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EINLEITUNG

"An der Kommentierung dieser kleinen Schriften


ist die Scholastik groß gewordrn".
V. Schurr

Die Bedeutung des Boethius für die Scholastik ist unbe-


stritten. Darüberhinaus eignet seinen 'opuscula sacra', die
ihrZustandckommen der innertheologischen Diskussion
um das Konzil von Chalcedon verdalken, eine generelle
Schlüsselstellung für die Verquickung antiken Philosophie-
rens mit christlicher Dogmatik. Philosophen wie Theologen
vermögen daher unter Umständen im Studium der kleinen
Abhiurdlungen Anlaß zur Bestätigung ihres Selbstverständ-
nisses wie zur Kritik an Boethius zu finden.
Die vorliegende Ausgabe beschränkt sich in ihren beglei-
tenden Passagen auf die Andeutung der philosophischen
Implikationen. Theoloeisch interessie rten Lesem stehen
einschlägige Darstellungen in wünschenswerter Ausführlich-
keit aus der Feder von V. Schurr und A. Grillmeier (s. Lite-
raturvcrzeichnis) zur Vcrfügung. l'ür den Zugang zur Philo-
sophie des Boethius und zu dessen Stellung in der spätanti-
ken Geistesseschichte sind vor allem die grundlegenden Ar-
bciten von H. Chadwick, F. Klingner, L. Obertello und
C. de Vogel wichtig. Im Hinblick auf den spekulativ-syste-
matischen Zusammenhang boethianischen Philosophierens
mit dem Neuplatonismus sei auf die normensetzenden Ab-
hzrndlungen von W. Beierwaltes verwiesen.

1. Der Philosoph Anicius Manlius Severinus Boethius


fi 524) gilt als "letzter Römer" und "erster Scholastiker".
Er war unter der Rcgierung des OstgotenkOnigs Theoderich
des Großen römischer Konsul. Einer alteingesessenen, rö-
mischen Adelsfamilie entstammend, bekleidete er dieses
Amt wie zuvor sein Schwiegervater Symmachus. Wenn-
gleich dem Konsulat nicht mehr wie früher die politische
Entscheidungsgcwalt zukatn, zeichnete es seinen Inhaber

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VIII Michael Elsässer Einleitung IX

detrnoch mit der höchsten politischen Würde aus, die in der Plotins Schriften dürften dem .letzten Römer' wenigstens
Spätantike eir.rem Römer zugänglich war. Symmachus hat- zum Teil, \.venn nicht vollzählig, im Original bekannt gewe-
te den früh verwaisten Boe thius aufgenommen und sicher- sen sein. Das gleiche gilt von plotins unmittelbarem Schü_
lich dessen Ausbildung bestimmt. Wie die Theologischcn ler, Biographen und redigiercndem Herausgeber seiner
Traktate zeigen, empfand Boethius seinen Schwiegervater Schriften,.Porphyrios. Boethius hat einige von dessen logi-
in Sachen des katholischen Glaubens und der Theologie schen Abhandlungen übersetzt. Zut Zeit der philosopii-
zeitlebens als verbindliche Autorität. Beide Männer kamen schen Ausbildung des Boethius jedoch rvirkten Schüler'cles
auf Grund der Beschuldigung, mit dem oströmischen Kai- dritten wichtigen Neuplatonikers, proklos. proklische phi-
ser konspiriert zu haben, zu Fall. Theoderich ließ sie nach losophie wurde derzeit in Athen und Alcxandrien gelehrt,
mehrmonatiger Kerkerhaft hinrichten. I)ie mörderische wobei in Alexzurdrien der bedeutendere l,ehrer, Ammonios
Rcaktion des Ostgoten wird verständlicher, wenn rnan sich Hermeiou, tätig r,var. In cler Tat Iäßt sich punktuell in wc-
vor Augen hält, daß er in Italien lediglich als der von Ost- sentlichen Partien der Consolatio die Verwandtschaft mit
rom abhängige Exarch, d.h. als Stellvertreter des Kaisers Problemansätzen des Ammonios durchaus wahrscheinlich
fungierte, eine geheime Kor.rtaktaufnahme mit diesem also machen. Der Aufenthalt dcs Boethius in Alexandrien
als Gefährdung seiner Stellung empfinden mußte. Theode- könntc damit als gesichert gelten. Andererseits legen bio-
richs Streben nach Unabhängigkeit und dementsprechend grapl.rische Notizen bei den iateinischen Autoren Ennodius
nach Festigung seiner Macht wurde durch den Umstand und vor allem bei Cassiodor, dem Schüler und Amtsnach-
irritiert, daß seine Untertanen ebenso wie sein Oberherr folger des Boethius, nahe , Athen als Ausbildungsort anzu-
sicl.r zum katholischen Glauben bekannten, er selbst als nehmcn2. Ob die philosophische Ausbildung hiei oder dort
Ostgote aber Arianer war. Die kulturelle Isolation des poli- erfolgte, in jedem Fall ist der Anicier unmitielbar dem zeit-
tisch mächtigen Barbaren verhärtete sich so durch die kon- genössischen Neuplatonismus, d.h. der Schule des proklos
fessionelle. Obgleich es möglich wäre, daß die gegen die verpflichtet.
beiden Römer erhobenen Beschuldigungen zutrafen, wur-
den sie doch nie bewiesen und von Boethius bis zuletzt 2 Im Auftrag des Theoderich schrieb
Cassioclor einen Brief an
heftig bestritten. Seine Einlassungen machen wahrschein- Boethius, in dem diesem befohlen rvird, für den Burgunderkönig eine
lich, deß die Hinrichtung als ein durch Intrigenspiel ausge- Wasseruhr mit Orgelwerk zu konstruieren: ..Wir.haben erfahren", daß
du, mit vieler Bildung genährt, dies so weißt, daß du die Künste, wel_
1öster, politischer Mord zu bewerten istr .
che die Unwissenden lediglich ausüben, an der euelle der Wissen_
Die biographischen Fakten sind teilweise für das Ver- schaften reichlich getrunken hast. So hast du die Schulen der,{the-
ständnis des boethianischen Werks relevant. Boethius ver- ner weit entfernt (longe positus) betreten, so hast du den Scharen
faßte nämlich während der Kerkerhaft sein Hauptwerk, der mit griechischem Mantel Bekleideten die Toga beigesellt, um zu
dcn "'frost der Philosophie" (Philosophiae Cons<.rlationis bewirken, daß die Lehrsätze der Griechen römische Gelehrsamkeit
seien." Cassiodorus, Epistola XLV, l5ff., in: Cassiodorus, Variarum
Iibri V). Wie seine früheren Arbeiten dokumentiert auch Libri XII, Corpus Christianorum, series Latina XCVI, Turnhout
die Consolatio, daß er Neuplatoniker war. Die neuplatoni- 7973, 49. - Im Hinblick auf solche Zeugnisse ließe sich auch rlie An_
sche Philosophie wird durch Plotin (t ZIO n.Chr.) grundle- sicht vertreten, daß Boethius als 'Gymnasiast'in Athen, als ,Student,
gend geprägt. Boethius spricht von ihm als "einem zu- aber in Alexandrien eewesen sein könnte. So: C. de Vogel, in: Boe-
höchst wichtigen Philosophen" (gravissimo philosopho). thiana I, Vivarium IX (1971),Assen 1971,49 66, end.5tf. _ Zu
überlegen wäre auch, ob nicht die Cassiodorsche Wendung ,.weit ent-
fernt" (longe positus) letztlich doch auf Alexandrien verweist. Denn
daß Athen von Rom weit entfernt ist, brauchte einem Römer nicht
I Consol. I,4, 10 46. gesagt zu werden. Plausibel wäre, daß das longe positus sich auf Ale_
x N'lichael Elsässer Einleitung XI

Weil er in seinern Hauptwerk jeglichen Hinweis auf die thodoxie den Arianer Theoderich gnädig zu stimmen. Daß
Zugehörigkeit zur katholischen Glaubensgemeinschaft un- eine "tiefe innere Enttäuschung" über den christlichen
terläßt, nahm man an, daß Boethius kein Christ gewesen Glauben Bocthius gelcitet habe, wird man mit Chadwick
sei, bzw. daß die ihm zugeschriebenen opuscula sacra un- verneinen miissen6. Die auffällige Diskrepanz bleibt ein
echt seien. Die Sachlage änderte sich, als H. Usener 1877 Faktum, das sich einer ohne wciteres einleuchtenden Er-
das "Anecdoton Holderi" publizierte3. Dort werden im klärung versast. Vielleicht abcr wäre die Antwort könnte
-
"Rcichenauer excerpt" gervissc "Excerpta ex libello Cas- sie Boethius selbst geben
- für der-r Fragenden unverständ-
siodori Senatoris ..." veröffentlicht, in denen u.a. von lich und daher unbefriedigend. Denn unabhängig von der
Boethius gesagt wird: "Er schrieb ein Buch über die Heilige historischen Lokalisation eines Individuums vermöchte
Dreifaltigkeit, gewisse dogmatische Kapitel und ein Buch dieses nicht, den letzten Grund für seinen Glauben sowie
gegen Nestorius"a. Seit die ser Publikation ist der Strcit um dessen immanente Auslegung zwingend in allgemeinver-
die Katholizität des Boethius positiv entschieden. Nicht ge- bindlicher Form mitzuteilen. Auch der, dem die logisch-ar-
löst ist dadurch die Frage nach dem Grund für die äußer- gumentative Grundlegung des christlichen Glaubens wün-
lich auffällige latsache, daß Boethius sich in den Theologi- schenswert erscheint, darf sich nicht darüber hinwegtäu-
schen Traktaten als engagierter Apologet katholischer schen, daß trotz der möglicherweise protrcptischen Funk-
Theologie zeigt, im Angesicht des gervaltsamen Todes aber tion verniinftieen Denkens das Glauben selbst letztlich ein
nicht das geringste ausdrückliche Anzeichen für ein Be- individucller Akt ist, der sich logisch zwineender Kommu-
kenntnis zum katholischen Glauben gibt. Alle Vcrmutun- nikabilität entzieht. In der Unaussagbarkeit der entschci-
gen iiber die ausschlaggebenden Gründe bleiben freie Spe- denden Motivation zum Glauben künnte auch der Anlaß
kulationen, die sich beliebig weiterführen ließen: Zunächst dafür verborgen liegen, daß Boethius das ausdrückliche Be-
ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, daß das kenntnis seines Glaubens unterläßt. Der systematische Zu-
Problem eine völlig triviale, den äußcrcn Lebensumständen sammenhang von philosophischer Spekulation und deren
dcs zum Tod vemrteilten, inhafticrten Autors entsprinqen- Verknüpfung rnit christlichem Glauben ist zu intrikat, als
de Erklärung finden könntc. Es ließe sich an Enttäuschung daß m:rr folgern dürfte, der Verfasser der Consolatio sei
-
über eine ausbleibende "Unterstützung durch den höheren trotz bester Absicht - lctztlich doch ein "Heide" gewesen.
Klems von Rom odcr Norditalien" denkens. Der Todge- H. Usener scheint das anzunehmen, wenn er sagt: "Dem
weihte könnte auch Hoffirung aus dem Gedzmken gezogen einen ist der kirchliche glaube eine form, dem andern der
haben, durch Unterlassung aller Indizien katholischer Or- inhalt seines lcbens. Für Boethius war die Griechischc phi-
losophie die quelle seiner welt- und lebensansicht . . ."?.
Die in der Sache offenbleibende Kongruenz dcs philoso-
xandrien bezieht und dann folgende Bedeutung erbrächte: "So hast phischen Gehalts der Consolatio mit allgemein-christlichem
du (zwar) die Schulen der Athener, (aber) weit entfernt (von Athen)
betreten...". Allerdings ist nicht zu übersehen, daß der der Stelle Denken ist unübersehbar. Obgleich die Namensnennung
sich anschließende Kontext von tlen "Kekropiden" spricht, die als Christi unterbleibt, finden sich doch konkrete Anhalts-
pars pro toto für die Landschaft Attikas stehen. Zudem schließt der punkte, die eine profunde Nähe des Verfassers zum Chri-
exuberante Stil des Cassiodor nicht aus, daß hier tatsächlich tautolo-
gisierend auf die weite Entfernung Athen-Rom hingerviesen wird.
3Il. Usener, Anecdoton Holderi, ein Beitrag zur Geschichte 6 Ebd.
Roms in ostgothischer Zeit, Bonn 1877 (repr. 1969). 7 Usener, a.a.O., 50f. Die Abfassung der Consolatio schließt z. B.
a A.a.O.,4, Exzerpt Zeile 12-19. christliches Gebet und dessen (für uns verlorene?) schriftliche Fixie-
5 Chadwick, Boethius, a.a.O.,248. rung nicht aus.
XII Michacl Elsässer Einleitung XIII

stentum vermuten lassen. Unübersehbar ist der Umstand, I{offnung ermuntern, sind allerdings nicht notwendig
daß Boethius ausschließlich von (einem) "Gott", also nir- christlicl.r zu verstehen, wie ein Blick auf die Schrift des
gends von "Göttern" spricht, wie es bei Porphyrios, Pro- Heidcn Porphyrios, Ad Marcellam, beweist: "Zu Gott be-
klos und Ammonios mit Selbstverstäncllichkeit geschieht8 . tcn ist kein Übel, wie die undankbare Haltung sittlich sehr
Auch wenn zweifelsfrei feststeht, daß der terminologische schlecht ist . . . Das mit schönen Werken verbundene (sc.
Plural in der Sache die "monothcistische" Konzcption des Gebet) ist rein ur.rd zugleich akzeptabel. Vier Grundprinzi-
neuplatonischen Gottcsverständnisses überhaupt nicht in pien sollen am meisten gelten in dern, was Gott betrifft:
F-rage stellt, schließt doch der katholische Spracl.rgcbrauch Glaube, Wahrheit, Liebe und Hoffnung"ro. Auch die
die Rede von "Göttern" auf jeder Sprachebene strikt aus. "theologischen" Gedanken des Schlusses der Consolatio
Freilich spricht Boethius Cr>nsol. V,2,7 von "höhcren und haben ihre Entsprechung bei Porphyrios. Boethius: "Es
göttlichen Substanzen" (supcrnis divinisque substantiis), in bleibt auch der Betrachter von oben, der alles vorherwis-
denen man die proklischen "Henadcn" erkennen könnte. sende Gott; und die immer gegenwärtige Ewigkeit seiner
Ebcnsogut aber läßt sich dicse Stelle in Anlehnung an den Schau trifft mit der zukünftigen Beschaffenheit unserer
Theol. 'Iraktat II, 1ff. intcrpretieren. wo von Vater, Sohn Taten zusanrmen, den Guten Belohnungen, den Bösen Be-
und Geist als Substanzen die Rede ist. Der Begriff "Göt- strafungen austeilend. Und nicht vcrgeblich sind die auf
ter" (dei) begegnet jedenfalls nirgends. Noch gervichtigcr Gott gerichteten Hoffnungen und Gebete "rr. Porphyrios:
erscheint der Ausdruck 'göttlichc Gnade' (divina gratia) in "Wenn du also immer daran denkst, daß, wo Deine Seele
Consol. Y, 3, 34: "Aufgehoben würde jene cinzigartige waldelt, sie auch Dcinen Körper bctätigt, darn steht Gott
Gemeinschaft zwischen den Menschen und Gott, nämlich als Aufseher in allen Deinen Entschlüssen neben Dir, dann
des Hoffens und Erflehens, ',veil wir uns ja durch den Preis wirst Du Scheu haben vor dcm unentrinnbaren Auge des
gcbührender Demut die unschätzbare Vergeltutg dcr göttli- Beobachters . ."t2 . "Eine schle chte Seele also flieht Gott,
chen Gnade verdienen, welches die einzige Weise ist, durch sie will die Vorsehung Gottes nicht wahrhaben, sie steht
die die Menschen anscheinend mit Gott sprechen und sich dem göttlichen Gesetz, das alles Schlechte bestraft, gänz-
mit jenem unzugänglichen Licht verbinden können, noch lich fern"r3 . Auch der nichtchristlichcn Philosophie der
bevor sie durch den Verstand des Bittorden selbst cindrin- Antike eignet ein - um den verhängnisvoll unklaren Be-
gen"e. Boethianische Wendunsen, die zum Gebct und zur griff einmal zu gebrauchen - "personales" Gottes-Ver-
ständnis. Das gilt insbesondere von den Neuplatonikern,
I Proklos hat diese, dem populären heidnischen Sprachgebrauch deren metaphysisches Denken sich durchweg als rcligiöser
entlehnte Terminologie in einer lVeise auf den Begriff gebracht, die Akt begreift. So gcsehen ordnet sich auch der zentralc Ge-
der Sache nach auch das porphyrianische Verständnis erläutert. darrke der Consolatio rvic nämlich göttliche Vorsehung
"Götter" werden die vielfältigen Aspekte des Einen genannt, unter
denen sich dessen prinzipiierende Funktion innerhalb des Vielen ohne Beeinträcl.rtigung der menschlichen Freihcit möglich
zeigt. l'ür Proklos ist der Ausrlruck "Götter" gleichbedeutend mit sein soll - seradezu unauffällig in die Traditionslinie Pro-
"Henaden". Dazu vgl. W. Beierrvaltes, Denken des Einen, a.a.O.,
207ff. - Es wäre verfehlt, auf Grund der Verrvendun.q des Begriffs
auf neuplatonischen "Polytheismus" im Cegensatz zu christlichem
"Monotheismus" schließen zu wollen. Auch der heidnische Neupla- 10 Porphyrius, ad Mrcellarn, ed. Pötscher, XXIV 28, 5-10,
tonismus ist streng "monotheislisch". ühers - Pötscher.
e Die Nennung des "unzugänglichen Lichts" (inaccessae lucis) er- lr Consol. V, 6, illlf.
innert zudem unmittelbar an Paulus, 1 f imotheus, 6, 16 (inaccessibi- r2 Ad Marcellam, XX 24, 20ff., übers. Pötscher.
lem lucem ). 13 Ebd., XVl22,6ff., übers. Pötscher.
XIV Michaei Elsässer Einleitung XV

klos - Ammonios einra . Die jahrhundertealtc Tradition bzw. die vielen Ideen sind reines Sein. Ideen sind dem end-
nichtchristlicher Timaios-Auslegung liefert für die neupla- lichen, veränderlich Seienden, dem Werdenden gegenüber
tonisch-boethianische Entfaltung des Problems der gött- dessen transzendente Strukturprinzipien. Idee ist der iden-
lichen Vorsehung dcn "klassischen" Rahmen. Auffällig an tisch sich durchhaltende Grund der veränderlichen, zeit-
der Irostschrift ist in dem Zusammenhans nur, daf3. ihr lich-räumlichen Konkreta. Deren Verhältnis zu ihrem
Verfasser ein Christ sein soll, nachdcm er es untcrläßt, den Grund ist das der Teilhabe. Beliebig viele Konkretapartizi-
vernünftigen 'Lenker des Kosmos', den 'Urheber von allem pieren an der einen Idee, durch die sie bestimmt sind. Die
Guten', mit Jesus Christus zu identifizicren. Die Brisanz .jeweils eine Idee ist das Wesen des Konkretums. So ist bei
dicser Unterlassung rvird erfahrbar, wenn dcr philosophisch spielsweise alles einzelne Schöne dadurch schön, daß cs an
interessierte Leser der Consolatio sich den Theologischen der Idee des Schönen tcilhat. Das letzte Ziel menschlicher
'Iraktaten zuwendet und nunmehr seine Geduld durch den
Erkenntnis ist demnach die Erkenntnis von Idee an sich.
dogmatischen Eifer dieses Autors auf die probe gcstellt Weii alles Endliche, Veränderliche jeweils von einer Idee
sieht. Nun, der Christ Boethius ist dcr Verfasser der Cor,ro- bestimmt ist, ist es dieser ähnlich, d.h. dercn Abbild. Die
latto und der opuscula sacra, und er sehört zu den Neupla- im Abbild aufleuchtende Erinnerung an das wahre Urbild
tonikern. Es gilt daher, sich mit dem Grundansatz von de- erzeugt die Sehnsucht r.rach diesem und leitct durch ihre
ren Denken vertraut zu machen, um das seine verstehen zu Attraktivität das Denken in der Weise des "Aufstiegs" bis
können. zur Erkenntnis dcs Urbilds selbst. Dieses, das reine Sein, ist
das Wahre oder die Wahrheit. So wird etwa der, der von
2. Die von dcr Nachwelt mit der Bezeichnung .,Neuplato- der Attraktivität eines schönen Körpers ergriffen ist, sofern
nismus" belegtc philosophische Richtung verstehf sich er sich als Erkcnntnissuchender verhält, im Zrgc des Er-
selbst als "Platonismus", d.h. als inhaltlich unveränderte kennens von dcm einen Körper weggelenkt zu vielerl, im-
Fortführung des platonischen Philosophierens. Darüberhin- mer subtilerem Schönen, bis er letztlich des Schönen
aus verfolgt sie die Absicht aufzuzeigen, daß Platon und selbst, d.h. der Idee des Schönen ansichtig wird. Sie allein
Aristoteles, der sich von seinem Lehrer kritisch absetzt, im war bereits im einzelnen Körper das Attraktive, das den
Grund den gleichcn philosophischen Ansatz vertretcn. Die Erkenntnisvorgang r,*,eckte und auf allen folgenden, höhe-
neuplatonische Schule kulminiert in Plotin, desscn Denken ren Stufen vorantrieb.
für alle folgenden Schulvertreter den selbstverständlichen An einer Stelle spricht Platon davon, daß die vielen
Ausgangspunkt bildet. Obglcich bei Plotin der'fypus des Ideen in einer einzigen, der "Idee des Guten", gründen. Da
platonischen Problemansatzes erhalten bleibt, sincl eigen- die Ideen das reine Sein sind, muß ihrPrinzip, die Idee des
ständige Weiterentwicklungen wesentlicher Philosopheme Guten, noch "über" oder 'Jenseits von Sein" sein. Platon
unverkcnnbar. Naturgemäß ist die Fassung dcs höihsten vergleicht im Bild das Prinzip der ldeen der Sonne: So rvie
Prinzips jeweils am signifikantesten: Platon erläutert in die Sonne im tsereich des Sichtbaren dieses nicht nur sicht-
seiner mittleren Periode die höchste Wirklichkeit als reines, bar macht, sondern auch in seinem Scin hervorbringt, so
unveränderliches Sein. Dieses Sein ist Idee (l6do, ei6oc), bewirkt im Bereich des Intelligiblen die Idee des Guten die
Erkennbarkeit und das Sein der Ideen ("Sonnengleich-
nis"). Wic irn Bereich dcs Sinnenfälligen das Spicgelbild
ta Vgl. W. Beierwaltes, Denken des F)inen, a.a.O., 226 253; bes. oder dcr Schatten eines Konkretums von diescm abhängig
250,15. - Zu der unter 2. folgenden Problematik: ders. P/orln und und diesem ähnlich ist, so gilt es im Bereich des Intelligi-
Proklos a.a.O.
blen für das Vcrhältnis der Ideen zu ihrem Prinzip. I)ieses
XVI I\,Iichael Elsässer Einleitung XVI]

ist der arl sich selbst voraussetzungslose Grund für allcs von renz beruhend, sind letztlich inadäquat, die Einung zu
ihm Begründete ("Liniengleichnis"). v<rilzielren bzw. zu erfassen. Die Logizität des Denkens ist
Plotin legt dern platonischen Gedankcn der Idee des zwar unabdingbare Voraussetzung für das Eintretcn der
Guten zentralen Stellenwert bei. Unter Hinzuziehune einer Einung, denn diese entspringt nicht aus irrationalen Akten,
formalen Reflexion des späten Platon in dessen Dialog aber sie bleibt nur Voraussetzung. Denkender und Zu-Den-
"Parmenides" über das Verhältnis von "Eins" und "Sein" kendes sind im logischen Denken ja permanent verschie-
(Platon untersucht dort, ob "Eins" unabhängig von "Sein" den. So können Denken und Sprache nicht das Eine, son-
ist oder ob "Eins" immer schon "Eins-Sein" meint) ver- dcrn lediglich ein Eins-Seln erfassen, obgleich das Sein im
wer.rdet Plotin den Begriff
"Eins" (öu) nunmehr durchgän- Zuge dei N4otivation von Erkenntnis gerade überstiegen
gig zur Bezeichnung der Idee des Guten. "Eins", "das *.id.., soll. Hicraus ergibt sich für Denken und Sprache
F.ine" oder auch "der Eine" gilt ihm als Prinzip dcr vielen die Notwendigkeit, sich nach gelungener Vorbereitung des
Ideen. Systematisch gesehen erfährt hierdurch der ur- Akts der Einung negierend aufzuheben. Einung vollzieht
sprüneliche platonische Ansatz eine konsequcnte Aufgipfc- sich erst, wenn das Denken "schweigt", ja noch jcnseits
lung. Wirkungsge schichtlich betrachtet eröffnet dic thema- von dessen Schweigen, weil auch das Schweigen als Akt der
tische Umgewichtung neue Perspektiven. Die Untersu- Negation noch auf das Denken bezogen bleibt und daher
chung des Verhältnisses von Grund und Bcgründetem, von Vieilheitliches, Differentes ist. Aus der Einung heraus fällt
Seirr und Werden, wird um den Aspekt von Einheit und cler sich Einende wieder in das diskr-rrsive Denken zurück'
Vielheit erweitert. Damit aber gerät reines Sein scinerseits Das bedeutet, daß Plotin den Bereich des Intelligiblen, den
ausdrücklich in den Aspekt des Begründeten. f)ic Idcen, zeitfreien, absoluten Geist (zoüc) in seiner ontologischcr.r
das reine Sein, können nicht mehr letztes Zicl von Er- Werthaftigkeit als "unter" dem Einen seiend auffaßt' Die
kenntnis sein, weil sie an sich bereits Vielcs sind. Erkennt- relatiot-ts- un<l damit differenzlose Vollkommenheit des
nis strebt von Anfang an über das vielheitliche Sein hinaus Einen wird vom Geist denkend nachgeahmt' Geist ist nicht
in dessen Gmnd, in das Eine, weil dieses spurhaft in alle m reine Einheit, sondern Einheit il'l der Differenz, erste Viel-
Vielen die Sehnsucht der Erkenntnis weckt. So beginnt heit. Das zeigt sich darin, daß Denken stets nur in der
hier beispielsrveise der Aufstieg der Erkenntnis, der mittel- sclbstvermittcltcn Vereinigung von Denkendem - Den-
bar von der Attraktivität des schönen Körpers angeregt ken - Gedachtem wirkliche Einheit ist' Selbstreflexion ist
wurde, letztlich nicht nur, wcil dieser an dcr ldee dcs der ursprunghafte Vollzug von Selbst-Sein, von Identität'
Schrinen teilhat, sondern weil durch sie hindurch dercn Ur- aber niäht ön Einheit. Hieraus ergibt sich umgekehrt, daß
sprung, das Eine, abbildhaft sicl.rtbar r-rnd wirksam rvird. das Eine zwar Eines, nicht aber mit sich identisch ist, weil
Das Eine, nicht nur das Ideiert-Sein ist also das Movens Selbstidentität Relationalität, also Vereinigung von an sich
von Erkenntnis. Das Eine im Vielen bzw. das "Eine-in-uns" verschicden bleibenden Strukturmomcnten wäre' Das Eine
(€v dv ilpiv) gilt es zu suchen. Ziel und Vollendung solcher denkt nicht, weil es die vollkommene Einheit, die der Geist
Suche ist daher nicht wie bci Platon erkennende Schau der im Durchlaufen der drei ihn konstituierenden Strukturmo-
Idee(n), sondem über-denkende "Einung" (äz<*lotq) mit mente erreicht, schon vor-denkend ist' Das Eine hat, bei
dem über den Ideen seienclen Einen. Der Einr.rng eignet sich bleibend, etwas "Bessere s" als das Denken' Es ist so
nicht die Differenz zwischen Erkennendem und Erkann- das überdenkende Prinzip von Denken' Auf diese Weise ist
tem, sondern sie ist vielmehr - unbeschadet der Eigentüm- das Eine das Prinzip von Vielheit. Der Geist als das Erste
lichkeit des sich Einenden * differenzloses Eins-werden. aus dem Einen Hervorgegangene' das "denkende Eine", ist
Denken und Sprache. in ihrem Sein wesentlich auf Diffe- clas erste Viele' Erstes von Vielem zu sein, meint nicht nur
XVIII Michael Elsässer Einleitung xIx
die Stellung in einer Reihenfolge, sondern bezeichnet die das höchste, göttliche Sein zwar denkende Selbstreflexion,
seinsmäßige Werthaftigkeit. "Der Geist", die absolute aber deren Inhalt können nicht die Ideen sein. Fragte man
Selbstreflexion, ist Erstes im Sinne des höchsten, vollkom- nach dem Inhalt göttlicher Selbstreflexion, so ließe sich
mcnen Vielen, d.h. er ist das erstc, reine Sein. unter Inkaufnahme des Anscheins der Tautologie nur ant-
Die für Plotin wirksame Verknüpfung von absoluter worten: der reine Geist denkt sich selbst, ist Denken des
Selbstreflexivität und reinem Sein wird erstmals von Ari- Denkens (vorloeoc vör1oc). Aristoteles hat sich durch seine
stoteles, nicht von Platon ausdrücklich durchdacht. Aristo- Fassung der Ideen als imm:urenter Strukturprinzipien der
teles versteht jenes Sein als das erste und daher höchste, Konkrela und durch die ausdrückliche Bestreitung der pla-
das sich begründenderweise auf nichts außer bzw. "vor" tonischen Konzeption die Möglichkeit verwehrt, die Be-
ihm selbst bezieht, die Wirklichkeit seines Seins also nur gründung der Ideen durch ein einheitliches Prinzip angeben
durch Selbstbegründung vollzieht. Selbstbcgründung, die zu können.
keinerlei D efizienz beinhaltet, welche im Begründungsakt Untcr dem Blickwinkel aristotelischer "Theologie" korri-
allenfalls noch zu über-winden wäre, Selbstbegründetäeif giert Plotin de ren Gottesbegriff. Indem Plotin die ur-
eines immer schon vollendeten reinen Seins aber ist nur als sprunghafte Priorität des Einen vor und über der Vielheit
absolute, denkende Selbstreflexion aufzufassen. Daher ist aufweist, gibt er den Ermöglichungsgrund dafür an, inwie-
Aristoteles zufolge das höchste Sein selbstreflexcr Geist; fern in der Verschiedenheit von Denken (uönotc) und dem
diesen nennt er "Gott" oder "das Göttlichc". Plotin zieht von diesem Zu-Denkenden (uor1röv) sich eine Einheit voll-
ausdrücklich diese aristotelische Fassung des Göttlichen zieht. Ohne das Vor-Sein eines die Verschiedenheit prinzip-
zur Auslegung der dem Einen untergeordneten Wirklich- haft durchgreifenden Einen wäre es nicht plausibel, daß die
keit, der ersten Vielheit, also des Geistes, an. Durch die Bewegung des Denkens zu ihrem Ausgangspunkt zurück-
von Aristoteles abweichende Darstellung dcr inneren kehrt, also Selbstreflexion ist. Wäre Denken schlechthin
Struktur des Geistes bewirkt er eine - getncssen am ur- aber nicht Selbstreflexion, so wäre es überhaupt nicht. Die
sprüngliche n platonischen und aristotelischen Ansatz theologische Korrektur Plotins besteht also in der Präzi-
eigenständige Innovation, die im ncuplatonischen Selbst- sierung der negierend verfahrenden "Beschreibung" des
verständnis als Wiedervereinigung von Platon und Aristote- eigentlich Göttlichen: Gott ist nicht Denken, weil nicht
les gilt. Entgegen der von letzterem kritisierten Annahme Vielheit, sondern über dem Denken, weil Einheit. Der di-
faßt Plotin nämlich mit Platon die Ideen als an sich seien- daktischen Deutlichkeit halber und im Bewußtsein' daß
de, transzendente Strukturprinzipien auf und bcgreift sie - jeder Begriff, der zur Bezeichnung des wahren Gottes, des
darin über Platon hinausgehend - als absolute Selbstrefle- Einen, dienen soll, ohnedies aufgehoben werden muß,
xion. Die innovative Bedeutung dieses Ansatzes wird deut- nennt Plotin das Eine die "erste Hypostasis" und unter-
lich, wenn man sich in Erinnerung ruft, daß Platon mit der scheidet sie so von der "zweiten Hypostasis", dem Geist.
Annahme des rcizros ei6öu, des "Ortes" der vielen an sich Die der methodischen Überschaubarkeit des Denkens die-
transzendenten Ideen, nicht die Annahme des ursprunghaft nende Rede von den Hypostasen ermöglicht einen dedu-
denkenden Vollzugs der Idecn verbindet. Ideen sind zwar zierenden Rückblick: Das oder der Eine ist das wahre Gött-
als transzendente, intelligible Strukturprinzipien wirklich liche oder der wahre Gott, die erste Hypostasis. Aus dem
(und nicht etwa erst im endlichen Denken als dessen imma- Einen geht das erste Viele hervor, der absolute Geist, die
nente, regulative Prinzipien), aber sie werden nicht durch zweite Hypostasis. Alles, was die Einheit des Einen ver-
das Denken eines absoluten "Subjekts" hervorgebracht. Iäßt, ist notwendig Nicht-Eines, also Vieles. Es bestünde
Andererseits ist dem Verständnis des Aristoteles zufolge gar nicht die vermeintliche Alternative zu sagen, daß aus
Einleitung xxI
\x Michael Elsässer

dem Einen ein "zweites" Eines hervorgehen könnte. Denn dividuellen Vollzug vorgeordneter Ermöglichungsgrund ist
wenn dieses wirklich Eines wäre, so bliebe es Eines, d.h. mehr Einheit als jener' Zeit ist das "Leben dcr Seele" (des
es blicbe bei sich und ginge nicht aus sich heraus. Geht cs
Ganzen) wie Ewigkeit das "Leben des Geistes" ist' Konse-
quent iJt ,., ,ig.t, daß der "Kosmos" - Inbegriff alles
aber aus sich hervor, so blcibt es nicht bei sich, verläßt also ", nicht umgekehrt
das Eine und ist demnach diesem gegenüber ein Anderes,
)eithaft Werdenden - in det Seele sei und
die Seele im Kosmos. Das In-Sein im ve rgleichsweise Höhe-
nämlich Vieles. Der reine Geist jst reines, erstes Sein, das das je eigentümliche Selbstseitr, dessen Be-
ren ermöglicht
"uo.
sich als zeitfreies f)urchdenken der vielen Ideen vollzieht. .l.r Zärsträuung in unendliche Vielheit und
wahrung
In der Selbstreflexion die vielen Ideen zu denken oder sich
bewirkt" die Rückkehr zum Einen' "Rückkehr" des vom
als die Einheit der Ideen zu verwirklichen, heißt, diese wie-
Einen am weitestcn entfernten Seienden, der Matcrie, ge-
der in das Eine, ihren über-seienden Grund zurückzuführen.
Dies ist das "In-sich-Bleiben", der "Hervorgang" und die schieht zunächst rlurch deren Aufnahme in dic zeithafte
Reflexion unseres Bewußtseins, d'i' der Seele, weiter durch
"Rückkehr" des Geistes. Derartiger Selbstvollzug ist "Le-
die im Akt der Konzentratiou erfolgende Erhebung unseres
ben". Dessen Weise der Perma.nenz ist "Ewigkeit", d.h.
Zeitlosigkeit; denn der reine Geist denkt nicht die eine zeithaften Bewußtscins zur Teilnahme am zeitfreien Geist
Idee nach der anderen, diese einzeln durchlaufend (diskur- und schließiich durch die Partizipation an dessen Rückkehr
siv), sondem "alle auf einma.l" (öpoü ravra). Indem eine zum Einen. Zeitliches Nacheinander hat für diese Beschrei-
gedacht wird, werden in dieser zrlle gedacht und urnge- trr.,g .rr. in der Zeit Sinn. Das heißt' daß für das zum rei-
kehrt. Der reine Geist ist nichts anderes als das Intelligible nen"Geist zurückkehrende, endliche Denken keine zeitliche
Diff.r"r,, zwischen dieser Rückkehr zur er§ten Vielheit
schlechthin. Diescs hat in sich rveder Früher noch Später,
und zum Einen selbst besteht' Aus zeitlicher Sicht also
Hier oder Dort, Mehr oder Weniger, sondr:rn nur Immer-
v<-,llzieht sich der Uberstieg det Zeit und die Einung mit
Jetzt, Überail - weii Nirgends, reines Sein. lVerden kommt dem Einen im selben unzeitlichen Augenblick, ohne daß
ihm nicht zu.
Plotins Ansatz wäre demnach unfähig, den Bereich des der reine Geist übersprungen würde' In der "Gleichzeitig-
Werdens, der Zeit, des zeitlich verfaßten Kosmos zu erfas-
keit" von Verharren, Hervorgang und Rückkehr aktuiert
sen, wenn er nicht die Herleitung des Zeithaften aus dem
sich die immerwährende Differenz der drei Hypostasen
"Eines", "Gcist" und "Seele ", die in dieser Reihenfolge
Ewigen plausibel zu machen vermöchte. Dies geschieht im
eine rangmäßige Zuordnune einnehmen' Das Eine a-ls das
Zusammenhang mit der "dritten Hypostasis". Plotin nennt
sie "Seele" (üuxi). Der Begriff meint hier nicht primär das
schlechtirin uüvergleichlichä' höchste Prinzip "ist" übcr
dem rcitren Geist und dieser über der Seele'
einzelne, individuellc Lebensprinzip, sondern die allem
Einung ist also nicht nur das alleinige Ziel des Philoso-
zeithaften, individuellen Lebendigen gemeinsame prinzip-
phierendän, sondem alles Seienden, auch des Bewußtlosen
hafte Disposition, die "Seele des Ganzen" (ltuyq roö
i- Kor-or. Vor dem Ilintergmnd des Gedzurkens' daß das
raurög). Die Wirklichkeit dieses überindividuellen Prinzips
n;r'r. ;* Einzelnen dessen *ihttt Selbst ist, welches cs in
crhellt an Hand der neuplatonischen Grundeinsicht, daß der Einung immer und nicht erst im'fod zu erfassen gilt'
das Niedrigere - das, was mehr Vielheit ist - im Höheren
tritt das Interesse an der Thematisierung von Unsterblich-
gründet. So vollziehen die vielen, sich ihrer selbst bewuß-
keit zurück. Unser wahres Selbst ist ja nicht nur über dcr
ten Individuen, d.h. "Seelen", aktual je für sich Zeit. Die Zeit, sondern auch noch über der Ewigkeit, mithin unver-
Individuation ist gerade der Vollzug von Zeit. Aber jedes ga"gli.f,. Allerdings könnte sich der einzclne Mensch durch
einzelne Individuum vollzieht unbeschadet seiner Einmalig-
Ürrt-.rlurr.,.rg der [emühung um Einung, d'h' durch sinnlo-
keit ein und dasselbe : Zeit. Die Zeit schlechthin als dem in-
XXII Michael [,lsässer Einleitung XXIII

se Zerstreuung ins Viele, durch sinnlose "Vielgcschäftig- seiner Individualität anders, wenn sein Grund, das "Eine
keit" in einen Bewußtseinszustand brinuen, der ein Verges- in ihm", d.h. im Individuum, anders wäre ' So erklärt sich
sen seines wahren Selbst und daher eieentlich tsewußtlo- der paradox erscheinende Sachverhalt' daß das Individuum
sigkeit ist. Insofern Bewußtloses als solches sich nicht zum seini lndividualität bervahrt, indem es sich mit seinem an
reinen Geist erheben, zu diesem zurückkehren kann, hat es sich überindividuellen Grund eint. Jedes Individuum ist im
auch nicht an dessen immerseiendcn Rückkehr zum Einen Einen nichts ais das Eine und verliert sich trotzdem nicht,
teil. Gclingt diese jedoch auf Grund voraufgeganplcner sinn- \{enn es dorthin zurückkehrt, wcil das Eine ihm gegenüber
voller Bemiihung, so ist es vcrgleichsweisc weniger wichtig, nichts Fremdes ist. Hieraus erhellt, daß das Eine als Zen-
ob das individuelle Bewußtsein nach einem kurzen Mo- trum von In-sich-Bleiben, Flervortrang und Rückkehr alles
ment der Einung wieder in den getrübten Zustand zeitli- Seienden dieses in der Weise der Vorsehung durchgreift'
cher Disktrrsivität zurückfällt oder nicht. Der Akt der Das aristotelische Verständnis von Individuation ist zu-
Einung ist für das Individuum nichts andcres als die Rück- mindest auf Grund seiner Methode vom neuplatonischen
kehr zu seiner wahren Individualität, seine Vollcndung. Er wescntlich verschieden. Aristoteles zufolge könnte allein
bewirkt gerade nicht die Destruktion individuellen Selbst- die reine Möglichkeit sciende Materic als Prinzip der In-
bewußtseins, dessen Versessen und das Aufgehen in "es- dividuation u.tg..ro*rn.., werden. Demnach ist der eigent-
hafter" Allgemeinheit. Was im Sinne dcs Neuplatonismus liche Grund füi die unverwechselbare EinmzLligkeit des In-
der Destruktion anheimfällt, ist vielmehr dic zeithafte Be- clividucllen dessen Defizienz, der relative Mangel an Wirk-
grenztheit des Individuums. Hicrmit ist .jedoch keinesr,vegs lichkeit. Da reine Defizienz, Fehlen von Sein, Nicht-Sein
ein Vergesserr der Detailliertheit von zeitlichen IJewußt- (beispielsweise ist "schatten" an sich selbst nichts, son-
seinsinhalten zugunsten eines nicht-individuellcn Allgemei- ä..r', .rr. das Fehlen von Licht) sich denkend nicht affirma-
nen verbunden. Im Gcgenteil hat man <iavon auszugehen, tiv fassen läßt, bleibt Individualität als solche ihrem Ur-
daß gcrade die in dcr Zeit verwirklichtc Aufnahme eincs sprung nach rätselhaft, rveil undenkbar. Stellte man vom
I)cnkbaren ins Bewußtsein das Signum [ür desscn Unver- titl.t p'untt der aristotelischen Tradition aus die Frage nach
gänglichkeit ist. In der Einung verliert das Bcwußtsein der Fortdauer der Individualität im Zustand der Einung,
nicht seine individuellc, bewußte "Biographie", sondern so wäre die Antrvort eindeutig negativ. Da nämlich die
die irrationale Befürchtung, daß es noch mehr l.rätte errei- Einung reine (über-seiende) Wirklichkeit ist, bliebe defi-
cl.ren k<jnnen, wenn es noch mehr Vielheitliches der Be- ziente] durch bloße Möglichkeit charakterisierte lndivi-
wußtlosigkeit entrisscn hätte. Es verliert also das Bewußt- dualitat von der Wirklichkeit ausgeschlossen.
lose, scin Nicht-Denken, die Möglichkeit, sich vom Einen
weg und zum Vielen hinzuwenden. I)er Umstand, daß je- 3. Der Neuplatonismus des Boethius zeigt sich prononciert
des Individuum keinen unendlichen, sondern einen be- in der Coisolatio philosophiae durch die Übernahme des
grenzten Bestand an Bervußtseinsakten mit sich führt, be- r.reuplatonischen Individuationsverständnisses in der Form
wirkt seine Individualität. l)iese bestimmte Repräsentation der individuellen Vorsehung und Fürsorse Gottes: Trost
des Einen in der Zeit ist individuell. Der Grund für die be- findet der Unglückliche in der Erkenntnis, daß sein Schick-
grenzende Atrsgestaltung des Bestands an Bewußtseinsin- sal nur scheinbar blinder, sinnloser Zufälligkeit verhaftet
halten jedoch liegt nicht in einem unergründlichen Defekt ist, in Wahrheit aber schon immer in der die Zeit umgrei-
der Wirksamkcit des Iiinen, sondern in diesem selbst. Indi- fenden Ewigkeit auf die Weise der Vorsehur.rg detaillicrt ge-
vidualität ist je so, wie sie ist, weil das Eine an sich so wußt, und äa*it ,o. dem Untergang im Nichts bewahrt
"ist". Ein Individuum als vom Einen tsegründetes '*'äre in wird. f)a der den Ausgang alles in Zeit Geschehenden vor-
\\l\ Michael E,lsässer [,inleitung xxv
:ruswisscnde Lenker des Kosmos das Gute selbst ist, kann an den entscheidenden Stellen die aristotelische Auffas-
es für den, der sich um Ubereinstimmung mit dem guten sung von Inclividuation hcran' obglcich auch hier die rreu-
Lenker bemüht, in Wahrheit gar keine Sinnlosigkeit, kein platonische Sicht sicherlich fruchtbrinuender gervescn wäre.
Ubel geben. Die Freiheit der Bemühung um das Gute und Die vorgeführte Skizze neuplatonischen Denkens basiert
damit die Verantwortlichkeit des Individuums wird durch auf dem allgemeinverbindlichcn Ansatz Plotins. Die Be-
dic allwissende Vorsehung deswegen nicht ausgeschaltet, schäftigung mit Boethius, namentlich dessen Theologi-
weil das Nacheinander des zeitlichen Ablaufs und damit schen Traktaten, macht noch einen Blick auf Porphyrios
die zeitliche Zukunft in der Dimension der Ewigkeit immer und Proklos erforderlich: lVährend Plotin die Annahtne'
schon Gesenwart ist. lm Nicht-Bcdenken dieser seir.rshaften daß das Eine "sei", im Sinue eirrer eigentlichen Aussage ka-
Differenz ewig gegenwärtigen Bewußtseins gegenüber dem tegorisch ablehnt und sie nur auf Grund der Defizienz un-
zeitlichen liegt für das Individuum die Gcfahr, "Vorher- seres Denkens (und unserer Sprache) zuläßt, führt sie Por-
Wissen" mit "Vorher-Be stimmen" gleichzusetzen. Bedenkt phyrios in der Form des "Vor-Seins" ein: "Das Eine, jen-
man jcdoch, daß das Niedrigere (Zeit) im Höheren (Ewig- seits des Seins und wirklich seiend, li, nicht, weder Sein
keit) auf vollkommenere Wcise gegenwärtig istrs , dann noch Wirklichkeit, es verwirkiicht viehnehr und es ist das
wird die Unhaltbarkeit der Ineinssetzung deutlich. Ebenso- reine Verwirklichen selbst, so daß es auch das Sein selbst
wenig wie das zeitlich verfaßte Individuum beim Betrach- aor dctn Seienden ist"r?. lm Geqenzug hierzu kehrt Pro-
ten eines sich unabhängig von ihrn vollziehenden zcitlichen klos zur strengen plotinischen Denk- und Sprechweise zu-
Vorgangs durch sein Betrachten dessen Ausgang vorherbe- rück, indem er, diese radikaiisierend erstmals von den
stimmt, so auch nicht der ewige Betrachter der Zeit. Es - -
"Henaden" (= Einheiten) als den aktualen Vermittlungen
läßt sich zeigen, daß Boethius neben der plotinischen En- zwiscl-ren dem absolut unaussagbzrren, relationslosen Einen
neadc III 7, Übcr Ewigkeit tndZeil, höchstwahtscheinlich und der triadisch strukturierten Vielheit spricht. In theolo-
die Darlcgung des Gedankens dcr göttlichen Vorsehung bci gischer Redewcise werden die Henaden "Götter" genallnt.
Ammonios benutzt hat. Ammonios: "N{an nruß sagen, daß jeder Gott ist über-seiend, über-lebend und über-den-
die Götter alles Geschehene, Seicnde und Sein-Werdende känd"18. In den opuscula sacra greift Boethius gelegentlich
odcr Zukünftige auf clie den Göttern zukommende Weise auf diese Rede per eminentiam zurück, unl die Uberkatego-
erkennenl das aber ist: durch eine einzige, bcstimmte und rialität Gottes anzugeben' Der sprachlichen Form nach
unveränderliche Erkenntnis"t6. Aber auch das dem neupla- hätte er hierin an Plotin kein Vorbild gehabt. Nun bleibt
tonischen gegensätzlichc, aristotclische Individuations-Ver- zu sagen, daß das boethianische Philosophieren an keiner
ständnis findet bci Boethius seinen Niederschlag und zwar Stclls eine solche spezifische Präzisiorl erreicht' die zwin-
u.a. in den opuscula sacra. Hier - sieht man von dem drit- gencl eine cincleutige Verpflichtung gegenüber Porphyrios
ten Traktat einmal ab - zicht Boethius befremdlicherweise äder Proklos erwiese. Auch wenn bisweilen durch Textver-
gleich eine bestimmte Abhängigkeit zu belegen ist, so han-
äelt es sich in der Regel um Gedankengut, das Boethius bei
r s Consol. Y, 4,25: "Alles nämlich, was c'rkannt
wird, wird nicht beiden oder - von der genannten Einschränkung abgese-
gemäß seiner eigenen Kraft, sondern gemäß der Fähigkeit der Erken- hen - auch bei Plotin hätte finden könuen. Boethius un-
nenden erfaßt". ebd. 3l: "Denn die höhere Kraft cles Erfassenden
umfaßt clie niedrigere; die niedrigere aber steigt auf keine Weise zur terläßt es dr,rrchweg, vor allem auch in der Consolatio, von
höheren auf".
l6 Ammonius, De interpr., ed. Busse, 136, lff.; dazu ebd. 134, 17 In Parm., ed. Hadot, XlI93'23-27 '
llff. l8 Proclus, Elem. theol., 115;100,28'

*n
XXVI Michael Elsässer Einleitung XXVII

Gott als dem relationslosen, über-denkenden Einen zu spre- die Existenz der zeitfreien Verbindlichkeit des Logischen
chen. Vielleicht ist auch das ein Indiz für die Christlichkeit als Argument für die Immaterialität des Prinzips von Sein
des Autors. anzuführen. Aber ein aktualer, gewissermaßen "fließen-
Für das Verständnis der Theologischen Abhandlungen der" Ubergang zwischen metaphysischem und formallogi-
bleibt eine weitere Eigentümlichkeit der nach-plotinischen schem Denken ist von der Sache des Denkens her unmög-
Neuplatoniker zu berücksichtigen. Neben der ontologisch- lich. Die Neuplatoniker scheinen aber den Versuch, diesen
metaphysischen Reflexion, wie sie Boethius in der Trost- Übergang zu erzwingen, beabsichtigt zu haben. Freilich
schrift ausschließlich betreibt, hat seit Porphyrios die auf kann nirgends mehr als die Absichtserklärung geleistet wer-
der aristotelischen Logik fußende, formallogische Refle- den. Das Problem, daß die Stringenz des Logischen nicht
xion einen tragenden Stellenwert inne. Man wird darin metaphysisch hergeleitet werden kann, bleibt in der Sache
einen Versuch sehen dürfen, dem Vorhaben, die Harmonie bestehen. Es taucht innerhalb der Wirkungsgeschichte von
platonischen und aristotelischen Denkens zu erweisen, zu Philosophie im mittelalterlichen "Universalienstreit" eben-
dienen. Formale Logik, wie sie von Platon allenfalls spur- so akut auf wie in den gegenwärtigen Versuchen, Philoso-
haft und andeutungsweise, von Aristoteles jedoch mit um- phie schlechthin auf die Beschäftigung mit reiner, logischer
fassender, systematischer Gründlichkeit entfaltet wurde, Formalität zu reduzieren.
läßt sich in ihrer spezifischen Struktur nicht ontologisch Die hierin angedeutete Tradition eines philosophischen
begründen. Sie ist lediglich einer faktischen Beschreibung Konflikts nimmt - sieht man von der impliziten Schürzung
zugänglich, bzw. ist die dem endlichen, immanenten Den- des Problemknotens in den platonischen Spätdialogen "So-
ken durch Introspektion mögliche Beschreibung verbind- phistes" und "Parmenides" ab - ihren ausdrücklichen An-
licher Strukturen seines Bewußtseins das Betreiben der Lo- fang mit Porphyrios. Nun hätte diese scheinbar nur philo-
gik selbst. Das Zwingende einer logischen Einsicht reicht sophie-historische Reminiszenz für die opuscula sacra keine
dabei nicht über die innersubjektive Evidenz hinaus, ob- Relevanz, wenn sich darin nicht eine sachliche Aporie do-
gleich die Eigentümlichkeit solch subjektiver Einsicht ge- kumentierte. Diese beeinträchtigt die von Boethius beab-
rade darin besteht, daß ihre Verbindlichkeit als überindivi- sichtigte Schlüssigkeit seiner Gedankenführung und damit
duell crkannt wird. Jedoch ist diese Verbindlichkeit nur re den apologetischen Wcrt der Abhandlungen. Namentlich
dem je faktisch vollzogenen Akt der Evidenz erfahrbar. im 5. Traktat über die zwei Naturen in Christus wirkt sich
Der Versuch einer verbalen Verknüpfung dieser Verbind- die Uberspielung der unmittelbaren Unvereinbarkeit von
Iichkeit mit metaphysischem Denken, etwa mit dem Ge- Metaphysik und Logik verhängnisvoll aus. Unter methodi-
danken, daß sie im göttlichen Sein gründe, verläßt bereits scher Rücksicht ergibt sich aus dem Verfahren ein mitunter
den unmittelbaren Bereich des Logischen. Er bringt der häufiger Wechsel zwischen metaphysischer und formallogi-
logischen Stringenz weder einen Gewinn noch bedeutet die scher Sicht. Auf Grund der unmittelbar beeindruckenden
Unterlassung des Bezugs zu Metaphysik einen Verlust. Präzision logischer Begrifflichkeit wird der Anschein folge-
Hieraus wird ersichtlich, warum Aristoteles die Wissen- richtiger Gedankenführung erweckt und die Aufdeckung
schaft der Logik lediglich als "Werkzeug" für die in der der Stagnation des Gedankengangs oder gar eines Fehl-
"ersten Philosophie" gipfelnde Philosophie versteht. Frei- schlusses erschwert.
lich schließt die Unumstößlichkeit logischer Einsichten me- Systematisch und wirkungsgeschichtlich konsequenzen-
taphysisches Denken nicht aus, obgleich dieses als solches reich verknüpft sich mit diesem Methodenwechsel die am-
nicht für das Funktionieren des logischen Urteilens erfor- bivalente Bedeutung des Begriffs "Substanz" (substantia).
derlich sein kann. Metaphysik ihrerseits vermag vielmehr Nach dem Vorgang des Marius Victorinus faßt Boethius
XXVIII Michaei Elsässer Einleitung xxrx

mit dem einen Begriff "substantia" zwei in der Sache und Gott keine endliche Wirklichkcit ist, der Akzidenzien zu-
der [Ierkunft nach verschiedene griechische Termini. Der kommen.
eine Terninus hat überwiegend logische Bedeutung, Der Leser der opuscula sacra muß sehr genau unterschei-
starnmt aus der aristotelischen L,ogik und lautet den, welche der beiden Bedeutungen des Substanzbegriffs
ürorcelpeuov. Hypokeimenon heißt "Zugrundeliegendes" jeweils vorlicgt. Die auf die deutsche Romantik (Fr. Schle-
und bezeichnet ein Sein, das die Grundlage für Akziden- gel) zurückgehcnde Pejorisierung metaphysischen Denkens
zicn ist. Dieses, den Akzidenzien gegenüber erste Sein ist als "Substanzen-Metaphysik" Ieitet sich in ihrem Zustande-
das wesentliche Sein, während die Akzidenzien per defini- kommen zwar von der problematischen Doppeldeutigkeit
tionem nur Beiläufiges bezeichnen. Jedoch ist hypokeime- des Substanzbegriffs her, trifft in der pauschalierenden
non fi"ir sich isoliert, ohne Akzidenzien genommen, nur im Weise aber für IJoethius gewiß nicht zu. Denn trotz der
Denken wirklich existierend. Es ist die denkimmanent not- Venvechselbarkeit der logischen und ontologischen Va-
wendige tsasis für definitorisch verfahrendes Urteilen; nur lenz unterscheidet Boethius im Gmnde scharf zwischen
unter solcher Rücksicirt ist es das Zugrundelicgende , das in der (plotinisch zu fassenden) göttlichen Substanz, die 'Jen-
sich und nicht in einem anderen ist. Substanz ist "Katego- seits von Substanz" ist, und der (aristotelisch zu fassendcn)
rie". Extramental wirklich existierend ist das :rls hypokei- raum-zeitlich konkreten Substanz, welcher Akzidenzien
menon Bezeichnete nur zusammen mit Akzidcnzien, dic zukommen. Es kann also keine Rede davon sein, daß Boe-
als an sich nicht-wesentliche, "beiläufige" Bestimmungen thius Gott als "Ding", weil als "Substanz" auffaßte.
im oder am hypokeimenon sind. Das abcr bedcutet, daß Die Theologischen Traktate stehen selbstredcnd in der
Hypokeimenon Sein sich nur von raum-zeitlich Konkre- Tradition eincs in dcr Adaption des neuplatonischen An-
tem, von Individuellem aussagen Iäßt. NiemzLls vermöchte satzes an die Bedürfnisse christlicher Dogmatik bereits fort-
der aristotelische Sprachgebrauch dcm metaphysisch ver- geschrittenen Neuplatonismus. I)ieser vollzieht eine ein-
standenen, unbedingten ersten Sein, dem Gott, den Begriff schneidende Veränderung im Grundansatz des nichtchrist-
hypokeimenon beizulegcn. Mit anderen Worten: Aristote- lichen Philosophierens: Auf Grund der am Neuen Testa-
lisch gedacht, ist Gott niemals Substanzle . Der zweite grie- ment orientierten dogmatischen Entwicklung ist es dem
chische Terminus, der mit substantia wiedergegeben wird, Christen durchgehend unmöglich, Gott als relationslose
hat vorwiegend ontologisch-metaphysische Bedeutung, be- Einheit und dessen Denken subordinativ anzunehmen. Die
gegnet u.a. bei Plotin und lautet ütröoraocs (hypostasis). drei plotinischen Hypostasen "Eines", "Geist", "Seele",
Der wörtlichen Bedeutung nach besagt der Begriff "Darun- verlicrcn daher in dcr christlichen Uminterpretation ihr
terstand", "Daruntertreten". Plotin faßt hiermit, wie be- subordinatives Verhältnis. Im Zuse der christlichen Rede
reits ausgeführt, die wirkliche Existenz von Sein bzw. über- von Gott wird der neutestamentliche "Vater" mit dem plo-
seiendem Einen, also nicht nur den denkimmanenten logi- tinischen "Einen" gleichgesetzt, der "Sohn" aber mit dem
schen Stellenwert der Bedeutung. In diesem Sinne ist letzt- "Nous" (= Gcist). Das neutestamentliche "Heilige Pneu-
lich nur Gott wirklich "Substanz" bzw.'Jenseits von Sub- ma" findet dem form:rlen Stellenwert nach einc Entspre-
starz" (ultra substantiam). Unter der gleichen Rücksicht chung in der dritten Hypostase, der "Seele". Dem sachli-
könnte Substanz gar nicht logisch verstanden werden, weil chen Gehalt nach jedoch entspricht der "Heilige Geist"
(= I{eiliges Pneuma) der "Rückkehr" im Zusamrnenhang
1e Der auf Heidegger fußende Topos, demzufolge in Aristoteles'
mit "Insich-Bleiben" und "IIervorgang". In jedem l-alle be-
Gottesbegriff die "Substantialität der Substanz" gedacht sei, ist ruht die charakteristische Novität der "Christianisierung"
schlechterdings abwegig. der drei plotinischen Hypostasen in der Annahme von de-
xxx Michael Elsässer

ren "Wesensgleichheit" (= Homoousie). Die christliche Tri- EDITORISCHE HINWEISE


nitätsspekulation erwächst in der bis heute gültigen Fomr
aus dem Zusammenwirken neutestamentlicher, begriffli-
cher Anlässe und dem neuplatonischen Aufweis der tema-
rischen Struktur von Selbstreflexion. Unter dieser Rück- Der hier abgedruckte Text wurde aus der Ausgabe von
sicht ist der erste und mittelbar einflußreichste christliche H. F. Stewart, E. K. Rand und S. J. Tester, Boethius, The
Neuplatoniker Marius Victorinus. Dem Philosophieren des T'heological Tractates and the Consolation of Philosophy,
Porphyrios verp fl ichte t, interpre tiert er dessen "über-seien - London 1973, l-128, übernommen. Ein kritisch edier-
des Eine" als Vater, Sohn und Geist. Gelegentlich schim- ter Text der opuscula sacra liegt bislang noch nicht vor
mert bei ihm trotz aller Rechtgläubigkeit der genuin neu- (weder im CSEL noch im CC)r, obgleich das Erscheinen
platonische Ansatz durch, wenn er vom "Vater" als dem einer kritischen Ausgabe im CSEL bereits 1918 von E. K.
"reinen Einen" spricht2o. Im Verlauf der Wirkungsge- Rand anläßlich des Erstdrucks des vorliegenden, von ihm
schichte wird Marius Victorinus bis zur Vergessenheit über- erarbeiteten Textes in Aussicht gestellt worden war. Die
strahlt von Augustinus, der ihm in der Sache und stellen- Textvorlage Rands, neu aufgelegt von Tester (1973), ent-
weise bis in den Wortlaut hinein durch die Ubernahme hält einige offensichtliche Schreibfehler, deren Anzahl sich
der Trinitätskonzeption verbunden ist2t . Eigenartigerweise beim Neudruck vergrößert hat. Diese wurden in der hier
macht Boethius nirgends Gebrauch von den höchst speku- vorliegenden Wiedergabe berichtigt, und die Verbesserun-
lativen Reflexionen über die göttliche Dreiheit, die ihm gen angezeigt. - Eine der Emendationen steht zur Diskus-
zumindest Augustinus vermittelt hatte. sion: In Traktat V "Contra Eutychen et Nestorium",
S.94, 100, hat die Vorlage Rand / Tester "adeo", was si-
cher falsch ist. PL-Migne schreibt "a Deo", Rapisarda2
konjiziert "ab eo". Obgleich die Lesart "a Deo" einen ein-
deutigen Sinn ergäbe und der vorliegende Schreibfehler so
seine naheliegendste Erklärung fände, macht der gedankli
che Zusammenhang der Stelle doch "ab eo" wahrscheinli-
cher; denn der unmittelbar folgende Kontext - ein gering-
fügig abgewandeltes Ywlgata-Zitat aus der "Nikodemus-
Rede" des Johannesevangeliums (Joh. 3, 13) - erweist ab
eo als Teil einer antithetischen Parallelisierungi uon ihm im
Himmel, mit ihm in den Himmel; oomHimm-.'l herabstei-
gend, in den Himmel hinaufsteigend.
Angesichts der hohen sachlichen und teilweise auch
sprachlichen Komplexität des Textes ist für die Uberset-
20 Zur fundierten Einführung in das Denken des Marius Victori-
nus kann die unter dem Titel "Christlicher Platonismus, Die theolo-
gischen Schriften des Marius Victorinus" von P. Hadot / U. Brenke
erstellte, deutsche Ausgabe dienen. Eine erschöpfende Darstellung 1 Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum, Wien; Corpus
bieten P. Hadot, Porphyre et Victorinus, Paris 1968. Ders., Marius Christianorum, Turnhout.
Victorinus, Paris 19 7 1. 2 E. Rapisarda, Boezio, Opuscoli Teologici, 2 1960. Vgl. Literatur-
21 De trin. X. verzeichnis. Rapisarda übernimmt den Text vqn Rand.
XXXII Editorische Hinweise

zurlg das Bernühen um "Wörtlichkeit" und der Verzicht auf LITERATURVERZEICHNIS


sprachliche Glätte geboten; diese rvärc zwar dem Leser ge-
fälliger, für den Gedanken abcr oft tödlich.

Konkordanz rvichtiger, von Boethius übcrsetzter Termini: l. Texte


accidens oup§epqrcös Akzidens
esse Boethius, The Theological Tractates with an English translation by
C LVAL Sein
H. F. Stewart and E. K. Rand and S.J. Tester, The Consolation of
essentia oüoia Seiendhcit Philosophy with an English translat. by S.J. Testcr, London 1973.
individuum ärotrtou Individuum
, Philosophiae Consolatio, ed. L. Bieler, Tumhout 2 1984.
inte llec tus drivon Einsicht, Vernunft, --,In Isagogen Porphyrii Comnrenta, ed. G.Schepss/S.Brandt,
Begriff Leipzig 1906.
inte llectualite r drwoqrtx6g einsehend, vernünf- -.', In Topica Ciceronis Commentariorum, in: A.M.S.Boetii opera
tig omnia, cd. J.P.Migne, Patrologia Latina 64, Puis 1847 (= repr.
intellegibile vonrLKöc einsehbar Turnhout 1979), l04O-117 4.
natula gvorc (oÜoia) Natur, Wesen
particulare rcara pöpoc Teilhaft(es) Ammonius, In Aristotelis de interpre tatione commentarius, ed. A.
Busse, Berlin 1897.
Persona Tpöoetrov Pcrson, Maske, Rollc
Augustinus, Confessioncs, ed. L. Verheijcn, Turnhout 198I.
(ütröoraoc)
, De trinitate , ed. W.J. N4ountain / Fr. Glorie, Turnhout 1968.
ratio voüg Vcrstand B. Dombart / A. Kalb, Turnhout 1955.
ralionabilis voTlrLKöq vcrständig, (vemün ftig) -, De civitatc dei, erl.
Marius Victorinus, 'I'rait6s th€ologiques sur la triniti, texte 6tabli bar
rationalis vernünftig P. Hcnry, introduction, traduction et notes pzu P. Hadot, Paris
subsistentia oÜoipotC Subsistenz, Seins- 1960.
(Üröoraoq) Stiftung, In-Sich- -', In Parrnenidem commentarius, in: P. Hadot, Porphyre et Victori-
Stand nus, Paris 1968, II 64-113.
subsistere t:üotöoBu subsistieren, Sein- Plotinus, Plotins Schriften, Übers. r,. R. Harder, Ncubearbeitung mit
Stiften griechischem Leselcxt und Anmerkungen fortgeführt von R. Beut-
substantia üröoraoq Substanz, Darunter- ler / lV. Theiler, Hamburg 1956 ff.
Stand Porphyrius, Sententiae ad intelligibilia ducentcs, ed. E.Lamberz,
substantialis Leipzig 1975.
oüotcb6ns, substantial
substare ügioraoüat , Ilpds Maprd).tr42, griech. Tcxt hrsg., übers., eingel. u. erklärt v.
darunterstehen, Sub-
W. Pötscher, Leiden 1969.
stirnz-sein Proclus, The elements of theology, A revised text with translation,
univcrsale rcoüri).ou allgemein, Allgcmei- introduction and commentary by E. R. Dodds, Oxford 1963.
nes

2. Sekundärliteratur (Auswahl)

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sonbegriffs, in: Zeitschrift f. neutestamentliche Wissenschaft 52,
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XXXIV Literaturverzeichnis I-i teraturverzeichnis xxxv
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Beierwaltes, W., Proklos. Grundzüge seiner Metaphysik, Frankfurt Kremer, K., Die Anschauung der Ammonius (Hermeiou)-Schule über
2 ).979. den Wirklichkeitscharakter des Intelligiblen, in: Phil. Jahrb. 69,
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