rad ab.
Im Experiment ging das ziemlich schnell, nach drei bis vier Umdrehungen
stand das Rad völlig still. Diese Reibung können wir durch Schmiermittel zwar
abmildern, aber nie ganz aufheben. Das Rad wird sich also niemals unendlich
lange weiterdrehen.
Das erkannte vor 500 Jahren Leonardo da Vinci. Und er schrieb:

Oh, ihr Forscher der unaufhörlichen Bewegung,


wie viele eitle Hirngespinste habt ihr geschaffen bei dieser Suche!
Gesellt euch also lieber zu den Goldsuchern!

Die Geschichte von Orffyreus

Eine schöne Geschichte aus der Vergangenheit sollte allen, die heute noch nach
freier Energie suchen oder einem Perpetuum mobile hinterherjagen, sehr zu
denken geben.
1715 präsentierte Johann Ernst Elias Bessler (1681–1745), der sich vollmun-
dig Orffyreus“ nannte, eine Wundermaschine. Am Hof von Merseburg baute

der Mechaniker und Alchemist ein 3,40 m hohes Rad auf, das sich unablässig
drehte. Das Rad war etwa 30 cm dick und mit Leinwand überzogen, so
dass man sein Inneres nicht sehen konnte. 25 Umdrehungen schaffte es pro
Minute, und es war stark genug, über Seilzüge 30 kg hochzuheben.
Die gelehrte Welt war elektrisiert, Orffyreus gab eine Triumphschrift he-
raus, begeisterte Anhänger schrieben Lobgedichte. Der Landgraf von Kassel
12 1 Mathematik in der Kunst

ernannte ihn zum Kommerzienrat und ließ ihn auf Schloss Weißenstein ein
weiteres Modell errichten. Anerkannte Fachleute prüften seine Erfindung,
versiegelten den Raum, kehrten nach zwei Monaten zurück – und fanden das
mysteriöse Rad noch immer in Bewegung. Die Experten neigten ihr Haupt in
Ehrfurcht.
Den Mechanismus der Maschine bekamen allerdings auch sie nicht zu
sehen. Orffyreus hätte sein Geheimnis nur für eine astronomische Summe
verkauft. Zehn Jahre lang mehrte sich sein Ruhm, von Fürstenhaus zu Fürsten-
haus wurde er weitergereicht – bis schließlich 1727 seine Magd gestand, dass
die sich ewig drehenden Räder einfach über Seilzüge aus dem Nachbarraum
bewegt wurden. Die große Zeit von Orffyreus war vorbei; unbeachtet starb er
1745.

Die Quadratur des Kreises

Eine der bekanntesten Skizzen von Leonardo da Vinci ist der vitruvianische
Mensch. Die Originalzeichnung von Marcus Vitruvius Pollio, einem römi-
schen Architekten, der im 1. Jahrhundert v. Chr. gelebt hat, sehen wir in
Abb. 1.5.
Mit dieser Skizze idealisierte Vitruv die Maßverhältnisse eines menschlichen
Körpers. Dabei fügte er einen aufrecht stehenden Mann sowohl in einen Kreis,
dessen Mittelpunkt der Bauchnabel ist, als auch in ein Quadrat ein, wobei die
ausgestreckten Hände und Füße die Quadratseiten berühren.
In der Renaissance erhielt die Lehre von den Proportionen im Zusammen-
hang mit der Symmetrie eine große Bedeutung. So übernahm Leonardo die
Darstellung von Vitruv, hatte aber eigene Vermessungen an jungen Männern
vorgenommen, so dass er in der Figur von Vitruv einige Änderungen vornahm;
z. B. änderte er die Länge der Füße entsprechend seinen Ergebnissen ab, wie
in Abb. 1.6 zu sehen ist. Bei Vitruv sind Hände und Füße unnatürlich lang.
Es wurde versucht, aus dieser Zeichnung von Leonardo eine Konstruktion
für eine unendliche Folge von Paaren (Kreis, Quadrat) abzulesen. Diese
Folge sollte dann zu einem Paar (Kreis, Quadrat) führen, die beide den
gleichen Flächeninhalt besitzen. Leider hat das nicht geklappt. Selbst wenn
dies gelungen wäre, hätte man die Quadratur des Kreises damit nicht gelöst,
denn sie verlangt nach einer endlichen Konstruktion von einem zu einem Kreis
flächengleichen Quadrat.
Ich werde im Kap. 3, vgl. Seite 76, noch einmal auf das Problem der
Kreisquadratur zurückkommen und aus einer anderen Sicht, nämlich der Sicht
der Sprache, beleuchten.
1.2 Leonardo da Vinci 13

Abb. 1.5 Die Originalzeichnung von Marcus Vitruvius Pollio (© WHA/United


Archives/Picture-alliance)
14 1 Mathematik in der Kunst

Abb. 1.6 Der vitruvianische Mensch von Leonardo da Vinci (© Cameraphoto/


akg-images/Picture-alliance)
1.2 Leonardo da Vinci 15

Abb. 1.7 Die italienische 1-Euro-Münze

Diese berühmte Zeichnung von Leonardo wurde übrigens auf die italieni-
sche 1-Euro-Münze geprägt (Abb. 1.7).

Schlussbetrachtung zu Leonardo da Vinci

Leonardo hat sich mehrfach zur Mathematik geäußert. So stammt von ihm
das Zitat:

Keine menschliche Forschung kann man wahre Wissenschaft heißen, wenn


sie ihren Weg nicht durch die mathematische Darlegung und Beweisführung
hinnimmt.

Leonardo soll als Jüngling seinem Lehrmeister in Mathematik geantwortet


haben:

Schlimm steht es um den Schüler, der seinen Lehrer nicht übertrifft.

Als Vertreter der Hochrenaissance suchte er geradezu die Verbindung von


Kunst und Wissenschaft. Er hat als einer der Ersten der Naturbeobachtung
einen ganz hohen Rang zugeordnet. Damit war er einer der Begründer der
experimentellen Naturwissenschaften.
16 1 Mathematik in der Kunst

Johann Wolfgang von Goethe erzählt eine kleine Geschichte (1787):

Abends ging ich mit einem Landsmann spazieren und wir stritten über den
Vorzug von Michelangelo und Raphael; ich hielt die Partie des ersten, er
des anderen, und wir schlossen zuletzt mit einem gemeinschaftlichen Lob auf
Leonardo da Vinci.

Leonardo da Vinci starb am 2. Mai 1519 im Schloss Cloux in Amboise,


Frankreich.

1.3 Albrecht Dürer


Kommen wir als nächstes zu einem großen Künstler der Renaissance, den
viele sofort als Maler und Grafiker einordnen werden, aber kaum jemand als
Mathematiker.
Albrecht Dürer erblickte am 21. Mai 1471 in Nürnberg das Licht der Welt.
Seine Eltern waren aus Ungarn eingewandert. Sie stammten aus dem Dorf
Ajtós (sprich Oitohsch), was Türmacher“ bedeutet. Daher nannte sich die

Familie zuerst Türer, später dann Dürer, vielleicht geschuldet dem fränkischen
Dialekt. In Abb. 1.8 sehen Sie ein Selbstbildnis von Albrecht Dürer aus dem
Jahre 1498, da war er 27 Jahre alt.
Schon früh befasste sich Dürer mit Mathematik. Nachweislich erwarb er
eine lateinische Übersetzung der Elemente des Euklid, das damalige Standard-
werk der Geometrie. Besonders auffallend wird seine Affinität zur Mathematik
in seinem Kupferstich mit dem Titel MELENCOLIA I (links oben in Abb. 1.9
zu erkennen.).
Der Engel hält einen Zirkel in der Hand, ein Lineal liegt auf der Erde.
Beide Instrumente sind essenziell für die Geometrie der damaligen Zeit. Der
abgebildete Körper ist ein Würfel, dem zwei Ecken abgeschnitten sind. Eine
Kugel findet sich ebenfalls. Am interessantesten aber ist das an die Wand rechts
oben gemalte Quadrat mit Zahlen darin. Wir schreiben es in Abb. 1.10 mal
etwas größer heraus:´.
Eingefleischten Rechenfreaks fällt es sofort ins Auge: Wenn man bei diesem
Quadrat die Zeilen aufsummiert, ergibt sich in jeder Zeile die gleiche Summe
34. Das gilt auch für die Spalten, ja sogar die Diagonalen ergeben dieselbe
Suimme 34. Das hat schon seit Jahrhunderten die Menschen fasziniert.
Sie nannten daher ein solches Quadrat magisch. Wir werden im nächsten
Abschnitt mehr zu solchen magischen Quadraten sagen. Im Moment inter-
1.3 Albrecht Dürer 17

Abb. 1.8 Selbstbildnis von Albrecht Dürer aus dem Jahre 1498 (© Erich
Lessing/akg-images/Picture-alliance)

essiert uns das Quadrat von Dürer; denn es hat noch viel mehr magische“

Eigenschaften.
Schauen wir uns zuerst das innere Quadrat an. Jede der beiden kleinen
Diagonalen ergibt als Summe 17:

10 C 7 D 17; 6 C 11 D 17

Nehmen wir uns jetzt die außen herum liegenden Zahlen und betrachten
jeweils die Summe von gegenüberliegenden Zahlen, also z. B.

16 C 1 D 3 C 14 D 2 C 15 D 13 C 4 D : : : D 17:

Stets ergibt sich als Summe 17. Wir nennen solch eine Anordnung ein zen-
tralsymmetrisches magisches Quadrat . Ich habe in Abb. 1.11 diese Eigenschaft
durch Linien angedeutet.
18 1 Mathematik in der Kunst

Abb. 1.9 Kupferstich Melencolia I von Albrecht Dürer (© Internationale Tage


Ingelheim)

Abb. 1.10 Magisches Quadrat aus dem Kupferstich Melencolia I

Aber das ist noch nicht alles. In der untersten Zeile stehen in der Mitte
die Zahlen 15 und 14, 1514, das ist die Jahreszahl der Entstehung des Bildes.
Unten rechts in der Ecke steht die Zahl 1. Interpretieren wir sie als ersten
Buchstaben des Alphabetes, so ist dies das A. Links unten steht die Zahl 4,
1.3 Albrecht Dürer 19

Abb. 1.11 Die zentralsymmetrische Eigenschaft des Dürer-Quadrates

Abb. 1.12 Zusammenhang mit dem Todestag von Dürers Mutter

also der vierte Buchstabe D. Beide zusammen sind die Initialen von Albrecht
Dürer (A. D.).
Und jetzt noch einen Schlag drauf:
Oben in der Mitte des Schemas in Abb. 1.12 stehen 3 und 2, ihre Summe ist
5, was wir hier als fünften Monat, also den Mai interpretieren. Die 17 in den
beiden kleinen Diagonalen darunter hatten wir schon, genauso die 1514. Die
sechs Zahlen, die wir im unteren Teil eingekreist haben, ergeben zusammen

10 C 11 C 6 C 7 C 15 C 14 D 63:

Und jetzt kommt’s: Dürers Mutter starb am 17. Mai 1514 und wurde 63
Jahre alt!
Ob das alles von Dürer so gezielt überlegt worden ist, wird sich wohl nicht
mehr beweisen lassen; verwunderlich ist es aber allemal.
20 1 Mathematik in der Kunst

Dürer hat sich noch auf weiteren mathematischen Gebieten getummelt. So


hat er das erste Mathematikbuch in deutscher Sprache verfasst: Underweysung
der messung mit dem zirckel und richtscheyt in Linien ebnen unnd gantzen
corporen. Mit Messung“ meinte Dürer die Geometrie. In diesem Buch hat

er unter anderem Konstruktionsvorschriften für die sogenannte Muschellinie
entworfen. Mathematisch ist das eine Konchoide. Er erkannte, dass Ellipse,
Hyperbel und Parabel Kegelschnitte sind. Es mag uns aber hier genügen
zu sehen, dass ein solcher Künstler die Mathematik in seine Kunstwerke
einbezogen hat.
Albrecht Dürer starb am 6. April 1528 in Nürnberg.

1.4 Magische Quadrate


Wir benutzen die Gelegenheit, kurz etwas über magische Quadrate einzustreu-
en; denn sie werden uns noch an weiteren Stellen begegnen.
Zunächst die Erklärung:

Definition 1.3 Wir betrachten ein quadratisches Kästchen aus n Zeilen und n
Spalten, in das die Zahlen 1; 2; : : : ; n2 eingetragen sind. Sind diese so angeordnet,
dass die Summe der Zahlen aller Zeilen, Spalten und der beiden Diagonalen stets
gleich ist, so nennen wir das Quadrat magisch. Die Zahl n heißt die Ordnung des
magischen Quadrates.

Magische Quadrate üben von alters her eine Faszination auf viele Menschen
aus. Irgendwie scheint ein Geheimnis in ihnen zu stecken. Mathematiker
sind vor allem daran interessiert herauszufinden, wie man sie konstruiert und
wieviel verschiedene es dann wohl gibt. In Abb. 1.13 ist ein einfaches Quadrat
der Ordnung 3 dargestellt.

Magische Summe

Vielleicht ist es Ihnen ja auch schon aufgefallen, dass beim magischen Quadrat
der Ordnung 3 in allen Zeilen und Spalten als Summe stets 15 herauskommt.
Kann man diese Zahl begründen? Na, mal kurz nachdenken.
Wenn wir alle Zahlen von 1 bis 9 aufsummieren, so haben wir doch quasi
alle Zeilen aufsummiert. Die Summe von 1 bis 9 ist

1 C 2 C    C 9 D 45;
1.4 Magische Quadrate 21

Abb. 1.13 Magisches Quadrat der Ordnung 3

wie wir leicht ausrechnen können. Das ist also die Summe der drei Zeilen oder
auch der drei Spalten. Da diese jeweils gleich sein soll, ist also jede einzelne
Summe einer Zeile oder Spalte gleich 45=3 D 15.
Das können wir uns allgemein überlegen, ja, da beginnen Mathematiker-
augen zu glänzen, wenn wir uns vornehmen, eine allgemeine Formel zu
entwickeln.
Also, wir wollen die Zahlen von 1 bis n2 in ein magisches Quadrat von
n Zeilen und n Spalten schreiben. Dann gilt dieselbe Überlegung wie oben.
Wir summieren alle Zahlen auf. Dazu brauchen wir jetzt unbedingt die
Formel für die Summe solcher Zahlen. Es ist, wie Sie in [9] in Kapitel „Das
Anstoßproblem“ nachlesen können:

n2  .n2 C 1/
1 C 2 C    C n2 D
2

Diese Zahl müssen wir jetzt auf n Zeilen (oder Spalten) gleichmäßig
verteilen, also einfach durch n teilen:

1 1 n2  .n2 C 1/ n  .n2 C 1/ n3 C n
 .1 C 2 C    C n2 / D  D D
n n 2 2 2

Das ist also die Zahl, die wir für jede Zeile, Spalte und Diagonale erreichen
müssen.

Satz 1.3 Die magische Summe, also die Summe in jeder Zeile oder Spalte oder
Diagonalen eines magischen Quadrates der Ordnung n lautet:
22 1 Mathematik in der Kunst

n3 C n
˙D
2

Probieren wir erst mal, ob das für unser magisches Quadrat der Ordnung 3
hinkommt, also für n D 3:

33 C 3 27 C 3
D D 15
2 2

Bingo, hat geklappt. Unsere Formel hat ihre erste Bewährungsprobe bestan-
den.
Wenn wir jetzt ein magisches Quadrat der Ordnung 5 aufbauen wollen, so
müssen die einzelnen Zeilen, Spalten oder Diagonalen jeweils die Summe

53 C 5 125 C 5
nD5 H) D D 65
2 2

aufweisen.

Anzahl magischer Quadrate

Wir wollen jetzt fragen, wie viel solcher Quadrate es denn jeweils gibt. Auch
das ist eine typisch mathematische Frage:

Wie viel Lösungen gibt es für mein Problem?

• Für die Ordnung 1 gibt es genau ein solches Quadrat, na klar.


• Für die Ordnung 2 werden Sie kein solches Quadrat aufstellen können, wie
Sie durch einen Versuch leicht feststellen können.
• Für die Ordnung 3 gibt es, wenn wir Spiegelungen und Drehungen als nicht
verschieden ansehen, genau eins, also z. B. das in Abb. 1.13.
• Für die Ordnung 4 gibt es 880 wesentlich verschiedene.
• Für die Ordnung 5 gibt es 275.305.224 wesentlich verschiedene magische
Quadrate.

Weitere Aussagen fehlen in der Literatur. Vielleicht zählen Sie mal selbst,
wie viel es von der Ordnung 6 gibt. Kleiner Scherz!
1.4 Magische Quadrate 23

Ein Konstruktionsprinzip

In Abb. 1.14 sehen Sie ein magisches Quadrat der Ordnung 7. An diesem wol-
len wir eine Methode zur Konstruktion solcher Quadrate zeigen. Allerdings
geht sie nur für magische Quadrate von ungerader Ordnung. Schauen Sie sich
die Abb. 1.15 an. Zur Verdeutlichung haben wir Schrägzeilen hinzugefügt.
Wir beginnen in der rechten Spalte genau mit dem mittleren Feld und
tragen dort die 1 ein. Die dortige Schrägzeile würde uns aus dem Quadrat
herausführen, daher wandern wir nach links in der Zeile und beginnen dort
mit der 2 und gehen weiter in der Schrägzeile mit 3 und 4. Wieder rutschen
wir aus dem Quadrat heraus; daher gehen wir in der Spalte in die obere erste
Zeile und fahren dort fort mit 5, 6 und 7. Dann stoßen wir auf die 1. Wir
sind nett und weichen aus, indem wir einen Schritt nach links machen. So
geht das weiter. Typisch ist der Punkt, dass wir dann die Diagonale von links
oben nach rechts unten durchlaufen. Unten laufen wir dann allerdings so aus
dem Quadrat heraus, dass wir weder nach links noch nach oben einen neuen
Platz im Quadrat finden. Daher gehen wir wieder freundlich einen Schritt
nach links, tragen dort die 29 ein und können das Quadrat vollenden. Es ist
magisch mit der Zeilensumme

Abb. 1.14 Magisches Quadrat der Ordnung 7


24 1 Mathematik in der Kunst

Abb. 1.15 Magisches Quadrat der Ordnung 7 mit Schrägzeilen

73 C 7 343 C 7
nD7 H) D D 175:
2 2

Versuch einer Begründung

Diese Vorgehensweise mutet im ersten Moment ziemlich willkürlich an. Kann


man überhaupt erwarten, dass auf diese Weise am Ende alle Felder mit einer
Zahl ausgefüllt sind? Durchläuft man mit diesem Schema also wirklich alle
Felder?
Nun, man könnte und müsste jetzt beginnen, ein Schema für eine beliebige
Zahl n 2 N aufzuschreiben. Um da nicht durcheinanderzugeraten, empfiehlt
es sich, mit ein paar Beispielen anzufangen. Wir haben ja schon eines der
Ordnung 3 und eines der Ordnung 7 gezeigt, vielleicht basteln Sie selbst noch
eines der Ordnung 9 auf einem Blatt Papier. Beobachten Sie bitte dabei genau,
wie man vorgehen muss. Es gibt regelmäßige Abläufe. Tatsächlich läuft man
immer die ganze Diagonale von links oben nach rechts hintereinander bis
unten durch. Hier müsste man sich jetzt darüber klar werden, dass durch
das Hin- und Herspringen in den jeweiligen Zeilen und Spalten am Ende
wirklich alle Felder erreicht worden sind. Oder, gestärkt durch die Beispiele,
1.4 Magische Quadrate 25

versucht man sich an einem allgemeinen Schema für ein beliebiges n 2 N.


Mathematiker neigen in solchen Fällen zu der Aussage, dass das trivial wird.
Das klingt aber immer etwas hochnäsig, und daher vermeide ich dieses Wort.
Einen kleinen Punkt können wir aber nachweisen. Wir können mit wenig
Aufwand zeigen, dass die Summe der Diagonalelemente von links oben nach
rechts unten genau unserer magischen Zahl entspricht.
Bei der ungeraden Ordnung gibt es genau ein Mittelfeld im ganzen Schema.
Welche Zahl steht dort? Es ist genau die mittlere Zahl zwischen 1 und n2 . Bei
dem Quadrat der Ordnung 7 werden 72 D 49 Zahlen in das Schema verteilt.
Die mittlere Zahl ist 25. Vor ihr sind 24 Zahlen von 1 bis 24, und hinter ihr
kommen wieder genau 24 Zahlen von 26 bis 49. Und diese Zahl 25 steht
genau in der Mitte. Das ist bei unserem Schema immer so.
Jetzt allgemein nachgedacht: Wie lautet die mittlere Zahl von den Zahlen
von 1 bis n2 ? Sie lautet:
n2 C 1
2

Insgesamt stehen in der Diagonalen n Zahlen so wie in jeder Zeile und jeder
Spalte. Ohne die Mittelzahl stehen dort noch n  1 Zahlen. Die Hälfte davon
steht in der Diagonalen oberhalb, die andere Hälfte unterhalb. Damit steht in
der Diagonalen in der Mitte n C1 , rechts oberhalb n C1  1, darüber n 2C1  2
2 2 2

2 2
usw. bis ganz oben links, dort steht n C1
2

2
 n1
2
. Das muss man auf der Zunge
zergehen lassen. Ganz genau hinschauen, dann sehen Sie es.
Jetzt analog zu den Zahlen in der unteren Halbdiagonalen. Wir fangen
wegen der Übersicht wieder mit der Mitte an, also n C1 , dann kommt n C1
2 2

2 2
C
n2 C1 n2 C1
1, dann 2 C 2 usw. bis 2 C 2 . Auch hier nur genau hinschauen und
n1

dann vielleicht noch mit dem Quadrat der Ordnung 7 vergleichen.


Diese Zahlen in der Diagonalen

n2 C 1 n  1 n2 C 1 n2 C 1 n2 C 1
 CC 1C C
2 2
„ƒ‚… 2 2
„ƒ‚… 2
links oben Mittelzahl
n2 C 1 n  1
C 1 C C C
2 2
„ƒ‚…
unten rechts

können wir jetzt leicht aufsummieren. Man muss nur genau hinschauen. Es
sind ja insgesamt n Zahlen. In jeder Zahl steckt der additive Term n C1
2

2
, also
haben wir schon mal
26 1 Mathematik in der Kunst

n2 C 1
n :
2

Die zusätzlichen Terme stehen doppelt da, einmal mit C und dann genau
mit . Die heben sich also einfach weg, so dass wir als Summe genau den
gerade aufgeschriebenen Wert erhalten:

n2 C 1
˙ Dn
2

Das ist aber doch die magische Summe von S. 22.


Na gut, das war nur mal die Diagonale. Sie können aber vielleicht jetzt
ahnen, wie man auch die Summe aller Zeilen und Spalten ausrechnen könnte.
Das wird vermutlich eine Riesenschreibarbeit ohne weitere Erkenntnis; daher
mag es bei diesen Andeutungen bleiben.
Übrigens kenne ich diese Methode seit meiner Schulzeit aus der sechsten
oder siebten Klasse. Ich weiß leider nicht mehr, wer der Überbringer war, aber
seit damals hat mich diese Methode fasziniert, dem Unbekannten sei Dank.
Für ein gerades n scheitern wir mit dieser Methode schon am Anfang:
Es gibt kein mittleres Feld in der rechten Spalte. Im Internet findet man
aber Methoden zur Erzeugung von magischen Quadraten auch für gerade
Ordnungen.

Eine Anwendung beim Lotto

Das in Abb. 1.14 dargestellte magische Quadrat der Ordnung 7 kann man
gut benutzen, wenn man Lotto 6 aus 49 spielen will. Bei diesem Spiel sollte
man ja taktisch so vorgehen, dass man möglichst Zahlen tippt, die niemand
sonst getippt hat. Wenn man nämlich dann gewinnt, so gewinnt man allein
und hat das ganze Geld für sich. Am 18. Juni 1977 wurden beim deutschen
Lotto tatsächlich genau dieselben Zahlen gezogen wie eine Woche zuvor in
den Niederlanden. 205 deutsche Lottospieler hatten diese Zahlen gewählt und
erhielten jeder als Gewinn 30.737,80 DM, also ca 15.000 Euro, wohlgemerkt
für sechs Richtige. Das gab bestimmt ein Knurren.
Wie macht man es also, Zahlen zu finden, die niemand sonst nimmt? Es
gibt ja genug Kombinationen, ca. 14 Millionen. Nun, schreiben Sie sich das
magische Quadratder Ordnung 7 auf ein Blatt Papier und werfen Sie mit
Wurfpfeilen darauf. Wenn Sie nicht gerade Experte im Dart sind, werden
Sie so sechs zufällige Zahlen finden. Wir haben das seinerzeit im Studio bei
1.5 Johann Wolfgang von Goethe 27

J. B. Kerner gemacht, aber leider waren nur zwei der sechs Zahlen auch der
Lottomaschine gefällig. Unser Geld war also weg. Aber wenn wir gewonnen
hätten, ja dann …

1.5 Johann Wolfgang von Goethe


Den Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe, geboren 1749 in Frank-
furt/Main, gestorben 1832 in Weimar, mit Mathematik in Verbindung bringen
zu wollen, hört sich verwegen an; denn in einem Brief an Carl Friedrich Zelter
vom 12. Dezember 1812 bekannte Goethe:

…kann niemand zahlenscheuer sein als ich, und ich habe von jeher alle Zahlen-
symbolik, von der Pythagoräischen an bis auf die letzten Mathematico-Mystiker,
als etwas Gestaltloses und Untröstliches gemieden und geflohen.

Goethe hat sich aber intensiv mit den Naturwissenschaften befasst. Bekannt
ist seine Farbenlehre, die er selbst als eines seiner Hauptwerke ansah, im Wert
sogar höher als seine Dichtkunst bewertete. Leider ist sie aber wissenschaft-
lich nicht haltbar. Er behauptete nämlich, dass sich weißes Licht nicht aus
anderen Farben zusammensetzen lässt, sondern eine unteilbare Einheit bildet.
Isaac Newton aber hatte diese Zusammensetzung des weißen Lichtes schon
nachgewiesen. Und heute zeigt jeder Physiklehrer in der Optik, wie sich weißes
Licht nach Newton mit einem Prisma in ein Spektrum von Farben zerlegen
lässt.
Mathematisch gibt es aber eine kleine, vielleicht sollte man sagen, Vermu-
tung, dass Goethe in seinem Faust auch ein wenig Zahlenmystik eingewoben
hat.

Hexeneinmaleins

Goethes Hauptwerk, der Faust, enthält im ersten Teil in der Hexenküche ein
Gedicht der Hexe, das heute als Hexeneinmaleins bekannt ist. Es hat zwar
mit dem kleinen Einmaleins der Grundschule nicht viel zu tun, lässt sich aber
auf eine erstaunliche Weise interpretieren. Die Hexe fabuliert in diesen Zeilen
über die Zahlen von 1 bis 10. Ihr Zauberspruch, das Hexeneinmaleins, lautet:

Du musst verstehn!
Aus Eins mach Zehn,
28 1 Mathematik in der Kunst

Und Zwei lass gehn,


Und Drei mach gleich,
So bist du reich.
Verlier die Vier!
Aus Fünf und Sechs –
So sagt die Hex –
Mach Sieben und Acht,
So ist’s vollbracht:
Und Neun ist Eins,
Und Zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Einmaleins!
Das hört sich reichlich mysteriös an, aber wir werden versuchen, einen Sinn
hineinzulegen.

Erste Auslegung nach Helmut Kracke

Malen Sie sich ein leeres 3  3-Quadrat auf ein Blatt und schreiben Sie
die Zahlen 1 bis 9 der Reihe nach von links oben bis rechts unten hinein
so wie in Abb. 1.16. Bitte benutzen Sie einen Bleistift, und halten Sie einen
Radiergummi bereit.
Jetzt nur genau die Anweisung im Hexeneinmaleins befolgen:

• Aus 1 mach 10“ : Wir radieren die 1 weg und schreiben eine 10 hinein; also

so dumm wird niemand sein. Wir setzen hinter die 1 noch eine 0, na klar.
• Und Zwei lass gehn“ : Wir lassen die 2 also ungeändert.

• Und Drei mach gleich“ : Auch die 3 wird nicht geändert.

Abb. 1.16 Ein Quadrat der Ordnung 3 als Vorgabe für Goethes Hexeneinmaleins
1.5 Johann Wolfgang von Goethe 29

• Verlier die Vier“ : 4 ersetzen wir durch 0.



• Aus Fünf und Sechs mach Sieben und Acht“ : Jetzt Einsatz des Radier-

gummis, 5 weg und ersetzen durch 7; 6 weg und ersetzen durch 8. Wir
interpretieren die Vorgabe noch etwas weiter, indem wir umgekehrt aus der
7 eine 5 und aus der 8 eine 6 machen.
• So ist’s vollbracht“ : Das war’s also, die restlichen beiden Zeilen ignorieren

wir. So ist das mit der dichterischen Freiheit.

Das Ergebnis sehen wir in Abb. 1.17.


In unserem Quadrat (Abb. 1.17) stehen jetzt andere Zahlen, die eine erstaun-
liche Eigenschaft aufweisen.

• Addition der ersten Zeile: 10 C 2 C 3 D 15.


• Addition der zweite Zeile: 0 C 7 C 8 D 15.
• Addition der ersten Spalte: 10 C 0 C 5 D 15.
• Addition der zweiten Spalte: 2 C 7 C 6 D 15.

Selbst die Diagonale von links unten nach rechts oben ergibt: 5 C 7C
3 D 15.
Das ist schon ziemlich erstaunlich, finde ich. Stets ergibt sich die Summe
15. Unten rechts haben wir eine Lücke gelassen. Schauen Sie an, was dort
hineinpasst. Um auch in der dritten Zeile und der dritten Spalte die Summe
15 zu erhalten, fehlt dort die 4. Wir tragen sie dort ein und erhalten das
vervollständigte Hexeneinmaleins in Abb. 1.18.
Wenn auch noch die andere Diagonale von links oben nach rechts unten
die Summe 15 ergäbe, hätten wir ein sogenanntes vollständiges magisches

Abb. 1.17 Goethes unvollständiges Hexeneinmaleins


30 1 Mathematik in der Kunst

Abb. 1.18 Das vervollständigte Hexeneinmaleins

Abb. 1.19 Wieder das Quadrat der Ordnung 3 als Vorgabe für Goethes Hexenein-
maleins

Quadrat. Aber leider schert sie aus: 10 C 7 C 4 D 21 ¤ 15. Na schön,


wir haben also ein unvollständiges magisches Quadrat. Ist es nicht trotzdem
verwunderlich?

2. Auslegung nach Richard Witte

Im Internet beschreibt Richard Witte eine Idee seines Urgroßvaters, wie man
zu einem vollständigen magischen Quadrat gelangen kann. Natürlich hat auch
diese Vorgehensweise kleine Mängel, ich schildere sie trotzdem.
Der Anfang ist wie oben. Wieder beginnen wir mit einem 33-Quadrat mit
den in natürlicher Reihenfolge eingetragenen Zahlen von 1 bis 9 (Abb. 1.19).
Aus Eins mach Zehn“ , allerdings gleich hier mit der Vorgabe, dass wir diesmal

die 10 nicht im Endquadrat sehen wollen. Dort dürfen nur die Zahlen 1 bis 9
vorkommen. Die 10 hier ist also nur eine Zwischenstation.
1.5 Johann Wolfgang von Goethe 31

Abb. 1.20 Das Quadrat nach drei Zeilen der Hexe

Abb. 1.21 Das Quadrat nach zehn Zeilen der Hexe

Herr Witte schlägt nun vor, die nächste Zeile etwas anders zu verstehen. Und

Zwei lass gehn!“ Das sollte wörtlich genommen werden, indem wir die 2 ein
Häuschen weiter gehen lassen. Sie kommt also auf den Platz der 3. Diese muss
dann natürlich ebenfalls weichen und kommt auf den Platz der 4. Genauso
müssen alle weiteren Zahlen ein Feld weiter rutschen, so dass wir das in
Abb. 1.20 dargestellte Zwischenergebnis erhalten.
Und Drei mach gleich, so bist Du reich.“ Das bedeutet, die 3 bleibt an

ihrem jetzt erreichten Platz stehen und wird nicht mehr geändert.
Verlier die Vier.“ Die 4 wird also gestrichen, aber nicht endgültig, sie kann

und wird gleich wieder gefunden.
Aus Fünf und Sechs, so sagt die Hex, mach Sieben und Acht.“ Das ist

typisch Hexerei. Da werden Zahlen einfach in neue Zahlen verwandelt. Wie
sagt mein Enkelsohn: Hex, Hex! So ist’s vollbracht. “ Die noch doppelt

vorhandenen Zahlen 7 und 8 müssen natürlich verschwinden. Wir erhalten
jetzt das Zwischenergebnis Abb. 1.21.
Nun müssen wir genau lesen. Und Neun ist Eins und Zehn ist keins.“

32 1 Mathematik in der Kunst

Die 9 wird also in die 1 verwandelt, aber auch umgekehrt, die deutsche
Sprache ist da etwas leichtsinnig. Neun ist Eins“ bedeutet ebenfalls in der

Umgangssprache, dass 9 mit 1 gleich ist, also auch 1 = 9. Mathematisch ist
Gleichheit reflexiv.
Wir müssen also, Goethe streng folgend, aus der 9 die 1 machen und
zugleich an die Stelle der 1, also den Platz vor der 2, die 9 setzen (Abb. 1.22).
Jetzt muss das Ganze nur noch magisch ergänzt werden, damit es ein
vollständiges magisches Quadrat wird. Wir sehen sofort wegen der Summe
15, die in jeder Zeile und Spalte und Diagonale erreicht werden muss, dass die
fehlenden Zahlen 4, 5 und 6 in die Diagonalfelder gehören, so dass wir das
Endergebnis in Abb. 1.23 erreichen.
Das ist aber genau unser magisches Quadrat von Abb. 1.13, S. 21, von dem
wir wissen, dass es einzig ist. Die Spalten in Abb. 1.13 sind hier die Zeilen. Aber
ob Goethe das gewusst hat und sogar absichtlich in seinen Faust eingebaut hat,
bleibt etwas zweifelhaft.

Abb. 1.22 Das Quadrat nach zwölf Zeilen der Hexe

Abb. 1.23 Das vollständige magische Quadrat nach Goethes Hexeneinmaleins


1.6 Sir Christopher Wren 33

Ein niedlicher Vierzeiler dieses Großmeisters, der sich mit Mathematik


befasst, sei zu Ihrer Erbauung angefügt:

Und merk dir ein für allemal


den wichtigsten von allen Sprüchen:
Es liegt dir kein Geheimnis in der Zahl,
allein ein großes in den Brüchen.

Da war ihm also wohl die Bruchrechnung etwas schwergefallen.

1.6 Sir Christopher Wren


Wir kommen zu einem Künstler, der seine Kunst in großen Bauwerken
offenbarte. Es handelt sich um einen Architekten aus Großbritannien, der
seine Laufbahn als Mathematiker begann:

Sir Christopher Wren (1632–1723)

Sein genaues Geburts- und und sein Todesdatum hängen davon ab, welchen
Kalender wir zugrunde legen. Da Großbritannien erst 1753 den Gregoria-
nischen Kalender einführte, geben wir hier seinen Geburtstag als den 20.
Oktober und seinen Todestag als den 25. Februar nach dem Julianischen
Kalender an. Nach dem Gregorianischen Kalender liegen beide Daten 10 Tage
später.
Christopher Wren ist in die Geschichte als großer Architekt eingegangen.
Seine Ausbildung begann er aber mit einem Mathematikstudium in Oxford.
Nach dessen erfolgreichem Abschluss wurde er mit 25 Jahren Lehrer der
Astronomie am Gresham College in London. Bereits damals faszinierte ihn
aber die Architektur. Als Autodidakt befasste er sich mit der Baukunst.
Das tat er offensichtlich so erfolgreich, dass er 1668, mit 36 Jahren also,
zum königlichen Generalarchitekten von England ernannt und damit zum
Baumeister von vielen Kirchen und öffentlichen Gebäuden wurde. Die St.-
Pauls-Kathedrale in London gilt als sein Meisterwerk.

Der Zykloidenbogen

In der Mathematik wird Christopher Wren mit der Zykloiden verbunden. Das
hört sich nach Geheimnis an, ist aber ganz leicht zu erklären.
34 1 Mathematik in der Kunst

Abb. 1.24 Die Zykloide

Am besten geht es mit einem runden Bierdeckel. Kerben Sie ihn mit dem
Fingernagel am Rand an einer Stelle mal ein. Diesen Randpunkt müssen
Sie nun im Auge behalten. Denn jetzt sollen Sie diesen Punkt zuerst an die
Tischkante anlegen und dann den Bierdeckel an dieser Tischkante entlang
rollen. Der eingekerbte Randpunkt beschreibt dabei eine Kurve, die nach einer
vollen Umdrehung des Bierdeckels wieder am Tischrand ankommt. Diese
Kurve heißt Zykloide (Abb. 1.24).
Damals vor über 400 Jahren war es ein großes Problem, die Länge dieser
Kurve zu bestimmen. Natürlich hat das etwas mit der Größe des Bierdeckels
zu tun. Aber wie ist der genaue Zusammenhang? Wenn Sie an den Umfang
eines Kreises mit Durchmesser 1 denken, so wissen wir heute, dass er die
Länge  hat. Das ist aber keine glatte Zahl, sondern sie hat so einen Wert
von 3; 14159 : : :, also überhaupt nichts leicht zu Berechnendes. Das ist bei
der Buckelkurve von Zykloide überraschenderweise ganz anders. Christopher
Wren war der Erste, der die Länge dieses Bogens berechnete. Viele Mathe-
matiker hatten sich damals an diesem Problem versucht. Heute ist das eine
Übungsaufgabe im Anfängerstudium. Wren fand die Lösung, dass dieser Bo-
gen genau viermal so lang ist wie der Durchmesser des erzeugenden Kreises, im
Jahre 1658, 30 Jahre bevor Gottfried Wilhelm Leibniz die Integraldarstellung
gelang.

Satz 1.4 (Satz von Christopher Wren) Die Länge des Zykloidenbogens ist ge-
nau viermal so lang wie der Durchmesser des erzeugenden Kreises.

Weitere Eigenschaften der Zykloide

Im selben Jahr 1658, in dem Wren die Länge des Zykloidenbogens berechnete,
berechnete Blaise Pascal (1623–1662), angeregt durch ein Preisausschreiben
von Isaac Newton, den Flächeninhalt unter einem Zykloidenbogen.
1.6 Sir Christopher Wren 35

Satz 1.5 (Satz von Blaise Pascal) Die Fläche unter einem Zykloidenbogen ist
genau dreimal so groß wie die Fläche des erzeugenden Kreises.

Diese Kurve hält noch weitere Überraschungen bereit, die erst später
entdeckt wurden.
Christiaan Huygens (1629–1695) entdeckte 1673 eine Eigenschaft, die
vielleicht noch erstaunlicher ist. Dazu muss man die Zykloide nach unten
an der x-Achse spiegeln. Und dann betrachten wir auch nur die erste Hälfte
bis zum Tiefpunkt. Wenn wir jetzt auf diese Bahn in verschiedenen Höhen
Kugeln setzen und diese gleichzeitig loslassen, so werden Sie es mir nicht
glauben. Aber alle Kugeln kommen gleichzeitig unten an, sie brauchen also alle
dieselbe Zeit bis zum Endpunkt, egal wo wir sie hinsetzen. Dabei vernachlässi-
gen wir natürlich Luftwiderstand und Reibung. Im altgriechischen bedeutet
 ˛ oK %Koo& , tauto chronos, dieselbe Zeit. Daher heißt diese Kurve, die ja
eigentlich eine gespiegelte Zykloide ist, auch Tautochrone (Abb. 1.25) .

Satz 1.6 (Satz von Christiaan Huygens) Wenn wir den Luftwiderstand und
die Reibung vernachlässigen, rollt eine Kugel von jedem Punkt einer umgedrehten
Zykloide in derselben Zeit bis zum tiefsten Punkt.

Johann Bernoulli (1667–1748), einer aus der berühmten Schweizer Ma-


thematikerfamilie, fand schließlich 1697 heraus, dass eine Kugel einen Weg
von einem Punkt A zu einem tiefer gelegenen Punkt B am schnellsten, also
in der kürzesten Zeit durchläuft, wenn die verbindende Kurve die Zykloide

Abb. 1.25 Die Zykloide als Tautochrone


36 1 Mathematik in der Kunst

A
Zykloide

B
x
Abb. 1.26 Die Zykloide als Brachistochrone

ist. Wegen dieser Eigenschaft heißt die Zykloide nach dem griechischen Wort
ˇ%˛
K  o& %oo& kürzeste Zeit“ auch Brachistochrone (Abb. 1.26).

Satz 1.7 (Satz von Johann Bernoulli) Unter allen Kurven, die einen Punkt A
mit einem tiefer liegenden Punkt B verbinden, ist die Zykloide diejenige, auf der
eine Kugel in der kürzesten Zeit die Strecke von A nach B zurücklegt.

Erwähnen möchte ich noch eine sehr interessante Anwendung der Zykloi-
de, die Christiaan Huygens vorgeschlagen hat. Es ging ihm dabei um eine
möglichst genau gehende Uhr. Bei Pendeluhren, den damals gebräuchlichen
Zeitmessern, ist die Schwingungsdauer leider abhängig von der Amplitude,
also der Höhe des Ausschlages. Nur bei kleinen Ausschlägen kann man den
Fehler vernachlässigen. Dann hängt die Schwingungsdauer nur von Faden-
länge und Erdbeschleunigung ab:
s
l
T D 2 
g

Je länger also der Faden oder die Aufhängung l ist, desto langsamer
schwingt das Pendel. Die Erdbeschleunigung steht im Nenner, also würde
dieselbe Uhr auf dem Mond, wo die Anziehungskraft nur ein Sechstel der
Erdbeschleunigung ist, viel langsamer pendeln. Wie gesagt, gilt diese Formel
aber nur bei kleinen Auslenkungen, wenn man den Kosinus eines Winkels mit
1.7 Karl Wilhelm Pohlke 37

seinem Bogenmaß gleichsetzen darf. Hier nutzte nun Huygens die Brachisto-
chroneneigenschaft der Zykloide aus und entwarf in seiner Veröffentlichung
Horologium Oscillatorium (1673) ein Fadenpendel, dessen Faden von einer
Zykloiden oben rechts und links begrenzt wird. Dadurch wurde jetzt tat-
sächlich auch bei großen Ausschlägen die Schwingungsdauer unabhängig von
der Höhe des Ausschlages, also der Amplitude.
Das sind doch alles ganz verblüffende Eigenschaften der Zykloide, die ich
Ihnen nicht vorenthalten wollte.

1.7 Karl Wilhelm Pohlke


Karl Wilhelm Pohlke, geboren 1810 in Berlin, gestorben 1876 ebenfalls in
Berlin, fiel bereits in seinem Studium der Malerei an der Akademie der
Künste als besonders begabt auf; denn er erhielt Gebührenbefreiung, was
damals nur an bedürftige und besonders begabte Studierende vergeben wurde.
1860 wurde er Professor für darstellende Geometrie und Perspektive an der
Kunstakademie.
Auf dem Gebiet der Mathematik befasste er sich mit dem Problem der
Perspektive in der Malerei und veröffentlichte 1860 in einem Lehrbuch den
nach ihm benannten Satz von Pohlke “ .

Spreizen Sie doch bitte mal zur Veranschaulichung dieses Satzes von Ihrer
rechten Hand den Daumen, den Zeigefinger und den Mittelfinger so weit wie
möglich auseinander. Dabei strecken Sie bitte den Mittelfinger senkrecht von
der Handfläche weg. Schauen Sie sich meine rechte Hand in Abb. 1.27 an.

Abb. 1.27 Meine rechte Hand mit gespreizten Fingern


38 1 Mathematik in der Kunst

So etwas nennt man mathematisch ein Dreibein. Wenn wir es zeichnen, so


wollen wir, was wir durch unser kräftiges Spreizen angedeutet haben, zwischen
je zwei der Finger einen rechten Winkel bilden. Solch ein Dreibein nennen wir
dann kartesisch in Anlehnung an ein kartesisches dreidimensionales Koordi-
natensystem. Ein Künstler oder auch ein Architekt hat es immer wieder mit
der Frage zu tun, wie er auf seinem zweidimensionalen Zeichenblatt z. B. eine
Hausecke richtig darstellt.
Satz 1.8 (Satz von Karl Wilhelm Pohlke) , Hauptsatz der Axonometrie] Jedes
ebene, echt zweidimensionale Dreibein kann als Parallelprojektion eines räumlich-
kartesischen Dreibeins erhalten werden.
Der Satz, den wir in der Abb. 1.28 durch eine Skizze erläutern, gibt Malern
und Architekten eine ungeheure Freiheit. Egal, wie sie die Hausecke auch
auf dem Papier zeichnen, sie lässt sich stets fast ohne Ausnahme durch
Parallelprojektion aus einem kartesischen Dreibein erzeugen.
Links unten auf dem Boden liegt ein zweidimensionales Dreibein“ . Rechts

oben haben wir ein dreidimensionales Dreibein skizziert. Durch die ge-
strichelten Linien haben wir angedeutet, wie man durch Parallelprojektion
dieses zweidimensionale aus dem oberen erzeugen kann. Vielleicht ist Ihre
Vorstellung im Kopf besser als meine Skizze.
Ich sehe es vor mir, wie Karl Wilhelm Pohlke seine rechte Hand mit den
gespreizten Fingern ins Sonnenlicht gehalten und versucht hat, durch Drehen
der Hand ein auf den Boden gezeichnetes ebenes Dreibein zu bedecken. Bei

Abb. 1.28 Veranschaulichung des Hauptsatzes von Pohlke


1.8 Gottfried Semper 39

seinem Beweis hat er sich von dieser Anschauung sicher leiten lassen, trotzdem
hat er als Künstler, was besonders bemerkenswert ist, den Beweis in voller
mathematischer Allgemeinheit geführt.

1.8 Gottfried Semper


Gottfried Semper wurde 1803 in Hamburg geboren und starb 1879 in Rom. Er
galt zu seiner Zeit nach Karl Friedrich Schinkel als der bedeutendste Architekt
im deutschsprachigen Raum.
Am bekanntesten dürfte heute die Semperoper in Dresden sein. Am 13.
April 1841 war die erste Eröffnung dieses Hauses als Königliches Hoftheater
mit Carl Maria von Webers Jubel-Ouvertüre und Johann Wolfgang von
Goethes Schauspiel Torquato Tasso. Dieses Jugendwerk war Sempers erstes
Hauptwerk und begründete seinen Ruhm als Architekt. Hier verwirklichte er
sein künstlerisches Ziel, die Funktion eines Gebäudes auch in seiner äußeren
Erscheinung sichtbar werden zu lassen. Semper beschrieb seine Idee für dieses
Haus so: ein Gebäude, in welchem bald gelacht, bald geweint, aber immer
gespielt wird…
Dieses häufig als schönstes Theater der Welt bezeichnete Haus brannte am
21. September 1869 ab, weil Reparaturarbeiten an einer neuen Gasbeleuchtung
fahrlässig ausgeführt wurden. Zwei Handwerker hatten wohl etwas zu feine
Nasen; denn sie versuchten, den hässlichen Geruch der verwendeten Gum-
milösung durch Räucherkerzen zu überdecken. Dabei fing der Klebstoff Feuer,
und in kurzer Zeit brannte das ganze Theater völlig nieder.
König Johann beauftragte auf Druck der Bürgerschaft Gottfried Semper
mit dem Neubau. Dieser war jedoch nach der Revolution 1849 aus Dresden
geflohen und lebte inzwischen in Wien, wo er den Bau der Hofmuseen
leitete. Für den Neubau in Dresden legte er zwar Entwürfe vor, aber die
Bauleitung überließ er seinem Sohn Manfred Semper. 1878 wurde diese zweite
von Semper entworfene Oper mit Goethes Schauspiel Iphigenie auf Tauris
eröffnet. Auch dieses Gebäude überdauerte nicht die Zeit, sondern brannte in
der Bombennacht vom 13. zum 14. Februar 1945 aus.
Zwischen 1946 und 1955 erfolgten erste Baumaßnahmen zur Sicherung des
Gebäudes, das dann am 13. Februar 1985, 40 Jahre nach seiner Zerstörung,
glanzvoll mit Carl Maria von Webers Oper Freischütz wiedereröffnet wurde
(Abb. 1.29).
Weshalb aber erwähnen wir Gottfried Semper hier im Zusammenhang mit
der Mathematik? Nun, 1823, also mit 20 Jahren, begann er sein Studium in
Göttingen und studierte Mathematik bei keinem Geringeren als Carl Friedrich
40 1 Mathematik in der Kunst

Abb. 1.29 Die weltberühmte Semperoper in Dresden

Gauß, dem Princeps Mathematicorum“ , dem Fürsten der Mathematiker, wie



ihn König Georg V. von Hannover bereits in seinem Todesjahr 1855 auf einer
Gedenkmünze bezeichnen ließ.
Wir erwähnen hier, ohne Vollständigkeit zu beanspruchen, noch einige
andere großartige Bauwerke Gottfried Sempers: zunächst die Gemäldegalerie
in Dresden, die den Zwinger nach Nordosten abschließt, dann das Haupt-
gebäude der ETH Zürich, die Eidgenössische Sternwarte in Zürich, das
Stadthaus in Winterthur, das Burgtheater in Wien, das Kunsthistorische und
das Naturhistorische Hofmuseum sowie einen neuen Thronsaalbau, alle in
Wien und alle geplant von einem gelernten Mathematiker, Gottfried Semper.

1.9 Antoni Gaudi


Auch hier die Lebensdaten vorweg. Antoni Gaudi wurde 1852 vermutlich
in Reus oder dem kleinen Nachbarort Riudoms geboren und starb 1926
in Barcelona an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Er war ein großartiger
Architekt, der in Barcelona viele außergewöhnliche Bauten hinterlassen hat.
1.9 Antoni Gaudi 41

Abb. 1.30 Die Sagrada Familia in Barcelona

Bei seiner Entlassung aus der Architekturschule soll der Direktor sinniert
haben:
Wer weiß, ob wir das Diplom einem Verrückten oder einem Genie gegeben
haben – nur die Zeit wird es uns sagen.
Die Zeit hat eindeutig Genie“ gerufen. Sein Hauptwerk ist die römisch-

katholische Basilika Sagrada Familia in Barcelone oder wie sie vollständig auf
spanisch heißt Temple Expiatori de la Sagrada Familia“ . Zu deutsch bedeutet

das Sühnekirche der Heiligen Familie“ Abb. 1.30.

Dieses Bauwerk wurde 1882 begonnen und soll nach jetzigen Plänen 2026,
also nach 144 Jahren Bauzeit, fertig werden.

Magisches Quadrat an der Sagrada Familia

Bei einem Rundgang um die Kirche und mit etwas Aufmerksamkeit entdeckt
man an der Außenfassade ein kleines Quadrat mit Zahlen (Abb. 1.31).
42 1 Mathematik in der Kunst

Abb. 1.31 Das magische Quadrat an der Sagrada Familia

Abb. 1.32 Vergrößerung des magischen Quadrates an der Sagrada Familia

In Abb. 1.32 heben wir es hier noch einmal zur besseren Übersicht heraus.
Es erinnert uns doch sofort an die magischen Quadrate von oben. Aber wir
sehen auch genauso schnell, dass hier die normalen Regeln verletzt sind. Es
wurden nicht alle Zahlen von 1 bis 16 verwendet, sondern es fehlen die 12
und die 16. Dafür sind die 10 und die 14 je zweimal vorhanden. Die Summen
in jeder Zeile, Spalte und Diagonalen sind alle gleich, aber nicht der Regel
entsprechend 34, sondern es ergibt sich stets:

33
1.10 Marc-M. J. Wolff-Rosenkranz 43

Das ist natürlich verwunderlich, bedenkt man aber, dass es ein fast magi-
sches Quadrat an einer christlichen Kirche ist, so ist die Zahl 33 als Lebensalter
von Jesus sofort verständlich, aber trotzdem verwunderlich, wie Gaudi ein
solches Quadrat entwickeln konnte. Sie können ja mal selbst versuchen, ein
Quadrat mit den Summen 32 zu finden, aber bitte so, dass vielleicht nur
zwei Fehler“ wie bei Gaudi enthalten sind. Da haben Sie bestimmt einen

Nachmittag zu tun.

1.10 Marc-M. J. Wolff-Rosenkranz


Zum Schluss dieses kleinen Exkurses wollen wir noch über einen Künstler
berichten, der meiner Frau und mir zufällig bei einem Spaziergang auf den
Brühl’schen Terrassen in Dresden begegnete. Marc-M. J. Wolff-Rosenkranz
saß dort und stellte gerade in Abb. 1.33 gezeigte Bild fertig, das meine Frau,
ebenfalls Mathematikerin, und mich natürlich sofort anzog.

Abb. 1.33 Bild zur GAGA-Hummel-Hummel-AG von Marc-M. J. Wolff-Rosenkranz


44 1 Mathematik in der Kunst

Handelte es sich doch um nichts weniger als die Darstellung der triogono-
metrischen Funktionen durch einen Künstler. Unsere Verblüffung war groß,
steigerte sich aber noch, als wir auf dem kleinen Bild an der rechten Seite die
GAGA-Hummel-Hummel AG
entdeckten. Der Künstler musste uns erklären, was es damit auf sich hat.
Unter der Zeile GAGA-Hummel-Hummel AG finden wir folgenden Ein-
trag:

sin cos tan cot


G A G A
H H A G

Wir haben bereits zur besseren Erklärung die erste Zeile oben angefügt und
dabei die deutsche Bezeichnung cot“ statt der amerikanischen tan1 benutzt.

Was soll das jetzt?
Schauen Sie sich dazu noch einmal Abb. 1.33 an. Dort finden wir ein
rechtwinkliges Dreieck und den Winkel ˛ D 30ı eingetragen. Wie wir aus
der Schulzeit (hoffentlich noch) wissen, gelten die Erklärungen, die wir am
linken Rand aufgeführt sehen, z. B. also

Gegenkathete G
sin ˛ D D :
Hypotenuse H

Das aber ist genau die erste Spalte obiger Tabelle in Kurzform. Genauso
finden Sie in der Tabelle jeweils untereinander die weiteren Erklärungen der
trigonometrischen Funktionen. Merken Sie sich also einfach nur
GAGA-Hummel-Hummel AG,
und Sie haben diese Funktionen immer parat.

1.11 Ausblick
Noch viele weitere Beispiele gäbe es aufzuführen. Wir denken da an Bernd
Heinrich Wilhelm von Kleist, der von 1777 bis 1811 lebte und 1799 an
der Viadrina in Frankfurt/Oder ein Studium mit Hauptfach Mathematik
aufnahm, das er allerdings drei Semester später wieder beendete.
Oder an den Niederländer M. C. Escher, der mit seinen verrückten“

Zeichnungen die Welt der Perspektive auf den Kopf gestellt und Mathematiker
1.11 Ausblick 45

zu weiteren Diskussionen angeregt hat. Wie kann es sein, dass ein Wasserlauf
ständig bergab fließt, aber nach einer Runde wieder an der Quelle ankommt?
Wir aber schließen dieses Kapitel mit der Erkenntnis des Künstlers Marc-M.
J. Wolff-Rosenkranz , an der rechten Seite in Abb. 1.33 festgehalten:

Mathe ist Kunst …


2
Mathematik in der Musik

Oh, jetzt kommen aber zwei Themen, die völlig unvereinbar sind. Was soll
denn bloß diese trockene Mathematik mit der wunderbaren Musik am Hut
haben? Neben dieser etwas abwertend klingenden Meinung höre ich aber auch
manchmal das ganze Gegenteil. Manche erinnern sich an ein Ärzte-Orchester
und erklären dann, dass Mediziner häufig musikalisch sind. Und genau das
wird auch manchmal Mathematikern nachgesagt. Nun, ich kann das nicht so
ganz ablehnen.
So haben wir seinerzeit in unserem Institut für Angewandte Mathematik
und dem Institut für Mathematik zweimal eine volle Oper aufgeführt mit
vier Solisten, die zum Teil unsere Ehepartner waren, einem Chor und einem
10-köpfigen Orchester – bis auf zwei Ehepartner also eine rein mathematische
Besetzung.
In diesem Kapitel wollen wir wie schon bei der Kunst der Frage nachgehen,
wo denn in der Musik die Mathematik eine Rolle spielt.

2.1 Wohltemperierte Klaviere


Wer kennt nicht die berühmte Sammlung von 24 Präludien und Fugen in
allen zwölf Dur- und Moll-Tonarten von Johann Sebastian Bach. Warum
nur hat Bach diese Sammlung wohltemperiert genannt? Das kann doch mit
Temperatur im herkömmlichen Sinn nichts zu tun haben.
Zunächst also ein Wort zu Erklärung des Begriffes wohltemperiert“ .

Hier steckt das lateinische Verb temperare dahinter. Das bedeutet, wenn ich

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016 47


N. Herrmann, Mathematik und Gott und die Welt,
DOI 10.1007/978-3-662-48723-5_2
48 2 Mathematik in der Musik

meinen alten Stowasser aus der Schulzeit zu Rate ziehe warm machen“ , lau
” ”
machen“ . Im metaphorischen Sinn bedeutet es dann aber auch etwas in das

gehörige Maß bringen, etwas richtig mischen“ . Und das ist hier die richtige
Bedeutung für die Temperatur eines Tasteninstrumentes. Warum das richtig
ist, wollen wir jetzt erklären.

Intervalle und Saitenverhältnisse

Vielleicht haben Sie mal Gitarre gespielt oder Geige oder ein anderes Sai-
teninstrument. Dann wissen Sie, wenn Sie eine Saite genau in der Mitte
herunterdrücken, erklingt die Oktave des ursprünglichen Tons. Wenn Sie
dann weiter mit der Saite spielen und an weiteren Stellen herunterdrücken, was
bei der Gitarre durch die Bünde erleichtert wird, so finden Sie vielleicht durch
Probieren, dass wieder ein zum Grundton passender Ton erklingt, wenn Sie
bei einem Drittel herunterdrücken, also zwei Drittel der Saite klingen lassen.
Das ist genau die Quinte. So geht das weiter. Für die Quarte haben wir das
Verhältnis der Saite als drei Viertel, die große Terz erklingt bei vier Fünftel,
die kleine Terz bei fünf Sechstel der Saite. Jetzt kommt ein Sprung. Das
nächst kleinere Intervall, die Sekunde, hört man, wenn man ein Neuntel der
Saite herunterdrückt, also wenn acht Neuntel klingen. Das ist doch irgendwie
verblüffend, dass angenehme Töne erklingen, wenn wir die Saite in solchen
einfachen Verhältnissen teilen. Wir stellen das als Ergebnis zusammen:

Intervall Saitenverhältnis
Oktav 1:2
Quinte 2:3
Quarte 3:4
Große Terz 4:5
Kleine Terz 5:6
Sekunde 8:9

Es scheint, als ob die Sekunde aus der Reihe herausfällt, aber wir können
uns ihr Verhältnis leicht zusammenrechnen. Die Sekunde ist der Unterschied
von der Quarte zur Quinte. Um sie zu erreichen, müssen wir also von der
Quarte ausgehen und ein weiteres noch unbekanntes Verhältnis, nennen wir
es x, abgreifen. Wir rechnen also

3 2 4 2 8
xD H) xD  D ;
4 3 3 3 9
2.1 Wohltemperierte Klaviere 49

und schon steht das Verhältnis der Sekunde da, wenn wir die einfache
Bruchrechnung beachten.
Erstaunlich ist dabei, dass bereits Pythagoras vor ca. 2500 Jahren feststellte,
dass die Intervalle schön klingen, wenn die Längen der Saite in solch einfachen
Verhältnissen kleiner natürlicher Zahlen stehen. Das ist ein Naturphänomen.
Eine reine Quinte ergibt sich nicht bei einer Teilung von 3,107534 : 3,981307,
nein, die Saite muss genau im Verhältnis 3 : 4 geteilt werden. Das ist doch
reichlich überraschend.

Das Pythagoreische Komma

Es war der Pythagoreer Philolaos, der sich genauer mit den Intervallen befasste
und eine erstaunliche Entdeckung machte. Er berechnete zuerst das Verhältnis
für eine kleine Sekunde, also einen Halbton, als Unterschied h zwischen zwei
aufeinanderfolgenden großen Sekunden und der Quart:
8 8 3 9 9 3 243
 hD H) hD   D
9 9 4 8 8 4 256

Auf dem Klavier sind nun zwei kleine Sekunden stets eine große Sekunde,
wir sagen auch, zwei Halbtöne ergeben einen Ganzton. Aber was sagt die
Mathematik dazu? Wir rechnen mal.
Zwei Halbtöne h nacheinander ergeben das Verhältnis
243 243
 D 0; 901016235:
256 256

Ein Ganzton aber war


8
D 0; 88888888:
9

Beide Zahlen stimmen nicht überein, zwei Halbtöne sind also etwas höher
als ein Ganzton. Den genauen Unterschied findet man zuerst bei Euklid. Zu
Ehren von Philolaos aber heißt dieser Unterschied Pythagoreisches Komma.
Es ist das kleine Intervall, nennen wir es x, zwischen zwei Halbtönen und dem
Ganzton:
243 243 8 524:288
 xD H) xD
256 256 9 531:441
50 2 Mathematik in der Musik

Euklid hat diese letzte Formel noch etwas umgestellt:


 7  12
524:288 219 1 2
xD D 12 H) xD
531:441 3 2 3

Diese Gleichung kann man jetzt so interpretieren: Links mit dem Verhältnis
1 : 2 stehen Oktaven. Die Hochzahl sagt uns, dass wir sieben Oktaven
durchschritten haben. Rechts steht das Verhältnis 2 : 3, also Quinten. Davon
haben wir zwölf durchschritten. Und wieder kommen wir nicht genau dorthin,
sondern auch hier steht das pythagoräische Komma im Weg.
Wir versuchen noch einen dritten Weg. Das haben wir in unserer Jugend
gespielt. Wer kann mit sechs Ganztönen zur sauberen Oktave gelangen? Auf
dem Klavier sieht man, dass das geht. Wir hatten beim Singen Schwierigkeiten.
Vielleicht lagen die ja in der Mathematik. Wir führen bei der folgenden
Rechnung, gewarnt durch den oben aufgetretenen Unterschied, wieder ein
unbekanntes Intervall, das wir auch hier x nennen wollen, ein und erhalten:
 6
8 1 96 1 312 1 312 524:288
xD H) xD 6
 D 18
 D 19
D
9 2 8 2 2 2 2 531:441

x ist also wieder unser pythagoreisches Komma von oben.

Pythagoreische Stimmung

Das hat nun erhebliche Auswirkungen, wenn man ein Klavier stimmen
will. Dabei nutzt man aus, dass sich bei etwas verstimmten Quinten und
Quarten ein Schwirren oder Schweben bemerkbar macht. Menschen mit
gutem Gehör können Quinten und Quarten rein stimmen. Wenn wir also
ein Klavier oder eine Orgel rein stimmen wollen, so beginnen wir mit einer
Stimmgabel beim Kammerton a, stimmen dann alle a der ganzen Klavia-
tur und arbeiten schließlich immer schön in Quinten aufwärts. Wenn wir
zwölfmal nacheinander eine Quinte höher gehen, kommen wir wieder zum
a; dieses liegt aber sieben Oktaven höher und stimmt nicht mit der sauber
gestimmten siebten Oktave überein. Pythagoras zu Ehren nennt man eine
solche reine Stimmung pythagoreische Stimmung. Zwölf saubere Quinten
sind leider nicht sieben saubere Oktaven. Man stimmt und stimmt so rein
wie möglich, und dann kommt die Mathematik und sagt: Ätsch, so geht das

nicht!“ Hässlicherweise hat man die letzte der zwölf Quinten, die wieder zum
Ausgangston zurückführt, Wolfsquinte genannt, weil sie so schrecklich heult.
2.1 Wohltemperierte Klaviere 51

Man konnte mit dieser Stimmung zwar einige Tonarten gut spielen, wenn
man die schwarzen Tasten möglichst vermieden hat. Das war bei der einfachen
Melodik des Mittelalters kein so richtiges Problem. Wenn man aber in andere
Tonarten übergehen wollte, gab es Misstöne.
Das ist wohl auch der Grund, warum die meisten Geigenkonzerte in A-Dur,
G-Dur oder D-Dur stehen. Die Geige mit den Saiten G, D, A und E wird ja
rein gestimmt, vom Kammerton A ausgehend, den die Oboe vorgibt. Dann
sind diese Tonarten gut anzuhören.

Mitteltönige Stimmung

Zur Lösung dieses Problems bei der reinen Stimmung gab es verschiedene
Vorschläge. In der Renaissance wurden in der Musik Terzen sehr wichtig. Also
stimmte man seine Gambe so, dass die Terzen zumindest in zwei oder drei der
hauptsächlich verwendeten Tonarten gut klangen. Diese Stimmung ist dann
schon in unserem oben erklärten Wortsinn temperiert, also angepasst. Sie heißt
mitteltönige Stimmung. Da konnte man dann in C-Dur, G-Dur oder F-Dur
schwelgen, aber wehe, wenn einem Sänger einfiel, mal ein Lied in As-Dur
mit den vier [ vorzutragen, so klang das sehr schlimm und unsauber. Diese
mitteltönige Stimmung war damals sehr verbreitet.
Eine Abhilfe versuchte man dadurch, dass man die schwarzen Tasten auf
dem Klavier teilte, also zweifach belegte.Viele schwarze Tasten bestanden also
aus zwei dünneren nebeneinander liegenden Tasten. Dann musste der Spieler,
wenn er in A-Dur spielte, als Terz das Cis greifen, spielte er aber in As-
Dur, so musste er als Quart das etwas links liegende Des spielen. Das war
natürlich mühsam und regte nicht dazu an, in verschiedenen Tonarten zu
spielen.

Werckmeister III – die wohltemperierte Stimmung

Der Musikjournalist Klemens Hippe schreibt in seinem Internetbeitrag


Dumm gefragt: Was heißt eigentlich wohltemperiert?“ :

Die wohltemperierte Stimmung ist die Kunst, ein Klavier so falsch zu stimmen,
dass man auf ihm alle Tonarten spielen kann.

Genau das überlegte sich schon zu Bachs Zeiten Andreas Werckmeister.


Er experimentierte und rechnete, um dieses verflixte Komma zumindest
unhörbar zu machen. Zwischen 1681 und 1691 veröffentlichte er verschiedene
52 2 Mathematik in der Musik

Stimmungen, die er dann wohltemperiert, also gut angepasst nannte.


Durchgesetzt hat sich seine berühmte wohltemperierte Stimmung III.
Darin bestimmte er, dass dieses Pythagoreische Komma in vier gleiche
Teile zerlegt wird. Dann werden jeweils die Quinten C-G, G-D, D-A und
H-Fis um dieses Viertel kleiner gemacht. Die anderen Quinten werden rein
gestimmt.
Das hört sich reichlich zufällig an, aber diese kleinen Unterschiede in den
vier Quinten sind kaum wahrnehmbar. So wurde die ganze Tonskala in das
richtige Maß gebracht, halt wohltemperiert. Dabei hatte Werckmeister eine
andere wichtige Eigenschaft behalten, dass nämlich die Tonarten ihre eigene
Charakteristik haben. Sie klingen wegen der unterschiedlich rein gestimmten
Intervalle jede ganz eigen.
Die Möglichkeit, mit dieser Stimmung alle Tonarten auf dem Klavier oder
dem Cembalo spielen und ihre charakteristischen Eigenheiten hervorheben
zu können, faszinierte Johann Sebastian Bach, und er komponierte daraufhin
seine Sammlung von 24 Preludien und Fugen in allen zwölf Dur- und
Molltonarten. Er wollte damit die Unterschiede in den Tonarten hervorheben
und sie hörbar machen.
Was manchmal den Hauch von Esoterik hervorruft, wenn z. B. Richard
Wagner seinen Lohengrin nur in A-Dur singen lässt, weil diese Tonart für
ihn strahlend und heldenhaft klang, hat also seinen Hintergrund in der
wohltemperierten Stimmung III von Andreas Werckmeister.

Die gleichtemperierte Stimmung

In der Folgezeit wurde noch an weiteren Stimmungen herumexperimentiert.


Wir wollen nur die Namen Johann Georg Neidhardt und Georg Andreas Sorge
erwähnen. Heute im Zeitalter der Elektronik gibt es aber Geräte, die uns beim
Stimmen das Leben leicht machen. Sie zeigen durch einen Zeigerausschlag
genau an, wann der Ton richtig gestimmt ist. Das hat aber einen Nachteil.
Diese Elektronik nimmt keine Rücksicht auf wohltemperierte Stimmungen,
sondern teilt die Oktave einfach in gleich große Tonintervalle. Dies ergibt
dann die gleichtemperierte Stimmung. Jetzt kommt wieder die Mathematik
ins Spiel.
Damit wir uns ganz eng beim Stimmvorgang aufhalten, rechnen wir nun
in Frequenzen. Wir beginnen ja mit der Stimmgabel beim Kammerton a, der
heutzutage mit 440 Hz festgelegt ist. Die Oktave a1 hat dann 880 Hz. Die
ganze Oktave wollen wir in zwölf gleich große Tonintervalle einteilen. Dazu
müssen wir zwölf gleiche Schritte mit der Frequenz k machen, d. h. also
2.1 Wohltemperierte Klaviere 53

 k    k D k12 D 2:
k„ƒ‚…
zwölfmal

Daraus ergibt sich sofort


p
12
kD 2 D 1; 05946:

Mit diesem Faktor können wir jetzt die Frequenzen ausrechnen. Wir geben
sie hier für die erste Oktave von a bis a1 an:

Ton Frequenz
a 440
ais 466.164
h 493.883
c1 523.251
cis1 554.365
d1 587.330
dis1 622.254
e1 659.255
f1 698.456
fis1 739.989
g1 783.990
gis1 830.609
a1 880

Und wie macht man das in der Praxis? Nun, vor etlichen Jahren, als die
Elektronik noch im Kinderbett lag, habe ich mal einen Klavierstimmer gefragt,
wie er diese Differenz denn stimmt. Zu meiner Verblüffung antwortete er:

Ich stimme den Ton nach Gehör so, dass keine Schwebung auftritt. Dann lasse
ich einen kleinen Tick nach.

Wie groß dieser Tick sein musste, hat er nicht verraten. Ich vermute, das
war dann mehr so ein gefühlter Tick. Heute also hat man die Stimmgeräte,
die genau diese gleichtemperierte Stimmung programmiert haben. Da muss
man nur Saite für Saite stimmen und keine Quinten und Quarten suchen.
Wie wir es beschrieben haben, werden so alle Töne einen Tick falsch
gestimmt, aber alle gleichmäßig. Das hört sich sehr demokratisch an, hat aber
jetzt den Nachteil, dass kein Intervall mehr vor einem anderen herausragt.
Daraufhin kann man auch keine Unterschiede mehr in den Tonarten hören.
54 2 Mathematik in der Musik

Die Charakteristik der Tonarten ist verschwunden. Daher ist es auch nicht
gerade spannend, was das Hörerlebnis angeht, auf einem elektronischen
Klavier mit der gleichtemperierten Stimmung das wohltemperierte Klavier
von Bach zu spielen. Bach, der uns mit diesen Kompositionen die Charaktere
der Tonarten vorführen wollte, wird gleichgemacht. Eigentlich schade, oder?

2.2 Mozarts Würfelmusik


Es hat etliche Versuche gegeben, Musik mit Hilfe der Mathematik zu erzeugen.
Man kann z. B. mit zwei Würfeln zufällig Zahlen würfeln, deren Summe dann
unmittelbar in Töne umgesetzt werden, also die 2 ist das Cis, die 3 ist das D, die
4 ist Dis usw. Sie merken schon das erste Problem. Da wir mit zwei Würfeln
keine 1 werfen können, kommt der Grundton C nicht vor, oder wir fangen
bei 2 mit dem C an, dann aber fehlt die Oktave C. Außerdem würde auf diese
Weise wohl keine sehr schön klingende Melodie erzeugt. Es wäre so etwas wie
die Zwölftonmusik von Arnold Schönberg. Dort sind aber in der Reihe keine
Wiederholungen erlaubt. Nun, diese Idee scheint uns nicht sehr trächtig.
Wir wollen eine andere recht niedliche Idee vorstellen, die Wolfgang
Amadeus Mozart (1756–1791) mit viel Erfolg damals in den Salons vorgetragen
hat.

Mozarts Vornamen

Nebenbei bemerkt: Wissen Sie, wie Mozart laut Taufregister mit Vornamen
heißt? Man kann die Frage nach heutiger Quiz-Manier auch folgendermaßen
stellen:
Welcher der folgenden Vornamen steht nicht im Taufregister von Mozart,
dem berühmten Komponisten, geboren 1756 in Salzburg? Diese Bemerkung
muss hinzugefügt werden, um die Person eindeutig zu beschreiben. Sonst
meint vielleicht jemand, wir sprächen vom Vater Leopold Mozart:
A) Chrysostomus B) Wolfgangus
C) Amadeus D) Theophilus
So ähnlich lautete tatsächlich mal eine Frage in einer großen Quizsendung.
Die richtige Antwort ist C. Dabei sollte man hinzufügen, dass Amadeus
die latinisierte Form des Names Theophilus ist, beides bedeutet Gottes

Liebling“ . Jedenfalls getauft worden ist dieser große Musiker als Joannes
Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart. Amadeus hat er wohl selbst
daraus gemacht.
2.2 Mozarts Würfelmusik 55

Wir fügen zu Ihrer Erbauung noch eine weitere Frage an:


Welcher der folgenden Vornamen steht wirklich in der Heiratsurkunde von
Mozart:

A) Chrysostomus B) Amadeus
C) Adam D) Theophilus

Weil diese Fragen stets so aufgebaut sind, dass genau eine von vier Antwort-
möglichkeiten richtig ist, stehen also drei der obigen Vornamen nicht in der
Heiratsurkunde. Das sieht verwirrend aus. Tatsächlich ist in solchen Fällen
meist die unwahrscheinlichste Antwort richtig. Man will ja seine Leserschaft
überraschen. Mozart hatte wohl stets so einen kleinen Schalk im Nacken.
Jedenfalls hat er eine Dispens erwirkt und musste zu seiner Hochzeit keine
Geburtsurkunde vorlegen. Die lag nämlich in Salzburg bei seinem Vater mit
den oben genannten Vornamen, während er ja in Wien geheiratet hat. Und
dann hat er dem Pastor flugs erklärt, er hieße Wolfgang Adam Mozart, und
so steht es tatsächlich in der Heiratsurkunde. Also auch hier ist Antwort C
richtig.
Sein Vater übrigens hat ihn häufig mit seinem Firmnamen Sigismund
gerufen.

Beispiel einer Würfelmusik

Ein zur Zeit beliebtes Spiel zur Unterhaltung in Gaststätten heißt Karaoke.
Wer auch immer sich zutraut, den Mund aufzumachen, kann sich dort ans
Mikrofon stellen und zu Playbackmusik den Text eines bekannten Musik-
stücks, (z. B. Schlager oder Rapp o. ä.) vom Teleprompter dem häufig hämisch
grinsenden Publikum vorsingen“ .

Zu Mozarts Zeiten gab es eine andere Methode, die Gäste an der allge-
meinen Unterhaltung zu beteiligen. Wir zeigen das Prinzip an folgenden sehr
einfachen Melodien. Wir beginnen mit zwei jeweils zwei Takte umfassende
kleinen Stücken, die wir als Anfang verwenden können Hier der erste Anfang:

Piano
56 2 Mathematik in der Musik

Der zweite Anfang laute:


2

Piano

Vielleicht können Sie beide Intros“ auf einem Keybord oder Klavier kurz

anspielen, dann hören Sie, dass ich in beiden Teilen die gleiche Grund-
harmonik verwende. Das bedeutet aber, dass ich beide Stücke miteinander
austauschen kann, ohne bei der Fortsetzung Schwierigkeiten zu bekommen.
Das Gleiche machen wir jetzt mit der Fortsetzung, die dann in unserem ein-
fachen Beispiel auch schon das Ende markiert. Wir bieten zwei verschiedene
Beendigungen an, die wieder aus jeweils zwei Takten bestehen.
Dies sei das erste Ende:
2

Piano

Dies sei das zweite Ende:


2

Piano

Ich gebe es zu, ich bin kein Mozart. Verzeihen Sie mir also diese simplen
Kompositionen. Es geht um das Prinzip.
Jetzt kommt das Karaoke-Spiel von Mozart. Nehmen Sie eine Münze in die
Hand. Diese hat zwei Seiten. Durch den Wurf dieser Münze und Beobachten
der oben liegenden Seite kommt die Wahrscheinlichkeit ins Spiel.
Einer meiner akademischen Lehrer versuchte uns damals in der Vorlesung
den Zugang zur Wahrscheinlichkeitslehre dadurch zu veranschaulichen, dass
er uns erklärte, er habe in seiner Studienzeit mit seinem Freund häufig die
Münze geworfen. Zeigte sie Zahl, so seien sie ins Kino gegangen. Lag das Bild
oben, so haben sie sich ins Bad begeben. Nur wenn die Münze auf der Kante
stehen geblieben sei, haben sie für das Studium gelernt.
2.2 Mozarts Würfelmusik 57

Nehmen wir an, die Münze habe auf der einen Seite die Zahl des Wertes
und auf der anderen Seite das Brandenburger Tor. Dann werfen Sie jetzt
die Münze. Liegt die Zahl oben, wählen Sie die Anfangsmusik 1, liegt das
Tor oben, so kommt Anfang 2 dran. Dann werfen Sie erneut die Münze.
Bei Zahl wählen Sie Ende 1, bei Tor Ende 2. Das ist sehr einfach zu
durchschauen.
Auf diese einfache Weise gelingt es uns, vier verschiedene Melodien mit
jeweils vier Takten zu kombinieren; Mozart nannte das dann komponieren.
Wir sollten diese Musik Münzenmusik nennen, denn wir erhalten die vier
mittels einer Münze (Zahl (Z) oder Tor (T)) geworfenen Melodien:
ZZ ZT TZ TT

Mozarts Würfelwalzer

Natürlich kann Mozart das viel besser. Er hat insgesamt zweimal 88 Takte
aufgeschrieben, also zusammen 176 Takte. Er tat es im Dreivierteltakt, so dass
Walzer entstanden. Diese Takte kann man nicht ganz beliebig kombinieren,
sondern dazu hat er zwei Tafeln aufgestellt, in denen alle Taktnummern
verzeichnet sind. Jede Tafel enthält elf Zeilen und acht Spalten. Jede Spalte
steht für einen zu wählenden Takt, so dass ein Musikstück von acht Takten
entsteht. Die erste Tafel benutzt man für die acht Anfangstakte, die zweite
Tafel für die acht Endtakte.
Betrachten wir zuerst die Tafel für die acht Anfangstakte. Jetzt kommt die
Wahrscheinlichkeit ins Spiel. Mozart lässt seine Zuhörerinnen und Zuhörer
mit zwei Würfeln werfen. Betrachtet wird die Augensumme, bei zwei Würfeln
also die Zahlen von 2 bis 12. Das sind elf verschiedene Zahlen; sie stehen
für die elf Zeilen der beiden Tafeln. Für den ersten Takt schaut man dann in
der ersten Spalte in die Zeile, die gewürfelt worden ist. Für den zweiten Takt
betrachtet man die zweite Spalte und nimmt dort die gewürfelte Augensumme
als Zeile usw.
Hat man so die acht Takte gewürfelt und damit die Anfangsmelodie
zusammengesetzt, so geschieht das Gleiche für die acht Endtakte mit Hilfe
der zweiten Tafel.
Das muss damals sehr lustig gewesen sein. Mathematisch interessant ist die
Frage, wie viel verschiedene Walzer man auf diese Weise erzeugen konnte. Das
ist ziemlich einfach überlegt. In der ersten Spalte habe ich elf verschiedene Tak-
te, die als erster Takt verwendet werden können. Beim zweiten Würfeln wird
wieder einer von elf verschiedenen Takten aus der zweiten Spalte hinzugefügt.
Zu jedem ersten Takt gibt es also elf mögliche zweite Takte. Das sind dann
58 2 Mathematik in der Musik

zusammen 11  11 D 121 verschiedene Möglichkeiten. So geht das weiter. Bis


zur achten Spalte hat man also

11  11  11  11  11  11  11  11 D 118 D 214:358:881;

also mehr als 200 Millionen verschiedene achttaktige Anfänge. Genau so viele
Enden haben wir. Zu jedem Anfang können wir wieder ein Ende kombinieren.
Also erhalten wir auf diese Weise
 8  8
11  11 D 45:949:729:863:572:161

verschiedene Würfelwalzer. Das sind mehr als 45 Billarden. Diese Zahl ist
wirklich sehr groß. Mozart schreibt in seiner Anleitung zu diesem Walzer:

…und so gehts ins Unendliche fort.

Nun, wir verweisen auf unser Kap. 5, S. 103, in dem wir uns intensiv mit
unendlich“ auseinandersetzen. Dort werden wir sehen, dass unendlich noch

viel, viel größer ist.

2.3 Klassen in der Mathematik


Die Mathematiker haben sich ein System ausgedacht, wie man die neues-
ten Veröffentlichungen in Fachzeitschriften zu einem bestimmten Thema
finden kann, ohne die gesamte Literatur durchzublättern. Dabei sollten wir
bedenken, dass es ca. 400 mathematische Fachzeitschriften weltweit gibt, die
monatlich oder zweimonatlich erscheinen. In jeder Zeitschrift sind grob über
den Daumen gepeilt fünf Fachartikel mit neuesten Erkenntnissen. Das sind
also zusammen 2000 neue Artikel alle zwei Monate. Dann sind das zusammen,
wobei wir alle Zeitschriften als zweimonatlich betrachten, 12 000 neue Artikel
pro Jahr.
Solch ein Artikel gipfelt immer in einer neuen Erkenntnis, die mathema-
tisch in einem neuen Satz zusammengefasst wird. Das sind also

12:000 neue mathematische Sätze pro Jahr!

Dabei haben wir nicht einbezogen, dass die Autoren für die Beweise
Hilfssätze heranziehen, die ebenfalls neu, aber nicht so tragend sind. Wer kann
da die Übersicht behalten?
2.3 Klassen in der Mathematik 59

Nun, Mathematiker sind ja nicht dumm. Sie haben tatsächlich ihre gesamte
Wissenschaft in kleine Klassen eingeteilt in der sogenannten Mathematical

subject classification“ . In Abb. 2.1 sehen Sie die erste grobe Übersicht mit
ungefähr 60 Klassen.

Abb. 2.1 Einteilung der Mathematik in 60 Klassen


60 2 Mathematik in der Musik

Das geht ja noch. Aber Abb. 2.2 sollte Sie stutzig machen. Hier sehen Sie
die Klasse 65 Numerical Analysis“ . In dieser sind insgesamt 20 Unterklassen,

nach Buchstaben geordnet, aufgeführt. Mit dem Buchstaben N finden wir
die Unterklasse Partial differential equations, boundary value problems“ .

Abb. 2.2 Ein Blick in die Unterklasse 65 N 30


2.4 Melodien finden leicht gemacht 61

Das sind also die partiellen Differentialgleichungen und ihre Randwertpro-


bleme. Einige Buchstaben sind freigelassen, um Platz für zukünftige Entwick-
lungen zu haben. Jede dieser Unterklassen ist dann noch einmal in bis zu zehn
Unterunterklassen aufgeteilt. Ich habe diese Unterklasse 65 ausgewählt, weil
ich selbst in meiner aktiven Zeit unter anderem in der Unterunterklasse 65 N
30 veröffentlicht habe.
Was nützt diese Einteilung? Jetzt kommt der entscheidende nächste Schritt.
Es gibt sogenannte mathematische Referatezeitschriften. Zwei haben sich
durchgesetzt:

• das Zentralblatt der Mathematik und


• die Mathematical Reviews

Jeder Autor muss seine neue Veröffentlichung in obige Klassifizierung


einordnen. Dann werden in diesen Referateblättern alle diese neuen Artikel
in einer kurzen Zusammenfassung vorgestellt, und zwar geordnet nach der
Klassifizierung. Wenn man jetzt zu einem bestimmten Gebiet einen Facharti-
kel sucht, schaut man nur in diese Referatezeitschriften und sucht dort unter
der passenden Rubrik, welche neuen Artikel denn erschienen sind und was
dort inhaltlich zu erwarten ist. Das ist ziemlich einfach gemacht. Und so habe
ich auch jederzeit die Übersicht über neue Erkenntnisse anderer Autoren in
meinem speziellen Fachgebiet behalten.
Ein kleiner Wermutstropfen ist natürlich dabei. Diese kurzen Zusammen-
fassungen werden von Fachleuten erstellt, und die brauchen natürlich ihre
Zeit, um den Artikel zu lesen und eine Zusammenfassung zu schreiben. Das
führt dazu, dass diese Referateblätter nicht ganz aktuell sein können, sondern
immer etwas hinterherhinken. Trotzdem sind sie eine riesengroße Hilfe zur
Orientierung in den 12.000 neuen Sätzen pro Jahr.

2.4 Melodien finden leicht gemacht


Warum haben wir uns diese verrückte Klassifizierung der Mathematiker
angeschaut? Weil es tatsächlich in der Musik ein zumindest analoges Verfahren
gibt, um eine Melodie zu finden. Eine Melodie finden? Ja, wie soll das denn
gehen?
Ist es Ihnen nicht auch schon passiert, dass Sie frühmorgens oder auch am
hellen Nachmittag plötzlich eine Melodie im Ohr haben, die sich dann zum
richtigen Ohrwurm entwickelt? Ständig müssen Sie diese Melodie vor sich
hin summen, aber es will und will Ihnen nicht einfallen, was das für eine
62 2 Mathematik in der Musik

Melodie ist. Aus welchem Stück stammt die bloß? Und hier sollte es ein System
geben, diese Melodie zu finden?
Tatsächlich haben sich bereits 1948 zwei Amerikaner Harold Barlow und
Sam Morgenstern [1] darangemacht, eine möglichst vollständige Liste aller
musikalischen Themen der sogenannten E-Musik, also der klassischen Musik
zusammenzustellen. Von Vivaldi über Bach, Händel, Beethoven, Mozart bis
hin zu Strawinsky und anderen Komponisten des 20. Jahrhunderts, dazu
eine Vielzahl nicht so bekannter Komponisten. 10.000 musikalische Themen
haben sie in einem Buch zusammengetragen, so wie die Mathematiker ihre
12.000 neuen Sätze jedes Jahr in Referateblättern zusammmenstellen. Von
großem Vorteil war natürlich, dass diese Liste abgeschlossen war und keine
neuen Themen mehr hinzukamen. Geordnet wird diese Liste nach den
Namen der Komponisten, nach ihrem Geburtsdatum aufsteigend sortiert.
Als Unterkategorie wird wieder das Alphabet genommen, also z. B. Quintett,
Rondo, Serenade, Valse etc. Diese Unterteilung ist nicht so wichtig, denn am
Rand sind alle Melodien fortlaufend für jeden Buchstaben nummeriert. Von
B 521 bis B 1058 sind Beethoven-Melodien gesammelt, von B 1059 bis B 1061
Melodien von Vincenco Bellini usw.
Aber diese Ordnung hilft nicht beim Suchen. Da muss eine neue Ordnung
erfunden werden. Nur wie ordnet man nun musikalische Themen, auf dass
man sie finden kann? Musikalische Themen sind ja etwas Abstraktes. Bis auf
einige Ausnahmen wie z. B. Beethovens 6. Sinfonie, die Pastorale, werden Me-
lodien nicht mit irgendeinem Inhalt zusammengebracht. Auch beim Anhören
der Frühlingssinfonie von Robert Schumann werden Sie schwerlich selbst auf
die Zuordnung zu einer Jahreszeit kommen, wenn man es Ihnen nicht sagt.
Oder denken Sie an Beethovens Wut über den verlorenen Groschen. Kaum
ein Pianist, der sich an diesem fantastischen Werk die Finger wund übt, wird
dabei den verlorenen Groschen im Sinn haben.
Welche Assoziation wollen Sie mit dem Italienischen Konzert von Johann
Sebastian Bach verbinden? Nein, eine Zuordnung musikalischer Themen zu
irgendwelchen Inhalten führt nicht wirklich zu einer Einteilung aller Themen.
Eine Einteilung der Melodien in Dur und Moll ist viel zu grob, um
eine Suchoption zu bilden, abgesehen davon, dass bei Komponisten des 20.
Jahrhunderts manchmal gar keine Zuordnung in Dur oder Moll besteht. Die
Zwölftonmusik von Arnold Schönberg sei als Beispiel genannt. Außerdem
denke ich an meinen Freund aus der Schulzeit, der später als Ingenieur pro-
moviert hat, dem ich aber stets bei mündlichen Prüfungen im Klassenverband
mit kleinen Fingerzeigen Hinweise auf Dur oder Moll geben musste, damit er
in Musik nicht durchfiel. Auch die Eselsbrücke“

2.4 Melodien finden leicht gemacht 63

Dur = fröhlich, lustig, schnell Moll = traurig, langsam

hilft nicht weiter. Denken Sie nur an den lustigen Türkischen Marsch von
Mozart, der in a-moll steht, und die so zu Herzen gehende, ja klagende
Melodie der Klarinette im zweiten Satz von Mozarts Klarinettenkonzert, in
D-Dur notiert. Wer hier nicht den Unterschied zwischen kleiner und großer
Terz kennt, hat verloren.
Jetzt kommt der geniale Trick. Alle diese Melodien haben Barlow und
Morgenstern nach C-Dur bzw., wenn es ein Moll-Stück ist, nach c-moll trans-
poniert und dann die zugehörigen Notenbezeichnungen aufgeschrieben. Alle
meine Entchen wäre dann z. B. CDEFGG usw. Sie verstehen das sicherlich.
Jetzt wählen sie, so wie die Mathematiker eine Klassifizierung der mathema-
tischen Artikel nach Themenbereichen eingeführt haben, eine Klassifizierung
an Hand des bestehenden Alphabetes. Die von ihnen gesammelten 10.000
transponierten musikalischen Themen haben sie alphabetisch sortiert. Das
ganze haben sie dann auf den letzten 100 Seiten ihres Buches zusammengefasst.
Das hört sich verrückt an, musikalische Themen alphabetisch zu sortieren.
Diese Liste beginnt mit A A A A A A A A, eine Melodie von Igor Strawinsky
aus dem Ballett Petruschka. Es ist das zweite Thema aus dem russischen Tanz.
Sie beginnt sogar elfmal nacheinander mit A, allerdings nicht in derselben
Tonhöhe, sondern die ersten beiden A liegen eine Oktave höher. Da es keine
andere Melodie mit mehr als sieben A nacheinander gibt, reicht es zum Finden,
wenn acht A aufgeführt sind.
Beachten muss man noch, dass in Amerika unser H als B bezeichnet wird.
Stellen Sie sich jetzt vor, Sie haben einen solchen Ohrwurm im Kopf. Ich
habe mir mal solch eine Melodie ausgedacht. Bei einem Vortrag würde ich
Ihnen jetzt diese Melodie vorsingen in der Hoffnung, dass Sie sie vielleicht
schon einmal gehört haben, dass Sie also glauben, sie zu erkennen, können sie
aber nicht direkt einem Musikstück zuordnen.
Nun, ich habe eine sehr einfache Melodie ausgewählt. Vielleicht sind Sie ja
in der Lage, sich selbst folgende Melodie vorzusummen, muss ja keiner hören:
2 3 4

Falls Sie Noten lesen können, haben Sie es jetzt leicht. Sonst ist es etwas
schwieriger. Denn wir müssen dieses Musikstück wirklich mit Noten kennen,
also mit den Notennamen, in C-Dur (oder bei einem Moll-Stück in c-Moll).
Ich schreibe Ihnen diese Notenfolge jetzt hier auf:
64 2 Mathematik in der Musik

C E C G C E G C

Können Sie das nachvollziehen?


Diese Notenfolge suchen wir in Barlows und Morgensterns Buch auf den
letzten 100 Seiten. Fündig werden wir auf der in Abb. 2.3 gezeigten Seite in
der dritten Zeile von rechts unten

Abb. 2.3 Auszug aus dem alphabetisch sortierten hinteren Teil des Buches
2.4 Melodien finden leicht gemacht 65

Abb. 2.4 Auszug aus der Sammlung musikalischer Themen

Rechts neben dieser Notenfolge steht B918. Wenn wir jetzt vorne im Buch
unter dieser Nummer nachschlagen, finden wir die gesuchte Melodie in der
Mitte mit der Nummer B918 am Rand (Abb. 2.4).
Das ist das erste Thema aus der Symphony No. 3, E Flat, also E-Dur, Op.
55, die sogenannte Eroica von Ludwig van Beethoven.
3
Mathematik in der Sprache

Neuerdings trifft man immer häufiger in der normalen Umgangssprache auf


Begriffe, die mich als Mathematiker zusammenzucken lassen. Es scheinen
nämlich echte mathematische Fachbegriffe zu sein. Dann jedoch muss ich
häufig den Kopf schütteln; denn so richtig mathematisch klingt das höchstens,
ist es aber in Wirklichkeit gar nicht. Manchmal sind Begriffe offensichtlich
falsch verstanden, werden aber benutzt, weil man sich eine Bedeutung hin-
zudenkt und weil es so schön klingt, z. B. der größte gemeinsame Nenner“ .

Manchmal sind die Begriffe echte Fachbegriffe, haben aber in der Fachwelt
eine ganz andere Bedeutung, als der Benutzer es vermutet, z. B. der Begriff
stetig“ .

Wir wollen hier nur ein klein wenig Oberlehrer spielen, im Wesentlichen
aber über diese Begriffe sprechen und sie erklären. So kommt nämlich viel
Mathematik dabei rüber.

3.1 Die Suche nach dem größten gemeinsamen


Nenner
Der Ausdruck größter gemeinsamer Nenner“ sieht nach echt starker Ma-

thematik aus. Das war doch mal in der Schule, so ein Begriff wie größter
gemeinsamer …. Erinnern Sie sich? Sie müssen lange zurückdenken. Dann
kommt es. In der sechsten Klasse war’s dran:

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016 67


N. Herrmann, Mathematik und Gott und die Welt,
DOI 10.1007/978-3-662-48723-5_3
68 3 Mathematik in der Sprache

• Größter gemeinsamer Teiler (ggT)


• Kleinstes gemeinsames Vielfaches (kgV)
• Hauptnenner

Alle diese Begriffe scheinen in einem Journalistenherzen rumzuspuken. Nur


den größten gemeinsamen Nenner findet man in der Mathematik leider nicht.
Wer denkt sich also solch einen Begriff aus? Und meint dann noch, sich
hochwissenschaftlich auszudrücken. Aber jetzt bitte kein weiteres Gejammere.
Wir wollen ja eigentlich nur die Gelegenheit wahrnehmen, Ihnen diese
Begriffe aus der sechsten Klasse noch einmal in Erinnerung zu rufen.

Der größte gemeinsame Teiler (ggT)

Beginnen wir mit dem ggT, dem größten gemeinsamen Teiler. Dieser Begriff
hat nur Sinn in Zusammenhang mit zwei Zahlen. Man muss ja schließlich
etwas Gemeinsames suchen. Dazu braucht man zwei Zahlen. Nehmen wir
uns die Zahlen 96 und 44, rein willkürlich.
Wenn wir streng nach dem Begriff ggT gehen, so müssen wir zuerst
von diesen beiden Zahlen jeweils alle Teiler bestimmen. Das ist bei großen
Zahlen nicht ganz leicht; wenn man sehr große Zahlen nimmt, kann es
richtig schwierig werden. Machen Sie nur mal das umgekehrte Spiel und
nehmen Sie sich zwei wirklich große Primzahlen. Die gibt es 40- oder 50-
stellig im Internet. Diese beiden Zahlen multiplizieren Sie miteinander. Und
dann beauftragen Sie einen Freund, von der neuen Riesenzahl die Teiler zu
bestimmen. Dieses Problem macht man sich bei der Verschlüsselung von
Nachrichten zunutze. Aber das schildern wir an anderer Stelle.
Hier ist die Aufgabe natürlich sehr leicht.

Teiler von 96 sind: 2; 3; 4; 6; 8; 12; 16; 24; 32; 48; 96


Teiler von 44 sind: 2; 4; 11; 22; 44

Jetzt vergleichen wir die Teiler beider Zahlen und suchen die gemeinsamen
Teiler:
Gemeinsame Teiler von 44 und 96 sind: 2; 4

Unter diesen müssen wir jetzt den größten bestimmen. Also haben wir:

Größter gemeinsamer Teiler (ggT) von 44 und 96 ist: 4


3.1 Die Suche nach dem größten gemeinsamen Nenner 69

In der Schule wird ein anderes Verfahren gelehrt, das wir aber nicht vertiefen
wollen; denn es ist auch keine wirkliche Hilfe bei großen Zahlen. Man sucht
von den beiden zu betrachtenden Zahlen alle Primfaktoren. Dann ist das
Produkt der gemeinsamen Primfaktoren der ggT. Wie gesagt, Primfaktoren
bei sehr großen Zahlen sucht man nicht einfach so.
Unser besonderer Grund, diese beiden Verfahren nicht so gut zu bewerten,
liegt aber darin, dass seit dem alten Euklid ein ganz wunderbares Verfahren
zur Bestimmung des ggT bekannt ist.

Der Euklidische Algorithmus

Dieser ganze Algorithmus beruht auf einer schlichten Division mit Rest. Wenn
wir eine Zahl durch eine andere teilen, geht das in der Regel nicht auf, sondern
es bleibt ein Rest:
96 W 44 D 2 Rest 8

Das können wir auch als eine Gleichung schreiben:

96 D 2  44 C 8

Jetzt kommt der geschickte Schachzug von Euklid. Wir machen die Rech-
nung ein weiteres Mal, diesmal aber mit der kleineren zweiten Zahl 44 und
dem Rest 8, also
44 D 5  8 C 4 :

Jetzt hält uns nichts mehr, und wir rechnen noch einmal:

8D 24C0

Jetzt ist der Algorithmus beendet, denn der Rest ist 0. Und jetzt halten Sie
sich fest:
Satz 3.1 Der letzte nicht verschwindende Rest ist der ggT.
Wir haben oben den Rest 4 umrahmt. 4 ist also der ggT von 96 und 44,
wie wir es noch weiter oben ja schon auf andere Art bestimmt hatten.
Ist das nicht fantastisch? Eine solch einfache Rechnung führt uns zum ggT.
Sie könnten einwenden wollen, dass das eventuell zu einer sinnlosen, weil
nicht abbrechenden Rechnung führt. Aber falsch geraten. Der Rest ist doch
immer echt kleiner als die Zahl, durch die wir dividieren. Bei wiederholter
70 3 Mathematik in der Sprache

Rechnung wird der Rest also ständig kleiner. Weil die beiden Zahlen aber
endlich sind, ist der Algorithmus auch endlich und endet beim Rest 0. Bei
großen Zahlen kann das lange dauern, aber niemals unendlich lange. Und
die Rechnung geht vorbestimmt. Eine Divisionsaufgabe ist in endlich vielen
Schritten nach einem feststehendem Kalkül erledigt. Ein Computer macht so
etwas in Sekundenbruchteilen.
Einfach, damit Sie Spaß an diesem Algorithmus gewinnen, rechnen wir
noch ein Beispiel. Wir suchen den ggT von 5.432 und 123. Zwischendurch
benutzen wir natürlich unseren Taschenrechner:

5432 D 44  123 C 20
123 D 6  20 C 3
20 D 6  3 C 2
3D12C 1
2D 21C0

Der letzte von 0 verschiedene Rest ist 1. Das ist also der ggT, und das heißt,
dass unsere Zahlen teilerfremd sind.
Jetzt kommen aber die Neunmalklugen und belehren mich, dass man ja
den ggT eigentlich gar nicht braucht, aber das kleinste gemeinsame Vielfache
(kgV) braucht man in der Bruchrechnung. Und dann muss ich ja doch die
Rechnung mit den Primfaktoren durchführen. Warum also dann der Umweg
über den Euklidischen Algorithmus? Aber halt, so leicht kommen Sie mir nicht
davon.

Der Hauptnenner

In der Tat, in der Bruchrechnung brauchen wir den Hauptnenner, und der ist
das kleinste gemeinsame Vielfache (kgV) der beteiligten Nenner. Es ist also
nicht der größte gemeinsame Nenner, auch nicht der kleinste gemeinsame
Nenner, sondern das kleinste gemeinsame Vielfache der Nenner. Und wo
braucht man diesen Hauptnenner?
Um zwei Brüche mit unterschiedlichem Nenner zu addieren, müssen wir
sie zunächst gleichnamig machen, beide also so umformen, dass sie denselben
Nenner haben. Der kleinste dieser gemeinsamen Nenner ist der Hauptnenner.
Das erläutern wir zuerst mal an einem Beispiel.
3.1 Die Suche nach dem größten gemeinsamen Nenner 71

Wir möchten gerne folgende Rechnung ausführen:

1 1
C
2 3

Es gibt sehr clevere Typen, die meinen:


Ach die Mathematiker spinnen doch. Um die beiden Brüche zu addieren, addiere
ich einfach die beiden Zähler und dann die beiden Nenner und schon sind wir
fertig.

Das ist natürlich Unsinn. Das ergäbe ja hier: 12 C 13 führt zu 1C1


2C3
D 25 , eine
Zahl kleiner als 12 .
Nehmen wir uns aber mal eine Torte, und betrachten wir die halbe Torte
( 12 ) und ein Drittel der Torte ( 13 ). Wenn wir die beiden Teile zusammenfügen,
bekommen wir ein deutlich größeres Stück als die halbe Torte.
Das geht so also nicht, ihr Besserwisser. Wir müssen uns schon etwas an-
strengen. Wir erkennen, wenn Sie sich vielleicht wieder eine Torte vornehmen,
dass gilt:
1 2 3
C D
8 8 8

O.k., wenn also der Nenner gleich ist bei beiden Brüchen, kann ich sie
addieren, indem ich einfach den Zähler addiere und den Nenner beibehalte.
Was mache ich also, wenn die beiden Brüche nicht den gleichen Nenner
haben? Richtig, ich bringe sie auf den gleichen Nenner. Das geht immer.

Das kleinste gemeinsame Vielfache (kgV)

Hier kommt unser kgV ins Spiel. Ich bestimme von den beiden Nennern das
kgV, das ist der Hauptnenner. Dann erweitere ich die beiden Brüche so, dass
sie jetzt beide den gleichen Nenner, nämlich den Hauptnenner, haben. Dann
addiere ich die Zähler und übernehme den Hauptnenner als Nenner, fertig.
Hier ein ganz einfaches Beispiel:

1 1 3 2 5
C D C D :
2 3 6 6 6

Bei diesen kleinen Zahlen übersehe ich natürlich sofort, wie der Hauptnen-
ner aussieht. Aber wenn man größere Zahlen im Nenner hat, ist es auch hier
72 3 Mathematik in der Sprache

viel einfacher, zuerst den ggT der beiden Nenner mit Euklid zu berechnen. Ja,
und wie finde ich dann den Hauptnenner, also das kgV?
Tatsächlich gilt folgender Satz:
Satz 3.2 Für zwei natürliche Zahlen a und b gilt die Beziehung

ggT  kgV D a  b:

Wenn ich also von zwei Zahlen a und b mit dem guten Euklid den
ggT ausgerechnet habe, so kann ich sehr leicht das kgV bestimmen aus der
Gleichung:
ab
kgV D
ggT

Was sagen Sie dazu? Es ist doch viel besser, man rechnet mit einem wirklich
einfachen Algorithmus, dem Euklidischen Algorithmus, den ggT aus und
bestimmt dann aus einer noch einfacheren Gleichung das kgV.
Wenn Sie mir nicht glauben wollen, so suchen Sie doch mal den ggT
von 10.403 und 9991. Viel Spaß bei der Suche nach Primfaktoren. Hier die
Rechnung mit Euklid:

10403 D 1  9991 C 412


9991 D 24  412 C 103
412 D 4  103 C 0

Also ist 103 der ggT. Und das kgV berechnet sich so:

10:403  9991
kgV D D 1:009:091
103

Noch Fragen?

3.2 Hinweis auf das Wurzelziehen


Übrigens, die Idee, beim Addieren von Brüchen einfach Zähler und Nenner
getrennt zu addieren, stimmt wirklich so bei der Multiplikation. Es ist

1 1 11 1
 D D :
2 3 23 6
3.3 Wir wollen die Politik verstetigen 73

Das ist echt gemein in der Mathematik, dass manchmal etwas sehr leicht
daherkommt und sich dann bei einer fast analogen Aufgabe Probleme auf-
türmen. Das ist so ganz ähnlich beim Wurzelziehen. Man möchte so gerne
glauben, dass p p p
a C b dasselbe ist wie aC b:
p
Aber wir rechnen mal schnell 9 C 16 aus. Es ist
p p
9 C 16 D 25 D 5;

aber p p p
9 C 16 ist nicht dasselbe wie 9 C 16 D 3 C 4 D 7:

Mathematisch bedeutet das, dass die Wurzelfunktion nicht linear ist.

3.3 Wir wollen die Politik verstetigen


Verstetigen“ ist ein Lieblingsbegriff unserer derzeitigen Kanzlerin, Angela

Merkel, ihres Zeichens Doktor der Physik. Wir alle verstehen sofort, was sie
damit meint. Aber was bedeutet der Begriff stetig“ in der Mathematik?

Eine der Lieblingsdefinitionen der Mathematiker ist die folgende:

Definition 3.1 Eine Funktion f W .a; b/ ! R heißt im Punkt x0 2 .a; b/ stetig,


wenn gilt:
Zu jedem " > 0 gibt es ein ı > 0, so dass aus jx  x0 j < ı stets folgt:

jf .x/  f .x0 /j < "

Damit kann man Generationen von Schülern und Studienanfängern ver-


schrecken. Es ist eigentlich nicht schwer zu verstehen, wenn man alles aus-
führlich erklärt und viele Beispiele dazu gibt. Aber das ist ja hier nicht unser
Ziel. Wir wollen lediglich ein paar Beispiele angeben, die zeigen, was für
schreckliche Funktionen stetig sind. Dazu reicht es uns, wenn ich Ihnen sage,
dass man stetig“ zumindest für Anfänger etwas salopp so erklären kann, dass

man den Graphen der Funktion in einem Zuge zeichnen kann. Das schließt
Funktionen aus, wo der Graph einen Sprung macht, wie Abb. 3.1 gezeigt.
Jetzt haben Sie vielleicht einen ungefähre Vorstellung von einer stetigen
Funktion. Aber schauen Sie sich Abb. 3.2 an.
74 3 Mathematik in der Sprache

f(x)

x0 x

Abb. 3.1 Eine bei x0 nicht stetige Funktion

Abb. 3.2 Stetige Funktionen

Hier zeige ich Ihnen zwei Funktionsgraphen, die beide von stetigen Funk-
tionen stammen. Den linken Graphen hätten Sie bestimmt erwartet, aber auch
der rechte Graph mit Spitzen und steilen Anstiegen und Abfällen gehört zu
einer stetigen Funktion. Ich kann dieses Zackenmuster ja locker in einem Zuge
malen.
So möchte doch hoffentlich niemand die Politik verlaufen lassen. Es hilft
jetzt auch nicht weiter, wenn wir verlangen, dass die Kurve (und damit die
Politik) glatt verlaufen möchte. Wenn wir von glatt“ sprechen, meinen wir

in der Mathematik, dass keine Spitzen im Graphen zugelassen sein sollen – für
Experten, wir verlangen Differenzierbarkeit. Das kann dann aber immer noch
schrecklich wellig zugehen. Lassen Sie mal kleine Kinder mit einem Stift auf
einem Blatt Papier rummalen. Es entstehen fast nur glatte Kurven. Aber sollte
so unsere Politik verlaufen?
3.3 Wir wollen die Politik verstetigen 75

Interessanterweise haben wir in der Mathematik keinen Begriff, der das


ausdrückt, was Frau Merkel sagen will. Wir können ihr also nicht weiterhelfen;
nur stetig“ ist auf jeden Fall der falsche Begriff.

Eine Bemerkung erlauben Sie mir bitte hier noch. Für stetige Funktionen
gibt es eigentlich nur einen wichtigen Satz, den sogenannten Zwischenwerte-
satz. Der lautet in der Originalversion:
Satz 3.3 Gegeben sei eine stetige Funktion f W R ! R. Für a; b 2 R sei f .a/ < 0
und f .b/ > 0. Dann gibt es ein x0 2 .a; b/ mit

f .x0 / D 0:

Das drücken wir mal etwas anschaulicher aus. Betrachten Sie dazu Abb. 3.3.
In dieser Skizze haben wir eine auf R erklärte, reellwertige Funktion f W R !
R. Die ist bei a negativ, also unterhalb der x-Achse, und bei b liegt sie oberhalb,
ist also positiv. Dann muss sie, wenn sie stetig ist, zwischendurch einmal die
x-Achse schneiden.
Sie werden sagen, dass das doch sonnenklar ist. Man sieht das doch.
Aber vorsichtig, wir haben da etwas stillschweigend benutzt, es aber nicht
ausdrücklich erwähnt. Vielleicht erinnern Sie sich an Ihre elfte oder zwölfte
Klasse, als die Lehrerin oder der Lehrer Ihnen mit schrecklich viel Mühe
versucht hat, klarzumachen, was eine reelle Zahl ist. Das ist wirklich eine
sehr schwierige Angelegenheit, vor allem, weil jeder glaubt, dass man diese
komplizierten Zahlen doch gar nicht braucht. Jeder Taschenrechner rechnet
nur mit endlich vielen Nachkommastellen. Kleine Rechner benutzen zehn

f(x)


a b x

Abb. 3.3 Veranschaulichung des Zwischenwertesatzes


76 3 Mathematik in der Sprache

Stellen, große können vielleicht noch 20 Nachkommastellen berücksichtigen.


Aber mehr kann und will ja niemand. Es reicht doch völlig aus. Warum
also jetzt noch neue Zahlen einführen, und das mit solch schrecklichen
Definitionen wie einem Dedekindschen Schnitt oder einer Cauchy-Folge?
Betrachten Sie das folgende sehr einfache Beispiel:

f .x/ D x2  2

Wenn Sie jetzt tatsächlich nur mit zehnstelligen Zahlen rechnen wollen,
so scheitern Sie mit obigem Zwischenwertesatz. Denn wir sehen doch sofort,
dass diese Funktion bei x D 0 den Wert f .0/ D 2 hat, also negativ ist,
aber bei xpD 5 den Wert f .5/ D 23 hat, also positiv ist. Eine Nullstelle läge
bei x D 2, aber diese Zahl hat unendlich viele Nachkommastellen. Wenn
wir nur zehn Stellen zulassen wollen, so ist diese Zahl nicht dabei, also würde
unsere Funktion f die x-Achse nicht in einer der betrachteten zehnstelligen
Zahlen schneiden.

Fazit: Die Lehrer in den Oberstufen der Gymnasien brauchen zwingend die
reellen Zahlen. Sonst scheitern sie schon am Zwischenwertesatz und dann erst
recht am Mittelwertsatz in der Differentialrechnung.

Jetzt wissen Sie, warum Sie mit diesen reellen Zahlen so gequält wurden.
Wir brauchen sie dringend in der Analysis.

3.4 Er versuchte die Quadratur des Kreises


Die Quadratur des Kreises“ ist geradezu eine herausragende Metapher, die

immer wieder in Rezensionen, bei Vorträgen oder Redebeiträgen auftaucht. Er
versuchte, den Kreis zu quadrieren. Ja, genau so wird es gesagt. Es schwingt also
dabei mit, dass dieses Quadrieren offensichtlich nicht möglich ist. Moment,
was soll da quadriert werden? Und warum sollte das nicht gehen?
Quadratur meint in diesem Zusammenhang, dass es um die Fläche eines
Kreises geht. Gleichzeitig schwingt das Wort Quadrat“ mit. Und schon ist

die Aufgabe klar:

Unter der Quadratur des Kreises verstehen wir die Aufgabe, zu einem gegebenen
Kreis ein Quadrat mit genau dem gleichen Flächeninhalt zu konstruieren.
3.4 Er versuchte die Quadratur des Kreises 77

Das ist natürlich, so als Aufgabe gestellt, sehr leicht. Wir wissen ja noch, wie
sich der Flächeninhalt eines Kreises berechnet:
Satz 3.4 Der Flächeninhalt F eines Kreises mit dem Radius r ist

F D   r2 :

Wenn uns da also ein Kreis anlacht, so berechnen wir flugs seinen Flächen-
inhalt und ziehen daraus die Wurzel. Das ist dann die Seitenlänge des gleich
großen Quadrates. Wo liegt das Problem?
Das Problem liegt in der nicht vollständig angegebenen Aufgabe. Sie lautet
nämlich in Wirklichkeit:
Definition 3.2 Unter der Quadratur des Kreises verstehen wir die Aufgabe, zu
einem gegebenen Kreis ein Quadrat mit genau dem gleichen Flächeninhalt zu
konstruieren und dabei nur Zirkel und Lineal zu benutzen.
Es ist also eine Aufgabe aus der Geometrie. Das Lineal darf dabei nur
zum Zeichnen gerader Linien verwendet werden, nicht zum Abmessen von
Längen etc. Es sollte deshalb ein blankes Lineal ohne Zentimetereinteilung
sein. In dem Begriff Konstruktion“ ist außerdem enthalten, dass es in endlich

vielen Schritten erledigt sein muss. Und so gestellt, ist es eine richtig knackige
Aufgabe. Die löst man nicht mal so nebenher am Biertisch.
Dieses Problem gehört zu den drei großen mathematischen Problemen des
Altertums:

1. Verdopplung des Würfels


2. Winkeldreiteilung
3. Quadratur des Kreises

Jedes Mal gilt die Einschränkung wie oben, die (endliche) Konstruktion
darf nur mit Zirkel und Lineal ausgeführt werden. Ein paar Bemerkungen zu
den drei Problemen.

Zu 1. Beginnen wir mit der einfacheren Aufgabe, ein Quadrat flächenmäßig


zu verdoppeln. Das ist geometrisch ziemlich einfach. Überlegen Sie
doch vielleicht zuerst einmal selbst, ob Sie das schaffen. Ansonsten
schauen Sie auf die Skizze in Abb. 3.4.
Sehen Sie, was wir gemacht haben? Das Ausgangsquadrat F1 D
ABCD mit der Seitenlänge 1 hat doch den Flächeninhalt F D 1 
78 3 Mathematik in der Sprache

D C

F1
2 1

F2 F
A 1 B

Abb. 3.4 Verdopplung des Quadrates

1 D 1. Wir müssen also ein Quadrat mit dem Fächeninhalt F2 D 2


konstruieren.
Unser Trick besteht nun darin, dass wir über der Diagonalen AC
von F1 ein neues Quadrat F2 D AEFC konstruiert haben, was mit
Zirkel und Lineal eine leichte Aufgabe ist. Durch die zwei gestrichelten
Hilfslinien sehen wir, dass dieses neue Quadrat aus vier kongruenten
Dreiecken besteht und das Ausgangsquadrat aus zwei von diesen Drei-
ecken zusammengesetzt ist. Also hat F2 exakt die doppelte Fläche von
F1 . Wir müssen also nur das Quadrat über der Diagonalen konstruieren,
um zur Verdopplung des Ausgangsquadrates zu gelangen.
Wenn wir Herrn Pythagoras bemühen, so p rechnen wir natürlich
leicht aus, dass die Diagonale in F1 die Länge 2 hat. Damit hat das
Quadrat F2 die Fläche 2, was unsere Lösung auch rechnerisch bestätigt.
Da wird doch jetzt das Problem, einen Würfel zu verdoppeln, nicht
komplizierter sein? Leider doch. Kurz etwas zur Geschichte dieses Pro-
blems. Eine Legende erzählt von den Bewohnern der Insel Delos. Das
ist ein kleines Eiland zwischen Griechenland und der Türkei gelegen.
Damals wütete die Pest auf dieser Insel, und die Einwohner suchten
Rat bei einem Orakel. Dieses soll ihnen die Aufgabe gestellt haben,
den würfelförmigen Altar in ihrem Apollo-Tempel zu verdoppeln. In-
teressant, dass damals ein Orakel mit der Lösung einer mathematischen
Aufgabe eine große Wohltat verbunden hat. Wie wir heute wissen,
3.4 Er versuchte die Quadratur des Kreises 79

ist die Aufgabe nur mit Zirkel und Lineal nicht lösbar. Also war das
Orakel gemein. Wir dürfen aber wohl davon ausgehen, dass diejenigen,
die, als Orakel getarnt, die Aufgabe gestellt haben, nichts von der
Unlösbarkeit wussten; denn erst 1837 bewies Pierre-Laurent Wantzel
(1814–1848), ein französischer Mathematiker, die Unlösbarkeit dieses
Verdopplungsproblems.
Zu 2. Natürlich ist es leicht, z. B. einen Winkel von 90ı in drei gleich große
Teile zu zerteilen, weil wir ja wissen, dass das gleichseitige Dreieck
einen Innenwinkel von 60ı hat. Gleichseitige Dreiecke kann man sehr
leicht mit Zirkel und Lineal konstruieren. Halbieren geht wunderbar
mit Zirkel und Lineal, und schon haben wir einen Winkel von 30ı
konstruiert. Die Frage ist, ob man jeden Winkel – mit der Betonung
auf jeden“ – in drei Teile zerlegen kann.

Tatsächlich bewies der oben schon erwähnte Pierre-Laurent Wantzel
in derselben Arbeit von 1837, dass auch dieses Problem nicht mit Zirkel
und Lineal lösbar ist.
Zu 3. Auch dieses Problem, einen Kreis nur mit Zirkel und Lineal in ein
flächengleiches Quadrat zu überführen, erwies sich als unlösbar. Al-
lerdings bewies das erst 1882 der deutsche Mathematiker Ferdinand
von Lindemann. Er bewies, dass die Kreiszahl  transzendent ist. Da-
zu erzählt das Mathematische Institut der Albert-Ludwigs-Universität
Freiburg im Jahre 2007 in einer kleinen Geschichte, wie Ferdinand Lin-
demann vor 125 Jahren zum Beweis der Unlösbarkeit dieses Problems
kam:
Es war der 30. Geburtstag von dem in Hannover am 12. April
1852 geborenen Ferdinand Lindemann, also am 12. April 1882, als
dieser, inzwischen Professor in Freiburg, einen Spaziergang unternahm
und unterwegs auf die entscheidende Idee zum Beweis kam. Laut
Überlieferung stürmte er nach Hause und verfasste ein Manuskript mit
dem Titel Über die Zahl “ . Anschließend traf er seinen Freund, den

Oberstleutnant von dem Busche. Dem fiel die euphorische Stimmung
von Lindemann auf, und er bemerkte: Sie haben wohl die Quadratur

des Kreises gelöst.“
Übrigens erhielt Lindemann im Jahre 1918 das Adelsprädikat und
wird heute als Ferdinand von Lindemann zitiert.

Alle drei Probleme sind also, wie wir heute wissen, unlösbar. Aber nur die
Quadratur des Kreises hat Eingang in die Sprache gefunden. Sie könnten doch
auch sagen: Er versuchte, einen Winkel zu dreiteilen! Oder er versuchte, einen
Würfel zu verdoppeln, um auszudrücken, dass jemand etwas Unmögliches
80 3 Mathematik in der Sprache

versucht hat. Ich denke, dass die Quadratur des Kreises einfach viel mehr Kraft
verströmt. Allein schon das Wort Quadratur“ besitzt eine Eigenheit. Was ist

dagegen die Dreiteilung oder die Verdopplung. Viel zu simple Begriffe, um
Journalisten und Politiker zu beeindrucken.
In der Mitte des 18. Jahrhunderts versuchten viele Hobbymathematiker,
dieses Problem zu lösen. Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) widmete
einem dieser Kreisquadrierer“ das folgende niedliche Gedicht, das ich Ihnen

nicht vorenthalten möchte:

Auf den Herrn M**


den Erfinder der Quadratur des Zirkels
von Gotthold Ephraim Lessing
Der mathematsche Theolog,
Der sich und andre nie betrog,
Saß zwischen zweimal zweien Wänden,
Mit archimedscher Düsternheit,
Und hatte – welche Kleinigkeit!
Des Zirkels Vierung unter Händen.
Kühn schmäht er auf das x + z
(Denn was ist leichter als geschmäht?)
Als ihn der Hochmut sacht und sachte
Bei seinen Zahlen drehend machte.
So wie auf einem Fuß der Bube
Sich dreht, und dreht sich endlich dumm,
So ging die tetragonsche Stube,
Und Stuhl und Tisch mit ihm herum.
O Wunder, schrie er, o Natur!
Da hab ich sie, des Zirkels Quadratur.

3.5 Wo sind unsere Schnittmengen?


Der Begriff Schnittmenge“ taucht verstärkt seit einiger Zeit in Interviews

auf. Man sucht, wo man gemeinsame Schnittmengen hat. Das hört sich ganz
schön wissenschaftlich an. Was sind Schnittmengen?
Dieser Begriff gehört in die Mengenlehre, die vor vielen Jahren mal Einzug
in die Grundschule gefunden hatte, aber dann zu Recht wieder in der Schub-
lade verschwand. Für ein fundiertes Mathematikstudium ist dieser Begriff
unerlässlich, aber in der Grundschule nur überflüssiger Ballast.
3.6 Wir begegnen uns auf Augenhöhe 81

Schnittmenge, mathematisch spricht man auch vom Durchschnitt, defi-


niert man so:

Definition 3.3 Wenn wir zwei Mengen A und B betrachten, so verstehen wir
unter dem Durchschnitt von A und B bzw. der Schnittmenge von A und B die
Menge
A \ B D fx mit x 2 A und x 2 Bg:

In Worten ausgedrückt, bedeutet das, der Durchschnitt oder die Schnitt-


menge zweier Mengen A und B sind alle Elemente, die beiden Mengen
zugleich angehören. Das können sehr viele Elemente sein. Da betrachtet
man z. B. eine politische Partei in Deutschland und zugleich alle Frauen in
Deutschland. Die Schnittmenge oder der Durchschnitt sind alle Frauen, die
dieser Partei angehören. Oder man spricht über alle Kinder und zugleich alle
Menschen, die am 1. April geboren sind. Die Schnittmenge sind alle Kinder,
die am 1. April Geburtstag haben. Es können aber auch nur sehr wenige
Elemente in einer solchen Schnittmenge sein. Denken Sie an alle Äpfel und
als zweite Menge an alle Erdbeeren. Der Durchschitt dieser beiden Mengen
enthält kein einziges Element; er ist, wie wir mathematisch korrekt sagen, die
leere Menge. Es gibt ja wohl keine Apfelerdbeere. Ja, da kann man noch viele
Beispiele bilden. Ich meine, es ist ein ziemlich leicht verständlicher Begriff.
Mein Problem aber ist der Plural. Wenn Politiker die Schnittmenge ihrer
Vorstellungen mit denen einer anderen Partei suchen, so nehmen sie also
alle ihre eigenen Ideen zusammen in eine Menge und betrachten die große
Menge der Ideen der anderen Partei. Von diesen beiden Mengen kann man
den Durchschnitt bilden. Ja, das ist mathematisch haltbar. Heraus kommt aber
nur eine einzige Schnittmenge. Die Leute suchen aber immer nach sehr vielen
Schnittmengen, wie sie sagen. Und da weiß man nicht so recht, was sie meinen.

3.6 Wir begegnen uns auf Augenhöhe


Auf Augenhöhe“ – Wieder so ein Begriff, der gerade in letzter Zeit en

vogue ist. Man verhandelt auf Augenhöhe. Man trifft sich auf Augenhöhe.
Ja, welche Höhe ist das bloß? Meine Augen sind ca. 172 cm vom Erdboden
entfernt, meine Frau bringt es maximal – auf Zehenspitzen – auf 159 cm.
Die Augenhöhe ist also ein individuelles Maß, das jeder Mensch für sich
bestimmen kann.
82 3 Mathematik in der Sprache

Gemeint ist: Wir treffen uns auf gleicher Augenhöhe. Ein Riese muss also
etwas in die Knie gehen. Und genau so ist die Metapher auch gemeint. Man
will mit einem anderen von gleich zu gleich verhandeln. Nicht von David zu
Goliath. Richtig muss es also heißen:

Wir begegnen uns auf gleicher Augenhöhe!“



Und das meint, ich nehme Sie als Partner an und stelle Sie auf dieselbe Stufe
wie mich. Dann verhandeln wir in völliger Gleichheit. So macht es Sinn. Ach,
Mathematiker, sei nicht so streng.

3.7 Ich tue, was ich kann


Das ist doch eine richtig niedliche Aussage. Was will uns der Mensch, der das
von sich gibt, damit sagen? Nun, manchmal stehen wir vor einem Problem,
das wir nicht lösen können und suchen deshalb einen Fachmann oder eine
Fachfrau auf. Dann flehen wir vielleicht sogar: Bitte, helfen Sie mir, vor
allem, wenn es schnell gehen soll. Und dann antwortet der- oder diejenige:
Nur gemach, nicht so hastig, ich tue, was ich kann.“ Und damit geben

wir uns zufrieden. Aber wenn wir genau hinhören, so hat er doch etwas fast
Selbstverständliches gesagt. Ich will doch sehr hoffen, dass er auf jeden Fall das
tut, was er kann. Darum gehe ich ja zu ihm als Fachmann. Die Aussage: Ich

tue, was ich kann!“ ist also eine Selbstverständlichkeit. Man sollte immer nur
tun, was man kann.
Eine etwas bessere Aussage wäre: Haben Sie keine Sorge. Ich kann, was ich

tue!“ Ja, gut, das gibt mir Sicherheit, dass nichts Falsches geschieht.
Die richtige Aussage aber könnte lauten:

Ich tue alles, was ich kann, und versuche noch einiges mehr.“

Das würde mir vielleicht etwas Hoffnung geben.

3.8 Wo ist der Euro?


Eine niedliche kleine Geschichte passt hierher; denn ihre Verwirrung beruht
auf einer kleinen sprachlichen Unkorrektheit, die aber nur wenige Menschen
beim ersten Hören entdecken.
3.8 Wo ist der Euro? 83

Da waren einmal drei Freunde, die in einem Gasthaus speisten und tranken.
Es hielt sich alles im Rahmen; denn am Schluss hatte jeder Freund eine
Gesamtrechnung von 10 Euro zu bezahlen. Man winkte dem Ober und
übergab ihm 30 Euro.
Der Ober ging zum Chef des Gasthauses, um das Geld abzuliefern. Da sagte
dieser: Diese drei Freunde kenne ich, ich möchte ihnen etwas entgegenkom-

men. Herr Ober, bringen Sie ihnen 5 Euro zurück.“
Der Ober hatte nun Schwierigkeiten, die 5 Euro in drei gleiche Teile
aufzuteilen. Er beschloss daher sehr clever, den drei Freunden je einen Euro,
also insgesamt 3 Euro zurückzugeben, 2 Euro steckte er in seine Tasche.
Jetzt denken wir das ganze Spiel noch mal durch. Jeder der Freunde hat also
10 Euro minus 1 Euro, also 9 Euro bezahlt, richtig? Das macht zusammen 3
mal 9 Euro, also 27 Euro.
Und der Ober hat sich 2 Euro eingesteckt, das macht also zusammen 29
Euro.

Wo ist der eine Euro geblieben?

Das müssen wir noch mal in Einzelheiten durchgehen. Also, jeder der drei
Freunde zahlt 10 Euro, bekommt aber vom Ober 1 Euro zurück. Also hat jeder
9 Euro bezahlt. Drei Freunde zusammen haben also 27 Euro bezahlt. So wusste
das schon Adam Ries.
Und der Ober hat sich 2 Euro eingesteckt. Das macht, locker gerechnet,
zusammen 29 Euro. Es waren aber 30 Euro im Spiel. Wo ist bloß der eine
Euro abgeblieben???
Denken Sie doch bitte ein kleines Weilchen über diese Verwirrung nach,
bevor Sie weiterlesen. Die Lösung ist ziemlich hinterhältig. Es geht um die
Sprache.
Ja, was haben wir denn zusammengefaselt? Natürlich ist 3 mal 9 gleich 27.
Da beißt die Maus keinen Faden ab.
2 Euro vom Ober sind 2 Euro, auch daran ist nichts zu rütteln. Jetzt kommt
aber die Hinterhältigkeit. Wir haben extra zweimal geschrieben: Und der

Ober …“ .
Dieses Und“ bringt den unbedarften Leser auf die falsche Spur. Und“
” ”
bedeutet in der mathematischen Sprache die Addition oder etwas vornehmer
lateinisch plus“ . Wer verlangt aber, dass wir die 2 Euro des Obers hinzuad-

dieren sollen? Nur unser kleines Wörtchen Und“ suggeriert uns das.

Die richtige Rechnung geht doch ganz anders. Die drei Freunde zahlen
zuerst jeder 10 Euro, zusammen also 30 Euro, klar.
84 3 Mathematik in der Sprache

Der Chef erhält zunächst diese 30 Euro, gibt dann aber 5 Euro zurück,
wovon der Ober 2 Euro einsteckt. Die Rechnung lautet also:
30  .5  2/ D 27

Und das entspricht voll und ganz den Tatsachen. Diese simple Gleichung
können wir nun anders schreiben:

30  .5  2/ D 27 ” 30  5 C 2 D 27

Auch dies ist offensichtlich korrekt. Jetzt stellen wir die Gleichung etwas
um, damit wir aus Sicht der drei Freunde denken:

30  .5  2/ D 27 ” 30  5 C 2 D 27 ” 30  5 D 27  2 D 25

Auch das eine völlig korrekte Gleichung. Nur diese Gleichung zeigt uns die
Hinterhältigkeit. Die 27 Euro der Freunde sollten doch an den Chef gehen.
Davon hat sich der Ober 2 Euro eingesteckt. Diese 2 Euro dürfen wir also nicht
hinzuaddieren, sondern müssen sie subtrahieren. Dann wird eine korrekte
Gleichung daraus und kein Verwirrspiel lässt uns zurück.
Achten Sie also darauf, wenn Sie die Geschichte am Biertisch erzählen, dass
Sie möglichst harmlos beim Addieren der 2 Euro aus der Wäsche schauen.
Dann glaubt Ihnen das jeder. Klar, und“ heißt doch addieren!

4
85. Geburtstag

Schwiegermutter wurde 85. Natürlich ein großes Ereignis, bei dem die Ma-
thematik nicht fehlen durfte. Vor allem ergab sich die Gelegenheit, vor einem
großen Kreis von sehr interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern etwas über
Mathematik zu erzählen. So eine Chance ergibt sich nicht oft. Aber was sollte
ich erzählen? Nun, Gelegenheit macht Diebe. Und so nahm ich mir vor,
mal richtig aus dem Nähkästchen zu plaudern und an Hand von einfachen
Beispielen darüber zu sinnieren, was denn nun wirklich Mathematik ist. Hier
also meine Rede.

4.1 Liebe Schwiegermutter!


Heute feiern wir deinen 85. Geburtstag. Doch halt, schon stockt der Mathe-
matiker. Als du geboren wurdest, war dieser Tag doch dein erster Geburtstag,
oder etwa dein nullter? Also wir fangen seit Alters her mit der 1 an zu zählen.
Das ist ja auch der Grund, warum das erste Jahr unserer Zeitrechnung das
Jahr 1 nach Christi Geburt ist. Das Jahr davor ist dann das Jahr 1 vor Christi
Geburt. Ein Jahr 0l gibt es für Historiker nicht.
Das ist auch genau der Grund, dass das neue Jahrtausend richtigerweise am
1. Januar 2001 gefeiert werden hätte müssen. Dafür gibt es ein sehr einsichtiges
Argument:

Wenn in einem Bierkasten 20 Flaschen sind, so ist die 20. leider die letzte. Der
neue Kasten beginnt dann mit der 21. Flasche. Ist das nicht fantastisch einsichtig?

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016 85


N. Herrmann, Mathematik und Gott und die Welt,
DOI 10.1007/978-3-662-48723-5_4
86 4 85. Geburtstag

Aber Achtung, das ist anders bei den Astronomen. Sie zählen direkt vor
dem Jahr C1 das Jahr 0 und davor das Jahr 1. Wenn Sie sich also bei einem
Astronomen nach dem Sternhimmel im Jahr 333 – bei Issos Keilerei – (das
Jahr 333 v. Chr.) erkundigen wollen, so müssen Sie nach dem Sternhimmel
im Jahr -332 fragen. Lustig, nicht?
Zurück zu deiner Geburtstagszählerei, liebe Schwiegermutter.
Als du ein Jahr alt wurdest, war das doch bereits dein zweiter Geburtstag.
Heute ist also nach dieser Zählung bereits dein 86. Geburtstag. Es muss also
richtig heißen:

Heute feiern wir die hochlöbliche 85. Wiederkehr Deines Geburtstages.

Und du vollendest heute 85 Jahre. Wir feiern also 85 volle und tolle Jahre
mit dir.
Wie kann man dieses Ereignis mathematisch angemessen würdigen?

4.2 Womit beschäftigen sich Mathematiker?


Da müssen wir zunächst mal der Frage nachgehen, was Mathematiker ei-
gentlich tun. Alle Nichtmathematiker scheinen das zu wissen. Jedenfalls tönt
mir ständig fröhlich entgegen, wenn ich mich als Mathematiker zu erkennen
geben:

Oh, rechnen konnte ich noch nie.

Glauben die Menschen wirklich, Mathematiker würden den ganzen Tag


lang 17 mal 49 ausrechnen? Das kann doch nicht wahr sein! Ich antworte dann
häufig mit der provokanten Behauptung.

Da haben wir ja was gemeinsam. Rechnen kann ich auch nicht sehr gut.

Das stürzt mein Gegenüber dann aber ins echte Grübeln. Wie, ein Mathe-
matiker, der nicht rechnen kann? Der gibt doch an!
Schaut man sich aber mal echte Mathematikbücher an, so sieht man, dass da
schon Zahlen vorkommen. Wir haben die Seitenzahlen, dann aber lieben wir
es auch, unsere Sätze und Definitionen zu nummerieren, damit wir leichter
auf sie verweisen können. Aber sonst sind Zahlen höchstens in Beispielen
4.4 Die Zahl Null 87

vertreten. Um unsere Theorien zu überprüfen, wird dann schon mal gerechnet.


Aber das sind eben Beispiele.
Trotzdem gehören Zahlen zur Mathematik, auch wenn sie nicht deren
Lebensader betreffen.

4.3 Die Zahlen deines Lebens


Zu deinem Leben, liebe Schwiegermutter, aber gehören zwei Zahlen, die ganz
wesentlich dein Leben bestimmen.

• Zum Ersten ist da der Zeitpunkt deiner Geburt. Das ist der Anfang und
damit die Null.
• Zum Zweiten eben die heute so wichtige Zahl 85.

Beide Zahlen sind mathematisch hochinteressant, wobei das keine sehr


tiefgreifende Feststellung ist; denn mathematisch betrachtet, sind alle Zahlen
interessant. Glauben Sie mir das nicht?
Nun, nehmen wir an, dass es uninteressante natürliche Zahlen gibt. Dann
gäbe es doch unter diesen eine kleinste, eventuell ist es die 1 als kleinste
natürliche Zahl. Diese Zahl wäre

die kleinste uninteressante Zahl.

Oh, ich bitte Sie, das wäre doch eine wahrlich sehr interessante Zahl. Die
kann also gar nicht zu den uninteressanten Zahlen gehören. Die müssen wir
rausnehmen. Dann bleibt eine Restmenge von uninteressanten Zahlen. Unter
diesen gibt es wieder eine kleinste. Unser Schluss wiederholt sich jetzt. Die
wäre wieder sehr interessant als kleinste uninteressante Zahl usw.
Schließlich haben wir so alle Zahlen herausgenommen, und es bleibt keine
uninteressante Zahl übrig.

4.4 Die Zahl Null


Beginnen wir mit der Null.
88 4 85. Geburtstag

Definition der Null

Klar, als Mathematikerin oder Mathematiker brauchen wir Sicherheit, wenn


wir diskutieren wollen. Was ist denn bitte schön die Null?

Definition 4.1 Unter der Null, in Zeichen 0, verstehen wir die Zahl, die bei der
Addition nichts verändert, also

0 C a D a für alle Zahlen a: (4.1)

Einmaligkeit der Null

Die Null tut uns also nichts zuleide. Moment, haben wir von der Null
gesprochen? Das war voreilig, es könnte doch sein, dass es viele Nullen gibt.
Oh, denken wir nach.
Nehmen wir an, außer oben eingeführter 0 gäbe es noch eine weitere Zahl
mit dieser Eigenschaft (4.1). Nennen wir sie e
0 zur Unterscheidung von der 0.
e
Für 0 haben wir also auch die Eigenschaft

e
0 C a D a für alle Zahlen a: (4.2)

Dann überlegen wir haarscharf. Addieren wir einfach mal diese beiden
Nullen:
0 Ce
0

Wie wir wissen, ändert eine Addition der 0 nichts am Ergebnis, also ist

0 Ce
0 De
0 (4.3)

Genau diese Eigenschaft hat aber auch die e


0. Mit demselben Argument ist
also auch
0 Ce
0 D 0: (4.4)

Setzen wir jetzt (4.3) und (4.4) zusammen, so erhalten wir

0 D 0 Ce
0 De
0; (4.5)

also
0 De
0: (4.6)
4.4 Die Zahl Null 89

Es gibt also nur eine einzige Zahl 0. Es ist das Alleinstellungsmerkmal der 0,
nichts bei einer Addition zu ändern. Wenn wir daher irgendwo eine Rechnung
finden, wo sich durch Addition eines Terms nichts ändert, so ist dieser Term
garantiert die Null. Dieses Wissen nutzen wir jetzt im nächsten Abschnitt aus.

Mit Null multiplizieren ergibt nichts

Wir haben gelernt, dass wir die Null gefahrlos überall hinzuaddieren dürfen.
Da ändert sich einfach nichts. Was geschieht aber, wenn wir mit Null multi-
plizieren?
Aus unseren Kindertagen kennen wir die Regel

0  a D 0: (4.7)

Ist das Definition, oder können wir das herleiten?


Tatsächlich können wir das beweisen. Das machen wir mit einem niedlichen
kleinen Trick. Wir benutzen die Gleichung

0 C 0 D 0; (4.8)

die sich ja aus der Definition der 0 ergibt. Dann rechnen wir:

0  a D .0 C 0/  a D 0  a C „ƒ‚…
0a (4.9)

Diese Gleichung müssen wir auf der Zunge zergehen lassen. Was steht denn
da ganz rechts? Wir haben zu der für uns noch unbekannten Zahl 0  a etwas
hinzuaddiert, nämlich 0  a, und es hat sich nichts geändert, links steht ja
0  a. Nach unserer obigen Überlegung geht das nur, wenn wir die Null addiert
haben. Also ist der unterklammerte Teil die Null, und wir erhalten

0  a D 0; (4.10)

quod erat demonstrandum.

Division durch Null

Jetzt kennen wir schon fast alle Rechenoperationen mit der Null; na ja, dass
wir sie subtrahieren dürfen, ohne dass etwas geändert wird, ist ja sofort zu
90 4 85. Geburtstag

sehen. Bleibt nur noch die Division. Was ergibt sich, wenn wir durch Null
dividieren?
Da gibt es so fromme Sprüche wie:

Wer durch Null teilt, frisst auch junge Hunde!“



Na, na, was soll denn so schlimm sein am Nulldividieren?
Wir überlegen mal:

• Wenn ich 10 durch 1 teile, ergibt sich 10.


• Wenn ich 10 durch 0; 5 D 1=2 teile, ergibt sich 20.
• Wenn ich 10 durch 0; 25 D 1=4 teile, ergibt sich 40.
• Wenn ich 10 durch 0; 1 D 1=10 teile, ergibt sich 100.
• Wenn ich 10 durch 0; 01 D 1=100 teile, ergibt sich 1000.
• Wenn ich 10 durch 0; 000 001 D 1=1:000:000 teile, ergibt sich
10.000.000.

Wenn ich also durch immer kleinere Zahlen teile, kommt immer etwas
größeres heraus. Man möchte also vermuten:

Wenn ich durch Null teile, ergibt sich unendlich, in Zeichen 1.

Wenn wir die Division durch Null zulassen wollen, müssen wir auch mit
unendlich, also 1, rechnen.

Hilberts Hotel

Da gibt es eine hübsche Geschichte.


David Hilbert (1862–1943), einer der größten Mathematiker des 20. Jahr-
hunderts, besaß ein Hotel, das berühmte Hilbert-Hotel. Berühmt war es
deshalb, weil es unendlich viele Zimmer hatte. Eines Abends waren, welch
ein Glück für Herrn Hilbert, alle Zimmer besetzt. Aber es geschah, dass Carl
Friedrich Gauß (1777–1855), der Princeps Mathematicorum, erschien und um
ein Zimmer nachfragte. Was tun? Hilbert konnte doch nicht den berühmten
Herrn Gauß in der Nacht stehen lassen. Da kam ihm der Gedanke:

• Er bat Gast aus Zimmer Nr. 1, in Zimmer Nr. 2 umzuziehen.


• Er bat Gast aus Zimmer Nr. 2, in Zimmer Nr. 3 umzuziehen.
4.4 Die Zahl Null 91

• Er bat Gast aus Zimmer Nr. 3, in Zimmer Nr. 4 umzuziehen.


• usw.

Die folgende kleine Tabelle zeigt den Anfang des Umzugsprozesses.

1 2 3 4 5 6 7 8
& & & & & & &
1 2 3 4 5 6 7 8

Das hatte den Erfolg, dass alle Gäste, die bisher im Haus gewohnt hatten,
wieder ein Zimmer hatten, aber wunderbarerweise war nun Zimmer Nr. 1 frei,
und dort konnte Herr Gauß logieren.
Die Moral von der Geschicht:

1 C 1 D 1: (4.11)

Diese Gleichung lässt uns aber sofort aufhorchen. Hier wird doch zu der
Zahl 1 etwas hinzuaddiert, hier die 1, und alles bleibt beim Alten, das
Ergebnis ist wieder 1. Oben hatten wir aber festgestellt, dass nur die Zahl
Null diese Eigenschaft des sich-nicht-Änderns hat. Also schließen wir locker:

1D0

Nochmal, wenn wir 1 als ernsthafte Größe zulassen wollen, weil wir durch
Null teilen wollen, so folgt, dass 0 D 1 ist – eine wirklich unsinnige Gleichung.
Daraus folgt ganz klar: Mit 1 als Zahl dürfen wir nicht rechnen. Und das
bedeutet nach unserer obigen Überlegung:

Durch Null dürfen wir nicht dividieren.

Bemerkung 4.1 (zum Lösen von Gleichungen) Achtung: Wenn wir Glei-
chungen auflösen wollen, so dürfen wir ja die Gleichung ändern und vielleicht
dadurch vereinfachen, dass wir auf beiden Seiten Gleiches tun, also z. B. auf beiden
Seiten 5 addieren oder durch 17 teilen. Bei der Null aber gibt es Besonderheiten.
Dass wir durch Null nicht teilen dürfen, haben wir uns oben klargemacht.
Wir dürfen aber auch nicht mit Null beide Seiten multiplizieren; denn dadurch
würden wir beide Seiten zu Null machen. Das wäre zwar eine korrekte Gleichung,
aber sie wäre nichtssagend. Wir könnten keine weiteren Schlüsse aus der Gleichung
ziehen. Die Null ist halt ein Sensibelchen.
92 4 85. Geburtstag

4.5 Die Zahl 85


Nun, liebe Schwiegermutter, kommen wir zu der zweiten, heute für dich
wichtigen Zahl, nämlich zur 85. Ich habe da ein kleines Spiel mit Karten
vorbereitet.
Die folgenden vier Karten habe ich zu Hause beschriftet. Dabei habe ich
mir, damit es nicht so langweilig wird, zwei Regeln vorgegeben:

1. Ich werde auf die eine Seite der Karten Buchstaben schreiben, auf die andere
Seite Zahlen.
2. Wenn ich auf die eine Seite einen Vokal, also A, E, I, O oder U, schreibe,
so werde ich auf die andere Seite eine gerade Zahl schreiben.

Das ist doch eine Regel, die Freude aufkommen lässt. In Abb. 4.1 zeige ich
mal meine vier Karten, die ich ein bisschen gemischt habe.
Auf zwei Karten sehen wir die Buchstaben A und D, die Initialen deines
Namens, liebe Schwiegermutter. Auf den anderen beiden sehen wir die 8 und
die 5, also deine heutige Zahl.
Nun sind Sie ja, meine lieben Geburtstagsgäste, mathematisch schon ziem-
lich fortgeschritten und haben den wissenschaftlichen Zweifel entdeckt. So
plagt Sie hier der Gedanke, dass ich Sie betrogen haben könnte. Vielleicht
habe ich auch nur einen Fehler bei meiner Regel gemacht. Jedenfalls nehmen
wir nichts mehr ungeprüft hin, sondern kontrollieren alles. Jetzt aber die
entscheidende Frage:

Welche der Karten müssen wir umdrehen, um zu sehen, ob ich die Regel
eingehalten habe?

Abb. 4.1 Vier Karten aus meinem Kartenspiel


4.5 Die Zahl 85 93

Wir sind uns wohl alle sofort einig, dass wir die Karte mit dem A umdrehen
müssen. Hinten drauf muss eine gerade Zahl stehen, sonst ist es falsch. Na
schön, nehmen wir an, hinten drauf steht die 4.
Gut, sind wir damit durch? Sind wir jetzt sicher, dass alles seine Richtigkeit
hat, oder müssen wir noch eine Karte umdrehen? Die Karte mit dem D ist
nicht interessant; denn über Konsonanten haben wir ja nichts verlangt. Da
kann hinten draufstehen, was will, wenn es denn eine Zahl ist.
Bleiben noch die Karten mit den beiden Zahlen 8 und 5. Müssen wir von
denen eine überprüfen?
Ich biete Ihnen dazu ein Beispiel an. Was sagen Sie zu folgender Aussage:

Mittags um 12 Uhr läuten die Glocken.

Nehmen wir also an, dass wir in irgendeiner Gegend wohnen, wo wir das
Glockenläuten hören und dass dort immer mittags um 12 Uhr geläutet wird.

Bemerkung 4.2 Wissen Sie eigentlich, warum mittags die Glocken läuten? Das
ist ein ziemlich kriegerischer Brauch. Am 29. Juni 1456 schrieb Papst Calixtus
III (1378–1458) eine Bulle, in der er alle Gläubigen bat, um 12 Uhr mittags zu
beten und dazu die Glocken zu läuten, um so für den Sieg der Ungarn gegen die
Türken zu bitten. Tatsächlich erhielt er am 6. August 1456 die Nachricht, dass
die Ungarn bereits am 22. Juni 1456 gesiegt hatten. Das ging damals alles ohne
SMS und Internet, lediglich mit Pferden, und dauerte entsprechend, heute kaum
noch vorstellbar. Aber dieses Überschneiden der Nachricht mit der Bulle wurde als
Zeichen angesehen. Deshalb behielt man das Glockenläuten bis heute bei.

Stellen wir obige Aussage als richtige knallharte Behauptung auf:

Wenn es 12 Uhr mittags ist, dann läuten die Glocken.

Ist es denn jetzt richtig zu sagen:

Wenn die Glocken läuten, dann ist es 12 Uhr mittags?

Das ist doch völliger Unsinn. Die Glocken läuten doch auch abends um 18
Uhr oder vielleicht sonntags um 9.45 Uhr oder wenn Sie es zur Taufe Ihres
Kindes bestellen.
Trotzdem können wir die Aussage doch irgendwie umkehren. Denken wir
genau nach, dann kommen wir auf dierichtige Idee:

Wenn die Glocken nicht läuten, dann ist es auch nicht 12 Uhr mittags.
94 4 85. Geburtstag

So nehmen wir das sofort hin, und so ist es auch richtig. Übertragen wir das
auf unser Buchstaben-Zahl-Spiel.
Unsere Regel lautete:

Vorne Vokal H) hinten gerade Zahl.

Das ist so wie oben gleichwertig zu der Aussage:

Hinten ungerade Zahl H) vorne Konsonant.

Das bitte noch mal in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen.
Wir müssen also nicht die 8 umdrehen, sondern die 5. Wenn dort hinten
drauf ein Vokal steht, so habe ich meine Regel nicht eingehalten. Na gut,
wenn ich das Blatt zeige, so steht hinten drauf in der Tat das U, also habe
ich gemogelt.
Kleine Bemerkung am Rande: Wenn Sie dieses Spiel bei einer anderen
Person oder zu einem anderen Anlass anbieten wollen, so müssen Sie nur
beachten, dass Sie

1. irgendwoher zwei Buchstaben zaubern, von denen einer ein Vokal und der
andere ein Konsonant ist,
2. zwei Zahlen dazupacken, von denen eine gerade und die andere ungerade
ist. Das findet sich, singt Caspar in der Wolfsschlucht im Freischütz.

4.6 85 ist überall


Zum guten Schluss bitte ich die Anwesenden um ein klein wenig Mithilfe.
Bitte nennen Sie mir doch drei Zahlen zwischen 0 und 9. Nehmen Sie doch
Ihre Lieblingsziffer.
Ich höre 6, gut, dann 8, danke und noch 3, prima. Also genannt haben Sie

683:

Mit dieser von Ihnen willkürlich mir zugeworfenen Zahl – ich lege Wert
darauf, dass es wirklich eine zufällige Zahl ist, die ich nicht vorbereitet habe –
manipuliere ich jetzt etwas.
Wir drehen die Zahl um, lesen sie also von hinten nach vorne und schreiben

386:
4.6 85 ist überall 95

Diese Zahl subtrahieren wir von der oberen. Achtung, wir wollen in
positiven Zahlen arbeiten. Wenn Sie die Zahl 129 umdrehen, erhalten sie
die Zahl 921. Dann muss man die erste Zahl 129 von der umgedrehten
subtrahieren, sonst gerät man ja ins Negative.
Also wir rechnen:

683
386
——
297

Das Spiel gefällt uns, wir drehen diese Zahl erneut um, lesen sie wieder von
hinten nach vorne und erhalten also

792:

Diese letzten beiden Zahlen addieren wir nun. Also bitte, nerven Sie mich
nicht mit der Frage, warum. Machen wir das doch einfach, und dann schauen
wir mal.

297
C792
——–
1089

Von dieser Zahl subtrahieren wir 1, multiplizieren sie anschließend mit 5


und erhalten
5440:

Weil die Zahl zu groß ist, halbieren wir sie und halbieren sie und halbieren
sie so lange, bis wir auf einen Bruch stoßen:

5440 ! 2720 ! 1360 ! 680 ! 340 ! 170


! 85

War das nicht genial? Überall kommt die 85 zum Vorschein. Wie ich das
gemacht habe, wollen Sie wissen? Sie Naseweis, Sie Schelmenpack. Das finden
Sie in meinem Buch Können Hunde rechnen?‘ [9].

Wir wünschen hiermit der Schwiegermutter eine schöne Geburtstagsfeier
und noch viele weitere Feiern mit solch interessanten Zahlen.
5
Gott macht keine Physemathenten

Sicherlich geraten Sie bei dem Begriff Physemathenten“ ins Grübeln. In ei-

nem ethymologischen Lexikon werden Sie dieses Wort nicht finden. Hier hilft
auch kein Duden. Dieses schöne Wort verdanke ich der Fachschaftszeitung
Phÿsemathenten der Fachschaft MaPhy (Mathematik und Physik) der Leibniz
Universität Hannover, wo ich jahrelang gelehrt habe.
Das Wort erinnert an den Begriff Fisimatenten oder, um das fiese des
Wortes mehr zu betonen, auch Fiesimatenten. Die Herkunft dieses Wortes
ist laut Wikipedia zumindest umstritten. Folgende Erklärung wird kolpor-
tiert:

Das Wort stammt aus der napoleonischen Zeit. Französische Soldaten versuch-
ten mit den Worten Visitez ma tente“ , also Besuchen Sie mein Zelt“ die
” ”
deutschen Mädchen in ihr Zelt zu locken, weshalb die Eltern den Töchtern die
Warnung mit auf den Weg gaben: Mach keine Fisimatenten!“

So nett sich diese Geschichte anhört, so wenig kann sie geschichtlich belegt
werden. Das Wort visimetent ist wohl bereits im Jahr 1499 aufgetreten. Es hat
heute mehr im umgangssprachlichen Gebrauch die Bedeutung von Unsinn
oder gar Faxen.
Wir wählen hier die Verballhornung Physemathenten, um uns Gedanken zu
machen, ob und gegebenenfalls wo Gott in der Physik und/oder Mathematik
zu finden ist. Unsere Antwort wird Sie vielleicht überraschen.

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016 97


N. Herrmann, Mathematik und Gott und die Welt,
DOI 10.1007/978-3-662-48723-5_5
98 5 Gott macht keine Physemathenten

5.1 Zur Mathematik


Wenn wir von Gott sprechen, so umschreibt man ihn gerade in monotheis-
tischen Religionen häufig mit Aussagen wie Gott ist der Anfang und das

Ende“ oder Gott ist das A und das O“ , wobei mit A das griechische Alpha

und mit O das griechische Omega gemeint ist. Man verwendet manchmal
den Begriff Ewigkeit“ . Auch unendlich“ ist ein häufig Gott zugesprochenes
” ”
Attribut, wobei ewig“ ein zeitliches Geschehen meint, unendlich aber auch

die Weisheit oder die Liebe Gottes sein kann oder auch schlicht der uns
umgebende Raum. Hier spätestens erwacht der Mathematiker in mir. Über
unendlich haben wir Mathematiker schon sehr lange nachgedacht und ganz
erstaunliche Ergebnisse erzielt. Bitte lassen Sie uns etwas fabulieren über das
Unendliche in der Mathematik. Vielleicht finden wir ja dort schon etwas
Göttliches? David Hilbert, einer der bedeutendsten Mathematiker des 20.
Jahrhunderts, hat gesagt:

Das Unendliche hat wie keine andere Frage von jeher so tief das Gemüt des
Menschen bewegt; das Unendliche hat wie kaum eine andere Idee auf den
Verstand so anregend und fruchtbar gewirkt; das Unendliche ist aber auch wie
kein anderer Begriff so der Aufklärung bedürftig.

Natürliche Zahlen

Wir beginnen mit den einfachsten mathematischen Objekten, den natürlichen


Zahlen, also mit

N WD f1; 2; 3; 4; 5; 6; 7; 8; 9; 10; 11; 12; 13; : : :g:

Ein bekanntes Bonmot des Mathematikers Leopold Kronecker (1823–1891)


lautet:
Die natürlichen Zahlen hat der liebe Gott gemacht,
alles andere ist Menschenwerk.
Übrigens hat Helmut Hasse (1898–1979) in seinem Buch Vorlesungen
über Zahlentheorie aus dem Jahre 1950 im Index unter dem Stichwort
Lieber Gott“ auf dieses Zitat, das er zu Beginn seines Buches verwendet hat,

verwiesen.
Prinzipiell ist es möglich, aus der Mengenlehre die natürlichen Zahlen zu
erklären. Und tatsächlich gab es mal eine Zeit, in der die Mengenlehre als
5.1 Zur Mathematik 99

einfachste mathematische Grundlage“ sogar den Kindern in der Grundschule



vermittelt wurde. Zum Glück hat sich das wieder geändert. Und so fragen
denn auch wir nicht lange, woher diese Zahlen kommen, sondern widmen
uns Fragen, die meine Freunde und mich in unserer Jugend stark beschäftigt
haben:

Welches ist die größte Zahl?


Wie viele Zahlen gibt es?

Die erste Frage ist typisch kindlich. Wir können sie sofort mit der Antwort
auf die zweite Frage beantworten. Es gibt unendlich viele natürliche Zahlen,
also gibt es keine größte.
Die Kleinen meinen aber eigentlich: Wie heißt die größte Zahl? Da schwir-
ren dann Milliarden und Billionen herum. Trillionen und Quadrillionen,
dann noch Quintillionen. Aber ist nicht irgendwann Schluss? Weiß man
immer noch weitere Namen? Nun, Lateiner können da noch eine Weile
mithalten. Mathematiker helfen sich hier mit der Potenzschreibweise:

1 Million D 106 ; 1 Milliarde D 109 ; 1 Billion D 1012; : : :

So kann man ziemlich große Zahlen hinschreiben, indem man in der Potenz
nur immer Nullen anfügt. Das wird dann aber ganz schnell langweilig.

Die Bibliothek von Kurd Laßwitz

Kurd Laßwitz (1848–1910) erfand eine Bibliothek.


Wir betrachten nur Bücher mit 1000 Seiten. Jede Seite habe 25 Zeilen und
enthalte 40 Zeichen. Das sind also 1000 Zeichen pro Seite. Somit enthält so
ein Normbuch eine Million Zeichen.
Wie viele Zeichen zum Schreiben braucht man? Nun, das Alphabet hat 26
kleine und große Buchstaben, dazu kommen Komma, Semikolon und Punkt
usw. Sagen wir doch einfach, wir brauchen 100 Zeichen, dann sind wir auf der
sicheren Seite. Dann gibt es nach einfachen Gesetzen der Kombinatorik

1001 000 000 D 102 000 000 verschiedene Bücher.

Das ist doch toll. Darunter sind zwar viele unnütze, das erste Buch z. B.
ist das leere Buch. Das zweite enthält auf der ersten Seite links oben ein a,
sonst ist es wiederum leer. So gibt es viele überflüssige Bücher. Die können
100 5 Gott macht keine Physemathenten

wir leider nicht ausmerzen. Aber irgendwann kommt Der Faust. Dann gibt
es ein Buch, das enthält meinen oder auch Ihren Abituraufsatz. Ja, es gibt ein
Buch, in dem ist der Abituraufsatz ihres Urenkels, der vielleicht noch gar nicht
existiert, enthalten – mit allen Fehlern. Unglaublich diese Bibliothek. Warum
beschaffen wir sie uns nicht?
Nun, die Physik sagt uns: Das Weltall enthält

10100 Protonen.

Das sind ziemlich kleine Bausteine der Welt. Jetzt verteilen wir die Bücher
auf die Protonen und erhalten:
Auf jedes Proton des gesamten Weltalls kommen

102 000 000=10100 D 101 999 900 Bücher.

Solch eine Bibliothek können sich nur Mathematiker ausdenken, herstellen


kann sie niemand. Vielleicht denken Sie selbst mal über eine Abwandlung
nach, nämlich dass Sie nur an einzelnen DIN-A-4-Blättern mit je 1000
Zeichen interessiert sind. Wie viel solcher Blätter gibt es? Kann man die nicht
einfach mal herstellen? Vielleicht reicht Ihnen ja sogar nur eine Zeile mit 40
Zeichen. Sie werden staunen, wenn Sie sich die Anzahl solcher Zeilen allein
überlegen.

Der Zahlenstrahl

Wir erinnern uns alle, wie der Lehrer oder die Lehrerin in der Schule einen
Zahlenstrahl an die Tafel gemalt hat. Nach ca. 1 m bekam dieser Strahl einen
Pfeil, der andeutete, dass der Strahl weitergeht (Abb. 5.1).
Aber wie weit denn? Na klar, auf jeden Fall bis zum Ende der Tafel oder
besser noch bis zur Klassenzimmerwand oder doch bis an das Ende des
Schulgebäudes? Nein, er geht immer weiter, bis zum Mond, bis an das Ende
unserer Galaxie, ja bis an das Ende des Weltraums. Hört er denn dort auf? Wir
werden später sehen, dass wir dazu noch Genaueres sagen können. Jedenfalls ist

-
12345 10 20 30 40

Abb. 5.1 Der Zahlenstrahl


5.1 Zur Mathematik 101

dieser Strahl schrecklich lang. Und alle Zentimeter steht eine neue natürliche
Zahl, wenn wir die Einheit so zu Beginn festlegen. Das sind dann schrecklich
viele natürliche Zahlen.

Mein Geburtstag in 

Ein im ersten Augenblick recht einfach daherkommendes Experiment im


Dresdner Erlebnisland Mathematik, einer Abteilung der Technischen Samm-
lungen Dresden, bittet darum, sein eigenes sechstelliges Geburtsdatum in
den bereitstehenden Computer einzugeben. In Windeseile gibt der Computer
dann die Stelle in der Dezimaldarstellung der Zahl  an, von der ab diese sechs
Ziffern hintereinander stehen. Der Trick ist ziemlich einfach. Man muss sehr
viele Stellen der Zahl  im Computer bereitstellen. Dann muss der kleine Kerl
nur noch suchen.
Nehmen Sie zur Vereinfachung nur mal das Problem, in der Dezimaldar-
stellung von  die Ziffern 0; : : : ; 9 zu finden. Nun, da reichen schon die ersten
50 Stellen. Wenn Sie die Zweierzahlen 00; : : : ; 99 finden wollen, müssen Sie
300 Stellen zulassen. So geht das weiter.
Aber jetzt komme ich mit einer weiteren Überlegung, die mir schon etwas
Gänsehaut beschert. Ich habe nämlich experimentiert und einfach mal die
Zahlen 000000 eingegeben. Natürlich fand der Computer sofort die Stelle,
wo diese sechs Nullen hintereinander stehen. Und da dachte ich mir: Warum
darf man nur sechs Zahlen eingeben? Ja klar, das Programm in Dresden
hat diese Einschränkung. Aber prinzipiell kann eine solche Einschränkung
doch nicht existieren. Man müsste also auch zehn Nullen oder 100 oder
gar eine 1 Mrd. Nullen in der Dezimaldarstellung hintereinander finden.
Das klingt kaum glaubwürdig, aber es gibt echt keinen ernsthaften Grund,
der dagegen spricht. Sie können also willkürlich eine endliche Folge von
Zahlen angeben, und irgendwo steht diese Folge in . Sie können also
eine Milliarde Nullen, direkt dahinter eine Milliarde Einsen, dahinter eine
Milliarde Zweien usw. vorgeben, und so ein Gebilde steht irgendwo. Das ist
geradezu unwahrscheinlich, wird aber erklärlich, wenn wir daran denken, dass
 unendlich viele Stellen hat. Dieses ominöse unendlich“ ist unglaublich

groß. Mich schaudert es manchmal bei der Vorstellung.
Ehre, wem Ehre gebührt: John Wallis (1616–1703) ist der Erfinder des
Symbols für unendlich:

1
102 5 Gott macht keine Physemathenten

Spielereien mit 1

Dieses geheimnisvolle Zeichen 1 lädt geradezu ein, etwas damit zu spielen.


Zunächst ist ja klar:
Es gibt 1 viele natürliche Zahlen:

1; 2; 3; 4; 5; 6; 7; 8; 9; 10; 11; 12; 13; : : :

Die drei Punkte deuten an, dass wir niemals aufhören wollen zu zählen, auch
wenn wir keine Namen mehr für immer größer werdende Zahlen kennen.
Jetzt kommen wir aber mit einer scheinbaren Selbstverständlichkeit:
Es gibt 1 viele gerade Zahlen:

2; 4; 6; 8; 10; 12; : : :

Ja, auch hier deuten die drei Punkte auf unendlich viele gerade Zahlen. Und
jetzt treiben wir es noch bunter. Wir behaupten:
Es gibt genau so viele gerade Zahlen wie natürliche Zahlen.
Das ist doch völliger Unsinn. Es gibt doch genau halb so viele gerade wie
natürliche Zahlen. Das sieht man doch, jede zweite Zahl fehlt doch. Aber halt,
wir haben da eine Idee. Schauen Sie sich bitte die folgende Tabelle an:

natürliche Zahlen gerade Zahlen


1 ” 2
2 ” 4
3 ” 6
4 ” 8
5 ” 10
6 ” 12
7 ” 14

Wir haben eine Zuordnung vorgenommen. Jeder natürlichen Zahl in der


ersten Spalte haben wir ihre doppelte Zahl in der rechten Spalte zugeordnet,
und die sind ja alle gerade. Wir haben also auf einfache Weise jeder natürli-
chen Zahl eine gerade Zahl zugeordnet. Die Liste ist beliebig nach unten
verlängerbar. Mathematisch sprechen wir von einer Bijektion. Wir müssen aus
5.1 Zur Mathematik 103

dieser Zuordnung geradezu folgern, dass es genauso viele natürliche wie gerade
Zahlen gibt, nämlich beide Male unendlich viele.
Jetzt setzen wir noch eins drauf. Wir wiederholen die Zuordnung, diesmal
aber mit den ungeraden Zahlen, die wir jetzt in der linken Spalte hinzufügen.

ungerade Zahlen natürliche Zahlen gerade Zahlen


1 ” 1 ” 2
3 ” 2 ” 4
5 ” 3 ” 6
7 ” 4 ” 8
9 ” 5 ” 10
11 ” 6 ” 12
13 ” 7 ” 14

Wenn Sie eine Gesetzmäßigkeit für diese Zuordnung suchen, so nehmen


Sie die Vorschrift: Wir verdoppeln eine natürliche Zahl, dadurch erhalten wir
eine gerade Zahl. Dann subtrahieren wir die 1, so dass wir eine ungerade Zahl
erhalten:
u D 2  n  1; für alle n 2 N

Auf die Weise erhalten wir in der linken Spalte sämtliche ungeraden Zahlen
und zugleich wieder eine Bijektion, aus der wir schließen:
Es gibt genau so viele ungerade Zahlen wie natürliche Zahlen.
Damit haben wir genauso viele natürliche Zahlen wie gerade Zahlen und
ungerade Zahlen. Jetzt bilden wir die Vereinigung der Mengen. Es ist ja
offensichtlich:
S
fgerade Zahleng fungerade Zahleng D fnatürliche Zahleng
S
f2; 4; 6; 8; 10; 12; : : :g f1; 3; 5; 7; 9; 11; : : :g D f1; 2; 3; 4; 5; 6; 7; : : :g

Da die geraden und die ungeraden Zahlen kein gemeinsames Element


haben – keine natürliche Zahl ist zugleich gerade und ungerade –, möchte
man doch meinen, dass wir die Anzahl der Elemente beider Mengen addieren
können, um die Anzahl der Gesamtmenge, also der natürlichen Zahlen, zu
erhalten. Was ergibt sich aber?

1 C 1 D 1;
104 5 Gott macht keine Physemathenten

wie wir es oben überlegt haben. Wenn wir in dieser Gleichung auf beiden
Seiten rein formal 1 subtrahieren, erhalten wir

1 D 0;

eine offensichtlich unsinnige Antwort.


Im Abschn. 4.4 hatten wir im Zusammenhang mit Hilberts Hotel bereits
die Gleichheit“

1D0

durch formales Rechnen mit 1 erhalten. Also so geht das nicht. Wir lernen,
dass das Symbol 1 wirklich nur ein Symbol ist und keine echte Zahl, mit der
wir rechnen können.

Rationale Zahlen

Mit Zahlen können wir noch weitere Unglaubwürdigkeiten zusammenstellen,


die sich aber beweisen lassen. Wir betrachten dazu alle positiven Brüche. Wie
denn, sind wir jetzt größenwahnsinnig? Alle Brüche? Das sind ja unglaublich
viele. Wir wollen sie sogar alle aufschreiben, verwenden dabei aber wieder
unsere Punkte, um die Fortsetzung bis ins Unendliche anzudeuten. Betrachten
Sie also folgende Tabelle

1 1
2
1
3
1
4
1
5
1
6
1
7


2 2
2
2
3
2
4
2
5
2
6
2
7


3 3
2
3
3
3
4
3
5
3
6
3
7


4 4
2
4
3
4
4
4
5
4
6
4
7


5 5
2
5
3
5
4
5
5
5
6
5
7


:: :: :: :: :: :: ::
: : : : : : :

Erkennen Sie das Bildungsgesetz? In der ersten Zeile stehen alle Brüche
mit einer 1 im Zähler, in der zweiten Zeile die mit einer 2 im Zähler usw.
Dann werden in der jeweiligen Zeile im Nenner die Zahlen 1, 2, 3 usw.
5.1 Zur Mathematik 105

hingeschrieben. So können wir alle positiven Brüche aufschreiben. Jeden


vorstellbaren Bruch finden Sie in dieser Liste, die zugegebenermaßen sehr groß
ist. Sie geht ja nicht nur nach rechts bis ins Unendliche, sondern zugleich auch
nach unten bis ins Unendliche. Nennen Sie mir jetzt einen beliebigen Bruch,
sagen wir 349
537
. Dann gehen Sie bitte bis zur Zeile 349 und laufen dann diese
Zeile entlang bis zur Spalte 537. Dort steht genau dieser Bruch.
Jetzt unsere Frage:
Wie viel Brüche gibt es?
Schauen wir uns die Tabelle genau an. Sie werden vielleicht als aufmerksa-
mer Betrachter bemängeln, dass viele Brüche mehrfach auftreten. O ja, in der
Diagonalen steht ja immer nur die 1, wenn wir kürzen. Wegen 12 D 24 D 36 D
   finden Sie auch diesen Bruch sehr oft. Unsere Tabelle ist also viel zu groß.
Das macht aber nichts für unsere jetzt folgende Überlegung, die auf Georg
Cantor (1845–1918), den Erfinder der Mengenlehre, zurückgeht. Wir können
jetzt nämlich alle diese Brüche abzählen, also eine Zuordnung aller Brüche zu
den natürlichen Zahlen vornehmen:
1! 1
2
1
3
1
4
1
5
1
6
1
7

. . . .
2 2
2
2
3
2
4
2
5
2
6
2
7

. . .
3 3
2
3
3
3
4
3
5
3
6
3
7

. .
4 4
2
4
3
4
4
4
5
4
6
4
7

.
5 5
2
5
3
5
4
5
5
5
6
5
7


:: :: :: :: :: :: ::
: : : : : : :

Das ist der berühmte erste Diagonaltrick von Cantor. Wir gehen erst nach
rechts, dann schräg nach unten links, dann fangen wir wieder oben an und
gehen schräg nach links unten, usw. Bei jedem Schritt zählen wir 1, 2, 3,…Auf
diese Weise kommt jeder Bruch einmal dran. Wir können also schließen, dass
diese viel zu große Tabelle genauso viele Einträge enthält, wie es natürliche
Zahlen gibt, nämlich 1 viele. Also gibt es auch nur 1 viele positive Brüche.
Jetzt rechnen wir wieder. Wir haben doch in der ersten Zeile 1 viele Brüche
hingeschrieben. Und das haben wir in 1 vielen Zeilen gemacht. Nach unserer
alten Schulrechnung müssten wir also rechnen können, dass in dem gesamten
Schema
106 5 Gott macht keine Physemathenten

11D1

viele Brüche stehen. Wenn wir in dieser Formel beide Seiten formal durch 1
teilen, so folgt
1 D 1;

wiederum eine völlig unsinnige Aussage.


Wir haben bis hierher immer nur von den positiven Brüchen gesprochen.
Wir müssten jetzt noch die gleiche Tabelle mit den negativen Brüchen
danebenschreiben und dann beim Abzählen immer von rechts nach links und
wieder zurück springen. Irgendwo schreiben wir noch die 0 dazu und zählen
sie irgendwann mal mit. Dann haben wir wirklich alle Bruchzahlen abgezählt
und damit gezeigt:

Es gibt genauso viele Brüche wie natürliche Zahlen.

Das ist doch wirklich ein überraschendes Resultat.

Reelle Zahlen

Aber es gibt ja noch mehr Zahlen. Aus der Schule wissen wir – und haben
es in der siebten Klasse gelernt –, dass wir jeden Bruch in eine endliche
oder periodische Dezimalzahl verwandeln können. Das ist eine einfache
Divisionsaufgabe. Jetzt denken wir uns eine Dezimalzahl, die nicht endlich
und auch nicht periodisch ist:

3; 101101110111101111101111110 : : :

Das Bildungsgesetz lautet also: Schreibe 3,1, dann eine 0, dann zweimal
die 1, dann wieder eine Null, dann dreimal die 1, dann wieder eine Null,
dann viermal die 1 und wieder eine Null und so weiter und so fort. Das hört
also nicht auf und ist auch nicht periodisch. Solche Zahlen kann ich mir
schrecklich viele ausdenken. Alle diese Zahlen zusammen mit den Brüchen,
alles positiv und negativ, und die 0 nicht vergessen, nennen wir die reellen
Zahlen. Das ist keine exakte Definition. Die ist sehr viel schwieriger zu
verstehen. Für unsere Überlegung reicht es aber aus, wenn wir festlegen:

Unter den reellen Zahlen R verstehen wir die Menge aller unendlichen nichtpe-
riodischen Dezimalzahlen.
5.1 Zur Mathematik 107

Typische Vertreter
p reeller Zahlen sind die Quadratwurzeln aus positiven
Zahlen, z. B. 5. Das ist kein Bruch; denn nehmen wir an, es wäre doch
als Bruch darstellbar: p p
5D ; q ¤ 0:
q

Dabei wollen und können wir voraussetzen, dass p und q teilerfremd sind;
man sollte also, falls möglich, kürzen. Aus dieser Gleichung ergibt sich
p
5  q D p; also 5  q2 D p2 :

Das bedeutet, dass der Faktor 5 in p2 enthalten ist. Da 5 eine Primzahl ist,
ist 5 schon in p als Faktor enthalten. Damit ist aber 52 in p2 enthalten. So
haben wir die Gleichung

5  q2 D 52  r mit einer natürlichen Zahl r:

Hier dividieren wir durch 5 und erhalten wie oben, dass 5 auch in q2 und so-
mit auch in q als Faktor enthalten ist. Damit haben p und q den gemeinsamen
Faktor 5, was unserer Annahme
p über die Teilerfremdheit widerspricht. Damit
war die Voraussetzung, 5 sei eine rationale Zahl, falsch und wir erhalten:
p
5 ist keine Bruchzahl.
Damit haben wir genügend reelle Zahlen gefunden, und niemand kann
mehr behaupten, wenn wir über die reellen Zahlen sprächen, redeten wir von
der leeren Menge.
Jetzt wieder unsere Frage:
Wie viel (reelle) Zahlen gibt es?
Und hier komme ich mit einer noch größeren Überraschung. Nehmen wir
an, es gäbe genauso viele reelle Zahlen wie natürliche Zahlen! Das hieße doch,
wir könnten die reellen Zahlen abzählen, also z. B. in eine Liste aufschreiben.
Tun wir das doch mal symbolisch, begnügen uns aber hier mit den Zahlen
zwischen 0 und 1. Das sind dann alles Dezimalzahlen mit 0; : : ::

a D 0; a1a2 a3 a4 a5 a6 a7 : : :
b D 0; b1b2 b3 b4 b5 b6 b7 : : :
c D 0; c1c2 c3 c4 c5 c6 c7 : : :
d D 0; d1d2 d3 d4 d5 d6 d7 : : :
108 5 Gott macht keine Physemathenten

e D 0; e1 e2 e3 e4 e5 e6 e7 : : :
f D 0; f1 f2 f3 f4 f5 f6 f7 : : :

Das wäre natürlich eine furchtbar große Liste aller reellen Zahlen zwischen
0 und 1. (Wir müssten uns also noch sehr viele Buchstaben einfallen lassen,
Sie verstehen aber sicher, wie es gemeint ist.) Und jetzt komme ich daher und
werde Ihnen eine Zahl zwischen 0 und 1 angeben, die nicht in dieser Liste steht.
Da kann die Liste noch so groß sein. Das ist der berühmte zweite Diagonaltrick
von Georg Cantor. Wir schreiben folgende Zahl hin:

Bilde x D 0; x1 x2 x3 x4 x5 x6 x7 : : :
mit x1 D a1 C 1; x2 D b2 C 1; x3 D c3 C 1; x4 D d4 C 1; : : :

Als neue Zahl wählen wir also 0; und dann schreiben wir die Diagonalele-
mente der Reihe nach hin, verändern die aber jeweils durch Addition der 1.
Sollte hier die 9 auftreten, so wählen wir als neue Zahl die 0.
Auf die Weise haben wir eine Zahl gebildet, deren erste Dezimalstelle
garantiert nicht a1 ist. Dann kann die Zahl auch nicht gleich a sein. Ihre
zweite Dezimalzahl ist aber garantiert auch nicht gleich b2 , also ist die Zahl
nicht gleich b, usw. Das ist doch wirklich raffiniert überlegt. Wir haben somit
eine Zahl gefunden, die nicht in der Liste steht. Also gibt es mehr reelle Zahlen
als natürliche Zahlen oder Brüche. Es gibt sogar unheimlich viel mehr reelle
Zahlen. Wir können uns ja noch viel, viel mehr Möglichkeiten ausdenken,
neue Zahlen zu erfinden. Mathematiker sagen, dass die Menge der reellen
Zahlen nicht mehr abzählbar, sondern überabzählbar ist.

Kurze Bemerkung zur Kontinuumshypothese

Weil die reellen Zahlen so richtig viele sind, bezeichnen wir sie als das
Kontinuum. Dafür hat Georg Cantor eine verrückte Hypothese aufgestellt.
Er hat erklärt, dass es keine Menge gibt, deren Mächtigkeit zwischen der
Mächtigkeit der natürlichen Zahlen und der Mächtigkeit der reellen Zahlen
liegt. Das konnte er damals aber nicht beweisen.

Kontinuumshypothese
Es gibt keine überabzählbare Teilmenge der reellen Zahlen, die in ihrer Mächtig-
keit kleiner ist als die der reellen Zahlen.
5.1 Zur Mathematik 109

Wie gesagt, das ist eine Hypothese von Cantor. David Hilbert hat ihren
Beweis als eines der ungelösten 23 wichtigsten Probleme der Mathematik
beim Mathematikerkongress 1900 vorgetragen. Die Lösung“ war dann etwas

überraschend; denn Kurt Gödel bewies 1938:
Satz 5.1 Aus der im Allgemeinen zugrunde liegenden Mengenlehre, der soge-
nannten Zermelo-Fraenkel-Mengenlehre lässt sich die Kontinuumshypothese nicht
widerlegen!
Noch überraschender war dann der Satz von Paul Cohen (1934–2007) aus den
1960er-Jahren:
Satz 5.2 Aus der Zermelo-Fraenkel-Mengenlehre lässt sich die Kontinuumshypo-
these auch nicht beweisen!
Damit ist die Kontinuumshypothese unabhängig von der Zermelo-Fraenkel-
Mengenlehre – ein wirklich erstaunliches Ergebnis.
Dieser kurze Abschnitt sollte nur mal andeuten, wie Mathematiker mit dem
Begriff unendlich“ umzugehen wissen.

Wie man doch mit 1 rechnen kann

Wir haben gelernt, welch ein Unsinn entsteht, wenn wir 1 als normale
Zahl betrachten. Trotzdem können wir lernen, mit diesem Ungeheuer fertig
zu werden. Wir müssen dazu aber unsere grauen Zellen noch etwas mehr
anstrengen.

Eine unglaubliche Brücke

Wir beginnen mit dem Bau einer Brücke. Das meinen wir ganz handfest.
Besorgen Sie sich, vielleicht sind noch Steine vom Terassenbau übrig ge-
blieben, zehn gleiche Steine, also solche Quaderblöcke. Die legen wir jetzt
übereinander, aber geschickt, halt wie ein Mathematiker. Den ersten Stein
legen wir so auf den zweiten, dass er nach rechts übersteht, und zwar gerade
so viel, dass er nicht kippt, also genau bis zur Hälfte des unteren Steins. Der
untere Stein muss also zur Hälfte frei gelassen werden. Dieses gemeinsame
Bauwerk aus zwei Steinen legen wir jetzt auf einen dritten Stein, wieder gerade
so weit, dass das Bauwerk nicht kippt. Dazu müssen wir den untersten Stein zu
einem Viertel frei lassen. Probieren Sie es aus. Das Bauwerk aus drei Steinen,
das ja in sich ruht, wird jetzt auf einen vierten Stein gelegt. Diesmal muss der
110 5 Gott macht keine Physemathenten

1
1 2
1 4
1 6
•18
10
Abb. 5.2 Eine Brücke aus sechs übereinandergelegten Steinen

unterste Stein zu einem Sechstel frei gelassen werden. Bitte orientieren Sie sich
beim Nachbau an Abb. 5.2, in der wir sechs Steine übereinander gelegt haben:
Folgende kleine Überlegung müssen Sie nur nachvollziehen, wenn Sie mir
die Sache mit den 1/6 oder 1/8 oder 1/10 nicht glauben. Denken wir uns, die
Steine hätten die Länge 1. Betrachten wir den mit  bezeichneten Punkt in
Abb. 5.2. Ist das der Gleichgewichtspunkt?
Der zweite Stein von unten schaut gerade 1/10 über  nach rechts hinaus.
Der dritte von unten schaut über den zweiten mit 1/8 hinaus, über  damit
um 1/10 + 1/8.
Der vierte von unten schaut über den dritten um 1/6 hinaus, über den
zweiten also um 1/8 + 1/6, und damit über  um 1/10+1/8 + 1/6.
So geht das weiter bis zum obersten. Der schaut also mit 1/10 + 1/8 + 1/6 +
1/4 + 1/2 über  heraus. Zusammen ergibt sich
   
1 1 11 1 1
C CC C C
10 10 810 8 6
   
1 1 1 1 1 1 1 1 1
C C C C C C C C C : (5.1)
10 8 6 4 10 8 6 4 2

Um jetzt das Gleichgewicht über  zu überprüfen, müssen wir nachdenken,


wie viel Anteil von jedem Stein denn links über  liegt. Das ist natürlich
ziemlich einfach; denn es ist immer nur die Differenz zu 1 von dem Anteil,
der nach rechts hinausragt. Für den zweiten Stein von unten ist das der Anteil
1  1=10. Für den dritten Stein von unten ist das der Anteil 1  1=10  1=8
usw. Zusammen ergibt sich also für den linken Anteil
5.1 Zur Mathematik 111
   
1 1 1 1 1 1
1 C 1  C 1  
10 10 8 10 8 6
   
1 1 1 1 1 1 1 1 1
C 1    C 1     : (5.2)
10 8 6 4 10 8 6 4 2

Jetzt ist es eine Kleinigkeit, die Gleichheit von (5.1) und (5.2) nachzurech-
nen. Bitte tun Sie es. An diesen beiden Termen erkennen Sie aber zugleich
das allgemeine Prinzip. Beide Terme lassen sich ja beliebig fortsetzen, und
die Gleichheit rechnet man genauso nach. Mathematisch müsste man einen
Beweis mit vollständiger Induktion führen. Das schenken wir uns hier.
Dafür kommen wir mit einer viel verrückteren Feststellung. Schauen wir
genau auf die vielen zu addierenden Brüche, so entdeckt doch unser Adler-
auge, dass die Nenner allesamt gerade Zahlen sind. Das bedeutet, dass in
jedem Bruch der Faktor 1=2 enthalten ist. Daher können wir diesen Faktor
herausziehen:
1 1 1 1 1
C C C C C 
2 4 6 8 10
 
1 1 1 1 1 1
D  1 C C C C C C 
2 2 3 4 5 6
„ƒ‚…
harmonische Reihe

Übrig bleibt in der Klammer die sogenannte harmonische Reihe. Bei der
muss man unglaublich lange immer kleiner werdende Brüche addieren. Die
gesamte Summe wird dann immer größer, auch wenn die Brüche immer
kleiner werden. Schließlich geht die Summe gegen unendlich. Wir können
uns das leicht überlegen. Schauen Sie sich dazu den folgenden Anfang der
harmonischen Reihe an:
1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1
1C C C C C C C C C C C C C C C C  
2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16

Jetzt fassen wir kleine Gruppen zusammen und verkleinern die Brüche, so
dass in jeder Gruppe die gleichen Brüche stehen. Das sind jeweils gerade so
viele, dass ihre Summe 1=2 ergibt. Schauen Sie einfach nur auf die folgende
Anordnung:
112 5 Gott macht keine Physemathenten

1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1
1C C C C C C C C C C C C C C C C
2 3
„ƒ‚…4 5 6 7 8
„ƒ‚… 9 10 11 12 13 14 15 16
„ƒ‚…
1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1
 C  C C C  C C C C C C C
4 4
„ƒ‚… 8 8 8 8
„ƒ‚… 16 16 16 16 16 16 16 16
„ƒ‚…
1 1 1
2 2 2

Dieses Gruppenbilden können wir unendlich oft machen, wodurch wir


unendlich oft den Bruch 1=2 addieren und damit natürlich nach unendlich
gelangen.
Übrigens ist dieses Gegen-unendlich-Gehen‘ ein entsetzlich langsamer

Vorgang. Probieren Sie es doch mal aus mit Ihrem Taschenrechner. Spätestens
wenn Sie 1=1:000:000:000 addieren wollen, was schon eine lange Zeit an
Tipperei bedeutet, merken Sie, dass sich das Ergebnis gar nicht mehr ändert.
Der Kleine arbeitet ja nur achtstellig, und Sie wollen eine Zahl addieren, die
mit acht Nullen nach dem Dezimalpunkt beginnt. Das rundet Ihr Taschen-
rechner locker zu 0. Ja, dann nimmt man eben einen größeren Computer. Aber
auch dort werden Sie das gleiche Problem erleben. Die zu addierenden Zahlen
werden einfach zu klein und dann zu 0 gerundet. Darum war es wichtig, dass
wir uns das Gegen-unendlich-Gehen‘ theoretisch überlegt haben.

Trotzdem höre ich Sie stöhnen:

Das Ergebnis ist doch klar! Wenn man etwas unendlich oft addiert, wird das

immer unendlich groß.“

Halt, so leicht geht das nicht. Ich biete Ihnen folgendes kleine Beispiel:
 2  3  4  5  6
1
1 1 1 1 1
CC C C C C 
3
3 3 3 3 3
         
1 1 1 1 1 1
D C C C C C C 
3 9 27 81 243 729

Wir addieren also immer weiter. Natürlich werden die Zahlen, die wir
hinzufügen, immer kleiner, aber wir fügen halt unendlich oft Zahlen hinzu.
Das muss doch über alle Grenzen wachsen, möchte man vermuten. Wir
tricksen aber jetzt ein wenig und dann werden wir schauen.
5.1 Zur Mathematik 113

Wir betrachten zuerst nur eine endliche Teilsumme, nennen wir sie Sn :
 2  n
1 1 1
Sn D C C  C
3 3 3

Für eine solche endliche Summe hatten wir in der Schule eine Formel. Nicht
verzagen, ich nenne sie Ihnen:

anC1  1
1 C a C a2 C a3 C    C an D für a¤1 (5.3)
a1

Wichtig bei dieser Formel ist, dass die linke Seite mit 1 beginnt, also mit a0 .
Das müssen wir bei unserem Beispiel oben erst herstellen, daher ziehen wir
den Faktor 13 vor die Summe und erhalten
   n1 !
1 1 1
Sn D  1 C C  C :
3 3 3
„ƒ‚…

Auf den unterklammerten Teil können wir jetzt die Summenformel (5.3)
anwenden und erhalten
 n 0 1
 n
1 1  13 1 @ 1 A
Sn D  D  1 :
3 1  13 2 3
„ƒ‚…

Der hier unterklammerte Anteil strebt für immer größere n gegen 0, weil
1
3 < 1 ist, also strebt
1
Sn ! für n ! 1:
2

Diese gesamte Summe bleibt als beschränkt und strebt, obwohl wir unend-
lich viele Terme addieren, nicht nach unendlich. Ihr Wert ist sogar recht klein,
gerade mal 12 . Das folgende Beispiel ist sogar noch etwas überraschender, weil
wir an der unbeschränkten harmonischen Reihe ja nur eine kleine Änderung
vollziehen, der man diese Wirkung nicht zutrauen möchte.
114 5 Gott macht keine Physemathenten

Betrachten Sie folgende Reihe, die als Neuntöter-Reihe bezeichnet wird:

1C
1
2
1
3
1
4
1
5
1
6
1
7
1
C C C C C C C
8
1
9
C
1
10
C
1
11
C X
1
C
1
12 13
C
1
14

C
1
15
C
1
C
16 17
1
C
1
18
C
1
19
XC
1
20
C
1
21
C :::

C X
1
29
C
1
30
C :::C X:::
1
39

Wir haben also in unserer harmonische Reihe alle Brüche gestrichen, bei
denen im Nenner die Ziffer 9 auftaucht, daher Neuntöter“ . Da werden also

auch 1=90, 1=91, usw. gestrichen. Wir streichen ziemlich viele Brüche, aber
es bleiben immer noch unendlich viele zu addieren.
Aber jetzt kommt das Merkwürdige: Die Summe dieser Neuntöter-Reihe
geht nicht nach unendlich, sondern bleibt beschränkt. Ihr Wert liegt irgendwo
bei 90. Genau weiß das noch niemand. Wir lernen also, wenn man etwas
unendlich oft addiert, muss die Summe nicht unendlich sein.

Eine mathematische Pirouette

Wir wollen Sie noch mehr aufregen und Ihnen den idealen Eiskunstläufer
vorstellen. Schauen Sie sich die Abb. 5.3 an.
Der große Kreis hat den Durchmesser 2. Der erste kleine Kreis links hat den
Durchmesser 1, der zweite den Durchmesser 1=2, der dritte den Durchmesser
1=4, usw. Wir haben also den Durchmesser 2 des großen Kreises halbiert
und einen Kreis mit diesem halben Durchmesser 1 hineingemalt. Es bleibt
ein halber Durchmesser 1 frei. Den halbieren wir wieder und zeichnen einen
kleineren Kreis mit Durchmesser 1=2. Den Rest 1=2 halbieren wir wieder und
zeichnen einen Kreis mit Durchmesser 1=4, dann mit 1=8, dann mit 1=16
und so weiter und so fort. Wie Sie leicht erkennen, werden unsere Kreise
immer kleiner. Wir verlassen auf diese Weise aber den großen Kreis nicht.
Im Gegenteil, mathematisch kann man beweisen, dass die Reihe der inneren
Durchmesser gegen 2 geht:

1 1 1 1 1
1C C C C C C  D 2
2 4 8 16 32
5.1 Zur Mathematik 115

0 2

Abb. 5.3 Ein großer Kreis (Durchmesser 2), in den viele kleinere Kreise hineinge-
zeichnet sind

Wieder haben wir unendlich oft addiert, kommen aber zu einer endlichen
Zahl. Betrachten wir jetzt die halben Kreisumfänge. Aus der Schule wissen wir
noch, dass der Kreis mit Durchmesser d den Kreisumfang

U D d

hat. Der große Kreis hat also den Umfang 2  , der obere Halbkreis daher
die Länge . Jetzt betrachten wir zum Vergleich die Längen der kleinen
eingezeichneten oberen Halbkreise. Ihre Länge ist jeweils =2, multipliziert
mit dem Durchmesser. Diese P hatten wir oben angegeben. Summieren wir diese
alle, so folgt für ihre mit U bezeichnete Gesamtsumme:

X  
 1 1 1 1 1 
UD  C C C C C  D 2D
2 2 4 8 16 32 2

Diese kleinen Halbkreise haben also alle zusammen eine Länge von ,
genauso wie der große Halbkreis. Jetzt kommt unser Eiskunstläufer ins Spiel.
Dazu geben wir ihm einen Weg vor, den wir in der Abb. 5.4 durch Pfeile
angedeutet haben.
Wir haben den zweiten kleinen inneren Kreis nach links umgeschlagen,
dann den dritten kleinen dort hineingelegt, und den vierten anschließend
eingelegt, usw. Ich hoffe, Sie können mit einem Stift den vorgeschlagenen Weg
nachziehen. Da liegen jetzt also unendlich viele Kreise ineinander.
116 5 Gott macht keine Physemathenten

0 2

Abb. 5.4 Der gleiche große Kreis wie in Abb. 5.3 (Durchmesser 2), jetzt aber sind
die kleinen Kreise ineinandergezeichnet

Jetzt lassen wir am linken dicken Punkt bei 0 zwei Läufer gleichzeitig
und bitte mit gleicher Geschwindigkeit loslaufen. Der erste läuft den oberen
großen Halbkreis entlang und ist nach einer überschaubaren Zeit die Strecke
 bis zur 2 gelaufen. Der zweite soll gleichzeitig die inneren kleinen Halb-
kreisbögen durchlaufen, dabei beim ersten Kreis den oberen Halbkreis, beim
zweiten den unteren Halbkreis, beim dritten wieder den oberen, beim vierten
den unteren usw. So durchläuft er immer enger werdende Halbkreise. Die
Gesamtlänge ist , gerade so lang wie der äußere große Halbkreis. Beide
Läufer kommen also gleichzeitig an ihrem jeweiligen Endpunkt an, der erste
bei 2, der zweite bei dem kleinen eingezeichneten Punkt irgendwo in der
Mitte. Während der erste aber gemütlich seine Bahn zog, hat der zweite sich
unendlich oft um seine eigene Achse gedreht. Wohlgemerkt, er hat sich in
einer endlichen Zeit unendlich oft gedreht. Zumindest mathematisch.
Nun, ich hoffe, liebe Leserin und lieber Leser, ich habe Sie mit diesen
unendlichen Spielereien nicht zu sehr verdreht. Aber sehen Sie, so können
Mathematiker schon lange mit diesem an sich unfassbaren Begriff unendlich“

nicht nur umgehen, sondern in gewissem Sinne auch damit rechnen. In allen
Teilbereichen der Mathematik muss man sich mit diesem Begriff auseinan-
dersetzen, und wir haben das getan. Und haben viele neue Erkenntnisse dabei
gewonnen, etwas Übernatürliches aber nicht gefunden.
5.2 Zur Physik 117

5.2 Zur Physik


Papst Benedikt XVI. hat in seinem Wort zum Sonntag, von der ARD am 22.
Oktober 2011 ausgestrahlt, gesagt:

In der Größe des Kosmos können wir etwas ahnen von der Größe Gottes.

Das sieht nach einem interessanten Hinweis aus für unsere Suche nach Gott.
Vielleicht werden wir im Weltraum fündig?
Wir beginnen mit einer kleinen Frage, die nach typischer Kinderfrage
aussieht, aber doch viel Hintergrund enthält:

Warum steht unsere Erde still und fällt nicht herunter?

Die zweite Frage dabei ist natürlich: Wo ist denn bitteschön unten“ ? Wenn

wir bei uns senkrecht nach unten, also bei senkrechtem Stehen in Richtung
unserer Füße, durch die Erde bohren, landen wir wegen der Kugelgestalt der
Erde irgendwo in Neuseeland. Wenn wir denen dann verklickern wollen, dass
unten bei ihnen über ihren Köpfen ist, würden die uns ziemlich unverständlich
anschauen. Also wo ist unten, wohin sollte die Erde denn fallen“ ?

Die erste Frage bringt uns dann ein großes Stück der Lösung dieses Rätsels
näher. Steht die Erde denn wirklich still? Na klar, werden Sie antworten, sonst
würde ich das doch merken. Nicht so schnell!

1. Wir alle wissen, dass sich die Erde am Tag einmal um ihre Achse dreht.
Sonst hätten wir ja nicht Tag und Nacht. In unseren Breitengraden, ca.
50ı nördlicher Breite, ist der Umfang des Breitenkreises ca. 24.000 km. In
24 Stunden einmal herum bedeutet also, dass wir uns mit 1 000 km/h in
Richtung Osten bewegen.

Wir hier in Deutschland bewegen uns mit ca. 1000 km/h Richtung Osten.

Und davon merken wir nichts, weil sich die ganze Lufthülle mitbewegt.
2. Die Erde bewegt sich um die Sonne. Das dauert ein Jahr. In Verbindung mit
der Schrägstellung der Erdachse haben wir deshalb ja Sommer und Winter.
Jetzt kann man aus astronomischen Büchern oder aus dem Internet leicht
den Radius dieses angenäherten Kreises entnehmen und die Bewegung pro
Stunde ausrechnen. Wir erhalten:
118 5 Gott macht keine Physemathenten

Die Erde bewegt sich mit ca. 107.000 km/h um die Sonne herum.

Auch davon merken wir nichts.


3. Unsere Erde ist ja ein kleines Pünktchen in unserer Galaxie, der Milchstra-
ße. Ja, und diese gesamte Galaxie dreht sich, und wir drehen uns ebenso.
Neuere Messungen haben ergeben:

Unser Sonnensystem bewegt sich mit einer Umlaufgeschwindigkeit von


knapp 1 Million km/h um das Zentrum der Milchstraße.

Auch das spüren wir nicht, obwohl es doch eine ziemlich gewaltige
Geschwindigkeit ist. Aber es kommt noch heftiger.
4. Beim Urknall vor ca. 14 Milliarden Jahren war die gesamte Masse als
Energieball total dicht gepackt. In einem wahrhaft gigantischen Lichtblitz
hat sich dann alles auszudehnen begonnen. Aus diesem Urknall rührt unsere
jetzige Geschwindigkeit her, mit der unsere Galaxie Milchstraße durch
den Weltraum düst. Man kann sie mit raffinierten Methoden über die
Rotverschiebung gegenüber dem kosmischen Hintergrund abschätzen und
erhält:

Die Eigengeschwindigkeit der Milchstraße beträgt ca. 6.000.000 km/h.

Das beantwortet die Kinderfrage zu Beginn dieses Abschnittes. Tat-


sächlich steht die Erde gar nicht still, sondern rast (sie fällt also) im Konvoi
der Milchstraße mit 6 Millionen km/h durch den Weltraum. Das ist eine
ungeheure Geschwindigkeit, von der wir nichts merken.

Der Begriff Urknall“ lässt uns sofort aufhorchen. Da gab es also mal

vor langer Zeit – wie schon erwähnt, rechnet die Wissenschaft mit ca. 14
Milliarden Jahren – eine ungeheure Energieansammlung, die dann in einer
noch ungeheureren Explosion zerplatzt ist. Da die Ausdehnung wohl nach
allen Seiten passiert ist, ist unser heutiges Weltall eine unvorstellbar große
Kugel, so wie ein Luftballon, der sich ständig weiter aufbläht. Und das fast mit
Lichtgeschwindigkeit. Da treten natürlich sofort zwei wichtige Fragen auf:

1. Was war vor dem Urknall?


2. Was ist außerhalb des jetzigen Weltalls?
5.2 Zur Physik 119

Wenn vor 14 Milliarden Jahren der Urknall stattfand, was war dann vor 14
Milliarden und einem Jahr? Und wenn sich das Weltall mit Lichtgeschwindig-
keit ausdehnt, was ist dann außerhalb?
Beide Fragen scheinen als Antwort nur etwas Übernatürliches zuzulassen.
Aber Mathematiker haben immer noch einen Trick parat, der eine ganz andere,
für Sie vielleicht völlig überraschende Antwort, bereithält.
Eine wohl nicht ganz so ernst gemeinte Antwort finden wir beim Kirchen-
vater Augustinus. Er schreibt im 11. Buch seiner Bekenntnisse:

Was hat Gott gemacht, bevor er die Welt erschaffen hat?


Er hat die Hölle gemacht für Leute, die solche Fragen stellen!

Lustig, ja, aber es hilft uns nicht wirklich weiter.

Zur Abstandsmessung

Doch jetzt kommen wir mit einer unglaublich klingenden Geschichte, die
uns in eine komplizierte Denkweise der Mathematiker einführt. Wir machen
das an einem kleinen Beispiel klar, wo wir uns überlegen, dass in einem
mathematischen Denkgebäude ein quadratisches Stück Papier kreisrund sein
kann. Tatsächlich, wir werden zeigen, dass wir vom Mittelpunkt des Quadrates
zu allen Punkten der vier Seitenkanten genau gleiche Abstände messen. Das
ist ja das Charakteristikum des Kreisrandes. Wie geht das?
Zunächst ein Wort zum Messen eines Abstandes. Schauen Sie sich Abb. 5.5
an. Wir haben in ein Koordinatenkreuz einen Vektor aE mit den Koordinaten
.a; b/ eingetragen. Wir lassen alle anderen Bezeichnungen weg, um den Blick
nicht zu verstellen. Wenn wir die Länge dieses Vektors angeben wollen,
erinnern wir uns an unseren guten alten Pythagoras und berechnen in dem
rechtwinkligen Dreieck die Wurzel aus den Quadraten der beiden Katheten.
Das führt uns zur Euklidischen Norm :
p
jEaj D j.a; b/j D a2 C b2

Wie sieht damit ein Kreis in dieser Euklidischen Norm aus? Das ist eine
leichte Aufgabe. Es ist genau das geometrische Gebilde, das wir alle im Kopf
haben, wenn wir an einen Kreis denken. In der Abb. 5.6 haben wir weitere
120 5 Gott macht keine Physemathenten

a = (a, b) b
a

|a| = a2 + b 2

Abb. 5.5 Erklärung der Euklidischen Norm mittels das Satzes von Pythagoras

d

a = (a, b) b
a

b

c

Abb. 5.6 Alle Punkte, die denselben Abstand vom Nullpunkt haben, liegen auf
einem Kreis

Vektoren b,E Ec und dE eingetragen, die alle die gleiche Länge nach Pythagoras
wie der Vektor aE haben. Ihre Endpunke enden deshalb alle auf dem bereits
eingetragenen Kreis. So wird ja gerade der Euklidische Kreis definiert.
Jetzt betrachten wir eine andere Möglichkeit, den Abstand zu berechnen.
Die Sache mit dem Pythagoras verlangt ja immer nach einer Quadratwurzel.
Das ist etwas störend, und so machen wir uns die Rechnung leichter, indem wir
5.2 Zur Physik 121

b

a b
a

d

Abb. 5.7 Eine andere Möglichkeit, den Abstand zu messen. Wir betrachten nur
die längste Koordinate eines Vektors. Diese bestimmt den Abstand

von einem beliebigen Vektor nur seine dem Betrage nach längste Koordinate
betrachten. Falls sie negativ ist, dann bitte den positiven Wert nehmen. In der
Mathematik haben wir uns genaue Vorgaben gewählt, die eine Abstandsmes-
sung einzuhalten hat. Wir lassen diese Einzelheiten hier weg und versichern
Ihnen, dass dieser Gedanke, nur die betraglich längste Koordinate als Abstand
zu nehmen, diesen Vorgaben genügt. Gut. Jetzt schauen Sie sich Abb. 5.7 an.
Wieder schaut uns der Vektor aE an. Seine Koordinate a ist offensichtlich
länger als b, also sagen wir jetzt, dass sein Abstand

jEaj D j.a; b/j D a

ist. Im Prinzip müssten wir jaj schreiben, aber a ist ja positiv eingezeichnet.
Oben drüber haben wir den Vektor bE eingetragen. Seine längste Koordinate
ist ebenfalls die Koordinate auf der x-Achse, also wieder gleich a. Nach dieser
Vorgabe, die längste Koordinate als Abstand zu wählen, ist daher der Vektor
bE genauso lang wie der Vektor aE. Das ist verwirrend, nicht? Tatsächlich
122 5 Gott macht keine Physemathenten

c
b

a b
a

f
d
e

Abb. 5.8 Alle Punkte, die denselben Abstand vom Nullpunkt haben, liegen
diesmal auf einem Quadrat. Dieses ist also der Kreis“ in dieser neuen Abstands-

bestimmung

macht es gerade für Ingenieure großen Sinn, so eine Definition als Abstand
zu betrachten. Es handelt sich im Fachjargon um die Maximum-Norm,
im Gegensatz zu dem Abstand mit dem Pythagoras, die wir Euklidische
Norm nennen. Einzelheiten müssen wir aber dem Studium der Fachliteratur
überlassen.
Um das weiter auszuspinnen, betrachten Sie bitte Abb. 5.8.
Wir haben ein Quadrat und zusätzlich sechs Vektoren eingezeichnet. Hier
hat der Vektor Ec als längste Koordinate die senkrecht nach oben gehende.
Wegen der Quadrateigenschaft ist diese Koordinate aber genauso lang wie
die auf der x-Achse waagerecht laufende a. Also hat auch Ec dieselbe Länge
wie aE . Genauso können Sie sich das für die anderen eingezeichneten Vektoren
überlegen. Alle Vektoren, deren Endpunkt auf den Quadratseiten liegt, haben
die gleiche Länge. Und genau in diesem Sinn ist unser Quadrat jetzt mit
diesem Abstandsbegriff ein Kreis“ . Das ist wirklich verwirrend.

Wenn jetzt Ihre Kinder zu Weihnachten runde Plätzchen essen wollen,
der Weihnachtsmann oder das Christkind oder Santa Claus oder wer auch
immer aber nur quadratische Plätzchen im Angebot hatte, so erklären Sie
einfach locker: Diese quadratischen Plätzchen sind in der Maximum-Norm

perfekt kreisrund.“ Und wenn Sie das dann noch ausführlich erklären, ist der
Weihnachtsabend gerettet.
In Abb. 5.9 haben wir die beiden Abstandsbegriffe gegenübergestellt, indem
wir beide Kreise“ eingezeichnet haben. Lassen Sie bitte diese Abbildng etwas

5.2 Zur Physik 123

a = (a, b) b
a

Abb. 5.9 Gegenüberstellung der beiden Abstandsbegriffe. Der Kreis gehört zum
bekannten euklidischen Abstand, das Quadrat gehört als Kreis“ zum neuen

Abstand, der mit der maximalen Koordinate des Vektors bestimmt wird

auf sich wirken. Der Kreis ist wirklich der Kreis“ in der uns geläufigen sog.

euklidischen Norm mit dem Pythagoras, das Quadrat ist der Kreis“ in der uns

nicht so vertrauten Maximum-Norm, beide Kreise“ haben denselben Radius.

Wir fassen noch einmal zusammen, was wir uns schwer erarbeitet haben.
Wenn wir von Abständen reden, kommt es sehr darauf an, welche Abstands-
definition wir zugrunde legen. Außer den beiden vorgestellten gibt es noch
viele weitere Möglichkeiten, Abstände zu messen.
Interessant ist es auf einer Kugel. Wenn Sie schon mal von Frankfurt/Main
nach Los Angeles geflogen sind, haben Sie sich vielleicht gewundert, dass
nach einigen Flugstunden Grönland unter Ihnen aufgetaucht ist. Warum
fliegt denn der Pilot solche Umwege? Falls Sie einen Globus zu Hause haben,
schauen Sie sich das noch mal genau an. Nehmen Sie einen Bindfaden und
halten Sie das eine Ende auf Frankfurt, das andere auf Los Angeles. Dann
ziehen Sie den Bindfaden stramm. So wird er am kürzesten, und tatsächlich
liegt er über Grönland. Das ist eben auf der Kugel die kürzeste Strecke. Die
Abstandsmessung hält also einige Tücken bereit.

Anwendung auf den Weltraum

Albert Einstein (Abb. 5.10) hat diesen Gedanken der anderen Abstandsmes-
sung auf den Weltraum übertragen. Sein Gedanke lag darin, die Zeit in die
124 5 Gott macht keine Physemathenten

Abb. 5.10 Albert Einstein auf einem meiner Schlipse

Abstandsmessung einzubeziehen. Dies war 1905 bei seiner Erstveröffentli-


chung eine Sensation und ist heute immer noch für viele Zeitgenossen völlig
unverständlich. Die Zeit steht ja für uns so unumstößlich fest wie das Amen
in der Kirche. Die Sekunden laufen tak, tak, tak, immer in der gleichen
Geschwindigkeit. Da ändert sich doch nichts. Aber Einstein behauptet, dass
sich die Zeit verlangsamt, wenn man nur schnell genug fliegt. Seine Formel ist
kompliziert, und Sie können sie nachlesen in [10].
Um also im Weltraum Abstände zu messen, müssen wir die Zeit ein-
beziehen. Das geschieht in der Allgemeinen Relativitätstheorie durch die
Schwarzschild-Metrik. Leider, leider würde eine Erklärung Sie zu stark stra-
pazieren, daher müssen wir Einzelheiten weglassen, können und wollen Ihnen
aber das Ergebnis präsentieren. Denn das ist ziemlich überraschend. Halten
Sie sich fest.
In dieser Metrik ist der Zeitpunkt des Urknalls eine Singularität, wie
Mathematiker das nennen. Das bedeutet:

14:000:000:000 ! 1

Der also ca. 14 Milliarden Jahre zurückliegende Urknall ist in der Metrik,
die im Weltall gilt, vor unendlich langer Zeit passiert.
5.2 Zur Physik 125

Die im Weltall nach Albert Einstein gültige Metrik liefert und diese Ant-
wort. Das ist gerade so überraschend, wie unsere Rechtecke in der Maximum-
Norm wunderbare Kreise wurden.
Unsere Frage, was denn vor dem Urknall war oder was Gott vor dem
Urknall gemacht hat, ist damit auf ungewöhnliche Weise beantwortet. Vor
dem Urknall gibt es nicht; denn vor unendlich langer Zeit gibt es kein davor.
Hätten Sie diese Antwort erwartet? Ist es nicht doch ziemlich fantastisch, was
man mit Mathematik alles so betrachten und dann auch beantworten kann?
Ja, die Mathematik hält noch manche Überraschung bereit; denn wir wenden
uns der nächsten Frage zu:
Was ist außerhalb des Weltalls?
Das herauszufinden, wird jetzt keine solch schwere Hürde mehr, denn
langsam gewöhnen wir uns an die Argumentation. Wenn wir schon mal
wissen, dass sich der Urknall vor ca. 14 Milliarden Jahren ereignet hat, so hat
sich seit damals das Weltall mit Lichtgeschwindigkeit ausgedehnt. Keine Angst
vor großen Zahlen.
Die Lichtgeschwindigkeit ist ca. 300.000 km/s oder ungefähr1 Milliarde
km/h, wie Sie leicht umrechnen können; denn eine Stunde hat 6060 D 3600
Sekunden. Wenn wir das multiplizieren, ergibt sich

60  60  300:000 D 3600  300:000 D 1:080:000:000;

also, wie gesagt, rund 1 Milliarde km/h.


Jetzt müssen wir nur diese Geschwindigkeit mit der Zeit 14 Milliarden
Jahre multiplizieren. Wir machen das am einfachsten mit der Darstellung als
Potenzen. Dazu müssen wir die 14 Milliarden Jahre in Stunden umrechnen,
weil wir ja die Lichtgeschwindigkeit pro Stunde angeben.

1 Jahr D 365 Tage D 365  24 Stunden D 8 760 Stunden,


14 Milliarden Jahre D 14:000:000:000  8760 Stunden D 14  109  8760 Stunden
D 122:640  109 Stunden.

Diese Zahl müssen wir jetzt noch mit der Lichtgeschwindigkeit 1 Milliarde
km/h multiplizieren und erhalten

122:640  109  109  1023 :

Somit hat das Weltall zur Zeit einen Radius von ca.
126 5 Gott macht keine Physemathenten

1023 km.

Das ist natürlich eine riesige Zahl. Wir haben nicht mal so schnell einen
Namen dafür. Es müsste so was wie 100 Trilliarden sein. Unvorstellbar groß.
Selbst die Schulden der USA erreichen diese Zahl nicht. Trotzdem gibt es leicht
angebbare viel, viel größere Zahlen. Denken Sie an 10100 oder gar an die größte
9
Zahl, die man mit drei Ziffern schreiben kann, nämlich 99 . Aber auch diese
100
Monsterzahl können wir leicht noch toppen, z. B. ist 10100 viel größer. Na,
und so weiter.
Die Frage, was außerhalb des uns bekannten Weltalls ist, scheint also sehr
berechtigt. Was ist außerhalb der 1023 km? Wer wohnt in einer Entfernung
von 1030 km? Also wirklich, Mathematiker, so leicht kommst du mir nicht
davon.
Aber ich komme mit quasi derselben Antwort wie oben. Wir müssen unsere
neue Messmethode bedenken. In dem Weltraummaßstab ist tatsächlich

1023 ! C1

Außerhalb ist also unendlich weit weg. Daher können wir nicht danach
suchen, was außerhalb ist. Für uns gibt es kein außerhalb“ . Das ist wieder

solch eine überraschende Antwort eines Mathematikers.
Wir wissen jetzt, dass wir in der Vergangenheit und in der räumlichen
Ausdehnung eine Grenze haben, die wir nicht überschreiten können, weil
wir beide Male an unendlich stoßen. Innerhalb dieser Grenzen sind wir auf
dem besten Weg, immer mehr zu entdecken und zu erklären. Waren unsere
Vor-Vorfahren noch im Glauben, dass Blitz und Donner Gottheiten sind, so
wissen wir schon seit geraumer Zeit, wie diese Naturphänomene entstehen,
ja, wir können sie im Labor sogar selbst herstellen. So ist unsere Erkenntnis
immer weiter gewachsen. Und nirgendwo ist wirklich etwas Übernatürliches
erschienen. Eine neuste Entdeckung war das Higgs-Teilchen, das wohl mit
ziemlicher Sicherheit im CERN 2012 nachgewiesen wurde. Von manchen
Zeitungen wurde es schon als Gottesteilchen“ bezeichnet. Was hat es damit

auf sich? Ist dort wirklich Gott“ gefunden worden? Das müssen wir uns

genauer anschauen.
Seit langer Zeit schon wissen wir, dass vier Kräfte unsere Welt beherrschen:

1. die starke Kernkraft


2. die elektromagnetische Kraft
5.2 Zur Physik 127

3. die schwache Kernkraft


4. und die Gravitation.

Kurz ein paar Erläuterungen zu diesen Kräften.

1. Starke Kernkraft:
Das ist eine Kraft, die im Atomkern, also in einem sehr kleinen Raum,
die Quarks untereinander bindet. Es ist die stärkste der vier Kräfte, hat aber
nur eine sehr geringe Reichweite. Daher können wir sie nicht wahrnehmen.
Sie wird von den Gluonen vermittelt.
2. Elektromagnetische Kraft:
Das ist die Kraft zwischen den geladenen Teilchen, z. B. Elektronen
und Protonen. Sie wirkt unendlich weit und ist verantwortlich für das
Licht, für die Elektrizität, für den Magnetismus usw. Vermittelt wird sie
von den Photonen und beschrieben durch die berühmten Maxwell’schen
Gleichungen.
3. Schwache Kernkraft:
Sie ist verantwortlich für radioaktive Zerfallsprozesse, hat eine sehr kurze
Reichweite und ist dazu auch noch sehr schwach. Zu ihrer Beschreibung
wurde das Higgs-Teilchen vorhergesagt, was wohl auch gefunden wurde.
4. Gravitation:
Das ist die uns allen am besten bekannte Kraft, die wir auch direkt
spüren können. Schließlich hält uns diese Kraft am Boden und bewirkt,
dass unsere Erde um die Sonne herum fliegt. Sie ist im Verhältnis zu den
anderen Kräften ungeheuer schwach. Nur durch die großen Massen der
Himmelskörper entsteht überhaupt eine Wirkung wie z. B. Ebbe und Flut.
Diese Wirkung hat dafür eine unendliche Reichweite.

Wir fassen das in der folgenden Tabelle zusammen, wobei wir die starke
Kernkraft zu 1 setzen und dann die Stärke der anderen Kräfte relativ zu dieser
Kraft angeben:

Kraft Relative Stärke Reichweite [m]


starke Kernkraft 1 1015
elektro-magnetische Kraft 102 1
schwache Kernkraft 1013 1018
Gravitation 1038 1

Schon lange wird versucht, diese vier Kräfte einheitlich zu beschreiben, um


damit ein einziges System von Gleichungen zu haben, mit denen alle vier
128 5 Gott macht keine Physemathenten

Grundkräfte beschreibbar wären. Dies wäre dann die sogenannte Weltformel.


Man nennt sie auch
Grand Unified Theory GUT
James Clark Maxwell veröffentlichte 1864 seine Gleichungen zur einheitli-
chen Beschreibung von Elektrizität und Magnetismus – ein Modell, das Schule
machte.
Ein zweiter Punkt gelang mit der Vereinheitlichung von elektromagneti-
scher und schwacher Kraft in der sogenannten Quantenfeldtheorie. Allerdings
brauchte man dazu ein Teilchen, das den anderen Elementarteilchen ihre
Masse gibt. Dies wurde schon in den 1960er-Jahren von Peter Higgs, 1929
in Großbritannien geboren, postuliert und ist nach ihm benannt. Im Juli
2012 verkündeten die Physiker am CERN, dass sie dieses Teilchen indirekt
nachgewiesen haben. Zur Zeit wartet man noch auf weitere Bestätigungen,
aber mit diesem Nachweis wäre die Quantenfeldtheorie in trockenen Tüchern
und ein weiterer Baustein für die Weltformel gesetzt. Aber Gott? Nein, Gott
ist das nicht. Da haben die Medien mal wieder maßlos übertrieben.
Übrigens haben Leon Lederman und Dick Teresi diesen unglücklichen
Begriff indirekt geprägt. Sie schrieben an einer Geschichte über die moderne
Teilchenphysik. Bei der Titelsuche weigerte sich der Verlag, den Namen
Higgs“ im Titel zu verwenden. Die Autoren schlugen dann wohl den nicht

ernst gemeinten Begriff The Goddamned Particle“ , also das Gottverdamm-
” ”
te Teilchen“ , vor, woraus der Verlag dann schließlich The God Particle“

machte.
Mit der Quantenchromodynamik entwickelten die Physiker ein Modell zur
Beschreibung der starken Kernkraft.
Auch Albert Einstein suchte intensiv nach einer einheitlichen Theorie
aller vier Kräfte. In seiner genialen allgemeinen Relativitätstheorie gelang
ihm eine wunderbare geometrische Beschreibung der Gravitation. Aber die
Weltformel, also ein System von Gleichungen für alle vier Kräfte, fehlt
bis heute. Ein Lichtblick scheint in der Stringtheorie zu liegen. In einer
äußerst komplexen mathematischen Beschreibung versuchen Mathematiker
und Physiker gemeinsam, die schwierigen algebraischen Gleichungen mit der
Theorie partieller Differentialgleichungen übereinzubringen. Das wird wohl
noch Jahre in Anspruch nehmen.
Die drei Astrophysiker Saul Perlmutter (USA), Brian P. Schmidt (USA und
Australien) und Adam G. Riess (USA) erhielten 2006 den Nobelpreis für ihre
Entdeckung, dass sich das Weltall beschleunigt ausdehnt. Noch wissen wir
nicht, welche Konsequenzen diese Ausdehnung für die Zukunft des Weltalls
5.2 Zur Physik 129

hat, aber man kann ja schon mal etwas abschätzen, wie es denn eventuell
weitergehen könnte:

1. 14  109 Jahre – Urknall:


Das war nach unserer Überlegung vor unendlich langer Zeit im Maßstab
der Weltraummessung.
2. 4:6  109 Jahre – Entstehung des Sonnensystems:
Durch eine Zusammenballung von Materie entstand unsere Sonne und
mit ihr drumherum unsere Planeten, Kometen, Planetoiden und noch
viel, viel mehr Staub, der sich im Kuipergürtel oder auch zwischen den
Planeten aufhält. Dann beginnt die Zeit unserer Entstehung und unserer
Beobachtung der Welt, der Sattellitenforschung usw.
3. C109 Jahre – Erde zu heiß, kein Leben mehr möglich:
Die Erde bewegt sich in einer Spirale sehr langsam, nur wenige Zenti-
meter pro Jahr auf die Sonne zu. Aber nach dieser langen Zeit ist sie so
nah, dass es durch die Sonnennähe zu heiß wird für jedwedes Lebewesen
auf der Erde.
4. C6  109 Jahre – Verschmelzung von Milchstraße und Andromeda:
Die Astronomen beobachten schon eine geraume Weile, dass sich auch
die Milchstraße und die Andromeda in einer Spirale aufeinander zu
bewegen. Das Verschmelzen geschieht dann über Jahrmillionen hinweg.
5. C1013 Jahre – Sterne verlöschen:
Das Licht der Sterne wird ja von einer Kernfusion im Innern des Sterns
ausgelöst. Nach dieser langen Zeit ist der gesamte Brennstoff für diese
Fusion aufgebraucht und die Sterne haben keine Kraft mehr zu leuchten.
6. C1014 Jahre – Temperatur im Weltall 1 K:
Das Weltall dehnt sich immer weiter aus, sogar beschleunigt nach den
neusten Erkenntnissen. Da es keine leuchtenden, Wärme spendenden
Sterne mehr gibt, wird es sehr kalt. 1ı K sind 272ı C.
7. C1016 Jahre– Erde stürzt in Sonne:
Nach dieser Zeit ist die Erde der Sonne so nah gekommen, dass sie mit
ihr kollidiert.
8. C1018 Jahre– Galaxien ! schwarze Löcher:
Alle Sterne und Planeten stürzen in der Mitte der jeweiligen Galaxie
zusammen und bilden dann ein riesiges schwarzes Loch.
9. C1032 Jahre – Protonen zerfallen:
Nach dieser langen Zeit zerfallen selbst die Kernbausteine; es sind wohl
nur noch Quarks im Weltall unterwegs.
10. C10100 – schwarze Löcher zerstrahlen:
130 5 Gott macht keine Physemathenten

Jetzt zerstrahlen auch die ungeheuren schwarzen Löcher. Dann ist das
Weltall so groß, dass sich kaum ein Elementarteilchen finden lässt. Es
herrschen nur noch Ruhe und Stille.

5.3 Zu Gott
Wir kommen noch einmal zurück auf das Wort von Papst Benedikt XVI, das
wir zu Beginn des Abschn. 5.2 zitiert haben:

In der Größe des Kosmos können wir etwas ahnen von der Größe Gottes.

Ja, von der ungeheuren Größe des Kosmos, also von der endlichen Unend-
lichkeit, haben wir gesprochen. Aber war da etwas von Gott zu sehen?
Im Internet wird kolportiert:

95 % der Physik-Nobel-Preisträger glauben nicht an Gott.

Das haben diese klugen Menschen mit Sicherheit nicht gesagt. Denn eine
solche Behauptung ist viel zu allgemein. Sie werden gesagt haben:

In der Welt der Physik, in der wir uns recht gut auskennen, haben wir Gott nicht
gefunden!

Das ist eine ganz andere Aussage, als zu behaupten: Es gibt keinen Gott.
Dass sie Gott nicht gefunden haben, wird durch eine kleine Überlegung,
die der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman (1918–1988) angestellt hat,
verdeutlicht. Er hat mal darüber fabuliert, was denn mit Gott wäre, wenn er
von dieser Welt wäre. Dann würde er, wie es Albert Einstein postuliert hat,
der endlichen Lichtgeschwindigkeit unterliegen. 300.000 km/s kann er dann
schaffen, aber nicht mehr. Wenn er zufällig auf der Sonne wäre, so bräuchte er
ca. 8 min, um zur Erde zu gelangen. Wenn er sich dann die Sterne im Großen
Wagen anschauen will, so muss er mit einer mittleren Reisezeit dorthin von
100 Jahren rechnen. Wenn dann aber sein Sinn nach der Andromeda-Galaxie,
unserer Nachbargalaxie, stünde, wäre er nur für die Hinreise 3 Millionen Jahre
unterwegs, hin und zurück dann 6 Millionen Jahre. In der Zeit würden viele
unserer Gebete unverhört verhallen. Nein, wenn es Gott gibt, so kann er nicht
irdischen Gesetzen unterliegen.
Er wäre wohl nur als reiner Geist vorstellbar. Aber wie sollte er dann mit
uns körperlichen Wesen in Kontakt treten können? Die Mormonen wollen
5.3 Zu Gott 131

Gott spüren, ja anfassen können. Wie soll das geschehen, wenn er nichts
Gegenständliches an sich hat?
Kommen wir damit zu dem zwingenden Schluss, dass es einen Gott nicht
gibt? Im gewissen Sinn schon, wenn wir unter gibt“ unser menschliches

Wesen, unsere Körper, unsere Materie verstehen. Aber wiederum dürfen wir
nicht so schnell schließen. Es bleibt nämlich eine Frage, die wir jetzt stellen:

Wer hat die Naturgesetze gemacht?

Wir stellen ja fest, dass im ganzen Weltall die gleichen Naturgesetze gelten.
Überall, wohin wir schauen, ist das Licht mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs
und nicht schneller. Im gesamten All stoßen sich gleichnamige elektrische
Ladungen ab und ungleichnamige ziehen sich an. Wer hat ihnen das gesagt?
In allen noch so fernen Galaxien können wir mit dem Gravitationsgesetz
Bewegungen beschreiben und sogar vorhersagen, wie z. B. die Kollision von
Galaxien oder auch nur die Wiederkehr von periodischen Kometen in unserem
Sonnensystem. Wer hat also der Materie gesagt, dass sie eine Schwerkraft
hat? Aus den vier Grundkräften ergeben sich ja viele weitere physikalische
Phänomene. Wer hat das Ohmsche Gesetz erfunden? Wer hat den Linsen
gesagt, wie sie das Licht ablenken sollen usw. Also noch einmal die Frage:

Wer hat diese Naturgesetze gemacht?


Selbst wenn wir auf dem Weg sind, eine einheitliche Weltformel in der
Stringtheorie zu finden, bleibt doch die Frage, wer sich denn bitte schön diese
Weltformel ausgedacht hat. Die kann doch nicht einfach so da sein? Woher
wissen denn die Lichtquanten, die von fernsten Quasaren zu uns gelangen,
dass sie niemals schneller als mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs sein dürfen?
Und jetzt komme ich mit meiner persönlichen Antwort, auf alle diese
Fragen:

Ja wirklich, ich weiß es nicht. Aber es könnte doch sein, dass ein ordnender
Geist dahintersteckt. Aus rein mathematischer Sicht ärgere ich mich zwar,
warum dieser Geist das Ganze so schwergemacht hat. Es kostet uns ja
ungeheure Mühe, hinter diesen Bauplan des Universums zu kommen. Ging
das nicht einfacher? Aber solch eine Frage relativiert diesen Geist schon wieder
und versucht, ihn ins Menschliche zu ziehen.
6
Ein Mathematikquiz

Na, haben Sie nicht Lust, zum Schluss Ihre kleinen grauen Zellen selbst mal
in Wallung zu bringen? Dieses Quiz lief bei J. B. Kerner. Da ich als Autor und
Studiogast intensiv daran mitgearbeitet habe, sei es hier zu Ihrem Vergnügen
angefügt. Damals kämpfte ein Schüler der Klasse 6 gegen einen Erwachsenen,
der sich beim Straßentest einigermaßen mathefest herausgestellt hatte.
Die Lösungen finden Sie ab S. 135 im Abschn. 6.2.

6.1 Das Quiz


1. Eine Kirchturmuhr schlägt jede Viertelstunde mit hellem Glockenton 1,
2, 3 oder 4 Töne und jede volle Stunde mit dunklem Glockenton die
Stundenzahl. Wie viele Schläge sind das rund um die Uhr“ , also in 12

Stunden?
2. Wenn 2 Katzen in 2 Stunden 2 Mäuse fangen, wie viele Mäuse können
dann 4 Katzen in 4 Stunden fangen? Wir nehmen dabei an, dass alle Katzen
gleich effektiv im Mäusefangen sind.
3. Familie Müller fährt 468 km weit zum Urlaubsort mit einer mittleren
Geschwindigkeit von 72 km/h. Bei Pausen vergehen 1 Stunde und 20
Minuten. Wie lange ist Familie Müller insgesamt unterwegs?
4. Wie lautet das Jahr 2010 in römischen Zahlen?
a. MXI
b. MMX
c. MIX
d. XIM
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016 133
N. Herrmann, Mathematik und Gott und die Welt,
DOI 10.1007/978-3-662-48723-5_6
134 6 Ein Mathematikquiz

5. Dreht man das Display eines Taschenrechners auf den Kopf und liest
Esel“ , welche Zahlen wurden dafür eingetippt?

6. Wie viel sind 35 % von 360?
7. Ein 6-l-Behälter und ein 8-l-Behälter sind voll mit Wasser, daneben ein
leerer 11-l-Behälter. Wie kann man 5 l Wasser durch Hin- und Herschütten
erhalten?
8. 101 ist
a. durch 3 teilbar,
b. die kleinste dreistellige Primzahl,
c. die Lösung von 2x+1=201,
d. eine gerade Zahl.
9. Auf die Zahl 512 trifft folgende Aussage zu
a. 512 ist eine Primzahl,
b. 512 ist gleich 2 hoch 9,
c. 512 ist 2 hoch 17,
d. 512 ist die Quadratwurzel aus 1024.
10. Wie heißt ein Winkel von 120ı ?
a. gestreckter Winkel
b. spitzer Winkel
c. stumpfer Winkel
d. toter Winkel
11. Welche dieser Zahlen ist ohne Rest durch 3 teilbar?
a. 648
b. 236
c. 512
d. 430
12. Welches Viereck hat stets vier gleich lange Seiten?
a. Parallelogramm
b. Rechteck
c. Trapez
d. Raute
13. Jemand kauft sich ein Auto, sagen wir für 20.000 Euro netto. Da kom-
men also noch 19 % Mehrwertsteuer hinzu. Der Händler verspricht dem
Kunden 10 % Rabatt. Wie sollte man jetzt rechnen?
a. Sollte man zuerst die Mehrwertsteuer addieren und dann von dem
höheren Preis die 10 % Rabatt abziehen
6.2 Die Lösungen 135

b. oder sollte man zuerst den Rabatt abziehen und dann zu dem geringeren
Preis die Mehrwertsteuer addieren?
Ich vermute, dass Sie als Käufer bei geschickter Verhandlung im Fall
(b), der doch für den Verkäufer günstiger aussieht, noch einen zusätzlichen
Bonus heraushandeln können, und wenn es nur ein Kaffee ist.
Was sagt die Mathematik zu beiden Varianten?
14. Aus welcher Sprache stammt das Wort Algebra“ ?

a. Lateinisch
b. Griechisch
c. Hebräisch
d. Arabisch

6.2 Die Lösungen

Zu 1. Antwort: 198 Glockenschläge


Innerhalb einer Stunde schlägt die Uhr erst einmal (Viertelstunde),
dann zweimal (halbe Stunde), dann dreimal (Dreiviertelstunde) und
am Schluss zur vollen Stunde viermal. Das sind innerhalb einer Stunde
also
1 C 2 C 3 C 4 D 10 Schläge.

In 12 Stunden sind das also zusammen 120 Schläge, nur für die
viertelstündlichen Angaben. Jetzt müssen wir noch die Anzahl der
Schläge für die einzelnen Stunden hinzuaddieren, also

1 C 2 C : : : C 12 D 78 Stundenschläge.

Diese Summe kann man leicht ausrechnen, oder man kann eine
Formel benutzen (vgl. [9], Kapitel Das Anstoßproblem“ ). Oder man

hilft sich so wie der Schüler in der Sendung. Der hatte sich einfach
gemerkt, dass
1 C 2 C : : : C 10 D 55

ist, einfach so mal ins Langzeitgedächtnis gepackt. Dann konnte er


schnell noch 11 und 12 dazuaddieren und hatte seine 78.
Jetzt müssen wir nur beide Zahlen addieren und erhalten:

Insgesamt hören wir in 12 Stunden 198 Glockenschläge.


136 6 Ein Mathematikquiz

Zu 2. Antwort: 8 Mäuse
Wenn 2 Katzen in 2 Stunden 2 Mäuse fangen, dann fängt 1 Katze in 2
Stunden 1 Maus, einfach die Hälfte. Dann fängt aber eine Katze in 4
Stunden 2 Mäuse, weil sie doppelte Zeit hat.

Dann fangen 4 Katzen in 4 Stunden 8 Mäuse.

Zu 3. Antwort: 7 Stunden und 50 Minuten


Hier geht es um die Geschwindigkeit. Zuerst also die Erklärung, was
Geschwindigeit ist:

Geschwindigkeit ist der zurückgelegte Weg geteilt durch die benötigte


Zeit.

Fragt man nach der Zeit, so ergibt sich:

Benötigte Zeit gleich zurückgelegter Weg geteilt durch die Geschwin-


digkeit.

Für die 468 km braucht man also

468
D 6; 5:
72

In Zeit ausgedrückt, sind das sechseinhalb Stunden, also sechs


Stunden und 30 Minuten. Addiert man die Pause von 1 Std. 20
Minuten hinzu, so braucht man insgesamt

7 Stunden und 50 Minuten.

Zu 4. Antwort: (b)
Mit römischen Zahlen lernt man schon in der Grundschule umzuge-
hen. Wir geben hier die wichtigen Zahlensymbole an:

ID1; VD5; XD10; LD50; CD100; D D 500; M D 1000

M ist also 1000 und daher MM = 2000. Dann ist

2010 D MMX:
6.2 Die Lösungen 137

Um zu lange Ungetüme zu vermeiden, gibt es folgende Subtrakti-


onsregel:

Die Zahlzeichen I, X und C dürfen einem ihrer beiden jeweils nächst-


größeren Zahlzeichen vorangestellt werden und sind dann in ihrem
Zahlwert von dessen Wert abzuziehen. Die Fünferzahlen V, L und D
werden nicht subtraktiv vor andere Zahlen gestellt.

Als 9 möchte man ja eigentlich schreiben VIIII. Nach der Subtrak-


tionsregel ist es aber kürzer und damit richtig zu schreiben

9 D IX:

Zwei kleine Bemerkungen wollen wir anfügen:


 Kennen Sie das Sprichwort: Jemandem ein X für ein U vorma-

chen“ ? Das hängt mit den römischen Zahlen V = 5 und X =
10 zusammen. Das V ist der obere Teil des X und wurde früher
auch als U gelesen und geschrieben. Wenn man jetzt in einem
Vertrag die Zahlung von V Euro oder DM oder Taler festlegt
und später nach geleisteter Unterschrift aus dem V durch kleine
Verlängerungsstriche nach unten ein X daraus macht, so macht man
doppelte Kasse, wenn es keiner merkt. Man hat dem anderen ein X
für ein V vorgemacht.
 In einer niedersächsischen Kleinstadt entdeckte“ ein Journalist

eine Sensation an der Kirchturmuhr. Die vierte Stunde wurde
durch IIII, also vier Striche angezeigt, was eindeutig den Regeln
der römischen Zahlendarstellung widerspricht. Richtig wäre na-
türlichlich IV, also 5  1. Dabei werden nämlich nur zwei Zeichen
und nicht vier gebraucht. Eine unglaubliche Besonderheit oder
gar vielleicht ein Alleinstellungsmerkmal für diese Turmuhr? Ich
bat den Journalisten am Telefon, er möge doch mal eine Kollegin
oder einen Kollegen fragen, der eine Uhr mit römischen Ziffern
hat, wie dort die 4 aussieht. Tatsächlich fand er gleich einen und
war bass erstaunt, denn auch dort war die 4 falsch dargestellt.
Daraufhin sagte ich ihm, dass das in Mitteleuropa Standard sei, auf
Uhren die römische 4 falsch darzustellen. Schauen Sie doch mal
bei Gelegenheit auf Ihre Uhr, falls Sie so eine haben. Übrigens, in
Russland macht man es richtig. Auf dem roten Platz in Moskau
zeigt die riesengroße Uhr am Erlöserturm die richtige römische 4.
138 6 Ein Mathematikquiz

Warum wir das falsch machen, ist nicht ganz geklärt. Vielleicht, um
eine Verwechslung mit der 6, also VI, auszuschließen?
Zu 5. Antwort: 7353
Das ist eine niedliche kleine Frage, mit der man vielleicht bei einer
Party etwas Unterhaltung beisteuern kann. Wenn wir auf einem Ta-
schenrechner die Zahlen 0, 1, 2 usw. bis 9 eintippen und dann den
Rechner um 180ı drehen, so sehen wir alle diese Zahlen auf dem Kopf
stehen und erkennen gleichzeitig, dass man sie als Buchstaben deuten
kann. So ist z. B. eine auf dem Kopf stehende 3 ein (großes) E oder eine
auf dem Kopf stehende 5 ist ein S. Hier eine mögliche Zuordnung:

0 ! o; 1!l; 2!Z; 3 ! E; 4 ! h; 5 ! S; 6 ! g; 7 ! L; 8 ! B; 9 ! G

Vielleicht haben Sie noch andere Vorschläge. Jedenfalls wird aus der
Zahl 7353 durch 180ı -Drehung der ESEL. Beachten Sie bitte, dass
sich durch Umdrehen auch die Reihenfolge der Zeichen umkehrt. So
wird aus 3537 das Wort LESE.
Zu 6. Das ist eine einfache Prozentaufgabe. Wir verraten Ihnen den einfachen
Trick: Wenn Sie 19 % von einer Zahl ausrechnen wollen, so müssen
Sie diese Zahl einfach mit 0,19 multiplizieren. Wenn Sie 5 % Rabatt
gewähren wollen, so multipliziern Sie die Zahl einfach mit 1  0; 05 D
0; 95 und haben schon das Ergebnis. 35 % von 360 berechnet man also
so:
360  0; 35 D 126

Zu 7. Hier sollte man mit seinem Vorstellungsvermögen nicht geizen. Sie


sehen die Behälter mit 8 l und 6 l und daneben den leeren Behälter
mit 11 l. Wir wollen 5 l erhalten. Jetzt die Erleuchtung: 5 D 11  6.
Was will uns das sagen?
Wir müssen irgendwie den 11-l-Behälter voll machen und ihn dann
in den 6-l-Behälter, der leer sein muss, ausleeren.
Also giesën wir den 8-l-Behälter in den 11-l-Behälter, dann füllen
wir diesen vollständig auf mit dem 6-l-Behälter, in dem dann 3 l
zurückbleiben. Die interessieren uns aber nicht, wir schütten sie also
achtlos in den 8-l-Behälter. Jetzt ist der 11-l-Behälterer voll und der
6-l-Behälter leer.
6.2 Die Lösungen 139

Also schütten wir den vollen 11-l-Behälter in den 6-l-Behälter, bis


der voll ist, dann bleiben gemäß unserer obigen Differenzrechnung 5 l
im 11-l-Behälter zurück. Die wollten wir haben.
Zu 8. Antwort: (b)
Für die Teilbarkeit einer natürlichen Zahl ohne Rest durch 3 lernt man
in der Schule folgende Regel:

Eine natürliche Zahl ist genau dann ohne Rest durch 3 teilbar, wenn ihre
Quersumme ohne Rest durch 3 teilbar ist.

Das ist eine sehr einfache Regel, die sich ganz schnell anwenden lässt.
Nehmen wir uns die Zahl

27:643:955:118:

Um zu prüfen, ob sie durch 3 teilbar ist, betrachten wir ihre


Quersumme:

2 C 7 C 6 C 4 C 3 C 9 C 5 C 5 C 1 C 1 C 8 D 51

Wenn wir 51 durch 3 teilen, so ergibt sich 17, und es bleibt kein
Rest. Also ist auch die Ausgangszahl durch 3 ohne Rest teilbar. Bei der
Quersumme hätten wir uns das Leben noch erleichtern können, indem
wir alle Zahlen oder kleinen Zwischensummen, die durch 3 teilbar
sind, gleich weggelassen hätten. Es hätte also gereicht zu prüfen: 2+7
= 9, also weglassen. 6 ist durch 3 teilbar, also weglassen, 4 festhalten,
3 und 9 wieder weglassen, 4 + 5 = 9, also weglassen, 5 + 1 = 6, also
weglassen, 8+1 = 9, durch 3 teilbar.
Wie kommt man auf diese wunderbare Regel? Das ist wirklich
ganz einfach. Bitte folgen Sie mir, denn ich will Ihnen ja erklären,
dass Mathematik nicht die obige Rechnerei ist, sondern die logische
Begründung, die jetzt folgt.
Wir zeigen es nicht in voller Allgemeinheit, sondern so, dass Sie das
Prinzip erkennen können. Nehmen wir eine vierstellige Zahl

abcd D 1000  a C 100  b C 10  c C d:


140 6 Ein Mathematikquiz

Wir haben gleich daneben ihre Dezimaldarstellung geschrieben. Die


Quersumme dieser Zahl ist a C b C c C d. Die müssen wir irgendwie
ins Spiel bringen. Daher schreiben wir (das ist der Trick!):

abcd D 1000  a C 100  b C 10  c C d


D 999  a C a C 99  b C b C 9  c C c C d
D 999  a C 99  b C 9  c C a„ƒ‚…
„ƒ‚… CbCcCd
offensichtlich durch 3 teilbar Quersumme

Wir haben also unsere gegebene Zahl, die Sie beliebig größer machen
können, ohne den Grundgedanken zu verändern, in die Summe einer
garantiert durch 3 teilbaren Zahl und die Quersumme geschrieben.
Diese letzte Gleichung müssen wir jetzt genau anschauen und richtig
interpretieren. Weil der erste unterklammerte Anteil auf jeden Fall
durch 3 teilbar ist, haben wir das Problem der Teilbarkeit auf die
Quersumme reduziert und können schließen:
Wenn die ursprüngliche Zahl durch 3 teilbar ist, so muss auch die
Quersumme durch 3 teilbar sein. Ist umgekehrt die Quersumme durch
3 teilbar, so ist garantiert auch die ursprüngliche Zahl durch 3 teilbar,
jeweils ohne Rest.
Übrigens sieht man an dem Beweis, dass eine analoge Aussage auch
für die Teilbarkeit einer natürlichen Zahl ohne Rest durch 9 richtig ist.
Jetzt zu unserer Quizfrage: Am einfachsten ist es hier, das Ausschluss-
prinzip zu verwenden. Wir prüfen also, welche Aussage ganz sicher
falsch ist.
101 hat als Quersumme 2, also ist 101 nicht durch 3 teilbar.
Die Lösung von 2x C 1 D 201 erhält man, wenn wir auf beiden
Seiten 1 subtrahieren und dann die Zahl rechts durch 2 teilen. So
erhalten wir x D 100. Also ist auch diese Antwort falsch.
Natürlich ist 101 keine gerade Zahl, sondern ungerade.
Es bleibt also nur die Antwort (b), dass 101 die kleinste dreistellige
Primzahl ist. Weil ja immer bei korrekten Fragen genau eine Antwort
richtig ist und weil alle drei anderen Antworten falsch sind, muss diese
Antwort richtig sein. Wir können das aber auch schnell verifizieren.
Die kleinste dreistellige Zahl ist 100. Das ist aber keine Primzahl. Die
zweitkleinste dreistellige Zahl ist 101. Ist das eine Primzahl?
Primzahlen sind natürliche Zahlen größer als 1 (per Definition ist 1
keine Primzahl!), die nur durch 1 und durch sich selbst ohne Rest teilbar
6.2 Die Lösungen 141

sind. Wir müssen also 101 auf Teiler testen. Es reicht, die Primzahlen
kleiner als 101 zu testen.
101 ist nicht durch 2 teilbar, auch nicht ohne Rest durch 3. Dass sie
nicht durch 5 teilbar ist, sieht man auch sofort. Bei der 7 muss man
etwas rechnen, aber dann sieht man schnell, dass auch 7 kein Teiler
von 101 ist. Die nächste Primzahl ist dann die 11. Müssen wir die noch
testen? Wenn wir 101 durch 11 teilen, kommt auf jeden Fall eine Zahl
kleiner als 11 heraus. Wenn also 101 ohne Rest durch 11 teilbar wäre, so
müsste es bereits einen kleineren Primteiler von 101 geben. Die haben
wir aber alle schon getestet.
Wir müssen daher bei dieser Testmethode
p immer nur bis zur Prim-
zahl testen, die kleiner oder gleich 101 ist. Wir sind also fertig und
haben Antwort (b) als einzig richtige erkannt.
Zu 9. Antwort: (b)
Bedenken Sie bitte, dass sich die Fragen an einen Sechstklässler rich-
teten. In der sechsten Klasse lernt man nur propädeutisch etwas von
Potenzen. In der Sendung war ich darauf vorbereitet, dem Jungen das
mit 29 zu erklären. Aber der war so clever, dass er sich das schon allein
beigebracht hatte und sofort die Antwort wusste. Es ist nämlich

512 D 2  2  2  2  2  2  2  2  2 D 29 :

Sie können ja zur Kontrolle Ihre Finger benutzen.


Zu 10. Antwort: (c)
Der Begriff gestreckter Winkel“ ist in der Mathematik nicht so sehr

gebräuchlich. Manchmal meint man damit einen Winkel von 180ı .
Unter einem spitzen Winkel“ versteht man einen Winkel kleiner als

90ı . Den toten Winkel kennt man beim Autofahren.
Es bleibt also nur der stumpfe Winkel“ für einen Winkel von 120ı .

Wenn Sie sich den Winkel auf Papier malen, erkennen Sie auch das
Stumpfe an diesem Winkel.
Zu 11. Antwort: (a)
Da können wir uns auf die Lösung zu Aufgabe 8 beziehen. Dort hatten
wir uns klargemacht, dass eine natürliche Zahl genau dann durch 3
teilbar ist, wenn ihre Quersumme durch 3 teilbar ist.
Gleich zu Beginn werden wir fündig. Die Quersumme von 648 ist

648 D 6 C 4 C 8 D 18:
142 6 Ein Mathematikquiz

18 ist natürlich durch 3 teilbar, also ist es auch 648. Eigentlich sind
wir damit fertig, aber vielleicht rechnen Sie doch noch schnell zur
Sicherheit die anderen Quersummen aus, um zu sehen, dass keine
davon durch 3 teilbar ist.
Zu 12. Antwort: (d)
Hier sollten wir auf ein Detail hinweisen, das häufig in der Um-
gangssprache vernachlässigt wird. In der Mathematik müssen wir aber
sehr streng sein. Das kleine Wörtchen stets“ ist hier sehr wichtig

und darf nicht vergessen werden; denn wenn wir nach Vierecken mit
gleich langen Seiten suchen, so denken wir sofort an ein Quadrat.
Das ist aber in der Alternativliste nicht aufgeführt. Aber, und jetzt
kommt der Mathematiker, selbstverständlich ist jedes Quadrat auch ein
Parallelogramm, schließlich sind jeweils die gegenüberliegenden Seiten
parallel. Dann ist jedes Quadrat aber auch ein Rechteck, bei dem ja nur
alle Winkel rechte sein müssen. Und darüber hinaus ist jedes Quadrat
auch ein Trapez. Bei dem müssen ja nur zwei gegenüberliegende Seiten
parallel sein.
Wenn das Wort stets“ in der Fragestellung fehlt, so kann ein spitz-

findiger Antworter also getrost sagen: Nun, ein Parallelogramm, also
ein spezielles, nämlich ein Quadrat, erfüllt die Bedingung. Genauso
schafft es ein Rechteck, nämlich wieder ein spezielles, unser Quadrat,
und ebenso hat ein Trapez vier gleich lange Seiten, ein spezielles
zwar, aber das ist in der Fragestellung nicht angegeben. Also bitte
sauber formulieren. Natürlich hat nicht jedes Rechteck vier gleich lange
Seiten, ebenso wenig jedes Parallelogramm, und es gibt auch Trapeze,
bei denen nicht alle Seiten gleich lang sind.
Diese Exaktheit ist es, die vielen Menschen die Mathematik so
unheimlich macht. Diese Schärfe der Logik ist es aber auch, die Mathe-
matiker in vielen Bereichen so unabkömmlich macht. Im sprachlichen
Ausdruck mag man eine schwammige Ausdrucksweise noch hinneh-
men. Bei Gesetzen wird es schon schwieriger, wenn sie nicht sauber
formuliert werden. Aber zu einem Desaster kann es in einem Compu-
terprogramm führen, wenn man dort nachlässig ist.
Wir haben noch nicht über die Raute gesprochen. Das ist ein
Viereck, das genau dadurch charakterisiert ist, dass alle Seiten gleich
lang sind. Das ist also unsere richtige Antwort auf die richtige Frage.
Zu 13. Beide Varianten sind gleichwertig und führen zum selben Endresultat.
Diese Antwort mag Sie überraschen, aber erinnern wir uns: Wollen
wir 19 % Mehrwertsteuer zu einem Preis addieren, so multiplizieren
6.2 Die Lösungen 143

wir den Preis einfach mit 1; 19 D 1 C 0; 19. Wollen wir 10 % Rabatt


runterrechnen, so multiplizieren wir den Wert schlicht mit 0; 9 D 1 
0; 10.
Diese nacheinander auszuführende Multiplikation ist aber kommu-
tativ, wie wir ja schon aus der Grundschule wissen. Es ist also

20:000  1; 19  0; 9 D 20:000  0; 9  1; 19:

Vielleicht gewinnen Sie also wenigstens einen Kaffee, würde mich


freuen.
Zu 14. Antwort: (d)
Das Wort al-ǧabr“ wird zum ersten Mal in einem Buchtitel eines

persischen Autors, der das Buch in Arabisch verfasst hat, um 825
erwähnt. Das für uns gebräuchliche Wort algebra“ stammt dann aus

der lateinischen Übersetzung des Buchtitels.
Wenn Sie also auf Lateinisch getippt haben, lagen Sie auch nicht
ganz falsch.
Literaturverzeichnis

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Crown.
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Saxo‘Phon.
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Umwelt. Hannover: Theodor Oppermann.
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Bd. I und Bd. II). München: Oldenbourg.
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tiker. München: Oldenbourg.
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19. Zimmer, E. (1961). Umsturz im Weltbild der Physik. München: Deutscher
Taschenbuch Verlag.
Sachverzeichnis

A D
Abstandsmessung, 119 Dürer, Albrecht, 16
im Weltraum, 124 Drehmoment, 10
allgemeine Relativitätstheorie, Dreibein, 38
124 Dreiteilung des Winkels, 77
Astronomen, Jahreszählung, 86 Dürer, Albrecht, 16
Augenhöhe, 81 Dur, 62
Augustinus, 119
Axonometrie, 38
E
Einstein, Albert, 123
B Erddrehung, 117
Bessler, Johann Ernst Elias, 1. Diagonalverfahren von Cantor,
11 105
Bibliothek von Laßwitz, 100 Euklidische Norm, 119
Bogenlänge der Zykloide, 34 Euklidischer Algorithmus, 69
Brüche, 104 Euler’sche Zahl, 1
Brachistochrone, 36

F
C Faust, 27
Cantor, Georg, 105 Feynman, Richard, 130
1. Diagonalverfahren, 105 Fisimatenten, 97
2. Diagonalverfahren, 108 Fläche, Zykloidenbogen, 35
Cohen, Paul, 109 Formel, schönste mathematische, 1

© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016 147


N. Herrmann, Mathematik und Gott und die Welt,
DOI 10.1007/978-3-662-48723-5
148 Sachverzeichnis

G Leonardo da Vinci, 2
GAGA-Hummel-Hummel AG, 44 Lessing, Gotthold Ephraim, 80
Gauß, Carl Friedrich, 90
Gaudi, Antoni, 40
M
gleichtemperierte Stimmung, 52
Münzenmusik, 57
Gödel, Kurt, 109
magische Quadrate, 20
Goethe, Johann Wolfgang von, 27
Anzahl, 22
Faust, 27
Konstruktion, 23
Hexeneinmaleins, 27
Lotto, 26
Gott
magische Summe, 21
und die Mathematik, 97
Ordnung, 20
und die Physik, 117
Sagrada Familia, 42
größter gemeinsamer Nenner, 67
zentralsymmetrische, 17
größter gemeinsamer Teiler (ggt),
magische Summe, 21
68
Mathematics Subject Classification, 59
GUT, 128
Mathematik
in der Musik, 47
in der Sprache, 67
H
Klassifizierung der Publikationen, 58
harmonische Reihe, 111
Maximum-Norm, 122
Hasse, Helmut, 98
Melencolia I, 16
Hauptnenner, 70
Melodien finden, 61
Hexeneinmaleins, 27
Milchstraße, 118
Higgs-Teilchen, 126
mitteltönige Stimmung, 51
Hilbert, David, 98
Moll, 62
Mozart
Würfelwalzer, 57
K
Mozart, Wolfgang Amadeus, 54
kleinstes gemeinsames Vielfaches (kgV),
Firmname, 55
71
Heiratsurkunde, 55
komplexe Einheit, 2
Vornamen, 54
Konchoide, 20
Würfelwalzer, 57
Kontinuumshypothese, 108
Kräfte, 126
Kreisquadratur, 12, 76 N
Kreiszahl , 2 natürliche Zahlen, 98
Kreuzprodukt, 10 Naturgesetze, 131
Kronecker, Leopold, 98 Neuntöter-Reihe, 114
Null
Definition, 88
L Division, 90, 91
Laßwitz, Kurd, 99 Einzigkeit, 89
Bibliothek, 100 Multiplikation, 89
Sachverzeichnis 149

O Satz
Ordnung, magische Quadrate, 20 des Pythagoras, 3–5, 119
Orffyreus, 11 von Bernoulli, 36
von Huygens, 35
von Pohlke, 38
P von Wren, 34
Papst Benedikt XVI., 117 Schnittmenge, 81
Perpetuum mobile, 8 Schwiegermutter, 85
nach Leonardo da Vinci, 8 Semper, Gottfried, 39
Unmöglichkeit, 9 Sonnenumlauf, 117
Perspektive, 37 stetig, 73, 74
Philolaos, 49 Stimmung
Physemathenten, 97 gleichtemperierte, 52
Pohlke mitteltönige, 51
Satz von, 37 Pythagoreische, 50
Pohlke, Karl Wilhelm, 37 wohltemperierte, 51
Pythagoras Symbol 1, 101
Satz des, 3–5
Pythagoreische Stimmung,
50 T
Pythagoreisches Komma, 49 Tautochrone, 35

U
Q
unendlich 1, 101
Quadratur des Kreises, 12,
Urknall, 118
76, 77
Quadratverdopplung, 78
V
Vektorprodukt, 10
R Verdopplung des Würfels, 77
Radius des Weltalls, 125 Vitruv,Marcus Vitruvius Pollio, 12
rationale Zahlen, 104 Vitruvianischer Mensch
Rechte-Hand-Regel, 10 nach Leonardo, 14
reelle Zahlen, 106 Original, 13
Relativitätstheorie
allgemeine, 124
spezielle, 124 W
Weltformel, 128
wohltemperiert, 47
S wohltemperierte Stimmung, 51
Sagrada Familia, 41 Wolff-Rosenkranz, Marc-M. J., 43
magisches Quadrat, 42 Wren, Sir Christopher, 33
150 Sachverzeichnis

Z 2. Diagonalverfahren von Cantor, 108


Zahlen Zwischenwertesatz, 75
natürliche, 98 Zykloide, 34
rationale, 104 Fläche, 35
reelle, 106 Länge des Bogens, 34
Zahlenstrahl, 100 Zykloidenpendel, 37