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Theorie der Literatur

Hausaufgabe 3: „The resistance to theory“ – von Paul de Man

(1) Inwiefern lassen sich in Paul de Mans Konzept der Literatur


Elemente poststrukturalistischen Denkens finden?
Paul de Man steht mit seiner Sprachkritik dem Poststrukturalismus sehr nahe, da er
erklärt, dass die Theorie der Literatur keine pragmatischen Überlegungen verfolgen
sollte, sondern sich vielmehr die Frage nach der Definition des Literaturbegriffes
stellen sollte. Zudem gilt es über den Unterschied zwischen literarischer und nicht-
literarischer Sprache, genau wie über die literarische und nicht-verbale Form der
Kunst, zu diskutieren. Auch wie seine Vorgänger empfindet er erhebliche
Schwierigkeiten bei der Annäherung, da es unmöglich ist Grenzen der Bibliographie
zu ziehen und es auch in fachspezifischen Schulen für Verwirrung sorgt. Die
Theorie der Literatur ist ein kritisches Thema der philosophischen Schule, es ist aber
nicht möglich dieses auf sachlicher oder theoretischer Ebene zuzuordnen, weshalb
die Literaturtheorie einen pragmatischen Moment enthält: Es schwächt es zwar als
Theorie, aber erhält zugleich das Element der Unvorhersehbarkeit. Des Weiteren
erklärt er, dass Literaturtheorie erst zum Vorschein kommt, wenn die Annäherung
an literarische Texte nicht mehr auf nicht-linguistischen, historischen und
ästhetischen Überlegungen basiert, das Thema der Diskussion nicht mehr länger der
Bedeutung oder dem Wert entsprechen, sondern die Produktion und Rezeption der
Bedeutung eine Rolle spielen. Dabei ist die Frage der Beziehung zwischen Ästhetik
und Bedeutung komplexer, seitdem die Ästhetik mit dem Effekt der Bedeutung zu
tun hat, anstatt mit dem Inhalt an sich.
Ein weiterer vergleichbarer Punkt des Poststrukturalismus drückt de Man darin aus,
dass Literatur Fiktion ist, nicht weil sie es verweigert die Realität anzuerkennen,
sondern weil es keine zuverlässige Quelle von irgendetwas ist, anhand der oben
angeführten Gründe, außer ihrer eigenen Sprache.
Der Poststrukturalismus entdeckte durch Ferdinand de Saussure im 19.Jahrhundert
das Zeichen bzw. die Relationen zwischen Zeichen. Das Zeichen hat demnach zwei
Seiten, eine akustische und eine Idee. Das Signifié steht für die Vorstellung, das
Bezeichnete, während das signifiant für das Lautbild, das Bezeichnende steht. Auch
Paul de Man erklärt, dass es bedauerlich sei, die Wesentlichkeit des signifié mit der
Wesentlichkeit des signifiants zu verwechseln. Es gibt eine Symbiose zwischen der
Grammatik und der Logik. Diese ist für die Sprache coexistent und somit ist
Grammatik ein Isotop der Logik. In seinem Verständnis von Literatur fasst De Man
Sprache als Zeichensystem auf und als Bedeutungssystem, um eben die Grenzen
zwischen literarischer und nicht-literarischer Sprache zu durchbrechen.

(2) Welche Funktion hat die Vieldeutigkeit bei literarischen Texten für
Paul de Mans Literaturbegriff?

Literarische Texte sind von Widersprüchen gekennzeichnet, da sie zugleich logisch,


aber auch rhetorisch sind. Das Ziel eines Textes ist es Wissen zu vermitteln, was auf
den Aspekt der Logik zurückgreift, gleichzeitig muss der Text sich dafür aber
überzeugenden Mitteln bedienen und gelangt so nun wieder in den Bereich der
Rhetorik. Somit erscheinen literarische Texte durch einen spezifischen
Doppelcharakter geprägt, den man durch die Gleichzeitigkeit von Offen- und
Geschlossenheit beschreiben kann.
Durch die rhetorische Seite, derer sich ein Text immer bedienen muss, wird der
Geltungsanspruch des logischen Denkens immer wieder dementiert. Da die Sprache
ihren Gegenstand durch ihre eigene Funktionsweise, ihre Rhetorik, erst konstituiert,
verstellt sie zugleich den Blick auf das, was sie vor Augen zu führen scheint. Meist
sagen die sprachlichen Mittel eines Textes genau das Gegenteil, von dem aus, was
der Text vermitteln möchte. Literarische Texte bilden die Ausnahme, da sie sich
von vorneherein ihrer Rhetorizität im Klaren sind. Sie haben die Fähigkeit, an sich
selbst zu illustrieren, wie ihre Sprache, die Wahrnehmung der Wirklichkeit
verändern kann. Ein wichtiges Zitat dazu ist: „Critics‘ moments of greatest
blindness with regard to their own critical assumptions are also the […] moments at
which they achieve their greatest insight“. Damit ist gemeint, dass die Erkenntnis in
Texten entgegen ihrer Absicht funktioniert und eine bewusste Inszenierung
zwischen Sprache und Bedeutung und Rhetorik und Authentizität besteht..
Des Weiteren impliziert die Notwendigkeit des Lesens literarischer Texte zwei
Dinge: Erstens ist die Literatur keine transparente Botschaft, bei der man es als
selbstverständlich erachtet, dass der Unterschied zwischen Botschaft und
Bedeutung etabliert ist. Zweitens hinterlässt das Dekodieren eines textuellen
Mediums Unbestimmtheit, die mit grammatischen Mitteln gelöst werden muss,
jedoch nicht möglich ist, egal wie umfangreich dieser Vorgang von statten läuft.
Zudem wird die Hermeneutik durch das semiotische Modell ersetzt und die
Interpretation durch die Dekodierung, wodurch ein Fortschritt entsteht, da ein
großer Teil des mit dem Leser verbundenen Zögerns beseitigt werden könnte.
Das Beispiel „The Fall of Hyperion“, das Paul de Mann in seinem Aufsatz anführt,
verdeutlicht, dass die richtige Interpretation des Titels durch den Kontext nicht
festgestellt werden kann. Die Betrachtung der einzelnen Wörter des Titels auf der
intertextuellen Ebene funktioniert hingegen, jedoch braucht die Unendscheidbarkeit
alle Wörter, die im Titel enthalten sind. Somit ist die richtige Interpretation eine
Frage der Figuration und nicht der Grammatik. Generell ist es auch sehr bedeutsam,
wie Titel gelesen werden.
Hinzuzufügen ist, wenn der Leser ein Bewusstsein für die rhetorische Dimension
entwickelt hat, versäumt er nicht, historisch oder grammatisch bedeutende
Textinstanzen zu finden. Die Voraussetzung dafür ist, dass der Leser bereit ist, zu
realisieren, was er zu bemerken, verpflichtet ist.