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Leben zwischen Online und Offline:

Sklaven der Reize: Wie der Mensch sich in sozialen Medien verliert

Miray Caliskan, 23.4.2021 - 06:43 Uhr

Das menschliche Hirn kann nur einen Bruchteil an Informationen wahrnehmen. Und der Weg
ins Bewusstsein ist ein gefährlicher, so Neuropsychologe Lutz Jäncke.

Imago
Menschen sind zu Robotern geworden, Smartphones dienen als mechanische Augen. Das
permanente Online-Sein kann nicht nur dazu führen, dass wir uns immer mehr aus der
Realität zurückziehen. Wir verlieren auch unsere Fähigkeiten.

Berlin - Der Neurowissenschaftler Lutz Jäncke ist sich sicher: Irgendwann werden Menschen
beschließen, auf soziale Medien vollkommen zu verzichten. Unser Gehirn sei für eine Welt
geschaffen, die den physikalischen Kontakt der Mitmenschen voraussetzt. In einer Inkognito-
Welt, in der wir heute leben, falle diese Art des Zusammenlebens komplett weg. Ein Gespräch
über die Informationsflut, in der wir ertrinken, die Schattenseiten des Internets und
Selbstkontrolle, die der Mensch wiedererlangen muss.
Berliner Zeitung:  Herr Jäncke, es gibt Hochrechnungen, die besagen, dass der
Durchschnittmensch zeitlebens fünf Jahre und vier Monate mit sozialen Medien verbringt.
Eine andere Umfrage kommt zum Ergebnis, dass 12- bis 17-Jährige täglich knapp drei
Stunden Whatsapp, Snapchat und ähnliches nutzen. Wir schweben zwischen einem Online-
und Offline-Leben. Ist der Mensch für diese Art der Welt konstruiert?

Lutz Jäncke: Nein. Davon bin ich fest überzeugt. Bis vor ungefähr 10.000 Jahren lebte der
Homo sapiens, also der Mensch, in kleinen Gruppen und hat gemeinsam die Welt erwandert.
Wir waren schon immer Sozialwesen gewesen, die jedoch in ständiger Konkurrenz mit
anderen Menschen standen und noch heute stehen. Wir sind egoistisch, streben nach Macht
und verteidigen unser Revier, wenn es nötig ist, bis aufs Blut. Der größte Feind des Menschen
ist der Mensch selbst. Also mussten wir gewissermaßen lernen, Bindung aufzubauen. Und das
ist auch heute ein sehr fragiles Unterfangen: Wir müssen immer wieder geben und nehmen
und mit der Zeit mühsam und langsam Vertrauen aufbauen. Das erfordert den vollen Einsatz
des Körpers. Unser Gehirn ist für eine Welt geschaffen, die den physikalischen Kontakt der
Mitmenschen voraussetzt. Auf diese Art des Zusammenlebens sind wir spezialisiert.

Der volle Einsatz des Körpers fällt ja heutzutage ein Stück weit weg, weil Kontakte übers
Internet geknüpft werden. Was macht das mit dem Sozialverhalten des Menschen?

Die kognitive Neurowissenschaft hat uns gelehrt, dass wir bei der Interaktion mit anderen
Menschen eine besondere Fähigkeit nutzen, die wir als „Theory of Mind“ bezeichnen. Wenn
wir miteinander kommunizieren, generiert unser Gehirn im Dialog mit dem Sozialpartner eine
Theorie über das Verhalten, das Denken und Fühlen unseres Gegenübers. Und wir passen
unser eigenes Verhalten an seiner Gestik und Mimik an. Das fällt in einer Inkognito-Welt, in
der wir heute leben, komplett weg.

Wir sehen unsere Mitmenschen hinter den Bildschirmen nicht und reflektieren unser eigenes
Verhalten deshalb auch nicht mehr. Wir „hauen“ unsere Gedanken in die Tasten, ohne richtig
darüber nachzudenken. Wir beleidigen Menschen, ohne sie zu kennen und haben sogar die
Möglichkeit, Meinungen hundertausendfach zu verbreiten. Mobbing kann vervielfältigt
werden. Und drei Wochen später bereut es die Person dann, was sie geschrieben hat. Auf
Twitter kann man das oft beobachten, wo Menschen sich im Nachhinein für ihre Aussage
entschuldigen.
Hassreden, Mobbing oder Belästigung können in den sozialen Medien gemeldet werden. Aber
ob und welche Konsequenzen das für die Person hat, die negativ kommentiert hat, weiß man
nicht.

Das übertrieben negative Kritisieren von Menschen gehört ja heute gewissermaßen dazu.
Selbst wenn wir tausend Komplimente bekommen, bewerten wir die zehn schlechten
Kommentare über uns als „höher“ oder „wertvoller“, weil sie unser Selbstbild angreifen.
Deswegen sind Beleidigungen oder Drohungen, selbst wenn man sich versucht, dagegen
mental zu erwehren, für den Betroffenen immer extrem unangenehm.

Die Schattenseite des Internets wird von jungen Menschen sicherlich heftiger wahrgenommen
als von Erwachsenen.

Ja. Deswegen blicke ich voller Sorge in die Zukunft. Das menschliche Hirn reift ungefähr bis
zum 20. Lebensjahr. Die größte Hirnstruktur, der präfrontale Cortex, liegt hinter der Stirn,
und dort sind geistige Fähigkeiten wie Selbstdisziplin, Aufmerksamkeit, Motivation oder
Emotionskontrolle verortet. Der präfrontale Cortex kontrolliert aufsteigende Impulse aus den
Emotionszentren und hemmt diese. Er arbeitet wie ein Top-Down-System. Dieses System ist
allerdings bis weit nach der Pubertät noch gar nicht voll ausgereift. Deshalb sind Jugendliche
so anfällig für Süchte jeder Form: Fernsehen, Drogen, Computerspiele. Und man muss sich
auch vor Augen führen, dass sie zu jeder Zeit an jedem Ort ihre Bedürfnisse mental
befriedigen können.

Menschen sind anfällig für Pop-up-Phänomene: Hysterie, Skandale und Dramen

Das bringt eine immense Flut an Informationen mit sich. Ist unser Hirn überhaupt in der
Lage damit zurechtzukommen?

Unser Gehirn hat sich spezialisiert auf das Fokussieren der Aufmerksamkeit. 11 Millionen Bit
an Informationen treffen pro Sekunde auf das Sensorium unseres Gehirns. Das kann man
anhand der Anzahl der Rezeptoren, über die wir verfügen, sehr genau berechnen. Von diesen
11 Millionen Bit nehmen wir nur 11 bis 60 bewusst wahr. Demzufolge muss das Gehirn jene
Informationen aus der Informationsflut auswählen, die es bewusst verarbeiten will. Die Frage
ist allerdings, welche Informationen finden den Weg ins Bewusstsein?
Tja, welche?

Wir sind anfällig für sogenannte Pop-up-Phänomene und stürzen uns darauf auch immer. Das
kann man auch im journalistischen Bereich beobachten: Die Oberfläche zählt. Die Skandale,
die Hysterie, Dramen oder das extrem Emotionale. Die werden in Überschriften aufbereitet.
Je mehr Informationen vorhanden sind, desto weniger können wir damit umgehen und wir
verlassen uns auf die Überschriften.

Was kann passieren, wenn nur die Oberfläche gesehen und gelesen wird?

Wir verarbeiten lediglich Fragmente dessen, was eigentlich übermittelt wird. Das öffnet
natürlich Tür und Tor für individuelle Interpretationen und Missverständnisse. Eine große
Gefahr besteht auch darin, dass sich solche falsch interpretierten und einsortierten
Fragmentinformationen verbreiten. Mit jeder Vervielfältigung und individuellen
Interpretation wird die ursprüngliche Intention hinter der Information verwässert und
verfälscht. So entstehen zum Beispiel Fake News, verdrehte Falschmeldungen und neue
Botschaften, die wiederum zu Shitstorms führen. Es wird abgeschrieben, kopiert, verfälscht,
nicht verstanden. Wir erhalten viele Informationen also nicht mehr aus erster Hand, sondern
aus zweiter oder fünfter. Ein weiteres Problem ist, dass wir von vorherrschenden Meinungen
extrem beeinflussbar sind.

Kinder werden hineingeboren in diese digitale Welt. Es gibt für sie auch kein Entkommen
mehr, weil das Internet allgegenwärtig ist. Wie können wir sie schützen?

Wir müssten eine Kultur aufbauen, in der wir uns disziplinieren lernen. Selbstdisziplin geht
gerade durch unsere moderne Welt verloren. Wir müssten unseren Kindern beibringen, das
Wesentliche, das für uns Wichtige zu finden, uns damit auseinanderzusetzen und uns vor
allem darauf zu beschränken. Jeder hat das schon mal erlebt, dass man irgendetwas im
Internet recherchierte und nach zwei Stunden surfen sich irgendwo ganz anders wiederfand
und sich gar nicht mehr erinnerte aus welchem Grunde die Recherche begann. Dieses
metastatische Surfen ist ein typisches Phänomen der heutigen Internetnutzung. Wir verlieren
unsere Kontrolle und werden zu Sklaven der Reize. Wir müssen uns selbst und unseren
Kindern beibringen, genau dies zu vermeiden. Neben der Selbstdisziplin müssen Kindern
auch gesellschaftliche Werte beigebracht werden, wie man sein Leben zu gestalten hat, was
man zu tun hat. Diese können als Vehikel benutzt werden, um die Selbstkontrolle zu wahren.

Wenn eine Zehnjährige ihren ganzen Fokus auf TikTok, Instagram und Co. legt – kann es
dazu führen, dass sie einen Realitätsverlust erlebt?

Das sehen wir heute schon in vielen Fällen. Krankheiten, wie Bulimie oder Anorexie, haben
deutlich zugenommen und werden verstärkt durch merkwürdige Wettbewerbe im Internet,
wie man seinen Körper zu formen hat. Aber auch die vielfach verbreiteten vermeintlichen
Schönheitsideale, die meistens verfälschte und künstliche Abbilder der Realität sind, sind für
Jugendliche eigentlich gefährliche Vorbilder, die von der Realität ablenken. Das nehmen
manche zum Anlass, genauso aussehen zu wollen.

Wir sprechen heute von der Look-at-Me-Generation, also von der Generation, wo man sich
mit Selfies auf Instagram präsentiert. Wo es lediglich darum geht, zu zeigen, wie schön man
ist. Die aktuelle Influencer-Welle ist ein Indiz dafür, dass soziale Medien von jungen
Menschen stark rezipiert werden. Die irrealen oder surrealen Internet-Welten führen dazu,
dass gerade junge Menschen mit der Realität schlechter zurechtkommen. Es ist auch grotesk,
weil es in eine entgegengesetzte Richtung gehen müsste. Eigentlich wollen wir, dass junge
Frauen zum Beispiel stark und selbstbewusst im Beruf und im Alltagsleben Fuß fassen.
Stattdessen eifern viele traditionellen weiblichen Vorbildern nach und konzentrieren sich auf
Äußerlichkeiten.

Wir verlieren Fähigkeiten, weil wir sie nicht mehr nutzen

Werden die Digital Natives von heute oder künftige Generationen irgendwann beschließen,
auf soziale Medien gänzlich zu verzichten? Gewissermaßen ein „Back to the roots“?

Wir sehen schon die ersten Ansätze, wie dem „Digital Detox“, wo Menschen sich ganz
bewusst dafür entscheiden, für eine bestimmte Zeit eine Instagram-Pause einzulegen oder ihr
Twitter-Account zu löschen. Es gibt auch eine Rückkehr zum Analogen und das Haptische.
Füllhalter leben wieder auf, in einer Zeit, wo es Tablets gibt. Ich bin mir sicher, dass die
Menschen irgendwann das Gefühl bekommen, in der Informationsflut zu ertrinken. Sie
werden ein dringendes Bedürfnis haben, zur Ruhe zu kommen und sich auf wesentliche Dinge
fokussieren wollen. Eine Art „Back to the roots“ kann es auch geben, weil wir immer mehr
mit echten Menschen kommunizieren und uns immer weniger mit Informationen
auseinandersetzen wollen. Das sind ja Dinge, die wir in der Evolution in unserem Genmaterial
verankert bekommen haben. Die wollen wir befriedigt haben.

Wir laufen tippend durch die Gegend, schielen permanent auf unsere Smartphones. Menschen
sind zu Robotern geworden und die Telefone zu unseren mechanischen Augen. Inwiefern
beeinflusst diese Entwicklung die menschliche Wahrnehmung?

Unser Gehirn ist ein plastisches Organ und passt sich an die jeweilige kulturelle Umgebung
an, die der Mensch sich selbst geschaffen hat. Es passt sich aber auch an die Natur an, in der
man lebt. Wir wissen, dass Menschen, die in Steppen, Wüsten, Bergen oder Wäldern leben,
andere Wahrnehmungsfähigkeiten entwickeln. Und genauso kann man davon ausgehen, dass
man andere Hirnfunktionen entwickelt, wenn man sich ständig mit dem Handy
auseinandersetzt. Wie motorische Fingerfertigkeiten. Aber man verliert auch andere
Funktionen. Wir bewegen uns mithilfe von Navis durch die Welt. Unsere räumliche
Orientierung wird dadurch nicht trainiert und wird schlechter. Das ist logisch: Use it or Lose
it. Benutze deine Fähigkeiten oder verliere sie.

Das Internet wird von vielen Menschen auch als Safe Space erlebt, wo Personen zueinander
finden und sich virtuell entfalten können. Kann man sozialen Medien auch etwas Positives
abgewinnen?

Es gibt sicherlich noch viele weitere positive Aspekte. Das ist keine Frage. Aber um an den
Beginn unseres Gespräches anzuknüpfen: Nichts ersetzt die Realität. Das Internet ist eine
Alternative. Für Menschen mit einer schweren psychischen Störung zum Beispiel sogar ein
Ersatz, weil sie sich nicht für ein reales Leben geeignet fühlen. Aber rein gar nichts kann den
menschlichen Kontakt ersetzen. Wir müssen Menschen sehen und wollen sie berühren.

Der reale Bindungsaufbau ist ein Mechanismus, der dazu konstruiert wurde, um unsere
Nachkommen aufzuziehen. Der Mensch ist nicht in der Lage, die Nachkommen, die er
produziert, anhand äußerer Merkmale oder des Geruchs als zu sich gehörend zu identifizieren.
Einige Tierarten können das. Anfassen führt zur Ausschüttung der Hormone Oxytocin,
Dopamin und Endorphin. Sie reduzieren Stress, nehmen den Schmerz und beruhigen uns.
Primaten fassen sich an, als ein Akt, um Aggressionen minimieren zu wollen. Sie geben sich
die Hand, und dann herrscht Frieden. Reales Vertrauen und reale Bindung kann nicht über
digitale Nachrichtendienste aufgebaut werden. Der digitale Kontakt ist flüchtig. Man hat
Sekunden, Minuten. Und dann ist es vorbei.

Quelle: Berliner Zeitung