Sie sind auf Seite 1von 48

Studium Neuere Dt. Literaturwissenschaft und Geschichte (Magister) FernUniversität Hagen Fachbereich Kultur- und Sozialwissenschaften, Hauptfach Geschichte, Grundstudium Lehrgebiet: Neuere europäische und außereuropäische Geschichte

Einführungskurs:

Die europäische Expansion und die Transformation der überseeischen Welt Sommersemester 2006, Dr. Jürgen Nagel

Von Gleichgültigkeit und Instrumentalisierung hin zur ideologischen Kontinuität der Gewalt und Totalausbeutung

Entwicklung der NS-Politik zur Errichtung von Kolonien in Afrika – und daraus folgende afrikanische Reaktionen und Entwicklungen

Stefan Genrich Matr.-Nr. 5353882 Gewerbestraße 8 78054 Villingen-Schwenningen www.stefan-genrich.de mail@stefan-genrich.de Tel. 07720 / 997 – 643

Inhaltsverzeichnis

 

Seite

A. Einleitung

2

B. Am Anfang stand das Kaiserreich

B.I.

Kolonien des Deutschen Reiches 1884 bis zum Ersten Weltkrieg Debatte über kolonialen Genozid

2

B.II.

3

C. Kontinuitätslinien im Nationalsozialismus C.I. Rassentheorien

4

C.II.

Junge NS-Führungskräfte und alte Kolonialpioniere Kolonien in der Propaganda

6

C.III.

C.III.I.

C.III.II.

C.III.III.

Kurswechsel 1937 Ufa in Afrika Carl Peters als Teil der kolonialen Symbolik

8

8

10

D. Positionen zum Thema Kolonien in der Frühzeit des Nationalsozialismus 1920 – 1932

D.I.

Parteiprogramm 1920 Europäische oder außereuropäische Expansion Desinteresse und sinnvolle Anarchie der Meinungen

12

D.II.

12

D.III.

13

E. Kolonialismus und Nationalsozialismus 1933 bis Kriegsausbruch

E.I.

Außenpolitisches Spiel mit den ehemaligen Kolonien Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht 1936 in Paris Wunschpartner Großbritannien

E.I.I.

E.I.II.

14

15

E.I.III.

E.I.IV.

E.I.V.

Hoßbach-Niederschrift 1937 Colonial Appeasement 1938 Einschätzungen britischer und französischer Politiker

15

17

19

F. Kolonialismus und Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg

F.I.

Hitlers Grundüberlegungen zu Kolonien bis 1941/42 Afrika-Feldzug 1941 – 1943 Träume von einem deutschen Mittelafrika bis 1943 Juden nach Madagaskar

19

F.II.

20

F.III.

21

F.IV.

26

G. Reaktionen in Afrika auf die nationalsozialistischen Kolonialideen

G.I.

Weltkrieg als Problem der Kolonialherren Araber statt Askari für Deutschland Indirekte Konfrontation durch Vichy

28

G.II.

29

G.III.

30

G.IV.

Unerwartete Folgen NS-Einfluss auf Südafrika und auf Deutsche in Südwestafrika

32

G.V.

G.V.I.

G.V.II.

G.V.III.

G.V.IV.

Rassismus und koloniale Überheblichkeit Begeisterung für den Nationalsozialismus Graben zwischen den Siedlern Weiterbestand der Rassentrennung

32

33

34

35

H. Resümee zur Forschung

36

I. Literaturverzeichnis

38

1

A. Einleitung

Bis Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 fanden die Nationalsozialisten zu keiner eindeutigen Haltung, ob Deutschland sich die im Ersten Weltkrieg verlorenen Kolonien wieder aneignen oder sogar ein größeres Kolonialreich errichten sollte. Auch über den Charakter eines möglichen deutschen Herrschaftsgebietes in Afrika äußerte sich die nationalsozialistische Führungsspitze eher zurückhaltend, selbst wenn sie propagandistisch immer wieder auf die koloniale Vergangenheit verwies und außenpolitisch mit der Frage nach Kolonien in Afrika sehr geschickt taktierte. Ab Ende der Dreißiger Jahre wurden jedoch radikale und rassistische NS-Zukunftsentwürfe zu Kolonien entwickelt. Diese neuen Konzepte gingen von der totalen Verfügbarkeit von Menschen aus und basierten auf ähnlichen Allmachtsphantasien wie der Vernichtungskrieg in Osteuropa und der Holocaust. Im Gegensatz etwa zum Massenmord an den europäischen Juden blieben die Ideen von der kolonialen Umgestaltung und Totalausbeutung Afrikas allerdings ohne direkte Konsequenzen. 1943 unterband das Regime aufgrund des für das Dritte Reich schlechten Kriegsverlaufs alle Vorstöße in diese Richtung. In Afrika nahmen viele Weiße die NS- Politik durchaus wohlwollend zur Kenntnis, folgten aber im wesentlichen ihrer eigenen traditionellen rassistischen Linie. Im Gegensatz dazu sah die schwarze Bevölkerung offensichtlich keine große Notwendigkeit, sich aktiv mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen, auch wenn sich die NS-Strategie gegenüber Afrika bis heute an unerwarteten Stellen des Lebens auf dem schwarzen Kontinent ausgewirkt hat.

B. Am Anfang stand das Kaiserreich

B.I.

Kolonien des Deutschen Reiches 1884 bis zum Ersten Weltkrieg

„Das Jahr 1884 markiert den eigentlichen Beginn der deutschen Kolonialpolitik“, fasst die Online-Enzyklopädie Wikipedia vereinfachend zusammen, „[Reichskanzler] Otto von Bismarck stellte nach englischem Vorbild mehrere Besitzungen deutscher Kaufleute unter den Schutz des Deutschen Reichs. Damit nutzte er eine Phase außenpolitischer Entspannung zum Beginn des ‚kolonialen Experiments‘, dem er selbst allerdings weiterhin

skeptisch gegenüberstand. [

auch die kolonialfreundliche Nationalliberale Partei vor der Reichstagswahl 1884 zu unterstützen. Wirtschaftliche, soziale und nationale Motive dürften eher nachrangig

gewesen sein. [

organisatorisches Mindestmaß reduziert werden. Diese Strategie scheiterte allerdings innerhalb weniger Jahre: Aufgrund der schlechten finanziellen Situation in fast allen Schutzgebieten sowie der teilweise prekären Sicherheitslage [sahen sich] Bismarck und

]

Bismarck hoffte, sowohl seine eigene Position zu stärken als

]

Die staatliche Intervention sollte auf ein finanzielles und

2

seine Nachfolger gezwungen, alle Kolonien direkt und formell der staatlichen Verwaltung

des Deutschen Reiches zu unterstellen.“ 1

Spätestens unter der Regentschaft von Kaiser Wilhelm II. ab 1888 trat Deutschland

offensiv als Kolonialmacht auf. Die schwärmerische Expansionspolitik gewann rasch an

Popularität in breiten Schichten der Bevölkerung. Die Förderer der Kolonialisierung

vertraten allerdings unterschiedliche Ansätze: Sie versuchten u.a.:

Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika und Deutsch-Ostafrika als Absatzmärkte zu

erschließen 2

Rohstoffe wie Kupfer und Diamanten in diesen unterworfenen Gebieten zu fördern und

landwirtschaftliche Produkte nach Deutschland zu importieren, z.B. Kakao, Kautschuk

und Palmöl 3

deutschen Auswanderern Siedlungsraum anzubieten 4

und schließlich etwa den Herero, Namba und Ovambo auf Basis eines deutschen

kulturellen Sendungsbewusstseins europäische Lebensweisen aufzudrängen; bei den

protestantischen und katholischen Missionen verbunden mit einem Primärziel der

Verbreitung des Christentums. 5

In der Praxis verhielten sich die Deutschen des Kaiserreichs und vor allem die Vertreter

von Politik, Wirtschaft und Verwaltung vielschichtig in den Kolonien, wobei rassistische

Unterdrückung und paternalistische Fürsorge gleichzeitig sichtbar werden konnten.

B.II.

Debatte über kolonialen Genozid

Bereits im Kaiserreich organisierten Kolonialpioniere wie Generalleutnant Lothar von

Trotha zeitweilig genozidähnliche Gewaltexzesse: Nach Meinung einiger Historiker ähnelte

vor allem seine Niederschlagung des Aufstandes der Herero 1904 bis 1905 in Deutsch-

Südwestafrika dem späteren Holocaust gegen die europäischen Juden. Tatsächlich jedoch

musste der erst im Mai 1904 eingesetzte Oberbefehlshaber der Schutztruppe seine radikale

Vorgehensweise auf Anweisung der Reichsregierung aufgeben: „Auch auf Druck des

linken Flügels im Reichstag wurde Trotha im November 1905 abberufen.“ 6 Schon vorher,

„am 9. Dezember 1904 musste auf Anweisung aus Berlin der [extrem rücksichtslose]

Schießbefehl aufgehoben werden, dann auch der so genannte Kettenbefehl Trothas,

demgemäß die Herero, die sich ergaben, Zwangsarbeit in Ketten zu leisten hatten. In den

Internierungslagern des Militärs wurden die Kriegsgefangenen allerdings weiterhin unter

elenden Bedingungen festgehalten [

mit Mitteln der Regierung vier Sammellager für die vertriebenen Herero ein und

].

Die Missionen [

]

richteten nun im Auftrag und

1 Wikipedia, Thema „Deutsche Kolonien“, Abschnitt „Kolonialpolitik Bismarcks“. http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Kolonien. Download 08.09.2006.

2 vgl. Speitkamp 1, S. 73 ff.

3 vgl. Speitkamp 1, S. 78 ff.

4 vgl. Graichen/Gründer, S. 79 – 83

5 vgl. Speitkamp 1, S. 91 ff.; vgl. außerdem Graichen/Gründer, S. 261 ff.

3

organisierten Versorgung und Rückführung.“ 7 Anders als im Dritten Reich wurde in der

Öffentlichkeit des Kaiserreichs immer wieder Protest gegen extreme Brutalität laut. „In der

gegenwärtigen Debatte scheinen manchmal die Kontinuitäten überstrapaziert oder diese gar

in eine gerade Linie zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gegenüber den

europäischen Juden gezwungen zu werden. [

kolonialen Praktiken mit der Vernichtungspolitik [

Ereignissen nicht gerecht zu werden und Erkenntnismöglichkeiten zu vernebeln“ 8 – wie

etwa die Analyse, dass die im Krieg zumindest theoretisch verfolgten NS-Pläne über

künftige Kolonien in Afrika konsequent der Linie folgten, die der Vernichtungskrieg in

Russland und der Massenmord an den Juden vorgaben. „Weder führte [

einen eventuellen Prestigeverlust, wie im Falle der kolonialen Genozide, zu den

] die Angst um

]

Die tendenzielle Gleichsetzung der

]

läuft Gefahr, beiden historischen

Massentötungen in Osteuropa, noch ergaben sie sich aus den Kampfhandlungen“. 9

Trotzdem ist die Versuchung groß, weitere direkte Linien zu ziehen: „Marxistische

Historiker und selbst heutige Interpreten haben in den kolonialen Mischehenverboten [in

Deutsch-Südwestafrika und Samoa] von 1905 [

gesehen. 10 Indes hätten die Verantwortungsträger im Kaiserreich ein formales

Rassenmischehengesetz abgelehnt und sich auf Verordnungen beschränkt, heben die

Fernsehautorin Gisela Graichen und Professor Horst Gründer von der Universität Münster

hervor und ergänzen: „Die deutschen kolonialpolitischen Maßnahmen besaßen im übrigen

Vorbilder in den Kolonial- und Apartheidsbestimmungen anderer Kolonialmächte.

Schließlich unterschieden sich die rassistischen Feindbilder in Kaiserreich und Drittem

Reich auch rechtsformal und rechtswirklich.“ 11 Also ist die Gefahr groß, sich in einer

plakativen Diskussion im Kreis zu drehen: „War der Herero-Krieg ein Völkermord, der

Auschwitz vorwegnahm“? Diese Frage führt nicht zuletzt bei der Beurteilung der

Kontinuitäten zwischen den nationalsozialistischen Afrika-Plänen und dem Holocaust bzw.

dem schrankenlosen Russland-Feldzug keineswegs weiter, zumal für die Ereignisse u.a. in

Südwestafrika gelten muss: „Unabhängig vom Streit der Historiker – ein Verbrechen war es

allemal.“ 12

]

Vorläufer der NS-Rassengesetze

C. Kontinuitätslinien im Nationalsozialismus

C.I.

Rassentheorien

Die Staatsdoktrin „rassischer Homogenität“, der Glaube an eine „jüdische

Weltverschwörung“, ein maßloser „Kolonisationswahn“, die Stilisierung der Deutschen als

Herrenrasse und schließlich das aus all diesen Faktoren resultierende enorme

6 Graichen/Gründer, S. 150

7 Speitkamp 1, S. 127

8 Kundrus, Abschnitt „Kolonialismus als Geisteshaltung“

9 Kundrus, Abschnitt „Singulärer Antisemitismus“

10 Graichen/Gründer, S. 166

11 Graichen/Gründer, S. 166/167

12 Graichen/Gründer, S. 152

4

„Destruktionspotential“ 13 ermöglichten die Verachtung und schließlich den

millionenfachen Mord jeglicher Art in der NS-Zeit bzw. im Zweiten Weltkrieg – denn z.B.

„der russische Mensch ist [nach Hitlers Überzeugung] unterwertig.“ 14 Hitler habe sich und

das deutsche Volk zur Weltherrschaft berufen gefühlt, erläutert Friedel Hütz in der

Zeitschrift „Die Brücke“. Dieses Ziel basiere auf dem Glauben an die „Überlegenheit der

‚arischen Rasse‘“. Der spätere „Führer“ des Deutschen Reiches habe schon in den

Zwanziger Jahren Menschen schwarzer Hautfarbe als „geborene Halbaffen“ beurteilt. Solch

eine rassistische Äußerung war für diese Zeit allerdings keinesfalls ungewöhnlich und

signalisierte nicht unbedingt totalen Machtwahn. Aber die Nationalsozialisten und

Vorgänger wie der 1882 gestorbene französische Diplomat Arthur de Gobineau

konstruierten weitreichende Rassentheorien, die in letzter Konsequenz in Auschwitz

mündeten. Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts war ein fanatischer Antisemitismus

mit diesen Ideen verknüpft. Gefolgsleute Hitlers entwickelten schließlich in den Dreißiger

Jahren eine „globale nationalsozialistische ‚Rassentheorie‘“, die eine angebliche

Minderwertigkeit der Schwarzafrikaner in einem größeren Kontext festlegte. 15 Autoren wie

Günther Hecht publizierten diese Vorstellungen „sowohl in der Schriftenreihe des

‚Rassenpolitischen Amtes der NSDAP‘ als auch in den Zeitschriften und Büchern der

Kolonialbewegung“. Hütz zitiert etwa den Zoologen Fritz Zumpt, der im

Tropenmedizinischen Institut und für das Rassenpolitische Amt arbeitete: „Das nach

sozialdarwinistischen Ansichten ausgelegte ‚Recht des Stärkeren‘ verpflichte die

‚Herrenrasse‘ zur Ausübung der Herrschaft, zumal schwarze Menschen nicht dazu in der

Lage seien, eigenständig eine staatliche Ordnung aufzubauen.“ 16 Im Nachhinein wirkt es

makaber und gleichzeitig folgerichtig, dass Zumpt nach Kriegsende nach Südafrika

emigrierte und sich 1956 mit einem Buch über „Insekten als Krankheitserreger und

Krankheitsüberträger“ 17 profilierte – für Nationalsozialisten lagen Gedanken über Juden,

andere sogenannte Nichtarier und Schädlinge aus dem Tierreich eben oft nahe beisammen.

Auch wenn Rassentheoretiker wie Zumpt der schwarzen Bevölkerung etwa im ehemaligen

Deutsch-Südwestafrika viele negative Eigenschaften nachsagten, maßen sie ihnen durchaus

einen eigenen Wert zu und legitimierten ihr Existenzrecht – womit vor allem Juden im

Verlauf des Dritten Reichs nicht rechnen konnten. Friedel Hütz „ist keine Publikation

bekannt, die die Ausrottung der Afrikaner zwecks Schaffung von Siedlerland für deutsche

Kolonisatoren propagierte. Sie wurden, ebenso wie Juden, Sinti und Roma, Slaven,

psychisch und körperlich Kranke etc. als ‚rassisch minderwertig‘ eingestuft, doch auf ihre

Arbeitskraft wollte man nicht verzichten.“ Hütz verweist auf Zumpt, nach dessen Ansicht

„die Annahme der starren ‚Rasseneigenschaften‘ [

dürfe keine Massensiedlung Deutscher in Afrika geben. Afrika sei und bleibe der

]

zu der Forderung [

]

[führte], es

13 vgl. Kundrus, Abschnitt „Singulärer Antisemitismus“

14 Darlegungen, Punkt 16

15 vgl. Hütz, S. 75

16 Hütz, S. 75

5

‚artgerechte‘ Lebensraum der schwarzen Menschen, die durch eine kleine weiße

‚Herrenschicht‘ regiert werden könnten.“ 18 In diesem Punkt trat der Gegensatz zu den

wilhelminischen Kolonialideologen zutage, die sich nach wie vor nach deutschen

Siedlungsparadiesen in Afrika sehnten. Aber konkrete politische Konzepte entstanden vor

dem Zweiten Weltkrieg noch nicht aus den Rassentheorien.

C.II.

Junge NS-Führungskräfte und alte Kolonialpioniere

Im Kontext der narzistischen Allmachtsphantasien wäre eine Totalausbeutung der Kolonien

in Afrika möglich gewesen, von denen NS-Bürokraten zu Beginn der Vierziger Jahre

träumten. Inhaltlich knüpften sie nur lose an die Konzepte aus der Kaiserzeit an, deren

Kolonialideologen wiederum „eine rassische Segregation als Vorform eines

Apartheidsregimes“ anstrebten, aber „längst zu ‚milderen‘ Dominanzformen tendierte[n],

als sie zeitgleich für die Besiedelung des östlichen ‚Lebensraums‘ vorgesehen waren“ 19

so Dirk van Laak von der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Von Trotha mit seiner

gnadenlosen Niederschlagung des Herero-Aufstandes bot also kein Vorbild für die

„Kolonialen wie [ihre zentrale Integrationsfigur] Franz Ritter von Epp“ – obwohl gerade

dieser seinerzeit „als Kompaniechef in Deutsch-Südwestafrika an den Kämpfen gegen die

Herero und Nama [

Führungsriege als ‚überlebt‘ [erschienen], verfolgten sie im Grunde die modernere Politik,

der gegenüber sich [

Rückfall [

wilhelminischen ‚Weltpolitik‘ gegenüber den radikal-völkischen ‚Lebensraum‘-Eroberern

nicht zu behaupten, Ritter von Epp wurde von ihnen als ‚Baron Depp‘ verhöhnt.“ 21

Trotzdem schien es nicht ratsam, auf Ritter von Epp und seine zahlreichen Anhänger zu

verzichten. Deshalb durfte er sich mit schönen, aber eher einflusslosen Titeln schmücken,

etwa ab 1933 Reichsstatthalter in Bayern und ab 1936 Bundesführer des

Reichskolonialbundes, in dem die früheren Kolonialverbände gleichgeschaltet wurden. 22

]

teilgenommen“ 20 hatte. Die Kolonialpioniere seien „der jungen NS-

]

die Politik der ‚völkischen Flurbereinigung‘ wie ein atavistischer

]

mit ihrer

]

ausnimmt. Organisatorisch vermochten sich die Kolonialen [

Eine Spielwiese mit deutlicherer politischer Wirkung bot sich Ritter von Epp nur langsam:

„Mit Schreiben vom 9. März 1939 teilte der Chef der Reichskanzlei Lammers [

Hitler [

NSDAP] ‚die Vorbereitungsarbeiten für die künftige Kolonialverwaltung in straffer

organisatorischer Zusammenfassung‘“ übernehme – aber die Einrichtung eines

Reichskolonialamtes oder gar eines entsprechenden Ministeriums war nicht vorgesehen. 23

] mit, daß

]

[wünsche, dass das von Ritter von Epp geleitete Kolonialpolitische Amt der

17 Zumpt, Fritz: Insekten als Krankheitserreger und Krankheitsüberträger. Stuttgart: Frankh Kosmos 1956.

18 Hütz, S. 76

19 van Laak 2, 3. Absatz

20 Bundesarchiv, Anmerkung 2

21 van Laak 2, 3. Absatz

22 vgl. Bundesarchiv, Anmerkung 2

23 vgl. Bundesarchiv, 4. Absatz

6

Sie ist nie über unverbindliche Willensbekundungen Hitlers hinausgekommen, selbst als ab

1940 der Marstall in Berlin für angeblich künftige Amtsräume umgebaut wurde. Und „für

die Wiedererlangung der Kolonien selbst sei und bleibe jedoch das Auswärtige Amt

zuständig.“ 24 Erst durch den Arbeitsauftrag aus der Reichskanzlei erhielt das

Kolonialpolitische Amt eine halbwegs bedeutungsvolle Aufgabe. Bis dahin war es damit

beschäftigt, „räumlich vereint mit dem Kolonialreferat des Auswärtigen Amtes das

vorhandene Kolonialmaterial zu sichten und auszuwerten“ 25 . Dass die NS-Führung Ritter

von Epps Arbeit in den Dreißiger Jahren als mehr oder weniger irrelevant beurteilte, wird

schon dadurch deutlich, dass „das Kolonialpolitische Amt [

[verfügte]. Es war daher gezwungen, von Fall zu Fall Geldquellen aus allen möglichen

nicht über eigene Geldmittel

]

Fonds bei Staat und Partei flüssig zu machen.“ 26 1939 kamen auf diese Weise lediglich

rund 157.000 Reichsmark zusammen. 27 Doch „der Haushaltsplan des [Kolonialpolitischen

Amtes] für das Jahr 1940 umfaßte [immerhin] vorgesehene Ausgaben in Höhe von 874.182

Reichsmark“ 28 Nach wie vor änderte sich allerdings nichts daran, „dass ein großer Teil

insbesondere des Leitungspersonals [einschließlich Ritter von Epp] diese Funktion nur

neben- oder sogar ehrenamtlich ausübte“ 29 , was nicht gerade eine starke Bedeutung

signalisierte.

Trotzdem ist van Laaks Einschätzung fragwürdig, dass Ritter von Epp in Kolonialfragen

eine Art Gegenpol zum NS-Regime bildete. Stattdessen stellte er seit seinem Parteieintritt

im Frühjahr 1928 „durch seine Person die Verbindung zwischen kolonialer und

nationalsozialistischer Bewegung her. Für die NSDAP bedeutete von Epp eine

willkommene Verstärkung, da der ehemalige General im bayrischen Bürgertum bekannt

und geschätzt war und allgemein über gute Beziehungen zu Masse, Macht und Militärs

verfügte. Andererseits stellten sich der Partei mit seinem Eintritt bis dato gleichgültige

Fragen wie das Kolonialproblem als Aufgaben, die zumindest taktisch gelöst werden

mußten.“ 30 Der spätestens seit 1920 mit rechtsnationalen und antirepublikanischen

Gruppierungen paktierende Ritter von Epp schloss sich den Nationalsozialisten an, um nach

seiner Entlassung aus der Reichswehr von 1923 eine zweite Karriere zu starten. 31 Schon

kurz nach seiner Wahl zum Reichstagsabgeordneten 1928 begründete er seine Forderungen

nach Kolonien mit der Notwendigkeit der „Beschaffung von Lebensraum“ und

argumentierte damit im Rahmen der menschenverachtenden NS-Terminologie. „Allerdings

projizierte [

‚Führer‘ ihn im Osten des Kontinents gewinnen wollte. Beide aber waren sich darüber

]

von Epp die Gewinnung neuen Lebensraums nach Afrika, während sein

24 Bundesarchiv, 4. Absatz; vgl. außerdem BArch NS 22/381

25 Zwischenbilanz, 3. Absatz

26 Zwischenbilanz, 7. Absatz

27 vgl. Bundesarchiv, Anmerkung 12

28 Bundesarchiv, 5. Absatz; vgl. außerdem Schreiben des Chefs der Reichskanzlei an den Reichsminister der Finanzen vom 4. April 1940. In BArch R 2/4971

29 Bundesarchiv, 3. Absatz

30 Hildebrand, S. 113

31 vgl. Hildebrand, S. 114/115

7

einig, die soziale Frage durch Expansion lösen zu müssen.“ 32 Auf dieser Basis entwickelte

später das von Ritter von Epp geleitete Kolonialpolitische Amt radikale Konzepte zur

Herrschaft über weite Gebiete Afrikas. Der Schwerpunkt lag dabei in der Behandlung der

Schwarzafrikaner „als ‚minderwertige Rasse‘ ohne Anspruch auf Rechte: Letztendlich

konnten die Deutschen über Erlasse rigoros die eigenen Interessen durchsetzen.“ 33 Eine

solche Position ähnelt nur auf den ersten Blick der klassischen wilhelminischen

Machtpolitik, der viele Kolonialpioniere bis in den Zweiten Weltkrieg anhingen. Die

Entwürfe des Kolonialpolitischen Amts und damit Ritter von Epps entsprachen hingegen

eher den Wahnideen des Holocaust und des Vernichtungskriegs in Osteuropa – selbst wenn

der Amtsleiter den Terror und Massenmord nicht in letzter Konsequenz angestrebt haben

mag. In diesem Punkt könnte erst ein größerer Forschungsaufwand eine genauere

Differenzierung ermöglichen.

C.III.

Kolonien in der Propaganda

C.III.I.

Kurswechsel 1937

Die öffentliche NS-Agitation zur Rückgabe der ehemals deutschen Gebiete in Afrika

verdeckte Hitlers kolonial-skeptische Haltung und förderte die Unterstützung von

Kolonialgesellschaften sowie ihrer Anhänger. „Am 7.3.1936 forderte der ‚Führer‘ erstmals

in einer offiziellen Erklärung die Rückgabe der deutschen Kolonien.“ 34 Bis November

1937 wuchsen allgemein die Erwartungen, dass „Europa auf Kosten Afrikas Ruhe

bekommen [würde]. [

Theateraufführungen, Radiosendungen und Gedichtsammlungen] war indes so weit

gediehen und auf einem Höhepunkt angelangt, daß nicht nur das Ausland, sondern auch die

‚öffentliche Meinung‘ im Reich ernsthafte Schritte auf kolonialem Feld erwartete. Geschah

dies nicht, entstand für Hitler die Gefahr, daß seine Volksgenossen ihm eine glücklos

operierende Politik vorwarfen. Daher verwundert es kaum, daß in einer Sonderkonferenz

für die deutsche Presse am 5. November 1937 [

nächsten Zeit ‚langsam die Kolonialdebatte abflauen muß. [

Rückgabe der Kolonien in keiner Weise zu rechnen, die deutsche Propaganda hatte nur die

Absicht, die Großmächte auf die rechtlichen und politischen Ansprüche des Reiches

]

Die propagandistische Kolonialkampagne [aus u.a.

]‚vertraulich

mitgeteilt‘ wurde, daß in der

]

Tatsächlich ist mit einer

hinzuweisen“. 35

C.III.II.

Ufa in Afrika

Bis zu diesem Kurswechsel war der Kolonialismus in den Medien und bei Veranstaltungen

sehr präsent, um danach mit geringerer Bedeutung seinen Beitrag zur Erweckung der

32 Hildebrand, S. 118

33 Hütz, S. 78

34 Wagner, 3. Absatz; vgl. außerdem Schmokel, S. 108 – 109

35 Hildebrand, S. 523

8

Kriegsbegeisterung zu leisten und schließlich mit der deutschen Niederlage in Stalingrad

1943 fast zu verschwinden. In den Vierziger Jahren flackerte der propagandistische

Kolonialtraum von Afrika lediglich noch in ein paar Spielfilmen auf. „Quax in Fahrt“ von

1943/44 mit Publikumsliebling Heinz Rühmann erlebte den Kinostart erst 1953 als „Quax

in Afrika“ und beschränkte die Thematisierung des schwarzen Kontinents auf primitive

rassistische Sprüche und Darstellungen, die in der Bundesrepublik schon wieder als

harmlos galten. Bei anderen Streifen hingegen kann wohl niemand an der eindeutigen

nationalsozialistischen Ausrichtung zweifeln – wobei allerdings weniger der Kolonialismus

als eher Hetze gegen das spätestens ab 1941 als Hassobjekt ausgemachte England die

zentrale Aussage dieser Filme bestimmte. Wie viele andere Großproduktionen des

Staatskonzerns Ufa greift z.B. „Germanin. Die Geschichte einer kolonialen Tat“ von

1942/42 eine wahre historische Episode auf. Der Film über ein wirkungsvolles deutsches

Medikament gegen die tropische Schlafkrankheit stellt die Ereignisse stark verfälscht aus

NS-Sicht dar: „Die plumpe Schwarzweiß-Dramaturgie teilt die Agierenden [

schlappe, arrogante, mordlustige böse Briten und in edle, mutige, fleißige, selbstopferfähige

gute Deutsche. Die Schwarzen sind gemäß der Rosenberg’schen Rassentheorie nichts als

niedere Kreaturen.“ 36

] in perfide,

„Germanin“, „Kongo-Express“ (1939), „Münchhausen“ (1941 – 43), „Panik“ (1940 – 43) –

im Krieg bot die Unterhaltungsindustrie den in Deutschland verbliebenen Schwarzen fast

die einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen: Als Statisten rassistischer

oder kolonialer Darstellungen. Unter welchen Bedingungen die Dreharbeiten ablaufen

konnten, hat Propagandaminister Joseph Goebbels für „Carl Peters“ (1940/41) spöttisch in

seinen Tagebüchern notiert: „ Mit [dem Star Hans] Albers. Daraus wird etwas. 100 Neger

aus der Gefangenschaft wirken daran mit. Die armen Teufel stehen angetreten und zittern

vor Angst und Kälte.“ 37 Kein Einzelfall: „Die meisten deutschen Afrikaner oder schwarzen

Deutschen überlebten das Nazi-Regime mehr schlecht als recht“, heißt es in Marianne

Bechhaus-Gersts Analyse des Schicksals von Afrikanern in Deutschland vom

Wilhelmismus bis zum Nationalsozialismus; die „kolonialpolitischen Interessen des NS-

Regimes hatten zur Folge, dass die Afrikaner aus den ehemaligen deutschen Kolonien, falls

sie sich absolut unauffällig verhielten, bis zu einem gewissen Maße vor Verfolgungen

geschützt waren. Mit dem Überfall auf die UdSSR im Juni 1941 verloren die kolonialen

Ambitionen des Regimes jedoch radikal an Bedeutung, ein Prozess, der sich nur noch

verstärkte, als die Unmöglichkeit eines schnellen Sieges im Osten deutlich wurde und die

kolonialen Pläne schließlich ganz aufgegeben wurden. Damit bestand auch keine

Veranlassung mehr, die schwarzen Deutschen von den allgemeinen

Verfolgungsmaßnahmen auszunehmen.“ 38

36 Giesen/Hobsch, S. 430

37 Zitiert nach Schröder, S. 393

38 Bechhaus-Gerst, S. 224

9

Selbst belanglose Revuefilme im Dritten Reich verknüpften ihre Unterhaltungsfunktion mit

aktuellen politischen Intentionen. Einige üble Machwerke mit afrikanischen Schauplätzen

pflegten indes besonders diese Beziehung, hatte Goebbels sie doch von vornherein als

Auftragsproduktion mit massiver propagandistischer Wirkung konzipiert: „‚Carl Peters‘

] [

Bedrohung durch den britischen Imperialismus, während ‚Ohm Krüger‘ (1941) die

Burenkriege [zwischen 1899 und 1902 in Südafrika] dazu benutzte, den Luftangriff auf

England zu rechtfertigen.“ 39 In markigen Worten wendet das Presseheft zu „Ohm Krüger“

eine Auseinandersetzung zwischen zwei rivalisierenden kolonialen Eroberergruppen in

einen angeblichen Freiheitskampf quasi-deutscher Buren 40 , den inzwischen das Dritte

Reich in Europa weiterführe: „Derselbe [Winston] Churchill, der in Südafrika lernte, wie

seine Worte, die Buren auszurotten, befolgt worden sind und wie unter humanschillernden

Phrasen der englischen Gewalthaber die tiefste englische Gemeinheit auf ein aus bloßer

Raffgier überfallenes Volk losgelassen wurde, derselbe Churchill steht heute als

Ministerpräsident an der Spitze Albions 41 . Wir kennen seine Methoden und die seiner

plutokratischen 42 Clique, denen unser Kampf gilt bis zur Vernichtung.“ 43 Der

Kolonialismus war also bis Kriegsende propagandistisch als Folie nützlich, auf der sich

beliebige nationalsozialistische Beeinflussungsversuche realisieren ließen, selbst als das

Regime die deutsche Kolonialisierung Afrikas nicht mal mehr im Ansatz betrieb.

legitimierte den Kampf um deutsche Kolonien in Afrika mit der anhaltenden

C.III.III.

Carl Peters als Teil der kolonialen Symbolik

In den Dreißiger Jahren wurde nach und nach im öffentlichen Leben deutlich, dass die

Nationalsozialisten die Rückforderung von u.a. Südwestafrika nicht mehr als Randthema

behandelten – so etwa auf dem Platz vor dem Hauptgebäude der Hamburger Universität:

Passend zu ähnlichen kolonialen Demonstrationen bei Inszenierungen wie den

Reichsparteitagen oder den im ganzen Reich alltäglichen Aufmärschen, Weihefeiern und

Fahnenappellen „stand bei den zahlreichen nationalen Kolonialfeiern am Denkmal weniger

der [dort dargestellte] Kolonialheld [Hermann von Wissmann] als vielmehr das Symbol im

Blick, das die Demütigung durch Kolonialverlust und ‚Kolonialschuldlüge‘ in Erinnerung

39 Hake, Sabine: Film in Deutschland. Geschichte und Geschichten seit 1895. Aus dem Englischen von Thiel, Roger. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch 2004. S. 150

40 Buren: Niederl. für Bauern; Nachkommen der holländischen, niederdeutschen und hugenottischen Siedler in Südafrika, im Gegensatz zu den englischen Einwanderern ab 1806, als Großbritannien die bis dahin niederländische Kolonie erobert hatte

41 Albion: Sehr alte Bezeichnung der britischen Inseln, evtl. keltischen Ursprungs. Der Begriff erhielt seine negative Bedeutung ab 1793 durch ein Gedicht von Augustin Marquis de Ximenez, in dem der Ausdruck „perfides Albion“ die angebliche Hinterhältigkeit englischer Außenpolitik symbolisiert. Im deutschen Sprachraum wurde das Wort in der wilhelminischen Zeit geläufig und wieder im Dritten Reich propagandistisch stark eingesetzt.

42 Plutokratie: Staatsform, die Herrschaft durch Vermögen legitimiert. Gleichzeitig nationalsozialistischer Kampfbegriff, der Juden diffamierte – in dem Sinne, dass sie ihren angeblich massiven finanziellen Einfluss dazu nutzten, Entscheidungsträger zu manipulieren.

43 Presseheft, S. 310

10

rief.“ 44 Die Bronzefigur fiel in der Nähe des Verkehrsknotenpunkts Dammtor deutlich auf.

Sie eignete sich schon alleine deshalb als Symbol, weil sie 1909 in Daressalam in Deutsch-

Ostafrika eingeweiht worden war und erst nach dem deutschen Verlust des Kolonialreichs

„von der britischen Mandatsmacht demontiert und dem [Deutschen] Reich zurückgegeben

wurde.“ 45

Ein weiteres Beispiel für die effektive Ausnutzung kolonialer Zeichen und

Vorzeigefiguren: „In der NS-Zeit nahm der [

Aufschwung“, 46 erläutert Winfried Speitkamp die Propaganda rund um den ehemaligen

Reichskommissar von Deutsch-Ostafrika, der „nach Misshandlungen Einheimischer und

willkürlichen Hinrichtungen 1895 bereits freigestellt und 1897 infolge eines

Disziplinarverfahrens aus dem Dienst entlassen [wurde].“ 47 Im Kaiserreich und in der

Weimarer Republik hatte der rücksichtslose Kolonialpolitiker zwar über seinen Tod 1918

hinaus durchaus Verehrung genossen, war aber ansonsten heftiger Kritik und sogar

Verdammung aus diversen politischen Lagern ausgesetzt gewesen. Ab 1933 verschoben

sich die Maßstäbe deutlich: Nach und nach war ausschließlich Heroenkult in Form etwa

von Denkmalsfeiern und Jubelartikeln in der Presse angesagt. Den Höhepunkt bildete die

Dramatisierung des zentralen Lebensabschnitts von Carl Peters in Form des gleichnamigen

Spielfilms, der im Mai 1941 in die Kinos kam. Zum Ruhme des Kolonialpioniers hatten

sich die Drehbuchautoren u.a. ausgedacht, dass er gegen den Sklavenhandel gekämpft

haben soll. „Als Gegner der deutschen Kolonialpolitik werden [

auch die Sozialdemokraten und besonders die Juden angegriffen und verächtlich gemacht“,

erläutern der Honorar-Professor von der German Film School for Digital Production Dr.

Rolf Giesen und der Filmpublizist Manfred Hobsch. Natürlich habe Peters eine zentrale

Rolle in der Kolonialzeit gespielt, bestätigen die beiden Autoren, aber das Drehteam habe

in Goebbels Auftrag die reale Persönlichkeit „einer propagandistischen Wandlung zwecks

Geschichtsfälschung unterzogen, denn in Wirklichkeit war er ein zwielichtiger Bursche“. 48

Zwei Jahre später verglich der NS-Historiker Walter Frank „Peters´ Wirken als Eroberer

und Schriftsteller [sogar] mit Julius Caesar, der Gallien nicht nur erobert, sondern wie

Peters ebenfalls ein Buch darüber geschrieben habe.“ 49 Als Frank solche Lobeshymnen

]

Kult [um Carl Peters] einen beträchtlichen

]

außer den Engländern

1943 schrieb, hatten sie nur noch die einfache politische Funktion, nach dem Debakel von

Stalingrad im Propagandakonzert zur Stärkung des Durchhaltewillens der Deutschen im

„Totalen Krieg“ eine winzige Note zu bilden. Sämtliche Kolonialplanungen waren zu

diesem Zeitpunkt bereits eingestellt worden.

44 Speitkamp 2, Abschnitt 13

45 vgl. Speitkamp 2, Abschnitt 12 und 13

46 Speitkamp 2, Abschnitt 25

47 Speitkamp 2, Abschnitt 15

48 Giesen/Hobsch, S. 306

11

D.

Positionen zum Thema Kolonien in der Frühzeit des Nationalsozialismus 1920 – 1932

D.I.

Parteiprogramm 1920

Das Deutsche Reich verlor fast alle Kolonien im Ersten Weltkrieg an die Gegner. Der

Versailler Vertrag 1919 bestätigte die Zwangsabtretung sämtlicher deutscher

Überseegebiete, die in der Folge als Mandate des neu gegründeten Völkerbundes einzelnen

Mächten wie Großbritannien, Frankreich, Belgien und der Südafrikanischen Union zur

Verwaltung übertragen wurden. Die NSDAP forderte schon im ersten Parteiprogramm vom

24.02.1920 „Land und Boden (Kolonien) zur Ernährung unseres Volkes und Ansiedlung

unseres Bevölkerungsüberschusses.“ 50 Die Motivation zur Berücksichtigung dieses

Themas im Parteiprogramm ist einfach: „Die koloniale Revisionsforderung findet sich in

den Programmen aller national orientierten Parteien und Verbände der Weimarer Republik.

Von den Deutschnationalen und der DVP über das Zentrum bis hin zu Gruppen der DDP

und der Sozialdemokraten wird der Rückerwerb der Kolonien gefordert.“ 51 Wenn sich

jedoch sämtliche nichtmarxistischen Kräfte einig in dieser Frage waren, „stand es für jede

neue Partei nationaler Gesinnung [

als Teil der Revision des Versailler Vertrages zu programmieren.“ 52 Wahltaktik spielte

auch eine Rolle: Dieser Punkt im Parteiprogramm zielte auf die aus den Kolonien

vertriebenen Deutschen und auf „die damals in ihrer Existenz durch Krieg, Revolution und

Verlust der Sparguthaben bedrohten Mittelschichten [

aus Bürgertum und Beamtenstand

], [

wenn „weite Kreise des Volkes gegenüber der kolonialen Revisionsforderung“ gleichgültig

]

außerhalb jeder Diskussion, die Kolonialforderung

]

die sich [bereits im Kaiserreich] für den Kolonialgedanken begeistert“ hatten – auch

waren. 53

D.II.

Europäische oder außereuropäische Expansion

Eine ergänzende Interpretation erfuhr dieser Punkt ab 1922 vor allem durch den

Parteitheoretiker Alfred Rosenberg 54 . Er deutete die vage formulierte Stelle im

Parteiprogramm so, dass sie sowohl eine europäische als auch eine überseeische Expansion

unterstütze: „Dabei ist es unter den gegenwärtigen Umständen nicht möglich, die

betreffenden europäischen oder außereuropäischen Gebiete [

Mit dieser Auslegung der Forderung nach „Land und Boden (Kolonien)“ (s.o.) schafft

Rosenberg eine „Interpretationsmöglichkeit, die erst aktuell wurde, als Hitler seine

]

her zu bezeichnen.“ 55

49 Speitkamp 2, Abschnitt 21; vgl. außerdem Frank, Walter: Vorwort. In: Peters

50 Parteiprogramm, Punkt 3

51 Hildebrand, S. 51

52 Hildebrand, S. 52

53 vgl. Hildebrand, S. 53 – 54

54 Alfred Rosenberg: NS-Philosoph, -Publizist und -Politiker; bekanntestes Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ (1930); im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess 1946 verurteilt und hingerichtet

55 Rosenberg, Alfred: Wesen, Grundsätze und Ziele der NSDAP. Verfasst 1922. Vorliegende Fassung veröffentlicht München 1938. Zitiert nach Hildebrand, S. 55

12

politische Doktrin gefunden hatte.“ 56 Zur Erweiterung dieser These verweist Klaus

Hildebrand auf eine Parteischrift aus dem Jahre 1935, in der sich der Leiter des

Kolonialreferats bei der Reichsjugendführung Berlin äußert: Oberbannführer Hauptmann

a.D. A.F. von Oertzen knüpft an die Parteilegende an, dass allein Hitler das Programm

geschrieben habe – und er habe „wahrscheinlich schon damals [

keine überseeischen Gebiete gemeint, sondern darunter die Siedlertätigkeit deutscher

Bauern im Osten verstanden“. Jedenfalls legte Hitler seine Stoßrichtung spätestens 1925

fest, als er die Arbeit an „Mein Kampf“ abschloss: „Für Deutschland lag [

Möglichkeit zur Durchführung einer gesunden Bodenpolitik nur in der Erwerbung von

neuem Lande in Europa selbst. Kolonien können diesem Zweck so lange nicht dienen, als

sie sich nicht zur Besiedlung mit Europäern in größtem Maße geeignet erscheinen.“ 57 Noch

konkreter heißt es: „Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen

Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen endlich ab die

Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der

Zukunft.“ 58

mit dem Begriff Kolonie

]

] die einzige

D.III.

Desinteresse und sinnvolle Anarchie der Meinungen

Keineswegs legte sich die NSDAP bis zum Weltkrieg verbindlich auf eine bestimmte

Position zum Kolonialismus fest. Bis in die Dreißiger Jahre hinein herrschte dazu in der

Partei primär Desinteresse, so das sie sogar bei großen Revisionskundgebungen wie im

März 1928 in Berlin eine Teilnahme absagte. 59 „Für die Jahre 1926 und 1927 ist bis auf

eine Ausnahme nichts über kolonialpolitische Vorstöße oder gar eine geschlossene

Aktivität der Fraktion zu berichten.“ 60 Ab 1928 wird Hitler „der mächtigen konservativen

Bewegung Zugeständnisse machen, die Kolonialbewegung wird sich dem Gedankengut

von Raum und Rasse anpassen“ 61 , ohne dass sich die NSDAP jemals bevorzugt um die

Errichtung von Kolonien kümmern wird. Mit dem nationalsozialistischen Engagement

Ritter von Epps erscheine seine koloniale Agitation „als erklärtes Programm der Partei“

lediglich in den Augen der nationalkonservativen Elite 62 , analysiert Hildebrand. Als

charakteristisches Merkmal des Umgangs mit diesem Themenkomplex betrachtet er das für

eine totalitäre Organisation seltsame Phänomen, dass jeder ihrer Abgeordneten

selbstständig entschieden habe, „als Exponent seiner außenpolitischen Richtung innerhalb

der ‚Bewegung‘ [

Revision seine Stimme zu erheben. Es kann keine Rede davon sein, daß mit von Epps

Eintritt in die Partei ein grundsätzlicher Wandel in kolonialpolitischer Hinsicht einherging

]

im Namen seiner Partei entweder für oder gegen die Politik kolonialer

56 Hildebrand, S. 55

57 Mein Kampf, S. 153. Zitiert nach Krummacher, Abschnitt 3.1.: Der Nationalsozialismus und die koloniale Frage

58 Mein Kampf, S. 742. Zitiert nach Krummacher, Abschnitt 3.1.: Der Nationalsozialismus und die koloniale Frage

59 vgl. Hildebrand, S. 120

60 Hildebrand, S. 61

61 Hildebrand, S. 100

13

[

].

Das bereits 1928 zu beobachtende anarchische Durcheinander mehrerer Meinungen zu

einem Thema sollte für die zukünftigen Beziehungen weiterhin charakteristisch sein.“ 63

Auch für die Zeit nach der Machtergreifung steht für die meisten Historiker fest, „daß die

innere Verwaltung des Dritten Reiches in einem solchen Maße aufgesplittert war und derart

mangelhaft koordiniert wurde, daß man die einander überschneidenden, gegenseitig

konfliktträchtigen und manchmal zueinander regelrecht im Widerspruch stehenden

Autoritäts- oder Zuständigkeitsbereiche zutreffend als ‚chaotisch‘ bezeichnen kann.“ 64

Hitler schaffte es, solche partei- oder regierungsinternen Auseinandersetzungen zu

instrumentalisieren. Wenn Ritter von Epp in den Zwanziger und Dreißiger Jahren die

Rückgabe der Kolonien forderte und gleichzeitig negative Stellungnahmen „zum

überseeischen Problem“ in der Partei laut wurden, war für Hitler ausschließlich wichtig,

„daß ihm der Weg zu den konservativen Kräften der nationalen Rechten gebahnt wurde.“ 65

E. Kolonialismus und Nationalsozialismus 1933 bis Kriegsausbruch

E.I.

Außenpolitisches Spiel mit den ehemaligen Kolonien

E.I.I.

Reichswirtschaftsminister Hjalmar Schacht 1936 in Paris

Die Nazis beriefen sich propagandistisch auf die koloniale Vergangenheit und integrierten

die Veteranen in den Heldenkult und die Mythen des Regimes. „Hitler [

wieder die Rückgabe der Kolonien. 1933 sagte er: ‚Was unsere Überseekolonien anbetrifft,

so haben wir koloniale Bestrebungen keineswegs aufgegeben.‘“ 66 Dass 1936 Gespräche

von Reichwirtschaftsminister Hjalmar Schacht mit britischen und französischen Vertretern

in Paris über die Rückübertragung der ehemaligen Kolonien ernst gemeint waren, darf

schon alleine angesichts gleichzeitiger kompromittierender Vorbereitungen eines

Militäreinsatzes bezweifelt werden, denn diese mussten zwangsläufig die Vertrauensbasis

zerstören. „Schacht berichtete nach dem Krieg von diesen Verhandlungen: ‚Bevor jedoch

eine präzisere Antwort einlief, wurde alles zunichte gemacht, weil Hitler durch seinen

Eingriff in die spanische Bürgerkriegs-Affäre die Beziehung zu beiden Westmächten auf

das Ungünstigste beeinflußte. Ein schon angesagter Besuch des deutschen Außenministers

] forderte hin und

von Neurath in London wurde wieder abgesagt, und meine aussichtsreich begonnenen

Besprechungen fanden keine Fortsetzung.‘“ 67 Ohnehin erweckte Adolf Hitler bis

Kriegsausbruch vor allem gegenüber Großbritannien ab und zu den Eindruck, vielleicht auf

die Überseekolonien verzichten zu wollen – schon alleine, um dem Empire einen

angemessenen Platz in der neuen Weltordnung nach nationalsozialistischer Vorstellung

einzuräumen.

62 Hildebrand, S. 119

63 Hildebrand, S. 121

64 Kershaw, S. 128 – 129

65 Hildebrand, S. 121

66 Wagner, 1. Absatz; vgl. außerdem Schmokel, S. 95

14

E.I.II.

Wunschpartner Großbritannien

Lt. Markus Laag habe Hitler seit den Zwanziger Jahren den Plan verfolgt, „durch den

Verzicht auf Kolonien und eine große Flotte (konträr zur wilhelminischen Außenpolitik) zu

einem (vorübergehenden) Bündnis mit England zu kommen: ‚Wenn aber Deutschland zu

einer grundsätzlichen politischen Neuorientierung kommt, die den See- und

Handelsinteressen Englands nicht mehr widerspricht, sondern sich in kontinentalen Zielen

[

vorhanden.‘“ 68 Klaus Hildebrand erläutert weitreichendere Zukunftsperspektiven: „Ein

Konflikt mit England würde sich erst abzeichnen, wenn Deutschland nach der Errichtung

seines Kontinentalreiches in etwa hundert Jahren nach Übersee ausgreifen würde“ – um

dann endlich die sogenannte „Weltgeltung“ zu erreichen. Entsprechend diesen

Vorstellungen schloss Deutschland mit dem Vereinigten Königreich im Juni 1935 ein

Flottenabkommen ab, das die Stärke der deutschen Marine auf 35% der britischen Flotte

beschränkte. Gleichzeitig ergänzten die Nationalsozialisten ihre Konzessionen durch „eine

Taktik der kolonialen Sanktionsdrohungen“. 69

]

erschöpft, dann ist ein logischer Grund für eine englische Feindschaft

nicht mehr

E.I.III.

Hoßbach-Niederschrift 1937

Es zeichnete sich allerdings ab, dass „alle bisher unternommenen Bemühungen [

den erwünschten Erfolg“ brachten, wie Hitler am 5.11.1937 in einer Besprechung mit

ausgewählten Offizieren und Politikern einräumte – am gleichen Tag, als die deutsche

Presse die neuen Richtlinien zum Umgang mit den ehemaligen Kolonien erhielt. Als

Konsequenz aus den unerfüllten Bündniswünschen ergab sich die Neueinschätzung

Englands als potenziellen Gegner und ab 1939 die Korrektur des Fernziels, Kolonien in

Afrika nicht erst „nach einem Jahrhundert [

spätestens 1945 abzuschließenden kontinentalen Stufe in der zweiten Hälfte der Vierziger

Jahre zu realisieren“. 70 Über die Konferenz von 1937 existiert eine Art

Gedächtnisprotokoll: Fünf Tage nach dem Termin hielt Oberst Friedrich Hoßbach anhand

seiner Notizen den Inhalt fest, ohne dabei wörtlich Hitler oder andere Teilnehmer zu

zitieren. Hermann Göring, u.a. Oberbefehlshaber der Luftwaffe und allgemein als zweiter

Mann im NS-Staat geltend, kritisierte 1945/46 als Angeklagter des Nürnberger Prozesses

gegen die Hauptkriegsverbrecher, dass der Text kein echtes Wortprotokoll darstelle und

daher sein Aussagewert unerheblich sei. Tatsächlich jedoch passt das Dokument nahtlos in

Hitlers vielfach überlieferte Gedankenwelt, und Zeugen wie der 1938 abgelöste

Außenminister Konstantin Freiherr von Neurath haben den Wahrheitsgehalt bestätigt.

] nicht

]

[der] Zurückhaltung, sondern nach der

67 Wagner, 2. Absatz; vgl. außerdem Schacht, S. 64

68 Laag, S. 3 – 4; vgl. außerdem Hitlers Buch, S. 173 – 174

69 Hildebrand, S. 772

70 vgl. Hildebrand, S. 772 – 773

15

Die Hoßbach-Niederschrift legt erstmals eine konkrete Kriegsplanung offen, auch wenn die

Umsetzung nur wenige Monate später mit dem Anschluss Österreichs und der

Zerschlagung der Tschechoslowakei abweichend erfolgte. 71 In dieser Quelle haben sich

Hitlers ideologische und rassistische Grundüberlegungen zu einer deutschen Expansion

manifestiert: „Die deutsche Volksmasse verfüge über 85 Millionen Menschen, die [

einen in sich so fest geschlossenen Rassekern darstelle, wie er in keinem anderen Land

wieder anzutreffen sei und wie er andererseits das Anrecht auf größeren Lebensraum mehr

als bei anderen Völkern in sich schlösse.“ 72 Hitler fordert seine Zuhörer auf, seine

„Ausführungen als seine testamentarische Hinterlassenschaft für den Fall seines Ablebens

anzusehen“ 73 . Anstelle des bisher in „Mein Kampf“ 74 formulierten „Programms“

einschließlich der Stellungnahmen zu möglichen Kolonien in Afrika liegt nun also „eine

geänderte Fassung des Führerwillens“ 75 für die Neugestaltung der politischen Weltkarte

vor. Nicht zuletzt wird deutlich, dass für Hitler die Abwägung zwischen kontinentalen

Gebietsansprüchen und kolonialen Forderungen bis auf weiteres eindeutig zu einer

Bevorzugung von Eroberungen in Europa führt – obwohl von Russland nur am Rande oder

indirekt die Rede ist: „Wenn die Sicherheit unserer Ernährungslage im Vordergrund stände,

so könne der hierfür notwendige Raum nur in Europa gesucht werden, nicht aber ausgehend

von liberalistisch-kapitalistischen Auffassungen in der Ausbeutung von Kolonien.“

]

Noch etwas versteckt bekennt sich Hitler zur totalen Rücksichtslosigkeit gegenüber so

genannten Nichtariern, wie sie später im Vernichtungskrieg in Osteuropa zutage trat und

wie sie prinzipiell auch in irgendwann zu übernehmenden Kolonien herrschen sollte: „Es

handele sich nicht um die Gewinnung von Menschen, sondern von landwirtschaftlich

nutzbarem Raum.“ 76 Im weiteren Verlauf des Vortrags heißt es: „Zur Lösung der

deutschen Frage könne es nur den Weg der Gewalt geben“. 77 Hitler thematisiert nicht nur

die Ernährung des deutschen Volkes, sondern auch die Ausbeutung von Rohstoffen, deren

Gebiete „zweckmäßiger im unmittelbaren Anschluß an das Reich in Europa und nicht in

Übersee zu suchen [seien] [

sollte, müsse nachfolgenden Geschlechtern überlassen bleiben.“ 78 Allerdings zeigt Hitler

zumindest verhaltenes Interesse an weltweiter Präsenz, aber „in der Errichtung deutscher

militärischer Stützpunkte in Übersee sähen beide Länder [England und Frankreich] eine

Bedrohung ihrer Überseeverbindungen, eine Sicherung des deutschen Handels und

rückwirkend eine Stärkung der deutschen Position in Europa. [Ohnehin könne England] aus

seinem Kolonialbesitz infolge des Widerstandes der Dominien 79 keine Abtretungen an uns

].

Was darüber hinaus in späteren Zeiten notwendig werden

71 vgl. Bußmann

72 Hoßbach, S. 26

73 Hoßbach, S. 25

74 vgl. Mein Kampf

75 Hildebrand, S. 524

76 Hoßbach, S. 27

77 Hoßbach, S. 29

78 Hoßbach, S. 27

79 Dominion, Pl. Dominien: Bis 1947 waren darunter britische Kronländer weißer Siedler zu verstehen, die sich weitgehend selbst verwalteten, aber zum British Commonwealth of

16

vornehmen.“ 80 Distanziert begegnet Hitler aktuellen Träumen wilhelminischer

Kolonialfreunde von ihren früheren Herrschaftsgebieten: „Nach dem durch Übergang

Abessiniens in italienischen Besitz eingetretenen Prestigeverlust Englands sei mit einer

Rückgabe Ostafrikas nicht zu rechnen. [

der Kolonien an uns käme nur zu einem Zeitpunkt in Betracht, in dem England sich in einer

Eine ernsthafte Diskussion wegen der Rückgabe

]

Notlage befände und das deutsche Reich stark und gerüstet sei. Die Auffassung, daß das

Empire unerschütterlich sei, teile der Führer nicht.“ 81

E.I.IV.

Colonial Appeasement 1938

Scheinbar entgegen seinen in der Hoßbach-Niederschrift zusammengefassten

kolonialskeptischen Absichten pochte Hitler schon zwei Wochen später erneut auf die

Rückgabe der ehemaligen deutschen Herrschaftsgebiete in Afrika. Am 19.11.1937 traf er

mit dem hochrangigen britischen Politiker Edward Frederick Lindley Wood, dem 1. Earl of

Halifax, zusammen. In dem Gespräch bezeichnete Hitler die ungelöste Frage der früheren

Kolonien als das einzige direkte Problem zwischen England und Deutschland. 82 Diese

Anregung und damit verbundene indirekte Drohungen nahm Halifax auf und gab sie an den

seit Juni 1937 amtierenden Premierminster Arthur Neville Chamberlain weiter, der ohnehin

bereits auf das sogenannte Appeasement gegenüber u.a. Deutschland setzte. Als diese

Beschwichtigungspolitik zur Kriegsvermeidung gegenüber Italien dem Außenminister

Anthony Eden im Februar 1938 zu weit ging und er aus diesem Anlass zurücktrat,

verhalfen Halifax die Übereinstimmungen mit Chamberlain fast schon automatisch zur

Nachfolge. Die britische Regierung instruierte den britischen Botschafter in Berlin, Sir

Nevile Henderson, dass er in einer Unterredung Hitler einen Kolonialplan vorstellen solle.

Chamberlain hatte dieses Konzept eines internationalisierten Mittelafrikas unter

Beteiligung Deutschlands 83 am 24.1.1938 dem Kabinett erläutert. Die Vereinbarung über

veränderte Herrschaftsstrukturen auf dem schwarzen Kontinent „sollte Teil eines ‚general

settlement‘ sein, das durch deutsche Rüstungsbeschränkungen und Garantien für eine

friedliche Revisionspolitik den Frieden in Europa sichern sollte.“ 84 Obwohl Henderson

über den Auftrag nicht besonders begeistert war 85 , kam er ihm am 3.3.1938 nach. Hitler

wiederum lehnte die britischen Zugeständnisse an eine deutsche Präsenz in Afrika ab, die

mit einer Pflicht zur Zurückhaltung in Europa verbunden gewesen wären und ihm somit die

Nations gehörten und somit den britischen König bzw. die Königin als Staatsoberhaupt akzeptierten. Bsp.: Australien, Kanada, Südafrikanische Union. Inzwischen ist der Begriff nicht mehr so scharf gefasst und bezieht sich auch auf ehemalige Kolonien mit nicht-weißer Herrschaft und häufig einem eigenen Staatsoberhaupt, sofern diese Dominien dem umstrukturierten Commonwealth Staatenbund angehören

80 Hoßbach, S. 27 – 28

81 Hoßbach, S. 28

82 vgl. Halifax, S. 51

83 vgl. Laag, S. 8 – 12

84 Laag, S. 9

85 vgl. Laag, S. 6

17

Hände für die bevorstehende Besetzung Österreichs und der Tschechoslowakei sowie für

die weitere Expansion nach Osteuropa gebunden hätten. „Bezüglich Mitteleuropas sei zu

bemerken, daß Deutschland sich bei der Regelung seiner Beziehungen zu den

stammesverwandten Ländern oder Ländern mit starken deutschen Bevölkerungsteilen von

dritten Mächten nicht hereinreden lassen würde“ 86 , fertigte Hitler den Botschafter ab, ohne

bereits eine endgültige Stellungnahme zu dem Konzept abzugeben. Dass es Hitler nach wie

vor nach Russland zog, zeigt der Aufbau des Feindbildes, „daß man sich auf die

Vertragstreue eines barbarischen Gebildes wie der Sowjet-Union ungefähr so verlassen

könne, wie auf das Verständnis eines Wilden für mathematische Formeln. Abmachungen

mit diesem Land wären daher so gut wie wertlos.“ Zwar verknüpfte Hitler im Gespräch

seine europäischen Ziele mit eigenen vermeintlichen Plänen für Afrika und beklagte den

Widerstand – „auf einen Lösungsversuch nach Osten ertöne das englische Nein ebenso wie

bei der Kolonialforderung“ 87 – aber tatsächlich halte er „die Kolonialfrage noch nicht für

lösungsreif“ und zeigte sich erstaunlich geduldig: „Man könne ruhig 4, 6, 8 oder 10 Jahre

warten.“ 88 Laag deutet in seinem Aufsatz auf den wunden Punkt in den britischen

Überlegungen zu einem internationalisierten Mittelafrika: Niemand hatte bislang mit

Frankreich oder anderen Kolonialmächten der betroffenen Region über die Ideen

gesprochen. 89 Daher fiel es ausgerechnet Hitler gegen Ende der Besprechung leicht, sich

als „Gralshüter der politischen Moral“ aufzuspielen: 90 „Deutschland wolle nicht andere

nichtbeteiligte Staaten mit der kolonialen Lösung [der deutschen Rückforderungen]

belasten. Vielleicht würden auch Belgien und Portugal gar nicht einverstanden sein“. 91

In den Folgemonaten versickerte die britische Initiative im Sand, zumal Hitler eine von ihm

angekündigte schriftliche Antwort unterließ. 92 Nur neun Tage nach der Unterredung

erfolgte der Anschluss Österreichs. Und im September 1938 war das Thema endgültig

erledigt, als Italien, Frankreich und Großbritannien als Höhepunkt des Appeasement im

„Münchener Abkommen“ zustimmten, dass die Tschechoslowakei – ohne ihre Zustimmung

– das Sudetenland an das Deutsche Reich abtreten müsse. Die Beschwichtigungspolitik

endete wiederum, als deutsche Truppen im März 1939 auch noch in den Rest der

Tschechoslowakei einmarschierten. Die Forderung nach Rückgabe der Kolonien hatte in

diesem Spiel ausgedient. Im folgenden Weltkrieg sollten den Überlegungen über Afrika

erstmals konkretere Pläne folgen.

86 Henderson, S. 199

87 Henderson, S. 200

88 Henderson, S. 201

89 vgl. Laag, S. 13 – 14

90 Laag, S. 15

91 Henderson, S. 201 – 202

92 vgl. Laag, S. 16 – 18

18

E.I.V.

Einschätzungen britischer und französischer Politiker

Grundsätzlich passte diese Außenpolitik Hitlers und die Zurückhaltung gegenüber einem

neuen kolonialen Engagement in Afrika zu seiner bereits in den Zwanziger Jahren

entstandenen Ideologie, denn „vor allem in rassischer Hinsicht besaß er starke Bedenken,

eine ‚klassische‘ Kolonialpolitik wieder aufleben zu lassen.“ 93 Seine Reaktion auf das

Appeasement und vor allem seine Herbeiführung des Endes dieser englischen

Kolonialstrategie zeigten deutlich, dass Hitlers Prioritäten keinesfalls in Afrika lagen. Auch

französische und britische Politiker zweifelten trotz aller Verhandlungsversuche, dass sich

Hitler letztendlich durch Kolonien in Afrika von europäischen Expansionsgelüsten

ablenken ließe. Zumindest im Nachhinein erklärten sie Revisionsforderungen als schlichte

Ablenkungsversuche. „Francois Poncet meinte [nach dem Krieg], daß die kolonialen

Forderungen der Dreißiger Jahre ‚nur ein Täuschungsmanöver Hitlers waren, der bloß auf

einen günstigen Augenblick wartete, um Hand an Österrreich und die Tschechoslowakei zu

legen.‘ Im gleich Tenor schätzte ihn der britische Ex-Premier Chamberlain ein: ‚Die

koloniale Agitation diente Hitler [

Absichten zu verbergen.‘“ 94 Der französische Kolonialminister Marius Moutet

durchschaute bereits 1937 die deutsche Hinhaltetaktik und vermutete, dass die immer

wieder erhobenen kolonialen Forderungen die Kriegsvorbereitungen etwa gegen die

UdSSR verbergen sollten. Das Deutsche Nachrichtenbüro zitiert sein Interview für „Echo

de Paris“, nach dem Moutet nicht glaube, „daß die Frage der Kolonien eine derjenigen

darstellt, um die es Deutschland und selbst dem Führer wirklich ernst ist. Deutschland

bedient sich dieser Frage für sein politisches Spiel [

England und Frankreich voneinander zu trennen, um England in einen Antisowjetfeldzug

hineinzuziehen. [

antikolonial. Damals beschäftigten ihn im wesentlichen die Ostgrenzen.“ 95

]

nur noch als Ablenkungsmanöver, um seine wahren

].

Das Ziel Deutschlands ist gewesen,

]

Als der Führer ‚Mein Kampf‘ geschrieben hat, war seine Einstellung

F. Kolonialismus und Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg

F.I.

Hitlers Grundüberlegungen zu Kolonien bis 1941/42

Bis 1940 setzte Hitler darauf, dass England schließlich nachgeben würde. „Nach den

Blitzfeldzügen im Osten, im Norden und Westen Europas glaubte Hitler im Sommer 1940

noch einmal fest daran, den ihm zur Unzeit und gegen sein ‚Programm‘ ‚aufgezwungenen‘

‚großen Krieg‘ durch einen ‚Ausgleich‘ auf der Basis der ‚Teilung der Welt‘ mit England

beenden zu können [

ganz Hitlers ursprüngliches Konzept eines völligen kolonialen Verzichts“ 96 für die

Gegenwart und die nahe Zukunft. Aber Hitler hat sich ohnehin häufig sehr widersprüchlich

].

Doch die Formel von der ‚Teilung der Welt‘ deckte nicht mehr

93 van Laak 2, 2. Absatz

94 Wagner, 2. Absatz; vgl. außerdem Schmokel, S. 109

95 Moutet, S. 897

96 Hildebrand, S. 773

19

über seine außenpolitischen Vorstellungen geäußert. „Es scheint notwendig zu sein,

zwischen strategischen Zielen und einer vagen und visionären Handlungsrichtung zu

unterscheiden“, überlegt Ian Kershaw, „die Belege für Hitlers strategisches globales

Denken konzentrieren sich auf die unmittelbaren Vorkriegsjahre, als sein Grundkonzept

einer Allianz mit Großbritannien gescheitert war, und auf die ersten Kriegsjahre, als immer

deutlicher wurde, daß die USA in den Konflikt eingreifen würden.“ 97 Auf dieser Basis

lassen sich auch die Variationen der Kolonialpolitik erklären. „In den Planungen der Jahre

1940 und 1941 rückte Afrika [

Überlegungen. [

den Eroberungsfeldzug im Osten Europas zu verzichten." Ohnehin änderten sich die

Kolonialpläne schlagartig mit dem Überfall auf die Sowjetunion ab 22.6.1941: Hitler schob

den Traum vom Weltreich in Übersee zurück in die Zukunft. „Die Fahrt nach Afrika und

zur Weltmacht führte über Moskau!“ 98 So äußerte Hitler im Juli 1942 im kleinen Kreis

seine mittlerweile wieder erlangte Grundüberzeugung, dass zumindest in absehbarer

Zukunft „Kolonien für uns gar nicht notwendig seien. Allein schon das Problem der

Aufrechterhaltung der Verbindung zwischen Großdeutschland und solchen etwa in Afrika

gelegenen Kolonien mache Schwierigkeiten. [

Kolonien könne er in Anbetracht der Ostgebiete mit ihren außerordentlichen

Rohstoffmöglichkeiten nicht anerkennen. [

zu erschließen, sei unverständig.“ 99

]

in unmittelbare Reichweite der Hitlerschen

]

Doch niemals dachte Hitler daran, anstelle überseeischer Kolonien auf

]

Ein unabweisbares Bedürfnis nach

]

Lediglich des Kaffees wegen Kolonialgebiete

F.II.

Afrika-Feldzug 1941 – 1943

Ein primäres Ziel der nationalsozialistischen Kriegsführung war also die Expansion nach

Osteuropa, denn „die Entscheidung über die europäische Hegemonie fällt im Kampf gegen

Rußland.“ 100 Wie bereits in den Zwanziger und Dreißiger Jahren standen Überlegungen zu

Kolonien in Afrika lediglich im Hintergrund. Auch der Afrika-Feldzug 1941 bis –43 folgte

ausschließlich taktischen Überlegungen im Verhältnis zum Bündnispartner Italien, der

wiederum neokolonialen Träumen nachhing und diese bereits im Oktober 1935 mit einem

Überfall auf Abessinien und im September 1940 mit einer Offensive gegen Ägypten

umzusetzen versuchte – zu Beginn der Vierziger Jahre mit unzureichenden Erfolgen. Indes

hatten Deutschland und Italien ihre gegenseitigen Freundschafts- und

Bündnisverpflichtungen aus dem Japan einschließenden „Antikominternpakt“ von 1936/37

im „Stahlpakt“ vom Mai 1939 verstärkt. Im September 1939 – kurz nach Kriegsausbruch –

hatten Deutschland, Italien und Japan zudem eine militärische Kooperation in Form des

„Dreimächtepakts“ vereinbart. Also nicht wegen eigener konkreter kolonialer Ziele in

Afrika, sondern auf Basis dieser Verträge und nach Analyse der militärischen Probleme des

97 Kershaw, S. 243

98 Hildebrand, S. 774

99 Picker, S. 667 100 Darlegungen, Punkt 9

20

Bündnispartners setzte deutsche „Hilfe für Italien“ 101 ein – denn „jede Schwächung in der

Stellung der Achse führt zu einem Vordringen der Russen“ 102 . Weitere Überlegungen zu

einem deutschen Eingreifen in Nordafrika und am Mittelmeer: „Durch unser Einrücken in

Marokko und durch die Beherrschung der Meerenge von Gibraltar durch uns trifft man den

Engländer und die französische Gefahr [einer Ablösung der Kolonien vom Deutschland-

freundlichen Vichy-Regime] gleichzeitig.“ 103 Im Dezember 1940 startete der „Einsatz von

Sturzkampfbombern, um die englische Flotte anzugreifen. 2 Stuka-Gruppen nach Sizilien,

2 Stuka-Gruppen nach Apulien, die [das von Italien beherrschte lybische] Tobruk [in

Nordafrika] als Zwischenlandeplatz benutzen sollen. [Die bereits im spanischen

Bürgerkrieg eingesetzte] Kondorstaffel soll Suezkanal verminen.“ 104 Schon einen Monat

später, nach einer Besprechung Hitlers mit dem italienischen faschistischen Regierungschef

Benito Mussolini im Januar 1941, wurde das „Deutsche Afrikakorps“ unter dem

Kommando von General Erwin Rommel aufgestellt. Nordafrika war allerdings für die

Italiener und die Deutschen verloren, als die „Heeresgruppe Afrika“ am 13. Mai 1943

kapitulierte und 252.000 deutsche und italienische Soldaten in alliierte

Kriegsgefangenschaft gehen mussten.

F.III.

Träume von einem deutschen Mittelafrika bis 1943

Erst gegen Ende der Dreißiger Jahre entwickelten Beamte und Juristen konkrete Pläne für

ein deutsches Mittelafrika, dessen Ausdehnung verschiedene Interessengruppen wie die

I.G. Farben, die Deutsche Bank und das Oberkommando der Marine immer wieder neu

umrissen. Erste Expansionsgelüste auf ein riesiges mittelafrikanisches Kolonialreich waren

bereits gegen Ende des Kaiserreichs aufgekommen. Jetzt gaben die Konzeptentwickler die

vielschichtigen wilhelminischen Ansätze auf oder erweiterten sie in zuvor ungeahnte

Dimensionen der Verfügungsgewalt. In den Zukunftsentwürfen diente ein beträchtlicher

Teil des Kontinents als Wirtschafts- und Arbeitsraum zur Totalausbeutung für Deutschland.

Träume von Siedlungen im Gemeinschaftsgeist oder von einer europäischen Grundsätzen

folgenden Förderung der Zivilisation unter den Afrikanern hatten dabei keinen Platz.

„Verwaltungsdistrikte wurden geplant, Lehrer, Ärzte und Polizisten ausgebildet“, fasst

Friedel Hütz zusammen, „SS, Kolonialpolitisches Amt, Wehrmacht und diverse andere

Behörden stritten bereits darum, wer die Verwaltung und Ausbeutung der eroberten Gebiete

leiten sollte.“ 105 Diese starke Konkurrenz musste zwangsläufig eine inhaltliche

Radikalisierung bewirken, schon alleine weil die Nationalsozialisten vom kleinsten

Beamten bis zum Spitzenpolitiker eifrig dem von ihnen vermuteten Führerwillen

nachzukommen versuchten. Hitler selbst hielt sich jedoch aus den konkreten Planungen

101 Darlegungen, Punkt 4

102 Darlegungen, Punkt 3

103 Darlegungen, Punkt 5

104 Darlegungen, Punkt 4

105 Hütz, S. 77

21

nicht nur bei den Kolonien heraus, bis sich eine bestimmte Lösung durchsetzen konnte: Der

Leiter der Parteikanzlei Martin Bormann wies 1943 „darauf hin, daß alle Befehle und

Verordnungen sämtlichen Beteiligten vor ihrer Verkündung vorgelegt werden müßten; an

den Führer dürfe man sich erst wenden, nachdem alle Beteiligten eine klare Position

bezogen hätten. Hier wurde auf das komplexe Geschäft staatlicher Verwaltung quasi das

Grundprinzip der Partei übertragen, die Dinge sich entwickeln zu lassen, ‚bis der Stärkste

sich durchgesetzt hat‘“ 106 – und das war in dieser Auseinandersetzung sicher nicht das

Kolonialpolitische Amt, das sich gegen seine geringere Bedeutung zu profilieren versuchte.

Kein Wunder also, dass schließlich massive Maßnahmen für das künftige Afrika

herauskamen. Eine theoretische Rechtfertigung hat lt. Kum’a Ndumbe III. der Geopolitiker

Erich Obst nach der Niederlage Frankreichs 1940 formuliert: Die Rolle Afrikas habe sich

auf eine Ergänzungsfunktion zu beschränken. Mit der geforderten „eurafrikanischen

Gemeinschaft“ bezeichnete Obst „eine erzwungene Verbindung, in der ein Partner

ausschließlich dem anderen diente.“ 107

1940 erarbeiteten das Kolonialpolitische Amt der NSDAP, das Innenministerium und

verschiedene Behörden ein als koloniale Verfassung konzipiertes „Reichskolonialgesetz“,

ein „Gesetz über die Haushaltsführung, Rechnungslegung und Rechnungsprüfung in den

Kolonien“ sowie juristische Ergänzungen, die allesamt die vollständige „Eingliederung der

afrikanischen Wirtschaft in den europäischen Wirtschaftskreislauf unter deutscher

Hegemonie“ verfolgten. 108 Wie weitgehend in den besetzten Gebieten Russlands

vorgesehen oder 1942 bereits umgesetzt, sollte „die gesamte Wirtschaft inklusive des

Landbesitzes [

Rücksicht auf bestehende Besitzverhältnisse. 109 In diesem in diversen Verordnungen

festgelegten System könnten Schwarze zwar Grundbesitz nutzen, wären dabei jedoch vom

„Gutdünken des Gouverneurs“ abhängig, eines „politische[n] Repräsentant[en] des

Reichskanzlers“. Schwarze hätten keinen Rechtsanspruch auf eine Eintragung ins Kataster,

„auch Mietverträge, Überlassungsurkunden usw. zwischen Weißen und Schwarzen

]

unter die Kontrolle der staatlichen Behörden gestellt werden, ohne

bedurften [

Liegenschaftsrecht prinzipiell nur Weiße betraf, wurden nur ihre Rechte wirksam [

Andererseits konnten im Prinzip alle Ländereien, die nicht im Kataster eingetragen waren,

jederzeit zu herrenlosen Ländereien erklärt werden“. Wie in Osteuropa hätte sich das

Deutsche Reich die Verfügungsgewalt über Grund und Boden angeeignet und lediglich

]

der Zustimmung des Gouverneurs. [

]

Da die Verordnung über das

].

„genau festgelegte Parzellen an die Schwarzen abgetreten, die sie bewohnen und

bewirtschaften konnten. Der Rest – und das wäre der größte Teil des Landes gewesen –

wäre dem Staat und somit den Weißen vorbehalten gewesen.“ 110

106 Kershaw, S. 136

107 Kum’a Ndumbe III., S. 68 – 69; vgl. außerdem Obst, Erich: Ostbewegung und Afrikanische Kolonisation als Teilaufgaben einer abendländischen Großraumpolitik. In:

Zeitschrift für Erdkunde. 1941, Heft 9 – 12, S. 266

108 Kum’a Ndumbe III., S. 77

109 Hütz, S. 78

110 vgl. Kum’a Ndumbe III., S. 109 – 110

22

Wie sich bereits in diesen Vorschriften andeutet, hätte es grundsätzlich eine eigene

Gerichtsbarkeit für Schwarze gegeben, wobei die trotz Nationalsozialismus in Europa

teilweise noch sichtbare Gewaltenteilung komplett aufgehoben wäre: „Exekutive und

Legislative sollten eine untrennbare Einheit bilden“, und die Rechtsprechung läge in den

Händen von Verwaltungsvertretern der Regierung statt von ordentlichen Richtern. „Die

Justiz verlor damit all ihren Sinn, da sie kraft Gesetz zunächst und vor allem im Dienste der

Politik des Kolonisators stehen sollte.“ 111 Kum’a Ndumbe III. erklärt weiter: „In Fällen,

die nur das Zivilrecht, also keine Strafsache betrafen, wurde das Gewohnheitsrecht als

legitimes und legales Recht anerkannt. Sobald die Interessen des Kolonisten betroffen

waren, oder auch, wenn diese meinten, das juristische Konzept der Schwarzen sei ohne

Sinn, dann mußte dieses Recht weichen.“ 112 Juristischer Willkür des Staates waren also

keine Grenzen gesetzt, zumal Polizei, SS und Gestapo das System der Kolonialherren

sichern sollten, das entgegen den Gedanken aus dem Wilhelmismus „nicht Einsatz und

Verwendung öffentlicher Mittel für die Gemeinschaft“ vorgesehen habe: „Koloniale

Verwaltung bedeutete vielmehr Zwang und Polizeigewalt mit dem Ziel, die maximale

Ausbeutung der Kolonie zum Schaden der rechtmäßigen Besitzer des Landes.“ 113

1939 habe der Kolonialexperte Warhold Drascher zwar die Abhängigkeit der schwarzen

Bevölkerung gefordert, aber ihr durchaus noch viele Rechte zugebilligt, räumt Kum’a

Ndumbe III. ein. 114 Durchgesetzt hat sich allerdings eine andere Überzeugung: Da laut

Rassentheorie die Afrikaner von Natur aus faul seien, sollte die permanente Zwangsarbeit

eingeführt werden“ – ähnlich wie sie bei Juden und vielen Osteuopäern praktiziert wurde.

„Zu diesem Zweck entwarf das Kolonialpolitische Amt eine ‚Verordnung über das

Arbeitsbuch der Eingeborenen und gleichgestellten Fremden in der Kolonie‘ [

strikter Durchführung konnte diese Verordnung eine totale Kontrolle der Afrikaner

gewährleisten. [

Existenzminimum. Nicht im Zwangsarbeitsprozeß benötigte Arbeitnehmer konnten in die

Reservate zurückkehren.“ 115 Damit diese Totalausbeutung niemals in Gefahr gerät, sollen

die Afrikaner dumm gehalten werden. So war zwar die Einrichtung von Regierungsschulen

für Schwarze vorgesehen, „um einer möglichst große Anzahl von ‚Eingeborenen‘ die Kunst

des Lesens und Schreibens beizubringen [

Lernen auf dem niedrigsten Niveau“, stellt Kum’a Ndumbe III. heraus, es ging in keinem

Fall darum, den Schwarzen den Zugang zur Universität oder eine höhere Schulbildung zu

ermöglichen“. 116 Zum Vergleich: Reichsführer SS Heinrich Himmler setzte für Osteuropa

den Slawen 1940 ähnliche, aber noch engere Grenzen – „das Ziel dieser Volksschule hat

lediglich zu sein: einfaches Rechnen bis höchstens 500, Schreiben des Namens, eine Lehre,

]. Bei

]

Der teilweise in Naturalien zu zahlende Arbeitslohn orientierte sich am

,]

aber [

]

es handelte sich immer um ein

111 Kum’a Ndumbe III., S. 129

112 Kum’a Ndumbe III., S. 130

113 Kum’a Ndumbe III., S. 136

114 Kum’a Ndumbe III., S. 78

115 Hütz, S. 78

23

dass es ein göttliches Gebot ist, den Deutschen gehorsam zu sein und ehrlich, fleißig und

brav zu sein. Lesen halte ich nicht für erforderlich.“ 117 In Afrika wurden solche

Vorstellungen so verändert, dass es verboten sein sollte, sich mit irgendeiner europäischen

Sprache auseinanderzusetzen. „Lernten die Weißen die Sprachen der Schwarzen, würden

sie deren Welt besser kennenlernen, um sie leichter beherrschen zu können, und

gleichzeitig würde das verhindern, daß die Schwarzen ein Mittel zur Erschließung der Welt

der Weißen zur Verfügung hätten.“ 118

Erst im Laufe der Dreißiger Jahre konkretisierten sich die nationalsozialistischen

Vorstellungen, dass eine strikte Rassentrennung Bedingung für eine im Sinne Deutschlands

erfolgreiche Kolonialpolitik sei. Die NS-Vordenker und –Politiker verschärften diese aus

dem Kaiserreich stammende Idee, indem sie ein theoretisches Fundament und konkrete

Vorschriften ähnlich den „Nürnberger Gesetzen“ 119 für Juden mitsamt ihren

weitreichenden Erweiterungen schufen. Die Nationalsozialisten sahen eine massiv

eingeschränkte Selbstverwaltung der Afrikaner vor. Prinzipiell hätte das dann wohl so

ausgesehen wie der Judenrat etwa im Warschauer Ghetto ab Ende 1940, dem zwar eine

jüdische Ordnungspolizei unterstand, der aber tatsächlich ein Kontrollinstrument für die

eingeschlossenen Menschen darstellte und bei der Organisation der Deportationen in die

Vernichtungslager helfen musste. „Der Judenrat hatte zwei generelle Aufgaben“, heißt es in

der Monografie eines sadistischen SS-Mannes im Warschauer Ghetto, „zum einen war er

eine Art Magistrat einer ungewöhnlichen Großstadt und musste die notwendigen

Die andere Aufgabe bestand darin, die Juden und

deren unterschiedliche Belange den deutschen, aber auch den polnischen Behörden

gegenüber zu vertreten.“ 120 Selbst wenn die Nationalsozialisten keine Vernichtung der

kommunalen Einrichtungen schaffen [

].

Schwarzafrikaner vorsahen, planten sie prinzipiell ähnliche Abhängigkeitsstrukturen wie

bei den Juden und betrachteten „Häuptlinge und Dorfälteste“ lediglich als

„Ausführungsorgane für Anordnungen der deutschen Behörden.“ Entsprechend legte

Rudolf Asmis vom Kolonialpolitischen Amt, vor 1914 Gouverneur von Kamerun, 1940

acht Grundsätze „für die deutsche koloniale Verwaltungstätigkeit“ fest. Die deutsche

Regierung, so heißt es dort, werde „den Eingeborenen zunächst einmal ihre ureigensten

Angelegenheiten zur Regelung selbst überlassen“. Viel Spielraum wäre den Afrikanern

nicht geblieben: „Die Beteiligung der Schwarzen an der Verwaltung hatte also die schnelle

116 Kum’a Ndumbe III., S. 103 – 104

117 Zitiert nach: Wikipedia, Thema „Erziehung im Nationalsozialismus“, Abschnitt „Umgang mit Minderheiten“; http://de.wikipedia.org/wiki/Erziehung_im_Nationalsozialismus; Download 09.03.2007

118 Kum’a Ndumbe III., S. 104

119 Nürnberger Gesetze: Mit diesen am 15.09.1935 vom Reichstag in Nürnberg angenommenen Gesetzen stellten die Nationalsozialisten ihre antijüdische Ideologie auf eine juristische Basis; bestehend aus dem „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, dem Reichsbürgergesetz und dem inhaltlich damit zusammenhanglosen Reichsflaggengesetz

120 Schwan, Heribert und Helgard Heindrichs: Der SS-Mann. Leben und Sterben eines Mörders. München: Knaur Taschenbuch 2005. S. 57

24

und effektive Ausführung der aus Deutschland kommenden Weisungen zum Ziel.“ 121

Anders als in Polen oder generell in Osteuropa sollten die Deutschen allerdings nicht die

Einheimischen verdrängen: „Deutsche Experten sprachen von 800.000 Kolonisten, die nach

dem Krieg in Afrika anzusiedeln seien. Diese deutschen Kolonisten würden dort mehreren

Millionen Schwarzen gegenüberstehen“ 122 – strikt nach den Rassen in getrennten

Gemeinschaften lebend.

Das Gegenstück zu den „Nürnberger Gesetzen“ hätte das „Kolonialblutschutzgesetz“

gebildet, zu dem im September 1940 ein erster Entwurf vorlag. 123 Verboten sind die Heirat

und „der außereheliche Geschlechtsverkehr“ von Deutschen mit u.a. „Eingeborenen,

Angehörigen aus den nichtdeutschen Gebieten Afrikas [

Eingeborenenbluteinschlag“. 124 Als Strafen drohen den Deutschen Gefängnis bzw.

„Zuchthaus“ und den Afrikanern „Gefängnis mit Zwangsarbeit“ oder gar Hinrichtung. 125

]

[und] „Mischlinge[n] mit

„Die zeitweise ausufernden Planungen deutscher Behörden und ‚Vordenker‘“ über

Mittelafrika „als ‚kolonialen Ergänzungsraum‘ der Deutschen“ seien „zu keinem Zeitpunkt

einer Verwirklichung nahe“ gewesen, meint Dirk van Laak. Er betont allerdings, dass die

„periphere[.] Bedeutung“ in einem seltsamen Gegensatz zu „echter Popularität“ 126 der

„Hoffnungen auf einen Wiedererwerb der ehemaligen deutschen Kolonien“ 127 gestanden

habe. Diese wurden etwa in der hohen Zahl von 2 Millionen Mitgliedern des

Reichskolonialbundes 1942 sichtbar, 128 die freilich von dem konkreten Mittelafrika-

Vorhaben so gut wie keine Kenntnis nahmen und beim Thema Kolonien häufig den

romantischeren wilhelminischen Vorstellungen verhaftet blieben, ohne dabei von

Rassismus oder Bereicherungswünschen Abstand zu nehmen. Diese erst 1936

gleichgeschaltete Organisation zog zudem viele Deutsche an, „die sich [

Nationalsozialismus identifizierten [und] in den Reichskolonialbund ‚flüchteten‘.“ Anders

als überzeugte Nationalsozialisten glaubten diese einflusslosen traditionellen

Kolonialfreunde weiterhin an „Deutschlands koloniale Kulturaufgaben“ 129 , die Paul H.

Kuntze schon 1938 formuliert hatte: „Die Hauptaufgaben unserer Kolonialwissenschaft

liegen in der Rettung der Eingeborenen, der Tierwelt und des Bodens, im Schutz des

Deutschen in den Tropen vor Seuchen und klimatischen Gefahren, im Studium neuer

Wirtschaftsformen, in geologischer, botanischer, zoologischer Erkundung und in

Volkstumsforschung“, fasst der Korvettenkapitän a.D. gleichzeitig idealistisch, arrogant

] nicht mit dem

121 Kum’a Ndumbe III., S. 101; vgl. außerdem Asmis, Rudolf: Grundlagen und Ziele der künftigen deutschen Kolonialverwaltung. In: Deutscher Kolonialdienst, Heft 9, 1940. S. 131

122 Kum’a Ndumbe III., S. 102

123 vgl. Blutschutzgesetz

124 Blutschutzgesetz, § 2 und § 4

125 Blutschutzgesetz, § 5 und § 6

126 van Laak 2, 1. Absatz

127 van Laak 2, 2. Absatz

128 vgl. van Laak 2, 1. Absatz

129 Kuntze, S. 202

25

und paternalistisch zusammen, „Seuchen haben seit dem Kriege mehrere Negervölker stark

dezimiert [

Militärdienst und schädliche Einflüsse europäischer oder amerikanischer Zivilisation

erreicht.“ 130 Die zu dieser Haltung passende und in der Kaiserzeit beliebte Parole hatte der

Dichter Emanuel Geibel 1861 erfunden: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“ 131

Wenn schließlich im Laufe der Dreißiger Jahre an der 1927 gegründeten Kolonialen

Frauenschule in Rendsburg gleich drei Bewerberinnen auf eine freie Stelle kamen 132 ,

deutete dieser Ansturm auf die Attraktivität einer möglichen Ansiedlung unter afrikanischer

Sonne, erhielten diese jungen Mädchen doch eine hauswirtschaftliche Ausbildung und

erwarben Schlüsselqualifikationen zur Unterstützung eines potenziellen Ehemannes in

seiner Funktion als Siedlungspionier. Als sich der Krieg ab 1942 nach und nach ungünstig

für die Deutschen entwickelte und auch die Heimat belastete, boten vom NS-Regime

geduldete koloniale Siedlungsphantasien höchstens noch eine Chance zur Flucht aus dem

Alltag. Das Kolonialpolitische Amt und diverse Behörden planten hingegen bis 1943 an

ihrem Kolonialreich in Afrika mit der Absicht absoluter Verfügungsgewalt beim Verzicht

auf großflächige Ansiedlung von Deutschen. In den letzten Tagen der für Deutschland

vernichtenden Schlacht von Stalingrad war Schluss damit: „Am 13.1.1943 hat der Führer

die Mobilisierung der Heimat und damit die Einstellung jeder kriegsunwichtigen Tätigkeit

befohlen“, hieß es lapidar in einem Fernschreiben Martin Bormanns an Ritter von Epp, „im

Auftrage des Führers teile ich Ihnen mit, daß die Tätigkeit des Kolonialpolitischen Amtes

und die des Reichskolonialbundes bis zum 15.2.1943 völlig stillzulegen ist.“ 133

].

Das gleiche haben Überarbeit, gewaltsame Verpflanzung, erzwungener

F.IV.

Juden nach Madagaskar

Die totale Machtausübung in Afrika oder zumindest den Großteil des Kontinents hätte

selbst extremste Sondernutzungen ermöglicht, so von Madagaskar als geschlossenem

Internierungsgebiet für die europäischen Juden. Britische und niederländische Antisemiten

wie Henry Hamilton Beamish schlugen in den Zwanziger Jahren vor, dass Juden in die

französische Kolonie abgeschoben werden sollten. „Im März 1938 war Adolf Eichmann,

der spätere Organisator der Ausrottung der europäischen Juden, beauftragt worden,

Material der französischen und britischen Planungen für eine Ansiedlung von Juden in

Madagaskar zu sammeln“ 134 , markieren Gisela Graichen und Horst Gründer den

nationalsozialistischen Start für das Vorhaben. Ein Jahr nach Kriegsausbruch, „in den

Monaten zwischen der Niederlage Frankreichs im Juni und der fehlgeschlagenen Eroberung

Großbritanniens im September 1940[,] arbeiteten zahlreiche Stellen von Auswärtigen Amt

bis zur SS am ‚Madagaskarplan‘.“ 135 Federführend bei diesen Planungen war Franz

130 Kuntze, S. 203

131 Zitiert nach: Wikipedia, Thema „Emanuel Geibel“, Abschnitt „Künstlerisches Schaffen“; http://de.wikipedia.org/wiki/Emanuel_Geibel; Download 10.03.2007

132 vgl. Graichen/Gründer, S. 411

133 Bormann, S. 941

134 Graichen/Gründer, S. 435

135 Recherche, S. 38

26

Rademacher, als Referatsleiter im Auswärtigen Amt u.a. zuständig für sogenannte

„Judenfragen“. Das Landgericht Bamberg stellte dazu im Mai 1968 fest: „Dass es dem

Angeklagten jedoch nicht nur um die Verbesserung des Schicksals der Juden ging, sondern

dass er zunächst ganz allgemein bestrebt war, linientreu an der Lösung der Judenfrage

mitzuarbeiten, zeigen folgende von ihm verfasste Schriften: Die Aufzeichnung vom

3.6.1940 (AA Inland II g 177, Bl.229), seine Denkschrift ‚Die Judenfrage im

Friedensvertrag‘ vom 3.7.1940 (a.a.O., Bl.230, 231) und seine Vortragsnotiz vom

12.8.1940

‚Bisherige Entwicklung des Madagaskarplanes des Referats D III‘ vom

30.8.1940

(a.a.O., Bl.195, 196). Wenn er hier verlangt, ‚Alle Juden aus Europa‘ und dies in

Friedensverträgen zu verankern und bei nicht kriegführenden Staaten durch Einzelverträge

festzulegen vorschlägt, so kann er dies nicht mehr glaubhaft mit der schlechten Behandlung

der Juden in Deutschland begründen. Ebenso zeigt sein Vorschlag, die Juden nach

Madagaskar zu deportieren, also zwangsweise dorthin zu bringen, dass er gewillt war, an

der völligen Ausschaltung des Judentums in Europa mitzuarbeiten.“ 136

Der spätere Massenmord zeichnet sich also bereits in diesem Projekt ab, das die Juden

selber finanzieren sollten: „Für den ihnen zur Verfügung gestellten Grund und Boden

sollten die Deportierten ihr Vermögen einer Bank übertragen, und aus dem Guthaben

könnten die Kosten der Übersiedlung beglichen werden“ 137 – einschließlich der

Entschädigungen für rund 25.000 Franzosen, die allesamt Madagaskar nach der

Übertragung als Mandat an das Deutsche Reich verlassen sollten, am besten zusammen mit

den rund 3,8 Millionen einheimischen Afrikanern. 138 Die SS sollte die Deportation der 6

Millionen Menschen übernehmen und das Riesen-Ghetto verwalten. 139 „Die im

Madagaskar-Projekt geplante ‚jüdische Wohnstätte unter deutscher Oberhoheit‘ wäre de

facto [

darauf hin, dass das isolierte Gebiet niemals genügend Lebensmittel geboten und das

beschwerliche tropische Klima die unzureichend versorgten Menschenmassen dahingerafft

hätte. Hitler war dieser Zusammenhang klar, wie er in einem seiner Tischgespräche im Mai

1942 etwas verborgen argumentierte: „Es empfehle sich [

abzuschieben [

einem Klima auszusetzen, das jeden Menschen unserer Widerstandskraft beeinträchtige und

]

]

eine Sterbeinsel gewesen“, 140 weist das Deutsche Historische Museum Berlin

]

nicht, die Juden nach Sibirien

].

Viel richtiger sei es, sie [

nach Afrika zu transportieren und sie damit

damit jede Interessenüberschneidung mit europäischem Menschentum ausschließe.“ 141 Die

Vorbereitungen zu dem Projekt blieben stecken, als Großbritannien wider Erwarten

erfolgreich den weiteren Kriegsverlauf überstand: Die als „Massenauswanderung“ verklärte

Deportation sei gescheitert, „weil die jüdisch beeinflußten Weltbanken die Vorfinanzierung

und Großbritannien das freie Geleit für die Auswanderer-Schiffe versagten“ 142 – so liefert

136 Landgericht, Punkt 5: Die Einstellung des Angeklagten zur Judenfrage

137 Graichen/Gründer, S. 438

138 vgl. Graichen/Gründer, S. 435

139 vgl. Graichen/Gründer, S. 438

140 Museum

141 Picker, S. 485

142 Picker, S. 434 – 435

27

der früherer juristische Mitarbeiter im Führerhauptquartier Henry D. Picker Stoff für bis

heute verbreitete Legenden, dass Hitler eigentlich einen humanen Weg zur Entlastung von

den Juden gesucht habe.

Dass der Madagaskarplan nahtlos in den Holocaust überging, zeigt ein Schreiben von

Rademacher, das allen Überlegungen zur Verschickung von Juden auf die Insel vor der

ostafrikanischen Küste ein Ende setzte: „Im August übergab ich Ihnen für Ihre Akten, den

von meinem Referat entworfenen Plan zur Endlösung der Judenfrage, wozu die Insel

Madagaskar von Frankreich im Friedensvertrag gefordert [

gegen die Sowjetunion hat inzwischen die Möglichkeiten gegeben, andere Territorien für

die Endlösung zur Verfügung zu stellen. Demgemäß hat der Führer entschieden, daß die

Juden nicht nach Madagaskar, sondern nach dem Osten abgeschoben werden sollen.“ 143

Der Madagaskarplan fügt sich in die von Allmachtsphantasien getragenen verbrecherischen

NS-Strategien, in denen Millionen von Menschen erst über den Erdball verschoben und

dann nach Belieben missbraucht oder vernichtet werden. In Afrika wollten die

Nationalsozialisten keinesfalls anders vorgehen.

]

werden sollte. [

]

Der Krieg

G. Reaktionen in Afrika auf die nationalsozialistischen Kolonialideen

G.I.

Weltkrieg als Problem der Kolonialherren

So weit Quellen nach dem aktuellen Forschungsstand überhaupt Auskunft darüber geben,

setzten sich schwarze Afrikaner mit den radikalen Ideen aus Deutschland nicht auseinander,

schon alleine weil Entwürfe etwa zu einem „Kolonialblutschutzgesetz“ nicht an die

Öffentlichkeit drangen und weil die konkreten Auseinandersetzungen z.B. mit der

südafrikanischen Apartheid oder mit der kolonialen Unterdrückung durch etwa die Briten

im Vordergrund standen. Viele schwarze Afrikaner fassten den Weltkrieg zumindest in den

Anfängen nicht als ihren eigenen Krieg auf, sondern sahen in ihm ein Problem ihrer

Kolonialherren. Freilich ließ sich die extrem rassistische Herrenmenschen-Ideologie der

Nazis nicht ganz vor den Augen aufmerksamer Beobachter in Afrika verbergen: „Ich hatte

schon in Ouagadougou ‚Mein Kampf‘ gelesen“, erinnert sich Edouard Kouka Ouédraoho,

der im Zweiten Weltkrieg als Kolonialsoldat aus Westafrika auf Seiten der Franzosen

gegen Nazi-Deutschland kämpfte und 1966 nach der Unabhängigkeit Overvoltas von 1960

Postminister wurde. Für Ouédraoho war schon früh klar, „dass ich für die Deutschen nicht

besser war als ein Affe und dass ich es bloß nicht wagen sollte, gegen Deutschland

aufzubegehren.“ 144

143 Rademacher, S. 281

144 Recherche, S. 25

28

G.II.

Araber statt Askari für Deutschland

Vor diesem Hintergrund mag es leicht zu verstehen sein, dass schwarze Afrikaner nicht in

deutschen Einheiten am Krieg teilnahmen. Es sprach sich vielleicht auch herum, „dass die

Deutschen Zehntausende [schwarzer] Kolonialsoldaten umbrachten. Sie waren Opfer von

Massakern und Hinrichtungen, Misshandlungen und Folter, von Hunger und Zwangsarbeit.

Nach Schätzungen von Historikern kam etwa die Hälfte der afrikanischen

Kriegsgefangenen in den deutschen Lagern ums Leben“ 145 – keine günstigen

Ausgangsbedingungen also, dass schwarze Afrikaner bereit gewesen wären, Partei für das

Dritte Reich zu ergreifen. Tatsächlich sind die Gründe jedoch wesentlich banaler, dass „die

Zahl der afrikanischen Kollaborateure des NS-Regimes [

den Zehntausenden Afrikanern, die gegen den Faschismus kämpften.“ 146 Nach dem Verlust

ihrer Kolonien konnten die Deutschen eben anders als die Briten nicht direkt um die

Unterstützung von Afrikanern werben oder diese sogar in die Armee pressen. Im Gegensatz

zu seinen Militärs hat sich außerdem Hitler generell gegen die Aufstellung von

Kolonialtruppen ausgesprochen – auf den nationalsozialistischen Rassentheorien basierende

Vorbehalte und Ängste hätten also selbst bei der Errichtung eines deutschen

Kolonialreiches in Mittelafrika verhindert, dass die Armee an Traditionen aus der

Kaiserzeit angeknüpft und Askari 147 rekrutiert hätte – anders als bei mehr oder weniger

kooperativen Arabern in den Hilfstruppen auf Seiten Deutschlands oder des faschistischen

Italiens. Auch die Araber rangierten rassentheoretisch weit unter den sogenannten Ariern,

aber aus Vorrang für Realpolitik hätten die Nationalsozialisten schon seit den frühen

Dreißiger Jahren „die Araber als Partner im Kampf gegen die Juden“ gewinnen wollen,

führt Kum’a Ndunmbe III. aus. 148 Eine entscheidende Rolle habe in diesem

Zusammenhang auch gespielt, dass die Führungsspitze des Dritten Reichs die besondere

strategische Bedeutung des arabischen Raumes erkannt habe und Frankreich in Algerien,

Marokko und Tunesien gleichzeitig als deutscher „Erzfeind“ und arabischer

Kolonialherrscher eine Angriffsfläche geboten habe. „Als nach der Niederlage Frankreichs

deutsche Truppen [

den Befehlshaber Erwin Rommel „als den Befreier der Araber von den Zionisten [

Kämpfer gegen die britischen Besatzungstruppen in Ägypten und gegen die französischen

Imperialisten“ dargestellt, 149 heißt es weiter bei Kum’a Ndumbe III.

]

gering [war] im Vergleich zu

]

nach Nordafrika geschickt wurden,“ habe die deutsche Propaganda

], als

Der Glaube an gemeinsame Interessen zeigte Wirkung im Krieg: „1942 bildeten die

Deutschen eine ‚Antibolschewistische Legion‘, die unter dem Kommando des tunesischen

‚Führeres‘ Abderrahman Yassine stand [

Deutschen an der Ostfront in Russland und später auch in Italien und Tunesien. Im gleich

].

Teile dieser Truppe kämpften mit den

145 Recherche, S. 148

146 Recherche, S. 149

147 Askari: Zwischen 1890 und 1918 bei der Schutztruppe in Deutsch-Ostafrika dienende Soldaten afrikanischer Herkunft, häufig aus dem Sudan stammend

148 Kum’a Ndumbe III., S. 41

29

Jahr entstand in Tunesien die [auf Hitler vereidigte 150 ] ‚Phalange Africaine‘, eine Einheit

aus [Franzosen und 151 ] nordafrikanischen Kolonialsoldaten, die ‚unter einem gemischten

Kommando von Vichy-Franzosen 152 und Deutschen‘ zum ‚Werkzeug bei der

Wiedereroberung Afrikas‘ werden sollte. [

Rekrutierungsbüro] Tunis kaum mehr als einhundert Männer freiwillig meldeten, trieben

deutsche und französische Soldaten kurzerhand Einheimische mit Gewalt zusammen [

und verschleppten sie an die Front in Nordafrika. [

in ein Algerisches Bataillon auf, das vier Kompanien unter deutschem Kommando

umfasste. [

arabischen Hilfstruppe, der gegen die französischen Partisanen eingesetzt wurde.“ 153 Die

Autoren von „Unsere Opfer zählen nicht“ zitieren ein französisches Schulprojekt, nach dem

die Mitglieder dieses kleinen arabischen Sonderkommandos „ohne Skrupel“ massenhaft

gemordet und „die Drecksarbeit für die Gestapo“ erledigt hätten. 154 Nach dem Krieg gab es

in Afrika keine Auseinandersetzung über solche Gräueltaten: Stattdessen prägten die

eigenen Opfer der anhaltenden Verbrechen der Kolonialmächte und der jahrzehntelangen

Befreiungskämpfe etwa in Algerien das Bewusstsein.

]

Als sich [im Januar 1943 im

]

]

Später ging die ‚Phalange Africaine‘

]

Anfang 1944 entstand auf Geheiß führender Nazis in Paris ein Ableger der

G.III.

Indirekte Konfrontation durch Vichy

Indirekt ließen die Nationalsozialisten allerdings durchaus einige schwarze Afrikaner

antreten, wenn diese zusammen mit Arabern unter französischem Befehl des NS-

freundlichen Vichy-Regimes dienten. „Der Kampf um Dakar [im September 1940] war die

erste Konfrontation der französischen Kollaborationsregierung mit den Truppen des Freien

Frankreich 155 . Erstmals standen sich Franzosen mit afrikanischen Kolonialsoldaten auf

beiden Seiten der Front gegenüber.“ 156 Im Laufe der Zeit zeigte sich, dass die Loyalität

gegenüber Vichy schwach ausgeprägt war und nicht zuletzt durch die Einschränkung der

bereits bescheidenen Mitspracherechte sowie durch die Verhängung schwerster Strafen und

die Einführung der Zwangsarbeit kontinuierlich abnahm: „In Guinea verweigerte die Hälfte

der Dorfchefs den Vichy-Beamten den Gehorsam. Und in Benin lehnte es Toffa Gbehinto,

der Älteste von Porto Novo, ab, eine Treueerklärung gegenüber dem Vichy-Regime zu

unterzeichnen. [

]

Joseph Issoufou Conombo studierte damals in Dakar Medizin [

]

[,und

149 Kum’a Ndumbe III., S. 42

150 vgl. die etwas fragwürdige private Website http://www.axishistory.com/index.php?id=2603; Download 06.03.2007

151 vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Phalange_Africaine; Download 06.03.2007

152 Vichy-Regierung: Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands 1940 kontrollierte die Deutsche Wehrmacht unmittelbar den Norden Frankreichs einschließlich Paris, aber im Süden regierte ein französisches Kollaborationsregime unter Marschall Henri Philippe Pétain in dem Städtchen Vichy.

153 Recherche, S. 97

154 Recherche, S. 97 – 98; vgl. außerdem http://www.ac- bordeaux.fr/Etablissement/CMontaigne/memoire/23par2-1-1.htm; Download 06.03.2007

155 Freies Frankreich: Nach dem Waffenstillstand von 1940 zum Weiterkampf gegen die Deutschen entschlossene Franzosen, die sich unter General Charles de Gaulle sammelten

156 Recherche, S. 98

30

er] weiß, dass viele Afrikaner heimlich den französischen Widerstand unterstützten und

Kontakte zu Vertretern des Freien Frankreich in den benachbarten britischen Kolonien [

unterhielten. Sie überquerten unbemerkt die Grenzen, schmuggelten Flugblätter gegen die

Kollaborateure von Vichy zurück nach Westafrika und verteilten sie unter ihren

Landsleuten. [

brutal. Ganze Dorfgemeinschaften flohen deshalb in die [

König Kouadio [

geforderten Zwangsarbeiter, Abgaben und Viehbestände zu liefern, und zog es vor, mit

einem Großteil seiner Untertanen in die Goldküste auszuwandern.“ 157

]

]

Die Repression der Vichy-Behörden war in den Grenzregionen besonders

]

]

britischen Kolonien. [

]

aus der Elfenbeinküste [weigerte sich], den französischen Truppen die

Zahllose weitere Beispiele des Widerstands ließen sich aufführen. Eine ähnliche

Auseinandersetzung direkt mit den Deutschen bzw. den Nationalsozialisten lässt sich

hingegen schlecht belegen, denn die Afrikaner waren selten unmittelbar mit ihnen

konfrontiert. Betroffen waren sie allerdings dadurch, dass das Vichy-Regime Rohstoffe und

Nahrungsmittel vor allem aus Algerien und Tunesien an das Deutsche Reich lieferte. 158

Strukturelle Ähnlichkeiten mit dem Holocaust treten hervor, indem Afrikaner den Terror

gegen andere Afrikaner im fernen Europa bezahlen sollten, nach dem gleichen Denkprinzip

wie die Juden ihre eigene Vernichtung finanzieren mussten. In Deutschland setzte

Reichsfinanzminister Schwerin von Krosigk diesen Prozess kurz vor Erlass der

„Nürnberger Gesetze“ „im Sommer 1935 unter seinen Beamten [mit einem]

Ideenwettbewerb in Gang, der die steuerliche Ausplünderung der deutschen Juden

bezweckte“ 159 und letztlich beim Herausbrechen der Goldzähne aus den Mündern der

Vergasten in Auschwitz endete. Ab 1941 wiederum ließen die Reichsregierung und das

Vichy-Regime „in Westafrika Geld zur Verpflegung Zehntausender Afrikaner in deutscher

Kriegsgefangenschaft sammeln [

zur Versorgung der Kriegsgefangenen Kolanüsse, Mais, Mehl, Honig und Geld liefern.“ 160

Dass diese Lebensmittel und das Geld eher der Kriegsführung als den Kriegsgefangenen

zugute kamen, kann angesichts der deutschen extremen Brutalität gegen

schwarzafrikanische Kolonialsoldaten als selbstverständlich gelten. Trotzdem entstand

weder im noch nach dem Krieg eine große afrikanische Verurteilung des

Nationalsozialismus, denn die traditionelle Unterdrückung war präsenter. Die Ausbeutung

blieb in Südafrika mit dem Ausbau der Apartheid sowie generell unter den alten

französischen oder britischen Kolonialherren erhalten, wenn auch in einer ähnlich bunten

Mischung aus Rassismus und Paternalismus wie im deutschen Kaiserreich und keineswegs

in der letzten Konsequenz der NS-Führung.

].

In der Elfenbeinküste mussten Bauern einem Komitee

157 Recherche, S. 98 – 99

158 vgl. Recherche, S. 100 und S. 141

159 Aly, Götz: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Durchgesehene und erweitere Ausgabe. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 2006. S. 22

31

G.IV.

Unerwartete Folgen

Da die Begegnung mit dem Dritten Reich nur indirekt erfolgte und die weiße Faszination

vom Nationalsozialismus in Südafrika und Südwestafrika nur den bereits lange erfahrenen

Rassismus zu variieren schien, war eine gesonderte Diskussion des Phänomens hinfällig –

zumal es sich anders als der Kolonialismus 1945 auflöste. Die Gedankenverbindung

zwischen Nationalsozialismus und Kolonialismus wirkt in der europäischen Forschung

entweder fremd oder führt zu einer unzulässigen Gleichsetzung. „Vielleicht liegt es an dem

unterschiedlichen Grad der Betroffenheit durch die europäische Kolonialgeschichte, die es

für einen afrikanischen Wissenschaftler sehr viel näher liegender erscheinen läßt, daß

Kolonialismus und Faschismus innerlich miteinander verwandt sind“, versuchen Wolfgang

Karcher und Bernd Overwien eine Differenzierung, „diese Verbindung zu sehen und zu

akzeptieren fällt uns als Bürgern ehemaliger Kolonialstaaten verständlicherweise

schwerer.“ 161 Als deutscher Aspekt knüpft bis heute die Entwicklung nationaler Identitäten

im Afrika der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts vor allem an eine

Auseinandersetzung mit den Traumata an, die bis 1918 u.a. bei den Herero in Deutsch-

Südwestafrika entstanden waren – sofern nicht die blutige Ablösung von britischen,

französischen oder sonstigen Kolonialherren sowie heftige Bürgerkriege die Selbstfindung

bestimmt haben. Indirekt half der Nationalsozialismus sogar bei der Realisierung von

Freiheit, die von den Alliierten als Gegensatz zum NS-Terror propagiert wurde. „Nach dem

begannen europäische Mächte, die versprochene Gleichheit und Freiheit in Frage

zu stellen.“ Darauf reagierten die Afrikaner mit der Gründung nationalistischer

Krieg [

]

Bewegungen und „wo sie sich in den ersten Anfängen befanden, nahmen sie an Bedeutung

zu, und wo es sie bereits in strukturierter Form gab, da wurden sie gestärkt“, erklärt Kum‘a

N’Dumbe III., „unbeabsichtigt löste der Zweite Weltkrieg den Prozeß der Auflösung der

Kolonialreiche aus [

ausgearbeitet hatte und deren Realisierung dieser Krieg ermöglichen sollte.“ 162

],

die den Plänen diametral entgegengesetzt war, die Deutschland

G.V.

NS-Einfluss auf Südafrika und auf Deutsche in Südwestafrika

G.V.I.

Rassismus und koloniale Überheblichkeit

Der Nationalsozialismus beeinflusste den zwiespältigen schwarzafrikanischen Umgang mit

der deutschen Vergangenheit also seinerzeit nur indirekt oder am Rande, während sich

deutsche Rückkehrer in den ehemaligen Kolonien, die in Südwestafrika verbliebenen

Deutschen und die Weißen in Südafrika mit ihrer burischen Mentalität durchaus vom

Nationalsozialismus angezogen fühlten, was teilweise bis heute sichtbar ist. NS-Symbole

und -Terminologie sind als folkloristische Elemente oder Instrumente der Provokation

präsent geblieben. So verkaufte eine Bäckerei in einem 250 Kilometer von Windhoek

160 Recherche, S. 141

161 Karcher, Wolfgang und Bernd Overwien: Vorwort. In: Kum‘a Ndumbe III., S. 10

32

entfernten Städtchen bis zur Unabhängigkeit Namibias 1990 massenhaft Brötchen mit

Hakenkreuzmuster, die inzwischen steinhart auf Auktionen in den USA zu Preisen von

1.500 $ pro Stück gehandelt werden. Der längst pensionierte Bäckermeister zieht in seinem

Garten „zu besonderen Anlässen wie ‚Führers Geburtstag‘ das Hakenkreuzbanner“ auf –

und niemand scheint sich daran zu stören, berichtet der „Tagesspiegel“ in einer Reportage

im April 2001. Die Ehefrau des Hitler-Anhängers beklagt sich über Rechtsradikale in der

Bundesrepublik: Sie „missbrauchen den Namen Hitlers und des Nationalsozialismus.“

Namibias einziger Winzer verprügelt häufig sein schwarzes Personal und erzählt stolz,

„dass er, wenn es denn so weit käme [mit einem schwarzen Aufstand gegen die weiße

Dominanz], ‚ein paar Neger mit ins Grab nehmen‘ würde.“ 163 Ein Austauschschüler erlebt

im Jahr 2006, dass auf den Schulbänken zahlreiche Hakenkreuze eingeritzt sind. 164 Und

1993 verzichtet ein Restaurant in Swakopmund nur deshalb auf seine mit Hakenkreuzen

verzierten Bierkrüge, weil die Zurschaustellung solcher Symbole nach dem Racial

Discrimination Prohibition Act mittlerweile verboten ist. 165 Auch wenn sich keine

durchgehende nationalsozialistische Überzeugung der deutschstämmigen Bevölkerung im

modernen Namibia nachweisen lässt, demonstrieren solche Vorfälle die Verharmlosung des

Nationalsozialismus, hinter der sich nach wie vor tief sitzender Rassismus und koloniale

Überheblichkeit verbergen. In Südwestafrika wurde schon 1922 deutlich, dass die

Deutschen bei diesem Thema mit ihren burischen Nachbarn übereinstimmten: Während die

Deutschen alle anderen Kolonien nach dem Ersten Weltkrieg hatten verlassen müssen,

durften sie im heutigen Namibia größtenteils bleiben. Und die Südafrikaner sicherten „in

einem Vertrag mit dem Deutschen Reich den [

Einwohner ausmachten, zahlreiche Privilegien [

gegenüber der einheimischen schwarzen

Bevölkerung zu.“ 166 Das Selbstverständnis als Herrenrasse trat also bei den Weißen in

beiden Ländern immer wieder hervor. Trotzdem blieb das Verhältnis zu der

südafrikanischen Administration nicht zuletzt durch die anhaltende Verletzung des

deutschen Nationalstolzes angespannt.

]

Siedlern, die knapp die Hälfte der

]

G.V.II.

Begeisterung für den Nationalsozialismus

Südwestafrika lebenden Deutschen mit

Begeisterung aufgenommen“, erläutert Martin Eberhardt, der zu dem Thema eine

Dissertation an der Universität Konstanz geschrieben hat. „Der ‚Turngau Südwestafrika‘

hoffte, dass auch in Südwestafrika bald die neue Zeit beginnen möge“, führt Eberhardt

weiter aus, „Erich von Schauroth, Geschäftsführer des ‚Deutschen Bundes für

Südwestafrika‘ (DB), glaubte gar, die deutschen Siedler seien bereits ‚Nationalsozialisten

„Der 30. Januar 1933 wurde von vielen der in [

]

162 Kum‘a Ndumbe III., S. 247

163 vgl. Havenetidis

164 Freudenberg/Seifart

165 Dierks, Dr. Ing. Klaus: Chronologie der namibischen Geschichte. Von der Vorgeschichtlichen Zeit zur Unabhängigkeit und danach (Dezember 2000). 2005. http://www.klausdierks.com/Geschichte/135.htm. Download 11.03.2007

166 Recherche, S. 83

33

reinsten Wassers‘.“ 167 Ganz so weit kam es jedoch nicht. Die NS-Begeisterung blieb oft an

der Oberfläche, weil „die weiße Herrschaft gefestigt schien und die Folgen von

Wirtschaftskrise und Dürre die Tagesordnung bestimmten“. 168 Bereits seit der

Unterwanderung des DB im November 1933 verringerte sich die Zustimmung für die

NSDAP, denn die nationalkonservativen Deutschen in Südwestafrika hätten sich nicht

vollständig von der fernen deutschen Regierung dominieren lassen wollen, meint

Eberhardt. 169 Andererseits waren sie nicht mit dem Verbot von NSDAP und Hitlerjugend

(HJ) im August 1934 einverstanden, das beide Organisationen freilich nicht besonders traf.

Weil der NSDAP der Einfluss im DB nicht weit genug ging, gründete sie im März 1935 die

Deutsche Front als neuen Ableger und löste eigenmächtig den DB 1937 auf. 170 „Aus der

HJ wurde, wie ohnehin geplant, eine ‚Untergrund-HJ‘“, die „nicht anders als daheim in

Deutschland [

P.C. Ettighpfer 1938 bei einer Reise durch Südwestafrika bemerkte. 171 Dass die meisten

Siedler nur langsam und unzureichend auf Abstand gingen, lag an ihrer deutschnationalen

Orientierung und daran, dass ihnen die Weimarer Republik fremd geblieben war. 172 Die

scheinbar erfolgreiche politische Entwicklung der Dreißiger Jahre in Deutschland sorgte für

eine Radikalisierung der Gruppierungen in Südwestafrika, „so dass sich etliche

Organisationen an den Nationalsozialismus anlehnten. Eine [

‚Deutsche Beobachter‘, wurde ab Januar 1939 zum Organ dieser Bewegung“ 173 , blickt die

bis heute auf Deutsch erscheinende „Allgemeine Zeitung Windhoek“ auf ihre eigene

Vergangenheit zurück.

die gleichen Fahrten- und Kampflieder“ singe, wie der Jugendschriftsteller

]

]

deutsche Zeitung, der

G.V.III.

Graben zwischen den Siedlern

„Nur wenige deutsche Siedler erkannten den fundamentalen Gegensatz von

Nationalsozialismus und Demokratie. Zu ihnen gehörten der Farmer Martin Maier [

[

und zog deshalb nach Südafrika. Zu solchem Verhalten gehörte jedoch Mut, denn wer so

seine Ablehnung demonstrierte, wurde in der überschaubaren deutschen Gemeinschaft [

schnell zum gemiedenen Außenseiter“ 174 , erläutert Eberhardt Konflikte unter den Siedlern.

Gegenüber der Mandatsmacht habe sich der „Deutsche Beobachter“ nach Einschätzung der

„Allgemeinen Zeitung“ durchaus „um eine maßvolle Haltung in den Monaten vor

Ausbruch des 2. Weltkrieges“ bemüht, aber „die Zensur trat [

wurden [

interniert, zusammen mit Hunderten von anderen Männern, von denen die Administration

] und

]

Wilhelm Fischer vom Arbeiterverband. Fischer [

]

wurde von NS-Anhängern bedroht

]

]

in Kraft und nacheinander

]

Redakteur[.] Edwin Gülcher [

]

und der Nachfolger Dr. Hanisch in Südafrika

167 Eberhardt, S. 40

168 Eberhardt, S. 42

169 Eberhardt, S. 43

170 vgl. Eberhardt, S. 43; vgl. außerdem Graichen/Gründer, S. 417

171 Graichen/Gründer, S. 417

172 vgl. Eberhardt, S. 43

173 Hofmann, Abschnitt „Neue Interessen“

174 Eberhardt, S. 43

34

annahm, dass sie der alliierten Kriegsanstrengung der Südafrikaner schaden könnten.“ 175

Andererseits forderten die 1939 gegründete Deutsch-Afrikanische Partei und die im

gleichen Jahr entstandene Volksdeutsche Gruppe von Südwestafrika Loyalität zu Südafrika

ein. Es war unübersehbar, dass der Nationalsozialismus einen tiefen Graben aufgerissen

hatte: „Dass viele Deutsche vor allem nach dem deutschen Sieg über Frankreich ungeniert

Begeisterung und Siegesgewissheit an den Tag legten, andere Deutsche hingegen mit jener

[für die Internierungen verantwortlichen] Administration in Südwestafrika kooperierten,

verstärkte die Spannungen noch.“ 176

G.V.IV.

Weiterbestand der Rassentrennung

Weitgehend unbeeinflusst von diesen Auseinandersetzungen blieb der grundlegende

Rassismus, der die Machtverhältnisse zementierte. Eine strikte Rassentrennung

einschließlich der Vermeidung sexueller Kontakte zwischen Weißen und Schwarzen

sicherte in den Augen der Siedler das Überleben der als überlegen betrachteten Kultur der

Kolonialherren. „Bemerkenswerterweise brachte die NSDAP dieser für den Machterhalt

der Weißen so wichtigen Frage zunächst kein Verständnis entgegen“, wundert sich

Eberhardt. So musste sich NSDAP-Landesgruppenleiter Ernst Wandke kurz nach seinem

Amtsantritt im Frühjahr 1932 der heftigen Kritik von Siedlern stellen, dass er sein

Verhältnis mit einer schwarzen Frau beenden müsse. Auch sein Vorgesetzter Willy Grothe

von der Auslandsabteilung der Partei „konnte nichts Schlimmes daran finden, wenn ein

weißer Mann hin und wieder mit einer Afrikanerin schlief. [

die Auslandsabteilung ihren Landesgruppen mit, es sei ‚mit dem nationalsozialistischen

Empfinden‘ nicht vereinbar, wenn ein Deutscher eine Afrikanerin oder eine ‚Farbige‘

heirate. Jedoch wurde eingeschränkt, dass es ‚unbillig‘ wäre, einen mit einer ‚Farbigen-

oder Mischlingsfrau‘ verheirateten Deutschen aus der Partei auszuschließen“. Die NSDAP

verhielt sich also bis in die Dreißiger Jahre unentschlossen bzw. desinteressiert in der Frage

einer Trennung zwischen Weißen und Schwarzen, denn „in Deutschland stand für die

Nationalsozialisten der Kampf gegen die vermeintliche ‚jüdische Rasse‘ im Vordergrund.

Ehen mit Afrikanerinnen waren in Deutschland eine Randerscheinung, und es konnte

darauf vertraut werden, dass deutsch-afrikanische Paare ohnehin viel deutlicher traditionell

stigmatisiert wurden“. 177 Bei den Nationalsozialisten galt eine extreme Variante der

Rassentrennung erst als unverzichtbar, als sie ihre konkreten Kolonialpläne entwickelten.

Die schon lange vorher unabhängig vom NS-Regime gewachsene Idee der Rassentrennung

übernahm durchaus Anregungen aus diesen Konzepten. Sie überlebte den Untergang des

Dritten Reiches und wurde in Form der Apartheid in Südafrika einschließlich

Südwestafrika konsequent umgesetzt – ab 1948 von der burischen Partei Afrikaner

Nationalisten, deren Führungskräfte gute Beziehungen zum nationalsozialistischen

Deutschland unterhalten und ideologische Gemeinsamkeiten gepflegt hatten.

]

Erst im Januar 1934 teilte

175 Hofmann, Abschnitt „Redakteure interniert“

176 Eberhardt, S. 43

35

H. Resümee zur Forschung

Schon im Krieg hielten es selbst England-treue Südafrikaner für selbstverständlich, dass

ihre schwarzen Soldaten keine oder nur unzureichende Waffen erhielten: Diese „Afrikaner

dienten in verschiedenen Funktionen, als Sanitäter und Fahrer in vorderster Front, und

waren mit traditionellen Speeren gegen Rommels Panzer bewaffnet! Die Erbitterung bei

den afrikanischen Soldaten war verständlicherweise groß, die Ungleichbehandlung sprach

sich in Südafrika bis in abgelegene ländliche Gebiete herum.“ 178 Sie fügte sich in den

Jahrzehnten zu den anderen Herabwürdigungen und Gewalttaten gegen Schwarze, bis

daraus resultierende Wut und Widerstand die Apartheid in den Neunziger Jahren zu Fall

brachten. Dadurch ist in Südafrika allerdings wie im restlichen Afrika noch lange nicht die

soziale Gleichheit zwischen schwarz und weiß eingekehrt. Aber mit mehr Abstand zu den

sich unmittelbar aufdrängenden Fragen einer Rassentrennung kehrt vielleicht in der

Forschung die Bereitschaft ein, sich inhaltlich stärker mit den inzwischen kurios

wirkenden, damals aber brandgefährlichen NS-Träumen eines afrikanischen Kolonialreichs

auseinanderzusetzen.

Bisher jedenfalls lassen die Ergebnisse der Historiker zu wünschen übrig. Bei der

Recherche zu dieser Hausarbeit war keine ausführliche zusammenfassende

Veröffentlichung zu finden, die tatsächlich verschiedenste Aspekte der

nationalsozialistischen Aktivitäten rund um Afrika angemessen beleuchtet. Immerhin haben

Horst Kühne 179 und Richard Lakowsky 180 in den Sechziger Jahren Pionierarbeit geleistet.

Als marxistische Historiker haben sie jedoch gleichzeitig ideologischen Ballast angehäuft

und wissenschaftlich einseitige Einordnungen vorgenommen. Lakowsky weist jedoch

interessante ökonomische Zusammenhänge nach. Im Gegensatz dazu analysiert Wolf

Schmokel 181 die organisatorischen Strukturen der Kolonialpolitik im Dritten Reich. Am

umfassendsten und ergiebigsten erweist sich „Vom Reich zum Weltreich“: Klaus

Hildebrand 182 schildert bewundernswert detailliert den innenpolitischen Wandel der

zugehörigen Strategien und die außenpolitische Instrumentalisierung. Aber er betrachtet

sein Thema aus einer extrem eurozentrischen Perspektive und stuft wenig überzeugend die

NS-Pläne und –Maßnahmen als nicht besonders wichtige Sandkastenspiele ein 183 , wodurch

er seine eigenen Bemühungen abwertet und nachfolgenden Interessenten an der Materie das

Wasser abgräbt. Trotzdem ist sein Buch auch nach fast vierzig Jahren das maßgebliche

Standardwerk geblieben. Kum’a Ndumbe III. 184 fängt Hildebrands Defizit auf, dass dieser

sich nicht ausführlich der inhaltlichen Gestaltung der kolonialen Vorhaben gewidmet hat.

177 vgl. Eberhardt, S. 41 – 42

178 Marx, S. 247 – 248

179 s. Kühne

180 s. Lakowsky

181 s. Schmokel

182 s. Hildebrand

183 vgl. Hildebrand, S. 731

184 s. Kum‘a Ndumbe III.

36

Kum’a Ndumbe III. beschreibt tiefgehend, wie eigentlich genau „das riesige Deutsche

Reich im Süden der Sahara“ 185 aussehen sollte. Außerdem fällt ihm der Verdienst zu, „die

Kollaboration mit Südafrika“ 186 erschlossen zu haben. Es erstaunt allerdings, dass keine

sonstigen afrikanischen Reaktionen auf die NS-Strategien in „Was wollte Hitler in Afrika?“

eingeflossen sind. Die Nutzung unscharfer Begriffe wie „Imperialismus“ und „Faschismus“

ist der Herkunft aus den Siebziger Jahren anzulasten und hat die Ergiebigkeit nur wenig

verwässert. Positiv fällt auf, dass der Historiker von der Kameruner Universität Jaunde

Kontinuitätslinien zwischen einerseits den NS-Kolonialideen und andererseits dem

Holocaust und dem Vernichtungskrieg in Osteuropa andeutet, ohne dabei unzulässige

Gleichsetzungen zu präsentieren.

Nicht hinzunehmen ist das Manko, dass sogar einige neue Veröffentlichungen die

nationalsozialistische Vorgehensweise gegenüber Afrika nahezu vollständig ausblenden:

Sowohl der generell aufschlussreiche Sammelband „Namibia – Deutschland. Eine geteilte

Geschichte“ 187 als auch die ansonsten umfassende „Geschichte Afrikas“ von Christoph

Marx 188 beschränken sich bei diesem Komplex auf sehr kleine Teilgebiete. Vielseitig und

ausführlich widmen sich Gisela Graichen und Horst Gründer 189 nationalsozialistischen

Aspekten zu Afrika und ziehen immer wieder interessante Querverbindungen zur

Kolonialpolitik des Kaiserreichs. Allerdings muss „Deutsche Kolonien“ die historischen

Details schon alleine aufgrund seines besonders Charakters oft etwas einfach darstellen und

eine wissenschaftlich überzeugende Interpretation zurückstellen: Das Werk ist als

populärwissenschaftliches Begleitbuch zu einer mehrteiligen Fernsehdokumentation erstellt

worden, koppelt dabei jedoch an Gründers anerkanntes Werk „Geschichte der deutschen

Kolonien“ an 190 . Schließlich fällt es nur einem einzigen Titel zu, die afrikanische

Perspektive halbwegs umfassend zu würdigen: „Unsere Opfer zählen nicht“ 191 versammelt

zahlreiche Zeugnisse, wie Menschen in den Kolonialgebieten den Zweiten Weltkrieg

erlebten. Die zugehörigen Analysen erschließen den Kontext etwa des NS-Traums vom

mittelafrikanischen Kolonialreich und der Kollaboration des französischen Vichy-Regimes.

Für eine umfassende historische Einordnung der Kolonialpolitik im Dritten Reich und der

afrikanischen Reaktionen genügt dieses Buch allerdings nicht, weil sein thematischer

Schwerpunkt anders liegt und die dokumentierten Quellen sowie Sekundärtexte für eine

Beurteilung des afrikanischen Komplexes nicht ausreichen. Nicht zuletzt folgt die

Veröffentlichung zwar hervorragend den Gesetzmäßigkeiten, wie sie etwa an eine

Reportage anzulegen sind, aber die wissenschaftliche Objektivität lässt teilweise zu

wünschen übrig. Etwas mehr emotionale Zurückhaltung wäre für ein wissenschaftliches

185 Kum‘a Ndumbe III., S. 49 – 157

186 Kum‘a Ndumbe III., S. 159 – 237

187 s. Namibia

188 s. Marx

189 s. Graichen/Gründer

190 s. Gründer

191 s. Recherche

37

Werk unverzichtbar, was allerdings angesichts der offen journalistischen Ausrichtung des Textes nicht als Makel zu betrachten ist.

Rassentheorien, Kolonialpropaganda, Debatten über Verbindungen zwischen

Kolonialverbrechen und Holocaust, Denkmalskult um Kolonialhelden… – Zeitschriften und wissenschaftliche Kurztexte kümmern sich zumindest um einige thematische Schwerpunkte, die bislang in den Büchern zu kurz kommen. Leider geht aber auch dabei die afrikanische Sichtweise fast vollständig unter. „Als ich Anfang der siebziger Jahre über Hitler und Afrika forschte, wollte mich so mancher deutsche Historiker mit dem Hinweis entmutigen, ich würde nichts finden“, erinnert sich Kum’a Ndumbe III., dass sich innerhalb von dreißig Jahren der Eurozentrismus gerade in dieser Frage nur wenig verändert hat, „ich fand aber viel in den Archiven! Dokumente, die von den Forschern bis dahin weder

gesichtet noch erschlossen worden waren. [

sichten und zu erforschen“, meint Kum’a Ndumbe III. und ist sich klar, dass diese Aufgabe vor allem im Interesse der inzwischen unabhängigen Länder z.B. in Afrika liege und aus Geldmangel meistens unterbleibe. „Die Forscher aus den wohlhabenden Staaten“ seien nur unzureichend eingesprungen, weil sie „bewusst oder unbewusst einem stillen Rassismus“ unterlägen, schätzt der Gastautor ein – und diese Einstellung verleite die Kollegen aus Europa und den USA dazu, „Geschehnisse außerhalb ihres eigenen ‚Wohlstandszentrums‘ als wenig relevant für ihre Arbeit zu betrachten.“ 192 Bisher nur zaghaft entstehen Neuansätze beim Thema Nationalsozialismus und Afrika, aber zumindest einzelne Veröffentlichungen in dieser Richtung lassen sich mit Hilfe des Internets finden und deuten darauf hin, dass das Interesse wächst.

]

Es geht darum, diese Archivdokumente zu

I.

Literaturverzeichnis

1.

Zitierte Literatur:

1.1. Quellen und zeitgenössische Schriften:

1.1.1. Archivmaterial:

1.1.1.1. Ausgewählte Dokumente Nr. 6: Entwurf des Kolonialblutschutzgesetzes. O.J. [1940]. In: Kum’a Ndumbe III., S. 270 – 271. Quelle: Bundesarchiv Koblenz, Bestand R22, Reichsjustizministerium, 2365. (Zitiert als: Blutschutzgesetz)

192 Kum‘a Ndumbe III.: Vorwort. In: Recherche, S. 9 – 10

38

1.1.1.2.

Ausgewählte Dokumente Nr. 12: Schreiben des Legationsrats Rademacher vom AA an den Gesandten Bielfeld Über die Endlösung und die Inbesitznahme der Insel Madagaskar. 10. Februar 1942. In:

Kum’a Ndumbe III., S. 281. Quelle: Archiv des Auswärtigen Amts,

Bonn, Staatssekretär, Afrika 1939 – 1943, Bl. 523737. XI. (Zitiert als:

Rademacher)

1.1.1.3. Bundesarchiv: Bestand NS 22, Reichsorganisationsleiter der NSDAP. (zitiert als: BArch NS 22)

1.1.1.4. Bundesarchiv: Bestand R 2, Reichsministerium der Finanzen. (zitiert als: BArch R 2)

1.1.1.5. Dokument Nr. 19: Niederschrift über die Besprechung in der Reichskanzlei am 5. November 1937 von 16,15 – 20,30 Uhr. 10.11.1937. In: Auswärtige Politik, S. 25 – 32. (Zitiert als: Hoßbach)

1.1.1.6. Dokument Nr. 31: Legationssekretär von Marchtaler, Auswärtiges Amt, an Brigadeführer Schaub. Anlage: Aufzeichnung über die Unterredung zwischen dem Führer und Reichskanzler und Lord Halifax in Anwesenheit des Herrn Reichsaußenministers am Obersalzberg am 19. November 1937. 20.11.1937. In: Auswärtige Politik, S. 45 – 56. (Zitiert als: Halifax)

1.1.1.7. Dokument Nr. 138: Reichsminister von Ribbentrop an Botschafter Henderson. Anlage: Aufzeichnung über die Unterredung zwischen dem Führer und Reichskanzler und dem Kgl. Britischen Botschafter in Anwesenheit des Herrn Reisministers des Auswärtigen von Ribbentrop am 3. März 1938 in Berlin. 4.3.1938. In Auswärtige Politik, S. 196 – 203. (Zitiert als: Henderson)

1.1.1.8. Dokument XXXIV: Der Kommentar des Ministers Moutet (1937). 56. Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes Bonn. Abteilung Pol. II. (89), Bd. 3: Meldung des Deutschen Nachrichtenbüros vom 15.1.1937 (morgens). In: Hildebrand, S. 896 – 897. (Zitiert als:

Moutet)

1.1.1.9. Dokument XXXIX: Zwischenbilanz der Vorbereitungen (1940). 61. BArch R 2/4971: Entstehung der derzeitigen Organisation des Kolonialpolitischen Amtes (6.6.1940). In: Hildebrand, S. 907 – 911. (Zitiert als: Zwischenbilanz)

1.1.1.10.Dokument LVIII: Das Ende der Kolonialbewegung (1943). 83. BArch, Sammlung Schumacher 211: Fernschreiben des Reichsleiters Bormann (Führerhauptquartier) an den Leiter des KPA, Reichsleiter Ritter von Epp, vom 26.1.1943 (10.45 Uhr) (Abschrift von Abschrift). In: Hildebrand, S. 941. (Zitiert als: Bormann)

39

1.1.1.11.

Landgericht Bamberg: Urteil des LG Bamberg vom 02.05.1968, 2 Ks

3/53. (Ausschnitt). C. Stellung und Tätigkeit des Angeklagten im AA. In: Justiz und NS-Verbrechen. Die deutschen Strafverfahren wegen NS-Tötungsverbrechen. Lfd. Nr. 673. Universiteit van Amsterdam, Faculteit der Rechtsgeleerdheid. http://www1.jur.uva.nl/junsv/Excerpts/673003.htm. Download 09.03.2007. (Zitiert als: Landgericht) 1.1.1.12.Tobis-Filmverleih G.m.b.H., Berlin: Ohm Krüger. Der Emil Jannings Film der Tobis. Presseheft. O.J. [März/April 1941]. In:

Giesen/Hobsch, S. 308 – 311. (Zitiert als: Presseheft)

1.1.2. Buchveröffentlichungen:

1.1.2.1. Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918 – 1945, Serie D (1937 – 1945). Band 1. Von Neurath zu Ribbentrop. September 1937 – September 1938. Baden-Baden: Imprimerie Nationale 1950. (Zitiert als: Auswärtige Politik)

1.1.2.2. Hitler, Adolf: Mein Kampf. 16. Auflage. München: Franz Eher Nachfolger 1933 (Zitiert als: Mein Kampf)

1.1.2.3. Hitlers Zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928. Eingeleitet und kommentiert von Weinberg, Gerhard L. Mit einem Geleitwort von Rothfels, Hans. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1961. (Zitiert als: Hitlers Buch)

1.1.2.4. Kuntze, Paul H.: Das Volksbuch unserer Kolonien. Leipzig: Georg Dollheimer 1938. (Zitiert als: Kuntze)

1.1.2.5. Peters, Carl: Gesammelte Schriften. Hrsg. von Walter Frank. 3 Bd. München und Berlin 1943/44. (Zitiert als: Peters)

1.1.2.6. Picker, Henry: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier. München: Propyläen 2003. (Zitiert als: Picker)

1.1.3. Internet-Dokumente:

1.1.3.1. Darlegungen Hitlers zur Kriegslage. 05.12.1940. In: NS-Archiv. Dokumente zum Nationalsozialismus. http://www.ns- archiv.de/krieg/1940/05-12-1940.php. Download 28.09.2006. (Zitiert als: Darlegungen)

1.1.3.2. Freudenberg, Rebecca und Annette Seifart: Ein Reisebericht aus Namibia. In: Rote-Grütze-Magazin. August 2006. http://www.rote- gruetze-magazin.de/635.html. Download 11.03.3007. (Zitiert als:

Freudenberg/Seifart)

40

1.1.3.3.

25-Punkte-Programm der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (24.02.1920). In: documentArchiv.de (Hrsg.).

http://www.documentarchiv.de/wr/1920/nsdap-programm.html.

Download 05.02.2007. (zitiert als: Parteiprogramm)

1.2.

Sekundärliteratur:

1.2.1. Buchveröffentlichungen:

1.2.1.1. Bechhaus-Gerst, Marianne: AfrikanerInnen und afrikanische Lebenswelten in Deutschland. In: Namibia, S. 212 – 225. (Zitiert als:

Bechhaus-Gerst)

1.2.1.2. Förster, Larissa u.a. (Hrsg.): Namibia – Deutschland. Eine geteilte Geschichte. Widerstand – Gewalt – Erinnerung. Wolfratshausen:

Edition Minerva Hermann Farnung 2004. (Zitiert als: Namibia)

1.2.1.3. Giesen, Rolf und Manfred Hobsch: Hitlerjunge Quex, Jud Süss und Kolberg. Die Propagandafilme des Dritten Reiches. Dokumente und Materialien zum NS-Film. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf 2005. (Zitiert als: Giesen/Hobsch)

1.2.1.4. Graichen, Gisela und Horst Gründer: Deutsche Kolonien. Traum und Trauma. 3. Auflage. Berlin: Ullstein 2005. (Zitiert als:

Graichen/Gründer)

1.2.1.5. Hildebrand, Klaus: Vom Reich zum Weltreich. Hitler, NSDAP und koloniale Frage 1919 – 1945. München: Wilhelm Fink 1969. (Zitiert als: Hildebrand)

1.2.1.6. Hillgruber, Andreas: Die gescheiterte Großmacht. Eine Skizze des Deutschen Reiches 1871 – 1945. Köln: Droste 1980. (Zitiert als:

Hillgruber)

1.2.1.7. Kershaw, Ian: Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick. Aus dem Englischen von Krause, Jürgen Peter. 3. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch 2002. (Zitiert als: Kershaw)

1.2.1.8. Kum‘a Ndumbe III.: Was wollte Hitler in Afrika? NS-Planungen für eine faschistische Neugestaltung Afrikas. Aus dem Französischen von Dörper, Sven und Petra Liesenborgs. Frankfurt am Main 1993. (Zitiert als: Kum‘a Ndumbe III.)

1.2.1.9. Laak, Dirk van: Imperiale Infrastruktur. Deutsche Planungen für eine

Erschließung Afrikas 1880 bis 1960. Paderborn 2004. (Zitiert als:

van Laak 1) 1.2.1.10.Marx, Christoph: Geschichte Afrikas. Von 1800 bis zur Gegenwart. Paderborn: Schöningh 2004. (Zitiert als: Marx)

41

1.2.1.11.Recherche International e.V. (Hrsg.): Rheinisches JournalistInnenbüro: „Unsere Opfer zählen nicht“. Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg. Berlin / Hamburg: Assoziation A 2005. (Zitiert als: Recherche) 1.2.1.12.Schmokel, Wolfe W.: Der Traum vom Reich. Der Deutsche Kolonialismus von 1919 – 1945. Gütersloh: Sigbert Mohn 1967. (Zitiert als: Schmokel) 1.2.1.13.Schröder, Nicolaus: Der Beichtvater des Promi. Der Nazi-Film und sein oberster Kritiker. In: Bock, Hans-Michael und Michael Töteberg (Hrsg.): Das Ufa-Buch. Kunst und Krisen – Stars und Regisseure – Wirtschaft und Politik. Die internationale Geschichte von Deutschlands größtem Film-Konzern. 2. Auflage. Frankfurt am Main:

Zweitausendeins 1994. (Zitiert als: Schröder) 1.2.1.14.Speitkamp, Winfried: Deutsche Kolonialgeschichte. Stuttgart:

Reclam 2005. (Zitiert als: Speitkamp 1)

1.2.2. Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge:

1.2.2.1. Bußmann, Walter: Zur Entstehung und Überlieferung der „Hoßbach- Niederschrift“. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 16 (1968). S. 373 – 384. (Zitiert als: Bußmann)

1.2.2.2. Eberhardt, Martin: Kein Heim im Reich. Die Deutschen in Südwestafrika und ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus. In:

informationszentrum 3. Welt (Hrsg.): iz3w, Nr. 289. November/Dezember 2005. Freiburg. S. 40 – 43. (Zitiert als: