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Veröffentlichungen des Osteuropa-Institutes München

Herausgeber: Hans Koch

Band III

GUNTER STOKL

Die Entstehung des Kosakentums

19153
ISAR VERLAG MUNCHEN
bestimmten Abschnitt historische Tatsache ist. Eine Tatsache, die einer
zusammenfassenden Betrachtung der Entstehung des Kosakentums natur-
gemäß auch manche Schwierigkeit sachlicher und terminologischer Art ent-
gegenstellte und die Einzeluntersuchungen im Rahmen der jeweils vor-
herrschenden Staatlichkeit als zweckmäßiger erscheinen ließ, zumal - wie
wir gesehen haben - schon andere, sehr starke Gründe für solche Teil-
lösungen sprachen.
II.
Eine Folge dieser Mehrgleisigkeit aller auf das Kosakentum gerichteten
wissenschaftlichen Bemühungen, die im einzelnen kaum eine Frage un-
berührt, kaum eine Lösungsmöglichkeit unversucht gelassen haben, ist der Problemstellung und bisherige Lösungsversuche
heute feststellbare Zustand, daß es nicht möglich ist, ohne weitreichende
Literaturstudien einen Uberblick über das ostslavische Kosakentum als
Gesamterscheinung zu gewinnen. Es sei denn, man begnügte sich mit den Die Entstehung des Kosakentums ist zu einer Zeit vor sich gegangen, die
kurzen Hinweisen, wie sie in umfassenderen Handbüchern üblich sind, aber uns für den ostslavischen Bereich schriftliche Zeugnisse nur in relativ
in diesem Falle muß man dann auf die Frage der Entstehung mehr oder geringem Umfang hinterlassen hat, und in einem Raum, der nicht nur für den
minder Verzicht leisten. späteren Historiker, sondern auch für den Zeitgenossen fernab von jenen
So hofft die vorliegende Arbeit, unter zeitbedingten Einschränkungen Zentren des politischen und kulturellen Lebens lag, die das erste und ver-
und Schwierigkeiten mannigfachster Art entstanden und darum gewiß in nehmlichste Interesse beanspruchten. Die Chronisten des 15. und 16. Jahr-
vieler Hinsicht ergänzungsbedürftig, nicht nur einen Beitrag zur besseren hunderts sahen - soweit sie Kosaken überhaupt erwähnen - keine Ver-
Erkenntnis einer wichtigen Erscheinung der osteuropäischen Geschichte zu anlassung, über deren Ursprung Betrachtungen anzustellen; sie waren ihnen
liefern, sondern darüber hinaus eine fühlbare Lücke im Fachschrifttum aus- offenbar eine Selbstverständlichkeit von untergeordneter Bedeutung. Erst
zufüllen. als das Kosakentum im ausgehenden 16. _,JabJ:hWldert. eine nicht mehr zu
übersehende politische R:offe.zuspfereil'Begann._un<l~l.s mehr oder minder
fest organisierte Bevölkerung-sgruppe b.estimmten soziologischen Charakters
efne C:teütHcti efäen:ii'fiare Sonderstellung einnahm, wandte sich ihm die
Aufmerksamkeit zu, und es erhob sich die Frage, wie denn diese Erscheinung
entstanden sei. Aber schon die ersten polnischen Chronisten, die sich hier-
über Gedanken machten, waren auf Vermutungen angewiesen. Und es ist in
der Folge dabei geblieben, daß die Frage der Entstehung des Kosakentums
ein geeignetes Feld für die Aufstellung von mancherlei Theorien und Hypo-
thesen war. Es ist hier nicht erforderlich, all diese Mutmaßungen im einzel-
nen aufzuzählen; das ist schon mehrfach mit hinreichender Ausführlichkeit
geschehen 1). Uns interessiert vor allem die Frage: Wie stellte sich das
Problem der modernen historischen Wissenschaft dar und welche Versuche
wurden zu seiner Lösung unternommen?
Man kann ganz allgemein die Feststellung treffen, daß auch für die
moderne russische Geschichtsschreibung, gleichgültig welcher Richtung, erst

1 ) Anton o v y c, Vyklady, S. 9 ff.; H r u s e v s k y j, Istorija Ukrajiny Rusy,

VII, S. 563 ff.; D o r o senk o, Narys, I, S. 149. Die genannten Zusammenstellungen


der älteren historiographischen Versuche über das Kosakentum beziehen sich in
erster Linie auf das ukrainische (Dnepr-) Kosakentum. Für das großrussische (Don-)
Kosakentum, das niemals in demselben Maße das Interesse der Historiker erregt
hat, gelten z. T. dieselben Hinweise.

2 Stökl, Kosakentum 17
16
spätere Erscheinungsformen des Kosakentums Anlaß zu einer Erö:t~r.ung
entfernt in der Steppe lebend waren sie wenig folgsame Diener . . . " 2)
der Frage seiner Entstehung gaben, sei es der Beginn der Eroberung S~b~nens
In ganz ähnlicher Weise äußert sich Solovev auch über „die Kosaken, die
durch die Kosaken des Ermak (1582-1584), die Einnahme und Verteidigung
in der Okraine oder Ukraine des westlichen Rußland ebenso lebten wie in
von Azov durch die Donkosaken (1637-1642) oder - am einprägsamsten -
der Okraine des östlichen, moskauischen Rußland, denn wie das östliche,
die Kosakenkriege Chmefnyckyjs und die ihnen folgende Angliederung der
so grenzte auch das westliche Rußland an die Steppen, aus denen man unaus-
östlichen Ukraine an den Moskauer Staat im Vertrag von Perejaslavr (1654).
gesetzt Tatareneinfälle erwarten mußte"; auch nach der Unterwerfung durch
In allen diesen Fällen trat das Kosakentum als eine mehr oder minder fest
Litauen war es in diesem Lande unmöglich, „allein als friedlicher Ackerbauer
organisierte, hinsichtlich Zahl und militärischer Kraftentfaltung eindrucks-
zu leben, denn in der Steppe hausten weiter die Tataren'', und daher bildete
volle Erscheinung im geschichtlichen Leben der Ostslaven hervor. Und .~ur
sich „eine kriegerische Bevölkerung, eben die Kosaken. Diese Kosaken
aus den Voraussetzungen dieses ostslavischen Lebensbereiches erklarte
lebten auf ihrem eigenen Grund, zahlten keine Abgaben, aber sowie es nötig
man seine Entstehung. Als allgemeingültiges Schema der großrussischen
war, zogen sie in den Kampf; sie gliederten sich in Regimenter" usw. (Anlaß
Auffassung kann etwa die Darstellung gelten, die Sergej S o.l o Y e v de~ der Darstellung sind hier die Ereignisse zur Zeit Chmefnyckyjs) 3).
Kosakenproblem in einer populären Fassung seiner Konzeption der rus~i­
schen Geschichte gegeben hat: „Wir wissen, wie dünn besiedelt Rußland m Es wäre unbillig, an diesen Darlegungen Solovevs, die im Zuge einer
dieser Zeit war (Solovev behandelt hier die Entstehung des Kosakentums kurzgefaßten Gesamtdarstellung erfolgten und daher große Zeiträume ver-
anläßlich der Eroberung Sibiriens), wie nahe Moskau verödete, steppenhaf~e einfachend zusammenziehen mußten, in Einzelheiten Kritik zu üben. Man-
Räume waren; die Stadt Livny war die Grenzstadt zu diesen Steppen, m ches an seiner Schilderung - wie z. B. der offiziell legalisierte Landbesitz
denen sich nur bisweilen Gruppen von Tataren zeigten, die kamen, Rußlan~ der Kosaken - gilt erst für die späte Zeit, von der Solovev ausging, anderes
zu verwüsten, und die russischen Grenzwächter, die sie überwachten, damit - wie das Auftreten einer Grenzbevölkerung unter dem Namen von
sie nicht zu plötzlich kämen. Eine solche Steppengrenze, von der ~an u~auf­ Kosaken schon im 14. Jahrhundert- mag auf ein Dbersehen, vielleicht sogar
hörlich Einfälle räuberischer Horden erwarten mußte, verlangte eme kriege- auf einen Druckfehler zurückzuführen sein. Charakteristisch ist, daß dieß:p..t-
rische Bevölkerung, die ständig zur Abwehr des Feindes bereit s:in mußte. stehung des Kosakentums in engem Zusammenhang Il1it c1em Il1fäli;i.r.ischen
Und in der Tat schon lange, seit dem 14. Jahrhundert, haben die Sudgrenzen Drude. a11r die .Grenzgebie.te und rnÜ .der. ostslavis.che:n :Kol9:p.isa:tio:P.sl:!ewe-
eine solche Bevölkerung, die die Bezeichnung Kosaken trägt. Diesen gung nach dem Sütl,en un.d Osten gebracht wirci. Zweifellos ist damit eine
Kosaken gab die Regierung Land, Güter an der Grenze, und d~her na~nt:n ·wesentlidie Seite die~er.Frage erfaßt. Dagegen wird das mindestens ebenso
sie sich Gutskosaken (pomestnye kazaki) und taten ihren Dienst, sich i~ ausschlaggebende Motiv der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung
allem den Anordnungen der Regierung fügend. Aber im Laufe der ~elt kaum angedeutet und die Frage eines im Hinblick auf den turkotatarischen
gingen Leute, denen es aus irgendeinem Grunde in der Heimat nicht gefi:l, Namen „Kosaken" etwa möglichen fremdvölkischen Ursprungs wird über-
haupt nicht angeschnitten 4).
noch weiter in die Steppe hinein; es gingen dorthin Arme, Obdachlose, die
von der Arbeit bei fremden Leuten leben mußten, es gingen dorthin solche, Etwas anders ist die Akzentverteilung bei K 1 j u c e v s k i j. Ent-
die irgendetwas Böses getan hatten und dafür Bestrafung fürchteten, es sprechend seiner mehr Wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Ausrichtung
gingen dahin im allgemeinen starke und kühne Menschen, .denen. d~s spricht er von dem Kosakentum als einer „Schichte der russischen Gesell-
Steppenleben gefiel, voll Gefahren und Abenteuern, ein L.eben m ~reiheit, schaft, einstmals ausgebreitet über ganz Rußland". Er hat dabei jene „Leute
in der Weite. Diese Menschen, weiter in die Steppe vordrmgend, siedelten ohne bestimmte Beschäftigung und ohne ständigen Wohnsitz" im Auge,
gewöhnlich längs der großen Flüsse, des Fischfangs we~en, der ~usammen die sich etwa als Landarbeiter verdingten und in den südlichen Grenz-
mit Jagd und Kriegsbeute ihren Hauptlebensunterhalt bildete. Diese Leute gebieten besonders günstige Entwicklungsmöglichkeiten vorfanden. „Als
nannten sich Kosaken, und wenn sich ihrer viele an einer Stelle gesammelt
hatten _ z. B. am Don - , dann bildeten sie kriegerische Gemeinschaften, 2
So l o v e v, ObScedostupnyja ctenija, S. 135.
)
wählten sich Führer oder Atamane. Sie nahmen jeden bei sich auf, wer er 3
Ebenda S. 184 f.
)
4
auch war und aus welchem Volk er auch stammte, aber am meisten waren ) Man geht kaum fehl, wenn man annimmt, daß Solovev dieser Frage hier des-
Russen unter ihnen, daher war auch ihre Sprache die russische und ihr halb auswich, weil er sie für zu ungeklärt hielt, um in der einen oder andern Form
in einer populären Darstellung entschieden zu werden. Er hielt im übrigen hinsicht-
Glaube der orthodoxe russische. Sie trennten sich nicht von Rußland und lich der ukrainischen Kosaken in abgeschwächter Weise an der .Schwarzmützen-
erkannten die Herrschaft des russischen Zaren über sich an; aber weit v
Cerkassen"-Theorie Karamzins und Pogodins fest (Solo e v, Istorija Rossii, V,
S. 387 f.). Siehe u. S. 123, Anm. 46.
18 2·
19
die Bedrohung durch die Tatareneinfälle nachzulassen begann, entwickelte demgegenüber zurück; so hat er sich auch über den eigentlichen Ursprung
sich ein ständiger Kleinkrieg der russischen Steppengrenze mit den durch des Kosakentums nicht eingehender geäußert.
die Steppen schweifenden Tataren. Als Ausgangs- und Stützpunkte dienten ~ei dem. Ein~uß, de~ die genannten Historiker auf die gesamte groß-
in diesem Kampf die befestigten Grenzstädte. Hier bildete sich eine Klasse r~ss1sche ~1stonograph1e vor der Oktoberrevolution genommen haben,
von Leuten, die mit der Waffe in der Hand in die Steppe zu Jagd und mmm: es mcht wunder, daß auch ihre Behandlung des Kosakenproblems in
Fischfang auszogen . . . Diese Leute eigneten sich bei ihren ständigen Zu- de;r .emen oder anderen Weise maßgebend geworden ist. Neben dieser
sammenstößen mit eben solchen tatarischen Steppenbeutegängern die tata- gewissermaßen offiziellen Version gab es jedoch noch eine hinsichtlich der
rische Bezeichnung Kosaken an, die sich in der Folge dann auch auf freie E~tste~ung des Kosakentums abweichende Auffassung. Sie stand der älteren,
und heimlose Lohnarbeiter im nördlichen Rußland ausdehnte" 5 ). Trotz des so- teilweise noch von Solovev vertretenen und bis zum Ende des 19 J h _
ziologischen Ansatzpunktes ist also auch für Kljui':evskij ein außenpolitisch- ~un:e:.~~ wir~sa~e~ 7) Theorie, die die K()~.~JS!'U:txJ.:m,.. dea.11:cu;:t.a,1q,~i::;~e~
militärisches Motiv von Wichtigkeit: das Nachlassen der Tatarenbedrohung, !l:L.Y:<?,:···§.!!l••• ~r e:enegen, Torken usw. ableitete (Schwarzmützen[Cernye
und auch er erkennt den Kernpunkten der staatlichen Grenzverteidigung ~lobukl]-~heo~ie), :nsofern nahe, als sie ebenfalls em~l1.J.ltd1J?Jsrlli~g1~n
eine bedeutsame Rolle zu. In der Schilderung der soziologischen Voraus- ~.:~R.:~1:fL•. ~.~ ......().s.,a .. El!l!umsal1l1~tim. Schon Kost o m a r o v, der ursprüng-
setzungen geht Kljucevskij einen Schritt weiter als Solovev, indem er nicht hch die ukrainische Ansicht von der Autochthonie des Kosakentums ver-
mehr von Einzelnen spricht, die aus verschiedenen Gründen das Weite treten. hatte, wie~ in den späteren Ausgaben seiner Chmefnyckyj-Mono-
suchten, sondern von einer Gesellschaftsschichte, deren allgemeines Kenn- graphie d~rauf hm, daß „das Kosakentum unzweifelhaft tatarischen Ur-
zeichen die Unstetheit und Unseßhaftigkeit war. Warum es gerade im 15. sprungs sei, ebenso wie die Bezeichnung Kosaken• B). Im einzelnen begründet
und 16. Jahrhundert zur Bildung einer solchen Schichte kam, darauf geht er und vor allem. hinsichtlich der Dneprkosaken ausgearbeitet, hat dann diese
aus dem einfachen Grunde nicht näher ein, weil er allgemein die Anschauung ·!<l.!<l~~!!!~.~Ql:.le" L j u b a vs k i j. Er hielt für den Ursprung des Kosaken-
von einem ständig fluktuierenden Zustand der altrussischen Gesellschaft tums em m den Grenzgebieten angesiedeltes, grundbesitzendes tatarisches
9
vertritt. Damit fällt auch eine etwaige Begründung der neuen sozialen Element ). Damit war zwar die Ubernahme des tatarischen Namens und
Verhältnisse durch Strukturwandlungen wirtschaftlicher Art weg. Die Uber- anderer der tatarischen Sprache und tatarischen Lebensgewohnheiten ent-
nahme des tatarischen Namens „Kosaken• erklärt er durch die Berührung nommener kosakischer Eigentümlichkeiten zwanglos erklärt aber in der
mit den Tataren der Steppe, eine Vorstellung, die mit wenigen Ausnahmen Form, die Ljubavskij seiner „ Tatarentheorie" gab, war sie a~f Grund des
ganz allgemeine Verbreitung gefunden hat und die im Grunde eigentlich vorh~n~ene~ Quell:nmaterials nicht aufrecht zu erhalten. Ljubavskij selbst
nicht mehr besagt als die Feststellung eines Sachverhaltes ohne über- hat sie .m semen s?ateren Publikationen nicht mehr vertreten 10). Sie ist im
zeugende Motivierung des Vorganges. ostsl~vischen Bereich ohne weitere Nachwirkung geblieben; dagegen haben
Auch für P 1 a t o n o v, den Historiker der „Zeit der Wirren• (Smuta) polnische Forscher, teilweise im Anschluß an Ljubavskij, ähnliche Gedanken-
war das Kosakentum eine erst am Ende des 16. Jahrhunderts außerordentlich gänge entwickelt.
an Bedeutung gewinnende Erscheinung im russischen Gesellschaftsaufbau. Für di~ großruss!sche Historiographie war das Kosakentum im ganzen
Dem Zeitpunkt entsprechend, von dem ausgehend er seine Aufmerksamkeit gesehen eme Erschemung am Rande ihres Interessengebietes. So wie räum-
dieser Erscheinung zuwandte, verband er sie wie Solovev und Kljucevskij lich das Aktionsfeld der Kosaken den staatlichen und politischen Zentren
mit staatlicher Grenzverteidigung und Kolonisation im Süden, betonte aber fern lag, hatten sie auch zeitlich im Geschichtsbewußtsein der Großrussen
weit stärker als Kljucevskij das soziale Motiv, indem er das Anwachsen nur episodenhafte Bedeutung. Ohne Zweifel haben bei den Historikern
des Kosakentums ganz konkret aus der zunehmenden soziale.P. Bedrückung a~e~iger oder bürgerlicher Herkunft auch gewisse Ressentiments mitgespielt,
und wirtschaftlichen Ausbeutung des russischen Bauernstandes ableitete. die ihre Stellungnahme gegenüber dem Kosakentum als einer geschichtlichen
Die Entwicklung hatte in dieser Hinsicht ja gerade am Ende des 16. Jahr-
hunderts einen gewissen Höhepunkt erreicht, der die Verhältnisse im Innern .Smutn~e vr.emja" (S. 50 ff.) und in .Boris Godunov" (S. 69 ff.). Vgl. auch p 1at 0 -
wie an der Grenze in einem besonders scharfen Licht erscheinen ließ. n o v, Uc7.bm~, I, S. 151 f., 223 ff. (dt. Ubersetzung .Geschichte Rußlands", S. 160 f.,
Platonovs einprägsam formulierte Darstellung erfaßt sie treffend im Zustand 228 ff.). Fur d1e„Fra~e der Entstehung des Kosakentums weniger ergeben die sonst
bedeutend ausfuhrllcheren „Lekcii po russkoj istorii".
voller Ausbildung 6), ihr Entstehen und ihre allmähliche Herausbildung tritt 7
) So noch V lad im i r s k i j - B u da n o v, Naselenie.
8
) K '.3 s t o m a r o v, Bogdan Chmefnickij, S. 5.
9
5) K l j u c e vs k i j, Kurs, III, S. 131 ff. (dt. Ubers. III, S. 111 ff.). ) L J u b a vs k i j, Oblastnoe delenie, S. 529 ff.
6) 10
Am ausführlichsten in den .ocerki po istorii smuty" (S. 113-120). Kürzer in ) Ausführlicher ül)er die "Tatarentheorie" siehe u. S. 123 ff.

20 21
Erscheinung bewußt oder unbewußt beeinflußten. Zu deutlich war vor allem des 16. Jahrhunderts und vor allem ihre spätere Entwicklung mit einer oft
vom 17. Jahrhundert ab der sozialrevolutionäre Zug, der den augenfälligsten sehr undemokratischen Praxis verknüpft und begleitet von einer zunehmen-
Aktionen der Kosaken eignete, und zu eng war die spätere Geschichte des den Verschärfung der wahrscheinlich seit jeher vorhandenen sozialen
Dneprkosakentums mit dem erwachenden Nationalbewußtsein des ukrai- Gegensätze innerhalb des Kosakentums.
nischen Volkes verknüpft. In beiden Richtungen war die geschichtliche Eine ganz andere Rolle als bei den Großrussen spielte das Kosakentum
Existenz des Kosakentums ein Angriff auf die Staatsideologie des zaristi- im geschichtlichen Denken der Ukrainer. Mit dem Erwachen eines starken
schen Rußland, und dies konnte den großrussischen Historiker des 18. und ukrainischen Nationalbewußtseins im 19. Jahrhundert lebte auch das Inter-
19. Jahrhunderts wenn nicht zu einer Unterbewertung und Bagatellisierung esse an der Vergangenheit des ukrainischen Volkes und der Wunsch nach
des gesamten Fragenkomplexes, so doch zu einer Beschränkung in seiner einer eigenständigen Geschichtskonzeption auf. Zunächst war es der alte
Themenwahl veranlassen . Kiever Staat, den die Ukrainer in scharfer Ablehnung der großrussischen
.Ähnliches gilt auch von den meisten im Ausland erschienenen Gesamt- Wanderungsthese ausschließlich für ihre eigene Geschichte beanspruchten.
darstellungen der russischen Geschichte, die - gleichgültig ob sie nun von Diese glänzendste Periode ostslavischer mittelalterlicher Vergangenheit
emigrierten Großrussen oder von Nichtrussen herrühren - durchaus in der sollte den ersten Abschnitt der ukrainischen nationalen Geschichte bilden und
älteren historiographischen Tradition stehen 11 ). Eine originelle und dem eine ungebrochene Entwicklungslinie sollte von ihr zu dem zweiten Höhe-
Kosakentum eine wichtige Rolle zuerkennende Auffassung hat lediglich punkt, der ukrainisch-kosakischen Eigenstaatlichkeit unter dem Hetman Boh-
V er n a d s k i j vertreten. Er unterscheidet drei im gesamtrussischen Be- dan Chmeinyckyj, führen. Solchen Gedankengängen entsprach weder die Vor-
reich geschichtlich wirksame politische Organisationsprinzipe: das monar- stellung von einem fremdvölkischen Ursprung des Kosakentums, noch auch
chische - vertreten durch den Moskauer Staat, das aristokratische - ver- die von seiner Entstehung aus flüchtigen Bevölkerungselementen der nörd-
treten durch den litauisch-reußischen Staat, und das demokratische, zunächst lich anschließenden Gebiete. Nur wenn das pneprkos(:l~j~.ntummmts,~deJ:es
vertreten durch die Stadtrepubliken von Novgorod und Pskov, dann vom w-i:lr als die bodenständige ukraID.Is.CheLandb,evÖlk~rnn,g, durch den ständi-
Ende des 15. Jahrhunderts ab durch das Kosakentum, seit der zweiten Hälfte gen Kampf mit dem Steppenfeind in besonderer Weise zu einem kämpfe-
des 16. Jahrhunderts am deutlichsten manifestiert im .Donskoe vojsko" rischen Volk geprägt, konnte die Kontinuität von Vladimir d. HI. bis
(Don-Heer) und in den Zaporogern (am Dnepr) 12). Wie jede derartige groß- Chmeinyckyj vollkommen aufrecht erhalten werden. Der Kosakenring (Rada,
zügige Schematisierung erfaßt auch diese zweifellos wichtige Besonderheiten Kolo, Krug) war dann nichts anderes als die altrussische „ Vece" und
im osteuropäischen Geschichtsablauf, tut aber der geschichtlichen Wirklich- Hetmane und Atamane die Nachfahren der altrussischen Fürsten und
keit im einzelnen doch wohl Gewalt an. So ist die Entstehung größerer Bojaren. Es ist begreiflich, daß die ersten Generationen einer im modernen
demokratischer Organisationsformen bei den Kosaken in der zweiten Hälfte Sinn national empfindenden ukrainischen Intelligenz der Romantik dieses
ungebrochenen kpntinuierlichen Geschichtsbildes, wie es neben anderen zu-
11) In der umfangreichsten von ihnen geht K. St ä h 1 in (Geschichte Rußlands,
I, S. 191) nicht wesentlich über das hinaus, was schon Solovev festgestellt hatte. nächst auch der Nestor nationalukrainischer Geschichtsschreibung V. An·
Zutreffender sind die Darstellungen von M. Miakotin in dem von P. Mi 1 i o u k o v t o n o v y c vertrat, erliegen mußten 13). Antonovyc begründete diese
u. a. herausgegebenen Sammelwerk (Histoire de Russie, I, S. 206 f.) und von A. Eck autochthonistische Theorie von der Entstehung des Kosakentums folgender-
(Le Moyen Age Russe, S. 293 f. und passim), während V. G i t er man n (Geschichte
Rußlands, I, S. 203, 285 f.) allzusehr an der Oberfläche bleibt. Von den zahlreichen maßen: 1. Das gleichzeitige Auftreten des Kosakentums nicht nur am Dnepr,
einbändigen .Geschichten Rußlands" kann man sagen, daß ihre mehr oder weniger sondern auch im Gebiet von Rjazari, am Don und in Weißruthenien erklärt
zureichende Behandlung des Kosakenproblems jeweils ziemlich genau dem Wert sich daher, daß an allen diesen Stellen der gesellschaftliche Aufbau der vor-
des Gesamtwerkes entspricht. lJberraschend ausführlich und durchaus sachgemäß
äußern sich P. K ovale vs k y (Manuel, S. 97, 133), G. Welt er (Histoire de Russie, tatarischen Zeit aus irgendwelchen Gründen erhalten geblieben war; 2. die
S. 135 f.), B. Par es (A History of Russia, S. 146 f.) und I. Spe c t o r (Introduction, Ableitung der Kosaken von den älteren Turkvölkern ist abzulehnen, weil
S. 44). E. Smurlo (Istorija Rossii), N. Br i an - Chan in o v (Histoire de Russie),
H. G. Pr a t t. H. L. Mo o r e (Russia) und O. Ho et z s c h (Grundzüge) gehen auf diese vom 13. bis zum 15. Jahrhundert quellenmäßig nicht bezeugt sind;
die Entstehungsfrage nicht näher ein. In jeder Beziehung unbefriedigend sind die 3. alle frühen Kosakenführer (Hetmane) sind Gediminovice 14) oder von
Werke von H. J. Mette (Russische Geschichte) und W. Kirchner (Outline), des- diesen eingesetzte Hochfeudale, also bodenständiger Adel; 4. der soziale
sen dt. Obersetzer es zudem noch fertigbringt, aus „CossaCk legions" des Originals
(S. 54) .Kosakenstämme" zu machen (S. 79). Aufbau des Kosakentums entspricht genau dem altrussischen. - In zahl-
12) V e r n a d s k y, A History of Russia, S. 54 f. Die demokratische Parallele
zwischen Novgorod und dem Kosakentum hat gelegentlich auch zur Annahme eines
13
genetischen Zusammenhanges geführt (Vgl. B y k ad o r o v, Istorija kazacestva, ) Anton o v i c, Soderfanie aktov, besonders S. XXIII ff.
14
I, S. 113 ff. im Anschluß an Arbeiten von V. D. Suchorukov und E. Oznobisin). ) Nachkommen des litauischen Großfürsten Gedimin (1315-1341}.

22 23
reichen Sd:tattierungen und Abtönungen hat die autod:tthonistisd:te Kosaken- europäisd:ten Steppengrenzgebiete. Die Analogie zwisd:ten den „Brodniki"
theorie .bei den ukrainisd:ten Historikern in der zweiten Hälfte des 19. Jahr- der Kiever Rus und den Kosaken liegt auf der Hand, ein genetischer Zu-
hunderts weite Verbreitung gefunden 15 ), und sie hat sid:t darüber hinaus sammenhang ist jedod:t nid:tt nad:tzuweisen. Dies um so weniger als die
- da sie der nod:t vorwiegend romantischen Grundstimmung der Zeit ent- Jahrzehnte vor und nach 1500 durch eine besonders nad:thaltige Bedrohung
gegenkam und nationalen Autonomietendenzen entsprad:t - bei den Ukrai- der litauisd:ten Ukraine seitens der Krimtataren gekennzeichnet waren.
nern allgemein großer Popularität erfreut. Ein grundlegender methodisd:ter Weitgehende Entvölkerung der Grenzgebiete und der natürlid:te Reid:ttum
Fehler ermöglichte diese Auffassung: Man ging aus von dem fertig organi- d'2r Steppe sd:tufen die Voraussetzungen für das Entstehen einer unsteten
sierten Kosakentum des 17. Jahrhunderts, übertrug es in dieser Form auf und schwer kontrollierbaren Sd:tid1te von Leuten, die das „Steppengewerbe"
das 16. und 15. Jahrhundert und zog aus gewissen Analogien im gesell- betrieben und sich nach dem Vorbild ebensold:ter tatarisd:ter Steppenbeute-
sd:taftlid:ten Aufbau den Sd:tluß, daß eine folgerid:ttige EntwiCk.lung alt- gänger Kosaken nannten. Die durd:t sozialen DruCk. in den Binnenräumen
russisd:ter Gesellsd:taftsformen vorliege. In dem AugenbliCk., da man sid:t der Polen-Litauens geförderte Südostkolonisation des ukrainisd:ten Volkes, ge-
Erkenntnis nid:tt mehr versd:tließen konnte, daß es ein in eigenartigen stützt auf die schüttere Linie der staatlichen Grenzburgen, erfüllte allmählid:t
gesellsd:taftlid:ten Formen fest organisiertes Kosakentum vor der zweiten während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die vorhandene kosakische
Hälfte des 16. Jahrhunderts nid:tt gab und daß gerade die Tatsad:ten im Lebensform mit neuem Inhalt und führte sd:tließlid:t zur Bildung jener
Leben der Kosaken, in denen man Anknüpfungspunkte zur vorhergehenden späteren, fest organisierten Form des Kosakentums, die im 17. Jahrhundert
gesd:tid:ttlid:ten Periode gesehen hatte, das Produkt einer viel späteren Ent- zur Zeit Chmefnyckyjs Rahmen und Motor der ukrainischen Volks- und
wiCk.lung darstellten, war die autod:tthonistische Theorie nid:tt mehr zu ver- Staatswerdungstendenzen abgeben sollte.
treten. Man kann sich vorstellen, daß es einem Hrusevskyj, der ja nid:tt nur
Hrusevskyjs Darstellung ist in der Folge für die ukrainisd:ten Historiker
Historiker, sondern zugleich aud:t führender nationalukrainisd:ter Politiker
außerhalb der ukrainischen Sowjetrepublik maßgebend geblieben 1s). Sie
war, nid:tt leid:tt gefallen ist, auf die Kontinuität eines eigenständigen ukrai-
war im Prinzip der großrussischen Auffassung, wie sie etwa Kljucevskij und
nisd:ten Geschichtsbildes in der bisherigen Form zu verzid:tten.
Platonov vertraten, gar nicht so unähnlid:t. Hier wie dort war die Rede von
,~Y~c:ltgJJg~J:LL1\l~.:Y,,,.~.lJ:,j..t~ der nad:t Umfang und Gründlichkeit seiner
entwurzelten, aus ihren gesellsd:taftlid:ten Bindungen gelösten Menschen,
Arbeiten eine überragende Stellung unter den Historikern des ukrainischen
aus denen die Härte des Existenzkampfes in Steppe und Grenzgebiet etwas
Volkes einnimmt, vertrat hinsid:ttlid:t der Entstehung des Kosakentums
Neues dem Namen, etwas Altes der Sad:te nach formte - eben Kosaken.
folgende Auffassung 16): Es ist zu untersd:teiden zwischen dem Kosakentum
Und zweifellos ist damit aud:t etwas Wesentlid:tes am Kosakentum ge-
als einer raumbedingten, in gewissem Sinne überzeitlid:ten Daseinsform und
kennzeid:tnet. Grundsätzlich versd:tieden war dagegen bei Großrussen und
dem Kosakentum als einer eindeutig ausgeprägten gesellschaftlichen und
Ukrainern die Perspektive, in der sie die Kosakenfrage sahen. Für den groß-
politisd1en Organisation bestimmter geschid:ttlid:ter Wirksamkeit. In der
russisd:ten Gesd:tichtsforsd:ter blieben die Kosaken eine Angelegenheit der
zweiten Form ist es eine Erscheinung frühestens des ausgehenden 16. Jahr-
Peripherie, dem Staate je nach Lage der Dinge nützlid:t oder gefährlid:t,
hunderts 17), in der ersten ein zu allen Zeiten erkennbares Element der ost-
niemals aber von entscheidendem Einfluß auf die Gestaltung des nationalen
Sd:tiCk.sals. Dem Ukrainer dagegen war die Blütezeit des Kosakentums das
1s) Auf Grund neuer Quellen und mit verbesserten wissenschaftlichen Methoden Goldene Zeitalter seiner Gesd:tichte, Chmeinyckyjs Name bedeutete den fast
versuchte Kam an in (K voprosu o kozacestve) die Theorie V. Antonovycs zu stüt-
zen zu einem Zeitpunkt, da dieser selbst bereits von ihr abgekommen war (z. T. schon geglüCk.ten Griff nad:t der staatlichen Sonderexistenz, und zwar nad:t einer
in :Kiev, ego sud'ba", ganz deutlich dann in den „Vyklady"). Das k e v i c (Bolo- Staatlid:tkeit, deren aussd:tließlid:te Zuordnung zum ukrainisd:ten Volke nid:tt
chovskaja zemlja) hielt das Kosakentum ebenfalls für bodenständig, aber für eine angefod:tten werden konnte wie die der Kiever Rus. So kam es bei den
Erscheinung, die nicht in Fortbildung des altrussischen Fürstenregimentes, sondern
in Opposition dazu entstanden war. Vgl. die Ubersicht bei H r u s es vs k y j, Istorija Ukrainern zu einer begreiflichen Glorifizierung des Kosakentums durch das
Ukrajiny Rusy, VII, S. 72 ff. nationale Gesd:tid:ttsbewußtsein, während für die Großrussen an allem Ko-
16) H r u s e vs k y j, Istorija Ukrajiny Rusy, VII. Es liegi::n auch mehrere po.pu- sakisd:ten die Züge des Abenteuerlid:ten und Provinziellen, des Kolonisa-
läre Kurzfassungen von Hrusevskyjs monumentalem Geschichtswerk vor, so eme
für großrussische Leser bestimmte (Ocerk) und eine illustrierte ukrainische als torisd:t-Primitiven haften blieben. Diese Versd:tiedenheit in der Perspektive
Schul- und Volksbuch (Iljustrovana istorija Ukrajiny). wurde durch das im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert zunehmende
17) H r u s e vs k y j setzt eine regelrechte Organisation des Kosakentums erst
mit Beginn der staatlichen Erfassungsversuche: im le~zten Drittel des 16. Jh~ts. an,
eine Ansicht, die nicht unwidersprochen geblieben ist. Vgl. Kord u b a, Die An- 18
) So z.B. D o r o senk o, Narys, I, S. 144 ff.; Kr u p n y c k y j, Geschichte der
fänge, S. 370. Ukraine, S. 49 ff.; Anton o v. y c, M„ Istorija Ukrajiny, III, S. 3 ff.

24 25
Spannungsverhältnis zwischen Großrussen und Ukrainern, die ja z~m ~röß­ nicht das volkliche und staatliche Mündigwerden der Ukrainer, sondern eine
ten Teil in einem Staate zusammenleben mußten, über die sachlich h1stonsche unter schwierigsten Verhältnissen erfolgte, kolonisatorische Pionierleistung
Begründbarkeit hinaus verschärft. Es kann nicht wundernehmen, daß bei den des polnischen Adels. Das spätere Kosakentum stellte in dieser Hinsicht eine
Ukrainern die im Zeitalter der Nationalstaaten eines nationalen Staates schmerzlich empfundene Gegenwirkung dar und fand daher begreiflicher-
entbehrte~, sich Wunsch und Sehnsucht auch der geschichtlichen Materie weise allgemein eine sehr negative Beurteilung. Unter dem Symbol eines
bemächtigten und daß andrerseits die Großrussen einer solchen Auffassung Kampfes zwischen Pflug und Schwert begriff man die Auseinandersetzung
wenn nicht mit deutlicher Ablehnung, so doch ohne innere Anteilnahme zwischen friedlicher, landwirtschaftlicher Kulturarbeit der Szlachta und der
gegenüberstanden. In diesem Sinne hatte der Vorwurf nicht ganz unrec:it, kulturfeindlichen Selbstherrlichkeit des Kosakentums 21 ).
der meinte, manche ukrainischen Historiker „vergäßen die allgemem- Dieses polnische Gescl:iichtsbild, der denkbar größte Gegensatz zunächst
russische Geschichte des Kosakentums, vergäßen, wie die Sache am Don gegen die ukiafnis2he:daii~ ~ber auch gegen die ostslavische Auffassung
vor sich ging" 19 ). überhaupt, konnte auf die Behandlung der kosakischen Entstehungs-
Hinsichtlich der Ubernahme tatarischer Elemente - vom Namen an- geschichte nicht ohne Einfluß bleiben. Die der eigenen Kulturmission ent-
gefangen - durch die Kosaken beschränkte sich Hrusevskyj ähnlich ':ie gegenstehende Welt der Steppe und ihrer Randgebiete wurde als so anders-
Kljueevskij auf die Erwähnung eines Tatbestandes, den man gelegentlich artig und fremd empfunden, daß das Gefühl slavischer Gemeinsamkeit
als das herausfordernde Vorbild" des tatarischen Gegenspielers gekenn- dagegen völlig zurücktrat. So flossen in den Darstellungen polnischer
zeichnet11hat 2°). Auf das "Wie" einer solchen Ubernahme ging er so wenig Historiker alle Mutmaßungen über einen nichtslavischen Ursprung des
wie jener ein; er war so vollkommen überzeugt von dem rein ukrainisch- Kosakentums zu einem in seiner Art geschlossenen Bild zusammen. Alexan-
slavischen Ursprung und Charakter des Dneprkosakentums, daß ihm der der J ab l o n o w s k i ist mit den ukrainischen Geschisfltsschreibern darin
Gedanke an eine andere Möglichkeit der Aneignung tatarischer Eigentüm- einig, daß das Kosakentum seinen Ursprung den besonderen Verhältnissen
lichkeiten nicht weiter nachdenkenswert erschien. Die Ubernahme vom in den Steppengrenzgebieten verdankt. Aber es ist nicht die ansässige
Gegenspieler in der Steppe war die einzige Möglichkeit, sie brau~.te ~aru~ ukrainische Landbevölkerung, zunächst auch noch nicht das vom Westen und
nicht weiter erklärt zu werden, und sie war die abstrakteste Moghchkeit Norden zuwandernde Element flüchtiger Bauern, auf das das erste Kosaken-
- so kann man vielleicht hinzufügen -, sie war daher allen anderen tum zurückgeht; es sind vielmehr die Reste der vortatarischen Turkvölker,
Gedankengängen vorzuziehen, die nur ein stärkeres Hereinziehen des tata- jene als „Cernye Klobuki" (SchwarzII1ützen) bezeichneten Verbände der
rischen Elementes in die Entstehungsgeschichte des Kosakentums bedeuten Pecenegen, Torken, Berendeer und Polovcer, die an den Grenzen der ost-
konnten. slavischen Fürstentümer angesiedelt die Tatarenzeit überstanden, es sind
Solche Behutsamkeit in der Berührung der Tatarenfrage war der pol- weit(lrdieJn ciE)n Dien.stPolen-Lita:uensgetretenen und zur Grenz_;.~~t~idi­
nischen Auffassung nicht eigen. Die Stellung der polnischen Historiker zur gung eingesetzten Tatarengruppen, die als die ersten Kosaken angesehen
Frage des Ursprungs der Kosaken fügt sich in den Rahmen ihrer Stellung- werden müssen. So entstand aus der Vereinigung der Karamzinschen
nahme zur Geschichte der Ukraine überhaupt. Es war das politische Schicksal Schwarzmützentheorie mit der Tatarentheorie Ljubavskijs ein Bild, das den
der Polen in der Neuzeit, das ihrer Geschichtsauffassung einen so stark ideo- ursprünglich slavischen Charakter nicht nur des Kosakentums, sondern des
logisierenden Charakter gab. Der Staat als machtvolle Wirklichkeit bedarf j.a ukrainischen Volkes überhaupt in Frage stellte. Man betrachtete die Be-
einer dauernden historischen und weltanschaulichen Begründung weit weni- völkerung der Ukraine in ethnischer Hinsicht als eine turkotatarisch-
ger denn der Staat als nicht existentes politisches Leitbild. Polen als wesent- slavische Mischung, wobei erst gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts das
liches Glied der westlich-abendländischen Christenheit, als getreues Voll- Slaventum endgültig das Ubergewicht erlangt und eine völlige Slavisierung
zugsorgan der „Ecclesia militans" und als erfolgreicher Kulturträger, das der fremden Elemente durchgesetzt hätte 22 ). Die Unvereinbarkeit dieses
waren die Blickpunkte, unter denen man Wert und Verdienst der eigenen von polnischer Seite gezeichneten Geschichtsbildes mit dem ukrainischen
Geschichte im Hinblick auf den zu verwirklichenden und gerechtermaßen
) Beispiele für ~iese Auffassung enthalten die Arbeiten von K. S z a j noch a,
21
zustehenden Staat zusammenfaßte. Dementsprechend war den Polen die
Geschichte der südöstlichen Grenzgebiete des polnisch-litauischen Staates A. Ja b l o n o w s k i, T. K o r z o n, F. Ra w i t a - G a w r o n s k i St. Sm o l k a Po-
pu~arisiert wurde sie u. a. auch durch die historischen Romane ~on H. S i e n k i e •
WlCZ.
22
tv) L j u b a v s k i j, Nacarnaja istorija, S. 238. ) Ja b l o n o w s k i, Etniczna postac; der s., Ukraina, S. 395 ff.; Kor z o n,
20) Diese Formulierung stammt von Toynbee. Vgl. Schmid, H. F., Europas Dzieje wojen, I, S. 367 ff.; Ra w i t a - G a w r o n s k i, Zaludnienie; Sm o l k a, Die
Osten, S. 21 f. reußische Welt, S. 267 ff.

26 21
liegt auf der Hand; sie gilt ja nicht nur für das Problem der Entstehung des
Kosakentums, sondern für das Ganze der Geschichte des ukrainischen Volkes Waldgebietes. Die Methode, die zu diesem Ergebnis führte, wird am besten
überhaupt. Die ukrainischen Forscher haben gegen die polnische Konzeption dadurch charakterisiert, daß Bykadorov eindeutig tatarische Kosaken-
natürlich dieselben Gegenargumente vorgebracht, die sie auch· sonst gegen gruppen, wie etwa die Azovschen Kosaken, ohne weiteren Beweis einfach
Theorien vom fremdvölkischen Ursprung des Kosakentums, auch soweit sie als tatarisierte Slaven bezeichnet. So hat also die ukrainische autochthoni-
von großrussischer Seite vertreten wurden, ins Treffen führten. Das wesent- stische Theorie in bescheidenerem Rahmen auch bei den Donkosaken eine
lichste Gegenargument ist dabei ein negatives - der Hinweis auf den Entsprechung gefunden.
Mangel an ausreichenden Quellen. Es wäre nun eine billige Feststellung zu behaupten, daß die geschicht-
Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die neueste polnische Äuße- liche Wahrheit irgendwo in der Mitte von all diesen einander wider-
rung zur Frage der sozialen und ethnischen Zusammensetzung des Kosaken- sprechenden Theorien und Hypothesen liegen müsse. Das Eine haben sie
tums von Wladyslaw Tom k i e w i c z die extremen Positionen der tradi- jedenfalls alle gemeinsam, daß sie mit mehr oder minder großer Deutlichkeit
tionellen polnischen Auffassung nicht mehr verteidigt. In sozialer Hinsicht den nationalen und sozialen Standort des Urhebers erraten lassen. Das
betont Tomkiewicz die hervorragende Rolle, die der polnische Adel bei der führt uns zu der Frage, wie sich der große politische Umbruch des Jahres
Bildung und Entwicklung des Kosakentums gespielt hat, in ethnischer be- 1917 hinsichtlich der Auffassung des Kosakenproblems ausgewirkt hat. Die
streitet er - und wohl mit Recht - zumindest für das 16. Jahrhundert die Veränderung der Produktionsverhältnisse und die daraus resultierenden
von der ukrainischen Geschichtsforschung behauptete ukrainische Uniformi- Klassenkämpfe als geschichtliches Deutungsprinzip, die zumindest äußerliche
tät des Kosakentums, ohne aber das ursprüngliche Slaventum des ukraini- u~d offiziel.le L~quidierung bisher wirkungsreicher nationaler Gegensätze
schen Volkes in Frage zu stellen 23 ). w1: der zwischen Großrussen und Ukrainern konnten neuen Betrachtungs-
Mit der Kennzeichnung der polnischen Auffassung sind wir noch nicht weisen den Weg ebnen. Im allgemeinen läßt sich folgende Stellungnahme
am Ende des bunten Neben- und Gegeneinanders geschichtlicher Theorien der so"\\'j~tischen .Historiker zur Kosakenfrage kennzeichnen: Soweit nicht
über die Entstehung des Kosakentums angelangt. In einer gewissen Analogie das his:or~~che Interesse durch die Erforsdlung der Entwicklung jüngster
zu den Ukrainern haben auch die s:e~tgeJ~grng~n NaJ:1tll:9.IJ:l!P&!Lder Don- revolut10narer Bewegungen absorbiert wurde, verlagerte sich der Schwer-
k()fü!keu.versucht, ein eigenes Geschichtsbild zu entwerfen. Aus den Kreisen punkt der geschichtlichen Untersuchungen nach dem Jahre 1917 vom Gebiet
des emigrierten Donkosakentums sind zwei geschichtliche Darstellungen der politischen Geschichte auf das der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte.
hervorgegangen, die weniger um ihrer wissenschaftlichen Qualität willen M.an k.onnte dabei sachlich auf zahlreichen wertvollen Arbeiten bürgerlicher
bemerkenswert sind als wegen der großen Deutlichkeit, mit der in ihnen H1sto~1ker aufbauen. Eine vollkommen neuartige Bewertung erfuhren die
gegenwartsnahe politische Zielsetzungen Einfluß auf die Lösung geschicht- eruptiven Volkserhebungen, die wie Naturerscheinungen in gewissen Inter-
licher Fragen ausüben. In beiden Fällen hat die kurzlebige politische Auto- vallen die neuzeitliche Geschichte des russischen Volkes begleiteten und mit
nomie der Donkosaken während des Bürgerkrieges bei der Formulierung den Namen eines Bolotnikov, Stenka Razin, Bulavin Pugacev verknüpft
des Geschichtsbildes Pate gestanden. Während Sv a t i k o v versuchte, in . d 26 1
sm ). Was ehedem als vom Geist der Unordnung und bösartiger Auf-
Form einer umfangreichen rechts- und verfassungsgeschichtlichen Unter- lehnung geboren, als Angriff chaotischer Elemente gegen den geheiligten
suchung die geschichtlichen Voraussetzungen der donkosakischen Autonomie Bestand der staatlichen und gesellsd:taftlichen Ordnung verurteilt wurde,
zu klären, und die Frage der Entstehung des Kosakentums nur in der Ein- verstand man nun als einen verzweifelten Ausbruch der unterdrückten und
leitung im Sinne des üblichen großrussischen Schemas kurz berührte 24 ), ~usgebeuteten Volksschichten, als verehrungswürdige Anstrengungen im
widmete B y k ad o r o v seine Aufmerksamkeit gerade dem Ursprungs- Jahrhundertelangen Kampf um soziale Freiheit und Gerechtigkeit. In ihrem
problem 2s). Die Quintessenz seiner phantasiereichen, aber im ganzen kaum Wese~ waren all.~ diese Erhebungen, der Zeit und dem Raum entsprechend,
ernst zu nehmenden Darlegungen ist die: Das Kosakentum ist weder fremd- Au:~tande der bauerlichen Bevölkerung, militärisch in Form gebracht und
völkischen Ursprungs, noch ist es aus flüchtigen Bauern und Grenzern her- gefuhrt von der besitzlosen Schicht des Kosakentums, der Golytba, dem
vorgegangen. Es ist vielmehr eine uralte autochthone slavische !3teppen- Steppenproletariat. Von hier aus konnte sich also den Sowjethistorikern
bevölkerung, seit jeher deutlich unterschieden von der Bevölkerung des

) Diese Umwertung bli~b ~issenschaftlich nicht fruchtlos. Es sei hier nur die
26
23) T o m k i e w i c z, O skladzie. • .•
24 ) Sv a t i k o v, Rossija i Don. kungste, .:Umfang- und _matenalreiche Untersuchung über den Aufstand des Bolotni-
25 ) B y k ad o r o v, Istorija kazacestva, I. cohvaraerkwa~nt. (I. I. Sm l r n o v, Vosstanie Bolotnikova). die auch einiges zur sozialen
tenstik des Grenzkosakentums ergibt (S. 123 ff.).
28
29
ein dem neuen Denken naheliegender Zugang zu der Geschichte des Ko- national-militärische wiederum würdigen wird, bleibt abzuwarten. Die Publi-
kationen der letzten Jahre lassen in dieser Richtung noch keine Schlüsse zu.
sakentums eröffnen.
Eine zweite Möglichkeit bot in dieser Hinsicht die Geschichte des ukrai- Damit sind wir am Ende unseres Uberblickes angelangt. Es drängt sich
nischen Volkes, das nach 1917 in der neu entstandenen Sowjetukraine vorerst die Erkenntnis auf, daß das Kosakentum zu jenen geschichtlichen Erschei-
zu einer bis dahin nicht gekannten kulturellen Selbständigkeit gefunden nungen gehört, deren Beurteilungen über das übliche Maß hinaus von-
hatte. Schon Hrusevskyj hatte eindringlich auf die bereits im 16. Jahrhundert einander abweichen. Das hat einmal seinen Grund in der lückenhaften Uber-
innerhalb des Kosakentums aufbrechenden Klassengegensätze hingewiesen, lieferung der Quellen, die im einzelnen Fall sehr verschiedenen Auslegungen
in der Folge dann allerdings auch nationalen und religiösen Motiven ent- Rattm gibt, zum anderen - wie wir gesehen haben - in dem verschiedenen
scheidende Bedeutung zuerkannt. Die sowjetukrainischen Historiker bauten nationalen und sozialen Standort der Beurteiler, zum dritten in der geo-
seine Ergebnisse hinsichtlich der sozialen Ungleichheit unter den Kosak~n graphischen Lage des für Entstehung und Frühgeschichte in Frage kommen-
und überhaupt in der Bevölkerung der Ukraine weiter aus und erhoben sie den Raumes, der vor allem in seinem westlichen Teil jahrhundertelang im
27 Brennpunkt des osteuropäisch-internationalen Interesses stand. Es ist weiter
zum wichtigsten Deutungsprinzip der ukrainischen Geschichte ).
Trotz dieser vorhandenen Ansatzpunkte kann man aber beobachten, daß der Schluß naheliegend, daß es sich bei der Entstehung des Kosakentums um
in den Darstellungen sowjetischer Historiker die Behandlung des kosaki- einen außerordentlich komplexen Fragenbereich handelt, so daß die ein-
schen Elementes terminologisch und sachlich hinter der des allgemein bäuer- seitige Betonung einzelner Komponenten zu stark auseinandergehenden
lichen zurücktritt. Das Kosakentum erscheint nicht als eine besondere ge- Gesamtansichten führen konnte.
sellschaftliche Erscheinungsform, sondern stets im Rahmen der allgemeinen Daß einerseits der in den Binnenräumen überhandnehmende soziale
sozialen Zustände und Bewegungen 28 ). Das ist psychologisch durchaus ver- Druck auf die Masse der ländlichen Bevölkerung, andrerseits die militä-
ständlich: Im Bewußtsein der nachrevolutionären Offentlichkeit figurierten rischen Notwendigkeiten der Landesverteidigung an der Grenze bei der
die Kosaken nicht als die flüchtigen Bauern und freiheitsliebenden Steppen- Bildung des Kosakentums eine entscheidende Rolle gespielt haben, unter-
kämpfer, die sie ursprünglich waren, sondern als die Exekutivorgane des liegt keinem Zweifel; lediglich in der Akzentverteilung sind bei den einzel-
zaristischen Absolutismus, als verhaßte Werkzeuge der Unterdrückung frei- nen Historikern gewisse Verschiedenheiten festzustellen. Anders verhält es
heitlicher und fortschrittlicher Bewegungen. Dazu kam, daß in der Ukraine sich bei der Frage des turkotatarischen Einflusses, der in der Form des
wie am Don während des Bürgerkrieges gerade die Vertreter antisowjeti- Namens „Kosaken" 30), gewisser kosakischer Spezialausdrücke (Ataman,
scher Selbständigkeitsbestrebungen die kosakische Tradition auf ihre Fahnen Esaul, Kos, Vataga) 31 ) und des äußeren kosakischen Erscheinungsbildes nicht
geschrieben hatten 29), Daher ist es wohl zu erklären, daß Entstehung und . wohl geleugnet werden kann, dessen Modalitäten jedoch außerordentlich
Frühgeschichte des Kosakentums als einer gesamtostslavischen Erscheinung verschieden beurteilt werden. Der Annahme einfacher Nachahmung des
- ein Thema eminent sozialen Charakters - von seiten der sowjetischen tatarischen Steppengegners durch die Ostslaven steht die Behauptung des
Geschichtsforschung nicht die ins einzelne gehende Würdigung erfahren tatarischen Ursprungs auch in physischer Hinsicht gegenüber. Die Unverein-
haben, die man vielleicht erwarten konnte. Wieweit die neue Richtung der barkeit dieser beiden Ansichten und andrerseits die Tatsache, daß jeder für
sowjetischen Historiographie die psychologische Belastung gegenüber d~m sich die durchschlagende Dberzeugungskraft mangelt, legen den Gedanken
Kosakentum überwinden und neben seiner sozialen Leistung etwa auch seme nahe, daß man einer geschichtlichen Lebenserscheinung, wie sie das Kosaken-
tum darstellt, überhaupt nur mit einem elastischeren Deutungsprinzip nahe-
21) So z.B. Ja vors k y j, Istorija Ukrajiny; Ist o r i ja U k r a j in y. Korotkyj
kurs; besonders scharf formuliert bei H u s l y s t y j, Narysy, S. 3 ff„ .~1 ff. 36
) Der tur~otatari~ch.e ~rsprung des Wortes
Kosak" wird seit langem nicht
2s) Für die Zeit bis 1934 war natürlich die Auffassung Pokrovsk11s maßgeb«=:nd, 11

meh~ angezweifelt. Die m ihm enthaltenen Bedeutungselemente ergeben sich aus


die sich nur durch die handfeste Primitivität der Schematisierung, kaum aber faktisch d.er l~ Kap~te~ IV ff.. durchgeführten Quellenanalyse besser als aus einer Uber-
von den Ansichten etwa Kljucevskijs oder Platonovs unterschied. Vgl. Po k r o v • s1cht uber die im Schrifttum vertretenen Auffassungen, die die eine oder die andere
s k i j, Russkaja istorija v samom szatom ocerke, S. 45 ff„ dt. Ubers. S. 55 ~· Komponente besonders betonen und gewöhnlich über ganz allgemeine Feststellungen
29) Daher ist es auch das Hauptziel des 4~ Spalten u~f~ssenden .Artikels .K?·
nicht hinausgehen.
sakentum" (Kazacestvo) in der Großen Sow3etenzyklopad~e (Bor~aJa Sovet~ka1a 31
) Die Bezeichnung "Ataman" findet sich nicht nur bei den Kosaken sondern
Enciklopedija), den Nachweis zu führen, daß nur die kosak1~che Fuhru~gssch1~.te,
nicht aber das Kosakentum als solches sich der Gegenrevolution verschrieb. Im ub- au~ in Nordrußland (Sr e z n e vs k i j, Materialy, I, Sp. 231; V a s m ~ r, Etym.
rigen stellt der Artikel die Entstehungsgeschichte des Donkosakentums z.utre~fend Worterbuch, S. 31) und im Gebiet der Donaufürstentümer (J o r g a, Geschichte, I,
dar; das ukrainische Kosakentum wird trotz des bedeutenden Umfanges mit kemem S. 333), und zwar schon in vorkosakischer Zeit. Das schließt zwar turkotatarische
Vermittlung nicht aus, schränkt aber die Bedeutung als kosakisches Spezifikum ein.
Wort erwähnt.
31
30
kommt, das der Vielfältigkeit des Gegenstandes und der in ihm enthaltenen
Ubergangsvarianten gerecht zu werden vermag.
Das erfordert methodisch die Vermeidung vorgefaßter Meinungen und
Vorstellungen, wie sie leicht entstehen, wenn man einen späteren, nach
irgendeiner Seite hin bereits festgelegten Zustand als Ausgangspunkt
nimmt, und das Zurückgehen auf die ältesten Quellen und das sich aus ihnen
ergebende Bild. Das erfordert sachlich die gleichmäßige Berücksichtigung
aller Komponenten und die Anpassung der Darstellung an die zu erfassende III.
geschichtliche Lebendigkeit, nötigenfalls unter Inkaufnahme des Offen-
lassens einzelner, nicht eindeutig zu entscheidender Teilfragen. Wir hoffen, Der Raum und die Zeit
in der vorliegenden Untersuchung den derart gekennzeichneten Forderungen
nach bestem Wissen gerecht zu werden und von der Entstehungsgeschichte
des Kosakentums und den sie begleitenden und beeinflussenden Zeit- Ehe wir nun daran gehen, die Aussagen der schriftlichen Quellen eine
umständen ein Bild zu geben, das der historischen Wirklichkeit nahekommt. nach der andern auf ihren Inhalt und Wert zu prüfen, um so selbst ein zu-
verlässiges Bild von der Entstehung des Kosakentums zu gewinnen, er-
scheint es zweckmäßig, zuerst den Raum und die Zeit, in denen diese Ent-
stehung vor sich geht, überschlägig und vorläufig zu kennzeichnen.
Die Einförmigkeit des weiten osteuropäischen Tieflandes, das von seiner
asiatischen Fortsetzung durch den Ural nur sehr unzulänglich getrennt ist,
wird durch zwei Faktoren gemildert und aufgegliedert: durch die Vegeta-
tionszonen und durch das Flußsystem. Die Entstehung des Kosakentums
ging ausschließlich in der südlichen Hälfte dieses osteuropäischen Tieflandes
vor sich, d. h. - nach Vegetationszonen bestimmt - im Bereich des Misch-
waldes, der Waldsteppe und der eigentlichen Steppe. Von der Zone des
Mischwaldes, die sich gleid1 einem nach Osten zugespitzten Keil von der
Ostsee bis zum Ural erstreckt, kommt für uns nur der Südrand in Frage; er
verläuft von Südwesten nach Nordosten ganz grob ~g~r ~inie Kiey~JS:.azan.
Südlich schließt sich an den Mischwald die Waldsteppe an, deren Südrand
in der Linie KiSinev - Chafkov - Saratov ebenfalls der nordöstlichen Rich-
tung folgt. Der Rest des osteuropäischen Tieflandes bis zum Schwarzen Meer
und zum Kaukasus einschließlich der Nordhälfte der Halbinsel Krim ist
Steppe, die nun umgekehrt wieder einen sich nach Osten zu verbreiternden
Keil bildet 1).
Bis zu der Zeit, in der das Kosakentum entsteht und dann mit zum Träger
der Kolonisation wird, ist die ostslavische Siedlung im allgemeinen nir-
gends in größerem Ausmaß aus dem schützenden Wald herausgetreten. Die
zur Zeit des Kiever Staates in die Waldsteppe hinausgeschobenen Vor-
posten haben den Mongolensturm und die nachfolgenden Jahrhunderte der
mongolisch-tatarischen Herrschaft zum größten Teil nicht überdauert. Die
Steppe in ihren beiden Formen als Wald- und als Grassteppe war und blieb

1) Zu den Vegetationszonen allgemein vgl. Leim b ach, Sowjetunion, S. 148 ff.,

hinsichtlich des Klimas B o r i so v, Klimaty SSSR, S. 138 ff.

3 Stökl, Kosakentum 33
32

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